The Project Gutenberg EBook of Der kleine Dmon, by Fjodor Sologub

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Title: Der kleine Dmon

Author: Fjodor Sologub

Translator: Reinhold von Walter

Release Date: August 22, 2018 [EBook #57741]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KLEINE DMON ***




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                            Fjodor Ssologub
                                  Der
                              kleine Dmon




                                  Der
                              kleine Dmon


                                 Roman
                                  von
                            Fjodor Ssologub

              Autorisierte Uebertragung aus dem Russischen
                        von Reinhold von Walter.

                            Dritte Auflage.


                          Mnchen und Leipzig
                            bei Georg Mller
                                  1909




                                   I


Der Festgottesdienst am Nachmittage war aus und die Kirchenbesucher
gingen auseinander. Innerhalb der steinernen, weigetnchten Umfriedung
standen noch einige Leute unter den alten Linden und Ahornbumen und
plauderten. Sie hatten Sonntagskleider an und blickten froh aus den
Augen. Es hatte den Anschein, als wre das Leben in dieser Stadt ein
friedliches und freundliches, -- ja sogar ein frhliches. Aber das
schien alles nur so.

Bei seinen Freunden stand der Gymnasiallehrer Peredonoff. Seine kleinen,
verquollenen Augen schielten verdrielich durch die goldene Brille, und
er sagte:

Sie selbst, die Frstin Woltschanskaja, hat es der Warja versprochen;
das stimmt jedenfalls. Heiraten Sie ihn nur, hat sie gesagt, dann werde
ich ihm eine Inspektorstelle verschaffen.

Wie kannst du denn Warwara Dmitriewna heiraten? fragte Falastoff; er
hatte ein rotes Gesicht, sie ist doch verwandt mit dir! Gibt es so ein
neues Gesetz, da Verwandte[1] heiraten drfen?

Alle lachten. Das frische, fr gewhnlich gleichmig schlfrige Gesicht
Peredonoffs wurde bse.

[Funote 1: Ein nicht wiederzugebendes Wortspiel, denn fr Schwester
und Cousine gilt im Russischen ein Wort.]

Kusine im dritten Grade, fuhr er auf und stierte wtend an seinen
Freunden vorbei.

Hat es die Frstin dir persnlich versprochen? fragte Rutiloff. Er war
gro, bla und stutzerhaft gekleidet.

Mir nicht, aber Warja, antwortete Peredonoff.

Sieh mal an, und das glaubst du? sagte Rutiloff lebhaft. Sagen kann
man alles. Und warum bist _du_ nicht bei der Frstin gewesen?

Begreife doch, ich ging zusammen mit Warja hin, sie war aber nicht zu
Hause, nur um fnf Minuten kamen wir zu spt, erzhlte Peredonoff,
aufs Land war sie gefahren und kommt erst nach drei Wochen zurck; ich
konnte ganz unmglich so lange warten, mute hierher zurck wegen der
Prfungen.

Verdchtig ist es doch, sagte Rutiloff und lachte; dabei sah man seine
angefaulten Zhne.

Peredonoff wurde nachdenklich. Die brigen verabschiedeten sich, nur
Rutiloff blieb bei ihm stehn.

Das ist selbstverstndlich, sagte Peredonoff, jede knnte ich
heiraten, wenn ich nur wollte. Warwara ist nicht die einzige.

Natrlich, Ardalljon Borisowitsch, jede wrde Sie nehmen, besttigte
Rutiloff.

Sie traten aus der Umfriedung heraus und gingen langsam ber den
staubigen, ungepflasterten Platz.

Peredonoff sagte:

Was nur die Frstin sagen wird; sie wird sich rgern, wenn ich Warwara
den Laufpa gebe.

Ach was, die Frstin, sagte Rutiloff, was hast du mit der zu
schaffen! Vor allem soll sie dir die Stelle besorgen, nachher kannst du
dich immer noch herauslgen. Wie stellst du dir das eigentlich vor, so
einfach ins Blaue herein, ohne jede Sicherheit!

Das ist richtig, gab Peredonoff nachdenklich zu.

So sag es auch der Warja, beredete Rutiloff, in erster Linie die
Stelle; wei Gott, groes Vertrauen habe ich nicht zu der Sache. Hast du
aber die Stelle, dann heirate doch wen du willst. Nimm doch eine von
meinen Schwestern; drei sind da, whle ganz nach Belieben. Es sind
gebildete, kluge Mdchen; ohne zu prahlen, aber so wie Warwara sind sie
nicht. _Die_ reicht ihnen nicht das Wasser!

So, brummte Peredonoff.

Freilich. Was ist an deiner Warwara? Hier, riech mal.

Rutiloff bckte sich, pflckte ein behaartes Bilsenkraut, zerquetschte
die Bltter und die schmutzigweien Blten in seiner Hand, zerrieb alles
und hielt diesen Brei Peredonoff vor die Nase. Der schnitt eine
Grimasse, so unangenehm schwer war der Geruch. Rutiloff sagte:

Zum Zerquetschen und zum Fortwerfen, das ist die ganze Warwara. _Sie_
-- und meine Schwestern! Lieber Freund, das ist ein gewaltiger
Unterschied. Fesche Mdels durch und durch, -- gleichviel welche von den
dreien, schlafen wird dich keine lassen. Dabei jung, sogar die lteste
ist dreimal jnger als deine Warwara.

Das alles sagte Rutiloff, seiner Art nach, schnell und frhlich,
lchelnd; -- er machte einen schwindschtigen Eindruck: so
hochaufgeschossen, schmalbrstig, zerbrechlich, wie er war und unter
seinem neumodischen Hute starrte fast traurig dnnes, kurzgeschorenes
Blondhaar hervor.

Ach geh doch, dreimal jnger ... sagte Peredonoff teilnahmlos. Er nahm
seine goldene Brille ab und wischte an den Glsern.

Freilich ist es so, sagte Rutiloff lebhaft. Sieh nur zu und schlaf
nicht, solange ich noch lebe, sonst -- du weit, sie haben auch ihre
Ehre, -- dann wirst _du_ spter wollen, nur zu spt. Allerdings wei
ich, da jede von ihnen dich mit grtem Vergngen heiraten wrde.

Ja, hier verlieben sich alle in mich, prahlte Peredonoff.

Nun sieh mal, ergreife den Augenblick, berredete Rutiloff.

Mir kommt es vor allem auf eines an: sie darf nicht mager sein, sagte
Peredonoff mit einem leisen Ton von Schwermut, ich mchte eine
dickere.

Da kannst du ruhig sein, sagte Rutiloff eifrig. Sie sind schon jetzt
ziemlich rundlich. Haben sie noch nicht den ntigen Umfang, so ist das
gewi nur zeitweilig. Wenn sie heiraten, gehen sie alle in die Breite.
Zum Beispiel die lteste: Larissa, du weit ja, sie ist dick wie ein
gemsteter Karpfen.

Ich wrde ja heiraten, sagte Peredonoff, ich bin nur bange vor dem
groen Skandal, den Warja inszenieren knnte.

Du frchtest einen Skandal? Dann mach es so, und Rutiloff lchelte
listig, heirate gleich, heute noch, oder morgen: dann kommst du nach
Hause mit deiner jungen Frau, -- es ist so einfach. Nein -- wirklich, --
willst du, ich werde alles Ntige besorgen, zu morgen Abend,
meinetwegen? Welche willst du haben?

Peredonoff lachte auf einmal aus vollem Halse, abgerissen und laut.

Na, pat es dir, -- bist du einverstanden -- ja? fragte Rutiloff.

Ebenso pltzlich hrte Peredonoff zu lachen auf und sagte finster,
leise, fast flsternd:

Die Kanaille wird mich angeben.

Sie wird dich nicht angeben, da ist ja nichts zum Angeben, beteuerte
Rutiloff.

Oder vergiften, flsterte voller Angst Peredonoff.

Ich sag dir doch, verla dich auf mich, beredete Rutiloff, ich werde
dir alles tadellos einrichten.

Ohne Mitgift werde ich doch nicht heiraten, schrie Peredonoff bse.

Rutiloff war nicht erstaunt ber den neuen Gedankensprung seines
finstren Parten.

Immer gleich eifrig antwortete er:

Merkwrdiger Mensch; glaubst du denn, da sie ohne Mitgift sind! Also
-- ist es abgemacht -- ja? Hr -- ich werde laufen und alles einrichten.
Nur eins, merke wohl: keinem ein Sterbenswrtchen von der Sache! --
hrst du -- keinem einzigen!

Er schttelte Peredonoff die Hand und eilte davon. Peredonoff blickte
ihm schweigend nach. Er dachte an die Rutiloffschen Mdchen: so lustig
waren sie, so komisch. Ein unkeuscher Gedanke wurde zu einem gemeinen
Lcheln auf seinen Lippen, -- aber nur fr einen Augenblick, dann
verschwand es wieder. Eine dunkle Unruhe erfate ihn.

Was nur die Frstin sagen wird, dachte er. Die da haben die Groschen,
aber keine Protektion, -- heirate ich Warwara, so erhalte ich den
Inspektorposten, spter wird man mich zum Direktor ernennen. --

Er blickte dem eifrig davoneilenden Rutiloff nach und dachte
schadenfroh: Mag er nur laufen! Und dieser Gedanke gab ihm ein welkes
und schattenhaftes Vergngen. Es wurde ihm langweilig, allein zu sein,
er drckte den Hut in die Stirn, runzelte die blonden Augenbrauen und
ging schnell nach Hause durch de, ungepflasterte Straen, auf denen
weiblumiges, kriechendes Mastkraut, Kresse und in Schmutz getretenes
Gras wucherten.

Jemand rief ihn schnell und leise.

Ardalljon Borisowitsch, kommen Sie zu uns.

Peredonoff blickte aus dstern Augen auf und sah bse ber das Gitter.
Hinter einem Zaun im Garten stand Natalja Afanasjewna Werschina, eine
kleine, drre, dunkelfarbige Person, ganz in Schwarz gekleidet und
schwarz waren auch ihre Augen und ihre Brauen. Sie rauchte eine
Zigarette aus einem kleinen dunkelfarbigen Weichselrohr und lchelte so
leichthin, als wte sie um Angelegenheiten, von denen man nicht
spricht, ber die man aber lchelt. Weniger mit Worten, als mit
leichten, schnellen Bewegungen rief sie Peredonoff in ihren Garten; sie
ffnete das Pfrtchen, trat zur Seite, lchelte bittend, fast
vertrauensvoll und bedeutete mit den Hnden: Tritt doch ein, was stehst
du da.

Und Peredonoff trat ein: er fgte sich ihren magischen, lautlosen
Bewegungen. Dann blieb er sofort auf dem Kieswege stehen, auf dem
trocknes Reisig umherlag, -- und sah nach der Uhr.

Es ist Frhstckszeit, brummte er. Die Uhr gehrte ihm schon lange,
aber wie immer in Gegenwart anderer, blickte er voll Wohlgefallen auf
den groen, goldenen Doppeldeckel. Es war zwanzig Minuten vor zwlf.
Peredonoff entschlo sich, kurze Zeit zu bleiben. Verdrielich ging er
auf den Gartenwegen hinter der Werschina her, vorber an kahlen
Johannisbeerstruchern, an Himbeerbschen und Stachelbeerstauden. Reifes
Obst und spte Blumen lieen den Garten ganz bunt erscheinen. Da waren
verschiedene Fruchtbume, Strucher und Laub: niedrige weitverzweigte
Apfelstmme, rundblttrige Birnbume, Linden, Kirschen mit ihren
glatten, glnzenden Blttern, Pflaumen und Je-lnger-je-lieber. In den
Hollunderbschen leuchteten rote Beeren. Am Zaune wucherte dichtgestes,
sibirisches Geranium: ganz kleine blarosa Blten mit purpurfarbenem
Geder. Silberdisteln reckten aus den Bschen ihre dunkelroten,
stachligen Kpfchen. Ganz hinten stand ein kleines, graues Holzhaus, ein
Einfamilienhaus, mit einem breit in den Garten vorgebauten Flur. Es sah
lieb und wohnlich aus. Hinter dem Hause konnte man ein Stckchen vom
Gemsegarten sehen. Da schaukelten vertrocknete Mohnkapseln im Winde,
und groe, gelblichweie Maliebchen; halbwelke Kronen gelber
Sonnenblumen nickten leise. Mitten unter Kchenkrutern streckten sich
weie Schierlingsdolden und bleicher, purpurfarbener Storchschnabel. Da
blhte blagelber Hahnenfu und niedriger Lwenzahn.

Waren Sie im Vespergottesdienst, fragte die Werschina.

Ja, antwortete Peredonoff rgerlich.

Eben kam auch Martha zurck, erzhlte die Werschina, sie geht oft in
unsere Kirche. Das kommt mir so komisch vor: um wessentwillen gehen Sie
eigentlich in _unsere_ Kirche, Martha? fragte ich. Sie wurde rot und
schwieg. Kommen Sie, wollen wir uns in die Laube setzen, sagte sie
schnell und ohne jeden Uebergang.

Im Schatten eines breitastigen Ahornbaumes stand eine ganz alte, graue
Laube, -- drei Stufen fhrten hinauf, -- es war nur eine bemooste Diele,
ein niedriges Gelnder und sechs plumpe, geschnitzte Sulen, die das
sechsseitig abfallende Dach sttzten.

In der Laube sa Martha, noch im Sonntagskleide. Es war hell, mit
Bndern verziert und stand ihr nicht. Kurze Aermel lieen ihre eckigen,
roten Ellenbogen und die groen, starken Hnde frei. Martha war brigens
nicht hlich. Ihre Sommersprossen verunzierten sie nicht. Sie galt
sogar fr recht hbsch, besonders unter den Polen, ihren Landsleuten,
und Polen gab es nicht wenige in der Stadt.

Martha drehte Zigaretten fr die Werschina. Ungeduldig wartete sie
darauf, da Peredonoff sie ansehen wrde, und wie er dann entzckt sein
wrde. Dieser Wunsch war in einer Miene unruhiger Liebenswrdigkeit auf
ihrem gutmtigen Gesichte zu lesen. Das hatte seinen einfachen Grund
darin, da Martha in Peredonoff verliebt war. Die Werschina wollte sie
an den Mann bringen, denn Marthas Familie war gro. Schon vor einigen
Monaten, bald nach dem Begrbnis des altersschwachen Mannes der
Werschina, war Martha zu ihr gezogen. Sie wollte sich der Werschina
dankbar erweisen fr alle erwiesene Freundlichkeit, auch fr all das,
was fr ihren Bruder getan wurde. Er war Gymnasiast und lebte ebenfalls
als Gast bei der Werschina.

Die Werschina und Peredonoff kamen in die Laube. Peredonoff grte
verdrielich und setzte sich; er suchte sich einen Platz aus, der durch
eine der Sulen Schutz vor dem Winde bot, er wollte seine Ohren vor dem
Zugwinde schtzen. Er blickte auf Marthas gelbe Schuhe, die mit rosa
Ponpons verziert waren und dachte dabei, da man ihn zum Heiraten
einfangen wolle. Das dachte er aber immer, wenn er junge Damen sah, die
zu ihm liebenswrdig waren. An Martha sah er nur Nachteiliges, -- viele
Sommersprossen, groe Hnde, dazu noch die grobe Haut. Er wute, da ihr
Vater, ein kleiner polnischer Edelmann, sechs Werst vor der Stadt ein
Gesinde in Pacht hatte; kleine Einknfte und viele Kinder; Martha hatte
das Progymnasium absolviert, der Sohn besuchte noch das Gymnasium und
die brigen Kinder waren noch jnger.

Kann ich Ihnen Bier anbieten? fragte die Werschina.

Auf dem Tische standen Glser, zwei Flaschen Bier, Grieszucker in einer
Blechdose und daneben lag ein vom Bier benetztes Lffelchen aus
Melchiormetall.

Werde trinken, sagte kurz angebunden Peredonoff. Die Werschina blickte
auf Martha. Martha fllte ein Glas, rckte es zu Peredonoff und dabei
spielte auf ihrem Gesicht ein merkwrdiges Lcheln, halb erschrocken,
halb freudig. Die Werschina sagte rasch -- so, als htte sie die Worte
ausgestreut:

Tun Sie Zucker ins Bier?

Martha reichte Peredonoff die Blechdose mit dem Zucker. Aber Peredonoff
sagte rgerlich:

Nein, das ist eine Schweinerei, Bier mit Zucker.

Nicht doch, es schmeckt sehr gut, sprach eintnig und rasch die
Werschina.

Sehr gut schmeckt es, sagte Martha.

Es ist eine Schweinerei, wiederholte Peredonoff und blickte bse auf
den Zucker.

Wie Sie wollen, sagte die Werschina und im selben Tonfall, ohne eine
Pause zu machen, ohne jeden Uebergang redete sie von anderen Dingen:
Tscherepin wird langweilig, sagte sie und lachte.

Auch Martha lachte, Peredonoff blickte gleichgltig drein: er nahm
keinen Anteil an fremden Angelegenheiten, er liebte die Menschen nicht
und dachte nie anders an sie, als in Verbindung mit seinem eignen
Nutzen. Die Werschina lchelte selbstzufrieden und sagte:

Er glaubt, ich wrde ihn nehmen.

Er ist ungeheuer frech, sagte Martha, nicht darum, weil sie das
dachte, sondern weil sie der Werschina etwas Schmeichelhaftes und
Angenehmes sagen wollte.

Gestern lauerte er am Fenster, erzhlte die Werschina. Er hatte sich
in den Garten geschlichen, als wir zu Abend speisten. Unter dem Fenster
stand eine Wassertonne; wir hatten sie in den Regen gestellt, und sie
war voll bis an den Rand. Obendrauf lagen Bretter, so da man das Wasser
nicht sehen konnte. Er kriecht hinauf und guckt durchs Fenster. Bei uns
brennt die Lampe, so da er uns sah, wir ihn aber nicht. Auf einmal
hren wir ein Getse. Ganz erschreckt laufen wir hinaus. Und das war er;
direkt ins Wasser gefallen. Aber noch bevor wir hingekommen waren, hatte
er, na wie er war, das Weite gesucht, -- und nur auf dem Wege eine
feuchte Spur hinterlassen. Und auerdem erkannten wir ihn noch an seinem
Rcken.

Martha lachte fein und frhlich, so wie ein gut gesittetes Kind lachen
mu. Die Werschina hatte alles schnell und eintnig erzhlt, als streute
sie die Worte, -- so pflegte sie immer zu sprechen, -- pltzlich schwieg
sie still, sa ganz ruhig da und lchelte mit dem einen Mundwinkel,
dabei legte sich ihr drres, dunkles Gesicht in lauter Falten und ihre
vom Zigarettenrauchen geschwrzten Zahnreihen waren leicht geffnet.
Peredonoff dachte nach und auf einmal lachte er. Das war immer so. Er
verstand einen Witz nie gleich, er war schwerfllig und stumpf fr neue
Eindrcke.

Die Werschina rauchte eine Zigarette nach der andern. Ohne Zigaretten
konnte sie nicht leben.

Wir werden bald Nachbarn sein, erklrte Peredonoff.

Die Werschina warf einen schnellen Blick auf Martha. Diese wurde ein
wenig rot, blickte in banger Erwartung auf Peredonoff und sah dann
sofort wieder in den Garten.

Sie ziehen um? fragte die Werschina, warum denn?

Ich lebe zu weit vom Gymnasium, erklrte Peredonoff.

Die Werschina lchelte unglubig. Sie dachte nmlich, da Peredonoff in
die Nhe von Martha ziehen wolle.

Aber Sie leben doch schon seit einigen Jahren in der Wohnung, sagte
sie.

Auerdem ist meine Wirtin ein Aas, sagte Peredonoff wtend.

Wirklich? fragte die Werschina unglubig und lchelte schief.

Peredonoff wurde lebendiger.

Neue Tapeten hat sie angekleistert, ganz gemeine Tapeten, berichtete
er, kein Stck pat zum andern. So ist im Speisezimmer ber der Tr ein
ganz anderes Muster; -- berall im Zimmer sind gewundene Linien und
Blumen, ber der Tr aber glatte Streifen mit Nelken darauf. Auerdem
eine ganz andere Farbe. Wir hatten es zuerst gar nicht bemerkt, da kam
eines Tages Falastoff und lacht. Jetzt lachen alle darber.

Das glaub ich, so eine Gemeinheit, stimmte die Werschina bei.

Wir sagen ihr nichts davon, da wir ausziehen, sagte Peredonoff, und
lie dabei seine Stimme sinken. Sobald wir eine Wohnung finden, ziehen
wir um, aber sie darf es nicht wissen.

Das ist selbstverstndlich, sagte die Werschina.

Sonst macht sie uns einen Skandal, sagte Peredonoff, und seine Augen
blickten furchtsam. Da soll man ihr noch fr einen Monat den Zins
zahlen; fr so ein Loch.

Peredonoff lachte aus vollem Halse vor lauter Freude, da er ausziehen
wrde ohne den Zins bezahlt zu haben.

Sie wird ihn eintreiben lassen, bemerkte die Werschina.

Mag sie, sie bekommt nichts, sagte Peredonoff trotzig. Wir waren nach
Petersburg gefahren und whrend der Zeit stand die Wohnung leer.

Ja, aber die Wohnung gehrte doch Ihnen, sagte die Werschina.

Was ist denn dabei. Sie mute renoviert werden; sind wir denn
verpflichtet, fr eine Zeit zu zahlen, in der wir die Wohnung gar nicht
benutzen konnten? Und dann vor allem, -- sie ist unglaublich frech.

Na, frech ist Ihre Wirtin darum, weil Ihr ... Schwesterchen ein etwas
zu heftiges Temperament hat, sagte die Werschina mit einer leichten
Betonung auf dem Worte Schwesterchen.

Peredonoff runzelte die Stirn und blickte mit halbverschlafenen Augen
stumpf vor sich hin. Die Werschina fing von andern Dingen zu reden an.
Peredonoff zog aus seiner Tasche ein Bonbon, wickelte es aus der
Papierhlle und kaute es. Zufllig blickte er auf Martha und dachte
dabei, da sie ihn beneide, und da auch sie gern ein Bonbon essen
wrde.

Soll ich ihr geben oder nicht, dachte Peredonoff, -- nein, wozu. Oder
soll ich ihr doch geben, sonst denken sie am Ende ich wre geizig. Sie
werden denken: er hat so viele, seine Taschen sind ganz voll.

Und er zog eine Handvoll Bonbons aus der Tasche.

Da haben Sie, sagte er und reichte die Bonbons erst der Werschina,
dann Martha, es sind gute Bonbons, sie sind teuer; dreiig Kopeken habe
ich fr das Pfund gezahlt.

Sie nahmen je ein Stck. Er sagte:

Nehmen Sie doch mehr. Ich habe viele, und die Bonbons sind gut, --
etwas Schlechtes werde ich nicht essen.

Danke, ich will nicht mehr, sagte die Werschina rasch und ohne
Ausdruck.

Und dasselbe wiederholte dann Martha, nur ein wenig unsicher. Peredonoff
blickte sie mitrauisch an und sagte:

Wie? -- Sie wollen nicht? Da -- nehmen Sie!

Und von dem ganzen Haufen behielt er ein Bonbon fr sich, und legte alle
andern vor Martha hin. Martha lchelte schweigend und neigte ihren Kopf.

Unhfliche Person, dachte Peredonoff, sie versteht nicht einmal zu
danken.

Er wute nicht, was er mit Martha sprechen sollte. Er hatte kein
Interesse fr sie, ebensowenig wie fr einen beliebigen Gegenstand, zu
dem er weder ein angenehmes noch ein unangenehmes persnliches
Verhltnis hatte.

Der Rest des Bieres wurde in Peredonoffs Glas gegossen. Die Werschina
blickte auf Martha.

Ich werde Bier holen, sagte Martha. Sie erriet immer, was die
Werschina wollte.

Schicken Sie doch Wladja, er ist im Garten, sagte die Werschina.

Wladislaus! rief Martha.

Hier, antwortete der Knabe, sofort aus nchster Nhe, als htte er
gehorcht.

Bring zwei Flaschen Bier, sagte Martha, es steht im Flur auf der
Truhe.

Bald kam Wladislaus fast lautlos zur Laube gelaufen, reichte Martha die
zwei Flaschen durchs Fenster und machte eine Verbeugung vor Peredonoff.

Guten Tag, sagte Peredonoff rauh, wieviel Flaschen Bier haben Sie
heute ausgepfiffen?

Wladislaus lachte gezwungen und sagte:

Ich trinke kein Bier.

Er war ein Junge von vierzehn Jahren, hatte so wie Martha,
Sommersprossen im Gesicht und sah ihr auch sonst hnlich; er hatte
ungewandte, eckige Bewegungen und trug eine Joppe aus grober Leinewand.

Martha flsterte mit ihrem Bruder. Beide lachten. Peredonoff blickte
argwhnisch nach ihnen. Wenn man in seiner Gegenwart lachte, ohne da er
wute worber, so nahm er immer an, da man sich ber ihn lustig mache.
Die Werschina wurde unruhig. Schon wollte sie Martha berufen, als
Peredonoff gereizt fragte:

Worber lachen Sie?

Martha zuckte zusammen, und wute nicht, was sie sagen sollte.
Wladislaus lchelte, blickte auf Peredonoff und errtete.

Es ist unhflich, zu lachen, wenn Gste dabei sind, betonte
Peredonoff. Lachen Sie ber mich? fragte er.

Martha wurde rot und Wladislaus erschrak.

Verzeihen Sie, sagte Martha, wir haben gar nicht ber Sie gelacht;
das waren so unsere Geschichten.

Wohl ein Geheimnis? sagte Peredonoff aufgebracht. In Gegenwart von
Gsten ist es unhflich, Geheimnisse zu besprechen.

Nicht gerade ein Geheimnis, sagte Martha, wir lachten nur, weil
Wladja barfu ist, und nicht hereinkommen will; er geniert sich.

Peredonoff beruhigte sich, scherzte mit Wladja und schenkte ihm ein
Bonbon.

Martha, bringen Sie mein schwarzes Tuch, sagte die Werschina, und
werfen Sie einen Blick in die Kche, wie es um die Pasteten steht.

Gehorsam ging Martha hinaus. Sie begriff, da die Werschina mit
Peredonoff reden wollte und war froh, da sie sich nicht zu beeilen
brauchte. Sie war etwas trge.

Und du gehst etwas weiter, sagte die Werschina zu Wladja, was hast du
dich hier herumzutreiben?

Wladja lief fort, und man hrte, wie der Sand unter seinen Fen
knirschte. Die Werschina blickte vorsichtig und rasch auf Peredonoff. Er
sa schweigend da, blickte trbe vor sich hin und kaute an einem Bonbon.
Es war ihm angenehm, da die beiden fortgegangen waren, -- sonst htten
sie vielleicht wieder gelacht. Obgleich er bestimmt wute, da nicht
ber ihn gelacht worden war, empfand er doch ein stilles Unbehagen, so
wie man noch lange nachher einen unangenehm stechenden Schmerz versprt,
wenn man sich an Nesseln verbrannt hat.

Warum heiraten Sie nicht? fragte die Werschina pltzlich. Worauf
warten Sie noch, Ardalljon Borisowitsch? Verzeihen Sie, wenn ich's grade
heraussage, Warwara pat nicht zu Ihnen.

Peredonoff strich mit der Hand ber sein etwas in Unordnung geratenes,
braunes Haar und sagte unnahbar und selbstbewut:

Hier wird sich keine fr mich finden.

Sagen Sie nicht, antwortete die Werschina und lachte schief. Hier
gibt es viele, die bei weitem besser sind, als diese Person. Und jede
wird Sie heiraten wollen.

Mit einer energischen Bewegung strich sie die Asche von ihrer Zigarette,
als htte sie irgendwo ein Ausrufungszeichen zu setzen.

Jede ist mir aber noch lange nicht recht, antwortete Peredonoff.

Es ist ja auch nicht von jeder x-beliebigen die Rede, entgegnete
schnell die Werschina. Sie brauchen doch auf keine Mitgift zu rechnen,
und da wte ich ein feines Mdchen grade fr Sie. Sie haben ja, Gott
sei Dank, ein gutes Auskommen.

Nein, antwortete Peredonoff, fr mich ist es vorteilhafter, Warwara
zu heiraten. Die Frstin hat ihr ihre Protektion versprochen. Sie wird
mir eine gute Stelle verschaffen. Er sagte es mit trotziger Sicherheit.

Die Werschina lchelte leichthin. Ihr ganzes faltiges, dunkelfarbiges,
vom Zigarettendampf gleichsam durchruchertes Gesichtchen drckte
herablassendes Mitrauen aus:

Hat sie Ihnen das gesagt, ich meine die Frstin selber? fragte sie,
mit Betonung auf dem Worte Ihnen.

Nicht mir, aber Warwara, gestand Peredonoff, das ist doch ganz
dasselbe.

Sie verlassen sich zu sehr auf die Worte Ihres Schwesterleins, sagte
die Werschina spttisch. Sagen Sie mal, ist sie viel lter als Sie? So
etwa um fnfzehn Jahre? Am Ende noch mehr? Sie mu doch an die fnfzig
sein.

Ach, gehen Sie doch, sagte Peredonoff rgerlich, sie ist noch nicht
dreiig.

Die Werschina lachte.

Ach, wirklich, redete sie weiter mit offenkundigem Spott in der
Stimme. So, dem Aussehen nach ist sie viel lter als Sie. Allerdings,
es ist ja nicht meine Sache, immerhin: es tte mir leid, wenn so ein
charmanter junger Mann, wie Sie, nicht so leben kann, wie er es verdient
htte, nicht allein seiner Schnheit wegen, sondern vor allem wegen
seiner reichen seelischen Veranlagung.

Peredonoff blickte selbstgefllig an seiner Figur herunter. Aber sein
frisches Gesicht zeigte kein Lcheln, und es schien, als fhlte er sich
gekrnkt, da nicht alle Menschen ihm das gleiche Verstndnis
entgegenbrchten, wie die Werschina. Die Werschina aber fuhr fort:

Sie werden es auch ohne Protektion weit bringen. Wie sollen Ihre
Vorgesetzten Sie nicht richtig einschtzen! Was hngen Sie an der
Warwara? Ebenso die Rutiloffschen Damen, -- nehmen Sie keine von denen;
es sind leichtsinnige Mdchen, Sie brauchen aber eine gleichmige Frau.
Wrden Sie doch beispielsweise Martha heiraten.

Peredonoff sah nach der Uhr.

Ich mu nach Hause, sagte er und stand auf, um sich zu verabschieden.

Die Werschina glaubte, da Peredonoff nur darum fortginge, weil sie an
einen wunden Punkt gerhrt htte, und da er blo aus Unentschlossenheit
im gegebenen Augenblick nicht von Martha sprechen wolle.




                                   II


Peredonoffs Konkubine, Warwara Dmitriewna Malochina, wartete auf ihn.
Sie war unordentlich gekleidet, dafr sorgfltig geschminkt und
gepudert.

Zum Frhstck wurde Peredonoffs Lieblingsgericht, kleine Pasteten mit
Saft, gebacken. Auf hohen Abstzen lief Warwara schwerfllig und
geschftig in der Kche hin und her. Sie beeilte sich alles fertig zu
haben noch bevor er kam. Warwara frchtete die Langfingrigkeit ihres
Dienstmdchens, einer pockennarbigen, dicken Person, Natalie mit Namen,
-- sie htte z. B. einen Kuchen stehlen knnen, -- vielleicht sogar
einige. Darum getraute sie sich nicht die Kche zu verlassen und schalt
auf die Magd; aber das tat sie gewhnlich. Ihr faltiges Gesicht, das die
Spuren vergangener Hbschigkeit trug, hatte immer und unvernderlich
einen mrrisch-habgierigen Zug.

Peredonoff war, wie gewhnlich, wenn er nach Hause kam, gelangweilt und
unzufrieden. Sehr laut trat er ins Speisezimmer, warf seinen Hut auf die
Fensterbank, setzte sich an den Tisch und rief:

Warja! bring das Essen!

Warwara brachte das Essen aus der Kche; geschwind hinkte sie auf ihren
zu engen Schuhen heran und bediente Peredonoff. Als sie den Kaffee
gebracht hatte, beugte sich Peredonoff ber das dampfende Glas und roch
daran. Warwara wurde unruhig und fragte erschrocken:

Was ist los, Ardalljon Borisowitsch? Riecht der Kaffee?

Peredonoff blickte sie finster an und sagte bse:

Ich rieche, ob vielleicht Gift dabei ist.

Aber um Gotteswillen, Ardalljon Borisowitsch! sagte Warwara
erschrocken, was ist dir nur, wie kommst du auf solche Gedanken?

Du hast da einen Gifttrank gebraut! brummte er.

Was soll ich davon haben, dich zu vergiften, beteuerte Warwara, la
doch die Possen!

Peredonoff roch wiederholt am Kaffee, endlich beruhigte er sich und
sagte:

Wenn Gift dabei ist, so kann man es gleich am schweren Geruch merken,
-- man mu nur aus nchster Nhe dran riechen, so am Dampf.

Dann schwieg er einen Augenblick und fuhr bsartig hhnend auf:

Die Frstin!

Warwara wurde aufgeregt.

Die Frstin? Was ist los mit der Frstin?

Das ist los mit der Frstin! sagte Peredonoff, mag sie mir erst die
Stelle verschaffen, dann werde ich meinethalben heiraten. Schreib ihr
das!

Du weit doch, Ardalljon Borisowitsch, berredete Warwara, da die
Frstin ihr Versprechen nur unter der Bedingung gab, da du mich
heiratest. Sonst ist es ihr unbequem, sich fr dich zu verwenden.

Schreib ihr, da wir schon verheiratet sind, sagte Peredonoff rasch
und freute sich ber den neuen Einfall.

Warwara kam fr einen Augenblick aus der Fassung, dann fand sie sich und
sagte:

Warum lgen? Die Frstin knnte sich erkundigen. Viel besser wre es,
wenn du den Hochzeitstag bestimmtest. Es ist sowieso an der Zeit, da
ich mir ein neues Kleid anschaffe.

Was fr ein Kleid? fragte Peredonoff verdrielich.

Ja, soll ich mich denn in diesen Lumpen trauen lassen? schrie Warwara.
Gib doch endlich mal Geld fr ein neues Kleid, Ardalljon Borisowitsch.

Willst wohl dein Leichenhemd nhen? fragte Peredonoff boshaft.

Du Rindvieh, das bist du, Ardalljon Borisowitsch! zeterte Warwara.

Pltzlich fiel es Peredonoff ein, Warwara zu necken. Er fragte:

Weit du, Warwara, wo ich war?

Na, wo denn? fragte Warwara unruhig.

Bei der Werschina, sagte er und lachte.

Eine nette Gesellschaft fr dich, jawohl, rief Warwara bse.

Ich habe Martha gesehen, fuhr Peredonoff fort.

Dies sommersprossige Weib, ein Maul bis an die Ohren, so ein richtiges
Froschmaul, sagte Warwara wtend.

Hbscher als du ist sie jedenfalls, sagte Peredonoff. Ich werde sie
heiraten, was ist denn dabei?

Ja, heirate sie nur, schrie Warwara. Sie wurde ganz rot im Gesicht und
zitterte vor Wut, ich spritze ihr Vitriol in die Augen.

Du bist grade zum Anspucken gut genug, sagte Peredonoff ruhig.

Du wirst dich nicht unterstehen! schrie Warwara.

Doch, sagte Peredonoff.

Er stand auf und in gleichgltigem Stumpfsinn spuckte er ihr gerade ins
Gesicht.

Du Schwein! sagte Warwara ziemlich ruhig, als htte sie sein Speichel
erfrischt.

Dann wischte sie mit der Serviette ber ihr Gesicht. Peredonoff schwieg.
In der letzten Zeit behandelte er sie roher als sonst. Aber auch frher
hatte er sie schlecht genug behandelt. Durch sein Schweigen ermutigt,
sagte sie lauter:

Wahrhaftig, du bist ein Schwein; grade ins Maul hast du getroffen.

Im Vorhause lie sich eine blkende, schafhnliche Stimme vernehmen.

Brll nicht, sagte Peredonoff, Gste kommen.

Ach ja, das ist Pawluschka, sagte Warwara schmunzelnd.

Laut und frhlich lachend trat Pawel Wolodin ein. Es war ein junger
Mann, der im Gesicht und in seinen Bewegungen einem Schafe auffallend
hnlich sah: sein Haar war wollig, wie bei einem Schafe, seine Augen
vortretend und dumm, wie bei einem lebenslustigen Lamm. Es war ein
dummer, junger Mensch. Er war Tischler, hatte frher eine
Handwerkerschule besucht, und war jetzt als Lehrer seines Handwerks in
der Volksschule angestellt.

Bruderherz, Ardalljon Borisowitsch, rief er erfreut, du bist zu
Hause, und schlrfst Kaffee; da bin ich grade recht gekommen.

Nataschka, bring einen dritten Lffel, rief Warwara.

Man konnte hren, wie Natalie in der Kche mit dem letzten
nachgebliebenen Lffel herumwirtschaftete; alles Silberzeug wurde
verschlossen.

I doch, Pawluschka, sagte Peredonoff und man konnte merken, da er
die Absicht hatte, Wolodin ordentlich zu fttern, weit du, Freund, ich
werde bald Inspektor werden, die Frstin hat es Warja versprochen.

Wolodin strahlte und lachte.

Aha, der Herr Inspektor _in spe_ trinkt seinen Kaffee, sagte er laut
und klopfte Peredonoff auf die Schulter.

Glaubst du vielleicht, da es so einfach ist, Inspektor zu werden?
sagte Peredonoff, man wird irgendwie verstnkert und dann ist es aus.

Was liee sich denn zu deinen Ungunsten sagen? fragte Warwara
schmunzelnd.

Was wei ich! Wenn man zum Beispiel erzhlte, ich htte den Pissareff
gelesen -- ich wre geliefert.

Wissen Sie, Ardalljon Borisowitsch, tun Sie doch den Pissareff in
irgend eine der hinteren Bcherreihen, riet Wolodin kichernd.

Peredonoff schielte vorsichtig auf Wolodin und sagte:

Den Pissareff, den habe ich am Ende niemals besessen. Willst du einen
Schnaps, Pawluschka?

Wolodin reckte die Unterlippe vor, machte ein bedeutendes Gesicht, so
als verstnde er es die Leute einzuschtzen und sagte, in seiner
Schafsmanier den Kopf vorbeugend:

Zur Gesellschaft? es sei, da bin ich immer bereit; sonst, allein fr
mich: keinen Tropfen.

Auch Peredonoff war immer bereit, einen Schnaps zu trinken. Man trank
einen Schnaps und a zum Aufbi die sen Pastetchen.

Auf einmal spritzte Peredonoff den Rest seines Kaffeeglases an die
Tapete. Wolodin glotzte erstaunt aus seinen schafigen Aeuglein und
blickte verwundert um sich. Die Tapeten waren schmierig und zerfetzt.

Wolodin sagte:

Was haben Sie da fr Tapeten?

Peredonoff und Warwara grinsten.

Das tun wir so, um die Wirtin zu rgern, sagte Warwara, wir werden
bald ausziehen. Aber sprechen Sie nicht davon.

Ganz famos, rief Wolodin und lachte ausgelassen.

Peredonoff ging dicht an die Wand heran und bearbeitete sie mit seinen
Abstzen. Wolodin folgte seinem Beispiel und begann auszuschlagen.
Peredonoff sagte:

Wenn wir umziehen, machen wir es immer so; bedrecken einfach die Wnde,
-- mag sie ein Andenken haben.

Was fr wunderbare Muster Sie da hereingebracht haben, rief Wolodin
begeistert.

Irischka wird die Augen aufreien, sagte Warwara und lachte trocken
und boshaft.

Und alle drei stellten sich an die Wand, spuckten sie an, zerfetzten die
Tapete und bearbeiteten sie mit ihren Stiefelsohlen. Dann wurden sie
mde und gingen befriedigt an ihre Pltze.

Peredonoff bckte sich und nahm den Kater auf den Scho. Der Kater war
dick, wei und garstig. Peredonoff qulte ihn, zerrte ihn an den Ohren,
am Schwanz und schttelte ihn am Halse. Wolodin lachte sehr frhlich und
sagte Peredonoff, was sich noch alles anstellen liee.

Blasen sie ihm in die Augen, Ardalljon Borisowitsch; streicheln sie ihm
das Fell gegen den Strich.

Der Kater prustete und bemhte sich, loszukommen, aber er wagte nicht
die Krallen zu zeigen, dafr kriegte er entsetzliche Prgel. Endlich
wurde diese Unterhaltung Peredonoff langweilig, und er warf den Kater in
die Ecke.

Hr mal, Ardalljon Borisowitsch, was ich dir sagen wollte, begann
Wolodin. Den ganzen Weg ber dachte ich daran, es nicht zu vergessen,
nun habe ich es fast ausgeschwitzt.

Was denn? fragte Peredonoff gelangweilt.

Ich wei, du it gerne Sigkeiten, sagte Wolodin frhlich, da ist so
ein ses Gericht, na, du wirst dir die Finger lecken.

Ich kenne alle sen Gerichte, sagte Peredonoff.

Wolodin setzte eine gekrnkte Miene auf.

Vielleicht, sagte er, freilich kennen Sie alle sen Gerichte, welche
in Ihrer Heimat gegessen werden, aber wie sollten Sie alle die sen
Gerichte kennen, die in meiner Heimat gekocht werden, denn Sie waren
doch niemals in meiner Heimat?

Und zufrieden mit seiner berzeugenden Darlegung, lachte Wolodin und
meckerte.

In deiner Heimat werden krepierte Katzen gefressen, sagte Peredonoff
bse.

Erlauben Sie, Ardalljon Borisowitsch, entgegnete Wolodin mit
pipsender, lachender Stimme, das ist vielleicht in Ihrer Heimat so, da
man krepierte Katzen zu essen pflegt; darber wollen wir nicht streiten,
aber doch: Jerli's haben Sie sicher nicht gegessen.

Nein, die hab ich nicht gegessen, gestand Peredonoff.

Das ist was ganz Besonderes, erklrte Wolodin, wissen Sie, was
Kutja[2] ist?

Wer sollte das nicht wissen, sagte Warwara schmunzelnd.

Also merken Sie auf: Kutja aus Weizen, mit Rosinchen darin und Mandeln
und mit Zucker, -- das sind Jerli's.

Und Wolodin berichtete ausfhrlich, wie in seiner Heimat Jerli's
zubereitet wrden. Peredonoff hrte ihm gelangweilt zu. Was will der
Pawluschka eigentlich, will er zu meinem Leichenschmaus Kutja essen?

Wolodin machte einen Vorschlag:

Wenn Sie wollen, da es richtig zubereitet wird, so geben Sie mir das
ntige Material, und ich werde Ihnen Jerli's kochen.

Das wre: den Bock zum Grtner machen! sagte Peredonoff mrrisch. Er
wird Gift dazuschtten, dachte er bei sich.

[Funote 2: Ein Gericht aus Graupen oder Reis mit Honig und Rosinen,
welches bei einer Totenfeier zum Einsegnen in die Kirche gebracht und
spter gegessen wird.]

Wolodin fhlte sich wieder gekrnkt.

Wenn Sie glauben, da ich bei Ihnen Zucker klemmen will, Ardalljon
Borisowitsch, so irren Sie, Ihren Zucker brauche ich nicht.

Wozu die Albernheiten, unterbrach Warwara, Sie wissen doch, er hat
seine Launen. Kommen Sie nur und kochen Sie.

Dann mag er es selber fressen, sagte Peredonoff.

Warum denn das? fragte mit gekrnkter, zitternder Stimme, Wolodin.

Darum, weil es eine Schweinerei ist.

Wie Sie wnschen, Ardalljon Borisowitsch, sagte Wolodin und zuckte die
Achseln, ich wollte es Ihnen recht machen, aber wenn Sie nicht wollen,
dann tun Sie eben, was Sie wollen.

Und wie hat dich der General abfahren lassen? fragte Peredonoff.

Was fr ein General? fragte Wolodin zurck und wurde rot. Ganz
beleidigt schob er die Unterlippe vor.

Wir haben doch davon gehrt, sagte Peredonoff.

Warwara schmunzelte.

Erlauben Sie, Ardalljon Borisowitsch, sagte Wolodin lebhaft, Sie
haben davon gehrt, ja freilich, aber es knnte sein, da Sie nicht das
Richtige gehrt haben. Ich will Ihnen erzhlen, wie sich die ganze Sache
verhalten hat.

Also los, sagte Peredonoff.

Das war vorgestern, erzhlte Wolodin, grade um dieselbe Stunde, wie
eben. Sie wissen, da die Werkstatt in unserer Schule renoviert wird.
Nun, bitte merken Sie auf, kommt Weriga zusammen mit unsrem Inspektor
zur Besichtigung. Wir arbeiten grade in einem der hinteren Zimmer.
Schn. Ich kmmere mich gar nicht darum, weswegen der Weriga eigentlich
kommt; was er da zu suchen hat, geht mich nichts an. Freilich, ich wute
ja, da er Adelsmarschall ist; immerhin hat er gar keine Fhlung zu
unsrer Schule, -- aber daran will ich nicht rhren. Mag er kommen, wenn
er Lust hat. Wir strten sie nicht, und arbeiteten so ganz gemchlich.
Auf einmal treten die beiden bei uns ein, und der Weriga, -- ich bitte
das zu beachten, -- behlt seine Mtze auf.

Damit wollte er dir seine Miachtung bezeigen, sagte mrrisch
Peredonoff.

Ganz erfreut griff Wolodin diese Bemerkung auf: Nun sehen Sie, auerdem
hngt noch in unsrer Stube ein Heiligenbild, und wir alle waren ohne
Kopfbedeckung; er hingegen kommt herein, wie ein Heide. Also ich
erlaubte mir, zu bemerken, leise und ehrerbietig: Exzellenz, sage ich,
haben Sie die Gte, ihre Mtze abzunehmen, darum, sage ich, weil hier
das Heiligenbild hngt. War das nicht recht gesagt? fragte Wolodin und
rollte die Augen vor.

Sehr gewandt, Pawluschka, bemerkte Peredonoff, das war gut
getrumpft.

Natrlich, pflichtete Warwara bei, so was darf man nicht dulden. Sie
sind ein fixer Kerl, Pawel Wassiljewitsch!

Wolodin fuhr mit der Miene eines schuldlos Gekrnkten in seiner
Erzhlung fort:

Und daraufhin geruhte er nur zu sagen: Schuster, bleib bei deinem
Leisten, -- kehrte mir den Rcken und ging. Das ist die ganze
Geschichte. Weiter nichts!

Wolodin fhlte sich immerhin als Held. Peredonoff gab ihm zur Beruhigung
ein Bonbon.

Dann kam noch ein Besuch: Sophja Jefimowna Prepolowenskaja, die Frau
eines Unterfrsters. Sie war dick, hatte ein gutmtig-listiges Gesicht
und segelnde Bewegungen. Auch sie wurde gentigt, mitzuessen.
Hinterlistig bemerkte sie zu Wolodin:

Sagen Sie doch, Pawel Wassiljewitsch, man sieht Sie ja recht oft bei
Warwara Dmitriewna?

Sie entschuldigen, antwortete Wolodin, ich bin keineswegs zu Warwara
Dmitriewna, sondern zu Ardalljon Borisowitsch gekommen.

Haben Sie sich verliebt? spottete die Prepolowenskaja.

Alle wuten, da Wolodin nach einer Braut mit grerer Mitgift suchte.
Er hatte schon oft angehalten, aber immer Krbe bekommen. Der Scherz der
Prepolowenskaja schien ihm unpassend zu sein. Mit bebender Stimme und in
seiner Wut ganz einem gekrnktem Schafe gleichend, sagte er:

Wenn ich mich verliebt haben sollte, Sophja Jefimowna, so geht das
keinen Menschen was an, ausgenommen mich und das betreffende Mdchen:
Sie hingegen sind in Ihrer Art und Weise zudringlich.

Aber die Prepolowenskaja lie nicht locker.

Passen Sie nur auf, sagte sie, wenn Warwara Dmitriewna sich in Sie
verlieben wird, wer soll dann fr Ardalljon Borisowitsch die sen
Pastetchen backen?

Wolodin reckte die Lippen vor, zog die Augenbrauen hoch und wute nicht,
was er antworten sollte.

Seien Sie doch nicht so schchtern. Pawel Wassiljewitsch, fuhr die
Prepolowenskaja fort, warum sollten Sie nicht heiraten? Sie sind jung,
Sie sehen gut aus.

Aber vielleicht will Warwara Dmitriewna nicht, sagte Wolodin und
kicherte.

Wie sollte sie nicht, antwortete die Prepolowenskaja, Sie sind zu
unrechter Zeit bescheiden.

Aber wenn ich selber nicht wollen sollte, sagte Wolodin ganz verlegen.
Vielleicht ist es so, da ich ein fremdes Schwesterchen gar nicht
heiraten will. Vielleicht gibt es in meiner Heimat irgend eine
heranwachsende Nichte zweiten Grades fr mich.

Schon fing er an zu glauben, da Warwara nicht abgeneigt wre, ihn zu
nehmen. Warwara wurde bse. Sie hielt Wolodin fr einen ausgemachten
Esel; zudem hatte er ein viermal geringeres Einkommen als Peredonoff.
Die Prepolowenskaja ihrerseits wollte Peredonoff an ihre Schwester, eine
fette Popenwitwe, verkuppeln. Darum bemhte sie sich auch, Peredonoff
und Warwara zu entzweien.

Warum wollen Sie mich verkuppeln, fragte Warwara rgerlich, besorgen
Sie doch lieber die Heirat zwischen Pawel Wassiljewitsch und Ihrer
jngsten Schwester.

Ich werde ihn Ihnen doch nicht abspenstig machen, entgegnete scherzend
die Prepolowenskaja.

Die Scherze der Prepolowenskaja hatten dem langsamen Gedankengang
Peredonoffs eine andere Richtung gegeben. Die Erinnerung an die Jerli
war ihm fest haften geblieben. Was hatte Wolodin fr einen Grund, von
dieser Speise zu erzhlen? Peredonoff liebte es nicht, zu grbeln. Im
ersten Augenblick glaubte er alles, was man ihm sagte. So glaubte er
auch, da Wolodin in Warwara verliebt wre. Er berlegte so: sie wollen
mich umgarnen, dann, -- wenn es dazu kommt, da ich in einer anderen
Stadt Inspektor werden soll, werden Sie mich unterwegs mit diesen Jerlis
vergiften, und an meine Stelle tritt dann Wolodin; man wird mich
beerdigen, und Wolodin wird Inspektor. Wahrhaftig! schlau haben sie sich
das ausgedacht.

Pltzlich hrte man im Vorzimmer Lrm. Peredonoff und Warwara
erschraken: Peredonoff richtete seine zusammengekniffenen Augen starr
auf die Tr, Warwara schlich zur Tr, die in den Saal fhrte, ffnete
sie ein wenig, blickte hinein, und dann kehrte sie ebenso leise auf den
Fuspitzen, mit den Hnden balancierend und verlegen lchelnd zum Tisch
zurck. Aus dem Vorzimmer hrte man schrilles Rufen und Schreien, so als
wre dort eine Prgelei. Warwara flsterte:

Es ist die Jerschicha -- vollstndig betrunken --, Natascha lt sie
nicht herein. Aber sie drngt mit aller Gewalt in den Saal.

Was sollen wir tun? fragte Peredonoff ngstlich.

Wir mssen in den Saal gehen, entschied Warwara, damit sie nicht
herkommt.

Man ging in den Saal, und die Tre zum Speisezimmer wurde geschlossen.
Warwara ging ins Vorhaus. Sie hoffte im stillen die Hauswirtin dort
aufhalten zu knnen oder sie in die Kche zu expedieren. Aber das
niedertrchtige Weib drngte nur so in den Saal herein. Sie stemmte ihre
Fuste in die Seiten, blieb an der Schwelle stehen und begann als erste
allseitige Begrung zu schimpfen. Peredonoff und Warwara bemhten sich
um sie und versuchten sie auf einen Stuhl in der Nhe des Vorhauses und
weitab vom Speisezimmer festzunageln. Warwara brachte ihr aus der Kche
auf einem Teebrett Bier, Schnaps und Pasteten. Allein die Hauswirtin
setzte sich nicht, a nichts und drngte mit Gewalt ins Speisezimmer;
nur die Tre konnte sie nicht finden. Sie war ganz rot im Gesicht,
zerzaust, schmutzig und roch schon von weitem nach Schnaps. Sie brllte:

Nein, du mut mich an deinen Speisetisch fhren. Warum bringst du mir
das Essen auf einem Teebrett. Ich will ein Tischtuch vor mir haben. Ja
-- ich bin die Hauswirtin! Du mut mich in Ehren bewirten. Du -- sieh
mich nicht so an, weil ich besoffen bin. Dafr bin ich ein ehrliches
Weib! ich bin meinem Manne rechtmig angetraut. Warwara lchelte
gemein und feig. Sie sagte:

Das wissen wir schon.

Die Jerschowa blinzelte Warwara an, lachte heiser und schwippte frivol
mit den Fingern. Sie wurde immer dreister und frecher.

Seine Schwester? schrie sie, wir kennen das, -- schne Schwester das!
Warum besucht dich die Frau des Direktors nicht? He! -- warum?

Du, brll mal nicht, sagte Warwara.

Aber die Jerschowa zeterte noch lauter:

Was hast du mir zu befehlen? Hier in meinem Hause kann ich tun, was ich
will. Wenn es mir pat, so werfe ich euch gleich hinaus, um euren
Dunstkreis loszusein. Ich will euch aber eine Gnade erweisen: lebt wie
ihr wollt, aber wagt es nur euch aufzuspielen!

Wolodin und die Prepolowenskaja hatten sich indes ganz bescheiden an ein
Fenster gedrckt und verhielten sich still. Die Prepolowenskaja
schmunzelte ein wenig, schielte ab und zu auf das keifende Weib, stellte
sich aber so, als blickte sie auf die Strae.

Wolodin sa da mit einer Miene gekrnkter Erhabenheit.

Die Jerschowa wurde fr eine Zeit menschenfreundlich, grinste frhlich
in trunkenem Mut, klopfte Warwara auf die Schulter und sagte
freundschaftlich:

Du -- hr mal, was ich dir sagen will --, du mut mich an deinen
Speisetisch fhren und mich gebildet unterhalten. Du mut mir etwas
Ses zum Essen geben, du mut deine Hauswirtin ehrenvoll bewirten! ja,
das mut du, du mein liebes Mdchen.

Da hast du Pasteten, sagte Warwara.

Ich will keine Pasteten; ich will dasselbe essen, was die Herrschaften
essen, schrie die Jerschowa, fuchtelte mit den Hnden und lachte selig,
so ses Backwerk essen die Herrschaften -- ach, so s!

Ich habe kein Backwerk fr dich, antwortete Warwara. Sie wurde
mutiger, weil die Hauswirtin lustig geworden war, schau mal, man gibt
dir Pasteten, dann mut du sie essen.

Pltzlich hatte die Jerschowa die Tr zum Speisezimmer entdeckt. In
toller Wut heulte sie auf:

Gib den Weg frei, du Schlange!

Sie stie Warwara zur Seite und strmte zur Tr. Man konnte sie nicht
mehr aufhalten. Mit vorgebeugtem Kopf, die Fuste geballt, brach sie
krachend die Tre auf und strzte ins Speisezimmer. In der Nhe der
Schwelle blieb sie stehn, sah die beschmierten Tapeten und stie einen
gellenden Pfiff aus. Sie stemmte die Arme in die Seiten, stellte den
einen Fu verwegen vor und schrie wie eine Rasende:

Also ihr wollt wirklich ausziehen!

Keine Spur, Irina Stepanowna, -- wir denken nicht daran, sei doch nicht
nrrisch.

Wir werden gewi nicht ausziehen, besttigte Peredonoff, wir haben es
hier so gut.

Die Wirtin hrte nicht, kam der bestrzten Warwara immer nher und
fuchtelte mit den Fusten vor ihrem Gesicht. Peredonoff zog es vor,
hinter Warwaras Rcken zu bleiben. Er wre gerne fortgelaufen,
andererseits war es interessant zu sehen, wie die Wirtin und Warwara
sich prgeln wrden.

Ich werde dir auf den einen Fu drauftreten, am andern ziehn und dich
in zwei Hlften reien! schrie die Jerschowa wutentbrannt.

Was fehlt dir nur, Irina Stepanowna, beruhigte Warwara, hr doch auf,
wir haben Gste.

Zeig' sie mal, deine Gste, brllte die Jerschowa, deine Gste kann
ich gerade brauchen.

Schwankend taumelte die Jerschowa in den Saal. Mit einem Mal nderte sie
vollstndig ihre Art zu reden und ihre Umgangsformen, verbeugte sich
tief vor der Prepolowenskaja, so tief, da sie fast hinfiel und sagte
bescheiden:

Gndige Frau, liebe Sophja Jefimowna, verzeihen Sie mir, denn ich bin
ein besoffenes Weib. Aber eins mu ich Ihnen sagen, hren Sie bitte. Sie
besuchen diese Leute hier, aber wissen Sie auch, was die da von Ihrer
Schwester gesagt hat? Noch dazu wem? Mir -- der besoffenen Frau eines
Schusters! Und warum? Damit ich es allen weitererzhlen soll, sehen Sie
-- darum!

Warwara wurde dunkelrot und sagte:

Nichts habe ich dir gesagt.

Du hast nichts gesagt? Du ekliges Ungeziefer! tobte die Jerschowa, mit
geballten Fusten an Warwara herantretend.

Jetzt schweig aber still, murmelte Warwara verlegen.

Nein, ich werde nicht stillschweigen, schrie die Jerschowa schadenfroh
und wandte sich wieder an die Prepolowenskaja. Da sie, -- Ihre
Schwester nmlich, -- ein Verhltnis mit Ihrem Manne unterhlt; sehen
Sie, das hat sie mir gesagt, dieses verworfene Weib!

Sophjas bse und verschlagene Augen blitzten zu Warwara hinber. Sie
stand auf und sagte mit gezwungenem Lachen:

Ich danke untertnigst, das habe ich nicht erwartet.

Du lgst, quiekte Warwara wtend.

Die Jerschowa grunzte bse, stampfte mit dem Fu auf und machte eine
abwehrende Handbewegung. Dann wandte sie sich sofort wieder an die
Prepolowenskaja:

Und was der Herr dort von Ihnen sagt, allergndigste Frau! Sie htten
sich frher herumgetrieben und dann spter geheiratet. Da sehen Sie, was
das fr gemeine Leute sind! Spucken Sie Ihnen einfach ins Maul, liebste
gndigste Frau, Sie sollten nicht mit diesem niedertrchtigen Pack
verkehren.

Die Prepolowenskaja wurde rot und ging schweigend ins Vorhaus.
Peredonoff lief ihr nach und rechtfertigte sich:

Sie lgt, glauben Sie ihr nicht. Nur einmal habe ich in ihrer Gegenwart
gesagt, da Sie dumm seien, und das sagte ich nur aus Wut. Weiter habe
ich -- wei Gott -- nichts gesagt, alles hat sie gelogen.

Die Prepolowenskaja antwortete ruhig:

Lassen Sie doch, Ardalljon Borisowitsch, -- ich sehe doch, da sie
betrunken ist; sie wei ja nicht, was sie schwatzt. Nur eins: warum
gestatten Sie, da so was in Ihrem Hause vorkommt?

Ja, sehen Sie, antwortete Peredonoff, was soll ich mit ihr anfangen?

Die Prepolowenskaja war verwirrt und rgerlich. Sie zog ihre Jacke an.
Peredonoff kam nicht darauf ihr zu helfen. Irgendetwas murmelte er noch,
aber sie hrte ihn nicht. Dann kehrte Peredonoff in den Saal zurck. Die
Jerschowa begann ihm in schreiendem Tone Vorwrfe zu machen.

Warwara lief auf den Flur hinaus, um die Prepolowenskaja zu vershnen:

Sie wissen doch, was er fr ein Dummkopf ist, -- er wei ja nicht, was
er sagt.

Ach lassen Sie doch; warum beunruhigen Sie sich? antwortete auch ihr
die Prepolowenskaja. Ich wei doch, was so ein betrunkenes Weib alles
schwatzen kann.

Die Haustr mndete auf einen Hof. In dichter Menge wuchsen dort am
Hause hochaufgeschossene Brennesseln. Die Prepolowenskaja lchelte kaum
merklich und der letzte Schatten von Unzufriedenheit schwand von ihrem
rosigen, vollen Gesicht. Sie wurde wieder liebenswrdig und hflich. Fr
die Krnkung wollte sie auch ohne sich zu zanken Rache nehmen.

Beide gingen zusammen in den Garten, um dort die Szene mit der Wirtin
abzuwarten.

Fortwhrend blickte die Prepolowenskaja auf die Nesseln, die auch im
Garten reichlich am Zaune wucherten. Endlich sagte sie:

Wie viel Nesseln Sie haben! Haben Sie Verwendung dafr?

Warwara lachte und sagte:

Nanu, was sollte ich damit anfangen?

Wir haben nmlich keine, sagte die Prepolowenskaja, und wenn es Ihnen
nicht weiter leid tut, so will ich mir einige Handvoll ausraufen.

Ja -- aber wozu denn? fragte Warwara verwundert.

Ach, ich brauche sie halt, sagte die Prepolowenskaja und lchelte
vielsagend.

Liebes Herz, sagen Sie bitte -- wozu? flehte Warwara neugierig.

Die Prepolowenskaja neigte sich dicht an Warwaras Ohr und flsterte:

Wenn man sich mit Nesseln abreibt, so wird man nicht mager. Das machen
die Nesseln, da meine Genitschka so rundlich ist.

Es war berall bekannt, da Peredonoff die dickeren Frauen bevorzugte,
die mageren hingegen verschmhte. Warwara war ganz betrbt, da sie
schlank war und immer mehr abmagerte. Was tue ich, um recht viel Fett
anzusetzen? -- das war eine ihrer grten Sorgen. Ueberall fragte sie:
Wissen Sie nicht ein Mittel? Und die Prepolowenskaja glaubte sicher,
da Warwara sich jetzt nach ihrem Rezept mit Nesseln abreiben, und auf
diese Weise sich selber strafen wrde.




                                  III


Peredonoff ging zusammen mit der Jerschowa auf den Hof. Er murmelte:

Ach du Aas!

Sie schrie aus vollem Halse und war sehr ausgelassen. Dann fingen sie
auf dem Hofe zu tanzen an. Die Prepolowenskaja und Warwara gingen durch
die Kche in die Wohnstube und setzten sich ans Fenster, um zu sehen,
was auf dem Hofe vorging.

Peredonoff und die Jerschowa hatten sich umarmt und tanzten auf dem
Rasen um einen Birnbaum herum. Peredonoffs Gesicht war wie sonst --
stumpf und ganz ohne Ausdruck. Wie auf etwas Leblosem hpfte die goldene
Brille mechanisch auf seinem Nasenrcken hin und her, ebenso das
kurzgeschorene Haar auf seinem Kopf. Die Jerschowa quiekte, juchzte,
fuchtelte mit den Hnden und schwankte. Durchs Fenster rief sie Warwara
zu:

He da, hochnasige Person, komm doch heraus, -- wollen tanzen! Oder
ekelt dir vor unserer Gesellschaft?

Warwara wandte sich ab.

Hol' dich die Pest, rief die Jerschowa, ich bin halbtot. Sie wlzte
sich auf den Rasen und zog Peredonoff nach sich.

So saen sie und hielten sich umarmt, dann tanzten sie wieder. Das
wiederholte sich etlichemal: bald tanzten sie, bald ruhten sie sich auf
einer Bank unter dem Birnbaum oder einfach im Grase aus.

Wolodin sah aus dem Fenster auf die Tanzenden und amsierte sich
kniglich. Er schttelte sich vor Lachen, schnitt allerhand Fratzen,
krmmte sich, zog die Knie hoch und frohlockte:

Das ist ein Hauptspa, -- zum Wlzen!

Verfluchtes Aas! sagte Warwara gergert.

Ein Aas ist sie wohl, gab Wolodin zu und lachte, warte nur,
vielliebste Wirtin, ich werde dir schon einen Gefallen tun. Wollen wir
auch den Saal besauen! Jetzt ist es doch egal, heute wird sie nicht mehr
herkommen. Wird sich mdehopsen auf dem Rasen und dann schlafen gehen.

Und er wlzte sich beinah vor Lachen und sprang wie ein Schaf umher. Die
Prepolowenskaja stachelte ihn an:

Natrlich! Pawel Wassiljewitsch, Sie mssen jenes Zimmer auch
beschmieren. Was glotzen Sie nach ihr? Und wenn sie auch kommen sollte,
dann kann man ihr einfach sagen, da sie alles selber in der
Betrunkenheit angerichtet hat.

Wolodin lief, hpfend und lachend, in den Saal und machte sich daran,
die Tapeten mit seinen Stiefelsohlen zu bearbeiten.

Warwara Dmitriewna, schrie er, geben Sie doch bitte einen Bindfaden.

Warwara wackelte wie eine Ente durch den Saal ins Schlafzimmer und
brachte ein verknotetes und zerfasertes Bindfadenendchen. Wolodin machte
eine Schlinge, stellte einen Stuhl mitten in den Saal und befestigte die
Schlinge an dem Lampenhaken in der Decke.

Das ist fr die Wirtin! schrie er, sie mu doch was haben, woran sie
sich vor Wut aufhngen kann, wenn Sie ausgezogen sind.

Beide Damen schrieen vor Lachen.

Geben Sie ein Stckchen Papier! rief Wolodin, und einen Bleistift.

Warwara stberte wieder im Schlafzimmer und brachte dann einen Fetzen
Papier und einen Bleistift. Wolodin schrieb: Fr die Wirtin und
befestigte das Papier an der Schlinge. Dabei machte er die albernsten
Bewegungen. Dann bearbeitete er wieder wie ein Rasender die Wnde mit
seinen Sohlen und sein Krper flog von der Erschtterung. Sein Gejohl
und sein blkendes Gelchter fllte das ganze Haus. Der weie Kater
hatte ngstlich die Ohren angezogen, blinzelte aus dem Schlafzimmer
herber und wute augenscheinlich nicht, wohin er flchten sollte.

Endlich war es Peredonoff gelungen, die Jerschowa abzuschtteln. Er kam
allein zurck. -- Die Jerschowa war in der Tat ganz ermattet schlafen
gegangen und Wolodin empfing Peredonoff mit Schreien und Lachen:

Jetzt haben wir auch den Saal besaut. Hurra!

Hurra! brllte Peredonoff und lachte drhnend und abgerissen, wie aus
der Pistole geschossen.

Auch die Damen schrieen Hurra. Die Heiterkeit wurde allgemein.
Peredonoff rief:

Pawluschka, komm tanzen!

Los, Ardalljoscha, antwortete dummerhaft kichernd Wolodin.

Sie tanzten unter der Schlinge und beide warfen ihre Beine plump in die
Luft. Der Fuboden zitterte unter Peredonoffs schweren Tritten.

Ardalljon Borisowitsch beliebt zu tanzen, bemerkte die Prepolowenskaja
und lchelte.

Es lohnt nicht davon zu sprechen; bei ihm ist alles Laune, antwortete
Warwara mrrisch, aber sie fand Gefallen an Peredonoff.

Es war ihre aufrichtige Ueberzeugung, da er hbsch und flott wre.
Selbst das Dmmste was er tat, schien ihr nachahmenswert.

Sie fand ihn weder ekelhaft, noch lcherlich.

Wollen wir der Wirtin die Totenmesse singen! schrie Wolodin. Geben
Sie ein Kissen!

Was der sich alles ausdenkt! sagte Warwara und lachte.

Sie warf aus dem Schlafzimmer ein Kissen mit schmutzigem Leinwandbezug
heraus. Das Kissen wurde auf die Erde gelegt, es sollte die Wirtin
vorstellen, und sie sangen mit wilder, schreiender Stimme die
Totenmesse. Dann wurde Natalie gerufen. Sie mute die Drehorgel spielen,
whrend alle vier unter albernen Bewegungen, die Beine hochwerfend, eine
Quadrille tanzten.

Nach dem Tanze kam Peredonoff in Geberlaune. Eine dstre, trotzige
Begeisterung leuchtete matt aus seinen verschwommenen Augen. Er fhlte
sich von einer fast mechanischen Sicherheit beherrscht, -- vielleicht
infolge der anstrengenden Muskelbewegung. Er zog seine Brieftasche
hervor, zhlte einige Scheine ab und warf sie Warwara zu mit
selbstgeflliger, stolzer Miene.

Da hast du, Warwara, rief er, nh dir das Hochzeitskleid.

Die Geldscheine flatterten zu Boden. Warwara sammelte sie schnell auf.
Diese Art und Weise beschenkt zu werden, krnkte sie nicht. Die
Prepolowenskaja dachte wtend bei sich: Das wollen wir noch abwarten,
wer siegen wird, und lchelte perfid. Wolodin kam natrlich nicht
darauf, Warwara beim Geldsammeln behilflich zu sein.

Bald ging die Prepolowenskaja. Im Vorhause traf sie mit einem neuen
Besuch zusammen; es war die Gruschina.

Maria Ossipowna Gruschina war eine junge Witwe und hatte ein
frhzeitig-welkes Aussehen. Sie war schlank, -- und ihre trockene Haut
hatte sich ganz in kleine, sozusagen staubbedeckte Fltchen gelegt. Ihr
Gesicht war nicht unsympathisch, dafr ihre Zhne schmutzig und schwarz.
Sie hatte schmale Hnde, lange spinnartige Finger und unsaubre Ngel.
Wenn man sie flchtig anschaute, sah sie nicht grade schmutzig aus,
machte aber den Eindruck, als scheute sie das Wasser und wrde darum
gelegentlich zusammen mit ihren Kleidern ausgeklopft. Man konnte sich
leicht vorstellen, da eine Staubwolke bis an den Himmel aufgewirbelt
wre, wenn man sie mit einem Bambus zwei-, dreimal bearbeitet htte. Die
Kleider schlotterten an ihr in geknllten Falten, so als wren sie eben
erst aus einem sehr fest verschnrten Packen, in dem sie lange
zusammengepret gelegen hatten, genommen worden. Die Gruschina lebte von
einer Rente und erwarb sich den brigen Unterhalt durch kleinere
Kommissionsgeschfte und durch Geldverleihen gegen Obligationen. Sie
redete gewhnlich recht unbescheiden und suchte Herrenbekanntschaft, um
einen Gatten zu finden. Ein Zimmer in ihrem Hause war stndig an
irgendeinen unverheirateten Beamten vermietet.

Warwara begrte die Gruschina sehr erfreut: sie hatte irgend ein
Geschft mit ihr. Die Gruschina und Warwara fingen auch gleich an, ber
Dienstboten zu sprechen und kamen so ins Schwatzen herein. Der
neugierige Wolodin setzte sich zu ihnen und horchte. Peredonoff sa
einsam und verdrossen am Tisch und verknllte mit den Hnden einen
Zipfel des Tischtuchs.

Warwara beklagte sich bei der Gruschina ber ihre Natalie. Die Gruschina
schlug ihr eine andere Magd vor, die sie sehr zu loben wute, eine
gewisse Klawdija. Man beschlo, gleich hinzufahren an den
Ssamorodina-Bach. Dort lebte sie nmlich bei einem Akzisebeamten, der in
diesen Tagen in eine andere Stadt versetzt worden war. Warwara zgerte
nur noch des Namens wegen. Ratlos fragte sie:

Klawdija? Aber wie soll ich sie denn rufen? Etwa Klaschka?

Die Gruschina riet:

Rufen Sie sie doch einfach Klawdjuschka!

Warwara gefiel das. Sie wiederholte:

Klawdjuschka, djuschka! und lachte heiser. Es mu nmlich bemerkt
werden, da man die Schweine in unserer Stadt Djuschki zu nennen
pflegt. Wolodin grunzte und alle lachten.

Djuschka, Djuschenka, flsterte Wolodin zwischen lauten Lachanfllen.
Er machte ein dummes Gesicht und reckte die Lippen vor.

Dann grunzte er und betrug sich so lange lppisch, bis man ihm sagte,
da er langweilig wrde. Dann fhlte er sich gekrnkt und stand auf, um
sich neben Peredonoff zu setzen. Just wie ein Schaf beugte er seine
rundgewlbte Stirn vor und stierte andauernd auf das befleckte
Tischtuch.

Warwara beschlo gleich auf dem Wege zum Ssamorodina-Bach Stoff fr ihr
Hochzeitskleid zu kaufen. In die Kauflden ging sie immer zusammen mit
der Gruschina; die half ihr beim Treffen der endgltigen Wahl und bei
dem unvermeidlichen Feilschen.

Als Warwara von Peredonoff fortschlich, stopfte sie in die tiefen
Taschen der Gruschina fr deren Kinder allerlei Leckerbissen, se
Pastetchen und Bonbons. Die Gruschina erriet, da Warwara ihrer Dienste
dringend bedrfe.

Warwara konnte nicht weit gehen wegen ihrer zu engen Schuhe mit den
hohen Abstzen. Sie wurde rasch mde. Daher benutzte sie gewhnlich eine
Droschke, obwohl die Entfernungen in unserer Stadt nur geringe waren. In
letzter Zeit war sie besonders hufig bei der Gruschina gewesen. Das
hatten die Droschkenkutscher schon gemerkt: ihrer gab es nicht viele,
vielleicht an die zwanzig. Wenn Warwara einstieg, fragten sie garnicht
mehr, wohin sie fahren sollten.

Sie setzten sich in den Wagen und fuhren zu den Herrschaften, bei denen
Klawdija diente, um sich nach ihr zu erkundigen. Die Straen waren fast
durchweg mit Schmutz bedeckt, obwohl es schon gestern abend aufgehrt
hatte zu regnen. Nur selten ratterte die Droschke ber kurze,
gepflasterte Straen, dann versanken die Rder wieder im zhen Schmutz
grundloser Wege. Umso mehr zitterte ununterbrochen Warwaras Stimme,
begleitet vom teilnehmenden Geschwtz der Gruschina.

Mein Gnserich war schon wieder bei Marfuschka,[3] erzhlte Warwara.

[Funote 3: Kosename fr Martha.]

In teilnehmender Emprung antwortete die Gruschina:

Sie suchen ihn einzufangen. Will es gerne glauben. Das wre just ein
Ehemann fr dieses Mdel, die Marfuschka. So einen kann sie sich im
Traume wnschen.

Ich wei wirklich nicht, was ich anfangen soll, klagte Warwara, er
ist jetzt so widerhaarig, -- gar nicht zu sagen wie. Glauben Sie, es
wirbelt mir im Kopf. Fllt es ihm ein, zu heiraten, dann kann ich auf
die Strae gehen.

Nicht doch, liebste Warwara Dmitriewna, beruhigte die Gruschina,
glauben Sie das nicht. Nie wird er eine andere heiraten als Sie. Er hat
sich doch an Sie gewhnt.

Manchmal geht er in der Nacht aus, dann kann ich nicht einschlafen,
erzhlte Warwara, Gott wei, vielleicht lt er sich irgendwo trauen.
Manchmal sorge ich mich die ganze Nacht. Alle haben es auf ihn abgesehen
-- die drei Rutiloffschen Stuten, -- sie hngen sich ja an jeden, -- und
Jenkja mit der gedunsenen Fratze.

Noch lange klagte Warwara, und aus ihrem ganzen Gesprch ersah die
Gruschina, da sie eine besondere Bitte auf dem Herzen hatte, und schon
im voraus freute sie sich auf eine neue Einnahme.

Klawdija gefiel. Die Frau des Akzisebeamten hatte sie gelobt. So wurde
sie denn engagiert und man sagte ihr, sie htte noch am selben Abend zu
erscheinen, da der Akzisebeamte schon heute abreisen mute.

Endlich langten sie bei der Gruschina an. Sie lebte in ihrem eigenen
Huschen, ziemlich unordentlich, zusammen mit ihren drei kleinen Ghren.
Die waren zerzaust, dreckig, dumm und bsartig wie begossene Welpen. Die
eigentliche Aussprache folgte erst jetzt.

Warwara begann zu erzhlen: Mein Ardalljoschka, der Dummkopf, verlangt,
ich soll wieder an die Frstin schreiben. Was soll ich ihr denn so mir
nichts dir nichts schreiben; entweder wird sie berhaupt nicht
antworten, oder etwas antworten, was nicht in meinen Kram pat. Die
Freundschaft ist nicht von weitem her.

Die Frstin Woltschanskaja, -- Warwara hatte gelegentlich als
Schneiderin fr einfachere Arbeit bei ihr gearbeitet, -- htte
Peredonoff allerdings ntzlich sein knnen: ihre Tochter war nmlich an
den Geheimen Rat Tschtepkin verheiratet, ein Mann, der im Schulressort
viel zu bedeuten hatte. Schon im vorigen Jahre hatte sie an Warwara als
Antwort auf ihre Bitten geschrieben, da sie fr Warwaras Brutigam
ein gutes Wort einzulegen nicht gewillt wre; anders verhielte es sich,
wenn sie heiraten wrde, dann knnte sie vielleicht gelegentlich ein
Wrtchen zu seinen Gunsten fallen lassen. Peredonoff hatte jener Brief
nicht befriedigt: damit war eigentlich nur eine unbestimmte Hoffnung
gegeben, es war aber nicht direkt gesagt, da die Frstin ganz unbedingt
Warwaras Manne den Posten eines Inspektors verschaffen wrde. Um diese
Ungewiheit zu klren, waren sie krzlich nach St. Petersburg gefahren.
Warwara hatte die Frstin aufgesucht und dann fhrte sie auch Peredonoff
hin, hatte aber diesen Besuch mit Absicht so lange hinausgeschoben, bis
sie die Frstin nicht mehr zu Hause trafen: Warwara begriff, da sich
die Frstin im besten Fall auf den Rat beschrnken wrde, sie mchten so
bald als mglich heiraten, vielleicht noch einige unbestimmte
Versprechungen hinzufgen wrde, da sie bei Gelegenheit ein gutes Wort
einlegen wolle, kurz -- Versprechungen, die Peredonoff keineswegs
gengen konnten. So beschlo denn Warwara, Peredonoff die Frstin nicht
zu zeigen.

Ich verlasse mich felsenfest auf Sie, sagte Warwara, helfen Sie mir,
teuerste Marja Ossipowna.

Wie soll ich Ihnen denn helfen, liebes Herz? fragte die Gruschina,
Sie wissen doch, Warwara Dmitriewna, da ich fr Sie bereit bin, alles
zu tun, was in meiner Kraft liegt. Soll ich Ihnen vielleicht wahrsagen?

Ich wei doch, was an Ihrer Wahrsagerei dran ist, sagte Warwara
lachend, nein, ganz anders mssen Sie mir helfen.

Wie denn? fragte in freudig-reger Erwartung die Gruschina.

Ganz einfach, sagte schmunzelnd Warwara, schreiben Sie einen Brief an
mich, als kme er von der Frstin. Flschen Sie ihre Handschrift; ich
werde ihn dann Ardalljon Borisowitsch zeigen.

Aber was denken Sie nur, Teuerste! Das geht doch nicht, beteuerte die
Gruschina und stellte sich emprt, wenn die Geschichte herauskommt, was
soll dann aus mir werden?

Warwara lie sich durch diese Antwort keineswegs aus der Fassung
bringen, zog einen verknllten Brief aus der Tasche und sagte:

Da habe ich Ihnen gleich den Brief der Frstin als Mustervorlage
gebracht.

Die Gruschina strubte sich lange. Warwara sah klar, da die Gruschina
ihr Einverstndnis geben wrde, da sie nur fr diesen Dienst mehr
beanspruchen wolle. Warwara ihrerseits wollte gerade weniger zahlen. Und
nur ganz allmhlich erhhte sie den Bestechungspreis, versprach
verschiedene kleinere Geschenke, ein altes Seidenkleid, und endlich sah
die Gruschina ein, da Warwara in keinem Fall mehr geben wrde. Klagende
Worte ergossen sich aus Warwaras Munde. Die Gruschina tat, als wre sie
nur aus Mitleid bereit, die Sache zu bernehmen und nahm den Brief.




                                   IV


Das Billardzimmer war dick vollgeraucht. Peredonoff, Rutiloff,
Falastoff, Wolodin und Murin -- ein Gutsherr von hnenhaftem Wuchse und
dummerhaftem Aussehen, Besitzer eines kleinen Gutes, auerdem ein
kapitalkrftiger, unternehmungslustiger Mann --, alle diese fnf hatten
das Spiel beendet und machten sich auf den Heimweg.

Es dmmerte. Auf einem schmutzigen Brettertisch standen viele geleerte
Bierflaschen. Die Spieler, welche whrend des Spieles viel getrunken
hatten, hatten rote Kpfe und lallten berauscht. Rutiloff war der
einzige, der wie sonst schwindschtig-bla aussah. Er trank auch weniger
als die andern und htte bei strkerem Trinken gewi noch blasser
ausgesehen.

Rohe Schimpfworte flogen durch die Luft. Keiner fhlte sich gekrnkt:
man war eben unter Freunden.

Peredonoff hatte, wie fast immer, verloren. Er spielte schlecht Billard.
Trotzdem war sein Gesichtsausdruck unerregt finster, und nur mit Unlust
bezahlte er seine Spielschuld.

Murin rief laut:

Feuer!

und zielte mit einem Queue nach Peredonoff. Der schrie auf vor Schreck
und lie sich auf einen Stuhl fallen. Ihm war der dumme Gedanke
gekommen, Murin wolle ihn totschieen. Alle fingen an zu lachen.
Peredonoff brummte rgerlich:

Ich kann solche Spe nicht leiden.

Murin tat es schon leid, da er Peredonoff erschreckt hatte: sein Sohn
war nmlich Gymnasiast, und da hielt er es fr seine Pflicht, auf alle
nur mgliche Art den Gymnasiallehrern zu Gefallen zu sein. Jetzt
entschuldigte er sich bei Peredonoff und bewirtete ihn mit Wein und
Selters. Peredonoff sagte finster:

Meine Nerven sind ein wenig angegriffen. Ich bin mit unserem Direktor
nicht zufrieden.

Der knftige Inspektor hat Unglck im Spiel, schrie mit blkender
Stimme Wolodin, schade um das Geld.

Unglck im Spiel, Glck in der Liebe, sagte Rutiloff lchelnd und wies
seine angefaulten Zhne.

Wegen seines Verlustes im Spiel, dazu noch der Schreck, war Peredonoff
sowieso nicht in rechter Stimmung. Dann fing man an, ihn mit seinem
Verhltnis zu Warwara zu necken. Er rief:

Ich werde heiraten und Warjka mu hinaus.

Die Freunde lachten und stichelten:

Du wirst nicht drfen.

So, meint ihr? noch morgen suche ich mir eine Braut.

Was gilt die Wette? schlug Falastoff vor, ich setze zehn Rubel.

Peredonoff tat es aber leid um das Geld; sollte er am Ende verlieren, so
htte er zahlen mssen. Er kehrte sich ab und schwieg finster.

Am Gartentor trennten sie sich nach verschiedenen Richtungen. Peredonoff
und Rutiloff gingen zusammen. Rutiloff versuchte ihn zu bereden, sofort
eine seiner Schwestern zu heiraten.

Ich habe alles in Ordnung gebracht, wiederholte er, sei ganz
unbesorgt.

Das Aufgebot ist noch nicht gewesen, schtzte Peredonoff vor.

Ich sage dir doch, alles ist in Ordnung, beteuerte Rutiloff. Ich habe
einen Popen ausfindig gemacht; der wei, da ihr nicht verwandt seid.

Es sind keine Marschlle da, sagte Peredonoff.

Ach was, es sind keine da! Die Marschlle haben wir im Nu zusammen, ich
schicke einfach nach ihnen und sie werden direkt in die Kirche kommen.
Oder ich werde sie selbst holen gehen. Frher konnte man doch nicht gut,
-- dein Schwesterchen htte Wind gekriegt und uns gestrt.

Peredonoff schwieg still und blickte trbselig zur Seite. Hin und her
sah man im Schatten schweigsame Huser in trumenden, kleinen Grtchen
mit morschen Zunen davor.

Warte ein wenig an der Pforte, sagte Rutiloff berredend, ich werde
dir jede vorfhren, welche du nur magst. So hr doch, ich will es dir
gleich beweisen. Ist zwei mal zwei vier oder nicht?

Jawohl, vier, antwortete Peredonoff.

Also: zwei mal zwei ist vier, darum mut du eine von meinen Schwestern
heiraten.

Peredonoff war ganz erstaunt. In der Tat, dachte er, es ist so;
natrlich ist zwei mal zwei vier. Und mit Ehrfurcht blickte er auf den
klugen Rutiloff. Ich werde heiraten mssen! Mit ihm ist nicht gut
Kirschen essen.

Mittlerweile waren sie ans Rutiloffsche Haus gekommen und blieben vor
der Pforte stehen.

Man kann doch nicht so per Gewalt, sagte Peredonoff bse.

Sonderling, sie warten ja nur darauf, rief Rutiloff.

Aber ich selber will vielleicht nicht.

Na ja, du willst nicht, Schlaukopf. Willst du denn dein lebelang
Junggeselle bleiben? antwortete Rutiloff sicher, oder willst du ins
Kloster? Oder ist dir die Warja noch immer nicht widerlich geworden?
Bedenke nur -- ihre Fratze, wenn du ihr auf einmal eine junge Frau ins
Haus fhrst.

Peredonoff lachte abgerissen und kurz, aber sofort wurde er wieder
finster und sagte:

Und auerdem, _sie_ wollen vielleicht garnicht!

Geh doch, wie sollten sie nicht wollen, Sonderling, antwortete
Rutiloff. Ich gebe dir mein Wort darauf.

Sie sind stolz, sagte Peredonoff.

Was geht dich das an; noch besser.

Sie machen sich ber alles lustig.

Aber doch nicht ber dich, beteuerte Rutiloff.

Woher soll ich das wissen.

So glaub mir doch, ich will dich nicht betrgen. Sie verehren dich. Du
bist doch nicht irgend ein Narr den man auslacht.

Ja, dir soll man glauben, sagte Peredonoff mitrauisch. Nein, erst
will ich mich selbst davon berzeugen, da sie ber mich nicht lachen.

Merkwrdiger Mensch, sagte Rutiloff verwundert, wie sollten sie sich
berhaupt unterstehen zu lachen? Wie willst du dich davon berzeugen?

Peredonoff dachte nach und sagte:

La sie gleich auf die Strae herauskommen.

Meinetwegen, das geht, sagte Rutiloff.

Alle drei auf einmal, fuhr Peredonoff fort.

Meinetwegen.

Und jede soll sagen, wodurch sie glaubt, mein besonderes Gefallen zu
erregen.

Wozu denn das? fragte Rutiloff erstaunt.

Da werde ich eben sehen, was sie eigentlich wollen, sonst la ich mich
am Ende an der Nase herumfhren, erklrte Peredonoff.

Niemand will dich an der Nase herumfhren.

Vielleicht wollen sie mich zum Beispiel auslachen, erklrte
Peredonoff, la sie nur herauskommen, wenn sie dann Lust bekommen zu
lachen, dann werde ich sie auslachen.

Rutiloff berlegte, schob seinen Hut in den Nacken, zog ihn dann wieder
in die Stirn und sagte endlich:

Also warte jetzt, ich will gehen es auszurichten. Sonderbarer Kauz. Du
komm inzwischen in den Hof, sonst -- der Teufel mag wissen -- kommt noch
jemand gegangen und wird alles sehen.

Es ist doch einerlei, sagte Peredonoff, ging aber doch hinter Rutiloff
durch die Pforte.

Rutiloff begab sich ins Haus zu seinen Schwestern; Peredonoff wartete
unterdessen auf dem Hof.

Im Salon -- einem Eckzimmer -- mit den Fenstern zur Pforte, saen die
vier Schwestern. Sie hatten alle dieselben Gesichter, glichen dem
Bruder, waren nett anzusehen, rosig und frhlich. Die verheiratete
Larissa, ruhig, sympathisch und stattlich; die flinke und quicke Darja,
sie war die grte und schmchtigste von den Schwestern; die immer
lachende Ludmilla und die sich zierende Valerie, klein, zart und dem
Aussehen nach zerbrechlich. Sie naschten Rosinen und Nsse und schienen
aufgeregt etwas zu erwarten, denn sie lachten mehr als gewhnlich in
Erinnerung an die letzten Klatschgeschichten der Stadt und machten sich
auerdem ber Bekannte und Unbekannte lustig.

Vom frhen Morgen an hatten sie sich zur Trauung bereit gehalten. Es
erbrigte, nur ein passendes Brautkleid anzuziehen und den Schleier und
die Blumen anzustecken. Von Warwara wurde berhaupt nicht gesprochen, so
als existierte sie nicht. Aber schon der Umstand, da sie, die sich
rcksichtslos ber alles und jedes lustig machten, die ber alle den
Stab brachen, den ganzen Tag lang allein ber Warwara kein
Sterbenswrtchen zu sagen wuten, -- schon allein dieser Umstand bewies
zur Genge, da ein unangenehmes Erinnern an sie wie ein spitzer Nagel
im Kopfe einer jeden von ihnen bohrte.

Ich hab ihn hergelockt! erklrte Rutiloff bei seinem Eintritt in den
Salon, er steht an der Pforte.

Ganz erregt sprangen die Schwestern auf und fingen alle mit einmal zu
schwatzen und zu lachen an.

Da ist nur ein Haken dabei, sagte Rutiloff und lchelte vielsagend.

Was denn, was denn? fragte Darja. Valerie zog rgerlich ihre schnen,
schwarzen Augenbrauen zusammen.

Jetzt wei ich nicht, ob ich's sagen soll? fragte Rutiloff.

Nur schneller, schneller, drngte Darja.

Etwas verlegen erzhlte Rutiloff von Peredonoffs Wnschen. Die jungen
Damen fingen zu zetern an und schimpften um die Wette auf Peredonoff.
Aber allgemach wurde aus dem unwilligen Geschrei Lachen und Scherzen.

Darja machte ein finster-erwartungsvolles Gesicht und sagte:

_So_ wartet er an der Pforte.

Sie hatte ihn gut und drollig nachgeahmt. Die jungen Damen guckten
durchs Fenster zur Pforte. Darja ffnete das Fenster und rief:

Ardalljon Borisowitsch! Darf man es durchs Fenster sagen?

Als Antwort hrte man ihn brummen:

Nein.

Darja schlo das Fenster sofort, denn die Schwestern lachten sehr laut
und konnten garnicht mehr aufhren. Dann liefen sie aus dem Salon ins
Speisezimmer, um von Peredonoff nicht gehrt zu werden.

Man verstand in diesem frhlichen Kreise, die trbste Stimmung in Lachen
und Scherzen ausklingen zu lassen, und so manche Angelegenheit wurde
einfach durch einen Scherz gelst.

Peredonoff stand drauen und wartete. Er war traurig, und ein
unbestimmtes Angstgefhl bedrckte ihn. Er dachte daran, fortzugehen,
aber auch dazu konnte er sich nicht entschlieen. Irgendwo in der Ferne
hrte man Musik: das war wohl die Tochter des Adelsmarschalls, die
Klavier spielte. Leise und wiegend zitterten die Tne durch die dunkle,
stille Abendluft; sie stimmten traurig und lieen die Gedanken traumhaft
werden.

Peredonoffs Grbeleien hatten sich zuerst ins Erotische verloren. Er
stellte sich die Rutiloffschen Mdchen in den wollstigsten Lagen vor.
Aber je lnger er warten mute, desto mehr fhlte er sich enttuscht, --
warum lie man ihn berhaupt warten! Und die Musik, die nur ganz wenig
an sein grobes, halberstorbenes Gemt gerhrt hatte, verlor fr ihn
allen Reiz.

Und ringsum war es Nacht geworden, still und doch voll Flstern und
Rauschen. Peredonoff stand innerhalb des Lichtkreises der Lampe, die im
Salon brannte, darum erschien ihm alles noch dunkler. In zwei Streifen
fiel das Licht auf den Hof und wurde breiter und breiter zum
Nachbarzaune hin, dahinter konnte man dunkle Bretterwnde sehen. Im
Hintergrunde des Hofes warfen die Bume des Rutiloffschen Gartens
unheimliche Schatten und flsterten. Lange Zeit hindurch hrte man
irgendwo in der Nhe auf der Strae langsame, schwere Schritte.
Peredonoff frchtete sich: whrend er da wartete, htte ihn jemand
berfallen und ausrauben, vielleicht sogar ermorden knnen. Er drckte
sich scheu an die Wand und wartete im Schatten, um nicht gesehen zu
werden.

Mit einmal tauchten in den Lichtstreifen im Hofe lange Schatten auf, man
hrte Tren gehen, und im Flur wurden Stimmen laut.

Sie kommen, dachte er, und sachte regten sich lsterne Gedanken ber die
schnen Schwestern in seinem Hirn, -- tierische Ausgeburten einer
sprlichen Phantasie.

Die Schwestern warteten auf dem Flur.

Rutiloff ging zur Pforte und hielt Ausschau, ob niemand in der Nhe
wre. Es war nichts zu sehen und nichts zu hren.

Die Luft ist rein, flsterte er seinen Schwestern zu, die Hnde als
Sprachrohr benutzend.

Er blieb als Wache auf der Strae stehen. Peredonoff war mit ihm
hinausgegangen.

Sie werden es gleich sagen, sagte Rutiloff.

Peredonoff stand gerade an der Pforte und blickte auf die Spalte
zwischen Pforte und Torpfosten. Sein Gesicht war dster, fast
erschrocken, alles Grbeln und Denken in ihm war erloschen und an Stelle
dessen war ein dumpfes, sinnliches Begehren getreten.

Darja kam als Erste an die halbgeffnete Pforte.

Womit knnte ich Ihr Wohlgefallen erregen? fragte sie.

Peredonoff schwieg finster. Darja sagte:

Ich werde Ihnen ganz besonders schne Pfannkuchen backen, heie
Pfannkuchen, nur: ersticken Sie nicht daran.

Ueber ihre Schultern hinweg beeilte sich Ludmilla zu rufen:

Ich werde jeden Morgen in die Stadt gehen, werde alle
Klatschgeschichten sammeln und sie Ihnen dann vorerzhlen. Das ist
auerordentlich lustig.

