The Project Gutenberg eBook, Novellen, by Melchior Meyr


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Title: Novellen
       Die zweite Liebhaberin; Verlust und Gewinn


Author: Melchior Meyr



Release Date: May 1, 2017  [eBook #54640]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NOVELLEN***


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NOVELLEN

von

MELCHIOR MEYR.






Stuttgart.
Cotta'scher Verlag.
1863.

Buchdruckerei der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
in Stuttgart und Augsburg.




                           Inhalt.


                                                       Seite

  Die zweite Liebhaberin                                   1

  Verlust und Gewinn                                     319




                       Die zweite Liebhaberin.


                                  I.

An einem schnen Septemberabend fuhr der Personenzug in den Bahnhof
der Residenz, um unter dem prchtigen Dache des Hauptgebudes Halt
zu machen. Die Wagen entleerten sich und ein bunter Menschenstrom
wogte an der Mauer hin, die einen zum Ausgang, wo die Erwarteten von
Bekannten und Verwandten begrt wurden, andere zum Packwagen, wo man
das Passagiergut zurck erhielt.

Unter den letzteren befand sich ein junger Mann von ungefhr
achtundzwanzig Jahren, stattlich gewachsen, in der vollen Kraft
gesunder Jugend. Eine elegante Reisetasche, etwas grer als
gewhnlich, hing an seiner Schulter und das Haupt deckte ein
hellbrauner Sommerhut, unter welchem dunkelblonde Haare, die vielleicht
um ihrer Schnheit willen etwas lnger wachsen durften, den Hinterhals
beschatteten. In anstndig modischer Kleidung, die ihm gut, fast mchte
man sagen flott stand, bewegte er sich ruhig und sicher im Gedrng
weiter, besorgte sein Gepck in den Wagen des Gasthofs, wo er zu
wohnen gedachte, und schickte sich an, zu Fu nachzugehen.

Der Bahnhof lag am uersten Ende der Vorstadt und der mildsonnige
Abend hatte eine ungewhnliche Zahl Spaziergnger auf die Strae
und auf den schnen Platz vor dem Hauptbau gelockt. Der Ankmmling
schritt durch sie hindurch, mit frohen Augen Alles betrachtend, was
sich ihm darbot. Ihn schien Alles gleich lebhaft zu interessiren: die
neuen Huser der Vorstadt und die zierlichen Grtchen, die davor oder
dazwischen lagen, die Menge, die sich hin und her bewegte, und die
einzelnen Figuren, die sich ihm vorbergehend bemerklich machten. Er
fate mit demselben heitern Antheil das schmucke Dienstmdchen in's
Auge, die mit einem Korb am runden Arme munter dahin schritt, und die
feine Dame, die im eleganten offenen Wagen neben Gemahl oder Papa
nachlssig hingegossen sa; den Proletarier, der mit freiem Hals und
nicht ganz reinlichem Hemd behaglich eine Cigarre rauchte, und den
Officier, der mit angenehmem Kriegerbewutseyn ein Racepferd durch
die Strae lenkte. Ja, wenn er hie und da zurckschaute, warf er auch
in den leicht aufgewirbelten, von der Sonne vergoldeten Staub, der
allerdings die schne Abendlichkeit des Bildes mit vollenden half,
einen vergngten Blick, um gemthlich seinen Weg fortzusetzen.

Ein so lebendiges Gefallen an den Auendingen setzt eine wohlwollende
Seele und gleicherweise ein begngtes, zuversichtliches Herz voraus.
In der That htte sich dem schrferen Beobachter auch dieses in dem
hbschen Gesicht gar wohl bemerklich gemacht. Mit der gutmthigen
Freude, die es zunchst verschnte, sah auch ein tiefes Selbstgefhl
aus ihm, und zuweilen ging ein Stolz in ihm auf, mit dem er
lchelnd auf die Menschen sah, die fr ihn wieder zu einer Masse
zusammengeflossen waren.

Der Grund dieser Zuversicht war ein sehr triftiger, und der Leser
wird ihn gewi mit Vergngen erfahren. In der Reisetasche des jungen
Mannes befand sich nicht nur eine Anzahl von Kassenscheinen, womit
einen Winter anstndig zu leben war, sondern neben andern unschtzbaren
Papieren auch das stattliche Manuscript eines Trauerspiels, das in
seiner Heimath die gnstigsten Urtheile erfahren hatte und das er nun
auf der Hofbhne geben zu lassen gedachte, um sich mit einemmal den
gefeiertsten Namen der gegenwrtigen Dramatik angereiht zu sehen.
Die Wirkung, die er beim Vorlesen des Stckes erzielt hatte, war so
entschieden, die Lobsprche, die er von Mnnern und Frauen erhalten,
waren so empfindungsvoll betont, da er einen durchschlagenden Effekt
auf dem Theater mit vollkommener Sicherheit erwarten zu drfen glaubte.
Manchmal, wenn er auf der Herfahrt, in die Ecke des Coups gelehnt,
ber sein Vorhaben nachdachte, hatten ihn allerdings auch wohl
Zweifel angewandelt und sein Herz in eine nicht unbedeutende Ghrung
versetzt; allein das Ueberdenken der ergreifenden Scenen, womit das
Spiel ausgestattet war, hatte ihn wieder vllig beruhigt; und wie er
nun an dem sonnigen Tag gegen die Residenz herfuhr, die ihm durch das
Seitenfenster in all ihrer Gebudepracht entgegenglnzte, da nahm das
reinste Vertrauen in seiner Seele Platz.

Bei dem tief heitern Blick, den er ber die Spaziergnger hingleiten
lie, schien er nun zu denken: Ihr lat mich jetzt unbeachtet
vorbergehen, ihr guten Leute; ich bin euch nichts -- ein junger
Mensch wie jeder andere. Aber ihr werdet mich schon ansehen, wenn ich
unter allgemeinem Applaus und Zurufen meines Namens auf die Bhne
trete und euch fr den Beifall danke, den ich euch durch die Gewalt
meiner Tragdie entrissen habe. Dann werde ich ein Gesicht haben fr
euch und den Weg des literarischen Ruhmes fortsetzen knnen unter den
herzerfreuenden, ermuthigenden Zeichen der Achtung meiner Nation.

Wenn er diese Gedanken nicht wrtlich hatte, so gewannen seine
Zge doch mehr und mehr einen Ausdruck, der ihnen entsprach. Er
strahlte in einer Mischung von Zuversicht und Selbstgefhl, die
von Selbstgeflligkeit nicht mehr zu unterscheiden war. Doch mit
einemmal, nach einer Reflexion, wie es schien, gewann das Gesicht einen
ernsteren, lblicheren Ausdruck: er sah aus wie einer, der sich freut
um der Freude willen, die er geliebten Andern zu bereiten hofft.

In die Stadt selbst eingetreten setzte er seine Beobachtungen fort.
Der Anblick, der sich ihm bot, war ihm nicht ganz neu, denn er hatte
vor einem Jahrzehnt schon ein paar Tage hier verbracht, wirkte aber
wegen verschnerter Huser und Lden mit allem Reiz der Neuheit
auf ihn. Da man ihn als Poeten kennt, so begreift man den Sinn fr
charakteristische Gegenstnde, die er in seiner Auffassung gleich
idealisirte und dichterisch empfand, indem ihn instinktmig dabei der
Gedanke leitete, das so Geschaute als Zierde in einem seiner Werke
verwenden zu knnen. Aus diesem Grund -- um die Physiognomie der
Residenz rein in sich aufzunehmen -- hatte er den Weg vom Bahnhof eben
zu Fu gemacht; und die Bilder in ihrer Erfreulichkeit waren ihm jetzt
nicht nur werthvoll an sich, er nahm sie auch behaglich als gnstige
Vorbedeutung. Auf einmal blieb er stehen und besann sich. Die Lage
des ihm empfohlenen neuen Gasthofs hatte er sich zu Hause beschreiben
lassen, wute aber nun doch nicht, wie er dahin gelangen knne. Eben
kamen inde zwei Damen gegen ihn heran, und er beschlo die ltere zu
fragen.

Es waren feine Gestalten und feine Gesichter, und die
Familienhnlichkeit verrieth ihm sogleich, da er Mutter und Tochter
vor sich habe. Sie waren es in der That und auch abgesehen von
seinem Anliegen gar sehr der Beachtung werth. Die Mutter hatte einen
brunlichen Teint und ihre Wangen erschienen ziemlich abgemagert; sie
machte aber den Eindruck vlligen Wohlbefindens und ihr braunes Aug
zeigte anmuthig heitern Geist und alle Wrme der Herzensgte. Das
Antlitz der Tochter glnzte in gesunder Blsse, die ein klein wenig
in's Brunliche spielte und auf den Wangen nur von sehr zartem Roth
berflogen war. Aus ihrem gleichfalls braunen Auge leuchtete noch
mehr und schneres Feuer, und der ganze Ausdruck des Gesichts war
eine reizende Mischung von Gutmthigkeit, froher Ueberlegenheit und
Schalkheit.

Whrend unser junger Mann die Aeltere fragte, den Weg sich bezeichnen
lie, wieder fragte, um eine nhere Explikation zu erlangen, sah ihn
die Tochter mit groer Unbefangenheit an, und bald verschnte ein
schelmisches Lcheln ihren Mund. Unser Poet verrieth den Mann der
Provinz, der seine gesellige Bildung in einer mittleren Handelsstadt
und zwei kleinen Universittsstdten erlangt hatte, nicht nur durch den
Dialekt, der aus seinem Hochdeutsch sehr merklich herausklang, sondern
er stand auch vor der Mutter mit einer gewissen Verlegenheit, in der
sein gutmthiges Wesen so ziemlich den Charakter der Unbeholfenheit
annahm. Gewandt und leicht auftretend, wenn er unter guten Bekannten
oder unerkannt unter den Menschen sich bewegte, konnte er die schne
Sicherheit gar wohl verlieren, wenn er sich im geselligen Verkehr eine
bestimmte Haltung zur Pflicht machen sollte; und das war ihm jetzt
sichtlich begegnet. Der jungen Dame kam nun insbesondere noch das
ergtzlich vor, da der Fragende steif an dem Angesicht der Mutter hing
und auf sie selber auch nicht einen Blick zu werfen sich getraute. Die
verrieth ihr den Ungewohnten noch mehr als alles Bisherige, und der
junge Mann begann sie zu interessiren.

Wenn sie glaubte, da er in dieser ungalanten Theilnahmlosigkeit
verharrend sich empfehlen werde, that sie ihm doch Unrecht. Sobald
er hinlnglich unterrichtet war, sah er nach warm accentuirtem Danke
rasch auf die jugendliche Gestalt; ihre Blicke begegneten sich, und
da sie doch fhlte, da sie ihn eigentlich auslchelte, so errthete
sie ein wenig; inde erheiterte sie sich gleich wieder und dankte auf
die Abschiedsverbeugung mit einer Freundlichkeit, die eben so viel
Theilnahme wie Herablassung verrieth.

Geschmack und Galanterie des Dramatikers waren gerettet, wenn auch
die Tournre noch vieles zu wnschen brig lie. Htte sie brigens
gewut, wie reizend sie ihm erschienen war, so htte sie mit einem
noch gnstigeren Begriff ihre Promenade fortgesetzt. Unser Poet wurde
durch Gestalt und Miene -- trotz einer entfernten Ahnung der Bedeutung
ihres Lchelns -- so lieblich getroffen, da der Eindruck vielleicht
ein tieferer geworden wre, htte nicht ein bermchtiges Bild von
innen entgegengewirkt. Aber auf ihn konnte weibliche Liebenswrdigkeit
nur mehr einen leichten, flchtig angenehmen Effekt machen; denn in
seinem Herzen thronte eine Knigin, zu der er mit aller Verehrung eines
Liebenden und Dichters empor sah und der allein zu huldigen das Glck
und der Stolz seines Lebens war.

Im Gasthof erhielt er ein kleines Zimmer im dritten Stock und auf den
Hof, was ihm gerade recht war. Er htte allenfalls noch in's Theater
gehen knnen; aber man gab eine Oper von einem Meister zweiten Rangs,
die ihn nicht reizen konnte, und er wute sich zu Hause schner zu
unterhalten. Nachdem er einen leichten Hausrock angezogen hatte, setzte
er sich auf das Sopha, ffnete die auf den Tisch gelegte Reisetasche
und zog nicht nur das Bhnenmanuscript hervor, sondern auch eine
Anzahl Briefe, mit denen eine noch nicht ganz getrocknete, halb offene
Rose herausfiel. Sein blaues Auge leuchtete, als er diese theuren
Gegenstnde erblickte. Er sog den Duft der welken Rose ein und drckte
sie an seine Lippen. Dann nahm er einen Brief, las, lchelte und las
weiter, bis sein Gesicht in einem innig glcklichen Schein erglnzte.

Deutsch ausdrucksvolle, wohlgebildete Zge; mit einer nur wenig
gebogenen Nase, gerade aufwrts gehender Stirn und stark ausgeprgtem
Vorderkopf hnelte er dem Bild Albrecht Drers, wie es der Meister
selbst gefertigt, nur da aus seinem Gesicht eine subjektivere,
weltlichere Seele hervor sah. Der Treuherzigkeit und Gutmthigkeit, die
den Grundton bildete, gesellte sich ein modern schwrmerisches Gefhl,
worin er zwar die ganze Welt liebend umfangen konnte, mit specifischer
Lust aber doch an sich selber, seinen eigensten Angelegenheiten und
Aussichten hing.

Wer mochte es ihm verdenken, wenn er dermalen, in Ihren Briefen lesend,
nur Sie vor Augen hatte und nur die Eine Hoffnung, als erfolggekrnter
Autor vor ihre Eltern treten, ihre Hand erhalten und sie heimfhren
zu knnen? War er doch mit ihr so gut wie verlobt und bedurfte es zu
seinem hchsten Glck nichts als des Beweises, da er der Mann war,
sie als glckliche, gefeierte, beneidenswerthe Frau durch's Leben zu
fhren. Diesen Beweis hoffte er aber zu liefern; er hoffte sich zu
legitimiren als Dramatiker, als produktiver Geist, dem auch bei den
dermaligen Verhltnissen im deutschen Vaterlande Ruhm und Wohlfahrt
gengend, wo nicht berflssig in Aussicht stnden und dem kein
verstndiger Vater, keine gtige Mutter ihr Kind wrde versagen wollen,
um wie viel weniger mehrjhrig befreundete Verwandte die geliebte und
liebende Tochter. Die Erkorene war nmlich seine Cousine, und dieser
Umstand brachte etwas Eigenthmliches in das Verhltni, ber das der
Leser ohne Zweifel nher unterrichtet zu werden wnscht.

Heinrich Born war der Sohn eines braven Mannes, dem nach mhseligem
Ringen und Streben nicht nur die Stelle eines Oberlehrers in einem
Stdtchen, sondern auch eine nicht ganz unbedeutende Erbschaft
zufiel, so da er dem schnsten Wunsch seines Herzens nachkommen und
den einzigen begabten Sohn studiren lassen konnte. Die Preise, die
derselbe auf dem Gymnasium davon trug, erfreuten ihn auerordentlich;
er schttelte aber sehr bedenklich den Kopf, als ihm der Studiosus im
dritten Semester erklrte, die begonnene Theologie unmglich absolviren
zu knnen, sondern sein Leben und seine Geisteskraft der Literatur
-- der Dichtkunst widmen zu wollen. Er machte alle Einwendungen
eines praktischen Mannes; dem Jngling stand aber in unbedingtem
Selbstvertrauen eine unerschpfliche Menge von Gegengrnden zu Gebote,
und als zu diesen noch Betheurungen und dringende Bitten hinzukamen,
als der junge Poet die Unwiderstehlichkeit des Triebes hervorhob,
dessen Nichtbefriedigung ihn zur Verzweiflung bringen wrde, da gab der
gute Vater nach und vershnte sich, dem Talente des Einzigen selber
vertrauend, endlich mit dem gewagten Lebensplan, indem die poetischen
Versuche, die jener ihm mittheilte, die allenfalls gesunkene Hoffnung
neu wieder anfachten.

Die dichterische Seele hatte unser Heinrich nicht von diesem schlichten
Manne, sondern von der Mutter, der er auch viel hnlicher sah und
die ihn mit ihrer zrtlichen Liebe zum Poeten verderben half. Ihrer
Beistimmung gewi, konnte er seinen Weg nicht nur ungehindert, sondern
auch immer wohl untersttzt fortsetzen, indem sie bei den ehelichen
Berathungen ber den Wechsel immer einer verhltnimigen Zulage
das Wort redete. Er nhrte sich nun von den Wissenschaften, die ihn
reizten, machte Verse und Entwrfe zu Tragdien, die er zum Theil
ausfhrte, und imponirte zuletzt auch dem Vater noch ganz ernstlich,
indem er nach dem fnften Universittsjahr mit dem Diplom eines Doktors
der Philosophie heimkehrte.

Schon als Gymnasiast und angehender Student pflegte er in den Ferien
einen Verwandten zu besuchen -- Geschwisterkind seiner Mutter -- der
in einer nahe gelegenen greren Stadt Kaufmann war. Die bemittelte
Familie, die sich als solche fhlte, nahm den jungen hbschen Vetter
um so lieber auf, als das poetische Gemth sich fr die erwiesenen
Freundlichkeiten immer sehr dankbar zeigte und nach Krften zur
Unterhaltung beitrug. Er war fr einen Theil der Herbstferien
regelmig geladen, und wenn er einmal nicht kam, so erwartete man ihn
um so bestimmter im folgenden Jahr. Bald ehrte er aber die Einladung
des gastfreien Hauses so weit es schicklicherweise nur immer anging;
denn unterde war die lteste Tochter, die sechs Jahre weniger zhlte
als er, zu einer so auffallenden Schnheit herangeblht, da sie beim
ersten Wiedersehen sein Herz vllig in Besitz nahm und er das Loos
seines Lebens fr entschieden halten mute.

Auguste Werthlieb war von stattlichem Wuchs, die Gestalt in allen
Verhltnissen untadelig, das Gesicht regelmig schn und die Wangen
sanft gerthet; Augen wie Haare schwarzbraun, und Hals, Nacken und Arme
nicht von jener gerhmten blendenden Weie, sondern wie von einem
therischen Goldton angehaucht, der ihnen eine holde Wrme gab und
ihren Verehrern ber alles bezaubernd erschien. Den Ausdruck der Zge
konnte man sowohl vornehm als edel nennen. In ihrem Wesen lag etwas
natrlich Selbstbewutes, Sicheres und zum Herrschen Geneigtes; und da
sie bald im Hause und in der Stadt gefeiert wurde, so gewhnte sie sich
etwas ruhig Gebietendes an und lernte die Artigkeiten entgegennehmen,
als ob sie sich von selber verstnden. Vor dem Mibrauch der so
rasch erlangten Macht schtzte sie aber ein angeborener gesunder Sinn
und klarer Blick in's Leben, ein durch ihr Temperament begnstigter
Gleichmuth der Seele, mit dem sie immer auch bedachte, was die andern
wnschen mochten. Wenn ihre Thtigkeit im Hause eine mehr anordnende
als dienende war, so sprach sie ihre Willensmeinung doch so freundlich
aus, da man ihr immer gern nachkam; und wenn sie von ihren Verehrern,
alten und jungen, sich huldigen lie wie eine Frstin, so erwiederte
sie die geleisteten Dienste mit so anmuthigem Dank, da sich jeder
belohnt, wenn auch nicht eben vor andern ausgezeichnet fhlte.

Ein alter Verwandter, der eine Zeitlang als Gast im Hause war und
sie mit Interesse beobachtet hatte, sagte dem Vater, als er von ihm
Abschied nahm: Zu deiner Auguste kann ich dir nur gratuliren. Sie ist
nicht nur sehr schn -- und, nebenbei gesagt, von einer dauerhaften
Schnheit -- sondern eines der verstndigsten Mdchen, die mir
vorgekommen sind. Die la nur immer gehen, und wenn's zum Heirathen
kommt, selber whlen! Ich verbrge mich dafr, sie trifft die beste
Wahl, fr sich und fr dich.

Heinrich hatte sich mit dem kleinen Bschen von ihrer ersten
Bekanntschaft an geduzt und auerdem herablassend mit ihr gespielt, wie
sich die bei einem um so viel lteren Jngling von selber versteht.
Noch beim letzten Abschied von der eben Sechzehnjhrigen, obwohl er fr
den Reiz der werdenden Schnheit nicht ganz unempfindlich war, blieb
er ruhig und fhlte sich selbst als die hhere Persnlichkeit. Wie
er sie aber nach einem Jahr in dem Glanz vollendeter jungfrulicher
Schnheit wieder sah, da war's um ihn geschehen. Er erschrack frmlich,
als sie ihm den Willkomm bot; der Ausdruck ihres Gesichts hatte fr ihn
etwas so Ernstes und Feierliches, da ihm die frhere Leichtigkeit der
Begrung unmglich wurde; seine Gedanken verwirrten sich, und erst
nach einigen ungeschickten Versicherungen, die auf den Gesichtern der
Anwesenden ein Lcheln hervorriefen, und nach erduldeter Beschmung
stellte sich der alte Ton wieder bei ihm ein.

Er war gefangen, bezaubert, und hatte nun zu dem Einen Ziel ein
zweites, das er mit jenem zusammen erreichen mute. In dem Verkehr mit
ihr, der sich weiterhin in heiterer Gemthlichkeit herstellte, ward es
ihm klar, da sie die Seine werden msse, werden sollte, da er nur
im Bunde mit ihr den Lorbeer erreichen knnte, nach dem seine Hand
sich streckte. Sie war freundlich, ja herzlich gegen ihn, und wenn er
nicht erwarten durfte, da sie ihn vor andern merkbar auszeichnete, so
glaubte er ihr doch mehr als irgend ein anderer zu seyn und die vllige
Gewinnung ihrer Liebe hoffen zu drfen. Er wollte ihr dienen und sie
verdienen auf seine Weise. War doch auch das jetzige Glck in ihrem
Umgang schon unendlich; gingen doch die sesten Gefhle durch sein
Herz und gaben seinen poetischen Phantasien einen Glanz, der ihn selber
entzckte. Er fhlte sich wie in einem Garten voll der mannigfaltigsten
Blumen, die ihn in frischester Blthe magisch anleuchteten und deren
Wohlgerche stromgleich in ihn einzogen. Es war eine Flle des Lebens,
der Lust und der Poesie, da er nur bedauerte, den wunderreichen Gehalt
nicht sogleich in die rechte Form bringen zu knnen, er htte sich
damit gewi den ersten Dichtern an die Seite gestellt. Indessen was
jetzt nicht mglich war, das geschah spter -- und am Ende noch besser
als jetzt. Jetzt wollte er leben, lieben, der Wonne sich hingeben, die
Zauberbilder des Liebelebens in sich aufnehmen, um sie spter in reinen
Kunstwerken zu unwiderstehlicher Wirkung vorzufhren.

Einen ganz besondern Reiz hatte es fr ihn, aller Vorzge, welche die
Geliebte zierten, sich bewut zu werden und sie in Versen und Prosa
fr sich wiederzugeben. Wie ein Knstler seine Geliebte immer wieder
zeichnet und malt, so wurde er nicht mde, die Erwhlte in ihrer
Erscheinung, ihrem Benehmen, in dem gesteigerten Zauber besonders
holder Momente wieder und wieder zu beschreiben. Er fhlte alles an
ihr poetisch; jede Linie ihrer Gestalt, jeder Blick, jede Bewegung
entzckte ihn. Die ruhige Anmuth ihres Benehmens erschien ihm edel im
schnsten Sinne des Worts, das hhere Bewutseyn, das nicht selten
aus ihren Zgen sprach, fr eine von der Natur so verschwenderisch
ausgestattete Jungfrau durchaus geziemend; der sichere Takt und der
Verstand, den sie im Gesprch mit ihm zeigte, verrieth ihm einen
geradezu genialen Geist. Sie herrschte in ihrem Hause -- das gebhrte
ihr. Nach Geist und Charakter war sie geartet, als Frstin ein Volk zu
regieren; und wenn ihr dieses Loos nicht zufallen konnte, so war es
am Ende auch schn, als Gattin eines Dichters durch's Leben zu gehen
und als Urbild seiner schnsten Gestalten von einer Nation gefeiert zu
werden.

Da er zum Dichter bestimmt war im vollsten Sinne, konnte das
eine Frage seyn? Wenn er bisher keine Gewiheit hatte, jetzt war
sie gegeben: mit dem glhenden Gefhl, mit dem phantasievollen,
hochstrebenden Geist, den er sich zusprechen durfte, hatte er Sie
gefunden, die alle seine Krfte belebte, steigerte, auf die hchsten
Ziele lenkte, an der er die herrlichsten Eigenschaften des Weibes
anschaute und die ihm zugleich die ausdauerndste Anstrengung, den
reinsten Kunstflei zur frohen Pflicht machte, weil die Frchte davon
=sie= erquicken sollten. Jetzt hatte das Schicksal seine Hoffnung,
seinen Glauben feierlich besttigt, ihm die Richtung und das Ziel
seines Lebens im hellsten Sonnenlicht gezeigt. Alles stimmte zusammen.
Zu der Leidenschaft und dem glhenden Ehrgeiz des Dichters kamen die
lieblichsten Geschenke der Welt und der Natur; gute Geister halfen ihm
und bereiteten ihm die Wege; ja es sollte in ihm wieder einmal ein Poet
ausreifen, der, in eigenster Seele glcklich, auch die andern beglckte
und den himmlischen Glanz der Liebe und Freude in die Seelen ergo.

Jahre gingen hin. Das Verhltni gedieh weiter, indem die beiden Herzen
vertrauter und in Momenten schner Erregung die liebenden Blicke des
Dichters gar warm und hold erwiedert wurden; aber zur frmlichen
Erklrung und zum festen Beschlu kam es dennoch nicht. Der Grund lag
in der Zurckhaltung Auguste's, die in ihrer Freundlichkeit, auch bei
lebhafterer Wallung des Herzens, ein gewisses Ma nicht berschritt und
auch den Liebenden in den Schranken des Verehrers zu halten oder doch
wieder in sie zurckzufhren wute. Auerdem war Heinrich so glcklich,
sie immer wieder sehen, mit ihr verkehren und ihr die Aufmerksamkeit
der Liebe erweisen zu knnen, da er eine Aenderung, wre es auch eine
glckerhhende gewesen, kaum wnschte. Was er hatte, war so hold, so
voller Duft und Poesie! Und das Andere mute ja kommen -- in schnster
Weise kommen, wenn sein Ruhm als Dichter nicht mehr eine bloe
Verheiung, sondern eine vollendete Thatsache war!

Die Liebe macht jedes Wesen klug und -- nach Mglichkeit -- praktisch,
sogar den poetischen Idealisten. Heinrich sah wohl, da die Verwandten
ihre Tochter nur einem wohlgestellten Manne geben wrden; und wenn er
sich nun durch Vorlesen klassischer Dichtungen und eigener Arbeiten
angenehm und interessant machte; wenn er bei Gelegenheit ein wirksames,
die betreffenden Personen schmeichelhaft berhrendes Lied sang; wenn
er hie und da auch eine der Kritiken mittheilte, die er in Journale zu
liefern begann, so versumte er nicht, bei natrlichen Anlssen die
Vortheile jetzt lebender Schriftsteller vor ihren ehemaligen Genossen
in's Licht zu setzen und nachzuweisen, da ein Mann der Feder, wenn
er thtig sey, durch bloe Zeitungsartikel sich ein Einkommen zu
beschaffen im Stande wre, das dem eines gut besoldeten Staatsdieners
gleich komme, ganz abgesehen von den mglichen Erfolgen als Lyriker
und Erzhler, und nun gar als dramatischer Dichter, der erst von den
deutschen Bhnen und dann von dem Verleger stattliche Ehrensolde zu
erlangen vermge.

Da es galt, eine Kaufmannsfamilie zu berzeugen, so rechnete er genau
vor, was man durch Lieferung so und so vieler Bogen in politische und
literarische Journale sich erwerben knne, was Bcher einbringen,
die Auflagen erleben, und was namentlich an Tantimen und Honorar ein
Stck abwerfe, das den Siegeszug ber die Bhnen Deutschlands mache
-- der wackere Jngling, der, whrend er diese Mglichkeiten sich und
Andern vorhielt, auch von der ersten einen nur uerst migen Gebrauch
machte und es fr ehrenvoller und natrlicher hielt, seine Bezge
fortgehenden Anstrengungen des Vaters zu danken. Der Vetter inde hrte
die Darlegung mit Antheil, gewann von dem merkantilischen Sinn des
Poeten einen vortheilhaften Begriff und sprach einmal seine ernstliche
Freude darber aus, da nun doch auch die Schriftsteller und Dichter
wie solide Menschen zu leben vermchten. Freilich, setzte er lchelnd
hinzu, mssen ihre Gedanken auch durchgehen! Der Jngling, in seiner
vollkommenen Sicherheit, stimmte mit so heiterer Miene bei, da der
Alte freundlich hinzufgte: Nun, bei dir hoffen wir das Beste, nach
den schnen Sachen, die du uns schon vorgelesen hast....

Die instinktmige Beschwichtigung eines rechnenden, in
Literaturverhltnissen aber nicht eben bewanderten Mannes diente
dem jungen Mann nachhaltig. Seine dichterischen Arbeiten wurden mit
grerem Antheil gehrt, und als er am Geburtstag der Mutter ein
kleines Festspiel auffhren lie, in welchem Auguste die Hauptrolle gab
und das einen sehr anmuthigen, degleichen rhrenden Eindruck machte,
gratulirte man ihm auf's wrmste; Auguste dankte ihm zrtlich, die
Eltern glaubten auch auf die dramatischen Projekte des Poeten Vertrauen
setzen zu knnen und sagten sich, da er am Ende doch der Mann wre,
ihre Tochter glcklich zu machen. Unser Musensohn durfte unter den
Verehrern der gefeierten Schnheit nicht nur ungestrt sich bemerklich
machen, sondern es wurde in dem Kreise allmhlich auch angenommen, da
er der Bevorzugte, der Erwhlte sey, und da man eines schnen Morgens
die Verlobungsanzeige lesen knnte.

Whrend einer lngeren Abwesenheit nach jenem poetischen Sieg drohte
seinen Hoffnungen inde einen Moment groe Gefahr. Ein Anbeter
Auguste's bewarb sich um ihre Hand. Es war ein Beamter, der eine
bedeutende Stelle inne hatte, noch in guten Jahren stand und sich
einer ansehnlichen Gestalt erfreute. Die Eltern, geschmeichelt, wuten
die Ehre sehr zu schtzen, gaben aber die Entscheidung der Tochter
anheim; diese, in hflichen Ausdrcken, ertheilte dem Bewerber einen
Korb. Heinrich war unendlich erfreut, als ihm das Ereigni von einem
Bekannten gemeldet wurde. Nun hatte er den vollen Beweis, da ihr
Herz ihm gehrte, auf ewig gehrte! Und nun wollte auch er nicht
lnger sumen, sondern in muthigem Anlauf sein Glck versuchen, um die
Hauptentscheidung seines Lebens herbeizufhren.

Er hatte eine historisch romantische Tragdie begonnen, die ihn bald
vor allen andern Arbeiten anzog, und wenn er sich an sie hingab, ihn
anmuthete wie eine erhabene poetische Waldlandschaft. Der Kern der
Handlung war ihm durch die sagenhafte Geschichte einer frstlichen
Familie gegeben, die wirksamsten Momente hatte er aber selber erfunden,
indem er die Hauptpersonen zu gleicher Zeit romantisch idealisirte und
den Sinn der historischen Vorgnge vertiefte. Jeder Act schien ihm
Scenen zu enthalten, die, gut gespielt, auf die Zuschauer ergreifende,
erschtternde Eindrcke hervorbringen muten. Es gibt eine Poesie der
Situation und der Sprache, der sich niemand entziehen kann; und diese
Poesie schien ihm in den fertigen Theilen so gelungen, da er ber
die gleichmige Hinausfhrung des Ganzen nicht mehr in Sorge zu seyn
brauchte. Denn bei poetischen Kunstwerken kommt es auf den Entwurf
und das richtige, farbensatte Treffen des Anfangs an; dieser fhrt
dann zum entsprechenden Fortgang und Ende mit Nothwendigkeit, indem
das Oberflchliche und Matte, das in schwcheren Augenblicken in das
Gemlde kommt, von dem berwiegend Groen und Mchtigen immer selbst
wieder ausgestoen wird.

Reines Glck der jugendlichen Dichterseele, wenn ein wundersames,
reiches, romantisch holdes und groes Bild vor ihr steht und sie
dasselbe Zug fr Zug, ja noch farbiger und mannigfaltiger, als sie es
anschaut, auf's Papier bringen zu knnen hofft! Wenn die Verse dem
liebenden Sinn leuchten, wrzig duften und das Herz an Alles, was
erhaben, schaurig und s in der Welt ist, dabei erinnert wird! In den
beglcktesten Momenten ist es keinem zu verdenken, wenn er glaubt,
etwas Hamlet- und Fausthnliches hervorgebracht zu haben. Und wenn
das nun, prchtig ausgestattet, von ausgezeichneten Schauspielern
dargestellt, auf die Herzen der Zuschauer eindringt? -- Der Sieg ist
unvermeidlich und die Ueberwundenen mssen Beifall jubeln!

Ein Jahr etwa vor dem Beginn unserer Erzhlung brachte Heinrich das
Stck zu Ende. Er ging es kritisch genau durch und opferte manchen
Vers, der ihm an sich poetisch, aber den Gang der Handlung aufhaltend
erschien, so wie er sich berhaupt immer fragte, welchen Effekt die
wesentlichsten Scenen auf der Bhne zu machen im Stande wren. Durch
Erfahrung belehrt, wie sehr Autoren sich tuschen knnen, theilte
er das reingeschriebene Manuscript nacheinander zweien Freunden mit
und lie sich von diesen zu nicht unbedeutenden Aenderungen und
Streichungen bestimmen. Endlich glaubte er einstweilen sicher zu seyn
und wollte das Werk eine erste Probe bestehen lassen, indem er es im
Hause der Geliebten vorlas.

An einem schnen Sommerabend, vor einer gewhlten Versammlung, die
den runden Theetisch im Gartenhaus umsa, machte er den Versuch, der
ber Erwarten gelang. Die Einleitung, die er voranschicken zu mssen
glaubte, wurde noch etwas befangen gegeben, aber die Verse weckten den
Muth des Autors, und bald las er mit einer Wrme, die sich nach und
nach zur Begeisterung steigerte. Er fand den Ton der Liebe, des innigen
Ernstes, des pathetischen Schwunges, des schlagenden, zermalmenden
Ausbruchs. Die Zuhrer, erst ruhig und schweigsam, dann erfreut,
gerhrt und nach den effektvollsten Stellen mit ihrem Beifall nicht
karg, waren am Schlu hchlichst erregt, und die bei den letzten Acten
nthig gewordenen Lampen beleuchteten ernst ergriffene, gehobene,
glckliche Gesichter. Am glcklichsten war freilich der Autor. Er
empfing -- wie das nach einem derartigen Sieg der Fall zu seyn pflegt
-- von allen Seiten Lobsprche, die noch um ein Gutes mehr besagten,
als es die Anerkennenden am andern Tage gutgeheien htten; sein
Antlitz, mitten im Flu bescheidener Ablehnungen, strahlte in beinahe
mdchenhafter Wonne; und als er endlich einen Moment allein gelassen
wurde, gestand er sich, wie viel von diesen Beifallsworten auch abgehen
mchte, ein wrdiger Erfolg seines Stcks auf der Bhne sey doch wohl
ganz gesichert. Ein wrdiger Erfolg? rief eine Stimme aus den
Tiefen seiner Seele. Das ist nicht genug! Ein durchschlagender, ein
hinreiender mu es seyn!

Nach der Entfernung der Geladenen sahen ihn Eltern und Geliebte mit
vertrauensvolleren Blicken an. Man gratulirte nochmals, der Vater
namentlich mit bedeutungsvoller Miene, und endlich wnschte man sich
mit einer so ruhigen Freude und Zufriedenheit Gutenacht, als ob schon
Alles gewonnen, der Bund schon geschlossen wre.

Andern Tages reiste der Glckliche nach Hause, um durch Schilderung
seines Triumphs die Mutter zu entzcken, den Vater im Glauben zu
strken und ihn zu einer freilich bedeutenden, aber jetzt unzweifelhaft
letzten Spendung zu vermgen. Der brave Herr, mit hoffendem Lcheln,
aber auch wieder mit bedenklicher Miene, sorgte fr das bereits
erwhnte Pckchen Papiergeld, das dem Sohne Mue gab, den Bhnenerfolg
an entscheidender Stelle vorzubereiten und grndlich zu erkmpfen. Mit
dem elterlichen Segen ging dieser wieder zum Vetter zurck, um allerlei
Einkufe zu machen, ein paar Tage in der Familie zu verleben und dann
auf Postwagen und Eisenbahn dem Wahlplatz zuzueilen.

Die Verwandten halfen ihm bei seinen Besorgungen mit heiterer
Traulichkeit und einem Ausdruck von Achtung, der dem Dichter ganz
besonders wohlthat. Am Abend wute er die Geliebte allein im Garten und
eilte, sie aufzusuchen.

Nach etwelchen alltglichen Fragen und Antworten begann er mit einem
gewissen Lcheln: Morgen also, liebe Auguste, geht's fort -- in's
Feld. -- Ich wnsche dir alles Glck dazu, Heinrich, erwiederte sie
mit ernster Empfindung; von ganzem Herzen. -- Es gehrt viel Muth
zu dem Unternehmen, fuhr der junge Mann fort, indem er sie bedeutsam
ansah; denn fr mich steht nicht weniger als Alles auf dem Spiel!

Das Mdchen, zu Boden sehend, versetzte: Mgest du gewinnen --
Alles gewinnen -- das ist mein Wunsch und meine Hoffnung! -- Sie
schaute auf, ihm in's Auge; es war ein Blick der freundschaftlichsten
Theilnahme -- der Liebe, der ihn traf und entzckte.

Rasch fate er ihre Hand und rief, sie zrtlich drckend mit
berwallender Herzlichkeit: Ich danke dir, Auguste -- und gehe
getrost. Es mu mir ja gelingen -- wenn nicht um meinetwillen, so doch
um deinetwillen, da du so lieb und so gut bist, es zu wnschen. Wenn
nur, setzte er mit einem eigenen Ausdruck von Sorge und Hoffnung
hinzu, die Prinzessin gut gespielt wird!

Auguste lchelte. Sie hatte wohl gemerkt, da zu dieser Figur sie
gesessen und der Dichter alles aufgeboten hatte, sie darin zu
verherrlichen. Wie mir der Doktor sagte, bemerkte sie, haben sie in
der Residenz gerade fr diese Rolle eine sehr gute Schauspielerin! --
In Gottes Namen, versetzte der Autor. Mir, fgte er halb lchelnd
hinzu, wird sie freilich nicht ganz gengen knnen, wie gut sie's
auch machen mag, aber dafr kann sie nicht! Wenn sie nur das Publikum
ergreift und hinreit; denn diese Rolle mu entscheiden. Nun, und wenn
ich dann wiederkehre -- mit dem Lorbeer wiederkehre --?

Auguste war zu einem Strauch getreten, um eine eben aufbrechende Rose
zu pflcken. Indem sie ihm dieselbe bot, sagte sie, mit einem leisen
Hauch von Verlegenheit, gtig: Zum Andenken -- an unsern Garten, wo
wir so schne Stunden verlebten. Mge sie dir Glck -- alles Glck
bedeuten!

Heinrich sah auf die Rose und die rosig Blhende, und wre dieser gern
um den Hals gefallen, wenn es auf dem huser- und fensterumgebenen
Platz nur irgend htte gewagt werden knnen. Dafr ergriff er ihre
Hand, prete sie zrtlich und rief: Dieser Rose wird der Kranz
folgen, nach dem ich trachtete von Jugend auf; und dann, dann hoff'
ich auf deinem Haupt einen noch schneren zu sehen -- -- Das Mdchen,
unwillkrlich, erwiederte den Druck der Hand, errthete tiefer und sah
den schnen und liebenden Dichter mit dem reinsten Wohlwollen an. -- --

Wird der Leser nun begreifen, da Heinrich den ersten Abend in der
Residenz ganz dem Cultus der Geliebten widmete? Er hatte ihr lange
gedient, und ihr eigenartiges Wesen, ihr jungfrulicher Stolz hatte ihn
in ihrer Neigung sichtlich nur langsame Fortschritte machen lassen;
aber endlich hatte er das geliebte Herz gewonnen -- gewonnen fr Zeit
und Ewigkeit.

Die Briefe, die er von ihr erhalten, waren aus verschiedenen Jahren.
Er hatte den ersten, den ihm die noch nicht erwachsene Cousine
schrieb, glcklicherweise nicht verloren und besa also jede Zeile,
die sie, anfragend oder antwortend, an ihn gerichtet hatte. Auch
diese ihre Aeuerungen charakterisirte im Ganzen eine gewisse ruhige
Zurckhaltung; in denen aus der letzten Zeit herrschte aber ein
wrmerer Ton, und wenn die freundlichsten Stellen an hingebender
Empfindung auch nicht den entsprechenden in seinen Briefen gleichkamen,
so bten sie doch auch jetzt wieder eine beseligende Wirkung auf ihn.
Im brigen war ihm alles kstlich, was er las; alles war bezeichnend
fr sie und rief ihm ihr himmlisches Bild vor die Seele.

Er ging so ziemlich wieder alle ihre Briefe durch, indem er das
schwindende Tageslicht durch Kerzenlicht ersetzte. Ein Ausspruch, auf
den er traf, erinnerte ihn an eine Stelle in seiner Tragdie; er schlug
sie auf und las, indem er vorwrts und rckwrts ging. Wieder konnte er
nicht umhin, die Dichtung von Herzen zu approbiren. -- Endlich legte
er das Manuscript weg. Es waren ihm Ideen gekommen, die er sich nicht
entgehen lassen durfte; er nahm ein Heft mit der Aufschrift: Gedanken
und Entwrfe, schrieb, sann weiter nach, schrieb wieder, und blickte
zuletzt mit eben so innig vergngten als selbstzufriedenen Mienen in
dem kerzenhellen Zimmer umher.

Der Dichter, wie wir hier bemerken mssen, cultivirte eine Art
Aberglauben; nicht ernstlich, vielmehr spielend und sich gelegentlich
selbst darber belustigend, ohne inde den angenommenen Vorzeichen alle
Einwirkung auf sein Gemth rauben zu wollen. Frh schon wurde er sich
mit angenehmer Empfindung seines Namens Born bewut, da er ihm in
seiner Kunst eine unerschpflich quellende Frische zu verheien schien;
und auch mit seinem Vornamen, den so gewaltige Mnner, unter andern der
grte deutsche Kaiser getragen, war er sehr zufrieden. Denn im Grunde,
sollte im _nomen_ nicht dennoch ein _omen_ gegeben seyn knnen? Da
jedes Zeichen, dem eine Bedeutung beigelegt wird, in der That etwas
bedeute, konnte man freilich nicht behaupten; aber das war auch noch
nicht erwiesen, da hier immer der blinde Zufall waltete. Vielleicht
gefallen sich hhere Mchte doch darin, gewisse bevorzugte Naturen
durch entsprechende sinnliche Erscheinungen auf ernstere Ereignisse
vorzubereiten und zum Abwarten zu ermuthigen -- wer wei es?

Dermalen vergegenwrtigte sich nun der gute Freund unwillkrlich seinen
Eintritt in die Residenz, den heitern Abend und die in ihm angeregten
frohen Gefhle; die interessante und anziehende Begegnung der beiden
Damen; das traute Zimmer im Gasthof und die seligen Eindrcke, welche
Geschenk und Briefe der Geliebten auf ihn gemacht; die Tragdie, die
ihm unwiderstehlich wieder imponirte, und endlich die Flle neuer,
schner Ideen. Aber noch blieb etwas brig.

Er schlug einen kleinen Kalender auf, den er bei sich fhrte, suchte
den Namen des heutigen Tages, und las auf der katholischen Seite
Justinian, auf der protestantischen, zu seinem groen Vergngen,
Herkules. Herkules! welch glorioser Patron! Und noch dazu bei
wachsendem Mond! -- Der folgende Tag war bezeichnet durch Magnus, der
dritte durch Regina; bessere Tage zum Einzug in die Stadt, wo die
groe Entscheidung fallen sollte, htte er sich offenbar nicht wnschen
knnen.

Wundersam erheitert und kaum ber sich selbst lchelnd, erhob er sich,
um in's Speisezimmer hinunterzugehen; denn bei der idealistischen
Beschftigung hatten sich endlich doch Hunger und Durst sehr merkbar
eingestellt. Er vollendete nun die guten Auspicien, indem er eine
bedeutende Portion Braten verzehrte, eine Flasche vom Besten ausstach,
wobei er das erste Glas fr sich auf das Wohl der Geliebten leerte,
und endlich zu Bette gegangen rasch in tiefen Schlaf sank.


                                 II.

Es gibt nicht leicht ein angenehmeres Gefhl, als wenn ein
phantasiebegabter Mensch nach gesundem Schlaf in einem Zimmer erwacht,
das dem berraschten Auge fremd erscheint und auf das er sich erst
wieder besinnen mu. Sagt er sich dann auch, wo er ist, so wirkt der
Zauber der Neuheit doch fort, und ein poetischer Dmmer webt vor seinen
Blicken. Das ist recht die Zeit der wachen Trume, der beglckenden
Vorstellungen, die dem hoffenden Gemth in der wachsenden Morgenhelle
wundersam, ungleich muthiger und frischer gelingen, als Abends zuvor.

Heinrich machte davon die lieblichste Erfahrung. Der Tag lie sich
so heiter an wie der gestrige. Ein goldener Reflex der Wetterfahne,
die er von seinem Bett aus erblickte, verkndigte dem Liegenden die
aufgegangene Sonne, und nun lie es ihn doch nicht lnger ruhen.
Denn nicht zum Phantasiren und Trumen, sondern vielmehr zum klaren
Ueberlegen und Handeln war er in die Residenz gekommen.

