The Project Gutenberg EBook of Nachbarsleute, by Ludwig Thoma

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Title: Nachbarsleute

Author: Ludwig Thoma

Release Date: July 20, 2017 [EBook #55159]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Ein Verzeichnis von Ludwig Thomas Bchern
  befindet sich am Schlu dieses Bandes





                        Nachbarsleute

                             von

                         Ludwig Thoma

                     13. bis 15. Tausend


                    Albert Langen, Mnchen



                bersetzungsrecht vorbehalten
               Albert Langen      Ludwig Thoma

           Copyright 1916 by Albert Langen, Munich




                            Inhalt


                                            Seite

          Junker Hans                           7

          Das Volkslied                        59

          Auf dem Bahnsteig                    73

          Tja -- --!                           81

          Der Biedermann                       91

          Unser guater, alter Herzog Karl      99

          Liebe um Liebe                      107

          Auf der Elektrischen                117

          O Natur!                            129

          Das alte Recht                      135

          Anfnge                             157




                 Junker Hans

          Eine Kleinstadtgeschichte


Wie es gekommen war, ob Herr Pfaffinger hflich oder in barschem
Tone das Schlieen der Tre verlangt, ob Herr Tresser nach dieser
Aufforderung erst recht die Tre aufgerissen, ob Herr Pfaffinger
in rder Weise sie dann ins Schlo geworfen hatte und hierauf von
Herrn Tresser als ungebildeter Lmmel bezeichnet wurde, whrend Herr
Pfaffinger diesen, Herrn Tresser nmlich, mit dem Worte Lauskerl schon
vorher betitelt hatte, lt sich aus den erregten Schilderungen der
angesehenen Brger Dornsteins nicht unwiderleglich feststellen, --
Tatsache ist, da Herr Tresser Herrn Pfaffinger einerseits an der
Gurgel packte, whrend Herr Pfaffinger andererseits diesem, dem Herrn
Tresser nmlich, eine derart schallende Ohrfeige versetzte, da der
Schlag sogar in den hintersten Sitzreihen des Hllbrusaales vernommen
wurde.

Von vielen Zeugen des Vorfalles wird erzhlt, da die Tochter des
Herrn Magistratsrates Trinkl, Frulein Fanny Trinkl, ber Zugluft
geklagt habe, was den neben ihr sitzenden Brauereivolontr Pfaffinger
veranlate, aufzuspringen und die Saaltre zu schlieen, worauf Herr
Rechtspraktikant Tresser dieselbe sogleich wieder ffnete, sei es nun,
weil er und einige mitanwesende Beamte es zu hei fanden, sei es, weil
er ber die eigenmchtige Handlung des Herrn Pfaffinger entrstet
war, was aber wiederum diesem, Herrn Pfaffinger, als eine Beleidigung
seiner Dame erscheinen mute, so da er sich zu einem Schimpfworte
hinreien lie, wobei freilich nicht bestimmt behauptet werden kann,
da nicht etwa Herr Tresser schon vorher den Ausdruck ungebildeter
Lmmel gebraucht hatte, kurz und gut, was hier auch bereinstimmend
oder verschieden berichtet wird, -- Tatsache ist, da Herr Pfaffinger
von Herrn Tresser an der Gurgel gefat wurde, und da dann Herr Tresser
eine dermaen starke Ohrfeige erhielt, da seine linke Wange anschwoll.

Mir war und ist es nur darum zu tun, eine vollkommen wahrheitsgetreue
Schilderung des Herganges zu geben, wobei ich keineswegs, wie Herr
Magistratsrat Trinkl, das Verhalten des Herrn Pfaffinger oder, wie
Herr Sekretr Hundertks, das Benehmen des Herrn Tresser als absolut
berechtigt hinstelle, sondern ich mchte ausschlielich die Tatsache
klarstellen, da Herr Tresser einerseits Herrn Pfaffinger krperlich
anfiel, whrend Herr Pfaffinger andererseits diesem eine wuchtige
Maulschelle applizierte.

Das Geschehnis lt sich weder leugnen noch beschnigen, noch auf
irgendeine Weise aus der Welt schaffen, und es ist weiter nichts
zu errtern als die Frage, welche Folgen die Mihandlung eines den
besseren Kreisen angehrigen Mannes haben konnte.

       *       *       *       *       *

In der Tat wurde der Vorfall auch von den brgerlichen Elementen nach
Verlassen des Hllbrusaales lebhaft errtert, und Bckermeister
Schwarz bewies vielleicht die grte Heftigkeit der Gesinnung.

Also mir ... net ... also mir bal oana so was saget ... net ... also
ung'hobelter Lackel oder so was ... net ... also i ... mei Liaba ...
i den bei de Ohrwaschel nehma und beuteln ... hast d' g'hrt ... und
nacha oani links und oani rechts abahau'n ... vastehst ... und nacha
no a paar ... also mir bal oana kam! Was? sag i ... an ung'hobelter
Lackel bin i ... moanst du vielleicht, weil di dei Vata studiern hat
lass'n ... derfst du an Brgersmann, der wo seine Steuern zahlt ... net
... und wo seine Familli rechtschaff'n ernhrt ... schimpf'n ... sag i
... Wer is ung'hobelt? sag i ... vielleicht net a Beamta, der si a so
auffhrt? Was bin i? A Lackel bin i? Hab Eahna i scho amal an Lackel
abgeb'n? Han? Du Herrgottsakrament! sag i. Da hast a paar! sag i ...

Plrr do net a so! rief Magistratsrat Trinkl ... Bleib'n ja d' Leut
steh' und schaug'n ...

Ja no ... mu ma si so was hoa'n lass'n?

Zu dir hat er nix g'sagt!

Ds is sei Glck, mei Liaba ... mir bal er so was saget! Also den
schlaget i sei Batterie scho a so her, da er alle Engel pfeif'n
hrat ... Ung'hobelter Lackel mcht er an Brgersmann hoa'n ... so
a Schreibersg'sell, so a notiger, der wo si net amal was G'scheit's
z' fress'n kaff'n ko.... Dir gib i scho an Lackel ... also blo sag'n
braucht er's zu mir ... nix als wia sag'n ... sag' i ...

Mir g'fallt de G'schicht gar net ... ds ... ds ... i woa net ... da
derleb'n mir no was! sagte der Gold- und Silberarbeiter Elfinger und
machte ein bekmmertes Gesicht ... De G'schicht is no net firti ...

Was is net firti? fragte Trinkl.

Ja ... ds mit dera Schell'n ...

Ds is allerdings firti. Der hat sei Fotz'n, und gar is ...

Wer'n ma's sehen, ob die Sache so einfach verluft, also gewissermaen
im Sande, erwiderte Elfinger, der nicht ungerne hochdeutsch sprach.

Was will er denn mit a Klag? hhnte Magistratsrat Trinkl.

Bal er z'erscht 's Maul aufreit, net, und ganz ordinr werd' ... und
nacha aufs G'richt laff'n! Na, mei Liaba!

G'richt laufen!

Ja ... da werd halt 's G'richt sag'n, Herr Rechtspraktikant,
werd's sag'n, bald Sie eine wrkliche Bildung besitzen, drfen Sie
nicht anfangen und die Leute aufreizen, und bald Sie aber die Leute
aufreizen, mssen Sie Ihnen halt diese Behandlung gefallen lassen. A so
red't 's G'richt! Vastand'n?

Ich rede ja berhaupts nicht vom Gericht, sagte Elfinger etwas
ungeduldig.

Net?

Nein ... durchaus nicht. Das wei man doch, da diese Herren ...
also ... die wo auf der Universitt studiert haben ... eine Ohrfeige
durchaus nicht hinnehmen drfen wie unsereiner ...

Geh! Hr' auf!

Nein! Das lest man doch in der Zeitung, da fr solchene Herren eine
Ohrfeige sozusagen eine tdliche Beleidigung ist, und auch bald sie
nicht wollen, mssen sie doch, indem es ein Ehrenstandpunkt ist ...

Geh! Hr' auf!

Na, frag' halt Leut', die 's wissen! Ob eine Ohrfeige nicht mit Blut
abgewaschen werden mu, und bald der Betreffende auch vielleicht nicht
will ...

Jetzt mua i scho sag'n ... Elfinger ... red' net gar so saudumm
daher!

Ich rede durchaus nicht saudumm daher ... und berhaupts mchte ich
mir das verbitten ... net wahr ...

Kam er da mit'n Bluat o'wasch'n ... und solche Sprch!

Weil es wahr ist! Jawohl! Wenn einer natrlich seiner Lebtag in
Dornstein hockt als Lebzelter, wei er nicht, wie solche Vorkommnisse
sich auswachsen ...

O mei! Da balst net gehst!...

Ich war dritthalb Jahr in Erlangen, mein Lieber, wo sich eine
Universitt befindlich ist, und bald du das nicht woit, kannst es ja
nachles'n im Sulzbacher Kalender ...

I huast dir auf dei Universatt!

Das ist die Sprache der Ungebildeten ... das kann ich dir sagen ...

Han?

Jawohl! Da mu man einmal in der Welt herumgekommen sein, dann schaut
man die Sache etwas anders an. Ich hab viel erlebt in dieser Beziehung,
und bald ein Student dem anderen eine Ohrfeigen gibt, diese Flle kenn'
ich, und da entscheidet dann das Ehrengericht, ob dieser Betreffende
nicht mit der Pistole in der Hand Rechenschaft verlangen mu ...

Herrgottsakrament, jetzt sag' i 's nomal, a so a spinnata Tropf is ma
do aa no net frkemma ...

Da spinnt niemand!

Net z' weni, sag' i ...

Nein! Durchaus nicht! Das ist der Standpunkt der Satisfaktion, wennst
d' scho amal was g'hrt hast von dem!...

Da mat da Schorschl ...?

Jawohl!!

Da mat da Pfaffinger Schorschl si vo an so an notinga Hanswurscht'n
nauf schian lass'n?

Jawohl!! Das heit, in dieser Beziehung wei ja der Betreffende nicht,
ob ihn das Schicksal trifft, und h ...

Da Pfaffinger Schorschl, der in a paar Jahr de Brauerei von sein Vata
kriagt mit achtavierz'g Wirt ... und ...

Was hat denn das damit zu tun ...?

Und ds schne Sach in Matzing drau'n ... langa koane vierhundert
Tagwerk ...

... Also ...

Und a Stuck an achtz'g Kah im Stall ... der soll si ...? Geh! Wia no
a Mensch so daher red'n ko!

Wenn du oan net red'n lat und all's besser woat, na brauch ja i net
red'n, schrie Elfinger, den der Zorn wieder ins Altbayerische brachte.

Fr ds red'n kriagst d' nix, erwiderte der Herr Magistratsrat
Trinkl mit gleichfalls erhobener Stimme. Kam er do mit sein
Student'nschmarr'n daher! A Duwl! Ah! Ah! da kunnt'st scho Grean
Baamwirt wer'n!

Wenn er an Ehr im Leib hat ... vastehst!

An Ehr! Woat, was da Pfaffinger Schorschl hat? An Diridari hat a!
Maxi hat a! Und auf dei Ehr is ...

Mit dir ko ma net streit'n; ds woa ma scho! Weil du a Hammi bist!

I?

Ja du! Fr ds bist du bekannt in ganz Dornstoa!

Ah! Der is guat! Was bist na du?

Is scho recht!

Was bist na du? A spinnata Deifi bist d'. Mit'n Bluat o'wasch'n kam er
daher! Wasch da du 's Hirn mit Salmiak, ds werd g'scheiter sei!

Sie sind ein ordinrer Mensch, Herr Trinkl! Ich verkehre nicht mehr
mit Ihnen ...

Bleib' halt weg, spinnata Deifi! Spinnata!

Herr Elfinger hatte sich mit raschen Schritten entfernt und war schon
in der Dunkelheit entschwunden, da schrie ihm Herr Trinkl noch durch
die hohlen Hnde nach: Druck di, du Hanswurscht, mit dein Duwl!

Und zum Bckermeister Schwarz sich noch immer erregt wendend, fragte
er: Hast d' scho amal so was Dumm's g'hrt? Der bracht's aua, als
wenn da Pfaffinger Schorschl so a Karmenadlstudent waar!

I hab'n net recht vastand'n, sagte Herr Schwarz. Moant er, da de
mit'n Sabl da so aufanand trischak'n mat'n?

Oder schia'n, vastehst? Mit da Pistol'n! Der Pfaffinger Schorschl
werd si von so an Hungerleider aufi schia'n lass'n. Ds kost da
denk'n!

Als der oanzige Sohn vom Danglbru in Matzing! rief Bckermeister
Schwarz voll Hohn aus, denn auch er hatte sogleich die ganze
Lcherlichkeit dieses Gedankens erfat.

Also mir sollt oana mit so a'ra Duwlforderung kemma! setzte er
hinzu. Grad kemma sollt oana! Was? sag i ... fordern mcht'n Sie mi?
Auf was denn, sag i ... und an Schiaa frag'langa hintern Bachofa
und den am Kopf aufi hau'n mit da Pretsch'n ... vastehst ... da er
drei Tag lang auf alli vieri umanandkriachat ... fordern mcht er mi
... so waar's recht! Fordern! An Brger aa no koan Ruah lass'n mit
dena Duwlg'schicht'n! I an Nudelwalgla nehma und den aba scho so
umanandlass'n ... da hast dei Duwl! sag i ... und hau eahm oani ber
sein Gipskopf umi, da er grad staubet ... da ... sag i ... und da ...
hast d' no oani ...

Herrgott! Gib do acht! Haut er mir an Huat aba! schrie Trinkl.

Muat scho entschuldinga ... aba da kunnt'st scho belzi wer'n ... net
... bal oan so was unterkimmt ... Fordern mcht oan der Schreiberg'sell
...

Und man hrte noch lange ihre erregten Stimmen, da sie den Stadtplatz
mehrmals hinauf und wieder herunter gingen.

       *       *       *       *       *

Sie san aber einer! lispelte Frulein Fanny Trinkl, als sie in
Gesellschaft des Herrn Pfaffinger den Hllbrusaal verlie.

Der stattliche Brauereivolontr warf sich in die Brust und sagte mit
geheucheltem Gleichmute: Da gibt's bei mir nix!

Ich bin #so# derschrocken, wie Sie auf einmal aufg'sprungen sind.
Jessas Maria! hab ich mir denkt, es werd doch kein Unglck geb'n, da
er Ihnen was tut ...

Der -- mir?

Man wei halt oft nicht ...

Herr Pfaffinger schob den Hut verwegen aus der Stirne.

Solchene derfen drei daherkemma, nacha frcht' i s' aa no net.

Das ppige Mdchen sah bewundernd zu dem Ritter auf, der sich kraftvoll
in den Hften wiegte und mit den Fingern schnalzte, gleichsam um zu
beweisen, wieviel ihm an einer ganzen Schar von Gegnern lge.

Fannys rehbraune Augen trafen sich mit seinen etwas hervorquellenden
wasserblauen und senkten sich sofort, indessen sie wiederum rief:

Nein, Sie sind aber einer!

Offenbar hegte Herr Pfaffinger die gleiche gnstige Meinung von sich;
denn sein ganzes Gebaren verriet, da er mit der Bewunderung seiner
Persnlichkeit beschftigt war.

Ich htt' mir gar nicht denkt, da Sie so heftig sein knnen ...
sagte Frulein Fanny.

Ja, da kenn i nix.

Wie Sie den Stuhl z'ruckg'stssen haben, und auf und hin ...

Da gibt's koana Wrschtel!...

Und wie Sie ihm eine hing'haut haben, da 's ihn gleich draht hat!

Wieder gingen sie eine Weile schweigend nebeneinander, und indessen
Herr Pfaffinger beim Schein einer Straenlaterne respektvoll seine
groe Hand betrachtete, huschten Fannys Blicke wieder beifllig ber
ihn hin.

Schn war er nicht --

Ein gewissermaen viereckiger Kopf auf einem kurzen Halse; eine stumpfe
Nase, dicke Lippen, die sich nicht ganz schlossen, so da man die
unregelmigen Zhne sah, der Teint von jener biersuerlichen Blsse,
wie sie Schenkkellnern und Bruburschen eigen ist ... All das lie den
Pfaffinger Schorschl nicht gerade als verfhrerisch erscheinen, und
doch besa er Reize, die ein altbayerisches Mdchen, wenn auch noch so
flchtig, wohl bemerken konnte.

Derbe Rundungen und Breiten und Grobschlchtigkeiten, die
vielverheiend waren.

Eigentlich san S' wegen meiner in die G'schicht nein kommen, weil ich
mich beschwert hab', da die Tr offen war, und mich hat's nachher
schon g'reut ...

Da braucht Ihnen nix reu'n, Frulein Fannerl ...

Aber do, wenn S' jetzt solchene Unannehmlichkeiten hamm ...

Ds is mir ganz egal ... Schorschl sagte wirklich egal ... Bald ich
amal bei einer Dame sitz ... nacha mu ich auch fr die Dame eintreten
... Ein zrtlicher Blick traf ihn, und seine wasserblauen Augen
streiften wohlgefllig ber den sehr stattlichen Busen des Mdchens und
blieben daran haften.

Vielleicht war es der Wunsch, diesen straffen Formen nher zu rcken,
vielleicht war es eine aufquellende Zrtlichkeit ... Schorschl streckte
seinen Ellbogen hin und fragte: Darf ich Ihnen nicht meinen Arm
anbieten, Frulein?

Fanny hing sich ein, und beide fhlten wohlig eines die Wrme des
anderen.

Da gibt's nix, sagte Schorschl, bal ich amal mit einer Dame
beisammen bin ...

Sie sind einer!

In Freising, wia 'r i studiert hab', da hat amal oana auf an Ball
meiner Dame auf 'n Fua tret'n. Dem hab i a paar abazog'n und hab'n
ber d' Stiag'n abi g'schmiss'n, da er ds halbe G'lander mitg'numma
hat ...

Jessas Maria!...

Und amal hat inser Verbindung a Gartenfest g'habt ...

Waren's bei an Studentenkorps?

Bei der Cerevisia in Weihenstephan in der Brauschul' ... und da hamm
mir a Gart'nfest g'habt, und da hat oana mit meiner Dame 's Speanzeln
o'g'fangt ... dem hab i aa zoagt, wo der Bartl an Most holt ...

Sie sind g'wi ein rechter Don Schuang g'wesen?

Han?

Da Sie recht poussiert hamm?

Gar so arg is 's net g'wes'n ...

Schorschl lchelte aber doch vielsagend, und Fanny wollte hastig ihren
Arm zurckziehen und wurde festgehalten.

Mit Ihnen sollt' man sich gar net geh'n trauen ... Sie sind vielleicht
ein ganz gefhrlicher ...

Eahna waar i net Feind, Frulein Fannerl!

Sie Schlimmer!

G'wi is wahr, i hab's Eahna scho lang sag'n woll'n ...

Was?

Da S' mir gar so guat g'fall'n ...

Ein zrtlicher Blick streifte ihn.

Sie mcht'n mich g'wi derbleck'n!

G'wi net ... berhaupts gibt's ds bei mir durchaus net ... Freil'n
Fannerl ... ds drfens net glaub'n ... Fannerl ...

Sie drckte sich nher an ihn, und er wurde eifriger.

Moana S' denn, i htt' mi so gift' ber den Tresser, wenn i Eahna net
gern htt ...

Das sagen S' halt so ...

Na! Wenn i no red'n kunnt ... aba da auf da Stra ko ma ja net red'n
... wenn S' mi blo a bisserl ins Haus nei lasset'n, Fannerl!

Aba Herr Pfaffinger!

Blo in Hausgang! Da ma dischkrier'n kunnt'n ...

Aba ds geht doch net!

Warum denn net? Blo red'n, Fannerl, weil i Eahna gar so gern hab'.

Ds merkt doch der Vata!

Der merkt nix!

Hren S' auf! Was Sie red'n!

Und wenn Herr Pfaffinger auch nicht gewandt genug war, um eine
Situation blitzschnell zu berschauen, bemerkte er doch den sachlichen
Ernst, der in der Abwehr des Mdchens lag.

Geht's gar net ... Fannerl?

Genga's Sie!

I waar muserlstaad ...

Aba Herr Pfaffinger!

Geh! Wenn i d' Stiefeln ausziahg ...

Jessas na!

Hret mi koa Mensch ...

Ja, wia red'n denn Sie?

Fannerl!

Er zog das Mdchen an sich. Seine linke groe Hand verirrte sich auf
den prallen Busen, indes er mit der rechten die schwach sich Strubende
rckwrts fate und auch hier Anla zur strmischen Werbung fand.

Du Trutscherl, du liab's!

Herr Pfa ...

Seine breiten Lippen erstickten ihre Stimme, und sie legten sich breit
und feucht auf ihren Mund. Ehrlich erwiderte sie den Ku.

Du Gschmacherl du!

Schorschl!

       --       --       --       --       --

Also pa auf, Fannerl, i ziahg d' Stiefeln aus ... werst sehg'n, es
hrt mi neamd ...

Aba da Vata schlaft do no net ...

Der schlaft scho!

Geh! Wenn er do jetzt erst hoam geht ...

Nacha wart i halt a halbe Stund, bis er eing'schlaf'n is ... und du
machst mir d' Haustr auf!

Na ... Schorschl ... ds geht net ...

Leicht geht's.

Was denkst da denn du von mir? So schnell! Na ... ds geht amal net
...

Geh weiter ... Trutscherl! Jetzt ds derfst mir net o'toa!

Was?

Jetzt hab' i mi a so g'freut ... und nacha waar's nix!

Aba wenn's net geht!

Und i hab' mi so fr di ins Zeug g'legt!

Aba Schorschl!

Ja ... Und du tatst mir gar koan G'fall'n!

Wenn aba da Vata net so g'schwind ei'schlaft!

Na ... wart i a Stund ...

Fannerl schien zu berlegen, und da die Ergebnisse solcher
berlegungen immer die gleichen sind, sah Schorschl beseligt in die
Zukunft ...

Aba da d' ja net frher kummst ...

Na ...

Und net an d' Stiag'n hi stst ...

I sag da ja ... da i d' Stiefeln ausziahg ...

Jessas! Jessas! Was muat dir du von mir denk'n!

Da du a G'schmacherl bist!

Ds hast g'wi scho zu viele g'sagt!

Ds? Na ... ds hab i no zu gar koane g'sagt! Derfst d'as g'wi
glaab'n ...

Er war doch ein Don Schuang und kannte das weibliche Herz.

Ein neuer Ku befestigte das Versprechen, und innig
aneinandergeschmiegt schritten die beiden dem Hause zu, in das
Schorschl so bald einzuschleichen gedachte.

Auf dem Stadtplatze hrten sie die rauhen Worte des Herrn Schwarz durch
die stille Nacht schallen und stieen auch bald auf den ahnungslosen
Vater, der sie freudig begrte.

Ah! Der Herr Pfaffinger! Hamm S' mei Fannerl begleit'?

Ich hab mir erlaubt, weil mir Ihnen nicht mehr g'sehen haben ...

Ja ... i hab da a kloane Aussprach' g'habt ... ber Eahna, Herr
Pfaffinger ...

Ah so! Weg'n der Gaudi?...

Ja ... und die Folgen, wo mir der Elfinger, der Hansdampf, der
spinnate, htt erzhl'n mg'n. Da Sie a Duwl kriag'n ...

I?

Ja ... sagt der Elfinger ...

Um Gott'swill'n ... Herr Pfaffinger ... weg'n mir ...

Da brauchen Sie keine Angst nicht zu haben, Frulein!

Ds hab i aa g'sagt ... so a Schmarrn, sag i ... auf d' Kirta laden S'
den Kerl ei, wenn er Eahna was will ...

Geh, Vata!

Is ja wahr aa ... ds is de richtige Antwort ... Also guat Nacht, Herr
Pfaffinger, und b'suachen S' mi amal ... werd mir an Ehr sei!

Guat Nacht, Frulein!

Gut Nacht!

Noch ein Blick, der alles auf ein neues besttigte, dann huschte
das Mdchen ins Haus, die Tre klappte ins Schlo, Herr Pfaffinger
entfernte sich mit absichtlich lauten Schritten.

       --       --       --       --       --

Ob es nun gerade eine Ehre fr den Stadtvater Trinkl war, als Schorschl
eine schwache Stunde spter und sehr viel leiser wieder zu dem Hause
kam, die Tre frohlockend geffnet fand und auf den Fuspitzen gehend
sich einschlich? Fr ihn war es jedenfalls ein Glck.

Da stand er im Dunkeln und fhlte die Nhe des Mdchens. Ein leises
Rascheln. Pst!

Eine Hand ergriff die seine ... eine Stimme flsterte dicht an seinem
Ohr: Ziahg' d' Stiefeln aus!

Und er zog sie aus.

       *       *       *       *       *

Es ist Zeit, von Anton Gumposch zu reden. Denn ber allem darf nicht
vergessen werden, da in der ttlichen Mihandlung eines akademisch
gebildeten Mannes der Anla zu einem Ehrenhandel vorlag, jedenfalls
vorliegen konnte, wenn anders die uralten Gebote der Ehre auch in
diesem sdlichen Winkel unseres deutschen Vaterlandes noch nicht alle
Geltung verloren hatten.

Da sie es #nicht# hatten, da sie zum mindesten nicht stillschweigend
bergangen werden konnten, dafr brgte die Existenz des Herrn Anton
Gumposch.