Zwischen den frhlichen Gesichtern der beiden Schwestern zeigte sich fr
einen Augenblick Valeries kaprizises, schmales Gesichtchen, und ein
feines Stimmchen rief:

Ich werde auf keinen Fall sagen, was ich Ihnen geben will, Sie mssen
es erraten.

Die Schwestern liefen lachend davon. Ihre Stimmen und ihr Lachen
verklang hinter der Tr. Peredonoff hatte sich abgewandt. Er war nicht
ganz zufrieden. Er dachte: da haben sie irgendwas geschwatzt und sind
fortgegangen. Htten sie doch lieber Zettelchen gebracht. Aber dieses
Stehen und Warten dauerte zu lange.

Hast du sie dir angesehen? fragte Rutiloff, welche willst du haben?

Peredonoff dachte nach. Natrlich, -- entschlo er sich endlich, --
nehme ich die Jngste. Warum htte er auch eine Alte heiraten sollen.

Fhr Valerie her, sagte er bestimmt. Rutiloff ging ins Haus und
Peredonoff begab sich wieder auf den Hof.

Ludmilla sphte verstohlen durchs Fenster, um zu horchen, was sie
sprachen, aber sie konnte nichts hren. Jetzt tnten Schritte auf dem
Hof. Die Schwestern wurden ganz still und saen aufgeregt und verlegen
da. Rutiloff trat ein und verkndete:

Er wnscht Valerie. Er wartet an der Pforte.

Die Schwestern jubelten und lachten. Valerie wurde ein wenig bla.

Das ist gut, das ist gut, wiederholte sie, ich will ihn schon gerne
nehmen, ich brauche so einen Mann.

Ihre Hnde zitterten. Sie wurde angekleidet, -- alle drei Schwestern
bemhten sich um sie. Wie immer zierte sie sich und trdelte. Die
Schwestern drngten zur Eile. Sie wnschten ihr wohl Glck, beneideten
sie jedoch im stillen. Rutiloff schwatzte unaufhrlich, frhlich erregt.
Ihm gefiel es, wie schlau er die ganze Sache eingefdelt hatte.

Hast du schon eine Droschke besorgt? fragte Darja.

Rutiloff antwortete aufgebracht:

Konnte ich denn? Die ganze Stadt wre zusammengelaufen, und Warwara
htte ihn an den Haaren nach Hause gezerrt.

Und wie sollen wir fortkommen?

Sehr einfach, bis zum Stadtplatz gehen wir zu Fu und nehmen dort
Droschken. Als erste fhrst du mit der Braut, dann Larissa mit dem
Brutigam, -- aber bitte nicht alle zusammen, sonst wird es noch in der
Stadt bekannt. Unterdessen fahre ich mit Ludmilla zu Falastoff, die
fahren dann zusammen ab, und ich hole dann den Wolodin.

Schon aus den Scherzen der Schwestern war zu ersehen, wie sehr Valerie
beneidet wurde; sie wurde gepufft und mit ihrem Trdeln und Sich-Zieren
geneckt. Endlich hielt sie es nicht mehr aus und sagte:

Was wollt ihr eigentlich? sind die Trauben sauer? Wenn ihr das meint,
dann will ich berhaupt nicht.

Und sie brach in Trnen aus. Die Schwestern sahen einander an und
versuchten sie durch Ksse und Schmeicheleien zu beruhigen.

Was weinst du denn, Dummerchen, sprach Darja, wir scherzen doch nur.

Larissa sagte in beruhigendem, zrtlichen Ton:

Du wirst ihn schon unter den Pantoffel kriegen. Wenn er nur erst
geheiratet hat.

Allmhlich wurde Valerie ruhiger.

Peredonoff stand allein drauen und gab sich lsternen Gedanken hin. Er
trumte von der Brautnacht: Valerie nackt, verschmt und doch frhlich
in seiner Umarmung, so schmchtig wie sie war, so subtil ...

Das alles malte er sich aus, whrend er ein Bonbon nach dem andern aus
seiner Tasche zog und daran lutschte.

Auf einmal fiel es ihm ein, da Valerie recht kokett wre. Sie wird ja
Toilette machen wollen -- berlegte er -- und berhaupt Aufwand treiben.
Dann wird es gewi nicht mehr mglich sein allmonatlich Geld auf die
Sparbank zu tragen, und alles Ersparte wird draufgehn. Und seine Frau
wird Launen zeigen, und -- womglich -- nicht einen Fu in die Kche
setzen. In der Kche werden dann die Speisen vergiftet werden, denn
Warja wird sich rchen wollen und die Kchin bestechen. Und auerdem ist
sie mir viel zu mager, dachte Peredonoff. Man wei berhaupt nicht, wie
man sie anfassen soll. Man kann sie nicht schimpfen, man kann sie nicht
stoen, man kann sie nicht anspucken. Sie fngt zu schluchzen an und
wird einen vor aller Welt blamieren. Nein, -- es ist unheimlich, sich
mit ihr einzulassen.

Ludmilla ist darin ganz anders. Soll ich sie heiraten? Peredonoff trat
ans Fenster und klopfte mit seinem Stock an das Fensterkreuz. Nach einer
halben Minute steckte Rutiloff seinen Kopf heraus.

Was willst du? fragte er beunruhigt.

Ich habe mich bedacht, brummte Peredonoff.

Rutiloff trat vom Fenster zurck.

Satan rundgeborner! murmelte er und ging zu seinen Schwestern.

Valerie freute sich sehr.

Es ist dein Glck, Ludmilla, sagte sie frhlich.

Ludmilla lachte, sie lie sich auf einen Sessel fallen und lachte,
lachte, bis ihr der Atem ausging.

Was soll ich ihm sagen? fragte Rutiloff, willst du ihn berhaupt?

Ludmilla konnte vor Lachen nichts sagen, sie winkte nur mit den Hnden.

Natrlich will sie, sagte Darja fr sie, sag's ihm nur schnell, sonst
sucht er das Weite ohne die Antwort abzuwarten.

Rutiloff ging in den Salon und flsterte durchs Fenster:

Wart einen Augenblick; sie ist gleich fertig.

Aber etwas flinker, sagte Peredonoff rgerlich, was trdeln sie so
lange.

Ludmilla wurde eilig angekleidet. Nach fnf Minuten war sie fertig.

Peredonoff dachte an sie. Sie ist frhlich und mollig. Nur eins, sie
liebt zu lachen. Wrde sie ihn auslachen? Grlicher Gedanke. Darja ist
freilich munter, aber doch solider und ruhiger. Hbsch ist sie auch. Es
ist besser sie zu heiraten. Er klopfte wieder ans Fenster.

Er klopft wieder, sagte Larissa, am Ende gilt es jetzt dir, Darja!

So ein Teufel, schimpfte Rutiloff und lief ans Fenster.

Was willst du noch? fragte er bse, hast du dich wieder bedacht, he?

Bring Darja her, antwortete Peredonoff.

Das will ich dir eintrnken, flsterte Rutiloff wtend.

Peredonoff stand und dachte an Darja -- und wieder kam an Stelle des
sinnlichen Wohlgefallens ein Gefhl der Furcht. Sie ist zu lebhaft, zu
dreist, sie wird mich qulen. -- Und was steh' ich hier, worauf warte
ich eigentlich -- dachte er. -- Ich werde mich erklten. Dort im Graben
am Straenrand, im Grase beim Zaun hat sich jemand versteckt, der
springt pltzlich auf und wird mich ermorden! Peredonoff hatte groe
Angst. Auerdem, berlegte er, bekommen sie keine Mitgift. Irgendwelche
Verbindungen nach oben hin haben sie nicht. Warwara wird bei der Frstin
klagen. Und der Direktor ist sowieso nicht gut auf mich zu sprechen.

Peredonoff rgerte sich ber sich selbst. Was hatte er sich berhaupt
mit den Rutiloffs einzulassen. Es war geradeso, als htte ihn Rutiloff
behext. Ja wirklich, er mu mich behext haben. Ich mu rasch etwas
dagegen tun.

Peredonoff drehte sich wie ein Kreisel herum, spuckte nach allen Seiten
und murmelte Beschwrungsformeln. Sein Gesicht war ernst und aufmerksam,
als htte er etwas Wichtiges vor. Dann fhlte er sich leichter und
glaubte gesichert zu sein vor Rutiloffs Zauberknsten. Sehr energisch
klopfte er mit seinem Stock ans Fenster und flsterte dabei:

Wre es nicht gut, sie zu denunzieren?

Rutiloff steckte seinen Kopf aus dem Fenster.

Ich will heute nicht heiraten, erklrte Peredonoff.

Aber was ist denn, Ardalljon Borisowitsch, alles ist schon fertig
versuchte ihn Rutiloff zu berreden.

Ich will nicht, sagte Peredonoff energisch, komm zu mir nach Hause
Karten spielen.

Verdammter Teufel! schimpfte Rutiloff. Er will nicht heiraten,
erklrte er den Schwestern, er hat Angst gekriegt. Aber ich will diesen
Esel schon zhmen. Er bittet mich, bei ihm Karten zu spielen.

Die Schwestern schrieen und schalten auf Peredonoff.

Willst du wirklich zu diesem Halunken gehen? fragte Valerie
aufgebracht.

Freilich, und zur Strafe werde ich ihn bespielen. Und auerdem soll er
von uns doch nicht loskommen, redete Rutiloff und bemhte sich dabei,
sehr sicher zu erscheinen, obgleich er sich recht ungemtlich fhlte.

Die Wut der Schwestern auf Peredonoff verwandelte sich allgemach in
groe Heiterkeit. Rutiloff war fortgegangen. Die jungen Damen liefen ans
Fenster.

Ardalljon Borisowitsch! rief Darja, warum sind Sie so unentschlossen!
Das geht doch nicht!

Herr Sauerampfer! rief Ludmilla und lachte laut.

Peredonoff war sehr unzufrieden. Seiner Meinung nach htten die
Schwestern vor lauter Kummer weinen mssen, -- _er_ hatte sie doch
sitzen lassen. Sie verstellen sich nur, dachte er und ging schweigend
zum Tore hinaus. Die jungen Damen liefen an die Fenster, welche zur
Strae fhrten und riefen Peredonoff allerlei bse Worte nach, bis er in
der Dunkelheit verschwunden war.




                                   V


Peredonoff fhlte sich sehr unbehaglich. Auch hatte er keine Bonbons
mehr in der Tasche, und das rgerte und verstimmte ihn. Rutiloff redete
fast die ganze Zeit ber allein, -- er sprach noch immer in Tnen der
Verzckung von seinen Schwestern. Peredonoff unterbrach nur einmal sein
Gerede. Er fragte rgerlich:

Hat der Stier Hrner?

Freilich, und was weiter? fragte Rutiloff erstaunt.

Na, ich will eben nicht Stier sein, erklrte Peredonoff.

Rutiloff fhlte sich gekrnkt und sagte:

Gewi, Ardalljon Borisowitsch, du kannst unmglich ein Stier werden,
weil du ein komplettes Schwein bist!

Lge! grunzte Peredonoff.

Nein, ich lge nicht und ich kann's beweisen, sagte schadenfroh
Rutiloff.

Beweis' doch, verlangte Peredonoff.

Wart nur, ich will es schon beweisen, hhnte Rutiloff. Beide
schwiegen. Peredonoff wartete ngstlich; er hatte einen stillen Ha auf
Rutiloff. Pltzlich fragte Rutiloff.

Hast du einen Fnfer bei dir, Ardalljon Borisowitsch?

Ja, aber du kriegst ihn nicht, antwortete Peredonoff bse.

Rutiloff lachte aus vollem Halse.

Wie solltest du kein Schwein sein, wenn du einen Fnfer[4] hast, rief
er vergngt.

Peredonoff griff erschreckt nach seiner Nase.

Du lgst, brummte er, ich habe keinen Fnfer, ich habe eine ganz
gewhnliche Fratze.

Rutiloff lachte noch immer. Peredonoff schielte rgerlich nach ihm und
sagte:

Du hast mich heute absichtlich an Bilsenkraut vorbeigefhrt und hast
mich behexen wollen, damit ich deinen Schwestern in die Schlingen gehe.
Ich habe schon an einer Hexe genug, da soll ich gleich drei auf einmal
heiraten.

Wie du merkwrdig bist, sagte Rutiloff, wie kommt es denn, da das
Bilsenkraut mir nichts anhaben konnte?

Du kennst die Gegenmittel, sagte Peredonoff, vielleicht hast du mit
dem Munde geatmet und die Nase zugehalten, oder vielleicht hast du
irgendwelche Zaubersprche dagegen gesagt; ich kenne sowas nicht, wie
man sich vor Zauberei zu schtzen hat. Ich bin kein Schwarzknstler. Ich
war die ganze Zeit im Banne des Bilsenkrauts, bis ich mich dagegen
sicherte.

Rutiloff lachte.

Was hast du denn getan, fragte er.

Aber Peredonoff schwieg bereits.

Warum hast du dich an die Warwara gekettet? sagte Rutiloff. Glaubst
du etwa, es wird dir gut gehen, wenn du durch ihre Vermittlung eine
Stellung bekommst? Sie will dich begaunern.

[Funote 4: Der Fnfer ist eine groe russische Kupfermnze. Der
abgeflachte Rssel des Schweines erinnert daran; daher der Vergleich.]

Peredonoff verstand das nicht.

Sie hat ihren eigenen Vorteil im Auge -- dachte er, -- sie wird es doch
besser haben, wenn sie mit einem hheren Beamten verheiratet ist und
mehr Geld bekommt. Mit andren Worten: sie ist ihm zu Dank verpflichtet,
nicht er ihr. Und in jedem Fall ist es mit ihr bequemer zu leben, als
sonst mit irgend einer Person.

Peredonoff hatte sich an Warwara gewhnt. Sie erschien ihm
begehrenswert, vielleicht aus dem einfachen Grunde, weil es ihm zum
Bedrfnis geworden war, sie zu qulen. Eine hnliche Frau htte er nicht
einmal auf Bestellung bekommen.

Es war spt geworden. In Peredonoffs Wohnung war noch Licht, die hellen
Fenster stachen grell von der dunklen Strae ab.

Am Teetisch saen Gste: die Gruschina -- Warwaras alltglicher Gast --,
Wolodin, die Prepolowenskaja, ihr Mann Konstantin Petrowitsch, ein
stattlicher Vierziger; er war sehr schweigsam, bleich und hatte schwarze
Haare. Warwara hatte sich schn gemacht -- sie trug ein weies Kleid.
Man trank Tee und plauderte. Wie gewhnlich, wenn Peredonoff lange
ausblieb, fhlte sich Warwara beunruhigt. Wolodin hatte frhlich
meckernd berichtet, Peredonoff wre zusammen mit Rutiloff gegangen. Ein
Grund mehr um Warwaras Unruhe zu steigern.

Endlich erschien Peredonoff und Rutiloff. Sie wurden mit Gelchter und
dummen, zotigen Scherzen empfangen.

Wo ist der Schnaps? herrschte Peredonoff Warwara an. Sie sprang auf,
lchelte schuldbewut und brachte eilig den Schnaps in einer
grobgeschliffenen Karaffe.

Prost, brummte Peredonoff.

Warte doch, die Magd bringt den Imbi gleich, sagte Warwara, he,
Faultier, etwas flinker, rief sie in die Kche.

Aber Peredonoff hatte den Schnaps schon eingeschenkt. Er murmelte:

Man soll noch warten! Die Zeit wartet nicht.

Man trank und a dazu kleine Saftpasteten.

Zur Unterhaltung der Gste hatte Peredonoff nur Schnaps und Karten
bereit. Zum Kartenspiel war es noch zu frh, -- man hatte den Tee noch
nicht getrunken, -- also blieb der Schnaps.

Unterdessen war der Imbi gebracht worden, so konnte man weiter trinken.
Die Magd hatte beim Hinausgehen die Tr nicht geschlossen. Peredonoff
wurde unruhig.

Ewig ist die Tr sperrangelweit auf, schimpfte er.

Er frchtete den Zugwind, -- man htte sich erklten knnen. Daher war
es in der Wohnung stets dumpf.

Die Prepolowenskaja nahm ein Ei.

Prachtvolle Eier, sagte sie, wo kaufen Sie ein?

Peredonoff antwortete:

Das sollen Eier sein! Auf unsrem Gut gab es eine Henne, die legte
tagaus tagein zwei groe Eier.

Groe Herrlichkeit, antwortete die Prepolowenskaja, als wre das was
Besonderes, auch ein Grund zum Protzen! Wir hatten im Dorf eine Henne,
die legte tglich zwei Eier und ein Achtel Butter dazu.

Akkurat wie bei uns, sagte Peredonoff, ohne den Witz zu begreifen.
Was andere Hhner konnten, konnte unsre Henne erst recht. Unsere Henne
war sehr ergiebig.

Warwara lachte.

Dumme Witze, sagte sie.

Die Ohren faulen ab von solchem Unsinn, sagte die Gruschina.

Peredonoff sah sie wtend an und gab erbittert zur Antwort:

Wenn sie faulen, tte man gut, sie abzureien.

Die Gruschina wurde verlegen.

Sie werden gleich ungemtlich, Ardalljon Borisowitsch; immer sagen Sie
sowas! meinte sie schchtern.

Die andern lachten mitleidig. Wolodin zwinkerte mit den Augen, runzelte
die Stirn und erklrte:

Wenn Ihre Ohren faulen, so mu man sie abreien, sonst wre es ja
komisch, wenn sie verfaulen und hin und her schlenkern.

Wolodin zeigte mit den Hnden, wie die verfaulten Ohren hin und her
schlenkern wrden. Die Gruschina schrie ihn an:

Sie schwatzen alles nach! Was eigenes wissen Sie nicht zu sagen.

Wolodin fhlte sich gekrnkt und entgegnete mit Wrde:

Ich kann wohl, wenn ich nur will, Marja Ossipowna, da wir aber dabei
sind, uns in grerer Gesellschaft angenehm zu unterhalten, so sehe ich
keinen Grund, warum ich nicht dem Scherze eines anderen beipflichten
sollte. Sollte Ihnen das nicht passen, so tun Sie, was Sie wollen. Wie
Sie uns begegnen, so begegnen wir Ihnen.

So ist es recht, Pawel Wassiljewitsch, ermunterte ihn lachend
Rutiloff.

Pawel Wassiljewitsch steht immer seinen Mann, sagte die
Prepolowenskaja und lchelte spttisch.

Warwara hatte ein Stck Brot geschnitten und behielt das Messer in der
Hand, whrend sie auf Wolodins scherzhafte Bemerkungen horchte. Die
Messerklinge funkelte. Peredonoff lief es kalt ber den Rcken, -- wie,
wenn sie ihn pltzlich niederstoen wrde. Er rief:

Warwara, leg das Messer fort!

Warwara zuckte zusammen.

Was schreist du so, sagte sie und legte das Messer beiseite. Wissen
Sie, er sieht immer Gespenster, erklrte sie dem schweigsamen
Prepolowenskji. Der strich sich den Bart und machte Miene, etwas zu
sagen.

Das kommt vor, begann er mit traurig-weicher Stimme, ich hatte einen
Bekannten, der frchtete sich vor Nadeln. Ihn plagte die Angst, jemand
wrde ihn stechen und die Nadel wrde in seine Eingeweide dringen. Und
stellen Sie sich vor, jedesmal wenn er eine Nadel sah, zitterte er ...

Hatte er einmal angefangen zu reden, so hrte er nicht auf und erzhlte
immer wieder dasselbe mit kleinen Aenderungen, bis ihn jemand
unterbrach, um auf ein anderes Thema zu kommen. Alsdann hllte er sich
wieder in tiefes Schweigen.

Die Gruschina gab dem Gesprch eine Wendung ins Zotige. Sie erzhlte von
der Eifersucht ihres verstorbenen Mannes, und wie sie ihn hintergangen
htte. Dann berichtete sie von einem Klatsch ber irgendeine
hochstehende Persnlichkeit und seine Maitresse. Diese htte einmal auf
der Strae ihren Liebhaber getroffen. Ganz laut ruft sie ihm zu: Guten
Tag, Jeannot! -- Das auf offener Strae! -- erzhlte sie.

Ich werde gegen Sie Anzeige erstatten, sagte Peredonoff rgerlich,
wie darf man sich unterstehen, ber Leute von Rang solche Geschichten
zu verbreiten!

Die Gruschina murmelte erschreckt:

Ich kann nichts dafr, man hat es mir so erzhlt. Ich erzhle es nur
weiter.

Peredonoff schwieg erbost, sttzte die Ellenbogen auf den Tisch und
trank seinen Tee aus der Untertasse. Er dachte bei sich, da es im Hause
eines knftigen Inspektors nicht statthaft wre, unehrerbietig ber hohe
Beamte zu reden. Er rgerte sich ber die Gruschina. Auch Wolodin kam
ihm verdchtig vor: merkwrdig oft nannte er ihn Herr Inspektor _in
spe_. Einmal hatte ihm Peredonoff schon gesagt:

Du beneidest mich wohl, mein Bester! Du wirst es nicht zum Inspektor
bringen, ich wohl.

Hierauf hatte Wolodin entgegnet, -- und er gab seinem Gesicht ein
berzeugendes Aussehen:

Jedem das Seine, Ardalljon Borisowitsch -- Sie sind Spezialist auf
_diesem_ Gebiet, ich auf _meinem_.

Denken Sie nur, Nataschka ist von uns direkt zum Gendarmerieoberst in
Dienst gegangen, berichtete Warwara.

Peredonoff fuhr auf; verstrt blickte er um sich.

Du lgst wieder! sagte er halb fragend.

Nanu, warum soll ich lgen, antwortete Warwara, geh zu ihm hin und
frag ihn doch.

Diese unangenehme Neuigkeit wute auch die Gruschina zu besttigen.
Peredonoff geriet ganz aus der Fassung. Sie wrde ihn denunzieren, der
Gendarmerieoberst wrde sich das merken und gelegentlich dem Ministerium
Bericht erstatten. Wie fatal!

Peredonoffs Auge blieb an einem Bcherregal haften, welches ber der
Kommode hing. Da standen einige gebundene Bcher: dnne Bndchen von
Pissareff und etwas dickere -- Vaterlndische Memoiren. Peredonoff
erbleichte und sagte:

Diese Bcher mssen fort, sonst werde ich denunziert.

Frher hatte Peredonoff diese Bcher zur Schau gestellt, um damit seine
liberale Gesinnung zu zeigen, -- in der Tat war er vollstndig
gesinnungslos und hatte nicht die geringste Lust, irgend einem Problem
nachzugehen. Auerdem _standen_ diese Bcher nur bei ihm, er las sie
garnicht. Es war schon lange her, da er ein Buch zur Hand genommen
hatte -- zum Lesen hatte er keine Zeit, -- aber auch Zeitungen lie er
nicht kommen, die Tagesneuigkeiten erfuhr er aus Gesprchen. Im brigen
gab es fr ihn eigentlich nichts Wissenswertes, denn nichts in der Welt
interessierte ihn. Ueber Zeitungsabonnenten machte er sich lustig, es
wren Geldverschwender und Tagediebe. Man htte glauben knnen, da ihm
jede Minute kostbar war.

Er ging zum Bcherbrett und flsterte:

Das ist bezeichnend fr unsere Stadt, alles wird hinterbracht. Hilf
doch, Pawel Wassiljewitsch, sagte er zu Wolodin.

Wolodin erhob sich. Er machte ein ernstes, verstndnisvolles Gesicht und
nahm behutsam die Bcher, welche Peredonoff ihm reichte. Sich selbst
behielt Peredonoff einen kleinen Bcherpacken, Wolodin gab er den
greren und ging in den Saal. Wolodin hinter ihm her.

Wohin wollen Sie den Plunder verstecken, Ardalljon Borisowitsch?
fragte er.

Das wirst du sehen, antwortete Peredonoff verdrielich.

Die Prepolowenskaja fragte:

Was schleppen Sie da eigentlich, Ardalljon Borisowitsch?

Im Fortgehen antwortete Peredonoff:

Streng verbotene Bcher. Wenn man die sieht, werde ich denunziert.

Im Saal kniete Peredonoff vor dem Ofen nieder, legte die Bcher auf den
Boden -- Wolodin tat dasselbe -- und schob ein Buch nach dem andern
durch die schmale Ofentr. Wolodin kniete hinter ihm und reichte die
Bcher. Dabei suchte er den sinnenden, verstndigen Ausdruck in seinem
Schafsgesicht zu wahren, indem er seine Lippen vorstreckte und seine
rundgewlbte Stirn in Falten legte.

Warwara stand an der Tr und sah zu. Sie lachte und sagte:

Du bist ein ganzer Narr!

Aber die Gruschina verwies ihr das:

Nein, Warwara Dmitriewna. Sagen Sie nicht, die grten
Unannehmlichkeiten knnen entstehen, wenn da was herauskommt. Vergessen
Sie nicht, er ist Lehrer am Gymnasium. Die Vorgesetzten frchten sehr,
die Lehrer knnten den Schlern revolutionre Ideen beibringen.

Man hatte den Tee getrunken und machte sich ans Pochspiel; alle sieben
setzten sich an den Kartentisch im Saal. Peredonoff spielte sehr eifrig,
aber ohne Erfolg. Bei jedem zwanzigsten Stich verlor er und mute
zahlen; Prepolowenskji hatte das grte Glck. Er spielte mit seiner
Frau zusammen. Sie hatten bestimmte Zeichen verabredet, Hsteln, Klopfen
und verstndigten sich so ber die Karten, welche sie in der Hand
hielten.

Peredonoff hatte heute gar kein Glck. Er beeilte sich, seine Einstze
zurckzugewinnen, allein Wolodin zgerte im Gegenspiel und bemhte sich,
seine Karten zu halten.

Pawluschka, sag an, rief Peredonoff ungeduldig.

Wolodin fhlte sich im Spiel als gleichberechtigte Persnlichkeit, er
machte ein bedeutendes Gesicht und sagte:

Wie meinst du das eigentlich, freundschaftlich oder wie?

Freundschaftlich, freundschaftlich, entgegnete Peredonoff gedankenlos,
sag nur schneller an!

Es sei denn, ich bin wirklich erfreut, von Herzen erfreut, redete
Wolodin und lachte froh und dumm, whrend er sein Spiel ansagte, du
bist ein Prachtmensch, Ardascha, und ich habe dich sogar aufrichtig
lieb. Freilich httest du es nicht freundschaftlich gemeint, so wre es
ein ander Ding. Weil du es aber freundschaftlich meinst, so bin ich
hocherfreut. Zur Belohnung gebe ich dir ein A, sagte Wolodin und
spielte Trumpf.

Peredonoff hatte in der Tat ein A, aber nicht Trumpf, daher verlor er
wieder. Gergert sagte er:

Du gabst mir ein A, aber ich kann's nicht brauchen, du betrgst,
brummte er, ich brauchte Trumpf und was hast du mir gegeben? Was fang
ich mit Pik-A an?

Rutiloff wurde witzig:

Freilich, wozu brauchst du ein A, du bist ja selber ein Aas.

Wolodin meckerte und kicherte:

Der Inspektor _in spe_ macht eine Wandlung durch: A, A, Aas.

Rutiloff schwatzte in einem fort, er erzhlte Klatschgeschichten und
Anekdoten recht zweifelhaften Inhalts. Um Peredonoff zu rgern,
versicherte er, da die Gymnasiasten sich schlecht betrgen, besonders
jene, welche nicht im Internat lebten: sie rauchen, trinken Schnaps und
stellen jungen Mdchen nach. Peredonoff glaubte das. Und die Gruschina
bestrkte ihn in diesem Glauben. Solche Geschichten bereiteten ihr ein
besonderes Vergngen: sie hatte nmlich nach dem Tode ihres Mannes die
Absicht gehabt, eine Pension fr 3-4 Gymnasiasten einzurichten. Der
Direktor hatte ihr hierzu die Konzession nicht erteilt, trotz
Peredonoffs Frsprache, -- denn die Gruschina stand in schlechtem Ruf.
Nun begann sie eifrig jene Frauen zu schmhen, welche Gymnasiasten in
Pension hatten.

Sie bestechen den Direktor, erklrte sie. Solche Frauen gehren zum
Gesindel, sagte Wolodin mit Nachdruck, beispielsweise meine Wirtin.
Als ich das Zimmer mietete, wurde vereinbart, sie htte mir jeden Abend
drei Glas Milch zu liefern. Schn, einen Monat, den zweiten, war alles
in Ordnung.

Hast du dich nicht besoffen? fragte Rutiloff lachend.

Warum sollte ich mich besaufen? entgegnete Wolodin gekrnkt. Milch
ist ein vorzgliches Nahrungsmittel. Auerdem hatte ich mich daran
gewhnt, jeden Abend drei Glas zu trinken. Pltzlich werden mir nur zwei
Glas gebracht. Warum denn so? frage ich. Die Magd antwortet: Anna
Michailowna -- sagte sie -- lt vielmals um Entschuldigung bitten, aber
ihre Kuh -- sagt sie -- gbe jetzt weniger Milch. Was geht mich das an!
Ich halte mich an meinen Kontrakt. Gesetzt den Fall, ihre Kuh gibt
berhaupt keine Milch mehr, soll ich dann ohne bleiben? Nun, sage ich,
wenn keine Milch da ist, so sagen Sie Anna Michailowna, da ich um ein
Glas Wasser bitte. Ich habe mich gewhnt, drei Glas zu trinken, zwei
Glas sind mir zu wenig.

Pawluschka ist ein Held, sagte Peredonoff, erzhl' doch deine
Geschichte mit dem General.

Wolodin kam dieser Aufforderung bereitwillig nach. Allein diesmal wurde
er ausgelacht. Gekrnkt streckte er seine Unterlippe vor.

Whrend des Abendessens betranken sich alle vollstndig, sogar die
Frauen.

Wolodin machte den Vorschlag, die Tapeten noch ein wenig zu bearbeiten.
Alle freuten sich: unverzglich lieen sie das Essen stehen, machten
sich an die Arbeit und amsierten sich wie die Tollen. Die Tapeten
wurden bespuckt, mit Bierresten begossen, man warf Papierpfeile, deren
Spitzen mit Butter beschmiert waren, an die Wnde, man schleuderte
kleine Teufelchen, die aus gekautem Brot geknetet wurden, an die Lage.
Dann beschlo man, auf gut Glck Fetzen aus der Tapete zu reien -- wer
die lngsten Streifen zog, gewann. Bei diesem Spiel gewannen die
Prepolowenskjis anderthalb Rubel.

Wolodin verlor. Infolgedessen und auch wohl infolge seiner Betrunkenheit
wurde er pltzlich wehmtig und klagte seine Mutter an. Er machte ein
vorwurfsvolles Gesicht und sprach, aus irgend einem Grunde mit der Faust
zur Erde weisend:

Warum hat sie mich geboren? Was hat sie sich dabei gedacht? Was hab ich
doch fr ein elendes Leben! Sie ist nicht meine Mutter, sie hat mich nur
in die Welt gesetzt. Denn eine echte Mutter sorgt fr ihr Kind, meine
Mutter hat mich zur Welt gebracht und noch im zartesten Alter in
Kronsinstitute gesteckt.

Dafr haben Sie etwas gelernt und Sie knnen sich unter Menschen sehen
lassen, sagte die Prepolowenskaja.

Wolodin senkte seine Stirn, wackelte mit dem Kopfe und sagte:

Nein, nein, was ist an meinem Leben dran, -- es ist ein Hundeleben.
Warum hat sie mich geboren? Was hat sie sich dabei gedacht?

Pltzlich mute Peredonoff an die Jerli von gestern denken.

Aha, dachte er bei sich, er klagt seine Mutter an, warum sie ihn
geboren htte, er will eben nicht mehr der Pawluschka von frher sein.
So ist es, so ist es: er beneidet mich. Vielleicht geht er schon jetzt
mit dem Gedanken um, Warwara zu heiraten und in meine Haut zu kriechen,
so dachte Peredonoff und blickte wehmtig auf Wolodin.

Knnte man ihm doch eine Frau verschaffen?

                   *       *       *       *       *

Im Schlafzimmer, als es schon spt in der Nacht war, sagte Warwara zu
Peredonoff:

Du denkst wohl, all die jungen Weiber, welche dir nachstellen, sind
schn, weil sie jung sind? Sie sind alle Plunder, ich bin schner als
sie alle.

Eilig entkleidete sie sich und entblte mit einem niedertrchtigen
Lcheln auf den Lippen ihren leicht gerteten, schlanken, schnen,
elastischen Krper.

Obwohl sie vor Trunkenheit taumelte und obwohl ihr tierisch-wollstiger
Gesichtsausdruck jeden lebensfrohen Menschen abgestoen htte, so mu
doch zugestanden werden, da sie einen wunderschnen Krper hatte, einen
Krper so zart, wie man ihn bei Nymphen zu denken liebt und an diesen
Krper schien eine bse Fee den Kopf einer gemeinen Dirne gezaubert zu
haben. Und dieser prachtvolle Leib war fr die zwei betrunkenen,
schmutzigen Leute nur ein Mittel, um ihre viehische Lust daran zu
stillen.

So pflegt es oft zu sein und wahrhaftig in unsrem Zeitalter scheint die
Schnheit dazu bestimmt, niedergetreten und miachtet zu werden.

Peredonoff lachte tierisch, wie er seine Freundin nackt vor sich stehen
sah.

Die ganze Nacht ber trumte er von nackten Frauenleibern.

                   *       *       *       *       *

Warwara glaubte, da die Einreibungen mit Nesseln, welche sie auf den
Rat der Prepolowenskaja anwandte, erfolgreich gewesen wren. Es schien
ihr, als sei sie pltzlich voller geworden.

Alle ihre Bekannten fragte sie:

Nicht wahr, ich nehme doch zu?

Und sie dachte im stillen, da Peredonoff sie nunmehr unbedingt heiraten
wrde; er mute doch sehen, wie sie dicker wurde, und dann wrde er
auerdem den geflschten Brief erhalten.

Peredonoff war lange nicht so hoffnungsfreudig. Er war berzeugt, da
der Direktor ihm feindlich gesinnt wre -- und in der Tat der Direktor
des Gymnasiums hielt Peredonoff fr einen trgen und unfhigen Lehrer.
Peredonoff seinerseits dachte, der Direktor gbe den Schlern
Instruktionen, ihn zu miachten, -- das war natrlich Peredonoffs eigene
grundlose Erfindung. Immerhin festigte das in Peredonoff die
Ueberzeugung, er habe sich vor dem Direktor in acht zu nehmen. Aus
Bosheit machte er sich des fteren in den hheren Klassen ber seinen
Vorgesetzten lustig, und einer ganzen Reihe von Schlern gefiel das.

Jetzt, wo Peredonoff den Plan hatte, Inspektor zu werden, wurde ihm
dieses unfreundliche Verhalten des Direktors doppelt unangenehm.

Gesetzt den Fall, die Frstin legte sich ins Mittel, so schlgt ihre
Protektion die Rnke des Direktors nieder. Immerhin schien das Spiel
nicht ungefhrlich.

Auerdem glaubte Peredonoff in den letzten Tagen noch anderen Leuten
begegnet zu sein, welche ihm nicht wohlwollten und nur zu gerne seine
Hoffnungen auf den Inspektorposten zerstrt htten.

Zum Beispiel Wolodin: nicht umsonst redet er immer wieder vom Inspektor
_in spe_. Auch hat es Flle gegeben, da Menschen sich einfach fremde
Namen beilegten und ganz lustig in den Tag hineinlebten.

Freilich, so direkt sich in Peredonoffs Rolle hereinzufinden, drfte dem
Wolodin schwer fallen, doch war Wolodin trotz seiner Dummheit in seinen
Einfllen unberechenbar. Und es ist ratsam, sich vor einem bsen
Menschen in acht zu nehmen.

Ferner die Rutiloffs, die Werschina mit ihrer Martha, schon aus Neid
Parteigenossen, alle sind sie froh ihm zu schaden. Wie lie sich das
anstellen? Sehr einfach, man schwrzt ihn bei den Vorgesetzten an und
erklrt, er sei ein unzuverlssiger Mensch.

So kam es, da Peredonoff sich um zweierlei sorgte; erstens mute seine
Zuverlssigkeit ber jeden Zweifel erhaben sein, und zweitens mute er
sich vor Wolodin schtzen, indem er ihm eine reiche Heirat vermittelte.

Eines schnen Tages fragte er Wolodin:

Willst du -- ich werde fr dich bei Frulein Adamenko anhalten? Oder
trauerst du noch um Martha? Ein Monat drfte doch gengt haben, deinen
Gram zu stillen.

Warum soll ich um Martha trauern, antwortete Wolodin, ich habe ihr
einen ehrenvollen Antrag gemacht, wenn sie aber nicht will, so ist das
nicht meine Schuld. Ich werde auch eine andere kriegen, oder sollte sich
tatschlich keine einzige Braut fr mich finden? Gott, so was kriegt man
doch an jeder Straenecke.

Ja, aber die Martha hat dich doch abgekorbt, neckte Peredonoff.

Ich wei nicht, was fr einen Brutigam sie erwartet, sagte Wolodin
beleidigt. Htte sie wenigstens eine groe Mitgift, aber so --! .. Sie
hat sich in dich vernarrt, Ardalljon Borisowitsch.

Peredonoff gab ihm einen Rat:

An deiner Stelle wrde ich ihre Pforte mit Teer beschmieren.[5]

Wolodin kicherte, beruhigte sich aber gleich und sagte:

Wenn man mich klappt, so wird es Unannehmlichkeiten geben.

[Funote 5: Bedeutet, da in dem betr. Hause ein Mdchen lebt, das noch
zu haben ist. Im Bilde: die Mnner sollen am Teer kleben bleiben.]

Du brauchst es ja nicht selber zu tun; miete dir doch irgend jemand,
sagte Peredonoff.

Bei Gott, es wre eine gerechte Strafe, sagte Wolodin begeistert,
denn wenn sie nicht eine richtige Heirat eingehen will, indessen aber
bei Nacht junge Leute durchs Fenster in ihr Zimmer lt, -- so hrt doch
alles auf. Solche Menschen haben weder Schamgefhl noch Gewissen.




                                   VI


Am nchsten Tage machte sich Peredonoff mit Wolodin auf den Weg zu
Frulein Adamenko. Wolodin hatte sich schn gemacht, er trug seinen
neuen, ein wenig zu engen Bratenrock, ein reines Pltthemd, einen bunten
Schlips; er hatte seine Haare mit Pomade eingerieben, sich parfmiert
und war in gehobener Stimmung.

Nadeschda Wassiljewna Adamenko lebte mit ihrem Bruder in einem eigenen
roten Ziegelhuschen; nicht weit von der Stadt hatte sie ein Gut,
welches verpachtet wurde. Vor zwei Jahren hatte sie die hhere
Tchterschule absolviert und beschftigte sich jetzt damit, auf der
Ottomane zu liegen, allerhand Bcher zu lesen und ihren Bruder, einen
elfjhrigen Gymnasiasten, zu berufen. Dieser rettete sich vor der
strengen Schwester mit der kurzen Bemerkung: Mama war viel besser als
du. Mama stellte einfach den Regenschirm in die Ecke, nicht mich.

Bei Nadeschda Wassiljewna lebte noch ihre Tante, ein wesenloses,
unselbstndiges Geschpf. Im Haushalt hatte sie nichts zu bedeuten.
Nadeschda Wassiljewnas Bekanntenkreis war eng begrenzt. Peredonoff
besuchte sie selten und nur der Umstand, da er sie fast garnicht
kannte, entschuldigte seinen Plan, dieses Frulein mit Wolodin zu
verheiraten.

Sie war sichtlich erstaunt ber den unerwarteten Besuch, doch empfing
sie ihre Gste immerhin liebenswrdig. Gste wollen unterhalten sein und
Nadeschda Wassiljewna glaubte, da ein Lehrer der russischen Sprache am
liebsten ber Pdagogik, ber die bevorstehende Schulreform,
Kindererziehung, Literatur, Symbolismus, russisches Zeitungswesen reden
wrde. Sie berhrte gesprchsweise alle diese Fragen, erhielt aber so
merkwrdige Antworten, da es ihr erstaunlich klar wurde, wie
vollstndig gleichgltig ihren Gsten all diese Dinge waren. Sie
erkannte, da nur ein Gesprchsthema mglich war, nmlich
Klatschgeschichten. Trotzdem machte Nadeschda Wassiljewna noch einen
Versuch:

Haben Sie Tschechoffs Menschen im Futteral gelesen? fragte sie.
Nicht wahr, ein vortreffliches Buch?

Sie hatte diese Frage an Wolodin gerichtet. Der fletschte die Zhne und
fragte:

Was ist denn das, eine Novelle oder ein Roman?

Eine Erzhlung, erklrte Nadeschda Wassiljewna.

Von Herrn Tschechoff, wenn ich fragen darf? erkundigte sich Wolodin.

Ja, von Tschechoff, sagte Nadeschda Wassiljewna und lchelte.

Wo ist es denn erschienen? fragte Wolodin neugierig weiter.

Im >Russischen Gedanken< antwortete das Frulein sehr liebenswrdig.

In welcher Nummer? erkundigte sich Wolodin.

Ich wei nicht recht, ich glaube, es war im Sommer, antwortete
Nadeschda Wassiljewna immer noch liebenswrdig, aber sehr erstaunt.

Der kleine Gymnasiast rief durch die Trspalte:

Im Maiheft war die Erzhlung gedruckt, er hielt sich mit den Hnden an
der Tr und blickte mit seinen frhlichen, blauen Augen von den Gsten
zur Schwester.

Es ist viel zu frh fr Sie Romane zu lesen, sagte Peredonoff streng.
Sie wrden besser daran tun, zu lernen, statt Geschichten zweifelhaften
Inhalts zu lesen.

Nadeschda Wassiljewna sah ihren Bruder vorwurfsvoll an.

Das ist ja reizend. Man steht hinter der Tr und horcht, sagte sie,
hob beide Hnde auf und legte die kleinen Finger im rechten Winkel
aneinander.

Der Gymnasiast wurde verlegen und verschwand. Er ging in sein Zimmer,
stellte sich in den Winkel und blickte auf die Uhr. Die kleinen Finger
im rechten Winkel aneinander gelegt bedeuteten zehn Minuten
Winkelstehen. Nein, dachte er rgerlich, bei Mama war es besser; Mama
stellte nur den Regenschirm in den Winkel.

Unterdessen suchte Wolodin im Salon das Frulein mit dem Versprechen zu
beruhigen, er wrde sich das Maiheft des Russischen Gedankens
verschaffen und die Erzhlung des Herrn Tschechoff lesen. Peredonoff
hrte gelangweilt zu. Endlich sagte er:

Ich habe das Ding auch nicht gelesen. Ich lese keine Dummheiten.
Erzhlungen und Romane sind immer dumm.

Nadeschda Wassiljewna lchelte liebenswrdig und sagte:

Sie urteilen sehr hart ber die moderne Literatur. Es werden doch auch
gute Bcher geschrieben.

Die guten Bcher habe ich schon lngst gelesen, erklrte Peredonoff.
Ich werde doch nicht Sachen lesen, welche eben erst verfat worden
sind.

Wolodin blickte voll Ehrfurcht auf Peredonoff. Nadeschda seufzte leicht
auf und -- es war nichts zu machen -- begann zu schwatzen und
Klatschgeschichten zu erzhlen, so gut es gehen wollte. Obgleich sie
diese Gesprche keineswegs liebte, so verstand sie doch als
wohlerzogene, junge Dame, die Unterhaltung in Flu zu halten. Sie
langweilte sich entsetzlich, die beiden aber dachten, da sie ganz
besonders liebenswrdig wre und schrieben das dem berckenden Aeuern
Wolodins zu.

Als sie sich verabschiedet hatten und auf der Strae waren,
beglckwnschte Peredonoff Wolodin zum Erfolge. Wolodin lachte und
hpfte vor lauter Freude. Schon hatte er all die erhaltenen Krbe
vergessen.

Schlag nicht aus, sagte ihm Peredonoff. Du springst so wie ein junger
Bock. Warte nur, du wirst schon mit einer Nase abfahren.

Das sagte er nur im Scherz, denn er war fest davon berzeugt, da seine
Werbung fr Wolodin erfolgreich sein wrde.

                   *       *       *       *       *

Die Gruschina war beinahe jeden Tag bei Warwara. Warwara kam noch fter
zu ihr, soda sie sich fast garnicht trennten. Warwara regte sich auf
und die Gruschina zgerte, versicherte, da es sehr schwer sei, die
Buchstaben genau so nachzuschreiben, bis sie ganz hnlich wrden.

Peredonoff wollte immer nicht den Tag der Trauung bestimmen. Wieder
verlangte er, man mge ihm zuerst den Inspektorposten verschaffen. Er
hatte es nur zu gut behalten, wie viele heiratslustige Brute ihn
ersehnten und damit drohte er fters Warwara, gerade so wie im
vergangenen Winter.

Ich gehe sofort, mich trauen lassen. Am Morgen kehre ich mit meiner
Frau heim und jage dich zum Teufel. Es ist das letzte Mal, da du hier
ber Nacht bleibst.

Mit diesen Worten ging er ins Restaurant Billard spielen. Manchmal
kehrte er abends heim; fter jedoch zechte er die ganze Nacht durch mit
Rutiloff und Wolodin in irgend einer verrufenen Kneipe. In solchen
Nchten konnte Warwara nicht schlafen. Nachher hatte sie entsetzliche
Migrne. Gut, wenn er um ein oder zwei Uhr in der Nacht nach Hause kam,
dann atmete sie erleichtert auf. Wenn er aber erst in den Morgenstunden
erschien, so war sie tagsber ganz krank. Endlich hatte die Gruschina
den Brief fertiggestellt und brachte ihn Warwara. Lange prften sie ihn,
verglichen ihn mit einem alten Briefe, welcher tatschlich von der
Frstin stammte. Die Gruschina versicherte: er ist so tuschend hnlich,
da nicht einmal die Frstin ihn fr eine Flschung halten wrde. In der
Tat war die Aehnlichkeit nur gering, doch Warwara war leichtglubig.
Auerdem war es doch ganz sicher, da Peredonoff sich ganz unmglich an
die ihm nur wenig bekannten Schriftzge so deutlich erinnern konnte, um
die Flschung als solche zu erkennen.

Gott sei Dank, sagte sie erfreut, endlich einmal! Ich hatte schon
alle Geduld verloren, so lange habe ich warten mssen. Wie wird es nur
mit dem Briefumschlag -- wenn er danach fragt, was soll ich ihm sagen?

Den Umschlag kann man nicht flschen, sagte die Gruschina lchelnd und
schielte spttisch auf Warwara, Poststempel lassen sich nicht
nachmachen.

Ja, was soll man denn tun?

Liebste Warwara Dmitriewna, sagen Sie doch einfach, Sie htten das
Kouvert verbrannt. Was fngt man sonst mit Kouverts an.

Warwara begann wieder zu hoffen. Sie sagte der Gruschina:

Wenn er nur heiraten wollte, ich wrde keinen Finger mehr fr ihn
rhren. Nein, ich werde mich dann ausruhen, mag er fr mich laufen.

                   *       *       *       *       *

Am Sonnabend ging Peredonoff nach dem Mittagessen zum Billardspielen.
Seine Gedanken waren sorgenvoll und trbe.

Er dachte:

Es ist eine Qual unter neidischen, feindlich gesinnten Menschen leben zu
mssen. Man mu es ertragen, -- alle knnen nicht Inspektor werden. Das
ist der Kampf ums Dasein!

An einer Straenecke traf er den Gendarmerieoberst. Eine peinliche
Begegnung.

Der Oberstleutnant Nikolai Wladimirowitsch Rubowskji war nicht besonders
gro, untersetzt, er hatte dichte Brauen, frhliche graue Augen und
hinkte ein wenig. Daher klirrten seine Sporen unregelmig. Er war sehr
liebenswrdig und in Gesellschaften ein gern gesehener Gast. Er kannte
alle Leute in der Stadt und ihre geschftlichen Beziehungen; er liebte
es, kleine Klatschgeschichten zu hren, war aber selbst bescheiden und
verschwiegen wie ein Grab und bereitete niemandem unntzerweise
Unannehmlichkeiten. Man blieb stehen, begrte sich, plauderte.
Peredonoff machte ein verdrieliches Gesicht, hielt vorsichtig Umschau
und sagte dann:

Ich hre, unsere Natascha ist bei Ihnen im Dienst; ich bitte, glauben
Sie ihr nicht, wenn sie etwas ber uns erzhlen sollte; das lgt sie.

Dienstbotenklatsch ist mir zuwider, sagte Rubowskji voll Wrde.

Sie ist eine gemeine Person, fuhr Peredonoff fort, ohne die Entgegnung
Rubowskjis zu beachten, sie hat einen Geliebten, einen Polen.
Vielleicht ist sie nur darum zu Ihnen gegangen, um irgendwelche geheime
Akten zu stehlen.

Bitte, beunruhigen Sie sich nicht, versetzte trocken der
Oberstleutnant, Festungsplne habe ich nicht in Verwahrung.

Diese Erwhnung von Festungen berraschte Peredonoff. Es schien ihm, als
spiele Rubowskji darauf an, da er es bewirken knne, ihn hinter Schlo
und Riegel zu bringen.

Ach was, Festungen, murmelte er, so war es nicht gemeint. Ich wollte
nur im allgemeinen bemerken, da ber mich allerlei dumme Gerchte
umlaufen. Das hat seinen Grund im Neid. Glauben Sie, bitte, nichts
Derartiges. Man denunziert mich, um den Verdacht von sich selber
abzulenken. Uebrigens bin auch ich in der Lage, zu denunzieren.

Rubowskji verstand nicht recht.

Ich gebe Ihnen die Versicherung, sagte er, mit den Achseln zuckend und
sporenklirrend, mir sind gar keine Anzeigen gemacht worden. Irgend
jemand hat Ihnen wohl im Scherze damit gedroht, aber man redet oft mehr,
als man verantworten kann.

Peredonoff traute ihm nicht. Er glaubte, da der Gendarmerieoberst etwas
vor ihm verheimliche, und ihm wurde sehr bange.

Jedesmal, wenn Peredonoff an dem Garten der Werschina vorbeiging, redete
sie ihn an und lockte ihn mit beinah magischen Bewegungen in den Garten.
Und er trat ein, ohne es zu wollen, ihrem stillen Einflu gehorchend.
Vielleicht wrde es ihr gelingen, schneller als die Rutiloffs ans Ziel
zu kommen, dachte sie, denn Peredonoff stand allen Menschen gleich fremd
gegenber und warum htte er nicht Martha heiraten sollen?

Doch der Sumpf, in dem Peredonoff steckte, war schlammig und zh, und
kein Mittel verfing, ihn da heraus in einen anderen zu zerren.

Auch heute gelang es der Werschina, als Peredonoff nach der Unterredung
mit Rubowskji vorberging, ihn hereinzulocken. Sie war wie immer ganz in
Schwarz.

Martha und Wladja fahren auf einen Tag nach Hause, sagte sie und sah
zrtlich aus ihren braunen Augen durch den Rauch ihrer Zigarette auf
Peredonoff, Sie sollten zusammen mit den beiden einen Tag im Dorfe
zubringen. Ein Knecht ist mit einem Wgelchen gekommen, sie abzuholen.

Es wird eng sein, sagte Peredonoff verdrielich.

Ach was, zu eng, entgegnete die Werschina. Sie werden ausgezeichnet
Platz haben. Und wenn es auch etwas eng sein sollte, das ist kein
Unglck; es ist ja nicht weit, eine halbe Stunde Fahrt.

In diesem Augenblick kam Martha aus dem Hause gelaufen, um sich bei der
Werschina nach etwas zu erkundigen. Die Freude an der bevorstehenden
Fahrt hatte ihre Trgheit verdrngt und ihr Gesicht war lebhafter und
frhlicher als wie gewhnlich. Nun fingen sie beide an, Peredonoff zur
Fahrt ins Dorf zu berreden.

Sie werden ganz bequem sitzen knnen, beteuerte die Werschina, Sie
neben Martha auf dem Rcksitz und Wladislaus neben Ignaz auf dem Bock.
Sehen Sie doch selber, da steht das Wgelchen im Hof.

Peredonoff ging mit der Werschina und Martha in den Hof; da stand der
Wagen. Wladja machte sich daran zu schaffen und verpackte etwas. Der
Wagen war ziemlich gerumig. Aber Peredonoff erklrte, nachdem er ihn
besichtigt hatte:

Nein, ich fahre nicht. Es ist zu eng fr vier Menschen, auerdem noch
allerhand Sachen.

Na, wenn Sie meinen, da es zu eng ist, sagte die Werschina, so kann
ja der Junge zu Fu gehen.

Natrlich, sagte Wladja und lchelte freundlich, zu Fu bin ich in
anderthalb Stunden da. Ich werde mich gleich aufmachen, da komme ich
noch vor Ihnen an.

Hierauf erklrte Peredonoff, der Wagen wrde rtteln und das knne er
nicht vertragen. Man ging in die Laube. Alles war schon fix und fertig
zur Abfahrt, nur der Knecht Ignaz a noch in der Kche und dieses
Geschft besorgte er nachdrcklich und ohne sich zu bereilen.

Wie lernt mein Bruder? fragte Martha. Ein anderes Gesprchsthema fiel
ihr nicht ein, und die Werschina hatte ihr schon wiederholt Vorwrfe
darber gemacht, da sie es nicht verstnde, Peredonoff zu unterhalten.

Schlecht, sagte Peredonoff, er ist faul und gehorcht nicht.

Die Werschina liebte es, zu schelten. Sie machte Wladja Vorwrfe. Wladja
wurde rot und lchelte, zog die Schultern zusammen, als habe er es kalt
und hob, wie es seine Gewohnheit war, eine Schulter hher als die
andere.

Das Semester hat eben erst begonnen, sagte er, es wird schon gehen.

Man mu gleich von Anfang an lernen, sagte Martha im Tone der lteren
Schwester und wurde rot.

Auerdem macht er Unsinn, klagte Peredonoff, gestern betrugen sie
sich gerade wie Straenjungen. Und auerdem ist er frech; noch
Donnerstag sagte er mir irgend eine Ungezogenheit.

Wladja wurde heftig, ganz eifrig erzhlte er, immer ein Lcheln auf den
Lippen:

Garnicht frech, ich redete nur die Wahrheit, da Sie in den anderen
Heften an fnf Fehler bersehen haben, bei mir aber alle Fehler
angestrichen und mir eine schlechte Note gegeben haben. Ich hatte aber
schner geschrieben als jene mit den guten Noten.

Noch eine andere Frechheit haben Sie mir gesagt, beharrte Peredonoff.

Gar keine Frechheit, ich habe nur gesagt, ich wrde es dem Inspektor
sagen, sagte Wladja trotzig, warum soll ich immer schlechte Noten
bekommen?

Wladja, vergi nicht, mit wem du sprichst, sagte die Werschina streng,
statt da du dich entschuldigst, wiederholst du noch deine
Ungezogenheiten.

Pltzlich fiel Wladja ein, da man Peredonoff nicht reizen drfe, weil
er doch vielleicht sich mit Martha verloben knnte. Er wurde ganz rot,
spielte verlegen an seiner Grtelschnalle und sagte bescheiden:

Verzeihen Sie. Ich wollte nur bitten, ob sich das nicht ummachen
liee.

Schweig doch still, ich bitte dich, unterbrach ihn die Werschina, ich
kann so was nicht leiden, wiederholte sie und zitterte kaum merklich am
ganzen Krper. Wenn dir ein Verweis erteilt wird, so hast du still zu
sein.

Und die Werschina berschttete den Jungen mit Vorwrfen, rauchte ihre
Zigarette und lchelte schief, wie sie immer lchelte, gleichviel wovon
die Rede war.

Man mu es dem Vater sagen, er wird dich bestrafen, schlo sie.

Man mu ihn durchprgeln, sagte Peredonoff und blickte bse auf den
Jungen, der es gewagt hatte, ihn zu krnken.

Natrlich, besttigte die Werschina, man mu ihn durchprgeln.

Man mu ihn durchprgeln, sagte auch Martha und errtete.

Ich werde heute zu Ihrem Vater fahren, sagte Peredonoff, und werde
ihm sagen, er soll Sie ordentlich in meiner Gegenwart durchprgeln.

Wladja schwieg, blickte auf seine Peiniger, zog die Schultern zusammen
und lchelte, whrend ihm die Trnen in den Augen standen. Sein Vater
war sehr hart. Wladja versuchte sich zu beruhigen; er dachte, das seien
nur Drohungen. Es war doch nicht mglich, da man ihm so den Feiertag
verderben wollte. Ein Feiertag ist etwas ganz Besonderes, ein
frhlicher, schner Tag und dieses Festliche ist garnicht vereinbar mit
dem Alltglichen, mit dem Leben in der Schule.

Peredonoff fand aber Gefallen daran, wenn Kinder weinten, -- besonders
wenn er selber den Anla zu Trnen und Zerknirschung gab. Wladjas
Verlegenheit, seine verhaltenen Trnen und sein schuldbewutes,
schchternes Lcheln, alles das freute Peredonoff. Er entschlo sich,
zusammen mit Martha und Wladja hinauszufahren.

Na meinethalben, ich werde mitkommen, sagte er zu Martha.

Martha freute sich, war aber doch ein wenig erschreckt. Natrlich
wnschte sie es, da Peredonoff mitkme, -- richtiger, die Werschina
hatte es fr sie gewnscht und ihr diesen Wunsch eingegeben durch einige
schnelle Worte. Jetzt aber, wie Peredonoff erklrte, er wolle mitkommen,
tat es ihr leid um Wladja.

Auch Wladja fhlte sich unbehaglich. War es mglich, da Peredonoff nur
um seinetwillen mitkam? Er wollte Peredonoff freundlicher stimmen und
sagte:

Wenn Sie meinen, Ardalljon Borisowitsch, da es zu eng sein wird, so
will ich gerne zu Fu gehen.

Peredonoff sah ihn argwhnisch an und sagte:

Das kennen wir. Wenn man Sie allein lt, werden Sie das Weite suchen.
Nein, nein, wir werden Sie schon hinbringen zu Ihrem Vater, er wird Sie
schon strafen.

Wladja wurde rot und seufzte tief auf. Die Gegenwart dieses brutalen,
finstren Mannes war ihm unleidlich und widerwrtig. Um Peredonoff zu
erweichen, beschlo er, dessen Sitz im Wagen so bequem wie mglich
herzurichten.

Ich werde es schon so machen, sagte er, da Sie ganz vorzglich
sitzen sollen.

Und eilig lief er an den Wagen. Die Werschina sah ihm nach, lchelte
schief, paffte und sagte leise zu Peredonoff:

Sie haben groe Angst vor ihrem Vater. Er ist sehr streng.

Martha wurde rot.

Wladja wollte eigentlich eine neue englische Angel mitnehmen, welche er
fr sein Taschengeld gekauft hatte, und noch allerhand andere Dinge,
aber sie nahm zu viel Platz fort. Und der Junge trug alles wieder ins
Haus zurck.

Es war nicht hei. Die Sonne neigte sich zum Westen. Der Weg war noch
feucht vom Regen, welcher am Morgen gefallen war und staubfrei. Der
Wagen mit seinen vier Insassen rollte gleichmig ber den Schotter; das
gutgeftterte, graue Pferdchen trabte munter, als htte es gar keine
Last zu ziehen, und der faule schweigsame Knecht lenkte es mit nur den
Erfahrenen bemerkbaren Bewegungen der Zgel.

Peredonoff sa neben Martha. Ihm war so viel Platz eingerumt worden,
da Martha es sehr unbequem hatte. Das bemerkte er aber nicht. Und wenn
er es auch bemerkt htte, so htte er gedacht, da das ganz in der
Ordnung sei: er war doch der Gast.

Peredonoff fhlte sich sehr gemtlich. Er beschlo, liebenswrdig mit
Martha zu reden, etwas zu scherzen, sie zu erheitern. Er begann so:

Wird Ihre Revolution bald anfangen?

Wieso? fragte Martha.

Ja, ihr Polen seid doch immer bereit, loszuschlagen; es wird nur
vergebens sein.

Ich mache mir gar keine Gedanken darber, sagte Martha, auerdem
denkt niemand bei uns an Revolution.

Das sagt man wohl so. Ihr hat doch die Russen.

Wir denken nicht daran, sagte Wladja, indem er sich Peredonoff
zuwandte. Er mute sich umkehren, weil er auf dem Bock neben Ignaz sa.

Das kennt man: wir denken nicht daran. Wir werden euch euer Polen
niemals zurckgeben. Wir haben es erobert. Wir haben euch so viel
Wohltaten erwiesen; aber da sieht man es wieder, wenn man den Wolf noch
so sehr fttert, er will immer in den Wald zurck.

Martha antwortete nichts. Peredonoff schwieg ein wenig, dann sagte er:

Die Polen sind bldsinnig.

Martha wurde rot.

Das gibt es berall bei den Polen und bei den Russen, sagte sie.

Nein, nein, es ist schon so, beharrte Peredonoff, die Polen sind
dumm. Protzig sind sie. Die Juden -- das sind kluge Leute.

Die Juden sind Schufte, garnicht klug, sagte Wladja.

Nein, die Juden sind ein sehr kluges Volk. Der Jude wird einen Russen
immer nasfhren, aber niemals ein Russe den Juden.

Es ist ja auch garnicht ntig, zu hintergehen, sagte Wladja, besteht
denn die Klugheit nur darin, zu betrgen und zu bervorteilen?

Peredonoff blickte den Jungen zornig an.

Die Klugheit besteht im Lernen, sagte er, Sie zum Beispiel sind
faul.

Wladja seufzte auf und kehrte sich wieder um und sah dem gleichmigen
Traben des Pferdes zu. Peredonoff aber fuhr fort:

Die Juden sind klug, im Lernen und berhaupt in allen Dingen. Wrde es
den Juden erlaubt sein, Professoren zu werden, so wrden smtliche
Professoren Juden sein. Die Polinnen sind alle schlampig.

Er blickte auf Martha, und mit Behagen bemerkend, da sie sehr rot
wurde, sagte er liebenswrdig:

Denken Sie nicht, ich htte Sie damit gemeint. Ich wei, da Sie eine
vorzgliche Hausfrau abgeben.

Alle Polinnen sind gute Hausfrauen, entgegnete Martha.

Na ja, antwortete Peredonoff, von auen sehen sie sauber aus, aber
ihre Unterrcke sind dreckig. Dafr haben sie auch einen Mizkewizsch
gehabt. Ich schtze ihn hher als Puschkin. Ich habe ein Portrt an der
Wand hngen; erst hing der Puschkin da, jetzt habe ich ihn ins Klosett
gehngt, -- er war ein simpler Hoflakai.

Sie sind doch ein Russe, sagte Wladja, wozu brauchen Sie unsern
Mizkewizsch. Puschkin schreibt wunderschn und Mizkewizsch auch.

Mizkewizsch steht hher, wiederholte Peredonoff. Die Russen sind
Dummkpfe. Nur die Teemaschine haben sie erfunden, weiter nichts.

Peredonoff blickte auf Martha, kniff die Augen zusammen und sagte:

Sie haben viele Sommersprossen. Das ist nicht hbsch.

Dafr kann ich nichts, flsterte Martha lchelnd.

Ich habe auch Sommersprossen, sagte Wladja und kehrte sich auf seinem
engen Sitz um, wobei er den schweigsamen Ignaz anstie.

Sie sind ein Junge, sagte Peredonoff, da macht es nichts. Ein Mann
braucht nicht hbsch zu sein. Ihnen hingegen, er wandte sich zu Martha,
schadet es. Niemand wird Sie heiraten wollen. Sie mssen Ihr Gesicht
mit Gurkensaft waschen.

Martha dankte fr den Rat.

Wladja lchelte und blickte Peredonoff an.

Warum lachen Sie? sagte Peredonoff, passen Sie auf, wenn wir erst an
Ort und Stelle sind, werden Sie Prgel bekommen.

Wladja hatte sich wieder umgekehrt und fixierte Peredonoff; er wollte
erraten, ob es ihm ernst wre, oder ob er nur scherze. Peredonoff konnte
es nicht ertragen, fixiert zu werden.

Was starren Sie mich so an? fragte er grob. Ich habe keine besonderen
Verzierungen im Gesicht. Oder haben Sie am Ende den bsen Blick?

Wladja erschrak und blickte zur Seite.

Verzeihen Sie, sagte er bescheiden, ich dachte mir nichts dabei.

Glauben Sie an den bsen Blick? fragte Martha.

Nein, das ist ein dummer Aberglaube, sagte Peredonoff zornig, es ist
nur sehr unhflich, einen so anzustarren.

Einige Minuten herrschte verlegenes Schweigen.

Sie sind ganz arm? unterbrach Peredonoff die Stille.

Reich sind wir nicht, entgegnete Martha, immerhin ganz arm auch
nicht. Wir werden alle eine Kleinigkeit erben.

Peredonoff sah sie unglubig an und sagte:

Ich wei schon, Sie sind ganz arm. Sie gehen an Wochentagen barfu.

Nicht darum, weil wir arm sind, versetzte Wladja lebhaft.

Ach so, wohl darum, weil Sie reich sind? fragte Peredonoff und lachte
kurz auf.

Jedenfalls nicht, weil wir arm sind, sagte Wladja und wurde rot, es
ist sehr gesund barfu zu gehen, man hrtet sich ab und im Sommer ist es
sehr angenehm.

Das lgen Sie, sagte Peredonoff grob. Wohlhabende Leute gehen niemals
barfu. Ihr Vater hat viele Kinder und zhlt seine Einnahmen nach
Groschen. Dafr lassen sich keine Stiefel kaufen.




                                  VII


Warwara hatte keine Ahnung, wohin Peredonoff gegangen sein knnte. Sie
hatte eine entsetzlich unruhige Nacht.

Als Peredonoff am Morgen in die Stadt zurckkam, ging er nicht nach
Hause, sondern befahl dem Kutscher zur Kirche zu fahren, denn um diese
Zeit begann der Frhdienst. Es schien ihm gefhrlich zu sein, nur selten
in die Kirche zu gehen -- man htte das gegen ihn ausntzen knnen.

Am Kirchentor traf er einen hbschen, rotbackigen, kleinen Gymnasiasten.
Er sah sehr nett aus, hatte ein harmloses Gesicht und unschuldige blaue
Augen. Peredonoff sagte:

Guten Tag, Maschenka[6], kleines Mdchen.

Mischa Kudrjawzeff wurde purpurrot. Peredonoff hatte ihn schon etliche
Male so geneckt und ihn Maschenka genannt. Kudrjawzeff begriff gar nicht
warum und konnte sich nicht entschlieen, zu klagen. Einige dumme
Jungen, welche da herumstanden, lachten ber Peredonoffs Anrede. Auch
sie liebten es sehr, den kleinen Mischa zu necken.

Die Eliaskirche war sehr alt; sie war noch zu Zeiten des Kaisers Michael
erbaut worden und stand auf einem groen freien Platz gegenber dem
Gymnasium.

Zum Frhgottesdienst und zur Vesper waren die Gymnasiasten verpflichtet
an Feiertagen in diese Kirche zu gehen. Sie muten links stehen, in
Reihen, am Altar der heiligen Mrtyrerin Katharina; hinter ihnen pflegte
sich ein Ordinarius aufzuhalten, um auf Ordnung zu sehen. Etwas mehr in
der Mitte des Kirchenschiffes standen die Lehrer des Gymnasiums, der
Inspektor und der Direktor mit ihren Familien. In der Regel pflegten
smtliche Schler griechischer Konfession hier zusammenzukommen, mit
Ausnahme einiger, welchen es gestattet war, zusammen mit ihren Eltern
die vorstdtischen Kirchen zu besuchen.

[Funote 6: Ein russischer Mdchenname.]

Der Schlerchor sang vortrefflich, daher gingen die Kaufleute erster
Gilde, die Beamten und die Gutsbesitzer mit ihren Familien in diese
Kirche. Einfache Leute sah man nur selten. Um so mehr, als dem Wunsche
des Direktors entsprechend der Gottesdienst spter als in den anderen
Kirchen abgehalten wurde.

Peredonoff stellte sich auf seinen gewohnten Platz. Von hier aus konnte
er den ganzen Chor berblicken. Mit den Augen zwinkernd sah er auf die
Reihen der Snger und dachte, da sie unordentlich stnden und da er
schon Ordnung schaffen wolle, wenn er Inspektor wre. Zum Beispiel der
brnette Kramarenko. Er war klein, schmchtig und beweglich und wandte
sich bald hierher, bald dorthin, bald flsterte er seinen Nachbarn etwas
ins Ohr oder lachte und keiner berief ihn. Als wre es vollstndig
gleichgltig.

Das ist Unfug, dachte Peredonoff; diese Snger sind immer
Taugenichtse; jener schwarzhaarige Bengel hat einen schnen, reinen
Diskant, -- da denkt er gleich, er kann in der Kirche nach Herzenslust
schwatzen und lachen.

Und Peredonoff rgerte sich.

Neben ihm stand der ein wenig zu spt gekommene Inspektor der
Volksschulen, Sergius Protapowitsch Bogdanoff, ein alter Mann mit
braunem, dummerhaften Gesicht, welches stets so aussah, als wnschte er
jemandem etwas zu erklren, was er selber absolut nicht begreifen
konnte. Man konnte diesen Bogdanoff sehr leicht in Erstaunen setzen oder
erschrecken: wenn ihm etwas Neues oder Aufregendes zu Ohren kam, so
furchte sich seine Stirn in krankhafter Aufregung und seinem Munde
entfuhren unverstndliche, sinnlose Worte.

Peredonoff beugte sich zu ihm und flsterte:

Eine Ihrer Lehrerinnen trgt rote Blusen.

Bogdanoff erschrak. Sein Kinn zitterte vor Angst.

Was sagen Sie da? flsterte er heiser, wer tut das?

Na jene mit dem dicken Hals, diese unfrmliche Person da. Ich wei ja
nicht, wie sie heit, flsterte Peredonoff.

Mit dem dicken Hals, mit dem Hals, wiederholte Bogdanoff fassungslos,
das ist die Skobotschkina.

Na also, sagte Peredonoff.

Ja, wie ist das nur mglich! zischelte Bogdanoff erregt, die
Skobotschkina trgt rote Blusen! Haben Sie das gesehen?

Jawohl, auerdem soll sie auch in der Schule so herumlaufen. Manchmal
noch schlimmer, dann trgt sie einen Sarafan,[7] ganz wie ein
Bauernweib.

Nein, das ist ja unglaublich! Das mu festgestellt werden. Das geht
nicht, das geht auf keinen Fall. Man mu sie entlassen, ja entlassen,
flsterte Bogdanoff, sie war schon immer so.

Der Gottesdienst war zu Ende. Man ging aus der Kirche. Peredonoff sagte
zu Kramarenko:

[Funote 7: Russisches Nationalkostm.]

Du kleiner, schwarzer Taugenichts, warum lachst du in der Kirche? Warte
nur, ich werde es deinem Vater sagen.

Peredonoff redete die nichtadeligen Schler manchmal mit Du an; zu den
Adeligen sagte er immer Sie. In der Schulkanzlei erkundigte er sich
nach dem Stande des Einzelnen und sein Gedchtnis lie ihn in solchen
Dingen niemals im Stich.

Kramarenko sah Peredonoff erstaunt an und lief schweigend davon. Er
gehrte zu jenen Schlern, welche Peredonoff fr grob, dumm und
ungerecht hielten und ihn deswegen verachteten und haten. So dachte die
Mehrzahl. Peredonoff glaubte, das wren jene, welche der Direktor gegen
ihn aufgestachelt habe, wenn auch nicht in eigener Person, so doch durch
seine Shne.

Schon auerhalb der Umfriedung trat Wolodin frhlich kichernd auf
Peredonoff zu, er machte ein salbungsvolles Gesicht, als htte er
Geburtstag, sein steifer Hut sa ihm im Nacken, und er fuchtelte mit
seinem Spazierstckchen.

Weit du was, Ardalljon Borisowitsch, flsterte er freudig erregt,
ich habe den Tscherepin herumgekriegt, er wird in diesen Tagen das Tor
von Marthas Haus mit Teer einschmieren.

Peredonoff schwieg ein wenig und bedachte sich. Dann lachte er
schadenfroh. Wolodin hrte alsbald zu grinsen auf, machte ein
bescheidenes Gesicht, rckte seinen Hut zurecht und mit dem Stckchen
schlenkernd, sagte er:

Schnes Wetter heute, am Abend werden wir wohl Regen haben. Mag es nur
regnen, wir werden mit dem Inspektor _in spe_ zu Hause sitzen.

Ich kann eigentlich nicht zu Hause bleiben, sagte Peredonoff, ich
habe verschiedne Gnge vor und mu in die Stadt gehen.

Wolodin machte ein verstndnisvolles Gesicht, obgleich er natrlich
garnicht wute, was Peredonoff so pltzlich fr Gnge vorhaben konnte.
Peredonoff berlegte aber, da es dringend notwendig wre, einige
Visiten zu machen. Sein zuflliges Zusammentreffen mit dem
Gendarmerieoberst hatte ihn auf einen Gedanken gebracht, dessen
Ausfhrung ihm ntzlich erschien: er wollte alle Honoratioren der Stadt
besuchen, um sie von seiner Zuverlssigkeit zu berzeugen. Sollte das
gelingen, so htte er fr alle Flle angesehne Leute in der Stadt,
welche fr seine korrekte Gesinnung brgen wrden.

Wohin wollen Sie gehen, Ardalljon Borisowitsch? fragte Wolodin, als er
bemerkte, da Peredonoff einen anderen als den gewohnten Weg einschlug,
gehen Sie nicht nach Hause?

Nein, ich gehe nach Haus, antwortete Peredonoff, ich frchte mich
blo, den alten Weg zu gehen.

Warum denn?

Da wchst so viel Bilsenkraut, der Geruch ist so schwer; er wirkt auf
mich betubend. Meine Nerven sind schwach, wegen der vielen
Unannehmlichkeiten.

Wolodin machte wieder ein verstndnisvolles, teilnehmendes Gesicht.

Unterwegs ri Peredonoff einige Kletten ab und steckte sie in die
Tasche.

Wozu sammeln Sie das? fragte Wolodin grinsend.

Fr den Kater, gab Peredonoff traurig zur Antwort.

Werden Sie sein Fell mit Kletten bewerfen? erkundigte sich Wolodin
sachgem.

Ja.

Wolodin kicherte.

Bitte, warten Sie bis ich komme; das wird sehr lustig werden, sagte
er.

Peredonoff lud ihn ein, doch gleich mitzukommen, aber Wolodin sagte, da
er was vorhabe: es war ihm auf einmal zum Bewutsein gekommen, da es
unanstndig wre, niemals was vorzuhaben. Peredonoffs Worte hatten ihn
darauf gebracht und er berlegte, da es fr ihn ganz angebracht wre,
auf eigene Faust Frulein Adamenko zu besuchen und ihr zu erzhlen, da
er neue sehr hbsche Entwrfe fr Bilderrahmen gezeichnet htte und ob
sie die sich nicht ansehen wolle. Auerdem glaubte er, da ihm Nadeschda
Wassiljewna Kaffee anbieten wrde.

Wie gedacht so getan. Dann hatte er sich noch etwas ausgedacht, etwas
sehr Schlaues; er wrde Nadeschda Wassiljewna den Vorschlag machen,
ihrem Bruder Unterricht in der Tischlerei zu erteilen. Nadeschda
Wassiljewna glaubte, da es Wolodin um einen Verdienst zu tun sei und
erklrte sich sofort einverstanden. Es wurde beschlossen, da er fr 30
Rubel monatlich in der Woche je zwei Stunden zu geben habe. Wolodin war
entzckt, -- sowohl ber den Verdienst, als ber die Mglichkeit,
Nadeschda Wassiljewna oft zu sehen.

Peredonoff kam wie immer mrrisch nach Hause. Warwara war bleich von der
durchwachten Nacht und brummte:

Du httest gestern sagen knnen, da du nicht kommen wrdest.

Peredonoff wollte sie rgern und erzhlte, da er bei Martha gewesen
sei. Warwara schwieg still. Sie hatte ja den Brief der Frstin in
Hnden. Wenn er auch geflscht war, immerhin ....

Beim Frhstck sagte sie schmunzelnd:

Whrend du dich mit der Martha herumgetrieben hast, habe ich in deiner
Abwesenheit eine Antwort von der Frstin erhalten.

Was hast du ihr denn geschrieben? fragte Peredonoff.

Sein Gesicht wurde lebhaft vor lauter Erwartung.

Warwara sagte lachend:

Sei doch kein Narr, du hast mir doch selber befohlen, ihr zu
schreiben.

Was schreibt sie denn? fragte Peredonoff erregt.

Da ist der Brief; lies ihn selber.

Warwara whlte in allen Taschen, als suchte sie den irgendwohin
gesteckten Brief. Endlich hatte sie ihn und gab ihn Peredonoff. Er schob
seinen Teller beiseite und verschlang gierig jede Zeile des Briefes.
Jetzt hatte er ihn durchgelesen und wurde sehr froh. Endlich ein klares
und bestimmtes Versprechen. Irgendwelche Zweifel kamen ihm nicht. Er a
schnell zu Ende und ging den Brief seinen Bekannten und Freunden zu
zeigen.

Schnell und lebhaft ging er zum Garten der Werschina. Diese stand wie
fast immer am Pfrtchen und rauchte. Sie war sichtlich erfreut: frher
mute man ihn immer hereinbitten, jetzt kam er ohne Aufforderung. Die
Werschina dachte bei sich:

Da sieht man es, er ist mit der Martha spazieren gefahren, mit ihr
lngere Zeit zusammengewesen und kommt schon wieder gelaufen. Vielleicht
will er um sie anhalten? dachte sie freudig erregt.

Peredonoff enttuschte sie sofort, er zeigte ihr den Brief.

Sehen Sie, sagte er, Sie haben immer gezweifelt. Die Frstin hat doch
geschrieben. Bitte, lesen Sie doch!

Die Werschina blickte mitrauisch auf den Brief, blies einige Male Rauch
darauf, lchelte schief und fragte schnell und leise:

Wo ist der Umschlag?

Peredonoff erschrak. Er berlegte, da Warwara ihn mit dem Brief htte
betrgen knnen, wenn sie ihn ganz einfach selbst geschrieben hatte. Man
mute sich so schnell als mglich nach dem Umschlag erkundigen.

Ich wei nicht, sagte er, ich will nachfragen.

Er verabschiedete sich eilig von der Werschina und kehrte schnell nach
Hause zurck. Er mute so bald als mglich ber den Ursprung dieses
Briefes Klarheit haben; der pltzliche Zweifel qulte ihn entsetzlich.

Die Werschina blieb an der Pforte stehen und blickte ihm nach; sie
lchelte schief und rauchte eifrig ihre Zigarette, so als htte sie eine
Arbeit bis zu einem bestimmten Termin zu vollenden.

Peredonoff sah erschreckt und verstrt aus, als er nach Hause kam. Schon
im Vorzimmer schrie er mit heiserer, aufgeregter Stimme:

Warwara, wo ist der Umschlag?

Was fr ein Umschlag? fragte Warwara und ihre Stimme zitterte.

Sie blickte ihn niedertrchtig an, und wre rot geworden, wenn sie sich
nicht geschminkt htte.

Der Umschlag zu dem Brief von der Frstin, erklrte Peredonoff und sah
erschreckt und wtend auf Warwara.

Warwara lachte gezwungen.

Ich habe ihn verbrannt, sagte sie, was sollte ich sonst mit ihm
anfangen. Soll ich die Umschlge aufbewahren und mir eine groe Sammlung
anlegen? Fr Umschlge gibt keiner einen Groschen. Nur fr leere
Bierflaschen bekommt man in den Wirtschaften Geld.

Peredonoff ging rgerlich im Zimmer auf und ab und knurrte:

Es gibt allerhand Frstinnen. Das kennt man. Vielleicht wohnt diese
Frstin hier.

Warwara stellte sich so, als knne sie garnicht verstehen, woran er
eigentlich zweifelte. Doch war ihr recht unbehaglich zumute.

                   *       *       *       *       *

Als Peredonoff am Abend am Garten der Werschina vorbeiging, hielt diese
ihn an.

Hat sich der Umschlag gefunden? fragte sie.

Ja, antwortete Peredonoff, Warja sagt, sie htte ihn verbrannt.

Die Werschina lachte und die grauen, leichten Rauchwlkchen ihrer
Zigarette zitterten leise in der stillen Abendluft.

Merkwrdig, wie unvorsichtig Ihr Schwesterchen ist, sagte sie, so ein
wichtiger Brief und ohne Umschlag. Man htte doch am Poststempel sehen
knnen, woher der Brief kommt und wann er abgeschickt wurde.

Peredonoff war sehr rgerlich. Vergebens bat ihn die Werschina,
hereinzukommen, vergebens versprach sie ihm, aus den Karten wahrzusagen,
-- Peredonoff ging.

Dennoch zeigte er seinen Freunden den Brief und prahlte damit. Seine
Freunde glaubten ihm.

Er selber wute nicht recht, sollte er glauben oder nicht. Fr jeden
Fall beschlo er, am Dienstag mit seinen Rechtfertigungsvisiten bei den
Honoratioren der Stadt zu beginnen, denn am Montag soll man nichts Neues
unternehmen, weil es ein Unglckstag ist.




                                  VIII


Kaum war Peredonoff gegangen, um Billard zu spielen, da fuhr auch schon
Warwara zur Gruschina. Lange berlegten sie und beschlossen endlich, die
Sache wieder gut zu machen, durch einen zweiten Brief. Warwara wute,
da die Gruschina Bekannte in Petersburg hatte. Durch deren Vermittlung
konnte es nicht schwer fallen, einen am Ort geflschten Brief hin- und
wieder zurckzubefrdern.

Die Gruschina wollte genau so, wie das erstemal, die Sache nicht
bernehmen. Aber sie stellte sich nur so.

Liebste Warwara Dmitriewna, sagte sie, schon dieser erste Brief
lastet schwer auf meinem Gewissen und ich frchte mich sehr. Wenn ich
den Schutzmann in der Nhe meines Hauses sehe, so zittre ich am ganzen
Leibe, wie wenn er es auf mich abgesehen htte und mich ins Gefngnis
abfhren wollte!

Eine geschlagene Stunde suchte Warwara sie zu berreden, versprach ihr
Geschenke und gab ihr ein wenig Geld im voraus. Endlich gab die
Gruschina nach. Man beschlo folgendes zu tun: zunchst wrde Warwara
erzhlen, da sie eine Antwort an die Frstin geschickt htte, um ihr zu
danken. Dann sollte nach einigen Tagen ein Brief kommen, welcher wieder
nur angeblich von der Frstin stammte. In diesem Briefe wrde es noch
deutlicher ausgesprochen sein, da einige Stellen vakant wren, da man
sich schon jetzt fr Peredonoff verwenden wolle, wenn er sich nur
schnell zur Trauung entschlieen wrde. Diesen Brief sollte die
Gruschina schreiben, genau so, wie den ersten, man wrde ihn
kouvertieren, eine Siebenkopekenmarke daraufkleben und ihn in einen
zweiten Umschlag stecken, welcher an die Freundin der Gruschina in
Petersburg adressiert war. Diese hatte dann weiter nichts zu tun, als
ihn in einen Briefkasten zu werfen.

Jetzt gingen die Gruschina und Warwara in eine kleine Papierhandlung
ganz am Ende der Stadt und kauften schmale Briefumschlge und farbiges
Postpapier. Vorsichtshalber bestand die Gruschina darauf, da ein Papier
genommen wurde, welches nur noch in einigen Exemplaren vorhanden war und
man kaufte den ganzen Vorrat. Die schmalen Kouverts hatte man gewhlt,
um den geflschten Brief leichter in einen andern Umschlag schieben zu
knnen.

Als sie wieder zu Hause waren bei der Gruschina, verfaten sie den
Brief. Dieser war nach zwei Tagen fertig abgeschrieben und wurde nun
parfmiert. Die nachgebliebenen Umschlge und Briefbogen verbrannten
sie, um alle Beweisstcke aus der Welt zu schaffen.

Die Gruschina schrieb ihrer Freundin, an welchem Tage sie den Brief in
den Postkasten zu werfen hatte, -- er sollte an einem Sonntage ankommen:
der Postbote wrde ihn dann in Peredonoffs Gegenwart abgeben und das
wre ein Beweis mehr fr die Echtheit des Briefes.

Am Dienstag bemhte sich Peredonoff, recht frh vom Gymnasium
fortzukommen. Ein Zufall kam ihm zu Hilfe: es war die letzte Stunde in
_jener_ Klasse, deren Tr auf den Korridor hinausfhrte, ganz nahe von
der Stelle, wo die Uhr hing. Dort hielt sich der Pedell auf, ein braver
Reserveunteroffizier, welcher zu bestimmten Zeiten zu luten hatte.
Peredonoff schickte ihn ins Lehrerzimmer nach dem Klassenjournal und
stellte die Uhr um eine Viertelstunde vor -- niemand hatte es bemerkt.

Zu Hause bestellte Peredonoff sein Frhstck ab und sagte, da er erst
spt zu Mittag kommen wrde, er htte einen wichtigen Gang vor.

Man wirft mir Steine in den Weg, ich mu sie fortrumen, sagte er bse
und dachte dabei an die vermeintlichen Intrigen seiner Feinde.

Er zog seinen nur wenig benutzten Frack an, er war ihm zu eng geworden
und drckte: denn sein Krper hatte an Umfang zugenommen, whrend der
Frack ein wenig eingeschrumpft war. Da er keinen Orden im Knopfloch
hatte, rgerte ihn. Die andern wurden dekoriert, -- sogar Falastoff von
der Volksschule, -- nur ihn hatte man bergangen. Das war alles die
Mache des Direktors: nicht ein einziges Mal hatte er ihn vorgeschlagen.
Freilich in der Rangliste rckte er auf, das konnte der Direktor nicht
verhindern, aber was hat man von einem Rang, den kein Mensch sieht. Wenn
die neue Uniform eingefhrt sein wird, erst dann wrde man es sehen
knnen. Es war doch gut, da die Achselstcke daran den Rang bezeichnen
sollten, aber nicht das Verdienst. Das ist von Wichtigkeit: Achselstcke
wie bei einem General mit einem Stern darauf. Jedermann auf der Strae
wird sehen knnen, da er Staatsrat ist.

Ich mu mir bald die neue Uniform bestellen, dachte Peredonoff.

Erst unterwegs dachte er darber nach, wen er zuerst besuchen solle.

Am wichtigsten schien ihm fr seine Lage der Landrat und der
Staatsanwalt zu sein. Mit ihnen htte er beginnen sollen. Oder sollte er
zum Adelsmarschall. Aber gerade diese drei als erste aufzusuchen, schien
ihm sehr gewagt. Der Adelsmarschall Weriga -- ein General, der binnen
kurzem Statthalter werden wollte und der Landrat und Staatsanwalt --
diese unangenehmen Reprsentanten von Polizei und Gericht.

Zuerst will ich die kleineren Beamten aufsuchen, dachte Peredonoff,
und mich in ihre Art finden, schon dort werde ich sehen knnen, was man
von mir hlt, wie man ber mich redet. So beschlo er denn, den
Brgermeister als ersten zu besuchen. Wiewohl jener nur Kaufmann war und
blo eine Kreisschule besucht hatte, so kam er doch berall hin und alle
kamen zu ihm; auerdem geno er in der Stadt ein groes Ansehen und
hatte in anderen Stdten und sogar in der Residenz recht vornehme
Bekannte.

Entschlossen richtete Peredonoff seine Schritte zum Hause des
Brgermeisters.

Das Wetter war trbe. Die Bltter fielen mde und kraftlos von den
Bumen. Peredonoff war etwas aufgeregt.

Im Hause des Brgermeisters roch es nach frischgewachsten Dielen und
noch, kaum bemerkbar, nach etwas anderem, etwas Sem, Ebarem. Alles im
Haus war still und traurig. Die Kinder, ein Gymnasiast und ein Backfisch
(Ich halte ihnen eine Gouvernante, pflegte der Vater zu sagen)
verhielten sich ruhig in ihren Zimmern. Dort war es gemtlich, hell und
frhlich, die Fenster gingen in den Garten, die Mbel waren sehr bequem,
auerdem die verschiedensten Spiele im Zimmer und drauen.

Im oberen Stock waren die Empfangszimmer. Da war alles vornehm und kalt.
Die Mahagonimbel schienen ins Riesenhafte vergrerte Puppenmbel zu
sein. Gewhnlichen Sterblichen boten sie eine uerst unbequeme
Sitzgelegenheit, versuchte man nmlich, sich recht bequem zu setzen, so
war es nicht anders, als liee man sich auf einen Stein fallen. Der
melancholische Hausherr hingegen sa auf seinem gewohnten Stuhl und
schien sich sehr wohlzufhlen.

Der Archimandrit -- ein hufiger Gast im Hause des Brgermeisters --
pflegte diese Sessel und Sofas Seelenretter zu nennen. Hierauf
entgegnete das Stadthaupt:

Weibische Verweichlichung, wie Sie das in anderen Husern finden
werden, dulde ich nicht: da sitzt man auf Sprungfedern, alles gibt nach
unter der Last des Krpers, wie kann das gesund sein! Im brigen sind
auch die Aerzte gegen zu weiches Sitzen.

Jakob Anikiewitsch Skutschaeff, das Stadthaupt, begrte Peredonoff auf
der Schwelle seines Empfangszimmers. Er war gro, wohlbeleibt und hatte
kurzgeschorenes, schwarzes Haar; er verstand es, wrdig, doch
gleichzeitig liebenswrdig zu sein und verhielt sich herablassend zu
Leuten mit geringem Einkommen.

Nachdem Peredonoff sich einigermaen zurechtgesetzt und auf die
einleitenden Begrungsworte geziemend geantwortet hatte, sagte er:

Ich komme in einer dringlichen Angelegenheit zu Ihnen.

Ich will mit Vergngen mein Mglichstes tun. Womit kann ich dienen?
erkundigte sich der Hausherr.

In seinen schlauen, schwarzen Augen war ein leises Mitrauen zu sehen.
Er dachte, Peredonoff sei gekommen, um ihn um Geld zu bitten und er
beschlo, ihm in keinem Fall mehr als 150 Rubel zu leihen. Eine ganze
Reihe von Beamten waren Skutschaeff grere und kleinere Summen
schuldig. Skutschaeff forderte niemals ausstehendes Geld zurck,
verweigerte aber sumigen Schuldnern jedes weitere Darlehen. Das
erstemal gab er immer gerne, je nach den Vermgensverhltnissen des
Bittstellers und nach dem Bestande seiner eigenen Kasse.

Peredonoff sagte: Jakob Anikiewitsch, Sie sind Brgermeister und somit
der eigentliche Reprsentant unserer Stadt; in diesem Sinne habe ich mit
Ihnen zu sprechen.

Skutschaeff setzte eine erhabene Miene auf und machte eine leichte
Verbeugung.

Ueber mich werden in der Stadt unglaubliche und einfach erlogene
Klatschgeschichten verbreitet, sagte Peredonoff mrrisch.

Fremde Muler kann man nicht stopfen, sagte der Hausherr, und dann,
was haben die alten Basen in unsern Gefilden anderes zu tun, als ihre
Zunge zu rhren.

Es wird erzhlt, da ich nicht in die Kirche gehe und das ist gelogen,
fuhr Peredonoff fort, denn ich gehe regelmig zur Kirche. Zum
Eliasfest mute ich zu Hause bleiben, weil ich Bauchschmerzen hatte.

Es stimmt, besttigte der Hausherr, dafr kann ich stehen, habe ich
Sie doch selber des fteren im Gottesdienst gesehen. Im brigen bin ich
nicht oft in Ihrer Kirche. Ich fahre meist ins Kloster. Das ist so eine
Familiensitte bei uns.

Auch sonst klatscht man allerlei, sagte Peredonoff, z. B. soll ich
meinen Schlern unanstndige Geschichten erzhlen. Das ist Lge. Es
kommt ja vor, da man in der Stunde mal einen Scherz macht, um den
Unterricht zu beleben. Ihr eigner Sohn ist ja mein Schler. Hat er Ihnen
etwa derartiges erzhlt?

Es stimmt, sagte Skutschaeff, sowas hat er mir nie erzhlt. Die
Bengel sind zwar sehr schlau, -- was ihnen nicht pat, erzhlen sie auch
nicht. Freilich mein Sohn, steckt noch ganz in den Kinderschuhen, aus
purer Dummheit htte er was erzhlt, aber etwas Derartiges habe ich nie
von ihm gehrt.

Nun sehen Sie, in den lteren Klassen wissen sie sowieso schon alles,
sagte Peredonoff, aber selbst dort nehme ich kein unfltiges Wort in
den Mund.

Das versteht sich, antwortete Skutschaeff, das Gymnasium ist kein
Jahrmarkt.

Bei uns sind die Leute aber so, klagte Peredonoff, was nie gewesen
ist, verbreiten sie, als sei es wirklich geschehen. Aus diesem Grunde
bin ich zu Ihnen gekommen, -- Sie sind der Brgermeister.

Skutschaeff fhlte sich sehr geschmeichelt, da man sich an ihn wandte.
Er begriff nicht recht, warum ihm das alles erzhlt wurde und was er
dabei tun konnte, tat aber aus politischen Grnden so, als sei ihm alles
vollstndig klar.

Und dann ist da noch eine andere Geschichte, fuhr Peredonoff fort, es
wird mir verdacht, da ich mit Warwara zusammenlebe, sie sei gar nicht
verwandt mit mir, sondern einfach meine Geliebte. Bei Gott, sie ist
meine Kusine, allerdings im vierten Grade; die darf man heiraten und ich
werde sie heiraten.

So, so, unbedingt, sagte Skutschaeff, die Hochzeit macht allem
Klatsch ein Ende.

Frher konnte ich nicht, sagte Peredonoff, es war ganz unmglich;
sonst htte ich mich schon trauen lassen. Sicherlich.