Er erhob sich, kleidete sich an und bestellte das Frhstck. Im
Sopha zurckgelehnt berdachte er die Aufgaben des Tages. Er hatte
ein Empfehlungsschreiben von einem Universittsfreund an einen
Schriftsteller, ein zweites von einem lteren Schauspieler, den er
in der letzteren Zeit kennen gelernt, an eine junge Kunstgenossin,
Mitglied der hiesigen Hofbhne, und eine Karte von einem Schulrektor
der Handelsstadt an einen Gymnasialprofessor und namhaften Gelehrten.
Sein Beschlu war, die Gnge gleich den Vormittag zu machen. Er wollte
zuerst den Schriftsteller, dann den Professor und zu guter Letzt die
Knstlerin aufsuchen.

Nach gemthlichem Schlendern und Betrachten der Hauptstraen und
Pltze, wobei er sich am lngsten vor dem Kunsttempel aufhielt, in
dessen Innern die fr ihn so wichtige Entscheidung fallen sollte, begab
er sich in die Wohnung des Autors, der sich besonders in den Fchern
der Erzhlung und der Kritik bekannt gemacht hatte.

Er fand einen untersetzten, wohlgenhrten, ruhig blickenden Mann von
mittlerem Alter. Betroffen sah er ihn an; denn nach dem Feuer und
der blhenden Sprache einer seiner Novellen hatte er sich ihn ganz
anders vorgestellt. _Dr._ Willmann -- so hie der Schriftsteller --
nahm das Empfehlungsschreiben, las es, warf auf den Empfohlenen einen
prfenden Blick und sagte dann: Sie sind, wie ich aus dem Brief
abnehme, Literat? -- Man kennt den Begriff, den Heinrich von sich
selbst erlangt hatte. Er trachtete nach der Wirksamkeit eines Dichters
im hohen Styl, konnte sich eine ehrenvollere und segensreichere nicht
denken, und wollte darum als Dichter auch gelten. Nun war aber fr
die Mnner der Feder die Bezeichnung Literat im Gebrauch, allgemein
genug, um die besten und die schlechtesten in sich zu begreifen,
und darum den Behrden und dem Publikum sehr handlich, dagegen fr
den Ehrgeizigen und Hochstrebenden, der so den schlimmsten seiner
Metiergenossen gleichgestellt wurde, sehr bel anzuhren. An sich ein
Ehrentitel, hatte der Name durch allzuweite Ausdehnung auf Solche, die
sich mit _literis_ fast nur im materiellsten Sinne zu thun machten,
eine Zweideutigkeit erlangt, da er auf gewisse Nerven geradezu
peinlich wirkte; und zu diesen gehrten die Heinrichs. Das konnte
jetzt freilich nichts helfen; nach einer augenblicklichen unangenehmen
Empfindung und momentanem Zucken fhlte er, da er in den sauern Apfel
beien msse, und sagte dann, ohne inde ein gewisses vornehmes Lcheln
unterdrcken zu knnen: Wenn Sie wollen, ja. Die Aufgabe meines Lebens
ist aber die Poesie, und ich hoffe mit der Zeit das Prdikat eines
=Dichters= verdienen zu knnen!

Der Erfahrene lchelte. Um so besser, erwiederte er. Sie haben bis
jetzt noch nichts Greres verffentlicht? -- Noch nicht. Allein ich
will hier -- -- Ein Stck auffhren lassen -- das steht im Brief. Ist
es ein Schauspiel? -- ein Lustspiel?

Heinrich schttelte den Kopf, als ob er sagen wollte: Bah! -- Eine
historisch-romantische Tragdie erwiederte er. -- Ah! rief der
Andere; und heiter setzte er hinzu: In Versen? -- Das meiste:
einzelne Scenen in Prosa. -- Wo Volk spricht -- shakespearisch! --
Ich bitte Sie, Platz zu nehmen.

Heinrich setzte sich und theilte dem neuen Bekannten auf dessen
Befragen Gegenstand und Verlauf des Stcks im Allgemeinen mit. Willmann
horchte -- bald mit Interesse. Wenn auch bei gewissen Versicherungen
des Poeten, wie er die und jenes ausgefhrt zu haben glaube, ein
Schein von ironischer Beistimmung in dem runden Gesicht aufging, so
verfehlte doch die ehrlich berzeugte, nach und nach begeisterte Art
der Darstellung nicht, einen gewissen Eindruck auf ihn zu machen. Er
fhlte, da der junge Mann Talent habe -- guten Willen obendrein -- und
im Grund verdiene, damit auf den rechten Weg gewiesen zu werden.

Sehr interessant! rief er, nachdem Heinrich das Referat geschlossen;
und wenn das Alles gut und schn motivirt ist -- darauf kommt freilich
Alles an -- dann kann's auf der Bhne schon eine Wirkung machen.
Indessen, mein lieber Herr Doctor, Trauerspiele sind eigentlich nicht
mehr zeitgem. Man will heutzutag erheitert, unterhalten seyn und
wohlthuende Eindrcke empfangen, und man liebt daher vor allem den
sogenannten guten Ausgang. -- Mag seyn, versetzte der Poet nach
einem unwillkrlichen Mundverziehen. Aber zur Abwechslung wird doch
wohl auch eine Tragdie, wenn sie wirklich poetisch ist -- -- Ihr
Publikum finden? ergnzte der Andere; allerdings; aber ein kleines
und minder treues, fgte er lchelnd hinzu. Sicherer werden Sie immer
gehen, wenn Sie das Lustspiel und Schauspiel cultiviren und darin
hauptschlich moderne Gegenstnde behandeln.

Am sichersten, versetzte Heinrich mit selbstgewissem Lcheln, geht
der Dichter, wenn er seinem Genius folgt. Das hab' ich bei diesem
Stcke gethan, und ich hoffe, es wird sich rechtfertigen. -- _A la
bonne heure_, erwiederte der Doctor erheitert. Wenn das ist, dann
haben Sie freilich gewonnen und knnen Ihren Weg gehen nach Belieben.
Der Erfolg entscheidet. Indessen, fuhr er nach momentanem Schweigen
fort, wie sehr er durch die Gte der Arbeit verbrgt seyn mag, der
Erfolg auf der Bhne mu doch auch sonst noch vorbereitet werden. --
Haben Sie das Stck schon eingereicht? -- Noch nicht. Ich mchte
vorher noch eine Copie -- der Sicherheit wegen -- -- Ich begreife.
Nun, wenn es die Intendanz hat, rathe ich Ihnen, die Herren Regisseure
zu besuchen. Es sind meine Freunde, und Sie knnen sich bei jedem
auf mich berufen. -- Sehr dankbar. -- Und dann -- unntz wr's
nicht, wenn Sie auch die persnliche Bekanntschaft der hiesigen
Theaterkritiker bald zu machen suchten. Es ist immer besser, sich ihnen
empfohlen zu haben.

Hier sah ihn der Dramatiker zweifelnd an und sagte nach einigem
Zgern: Herr Doctor, wenn ich offen reden soll, das widersteht mir
einigermaen, und ich meine, ich kann's berhaupt unterlassen. Macht
mein Stck die Wirkung, die ich hoffe, dann werden die Kritiker schon
gezwungen seyn -- -- Es zu loben, meinen Sie? Da sind Sie doch wohl
im Irrthum. Kritiker lassen sich zu nichts zwingen, am wenigsten zur
Anerkennung. Ihr Urtheil steht mit dem des Publikums oft im direktesten
Widerspruch. -- Womit sie sich dann aber nur selber schaden!
versetzte der Poet mit Nachdruck.

Doctor Willmann zuckte die Achseln und schwieg. Nach einer Pause
erhoben sich beide und jener sagte: Mein lieber Herr College, Sie
sind mir von einem guten Freunde empfohlen und ich glaubte Sie darum
auf Alles aufmerksam machen zu mssen, was Ihnen ntzlich seyn kann.
Was Sie thun wollen, ist natrlich ganz Ihre Sache. Sollte ich Ihnen
aber knftig in etwas dienen knnen, so bitte ich Sie, wenden Sie
sich an mich. Unter allen Umstnden ist es mir sehr angenehm, Ihre
Bekanntschaft gemacht zu haben.

Heinrich verlie den Schriftsteller mit gemischter Empfindung. Eine
gewisse Hflichkeit in den Formen konnte er ihm nicht absprechen;
indessen von einer hheren Gesinnung hatte er nicht sehr viel
wahrgenommen und das gelegentliche sarkastische Lcheln, das ihm nicht
entgangen war, konnte ihm nicht gefallen. Ein Freund, sagte er sich,
wird das nicht werden, das ist klar. Allein dienstfertig scheint er
doch zu seyn, und am Ende mu man jeden nehmen, wie er ist.

Nach kurzem Luftschpfen begab er sich zum Professor. Durch ein
Dienstmdchen, dem er die Empfehlungskarte bergeben hatte, angemeldet,
wurde er in der Wohnstube von der Frau empfangen, die ihm sagte, ihr
Mann arbeite noch, werde aber bald fertig seyn und freue sich, den
Herrn Doctor kennen zu lernen. Sie fragte ihn nach der Familie des
Schulrektors, die sie kannte, lie sich von ihm ber seine Herfahrt und
die ersten Eindrcke der Residenz berichten und schaute ihn bald mit
offenem Wohlwollen an. Ein etwa siebzehnjhriges hageres und ziemlich
bleichschtiges Mdchen trat von einem Seitenzimmer ein und wurde von
der Frau als ihre lteste Tochter vorgestellt. Da sie mit der behaglich
aussehenden Dame fast gar keine Aehnlichkeit hatte, so glaubte
Heinrich von ihr einen Schlu auf den Vater ziehen zu knnen. Auch
sie thaute bald auf und warf auf den stattlichen jungen Gelehrten,
wofr sie ihn hielt, nach einer Weile, da er sich zur Mutter gewendet,
verstohlenerweise einen sehr beiflligen Blick. Endlich wurden in dem
entgegengesetzten Seitenzimmer Schritte hrbar, die Thre ging auf
und eine lange, hagere Figur mit gelblich braunem Gesicht rief: Herr
Doctor, darf ich bitten?

Heinrich verfgte sich in das Studirzimmer, stellte sich vor und
betrachtete die Zge, die er schon einigermaen errathen hatte, whrend
der ersten Begrungsreden mit Interesse. Professor Sartorius war
Lehrer der obersten Gymnasialklasse und ein so leidenschaftlicher
Pfleger der classischen Philologie, da es ihn schwer ankam,
diejenigen, die in der Sphre derselben nicht heimisch waren, ernstlich
zu schtzen. Er hatte sich durch zwei scharfsinnige Werke voll khner
Hypothesen einen Namen und Gegner gemacht, und die erfllte ihn mit
einem galligen Stolz, der fr gewhnlich mit richterlicher Strenge
gepaart aus seinem raubvogelhnlichen Gesicht hervorsah. Freundlichkeit
war ihm eine schwierige Sache; er mute dazu ein gewichtiges Motiv
haben oder einen besondern Anlauf nehmen. Diemal war sie aber doch,
nach Mglichkeit, vorhanden, und die eigenthmlichen Zge, welche
lchelten, erschienen unserem jungen Mann sehr charakteristisch.

Die Antworten, die ihm Heinrich auf seine ersten Fragen gab, muten
ihm gefallen, denn er sah diesen mit dem humansten Blick an, dessen
er fhig war, und sagte: Ich irre mich wohl nicht, Sie wollen sich
gleichfalls dem Lehrfach widmen? -- Heinrich sah ihn berrascht an.
-- Sind Sie nicht Philolog? fuhr jener fort. -- Nein, versetzte
Heinrich. Ich habe -- -- Ah so, fiel der Professor ein; ein
anderes Fach. Nun, und was fr eines? -- Geschichte -- Mathematik --
Naturwissenschaft -- Philosophie?

Bei diesen schwerwiegenden Namen schttelte unser Poet den Kopf,
erwiederte aber, mit ahnender Seele, zgernd: Ich habe -- ich bin
-- Dichter. -- Dichter! wiederholte der Gelehrte, indem er ihn
mit einer Betroffenheit ansah, die einem ruhigen Beobachter komisch
erschienen wre. Dichter! -- Und sonst nichts?

Durch diese Frage, die dem Gelehrten unwillkrlich aus dem Munde
kam, fhlte sich nun aber begreiflicherweise der Poet verletzt. Ich
meine, das wre genug, entgegnete er mit einer gewissen Schrfe.
Wenn man's recht ist -- -- Allerdings, versetzte der Professor mit
einem Ausdruck, der bezeugte, da er den jungen Mann bereits vllig
aufgegeben habe. Dieser sah, wie er mit dem Herrn daran war, und
sann auf eine Form, hinwegzukommen. Aber der Schulmann sammelte sich
wieder, da er bedachte, ein von seinem Collegen ihm Empfohlener msse
doch irgend eine Bedeutung haben; und indem er seinem Gesicht mit
Anstrengung einen gewissen Schein von Hflichkeit zu geben suchte,
fuhr er fort: Ohne Zweifel haben Sie schon dichterische Werke der
Oeffentlichkeit bergeben? Ich bin in der neuesten deutschen Literatur
nicht sehr bewandert, wie ich Ihnen bekennen mu. Berufsgeschfte und
Fachstudien --

O, versetzte Heinrich, wenn Sie die neuesten Werke auch alle
angesehen htten, von mir wrden Sie doch keines darunter getroffen
haben; denn ich habe bis jetzt noch keines herausgegeben. -- So?
erwiederte der Professor, dem sein College nun ganz unbegreiflich
wurde. -- Ich habe aber, fuhr Heinrich trotz allem wieder mit
einem gewissen Bewutseyn fort, ein greres Werk vollendet, eine
historisch-romantische Tragdie, die ich bei dem hiesigen Hoftheater
einreichen will.

Der Professor nickte mit einem unbeschreiblichen Ausdruck. Heinrich,
in seiner Zuversicht, fgte hinzu: Wenn es gegeben wird und Sie der
Auffhrung beiwohnen -- -- Nun war aber die Geduld des Mannes zu Ende.
Mit offenster Geringschtzung und gereizt scharfem Ton erwiederte er:
Ich gehe =nie= in's Theater! -- Finde keine Zeit dazu, Herr =Doctor=,
setzte er etwas milder hinzu, indem er den gelehrten Titel ironisch
accentuirte, und mu also schon bedauern --

Heinrich begriff die vollkommene Zwecklosigkeit weitern Hierseyns,
glaubte also die kostbare Zeit des Herrn Professors nicht lnger
in Anspruch nehmen zu drfen, und empfahl sich mit dem ernsten
Stolz eines Verletzten. Die Miene des Gelehrten, der sich einer
Last berhoben sah, erhellte sich wieder einigermaen; er trug dem
Abgehenden seltsam lchelnd einen Gru an den Schulrektor auf,
geleitete ihn und zeigte ihm die Gangthre, indem er sagte: Wenn ich
Ihnen sonst in etwas dienen kann -- -- Heinrich, seinerseits ironisch,
verbeugte sich tief und entfernte sich.

Dem Rckkehrenden trat die Frau neugierig entgegen. Nun, rief sie,
wie hat dir der junge Mann gefallen? Ist er wirklich --? -- Ein
Literat! fiel der Gatte ein, indem er seiner Verachtung freien Lauf
lie; ein Mensch, der noch nicht einmal Literat ist! Ich begreife
nicht, wie mir der alte Krug so einen Gesellen in's Haus schicken
konnte. Es sieht beinahe aus, als ob er mich damit rgern wollte. Nun,
setzte er mit einem selbstzufriedenen grimmigen Lcheln hinzu, er wird
so bald nicht wiederkommen. -- Die Frau stand berrascht, ja betrbt,
und sagte endlich mit Bedauern: Schade!

Heinrich ging mit sehr ernstem Gesicht auf der Strae weiter. Ein
fataler Mensch! sagte er sich endlich, und kein gutes Omen! Dieser
Pedant, der seine Weisheit aus Bchern gezogen hat, glaubt ein groer
Geist zu seyn, brstet sich mit Verachtung der Kunst, und wei nicht,
da er vor Gott und Menschen eine widerliche Figur ist. Ah, bah!

Entschlossen zog er den Hut auf die Stirn, lchelte ber sich selbst
und schritt mit erneutem Muthe weiter. Krperlich fhlte er sich aber
ziemlich ermattet und folgte daher der Einladung eines Schildes, der
ihm eine Auffrischung versprach. Er lie einen guten Jahrgang kommen,
trank mit Bedacht und konnte nicht umhin, dankbar auf das Gewchs zu
sehen, das es so gut mit ihm meinte und so poetisch duftete, whrend
ihm die Menschen prosaisch erschienen oder gar ernstlich unangenehm
wurden.

Der Wein versetzte ihn trotz allem bald in die Stimmung, seinen dritten
und wichtigsten Gang zu unternehmen; und ein gewisses Gefhl sagte
ihm, da er damit besser fahren werde. Eine Schauspielerin konnte
einen Dichter, der ihr Rollen zu schreiben verhie, unmglich anders
als liebenswrdig empfangen; und sein Freund, der alte Schauspieler,
hatte ihm die Betreffende zwar etwas zum Necken geneigt, sonst aber als
durchaus verstndig, edeldenkend und gutartig geschildert. Er machte
sich auf den Weg und stand bald im zweiten Stock eines hbschen Hauses
vor der gesuchten Thre. Auf sein krftiges Klingeln erschien eine alte
Magd; er bergab ihr das Schreiben, nannte seinen Namen und wurde von
der Wiederkehrenden in einen kleinen Salon geleitet: Frulein Rosa
werde sogleich erscheinen.

Heinrich, allein gelassen, schaute umher und mute sich sagen, da
er nicht leicht ein reizender eingerichtetes Zimmer gesehen. Die
Vertheilung der Mbeln, Wandbilder und sonstigen Zierden war so
geschmackvoll, da sich die Augen unmittelbar wohlthuend berhrt
fhlten, und eine kleine Epheulaube in der Ecke sah beraus traulich
her. Die Bilder waren zum Theil Portrts berhmter Schauspielerinnen,
und unser Dramatiker, der die wenigsten davon gesehen, begann sie
zu mustern. Eben betrachtete er den genialen Kopf einer groen noch
lebenden Tragdin, als die Thre aufging und ein Kleid rauschte. Er
sah hin und stand auf's lebhafteste betroffen: es war die junge Dame
von gestern. Auch sie hatte ihn erkannt. Ah, rief sie nach momentan
berraschtem Blick mit heiterer Freundlichkeit, das ist ja ein alter
Bekannter. Nun, fuhr sie fort, indem sie auf ihn zuging und ihm
die Hand bot, willkommen in der Residenz, willkommen im Namen des
Theaters!

Heinrich, etwas errthet, drckte die zierliche Hand strker, als er's
im Sinne gehabt, und dankte fr den gtigen Empfang mit der Miene
eines Glcklichen. Ein paar Minuten spter saen sie beisammen auf der
Rohrbank in der Laube.

Ein dramatischer Dichter, begann Rosa, indem sie ihn lchelnd ansah.
Etwas Poetisches hab' ich gestern in Ihnen vermuthet; aber da Sie
dramatische Werke schreiben, fr uns arbeiten, das htte ich nicht
zu hoffen gewagt. Nun, um so besser, fuhr sie fort. Wir sehnen uns
Alle wieder nach einem guten, effektvollen Stck; ich fr meine Person
wnschte dringend, eine neue hbsche Rolle zu bekommen, und wrde mich
sehr freuen, wenn in Ihrer Dichtung eine fr mich vorkme.

Heinrich sah sie an, berlegte, und schaute zweifelhaft. Die
Schauspielerin errieth ihn sogleich. Ihr Stck hat keine Rolle
fr mich? entgegnete sie. -- Ich frchte -- -- Ah, rief sie
bedauernd, das ist ja ein Mangel! Was ist es denn aber fr eine
Gattung? Freund Holler hat mir darber nichts geschrieben. -- Eine
historisch-romantische Tragdie, versetzte der Poet. -- Eine
historisch-romantische Tragdie! wiederholte sie. Und indem sie ihn
ansah, fgte sie mit einem gutmthigen, aber noch mehr schelmischen
Lcheln hinzu: Das htt' ich mir denken sollen.

Heinrich, dem der Sinn dieser Rede nicht entging, wurde verlegen,
oder, wie er meinte, rgerlich. Also die dritte Opposition gegen mein
Streben! rief's in ihm; erneuerter Unglaube, und ein neuer unntzer
Besuch!

Die Knstlerin, seine Gedanken ahnend, fuhr fort: Ja, ja, so machen
es uns die ehrgeizigen Dichter heutiger Zeit! Nur das Erhabenste und
Grte soll von ihnen ber die Bretter gehen, damit sie sich gleich den
ersten Classikern an die Seite stellen! Recht schn, aber es gibt ein
Publikum, das auch etwas Anderes sehen, und Schauspieler, die etwas
Anderes spielen wollen. Sie schwieg und betrachtete den Schweigenden.
Dann, mit anmuthiger Laune, fuhr sie fort: Also nicht einmal eine
hbsche Nebenfigur haben Sie fr mich? So eine Vertraute z. B.,
munter, frhlich, schalkhaft, und doch vollkommen treu und anhnglich,
ein leichteres, irdisches Wesen, das sich aber neben der idealen
Hauptheldin noch recht gut ausnehmen kann?

Der Poet, halb erheitert, schttelte den Kopf. -- Wie? rief sie, gar
nichts? -- Leider! erwiederte der Poet. Wie ich's auch berlege,
ich finde keine Rolle darin, die Ihrer wrdig wre. Die Hauptfigur ist
Heroine, heroische Liebhaberin -- -- Das begreift sich, warf die
Schauspielerin dazwischen. -- Und von den brigen keine so bedeutend,
da ich Sie Ihnen anbieten knnte; abgesehen davon, da alle wesentlich
ernsthafter Natur sind. -- Also die reine Tragdie! Gar kein Humor?
-- Ausgenommen in den Volksscenen, denen ich eine naturwahre Derbheit
zu geben suchte, die vielleicht belustigend wirkt.

Die Knstlerin schwieg, dann sagte sie: Wissen Sie, verehrter Herr
Doctor, da Sie im Grunde genommen sehr naiv sind? Sie wollen ein Stck
auffhren lassen, in dem ich keine Rolle habe, und bringen mir einen
Brief mit der Aufforderung, Ihnen dabei behlflich zu seyn! Kennen Sie
das Theater? Kennen Sie die Leute vom Theater? Glauben Sie, da eine
zweite Liebhaberin -- welches zu seyn ich die Ehre habe -- sich berufen
sehen kann, der ersten zu einem Triumph zu verhelfen? Wissen Sie, was
Knstlereifersucht ist? -- Ach, mein bester Herr, Sie sind Dichter und
kennen das menschliche Herz im Allgemeinen gewi vortrefflich, aber die
Schauspielerherzen im Besondern haben Sie noch nicht kennen gelernt!

Sie hatte das Letzte mit so ernst resignirtem Tone gesagt, da der
Poet fast wieder irre wurde. Jedenfalls nahm er sich zusammen und
entgegnete: Unter diesen Umstnden mu ich dann freilich um Verzeihung
bitten und meinen Wunsch zurcknehmen. Eigentlich hat aber den Fehler
doch Herr Holler gemacht. Er, obwohl er mein Stck so weit kannte, hat
mir Sie genannt -- -- Weil er mich kennt, fiel Rosa heiter ein;
weil er wei, da ich ein gutes Herz habe, das sogar uneigenntzig
seyn kann. Und mit ernsterem Tone fuhr sie fort: Keine Sorge, Herr
Doctor, wir Schauspieler sind nicht so schlimm, wie man uns macht,
wenigstens lange nicht alle. Eifersucht und Neid knnen wir allerdings
fhlen, und ich wollte Ihnen groe Knstler nennen, die auch darin
nicht klein sind. Wir mgen auch wohl mehr Anflle davon erleiden, als
andere Sterbliche: das liegt im Handwerk; aber in der Regel bleiben
sie auf der Oberflche und sind bald wieder verflogen. Eigentlich und
fr gewhnlich sind wir ein gutmthiges Vlkchen; wir vershnen uns
auerordentlich leicht, und wenn wir uns schn thun, sind wir dabei so
ehrlich, wie andere gebildete Menschen.

Der Poet, mit befreiter Seele, lie auf die letzte Bemerkung ein
bescheidenes Lachen hren, und die Schauspielerin fuhr fort: Was mich
betrifft, so kommt Ihnen eine Tugend zu statten, die ich habe, wenn
Sie's nicht lieber einen Mangel nennen wollen. Ich besitze keinen
Ehrgeiz. Natrlich, wenn man, wie ich, seit Jahren zweite Liebhaberin
ist und meist fr Nebenfiguren lodern mu, da wird man nach und nach
bescheiden, und das bischen hheres Streben, das man in seine Stellung
noch mitgebracht hat, verfliegt einem gnzlich. In der Regel haben wir
die Aufgabe, der hochgesinnten und tief fhlenden ersten Liebhaberin,
die sich natrlich nicht zu rathen und zu helfen wei, freundlichen
Beistand zu leisten, und das gewhnt man sich zuletzt frmlich an, so
da man sich auch auer dem Theater ein Vergngen daraus macht, zu
helfen, wenn's eben geht. Sie sehen, so gar bel sind Sie bei mir doch
nicht angekommen, und ich wnsche nur, da es auch in meiner Macht
steht, etwas fr Sie zu thun.

Die letzten Worte hatten einen verbindlichen, ja herzlichen Klang, in
welchen die Knstlerin von dem scherzenden mit Anmuth bergegangen
war; und Heinrich konnte nicht umhin, ihre Hand zu fassen und ihr mit
Wrme zu danken. Sie antwortete mit einem Blick, der fast lauter Gte
war und durch ein flchtiges Licht von Schalkheit nur um so reizender
wurde. Dem Poeten, unter dem Strahl desselben, ging das Herz auf;
er ahnte, da er verstanden wurde, empfand einen Drang, gegen die
fhlende Seele sich vertrauensvoll ber sein Streben auszusprechen,
und sagte: Es ist mir sehr lieb, verehrtes Frulein, zu sehen, da
Sie die hhere dramatische Poesie nicht verwerfen. Ich bin nicht gegen
das Schauspiel und die Darstellung des gewhnlichen Lebens auf dem
Theater; im Gegentheil, es knnen da recht gute Sachen entstehen,
rhrende und erheiternde, und man kann auch eine schne poetische
Wirkung herausbringen; aber die Hauptsache bleibt doch immer die
Tragdie, die Tragdie, die uns in die tiefsten Abgrnde des Herzens
hinabfhrt, um uns zu den hchsten Hhen der Menschheit emporzutragen.
Der Dichter soll uns ber die gemeine Wirklichkeit hinwegheben und
die Welt des Ungewhnlichen, des Auerordentlichen erschlieen. Wir
wollen mit ihm eintreten in das Reich der Poesie, wo wir Alles, was
wir im gewhnlichen Leben entbehren, in erquickendster Schnheit und
Flle haben. Und dazu mu er sich den rechten Stoff whlen und den
rechten Schauplatz der dramatischen Handlung. Die Menschen, die er
schildert, mssen auerordentlich seyn =drfen= -- er mu durch sie
nicht nur nicht gehindert, sondern selbst emporgehoben werden. Da
sind nun Stoffe, die auf dem Grenzgebiet der Geschichte und der Sage
liegen, besonders gnstig; der Dichter hat volle Freiheit zum hchsten
poetischen Ton und kann Alles herausgeben, was an Gre, Tiefsinn
und romantischem Gefhl in ihm liegt. -- Wollte Gott, setzte er mit
herzlichem Ernst hinzu, da es mir mit meinem Versuch gelungen wre!
Ich wrde gewi das Publikum ergreifen, begeistern -- und Sie, mein
Frulein, wie ich zuversichtlich hoffe -- bekehren.

Die Schauspielerin hatte mit wirklicher Theilnahme zugehrt und
erwiederte nun auf die artig betonten Schluworte: Sie haben nicht
weit mehr dazu. Wer so gut ber eine Sache reden kann und sie so
lebendig vor Augen hat, dem mu es mit ihr auch gelingen. Und nehmen
Sie das in vollem Ernst: Ihr Erfolg wrde mir groe Freude machen, denn
ich sehe, Sie meinen es ehrlich mit Ihrer Kunst.

Diese Worte erfllten den Poeten mit tiefer Genugthuung. Seine Augen
glnzten und sein mnnlich schnes Gesicht gewann so sehr den Ausdruck
eines Dichters, da es den von ihm geuerten Hoffnungen frmlich zur
Besttigung diente. Die Knstlerin betrachtete ihn, und ber ihre
Wange flo eine Rthe froher Anerkennung. Heinrich, von ihrem Anblick
seinerseits bewegt, rief: Mein Frulein, Sie werden nicht immer zweite
Liebhaberin bleiben und nicht immer die blo muntern oder brgerlich
rhrenden Partien spielen! In Ihnen lebt ein hherer Geist, ein
dichterisches Gemth! Sie drfen nur wollen, und Sie werden uns die
poesievollsten Gestalten vor Augen stellen! Ja, je mehr ich Sie ansehe
--

Rosa hatte diese Rede betroffen angehrt; nach den letzten Worten
erheiterten sich inde ihre Mienen pltzlich und der gemthlich
schelmische Ausdruck erlangte wieder die Oberhand. Nicht weiter,
mein begeisterter Freund! entgegnete sie; es knnte Sie gereuen!
Wollen Sie mir nicht gar Ihre Heroine antragen und gleich zum Einstand
einen Rollenstreit veranlassen? Nein, mein lieber Herr: jedem das
Seine, das ist ein guter Spruch. Ich bleibe, was ich bin; und wenn in
der That einige Anlagen zum Hheren in mir liegen, so will ich sie
hervorsuchen, pflegen und ausbilden, um nach und nach einer passenden
Rolle in einem Ihrer =knftigen= Stcke zuzureifen.

Heinrich, auf eine galante Antwort sinnend, schwieg, und seine Miene
hatte bereits eine kleine Wendung zur Verlegenheit gemacht, als man die
uere Thre gehen hrte. Die junge Dame sah erheitert auf, und gleich
nachher trat die Mutter in das Zimmer. Der Poet erhob sich rasch. Jene,
die ihn erkannte, sah ihn verwundert, aber vergngt an.

Unsere gestrige Begegnung, rief die Tochter, zu ihr tretend. Herr
Doctor Born, dramatischer Dichter, der mir durch Freund Holler
empfohlen ist und ein fertiges Stck mitgebracht hat. -- Ah, rief
die Frau mit einem so wohlwollenden als feinen Lcheln; seyen Sie
doppelt willkommen! Sie reichte ihm die Hand, und der Poet schttelte
sie krftig. -- Du siehst, bemerkte Rosa zu ihr, wir haben gestern
nicht weit davon gerathen: ein schner Geist, Schriftsteller oder
Maler, der in die Residenz kommt, um hier den Erfolg und die Ehren zu
finden, die ihm gebhren.

Die Mutter, nach einem freundlich verweisenden Blick auf sie,
erkundigte sich bei dem jungen Mann theilnehmend nach seinem Vorhaben
und der mitgebrachten Dichtung. Man setzte sich nochmal zusammen,
und Heinrich gab den beiden Damen alle gewnschte Aufklrung. Unter
Anleitung der Erfahrenen nahm das Gesprch eine praktische Wendung. Was
ist zu thun? Was kann zur Annahme des Stcks beitragen? Die war die
Frage, die man erwog. In seinem Vorsatz, die Regisseure zu besuchen,
wurde Heinrich im Lauf der Unterredung bestrkt: seine erklrte
Abneigung, den Herrn Kritikern sich zu empfehlen, hatte dagegen
lchelndes Kopfschtteln zur Folge. Vor der Auffhrung, sagte Rosa,
sollten Sie doch mit einigen bekannt seyn. Aber die Sache geht ja ganz
einfach, wofr habt ihr Herrn denn das Wirthshaus?

Es ist wahr, versetzte der Poet. Und einen literarischen
Fachgenossen, den man bei einem Glas Wein kennen gelernt hat, kann
man am Ende besuchen. -- Ich sollt's meinen, entgegnete die
Schauspielerin, nicht ohne ein spttisches Mundrmpfen.

Die Mutter sah ihn lchelnd an, dann sagte sie: Was nun aber die
Annahme betrifft -- -- Ich hab' einen Gedanken, rief hier die
Tochter. Da Sie uns, fuhr sie zu dem Autor gewendet fort, das Stck
zu lesen geben wollen -- -- Sobald die Abschrift fertig ist. --
Und ich voraussetze, da auer unserer Heroine auch unser heroischer
Liebhaber, unser Heldenvater und unser Charakterspieler dankbare, sehr
dankbare Rollen darin haben werden -- -- Heinrich, nach einem Moment
der Erwgung, erwiederte zuversichtlich: Ich meine. -- So will ich
gelegentlich gegen diese Herrschaften ein Wort fallen lassen ber das
Stck, was sie ruhig vernehmen, dann ber die verschiedenen Rollen und
die Mglichkeit eines Triumphes, was sie mit groem Interesse hren
werden. Sie knnen das Manuscript auch ihnen mittheilen; und wenn
namentlich unsere Heroine gegen den Herrn Intendanten recht lebhaft den
Wunsch aussprche, die Rolle zu spielen, dann htten wir Aussicht.

Der Autor nickte vergngt und dankte fr die gtige Theilnahme und die
freundlichen Rathschlge auf's wrmste. Die Stockuhr belehrte ihn aber,
da die Essenszeit heran nahte, und er empfahl sich, indem er mit der
Copie bald mglichst wiederzukommen versprach.

Durch den herzlichen Antheil, den ihm die beiden Frauen zugewendet,
fhlte er sich in tiefster Seele ermuthigt; er sah die Angelegenheit
in bester Einleitung begriffen und kehrte durchaus zufrieden in den
Gasthof zurck.

Noch am selben Tage schrieb er an die Geliebte. Aus dem langen Brief
heben wir folgende Stellen aus: Die persnliche Bekanntschaft mit
Friedrich Willmann hat mich ber diesen Autor einigermaen enttuscht.
Im Grunde hat er mich gut aufgenommen und scheint mir ntzlich werden
zu wollen. In seiner Art liegt aber etwas Ironisches, das mir nicht
recht gefallen kann. Er ist ein groer Verehrer der Klugheit -- mehr
als es sich fr einen Dichter geziemen will -- und scheint mir bei
seinen Arbeiten doch hauptschlich auf die Vortheile zu sehen, die sie
ihm bringen sollen. -- Mir ist die Poesie eine heilige Sache. Ich liebe
sie um ihrer selbst und des Glckes willen, das man fhlenden Herzen
damit bereiten kann. Wenn ja noch eine ihrer Folgen mich locken und
reizend vor meiner Seele stehen mag, so ist es der Ruhm -- der Lorbeer,
der die Schlfe des Siegers krnen soll. An Weiteres denk' ich kaum,
wie ich dir, edle und groe Seele, frei bekennen will. Aber der wahre
Dichter steht unter dem Schutze der Gtter und er hat die Verheiung,
da ihm alles Uebrige zufallen wird.

Unserem Rektor kannst du sagen, da er mich an einen sonderbaren Kauz
empfohlen hat. Ich meinte bisher, die Stockphilologen im schlimmen
Sinne seyen ausgestorben und die Mnner der Erudition trachten darnach,
dem Studium der Humaniora einige Humanitt im wirklichen Leben
beizugesellen; allein es gibt doch noch einzelne Exemplare und ich bin
hier auf eines gestoen. Ein Mensch, der sich sein gelerntes Wissen
mhselig erworben hat, kann freilich einen andern, der sich das seine
frhlich selber producirt, nur geringschtzen! -- Ich hab' mich aber
doch gergert, als der Pedant seine Empfindung so deutlich merken lie
und sich mit der groben Ungerechtigkeit seines Vorurtheils sogar noch
etwas zu wissen schien. Das Gute ist, da nicht nur dem Gottseligen,
sondern auch dem Poeten Alles zum Besten dienen mu. Jetzt, wo ich
die schreibe, steht der Mann als ein Original vor meiner Seele, das
mich ergtzt, und es wird hchstens so viel Groll in mir bleiben, da
ich ihn gelegentlich einmal satirisch verwenden kann.

Ich bin vergngt, meine geliebte Auguste, denn mein dritter Besuch
-- der eigentlich bedeutsame -- ist ber Erwarten gut ausgefallen. In
der Schauspielerin, an die ich, wie du weit, ein Schreiben hatte,
und in ihrer Mutter, die ebenfalls beim Theater war, habe ich zwei
auerordentlich theilnehmende, liebenswrdige Personen kennen lernen,
und ich darf wohl sagen, Freundinnen gewonnen. Die junge Dame ist
hbsch und knnte manchem Andern gefhrlich werden -- ich freilich
bin gefeit und in mein Herz dringt kein anderes Bild, als das der
Einen, die allmchtig in ihm regiert. Ein Wesen von heiterem Humor
und einem Trieb, neckisch mit den Menschen zu spielen, aber dabei ein
freundliches Gemth, das es nicht beim bloen Wnschen lt, sondern
fr Andere auch zu handeln vermag. Der Weg des Stckes zur Bhne wird
geebnet, und wenn nur dieses erste Ziel erreicht, die Annahme erfolgt
ist, dann bin ich auer Sorge.

Die Hauptrolle wird in sehr gute Hnde gelangen, das hab' ich schon
erkundet, und wenn sie der Knstlerin, die das Stck lesen wird,
einleuchtet, so wird die auch bei der Frage der Annahme von groem
Gewicht seyn. -- Du siehst, es lt sich wirklich Alles gut an, und
meine Zuversicht ist keine Thorheit.

Wie unendlich gespannt bin ich darauf, das herrlichste Gebilde meiner
Phantasie, das gleichwohl nur ein schwaches Nachbild der geliebtesten
Wirklichkeit ist, auf der Bhne verwirklicht zu sehen! Wie hchst
seltsam wird mir dabei zu Muthe seyn! -- Zauberei! Blick in eine Welt
voll unaussprechlicher, magischer Erscheinungen! -- O Auguste! -- ich
hab immer nur dich vor Augen, ich beziehe Alles, was ich erfahre,
schaue, denke, auf dich, und wenn dein Bild vor mir aufleuchtet,
scheint mir alle Kraft und Kunst nur gegeben zu seyn, da ich dich
verherrliche und dir ein Leben der Ehre und Wonne bereite! -- O Liebe
-- Poesie der Poesie! Das liebende Auge sieht nicht nur die Geliebte in
wunderholdem Licht; von dem Glanz, den es in sich aufgenommen, bleibt
auch so viel zurck, da es die ganze Welt verklrt und jeden Winkel
der Erde in sem Scheine malt!

Lat mir's gelingen, gute Geister! lat mich den Sieg erstreiten,
nur um der Einen Lust willen, Ihr ihn zu melden! Ich wollte ja gern
entsagend warten und ausdauern in Verkanntheit und Undank der Welt!
Aber um deinetwillen darf's nicht seyn -- um deinetwillen mu es, wird
es glcken!

Lebe wohl, Theuerste! Wenn du nur ein Tausendtheil der Freude
empfindest, dieses zu lesen, die ich fhle, es zu schreiben, so bin ich
glcklich!


                                 III.

Die Tragdie wurde einem Copisten bergeben, der langsam schrieb, aber
eine deutliche, charaktervolle Hand nachgewiesen hatte. Der Autor
wartete inde zum Wiederbesuch seiner Gnnerinnen die Vollendung der
Copie nicht ab. Man fhrte im Hoftheater Minna von Barnhelm auf und
Rosa gab darin die Franziska. Es war eine ihrer besten Rollen und sie
bertraf sich diemal selber darin. Das Publikum war hingerissen und
unser Poet auerordentlich erfreut. Zum erstenmal erkannte er die
eigenthmliche Bedeutung eines wahren Schauspiels oder Lustspiels, wenn
er auch den Mangel der Gattung und das Einseitige des Lessing'schen
Stcks (was er dafr halten mute) nicht bersah. Hauptschlich
berzeugte er sich aber, was in einer Partie wie Franziska geleistet
werden kann, wenn die Schauspielerin mit reizender Laune sie vllig
wieder zu beleben wute, und er eilte daher gleich am andern Vormittag
zu der Knstlerin, um ihr seine Freude, seinen Dank mit Enthusiasmus
auszusprechen.

Rosa lchelte befriedigt, glcklich und antwortete von ihrer Seite mit
dankendem Blick. Die Mutter trat aus dem Seitenzimmer und sie rief ihr
heiter entgegen: Ich hab' ihm gestern gefallen, dem Tragdiendichter!
und er ist gekommen, ein wahres Fllhorn des Lobes vor mir auszugieen!

Vergngt erwiederte die Frau: Das ist freundlich. Aber du hast die
Rolle gestern wirklich gut gespielt; ich habe sie noch nicht so von dir
gesehen. -- Gott wei, warum, entgegnete die Knstlerin. Zuweilen
ist man eben voller Lust und Uebermuth -- und das ist die Hauptsache
bei der Schauspielkunst. -- Bei jeder Kunst! versetzte Heinrich.

Die Schauspielerin sah fr sich hin. Nun, bemerkte sie dann etwas
scheinheilig, Sie haben sich also berzeugt, da man in einer Rolle,
die aus dem gewhnlichen Leben genommen ist, doch auch eine Wirkung
machen kann? -- Das habe ich nie bezweifelt, entgegnete Heinrich,
aber in dieser Ausdehnung allerdings nicht fr mglich gehalten. Es
war eben ein _non plus ultra_, fgte er lchelnd hinzu, und die
reien immer hin.

Die Knstlerin wiegte den Kopf. Sie geben also zu, da es auch gar
keine so schlechte Aufgabe wre, ein Schauspiel zu schreiben? -- Um
so lieber, versetzte der Poet, als ich's nie gelugnet habe. Das
Schauspiel in Prosa hat seine Vorzge und seine Vortheile, obschon --
-- Es natrlich tief unter der Tragdie in Versen steht, ergnzte
Rosa, das ist klar! Aber wenn es nun so ausfiele, wie Minna von
Barnhelm --? -- Dieses Stck, erwiederte Heinrich nach einigem
Besinnen ernsthaft, ist vortrefflich in seiner Art; aber im Grunde ist
doch zu viel brgerliche Moral und Tugend darin, wodurch es einen etwas
hausbackenen Charakter erhlt, und die Sphre, in die wir blicken,
hat etwas Enges, ja hie und da Gequltes. -- Das poetische Drama, die
Schpfung der idealisirenden Phantasie, die uns in eine groe, weite,
farbenreiche Welt fhrt, ist doch was ganz anderes.

Die Schauspielerin, durch die Sicherheit, womit Heinrich dieses Urtheil
fllte, betroffen, ja gereizt, schttelte unwillkrlich den Kopf. Ei,
ei, entgegnete sie, das heit leicht fertig werden mit einem Stck,
das eine Probe bestanden hat, wie sie nicht viele bestehen! Diese
Minna von Barnhelm ist seit ihrer ersten Auffhrung berall auf dem
Repertoire geblieben, und das mu doch seinen Grund in einem Werth
haben, den wenige Dramatiker zu erreichen sich schmeicheln drfen.

Der Poet schwieg und die Mutter trat mit einer Querfrage dazwischen,
um ihm ber eine angehende Verlegenheit hinwegzuhelfen, die vielleicht
eine empfindliche Replik zur Folge gehabt htte. Whrend der
Beantwortung sammelte sich der Getroffene und fhlte nun, da =er=
etwas gut zu machen habe. Er kam auf die Lessing'sche Komdie zurck,
rhmte mit dem Ausdruck wahrer Achtung die Charakteristik, den ebenso
kernigen wie zierlichen Dialog, und namentlich das Zuhauseseyn in den
Regionen der Ethik und Aesthetik, die Geistesbildung des Dichters,
vermge deren er dem brgerlichen Spiel einen ewigen Gehalt zu
verleihen gewut habe. Rosa hrte mit Vergngen zu, und als er zum
Schlu wieder auf die Franziska zu reden kam und ber ihre Auffassung
und Durchfhrung bestimmte sthetische Urtheile fllte, die fast noch
schmeichelhafter klangen als die Ausdrcke allgemeiner Bewunderung, da
sah vllig wiederhergestelltes Vertrauen aus den braunen Augen.

Nach einer Weile begann sie: Wann bekommen wir aber Ihre Schpfung,
die Tragdie zu lesen? -- Der Poet versetzte: In einer Woche soll ich
die Abschrift erhalten. Diese wird in's Bureau der Intendanz wandern,
mein eigenes Manuscript werde ich Ihnen zu Fen legen. -- Sehr viel
Ehre, erwiederte sie heiter. -- Aber, fuhr sie nach einigem Besinnen
fort, knnen Sie uns nicht einstweilen andere Produkte mittheilen --
oder selbst vorlesen? -- Sie haben gewi lyrische Gedichte gemacht. --
Allerdings. -- Liebeslieder! -- Auch solche, versetzte der Poet
lchelnd. -- Natrlich, rief sie, indem sie ihn vergngt ansah. Nun,
wissen Sie was? Kommen Sie bermorgen, wo ich frei bin, Abends zu uns
und bringen Sie Ihre Gedichte mit. Wir lernen Sie dadurch nher kennen,
auch als Vorleser, und wenn Sie hier die Probe bestehen, dann knnen
Sie den Schauspielern vielleicht Ihr Stck selber vorlesen, was unter
Umstnden sehr ntzlich seyn kann.

Die Mutter stimmte bei, und Heinrich sagte mit Vergngen zu. Man schied
im besten Einvernehmen und gesteigerter wechselseitiger Theilnahme.

Als der Poet die Stube verlassen hatte, sagte Rosa zur Mutter:
Vornehm ist er sehr, ich meine poetisch vornehm, im Grund aber doch
ein guter Mensch! -- Das erste, versetzte die Mutter, hast du ihn
vorhin beinahe zu deutlich fhlen lassen. -- Konnte nicht schaden,
erwiederte sie. Und lchelnd fuhr sie fort: Auf seine Liebesgedichte
bin ich begierig; wird wohl viel Einbildungskraft dabei seyn. --
Wer wei! bemerkte die Mutter. Es ist ein hbscher Mann und die
Poeten -- -- Phantasiren und idealisiren. Nun, wenn es nur schn
herauskommt, dann soll er doch Lob haben.

Der Dichter machte mit allerlei Gedanken, aber im Grunde vergngt den
Gang in die kleine Wohnung, die er sich nicht allzuweit vom Theater
gemiethet hatte. Sie hat Recht, sagte er zu sich, wenn sie das
Stck von Lessing hoch hlt; aber ich hab' auch Recht. Wie geistreich
und fein die Comdie seyn mag, das eigentliche Aroma der Poesie
ist doch nicht darin. Und hier allein liegt der wahre Zauber, das
berschwngliche holde Leben, und wir knnen uns baden in einem Meer
von Wohlgerchen.