Er war wohlhabender Rentner, Sohn und Enkel reicher Gutsbesitzer,
der seine Stellung in der Gesellschaft wie seinen Bildungsfonds als
Hospitant einer Universitt erhht hatte, oder, genauer gesagt, als
Mitglied eines Korps. Er liebte den Schein der Arbeit und war immer
bemht, ihn sich zu geben, und wenn ihm auch jeder Trieb zu ernsthafter
Beschftigung fehlte, war er doch Tag fr Tag lebhaft und regsam und
beobachtete nicht ohne Strenge die Arbeit seiner Nebenmenschen.

Wer sich rechtschaffen plagte, durfte sicher sein, da ihm Gumposch
wohlwollend auf die Achsel klopfte, und wer es im Kampfe ums Dasein
vorwrts brachte, konnte in dem anerkennenden Lcheln des Herrn
Gumposch den Ansporn zu neuen Anstrengungen erblicken.

Naturgem und ganz von selbst mute sich ein so liebevolles Interesse
fr die Umwelt auch auf das Gemeinwohl erstrecken, und Gumposch war
denn auch rastlos bemht, alle Manahmen, Frsorgen, Veranstaltungen
und Anordnungen der stdtischen Behrden Dornsteins einer sachlichen
Prfung wie einer stndigen Besprechung zu unterziehen. Sein nie
ruhender Geist ersann tglich Plne zur Hebung des Wohlstandes und
Ansehens der Gemeinde; Hebung, Entwicklung, Fortschritt waren die
Leitmotive seiner unzhligen Probleme, und so sehr stand er unter ihrem
Banne, da er nicht einmal die Mglichkeit eines Vorschlages prfte,
wenn er unter dem Zeichen von Hebung und Fortschritt zu stehen schien.

Gumposch versah im Geiste alle Berge der Umgebung mit Drahtseilbahnen,
wollte auf den Hhen Riesenhotels anlegen, Bche anstauen, um Seen fr
den Wintersport zu erhalten, rundum im Lande alle Wasserkrfte erwerben
zu groen stdtischen Fabrikanlagen, er projektierte elektrische Bahnen
nach allen Ausflugsorten, Konzertsle und Kaffeehuser in der Stadt,
und war immer mit einem neuen Plane zur Hand, wenn die Dornsteiner
Rckstndigkeit den alten kopfschttelnd abgelehnt hatte, und war immer
begeistert und lie ber den Huptern einer grmlichen Philisterschar
die Fahne des Fortschrittes flattern, des Fortschrittes, der Hebung und
der Entwicklung.

Gumposch war als Politiker jenem frher allgemein blichen Liberalismus
zugetan, der ohne eigentliches Programm nur ab und zu bemerkbar wurde,
wenn er sich gegen ultramontane Bedrckung aufbumte oder sich bei
Festen in Liedern erging. In gewhnlichen Zeitluften machte er nicht
viel Aufhebens von seinen politischen Meinungen und vermochte sie
auch wohl zu ndern und anzupassen, aber wenn Wahlen im Reiche waren,
erhob Herr Gumposch einen starken Lrm, lie sich auf den Schild heben
und verma sich, der liberalen Idee neues Terrain zu erobern. Im
Dornsteiner Boten tauchten Nachrichten auf von Reden, die unser Herr
Gumposch hier und dort gehalten hatte, und von sichtbaren Eindrcken,
die seine vaterlndisch tiefempfundenen Worte auf die Bevlkerung
gemacht hatten.

Das Dornsteiner Wochenblatt hingegen strotzte von hmischen
Invektiven gegen den verdienten Brger der Stadt und mute in jeder
Nummer Gumposchische Erwiderungen auf Grund des bekannten Paragraphen
bringen, mit Repliken und Dupliken, in denen ein berlegener Hohn bald
auf dieser, bald auf jener Seite zu finden war.

In solchen Zeiten, da deutsche Mnner ihre ganze Vaterlandsliebe
aufbieten mssen, um nicht vom Ekel bermannt zu werden, und ihre
ganze Kraft, um nicht erschpft zusammenzubrechen, und ihren nimmer
versiegenden Glauben an Deutschlands Zukunft, um nicht daran zu
verzweifeln, in solchen Zeiten fhlte sich Gumposch am wohlsten.

Das Zielscheibesein fr gewissenlose Angriffe oder fr Pfeile aus dem
Hinterhalte war seiner Natur so recht entsprechend und stillte sein
Bedrfnis, ein Mittelpunkt zu sein.

In solchen Zeiten konnte er es freudig erleben, da auch stumpfe
Naturen bei seinem Anblick in Bewegung gerieten, da sonst
gleichgltige Brger vielsagend mit den Augen zwinkerten, wenn sie ihm
begegneten, da im Gasthause bei seinem Eintritte die Leute die Kpfe
zusammensteckten und es kam auch vor, da der eine und andere ihm
lautes Lob erteilte.

Und wenn dann am Wahltage, wohlgemerkt auf Kosten des Herrn Gumposch,
im Redaktionsfenster des Dornsteiner Boten nach ganz neuzeitlichen
Prinzipien die Wahlresultate hinter beleuchtetem Glase auftauchten und
in diesem magischen Licht auch der Name Gumposch erstrahlte, und war es
mit noch so wenig Stimmen des Durchfalles, dann bildete dieser Moment
einen schnen Abschlu beseligender Wochen. Man sieht, da dieser Mann
ein Pol im Kreise der ffentlichen Interessen war, und darum noch
einmal: es ist Zeit, bei diesem Ehrenhandel von ihm zu reden.

Er stand vor der Tatsache, da Herr Rechtspraktikant Tresser nach
einem heftigen Wortwechsel im berfllten Hllbrusaale von Herrn
Pfaffinger geohrfeigt worden war, und er war keineswegs geneigt, diesen
Vorfall leicht zu nehmen oder ihn mit sattsam bekannten Vernunftgrnden
aus der Welt schaffen oder mit Worten einer billigen Entrstung abtun
zu lassen.

Nein! Hier war endlich ein wirklicher Skandal gegeben, an dem Leute
beteiligt waren, von denen der eine gewi, der andere vielleicht zum
Verstndnisse des tiefen Ernstes der Sache gebracht werden konnte.

Und Gumposch fhlte sogleich, da er der Mann dazu war, diese
Angelegenheit in die Hand zu nehmen, ihr Einschlafen zu verhindern, ihr
einen honetten Ausgang zu verschaffen.

War es ohne Bedeutung fr den gebildeten Teil der Dornsteiner
Gesellschaft, wenn die brgerliche Welt sah, da dieses Renkontre nicht
anders und nicht ernsthafter behandelt wurde wie etwa eine Schlgerei
in den niederen Schichten? War es ohne erzieherischen Wert, wenn das
Brgertum einsehen lernte, da zwischen seiner Auffassung von Hndeln
und ihren Folgen und der Auffassung von satisfaktionsfhigen Mnnern
denn doch ein unberbrckbarer Abgrund klaffte? War es zuletzt fr die
Reputation der Stadt so gleichgltig, wenn hier Prgeleien nicht anders
bemessen wurden als in dem nchsten Bauerndorfe?

Noch einmal nein!

Hier war Gelegenheit geboten, mit hheren Ansichten durchzudringen,
dem Ehrenstandpunkte Geltung zu verschaffen gegenber einer
Bevlkerung, die nur zu leicht geneigt war, die Schranken nicht zu
sehen, welche sie von der gebildeten Klasse trennten.

Wenn diese Bevlkerung mit aus Grauen und Bewunderung gemischten
Empfindungen sehen mute, da in gewissen Sphren ein Mann eben doch
anders fr seine Handlungen einzustehen habe als Krethi und Plethi --
jawohl Krethi und Plethi -- dann fiel von der abgerungenen Hochachtung
auch fr den Mann ein gut Teil ab, der dem Ehrenstandpunkte zum Siege
verhalf und seine Zugehrigkeit zur besten Klasse klar und deutlich und
weithin sichtbar bewies.

Alle diese Grnde, in einem Selbstgesprche und vor dem Spiegel mit
Kraft vorgetragen, brachten Herrn Anton Gumposch schnell zu dem
Entschlusse, seine Person in den Vordergrund zu schieben und das
pbelhafte Ereignis auf ein hheres Niveau zu bringen.

Der Weg zu diesem Unternehmen war vorgezeichnet. Da Herr Tresser nicht
erst einer berredung bedurfte, um in der Sache klar zu sehen, war wohl
anzunehmen.

Hingegen erschien es mehr als zweifelhaft, ob Herr Georg Pfaffinger
nach Erziehung und Charakter in der Lage war, seine Pflicht zur
Genugtuung voll zu begreifen.

Hier also mute der Leiter der Angelegenheit einsetzen.

Zum ersten war die Frage zu prfen, ob der Brauereivolontr
satisfaktionsfhig war.

Vor nicht langer Zeit hatte die Regierung der Brauereiakademie den
Charakter einer Hochschule verliehen, und damit war offenbar nicht nur
dem Biersieder die Wrde einer gelehrten Beschftigung zugesprochen
worden, sondern auch den Kandidaten die Eigenschaft des akademischen
Brgers.

Es bestand sohin gegrndete Hoffnung, da Herr Georg Pfaffinger auch
von strengen Beurteilern fr satisfaktionsfhig betrachtet werden
konnte -- -- aber!

Ob sich der Mann diese Eigenschaft selbst zuerkannte, in einem
Zeitpunkte, da sie fr ihn brenzlich war, das mute bezweifelt werden.

Gumposch, der sich zuweilen auch jovial zu geben wute, kannte
Schorschl von einigen gemeinsamen Frh- und Abendschoppen her und hatte
einen Einblick getan in dessen robustes und bildungsfremdes Wesen.

Der ungeschlachte Jngling hatte von Welt und Menschen eine durchaus
bruburschige Ansicht, und seiner Art lag es bestimmt nher,
Streitigkeiten mit Watschen als mit Pistolenschssen auszutragen.

Vielleicht wre jeder andere zurckgeschreckt vor der Aufgabe, einen
Pfaffinger ber ritterliche Pflichten aufzuklren, vielleicht htte
jeder andere dieses hoffnungslose und bel angebrachte Beginnen von
sich gewiesen, aber Gumposch hatte das strkste Vertrauen auf die
Macht seiner Persnlichkeit, und er ging sogleich daran, sein Vorhaben
auszufhren.

Er zog seinen Gehrock an und bedeckte das Haupt mit einem Zylinderhute,
und wenn dieser feierliche Aufzug an einem Werktage in Dornstein
Aufsehen erregen mute, so war das ganz und gar nicht den Absichten des
Herrn Gumposch zuwider, denn er war nicht der Mann, eine so wichtige
Sendung in Heimlichkeit und Stille zu vollziehen.

Im Gegenteil, als er an diesem hellen Vormittag ber den Stadtplatz
wandelte, verstrkte er so viel er nur konnte durch seine dstere Miene
die Seltsamkeit seiner Erscheinung, und er bemerkte es gerne, da man
die Hlse reckte und aus Fenstern nach ihm sah.

Der Metzgermeister Eder pfiff und schrie hinter ihm her, was denn los
wre, und der Uhrmacher Haas nahm hastig das Vergrerungsglas von
seinem Auge und humpelte ins Freie.

Herr Gumposch! Pst! Sie Herr Gumposch, is a Leich oder was?

Heut is keine Leich oder was, sagte Gumposch ungndig und wie ein
Mann, der nicht aufgehalten zu werden wnscht.

Ja no! Weil S' an Bratlrock o'hamm. Machen S' an B'suach?

Besuch?

Gumposch blickte dem neugierigen Uhrmacher ins Auge und sagte, jede
Silbe betonend: Jawohl, Herr Haas, ich mache einen Besuch!

Haas verstand, da hier irgend etwas im Hintergrunde lauere, und
erschrak beinahe darber.

S ... soo? Und bei wem, wenn i frag'n derf?

Sie drfen eben nicht fragen.

Net?

Respektive, sagte Herr Gumposch, respektive ich darf Ihnen keine
Antwort nicht geben ...

Ja, aber ...

Was?

I moan, warum nacha net?

Weil es Dinge gibt, Herr Haas, ber die man nicht spricht.

Bei diesen Worten machte Gumposch eine scharfe Wendung nach links in
die Hafnergasse und lie den verblfften Uhrmacher in tiefem Sinnen
stehen.

.... Wei ... weil ...?

Weil es Dinge gibt, von denen sich eure Schulweisheit nichts trumen
lt, schlichter Brger ...

Schauen Sie ihm nach, wie er dahin geht mit dem in die Stirne
gedrckten Zylinder, winken Sie Ihrem Nachbar, dem Lohgerber, zu,
der mit noch aufgekrempelten rmeln unter der Tre steht, wispert
miteinander, lacht oder klopft vielsagend an die Stirne, ihr ahnt es
nie, da dieser Mann einen Gang geht, von dem Leben oder Tod abhngen
kann!

Obwohl dem bedeutsam Ausschreitenden auch von hinten etwas anzusehen
wre, was man Schicksalsschwere nennen knnte.

       *       *       *       *       *

Herein!

Mit stark verschleimter Stimme: Herein!

Herr Pfaffinger drehte sein Haupt, auf dem alle Haare wirr
durcheinander geraten waren, mhsam gegen die Tre hin und versuchte
es, die verklebten Augen zu ffnen.

Sein unsagbar leerer Blick fiel auf seine Hausfrau Margarete
Holdenried, die ihn eifrig und mehrmals anrief.

Herr Pfaffinger! Herr Pfaffinger!

Wos denn?

Da Herr Gumposch is da!

Da ... da ...?

Da Herr Gumposch!

Das Erinnerungsvermgen Schorschels erstreckte sich offenbar nicht auf
diese bedeutende Persnlichkeit.

Er sagte von mir aus!, ghnte und drehte sich um.

Ja, aba Herr Pfaffinger, da Herr Gumposch mcht Ihnen doch sprechen!

Han?

Er mu Ihnen auf der Stell sprechen, hat er g'sagt ...

Mi?

Freilich, es mua was Dringends sei ...

Er soll ma mei Ruah lass'n ...

Ja, aba, wenn er do sagt ...!

I steh net auf.

Frau Holdenried stand ratlos unter der Tr und sah auf ihren
Zimmerherrn, der die Decke ber die Schultern zog und zu schnarchen
anfing.

Aba ...

Lassen S' mich nur herein, sagte Herr Gumposch, schob sie hflich ein
wenig beiseite und betrat das Zimmer.

Jessas, wia's aba da ausschaugt! seufzte Frau Holdenried, ... und
... und ... setzte sie bei und ffnete ein Fenster.

Ich mu eine Viertelstund' allein sein mit 'n Herrn Pfaffinger,
mahnte der Besucher.

Aba wia's da ausschaugt!

Das ist jetzt Nebensache ... auf das geb' ich gar nicht acht ...
sagte Herr Gumposch.

Ja no, wenn S' meinen, aba ...

Frau Holdenried schttelte mibilligend das Haupt und bersah noch
einmal mit einem Blick die wste Unordnung im Zimmer, hob die Weste vom
Boden auf, erhaschte die beiden Stiefel, schttelte wieder das Haupt
und ging.

Es war still in dem Zimmer; vom Bett her tnte es leise und gleichmig
wie der Klang einer langsam gezogenen Sge.

Herr Pfaffinger!

Es kam keine Antwort, und die Haarwildnis, welche in den Kissen lag,
geriet nicht in die geringste Bewegung.

Gumposch klopfte mit dem Stock auf das Bett, einmal, zweimal, fter.
Herr Pfaffinger!

Die Haarwildnis drehte sich um, langsam schob sich die Decke ein wenig
herunter, und langsam schob sich der Deckel des einen Auges so weit
hinauf, da dieses verstndnislos auf Herrn Gumposch starren konnte.

Dieser nahm einen Stuhl und setzte sich mitten in das Zimmer. Sein
Kinn sttzte er fest auf die Hnde, die er ber der Krcke seines
Spazierstockes gefaltet hatte, und richtete seine Augen ernst und
unverwandt auf den jungen Menschen, dem er eine Pause gnnte, um die
Wichtigkeit des Augenblickes wie jene des Besuchers allmhlich zu
begreifen.

Schorschl schlo vor den strengen Blicken des Herrn Gumposch die Augen
und ffnete sie nur zgernd wieder, und immer auf ein neues zeigte sich
darin Erstaunen ber die Erscheinung des Sendboten der Ehre.

Dieser rusperte sich etliche Male und sagte mit tiefer Stimme:

Ja, ja ... das ist eine bse Sache, Herr Pfaffinger!

Schorschels Gedanken reihten sich noch keineswegs geordnet aneinander.

Wia? fragte er.

Sie haben sich was Bses eingerhrt, gestern nachts ...

Die Erinnerung an eine leise knarrende Stiege, an eine Tre, die beim
Schlieen ein wenig gechzt, an eine Hand, die ihn gefhrt hatte, die
Erinnerung an volle Arme, die sich um seinen Hals geschlungen hatten,
tauchte in Herrn Pfaffinger auf und vermochte ihn, seine Augen weiter
zu ffnen.

Da sa vor ihm ein Mann, der ihn bitter ernst anblickte und beinahe
traurig mit dem Kopfe nickte ... irgendein Grund mute ihn doch
hergefhrt haben ... sollte wirklich der Vater was gemerkt ... die
Tochter was gestanden haben?

Sein Herz fing an, schneller zu schlagen.

Wia? fragte er unsicher, beinahe ngstlich.

Gumposch, als ein gewiegter Menschenkenner, sah wohl, da seine
Anwesenheit Gemtsbewegungen verursachte, und das freute ihn und
erregte in ihm sogar ein gewisses Wohlwollen mit seinem Opfer.

Tja! sagte er, lieber Pfaffinger, wie stellen Sie sich das vor, da
die Sach 'nausgeht?

Wie stellte man sich das vor?

Die Gedanken Schorschels richteten sich langsam auf ein paar
Mglichkeiten, Unannehmlichkeiten, auf Verdru daheim, Verlust an Geld,
auf lange Weibsbilderreden.

Er sah zerknirscht aus, was Gumposch sich hoch anrechnete, und da er
nun den Augenblick gekommen sah, wo er mit einer wohlgesetzten Rede
einfallen mute, erhob er sich und wandelte im Zimmer hin und wieder
und war darauf bedacht, seine Perioden abzurunden.

Da haben wir die alte Geschichte, sagte er, die Jugend, die einfach
... brrr ... drauf los strmt, nichts berlegt, an keine Folgen nicht
denkt, hitzig, nichts wie hitzig! Wacht man hernach am andern Tag auf,
dann kommt die berlegung. Jetzt sieht der Mensch, was er fr eine
Dummheit gemacht hat. Wie? Was sagen S'?

Schorschl sagte eigentlich nichts. Er brummte wohl etwas in die
Bettdecke hinein, aber es gehrte nicht unbedingt zur Sache und pate
keineswegs zu dem wrdigen Ton, den Herr Gumposch angeschlagen hatte
und festhielt. Bemerkenswert war nur, da der junge Mensch in diesem
Augenblicke beschlo, faustdick zu lgen und nichts zu gestehen, nicht
das geringste zu gestehen und faustdick zu lgen. Ja, da brummen Sie!
konnte nun der Redner fortfahren, das verdriet Sie womglich noch,
da man Ihnen die Wahrheit sagt, aber die mssen Sie schon annehmen
von einem Manne, der das Leben kennt und der in solchen Dingen seine
Erfahrung hat. Seine reichliche Erfahrung, mein lieber Pfaffinger, und
Sie mssen ja nicht glauben, da ich ber die Sache urteile, wie ...
wie ... sagen wir ... ein Prolet oder ein Brger ... Ich sage auch
nicht, da so was absolut nicht vorkommen kann ... du lieber Gott! Ich
war auch kein Guter, wie ich so alt war wie Sie, ich war ein verdammt
scharfer Kerl, das kann ich Ihnen sagen, und deswegen verstehe ich das
Vorkommnis, verstehe es vollkommen. Sie mssen nicht glauben, da ich
Ihnen Vorwrfe machen will, ich betrachte es nur als meine Aufgabe,
Ihnen mit Rat und Tat beizustehen ...

Schorschl fand, da dieser Mann sehr lange brauchte, bis er die Katze
aus dem Sack lie, und er betrachtete ihn blinzelnd und voll Unbehagen,
wie er da auf und ab schritt und redete wie ein Buch.

Er sollte endlich einmal herausrcken mit der Farbe, damit man
frischweg lgen konnte ...

Pfaffinger, sagte Herr Gumposch nun vterlich und zutunlich und sah
den jungen Menschen wohlwollend an, Pfaffinger, Sie betrachten sich
doch selber als satisfaktionsfhig?

... Wia?

Nachdem Weihenstephan jetzt eine Hochschule ist, nicht wahr, haben
doch die Angehrigen dieser Hochschule, nicht wahr, auch ihrerseits das
Bestreben, als satisfaktionsfhig zu erscheinen ...?

Wia?

Gumposch wurde rgerlich.

Also, das ist doch klar, da Sie dem Herrn Rechtspraktikant Tresser
nicht blo eine herunterhauen knnen und damit fertig! Wir leben doch
nicht unter den Aschantis, nicht wahr, oder unter den Bauern ...

Ja so! Schorschl sagte es nicht eigentlich und deutlich. Seine
ganze ngstliche Spannung lste sich auf in einem Ja so! Er rutschte
mit einem kaum zu beschreibenden wohligen Gefhle tiefer unter die
Decke, er streckte froh und erleichtert die Beine aus und spielte
behaglich mit den Zehen und drehte sich gegen die Wand, und sein ganzes
Wesen war nur ein Ja so! Wir leben doch nicht unter den Aschantis!
wiederholte Gumposch, der diesen seelischen Vorgang nicht bemerkte,
weil er eben seinen Marsch durch das Zimmer wieder aufnahm. Wenn ihr
Weihenstephaner das Bestreben habt, unter die Gebildeten aufgenommen
zu werden, so mt ihr auch klar sein, da es hier, da es in solchen
Dingen nur ein Entweder -- Oder gibt. Entweder man ist Knote, oder man
gehrt zu den Leuten, welche die Verantwortung fr ihre Handlungen auf
sich nehmen. Ist man Knote, will man Knote sein, -- gut! Dann war es
nicht notwendig, da ich mich hierher bemht habe, dann war es sehr
berflssig, sich den Rat eines Mannes zu erbitten, der von Jugend auf
gewohnt ist, Differenzen in ehrenhafter Weise auszutragen. Dann war
es ganz und gar nicht angebracht, sage ich, einem solchen Manne die
Entscheidung zu berlassen, die Entscheidung darber, ob hier anstndig
oder proletenhaft, jawohl, ich sage proletenhaft, verfahren werden
soll; denn darber konnte kein Zweifel sein, wie meine Ansichten sind,
und jedenfalls wrde ich es mir ganz energisch verbitten, in diesem
Punkte Zweifel zu haben. Wie gesagt, die Frage lautet ganz einfach:
Wollen Sie ein Knote sein und als Knote gelten, Herr Pfaffinger? Ja
oder nein?

Es ertnte weder das eine noch das andere. Sondern, erst leise
einsetzend, dann zh und wuchtig, als gelte es, Verlorenes nachzuholen,
schnarchte der junge Mensch, dem hier so eindringlich wie uneigenntzig
ins Gewissen geredet worden war. Schnarchte dergestalt, da jede
Aussicht auch auf zeitweilige Unterbrechung ausgeschlossen erschien.
Gumposch war mehr als indigniert, er war angefllt mit Verachtung. Er
nahm Stock und Hut, stellte sich vor das Bett und warf einen stechenden
Blick auf diese jedes Pflichtgefhles bare und trotzdem in tiefstes
Behagen versunkene Masse.

Also Knote! sagte er und ging.

       *       *       *       *       *

Aber, wie gesagt, ber all dem darf man nicht vergessen, da
ein Mitglied der besseren Stnde, und einer, dem die Laufbahn im
Staatsdienste erffnet war, vor einem zusehenden Publikum das erhalten
hatte, was auch eifrigste Beschnigung eine Maulschelle heien mute.
Da sie nicht einfach hingenommen werden konnte, war die Meinung aller
Beamten, deren Leidenschaftlichkeit nicht gnzlich unter Aktenstaub
erloschen war, und so konnte denn ein aufmerksamer Beobachter wohl
bemerken, da zwei Tage nach dem Vorfalle ein lebhafter Frhschoppen
im Gasthofe zur Post herrschte. Der gebildete Teil der Bevlkerung
trank hier ein Glas Wein und trank es mit tiefstem Unwillen, mit einem
Gefhle, das man seiner weisen Migung halber Indignation nennen
knnte.

Er hatte sich immer mehr erhitzt, als Gumposch erklrte, da der
ungehobelte Flegel, nmlich Herr Georg Pfaffinger, nicht das geringste
Verstndnis fr das Wesen der Satisfaktion besitze.

Solange darber nicht Klarheit herrschte, hatten die alten
Studenten und freien Burschen das unangenehme Nebengefhl gehabt,
da ein Waffengang in Dornstein auch fr entfernt Beteiligte groe
Unannehmlichkeiten nach sich ziehen knne. Jetzt, da fr ngstliche
Bedenken kein Platz mehr war, traute sich bei Oberamtsrichter
Herzensfroh wie bei jedem der tiefe Ingrimm ber den Lmmel hervor. Man
war sich sogleich darber einig, da unter diesen Umstnden dem ganzen
klobigen Spiebrgertum ein heilsamer Schrecken eingejagt werden msse
durch eine scharfe Forderung auf Pistolen.

Natrlich wrde sie Pfaffinger nicht annehmen, wie Herr Gumposch immer
wieder versicherte, aber die bange Erkenntnis wrde in ihm aufdmmern,
da er mit seiner Roheit an Kreise geraten war, deren scharfkantige
Ehrbegriffe ihm furchtbar erscheinen muten. Ihm und den anderen, die
gegenber von der Post beim Lammwirt saen und, wie man recht gut
wute, ein unfltiges Vergngen an dem bisherigen Gang der Ereignisse
bezeigten.