Skutschaeff machte ein nachdenkliches Gesicht, klopfte mit seinem
weien, dicken Finger auf die dunkle Tischdecke und sagte:

Ich glaube Ihnen. Wenn es sich so verhlt, wie Sie sagen, ist es ein
ganz ander Ding. Jetzt glaube ich Ihnen. Denn auch ich mu gestehen, es
berhrte so merkwrdig, wie Sie da mit Ihrer Freundin, um mich so
auszudrcken, zusammen hausten. Dann mu man noch in Betracht ziehen,
da die Kinder ein schlaues Volk sind; alles Schlechte begreifen sie
sofort und nehmen es an. Das Gute mu ihnen beigebracht werden, whrend
das Schlechte ihnen von selbst anfliegt. Und darum sage ich, berhrte
mich Ihr Verhltnis merkwrdig. Und doch andererseits was geht es mich
an! Ein jeder kehre vor seiner Tr. Ich wei es wohl zu schtzen, da
Sie sich zu mir herbemht haben, denn ich bin ein schlichter Mann und
habe nur eine Kreisschule besucht. Immerhin geniet man einiges Ansehen
in der Gesellschaft, bin ich doch heuer zum drittenmal Brgermeister
geworden und mein Urteil wird nicht gering geschtzt in den besseren
Kreisen unserer Stadt.

Skutschaeff redete darauf los und seine Gedanken verwirrten sich. Es
schien ihm, als wolle sein eigener Redeschwall kein Ende nehmen. Da
brach er kurz ab und dachte betrbt:

Es ist so, als fllte man eine leere Flasche aus einem leeren Fa. Es
ist eine Plage mit diesen gelehrten Herren, dachte er, absolut nicht
zu begreifen, was sie eigentlich wollen. Was in den Bchern steht, ist
ihnen sonnenklar, stecken sie aber mal die Nase an die Luft, so wissen
sie nicht ein und aus und bringen noch andere Leute in die Tinte.

Mivergngt ob dieses Nichtverstehens stierte er Peredonoff an; seine
sonst lebhaften Augen blickten trbe und sein Krper schien wie von
einer Last zusammengedrckt. Er war nicht mehr der rhrige, energische
Mann von frher, sondern ein blde gewordener Greis.

Auch Peredonoff war still geworden, als htten ihn die Worte des
Hausherrn verwirrt, dann zwinkerte er mit den Augen, was merkwrdig
trbselig aussah, und meinte:

Sie sind Brgermeister, also knnen Sie doch sagen, da das alles
erlogen ist.

Das heit, was meinen Sie eigentlich? fragte Skutschaeff vorsichtig.

Eben dieses, erklrte Peredonoff, wenn zum Beispiel gegen mich
Anzeige erstattet wird, da ich nicht zur Kirche gehe oder so was, und
man sich gegebenenfalls bei Ihnen danach erkundigt.

Das lt sich machen, sagte der Brgermeister, da knnen Sie sich
unbedingt auf mich verlassen. Gegebenenfalls werde ich fr Sie
einstehen, und warum sollte man fr einen Ehrenmann nicht einstehen. Wir
knnen Ihnen zum Beispiel -- wenn es ntig sein sollte -- eine
Ehrenadresse von der Stadtverwaltung bermitteln. Das geht alles. Oder
wir verschaffen Ihnen den Titel eines Ehrenbrgers beispielsweise, --
warum denn nicht, wenn es Ihnen ntzt; alles das knnen wir.

Ich kann mich also auf Sie verlassen, sagte Peredonoff dumpf, als habe
er auf eine peinliche Frage zu antworten, es ist nmlich wegen des
Direktors, der schadet mir, wo er nur kann.

Was Sie nicht sagen! ereiferte sich Skutschaeff und wackelte mitleidig
mit dem Kopf, das ist ja nicht mglich, da hat man Sie bei ihm
verdchtigt. Es scheint jedoch, da Nikolai Wassiljewitsch ein uerst
gewissenhafter Herr ist; ohne Grund wird er keinem was zuleide tun. Das
sehe ich doch an meinem Sohne. Er ist ein strenger, aber gewissenhafter
Mann. Er wird nie ein Auge zudrcken und bevorzugt niemanden; mit einem
Wort: er ist sehr gewissenhaft. Es ist garnicht anders mglich, man hat
Sie bei ihm angeschwrzt. Was haben Sie denn fr Differenzen?

Wir sind in vielen Dingen anderer Meinung, erklrte Peredonoff,
auerdem beneiden mich die Kollegen im Gymnasium. Alle wollen im Dienst
aufrcken. Nun hat die Frstin Woltschanskaja versprochen, gerade mir
eine Inspektorstelle zu verschaffen. Und darum all der Ha und Neid.

So, so, sagte Skutschaeff zurckhaltend, brigens ist es nicht gut,
bei trockener Kehle zu plaudern. Wollen wir ein wenig frhstcken und
ein Schnpschen dazu trinken?

Skutschaeff drckte den Knopf der elektrischen Glocke.

Famose Einrichtung das, sagte er zu Peredonoff, Sie sollten einen
andern Beruf whlen.

Indessen erschien das Dienstmdchen, eine grobknchige, massive Person.
Skutschaeff bestellte bei ihr einen Imbi und starken Kaffee. Sie
lchelte verlegen und ging. Ihre Schritte schienen merkwrdig leicht im
Verhltnis zu ihrer Krperflle.

Einen anderen Beruf, wandte sich Skutschaeff wieder an Peredonoff.
Beispielsweise der geistliche Stand. Wenn ich es mir recht berlege, so
mten Sie einen ganz vortrefflichen, ernstdenkenden Priester abgeben.
Dazu knnte ich Ihnen leicht verhelfen. Ich habe nmlich gute Bekannte
in der hheren Geistlichkeit.

Skutschaeff nannte die Namen einiger Bischfe und kirchlicher
Wrdentrger.

Nein, ich will nicht Priester werden, antwortete Peredonoff, mir ist
der Weihrauch zuwider. Mir wird bel davon und der Kopf schmerzt.

In diesem Fall knnte man zur Polizeikarriere raten. Es ist lohnend,
riet Skutschaeff, werden Sie doch Landkommissar. Darf man erfahren,
welchen Rang Sie bekleiden?

Ich bin Staatsrat! sagte Peredonoff mit Wrde.

Was nicht gar! rief Skutschaeff aus, sagen Sie doch bitte, so weit
kann es ein Lehrer bringen! Und nur weil er die Kinder erzieht? Ja, die
Wissenschaft hat was zu bedeuten. Uebrigens gibt es ja viele, welche der
Wissenschaft feind sind, und doch, es ist unmglich, ohne Bildung
vorwrtszukommen. Zwar habe ich nur eine Kreisschule besucht, aber ich
bestehe darauf, da mein Sohn in die Universitt kommt. Es ist eine
bekannte Tatsache, wie schwer die Jungen im Gymnasium vorwrtskommen;
mit der Peitsche wollen sie getrieben sein, nachher geht es ganz von
selber. Wissen Sie, ich prgle ihn niemals, ist er aber trge oder hat
sonst irgend etwas auf dem Kerbholz, so fasse ich ihn an den Schultern
und fhre ihn ans Fenster, -- von dort sieht man die Birken in unserem
Garten. Dann frage ich nur: siehst du, was dort wchst? Ich sehe,
Papachen, -- sagt er -- ich will's nicht wieder tun. Und in der Tat, das
hilft, der Junge nimmt sich zusammen, als htte er wirklich eine Tracht
Prgel bekommen. O diese Kinder, diese Kinder! seufzte Skutschaeff und
schlo damit seine Rede.

Peredonoff sa bei Skutschaeff gute zwei Stunden. Nach Errterung der
geschftlichen Angelegenheiten wurde ein grndliches Frhstck
eingenommen.

Skutschaeff machte die Honneurs mit nachdrcklicher Wrde, als handle es
sich um etwas sehr Wichtiges und das gehrte zu seinem Wesen. Ueberall
suchte er schlaue Nebengedanken anzubringen. Der Glhwein wurde in
groen Kaffeetassen serviert, als wre es Kaffee und der Hausherr nannte
ihn einen kleinen Mokka. Die Schnapsglser waren ohne Fu, er hatte ihn
fortschleifen lassen, damit man die Glser nicht hinstellen konnte.

Das bedeutet: bei mir mu alles auf den Zug geleert werden, erklrte
er.

Noch ein Gast kam: der Kaufmann Tischkoff, ein kleines, graues Mnnchen.
Er war sehr munter und launig, trug einen langen Rock und merkwrdige
Stiefel, die groen Flaschen nicht unhnlich sahen. Er trank sehr viel
Schnaps, wute auf jeden Unsinn gleich einen Reim und schien sehr
zufrieden mit sich zu sein.

Peredonoff schien es endlich angebracht, aufzubrechen; er verabschiedete
sich.

Warum so eilig? sagte der Hausherr, bleiben Sie noch ein wenig.

Wenn Sie bei uns bleiben, helfen Sie die Zeit vertreiben, sagte
Tischkoff.

Nein, ich mu gehen, antwortete Peredonoff geschftig.

Er mu gehn, seine Schwester zu sehn, sagte Tischkoff und zwinkerte
mit den Augen.

Ich habe zu tun, sagte Peredonoff.

Hat jemand viel zu tun, so kann er billig ruhn, entgegnete Tischkoff
ohne zu zgern.

Skutschaeff begleitete Peredonoff ins Vorhaus. Zum Abschiede umarmten
und kten sie sich. Peredonoff war sehr zufrieden mit diesem Besuch.

Der Brgermeister hlt meine Kante, dachte er und fhlte sich viel
sicherer.

                   *       *       *       *       *

Skutschaeff kehrte zu Tischkoff zurck und sagte:

Es wird viel geklatscht ber den Mann.

Klatscht man ber den Mann, so ist es, weil er was kann, reimte
Tischkoff und flott fllte er sein Schnapsglas mit Englisch-Bitter.

Es war klar, da es ihm auf den Sinn der Rede nicht ankam, er griff die
Worte nur auf, um sie zu reimen.

Er ist ein anstndiger Kerl und auch im Trinken nicht faul, fuhr
Skutschaeff fort und fllte sein Glas ohne auf Tischkoffs Reimerei zu
achten.

Ist er im Trinken nicht faul, so hat er ein wackres Maul, rief
Tischkoff frhlich und leerte sein Glas auf einen Zug.

Da er sich die Mamsell da aushlt, will nichts besagen! meinte
Skutschaeff.

Die schmutzige Mamsell bringt Flhe ins Bettgestell, antwortete
Tischkoff.

Wer vor Gott nicht sndigt, sndigt auch vor dem Kaiser nicht.

Sndig sind unsere Triebe, wir schtzen die freie Liebe.

Er will seine Snde gutmachen und sich trauen lassen.

Lt man sich vom Pfaffen trauen, prgelt man hernach die Frauen.

Das war Tischkoffs Art so zu reden, wenn es sich um Dinge handelte, die
ihn nichts angingen. Er wre schon lngst allen langweilig geworden,
doch hatte man sich an ihn gewhnt und beachtete sein Geschwtz
garnicht; ab und zu kam es vor, da man ihn einem fremden Gast sozusagen
vorsetzte. Ihm selbst war es ganz einerlei, ob man ihm zuhrte oder
nicht; es war ihm einfach unmglich, die Worte anderer nicht in seinen
Reimereien zu verdrehen, und darin wirkte er mit der Pnktlichkeit eines
aufgezogenen Uhrwerks. Wenn man seine zerfahrenen, unstten Bewegungen
beobachtete, konnte man leicht zum Glauben kommen, da man es nicht mit
einem lebendigen Menschen zu tun habe, sondern mit einem, der schon
lngst gestorben war oder berhaupt nicht gelebt hatte, und in der
ganzen Welt nichts sehen und hren konnte als klingende tote Worte.




                                   IX


Am nchsten Tage besuchte Peredonoff den Staatsanwalt Awinowitzkji.

Das Wetter war noch immer trbe. Der Wind wehte in heftigen Sten und
wirbelte groe Staubmassen durch die Straen. Es dmmerte, und es war
so, als kme das matte, durch einen dichten Wolkenschleier abgetnte
Tageslicht gar nicht von der Sonne her. Die Straen waren wie tot,
nichts rhrte sich und man konnte glauben, da die bauflligen Huser
ganz ohne Sinn und nutzlos dastnden, so hoffnungslos verfallen waren
sie und so schchtern erzhlten sie vom bettelhaften, traurigen Leben
innerhalb ihrer Mauern. Ab und zu sah man Leute gehen, -- sie gingen
ganz langsam, als htten sie kein Ziel vor sich, als wren sie kaum
imstande eine dumpfe Mdigkeit zu berwinden, welche nur nach bleiernem
Schlaf verlangte. Nur die Kinder, diese ewigen, lebendigen Gefe
gttlicher Freude auf Erden, waren lebhaft und spielten und tummelten
sich. Aber auch sie waren mitunter von einer traurigen Trgheit
befallen, und ein wesenloses, graues Gespenst schien sie mit furchtbaren
Augen anzustarren und aus ihren Gesichtern die Freude zu nehmen. Durch
die den Straen, vorbei an den verfallenen Husern ging Peredonoff. Der
Himmel schien verschwunden, die Erde unrein und unfruchtbar, und eine
unklare, bange Furcht begleitete seine Schritte. Er konnte im Ewigen
keinen Frieden finden, keine Freude am Irdischen, denn er wute die Welt
nur mit seinen halberstorbenen Augen zu betrachten, wie ein Dmon,
welcher sich in grauenhafter Einsamkeit am Entsetzen und an der Trauer
zu Tode qult.

Seine Gefhle waren stumpf geworden und sein Leben ein verlschendes,
glimmendes Feuer. Alles, was ihm zum Bewutsein kam, wandelte sich in
unkeusche, niedrige Sinnlichkeit. An den Dingen, die ihn umgaben,
bemerkte er nur das Unregelmige und daran hatte er seine Freude. Wenn
er an einem geraden, saubern Straenpfosten vorbeiging, so bekam er
Lust, ihn zu beschmutzen oder ihn schiefzustellen. Er lachte vor
Vergngen, wenn man in seiner Gegenwart etwas verunreinigte. Die sauber
gekleideten Gymnasiasten verachtete er und behandelte sie schlecht. Er
pflegte sie abgeleckte Hunde zu nennen. Die Unordentlichen waren ihm
eher verstndlich. Er hatte keine Beschftigung, welche er besonders
liebte und fr keinen Menschen eine tiefere Zuneigung, daher kam es, da
die Natur nur einseitig auf sein Gefhlsleben wirken konnte; sie
knechtete ihn. Aehnlich verhielt er sich zu den Menschen, mit denen er
verkehrte. Besonders zu den Fremden oder wenig Bekannten, denen er so
ohne weiteres nicht grob begegnen durfte. Glcklich sein bedeutete fr
ihn nichts tun, sich ganz zurckziehen und den Leib msten. -- Und jetzt
mu ich, ob ich will oder nicht, so dachte er, herumlaufen und
Erklrungen abgeben. Wie langweilig das ist! Wie unangenehm! Und wenn
man doch wenigstens dort, wohin er ging, Zoten erzhlen knnte, aber
nicht einmal das war mglich.

Das Haus des Staatsanwaltes schrte und krftigte Peredonoffs dumpfe,
qulende Angst. Und in der Tat -- das Haus sah bse und drohend aus. Das
spitze Dach hing dster ber den Fenstern, welche dicht ber dem Boden
angebracht waren. Der Bretterbeschlag des Hauses und das Dach hatten
einmal frhliche, helle Farben gehabt, jetzt war der Anstrich von Wetter
und Wind dster und grau geworden. Die Pforte war massig und
unverhltnismig gro, sie berragte das Haus, als sollte sie ein
Bollwerk gegen feindliche Angriffe sein und war immer fest verriegelt.
Eine klirrende eiserne Kette diente als Schlo und ein wtender Hund im
Hofe bellte rauh und abgerissen jeden Vorbergehenden an. Rings um das
Haus waren unbebaute Pltze, Gemsegrten und weiterhin einige elende
Htten. Das Haus selbst lag an einem sehr groen sechseckigen,
ungepflasterten und mit allerhand Unkraut bewachsenen Platze. Dicht vor
dem Hause stand ein Laternenpfahl, der einzige auf dem ganzen Platze.

Peredonoff stieg langsam und widerwillig die vier rohgezimmerten Stufen
zum Hausflur empor, der mit einem zweiseitig abfallenden Bretterdach
gedeckt war, und fate einen schwarz angelaufenen Messinggriff. Dicht
ber ihm schrillte anhaltend die Glocke. Dann hrte man schleichende
Schritte. Irgend jemand schlich auf Zehenspitzen ganz leise an die Tr
und blieb da stehen. Er sphte wohl durch irgend eine von auen nicht
sichtbare Spalte. Jetzt wurde am Schlo gerasselt, die Tr tat sich auf
und auf der Schwelle stand ein schwarzhaariges, mrrisches Weib mit
argwhnisch lauernden Augen.

Was wnschen Sie? fragte sie.

Peredonoff antwortete, er htte ein Anliegen an Alexander Alexejewitsch.
Das Weib lie ihn eintreten. Als er die Schwelle berschritt, murmelte
er schnell eine Beschwrungsformel. Es war gut, da er sich damit beeilt
hatte, denn kaum hatte er seinen Ueberzieher abgelegt, da hrte man
schon im Gastzimmer die scharfe, wtende Stimme Awinowitzkjis. Die
Stimme des Staatsanwalts wirkte immer erschtternd, -- anders redete er
berhaupt nicht. So schrie er auch jetzt schon aus dem Empfangszimmer
mit seiner bsen, scheltenden Stimme einige Begrungsworte -- er freue
sich sehr, da Peredonoff ihn endlich mit seinem Besuche beehre.

Alexander Alexejewitsch Awinowitzkji war ein dsterer Mensch, als htte
er schon von Natur aus eine besondere Veranlagung zum Richten und
Anklagen. Obwohl sein Krper von einer ans Wunderbare grenzenden
Widerstandskraft war, -- Awinowitzkji pflegte im Flusse von einem
Eisgang bis zum andern zu baden, -- schien er doch schmchtig zu sein.
Ein sehr dichter, blulich-schwarzer Bart mochte diesen Eindruck noch
erhhen. War der Staatsanwalt auch nicht gerade gefrchtet, so fhlte
man sich doch in seiner Gegenwart befangen. Das hing damit zusammen, da
er unermdlich irgend jemanden beschuldigte oder mit Sibirien und
Zwangsarbeit drohte.

Ich habe mit Ihnen zu sprechen, sagte Peredonoff verlegen.

Eine Selbstanklage? Haben Sie gemordet? ein Haus angesteckt? die Post
beraubt? schrie Awinowitzkji bse und lie Peredonoff in den Saal
eintreten. Oder sind Sie das Opfer eines Verbrechens. Das ist mehr als
mglich in unserer Stadt. Unsere Stadt ist ein gemeines Nest, die
Polizei darin aber noch gemeiner. Ich wundere mich nur, da hier auf dem
Platz vor meinem Hause keine Leichen umherliegen. Ich bitte, setzen Sie
sich! Also was fhrt Sie zu mir? Sind Sie ein Verbrecher oder das Opfer
eines Verbrechens?

Nein, sagte Peredonoff, ich habe nichts Derartiges auf dem Gewissen.
Der Direktor wrde sich wohl freuen, mir was nachsagen zu knnen, aber
ich habe nichts verschuldet.

Sie kommen also mit keiner Anklage? fragte Awinowitzkji.

Nein, keineswegs, murmelte Peredonoff ngstlich.

Nun, wenn es nichts Derartiges ist, sagte der Staatsanwalt mit
geradezu wtender Betonung der einzelnen Worte, so kann ich Ihnen wohl
einen kleinen Imbi anbieten.

Er nahm die Tischglocke und schellte. Niemand kam. Awinowitzkji packte
die Glocke mit beiden Hnden und lutete wie ein Unsinniger, dann warf
er die Glocke auf den Boden, trampelte mit den Fen und brllte dazu
mit wtender Stimme:

Malanja, Malanja! Rindvieh! Teufel! Bestie!

Man hrte jemand langsam herankommen; der Sohn Awinowitzkjis, ein
Gymnasiast, trat ein. Es war ein krftiger, schwarzhaariger Junge von
etwa 13 Jahren. Sein Auftreten machte einen sichern und selbstndigen
Eindruck. Er verbeugte sich leicht vor Peredonoff, hob die Glocke auf,
stellte sie auf den Tisch und erst dann sagte er ruhig:

Malanja ist im Gemsegarten.

Awinowitzkji beruhigte sich sofort. Er blickte seinen Sohn zrtlich an,
was eigentlich garnicht zu seinem brtigen, bsen Gesicht passen wollte,
und sagte:

Sei so gut, liebes Kind, lauf zu ihr und bestell einen kleinen Imbi.

Der Knabe ging fort, ohne sich zu beeilen. Der Vater blickte ihm nach.
Ein stolzes, freudiges Lcheln spielte um seine Lippen. Erst als der
Junge ber die Schwelle ging, verdsterte sich Awinowitzkjis Gesicht
wieder, und er brllte mit frchterlicher Stimme, so da Peredonoff
zusammenfuhr:

Schneller!

Der Junge begann zu laufen. Man hrte, wie er die Tren aufri und
hinter sich zuschlug. Der Vater horchte und lchelte freudig mit seinen
dicken roten Lippen, dann begann er zu reden und seine Stimme klang hart
und bse:

Mein Erbprinz. Strammer Junge, was? Wie weit wird er's bringen, he? Was
meinen Sie? Ein Dummkopf kann er sein, aber niemals ein Feigling, ein
Lappen, ein Schurke -- niemals.

Ja, was denn, murmelte Peredonoff.

Die Leute unserer Zeit sind ein Zerrbild auf das menschliche
Geschlecht, tobte Awinowitzkji, Gesundsein halten sie fr eine
Gemeinheit. Ein Deutscher hat das Unterhemd erfunden. Diesen Deutschen
wrde ich nach Sibirien verbannen. Wenn ich mir das vorstelle, mein
Wladimir im Unterhemd! Den ganzen Sommer ber luft er im Dorf barfu
und da soll er ein Unterhemd tragen! Er bringt es fertig, aus dem
Schwitzbad nackt im hrtesten Winter ins Freie zu laufen, sich im Schnee
zu wlzen, und der soll ein Unterhemd tragen! Hundert Stockschlge
sollte man jenem Deutschen aufzhlen. -- Von diesem Deutschen, der das
Unterhemd erfunden hatte, lenkte Awinowitzkji auf andere Verbrecher ab.

Die Todesstrafe, mein Bester, ist keine Barbarei, schrie er. Die
Wissenschaft hat nachgewiesen, da es Leute gibt, welche als Verbrecher
geboren werden. Damit, lieber Freund, ist alles gesagt. Man mu sie
vertilgen, aber nicht auf Staatskosten erhalten. Zum Beispiel so ein
Verbrecher! Frs ganze Leben ist ihm ein warmer Winkel im Zuchthaus
gesichert! Er hat gemordet, Huser angesteckt, genotzchtigt, -- nun mu
der steuerzahlende Brger fr den Unterhalt dieses Schurken sorgen!
Keine Rede, es ist viel gerechter, ihn zu hngen und auerdem ist es
billiger.

                   *       *       *       *       *

Der runde Tisch im Speisezimmer war gedeckt. Auf dem weien,
roteingekanteten Tischtuch standen einige Teller mit fetten Wrsten und
anderen gesalzenen, gerucherten und marinierten Gerichten; dann waren
da eine Reihe von Flaschen und Karaffen von verschiedener Gre und
Form, gefllt mit allerhand Schnpsen und Likren. Alles das war ganz
nach Peredonoffs Geschmack, und sogar eine gewisse Unordnung in der
ganzen Einrichtung behagte ihm.

Der Hausherr fuhr in seinen Anklagen fort. An das Essen anknpfend,
gedachte er vernichtend der Kolonialwarenhndler und redete dann, Gott
wei warum, ber die Erbfolge.

Die Erbfolge ist eine ausgezeichnete Einrichtung! schrie er darauf
los. Den Bauern zum Herrn machen ist dumm, lcherlich, unsittlich und
sinnlos! Das Land liegt brach, die Stdte fllen sich mit Geldgierigen;
Miernten, Flegelhaftigkeit und Selbstmorde sind die Folge, -- gefllt
Ihnen das etwa? Unterrichten Sie den Bauer, wieviel Sie wollen, nur
lassen Sie ihn nicht im Stande aufrcken. Die Landbevlkerung verliert
sonst ihre besten Leute und wird immer ein niedertrchtiges Pack
bleiben, whrend der Adel andererseits durch den Zuflu dieser
unkultivierten Elemente leidet. Im Dorfe taugte so ein Bauer mehr als
die andern, den Adel hingegen erniedrigt er zu etwas Grobem,
Unritterlichem, Unvornehmem. In erster Linie lebt er fr den Erwerb, fr
seine alltglichen Leibesinteressen. Jawohl, mein Lieber, die Kasten
waren eine weise Einrichtung.

Ja, sagte Peredonoff bse, auch unser Direktor ermglicht jedem
Lmmel den Eintritt in das Gymnasium. Wir haben sogar einfache Bauern,
gar nicht zu reden von der Unmenge von Brgerlichen.

Das hrt sich ja nett an! rief der Hausherr.

Es gibt so eine Bestimmung, da man nicht jeden beliebigen aufnehmen
soll; er tut doch was er will, klagte Peredonoff, fast ohne Ausnahme
nimmt er jeden auf. >Das Leben bei uns in der Stadt,< sagt er, >ist
billig, und wir haben sowieso wenig Schler.< Was ist denn dabei, da es
wenig sind. Es wre besser, wenn es noch weniger wren. Mit der
Korrektur der Hefte wird man sowieso nicht fertig. Kein vernnftiges
Buch kann man lesen. Und die Jungen wenden wie mit Absicht die
knifflichsten Worte an, -- immerwhrend mu ich im orthographischen
Wrterbuch nachschlagen.

Trinken Sie einen Schnaps, schlug Awinowitzkji vor, was wollen Sie
eigentlich mit mir besprechen?

Ich habe Feinde, murmelte Peredonoff und betrachtete traurig sein
Glschen mit dem gelben Schnaps, statt es auszutrinken.

Das Schwein hier hatte keine Feinde, antwortete Awinowitzkji, doch
ist es geschlachtet worden. Greifen Sie zu, es war ein vortreffliches
Schwein.

Peredonoff langte sich ein Stck Schinken und sagte:

Ueber mich werden allerlei Gerchte in Umlauf gesetzt.

Das kennen wir, was Klatschgeschichten anlangt, gibt es keine
schlimmere Stadt! rief der Hausherr aufgebracht. Eine nette Stadt das!
Man kann ja tun was man will, gleich grunzen es alle Schweine.

Die Frstin Woltschanskaja hat versprochen, mir eine Inspektorstelle zu
verschaffen, und hier setzt der Klatsch ein. Das kann mir doch schaden.
Und alles aus purem Neid. So auch der Direktor, er hlt keine Disziplin
im Gymnasium, -- die Schler von auswrts, welche in Pensionen leben,
rauchen, trinken, laufen jeder Schrze nach, und die Kinder unserer
Stadt sind um nichts besser. Er selbst ist schuld an dieser
Zuchtlosigkeit, aber er macht mich verantwortlich dafr. Es ist
mglich, da man mich bei ihm angeschwrzt hat. Aber wenn diese
Klatschgeschichten weitere Verbreitung finden, wenn sie der Frstin zu
Ohren kommen!

Peredonoff teilte in langer, verworrener Rede seine Befrchtungen mit.
Awinowitzkji hrte zu und rief manchmal wtend dazwischen:

Halunken sind sie! -- Schufte! Idioten!

Ich bin wirklich nicht Nihilist, sagte Peredonoff, es wre doch
komisch. Ich habe eine Dienstmtze mit der Kokarde, nur pflege ich sie
nicht immer zu tragen, -- aber er trgt bisweilen auch einen Hut. Da
das Portrt Mizkewizschs bei mir hngt, ist begrndet durch meine
Vorliebe fr seine Verse, nicht aber fr seine revolutionre Ttigkeit.
Auerdem habe ich sein Journal, die Glocke, gar nicht gelesen.

Sie haben grndlich vorbeigehauen, sagte Awinowitzkji rcksichtslos,
Herzen war der Herausgeber der Glocke, nicht Mizkewizsch.

Das ist wieder was anderes, sagte Peredonoff, Mizkewizsch hat auch
eine Glocke herausgegeben.

Ich wei es nicht. Sie mssen es drucken lassen. Eine wissenschaftliche
Entdeckung. Sie werden berhmt werden.

Das darf man nicht drucken, sagte Peredonoff rgerlich, und ich darf
keine verbotenen Bcher lesen. Auerdem lese ich sie auch nicht. Ich bin
Patriot!

Nach endlosen Beschwerden, in denen Peredonoff sein Herz ausschttete,
begriff Awinowitzkji so viel, da irgend jemand bestrebt sein msse,
Peredonoff auszuntzen, und zu diesem Zweck allerhand Gerchte ber ihn
verbreitete, um ihn dadurch einzuschchtern und so den Boden allmhlich
fr einen Erpressungsversuch vorzubereiten. Da diese Gerchte ihm, dem
Staatsanwalt, noch nicht zu Ohren gekommen waren, erklrte er sich
daraus, da der Erpresser uerst geschickt nur in Peredonoffs nchstem
Bekanntenkreise zu wirken wute, -- denn er bezweckte ja nur, Peredonoff
allein auszubeuten. Awinowitzkji fragte:

Haben Sie Verdacht auf jemanden?

Peredonoff dachte nach. Ganz zufllig fiel ihm die Gruschina ein; dunkel
erinnerte er sich an jenes krzlich gefhrte Gesprch, welches er mit
der Drohung abbrach, er werde sie denunzieren. Da _er_ eigentlich der
Gruschina gedroht hatte, verwirrte sich in ihm zu einer dstern
Vorstellung von Denunziation im allgemeinen. Sollte er jemanden angeben,
oder sollte er selber angegeben werden, -- das war ihm nicht klar, und
er machte auch gar keine Anstrengung, sich genauer daran zu erinnern, --
so viel stand fest: die Gruschina war ihm feind. Schlimm genug war es,
da sie dabei gewesen war, als er den Pissareff versteckt hatte. Jetzt
mute er ihn wo anders hintun.

Peredonoff sagte:

Es gibt hier eine gewisse Frau Gruschina.

Ich wei, ein erstklassiges Luder, entschied Awinowitzkji kurz.

Immerwhrend kommt sie zu uns, klagte Peredonoff, berall schnffelt
sie. Sie ist geizig und will alles haben. Vielleicht mchte sie Geld von
mir dafr, da sie mich nicht angibt wegen des Pissareff. Oder
vielleicht will sie mich heiraten. Ich will ihr aber nichts zahlen, und
ich habe eine andere Braut; mag sie immerhin denunzieren, ich bin
unschuldig. Es ist nur unangenehm, wenn daraus eine Geschichte entstehen
sollte, denn das knnte mir bei der Ernennung schaden.

Sie ist eine bekannte Gaunerin, sagte der Staatsanwalt. Sie fing hier
an gewerbsmig zu wahrsagen und es gab Dumme genug, welche zu ihr
gingen. Da sagte ich der Polizei, sie mchte ihr das Handwerk legen.
Dieses eine Mal waren sie ausnahmsweise klug und befolgten meinen Rat.

Sie wahrsagt auch jetzt noch, sagte Peredonoff, noch neulich hat sie
mir Karten ausgelegt, sie redete von einem weiten Weg und von einem
Kronsbrief.

Sie wei genau, wem sie was sagt. Warten Sie nur, jetzt knpft sie die
Schlingen und wird spter Geld fordern. Kommen Sie dann direkt zu mir.
Ich werde ihr hundert aufzhlen lassen, schlo Awinowitzkji mit seiner
beliebten Redensart. Doch durfte man dies nicht wrtlich nehmen; dieser
Ausdruck bedeutete nur: einen scharfen Verweis erteilen.

So versprach Awinowitzkji Peredonoff beizustehen; dennoch war dieser,
als er vom Staatsanwalt fortging, von einem dumpfen Angstgefhl
beherrscht, welches durch die lauten drohenden Reden Awinowitzkjis nur
bestrkt worden war.

                   *       *       *       *       *

Nun machte Peredonoff tglich vor dem Mittagessen eine Visite, -- mehr
als eine konnte er wegen der ausfhrlichen Erklrungen, die er jedesmal
geben mute, nicht erledigen. Am Abend ging er in der Regel Billard
spielen.

Wie immer pflegte er den einladenden Handbewegungen der Werschina zu
folgen, und wie immer mute er anhren, wie Rutiloff seine Schwestern
lobte. Zu Hause suchte ihn Warwara zu bereden, die Trauung zu
beschleunigen, -- aber er konnte keinen festen Entschlu fassen.

Natrlich, so dachte er manchmal, wre es vorteilhaft, Warwara zu
heiraten, -- wie aber, wenn mich die Frstin pltzlich im Stich lt? In
der Stadt, dachte er, wird man dann auf meine Kosten lachen, -- und
dieses Bedenken hielt ihn vom entscheidenden Schritt zurck.

Der Neid seiner Kollegen, welcher eher in seiner Einbildung als
tatschlich vorhanden war, die Intrigen irgend eines Unbekannten und der
Umstand, da ihm die unverheirateten Frauen nachstellten, alles das
gestaltete sein Leben traurig und kummervoll; und auch das Wetter war
ganz danach: mehrere Tage hindurch war es trbe, kalt und regnerisch.
Peredonoff fhlte, wie milich sich sein Leben gestaltete, -- aber dann
dachte er an den in Aussicht stehenden Inspektorposten und damit mute
sich alles zum besten wenden.




                                   X


Am Donnerstag machte Peredonoff beim Adelsmarschall seine Aufwartung.
Das Haus des Adelsmarschalls erinnerte an eine vornehme Villa in den
Villenkolonien von Petersburg, welche Sommer und Winter bewohnt werden
konnte. Die Einrichtung des Hauses war nicht gerade luxuris, doch
schienen manche Gegenstnde allzu neu und ein wenig berflssig zu sein.

Alexander Michailowitsch Weriga erwartete Peredonoff in seinem Kabinett.
Er tat so als beeilte er sich, seinem Gast entgegenzugehen und als wre
er blo durch einen Zufall daran verhindert worden.

Weriga hielt sich ungeheuer stramm, selbst wenn man in Betracht zog, da
er ausgedienter Kavallerieoffizier war. Es wurde ihm nachgesagt, da er
ein Korsett trage. Sein glattrasiertes Gesicht war gleichmig gertet,
als htte er es geschminkt. Sein Haar war ganz kurz geschoren, -- ein
bequemes Mittel, um den Effekt der Glatze zu mildern. Die Augen waren
grau, liebenswrdig und kalt. Im Verkehr war er gegen alle uerst
zuvorkommend, in seinen Ansichten streng und entschieden. Allen seinen
Bewegungen merkte man den gewesenen Soldaten an und auerdem kleine
Hinweise darauf, da er Gouverneur zu werden beabsichtigte.

Peredonoff sa ihm gegenber am eichengeschnitzten Schreibtisch und
berichtete:

Ueber mich werden allerhand Gerchte in Umlauf gesetzt, daher wende ich
mich als Edelmann an Sie. Man erzhlt ber mich Dinge, Exzellenz, welche
absolut unwahr sind.

Ich habe nichts Derartiges gehrt, antwortete Weriga und
liebenswrdig-erwartungsvoll lchelnd, richtete er seine grauen,
aufmerksamen Augen auf Peredonoff.

Peredonoff sah geflissentlich in eine Ecke und redete:

Ich bin niemals Sozialist gewesen, und wenn es gelegentlich vorkam, da
ich ein Wort zuviel gesagt habe, so ist es zur Genge damit
entschuldigt, da ein jeder junge Mensch mal ber die Strnge schlgt.
Jetzt habe ich nicht einmal Gedanken in dieser Richtung.

Sie waren also sehr liberal? fragte Weriga mit einem liebenswrdigen
Lcheln, nicht wahr, auch Sie wnschten eine Konstitution. Wir alle
wollten, als wir jung waren, die Konstitution. Darf ich Ihnen anbieten?

Weriga schob Peredonoff ein Zigarrenkstchen hin. Peredonoff war zu
schchtern, um Ja zu sagen und dankte; Weriga steckte sich eine
Zigarre an.

Natrlich, Exzellenz, gestand Peredonoff, hatte auch ich als Student
meine Gedanken, aber schon damals war es mir um eine andere Konstitution
als im blichen Sinne des Wortes zu tun.

Nmlich? fragte Weriga mit einem Anflug von Unzufriedenheit im Tone.

Es sollte eine Konstitution sein, aber ohne Parlament, erklrte
Peredonoff, im Parlament zanken sie sich doch nur.

Werigas graue Augen leuchteten in stillem Entzcken.

Eine Konstitution ohne Parlament! sagte er sinnend. Wissen Sie, das
ist praktisch!

Aber auch das ist lange her, sagte Peredonoff, jetzt wnsche ich
nichts Derartiges.

Erwartungsvoll blickte er Weriga an. Weriga blies eine dnne Rauchwolke
durch die Lippen, schwieg eine Zeitlang und sagte dann gemessen:

Sie sind Pdagoge, nun habe ich in meiner Stellung auch mit den Schulen
unseres Bezirkes zu tun. Welchen Schulen geben Sie von Ihrem Standpunkte
aus den Vorzug: den Kirchenschulen oder den sogenannten Bezirksschulen?

Weriga strich die Asche von der Zigarre und fixierte Peredonoff
liebenswrdig, doch fast allzu aufmerksam. Peredonoff wurde verlegen,
stierte in die Ecke und sagte:

Die Bezirksschulen mssen stramm gehalten werden.

Ja, ja, strammer, sagte Weriga abwartend.

Und er blickte auf seine glimmende Zigarre, so als bereite er sich vor,
einer langen Errterung zuzuhren.

Die Lehrer dort sind Nihilisten, sagte Peredonoff, und die
Lehrerinnen glauben nicht an Gott. Sie schnauben sich sogar in der
Kirche.

Weriga blickte schnell auf und sagte lchelnd:

Na wissen Sie, ab und zu ist das notwendig.

Ja, aber manche trompeten geradezu, so da alle Snger lachen, meinte
Peredonoff bse. Das tut sie mit Absicht. Diese Skobotschkina ist so
eine Person, luft in einer roten Bluse herum. Manchmal trgt sie sogar
einen Sarafan.[8]

Das ist freilich nicht schn, sagte Weriga. Doch tut sie es eher aus
Mangel an Erziehung. Ich erinnere mich gut an diese Lehrerin. Sie hat
absolut keine Manieren, ist aber eine tchtige Lehrkraft. In jedem Fall
ist das, was Sie sagen, nicht schn von ihr. Man mu es ihr zu wissen
geben.

Dort in den Schulen geht es sehr frei zu, fuhr Peredonoff fort, ohne
jede Zucht. Gestraft wird berhaupt nicht und Bauernkinder kann man
nicht nach demselben Muster erziehen wie die Adeligen. Geprgelt mssen
sie werden.

Weriga blickte ruhig auf Peredonoff, dann, als kme ihm die
Taktlosigkeit dieser Bemerkung erst jetzt zum Bewutsein, senkte er
seinen Blick und sagte kalt, fast im Tonfall eines Gouverneurs:

[Funote 8: Russische Nationaltracht.]

Es mu gesagt werden, da ich an Schlern der Distriktsschulen
vortreffliche Eigenschaften bemerkt habe. Es steht ber allem Zweifel,
da die weitaus grere Zahl auerordentlich fleiig und gewissenhaft
ist. Natrlich kommen, wie berall, Vergehen vor und infolge der
Unbildung des Milieus kann es geschehen, da diese Vergehen recht grob
zum Ausdruck kommen, um so mehr als in der Landbevlkerung Rulands das
Gefhl fr Pflicht, Ehre und Achtung fremden Eigentums nur wenig
entwickelt ist. Die Schule hat die Pflicht, solche Vergehen streng zu
bestrafen. Wenn alle Mittel einer inneren Einwirkung erschpft
erscheinen, oder wenn das Vergehen besonders gro ist, so wre es
natrlich geboten, um das betreffende Kind nicht ganz verwildern zu
lassen, zu den allerstrengsten Manahmen zu greifen. Dieses hat aber auf
alle Kinder Bezug, auch auf die von Adel. Im allgemeinen stimme ich mit
Ihnen darin berein, da die Erziehung in den genannten Schulen viel zu
wnschen brig lt. Madame Steven hat in ihrem -- _ propos_ sehr
interessanten Buch -- Sie kennen es doch? ...

Nein, Exzellenz, sagte Peredonoff verlegen, ich fand noch keine Zeit
dazu. Ich habe soviel im Gymnasium zu tun. Aber ich werde es lesen.

Nun, das ist nicht so dringend notwendig, sagte Weriga liebenswrdig
lchelnd, als erteile er Peredonoff die Erlaubnis, das Buch nicht zu
lesen. Also, besagte Frau Steven erzhlt sehr entrstet, wie zwei ihrer
Schler, junge Leute von 17 Jahren, vom Bezirksgericht zu krperlicher
Zchtigung verurteilt wurden. Stolz seien sie, diese Jungen, und --
beachten Sie wohl -- wir alle htten uns geqult, solange diese
schmhliche Strafe ber sie verhngt gewesen sei. Spter wurde dann das
Urteil abgendert. Ich kann nur sagen, anstelle der Frau Steven htte
ich mich geschmt, diese Geschichte in ganz Ruland zu verbreiten:
stellen Sie sich nur vor, man hatte diese Jungen verurteilt, weil sie
Aepfel gestohlen hatten. Bemerken Sie recht: fr einen Diebstahl! Da
schreibt sie noch, es wren ihre besten Schler gewesen. Aber Aepfel
knnen sie stehlen! Wirklich, eine vortreffliche Erziehung! Man sollte
doch lieber gleich eingestehen, da man das Eigentumsrecht nicht
anerkennt.

Erregt erhob sich Weriga und machte einige Schritte, aber er fate sich
gleich wieder und setzte sich.

Sollte ich Inspektor der Volksschule werden, so will ich andere Saiten
aufziehen, sagte Peredonoff.

Haben Sie etwas in Aussicht? fragte Weriga.

Ja, die Frstin Woltschanskaja versprach mir ihre Protektion.

Weriga machte ein liebenswrdiges Gesicht.

Es wird mir angenehm sein, Ihnen Glck wnschen zu drfen. Ich zweifle
nicht daran, da Sie die Sache vortrefflich leiten werden.

Nun wird in der Stadt ber mich allerhand verbreitet, Exzellenz, -- es
ist nicht ausgeschlossen, da das Bezirksamt davon Kenntnis bekommen
knnte; das wrde meine Ernennung verhindern und tatschlich bin ich
unschuldig.

Haben Sie jemand in Verdacht, der diese Gerchte aufgebracht hat?
fragte Weriga.

Peredonoff wurde ganz verlegen und murmelte:

Wen sollte ich in Verdacht haben? Ich wei keinen. Man redet nur so.
Eigentlich kam ich zu Ihnen, weil diese Gerchte mir im Dienst schaden
knnen.

Weriga berlegte, da es ihm gleich sein knne, von wem das Gerede
ausginge: er war ja noch nicht Gouverneur. Er nahm nunmehr wieder die
Rolle des Adelsmarschalls auf und hielt eine Rede, die Peredonoff
ngstlich und niedergeschlagen anhrte:

Ich danke Ihnen fr das Vertrauen, das Ihre Schritte zu mir lenkte, um
meine Vermittlung (Weriga wollte sagen Schutz, aber er enthielt sich
dieses Ausdrucks) zwischen Ihnen und der Gesellschaft in Anspruch zu
nehmen, der Gesellschaft, in welcher, Ihren Informationen zufolge, Ihnen
nicht wohlwollende Gerchte laut geworden sind. Von diesen Gerchten ist
mir nichts zu Ohren gekommen und es mu Ihnen trstlich sein, da die
Verleumdungen ber Sie nicht gewagt haben aus der Hefe der stdtischen
Gesellschaft emporzudringen und ihr Dasein -- um mich so auszudrcken --
in niedriger Verborgenheit fhren. Es ist mir eine Genugtuung, da Sie,
-- wiewohl Sie berufsmig im Dienste stehen, -- dennoch gleichzeitig
auch die Bedeutung der gesellschaftlichen Meinung so hoch einschtzen,
und die Wrde des Ihnen anvertrauten Amtes als Erzieher der Jugend,
eines von jenen, deren geheiligter Frsorge wir, die Eltern, unser
kostbarstes Gut anvertrauen: unsere Kinder, die Erben unseres Namens und
unseres Standes. Als Beamter haben Sie Ihren Vorgesetzten in Gestalt
Ihres hochzuverehrenden Direktors, als Glied der Gesellschaft und als
Edelmann haben Sie das vollste Recht, auf die Anteilnahme des
Adelsmarschalls zu rechnen, in allen Fragen, welche Ihre Ehre und sowohl
Ihr menschliches, wie gleicherweise Ihr Standesbewutsein berhren.

Whrend des folgenden Teiles seiner Rede stand Weriga auf und whrend er
sich mit den Fingern seiner rechten Hand fest auf den Rand des
Schreibtisches sttzte, blickte er Peredonoff mit einem
nichtssagend-liebenswrdigen und aufmerksamen Gesichtsausdruck an, wie
man etwa eine grere Volksmenge betrachtet, wenn man vor ihr eine
wohlwollende Rede als Vorgesetzter halten mu. Auch Peredonoff war
aufgestanden. Er hatte seine Hnde ber dem Bauch gefaltet und blickte
verdrielich auf den Teppich zu den Fen des Hausherrn. Weriga sprach:

Ich wei es auch darum zu schtzen, da Sie sich an mich gewandt haben,
weil es bei den Angehrigen des vornehmen Standes besonders angebracht
erscheint, da sie stets und in jeder Lage in erster Linie dessen
eingedenk sind, da sie von Adel sind, da sie diese ihre Zugehrigkeit
zum bezeichneten Stande hochhalten, nicht nur in bezug auf die damit
verbundenen Rechte, sondern auch im Hinblick auf die sich hieraus
ergebenden Pflichten und auf die Ehre des Edelmannes. Der Adel in
Ruland steht, wie Ihnen natrlich bekannt ist, vorwiegend im
Staatsdienst. Streng genommen mten alle staatlichen Aemter, mit
Ausnahme der ganz unwichtigen und niedrigen, in den Hnden des Adels
vereinigt sein. Der Umstand, da Leute verschiedenen Standes in
kaiserlichen Diensten stehen, ist mit Ursache fr eine so unerwnschte
Erscheinung wie jene, welche gegenwrtig Ihre Ruhe trbte. Verleumdung
und Klatscherei sind die Waffen gesinnungsloser Leute, welche nicht in
edlen, ritterlichen Traditionen erzogen wurden. Und ich hoffe, da das
allgemeine Urteil klar und unzweideutig zu Ihren Gunsten entscheiden
wird, auch bitte ich Sie, sich vllig auf meinen ungeteilten Beistand in
dieser Angelegenheit verlassen zu wollen.

Meinen ergebensten Dank, hohe Exzellenz, sagte Peredonoff, so darf
ich denn auf Ihren Beistand rechnen.

Weriga lchelte liebenswrdig, blieb aber stehen und deutete damit an,
da die Unterredung beendet sei. Nach seiner langen Rede fhlte er
pltzlich, da sie garnicht am Platz gewesen wre und da Peredonoff
nichts weiter als ein ngstlicher Streber nach guten Stellen war, ein
Streber, der Schutz suchend ber jede Schwelle stolpert. Er entlie ihn
mit kalter Gleichgltigkeit, die er diesem Menschen gegenber wegen
seines unordentlichen Lebenswandels immer empfunden hatte.

Ein Diener half Peredonoff in seinen Ueberzieher. In irgend einem Zimmer
wurde Klavier gespielt. Peredonoff dachte bei sich, da das Leben in
diesem Hause vornehm sei: stolze Leute, die sich hoch einschtzten. Er
will es zum Gouverneur bringen, dachte Peredonoff mit ehrfrchtiger und
neidischer Bewunderung.

Auf der Treppe traf er die von einem Spaziergang heimkehrenden zwei
Shnchen des Adelsmarschalls mit ihrem Hauslehrer. Peredonoff
betrachtete sie mit stumpfer Neugierde.

Wie sauber sie sind, dachte er, sogar in den Ohren kein
Schmutzfleckchen. Und munter sind sie, dabei gut geschult und wie auf
Draht gezogen. Vielleicht, dachte er, werden sie niemals geprgelt.

Und Peredonoff sah ihnen bse nach, whrend sie geschwind die Treppe
hinaufstiegen und frhlich plauderten. Auch das verwunderte Peredonoff,
da der Hauslehrer sie wie seinesgleichen behandelte; er drohte nicht
und schrie sie nicht an.

                   *       *       *       *       *

Als Peredonoff nach Hause kam, sa Warwara im Gastzimmer und las ein
Buch. Das kam selten vor. Sie bltterte in einem Kochbuch, das einzige,
was sie mitunter in die Hand nahm. Das Buch war alt, abgegriffen und
hatte einen schwarzen Einband. Der schwarze Einband fiel Peredonoff in
die Augen und verstimmte ihn.

Was liest du da? fragte er bse.

Was? Als ob du nicht weit was, -- das Kochbuch, antwortete Warwara.
Ich habe keine Zeit, mich mit Albernheiten abzugeben.

Warum liest du im Kochbuch? fragte Peredonoff entsetzt.

Was heit -- warum? Ich will kochen, fr dich natrlich, du mkelst ja
immer, sagte Warwara und lchelte stolz und selbstbewut.

Aus diesem schwarzen Buch will ich nichts essen! erklrte Peredonoff
bestimmt, ri das Buch aus Warwaras Hnden und trug es ins Schlafzimmer.

Ein schwarzes Buch! Danach wird gekocht! dachte er mit Entsetzen, das
fehlt noch gerade, da man mich ganz offenkundig mit dem schwarzen Buch
behext! Dieses frchterliche Buch mu vernichtet werden, dachte er, ohne
auf Warwaras wtendes Gezeter zu achten.

                   *       *       *       *       *

Am Freitag ging Peredonoff zum Vorsitzenden des Kreisamtes.

Hier im Hause wurde nachdrcklich betont, da man schlicht und recht
leben und zum Wohle der Allgemeinheit arbeiten msse. Eine ganze Reihe
von Gegenstnden diente dazu, eine Art von lndlicher Einfalt zu
betonen: so hatte ein Sessel eine Lehne in Form eines Krummholzes und
kleine Beile als Armsttzen, ein Tintenfa war in ein Hufeisen
hineingespannt, ein imitierter Bauernschuh aus Porzellan diente als
Aschenbecher. Im Saale standen auf Tischen, Fensterbnken, sogar auf dem
Fuboden eine Reihe von kleinen Maen, welche mit verschiedenen
Getreideproben gefllt waren, und hie und da lagen Klumpen von grobem
Bauernbrot, die an Torfstcke erinnerten. Im Gastzimmer konnte man
Zeitungen und Modelle von landwirtschaftlichen Maschinen sehen. Im
Arbeitszimmer standen riesige Bcherschrnke, gefllt mit
nationalkonomischen Werken und Abhandlungen ber die Schulfrage. Auf
dem Schreibtisch lagen Papiere, gedruckte Rechenschaftsberichte,
Pappschachteln mit Karten verschiedener Gre. Alles war staubig und
kein einziges Bild hing an den Wnden. Dem Hausherrn Iwan Stepanowitsch
Kiriloff konnte man anmerken, wie er bemht war, einerseits
liebenswrdig -- europisch liebenswrdig -- zu erscheinen, ohne doch
andererseits seiner Wrde als Vorsitzender des Kreises etwas zu
vergeben. Er war ein Original voller Widersprche, gleichsam wie aus
zwei Hlften zusammengeltet. Seine ganze Einrichtung zeugte davon, da
er viel und vernnftig arbeitete. Sah man ihn selber, so konnte man
glauben, da er seine Ttigkeit im Kreisamt mehr als Sport und nur
vorbergehend betriebe, whrend seine eigentlichen Interessen weitab
davon lgen, in irgend einer Richtung, wohin er mitunter seine
lebhaften, doch teilnahmlosen bleifarbigen Augen richtete. Es war so,
als htte jemand seine lebendige Seele in einen lnglichen Kasten
gesperrt und gegen eine seelenlose, doch nervse, arbeitsame Unruhe
eingetauscht.

Er war klein von Wuchs, mager und jugendlich, so jugendlich und rosig,
da man ihn mitunter fr einen Knaben halten konnte, der einen falschen
Bart trug und sich mit ziemlichem Geschick wie ein Erwachsener zu
betragen verstand. Seine Bewegungen waren charakteristisch und rasch.
Wenn er sich mit jemandem begrte, machte er flinke Verbeugungen und
viele Kratzfe, und glitt geschwind einher auf den Sohlen seiner
tadellosen Halbschuhe. Seinen Anzug htte man ein Kostmchen nennen
knnen: ein graues Jackettchen, ein nicht gestrktes Vorhemdchen aus
Batist mit einem Liegekragen, eine blaue, zur Schleife gebundene
Krawatte, enganliegende Beinkleiderchen und perlgraue Strmpfchen. Auch
seine gemessen-hfliche Art und Weise zu reden war nicht immer gleich:
er unterhlt sich voll Wrde und mit einmal spielt ein kindliches
Lcheln um sein Gesicht, oder eine ungelenke, knabenhafte Bewegung
erinnerte an sein Doppelwesen, dann nach einem Augenblick ist er wieder
ruhig und zurckhaltend hflich.

Seine Frau machte einen stillen, mavollen Eindruck und schien lter als
er zu sein. Einigemal whrend Peredonoffs Anwesenheit ging sie durch das
Arbeitszimmer und zog bei ihrem Manne Erkundigungen ber verschiedene
Angelegenheiten aus dem Bezirksamt ein. Ihr Hausstand war nicht gerade
geordnet, -- immerfort kamen Leute in Geschften und immerfort wurde Tee
getrunken. Auch Peredonoff wurde gleich nach seiner Ankunft lauwarmer
Tee und Weibrot auf einem Teller gereicht.

Schon vor ihm war ein anderer Gast gekommen. Peredonoff kannte ihn, --
aber schlielich wen kannte man in diesem Stdtchen nicht! Man verkehrte
mit jedermann, es sei denn, da man sich mit diesem oder jenem verzankt
htte.

Es war der Bezirksarzt Georg Sjemenowitsch Trepetoff, ein kleiner Mann
-- er war noch kleiner als Kiriloff -- mit einem finnigen, unbedeutenden
Vogelgesicht. Er trug eine dunkle Brille und blickte immer auf den
Fuboden oder zur Seite, als falle es ihm schwer sein Gegenber
anzusehen. Er war ungeheuer ehrlich und gab keine Kopeke fr wohlttige
Zwecke aus. Alle kaiserlichen Beamten verachtete er aus tiefstem Herzen:
kaum da er ihnen bei etwaiger Begegnung die Hand reichte, am Gesprch
beteiligte er sich in solchen Fllen prinzipiell nicht. Dafr galt er
fr einen hellen Kopf -- wie auch Kiriloff --, wiewohl er nur wenig
wute und als Arzt untchtig war.

Er hatte sich vorgenommen, sein Leben so einfach als mglich zu
gestalten; -- zu diesem Zweck studierte er die Gepflogenheiten der
Bauern sich zu schnauben oder den Kopf zu kratzen und mit dem Handrcken
den Mund zu wischen, im stillen ahmte er diese Sitten nach, -- die
endgltige Vereinfachung seines Lebens verschob er aber immer auf den
nchsten Sommer.

Auch hier wiederholte Peredonoff die ihm seit den letzten Tagen gelufig
gewordenen Klagen ber den stdtischen Klatsch und jene Neider, welche
seine Befrderung zum Inspektor verhindern wollten. Kiriloff fhlte sich
im ersten Augenblick geschmeichelt, da Peredonoff sich an ihn wandte.
Er sagte:

Ja, nun sehen Sie, welcherart unsere Provinzgesellschaft ist. Ich habe
immer gesagt, die einzige Rettung fr denkende Menschen ist, sich fest
zusammenzuschlieen, -- und es freut mich, da Sie zur selben Erkenntnis
gekommen sind.

Trepetoff grunzte bse. Kiriloff sah ihn ngstlich an. Trepetoff sagte
verchtlich: Denkende Menschen! und grunzte wieder. Dann -- nach einem
kurzen Schweigen -- sprach er mit hoher, gekrnkter Stimme:

Ich wute nicht, da denkende Menschen Anhnger des Klassensystems sein
knnen.

Aber Georgi Sjemenowitsch, sagte Kiriloff unsicher, Sie ziehen nicht
in Betracht, da es nicht immer vom Menschen selber abhngt, welchen
Beruf er whlt.

Trepetoff grunzte verchtlich, wodurch er den liebenswrdigen Kiriloff
ganz aus der Fassung brachte und hllte sich in unnahbares Schweigen.

Kiriloff wandte sich an Peredonoff. Als dieser aber von einem
Inspektorposten zu reden begann, wurde er unruhig. Es schien ihm, als
ziele Peredonoff darauf ab, Inspektor seines Bezirkes zu werden. Im
Bezirksamt aber reifte der Plan, einen eigenen Schulinspektor zu
kreieren, welcher vom ganzen Bezirk gewhlt und vom Ministerium der
Volksaufklrung besttigt werden sollte.

In diesem Falle wre Inspektor Bogdanoff, der bereits drei Schulbezirken
vorstand, in eine der benachbarten Stdte bergesiedelt und die Leitung
der Schulen dieses Bezirkes wre einem neuen Inspektor anvertraut
worden. Zu diesem Amte hatte man schon den Vorsteher des Lehrerseminars
der ganz nahe gelegenen Stadt Safat ausersehen.

Ich habe glcklich eine Protektion, redete Peredonoff, nun sucht mir
der Direktor den Weg zu verlegen und die andern auch. Alles Mgliche
verbreiten sie ber mich. Im Falle man bei Ihnen Erkundigungen einziehen
sollte, bitte ich Sie, im Auge zu haben, da diese Gerchte Lgen sind
und ich bitte auch, diesen Lgen keinen Glauben zu schenken.

Kiriloff antwortete rasch:

Ich habe wirklich keine Zeit, Ardalljon Borisowitsch, mich mit den
Klatschgeschichten der Stadt zu befassen; ich habe so viel zu tun, da
ich nicht wei, wo mir der Kopf steht. Wrde mir meine Frau nicht
helfen, so knnte ich die Arbeit einfach nicht bewltigen. Ich komme
nirgends hin, sehe niemanden und hre nichts. Doch bin ich fest davon
berzeugt, da all das, was ber Sie geredet wird, -- ich habe, wie
gesagt, nichts Derartiges gehrt --, da das elender Klatsch ist. Die
Besetzung des in Frage stehenden Postens hngt indes nicht von mir ab.

Man wird sich bei Ihnen erkundigen, sagte Peredonoff.

Kiriloff blickte ihn verwundert an und sagte:

Natrlich wird man sich bei mir erkundigen. Die Sache ist aber die, da
wir ....

In diesem Augenblick kam Frau Kiriloff herein und sagte:

Bitte auf einen Augenblick! Kiriloff ging zu ihr ins Zimmer. Sie
flsterte besorgt:

Ich glaube, es ist besser, diesem Subjekt nichts davon zu sagen, da
wir Krassilnikoff wnschen. Dieser Kerl kommt mir verdchtig vor, er
wird noch Geschichten machen.

Glaubst du? flsterte Kiriloff eilig. Es knnte sein. Fatale Sache!

Er griff mit den Hnden an den Kopf. Seine Frau sah ihn
besorgt-teilnehmend an und sagte:

Es ist vielleicht besser, ihm berhaupt nichts zu sagen, -- als wre
gar keine Stelle vakant.

Ja, ja, du hast recht, flsterte Kiriloff, es ist so peinlich, aber
ich mu hin.

Er lief ins Gastzimmer zurck, machte ununterbrochen Kratzfe und
berhufte Peredonoff mit Liebenswrdigkeiten.

Im Falle also, wenn ..... begann Peredonoff.

Seien Sie ganz unbesorgt, ich will es mir merken, sagte Kiriloff
schnell; auerdem ist diese Frage noch nicht endgltig entschieden.

Peredonoff begriff garnicht, um welche Frage es sich eigentlich handelte
und fhlte sich sehr beunruhigt, Kiriloff fuhr aber fort:

Unsere Schulen sollen ein festes Netz bilden. Aus Petersburg haben wir
uns einen Spezialisten kommen lassen. Den ganzen Sommer ber haben wir
gearbeitet. 900 Rubel hat es uns gekostet. Es mu alles zum Landtag
vorbereitet werden. Die Arbeit ist sehr sorgfltig ausgefhrt, -- alle
Entfernungen sind berechnet, alle Schulfragen sind bercksichtigt
worden.

Und Kiriloff erzhlte lang und breit vom Schulnetz, d. h. von der
Einteilung des Distrikts in so kleine Bezirke mit einer Volksschule in
jedem, da die Entfernung vom Dorf zur Schule immer nur eine geringe
war. Peredonoff begriff nichts, und seine dsteren Gedanken verfingen
sich in den Wortmaschen des Kiriloffschen Redenetzes, welches dieser
gewandt vor ihm ausbreitete.

Endlich verabschiedete sich Peredonoff und ging hoffnungslos und traurig
von dannen. In diesem Hause, dachte er, will man mich nicht begreifen,
nicht einmal anhren. Der Hausherr redet von unverstndlichen Sachen.
Trepetoff grunzt bse und die Hausfrau geht und kommt, ohne mir die
geringste Beachtung zu schenken. Merkwrdige Leute leben in diesem
Hause! dachte Peredonoff. Ein verlorener Tag!




                                   XI


Am Sonnabend wollte Peredonoff den Chef der Landpolizei aufsuchen. Zwar
hat er nicht soviel zu bedeuten, wie der Adelsmarschall, dachte
Peredonoff; aber er kann einem eher schaden als die anderen und doch
wieder -- wenn er nur will -- einem beistehen mit seinen Aussagen bei
der vorgesetzten Behrde. Die Polizei ist eine wichtige Einrichtung.

Peredonoff nahm aus einer Hutschachtel seine Dienstmtze. Er beschlo,
fortan nur diese Mtze zu tragen. Der Direktor kann es sich erlauben mit
einem Hut herumzugehen, er ist bei den Vorgesetzten gut angeschrieben,
er aber -- Peredonoff -- mu sich seine Befrderung zum Inspektor erst
erwerben; es ist nicht gut, sich nur auf die Protektion zu verlassen,
man mu auch bestrebt sein, allerorts im besten Lichte zu erscheinen.
Schon seit einigen Tagen, noch bevor er angefangen hatte, die
Honoratioren zu besuchen, hatte er daran gedacht, aber wieder war ihm,
rein zufllig, der alte Hut unter die Hnde geraten. Jetzt ergriff er
Gegenmaregeln: er schleuderte den Hut auf den Ofen, -- so war es
ausgeschlossen, da er ihn wieder aufsetzte.

Warwara war ausgegangen. Klawdja, das Dienstmdchen, wusch die Fubden
in den Empfangszimmern. Peredonoff ging in die Kche, um sich die Hnde
zu waschen. Auf dem Tisch lag eine blaue Papierdte, aus der einige
Rosinen herausgefallen waren. Es war ein Pfund Rosinen gekauft worden,
um sie in das Teebrot einzubacken. Peredonoff fing an, die schmutzigen,
nicht gereinigten Rosinen zu essen und verschlang schnell und gierig das
ganze Pfund. Er war vor dem Tisch stehen geblieben und schielte nach der
Tr um von Klawdja nicht ertappt zu werden. Dann rollte er die
Papierdte sorgfltig zusammen, brachte sie unter dem Rock in das
Vorzimmer und steckte sie in eine seiner Manteltaschen, um sie spter
auf der Strae fortzuwerfen, und so alle Spuren zu vertilgen. Er ging.
Sehr bald vermite Klawdja die Rosinen, erschrak, suchte sie berall und
fand sie nicht. Warwara kam nach Hause, hrte von den verschwundenen
Rosinen und machte Klawdja die heftigsten Vorwrfe: es stand ihr fest,
da das Mdchen die Rosinen aufgegessen hatte.

                   *       *       *       *       *

Auf der Strae war es windig und kein Mensch war zu sehen. Einige Wolken
verdeckten die Sonne. Die Pftzen begannen zu trocknen. Der Himmel
leuchtete in matten Farben. Aber Peredonoff war traurig.

Unterwegs ging er beim Schneider an. Vorgestern hatte er bei ihm eine
neue Uniform bestellt. Er sollte sich mit der Arbeit beeilen.

Als Peredonoff an der Kirche vorbeiging, nahm er die Mtze ab und
bekreuzigte sich dreimal. Das machte er so augenfllig als mglich,
damit alle Vorbergehenden sehen sollten, wie der knftige Inspektor an
der Kirche vorbeiging. Frher hatte er das nie getan, jetzt empfand er
es als Notwendigkeit. Vielleicht geht ein Spion hinter ihm her oder
irgend jemand steht an der Straenecke oder hinter einem Baum und
beobachtet ihn.

Der Chef der Landpolizei wohnte am andern Ende der Stadt. Vor der
Pforte, die weit aufgetan war, stand ein Schutzmann; das war eine
Begegnung, die Peredonoff seit den letzten Tagen mit Angst erfllte. Auf
dem Hofe hielten sich einige Bauern auf; auch sie sahen ungewhnlich
aus, sie waren so merkwrdig still und schweigsam. Der Hof war
schmutzig. Einige mit Bastgeweben verdeckte Bauernwagen standen umher.
Auch im dunklen Vorhaus stand ein Schutzmann, ein kleiner, schmchtiger
Mensch, der pflichtbewut und betrbt aussah. Er stand regungslos da und
hielt ein Buch in schwarzem Ledereinband unter dem Arm. Ein zerzaustes
Mdchen kam barfu aus einem Nebenzimmer gelaufen, half Peredonoff aus
seinem Ueberzieher und fhrte ihn dann ins Besuchszimmer, wobei sie
immerfort wiederholte:

Bitte treten Sie ein. Sjemn Grigorjewitsch wird gleich kommen.

Das Empfangszimmer war sehr niedrig. Peredonoff fhlte sich bedrckt.
Die Mbel waren dicht an die Wnde gerckt. Der Fuboden war mit
schlichten Hanfmatten bedeckt. Rechts und links hinter den Wnden hrte
man Geflster und verschiedene Gerusche. An der Tr standen blasse
Frauen und skrophulse Kinder, sie hatten gierige, blanke Augen.
Manchmal konnte man einige Worte der geflsterten Unterhaltung
verstehen:

Hast du gebracht ...

Wohin soll ich's tragen?

Wohin befehlen Sie, da ich es hinlege?

Von Sidor Petrowitsch Jermoschkin.

Der Polizeichef kam. Er knpfte an seinem Uniformrock und lchelte
slich.

Verzeihen Sie, da ich auf mich warten lie, sagte er und umfate
Peredonoffs Rechte mit seinen mchtigen Fusten, ich hatte einige
Geschfte zu erledigen. So ist unser Dienst, da gibt's kein
Aufschieben.

Sjemn Grigorjewitsch Mintschukoff war ein groer, starkknochiger,
schwarzhaariger Mann; er hatte eine unbedeutende Glatze, hielt sich ein
wenig krumm; und die Hnde hingen ihm herunter, wie zwei Bretter. Er
lchelte oft und machte dabei ein Gesicht, als htte er etwas
Verbotenes, doch Schmackhaftes gegessen, das er just verdaute. Seine
Lippen waren sehr rot und schwulstig, seine Nase massiv, sein
Gesichtsausdruck sinnlich und aufmerksam, aber dumm.

Die ganze Umgebung hier machte Peredonoff befangen. Er murmelte
unzusammenhngende Worte, sa in seinem Sessel und war bemht, seine
Mtze so zu drehen, da der Polizeichef die Kokarde daran bemerken
mute. Mintschukoff sa kerzengrade ihm gegenber an der andern Seite
des Tisches, er lchelte slich, und seine riesigen Hnde glitten
langsam ber die Kniee, schlossen sich und ffneten sich wieder.

Man schwatzt Gott wei welchen Unsinn, sagte Peredonoff, nichts
Derartiges ist vorgekommen. Ich selber knnte denunzieren. Ich habe
nichts auf dem Gewissen, aber von ihnen wte ich Dinge zu berichten.
Ich will nur nicht. Hinter dem Rcken wird man verleumdet und ins
Gesicht lachen sie einem. Sie werden zugeben, da das bei meiner
Stellung uerst peinlich ist. Ich habe Protektionen, da wirft man mir
Steine in den Weg. Man beobachtet mich durchaus berflssiger Weise, man
verliert Zeit dabei und belstigt mich. Wohin ich nicht gehe, die ganze
Stadt spricht davon. Ich hoffe sehr, da Sie im Falle einer Anfrage auf
meiner Seite stehen werden.

Aber gewi, das ist doch natrlich, mit dem grten Vergngen will ich
das, sagte Mintschukoff und streckte seine Fuste vor; wir in der
Polizei mssen das doch am besten wissen, ob Grund zu Verdchtigungen
vorliegt oder nicht.

Mir kann es natrlich Wurst sein, sagte Peredonoff bse, mgen sie
schwatzen, ich frchte nur, da es mir im Dienst schaden knnte. Die
Leute sind schlau. Achten Sie nicht darauf, was man so redet, zum
Beispiel der Rutiloff. Was kann man wissen, er grbt vielleicht einen
Gang unter die Sparbank. Das wre doch ein Frevel sondergleichen.

Mintschukoff dachte zuerst, Peredonoff wre betrunken und schwatze
einfach Unsinn. Nach einigem Anhren begriff er jedoch, da Peredonoff
irgend jemanden anklage, der ihn verleumdet htte, und Gegenmaregeln zu
ergreifen bittet.

Grnschnbel sind sie, fuhr Peredonoff fort, dabei dachte er an
Wolodin, und halten groe Stcke von sich. Andern stellen sie nach und
haben die schmutzigsten Geschichten auf dem Gewissen. Man sagt wohl,
Jugend kennt keine Tugend. Manche sind auch Angestellte der Polizei und
tun doch genau dasselbe.

Und er redete lange von den dummen, grnen Jungen, scheute sich aber,
Wolodins Namen zu nennen. Die bei der Polizei Angestellten hatte er aber
erwhnt, um Mintschukoff damit anzudeuten, da er auch von ihnen
Ungnstiges berichten knne. Mintschukoff verstand das so, als rede
Peredonoff von zwei jungen Polizeibeamten, von denen er wute, da sie
jungen Mdchen den Hof machten. Die Verlegenheit und die Angst
Peredonoffs wirkten unwillkrlich ansteckend auf Mintschukoff.

Ich will die Sache in die Hand nehmen, sagte er besorgt, dachte einen
Augenblick nach und lchelte dann wieder slich. Da hab ich zwei junge
Beamte, sie sind noch ganz grn. Glauben Sie mir auf Ehre und Gewissen,
den einen stellt seine Mama noch in den Winkel.

Peredonoff lachte abgerissen.

                   *       *       *       *       *

Inzwischen war Warwara bei der Gruschina gewesen. Da erfuhr sie eine
sensationelle Neuigkeit.

Liebste Warwara Dmitriewna, begann die Gruschina eifrig, als Warwara
kaum ber die Schwelle ihres Hauses getreten war, ich habe eine
Neuigkeit fr Sie, -- Sie werden starr sein.

Was fr eine Neuigkeit? fragte Warwara schmunzelnd.

Nein, denken Sie nur, was fr elende Geschpfe auf der Welt
herumlaufen! Was die sich fr Sachen ausdenken, um ihr Ziel zu
erreichen.

Ja, worum handelt es sich denn?

Na, warten Sie, ich will es erzhlen.

Die schlaue Gruschina bewirtete indes Warwara zuvor mit Kaffee, dann
trieb sie ihre Kinder auf die Strae hinaus. Die Aelteste war
eigensinnig und wollte nicht gehen.

Du verdammtes Luder! schrie die Gruschina.

Selbst Luder! antwortete das freche Ghr und stampfte mit den Fen.

Die Gruschina packte das Mdchen an den Haaren, zerrte es auf den Hof
und verschlo die Haustr.

Ein eigensinniges Balg, beklagte sie sich, es ist ein Elend mit
diesen Kindern. Ich kann mit ihnen nicht fertig werden. Einen Vater
mten sie haben.

Heiraten Sie, dann ist auch der Vater da, meinte Warwara.

Gott wei, liebste Warwara Dmitriewna, wen man da auf den Hals bekommt.
Er wird die Kinder noch mihandeln.

Das Mdchen war inzwischen auf die Strae gelaufen und warf von dort aus
eine Handvoll Sand auf die Mutter, deren Haar und Kleider ganz
beschmutzt wurden. Die Gruschina steckte ihren Kopf zum Fenster hinaus
und schrie:

Wart du nur, Satansbalg, Prgel sollst du kriegen. Komm nur nach Hause.
Ich will dich lehren, verdammtes Luder.

Selbst Luder! Bses Vieh! schrie das Mdchen auf der Strae, hpfte
auf einem Bein und drohte der Mutter mit ihren kleinen, schmutzigen
Fusten.

Die Gruschina schrie sie an:

Wart du nur! und schlo das Fenster. Dann setzte sie sich ruhig hin,
als wre nichts geschehen und sagte:

Ach richtig, ich wollte Ihnen eine Neuigkeit erzhlen. Ich habe es
total vergessen. Beunruhigen Sie sich nicht, teuerste Freundin, es wird
nichts aus der Geschichte.

Ja, was denn eigentlich? fragte Warwara erschreckt, und die
Kaffeetasse klirrte in ihrer Hand.

Wissen Sie, im Gymnasium wurde in die fnfte Klasse ein Schler
aufgenommen, Pjilnikoff mit Namen. Er soll aus Ruban stammen, und man
sagt, seine Tante htte in unserem Kreis ein Gut gekauft.

Das wei ich, sagte Warwara, ich habe ihn gesehen. Er kam mit der
Tante zu uns. Er ist so geschniegelt und sieht wie ein Mdchen aus, und
wird immerwhrend rot.

Liebste Warwara Dmitriewna, das ist es ja gerade, wie sollte er nicht
wie ein Mdchen aussehen, -- es ist ja ein verkleidetes Frulein!

Nein, was Sie sagen! rief Warwara.

Das ist mit Absicht so eingefdelt, um Ardalljon Borisowitsch
einzufangen, sprach die Gruschina eilig, mit den Hnden fuchtelnd und
froh erregt, da sie eine so wichtige Neuigkeit weitergeben konnte.
Wissen Sie, dieses Frulein hat einen Vetter, ein Waisenkind; der war
tatschlich Schler in Ruban. Die Mutter des Fruleins nun lie ihn aus
der Schule austreten und dem Frulein wurden seine Papiere gegeben, um
in unser Gymnasium eintreten zu knnen. Ist es nicht verdchtig, da man
ihn zu einer Frau in Pension gegeben hat, wo keine andern Schler sind?
Da lebt er so schn fr sich, und man dachte wohl, da die Sache nicht
herauskommen wird.

Und wie haben Sie es erfahren? fragte Warwara unglubig.

Liebste Warwara Dmitriewna, alle Welt spricht davon. Pltzlich wurde
Verdacht geschpft: alle Jungen betragen sich wie Jungen, dieser ist so
still, schleicht einher, wie ein nasses Huhn. Und sieht man erst sein
Gesicht an, ein fixer Bengel scheint es zu sein, so rosig, so
vollbrstig. Er ist so bescheiden, seine Kameraden haben es schon
bemerkt, kaum sagt man ihm ein Wort, so wird er rot. Das ist auch sein
Spitzname: Mdchen. Sie wollen sich ber ihn nur lustig machen und
wissen gar nicht, da es wirklich so ist. Und stellen Sie sich vor, wie
schlau sie vorgingen: nicht einmal die Pensionsmutter wei etwas.

Woher haben Sie es denn? wiederholte Warwara.

Liebste Warwara Dmitriewna, was erfahr ich nicht alles! Ich kenne doch
jedermann. Das wissen doch alle, da dort im Hause ein Junge lebt, der
ebenso alt ist, wie dieser. Warum sind sie nicht zusammen ins Gymnasium
eingetreten? Man sagt, er sei den Sommer ber krank gewesen, msse sich
ein Jahr erholen und wird dann wieder zur Schule kommen. Aber das ist
alles Unsinn, -- das ist ja gerade der bewute Gymnasiast. Und
andrerseits ist bekannt, da dort ein junges Mdchen war. Man erzhlt,
sie habe geheiratet und sei jetzt im Kaukasus. Das ist wieder eine Lge,
sie ist berhaupt nicht fortgefahren, sondern lebt hier als Knabe
verkleidet.

Mir ist die Berechnung dabei unklar! meinte Warwara.

Wie, was fr eine Berechnung! sagte die Gruschina lebhaft, einen von
den Lehrern wollen sie einfangen, es gibt doch Junggesellen genug
darunter, oder sonst irgend einen andern. Als Knabe kann sie die
einzelnen in ihren Privatwohnungen besuchen und wei Gott was alles
tun.

Warwara sagte erschreckt:

Ein abgelecktes Mdel!

Und wie noch! pflichtete die Gruschina bei, schn wie ein Bild. Nur
jetzt im Anfang tut sie so schchtern; das wird sich geben mit der Zeit;
sie wird alle in der Stadt hier umgarnen. Und, stellen Sie sich vor, wie
schlau sie sind: kaum hatte ich von der Sache Wind gekriegt, versuchte
ich sofort mit seiner -- soll heien mit ihrer -- Pensionsmutter zu
sprechen; man wei ja schon gar nicht, wie man sich ausdrcken soll.

Pfui Deibel -- Gott verzeih mir -- welche Gemeinheit! sagte Warwara.

Zur Vesper ging ich in die Kirche, sie ist nmlich sehr fromm. Olga
Wassiljewna -- sag ich -- warum haben Sie denn heuer nur einen
Pensionr? Da kommen Sie doch nicht auf Ihre Kosten -- sage ich. Sie
antwortet: wozu brauche ich mehr. Es ist so eine Wirtschaft mit
mehreren. Ich sage darauf: aber Sie haben doch frher immer zwei, drei
Jungen gehabt. Darauf sie -- stellen Sie sich nur vor, liebste Warwara
Dmitriewna -- ja, sagt sie, sie htten schon so eine Vereinbarung
getroffen, da Saschenka allein bei ihr leben solle. Sie sind nicht arm
-- sagt sie --, haben etwas mehr gezahlt; sie frchten nmlich, da er
mit andern Jungen zusammen verwildern wrde. Wie finden Sie das?

So ein Pack! sagte Warwara aufgebracht. Haben Sie ihr denn gesagt,
da er ein Mdchen ist?

Ich sagte ihr also --, passen Sie nur auf -- sage ich -- Olga
Wassiljewna, da man Ihnen kein Mdchen fr einen Knaben unterschiebt.

Und was sagte sie?

O, sie dachte, da ich nur scherze und lachte. Dann sagte ich
eindringlicher, -- liebste Olga Wassiljewna, sag ich, wissen Sie auch,
da es tatschlich ein Mdchen sein soll. Aber sie glaubt nicht, --
Unsinn -- sagt sie -- wie soll das ein Mdchen sein; ich bin doch Gott
sei Dank nicht blind, sagt sie.

Diese Geschichte beunruhigte Warwara. Sie war der festen Ueberzeugung,
da es sich so verhielte und da man ihr ihren Geliebten wegpaschen
wolle. Sie hielt es fr dringend notwendig, das verkleidete Frulein so
schnell als mglich zu entlarven. Lange berieten sie, wie sich das wohl
am besten machen liee, kamen aber vorlufig zu keinem Entschlu.

                   *       *       *       *       *

Zu Hause verdarb die Geschichte mit den verschwundenen Rosinen endgltig
Warwaras Laune.

Als Peredonoff kam, erzhlte sie ihm eilig und aufgeregt, da Klawdja
ein Pfund Rosinen gestohlen htte, es aber nicht gestehen wolle.

Und sie versucht sich noch herauszureden, sagte Warwara gereizt;
vielleicht sagt sie, hat der Herr die Rosinen aufgegessen. Du seiest
aus irgend einem Grunde in die Kche gegangen, whrend sie die Dielen
scheuerte, und habest dich dort ungewhnlich lange aufgehalten.

Durchaus nicht lange, sagte Peredonoff bse; ich wusch mir nur die
Hnde und habe die Rosinen nicht einmal gesehen.

Klawdjuschka, Klawdjuschka! schrie Warwara, der Herr sagt, da er die
Rosinen berhaupt nicht gesehen hat, -- also hattest du sie schon frher
irgendwohin versteckt.

Klawdjas vom Weinen gertetes Gesicht erschien in der Trspalte.

Ich habe Ihre Rosinen nicht genommen, schrie sie weinend; ich werde
andere kaufen, aber genommen habe ich sie nicht.

Kauf nur, kauf nur! rief Warwara bse, ich habe keine Lust, dich mit
Rosinen zu fttern.

Peredonoff fing an zu lachen und rief:

Djuschka hat ein Pfund Rosinen geklommen.

Man tut mir unrecht! schrie Klawdja und schlug die Tr zu.

Beim Essen konnte Warwara nicht umhin, die Geschichte von Pjilnikoff zu
erzhlen. Sie berlegte garnicht, ob es ihr schaden oder ntzen knnte,
wie Peredonoff die Sache aufnehmen wrde, sondern redete einfach aus
Bosheit.

Peredonoff war bemht, sich Pjilnikoffs Erscheinung zu vergegenwrtigen,
konnte sich aber nicht recht an ihn erinnern. Er hatte bisher diesem
neuen Schler nur geringe Aufmerksamkeit zugewandt und verachtete ihn,
weil er stets sauber gekleidet und in den Stunden aufmerksam war, auch
lernte er gut und war dem Alter nach der jngste in der fnften Klasse.
Warwaras Erzhlung rief in ihm eine hliche Neugierde wach. Unkeusche
Gedanken regten sich in seinem langsam arbeitenden Hirn ...

Ich werde zur Vesper in die Kirche gehen, dachte er, und mir dies
verkleidete Mdchen ansehen.

Pltzlich kam Klawdja hereingelaufen, warf triumphierend die
zusammengefaltete blaue Papierdte auf den Tisch und rief:

Sie haben mich beschuldigt, ich htte die Rosinen gegessen. Und _das_
hier? Ich brauche Ihre Rosinen garnicht!

Peredonoff erriet sofort, worum es sich handelte; er hatte ganz
vergessen, die Dte auf der Strae fortzuwerfen, und Klawdja hatte sie
jetzt in seiner Manteltasche gefunden.

Teufel auch! entfuhr es seinen Lippen.

Was soll das, woher kommt das? fragte Warwara.

Das habe ich in des Herrn Manteltasche gefunden, antwortete Klawdja
schadenfroh. Er selber hat die Rosinen gegessen und lenkt den Verdacht
auf mich. Man wei doch, da der Herr zu naschen liebt, aber warum wlzt
er die Schuld auf andere, wenn er selber ...

Jetzt hr aber auf, sagte Peredonoff rgerlich. Warum lgst du so? Du
hast mir die Dte in die Tasche gesteckt, ich habe nichts genommen.

Wie sollte ich sie Ihnen in die Tasche stecken, da sei Gott vor! sagte
Klawdja verwirrt.

Wie durftest du fremde Taschen untersuchen? fuhr Warwara auf. Du
suchtest da wohl nach Geld?

Ich untersuche garnicht fremde Taschen, sagte Klawdja grob. Ich
wollte den Mantel brsten, weil er ganz beschmutzt war.

Und was hattest du in der Tasche zu suchen?

Die Dte ist von selber herausgefallen, ich habe nicht in den Taschen
gesucht, rechtfertigte sich Klawdja.

Du lgst, Djuschka, sagte Peredonoff.

Ich heie nicht Djuschka, was habt Ihr Euch ber mich lustig zu
machen! schrie Klawdja. Der Teufel hol Euch! Ich werde die Rosinen
kaufen, dann knnt Ihr daran ersticken! Selbst fret Ihr sie auf, und
ich mu sie ersetzen. Und ich werde sie ersetzen, -- Ihr habt,
scheint's, kein Gewissen und keine Ehre im Leibe, und sowas nennt sich
Herrschaft!

Klawdja ging weinend und schimpfend in die Kche. Peredonoff lachte
abgerissen und sagte:

Die ist mal wtend.

La sie nur kaufen, sagte Warwara; wenn man ihnen durch die Finger
sieht, fressen einen diese verhungerten Bestien kapp und kahl.

Und noch lange nachher wurde Klawdja damit geneckt, da sie ein ganzes
Pfund Rosinen aufgegessen htte. Das Geld dafr wurde ihr vom Lohne
abgezogen und allen Gsten die Geschichte als Kuriosum erzhlt.

Der Kater, als htte ihn das Geschrei angelockt, kam lngs den Wnden
aus der Kche herangeschlichen, setzte sich zu Peredonoffs Fen und
starrte ihn mit bsen, gierigen Augen an. Peredonoff bckte sich, um ihn
zu fangen. Der Kater fauchte wtend, zerkratzte Peredonoffs Hand und
verkroch sich unter den Schrank. Von dort schielte er hervor, und seine
lnglich-grnen Pupillen funkelten.

Wie ein Gespenst, dachte Peredonoff mit Grauen.

Warwara dachte die ganze Zeit ber an Pjilnikoff und sagte:

Du solltest doch lieber am Abend ab und zu deine Schler, die in
Pensionen leben, besuchen, statt Billard zu spielen. Sie wissen genau,
da die Lehrer nur selten kommen, und der Inspektor kommt manches Jahr
berhaupt nicht; was Wunder, wenn sie allerhand Unfug treiben,
Kartenspielen und Rauchen. Geh doch z. B. zu diesem verkleideten
Mdchen. Aber erst wenn es spt ist und sie voraussichtlich zu Bett
geht; du kannst sie dann entlarven.

Peredonoff berlegte sich die Sache und lachte laut auf.

Warwara ist ein schlaues Weib, dachte er, von ihr kann man lernen.




                                  XII


Zur Vesper ging Peredonoff in die Kirche des Gymnasiums. Er stand hinter
den Schlern und beobachtete aufmerksam wie sie sich betrugen. Einige --
so schien es ihm, -- schwatzten, pufften einander, lachten, flsterten
und kicherten. Er merkte sich ihre Namen. Doch waren ihrer so viele, da
es ihm etwas schwer fiel, alle Namen zu behalten, und er rgerte sich
ber sich selber, da er nicht daran gedacht hatte eine Bleifeder und
Papier von Hause mitzunehmen, um die Schuldigen zu notieren. Ihm tat es
weh, da die Schler sich so schlecht betrugen und da niemand dieses zu
beachten schien, obgleich der Direktor und der Inspektor mit ihren
Frauen und Kindern in der Kirche waren.

In Wirklichkeit verhielten sich die Gymnasiasten still und bescheiden,
-- manche bekreuzigten sich gedankenlos, -- sie dachten vielleicht an
Dinge, welche der Kirche fernliegen, -- andere wieder beteten andchtig.
Ganz selten kam es vor, da einer seinem Nachbar etwas zuflsterte,
zwei, drei Worte nur, fast ohne den Kopf zu wenden, -- und jener
antwortete dann ebenso kurz und leise, oder machte nur eine kleine
Bewegung, zwinkerte mit den Augen, zuckte die Achseln oder lchelte.
Diese kleinen Unregelmigkeiten, die vom Gehilfen des aufsichthabenden
Lehrers gar nicht bemerkt wurden, gestalteten sich in Peredonoffs
erregter, doch stumpfer Auffassung zu Exzessen grbster Natur. Auch wenn
Peredonoff innerlich ruhig war, verstand er nicht -- wie brigens alle
groben Menschen -- scheinbar unbedeutende Ereignisse richtig zu werten:
entweder bersah er sie vollstndig, oder er ma ihnen eine viel zu
groe Bedeutung bei. Jetzt aber, wo Furcht und Erwartung ihn heftig
erregten, gehorchte ihm sein Gefhl noch weniger und ganz allmhlich
wandelte sich ihm die Wirklichkeit zu einem Wahngebilde feindlicher und
bser Erscheinungsformen.

Aber auch frher, -- was bedeutete ihm sein ganzer Beruf? Doch nicht
mehr als eine umstndliche Vorrichtung mglichst viel Papier
vollzuschreiben und mit gelangweilter Stimme Dinge vorzutragen, die
vielleicht einmal das Anrecht darauf gehabt hatten, lebendig genannt zu
werden.

Whrend seiner ganzen pdagogischen Ttigkeit hatte es Peredonoff in der
Tat nie erfat, -- und er hatte auch nie daran gedacht, -- da auch die
Schler Menschen sind, genau solche Menschen, wie die Erwachsenen. Nur
jene Gymnasiasten, denen schon der Bart keimte und die nach
geschlechtlichem Verkehr verlangten, erkannte er als gleichberechtigt
an.

Nachdem er die hinteren Reihen beobachtet hatte und viele traurige
Eindrcke gesammelt hatte, ging er ein wenig vor. Da stand rechts ganz
am Ende einer Reihe Sascha Pjilnikoff, er betete andchtig und kniete
oft nieder. Peredonoff beobachtete ihn genau, und besondere Freude
bereitete es ihm, wenn Sascha auf den Knieen lag, als wre er bestraft,
und auf die glnzenden Altartren schaute mit einem sorgenvollen,
bittenden Ausdruck im Gesicht mit flehenden, traurigen Augen, die von
langen, tiefschwarzen Wimpern beschattet waren. Er war brunlich und
schn gewachsen, -- dieses konnte man besonders dann sehen, wen er so
ruhig und grade kniete, als wte er, da ihn jemand scharf beobachtete.
Seine Brust war hoch und breit und Peredonoff glaubte mit Sicherheit
annehmen zu knnen, da Pjilnikoff ein Mdchen sei.

Nun beschlo Peredonoff endgltig, heute noch nach der Vesper in die
Pension zu gehen, wo Pjilnikoff lebte.

                   *       *       *       *       *

Man ging aus der Kirche. Den Leuten fiel es auf, da Peredonoff nicht
wie sonst einen Hut, sondern seine Dienstmtze mit der Kokarde trug.
Rutiloff fragte lachend:

Warum renommierst du neuerdings mit der Kokarde, Ardalljon
Borisowitsch? Da kann man sehn, wie ein Mensch die Befrderung zum
Inspektor erstrebt.

Mssen die Soldaten jetzt vor Ihnen Front machen? fragte Valerie mit
geheuchelter Einfalt.

Was fr Dummheiten! sagte Peredonoff bse.

Du begreifst auch gar nichts, sagte Darja, doch nicht die Soldaten!
-- Die Schler werden jetzt Ardalljon Borisowitsch viel hher achten als
frher.

Ludmilla lachte. Peredonoff beeilte sich, von ihnen Abschied zu nehmen,
um ihren boshaften Bemerkungen zu entfliehen.

Um Pjilnikoff aufzusuchen, war es noch zu frh und nach Hause wollte er
nicht. Peredonoff ging durch die dunklen Straen und berlegte, wo er
noch etwa eine Stunde zubringen knne. Es gab so viele Huser, in
manchen brannte Licht, und aus den geffneten Fenstern hrte man hie und
da Stimmen. Die heimkehrenden Kirchgnger gingen durch die Straen und
man hrte, wie Pforten und Tren aufgetan und wieder zugeschlagen
wurden. Ueberall lebten fremde, feindlich gesinnte Leute, und manche von
ihnen brteten vielleicht gerade ber einem Anschlag gegen ihn -- den
Lehrer Peredonoff.

Vielleicht wunderte sich dieser oder jener bereits darber, da
Peredonoff zu so spter Stunde allein durch die Straen ging und wohin
er ging. Es schien Peredonoff, als wrde er von jemand, der hinter ihm
herschliche, beobachtet. Ihm wurde unheimlich. Er beschleunigte seine
Schritte und ging ziellos weiter.

Er dachte daran, da wohl in jedem Hause so mancher gestorben war. Und
alle, die in diesen alten Husern an die fnfzig Jahre gelebt hatten,
sie alle waren gestorben. An einige von den Verstorbenen konnte er sich
noch erinnern.

Wenn ein Mensch stirbt, so sollte man sein Haus gleich verbrennen,
dachte Peredonoff traurig, sonst ist es zu unheimlich.

Olga Wassiljewna Kokowkina, bei der der Gymnasiast Sascha Pjilnikoff in
Pension lebte, war die verwitwete Frau eines Rentmeisters. Ihr Mann
hatte ihr eine Pension und ein kleines Haus hinterlassen; das Haus war
ihr zu gro, und so vermietete sie zwei bis drei Zimmer. Sie liebte es,
besonders Gymnasiasten als Pensionre zu haben, und es hatte sich so
gefgt, da immer nette und bescheidene Jungen, die fleiig arbeiteten
und den Gymnasialkursus auch absolvierten, bei ihr gewohnt hatten. In
den andern Schlerpensionen war es meist anders; da lebten oft junge
Leute, die von einem Gymnasium ins andere geschickt wurden und daher
ber eine nur mittelmige Bildung verfgten.

Olga Wassiljewna war eine ltere Dame; sie hielt sich sehr gerade, war
gro von Wuchs und mager, hatte ein freundliches Gesicht, bemhte sich
aber, es in strenge Falten zu legen. Sascha Pjilnikoff war ein netter,
wohlerzogener Junge. Die beiden saen am Teetisch. Heute war die Reihe
an Sascha den Saft zu liefern, den er von zu Hause mitgebracht hatte und
den man zum Tee zu essen pflegte. Daher fhlte er sich gewissermaen als
Gastgeber, bewirtete eifrig Olga Wassiljewna, und seine schwarzen Augen
blitzten dabei vor Freude.

Es lutete, -- und gleich darauf erschien Peredonoff im Speisezimmer.
Die Kokowkina war erstaunt ber den spten Besuch.

Ja, ich wollte mir mal unsern Jungen ansehn, sagte er, wie er hier
lebt, was er treibt.