Am Abend des zweiten Tages stellte er sich bei den Damen mit zwei
Heften ein, in die er seine Gedichte eingeschrieben hatte. Man setzte
sich um den runden Tisch, auf welchem bald die Theekanne brodelte.
Das Getrnk durchduftete die Stube, und Heinrich, von Rosa ermuntert,
begann zu lesen. Er hatte die Hefte vorher durchgegangen und genau
bestimmt, was und in welcher Folge er vortragen wollte. Trotz der
geistigen Zuversicht, die er mitgebracht, fing er nun doch mit
unsicherer Stimme und rothem, ziemlich befangenem Gesicht an zu lesen.
Glcklicherweise hatte er zum Eingang Lieder gewhlt, die eben so
anspruchslos wie hbsch waren; der aufrichtige Beifall der Hrerinnen
entband ihn und gab auch seinen Sprachwerkzeugen die nthige Freiheit.
Bald war er in der hheren Stimmung, wo man im Schwunge des Gefhls gar
nicht mehr wei, da es eine Befangenheit gibt.

Die Frauen konnten die Gedichte nicht immer gelungen finden. An
den einen widersprachen Uebertreibungen ihrem Geschmack, an andern
vermiten sie den wahrhaft schlieenden Schlu. Der Dichter, jetzt
durch herzliches Lob erfreut, mute sich ein andermal mit einem
ernsten Gesicht, das mehr Tadel zurckhalten als Anerkennung ausdrcken
sollte, oder mit einem Ausruf begngen, der etwa bedeutete: Nun ja,
lassen wir's passiren! -- In seinem Eifer machte er sich aber nicht
viel daraus, wenn er's auch richtig deutete, und im Ganzen war die
Lobernte doch berwiegend. Endlich, beim Aufschlagen eines neuen
Gedichts, wurde seine Miene ernst bis zur Feierlichkeit; er nahm eine
entsprechende Haltung an und begann mit herz- und klangvollem Ton zu
lesen. Es war eine begeisterte Schilderung der Geliebten und eine
leidenschaftliche Erklrung vllig und ewig sich hingebender Liebe.

Sehr schn! rief die Mutter, als er geendet hatte; und Rosa bemerkte
mit Ernst: Bei weitem das schnste! Das innigste Gefhl, edler
Schwung, der wahrste, herzlichste Ausdruck! Das, setzte sie mit
einem leisen Lcheln hinzu, das ist Poesie! -- Heinrich antwortete
auf diese Anerkennung mit dem Ausdruck einer ernsten Freude. Er sah
dann auf den Tisch und sagte: Wenn mir dieses Gedicht gelungen ist,
so ist's auch nicht zu verwundern: es ist einfach aus meinem Herzen
abgeschrieben, und an das Mdchen gerichtet, mit dem ich verlobt bin!

Mutter und Tochter fuhren bei diesem Gestndni unwillkrlich zusammen
und sahen sich an. Auf dem Gesicht Rosa's folgte einer leichten Blsse
rasch eine tiefere Rthe; aber schnell sich fassend rief sie mit der
Miene und Stimme herzlicher Theilnahme: Sie haben eine Braut? Und
davon haben Sie uns noch nichts gesagt? -- Es fand sich noch kein
Anla dazu, erwiederte Heinrich. -- Nun, rief das Mdchen, die sich
vllig wieder in ihre Gewalt bekommen hatte, davon mssen Sie uns
mehr erzhlen! -- Das Idealbild, fuhr sie nach kurzem Innehalten mit
Lcheln fort, haben wir aus dem Gedicht kennen gelernt. Aber wer ist
sie? Weihen Sie uns ein; das Original erweckt in uns noch viel grern
Antheil.

Heinrich befriedigte die erste Neugierde und gab dann Antworten
auf weitere Fragen. Da die beiden Frauen das lebendigste Interesse
zeigten, so glaubte er mit genauem Bericht ber Entstehung und Gang
des Verhltnisses und namentlich mit dem freudigen Lob Auguste's ihnen
eben die grte Freude zu machen, und that sich nun Genge nach dem
Bedrfni eines Liebenden, ohne zu ahnen, welche Eindrcke er damit auf
das geheime Innere der jungen Hrerin hervorbrachte.

Es wre fr den, der in dieses Innere zu schauen vermocht htte, ein
eigenes Schauspiel gewesen, das Mdchen zu beobachten, deren Herz,
mehr als sie selber geahnt, sich dem jungen Mann zugewendet hatte. Die
menschliche Seele ist reicher an Fhigkeiten und Affekten, als die
meisten Menschen gewahr werden, und gute und schlimme Gedanken, liebe
und leide Gefhle knnen in ihr so rasch wechseln, da man an ein
frmliches Zugleichseyn glauben mchte. In Rosa spielten sie wunderbar
durcheinander, als der Poet sein Liebesleben schilderte, sein Glck
ausmalte und seine Hoffnungen aussprach. Und sie lie nicht nach mit
Fragen, als ob es jetzt fr sie nichts Seres gbe, als die Antworten
zu vernehmen. Doch ein gebter Wille und gebte Kunst standen ihr bei,
und mit ihnen gelang es ihr, die Theilnahme einer Freundin zu beweisen,
in nichts zu verrathen, da sie den Verlobten der Andern liebgewonnen
hatte, sondern zu thun, was ihr der Stolz des Weibes und ein im
tiefsten Grunde zartes Gefhl eingab.

Als Heinrich seine Bekenntnisse geschlossen hatte, sagte die Mutter:
Unter diesen Umstnden mu es Ihnen freilich doppelt lieb seyn, mit
einem ausgezeichneten Erfolg heimzukehren, und wir mssen ber alles
wnschen, da Sie ihn erringen. -- Allerdings, fgte Rosa hinzu, die
ihn von der Seite mit einem Blick angesehen, wie man einen kindlich
Glcklichen betrachtet; und unsere Pflicht, Beistand zu leisten, wird
immer ernsthafter. Hren Sie meinen Vorschlag! Sie knnen, was nicht
von jedem Poeten zu sagen ist, Ihre eigenen Gedichte gut vorlesen: wenn
Sie nmlich dreinkommen, und Sie kommen, wie es scheint, gerne drein,
wenn gute Menschen Ihnen Vertrauen einflen. Machen Sie nun, da wir
Ihre Tragdie erhalten. Wir laden dann die Darsteller der Hauptrollen
ein, und Sie lesen ihnen das Stck. Tragen Sie es vor, wie Ihr letztes
Gedicht, dann wird man die Rollen um so richtiger auffassen, um so
lieber lernen und um so besser spielen.

Heinrich dankte mit Herzlichkeit, indem in seiner natrlichen und
poetisch eingenommenen Seele nun doch fast eine Ahnung aufstieg, da
die Schauspielerin ihm eine besondere Freundlichkeit zuwendete. Den
eigentlichen Zustand ihres Herzens errieth er freilich nicht, und
verlie darum das Haus mit vollkommen ruhigem, glcklichem Gemth.

Mutter und Tochter, als sie allein waren, gingen schweigend hin
und her. Die letztere that eine husliche Frage und horchte auf
die gewissenhafte Beantwortung mit halbgeschlossenen Augen und
einem ernsten Schein von Aufmerksamkeit. Dann suchte sie eine ihrer
Rollen hervor, setzte sich damit zur Lampe und fing an zu lesen.
Unwillkrliche Zeichen von Ungeduld und Abwesenheit verriethen aber der
Mutter deutlich, von welchen Gefhlen sie beherrscht war.

Rosa war sechs Jahre beim Theater und hatte ihr zweiundzwanzigstes
Jahr hinter sich, ohne da sie in eine ernstliche Herzensbeziehung
wre verflochten worden. Vor leichtsinnigem Vertrauen schtzte sie
nicht nur eine erfahrene, sorgsame Mutter, sondern ihr eigener heiter
verstndiger Sinn. Sie war durch Natur und Erziehung, was die Franzosen
sage nennen, und lie sich nun wohl huldigen, trat aber vor gewissen
Annherungen immer einen Schritt zurck, was dann die Folge hatte, da
sie als kalt verschrieen wurde. Eigentlich war sie aber nur so klar,
hinter gewissen Betheurungen die egoistische Absicht wahrzunehmen und
darber die entsprechende Geringschtzung zu empfinden. Sie sammelte
sich daher in dieser Hinsicht keine Erinnerungen, und lie sich an
ihrem Beruf, an geselligem Verkehr, an unterhaltender, unterrichtender
Lektre gengen. Auf der Bhne traf sie gleichwohl nicht nur den Ton
einer frhlichen und schalkhaften Liebhaberin, der ihr unmittelbar
von Herzen ging, sondern auch den Ausdruck tieferer Neigung, worber
sich nur diejenigen wundern knnen, denen die Schpferkraft der wahren
Knstlernatur unbekannt ist. Um Liebe darzustellen, mu man nicht, was
man sagt, geliebt haben, so da man darnach seine eigenen Erfahrungen
spielt, es gengt die Liebefhigkeit. Und diese besa die Knstlerin,
mchtiger als sie bis jetzt sich zugetraut hatte, wie sie nun zu ihrem
Leide erfuhr.

Heinrich hatte schon einen freundlichen Eindruck in ihr hinterlassen
nach der ersten Begegnung auf der Strae. Davon war die Ursache nicht
nur seine jugendlich mnnliche Schnheit, sondern der Schein des
Genius in seinem Gesicht und die Treuherzigkeit seines Wesens, der das
lchelnerregende gelinde Ungeschick eher ntzte als schadete. Als sie
in dem ihr Empfohlenen den jungen Mann erkannte, der ihr so schnell
interessant geworden war, hatte sie die angenehmste Empfindung, und
die erste Unterredung lie geradezu eine Neigung in ihr aufkeimen,
wobei Streben und Vorhaben des Poeten heitere Bilder der Hoffnung vor
ihre Seele riefen. Sein begeistertes Lob ihrer Franziska klang ihr
um so wohlthuender, als sie darin ein Entgegenkommen sehen zu knnen
glaubte; und wenn sie ihm bei zu geringer Schtzung des classischen
Stcks mit einer empfindlichen Mahnung entgegen trat, so lag der Grund
eben in der nheren Theilnahme, der an dem Liebgewordenen eine Schwche
rgerlich war. Die leichten Lieder, die er heute gelesen, auch die
ersten erotischen, aus denen kein natrlicher Ernst hervorsah, stimmten
zu ihrer Hoffnung; und nun mute die Erklrung des Verlobten die zarte
Maienblthe ihres Glcks mit einemmal hintilgen!

Die Mutter, als Rosa sich endlich in's Lesen zu finden schien,
ging in die Kche. Nach einer Weile kam sie wieder und jene, das
Heft weglegend, bemerkte: Da hab' ich nchstens wieder ziemlich
geschraubte Dinge zu sagen. Was doch die Poeten manchmal fr Reden
drechseln, die wir dann natrlich und zierlich vortragen sollen, mit
einem Ernst, als ob sie uns just aus dem Herzen kmen! Die Mutter,
ernst lchelnd, erwiederte: Es wird so arg nicht seyn. Uebrigens
gehrt das eben zum Komdiespielen. Wenn die guten Dichter uns helfen,
so mssen wir dagegen den mittelmigen beistehen. -- Eine Pflicht,
die zuweilen sehr lstig werden kann, erwiederte Rosa mit einem
Seufzer. Sie fuhr ber ihre Stirn und sagte: Ich bin mde und mein
Kopf ist eingenommen. Am Ende, fuhr sie mit halbem Lcheln fort,
ist's der Duft der Poesie, die wir heute vernommen haben. -- Sey's was
es wolle, ich geh' zu Bette. Sie reichte der Mutter die Hand und sagte
mit weicher Stimme: Gute Nacht, Mutter!

Die gute Frau nahm sie in ihre Arme, kte sie auf die Stirn und
erwiederte herzlich: Schlafe wohl, mein Kind! Beide sahen sich an und
der feuchte Glanz ihrer Augen lie sie wechselseits in ihren Herzen
lesen. Die Mutter nickte mit dem Ausdruck ernsten Bedauerns. Da hob
Rosa den Kopf empor, lchelte und rief: Dummes Zeug! Gute Nacht,
Mutter!

Als sie das Zimmer verlassen hatte, stand die Frau eine Weile
nachdenkend und sagte dann: Ich hoffe, es wird vorber gehen.
Allerdings ist's ihre erste Neigung und sie geht tiefer, als sie
selber zu wissen scheint. Aber das Mdchen ist verstndig und hat
Charakter -- sie wird's berwinden.

Nach Verflu einiger Tage sah die wackere Frau den Liebling in einer
Stimmung, die sie in ihrer Hoffnung bestrkte. Am andern Morgen nach
jenem aufklrenden Abend hatte sie ber Kopfweh geklagt und endlich
unterbrochenen Schlaf bekannt; aber am folgenden zeigte sie ein
heiteres Gesicht, scherzte zrtlich mit der Mutter und benahm sich
fast ganz wie ehedem. Die Rolle, ber deren Unnatur sie geklagt hatte,
spielte sie mit mehr Leben und Beifall als frher, lchelte darnach
ber sich selber und kehrte mit zufriedenem Gemth nach Hause zurck.

Als Heinrich einen Tag spter mit der Tragdie kam, wurde er von Mutter
und Tochter so heiter wie freundlich empfangen und das Manuscript von
der Knstlerin mit einem Ausruf des Vergngens begrt. Endlich, rief
sie, indem sie es mit beiden Hnden fate, haben wir es! -- Und das
andere? fuhr sie nach einem Moment fort, haben Sie's eingereicht?
-- Heute, erwiederte der Poet. Der Herr Intendant war nicht zu
sprechen, ich hatte mich aber vorgesehen, das Manuscript mit einem
Schreiben eingesiegelt -- Gut, rief die Knstlerin. Mgen unsere
Geschicke sich nun erfllen! -- Ich bin sehr neugierig, besonders nach
der Andeutung, die Ihnen letzthin entschlpft ist -- auf die Heldin.

Heinrich lchelte mit einer gewissen Unruhe. Ich bitte nur, sagte
er dann, das Stck im Zusammenhang, Scene fr Scene, und da es denn
doch eine Tragdie ist, mit ernster Hingebung lesen zu wollen. --
Mit dem gnstigsten Vorurtheil, mit =Liebe= werde ich's lesen,
erwiederte Rosa lchelnd. -- Um so besser, versetzte Heinrich. Eine
Dichtung kann nur wirken, wenn ihr der Leser mit Vertrauen und Neigung
entgegen kommt. Es ist natrlich, die Gaben des Poeten sind eine Art
von Speise, die nur munden kann unter Voraussetzung des entsprechenden
Appetits. -- Da haben Sie's bei mir eben getroffen, versetzte die
Schauspielerin. Was ich vor Ihrem poetischen Mahl fhle, ist nicht nur
Appetit, sondern geradezu Hunger zu nennen. Das ist aber bekanntlich
der beste Koch und kann auch -- Sie unterbrach sich selbst und fuhr
mit zurckgehaltener, nur leise durchscheinender Laune fort: Genug,
ich glaube nicht nur in bester Stimmung zu seyn, Ihre Dichtung zu
wrdigen, sondern ich verspreche Ihnen auch, mit allem Ernst an die
Lektre zu gehen und mit aller Andacht dabei auszuharren. -- Und
ich, versetzte der Poet mit glnzenden Augen, glaube Ihnen und sage
Ihnen dafr den besten Dank.

Er sah von der Tochter auf die Mutter und fuhr fort: Es ist ein
groes Glck fr mich, da ich so liebenswrdige Gnnerinnen gefunden
habe. Ich wei es aber auch zu schtzen. Lassen Sie mir's nur auch
ferner angedeihen! Entziehen Sie mir Ihr Wohlwollen nicht! Ich werde
Ihres Raths und Ihrer Hlfe nur immer mehr bedrfen -- und sie mit der
dankbarsten Verehrung erwiedern.

Auf diese mit Herzlichkeit gesprochenen Worte versetzte die Mutter:
Rechnen Sie auf jeden Dienst, den wir ihnen leisten knnen. Sie sind
uns von einem braven Mann und bewhrten Freund empfohlen, und in der
kurzen Zeit, wo wir Sie kennen, haben wir Sie liebgewonnen, erwarten
von Ihnen das Beste -- -- Nun, rief die Tochter mit gtigem Blick,
und wenn es Sie beruhigen kann -- so lassen Sie uns Freundschaft
schlieen, treue Freundschaft! -- Sie bot ihm die Hand, Heinrich
ergriff und drckte sie, indem ein Strahl des Dankes ihm aus dem Auge
ging.

Sie sind verlobt und glcklich, fuhr das Mdchen mit edlem Ausdruck
fort, und wenn der Erfolg hinzu kommt, haben Sie kaum noch etwas zu
wnschen. Aber eine Freundin beim Theater kann einem Dramatiker immer
noch ntzlich seyn, denn hier findet sich immer was zu thun. -- Sie
hielt ein wenig inne, und indem ihre Miene sich anmuthig aufheiterte,
fgte sie hinzu: Nun, und fr alle Dienste, die ich Ihnen zu erweisen
gedenke, verlange ich nichts, als da Sie mir gelegentlich eine hbsche
Rolle schreiben.

Oh, rief Heinrich, mit dem grten Vergngen! Seit ich Sie als
Franziska gesehen, ist mir ein Licht aufgegangen ber den bezaubernden
Reiz einer chten Lustspielfigur, und ich sage mir, wie schn es
wre, wenn mir auch auf diesem Felde etwas gelnge. Aber lassen wir
den Vortheil; ich verehre Sie, mein Frulein -- Ihre Kunst, Ihren
Charakter, Ihre Herzensgte, und wenn ich Ihnen etwas zu Danke machen
knnte, wrde ich mich unendlich glcklich schtzen.

Die war mit einer Wrme gesprochen, da Rosa, beglckt, gerhrt, ihm
nochmal die Hand gab, und die ernstfreundliche Mutter degleichen.

Nachdem der Poet sich empfohlen und entfernt hatte, sagte Rosa zur
Mutter: Ich wnsche von Herzen, da das Stck sich bewhrt und auf dem
Theater etwas macht. Es ist wirklich ein braver Mensch, voll des besten
Willens und kein Falsch in ihm. Eine rhrende Mischung von Geschick
und Ungeschick, Verstand und Naivett -- von einer Naivett, die
andere vielleicht Blindheit nennen mchten -- -- Ein Dichter, fiel
die Mutter mit dem halb ironischen Lcheln des Wohlwollens ein, der
mehr in einer Welt der Trume als in der wirklichen zu Hause ist. Die
Erfahrung wird ihn schon klger machen, obwohl ich sehe, da er auch
schon mit seiner Naivett gar sehr zu wirken und die Herzen fr sich zu
gewinnen vermag. -- Vielleicht, erwiederte Rosa, die nachdenklich
dagestanden, hilft sie ihm auch beim Publikum durch -- es gelingt der
erste Wurf, und wir haben einen Glcklichen mehr.

Die Knstlerin hatte sich von dem ersten Schmerz, welcher nach dem
pltzlichen Versinken einer lieblichen Hoffnung ihr Herz angefallen,
in Wahrheit erholt. Es war still geworden in ihr, nachdem sie mit
ausdauerndem Wollen den letzten Unmuth der Enttuschung berwunden
hatte, und da sie dem jungen Mann, fr den eine Neigung in ihr
entstanden war, doch eigentlich keinen Vorwurf machen konnte, so
glaubte sie in dem erhebenden Gefhl der Genesung ganz zu seiner
Freundin, seiner uneigenntzigen Freundin geeignet zu seyn.

Nun mute sie aber doch erfahren, da eine Neigung, die, wie rasch
immer, sich einmal in's Herz gesenkt hat, nicht so leicht wieder
vergeht oder in ein anderes Gefhl sich wandeln lt. Das Bild des
jungen Mannes stellte sich ihr vor die Seele, sie fhlte mehr und mehr
einen Zug zu ihm hin, ein Hangen und Wohlgefallen, welches nicht das
der Freundschaft war. Konnte sie nicht mehr hoffen, so war es doch
immer noch Liebe, was sie empfand, und diese hatte nur einen andern
Charakter. Es war die Liebe, die sich aus sich selber nhrt und aus
der stillen tiefen Freude an dem Geliebten; die Liebe, die sich mit
Gromuth paart und im Bunde mit ihr auch die Entsagung versen kann.
Es ist auch eine schne Flamme, die heimlich im Herzen lodert und deren
Strahlen geistig hold um den Geliebten spielen. Wenn sie unerwiedert
bleibt, so ist eben damit ein eigenthmliches Glck verbunden; die
liebende Seele kann sich dann des reinen Schenkens und Gebens bewut
seyn. Und wenn Geben, von Empfangen belohnt, seliger ist, Geben ohne
Lohn ist edler und grer.

Rosa, der schmeichelnden Einladung folgend, wurde in einen Strom von
Empfindungen getaucht, die ihr gnzlich neu waren und deren Schauer
sie mit Staunen erfllten. Wie oft hatte sie die Liebe schon gespielt,
und mit Leben, ja mit Leidenschaft gespielt! Aber es war doch nur
eine Leidenschaft der Phantasie, wobei das Herz nur in gewissem Sinn
mitwirkte. Die Gefhle, die jetzt in ihr erstanden, waren That und
Wahrheit, von Natur getrnkt, und bten auf sie eine unwiderstehliche
Anziehungskraft.

In diesen Tagen einer verhngnivoll sich entwickelnder Neigung war
das Mdchen durch ein Zusammentreffen von Umstnden an der Bhne nicht
beschftigt. Sie brachte die meiste Zeit daheim zu, verkehrte mit
der Mutter in alter Gemthlichkeit, die jetzt nur einen stilleren,
sanfteren Charakter hatte, und die Mutter konnte wohl an eine
vollendete Heilung glauben. Aber die Krankheit war eine Liebe, die
vielmehr gepflegt und genhrt wurde.

Zuweilen, wenn die Neigung in der Liebenden zum Verlangen wurde und
sich pltzlich die Hoffnungslosigkeit vor sie stellte, begann es
freilich in ihr zu beben und zu glhen, und sie fhlte: wenn das
dauerte, wr' ich verloren! Aber sie ri sich heraus aus diesen
Empfindungen, die Kraft der Entsagung berwog, ihr natrlich frischer
Sinn half, und es blieb von dem Leidgefhl nichts zurck, als eine
milde Trauer, die sie gleichfalls in sich zu verschlieen wute.

Sonderbare Gedanken gingen durch ihren Kopf. Was ich jetzt habe,
sagte sie sich einmal, ist mir doch lieber, als meine frhere leichte
Frhlichkeit. Ich wrde mir's nicht mehr nehmen lassen! -- Wer wei?
Vielleicht ist das eben recht fr eine Schauspielerin! Die Andere ist
glcklich in der Wirklichkeit, ich im Bilde, und vielleicht spielt nur
die Entsagung mit wahrer Innigkeit und Leidenschaft, und ich gewinne an
Ruhm auf dem Theater, was ich an Glck im Leben verliere.

Eine Woche ging hin, ohne da sie zum Lesen der Tragdie gekommen war.
Wie stark erst ihre Neugierde gewesen, es erhob sich in ihr eine Scheu,
das Manuscript anzusehen, die mchtiger wurde und sie immer wieder
zgern lie. War es die Besorgni, die Dichtung mchte nicht gelungen
seyn, der Geliebte mchte sich nicht rechtfertigen als dramatischer
Poet und sie in die Lage kommen, ihn beklagen, mit ihm leiden zur
mssen? Oder war es ein Zagen vor der Heldin, deren Urbild der Autor
hatte errathen lassen? Die Furcht, sie mchte diesem Idealbild allzu
unhnlich seyn, allzu tief unter ihm stehen, und schmerzlicher
Demthigung, unwiderstehlicher Eifersucht berliefert werden?
Vielleicht alles zusammen. Nachdem sie diesem Gefhl inde wieder und
wieder nachgegeben, kam zu der innern Mahnung, ihr Versprechen zu
halten, greres Vertrauen zu dem Dichter und zu sich selber. Eines
Abends, wo die Mutter ausgegangen war, nahm sie das Heft vor und las.

Das Verzeichni der Personen mit den Namen und Titeln alter Zeiten
ermangelte nicht, ein gewisses romantisches Verlangen in ihr zu
erregen. Sie ging die erste, zweite, dritte Scene durch und fhlte
sich angezogen. Warme Situationen, und ein warmer, inniger Ton, dem
die Ueberschwnglichkeit, zu welcher sich einzelne Worte und Zeilen
verstiegen, nicht eigentlich schadete; glhende, tiefe Liebe zweier
Personen, die fr einander geschaffen und einander werth waren;
heroische, opferfreudige Kraft, mit feindlichen Mchten in Kampf zu
treten und zu siegen in Triumph oder Untergang.

Die Schauspielerin, sich selbst vergessend, las weiter. Die geahnten,
gefrchteten Wolken steigen am Horizont der sonnebeglnzten Landschaft,
in welche das Liebespaar gestellt erscheint, rasch empor und entfalten
sich drohend. Ein erster Zusammensto erfolgt, und die Liebe, die Treue
siegt. Aber andere Menschen mit andern Leidenschaften und Zwecken
treten auf, nhern sich der feindlichen Gewalt, sehen sich von ihr
angezogen, beredet, und in Verflechtung selbstischer Interessen knpft
sich ein Bund, welcher dem Neid, der Eifersucht und dem giftigen Groll
unwiderstehlich dienen zu knnen scheint.

Der erste Akt ist zu Ende. Fr die Auffhrung allerdings zu lang und
einzelne Scenen in der zweiten Hlfte nicht klar, nicht schlagend
genug. Aber beiden Uebelstnden kann durch Streichen und theilweises
Umarbeiten abgeholfen werden. Dann wird er nicht nur als Exposition
seine Schuldigkeit thun, sondern bereits wirklich ergreifen, einen
groen romantischen Prospekt erffnen und durch die eigenthmliche
dichterische Sprache das Publikum anziehen und erheben.

Die Knstlerin, die ber ihre bisherige Rollensphre hinaus begabt war,
fhlte sich zufrieden und wahrhaft glcklich. Sie freute sich im Namen
des Poeten, der sich als dramatischen, als Bhnendichter bewiesen;
sie freute sich der Poesie, die aus dem Buch in ihre Seele strmte;
und -- sie freute sich ber sich selber, da die ihr allerdings
nicht hnliche Heldin, mit der sie aber dennoch fhlen konnte, ihr
vielmehr lieb geworden war. Die Poesie ist heilig und heiligend. Wenn
die Seele zu ihr sich erhoben hat, schweigen die irdischen Gefhle
und Leidenschaften, und bewut oder unbewut sieht der Geist die
Wirklichkeit vom Gesichtspunkt des Ewigen.

Rosa, wie gerhrt sie war und wie sehr sie auf das Kommende sich
freute, wollte fr jetzt doch nicht weiter gehen. Sie fhlte sich durch
das Bisherige schon eingenommen und gewissermaen gesttigt. Es war
ein guter, ein sehr guter Anfang; an ihm wollte sie sich ergtzen, ihn
wollte sie in der Seele tragen und den Genu des verheienen guten
Fortgangs auf die folgenden Tage sparen. War ihre Liebe zu dem Manne
doch schon jetzt vertieft und erhht -- durch die Achtung, die er ihr
eingeflt! Wie schn, wenn er durchdrang mit seiner ersten Dichtung,
um ihr immer bedeutendere, reifere nachfolgen zu lassen! -- Sie stand
auf, ernst und gehoben, mit dem Ausdruck eines guten und gut seyn
wollenden Gemths.

Unterdessen hatte sich Heinrich weiter in der Residenz umgesehen, neue
Bekanntschaften gemacht und, da er nicht feiern konnte, sogar eine
neue dramatische Arbeit begonnen -- wieder ein Trauerspiel. Dieses
freilich nicht aus Trotz gegen die Rathschlge der Klugheit und auf
seinen Genius pochend, sondern einfach, weil er nur dazu einen Entwurf
besa und nicht zu einem Schauspiel oder Lustspiel. Er trat aber darin
dem Schauspiel bereits etwas nher, und sehr schmeichelte ihm nun der
Gedanke, die Vorzge der Tragdie und des Dramas in der neuen Dichtung
vereinigen und beide Parteien zufrieden stellen zu knnen. Das allein
schien ihm auch die seiner in der That wrdige Aufgabe, whrend er
sich, ein Schauspiel fertigend, wie man es wnschte, von der Hhe, zu
der er sich berufen halten mute, doch einigermaen herabzusteigen
schien.

Doctor Willmann hatte ihm einen Gegenbesuch gemacht; er suchte ihn
wieder auf, benahm sich schon freier, kameradschaftlicher gegen ihn,
und der Schriftsteller nahm ihn eines Abends in eine Gesellschaft mit,
die sich in einem Bierlokal zu versammeln pflegte. Es waren meist
jngere Mnner, Beamte, Aerzte, ein paar Offiziere und mit Willmann
drei Literaten. Heinrich wurde von seinem Einfhrer als Dramatiker
vorgestellt und dann besonders mit einem der Schriftsteller bekannt
gemacht, der ungefhr seine Jahre hatte. Doctor Dorn -- so hie
derselbe -- bot ihm einen Stuhl neben sich, und es zeigte sich bald,
da er, unter anderem, auch Theaterkritiker war. Als Heinrich die
vernommen, konnte er nicht umhin, seine Freude darber auszusprechen
und in seiner Miene eben so viel Achtung wie Vergngen an den Tag zu
legen. Dem Kritiker gefiel die; er erkundigte sich nach dem Stck,
und auf unsern Poeten hatte die Residenzluft schon so gut gewirkt,
da er unwillkrlich ber die Aufgabe mit Wrme, ber die Leistung
aber bescheiden sich ausdrckte und dem andern dadurch als ein Mensch
erschien, dem man seiner Bravheit wegen unter die Arme greifen knne.
Das Bier, das man in dem Lokal erhielt, war schmackhaft, die neuen
Bekannten stieen wiederholt an, tranken nach Durst und gingen um
Mitternacht fast als gute Freunde nach Hause, indem sie unter dem
dunkeln Nachthimmel mit Kpfen hinwandelten, die durch Getrnk und
Gesprcheslust hell erleuchtet waren.

Zwei Tage darauf las man in einer Zeitung, deren Feuilleton
hauptschlich der Feder Dorns offen stand: An der hiesigen Hofbhne
ist eine neue Tragdie eingereicht, welche durch effektvolle Scenen und
durch eine edle, schwungvolle Diktion groe Hoffnungen erweckt. Der
Dichter, Heinrich Born, dem literarischen Publikum durch geistreiche
Aufstze und Kritiken bekannt, weilt hier und ist bereits wieder mit
einem neuen Stck beschftigt. -- Heinrich, der das Blatt in einem
Speisehaus arglos zur Hand genommen hatte, fhlte sich durch die
ffentliche Hervorhebung so betroffen, da er ordentlich zurckfuhr.
Nach der ersten Ueberraschung wog aber das Vergngen, mit so viel Ehren
genannt zu seyn, als es zunchst irgend mglich erschien, doch bei
weitem vor; er las die Notiz wiederholt, berlegte den wahrscheinlichen
Effekt auf Publikum und Intendanz und verlie die Restauration mit den
angenehmsten Empfindungen.

Zufllig kam ihm auf der Strae Willmann entgegen. Mit einem Lcheln,
worin Bonhomie und gemthliche Satire bis zur Liebenswrdigkeit
gemischt waren, rief dieser: Nun, ich gratulire! Sie haben doch
gelesen? -- So eben, erwiederte Heinrich, indem er ihm die Hand
reichte. Es freut mich, und ich mu Ihnen fr die Bekanntschaft
nochmal herzlich danken.

Der Doctor zuckte ablehnend die Achsel und bemerkte: Er mu sehr fr
Sie eingenommen seyn; sonst ist er mit Lob und Empfehlung nicht so
rasch bei der Hand. Heiter fr sich hinsehend schwieg er einen Moment.
Apropos, setzte er dann hinzu, haben Sie die beiden Herrn schon
besucht? -- Besucht wohl, erwiederte der Dramatiker, die Regisseure
verstehend, aber nicht zu Hause getroffen. -- Ich habe vorgestern,
sagte der Andere, mit ihnen gesprochen. Gehen Sie morgen frh zu
ihnen, beide werden zu Hause seyn.

Sie trennten sich hndeschttelnd, und Heinrich sagte sich im
Weitergehen, da er, mit Ausnahme eines Einzigen, bis jetzt eigentlich
doch lauter freundliche, liebenswrdige Leute hier getroffen habe und
alles nur immer besser sich anlasse.

Andern Tages machte er sich bald auf den Weg und besuchte zuerst den
Regisseur des ernsten Dramas. Er fand einen stattlichen Mann von reifem
Alter, dessen bedeutendes, mit einigen Runzeln versehenes Gesicht eben
so viel Wrde als Wohlwollen ausdrckte. Man sah ihm an und fhlte
auch durch seine Hflichkeit hindurch, da er seit Jahren Heldenvter
spielte und eben so auf dem Schlachtfeld wie im Thronsaal oder auf dem
Throne selbst an seinem Platze war. Nach dem ersten Willkomm gestand er
dem jungen Dramatiker, da er sein Stck nur dem Titel und den Personen
nach kenne, sich aber freuen wrde, eine Tragdie im hheren Styl
darin zu finden, die er zur Auffhrung befrworten knnte. Denn man
mge sagen was man wolle, das Trauerspiel bleibe immer die Hauptsache
fr das Theater und msse namentlich an Hofbhnen, wie die hiesige,
gepflegt werden.

Heinrich war damit freudig einverstanden und drckte die Hoffnung aus,
da seine Tragdie, fr deren hhere Haltung er einstehen knne, auch
als wirksames Theaterstck sich erproben mchte. Nur zu lang wrde sie
wohl noch seyn!

Der Regisseur, der bis jetzt ernst dagestanden, zeigte in seinem
Gesicht den Ausdruck heiterer Ueberlegenheit. Wenn das Stck nur sonst
gut gebaut ist, sagte er dann, den Uebelstand der Lnge wollen wir
schon beseitigen. Der Poet nickte begreifend, mit einem Lcheln,
in das die Ahnung eines mrderischen Einbruchs in seine Verse einen
leisen Zug von Schmerz und Verlegenheit brachte. Der Heldenvater, die
gewahrend, fuhr fort: Ich wei wohl, da wir den Herrn Dichtern an's
Herz greifen, wenn wir ihnen Stellen herausstreichen, die sie gern fr
ihre schnsten zu halten pflegen. Aber es geschieht doch nur zu ihrem
Besten, und ich wrde Ihnen rathen --

Heinrich, nach einer heroischen Anstrengung, entgegnete: Herr
Regisseur, ich stelle Ihnen meine Tragdie zur Verfgung. Verfahren
Sie damit ganz, wie es Ihnen gut dnkt; denn ich wei, ein Knstler
wie Sie, streicht nur das Ueberflssige und wirklich Schdliche,
damit das Aechte, Schne und Reine um so besser wirke. -- Darauf,
erwiederte der Regisseur, knnen Sie sich verlassen! Das Theater und
der Dichter haben Ein Interesse, und wir werden nichts aufgeben, womit
man auf die Zuschauer Effekt machen kann. Ein Stck zum Lesen und ein
Stck zum Auffhren ist zweierlei. Was beim Lesen charmant seyn kann,
wird auf der Bhne, wenn es die Handlung aufhlt, unangenehm, sehr
unangenehm, und ohne die Streichfeder der Regie wrden die meisten
deutschen Bhnendichtungen an ihrer eigenen Poesie zu Grunde gehen. --
Vertrauen Sie, fuhr er lchelnd fort, in dieser Beziehung ganz den
Schauspielern. Wenn Ihr Stck angenommen wird, so drfen Sie spter
auch den Vorschlgen der einzelnen Darsteller unbedenklich folgen und
noch mehr aufopfern; denn womit einer etwas machen kann, das lt er
sich nicht nehmen.

Unser Poet, die Skrupel, die in ihm aufgestiegen waren, unterdrckend,
gab seine Zustimmung mit Ernst und in so guter Manier, da der Knstler
geradezu fr ihn eingenommen wurde. Er eignete sich fr das Stck ein
gnstiges Vorurtheil hauptschlich wegen der Einsicht an, die der junge
Mann bewies, und sagte endlich, indem er ihm die Hand gab: Was ich
fr Sie thun kann -- natrlich in Uebereinstimmung mit den Interessen
der Bhne -- das geschieht, verlassen Sie sich darauf! Es sollte mir
sehr lieb seyn, wenn wir aus Ihrer Dichtung mit einander ein rechtes
Theaterstck herausarbeiten knnten. Ich bin jetzt um so neugieriger
darauf und hoffe, ich werde es bald vornehmen knnen.

Mit groer Beruhigung verlie Heinrich den einflureichen Mann. Er
fhlte, wie sich ihm der Boden unter den Fen zusehends consolidirte,
und freute sich nun auf den Besuch bei dem zweiten Regisseur, obwohl er
in Folge der ihm gewordenen Charakteristik eine gewisse Scheu vor ihm
empfunden hatte. Unmittelbar verfgte er sich zu ihm.

Eingetreten in eine Stube, die eine ziemlich malerische Unordnung
verrieth, wurde er von einem lnglichen, hageren Mann willkommen
geheien, in dessen Gesicht und Accent ein sarkastischer Ausdruck
stehend geworden war, so da nun auch die Versicherung seiner
Freude, den Autor des eingegangenen Theaterstcks kennen zu lernen,
einen unverkennbar ironischen Klang hatte. Heinrich, dem sich die
aufdrngte, fhlte sich etwas aus der Fassung gebracht, und es
wurde ihm noch unheimlicher, als der Regisseur ihn mit einer Miene
betrachtete, welche, durch alle uere Freundlichkeit hindurch, zu
sagen schien: Der sieht mir auch aus, als ob er uns Zeug brchte, das
niemand genieen kann!

Seiner anderweitigen Protektionen gedenkend, fate sich aber der
Poet und empfahl seine Dichtung mit Wrde, indem er hinzufgte: die
Urtheile, die er schon darber vernommen, berechtigten ihn zu der
Hoffnung, da sie auch dem Herrn Regisseur nicht ganz mifallen werde.
-- O, rief dieser mit Emphase, davon bin ich berzeugt! -- Auch die
Presse, fuhr er nach einem Schweigen mit bedeutsamem Blick fort, hat
auf das Stck bereits aufmerksam gemacht -- -- Aber ohne da ich
dazu Veranlassung gegeben, fiel Heinrich ein. Ich wurde selber davon
berrascht.

Mit einem Gesicht, welches vergngten Unglauben ausdrckte, entgegnete
der Schauspieler: Fllt mir nicht ein, das anzunehmen! Man kennt ja
die Herrn Feuilletonisten und ihre Art voreilig zu protegiren, um
hinterdrein -- Nun, ich bin auf Ihre Dichtung gespannt und zweifle
nicht, da sie vortrefflich seyn wird. Aber ich mu Ihnen doch
gestehen: Tragdien sind eigentlich nicht mein Fach, und, um Alles
zu sagen -- auch nicht meine Passion. Sie sind schwierig zu lernen,
kostspielig in Scene zu setzen und lohnen sich selten.

Wenn aber eine einschlgt, warf Heinrich ein, drfte sie doch -- --
Ein Gewinn seyn? ergnzte der Andere, indem er ihn heiter fixirte,
ja. Und wenn ich das der Ihrigen ansehe, ist Ihnen meine Empfehlung
gewi.

Tragdien, fuhr der Poet nach leichtem Kopfneigen mit halbem Lcheln
fort, knnen am Ende doch nicht ganz vom Repertoire ausgeschlossen
werden. -- Natrlich nicht, erwiederte der Regisseur. Was wrden
wir da mit unsern Tragikern -- unsern Heldenspielern und Heroinen
anfangen? Und sogar das Publikum will hie und da noch ein neues
Trauerspiel sehen. -- Zur Abwechslung, setzte der Poet hinzu, der
auf die Manier des Mannes einzugehen anfing. -- Ja wohl, versetzte
der Andere, und am Ende aus alter Gewohnheit. Aber sie mssen selten
kommen -- immer seltener -- -- Bis sie endlich ganz verschwinden
knnen! setzte der Poet halb fragend hinzu. -- Ich meinerseits,
entgegnete der Schauspieler, wrde mich zu trsten wissen.

Heinrich, der im Regisseur nun deutlich die lustige Person erkannte,
lachte und jener schien das wohl aufzunehmen. Er sah den Poeten
freundlicher an und fuhr dann mit einer gewissen Bonhomie fort: Sie
drfen diese Aeuerungen nicht so schlimm aufnehmen, Herr Doctor.
Jeder liebt am Ende, was er kann und womit er Ehre einzulegen hofft,
und meine Sphre ist die Komdie, das Conversationsstck, und was so
drum herum liegt. In Tragdien kommt hchstens einmal ein Bsewicht
an mich, der mehr drolliger Schuft als erhabener Verbrecher ist,
und grere Ansprche kann ich auch nicht erheben. Abgesehen davon,
da das Erhabene nicht mein Fach ist, so besitzen wir hier fr die
groe Gattung einen Mimen, der schon durch sein Auftreten und den
Schauerblick seines rollenden Auges dem Publikum Grauen einflt, und
wenn dieser in Ihrem Stck eine Rolle hat, gratulire ich Ihnen im
voraus. Eine edle, tugendhafte Partie in einem Trauerspiel ist fr mich
geradezu ein saurer Apfel, in den ich nur beie, wenn's eben nicht
anders geht. So ist mir der Sinn fr die Tragdie, den ich in meiner
Jugend wohl auch gehabt habe, fast gnzlich entschwunden, und ich
fhle leider, da ich auch die hochpoetischen nicht ganz so schtzen
kann, wie sie's verdienen. Indessen, fgte er mit einer Miene hinzu,
die es fast bis zum Ernst brachte, meine Pflicht verlangt, den
ehrenvollen Ruf und den Vortheil der Bhne im Auge zu haben, und wenn
sich die mit Ihren Wnschen vereinigen lt -- zhlen Sie auf mich!

Der Dramatiker, durch das launige Bekenntni ergtzt und die ernstliche
Zusage ermuthigt, reichte dem Knstler dankend die Hand und beide
schieden mit beinahe freundlichen Empfindungen, jedenfalls unter
cordialen Betheurungen.

Auch das, sagte der Poet auf der Strae zu sich, ist besser
gegangen, als es zuerst das Aussehen hatte. Nun, der Poesie kann am
Ende niemand widerstehen, und wenn er sich dem Stck hingibt -- Er sah
geradeaus und seine Miene erhellte sich froh: in einer jungen Dame,
die auf ihn zukam, hatte er Rosa erkannt. Grend trat er zu ihr und
betrachtete sie verwundert. Aus ihrem Gesicht sprach eine Freude und
eine Gte, die es glnzend verschnten, und zugleich ein hherer Ernst,
als er je an ihr wahrgenommen hatte.

Es freut mich sehr, antwortete sie auf den Gru, da ich Sie treffe!
Ich hab' Ihre Tragdie gelesen -- anderthalb Acte -- -- Nun? rief
Heinrich, dessen Herz zu pochen anfing. -- Ich wnsche Ihnen Glck
von ganzem Herzen! Was ich bis jetzt kenne, hat mich auerordentlich
angezogen; es ist ein frmlicher Zauber, und wenn das so fortgeht
-- -- O, rief Heinrich, an weitere Scenen denkend, mit inniger
Ueberzeugung, es mu noch besser kommen! -- Nun, versetzte sie,
dann kann ich wenigstens nur an einen vollstndigen Erfolg auf dem
Theater glauben. -- Ah, rief der Autor, dem ein Strom der Wonne durch
die Brust ging, das ist heute ein glcklicher Tag!

Er berichtete ihr in Krze ber seine Besuche und lie deren Ergebni
unbewut im besten Licht erscheinen. Rosa's Gesicht erheiterte sich
und sie rief: Das geht ja gut ber Erwarten! Vor Berger (so hie der
Regisseur des Lustspiels) brauchen Sie nicht bange zu seyn. Wenn ein
Trauerspiel wirklich ergreift und fortreit, hat auch er Respekt davor,
und berhaupt ist er nicht so schlimm, wie er aussieht. Ich gestehe
Ihnen, ich freue mich auerordentlich, das Stck zu Ende zu lesen und
dann mit Ihnen darber zu sprechen. Diese Woche bin ich freilich sehr
beschftigt, aber in der nchsten hoffe ich damit fertig zu werden.
Sie grte den Autor mit dem Blick einer Schwester und ging dem Theater
zu, wohin sie eine Probe rief.

Heinrich sah ihr nach und wandte sich nur zgernd um. Eine wahre
Freundin! rief er weitergehend. Sie nimmt wirklichen Antheil an mir
und meinem Schicksal. Wie schn, da ich sie gefunden habe!

Das Glck des Poeten war aber heute im Zug und die Flle seiner Gaben
noch nicht erschpft. Als er nach Hause kam, fand er ein Schreiben
von Auguste. Er erbrach es mit hastigem Finger, las und seine Mienen
sagten: das ist mehr, als ich verdiene! Die Stellen, die ihn am meisten
erfreuten, lauteten:

Auf deinen lieben, schnen, poetischen Brief htt' ich dir schon
frher geantwortet, wenn ich nicht mit der Mutter acht Tage auf Besuch
bei Vetter Kronfeld gewesen wre, der, wie du weit, seine Fabrik eine
halbe Tagereise von uns hat. Die Leute sind reich, gastfrei und waren
gegen uns besonders freundlich. Der alte Herr, der mich lngere Zeit
nicht sah, hat mich frmlich in Affektion genommen, und ich mute
ihm beim Abschied versprechen, nchstes Frhjahr auf lngere Zeit
wiederzukehren, um, wie er sich ausdrckte, seiner Tochter (die der
Mutter nachschlgt und etwas in sich gekehrt und kopfhngerisch ist)
zum Vorbild zu dienen. Wie viel Vergngen wir aber dort hatten, ich bin
jetzt doch auch wieder herzlich froh, zu Hause zu seyn, und benutze die
erste freie Stunde, um dir zu schreiben.