Also ber diese Notwendigkeit war man sogleich einig, und nun warf
Oberamtsrichter Herzensfroh die wichtige Frage auf, wer das Amt
des Kartelltrgers, des, wie Gumposch versicherte, vergeblichen
Kartelltrgers bernehmen sollte.

In die engere Wahl kamen nur zwei Herren: Anton Gumposch und der
pensionierte Leutnant Hans Mhlritter, denn es stand fest, da kein
Beamter sich der Aufgabe widmen durfte, weil die Expedition nicht
geheimbleiben konnte und sollte.

Gumposch, ein mit dem Kodex der ritterlichen Pflichten vertrauter
Mann, mute die Wahl ablehnen, da er schon in anderer Eigenschaft, als
Ratgeber und eventueller Sekundant, dem Menschen, nmlich Herrn Georg
Pfaffinger, nhergetreten war, und so blieb nur Mhlritter brig, der,
ohne einen Augenblick zu zgern, seine Zusage gab.

Fr einen alten Soldaten, sagte er, gibt es da kein langes hin
und her. Man stellt sich auf den Posten. _Bong!_ Alle dankten ihm
herzlich, fast lrmend, und Gumposch, der, wie immer, den gnstigen
Augenblick ersah und das Richtige traf, bestellte eine Flasche guten
Rheinweines.

Unter ihrem Einflusse wurde Mhlritter sehr gesprchig, und da er
in seinem Leben wohl nie derartig in den Mittelpunkt des Interesses
gestellt gewesen war, ntzte er diese einzige und spte Gelegenheit
nach Krften aus.

Er war durch den magersten Ruhegehalt gezwungen, als Inspektor einer
Lebensversicherung Nebenverdienst zu suchen, und in dieser Eigenschaft
hatte er sich eine hinstrmende und bilderreiche Redeweise angeeignet.

So verbreitete er also eine Atmosphre von Ritterlichkeit und rauher
Soldateska um sich und gab zu verstehen, da solche Gnge, wie der
vorhabende, zu seinen Gewohnheiten gehrt htten in jenen Tagen, die er
mit Zungenschnalzen und Verdrehen der Augen seine tolle Leutnantszeit
hie.

Da Gumposch fleiig einschenkte und die Tafelrunde ihn mit
Wohlwollen anhrte, geriet er immer tiefer in seine waffenklirrende
Vergangenheit und berichtete Abenteuer, als wre er bei Pappenheims
Krassieren gestanden und nicht im glorreichen Jahr 1866 zum Leutnant
auf Kriegsdauer ernannt worden, und er berschttete die Krmer,
Brezelbcker und Klberstecher Dornsteins mit unsglicher Verachtung,
ganz vergessend, da sie seine Mitbrger und Glubiger waren.

Als die Mittagsglocke lutete, erwachten alle Familienvter aus ihren
Heldentrumen und erhoben sich.

Junker Hans Mhlritter sah jedem vielversprechend ins Auge und teilte
derbe Hndedrcke aus und verma sich noch einmal und immer wieder,
er wolle noch desselbigen Tages ein Feuerlein anschren, an dem die
Frechheit Pfaffingers wie Butterschmalz zergehen werde.

Dann blieben sie zu dritt am Tische sitzen, der Leutnant-Inspektor,
Anton Gumposch und Tresser.

Die Glser klangen hell und hufig aneinander, und Mhlritter trank,
wie es recht war, Bruderschaft mit dem Jngling, dessen Fehdebrief er
dem Gegner berbringen sollte, und der Korpsphilister Gumposch hielt
nicht an sich, sondern bot dem alten Kriegsknecht das traute Du an
und kte ihn auf das weinsuerlich duftende Maul.

Und ein rauhes Wort gab das andere, und jugendliche Abenteuer tauchten
auf und verschwanden wieder im Nebel des Zigarrenrauches, und Tresser
versank in tiefe Traurigkeit darber, da sein Feind nicht auf dem Plan
erscheinen werde.

Und nacha, so erzhlt die Kellnerin Zenzi, und nacha hat der Herr
Gumposch an Schampaniger zahlt, und da san 's allaweil b'suffener worn,
und der notige Leitnant is auf an Sessel durchs Zimmer g'ritt'n und
hat kummadiert, und de andern san hinter eahm drei' g'ritt'n, und wenn
er Galopp g'schriean hat, sans mit die Sthl so umanandbockelt, da
zwoa brocha san, und g'sunga ham 's, und da Herr Gumposch hat mit sein
Steck'n umanandg'fuchtelt, als wenn er an Sabl in da Hand htt', und
nacha hat er a Lamp'n aba g'haut, und nacha san 's hoam.

       *       *       *       *       *

Nicht alle gingen heim, wie Zenzi glaubte, sondern Junker Hans
marschierte ber den Stadtplatz, und obwohl er krampfhaft sein Ziel,
den Eingang der Hafnergasse, ins Auge fate, landete er dennoch in
schrger Linie seitab davon auf dem jenseitigen Brgersteig und
gelangte erst nach mehreren Schwierigkeiten vor die Wohnung der Frau
Holdenried, welche erschrocken ber den heftigen Klang der Glocke
herausstrzte.

Der ihr nicht unbekannte Inspektor der Assekuranzgesellschaft Bolivia
gab sich die grte Mhe, finster und ahnungsschwer auszusehen und das
selige Lcheln aus seinem Antlitze weichen zu lassen.

Er fragte mit hohler Stimme, ob ein gewisser Georg Pfaffinger anwesend
und gegenwrtig sei.

Nein, der komme erst in einer guten Stunde heim, und Jessas -- Jessas
na! was es denn schon wieder gebe?

Nichts fr Weiber! war die Antwort, und da schaute nun die gute
Witwe Holdenried dem ber die Treppe hinab Polternden in banger, aber
ungestillter Neugierde nach und faltete die Hnde ineinander, wie es
die Frauenzimmer in solchen Lagen tun.

Jessas na! Also seit zwei Tg' is keine Ruh und kein Fried mehr im
Haus ...

Und eine Treppe tiefer kam die Frau Sattlermeister Widmann, welche
durch den lauten Abstieg Mhlritters in Argwohn versetzt worden war,
aus ihrer Wohnung.

Was gibt's denn, Frau Holdenried?

Denken S' Ihnen nur, g'rad jetz is der Inspektor dag'wes'n und hat
nach 'n Herrn Pfaffinger g'fragt ...

Der Mhlritter?

Ja, und wie der ausg'schaut hat, sag' ich Ihnen, und wie der g'fragt
hat ... na ... das is grad, als wenn mein Zimmerherr kein Ruh' mehr
krieg'n derf ...

Frau Widmann kam nach oben und stand lange bei ihrer Hausgenossin und
tauschte mit ihr die schlimmsten Befrchtungen aus.

Aber das war an diesem Tage das Los aller Dornsteiner, dieses Leben in
Angstzustnden.

Als Anton Gumposch, den Hut tief in die Stirne gedrckt, nach Hause
ging, befiel ihn ein Gedanke, der seiner Gewissenhaftigkeit und
allgemeinen Frsorge angemessen war.

Wie? Wenn er sich getuscht hatte? Wenn der junge Mensch die Last
der Verachtung als zu gro befand und im letzten Augenblicke den
Forderungen der Ehre Gehr schenkte?

Mute nicht zum wenigsten die Mglichkeit ins Auge gefat werden?

Und wer sollte sie ins Auge fassen, wenn nicht er?

Die Verantwortung, die so mit einem Male vor ihm stand, hob beinahe
alle Nachwirkungen des Frhschoppens in ihm auf, und er vermochte sich
Rechenschaft zu geben ber die Reihenfolge der Pflichten, die ihm
bevorstehen konnten.

Einen Platz auswhlen, Fuhrwerke besorgen, einen Arzt ins Vertrauen
ziehen, nun natrlich ... einen Arzt um Beistand ersuchen, drei
Kutschen bestellen, einen Platz aussuchen ... einen Arzt ... Da lag
nun wieder einmal, wie so oft schon, alles auf seinen Schultern,
die anderen redeten und lieen sich's weiter nicht kmmern, blo er
natrlich hatte die Arbeit, die Lauferei, die Sorge.

Er war zu Hause angelangt und stellte sich vor den Spiegel und sah
kummervoll in das blaurote Antlitz, welches ihm mit verschwommenen
Augen entgegenblickte.

Wer dankt dir's eigentlich, Toni? fragte er wehmtig. Und was hast
du davon? Scherereien und rgernis, jawohl, und zuletzt Undank ...

Als er so fast in Schmerz versinken wollte, fiel sein Blick auf die
Pistolen, die an der Wand hingen, und sogleich fand er seine Tatkraft
wieder. Freilich! Pistolen brauchte man ja auch, und in ganz Dornstein
war vielleicht kein gleiches Paar auer den seinen zu finden.

Er nahm sie herunter, und da sie Rost angesetzt hatten, wollte er sie
sogleich zum Bchsenmacher bringen.

Vergessen war jedes lhmende Gefhl.

Er umwickelte die Waffen sorgfltig mit einer alten Zeitung und stand
schon eine Viertelstunde spter mit seinem Paket unterm Arm in der
Werkstatt des Xaver Reindl, der einen Gewehrlauf putzte und dabei
Unterhaltung pflog mit Herrn Magistratsrat Trinkl.

Gumposch setzte seine geheimnisvollste Miene auf und erregte die
Neugierde des Bchsenmachers durch Nicken und Blinzeln.

Er rusperte sich, gab ausweichende Antworten, trat von einem Fu auf
den andern und zeigte so viel Ungeduld und Heimlichkeit, da es sogar
Herr Trinkl merkte und ging.

Reindl, sagte nun Gumposch, indes er dicht vor den Meister hintrat
und ihn durchbohrend anblickte, Reindl, knnen Sie schweigen?

Ja, was glauben S' denn, Herr Gumposch ...

Kein Mensch darf nichts erfahren ...

Aba Herr Gumposch, i bin do a Mann, der ...

Gut, ich verla mich auf Sie.

Bei diesen Worten ffnete Gumposch sein Paket.

A paar alte Vorderladerpistol'n?

Reindl, die Pistolen mssen heut noch herg'richt werden, Lauf, Piston,
alles sauber geputzt.

Heut no?

Es mu unbedingt sein.

Wieder traf ein durchbohrender Blick den Bchsenmacher.

Der musterte eine Pistole und probierte die Feder.

Rostig san 's ... no, wenn's sei mua ...

Unbedingt.

Aber net, da i ...

Was?

Aber net, da i da in a Schlamassel nei kimm.

Wieso denn? Ich brauch die Pistolen zum bungsschieen. Sie haben sich
um gar nichts zu kmmern.

Der Meister drckte sein linkes Auge zu und schaute Herrn Gumposch
vielsagend an.

Der nickte und wiederholte: Zum bungsschieen. Hab' ich was andres
g'sagt?

Seine Blicke verrieten freilich, da hinter seinen Worten ein blutiges
Geheimnis lauerte, aber es kam nichts ber seine Lippen, und darum
konnte Reindl sein Gewissen beschwichtigen.

Von mir aus, sagte er, Sie schaffen's o -- net? Und i mach's -- net?
Und es g'hrt zu mein G'schft -- net?

Ganz richtig, entgegnete Gumposch, und dann bleibt's dabei, ich hol'
abends die Pistolen und komm' hinten herein. Adieu!

Adjes! Sie ... Herr Gumposch ...

Was?

Aba net, da i in a Schlamassel einikimm?

Nein, sag' ich. Reden nur Sie nix drber.

Er ging.

Der Meister kratzte sich hinter den Ohren und schaute bedenklich vor
sich hin. Sakera! Sakera!

Pst! Xaverl! Is der spinnata Deifi weg?

Reindl wandte sich hastig um. Der Herr Magistratsrat Trinkl war durch
die hintere Tr eingetreten. I bin zu deiner Alt'n eini und hab'
g'wart', bis der furt is. Was hat er denn woll'n, da er's gar so gndi
g'habt hat?

Ah ... nix b'sunders!

So? machte Trinkl mitrauisch und warf flinke Blicke herum.

Zu was g'hr'n denn de Pistol'n?

De? Ah ... de hab i scho lang do.

Lag no net a so, Mannderl! De hat der bracht. Ah, da schau her! Jetzt
kam's do no so weit!

Was denn? fragte der Bchsenmacher neugierig.

De mcht'n den junga Mensch'n frei zwinga zu dera Dummheit! De
Spitzbuab'nbande berananda!

Red do! drngte Reindl.

Ja ... red! Und du muat aa no dazua helf'n!

I? Zu was?

De Pistol'n herricht'n, gel, da de eahna Duwldummheit ausfhr'n
kinna!

Was denn fr a Duwl?

Du woat nix, du Schlaucherl!

I woa aa nix. Mach' halt amal 's Maul auf!

So, woat d' net, da de an Pfaffinger Schorschl o'stift'n mcht'n, er
mat si duwelieren, weil er an Tresser a richtige Pretsch'n geb'n hot,
wia 's a si g'hrt. Vo dem host du no gar nix lut'n hr'n?

Reindl pfiff durch die Zhne.

So? Ds waar's?

Ja, ds waar's, und du bist der Dumm' und lat di in de G'schicht
einiziahg'n ...

Herrgott, wenn i nix woa ...

Jetzt woat d' as, weil i dir's g'sagt hab. Aba wart no, da wer i
glei g'holf'n hamm, sagte Trinkl und nahm mit einem raschen Griff die
Pistolen und steckte eine in die linke und eine in die rechte Tasche.

Wart! De ko si der Hansdampf jetzt bei mir hol'n.

Aba Michl!

Wos aba? Nix aba! I bin an Amtsperson, verstand'n? Und bal i a
Werkzeug siech, wo ein Verbrech'n damit beganga wer'n soll, ds
konfiszier i ganz oafach ...

Ja, mir is gleich ...

Derf da scho gleich sei ... Derfst d' sogar froh sei, da i di von
dera Dummheit z'ruckg'halt'n hab. Ds waar ds wahre, wenn a Brger aa
no zu so was helfat!

Wenn i dir sag, da i nix g'wit hab!

Aber unwissend was httst du eahm de Waff'n g'liefert. Wurdst scho
g'schaugt hamm, Manndei, wia s' di fra zog'n htt'n!

Ja no, du host jetzt de Pistol'n, und mi geht's nix mehr o, bal du
sagst, da du's von Amts weg'n gnumma host ...

Hab' i aa.

Aba, was soll i denn zu eahm sag'n, bal er kimmt?

Zu eahm? Zu dem Gschaftlhuaba? Sagst d' eahm, die Waffe hat der
Magistrat an sich gezogen, sagst d'; und bal er a Duwl hamm will, soll
er si a Wurschtspritz'n z' leicha nehma, sagst d' eahm! Pfat di Good!

Und in aufrechter Haltung schritt Herr Trinkl hinaus und schritt durch
die Gassen Dornsteins, anzusehen wie ein Ruberhauptmann, denn aus
jeder Tasche sah drohend ein Pistolenkolben hervor.

       *       *       *       *       *

Grung in der Stadt. Die Brgerschaft, durch einen ihrer Besten
in Kenntnis gesetzt und durch Vorzeigung zweier Pistolen zur
zweifelsfreien berzeugung gebracht, da in den Mauern Dornsteins
ein hoffnungsvoller, auch wohlhabender junger Mensch zu einem
lebensgefhrlichen Abenteuer, ja zu einem Verbrechen gezwungen werden
solle, fhlte sich bedroht und vergewaltigt und in ihrem Glauben an die
Gesetzlichkeit der Zustnde schwankend.

Jeder wute ber Beobachtungen zu berichten, die er in den letzten
Tagen gemacht hatte. Der eine war dem Rdelsfhrer Gumposch, der andere
dem notigen Leutnant in der Pfaffengasse begegnet, dieser hatte den
Oberamtsrichter, jener den Assessor in die Post wandern sehen, ein
dritter wute schon, welche drohenden Reden beim Frhschoppen gehalten
worden waren, und die ganze Kette der Verdachtsgrnde war geschlossen
durch die Entdeckungen, welche Trinkl beim Bchsenmacher zu machen so
glcklich war.

Es bestand also eine Verschwrung in dieser friedlichen Stadt,
angezettelt von Dienern des Staates und darauf gerichtet, das Blut
eines jungen, auch wohlhabenden Menschen zu vergieen und dem Moloch
der Ehre ein Opfer zu bringen.

Der Abendschoppen beim Lammwirt glich einer Volksversammlung, und
Bckermeister Schwarz konnte die ganze Zgellosigkeit seines Wesens
offenbaren, ohne den geringsten Widerspruch zu finden.

Von Lohgerber Holzbck aber ging eine Anregung aus, die Besseres
bezweckte als diese wtende Despektierlichkeit: die Anregung, eine
Deputation nach Mnchen zu schicken, dem Abgeordneten Hiempsel den
Sachverhalt vorzulegen und durch ihn den Landtag zum schleunigsten
Einschreiten zu veranlassen.

Dieser Antrag fand auerordentlichen Beifall, und man ging sogleich
daran, die geeigneten Mnner auszusuchen.

Bckermeister Schwarz erbot sich freiwillig, als Sprecher dieser
Deputation das seinige zu tun, wurde aber von dem Vater der Idee, Herrn
Bartholomus Holzbck, darber belehrt, da Mnner, die gewissermaen
als Gesandte der hier versammelten Brgerschaft auftreten mten, nur
nach geheimer Abstimmung aus einer Wahlurne hervorgehen knnten, und
man war eben dabei, die dazu ntigen Zettel zu verteilen, als die
Tr aufging und -- Georg Pfaffinger an der Seite Hans Mhlritters
eintrat. Die berraschende, sonderbare und alle bisherigen Vermutungen
zerstrende Erscheinung der beiden wirkte so stark, da sogleich
betretenes Schweigen herrschte.

Man konnte in Gegenwart Mhlritters, der doch aus dem feindlichen Lager
kam, nicht in der Wahl fortfahren, man konnte auch angesichts der
Gelassenheit Pfaffingers nicht mehr so fest an einen Mordplan glauben,
man fhlte sich behindert und unsicher und fhlte auch mit Bedauern,
da eine schnste Gelegenheit zum Spektakelmachen zu entschlpfen
schien.

Die Gegenstnde der Aufmerksamkeit setzten sich in offenbarer Harmonie
an einen Nebentisch, bestellten Bier und stieen wahrhaftig miteinander
an. Da hielt es Trinkl nicht mehr aus!

Er bat den Jngling, fr dessen Menschenrechte er so lebhaft
eingetreten war, um eine Unterredung und ging mit ihm an jenen Ort,
wo solche geheimen Angelegenheiten mit Vorliebe behandelt werden, und
erfuhr nun, da nichts los sei.

Da rein gar nichts los sei.

Keine Rede von einer Forderung, einem Duell, einem Mord.

Aber der Gumposch? Der Frhschoppen in der Post? Aber die Pistolen?

Was wute Schorschl davon? Nichts. Was gingen ihn der damische Gumposch
und seine Geschichten an? Gar nichts.

Aba der Mhlritter? Sie wer'n do mir d' Wahrheit sag'n, Herr
Pfaffinger, indem da mir fr Eahna so auftret'n!

Natrli sag' i Eahna d' Wahrheit, Herr Trinkl. berhaupts.

Indem da mir a Deputation auf Minka hamm schick'n woll'n!

I tat do Eahna nix verheimlinga, Herr Trinkl!

Aba was hat na da Mhlritter von Eahna woll'n?

Nix. Oder da i's richtig sag', er hat mi in sei Lebensvasicherung
aufgnumma ...

In ...?

In sei Boliefia ...

Ja ... Herrgott ... und mir strapaziern ins da oba ...

Gewi war es merkwrdig. Noch viel merkwrdiger, als ein Brger wissen
konnte, der den Schwur des Junker Hans nicht mit angehrt hatte. Aber
trotzdem -- es war so.

Sei es nun, da Mhlritter unter der Einwirkung der starken Weine den
Zweck seines Besuches vergessen, sei es, da er sich bei allmhlicher
Ernchterung auf seine eigentlichen Berufspflichten besonnen hatte,
Tatsache ist, da er Herrn Georg Pfaffinger in gewhlten Worten
die Vorzge der Assekuranzgesellschaft Bolivia vor jeder anderen
gleichen oder hnlichen Unternehmung vor Augen stellte und ihn, Herrn
Pfaffinger nmlich, auch bewog und berredete, seine Unterschrift
zu geben, Tatsache ist ferner, da von einer Forderung oder irgend
etwas dem hnlichen nicht die leiseste Erwhnung geschah. Mit diesen
Tatsachen hatte sich, da in Dornstein nichts verborgen bleiben konnte,
die gesamte Einwohnerschaft abzufinden, und sie erregten, was hier
konstatiert werden soll, allgemeine Zufriedenheit.

Die grere bei dem Beamtenkrper, dessen Mitglieder jene beim
Frhschoppen gefaten Beschlsse noch am selben Nachmittag heftig
bereut hatten, die kleinere Zufriedenheit bei den Brgern, die schon
begonnen hatten, sich in aufgeregten Zustnden behaglich zu fhlen.

Ein einziger Mensch war emprt ber das unglaublich niedrige Niveau,
auf dem sich die Gesellschaft Dornsteins nun ein fr allemal zu bewegen
schien: Herr Anton Gumposch.




          Das Volkslied


Es erwachte damals die Freude am Volkstum, und man konnte berall
recht wohl den Drang bemerken, sich von echten, kleinsten Zgen der
Volksseele zu berzeugen und sie in gehaltvollen und gewundenen Stzen
wiederum zu schildern.

Neben Wortprgungen, die mit Heimat, Scholle, Erde, Erdgeruch wackere
Zusammenhnge fanden, begegnete man herzig schlichten Romanen, die, als
Aufgsse ber den wrzigen Bodensatz Gottfried Kellerscher Getrnke,
Farbe und Geschmack annahmen, und begegnete auch heimatliebenden,
von jeder peinlichen Tendenz abgekehrten Schulaufstzen, welche man
ehedem Feuilletons genannt hatte. In dieser wonnigen, schollenseligen
Zeit bemhten sich auch Berufsmenschen, Perlen im Aktenschutte zu
finden, und so nahm sich ein Rechtsanwalt namens _Doctor juris_ Anton
Habergais vor, seine mitten in Land und Leute verschlagene Existenz
folkloristisch zu verwerten und seltene Lieder zu sammeln. Er glaubte,
da sich ungehobene Schtze genug unter niederen Dchern befinden
konnten, und er wollte sie ans Licht ziehen und mit ihrer Naivitt
ein heimatfrohes Publikum entzcken. Der Gedanke war kaum gefat und
im vorhinein lieblich verbrmt, als Herr Habergais auch an seine
Verwirklichung schritt und sich ein in Leder gebundenes Heft von
schnem Bttenpapier kaufte.

Er stellte sich freudig vor, wie er wohl an stillen Winterabenden hier
hinein Lied fr Lied mit Beibehaltung der ursprnglichen Schreibweise
eintragen wollte benebst Anmerkungen unter einem mit roter Tinte zu
ziehenden Striche.

Nach etlichen fleiigen Monaten lie sich dann wohl ein Bchlein
daraus formen, welches den Forschern zur Erquickung, anderen aber zur
Belehrung dienen mute. Wie war nun aber das Material herbeizuschaffen?

Der ehedem solchen Zwecken gerne dienstbare Volksschullehrer hatte
sich leider im Laufe der Zeiten daran gewhnt, seine Entdeckungen
selbst zu Aufstzen, zu Heften und Bchlein zu verwerten, und war
als selbstloser, hchstens im Vorworte erwhnter Mitarbeiter kaum
mehr zu haben. Darum blieb nichts brig, als unter Umgehung dieses
Sammelbeckens sich geradeswegs an die Quellen zu begeben, was ja einem
Rechtsanwalt immerhin mglich war.

So kam also Herr Doktor Habergais mit sich berein, von rechtsuchenden
Bauern selbst Beitrge zu erbitten.

Ein in seiner Gemeinde Weidach wohlangesehener konom, Jakob Hirtner,
genannt Matheiser, kam in seiner Angelegenheit zu Habergais, als dessen
Entschlu gerade gereift war.

Nach dem Geschftlichen ging der Rechtsanwalt zu einem jovialen Ton
ber, klopfte dem Matheiser auf die Schulter und begann zu fragen.

Hirtner, nicht wahr, bei Ihnen in Weidach wird doch hufig gesungen?

G'sunga?

Ich meine die jungen Mdchen, die zum Brunnen gehen, die Burschen auf
der Landstrae -- --

Brunna?

Ja, die Mdchen, die vom Dorfbrunnen Wasser holen -- --

Mir hamm ja gar koan Dorfbrunna net -- --

Nu also, bei einer anderen Gelegenheit, nach der Arbeit, wenn der
Abend sinkt -- --

Bei ins hat a jeda selm sein Brunna -- --

Ich sage Ihnen ja, die Gelegenheit, bei der es geschieht, ist ganz
Nebensache. Ich denke berhaupt an den Feierabend, wenn alt und jung
vor den Tren steht -- --

Beim Schuastahansl waar scho a Brunna bei da Stra hiebei, aba dersell
hat koa Wassa it -- --

Ja ... ja ... lassen wir diese Brunnenfrage endgltig fallen. Ich
mchte nur in Erfahrung bringen, #was# diese jungen Mdchen, verstehen
Sie, Matheiser, #welche# Lieder sie singen.