Die Kokowkina bot Peredonoff ein Glas Tee an; er lehnte ab, denn es war
ihm darum zu tun, den Jungen unter vier Augen zu sprechen und darum
wnschte er im stillen, da man mit dem Teetrinken bald zu Ende kme.
Endlich war es so weit; man ging in Saschas Zimmer, aber die Kokowkina
blieb und redete ohne Ende. Peredonoff fixierte Sascha, und der schwieg
trotzig.

Nichts wird herauskommen bei diesem Besuch, dachte Peredonoff rgerlich.

Die Magd bat die Kokowkina, fr einen Augenblick herauszukommen. Sie
ging. Sascha blickte ihr traurig nach. Seine Augen wurden matt und die
langen Wimpern schienen das ganze Gesicht zu beschatten. Die Gegenwart
dieses vergrmten Menschen war ihm uerst peinlich. Peredonoff setzte
sich neben ihn, legte den Arm ungeschickt um seine Schultern und ohne
den Gesichtsausdruck zu verndern, fragte er:

Nun Sascha, haben Sie heute brav gebetet?

Sascha blickte verschmt und ngstlich auf Peredonoff, wurde rot und
schwieg.

Warum antworten Sie denn nicht? erkundigte sich Peredonoff.

Ja! sagte Sascha nach langer Pause.

Sieh mal an, was fr rote Backen du hast, sagte Peredonoff. Du bist
ein Mdchen, gesteh es nur? So ein Schlingel!

Ich bin kein Mdchen, sagte Sascha und rgerte sich ber sein
bisheriges trotziges Schweigen. Mit klingender Stimme fragte er: Worin
sollte ich einem Mdchen hnlich sehn? Ihre Gymnasiasten sind schuld
daran und necken mich so, weil ich nicht gemeine Worte in den Mund
nehmen will: aber ich werde auf keinen Fall nachgeben und habe auch gar
keinen Grund, Schweinereien zu reden, und auerdem gehrt das nicht zu
meinen Gewohnheiten.

Die Mama bestraft dich dann? fragte Peredonoff.

Ich habe keine Mama, sagte Sascha, meine Mama ist schon lange tot;
ich habe eine Tante.

Na also die Tante wird dich bestrafen?

Natrlich wird sie mich bestrafen, wenn ich Schweinereien rede. Das ist
doch nicht gut!

Woher soll es aber die Tante erfahren?

Ich will ja selber nicht, sagte Sascha ruhig, die Tante kann es wei
Gott woher erfahren. Ich knnte mich zum Beispiel versprechen.

Welche Kameraden von Ihnen gebrauchen unanstndige Worte? fragte
Peredonoff.

Sascha wurde wieder rot und schwieg.

Na -- sagen Sie's doch, bestand Peredonoff auf seinem Wunsch, Sie
sind verpflichtet, es mir mitzuteilen, da gibt es kein Verheimlichen.

Ach -- niemand, sagte Sascha verlegen.

Aber Sie haben sich doch eben noch beklagt!

Ich habe mich nicht beklagt.

Ja -- wie knnen Sie das nur leugnen, sagte Peredonoff bse.

Sascha fhlte, da er elend in die Falle gegangen war. Er sagte:

Ich wollte Ihnen nur erklren, warum ich von einigen Kameraden Mdchen
genannt werde. Aber klatschen will ich nicht.

Oho, warum denn nicht? fragte Peredonoff wtend.

Es ist nicht anstndig, sagte Sascha und lchelte gezwungen.

Warten Sie nur, ich werde mit dem Direktor sprechen und dann wird man
Sie zum Reden zwingen, sagte Peredonoff schadenfroh.

Sascha blickte auf Peredonoff und seine Augen funkelten zornig.

Nein, bitte Ardalljon Borisowitsch, tun Sie das nicht, bat er.

Seine Stimme klang abgerissen und hart, so da man heraushren konnte,
wie schwer ihm das Bitten wurde und da er lieber freche, drohende Worte
gerufen htte.

Nein, ich werde es sagen. Dann werden Sie mal sehen, was das heit,
Schweinereien zu verheimlichen. Sie htten sofort klagen sollen. Warten
Sie nur, es wird Ihnen schlimm gehen.

Sascha war aufgestanden und spielte ganz eingeschchtert an seinem
Grtel. Die Kokowkina erschien.

Ein wohlerzogenes Kind haben Sie da! sagte Peredonoff bse, nichts zu
sagen!

Die Kokowkina erschrak. Eilig ging sie zu Sascha, setzte sich neben ihn
(denn wenn sie erregt war, zitterten ihre Beine) und fragte ngstlich:

Hat er was Schlimmes getan, Ardalljon Borisowitsch?

Fragen Sie ihn doch selber, sagte Peredonoff mit verhaltener Wut.

Ja, was gibt es denn, Saschenjka, was hast du getan? fragte die
Kokowkina und berhrte Saschas Ellbogen.

Ich wei nicht, sagte Sascha und weinte.

Was ist dir nur, was gibt es denn, warum weinst du? fragte die
Kokowkina.

Sie legte ihre Hand auf des Knaben Schulter, zog ihn an sich und
bemerkte gar nicht, da ihm das unbequem war. Er war stehen geblieben,
hielt das Taschentuch vor die Augen und schluchzte. Peredonoff erklrte:

Man lehrt ihn im Gymnasium Schweinereien zu reden und er will nicht
sagen, wer das tut. Er darf das nicht verheimlichen. Sonst lernt er doch
selber alle Gemeinheiten und wird die andern in Schutz nehmen.

Aber Saschenjka, Kind, wie konntest du nur! Darf man denn das? Schmst
du dich garnicht! sagte die Kokowkina verwirrt und lie den Jungen los.

Ich habe nichts Schlimmes getan, schluchzte Sascha, dafr neckt man
mich grade, da ich niemals hliche Worte sage.

Wer tut denn das? wiederholte Peredonoff seine Frage.

Niemand tut das, rief Sascha verzweifelt.

Sehen Sie, wie er lgt! sagte Peredonoff; er mu grndlich bestraft
werden. Er mu sagen, wer der Schuldige ist, sonst kommt die ganze
Schule in Verruf und uns sind die Hnde gebunden.

Verzeihen Sie ihm doch, Ardalljon Borisowitsch, sagte die Kokowkina;
er kann doch seine Kameraden nicht angeben? Denken Sie nur, wie sehr
man ihm das verbeln wrde.

Er ist dazu verpflichtet, sagte Peredonoff bse, nur so lt sich was
dagegen tun, nur so knnen wir die entsprechenden Manahmen ergreifen.

Die Jungen werden ihn verprgeln, sagte die Kokowkina unsicher.

Sie werden es nicht wagen. Wenn er feige ist, dann mag er es mir im
Vertrauen sagen.

Lieber Junge, sag's ihm im Vertrauen. Niemand wird erfahren, da du es
gesagt hast.

Sascha schwieg und weinte. Die Kokowkina zog ihn an sich, umarmte ihn
und flsterte ihm lange etwas ins Ohr. Er schttelte nur den Kopf.

Er will nicht, sagte die Kokowkina.

Ruten mu er kriegen, dann wird er schon wollen, sagte Peredonoff
zornig, bringen Sie mir eine Rute. Ich will ihn zwingen zu reden.

Aber wofr denn! rief Sascha.

Die Kokowkina stand auf und umarmte ihn.

Jetzt hast du genug geheult, sagte sie freundlich, aber ernst,
niemand tut dir was zuleide.

Wie Sie wnschen, sagte Peredonoff, in diesem Fall mu ich mit dem
Direktor sprechen. Ich wollte die Sache unter uns abmachen, und es wre
fr ihn vorteilhafter gewesen. Ihr Saschenjka ist wohl auch mit allen
Hunden gehetzt. Wir wissen noch nicht, warum er eigentlich >Mdchen<
genannt wird, -- vielleicht hat es seinen ganz besonderen Grund.
Vielleicht ist er es, der das Laster ins Gymnasium bringt.

Peredonoff verlie das Zimmer und die Kokowkina begleitete ihn hinaus.
Sie sagte vorwurfsvoll:

Wie knnen Sie nur den Jungen mit solchen Sachen in Verlegenheit
bringen. Es ist nur gut, da er Ihre Worte gar nicht begreift.

Adieu, adieu, sagte Peredonoff bse, ich werde mit dem Direktor
sprechen. Der Sache mu man auf den Grund kommen.

Er ging. Die Kokowkina kehrte zurck, um Sascha zu trsten. Er sa
traurig am Fenster und sah auf den Sternenhimmel. Seine schwarzen Augen
blickten schon wieder ruhig, doch seltsam traurig. Die Kokowkina
streichelte seinen Kopf ohne ein Wort zu sagen.

Ich bin selbst schuld daran, sagte er, ich habe mich verschwatzt, und
er hlt jetzt fest daran. Er ist so grob. Kein einziger Schler liebt
ihn.

                   *       *       *       *       *

Am darauffolgenden Tage bezogen Peredonoff und Warwara endlich ihre neue
Wohnung. Die Jerschowa stand an der Pforte und schimpfte nach Krften
auf Warwara, und diese suchte ihr in nichts nachzustehen. Peredonoff
hielt sich hinter dem Mbelwagen versteckt.

In der neuen Wohnung mute ein Priester gleich beim Einzug ein
feierliches Gebet verrichten. Denn Peredonoff hielt es fr unerllich,
seinen strengen Glaubensstandpunkt auch nach auen hin zu zeigen.
Whrend der feierlichen Handlung wurde mit Weihrauch geruchert, und der
schwere Geruch versetzte Peredonoff in eine bedrckte, fast feierliche
Stimmung.

Etwas sehr Merkwrdiges beunruhigte ihn nicht wenig. Von irgendwoher kam
pltzlich ein eigenartiges, ganz unbestimmbares graues Tierchen
gelaufen, ein gespenstisches, flinkes Tierchen. Es schien zu grinsen,
zitterte und drehte sich immerfort um Peredonoff herum. Wenn er die Hand
danach ausstrecken wollte, glitt es geschwind hinter die Tr oder unter
einen Schrank und dann war es gleich wieder da, dieses graue, wesenlose,
gespenstische Geschpf und zitterte und machte Mnnchen.

Als die feierliche Handlung ihrem Ende entgegenging, besann sich
Peredonoff und flsterte eifrig Beschwrungsformeln. Das unheimliche
Tier aber zirpte ganz leise, leise, rollte sich zusammen und verschwand
hinter der Tr. Peredonoff atmete erleichtert auf.

Wie gut, wenn es fr immer verschwunden wre. Aber vielleicht lebt es
ganz in dieser Wohnung, irgendwo unter dem Fuboden und dann wird es
wiederkommen und wird ihn qulen. Peredonoff schauerte.

Warum gibt es diese dmonischen Wesen? dachte er.

Als das Gebet zu Ende war, und als die Gste sich schon verabschiedet
hatten, mute Peredonoff immer noch daran denken, wo das gespenstische
Tier sich versteckt haben knnte. Warwara war zur Gruschina gegangen; da
machte sich Peredonoff auf die Suche und durchwhlte alle ihre Sachen.

Vielleicht hat Warwara es in die Tasche gesteckt und mitgenommen? dachte
er, viel Platz braucht es nicht. Es kriecht in die Tasche und wird dort
warten, bis seine Zeit gekommen ist.

Besonders eins von Warwaras Kleidern erregte seine Aufmerksamkeit. Es
war ganz mit Spitzen und Bndern benht und frmlich dazu geschaffen, um
etwas darin zu verbergen. Peredonoff betrachtete es lange und
untersuchte es, dann schnitt und ri er mit Hilfe eines Messers die
Tasche heraus und warf sie in den Ofen, und dann zerschnitt und
zerfetzte er das Kleid in lauter kleine Stcke. Dumpfe, absonderliche
Gedanken marterten ihn und eine hoffnungslose Verzweiflung zerri sein
Herz.

Warwara kehrte bald zurck. Peredonoff machte sich noch mit den
Kleiderfetzen zu schaffen. Sie dachte, er sei betrunken und schimpfte
ihn. Peredonoff hrte lange zu, endlich sagte er:

Was bellst du, Bestie! Du versteckst vielleicht einen Teufel in deiner
Tasche, und ich mu wissen, was hier vorgeht.

Warwara schumte. Peredonoff war mit dieser Wirkung zufrieden; er suchte
eilig nach seiner Mtze und ging ins Gasthaus Billard spielen. Warwara
lief ihm ins Vorhaus nach und whrend Peredonoff seinen Mantel anzog,
schrie sie:

Du selber trgst einen Teufel in deiner Tasche! Ich habe berhaupt
keine Teufel. Woher sollte ich ihn nehmen; etwa aus Holland unter
Nachnahme verschreiben!

                   *       *       *       *       *

Der recht jugendliche Beamte Tscherepin -- just derselbe, von dem die
Werschina erzhlt hatte, unter welch merkwrdigen Begleiterscheinungen
er durch die Fenster ihres Hauses gelauert hatte, -- machte der
Werschina den Hof, seit sie Witwe geworden war. Sie war nicht abgeneigt,
ein zweites Mal zu heiraten, doch erschien ihr Tscherepin zu
unbedeutend. Tscherepin war infolgedessen sehr aufgebracht. Er ging mit
Freuden auf Wolodins Vorschlag ein die Pforte am Hause der Werschina mit
Teer zu beschmieren.

Er war einverstanden, aber hinterher kamen die Bedenken. Wie, wenn man
ihn ertappte! Das wre peinlich, er gehrte doch immerhin zum
Beamtenstande. Er beschlo, andere Personen mit dieser Angelegenheit zu
betrauen. So kam es, da er zwei Halbwchslinge zweifelhaften Rufes mit
je 25 Kopeken bestach und bei gutem Erfolg ihnen eine Gratifikation von
je 15 Kopeken zusicherte; -- in einer dunklen Nacht war die Sache
geschehen.

Htte jemand im Hause der Werschina nach Mitternacht ein Fenster
geffnet, so htte er hren knnen, wie Leute barfu ber das Pflaster
liefen, wie sie ganz leise flsterten -- und dann ein merkwrdig weiches
Gerusch, als wrde der Zaun einer Reinigung unterzogen; dann ein leises
Klirren, dieselben Fe laufen eilig davon, immer schneller, immer
schneller, in der Ferne ein unterdrcktes Lachen und lautes Hundegebell.

Aber niemand hatte ein Fenster geffnet. Und am Morgen ... Die Pforte,
der Gartenzaun, die Umfriedung des Hofes, alles war mit gelblichbraunem
Pech besudelt. An der Pforte standen, ebenfalls mit Pech geschrieben,
unanstndige Worte. Alle Vorbergehenden staunten und lachten; die
Neuigkeit verbreitete sich schnell, und viele Neugierige strmten
herbei.

Die Werschina ging erregt im Garten auf und ab, rauchte, lchelte noch
schiefer als sonst und brummte bse. Martha kam garnicht zum Vorschein,
blieb im Hause und weinte. Marie, die Magd, war bemht, das Pech
abzuwaschen und zankte mit den neugierigen, spottenden Leuten, die
gekommen waren das seltsame Schauspiel zu betrachten.

                   *       *       *       *       *

Noch am selben Tage hatte Tscherepin Wolodin die Namen der Tter
genannt. Wolodin hatte es sofort Peredonoff weitererzhlt. Sie beide
kannten die Jungen, die schon wegen ihrer Streiche berchtigt waren.

Als Peredonoff zum Billardspiel ging, suchte er unterwegs die Werschina
auf. Es war ein trber Tag. Die Werschina und Martha saen im Salon.

Man hat Ihre Pforte mit Pech besudelt -- begann Peredonoff.

Martha wurde rot. Die Werschina erzhlte hastig, wie sie am Morgen
aufgestanden wren und bemerkt htten, da die Leute ber ihren Zaun
lachten, und wie Marie dann das Pech abgescheuert htte. Peredonoff
sagte:

Ich wei, wer es gemacht hat.

Die Werschina blickte ihn an und verstand nicht.

Woher wissen Sie das? fragte sie.

Ich habe so meine Quellen.

Wer ist es denn, sagen Sie doch, fragte Martha erregt.

Sie sah ganz hlich aus, denn ihre Augenlider waren vom vielen Weinen
rot und geschwollen. Peredonoff antwortete:

Schn, ich will es sagen, darum bin ich auch hergekommen. Diese
Halunken mssen exemplarisch gezchtigt werden. Sie mssen mir nur
versprechen, da Sie keinem verraten werden, wer Ihnen die Namen genannt
hat.

Ja, warum denn eigentlich, Ardalljon Borisowitsch? fragte die
Werschina erstaunt.

Peredonoff schwieg bedeutungsvoll, dann sagte er wie zur Erklrung:

Es sind solche Schufte, da sie mir den Hals umdrehen wrden, wenn sie
hren sollten, da ich sie angegeben habe.

Die Werschina versprach zu schweigen.

Und Sie drfen auch nicht sagen, da Sie es von mir haben, wandte er
sich an Martha.

Gut, gut, ich werde schweigen, rief Martha schnell; denn es lag ihr
daran, die Namen der Uebeltter zu erfahren. Es schien ihr, da man sie
zu einer schimpflichen, harten Strafe verurteilen mute.

Nein, schwren Sie lieber, sagte Peredonoff vorsorglich.

Also, bei Gott, ich werde keinem ein Wort sagen! beteuerte Martha,
sagen Sie nur schneller wer es war.

Hinter der Tr aber horchte Wladja. Er war froh, da er nicht ins
Gastzimmer gegangen war: man htte ihn sonst zum Stillschweigen
verpflichtet, so konnte er es aber jedermann weitererzhlen. Und er
lchelte vor Freude, da sich ihm hier eine Gelegenheit bot an
Peredonoff Rache zu nehmen.

Etwa um ein Uhr nachts ging ich gestern durch Ihre Strae nach Hause,
erzhlte Peredonoff; pltzlich hre ich, jemand macht sich an Ihrer
Pforte zu schaffen. Erst dachte ich, es wren Diebe. Was soll ich
anfangen! Aber schon hre ich, wie sie fortlaufen und gerade auf mich
los. Ich drckte mich an die Wand, da sie mich nicht bemerken konnten.
Aber ich habe sie erkannt. Der eine hatte einen Maurerpinsel, der andere
einen Eimer. Es waren berchtigte Schurken, die Shne des Schlossers
Ardejeff. Whrend sie vorbeilaufen, hre ich, wie der eine zum andern
sagt: >Die Nacht war nicht umsonst. 55 Kopeken haben wir verdient.<
Schon wollte ich einen packen, aber ich frchtete mich, weil sie mir die
Fratze mit Pech besudelt htten, und auerdem hatte ich neue Kleider
an.

                   *       *       *       *       *

Kaum war Peredonoff gegangen, so begab sich die Werschina zum
Polizeichef, um zu klagen.

Der Polizeichef Mintschukoff schickte einen Schutzmann nach Ardejeff und
dessen Shnen.

Die Jungen traten keck herein; sie dachten, da man sie wegen frherer
Streiche zur Rechenschaft ziehen wolle. Der alte Ardejeff hingegen war
von vornherein davon berzeugt, da seine Shne wieder irgend eine
Schweinerei begangen hatten. Der Polizeichef erzhlte Ardejeff, was
seinen Shnen zur Last gelegt wurde. Ardejeff murmelte:

Ich kann mit den Jungen nicht fertig werden. Tun Sie mit ihnen, was
Ihnen recht erscheint; ich habe meine Fuste an ihnen lahmgeschlagen.

Wir sind ganz unschuldig, sagte der ltere, Nil mit Namen, ein
zerzauster rothaariger Bursche.

Alles wlzt man auf uns, wenn so was passiert, sagte der jngere
weinerlich, er hie Ilja, war auch zerzaust, aber blond; einmal haben
wir was Schlimmes getan und da wird alles auf uns geschoben.

Mintschukoff lchelte slich, schttelte den Kopf und sagte:

Gesteht lieber!

Keine Spur, sagte Nil grob.

Keine Spur? Wer hat euch denn 55 Kopeken fr die Arbeit gegeben, he?

Das verwirrte die Jungen. Daran erkannte Mintschukoff, da sie die
Schuldigen waren, und er sagte der Werschina:

Natrlich sind sie es gewesen!

Aber die Jungen leugneten auch jetzt noch. Man schleppte sie in eine
Kammer und gab ihnen eine Tracht Prgel. Da gestanden sie. Aber den
Namen des Auftraggebers wollten sie nicht verraten.

Wir selber haben es uns ausgedacht.

Man prgelte sie umschichtig, mit Mue; schlielich sagten sie,
Tscherepin htte sie bestochen. Dann berantwortete man sie ihrem Vater.

Der Polizeichef sagte zur Werschina:

Nun haben wir sie gezchtigt, soll heien: der Vater hat sie
gezchtigt, und Sie wissen nun, wer Sie beleidigt hat.

Das la ich dem Tscherepin nicht durchgehen, sagte die Werschina; ich
werde ihn verklagen.

Dazu kann ich nicht raten, sagte Mintschukoff bescheiden, lassen Sie
die Sache auf sich beruhen.

Nein, rief die Werschina, diese Gemeinheit darf nicht ungestraft
bleiben. Auf keinen Fall!

Vor allen Dingen haben wir keine Indizien, sagte der Polizeichef
ruhig.

Wie nicht! Die Jungen haben doch gestanden.

Das ist ganz einerlei. Vor dem Richter werden sie leugnen, und dort
wird man sie nicht prgeln.

Wie knnen sie leugnen? Die Schutzleute waren doch Zeugen, sagte die
Werschina schon etwas weniger sicher.

Was sind das fr Zeugen! Wenn man einem Menschen das Fell ber die
Ohren zieht, so gesteht er alles, auch Dinge, die er nie getan hat. Es
sind natrlich Halunken, und man hat sie streng bestraft; durch das
Gericht werden Sie aber sicher keine Genugtuung erhalten.

Mintschukoff lchelte s und blickte die Werschina ruhig an.

So ging sie denn hchst unzufrieden davon, kam aber nach einigem
Nachdenken zum gleichen Resultat, da es nmlich sehr gewagt wre
Tscherepin zu verklagen, und da dadurch nur berflssiges Gerede und
ein groer Skandal entstehen wrden.




                                  XIII


Am Abend erschien Peredonoff beim Direktor in dringender Angelegenheit.

Der Direktor Nikolai Wassiljewitsch Chripatsch hatte eine ganze Reihe
von Prinzipien, die auerordentlich bequem in sein Leben paten. Darum
fielen sie ihm auch keineswegs zur Last. Im Dienst erfllte er mit Wrde
alle Vorschriften, die das Gesetz fordert, oder die die vorgesetzte
Behrde diktierte, oder die vom allgemein gltigen, gemigten
Liberalismus verlangt werden. So kam es, da Eltern, Schler und
Vorgesetzte gleicherweise mit ihm zufrieden waren. Zweifelhafte Flle,
Unsicherheit, Hin- und Herschwanken kannte er nicht; wozu auch? man kann
sich doch stets entweder an Bestimmungen des pdagogischen Konseils oder
an Vorschriften der vorgesetzten Behrde halten. Ebenso regelmig und
ruhig war er im persnlichen Verkehr. Schon seine uere Erscheinung
zeugte von Energie und Wohlwollen: er war nicht gro, untersetzt,
lebhaft, hatte kluge Augen und redete selbstbewut und sicher; kurz, er
war ein Mensch, der sich seine Stellung selber geschaffen hatte und
nicht abgeneigt war, im Leben noch weiterzukommen. In seinem
Schreibzimmer standen sehr viele Bcher auf den Bcherbrettern; aus
einigen fertigte er Auszge an. Hatte er eine hinreichende Menge von
Auszgen gesammelt, so ordnete er sie und schrieb alles mit eigenen
Worten nieder. Das war dann ein Lehrbuch, es wurde gedruckt und
verkauft; zwar nicht in bermig vielen Auflagen, aber immer noch recht
gnstig. Manchmal schrieb er gelehrte Abhandlungen ber im Ausland
erschienene Bcher. Diese Abhandlungen kamen in Fachzeitschriften zum
Abdruck, waren allgemein geschtzt, aber durchaus berflssig.

Er hatte viele Kinder, und jedes von ihnen, ob nun Knabe oder Mdchen,
verfgte ber irgend ein Talent: das eine schrieb Verse, ein anderes
zeichnete, wieder ein anderes machte erstaunliche Fortschritte in der
Musik.

Peredonoff sagte gereizt:

Sehen Sie, Nikolai Wassiljewitsch, Sie belieben mich stets anzugreifen.
Es ist mglich, da man mich bei Ihnen verleumdet, ich habe aber
garnichts auf dem Gewissen.

Entschuldigen Sie, unterbrach ihn der Direktor, ich verstehe nicht,
von was fr Verleumdungen Sie zu reden belieben. Als Leiter des mir
anvertrauten Gymnasiums pflege ich meine eigenen Beobachtungen zu
machen, und ich hoffe doch annehmen zu drfen, da meine praktische
Erfahrung ausreicht, um gerecht schtzen zu knnen, was ich hre und
sehe, und das um so mehr, als ich aus Prinzip gewissenhaft und
aufmerksam meinen Pflichten nachzukommen bestrebt bin, sprach
Chripatsch schnell und deutlich, und seine Stimme klang trocken und
klar, fast wie das Gerusch von Blechstangen, die gebrochen werden. Was
aber meine persnliche Ansicht ber _Ihre_ Leistungsfhigkeit betrifft,
so kann ich nur wieder konstatieren, da Sie Ihren dienstlichen
Verpflichtungen nur mangelhaft nachkommen.

Ja, sagte Peredonoff verdrielich, Sie haben sich's mal in den Kopf
gesetzt, da ich nichts tauge; und ich sorge mich Tag und Nacht um das
Gymnasium.

Chripatsch blickte erstaunt und fragend auf Peredonoff.

Sie bemerken zum Beispiel nicht, fuhr Peredonoff fort, da sich ein
groer Skandal im Gymnasium vorbereitet, -- und keiner bemerkt das; ich
allein bin der Sache auf die Spur gekommen.

Was fr ein Skandal? fragte Chripatsch mit trocknem Spott und ging im
Schreibzimmer auf und ab. Das irritiert mich, obgleich ich, offen
gestanden, nicht an die Mglichkeit eines Skandals in unserem Gymnasium
glaube.

Sie wissen zum Beispiel nicht, wen Sie alles neu aufgenommen haben,
sagte Peredonoff so schadenfroh, da Chripatsch stehen blieb und ihn
aufmerksam betrachtete.

Die Neuaufgenommenen kenne ich alle, sagte er trocken. Diejenigen,
welche in die erste Klasse aufgenommen wurden, sind von keinem andern
Gymnasium relegiert worden und der einzige Schler, der in die fnfte
Klasse kam, hat so vorzgliche Zeugnisse und Empfehlungen mitgebracht,
da eine gegenteilige Ansicht von vornherein ausgeschlossen erscheint.

Wohl, man htte ihn blo nicht zu uns, sondern in eine andere Anstalt
geben sollen, sagte Peredonoff bse und scheinbar widerwillig.

Ich bitte um eine Erklrung, Ardalljon Borisowitsch, sagte Chripatsch.
Ich hoffe, da Sie damit nicht sagen wollen, da Pjilnikoff in eine
Korrektionsanstalt fr minderjhrige Verbrecher gehrt.

Nein; man sollte vielmehr dies Geschpf in ein Pensionat stecken, wo
die alten Sprachen nicht gelehrt werden, sagte Peredonoff zornig und
seine Augen funkelten bse.

Chripatsch steckte die Hnde in die Taschen seines Hausrockes und
blickte in grenzenlosem Erstaunen auf Peredonoff.

Was fr ein Pensionat? fragte er. Wissen Sie denn nicht, welche
Institute man so nennt? Und wenn Sie es wissen, wie drfen Sie es wagen,
eine so unziemliche Zusammenstellung vorzunehmen!

Chripatsch war ganz rot geworden und seine Stimme klang noch trockner
und hrter als gewhnlich. Sonst pflegten diese Anzeichen eines nahenden
Zornesausbruches Peredonoff einzuschchtern. Heute machte er sich nichts
daraus.

Sie glauben immer noch, da es ein Knabe ist, sagte er und zwinkerte
spttisch mit den Augen, es ist aber kein Knabe, sondern ein Mdchen,
noch dazu was fr eins.

Chripatsch lachte kurz auf. Sein Lachen war hell und deutlich und klang
gezwungen, aber er lachte immer so.

Ha-ha-ha! stie er deutlich hervor, hrte auf zu lachen, setzte sich
in den Lehnstuhl und warf den Kopf zurck, als knne er die Lachlust
nicht bezwingen. Verehrtester Ardalljon Borisowitsch, in der Tat, Sie
setzen mich in Erstaunen. Ha-ha-ha! Seien Sie bitte so liebenswrdig und
teilen Sie mir mit, was Sie auf diese Vermutung gebracht hat, wenn nicht
etwa Ihre Voraussetzungen, die dieses Resultat gezeitigt haben, ein
Privatgeheimnis sind! Ha-ha-ha!

Peredonoff erzhlte alles, was er von Warwara gehrt hatte und
berichtete auch gleich von den schlimmen Eigenschaften der Kokowkina.
Chripatsch hrte ihm zu und stie bisweilen sein trocknes, deutliches
Lachen hervor.

Ihre Phantasie ist mit Ihnen durchgegangen, bester Ardalljon
Borisowitsch, sagte er, stand auf und klopfte Peredonoff auf die
Schulter, viele meiner geschtzten Kollegen haben Kinder, ich selber
habe Kinder, wir sind, gottlob! keine Suglinge mehr und da glauben Sie
wirklich, da wir ein verkleidetes Mdchen fr einen Jungen halten
knnten?

Nun verhalten Sie sich _so_ zu der Sache. Wenn aber was dahinter
steckt, wer wird die Verantwortung tragen? fragte Peredonoff.

Ha-ha-ha! lachte Chripatsch, was fr Folgen befrchten Sie denn?

Das Gymnasium wird zu einer Lasterhhle, sagte Peredonoff.

Chripatsch wurde ernst und sagte:

Sie gehen zu weit. Alles was Sie zu berichten wuten, gibt mir nicht
die geringste Veranlassung Ihren Verdacht zu teilen.

                   *       *       *       *       *

Noch am selben Abend machte Peredonoff einen eiligen Rundgang bei allen
seinen Kollegen, angefangen vom Inspektor bis hinab zu den Gehilfen der
Klassenordinarien und erzhlte berall, Pjilnikoff wre ein verkleidetes
Mdchen. Alle lachten und glaubten ihm nicht; bei vielen regte sich aber
doch ein leiser Zweifel, als er gegangen war. Die Frauen der Lehrer
glaubten alle fast ohne Ausnahme daran.

Am nchsten Morgen gingen schon viele mit dem Gedanken in die Schule,
da Peredonoff vielleicht doch recht haben knnte. Offen sprachen sie es
nicht aus, aber sie wuten Peredonoff nichts mehr zu entgegnen und
beschrnkten sich auf unklare, zweideutige Antworten: jeder von ihnen
frchtete fr dumm gehalten zu werden, wenn er angefangen htte, zu
widersprechen und es sich hinterher doch herausstellen sollte, da die
Sache sich so verhielt. Viele htten auch gerne die Ansicht des
Direktors gehrt, -- er aber verlie heute, ganz gegen seine Gewohnheit,
seine Wohnung nicht, ging nur mit starker Versptung in die einzige
Stunde, die er an diesem Tage zu geben hatte, blieb einige fnf Minuten
und begab sich gleich wieder nach Hause ohne jemand begrt zu haben.

Endlich kurz vor der vierten Stunde ging der greise Religionslehrer --
ein Priester -- und noch zwei andere Lehrer unter irgend einem Vorwand
in das Sprechzimmer des Direktors, und der Priester fing vorsichtig an
ber Pjilnikoff zu sprechen. Aber der Direktor lachte so sicher und
herzlich, da diese drei pltzlich ganz fest davon berzeugt waren, da
alles nur ein Gerede sei. Der Direktor ging aber schnell auf ein anderes
Thema ber, erzhlte irgend eine Neuigkeit aus der Stadt, klagte ber
sehr heftiges Kopfweh und meinte, er werde wohl den geschtzten
Schularzt Eugen Iwanowitsch konsultieren mssen. Dann sagte er in ganz
harmlosem Ton, da die Unterrichtsstunde heute sein Kopfweh arg
gesteigert htte, denn in der Klasse nebenan habe Peredonoff
unterrichtet und seine Schler htten ungewhnlich laut und oft gelacht.
Dann lachte Chripatsch und sagte:

In diesem Jahre verfolgt mich ein schlimmes Schicksal: Dreimal in der
Woche habe ich neben der Klasse von Ardalljon Borisowitsch zu
unterrichten, und stellen Sie sich vor, -- stndig lachen seine Jungen.
Man sollte meinen, da Ardalljon Borisowitsch kein komischer Mensch ist,
und doch erregt er immer die grte Heiterkeit.

Und hier brach Chripatsch pltzlich ab, ging wieder auf ein anderes
Thema ber und verhinderte so, da man ihm auf seine letzte Aeuerung
ber Peredonoff etwas antwortete.

Und in der Tat, in der letzten Zeit wurde in Peredonoffs Stunden sehr
viel gelacht und nicht etwa deswegen, weil es ihm selber Freude gemacht
htte. Im Gegenteil, das Lachen der Kinder machte ihn nervs. Aber er
konnte sich nicht enthalten durchaus berflssige, unpassende
Geschichten zu erzhlen: bald war es irgend eine dumme Anekdote, bald
neckte er diesen oder jenen von den stilleren Jungen. In der Klasse gab
es stets Elemente, die jede Gelegenheit ergriffen Lrm machen zu knnen,
-- und Peredonoffs Witze begrten sie immer mit schallendem Gelchter.

Vor Schlu der Stunden schickte Chripatsch nach dem Schularzt, nahm
seinen Hut und ging in den Garten, der zwischen der Schule und dem
Fluufer lag. Der Garten war gro und schattig. Besonders die kleinen
Gymnasiasten liebten ihn sehr. Whrend der Zwischenstunden tummelten sie
sich hier nach Herzenslust. Daher liebten die Gehilfen der
Klassenordinarien diesen Garten nicht, denn sie frchteten, diesem oder
jenem knnte was zustoen. Chripatsch aber verlangte, da die Jungen
whrend der Pausen sich im Garten aufhielten. Das tat er, weil sich die
Erwhnung dieses Umstandes besonders schn in den Rechenschaftsberichten
ausnahm.

Chripatsch kehrte durch den Gang zurck. An der geffneten Tr des
Turnsaals blieb er mit gesenktem Kopfe stehen und trat dann ein. Alle
sahen an seinem leidenden Gesichtsausdruck und an seinem schleppenden
Gang, da er Kopfweh hatte.

Die fnfte Klasse hatte eben Turnunterricht. Die Jungen hatten sich in
eine Reihe aufgestellt, und der Turnlehrer, ein Unterleutnant des
rtlichen Reserve-Bataillons, wollte gerade etwas kommandieren; als er
aber den Direktor erblickte, trat er auf ihn zu. Der Direktor reichte
ihm die Hand, blickte zerstreut auf die Schler und fragte:

Sind Sie mit den Jungen zufrieden? Geben sie sich auch Mhe? Ermden
sie nicht?

Der Unterleutnant verachtete die Gymnasiasten im Grunde seiner Seele,
denn seiner Ansicht nach hatten sie keine Spur von militrischem Drill
und konnten ihn ja auch nicht haben. Wren es Kadetten gewesen, so htte
er unumwunden gesagt, was er dachte. Aber ber diese kraftlose Bande
lohnte es nicht, etwas Tadelnswertes jenem Menschen zu sagen, der ber
die Besetzung des Lehrpersonals zu entscheiden hatte. Darum lchelte er
verbindlich, blickte den Direktor liebenswrdig und frhlich an, und
sagte:

O ja, stramme Jungens!

Der Direktor machte einige Schritte lngs der Reihe, dann kehrte er
wieder zum Ausgang zurck, blieb pltzlich stehen und fragte, als fiele
es ihm just ein:

Sind Sie mit unserem neueingetretenen Schler auch zufrieden? Nimmt er
sich zusammen? Wird er leicht mde? fragte er nachlssig und
migestimmt, und griff mit der Hand an die Stirn.

Der Unterleutnant hielt eine kleine Abwechslung fr angebracht, auerdem
berlegte er, da es sich um einen fremden Eindringling handle und
sagte:

Er ist ein wenig schlapp und wird rasch mde.

Der Direktor hrte aber garnicht mehr, was er sagte und entfernte sich
aus dem Saal.

Die frische Luft hatte Chripatsch scheinbar nicht wohlgetan. Nach einer
halben Stunde kehrte er zurck, stand etwa eine halbe Minute an der Tr
und betrat wieder den Saal. Man turnte an den Gerten. Zwei oder drei
Schler waren eben nicht beschftigt, sie hatten das Kommen des
Direktors nicht bemerkt und lehnten an der Wand, indem sie den Umstand
ausnutzten, da der Unterleutnant gerade in eine andere Richtung sah.
Chripatsch trat auf sie zu:

Aber Pjilnikoff, sagte er, warum lehnen Sie so nachlssig an der
Wand?

Sascha wurde ganz rot, stellte sich stramm hin und schwieg.

Wenn es Sie so anstrengt, dann ist es vielleicht besser, wenn Sie
berhaupt nicht turnen, fragte Chripatsch streng.

Ich bitte um Entschuldigung, ich bin garnicht mde! sagte Sascha
erschreckt.

Eins von beiden, fuhr Chripatsch fort, entweder Sie bleiben berhaupt
von den Turnstunden fort, oder ... Uebrigens kommen Sie doch nach Schlu
der Stunden in mein Arbeitszimmer.

Er entfernte sich eilig, und Sascha stand verlegen und erschreckt da.

Hereingefallen, sagten ihm die Kameraden, er wird dir bis zum Abend
die Leviten lesen.

Chripatsch liebte es, Verweise in lngerer Unterredung zu erteilen, und
die Gymnasiasten frchteten nichts so sehr als diese Aufforderung ins
Arbeitszimmer.

Nach Schlu der Stunden ging Sascha schchtern zum Direktor. Chripatsch
empfing ihn sofort. Er trat schnell vor Sascha, er rollte frmlich auf
seinen kurzen Beinen, setzte sich dicht neben ihn, blickte ihn prfend
an und fragte:

Sagen Sie doch, Pjilnikoff, ermdet Sie der Turnunterricht wirklich?
Sie sehen eigentlich gesund und krftig aus, aber der Schein pflegt
bisweilen zu trgen. Sind Sie vielleicht krank? Vielleicht ist es nicht
gut, da Sie turnen?

Nein, Herr Direktor, antwortete Sascha -- und er wurde ganz rot und
verlegen, ich bin vollstndig gesund.

Aber auch Alexei Alexejewitsch beklagte sich, entgegnete Chripatsch,
da Sie eine schlappe Figur machen und schnell mde werden, und ich
selber habe heute whrend der Turnstunde bemerkt, da Sie matt aussahen.
Sollte ich mich versehen haben?

Sascha wute nicht, wohin er sehen sollte vor dem durchdringenden Blick
des Direktors. Er stammelte verlegen:

Verzeihen Sie, ich werde nicht mehr ... ich war nur etwas faul. Ich bin
wirklich ganz gesund. Ich werde versuchen eifriger zu turnen.

Pltzlich, ihm selber ganz unerwartet, fing er an zu weinen.

Sehen Sie, sagte Chripatsch, Sie sind doch bermdet: Sie weinen, als
htte ich Ihnen einen schlimmen Vorwurf gemacht. Beruhigen Sie sich
doch!

Er legte seine Hand auf Saschas Schulter und sagte:

Ich habe Sie nicht gerufen, um Ihnen einen Verweis zu erteilen, sondern
um die Sache aufzuklren .... Aber setzen Sie sich doch, ich sehe, Sie
sind sehr mde.

Sascha trocknete eilig mit dem Taschentuch seine Trnen und sagte
schnell:

Ich bin wirklich nicht mde.

Setzen Sie sich, setzen Sie sich, wiederholte Chripatsch und schob ihm
einen Stuhl hin.

Aber wirklich, ich bin nicht mde, Herr Direktor, beteuerte Sascha.

Chripatsch fate ihn an den Schultern, drckte ihn auf den Stuhl, setzte
sich ihm gegenber und sagte:

Wollen wir ruhig miteinander reden. Es wre mglich, da Sie sich ber
Ihren eigenen Gesundheitszustand tuschen: Sie sind in jeder Hinsicht
ein strebsamer und tchtiger Schler, und ich kann es vollkommen
begreifen, da Sie nicht um Dispens vom Turnunterricht bitten wollen.
Uebrigens, ich habe den Herrn Doktor gebeten heute herzukommen, weil ich
mich gar nicht wohl fhle. Er kann dann gleich auch Sie grndlich
untersuchen, wenn Sie nichts dagegen haben.

Chripatsch sah nach der Uhr, und ohne auf eine Antwort zu warten, redete
er mit Sascha ber die jngst verflossenen Sommerferien.

Bald darauf kam der Schularzt Ewgenij Iwanowitsch Surowzeff, ein
kleiner, behender, schwarzhaariger Mann, der es vor allem liebte ber
Politik und stdtische Klatschgeschichten zu reden. Er verfgte nicht
gerade ber hervorragende Kenntnisse, verhielt sich aber gewissenhaft zu
seinen Patienten, zog Dit und geregelte Hygiene allen Medikamenten vor
und so kam es, da er einigen Erfolg hatte.

Sascha mute sich entkleiden, Surowzeff untersuchte ihn von Kopf bis zu
Fu, konnte aber keine Anzeichen irgend einer Krankheit finden, whrend
Chripatsch sich davon berzeugte, da Sascha jedenfalls kein Mdchen
sei. Wiewohl er das von vornherein geglaubt hatte, so hielt er diese
rztliche Untersuchung fr angebracht, denn im Falle einer Anfrage der
Schulbehrde htte der Arzt ohne weitere Umstnde ein entsprechendes
Zeugnis ausstellen knnen.

Chripatsch entlie Sascha mit einigen freundlichen Worten:

Nun wissen wir, da Sie ganz gesund sind, und ich werde Alexei
Alexejewitsch bitten, Sie in keiner Weise zu schonen.

                   *       *       *       *       *

Peredonoff zweifelte nicht daran, da seine Entdeckung des verkleideten
Mdchens die Aufmerksamkeit der Schulbehrde auf ihn lenken und ihm
auer der Rangerhhung auch einen Orden einbringen wrde. Diese Hoffnung
spornte ihn dazu an, doppelt scharf auf das Betragen der Schler zu
achten. Schon seit einigen Tagen war das Wetter trbe und regnerisch,
nur sprlich wurde das Billard besucht, -- und so blieb ihm nichts
anderes brig, als smtliche Schlerpensionen der Stadt zu inspizieren,
ja, er suchte sogar Gymnasiasten auf, die bei ihren Eltern lebten.
Peredonoff traf insofern eine Auswahl, als er nur schlichtere Familien
besuchte: er ging hin, klagte ber den miratenen Sohn, der bekommt
Prgel, -- und Peredonoff ist zufrieden. So hatte er den Joseph
Kramarenko bei dessen Vater, einem Bierbrauer, verklagt, -- er hatte
erzhlt, da Joseph whrend des Gottesdienstes in der Kirche Unfug
treibe. Der Vater glaubte ihm aufs Wort und bestrafte den Sohn. Dasselbe
Schicksal traf dann noch einige andere. Diejenigen Eltern, von denen er
glaubte, da sie ihre Kinder in Schutz nehmen wrden, suchte er
berhaupt nicht auf; auch frchtete er, sie knnten sich bei der
Schulbehrde beschweren. So besuchte er jeden Tag je einen Schler in
dessen Wohnung. Er trat als Vorgesetzter auf: rsonierte, traf
Anordnungen, drohte. Aber es kam vor, da die Pensionre unter den
Schlern, die sich als selbstndige, junge Leute fhlten, ihm einfach
grob begegneten. Einen Erfolg hatte Peredonoff zu verzeichnen: Frau
Flawitzkaja, eine energische, schlanke Dame mit heller Stimme, prgelte
auf seinen Wunsch ihren Pensionr, den kleinen Wladimir Bultjakoff,
gehrig durch.

In den Unterrichtsstunden der nchstfolgenden Tage pflegte Peredonoff
dann von seinen Taten zu berichten; er nannte keine Namen, aber die
unglcklichen Opfer verrieten sich selber durch ihr gedrcktes, scheues
Wesen.




                                  XIV


Das Gercht, Pjilnikoff wre ein verkleidetes Mdchen, eilte auf
Windesflgeln durch die Stadt. Die Rutiloffsche Familie erfuhr ganz
zuerst davon. Ludmilla -- sie war sehr neugierig -- bemhte sich, jede
Neuigkeit mit eigenen Augen zu sehen. Eine brennende Neugierde plagte
sie Pjilnikoff kennen zu lernen. Es war unbedingt notwendig, sie mute
diesen verkleideten Schelm sehen. Mit der Kokowkina war sie bekannt.
Eines schnen Abends sagte sie zu den Schwestern:

Ich gehe mir das Frulein ansehen!

Alles mut du begaffen! rief Darja bse.

Sie hat sich schn gemacht, bemerkte Valerie und lachte verhalten.

Es rgerte die beiden anderen, da _sie_ nicht auf diesen Gedanken
gekommen waren: zu dritt konnten sie unmglich hin. Ludmilla hatte sich
feiner angekleidet als sonst, -- warum eigentlich, wute sie selber
nicht. Uebrigens hatte sie es gern, hbsche Kleider zu tragen und war in
dieser Beziehung freimtiger als die Schwestern: die Arme lie sie blo,
hatte einen tieferen Halsausschnitt, ihr Rock war krzer, ihr Schuhwerk
eleganter, die fleischfarbenen Strmpfe dnner und durchsichtiger. Zu
Hause ging sie mit Vorliebe im Unterrock herum, trug ihre Schuhe ber
den bloen Fen, -- und sowohl ihr Hemd als ihr Unterrock waren fast zu
elegant.

Drauen war es kalt und windig, welke Bltter schwammen in allen
Pftzen. Ludmilla ging schnell und sprte die Klte kaum trotz ihres
leichten Mantels.

Die Kokowkina und Sascha tranken Tee. Ludmilla musterte sie mit
blitzenden Augen, -- aber da gab es wenig zu sehen, sie saen hbsch
bescheiden am Tisch, tranken ihren Tee, aen Weibrot dazu und
plauderten. Ludmilla kte die Kokowkina und sagte:

Ich komme in einer besonderen Angelegenheit zu Ihnen, liebste Olga
Wassiljewna. Aber davon spter. Erst mchte ich etwas Tee trinken um
mich zu erwrmen. O -- was sitzt denn da fr ein Jngling!

Sascha errtete und machte eine ungeschickte Verbeugung; die Kokowkina
stellte ihn vor. Ludmilla setzte sich an den Tisch und erzhlte lebhaft
einige Neuigkeiten. In der Stadt wurde sie gerade deswegen geschtzt,
denn sie wute alles und verstand nett und bescheiden zu erzhlen. Die
Kokowkina sa fast immer zu Hause, freute sich daher ber diesen Besuch
und machte die liebenswrdige Wirtin. Ludmilla plauderte lustig, lachte,
sprang auf, um diesen oder jenen nachzumachen, und streifte dabei
Sascha. Sie sagte:

Sie mssen es doch einsam haben, liebste Freundin, immer nur zu Hause
sitzen mit diesem kleinen Gymnasiasten. Besuchen Sie uns doch einmal.

O, das kann ich nicht, antwortete die Kokowkina; ich bin viel zu alt,
um Besuche zu machen.

Es handelt sich doch nicht um einen feierlichen Besuch, sagte Ludmilla
zrtlich; kommen Sie und bleiben Sie ein wenig, ganz wie zu Hause, das
ist alles. Dieser Jngling hier ist ja Gott sei Dank den Windeln
entwachsen.

Sascha machte ein gekrnktes Gesicht und wurde rot.

So ein Bengel! neckte Ludmilla und stie ihn ein wenig in die Seite;
warum unterhalten Sie mich garnicht?

Er ist noch jung, sagte die Kokowkina, und sehr schchtern.

Ludmilla sah sie an und lchelte:

Ich bin auch verlegen, sagte sie.

Sascha lachte und sagte einfach:

Was nicht gar, sind Sie verlegen? Ludmilla lachte aus vollem Halse.
Ihr Lachen klang stets wie se, leidenschaftliche Freude. Wenn sie
lachte, wurde sie immer rot, ihre Augen blickten schelmisch und fast
schuldbewut und vermieden es, irgend einen aus der Gesellschaft
anzusehen. Sascha verlor ein wenig die Fassung, dann rechtfertigte er
sich:

Nein doch, ich wollte damit nur sagen, da Sie so frhlich sind und
nicht bescheiden, ich meine nicht, da Sie unbescheiden sind.

Aber er fhlte, da sich das in Worten nicht so leicht wie etwa in einem
Brief ausdrcken lie, und das verwirrte ihn. Er wurde rot.

Was er mir fr Ungezogenheiten sagt! rief Ludmilla -- und lachte, und
wurde rot, das ist doch wirklich allerliebst!

Sie haben meinen Sascha ganz verlegen gemacht, sagte die Kokowkina und
blickte sowohl Sascha als Ludmilla freundlich an.

Ludmilla machte eine katzenartig wiegende Bewegung und streichelte
Saschas Haar. Er lachte trotzig und hell, stie ihre Hand leicht zurck
und lief in sein Zimmer.

Liebste Freundin, wissen Sie nicht einen Mann fr mich? sagte Ludmilla
ohne jeden Uebergang.

Ich bin doch keine Kupplerin! antwortete die Kokowkina; aber man
konnte an ihrem Gesicht sehen, da sie mit grtem Vergngen eine Heirat
vermittelt htte.

Ja, was tut denn das? entgegnete Ludmilla, bin ich etwa keine schne
Braut? Sie brauchen sich garnicht zu schmen, mich zu verheiraten.

Ludmilla stemmte die Hnde in die Seiten und tanzte vergngt vor der
Hausfrau.

Gehen Sie zu! sagte die Kokowkina, ein rechter Windbeutel sind Sie!

Ludmilla lachte und sagte:

Und wenn es nur vor lauter Langeweile wre, suchen Sie mir einen Mann!

Was fr einen wollen Sie denn haben? fragte die Kokowkina und
lchelte.

Er mu brnett sein, liebste Freundin, unbedingt mu er brnett sein,
sagte sie schnell, tief brnett. So tief wie ein Teich. Da haben Sie
gleich eine Vorlage: -- wie Ihr Pensionr, er mu ebenso schwarze
Augenbrauen haben und ebensolche Augen, sein Haar mu blulichschwarz
sein und seine Wimpern ganz dicht, ganz dunkelschwarze Wimpern. Er ist
ein hbscher, ein sehr, sehr hbscher Junge! Sehen Sie, -- verschaffen
Sie mir so einen.

Bald darauf verabschiedete sich Ludmilla. Es wurde schon dunkel. Sascha
begleitete sie.

Aber nur bis zur Droschke! bat Ludmilla mit weicher Stimme und blickte
Sascha zrtlich an. Er wurde rot und verlegen.

Auf der Strae wurde Ludmilla wieder lustig und begann den Jungen
auszufragen:

Sind Sie auch hbsch fleiig? Lesen Sie auch bisweilen?

Das tue ich wohl, antwortete Sascha, weil ich sehr gerne lese.

Andersens Mrchen?

Ueberhaupt keine Mrchen, sondern allerlei andere Bcher. Ich liebe die
Weltgeschichte und Gedichte.

Also Gedichte! Wer ist denn Ihr Lieblingsdichter? fragte Ludmilla
streng.

Natrlich Nadson, sagte Sascha aus tiefster Ueberzeugung, als wre
eine andere Antwort berhaupt nicht mglich gewesen.

So, so! sagte Ludmilla aufmunternd. Ich liebe auch Nadson, aber nur
am Morgen, am Abend lieb' ich es, mich schn zu machen. Und was ist Ihre
liebste Beschftigung?

Sascha blickte sie freundlich an, pltzlich kamen Trnen in seine Augen,
und er sagte ganz leise:

Ich liebe so sehr zrtlich zu sein!

So ein zartes Pflnzchen, sagte Ludmilla und umfate seine Schultern,
er will zrtlich sein! Lieben Sie auch zu baden?

Sascha lachte auf. Ludmilla forschte weiter:

In warmem Wasser?

Ganz einerlei -- in warmem und in kaltem, sagte der Junge verschmt.

Und was fr eine Seife lieben Sie?

Glyzerinseife.

Essen Sie gerne Weintrauben?

Sascha lachte:

Wie komisch Sie sind. Das sind doch ganz verschiedene Sachen und Sie
fragen so, als wre eins so gut wie das andere. Ich la mich nicht so
leicht hinters Licht fhren.

Was htte ich auch davon! sagte Ludmilla lchelnd.

Ich wei schon, da Sie es lieben, einen zu necken.

Woher wissen Sie das?

Alle sagen es, meinte Sascha.

Sieh mal an, Sie lieben also zu klatschen! sagte Ludmilla streng.

Sascha wurde rot.

Da ist schon eine Droschke! -- Droschke! rief sie laut.

Droschke! rief auch Sascha.

Die Droschke holperte ber das Pflaster und fuhr vor. Ludmilla nannte
ihre Adresse. Der Kutscher dachte nach und verlangte 40 Kopeken.
Ludmilla sagte:

Wo denken Sie hin! Es ist doch ganz nah. Sie scheinen den Weg nicht zu
kennen.

Wieviel wollen Sie geben? fragte der Kutscher.

Just die Hlfte. Whlen Sie welche Sie wollen!

Sascha lachte.

Ein lustiges Frulein! sagte der Kutscher und grinste, legen Sie noch
einen Fnfer zu.

Danke fr die Begleitung, lieber Junge, sagte Ludmilla, drckte fest
Saschas Hand und setzte sich in die Droschke.

Sascha lief nach Hause und dachte frhlich an das frhliche Mdchen.

Ludmilla kam sehr vergngt nach Hause, sie lchelte und schien an etwas
Lustiges zu denken. Die Schwestern erwarteten sie. Sie saen im
Speisezimmer an dem runden Tisch, ber dem eine Hngelampe brannte. Auf
dem weien Tischtuch blinkte eine braune Flasche Sherry-Brandy aus
Kopenhagen und hell glnzte ihr mit ser Flssigkeit behafteter Hals.
Rings um die Flasche standen Teller mit Aepfeln, Nssen und trkischer
Marmelade.

Darja hatte einen kleinen Strich; ihr Gesicht war gertet, ihr Haar
zerzaust und sie war nur halb angekleidet. Sie sang sehr laut. Ludmilla
hrte schon von weitem den vorletzten Vers des bekannten Liedchens:

   Wo blieb die Flte, wo das Kleid?
   Die Lippen sind zum Ku bereit.
   Scham weicht der Furcht, Furcht weicht der Scham --
   Das Hirtenmdchen schluchzt vor Gram:
   Vergi, was du gesehn!

Auch Larissa sa am Tisch, -- vornehm und ruhig-freundlich, sie a einen
Apfel, den sie zuvor mit einem Fruchtmesser in Scheiben geschnitten
hatte. Sie lachte:

Nun, hast du sie gesehen, fragte sie.

Darja hrte auf zu singen und sah Ludmilla an. Valerie sttzte ihren
Kopf auf den Arm, steckte den kleinen Finger vor, neigte den Kopf und
versuchte Larissas Lcheln nachzuahmen. Es gelang ihr schlecht, denn sie
war schmchtig, subtil, und ihr Lcheln war unruhig. Ludmilla go sich
roten Kirschlikr in ein Glschen und sagte:

Dummheiten! Ein echter Bengel wie er sein mu, und er ist sehr
sympathisch. Tief brnett, blitzende Augen, dabei unschuldig wie ein
neugebornes Kind.

Und pltzlich lachte sie hell auf. Die Schwestern sahen sie an, und dann
lachten alle.

Ach, es lohnt sich ja gar nicht zu sprechen, das ist so eine von
Peredonoffs Verrcktheiten, sagte Darja, winkte mit der Hand und dachte
dann eine Weile nach. Sie hatte ihre Arme auf den Tisch gesttzt und
hielt den Kopf gesenkt. Wollen wir singen, sagte sie und begann mit
durchdringender Stimme zu singen.

Aus ihrem Geschrei klang eine dumpfe, erzwungene Begeisterung. Htte man
einen Toten unter der Bedingung zum Leben erweckt, da er immer nur
singen drfe, so htte er ein hnliches Geheul angestimmt. Die
Schwestern waren schon lngst an diese Art Musik gewhnt; wenn Darja
nicht mehr nchtern war, sang sie immer so, und manchmal fielen die
Schwestern ein und schrien mit Absicht recht laut und durchdringend.

Die ist ins Heulen reingekommen! sagte Ludmilla spttisch.

Nicht etwa, da es ihr mifiel, vielmehr wollte sie ihre Erlebnisse
erzhlen, und die Schwestern sollten zuhren. Darja unterbrach ihren
Gesang und schrie sie an:

Was geht es dich an, ich str' dich nicht.

Und dann sang sie weiter gerade von derselben Stelle an, wo sie stehen
geblieben war. Larissa sagte freundlich:

La sie doch singen.

   Meine wilden Leidenschaften
   Finden nirgends ihre Ruh' --

sang Darja in den hchsten Lagen, wobei sie die Tne dehnte und
hinauszog, wie etwa die gewhnlichen Bnkelsnger es zu tun pflegen, um
recht viel Rhrung ins Lied zu legen. Es kam ungefhr so heraus:

Mei--ei--n--e--e wi----i--ild--e--en
Lei--ei--ei--d--e--e--en--sch--a--a--ft--e--en.

Bei dieser Art zu singen wurden jene Silben ganz besonders betont, auf
denen von Rechts wegen kein Ton lag. Die Wirkung war jedenfalls eine
hervorragende: eine tdliche Schwermut htte jeden uneingeweihten
Zuhrer befallen.

O Schwermut, die du ber Feld und Wald und ber die gewaltige
heimatliche Ebene einherziehst! O Schwermut, die du tausendfach im
wilden Echo der Berge widerhallst, die du in matter, glhender Flamme
das lebendige Lied in ein sinnbetrendes Seufzen wandelst! O tdliche
Schwermut! O ihr geliebten, alten, russischen Gesnge! werdet auch ihr
dahinsterben? ...

Pltzlich sprang Darja auf, stemmte die Hnde in die Seiten und
schmetterte ein frhliches Tanzliedchen aus voller Kehle. Dazu tanzte
sie und klatschte in die Hnde:

   Geh, du Ritter, in den Wind, --
   Ich bin eines Rubers Kind.
   Bist so fein und suberlich,
   Geb dir einen Messerstich.
   Brauche keinen stolzen Herrn --
   Hab ein armes Blut so gern.

Darja sang und tanzte, und ihre Augen starrten unbeweglich und schienen,
wie der tote Mond, rings um sie Kreise zu ziehen. Ludmilla lachte aus
vollem Hals, aber es war ihr unendlich schwer ums Herz, und sie zitterte
vor Aufregung. War es verhaltene Freude oder die Wirkung des starken und
sen Likrs? Valerie lachte leise, -- ihr Lachen klang glsern --, und
blickte neidisch auf die Schwestern: auch sie wre gern lustig gewesen,
und es war ihr doch gar nicht lustig zumute, -- sie dachte, das sei so,
weil sie die Jngste, ein Nesthkchen, ein Nachzgler sei, und darum
wre sie schwchlich und unglcklich. Und sie lachte so als mte sie
gleich weinen.

Larissa sah sie an und zwinkerte ihr zu, und da wurde Valerie pltzlich
frhlich und guter Dinge. Larissa stand auf, drehte die Schultern und im
Nu drehten sich die vier Schwestern in tollem Wirbel bewutloser Freude,
pltzlich von toller, ausgelassener Lust ergriffen, und Darja sang dazu
ein Tanzlied nach dem andern, eins dreister und frecher als das andere.
Die Schwestern waren jung und schn -- und ihre Stimmen klangen wild und
hell; -- die Hexen eines verzauberten Berges htten ihre Freude an
diesem Reigen gehabt.

                   *       *       *       *       *

Die ganze Nacht ber hatte Ludmilla heie, sinnliche Trume.

Bald trumte sie, sie lge in einem stark berheizten Zimmer, ihre
Bettdecke gleitet auf den Fuboden und ihr fieberheier Krper liegt
nackt da, -- und eine gleiende, ungeheure Schlange kriecht in das
Gemach, kommt nher, nher, gleitet lngs dem Holz in ihr Bett und
umwindet ihre nackten, wunderschnen Beine ...

Dann wieder trumte sie von einem See; -- und es war eine schwle
Sommernacht, schwarze Gewitterwolken krochen erdrckend langsam ber den
Himmel, -- und sie lag nackt am Ufer des Sees und hatte einen glatten,
goldnen Stirnreif im Haar. Es roch nach warmem, stehendem Wasser, nach
Tang und stark duftendem Heu; und auf dem dunklen, unheimlich ruhigen
Wasserspiegel schwamm majesttisch ein weier, gewaltiger, kniglich
schner Schwan. Er schlug das Wasser mit den Flgeln, zischte laut, kam
heran und umfate sie, -- es war so s, so unsagbar wunderlich und tief
...

Und die Schlange und der Schwan, beide beugten ihre Gesichter ber das
ihre, und es war Saschas Gesicht, aber so bleich, so bleich mit seinen
dunklen traurigen Augen, und die schwarzen Wimpern verdeckten
eiferschtig die Schnheit seines wunderbaren Blicks und sanken tief und
schwer herab. Ihr schauderte ...

Dann trumte Ludmilla von einem prachtvollen Palast mit erdrckend
niedrigen Gewlben, -- starke, schne nackte Mnner drngten sich in den
Hallen, aber herrlicher als sie alle war Sascha. Sie sa hoch auf einem
Thron, und die nackten Mnner kamen der Reihe nach und schlugen einander
mit scharfen Peitschen. Und als man Sascha vor den Thron legte mit dem
Kopf zu ihr gekehrt und als man ihn hart schlug, da lachte er hell und
weinte, -- und sie lachte auch, wie man manchmal im Traume lacht, wenn
das Herz unruhig schlgt, -- dann lacht man lange, ohne Aufhren, und es
ist das Lachen des Selbstvergessens und des Todes ...

Als Ludmilla am Morgen nach diesen Trumen erwachte, fhlte sie, da sie
leidenschaftlich in Sascha verliebt war. Ein unbezwingliches Verlangen
ergriff sie, zu ihm zu gehen, aber der Gedanke ihn in Kleidern zu sehen,
war ihr unertrglich. Wie dumm, da die Knaben nicht nackt herumlaufen!
Wenigstens barfu, wie die Gassenbuben im Sommer! Ludmilla sah sie gerne
und nur deswegen, weil sie barfu waren und weil auch ihre Beine
manchmal bis hoch hinauf entblt waren.

Als wre es eine Schande, einen Krper zu haben --, dachte sie, da
sogar die Knaben ihn verdecken mssen.




                                   XV


Wolodin gab regelmig seinen Unterricht im Hause des Frulein Adamenko.
Seine Hoffnungen, das Frulein wrde ihn gelegentlich zum Kaffee
einladen, verwirklichten sich nicht. Er wurde stets gleich nach seiner
Ankunft in die Stube geleitet, die fr den Unterricht im Tischlern
hergerichtet worden war. Mischa hatte eine Schrze um und wartete in der
Regel, an der Hobelbank stehend, auf seinen Lehrer, nachdem er alles fr
die Stunde Erforderliche in Ordnung gebracht hatte. Er tat gehorsam
alles, was Wolodin von ihm verlangte, aber er war nie recht bei der
Sache. Um weniger arbeiten zu mssen, versuchte er bisweilen mit Wolodin
zu plaudern. Aber Wolodin ging nicht darauf ein, denn er wollte
gewissenhaft sein. Er sagte:

Wollen wir mal erst zwei Stunden arbeiten, dann bleibt uns noch Zeit
genug zum Plaudern. Dann -- soviel Sie wollen, jetzt -- an die Arbeit:
die Arbeit steht an erster Stelle.

Mischa seufzte ein wenig und arbeitete. Wenn aber die Stunde um war, so
hatte er keine Lust mehr zu plaudern und schtzte Schulaufgaben vor.

Bisweilen kam auch Nadeschda Wassiljewna in den Unterricht, um zu sehen
ob Mischa fleiig war. Mischa bemerkte, da Wolodin dann eher geneigt
war, Gesprche zu fhren, und zog daraus die entsprechenden Schlsse.
Wenn aber Nadeschda Wassiljewna bemerkte, da Mischa nichts tat, sagte
sie sofort:

Mischa, sei nicht faul!

Dann ging sie gleich und sagte im Vorbergehen zu Wolodin:

Entschuldigen Sie, da ich gestrt habe. Er ist nicht abgeneigt, sich
bisweilen gehen zu lassen, wenn man ihm nicht auf die Finger sieht.

Dieses Benehmen von seiten Nadeschda Wassiljewnas berhrte Wolodin
zunchst peinlich. Dann aber trstete er sich damit, da es ihr unbequem
sein mute, ihn zum Kaffee aufzufordern, weil daraus Klatschgeschichten
htten entstehen knnen. Ferner, berlegte er, brauchte sie berhaupt
nicht zum Unterricht zu kommen, weil sie aber kam, so war das ein
Zeichen dafr, da sie ihn nicht gerade ungern sah. Auch den Umstand
erklrte Wolodin zu seinen Gunsten, da Nadeschda Wassiljewna sofort
damit einverstanden war, da er ihrem Bruder Stunden geben sollte, und
auerdem hatte sie sich mit seinen Gehaltsansprchen gleich
einverstanden erklrt. Peredonoff und Warwara ihrerseits untersttzten
ihn in diesen Vermutungen.

Es ist doch klar, da sie in dich verliebt ist, sagte Peredonoff.

Und wo knnte sie einen besseren Brutigam finden, ergnzte Warwara.

Wolodin machte ein bescheidenes Gesicht und freute sich ber seine
Erfolge.

Eines schnen Tages meinte Peredonoff:

Du gehst auf Freiersfen einher und hast eine schbige Krawatte
umgebunden.

Ich bin noch nicht verlobt, antwortete Wolodin berlegen, innerlich
aber zitterte er vor freudiger Erwartung; ich kann mir eine neue
Krawatte kaufen.

Eine im Jugendstil, rief Peredonoff, man mu sehen knnen, da du es
mit der Liebe hast.

Eine rote Krawatte, sagte Warwara, recht bauschig mu sie sein und
eine Nadel dazu. Es gibt schon ganz billige Krawattennadeln, mit
Steinen, -- fein wird das sein.

Peredonoff dachte, da Wolodin vielleicht kein Geld zu solchen Ausgaben
htte. Oder er wird sparen wollen und einen schlichten, schwarzen
Schlips kaufen. Das wre dumm, dachte Peredonoff, die Adamenko ist ein
vornehmes Frauenzimmer; wenn er mit einer lumpigen Krawatte um sie
anhalten geht, so wird sie sich gekrnkt fhlen und ihm einen Korb
geben.

Peredonoff sagte:

Warum eine billige kaufen? Du hast neulich im Spiel einiges von mir
gewonnen. Wieviel bin ich dir noch schuldig, einen Rubel vierzig
Kopeken?

Mit den vierzig Kopeken hat es seine Richtigkeit, sagte Wolodin
grinsend, nur waren es zwei Rubel und nicht einer.

Peredonoff wute genau, da es zwei Rubel waren, es wre ihm aber
angenehmer gewesen, nur einen zu zahlen. Er sagte:

Du lgst, woher zwei Rubel?

Warwara Dmitriewna kann es bezeugen, beteuerte Wolodin.

Warwara sagte kichernd:

Zahl nur, Ardalljon Borisowitsch, was du verspielt hast, -- ich
erinnere mich genau, es waren rund zwei Rubel und vierzig Kopeken.

Peredonoff dachte, da Warwara jetzt fr Wolodin eintrete, also --
meinte er -- steht sie schon auf seiner Seite. Er wurde verdrielich,
nahm aus seinem Geldbeutel das Geld und sagte:

Ist schon recht, meinetwegen zwei vierzig, ich will nicht streiten. Du
bist ein armer Teufel, Pawluschka, da -- nimm!

Wolodin nahm das Geld, zhlte es nach, machte dann ein gekrnktes
Gesicht, beugte seinen runden Kopf, streckte die Unterlippe vor und
sagte mit blkender, zitternder Stimme:

Sie, Ardalljon Borisowitsch, waren mir etwas schuldig, also haben Sie
auch zu zahlen; da ich aber arm bin, gehrt garnicht hierher. Ich habe
bisher noch keinen um ein Stck Brot gebeten, und Sie wissen, da nur
der Teufel arm ist, denn er it kein Brot; weil ich aber Brot esse,
sogar mit Butter darauf, so bin ich auch nicht arm.

Dabei beruhigte er sich, wurde rot vor Vergngen, da er so gelungen
geantwortet hatte, und lachte, die Lippen vorschiebend.

Endlich beschlossen Peredonoff und Wolodin, den Heiratsantrag zu
stellen. Sie hatten sich so vornehm als mglich angezogen und sahen
feierlicher und dmmer als gewhnlich aus. Peredonoff trug eine weie
Halsbinde, Wolodin eine bunte, rot mit grnen Streifen. Peredonoff
berlegte so:

Ich halte fr dich an, meine Stellung ist also die solidere, die
Gelegenheit ist uerst festlich, so mu ich denn eine weie Binde
tragen; du bist der Brutigam, also mut du flammende Gefhle zur Schau
tragen.

Gezwungen feierlich nahmen Peredonoff und Wolodin im Empfangszimmer von
Frulein Adamenko Platz. Peredonoff sa auf dem Sofa, Wolodin in einem
Lehnstuhl. Nadeschda Wassiljewna betrachtete erstaunt ihre Gste. Die
Gste aber plauderten ber das Wetter, ber die neuesten Neuigkeiten und
machten dabei ein Gesicht wie etwa Leute, die in einer kitzlichen
Angelegenheit gekommen sind und nicht recht wissen, wie anzufangen.
Endlich rusperte sich Peredonoff, machte ein ernstes Gesicht und sagte:

Nadeschda Wassiljewna, wir haben ein Anliegen.

Ein Anliegen, sagte auch Wolodin, machte ein bedeutendes Gesicht und
streckte die Lippen vor.

Es handelt sich um ihn, sagte Peredonoff und zeigte mit dem Daumen auf
Wolodin.

Um mich, besttigte Wolodin und wies ebenfalls mit dem Daumen auf die
eigene Brust.

Nadeschda Wassiljewna lchelte.

Wenn ich bitten darf, sagte sie.

Ich werde fr ihn sprechen, erklrte Peredonoff, er ist bescheiden
und kann keinen rechten Entschlu fassen. Aber er ist ein wrdiger
Mensch, er trinkt nicht, er ist herzensgut. Zwar bekommt er nur ein
geringes Gehalt, aber das ist egal. Es handelt sich darum, wer was
braucht; der eine braucht Geld, der andere einen Menschen. Warum
schweigst du denn, wandte er sich an Wolodin, sag doch etwas.

Wolodin neigte den Kopf und stie mit zitternder Stimme hervor, geradeso
wie ein Schaf blkt:

Gewi, mein Gehalt ist nur gering. Aber zum Sattessen wird es immer
noch langen. Gewi, ich habe nicht studiert, bin aber so glcklich, da
ich jedem nur das gleiche Los wnschen kann, und etwas Schlechtes wei
ich mir nicht nachzusagen, -- brigens, da mag jeder selbst urteilen.
Was mich anlangt, ich bin mit mir zufrieden.

Er machte eine Handbewegung, beugte die Stirn, als htte er die Absicht
zuzustoen und schwieg still.

Also, das ist es, sagte Peredonoff, er ist ein junger Mann und soll
nicht als Hagestolz leben. Er soll heiraten. Der Verheiratete hat es
immer besser.

Wenn man mit der Frau harmoniert, so gibt es nichts besseres,
besttigte Wolodin.

Und auch Sie sind unverheiratet, fuhr Peredonoff fort. Auch Sie
mssen heiraten.

Hinter der Tr hrte man ein leises Gerusch, kurze verhaltene Laute, --
als seufze oder lache da jemand und als hielte er sich die Hand vor den
Mund. Nadeschda Wassiljewna blickte streng auf die Tr und sagte kalt:

Sie sind wirklich zu besorgt um mich, mit einer verletzenden Betonung
des Wortes zu.

Sie brauchen keinen reichen Mann, sagte Peredonoff, Sie haben ja Geld
genug. Sie brauchen einen, der Sie lieb hat und in allen Dingen Ihnen zu
Gefallen ist. Auerdem kennen Sie ihn und mten ihn verstehen. Sie sind
ihm nicht gleichgltig, er Ihnen vielleicht auch nicht. So steht also
die Sache: ich bringe Ihnen den Kaufmann, Sie haben die Ware, soll
heien: Sie selber sind die Ware.

Nadeschda Wassiljewna wurde rot und bi sich auf die Lippen, um nicht
laut auflachen zu mssen. Hinter der Tr hrte man wieder dieselben
Tne. Wolodin hielt die Augen bescheiden gesenkt. Es schien ihm, da
alles nach Wunsch ginge.

Was fr eine Ware? fragte Nadeschda Wassiljewna vorsichtig, verzeihen
Sie, ich verstehe Sie nicht recht.

Wie, Sie verstehen nicht! sagte Peredonoff unglubig. Nun, ich will
es geradeheraus sagen: Pawel Wassiljewitsch bittet Sie um Hand und Herz.
Und auch ich bitte fr ihn.

Hinter der Tr fiel etwas zu Boden und kugelte sich prustend und
sthnend. Nadeschda Wassiljewna, ganz rot vor verhaltenem Lachen,
blickte ihre Gste an. Wolodins Antrag schien ihr komisch und frech
zugleich.

Ja, sagte auch Wolodin, Nadeschda Wassiljewna, ich bitte Sie um Hand
und Herz.

Er wurde rot, erhob sich, machte einen energischen Kratzfu auf dem
Teppich, verbeugte sich und setzte sich. Dann stand er wieder auf, legte
die Hand aufs Herz und sagte, das Frulein schmachtend anblickend:

Gestatten Sie, Nadeschda Wassiljewna, da ich eine Erklrung abgebe. Da
ich Sie sogar sehr liebe, so kann ich mir gar nicht denken, da Sie
diesen Gefhlen nicht entgegenkommen sollten.

Er strzte einen Schritt vor, warf sich auf die Knie und kte ihre
Hand.

Nadeschda Wassiljewna, glauben Sie mir! Ich schwre! rief er, hob eine
Hand gen Himmel und schlug dann aus vollem Arm gegen seine Brust, da es
laut knallte.

Aber ich bitte Sie! Stehen Sie doch auf! sagte Nadeschda Wassiljewna
verlegen; was soll das?

Wolodin stand auf und kehrte mit gekrnktem Gesicht auf seinen Platz
zurck. Dort angelangt, prete er beide Hnde gegen die Brust und rief:

Nadeschda Wassiljewna, glauben Sie mir! Bis zum Grabe bin ich mit
ganzer Seele der Ihre!

Entschuldigen Sie, sagte Nadeschda Wassiljewna, aber ich kann
wirklich nicht. Ich habe meinen Bruder zu erziehen, hren Sie nur, wie
er da hinter der Tr weint.

Ja, die Erziehung des Bruders scheint mir keineswegs ein
Hinderungsgrund zu sein, erklrte Wolodin und streckte in gekrnktem
Stolz seine Unterlippe vor.

Nein, in jedem Fall hat er da mitzureden, sagte Nadeschda Wassiljewna
und stand eilig auf, ich will ihn fragen. Bitte warten Sie einen
Augenblick.

Sie lief flink aus dem Empfangszimmer, und ihr hellgelbes Kleid
rauschte. Sie packte Mischa, der hinter der Tr stand, an der Schulter,
lief mit ihm bis zu seinem Schlafzimmer, blieb dort vom Lauf und vom
verhaltenen Lachen schwer atmend an der Tr stehen und sagte mit
abgerissener Stimme:

Ist es denn ganz umsonst, wenn man dich bittet, nicht zu horchen. Ist
es wirklich ntig, zu den allerstrengsten Maregeln zu greifen!

Mischa hatte ihre Taille umfat, prete seinen Kopf in ihr Kleid und
lachte und schttelte sich vor Lachen und vor Anstrengung, es zu
unterdrcken. Die Schwester schob den Jungen in sein Zimmer, setzte sich
auf einen Stuhl neben der Tr und lachte.

Hast du gehrt, was er sich da ausgedacht hat, dein Pawel
Wassiljewitsch, fragte sie; komm mit mir ins Gastzimmer und untersteh
dich zu lachen! Ich werde dich in ihrer Gegenwart fragen, und du darfst
nicht >Ja< sagen. Hast du verstanden?

Ha--ha--ha, machte Mischa und nahm einen Zipfel seines Taschentuchs in
den Mund, um nicht lachen zu mssen, aber es half nur wenig.

Halt dein Taschentuch vor die Augen, wenn du lachen mut, riet die
Schwester und fhrte ihn an der Schulter ins Gastzimmer.

Dort drckte sie ihn in einen Sessel und setzte sich auf einen Stuhl
dicht neben ihn. Wolodin machte ein gekrnktes Gesicht und sa da mit
gesenkter Stirn, just wie ein Schaf.

Sehen Sie, sagte Nadeschda Wassiljewna und zeigte auf ihren Bruder,
der arme Junge! Ich konnte kaum seine Trnen stillen. Ich vertrete bei
ihm Mutterstatt, und nun glaubt er, ich wrde ihn verlassen.

Mischa bedeckte sein Gesicht mit dem Taschentuch. Sein ganzer Krper
bebte. Um sein Lachen zu verbergen, heulte er darauf los:

Hu--hu--hu!

Nadeschda Wassiljewna umarmte ihn, kniff ihn unbemerkt in den Arm und
sagte:

Wein doch nicht, Brderchen, wein nicht so!

Der unerwartete Schmerz trieb Mischa Trnen in die Augen. Er lie das
Tuch fallen und blickte seine Schwester bse an.

Wie, wenn der Junge wtend wird, dachte Peredonoff, und pltzlich
beit. Man sagt, der menschliche Speichel ist giftig.

Er rckte nher zu Wolodin, um im Falle drohender Gefahr sich hinter ihm
verstecken zu knnen. Nadeschda Wassiljewna sagte zum Bruder:

Pawel Wassiljewitsch hat um meine Hand gebeten.

Um Hand und Herz, verbesserte Peredonoff.

Und Herz -- wiederholte Wolodin leise, aber mit Wrde.

Mischa bentzte wieder das Taschentuch, und vor Lachen schluchzend sagte
er:

Nein, du sollst ihn nicht heiraten; was soll denn aus mir werden?

Wolodin sagte mit vor Aufregung zitternder Stimme:

Es wundert mich, Nadeschda Wassiljewna, da Sie Ihren kleinen Bruder um
Erlaubnis bitten, er ist doch sozusagen noch ein unmndiges Kind. Und
wre er auch erwachsen, so knnten Sie auch in diesem Fall sich
selbstndig entscheiden. Der Umstand aber, Nadeschda Wassiljewna, da
Sie ihn sogar jetzt um Erlaubnis bitten, verwundert mich nicht nur,
sondern setzt mich auch in Erstaunen.

Das ist doch geradezu komisch, so einen Bengel um Erlaubnis zu bitten,
sagte Peredonoff verdrielich.

Wen sollte ich sonst bitten? Der Tante ist es gleichgltig; ihn mu ich
aber erst noch erziehen, wie sollte ich Sie also heiraten knnen? Sie
knnten ihn zum Beispiel zu streng behandeln. Nicht wahr, Mischa, du
frchtest dich doch vor diesem harten Mann?

Nein, sagte Mischa und schielte mit einem Auge aus dem Taschentuch
hervor, ich frchte mich gar nicht vor ihm. Er darf mir nichts tun. Ich
frchte nur, da Pawel Wassiljewitsch mich zu sehr verwhnen wird und
dir auch nicht erlauben wird, mich in den Winkel zu stellen.

Glauben Sie mir, Nadeschda Wassiljewna, sagte Wolodin und legte die
Hand ans Herz, ich werde ihn nicht verwhnen. Ich denke so: einen
Jungen soll man berhaupt nicht verwhnen! Ist er satt und sauber
gekleidet, so gengt das. Von Verwhnen keine Spur. Ich kann ihn doch
auch in den Winkel stellen und wrde nicht daran denken, ihn zu
verwhnen. Ich kann noch mehr. Sie sind gewissermaen eine Jungfrau, d.
h. ein Frulein, da ist es Ihnen naturgem unbequem, ich kann aber auch
mitunter das Stcklein zu Hilfe nehmen.

Jetzt wollen mich beide in den Winkel stellen, sagte Mischa weinerlich
und benutzte wieder sein Taschentuch. Seid Ihr so! und noch dazu mit
dem Stckchen! nein, das pat mir gar nicht. Nein, nein, du darfst ihn
nicht heiraten.

Da hren Sie es doch, ich kann beim besten Willen nicht, sagte
Nadeschda Wassiljewna.

Ihr Vorgehen kommt mir uerst merkwrdig vor, sagte Wolodin, ich
komme Ihnen mit ganzem Herzen entgegen, ich kann wohl sagen, mit
flammendem Herzen und Sie belieben so nebenbei Ihres Bruders wegen
nein zu sagen. Sie tun es Ihres Bruders wegen, eine andere der
Schwester wegen, eine dritte gar weil sie einen Neffen hat und dann,
Gott wei, welcher Verwandten wegen, und so wird keine einzige heiraten
wollen, auf diese Weise wird das Menschengeschlecht ganz aussterben.

Deswegen brauchen Sie sich nicht zu beunruhigen, Pawel Wassiljewitsch,
sagte Nadeschda Wassiljewna, bisher hat noch keine derartige Gefahr fr
die Welt bestanden. Ich will nun mal nicht ohne Mischas Zustimmung
heiraten, und wie Sie bereits gehrt haben, ist er nicht einverstanden.
Es ist auch einigermaen begreiflich, versprechen Sie ihm doch gleich
mit den ersten Worten Prgel. Da knnten Sie mich am Ende auch
schlagen!

Aber ich bitte Sie, Nadeschda Wassiljewna, rief Wolodin
verzweiflungsvoll, unmglich glauben Sie, da ich mir solche Roheiten
werde zuschulden kommen lassen.

Nadeschda Wassiljewna lchelte.

Ich selbst habe keinerlei Bedrfnisse zu heiraten, sagte sie.

Vielleicht werden Sie ins Kloster gehn? fragte Wolodin mit gekrnkter
Stimme.

Oder in Tolstois Sekte und Mist fhren, verbesserte Peredonoff.

Warum sollte ich irgendwohin gehen? sagte Nadeschda Wassiljewna streng
und erhob sich, ich hab es hier sehr gut.

Auch Wolodin war aufgestanden, streckte seine Lippen weit vor und sagte:

Da nun Mischa aus seinen Gefhlen zu mir keinen Hehl gemacht hat, da
ferner Sie -- wie es zutage liegt -- ihn um Erlaubnis bitten, so kommt
es folgerichtig heraus, da ich die Stunden bei Ihnen im Hause aufgeben
mu, denn wie soll ich Unterricht erteilen, wenn sich mein Schler so zu
mir verhlt!

Nein, warum denn? entgegnete Nadeschda Wassiljewna, das ist wieder
eine Sache fr sich.

Peredonoff dachte, es wre vielleicht doch noch mglich das Frulein
umzustimmen und sie wrde schlielich ihr Jawort geben. Er sagte
finster:

Nadeschda Wassiljewna, berlegen Sie sich die Sache. Man kann nicht
gleich das Kind mit dem Bade ausschtten. Er ist ein guter Mensch, er
ist mein Freund!

Nein, sagte Nadeschda Wassiljewna, da gibt's nichts weiter zu
bedenken! Ich danke Pawel Wassiljewitsch fr den ehrenvollen Antrag,
kann ihn aber nicht annehmen.

Peredonoff blickte bse auf Wolodin und stand auf. Er dachte: Wolodin
ist doch ein rechter Esel: er hat es nicht einmal verstanden, ein
Frulein in sich verliebt zu machen.

Wolodin stand neben seinem Sessel mit gesenktem Kopf. Er fragte
vorwurfsvoll:

So ist es also wirklich aus, Nadeschda Wassiljewna? O weh! Und wenn es
sich so verhlt, -- er machte eine Handbewegung -- dann wnsche ich
Ihnen alles Gute. Das ist nun einmal mein trauriges Los. Ein Jngling
liebte eine Jungfrau, aber sie wollte ihn nicht. Gott wei es! Nichts zu
machen, ich werde weinen, und die Sache ist abgetan.

Einen tchtigen Menschen wollen Sie nicht heiraten, und wer wei, auf
wen Sie hereinfallen werden, sagte Peredonoff belehrend.

O weh, rief Wolodin noch einmal und wollte zur Tr gehen. Dann besann
er sich eines andern, beschlo gromtig zu sein und kehrte zurck, um
dem Frulein zum Abschied die Hand zu reichen, ja selbst den
Unglcksstifter Mischa bedachte er mit einem vershnlichen Hndedruck.

                   *       *       *       *       *

Auf der Strae brummte Peredonoff bse. Wolodin rsonierte
ununterbrochen mit gekrnkter, blkender Stimme.

Warum hast du die Stunden aufgegeben? brummte Peredonoff. Du bist
wohl zu reich!

Ich habe doch nur gesagt, da, wenn es sich so verhielte, ich
zurcktreten msse, und darauf hat sie geantwortet, da das nicht ntig
wre. Da ich nun meinerseits nicht widersprochen habe, so kommt es
heraus, da sie mich gebeten hat zu bleiben. Und jetzt hngt es von mir
allein ab; will ich, so kann ich Nein sagen, will ich, so kann ich
bleiben.

Unsinn Nein zu sagen, sagte Peredonoff, geh hin und mach so als
wre nichts gewesen.

Mag er wenigstens hier einen Vorteil haben, dachte Peredonoff, er hat
dann weniger Grund mich zu beneiden.

Peredonoff war das Herz sehr schwer.

Wolodin schien ihm nicht recht geheuer, er mute ihn auf Schritt und
Tritt beobachten, da er sich nicht mit Warwara zusammentte. Dann war
es auch nicht ausgeschlossen, da die Adamenko sich ber ihn gergert
hatte wegen seiner Vermittelung. Sie hatte Verwandte in Petersburg,
denen knnte sie schreiben, und das htte ihm vielleicht geschadet.

Und auch das Wetter war unfreundlich. Der Himmel war mit Wolken bedeckt,
Krhen flatterten unruhig und schrieen so hlich. Grade ber
Peredonoffs Kopf flogen sie und schrieen, als wollten sie ihn rgern und
ihm noch schlimmeres Unglck prophezeien. Peredonoff wickelte einen
Schal um den Hals und dachte, da es bei solchem Wetter leicht wre sich
zu erklten.

Was sind das fr Blumen, Pawluschka? fragte er und zeigte dabei auf
kleine, gelbe Blmchen, die hinter dem Zaun in einem Garten wuchsen.

Das sind Eisenhtchen, Ardascha, antwortete Wolodin traurig.

Peredonoff fiel es ein, da in seinem Garten sehr viele solcher Blumen
wuchsen. So einen schrecklichen Namen hatten sie! Vielleicht sind sie
giftig! Warwara wird eine Handvoll nehmen, sie als Tee aufkochen, um ihn
damit zu vergiften, d. h. erst dann zu vergiften, wenn seine Ernennung
bereits erfolgt ist, um dann mit Wolodin auf und davon zu gehen.
Vielleicht hatten die beiden das schon lngst verabredet. Woher sollte
Wolodin sonst wissen, wie diese Blumen hieen.

Wolodin aber sagte:

Gott mag sie richten! Warum hat sie mich beleidigt? Sie wartet
wahrscheinlich auf einen Aristokraten und berlegt gar nicht, da es
auch unter den Aristokraten schlimme Leute gibt; sie wird einen
heiraten, der sie unglcklich machen wird, und ein schlichter braver
Mensch htte sie so glcklich machen knnen. Ich werde in die Kirche
gehen und eine Kerze fr ihr Seelenheil stiften und fr sie beten: fge
es, Vater im Himmel, da sie einen Trunkenbold heiratet, der sie
prgelt, der bankerott macht und sie dann sitzen lt. Dann wird sie
sich meiner erinnern, aber es wird zu spt sein. Sie wird sich die
Trnen aus den Augen reiben und sagen: dumm war ich, dem Pawel
Wassiljewitsch einen Korb zu geben, er war ein prchtiger Mensch.

Seine eignen Worte rhrten ihn; er mute weinen und trocknete mit dem
Handrcken die Trnen, die aus seinen vorstehenden, schafigen Augen
quollen.

Schlag ihr in der Nacht die Fensterscheiben ein! riet Peredonoff.

Ach nein, Gott sei mit ihr, sagte Wolodin traurig, man knnte mich
ertappen. Und dieser Satansbengel Gott erbarme dich, was habe ich ihm
getan, da er mir so den Weg vertritt. Habe ich mir nicht alle
erdenkliche Mhe mit ihm gegeben, und er -- Sie haben es ja selber
erlebt -- macht solche Sachen. Was ist das fr eine Kreatur, was soll
aus ihm werden, erbarmen Sie sich, sagen Sie doch?

Ja, sagte Peredonoff bse, nicht einmal mit diesem Bengel konntest du
fertig werden. Schner Freier das!

Warum denn nicht, antwortete Wolodin, natrlich ein Freier. Ich finde
schon eine andre Braut. Sie soll nicht glauben, da ich um sie trauern
werde.

Ja, ein Freier, neckte Peredonoff, noch dazu mit einer Krawatte.
Wieviel Krbe hast du denn schon auf dem Buckel, Freier du!

Bin ich der Freier, so bist du der Brautwerber, sagte Wolodin
berlegen, du selber machtest mir ja Hoffnungen, aber die Braut hast du
mir nicht verschafft; schner Brautwerber das!

So neckten sie sich gegenseitig; jeder versuchte dem anderen
zuvorzukommen und gab sich den Anschein, als handle es sich um die
wichtigste Sache von der Welt.

                   *       *       *       *       *

Nadeschda Wassiljewna hatte die Gste hinausbegleitet und kehrte ins
Gastzimmer zurck. Mischa wlzte sich auf dem Sofa und lachte. Die
Schwester packte ihn an den Schultern, zog ihn an sich und sagte:

Hast du ganz vergessen, da es verboten ist zu horchen?

Sie hob die Hnde, um die kleinen Finger aneinanderzulegen, dann lachte
sie laut auf, und die Finger fuhren wieder auseinander. Mischa strzte
auf sie zu, sie umfaten sich und lachten sehr lange.

Aber doch, sagte sie, frs Horchen mut du in den Winkel.

Ach nein, sagte Mischa, du mut mir noch danken, weil ich dich von
diesem Bewerber befreit habe.

Und wer hat wen noch befreit? Hrtest du nicht, wie jemand sich
vornahm, dich mit dem Stckchen zu schlagen! Marsch in den Winkel!

Nein, dann will ich schon lieber hier stehen, sagte Mischa.

Er stellte sich vor der Schwester auf die Knie und legte seinen Kopf auf
ihren Scho. Sie streichelte ihn und kitzelte ihn ein wenig. Mischa
lachte und rutschte auf den Knien hin und her. Pltzlich rckte die
Schwester weit fort und setzte sich aufs Sofa. Mischa blieb allein.
Einige Zeit blieb er ruhig auf den Knien stehen und sah seine Schwester
fragend an. Sie machte es sich bequem, nahm vom Bcherbrett ein Buch,
als wolle sie lesen, und schielte auf den Bruder.

Ich bin schon mde, sagte er klglich.

O, ich halte dich nicht, du hast dich von selber hingestellt,
antwortete die Schwester und lchelte ihn an ber den Rand des Buches.

Du hast mich doch bestraft, verzeih bitte, sagte Mischa.

Habe ich dir denn gesagt, da du auf den Knien stehn sollst? sagte
Nadeschda Wassiljewna und machte so, als wre es ihr ganz gleichgltig,
was bettelst du denn in einem fort?

Ich werde nicht aufstehn, bevor du nicht verziehen hast.

Nadeschda Wassiljewna lachte, legte das Buch zur Seite und zog Mischa an
den Schultern zu sich heran. Er schrie auf und warf sich ihr entgegen,
umarmte sie und rief:

Pawluschkas Braut!




                                  XVI


Ludmillas Gedanken waren immer bei dem schwarzugigen Knaben. Sie redete
oft mit Verwandten und Bekannten ber ihn, -- manchmal zur unrechten
Zeit. Fast in jeder Nacht trumte sie von ihm; sie sah ihn zuweilen wie
er wirklich im Leben war -- bescheiden und schchtern, fter jedoch in
einer mrchenhaften, phantastischen Umgebung. Von diesen Trumen pflegte
sie zu erzhlen, und bald kam es so weit, da die Schwestern jeden
Morgen fragten, wie Sascha ihr in der vergangenen Nacht im Traume
erschienen wre.

Ihre Gedanken waren immer bei ihm.

Am Sonntag bat Ludmilla ihre Schwestern, sie mchten die Kokowkina aus
der Kirche abholen und recht lange aufhalten. Sie wollte mit Sascha
allein sein, und ging darum nicht zur Kirche. Sagt ihr, ich htte mich
verschlafen, trug sie den Schwestern auf.

Diese lachten ber den Streich, waren aber natrlich mit allem
einverstanden. Sie vertrugen sich berhaupt gut. Es konnte ihnen nur
gelegen kommen, wenn Ludmilla sich mit dem Jungen abgab, denn so blieben
die wirklichen Freier ihnen allein.

Sie taten, wie sie versprochen hatten, -- und baten die Kokowkina nach
dem Gottesdienst zu sich.