O Heinrich, du bist gut, und ich wnsche ber Alles, da es dir auch
gut gehe und du fr dein Streben, deinen Flei und deine Ausdauer nach
Verdienst belohnt werdest. Gewi, niemand in der Welt kann sich mehr
ber dein Fortkommen und das Gelingen deiner Plne freuen. Wie schn
wre es, wenn du unsern rechnenden Kaufleuten beweisen knntest, da
man sich auch durch poetische Arbeiten eine ehrenvolle Existenz zu
schaffen vermag -- von dem Ruhm des Namens zu schweigen. Und warum
sollte es nicht mglich seyn? Dir trau' ich zu, da du alle Zweifler
beschmen wirst.

Die Schilderung der Bekanntschaften, die du gemacht hast, war von
groem Interesse fr mich; das Benehmen des Professors hat mich aber in
deinem Namen recht gergert. Unser guter Rektor, dem ich's vorhielt,
lachte und sagte zu seiner Entschuldigung nur: Ich meinte, er htte
sich gebessert; nun scheint es aber nach den Angriffen, die sein
letztes Buch erfahren hat, mit ihm noch rger geworden zu seyn. Es
schadet nichts. Unser Dichter wird Freunde genug finden und den Zopf
entbehren knnen.

Da sich die Schauspielerin fr dich interessirt, ist sehr gut. Mache
dir nur Freunde und cultivire alle Bekanntschaften, die dir ntzlich
werden knnen, denn der Werth der Leistungen reicht allein noch nicht
aus, man mu auch die Gunst der Menschen dazu gewinnen, und da darf
uns kein Gang und keine Artigkeit reuen. Aber, aber! -- die schne
Knstlerin, die einem andern gefhrlich werden knnte, lt mich doch
auch fr dich nicht ganz ohne Sorge! Wirst du immer so gefeit seyn,
wie du mir schreibst? Bist du deines poetischen Herzens so ganz sicher?
Doch, es ist mir eigentlich nicht ernst mit diesen Reden. Du bist die
treueste, ehrlichste Seele, ich kenne dich und ich vertraue dir. Lebe
wohl! Versume nichts, was deinem Unternehmen dienlich seyn kann. Dein
Stck, wenn es nur gegeben wird, mu dem Publikum gefallen. Schreibe
mir bald wieder.


                                 IV.

Die nchsten Tage verflossen unserem Dichter auf's angenehmste. Es ist
gar schn, auf ein Ziel hinzublicken, das uns, nicht allzufern, in
reizendem Lichte winkt und dessen Erreichen vernnftigerweise nicht
mehr bezweifelt werden kann. Das Verlangen darnach wird ruhiger und in
Ruhe lieblicher als vor erweckter Zuversicht: die Freude des Gelingens
wird im sichern Herzen voraus empfunden.

Heinrich fllte seine Stunden mit Arbeit und Genu in wohlthuendem
Verhltni. Die Kunstschtze der Residenz hatte er bisher nur
theilweise und flchtig gesehen; jetzt widmete er ihnen eine ernstere
Betrachtung und erhielt unter Ergtzungen aller Art eine Flle
poetischer Anregungen. Das Theater, in das ihm der Intendant freien
Eintritt gewhrt hatte, besuchte er fast regelmig, und whrend er
sich dem Vergngen hingab, das die Handlung in ihm erweckte, lernte er
immer mehr einsehen, worauf es hier eigentlich ankam. Gewhnlich war er
ganz Empfnglichkeit und der Kritik vllig unfhig beim Beginn eines
Stckes; er freute sich schon, da es nur das gab, was ihm geboten
wurde. Nach und nach trat aber das Urtheil in ihm hervor und wurde
nur um so strenger und khner. Er sah manches, was ihm vorbildlich
erschien, noch mehr aber, was ihm unrichtig und schwach dnkte und was
er besser zu machen den Beruf hatte.

Sehr anziehend war es fr ihn, die Darsteller zu beobachten, welchen er
die Hauptrollen in seinem eigenen Werke zudachte. Mit dem Heldenvater
und dem Charakterspieler war er sehr zufrieden. Der letztere schien
ihm zwar an die Grenze des sthetisch Erlaubten zu gehen; allein die
dmonische Persnlichkeit in seinem Stck war auch ungewhnlich scharf
gezeichnet und eine frappante Entfaltung mimischer Krfte vielleicht
eben in seinem Interesse. -- Die heroische Liebhaberin, die ihm schon
als Maria Stuart imponirt hatte, sah er auch als Jungfrau von Orleans,
und nach beiden Rollen mute er sie fr seine Heldin wie geschaffen
halten, da diese mit den Schillerschen Charakteren eine gewisse
Verwandtschaft hatte, obwohl sie durch eine Reinheit und Hoheit, womit
sie alle Prfungen bestand, ber beide hinausragte. Bei dem Applaus,
den die Knstlerin errang, konnte er nicht umhin, krftig mitzuwirken
und nebenbei an denjenigen zu denken, den er bescheiden hinzunehmen
hatte.

Sein neues Drama rckte vor. Der Entwurf war genau und erlaubte ihm
stetiges Fortarbeiten. Die fertigen Auftritte schienen ihm anziehend
und spannend, er freute sich von einem Tag zum andern auf die
Fortsetzung, und ein Gefhl sagte ihm: es mu werden!

Eine Mahnung des Dankes bewog ihn, Doctor Dorn zu besuchen. Er wurde
freundlich empfangen und die Art, wie er seine Erkenntlichkeit
ausdrckte, heiter vernommen. Nach einer Weile fragte ihn der
Journalist, welche Bltter ihm dermalen offen stnden. Als Heinrich ihm
bekannte, da er in Journale seit lngerer Zeit nichts geschrieben,
weil er ganz und gar von seinen dramatischen Arbeiten in Anspruch
genommen werde, schttelte Dorn mibilligend den Kopf und sagte: Da
haben Sie sehr unrecht gethan, mein lieber Freund! Zeitungen mssen
einem immer zur Verfgung stehen, damit man Freundlichkeiten nicht nur
in Empfang nehmen, sondern auch erwiedern kann. Wenn Sie als Dichter
bekannt werden wollen, mssen Sie nothwendig auch als Referent und
Kritiker thtig seyn; denn wer seine Hand nicht in einigen Blttern
hat, also weder ntzen noch schaden kann, auf den wird man bald keine
Rcksicht mehr nehmen.

Heinrich konnte die Bndigkeit des Schlusses nicht lugnen -- unter
gewhnlichen Verhltnissen. Da er aber sein Streben und sein Talent
fr eine Ausnahme hielt, die solche Vorsorge gar nicht nthig haben
wrde, durfte er dem Andern doch auch nicht gestehen. Er nickte daher
bedeutsam, lchelte ein wenig und schien die gute Lehre begriffen zu
haben.

Dorn betrachtete ihn mit Vergngen und mit einem schelmischen Zug um
den Mund, wie einen, den man auf den rechten Weg zu leiten im Begriff
ist. Nach etwelchen Fragen, die sich auf Heinrichs jngste Erfahrungen
bezogen, legte er diesem ein broschirtes Buch vor und fragte ihn, ob
er es schon gelesen habe. Jener verneinte es und setzte hinzu, da ihm
auch der Name des Autors noch nicht vorgekommen sey.

Dorn schmunzelte. Das ist nicht zu wundern, sagte er. Das Buch ist
von mir. Ich wollte aber in einem satirischen Roman ganz ungenirt seyn,
und so hab' ich's pseudonym herausgegeben. -- Ah, rief unser Poet,
das mu pikant seyn! -- Ich meine schon, erwiederte der Autor mit
gemthlicher Selbstgeflligkeit. Aber bis jetzt hat es doch noch
nicht die Beachtung gefunden, die ich mir versprochen habe. Es ist
freilich noch nicht lang heraus und mu eigentlich erst bekannt werden.
-- Interessirt Sie's? fuhr er nach einem Moment fort, wollen Sie's
lesen? -- Wre mir allerdings sehr lieb -- -- So nehmen Sie's mit
nach Hause.

Heinrich fhlte wohl, da er damit eine Verpflichtung auf sich nahm.
Allein er konnte schicklicherweise nicht zurck, steckte das Buch ein
und verlie den guten Freund mit dem Entschlu, das Opus zu lesen, und
wenn es irgend anging, in einem Journal zu empfehlen.

Im Theater war ihm eine eigene Genugthuung vorbehalten. Rosa trat in
einem neuen Familienstck auf und fhrte die Partie eines Mdchens,
die mit aller Munterkeit eines frhlichen Herzens auftrat, aber
nach hereingebrochenem Unglck unerwartete, rhrende Festigkeit und
Hingebung bewies, in so ergreifender Weise durch, da sie in den
letzten Akten den rauschendsten Beifall erntete. Die Theaterkenner
schauten sich verwundert an und gestanden sich, da sie ihr das nicht
zugetraut htten; Heinrich, dem Thrnen in die Augen getreten waren,
fhlte sich beraus glcklich und namentlich auch dadurch befriedigt,
da er ihr Talent so richtig begriffen, sie auf die besondere Fhigkeit
schon aufmerksam gemacht hatte.

Am andern Tage trieb es ihn zu ihr, um zu gratuliren und ihr sein
frheres Wort in's Gedchtni zurckzurufen. Das letztere gerieth ihm
etwas mentorartig und die Knstlerin zuckte unwillkrlich die Achseln.
Nun, sagte sie, ich mu am Ende doch daran glauben, da noch etwas
mehr in mir steckt, als ich bis jetzt selber gedacht habe. Wenn das
Publikum mit seinem Beifall sich irren kann, so geben mir doch Kenner
und Aesthetiker, wie Sie, die vollste Brgschaft. Eigentlich, fuhr
sie nach kurzem Innehalten leichter und gutmthiger fort, kommt es
wohl nur auf die Rolle an, die man erhlt. Der Dichter schreibt vor,
wir mssen ausfhren, und -- es wchst der Mensch mit seinen grern
Zwecken.

Heinrich erwiederte, dieser Schillersche Spruch sey allerdings richtig,
aber das Wachsen setze die Kraft selber voraus, und die Freundin
thte wohl daran, von der gestern Abend glnzend erwiesenen Gabe der
Rhrung und Erhebung fteren und umfassenderen Gebrauch zu machen. Die
freundschaftliche Besorgtheit um ihr Talent und dessen Ausbildung zog
dem Poeten einen Blick zu, den er zu deuten nicht in der Lage war,
obwohl ihn ein neues Achselzucken begleitete. Seine Vermuthung ging auf
eine geringere Schtzung eben dieser Gabe von Seiten der Knstlerin,
und er suchte nun zu beweisen, wie sehr sie durch die entsprechende
Pflege derselben sich steigern, ergnzen, und welch vollkommene
Genugthuung sie dann empfinden wrde.

Rosa hrte stumm zu. Als er mit seiner Argumentation fertig war,
sagte sie: In Ihrer Tragdie hab' ich noch nicht weiter lesen
knnen; ich mu dazu ganz ruhig und gesammelt seyn. -- Ich drnge
durchaus nicht, erwiederte Heinrich. -- Das ist mir lieb. Auch fr
die nchsten Tage geht's noch nicht. Sie wissen, das Theater ist
unberechenbar, und ich soll bermorgen gegen alles Erwarten eine Rolle
spielen, die ich fast ganz vergessen habe. -- Das vertrgt sich
allerdings nicht mit der Lektre meines Stcks, versetzte der Poet,
und ich wrde selber bitten, da Sie sich von jetzt an mglichst im
Zusammenhang erhalten mchten.

Es wurde ausgemacht, da Rosa, wenn sie fertig wre -- in acht,
hchstens zehn Tagen glaubte sie es zu seyn --, den Dichter zu sich
bitten lasse. Heinrich meinte lchelnd: es sey vielleicht gut, wenn er
sich noch etliche Zeit in ser Tuschung wiegen knne, und empfahl
sich, des Rufes gewrtig.

Acht Tage vergingen, ohne da dieser erfolgte. Der Poet brachte den
ersten Akt seines neuen Stcks zu Ende und machte sich rstig an den
zweiten. Im Eifer des Schaffens kam in ihm die Neugierde, das Urtheil
der Knstlerin zu vernehmen, so wenig empor, da er drei fernere Tage
ruhig hingehen lie. Als aber noch zwei verstrichen, ohne da Botschaft
an ihn ergangen wre, da fing er doch an bedenklich zu werden; eine
dumpfe Aufregung strte sein Denken und Schaffen, und er beschlo,
unaufgefordert anzufragen. Im Grunde war Verschiedenes mglich, er
brauchte noch gar nichts Uebles zu frchten bei einer so geringen
Hinausschiebung, die ein kleiner Zwischenfall beim Theater erklrte;
aber eben darum wollte er nachsehen, um durch Kenntni des wirklichen
Motivs den Gedanken ein Ende zu machen, die ihn zu belstigen anfingen.

Es war ein Operntag; Heinrich begab sich in die ihm so trauliche
Wohnung, die er nun doch mit Herzklopfen betrat, gegen Abend und wurde
von den beiden Frauen, obschon er sie ernster als gewhnlich traf, so
herzlich, so gtig empfangen, da er sofort leichter zu athmen begann.

Nach einer Weile sagte Rosa: Sie kommen heute gelegen; ich htte Sie
morgen zu uns eingeladen. -- Sie sind also fertig? entgegnete der
Poet lebhaft. -- Seit gestern, obwohl ich manche Scenen wiederholt
gelesen habe.

Heinrich, dankend, sah die Knstlerin an. Aus ihrer gehaltenen Miene
war ihr Urtheil nicht abzunehmen, obwohl dem Autor so viel klar wurde,
da er unbedingte Beistimmung, wie die ersten Akte sie gefunden, in
Bezug auf das Ganze nicht wohl erwarten durfte. Etwas zgernd fragte er
daher: Und Ihre Ansicht?

Rosa schwieg einen Moment, dann sagte sie: Ich habe das ganze Stck
mit dem grten Interesse gelesen. Heinrich nickte, indem seine
Miene unwillkrliches Bedenken verrieth. Und die Poesie, die Sie in
den ersten Acten fanden, fragte er dann, ist sie Ihnen auch in den
folgenden erschienen? -- O, allerdings, erwiederte sie. Es sind
reizende Scenen darin, ergreifende, erschtternde Momente! -- Nun,
versetzte der Autor, wieder beruhigt, das ist schon etwas! Wie lautet
aber Ihr Urtheil im Ganzen? und namentlich, was hab' ich auf der Bhne
zu hoffen?

Das Mdchen sah ihn an und schien ber die Antwort nicht mit sich in's
Reine zu kommen; dann, mit einer gewissen Entschlossenheit, aber doch
zugleich mit bescheidener Zurckhaltung im Ton, versetzte sie: Was
den Bhnenerfolg betrifft, so getrau' ich mir, offen gestanden, nicht,
Ihnen etwas Bestimmtes vorherzusagen.

Der Poet war betroffen, ja bestrzt. Ah, rief er, das htt' ich
nicht erwartet! -- Sie glauben also, da es auf der Bhne keine Wirkung
machen wird? -- Das ist nicht meine Meinung, entgegnete Rosa
lebhaft, indem sie eine gewisse Verwirrung nicht verbergen konnte.

Die Mutter, die bisher still vor einer weiblichen Arbeit gesessen
hatte, bemerkte nun: Rosa will nichts weiter sagen, als da sie Ihnen
einen Erfolg, wie wir ihn alle wnschen, nur nicht verbrgen kann. Die
Mglichkeit will sie keineswegs bestreiten. -- Durchaus nicht! fuhr
die Schauspielerin fort. Bei einer gewagten Handlung, und die Ihrige
ist gewagt, kmmt's auf eine Linie an. Wird das, was man den Zuschauern
bietet, ihnen eben noch recht, oder wird's ihnen schon zu viel, zu
stark seyn? Das ist die Frage, auf die sich namentlich bei Tragdien
vor der Auffhrung niemand eine sichere Antwort gestatten wird.

Der Dichter war sehr betreten. Nach der schnen und reinen Anerkennung
der ersten Akte hatte er eine Ausdehnung dieses Urtheils auf das Ganze
um so mehr erwartet, als nach seiner Meinung das Hauptgewicht der
Handlung durchaus in der zweiten Hlfte lag. Zuletzt etwas bedenklich
geworden, hatte er sich doch hchstens auf Beanstandung einer und
der andern Einzelnheit gefat gemacht. Da das Ganze, die scenische
Wirksamkeit der Tragdie berhaupt, eine Frage werden knnte, das hatte
er nicht fr mglich gehalten; es berraschte ihn schmerzlich, er
konnte noch nicht daran glauben.

Aber, begann er, indem sein verdstertes Gesicht sich wieder zu einem
Ausdruck von Selbstgefhl erhob, die Sprache, wie Sie selber zugeben,
ist doch poetisch, die Handlung anziehend, fesselnd, und in allen
Akten, besonders in den letzten, kommen Auftritte vor, von denen Andere
gemeint haben, da sie bedeutenden Effekt machen mten. -- Gerade
ber diese Auftritte in den letzten Akten, entgegnete die Knstlerin,
und ber die Wirkung derselben auf's Publikum traue ich mir kein
bestimmtes Urtheil zu. Effektvoll sind sie, das ist keine Frage. Aber
wenn sie nun -- wehe thten? -- Sie meinen, da sie vielmehr peinlich
als tragisch wirken knnten? Aber meine Hauptpersonen sind durch ihren
Geist und Charakter innerlich so reich und so erhaben, sie triumphiren
im Leid, gewinnen im Untergang -- -- Das ist Ihre Absicht mit ihnen
gewesen, versetzte Rosa, man sieht das wohl. Nun, und in Rcksicht
darauf mcht' ich allerdings das Gelingen fr eben so mglich halten.

Meine Tochter, begann die Frau wieder, ist nur so ehrlich, Ihnen
keine Hoffnung machen zu wollen, die sich nachher nicht erfllen
knnte; und darin, mein lieber Herr Doctor, mu ich ihr Recht geben.
Ich habe Ihre Dichtung auch gelesen und stimme mit Rosa darin berein,
da sie groe Vorzge besitzt und groes Talent verrth; wenn aber
die letzten Auftritte, worauf Sie alles angelegt haben, nicht den
beabsichtigten Effekt machen, dann kann doch, trotz aller Schnheiten,
der Erfolg nicht so ganz herauskommen, wie Ihre Freunde ihn wnschen,
und niemand herzlicher als wir.

Heinrich sah von einer auf die andere, nickte wie einer, der zu
begreifen anfngt, und sagte mit trauriger Miene: Das ist schlimm! Das
Vertrauen, das ich auf diese Tragdie gesetzt habe, ist durch diese
Urtheile erschttert; ich kann nicht mehr daran glauben und bin in
groer Verlegenheit.

Die Schauspielerin, die einen Blick herzlichen Bedauerns auf ihn
geworfen, sagte nun: An dem ist es noch nicht, mein lieber Freund!
Wir haben Ihre Dichtung als Theaterstck beurtheilt in ihrer jetzigen
Gestalt, aber die braucht sie ja nicht zu behalten. Sie knnen ja
ndern und was bedenklich erscheint, herausbringen. -- Das Gesicht des
Autors erhellte sich wieder und er erwiederte: Das ist wahr.

Rosa, mit einem gutmthigen Lcheln, fuhr fort: Lassen Sie nur
erst die Regisseure drber kommen und das Stck einrichten! So
eine Einrichtung hat schon oft Wunder gethan, und wie sollte sie
nicht einem Stck zu Gute kommen knnen, das an Schnheiten so reich
ist? Vielleicht schlgt man Ihnen auch vor, einzelne Partien ganz
umzuarbeiten --

Heinrich stand nachdenklich. Und dazu, sagte er dann, mte ich
mich wohl verstehen? -- Gewi, rief das Mdchen. Ein Theaterstck
ist noch ganz was anderes, als eine dramatische Dichtung; und wohl
dem Autor, wenn man aus einer solchen berhaupt ein wirksames Stck
herausschneiden kann! Es lohnt sich darum schon der Mhe, noch ein paar
Wochen daran zu setzen.

Heinrich lchelte mit Ergebung. Ich sehe schon, erwiederte er, ich
mu wieder von vorn anfangen! -- Theilweise, versetzte Rosa, und
das thut nichts! Hren Sie berhaupt erst das Urtheil der Regisseure.
Ich mu Ihnen bekennen, ich habe mich Ihrer Dichtung gegenber auf
etwas eingelassen, dem ich doch eigentlich nicht gewachsen bin. Einer
im hheren Styl gearbeiteten Tragdie es anzusehen, welchen Erfolg sie
auf der Bhne haben werde, mein lieber Freund, das ist sehr schwer,
und da knnen noch ganz andere Leute daneben treffen, als eine junge
Schauspielerin, die in diesem Fach wirklich nicht zu Hause ist. Nun,
fuhr sie nach einem Moment fort, zuletzt mu man's eben darauf
ankommen lassen. Ich wei, da Stcke, denen noch auf der Leseprobe
der beste Erfolg prophezeit wurde, so ziemlich durchgefallen sind,
whrend andere, ber die man die Achseln zuckte, angesprochen haben.
Auf den Brettern ndern sich die Verhltnisse oft ganz unerwartet, und
wir Schauspieler bringen mit einander heraus, was wir vorher selber
nicht wissen knnen. Das Publikum, das die Eindrcke empfngt, hat zu
urtheilen, und urtheilt auch; bei ihm ist der letzte und entscheidende
Spruch, und darauf hin mu man's wagen. -- In Gottes Namen! rief
Heinrich; wagen wir's! Und wenn Mnner von Einsicht vorher Aenderungen
verlangen -- ndern wir!

Nach diesen krftig betonten Worten erheiterten sich die Mienen. Man
war zu einem Resultat gekommen und lie die Sache fr jetzt auf sich
beruhen, indem Heinrich sich vorbehielt, an einem der nchsten Tage
mit den Freundinnen ber Einzelnheiten des Stcks zu berathen. Eine
Unterhaltung ber andere Gegenstnde konnte nicht lang dauern. Die
Frauen waren ausgebeten, und Heinrich verabschiedete sich. Er hatte zu
seinem Opus wieder Vertrauen gewonnen und war entschlossen, es auf das
Glck der Schlachten ankommen zu lassen.

Wenn Heinrich die Erklrungen der beiden Schauspielerinnen berdachte
und eins in's andere rechnete, brauchte er den Muth in der That noch
nicht zu verlieren. Der Geschmack beider neigte sich zum Genre,
zum Angenehmen und Reizenden, zur leichten Rhrung. Das Groe, das
Erschtternde und eigentlich Tragische war ihnen -- zu stark. Darum das
enthusiastische Lob des ersten Drittheils seines Stcks, das in milder
und hchstens ahnungsvoller Beleuchtung stand, und das zweifelnde
Zurckscheuen vor den Schlgen des endlich sich entladenden Gewitters.
Mnner, zumal solche, deren Fach die Tragdie war, muten nothwendig
anders urtheilen und gaben wohl umgekehrt der zweiten Hlfte den Vorzug
vor der ersten.

Unter solchen Gedanken kam er nach Hause. Als er in seine Stube
eintrat, sah er, trotz des nchtlichen Dunkels, auf seinem
Schreibtisch ein Paket liegen, das er mit einem zufriedenen Ausruf
begrte. Er hatte seinen Vater um Uebersendung eines Collegienheftes
gebeten, das er zu Hause gelassen, freute sich nun der schnellen
Besorgung, degleichen auf Nachrichten von Hause, und machte eilig
Licht. Im Schein der brennenden Kerze warf er einen Blick auf die
Adresse: die Hand war fremd. Er betrachtete das Siegel und ein Schauer
berlief ihn: die Sendung kam von der Intendanz, es war die Abschrift
seiner Tragdie.

In der That enthllte sich diese aus dem aufgerissenen Umschlag.
Ein beigelegtes Schreiben, das der Poet mit einer heftigen Bewegung
entfaltete, lautete kurz:

Ew. Wohlgeboren stelle ich das eingereichte Manuscript Ihrer
historisch-romantischen Tragdie hiemit ergebenst wieder zurck, indem
ich lebhaft bedaure, da dieselbe zur Darstellung auf hiesiger Hofbhne
nicht geeignet befunden wurde. Mit Hochachtung -- von Dachburg.

Heinrich, nachdem er das Blatt auf den Tisch fallen lassen, stand und
rang mit der Verzweiflung, die unaufhaltsam in ihm empor drang. Nun war
Alles verloren -- Alles! Wenn die erste Bhne seines Landes -- sie,
die vor allen berufen war, hherer Dichtung entgegen zu kommen, ihm
ein Werk, das er mit seinem Herzblut geschrieben, so verachtungsvoll
zurckschicken konnte, dann hatte er bisher im Traum eines Thoren
gelebt; er hatte sich ber die Welt und sich selber gnzlich getuscht
-- er war Nichts! Der Grund, auf dem er vorwrts zu gehen meinte, wich,
und er sank in's Bodenlose!

Welche Liebe hatte er seiner Dichtung zugewendet! welch liebenden
Flei, Jahre hindurch! -- Was hatte er in sie hineingearbeitet
von edlen Gedanken, holden Gefhlen, groen Vorstellungen,
erhabenen Phantasiebildern! Wie hatte er sich gefreut, wenn ihm
das Unaussprechliche doch auszusprechen gelungen war und es in
wohllautendem Vers, in blhendem Bild ihm selber wohlgefallen mute!
Und nun war Alles nichts -- Alles umsonst! Mit tdtlich khler Phrase
wies man die Frucht ausdauernder Begeisterung von der Schwelle des
Lebens und rief ihm zu: Fort in die Finsterni -- und vergehe! Nicht
einmal einen Versuch machen mit einer Schpfung, deren poetischer
Gehalt ber allen Zweifel erhaben war! Nicht einmal einen Vorschlag,
die Flle des Schnen darin fr die Bhne zu retten! Verworfen ohne
Weiteres!

So kurzer Proce wird mit dem Ernsten und gro Angelegten gemacht,
whrend man das Seichte, das kindisch Ergtzliche begierig ergreift,
ja sogar dem Verderblichen die Hallen des Kunsttempels ffnet! Wahr
ist also, was geklagt wird: die Poesie ist in die Acht erklrt! Die
Menge will das Gemeine, und das Theater bietet es ihr, um fr die
hingeworfene Ehre das Geld in Empfang zu nehmen!

Und nun, was soll geschehen? Er dachte an Auguste, an ihre, an
seine Eltern -- und es war ihm, als ob eisige Messer ihm die Brust
zerschnitten. An derselben Vorstellung aber, die ihm noch die bitterste
Qual verursachte, erhob er sich wieder. Es ist eine Prfung fr uns
-- Auguste wird sie bestehen -- und ich mu sie auch bestehen! Die
Meinigen mssen sich ergeben! Was daraus werden mag -- genug der
Verzweiflung!

Er nahm das Manuscript nebst dem Schreiben der Intendanz und verschlo
es in seinen Schrank. Dann schlug er ein sthetisches Werk auf, an
dem er eben studirte, las und suchte sich mit Gewalt in den Inhalt zu
vertiefen. Was aber schon so mancher erfuhr, der in hnlicher Lage war,
das mute nun auch Heinrich erfahren. Die schmerzlich getroffene Seele
kann, so lange die Wunde brennt, sich nicht in der Fassung erhalten,
die sie sich auferlegt. In demselben Augenblick, in dem der kmpfende
Wille schon gesiegt zu haben meint, bricht die Leidenschaft wieder
durch und vernichtet mit Einem Aufsturm die mhsam errungene stolze
Haltung. Die Motive des Zorns dringen gegen die Grnde des Trostes an,
vertreiben sie mit unwiderstehlicher Gewalt und behaupten das Feld, das
gepeinigte Menschenherz!

Heinrich, matt an Leib und Seele, warf sich endlich auf's Lager und
suchte die erlsende Wohlthat des Schlafes; aber vergeblich. In
erneuerter Aufregung und neuem Kampf dagegen, in tief dem Gefhl, der
Frucht klarster Anschauung seiner Niederlage, und wstem Durcheinander
weher Empfindungen ging -- langsam genug -- Stunde um Stunde dahin, und
erst gegen Morgen lie ihn die Erschpfung in einen dumpfen Schlummer
sinken.

Wie kurz dieser whrte und wie unruhig er war, der rstige junge Mann
fhlte sich beim Erwachen doch wieder gekrftigt. Die Pflege des Leibes
erwies sich auch fr ihn als abziehend von den Leiden der Seele. Durch
ein substantielles Frhstck wurde die Restauration so weit gefhrt,
da wieder frmlicher Unternehmungsgeist in ihm aufkam. Er eilte zu
Willmann, ihm sein Unglck mitzutheilen und wo mglich etwas Nheres
ber die Grnde der Ablehnung zu erfahren, wornach er jetzt die grte
Neugier empfand.

Der praktische Literat empfing ihn mit ernstem Gesicht, in dem nur
ein viel feinerer Beobachter, als unser Poet jetzt war, auch noch den
Ausdruck einer gewissen Zurckhaltung htte bemerken knnen. Wie
Heinrich den Bericht anfangen wollte, entgegnete er ihm: Ich wei
schon, was Sie zu mir fhrt. Die Intendanz hat Ihnen die Tragdie
zurckgeschickt -- -- Mit den geringsten Umstnden von der Welt! Und
ich habe nun das Vergngen, fr die Aussaat des Besten, was ich besa,
und fr die treueste Pflege desselben Verdru und Schmach zu ernten!

Der Doctor nickte mit Ernst. Ich kenne diese Empfindungen aus eigener
Erfahrung, erwiederte er dann, und bedaure Sie von Herzen. Zu thun
ist aber nichts mehr in dieser Sache, denn beide Regisseure haben sich
gegen die Auffhrung erklrt. -- Beide! rief Heinrich, indem eine
leichte Blsse ber seine Wangen flog. Aber, fuhr er nach einer Pause
sich wieder ermannend fort, was haben sie denn fr Grnde, das Stck
fr ganz und gar unbrauchbar zu erklren? Ich resignire natrlich, das
versteht sich von selbst; aber diese Grnde kennen zu lernen, hab' ich
wirklich ein groes Verlangen.

Dieses, versetzte Willmann, glaube ich befriedigen zu knnen. Ich
habe mit den Herren gesprochen. Es thut beiden leid, da sie das Stck
nicht zur Annahme empfehlen konnten -- ja, ja, auch dem Komiker, er
hat mir's wenigstens ernstlich versichert -- und ich glaube nun, da
es ihnen selber lieb seyn wird, die Motive, die sie zu ihrem Votum
bestimmt haben, Ihnen bekannt werden zu lassen. Vielleicht kann ich
Ihnen die Abschriften heute noch zuschicken. Heinrich ergriff seine
Hand und rief: Sie wrden mich auerordentlich verbinden! Da ich nun
doch einmal nichts kann, so mcht' ich wenigstens erfahren, woran's
liegt, um allenfalls, wenn's unvermeidlich wird, bei Zeiten mich auf
ein anderes Metier zu werfen.

Willmann schttelte den Kopf. Nicht so desperat, mein Freund!
entgegnete er. Ich kenne Ihr Stck nicht und kann also eigentlich
ber Ihr Talent nicht urtheilen; aber zum Aufgeben Ihrer Bestrebungen
scheint mir noch durchaus kein Grund vorhanden. Lesen Sie zunchst die
Urtheile der Regisseure, die ich selbst noch nicht kenne und auf die
ich ebenfalls gehrig neugierig bin.

Als unser Poet Abends in seiner Stube brtend sa, kam die zugesagte
Sendung an. Mit begreiflicher Hast ffnete er das Couvert, nahm
die Papiere heraus und griff zuerst nach dem Votum des tragischen
Knstlers. Dasselbe lautete:

Das historisch-romantische Trauerspiel ist ein Erstlingswerk und
erweckt als solches schne Hoffnungen fr die Zukunft. Der Dichter
gebietet ber einen nicht gewhnlichen Schatz von Empfindung und
Phantasie, besitzt auch einen natrlichen poetischen Takt, und wo
diese mit einander ausreichen, wie in den ersten Akten, da gelingen ihm
anziehende und darstellbare Scenen. Noch im dritten Akt glaubte ich das
Stck zur Annahme vorschlagen zu knnen, aber gegen das Ende desselben
zeigt sich ein Mangel an Klarheit des Baus und an Motivirung, der in
den letzten Akten immer fhlbarer wird, so da wir von dem Ganzen
einen wsten und peinlichen Eindruck mit hinwegnehmen. Der Dichter
malt zu sehr in extremen Farben, und nicht nur die bsen, sondern
auch die edlen Charaktere des Stcks machen endlich den Eindruck von
Carikaturen. Das Liebespaar drngt sich ordentlich zum Mrtyrthum,
unter bertriebenen und prunkenden Deklamationen; wo aber nicht mehr
natrlich und menschlich empfunden wird, da knnen wir nicht mitfhlen
und finden daher auch keine Befriedigung. Ich habe reiflich erwogen,
ob dem Stck durch Streichen zu helfen wre, aber bald gesehen, da
es einer vlligen Umarbeitung bedrfte. Die Tragdie ist trotz des
poetischen Talents, das der Verfasser in allen Akten beweist, als
Theaterstck verfehlt, und die Auffhrung in seinem eigenen Interesse
nicht zu wnschen.

Heinrich hatte die Lektre mit einem gewissen Trotz begonnen und
glaubte mit ihm das Schlimmste bestehen zu knnen; aber der Trank, den
er zu verschlucken bekam, wurde gegen das Ende doch gar zu bitter;
unter unwillkrlichem Schaudern leerte er den Kelch und empfand auf's
neue die ganze Pein der Niederlage. Fr den einseitigen Beifall, den
ihm gute Freunde gespendet und den er sich selber zugesprochen hatte,
mute er nun in der That grausam ben. Mit einem Lcheln, welches
die Gefatheit auf eine noch strkere und abschmeckendere Mixtur
ausdrckte, nahm er das zweite Blatt zur Hand und las:

Das fnfaktige Trauerspiel von Heinrich Born habe ich mit groem
Interesse gelesen; zur Darstellung auf unserer Hofbhne konnte ich
es aber mit dem besten Willen nicht empfehlen. Die Schwrmerei der
Liebe, die im ersten Akt und theilweise noch im zweiten herrscht, ist
zwar noch recht jugendlich; aber wenn der Dialog gehrig beschnitten
wrde, mchte sich unser Publikum davon doch erwrmt und erbaut
fhlen. Die Aussicht, die uns durch die Exposition erffnet wird,
ist ahnungsvoll; indem wir aber gespannt in eine groartige Scenerie
vorschreiten wollen, versinken wir pltzlich in Moorgrund. Von dem
dritten Akt an bietet uns das Stck ein Interesse, das der Autor gewi
nicht beabsichtigt hat. Da uns hier berlange pathetische Reden
Seufzer auspressen, dort eine Reihe kleiner Scenen wie Hagelschauer
auf uns herstrzen, bemerke ich nur beilufig; obwohl die, und wie
Tugend und Laster meistens consequent nach Vorschrift sich aussprechen,
eines komischen Eindrucks nicht verfehlen wrde. Das Schlimmste ist
aber die Verletzung der poetischen Gerechtigkeit im Ausgang. Die
Hauptpersonen erliegen im Kampf und finden den Tod, obwohl sie ihn
in keiner Art verdient haben. Uebertriebenes Pathos und ein auf die
Lnge schwer zu ertragender Adel der Gesinnung mu ihnen freilich
zur Last gelegt werden; aber wie streng die auch der gelangweilte
Zuschauer beurtheilen mag, als Todsnden knnen sie am Ende doch nicht
gelten; und so wrde sich das schwergeprfte Publikum zuletzt auch
noch darber rgern mssen, da das beredle Paar untergeht, whrend
von den Missethtern nur Einer mit in den Abgrund gerissen wird und
die brigen, die auch noch erkleckliche Bsewichter sind, aus ihrer
Betubung sich wieder erholen und ihr Metier fortsetzen knnen. -- Sey
mir zum Schlu noch erlaubt zu bemerken, da der junge Dichter, trotz
aller dieser Migriffe, nicht nur poetische, sondern auch dramatische
Begabung verrth und darum in aller Weise verdient, da die Hofbhne
durch Nichtauffhrung dieser seiner Tragdie ihm eine groe Beschmung
erspart.

Es gibt ein gewisses Ma von Widerwrtigkeit, das die menschliche Seele
in sich aufnehmen kann; was darber in sie eindringen will, das findet
sie entweder fhllos oder entschlossen zur vollkommenen Entsagung, kann
daher nicht mehr auf sie wirken. Unser Poet hatte zur Verurtheilung
eines Werkes, da er mit aller Begeisterung der Liebe geschaffen und
das ihm theuer, ja heilig geworden war, jetzt auch noch den Hohn zu
kosten bekommen. Was konnte weiter geschehen? Welche Anklage, welche
Schande gab es noch fr ihn? Vorderhand schien der Kcher des Unheils
erschpft zu seyn.

Ruhiger las er die beiden Absprche wieder. Ihm fiel jetzt namentlich
die Rcksichtslosigkeit auf, womit die Herren ihren Tadel ausdrckten.
Von der Achtung, die nach seiner Ansicht ein Dichter unter allen
Umstnden ansprechen konnte, war in diesen Erklrungen sehr wenig zu
bemerken, ja es lie sich nicht lugnen, da die zweite das Gegentheil
davon recht vergnglich zur Schau trug.

Er war bereit, Vorschlge zu Streichungen und Aenderungen, wie weit
sie gehen mochten, anzunehmen und auszufhren. Und wenn die geschah,
wie sollte eine Dichtung, die schon beim Vorlesen Begeisterung erweckt
hatte, von der Bhne herab nicht vielmehr noch gewaltiger ergreifen?
Aber freilich: gespielt mute sie werden, und dazu mute sie verstanden
seyn! Die Hauptcharaktere muten Darsteller finden, welche den Adel
derselben als Natur erscheinen lieen; und auf diese Bedingung scheint
man im Gefhl der Ohnmacht hier stillschweigend verzichtet zu haben!
Den Seelenadel zu verspotten, war freilich leichter!

Nun war aber in der That alles aus. Das Gebilde, das hier zum wahren
Leben gelangen sollte, war hingetilgt und auch als Schatten vernichtet.
Der Autor, welcher Mrtyrer der hchsten menschlichen Tugenden
geschildert hatte, war selbst Mrtyrer seines Strebens; er erlag den
Streichen, die -- ein Philister und ein Spamacher gegen ihn gefhrt
hatten! Der Unmuth, den er ber die Ungerechtigkeit empfand, und der
Stolz, der sich in ihm regte, erhoben ihn wieder zur vollen Kraft
des Trotzes gegen die Welt; und dieses Gefhl gab ihm endlich auch
die Stimmung zu einem Bericht seines Migeschicks an die Geliebte.
Er setzte sich an den Pult, berlegte, wie sie und ihre Eltern das
Erlebni auffassen mten, und schrieb:

In meiner Tragdie hab' ich groe Seelen geschildert, welche den
Prfungen des Lebens unbeugsamen Muth entgegenstellen und, vom wahren
Standpunkt angesehen, aus allen siegreich hervorgehen. Nun, meine
geliebte Auguste, mir selber ist jetzt eine Prfung auferlegt, die ich
zu bestehen habe. Aus Grnden, die ich durchaus unstatthaft finden
mu, hat die hiesige Intendanz die Annahme meines Stckes verweigert.
Man gesteht mir poetische und speciell dramatisch poetische Begabung
zu, man findet Anmuth und Schnheit in dem Werke; aber man behauptet,
die Effekte in den letzten Akten wren zu stark, knnten eher den
gegentheiligen als den beabsichtigten Eindruck machen, und glaubt
nun die Auffhrung nicht wagen zu drfen. Ich kann das in keiner Art
zugeben, bin vielmehr berzeugt, da durch gewisse Krzungen und
Abnderungen eben das wirksamste Bhnenstck daraus zu machen wre.
Allein die Ablehnung ist nun einmal erfolgt, und ich halte es unter
meiner Wrde, mich damit wieder aufzudrngen. Der Ersatz und Trost ist
jedoch schon da. Ich arbeite an einem neuen Stck, worin das, was man
am ersten getadelt hat, aus allen Grnden gar nicht vorkommen kann;
ich bin schon im zweiten Akt, und hoffe mit ihm noch entschiedener
zu erreichen, was mit unserer Tragdie anzustreben mir versagt wird,
indem ich mir vorbehalte, auch diese noch zu den Ehren durchgreifender
Bhnenwirkung zu bringen. Der Erfolg, den zu holen ich hieher gekommen
bin, ist nur vertagt.

Sehr verdrielich ist mir diese Erfahrung dennoch, und im ersten
Moment, wie ich nicht lugnen will, bte sie eine entmuthigende Wirkung
auf mich. Ich besann mich aber wieder auf meinen Beruf, meine Kraft,
und halte den Kopf oben. La mich du nun die Stimme der Liebe hren,
die Trostworte einer edeln und gtigen Seele! Mein Selbstgefhl und
meine Thatkraft hab' ich wieder; aber dein liebender Zuruf wird mir
auch die Freude, die schne Begeisterung wieder bringen, womit die
Poesie von selbst aus der Seele fliet. Ich verlange sehnlich nach
einem Wort von dir. Gre die Eltern und la ihnen die Sache in einem
Licht erscheinen, das sie am wenigsten verletzt. Schreibe mir bald,
liebe Auguste, sobald als mglich!

Heinrich trug diesen Brief selber auf die Post. Nachdem die aber
geschehen, fhlte er sich matt an Leib und Seele, und da er in der
gegenwrtigen Situation durchaus kein Interesse hatte, mit Bekannten
zusammenzutreffen, so begab er sich in ein Gasthaus. Das preiswrdige
Getrnk durch die Kehle gieend, empfand er bald seine zugleich
strkende und besnftigende Wirkung. Es war eine eigene, in ihrer
Art auch poetische Lust, nach der eben so groen als unerwarteten
Niederlage melancholisch den Gaumen zu erquicken und im Herzen
allgemach die Hoffnung wieder aufleben zu lassen; ein wundersames
Durcheinander von Gefhlen. Nachdem er dem gewhnlichen Ma des
Abendtrunkes noch einen Zusatz gegeben, fand er die Kraft in sich, die
beiden Regisseure mitsammt der Theaterintendanz tief unter sich zu
erblicken und ihnen mit allem Vergngen die Titel zu geben, die sie
nach seiner Ansicht grndlich verdient hatten. Schlag gegen Schlag und
Hohn gegen Hohn -- das thut der mnnlichen Seele wohl, und der Geist
erhebt sich wieder zu der ihm gebhrenden Hhe.

Es war Mitternacht, als Heinrich nach Hause kam. Die Schmhmonologe
laut fortsetzend und damit sein Herz inniglich ergtzend, legte er sich
zu Bette und fiel bald in tiefen Schlaf.


                                 V.

Heinrich, als Dichter, war sehr empfindlich fr ble Eindrcke; aber
wie tief sie im ersten Moment gehen mochten, ihre Dauer war kurz, da
seine elastische, vorwrts gehende Natur sich nach Mglichkeit immer
wieder davon befreite. Am folgenden Morgen, nach einem Schlummer, in
welchem er das in voriger Nacht Versumte grndlich hereinbrachte,
hatte er seine Gefatheit wieder und geno einer wohlthuenden Stille
des Herzens. Freudlos war er allerdings und nicht gehoben durch das
schne Leben der Hoffnung, aber doch vorlufig getrstet. Im tiefsten
Innern war noch ein unerschtterlicher Rest von Zuversicht, und mit ihm
gedachte er das gefallene Gebude seines Glcks aufzurichten.

Als er in der warmen Stube hin und her wandelte, ging ein
humoristisches Licht ber seine Zge. Er nahm den Kalender, suchte den
Tag, an welchem die Intendanz ihm seine Tragdie zurckgeschickt hatte
und lchelte seltsam. Er las den Namen Jonas. -- Konnte es (wenn es
nicht am Ende mehr war) ein auffallenderes Spiel des Zufalls geben? Ein
aus dem Bauch eines Wallfisches an's Land gespuckter Prophet! Welche
Aehnlichkeit mit seinem Fall, wenn man, wie das bei Vergleichungen
geschehen mu, von der Unhnlichkeit Umgang nahm! Unser Poet sah sich
in seiner Ansicht bestrkt, da man hier als ungeniebar ausgeworfen
habe, was fr den betreffenden Rachen nur viel zu gut, weil viel zu
therisch war; und man findet nun gewi natrlich, da er auf das
Erlebni Reflexionen grndete, die ganz darnach angethan waren, ihn
weiter zu beruhigen.

Eine Widerwrtigkeit, auch wenn das Aergste berstanden ist,
hat aber doch immer noch ihre Folgen. Am nchsten Tage stand in
dem verbreitetsten Blatte der Residenz folgender Passus: Die
historisch-romantische Tragdie, die nach der pomphaften Ankndigung
eines hiesigen Journals ganz ungewhnliche Hoffnungen erregen sollte,
ist dem Autor, Heinrich Born, von der Intendanz als fr die Darstellung
unbrauchbar wieder zugestellt worden. So hat also auch diemal
voreiliges Lob einem jungen sogenannten Talent nicht zum Fortkommen,
sondern nur zur Beschmung verholfen!

Heinrich, als er diese Zeilen beim Mittagessen, und zwar gnzlich
unvorbereitet las, fuhr zurck wie von einer Schlange gebissen: er
fhlte in dem Einen Stich alle Pein literarischen Prangerstehens.
Hastig sah er in dem Lokal sich um und pries sein Geschick, da
wenigstens kein Bekannter da war, der ihn htte beobachten knnen.
Allerdings ein sehr fataler Beginn des ffentlichen Genanntwerdens,
nach dem er so groes Verlangen getragen und das er sich so schn
vorgestellt hatte! -- Der Appetit war ihm verdorben; er eilte fertig zu
werden, da immerhin Ein und der Andere eintreten mochte, dem er bekannt
war, und verlie die Restauration in krzester Zeit.

Aber niemand entgeht seinem Schicksal. Als er durch eine Strae
wandelte, in der die Mglichkeit einer unangenehmen Begegnung sehr
gering war, sah er pltzlich eine Figur auf sich zukommen, der er
jetzt von allen am wenigsten sich darstellen mochte -- den Professor
Sartorius. Ausweichen konnte er nicht mehr, es wre auch feige gewesen,
und so ging er gerade vorwrts, zog instinktmig den Hut und rief mit
gebhrender socialer Achtung den Gru des Tages. Der Professor lpfte
seinen Hut schweigend, sah mit einem Gesicht fr sich hin, das in
Spott und Schadenfreude die feinste Genugthuung verrieth, und ging an
ihm vorber. Er hatte den Passus nicht nur auch gelesen, sondern ihn
seiner Frau gezeigt und ihr die Anerkennung abgenthigt, wie gnzlich
er seinen Mann gleich beim ersten Gesprch erkannt habe.