Han?

Und Sie sollen mir dabei helfen, Matheiser. Sie sollen mir die Texte
verschaffen.

Han?

Sie mssen mir aufschreiben oder aufschreiben lassen, Wort fr Wort,
was eure jungen Mdchen singen.

I?

Jawohl, und ich will Ihnen genau sagen, wie Sie das machen mssen ...

Ja, was woa denn i?

Also, passen Sie auf! Nicht wahr, zum Beispiel, Sie hren die Anna
oder die Liesel singen ...

Was fr a Liesel?

Irgendeine; ich meine irgendein Mdchen, das nchstbeste Mdchen hren
Sie singen ...

Bal i aba koane hr'?

Herr Doktor Habergais sah mit einem gramvollen Zug im Gesichte
sein Gegenber an, und er fhlte, wie eine nervse Abspannung, ein
prickelndes Gefhl den Rcken entlang seinen Eifer vermindern wollte;
aber er gab sich einen Ruck, er lchelte, er klopfte Herrn Hirtner mit
der flachen Hand auf die Schulter, obwohl sich ihm die Finger krmmten,
obwohl sich ihm die Hand ballen wollte. Verstehen Sie mich wohl,
Matheiser, Sie hren schon eine, oder Ihr Nachbar hrt eine, oder Ihre
Frau hrt eine ...

Habergais sprach jedes Wort scharf und gereizt aus. Gut also, irgend
jemand hrt irgendeine -- es klang wie ein Befehl --, verstanden,
dann gehen Sie zu ihr hin und sagen: Meine liebe Liesel ...

Hier wollte nun Hirtner doch nicht lnger schweigen.

Was fr a Liesel?

Herrgott, Mensch! Matheiser, will ich sagen, Liesel, Anna, Marie,
ganz wurscht, wie sie heit; Sie sagen zu ihr: Mein liebes Mdchen
-- Habergais machte hinter jedem Wort eine Pause und schrie das
nachfolgende um so lauter --, mein liebes Mdchen, du hast soeben ein
Lied gesungen. Welches ist der Inhalt desselben? Sprich mir die Worte
vor, oder, noch besser, schreibe sie mir auf! Das sagen Sie zu ihr!
Haben Sie mich jetzt verstanden, Matheiser?

Na!

Der Rechtsanwalt setzte sich und blickte zu Boden, whrend eine
fliegende Hitzwelle von seinem Nacken ber die Ohrlappen hinzog,
whrend seine Stirnhaut pelzig wurde, bis dann ein erlsender Schwei
ausbrach.

Sie haben mich nicht verstanden?

Die Frage klang heiser.

Weil Sie sag'n von an Brunna, und weil mi do koan Brunna durchaus gar
it hamm ...

Ja, wer redet denn noch von einem Brunnen? Ja, wer redet denn noch von
einem blden Himmelherrgottsakramentsbrunnen?

Net?

Nein! Aber ich will von vorne anfangen. Setzen Sie sich einmal,
Matheiser! Da, mir gegenber -- so! Also lassen wir in drei Teufels ...
also lassen wir die Mdchen ... nicht wahr, Ihre Burschen singen doch
auch?

Bal's b'suffa san, scho ...

Nchtern oder betrunken ... das ist mir jetzt ganz egal ... Matheiser
... jetzt schweifen Sie nicht mehr ab!... Belauschen Sie Ihre Burschen
...

Wia?

H--ren Sie ihnen zu! H--ren Sie den jung--en Bur--schen zu!

Bal's b'suffa san?

Wenn sie sing--en! Nicht wahr?

De plrr'n scho a so, da ma's hrt ...

Ja -- also, dann knnen Sie um so leichter tun, was ich meine. Hren
Sie ihnen zu und schreiben Sie auf, #was# die Burschen singen ...

Schreib'n? Allssammete?

Jawohl! Ich will die Lieder sammeln. Ich will genau wissen, was fr
Lieder sie singen ...

Ja ... aba ...

Nichts aber. Sie knnen doch schreiben, nicht wahr ...? Es braucht
nicht schn zu sein ... Sie schreiben einfach Wort fr Wort auf, und
damit Sie es lieber tun, will ich Ihnen fr jedes Lied was bezahlen.
Verstehen Sie mich jetzt?

Ja, guat! I vasteh Eahna ganz guat ...

Na, endlich? Und dann sind wir einig?

Was kriag i nacha, bal i schreib?

Hm ... sagen wir ... fr jedes Lied ... hm ... sagen wir fnfzig
Pfennige ...

A Fufzgerl?

Fr jedes Lied; wenn Sie mir zum Beispiel sechs bringen, bekommen Sie
drei Mark, einen Taler, Matheiser.

Aha, an Taler! Na bring i halt sechsi ...

Soviel Sie eben hren, nicht wahr? Es knnen mehr sein, es knnen
weniger sein ...

Ja ... ja ... sechsi wern's leicht ...

Gut, und damit adieu, Matheiser!

S' Good, Herr Dokta!

Habergais blickte dem konomen nach, lange und sinnend.

Denn hier drngte sich nun auch ein Allgemeines und ein Besonderes der
Betrachtung auf. Die schlichte, geradeaus zielende Art, zu denken,
welche dem Volke eignet, dieses Festhalten an einer Vorstellung und
diese gewisse Unbiegsamkeit der Folgerungen, welche in einer Linie auf
einen Punkt hinstreben und nie nach den Seiten hin ausladen. Dieses
schien ein Problem zu sein, und zwar ein beachtenswertes.

       *       *       *       *       *

Tja -- ja.

brigens waren seitdem etwa drei Wochen ins Land gegangen, und Doktor
Habergais gedachte wohl fter seines Vorhabens und malte sich nicht
ohne Behaglichkeit die literarischen Aufgaben aus, welche ihm die
Wintermonate verkrzen konnten.

Er bltterte in dem Hefte aus schnem Bttenpapier und sah im Geiste
die Seiten mit reinlicher Schrift gefllt, die Titel der Lieder in
zierlicher Rundschrift in die Mitte gesetzt, dann den roten Strich, und
kluge landeskundige Anmerkungen und Erluterungen darunter geschrieben.

Es konnten sehr lange, begleitende Kommentare werden, wenn man etwas
Dialektforschung trieb, ber Wortwerte, Wertunterschiede einzelner
Dialektformen sich verbreitete, Belegstellen anfhrte und berhaupt
wissenschaftlich verfuhr.

Ob sich der Matheiser noch an sein Versprechen erinnerte?

Es duchte Herrn Doktor Habergais manches Mal zweifelhaft, aber dann
glaubte er doch wieder, da die Freude am leichten Verdienst den Mann
anspornen knnte.

Und wirklich kam eines Vormittags Jakob Hirtner zur Tre herein und
holte ein in Zeitungen gewickeltes verknittertes Schulheft aus der
Tasche.

Ha! da ist ja mein Mitarbeiter ... da ist ja der Matheiser! Na, also
haben Sie Lieder gefunden?

Herr Dokta, i sag's glei, wia's is, sch hab i net g'schrieb'n ...

Macht doch nichts!

Und ... an Arbeit is ds! Des sell tat i fei nimma! A Markl derfat'n
S' no extra zahl'n, a so hab i mi scho plagt ...

Darber lt sich reden ...

D' Burin hat aa g'sagt, da ds koa Macha net is, sagt's, und wei ma
mit da Tint'n a so umanandschmiert, sagt's ...

Wie viele Lieder haben Sie denn, Matheiser?

Sechsi, wia ma's ausg'macht ham.

Sechs? Bravo! Das ist schon ein Anfang!

Ja, san drei Markl, und oane derfat'n S' no spitz'n, weil d' Burin aa
sagt, dssell derfat ihr nimma frkemma ...

Na -- gut, Matheiser! Ich gebe Ihnen vier Mark, aber Sie versprechen
mir, da Sie auch weiter fr mich sammeln, das heit gelegentlich ein
Lied aufschreiben ...

Na ... na! Herr Dokta, dssell konn i durchaus gar it vasprecha, und
mit'n Schreib'n hon i's berhaupts it. I tua ma scho so bluati hart,
da 's hcha nimma geht ...

No ... no ... Matheiser, so schlimm ist das nicht. Spter haben Sie
vielleicht selber Freude daran ...

Ds glaab i gar it.

Da haben Sie vier Mark, und nun geben Sie mir Ihre Aufschreibungen!

Hirtner nahm das Geld und wickelte das fettige Zeitungspapier
auseinander.

I ho's in a Heft von mein Deandl einig'schrieb'n, bemerkte er,
massen's scho entschuldinga, bal's it sch g'schrieb'n is ...

Das ist ganz nebenschlich ... nur her damit!

Doktor Habergais nahm nicht ohne Hast das verschmierte, l-, tinten-
und fettfleckige Heft an sich und ffnete es.

Es war wirklich auf den ersten Blick zu erkennen, da hier eine
ungebte, schwere Hand gewaltet hatte, aber das gerade verlieh dem
Ganzen einen gewissen Reiz.

Wie die Buchstaben bald schief, bald gerade standen, wie die Zeilen
bergauf und talab liefen, wie hier die Feder sich gestrubt und dort
festgehakt hatte, wie sie hier ausgeglitten war und dort sich mhsam
in das Papier eingebohrt hatte, wie unter verwischten, aufgeschleckten
lnglichen und runden Klecksen Buchstaben, halbe Worte, ganze Worte
versteckt lagen, alles das war unvergleichlich anziehender als etwa
eine glatte, charakterlose Schrift.

Eben weil es echt war, von unleugbar schwielenbedeckter Hand oder --
nein! -- Faust mhsam hingesetzt.

Habergais lchelte befriedigt und begann zu lesen.

s ... p ... brr ... prraut ... ein ... r ... rh ... ruhf ... wie t
... tohner ... hal ... wie s ...  ... schwrth ... ke ... geklirr un
... wa ... wah ... gen ... bral ...

..................................??

Was ist das? Was soll das sein, Matheiser?

Han?

Was das sein soll, frage ich.

A Liad ...

Das ist doch 'Die Wacht am Rhein'!

Ko scho sei, da 's a so hoat ...

Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollen mir Lieder aufschreiben, die
Ihre Burschen singen --

Ja, ds singan s'.

Das??

Ds singan s' fei gern!

Also ... Matheiser ...!

Habergais berflog die anderen Seiten, die aus Bruchstcken
erkenntlichen Lieder.

Ein sehr langes. Heul unsern Knig ... heul! ein kurzes ... im
gruhnen walth is holzauxion ... und wieder O du liber augastien,
Ich hath einen Kahmeraten und das letzte noch Das schne land,
wo meine wihge stand. Der Rechtsgelehrte blickte den konomen
durchdringend an.

Also das sind ...??

Ds singan s' allssammete, sagte Hirtner treuherzig und ohne Arg ...
und derfan S' g'wi glaab'n, Herr Dokta, da i mi sch plagt hab', und
d' Burin sagt aa, mit dem Glump derfst ma nimma komma, sagt s' ...

Es ist recht, Matheiser, Sie haben Ihre vier Mark, gehen Sie!

Und, sagt d' Burin, a so a spinnate Arbet, sagt s', mua 's net glei
wieda geb'n ...

Gehen Sie, sage ich!

Und ... Herr Dokta ... bal 's grad gang, soll i Eahna nomal a sechsi
aufschreib'n ...?

Habergais wollte heftig werden, besann sich eines Besseren und sagte
mild:

Nein, Matheiser, es gengt ...

Aba wenn S' moanen?

Es gengt. Adieu!

S' Good, Herr Dokta!




          Auf dem Bahnsteig


Es wird Herbst! sagte Major Burkhardt und blickte den Studienlehrer
fest an mit seinen furchtlosen Soldatenaugen.

Er sagte es mit Betonung, als suchte er in seinem Begleiter bestimmte
Vorstellungen zu erwecken.

Ja -- -- ja, seufzte Professor Hasleitner, es wird allmhlich kalt.

Und ungemtlich. Kalt und ungemtlich.

Der Major wies auf die Kastanien vor dem Dornsteiner Bahnhofe, deren
gelbe Bltter sich frstelnd zusammenkrmmten.

Um fnf Uhr wird es Nacht. Ein schlecht geheiztes Zimmer. Eine
qualmende Lampe. Die Zugeherin bringt lauwarmes Essen aus dem Gasthof.
Stellt es unfreundlich auf den Tisch. Das ist Ihr Leben.

Hasleitner hatte ins Weite geblickt, zu dem Walde hinber, an dessen
Fichten der Nebel lange Fetzen zurcklie.

Der soldatisch bestimmte Ton des pensionierten Majors weckte ihn auf.

Wie? fragte er.

Ich sage, Sie mssen heiraten.

Der alte Soldat deutete auf die tiefer gelegene Stadt, deren Huser
behaglich aneinandergerckt waren.

Das ist das Glck! sagte er. Eine Frau am Herde, fleiig, um unser
Wohl besorgt und stattlich.

Er beschrieb mit der Rechten eine nach rckwrts ausbauchende runde
Linie.

Und stattlich! wiederholte er.

Hasleitner sah, wie es wei und grau und dick und dnn aus vielen
Kaminen rauchte, und er schien die Gemtlichkeit des Anblickes zu
verstehen.

In seine Augen trat ein freundlicher Schimmer, und man konnte glauben,
da er an Herdfeuer dachte, oder an die runde, sich nach rckwrts
ausbauchende Linie.

berhaupt, er war ein trumerischer Mensch.

Sorglos im ueren, den Hemdkragen nicht immer blendend wei, die
Krawatte verschoben, den Bart na von der letzten Suppe, aber in den
Augen Herzensgte, im ganzen Wesen eine Vertrumtheit, die immer wieder
zum Nasenbohren fhrte.

Kein Mann, der Backfische begeistern konnte, aber einer, der lteren
Tchtern hundert Dinge zeigte, die man in lieber Huslichkeit flicken,
stopfen und brsten mochte.

Und doch -- dieser Mann, geschaffen, von den rmeln einer brgerlichen
Schlafjacke umfangen zu werden, war durch eine seltsame Laune des
Schicksals mit einer verdorbenen Phantasie belastet, also da seine
Gedanken an das weibliche Geschlecht sich stets mit Vorstellungen
von Eisbrenfellen verbanden, von Eisbrenfellen, auf denen dnne,
lasterhafte Beine in schwarzen Seidenstrmpfen ruhten. Noch dazu
lehrte er die Wissenschaft der Geographie und stie auf der Landkarte
immer wieder auf Orte, wo seine Sinne knisternde Seide und herrlich
verstpselte Parfms vermuten durften.

Paris -- Wien -- Budapest --

Ein Gefhl, das mit seiner heimlichen Sehnsucht zusammenhing, trieb ihn
tglich zum Bahnhofe, wo Punkt fnf Uhr der groe Schnellzug hielt, der
glcklichere Menschen von einer Grostadt in die andere fhrte.

Hier hatte nun der quieszierte Major den Trumer angesprochen, und ein
freundlicher Zufall fgte es, da beide, als sie auf dem Bahnsteige
kehrtmachten, der Gattin des Offiziers gegenberstanden, wie auch der
Tochter Elise.

In merkwrdig schnellem Gedankengange brachte der Professor das
vorausgegangene Gesprch von Stattlichkeit in Zusammenhang mit der
Erscheinung Elisens, und vielleicht ohne da er es wollte, drang seine
unlautere Phantasie dem lteren Mdchen durch Mantel und Rock und
begann, sich Dinge auszumalen.

Freilich nicht langgestreckte, seidenumhllte Beine, aber
Rundlichkeiten, mit denen sich die Vorstellung von Wrme und Innigkeit
verbindet.

Die Tochter des Majors fhlte den sengenden Blick des Philologen, und
als eine reife Blume, die sie war, ffnete sie willig ihre Bltter
den wrmenden Strahlen. Dieses heimliche, unbewute Suchen und dieses
bewute Entgegenkommen spann Fden zwischen den beiden, welche das
erfahrene Mdchen bald genug aufzuspulen beschlo, und es schickte sich
alsbald mit einem lieblichen Lcheln dazu an.

Freilich war dieser Professor kein Gegenstand fr brennende Wnsche und
verzehrende Glut, indessen wohl ein Objekt, das sich mit baumwollenen
rmeln sanft umfangen lie, nachdem es vorher sorgfltig gereinigt war.

Keine berauschend se Frucht, sondern ein suerlicher deutscher
Hausapfel, der aber, im Kachelofen gebraten, einigen Wohlgeschmack
bieten konnte.

Und das Mdchen schickte sich alsbald an, den heimlichen Faden zu
ergreifen, als mit dumpfem Brausen der Schnellzug in die Station
einfuhr.

Die riesige Lokomotive schnaufte, als wre sie in der langen,
strmischen Fahrt auer Atem gekommen, und die langen, schnen Wagen
standen da, als ruhten sie kurze Augenblicke, um weiterzujagen in die
weite Welt.

Mit einem Male hatte Hasleitner alle Gedanken an runde Mdchenreize
vergessen; sie versanken vor ihm, er sah sie nicht mehr.

Dort im ersten Coup schob eine schmale Hand den Vorhang zurck, und
ein Paar mde Augen blickten entsetzt auf die Philister, hier prallte
ein entzckender Kopf entrstet zurck.

Es war die groe Welt, die eine Minute lang Dornsteiner Luft einzog und
Pariser Odeurs zurckgab.

Und da stand es auf weien Tafeln und war darum kein phantastisches
Mrchen: Paris -- Avricourt -- Wien --

Ja ... ja ... diese nmlichen Wagen waren gestern noch in Paris gewesen!

Jene fabelhaften Damen, von denen man sich erzhlt, da sie gierig
und unerbittlich Jagd machen auf gut gebaute Mnner, waren an ihnen
vorbeigewandelt, hatten se Blicke in sie hineingeworfen, und von
ihrem Dufte hing etwas an Tren und Fenstern und verwirrte den Sinn
eines deutschen Jugendbildners.

Wute man, ob nicht eine solche Tigerin da drinnen auf schwellenden
Polstern sa und einen breitbrstigen Germanen mit ihren Blicken
verschlang?

Odette, Suzette -- Germaine -- ah!

Hier steht ein Gymnasiallehrer von gnzlich unverdorbener Jugend,
und der fr schlanke Waden und schwarze Strmpfe die heftigsten
Empfindungen angestaut hat.

Warum seufzt ihr erleichtert auf, da sich nun der Zug in Bewegung setzt?

Ihr saht erstaunt auf die Kostme, die im Dornsteiner Atelier fr
_modes_ und _confection_ kreiert waren, ihr saht Spitzbuche und
geprete Busen, faltenreiche Hosen und geschmierte Stiefel, aber ihr
saht nicht in das Herz des blonden Professors und wit nicht, wie er so
ganz der Eure ist!

Fort!

Die Lokomotive pfeift jubelnd aus der Station hinaus, als freute auch
sie sich, diesem Neste entronnen zu sein ...

Diesem Himmelherrgott ...

Warum so trumerisch? lispelte Elise und blickte schelmisch auf den
Professor, der dem Zuge nachstarrte und in der Nase bohrte.

Da traf sie ein Blick, so leer, so fremd und so feindselig ..., da sie
unter dem flanellenen Hschen eine Gnsehaut berlief.

-- -- Der Faden war zerrissen -- --




          Tja -- --!


Eine bunte Gesellschaft, wie sie die Sommerfrische zusammenfhrt,
sa im Postgarten zu Binswang und freute sich des schnen Abends und
fhrte kluge Gesprche ber dies und das. Alle Anwesenden vorzustellen,
wre ermdend, denn es waren zwei lange Tische, an denen in dichter
Folge Mnner und Frauen saen, und es genge hier zu sagen, da ein
Kommerzienrat Diestelkamp aus Barmen, wie auch ein Landgerichtsdirektor
Hfler aus Frth und ein pensionierter Hauptmann darunter waren und dem
Kreise das Geprge der besseren Gesellschaft verliehen.

Auch das bedeutende oder interessante Element fehlte nicht, da am
Vormittage der bekannte Schriftsteller Harry Mertens eingetroffen war,
dessen lyrische Gedichte und Versdramen nicht erst hervorgehoben werden
mssen.

Er sa neben seiner Frau, die ihn an Stattlichkeit bei weitem
bertraf, denn er war eine kleine semmelblonde Erscheinung mit
kreisrunden blauen Augen und einem merkwrdig entsagungsvollen Lcheln
um den sen Dichtermund, whrend sie einen heftig arbeitenden Busen
und pralle Arme und ein Doppelkinn hatte.

Die Gesellschaft wrdigte vollkommen die Ehre, mit einem gedruckten,
besprochenen und aufgefhrten Genius unseres Volkes an einem Tische zu
sitzen, und nicht nur waren es die Damen, welche mit leuchtenden Augen
an ihm hingen, sondern auch die Herren Diestelkamp und Hfler legten
eine mit Neugierde vermischte Ehrerbietung an den Tag.

Man hatte unmittelbar nach Mertens Ankunft nicht geahnt, mit wem man
es zu tun hatte, und Frau Mertens hatte nicht frher als beim ersten
Mittagmahle Gelegenheit gefunden, solche Bemerkungen hinzustreuen,
welche allgemeine Aufklrung verschafften, indem sie laut nach einer
Zeitung rief und den Semmelblonden fragte, ob nichts von ihm oder
ber ihn darin stnde. Sie wiederholte die Frage, schlug die stark
rauschenden Bltter hastig um, berflog das Gedruckte und sagte, da zu
ihrer Verwunderung keine Notiz zu finden sei.

Sie beruhigte sich erst, als die Pfeile saen und von den Nebentischen
forschende Blicke ihren Mann streiften, der seine Suppe a und sich
apathisch wie ein dem Publikum vorgezeigter Menagerielwe verhielt.

Frau Mertens warf zwischen Rindfleisch und Mehlspeise und zwischen
Mehlspeise und Kaffee noch mehrmals die Angel aus, und als man sich
erhob, bi Frau Direktor Hfler an und erhielt auf schchterne Fragen
eine erschpfende Belehrung ber das Stck Literaturgeschichte, welches
der Zufall in ihren Kreis geworfen hatte.

Am Abend war dann alle Welt so unterrichtet, da sie dem Dichter
Bewunderung zeigen und Kenntnis seiner Werke heucheln konnte.

Woher nehmen Sie Ihre Stoffe? fragte Landgerichtsdirektor Hfler, der
hier zum ersten Male eines Genius inquirieren konnte und entschlossen
war, das Wesen der Schriftstellerei zu zerlegen. Bietet sich Ihnen der
Stoff, wenn ich so sagen darf, zufllig dar, oder erfassen Sie durch
einen Willensakt die Materie, der Sie dann poetische Form verleihen?

Tja ... sagte der Dichter.

Ich meine, gehen Sie mit berlegung und Absicht an das Objekt
heran, oder drngt es sich unabhngig und gewissermaen fertig Ihrem
subjektiven Empfinden auf, oder ...

Tja ... sagte der Dichter.

#Oder#, wiederholte Hfler mit erhobener Stimme, denn er liebte es
nicht, unterbrochen zu werden, oder ist die Produktion in ihrem ersten
Stadium ein von den den Willen bildenden Momenten unabhngiger Vorgang
Ihrer Phantasie, welcher dann erst in seinem spteren Verlaufe in den
Bereich Ihrer geistigen Machtsphre gelangt und so Ihrem formenden
Verstande unterworfen wird?

Er macht alles mit der Phantasie, warf Frau Mertens ein, er sitzt
oft den ganzen Tag da und hat blo Phantasie im Kopf; und dann kann man
mit ihm reden, was man will, -- er hrt einen nicht.

Das wre also ein passiv empfangender Vorgang, der zeitlich dem aktiv
gestaltenden vorausgeht, besttigte Direktor Hfler und sammelte
zustimmendes Kopfnicken ein, indem er die Tafel entlang blickte.

Ich denke es mir furchtbar interessant, sagte Frau Kommerzienrat
Diestelkamp, wie so eine Dichtung entsteht; das mu zu spannend sein!
Was hat man da nun eigentlich fr ein Gefhl dabei?

Tja ... sagte der Dichter.

Das kann ich Ihnen ganz genau sagen, was wir da fr ein Gefhl haben,
warf wiederum Frau Mertens ein. Zuerst, wenn wir anfangen, ist es
sehr nett, weil man sich darauf freut, und dann in der Mitte wird es
traurig, weil es oft nicht geht, aber dann, wenn es herauen ist, sind
wir wieder froh.

Ich kann mir das sehr gut vorstellen, meinte Frau Diestelkamp,
zuerst und dann ...

So da wir gewissermaen drei Momente der aktiven Gestaltung
unterscheiden, warf der Direktor in erklrender Weise ein, der
von Hoffnungen getragene Beginn, das behinderte Werden und die
Erleichterung der Vollendung.

Ja, ich bin immer erleichtert, wenn er es herauen hat, denn Sie
glauben nicht, was man als Frau dabei aussteht. Beim zweiten Akt ist es
am rgsten, weil man da immer stecken bleibt. Beim ersten hat er noch
Appetit und schlft gut und hat auch seinen regelmigen Stuhlgang. Sie
entschuldigen, wenn ich das erzhle ...