Unterdessen hatte sich Ludmilla ganz angekleidet. Sie trug ein hbsches,
frhliches Kleidchen und hatte sich mit angenehmem, weichem Flieder
parfumiert. In die eine Tasche steckte sie ein noch nicht angebrochenes
Odeurflschchen, in die andere einen kleinen Zerstuber; dann stellte
sie sich hinter den Vorhang an ein Fenster im Salon, um von hier zu
beobachten, ob die Kokowkina auch wirklich kme. Schon frher hatte sie
beschlossen Odeur mitzunehmen, um den Gymnasiasten zu parfumieren; er
sollte nicht immer nach ekligem Latein und nach Tinte und nach der
Schule berhaupt riechen. Ludmilla liebte Parfums. Sie verschrieb sie
sich aus Petersburg und brauchte sie oft und gerne. Sie liebte duftende
Blumen. Ihr Zimmer strmte immer irgend einen Wohlgeruch aus; entweder
roch es nach Blumen, oder nach Odeurs, oder nach Fichtenzweigen und
frischem Birkengrn.

Da kamen die Schwestern und die Kokowkina mit ihnen.

Frhlich lief Ludmilla zur Kche hinaus, durch den Gemsegarten, durch
das Pfrtchen und von dort weiter durch ein Nebengchen, -- um von der
Kokowkina nicht gesehen zu werden. Sie lchelte schelmisch, whrend sie
eilig zum Hause der Kokowkina ging und fuchtelte vergngt mit ihrem
weien Sonnenschirm. Sie war froh ber das schne, warme Herbstwetter,
und es schien, als verbreite sich ihre Frhlichkeit berall wohin sie
kam.

Das Dienstmdchen der Kokowkina ffnete ihr die Tr und meldete, die
gndige Frau wre nicht zu Hause. Ludmilla lachte laut und scherzte mit
dem rotbackigen Ding.

Vielleicht ist es gar nicht wahr, sagte sie, vielleicht versteckt
sich die gndige Frau vor mir.

Hi, hi, warum sollte sie sich verstecken! grinste das Mdchen, gehen
Sie doch ins Wohnzimmer und schauen Sie nach, wenn Sie mir nicht
glauben.

Ludmilla blickte in den Salon und rief schelmisch:

Gibt's hier berhaupt eine lebendige Seele? He, Gymnasiast!

Sascha kam aus seiner Stube und freute sich, als er Ludmilla sah; und
Ludmillas frhliche Augen machten ihn noch vergngter.

Wo ist denn Olga Wassiljewna? fragte sie.

Sie ist nicht zu Hause, sagte er, sie ist noch nicht heimgekommen.
Wahrscheinlich ist sie nach der Kirche zu Besuch gegangen. Ich bin erst
vor kurzem zurck, -- aber sie ist noch nicht da.

Ludmilla tat so, als wre sie sehr erstaunt. Sie fuchtelte mit ihrem
Sonnenschirm und sagte berrascht:

Wie kommt denn das? Alle sind doch schon zurck aus der Kirche. Sonst
sitzt sie immer zu Hause, und pltzlich ist sie nicht da. Wahrscheinlich
machen Sie so viel Lrm, mein Jngling, da sie es zu Hause nicht mehr
aushlt.

Sascha schwieg und lchelte. Er freute sich ber Ludmillas Stimme und
ber ihr helles Lachen. Er berlegte, wie er es am geschicktesten
anstellen sollte, um sie nach Hause zu begleiten, oder sie zu
veranlassen, noch einige wenige Minuten zu bleiben.

Aber Ludmilla dachte nicht daran fortzugehen. Sie blickte Sascha
schelmisch an und sagte:

Warum fordern Sie mich nicht auf, Platz zu nehmen, Sie liebenswrdiger
junger Mann Sie? Ich bin ganz mde geworden. Darf ich mich ein
Augenblickchen erholen?

Lachend ging sie in den Salon, und ihre lebhaften, zrtlichen Augen
schienen zu bitten. Sascha wurde verlegen und ganz rot vor Freude, --
sie wollte bleiben!

Wollen Sie, ich werde Sie bespritzen, fragte Ludmilla rasch, wollen
Sie?

Oho, sagte Sascha, sind Sie so! Sie wollen spritzen; warum so
grausam?

Ludmilla lachte laut auf und lehnte sich in den Sessel.

Bespritzen! rief sie, der dumme Junge! er hat mich falsch verstanden.
Ich will Sie doch nicht mit Wasser bespritzen, sondern mit Parfum.

Sascha sagte komisch:

O! mit Parfum! Ja warum denn?

Ludmilla nahm aus ihrer Tasche den Zerstuber; sie lie das dunkelrote,
goldverzierte Flschchen vor Saschas Augen blitzen und sagte:

Sehen Sie, ich habe mir einen neuen Zerstuber gekauft.

Dann nahm sie aus der anderen Tasche ein groes Flakon mit einer bunten
Etikette, Pariser Parfum Poa-Rosa von Herlaine. Sascha fragte:

Ihre Taschen sind aber tief!

Ludmilla antwortete frhlich:

Na, mehr drfen Sie nicht erwarten. Leckereien habe ich nicht
mitgebracht.

Leckereien, wiederholte Sascha neckend.

Neugierig sah er zu, wie Ludmilla die Flasche ffnete, und fragte:

Wie giet man das ohne Trichter herein?

Ludmilla sagte frhlich:

Den Trichter mssen Sie mir geben.

Ich habe doch keinen, sagte er verlegen.

Ganz wie Sie wollen, aber den Trichter werden Sie mir doch geben,
sagte Ludmilla eigensinnig.

Ich knnte einen aus der Kche holen, der riecht aber nach Petroleum,
sagte Sascha.

Ludmilla lachte herzlich.

Ach Sie unpraktischer Junge! Geben Sie mir einen Flick Papier, wenn
Ihnen das Papier nicht leid tut, -- dann haben wir einen Trichter.

O in der Tat! rief Sascha frhlich, man kann ja einen Trichter aus
Papier drehen. Ich will's gleich holen.

Sascha lief in seine Stube.

Darf es aus einem Heft sein, rief er von dort.

Ganz egal, antwortete Ludmilla frhlich. meinetwegen aus einem Buch,
z. B. aus der lateinischen Grammatik; mir wrde es nicht leid tun.

Sascha lachte und rief:

Nein, nein -- lieber aus einem Heft.

Er fand ein noch unbenutztes Heft, ri die mittlere Seite aus und wollte
schnell wieder in den Salon laufen, -- aber Ludmilla stand schon auf der
Schwelle.

Darf man eintreten, Herr Gastgeber? fragte sie schelmisch.

Aber bitte, ich bin sehr erfreut! rief Sascha frhlich.

Ludmilla setzte sich an den Tisch, drehte einen Trichter aus dem Papier
und go das Parfum mit besorgt geschftiger Miene aus dem Flakon in den
Zerstuber. Der Papiertrichter war an den Stellen, wo ihn die
Flssigkeit berhrt hatte, ganz dunkel geworden. Nur langsam flo die
Flssigkeit durch den Trichter. Ein warmer, ser Rosenduft gemischt mit
scharfem Spiritusgeruch verbreitete sich durch das Zimmer.

Ludmilla hatte die Hlfte des Flakons in den Zerstuber gegossen und
sagte:

So, es wird langen.

Dann schraubte sie den Zerstuber zu, knllte das feuchte Papier
zusammen und rieb es zwischen den Handflchen.

Riech doch, sagte sie zu Sascha und hielt ihm die Handflche vor die
Nase.

Sascha bckte sich, schlo die Augen und roch. Ludmilla lachte, schlug
ihn leicht mit der Handflche auf den Mund und lie die Hand auf seinen
Lippen liegen. Sascha wurde rot und kte ihre warme, duftende
Handflche, sie zrtlich mit bebenden Lippen berhrend. Ludmilla seufzte
auf; ihr liebliches Gesichtchen wurde fr einen Augenblick
verlangend-hingebend, dann nahm es wieder den ihm gewohnten Ausdruck
glcklicher Freude an.

Jetzt pa aber auf, wie ich dich bespritzen werde, sagte sie und
drckte den Gummiball.

Ein duftender Staub flog auf, er verteilte und verbreitete sich in der
Luft und benetzte Saschas Kleider. Sascha lachte und drehte sich
gehorsam, wenn Ludmilla ihn stie.

Riecht's gut, fragte sie.

Sehr angenehm, antwortete er frhlich. Wie nennt man dieses Parfum?

So ein Junge! Nimm doch die Flasche und lies, neckte sie ihn.

Sascha las die Etikette und sagte:

Darum, ich dachte schon, weil es so stark nach Rosenl roch.

Oel! sagte Ludmilla vorwurfsvoll und schlug ihn leicht auf die
Schulter.

Sascha lachte und steckte seine Zungenspitze vor.

Ludmilla war aufgestanden und whlte in Saschas Bchern und Heften.

Darf man sehen? fragte sie.

Aber gewi, sagte er.

Zeig doch, wo sind deine Nullen und Einer.[9]

Sascha antwortete gekrnkt:

So was habe ich bisher berhaupt nicht gehabt.

Na, das lgst du wohl, sagte Ludmilla bestimmt, das ist einmal euer
Schicksal Einer zu haben. Du hast sie versteckt, gesteh's!

Sascha lchelte und schwieg.

Latein und Griechisch ist wohl was sehr Langweiliges, sagte Ludmilla.

Nicht sonderlich, antwortete er; aber es war ihm anzumerken, da ihn
schon allein das Gesprch ber Schulangelegenheiten langweilte.

Es ist so langweilig zu ochsen, gestand er, macht nichts, ich habe
ein gutes Gedchtnis. Aber Rechenaufgaben zu lsen liebe ich.

Komm morgen nach dem Mittag zu mir, sagte Ludmilla.

[Funote 9: Null ist die schlechteste Note, fnf die beste.]

Danke, ich werde kommen, sagte Sascha errtend.

Es war ihm sehr angenehm, von Ludmilla eingeladen worden zu sein.

Weit du auch, wo ich wohne? Willst du kommen, fragte Ludmilla.

Ich wei. Schon recht, ich werde kommen, sagte er frhlich.

Aber komm bestimmt, wiederholte Ludmilla streng, ich werde dich
erwarten, hrst du?

Aber wenn ich zu viele Schulaufgaben haben sollte? sagte Sascha, mehr
aus Gewissenhaftigkeit, als da er tatschlich um der Aufgaben willen
nicht gekommen wre.

Ach, Dummheiten, komm nur, drngte Ludmilla, man wird dir nicht das
Fell ber die Ohren ziehen.

Aber warum soll ich kommen? fragte Sascha lchelnd.

Einfach darum. Du kommst. Ich habe dir einiges zu erzhlen und zu
zeigen, sagte Ludmilla, hpfte und sang dazu, zupfte an ihrem Rckchen
und spreizte ihre rosigen Fingerchen, komm du mein Lieber, mein
Goldner, mein Ser.

Sascha lachte.

Erzhlen Sie schon heute, bat er.

Heute geht es nicht. Wie knnte ich heute erzhlen? Dann wirst du
morgen nicht kommen und sagen, du httest keinen Grund gehabt, um zu
kommen.

Also gut, ich werde bestimmt kommen, wenn man mir erlaubt.

Das fehlte noch! Natrlich wird man erlauben! Man hlt dich doch nicht
an der Kette.

Als Ludmilla sich verabschiedete, kte sie Sascha auf die Stirn und hob
ihre Hand an seine Lippen, so da er sie kssen mute. Und es war ihm
angenehm, die weie, feine Hand noch einmal kssen zu drfen, -- und
doch schmte er sich. Wie sollte man da nicht rot werden.

Als Ludmilla fortging, lchelte sie zrtlich und schelmisch. Sie kehrte
sich einigemal um.

Wie lieb sie ist! dachte er.

Sascha war allein.

Sie ist so schnell gegangen! dachte er. Pltzlich hatte sie sich
aufgemacht, und, kaum gedacht, ist sie schon fort. Wre sie noch ein
Augenblickchen geblieben! -- dachte er und schmte sich, da er es
vergessen hatte, sie zu begleiten.

Knnte ich noch ein wenig mit ihr gehen, dachte er. Soll ich sie
einholen? Vielleicht ist sie schon weit fort? Wenn ich schnell laufe,
hole ich sie noch ein.

Vielleicht wird sie mich auslachen? dachte er. Oder vielleicht werde ich
sie stren.

So konnte er sich nicht entschlieen, ihr nachzulaufen. Ihm war es
traurig zumute. Auf seinen Lippen lag noch die zrtliche Berhrung ihrer
Hand und auf seiner Stirn brannte ihr Ku.

Sie kt so s, kam es ihm in den Sinn, wie ein liebes Schwesterchen!

Seine Wangen brannten. Er schmte sich und doch war ihm so leicht.
Unklare Gedanken und Bilder gingen ihm durch den Kopf.

Wre sie doch meine Schwester, trumte er, knnte ich zu ihr hin, sie
umarmen, ihr ein liebes Wort sagen, sie rufen: Millachen, liebste! oder
sie sonst mit einem besonderen Namen rufen, -- z. B. Buba oder
Heuschrecke. Und sie wrde darauf antworten. O -- wre das schn!

Aber sie ist mir nur eine Fremde, dachte er traurig, sie ist sehr lieb,
aber doch fremd. Sie kam und ging, und denkt gewi nicht mehr an mich.
Nur ein ser Duft von Flieder und Rosen erinnert an sie und die
Berhrung der Lippen von zwei zrtlichen Kssen; -- das Herz zittert,
wenn ich daran denke, und schenkt mir einen schnen Traum, schn wie
Aphrodite den Wellen entstieg.

                   *       *       *       *       *

Bald darauf kam die Kokowkina heim.

Wonach riecht es so stark? sagte sie.

Sascha wurde rot.

Millachen war hier, sagte er. Sie waren aber nicht zu Hause; da blieb
sie ein wenig, parfumierte mich und ging wieder fort.

Was fr Zrtlichkeiten! sagte die Alte verwundert, >Millachen< zu
sagen!

Sascha lachte verlegen und lief davon. Die Kokowkina aber dachte bei
sich, die Rutiloffschen Mdchen wren ganz besonders liebenswrdige
junge Damen, alt und jung verstnden sie zu bezaubern.

                   *       *       *       *       *

Gleich am Morgen des nchsten Tages freute sich Sascha beim Gedanken
daran, ausgehen zu drfen. Ungeduldig wartete er auf das Mittagessen.
Nach dem Essen bat er ganz rot vor Verlegenheit, bis sieben Uhr zu
Rutiloffs gehen zu drfen. Die Kokowkina war erstaunt, lie ihn aber
gehen.

Sascha lief frhlich davon. Er hatte sich sorgfltig gekmmt und sogar
Pomade in die Haare getan. Er freute sich sehr und war ein wenig
aufgeregt, als htte er etwas Bedeutungsvolles, doch Schnes vor.
Besonders angenehm war ihm der Gedanke da er gleich bei der Begrung
Ludmillas Hand kssen wrde und sie ihn auf die Stirn; und dann, wenn er
wieder nach Hause mte, wrden sie sich wieder kssen. Es lie sich so
wunderbar von Ludmillas feinen, schlanken Hnden trumen.

Alle drei Schwestern begrten Sascha schon im Vorhause. Sie pflegten
gerne am Fenster zu sitzen und auf die Strae zu sehen. So kam es,
da sie ihn schon von weitem kommen sahen. In strmischer
Frhlichkeit umringten ihn die drei lustigen, eleganten, laut
durcheinandersprechenden Damen, -- und er fhlte sich gleich wohl in
ihrer Mitte.

Da ist er ja -- der geheimnisvolle, junge Mann! rief Ludmilla
frhlich.

Sascha kte ihr die Hand; er tat es sehr gewandt und mit sichtlichem
Vergngen. Gleich in eins kte er auch den beiden andern Schwestern die
Hand, -- er konnte sie doch nicht bergehen, -- und fand, da auch
dieses nicht unangenehm wre, um so mehr, als ihn alle drei auf die
Wange kten; -- Darja tat es laut und gleichmtig, als htte sie ein
Brett vor sich; Valerie kte zart, -- sie hatte die Augen gesenkt -- es
waren schlaue Aeuglein, -- kicherte verschmt und berhrte kaum mit
ihren durstigen, frhlichen Lippen die Wange, -- ihr Ku schwebte nieder
wie eine zarte, duftige Apfelblte; -- Ludmilla kte ihn glcklich,
frhlich und fest auf die Wange.

Das ist _mein_ Gast, erklrte sie mit Bestimmtheit und fhrte Sascha
in ihr Zimmer.

Darja rgerte sich darber.

Ist es dein Gast, so k ihn auch allein, rief sie bse. Hast da
einen schnen Schatz gefunden! Keiner macht ihn dir streitig.

Valerie sagte nichts, sie lchelte nur, -- was konnte es fr ein
Vergngen sein sich mit einem dummen Jungen zu unterhalten! Er konnte ja
nichts begreifen?

Ludmillas Zimmer war gerumig, hell und freundlich. Vor den zwei groen
Fenstern, die auf den Garten hinausgingen, waren nur leichte, gelbe
Tllvorhnge. Im Zimmer duftete es s. Alle Gegenstnde waren elegant
und hell. Die Sthle und Sessel waren von einem goldgelben, von einem
weien Muster kaum sichtbar durchwirkten Stoffe bezogen. Ueberall
standen Flakons mit Odeur oder wohlriechendem Wasser, kleine
Kristallschlchen und Krbchen, Fcher und einige russische und
franzsische Bcher.

Heute Nacht habe ich von dir getrumt, erzhlte Ludmilla lachend, ich
sah dich im Flu bei der Stadtbrcke schwimmen; ich selber sa auf der
Brcke und angelte dich.

Und sperrten mich dann in ein Glas? neckte Sascha.

Warum in ein Glas?

Wohin denn sonst?

Wohin? Ich zauste dich grndlich an den Ohren und warf dich wieder
zurck in den Flu.

Und Ludmilla lachte hell auf.

_So_ sind Sie also! sagte Sascha. Und was wollten Sie mir heute
erzhlen?

Ludmilla lachte nur und sagte nichts.

Sie haben mich also betrogen, erriet er, und auerdem versprachen
Sie, mir etwas zu zeigen, sagte er vorwurfsvoll.

Ich werde dir zeigen! Willst du was essen? fragte sie.

Ich komme eben vom Mittag, sagte er. So betrgen Sie einen!

Ich hab' es gerade ntig, dich zu betrgen. Aber du riechst ja nach
Pomade? fragte sie pltzlich.

Sascha wurde rot.

Ich kann Pomade nicht leiden! sagte Ludmilla gergert. So was
Weibisches!

Sie strich mit der Hand ber sein Haar und gab ihm dann mit der fettigen
Handflche einen kleinen Klaps auf die Backe.

Das darfst du nie wieder tun! sagte sie.

Sascha wurde verlegen.

Gut, ich will's nicht wieder tun, sagte er, Sie sind furchtbar streng
und parfumieren sich doch selber!

Zwischen Parfum und Pomade ist eben ein groer Unterschied, dummer
Junge! Es ist doch gar nicht zu vergleichen, sagte Ludmilla belehrend,
ich habe nie Pomade gebraucht. Warum soll ich mir die Haare verkleben!
Parfum ist doch ganz was anderes. Komm, ich werde dich parfumieren.
Willst du? Mit etwas Flieder, -- willst du?

Ich will, sagte Sascha und lchelte.

Es war ihm angenehm zu denken, wie die Kokowkina staunen wrde, wenn er
wieder parfumiert nach Hause kommen wrde.

Wer will? fragte Ludmilla noch einmal, nahm den Flakon mit Flieder in
die Hand und blickte Sascha halb fragend und schelmisch an.

Ich will, wiederholte Sascha.

Will? Will, well -- bell? Du bellst also? neckte Ludmilla.

Beide lachten frhlich.

Frchtest du dich noch vor dem Spritzen? fragte Ludmilla, weit du
noch, wie du gestern Angst hattest?

Ich hatte gewi keine Angst, verteidigte sich Sascha eifrig.

Ludmilla lachte und neckte den Jungen. Dann parfumierte sie ihn mit
Flieder. Sascha bedankte sich und kte ihr die Hand.

Auerdem la dir die Haare schneiden! sagte Ludmilla streng, was soll
diese Lockenpercke! Willst du die Pferde auf der Strae scheu machen?

Schon gut; ich will sie mir schneiden lassen, erklrte Sascha, aber
warum sind Sie so entsetzlich streng? Ich habe ja noch ganz kurze Haare,
kaum einen halben Zoll lang, und sogar der Inspektor hat mir noch nichts
darber gesagt.

Ich liebe es, wenn junge Leute ihre Haare kurz tragen; merk dir das,
sagte Ludmilla wichtig und drohte mit dem Finger; ich bin nicht dein
Inspektor, und mir mu gehorcht werden.

                   *       *       *       *       *

Von diesem Tage an kam Ludmilla oft zur Kokowkina, um Sascha zu sehen.
Besonders in der ersten Zeit bemhte sie sich, nur dann zu kommen, wenn
die Kokowkina nicht zu Hause war. Manchmal wute sie es besonders schlau
einzurichten -- und lockte die alte Frau von Hause fort.

Einmal sagte ihr Darja:

Wie bist du doch feige! Bist bange vor einer alten Frau. Geh doch hin,
wenn sie zu Hause ist und nimm ihn mit zu einem Spaziergang.

Ludmilla merkte sich den Rat, -- und ging nun hin, wann es ihr pate.
War die Kokowkina zu Hause, so plauderte sie ein wenig mit ihr und ging
dann mit Sascha spazieren, -- in solchen Fllen pflegte sie ihn jedoch
nur fr kurze Zeit in Anspruch zu nehmen.

Ludmilla und Sascha wurden bald gute Freunde, -- allein ihre
Freundschaft war unruhiger, wenn auch zrtlicher Natur. Ohne sich dessen
bewut zu werden, weckte Ludmilla in Sascha frhreifes und unklares
Verlangen und Begehren.

Es kam oft vor, da Sascha Ludmillas Hnde kte, -- ihre schmalen,
schnen Hnde, die von einer zarten, elastischen Haut umspannt waren,
durch deren blarosa Gewirke weitverzweigte blaue Aederchen schimmerten.
Und dann hher hinauf. Es war so leicht ihren grazisen, schlanken Arm
zu kssen, man brauchte ja nur die breiten Aermel bis zum Ellenbogen
hinaufzustreifen.

Mitunter erzhlte Sascha der Kokowkina nicht, wenn Ludmilla dagewesen
war. Er log zwar nicht, -- aber er verschwieg es. Und wie htte er auch
lgen sollen, -- das Dienstmdchen htte plaudern knnen. Es wurde ihm
nicht leicht, von Ludmillas Besuchen zu schweigen: ihr helles Lachen
klang immer in seinen Ohren. Er wollte von ihr sprechen. Und doch, -- es
war so unbequem.

Auch mit den andern Schwestern wurde Sascha bald gut Freund. Er kte
ihnen allen die Hand und rief sie sogar bei ihren Kosenamen: Daschenka,
Millachen, Vallichen.




                                  XVII


Ludmilla traf Sascha eines Nachmittags auf der Strae. Sie sagte:

Morgen hat die lteste Tochter des Direktors Geburtstag, -- wird deine
Pflegemutter hingehen?

Ich wei nicht, sagte Sascha.

Und schon regte sich die freudige Hoffnung in seinem Herzen, vielleicht
war es weniger Hoffnung als Wunsch, da die Kokowkina ausgehen und
Ludmilla gerade dann kommen wrde, um mit ihm allein zu sein ...

Am Abend erinnerte er die Kokowkina an den Geburtstag.

Fast htte ich es vergessen, sagte die Kokowkina. Ich werde hingehen.
Es ist ein sehr liebes Mdchen.

Und gerade, wie Sascha aus der Schule heimkam, machte sich die Kokowkina
auf den Weg. Er freute sich beim Gedanken, da er diesmal mit geholfen
hatte, die Kokowkina zu entfernen. Und er war fest davon berzeugt, da
Ludmilla Zeit finden wrde zu kommen.

So war es auch; -- Ludmilla kam. Sie kte ihn auf die Wange und reichte
ihm ihre Hand zum Kusse. Sie lachte frhlich, und er wurde rot.
Ludmillas Kleider dufteten heute nach Rosa-Iris, ein schwerer, ser
Blumenduft: die sinnbetrende, lsterne Iris -- gelst in zart duftenden
Rosen.

Ludmilla hatte eine schmale in Seidenpapier gewickelte Schachtel
mitgebracht. Durch das Papier schimmerte eine gelbe Reklamezeichnung.
Sie setzte sich, legte die Schachtel auf ihre Knie und blickte Sascha
schelmisch an.

Magst du Datteln? fragte sie.

Furchtbar, sagte Sascha und machte eine komische Grimasse.

So, dann werde ich dich bewirten, sagte sie wichtig.

Sie ffnete die Schachtel.

I! befahl sie.

Sie selber nahm eine Frucht nach der anderen aus der Schachtel und
steckte sie Sascha in den Mund; und jedesmal mute er ihr die Hand
kssen. Sascha sagte:

Aber meine Lippen sind ganz klebrig.

Das tut nichts, k nur immer zu, antwortete Ludmilla frhlich, es
krnkt mich nicht.

Dann k ich doch lieber mit einem Mal, sagte Sascha und lachte.

Schon streckte er seine Hand nach den Frchten.

Du wirst mich betrgen, rief Ludmilla, klappte rasch die Schachtel zu
und gab ihm einen Klaps auf die Finger.

Ach nein, ich bin ganz ehrlich, ich werde gewi nicht betrgen,
beteuerte Sascha.

Ich glaub' es nicht, ich glaub' es nicht, wiederholte Ludmilla.

Dann darf ich im voraus kssen, schlug er vor.

Das geht eher, sagte Ludmilla frhlich, k nur.

Sie reichte Sascha ihre Hand. Er ergriff ihre schlanken Finger, kte
sie einmal und fragte, ohne die Hand loszulassen, schlau lchelnd:

Werden Sie mich auch nicht betrgen, Millachen?

Bin ich denn eine unehrliche Person, sagte Ludmilla frhlich, ich
werde dich nicht betrgen, k nur zu! -- unbedenklich.

Sascha beugte sich ber ihre Hand und kte sie eifrig; gleichmig
bedeckte er ihre ganze Handflche mit Kssen, wobei er seine Lippen weit
offen hielt, und es war ihm angenehm, sich einmal sattkssen zu drfen.
Aufmerksam zhlte Ludmilla die Ksse. Beim zehnten sagte sie:

Es ist gewi unbequem im Stehen zu kssen; du mu dich bcken.

Dann will ich es mir bequemer machen, sagte er.

Er kniete nieder und fuhr ebenso eifrig in seiner Beschftigung fort.

Sascha liebte zu naschen. Es hatte ihm sehr gefallen, da Ludmilla ihm
was mitgebracht hatte. Dafr liebte er sie noch inniger.

Ludmilla hatte Sascha mit sinnerregendem, sem Odeur parfumiert. Dieser
Duft setzte ihn in Erstaunen. Er war so eigen, aufregend, dunkel und
doch hell, wie ein goldiges, frhes, sndiges Morgenrot hinter einer
fahlen Dmmerung. Sascha sagte:

Der Duft ist so merkwrdig!

Gie dir mal auf die Hand davon, riet Ludmilla.

Sie reichte ihm ein hliches, vierkantiges, grobgeschliffenes
Flschchen. Sascha sah sich die Farbe an, -- es war eine grell-gelbe,
lebhafte Flssigkeit. Eine grobe, hliche Etikette mit franzsischer
Aufschrift, aus der Fabrik von Puiver. Sascha nahm den flachen
Glasstpsel, zog ihn heraus und roch. Dann tat er so wie er es bei
Ludmilla gesehen hatte, -- er legte die Handflche fest auf die Oeffnung
des Flschchens, kehrte es geschwind um und stellte es dann wieder mit
dem Boden nach unten beiseite; dann verrieb er die wenigen Tropfen der
Flssigkeit auf der Handflche und roch daran, -- der Spiritus war bald
verflogen, nur der reine Duft war geblieben. Ludmilla blickte auf ihn in
gespannter, erregter Erwartung. Sascha sagte unsicher:

Es riecht ein wenig nach verzuckerten Wanzen!

Lg doch nicht, ich bitte, sagte Ludmilla rgerlich.

Auch sie schttete sich einige Tropfen auf die Hand und roch daran.
Sascha wiederholte:

Wirklich, es riecht nach Wanzen.

Ludmilla brauste zornig auf; ihr traten die Trnen in die Augen, -- gab
Sascha einen Schlag ins Gesicht und rief:

Du unverschmter Bengel! Da, nimm das fr die Wanzen.

Gut getroffen! sagte Sascha, lachte und kte ihre Hand. Was hat Sie
so gekrnkt, liebstes Millachen? Wonach riecht es denn, Ihrer Meinung
nach.

Ueber den Schlag rgerte er sich nicht, -- er war ganz bezaubert von
ihrem Wesen.

Wonach? fragte Ludmilla und fate ihn am Ohrlppchen, das will ich
dir gleich sagen wonach, erst will ich dich grndlich am Ohr zausen.

O weh, o weh, Millachen, Liebste, ich werde nie mehr! flehte Sascha
und krmmte sich vor Schmerz.

Ludmilla lie das stark gertete Ohr los, zog den Jungen zrtlich heran,
nahm ihn auf den Scho und sagte:

Merk auf, -- im Zyklamen lebt ein dreifacher Hauch, -- das arme
Blmlein duftet nach ser Ambrosia, -- das ist fr die fleiigen
Bienen. Du weit doch, man nennt's auch Schweinsbrod.

Schweinsbrod, wiederholte Sascha und lachte, wie komisch!

Lach nicht, Wildfang, sagte Ludmilla, packte ihn am andern Ohr und
fuhr fort: Se Ambrosia, ber ihr summen die Bienen; -- das ist des
Blmleins Freude. Dann riecht es ganz zart nach Vanille; das ist aber
nicht fr die Bienen, sondern es ist fr solche Dinge, die wir
ertrumen. Dies ist sein Wunsch: eine Blume und das Gold der Sonne ber
ihr. Und der dritte Hauch ist dieser: es ist der zrtliche, se Duft
des Krpers. Er ist fr jene da, welche lieben, und dieses ist seine
Liebe: das arme Blmlein in der glhenden Hitze des Mittags. Biene,
Sonne und Glut, -- verstehst du mich, Liebster?

Sascha nickte schweigend. Sein ganzes Gesicht flammte, und die langen,
dunkeln Wimpern zitterten. Ludmilla blickte trumend in die Ferne, ihre
Wangen waren leicht gertet. Sie fuhr fort:

Das zarte und sonnige Zyklamen erfreut uns; es erregt in uns ein
Verlangen, welches s ist und davor wir erschrecken; es macht unser
Blut flammend. Begreif es wohl, mein Sonnenprinz, es ist so tief, und
s, und weh; es ist, da man weinen mchte. Begreifst du das? So ist
dieses Blmlein.

Und ihre Lippen neigten sich zu einem langen Ku auf Saschas Mund.

                   *       *       *       *       *

Ludmilla blickte nachdenklich vor sich hin. Pltzlich zuckte ein
schelmisches Lcheln um ihre Lippen. Ganz leise stie sie Sascha fort
und fragte:

Liebst du rote Rosen?

Sascha seufzte tief, ffnete die Augen, lchelte und flsterte:

Ja, ich liebe sie.

Die groen, roten? fragte Ludmilla.

Alle liebe ich, die groen und kleinen, sagte er keck und sprang mit
einer geschickten knabenhaften Bewegung von ihrem Scho.

Wirklich auch die roten? fragte Ludmilla zrtlich, und ihre helle
Stimme zitterte vor verhaltenem Lachen.

Ja, ich liebe sie, sagte er rasch.

Ludmilla lachte und wurde rot.

Du liebst also die roten; du liebst Ruten, -- o du dummer Junge; schade
nur, da niemand da ist, der dich verprgeln knnte, rief sie.

Beide lachten und wurden rot.

Diese notwendigerweise noch harmlosen Gefhlswallungen waren Ludmillas
ganze Freude in ihrer Freundschaft zu Sascha. Sie erregten, -- und waren
doch so ganz anders als die groben und widerlichen Annherungsversuche
der Mnner ...

                   *       *       *       *       *

Sie stritten, wer von ihnen der Strkere wre. Ludmilla sagte:

Meinetwegen bist du der Strkere. Es kommt aber nur darauf an, wer
gewandter ist.

Ich bin auch gewandt, renommierte Sascha.

Ach geh, du und gewandt! neckte Ludmilla.

Lange stritten sie noch. Endlich schlug Ludmilla vor:

Wollen wir ringen!

Sascha lachte und sagte selbstgefllig:

Sie knnen nicht mit mir fertig werden!

Ludmilla kitzelte ihn.

Sind Sie so! rief er lachend, machte sich mit einem Ruck frei und
fate sie um die Hften.

So kam es zu einer Balgerei. Ludmilla merkte sofort, da Sascha strker
war. Mit Kraft allein konnte sie nicht gegen ihn aufkommen, daher
wartete sie auf einen gnstigen Augenblick und stellte ihm ein Bein, --
er strzte und zog Ludmilla im Fallen nach sich. Doch Ludmilla wute
sich geschickt zu befreien und drckte ihn zu Boden. Sascha rief
verzweifelt:

Das ist unehrlich!

Aber Ludmilla kniete auf seiner Brust und drckte ihn mit den Hnden zu
Boden. Sascha suchte mit Gewalt freizukommen, doch Ludmilla kitzelte ihn
wieder. Beide lachten unbndig. Vor lauter Lachen mute sie ihn
schlielich loslassen und blieb auf dem Boden liegen. Sascha sprang auf.
Er war ganz rot geworden und sehr enttuscht.

Nixe! rief er.

Und die Nixe lag auf dem Boden und lachte aus vollem Halse.

                   *       *       *       *       *

Ludmilla nahm Sascha zu sich auf den Scho. Das Ringen hatte sie
erschpft, jetzt blickten sie einander frhlich in die Augen und
lchelten.

Ich bin zu schwer fr Sie, sagte Sascha, ich werde Ihre Knie
plattdrcken, lassen Sie mich lieber neben Ihnen sitzen.

Das macht nichts, bleib nur, antwortete Ludmilla sanft, du hast doch
selber gesagt, da du es liebtest zrtlich zu sein.

Sie streichelte seine Stirn. Er schmiegte sich dicht an sie. Sie sagte:

Du bist sehr hbsch.

Sascha wurde rot und lachte.

Was nicht gar! sagte er.

Dieses Gesprch ber die Schnheit in Anwendung auf ihn selber verwirrte
ihn; er hatte noch nie darber nachgedacht, ob die Menschen ihn fr
hbsch oder fr hlich hielten.

Ludmilla kniff ihn in die Wange. Sascha lchelte. Auf der Wange war ein
roter Fleck geblieben. Das sah hbsch aus. Ludmilla kniff auch die
andere Backe. Sascha wehrte sich nicht. Er nahm nur ihre Hand, kte sie
und sagte:

Kneifen Sie nicht mehr, es schmerzt doch, und auch Ihre Fingerchen
werden hart werden.

Ach, es schmerzt ja gar nicht, sagte Ludmilla gedehnt, seit wann
schneidest du denn Komplimente?

Ich habe keine Zeit mehr, ich mu noch lernen. Seien Sie noch ein wenig
lieb zu mir. Das wird mir Glck bringen, und ich werde im Griechischen
die Note Fnf erhalten.

Du willst mich wohl forthaben! sagte Ludmilla.

Sie nahm seine Hand und streifte den Aermel seiner Jacke ber den
Ellenbogen hinauf.

Wollen Sie mich schlagen? fragte Sascha verlegen und errtete
schuldbewut.

Aber Ludmilla war ganz in Betrachtung des Armes versunken; sie drehte
ihn hin und her.

Du hast sehr schne Arme, sagte sie laut und frhlich und kte den
Arm.

Sascha wurde ganz rot. Er wollte den Arm fortreien, aber Ludmilla hielt
ihn sehr fest und kte ihn noch einigemale. Sascha wurde ganz still,
und ein merkwrdiger Ausdruck legte sich um seine halblchelnden,
purpurnen Lippen, -- und eine Blsse flog ber seine von dichten Wimpern
beschatteten, glhenden Wangen.

Sie verabschiedete sich. Sascha hatte Ludmilla bis zum Gartenpfrtchen
begleitet. Er wre auch weiter gegangen, aber sie erlaubte es nicht. Er
blieb am Pfrtchen stehen und sagte:

Liebste, komm fter zu mir, und bring mir was recht Schnes, Ses
mit.

Dieses erste Du aus seinem Munde klang Ludmilla wie ein zartes
Liebesgestndnis. Sie umarmte ihn strmisch, sie kte ihn und lief
davon. Sascha blieb wie betubt stehen.

                   *       *       *       *       *

Sascha hatte versprochen zu kommen. Die verabredete Stunde war schon
lngst vorber, -- er kam nicht. Ludmilla wartete ungeduldig,
sehnschtig -- bange. Immer wieder lief sie ans Fenster, wenn sie
drauen Schritte hrte. Die Schwestern lachten sie aus. Sie antwortete
gereizt und erregt:

Lat mich in Frieden!

Und dann machte sie ihnen die heftigsten Vorwrfe, weil sie lachten.
Jetzt war es klar, -- Sascha wrde nicht kommen. Sie weinte vor Kummer
und Enttuschung.

O weh, o weh, o der Kummer! neckte sie Darja.

Ludmilla flsterte schluchzend, -- und verga vor lauter Gram sich
darber zu rgern, da man sie neckte:

Die alte, eklige Schachtel hlt ihn fest; sie bindet ihn an ihre Rcke,
damit er fleiig lernt.

Darja sagte mitfhlend:

Und er ist auch dumm genug und wei sich nicht freizumachen.

Mit einem Baby sich einzulassen, murmelte Valerie verchtlich.

Beide Schwestern verhielten sich teilnehmend zu Ludmillas Kummer,
obgleich sie sie neckten. Sie liebten alle einander, wenn auch nicht
herzlich, so doch zrtlich: eine oberflchliche, teilnehmende Liebe!
Darja sagte:

La doch das Weinen; wegen eines grnen Jungen verdirbt man sich nicht
die Augen. Es ist doch wirklich beinah, als steckte der Satan hinter dem
Bengel.

Wer ist der Satan? rief Ludmilla heftig und wurde dunkelrot vor Zorn.

Liebes Kind, antwortete Darja gelassen, was hilft's, da du jung
bist, nur ...

Darja lie den Satz unbeendet und pfiff schrill durch die Zhne.

Unsinn! sagte Ludmilla und ihre Stimme hatte einen merkwrdig
metallenen Klang.

Ein eigentmlich hartes Lcheln huschte trotz der Trnen ber ihr
Gesicht; ein Lcheln hnlich einem grell auffahrenden Strahl der
untergehenden Sonne durch letzte, mde Regenschauer.

Darja fragte empfindlich:

Sag mir bitte, was ist an ihm interessant?

Ludmilla antwortete nachdenklich und gemessen, -- und dasselbe
wunderliche Lcheln spielte um ihr Gesicht:

Er ist schn! Und dann schlummert vieles in ihm, was noch nicht
verausgabt ist!

Gott, wie billig! sagte Darja spttisch. Das drfte bei allen Jungen
zutreffen.

Es ist nicht billig, antwortete Ludmilla gereizt, es gibt auch
gemeine Jungen.

Ist er vielleicht rein? fragte Valerie; das Wort rein sagte sie
nachlssig und verchtlich.

Du verstehst viel davon! rief Ludmilla heftig, aber sie fate sich
gleich und sagte leise und vertrumt:

Er ist unschuldig!

Was nicht gar! sagte Darja hhnisch.

Er ist im schnsten Alter, sagte Ludmilla, zwischen vierzehn und
fnfzehn. Noch kann er gar nichts und versteht auch nichts, aber er ahnt
alles, wirklich alles. Auerdem hat er keinen scheulichen Bart.

Auch ein Vergngen! sagte Valerie verchtlich die Achseln zuckend.

Sie wurde traurig. Sie kam sich selber schwach, klein und zerbrechlich
vor, und beneidete die Schwestern, -- Darja wegen ihres frhlichen
Lachens, und Ludmilla wegen ihres Kummers. Ludmilla sagte:

Ihr wollt nicht begreifen! Ich liebe ihn nicht so, wie ihr es glaubt.
Es ist besser einen Knaben zu lieben als sich in eine gemeine, brtige
Fratze zu vergaffen. Ich liebe ihn unschuldig. Ich will nichts von ihm.

Wenn du nichts von ihm willst, so la ihn doch in Gottes Namen laufen!
antwortete Darja grob.

Ludmilla wurde rot und etwas wie Schuldbewutsein grub schwere Falten in
ihre Stirn. Darja taten ihre Worte leid. Sie trat auf Ludmilla zu,
umarmte sie und sagte:

Sei nicht bse! wir wollten dich nicht krnken.

Ludmilla brach in Trnen aus, schmiegte sich an Darjas Schulter und
sagte traurig:

Ich wei, da ich nichts zu erhoffen habe. Er soll nur lieb zu mir
sein, ganz klein wenig lieb.

Wozu der Kummer! sagte Darja hart, ging in die Mitte des Zimmers,
stemmte die Arme in die Seiten und sang laut:

   Diese Nacht, diese Nacht
   Kam mein Liebster
   Ins Kmmerlein ...

Valerie schttelte sich vor Lachen. Und auch Ludmillas Augen blickten
frhlicher und schelmisch. Sie lief schnell in ihr Zimmer, und
parfmierte sich mit einem lsternen, betubenden Parfm, dessen Duft
sie sinnlich erregte.

Sie ging auf die Strae, ein wenig erregt, elegant und etwas
aufdringlich in ihrer leichten, duftigen Toilette. Vielleicht treffe ich
ihn, dachte sie. Und sie traf ihn.

Halloh! rief sie vorwurfsvoll und freudig.

Sascha wurde verlegen.

Ich hatte wirklich keine Zeit, sagte er bedrckt, immer diese
Aufgaben, immer dies Lernen; wirklich, ich habe keine Zeit.

Du lgst, mein Junge, -- komm gleich mit!

Er weigerte sich lachend, aber es war ihm anzusehen, da er froh war,
mitkommen zu drfen. So brachte ihn Ludmilla glcklich nach Hause.

Da ist er! rief sie triumphierend und fhrte Sascha in ihr Zimmer.

Warte nur, jetzt will ich mit dir abrechnen, drohte sie und
verriegelte die Tr, niemand wird dich jetzt in Schutz nehmen.

Sascha hatte die Hnde auf den Rcken gelegt und stand verlegen in der
Mitte des Zimmers, ihm war sehr eigentmlich zumute. Es roch nach einem
ihm unbekannten, schweren Parfum. Alles schien so feierlich und s, und
doch war etwas in diesem Geruch, das ihm zuwider war, das die Nerven
erregte, wie etwa die Berhrung von kleinen, flinken, glatten Schlangen.




                                 XVIII


Peredonoff hatte eine Schlerwohnung besichtigt und kehrte jetzt heim.
Ein pltzlicher Regenschauer berraschte ihn. Er berlegte, wohin er am
besten gehen knne, um seinen neuen, seidenen Regenschirm der Nsse
nicht auszusetzen. Jenseits der Strae erblickte er an einem kleinen,
zweistckigen Hause ein Schild mit der Aufschrift: Kontor. Notar
Gudajewskji. Der Sohn des Notars war in der zweiten Klasse des
Gymnasiums. Da beschlo Peredonoff hinzugehen und gleichzeitig den
Schler bei seinen Eltern zu verklagen.

Beide, Vater und Mutter waren zu Hause. Man empfing ihn sehr aufgeregt
und geschftig. Aber alles in diesem Hause wurde so betrieben.

Nikolai Michailowitsch Gudajewskji war nicht gro von Wuchs, krftig
gebaut, schwarzhaarig, mit einer Glatze auf dem Kopf, und trug einen
langen, schwarzen Bart. Seine Bewegungen waren stets lebhaft und
berraschend: er ging nicht, man konnte fast sagen: er kam wie ein
Sperling angeschwirrt, und weder aus seinem Gesichtsausdruck noch aus
seiner jeweiligen Stellung lie sich entnehmen, was er im allernchsten
Augenblick tun wrde. So kam es z. B. vor, da er mitten in einem
Geschftsgesprch ein Bein in die Luft schnellte, was weniger komisch
wirkte, als da es durch seine absolute Grundlosigkeit verblffte. Zu
Hause, oder wenn er zu Besuch war, pflegte er lange Zeit ganz ruhig zu
sitzen, sprang dann pltzlich und ohne jeden ersichtlichen Grund auf,
und ging eilig im Zimmer auf und ab, schrie, und stampfte mit dem Fu.
Wenn er auf der Strae ging, so kam es vor, da er pltzlich stehen
blieb, niederhuckte, sich setzte, oder einen Ausfall machte, oder sonst
eine turnerische Bewegung ausfhrte, und dann wieder weiterging. Er
liebte es in seinen Aktenstcken und Zeugnissen komische Randbemerkungen
zu machen: z. B. statt einfach -- Iwan Iwanowitsch Iwanoff wohnhaft am
Moskauer Platz, im Hause der Frau Jermiloff -- zu schreiben, wute er
von Iwan Iwanowitsch Iwanoff, welcher am Bazarplatze wohnhaft ist, also
in jenem Stadtteil, der einem das Leben durch unertrglichen Gestank
unmglich macht usw. -- zu berichten; mitunter erinnerte er daran, da
jener Mann, dessen Unterschrift er hierdurch besttige, Besitzer von so
und so viel Hhnern und Gnsen wre.

Julia Petrowna Gudajewskaja war eine hochaufgeschossene, magere, drre
Person; sie war sehr leidenschaftlich, sehr sentimental und erinnerte in
ihren Bewegungen, trotz der so ganz anders gearteten Grenverhltnisse,
an ihren Mann: auch ihre Bewegungen waren unvermittelt, und gar nicht zu
vergleichen mit den Bewegungen gewhnlicher Leute. Sie pflegte sich sehr
jugendlich und farbenfreudig zu kleiden, und bei ihren geschwinden
Bewegungen wehten stets allerlei bunte Bnder mit denen sie ihre Frisur
und ihre Kleider verschwenderisch zu schmcken liebte, in alle
Richtungen.

Anton, -- ihr Sohn, -- ein flinker, hochaufgeschossener Junge, machte
eine artige Verbeugung. Man fhrte Peredonoff in den Salon und er begann
gleich gegen Anton Klage zu fhren: er wre faul, unaufmerksam, schwatze
und lache whrend des Unterrichts mit seinen Kameraden, und mache
whrend der Pausen dumme Streiche. Anton war sehr verwundert, -- er
hatte nicht geglaubt, ein so hartes Urteil zu verdienen, -- und
verteidigte sich mit Feuereifer. Auch die Eltern waren sehr erregt.

Erlauben Sie mal, schrie der Vater, sagen Sie ganz genau, was seine
Unarten sind?

Nimm ihn nicht in Schutz, schrie die Mutter, er hat sich anstndig zu
betragen.

Was hat er nun eigentlich verbrochen? fragte der Vater; dabei rannte
er im Zimmer hin und her; rollte frmlich auf seinen kurzen Beinchen.

So berhaupt, sagte Peredonoff finster, er treibt allerhand Unsinn,
balgt sich und hat es faustdick hinter den Ohren.

Ich habe mich nie gebalgt, rief Anton klglich, fragen Sie wen Sie
wollen, -- ich habe mich nie gebalgt.

Er vertritt einem den Weg, sagte Peredonoff.

Schn, sagte Gudajewskji energisch, ich werde ins Gymnasium gehn und
den Inspektor fragen.

O Nikolaij, warum glaubst du denn nicht? schrie Julia Petrowna,
willst du, da dein Sohn zum Verbrecher wird? Prgeln mu man ihn.

Unsinn! Unsinn! schrie der Vater.

Ich werde ihn zchtigen, ja das werde ich! schrie die Mutter, packte
Anton an der Schulter und wollte ihn fortschleppen: komm nur, komm,
mein Shnchen, -- in der Kche will ich dich zchtigen.

Du wirst es nicht tun! brllte der Vater, und entri ihr den Jungen.

Allein die Mutter gab nicht nach, Anton schrie verzweifelt, die Eltern
stieen einander.

Helfen Sie mir, Ardalljon Borisowitsch, schrie Julia Petrowna, halten
Sie diesen Lumpen fest, bis ich mit Anton abgerechnet habe.

Peredonoff kam ihr zu Hilfe. Aber Gudajewskji befreite seinen Sohn mit
einem starken Ruck, stie seine Frau heftig zur Seite, stellte sich vor
Peredonoff hin und rief drohend:

Kommen Sie nicht nher! Wenn zwei Hunde sich beien, mag der dritte
fernbleiben! Unterstehn Sie sich!

Der Schwei flo ihm von der Stirn, seine Haare waren zerzaust, sein
Gesicht ganz rot vor Zorn, und mit geballter Faust fuchtelte er in der
Luft.

Peredonoff wich zurck und murmelte einige unverstndliche Worte. Julia
Petrowna lief wie ein Kreisel um ihren Mann herum und bemhte sich Anton
zu fassen; der Vater deckte ihn mit seinem Rcken, zog ihn an den Hnden
bald nach rechts bald nach links. Julia Petrownas Augen funkelten und
sie schrie:

Ein Verbrecher wird er werden! Ins Zuchthaus wird er kommen! Nach
Sibirien wird man ihn schicken.

Halt's Maul! schrie Gudajewskji, bell nicht, bses Scheusal!

O, der Tyrann! schrillte Julia Petrownas Stimme; sie sprang an den
Mann heran und schlug ihn mit der Faust auf den Rcken, dann strzte sie
aus dem Zimmer.

Gudajewskji ballte die Fuste und sprang gegen Peredonoff an.

Sie sind hergekommen, um Zwietracht zu sen, schrie er, Anton macht
Dummheiten, -- was? Sie lgen, er macht keine Dummheiten. Wrde er sich
schlecht betragen, so htte ich es ohne Ihre Vermittlung lngst
erfahren. Mit Ihnen wnsche ich berhaupt nicht mehr zu reden. Sie
schleichen durch die Stadt, und verstehen es vortrefflich, jeden dummen
Esel zu betrgen und die Jungen zu prgeln. Wollen wohl Prgelmeister
werden, -- he! Hier sind Sie an den Unrechten gekommen. Sehr geehrter
Herr, ich ersuche Sie, mein Haus zu verlassen!

Whrend er so sprach, rckte er Peredonoff immer nher auf den Leib und
hatte ihn schlielich in eine Ecke gedrngt. Peredonoff war sehr
erschrocken und wre froh gewesen, wenn er sich aus dem Staube htte
machen knnen. Im Eifer des Gefechts hatte Gudajewskji nicht bemerkt,
da er ihm den Weg vertrat. Anton hatte den Vater an den Rockschen
gepackt und versuchte ihn fortzuziehen. Der Vater schrie ihn an und
schlug aus. Anton sprang geschickt zur Seite, lie aber die Rocksche
nicht los.

Loslassen! rief Gudajewskji, Anton, hrst du!

Papachen, rief Anton und fuhr fort, den Vater zurckzuziehen, du
versperrst ihm den Weg.

Gudajewskji sprang sofort zur Seite, -- Anton hatte kaum Zeit,
auszuweichen.

Verzeihen Sie, sagte Gudajewskji auf die Tre weisend, hier ist die
Tr. Es liegt mir ferne, Sie zurckhalten zu wollen.

Peredonoff schritt eilig aus dem Salon. Gudajewskji machte eine lange
Nase hinter ihm her und hob ein Bein in die Luft, als htte er ihn
hinausgeworfen. Anton kicherte. Gudajewskji berief ihn zornig:

Vergi dich nicht Anton! Morgen noch fahre ich ins Gymnasium und sollte
er die Wahrheit gesagt haben, bergebe ich dich der Mutter zur
Zchtigung.

Ich habe nichts getan, er lgt, sagte Anton klglich.

Vergi dich nicht, Anton! rief der Vater, du darfst nicht sagen: er
lgt, sondern: er hat sich versehen. Nur kleine Jungen lgen; erwachsene
Leute knnen sich hchstens versehen.

Unterdessen hatte Peredonoff in das halbdunkle Vorzimmer hinausgefunden,
hatte seinen Mantel genommen, und war gerade bemht, ihn anzuziehen. In
der Erregung und Angst konnte er die Aermel nicht finden. Keiner kam ihm
zu Hilfe.

Pltzlich ffnete sich eine Seitentr und Julia Petrowna kam
hereingestrzt. Ihre Bnder rauschten und wehten, sie gestikulierte mit
den Hnden, hpfte auf den Fuspitzen und flsterte leidenschaftlich.
Peredonoff konnte nicht gleich verstehen, was sie sagen wollte. Ich bin
Ihnen dankbar, begriff er endlich, es war vornehm von Ihnen, da Sie
kamen, und Ihre Teilnahme ist vornehm. Sonst sind alle Menschen so
gleichgltig, aber Sie haben es verstanden einem armen Mutterherzen
nachzufhlen. Es ist unendlich schwer, Kinder zu erziehen; unendlich
schwer! Sie haben gar keine Vorstellung davon, wie schwer es ist. Ich
habe zwei Kinder und wei nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Er ist ein
Tyrann, ein frchterlicher, entsetzlicher Mensch, nicht wahr? Sie haben
ja selber gesehn?

Ja, brummte Peredonoff, es war sehr eigentmlich von Ihrem Mann. Das
geht doch nicht, ich bemhe mich um das Kind, und er ...

O reden Sie nicht, flsterte Julia Petrowna, er ist ein
frchterlicher Mensch. Er will mich unter die Erde bringen, wrde sich
freuen darber. Meine Kinder will er ins Verderben strzen, meinen
lieben, guten Anton. Aber ich, -- ich bin die Mutter, das kann ich nicht
dulden, und ich werde ihn doch zchtigen.

Er wird es verbieten, sagte Peredonoff, und machte mit dem Kopf eine
Bewegung zum Salon hin.

Aber er wird in den Klub gehen. Da kann er den Anton nicht mitnehmen.
Ich werde so lange schweigen, -- als wre ich mit allem einverstanden,
-- bis er sich aufgemacht hat. Ist er fort, so werde ich den Jungen
zchtigen und Sie werden mir dabei helfen. Nicht wahr, Sie werden mir
doch helfen?

Peredonoff dachte nach. Dann sagte er:

Gut, aber wie soll ich wissen -- wann?

Ich werde nach Ihnen schicken, zischelte Julia Petrowna freudig
erregt, verlassen Sie sich darauf, kaum ist er in den Klub gegangen,
werde ich es Sie wissen lassen.

                   *       *       *       *       *

Am Abend erhielt Peredonoff ein Briefchen von der Gudajewskaja. Er las:

   Verehrter Ardalljon Borisowitsch!

   Mein Mann ist soeben in den Klub gegangen und bis ein Uhr nachts
   bin ich den Tyrannen los. Seien Sie so liebenswrdig und kommen
   Sie so schnell als mglich um mir bei der Zchtigung meines
   miratenen Kindes beizustehen. Ich mu es in vollem Umfange
   anerkennen, da man ihn aus erzieherischen Grnden strafen
   mu, solange er noch jung ist; spter drfte es erfolglos sein.

                                    Ihre Sie aufrichtig hochschtzende
                                                   Julia Gudajewskaja.

   P. S. Bitte kommen Sie recht bald, sonst geht der Junge zu Bett,
   und wir mten ihn wecken.

Peredonoff machte sich eilig auf den Weg. Um den Hals legte er sich
einen warmen Schal und ging.

Wohin gehst du bei nachtschlafender Zeit? fragte Warwara.

Ich habe zu tun, sagte Peredonoff finster und stampfte hinaus.

Warwara berlegte betrbt, da sie wieder eine unruhige Nacht haben
wrde. Knnte man ihn doch dazu bewegen, recht bald zu heiraten. Dann
wrde sie schlafen knnen in der Nacht, am Tage -- wann sie nur wollte.
Wie wundervoll wre das.

                   *       *       *       *       *

Auf der Strae kamen Peredonoff Bedenken. Vielleicht ist das ganze nur
eine Falle. Gudajewskji ist zu Hause. Beide werden mich packen und mich
schlagen. Vielleicht ist es besser, ich kehre wieder um? Doch nein, bis
zu ihrem Hause will ich gehen, -- das Weitere wird sich dann finden!

Die Nacht war still, khl und sehr dunkel. Sie umhllte einen von allen
Seiten, und man wagte seinen Fu nur zgernd vorwrts zu setzen. Ein
frischer Duft wehte von den Feldern herber. Im Grase an den Zunen
raschelte es verstohlen und wisperte; alles ringsum war gespenstisch und
unheimlich. Vielleicht verfolgte ihn jemand, schlich ihm nach? Alle
Gegenstnde verbargen sich im nchtlichen Grauen, als wre in ihnen ein
neues, dunkles Leben erwacht, das der Mensch nicht zu begreifen vermag
und das ihm feindlich begegnet.

Peredonoff ging leise durch die Straen und flsterte:

Es ist nichts zu sehen. Doch ich habe nichts Unrechtes vor. Was ich
tue, tue ich aus Pflichtgefhl. So ist es.

Endlich stand er vor dem Hause des Notars. Nur in einem Fenster war
Licht, -- sonst war alles dunkel. Ganz leise und vorsichtig stieg er die
wenigen Stufen empor, die zum Flur fhrten. Er blieb stehen, legte sein
Ohr an die Tr und horchte, -- alles blieb still. Ganz leicht berhrte
er den Messinggriff der Glocke, -- in der Ferne hrte man einen
schwachen, zitternden Laut. Aber so schwach er auch war, -- er erfllte
Peredonoff mit Entsetzen, als mten alle feindlichen Mchte von diesem
Laut erwachen, und dieser einen Tr, vor der er stand, zueilen.
Peredonoff lief geschwind die Stufen hinab und drckte sich an die
Mauer.

Einige Augenblicke vergingen. Sein Herz krampfte sich zusammen und
arbeitete schwer.

Dann hrte man leise Schritte und das Gerusch einer geffneten Tr, --
Julia Petrowna sphte vorsichtig auf die Strae und in der Dunkelheit
schienen ihre schwarzen, lsternen Augen zu funkeln.

Wer ist da? fragte sie laut flsternd.

Peredonoff trat ein wenig vor und versuchte von unten durch den schmalen
Trspalt zu blicken. Alles war dunkel und still. Dann fragte er ebenso
flsternd, -- und seine Stimme zitterte:

Ist Nikolaij Michailowitsch fort?

Er ist fort, er ist fort! flsterte Julia Petrowna und nickte mit dem
Kopf.

Peredonoff blickte sich ngstlich um und folgte ihr ins dunkle Vorhaus.

Verzeihen Sie, flsterte Julia Petrowna, ich nahm kein Licht mit. Man
htte uns sehen knnen. Gerchte verbreiten sich schnell.

Sie ging voran und Peredonoff folgte ihr ber einige Stufen in den Gang.
Dort brannte ein kleines Lmpchen und beleuchtete matt die obersten
Stufen. Julia Petrowna kicherte froh und leise, und ihre Bnder
zitterten und raschelten von diesem Lachen.

Er ist fort, flsterte sie freudig, sah sich um und warf Peredonoff
einen heien, lsternen Blick zu. Ich frchtete schon, er wrde zu
Hause bleiben, aus lauter Wut. Dann hielt er es nicht aus ohne sein
Whistspiel. Auch das Dienstmdchen habe ich fortgeschickt, -- nur
Lieschens Kindermdchen ist geblieben, -- sonst strt uns noch jemand!
Die Menschen von heute sind ja so! ...

Von Julia Petrowna wehte es hei, und sie selber war hei und drr, wie
ein glimmender Span. Sie fate Peredonoff einigemal am Arm, und von
dieser raschen, flackernden Bewegung schienen flinke, flackernde
Flmmchen ber seinen Krper zu gleiten.

Ganz leise, auf Zehenspitzen, schlichen sie durch den Gang vorbei, an
einigen geschlossenen Tren und vor der letzten blieben sie stehen ...

                   *       *       *       *       *

Um Mitternacht ging Peredonoff heim. Jeden Augenblick konnte ihr Mann
zurckkommen. Verdrielich und traurig ging er durch die dunklen
Straen. Es schien ihm als htte die ganze Zeit ber jemand vor dem
Hause gestanden, der ihm jetzt folgte. Er murmelte:

Ich war da in dienstlicher Angelegenheit. Ich bin unschuldig. Sie
selber wollte es so. Mich wirst du nicht hintergehn, -- da bist du an
den Unrechten geraten.

Warwara schlief noch nicht, als er heimkam. Vor ihr lagen Karten
ausgebreitet.

Peredonoff schien es, als htte jemand durch die Tr schlpfen knnen,
whrend er eingetreten war ... Vielleicht hatte Warwara selber einen
Feind eintreten lassen ... Peredonoff sagte:

Du willst Karten legen, whrend ich schlafe? Das pat mir nicht, gib
die Karten her; du willst mich behexen!

Er nahm die Karten und versteckte sie unter seinem Kopfkissen. Warwara
grinste und sagte:

Hanswurst! Ich versteh ja gar nicht zu hexen, wozu auch!

Ihr Lachen rgerte ihn und machte ihn bange: es bedeutet, dachte er, da
sie auch ohne Karten hexen kann. Dort unter dem Bett reckt sich der
Kater und seine grnen Augen funkeln. Hexen kann man, wenn man im
Dunkeln ber sein Fell streicht, da die Funken stieben. Dort unter dem
Schrank treibt sich das schreckliche, graue gespenstische Tierchen um,
vielleicht versteht Warwara es anzulocken, wenn sie in den Nchten so
leise pfeift, da man fast glauben knnte, sie schnarche nur.

Peredonoff hatte einen frchterlichen, drckenden Traum: Pjilnikoff war
gekommen, stand auf der Schwelle, winkte ihm und lchelte. Eine geheime
Kraft trieb ihn zu ihm hin; er folgte ihm und Pjilnikoff fhrte ihn
durch dunkle, schmutzige Straen, der Kater lief ihm zur Seite und seine
grnen, bsen Augen leuchteten ...




                                  XIX


Die Absonderlichkeiten in Peredonoffs Benehmen machten den Direktor
Chripatsch von Tag zu Tag besorgter. Er fragte den Schularzt ernstlich,
ob Peredonoff nicht den Verstand verloren htte. Der Arzt antwortete
lachend, Peredonoff bese berhaupt nichts, was sich verrcken liee
und aus purer Dummheit triebe er allerlei Merkwrdiges. Dann liefen
Klagen ein. Erst vom Frulein Adamenko: sie bersandte dem Direktor ein
Heft ihres Bruders mit der schlechtesten Note fr eine gutgeschriebene
Arbeit.

Whrend einer Pause bat der Direktor Peredonoff in sein Sprechzimmer.

Wahrhaftig, man knnte meinen, er ist verrckt, dachte Chripatsch, als
er die Spuren von Angst und Entsetzen in Peredonoffs stumpfem, finsterem
Gesichte sah.

Ich habe ein Anliegen an Sie, sagte er kalt und schnell. Jedesmal
drhnt mir der Kopf, wenn ich neben Ihnen Unterricht zu erteilen habe,
-- weil in Ihrer Klasse so bermig gelacht wird. Darf ich Sie
vielleicht ersuchen, Unterricht nicht vorwiegend heiteren Inhalts zu
erteilen. Scherzen und nur scherzen, ja wie soll das enden?

Ich bin nicht schuld daran, sagte Peredonoff bse, sie lachen von
selber. Auerdem kann man nicht nur ber das Tpfelchen auf dem I und
ber Kantemirs Satyren reden; dann sagt man wohl ein berflssiges
Wrtchen und die ganze Bande grinst. Man hlt sie zu locker. Strammer
sollte man sie anfassen.

Es ist wnschenswert und sogar unbedingt erforderlich, da die Arbeiten
im Gymnasium mit Ernst betrieben werden, sagte Chripatsch trocken.
Dann noch eins.

Er zeigte Peredonoff zwei Hefte und fuhr fort:

Hier sind zwei Arbeiten zweier Ihrer Schler aus ein und derselben
Klasse, -- die eine wurde von meinem Sohn geliefert, die andere -- von
Adamenko. Ich nahm Gelegenheit, die beiden Arbeiten zu vergleichen, und
kann nicht umhin, die Bemerkung zu machen, da Sie sich nicht aufmerksam
zu Ihren Pflichten verhalten. Adamenkos Arbeit, die durchaus
befriedigend ist, haben Sie mit der schlechtesten Note zensiert, whrend
meines Sohnes Arbeit, die bedeutend schlechter ist, eine gute Note
erhalten hat. Augenscheinlich haben Sie sich versehen, -- dem einen
Schler die Note des andern gegeben und umgekehrt. Irren ist zwar
menschlich, doch bitte ich in Zukunft, solche Versehen tunlichst zu
vermeiden, denn sie erregen eine sehr begrndete Unzufriedenheit, sowohl
bei den Eltern, als bei den Schlern.

Peredonoff murmelte einige unverstndliche Worte ...

Aus Wut behandelte er seine Schler in den darauffolgenden Stunden sehr
schlecht, insbesondere die Jngeren, die auf seine Klagen hin bestraft
worden waren, so z. B. den Kramarenko. Der schwieg und wurde bleich --
trotz seiner dunklen Gesichtsfarbe, -- und seine Augen blitzten.

Kramarenko beeilte sich nicht nach Hause zu kommen, als die Stunden um
waren. Er stand an der Pforte und sah sich die Leute an, die hinaus
gingen. Als Peredonoff kam, folgte ihm der Junge in grerem Abstande,
und wartete, bis die wenigen Passanten vorbergegangen waren.

Peredonoff ging langsam. Das trbe Wetter stimmte ihn traurig. Der
Ausdruck seines Gesichtes wurde von Tag zu Tage stumpfer. Sein Auge
schien bald etwas in der Ferne Liegendes zu suchen, bald irrte es unstt
umher. Es schien so als suchte er etwas, das hinter den Dingen lge und
darum verdoppelten sich diese Dinge in seinen Augen, wurden trbe und
gespenstisch.

Wonach suchten seine Augen?

Nach Spionen. Sie waren berall versteckt, zischelten, lachten. Seine
Feinde hatten ihm eine ganze Armee von Spionen auf die Fersen gehetzt.
Manchmal bemhte er sich, sie alle abzufangen. Aber sie fanden immer
noch Zeit zu entfliehen, -- in einem Augenblick waren sie alle davon,
als htte sie die Erde verschluckt ...

Peredonoff hrte, wie ein fester, khner Schritt auf dem Brgersteige
ihm nacheilte; er sah sich erschreckt um, -- Kramarenko ging jetzt hart
neben ihm und blickte ihn entschlossen und bse mit seinen flammenden
Augen an. Er war bleich und schmchtig, und wie ein kleiner Wilder, der
sich bereit macht, einen Feind zu berfallen.

Peredonoff zitterte vor seinem Blick.

Er wird mich beien! -- dachte er.

Er ging schneller, -- Kramarenko blieb an seiner Seite; -- er ging
langsamer, -- auch Kramarenko ging langsamer. Da blieb er stehen und
knurrte rgerlich:

Was willst du von mir, Satansbengel! Warte nur, ich werde dich gleich
zum Vater fhren.

Auch Kramarenko war stehen geblieben und hrte nicht auf Peredonoff
anzublicken. Jetzt standen die beiden einander gegenber auf dem
Brettersteig einer menschenleeren Strae, dicht an einem grauen, zu
allem Lebendigen sich jedenfalls sehr gleichgltig verhaltenden Zaune.
Kramarenko zischte, am ganzen Leibe bebend:

Schuft!

Dann lachte er auf und wandte sich, um fortzugehen. Er machte etwa drei
Schritte, blieb dann wieder stehen und wiederholte lauter:

Schuft! Schweinehund!

Dann spuckte er aus und ging seiner Wege. Peredonoff sah ihm bse nach
und machte sich dann auf den Heimweg. Verworrene, trbe Gedanken qulten
ihn.

Die Werschina rief ihn an. Sie stand hinter dem Zaun in ihrem Garten,
hatte sich ein groes, schwarzes Tuch umgebunden und rauchte. Peredonoff
erkannte sie nicht gleich. Im ersten Augenblick schien ihm ihre Gestalt
drohend und unheilverkndend, -- eine schwarze Hexe stand da, dunkler
Rauch stieg von ihr auf, und sie murmelte Beschwrungsformeln. Er
spuckte aus und schlug ein Kreuz. Die Werschina lachte und fragte:

Was haben Sie nur, Ardalljon Borisowitsch?

Peredonoff blickte sie stumpf an und sagte endlich:

Ach, Sie sind es! Ich hatte Sie gar nicht erkannt.

Das ist von guter Vorbedeutung: Ich werde bald reich werden, sagte die
Werschina.

Peredonoff gefiel das nicht: er wollte selber reich werden.

Na ja, sagte er bse, wozu brauchen Sie Reichtmer. Es langt schon,
was Sie haben.

Ich werde das groe Los gewinnen, sagte die Werschina und lchelte
schief.

O nein, _ich_ werde es gewinnen, behauptete Peredonoff.

Dann werde ich in der ersten Ziehung gewinnen, und Sie in der zweiten,
sagte die Werschina.

Das lgen Sie, sagte Peredonoff grob. Das kommt berhaupt nicht vor,
da zwei Leute in derselben Stadt gewinnen. Ich sagte schon, da _ich_
gewinnen werde.

Die Werschina merkte, da er sich rgerte, und hrte auf zu
widersprechen. Sie ffnete das Pfrtchen und lockte ihn herein:

Warum stehen wir eigentlich hier. Kommen Sie doch herein. Murin ist
eben da.

Der Name Murin erinnerte Peredonoff an etwas sehr Angenehmes: Imbi und
Schnaps. Darum ging er mit.

Im Salon war es halbdunkel wegen der Bume, die drauen dicht vor dem
Hause wuchsen. Auer Martha, die heute besonders gut aufgelegt schien
und sich ein seidenes Tchlein mit einem roten Bande um den Hals
gebunden hatte, war noch Murin da, -- auch er schien gut gelaunt, --
sein Haar war noch zerzauster, als es sonst zu sein pflegte, -- und der
schon ziemlich erwachsene Gymnasiast Witkewitsch: er machte der
Werschina den Hof, weil er glaubte, da sie in ihn verliebt wre.
Auerdem ging er mit dem Gedanken um das Gymnasium zu verlassen, die
Werschina zu heiraten und dann ihr kleines Gut zu bewirtschaften.

Murin stand auf, um Peredonoff zu begren. Er ging ihm mit
bertriebener Hflichkeit entgegen, sein Gesicht strahlte, die kleinen
Aeuglein blinkten vergngt, -- und das alles pate durchaus nicht zu
seiner ungeschlachten Figur, zu den zerzausten Haaren in denen hie und
da kleine Strohhalme hngen geblieben waren.

In Geschften bin ich da, sagte er laut und heiser, berall habe ich
zu tun; bei dieser Gelegenheit verwhnten mich die Damen hier mit einem
Tchen Tee.

Ach was, Geschfte, sagte Peredonoff gereizt, was haben Sie fr
Geschfte? Sie sind nicht im Staatsdienst und verdienen sich das Geld
einfach so. Da knnte ich ein anderes Liedchen singen.

Geschfte sind eben nichts anderes als fremdes Geld, sagte Murin laut
lachend.

Die Werschina lchelte schief und bat Peredonoff, Platz zu nehmen. Der
Tisch vor dem Sofa war dicht bestellt mit Glsern, Teetassen,
Saftschalen und Tellern. Auerdem stand darauf ein silberner
Filigrankorb, dessen Boden mit einer kleinen, weien Serviette bedeckt
war, auf der ses Gebck und Mandelkuchen lagen, -- und eine Flasche
Rum.

Witkewitsch hatte sich auf ein kleines, muschelfrmiges Glastellerchen
eine umfangreiche Portion Saft gelegt. Mit sichtlichem Vergngen a
Martha ein Stck Kuchen nach dem andern; Murins Teeglas roch stark nach
Rum und die Werschina bewirtete Peredonoff, doch er wollte nicht Tee
trinken.

Sie wollen mich vergiften, dachte er. Es ist am bequemsten, einen so
aus der Welt zu schaffen. Man trinkt und merkt nichts; es gibt ja auch
se Gifte, -- dann kommt man nach Hause und verreckt.

Er rgerte sich darber, da man fr Murin Saft gebracht hatte, und es
nicht fr ntig gehalten hatte, als er gekommen war, eine bessere Sorte
auf den Tisch zu stellen. Denn, berlegte er, -- sie haben allerhand
Saft auf Lager, nicht nur Schellbeeren.

Es verhielt sich in der Tat so, da die Werschina gegen Murin ganz
besonders zuvorkommend war. Sie war zu der Erkenntnis gekommen, da von
Peredonoff nicht mehr viel zu erwarten wre, und suchte daher schon seit
einiger Zeit nach einem andern passenden Freier fr Martha. Der
halbverwilderte Gutsbesitzer war es mde geworden, sich um junge Damen
zu bewerben, die ihm gar nicht entgegenkommen wollten und, weil ihm
Martha gefiel, so folgte er den Aufforderungen der Werschina gerne.

Auch Martha war froh; -- war es doch ihr einziger Gedanke, sich zu
verloben, dann zu heiraten und ihren eigenen Hausstand zu haben. Darum
machte sie verliebte Augen, wenn sie Murin sah. Dieser vierzigjhrige
Riese mit seiner groben Stimme und dem ein wenig einfltigen Gesicht,
schien ihr das Vorbild aller mnnlichen Kraft, Schnheit, Gte und
Ritterlichkeit zu sein.

Peredonoff bemerkte die verliebten Blicke, die Murin und Martha
wechselten; er bemerkte es einfach aus dem Grunde, weil er erwartet
hatte, da Martha ihre Aufmerksamkeit ihm selber zuwenden wrde.

Aergerlich sagte er:

Da sitzt er, als wre er ein Brutigam und strahlt bers ganze
Gesicht.

Vor lauter Freude, sagte Murin frhlich und lebhaft, weil ich meine
Geschfte so gut geregelt habe.

Er warf den Damen einen verstndnisvollen Blick zu. Beide lchelten
freundlich. Peredonoff zwinkerte verchtlich mit den Augen und fragte:

Du hast dich wohl verlobt? Wie gro ist die Mitgift?

Murin sagte, ohne diese Fragen zu beachten:

Natalie Aphanassjewna wird meinen Buben zu sich in Pension nehmen, Gott
mge sie dafr segnen. Er wird hier wie in Abrahams Scho leben und ich
kann ganz ruhig sein, da er nicht verdorben wird.

Er wird zusammen mit Wladja dumme Streiche machen, sagte Peredonoff
mrrisch, sie werden das Haus anznden.

Er soll sich nur unterstehn! rief Murin energisch, seien Sie ganz
unbesorgt, verehrte Natalie Aphanassjewna: er wird sich so betragen, als
wre er auf Draht gezogen.

Die Werschina wollte diesem Gesprch ein Ende machen, lchelte schief
und sagte:

Ich habe so ein Verlangen nach etwas Saurem.

Wollen Sie Preiselbeeren mit Aepfeln? Soll ich bringen? fragte Martha
und sprang eilig auf.

Ja vielleicht bringen Sie, bitte!

Martha lief hinaus. Die Werschina sah ihr nicht einmal nach, -- sie
hatte sich daran gewhnt, Marthas Diensteifer als etwas ganz
Selbstverstndliches hinzunehmen. Sie sa still und ganz zurckgelehnt
auf dem Sofa, rauchte in dichten, blauen Wolken und verglich die beiden
Mnner miteinander, den mrrischen, stumpfen Peredonoff und den
frhlichen, lebhaften Murin.

Murin gefiel ihr bei weitem mehr. Er hatte ein gutmtiges Gesicht,
Peredonoff konnte nicht einmal freundlich lcheln. Murin gefiel ihr
berhaupt in allen Stcken: er war gro, krftig gebaut, zuvorkommend,
hatte eine angenehme, tiefe Stimme und begegnete ihr mit grter
Ehrerbietung. Mitunter berlegte die Werschina, ob es nicht vorteilhaft
wre, wenn sie selber Murin heiraten wrde. Solche Gedanken endeten aber
immer mit einem gromtigen Verzicht ihrerseits zu Marthas Gunsten.

Jeder wird mich zur Frau nehmen, dachte sie, vor allem, weil ich Geld
habe, da kann ich whlen, wen ich will. Diesen jungen Mann da z. B.
knnte ich ganz gut heiraten, und ihr Blick streifte wohlwollend das
bleiche und gemeine, doch aber nicht unschne Gesicht Witkewitschs. Der
sa da, redete nur wenig, a viel, blickte die Werschina an und lchelte
gemein.

Martha brachte den Preiselbeersaft mit Aepfeln in einem irdenen Gef.
Dann erzhlte sie von einem Traum, den sie in der vergangenen Nacht
gehabt htte: sie wre auf der Hochzeit einer Freundin gewesen; htte
Ananas und Pfannkuchen mit Honig gegessen und in dem einen Pfannkuchen
einen Hundertrubelschein gefunden. Man htte ihr aber das Geld
fortgenommen, und sie wre darber in Trnen ausgebrochen. Dann wre sie
aufgewacht.

Sie htten das Geld unauffllig beiseite schieben mssen, sagte
Peredonoff verdrielich, wenn Sie nicht einmal im Traum ihr Geld zu
halten wissen, wie wollen Sie dann berhaupt wirtschaften?

Na an dem Gelde ist nicht viel verloren, sagte die Werschina, trumen
kann man doch wei Gott von allem Mglichen.

Aber es tut mir so furchtbar leid, da ich das Geld nicht behalten
durfte, sagte Martha treuherzig, denken Sie nur, ganze hundert Rubel!

Ihr traten die Trnen in die Augen, und sie lachte gezwungen, um nicht
weinen zu mssen. Murin suchte eifrig in seinen Taschen und rief:

Es soll Ihnen nicht leid tun, teuerste Martha Stanislawowna, es soll
Ihnen nicht leid tun. Wir wollen es gleich wieder gut machen.

Er nahm einen Hundertrubelschein aus seiner Brieftasche, legte ihn vor
Martha hin, schlug mit der Hand darauf und rief:

Wenn ich bitten darf! Den soll Ihnen keiner fortnehmen.

Martha freute sich, dann wurde sie pltzlich sehr rot und sagte
verlegen:

Aber Wladimir Iwanowitsch, ich bitte Sie; so war es doch gar nicht
gemeint. Ich kann es nicht annehmen; wirklich nicht!

Tun Sie mir den Gefallen, und zrnen Sie mir nicht, sagte Murin
lchelnd und lie das Geld liegen, lassen Sie doch den Traum zur
Wahrheit werden.

Nein, nein; es geht wirklich nicht; ich schme mich so, ich kann es
unter gar keinen Umstnden annehmen, weigerte sich Martha und blickte
gierig auf die Banknote.

Was zieren Sie sich, wenn man's Ihnen doch gibt, sagte Witkewitsch,
es ist doch wirklich so, als wenn das Glck den Menschen in den Scho
fllt, und neidisch blickte er auf das Geld.

Murin hatte sich vor Martha hingestellt und bat sehr herzlich:

Liebste Martha Stanislawowna, glauben Sie doch nur, ich geb's von
Herzen gerne; bitte, bitte nehmen Sie es doch. Und wollen Sie es nicht
geschenkt haben, -- so sei es dafr, da Sie auf meinen Jungen acht
geben werden. Was ich mit Natalie Aphanassjewna besprochen habe, bleibt
so wie es ist, und dieses hier ist dann fr _Ihre_ Bemhungen um den
Jungen.

Aber es ist doch viel zu viel, sagte Martha unsicher.

Frs erste Halbjahr, sagte Murin und machte eine sehr tiefe
Verbeugung, nehmen Sie es doch und bringen Sie meinem Jungen viel Liebe
entgegen.

Nun, Martha, nehmen Sie es doch, sagte die Werschina, und bedanken
Sie sich bei Wladimir Iwanowitsch.

Martha wurde rot vor Freude und nahm das Geld.

Murin dankte ihr zu wiederholten Malen.

Machen Sie nur gleich Hochzeit, sagte Peredonoff wtend, das wird
billiger sein. So das Geld zum Fenster hinauszuwerfen!

Witkewitsch mute lachen, die andern taten, als htten sie nichts
gehrt. Dann fing die Werschina an, von Trumen zu erzhlen, -- aber
Peredonoff wollte nichts mehr hren und verabschiedete sich. Murin lud
ihn zum Abendessen ein.

Ich mu zum Abendgottesdienst in die Kirche, sagte Peredonoff.

Ardalljon Borisowitsch ist neuerdings so eifrig im Kirchenbesuch,
sagte die Werschina und lachte trocken.

Das war immer der Fall, antwortete er, ich glaube an Gott, nicht so
wie andere Leute. Es ist mglich, da ich im Gymnasium der einzige bin.
Darum verfolgt man mich auch. Der Direktor ist ein Atheist.

Aber kommen Sie doch, wenn Sie einen freien Abend haben, sagte Murin.

Peredonoff knllte seine Mtze und sagte bse:

Ich habe berhaupt keine Zeit.

Dann aber erinnerte er sich an die vorzglichen Getrnke und Speisen bei
Murin und sagte:

Am Montag kann ich kommen.

Murin war entzckt und forderte auch die Werschina und Martha auf.
Peredonoff sagte aber:

Die Frauenzimmer sollen zu Hause bleiben. Sonst betrinkt man sich noch
und lt ein Wrtchen fallen, das die Zensur nicht passiert hat, und das
ist unbequem in Gegenwart von Damen.

Als Peredonoff gegangen war, sagte die Werschina schmunzelnd:

Ein merkwrdiger Kauz, dieser Ardalljon Borisowitsch. Er mchte um
alles Inspektor werden, doch scheint ihn Warwara an der Nase zu fhren.
Darum betrgt er sich so lppisch.

Wladja kam heraus, -- solange Peredonoff da war hielt er sich versteckt,
-- und sagte schadenfroh:

Des Schlossers Shne haben irgendwo erfahren, da Peredonoff sie
angegeben hat.

Sie werden ihm die Fensterscheiben einwerfen! meinte Witkewitsch und
lachte.

                   *       *       *       *       *

Alles auf der Strae erschien Peredonoff feindlich und drohend. Ein
Hammel stand an einem Kreuzwege und glotzte ihn stumpfsinnig an. Dieser
Hammel erinnerte so auffallend an Wolodin, da Peredonoff erschrak. Er
dachte, Wolodin htte sich in den Hammel verwandelt, um ihn zu
verfolgen.

Warum sollte das nicht mglich sein, dachte er, woher knnen wir das
wissen. Es knnte wohl mglich sein. Die Wissenschaft ist noch nicht so
weit, aber dieser oder jener wei es doch. Die Franzosen z. B. sind ein
gebildetes Volk, und doch gibt es in Paris Zauberer und Magier.

Ihm wurde bange.

Dieser Hammel da knnte ausschlagen, dachte er.

Das Tier blkte. Das klang gerade so wie Wolodins Lachen: hlich,
durchdringend, abgerissen.

Ein wenig weiter traf er den Gendarmerieoberst. Peredonoff trat auf ihn
zu und sagte flsternd:

Geben Sie acht auf die Adamenko. Sie korrespondiert mit Sozialisten;
sie ist vielleicht selber eine.

Rubowskji schwieg und sah ihn erstaunt an.

Peredonoff ging weiter und dachte traurig: Was luft er mir immer in
den Weg? Er beobachtet mich wohl, -- und berall hat er Schutzleute
aufgestellt.

Die schmutzigen Straen, die zerfallenen Huser, der bewlkte Himmel,
die bleichen, in Lumpen gehllten Kinder -- das alles mute traurig
stimmen. Eine tiefe Schwermut lastete auf ihm.

Ein miserables Nest, dachte er, und die Menschen hier sind bse und
gemein; ich mu mich in eine andere Stadt versetzen lassen; da werden
sich alle Lehrer demtig vor mir verbeugen, und die Schler werden vor
mir zittern und flstern: der Inspektor kommt. Es ist eine ganz andere
Sache, wenn man erst Vorgesetzter ist.

Der Herr Inspektor des zweiten Bezirkes im Gouvernement Ruban,
flsterte er, der Herr Staatsrat Peredonoff, hochwohlgeboren. -- Und
weiter, -- man mu die Menschen nur zu nehmen wissen: Seine Exzellenz
der Herr Direktor smtlicher Volksschulen im Gouvernement Ruban, der
wirkliche Staatsrat Peredonoff. Hut ab! Den Abschied einreichen! Fort!
Wartet nur, ich will euch dressieren!

Peredonoffs Gesicht wurde gemein und herrisch. In seiner sprlichen
Einbildung hielt er sich fr einen groen, mchtigen Herren.

                   *       *       *       *       *

Als er nach Hause kam und seinen Ueberzieher im Vorhause ablegte, hrte
er im Speisezimmer das abgerissene, schneidende Gelchter Wolodins. Da
wurde er mutlos.

Er ist schon wieder da, dachte er, vielleicht beredet er mit Warwara,
wie sie mich umbringen sollen. Darum lacht er auch, er freut sich, da
Warwara mit ihm einer Meinung ist.

Gereizt und traurig ging er ins Ezimmer. Der Tisch war schon gedeckt.
Warwara kam ihm besorgt entgegen.

Bei uns ist was passiert, rief sie, der Kater ist verschwunden.

Nanu! entfuhr es Peredonoff und Entsetzen packte ihn. Warum habt ihr
ihn laufen lassen?

Ich kann ihn doch nicht mit dem Schwanz an meinen Rock binden! sagte
Warwara rgerlich.

Wolodin kicherte. Peredonoff dachte, da der Kater vielleicht zum
Gendarmerieoberst gelaufen wre und dort alles, was er ber ihn wute,
herschnurren wrde, alles, z. B. wohin und warum er des Nachts
ausgegangen war, -- davon wird er schnurren und noch von anderen Dingen,
die nie geschehen sind. Schrecklich! Peredonoff setzte sich an den
Tisch, er hielt den Kopf gebeugt und zerknitterte das Tischtuch. Was er
dachte war traurig und unheimlich.

Es ist eine alte Geschichte, da die Katzen aus der neuen Wohnung in
die frhere zurcklaufen, sagte Wolodin, weil die Katzen sich an das
Haus gewhnen, aber nicht an ihre Herren. Man mu eine Katze schwindelig
drehen, wenn man sie in die neue Wohnung bringt, und den Weg darf man
ihr auch nicht zeigen, sonst luft sie unbedingt fort.

Das beruhigte Peredonoff.

Du glaubst also, da er in die alte Wohnung zurckgelaufen ist? fragte
er.

Unbedingt, unbedingt, antwortete Wolodin.

Peredonoff erhob sich und rief:

Darauf trinken wir eins, Pawluschka!

Wolodin kicherte.

Trinken wir eins, wiederholte er, trinken kann man stets und gerne.

Aber der Kater mu wieder hergeschafft werden, bestimmte Peredonoff.

So ein Schatz! antwortete Warwara lachend; nach dem Essen will ich
das Mdchen hinberschicken.

Das Essen wurde aufgetragen. Wolodin war ausgelassen, lachte und
schwatzte. Sein Lachen klang Peredonoff genau so wie das Blken jenes
Hammels, den er auf der Strae getroffen hatte.

Warum fhrt er Bses gegen mich im Schilde? dachte Peredonoff. Was hat
er nur davon?

Dann kam es ihm in den Sinn, Wolodin wrde sich besnftigen lassen.

Hr mal, Pawluschka, sagte er, wenn du versprichst, nichts gegen mich
zu unternehmen, werde ich dir wchentlich ein Pfund Bonbons schenken;
von der feinsten Sorte! Lutsch daran auf mein Wohl!

Wolodin lachte auf; dann wurde er gleich wieder ernst, machte ein
gekrnktes Gesicht und sagte:

Ich habe keineswegs im Sinne, dir zu schaden, Ardalljon Borisowitsch;
auerdem will ich keine Bonbons, weil ich sie gar nicht mag.

Peredonoff lie den Mut sinken. Warwara sagte lachend:

La doch die Dummheiten, Ardalljon Borisowitsch! Wodurch sollte er dir
denn schaden?

Jeder Idiot kann einem was anhaben! sagte Peredonoff gedehnt.

Wolodin streckte seine Unterlippe vor, schttelte den Kopf und sagte:

Wenn Sie, Ardalljon Borisowitsch, so ber mich zu denken belieben, so
kann ich darauf nur erwidern: ich danke Ihnen bestens! Wenn Sie so ber
mich denken, was bleibt mir dann zu tun brig? Wie habe ich das zu
verstehen und in welchem Sinne?

Sauf Schnaps, Pawluschka, und gib mir auch einen, sagte Peredonoff.

Nehmen Sie es ihm nicht bel, Pawel Wassiljewitsch, versuchte Warwara
Wolodin zu beruhigen, er redet nur so in den Tag herein. Er wei ja
selber nicht, was er spricht.

Wolodin schwieg still, machte immer noch ein gekrnktes Gesicht und go
Schnaps aus der Flasche in die Glser. Warwara sagte:

Wie kommt es nur, Ardalljon Borisowitsch, da du den Schnaps trinkst,
den er dir eingeschenkt hat? Er knnte ihn doch z. B. behext haben, --
siehst du nicht, er murmelt etwas, seine Lippen bewegen sich.

Peredonoff erschrak. Er ergriff das Glas, in welches Wolodin eben erst
eingeschenkt hatte, spritzte den Inhalt gegen die Wand und murmelte
hastig eine Beschwrungsformel.

Dann wandte er sich zu Wolodin, drohte ihm mit der Faust und sagte
wtend:

Ich bin schlauer als du!

Warwara lachte aus vollem Halse. Wolodin sagte mit gekrnkter,
zitternder Stimme, -- es klang tatschlich wie ein Blken:

_Sie_ kennen allerhand Zaubersprche, Ardalljon Borisowitsch, und
benutzen sie auch; ich habe mich aber niemals mit der Magie abgegeben.
Ich bin weder gewillt noch imstande, Ihren Schnaps und gleichviel was
fr Dinge zu behexen; hingegen scheint es mir nicht unmglich, da Sie
selber mir alle Brute forthexen.

Noch was, sagte Peredonoff bse, was mach ich mit deinen Bruten, da
kann ich mir schon was Besseres aussuchen.

Geben Sie acht, fuhr Wolodin fort, Sie sitzen im Glashause und werfen
mit Steinen!

Peredonoff fate erschreckt nach seiner Brille:

Was redest du da, brummte er, deine Zunge geht wie ein Mhlrad.

Warwara blickte Wolodin vorwurfsvoll an und sagte rgerlich:

Reden Sie keinen Unsinn, Pawel Wassiljewitsch; essen Sie Ihre Suppe,
sonst wird sie kalt. Ein Schwtzer sind Sie!

Im stillen dachte sie, da Ardalljon Borisowitsch vielleicht recht daran
getan htte, sich zu verschwren. Wolodin schwieg still und a seine
Suppe. Es entstand eine kurze Pause. Dann sagte Wolodin mit gekrnkter
Stimme:

Ich habe heute nicht umsonst getrumt, da man mich mit Honig
zuschmierte. Sie, Ardalljon Borisowitsch, haben mich beschmutzt.

Ihnen mu man noch ganz anders kommen, sagte Warwara bse.

Was habe ich denn getan? Ich mchte es doch gerne erfahren. Mir
scheint, ich bin durchaus unschuldig, sagte Wolodin.

Sie haben ein niedertrchtiges Maulwerk, erklrte Warwara. Man soll
nicht alles aussprechen, was einem auf die Zunge kommt: -- alles zu
seiner Zeit.




                                   XX


Am Abend ging Peredonoff in den Klub; man hatte ihn zu einer
Kartenpartie gebeten. Auch der Notar Gudajewskji war gekommen, derselbe
ber dessen Sohn Peredonoff noch vor wenigen Tagen eine scharfe
Auseinandersetzung mit ihm gehabt hatte. Peredonoff erschrak, als er ihn
sah. Gudajewskji verhielt sich aber ganz still und Peredonoff beruhigte
sich wieder.

Man spielte lange und trank viel. Es war schon spt in der Nacht, als
Gudajewskji pltzlich auf Peredonoff zustrzte, ihn ohne weitere
Erklrung einigemal ins Gesicht schlug und ihm dabei die Brille
zerschlug. Dann entfernte er sich ebenso pltzlich und verlie das
Lokal. Peredonoff leistete nicht den geringsten Widerstand, stellte sich
betrunken, lie sich zu Boden fallen und schnarchte. Man rttelte ihn
auf und brachte ihn nach Hause.

Tags darauf sprach man in der ganzen Stadt von der Affre.

Am selben Abend hatte Warwara endlich eine gnstige Gelegenheit
gefunden, um von Peredonoff den ersten geflschten Brief zu entwenden.
Die Gruschina hatte es als unbedingt erforderlich verlangt, damit bei
einem etwaigen Vergleich der beiden Briefe keine Unterschiede zu finden
wren. Sonst pflegte Peredonoff diesen Brief bei sich zu tragen, --
heute aber hatte er ihn ganz zufllig vergessen: als er sich umkleidete,
hatte er ihn aus der Rocktasche genommen und ihn unter ein Lehrbuch auf
die Lade gelegt. Da war er liegen geblieben.

Warwara verbrannte ihn dann in Gegenwart der Gruschina.

Als Peredonoff spt in der Nacht heimkehrte, und als Warwara die
zerbrochene Brille bemerkte, sagte er ihr, die Glser wren von selber
geplatzt. Sie glaubte es, und meinte die bse Zunge Wolodins wre schuld
daran. Auch Peredonoff glaubte an die bse Zunge Wolodins.

Uebrigens hrte Warwara schon tags darauf von der Gruschina alle
Einzelheiten ber die Prgelei im Klub.

Als Peredonoff sich am Morgen ankleidete, fiel ihm der Brief ein, er
konnte ihn nirgends finden, und erschrak heftig. In wilder Aufregung
schrie er:

Warwara, wo ist der Brief?

Warwara verlor die Fassung.

Was fr ein Brief? fragte sie und blickte Peredonoff erschreckt und
bse an.

Von der Frstin! schrie Peredonoff.

Warwara hatte Zeit gehabt, sich zu sammeln. Sie lchelte gemein und
sagte:

Woher soll ich es wissen. Du hast ihn wohl in den Papierkorb geworfen
und Klawdja wird ihn verbrannt haben. Such ihn doch selber. Vielleicht
steckt er irgendwo.