Als der Poet sechs Schritte ber ihn hinaus war, drehte er sich um und
sah ihm nach. Vermaledeiter Pedant! rief er fr sich und setzte
innerlich murrend seinen Weg fort.

Eine halbe Stunde unbehelligt, hatte er doch noch ein Zusammentreffen
zu bestehen. Um eine Ecke biegend, stand er vor Doctor Dorn, der einen
leichten Ausruf der Ueberraschung hren lie und ihn dann mit einem
hchst eigenthmlichen Lcheln begrte. Es war eine Complication
von Schadenfreude, eigener Beschmung und trotziger Geringschtzung
derselben, wozu noch ein Zug spottender Anklage kam. Nun, fragte er
den gleichfalls Ueberraschten und ziemlich Verlegenen, haben Sie schon
gelesen? Der Poet machte eine Bewegung des Bedauerns, die zugleich
verachtende Erhebung ber den Unfall ausdrcken sollte.

Da haben wir uns eine saubere Geschichte eingebrockt! fuhr jener
fort. Ich habe Ihr Stck nach Ihrem Referat und nach den Versen, die
Sie mir vordeklamirten, empfohlen, und bin nun im Grund mit Ihnen
blamirt! -- Heinrich zuckte die Achsel. Es thut mir leid, entgegnete
er. Indessen, setzte er etwas spttisch hinzu, Sie werden es wohl
verschmerzen.

Dorn strich sich mit der Miene eines erprobten Kmpfers den Bart.
Nun, versetzte er, das hoff' ich auch. Morgen ist der Bettel
vergessen! -- Fr Sie, fuhr er spielend fort, ist die Sache etwas
unangenehmer; aber bilden Sie sich darum noch keinen Kummer ein! Solche
kleine Unglcksflle kommen so oft vor, da sie eigentlich gar nicht
der Rede werth sind. Auch schaden sie nichts; im Gegentheil: ein von
Vielen gelobter und Vielen geschmhter Mann ist eben eine Celebritt;
und was kann man sich Besseres wnschen?

Der Poet antwortete auf diese richtige, aber mitten im Verdru des
Blogestelltseyns doch nicht vllig trstende Bemerkung mit einem nur
halb erheiterten Gesicht. Diese Verffentlichung einer Niederlage,
sagte er dann, und der Ton, worin sie gehalten ist, verrth doch
eigentlich eine groe Feindseligkeit. Was hat das Blatt gegen mich?

Das Blatt hat nichts gegen Sie, versetzte Dorn. Aber der
Feuilletonist -- Emil Schilf -- ist Autor von zwei Stcken, die hier
mit Glanz durchgefallen sind. Die Hervorhebung Ihrer Tragdie hat ihn
gergert, das wirkliche Ressiren derselben htte ihn mit giftigem Neid
erfllt; was ist also natrlicher, als da er bei Ihrem Unglck inniges
Vergngen empfindet und sich die Freude macht, es an die groe Glocke
zu hngen? -- Verchtlich! rief Heinrich.

Begreiflich, entgegnete Dorn, und sehr gewhnlich! Er schwieg,
sah ihn freundlich an und sagte: Wie steht's mit Ihrem neuen Stck?
Rckt's vor?

Der zweite Akt ist zur Hlfte gediehen, und ich hoffe darin alles
vermeiden zu knnen, was man am ersten Drama gergt hat. -- Bravo!
Nur immer lustig vorwrts! Nach kurzem Innehalten sah er ihn von der
Seite an und fuhr fort: Haben Sie zufllig auch schon Zeit gefunden,
einen Blick in mein Buch zu werfen? -- Noch nicht. Die Aufregung
und der Verdru der letzten Tage -- -- Natrlich, fiel Dorn ein.
Aber nehmen Sie's nun doch gelegentlich zur Hand! Sie werden manches
darin finden, was Ihnen eben jetzt wohlthut -- auch ber Theater und
Theaterleute. -- Ah, rief der Poet, dafr htt' ich gegenwrtig
allerdings die Stimmung! -- So lesen Sie, erwiederte der Autor,
indem er ihm die Hand reichte; amsiren Sie sich und spitzen Sie Ihre
Feder! Es wird alles noch gut werden.

Unser Dichter hatte wiederholt die Mahnung empfunden, seine Freundinnen
zu besuchen, aber nicht die Scheu bezwingen knnen, jetzt vor sie zu
treten. Er war gar zu sehr gedemthigt, und der Gedanke, den Frauen,
denen er Achtung abgewonnen hatte, nun ein Gegenstand des Mitleids und
vielleicht gar einer Art von Geringschtzung zu werden, hatte etwas
auerordentlich Unangenehmes fr ihn. Endlich aber fate er sich doch;
er wollte auch dieses Verhltni in's Reine bringen, wenn auch um den
Preis eines vielleicht sehr fatalen Moments, und begab sich stehenden
Fues zu ihnen.

Mutter und Tochter begrten ihn sehr herzlich. Rosa ergriff seine
Hand, sprach ihr Bedauern in ernster, achtungsvoller Art aus und fgte
die sachgemen Trstungen so freundlich hinzu, da sie wahrhaft
erquickend wirkten. Heinrich, sich selbst wiedergegeben, versetzte:
Seyen Sie auer Sorge! Ich bin noch immer ein Poet, und hnge nicht
von Einem Stcke ab.

Bravo! rief das Mdchen erfreut, und die Mutter setzte hinzu:
Ein Unglck beim Anfang ist oft eher ein Glck; man hat um so mehr
Hoffnung, mit Glck aufzuhren. -- Wenn man's erlebt! erwiederte der
Poet mit etwas bitterem Humor. Indessen, das hngt nicht von uns ab.
Thun wir das Unsere und erwarten wir die Folgen!

Rosa, die aus dem Accent und der Miene Heinrichs abnahm, da er im
Innern von seinem Migeschick doch noch sehr bedrckt war, sagte fr
sich hinsehend: Wer wei, ob diese Zurcksendung Ihrer Tragdie nicht
schon selber ein Glck war!

Der Autor, der sie augenblicklich verstand, entgegnete: Sie meinen,
da mir dieses kleine Unglck das noch viel grere eines eclatanten
Falles erspart haben knnte? -- Rosa, leicht errthend, machte eine
Bewegung mit den Armen, welche die Mglichkeit nicht lugnen wollte.
-- Also auch Sie! fuhr Heinrich mit einem Ausdruck von Anklage und
Kmmerni fort, auch Sie geben das Stck unrettbar verloren! Er sah
sie an und brach unwillkrlich in die Frage aus: Ist es denn aber so
gar schlecht?

Die Frauen konnten sich bei der Naivett dieses Ausrufs einer
Anwandlung von Lachen nicht erwehren und Rosa beeilte sich zu
erwiedern: Durchaus nicht -- an sich selbst, aber fr die Auffhrung
hchst bedenklich! -- Hchst bedenklich! wiederholte der Poet,
wie einer, der betroffen die Strke eines Ausdrucks erwgt. Und das
sogenannte Einrichten konnte dem nicht abhelfen? -- Vielleicht,
erwiederte Rosa. Aber es gab so viel Kopfzerbrechens und so viel
Arbeit, da Sie leichter und sicherer ein neues Stck ausfhrten.

Der Poet, nach momentanem Besinnen, machte eine entschlossene Bewegung
und rief: In Gottes Namen! Das neue Stck, wie Sie wissen, ist
angefangen, und ich werde es zu Ende bringen. Die Lust, zu schaffen,
ist noch die alte, und der Muth degleichen! -- Die Knstlerin
schwieg und ihre Miene verrieth keine Zustimmung. -- Sie zweifeln am
Gelingen? rief Heinrich. Wie! Haben Sie gar kein Vertrauen zu mir?
-- Zu Ihnen, erwiederte Rosa mit herzlichem Ernst, alles, zu Ihrem
neuen Stck wenig. Es ist wieder ein Trauerspiel!

Nun, versetzte Heinrich nicht ohne Unmuth, das ist doch wohl an sich
kein Verbrechen! Oder soll das Trauerspiel ganz in die Acht erklrt
seyn? Darf jetzt berhaupt keines mehr geschrieben werden? -- Das,
versetzte Rosa, will ich durchaus nicht sagen. Aber der Gegenstand
Ihres neuen Stcks hat seine Gefahren; ich wnsche Ihnen sicheren
und wo mglich allgemeinen Erfolg, und der ist jetzt nur mit einem
gelungenen Schauspiel oder Lustspiel zu hoffen.

Heinrich, durch die freundschaftliche Theilnahme begtigt, entgegnete:
Es mag seyn; ein rein realistisches Drama kann, wie der Geschmack
jetzt ist, am sichersten durchschlagen. Aber was hilft mich das? Ich
habe keinen Entwurf. Mir einen abzuqulen, ist nicht meine Art und
wrde auch zu nichts fhren. Es mag ein Unglck seyn, aber es ist nun
einmal so.

Rosa hatte bei dieser Entgegnung fr sich hingesehen. Jetzt, mit
Lcheln den Kopf erhebend, fragte sie: Wrden Sie eins ausfhren, wenn
man Ihnen den Stoff dazu gbe? -- Heinrich, nachdem er sie forschend
betrachtet, erwiederte: Das kommt darauf an. Wenn mich die Aufgabe in
die Seele trfe, Liebe und Leidenschaft in mir erweckte --

Whrend dem hatte die Mutter den Kopf geschttelt und einen Blick der
Verwunderung auf die Tochter geworfen, der sich aber bald in einen
Blick der Zrtlichkeit wandelte. Rosa, mit einem Ausdruck ernster
Freude, entgegnete dem Poeten: Nun, ich glaube einen solchen Stoff zu
haben und will ihn an Sie abtreten!

Heinrich schaute betroffen, fast gerhrt auf sie. Ist's mglich? rief
er. -- Ja, ja, versetzte die Mutter. Sie hat nicht nur einen Stoff,
sondern einen genauen Plan, und schon einzelne ausgefhrte Scenen!

Heinrich wute nicht, was er sagen sollte. Sein Auge hing an der
Knstlerin, die errthet war, und mit einem Ton liebenden Interesses
rief er endlich: Wie! Sie sind dramatische Dichterin? -- Und das
erfahr' ich erst jetzt? -- Ein gutes Sujet, erwiederte das Mdchen,
und ein harmloser Versuch, es zu dramatisiren, macht noch lange keine
Poetin. Ich hab' im Gegentheil bei der Ausfhrung gefunden, da mir
just die Poesie abgeht, und da ich den Gegenstand fr sehr gnstig
halte und ganz dafr eingenommen bin, so wrden Sie mich geradezu
glcklich machen, wenn Sie sich seiner annehmen wollten.

Heinrich schttelte den Kopf mit einer Miene des Widerstrebens.
Das geht nicht, rief er, das darf ich nicht! Ich Sie berauben?
Unmglich! -- Wenn ich mich nun aber berauben lassen will?
entgegnete das Mdchen nicht ohne Ungeduld. Soll man Ihnen nicht
einmal etwas schenken drfen, Sie groartigster aller Sterblichen?
Seyen Sie doch nicht gar zu gewissenhaft! Es kleidet niemand gut, am
wenigsten die Poeten! Nach einer Pause, in der sie ihn lchelnd ansah,
fuhr sie fort: Nun? -- Sie thun mir wirklich einen Gefallen. Ich bin
der Aufgabe nicht gewachsen und wrde Gott wei wie lange daran herum
arbeiten; aber Sie knnen etwas daraus machen. Ich gnne Ihnen den
Stoff, und meinem Stoff den Poeten. -- Das Gesicht Heinrichs klrte
sich auf. Nun, rief er, wenn es Ihnen ernst ist -- -- Vollkommen!
Hier meine Hand und meinen Dank.

Der Poet schttelte die dargebotene Rechte und Rosa fuhr mit wahrer
Genugthuung fort: Der Handel ist abgeschlossen. Ich will die Bltter
nochmal durchgehen und Ihnen das Ganze dann suberlich vorlegen. Prfen
Sie und machen Sie daraus, was Sie wollen.

Der Poet war von diesem Beweis theilnehmendster Gte wahrhaft gerhrt.
Er dankte und pries das Glck, eine so treffliche Freundin gefunden zu
haben, in so warmen Ausdrcken, da ihn beim Abschied auch die Mutter
bewegt lchelnd und mit einer Miene ansah, als ob sie entschlossen
wre, sich in etwas Unvermeidliches zu fgen.

Heinrich war von der neuen Aufgabe -- obwohl sie ihm noch eine blo
allgemeine war -- sofort ergriffen. Er brachte die nchsten zwei
Tage in Ueberlegungen und Phantasien zu, die sich fast alle auf sie
bezogen, versetzte sich in moderne brgerliche Menschen, rief sich die
Erfahrungen in's Gedchtni, die er selber gemacht, und suchte Reden
und Gesprchsfragmente auszudenken, die zugleich richtig und pikant
waren. Er bildete ein frmliches Schauspielwollen in sich aus und kam
zu den Freundinnen am dritten Tage voller Begierde, auf diesem Feld
einen Versuch zu machen.

Rosa theilte ihm das Sujet in Krze mit, las ihm dann ihren Plan und
endlich, von ihm ermuthigt, sogar die ausgefhrten Scenen vor.

Die Handlung grndete sich auf ein thatschliches Ereigni in einem
frheren Bekanntenkreise der beiden Knstlerinnen, was dem Conflikt
und dem Ausgang etwas lebendig Eigenthmliches gab. Im Wesentlichen
eine alte Geschichte, aber durch die neuen Beziehungen, in welchen
sie verlief, neu und charakteristisch fr die gegenwrtige Zeit.
Menschliche Charaktere; die guten mit Schwchen und natrlichen
Beweggrnden, ihre Gegner neben begreiflicher Selbstsucht mit honetten
Elementen ausgestattet; der Zusammensto und der Gang der Intrigue
von der Art, da die Hauptpersonen die verschiedenen Seiten ihres
Wesens herauswenden konnten, die edleren Charaktere im Moment der
Entscheidung siegreich die bessere Wahl trafen, sich erprobten und
steigerten, die Vertreter der Intrigue, der Lockung anfnglichen
Gelingens nachgebend, sich verstrickten und selber fingen, um zuletzt
der Beschmung berliefert, zur Entsagung und Unterwerfung gezwungen zu
werden. Alles das verlief im Plane so natrlich zusammenhngend, da
die Organisation im Wesentlichen gegeben war und die Phantasie nur auf
poetische Begrndung und Bereicherung zu denken hatte.

In Heinrich, als er den Entwurf bersah und die Anschauung, was man
daraus machen knnte, ihn erhob, regte sich die erfindende Kraft. Was
jenes Votum des ersten Regisseurs an ihm als natrlichen poetischen
Takt gerhmt hatte, das zeigte er jetzt auf eine die Knstlerin
angenehm berraschende Weise, indem er mit Sicherheit die Punkte
markirte, wo Angelegtes wirksamer entwickelt, neue Effekte angebracht
und mit dem Vorhandenen lebendig verbunden werden konnten. Sogar fr
ein paar komische Auftritte ersah er den Platz und mehrte die Zahl
der Personen durch die Figur eines drolligen Gesellen, den er auf der
Universitt kennen gelernt hatte und jetzt der Freundin als Einlage
sehr plausibel zu machen wute.

Nachdem man, unter Assistenz der Mutter, ein paar Stunden lang erwogen,
debattirt und sich verstndigt hatte, konnte man sich rhmen, einen
Plan zu besitzen, den man fr hchst versprechend halten mute.
Heinrich war voller Freude. Das Thema begann vor seiner Seele zu
leuchten, und er sehnte sich innig nach der Gestaltung.

Eines erschien ihm daran besonders reizend. Die Heldin, die im Plan
Rosas Antonie hie, zeigte eine nicht zu verkennende Aehnlichkeit
mit Auguste. Wie diese mute er Antonie sich vorstellen, und gleich
Antonie wrde Auguste gehandelt haben, wenn sie durch Schickungen in
dieselbe Lage gekommen wre. Eine Freundin dagegen war in einer Weise
gedacht, da er bei Zeichnung des Bildes mit Glck Zge von Rosa selber
verwenden konnte, unter welcher Voraussetzung er einen sehr anmuthigen
Charakter zu schaffen gewi war. -- Welche Lust nun, in Ausfhrung
dieser Gestalten seiner Zrtlichkeit als Liebender und Freund zu
gleicher Zeit gengen, die Geliebte verherrlichen, der edeln Freundin
aber eine Rolle schreiben zu knnen, worin sie den Lohn des reichsten,
beglckendsten Beifalls ernten mute!

Dieser Gedanke entzckte ihn so sehr, da er dem lieben Mdchen zum
Abschied mit einer Herzlichkeit und Innigkeit in's Auge sah und die
Hand drckte, da seine Haltung von der eines Liebenden kaum mehr zu
unterscheiden war. Htte sie bei der wohlwollenden Ueberlassung an Lohn
gedacht, in diesem Moment erhielt sie ihn.

Das mu gelingen! rief der Poet noch mit frohem Pathos. Ich werde
das Meinige -- das Meinigste thun, Sie werden helfen, verbessern,
zurechtweisen -- und mit einander werden wir ein Werk hervorbringen,
das dem Publikum Thrnen entlocken und es zu begeistertem Dank
hinreien soll! Adieu fr jetzt! In acht Tagen sehen Sie den ersten
Akt!

Mit strahlenden Blicken empfahl er sich, um selbstbewut und stattlich
seiner Wohnung zuzuwandern.

Er war voller Zuversicht, er anticipirte den Sieg, und hatte doch
das Gefhl, da er dadurch nicht die Nemesis reizte. Der Erfolg lag
diemal in der Sache. Charaktere, Beziehungen, Conflict und Lsung,
Alles war natrlich, menschlich ansprechend und befriedigend. Die
ehrenwerthen Personen hatten so viel Schwche, da man an ihre Tugend
glaubte und sich ihrer freute, die andern so viel Gutes, da man ihr
Vergehen begriff und ertrug. In dichterischer Ausfhrung konnte er
fr alle interessiren, und der Schlu mute nothwendig beglckend,
erhebend wirken. Die Lebenswahrheit, die freundliche Migung und die
labende Frische der Natur, das war es, was dem neuen Gemlde die Herzen
gewinnen mute. Er stellte sich's recht lebhaft vor und erquickte sich
innig an diesen Eigenschaften.

Auf einmal zuckte er, wie erschreckt. Eine peinliche Empfindung malte
sich auf seinen Zgen und das schne Roth der Freude wandelte sich
in das dsterdunkle der Scham. Er hatte an seine Tragdie gedacht,
mit dem klaren Blick des Moments die Gestalten derselben prfend
berschaut: und wie durch einen Zauberschlag war der tuschende Flor
gefallen, durch den er sie bis jetzt gesehen; sie standen vor ihm in
all ihrer Einseitigkeit, Unnatur, Uebertreibung, und Qualgefhle gingen
durch sein Inneres.

So vollzieht sich der Fortschritt in gewissen Naturen. Man denkt
Ideale, prgt sie mit Lust aus und sieht die Bilder mit aller Liebe
und Freude des Schpfers. Der untersuchende Verstand Anderer entdeckt
die Gebrechen daran und hebt sie hervor; man ist dagegen gewaffnet.
Das Miurtheil hat Mangel an Auffassung oder bser Wille gefllt; es
wre Thorheit, ja Verrath, sich ihm zu unterwerfen! -- Neue, schrfere
Angriffe rtteln an dem Werk und dringen schmerzend in das Herz des
Urhebers. Die Stimme der Freundschaft spricht das Wort der Rge und
wirkt Bedenken, Zweifel. Zweifel! Das Herz wird beunruhigt, aber noch
lebt in ihm die Hoffnung. Da sieht der Geist in reiner Gestalt das
Aechte, Gute, wenn auch bescheiden Gute; er ist genthigt, es als
Mastab anzulegen an die so hochgehaltenen Gebilde; und wie in der
Sage Zauberinnen, welche durch eine magische Zierrath als Musterbilder
der Schnheit die Sinne bestrickten, nach Hinwegnahme derselben
pltzlich durch eben so groe Hlichkeit erschrecken, so grinst den
Unglcklichen die Kehrseite des Bildes in aller Grellheit an; er sieht,
im Innersten verwirrt, nur die Ungestalt und diese noch bertrieben, er
gesellt sich zu den Feinden seines Produkts und tobt gegen sich selber.

Noch vor einer Stunde hatte die Freundin die Personen ihres Entwurfs
mit Seitenblicken auf die Figuren der abgewiesenen Tragdie
charakterisirt und den Autor an diesen den Mangel an Natur und
Wahrheit fhlen lassen. Aber dadurch wurde er noch nicht besiegt. Die
Schauspielfiguren hatten vor jenen Idealen allerdings etwas voraus,
aber diese noch mehr vor jenen; beide hatten ihren Werth, ihre
Schnheit, ihre Sphre des Wirkens. Jetzt aber, nachdem es ihm wie
Schuppen vom Auge gefallen, wurde er selbst Richter, um nicht zu sagen
Rcher; die Angriffe der Andern, die er frher abgewiesen, verbanden
sich mit ihm und drangen mit ihm vereint gegen das Werk an, und es ging
in Trmmer.

Es war ein sehr schmerzliches Gefhl, das vllige Aufgebenmssen einer
so unendlich geliebten und unwillkrlich bewunderten Schpfung! Die
Selbstverdammung gab dem Urheber eine Art Genugthuung, verlief sich
aber in tiefe Oede des Herzens, und die Verzweiflung begann ihre
schwarzen Fittige wieder um sein Haupt zu schlagen.

Doch jetzt konnte sie ihn wohl anfallen, nicht bezwingen. Gottlob!
gottlob! sein Werk lag zu Boden, er selber stand! Der Ersatz fr den
schmerzlichen Verlust war gegeben, er tuschte sich nicht. Die neue
Dichtung mute gelingen und ihm halten, was er sich von jener allzuhoch
gespannten nur trgerisch versprochen hatte. War es doch auch eine
schlichte Aufgabe, die er ergriff, der er sich fgte! Uebte er doch in
der That, wenn er ihr sich hingab, die Tugend der Selbstbezwingung und
Selbstbescheidung! Er hatte durch die Sirenenstimme der Einbildung sich
verlocken lassen zur Selbstberschtzung, Selbstberhebung. Aber er war
vollauf gestraft, er erkannte sein Unrecht, er wollte das Bessere --
und nun mute es ihm auch gelingen.

Die neue Arbeit stand vor ihm in tuschungsloser Klarheit. Denn
freilich seit Langem kannte er die Aufgabe der Dichtung: die Natur zu
verklren, die Menschen aufzufassen, wie sie sind, und sie mit ihren
wirklichen Eigenschaften zu idealisiren. Wie oft hatte er sich das
gesagt! Auch geschrieben hatte er's und drucken lassen fr Andere!
Dennoch lie er sich auf einen Irrweg verlocken, weil ihn eben der Wahn
blendete, in reinen Musterbildern des Guten und Bsen, deren jedes
leidenschaftlich und in diesem Sinn auch lebensvoll nach seinem Ziele
ging, das berschwnglich Poetische zu leisten. Nun aber, nachdem er
den Wahn als Wahn erkannt, war ihm jenes natrliche Ideal der Dichtung
nicht mehr bloer Gedanke, sondern historisch erprobte, durch Erfahrung
besttigte Wahrheit. Nun hatte er's im Wollen, und nun mute er's auch
haben im Vollbringen!

Unter diesen Gedanken war er nach Hause gekommen. Er trat in seine
Stube als ein verwandelter Mensch: gedemthigt, aber auch wieder
erhoben und festen, freudigen Sinnes. Auf dem Tisch lag ein Schreiben:
es war von Auguste. Der Liebende erbrach es mit dem Vorgefhl, da es
herzlich Gewnschtes bringen werde -- und er tuschte sich nicht. Das
Schreiben lautete:

Mit dem grten Leidwesen, mein lieber, guter Heinrich, hab' ich
deine letzte Meldung gelesen. Ist es denn mglich? Eine Dichtung, die
uns Alle begeisterte, von der wir noch lange nachher mit Bewunderung
gesprochen haben, sie soll nicht einmal der Auffhrung werth seyn? Man
schickt sie dir wieder zurck, als wre sie ein schlechtes Machwerk! O
wie unendlich bedaure ich dich! Ich kann an meiner eigenen Entrstung
abnehmen, wie gro die deine gewesen ist, und bewundere jetzt deine
Fassung und deinen neuen Muth. Das Genie und die Liebe und der Flei,
den du auf diese Dichtung gewendet hast, Alles soll vergebens gewesen
seyn? Bist du denn nicht verzweifelt?

Ich mu mir dein poetisches Talent recht vergegenwrtigen und lebhaft
daran denken, da man eben so eigene und ungewhnliche Zwecke, wie du
sie hast, in dieser Welt nicht auf den ersten Anlauf erreicht, wenn
ich nicht selbst verzweifeln soll. Wie schwierig ist es -- ich hab'
es ja von dir gehrt und mit dir erlebt! -- ein dramatisches Werk zu
schreiben! Damit ist aber noch nichts gethan. Nun soll es die Prfung
bestehen von Menschen, die vielleicht gar nicht gerecht urtheilen
mgen, und wenn es diese bestanden hat, dann soll es auf der Bhne
nach dem Geschmack des Publikums seyn, den man nicht berechnen kann.
Welche Gefahren, welche Sorgen liegen auf diesem Weg! Ja wahrlich, die
Ehren und das Glck, die man im gnstigen Fall gewinnt, drfen sehr
gro seyn, wenn sie diese Anstrengungen und Aufregungen irgend belohnen
sollen!

Stelle ich mir dein Talent, deine Begeisterung und deine Ausdauer
vor, dann glaube ich, trotz allem, doch wieder an dich und hoffe auf's
neue. Gib dir nur Mhe, in deinem zweiten Werk die Fehler zu vermeiden,
die man am ersten getadelt hat. Mache Bekanntschaft mit Schauspielern
und mit Dichtern, die schon effektvolle Werke geschrieben haben, und
la dir von ihnen rathen. Richte dich nach der jetzigen Stimmung des
Publikums, die du im Theater studiren kannst, und trachte in deinem
Stck nach Scenen, die du am meisten auf die Herzen wirken siehst.
Wenn du das alles recht beobachtest, dann wirst du mit deinem Talent
ganz gewi durchdringen.

Den Eltern dein Migeschick recht vorzustellen, ist mir sehr schwer
geworden. Bei ihrem groen Vertrauen auf dich wollten sie die Nachricht
zuerst gar nicht glauben. Als ich nun die Stellen aus deinem Schreiben
vorlas, wurden sie verstimmt, verlegen, und dem Vater entschlpfte das
Wort: es ist doch ein unsicheres Handwerk! Ich nahm mich aber deiner
an, und mein herzlicher Eifer gab mir Gedanken und Grnde fr deine
Bestrebungen ein, da sie mir zuletzt nichts mehr entgegnen konnten.
Aber das rechte Vertrauen ist noch nicht wiedergekehrt.

Ein bles Nachspiel gab's, als die Zeitung eintraf, die deine
Abweisung so hmisch bekannt gemacht hat. Auf die Fragen zu antworten,
die man jetzt von allen Seiten an mich richtete, ist mir auch gar nicht
leicht und angenehm gewesen; ich hab' es aber in meiner Liebe zu dir
gethan, so gut ich konnte. Die Einen sprachen ihr herzliches Bedauern
aus, und darunter der brave Rektor, der mir sagte, dein Brief sey ihm
Brge, da es dir mit dem nchsten Versuch um so besser glcken werde.
Andere konnten aber ihre Schadenfreude nicht zurckhalten und ihre
Reden wurden durch ihre Mienen so auffallend Lgen gestraft, da ich
mich ber beide sehr gergert habe. Ich bin den Menschen frmlich bse
geworden.

Diese Nachrichten, mein lieber Heinrich, sollen dich nicht
entmuthigen, sondern vielmehr anfeuern. Biete jetzt nur alle deine
Krfte auf und erfreue mich bald mit einer guten Nachricht, die den
Glauben der Eltern strken und die bsen Zungen, die bereits ber dich
zischeln, verstummen machen kann. Vertraue auf meine unwandelbare
innige Theilnahme an Allem, was du unternimmst; schreibe mir Alles, was
dir irgend Bedeutendes widerfhrt! Ich wei, da du zur Vollendung des
neuen Werkes noch eine gute Zeit brauchen wirst, und harre in Hoffnung;
aber dann melde mir endlich einen Erfolg, der Alles wieder gut macht
und die treuesten deiner Freunde am glcklichsten!

Die eben so klare und verstndige wie herzliche Erwiederung erfreute
und erhob den Liebenden im Innersten, und muthig blickte sein Auge,
als er die letzten Zeilen gelesen. Ein Erfolg, ein naher, gewisser
Erfolg war gefordert, aber jetzt, Gott sey Dank, auch sicher! Das
Geschenk eines unfehlbar zum Gelingen fhrenden Entwurfs war eine
Fgung, berechnet auf das dringende Bedrfni seiner Lage. Hlfe in
der Noth, doppelt und dreifach willkommen! Er fhlte das wunderbare
Zusammentreffen mit tiefem Dank gegen die Vorsehung und gegen die liebe
Freundin, die ihr sichtlich als Werkzeug gedient hatte.

Am andern Morgen griff er die Arbeit an und die ersten Scenen gelangen
ihm nach seinem Gefhl munter, frisch -- um nicht zu sagen keck. Als
er zu Tische ging, begegnete er Willmann. In der Freude seines Herzens
trat er auf ihn zu, fate ihn bei der Hand und theilte ihm unter dem
Siegel der Verschwiegenheit seinen Fund, seine Hoffnung mit. Der
Doctor war ernstlich erfreut. Mit einem Blick, der einen fast zrtlich
schelmischen Glanz hatte, rief er: Also bekehrt! Einer von den Unsern!
-- So rasch ist der Plan -- Er hielt inne, schttelte ihm die Hand und
setzte hinzu: Nehmen Sie meinen herzlichen Glckwunsch! Jetzt sind Sie
im rechten Fahrwasser! Vorwrts mit dem Genius des Jahrhunderts, und
_vogue la galre_!


                                 VI.

Der Kampf des Realismus mit dem Idealismus, der hauptschlich unsere
Epoche bezeichnet und auf allen Gebieten mit wechselndem Glcke gefhrt
wird, mute nothwendig auch in der Sphre der Dichtung hervortreten.
Da ein Streit so berechtigter Gegenstze am Ende nur zur Ausgleichung
fhren kann, braucht sinnigen Lesern wohl nicht mehr gesagt zu werden.
Aber wie soll diese erfolgen? Durch die leidenschaftlichen Vertreter
der Gegenstze, welche sich, des langen Haders mde, zuletzt die
Hand reichen werden? Schwerlich. Der Kampf wird dazu dienen, die
Akten spruchreif zu machen; aber die gedeihende Harmonie wird das Werk
seyn derjenigen Geister, die, zu beiden Richtungen begabt, den Streit
in sich selber durchkmpfen und der Ausgleichung fhig werden in der
gerecht unterscheidenden, gerecht urtheilenden Liebe zu beiden. Sie,
denen der Sieg gelingt im Kleinen, knnen das Vorbild liefern und
Zusammenwirken fr den Sieg im Groen, der sich, wenn es Gott gefllt,
nach und nach wird erstreiten lassen.

Zu den Geistern solch doppelter Begabung gehrte in gewissem Sinn
auch den Dichter, dessen Schicksale hier dargestellt werden sollen.
Er hatte ein Auge fr die wirkliche Welt, er lebte und liebte in
ihr, er fhlte die Poesie des Lebens und suchte sie auszusprechen in
verschiedenen dichterischen Formen. Aber zugleich folgte er einem
unwiderstehlichen Hang zu idealen Gebilden der Phantasie, und glaubte
in ihnen eben das Grte, das Erhabenste leisten zu knnen. Im Schwunge
des idealisirenden Geistes ging er ber die Wirklichkeit hinaus, und
sogar ihre Poesie stand vor ihm in kleinem, unscheinbarem Licht. Seinen
Hauptberuf erblickte er jenseits der Schranken des Irdischen, und auf
ihn warf er sich daher mit aller Leidenschaft muthiger Jugend.

Der erste durchgefhrte Flug hatte sich ihm inde bel gelohnt. Gleich
Phaeton war er herabgestrzt aus den himmlischen Hhen: gewaltig
erschttert, aber glcklicherweise doch nicht zerschmettert und kein
tragisches Opfer der Unternehmung. Sich wieder erhebend sah er sich auf
der Erde und fand, unter freundlicher Aufmunterung, da sie lieblich
anzuschauen war und ihm anspruchlosere, aber erreichbare Schnheit zum
Ersatze bot. Dankbaren Sinnes erblickte er diese im besten Licht und
freute sich ber Alles, nachdem ihm das Groe nicht gelungen war, um so
besser das traulich ansprechende Kleinere zu leisten.

Im Grunde: was ist Poesie? Das durch den liebenden Geist verklrte
Leben. Der Geist kann alles verklren, was er liebt; nicht nur das
Groe, sondern auch das Kleine, das auch erlst seyn will von den
Banden der Prosa, und wie die Geschichte aller Knste zeigt, auch
erlst werden sollte und soll. Die Malerei hat Gtter und Heroen
dargestellt, aber auch den Schmetterling, den Kfer und den Apfel
wiederzugeben nicht verschmht. Und wer, der sich ein offenes Herz
bewahrt hat, wird sich nicht auch solcher Abbildungen freuen, wenn sie
nmlich gelungen sind!

Gedanken dieser Art gingen durch den Kopf des Poeten, als er sein Drama
weiter fhrte. Seine Liebe zu dem Stoff hielt aus und gewann, indem
sie ruhiger wurde, vielmehr an Innigkeit. Allerdings kam zuweilen
mitten in der Freude ber die gelingenden Figuren ein Schamgefhl ber
ihn, wenn er der Vornehmheit gedachte, womit er auf solche Arbeiten
frher herabgesehen hatte. Er bte die Ueberhebung, die ihm so schlimm
bekommen war, nachtrglich noch wiederholt, fhlte aber auch, da die
Bue heilsam war fr ihn und seine Arbeit.

Als er den ersten Akt zu Ende gebracht hatte (er brauchte denn doch
lnger dazu, als acht Tage), begab er sich zu den Freundinnen.
Unter guten Erwartungen las er ihnen die Reinschrift vor und wurde,
hinsichtlich des Ganzen, mit herzlicher Beistimmung erfreut. Im
Einzelnen hatten beide zu tadeln; die Ausstellungen grndeten sich aber
auf Erfahrung und natrlichen Takt, wurden ihm einleuchtend gemacht,
und er nderte mit Vergngen. Hatte er doch schon selbst ber sich zu
Gerichte gesessen und sich vielfach die Lust des Verbesserns gegnnt.
Jetzt setzte er's nur fort und freute sich der wachsenden Reinheit.

Nachdem er den letzten Einwand auf kurzes Bedenken hin als richtig
zugestanden hatte, sah ihn Rosa lchelnd an und sagte: Mein lieber
Freund, Sie haben einen guten Fortschritt gemacht. Sollte man nicht
glauben, der Tadel wre Ihnen jetzt lieb? Statt da Sie empfindlich
werden und Ihre Lesart heftig vertheidigen, erkennen Sie die unsere an
und lassen sie gelten. Das ist ein Zug, der bei deutschen Dramatikern
nicht sehr hufig vorkommen soll.

Mir, entgegnete Heinrich mit Heiterkeit, hat ihn auch erst ein
Kraftmittel beigebracht. Jetzt freilich gehrt er zu mir und ich
gedenke ihn zu behalten. -- Immer zu! rief die Mutter lchelnd. --
Im Grunde, fuhr der Poet fort, kommt es auch hier nur darauf an, was
man eigentlich will: die Sache, die Kunst, oder sich selber. Wer die
Kunst will, der hat ein Ideal der Vollendung vor Augen, und er ruht
nicht, bis sein Werk diesem so nahe als mglich kommt. Wer =sich= will,
der gibt etwas von sich und hlt es fr das realisirte Ideal, weil es
von ihm ist. Natrlich wird so Einem der Widerspruch als persnliche
Beleidigung erscheinen, whrend er jenem, als zur Verbesserung der
Sache dienend, lieb und willkommen ist.

Weislich erklrt, entgegnete Rosa mit Lcheln. Nun, unsern
Widerspruch knnen Sie schon gelten lassen; er kommt weder aus einem
tadelschtigen noch frivolen Gemth und hat nichts als die Schnheit
Ihres Werkes im Sinn. -- Das wei ich, erwiederte Heinrich, und
darum hr' ich ihn mit Freuden und bitte um die Fortsetzung.

Wir knnen nicht gemeint seyn, den Poeten in seiner Thtigkeit
und seinem Verkehr mit den beiden Frauen Schritt fr Schritt zu
begleiten. Er arbeitete stetig jeden Tag, und wenn das Drama langsam
vorrckte, weil nach und nach die Schwierigkeiten mehr hervortraten und
wiederholte Versuche nthig machten, so wuchs es doch und nhrte die
Begierde des Autors zum Weitergang.

Die fertigen Partien (auch kleinere, wenn sie an sich bedeutend oder
gewagt erschienen) las er an freien Abenden den Damen vor, hrte Lob
und Tadel und nderte nach gewonnener Ueberzeugung Einzelnheiten und
ganze Scenen. Fr einen theilnehmenden Beobachter wre es interessant
gewesen, zu sehen, wie Dichter und Schauspielerin dabei sich ergnzten.
Heinrich strebte nach Gehalt, Geist, hherem Ausdruck, und vielfach
gerieth es ihm damit. Nicht selten wurde der Dialog aber zu schwer,
zu gefllt, oder gewann einen verstiegenen Charakter; und so wurde
er von Rosa bekmpft, bis der Poet sich fgte. Die Knstlerin hatte
vorzugsweise den Effekt im Auge, drngte in diesem Sinn die rhrenden
Scenen auszubeuten und besonders drastische Abgnge herzustellen. Hier
berschritt sie aber ein paarmal die Linie, schlug Reden vor, die
sich nicht natrlich aus der Situation ergaben, und mute sich von
dem Dichter widerlegt sehen, dem die poetische Wahrheit ber alles
ging. Wenn die Forderungen der Wahrheit und der Wirkung einander
entgegen traten, ging es nicht ohne Conflikt ab; allein man vereinigte
sich wieder, indem von beiden Seiten eingerumt wurde, da in einem
Bhnenstck eben die Wahrheit wirkungsvoll seyn msse, und Heinrich,
wenn er die unmittelbaren Forderungen Rosas ablehnte, folgte ihr doch
in sofern, als er dann fr naturgeme Kraftentwicklung Sorge trug.

Im Ganzen bewies unser Poet, da er das menschliche Herz im Guten
und Schlimmen, so wie die Leiden und Freuden der brgerlichen Sphre
gar wohl kannte und ber fein abgelauschte Zge des realen Lebens
zu gebieten wute. Er erprobte sich als Poeten, indem er wirkliche,
lebendige Menschen zeichnete, die in natrlicher Entfaltung ihres
Innern Sympathie zu gewinnen vermochten. Das wurde den Freundinnen
immer deutlicher, und Rosa empfand darber das reinste Vergngen.

Der Verkehr der drei Leute hatte etwas so ungezwungen Trauliches und
unter Umstnden Heiteres, da ein Besucher, auf den ersten Blick hin,
sich gesagt htte, die sind glcklich und machen sich glcklich.
In der That unterhlt nichts anziehender und schner, als gleiches
Interesse bei einem gemeinsamen Unternehmen. Rosa konnte das Drama so
gut ansprechen wie Heinrich, und jedenfalls lag ihr das Gelingen um
nichts weniger am Herzen, als ihm. Ihr schnes braunes Auge glnzte
Genugthuung, wenn sie etwas fr gut erklren mute, besonders wenn
die nach einer zweiten Bearbeitung der Fall war, die sie gefordert
hatte. Da rhmte sie den Autor, da er ihren Rath befolgt, es gleich so
richtig getroffen und sich dadurch als wahren Dichter bewiesen habe, so
warm, so froh, da er beglckt lchelte und auch ber das Gesicht der
Mutter ein Schein der Freude ging.

Die jungen Leute erschienen zuweilen fast wie Verlobte, die es
schon lngere Zeit waren und darum in ruhiger Freundlichkeit sich
gefielen. Bei nherer Betrachtung zeigte sich freilich, da der
Poet an der Liebenswrdigkeit des Mdchens sein Vergngen hatte und
sich unwillkrlich dem Reiz ihres Umgangs hingab, aber doch nur
in Gefhlen der Freundschaft sich bewegte, whrend aus ihrem Auge
zuweilen Blicke kamen, die ihre tiefe Leidenschaft verriethen -- ein
s und schmerzlich erregtes inneres Leben, das nur durch Willenskraft
verschlossen gehalten wurde.

Man fragt vielleicht, wie es mglich war, da der junge Mann diesen
Zustand ihrer Seele nicht endlich doch erkannte und nun mit sich
zu Rathe ging ber das unter solchen Verhltnissen ihm gebotene
Benehmen? Daran war aber theils die Naivett, die recht eigentlich
unschuldige Natur Heinrichs, theils die Kunst des Mdchens Schuld,
die sich selbst so sehr in der Gewalt hatte, da sie den Ausdruck
einer tieferen Empfindung rasch wieder in Scherz verkehren und damit
auslschen konnte. Ihr zrtlicher Antheil an ihm und seinem Vorhaben
entging Heinrich freilich nicht; allein er nahm ihn fr den Beweis
einer Freundschaft, die auch er gegen sie empfand, fr die natrliche
Sympathie der Knstlerin mit dem Dichter, und endlich -- warum nicht?
-- fr den Ausdruck eines Wohlgefallens an seiner Person, das er
ebenfalls reichlich wieder vergalt. Wute sie doch, da er verlobt war
und an der Geliebten mit unverbrchlicher Treue hing; wie htte er
denken sollen, da sie eine Glut in ihrem Herzen nhrte, die nur in
Auguste gerechtfertigt war? Ihm blieb daher die Geliebte die Geliebte,
die Freundin die Freundin, und darum geno von den dreien nur er allein
eines reinen, ungetrbten Glcks.

Die Wirklichkeit hatte auch diemal rcksichtslos ihren eigenen Weg
genommen. Der dramatische Dichter und die feinsinnige, reizende
Knstlerin schienen fr einander geboren. Aber whrend sie ihn liebte
und in dieses Gefhl sich immer mehr vertiefte, hing er nicht nur mit
leidenschaftlicher Innigkeit an der Jugendgeliebten, sondern umgab sie,
die Schne, nur um so eifriger mit den Zaubern einer verschnernden
Einbildungskraft. Sie war ihm die edle, die hohe Gestalt, die Knigin
seiner Gedanken, zu der emporzustreben ihn mit der sesten Lust
erfllte. Alle Eigenschaften an ihr waren liebenswerth ber Alles,
und sie endlich sein zu nennen und sie mit allen an's Herz zu drcken,
eine nicht zu fassende Wonne. Die schpferische Phantasie, die groe
Knstlerin, durchleuchtete das Bild und lie es in Farben erglnzen,
da neben ihnen auch die lieblichsten wirklichen ihr Licht verlieren
muten. Wenn die Freundin sich um ihn verdient machte und ihm zur
Erreichung seines Zweckes half, so erwiederte er die mit herzlichem
Dank. Aber den Zweck wollte er nur erreichen, um die Erwhlte durch
seinen Triumph zu erfreuen und triumphirend heimzufhren.

Rosa, wie resignirt sie war und wie sehr ihr liebendes Gemth schon
durch den gromthigen Beistand sich beglckt fhlte, hatte doch eine
schmerzlich bittere Empfindung, als diese Gesinnung Heinrichs einmal
so recht offen hervortrat. Sie kmpfte dagegen, hielt sie nieder, und
es gelang ihr so sehr, da sie sich mit ihm an der Vorstellung seines
endlichen Glckes selber zu weiden schien. Dadurch wurde aber Heinrich
nur um so sicherer gemacht, und wenn er erst noch eine gewisse Scheu
gefhlt hatte, die Geliebte vor der Freundin zu preisen und der Freude
seines Herzens Worte zu geben, so folgte er jetzt dem Drange desselben
um so rckhaltloser, weil er dadurch der Theilnehmenden selber Freude
zu machen glaubte.

Mit all ihren Fhigkeiten, sich ber sich selber zu erheben, wurde
Rosa jetzt doch auf harte Proben gestellt. Ein Liebender findet so
viele Gelegenheit, von der Geliebten zu reden! Eine allgemeine Frage
nach ihr gibt ihm Anla zu ausfhrlichem Bericht, wobei er weit
mehr sein eigenes Bedrfni, als das der Hrer zu Rathe zieht. Eine
Erkundigung nach einem Bezug, der nur ihn selber betrifft, lt ihn in
die Antwort einflechten, was =sie= vorher oder nachher, in oft sehr
entferntem Zusammenhange, gesagt oder gethan hat u. s. w. Heinrich, um
der bewiesenen Theilnahme durch eben so groes Vertrauen entgegen zu
kommen, theilte die schnsten Stellen aus den Briefen mit, die er von
Auguste erhielt; er las Gedichte vor, die er ihr gelegentlich zum Ruhme
sang, und gab dazu Commentare, die oft noch viel poetischer waren als
die Gedichte selbst. Wenn man bedenkt, da Rosa dem allem gegenber
die einmal angenommene Haltung zu bewahren hatte, so ahnt man, was sie
dabei litt.

Ein eigenes Gefhl regte die dramatische Arbeit selber in ihr an. Der
Poet hatte den Gedanken, in den beiden Mdchengestalten sowohl die
Geliebte als die Freundin zu schildern, gewissenhaft ausgefhrt; und
es begreift sich, da im Vergleich zur ersten die zweite Figur in all
ihrer Artigkeit als Mond neben der Sonne und recht eigentlich secundr
erschien. Die Knstlerin hielt bei der ersten Wahrnehmung mit Mhe
ihren Unmuth zurck, um erst in der Einsamkeit ihr Herz zu entlasten.
Sie war nicht nur persnlich gekrnkt, sondern auch sthetisch
verletzt. Denn eben jene erste Figur drckte sich in der Arbeit zu
hoch und zu kostbar aus, so da es den Effekt des Ganzen nothwendig
beeintrchtigen mute. Rosa, nachdem sie mit sich zu Rathe gegangen,
trat den Uebertreibungen in diesem Bilde so geschickt als mglich
entgegen, mute aber doch lnger kmpfen, indem der Poet endlich
nur nachgab, als sie ihm bewies, da eine natrlichere und ruhigere
Sprache die Liebhaberin auch herzgewinnender erscheinen liee. Bei
der andern Gestalt hatte sie dagegen Vorschlge zu machen zu besserer
Ausstattung an Gemth und an Witz. Sie zeigte inde klar, da auch die
im Interesse der Dichtung sey, und der Poet, hier innerlich erheitert,
gehorchte.