Aber ich bitte Sie, es ist ja so interessant, unterbrach hier Frau
Diestelkamp die lebhafte Dichtersgattin, welche sogleich fortfuhr: Ja,
beim ersten Akt ist alles in Ordnung, aber sowie der zweite angeht,
it er weniger und wacht mitten in der Nacht auf und verliert seine
Regelmigkeit und verndert sich berhaupt. Ich kenne es sofort, wenn
der zweite Akt angeht, und ich sage dann zu meiner Kchin, da sie
leicht verdauliche Speisen kocht, und da mir immer Kompott auf den
Tisch kommt, und ich lasse ihn dann auch fleiig Hunyadywasser trinken,
bis wir den zweiten Akt herauen haben, denn der dritte geht schon
wieder viel leichter. Er kriegt dann eine bessere Gesichtsfarbe und
schwitzt auch nicht mehr so stark in der Nacht.

Also die Lsung des Knotens gestaltet sich weniger schwierig, Herr
Mertens? wandte sich der Direktor an den Mann, der sich teilnahmslos
erklren lie.

Tja ... antwortete dieser und schnitt an seinem Rettig weiter.

Seine Frau aber lie den Faden nicht aus der Hand gleiten.

Der dritte Akt geht auch viel schneller. Wir haben hchstens vierzehn
Tage Arbeit damit. Heuer, beim 'Barbarossa' haben wir drei Wochen
gebraucht, weil eine Szene vorkam, wo sich alles reimen mute. Ich
habe es ihm gleich gesagt, da wir stecken bleiben; aber es war eine
Liebeserklrung, und da hat er es so im Kopf gehabt. Ein paar Tage hat
es gefhrlich ausgesehen, und meiner Kchin ist es auch aufgefallen.
Sie hat mich gleich gefragt: 'Was hat denn der gn' Herr? Es wird doch
um Gottes willen nicht schon wieder einen zweiten Akt geben?' 'Nein,'
sagte ich, 'Lina, den haben wir dieses Jahr glcklich hinter uns, aber
es mu sich vier oder fnf Seiten voll reimen, und Sie knnen ja fr
morgen eine Eierspeise mit Pflaumenmus richten, und wenn es dann noch
nicht besser wird, wollen wir schon sehen.' Aber zum Glck waren dann
am andern Tag die Verse herauen, und es ging wieder von selbst.

Die Frauen der Tafelrunde hatten mit groem Ernste zugehrt und nickten
nun verstndnisvoll mit den Kpfen.

So lebt man doch eigentlich als Frau die Werke seines Mannes mit!
unterbrach Frau Direktor Hfler das kurze Schweigen.

Ich kann es mir so gut vorstellen! sagte Frau Kommerzienrat
Diestelkamp.

Sie drfen mir glauben, da ich als Frau meinen Kopf beisammen haben
mu, wenn #er# dichtet.

Frau Mertens zeigte bei diesen Worten auf ihren Gatten, der kindlich
lchelnd seinen Rettig einsalzte. Ich mu an alles denken, und mich
trifft es viel hrter wie ihn. Er sitzt einfach in seinem Zimmer und
schreibt, aber ich habe die Haushaltung und mu genau achtgeben, da
wir noch waschen und reinemachen, vor der zweite Akt angeht, denn dann
ist keine Zeit mehr zu so was, und es mu gut eingeteilt werden. Wie
wir den 'Perikles' gedichtet haben, sind wir mit dem Stbern gerade
noch drei Tage in den zweiten Akt hineingekommen, und ich kann Ihnen
blo sagen, ich mchte das nicht wieder erleben, und ich habe auch beim
'Theodorich' eine zweite Zugeherin genommen, da wir nur ja schnell
fertig geworden sind.

Wie interessant! rief Frau Diestelkamp aus, es wird einem alles so
nher gebracht. Ich habe bis jetzt gar keine rechte Vorstellung gehabt,
wie es wohl in Dichterfamilien ist, und nun verstehe ich manches.

Sie mssen aber trotzdem sehr glcklich sein, fgte Frau Hfler
hinzu. Als Gattin eines Dichters! Ich stelle mir das entzckend vor.

Ich mchte mit niemand tauschen, erwiderte Frau Mertens, obschon
manches vorkommt, was einem Sorgen macht. Denken Sie sich, wir haben
fnfzehn Jahre lang romantisch gedichtet, und jetzt geht das nicht
mehr, und wir mssen modern schreiben, oder realistisch, wie man auch
sagt. Das ist ein Schlag, kann ich Sie versichern! Mein Mann wollte
noch immer nicht, aber was kann man gegen die Kritiker machen?

Erlauben Sie mir die Bemerkung, gndige Frau, da ich da ganz auf
Seite Ihres verehrten Gemahls stehe, rief Herr Diestelkamp, wir
wollen gerade in unserer nchternen Zeit die Romantik nicht missen, und
wir suchen bei unsern Dichtern die herrliche Quelle der ... den ... den
Ritt in ... ich wollte sagen, wir wollen immer noch einen Trunk aus der
romantischen Quelle schlrfen.

Es geht nicht, sagte Frau Mertens mit einer Schrfe, die erraten
lie, da man hier auf ein eheliches Streitthema gekommen war; es geht
durchaus nicht. Das nchste Stck mu er modern schreiben. Ich will
nicht, da die Zeitungen noch einmal von veralteter Manier schreiben,
oder da die Frau Nathusius die Nase rmpft, wenn sie mir begegnet,
weil ihr Mann schon dreimal hochmodern gedichtet hat.

Aber die romantische Muse Ihres Mannes wird sich dagegen struben,
sagte Direktor Hfler.

Sie #hat# sich gestrubt, rief die streitbare Frau und blickte dabei
mit einiger Strenge auf ihren Mann, der den endlich weinenden Rettig
a; sie #hat# sich allerdings gestrubt, aber das ist jetzt vorbei.
Ich mu es auch aushalten, und wenn es noch schlimmer wird bei den
zweiten Akten.

So geben also auch Sie den Ritt ins alte romantische Land auf? fragte
Diestelkamp, der sich nun auf das Zitat besonnen hatte, mit starkem
Pathos.

Tja ... antwortete der Dichter.




          Der Biedermann


Der alte Buchberger Hans sa auf der Hausbank und lie sich so
behaglich wie die Katze neben ihm die warme Mrzensonne auf den
Pelz brennen. Auf dem Dache zerging der letzte Schnee, und eintnig
pltscherte es von der Rinne auf die Kieselsteine. Drben am Waldrande
lag schon ein grner Schimmer ber den Struchern, und dem Hans kamen
frhliche Gedanken von schnen Tagen und Wiederaufwachen aus langem
Schlafe.

Zufrieden patschte er sich auf das linke Knie und rieb ein wenig daran.

Das war auch wieder gut geworden; viel besser, als er geglaubt hatte
nach dem bsen Fall im vorigen Jahre.

Htte leicht steif bleiben knnen, und das wre ihm hart gefallen in
seinen alten Tagen, und weil er ja auch noch arbeiten wollte neben den
Jungen in dem kleinen Haushalte, der jede Beihilfe brauchen konnte.

Aber so war es nun wieder recht geworden. Der Unfall zahlte ihm
fnfzehn Mark alle Monate, und wei Gott, wie wohl ihnen das Bargeld
tat, wenn es noch so wenig war, und faulenzen brauchte er deswegen doch
nicht.

Er schlenkerte mit dem Fu und streckte ihn wieder geradeaus.

Es ging schon, jawohl, und vor ein paar Tagen war er mit dem Jungen
auch auf der Bergwiese droben gewesen und war rechtschaffen md
geworden.

Aber es ging und wurde alleweil besser.

Alleweil besser.

Da schau her! Den sonnigen Hang herauf kam ein Spaziergnger, ein
stdtischer Herr, der oft stehenblieb und ausschnaufte.

Tat halt einem jeden wohl, Wrme und Sonnenschein.

Jetzt nahm der Herr den Hut ab und trocknete sich die Stirne.

Der sah beinahe aus wie der Bezirksarzt mit seinem langen Vollbart, und
so gro und breitschultrig war er auch.

Richtig, da fiel dem Buchberger ein, da die Leitnerbuerin krank war,
und vielleicht ging jetzt der Doktor zu ihr ...

Und war schon so.

Von weitem schon lachte der Bezirksarzt freundlich, wie er den Alten
erkannte, und der Hans stand auf und grte hflich.

Das is ja der Buchberger? Gr Gott! Darf ich mich a bissel hersetzen?

Ja freili, Herr Bezirksarzt! Oder soll i an Sessel aua hol'n?

Na! I sitz gut g'nug.

Gengan's g'wi zum Leitner aufi?

Ja ... mhm ... no, wie geht's Ihnen?

Guat ... Herr Bezirksarzt ... Bin woh z'fried'n ...

Das hrt man gern ... ja! so ein alter Veteran lat nicht aus!

Der leutselige Bezirksarzt klopfte dem Hans auf die Schulter und
schaute ihm mit herzlichem Wohlwollen in die Augen.

Sie sind ja noch einer von Anno siebzig? fragte er.

Siebazgi und sechsasechzgi.

Und sechsundsechzig! Allen Respekt! Da haben Sie was durchg'macht im
Leben!

Ja ... ds ko ma wohl sag'n.

Frs deutsche Vaterland!

Und der freundliche Mann ttschelte wieder den braven alten Soldaten
auf die Achsel.

No, von sechsasechzgi kann i net viel prahl'n, sagte der Hans. Da
san ma de mehra Zeit retariert, weil si koa Mensch net auskennt hot und
berhaupts ...

Ja ... ja ... der Bruderkrieg! sagte der Arzt lchelnd.

Aba ... siebazgi! Sakera Hosenzwickl! Da hamm's as ins dafr
ei'kocht! I bin bei Wrth dabeig'wen und bei Sedan ... und nacha bei
Orlean hinten! Bei Kulmirs hamm s' an Major Gruaba neben meiner aufi
g'schoss'n, und i und da Hage Pauli, mir hamm an im grt'n Feuer
z'ruckbracht ... und hab aa 's Eiserne Kreuz kriagt fr ds und bin
belobigt wor'n vorn ganz'n Regament ...

Ja, was Sie sagen!

Der Bezirksarzt streckte dem eifrigen Alten seine Hand hin. Respekt --
Buchberger! Ein deutscher Ritter des Eisernen Kreuzes! Da mssen wir
Jngeren den Hut ziehen!

No ja! Es htten's eigentli alle vadeant, denn was mir selbigsmal
durchg'macht hamm, ds war a wengl hart ... und i sag's oft, de junga
Leut achten's nimmer a so, aba es hat scho was braucht!

Ja, die jungen Leute! Die werden von den sozialdemokratischen
Zeitungen vergiftet. Das findet man nicht mehr, wie frher ... diese
... diese Einfachheit und ... ah ... diese ... diese Vaterlandsliebe
...

Gel? I sag's aa'r allaweil! De Patriot'n san nimmer gar so viel! Und
wenn ma was sagt, wurd ma glei ausg'lacht von de Grasteufl!...

Es ist schlimm, Buchberger! Schlimm! Aber ein alter Soldat, wie Sie,
der lat sich nicht irrmachen ...

Ja, was waar denn net ds? I la net aus.

Einer von der alten Garde! Han?

Und de Erinnerung gab i net her ... ds derfen S' g'wi glaab'n, Herr
Dokta ... Sakera Hosenzwickl ... wia mir einmarschiert san ...

In Paris? Was?

In Paris net; da bin i net dabeig'wen, weil inser Regament heraud
bleib'n hat mass'n ... aba in Mnk'n ... do bin i nobl mit ...

Vor dem Kronprinz'n?

Und an Kini; vor der Feldherrnhalle san ma an eahm vorbei ...

Parademarsch?...

Ds glaab i! Neig'haut, da d' Stoa g'wackelt hamm!

Eins ... zwei! Eins ... zwei ...! Ob's heut noch ging, Buchberger?

Probier ma's! lachte der Alte und sprang von der Bank auf und nahm
die Hnde an die Hosennaht. Augen links! nach dem Bezirksarzt, und eins
und zwei ... eins und zwei ... und es ging noch.

Freilich nicht mehr so stramm, da die Steine wackelten, aber ganz
passabel, da der joviale Arzt in die Hnde patschte und herzhaft
lachte.

Bravo, Buchberger! rief er, als sich der Hans wieder setzte und
patschte ihm urkrftig auf das Knie ... ja, ihr alten Veteranen, ihr
seid aus einem andern Stahl als wir!

Woa net, sagte der Hans, i g'spret's glei im Hax'n ...

I wo! Sie sind ja marschiert wie ein Gardeleutnant ... also, jetzt mu
ich aber gehen ... es hat mich recht g'freut ...

Mi scho aa, Herr Bezirksarzt, und kehren S' wieder amal zua! Adjes!

Ds is a liaba Mo! sagte er noch vor sich hin, als sich der Doktor
langsam entfernte -- a ganz a g'fhriger Mo!

       *       *       *       *       *

Eine Woche spter, und es war schlechtes Wetter, regnete und schneite
durcheinander, brachte der Postbote dem Buchberger ein Schreiben, das
sich der Lnge und Breite nach amtlich ausnahm und auch einen Stempel
trug.

Geh, Alte, hol mir mei Brill'n! Als er sie bedchtig aufgesetzt und
das Schreiben geffnet hatte, las er langsam die Mitteilung, da ihm
die monatliche Untersttzung von fnfzehn Mark entzogen werde ...
entzogen werde ... indem da der Knigliche Bezirksarzt Dr. Stierlinger
sich persnlich davon berzeugt habe ... da genannter Buchberger von
den Folgen des Unfalls gnzlich geheilt sei und nicht die geringsten
Beschwerden ... Beschwerden am Fue mehr verspre ...

Ah!

Ja ... Himmel ... Herrgott ...




          Unser guater, alter Herzog Karl


Das neue Jahr soll uns eine andere Behandlung der Majesttsbeleidigung
bringen. Ich will es nicht entscheiden, ob die Neuerung viel verbessern
wird in der deutschen Welt.

Aber eines wei ich, und eines bedauere ich.

Mein alter Freund Simon Lackner wird sich nicht mehr so leicht ein
billiges Winterquartier verschaffen knnen.

Und das ist hart.

Denn Simon Lackner ist neunundsechzig Jahre alt; ein herzensguter Kerl.

Jetzt soll er als Greis eine neue Methode ersinnen, nachdem er sechzehn
lange Jahre hindurch mit der alten so schne Erfolge erzielt hat.

Ihr lieben Mitmenschen, denkt euch in seine Lage!

Von Jugend auf war er ein stellenloser Schreinergehilfe; ein fahrender
Handwerksbursche. Das ist wohl ein schnes Metier, wenn der Apfelbaum
am Straenrand blht, und wenn ein Mensch, der auf dem Rcken im Grnen
liegt, mit blinzelnden Augen der Lerche hoch hinauf in die blaue
Luft nachschaut. Das ist wohl ein schnes Metier, wenn die Kornhren
sich ber dem mden Haupte wiegen und am heiesten Sommertag einen
erquickenden Schatten spenden. Auch ist es frhlich und freudenvoll,
wenn noch eine mildttige Herbstsonne auf den Buckel brennt, und wenn
die zerrissenen Schuhe durchs gelbe Buchenlaub rascheln.

Aber wenn die kalten Novemberwinde pfeifen und alte Felber in
die Grben rollen? Wenn die Landstraen aus dem Leim gehen und
pfundschwerer Brei an den Sohlen hngen bleibt?

Wenn der kalte Regen mit tausend Nadeln sticht oder die Schneeflocken
wirbeln? Wenn alle warmen Ofenbnke von hartherzigen Bauern besetzt
sind, die fr einen armen Handwerksburschen nicht zusammenrcken?

Da wird's dem abgehrteten Landstreicher wehmtig ums Herz, und er
sehnt sich nach einem trockenen Platz, nach einem Dach, unter dem es
nicht tropft.

Simon Lackner widerstand lange, aber endlich kriegte er das Reien in
seinen Gliedern, und er fand ein Mittel, sich zu helfen. --

Im Herzogtum Neuburg regierte Karl III., ein gemtlicher, braver
Landesfrst.

Natrlich, Simon Lackner kannte ihn nicht, aber er stand doch in
gewissen Beziehungen zu ihm.

Denn wo er in einem Bauernwirtshaus um Gotteslohn eine Halbe Bier
trank, sah er von der Wand das dicke Gesicht Karls III. herunterlcheln.

Und er begriff die Gutherzigkeit, welche sich in dem breiten Mund, in
den hngenden Backen des Landesherrn ausdrckte.

Er sah mit Liebe in die kleinen, hinter Fettpolstern verschwimmenden
Schweinsuglein und dachte sich, wie brgerlich und selchermig
doch oft der liebe Gott die von seinen Gnaden regierenden Hupter
ausgestaltet. Kein kleinstes Restchen Feindseligkeit haftete im Herzen
des Simon Lackner.

Er liebte den Frsten auf seine bescheidene Weise und nahm es ihm nicht
bel, wenn seine Gensdarmen grob und rauhndig waren.

Denn nicht einmal der allmchtige Gott hat alle seine Geschpfe
liebenswrdig geschaffen.

Warum sollte man's von einem irdischen Frsten verlangen?

Trotz seiner Hinneigung war aber Simon Lackner gezwungen, alle Jahre
einmal dem Herzog Karl III. eine Despektierlichkeit zu zeigen, die ihm
nicht innewohnte.

Aber es war eben seine Methode, und es war notwendig, um unter ein
schtzendes Dach zu kommen.

Wenn zu Ende Oktober die kalten Winde anhuben, ging Simon Lackner zum
herzoglich neuburgischen Gefngnisse, welches auf freiem Felde lag,
hinaus.

Dort versteckte er sich in einem Holzschupfen, welcher gegenber dem
Eingange der Anstalt lag, und wartete.

Wenn dann einige Gendarmen kamen, trat er allsogleich hervor und schrie
mit lauter Stimme:

Unser guater, alter Herzog Karl is a Rindviech!

Das erstemal und das zweitemal strzten die Gendarmen gierig auf den
frevelhaften Menschen und glaubten, da sie einen wichtigen Fang
gemacht htten. Aber schon im dritten Jahre erlahmte ihr Eifer, denn
sie wuten jetzt, da Simon Lackner sich nur auf diese harmlose Weise
ein Winterquartier verschaffen wollte.

Simon Lackner mute oft und oft schreien, bis sie ihn gefangen nahmen.

Und das wiederholte sich sechzehn Jahre lang mit schner Regelmigkeit.

Man wute es nicht mehr anders.

Wenn gegen Ende Oktober schwere Wolken am Himmel aufzogen, schaute
der Gefngnisinspektor in die herbstliche Natur hinaus und sagte:
Jetzt wird der Lackner bald wieder schreien. Und richtig: den andern
Tag zogen sich nasse Bindfaden vom Himmel zur Erde herunter, und vom
Holzschupfen herber brllte es: Unser guater, alter Herzog Karl is a
Rindviech.

Die Gendarmen lchelten; Simon Lackner lchelte und betrat freudig die
Halle des Gefngnisses, wo ihm der Inspektor wohlwollend entgegentrat.

Lackner wiederholte zur Sicherheit: Unser guater, alter Herzog Karl
is a .. Wei schon, wei schon, sagte der Inspektor, Sie kriegen
schon Ihre fnf Monat.

Wenn die Amseln pfiffen, kam Simon wieder heraus und walzte frhlich
durch das Herzogtum Neuburg.

Und wo er in einem Wirtshaus das Konterfei seines lieben Karls III.
sah, lchelte er ihm verstndnisinnig zu. Er hatte ja nie vergessen,
ihn den guten, alten Herzog zu nennen, und das mit dem Rindvieh war
nicht ernst gemeint.

Jetzt wollen sie den schnen Paragraphen ndern, mit dem mein Freund
Simon Lackner seit sechzehn Jahren sich recht und schlecht ber die
Wintersnot hinweggeholfen hat.

Ist das nicht hart?




                Liebe um Liebe

          Eine patriotische Stimmung


Durch Stoppelfelder und frisch gemhte Wiesen rollte ein Eisenbahnzug,
und die buttergelbe Herbstsonne glnzte in die Fenster eines lackierten
Salonwagens, der sich berhaupt in dieser Umgebung recht sonderbar
ausnahm.

Darin sa Prinz Xaver, ein Seitensprosse des kniglichen Hauses,
und fuhr mit seinem Adjutanten, Rittmeister Baron Schrfel, nach
Weikirchen zur landwirtschaftlichen Ausstellung, die unter sein
Protektorat gestellt worden war.

Weil aber hier Herablassung und dort Untertanenliebe gezeigt werden
sollte, hielt man berall; und wo grere Menschenmengen sich dem Auge
darboten, fragte Prinz Xaver seinen Begleiter: Mua i?

Einen Augenblick, Knigliche Hoheit! antwortete alsdann der Baron
und sah in seinem Notizbuche nach. Faistenhamm ... Kirchdorf ... 163
Seelen ... katholisch ... 37 Pferde ... 281 Stck Rindvieh ... ja ...
Knigliche Hoheit ... da ist's vorgemerkt.

Und Prinz Xaver hielt das edle groe Haupt zum Fenster hinaus und
blickte durch seinen Kneifer, den er nur bei solchen Anlssen trug,
auf einige fette Herren, die das besitzende und bessere Publikum
vorstellten.

Diese Gegend, sprach der Prinz, ist sehr lieblich.

Han? fragte ein Posthalter oder Tafernwirt, der mehr Treue als
Schliff besa.

Diese Gegend, sie ist sehr reizvoll, wiederholte der Prinz.

Jawoi, Knigliche Hoheit!

Sie ist von sanften Hhen durchzogen und mit Wldern bedeckt ...

Jawol, Knigliche Hoheit!

Aber das Auge erblickt auch fruchtbare Felder, welche den Flei des
Landmannes belohnen und ... und ...

Jawoi, Knigliche Hoheit!

Und ...

Saftige Matten ... soufflierte der Adjutant.

... und saftige Matten, welche dem kernigen Vieh dieses Volkes ...
welche dem Vieh dieses kernigen Volkes Nahrung bieten.

Prinz Xaver rckte den Zwicker, der ihm von der schwitzenden Nase
heruntergeglitten war, zurecht, und der Posthalter oder Tafernwirt
schaute mit geistlosen Augen in die ebenso blauen des Knigssprossen,
und er fhlte, da nunmehr die Aufgabe an ihn herangetreten war.

Knigliche Hoheit ... diese Gefiehle, wo ins heute besligen ...
durch dieses, da Sie hier durchfahren und fr Kinder und Kindeskinder
...

Die Lokomotive pfiff, und da legte der Tafernwirt die ganze ungeheure
Treuherzigkeit seines Landes in den Satz: Pfad Good, Knigliche
Hoheit, aufs Wiederschaugen, und kemman S' halt wieda zu ins aua
... Er entschwand den gtigen Blicken des Frsten, der sich in die
Kissen zurckwarf, und sagte: Ds htt' ma wieda! Wo mua i denn 's
nchstmal?

Einen Augenblick, Knigliche Hoheit! antwortete Baron Schrfel.
... Snzing ... nein ... Matzling ... 214 Seelen ... katholisch ...
311 Stck Rindvieh ... in Matzling werden Knigliche Hoheit wieder
sprechen.

O jegerl! seufzte der Prinz und wiederholte gewissermaen im Geiste
jene Rede des Wohlwollens und lebendigen Interesses.

Nach zwei langen Stunden fuhr der Zug in Weikirchen ein, wo
ein Beamtenkrper, eine ergeben lchelnde Geistlichkeit, wo
Veteranenvereine, Feuerwehren und Schtzen, wo alles, was
reprsentieren durfte, den kleinen Bahnhof fllte, nach vorwrts
gedrngt von einer wimmelnden Menge, die in dem aussteigenden Prinzen,
der sein quellendes Fleisch in eine blitzblaue Uniform gepret hatte,
alles Anverwandte und Angestammte erblickte und darber in ein
gellendes Hoch ausbrach.

Ein kleiner, stlpsnsiger, aufgeregter Herr gab sich dem Prinzen
durch viele und schnell wiederholte Bcklinge als den zu erkennen, der
hier als Erster zu beachten war, und als einen Titularregierungsrat und
vorstehenden Chef des Bezirks.

Dicke Herren mit mehr landwirtschaftlicher Frbung der feisten
Gesichter und Hlse wurden in zweiter Reihe als Tierrzte und
konomierte und verdiente Braun- oder Fleckviehzchter erkannt, und
in veralteten, seit Jahren die Buche nicht mehr bedeckenden Gehrcken
schoben sie sich vor, und ehe es sich der Prinz versah, war er von
Leuten umringt, die als starke Esser viel animalische Wrme und als
treue Untertanen eine ungemeine Ergebenheit ausstrahlten.

Und da ihre patriotischen Gefhle nirgends hinauskonnten, nicht durch
die verknllten Hosen, nicht durch die krampfhaft geschlossenen Westen,
so drngten sie sich schweitreibend nach oben und saen hinter
schwimmenden Augen, die sich auf ihr prinzliches Ebenbild richteten.

Der stlpsnsige Herr hielt eine Rede, in der alle Gefhle, die weder
er noch sonst wer hegte, in Superlativen ausgedrckt waren, und niemand
lehnte sich innerlich dagegen auf.

Im Gegenteile hrte Prinz Xaver mit tiefem Ernste die erhabenen
Tugenden aufzhlen, die ihn und sein Haus schmcken sollten, obgleich
er es doch besser wissen mute, und gleichermaen hrten alle
Festgste, die von Weiwrsten kamen oder zu Weiwrsten gingen, da
sie in diesem Augenblicke den Schwur der Treue erneuert htten und Gut
und Blut opfern wollten.

Ja, und darauf mute etwas gesagt werden.

Der hohe Protektor umfate mit einem wohlwollenden Blicke diesen
Patriotismus, der um ihn herum schwitzte und schnaubte, und sagte es.