Peredonoff ging in trbster Stimmung in das Gymnasium. Die
Unannehmlichkeiten von gestern Abend fielen ihm ein. Dann dachte er an
Kramarenko: wie durfte sich dieser unverschmte Bengel unterstehen, ihn
einen Schweinehund zu nennen. Das bedeutete mit andern Worten: der
Schler hat keinen Respekt vor ihm -- dem Lehrer. Vielleicht hatte der
Junge etwas Schlimmes ber ihn in Erfahrung gebracht. Vielleicht wollte
er ihn angeben.

Whrend des Unterrichts starrte ihn Kramarenko unentwegt an und
lchelte. Das erregte Peredonoff noch mehr.

Nach der dritten Stunde wurde er zum Direktor gebeten. Ihm ahnte nichts
Gutes, aber er ging.

Von allen Seiten waren bei Chripatsch Klagen eingelaufen. Noch heute
morgen hatte man ihm von den Ereignissen des gestrigen Abends im Klub
erzhlt. Dann war gestern nach dem Unterricht der Schler Wolodja
Bultjakoff zu ihm gekommen, um sich ber Peredonoff zu beschweren: auf
Peredonoffs Angaben hin htte ihn seine Pensionsmutter bestraft. Nun
frchtete der Junge einen zweiten Besuch Peredonoffs mit hnlichen
Folgen und hatte sich rasch entschlossen an den Direktor gewandt.

Mit seiner trocknen, scharfen Stimme machte Chripatsch Peredonoff
Mitteilung von den Gerchten, die zu ihm gedrungen waren, es sind
zuverlssige Quellen, fgte er hinzu, nmlich, da Peredonoff die
Schler in ihren Wohnungen aufsuche und deren Eltern und Erziehern
durchaus unzuverlssige Angaben mache ber Betragen und Fortschritte der
Kinder und auerdem verlange, man solle den Jungen zchtigen. Hieraus
ergeben sich dann mitunter die unangenehmsten Konflikte mit den Eltern,
wie z. B. gestern abend im Klub mit dem Notar Gudajewskji.

Peredonoff hrte wtend und doch gengstigt zu. Jetzt schwieg
Chripatsch.

Nun, was ist denn dabei, sagte Peredonoff bse, er geht mit den
Fusten drauf los; ist das etwa schicklich? Er hatte nicht das geringste
Recht dazu, mir in die Fratze zu fahren. Er geht nie in die Kirche,
glaubt an einen Affen und will den Sohn zur selben Sekte bekehren. Man
mu ihn denunzieren, -- er ist Sozialist.

Chripatsch blickte aufmerksam auf Peredonoff und sagte eindringlich:

Das geht uns absolut nichts an; auch verstehe ich durchaus nicht, was
Sie eigentlich mit der originellen Bezeichnung an einen Affen glauben
zu meinen belieben. Ich glaube, man tte gut daran, die
Religionsgeschichte mit neu erfundenen Kultusformen nicht zu bereichern.
Bezglich der Ihnen widerfahrenen Krnkung aber wrde ich es fr ratsam
erachten, die Sache vors Gericht zu bringen. Im brigen tten Sie
vielleicht gut daran, -- Ihre Stellung in unserm Gymnasium aufzugeben.
Das wre der beste Ausweg, -- sowohl in Ihrem eigenen Interesse als in
dem des Gymnasiums.

Ich will Inspektor werden, entgegnete Peredonoff bse.

Bis zu jenem Zeitpunkte aber, fuhr Chripatsch fort, haben Sie Ihre
merkwrdigen Spaziergnge einzustellen. Sie mssen doch zugeben, da ein
solches Betragen einem Pdagogen nicht geziemt, auerdem aber die
Autoritt der Lehrer bei den Schlern untergrbt. In die
Schlerwohnungen gehn, um die Jungen zu prgeln, -- das ...

Chripatsch beendete den Satz nicht. Er zuckte nur mit den Schultern.

Was ist denn dabei? entgegnete Peredonoff wiederum, ich tue es doch
zu ihrem Besten.

Ich bitte, wir wollen nicht streiten, unterbrach ihn Chripatsch
schroff, ich verlange von Ihnen ein fr allemal, da solche Sachen sich
nicht wiederholen.

Peredonoff blickte den Direktor bse an.

Man hatte beschlossen, heute abend den Umzug in die neue Wohnung
festlich zu feiern. Alle Bekannten waren geladen. Peredonoff ging durch
die Zimmer und sah nach, ob alles in Ordnung war, vor allem aber, ob
nirgend Dinge wren, deretwegen man ihn htte denunzieren knnen.

Es scheint, alles ist in Ordnung, dachte er: verbotene Bcher sind
nicht zu sehen, die Lampen vor den Heiligenbildern brennen, die
Kaiserbilder hngen am Ehrenplatze an der Wand.

Pltzlich fiel es ihm ein, da das Portrt Mizkewizschs an der Wand
hing.

Da htte ich schn hereinfallen knnen, dachte er erschreckt, nahm das
Bild herunter und trug es ins Klosett. Dort vertauschte er es gegen das
Portrt Puschkins, welches nun wieder in das Ezimmer aufrckte.

Puschkin war immerhin hoffhig, dachte er, whrend er das Bild am Nagel
befestigte.

Dann fiel es ihm ein, da man am Abend Karten spielen wrde, und er
beschlo, die Karten zu besehen. Er nahm ein Spiel zur Hand, das nur
einmal benutzt worden war und bltterte es durch, als suche er nach
etwas. Die Gesichter der Bilder gefielen ihm nicht: sie hatten so
merkwrdige Augen.

In der letzten Zeit war es ihm beim Spielen aufgefallen, da die Karten
so schmunzelten, wie Warwara es zu tun pflegte. Sogar irgend eine
nichtswrdige Pik-sechs sah so unverschmt drein und watschelte
unanstndig daher.

Peredonoff nahm alle Karten, so wie sie gerade lagen, und stach den
Bildern mit einer spitzen Schere die Augen aus, sie sollten nicht mehr
so starren. Erst tat er es mit den vorhandenen alten Spielen, dann
ffnete er zu gleichem Zwecke die noch nicht benutzten Spiele. Diese
Arbeit verrichtete er ngstlich umhersphend, als frchte er von jemand
ertappt zu werden.

Zu seinem Glck hatte Warwara in der Kche zu tun und lie sich im
Wohnzimmer nicht blicken, -- wie htte sie auch eine solche Menge von
Speisen unbeaufsichtigt lassen knnen: Klawdja htte es sofort
ausgenutzt. Wenn sie etwas im Ezimmer brauchte, so schickte sie
Klawdja. Jedesmal wenn das Mdchen eintrat, zuckte Peredonoff zusammen,
versteckte die Schere in seiner Tasche und tat, als wre er eifrig
dabei, eine Patience zu legen.

Whrend nun Peredonoff auf diese Weise bemht war, die Knige und Damen
ihres Sehvermgens zu berauben, drohte ihm von ganz anderer Seite ein
peinliches Ereignis.

Jenen Hut, den er seinerzeit in der alten Wohnung auf den Ofen geworfen
hatte, um ihn ein fr allemal loszusein, -- hatte die Jerschowa
gefunden. Sie kam zur Ueberzeugung, da man den Hut mit Absicht
dagelassen hatte: ihre frheren Mieter haten sie, und da ist es doch
sehr wahrscheinlich, dachte die Jerschowa, da jene, um sich zu rchen,
etwas in den Hut hineingehext haben, was zur Folge haben konnte, da
sich keine Mieter fr die leerstehende Wohnung mehr fnden. Aergerlich
und gengstigt brachte sie den Hut zu einem Weibe, welches im Rufe der
Zauberei stand.

Diese betrachtete den Hut von allen Seiten, murmelte geheimnisvolle,
dstere Worte, spuckte krftig und sagte:

Sie haben dir Uebles getan, so sollst du ihnen auch Uebles antun. Ein
mchtiger Zauberer hat gehext, aber ich bin schlauer, -- und will seine
Kraft zhmen, da er sich krmmen soll.

Dann besprach sie lange den Hut und nachdem sie ein schnes Geldgeschenk
von der Jerschowa erhalten hatte, befahl sie ihr, den Hut dem ersten
rothaarigen Jungen, den sie treffen wrde, mit der Weisung zu bergeben,
ihn in Peredonoffs Wohnung abzuliefern und dann ohne sich umzusehn
davonzulaufen.

Es traf sich so, da der erste rothaarige Junge, den die Jerschowa traf,
einer der beiden Schlossershne war, die etwas gegen Peredonoff im
Schilde fhrten, weil er sie seinerzeit angegeben hatte. Der Junge
erhielt einen Fnfer und machte sich ein Vergngen daraus, dem Auftrage
nicht nur gewissenhaft nachzukommen, sondern auch zum Ueberflusse
unterwegs den Hut gehrig vollzuspucken. Im dunklen Vorhause bei
Peredonoff traf er Warwara; er steckte ihr den Hut zu und lief so
geschwind davon, da sie ihn nicht erkennen konnte.

Whrend nun Peredonoff gerade dem letzten Buben die Augen ausstach, trat
Warwara erstaunt und erschreckt ins Zimmer, und sagte mit vor Aufregung
zitternder Stimme:

Ardalljon Borisowitsch, sieh nur, was ich habe!

Peredonoff blickte auf und das Wort erstarb ihm auf den Lippen.
Denselben Hut, den er glaubte fr immer losgeworden zu sein, sah er in
Warwaras Hnden, -- bestaubt, verknllt und in einem Zustande, der seine
frhere Herrlichkeit nur ahnen lie. Starr vor Entsetzen konnte er nur
stammeln:

Woher? woher?

Warwara erzhlte mit zitternder Stimme, wie sie den Hut von einem
flinken Jungen erhalten hatte, der pltzlich vor ihr aufgetaucht war, um
dann ebenso pltzlich zu verschwinden. Sie sagte:

Das kann nur von der Jerschowa stammen. Sie hat den Hut besprechen
lassen. Bestimmt!

Peredonoff murmelte unverstndliche Worte und seine Zhne schlugen
hrbar aneinander. Die trbsten Befrchtungen und Vorahnungen qulten
ihn. Traurig stand er auf und das kleine, graue gespenstische Tierchen
lief flink hin und her, hin und her, und kicherte.

                   *       *       *       *       *

Die Gste waren frhzeitig gekommen. Sie hatten viele Kuchen, Aepfel und
Birnen mitgebracht.[10] Warwara empfing alles freudestrahlend, und nur
um der guten Sitte zu gengen, sagte sie ein Mal ums andere:

Aber ich bitte! Warum haben Sie sich so bemht?

Schien es ihr aber, als htte dieser oder jener etwas Billiges oder
Schlechtes gebracht, so rgerte sie sich. Auch gefiel es ihr nicht, wenn
zwei Gste ein und dasselbe brachten.

[Funote 10: Es ist in Ruland Sitte, Bekannten, die in eine neue
Wohnung gezogen sind, ein Gastgeschenk zu machen.]

Ohne viel Zeit zu verlieren, setzte man sich an die Kartentische. Man
spielte an beiden Tischen das Pochspiel.

Was ist denn das! rief die Gruschina, mein Knig ist blind.

Und auch meine Dame ist geblendet, sagte die Prepolowenskaja und
betrachtete aufmerksam ihre Karten, und der Bube auch.

Nun machten sich alle daran, ihre Karten zu untersuchen. Prepolowenskji
sagte:

Also darum schien es mir die ganze Zeit so, als wren die Karten rauh.
Ich fhle und denke -- hat der Kerl aber ein rauhes Hemd an, und nun
kommt es heraus, da es von diesen Lchern ist. Da hat er nun
tatschlich ein rauhes Hemd an.

Alles lachte; nur Peredonoff blieb finster. Warwara sagte schmunzelnd:

Sie wissen doch, -- Ardalljon Borisowitsch hat immer so merkwrdige
Einflle!

Warum hast du es getan? fragte Rutiloff laut lachend.

Wozu brauchen sie Augen? sagte Peredonoff bedrckt, sie sollen nicht
sehen.

Alle lachten, nur Peredonoff blieb traurig und schweigsam. Es schien
ihm, als schmunzelten und zwinkerten die geblendeten Bilder aus ihren
Lchern, die sie statt der Augen hatten.

Vielleicht, dachte er, sehen sie jetzt mit den Nasenlchern.

Auch heute war ihm das Glck nicht hold, und die Gesichter der Knige,
Damen und Buben schienen ihn hhnisch und bse anzustarren; die Pik-Dame
knirschte sogar mit den Zhnen; wahrscheinlich war sie ungehalten
darber, da er sie geblendet hatte.

Und als Peredonoff einmal vollstndig verloren hatte, packte er das
ganze Spiel und zerri es wtend in lauter kleine Fetzen. Die Gste
wlzten sich vor Lachen. Warwara sagte schmunzelnd:

So ist er immer; wenn er getrunken hat, wird er absonderlich.

Mit anderen Worten: wenn er besoffen ist? sagte die Prepolowenskaja
giftig, hren Sie nur, Ardalljon Borisowitsch, was Ihr Schwesterchen
von Ihnen sagt.

Warwara wurde rot und antwortete gereizt:

Das ist Wortklauberei!

Die Prepolowenskaja lchelte und schwieg.

Man nahm ein neues Spiel und spielte weiter. Pltzlich ertnte ein
lautes Krachen, -- eine Fensterscheibe sprang klirrend und ein Stein
schlug hart vor Peredonoff zu Boden.

Unter dem Fenster hrte man leises Flstern, Lachen und dann Schritte,
die sich eilig entfernten. Alle sprangen erregt von ihren Pltzen; die
Frauen kreischten, -- wie sie es gewhnlich immer in solchen Fllen zu
tun pflegen. Man hob den Stein auf, betrachtete ihn sorgfltig und
ngstlich, keiner aber wagte es, ans Fenster zu gehen; -- erst schickte
man Klawdja auf die Strae und als sie mitgeteilt hatte, da kein Mensch
zu sehen wre, begaben sich alle ans Fenster und besahen die
zerschlagene Scheibe. Wolodin sprach die Vermutung aus, ein Gymnasiast
htte den Stein geworfen. Das schien allen wahrscheinlich zu sein und
man blickte Peredonoff bedeutungsvoll an. Peredonoff machte ein
mrrisches Gesicht und brummte in den Bart. Die Gste sprachen dann
darber, wie ungezogen und verwildert die Kinder von heute wren.

Die eigentlichen Schuldigen waren natrlich nicht Gymnasiasten, sondern
die Shne des Schlossers.

Der Direktor hat sie dazu angestiftet, erklrte Peredonoff pltzlich,
er sucht ewig nach Hndeln und wei gar nicht mehr, was er sich
ausdenken soll, um mir was anzuhaben.

Das hast du dir wunderbar ausgedacht, rief Rutiloff laut lachend.

Alle lachten, aber die Gruschina sagte:

Ja, was denken Sie denn; er ist ein so boshafter und schlechter Mensch,
da man ihm alles zutrauen kann. Natrlich tut er es nicht selber, aber
so beilufig, durch seine Shne z. B. gibt er einen kleinen Wink ...

Und da er adelig ist, besagt noch nichts, blkte Wolodin dazwischen,
gerade von den Adeligen lassen sich solche Stckchen erwarten.

Manche von den Gsten hielten das nicht fr unmglich, -- und hrten auf
zu lachen.

Du hast Unglck mit Glas, Ardalljon Borisowitsch, sagte Rutiloff,
bald wird dir die Brille zerschlagen, bald ein Fenster zertrmmert.

Dieser Witz hatte einen neuen Heiterkeitsausbruch zur Folge.

Scherben bedeuten Glck, sagte die Prepolowenskaja verhalten lchelnd.

                   *       *       *       *       *

Als Peredonoff und Warwara zu Bett gingen, glaubte er, da sie gegen ihn
etwas im Schilde fhre; er nahm alle Gabeln und Messer und versteckte
sie unter dem Bett. Er lallte schon halb im Schlafe:

Ich kenne dich; du willst mich heiraten und mich denunzieren, um mich
dann los zu sein. Dann wirst du eine Pension erhalten und mich wird man
in der Festungsmhle zu Brei zermahlen.

In der Nacht trumte er unruhig. Lautlos neckten ihn frchterliche
Gestalten, -- es waren lauter Knige und Buben, und sie schwangen
drohend ihre Keulen. Sie flsterten und suchten sich vor ihm zu
verstecken. Ganz leise krochen sie unter sein Kopfkissen.

Aber dann wurden sie khner und kamen wieder hervor. In unzhligen
Mengen liefen sie immer rings um ihn herum und sprangen vom Bett auf das
Kopfkissen, vom Kopfkissen auf den Boden und dann wieder aufs Bett. Sie
zischelten und neckten ihn, schnitten entsetzliche, unheimliche Fratzen
und verzogen den garstigen Mund zu widerlichem Grinsen. Peredonoff sah,
da sie alle nur klein und schmchtig waren; sie konnten ihn nicht
tten; aber sie machten sich ber ihn lustig, und ihr Erscheinen
bedeutete Unglck. Darum frchtete er sich und murmelte einige
unzusammenhngende Stze aus Beschwrungsformeln, die er als Kind beim
Spielen gelernt hatte; dann fuchtelte er mit den Hnden, um sie zu
vertreiben, er schrie sie an mit heiserer, befehlender Stimme.

Davon erwachte Warwara und fragte rgerlich:

Warum brllst du so; du lt mich nicht schlafen?

Die Pikdame hat ein Zwillichtuch um und lt nicht ab von mir,
flsterte er.

Warwara stand brummig auf und gab ihm einige Tropfen zur Beruhigung.

                   *       *       *       *       *

Im Lokalanzeiger des Stdtchens erschien ein Aufsatz des Inhaltes, da
Madame K... die kleinen Gymnasiasten, die bei ihr in Pension lebten,
Shne aus den besten Adelsfamilien des Landes, zu schlagen pflege. Der
Notar Gudajewskji trug diese Nachricht grollend von Haus zu Haus.

Dann tauchten auch andere, geradezu unglaubliche Gerchte ber das
stdtische Gymnasium auf: man erzhlte von einem jungen Frulein, das
sich als Schler verkleidet htte, -- und ganz allmhlich kam es so
weit, da Pjilnikoff und Ludmilla zusammen genannt wurden.

Sascha wurde von seinen Kameraden damit geneckt; er machte sich nicht
viel daraus, dann verteidigte er Ludmilla mit Eifer und versicherte, nie
wre etwas Derartiges vorgefallen, wie man ihr und ihm nachsagte.

Einerseits hatte das zur Folge, da er sich schmte, Ludmilla zu
besuchen, andererseits zog es ihn um so strker hin: ein merkwrdiges
Gefhl brennender Scham und hchster Lust erregte ihn, und erfllte alle
seine Gedanken mit verschwommenen, leidenschaftlichen Vorstellungen.




                                  XXI


Peredonoff und Warwara aen zu Mittag. Es war ein Sonntag. Jemand kam
ins Vorhaus. Warwara schlich an die Tr und guckte durchs Schlsselloch.
Ganz leise kehrte sie wieder auf ihren Platz und flsterte:

Der Brieftrger. Man mu ihm einen Schnaps geben; er hat wieder einen
Brief.

Peredonoff nickte schweigend, -- wahrhaftig -- um ein Glschen Schnaps
sollte es ihm nicht leid tun. Warwara rief:

Kommen Sie herein, Brieftrger!

Er kam ins Ezimmer, whlte in seiner Tasche und tat so, als suchte er
nach einem Brief. Warwara go Schnaps in ein groes Glas und schnitt ein
Stck von der Pastete ab. Der Brieftrger schielte gierig danach.
Peredonoff berlegte unterdessen, wem dieser Mensch so auerordentlich
hnlich she. Endlich fiel es ihm ein, -- es war ja derselbe rothaarige,
finnige Kerl, der ihm neulich noch ber den Weg gelaufen war.

Eine schlechte Vorbedeutung, dachte Peredonoff. Er ballte die Faust in
der Tasche und drohte dem Brieftrger heimlich.

Dieser hatte unterdessen den Brief gefunden und gab ihn Warwara.

Fr Sie, sagte er ehrerbietig, dankte fr den Schnaps, leerte das Glas
auf einen Zug, rusperte sich, nahm das Stck Pastete und ging.

Warwara drehte den Brief in ihren Hnden und reichte ihn dann ungeffnet
Peredonoff.

Lies; ich glaube, er ist wieder von der Frstin, sagte sie
schmunzelnd, sie ist ins Schreiben reingekommen. Wrde sie dir lieber
eine Stelle verschaffen, statt zu schreiben.

Peredonoffs Hnde zitterten. Er zerri den Umschlag und berflog den
Brief. Dann sprang er auf und brllte:

Hurra! Drei Stellen sind vakant, ich brauche nur zu whlen. Hurra,
Warwara, wir haben das Spiel gewonnen!

Er tanzte und drehte sich ausgelassen im Zimmer. Sein Gesicht war rot,
seine Augen blickten stumpfsinnig, und es schien, als drehe sich da eine
merkwrdig groe, aufgezogene Puppe. Warwara schmunzelte und sah ihm zu.
Er rief:

Nun kann's losgehen, -- wir machen Hochzeit!

Er packte Warwara an den Schultern, drehte sich mit ihr um den Tisch
herum und stampfte.

Den Russischen! rief er.

Warwara stemmte die Arme in die Seiten und segelte los. Peredonoff
hockte nieder und tanzte vor ihr her.

Wolodin trat ein und blkte frhlich:

Der Herr Inspektor _in spe_ beliebt sich im Nationaltanze zu
versuchen.

Tanz, Pawluschka! rief Peredonoff.

Klawdja stand an der Tr und sah zu. Wolodin rief laut lachend:

Tanz, Klawdjuschka! Alle sollen tanzen! Der Herr Inspektor will
unterhalten sein!

Klawdja bewegte kokett die Schultern und quiekte laut. Wolodin tanzte
flott vor ihr her, -- bald hockte er nieder, drehte sich, bald sprang er
auf und klatschte in die Hnde. Besonders fein gelang es ihm, die Knie
vorzuwerfen und unter dem Knie in die Hnde zu klatschen. Der Fuboden
drhnte unter seinen Abstzen. Klawdja freute sich einen so geschickten
Tnzer zu haben.

Man war mde geworden und setzte sich an den Tisch, whrend Klawdja
frhlich lachend in die Kche lief. Man trank Schnaps und Bier,
zerschlug Glser und Flaschen, schrie, lachte, kte und umarmte
einander. Dann liefen Peredonoff und Wolodin in den Sommergarten, --
Peredonoff wollte mit seinem Briefe prahlen.

Im Billardzimmer waren einige bekannte Herren. Peredonoff zeigte ihnen
den Brief. Ohne Zweifel -- der Brief machte groen Eindruck. Man besah
ihn voller Ehrfurcht. Rutiloff wurde bla, murmelte etwas und spie aus.

Ich war dabei, als ihn der Brieftrger brachte! sagte Peredonoff. Ich
selber habe ihn geffnet. Ein Betrug ist also ganz ausgeschlossen.

In stummer Ehrfurcht sahen ihn die Freunde an. Ein Brief von der
Frstin!

Aus dem Sommergarten ging Peredonoff zur Werschina. Er ging gleichmig
und schnell, schlenkerte mit den Armen und brummte vor sich hin; sein
Gesicht war ganz ausdruckslos, -- so ausdruckslos wie das einer Puppe,
-- nur in seinen Augen glimmte ein gieriges, halberloschenes Feuer.

                   *       *       *       *       *

Der Tag war hei und klar. Martha sa in der Laube und strickte an einem
Strumpf. Unklare, gottesfrchtige Gedanken bewegten sie. Zuerst mute
sie an ihre Snden denken, dann aber richtete sich ihr Sinn auf
erfreulichere Dinge, und sie gedachte der Tugenden; ihre Gedanken wurden
traumhaft, nahmen Gestalt an, und in dem Mae, als die Mglichkeit sie
in Worte zu fassen abnahm, nahmen sie an klaren, plastischen Linien im
Traumgebilde zu. Die Tugenden erschienen ihr als groe, weigekleidete
Puppen, die schn und glnzend waren, und ihr Belohnungen versprachen.
In den Hnden hielten sie klappernde Schlsselbnde; sie waren mit
Brauttchern bekleidet.

Eine dieser Gestalten war besonders auffallend und glich den andern nur
wenig. Sie versprach nichts, blickte vorwurfsvoll, und ihre Lippen
bewegten sich, als stieen sie lautlose Drohungen aus; es schien, da,
wenn sie ein Wort aussprechen wrde, etwas Schreckliches geschehen
mte. Martha erriet, da diese Gestalt das Gewissen war. Diese
merkwrdige, unheimliche Besucherin war ganz in Schwarz gekleidet, hatte
schwarze Augen, schwarzes Haar, -- und nun begann sie zu sprechen, --
schnell, abgerissen, deutlich. Sie wurde der Werschina immer hnlicher.
Martha gab sich einen Ruck, antwortete irgend etwas auf die an sie
gerichtete Frage, antwortete noch ganz im Halbschlaf -- und wieder
umfingen sie Trume.

War es nun das Gewissen oder die Werschina, die ihr gegenber sa und
schnell, deutlich, aber doch unverstndlich erzhlte und an etwas
merkwrdig Duftendem rauchte, -- dieses entschlossene, ruhige Wesen, das
zu erwarten schien, da alles nach ihrem Willen geschhe? Martha
versuchte, ihr gerade in die Augen zu blicken, konnte es aber nicht, --
und jene lchelte eigentmlich, murmelte, und ihre Augen liefen hin und
her und schienen entfernte, unbekannte Dinge zu suchen, vor denen Martha
Angst hatte.

Eine laute Unterhaltung weckte sie.

In der Laube stand Peredonoff und begrte sich laut mit der Werschina.
Martha blickte erschrocken auf. Ihr Herz klopfte, die Augen wollten
nicht recht aufgehen, und ihre Gedanken verwirrten sich. Wo war das
Gewissen geblieben? Oder war es nicht da? Hatte es berhaupt nicht da zu
sein?

Sie haben sozusagen geschlummert, sagte ihr Peredonoff, Sie haben aus
vollen Nstern geschnarcht. Sie sind eine Schnarre.

Martha verstand diesen Kalauer nicht, lchelte aber, denn sie hatte an
dem Lcheln der Werschina gemerkt, da von etwas gesprochen wurde, was
komisch sein sollte.

Man mte Sie Lotte nennen und nicht Martha, fuhr Peredonoff fort.

Warum denn? fragte Martha.

Weil Sie so >laut< schnarchen.

Peredonoff setzte sich auf die Bank neben Martha und sagte:

Ich wei eine Neuigkeit, etwas sehr Wichtiges.

Was fr eine Neuigkeit? Wir werden uns freuen, nheres darber zu
erfahren, sagte die Werschina, und Martha beneidete sie im stillen um
die vielen Worte, die sie gefunden hatte, um die einfache Frage: was
denn? zu verkleiden.

Raten Sie, sagte Peredonoff dster, triumphierend.

Wie soll ich es erraten, antwortete die Werschina. Sagen Sie es
einfach, und wir werden Ihre Neuigkeit wissen.

Peredonoff war es unangenehm, da man nicht raten wollte. Er schwieg und
sa stumpf und schwerfllig da, in ungeschickter Haltung, und blickte
starr vor sich nieder. Die Werschina rauchte und lchelte schief, dabei
bleckte sie ihre gelben Zhne.

Warum sollten wir Ihre Neuigkeit erraten, sagte sie nach kurzem
Stillschweigen, ich werde Ihnen lieber aus den Karten wahrsagen.
Martha, holen Sie geschwind die Karten.

Martha erhob sich, aber Peredonoff hielt sie bse zurck.

Bleiben Sie sitzen. Es ist nicht ntig. Ich will nicht. Wahrsagen Sie
sich selber und lassen Sie mich in Ruh'. Auf Ihren Leisten werden Sie
mich doch nicht umschlagen. Na -- ich werde Ihnen eine Sache zeigen! Sie
werden die Muler aufsperren.

Peredonoff nahm rasch aus seiner Rocktasche seine Brieftasche, holte
Brief und Umschlag hervor und zeigte beides der Werschina ohne es aus
der Hand zu geben.

Sehen Sie, sagte er, hier ist das Kuvert. Und das ist der Brief.

Er entfaltete den Brief und las ihn langsam vor. Aus seinen Augen
blickte eine stumpfsinnige Freude befriedigter Bosheit. Die Werschina
schumte. Bis zum letzten Augenblick hatte sie nicht an die Geschichte
mit der Frstin geglaubt, und nun mute sie einsehen, da Marthas
Angelegenheit endgltig verspielt war. Sie lchelte schief und gezwungen
und sagte:

Nun, -- es ist Ihr Glck.

Martha sa da, mit einem erstaunten, erschreckten Ausdruck im Gesicht
und lchelte fassungslos.

Hab' ich's gewonnen? sagte Peredonoff schadenfroh. Sie hielten mich
fr einen Idioten, nun erweist es sich, da ich der Klgere war. Sie
redeten z. B. vom Kuvert, -- da ist es. Nein, nein -- die Sache hat ihre
Richtigkeit.

Er klopfte mit der Faust auf den Tisch, nicht zu stark und nicht laut,
-- und seine Bewegung und der Klang seiner Worte waren so merkwrdig
gleichgltig, als wre er ein Fremder -- und ganz teilnahmlos fr seine
eigenen Angelegenheiten.

Die Werschina und Martha wechselten spttisch-verlegene Blicke.

Was sehen Sie einander so an! sagte Peredonoff grob, da gibt es
nichts zu sehn: es ist alles in Ordnung, ich heirate Warwara. Viele
junge Dmchen haben mir nachgestellt.

Die Werschina schickte Martha nach Zigaretten, -- und Martha war froh,
da sie fort konnte. Als sie ber die Kieswege lief, die mit buntem,
herbstlichen Laub bedeckt waren, wurde ihr froh und leicht ums Herz. In
der Nhe des Hauses traf sie Wladja, der barfu ging, -- da wurde sie
noch frhlicher und vergngter.

Er heiratet Warwara, jetzt ist es sicher, sagte sie lebhaft mit
gedmpfter Stimme und zog den Bruder in den Flur des Hauses.

Peredonoff aber, ohne auf Marthas Rckkehr zu warten, verabschiedete
sich pltzlich.

Ich habe keine Zeit, sagte er, ich mu heiraten, und nicht etwa
Bastschuhe flechten.

Die Werschina forderte ihn nicht einmal auf, zu bleiben und
verabschiedete sich sehr khl. Sie war auerordentlich aufgebracht:
immerhin war doch bis zuletzt ein Schimmer von Hoffnung geblieben, da
Peredonoff Martha nehmen wrde. In dem Falle htte sie Murin geheiratet.
Nun gab es aber nichts mehr zu hoffen.

Martha mute es ben! An diesem Tage weinte sie viel.

                   *       *       *       *       *

Als Peredonoff aus dem Garten trat, wollte er sich eine Zigarette
anstecken. Pltzlich sah er einen Schutzmann, -- der stand an einer
Straenecke und knackte Sonnenblumensamen. Peredonoff wurde traurig.

Wieder so ein Spitzel, dachte er, die suchen nur, wo sie einem am
Zeuge flicken knnen.

Er wagte es nicht, die Zigarette anzustecken, trat an den Schutzmann
heran und fragte schchtern:

Herr Schutzmann, wenn ich fragen darf -- ist das Rauchen hier erlaubt?

Der Schutzmann grte mit der Hand an der Mtze und erkundigte sich
zuvorkommend:

Das heit, Euer Hochwohlgeboren, wie meinen Sie das?

Ein Zigarettchen, erklrte Peredonoff, ich meine: ist es erlaubt, ein
Zigarettchen zu rauchen?

Diesbezglich haben wir keinerlei Vorschriften, antwortete der
Schutzmann ausweichend.

Wirklich nicht? fragte Peredonoff eindringlich und seine Stimme klang
traurig.

Nein, Euer Hochwohlgeboren. Soll heien, es ist nicht befohlen,
Herrschaften, welche rauchen, aufzuhalten, und da eine diesbezgliche
Vorschrift erlassen wre, ist mir unbekannt.

Falls dem so ist, la ich es lieber bleiben, sagte Peredonoff
unterwrfig. Ich bin durchaus politisch unverdchtig. Ich werfe sogar
die Zigarette fort. Ich bin nmlich Staatsrat.

Peredonoff zerknitterte die Zigarette, warf sie fort und in der
Befrchtung, er htte vielleicht doch ein berflssiges Wort gesagt,
ging er schnell nach Hause. Der Schutzmann blickte ihm kopfschttelnd
nach, endlich kam er zu der Ueberzeugung, der Herr htte wohl eins ber
den Durst getrunken; dabei beruhigte er sich und knackte wieder
friedlich an seinen Sonnenblumensamen.

Die Strae hat sich auf den Kopf gestellt, murmelte Peredonoff.

Die Strae fhrte bergan auf einen kleinen Hgel, dann senkte sie sich
wieder und diese Biegung der Strae zwischen zwei kleinen Htten
zeichnete sich scharf ab vom blauen, traurigen Abendhimmel. Es war ein
Armeleuteviertel, das in sich versunken schien, traurig und ganz ohne
Hoffnung.

Die Aeste der Bume hingen tief ber die Zune, drohend und spttisch.
An einem Kreuzweg stand ein Ziegenbock und stierte stumpf auf
Peredonoff.

Pltzlich erschallte hinter einer Straenecke Wolodins meckerndes
Gelchter, er trat vor, um Peredonoff zu begren. Dieser blickte ihn
dster an und dachte an den Bock, der eben noch da gestanden und
pltzlich verschwunden war.

Natrlich verwandelt sich Wolodin in einen Bock, dachte er. -- Woher
sonst die Aehnlichkeit, und auerdem kann man nicht unterscheiden, ob er
meckert oder lacht.

Diese Gedanken beschftigten ihn so sehr, da er gar nicht darauf hrte,
was Wolodin erzhlte.

Warum schlgst du aus, Pawluschka, fragte er traurig.

Wolodin wies die Zhne, meckerte und antwortete:

Ich schlage keineswegs aus, Ardalljon Borisowitsch, vielmehr begrte
ich Sie mit einem Handschlag. Vielleicht ist es in Ihrer Heimat blich,
mit den Hnden auszuschlagen, bei mir zu Hause indes tut man das nur mit
den Fen; aber die Menschen tun es nicht, sondern mit Verlaub zu
bemerken, nur die Pferdchen.

Du stt vielleicht mit Hrnern, brummte Peredonoff.

Wolodin fhlte sich gekrnkt und sagte mit zitternder Stimme:

Noch sind mir keine Hrner gewachsen, Ardalljon Borisowitsch; aber es
ist mglich, da Ihnen frher als mir Hrner wachsen werden.

Du hast eine lange Zunge und schwatzt immer drauf los, sagte
Peredonoff bse.

Wenn Sie das zu meinen belieben, Ardalljon Borisowitsch, entgegnete
Wolodin eifrig, so kann ich auch schweigen.

Er trug eine gekrnkte Miene zur Schau und warf die Lippe auf: trotzdem
blieb er an Peredonoffs Seite, denn er hatte noch nicht zu Mittag
gespeist und rechnete darauf, sich bei Peredonoff sattessen zu knnen:
man hatte ihn nmlich am Morgen, in der ersten Freude ber den Brief,
eingeladen.

Zu Hause wurde Peredonoff mit einer wichtigen Neuigkeit erwartet. Schon
im Vorhause merkte man, da etwas Auergewhnliches vorgefallen war, --
denn in den Zimmern hrte man ein Hin und Her und erschreckte Ausrufe.
Peredonoff glaubte, das Essen wre noch nicht gerichtet: man htte ihn
kommen sehn, wre erschrocken ber die Verzgerung und beeilte sich nun.
Es berhrte ihn angenehm, da man sich vor ihm frchtete. Es erwies sich
aber, da etwas anderes geschehen war. Warwara kam in das Vorhaus
gelaufen und schrie:

Der Kater ist wieder da!

Vor lauter Schrecken hatte sie Wolodin nicht gleich bemerkt. Sie war wie
gewhnlich unordentlich gekleidet: -- eine fleckige Bluse ber einem
grauen, unsauberen Rock, breitgetretene Pantoffeln an den bloen Fen;
das Haar zerzaust und schlecht gekmmt. Aufgeregt erzhlte sie:

Oh diese Irischka! Aus purer Bosheit hat sie das getan. Wieder kam
irgend ein Knabe gelaufen und warf den Kater mitten ins Zimmer, und der
Kater hat Schellen am Schwanz, -- die bimmeln und lrmen. Jetzt ist er
unter dem Sofa und will nicht heraus.

Peredonoff zitterte.

Was soll man da tun? fragte er.

Helfen Sie, Pawel Wassiljewitsch, bat Warwara, stochern Sie ihn unter
dem Sofa heraus.

Wird besorgt, wird besorgt, kicherte Wolodin und ging in den Saal.

Der Kater wurde irgendwie hervorgezerrt und man nahm ihm die Schellen
vom Schwanz. Peredonoff suchte nach Kletten und machte sich daran den
Kater damit zu bewerfen. Dieser fauchte wtend und lief in die Kche.

Peredonoff war mde geworden von der Spielerei mit dem Kater und setzte
sich in den Sessel, wie er es gewhnlich zu tun pflegte: die Ellbogen
auf die Armlehnen gesttzt, die Hnde gefaltet, die Beine bereinander
geschlagen, das Gesicht verdrielich und unbeweglich.

Den zweiten Brief der Frstin bewahrte Peredonoff mit grerer Sorgfalt
als den ersten: er trug ihn stets bei sich im Portefeuille, zeigte ihn
aber jedermann und setzte dann eine geheimnisvolle Miene auf. Er achtete
scharf darauf, da keiner ihm den Brief entwenden konnte, gab ihn
niemandem in die Hand und verwahrte ihn, wenn er ihn gezeigt hatte,
sorgfltig in seinem Portefeuille, das er in eine Seitentasche seines
Rockes steckte, den er dann fest zuknpfte. Dabei blickte er streng und
von oben herab auf die Leute, mit denen er sprach.

Warum trgst du ihn immer bei dir? fragte Rutiloff zuweilen lachend.

Fr alle Flle, erklrte Peredonoff finster, wer kennt sich aus! Ihr
stehlt ihn noch.

Du tust genau so, als lebten wir in Sibirien, sagte Rutiloff, lachte
und klopfte Peredonoff auf die Schulter.

Peredonoff aber bewahrte seine durch nichts zu strende, hochmtige
Ruhe. Ueberhaupt war er in der letzten Zeit aufgeblasener als
gewhnlich. Oft prahlte er:

Nun werde ich Inspektor. Ihr knnt hier versauern; ich aber werde zwei
Bezirke unter mir haben. Vielleicht auch drei. Oho!

Er war fest davon berzeugt, da er in krzester Zeit die neue Stelle
antreten wrde. Dem Lehrer Falastoff hatte er mehr als einmal
versprochen:

Ich werde dich schon herausreien, Freund!

Das hatte zur Folge, da der Lehrer Falastoff mit auerordentlicher
Ehrerbietung zu Peredonoff aufblickte.




                                  XXII


Peredonoff ging sehr oft zur Kirche. Er stellte sich auf einen
sichtbaren Platz und bekreuzigte sich entweder viel fter, als notwendig
war, oder er stand ganz steif da und blickte stumpf vor sich hin.
Manchmal schien es ihm, als versteckten sich Spione hinter den Sulen:
von dort guckten sie vor und bemhten sich, ihn zum Lachen zu bringen.
Er aber widerstand der Versuchung.

Das Lachen, -- das leise Lachen, Gekicher und Geflster der
Rutiloffschen Mdchen klang Peredonoff in den Ohren, es wuchs manchmal
ganz unglaublich an, als lachten diese hinterlistigen Mdchen dicht vor
seinen Ohren, um auch ihn zum Lachen zu bringen, -- ihn so zu
vernichten. Aber auch dieser Versuchung widerstand Peredonoff.

Zuweilen erschien ihm das graue gespenstische Tierchen; er sah, wie es
aus dem Weihrauch hervorscho; seine kleinen Aeuglein blitzten in
Flammen, und mit einem leisen Pfeifen scho es durch die Luft, dann aber
glitt es zu Boden und tummelte sich zu Fen der Kirchenbesucher, machte
sich ber Peredonoff lustig und qulte ihn unablssig. Natrlich wollte
es Peredonoff einen Schreck einjagen, damit er noch vor Schlu des
Gottesdienstes die Kirche verlassen sollte. Er aber erriet diese
hinterlistigen Absichten, und widerstand auch dieser Versuchung.

Die gottesdienstlichen Verrichtungen, -- die nicht etwa allein dem
Wortlaut nach oder durch die Zeremonien, sondern durch ihren tiefen,
innerlichen Gehalt auf so viele Leute wirken, -- waren Peredonoff ganz
unverstndlich. Darum frchtete er sie. Der aufsteigende Weihrauch
erschreckte ihn, -- er sah nur die rtselhaften Rauchgebilde.

Warum schwenkt er das Rauchfa? -- dachte er.

Die Gewnder der Geistlichen hielt er fr grobe, lstig-bunte Lappen,
und wenn er auf den reichgeschmckten Priester blickte, so rgerte er
sich, und ihn kam die Lust an, das Megewand zu zerreien, die heiligen
Gefe zu zerschlagen. Die wirklichen Gebruche und Mysterien schienen
ihm bse Zauberei zu sein, zu dem Zwecke erfunden, das einfache Volk zu
betren, zu knechten.

Er hat die Hostie in den Wein gebrockt, -- dachte er bse ber den
Priester, -- ein billiges Weinchen, sie betrgen das Volk, um mehr Geld
fr ihre Amtshandlungen herauszuschlagen.

Das ewige Mysterium der Verwandlung gewhnlichen Weines und Brotes zu
einer Kraft, welche die Fesseln des Todes bricht, war ihm fr immer
verschlossen. Eine wandelnde Leiche! Eine unsinnige Verquickung seines
Unglaubens an einen lebendigen Gott und an den Sohn mit seinem Glauben
an die Zauberei!

Man ging aus der Kirche. Der Dorfschullehrer Matschigin, ein
einfltiger, junger Mann, stand neben einigen jungen Mdchen, lchelte
und plauderte flott. Peredonoff berlegte, da es unpassend wre, wie
sich dieser junge Mann in Gegenwart des knftigen Inspektors gehen
liee. Matschigin trug einen Strohhut. Aber Peredonoff erinnerte sich,
ihn einmal im Sommer vor der Stadt gesehen zu haben, und damals hatte er
eine Dienstmtze mit der Kokarde getragen. Peredonoff beschlo, dies zur
Anzeige zu bringen. Die Gelegenheit war gnstig, denn auch der Inspektor
Bogdanoff war anwesend. Peredonoff trat auf ihn zu und sagte:

Ihr Matschigin da trgt eine Dienstmtze mit der Kokarde. Er will den
Herren spielen.

Bogdanoff erschrak, zitterte und sein graues Brtchen erbebte.

Das darf er nicht, er hat kein Recht es zu tun, sagte er bekmmert und
zwinkerte mit den roten Aeuglein.

Freilich hat er kein Recht dazu, und doch tut er's, beklagte sich
Peredonoff. Man mu sie stramm halten, ich hab es Ihnen lngst gesagt.
Jeder klotzfige Bauer knnte sonst die Kokarde anlegen, und was sollte
dabei herauskommen.

Bogdanoff, dem Peredonoff schon frher einen Schreck eingejagt hatte,
kam ganz aus der Fassung.

Wie untersteht er sich nur! sagte er weinerlich. Ich werde ihn sofort
zitieren, sofort, und werde es ihm auf das Strengste verbieten.

Er verabschiedete sich von Peredonoff und lief eingeschchtert nach
Hause.

Wolodin ging neben Peredonoff und sagte mit vorwurfsvoll meckernder
Stimme:

Er trgt eine Kokarde. Hat man schon so was gehrt! Als ob er einen
Rang htte! Es ist unerhrt!

Auch du darfst keine Kokarde tragen, sagte Peredonoff.

Wenn ich es nicht darf, so tu ich es auch nicht, entgegnete Wolodin.
Das heit, zuweilen trage auch ich die Kokarde, aber ich wei doch, wo
und wann ich es tue. Wenn ich zum Beispiel vor die Stadt gehe, so lege
ich sie an. Mir macht es Vergngen, und niemand kann es verbieten.
Treffe ich aber ein Buerlein, so steh ich hoch in seiner Achtung.

Die Kokarde pat nicht zu deiner Schnauze, sagte Peredonoff. Auerdem
pack dich bitte: du hast mich mit deinen Hufen ganz bestaubt.

Wolodin schwieg gekrnkt, blieb aber an Peredonoffs Seite. Dieser sagte
besorgt:

Auch die Rutiloffschen Ghren mte man angeben. Die kommen nur in die
Kirche, um zu schwatzen und zu lachen. Sie schminken sich, staffieren
sich aus und gehen hin. Dabei stehlen sie Weihrauchwacholder und
fabrizieren daraus ihre Parfums, -- es riecht immer so verdchtig von
ihnen.

Nein! Ist es mglich! sagte Wolodin, schttelte den Kopf und glotzte
stumpf vor sich hin.

Ueber die Erde glitt der Schatten einer Wolke und Peredonoff frchtete
sich. In den Staubwolken, im Winde huschte das graue, gespenstische
Tierchen. Wenn sich das Gras vor dem Winde bewegte, glaubte Peredonoff
das Tierchen liefe da durch, dann bi es ihn und verschwand wieder.

Warum wchst das Gras auf den Straen? dachte er. Das ist Unordnung.
Man mu es ausjten.

Der Ast eines Baumes bewegte sich, krmmte sich, wurde schwarz, krchzte
und flog auf. Peredonoff fuhr zusammen. Er schrie wild auf und lief nach
Hause. Wolodin folgte ihm ngstlich. Seine Augen quollen vor und
blickten stier. Mit der einen Hand hielt er den steifen Hut, mit der
andern fuchtelte er mit seinem Stckchen.

                   *       *       *       *       *

Noch am selben Tage lie Bogdanoff Matschigin kommen. Bevor Matschigin
in das Haus des Inspektors trat, blieb er auf der Strae stehen, den
Rcken zur Sonne gekehrt und versuchte mit den fnf Fingern das Haar zu
gltten, den eignen Schatten gewissermaen als Spiegel benutzend.

Junger Mann, was fllt Ihnen ein? Was tun Sie da fr Sachen? legte
Bogdanoff los.

Worum handelt es sich, wenn ich fragen darf, fragte Matschigin
zuvorkommend, drehte den Strohhut zwischen den Fingern und wippte mit
dem linken Bein.

Bogdanoff forderte ihn nicht auf Platz zu nehmen, denn er hatte die
Absicht, ihn gehrig vorzunehmen.

Was ist das nur, was ist das nur, junger Mann, Sie tragen eine Kokarde?
Wie konnten Sie nur den Diensteid schwren? Was? fragte er, sich zu
einem strengen Ton zwingend und das graue Brtchen bse schttelnd.

Matschigin wurde rot, antwortete aber keck:

Was ist denn dabei? Habe ich nicht das Recht, es zu tun?

Sind Sie denn ein Beamter? Was? Ein Beamter? ereiferte sich Bogdanoff.
Ein schner Beamter -- das! Was? Der Abc-Registrator! Was?

Es ist das Abzeichen meines Lehrerberufs, sagte Matschigin keck und
lchelte pltzlich s, weil ihm die Bedeutung seines Lehrerberufs zum
Bewutsein kam.

Nehmen Sie ein Stckchen in die Hand, ein Stckchen; da haben Sie ein
Abzeichen Ihres Berufs, riet ihm Bogdanoff und schttelte mibilligend
den Kopf.

Aber das geht doch nicht, Sergeji Potapjitsch, sagte Matschigin mit
gekrnkter Stimme, was ist denn ein Stckchen! Jedermann kann ein
Stckchen tragen, die Kokarde aber frdert das Prestige.

Was fr ein Prestige, was? Was meinen Sie eigentlich? Was fr ein
Prestige? wetterte Bogdanoff, wozu brauchen Sie ein Prestige, was?
Sind Sie etwa jemandes Vorgesetzter?

Aber ich bitte Sie, Sergeji Potapjitsch, bewies Matschigin
eindringlich, bei der Dorfbevlkerung, die doch nur geringe Kultur
besitzt, bedeutet das eine unbedingte Zunahme der Hochachtung, -- in
diesem Jahr grten sie alle viel tiefer.

Matschigin streichelte selbstgefllig sein rothaariges Schnurrbrtchen.

Es geht nicht, junger Mann, es geht ganz und gar nicht, sagte
Bogdanoff wehmtig und schttelte den Kopf.

Erlauben Sie doch, Sergeji Potapjitsch, ein Lehrer ohne Kokarde ist
dasselbe wie der britische Lwe ohne Schwanz, versicherte Matschigin;
einfach eine Karikatur.

Was tut denn der Schwanz zur Sache? Was? Was soll das mit dem Schwanz?
Was? redete Bogdanoff aufgeregt. Die Politik gehrt nicht hierher,
was! Ist es Ihre Sache, sich um Politik zu kmmern? Was! Um
Gotteswillen, junger Mann, tun Sie mir den Gefallen und legen Sie die
Kokarde ab. Es geht einfach nicht. Es geht nicht. Gott verhte es, da
jemand davon erfhrt.

Matschigin zuckte die Schultern, er wollte noch etwas antworten, aber
Bogdanoff lie ihn nicht zu Worte kommen, -- denn seiner Ansicht nach
war ihm etwas Glnzendes eingefallen.

Sehen Sie mal, zu mir sind Sie doch ohne Kokarde gekommen, -- was! --
ohne Kokarde. Sie fhlten also selber, da es sich nicht schickt.

Matschigin war um eine Antwort verlegen, fand sich aber schnell und
sagte:

Da wir Dorfschullehrer sind, so bedrfen wir auch eines Privilegiums
fr das Dorf, in der Stadt zhlen wir sowieso zur Intelligenz.

Nein, junger Mann, es geht nicht; da Sie es wissen! sagte Bogdanoff
rgerlich. Es geht nicht, und wenn ich noch einmal davon hre, so sind
Sie entlassen.

                   *       *       *       *       *

Die Gruschina veranstaltete von Zeit zu Zeit kleine Abendunterhaltungen
fr junge Leute. Mit der Zeit hoffte sie sich einen Mann zu angeln. Aus
Anstandsrcksichten lud sie auch ihre verheirateten Bekannten ein.

Ein solcher Abend wurde heute veranstaltet und die Gste waren schon
frh erschienen.

Im Gastzimmer der Gruschina hingen einige Bilder an den Wnden, die mit
einem undurchsichtigen Mullstoff dicht verhngt waren. Uebrigens waren
es keineswegs unanstndige Bilder. Wenn die Gruschina mit einem
verschlagenen, lsternen Lcheln die leichten Vorhnge lftete, konnten
die Gste nackte Weiber bewundern, die zum Ueberflu noch schlecht
gezeichnet waren.

Was gibt es da zu sehen, -- ein verwachsenes Weib, sagte Peredonoff
verdrielich.

Absolut nicht verwachsen, verteidigte die Gruschina das Bild, sie
nimmt so eine Stellung ein.

Sie ist verwachsen, wiederholte Peredonoff. Auerdem hat sie
schielende Augen, ganz so wie Sie.

Sie verstehen nichts von der Kunst! sagte die Gruschina gekrnkt; es
sind ausgezeichnet teure Gemlde. Die Knstler malen das mit Vorliebe.

Peredonoff lachte laut auf: es war ihm eingefallen, was fr einen Rat er
Wladja in diesen Tagen gegeben hatte.

Warum wiehern Sie? fragte die Gruschina.

Der Gymnasiast Nartanowitsch wird seiner Schwester Martha das Kleid
ansengen, erklrte er, ich habe es ihm geraten.

Warum sollte er es ansengen, er ist doch kein Dummkopf! entgegnete die
Gruschina.

Natrlich wird er es tun, versicherte Peredonoff nachdrcklich!
Geschwister zanken sich immer untereinander. Als ich jung war,
unternahm ich immer irgend etwas gegen meine Schwestern, -- die
kleineren prgelte ich und den lteren verdarb ich die Kleider.

Das ist nicht berall so, sagte Rutiloff, ich zanke mich nie mit
meinen Schwestern.

Was tust du denn mit ihnen, -- du kt sie wohl? fragte Peredonoff.

Du bist ein Lump und ein Schwein, Ardalljon Borisowitsch. Ich werde
dich ohrfeigen, sagte Rutiloff sehr ruhig.

Ich kann solche Scherze nicht leiden, antwortete Peredonoff und rckte
zur Seite.

Er bringt es wirklich fertig, mich zu schlagen, dachte Peredonoff. Er
hat so ein boshaftes Gesicht.

Sie besitzt nur das eine schwarze Kleid, fuhr er fort von Martha zu
erzhlen.

Die Werschina wird ihr ein neues machen lassen, sagte Warwara mit
neidischer Bosheit. Zur Hochzeit wird sie ihr die ganze Aussteuer
herrichten. Eine Schnheit, vor der die Pferde scheu werden, murmelte
sie leise und blickte schadenfroh auf Murin.

Auch fr Sie ist es hchste Zeit, Hochzeit zu machen, sagte die
Prepolowenskaja. Worauf warten Sie noch, Ardalljon Borisowitsch?

Das Ehepaar Prepolowenskaja hatte schon eingesehen, da Peredonoff nach
dem zweiten Brief fest entschlossen war, Warwara zu heiraten. Sie selber
aber glaubten an die Echtheit des Briefs und behaupteten, da sie immer
auf Warwaras Seite gestanden htten. Es hatte fr sie keinen Zweck, sich
mit Peredonoff zu entzweien, -- denn es war vorteilhaft, mit ihm Karten
zu spielen. Und Genja, da war nichts zu machen, mute eben warten, --
bis sich ein anderer Freier finden wrde.

Natrlich mssen Sie sich trauen lassen, sagte Prepolowenskji, das
ist ein gutes Werk und wird der Frstin gefallen. Es wird der Frstin
angenehm sein, wenn Sie heiraten, und das wird ihr auch gefallen,
sintemal Sie ein gutes Werk verrichten, und dann ist alles in Ordnung.
Und -- man nehme die Sache wie man will -- es ist immer ein gutes Werk
und wird der Frstin gefallen.

Ich bin ganz derselben Meinung, sagte die Prepolowenskaja.

Prepolowenskji war ins Reden hereingekommen und konnte nicht an sich
halten, weil er aber bemerkte, da alle nach und nach von ihm
fortgegangen waren, setzte er sich neben einen jungen Beamten und
erklrte ihm dieselbe Sache.

Ich bin entschlossen, mich trauen zu lassen, sagte Peredonoff, wir
wissen nur beide nicht, wie das anzufangen ist. Etwas mu doch
geschehen, ich wei nur nicht was.

Da ist nichts besonders dabei, sagte die Prepolowenskaja, wollen Sie,
ich und mein Mann werden Ihnen alles einrichten. Sie brauchen sich um
gar nichts zu kmmern.

Gut, sagte Peredonoff, ich bin einverstanden. Es mu nur alles
reichlich und anstndig eingerichtet werden. Ums Geld soll es mir nicht
leid tun.

Seien Sie unbesorgt, Sie werden zufrieden sein, sagte die
Prepolowenskaja.

Peredonoff fuhr fort, Bedingungen zu stellen:

Manche Leute kaufen aus Geiz schmale, silbervergoldete Ringe, ich will
das aber nicht, es mssen echt goldene sein. Und ich mchte sogar statt
der Trauringe Trauarmbnder bestellen, -- denn das ist teurer und
vornehmer.

Alle lachten.

Armbnder gehen nicht, sagte die Prepolowenskaja flchtig lchelnd,
es mssen Ringe sein.

Warum denn? fragte Peredonoff gergert.

Man tut es eben nicht.

Man tut es vielleicht doch, sagte Peredonoff unglubig. Ich werde den
Popen fragen. Der mu es besser wissen.

Rutiloff kicherte und gab den Rat:

Bestell dir doch Traugrtel, Ardalljon Borisowitsch.

So viel Geld habe ich doch nicht, antwortete Peredonoff und merkte
nicht, da man sich ber ihn lustig machte. Ich bin kein Bankier. Ich
trumte blo vor einiger Zeit, da ich in einem Atlasfrack getraut
wurde, und wir beide trugen goldene Armbnder. Und hinter uns standen
zwei Schuldirektoren, die hielten die Krnze ber uns und sangen
Halleluja.

Ich habe heute auch etwas Interessantes getrumt, erklrte Wolodin,
ich wei nur nicht, was es bedeuten soll. Ich sa auf einem Thron und
hatte eine Krone auf dem Kopf, vor mir wuchs aber Gras, und im Grase
weideten Lmmer, lauter Lmmer, lauter Lmmer, bh--bh--bh. Und die
Lmmer gingen hin und her, schttelten so mit den Kpfen und machten
immerzu: bh--bh--bh.

Wolodin ging durch die Zimmer, schttelte den Kopf, warf die Lippen auf
und meckerte. Die Gste lachten. Wolodin setzte sich wieder, blickte
alle fromm an, zwinkerte vor Vergngen mit den Augen und lachte, wie er
es immer tat, mit seiner blkenden, schafshnlichen Stimme.

Nun, und was weiter? fragte die Gruschina und zwinkerte ihren Gsten
zu.

Nun, es waren eben lauter Lmmer, lauter Lmmer, und ich wachte auf,
schlo Wolodin.

Ein Schaf hat die Trume eines Schafes, brummte Peredonoff, ein
gefundenes Fressen fr dich: Hammelknig.

Ich aber hatte einen Traum, sagte Warwara mit einem schmutzigen
Lcheln auf den Lippen, der lt sich in Gegenwart von Herren nicht
erzhlen; -- Ihnen allein will ich ihn erzhlen.

O, liebste Warwara Dmitriewna, das ist ja ganz mein Fall, antwortete
die Gruschina, lchelte und zwinkerte allen zu.

Erzhlen Sie ungeniert, sagte Rutiloff, wir sind bescheidne Leute,
genau so wie Damen.

Auch die brigen, anwesenden Herren bestrmten Warwara und die
Gruschina, sie sollten erzhlen; die beiden aber sahen einander an,
lachten gemein und erzhlten nichts.

Man setzte sich an die Kartentische. Rutiloff versicherte allen, da
Peredonoff vortrefflich spiele. Peredonoff selber glaubte es. Aber
heute, wie auch sonst immer, verlor er, Rutiloff dagegen gewann. Darber
war er sichtlich erfreut und redete lebhafter als gewhnlich.

Das graue, gespenstische Tierchen qulte Peredonoff. Es versteckte sich
irgendwo ganz in seiner Nhe, guckte zuweilen vor, entweder unter dem
Tisch oder hinter dem Rcken eines der Anwesenden und versteckte sich
wieder. Es schien, als erwartete es irgend etwas. Es war schrecklich.

Sogar vor den Bildern auf den Karten frchtete sich Peredonoff. Die
Damen immer zu zweit nebeneinander.

Wo ist denn die dritte? -- dachte er.

Stumpfsinnig betrachtete er die Pik-Dame und drehte die Karte um, --
denn die dritte konnte sich vielleicht hinter dem Hemd versteckt haben.

Rutiloff sagte:

Ardalljon Borisowitsch guckt seiner Dame hinters Hemd.

Alle lachten laut.

Zwei ganz junge Polizeibeamte saen etwas abseits und spielten
Schwarzen-Peter. Das Spiel ging rasch vor sich. Der Gewinnende lachte
vor Freude und zeigte seinem Partner eine lange Nase. Dieser aber
rgerte sich.

Es roch nach warmen Speisen. Die Gruschina bat ihre Gste in das
Ezimmer. Alle gingen hinber, stieen einander und genierten sich.
Irgendwie nahm man Platz.

Essen Sie, meine Herrschaften, bewirtete die Gruschina, essen Sie,
meine Freunde, schlagen Sie sich die Buchlein voll, bis zum Halse
hinauf.

Es gereicht der Wirtin zur Ehre, wenn ihre Pirogge gegessen wird, rief
Murin frhlich.

Der Anblick der Schnapsflaschen tat ihm wohl; auch freute er sich, da
er im Spiel gewonnen hatte.

Eifriger als alle andern aen Wolodin und zwei junge Beamte, -- sie
suchten sich die besten und grten Stcke aus und verschlangen den
Kaviar mit wahrem Heihunger. Die Gruschina lachte gezwungen und sagte:

Pawel Iwanowitsch ist betrunken und hat doch scharfe Augen. Er lt das
Brot liegen und macht sich an die Pastete.

Als htte sie fr ihn den Kaviar gekauft! Und unter dem Vorwand, sie
msse die Damen mit diesen schnen Sachen bewirten, stellte sie sie
recht weit von ihm fort. Wolodin aber lie sich die Laune nicht
verderben und begngte sich mit dem, was man ihm gelassen hatte: er
hatte sich beeilt, gleich im Anfang recht viel vom Allerbesten zu essen,
so da ihm jetzt alles gleich sein konnte.

Peredonoff blickte auf die Kauenden, und es schien ihm, da alle ber
ihn lachten. Warum denn? Worber denn? Wtend a er alles, was ihm
gerade unter die Finger kam; er a unappetitlich und gierig.

Nach dem Essen wurde wieder gespielt. Doch bald wurde es Peredonoff
langweilig. Er warf die Karten auf den Tisch und sagte:

Da euch der Teufel hole! Ich habe kein Glck! Wie langweilig! Warwara,
komm, -- wir gehen nach Hause.

Gleichzeitig mit ihm erhoben sich auch die andern.

Im Vorhaus bemerkte Wolodin, da Peredonoff einen neuen Spazierstock
hatte. Er betrachtete ihn grinsend von allen Seiten und fragte:

Ardascha, warum sind denn die Finger hier zur Faust geballt? Was
bedeutet das?

Peredonoff nahm ihm rgerlich den Stock aus den Hnden, hielt den Griff,
der eine aus Ebenholz geschnitzte Faust darstellte, an Wolodins Nase und
sagte:

Du verdientest eine saftige Ohrfeige.

Wolodin machte ein gekrnktes Gesicht.

Mit Verlaub, Ardalljon Borisowitsch, sagte er, ich pflege Brot mit
Saft zu essen, keineswegs aber Ohrfeigen mit Saft.

Peredonoff hrte nicht auf ihn, wickelte sich den Schal vorsorglich um
den Hals und knpfte seinen Mantel fest zu. Rutiloff sagte lachend:

Warum packst du dich so ein, Ardalljon Borisowitsch? Es ist doch warm.

Gesundheit geht ber alles, antwortete Peredonoff.

Auf der Strae war es still; die Strae hatte sich zur Nacht gleichsam
niedergelegt und schien ganz leise zu schnarchen. Es war dunkel, feucht
und traurig. Am Himmel zogen schwere Wolken. Peredonoff brummte:

Die Dunkelheit! und wozu?

Er frchtete sich nicht, denn er ging mit Warwara und nicht allein.

Bald darauf fing es an zu regnen, ein feiner, rascher, anhaltender
Regen. Alles war still geworden, und nur der Regen murmelte irgend
etwas, zudringlich und schnell, als verschlucke er sich daran, --
undeutliche, traurige und langweilige Sachen.

Peredonoff fhlte in der Natur die Spiegelung seiner eignen Traurigkeit,
seiner Furcht, unter der Larve ihrer Feindseligkeit zu ihm, aber fr
jenes innere Leben der ganzen Natur, das einer uerlichen Bestimmung
nicht unterliegen kann, fr jenes Leben, das allein imstande ist, eine
tiefe, unantastbare, aufrichtige Wechselbeziehung zwischen dem Menschen
und der Natur herzustellen, fr dieses Leben hatte er kein Gefhl. Darum
erschien ihm auch die Natur ganz durchdrungen von kleinlichen,
menschlichen Gefhlen. Verblendet durch Selbsttuschungen, durch seine
verschlossene Lebensfhrung, hatte er kein Verstndnis fr das
dionysische, elementare Entzcken, das sich an der Natur berauscht, sie
einsaugt. Er war blind und jmmerlich, wie es viele von uns sind.




                                 XXIII


Das Ehepaar Prepolowenskji hatte es auf sich genommen, die
Hochzeitsfeierlichkeiten auszurichten. Die Trauung sollte in einem Dorfe
stattfinden, das etwa 6 Werst vor der Stadt lag: denn fr Warwara mute
es peinlich sein, sich in der Stadt trauen zu lassen, nachdem sie schon
so viele Jahre mit Peredonoff zusammengelebt hatte, unter dem Vorwand,
sie wre seine Kousine. Der Tag der Trauung wurde geheim gehalten: die
Prepolowenskjis hatten das Gercht verbreitet, die Trauung wrde am
Freitag stattfinden; in der Tat aber sollten die beiden am Mittwoch im
Laufe des Tages getraut werden. Man hatte das getan, damit die
neugierigen Stdter nicht hinauskmen. Warwara schrfte es Peredonoff
immer wieder ein:

Versprich dich nicht, Ardalljon Borisowitsch, wegen der Trauung, sonst
kommen sie noch und werden die Feier stren.

Das zu den Feierlichkeiten erforderliche Geld gab Peredonoff nur
widerwillig und sich ber Warwara lustig machend. Bisweilen holte er
seinen Stock, dessen Griff die geballte Faust darstellte und sagte zu
Warwara:

K diese Faust, dann sollst du Geld haben. Kt du sie nicht -- so
gibt's kein Geld.

Warwara kte die Faust.

Was ist denn dabei; die Lippen werden davon nicht platzen, sagte sie.

Der Termin der Trauung wurde bis kurz vor dem festgesetzten Tage sogar
vor den Marschlen geheim gehalten, damit sie davon nicht weiter
sprchen. Zuerst wurden Rutiloff und Wolodin gebeten Marschle zu sein,
-- beide erklrten sich mit Vergngen einverstanden. Rutiloff erwartete,
eine amsante Anekdote zu erleben, und Wolodin schmeichelte es
auerordentlich, eine so hervorragende Rolle bei einem so wichtigen
Ereignis spielen zu drfen. Dann aber kam Peredonoff der Gedanke --
_ein_ Marschal wre fr ihn zu wenig. Er sagte:

Fr dich, Warwara, langt einer; ich aber brauche zwei, einer wre zu
wenig, -- denn es ist schwer, ber mir die Hochzeitskrone zu halten; ich
bin ein groer Mensch.

So bat Peredonoff noch Falastoff Marschal zu sein. Warwara knurrte:

Was Teufel soll denn der? Zwei sind schon da.

Er trgt eine goldene Brille; so ist es vornehmer, sagte Peredonoff.

Am Morgen des Hochzeitstages wusch sich Peredonoff, wie gewhnlich, mit
warmem Wasser, um sich nicht zu erklten, und dann verlangte er
Schminke:

Ich mu mich jetzt jeden Tag schminken, sonst wird man noch denken, ich
wre hinfllig, und wird mich nicht zum Inspektor ernennen.

Warwara tat es um ihre Schminke leid, doch mute sie sie hergeben, --
und Peredonoff frbte sich die Backen. Er murmelte:

Auch Weriga schminkt sich, um jnger auszusehen. Ich kann mich doch
nicht mit weien Backen trauen lassen.

Hierauf sperrte er sich im Schlafzimmer ein und beschlo -- sich zu
zeichnen, damit Wolodin sich nicht unterschieben konnte. Auf die Brust,
auf den Bauch, auf die Ellenbogen, und sonst auf verschiedene
Krperteile schmierte er mit Tinte den Buchstaben P.

Man mte auch Wolodin zeichnen, aber wie soll man das anfangen? Wenn er
es bemerkt, wird er es wieder abreiben, dachte Peredonoff bekmmert.

Dann kam ihm der Gedanke, es wre so bel nicht, wenn er sich ein
Korsett anzge, denn mglicherweise wrde man ihn fr einen Greis
halten, wenn er zufllig gebeugt dastehen wrde. Er verlangte von
Warwara ein Korsett. Doch erwies sich, da Warwaras smtliche Korsetts
ihm zu eng waren, -- kein einziges lie sich schlieen.

Man htte es frher kaufen mssen, brummte er rgerlich. An nichts
denken sie.

Welcher Mann trgt denn ein Korsett, antwortete Warwara, keiner tut
es.

Weriga trgt eins, sagte Peredonoff.

Weriga ist eben ein Greis; aber du, Ardalljon Borisowitsch, bist
gottlob ein vollbltiger Mann.

Peredonoff lchelte selbstgefllig, blickte in den Spiegel und sagte:

Natrlich, ich werde noch anderthalb Jahrhunderte leben.

Der Kater nieste unter dem Bett. Warwara sagte lchelnd:

Auch der Kater niest, das heit also: es stimmt.

Doch Peredonoff wurde pltzlich verdrielich: Er frchtete sich vor dem
Kater, und sein Niesen erschien ihm als eine bse List.

Das fehlte noch, da er mir etwas vorniest, dachte er und kroch unter
das Bett, um den Kater zu verjagen. Dieser miaute wild, schmiegte sich
an die Wand und pltzlich schlpfte er mit einem lauten Miauen unter
Peredonoffs Hnden durch, aus dem Zimmer hinaus.

Hollndischer Teufel! schimpfte Peredonoff bse.

Das ist er: ein Teufel, rief auch Warwara, er ist ganz verwildert, er
lt sich nicht einmal streicheln, -- als wre der Teufel in ihn
gefahren.

Die Prepolowenskjis hatten schon frh am Morgen die Marschle
benachrichtigt. Gegen zehn Uhr versammelten sich alle bei Peredonoff.
Die Gruschina war gekommen und Sophie mit ihrem Mann. Ein Schnaps und
Imbi wurde gereicht. Peredonoff a nur wenig und berlegte traurig, wie
er es anstellen sollte, um sich noch mehr von Wolodin zu unterscheiden.

Er hat sich Locken brennen lassen wie ein Schaf, dachte er gereizt und
pltzlich fiel es ihm ein, da auch er sich auf eine besondere Art
frisieren lassen knnte. Er stand auf und sagte:

Trinkt und et, mir soll's nicht leid tun; ich werde unterdessen zum
Friseur gehen und mich spanisch frisieren lassen.

Wie ist denn das -- spanisch? fragte Rutiloff.

Du wirst ja schon sehen.

Als Peredonoff gegangen war, sagte Warwara:

Immer hat er neue Einflle! Ueberall sieht er Teufel. Er sollte weniger
Schnaps trinken, der verfluchte Sufer!

Die Prepolowenskaja lchelte verschmitzt und sagte:

Wenn ihr getraut seid, wird Ardalljon Borisowitsch eine Stelle bekommen
und dann wird er sich beruhigen.

Die Gruschina kicherte. Sie amsierte sich ber das Geheimnisvolle
dieser Hochzeit und brannte darauf, irgend einen groen Skandal in Szene
zu setzen, nur ohne sich selber dabei die Finger zu verbrennen. Unter
der Hand hatte sie gestern abend einigen ihrer Freunde Ort und Stunde
der Trauung genannt. Und heute in aller Frhe hatte sie den jngsten
Sohn des Schlossers kommen lassen, ihm einen Fnfer gegeben und ihm
aufgetragen, am Abend vor der Stadt zu warten, bis die Neuvermhlten
angefahren kommen wrden, um dann in ihren Wagen Schmutz und
Papierfetzen zu werfen. Der Schlossersohn war zu allem bereit und
schwor, er wrde nichts verraten. Die Gruschina aber erinnerte ihn:

Den Tscherepin habt ihr doch verraten, als man euch Prgel gab.

Wir waren halt Esel, sagte der Schlossersohn, aber jetzt knnte man
uns aufhngen, ganz egal.

Und zur Bekrftigung seines Eides a der Junge ein Hufchen Erde. Dafr
gab ihm die Gruschina noch drei Kopeken.

Im Frisiersalon wnschte Peredonoff den Inhaber selber zu sprechen. Es
war ein junger Mensch, der vor kurzem die stdtische Schule absolviert
hatte und oft Bcher aus der Volksbibliothek lieh. Er war gerade dabei,
einem Gutsbesitzer, den Peredonoff nicht kannte, das Haar zu schneiden.
Als er mit seiner Arbeit fertig war, trat er an Peredonoff heran.

La ihn erst gehen! sagte Peredonoff bse.

Der Gutsbesitzer zahlte und ging.

Peredonoff setzte sich vor den Spiegel.

Haarschneiden und frisieren, sagte er. Ich habe heute eine wichtige
Sache vor, eine besonders wichtige, -- und darum sollst du mich spanisch
frisieren.

Der Lehrjunge, er stand an der Tr, platzte aus. Der Meister blickte ihn
streng an. Er hatte noch nie Gelegenheit gehabt, spanisch zu frisieren
und er wute auch nicht, was eine spanische Friseur sei, ob es die
berhaupt gbe. Wenn der Herr es aber verlangte, so mute man annehmen,
da er wei, was er will. Der junge Friseur wollte seine Unbildung nicht
verraten. Er sagte hflich:

Bei Ihrem Haarwuchs, mein Herr, ist das unmglich.

Warum ist es unmglich? fragte Peredonoff beleidigt.

Ihre Haare haben eine schlechte Nhrung, erklrte der Friseur.

Soll ich sie etwa mit Bier begieen? brummte Peredonoff.

Aber, ich bitte Sie, warum denn mit Bier! antwortete der Friseur und
lchelte liebenswrdig, Sie mssen es in Betracht ziehen, da, wenn man
sie nur ein wenig schneiden soll und da auerdem sich eine gewisse
Soliditt auf Ihrem Haupte kund tut, es keineswegs zur spanischen Frisur
langen drfte.

Peredonoff war ganz niedergeschlagen, da er nicht spanisch frisiert
werden konnte. Er sagte betrbt:

So schneide mir die Haare wie du willst.

Vielleicht, dachte er, hat man es dem Friseur gesteckt, da er mich
nicht auf diese besondere Art frisieren soll. Ich htte zu Hause nicht
davon sprechen sollen. Wahrscheinlich war Wolodin, whrend er wrdig und
gemessen durch die Straen gegangen war, als Hammel durch die
Hintergchen gelaufen, und hatte sich mit dem Friseur berochen.

Befehlen der Herr zu spritzen? fragte der Friseur, als er die Haare
geschnitten hatte.

Mit Reseda und recht viel, forderte Peredonoff, hast du mich
irgendwie zurechtgestutzt, so mach es wenigstens mit Reseda wieder gut.

Ich bitte um Entschuldigung, Reseda fhren wir nicht, sagte der
Friseur verlegen, aber vielleicht ist Ihnen Opoponax gefllig?

Nichts kannst du ordentlich tun, sagte Peredonoff traurig, so spritz
denn ganz gleich womit.

Gereizt kam er nach Hause. Es war ein windiger Tag. Die Pforte wurde vom
Winde auf und zu geschlagen, ghnte und lachte. Peredonoff sah das und
wurde traurig. Wie sollte man hier durchfahren? Indes, alles machte sich
von selbst.

Drei Wagen waren vorgefahren, man mute sich rasch hineinsetzen und
abfahren, sonst htten die Fuhrwerke Neugierige angelockt, die htten
sich gleich versammelt und wren nachgefahren, um sich die Trauung mit
anzusehen. Man setzte sich und fuhr ab: Peredonoff und Warwara, die
Prepolowenskjis und Rutiloff, die Gruschina mit den beiden anderen
Marschlen.

Auf dem Stadtplatz wirbelte der Staub. Peredonoff hrte Gerusche,
gleichsam Axtschlge. Kaum sichtbar erhob sich, wuchs aus dem Staube
eine hlzerne Wand. Eine Festung wurde gebaut. Bauern in roten Hemden
liefen still und drohend hin und her.

Die Wagen sausten vorber, -- die furchtbare Erscheinung blieb weit
zurck und verschwand. Peredonoff sah sich entsetzt um, aber es war
nichts mehr zu sehen, -- und er konnte sich nicht entschlieen, zu
jemand von dieser Erscheinung zu sprechen.

Den ganzen Weg ber fhlte sich Peredonoff tief bedrckt. Alles starrte
ihm feindlich entgegen, berall erhoben sich die drohenden Vorzeichen.
Der Himmel umwlkte sich. Der Wind strmte entgegen und seufzte schwer.
Die Bume wollten keinen Schatten geben, hatten den ganzen Schatten in
sich gesogen. Dafr wirbelte der Staub lngs der Strae, wie eine lange,
durchsichtig-graue Schlange. Die Sonne verkroch sich aus einem
unbekannten Grunde hinter den Wolken, -- wollte sie etwa heimlich
beobachten?

Der Weg schlngelte sich durch hgeliges Land, -- unerwartet tauchten
hinter den Hgeln Strucher, Wlder, Felder und Bche auf. Ueber die
Bche fhrten drhnende, hlzerne Brcken.

Der Vogel Auge flog vorber, sagte Peredonoff verdrielich und starrte
in die blendende, neblige Ferne des Himmels. Er hat ein Auge und zwei
Flgel, und weiter hat er nichts.

Warwara schmunzelte. Sie glaubte, Peredonoff wre schon am frhen Morgen
betrunken. Aber sie widersprach ihm nicht, sonst -- dachte sie, --
knnte er sich rgern und wird sich nicht trauen lassen.

In der Kirche standen, versteckt hinter einer Sule, die vier Schwestern
Rutiloff. Peredonoff hatte sie zuerst nicht bemerkt, spter aber, schon
whrend der Trauung, als sie ihren Hinterhalt verlassen hatten und
vorgetreten waren, sah er sie und erschrak. Sie taten brigens nichts
Schlimmes, verlangten nicht -- er hatte das befrchtet, -- er solle
Warwara fortjagen und eine von ihnen nehmen. Sie lachten nur die ganze
Zeit. Und ihr anfangs leises Gelchter wurde immer lauter, klang immer
drohender in seine Ohren, wie das Gelchter der wtenden Furien.

Auer zwei, drei alten Weibern, die von irgendwoher gekommen waren,
waren keine fremden Leute in der Kirche. Es war gut so, denn Peredonoff
betrug sich lppisch und sonderbar. Er ghnte, murmelte vor sich hin,
stie Warwara, beklagte sich, da es nach Bauern rche, und ber den
Gestank des Weihrauchs und der Wachslichter.

Deine Schwestern lachen die ganze Zeit, brummte er zu Rutiloff
gewandt, sie durchbohren einem die Leber mit ihrem Gelchter.

Auerdem beunruhigte ihn das graue, gespenstische Tierchen. Es war
schmutzig, ganz bestaubt und versteckte sich immer unter den Gewndern
des Priesters.

Der Gruschina und Warwara erschienen die kirchlichen Gebruche
lcherlich. Sie kicherten ununterbrochen. Die biblischen Worte, die Frau
msse ihrem Manne anhangen, gaben ihnen Anla zu besondrer Lustigkeit.
Auch Rutiloff kicherte, -- er hielt es fr seine Pflicht immer und
berall die Damen zum Lachen zu bringen. Wolodin hingegen betrug sich
gemessen und wrdig; er bekreuzigte sich und bewahrte im Gesicht einen
tiefsinnigen Ausdruck. Die kirchlichen Gebruche waren fr ihn nichts
anderes, als Bestimmungen, die erfllt werden muten, er glaubte, da
die Erfllung dieser Bestimmungen eine gewisse innerliche Bequemlichkeit
frderte: man geht an Feiertagen zur Kirche, betet, -- und ist gerecht;
man sndigt, bereut -- und ist wiederum gerecht. Wie gut und bequem! Um
so bequemer, als man durch nichts verpflichtet war, auerhalb der Kirche
sich um kirchliche Angelegenheiten zu kmmern, vielmehr sich an ganz
andere, praktische Lebensregeln halten mute.

Die Trauungszeremonien waren eben beendet, man war noch nicht aus der
Kirche heraus, -- da ereignete sich etwas Unvorhergesehenes. Lrmend
drang in die Kirche eine betrunkene Gesellschaft, Murin mit seinen
Freunden.

Murin, wie gewhnlich, zerzaust und schmutzig, umarmte Peredonoff und
schrie:

Bruder! Uns bleibt nichts verborgen. Wir sind doch Freunde, die kein
Wasser trennen kann, und du -- Kerl -- hast uns nichts gesagt.

Man hrte Ausrufe:

Der Lump, -- er hat uns nicht eingeladen!

Jetzt sind wir doch hier!

Wir haben es doch erfahren!

Die Neuangekommenen umarmten und beglckwnschten Peredonoff. Murin
sagte:

Wir haben etwas zu lange gesoffen, sonst htten wir euch von Anfang an
beehrt.

Peredonoff stierte finster vor sich hin und antwortete nicht auf die
Glckwnsche. Wut und Furcht schnrten ihm die Kehle.

Alles spionieren sie aus, dachte er betrbt.

Ihr solltet euch wenigstens die Stirn bekreuzigen, sagte er wtend.
Sonst, -- wer mag es wissen, -- habt ihr noch bse Hintergedanken.

Die Gste bekreuzigten sich, lachten und spotteten gotteslsterlich. Die
jungen Beamten taten sich darin ganz besonders hervor. Der Kster
verwies es ihnen vorwurfsvoll.

Unter den Gsten befand sich einer mit einem roten Schnurrbart, ein
junger Mensch, den Peredonoff nicht einmal kannte. Er erinnerte ganz
auerordentlich an einen Kater. Vielleicht hatte sich ihr Kater in
diesen Menschen verwandelt? Nicht umsonst prustete dieser junge Mann so
auffllig, -- er konnte seine tierischen Gewohnheiten nicht lassen.

Wer hat es Ihnen gesagt? fragte Warwara die ungebetenen Gste bse.

Gute Leute taten es, junge Frau, antwortete Murin, aber wer es
eigentlich war, das haben wir schon vergessen.

Die Gruschina bewegte sich unruhig hin und her und zwinkerte mit den
Augen. Die Gste lachten nur, verrieten sie aber nicht. Murin sagte:

Ganz egal, Ardalljon Borisowitsch, wir fahren alle zu dir und du wirst
Sekt schmeien, sei kein Filz. Das geht doch nicht, -- Freunde die kein
Wasser trennt, -- und du wolltest alles so hinterrcks abmachen.

Als Peredonoffs nach der Trauung aus der Kirche kamen, ging die Sonne
unter, und der ganze Himmel stand in Feuer und Gold. Das gefiel
Peredonoff nicht. Er murmelte:

Da hat man Gold draufgepappt, ganze Stcke, da es beinah
herunterfllt. Hat man je so eine Verschwendung gesehen!

Vor der Stadt erwarteten sie die Schlossershne mit einer Bande von
Straenjungen, sie liefen und brllten. Peredonoff zitterte vor Angst.
Warwara schimpfte, spuckte auf die Jungen, drohte ihnen mit der Faust.
Die Gste und Marschle lachten.

Man kam angefahren. Die ganze Gesellschaft wlzte sich mit lrmendem
Johlen und Schreien in die Wohnung Peredonoffs. Man trank erst Sekt,
dann Schnaps, und dann setzte man sich an die Karten. Die ganze Nacht
durch wurde getrunken. Warwara war betrunken, tanzte und jubelte. Auch
Peredonoff triumphierte, -- es war ihnen doch nicht gelungen, ihn mit
Wolodin zu vertauschen.

Wie immer wurde Warwara von den Gsten zynisch und ohne Achtung
behandelt; sie glaubte, es wre so in der Ordnung.

                   *       *       *       *       *

Nach der Hochzeit nderte sich das husliche Leben bei Peredonoffs nur
wenig. Nur, da Warwara sicherer und unabhngiger mit ihrem Mann
verkehrte. Es schien, als htte sie nicht mehr den Respekt vor ihm, --
doch frchtete sie ihn aus alter Gewohnheit. Auch Peredonoff schrie sie
mitunter an, wie er es von frher gewohnt war, zuweilen prgelte er sie
sogar. Aber auch er begann ihre grere Sicherheit ihm gegenber zu
spren. Das erfllte ihn mit bittrer Traurigkeit. Es schien ihm, da,
wenn sie ihn nicht mehr so wie frher frchtete, dies daher kme, da in
ihr der verbrecherische Vorsatz erstarkt war, ihn abzuschtteln, um ihn
dann mit Wolodin zu vertauschen.

Man mu auf der Hut sein, dachte er.

Warwara triumphierte. Zusammen mit ihrem Mann, machten sie Besuche bei
den Damen der Stadt, sogar bei den weniger Bekannten. Bei dieser
Gelegenheit entfaltete sie einen komischen Stolz und sonderbare
Ungeschicklichkeit. Ueberall wurde sie empfangen, in vielen Husern
allerdings mit groer Verwunderung.

Fr die Besuche hatte sie sich rechtzeitig einen Hut machen lassen bei
der tchtigsten Hutmacherin des Ortes aus der Hauptstadt. Die grellen,
groen Blumen, in aufdringlicher Flle angebracht, entzckten Warwara.

Ihren ersten Besuch machten Peredonoffs bei der Frau des Direktors. Von
dort fuhren sie zur Frau des Adelsmarschalls.

Am selben Tage, als Peredonoffs sich anschickten, ihre Besuche zu machen
(das war bei Rutiloffs natrlich schon lngst bekannt), -- machten sich
die Schwestern auf den Weg zu Warwara Nikolajewna Chripatsch, einfach
aus Neugierde, um zu sehen, wie Warwara sich benehmen wrde.

Bald darauf kamen Peredonoffs. Warwara knixte tief vor der Frau
Direktor, und ihre Stimme zitterte mehr als gewhnlich, als sie sagte:

So sind wir denn gekommen. Ich bitte um Ihre Gunst und Freundschaft.

Sehr angenehm, sagte die Frau Direktor gezwungen und bat Warwara, auf
dem Sofa Platz zu nehmen.

Warwara setzte sich mit sichtlichem Behagen auf den ihr zugewiesenen
Platz, breitete ihr rauschendes, grnes Kleid weit aus und begann zu
reden, bemht, ihre Verlegenheit hinter einer bergroen Herzlichkeit zu
verbergen:

Ich war die ganze Zeit ber eine Mamsell, da bin ich nun eine Dame
geworden. Wir sind Namensbasen, -- Sie heien Warwara und ich heie
Warwara, -- und wir haben nicht miteinander verkehrt. Als Mamsell sa
ich meist zu Hause, -- aber warum soll man immer hinter dem Ofen hocken.
Nun werden ich und Ardalljon Borisowitsch offener leben. Wir bitten, uns
die Ehre zu geben, -- wir waren bei Ihnen, Sie werden zu uns kommen, der
Musj zum Musj, die Madame zur Madame.

Aber man spricht davon, da Sie nicht mehr lange hier bleiben werden,
sagte die Frau Direktor. Ich lie mir sagen, da Ihr Mann versetzt
werden wird.

Ja, bald wird ein Papier kommen, dann werden wir fahren, antwortete
Warwara. Bevor das Papier nicht gekommen ist, mssen wir hierbleiben
und uns des Lebens freuen.

Warwara hoffte selber auf den Inspektorposten. Nach der Trauung hatte
sie der Frstin einen Brief geschrieben. Eine Antwort war noch nicht
gekommen. Sie hatte beschlossen zu Neujahr noch einmal zu schreiben.

Ludmilla sagte:

Wir dachten alle, Ardalljon Borisowitsch, Sie wrden das Frulein
Pjilnikoff heiraten.

Ach was, sagte Peredonoff bse, wie sollte ich jede beliebige
heiraten. Ich brauche Protektionen.

Aber immerhin, wie verhlt es sich denn mit Mademoiselle Pjilnikoff?
neckte Ludmilla. Sie haben ihr doch den Hof gemacht. Hat sie Ihnen
einen Korb gegeben?

Ich werde sie noch aufs Glatteis fhren, brummte Peredonoff
verdrielich.

Das ist die _Ide fixe_ von Ardalljon Borisowitsch, sagte der Direktor
und lachte trocken.




                                  XXIV


Peredonoffs Kater war ganz verwildert, er fauchte, hrte nicht, wenn man
ihn rief, -- und war durch nichts anzulocken. Peredonoff frchtete sich
vor ihm. Manchmal murmelte er Beschwrungsformeln.

Aber kann das helfen? dachte er. Der Kater hat eine zu starke
Elektrizitt im Fell, -- das ist eben das Unglck.

Einmal kam er auf den Gedanken, den Kater scheren zu lassen.

Gedacht -- getan. Warwara war nicht zu Hause, -- sie war zur Gruschina
gegangen und hatte sich ein Flschchen Kirschlikr in die Tasche
gesteckt, -- so konnte ihn niemand stren. Peredonoff band den Kater an
eine Schnur, -- aus einem Taschentuch drehte er ein Halsband, -- und
fhrte ihn zum Friseur.

Der Kater miaute wild, sprang nach rechts, nach links, stemmte sich
entgegen. In seiner Verzweiflung warf er sich einigemal auf Peredonoff,
-- aber Peredonoff hielt ihn mit seinem Spazierstock fern. Die
Gassenjungen liefen in Scharen hinterdrein, schrien und lachten. Die
Vorbergehenden blieben stehen. Man steckte die Kpfe zum Fenster
hinaus. Peredonoff schleifte den Kater an der Schnur und lie sich durch
nichts aus der Fassung bringen.

Endlich war er beim Friseur und sagte:

He, rasieren Sie mal den Kater, aber ganz glatt.

Die Jungen waren in Haufen vor der Tr stehen geblieben und krmmten
sich vor Lachen. Der Friseur war beleidigt und wurde rot. Er sagte, --
und seine Stimme zitterte leise:

Entschuldigen Sie, mein Herr, das ist nicht unseres Amtes. Zudem habe
ich nie einen rasierten Kater gesehn. Das wird wohl die neueste Mode
sein, die noch nicht bis zu uns gedrungen ist.

Peredonoff hrte ihm zu in bldem Nichtverstehen. Er rief:

Charlatan! Sag lieber -- ich kann es nicht!

Dann ging er wieder, den unnatrlich schreienden Kater hinter sich
herzerrend. Unterwegs dachte er betrbt, da berall und immer alle Welt
ber ihn lache, keiner wolle ihm behilflich sein. Der Kummer schnrte
ihm die Brust.

                   *       *       *       *       *

Peredonoff, Wolodin und Rutiloff waren in den Garten gekommen um
Billard zu spielen. Der Marqueur berichtete verlegen:

Heute kann nicht gespielt werden, meine Herren.

Und warum nicht? fragte Peredonoff gereizt, _wir_ -- sollen nicht
spielen drfen.

Es verhlt sich nmlich so, ich bitte um Entschuldigung, da keine
Blle da sind, sagte der Marqueur.

Hast sie durchgebracht, Halunke, hrte man hinter der Lette den
Buffetier schreien.

Der Marqueur zuckte zusammen und bewegte pltzlich die roten Ohren,
gleichsam eine hasenartige Bewegung, und flsterte:

Man hat sie gestohlen.

Peredonoff rief erschreckt:

Nanu! wer hat sie gestohlen?

Unbekannt -- wer, -- meldete der Marqueur. Es ist kein Mensch da
gewesen, und pltzlich sind die Blle verschwunden.

Rutiloff kicherte und rief:

Nette Anekdote -- das!

Wolodin zog ein gekrnktes Gesicht und machte dem Marqueur Vorwrfe:

Wenn man bei Ihnen die Blle zu stehlen beliebt, Sie aber sich
unterdessen irgendwo anders aufzuhalten belieben, die Blle also
sozusagen verschwunden sind, so htten Sie die Pflicht gehabt,
unverzglich neue Blle zu beschaffen, damit wir spielen knnen. Wir
kamen und wollten spielen; wenn aber keine Blle da sind, -- womit
sollen wir dann spielen?

Schwatz nicht, Pawluschka, sagte Peredonoff, einem wird auch ohne
dich bel. Such die Blle, Marqueur! Wir mssen unbedingt spielen;
unterdessen bring zwei Pullen Bier.

Man trank Bier. Es war aber doch langweilig. Die Blle lieen sich nicht
finden. Man schimpfte einander, schalt den Marqueur. Dieser schwieg
schuldbewut.

Im Diebstahl glaubte Peredonoff eine neue feindliche Intrige sehen zu
mssen.

Warum? dachte er betrbt und verstand nicht.

Er ging in den Garten und setzte sich auf eine Bank, die dicht am Teiche
stand, -- hier hatte er noch nie gesessen, -- und stierte stumpfsinnig
auf das mit Entengrn bezogene Wasser. Wolodin setzte sich neben ihn,
teilte seinen Kummer und blickte mit seinen Schafsaugen auf den Teich.

Warum liegt dieser schmutzige Spiegel hier, Pawluschka? fragte
Peredonoff und wies mit dem Stock auf den Teich.

Wolodin bleckte die Zhne und sagte:

Das ist kein Spiegel, Ardascha; das ist ein Teich. Sintemal es eben
windstill ist, spiegeln sich in ihm die Bume; darum sieht es so aus,
als lge hier ein Spiegel.

Peredonoff sah auf. Hinter dem Teich war ein Zaun, der den Garten von
der Strae trennte. Peredonoff fragte wieder:

Warum sitzt der Kater auf dem Zaun?

Wolodin blickte in dieselbe Richtung und sagte kichernd:

Er war, er ist nicht mehr.

Tatschlich lebte der Kater nur in Peredonoffs Einbildung, -- ein Kater
mit weitaufgerissenen, grnen Augen, -- sein verschlagener,
unermdlicher Feind. Wieder mute Peredonoff an die Blle denken.

Wer braucht sie? Hatte das graue, gespenstische Tierchen sie
aufgefressen? War es darum heute nirgends zu sehen, -- dachte er. -- Es
hat sich vollgefressen, hat sich irgendwohin gewlzt und schlft jetzt.

Niedergeschlagen schlich Peredonoff nach Hause. Der Abend war im
Erlschen. Ein Wlkchen zog irrend am Himmel, schlich heran, -- Wolken
gehen so leise, -- hielt Umschau. Auf seinen dunklen Rndern spielte ein
rtselhafter, tiefer Glanz. Ueber dem Flchen, das zwischen Garten und
Stadt flo, zitterten die Schatten der Huser und Gebsche, sie
flsterten, suchten irgend jemand.

Und auf den Straen dieser dstren, ewig feindlichen Stadt begegneten
nur bse, spttische Menschen. Alles verband sich zu einer allgemeinen
Feindseligkeit gegen Peredonoff, -- die Hunde lachten ihn aus, und die
Menschen klfften ihn an.