Wenn die muthige Fhrerin nun Leid und Mhe genug hatte, so war ihr
doch auch ein Ersatz geboten. Ihre Mhe trug Frchte. Unter ihrer
Beihlfe gedieh das Werk und klrte und bildete sich der Autor
selber. Drang er durch zum vollen Gebrauch seines Talents, erreichte
er schon etwas mit dem ersten Werk, so konnte sie sich sagen, da
sie Miturheberin, ja eigentliche Stifterin seines Glckes war. Er
selbst war gewissermaen ihr Werk, der von ihr Gelenkte, Beschenkte,
und sie hatte ihm gegenber das Gefhl des Knstlers vor einer
gedeihenden Schpfung. Freilich, ihre Natur war nicht zu bloer
Geduldbung geschaffen, und ihr weibliches Herz forderte seine Rechte.
Eben nach lngerer Zurckhaltung, in der Mdigkeit, welche stete
Selbstberwindung zu hinterlassen pflegt, brachen ihre Gefhle nur um
so gewaltsamer hervor, um sie schmerzlich zu erschttern.

Einmal, nach einem eben so arglosen wie groben Rckfall Heinrichs
in die Ausschlielichkeit der Leidenschaft, stellte sich ihr in
der Einsamkeit sein Benehmen vor die Seele und ein wahrer Unwille
erstand in ihr. Sie sah ihn in den Widersprchen seiner Natur, in
seinen anziehenden und abstoenden Eigenschaften, und diese letzteren
erschienen ihr in grellem Licht. Da sie sich nun doch zu ihm hingezogen
fhlte, so war sie entrstet ber sich selber, klagte sich an und
empfand diese Bekanntschaft als ein unseliges Verhngni. Eine Frage
erhob sich in ihr, deren Erwgung ihr Qualen verursachte. War es die
Verlobte werth, da sie ihr weichen mute? Die Stellen, die Heinrich
aus ihren Briefen mitgetheilt, hatten ihr keinen so guten Begriff
beigebracht, da sie den Lobeserhebungen des Liebenden htte Glauben
schenken knnen. Der Gedanke stellte sich ihr dar, da dieser auch hier
sich tuschen und da, wo er einen Engel erwartete, nur ein gewhnliches
Weib finden knnte, die sich seinem poetischen Wollen und Streben
vielmehr entgegen setzte. Sie fhlte, da sie, die Knstlerin, ihn
frdern, ergnzen, glcklich machen knnte. Sie dachte sich, wie
schn und frhlich sie mit einander zu leben, wie reizend sie ihre
zusammenstimmenden Berufe zu treiben vermchten, und ein Schmerz, eine
frmliche Indignation durchdrang sie, da die Welt und das Geschick es
anders beschlossen, da das eben so Schne, wie Vernnftige nicht seyn
sollte. Sonderbar! Die Mglichkeit trat vor ihre Seele, ihn trotz allem
durch ein anderes Benehmen gegen ihn zu gewinnen, mit der Abwesenden
zu kmpfen und -- zu siegen. Aber sie verwarf den Gedanken, wie er
gekommen war. Nein, rief sie, nicht ohne das Pathos des Stolzes,
ich will keinen Mann erobern, der mich nicht liebend sucht! Eben weil
ich eine Schauspielerin bin, darf ich nicht thun, was bei den ehrsamen
Mttern und Tchtern der guten Gesellschaft Regel ist. Sie soll ihn
haben -- und ich, ich werde mich trsten!

Nicht immer gelang es ihr, ber ihr Leid auf diese Art sich endlich zu
erheben. Zuweilen versank sie in stille, tiefe Trauer und erschien wie
krank, wofr sie sich dann auch ausgab. Einmal ging ihr eine Aeuerung
des Poeten ber das Glck, dem er entgegen sah, so zu Herzen, da
sie in ihrem Stbchen vor Zorn weinte und unter reichlich flieenden
Thrnen ihr Geschick verklagte, das sie mit diesem Manne belastet und
den Frieden ihres Herzens durch eine sinnlose Leidenschaft vergiftet
habe.

Der Mutter konnte solche schmerzvolle Aufregung nicht immer verborgen
bleiben. Sie schttelte den Kopf und warf auf die Tochter Blicke, die,
ihr Innerstes durchdringend, sie errthen machten. An einem Abend, wo
sie ihr besonders niedergedrckt erschien, fragte sie, was ihr sey, und
das Mdchen sprach ihren Verdru darber aus, eine Rolle nicht erhalten
zu haben, die ihr zukme und auf die sie sich schon lange gefreut habe.
Die Zge der Mutter wurden ernst, vorwurfsvoll, und sie rief: Geh,
und mach mir nichts weis! Du hngst an diesem Menschen und verstrickst
dich immer tiefer in deine unselige Leidenschaft! Das Stck, das ihr
mit einander ausarbeitet, ist dein Unglck, und ich erklre mir nun
die fatale Empfindung, die ich hatte, als du es an ihn abtratest. Je
mehr er dich krnkt, desto mehr liebst du ihn. Deine Gedanken kommen
nicht von ihm los, du sorgst und arbeitest fr ihn, und dein Lohn ist
Herzeleid!

Rosa hatte sich whrend dieser Rede gefat. Du bertreibst, liebe
Mutter, entgegnete sie mit der Ueberlegenheit einer Seele, die an
ihrem Loos trotz allem festhlt. Wenn du aber auch Recht httest, was
tht' es? Ein bischen unglckliche Liebe schadet nicht, am wenigsten
einer Schauspielerin. Man macht damit neue Erfahrungen, neue Sphren
menschlicher Gefhle schlieen sich auf, und man spielt besser. Ja,
ja, fuhr sie mit einem Blick auf die achselzuckende Mutter fort,
fr mich insbesondere ist dieses Unglck ein wahres Glck. Ich habe
mich bis jetzt offenbar zu einseitig auf die muntere Seite gelegt,
und das geht wohl eine Zeit lang, wird aber nach und nach langweilig
und schdlich. Das Herzeleid fhrt in die Tiefe, macht uns ganz --
allerdings, liebe Mutter! -- und wir gelangen zur wahren knstlerischen
Ausbildung.

Die Frau, mit einem Zug des Tadels um den Mund, hatte den Kopf
geschttelt. Du rufst den Humor zu Hlfe! entgegnete sie. Wird
er immer vorhalten? -- Es ist mein Ernst, versetzte Rosa mit
Ergebung. Dieser Poet ist in unser Haus gekommen und wir haben uns
fr ihn interessirt. Das Theater, von dem er alles erwartete, hat ihn
abgewiesen und recht eigentlich in Verzweiflung gestrzt; ich konnte
ihm die rettende Hand bieten, und ich bot sie ihm. Bei alledem hab' ich
mir nichts vorzuwerfen. Kommt mehr Unglck dabei fr mich heraus, als
mir lieb ist, so mu ich's tragen. Aber sey nur ruhig, ich bin nicht so
schwach, und werde schon damit fertig werden.

Die Augen der Frau waren na geworden. Du bist ein gutes Kind, rief
sie, ein edles Herz. Du httest ein besseres Loos verdient! -- Ach,
Mutter, versetzte das Mdchen, man kann in dieser Welt nicht alles
haben und mu sich gengen lassen! Mir ist dieses Unglck im Grunde
doch lieber, als das ehemalige Glck, und ich wrde es nicht dafr
hergeben, wenn sich's mir in der letzten Zeit auch ein wenig stark
aufgelegt hat. Ich hab' nun einmal meine Freude dran! La mir's, bis
mich's von selber verlt!

Die Mutter, gerhrt, umfate die Tochter, schlo sie an ihre Brust
und drckte einen zrtlichen Ku auf ihre Stirn. Wann wird das
aber geschehen? entgegnete sie. Die Arbeit, die euch immer wieder
zusammenfhrt, wird noch eine gute Zeit dauern. Kann sie die Krankheit
nicht so verschlimmern, da sie unheilbar wird? -- Im Gegentheil,
versetzte das Mdchen; eben diese Arbeit, wenn sie gelingt, wird mich
heilen; und wenn ich mich so eifrig darum annehme, sorg' ich eigentlich
nur fr mich selbst.

Die Mutter schaute sie zweifelnd an. -- Ganz einfach, erwiederte die
Tochter. Wenn das Stck gerth und gut aufgenommen wird, ist der Poet
ein gemachter Mann. Denn Talent hat er, das haben wir nun gesehen, und
wenn er einmal erfhrt, wie er's am besten verwenden kann, wird er den
Weg, auf den wir ihn gebracht haben, nicht mehr verlassen. Er kann um
seine Auguste anhalten und wird sie heirathen -- und ich werde mich
beruhigen; denn so kindisch bin ich nicht, da ich einen weiblichen
Werther spielen werde. Ist der Poet ein Ehemann und sehen wir uns wenig
oder gar nicht mehr, dann wird es in meinem Herzen wieder still werden
und nur der Nutzen der Erfahrung wird brig bleiben. -- Die Frau sah
ihr in's Auge und lchelte mitleidig. Sehr gut berechnet, entgegnete
sie. Also fr jetzt glaubst du dich deinem sogenannten Glck noch
ruhig berlassen zu knnen? -- Das Mdchen sah fr sich hin und ber
ihr wehmthiges Gesicht ging ein Schein von Lcheln, das nicht ohne
Schelmerei war. Nun, fuhr die Mutter fort, ich kann's nicht ndern.
Du willst es haben -- sieh nun auch, wie du die Folgen trgst!

Tage, Wochen gingen hin, die Arbeit nherte sich ihrem Ende. Sey es
die Einrichtung der Natur, zufolge welcher nach einer Zeit strmischer
Erregung immer wieder eine Zeit der Ruhe kommt -- sey es der Einflu,
den der gute Fortgang des Stcks auf ihr Gemth bte, genug, Rosa wurde
schon in dieser Zeit heiterer gestimmt und erfreute die Mutter durch
einen Ausdruck ernster Zufriedenheit. Der Poet hatte aber auch den Takt
oder das Glck, ihr fast nie mehr durch Naivetten wehe zu thun. In der
Freude seines Herzens ber das Gelingen der Arbeit wurde er dankbarer
gegen die Spenderin, unwillkrlich zarter, und lie keinen guten Anla
vorbergehen, ihr Lob zu sagen. Der letzte Akt brachte so das Ende gut
Alles gut nicht nur fr die Personen des Stcks, sondern auch fr die
Erfinderin, die eine groe Genugthuung empfand, wobei das Bewutseyn
gelungener Hlfe die Melancholie der Entsagung weit berwog.

Heinrich fhlte sich im Innersten glcklich. Viel Mhe hatte er sich
gegeben; aber nun durchdrang ihn eine Sicherheit, wie er sie in solcher
Klarheit nie empfunden hatte. Sein eigenes Urtheil stimmte mit dem der
Freundinnen -- eine Tuschung war unmglich.

Als er an einem sonnigen Wintermorgen die letzten Auftritte skizzirt
hatte und die Schnheit des Wetters ihn auf die Strae lockte,
begegnete ihm Willmann. Sie begrten sich und der Novellist sagte:
Nun, ich gratulire. Ihr Schauspiel soll gut -- sehr gut werden. --
Woher wissen Sie das? fragte Heinrich. -- Ich wei es, entgegnete
der Andere behaglich.

Der Poet nickte begreifend und sagte dann: Ich meine freilich selber,
da es mir gerth; und ich hoffe nun, den beiden Herrn, die mich wegen
meiner Tragdie so schmhlich heruntergemacht haben, beweisen zu
knnen, da ich auch etwas zu liefern vermag, wofr sie mir Dank wissen
mssen. -- Dem, versetzte Willmann, sehen sie mit Freuden entgegen;
denn Jeder freut sich, wenn er ein Projekt gelingen sieht.

Wie mu ich das verstehen? rief Heinrich. -- Nun, erwiederte der
Doktor, am Ende mu es ja doch heraus, ich will's Ihnen also gestehen,
da wir Ihnen einen Streich gespielt haben, einen Streich zu Ihrem
Besten. In Ihrer Tragdie waren Sie auf einer Strae des Verderbens,
zeigten aber trotz Allem eine nicht gewhnliche Befhigung zum
Dramatiker -- darber waren die Regisseure einig. Wie diese Befhigung
nun von jenem Pfad abziehen? Wir kamen zusammen, beriethen uns, und es
wurde beschlossen, eine energische Kur anzuwenden. Ihr Verlangen, die
Urtheile kennen zu lernen, setzte man voraus und redigirte sie fr den
Autor besonders. Der Trank wurde verschluckt und wirkte grndlich.

Ah, rief Heinrich mit einem Ausdruck von Empfindlichkeit. So habt
ihr also mit mir gespielt? Aus Antheil an Ihnen, fuhr Willmann
begtigend fort, aus Achtung vor Ihrem Talent! Es galt, Sie von Ihrer
tragischen Ueberschwnglichkeit _par force_ wegzubringen, und in diesem
Sinn hat Freund Berger allerdings vortrefflich gearbeitet. Genug,
es ist geglckt, Sie haben sich nicht nur auf die rechte Wahlstatt
begeben, sondern nach allem, was ich hre, darauf auch schon einen Sieg
erkmpft.

Unser Poet entrang sich doch nur mit Mhe der demthigenden Empfindung,
gefhrt, wenn auch zu seinem Besten gefhrt zu seyn. Es ist
geglckt, begann er nach einer Pause; aber nicht durch euch, ihr
Herrn, sondern durch ein liebenswrdiges Geschpf, das mich freundlich
aufgeklrt und mir das Bessere an die Hand gegeben hat.

Wohl, versetzte der Andere; aber dieser Freundlichkeit mute
vorgearbeitet seyn, wenn sie bei einem so verstockten Idealisten
durchdringen sollte. Die Heilung ist methodisch vor sich gegangen.
Nach der Erschtterung durch Donner und einschlagenden Blitz kam der
Sonnenschein und that das Uebrige. -- Die Hauptsache! warf Heinrich
ein. -- Die Hauptsache, wiederholte der Schriftsteller, zugegeben!
Er schwieg einen Moment und fuhr dann lchelnd fort: Fr Sie kann man
wirklich gute Hoffnungen hegen. Ein junger Mann, der notorisch verlobt
ist, gewinnt noch andere Frauenherzen, so sehr, da sie sogar Opfer
bringen fr ihn. Mein lieber College, Sie kommen durch die Welt, darauf
knnen Sie sich verlassen. Und eins ins andere gerechnet, sind Sie nun
doch eigentlich mit einem sehr gndigen Lehrgeld davon gekommen.

Whrend dieses Gesprchs waren sie unvermerkt in die Nhe des Theaters
gelangt. Willmann richtete seinen Blick auf das stattliche Gebude und
sein Gesicht erheiterte sich. Zwei Mnner waren aus einem Seitenthor
getreten und kamen gegen sie her; es waren die Regisseure. Heinrich
konnte nicht umhin, mit Willmann vorwrts zu gehen, obwohl er vor der
Begegnung eine erklrliche Scheu empfand. Er hatte die Herrn nach der
Lektre ihrer Urtheile nicht nur nicht wieder besucht, sondern auch auf
der Strae glcklich vermieden, so da fr ihn jetzt eine Art Eis zu
brechen war. Indessen zeigte sich, da er die Zeit her doch viel Welt
in sich aufgenommen hatte; denn er bezwang sich und es gelang ihm, die
Begrung mglichst unbefangen abzumachen.

Hallfeld (so hie der ltere der beiden Schauspieler) dankte freundlich
und sagte: Wir haben uns lange nicht gesehen. Wie ich aber hre, sind
Sie die Zeit her fleiig gewesen und werden bald etwas Schnes fertig
haben! -- Fertig, entgegnete Heinrich, wird es bald seyn. Ob es
etwas Schnes ist, werden Sie zu entscheiden haben.

Der Komiker und Intrigant hatte unterde einen Blick auf ihn geworfen,
in welchem Spott und Wohlwollen sehr ergtzlich gemischt waren. Sie
haben sich, bemerkte er mit hflichem Kopfneigen, herabgelassen,
einen Stoff aus dem gewhnlichen brgerlichen Leben zu behandeln
und ein Schauspiel zu schreiben? -- Heinrich sah ihn an und zuckte
unwillkrlich die Achsel. -- Sie soll gelungen seyn, fuhr jener fort,
die Frucht Ihrer Condescendenz. -- Die Freundin, warf Hallfeld
ein, hat mit uns darber gesprochen. Demnach wre am Erfolg nicht zu
zweifeln, und ich hoffe, da wir es bald zu lesen bekommen werden.

Ich freue mich sehr auf den Intrigant, versetzte Berger, der
recht eine Rolle fr mich seyn soll. Mir sagen nmlich ganz
besonders gemischte Charaktere zu -- Menschen, die mit respektabler
Schlechtigkeit eine Art von Gutmthigkeit, ja Biederkeit verbinden. So
Einer, wie ich aus den gegebenen Andeutungen schlieen mchte, kommt in
Ihrem Stck vor. -- Und soll, entgegnete Heinrich mit eingehender
Laune, wenn das Stck angenommen wird, auch dem Knstler zufallen, den
die Natur geschaffen zu haben scheint, Charaktere dieser Art congenial
zu versinnlichen. -- Charmant! rief der Komiker, whrend die Andern
lchelten.

Ich gestehe, begann Willmann, ich freue mich sehr auf die
Vorstellung, an der ich nicht mehr zweifle. Sie haben, fuhr er auf
Heinrich blickend fort, durch Ihre erste Arbeit ernstlichen Antheil
erregt. -- Allerdings, bemerkte der Heldenvater mit Wrde. --
Unbedingt! setzte der Komiker hinzu. -- Und da Sie sich in der Zeit
der Calamitt so ritterlich gehalten haben, so gnnen wir Ihnen von
ganzem Herzen einen ffentlichen Erfolg. -- Und den wohlverdienten
Lorbeer, ergnzte Berger -- den Lohn der Demuth, die sich selbst
bezwungen! -- Nach weiterem Austausch von Hflichkeiten dieser Art
schied man erheitert und mit den besten Wnschen. Heinrich ging nach
der Wiederanknpfung mit den Kunstverwandten eines hin und wieder doch
lstig empfundenen Druckes entledigt nach Hause. Behaglich fhlte er,
wie sich der Weg fr ihn mehr und mehr ebnete und ein gnstiges Zeichen
nach dem andern hervortrat.

An demselben Tag schrieb er einen lngeren Brief an Auguste. Die
Geliebte hatte ihm auf die Meldung, da er auch das zweite Trauerspiel
einstweilen liegen gelassen und nun an einem Schauspiel arbeite,
nach lngerem Schweigen eine Antwort gesandt, welche die zrtlichste
Besorgni fr ihn an den Tag legte, indem nach den bisherigen
Erfahrungen leider nicht mit Gewiheit angenommen werden knne, da
er bei dieser neuen Arbeit ausharren werde. Darauf hatte der Verlobte
sie durch Versicherungen beruhigt, die, wenn sie nicht Ueberzeugung
bewirkten, doch Glauben fanden. Jetzt konnte er nicht nur die
Vollendung, sondern gleich auch die Gelungenheit des Stcks anzeigen --
und mit welch gerechtem Selbstgefhl that er es!

Ja, meine Theure, schlo der Bericht, meine Prfungszeit ist vorber
und der Lohn der Ausdauer so gewi, da ich ihn schon in der Hand
zu haben glaube. Endlich, endlich ist mir's gelungen! Nicht nur die
Annahme des Stcks, auch die Wirkung auf der Bhne und das Verbleiben
auf dem Repertoire ist mir verbrgt -- durch das Urtheil von Kennern.
In vierzehn Tagen ist die Arbeit fertig, revidirt, bhnengem
hergestellt; der raschen Annahme wird die rasche Darstellung folgen,
und dann heit's: Auf Wiedersehen! auf glckseliges Wiedersehen!

Dem Brief war eine Nachschrift beigefgt, die also lautete: Die
frhere Aeuerung ber Doctor Willmann mu ich zurcknehmen. Hinter
einer allerdings etwas gewhnlichen Auenseite verbirgt dieser
Schriftsteller ein tieferes Herz, und an mir und meinem Schicksal nimmt
er wahren Antheil. Theilt er nicht alle meine Ideen, so ist er doch ein
Mitstrebender und Literat im besten Sinne des Worts, eine redliche,
neidlose Seele, ein Freund, auf den ich rechnen kann.


                                 VII.

Die letzten Scenen wurden ausgefhrt, in dem kleinen Kreise berathen
und nach wenigen Aenderungen gebilligt. Das Stck war fertig.

Fr die nchsten Tage hatte der Autor nun den Genu, das vollendete
Werk nochmal zu bergehen und im Einzelnen durchzubilden. Es gehrt
die, wenn der Organismus im Wesentlichen gelungen ist, zu den
angenehmsten Arbeiten, und Heinrich schlrfte denn auch die Neige der
Schpferfreuden _con amore_. Wie aber auf Erden kein Glck rein bleiben
soll, so wurde auch in den sen Trank dieser Tage ein bitterer
Tropfen geworfen, der ihn rgerlich vergllte.

Unser Poet hatte den satirischen Roman seines guten Freundes Dorn schon
vor Monaten zu lesen begonnen, aber sich nicht damit befreunden knnen.
Er fand den Witz vielfach gezwungen und die Bosheit des Autors, auch wo
sie das Schlechte geielte, zu direkt und gehssig, als da er mit ihr
htte sympathisiren knnen. Der Geist, der das Opus eingegeben hatte
(die erkannte er aus den ersten Kapiteln), war der Geist der Rache und
der Schadenfreude, blinder Leidenschaften, denen nichts Wohlthuendes
gelingen kann. Einzelne Treffer ergtzten ihn freilich, die Neugier
wurde rege erhalten, aber das Gelesene hinterlie keinen guten Eindruck
und das Buch erzeugte in Heinrich zuletzt einen frmlichen Widerwillen,
so da er es, noch nicht in die Mitte gekommen, bei Seite warf.

Als Dorn sich gelegentlich einmal darnach erkundigte, fhlte der
etwas Befangene die Nthigung, ebenso den guten Bekannten wie die
Wahrheit zu schonen, und sagte darum: er habe sich mit groem
Interesse hineingelesen, knne aber einen so stark gewrzten Trank
nur in kleineren Dosen zu sich nehmen, und msse sich noch eine
Frist ausbitten. Der Autor, durch diese Erklrung nicht bermig
zufriedengestellt, machte doch gute Miene, und man trennte sich unter
kameradschaftlichen Versicherungen.

Nach der Vollendung seines Dramas erkannte der Poet, da er das Beien
in den sauern Apfel nicht lnger verschieben knne; er nahm das Buch
eines Abends vor und verschluckte den Rest heroisch. Aber er konnte
das frhere Urtheil nur besttigen. Ergtzlich im Einzelnen -- nicht
allzuhufig --, unerquicklich im Ganzen; von der Schneide des Hohnes
Rgenswerthes, Verwerfliches, aber auch Gutes, ja Groes getroffen,
das der Schreiber nur nicht begriff; ein Buch, das in einem Sinne
zu besprechen, wie der Autor es wnschte, fr Heinrich ganz und gar
unmglich war.

Kurz nach Gewinnung dieser Ansicht traf er wieder mit Dorn zusammen.
Er theilte ihm auf Befragen das Neueste ber sein Stck und seine
Hoffnungen mit, und der Feuilletonist gratulirte mit sichtlicher
Zurckhaltung; dann sagte er: Wie haben wir's aber mit unserem
Roman? Jetzt werden Sie ihn doch wohl gelesen haben! -- Freilich,
erwiederte Heinrich mit einer gewissen Hast. Er hat mich interessirt
bis zu Ende. Sie haben darin Hiebe ausgetheilt, die ich den Getroffenen
von Herzen gegnnt habe. Lugnen will ich aber nicht, da ich auch auf
Angriffe gestoen bin, die ich durchaus nicht unterschreiben mchte.
-- So? entgegnete der Andere. -- Nun, fuhr er nach kurzem Schweigen
fort, im Grunde ist das natrlich, man kann nicht in allen Stcken
gleich denken. Ihr Urtheil im Ganzen ist also? -- Da das Buch von
dem Publikum, fr das es geschrieben ist, mit Nutzen und Vergngen
gelesen werden kann.

Dieses bedingte Zugestndni war an sich nicht darnach angethan,
eine Autorseele zu befriedigen. Unser Poet aber, der sich bewut
war, da der Roman eben so gut mit Schaden und Mivergngen gelesen
werden knne, hatte es zum Ueberflu mit einer gewissen Verlegenheit
ausgesprochen, so da die eingeschrnkte Beistimmung noch dazu als
abgenthigt erschien. Dorn, dem sich die aufdrngte, betrachtete ihn
mit verdchtigen Blicken. Er ging auf einen andern Gegenstand ber,
machte seinem Herzen in scharfen Bemerkungen ber Abwesende Luft,
und sagte zuletzt mit einem Lcheln Guten Tag, das nichts Gutes zu
bedeuten schien.

Heinrich gehrte zu den Menschen, die nicht gern eine Schuld
unbezahlt lassen, und er berlegte daher ernstlich, ob nicht eine
Form auszudenken wre, in der er, ohne der Gerechtigkeit eben in's
Angesicht zu schlagen, dem Autor, der ihn ffentlich gelobt hatte,
doch auch einen Dienst erweisen knnte. Allein er fand keine, und die
beunruhigte ihn sehr und trbte das Glck der schnen Tage. Endlich
rief er: Zum Henker mit dieser Affaire! Gehen wir auf die Hauptsache
los, und wenn sie erreicht, dem Kritikus Respekt eingeflt ist,
dann wird ihn eine Geflligkeit zufrieden stellen, die ich ihm ohne
Gewissensbisse erweisen kann!

Im Nachklang dieses heroischen Entschlusses vollendete Heinrich die
Revision und stellte ein reinliches Manuscript her.

Als er den Freundinnen ankndigte, da er das Stck sofort einreichen
knne, schttelte Rosa den Kopf. Vorher, sagte sie, mu noch was
Anderes geschehen. Die Regisseure und Doctor Willmann sind Ihnen
wahrhaft zugethan. Wir wollen diese Herrn zum Thee einladen, und
Sie tragen ihnen dann Ihr Stck vor. Gut gelesen wird es nicht nur
einen gewinnenden Eindruck machen, sondern auch zu Bemerkungen Anla
geben, die Ihnen weiter ntzlich werden knnen. -- Heinrich, ber die
consequent liebevolle Sorgfalt erfreut, erklrte seine Zustimmung unter
Worten des Dankes.

Am nchsten Sonnabend war die Gesellschaft in dem traulichen Zimmer
versammelt. Man hatte sich cordial begrt, und unter dem Schlrfen
des feinen Getrnks nahmen bald gute Geister die Seelen ein. Der Poet
hatte offenbar eine gnstige Position. Konnten ihn nicht alle, wie er
jetzt war, gewissermaen als ihre Schpfung ansprechen, und muten sie
sich daher nicht ber alles ihm Gelungene freuen, als ob es von ihnen
wre? Er fhlte das auch, und der letzte Rest von Befangenheit wich aus
seiner Seele.

Willmann, ihn betrachtend, sagte:Hat unser Dramatiker in der letzten
Zeit nicht geradezu ein anderes Aussehen bekommen? Sein Blick ist jetzt
so menschlich, sein ganzes Wesen so vertrauenerweckend --

Sehr natrlich, fiel Berger ein. Er ist herabgestiegen aus den
therischen Hhen und Mensch geworden, indem er sich in wirkliche
Menschen versetzte, und -- menschlich gesinnt auch fr uns Theaterleute
-- Rollen geschrieben hat, die man wirklich spielen kann -- wie ich
hre.

Die Welt, fuhr der Novellist heiter fort, wird gesund, man kann
nicht mehr daran zweifeln. Der Realismus erstarkt und macht eine
bedeutsame Erwerbung nach der andern. -- Leben und Lebenlassen, rief
der Regisseur, das ist die Parole des Jahrhunderts! Sogar auf dem
Theater, wo man sonst mit wohlklingenden Versen im Mund sich dem Tod in
die Arme warf, da die Bhne sich endlich mit Leichen bedeckte, wird
es mehr und mehr Sitte, in schlichter Prosa zu guter Letzt sich um den
Hals zu fallen und dem Publikum das wohlthuende Schauspiel verstndiger
Gemther zu geben, die dem Glck entgegen gehen. Mit einem Blick auf
Hallfeld, der launig den Mund rmpfte, fuhr er fort: Der Herr College
scheinen nicht ganz einverstanden zu seyn?

Doch, versetzte dieser. Aber in eurem eigenen Interesse mcht'
ich euch Herrn rathen: bertreibt's nicht mit eurer Prosa und eurem
Lebenlassen! Denn sonst mchte das Publikum am Ende auch das genug
kriegen und ihr knntet einen Rckfall erleben. -- O, rief Berger,
mir ist nicht bange! -- Man kann fr nichts einstehen, erwiederte
der Andere. Der Komiker sah ihn an, und da er, besonders vor einem
Auditorium, zu necken und zu streiten liebte, fuhr er fort: Sie
kmpfen fr Ihr scheinbares Gebiet, lieber College, aber Sie thun sich
selber Unrecht. Ihr Spiel ist im Prosadialog so vorzglich wie in der
Versetragdie und fr mich und Meinesgleichen noch viel erquickender.
Es herrscht darin eine Natur, eine Frische -- -- Bitte! rief
Hallfeld. -- Also davon abgesehen! Sagen Sie mir nun in allem Ernst:
was hat man eigentlich an einer versificirten Tragdie?

In allem Ernst? fragte Hallfeld erheitert. Wollen Sie etwas
Ernsthaftes hren? -- Oh, rief Berger mit einem Ton des Vorwurfs,
von Ihnen mit Freuden! Und gewi alle hier Anwesenden? -- Ja wohl,
ja wohl, riefen Heinrich und Rosa. -- Also, kurz gesprochen, was hat
man davon? -- Hallfeld erwiederte mit ruhigem Nachdruck: Die Kunst.
-- Die Kunst! wiederholte der Andere. Sie meinen die Kunst im
aparten Sinne, wo sie ber die natrlichen Formen des wirklichen Lebens
hinaus geht? -- Die Kunst in dem Sinn, wo sie ber die Kleinheit,
Gewhnlichkeit und Drftigkeit des wirklichen Lebens sich erhebt,
entgegnete Hallfeld. Die Kunst, die in eine Welt versetzt, wo das
hhere Ma in der Ordnung ist und die Verse so natrlich klingen, wie
im gewhnlichen Leben die Prosa.

Das klingt sehr schn, erwiederte Berger, und (setzte er lchelnd
hinzu) ungefhr so sagt's der Herr Professor auch. Aber ich, als ein
verstockter Realist, stelle mir die Sache selbst vor und mu Ihnen
die Wirkung, die faktisch so oft mit angesehene Wirkung entgegen
halten. Erlauben Sie mir eine kleine Charakteristik. Wir geben also
eine versificirte Tragdie (denn um die Tragdie handelt sich's) --
was ist, kurz und bndig gesagt, der Effekt? Das Publikum -- in nicht
allzugroer Zahl -- sitzt erwartungsvoll, und die pathetischen Verse
beginnen. Irgend eine Gruelthat ist schon verbt oder wird verbt;
zunchst mit glcklichem Erfolg. Triumph ruft das Verbrechen, Rache
die Tugend. Man streitet, man tobt, man rast, wobei nicht selten das
nervenerschtternde Spiel noch durch einen grulichen Lrm hinter den
Coulissen verstrkt wird. Der Frevler, unter dem Beistand hllischer
Dmonen, wehrt sich verzweifelt. Endlich, krach, trifft ihn der Blitz,
die Exekution gelingt, der Tod heimst ein, und der Vorhang fllt. Die
Zuschauer, wenn sie mit ihren Gedanken nicht schon lange daheim oder
im Wirthshause sind und die ganze, meist drei bis vier Stunden dauernde
Handlung mitgeduldet haben, fhlen sich geschttelt und gerttelt, in
dumpfe Verwirrung gesetzt, und gehen mit zerschlagenen Gliedern weg,
trotz der Verse, und trotzdem, da sie zu der grausigen Aktion sehr
natrlich geklungen haben.

Die Gesellschaft, von der drastisch gezeichneten Carikatur ergtzt,
lachte, Hallfeld mit eingeschlossen. Nach kurzem Schweigen erwiederte
dieser: Darf ich nun auch eine Tragdie auffhren? -- Immer zu!
rief Berger.

Hallfeld begann: Also -- das Publikum sitzt in ernster Erwartung und
der Vorhang geht auf. Schon durch den Klang der Verse wird der Hrer
der Atmosphre des Alltagslebens entrckt und in eine hhere feierliche
Stimmung versetzt. Eine groe, gewaltige Kraft, deren Leidenschaft uns
mit Staunen erfllt, wird zum tragischen Uebermuth, zum Verbrechen
hingerissen, und die Gttin, die dadurch verletzt ist, bereitet die
Strafe; ihre Organe setzen sich in Action und ein Kampf beginnt, den
wir mit erhabener Spannung begleiten. Wir fordern den Untergang des
Frevlers, indem wir seinen dmonischen Geist bewundern, und er sinkt
endlich unter den Schlgen der Gerechtigkeit. Der Zuschauer, um mit
einem Heros der tragischen Dichtung zu reden, ist zermalmt, aber
zugleich erhoben; und nachdem er in eine Welt Blicke gethan hat, die
ebenfalls Natur und Wahrheit, aber Natur und Wahrheit oberster Art ist,
nachdem er Blicke gethan hat in's Jenseits und in die Ewigkeit, verlt
er das Theater, wie man einen Tempel verlt. Und ein Tempel -- ein
Tempel der Kunst -- soll's ja auch seyn, das Theater, nicht ein Haus,
wie man's zu Hause auch und am Ende noch besser hat.

Der tragische Knstler hatte diese Entgegnung spielend, wenn auch
mit Wrde spielend, begonnen, aber nach und nach zu einem Ernst sich
erhoben, der seines Eindrucks nicht verfehlen konnte. Heinrich rief ein
so lebhaftes Bravo, da Willmann ihm bedeutsam drohte; die Wirthinnen
nickten beifllig und Berger sah schweigend auf den Tisch. Pltzlich
aufsehend und den Redner betrachtend, entgegnete der Komiker: Ihre
Schilderung ist so pathetisch poetisch gerathen, da sie eigentlich in
fnffigen Jamben htte gegeben werden sollen, und ich sehe dadurch
meinen alten Verdacht besttigt, da Sie im Geheimen dergleichen
anfertigen.

Wre heutzutage weder eine Kunst noch ein Verbrechen, erwiederte
Hallfeld. -- Gewi nicht, entgegnete Berger, namentlich das Erste
nicht. Nun, um Ihnen meine aufrichtige Meinung zu sagen: schn
gesprochen haben Sie; wenn's nur eben so wahr wre! Gut, gut, rief
er, als Hallfeld zu reden sich anschickte, ich wei, was Sie sagen
wollen. Die classischen Stcke, classisch aufgefhrt, wirken so.
Zugegeben. Aber classische Stcke haben wir nicht viel, und wenn wir's
ehrlich bekennen wollen, sind auch unter den classischen welche, die
vielmehr den von mir geschilderten Effekt machen. Neue Stcke, die
sich den classischen unter den classischen anreihen -- mit aller
Achtung vor den lebenden Talenten sey es gesagt -- drften uns nicht in
allzugroer Anzahl geliefert werden; also wre es gewi ein billiger,
allen Verhltnissen Rechnung tragender Vorschlag: das Theater in so
fern als Tempel zu behandeln, als wir einmal in der Woche die Priester
der Tragdie darin fungiren lassen, an den brigen Tagen aber es als
ein Haus zu benutzen, was es trotz alledem viel mehr ist, als ein
Tempel. Denn ein Tempel ist es doch nur in poetischer Anschauung und
metaphorisch; dem unbestochenen Auge bleibt es eben das Schauspielhaus,
das Haus, worin vorzugsweise gegeben werden sollen Schauspiele,
inclusive Lustspiele.

Die Hrer schienen den Vorschlag zur Gte heiter aufzunehmen und der
ermunterte Komiker fuhr fort: Ermessen wir dabei unsere Krfte,
vielleicht auch die Krfte des Zeitalters! Mir scheint ein Wink der
Geschichte in der unbestreitbaren Thatsache zu liegen, da wir im
genreartigen Drama -- wenn Sie den Ausdruck erlauben wollen -- auch
besser spielen, als in der hochstylisirten Tragdie. Zum lebensgroen
Bild reicht unsere Natur hin, zum berlebensgroen mssen wir uns
schon verteufelt strecken, und das kommt gar nicht immer schn heraus.
Talente, mit einem Geist, einer Figur und -- einer Stimme, wie wir
sie an unserem Heldenvater bewundern, sind selten und werden immer
seltener. Wir Andern bewegen uns im lustigen, gemthlichen, pikanten
Kreis, bewirken Lachen und nebenbei Rhrung und geben dem Publikum
das, was es doch eigentlich am ftesten begehrt und wofr es auch am
dankbarsten sich zeigt durch Ausfllung des Hauses und durch Fllung
der Kasse.

Das, fgte Willmann mit einem Blick auf Hallfeld hinzu, ist doch
wohl auch sehr zu bedenken. Das Publikum sieht sich jetzt am liebsten
selber auf der Bhne, namentlich in wohlwollender Zeichnung und
gewinnendem Bilde. Da wir aber dergleichen jetzt auch besser machen,
besser spielen, so sind wir am Ende aus allen Grnden gemahnt, den
Zuschauern vorzugsweise zu bieten, was sie vorzugsweise zu wnschen so
freundlich sind.

Gut gesagt! rief Berger. Und wie viel ist hier noch zu thun! Welche
Schtze warten noch der Hebung! Welch kstliche Narren, Philister und
Bsewichter knnen die Poeten noch herauf bringen! Also vorwrts auf
dieser Strae! Richten wir uns in Vorfhrung von Schauspielen und
Tragdien nach dem Verhltni der Werkeltage und Festtage -- und es
wird wohl stehen im Lande!

Hallfeld lchelte, als einer, der den Streit zu beenden wnscht.
Damit, sagte er, knnte ich mich am Ende zufrieden erklren.
Festtage! Dazu gehren auch die Feiertage der Woche! -- Berger, nach
einigem Besinnen, rief: Meinetwegen! Ich will nicht knauserig seyn.
Aber, wohlgemerkt, nach dem protestantischen Kalender! Dann: _Soyons
amis!_ Er reichte ihm die Hand und der Anwalt des Trauerspiels, mit
einer Freundlichkeit, die nicht ganz ohne Herablassung war, schttelte
sie.

Unser Poet hatte whrend der letzten Verhandlung mit einer Miene
dagesessen, die den Frauen und endlich auch Willmann aufgefallen
war. Ein Ernst sprach aus seinem Gesicht, der sich von dem des
Heldenspielers wesentlich unterschied, indem er einen poetisch
feierlichen Charakter hatte. Was ist Ihnen? rief ihm der
Schriftsteller zu. Sie scheinen in hheren Sphren zu seyn! -- Ich
habe eine Idee, versetzte der Angeredete, eine Idee, die mir Freude
macht! -- Nun? rief Willmann, whrend die Andern auf Heinrich
schauten. Ich hoffe nicht, da Sie eine Idee haben, die Sie abtrnnig
werden lt. Ihr Aussehen -- -- Verkndet Frieden -- Harmonie!
rief der Poet. -- Das la ich mir gefallen! entgegnete jener. Sie
unterschreiben also die Capitulation zwischen der Comdie und der
Tragdie? -- Mit einer Modifikation, die sich auf unser Metier
bezieht. -- Ah so! -- Nun?

Der Poet begann unter allgemeiner Aufmerksamkeit: Leben und
Lebenlassen ist ein guter Spruch. Ich glaube, da wir ihn eben jetzt
auf unsere Fahne schreiben und unserem groen Dichter folgend das
Gedenke zu sterben in Gedenke zu leben umwandeln mssen. --
Ah, bravo! rief der Vertreter der Comdie, der an dem Redner mit
humoristischer Aufmerksamkeit hing. Wir mssen zwar alle sterben,
fuhr Heinrich fort, und es wird gut seyn, auch daran zu denken. Aber
bevor es zu Ende geht, mssen wir leben, das Leben grndlich bentzen,
und drfen uns in diesem edeln Beruf nicht durch Todesgedanken stren
lassen. -- Recht gesprochen! rief Berger -- Also lob' ich die
Richtung in der Kunst, die das Leben, in dem wir thatschlich stehen,
zeichnet, aufhellt und auf Ziele weist, damit dieses Leben nicht
bleibe, wie es ist, sondern selbst immer schner und erfreuender
werde. -- Der Komiker blickte zweifelnd.

Die dramatische Poesie, fuhr Heinrich fort, lasse Streit und
Verwirrung entstehen, um sie zu lsen, sie fhre Irrthum und Schuld
vor, um davon zu heilen. -- Ja wohl, fiel Berger ein; aber das
darf nicht schulmeisterlich, tendenzis -- -- Nein, versetzte
Heinrich, sondern nur poetisch geschehen! Der Dichter sehe das
wirkliche Leben mit den Augen der Liebe, er sehe es, wie es in der
That ist, reorganisire es liebevoll und zeige es im Bilde wahr und
schn. Er sey Realist, er ergreife die Wirklichkeit in ihrer Flle,
ihrer Eigenthmlichkeit und eigenthmlichen Schnheit, und bereichere
die poetische Literatur, die dramatische Literatur, mit neuen und
neuschnen Gemlden.

Ganz gut, rief der Komiker. Sie drfen aber nur nicht gar zu schn
-- -- Das sind sie nie, wenn sie wahr sind! -- _A la bonne heure!_
-- Und weil es denn, fuhr Heinrich fort, an der Zeit ist und alle
Forderungen darauf hinweisen, so cultivire der Dichter jetzt vor allem
diese Poesie des wirklichen Lebens und liefere auch dem Theater Stcke,
die mit dem Vorsatz und der Mglichkeit, schn zu leben, schlieen!

Bravo! rief Willmann. -- Diese Thtigkeit, fuhr der Poet fort, sey
ihm aber zugleich eine Schule, eine Vorschule fr die wahre Tragdie.
-- Ah so! riefen Willmann und Berger zugleich, whrend Hallfeld
erheitert aufhorchte und die Frauen lchelten. -- Fr eine neue
Tragdie, rief der Poet, fr die Tragdie der Zukunft! -- Hrt,
hrt! rief Hallfeld, indem er den Collegen ansah.

Der Dichter unserer Zeit, indem er die frische, kernige, treffende
Sprache des wirklichen Lebens redet, lerne eine neue poetische Diction
schaffen, in der nicht der Ton unserer groen Poeten mehr oder minder
wiederklingt, sondern ein neuer ertnt, worin jene frische, kernige,
treffende Sprache geadelt, verklrt erscheint. -- Hm! erwiederte der
Anwalt des Lustspiels. -- Er lerne, indem er das Leben glorificirt im
Schauspiel, das Leben glorificiren in der Tragdie!

In der Tragdie -- das Leben? wandte Berger ein. -- Er lerne, fuhr
Heinrich nickend fort, indem er einen trostreichen Schlu herbeifhrt
im Schauspiel, einen trostreichen Schlu herbeifhren in der Tragdie.
Er erschttere die Herzen durch das flammende Gemlde der Schuld und
Shnung, aber er ffne mehr und schner, als es bis jetzt geschehen
ist, die Sphre der Ewigkeit und erhebe ber das Grauen des zeitlichen
Todes durch die Anschauung ewigen Lebens! Er lerne in der Abspiegelung
irdisch guten Ausgangs die tragisch poetische Hinweisung auf den
himmlisch guten Ausgang, den wir alle fordern, der kommen mu und
kommen wird, auf Grund ewiger Gerechtigkeit und Schnheit.

Willmanns Gesicht war bei dieser Wendung auffallend bedenklich
geworden, und Berger rief: Aber lieber Freund -- -- Lassen Sie mich
alles sagen, entgegnete Heinrich, ich werde gleich fertig seyn! Der
Dichter also studire das wirkliche Leben in seiner Eigenthmlichkeit;
er erflle sich mit der Kraft der Natur und schildere Menschen und
Verhltnisse, wie sie sind! Indem er aber die Wunder der Wirklichkeit,
die Wunder der Natur wieder erkennt und tiefer erfat, als je zuvor,
lerne er die Art der Natur gebrauchen zum Bilden von Idealen, die in
hherer Sphre wieder Natur sind!

Hallfeld drckte seine Beistimmung durch lebhaftes Zunicken aus; der
Poet fuhr fort: Wir wollen die Menschen nicht nur vorgefhrt sehen,
wie sie sind, sondern auch wie sie seyn sollen. Auch darauf ist unser
tiefes Verlangen -- die Neugierde unseres Geistes gerichtet. Diese
Menschen, wie sie seyn sollen, mssen aber so natrlich, so motivirt
aus ihrem eigensten Wesen heraus handeln, wie die realen Menschen, und
darum ist das Genre fr die hhere Kunst, das reale Schauspiel fr
die stylisirt ideale Tragdie Vorbild schon in dieser Beziehung; aber
eben so in der andern eines befriedigenden Schlusses durch den Sieg
des Lebens. Die Tragdiendichtung kann nicht aufhren, denn es gibt
tragische, hochtragische Persnlichkeiten nicht nur in der Mythologie
und der Sage, sondern auch in der wirklichen Geschichte; also auch die
Forderung des Realisten, da die Menschen geschildert werden mssen,
wie sie sind, fhrt zur Tragdie. Aber die Tragdie wird unertrglich,
wenn der Dichter nicht naturwahre, aus innerster Nothwendigkeit
handelnde und zugleich erhhte Menschen vorfhrt, die dem strengen
Gericht, das die tragische Nemesis hlt, auch gewachsen sind durch die
Gre des Geistes und Sinnes, wenn er nicht die ganze Handlung in eine
hhere Sphre rckt und die Zuschauer zwingt, sie vom Standpunkt der
Ewigkeit aus zu betrachten. Sie wird insbesondere fr uns unertrglich,
wenn der Dichter auf den himmlischen Ausgang der Dinge nicht wenigstens
hinzeigt und im irdischen Ausgang nicht das Heil, d. h. die Rettung
fr die Ewigkeit fhlbar macht. Ich verlange also das natur- und
lebenswahre, durch seinen Ausgang erfreuliche Schauspiel; ich verlange
die natur- und lebenswahre, durch ihren Ausgang ber das Leid der Erde
triumphiren machende, wahrhaft erhebende Tragdie, und ich glaube, da
wir durch jenes zu dieser gelangen mssen und werden. -- Das ist mein
Bekenntni.