Diese Gegend, hub er an, sie ist sehr lieblich. Sie ist von sanften
Hhen durchzogen und mit Wldern bedeckt. Aber das Auge erblickt auch
fruchtbare Felder, welche den Flei des Landmannes belohnen und ... und
...

Seine Knigliche Hoheit lebe hoch! schrie jetzt verfrht, unzeitig
und taktlos der Zimmermeister Schlegel, der immer etwas voraushaben
mute.

Und saftige Matten ... fuhr Prinz Xaver fort, aber das Hoch hatte
im Pulverfasse der angestammten Liebe gezndet, und die brausenden --
oder auch donnernden -- Rufe bertnten die letzten Worte vom Vieh des
kernigen Volkes.

Der Protektor lchelte gerhrt und wurde zum Wagen verbracht, rechter
Hand die Stlpnase, linker Hand den dicksten Fleckviehzchter.

Er fuhr durch beflaggte Gassen an schreienden Menschen vorbei,
grte allerleutseligst, sah die Herzen, die ihm entgegenschlugen,
Triumphbgen, die sich wlbten, und langte auf dem Festplatze an,
wo es nicht minder laut blkte, quiekte und brllte von treuen
Haustieren, die ihren Lrm nur so und unwissend warum vollfhrten. Da
sah Prinz Xaver alles, was unter sein Protektorat gestellt worden war.
Breitnackige Stiere, die ihn bse anblickten, wollige Schafe, die ihm
mild ins Auge schauten; braune, gelbe, weie Khe, die ihre Rcken
hoch zogen, wenn sie behaglichst ihre Wasser rinnen lieen, Klber und
Schweine.

Die Stlpsnase erklrte eifrig, aber ein besserer Menschenkenner, als
Prinzen sind, htte wohl merken knnen, da der bewegliche Beamte auch
nicht mehr verstand als der Protektor, welcher nur lebendige Ewaren in
dem Getier sah.

Auch in der viktualischen Abteilung berkamen Prinz Xaver mehr
reflektierende als zchterische Vorstellungen. Bei den Krautkpfen
dachte er an rosiges Surfleisch, beim Sellerie an gebratene Gnse, bei
Kartoffeln an den Frst und Volk einigenden Nierenbraten, und Rettiche
sah er gebeizt, und Zwiebeln geschmort.

Als man zuletzt noch die Hhner, denen man harte und weiche Eier,
Ochsenaugen und Rhreier verdankt, besichtigt, gut befunden und gelobt
hatte, war so eigentlich die Aufgabe der Kniglichen Hoheit erledigt.

Aber eine neuzeitliche Sitte lie den Prinzen nicht sogleich zur Ruhe
kommen.

Es geht ein demokratischer Zug durch unser Volk.

Die Tage, da es in alle Schulbcher kam, wenn der Frst einen kleinen
Mann aus dem Volke leutselig ansprach, sind vorber, und heute spricht
der kleine Mann leutselig den Frsten an.

Ein Spenglermeister aus Snzing fand hier den Mut, indem er vortrat,
nach Bier roch und treuherzig sagte:

Geh, Knigliche Hoheit, unterschreiben S' de Kart'n an meine Spezeln,
da de aa 'r a Freud hamm!

Die Stlpsnase winkte ihm strenge ab, jedoch der Prinz lchelte und
setzte seinen Namen auf die fettige Postkarte.

Ein schner Moment trat ein. Frst und Untertan Auge in Auge, und der
wackere Spengler traf den Ton des echten Volksstckes, als er sagte:

Knigliche Hoheit ... ds ... ds ... kimmt unter Glas und Rahmen, und
in hundert Jahr no mass'n d' Leut' sehg'n ...

Ist schon gut, sagte die Stlpsnase und schob den Redner ungndig
weg, denn er roch wirklich sehr stark nach Bier, und auch wollten nun
viele die gleiche Gnade erlangen.

Knigliche Hoheit ... an insern G'sellenverein ... ds war an Ehr' fr
Kinda und Kindeskinda ...

Knigliche Hoheit ... an insern Stammtisch 'De Grabig'n' ...

Den Prinzen berkamen vterliche Empfindungen, er hielt diese Leute fr
anhngliche Kinder, ihre Wnsche fr naiv, und er hatte keine Ahnung
davon, da hier gar nichts ehrlich oder tiefwurzelnd war, auer seiner
eigenen Beschrnktheit.

Er schttelte gtig alle Hnde, die sich in seine Rechte schoben,
kalte und warme, trockene und feuchte, er unterschrieb wohlwollend
alles und setzte seinen Namen neben Ober- und Niedermayer unter ihre
Frhlichkeit.

Menschen ... Menschen san mir alle ... Jakob Schanderl, #Xaver,
kniglicher Prinz# ... Eins ... zwei ... drei ... g'suffa!... Es lebe die
Viecherei! Hans Breitsameter, Jakob Leistl, #Xaver, kniglicher Prinz#
...

Die Karten wanderten hinaus in die Kneipen des Landes, und wenn sie
gleich nicht Ehrfurcht in Kindern und Kindeskindern erregen konnten,
spannen sie doch Fden vom znftigen Prinzen zu znftigen Stammtischen.
Neue Fden zum alten Bande, das Volk und Herrscherhaus verknpft.




          Auf der Elektrischen


In #Mnchen#. Der schwere Wagen poltert auf den Schienen; beim Anhalten
gibt es einen Ruck, da die stehenden Passagiere durcheinander
gerttelt werden.

Ein Schaffner ruft die Station aus.

Mliansplatz!

Heit eigentlich Maximiliansplatz.

Aber der Schaffner hat Schmalzler geschnupft und kann die langen Namen
nicht leiden.

Ein Student steigt auf. Er trgt eine farbige Mtze, und der Schaffner
salutiert militrisch.

Er wei: das zieht bei den Grnschnbeln. Sie bilden sich darauf was
ein.

Und wenn sich Grnschnbel geschmeichelt fhlen, geben sie Trinkgelder.

Er ist Menschenkenner und hat sich nicht getuscht.

Der junge Herr mit der groen Lausallee gibt fnf Pfennige.

Er sieht dabei den Schaffner nicht an; er sieht gleichgltig ins Leere;
er zeigt, da er dem Geschenke keine Bedeutung beimit. Der Schaffner
salutiert wieder.

Wumm! Prr!

Der Wagen hlt.

Deonsplatz! schreit der Schaffner.

Heit eigentlich Odeonsplatz.

Eine Frau, die ein groes Federbett trgt, schiebt sich in den Wagen.
Ein Sitzplatz ist noch frei.

Die Frau zwngt sich zwischen zwei Herren. Sie stt dem einen den
Zylinder vom Kopfe.

Das rgert den Herrn. Er klemmt den Zwicker fester auf die Nase und
blickt strafend auf das Weib.

Aber erlauben Sie! sagt er.

-- ?! --

Aber erlauben Sie, mit einem solchen Bett!

Die Leute im Wagen werden aufmerksam.

Der Mann scheint ein Norddeutscher zu sein; der Sprache nach zu
schlieen. Ein besserer Herr, der Kleidung nach zu schlieen.

Was fllt ihm ein, die arme Frau aus dem Volke zu beleidigen?

Ein dicker Mann, dessen grnen Hut ein Gemsbart ziert, verleiht der
allgemeinen Stimmung Ausdruck.

Warum soll denn ds arme Weiberl net da herin sitzen? Soll's
vielleicht drauen bleib'n und frier'n? Blo weil's dem nobligen Herrn
net recht is? Wenn ma so noblig is, fahrt ma halt mit da Droschken!

Der dicke Mann ist erregt. Der Gemsbart auf seinem Hute zittert.

Einige Passagiere nicken ihm beifllig zu; andere murmeln ihre
Zustimmung. Ein Arbeiter sagt: berhaupt is de Tramway fr an jed'n
da. Net wahr? Und dera Frau ihr Zehnerl is vielleicht g'rad so guat,
net wahr, als wia dem Herrn sei Zehnerl.

Die Frau mit dem Bett sieht recht gekrnkt aus. Sie schweigt; sie will
nicht reden; sie wei schon, da arme Leute immer unterdrckt werden.

Sie schnupft ein paarmal auf und setzt sich zurecht. Dabei fhrt sie
mit dem Bette ihrem anderen Nachbarn ins Gesicht.

Der stt das Bett unsanft weg und redet in soliden Batnen: Sie, mit
Eahnan dreckigen Bett brauchen S' mir fei's Maul net abwisch'n! Glauben
S' vielleicht, Sie massen's mir unta d' Nasen halt'n, weil S' as jetzt
aus 'm Versatzamt g'holt hamm?

Die Passagiere horchen auf.

Da ist noch einer, der die Frau aus dem Volke beleidigt; aber, wie es
scheint, ein sddeutscher Landsmann.

Die Stimmung richtet sich nicht gegen ihn. brigens sieht er so aus,
als wenn ihm das gleichgltig sein knnte.

Er hat etwas Gesundes an sich, etwas Robustes, Hinausschmeierisches.

Er imponiert sogar dem Herrn mit dem grnen Hute.

Und dann, alle haben es gesehen:

Die Frau ist ihm wirklich mit dem Federbette ber das Gesicht gefahren.
So etwas tut man nicht. Der Mann selbst ist noch nicht fertig mit
seiner Entrstung. Er wirft einen sehr unfreundlichen Blick auf die
Frau aus dem Volke und einen sehr verchtlichen Blick auf das Bett.

Er sagt: berhaupt is ds a Frechheit gegen die Leut', mit so an Bett
do rei'geh'. Wer woa denn, wer in dem Bett g'leg'n is? Vielleicht a
Kranker; und mir fahren S' ins G'sicht damit! Sie ausg'schamte Person!
Einige murmeln beifllig.

Der Mann mit dem grnen Hute gert wieder in Zorn.

Er sagt: Der Herr hat ganz recht. Mit so an Bett geht ma net in a
Tramway. Da kunnten ja mir alle o'g'steckt wer'n. Heuntzutag, wo's so
viel Bazllen gibt!

Der Gemsbart auf seinem Hute zittert.

Alle Passagiere sind jetzt wtend ber die Unverschmtheit der Frau.

Man ruft den Schaffner.

De mua aui! sagt der Mann mit dem Gemsbart, und berhaupts,
wia knna denn Sie de Frau da einaschiab'n? Mua ma sie vielleicht
ds g'fallen lassen bei der Tramway? Da de Bazllen im Wag'n
umanandfliag'n?

Der Schaffner trifft die Entscheidung, da die Frau sich auf die
vordere Plattform stellen mu. Sie verlt ihren Platz und geht hinaus.

Ds war amal a freche Person! sagt der Mann mit dem Gemsbart.

Der Herr mit dem Zwicker meint: Eigentlich war sie ganz anstndig. Nur
mit dem Bette ...

Was?! schreit sein robuster Nachbar. Sie woll'n vielleicht ds
Weibsbild in Schutz nehma? Gengan S' aui dazua, wann's Eahna so guat
g'fallt!

Alle murmeln beifllig.

Und der Arbeiter sagt: Da siecht ma halt wieda de Preien!

       *       *       *       *       *

Ein kalter Wintertag.

Die Passagiere des Straenbahnwagens hauchen groe Nebelwolken vor sich
hin. Die Fenster sind mit Eisblumen geziert, und wenn der Schaffner
die Tre ffnet, zieht jeder die Fe an; am Boden macht sich der
kalte Luftstrom zuerst bemerklich. Die Passagiere frieren, nur wenige
sind durch warme Kleidungen geschtzt, denn der Wagen fhrt durch eine
rmliche Vorstadt.

Da kommt ein Herr in den Wagen; er trgt einen pelzgeftterten
berrock, eine Pelzmtze, dicke Handschuhe.

Er setzt sich, ohne seiner Umgebung einen Blick zu schenken, zieht eine
Zeitung aus der Tasche und liest.

Die anderen Passagiere mustern ihn; das heit seine untere Partie. Die
obere ist hinter der Zeitung versteckt.

Die grte Aufmerksamkeit schenkt ihm ein behbiger Mann, der ihm
gerade gegenbersitzt.

Er biegt sich nach links und rechts, um hinter die Zeitung zu schauen.
Es geht nicht.

Er schiebt mit der Krcke seines Stockes das hemmende Papier weg und
fragt in gemtlichem Tone:

Sie, Herr Nachbar, wissen Sie, aus welchan Pelz Eahna Hauben is?

Der Herr zieht die Zeitung unwillig an sich.

Lassen Sie mich doch in Ruhe!

Nix fr ungut! sagt der Behbige.

Nach einer Weile klopft er mit seinem Stocke an die Zeitung, die der
Herr noch immer vor sich hinhlt.

Sie, Herr Nachbar!

Wa denn?!

Sie, ds is fei a Biberpelz, Eahna Haub'n da.

So lassen Sie mich doch endlich meine Zeitung lesen!

Nix fr ungut! sagt der Mann und wendet sich an die anderen
Passagiere.

Ja, ds is a Biberpelz, de Haub'n. Ds is a schn's Trag'n und kost'
a schn's Geld, aba ma hat was, und es is an oanmalige Anschaffung. De
Haub'n, sag' i Eahna, de trag'n no amal de Kinder von dem Herrn. De is
net zum Umbringa. Freili, billig is er net, so a Biberpelz!

Die Passagiere beugen sich vor. Sie wollen auch die Pelzmtze sehen.

Aber man sieht nichts von ihr; der Herr hat sich voll Unwillen in seine
Zeitung eingewickelt.

Da wird sie ihm wieder weggezogen. Von dem behbigen Manne, mit der
Stockkrcke.

Sie, Herr Nachbar ...

Ja, was erlauben Sie sich denn ...?!

Herr Nachbar, was hat jetzt de Haub'n eigentlich gekostet?

Der Herr gibt keine Antwort.

Wtend steht er auf, geht hinaus und schlgt die Tre mit Gerusch zu.

Der Behbige deutet mit dem Stock auf den leeren Platz und sagt: Der
Biberpelz, den wo dieser Herr hat, der wo jetzt hinaus is, der hat ganz
g'wi seine zwanz'g Markln kost'; wenn er net teurer war!

       *       *       *       *       *

Der alte Professor Spengler fhrt jeden Morgen gegen acht Uhr vom
groen Wirt in Schwabing bis zur Universitt.

Er fllt auf durch seine ehrwrdige Erscheinung; lange, weie Locken
hngen ihm auf die Schultern, und er geht gebckt unter der Last der
Jahre.

Ein Herr, der auf der Plattform steht, beobachtet ihn lngere Zeit
durch das Fenster.

Er wendet sich an den Schaffner.

Wer ist denn eigentlich der alte Herr? Den habe ich schon fter
gesehen.

Der? Den kenna Sie nt?

Nein.

Ds is do unsa Professa Spengler.

So? so? Spengler. M--hm.

Professa der Weltgeschchte, ergnzt der Schaffner und schttet eine
Prise Schnupftabak auf den Daumen.

Mhm! macht der Herr. So, so.

Der Schaffner hat den Tabak aufgeschnupft und schaut den Herrn
vorwurfsvoll an.

Den sollten S' aba scho kenna! sagt er. Der hat vier solchene Bacha
g'schrieb'n.

Er zeigt mit den Hnden, wie dick die Bcher sind.

So ... so?

Lauter Weltgeschchte!

Ich bin nicht von hier, sagt der Herr und sieht jetzt mit sichtlichem
Respekte auf den Professor.

Ah so! Nacha is 's was anders, wenn Sie net von hier san, erwidert
der Schaffner.

Er ffnet die Tre.

Universitt!

Professor Spengler steigt ab. Der Schaffner ist ihm behilflich; er gibt
acht, da der alte Herr auf dem glatten Asphalt gut zu stehen kommt.
Dann klopft er ihm wohlwollend auf die Schulter.

Soo, Herr Professa! Nur net gar z' fleiig!

Er pfeift, und es geht weiter.

Der Schaffner wendet sich nochmal an den Herrn:

Alle Tag, punkt acht Uhr, fahrt ds alte Mannderl auf d' Universitt.
Nix wia lauta Weltgeschchte!

       *       *       *       *       *

In #Berlin#. Der Straenwagen fhrt durch den Tiergarten. Seitab werden
Bume gefllt, und es ist ein sonderbarer Anblick, mitten in der
Grostadt Waldarbeit zu sehen.

Der Schaffner wendet sich an einen Herrn, der hnlichkeit mit dem
Kaiser hat. Die man in Norddeutschland so hufig trifft. Starkes Kinn.
Habyschnurrbart.

Der Schaffner sagt: Das geht nun schon so vier Wochen.

Er deutet auf die Holzarbeiter.

Der Doppelgnger Kaiser Wilhelms schweigt.

Wenn sie nur nich den ganzen Tiergarten umschlagen! sagt der
Schaffner.

Keine Antwort.

Der Schaffner versucht es noch einmal.

Den ganzen Tiergarten! Es wr doch jammerschade!

Jetzt blickt ihn der Doppelgnger Kaiser Wilhelms an; strenge und
abweisend.

Und er sagt:

Ich habe nicht die Absicht, mich mit Ihnen in eine Konversation
einzulassen.




          O Natur!


  Personen: Er --- Sie -- Ein Holzknecht.

  Ort: Im Gebirge.


  Er: Wie das hier schon ganz anders riecht, Lizzi! A--ah! Endlich
      aus der Stadt in die Natur geflohen!

  Sie: Himmlisch!

  Er: Stelle dir vor! Der Schnee in unseren Straen, schwarz,
      schmutzig, na. Und hier blinkt und glitzert er.

  Sie: Er ist direkt keusch, finde ich.

  Er: Man denkt an Weihnachten, Christabend, an irgend was Poetisches.

  Sie: Karl, du Guter! Nein, wie bin ich dir dankbar, da du mich aus
      dem schrecklichen Trubel in diesen Frieden gebracht hast!

  Er: Nicht wahr?

  Sie: Weit du, als ganz kleines Mdchen bin ich auch einmal im
      Winter auf dem Lande gewesen. Bei Gromama. Da wei ich noch,
      wie da auch die Bume verschneit waren und so merkwrdig
      aussahen.

  Er: Du bekommst frmlich groe Augen, wie du das sagst, Lizzi!

  Sie: Es mu die heimliche Sehnsucht nach der Natur sein, die in
      einem lebt. Trotz allem, weit du, Karl?

  Er: Ja, ja. Trotz allem.

  Sie: Nein! Sieh mal dort die groe Tanne! Wie ein Ungeheuer sieht
      so ein Zweig aus. Wie was Lebendiges.

  Er: Wie ein Mrchen.

  Sie: Die Natur ist doch das einzig Wahre!

  Er: Man sollte hier immer leben!

  Sie: Das wre herrlich! Ich liee mir einen groen Pelz dazu
      machen; weit du, grnen Samt, mit Zobel besetzt, und innen
      auch Zobel, oder Seal.

  Er: Das sollte man tun, hier leben.

  Sie: Oder Skunks, Karl, obwohl ich eigentlich Skunks nicht sehr
      liebe.

  Er: Das wrde sich schon finden.

  Sie: Und weit du, eine Pelzmtze sollte ich haben. Ich habe
      vorgestern bei Bachmann eine entzckende Mtze gesehen.

  Er: Dieser Friede ringsum!

  Sie: Ich glaube, sie war aus Otterfellen und hatte vorne eine
      Agraffe, in der eine Reiherfeder steckte.

  Er: Sieh dort, Lizzi, wie die Bergspitze noch von der Abendsonne
      beschienen ist.

  Sie: Wun--der--voll! Weit du, man knnte statt Reiher auch eine
      andere Feder nehmen. Meinst du nicht?

  Er: Ja -- ja. Ich knnte hier stundenlang in den Anblick versunken
      stehen.

  Sie: Und ich mchte am liebsten durch den Schnee waten. Wie ein
      Schulmdchen, und ganze rote Backen davon kriegen.

  Er: Und nasse Fe, Liebling!

  Sie (enttuscht): Das ist wahr!

  Er: Man mte eben andere Schuhe tragen. Und sich berhaupt daran
      gewhnen. Oh! Hier mu ein Mensch gesund werden!

  Sie: Ich fhle mich jetzt schon ganz anders.

  Er: Ich meine krperlich #und# geistig gesund werden. A--ah! Diese
      Luft! Diese Luft!

  Sie: Wie die Sonne verglht! Das sollte man jeden Abend haben.

  Er: Und sich von dem Zauber der Natur umfangen lassen.

  Sie: Ich mchte am liebsten gar nicht mehr weg.

  Er: Weit du was? Wir bleiben einfach morgen noch hier.

  Sie: Ach ja -- das wre himmlisch! Aber es geht nicht, Schatz. Ich
      #mu# morgen zur Schneiderin, und dann sollen wir bei Hofrats
      Besuch machen, und abends ist der Rosenkavalier, und ...

  Er: Richtig ja! Na, denn nich! Eigentlich ist es schade!

  Sie: Mir blutet ja das Herz, da man sich von hier losreien soll.

  Er: Mir auch. Diese Farben! Nein, diese Farben!

  Sie: Du, dort kommt ein Mann.

  Er: Er hat so was wie 'ne Sge umhngen. Das ist sicher 'n
      Holzfller.

  Sie: Wie stilvoll er aussieht!

  Er (seufzend): Ach, wer auch so einer wre! He, guter Mann!

  Holzer: Han?

  Er: Sie leben wohl immer hier herauen?

  Sie: In der Natur?

  Er: Und wissen vielleicht gar nicht, wie beneidenswert Sie sind!

  Holzer: Am -- -- -- -- --! (Entfernt sich.)

  Sie: Wie? Was hat er gesagt?

  Er: Ach, so was ... so was Buerliches, was die Leute hier oft
      sagen. Nun wollen wir aber umkehren. (Bleibt stehen und atmet
      tief auf.) Nein! Diese Natur!



          Das alte Recht


Es scheint mir, da jene uns Deutschen oft nachgerhmte Scheu vor
gewissen Vorrechten der Geburt, des Ranges, des Besitzes in Wahrheit
besteht und unser ffentliches Leben vergiftet, indem sie das Fundament
der Gesellschaft, die Gleichheit vor dem Gesetze aufhebt, whrend sie
hinwiederum unserem privaten Leben durch Anreiz zur Eitelkeit, zur
Selbsterniedrigung, zu allen Gegenteilen von Stolz und Selbstgefhl
einen bedenklichen Einschlag gibt -- -- ja, das alles scheint mir so,
und ich finde diese Meinung durch alle mglichen Vorkommnisse immer
wieder auf ein neues besttigt. Auch in unseren kleinen Provinzstdten,
wo doch wahrhaftig der Anblick des Hofes, der Umgang mit glnzenden
Militrs, die Bewunderung genialer Staatsmnner, wo all dies nicht die
klaren Begriffe von Recht verwirren knnte, selbst da finde ich immer
wieder, natrlich ins kleine bertragen, aber nicht minder verderblich
-- was wollte ich sagen? -- Ja, also in Dornstein -- aber das mu
ordentlich und der Reihe nach erzhlt werden, und weil das Thema an
sich etwas unappetitlich ist oder sein knnte, mu es auch mit Zartheit
vorgetragen werden. Nur eine Frage vorher!

Wenn nach allgemein gltigen Begriffen von Moral, Anstand und Hygiene
die Verunreinigung von ffentlichen Pltzen und Straen -- ich mchte
absichtlich keinen starken Ausdruck gebrauchen -- als ordinr,
jedenfalls aber als verboten gilt, wenn dieses Verbot in deutlichen
Verfgungen der Ortspolizeibehrde niedergelegt ist, mit Ausdrcken,
die keinerlei Deutung zulassen, so meine ich doch, dieses Verbot mte
fr alle Bewohner des Ortes gelten? Aber wir werden ja sehen!

Ich meine sogar, gerade Leute von Bildung mten im Falle einer
Zuwiderhandlung strkere Mibilligung und strengere Strafe finden, denn
wenn Bildung wirklich Bildung ist -- aber wir werden ja sehen!

Jedenfalls hier will ich nur die Tatsachen in ihrer zeitlichen Folge
berichten und feststellen, und jeden Schein einer irgendwie gearteten
Frbung vermeiden.

Alles, was sich in der Zeit vom 17. Mrz bis mit 11. April 1913 in
Dornstein ereignete, das heit: in dieser betreffenden Sache sich
ereignete, werde ich chronologisch erzhlen.

Eigentlich mte man das Datum weiter zurcklegen, denn schon am 21.
Februar, 2. Mrz und wieder am 11. Mrz erschienen im Dornsteiner
Volksboten Stimmen aus dem Publikum, welche auf die Vorkommnisse
Bezug nahmen.

Gibt es =keine Polizei=, welche in der Luitpoldstrae =gewisse
Schweinereien gewisser Herren betrachtet=, und drfen selbe tun, was
sie wollen?!? (Volksbote vom 21. 2. 1913, Seite 3.)

Es scheint, da die =Nemesis= sich vor #gewissen Leuten# =verkriecht=,
welche die Luitpoldstrae zum Schauplatze ihrer =Gemeinheit= machen,
und da sie in diesem Falle nicht so pnktlich bei der Hand ist, wie
vielleicht gegen die =minder bemittelte Klasse!!!= (Volksbote vom 2.
3. 1913, Seite 3.)

Auch unsere gute Stadt Dornstein soll, wie es scheint, ihren
=Panamaskandal!!= haben, ohne den es #berhaupt in Deutschland nicht
mehr abzugehen scheint#!! Trgt der Kadi eine strkere Binde vor den
Augen, wenn es #sogenannte Gebildete# betrifft?!? Wir fragen zum
=letzen Male!!= (Volksbote vom 11. 3. 1913, Seite 2.)