Die Damen der Stadt erwiderten Warwaras Besuch. Einige waren aus
frhlicher Neugierde schon nach zwei, drei Tagen gekommen, um Warwara in
ihrer Huslichkeit zu sehen. Andere wieder lieen eine Woche und mehr
verstreichen. Und manche kamen berhaupt nicht, -- so zum Beispiel die
Werschina.

Peredonoffs erwarteten tglich mit grter Ungeduld die Gegenbesuche und
zhlten nach, wer noch nicht gekommen war. Ganz besonders ungeduldig
erwarteten sie den Direktor und dessen Frau. Sie warteten und regten
sich ungeheuer auf, -- denn wie, -- wenn die Chripatschs berhaupt nicht
kmen!

Es verging eine Woche; sie waren nicht gekommen. Warwara wtete und
schimpfte. Peredonoff kam vor lauter Erwartung in eine gequlte
Stimmung.

Seine Augen waren ganz stumpf geworden, als wren sie erloschen; und
manchmal schien es -- es wren die Augen eines Toten. Eine sinnlose
Furcht marterte ihn. Ohne jeden ersichtlichen Grund frchtete er sich
pltzlich vor diesen und jenen Gegenstnden. Ihm war der qulende
Gedanke gekommen, man wolle ihn erstechen; er frchtete sich vor allem
Geschliffenen und versteckte Messer und Gabeln.

Vielleicht, -- dachte er, -- sind sie besprochen und verhext. Man knnte
zufllig in ein Messer rennen.

Wozu hat man Messer? sagte er zu Warwara. Die Chinesen essen doch mit
Stbchen.

Aus diesem Grunde wurde eine Woche lang kein Fleisch gebraten, -- man
begngte sich mit Kohl und Grtze.

Um sich an Peredonoff fr die, vor der Trauung ausgestandenen Aengste zu
rchen, bekrftigte ihn Warwara hie und da in der Ueberzeugung, da
seine Befrchtungen nicht grundlos wren. Sie sagte ihm, er htte viele
Feinde, und wie wre es auch mglich, da man ihn nicht beneiden sollte?
Mehr als einmal ngstigte sie ihn damit, da man ihn sicher denunziert
und ihn bei den vorgesetzten Behrden und bei der Frstin angeschwrzt
htte. Sie freute sich, wenn er sich augenscheinlich frchtete.

Fr Peredonoff schien es festzustehen, da die Frstin mit ihm
unzufrieden war. Warum hatte sie zur Trauung weder ein Heiligenbild,
noch Salz und Brot geschickt? Er dachte: man mu ihr Wohlwollen
verdienen; aber wodurch? Durch eine Lge etwa? Sollte er
Klatschgeschichten verbreiten, jemanden denunzieren? Alle Damen lieben
den Klatsch, -- man mte sich ber Warwara etwas Unanstndiges
ausdenken und der Frstin davon schreiben. Sie wird lachen und ihm eine
Stelle verschaffen.

Aber Peredonoff brachte es nicht fertig so einen Brief zu schreiben,
auch frchtete er sich, an die Frstin selbst zu schreiben. Und bald
verga er diesen Einfall.

Die gewhnlichen Gste bewirtete Peredonoff mit Schnaps und ganz
billigem Portwein. Fr den Direktor hatte er aber eine Flasche Madeira
fr drei Rubel gekauft. Peredonoff hielt diesen Wein fr etwas
auerordentlich Kostbares, verwahrte ihn im Schlafzimmer, zeigte ihn nur
den Gsten und sagte:

Fr den Direktor.

Einmal, als Rutiloff und Wolodin bei Peredonoff waren, zeigte er ihnen
den Madeira.

Diese uerliche Betrachtung mundet nicht, sagte Rutiloff kichernd. --
Gib uns lieber davon zu trinken.

Was nicht gar! antwortete Peredonoff bse. Was soll ich dann dem
Direktor anbieten?

Der Direktor wird Schnaps trinken, sagte Rutiloff.

Ein Direktor trinkt keinen Schnaps; fr einen Direktor schickt es sich,
Madeira zu trinken, sagte Peredonoff nachdrcklich.

Wenn er aber doch gerne Schnaps trinkt, beharrte Rutiloff.

Das fehlte noch! ein General wird nie Schnaps mgen, sagte Peredonoff
sicher.

Immerhin, gib nur her, drngte Rutiloff.

Peredonoff brachte die Flasche eilig fort und man hrte, wie das Schlo
am Schrnkchen, in dem er den Wein verwahrte, knirschte. Als er wieder
zurckkam, wechselte er das Thema und sprach von der Frstin. Er sagte
verdrielich:

Die Frstin! Auf einem Bazar hat sie mit faulen Aepfeln gehandelt und
den Frsten gekdert.

Rutiloff lachte laut und sagte:

Seit wann treiben sich Frsten auf Bazaren herum?

Einerlei. Sie hat ihn angelockt, sagte Peredonoff.

Das denkst du dir aus, Ardalljon Borisowitsch, widersprach Rutiloff.
Das ist nie vorgekommen. Die Frstin ist eine angesehene Dame.

Peredonoff blickte ihn wtend an und dachte: er verteidigt sie; er
steckt mit ihr unter einer Decke. Die Frstin hat ihn behext, wenn sie
auch noch so weit von hier fort ist.

Aber das kleine, gespenstische Tierchen tummelte sich; es lachte lautlos
und zitterte an allen Gliedern vor lauter Lachen. Es erinnerte
Peredonoff an viele schreckliche Sachen. Aengstlich blickte er sich um
und flsterte:

In jeder Stadt befindet sich ein geheimer Gendarmunteroffizier. Er geht
in Zivil, dient oder handelt irgendwo oder tut sonst was; aber in der
Nacht, wenn alles schlft, zieht er seine blaue Uniform an und geht
stracks zum Gendarmerieoffizier.

Warum denn in Uniform? erkundigte sich Wolodin sachlich.

Zum Vorgesetzten darf man nicht in Zivil. Dafr wird geprgelt,
erklrte Peredonoff.

Wolodin kicherte. Peredonoff beugte sich dicht zu ihm und flsterte:

Manchmal lebt er sogar in anderer Gestalt. Man glaubt -- es ist ein
simpler Kater, -- keine Spur! Es ist der Gendarm. Vor dem Kater kann man
nichts verbergen, er hrt und hrt alles.

                   *       *       *       *       *

Endlich, nach anderthalb Wochen, machte die Frau Direktor ihren
Gegenbesuch. An einem Wochentage um vier Uhr kam sie -- schn gekleidet,
liebenswrdig, nach sen Veilchen duftend, -- zusammen mit ihrem Manne,
angefahren, -- fr Peredonoffs ganz unerwartet: diese hatten Chripatschs
aus irgend einem Grunde an einem Feiertag und viel frher erwartet.
Alles ging durcheinander. Warwara war halbangekleidet und ungewaschen in
der Kche. Sie lief schnell, sich zurechtzumachen, whrend Peredonoff
die Gste empfing und den Eindruck eines Menschen machte, der eben erst
aufgewacht ist.

Warwara kommt gleich, murmelte er, sie kleidet sich um. Sie kochte
gerade. Wir haben ein neues Mdchen, die kann noch nichts, sie ist eine
dumme Gans.

Bald darauf kam Warwara, nachlssig gekleidet; ihr Gesicht war rot und
erschreckt. Sie gab den Gsten ihre feuchte, unsaubere Hand und sprach
mit vor Aufregung zitternder Stimme:

Verzeihen Sie, da ich warten lie, -- wir wuten nicht, da Sie an
einem Wochentage kommen wrden.

An Feiertagen fahre ich nur selten aus, sagte Madame Chripatsch, da
sind so viele Betrunkene auf den Straen. Mgen die Dienstboten diesen
Tag fr sich haben.

Es entspann sich eine notdrftige Unterhaltung, und die
Liebenswrdigkeit der Frau Direktor ermunterte Warwara ein wenig. Die
Frau Direktor behandelte Warwara etwas von oben herab, doch freundlich,
-- wie etwa eine reumtige Snderin, zu der man freundlich sein mu, an
der man sich aber noch beschmutzen kann. Sie gab Warwara einige
Verhaltungsmaregeln ber Kleidung und Einrichtung, aber nur
gesprchsweise.

Warwara gab sich alle Mhe, der Frau Direktor zu gefallen, aber ihre
roten Hnde und die geplatzten Lippen zitterten noch vor Schrecken. Das
genierte die Frau Direktor. Sie bemhte sich, noch liebenswrdiger zu
sein, aber ein unwillkrlicher Ekel befiel sie. Durch ihr ganzes
Verhalten gab sie es Warwara deutlich zu verstehen, da ein nherer
Verkehr zwischen ihnen ausgeschlossen war. Da dies aber in sehr
zuvorkommender Form geschah, so verstand es Warwara nicht und lebte im
Glauben, sie und die Frau Direktor wrden gute Freunde werden.

Chripatsch erinnerte in seinem Verhalten an einen Menschen, der sich
ganz deplaziert vorkommt; aber gewandt und mnnlich suchte er das zu
verbergen. Den Madeira trank er nicht: er wre es nicht gewohnt, um
diese Stunde Wein zu trinken. Man redete ber die stdtischen
Neuigkeiten, ber den bevorstehenden Wechsel im Bezirksgericht. Es war
aber nur zu deutlich zu merken, da er und Peredonoff in zwei einander
feindlich gegenberstehenden Gesellschaftsschichten verkehrten.

Sie blieben nicht lange.

Warwara war froh, als sie wieder gingen: nun, sie sind gekommen und sind
bald gegangen. Sie zog sich um und sagte frhlich:

Gott sei Dank, sie sind fort. Ich wute ja gar nicht, was ich sprechen
sollte. Es ist schon so, wenn man jemand nur flchtig kennt, so wei man
gar nicht, von welcher Seite man anpacken soll.

Dann fiel es ihr ein, da die Chripatschs sie beim Fortgehen nicht
eingeladen hatten. Das verwirrte sie zuerst; dann dachte sie:

Sie werden eine Einladung schicken, wann man sie besuchen darf. Diese
Herrschaften haben ihre besonderen Stunden. Ich mte eigentlich
Franzsisch klffen lernen. Auf Franzsisch kann ich nicht a und b
sagen.

                   *       *       *       *       *

Zu Hause sagte die Frau Direktor zu ihrem Mann:

Sie ist eine ganz traurige, hoffnungslos tief stehende Person; es ist
ganz unmglich, sie als seinesgleichen zu betrachten. Nichts in ihr
entspricht ihrer sozialen Stellung.

Chripatsch antwortete:

Sie steht ganz auf einer Stufe mit ihrem Manne. Ich erwarte es mit
Ungeduld, da er versetzt wird.

Nach ihrer Verheiratung verlegte sich Warwara aufs Trinken. Sie trank
mit der Gruschina oft zusammen. Einmal, -- die Prepolowenskaja war
gerade anwesend, und Warwara hatte einen leichten Rausch, --
verschwatzte sie sich, als sie vom Brief erzhlte. Zwar hatte sie nicht
alles gesagt, immerhin aber recht deutliche Andeutungen gemacht. Der
schlauen Sophie gengte das vollkommen, -- wie Schuppen fiel es ihr von
den Augen.

Wie bin ich nur nicht gleich darauf gekommen! machte sie sich den
stillen Vorwurf.

Unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzhlte sie der Werschina von den
geflschten Briefen, -- und so ging es wie ein Lauffeuer durch die
Stadt.

Wenn die Prepolowenskaja Peredonoff traf, so konnte sie nicht umhin, ihn
wegen seiner Leichtglubigkeit auszulachen. Sie sagte:

Wie sind Sie doch einfltig, Ardalljon Borisowitsch.

Ich bin nicht einfltig, antwortete er, ich bin Kandidat der
Universitt[11].

Nun ja -- Kandidat; aber wem es gerade einfllt, der haut Sie bers
Ohr.

Das tue ich selber, da ich die Leute bers Ohr haue, verteidigte sich
Peredonoff.

Die Prepolowenskaja lchelte verschlagen und wich aus. Peredonoff konnte
nichts verstehen, -- wie kam sie nur darauf? Aus Bosheit! dachte er,
alle Menschen sind mir feind.

Und er drohte hinter ihrem Rcken mit der Faust.

Nichts hast du gewonnen, versuchte er sich zu beruhigen.

Aber die Angst qulte ihn.

Der Prepolowenskaja schien es, als wren diese Andeutungen zu wenig.
Andererseits wollte sie ihm nicht reinen Wein einschenken. Was sollte
ihr an einem Streit mit Warwara liegen? Von Zeit zu Zeit richtete sie
anonyme Briefe an Peredonoff, in denen sie deutlicher wurde. Aber
Peredonoff verstand noch immer nicht.

[Funote 11: Entspricht dem deutschen Doktortitel.]

Einmal schrieb sie ihm:

Sehen Sie zu, ob jene Frstin, die Ihnen die Briefe geschrieben hat,
nicht hier am Orte lebt.

Peredonoff glaubte, die Frstin selber wre gekommen, um ihn zu
beobachten. Wahrscheinlich hat sie sich in mich vergafft und will mich
Warwara abspenstig machen.

Diese Briefe erschreckten und rgerten Peredonoff. Er setzte Warwara zu:

Wo ist die Frstin? Man sagt, sie wre hier.

Warwara, sich rchend fr alles Frhere, qulte ihn mit Andeutungen,
feigen, bsen Ausreden und Sticheleien. Gemein lchelnd, sagte sie mit
falscher Stimme, wie man etwa dann spricht, wenn man wissentlich lgt
und auf kein Vertrauen rechnen kann:

Wie soll ich wissen, wo die Frstin jetzt lebt.

Du lgst! Du weit es! sagte Peredonoff ganz entsetzt.

Er wute nicht, ob er dem Sinn ihrer Worte glauben sollte oder dem
verrterischen Tonfall ihrer Stimme, -- und das ngstigte ihn, wie
alles, was er nicht begreifen konnte. Warwara entgegnete:

Wieso denn! Vielleicht ist sie aus Petersburg fortgefahren, -- sie hat
mich doch nicht um Erlaubnis zu fragen.

Aber vielleicht ist sie wirklich hier? fragte Peredonoff
eingeschchtert.

Vielleicht ist sie wirklich hier, ahmte ihn Warwara nach. Sie hat
sich in dich vergafft und ist hergekommen, um sich an dir sattzusehen.

Peredonoff rief:

Du lgst! sie hat sich nicht in mich vergafft?

Warwara lachte laut und boshaft.

Von jenem Tage an achtete Peredonoff aufmerksam darauf, ob er nicht
irgendwo die Frstin sehen wrde. Manchmal schien es ihm, als blickte
sie durch die Tr oder zum Fenster herein! -- sie beobachtet ihn, horcht
auf jedes Wort, sie tuschelt mit Warwara.

                   *       *       *       *       *

Die Zeit verging, aber die von Tag zu Tag erwartete Ernennung
Peredonoffs zum Inspektor traf nicht ein. Auch hrte man privaten
Erkundigungen zufolge nichts von einem vakanten Posten. Peredonoff wagte
es nicht, bei der Frstin selber anzufragen, -- denn Warwara erschreckte
ihn stets damit, sie wre eine sehr angesehene Dame. Und er hatte das
Gefhl, es wrden ihm die grten Unannehmlichkeiten daraus entstehen,
wenn _er_ es versuchen wrde, an sie zu schreiben. Er wute zwar nicht,
was man ihm antun knnte, wenn die Frstin ihn verklagen wrde, aber
gerade das war ihm besonders furchtbar. Warwara sagte:

Kennst du denn die Aristokraten nicht? Warten, -- sie tun selber alles,
was ntig ist. Wirst du sie aber daran erinnern, -- so wird sie das
krnken, und das ist noch viel schlimmer. Sie haben ihre eigene Ehre!
sie sind stolz, sie lieben es, wenn man ihnen vertraut.

Und Peredonoff glaubte noch immer. Aber er rgerte sich ber die
Frstin. Zuweilen dachte er, da sie ihn denunziert htte, um sich ihrer
Versprechungen zu entledigen. Oder ihn denunziert htte aus lauter
Eifersucht: _sie_ war in ihn verliebt, und _er_ hatte Warwara
geheiratet. Darum, dachte er, umringt sie mich mit Spionen, die mir
berall folgen und mich so beengen, da ich keine Luft und kein Licht
habe. Nicht umsonst ist sie so vornehm. Sie kann alles, was sie will.

Aus Wut verbreitete er ber die Frstin die unglaublichsten Geschichten.
Er erzhlte Rutiloff und Wolodin, er wre frher ihr Liebhaber gewesen,
und sie htte ihm groe Summen Geldes gegeben.

Ich habe alles vertrunken. Was zum Teufel sollte ich damit anfangen!
Sie hatte mir versprochen, mir eine Pension bis zum Lebensende zu
zahlen. Aber sie hat mich betrogen.

Httest du das angenommen? fragte Rutiloff und kicherte.

Peredonoff schwieg. Er verstand die Frage nicht. Dafr antwortete
Wolodin fr ihn, als verstndiger, solider Mann:

Warum sollte er es nicht nehmen, wenn sie doch reich ist? Hat sie ihr
Vergngen an ihm gehabt, so mag sie auch zahlen.

Wenn sie noch schn wre! sagte Peredonoff betrbt. Sie ist aber
sommersprossig und hat eine Stlpnase. Das einzige war, da sie gut
zahlte, sonst htte ich mich nicht einmal entschlieen knnen, dies
Luder anzuspucken. Sie _mu_ meine Bitte erfllen.

Du lgst, Ardalljon Borisowitsch, sagte Rutiloff.

Ich lge nicht. Etwa das, da sie mir Geld gegeben hat? Glaubst du, ich
htte es umsonst getan? Sie ist eiferschtig auf Warwara, und darum
verschafft sie mir nicht die Stelle.

Peredonoff schmte sich nicht einmal, wenn er davon sprach, da die
Frstin ihm Geld gegeben hatte. Wolodin war ein glubiger Zuhrer und
merkte gar nicht, in was fr dumme Widersprche Peredonoff sich
verwickelte. Rutiloff widersprach wohl, dachte aber, da es ohne Feuer
keinen Rauch gibt: irgend etwas, dachte er, hat Peredonoff mit der
Frstin gehabt.

Sie ist lter als der Kter eines Popen, sagte Peredonoff
zuversichtlich, als wre es etwas ganz Sachliches; erzhlt es nur
keinem weiter, -- kommt es ihr zu Ohren, so geht es mir schlecht. Sie
schminkt sich und spritzt sich Tau in die Adern, um jung zu bleiben. Man
sieht es ihr auch nicht an, da sie alt ist. Sie ist aber schon hundert
Jahre alt.

Wolodin schttelte nur den Kopf und schmatzte mit den Lippen. Er glaubte
alles.

Am folgenden Tage nach diesem Gesprch mute Peredonoff in einer Klasse
die Krjiloffsche Fabel Der Lgner lesen lassen. Und einige Tage
hintereinander frchtete er sich ber die Brcke zu gehen, -- mietete
ein Boot und lie sich hinberfahren, -- die Brcke htte ja unter ihm
einstrzen knnen. Er erklrte Wolodin:

Was ich ber die Frstin erzhlte, ist wahr. Aber die Brcke knnte es
nicht glauben und wird darber einstrzen.




                                  XXV


Das Gercht ber die geflschten Briefe verbreitete sich in der Stadt.
Die Gesprche darber waren fr die Brger unterhaltend und erheiternd.
Fast alle lobten Warwara und freuten sich, da Peredonoff betrogen
worden war. Und alle die, welche die Briefe gesehen hatten, versicherten
hoch und teuer, sie htten alles von Anfang an gewut.

Besonders gro war die Schadenfreude im Hause der Werschina: obwohl
Martha Murin heiraten sollte, so war sie doch immerhin von Peredonoff
verschmht worden. Die Werschina hatte eigentlich die Absicht gehabt,
Murin fr sich zu nehmen, nun mute sie ihn Martha abtreten; Wladja
hatte seine guten Grnde, warum er Peredonoff nicht leiden konnte, und
freute sich ber dessen Migeschick. Obgleich es ihm nicht angenehm war,
da Peredonoff nun doch im Gymnasium blieb, so wurde das Unbehagen
darber bei weitem durch den Umstand aufgewogen, da Peredonoff so
glnzend hereingelegt worden war. Auerdem hatte sich in den letzten
Tagen unter den Schlern das Gercht verbreitet, als htte der Direktor
dem Schulbezirksinspektor mitgeteilt, Peredonoff wre nicht mehr
zurechnungsfhig, als wrde bald eine Untersuchung deswegen eingeleitet
werden und Peredonoff mte dann die Schule verlassen.

Wenn Warwara mit ihren Bekannten zusammentraf, so machte man grobe
Witze, und gab ihr frech und unverholen zu verstehen, da man um die
Flschungen wute. Sie lchelte nur gemein, gab nichts zu, verteidigte
sich aber auch nicht.

Andere wieder deuteten der Gruschina an, da man um ihre Teilhaberschaft
an den Flschungen wute. Sie erschrak und lief zu Warwara, um ihr
Vorwrfe zu machen, weil sie die Sache ausgeplaudert hatte. Warwara
sagte schmunzelnd:

Reden Sie keinen Unsinn. Ich habe zu keinem Menschen davon gesprochen.

Woher wei man es denn? fragte die Gruschina heftig. Ich bin doch
nicht so dumm, da ich es jemandem erzhlen werde.

Auch ich habe es nirgends erzhlt, beteuerte Warwara unverschmt.

Geben Sie mir den Brief zurck, verlangte die Gruschina. Fngt er
erst an zu vergleichen, so wird er schon an der Handschrift merken, da
es eine Flschung ist.

Mag er's doch wissen! sagte Warwara rgerlich. Was soll ich mich mit
dem Esel abgeben.

Die schielenden Augen der Gruschina blitzten. Sie schrie:

Sie haben gut reden. _Sie_ sitzen im Trockenen. _Mich_ wird man aber
ins Gefngnis sperren. Aber wie Sie wollen, -- ich mu den Brief
zurckhaben. Es gibt ja auch eine Ehescheidung.

Ach, lassen Sie doch! antwortete Warwara frech, und stemmte die Arme
in die Hften, meinetwegen knnen sie es ffentlich anschlagen; der
Brautkranz fllt einem nicht so leicht vom Kopf.

O, wenn Sie _das_ glauben! schrie die Gruschina, so ein Gesetz gibt
es nicht, da man auf einen Betrug hin heiraten darf. Wenn Ardalljon
Borisowitsch die ganze Sache bei seinen Vorgesetzten anhngig macht, und
bis zum Senat geht, so _wird_ die Ehe geschieden.

Warwara erschrak und sagte:

Warum regen Sie sich so auf, -- ich werde Ihnen den Brief verschaffen.
Da gibt es nichts zu frchten, -- ich werde Sie nicht verraten. Bin ich
denn so ein Rindvieh? Ich habe doch eine Seele im Leibe.

Ach! gehen Sie mit Ihrer Seele! sagte die Gruschina grob, beim Hunde
und beim Menschen, es ist _ein_ Dunst. Da gibt's keine Seele. Solange
man lebt, solange ist man.

Warwara beschlo, den Brief zu stehlen, wenn es auch sehr schwer fiel.
Die Gruschina trieb sie zur Eile. Es gab nur eine Hoffnung, -- den Brief
zu entwenden, wenn Peredonoff betrunken war. Er trank aber viel. Oft kam
er angeheitert ins Gymnasium, und fhrte schamlose Reden, die sogar die
allerbsesten Jungen mit Ekel erfllten.

                   *       *       *       *       *

Einmal kam Peredonoff betrunkener als sonst vom Billard nach Hause: die
neuen Blle waren begossen worden. Von seiner Brieftasche trennte er
sich aber nicht; -- nachdem er sich nachlssig entkleidet hatte, stopfte
er sie unter das Kopfkissen.

Er schlief unruhig, aber fest, und redete im Schlaf, -- und das, was er
im Traume sagte, handelte von etwas Frchterlichem, Bedrckendem.
Warwara war in tausend Aengsten.

Einerlei, -- ermunterte sie sich, -- wenn er nur nicht aufwacht.

Sie versuchte es, ihn aufzuwecken; sie stie ihn in die Seiten, -- er
brummte nur etwas, fluchte dann laut, wachte aber nicht auf.

Warwara zndete eine Kerze an und stellte sie so, da das Licht
Peredonoff nicht in die Augen fiel. Zitternd vor Furcht stand sie auf
und langte mit der Hand unter Peredonoffs Kopfkissen. Die Brieftasche
lag ganz nah, aber immer wieder entglitt sie ihren zitternden Fingern.
Das Licht brannte trbe. Die Flamme flackerte. Lngs der Wand ber das
Bett krochen unheimliche Schatten, -- kleine, bse Teufel trieben ihr
Wesen. Die Luft war stickig und ganz unbeweglich. Es roch nach
abgestandenem Schnaps. Das Schnarchen und die irren Reden des
Betrunkenen erfllten das ganze Zimmer. Alles, alles war wie ein
wirklich gewordener, schwerer Alp.

Mit zitternden Fingern nahm Warwara den Brief aus der Tasche, und schob
diese wieder an ihren alten Platz.

                   *       *       *       *       *

Am Morgen suchte Peredonoff sofort nach dem Brief; er konnte ihn nicht
finden, erschrak und schrie:

Wo ist der Brief, Warja?

Warwara suchte ihre Angst zu verbergen und sagte:

Woher soll ich das wissen, Ardalljon Borisowitsch? Du zeigst ihn aller
Welt, da hast du ihn wahrscheinlich bei dieser Gelegenheit verloren.
Vielleicht hat man ihn dir gestohlen. Du hast ja so viele Freunde, mit
denen du die Nchte durch trinkst.

Peredonoff dachte, seine Feinde htten ihm den Brief entwendet; am
ehesten Wolodin. Schon hat er den Brief in Hnden, spter wird er sich
alle Papiere aneignen, auch die Ernennung, und wird Inspektor werden,
und Peredonoff wird als trauriger Bettler sein Leben fristen.

                   *       *       *       *       *

Peredonoff beschlo sich zu verteidigen. Er stellte alltglich lange
Schriftstcke zusammen, in denen er seine Feinde denunzierte: die
Werschina, die Rutiloffs, Wolodin, seine Kollegen, die -- so schien es
ihm -- auf denselben Posten reflektierten. Am Abend pflegte er diese
Schriftstcke zu Rubowskji zu bringen.

Der Gendarmerieoffizier wohnte in einer belebten Gegend, am Stadtplatz,
in der Nhe des Gymnasiums. Aus den Fenstern konnten es die Leute sehen,
wie Peredonoff zum Gendarmerieoffizier durch die Pforte ging. Peredonoff
dachte aber, keiner htte ihn bemerkt. Nicht umsonst trug er die
Denunziationen stets am Abend hin, die Hintertreppe benutzend, durch den
Kcheneingang. Die Papiere versteckte er unter dem Ueberzieher, und man
merkte sofort, da er etwas verbarg. Wenn er diesem oder jenem zum Grue
die Hand geben mute, so hielt er die Papiere mit der linken Hand und
glaubte, da keiner etwas bemerken knne. Wenn man ihn fragte, wohin er
ging, so log er, -- auerordentlich ungeschickt, er selbst war aber mit
seinen dummen Ausreden sehr zufrieden.

Er erklrte Rubowskji:

Es sind Verrter. Sie stellen sich so, als wren sie Freunde; sie
wollen einen aber betrgen. Das aber wissen sie nicht, da ich Dinge von
ihnen wei, die sogar mit Sibirien viel zu gering bestraft wren.

Rubowskji hrte ihm schweigend zu. Gleich die erste, augenscheinlich
ganz sinnlose Denunziation schickte er einfach an den Direktor, und so
tat er es mit allen nachfolgenden. Der Direktor schrieb an den
Schulbezirk, da sich am Lehrer Peredonoff Zeichen von geistiger
Gestrtheit bemerkbar machten.

Im Hause hrte Peredonoff berall ununterbrochene, frchterliche,
hhnische Gerusche. Traurig sagte er zu Warwara:

Irgend jemand schleicht da auf den Zehenspitzen, -- berall treiben
sich bei uns Spione herum. Du verteidigst mich gar nicht, Warjka.

Warwara konnte diese Phantasien Peredonoffs nicht begreifen. Bald machte
sie sich darber lustig, bald frchtete sie sich davor. Sie sagte
ngstlich und gereizt:

Deinen betrunkenen Augen erscheint der grte Bldsinn.

Besonders verdchtig schien Peredonoff die Tr zum Vorhause zu sein. Sie
schlo nicht ganz. Eine Ritze zwischen den beiden Trflgeln deutete auf
etwas, was sich dahinter verborgen hielt. War das nicht der Coeur-Bube,
der da hervorlauerte? Irgend jemandes Auge blitzte, bse und
durchdringend.

Der Kater verfolgte mit seinen weit aufgerissenen, grnen Augen jede
Bewegung Peredonoffs. Zuweilen zwinkerte er ihm zu, zuweilen miaute er
unheimlich. Augenscheinlich hatte er die Absicht, Peredonoff zu
berfhren, konnte es aber nicht und rgerte sich darber. Peredonoff
vermied ihn nach Mglichkeit, aber der Kater war nicht fortzukriegen.

Das graue, gespenstische Tierchen lief unter allen Sthlen, in alle
Winkel und quiekte. Es war schmutzig, widerwrtig, frchterlich und
stank. Es war doch klar, da es ihm feindlich gesinnt war; nur um
seinetwillen war es gekommen, denn frher war es nie und nirgends zu
sehen gewesen. Man hatte es geschaffen, -- und besprochen. Nun lebte es
da, -- ihn zu ngstigen, ihn zu verderben, dieses gespenstische, alles
sehende Tier; -- es verfolgt ihn, es betrgt ihn, es lacht ihn aus; --
bald rollt es ber den Boden, bald krallt es sich an einen Fetzen, ein
Band, einen Zweig, eine Fahne, eine Wolke, ein Hndchen, in die
Staubwirbel auf den Straen, und berall kriecht und luft es ihm nach,
-- ganz zerqult hat es ihn, ganz ermattet mit seinen schaukelnden,
unruhigen Bewegungen. Wrde ihn nur jemand davon befreien, mit irgend
einem Wort, oder mit einem pltzlichen, starken Schlag. Aber er hat
keine Freunde; niemand wird ihn retten; er mu selber listig und schlau
sein; es vernichten, noch bevor es ihn umgebracht hat.

Peredonoff erfand ein Mittel: er bestrich alle Bden mit Leim, da mute
das graue Tierchen ankleben. Die Schuhsohlen klebten wohl an und
Warwaras nachschleppende Kleider, aber das graue, gespenstische Tierchen
rollte vergngt und frei hin und her, und schttelte sich vor Lachen.
Warwara schimpfte bse ...

                   *       *       *       *       *

Peredonoff lebte ganz im Banne der aufdringlichen, schrecklichen
Vorstellung, verfolgt zu werden. Er selbst vertiefte sich immer mehr in
die Welt seiner unheimlichen Wahnideen. Das zeigte sich auch deutlich an
seinem Gesicht: es war eine unbewegliche Larve des Entsetzens.

Am Abend ging er nicht mehr zum Billard. Nach dem Mittagessen schlo er
sich im Schlafzimmer ein, verbarrikadierte die Tr mit Sthlen und
anderen Gegenstnden, bekreuzte sich sehr andchtig, sprach
Beschwrungsformeln her, und setzte sich dann an den Tisch, um
Denunziationen zu schreiben; er denunzierte jeden, an den er sich gerade
zufllig erinnerte. Aber er denunzierte nicht nur Menschen, -- auch die
Damen des Kartenspiels. Gleich, wenn er mit dem Schreiben zu Ende
gekommen war, brachte er das Schriftstck zum Gendarmerieoffizier. Und
so verbrachte er einen Abend nach dem andern.

Vor seinen Augen blinkten alle Figuren des Kartenspiels, als lebten sie,
-- die Knige, die Damen, die Buben. Auch die einfachen Karten lebten.
Das waren Menschen mit Knpfen: Gymnasiasten, Schutzleute. Das A -- ist
ein ganz Dicker, mit vortretendem Bauch, fast nur ein Bauch. Manchmal
verwandelten sich die Karten in ihm bekannte Leute. Das Lebendige und
diese sonderbaren Ausgeburten seiner Furcht vermengten sich zu einer
Vorstellung.

Peredonoff war fest davon berzeugt, da der Bube hinter der Tr steht
und wartet, und da dieser Bube ber dieselbe Kraft und Macht verfgt
wie etwa ein Schutzmann, er kann einen abfhren in irgend eine
frchterliche Wachtstube. Unter dem Tische sitzt aber das graue,
gespenstische Tierchen. Und Peredonoff frchtete sich, unter den Tisch
oder hinter die Tr zu blicken.

Die Achten waren lauter Wildfnge, die Peredonoff neckten, -- das waren
verwandelte Gymnasiasten. Sie hoben ihre Beine mit merkwrdig leblosen
Bewegungen, wie zwei Zirkelhlften, -- ihre Beine waren aber mit Haaren
bewachsen und hatten Hufe statt der Fe. Anstelle der Schwnze wuchsen
ihnen Ruten und die Jungen schwangen sie pfeifend hin und her und
quiekten durchdringend bei jeder Bewegung. Das graue, gespenstische
Tierchen grunzte unter dem Tisch und freute sich ber die Lustbarkeit
dieser Achten.

Peredonoff dachte wtend daran, da das graue, gespenstische Tierchen
sich nicht unterstehen wrde einen Vorgesetzten etwa zu belstigen.

Man wird es nicht hereinlassen, dachte er voll Neid, die Lakaien werden
es mit ihren Besen hinaustreiben.

Endlich konnte Peredonoff das bse und gemeine, piepende Gelchter des
Tieres nicht mehr ertragen. Er holte ein Beil aus der Kche und
zertrmmerte den Tisch, unter dem es sa. Das Tierchen piepte jmmerlich
und gereizt, warf sich zur Seite und rollte davon. Peredonoff zitterte.

Es wird beien, dachte er, schrie auf vor Entsetzen und lie sich in
einen Stuhl fallen. Aber das graue Tierchen war friedlich verschwunden.
Nicht fr lange ...

Manchmal nahm Peredonoff die Karten, und -- mit einem bsen,
haerfllten Ausdruck im Gesicht, -- zerstach er mit seinem Federmesser
die Kpfe in den Bildern. Besonders den Damen. Wenn er die Knige
zerschnitt, blickte er ngstlich um sich, ob keiner es she, der ihn
dann eines politischen Verbrechens anklagen knnte. Aber auch diese
Maregeln halfen nur fr kurze Zeit. Wenn Gste kamen, muten neue
Karten gekauft werden und bald fuhren die Spione in die neuen Karten.

Schon begann Peredonoff sich fr einen heimlichen Verbrecher zu halten.
Er bildete sich ein, da er von seiner Studentenzeit an unter
polizeilicher Aufsicht gestanden habe. Darum, dachte er, verfolgt man
mich auch. Das entsetzte ihn und machte ihn hochmtig.

Ein Zugwind bewegte die Tapeten. Sie raschelten leise und bsartig, und
leichte Halbschatten glitten ber ihr buntes Muster. Da! Hinter der
Tapete versteckt sich der Spion! dachte Peredonoff.

Bse Leute, dachte er traurig, nicht umsonst haben sie die Tapeten so
lose an die Wand geheftet, damit der flache, geschmeidige und geduldige
Bsewicht sich dahinter verbergen kann. Man kennt solche Beispiele von
frher her.

Trbe Erinnerungen wurden in ihm lebendig. Irgend jemand versteckte sich
hinter der Tapete, irgend jemand wurde erdolcht. War es nun mit einer
Pfrieme oder mit einem Dolch?

Peredonoff kaufte sich eine Pfrieme. Als er nach Hause kam, bewegten
sich die Tapeten ungleichmig, wie aufgeregt, -- der Spion fhlte die
Gefahr und wollte vielleicht irgendwohin fortkriechen. Ein Schatten
flackerte auf, sprang an die Decke und drohte und zuckte dort oben.

Peredonoff kochte vor Wut. Weit ausholend stie er mit der Pfrieme in
die Tapete. Ein Zittern lief durch die Wand; Peredonoff brllte
triumphierend auf und begann zu tanzen, die Pfrieme in der Hand
schwingend. Warwara kam herein.

Warum tanzst du allein, Ardalljon Borisowitsch? fragte sie, mit dem
gewohnten, stumpfen und gemeinen Lcheln auf den Lippen.

Ich schlug eine Wanze tot, erklrte Peredonoff verdrielich.

Seine Augen funkelten in wilder Freude. Doch eins war nicht gut: es roch
so entsetzlich. Der erstochene Spion faulte und stank hinter der Tapete.
Entsetzen und Jubel schttelten Peredonoff: -- er hatte einen Feind
erschlagen.

Durch diesen Mord war sein Herz hart, ganz hart geworden. Denn der
eingebildete Mord war in Peredonoffs Vorstellung ein wirklich
geschehener Mord. Ein sinnloser Schauder hatte ihn gepackt und reifte in
ihm die Bereitschaft zum Verbrechen. Und die unbewute, dunkle, sich in
den niedrigsten Instinkten seines Seelenlebens verbergende Vorstellung
von einem bevorstehenden Morde, der qulende Drang zum Morde, dieser
Zustand seiner ursprnglichen Bosheit, -- knechtete seinen frevlerischen
Willen. Noch geknechtet, -- wie viele Geschlechter trennen uns vom
Urvater Kain! -- suchte sich dieser Drang Befriedigung im Zerbrechen und
Verderben von allerhand Gegenstnden, im Zuhauen mit der Axt, im
Schneiden mit dem Messer, darin, da er die Bume im Garten fllte,
damit der Spion nicht hinter ihnen vorgucken konnte. Und an dieser
Zerstrungswut freute sich der uralte Dmon, der Geist der vorzeitlichen
Verwirrung, das morsche Chaos, whrend die wilden Augen des wahnsinnigen
Menschen ein Entsetzen widerspiegelten, nur vergleichbar dem Entsetzen
frchterlichster Qualen vor dem Tode.

Und immer wiederholten sich dieselben und dieselben Schrecken und
qulten ihn.

Warwara machte sich gelegentlich lustig ber Peredonoff und schlich an
die Tr jenes Zimmers, in dem er sa und redete mit verstellter Stimme.
Er bebte vor Furcht, ging leise, leise, um den Feind zu fangen, -- und
fand Warwara.

Mit wem flsterst du? fragte er sie bedrckt.

Warwara schmunzelte und sagte:

Das scheint dir nur so, Ardalljon Borisowitsch!

Alles kann mir doch nicht nur scheinen, murmelte er traurig, es gibt
doch eine Wahrheit in der Welt.

Ja! Auch Peredonoff suchte nach dieser Wahrheit, folgend der
Gesetzmigkeit eines jeden bewuten Lebens, und dieses Suchen qulte
ihn. _Ihm_ war es unbewut, da er, so wie alle Menschen, nach der
Wahrheit verlangte, und darum war seine Unruhe so verworren und dster.
Er konnte die Wahrheit fr sich nicht finden, und hatte sich verirrt und
kam um.

                   *       *       *       *       *

Schon begannen die Bekannten Peredonoff mit der Flschung zu necken. Mit
der in unserer Stadt eigentmlichen Grobheit den Schwachen gegenber
sprach man in seiner Gegenwart von dem Betrug.

Die Prepolowenskaja fragte spttisch lchelnd:

Wann werden Sie eigentlich Ihre Inspektorstelle beziehen, Ardalljon
Borisowitsch?

Warwara antwortete der Prepolowenskaja fr ihn, mit verhaltener Wut:

Wenn die Ernennung eintrifft, werden wir fahren.

Peredonoff wurde durch diese Fragen noch trauriger:

Wie soll ich denn leben, wenn man mir keine Stelle gibt? dachte er.

                   *       *       *       *       *

Er schmiedete immer neue Plne zur Abwehr seiner Feinde. Er stahl aus
der Kche das Beil und versteckte es unter dem Bett. Er kaufte sich ein
schwedisches Messer und trug es stets bei sich in der Tasche. Immer
schlo er sich ein. Zur Nacht legte er Schlageisen rings um das Haus,
auch in die Zimmer, und sah dann nach, ob sich niemand darin gefangen
hatte.

Diese Schlageisen waren natrlich so konstruiert, da sich nie ein
Mensch darin fangen konnte: sie klemmten wohl, hielten aber nicht fest,
und man konnte mit ihnen auf und davon gehen. Weder hatte Peredonoff
technische Kenntnisse, noch ein rasches Auffassungsvermgen. Als er sich
von Morgen zu Morgen davon berzeugte, da sich niemand gefangen hatte,
glaubte er, seine Feinde htten die Schlageisen verdorben. Und das
erschreckte ihn wieder.

Peredonoff beobachtete ganz besonders scharf Wolodin. Oft ging er zu
Wolodin, wenn er wute, da dieser nicht zu Hause war, -- und stberte
bei ihm, ob er ihm nicht irgendwelche wichtigen Papiere gestohlen htte.

                   *       *       *       *       *

Peredonoff begann zu erraten, was die Frstin eigentlich wollte,
nmlich, da er ihr wieder seine Liebe zuwenden sollte. Sie war ihm
widerlich und ekelhaft.

Hundertfnfzig Jahre ist sie alt, dachte er wtend.

Ja, alt ist sie, dachte er, aber wie mchtig ist sie doch! Und seinem
Widerwillen paarte sich das Verfhrerische. Sie ist nur ganz wenig warm
und riecht ein bichen nach Leichen, -- stellte Peredonoff sie sich vor
und erstarb in wilden, wollstigen Schauern.

Vielleicht kann ich mich mit ihr einigen, und sie wird sich erbarmen.
Soll ich ihr einen Brief schreiben?

Und diesmal berlegte Peredonoff nicht lange und verfate einen Brief an
die Frstin. Er schrieb:

Ich liebe Sie, weil Sie kalt und fern sind. Warwara schwitzt; es ist
hei, mit ihr zusammen zu schlafen; es weht von ihr, wie von einem Ofen.
Ich wnsche mir eine kalte und ferne Geliebte. Kommen Sie hierher und
entsprechen Sie meinen Wnschen.

Er schickte den Brief ab und bereute es. Was wird da herauskommen?
Vielleicht durfte ich nicht schreiben, dachte er, vielleicht mute ich
warten, bis die Frstin selber kommt.

Dieser Brief war so zufllig geschrieben, wie Peredonoff vieles zufllig
tat, -- wie ein Toter, der durch uere Gewalten bewegt wird, aber diese
Gewalten gehen nur ungern daran, sich mit ihm abzugeben: -- die eine
Kraft spielt mit dem Kadaver und berlt ihn dann einer anderen.

Bald erschien auch das graue, gespenstische Tierchen, -- es tummelte
sich lange Zeit um Peredonoff, wie auf einem Lasso, und neckte ihn
immerzu. Und ganz lautlos war es geworden und lachte nur, am ganzen
Krper bebend. Aber es flammte auf in trbgoldnen Funken, -- das bse,
zudringliche Tier, -- es drohte und brannte in unertrglichem Triumphe.
Und der Kater bedrohte Peredonoff, er funkelte mit den Augen und miaute
unverschmt und drohend.

Worber freuen sie sich? dachte Peredonoff betrbt und begriff
pltzlich: das Ende ist nahe. Die Frstin ist schon hier, nah, ganz nah.

Vielleicht in diesem Kartenspiel.

Unzweifelhaft, -- sie ist es, -- die Pik- oder die Coeurdame. Vielleicht
versteckt sie sich auch im anderen Spiel oder hinter anderen Karten, und
wer sie ist, -- man wei es nicht. Das Unglck wollte es, da Peredonoff
sie nie gesehen hatte. Warwara zu fragen, lohnte nicht, -- sie wrde
doch lgen.

Endlich beschlo Peredonoff, das ganze Spiel zu verbrennen. Mgen sie
alle verbrennen. Wenn sie ihm zum Trotz sich in die Karten verkriechen,
so sind sie auch allein an allem schuld.

Peredonoff pate eine Zeit ab, als Warwara nicht zu Hause war, und als
der Ofen im Saal geheizt wurde, -- und warf die Karten, das ganze Spiel,
-- in den Ofen.

Sprhend entfalteten sich nie gesehene, blarote Blumen, -- und
brannten, und ihre Rnder verkohlten. Peredonoff blickte voller
Entsetzen auf diese flammenden Blumen.

Die Karten krmmten sich, warfen sich, bewegten sich, als wollten sie
aus dem Feuer herausspringen. Peredonoff ergriff den Schrhaken und hieb
auf die Karten ein. Kleine, grelle Funken sprhten auf, und pltzlich
erhob sich mitten aus dem Feuertanz der bsen, blendenden Funken, -- die
Frstin, -- eine kleine, aschgraue Frau, ganz umschttet von
erstickenden Flammen: sie schrie durchdringend mit ihrem feinen
Stimmchen, zischte und spuckte in die Glut.

Peredonoff strzte zu Boden und brllte auf vor Entsetzen. Dunkelheit
umfing ihn, kitzelte ihn und lachte mit tausend raunenden Stimmen.




                                  XXVI


Sascha war ganz entzckt von Ludmilla, aber irgend etwas hinderte ihn
daran, der Kokowkina von ihr zu erzhlen. Als schmte er sich.

Manchmal frchtete er sich vor ihrem Kommen. Sein Herz stand still, und
unwillkrlich runzelte er die Brauen, wenn er ihren rosagelben Hut fr
Augenblicke an seinem Fenster aufleuchten sah. Dennoch erwartete er sie
erregt und ungeduldig, und war traurig wenn sie lange nicht gekommen
war. Die widersprechendsten Gefhle bewegten ihn, -- dunkle, unklare
Gefhle, -- sie waren sndhaft, denn sie waren frhreif, -- und sie
waren s, weil sie sndhaft waren.

Ludmilla war gestern und heute nicht gekommen. Sascha zerqulte sich in
Erwartung und hatte schon aufgehrt zu hoffen. Da kam sie. Er strahlte;
er lief ihr strmisch entgegen und kte ihre Hnde.

Wo steckten Sie nur so lange? warf er ihr brummig vor, zwei ganze
Tage habe ich Sie nicht gesehen.

Sie lachte und freute sich. Der se, matte, wrzige Duft japanischer
Nelken strmte von ihr aus, als rieselte er aus ihren dunkelblonden
Locken.

                   *       *       *       *       *

Ludmilla und Sascha gingen vor die Stadt spazieren. Sie hatten die
Kokowkina aufgefordert mitzukommen, -- sie wollte nicht.

Ich alte Frau soll spazieren gehen, sagte sie, mit euch kann ich
nicht Schritt halten. Geht allein.

Wir werden dumme Streiche machen, lachte Ludmilla.

Die Luft war warm, still, erdrckend-zrtlich und erinnerte an
Unwiderbringliches. Die Sonne, als wre sie krank, flammte trbe und
purpurn auf dem bleichen, mden Himmel. Welke Bltter lagen starr auf
der dunklen Erde, tot ..

Ludmilla und Sascha stiegen abwrts in eine Schlucht. Da war es frisch,
khl, fast feucht, -- zrtliche, herbstliche Mdigkeit breitete sich
zwischen den schrg abfallenden Hngen.

Ludmilla ging voran. Sie hatte ihr Kleid geschrzt. Man sah ihre kleinen
Schuhe und die fleischfarbenen Strmpfe. Sascha blickte zu Boden, um
nicht ber die Wurzeln zu stolpern, und sah die Strmpfe. Ihm schien es,
als htte sie nur Schuhe an, ohne Strmpfe. Ein heies Gefhl und Scham
wallten in ihm auf. Er wurde ber und ber rot. Der Kopf schwindelte
ihm.

Wie im Versehen hinfallen zu ihren Fen, dachte er, ihr den Schuh
abziehen und das zarte Fchen kssen.

Als fhlte sie Saschas heie Blicke und seine ungeduldige Erwartung,
kehrte sich Ludmilla lachend zu ihm:

Du siehst auf meine Strmpfe? fragte sie.

Nein, nur so, murmelte er verlegen.

Ach, ich habe so furchtbar komische Strmpfe, sagte Ludmilla lachend,
ohne auf ihn zu hren. Man knnte denken, ich trage meine Schuhe auf
dem nackten Fu, -- ganz fleischfarben sind sie. Nicht wahr, die
Strmpfe sind sehr komisch?

Sie kehrte ihr Gesicht zu Sascha und hob ihre Kleider.

Sind sie komisch? fragte sie.

Nein, sie sind schn, sagte Sascha, rot vor Verlegenheit.

Ludmilla heuchelte Erstaunen, sah ihn an und rief:

Sag doch einer! Wohin der die Schnheit verlegt!

Sie lachte und ging weiter. Sascha folgte ihr ungeschickt, stolperte
allaugenblicklich und wute nicht wohin vor Verlegenheit.

Sie hatten die Schlucht durchschritten und setzten sich auf einen vom
Winde gebrochenen Birkenstamm. Ludmilla sagte:

Oh wieviel Sand ich in den Schuhen habe; ich kann nicht mehr gehen.

Sie zog den Schuh ab, klopfte ihn aus und blickte schelmisch auf Sascha.

Ein schnes Fchen? fragte sie.

Sascha wurde noch rter und wute gar nicht, was er sagen sollte.

Ludmilla zog den Strumpf vom Fu.

Ein weies Fchen? fragte sie wieder, eigentmlich und schelmisch
lchelnd. Auf die Kniee! Kssen! sagte sie streng, und eine
bezwingende Hrte breitete sich ber ihr Gesicht.

Sascha kniete schnell nieder und kte ihren Fu.

Es ist angenehmer ohne Strmpfe, sagte Ludmilla, schob die Strmpfe in
ihre Tasche und zog die Schuhe auf die bloen Fe.

Und ihr Gesicht wurde wieder ruhig und frhlich, als htte Sascha nicht
vor einem Augenblicke noch vor ihr gekniet und ihre nackten Fe gekt.
Sascha fragte:

Liebste, wirst du dich nicht erklten?

Weich und bebend klang seine Stimme. Ludmilla lachte auf.

Das fehlte noch! Ich bin doch daran gewhnt; ich bin nicht so
verzrtelt.

                   *       *       *       *       *

Einmal war Ludmilla gegen Abend zur Kokowkina gekommen und bat Sascha:

Komm zu mir; du mut mir helfen ein kleines Regal zu befestigen.

Sascha liebte es, Ngel einzuschlagen und hatte Ludmilla irgendwann
versprochen, ihr bei der Einrichtung ihres Zimmers zu helfen. Auch heute
war er gleich einverstanden und war froh, einen harmlosen Vorwand zu
haben, um zu Ludmilla zu gehen. Und der unschuldige, etwas suerliche
Duft des extra-Mugnet, der von Ludmillas blagrnem Kleide wehte,
beruhigte ihn.

                   *       *       *       *       *

Fr die Arbeit hatte sich Ludmilla hinter dem Bettschirm umgezogen. Nun
trat sie vor Sascha in einem kurzen aber sehr eleganten Rckchen, ihre
Arme waren bis zu dem Ellenbogen frei, -- die Schuhe trug sie an den
bloen Fen, -- parfumiert mit dem sen, matten, wrzigen Dufte
japanischer Nelken.

Oh, wie du elegant bist! sagte Sascha.

Ach was, -- elegant! sagte Ludmilla und zeigte lchelnd auf ihre Fe,
ich bin doch barfu, sie sprach diese Worte gedehnt, verfhrerisch,
verschmt.

Sascha zuckte nur mit den Schultern und sagte:

Du bist immer elegant. Also los! An die Arbeit! Wo sind die Ngel?
fragte er rhrig.

Warte doch ein wenig, antwortete Ludmilla, sitz doch nur ein
Augenblickchen neben mir. Es sieht fast aus, als kmest du nur in
Geschften, und als wre es dir langweilig, mit mir zu sprechen.

Sascha wurde rot.

Liebste, sagte er weich, wie lange Sie nur wollen sitze ich neben
Ihnen, wenn Sie mich nur nicht fortjagen. Ich habe aber noch meine
Schulaufgaben vor.

Ludmilla seufzte leicht auf und sagte ganz langsam:

Du wirst immer schner, Sascha.

Er wurde sehr rot, lachte und streckte die Zungenspitze vor.

Was Sie sich ausdenken, sagte er. Ich bin doch kein Frulein, da ich
schner werde.

Dein Gesicht ist wunderschn. Aber der Krper. Zeig ihn mir, -- nur bis
zum Grtel, bat Ludmilla zrtlich und umfate seine Schultern.

Was Sie sich ausdenken! sagte Sascha verschmt und empfindlich.

Was ist denn dabei? fragte Ludmilla leichthin, was hast du denn fr
Geheimnisse?

Jemand knnte hereinkommen, sagte Sascha.

Wer denn? sagte sie ebenso leicht und sorglos. Wir verschlieen die
Tr. Da kann niemand herein.

Ludmilla lief rasch an die Tr und schob den Riegel vor. Sascha erriet,
da es ihr Ernst war. Kleine Schweitropfen traten ihm auf die Stirn. Er
sagte ganz aufgeregt:

Nein, nein, tun Sie es nicht.

Dummchen! warum denn nicht? fragte sie dringend.

Sie zog Sascha an sich und knpfte seine Bluse auf. Sascha wehrte sich
und griff nach ihren Hnden. Sein Gesicht zeigte den Ausdruck des
Schreckens, -- und ein, dem Schreck hnliches Gefhl der Scham berkam
ihn. Und davon wurde er pltzlich ganz schwach. Ludmilla zog die Stirn
in Falten und entkleidete ihn entschlossen. Sie schnallte den Grtel ab
und zog ihm irgendwie die Bluse herunter. Sascha wehrte sich immer
verzweifelter. Sie drehten sich durch das ganze Zimmer und stolperten
ber Tische und Sthle. Ein ser, reizender Duft wehte von Ludmilla,
machte Sascha trunken und schwach.

Mit einem geschickten Sto in die Brust brachte ihn Ludmilla zum Fallen.
Er fiel auf das Sofa. Sie hatte sich an das Hemd geklammert, und ein
Knopf ri ab. Schnell entblte sie seine Schulter und wollte den Aermel
vom Arm ziehen.

Sich wehrend schlug sie Sascha im Versehen mit der flachen Hand ins
Gesicht. Er wollte sie natrlich nicht schlagen, aber der Schlag sauste
aus vollem Arm, stark und schallend auf Ludmillas Backe. Ludmilla
erbebte, taumelte, sie wurde blutrot, lie aber nicht los.

Bser, bser Junge! Du schlgst! rief sie atemlos.

Sascha war bestrzt, er lie die Arme sinken und blickte schuldbewut
auf die weien Striemen auf Ludmillas Backe; es waren die Spuren seiner
Finger. Ludmilla benutzte seine Verwirrung. Schnell zog sie ihm das Hemd
von beiden Schultern, da es bis zu den Ellenbogen herunterglitt. Er kam
wieder zur Besinnung, ri sich los, aber dadurch wurde es nur schlimmer,
-- Ludmilla zog an den Aermeln, und das Hemd fiel bis zum Grtel
herunter. Sascha fhlte die Klte, und wieder stieg in ihm das
unerbittliche Schamgefhl auf, da ihm der Kopf schwindelte. Er war
nackt bis an die Hften.

Ludmilla hielt ihn fest am Arm; mit der freien Hand streichelte sie
seine nackten Schultern und blickte in seine erstarrten, unter den
dichten, schwarzen Wimpern merkwrdig flackernden Augen.

Und dann zitterten diese Wimpern, das Gesicht verzog sich zu einer
lcherlich-kindischen Grimasse, -- und pltzlich weinte und schluchzte
er.

Lassen Sie mich! rief er schluchzend. Sie sind frech!

Das Baby klhnt! sagte sie rgerlich und verlegen und stie ihn fort.

Sascha kehrte ihr den Rcken und wischte sich mit den Hnden die Trnen
aus den Augen. Er schmte sich, da er geweint hatte. Er bemhte sich,
an sich zu halten.

Ludmilla blickte hei auf seinen nackten Rcken.

All die Herrlichkeit in der Welt! dachte sie. Alle diese Schnheit
verbergen die Menschen voreinander -- warum, warum?

Sascha krmmte verschmt den nackten Rcken, er bemhte sich, das Hemd
anzuziehen, aber er verknllte es nur; es krachte in den Nhten unter
seinen zitternden Fingern und es war ihm auf keine Weise mglich, mit
den Armen durch die Aermel zu schlpfen. Dann nahm er die Bluse, --
mochte das Hemd einstweilen so bleiben.

O, Sie frchten wohl fr Ihr Eigentum. Ich werde Ihnen nichts stehlen,
sagte Ludmilla, und ihre Stimme klang bse vor verhaltenen Trnen.

Heftig schleuderte sie ihm den Gurt zu und kehrte sich zum Fenster. Was
sollte sie mit diesem albernen Jungen in seiner grauen Bluse! Eine
widerliche Zierpuppe!

Sascha schlpfte flink in die Bluse, brachte sein Hemd irgendwie in
Ordnung und blickte schchtern, unsicher und verschmt auf Ludmilla. Er
sah, da sie sich mit den Hnden die Augen rieb. Leise trat er zu ihr
und blickte ihr ins Gesicht. Und die Trnen, die ber ihre Wangen
rollten, lsten in ihm pltzlich das Gefhl zrtlichen Mitleids und
vergifteten ihn. Er schmte sich nicht mehr, und er rgerte sich nicht.

Warum weinen Sie, liebste Ludmilla? fragte er leise.

Dann fiel ihm sein Schlag ein und er wurde pltzlich rot.

Ich habe Sie geschlagen. Verzeihen Sie mir. Ich hab' es nicht mit
Absicht getan, sagte er bescheiden.

Dummer Junge! schmilzst du, wenn du mit nackten Schultern dasitzt,
sagte Ludmilla anklagend. Du frchtest dich wohl vor der Leidenschaft!
Schnheit und Unschuld werden welken.

Warum ist denn das ntig? fragte Sascha mit verlegener Miene.

Warum? sagte sie leidenschaftlich. Ich lieb die Schnheit. Ich bin
eine Heidin, eine Snderin. Im alten Athen htte ich geboren werden
mssen. Ich liebe die Blumen, den Duft, die leuchtenden Gewnder, den
nackten Krper. Man sagt, es gbe eine Seele. Ich wei es nicht. Ich
habe sie nicht gesehen. Und was sollte ich damit? Ich mchte sterben wie
eine Nixe, mchte hinschwinden wie ein Wlkchen vor der Sonne. Ich liebe
den Krper, -- den starken, geschmeidigen, nackten Krper, der den Genu
sucht.

Auch leiden kann er, sagte Sascha leise.

Auch leiden! Auch das ist gut! flsterte sie hei. S ist es,
Schmerz zu haben -- der Krper mu es nur fhlen; sehen mu man das
Nackte und die Schnheit des Leibes.

Aber man schmt sich doch ohne Kleider! sagte Sascha schchtern.

Ludmilla strzte vor ihm auf die Knie.

Lieber, mein Abgott, Knabe -- gttlicher! flsterte sie atemlos und
bedeckte seine Hnde mit Kssen, fr eine Minute, fr eine Minute nur
la mich an deinen Schultern mich satt sehen!

Sascha seufzte auf; er senkte die Augen, wurde rot, und ungelenk zog er
die Bluse vom Krper.

Mit fiebernden Hnden umschlang ihn Ludmilla und bedeckte mit wilden
Kssen seine vor Scham bebenden Schultern.

Siehst du, -- wie gehorsam ich bin! sagte er und lchelte gezwungen,
wie um durch einen Scherz seine Verlegenheit zu verbergen.

Ludmilla kte eifrig seine Arme, von den Schultern bis zu den
Fingerspitzen, und Sascha -- erregt und ganz versunken in wollstigen,
qulenden Gedanken -- wehrte ihr nicht. Ihre Ksse waren wie eine heie
Anbetung, als kten ihre brennenden Lippen nicht einen Knaben, sondern
den jugendlichen Gott, in bebender, geheimnisvoller Hingabe an seinen
erblhenden Leib.

Hinter der Tr standen aber Darja und Valerie; sie guckten abwechselnd,
einander ungeduldig stoend, durch das Schlsselloch und erstarben in
heien, wollstigen Schauern.

                   *       *       *       *       *

Es ist Zeit, da ich mich ankleide, sagte Sascha endlich.

Ludmilla seufzte, -- und mit demselben andchtigen Ausdruck in den Augen
zog sie ihm Hemd und Bluse an, und diente ihm ehrfrchtig und
vorsichtig.

So bist du eine Heidin? fragte Sascha zweifelnd.

Ludmilla lachte frhlich.

Und du? fragte sie.

Das fehlte noch! antwortete Sascha fest, ich kenne den ganzen
Katechismus auswendig.

Ludmilla lachte aus vollem Halse. Sascha blickte sie lchelnd an und
fragte:

Warum gehst du denn in die Kirche?

Ludmilla hrte auf zu lachen und wurde nachdenklich.

Ja, sagte sie, man mu doch beten. Etwas beten, etwas weinen, eine
Kerze weihen, sich an Vergangenes erinnern. Und ich liebe das alles, --
Kerzen, Ampeln, Weihrauch, Megewnder, Gesang, -- wenn die Snger gut
singen, -- die Heiligenbilder in den schnen, mit Bndern geschmckten
Einfassungen. Ja, das ist alles so wunderbar. Und dann liebe ich noch
... Ihn ... weit du .. den Gekreuzigten ...

Die letzten Worte sagte Ludmilla ganz leise, fast flsternd; sie wurde
rot, als wre sie schuldig und senkte die Augen.

Weit du, manchmal trume ich von ihm -- er hngt am Kreuze, auf seinem
Krper schimmern kleine Blutstropfen.

                   *       *       *       *       *

Seit jenem Tage kam es oft vor, da Ludmilla Sascha in ihrem Zimmer
entkleidete. Erst schmte er sich bis zu Trnen, -- doch gewhnte er
sich bald daran. Schon blickten seine Augen klar und ruhig, wenn
Ludmilla ihm das Hemd herunterstreifte, seine Schultern entblte, ihn
streichelte und auf den Rcken klopfte. Und dann endlich entkleidete er
sich selber.

Fr Ludmilla war es ein angenehmes Gefhl, ihn halbnackt auf ihren Knien
zu haben, ihn zu umarmen und zu kssen.

                   *       *       *       *       *

Sascha war allein zu Hause. Er erinnerte sich an Ludmillas heie Blicke,
wenn sie seinen Krper betrachtete.

Was will sie nur? dachte er.

Und pltzlich stieg ihm das Blut zu Kopf, und das Herz schlug ihm so
weh. Dann wurde er ganz ausgelassen und frhlich. Er warf den Stuhl zur
Seite, schlug einige Purzelbume, warf sich auf den Boden, sprang auf
die Mbel, -- und tausend sinnlose Bewegungen schleuderten ihn aus einer
Ecke des Zimmers in die andere. Sein frhliches, helles Gelchter
schallte durchs ganze Haus.

In dem Augenblick kam die Kokowkina nach Hause; sie hrte den
ungewohnten Lrm und trat in Saschas Zimmer. Verstndnislos blieb sie
auf der Schwelle stehen und schttelte nur den Kopf.

Was ist in dich gefahren, Saschenka! sagte sie, toll doch mit deinen
Freunden herum, aber nicht allein. Schm dich, mein Lieber, -- du bist
kein Kind mehr.

Sascha stand still, -- vor Verlegenheit schienen ihm die Hnde zu
ersterben, -- sie waren so schwer und ungelenk, -- aber sein ganzer
Krper zitterte vor Erregung.

                   *       *       *       *       *

Einmal kam die Kokowkina gerade dazu, als Ludmilla Sascha mit Bonbons
ftterte.

Sie verwhnen ihn, sagte sie freundlich. Er liebt sehr zu naschen.

Ja, und er schilt mich, -- ich wre ein freches Ding, beklagte sich
Ludmilla.

Das darfst du doch nicht, Saschenka, tadelte die Kokowkina zrtlich.
Warum schiltst du sie denn?

Ja -- sie lt mir keine Ruhe, sagte Sascha stockend.

Er blickte Ludmilla bse an und wurde puterrot. Ludmilla lachte laut.

Klatschbase, flsterte ihr Sascha zu.

Du sollst nicht schimpfen, Saschenka, verwies ihn die Kokowkina. Man
darf nicht grob werden.

Sascha blickte schelmisch auf Ludmilla und brummte leise:

Ich tu's nicht wieder.

                   *       *       *       *       *

Und jedesmal, wenn Sascha kam, verschlo sich Ludmilla mit ihm in ihrem
Zimmer; dann entkleidete sie ihn und steckte ihn in die verschiedensten
Trachten. Hinter Lachen und Scherzen verbargen sie ihre se Scham.

Zuweilen schnrte sie ihn in ihr Korsett und zog ihm ihre Kleider an. Im
Dekolletee sahen Saschas nackte, volle, zartgerundeten Arme und seine
vollen Schultern sehr schn aus. Er hatte eine gelbliche Haut, aber --
was selten vorkommt: sie war gleichmig und zart in der Frbung.
Ludmillas Rcke, Schuhe und Strmpfe, -- alles pate ihm vorzglich und
stand ihm ausgezeichnet. Wenn er ganz als Dame angekleidet war, setzte
er sich gehorsam hin und spielte mit einem Fcher. So sah er tatschlich
einem Mdchen tuschend hnlich, und er bemhte sich auch, sich
dementsprechend zu geben.

Nur eins war lstig -- Saschas kurze Haare. Ludmilla wollte ihm keine
Percke aufsetzen oder ihm einen falschen Zopf anstecken, -- das kam ihr
widerlich vor.

Sie lehrte ihn tiefe Knixe zu machen. Zuerst verbeugte er sich
unbeholfen und verlegen. Aber er hatte die natrliche Grazie, wenn sich
auch die eckigen, knabenhaften Bewegungen nicht abgewhnen lieen.
Errtend und lachend lernte er fleiig zu knixen und unsinnig zu
kokettieren.

Zuweilen nahm Ludmilla seine nackten, schlanken Hnde und kte sie.
Sascha duldete es ruhig und blickte lachend auf Ludmilla. Manchmal hielt
er ihr die Hnde an die Lippen und sagte:

K.

Aber ihm und ihr gefielen die anderen Trachten besser, die Ludmilla
selber fr ihn erfunden hatte: im Fischerkostm mit nackten Beinen, oder
barfu im Chiton eines athenischen Jnglings.

Ludmilla kleidet ihn an und bewundert ihn. Sie selbst wird so bla und
traurig.

Sascha sa auf Ludmillas Bett, spielte mit den Falten des Chitons und
baumelte mit den Beinen. Ludmilla stand vor ihm, blickte ihn an und ein
glckseliger Ausdruck des Vergessens lag auf ihrem Gesicht.

Wie dumm du bist! sagte Sascha.

In meiner Dummheit ist so viel Glck! flsterte Ludmilla erbleichend;
sie weinte und kte Saschas Hnde.

Warum weinst du denn? fragte er sorglos lchelnd.

Mein Herz ist erfllt von Freude. Die sieben Schwerter der
Glckseligkeit durchbohrten meine Brust; -- wie sollte ich nicht
weinen?

Du bist ein Dummchen! wirklich ein Dummchen! sagte Sascha lachend.

Und du bist klug! sagte Ludmilla pltzlich gereizt; sie trocknete ihre
Trnen und seufzte schwer. Begreif denn, dummer Junge, sprach sie mit
leiser, berzeugender Stimme, nur in der Sinnlosigkeit ist Glck und
Weisheit.

Nun ja! sagte Sascha unglubig.

Man mu vergessen, sich selber vergessen, dann wirst du alles
verstehen, flsterte Ludmilla. Glaubst du etwa, die weisen Leute
brauchten zu denken?

Wie denn sonst?

Sie wissen. Es ist ihnen gegeben: nur zu sehn brauchen sie und alles
ist vor ihnen enthllt.

                   *       *       *       *       *

Es war an einem stillen Herbstabend. Nur wenn der Wind durch die Zweige
der Bume strich, hrte man hinter dem Fenster sein leises Rauschen.

Sascha und Ludmilla waren allein. Sie hatte ihm das Fischerkleid mit
rosa Seide angezogen; er war barfu und lag auf einem niedrigen
Ruhebett. Sie sa ihm zu Fen, war selber barfu und hatte nur ein Hemd
an. Sie hatte Saschas Krper und sein Kleid parfumiert, es war ein
schwerer, saftiger, fast zerbrechlicher Duft, wie ein regungsloser
Geist, der in die Berge und ins fremdblhende Tal gebannt ist.

An ihrem Halse blitzten groe, grelle Perlengeschmeide, goldene
Filigran-Armbnder klirrten an ihren Hnden. Ihr Krper duftete nach
Iris, -- ein atemraubender, krperlicher, erregender Duft, der trge
Trume gebar und gesttigt war von langsam flieenden, verdunstenden
Wassern.

Sie zerqulte sich, seufzte schwer, blickte ihm ins dunkle Gesicht und
auf seine blau-schwarzen Wimpern und in die nchtigen Augen. Sie legte
ihren Kopf auf seine nackten Kniee und ihre hellen Locken glitten ber
die brunliche Haut. Sie kte seinen Krper und der Kopf schwindelte
ihr von dem starken, seltenen Duft, der sich mit dem Geruch des jungen
Leibes mischte.

Sascha lag da und lchelte mit einem stillen, falschen Lcheln. Ein
unklares Verlangen wurde in ihm gro und qulte ihn so s. Und als
Ludmilla seine Kniee und seine Fe kte, erweckten diese zrtlichen
Ksse in ihm qulende, trumerische Gedanken. Er wollte ihr etwas antun,
etwas Liebes, oder ihr weh tun; etwas Zartes, oder etwas, davor man sich
schmt, -- aber er wute nicht was. Sollte er ihre Fe kssen? Sollte
er sie schlagen, viel und stark, mit langen, biegsamen Ruten? Sie sollte
lachen vor Freude, oder schreien vor Schmerz.

Und beides, das eine, wie das andere war ihr vielleicht erwnscht, aber
es war zu wenig. Was wollte sie denn? Da sind sie nun beide halbnackt,
und ihren durch nichts gebundenen Krpern verbindet sich ein Verlangen
und eine schtzende Scham, -- wo liegt nun das Geheimnis des Krpers?
Wie bringt man sein Blut und seinen Leib ihren Wnschen und der eigenen
Scham zum sen Opfer?

Aber Ludmilla qulte sich und wand sich zu seinen Fen, erbleichend
unter ihren unmglichen Wnschen, da es ihr hei und kalt wurde. Sie
flsterte voller Leidenschaft:

Bin ich nicht schn? Sind meine Augen nicht flammend? Sind meine Locken
nicht reich? Sei gut! Sei lieb zu mir, rei die Geschmeide von mir,
zerbrich meine Reifen!

Sascha frchtete sich, und unmgliche Verlangen marterten und qulten
ihn.




                                 XXVII


Am frhen Morgen erwachte Peredonoff. Jemand blickte auf ihn aus
riesigen, trben, viereckigen Augen. Vielleicht war es Pjilnikoff.
Peredonoff ging ans Fenster und go Wasser auf das drohende Gespenst.

Alles war verhext und bezaubert. Das wilde gespenstische Tierchen
quiekte; Mensch und Vieh blickten ihm drohend und tckisch entgegen.
Alles war ihm feindlich; er stand einer gegen alle.

In den Unterrichtsstunden verleumdete er seine Kollegen, den Direktor,
die Eltern der Schler. Die Gymnasiasten hrten ihm mit Mitrauen zu.
Einige niedrig Gesinnte suchten ihm zu schmeicheln und drckten ihm ihre
Teilnahme aus. Andere schwiegen trotzig, oder traten heftig fr ihre
Eltern ein, wenn Peredonoff sie angriff. Fr diese Knaben hatte er nur
bse, ngstliche Blicke, er umging sie, wo er nur konnte und brummte vor
sich hin.

In anderen Stunden wieder unterhielt Peredonoff seine Schler mit blden
Auseinandersetzungen.

Man hatte die Verse Puschkins gelesen:

   Die Dmmerung ist khl entglommen,
   Der Sense Rauschen ist verhallt;
   Der Wolf und seine Wlfin kommen, --
   So gierig schleicht sie aus dem Wald.

Warten Sie, sagte Peredonoff, das mu man richtig verstehen. Hier
haben wir eine Allegorie. Die Wlfe gehn paarweise: der Wolf und die
gierige Wlfin. Der Wolf ist satt, _sie_ ist hungrig. Die Frau mu immer
_nach_ dem Manne essen. Die Frau mu sich in allem dem Manne
unterordnen.

Pjilnikoff war frhlich; er lchelte und blickte auf Peredonoff aus
seinen trgerisch-reinen, tiefschwarzen Augen. Saschas Gesicht rgerte
und qulte Peredonoff. Der verfluchte Bengel bezauberte ihn mit seinem
tckischen Lcheln.

Und ist er berhaupt ein Junge? Vielleicht sind es zwei: Bruder und
Schwester, und es ist nicht herauszubringen -- wer wo ist. Vielleicht
kann er sich auch aus einem Knaben in ein Mdchen verwandeln. Nicht
umsonst ist er immer so sauber, -- denn um sich zu verwandeln, mute er
sich in allerhand Wsserchen waschen, -- anders ging es doch nicht.
Auerdem roch er immer nach Parfums.

Womit haben Sie sich parfumiert, Pjilnikoff? fragte Peredonoff, etwa
mit Patschuli?

Die Jungen lachten. Das krnkte Sascha; er wurde rot und schwieg.

Den einfachen Wunsch, zu gefallen, nicht ekelhaft sein zu wollen, --
konnte Peredonoff nicht verstehen. Eine jede derartige Erscheinung, und
sei es auch an einem Knaben, hielt er fr gefallschtige Eitelkeit. Wer
sich gut kleidete, der hatte -- davon war er berzeugt -- nur den einen
Wunsch, ihm zu schmeicheln. Aus welchem anderen Grunde htte er sich gut
kleiden sollen? Sauberkeit und gute, elegante Kleidung waren ihm
zuwider; Parfums waren fr sein Empfinden ein Gestank; jedem Parfum zog
er den Geruch eines frisch gedngten Feldes vor, denn -- so glaubte er
-- das ist der Gesundheit zutrglich. Sich schn kleiden, sich sauber
halten, sich waschen, -- das alles kostet Zeit, Mhe und Arbeit; und der
Gedanke an jede Arbeit erschreckte Peredonoff und langweilte ihn. Wie
schn wre es doch, nichts zu tun! Nur essen, trinken und schlafen --
nur das!

                   *       *       *       *       *

Saschas Kameraden neckten ihn damit, da er sich mit Patschuli
parfumiert htte, und da Ludmilla in ihn verliebt wre. Er begehrte auf
und antwortete heftig, -- sie wre in ihn nicht verliebt; das htte sich
Peredonoff einfach ausgedacht; er -- Peredonoff -- htte um Ludmilla
angehalten, sie aber habe ihm einen Korb gegeben, -- darum wre er jetzt
wtend auf sie und verbreite ber sie schlechte Gerchte. Die Kameraden
glaubten ihm, -- man kannte doch Peredonoff! -- aber sie hrten nicht
auf, ihn zu necken; jemanden zu necken ist doch so angenehm.

                   *       *       *       *       *

Peredonoff erzhlte hartnckig jedem, der es hren wollte, wie verderbt
Pjilnikoff wre.

Er hat sich mit Ludmilla eingelassen, sagte er. Sie kssen sich so
eifrig, da sie schon einen Abc-Schtzen geboren hat und mit dem anderen
schwanger geht.

Ueber Ludmillas Liebe zu einem Gymnasiasten redete man sehr bertrieben
in der Stadt; man wute darber hchst alberne und unanstndige
Einzelheiten zu berichten. Doch niemand wollte es glauben: Peredonoff
hatte die Sache zu sehr gepfeffert. Allein die Liebhaber am Necken --
und deren gab es viele in unserer Stadt, -- sagten Ludmilla:

Warum haben Sie sich in den Bengel vernarrt? Das ist eine Beleidigung
fr unsere erwachsenen jungen Leute.

Ludmilla lachte und sagte:

Dummheiten!

Mit frecher Neugierde blickten die Brger Sascha berall nach.

Die Witwe des Generals Polujanoff, -- sie war reich und stammte aus
Kaufmannskreisen, -- erkundigte sich nach seinem Alter und fand, da er
noch zu jung wre; aber nach zwei Jahren wrde man ihn zu sich bitten
knnen, um zu seiner Erziehung beizutragen.

Zuweilen machte Sascha Ludmilla Vorwrfe, da man ihn mit ihr neckte.
Ja, es kam sogar vor, da er sie schlug, aber dann lachte Ludmilla hell
und frhlich.

                   *       *       *       *       *

Um aber den dummen Klatschereien ein Ende zu machen und um Ludmillas Ruf
nach dieser peinlichen Geschichte wiederherzustellen, wirkten smtliche
Rutiloffs und ihre zahlreichen Freunde, Verwandten und Bekannten eifrig
gegen Peredonoff und fhrten den Beweis, da das alles Ausgeburten der
Phantasie eines Irrsinnigen wren. Die malosen Handlungen Peredonoffs
brachten auch viele dazu, an diese Erklrung zu glauben.

In dieser Zeit wurde auch beim Rektor des Lehrbezirks wiederholt gegen
Peredonoff Klage gefhrt. Vom Lehrbezirk wurde eine Anfrage an
Chripatsch gerichtet. Dieser berief sich auf seine frheren Ausfhrungen
und fgte hinzu, da Peredonoffs lngeres Verbleiben am Gymnasium direkt
eine Gefahr bedeute, da seine seelische Krankheit deutlich bemerkbare
Fortschritte mache.

                   *       *       *       *       *

Schon war Peredonoff ganz in der Gewalt seiner wilden Vorstellungen.
Allerhand Erscheinungen schlossen ihn von der Welt ab. Seine irrsinnigen
stumpfen Augen blickten unstt und blieben an keinem Gegenstande haften,
so etwa, als wolle er durch sie durchsehen in die der Wirklichkeit
entgegengesetzte Welt, und als suche er nach irgendwelchen Oeffnungen,
um durchzusehen.

Wenn er allein war, redete er mit sich selber und stie ganz sinnlose
Drohungen aus:

Ich werde dich tten! Dich erstechen! Dich einsperren!

Und Warwara horchte und schmunzelte:

Aergere dich nur! dachte sie schadenfroh.

Sie dachte, es wre nur Wut; er errt, da man ihn betrogen hat und
rgert sich. Den Verstand wird er nicht verlieren, -- denn ein Dummkopf
hat nichts, was er verlieren knnte. Und wenn er auch irrsinnig wird, --
was ist dabei! -- Der Irrsinn ist eine Unterhaltung fr den Dummen.

Wissen Sie, Ardalljon Borisowitsch, sagte Chripatsch einmal, Sie
sehen sehr krank aus.

Der Kopf tut mir weh, sagte Peredonoff finster.

Wissen Sie, Verehrtester, fuhr der Direktor vorsichtig fort, ich
wrde Ihnen doch raten, einstweilen nicht ins Gymnasium zu kommen. Sie
sollten sich schonen, Ihren Nerven, die doch scheinbar stark mitgenommen
sind, etwas Ruhe gnnen.

Natrlich, dachte Peredonoff, das ist das allerbeste: nicht mehr ins
Gymnasium gehen. Warum war er nicht schon lngst auf diesen Gedanken
gekommen! Er brauchte sich ja nur krank zu melden, zu Hause zu bleiben
und abzuwarten, was werden wrde.

Ja, ja, ich werde nicht kommen, ich bin krank, sagte er erfreut zu
Chripatsch.

                   *       *       *       *       *

Der Direktor hatte unterdessen ein zweites Mal an den Lehrbezirk
geschrieben und wartete von Tag zu Tag auf die Ernennung einiger Aerzte
zur Untersuchung. Aber die Beamten beeilten sich nicht. Dafr waren es
Beamte.

Peredonoff kam nicht ins Gymnasium und schien ebenfalls etwas zu
erwarten.

In den letzten Tagen hatte er sich ganz an Wolodin geheftet. Er
frchtete sich, ihn aus den Augen zu lassen, und dachte immer, Wolodin
wolle ihm einen Schaden zufgen. Schon am frhen Morgen, wenn er
aufwachte, dachte er traurig an Wolodin: Wo ist er jetzt? Was treibt er?

Manchmal erschien ihm Wolodin: Wolken zogen am Himmel, wie eine
Lmmerherde, und unter ihnen tummelte sich Wolodin, den steifen Hut auf
dem Kopf und lachte meckernd; auch im Rauche, der den Schornsteinen
entstieg, war er zuweilen und verzog sich geschwind, alberne Grimassen
schneidend und durch die Luft springend.

Wolodin aber dachte und erzhlte es stolz, da Peredonoff ihn sehr lieb
htte und ohne ihn nicht leben knnte.

Warwara hat ihn betrogen, sagte Wolodin, er sieht aber, da ich ihm
ein treuer Freund bin, darum hlt er zu mir.

Wenn Peredonoff aus dem Hause trat, um Wolodin aufzusuchen, kam ihm
dieser schon entgegen, den steifen Hut auf dem Kopf, ein
Spazierstckchen in der Hand, frhlich springend und lustig meckernd.

Warum trgst du immer dein Tpfchen auf dem Kopf? fragte ihn
Peredonoff einmal.

Warum sollte ich das Tpfchen nicht tragen, Ardalljon Borisowitsch?
entgegnete Wolodin frhlich und verstndig, bescheiden und anstndig.
Die Mtze mit der Kokarde darf ich nicht tragen, und einen Zylinder
aufzusetzen berlasse ich als Uebung den Aristokraten; uns steht das
nicht an.

Du wirst noch in deinem Tpfchen berkochen, sagte Peredonoff
verdrielich.

Wolodin kicherte.

Sie gingen in Peredonoffs Wohnung.

Wieviel Schritte man machen mu, sagte Peredonoff rgerlich.

Es ist ntzlich, Ardalljon Borisowitsch, sich etwas Motion zu machen,
versuchte Wolodin ihn zu berzeugen, arbeiten, spazieren gehn, essen,
-- dann bleibt man gesund.

Nun ja, entgegnete Peredonoff, du glaubst wohl, da die Leute nach
zwei bis dreihundert Jahren noch arbeiten werden?

Wie denn sonst? Ohne Arbeit gibt es kein Brot. Brot erhlt man fr Geld
und das Geld mu man verdienen.

Ich will kein Brot.

Dann gibt's auch keine Semmeln, keine Pastetchen, kicherte Wolodin,
und nichts wofr du dir Schnaps kaufen knntest, und du wirst nichts
haben um dir ein Likrchen zu brauen.

Nein, die Menschen selber werden nicht arbeiten, sagte Peredonoff,
Maschinen werden alles tun; man dreht eine Kurbel, wie am Leierkasten,
und fertig ... Aber es ist langweilig, lange zu drehen.

Wolodin wurde nachdenklich, senkte den Kopf und warf die Lippen auf.

Ja, sagte er grblerisch, das wird sehr schn sein. Nur werden wir
das nicht mehr erleben.

Peredonoff sah ihn wtend an und knurrte:

Du wirst es nicht erleben, -- ich wohl.

Das gebe Gott, sagte Wolodin vergngt, da Sie zweihundert Jahre alt
werden, und dreihundert auf allen Vieren kriechen.

Schon antwortete Peredonoff nicht mehr mit einer Beschwrungsformel, --
mochte kommen, was wollte. Er wrde sie doch alle besiegen; nur die
Augen hbsch offen halten und nicht nachgeben!

Zu Hause setzten sie sich an den Tisch und tranken zusammen. Peredonoff
begann von der Frstin zu erzhlen.

In Peredonoffs Vorstellung wurde die Frstin von Tag zu Tag um Jahre
lter und frchterlicher: gelb, runzelig und gebckt; sie hatte Hauer
und war sehr bse.

Sie ist zweihundert Jahre alt, sagte Peredonoff und blickte sonderbar
traurig vor sich hin. Und sie will, da ich mich wieder mit ihr
beriechen soll. Vorher wird sie mir keine Stelle verschaffen.

Sag doch einer, was _die_ nicht alles will! sagte Wolodin
kopfschttelnd. So ein altes Weib!

                   *       *       *       *       *

Peredonoff phantasierte von Morden. Er sagte zu Wolodin, zornig die
Brauen runzelnd:

Dort hinter der Tapete liegt schon einer versteckt. Den andern werde
ich aber unter dem Fuboden vernageln.

Wolodin frchtete sich nicht und kicherte.

Riechst du den Gestank dort hinter der Tapete? fragte Peredonoff.

Nein, ich rieche nichts, sagte Wolodin und kicherte und krmmte sich
vor Lachen.

Deine Nase ist verstopft, sagte Peredonoff. Nicht umsonst hast du
eine rote Nase. Er verfault dort hinter der Tapete.

Die Wanze! rief Warwara und lachte auf.

Stumpf und wrdig blickte Peredonoff vor sich nieder.

Peredonoff, von Tag zu Tag unzurechnungsfhiger, schrieb Denunziationen
gegen die Kartenbilder, gegen das gespenstische Tierchen, gegen den
Hammel, -- er, der Hammel, wre ein Usurpator, htte sich fr Wolodin
ausgegeben, trachtete nach einem hohen Posten, und wre doch nur ein
simpler Hammel; gegen die Waldschnder, -- sie htten alle Birken
ausgerodet, es gbe keine Birkenquasten mehr frs Dampfbad, und ohne
Ruten wre es schwer, die Kinder zu erziehen; die Espen htten sie aber
stehen lassen, -- und wozu wren die Espen gut?

Wenn Peredonoff auf der Strae Gymnasiasten traf, so erschreckte er die
kleineren und brachte die greren zum Lachen durch unfltige, schamlose
Worte. Die greren liefen ihm scharenweise nach und machten sich aus
dem Staube, wenn sie einen der Lehrer kommen sahen, -- die kleineren
liefen vor ihm davon.

Ueberall sah er Gespenster und Gesichte; seine Halluzinationen
entsetzten ihn in dem Mae, da sich seiner Brust ein tolles, sthnendes
Gewinsel entrang. Das graue, gespenstische Tierchen erschien ihm bald
blutbesudelt, bald in lauter Flammen; es schrie und brllte, und sein
Gebrll drhnte ihm in rasenden Schmerzen durch den Kopf. Der Kater
schwoll an zu einer frchterlichen Gre; er stampfte mit seinen
Abstzen und wurde zu einem rothaarigen, schnauzbrtigen Ungetm.




                                 XXVIII


Sascha war nach dem Mittagessen fortgegangen und zur festgesetzten Zeit,
um sieben Uhr, noch nicht heimgekehrt. Die Kokowkina wurde unruhig:
wollte Gott es verhten, da er zu dieser verbotenen Stunde einem der
Lehrer auf der Strae begegnete. Man wrde ihn bestrafen, und ihr wre
das so peinlich. Bei ihr hatten immer bescheidene Jungen gelebt, die
sich nie in der Nacht herumgetrieben hatten. Sie machte sich auf die
Suche nach ihm. Wo sollte er anders sein, als bei Rutiloffs.

Ludmilla hatte, -- als mute es gerade heute sein, -- es vergessen, die
Tr zu verriegeln. Die Kokowkina trat ein und was sah sie?

Sascha steht vor dem Spiegel und fchelt sich mit einem Fcher. Ludmilla
lacht aus vollem Halse und zupft die Bnder an seinem grellfarbigen
Grtel zurecht.

Ach du lieber Gott! Dein Wille geschehe! rief die Kokowkina entsetzt,
was sind das fr Geschichten! Ich bin ganz aus dem Huschen, suche ihn
berall, und er fhrt hier eine Komdie auf: Schande, Schande -- sich in
Weiberrcke zu kleiden! Und wie, schmen Sie sich nicht, Ludmilla
Platonowna!

Ludmilla -- ganz berrumpelt -- wurde im ersten Augenblick verlegen;
aber sie fate sich schnell. Frhlich lachend umarmte sie die Kokowkina,
setzte sie in einen Sessel und erzhlte ihr eine rasch erfundene
Geschichte:

Wir haben zu Hause eine kleine Maskerade vor, -- ich werde ein Junge
sein, und er ein Mdchen, und das wird furchtbar lustig werden.

Puterrot und erschreckt stand Sascha da, und die Trnen traten ihm in
die Augen.

Was fr Dummheiten! sagte die Kokowkina rgerlich, er mu seine
Aufgaben lernen und hat keine Zeit fr Maskeraden. Was Sie sich
ausdenken! Beliebe dich augenblicklich anzukleiden, Alexander, und
marsch -- nach Hause.

Ludmilla lachte frhlich und hell und umarmte die Kokowkina; die alte
Frau dachte, da das frhliche Mdchen noch kindisch wie ein Backfisch
wre, und da Sascha aus Dummheit froh wre, allen ihren Launen
gehorchen zu knnen. Ludmillas frhliches Gelchter lie die ganze Sache
so kindisch und harmlos erscheinen, da man darber schlimmstenfalls
etwas brummen durfte. Und sie schalt und machte ein bses und
unzufriedenes Gesicht, -- aber ihr Herz war schon wieder ganz ruhig.

Sascha kleidete sich schnell hinter dem Bettschirm um. Die Kokowkina
ging mit ihm zusammen heim und schalt den Weg ber auf ihn. Er schmte
sich sehr, war erschrocken und sagte nichts zu seiner Rechtfertigung.
Was wird es erst zu Hause geben? dachte er ngstlich.

Und zu Hause verfuhr die Kokowkina zum erstenmal mit aller Strenge: er
mute sich auf die Knie stellen. Aber schon nach fnf Minuten hatte sie
Mitleid mit seinem klglichen, schuldbewuten Gesicht und er durfte
wieder aufstehen.

So ein Geck! Auf eine Werst riecht man deine Parfums, sagte sie
brummig.

Sascha machte einen geschickten Kratzfu und kte ihr die Hand; die
Liebenswrdigkeit des bestraften Knaben rhrte sie noch mehr.

                   *       *       *       *       *

Unterdessen drohte ein Unwetter ber Sascha hereinzubrechen. Warwara und
die Gruschina verfaten einen anonymen Brief und schickten ihn an
Chripatsch; sie behaupteten darin, der Gymnasiast Pjilnikoff wre von
Frulein Rutiloff verfhrt worden; er brchte ganze Abende bei ihr zu
und wre dem Laster ergeben.

Der Direktor mute an eine kurz vorher gefhrte Unterhaltung denken. Vor
einigen Tagen hatte jemand auf einer Soire beim Adelsmarschall die von
niemand verstandene Bemerkung hingeworfen, eine junge Dame htte sich in
einen Halbwchsling verliebt. Man hatte gleich wieder von anderen Dingen
gesprochen: in Chripatschs Gegenwart hielt man es, nach dem
stillschweigenden Einvernehmen wohlerzogener Leute, fr auerordentlich
peinlich, dieses Thema zu diskutieren, gab sich den Anschein, als wre
es unbequem, darber in Gegenwart von Damen zu sprechen, und tat so, als
wre die Sache selber ganz unbedeutend und unglaubwrdig. Chripatsch
merkte das natrlich; er war aber nicht so einfltig, um sich bei jemand
zu erkundigen. Er war vollstndig berzeugt, da er bald alles erfahren
wrde, und da auf diesem oder jenem Wege, immer aber noch rechtzeitig,
eine Nachricht ihm zu Ohren kommen wrde. Da kam dieser Brief, und das
war die erwartete Nachricht.

Chripatsch glaubte keinen Augenblick an die Verderbtheit Pjilnikoffs,
oder da sein Verkehr mit Ludmilla irgendwie die Grenzen des Erlaubten
berschritte.

Das alles, -- dachte er, -- hat seinen Grund in der dummen Erfindung
Peredonoffs und wird genhrt von der neidischen Bosheit der Gruschina.
Dieser Brief aber, -- dachte er, -- beweist, da unerwnschte Gerchte
in Umlauf sind; sie knnten doch ein schlechtes Licht auf das Ansehen
des ihm anvertrauten Gymnasiums werfen. Darum mssen Manahmen getroffen
werden.

Vor allem bat er die Kokowkina, ihn aufzusuchen, um mit ihr ber die
Tatsachen zu sprechen, die diese unerwnschten Gerchte veranlat haben
konnten.

Die Kokowkina wute schon, worum es sich handelte. Man hatte es ihr noch
deutlicher zu verstehen gegeben, als dem Direktor. Die Gruschina hatte
sie auf der Strae erwartet, ein Gesprch mit ihr angeknpft und
erzhlt, Ludmilla htte Sascha von Grund aus verdorben.

Die Kokowkina war berrascht. Zu Hause berschttete sie Sascha mit
Vorwrfen. Ihr war die ganze Geschichte um so peinlicher, als doch alles
sich fast vor ihren Augen abgespielt hatte und weil Sascha mit ihrem
Einverstndnis zu Rutiloffs ging. Sascha stellte sich so, als verstnde
er nichts und fragte:

Was habe ich denn Schlimmes getan?

Die Kokowkina kam in Verlegenheit.

Wie! Was du Schlimmes getan hast? Weit du es nicht mehr? Ist es lange
her, da ich dich in Weiberrcken getroffen habe? Hast du es vergessen,
du Schlingel?

Nun, Sie haben mich so getroffen. Ist denn etwas Schlimmes dabei? Dafr
haben Sie mich doch schon bestraft! Und was ist denn dabei, -- als htte
ich einen gestohlenen Rock angehabt!

Sag doch einer, sag doch einer! wie er sich ausredet! sagte die
Kokowkina fassungslos. Ich habe dich wohl bestraft, aber scheinbar zu
wenig.

Dann bestrafen Sie mich mehr, sagte Sascha trotzig, mit der Miene
eines unschuldig Gekrnkten. Damals verziehen Sie mir, und jetzt ist es
zu wenig. Ich habe Sie nicht gebeten, mir zu verzeihen, -- ich htte den
ganzen Abend auf den Knieen gestanden. Warum macht man mir jetzt noch
Vorwrfe!

Mein Lieber, man redet schon in der ganzen Stadt von dir und deiner
Ludmilla, sagte die Kokowkina.

Was wird denn geredet? fragte Sascha treuherzig-neugierig.

Die Kokowkina kam wieder in Verlegenheit.