Das ich unterschreibe, rief Hallfeld mit einem Eifer und zugleich mit
einem Ausdruck von Achtung, wie er sie dem Poeten gegenber noch nicht
an den Tag gelegt hatte. Sie haben mir aus der Seele gesprochen und
es besser ausgedrckt, als ich's gekonnt htte! -- Den Teufel auch,
setzte er lchelnd hinzu, wo haben Sie diese Sachen her?

Der Poet sah ihn heiter an. Das fragen Sie, rief er, einen
Doktor der Philosophie und Aesthetiker, der eine verfehlte Tragdie
geschrieben hat und durch ein Schauspiel sich zu rehabilitiren hofft?
Ach, mein Freund, das Sagenknnen ist heutzutage nicht schwer -- das
Machenknnen ist's! Und darauf werden wir, frcht' ich, in Ansehung der
Tragdie noch einige Zeit warten mssen.

Weise gesprochen! rief hier der Regisseur der Comdie; oder vielmehr
klug gesprochen nach imponirendem Weisesprechen! Schwer mag die
Tragdie seyn, die Sie in Aussicht gestellt haben -- sehr schwer --
wenn am Ende nicht gar unmglich. Darum soll mich's freuen, wenn Ihnen
zunchst Ihr Schauspiel so gut gelungen ist, wie sich's bei solchen
dramaturgischen Anschauungen allerdings nicht anders erwarten lt.

Und dieses Schauspiel, setzte Willmann hinzu, wollen wir jetzt
hren. Ihre Ausgleichung, lieber Freund, ist billig, und ich kann mich
damit recht gut einverstanden erklren. Sie weisen das reale Drama
in die Gegenwart, die neue realideale Tragdie in die Zukunft -- das
ist ein Vorschlag. Ueberlassen wir die Tragdie nun getrost unsern
Nachkommen; wir unsererseits wollen um so frhlicher das Drama und die
Comdie cultiviren, spielen und genieen.

Das, versetzte Heinrich, ist nicht ganz meine Meinung. Der Faden der
tragischen Dichtung darf und wird nie abreien; und ich stehe nicht
gut dafr, da ich selber -- -- Ah, rief Willmann auf die Thre
blickend, unsere verehrte Wirthin mit der Bowle! Jetzt, mein Bester,
hat die Discussion ein Ende. Was von dem Abend noch brig ist, sey dem
Genusse des Tranks und des Schauspiels geweiht!

Die dampfende Bowle wurde von der Mutter auf den Tisch gesetzt und Rosa
fllte die Glser. Der Punsch, auf Mnner berechnet, wurde versucht,
ausgezeichnet befunden und gepriesen. Strke, Sigkeit und Duft
bten ihre Wirkung und erweckten alsbald jenes poetische Gefhl, das
die letzten Reste stattgehabter Differenz auslschte. Der Dramatiker
holte sein Manuscript herbei, setzte sich damit zurecht und las das
Personenverzeichni.

Das eigenthmlichste Bild unter den Hrenden gewhrte nun die junge
Knstlerin. Rosa war dem Gesprch der Gste mit Aufmerksamkeit gefolgt
und hatte an der Art, wie Heinrich zuletzt seine Stze aussprach und
verfocht, eine eigene, tiefe Freude gehabt. Der Poet, den der Geist,
der ber ihn kam, Ueberzeugungen und Ahnungen klar aussprechen lehrte,
hatte auch sie belehrt, und seine Worte waren ihr so einleuchtend
erschienen, da sie fr ihn auch als tragischen Dichter neue Hoffnungen
fate. Wie er nun vor Kennern die erste Prfung bestehen sollte, war
ihre Seele nur Interesse und Sorge fr ihn. Ihr Gesicht, etwas blsser
als gewhnlich, hatte einen Glanz, der es geistiger und bedeutender
erscheinen lie, und Hallfeld, der sie betrachtete, konnte nicht umhin,
die Verwandlung in ihr erkennend, einen Theil der Wahrheit zu ahnen.

Heinrich, sinnlich und geistig gehoben, fand im Text bald den richtigen
Ton und las den ersten Akt mit einer Lebendigkeit, einer Wahrheit, da
die beiden Schauspieler wiederholt beifllig nickten. Auch ber den
Inhalt drckten die Mienen Beistimmung aus.

Gut, rief Hallfeld; klar angelegt und eingeleitet! Ich habe kaum
etwas dagegen zu bemerken. -- Der Akt, bemerkte Willmann, lst
seine Aufgabe. Der Conflikt, der vorbereitet und angekndigt ist,
reizt, und wir begehren die Fortsetzung. -- Die ersten Akte, meinte
Berger, sind heutzutag meistens gut. Haben Sie die Gte und lesen Sie
weiter.

Der Poet las den zweiten Akt, in welchem sich hauptschlich der
Intrigant entwickelte. Sein artistischer Vertreter lchelte bei den
dialogischen und monologischen Aeuerungen, warf einen Blick auf den
Poeten, als ob er sich ber seine Fhigkeit, derartige Charaktere zu
schaffen, wunderte, und rief am Schlu: Nicht bel! Hbsch! Daraus
lt sich was machen!

Der Poet, erfreut, entgegnete: Sonst aber, was haben Sie einzuwenden?
-- Nun, versetzte der Schauspieler, allerlei. Aber im Wesentlichen
bin ich zufrieden, und das Uebrige nach der Lektre!

Der dritte Akt war der ernst- und inhaltreichste. Er brachte den
wirklichen Zusammensto, die Bewhrung der Hauptpersonen und, nach
charakteristisch erheiternden, die rhrendsten, erhebendsten Scenen.
Heinrich, wissend, um was es sich handelte, las die letzten Auftritte
mit aller Kraft und Innigkeit, deren er fhig war, und der Effekt war
bedeutend, um nicht zu sagen hinreiend.

Bravo! riefen Hallfeld und Willmann wie aus Einem Munde, whrend ihre
Blicke eine bewegte Seele verriethen. Die Augen der Wirthinnen waren
feucht geworden. Rosa hatte ihrer Rhrung und ihres Glckes kein Hehl,
und auch Berger nickte mit ernsthaftem Gesicht.

Dieser Akt, sagte Hallfeld, entscheidet. Die Wirkung auf dem Theater
wird durchschlagend seyn, oder Alles mte mich tuschen. Und jetzt,
fgte er lchelnd hinzu, zweifle ich nicht mehr, da auch die beiden
letzten Akte gut seyn werden. Handlung und Dialog bleiben bei der
Klinge -- ein schtzender Genius mu ber dem Ganzen gewacht haben.

Heinrich, mit einem Blick auf Rosa deutend, erwiederte: Hier sitzt er
in der Gestalt unserer edeln und liebenswrdigen Freundin!

Das, rief Berger, hab' ich mir freilich schon lange gedacht!
Alle Achtung vor Ihrem Talent, mein Herr Poet! Aber der Schritt vom
offenbaren Un- d. h. von offenbarer Ueberphantasie zu Verstand, Sinn
und Grazie macht man von selber nicht so schnell. Eine gtige Fee mute
Ihnen helfen; und wie ich sehe, hat sie Ihnen geholfen, vielleicht
mehr, als wir jetzt noch denken.

Sie thun dem Dichter Unrecht, entgegnete Rosa mit ernstlichem
Verweisen. Mein Antheil an dem Stck ist sehr gemessen. Wenn Sie
wollen, hab' ich im Kriegsrath meine Stimme abgegeben, die Schlacht
aber hat er gewonnen. -- Die Schlacht, versetzte Berger, das Haupt
wiegend, ist eigentlich noch im Gange, und obwohl die Zeichen auf Sieg
deuten, so ist doch noch Alles mglich.

Der Dramatiker las den vierten Akt. Whrend der ersten Hlfte
schttelte Berger ein paarmal den Kopf, wie einer, der ungeduldig wird,
und sah dann mit halbgeschlossenen Augen fr sich hin; bei der zweiten
dagegen hellten seine Mienen sich auf und am Schlu ergriff er zuerst
das Wort. Die Wendung der Intrigue gegen den Anspinner, sagte er,
hat -- ich kann's nicht anders sagen -- etwas Feines, und die Scene
zwischen Anna und dem alten Studenten ist geradezu lustig. Ueberhaupt,
die Anna gefllt mir, und, setzte er mit einem fein bedeutsamen Blick
auf Rosa hinzu, ich habe allen Grund, zu vermuthen, da sie auch dem
Publikum gefallen wird. Ich wittere hier etwas wie einen Triumph. --
Die Gesichter erheiterten sich, und Rosa dachte bei sich: Das ist nicht
ohne Mhe gewesen!

Nun, rief Willmann dem Poeten zu, lesen Sie schnell den letzten Akt!
Wir sind im Zuge! Fngt doch sogar Mephistopheles an zu loben! --
Berger drohte mit dem Zeigefinger und der Doktor lchelte.

Heinrich las weiter. Die Hrer, zu guter Letzt, nahmen sich ernstlicher
zusammen, und da auch der Inhalt vorherrschend ernst war, saen sie
mit beinahe feierlichen Mienen da. Jeder war in sich gekehrt, und nur
ein scharfes Auge htte die Andeutung besondern Wohlgefallens bei
dieser und jener Einzelheit bemerken knnen. Der Schlu -- ein zierlich
erhebendes Wort des Glcklichen, der die gerettete Antonie heimfhrte
-- entfesselte aber Herzen und Zungen, und in den Seelen Heinrichs und
Rosas weckten herzlich lebhafte Rufe der Anerkennung Schauer der Freude.

Die Schlacht ist gewonnen! rief Hallfeld mit pathetischem Beifall.
Was man im Einzelnen auch noch einwenden kann, das Ganze dringt in's
Herz und gewinnt es! -- Und das ist die Hauptsache, fuhr Willmann
zum Poeten gewendet fort. Ich kann's nicht verschweigen, ich fhle
eine gewisse Verwunderung, da es Ihnen so gut gerathen ist, aber -- um
so besser! Jetzt sind Sie ber'm Berg!

Heinrich, nachdem er beiden mit Hndeschtteln gedankt, schaute auf
den Komiker, der nach einem allgemeinen Ausruf der Billigung stumm
dagesessen hatte und nun ein Gesicht machte, als ob ihm des Lobes viel
zu viel wre. Und Sie? fragte der Poet. Lassen Sie die Kritik hren,
die Sie versprochen haben! Ich bin gefat -- gerstet!

Nun, erwiederte der Schauspieler mit einem gewissen Behagen, diemal
wird es gndig abgehen. Im Ganzen halt' ich das Drama fr einen guten
Wurf und zweifle nicht, da wir es mit Glck auffhren knnen, falls
nmlich darin gewisse unerlliche Aenderungen vorgenommen werden. --
Und die sind? Ich hre, mein Herr Regisseur! -- Sie haben, fuhr
jener fort, immer noch zwei Neigungen, die ich als Schauspieler, dem
einige Erfahrung zur Seite steht, sehr bedenklich finden mu, weil
Sie in den Dialog etwas fatal Aufhaltendes und Lhmendes bringen. --
Heinrich, ernster geworden, sah ihn fragend an. -- Zunchst einen Hang
zu einer gewissen Umstndlichkeit in der Entwicklung der Gedanken und
einer allzu grndlichen Motivirung. Man kann auch zu viel motiviren,
werther Herr; ja, man kann sogar etwas zu Tode motiviren!

Dieser Spruch, der die andern erheiterte, traf den Poeten bis zur
Verlegenheit. Berger, nachdem er sich daran geweidet, fuhr fort:
Lebendige Menschen, die wir Schauspieler ja doch vorstellen, mssen
aus ihrem Charakter heraus handeln und drfen nicht jeden Entschlu,
den sie fassen, durch eine lange Demonstration einleiten. Sie haben
aber im zweiten, am Anfang des dritten, namentlich aber in der
ersten Hlfte des vierten Aktes Entwicklungen beliebt von wahrhaft
physiologischer Grndlichkeit. Wenn ich bedenke, da ich schon beim
Lesen davon chokirt worden bin, so kann ich von der Bhne herab nur
eine geradezu unangenehme Wirkung prophezeien.

Das ist wahr, bemerkte Hallfeld ernsthaft, und das mu allerdings
gendert werden. -- Sodann, fuhr der Andere fort, zeigen Sie immer
noch eine Tendenz zu einem Pathos, das ich, ohne Sie damit beleidigen
zu wollen, hochtrabend nennen mchte. Ich will Ihnen zwar bekennen, ich
wundere mich, da der Verfasser der historisch-romantischen Tragdie
darin nicht noch viel mehr geleistet hat, und mache Ihnen ber die
Bekehrung mein aufrichtiges Compliment. Aber es finden sich doch noch
einige starke Proben in dem Stck, und wie begreiflich sind es gerade
die edeln Liebenden, die sich dadurch hervorthun. An wenigstens vier
Stellen wnsch' ich eine tchtige Beschneidung.

Wenn es seyn mu -- versetzte Heinrich zgernd. -- Es mu seyn,
entgegnete der Regisseur mit Nachdruck; fr die Auffhrung unter
allen Umstnden! Ueberhaupt, fuhr er nach einem Moment lchelnd
fort, kann ich Ihnen nicht verhalten, da mir Ihre Anna um ein Gutes
besser gefllt als Ihre Antonie. Diese soll zwar viel bedeutender,
hochgesinnter und tieffhlender seyn, das sieht man wohl, und
verwandten Seelen mag sie auch so vorkommen. Fr mich hat sie aber eine
Art von Prtension, die mir nicht recht munden will. Die andere ist
bescheidener, aber eben darum ansprechender, wohlthuender. Kurz gesagt:
die Antonie (vorausgesetzt, da ihr noch einige hochgehende Reden
gestrichen werden) ist mir interessant, aber die Anna lieb' ich.

Heinrich, durch diese vergleichende Wrdigung in's Herz getroffen,
war pltzlich errthet, um den Mund Rosas zuckte dagegen ein Lcheln,
das unter dem Schleier des Ernstes eine innige Genugthuung verrieth.
Hallfeld, der das Errthen Heinrichs aus der Verletztheit des Poeten
ableitete, glaubte sich in's Mittel schlagen zu mssen. Ich denke
nicht ganz so wie Freund Berger, versetzte er. Die Anna ist reizend,
aber die Antonie hat ihre eigenen Vorzge, und so viel sie weniger
gefllt, so viel mehr imponirt sie. -- Die Geschmcke, bemerkte
Berger, sind verschieden. Ich halte aber diemal den meinen fr besser
und habe Sie stark in Verdacht, da Sie ihn im Stillen theilen. Doch
davon ist nicht weiter zu reden.

Zur Sache denn! fuhr Hallfeld fort. Das Stck wird nicht ber drei
Stunden spielen; fr ein Schauspiel ist das aber doch zu lang und der
Dichter wird daher noch etwelche Striche zu dulden haben. -- Immer
zu! rief der Poet. -- Es wird so arg nicht werden, entgegnete
Hallfeld. Eigentlich ist das Stck schon gestrichen und man sieht auch
daraus, da nicht nur Kennerinnen, sondern Knstlerinnen die feine Hand
im Spiele gehabt haben. -- Gott vergelt's ihnen! rief Heinrich mit
Laune.

Reichen Sie nun, fuhr der Regisseur fort, das Stck ohne Weiteres
ein. An der Annahme ist nicht zu zweifeln; die Intendanz wird nach
einem versprechenden Schauspiel, in dem noch dazu nichts Anstiges
vorkommt, mit beiden Hnden greifen, und das Uebrige ist unsere Sache.
-- So mge es denn, rief Berger, eingehen in's Fegfeuer der Regie,
um, nach glcklichem Bestehen desselben, auf dem Repertoire zum ewigen
Leben zu gelangen!

Man stie an, trank und spann nach Abmachung der Hauptsache, trotz der
vorgerckten Zeit, ein zwangloses Gesprch fort, worin man gleichwohl
immer wieder auf das Stck zurckkam und namentlich unter allerlei
pikanten Bemerkungen die Rollen besetzte. Endlich, als durch eine
nochmalige Fllung der Glser die Bowle erschpft war, erhob sich
Willmann, der zuletzt berlegend dagesessen hatte, mit einer Art
humoristischer Feierlichkeit in seinem Gesicht, und sprach:

Meine Damen und Herrn! Wir haben heut einem Akte beigewohnt, den
man, genau genommen, einen weltgeschichtlichen nennen mte. Der
unvermeidliche Schritt vom Idealismus zum Realismus, von despotisch
eigenmchtiger Phantasie zur Natur und Naturwahrheit, der die Eine
Aufgabe der Gegenwart bezeichnet, ist vollzogen von einem Manne, der
noch vor Kurzem mit germanischer Innigkeit und Leidenschaft an der
groen Zauberin und Mnnerverlockerin hing. Freuen wir uns dieser That
auf der einen, dieser Eroberung auf der andern Seite! Freuen wir uns
als wohlwollende Herzen, da es dem begabten Freunde gelungen ist, von
dem Dmon, der ihn im Kreis herumgefhrt hat, sich loszureien und
der schnen grnen Weide froh zu werden! Er ist angekommen auf dem
heitern Plan, wo muntere Gesellschaft in offenen Gezelten tafelt und
denjenigen, der ihr Vergngen erhht, kniglich zu beschenken willig
ist. Die Welt, meine Freunde, ist nicht undankbar. Wer sie erquickt,
den erquickt sie wieder; ihr Dank entspricht der Gabe und dem realen
Spender kommt realer Segen in's Haus. Klar zu reden: was verlangt die
Welt eigentlich von uns, den heutigen Schriftstellern? Da wir ihr
Menschen zeichnen. Wer aber Menschen zeichnet, der zeichnet nicht
nur Leidenschaft und Natur, sondern auch Gemth und Geist und alle
Tugenden, die in Menschen sich finden. Und wer's versteht, der rundet
sein Gemlde, da es anzieht, fesselt und die reizende Wirkung eines
Kunstwerks macht. Wir Realisten lassen es uns nicht nehmen, da wir im
Grunde auch die rechten Idealisten sind. Haben wir nicht eben von einer
solchen Verbindung den Beweis erlangt? Sind wir nicht erhoben worden
in hhere Regionen durch den Aufschwung edler Seelen, und sind uns
nicht Thrnen idealer Ergriffenheit in's Auge gedrungen? Ja frwahr,
unser Freund hat nicht nur einen Schritt, er hat einen Sprung gemacht,
und wie ein Lwe vom alten Standpunkt auf den neuen sich strzend, ein
Werk vollbracht, dem gegenber die Lsterungen und Verleumdungen der
Zurckgebliebenen schmhlich zu Boden fallen werden. Hat ihm dabei eine
holde Fee liebevoll geholfen -- preisen wir ihn glcklich und benedeien
wir die Fee! Wir knnen nichts ohne Feen! Wohl uns, da, nachdem
die fabelhaften sich uns entzogen haben, die realen, die besseren
uns geblieben sind! Der Schutzgeist unseres Dramas, die Grazie des
Theaters, die liebenswrdigste aller Feen, um so liebenswrdiger, als
sie lebendig, wirklich ist -- sie lebe hoch!

Alle erhoben sich; unter freudigen Hoch- und Bravorufen der Mnner
stie man an, trank, trank aus und schttelte sich mit glnzenden
Mienen die Hnde. Der Moment des Scheidens war gekommen, und man
trennte sich in der heitersten Stimmung.

Wenn der Dramatiker eine tiefe Befriedigung mit nach Hause nahm, so
war das Gefhl, das die Seele der Knstlerin durchdrang, nicht minder
beglckend und hatte einen edleren, greren Charakter. Der Zweck,
den ihr liebendes Gemth sich gesetzt, war erreicht. Heinrich hatte
nicht nur ein Drama zu Stande gebracht, dessen Erfolg ihr ber jeden
Zweifel erhaben schien, er hatte als Bhnendichter die frdernden
Einsichten erlangt, sich gebildet, seine Fhigkeiten in seine Gewalt
bekommen, und was er nun fernerhin unternahm, das konnte ihm nicht
anders als gerathen. Der Grund seines Lebensglcks war gelegt, durch
sie gelegt! Dieser Gedanke erfllte sie und erhob sie dergestalt ber
sich selbst, da in dem sen Stolz der Gromuth auch die Vorstellung,
wie die Frchte des durch sie mglich gemachten Siegs einer Andern zu
Gute kamen, nichts Betrbendes fr sie hatte, sondern Vielmehr etwas
Wohlthuendes. Die Entsagende gnnte der Besitzenden nicht nur ihr
Glck, sie war sicher, da sie es ruhig, ja freudig mit Augen sehen
werde.


                                 VIII.

Nach wenigen Tagen war Heinrich im Stande, das nochmal durchgesehene
Stck dem Theater zu bergeben. Er verfgte sich mit dem Manuscript
zum Intendanten und wurde mit einer Freundlichkeit empfangen, die ihn
gleich in die beste Stimmung versetzte.

Baron von Dachburg, ein stattlicher Herr in den Fnfzigen, nahm das
Manuscript artig in Empfang. Ich habe, bemerkte er mit dem Wohlwollen
eines Hochgestellten, von dem Werk schon viel Gutes gehrt und freue
mich sehr, es kennen zu lernen. Bedenkliches, fgte er mit lchelnder
Miene hinzu, politisch Anzgliches ist nicht darin? -- Durchaus
nicht, erwiederte der Autor. Es bewegt sich rein in der gebildeten
brgerlichen Sphre. -- Das ist gut, versetzte jener. Solche Stcke
sieht man jetzt gern und sie halten sich! Nun -- soll mir sehr lieb
seyn, wenn wir es geben knnen und damit Glck machen. Sie werden dann
mehr fr's Theater schreiben?

Die dramatische Poesie, erwiederte Heinrich, wird das Hauptgeschft
meines Lebens seyn. Ich habe schon jetzt neue Entwrfe, und kann die
Zeit kaum erwarten, wo ich wieder einen in Angriff nehmen kann. --
Vortrefflich! bemerkte der Intendant mit Freundlichkeit. Sie haben
sich, fuhr er lchelnd fort, von Ihrem Unfall schnell erholt und
gleich ein gutes Werk darauf gesetzt. So ist's recht! So kommt man
vorwrts! Ich mu Ihnen gestehen, ich habe mit Schriftstellern auch
Erfahrungen gemacht, die nicht ganz angenehm sind. Mehr als einer,
wenn wir ihm ein Stck nicht aufgefhrt haben, weil damit nichts
anzufangen war, hat sich hingesetzt und unsere Anstalt in Journalen
heruntergezogen. Sie haben die Ablehnung nicht bel genommen und sich
vielmehr bestrebt, uns ein neues wirksames Stck zu verschaffen; Sie
sind ein Dichter, ein Mann von Ehre, und es soll mir eine groe Freude
seyn, wenn wir Ihnen jetzt auch den wohlverdienten Erfolg verschaffen
knnen.

Unserem Poeten ging bei diesen Worten des Intendanten das Herz auf und
es wandelte ihn fast eine Rhrung an. Das Glck -- das Ja, die Hoffnung
auf das Ja -- macht auf den, der unter schmerzlichen Empfindungen das
Nein erduldet hat, immer eine liebliche Wirkung; die Zustimmung dringt
wie Musik in's Ohr des Verlangenden, und der, welcher sie ertheilt,
gewinnt in seinen Augen selber ein verklrtes Aussehen. Indem Heinrich
von solchen Gefhlen durchdrungen war, darin seinen Dank aussprach
und dem Intendanten gleichsam entgegen glnzte, machte er auch auf
diesen einen immer bessern Eindruck; das Gefallen war gegenseitig,
und man schied endlich unter wechselseitigen Hflichkeiten, wobei das
eigentlich seynsollende Verhltni zwischen zwei Gleichberechtigten,
die ein gemeinschaftliches Unternehmen besprechen, fast schon erreicht
war.

Als der Poet mit freuderothem Gesicht in's Vorzimmer trat, stand Berger
vor ihm. Man grte sich und der Regisseur betrachtete den Glcklichen
mit forschendem Blick. Sie kommen vom Herrn Intendanten? Sind charmant
empfangen worden? -- Allerdings! rief Heinrich. -- Beneidenswerther
Dramatiker! Jetzt, wenn Sie Flgel htten, wrden Sie doch wohl
direkt zur Sonne fliegen? Der Poet zuckte die Achsel. In Ermanglung
derselben geh' ich direkt in's Weinhaus. Adieu!

Berger sah ihm nach und sagte fr sich: Er ist mir gar zu glcklich,
der junge Mann! Ich frchte, ich frchte, das Schicksal hat noch eine
Prfung fr ihn aufgespart!

Zunchst sah es aber nicht darnach aus, als ob diese Besorgni in
Erfllung gehen sollte. Wenige Tage nachher bekam Heinrich von der
Intendanz ein Schreiben zugesandt, worin ihm nicht nur die Annahme
seines Dramas gemeldet, sondern hinzugefgt war, da die Vorstellung
noch in dieser Saison statthaben und mglichst beschleunigt werden
solle.

Kstliche Erffnung fr einen Poeten, der bis jetzt viel, sehr viel
gestrebt, aber sehr wenig Reales erreicht hatte! Und wie reizend es
gewesen, Sieg und Ruhm im Geiste vorauszunehmen, da beide noch als
bloe Forderungen existirten -- der Hinblick auf eine Entscheidung in
nchster Nhe, deren glcklicher Ausfall garantirt schien, war doch
etwas ganz anderes; eine markig poetische Vorstellung, dem wirklichen
Erleben am hnlichsten, und fr ihn, der in dieser Beziehung nur in
Phantasien gelebt hatte, ein ganz neues Gefhl.

Ein Verlangen, das er lngere Zeit nicht empfunden, rief ein Lcheln
auf sein Gesicht. Er nahm den Kalender, der auf seinem Schreibtisch
lag, suchte den heutigen Tag auf und ein heiterer Ausruf entfuhr ihm.
Der Name war: Felicitas. -- Felicitas! Das konnte nicht blo die
Annahme seines Stckes bedeuten, das freilich an sich schon ein Glck
war, der ganze Sinn mute vielmehr seyn, da Annahme und Auffhrung das
Glck seines Lebens begrnden wrden.

In der Freude seines Herzens eilte er zu den beiden Freundinnen. Die
gnstige Entscheidung war fr sie freilich keine Neuigkeit mehr, Rosa
hatte sie schon mit nach Hause gebracht, aber die Verbriefung wurde
doch mit Jubel aufgenommen. Der gute Poet war so voll Glck und
Dank, da ihn eine Art von Taumel anwandelte; er verwickelte sich in
den Artigkeiten, die er noch einmal spenden zu mssen glaubte, aus
Ueberflle seines Herzens dergestalt, da Worte aus seinem Munde kamen,
die fast den Eindruck einer Liebeserklrung machten. Jedenfalls war es
eine Freundschaftserklrung der wrmsten Art, die er an die Knstlerin
richtete, und ein Hndedruck begleitete sie, von einer Zrtlichkeit,
welche auf die Wangen der Empfngerin Rosen und auf die Lippen ein
sglckliches Lcheln rief.

Als er fort war, sagte die Tochter zur Mutter: Es ist doch eine
grundgute Seele, unser Dichter! Der immer wiederholte Dank knnte einem
lstig werden; aber man sieht daraus eben, da er wirklich dankbar ist
und nicht mit Einer Erklrung den Dienst fr abbezahlt hlt, und das
freut mich doch auch wieder.

Die Mutter schaute sie an, lchelte und seufzte. Ach, versetzte Rosa,
la das, gute Mutter! Man mu sich nicht immer heirathen, wenn man
sich lieb hat. Im Gegentheil. Manche sind der Meinung -- -- Geh!
rief die Mutter. Stelle dich nicht lustiger als du bist! -- Nun,
fuhr das Mdchen ernster fort, das mag seyn wie es will. Der Umgang
mit diesem Brutigam hat mir Freude gemacht und ich habe Augenblicke,
in denen ich vollkommen glcklich bin. Sind es nur Brosamen, die von
des Herren Tische fallen -- ich bin damit zufrieden, und damit gut!
--

Ob die Zufriedenheit Rosas wohl keine Strung erlitten htte, wenn sie
erfuhr, welche Gedanken in diesem Moment den Dichter bewegten? Ein
anderer Zug hatte sein Herz ergriffen, eine andere Strmung ging Alles
berfluthend durch sein Inneres. Der Moment, den Liebe und Ehrgeiz mit
gleichem Glutverlangen herbeigesehnt hatten, war endlich erschienen: er
konnte der Geliebten jetzt nicht nur das gnstige Urtheil von Kennern,
sondern die wirkliche Annahme seines Stcks und die baldige Auffhrung
melden -- Thatsachen, welche die letzten Bedenken im Herzen der Eltern
niederschlagen und, durch den Erfolg auf der Bhne gekrnt, ihm die
Braut in die Arme fhren muten. Sobald er zu Hause war, schrieb er
in diesem Sinn und ergo die Flle seines Herzens in einem Bericht,
welcher die Glut und den Schwung einer Dichtung hatte.

Man gesteht, da Heinrich ein Recht hatte, sich glcklich zu fhlen.
Freundschaft und Liebe begeisterten ihn. Aussichten auf Erfllungen,
deren Duft ihm berauschend entgegen strmte, hatten sich ihm erffnet,
und zunchst erwarteten ihn Vorbereitungen des groen Unternehmens, die
ihm schon als vllig neue Geschfte reizend erscheinen muten.

Eines derselben, die Leseprobe seines Dramas, fand in der folgenden
Woche statt. Wenn er sich davon einen besondern, oder gar einen
knstlerischen Genu versprochen hatte, mute er sich freilich
getuscht sehen. Im Grunde machten die Rollenleser das Schauspiel
fr sich zur Komdie, lasen nach Laune scherz- oder ernsthaft, laut
oder murmelnd, versuchten hie und da einen travestirenden Ton und
bentzten jeden Anla, um Heiterkeit an den Tag zu legen. Berger hatte
als fungirender Regisseur, der mit dem Autor die Lektre leitete,
die grte Mhe, sich gegen seinen eigenen Muthwillen in der Wrde
seines Amtes zu erhalten, konnte aber doch nicht umhin, durch ein paar
komische Verlesungen allgemeines Lachen hervorzurufen.

Von einer Wirkung des Stcks als eines dramatischen Ganzen konnte nicht
die Rede seyn. Auch in dieser Beziehung war es gut, da der Autor sich
durch eigenes Vorlesen hierber Gewiheit verschafft hatte, denn sonst
wren ihm Anwandlungen peinlichen Zweifels wohl nicht erspart worden.
Jetzt fand er sich darein und lachte, zum Theil auf seine Kosten,
herzlich mit.

In die nchsten Tage fielen Besuche, die Heinrich bei seiner Antonie
und seinem Robert (dem Liebhaber) zu machen hatte. Die Knstlerin
war nicht mehr ganz jung, aber noch immer von stattlicher Schnheit,
darum auf dem Theater, bei der Regelmigkeit ihrer deutschen Zge,
eine glnzende Erscheinung. Sie hatte die Rolle sehr an's Herz
genommen, erklrte dem Autor ihre Freude darber und las ihm eine ihr
besonders liebe Rede aus dem dritten Akt mit einer Innigkeit, da der
Hingerissene sie unwillkrlich wie etwas ganz Neues selber bewunderte.
Auch der Liebhaber war mit seiner Partie ganz zufrieden, konnte
pathetisch Uebertriebenes mit nichten darin finden und bemerkte dem
Dichter lchelnd, er solle ihn nur machen lassen.

Heinrich berlegte auf dem Heimweg die Erfahrungen der letzten Zeit
mit Behagen. Er mute sich gestehen, da der Verein von Bildung,
Leichtigkeit, froher Laune und gutmthigem Wesen den Schauspielern
etwas eigen Anziehendes und dem Verkehr mit ihnen einen ganz
besondern Reiz gab. Da dieser Verkehr nun in dem gemeinschaftlichen
Unternehmen eine praktische Basis hatte und fr den Dramatiker, der
fort producirte, berhaupt niemals abri, war ihm ein sehr erfreulicher
Gedanke.

Nicht lange, so wurde er zur ersten Theaterprobe gerufen. Als ihn der
Fu zum erstenmal durch die Coulissen auf die Bhne trug, empfand er
mit einem gewissen Schauer die ganze Gre des Moments, der ihn in
die nchste Nhe einer Lebensentscheidung versetzte. Von Berger und
Rosa gebeten, vorlufig nur zu beobachten, nahm er an dem Tische des
Regisseurs im Vordergrund Platz und sah wie trumend auf die ersten
Inscenirungsversuche.

Die schwache Beleuchtung gab dem ganzen Treiben etwas Geheimnivolles,
Nchtliches -- um nicht zu sagen Unterirdisches -- das auf den Autor
einen wunderseltsamen Eindruck machte. Es war ihm, als ob Gnomen
ihm sein Werk abgenommen htten, um nun auf eigene Weise damit zu
wirthschaften und sich eine Unterhaltung daraus zu machen.

Der Zuschauerraum, wenn der Blick sich dahin richtete, ghnte ihn
in seiner absoluten Leerheit fragenvoll an. Wird er am Tage der
Entscheidung sich fllen? Werden die Gesichter freudig schauen und die
Hnde mit gefhlt krftigem Zusammenschlagen jenes gewaltige Rauschen
bewirken, das als entzckende Harmonie in die Ohren der Schauspieler --
des Dichters dringt?

Groe Frage! Mchtiges Anliegen! Aber der Raum antwortete nicht und
sah in seinem braunen Dunkel auf ihn her -- ein Symbol mystischer
Allmglichkeit. War doch auch die Handlung, die dem Publikum vorgefhrt
werden sollte, noch uerst im Werden -- ein Kommen und Gehen, ein
Versuchen und Wiederversuchen, ein Recitiren, wobei der Souffleur
allgegenwrtig helfen und wieder helfen mute, um oft nur schlechten
Dank dafr zu ernten.

Man hatte sehr Recht gehabt, dem Autor dieses erste Experiment in
Bezug auf Wirkung als nichts beweisend zu charakterisiren. Darber
unterrichtet wurde es ihm nach und nach geradezu heimlich zu Muthe.
Er sah sich in das wundersame Treiben verflochten, eingesponnen, und
die zweite Hlfte schien ihm nun bereits auch mehr Faon zu bekommen.
Die erste Liebhaberin und Rosa waren ihrer Partien schon fast ganz
mchtig, wurden in einzelnen Auftritten zu frmlichem Spiel erwrmt und
erquickten den Poeten durch den reinen krftigen Herzensklang der Rede.
Er selber fate den praktischen Zweck in's Auge und machte Vorschlge
zu Stellungen, die ein paarmal sogar befolgt wurden.

Die verhltnimige Befriedigung, die er zuletzt empfand, wurde
brigens getrbt durch eine hingeworfene Bemerkung Bergers. Das
Stck, sagte dieser, als sie zusammen das Theater verlieen, ist doch
noch zu lang. Uebermorgen werden wir hierber klar sehen, und dann
mssen Sie unter Umstnden noch ein paar tchtige Schnitte machen.

Die zweite Probe begann auf eine fr den Dichter sehr anziehende Weise.
Die Rollen waren unvergleichlich besser gelernt und die Reden gingen
so rasch vom Munde, da sie bereits im Zusammenhang auf ihn zu wirken
begannen. Die Wahrnehmung der beginnenden Organisation, des lebendigen
Zusammengreifens, erquickte und hob seine Seele. Welch ein Gefhl,
den Dialog, den er in einsamer Stube geschaffen, hier zu vernehmen aus
dem Munde von Knstlern, die alle den ihnen angewiesenen Theil zur
eigensten Sache machten! Welche Lust, die Gestalten, die er nur als
Bilder des Geistes besa, durch sie verkrpert und die vorzglichsten
eine Innigkeit, Kraft und Leidenschaft offenbaren zu sehen, da
Entschlsse und Worte mit Nothwendigkeit in ihnen sich erzeugt zu haben
schienen! Es war von ihm, was er hrte und sah, und doch etwas Anderes:
gefrbt, gemodelt durch die Individualitt des Schauspielers, neu
geworden durch eigenthmliche Natur und Kunst und zum Theil in einer
Weise potenzirt, da er, der Autor, es selber zu beklatschen groe Lust
empfand.

Ein tiefes Bewutseyn der Macht durchdrang ihn. Er war Urheber
dieser Aktion, die sich zum Kunstwerk vollenden wollte! Er war das
Princip, das mittelst liebevoller Organe die Gebilde seiner Phantasie
in die Sinnenwelt treten sah! Freilich erlangten die Ideen erst
ihre Vollendung durch die Organe, die das aus sich hinzugaben, was
jenen noch fehlte, die sinnliche Realitt. Allein in dem Bunde des
Dichters mit dem Knstler war jener doch die erfindende, anordnende,
vorschreibende, dieser die reproducirende, ausfhrende Macht. Nicht
so -- das fhlte er natrlich -- als ob die Kunst des Schauspielers
berhaupt keiner Erfindung bedrfte, die im Gegentheil auf's
dringendste gefordert war; aber die Kraft des Poeten war eine Kraft
zur Schpfung, die Kraft des Schauspielers eine Kraft zur schnen
Aeuerung des bereits Geschaffenen und verhielt sich mithin zu jener
als weibliche zur mnnlichen.

Wenn er daraus nicht von selber den Schlu zog, da der Dichter gegen
Schauspieler berhaupt -- auch gegen die mnnlichen -- galant zu seyn
habe, so wurde es ihm durch Erfahrung beigebracht.

Der erste Liebhaber, der heute frmlich zu spielen begann, machte
einmal einen Accentfehler, und der Poet rief ihm das hervorzuhebende
Wort mit der Lebhaftigkeit eines Verletzten zu. Die Folge war ein sehr
markirter Verdru auf dem Gesicht des Knstlers, der solche Einhlfe
nicht gewohnt zu seyn schien. Heinrich fhlte, da die Oeffentlichkeit
der Correktur nicht angebracht sey, verhielt sich bei einem zweiten
Fehlgriff schweigend, und benutzte eine krftige Schlurede des Herrn,
um durch lauten Beifall sein Gesicht wieder aufzuhellen. Dann ging er
mit ihm auf die Seite und schlug die richtige Accentuirung vor. Der
Schauspieler nickte lchelnd, und Heinrich gab in seinem Innern dem
geheimen Verfahren den Vorzug.

Als er in der Seele vergngt auf die Bhne zurckkehrte, trat ihm
Berger entgegen und sagte: Es thut mir leid, Ihnen eine doch
vielleicht unangenehme Bemerkung machen zu mssen. Der so schne
dritte Akt hat einen groen Fehler: er ist zu lang. Im fnften und
sechsten Auftritt kommen Reden vor, die nicht eigentlich zur Sache
gehren, sie mssen heraus!

Aber, lieber Freund, rief Heinrich nach einem Moment der Ueberlegung,
das sind ja gerade die schnsten Stellen! -- Thut nichts! Sie mssen
heraus!

Ah, rief der Poet, Spiele des Geistes -- Lichter, die einige
Minuten in Anspruch nehmen! -- Sie mssen heraus, sag' ich Ihnen!
-- Wenn ich sie nun aber nicht streiche? -- Das ist etwas Anderes,
entgegnete der Regisseur. Dann wasch' ich meine Hnde in Unschuld.

Der Poet, mit humoristischem Unmuth, der aber einen guten Theil Ernst
enthielt, stampfte den Boden. Der Regisseur betrachtete ihn vergngt,
zuckte die Achseln und sagte: Probiren wir die letzten Akte! Mir
schwant sogar noch etwas? -- Was? rief der Poet, noch etwas?
-- Ich vermuthe sehr, entgegnete der Andere. Und indem er ihn mit
vterlicher Freundschaft ansah, fuhr er fort: Ja, ja, mein Bester! Das
Fegfeuer, von dem ich neulich sprach, ist keine bloe Floskel! Man mu
wirklich hindurch und die Flecken mssen weg, sonst kommt man nicht --
Doch da naht Vater Hallfeld mit dem Liebespaar, hren wir sie!

Der vierte Akt ging sehr gut vorber. Berger that hier, wie schon im
zweiten, sein Bestes, wirkte sogar auf die Schauspieler ergtzlich und
fand nun, da an diesem Akt, obwohl er Zeit genug in Anspruch nahm,
doch nichts zu streichen sey. Beim Beginn des fnften sah er auf die
Uhr. Er lie ihn ruhig spielen, agirte seine Partie zu Ende, nickte
aber bei den letzten Scenen mit einem Ernst, der etwas Drohendes hatte.

Als das letzte Wort gesprochen war, holte er zu der Gruppe der noch
Anwesenden den Poeten herbei und sagte: Die Probe ist gut gegangen;
wir haben sogar wunderbarer Weise keine Scenen wiederholen mssen
und knnen mithin sagen, wie lang das Stck spielen wird. Ueber drei
Stunden immer noch, und das ist so lang, da es dem Stck den Untergang
bereiten kann.

Ueber drei Stunden? rief Hallfeld unglubig. -- Ueber drei Stunden,
erwiederte Berger, mit dem ersten und dritten Zwischenakt, die wegen
zweier Umkleidungen eine lngere Zeit beanspruchen. -- Das ist wahr,
versetzte Hallfeld nach einem Moment des Erwgens.

Rosa schaute besorgt auf den Dichter. Da mu noch gestrichen werden!
-- rief sie. -- Meine Ansicht und mein Antrag, versetzte Berger --
Herr Dichter, ich kann Ihnen nicht helfen! Sie mssen aus dem dritten
Akt herausbringen, was ich Ihnen schon gesagt habe, auerdem aber die
letzten Scenen des Stcks krzen, umarbeiten, wie Sie wollen, so da
sie Schlag auf Schlag gehen. Wenn der Zuschauer auf das Ende hinsieht,
dann hat er keinen Sinn mehr fr nebenlufige Interessen und fr schne
Reden, die nicht absolut zur Handlung gehren. Wie der Blitz mu es
herabfahren, nichts darf aufhalten! Ihre letzten Scenen halten auf,
bringen Sentenzen, Beleuchtungen, die auf dem Theater berflssig sind.
Aendern Sie! Wir haben noch zwei Proben -- es geht noch!

Die Schauspieler ohne Ausnahme stimmten zu, und der Poet gab sich.
Berger lobte ihn; dann, zu Hallfeld und Rosa gewendet, fuhr er fort:
Meine Herrn und Damen, wir haben uns eben wieder einmal getuscht.
Wenn auch unser altbewhrter Spruch, da Alles, was beim Thee oder
Punsch gelobt wird, nichts tauge, diemal glcklicherweise keine
Anwendung findet, so ist uns doch in der sen Betubung des Getrnks
und der Freundschaft bei den letzten Scenen die Schlange hinter Blumen
entgangen -- mir sogar, der ich mich noch am meisten des kritischen
Umhersphens beflissen habe. Freuen wir uns, da wir es noch in der
eilften Stunde gemerkt haben und lassen wir uns nun das wohlverdiente
Mittagbrod schmecken!

Wer der letzten Aufforderung am wenigsten nachkommen konnte, war der
Poet. Er a in seinem Speiselokal mit Hast, begab sich nach kurzem
Gang in laulicher Luft heim und machte sich entschlossen an die Arbeit.
Die beanstandeten Zierlichkeiten im dritten Akt strich er seufzend.
Dieser Einflle, sagte er sich, hab' ich mich gefreut, sie sind
unlugbar fein und schn, und nun mssen sie weg! Die neue Verbindung,
nachdem er sie fertig gebracht, schien ihm lange nicht so elegant, wie
die gestrichene. Aber was thut's? rief er ironisch. Sie hat ja einen
Vorzug, der alle andern aufwiegt: sie ist kurz!

Die zweite Operation war ungleich schwieriger. Hier, wenn auch manches
aus den vorliegenden Scenen zu brauchen war, galt es eine vllige
Umarbeitung, und wie sollte ihm diese jetzt gelingen? Wie sollte er
ohne Freiheit, ohne Behagen, ohne Begeisterung eben das Beste, das Ende
gut Alles gut auf's Papier werfen?

Er erfuhr nun aber, was wir Alle schon erfahren haben: da der Drang
der Nothwendigkeit die Initiative des Genius ersetzen kann. Das
Unumgngliche glht wie Feuer auf uns her, die Gefahr erregt, erhitzt
uns, eine stille Wuth gedeiht zu frmlicher Begeisterung: der Sprung
wird gewagt -- und er glckt.

Drei Stunden waren vorbergegangen, als die Aenderungen vor ihm lagen;
aber sie freuten ihn selbst. Schlag auf Schlag! Der verwnschte
Regisseur hatte Recht: so war's besser! Nun mute er die Aenderungen
noch in die verschiedenen Rollen einschreiben, die er mitgenommen
hatte. Er that auch die, und besorgte dann die Rollen an ihre Inhaber,
zum Theil in eigener Person. Todtmde kam er nach Hause, und berlegte,
auf das Sopha gestreckt, wie gro der Erfolg seiner Arbeit seyn msse,
um ihn fr die Aufregungen und Strapazen dieser Tage nur einigermaen
zu entschdigen.

Einen Lohn brachte ihm doch schon die dritte Probe. Berger, nachdem er
die Aenderungen gelesen, rhmte ihn und drckte ihm die Hand. Es hat
weh gethan, sagte er dann, der Schnitt in's Fleisch? Was? Aber 's ist
besser so! Beim Teufel, gut haben Sie's gemacht! Famos! Lchelnd trat
er einen Schritt nher und sich heiter feierlich neigend, setzte er
hinzu: _Succs complet!_

Die Wangen des Poeten, die von Mhen und Sorgen etwas gebleicht waren,
berzogen sich bei dieser Zustimmung mit Rthe. Die Probe begann und
er folgte ihr mit Freude. Zum drittenmal hrte er nun seine Worte;
aber sie klangen nur um so traulicher zu ihm her, besonders aus dem
Munde der anmuthigen Schauspielerinnen, die ihnen die schnste Seele
einzuhauchen wuten. Der Dialog berhaupt ging flssig, und die
Effektmomente traten als solche deutlich hervor.