Die letzte Anfrage des Blattes war denn doch in einem Tone gestellt,
der htte gehrt werden mssen, wenn die magebenden Behrden dazu eine
Lust versprt htten, ich mchte sagen, wenn sie eine durchaus strenge
Auffassung von ihrer #Pflicht# besessen htten.

Sie hatten diese Auffassung #nicht#. Und nun traten in diesem Drama die
Personen aus den Kulissen heraus vor die Rampe der ffentlichkeit.

-- Ich glaube, man kann dieses Bild fglich gebrauchen? --

Am 17. Mrz gelangte folgendes hier wrtlich wiedergegebenes Schreiben
der Realittenbesitzerswitwe #Ursula Hirgstettner# in den Einlauf des
Stadtmagistrats Dornstein:

An den Maschitrath, hochwolgebohren dahir und zu Hnden des Herrn
Brchermeisters.

Eigene Angelegenheit des Emfngers!

Betrf: Notdurfth und unberchtigte Ausbung derslben in der
Luitpoldstrae. Auch betrf gegen die Sitlichkeith.

Es ist gewie ales recht und man schweicht oft und denkt sich blos
etwas, denn man wiel nichd fier eine frau gelthen, die wo zimbferlich
ist und die wo gleich iber ales sich emprth ist und obwoll man doch
auch seine Steuern und Abgahben zahlt und Gemeindeumlahgen.

Aber was zu arch ist ist zu arch und mahn braucht sich nicht ales zu
gefallen zu lassen, indem man doch auch zum weiblichen Geschlchte
gehrth und vielleicht mehr bieldung besiezt als die wo immer davon
sprechen. Oder mu sich vieleicht eine schuzlose Wittwe ales gefallen
lasen? Oder denkt man vieleicht, ja hier braucht es keine Rcksicht
durchaus nicht mehr, weil diese Betrfende keinen Man nicht besiezt,
der wo solchene Angriefe auf das Schahmgefhl nicht erlaubt?? Alerdings
wenn mein unvergeslicher Leonhard nicht dahin geraft wre durch ein
unerbitliches Geschiek, hernach wrden sich vieleicht #gewise Herren
der Schpfung# besinnen, ob sie sich so etwas trauen oder vieleicht
lieber ihre nothurft anderswo verriechten.

Aber freilich ich bin ja blos eine schuzlose Wittwe und da braucht
man keine Rcksicht nicht zu nehmen!! Aber ich zeige es hiemit dem
hochwolgebornen Maschitrate an und gebe keine Ruhe nicht mehr sondern
apeliere.

Im Gasthaus zum Schiemel sitzen die #besseren#!! Herren beinahe ale
tage bis in die spthe Nacht obwol es mich nichts angeht und verlasen
selbes meistens um Mitternacht und sage ich auch nichts obwol oft ein
groser Spetakel ist, aber man denkt sich, es gibt auch feinere Herren,
wo so viel trinken wie ein Fuhrmann.

Aber leider dises ist nicht ales, sondern sie bleiben auf der Strase
stehen und verichten selbes, wo man vieleicht als feinere Herren
anderswo veriechten soll und unterhalten sich dabei mit lauther Stimme.
Dises sind meistens der Herr Majohr Rklmeier und der penzionirte
Oberambsriechter Pollner und verschiedene Brger und Maschitratsrthe,
wo ich auch den Herrn Haslinger und Mhlberger deuthlich unterscheiden
konnte. Dieses geschieth vor meinem Hause, indem ich davon oft erwache
und mit Schmertzen frage, ob mahn dieses einer schuzlosen Wittwe
ales biethen darf. Ich habe es schohn dem Polizeiwachtmeister genau
beschriehben, aber leider es hilft nichts, sondern die feineren Herren
betreiben erst recht ihr schweinisches Geschft und man hrt auch da
sie sich dabei zu Anspillungen auf meine Persnlichkeit erfrchen. Der
betrefende ist besonders erkannt und wenn es auch ein Beahmter ist,
besiezt er doch keine Bieldung und soll vieleicht denken, das er nicht
so unferschmbt zu sein braucht gegen leuthe, wo seine Penziohn auch
mitzahlen.

Hochwollgeborner Maschitrat ich zeige es hiedurch an, da ich mir
durchaus nichts mehr gefahlen lasse und mich nicht mit Injuhrien auch
noch behaften lasse, sondern meine Geduld ist erschpft, wodurch ich
auf einen standpunkt bin, das mahn sich sagt, bis hieher und nicht
weither!

Wenn der Maschitrat vieleicht sein Auge zudrken will weil es feinere
Herren sind und die besiezende Klasse, dann wei ich schon was ich thue.

Ich verlange die strengste Bestraffung dieser Obigen und eine Tafel
gegen nchtliche Verunreinigung und ich glaube das auch eine schuzlose
Wittwe disses erreichen kann gegen die wo sich nicht schhmen, sondern
ihre sogenannte Bieldung in disser weise bezeichen. Ich verlange die
strengste Bestraffung!! Disses mchte ich noch bemerken.

          Laut Unterschrift: Ursula Hirgstettner,
                 hochachtungsvoll dahir.

Am 26. Mrz kam dieser Brief in geheimer Magistratssitzung zur Sprache.

Herr Brgermeister Dr. Pilzweyer hatte ursprnglich die Absicht
gehegt, und diese Absicht auch gegenber dem Magistratssekretr Weigel
kundgetan, die Eingabe der Hirgstettner zu perhorreszieren, aber eine
Notiz im Volksboten brachte denn doch die Sache in Gang, da man nun
befrchten mute, da weitere sehr unangenehme Preerrterungen das
stille Begrbnis der Anklage verhindern wrden.

Also ging man daran, die Angelegenheit amtlich, wenn auch nicht
ernstlich, zu behandeln.

Denn schon die Miene des vorstehenden Sekretrs verriet die merkwrdige
Neigung, diese Herzensnte einer Frau als Spa zu betrachten, und
ein den Vortrag begleitendes Lcheln des Brgermeisters schien die
Anwesenden aufzufordern, auch ihrerseits den Humor des Schriftstckes
zu erkennen.

Allein Magistratsrat Mhlberger, ein angesehener Bckermeister, konnte
trotzdem seinen aufsteigenden Zorn nicht meistern und sprang sogleich
auf, indem er rief:

Ds san ja Insinationa! Hat ma scho so was g'hrt von so an alt'n
miserablinga Trankhafa? Ds san ja Insinationa!

Herr Magistratsrat, sagte der Brgermeister in verbindlichem Tone,
wir knnen und wollen uns ber dieses Schriftstck doch wahrhaftig
nicht aufregen -- --

Sie Eahna net! Aber i! schrie Mhlberger. Ds san ganz oafach
Insinationa! Und ds sag' i!

Wir werden spter darauf zurckkommen, sagte immer lchelnd Herr Dr.
Pilzweyer. Aber, fuhr er fort, indes er seinen Kneifer abnahm und ihn
spielend an der Schnur pendeln lie, ich mu nun wohl das tatschliche
Material den Herrn unterbreiten.

Es handelt sich hier, sagte er und lehnte sich zurck, indes er
jedes Wort mit verstandesmiger Betonung aussprach und im Wohlklange
seiner Rede schwelgte, es handelt sich hier zweifellos um das Haus
Nummer 104a, als welches zu Eigentum der Witwe des verstorbenen
Realittenbesitzers Leonhard Hirgstettner im Grundbuche vorgetragen
ist, -- und welches sich auf der nrdlichen Seite der ehemaligen
Bachleitergasse, jetzt Prinzregent Luitpoldstrae befindet. Gegenber
von diesem Hause ist die Gast- und Tafernwirtschaft zum Schimmel,
welche von den Eheleuten Johann und Maria Leutgschwendtner betrieben
wird.

Dieses Gasthaus erfreut sich des Besuches gerade der Honoratioren.

I g'hr aa dazua, fiel hier die Bastimme des Magistratsrates
Haslinger ein.

Gerade der Honoratioren, fuhr der Brgermeister fort, indes ein
Lcheln ber seine Zge flog, und man begegnet dort auer angesehenen
Brgern -- er machte eine leichte Verbeugung nach der Richtung, wo
Haslinger und Mhlberger saen -- man begegnet dort Offizieren,
Angehrigen des Beamtenkrpers, also Herren, denen eine Strung der
Ordnung, ein Zuwiderhandeln gegen Sitte und Anstand niemals, ich betone
das, niemals zuzutrauen wre!

Ds moan i halt aa, rief Mhlberger ...

... Zuzutrauen wre. Die streng vertraulich gepflogenen Recherchen
haben ergeben, da vielleicht hier und da einer der Herren, dem Zwange
und Drange der Natur folgend, ganz gewi in unaufflligster Weise ...

Bitt ums Wort! schrie Herr Haslinger.

Sogleich! Sie werden das Wort sogleich erhalten, Herr Magistratsrat
... also in diskretester Weise jenem Drange vielleicht Folge leistete.
Aber eine Beschuldigung wie diese hier -- Herr Dr. Pilzweyer klopfte,
nun ernster werdend, auf das Schriftstck -- eine solche Beschuldigung
ist frivol. Ich stehe nicht an zu sagen, es ist ein starkes Stck von
Frivolitt.

An Insination is! rief Mhlberger ...

Eine haltlose Verdchtigung, und ich erteile nun, bevor ich einen
Antrag stelle, das Wort dem Herrn Magistratsrat Haslinger.

Dieser, von Beruf Brauereibesitzer, ein beleibter Mann von stattlicher
Gre, erhob sich, und da er gerade geschnupft hatte, zog er ein
blaues, geblmtes Taschentuch von der Gre einer Serviette aus der
Tasche und entfernte von Bart, Weste und Rock die Tabakreste. Dann
begann er in jovialem Tone zu reden. Also, meine Herrn, de Sach'
is eigentli ganz oafach; und i mua scho sagn, da ma ber so was
berhaupts red'n mua, ds g'hrt aa zu de Erscheinunga der Neuzeit.
Also i sag ganz oafach, de Beschwerde von dera ... Beizanga da ... is
eigentli a Frechheit ersten Grades. Indem da also Familienvta und
verheirate Mnna, und da ma 's scho glei sag'n, lauta Leut, de wo
eppas san und de wo eppas hamm und de wo eppas vorstell'n -- net --
lauta richtige Leut -- net --- indem da diese Leute a so hingestellt
wern als wia Sittlichkeitsverbrecher -- net -- und von an solchen alt'n
Trankhafa, bei der ma sie do berhaupts nix mehr denkt ...

Der Brgermeister rhrte an der Glocke. Ich mchte den Herrn
Magistratsrat bitten, im Interesse einer sachlichen Behandlung ...

Net unterbrecha! sagte Haslinger grob. Sie hamm ds berhaupts
a bissel gern, Herr Brgermoasta, und i sag 's Eahna, da ber ds
bereits Stimmen laut geworden sind.

ber diese Unterbrecherei von Eahna. Da kimmt ma ja aus 'n Thema
aui! Also, meine Herrn, da i 's kurz sag, seit i ins Wirtshaus geh,
und aa frherszeit, wia no mei Vata ganga is, und natrlicherweis
mei Grovata grad so, also da woa ma's nia anderst, als da ma vom
Wirtshaus aua ... no ja ... in Gott's Nam ... Sie verstengan mi scho.
I mcht berhaupts sag'n, ds is an alts Recht! Wenn ma so seine
vier, fnf oda sechs Ma Bier trunka hat -- no ja -- in Gott's Nam!
De Damenwelt is do um de Zeit nimma auf da Stra, und so lang unser
Dornstoa steht, hat ma ds net anderst g'wit. Jetzt auf oamal kam de
Mistamsel, de abscheilige daher ... Theans mi net unterbrecha, sag
i, Herr Brgermoasta, -- jetzt kam de daher und mcht ins des alte,
guate Herkomma fr an Unsittlichkeit histell'n. Aba i sag blo ds,
solchena Beleidigunga, solchena neumodische Unverschmtheiten, von dera
grauslinga Beizanga, diese prallen an unserer Brust ab!

Brafo! Brafo! riefen die Magistratsrte und patschten auch lebhaft
in die Hnde, so da Herr Haslinger sich dankend noch einmal halb vom
Stuhle erhob und wiederholte. Sie prallen ab, sag i, und mehra sag i
net ...

Ds Luada mit ihre Insinationa! rief Mhlberger, worauf sich der Herr
Brgermeister rusperte und also begann:

Meine Herren! Nach den bemerkens- und auch dankenswerten Ausfhrungen
des Herrn Vorredners, nach diesen von den Tnen eines beleidigten
Ehrgefhles durchzitterten Worten erbrigt mir jetzt nur ... wie?

Ich bitte ums Wort! sagte zum zweiten Male der Buchbindermeister
Kallinger ...

Ach so! Pardon! Der Herr Magistratsrat Kallinger hat das Wort.

Meine Herren! sagte dieser, ein Freund feinerer Bildung, der einige
Jahre in Norddeutschland befindlich gewesen war, ... meine Herren!
Ich glaube frwahr mit Recht behaupten zu drfen, da ich einige
Erfahrungen besitze in betreff nmlich der Sitten und Gebruche fremder
Stdte ...

Geh, hr auf!

Ich hre #nicht# auf, Herr Haslinger, und ich mchte nur bemerken,
bald Sie sich beschweren in betreff von Unterbrechungen, dann drfen
auch Sie nicht einen Redner unterbrechen ... ich mchte also nur
dieses sagen, da ich in fremden Stdten einige Erfahrungen gesammelt
habe auch in betreff dieses Themas, ber das ich mich nicht nher
ausdrcken kann und ich behaupte, da auch in anderen Stdten dieses
hufig vorkommt. Dann mchte ich sagen, da zum Beispiel whrend einer
Regenperiode sicherlich kein Grund zur Beschwerde vorhanden ist,
whrend im Schnee frwahr zu viele Spuren zurckbleiben. Ich mchte
hierdurch nur eine bescheidene Anregung geben, ob die betreffenden
Herren nicht doch eine gewisse Rcksicht auf die Witterungsverhltnisse
walten lassen knnten ...

Damit setzte sich Herr Kallinger, und Herr Haslinger stie Herrn
Mhlberger mit dem Ellenbogen an, und Herr Mhlberger stie Herrn
Arzbck an, und es herrschte die allgemeine Ansicht, da der Kallinger
natrlich wieder seinen Senf habe dazu geben mssen.

Aber der Brgermeister hustete leicht und fuhr an der alten Stelle fort.

Es erbrigt mir jetzt nur die Frage, ob der Magistrat sich irgendwie
offiziell, also beschlufassend, mit der Sache beschftigen soll ...

Nix da! Da werd berhaupts nix mehr g'redt! Freili! Da der alte
Trankhafa sei Freud htt!...

Ja, also, ich entnehme den allgemeinen Zurufen, da man ber die
Beschwerde zur Tagesordnung bergeht ... Herr Kallinger?

Ich mchte nur einen Beschlu darber vorschlagen, da whrend
einer Schnee- oder Klteperiode auch nachts keine solche Verrichtung
stattfinden drfe ...

Wer fr den Antrag des Herrn Magistratsrates Kallinger ist, mge sich
erheben!... Niemand? Also, der Antrag ist mit allen gegen eine Stimme
abgelehnt ... und damit gehen wir zur Tagesordnung ber. Es liegt vor
ein Antrag des Kaufmanns Oberloher ...

       *       *       *       *       *

Das war am 26. Mrz.

Am 29. des gleichen Monats brachte der Volksbote einen geharnischten
Artikel ber Korruption:

Es ist einem Huflein Bevorzugter gelungen, dem Gesetz ein Schnippchen
zu schlagen ... usw. ... bis ... wir erinnern aber an das so wahre
Sprchwort _justitia fundamentum regnorum_, welches denn doch auch in
Dornstein einige Geltung haben drfte ...

(Siehe Beilage 5 im Akt: Beschwerde der Ursula Hirgstettner usw.)

Am Abend des 1. April brannte im Hause der Frau Hirgstettner das
Gaslicht nicht mehr. Tagsber hatten zwei stdtische Arbeiter sich
an der Leitung in der Luitpoldstrae zu schaffen gemacht und jede
Auskunft verweigert. Als nun Frau Offiziant Koppenwallner, welche in
dem Hirgstettnerschen Hause wohnte, im Gange Licht machen wollte und
immer wieder den Gashahn aufdrehte, blieb es dessenungeachtet dunkel.

Obwohl sofort eine Magd zum Leiter der Gasanstalt geschickt wurde, kam
niemand zur Abhilfe. Auch den 2. und 3. April lie sich der stdtische
Installateur nicht blicken.

Am 4. April ging Frau Ursula Hirgstettner selbst im Zustande der
hchsten Aufregung, da die Familie Koppenwallner sofort kndigen
wollte, zu Herrn Gasanstaltsdirektor Pfrombeck und stellte ihn
entrstet zur Rede.

Nur net so hitzig! sagte Herr Pfrombeck gelassen. Am Gas fehlt's
net, aba wahrscheinli fehlt's an der Leitung. Vielleicht hamm S' ds
letzte Quartal net zahlt?

Ds tat i mir scho verbitt'n! I bin meiner Lebtag nix schuldi blieb'n
...

Ja no! Na werd's wo anders fehl'n. Mi geht ds nix o. De Gasleitung
hat da Herr Magistratsrat Mhlberger unter sich. Da massen S' zu dem
geh' und frag'n.

Nun ging der Frau Ursula Hirgstettner allerdings ein Licht auf, aber
als resolute Witwe ging sie unverzagt in den Kampf um ihr gutes Recht
und in den Laden des Bckermeisters und Magistratsrates Mhlberger.

Sie mute warten, bis alle Kunden bedient waren, und stand endlich in
dem Hinterzimmer vor dem finster blickenden Stadtvater.

Was woll'n denn Sie?

I? Da tat i no lang frag'n, wenn seit vier Tag 's Gas nimmer brennt!

So?

Ja! Zahlt ma desweg'n seine Umlag'n und Gebhr'n, da nacha a solchena
Schlamperei vorkimmt ...

Sie, thean S' Eahna a bissel z'ruckhalt'n!

Gar net halt i mi z'ruck, und auf der Stell mua i wiss'n, warum da
de Arbeita mei Leitung abdraht hamm ...

Welchane Arbeita?

Ja, ma hat's scho g'sehg'n! Fr gar so dumm mat's oan aa net halt'n!

Wenn de Arbeita Eahna Leitung unterbrocha hamm, nacha hat am Rohr was
g'feit. Vastand'n?

So, warum fehlt denn grad bei mir was? Und bein Schimmiwirt net? Und
bei koan Nachbarn net?

Ds is de Rohr eahna Sach.

I wer scho sehg'n, ob i mir ds g'fall'n lass'n mua. I woa scho, was
da fr a Spitzbuamg'schicht dahinta steckt.

Halten S' Eahna z'ruck, sag i!

Und a Spitzbuamg'schicht is, sag i!

Sie, passen S' auf, Eahna kennt ma!

Sie kenna mi no lang net, und wenn i net auf da Stell mei Gas kriag,
nacha zoag i Eahna, mit wem Sie's z'thoa hamm!

Ds braucht's net. Eahna kennt ma, sag i. Sie san eine Frau, de wo
Insinationa macht. Verstengan Sie? Insinationa!

I mach Eahna no ganz was anders, Sie Loawibacha, Sie ausgschamta!

Jetzt hab i Eahna! Ds is an Amtsbeleidigung!

Mei Gas mcht i!

An Amtsbeleidigung is ds! Verstengan Sie? Jetzt san Sie
g'richtsmaig!

Gengan S' aufs G'richt! Auf da Stell geh i mit und bring mei Sach vor!
I will amal sehgn, ob Sie mir's Gas abdrahn derfa, weil i Eahna Sauerei
anzoagt hab' -- Sie!

Und jetzt macha S', da S' naus kemma, sunst gibt's an
Hausfriedensbruch aa no, Sie Trebernfa, Sie ordanrs! Sie Mistamsel,
Sie grusliche!

So? So red'n Sie? Aba ...

Aui!

Der Befehl war so kategorisch und mit Schub und Druck begleitet, da
die fassungslose Witwe, ohne zu wissen wie, vor der Tre und auf der
Strae stand.

Ihr eiligster Lauf ging in die Redaktion des Volksboten.

       --       --       --       --       --

Aber der Kmpfer fr ihre Rechte, Herr Martin Irzinger, war nicht wie
sonst.

Er hrte sie nicht an, er unterbrach sie lange, bevor ihre Klagen zu
Ende waren.

Ds is alles ganz recht, Frau Hiergstettner, und i kenn ja de ... i
will sag'n, i waa ja alles, aba, es thuat mir leid, i ko in dera Sach'
nix mehr thoa.

Sie san guat. Zerscht hamm's mi allaweil aufghetzt, da i de Eingab'
mach, und Sie hamm in Eahnern Blattl de G'schicht aufgrhrt ...

Ja ... ja ... Ds hoat, i hab mi fr Eahna a bissel einseitig ins
Zeug g'legt. Einseitig, verstengan Sie?

Aba Sie hamm do g'sagt ...

I #hab# g'sagt, aba jetzt sag i Eahna was anders, Frau Hiergstettner.
Schauen's, i mua #von# de Leut' leb'n, und #Sie# mass'n #mit# de Leut
leb'n. Wir kinnan den Kriag net weiter fhr'n.

Mir geht da Proviant aus. Verstengan S', der diri dari -- und Eahna
geht 's Liacht aus.

Ja, was soll i denn thoa?

An Fried'n schlia'n. Es bleibt ins nix anders net brig ...

Da verlie die Witwe aller Kampfes- und Lebensmut, und sie fing
gottesjmmerlich zu weinen an.

Es mssen hier einige Tatsachen nachgeholt werden.

Am 1. April wurde dem Volksboten amtlich mitgeteilt: 1. da der
Magistrat das bisherige Abonnement von zwei Exemplaren nicht erneuere,
2. da der Volksbote knftighin keine amtlichen Inserate mehr zu
gewrtigen habe.

Noch den gleichen Tag suchte Irzinger den Brgermeister auf und bat um
Aufklrung.

Wundern Sie sich darber? fragte Herr Dr. Pilzweyer mit Nachdruck.
Konnten Sie etwas anderes erwarten, nachdem Sie in jeder Nummer Ihres
Blattes ...?

Entschuldinga, Herr Brgermoasta ...

Oder, ich will sagen, wenn Sie beinahe in jeder Nummer die
angesehensten Mnner der Stadt, ja die Stadtverwaltung selbst, in
maloser Weise angreifen?

Entschuldinga, Herr Brgermoasta ...

Jawohl, malos, Herr Irzinger! Das Wort ist keineswegs stark gewhlt
... Herr Dr. Pilzweyer spielte hier wieder mit dem Zwicker und
lauschte auf seinen Tonfall. Sie zweifeln unsere Intaktheit an, unsere
Gerechtigkeitsliebe, Sie sprechen von einem Panama ...

Entschuldinga, Herr Brgermoasta ...

Wortwrtlich Panama! Das ist ein schlimmer Vorwurf, Herr Irzinger! Und
ich kann Ihnen nur sagen, er hat mich persnlich geschmerzt, denn ich
verkenne keineswegs die Bedeutung der Presse ...

Entschuldinga, Herr Brgermoasta ...

Ich kann aber, und das werden Sie mir zugeben, ein Blatt nicht
untersttzen, welches in unser Gemeinwesen den Unfrieden trgt, welches
das Ansehen der besten Brger zu untergraben sucht, welches die Leitung
der Gemeinde verdchtigt, welches ...

Entschuldinga, Herr Brgermoasta, und bald diese Angriffe
unterbleiben?

Wenn Sie mir das Versprechen geben ...

Und bald ich den Herren vom Magistrat gewissermaen im Volksboten eine
Genugtuung gebe?

Dann abonniere ich wieder.

Und de Inserat'?

Bekommen Sie wieder.

Gilt scho!

Ihr Ehrenwort, Herr Irzinger?

Auf Ehr und Seligkeit, sag i. Und bal i amal was sag', da gibt's nix;
ds is wia Stahl und Eis'n ...

Also gut! Sie unterlassen die Angriffe -- auch in dieser etwas
komischen Sache ...

A glnzende Ehrerklrung gib i, wenn i 's amal sag, Herr Brgermoasta!
A glnzende Genugtuung.

Schn, dann sind wir wieder einig.

Ds glaab i.

Die glnzende Ehrenerklrung kam am 5. April, denn einiger Zeit
bedurfte Herr Irzinger denn doch, um seinen Gesinnungswechsel zu
stilisieren. Er packte die Sache beim richtigen Ende an, indem er
zuerst etwas humoristisch wurde, dann aber doch die echt altbayrische
Standhaftigkeit der Mnner hervorhob, welche auch in einer kleinen
Sache, deren allzu deutliche Beschreibung sich von selbst verbot,
am alten Herkommen festhielten und durch diese Hartnckigkeit alle
Widerstnde besiegten.

Auch wie Herr Irzinger freimtig bekennen zu mssen erklrte, den
Widerstand der Presse.

Der im vollsten Sinne des Wortes verlassenen Witwe blieb nichts anderes
brig, als die Verzeihung der standhaften Verunreiniger zu erflehen.

Sie tat es.

Nicht ganz so leichten Gemtes und nicht ganz so rasch wie der
Redakteur des Volksboten; aber die Notwendigkeit, Gas zu erhalten,
erlaubte auch kein allzulanges Zgern.

Mhlberger strubte sich und verzieh nur unter bissigen Bemerkungen die
Insinuationen der schmhschtigen Frau.

Aber am 11. April brannten die Gasflammen wieder.