Was geredet wird, -- man wei doch was! Du weit es genau, was man ber
euch sagen kann. Da kommt wenig Gutes dabei heraus. Du treibst Unfug mit
deiner Ludmilla, -- das redet man.

Ich werde nicht mehr Unfug treiben, versprach Sascha so ruhig, als
unterhielte man sich ber das Hasch-hasch-Spiel.

Er machte ein unschuldiges Gesicht, aber es war ihm schwer ums Herz. Er
versuchte die Kokowkina auszuhorchen, was denn eigentlich geredet wrde,
und frchtete sich, vielleicht grobe Worte hren zu mssen. Was konnte
nur ber sie beide geredet werden? Die Fenster von Ludmillas Zimmer
gingen in den Garten, von der Strae aus konnte man nichts sehen, und
auerdem lie Ludmilla immer die Vorhnge herunter. Und wenn jemand
zugesehn hatte, _wie_ hatte er es erzhlt? Vielleicht mit peinlichen,
rohen Worten? Oder wurde nur davon geredet, da er oft hinging?

Am darauffolgenden Tage erhielt die Kokowkina die Vorladung zum
Direktor. Die alte Frau kam ganz aus der Fassung. Zu Sascha sagte sie
kein Wort und machte sich zur festgesetzten Stunde still auf den Weg.
Chripatsch machte ihr sehr liebenswrdig und schonend Mitteilung von dem
erhaltenen Brief. Sie brach in Trnen aus.

Beruhigen Sie sich, wir beschuldigen Sie nicht, sagte Chripatsch, wir
kennen Sie zu gut. Allerdings werden Sie ihn knftighin strenger
beaufsichtigen mssen. Jetzt sagen Sie mir nur bitte, was eigentlich
vorgefallen ist.

Als die Kokowkina vom Direktor nach Hause zurckkehrte, berschttete
sie Sascha mit neuen Vorwrfen.

Ich werde es der Tante schreiben, sagte sie weinend.

Ich bin unschuldig. Mag die Tante kommen. Ich frchte mich nicht,
sagte Sascha und weinte ebenfalls.

Am nchsten Tage lie der Direktor Sascha zu sich kommen und fragte ihn
kalt und streng:

Ich wnsche zu wissen, mit wem Sie in der Stadt verkehren.

Sascha blickte den Direktor verlegen, unschuldig und ruhig an.

Mit wem ich verkehre? sagte er, Olga Wassiljewna wei es; ich besuche
nur meine Kameraden und Rutiloffs.

Das ist es eben, setzte der Direktor sein Verhr fort, was treiben
Sie bei Rutiloffs?

Nichts Besonderes; nur so! antwortete Sascha unschuldig,
hauptschlich lesen wir zusammen. Frulein Rutiloffs lieben Gedichte
sehr. Und ich bin immer um sieben Uhr zu Hause.

Vielleicht doch nicht immer? fragte Chripatsch und richtete auf Sascha
einen Blick, den er durchdringend zu gestalten versuchte.

Ja, einmal habe ich mich versptet, sagte Sascha mit der ruhigen
Offenheit eines harmlosen Knaben, aber dafr bekam ich Schelte von Olga
Wassiljewna; und dann bin ich nie wieder zu spt gekommen.

Chripatsch mute schweigen. Saschas ruhige Antworten verblfften ihn. In
jedem Fall mute er ihn rgen, ihm einen Verweis erteilen, aber wie
sollte er es tun und wofr? -- ohne den Knaben auf bse Gedanken zu
bringen, die er frher (Chripatsch glaubte das) nicht gehabt hatte, --
ohne den Knaben zu krnken, -- andererseits doch so, da alles geschah,
um die Unannehmlichkeiten zu vermeiden, die ihm in Zukunft aus diesem
Verkehr erwachsen konnten.

Chripatsch berlegte, wie schwer und verantwortungsvoll doch die
Pflichten eines Pdagogen wren, besonders, wenn man die Ehre hat, einer
Lehranstalt vorzustehen. Ja, schwer und verantwortungsvoll sind die
Pflichten eines Pdagogen! Diese banale Ueberlegung beflgelte seine
erlahmenden Gedanken. Er begann zu reden, schnell, deutlich und
langweilig. Aus dem hundertsten ins tausendste mute Sascha hren:

... Ihre erste Pflicht als Schler, ist -- zu arbeiten ... man darf
sich nicht geselligen Vergngungen hingeben, wenn diese auch sehr
angenehm und ganz einwandfrei sein sollten ... in jedem Falle mu gesagt
werden, da ein Verkehr mit Altersgenossen fr Sie ersprielicher ist ..
Man mu sein eigenes Renommee und das der Schule zu wahren wissen ...
Endlich, -- ich sage es Ihnen geradeheraus, -- habe ich Grund zu der
Annahme, da Ihr Verhltnis zu den jungen Damen den Charakter einer zu
groen Freiheit trgt, einer Freiheit, die bei Ihrem Alter unstatthaft
ist, und die den allgemein anerkannten Regeln der guten Sitte nicht
entspricht.

Sascha mute weinen. Es tat ihm so leid, da man von der lieben Ludmilla
denken und reden konnte wie von einer Person, mit der man unanstndig
und frei verkehren konnte.

Mein Ehrenwort, es ist nichts Schlimmes vorgefallen, beteuerte er,
wir haben nur zusammen gelesen, sind spazieren gegangen, spielten, --
nun ja -- haben getollt, -- und weiter sind gar keine Freiheiten
vorgekommen.

Chripatsch klopfte ihm auf die Schulter und sagte mit einer Stimme, die
herzlich klingen sollte und traurig klang:

Hren Sie mal, Pjilnikoff ...

(Oder sollte er den Knaben Sascha nennen? Das ist zu unfrmlich, und
eine diesbezgliche Verfgung des Ministers ist noch nicht getroffen!)

Ich glaube Ihnen, da nichts Schlimmes vorgefallen ist. Immerhin tten
Sie gut daran, Ihre hufigen Besuche einzustellen. Glauben Sie mir, --
es wird besser sein. Das sage ich Ihnen nicht nur als Ihr Lehrer und
Vorgesetzter, sondern auch als Freund.

Sascha blieb nichts anderes brig, als sich zu verbeugen, sich zu
bedanken -- und zu gehorchen. Zu Ludmilla kam er nur auf fnf oder zehn
Minuten gelaufen, -- bemhte sich aber doch, sie an jedem Tage
aufzusuchen. Es war doch rgerlich, sie nur so flchtig sehen zu knnen,
-- und seinen Aerger darber lie er an Ludmilla selber aus. Es kam oft
vor, da er sie Ludmilka, dumme Gans, Eselin von Siloah nannte, oder da
er sie schlug. Darber mute Ludmilla lachen.

                   *       *       *       *       *

Durch die Stadt ging das Gercht, die Schauspieler des Theaters wollten
in der Brgermue ein Kostmfest veranstalten mit Preisen fr die
schnsten Kostme fr Herren und Damen. Ueber die Preise waren die
bertriebensten Gerchte in Umlauf. Es wurde erzhlt, die Dame wrde
eine Kuh erhalten, der Herr -- ein Fahrrad. Diese Gerchte erregten die
Gemter. Jeder wnschte sich den Preis: es waren so solide Dinge. Voll
Eifer nhte man an den Kostmen. Man gab viel Geld aus und lie es sich
nicht leid sein. Vor den besten Freunden verheimlichte man seine Plne,
damit die glnzende Idee nicht vorweggenommen wrde.

Als das gedruckte Programm ber das Kostmfest erschien, -- riesige
Affichen, die an alle Zune geklebt und jedem angesehenen Brger ins
Haus geschickt wurden, -- erwies es sich, da man weder eine Kuh, noch
ein Fahrrad erhalten konnte, sondern die Dame sollte nur einen Fcher,
der Herr nur ein Album bekommen. Das enttuschte und verstimmte alle,
die sich zum Kostmfest vorbereitet hatten. Man murrte. Man sagte:

Es lohnte sich Geld auszugeben!

Es ist einfach lcherlich -- solche Preise.

Man htte es von Anfang an sagen mssen.

Nur bei uns kann man _so_ mit dem Publikum umspringen.

Trotzdem wurden die Vorbereitungen fortgesetzt: waren die Preise auch
miserabel, so war es doch schmeichelhaft, sie zu erhalten.

Darja und Ludmilla nahmen weder zu Anfang noch spter ein Interesse an
der Preisverteilung. Was sollten sie mit einer Kuh! oder war ein Fcher
etwas Besonderes! Und wer wrden die Preisrichter sein? Was fr einen
Geschmack konnten sie -- die Richter -- entwickeln! Aber beide
Schwestern waren entzckt von Ludmillas Einfall, Sascha als Dame auf das
Kostmfest mitzunehmen, so die ganze Stadt zu hintergehen und es zu
betreiben, da er den Preis erhielte. Auch Valerie gab sich den
Anschein, als wre sie einverstanden. Eiferschtig und schwchlich wie
ein Kind, rgerte sie sich: es war Ludmillas Freund, nicht ihrer, --
aber sie wagte es nicht, mit den beiden lteren Schwestern Streit
anzufangen. Sie sagte nur verchtlich lchelnd:

Er wird es nicht wagen.

Das fehlte noch, sagte Darja resolut, wir werden es so einrichten,
da niemand davon erfhrt.

Und als die Schwestern Sascha ihre Idee mitteilten, und als Ludmilla
sagte:

Wir werden dich als Japanerin verkleiden, da sprang und quiekte er vor
Vergngen. Mochte kommen was wollte, -- und besonders, wenn keiner davon
erfhrt, -- ihm sollte es recht sein, -- wie sollte er nicht
einverstanden sein! -- das ist doch so furchtbar lustig, -- alle hinters
Licht zu fhren.

Man beschlo auf der Stelle Sascha als Geisha zu verkleiden. Die
Schwestern bewahrten ihren Plan als strengstes Geheimnis, -- nicht
einmal Larissa oder der Bruder wuten darum. Das Geishakostm schnitt
Ludmilla nach einer Etikette auf einem Korylopsisflschchen zu: ein
Kleid aus gelber Seide, auf rotem Atlas gefttert, sehr lang und weit,
wie ein Schlafrock; auf das Kleid stickte sie ein buntes Muster, --
groe Blumen in sonderbaren Linien.

Auch Schirm und Fcher fertigten die jungen Damen selber an, -- der
Fcher war aus dnnem, gemustertem japanischem Papier auf Bambusstbchen
gezogen, der Sonnenschirm aus rosa Seide ebenfalls an einem Bambusrohr.
An die Fe zogen sie ihm rosa Strmpfe und hlzerne Pantoffelchen auf
kleinen Brettern.

Auch die Maske fr die Geisha bemalte die Knstlerin Ludmilla: ein
gelbliches, aber liebes, schmales Gesichtchen mit einem leichten,
starren Lcheln auf den Lippen, schrgliegende Schlitze fr die Augen,
und ein schmaler, kleiner Mund. Nur die Percke mute man sich aus
Petersburg kommen lassen, -- schwarze, glatt aufgekmmte Haare.

Man brauchte Zeit, um das Kostm anzuprobieren, und Sascha konnte immer
nur fr Augenblicke kommen, nicht einmal tglich. Aber alles fand sich:
Sascha lief in der Nacht davon, wenn die Kokowkina schlief, durchs
Fenster. Alles ging glatt.

                   *       *       *       *       *

Auch Warwara rstete sich zum Kostmfest. Sie kaufte eine Maske, die
irgend eine dumme Fratze vorstellte, und um das Kostm kmmerte sie sich
nicht viel, -- sie kleidete sich als Kchin, an die Schrze hngte sie
sich einen Kochlffel. Auf den Kopf setzte sie sich ein weies Hubchen,
die Arme lie sie bis zu den Ellenbogen frei, schminkte sie grndlich --
kurz sie war eine Kchin wie vom Herde gekommen, -- und ihr Kostm war
fertig. Gibt man ihr den Preis -- ihr soll's recht sein, erhlt sie
keinen -- auch gut.

Die Gruschina hatte beschlossen, sich als Diana zu kostmieren. Warwara
mute lachen und fragte:

Werden Sie auch ein Halsband tragen?

Warum denn ein Halsband? fragte die Gruschina erstaunt.

Aber wie denn, erklrte Warwara, Sie haben doch beschlossen, als Hund
zu kommen.

Welcher Unsinn! antwortete die Gruschina lachend, doch nicht als
Hund, sondern als die Gttin Diana.

Warwara und die Gruschina kleideten sich zusammen in der Wohnung der
Gruschina zum Feste an. Das Kostm der Gruschina war auerordentlich
oberflchlich: kahle Arme und Schultern, kahler Rcken, kahle Brust, die
Fe steckten in leichten Pantoffelchen und waren bis zu den Knien blo;
im brigen trug sie ein leichtes Gewand aus weier Leinwand mit einem
roten Besatz, auf dem nackten Krper, -- ein kurzes Rckchen, dafr aber
sehr weit und sehr faltig. Warwara sagte schmunzelnd:

Nackicht!

Die Gruschina antwortete gemein lchelnd:

Dafr werden alle Mannsleute mir nachziehen.

Wozu denn die vielen Falten? fragte Warwara.

Um darin Sigkeiten fr meine Ghren zu verstauen, erklrte die
Gruschina.

Alles was die Gruschina so khn den Blicken freilegte -- war schn; --
aber welche Widersprche! Auf der Haut -- Flohstiche, grobe Manieren,
Worte von unertrglicher Gemeinheit. Auch hier -- die in den Staub
gezerrte Schnheit des Krpers.

                   *       *       *       *       *

Peredonoff glaubte, das ganze Fest fnde nur statt, um ihn auf irgend
etwas zu ertappen. Dennoch ging er hin, -- aber ohne Kostm, im
gewhnlichen Rock, -- um selber zu sehen, was fr bse Dinge man gegen
ihn vorhtte.

Der Gedanke an das Fest unterhielt Sascha einige Tage. Dann aber regten
sich in ihm Bedenken. Wie sollte er von Hause fortkommen? Besonders
jetzt, nach all den unangenehmen Geschichten. Wie, wenn man es im
Gymnasium erfhrt: man wrde ihn sofort exmittieren.

Noch neulich hatte zu ihm der Ordinarius, -- ein junger Mensch, der so
liberal dachte, da er es nicht ber die Lippen brachte, einen Kater
einfach Wassjka zu rufen, dafr aber: der Kater Basil sagte, --
bedeutungsvoll beim Verteilen der Zensuren bemerkt:

Sehen Sie zu, Pjilnikoff! Seien Sie mehr bei der Sache.

Ich habe keine einzige Zwei, hatte Sascha sorglos geantwortet.

Aber der Mut war ihm doch gesunken. Was wrde er noch sagen? Nein,
nichts, er schwieg, sah ihn nur streng an.

Am Tage des Festes schien es Sascha, da er nicht den Mut finden wrde,
hinzugehen. Es war doch schrecklich.

Nur dieses ein, -- das fertige Kostm, das bei Rutiloffs lag, -- sollte
es wirklich umsonst genht worden sein? All die Mhe und Arbeit, --
sollte sie wirklich umsonst gewesen sein? Ludmilla wrde weinen. Nein,
man mu gehn.

Nur die in den letzten Wochen erworbene Fertigkeit, Dinge zu
verheimlichen, machte es ihm mglich, der Kokowkina seine Aufregung zu
verbergen. Zum Glck ging die Alte frh zu Bett. Auch Sascha legte sich
frh nieder, -- vorsichtshalber entkleidete er sich, legte seine Kleider
auf einen Stuhl vor die Tr und stellte seine Stiefel daneben.

Nun blieb noch das Schwerste, -- unbemerkt sich aus dem Staube zu
machen. Der Weg durchs Fenster war ihm von frher her vertraut, als noch
die Anproben stattfanden.

Er zog sich eine helle Sommerbluse an, -- sie hing im Kleiderschrank in
seinem Zimmer, -- leichte Hausschuhe, und vorsichtig kletterte er durch
Fenster auf die Strae, nachdem er einen gnstigen Augenblick abgewartet
hatte; weder Stimmen noch Schritte waren in der Nhe zu hren.

Ein feiner Regen fiel vom Himmel. Auf der Strae war es schmutzig, kalt
und finster. Aber Sascha glaubte, alle Welt mte ihn erkennen. Er warf
Mtze und Schuhe wieder durchs Fenster in seine Stube, krempelte sich
die Hosen auf und lief in Sprungschritten barfu ber die vom Regen
glitschigen, morschen Brettersteige. In der Dunkelheit ist ein Gesicht
schwer zu erkennen, besonders das eines Laufenden, und man wird ihn,
wenn er jemand treffen sollte, fr einen einfachen Jungen halten, den
man in einen Laden geschickt hat.

                   *       *       *       *       *

Valerie und Ludmilla hatten fr sich selber nicht gerade originelle,
doch aber farbenfreudige Kostme angefertigt; Ludmilla war eine
Zigeunerin, Valerie eine Spanierin. Ludmilla trug grelle rote Flicken
aus Seide und Samt; die schmchtige, zerbrechliche Valerie schwarze
Seide und Spitzen; in der Hand hielt sie einen schwarzen Spitzenfcher.
Darja hatte fr sich nichts Neues genht, -- noch vom vorigen Jahre
hatte sie das Kostm einer Trkin; das legte sie an.

Es lohnt nicht sich was auszudenken! sagte sie entschieden.

Als Sascha angelaufen kam, machten sich alle drei Schwestern daran, ihn
herzurichten. Die grte Sorge machte ihm seine Percke.

Wenn sie herunterfllt, wiederholte er ngstlich.

Man befestigte sie ihm mit Bndern unter dem Kinn ...




                                  XXIX


Das Kostmfest fand in der Brgermue statt; das war ein zweistckiges,
ziegelrot gestrichenes, kasernenartiges Steingebude auf dem Bazarplatz.
Gromoff-Tschistoplotskji, Regisseur und Schauspieler am stdtischen
Theater, war der Veranstalter des Festes.

Vor der Auffahrt, ber die ein Kalikodach gespannt war, brannten
Lmpchen. Das Volk auf der Strae kritisierte die zum Feste Anfahrenden
oder zu Fu Kommenden meist abfllig; dies war verstndlich, denn auf
der Strae konnte man von den Kostmen unter den Oberkleidern fast
nichts sehn, und man urteilte in der Regel aufs Geratewohl. Die
Schutzleute sorgten hinreichend fr Ordnung auf der Strae; im Saale
befanden sich aber als Gste der Chef der Landpolizei und der
Polizeileutnant.

Jeder Teilnehmer erhielt am Eingang zwei kleine Billette: das eine war
rosa und galt dem schnsten Damenkostm, das andere grne -- dem
Herrenkostm. Diese Billette konnte man den Wrdigsten bergeben. Manche
erkundigten sich:

Darf man es fr sich selber behalten?

Anfangs fragte der Kassierer ganz erstaunt:

Warum fr sich selber?

Aber wenn ich nun mein Kostm fr das schnste halte, antwortete der
Festteilnehmer.

Spter wunderte sich der Kassierer nicht mehr ber diese Fragen, sagte
vielmehr mit sarkastischem Lcheln (es war ein spttischer junger Mann):

Ganz, wie es Ihnen beliebt. Behalten Sie, wenn Sie wollen, beide fr
sich.

Die Sle waren nicht sehr sauber, und ein groer Teil der Anwesenden war
schon zu Anfang betrunken.

In den engen Rumen, mit ihren verrucherten Wnden und Decken, brannten
schiefe Lster; sie waren bermig gro, schwer und schienen einem die
Luft zu nehmen. Die verblichenen Portieren an den Tren sahen so aus,
da es widerlich war, sie zu streifen.

Hier und dort standen die Menschen in Gruppen; man hrte Ausrufe und
Gelchter, -- es galt jenen, die so kostmiert waren, da sie die
allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkten.

Der Notar Gudajewskji war als Indianer erschienen; im Haar hatte er
Hahnenfedern, seine kupferrote Maske wies grne, sinnlose Ttowierungen
auf; er trug eine Lederjoppe, um die Schultern ein gewrfeltes Plaid und
hohe, lederne Stiefel, mit grnen Troddeln. Er fuchtelte mit den Hnden,
sprang und ging im Turnerschritt, wobei er seine nackten, stark
gebogenen Kniee weit vorwarf.

Seine Frau hatte sich als Aehre gekleidet. Sie trug ein buntes Kleid,
das aus grnen und gelben Lappen zusammengeflickt war; nach allen Seiten
starrte sie von Aehren, die sie berallhin gesteckt hatte. Diese
kitzelten und stachen jeden, der ihr in die Nhe kam. Man zupfte und
kniff sie. Sie schimpfte wtend:

Ich werde kratzen! quiekte sie.

Ringsherum lachte man.

Woher hat sie all die Aehren? fragte jemand.

Sie hat im Sommer Vorrat gesammelt, antwortete man ihm, jeden Tag war
sie im Felde und hat gemaust.

Einige bartlose Beamte, -- die in die Gudajewskaja verliebt waren und
denen darum schon frher mitgeteilt worden war, was sie anhaben wrde,
-- begleiteten sie. Sie sammelten fr sie Billette, -- fast mit Gewalt,
mit Grobheiten. Manchen, die weniger selbstndig waren, nahmen sie die
Billette einfach aus der Hand.

Aber es gab auch andere kostmierte Damen, die durch ihre Herren
Billette fr sich sammeln lieen. Andere wieder blickten gierig auf die
noch nicht hergegebenen Zettelchen und bettelten darum. Man antwortete
ihnen mit Grobheiten.

Eine verzagte Dame, die als Nacht gekleidet war, -- sie trug ein
blaues Kleid und hatte ein glsernes Sternchen und einen papierenen
Halbmond an der Stirn, -- sagte schchtern zu Murin:

Geben Sie mir Ihr Billettchen!

Murin antwortete grob:

Wer bist du! Dir ein Billett! Ungewaschenes Maul -- du!

Die Nacht brummte bse und ging. Sie wollte zu Hause nur zwei oder
drei Billettchen vorzeigen und sagen: seht, -- die hat man _mir_
gegeben. Aber bescheidne Hoffnungen sind immer erfolglos.

Die Lehrerin Skobotschkina war als Brin erschienen, d. h. sie hatte
sich einfach ein Brenfell um die Schultern geworfen, und den Rachen des
Bren wie einen Helm auf ihren Kopf ber die gewhnliche Halbmaske
gestlpt. Im allgemeinen war das natrlich lppisch; ihrer massiven
Struktur aber und ihrer saftigen Stimme stand das wohl an. Die Brin
schritt mit schweren Schritten einher und knurrte durch den ganzen Saal,
da die Flammen in den Kronleuchtern zitterten.

Vielen gefiel das. Sie erhielt nicht wenig Billette. Aber sie verstand
es nicht, sie aufzubewahren, und einen findigen Begleiter, wie die
andern, hatte sie nicht. Kleine Kaufleute hatten sie betrunken gemacht,
aus lauter Mitgefhl fr ihre Fhigkeit das Gebaren eines Bren so gut
nachzuahmen. Man schrie:

Seht nur, die Brin suft Schnaps.

Die Skobotschkina konnte sich nicht entschlieen, den Schnaps dankend
abzulehnen. Sie glaubte eine Brin msse Schnaps trinken, wenn er ihr
angeboten wrde. Bald war sie betrunken; da stahlen ihr Darja und
Ludmilla sehr geschickt mehr als die Hlfte ihrer Billette und gaben sie
Sascha.

Durch seinen stattlichen Wuchs fiel ein alter Germane auf. Vielen gefiel
es, da er so krftig gebaut war und da man seine Arme sehen konnte,
gewaltige Arme mit einer vorzglich entwickelten Muskulatur. Ihm folgten
hauptschlich Damen, und rings um ihn tnte lobendes, wohlwollendes
Geflster. Im alten Germanen glaubte man den Schauspieler Bengalskji zu
erkennen. Bengalskji war beliebt. Darum gaben ihm viele ihre Zettel. Man
folgerte so:

Wenn ich den Preis nicht erhalte, so mag ihn ein Schauspieler oder eine
Schauspielerin haben. Erhlt ihn einer aus unserer Gesellschaft, so
qult er einen mit seinen Prahlereien zu Tode.

Auch das Kostm der Gruschina fand Beifall, -- wie eben etwas
Skandalses Beifall findet. In dichten Scharen folgten ihr die Mnner;
sie lachten und machten unfltige Bemerkungen. Die Damen wandten sich ab
und waren emprt. Endlich trat der Polizeileutnant zur Gruschina und
sagte, s schmunzelnd:

Gndigste, Sie werden sich bedecken mssen.

Was gibt's denn da? Man sieht nichts Unanstndiges an mir, antwortete
die Gruschina frech.

Gndigste, die Damen fhlen sich beleidigt, sagte Mintschukoff.

Der Teufel soll Ihre Damen holen, zeterte die Gruschina.

Nein, bitte, Gndigste, bat Mintschukoff, haben Sie die
Liebenswrdigkeit, wenigstens Ihre Brstchen und Ihr Rckchen mit einem
Taschentchlein zu bedecken.

Wenn mein Taschentuch aber vollgeschneuzt ist? antwortete die
Gruschina gemein lachend.

Mintschukoff aber beharrte:

Wie es Ihnen beliebt, Gndigste. Nur, -- wenn Sie sich nicht bedecken,
sehe ich mich gezwungen, Sie zu entfernen.

Schimpfend und spuckend, ging die Gruschina in die Garderobe und
breitete, mit Hilfe eines Dienstmdchens, einige Falten ihres Kleides
ber Rcken und Brust. Als sie in den Saal zurckkehrte, wenn auch etwas
bescheidner in ihrem Ansehen, suchte sie doch wieder eifrig nach
Anbetern. In plumper Weise scherzte sie mit allen Mnnern. Als deren
Aufmerksamkeit aber in eine andere Richtung gelenkt wurde, ging sie ins
Buffetzimmer, um Sigkeiten zu stehlen.

Bald kehrte sie wieder in den Saal zurck, zeigte Wolodin zwei
Pfirsiche, schmunzelte perfid und sagte:

Darauf bin ich selber gekommen.

Und sofort verschwanden die Pfirsiche wieder in den Falten ihres
Gewandes. Wolodin bleckte erfreut die Zhne.

Nun, sagte er, dann gehe auch ich, -- wenn es sich _so_ verhlt.

Bald war die Gruschina betrunken und betrug sich auerordentlich laut,
-- sie schrie, fuchtelte mit den Hnden, spuckte.

Eine muntere Dame -- die Diana, sagte man von ihr.

Das war das Kostmfest, zu dem die verdrehten jungen Damen den
leichtsinnigen Gymnasiasten mitgenommen hatten. In zwei Droschken kamen
die drei Schwestern und Sascha schon recht spt angefahren, --
seinetwegen hatten sie sich versptet.

Ihr Kommen wurde im Saal bemerkt. Besonders die Geisha gefiel vielen. Es
ging das Gercht, die Schauspielerin Kaschtanowa, -- besonders der
mnnliche Teil der Gesellschaft hatte eine Vorliebe fr sie, -- wre als
Geisha kostmiert. Daher erhielt Sascha sehr viele Billette.

Die Kaschtanowa war aber gar nicht gekommen, -- am Vorabend war ihr
kleiner Sohn schwer erkrankt.

Sascha, trunken von dem vielen Neuen was er sah, kokettierte ganz
unglaublich. Je mehr sich die Zettel in der kleinen Hand der Geisha
huften, desto frhlicher und mutwilliger blitzten die Augen der
koketten Japanerin durch die schmalen Schlitze in der Maske.

Die Geisha hockte nieder, hob ihre schmalen Fingerchen, kicherte mit
verstellter Stimme, spielte mit ihrem Fcher, klopfte damit diesem oder
jenem Herren auf die Schulter, und versteckte sich dann hinter dem
Fcher, und jeden Augenblick klappte sie ihren rosa Sonnenschirm auf und
zu. Nicht sonderlich schlaue Handgriffe, -- jedenfalls gengten sie, um
alle die zu gewinnen, welche die Schauspielerin Kaschtanowa verehrten.

Ich gebe mein Papier, -- der Allerschnsten -- dir! sagte Tischkoff
und berreichte sein Billett mit einem jugendlichen Kratzfu der Geisha.

Er hatte schon viel getrunken und war ganz rot; sein in einem ewigen
Lcheln erstarrtes Gesicht und seine ungelenke Figur machten ihn einer
Puppe hnlich. Und immer reimte er.

Valerie sah Saschas Erfolge und beneidete ihn; sie htte es zu gern
gesehn, da man sie erkannt htte, da ihr Kostm und ihre schmale,
schlanke Gestalt allen gefiele, und da sie den Preis erhielte. Gleich
fiel es ihr aber zu ihrem Aerger ein, da das ganz ausgeschlossen war:
die drei Schwestern hatten verabredet, Billette nur fr die Geisha
aufzutreiben, und ihre eigenen Zettelchen, die sie etwa bekommen
sollten, ebenfalls der Geisha zu geben.

Im Saale wurde getanzt. Wolodin, stark angeheitert, tanzte den
Kasatschek.[12] Der Polizeileutnant verbot ihm das. Er sagte
frhlich-gehorsam:

Nun, wenn es verboten ist, so tue ich es auch nicht.

Zwei Brger aber, die seinem Beispiel gefolgt waren, und den Trepak
tanzten, wnschten, nicht nachzugeben:

Mit welchem Recht? Fr _meinen_ Fnfziger! riefen sie, wurden aber
hinausgefhrt.

Wolodin begleitete sie, verrenkte die Glieder, bleckte die Zhne und
hopste dazu.

                   *       *       *       *       *

Frulein Rutiloffs beeilten sich, Peredonoff aufzufinden, um sich ber
ihn lustig zu machen. Er sa allein, an einem Fenster und blickte mit
irren Augen in die Menge. Menschen und Gegenstnde schienen ihm sinnlos
und aufgelst, doch aber ihm feindlich zu sein.

[Funote 12: Russischer Nationaltanz; wird in sitzender Stellung
getanzt, -- die Beine werden vorgeworfen.]

Ludmilla, die Zigeunerin, trat auf ihn zu und sagte mit verstellter,
tiefer Stimme:

Mein lieber Herr, ich will dir wahrsagen.

Geh zum Teufel! rief Peredonoff.

Das pltzliche Erscheinen der Zigeunerin hatte ihn erschreckt.

Guter Herr, mein goldner Herr, gib mir deine Hand. Ich sehe es an
deinem Gesicht, -- du wirst reich werden, du wirst ein hoher
Vorgesetzter werden, bettelte Ludmilla und nahm einfach Peredonoffs
Hand.

Sieh zu, da du mir nur Gutes sagst, brummte Peredonoff.

O, du mein diamantner Herr, wahrsagte Ludmilla, du hast viele Feinde,
man wird dich angeben, du wirst weinen; unter einem Zaune wirst du
sterben.

Ach du Luder! schrie Peredonoff und ri seine Hand los.

Ludmilla war mit einem Satz in der Menge verschwunden. Valerie lste sie
ab, -- sie setzte sich neben Peredonoff und flsterte zrtlich:

   Ich bin eine span'sche Dirne,
   Liebe dich wie nie zuvor, --
   Dumm ist deine Frau im Hirne,
   Mein geliebtester Signor.

Du lgst, dumme Gans, knurrte Peredonoff.

Valerie flsterte:

   Hei wie Tage, s wie Nchte
   Ist mein Sevillaner-Ku --
   Spucke deiner Frau -- der schlechten
   In die Augen Speichelflu.
   Deine Frau -- sie heit Barbare,
   Du bist schn, mein Ardalljon.
   Du und sie seid schlecht im Paare --
   Du bist klug, wie Salomon.

Das ist richtig, sagte Peredonoff, wie soll ich ihr aber in die Augen
spucken? Sie wird sich bei der Frstin beklagen, und die wird mir keine
Stelle verschaffen.

Wozu brauchst du eine Stelle? Du bist auch ohne Stelle lieb und gut,
sagte Valerie.

Ach, wie soll ich denn leben, wenn man mir keine Stelle gibt, sagte
Peredonoff mutlos.

                   *       *       *       *       *

Darja schob Wolodin ein Briefchen in die Hand, das mit einer rosa Oblate
verklebt war. Erfreut meckernd ffnete Wolodin das Kuvert und las den
Brief; er wurde nachdenklich, -- dann warf er sich in die Brust und es
schien, als htte ihn etwas aus der Fassung gebracht. Kurz und klar
stand geschrieben:

Komm Liebling, morgen um elf Uhr abends zu einem Stelldichein in die
Militrbadstube. Deine dir ganz fremde J.

Wolodin glaubte an die Aufrichtigkeit der Briefschreiberin, aber es
fragte sich nur, -- lohnte es berhaupt, hinzugehen? Wer ist diese J?
Eine Jenny vielleicht? Oder fngt ihr Familienname mit dem Buchstaben J
an?

Wolodin zeigte Rutiloff den Brief.

Geh hin, natrlich geh hin! berredete ihn Rutiloff. Sieh zu, was
dabei herauskommt. Vielleicht ist es eine reiche Braut; sie hat sich in
dich verliebt; aber ihre Eltern sind dagegen; darum will sie sich eben
mit dir aussprechen.

Aber Wolodin dachte lange, lange nach und beschlo, da es nicht der
Mhe wert wre hinzugehen. Er sagte stolz:

Sie wirft sich mir an den Hals! aber solche sittenlose Mdchen liebe
ich nicht.

Er frchtete sich, dort verprgelt zu werden: die Militrbadstube war in
einer ganz verrufenen Gegend, am uersten Ende der Stadt.

                   *       *       *       *       *

Als die dichtgedrngte Menge sich in allen Rumen der Mue verteilt
hatte, schreiend, bertrieben lustig, -- hrte man an der Eingangstr
des Saales lauten Lrm, Gelchter, ermunternde Zurufe. Alles drngte
dahin. Es ging von Mund zu Munde, -- eine furchtbar originelle Maske
wre erschienen.

Durch die Menge bahnte sich den Weg ein magerer, langer Mensch. Er trug
einen geflickten, schmutzigen Schlafrock, hielt einen Birkenquast unter
dem Arm und eine Kippe[13] in der Hand. Seine Maske war aus Karton
geschnitten, -- eine dumme Fratze mit einem sprlichen Backenbrtchen,
auf dem Kopf trug er aber eine Mtze mit der Beamten-Kokarde des
Zivildienstes. Ganz erstaunt wiederholte er fortwhrend:

Man sagte mir, hier wre ein Maskenfest, und kein Mensch wscht sich.

[Funote 13: Ein kleines, hlzernes Schpfgef; wird in russischen
Badstuben gebraucht, ebenso der Birkenquast.]

Traurig schwenkte er seine Kippe. Die Menge folgte ihm, kam aus dem
Staunen nicht heraus und freute sich harmlos ber den gelungenen Scherz.

Der bekommt den Preis, sagte Wolodin neidisch.

Er beneidete ihn, wie viele andere, gewissermaen gedankenlos,
unmittelbar, -- er selber war gar nicht kostmiert; was also, sollte man
meinen, hatte er fr einen Grund, ihn zu beneiden? Matschigin dagegen
war in einem seligen Entzcken: besonders die Kokarde freute ihn. Er
lachte froh, klatschte in die Hnde und sagte zu Bekannten und
Unbekannten:

Eine vortreffliche Kritik! Diese Beamten machen so viel Wesens von
sich; sie lieben es, die Kokarde zu tragen und Uniformen; da haben sie
nun die Kritik; -- wirklich sehr geschickt!

Als es hei wurde, fchelte sich der Beamte im Schlafrock mit seinem
Birkenquast Khlung zu und rief:

Die wahre Badstube!

Alles lachte frhlich. Die Zettelchen regneten in seine Kippe.

Peredonoff sah auf den hocherhobenen Birkenquast. Er glaubte, es wre
das graue, gespenstische Tierchen.

Es ist grn geworden -- das Vieh! dachte er entsetzt.




                                  XXX


Endlich begann man, die fr die Kostme verteilten Zettelchen zu zhlen.
Die Muenvorsteher bildeten das Komitee. An der Tr des
Schiedsgerichtszimmers versammelte sich eine gespannt wartende Menge. In
den Slen wurde es fr kurze Zeit still und langweilig. Die Musik hatte
aufgehrt zu spielen. Die Gste waren verstummt. Peredonoff wurde es
unheimlich.

Aber bald fing man wieder an zu sprechen, man murrte ungeduldig, man
lrmte. Jemand versichert, beide Preise kmen in die Hnde von
Schauspielern.

Sie werden es sehen! hrte man jemandes entrstete, zischende Stimme.

Viele glaubten es. Man war erregt. Jene, die nur wenig Zettel erhalten
hatten, rgerten sich schon darber. Jene, die viele erhalten hatten,
erregte die Mglichkeit einer vielleicht zu erwartenden Ungerechtigkeit.

Pltzlich bimmelte gell und durchdringend ein Glckchen. Die
Preisrichter kamen heraus: Weriga, Awinowitzkji, Kiriloff und die
brigen Vorstnde. Wellenartig verbreitete sich eine verlegene Stille im
ganzen Saal, -- pltzlich war alles verstummt.

Awinowitzkji verkndete mit lautschallender Stimme:

Das Album, als Preis fr das beste Herrenkostm, erhlt, der grten
Zettelanzahl zufolge, der Herr im Kostm eines alten Germanen.

Awinowitzkji hob das Album hoch und blickte bse auf die sich stauende
Menge. Der urwchsige Germane bahnte sich einen Weg. Er begegnete nur
feindlichen Blicken. Man wollte ihm den Weg nicht freigeben.

Stoen Sie mich nicht, ich mu doch bitten! schrie weinerlich die
zaghafte Dame in Blau mit dem glsernen Sternchen und dem Papiermond an
der Stirn, -- die Nacht.

Er hat den Preis erhalten und bildet sich ein, da die Damen vor ihm
auseinandertreten mssen, hrte man jemand bse zischen.

Wenn Ihr mich doch selber nicht durchlat, antwortete der Germane mit
verhaltenem Zorn.

Endlich war er irgendwie bis zu den Preisrichtern vorgedrungen und
empfing das Album aus Werigas Hnden. Die Musik spielte einen Tusch.
Aber die Tne gingen unter in einem wsten Gelrm.

Man hrte Schimpfworte. Man umringte den Germanen, stie ihn und schrie:

Die Maske herunter!

Der Germane schwieg. Es wre ihm ein kleines gewesen, sich durch die
Menge durchzuschlagen, -- aber augenscheinlich scheute er sich davor,
seine Krfte handgreiflich anzuwenden. Gudajewskji packte das Album, und
im selben Augenblick ri jemand dem Germanen die Maske vom Gesicht. Die
Menge brllte auf:

Es _ist_ ein Schauspieler!

Die Vermutung hatte sich bewahrheitet: es war der Schauspieler
Bengalskji. Er rief rgerlich:

Nun ein Schauspieler! ist denn was dabei? Ihr selber gabt mir doch eure
Zettel.

Als Antwort ertnte wtendes Geschrei:

Betrug!

_Ihr_ drucktet die Billette!

Soviel Leute sind gar nicht da, als Zettel verteilt wurden.

Er hat ein halbes Hundert in der Tasche gehabt.

Bengalskji wurde feuerrot und schrie:

Es ist gemein, das zu behaupten. Jedermann kann die Zettel nachzhlen,
-- nach der Anzahl der Teilnehmer lt es sich bestimmen.

Unterdessen sprach Weriga zu den ihm zunchst Stehenden:

Beruhigen Sie sich, meine Herrschaften, es ist kein Betrug vorgekommen;
ich hafte dafr: die Zahl der Billette wurde beim Eingang kontrolliert.

Endlich gelang es den Vorstnden, zusammen mit einigen vernnftigen
Gsten, die Menge zu beruhigen. Alles war gespannt, wer den Fcher
erhalten wrde. Weriga verkndete:

Meine Herrschaften, die meisten Zettel fr das Damenkostm hat die Dame
im Kostm einer Geisha erhalten; ihr wurde der Preis zuerkannt, --
nmlich ein Fcher. Geisha, ich ersuche Sie, vorzutreten, der Fcher
gehrt Ihnen. Meine Herrschaften, ich ersuche Sie um die
Liebenswrdigkeit, der Geisha den Weg freizugeben.

Die Musik spielte zum zweiten Mal einen Tusch. Die erschreckte Geisha
wre froh gewesen, wenn sie htte davonlaufen knnen. Man stie sie aber
vor, lie ihr den Weg und fhrte sie vor die Preisrichter.

Weriga berreichte ihr mit liebenswrdigem Lcheln den Fcher. Vor
Saschas von Angst und Verlegenheit verschleierten Augen blinkte etwas
Buntes und Reizendes. Man mu sich bedanken, -- ging es ihm durch den
Kopf. Er murmelte die gewohnten Hflichkeitsformeln eines gesitteten
Jungen.

Die Geisha hockte nieder, sagte ein paar unverstndliche Worte,
kicherte, hob ihre Fingerchen, -- und wieder ertnte ein wstes Gejohl
durch den Saal, es wurde gepfiffen, geschimpft. Alles drngte und
strmte zur Geisha.

Hock nieder, gemeine Dirne! schrie die Aehre wtend und strubte ihre
Stacheln, hock nieder!

Die Geisha wollte zur Tr hinaus; man vertrat ihr den Weg. In der Menge,
die die Geisha umtoste, hrte man bses Geschrei:

Sie mu ihre Maske abnehmen!

Die Maske herunter!

Haltet sie! Fangt sie!

Nieder -- die Maske!

Reit ihr den Fcher fort!

Die Aehre schrie:

Wit ihr auch, wer den Preis erhalten hat? Die Schauspielerin
Kaschtanowa. Sie hat einen fremden Mann abspenstig gemacht, und erhlt
den Preis! Die rechtschaffenen Frauen bekommen nichts; eine feile Dirne
erhlt ihn!

Sie warf sich auf die Geisha, quiekte durchdringend und ballte die
mageren Fustchen. Viele andere folgten ihrem Beispiel, -- hauptschlich
ihre Begleiter.

Die Geisha schlug verzweifelt um sich. Es war eine wilde Hetze. Der
Fcher wurde ihr entrissen, zerbrochen, auf den Boden geworfen,
zerstampft. Wie besessen rannte die Menge -- die Geisha mitten darin --
durch den Saal; Zuschauer wurden ber den Haufen gerannt. Weder
Rutiloffs noch die Vorstnde konnten bis zur Geisha vordringen. Die
Geisha, krftig und gelenkig, kratzte, bi, kreischte durchdringend. Die
Maske hielt sie fest vor dem Gesicht, bald mit der rechten, bald mit der
linken Hand.

Man mu sie alle niederschlagen, winselte irgend ein besonders
wtendes Dmchen.

Die betrunkene Gruschina versteckte sich hinter den andern, hetzte
Wolodin und ihre brigen Bekannten.

Matschigin hielt sich die blutende Nase mit der Hand, sprang vor und
jammerte:

Direkt mit der Faust in die Nase!

Ein besonders wtender junger Mensch packte einen Aermel der Geisha mit
den Zhnen und ri ihn zur Hlfte entzwei. Die Geisha rief:

Hilfe! Hilfe!

Auch die andern zerfetzten ihr Kleid. Hier und da sah man ihren bloen
Krper. Darja und Ludmilla machten verzweifelte Versuche, sich bis zur
Geisha durchzudrngen, aber vergeblich. Wolodin hielt mit solchem
Feuereifer die Geisha umklammert, -- dabei kreischte er und verrenkte
die Gliedmaen, -- da er den andern, die weniger betrunken und weniger
erbittert waren, hinderlich wurde: eigentlich strengte er sich gar nicht
aus Bosheit an, nur aus Uebermut; er dachte nmlich, das ganze wre ein
gelungener Scherz. Den Aermel vom Kostm der Geisha hatte er glcklich
ganz abgerissen; er wand ihn sich um den Kopf.

Das kann man brauchen, rief er kreischend, schnitt Fratzen und krmmte
sich vor Lachen.

Mitten unter den vielen Leuten wurde ihm zu hei; er sprang zur Seite,
gebrdete sich wie ein Toller und mit wildem Geschrei tanzte er, von
niemand behindert, auf den Ueberresten des Fchers.

Niemand war da, der ihn zur Vernunft htte rufen knnen.

Peredonoff blickte voller Entsetzen auf ihn und dachte:

Er tanzt. Er freut sich ber irgend etwas. So wird er auch auf meinem
Grabe tanzen.

Endlich gelang es der Geisha, sich loszureien, -- die Mnner, die sie
umringten, konnten ihren geschickten Fusten und scharfen Zhnen nicht
standhalten. Wie ein Wind fegte sie aus dem Saal.

Im Gang strzte sich die Aehre wieder auf die Japanerin und zerrte sie
am Kleid. Die Geisha ri sich los, aber schon war sie wieder umringt.
Die Hetze wurde fortgesetzt.

Man zaust sie an den Ohren! An den Ohren! schrie jemand.

Irgend ein Dmchen hatte die Geisha am Ohr gepackt, zauste sie und lie
ein lautes, triumphierendes Geschrei ertnen. Die Geisha kreischte auf,
hieb mit der Faust auf die Arme des bsen Dmchens und ri sich mit Mhe
los. Endlich gelang es Bengalskji, der sich unterdessen in seine
gewhnlichen Kleider geworfen hatte, mit Gewalt bis zur Geisha
vorzudringen. Er nahm die zitternde Japanerin auf den Arm, schtzte sie
mit seinem riesigen Krper und mit seinen Fusten, so gut es gehen
wollte, und -- die Menge gewandt mit Ellenbogen und Beinen
auseinanderschiebend -- trug er sie hinaus. Man brllte:

Schurke, gemeiner Kerl!

Man zupfte und schlug auf seinen Rcken ein. Er schrie:

Ich erlaube es nicht, einer Frau die Maske abzureien. Tut, was ihr
wollt -- ich erlaube es nicht.

So trug er die Geisha durch den ganzen Gang. Der Gang mndete durch eine
schmale Tr ins Ezimmer. Hier gelang es Weriga, fr einige Zeit die
Nachstrmenden aufzuhalten. Mit der Entschlossenheit eines alten
Militrs fate er vor der Tr Posten, sie mit seinem Rcken deckend und
sagte:

Keinen Schritt weiter, meine Herrschaften.

Die Gudajewskaja, raschelnd von den Ueberresten ihrer zerzausten Aehren,
hpfte gegen Weriga an, drohte ihm mit ihren Fustchen und keifte:

Fort von da! Durchlassen!

Aber das bitterkalte Gesicht des Generals und seine entschlossenen
grauen Augen hielten sie von Ttlichkeiten ab. In blinder Wut schrie sie
ihren Mann an:

Httest du ihr wenigstens eine Ohrfeige heruntergehauen, -- du hast
geschlafen, Idiot.

Es war unbequem anzukommen, verteidigte sich der Indianer und
fuchtelte sinnlos mit den Hnden, Pawluschka drehte sich mir immer
unter die Arme.

In die Zhne httest du ihr hauen sollen, aufs Ohr; geniertest dich
wohl! schrie die Gudajewskaja.

Man drngte gegen Weriga. Gemeine Schimpfworte wurden laut. Weriga stand
mutig vor der Tr und berredete die Zunchststehenden, ihr unwrdiges
Betragen zu lassen.

Der Kchenjunge ffnete hinter Werigas Rcken die Tr und flsterte:

Sie sind fortgefahren, Ew. Exzellenz.

Weriga trat zur Seite. Alles strmte in das Ezimmer, von dort in die
Kche, -- man suchte die Geisha, konnte sie aber nicht finden.

Bengalskji war, die Geisha auf den Armen, durch das Ezimmer und durch
die Kche gelaufen. Sie lag ganz ruhig an seiner Brust und sagte kein
Wort. Bengalskji schien es, als hrte er ihr Herz stark schlagen. Ihre
nackten Arme waren fest verschlungen; an ihnen bemerkte er einige
Kratzwunden und in der Nhe des Ellbogens einen blau-gelben Fleck, der
von einem Schlage herrhrte.

Mit erregter Stimme rief Bengalskji der sich drngenden Dienerschaft zu:

Rascher, einen Mantel, einen Schlafrock, ein Laken, irgend etwas -- man
mu die gndige Frau retten.

Irgend jemandes Mantel wurde Sascha ber die Schultern geworfen,
Bengalskji hllte ihn notdrftig ein, und fort ging es ber die enge
Stiege, die sprlich von schwelenden Petroleumlampen erleuchtet war,
hinaus auf den Hof, durch ein Pfrtchen in eine Nebengasse.

Demaskieren Sie sich; in der Maske wird man Sie eher erkennen; hier in
der Dunkelheit ist es doch einerlei, sagte er recht unzusammenhngend,
ich werde es keinem Menschen sagen.

Er war neugierig. Er wute genau, da es nicht die Kaschtanowa war, --
aber wer war es denn?

Die Japanerin gehorchte. Bengalskji sah ein unbekanntes, brnettes
Gesicht, in dem die Angst einem Ausdruck der Freude, der Gefahr
entronnen zu sein, gewichen war. Mutwillige, schon vergngte Augen
blickten ihm entgegen.

Wie soll ich Ihnen danken! sagte die Geisha mit klangvoller Stimme.
Was wre mit mir geschehen, wenn Sie mich nicht herausgehauen htten!

Ein keckes Frauenzimmer, ein interessantes Weibsbild! dachte der
Schauspieler, -- aber wer ist sie? Offenbar eine Zugereiste, -- denn
Bengalskji kannte alle Damen der Stadt. Er sagte leise:

Ich mu Sie so schnell als mglich nach Hause bringen. Nennen Sie mir
Ihre Adresse, ich werde eine Droschke rufen.

Das Gesicht der Japanerin wurde ngstlich.

Es ist unmglich! Es ist ganz unmglich! flsterte sie, lassen Sie
mich, ich finde den Weg allein.

Wie wollen Sie denn auf Ihren Bretterchen allein heimfinden, bei diesem
schlpfrigen Wetter; -- man mu eine Droschke nehmen, entgegnete der
Schauspieler fest.

Nein, ich lauf schon allein; um Gotteswillen, lassen Sie mich, flehte
die Geisha.

Ich schwre bei meiner Ehre, kein Mensch soll es erfahren, beteuerte
Bengalskji. Ich kann Sie nicht allein lassen; Sie werden sich erklten.
Ich habe die Verantwortung fr Sie bernommen und kann einfach nicht.
Sagen Sie schnell! -- man knnte auch hier ber Sie herfallen. Sie haben
doch gesehen, -- es sind ganz wilde Leute. Sie sind zu allem fhig.

Die Geisha zitterte. Pltzlich strzten ihr die Trnen aus den Augen.

Furchtbar, furchtbar bse Menschen! sagte sie schluchzend. Bringen
Sie mich einstweilen zu Rutiloffs; ich werde bei ihnen bernachten.

Bengalskji rief eine Droschke. Man setzte sich ein und fuhr davon. Der
Schauspieler betrachtete genauer das brunliche Gesicht der Geisha. Ein
flchtiger Gedanke blitzte in ihm auf.

Er erinnerte sich an den Stadtklatsch ber die Rutiloffschen Damen, ber
Ludmilla und ihren Gymnasiasten.

Oho, du bist ja ein Bengel! sagte er flsternd, damit der Kutscher es
nicht hren sollte.

Um Gotteswillen, flehte Sascha kreidebleich.

Und seine brunlichen Arme streckten sich unter dem nachlssig
umgeworfenen Mantel mit flehentlicher Gebrde Bengalskji entgegen.

Dieser lachte leise und sagte immer noch flsternd:

Hab' keine Angst, ich sag's keinem. _Meine_ Sache ist nur -- dich in
Sicherheit zu bringen, und weiter wei ich von nichts. Allein, du bist
ein ganz verzweifelter Bengel. Wird man zu Hause nichts erfahren?

Wenn Sie es nicht verraten, wird es niemand erfahren, sagte Sascha
vershnlich-zrtlich.

Auf mich kannst du dich verlassen. Ich bin stumm, wie ein Grab,
antwortete der Schauspieler. War selber ein Junge; habe auch dumme
Streiche gemacht.

                   *       *       *       *       *

In der Mue beruhigte man sich allmhlich -- aber ein neues Unglck
setzte allem die Krone auf.

Whrend im Gang die Hetzjagd auf die Geisha stattfand, sprang das
flammende, gespenstische Tierchen ber die Kronleuchter, lachte und
flsterte Peredonoff eindringlich zu, er msse ein Streichholz
entznden, msse es -- das flammende aber unfreie Tierchen -- ber die
dstren, schmutzigen Wnde laufen lassen, und dann, wenn es sich an der
Zerstrung gesttigt, das Haus, in dem so frchterliche und
unverstndliche Dinge vorgingen, aufgefressen htte, -- dann wrde es
ihn -- Peredonoff -- ganz in Ruhe lassen. Und Peredonoff konnte seiner
zudringlichen Versuchung nicht widerstehen.

Er ging in den kleinen Salon, der neben dem Tanzsaal war. Kein Mensch
war zu sehen. Peredonoff blickte sich um, zndete ein Streichholz an,
hielt es tief an den untersten Rand eines Fenstervorhanges und wartete,
bis der Vorhang in Flammen stand. Das flammende Tierchen kroch
geschmeidig, wie eine Schlange, an dem Vorhang empor; es piepte leise
und frhlich. Peredonoff ging aus dem Salon und schlo die Tr hinter
sich. Keiner hatte die Brandstiftung gesehen.

Erst von der Strae aus sah man das Feuer, als das ganze Zimmer schon in
Flammen stand. Das Feuer machte rasche Fortschritte. Die Menschen
konnten sich retten, -- aber das Haus brannte nieder.

Am nchsten Tage sprach man in der ganzen Stadt von nichts anderm als
vom Skandal mit der Geisha und vom Feuerschaden. Bengalskji hielt Wort
und verriet nicht, da die Geisha ein Knabe gewesen war.

Sascha lief noch in derselben Nacht, nachdem er sich bei Rutiloffs
umgekleidet und sich wieder in einen einfachen, barfigen Jungen
verwandelt hatte, nach Hause, kletterte durchs Fenster und schlief ruhig
ein. In der Stadt, die nur vom Klatsch lebte, in der Stadt, in der man
ber jedermann alles in Erfahrung brachte, blieb Saschas nchtliches
Abenteuer ein Geheimnis. Fr lange Zeit; natrlich nicht fr immer.




                                  XXXI


Katharina Iwanowna Pjilnikowa, Saschas Tante und Erzieherin, erhielt
gleichzeitig zwei Briefe ber ihn, -- vom Direktor den einen, von der
Kokowkina den andern. Diese Briefe regten sie frchterlich auf. Sie lie
alles liegen und fuhr sofort, trotz der im Herbst grundlosen Wege, von
ihrem Gute in die Stadt.

Sascha war sehr froh, als sie kam, -- er liebte sie. Die Tante hegte
aber einen tiefen Groll gegen ihn. Er umarmte sie jedoch so selig, kte
ihr so froh die Hnde, da sie im ersten Augenblick nicht den ntigen
strengen Ton finden konnte.

Liebes Tantchen, wie ist es doch so gut, da du gekommen bist! sagte
Sascha und blickte ihr vergngt in das volle, frische Gesicht, mit den
so gutmtigen Grbchen in den Wangen, mit den geschftig-strengen,
braunen Augen.

Warte nur mit deiner Freude; ich mu die Saiten straffer ziehen, sagte
die Tante mit unbestimmbarer Stimme.

Das macht nichts, sagte Sascha sorglos, zieh sie straffer; wenn ich
nur wte wofr; aber ich freue mich doch frchterlich.

Frchterlich? wiederholte die Tante unzufrieden, ber _dich_ habe ich
frchterliche Dinge hren mssen.

Sascha hob die Augen und blickte die Tante aus unschuldigen, erstaunten
Augen an. Er klagte:

Hier hat sich ein Lehrer Peredonoff ausgedacht, ich wre ein Mdchen;
er verfolgt mich damit; -- auerdem hat mir der Direktor den Kopf
gewaschen, weil ich mit Frulein Rutiloffs verkehre. Als ginge ich hin,
um zu stehlen. Was geht ihn das an?

Genau so ein Kind wie frher, dachte die Tante zweifelnd. Oder ist er
schon so verdorben, da er seinen Gesichtsausdruck verstellen kann?

Sie schlo sich mit der Kokowkina in ein Zimmer und redete lange mit
ihr. Traurig trennte sie sich von ihr und fuhr spter zum Direktor. Ganz
verstimmt und traurig kehrte sie heim.

Sascha mute die hrtesten Vorwrfe ber sich ergehen lassen. Er weinte,
beteuerte aber mit Feuereifer, alles wren nur Klatschereien und er habe
sich nie irgendwelche Freiheiten in seinem Verkehr mit Frulein
Rutiloffs zuschulden kommen lassen. Die Tante glaubte ihm nicht. Sie
schalt und schalt, weinte, drohte, sie wrde ihn prgeln, grndlich
prgeln, heute noch, -- nur msse sie zuvor diese jungen Damen
gesprochen haben. Sascha schluchzte und beteuerte fortgesetzt, es wre
wirklich nichts Schlimmes vorgefallen, alles htte man unglaublich
bertrieben und erfunden.

Zornig und verweint machte sich die Tante auf den Weg zu Rutiloffs.

                   *       *       *       *       *

Katharina Iwanowna wartete im Salon bei Rutiloffs und regte sich auf.
Sie wollte den Schwestern gleich von Hause aus die heftigsten Vorwrfe
machen; bse, gehssige Worte brannten ihr auf der Zunge, -- allein der
gemtliche, hbsche Salon brachte sie ganz gegen ihren Willen auf
friedlichere Gedanken und beruhigte sie.

Eine angefangene Handarbeit, Nippesfigrchen, gute Gravren an den
Wnden, sorgfltig gepflegte Blumen auf den Fensterbnken, nirgends ein
Stubchen, und dann etwas wie eine besondere Stimmung von friedlichem
Zusammenleben, etwas, was in ungeordneten Hausstnden niemals vorkommt,
und von Hausfrauen auerordentlich geschtzt wird, -- war es denn
wirklich mglich, da in dieser traulichen Umgebung ihr bescheidener
Junge von den jungen Mdchen verfhrt worden war? Alle die
Verdchtigungen, die sie ber Sascha hatte lesen und hren mssen,
schienen Katharina Iwanowna pltzlich so unglaublich tricht zu sein, --
und, umgekehrt, wie wahrscheinlich klangen ihr nun Saschas Erklrungen
darber, was er bei Rutiloffs getrieben hatte: man hatte gelesen,
geplaudert, gespielt, gelacht, gescherzt, -- man wollte im
Familienkreise eine kleine Maskerade veranstalten, aber Olga Wassiljewna
hatte es nicht erlaubt.

Die drei Schwestern hatten aber doch einen gehrigen Schrecken gekriegt.
Sie wuten noch nicht, ob Saschas Teilnahme am Kostmfest bekannt
geworden war oder nicht. Aber sie waren zu dritt, und eine stand fr die
andre ein. Das lie sie wieder Mut fassen. Sie hatten sich alle in
Ludmillas Zimmer versammelt und berieten flsternd. Valerie sagte:

Man mu doch hingehen, -- sie wartet. Wie unhflich.

Das tut nichts. Mag sie sich abkhlen, antwortete Darja sorglos,
sonst fhrt sie gleich wtend auf uns los.

Alle drei hatten sich mit feucht-sem Klematis parfumiert; -- hbsch
angezogen, ruhig, frhlich, reizend wie immer, kamen sie in das
Gastzimmer und erfllten es mit ihrem liebenswrdigen Geplauder, mit
ihrer Anmut und Frhlichkeit.

Katharina Iwanowna war gleich bezaubert von ihrem netten, anstndigen
Aussehen.

Die haben wieder was entdeckt! dachte sie rgerlich von den Pdagogen am
Gymnasium. Dann berlegte sie, da die Dmchen sich vielleicht
verstellten und nahm sich vor, ihren Reizen nicht zu erliegen.

Entschuldigen Sie, meine Damen, ich mu mich ernstlich mit Ihnen
auseinandersetzen, sagte sie, bemht, ihrer Stimme einen
sachlich-trocknen Klang zu geben.

Die Schwestern baten sie Platz zu nehmen und schwatzten frhlich
durcheinander.

Welche von Ihnen ist es denn? ... begann Katharina Iwanowna unsicher.

Ludmilla sagte frhlich, mit der Miene einer liebenswrdigen Hausfrau,
die sich bemht, einem Gaste ber eine Verlegenheit hinwegzuhelfen:

Ich habe mich hauptschlich mit Ihrem Neffen abgegeben. Wir haben in
vielen Dingen dieselben Ansichten und denselben Geschmack.

Ihr Neffe ist ein sehr lieber Junge, sagte Darja, wie berzeugt, da
ihr Lob der Tante gefallen mute.

Wirklich, er ist sehr lieb, und so amsant, sagte Ludmilla.

Katharina Iwanowna fhlte sich mit jedem Augenblicke unsicherer. Sie
begriff mit einem Mal, da sie eigentlich nur die geringsten Handhaben
hatte, um Vorwrfe zu machen. Darber rgerte sie sich, -- und Ludmillas
letzte Worte gaben ihr Anla, ihrem Aerger Luft zu machen. Gereizt sagte
sie:

Sie amsieren sich ... und er ...

Aber Darja unterbrach sie:

O, wir merken schon, -- Peredonoffs alberne Erfindungen sind Ihnen zu
Ohren gekommen, sagte sie mitleidig. Aber wissen Sie denn nicht, da
er ganz verrckt ist. Der Direktor lt ihn nicht ins Gymnasium. Man
wartet auf einen Psychiater zur Untersuchung, dann wird er sofort vom
Gymnasium entfernt.

Aber erlauben Sie, unterbrach sie ihrerseits Katharina Iwanowna, immer
gereizter werdend, mich interessiert nicht dieser Lehrer, sondern mein
Neffe. Ich hrte, -- bitte um Verzeihung, -- da sie ihn sittlich
verderben.

Und im selben Augenblick, nachdem sie den Schwestern im Jhzorn diesen
entschiedenen Satz zugeschleudert hatte, dachte sie schon, -- sie wre
zu weit gegangen. Die Schwestern blickten einander an mit der Miene so
gut gespielter Emprung, so vollstndigen Nichtverstehenknnens, da
nicht Katharina Iwanowna allein sich htte tuschen lassen, -- sie
wurden rot, und riefen alle gleichzeitig:

Das ist nett!

Wie scheulich!

Was fr Neuigkeiten!

Gndige Frau, sagte Darja kalt, Sie whlen Ihre Worte nicht. Bevor
Sie sich grober Redewendungen bedienen, wre es angezeigt, in Erfahrung
zu bringen, wie weit diese Wendungen angebracht sind.

Oh, das ist _so_ verstndlich! sagte Ludmilla lebhaft, mit der Miene
eines gesitteten Mdchens, das gekrnkt wurde und die Krnkung verziehen
hat, er ist Ihnen doch kein Fremder. Wie sollten diese dummen Gerchte
Sie nicht aufregen. Uns, -- den Fernstehenden, -- tat er leid, darum
luden wir ihn ein. Hier in unserer Stadt macht man aus allem gleich ein
Verbrechen. Die Leute hier, wenn Sie es nur wten, sind schrecklich,
ganz schrecklich!

Schreckliche Leute! wiederholte Valerie leise mit ihrer klangvollen,
zerbrechlichen Stimme und schttelte sich, als htte sie etwas
Unsauberes berhrt.

Fragen Sie ihn doch selber, sagte Darja, sehen Sie ihn sich an: ist
er nicht ein ganzes Kind! Vielleicht sind Sie an seine Einfalt zu sehr
gewhnt, aber wir -- die ihm Fernstehenden sehen es, -- er ist noch ein
vollstndig, vollstndig unverdorbener Knabe.

Die Schwestern logen so sicher und ruhig, da es nicht mglich war,
ihnen nicht zu glauben. Und wie htte es anders sein knnen, -- ist doch
die Lge sehr oft der Wahrheit hnlicher als die Wahrheit. Fast immer.
Die Wahrheit kann doch unmglich der Wahrheit hnlich sehen.

Natrlich, es ist wahr, er ist zu hufig bei uns gewesen, sagte Darja.
Aber wenn Sie es wnschen, lassen wir ihn nicht mehr ber die
Schwelle.

Heute noch gehe ich zu Chripatsch, sagte Ludmilla. Was fllt ihm ein!
Unmglich glaubt er selber an diesen Bldsinn.

Nein, er scheint nicht daran zu glauben, gestand Katharina Iwanowna,
er sagt nur, es wren verschiedene bse Gerchte im Umlauf.

Sehen Sie! Sehen Sie! rief Ludmilla erfreut, natrlich kann er nicht
daran glauben. Wozu denn die ganze Aufregung?

Ludmillas frhliche Stimme umstrickte Katharina Iwanowna. Sie dachte:

Es ist doch wirklich nichts passiert. Sogar der Direktor sagt, er glaube
das alles nicht.

Lange noch zwitscherten die Schwestern um die Wette, um Katharina
Iwanowna zu berzeugen, da ihr Verkehr mit Sascha ganz harmlos wre.
Zur greren Bekrftigung begannen sie ganz ausfhrlich zu erzhlen, was
sie zusammen mit Sascha getrieben hatten, -- bei dieser Aufzhlung kamen
sie bald in die Brche, -- es handelte sich doch um so harmlose,
einfache Dinge, da es unmglich war, sich an alles und jedes zu
erinnern. Schlielich war Katharina Iwanowna ganz fest davon berzeugt,
da ihr Sascha und die liebenswrdigen jungen Mdchen unverschuldet
einem dummen Klatsch zum Opfer gefallen waren.

Als Katharina Iwanowna sich verabschiedete, kte sie alle drei
Schwestern und sagte:

Sie sind liebe, schlichte Mdchen. Anfangs dachte ich, -- verzeihen Sie
das grobe Wort, -- Sie wren freche, znkische Personen.

Die Schwestern lachten frhlich:

Nein, sagte Ludmilla, wir sind nur lustig und haben spitze Zungen;
darum lieben uns hier manche Gnse nicht.

Die Tante sagte zu Sascha kein Wort, als sie von Rutiloffs zurckkehrte.
Er kam ihr ngstlich und verstrt entgegen und blickte sie vorsichtig
und aufmerksam an. Die Tante ging zur Kokowkina. Lange redeten sie,
endlich beschlo die Tante:

Ich gehe noch einmal zum Direktor.

                   *       *       *       *       *

Noch am selben Tage ging Ludmilla zu Chripatsch. Erst plauderte sie im
Salon ein wenig mit Warwara Nikolajewna, dann erklrte, sie, sie htte
ein Anliegen an Nikolaij Wassiljewitsch.

In Chripatschs Schreibzimmer wurde ein lebhaftes Gesprch gefhrt, --
nicht darum eigentlich, weil die beiden einander viel zu sagen hatten,
sondern weil beide zu sprechen liebten. Sie berschtteten einander mit
schnell hingeworfenen Stzen: Chripatsch mit seiner trocknen, knarrenden
Schnellrednerei, Ludmilla mit ihrem zrtlich klingenden Geflster.
Flieend, mit der unwiderlegbaren Sicherheit einer Lge, ergo sich ber
Chripatsch ihre zur Hlfte erfundene Erzhlung ber ihr Verhltnis zu
Sascha Pjilnikoff. Was sie hauptschlich dazu getrieben htte, wre
natrlich ihr Mitleid zu dem Knaben, den man mit so groben
Verdchtigungen beleidigte, ihr Wunsch, Sascha die abwesende Familie zu
ersetzen, -- und, schlielich, er wre so ein prchtiger, lustiger,
einfltiger Junge.

Ludmilla weinte sogar; schnell und wunderbar reizend kullerten die
kleinen Trnchen ber die frischen Wangen, auf die verlegen lchelnden
Lippen.

Wirklich, ich habe ihn lieb gewonnen wie einen Bruder. Er ist so
prchtig und gut; er wei Gte so sehr zu schtzen; er hat mir die Hnde
gekt.

Das ist natrlich sehr, sehr lieb von Ihnen, sagte Chripatsch
einigermaen verlegen, und es macht Ihrem guten Herzen alle Ehre, aber
der einfache Umstand, da ich es fr ntig hielt, die Verwandten des
Knaben wegen der mir zu Ohren gekommenen Gerchte zu benachrichtigen,
geht Ihnen berflssigerweise so nahe.

Ludmilla berhrte, was er sagte und flsterte weiter, aber schon im
Tone eines bescheidenen Vorwurfs:

Was ist denn dabei Schlimmes, -- sagen Sie es mir bitte, -- da wir fr
einen Knaben Teilnahme empfinden, auf den sich Ihr grober, verrckter
Peredonoff gestrzt hat, -- wann wird man ihn endlich aus unserer Stadt
entfernen! Sehen Sie es denn nicht, da dieser Ihr Pjilnikoff noch ein
ganzes Kind ist, -- wirklich, ein ganzes Kind!

Sie schlug ihre kleinen, hbschen Hndchen zusammen, ihr goldnes
Armbndchen klirrte, sie lachte zrtlich; -- als mte sie weinen, --
nahm sie ihr Taschentuch, um die Trnen zu trocknen, und ein ser Duft
strmte Chripatsch entgegen. Ihm wurde so merkwrdig zumut; er wollte
ihr sagen, sie wre wie ein Engel vom Himmel, -- so schn, und dieser
ganze betrbliche Zwischenfall ist unwert eines Augenblicks, des ber
alles teuren Grams. Aber er hielt an sich.

Und Ludmillas schmeichelndes, rasches Geflster pltscherte und
pltscherte, und zerstubte das schimrische Lgengebude Peredonoffs.
Man mute nur vergleichen, -- der irrsinnige, grobe, schmutzige
Peredonoff, -- und die lustige, elegante, freundliche, duftende
Ludmilla.

Ob Ludmilla die volle, ungeschminkte Wahrheit sagte oder einiges dazu
dichtete, -- das war Chripatsch ganz gleichgltig, -- er fhlte aber,
wenn er ihr nicht glauben oder mit ihr streiten, oder irgendwelche
Schritte tun, beispielsweise Sascha bestrafen wrde, -- da er dann in
die Klemme geraten wrde und im ganzen Lehrbezirk blamiert wre. Um so
mehr, als diese Sache mit jener Peredonoffs in Verbindung stand, und als
Peredonoff natrlich allgemein fr unzurechnungsfhig galt. Und
liebenswrdig lchelnd sagte Chripatsch zu Ludmilla:

Es tut mir aufrichtig leid, da das alles Sie so erregt hat. Ich habe
mir keinen Augenblick erlaubt, gleichviel welche Hintergedanken betreffs
Ihres Verkehrs mit Pjilnikoff zu haben. Ich schtze Ihre freundlichen
und gtigen Gefhle, die Sie zu Ihren Schritten veranlat haben, sehr
hoch, -- und keinen Augenblick beurteilte ich die in der Stadt
verbreiteten und bis zu mir gedrungenen Gerchte anders als wie eine
dumme, sinnlose Verleumdung, die mich aufs tiefste emprt hat. Ich hielt
mich um so mehr fr verpflichtet, Madame Pjilnikoff davon zu
benachrichtigen, als es mglich war, da ihr viel entstelltere
Mitteilungen gemacht werden konnten, -- niemals beabsichtigte ich aber,
-- Sie irgendwie zu beunruhigen, und hatte nicht geglaubt, da Madame
Pjilnikoff sich zu Ihnen begeben wrde, um Ihnen Vorwrfe zu machen.

Mit Madame Pjilnikoff haben wir uns vollstndig ausgesprochen, sagte
Ludmilla frhlich, lassen Sie aber Sascha unsretwegen in Ruh! Wenn
unser Haus fr Gymnasiasten so gefhrlich ist, so werden wir ihn, wenn
Sie es wnschen, nicht mehr einladen.

Sie sind sehr freundlich zu ihm, sagte Chripatsch unbestimmt. Wir
knnen nichts dagegen einwenden, da er mit Erlaubnis seiner Tante in
der freien Zeit seine Bekannten aufsucht. Uns liegt die Absicht fern,
die Schlerwohnungen in Zellen zu verwandeln. Bevor brigens die
Angelegenheit mit dem Herrn Peredonoff noch nicht geregelt ist, wird es
besser sein, wenn Pjilnikoff berhaupt zu Hause bleibt.

                   *       *       *       *       *

Bald wurde die sicher vorgebrachte Lge der Rutiloffs und Saschas durch
ein schreckliches Ereignis im Hause Peredonoffs bekrftigt. Es
berzeugte die Brger endgltig davon, da alle Gerchte ber Sascha und
die Rutiloffs nur die Phantasien eines Irrsinnigen gewesen waren.




                                 XXXII


Es war ein trber, kalter Tag. Peredonoff kehrte von Wolodin heim. Eine
niederdrckende Angst qulte ihn.

Die Werschina lockte Peredonoff zu sich in den Garten. Wieder gehorchte
er ihren magischen Bewegungen. Sie gingen in die Laube, ber die
feuchten, mit welken, dunklen Blttern bedeckten Wege. In der Laube roch
es dumpf und feucht. Hinter den kahlen Bumen sah man das Haus mit
seinen geschlossenen Fenstern.

Ich will Ihnen die ganze Wahrheit sagen, murmelte die Werschina,
blickte rasch auf Peredonoff und wandte ihre schwarzen Augen gleich
wieder zur Seite.

Sie trug eine schwarze Jacke und war in ein schwarzes Tuch gehllt;
zwischen den von der Klte blauen Lippen hielt sie ihr schwarzes
Mundstck und lie den dunklen Rauch in dichten Wolken aufsteigen.

Ich spucke auf Ihre Wahrheit, antwortete Peredonoff, in hohem Mae
spucke ich darauf.

Die Werschina lchelte schief und antwortete:

Sagen Sie nicht! Sie tun mir furchtbar leid, -- man hat Sie betrogen.

Schadenfreude klang aus ihrer Stimme. Bse Worte sprangen ihr von den
Lippen. Sie sprach:

Sie hatten auf Protektion gehofft, allein Sie waren zu vertrauensselig.
Man hat Sie betrogen, und Sie haben ohne weiteres geglaubt. Jedermann
kann einen Brief schreiben. Sie muten wissen, mit _wem_ Sie es zu tun
haben. Ihre Gattin ist eine in den Mitteln nicht whlerische
Persnlichkeit.

Peredonoff konnte die gemurmelte Rede der Werschina nur schwer
verstehen; in ihrer Weitschweifigkeit konnte er kaum einen Sinn finden.
Die Werschina frchtete sich, es laut und deutlich zu sagen: sagte sie
es laut, so htte jemand es hren knnen, Warwara htte es erfahren, und
es htte Unannehmlichkeiten gegeben, denn Warwara wre vor einem Skandal
nicht zurckgeschreckt; sagte sie es deutlich, -- so wrde Peredonoff
wtend werden, vielleicht wrde er sie sogar schlagen. Man mte ihm
einen Wink geben, da er es selber erriete. Aber Peredonoff erriet es
nicht.

Es war ja schon frher vorgekommen, da man ihm direkt ins Gesicht
gesagt hatte, er wre betrogen worden, er konnte aber auf keine Weise
darauf kommen, da die Briefe geflscht waren, und dachte immer, die
Frstin selber betrge ihn, -- fhrte ihn an der Nase herum.

Endlich sagte die Werschina gerade heraus:

Sie glauben wohl, die Frstin hat die Briefe geschrieben. Jetzt wei es
aber schon die ganze Stadt, da die Gruschina sie geflscht hat, im
Auftrage Ihrer Gattin; die Frstin wei von nichts. Fragen Sie, wen Sie
wollen; alle wissen es, -- sie selber haben sich verplappert. Und dann
hat Warwara Dmitriewna Ihnen die Briefe entwendet und verbrannt, damit
es keine Beweisstcke gibt.

Dunkle, schwere Gedanken wlzten sich durch Peredonoffs Hirn. Er begriff
nur eins: man hatte ihn betrogen. Aber da die Frstin darum nicht
wissen sollte, -- nein, sie wei es. Nicht umsonst war sie lebendig aus
dem Feuer hervorgegangen.

Das von der Frstin lgen Sie, sagte er, ich wollte die Frstin
verbrennen, konnte es aber nicht: sie hat die Glut totgespuckt.

Pltzlich schttelte ihn eine rasende Wut. Man hatte ihn betrogen! Wild
hieb er mit der Faust auf den Tisch, sprang auf und ging eilig, ohne
sich zu verabschieden, nach Hause. Erfreut blickte ihm die Werschina
nach, und schwarze Rauchwlkchen lsten sich geschwind von ihrem dunklen
Munde, fegten dahin und wurden vom Winde zerfetzt.

Peredonoff kochte vor Wut. Als er aber Warwara sah, befiel ihn eine
qulende Angst, und er brachte kein Wort ber die Lippen.

Ganz frh am Morgen des nchsten Tages legte er sich ein Messer zurecht,
-- ein kleines Gartenmesser in einer ledernen Scheide; vorsichtig trug
er es in seiner Tasche. Den ganzen Vormittag ber, -- bis zu seinem
frhen Mittagessen, -- sa er bei Wolodin. Er sah zu, wie jener
arbeitete und machte dumme Bemerkungen. Wolodin war wie immer froh, da
Peredonoff sich mit ihm abgab; seine Dummheiten hielt er fr witzig.

Das gespenstische Tierchen tummelte sich den ganzen Tag ber um
Peredonoff. Nach dem Essen lie es ihn nicht schlafen. Es hatte ihn ganz
zerqult. Und dann, als er gegen abend einschlafen wollte, weckte ihn
ein komisches Weib; Gott wei, woher es gekommen war. Es hatte eine
Stlpnase und war widerlich. Es trat an sein Bett heran und murmelte:

Kwas[14] brauen, Pasteten backen, den Braten braten.

Es hatte dunkle Wangen, aber seine Zhne blitzten.

Geh zum Teufel! rief Peredonoff.

Das Weib mit der Stlpnase verschwand, als wre es nie dagewesen.

                   *       *       *       *       *

Es wurde abend. Der Wind heulte dumpf im Schornstein. Ein langsamer
Regen schlug leise und hartnckig an die Fensterscheiben. Hinter den
Fenstern war alles ganz schwarz.

Wolodin war bei Peredonoffs, -- Peredonoff hatte ihn noch am Morgen
gebeten, zum Tee zu kommen.

Niemand hereinlassen. Hrst du, Klawdjuschka? schrie Peredonoff.

[Funote 14: Suerliches Getrnk aus Schwarzbrot mit Malz.]

Warwara schmunzelte. Er brummte:

Hier treiben sich Weiber herum. Man mu nachsehen. Eine hat sich zu mir
ins Schlafzimmer gedrngt, -- wollte sich als Kchin verdingen. Aber
wozu brauche ich eine Kchin mit einer Stlpnase.

Wolodin lachte, meckerte und sagte:

Weiber pflegen auf den Straen zu sein; zu uns haben sie aber nicht die
geringsten Beziehungen, und wir werden sie nicht an unseren Tisch
heranlassen.

Alle drei setzten sich an den Tisch. Man trank Schnaps und a Piroggen
dazu. Es wurde mehr getrunken als gegessen.

Peredonoff war finster. Alles war fr ihn sinnlos, unzusammenhngend,
pltzlich, -- wie ein Alp. Der Kopf schmerzte ihn frchterlich. Eine
Vorstellung kehrte hartnckig wieder, -- Wolodin war sein Feind. Sie
wechselte ab mit dem aufdringlichen, schweren Gedanken: man mu
Pawluschka totschlagen, ehe es zu spt ist. Dann werden alle feindlichen
Listen offenbar werden.

Wolodin wurde schnell betrunken und schwatzte irgend etwas
Unzusammenhngendes, um Warwara zu unterhalten.

Peredonoff war erregt.

Jemand kommt da, murmelte er. Lat niemand herein. Sagt, ich wre
fortgefahren um zu beten; ins Schabenkloster.

Er frchtete, Besuch wrde ihn stren. Wolodin und Warwara amsierten
sich; sie dachten, er wre nur betrunken. Sie zwinkerten einander zu,
gingen einzeln an die Tr, klopften, sprachen mit verstellten Stimmen:

Ist der General Peredonoff zu Hause?

Dem General Peredonoff -- der Stern mit Brillanten.

Aber Peredonoff hatte heute kein Verlangen nach dem Stern.

Nicht hereinlassen! schrie er. Jagt sie zum Teufel. Sie sollen morgen
frh kommen. Jetzt ist nicht die Zeit dazu.

Nein, dachte er, heute mu ich fest sein. Heute wird alles klar werden.
Aber noch sind die Feinde zu allem Mglichen fhig, um ihn desto
sicherer umzubringen.

Wir haben sie fortgejagt; sie bringen den Stern morgen frh, sagte
Wolodin und setzte sich wieder an den Tisch.

Peredonoff fixierte ihn mit seinen trben Augen und fragte:

Bist du mein Freund oder mein Feind?

Dein Freund, dein Freund, Ardascha! antwortete Wolodin.

Der Busenfreund ist soviel wert, wie die Schabe unterm Herd, sagte
Warwara.

Nicht Schabe, sondern Schaf, verbesserte Peredonoff. Wollen wir
trinken, Pawluschka, aber nur wir beide. Auch du, Warwara, -- trink;
wollen wir alle zusammen trinken, wir beide.

Wolodin kicherte.

Wenn auch Warwara Dmitriewna mit uns trinkt, so trinken wir nicht zu
zweit, sondern zu dritt, erklrte er.

Zu zweit, wiederholte Peredonoff mrrisch.

Mann und Frau: eine Sau, sagte Warwara und lachte laut.

Bis zum letzten Augenblick vermutete Wolodin nicht, da Peredonoff ihn
ermorden wolle. Er meckerte, schwatzte Dummheiten, betrug sich lppisch,
brachte Warwara zum Lachen.

Aber Peredonoff dachte den ganzen Abend an sein Messer. Wenn Wolodin
oder Warwara sich ihm von jener Seite nherten, wo er das Messer
verwahrt hatte, so schrie er sie wtend an, -- sie sollten fortgehen.
Einigemal zeigte er auf die Tasche und sagte:

Hier, Freundchen, habe ich so ein Ding, da du, Pawluschka, kreischen
wirst.

Warwara und Wolodin lachten.

Kreischen kann ich immer, Ardascha, sagte Wolodin, krh, krh! Es ist
sogar sehr einfach!

Rot im Gesicht, betubt vom Schnaps kreischte Wolodin und schob seine
Lippen vor. Er wurde immer gemeiner in seiner Art mit Peredonoff
umzugehen.

Man hat dich bers Ohr gehauen, Ardascha, sagte er
wegwerfend-mitleidig.

_Ich_ hau dich bers Ohr! brllte Peredonoff auf.

Schrecklich und drohend schien ihm Wolodin. Er mute sich verteidigen.

Schnell ri er das Messer heraus, strzte sich auf Wolodin und stach ihn
in den Hals. Das Blut spritzte im Bogen.

Peredonoff erschrak. Das Messer entfiel seiner Hand.

Wolodin rchelte und wollte mit den Hnden an den Hals greifen. Es war
ihm anzusehen, da er zu Tode erschrocken war, immer schwcher wurde und
die Hnde nicht mehr bis zum Halse heben konnte. Pltzlich erstarrte er
und fiel auf Peredonoff. Ein stoweises Gewinsel entrang sich seiner
Brust, als kme er an Atem zu kurz, -- dann wurde er still. Vor
Entsetzen winselte auch Peredonoff und dann, -- nach ihm, -- Warwara.

Peredonoff stie Wolodin von sich. Schwer fiel er zu Boden. Er rchelte,
zuckte mit den Beinen und starb. Seine starr hinaufgerichteten Augen
verglasten.

Aus dem Nebenzimmer kam der Kater, roch am Blut und miaute bse. Warwara
stand wie erstarrt. Auf den Lrm kam Klawdja gelaufen.

Herr des Himmels! Mord! Mord! kreischte sie.

Warwara kam zur Besinnung und lief schreiend mit Klawdja zum Zimmer
hinaus.

Die Kunde vom Geschehenen verbreitete sich schnell. Die Nachbarn
versammelten sich auf dem Hof, auf der Strae. Lange wagte es keiner,
ins Ezimmer zu gehen.

Sie blickten hinein, flsterten. Peredonoff starrte mit irren Augen auf
den Leichnam; hinter der Tr hrte er Geflster ... Eine stumpfe Angst
schnrte ihm die Brust. Er hatte keine klaren Gedanken mehr.

Endlich fate man Mut, man trat ein, -- Peredonoff sa mrrisch da und
murmelte unzusammenhngende, sinnlose Worte.


                                 Ende.


                       Im gleichen Verlage erschien:

                              M. Artzibaschew


                                  Ssanin

                                   Roman

               Einzig autorisierte deutsche bersetzung von
                        Andr Villard und S. Bugow

                             -- 8. Auflage --

                       Geh. Mk. 5.--, geb. Mk. 6.50

   Dieser Roman, der in Ruland eine sexuelle Revolution auslste
   und bei Erscheinen der 2. Auflage wegen seiner beispiellosen
   Wirkungen konfisziert wurde, erregte auch in Deutschland
   gewaltiges Aufsehen. Fast einstimmig erkannte die deutsche
   Presse, und darunter namhafte Kritiker, den literarischen Wert
   und die auerordentlich hohe kulturgeschichtliche Bedeutung des
   Werkes an.

   _Kurt Aram_ schrieb in der Frankfurter Ztg.:

   Es wirkt fast wie tragische Ironie, da dem Prediger der
   Kreutzersonate gerade in diesen Tagen dieser Gegner erwuchs,
   dessen Ssanin die schrfste Reaktion gegen Tolstois
   Weltanschauung bedeutet. Gleich sind beide nur in ihrer
   leidenschaftlichen Einseitigkeit. Verdammt Tolstoi den
   Geschlechtsgenu und rckt er um seinetwillen sogar der Ehe zu
   Leibe, so bedeutet fr den jungen Ssanin der Geschlechtsgenu
   das einzige, um dessentwillen zu leben sich lohnt. Darber wird
   in unserem Roman sehr viel disputiert, und zwar durchaus nicht in
   frivoler Weise, sondern mit fast fanatischem, echt russischem
   Ernst. ... ein Buch von guter literarischer Qualitt, dessen
   grter Wert jedoch sicherlich darin besteht, _ein wichtiges
   Dokument zum Verstndnis fr den vlligen Umschwung im Leben,
   Fhlen und Handeln der russischen Intelligenz abzugeben_.

   _Willy Rath_ urteilt im Kunstwart:

   Es zeigt sich, da Ssanin bestimmt keine Pornographie enthlt,
   da das Sexuelle darin nicht einmal gedanklich die
   Alleinherrschaft bt, sondern eine weitere, ganz geistige
   Anschauung den Ursprung bildet. Freilich bringt diese es mit
   sich, da auch die Frage der Geschlechtsliebe hchst
   rcksichtslos errtert und verwegen beantwortet wird; das Buch
   ist nur reifen Menschen in die Hand zu geben.

   _Robert Saudek_ sagt in einem Eine neue Kreutzersonate
   berschriebenen Feuilleton:

   _Seit Tolstois Kreutzersonate hat kein belletristisches Werk in
   Ruland eine hnliche Wirkung ausgebt._ Bei der Lektre
   dieses Buches, bei seiner Schilderung der Frauen hat man das
   Gefhl, als ob man am ersten Frhlingstag nach einem dstern
   Winter auf die Strae trte.

   Der Kritiker der Berliner Morgenpost schrieb:

   Artzibaschew gehrt seit seinem Ssanin zu den Dichtern, deren
   Name unumgnglich mit der Geschichte ihrer Zeit verknpft ist.
   Selbst wenn er nicht durch seine knstlerischen Qualitten zu
   _einer der wichtigsten Erscheinungen in der modernen Literatur
   Rulands_ geworden wre, htten ihm doch kulturhistorische Grnde
   bleibende Bedeutung gegeben. _Man wird die gegenwrtige
   Epoche_, also die, welche die revolutionre ablste,
   _psychologisch und sozialistisch nicht beurteilen knnen, ohne
   den Ssanin_ als ihren charakteristischen Niederschlag in den
   Mittelpunkt der Betrachtung zu ziehen ... Die Personen und
   Charaktere gehen weit ber das Einzelinteresse hinaus: sie
   stellen Menschheitstypen dar, deren uere Charakterformen sich
   in jeweiligen Epochen anders spiegeln mgen, deren innere
   Wahrhaftigkeit und Treue aber unvergnglich bleiben wird ...
   Ssanin ist sicher fr sein Land zu einem der revolutionrsten
   Werke der Weltliteratur geworden.


                   Ferner erschien im gleichen Verlage:

                              M. Artzibaschew


                                 Millionen
                            und andere Novellen

               Einzig autorisierte deutsche bertragung von
                        Andr Villard und S. Bugow

                             -- 3. Auflage --

                       Geh. Mk. 5.--, geb. Mk. 6.50

   Schon vor Erscheinen des Ssanin trat Artzibaschew durch seine
   Novellen an die Spitze der jungrussischen Literatur. Er war der
   erste, der rein erotische Probleme zum Ausgangspunkt seines
   dichterischen Schaffens nahm. Mit tiefem psychologischen
   Verstndnis zergliedert er die geistige Entwicklung der modernen
   Russen und baut dann auf der Grundlage seiner seelischen Analysen
   seine starke berschumende Handlung auf. Prchtige Arbeiten
   dieser Art sind die beiden Novellen dieses Bandes: Millionen
   und Der Tod des Iwan Lande. Mit gleichem Beifall wie Ssanin
   wurde dieser Novellenband aufgenommen, ja es mag Artzibaschews
   Knstlertum in diesen Erzhlungen einen noch gesteigerten
   Ausdruck gefunden haben.

   _Ludwig Bauer_ schrieb u. a. in einer sehr anerkennenden
   Besprechung in den Mnchener Neuesten Nachrichten: Die erste
   Erzhlung schildert uns die Leiden des Millionrs Mishujew, die
   zweite jene des Iwan Lande, eines wahren Christen, der an die
   Menschen glaubt. Diese beiden Seelen werden vor uns mit so
   behutsamer Hand ausgebreitet, wie nur Dichterhnde es vermgen
   ... Die beiden Erzhlungen knnten literarisch Anla zu noch
   manchem Tadel geben. Aber -- was ist Literatur? Hier ist
   Besseres: Seele.


                 Druck von Mnicke u. Jahn, Rudolstadt.


                     Anmerkungen zur Transkription

Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten.
Offensichtliche Fehler wurden stillscheigend korrigert. Weitere
nderungen, teilweise unter Zuhilfenahme des russischen Originaltextes,
sind hier aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 53]:
   ... Oder ist dir die Warja nach immer nicht ...
   ... Oder ist dir die Warja noch immer nicht ...

   [S. 67]:
   ... gehe. Ich habe schon an einer Hexe genug da ...
   ... gehe. Ich habe schon an einer Hexe genug, da ...

   [S. 72]:
   ... wre, unehrerbietig ber hohe Beamten zu reden. ...
   ... wre, unehrerbietig ber hohe Beamte zu reden. ...

   [S. 90]:
   ... beachten, sie hat einen Geliebten einen Polen. ...
   ... beachten, sie hat einen Geliebten, einen Polen. ...

   [S. 97]:
   ... Ja, ihr Polen, seid doch immer bereit, loszuschlagen; ...
   ... Ja, ihr Polen seid doch immer bereit, loszuschlagen; ...

   [S. 104]:
   ... lachst du in der Kirche. Warte nur, ich werde ...
   ... lachst du in der Kirche? Warte nur, ich werde ...

   [S. 105]:
   ... Weg einschlug, gehen Sie nicht nach Hause. ...
   ... Weg einschlug, gehen Sie nicht nach Hause? ...

   [S. 143]:
   ... Haben Sie etwas in Aussicht, fragte Weriga. ...
   ... Haben Sie etwas in Aussicht? fragte Weriga. ...

   [S. 166]:
   ... Zu Hause verdarb die Geschichte mit den verschwundene ...
   ... Zu Hause verdarb die Geschichte mit den verschwundenen ...

   [S. 186]:
   ... Schurken, die Shne des Schlossers Andrejeff. ...
   ... Schurken, die Shne des Schlossers Ardejeff. ...

   [S. 187]:
   ... schlielich sagten sie, Tscherepnikoff htte sie bestochen. ...
   ... schlielich sagten sie, Tscherepin htte sie bestochen. ...

   [S. 201]:
   ... bei dessen Vater, einem Bierbauer, verklagt, ...
   ... bei dessen Vater, einem Bierbrauer, verklagt, ...

   [S. 234]:
   ... Augen machten ihn nach vergngter. ...
   ... Augen machten ihn noch vergngter. ...

   [S. 286]:
   ... lassen. ...
   ... lassen? ...

   [S. 317]:
   ... vernichten. Aber auch dieser Versuchung wiederstand ...
   ... vernichten. Aber auch dieser Versuchung widerstand ...

   [S. 347]:
   ... Sapierstock fern. Die Gassenjungen liefen in ...
   ... Spazierstock fern. Die Gassenjungen liefen in ...

   [S. 371]:
   ... bewachsen und hatten Hufen statt der Fe. Anstelle ...
   ... bewachsen und hatten Hufe statt der Fe. Anstelle ...

   [S. 374]:
   ... Verwirrung, der morsche Chaos, whrend die ...
   ... Verwirrung, das morsche Chaos, whrend die ...

   [S. 374]:
   ... Entsetzen wiederspiegelten, nur vergleichbar dem ...
   ... Entsetzen widerspiegelten, nur vergleichbar dem ...

   [S. 376]:
   ... wichtige Papiere gestohlen htte. ...
   ... wichtigen Papiere gestohlen htte. ...

   [S. 407]:
   ... erfahren wrde, und da auf diesem oder jenen ...
   ... erfahren wrde, und da auf diesem oder jenem ...

   [S. 425]:
   ... Deu Teufel soll Ihre Damen holen, zeterte ...
   ... Der Teufel soll Ihre Damen holen, zeterte ...

   [S. 443]:
   ... Das Feuer machte rasche Fortschritt. Die Menschen ...
   ... Das Feuer machte rasche Fortschritte. Die Menschen ...






End of the Project Gutenberg EBook of Der kleine Dmon, by Fjodor Sologub

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KLEINE DMON ***

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or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