Lange nachdem sie in dieser Nacht erloschen waren, um die Geisterstunde
vernahm die Lauschende wiederum die Ausbung jenes alten Rechtes oder
Herkommens.

Und sie konnte feststellen, da die vier Hauptkmpfer fr den alten
Brauch samt und sonders sich bettigten.

Der Herr Major Stckelmeier, der Oberamtsrichter Pollner und die zwei
kriegerischen Magistratsrte.




          Anfnge


Da war ich also Rechtsanwalt in dem kleinen Orte D., und weil ich
der erste war, der sich hierorts auf diese Weise sein Brot verdienen
wollte, konnte ich nicht verlangen, da alle Welt von meiner Bedeutung
oder meinen Aussichten berzeugt war.

Der Schneidermeister, in dessem Hause ich eine Wohnung gemietet hatte,
brachte mir ein stilles, aber inniges Mitrauen entgegen, das wiederum
nicht frei war von einem wohlwollenden Mitleid. Der Vorstand des
Amtsgerichtes, dem ich mich sogleich vorstellte, strich einen langen,
grauen Schnurrbart und heftete seine scharfen Augen auf mich.

Dann sagte er nur: So, Sie san der?

Es war manches aus den Worten herauszulesen, nur keine freudige
Zustimmung zu meinem Unternehmen.

Wenn ich ber die Strae ging, merkte ich wohl, da sich Leute nach mir
umdrehten, und wenn ich auch nicht feinnervig war, merkte ich doch,
da sie sich frei von allem Respekt ber meine mutmaliche Zukunft
unterhielten.

Am reichbesetzten Stammtische legten mir alle diese fest angestellten,
besoldeten und pensionsberechtigten Mnner Fragen vor, die ihre
berlegenheit ebenso wie ihre Zweifel dartaten.

Das alles entmutigte mich nicht, aber wenn ich heim kam und durch meine
drei krglich mblierten Zimmer ging, in denen die Schritte so stark
widerhallten, dann packte mich doch ein Gefhl der Unsicherheit und der
Vereinsamung.

Ich half mir auf meine Weise. Mit dem alten Zimmerstutzen meines Vaters
scho ich nach der Scheibe und vertrieb mir die langweiligsten Stunden.

Denn wenn ich mich an den Tisch setzte und etwa zu lesen versuchte,
hrte ich mit einem Male diese Stille um mich, ich horchte auf sie, und
sie klang mir brausend in die Ohren.

Da fiel mir alles schwer aufs Herz, was einmal war und nie mehr sein
wrde, und ein Heimweh kam ber mich nach lieben Menschen, nach Dingen
und Zustnden, von denen ich fr immer hatte Abschied nehmen mssen.

Das waren Trbseligkeiten, ber die mir keine Arbeit weghalf, weil ich
keine hatte.

Wenn ich die Treppe herunterstieg und in die Werkstatt meines
Schneidermeisters einen Blick werfen konnte, beneidete ich die blassen,
jungen Leute, die darauflos nhten von Montag bis Samstag und jeden
Feierabend und jeden Feiertag sich redlich verdienten.

Das sah anders aus als in meiner leeren Stube, an deren Wand zwecklos
ein kleiner Tisch stand, auf dem ein Paket frischer Papierbogen lag
neben dem nagelneuen Tintenfasse, den ungebrauchten Federhaltern und
scharfgespitzten Bleistiften. Drei, vier lange Tage schlichen vorbei,
ohne da jemand zu mir gekommen wre.

Der fragende Blick des Hausherrn wurde eindringlicher, die Bemerkungen
am Stammtische wurden berechtigter, die Mienen aller mir begegnenden
Spiebrger wurden hhnischer. Wie lange ich nachts mit offenen Augen
im Bette lag und nun erst recht die brausende, tosende Stille um mich
herum hrte!

Leute standen vor mir, die mich mit ernsten Augen anblickten und mir
die Aussichtslosigkeit meines Versuches darlegten, Menschen, die ich
liebte und denen ich auch etwas galt, -- gegolten hatte.

Denn was war dann, wenn ich hier scheiterte und allen recht gab, die
mir abgeraten hatten?

Es waren lange Nchte.

Gegenber lag eine Schmiede, und vor Tagesanbruch klangen schon die
Hammerschlge.

Da mute ich aufstehen, zuschauen und mir immer wieder sagen, das sei
Arbeit, Freude und Leben.

Am fnften Tage kroch mir schon die hlichste Mutlosigkeit ans Herz.

Aufstehen und warten, in der Stube herumgehen und warten.

Den Zimmerstutzen hatte ich in eine Ecke gestellt.

Mir war gottsjmmerlich zumut. Mein ganzes Vermgen von achtzig Mark
ging auf die Neige, und hier mit Schulden beginnen wollte mir doch als
Anfang vom Ende vorkommen.

Da!

Nein, es war keine Tuschung, hell und durchdringend lutet die Glocke
an meiner Wohnungstre.

Ich eilte hinaus und ffnete.

Ein hochgewachsener, wohlbeleibter Mann mit einem mchtigen
altbayrischen Knebelbart stand vor mir, und sein stdtischer Anzug
war fr mich eine Enttuschung, weil er so gar nicht wie ein
prozessierender konom aussah.

Aber vielleicht ein Gutsbesitzer, Pchter oder Verwalter?

Das schien mir zweifelhaft. Eher konnte er ein behbiger Brger des
Marktes sein, und ja, das wrde wohl stimmen.

Hab' ich die Ehr', den Herrn Rechtsanwalt ...?

Bitte, kommen Sie nur herein ...

Ich mute so etwas von der einladenden Hflichkeit eines Friseurs,
eines Zahnarztes, des Besitzers einer schlechtbesuchten Schaubude an
mir haben.

Der Gast stand hoch und breit in meinem Zimmer und war sich, wie ich
merken konnte, sogleich ber die Situation klar.

Aha! sagte er, -- m--hm -- da is aber a bissel -- --

Wie meinen Sie?

A bissel laar is.

Ich lasse mir meine Mbel erst nachkommen, sagte ich. In den ersten
Tagen mochte ich natrlich nicht -- --

Freili, natrli. Aba wo san denn de Bacha?

Die kommen auch nach.

M--hm -- ja -- ja -- I will Eahna was sag'n, Herr Dokta. Ds erste,
was Sie hamm mass'n, san Bacha. Es is ja scho weg'n de Klient'n. Da
wenn oana rei kimmt zum Beispiel, nacha mua 's ausschaug'n da herin,
als wia 'r in a alt'n Kanzlei. An dera Wand da drb'n, da mass'n lauta
Bacha steh', und da herent, da massen S' a so a Stellaschi mit Papier
und Aktendeckel hamm. Derfen S' ma 's glaab'n, i hab scho mehra junge
Herrn o'fanga sehg'n ...

Das kommt alles, aber mit was kann ich Ihnen dienen?

Mir? Ds wer i Eahna glei sag'n. I bin nmli der Vertreter von der
Buchhandlung Maier -- J. A. Maier & Sohn -- Sie kennan ja die Firma?...

Es war wieder eine Enttuschung, und diesmal eine ziemlich starke.

N ... nein ... sagte ich.

Ds wundert mi, aba mir lerna uns scho no bessa kenna, antwortete
er, und es strmte ein wirkliches und wohlwollendes Behagen von ihm
aus. Mir lerna uns no guat kenna. Nmli, unser Spezialitt is ja, da
mir junge Herrn Rechtsanwlt ausstaffiern, und i kann Eahna sag'n, i
hab scho ziemli viel Herrn ausstaffiert. Lesen S' no ...

Er gab mir eine Karte.

J. A. Maier -- Buchhandlung -- Spezialitt -- Anlage von Bibliotheken
fr Herren Notare und Rechtsanwlte -- An- und Verkauf von juristischen
Bibliotheken -- Kulante Gewhrung von Teilzahlungen -- usw.

Sehg'n S', Herr Dokta, ds is ds, was Sie brauchan. De Wand da
drben, de mua ganz zuadeckt sei mit lauta Bacha. Erschtens -- er
streckte den Daumen aus -- brauchan Sie wirkliche juristische Bacha
-- ds kriag'n ma nacha -- zwoatens -- er gab den Zeigefinger dazu --
brauchan Sie Entscheidunga -- mir hamm antiquarisch a paar Sammlunga --
drittens -- und jetzt kam der Mittelfinger -- drittens, da gibt's so
Amtsbltter und alte Verordnungsbltter, de ja koan Wert nimmer hamm,
aba de san hbsch gro, in blaue Pappadeckel ei'bund'n, und macha an
recht'n Krawall, de nehman si groartig aus in da Kanzlei. De kriag'ns
von uns drein, an achtz'g Bnd fr zwlf Markl ...

Das ist alles recht schn, aber ...

Nix aba! Er sagte es energisch und jede Widerrede abschneidend. Ds
is ds, was Sie brauchan, Herr Dokta. Und jetzt schreib'n mir amal auf,
was Sie fr wirkliche Bacha hamm mass'n. Mit 'n Strafrecht fanga ma
'r o ...

Und er fing mit dem Strafrecht an und nannte im befehlenden Ton alle
anderen im besten Ansehen stehenden Kommentare, schrieb sie mit der
Fllfeder auf, fand immer noch ein Buch und gab es dazu, und erklrte
endlich, da mir nunmehr einigermaen und frs erste geholfen sei.

Alle Zahlungsbedenken schnitt er kurz ab, und erst, als er sein dickes
Notizbuch in die Brusttasche und seine Fllfeder in die Westentasche
gesteckt hatte, gab er den befehlshaberischen Ton auf und wurde wieder
umgnglich.

Soo, sagte er gemtlich, jetza hamm ma 's, und Notabeni, i mach no
mei Gratulation, da Sie Eahna hier niederlassen hamm. De Gegend is
guat, de Bauern streit'n gern, g'rafft werd aa no Gott sei Dank, da hat
a junger Rechtsanwalt a ganz a schn's Feld der Bettigung, und jetzt
bhat Eahna Good!

Er schied mit einem freundlichen Lcheln von mir, und seine Worte taten
mir wohl. Nur allmhlich wurde mir klar, da diese Anschaffung auf
Kredit meine Stellung nicht gerade gebessert und befestigt hatte.

Ein ereignisloser Tag, der nun folgte, und die Gewiheit, der ich
entschlossen ins Gesicht sehen mute, die Gewiheit, da ich das
nchste Mittagessen wrde schuldig bleiben mssen, lieen mir die
Bestellung einer Bibliothek als verbrecherische Torheit erscheinen.

Die Schneider nhten, die Schmiede hmmerten, der Rechtsanwalt schaute
zum Fenster hinaus auf den Marktplatz.

Vor seinem Bckerladen stand der dicke Herr Holdenried und stocherte
in den Zhnen herum und ghnte und spuckte aus, und tat das alles mit
Ruhe, wie sie eine gefestigte Sicherheit gibt.

Zwei Huser weiter stand der Seiler Wei auf dem Brgersteig und zeigte
ebenso aller Welt, die es wissen wollte, da er sich satt gegessen
hatte.

Sie riefen sich etwas zu und lachten, und Herr Holdenried ging ein
paar Schritte hinauf, und Herr Wei ging ein paar Schritte herunter,
bis sie beisammen standen und offenbar von den gleichgltigsten
Dingen miteinander redeten. Jeder stand wrdig und breitbeinig und
zahlungsfhig auf dem Pflaster und jeder wute, da aus irgendeinem
Fenster, oder aus mehreren Fenstern, neidische Blicke auf sie geworfen
wurden. Und jeder wute, da er wie Vater und Vatersvater den Neid
verdiente.

Ob je einer von diesen niedertrchtigen Spiebrgern Sorgen getragen
hatte, oder auch nur wute, wie der Gedanke an morgen bleischwer auf
dem Magen liegen konnte?

Sie bliesen die Luft von sich und waren zufrieden mit sich und einer
mit dem andern, und dann ging Herr Holdenried ein paar Schritte
hinunter und Herr Wei ein paar Schritte hinauf, und sie schloffen
durch ihre Haustren ins Behagen zurck.

       --       --       --       --       --


Und es war doch wieder die Glocke! Es war gewi und wahrhaftig wieder
die Glocke! Ein kleiner, schmchtiger Mann stand vor der Tre. An
seinen Stiefeln hing zher Lehm, und ich sah wohl, da er auf Feldwegen
gegangen war, und in seinen Blicken lag etwas Unsicheres, Fragendes ...

Sind Sie der neue Herr ...

Ja, jawohl, kommen Sie nur herein, bitte!

Es klang immer noch wie die Einladung einer Schiebudenmadam, nur
zgernder.

Und das war also ein Lehrer aus Irzenham, einem weit entlegenen Orte,
der zu einem anderen Gerichte gehrte, aber der Herr Lehrer war etliche
Stationen weit mit der Bahn gefahren, hier ausgestiegen, und nun eben,
nun war er da.

Es handelte sich um eine Beleidigung. Eigentlich um eine
ununterbrochene Reihe von Krnkungen, Beleidigungen und
Ehrabschneidungen.

Man mute weit zurckgreifen. Es handelte sich, wenn man es recht sagen
wollte, um einen frmlichen Krieg zwischen Pfarrer und Lehrer, Sie
wissen ja, wie das leider so hufig vorkommt ... Ob ich es wute! Und
ob ich nicht, was ich wute, mit starken Worten sagte, mit Entrstung,
allgemeiner und gerade auf diesen Fall angewandter besonderer
Entrstung!

Wie konnte man einen Mann, der ... und wie konnte man einen Lehrer,
dessen dornenvoller, verantwortungsreicher Beruf -- -- und so weiter --
Wie konnte man das?

Der Pfarrer hatte es gekonnt. Er hatte schon bald, nachdem der Herr
Lehrer nach Irzenham versetzt worden war, begonnen, die Stellung
des Mannes zu untergraben, ihn zu reizen, ihn zu verdchtigen, ihn
herunterzusetzen --. Man mute da weit zurckgreifen und die Irzenhamer
Geschichte der letzten drei, vier Jahre kennen lernen, um dann wieder
hier vorgreifend, dort Rckschlsse ziehend, um, auch den schlechten
Charakter des neu gewhlten Brgermeisters so ganz begreifend, zu
verstehen, warum und wieso die letzten Angriffe auf den Herrn Lehrer,
dessen Ehefrau Amalie und wiederum deren Schwester Karoline von langer
Hand vorbereitet und besonders giftig waren.

Man mute weit zurckgreifen, und ob ich es gern tat!

Ob ich nicht politische Bemerkungen einflieen lie und mich voll
und ganz auf die Seite der Lehrer stellte, ganz allgemein aus
Gesichtspunkten, die fr jeden anstndigen Menschen gelten muten,
die in jedem vernnftig geleiteten Staat, die in jeder ordentlich
verwalteten Gemeinde berhaupt nicht in Frage kommen konnten!

Ob ich sie nicht mit juristischen Bemerkungen spickte!

Ob ich nicht selber von einer sittlichen Entrstung durchbebt war!

Und ob ich nicht immer wieder betonte und feierlich versicherte, da
diese seit Jahren auf Irzenham drckende, schwle Temperatur blo durch
das Gewitter einer Gerichtsverhandlung gereinigt werden knne und msse!

Ja, ich hatte wirklich das Gefhl der Erleichterung, der Befriedigung,
als es nun endlich feststand, da ich als Klger gegen den Pfarrer
auftreten wrde!

Es sollte dabei nichts verschwiegen werden?

Aber gewi nichts!

Die Irzenhamer Geschichte der letzten vier Jahre sollte vor dem Forum
der ffentlichkeit aufgerollt und unter eine alle Winkel erhellende
Beleuchtung gesetzt werden. Darauf konnte sich der Herr Lehrer
verlassen.

Darauf konnten sich der Herr Lehrer, seine Ehefrau und deren Schwester
Karoline unbedingt verlassen.

Die Vollmacht war unterschrieben. Und ja, womit kann ich noch dienen?

Ich mchte, sagte der ehrenwerte und in allen seinen Gefhlen heftig
verletzte Mann, ich mchte natrlich einen Vorschu erlegen, aber ich
habe leider nicht mehr als fnfzig Mark bei mir ...

Er zog einen reizenden, von der liebenden Hand der Ehefrau gestickten
Geldbeutel hervor und nahm wundervoll klingende Goldstcke daraus ...

Ich schwieg und sah ihm zu.

Ich dachte durchaus ernsthaft darber nach, wie unsagbar roh man
veranlagt sein mute, wenn man diese Frau, welche die hbsche Geldbrse
vermutlich zu Weihnachten gestickt hatte, krnken oder ihrer Schwester
Karoline zu nahe treten konnte! Der Lehrer fate mein tiefsinniges
Schweigen irrtmlich auf.

Ich kann Ihnen ja noch einiges schicken, wenn das nicht gengt ...

Es gengt, sagte ich und lie meine Gedanken nicht weiter abschweifen.

Er zhlte das Geld auf den Tisch, ich schrieb mit scheinbarem Gleichmut
eine Quittung, alles sah geschftsmig und richtig aus, und er wollte
nach hflichem Abschiede gehen.

Da drngte sich mir eine Frage auf die Lippen.

Herr Lehrer, wie kommt das nun eigentlich? Ich meine, wie kommen Sie
von Irzenham hierher und zu mir?

Hierher? Hm--m ...

Sie haben wahrscheinlich meine Anzeige im Wochenblatt gelesen?

Nein ... eigentlich nicht ...

Und wieso ...?

Ich wollte nmlich nach Mnchen fahren und dort zu einem Anwalt gehen,
aber in der Bahn ... wissen Sie ... da war ein Herr ... ein gebildeter
Mann, so militrisch hat er ausgesehen ...

Der Lehrer zwirbelte mit der Hand einen imaginren Schnurr- und
Knebelbart ...

... wie ein alter Soldat und auch in der Sprechweise ... nicht
wahr ... Und ja, wir sind ins Gesprch gekommen, wie man eben eine
Unterhaltung beginnt, und da erzhlte ich dem Herrn von meinem Proze
...

Richtig, dem Herrn erzhlten Sie ...

Da ich nach Mnchen fahre, um einen Anwalt aufzusuchen, und da sagt
er zu mir: Was wollen Sie denn in Mnchen? Wissen Sie denn nicht, da
ein ausgezeichneter Anwalt hier ist? Er meinte nmlich, hier ... Der
Lehrer machte eine Verbeugung.

Bitte! sagte ich ruhig.

Ja, und der Herr erzhlte von Ihnen in sehr schmeichelhafter Weise
und er sagte, es sei ein Glck, wenn sich in der Provinz so gute
Anwlte niederlassen, Sie entschuldigen Herr Doktor, wenn ich das so
wiedererzhle, aber ...

Bitte! sagte ich ruhig.

Sie mssen schon fter fr den Herrn Prozesse gewonnen haben?

Mglich, log ich. Momentan natrlich kann ich mich nicht erinnern
...

Ein auffallend groer Mann mit einem militrischen Bart, wiederholte
der Lehrer und zwirbelte einen unsichtbaren, martialischen Bart ...

Hm! Ich kann mir ungefhr denken ...

Er war, wenn ich so sagen darf, sehr energisch. Wie der Zug hier
anhielt, und ich ... Sie entschuldigen, Herr Doktor, weil ich Sie doch
nicht kannte ... und ich wute noch nicht, ob ich aussteigen sollte,
da hat er mich gewissermaen hinausgeschoben und hat mir meinen Mantel
und meinen Regenschirm hinausgereicht, und er sagte immer: Sie mssen
zu dem Anwalt hier gehen. Das ist der rechte Mann fr Sie, und er
sagte: Sie werden mir ewig dankbar sein, denn sehen Sie, sagte er,
in der Grostadt, da hat man nicht das Interesse und die Zeit, da
werden Sie kurz abgefertigt, sagte er, -- und da ist der Zug schon
weggefahren, und ich bin da gestanden. Ja, und der Herr hat noch zum
Fenster herausgesehen und hat mir gewunken ... hm ... ja ... und da
bin ich eben zu Ihnen gegangen ... und wenn ich so sagen darf, ich bin
eigentlich froh ...

Seien Sie unbesorgt, Herr Lehrer, ich werde energisch fr Ihr Recht
eintreten ...

Ja, und wissen Sie, diese uerung gegen meine Schwgerin Karoline,
die mu besonders hervorgehoben werden ...

Sie #wird# hervorgehoben, sagte ich mit starker Stimme, wir wollen
einmal sehen, ob der politische Fanatismus alles und jedes beschmutzen
darf, wir wollen sehen, ob ... kurz und gut, Sie knnen beruhigt
heimfahren.

Die Augen des Lehrers leuchteten auf. Er bot mir die Hand und
schttelte sie und ging ...

Ich nahm zu allererst die Goldstcke und lie sie klirrend auf den
Tisch fallen und wieder in den hohlen Hnden aneinander klingen.

Ha!

Ob ich mich an den Mann erinnerte, der einen so befehlenden Ton hatte,
wenn er die Bestellung einer Bibliothek erzwang oder zaghafte Klienten
zum richtigen Anwalt schickte?

Es sollte mehr solche Mnner geben!




        Werke von Ludwig Thoma


      Der Wittiber

    Ein Bauernroman. Illustriert von #Ignatius Taschner#
    15. Tausend. Geheftet 4 Mark, gebunden 7 Mark


      Andreas Vst

    Bauernroman
    27. Tausend. Geheftet 4 Mark, gebunden 7 Mark


      Altaich

    Eine heitere Sommergeschichte
    50. Tausend, Geheftet 6 Mark, gebunden 9 Mark


      Lausbubengeschichten

    Aus meiner Jugendzeit
    80. Tausend. Geheftet 4 Mark, gebunden 7 Mark


      Tante Frieda

    Neue Lausbubengeschichten. Illustriert von #Olaf Gulbransson#
    48. Tausend. Geheftet 4 Mark, gebunden 7 Mark


      Kleinstadtgeschichten

    50. Tausend. Geheftet 4 Mark, gebunden 7 Mark


      Briefwechsel eines bayrischen Landtagsabgeordneten

    Illustriert von #Eduard Thny#
    50. Tausend. Geheftet 2.50 Mark, gebunden 4.50 Mark


      Jozef Filsers Briefwexel 2. Buch

    Illustriert von #Eduard Thny#
    25. Tausend. Geheftet 2.50 Mark, gebunden 4.50 Mark


      Hochzeit

    Eine Bauerngeschichte. Buchschmuck von #B. Paul#
    19. Tausend. Geheftet 3 Mark, gebunden 6 Mark


      Agricola

    Bauerngeschichten. Illustriert von #Hlzel# und #Paul#
    17. Tausend. Geheftet 5 Mark, gebunden 8 Mark


      Der heilige Hies

    Eine Bauerngeschichte. Illustriert von #Ignatius Taschner#
    10. Tausend. Gebunden 6 Mark


      Das Klbchen

    Novellen
    30. Tausend. Geheftet 4 Mark, gebunden 7 Mark


      Assessor Karlchen

    Humoresken
    50. Tausend. Gebunden 1.50 Mark


      Das Aquarium

    Humoresken
    20. Tausend. Gebunden 1.50 Mark


      Peter Schlemihl

    Gedichte
    5. Tausend. Geheftet 3 Mark, gebunden 5.50 Mark


      Die Sippe

    Ein Schauspiel in drei Aufzgen
    3. Tausend. Geheftet 2.50 Mark, gebunden 4.50 Mark


      Magdalena

    Ein Volksstck in drei Aufzgen
    7. Tausend. Geheftet 2.50 Mark, gebunden 4.50 Mark


      Moral

    Komdie in drei Akten
    15. Tausend. Geheftet 2.50 Mark, gebunden 4.50 Mark


      Die Medaille

    Komdie in einem Akt
    13. Tausend. Geheftet 2 Mark, gebunden 4 Mark


      Die Lokalbahn

    Komdie in drei Akten
    10. Tausend. Geheftet 2.50 Mark, gebunden 4.50 Mark


      Erster Klasse

    Bauernschwank in einem Akt
    14. Tausend. Geheftet 2 Mark, gebunden 4 Mark


      Lottchens Geburtstag

    Lustspiel in einem Akt
    7. Tausend. Geheftet 1.50 Mark, gebunden 3 Mark


      Das Suglingsheim

    Burleske in einem Akt
    5. Tausend. Geheftet 1.50 Mark, gebunden 3 Mark


      Der erste August -- Christnacht 1914

    Zwei Einakter
    10. Tausend. Geheftet 1 Mark, gebunden 1.50 Mark


      Brautschau

    drei Einakter
    5. Tausend. Geheftet 3 Mark, gebunden 5 Mark


      Waldfrieden

    Lustspiel in einem Akt
    3. Tausend. Geheftet 1.50 Mark, gebunden 3 Mark


      Gelhmte Schwingen

    Lustspiel in einem Akt
    3. Tausend. Geheftet 1 Mark, gebunden 2 Mark


      Heilige Nacht

    Weihnachtslegende. Illustriert von #Wilhelm Schulz#
    Gebunden 6 Mark


    Albert Langen / Verlag / Mnchen


    Druck von Hesse & Becker in Leipzig
    Einbnde von E. A. Enders, Grobuchbinderei, Leipzig




    Anmerkungen zur Transkription


    Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden bernommen, auch wenn
    verschiedene Schreibweisen des gleichen Wortes nebeneinander
    verwendet wurden. Nur offensichtliche Druckfehler wurden
    berichtigt.

    Im Original gesperrt gesetzter Text wurde mit # markiert. Im Original
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    in Fraktur, sondern in Antiqua gesetzt war, wurde mit _ markiert.





End of the Project Gutenberg EBook of Nachbarsleute, by Ludwig Thoma

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Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
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