Die nchtliche Scenerie des Lokals, die ihn zuerst so seltsam
angemuthet hatte, machte nun in ihrer Heimlichkeit einen vergnglichen
Eindruck auf ihn. Es lag in dem Thun und Treiben ein Reiz, wie ihn
das verborgene Schmieden eines Complottes haben mag, das zum Sieg der
Betheiligten fhren soll. In Puppenhlle geschah die Vorbereitung des
Schmetterlings, der an's Licht treten und in prachtvoller Entwicklung
alle Welt erfreuen sollte.

Die neuen letzten Scenen erprobten sich vollstndig. Man gratulirte dem
Poeten von allen Seiten, und Rosa nickte mit gesenkter Wimper selig
lchelnd. Das hat Mhe gekostet, rief sie ihm zu, nicht wahr? Aber
es ist der Mhe werth gewesen! -- Das mein' ich auch, rief Berger.
Was wollen Sie? Wir haben wieder einmal ein Stck, und damit Punktum!

Als Heinrich mit auffallend heiterem Gesicht in das Speisehaus trat,
das er seit Wochen regelmig besuchte, lieen sich die dortigen
Bekannten Bericht erstatten, drckten ihr groes Verlangen aus,
das Stck zu sehen, und die gutgelaunten bten sich einstweilen im
Klatschen. Der Poet, berall von wohlthuenden Wellen umsplt, a mit
Lust und grndlichem Appetit. Nach einem tchtigen Spaziergang suchte
er die Ruhe seiner Stube und fand ein Schreiben von Auguste. Mit
begreiflicher Hast, denn er hatte lange darauf gewartet, erbrach, mit
ernstem Gesicht las er es.

Es war die lebendigste, wrmste Theilnahme, die sich darin fr ihn
ergo, aber durch einen dunkeln Ton der Sorge, um nicht zu sagen der
Wehmuth, berschattet. Die Geliebte, die freilich nur aus der Ferne
zu sehen vermochte, schien den Hoffnungen, die er an seine letzten
Erfahrungen geknpft hatte, keinen vollen Glauben schenken zu knnen.
Um so inniger und feuriger waren ihre Wnsche fr ihn, um so dringender
ihre Ermahnungen. Eine fast mtterliche Zrtlichkeit sprach aus dem
Brief. Ach, lieber Heinrich, rief sie ihm zu, du machst dir keine
Vorstellung, wie dein Glck der Gedanke meines Herzens ist, wie mich
die Sorge fr dich zittern macht! Dein Lebensplan ist ungewhnlich
und begeisternd, aber umgeben von Gefahr, Sorgen und schweren Mhen.
Ach, wohl mssen die Dichter ihre Befriedigung finden in ihrer Arbeit
selber, denn wie gering ist eigentlich ihr Lohn, und wie gehssig
wird ihnen auch der geringe noch streitig gemacht! Wie mssen sie
alle Krfte des Geistes und Herzens anstrengen und den hchsten Flei
anwenden Jahre hindurch, um endlich zu haben, was Andere spielend, im
Vorbeigehen erwerben! Und doch, wenn der Erwerb auch Nebensache ist, so
gehrt er doch nothwendig zum Leben. Das Schaffen, wie gttlich es an
sich ist, mu sich doch, leider, auch irdisch lohnen. Ich sehe dich nun
schon Jahre lang streben und ringen und von einer Arbeit zur andern
gehen; und mich ergreift eben jetzt, wo du mir so sicher den Erfolg
ankndigst, eine Furcht, die mich verzagen macht. Mge es dir gut
gehen, theurer Heinrich! Mgest du alles gehoffte Glck erlangen! Die
ist der brennende Wunsch meiner Seele, der meinem Herzen ausgeprete
Ruf, den ich an dich aus der Ferne richte!

Heinrich legte den Brief still aus der Hand. Die Geliebte hatte sich
noch nie mit so leidenschaftlicher Innigkeit, aber auch noch nie so
gengstigt, so gedrckt gegen ihn ausgesprochen. War die Stimmung in
ihrer Familie gegen ihn eine zweifelnde, schlimmere geworden? Hatte sie
von den Eltern zu leiden? Nach einem Schweigen aufathmend, rief er:
Wahrlich, ein Erfolg thut mir jetzt noth! Ich sehe, da die Familie
einen greiflichen Beweis meiner Kunst verlangt, und im Grunde hat sie
dazu auch das Recht. Gott sey Dank, da ich nur noch einen Tag vor der
Entscheidung stehe.

Eingangs hatte Auguste gemeldet, da sie ihm schreibe vor ihrer
Abreise zu Kronfelds, deren dringender Einladung sie nicht lnger habe
widerstehen knnen. Ihm war es nun trstlich, da sie hier Zerstreuung
finden wrde, bis er selber kam und durch die glckselige Botschaft
alle Sorgen zerstreute. Denn das wollte er thun. Was die Zeitungen
bekannt machten, das konnte er nicht hindern; aber er selbst wollte
brieflich nichts melden, sondern in Person den Bericht erstatten und
den Lohn aller Anstrengungen, die Wirkung genieen.

Die vierte und letzte Probe -- am Tage der Auffhrung selber -- ging
so glatt wie eine Vorstellung. Heinrich mute glauben, was ihm von
mehreren versichert wurde, da die Rollen auffallend gut gelernt seyen.
Berger, der die Bemerkung auch machte, fgte hinzu: Das ist der
Vortheil des Schauspiels und der natrlichen Prosa. Verse wrden sie
heute noch stottern und unter Kunstpausen vom Souffleur herauflangen
mssen.

Obwohl ihm schlielich von Allen das Beste prophezeit worden war,
so hatte der Autor gegen Abend auf seiner einsamen Stube doch eine
sonderbare Empfindung. Der Tag war trb und es begann fein zu
regnen; gnstiges Wetter in Einem Betracht, das aber doch einen
grauen Flor ber seine Seele warf. Er hatte sich so lange ritterlich
gehalten, unser Dramatiker; nun, in thatenloser Stille, kamen ihm
wieder Gedanken, und mit den Gedanken Zweifel. Sein Herz fing zu
seiner eigenen Ueberraschung wieder an zu klopfen, und ein leichter
Schauer ging ihm ber den Leib. Er konnte sich's nicht weglugnen, er
bekam, was man eine Gnsehaut zu nennen pflegt, und aller gute Muth,
aller Trotz, der in ihm lag, war nthig, die Bngni einigermaen
zurckzudrngen und darber zu lcheln.

Unstreitig, fr ihn handelte sich's um keine gewhnliche Entscheidung.
Auch derjenige, bei dem an solchem Tag nicht das ganze Lebensglck,
sondern nur ein bescheidener Theil davon auf dem Spiele steht, kann
doch, wenn Alles gethan und fest bestimmt ist, mit empfindlichem
Unbehagen die letzten Stunden des Harrens verbringen. Eben die Mue,
die ihn zur Passivitt verurtheilt, macht ihn zum bloen Instrument,
worauf nun beunruhigende Geister nach Lust und Laune spielen knnen.
Bei Heinrich erhielt aber in Folge seiner besondern Verhltnisse und
einer ihm eigenen Feinfhligkeit alles das eine abnorme Steigerung.
Am Morgen schon, als er zur Probe ging, waren seine Augen durch
die Theaterzettel erschreckt worden, die ihm von den Straenecken
entgegenschauten und zuzurufen schienen: Unwiderruflich! Es war ihm
gewesen, als ob man es ihm ansehen mte, da er der Heinrich Born sey,
der mit so fetter Schrift auf dem Zettel prangte, und er hatte sich
darum an dem ersten sachte vorbeigeschlichen. Die Glckwnsche bei
Tisch hatten fr ihn heute einen Klang gehabt, in den etwas dmonisch
Gefahrdrohendes eingemischt war. Die scherzhafte Laune von gestern
hatte sich auch bei den muntersten Tischgenossen in Ernst verwandelt
und keiner von ihnen hatte ihm ein belustigendes Wort mit nach Hause
gegeben. Nun sa er da, vllig allein, sah die Frist kleiner und
kleiner werden, die ihn von dem Ereigni trennte, und dieses trat
ihm in riesiger Bedeutung vor die Seele. Er dachte an das Tribunal,
vor das er sich zu stellen hatte, an die Neigung, die Stimmung des
Publikums, auf die Alles ankam und die gleichwohl unberechenbar war; an
mgliche Zwischenflle, die strend, ja verderblich werden konnten; an
das Handgreifliche der Niederlage vor einer ffentlichen Versammlung,
die sich ablehnend verhielt oder gar mit entrstetem Lrm verdammte --
und trotz Allem schien er einen Wurf wagen zu mssen, oder schien man
(denn die Sache war ihm ja bereits ganz aus der Hand genommen) einen
Wurf zu wagen in seinem Namen, der ganz eben so gut Alles verlieren wie
gewinnen konnte.

Aus dem Sturm der Gefhle, welche diese Gedanken in ihm erregten,
erhob er sich gewaltsam. Er kleidete sich an -- in sein bestes Gewand;
denn war er zum Opfer bestimmt, so wollte er als Opfer wenigstens auch
geschmckt seyn. Die Uhr des nchsten Thurmes schlug sechs, er hllte
sich in seinen Mantel, setzte den Hut auf und ging gegen die Thre.

Auf einmal stand er und kehrte sich um. Mit einem Ausdruck, als ob
er eine frmliche Thorheit beginge, die er aber doch nicht zu lassen
vermchte, trat er zum Schreibtisch, nahm den Kalender zur Hand und
suchte den Patron des Tages. Er las: Emanuel. Ernste, aber gute
Vorbedeutung. Beruhigter machte er sich auf den Weg zum Theater.

In dem Kunsttempel, der heute fr ihn die Bedeutung einer Arena hatte,
angekommen, begab er sich auf die Bhne, wo er zunchst nur einige
Diener traf, die den mechanischen Theil der Vorstellung zu besorgen
hatten. Der Gedanke des complicirten, stufenmigen Zusammenwirkens
bei einer solchen ging ihm durch den Kopf. Wie vieler Krfte bedurfte
es dazu, von dem Dichter an, der das Werk schuf, bis hinunter zu dem
untersten Gehlfen, der die Coulisse schob oder am Strange des Vorhangs
zog! Das Publikum sagte sich das aber nicht, ja lie sich am Ende das
Produkt so vieler Anstrengungen gar nicht einmal gefallen.

Allmhlig regte sich's drauen im Zuschauerraum. Der Poet sah durch
die kleine Oeffnung des Vorhangs, die man ihm bezeichnet hatte,
und ward erfreut durch ein schon ziemlich geflltes Parterre und
durch versprechend besetzte Punkte der numerirten Pltze. Was auch
kommen mochte, die vertrauende Theilnahme des Publikums war doch
schmeichelhaft und wirkte ermuthigend auf seine Seele.

Die Schauspieler, einer um den andern, kamen auf die Scene. Der Poet
starrte die ersten, den Liebhaber und die beiden Regisseure, die durch
Costm, Schminke und Maske unkenntlich gemacht waren, einen Moment
an, um, sie erkennend, die dargereichten Hnde zu schtteln.

Immer nher rckte der Moment, immer festlich ernster wurde die
Zurstung. Pochte das Herz des Autors auch ungleich lebhafter als
gewhnlich, so war es doch eine feierliche Unruhe, die ihn bewegte; es
war eine bange Wonne, die ihn ergriff --

      Wie einen Knig bei der Thronbesteigung.

Zuletzt traten die beiden Damen herein, die das Stck mit zu beginnen
hatten, und kamen auf die Gruppe zu -- in blendender Schnheit. Der
Poet begrte sie mit dem Blick eines Bezauberten, und im Entzcken des
Anschauens verlor sich der letzte Rest von Angst aus seinem Herzen. Die
Freundin betrachtete ihn verklrt lchelnd mit einem unmerklich sen
Schein von Wehmuth um die Lippen; dann schwebte sie zum Vorhang und
rief, sich umsehend, mit gedmpfter Stimme: Ah, ganz schwarz! Kommen
Sie! Heinrich eilte hin, sah hinaus, erblickte ringsum gefllte Rume,
und ein Gefhl der Macht ber die Massen ging wie ein ser Gluthstrahl
durch sein Herz.

Die Ouvertre begann. Die freundlichen Tne htten ihn nothwendig
in der frohen Stimmung erhalten mssen; aber sie bezeichneten die
allerletzte Frist vor Seyn oder Nichtseyn und klangen in das Ohr des
Bedenkenden wie von einem tragischen Hauch umbebt. Still begab er sich
zur Seite, einen etwas erhhten Sitz zwischen den vordersten Coulissen
einzunehmen. Der Vorhang wurde aufgezogen und das Spiel nahm seinen
Anfang.

Und nun? Ergriff den Autor eine Besorgtheit um den Ausgang, eine
Spannung, ein Sturm der Gefhle, die Geist und Sinne zu berwltigen
drohten? Nichts von alledem! Sobald die Handlung begonnen hatte, fhlte
er sich durchaus ruhig, war nur Zuschauer und ganz Aufmerksamkeit auf
das Spiel. Es ging, wie er es gewollt, das Publikum lauschte, die
groe Stille verrieth sein Interesse, froh gehoben nickte er vor sich
hin. Er war so ganz angezogen von der Entwicklung, so zufrieden mit
der Darstellung, da er es gar nicht merkte, wie das Publikum den Akt
schlieen und den Vorhang fallen lie, ohne irgend ein Zeichen des
Beifalls zu geben.

Im zweiten Akt rief Berger, der seine Rolle mit feinster
Charakterisirung gab, ein paarmal Heiterkeit mit Bravos hervor, und ein
Wehen der Theilnahme ging durch das Haus; am Schlu wurde aber doch nur
wenig und kurz applaudirt.

Im Zwischenakt trat der erste Liebhaber zu dem Poeten und sagte: Sie
sind heute wieder recht faul da drauen! Zusehen knnen sie, wenn sie
nur die Hnde nicht rhren drfen! Aber haben Sie keine Sorge, die
Hauptwirkung Ihres Stcks liegt im dritten Akt, jetzt werden sie wohl
losbrechen mssen. -- Warten wir! versetzte der Poet.

Die ersten Scenen des Hauptaktes, die nicht auf Effekt angelegt waren,
verliefen ruhig. Als die ergreifenden kamen, herrschte im Haus zuerst
eine feierliche Stille, die fr den Kenner feineren Beifall ausdrckt,
als der Applaus der Hnde. Dann, bei gipfelnden Reden, kamen aber auch
diese wiederholt in Thtigkeit, und unzweideutige Zeichen der Rhrung
gelangten zur Wahrnehmung des Poeten. Glaubte das Publikum damit genug
gethan zu haben? Oder war die Bewegung, in die es versetzt erschien, zu
ernster Natur? Oder endlich, fand es den Schlu doch nicht so drastisch
wie die freundlichen Hrer bei der Vorlesung? Genug, der Applaus war
nicht so durchgreifend, wie ihn die Schauspieler eben hier erwartet
hatten; und da man auch den Vorhang nicht schnell genug aufzog, so
verhallte er wieder, ohne da es zum Hervorruf kam. Der entscheidende
Effekt war verfehlt.

Heinrich, nach der auch fr ihn hchst unerwarteten Enttuschung,
erhob sich von seinem Sitz und trat zu den Schauspielern, die sich an
der Coulisse gesammelt hatten. Nun? rief er, eine Ghrung in seinem
Innern unterdrckend, mit Fassung, das sieht aus wie eine Niederlage!

Der erste Liebhaber, der mit der Heldin des Stcks auf einen Hervorruf
gerechnet hatte, zuckte verdrossen und schon mit einer Spur von
Geringschtzung die Achsel; die andern blieben stumm; Hallfeld aber
entgegnete mit dem Ton wrdevoller Trstung: Das nicht, Herr Doktor.
Das Publikum nimmt Antheil, das Stck wirkt. -- Aber lange nicht so,
versetzte der Poet, wie wir's uns vorgestellt haben. Geht's so fort
und wird der Beifall, wie zu frchten ist, noch schwcher, dann haben
wir einen _succs d'estime_, d. h. auf gut deutsch: das Stck fllt
durch!

Nein, sag' ich Ihnen! entgegnete der Regisseur energischer. Man hat
bei diesem Akt weniger applaudirt, als er's verdient; Ihr Stck ist
aber gut und endet ansprechend, also wird man's hereinbringen. Ruhig
Blut! Noch ist nichts verloren!

Das mein' ich auch, rief Berger, der eben herzugetreten war. Dieser
Akt wird entscheiden. Erst der Ernst, dann der Humor; -- wir wollen sie
schon weich machen, die hartgesottenen Snder! -- Es sind Blcke!
rief hier der alte Student, der bei einer kurzen, aber schlagenden Rede
auch auf Beifall gehofft zu haben schien, mit humoristischem Unmuth.

Die Gesichter erheiterten sich bei diesem Ausruf, der fr jetzt ohne
Widerspruch blieb. Die Musik des Zwischenaktes ging zu Ende, die
Schauspieler traten hinter die Coulissen und Heinrich nahm seinen
Platz wieder ein.

Als der vierte Akt begann, wunderte sich der Poet selbst ber seine
Stimmung. Von ngstlicher Aufregung war keine Spur mehr in ihm!
Dagegen hatte sich ein Quell heroischen Muthes in ihm erschlossen und
durchstrmte sein Herz, da er trotzig, ja stolz der Dinge harrte, die
da kommen sollten.

Er war sich der Gte des Stckes bewut geworden und erkannte, das
Seine vollauf gethan zu haben. Zeigte sich das Publikum sprde, kalt,
nur oberflchlich und flchtig erregt, dann that es ihm Unrecht. Dem
Unrecht aber konnte er gerechte Indignation und mnnliches Selbstgefhl
entgegensetzen. Er sollte glcklicherweise nicht in die Lage kommen,
seine Ausdauer in dieser Stimmung darzuthun.

Die Zuschauer, just als fhlten sie wirklich, da sie etwas gut zu
machen hatten, benutzten gleich die erste Gelegenheit zum Applaus
und befriedigten damit die edeln Liebenden, die alle beide einer
Ermunterung sehr benthigt waren. Berger leistete als Fallensteller,
dessen Situation tragisch zu werden anfngt, sein Vorzglichstes,
entwickelte eine geradezu geniale Naturwahrheit und wurde auf offener
Scene gerufen. Anna in der Scene mit dem alten Studenten rief Ausbrche
des Vergngens hervor, und am Schlu wurden alle dreie gerufen.

Der Poet, der sich geweigert hatte, mit auf die Bhne zu gehen, weil er
seinen Namen nicht gehrt, war doch hoch erfreut, und gegen die drei,
als der Vorhang herab gelassen war, mit Lobsprchen nicht eben karg.
Die Darsteller des Liebespaars, welche den fnften Akt zu beginnen
hatten, kamen mit heitern Mienen auf die Scene: sie wuten, das
Publikum war im Zuge, und nun wrden auch sie ihre Ernte halten.

So kam es denn auch. In den ersten Auftritten eine ernste, schne
Aufmerksamkeit, dann lebhafter Applaus, am Schlu, nachdem die letzten
Scenen wirklich Schlag auf Schlag gegangen waren, rauschender,
langanhaltender Beifall; Rufe nach dem Liebespaar, der Anna und -- dem
Dichter.

Der Vorhang wurde aufgezogen. Heinrich, whrend die Mitgerufenen im
Hintergrund erschienen, trat auf das Proscenium und dankte. Er sah das
ganze Haus lebendig, klatschend und rufend, sah die Blicke von allen
Seiten auf sich, den Helden des Abends, gerichtet, sah huldvolles
Nicken und Applaudiren aus der Loge des Landesherrn und seiner Familie:
seine khnsten Hoffnungen waren erfllt, seine stolzesten Phantasien
durch die Wirklichkeit erreicht, bertroffen!

Als er nicht ohne heroische Haltung nach gefallenem Vorhang sich
umwendete, trat ihm Hallfeld entgegen und rief mit einem Wohlwollen,
das etwas Feierliches hatte: Doktor Born, schlafen Sie ruhig auf Ihren
Lorbeeren! Der zweite Regisseur, der sich genhert hatte, nickte
vergngt. Nun, sagte er, hab' ich mein Versprechen gehalten? Und,
setzte er mit schelmischem Blinzeln hinzu, bin ich nicht im Grunde ein
=guter= Mensch? -- Ein Engel! rief der Poet lachend. Aber Adieu fr
heute! Auf Wiedersehen!

Ihn rief eine se Pflicht hinweg. Flchtigen Fues eilte er auf die
andere Seite, die beiden Schauspielerinnen zu erhaschen, und traf sie,
die gegen ihre Gewohnheit etwas gezgert hatten, glcklich noch auf dem
Weg zum Garderobezimmer. Mit aller Galanterie der Freude kte er der
ersten Liebhaberin, welche vor Zufriedenheit glnzte, die Hand; dann,
whrend jene sich entfernte, ergriff er die Hand Rosa's. In der Brust
des Glcklichen drang das Gefhl des unendlichen Dankes, den er der
lieben Freundin schuldete, mit einemmal bermchtig empor, sein Herz
begann zu schmelzen. Whrend er die zarten Finger kte, fiel beinahe
eine Thrne darauf, und nur mit Mhe fand er einige Worte des Dankes.
Das Mdchen sah die feuchten Augen, die tiefe Bewegung, fate seine
Hand, um sie zu schtteln, und rief: Wenn Sie glcklich sind, lieber
Freund -- mehr als ich knnen Sie's nicht seyn! Gute Nacht!


                                 IX.

Heinrich, nach einem Imbi, den er in Gesellschaft des treuen Willmann
zu sich genommen, hatte sich nach Hause begeben und die Nacht war ihm
in jeder Hinsicht eine gute gewesen. Geraume Zeit freilich konnte
er nicht einschlummern; als es ihm aber gelang, war der Schlaf so
grndlich, da er andern Tags mit einem Wohlgefhl die Augen aufschlug,
wie er's lange nicht mehr empfunden hatte. Blinzelnd sah er umher,
erinnerte sich und rief: Darf ich's wirklich glauben? Hab' ich gestern
das Residenzpublikum erobert? -- 'S ist so, antwortete er mit Humor
sich selbst, der Traum ist Leben geworden!

In der heitersten Stimmung erhob er sich, kleidete sich an und setzte
sich zum Frhstck. Sonnige Gedanken zogen durch seinen Kopf und zum
Ueberflu schien die Sonne der ersten Frhlingswoche durch's Fenster.
Eine natrliche Sitte gebot ihm, den Darstellern der Hauptrollen seinen
Besuch abzustatten, und er folgte ihr mit grtem Vergngen.

Zunchst begab er sich zum Liebhaber. Da er selber spt aufgestanden
war, traf er diesen schon in vollendeter Morgentoilette und wurde sehr
zuvorkommend empfangen. Haltung und Blicke des hbschen, beliebten und
eben so verwhnten jungen Mannes sprachen whrend der Unterhaltung
nicht nur Hflichkeit, sondern eine unwillkrliche Hochachtung aus,
die ihm sehr wohl anstand und vom Poeten mit Genugthuung wahrgenommen
wurde. Dieser, an die Miene sich erinnernd, die ihm sein Robert gestern
nach dem dritten Akt gezeigt, konnte nicht umhin, sich innerlich zu
fragen: wie er wohl aussehen mchte, wenn die Geschicke einen andern
Lauf genommen htten!

Der zweite Besuch galt der heroischen Liebhaberin. Nach einigem Warten
vorgelassen, sah er sich liebenswrdig begrt, huldvoll angelchelt.
Die Schauspielerin hatte ihr Vergngen nicht nur an dem Dichter, der
ihr eine dankbare Rolle geschrieben, sondern auch an dem Manne, der
ihr so stattlich bis jetzt nicht erschienen war. Das blaue Auge gewann
eine gewisse poetische Zrtlichkeit, die ihr sehr anziehend lie. Der
Dank des Poeten fr ihre gestrige Leistung fiel unter diesen Umstnden
wrmer aus, als es sonst wohl geschehen wre, und die Knstlerin nahm
ihn um so freudiger hin.

In diesem Leben, das so viel Ungemach und Verdru mit sich fhrt,
gibt es doch glcklicherweise nicht nur die eigentlichen Honigwochen,
sondern auch uneigentliche Honigmomente, die von groem Werthe sind.
Zu ihnen gehrt das erste Wiedersehen nach einem gemeinschaftlich
erkmpften Sieg. Die Gemther sind da so froh, so geneigt, ja gedrngt
zur Anerkennung, da eine gegenseitige Steigerung des Glcks und
eine schne Annherung der Seelen unvermeidlich ist. -- In ihr hab'
ich auch eine Freundin, sagte sich der Poet, als er wieder auf der
Strae war. Freilich, setzte er mit Laune hinzu, mu ich fortfahren,
ihr Gelegenheit zu ausgezeichnetem Spiel zu geben. Aber das ist ja
meine Absicht, und ich wnsche mir nichts Besseres, als ihre volle
Zufriedenheit.

Mit beschleunigten Schritten ging er zu den altbewhrten Freundinnen.
Er traf sie in einer Stimmung, die wohl zu den schnsten gehrt, deren
wir uns im Leben erfreuen knnen. Sie waren glcklich alle beide; der
Ausdruck ihrer Mienen hatte aber etwas Gehobenes, das der Freude des
Herzens eine ernste Weihe gab. Das Licht derselben wirkte magisch
auf den Dichter, und Alles, was er sagte, hatte den Charakter eines
Ernstes, mit welchem verglichen auch der Ton der wrmsten Galanterie
noch profan erscheint.

Heinrich war fr die Anmuth Rosas nie unempfindlich gewesen; heute aber
kam sie ihm schn vor -- schn im edelsten Sinne des Worts. Da die
Schnheit vorzugsweise aus der Seele kommt, so war die begreiflich.
In dem Mdchen lebte ein Gefhl, das durch ihre Gesinnung in Schnheit
verklrt wurde. Zu der Liebe ihres Herzens, zum Bewutseyn ihrer
Gromuth war jetzt ein groer uerer Erfolg hinzu gekommen, der ihr
die Erfllung der liebevollsten Absicht und damit ihre eigene innere
Vollendung brachte. Es wird immer eine Frage bleiben, ob das wirkliche
Lebensglck in der That werthvoller ist, als die Entsagung unter
solchen Verhltnissen.

Als Heinrich zu gehen sich anschickte, bemerkte Rosa: Sie haben bis
jetzt nur Schnes ber Ihr Stck gehrt. Erlauben Sie mir, Sie darauf
aufmerksam zu machen, da das nicht so fortgehen wird. Sie werden auch
Tadel, scharfen Tadel hren, namentlich aber lesen.

Der Poet sah sie an. Was will man denn aber, fragte er dann, im
Grunde tadeln an dem Stck? Es ist doch offenbar gut; hat auch
entschieden gefallen --

Die Knstlerin konnte nicht umhin zu lcheln. Das ist ja eben der
grte Fehler in den Augen gewisser Kritiker! entgegnete sie. Lassen
Sie sich dadurch aber nicht bse machen; auch nicht, wenn allenfalls
in Gesellschaften die Nase darber germpft wird. Manche Leute sind
nun einmal so, da sie nur Gescheidtheit zu beweisen meinen, wenn sie
absprechen. Aber das Wort verhallt, das Schmhblatt verweht der Wind;
darum behalten Sie guten Muth!

Heinrich versprach es ihr lchelnd und nahm Abschied, um sich zum
Intendanten zu begeben. Im Theater angekommen, wurde er sogleich
vorgelassen. Mit einer Munterkeit, die ihm ordentlich etwas
Jugendliches gab, rief der wrdige Bhnenchef: Ah, da kommt ein
glcklicher Dramatiker! -- Nun, setzte er Heinrichs Hand ergreifend
hinzu, hat mich sehr gefreut -- in Ihrem Namen und in unserem! Das
Publikum, anfangs ein bischen sprde, hat sich sehr gut benommen.
-- Ausgezeichnet, erwiederte der Autor. -- Der Intendant nickte
heiter. Mit der Darstellung, fragte er dann, sind Sie zufrieden? --
Vollkommen, rief der Poet mit groer Wrme. -- Das hr' ich selten
von den Herrn Dichtern, erwiederte der Intendant lchelnd. Und es ist
im Grund mehr, als ich zugeben knnte. Sie waren im Ganzen recht brav;
aber eins und das andere kann noch viel besser werden. Nun, das wird
kommen! Was sagen Sie aber dazu, da wir das Stck bermorgen schon
wieder geben?

Heinrich sah ihn froh berrascht an. Meine Zustimmung, entgegnete
er, haben Sie durchaus. -- Das glaub' ich, versetzte der Intendant
erheitert, an einem Feiertag! Das Haus wird voller werden, als das
erstemal. -- Ich bin Ihnen zum grten Danke verpflichtet! rief der
Glckliche. -- Der Herr, ihn ansehend, fuhr fort: Es wird eine zweite
Probe seyn, vor einem neuen Publikum; aber Ihr Stck wird sie bestehen.
Also es hat mich von Herzen gefreut, und ich gratulire nochmals. Der
Poet empfahl sich.

Als er im Vorzimmer den Ueberrock anzog, traten die beiden Regisseure
herein. Heinrich, sie grend, zeigte ein Gesicht, welches nicht nur
den Sarkastischen, sondern auch den Ernsten zum Lcheln reizte.

Sie blhen ja wie eine Rose! rief Hallfeld. -- Austausch des
Vergngens zwischen Theatervorstand und Dichters! erklrte Berger.
Anwartschaft auf ungezhlte knftige Triumphe! -- Der Herr,
bemerkte Hallfeld, will Ihnen in der That sehr wohl.

Er liebt die Bescheidenheit, fuhr der Andere fort, die Dankbarkeit,
das gute Herz! -- Verbunden mit der Kunst, ein Stck zu schreiben,
das volle Huser macht, ergnzte Hallfeld. -- Also bermorgen? in
der groen Halle? -- Heinrich, den Besuch auf der Bhne zusagend,
verabschiedete sich.

Sonst war dieser Tag der Besuche noch durch ein zuflliges Treffen
bezeichnet, das der Poet im Grund herbeigewnscht hatte. Nachmittags,
als er in der besten Laune die Hauptstrae hinabspazierte, kam
Professor Sartorius gegen ihn heran. War das nicht eine vom Geschick
ihm zugewendete Genugthuung? Sich instinktmig zusammennehmend ging
er dem Gelehrten entgegen, grte mit der edeln Freundlichkeit eines
Mannes, der wohlverdiente Achtung ansprechen kann, und erwartete nun
in dem Gesicht des Widerlegten etwas davon zu sehen. Das war freilich
eine Tuschung. Der Begrte dankte mit einem Ausdruck von Aerger und
Spott, wie ber jemand, der auf zuflliges Glck unangenehme Ansprche
grnden will, und ging vorber.

Wir knnen verrathen, da das Benehmen des Ehrenmannes eine Frucht
huslichen Verdrusses war. Ein jngerer Professor der Anstalt, der
Heinrichs Drama gesehen, war nach Tisch bei der Familie gewesen,
hatte ber den Erfolg berichtet und die Arbeit gerhmt. Als er wieder
fort war, sagte die Frau mit stillem Vorwurf zum Gemahl: Wir htten
diesen Born doch einmal einladen sollen! -- Warum? fragte jener mit
Stirnrunzeln. -- Weil er ein talentvoller Mann ist, versetzte die
Gattin; viel mehr, als du's ihm angesehen hast. -- Pah! rief der
Professor; er hat ein Rhrstck verfat, das den Unwissenden gefllt.
-- So? rief die Frau, gehrt Professor Holm zu den Unwissenden?
-- Holm ist ein guter Mensch, aber auch ein Schngeist, entgegnete
der Mann. -- Holm -- wollte die Gattin fortfahren; aber jener fiel
aufgebracht ein: Geh! La mich ungeschoren mit deinen Belletristen!
Sehr verdrielich ging er in sein Studierzimmer zurck, wo sich die
Stimmung gegen einen Menschen, der ihm eine Verlegenheit bereitet
hatte, begreiflicherweise nicht verbessern konnte. Aber auch ihm sollte
eine Freude, eine Genugthuung werden, und der Poet sollte seine Ansicht
ber die Natur der Menschen vervollstndigen.

Am andern Morgen fate Heinrich zunchst einen Bericht an seine Eltern
ab, worin er seine baldige Ankunft meldete. Er that seinem Herzen recht
Genge und malte alles, wovon er wute, da es die liebenden Seelen
erquicken und fr die bewiesene Ausdauer belohnen wrde, mit glnzenden
Farben. Dann, nach Erholung trachtend, ging er an dem schnen Morgen in
eine Restauration.

Er sa behaglich in einer Ecke, als ihn eine Neugier berkam, ob die
Bltter noch keine Kritiken seines Dramas enthielten. Rasch ging er
die im Lokal vorhandenen durch; zwei Besprechungen waren da, von Emil
Schilf und von Dorn.

Da er von dem erstern mit Recht nicht viel Gutes erwarten konnte,
nahm er die Auslassung des Befreundeten vor. Bei der dritten Zeile
schon verdunkelte sich sein Antlitz bis zu tiefem Roth. Er las
weiter, starrte auf die Buchstaben, wie einer, der zu trumen glaubt,
schttelte zornig den Kopf und warf endlich das Blatt mit dem Rufe weg:
Aber das ist ja eine wahre Bestie!

Die Kritik, die so bel auf ihn wirkte, lautete: Wer noch daran
gezweifelt htte, da Theater und Drama bei uns immer grerem Verfall
entgegen gehen, der konnte vorgestern in unserem Hoftheater den Beweis
davon erlangen. Das Publikum (allerdings, wie leicht zu sehen war,
unter Anfhrung einer wohlvertheilten Claque) hat ein Schauspiel mit
Beifall aufgenommen, das wir zu den geistlosesten Produkten rechnen
mssen, womit wir in den letzten Jahren gestraft worden sind. Das
Thema so abgedroschen als mglich, der Dialog von der plattesten Art;
edelseynsollende Personen, die im gewhnlichen Verkehr langweilig,
in Rhrscenen durch Prtension widerlich und lcherlich sind; ein
schlechter Geselle, der nur dazu erfunden ist, damit jene in Edelsinn
machen knnen; und ein Ausgang wrtlich nach Schiller:

      Wenn sich das Laster erbricht, setzt sich die Tugend zu Tisch.

Der Gang der Handlung ist krzlich der (folgt nun eine nhere
Inhaltsangabe, die zu dem Gesagten den Beweis liefern soll, also
ganz in demselben Styl gehalten ist. Dann fhrt der Kritiker fort):
Wie war es mglich, da ein solches Machwerk Beifall erlangte? Man
knnte sagen, auch der Applaus war gemacht, und zum groen Theil ist
er's offenbar auch gewesen. Man knnte den Succe auf Rechnung der
Schauspieler bringen, die in der That alles Mgliche leisteten, den
hlzernen Figuren Blut und Leben einzugieen. Allein es lt sich nicht
in Abrede stellen, auch das Stck selber, mindestens in der zweiten
Hlfte, fand Anklang. Der Geschmack ist also wirklich bereits auf eine
Stufe gesunken, wo er mit Abhub vorlieb nimmt! Weiter kann's nicht
gehen!

Der Autor des Stcks hat frher eine Tragdie geschrieben, die fr
ihn und seine Laufbahn als Dramatiker Hoffnungen erwecken konnte. Als
Theaterstck verfehlt und zur Auffhrung nicht brauchbar, verrieth sie
doch eine hhere Tendenz und enthielt Poesie. Warum ist Herr Born in
dieser Richtung nicht fortgegangen? Warum hat er sich nicht bemht,
seine dichterische Fhigkeit, so viel die Natur ihm verliehen hat, in
einer zugleich hher gehaltenen und bhnengemen Arbeit zu verwerthen?
Warum ist er zum Feind geworden seiner eigenen Begabung? Die Antwort
gibt sich jeder selbst. Das ist eben der Fluch unserer Zeit, da man
die Aufgaben, deren Lsung Flei und Anstrengung erfordert, umgeht, um
-- nach Gewinn zu langen. Nun, der wird dem Verfasser nicht entgehen.
Solche dramatisirte Gemeinpltze sind recht ein Futter fr unsere
Bhnen, wie sie gegenwrtig sind, und wir prophezeien dem spekulativen
Schreiber in dieser Beziehung eine recht schne Ernte. Dem Gewinn
an Honorar (_sic_) wird aber ein tdtlicher Verlust an Dichterehre
zur Seite gehen. Herr Born, indem er den Geschmack des Publikums
herunterbringen hilft, wird sich aufhelfen. Aber Alles in der Welt hat
seine Grenzen, und endlich wird auch bei uns der Messias erscheinen,
der ihn und seinesgleichen aus dem Tempel der Kunst hinaustreiben
wird.

Der Poet, so schmhlich behandelt in einem vielgelesenen Journal,
hatte eine Empfindung des Grimms und des Verdrusses, die fr den
ersten Moment das hchste Glcksgefhl der letzten Tage aufwog.
Dmonisch angezogen, ergriff er das Blatt noch einmal, berflog es und
schttelte den Kopf als ber etwas vllig Unbegreifliches. Wie konnte
ein Mensch, mit dem er freundlich verkehrt hatte, gegen ihn diesen
Ton anstimmen? Aus Rache, weil er nicht dazu gekommen war, sein Buch
zu loben? Aber er hatte ja das Beste darber gesagt, was er irgend
vermochte, und die Zgerung, sein Urtheil ber die verwnschte Satire
ffentlich auszusprechen, wenn sie als Krnkung aufgefat wurde, stand
doch mit einer solchen Beschimpfung seines Werks und Charakters im
ungeheuersten Miverhltni. Die Schmhkritik verdammte ein Stck, das
den reinsten und ehrlichsten Sieg errungen; sie verdammte den Geschmack
eines Publikums, zu welchem die gebildetsten Mnner und Frauen der
Residenz gehrten; sie hatte nur Worte des grbsten Tadels und der
Verleumdung, wo feine Seelen mit Vergngen und Achtung anerkannten:
woher kam dem Verfasser nur der Muth, der Wahrheit und der ffentlichen
Meinung dermaen in's Gesicht zu schlagen? Wie kommt man berhaupt
dazu, absichtlich ungerecht zu seyn? -- Heinrich versuchte sich in
einen Menschen hineinzudenken, der unter Voraussetzungen, wie sie
hier gegeben waren, einen solchen Artikel zu schreiben vermochte, es
gelang ihm nicht. Mit Staunen betrachtete er die Hhe der Gemeinheit,
um beschmt vor ihr die Blicke zu senken.

Man kann sich irren, das begriff er. Man kann in der Leidenschaft
bertreiben, das begriff er auch. Wie aber ein Wesen, das den Namen
Mensch beansprucht, Wahrheit und Gerechtigkeit vllig umkehren und
den Urheber eines guten Produkts wie einen Verbrecher zu behandeln
im Stande war, und zwar ffentlich, dem ffentlichen Urtheil sich
preisgebend, das begriff er nicht.

Was sollte er nun aber thun? Sollte er die Lsterkritik ungeahndet
hingehen lassen, oder gegen den Schreiber auftreten? Und wenn die, mit
welchen Waffen? Diese Frage beschftigte ihn eine Zeitlang, er kam aber
zu keinem Beschlu und wollte darber Sachverstndige hren.

Mit einem Lcheln der Geringschtzung nahm er das andere Journal zur
Hand; denn wie boshaft der Exdramatiker sich aussprechen mochte, den
Exfreund konnte er nicht erreichen, berbieten auf keinen Fall.

In der That blieb dem letzteren die Palme, da jener nur das Werk
verdammte und im Autor blo gnzliche Talentlosigkeit nachzuweisen
suchte. Die that er freilich mit so frohem Eifer, er zauste und rupfte
das Stck mit einem so glckseligen Gefhl der Machtvollkommenheit,
da er, wie ergtzlich er auf unbetheiligte Leser wirken mochte, dem
Getroffenen doch die Hand jucken machte. Allein im Vergleich zur ersten
war die zweite Kritik dennoch harmlos und Heinrich machte endlich eine
Bewegung wie ber die Expektoration eines Tollkopfs.

Sonderbare Erfahrungen! Der Genu des Sesten und des Bittersten auf
zwei Tage zusammengedrngt! Der Gegenstand der herzlichsten Zustimmung
ein Gegenstand der gehssigsten Anfeindung! Hier die Liebe, die
lieblich schenkt, dort der Ha, der die reizenden Gaben zu besudeln
giftig herbei dringt! -- Harpyen! rief der Poet, wortwrtlich!
Einladende Speisen zu beschmutzen, mit blinder Gier erfllt! Welch ein
Tiefsinn der mythologischen Phantasie!

Etwas gehoben durch seinen gerechten Groll, verlie er das Haus doch
noch mit sehr gemischten Empfindungen. Er fhlte eine wahre Sehnsucht,
einen braven Menschen zu sehen, und suchte daher Willmann auf, von dem
er wute, da er sich um diese Zeit fters auf dem Weg zur Redaktion
eines Unterhaltungsblattes treffen lie. Zum Glck sah er ihn bald und
ging eilig auf ihn zu. Der Erfahrene, nach einem Blick auf ihn, sagte
bescheiden lchelnd: Sie scheinen von einem Dorn gestochen zu seyn?

Allerdings, erwiederte Heinrich mit entsprechendem Mundverziehen.
Eben hab' ich sie mir aus dem Fleisch gezogen, die giftige Spitze. Was
sagen Sie dazu? -- Es ist stark, versetzte Willmann, sehr stark.
-- Ein _non plus ultra_ in jeder Hinsicht! rief der Gekrnkte. Was
soll ich dagegen thun? -- Nichts, erwiederte der Andere mit ruhigem
Nachdruck.

Heinrich sah ihn an. Sie meinen, der Artikel richtet sich selbst? und
die Verachtung, womit man ihn lesen wird, kann mir Rache genug seyn?
-- Willmann sah ihn erheitert an. Nichts weniger als das! rief er.
Der Artikel, frcht' ich, wird mit groem Vergngen gelesen werden.
-- Wie! rief der Poet. Ist nicht das Publikum mit beschimpft? Und
wird es sich das gefallen lassen?

O, versetzte Willmann, recht gern! Und indem er ihn prfend ansah,
fuhr er fort: Sind Sie in der That so kindlich, da Sie nicht wissen,
was Schadenfreude ist? Das Publikum, mein lieber Freund, will sich
amsiren. Hat es sich nun positiv amsirt an einem schnen und guten
Stck, dann will es sich auch negativ amsiren an der Durchhechelung,
ja an der Zerrupfung eben desselben Stcks. Der menschliche Geist, mein
Freund, ist reicher und seine Bedrfnisse sind mannigfaltiger, als Sie
anzunehmen scheinen. -- Das glaub ich nicht! rief Heinrich in edlem
Eifer.

Willmann schttelte den Kopf. Ihre realistische Durchbildung, sagte
er, ist noch lange nicht vollendet. Der Umstand, da solche Artikel
geschrieben werden, und zwar viel hufiger, als Sie zu wissen scheinen,
beweist ja gerade ihre Beliebtheit, ihre Beliebtheit bei der groen
Majoritt der Leser. Schlge sind freilich sehr unangenehm fr den,
der sie bekommt; aber fr den Zuschauer? Interessant, wo nicht gar
beglckend. Ich bin fest berzeugt, da nicht nur unsere Biedermnner
in Stadt und Land, sondern auch manche vom zarten Geschlecht, wie ich's
kenne, den Artikel mit Vergngen lesen werden.

Und trotzdem soll ich --? -- Nichts dagegen thun -- allerdings!
Und zwar darum nicht, weil auch das vorbergeht, wie der Wind --
Indessen, versetzte der Poet, hat dieser Mensch nicht nur mein
Stck, sondern auch meinen Charakter angegriffen! -- Das ndert gar
nichts, entgegnete Willmann. Im Gegentheil, es kommt eben Ihnen zu
Gute und schadet dem Kritikus, weil das Publikum sich =diesen= Vorwurf
nur aus Neid erklren wird. Htten Sie, fuhr er ihn heiter ansehend
fort, wohl gar Lust, Hndel anzufangen, weil man Ihnen vorgeworfen
hat, da Sie lieber Stcke schreiben, die gefallen und Geld eintragen?
Im Namen der Prefreiheit verlang' ich, da Sie's gedruckt seyn lassen!

Heinrich wollte eben antworten, als nahende Tritte beide umsehen
machten. Sie erblickten den Professor Sartorius, den der Heimweg vom
Gymnasium an ihnen vorberfhrte. Willmann kannte und grte ihn und
Heinrich mute folgen. Der Gelehrte, whrend des Gegengrues, sah nun
auf den Poeten mit einer so stechend vergngten Miene, da dieser sich
augenblicklich sagte: Er hat's gelesen -- und ist glcklich darber!

In der That, so war es! Nicht nur hatte der huslich Beschmte die
Kritik mit groem Vergngen entdeckt und genossen -- er hatte sie in
der Tasche, und freute sich nun herzlich, damit seinerseits die Frau zu
beschmen. Bei dieser Gelegenheit machte er natrlich auch eine kleine
Ausnahme von der Regel; der Feuilletonist und Literat (eine Gattung,
von der sonst eben er am schlechtesten zu denken pflegte) war hier ein
durchaus zuverlssiger Mann und eine unumstliche Autoritt gegen den
Poeten.

In der Seele des Nachschauenden kam ein gewisser Humor auf, und sein
Angesicht ward heiter. Sie haben Recht! sagte er zu dem Freund. Lat
sie schimpfen und am Schimpf sich erquicken! Ueber ein Kleines, dann
sind wir wieder oben!

Zunchst schien sich das feindliche Princip gegen den Dramatiker
wirklich erschpft zu haben. In den nachfolgenden Kritiken waren
Lob und Tadel auf eine fr den Autor ehrenvolle Weise gemischt, und
dieser konnte das Gift durch das Gegengift unschdlich gemacht sehen.
Der Theateragent der Residenz stattete ihm einen Besuch ab, erbot
sich, das als Manuscript zu druckende Schauspiel gegen eine mige
Tantime zu versenden, zu protegiren, und man traf eine Verabredung
zu beiderseitiger Zufriedenheit. Die Hauptsache war aber, da die
Wiederholung des Stcks an dem Feiertag noch mehr Glck machte, als die
erste Auffhrung. Das berfllte Haus gerieth schon beim zweiten Akt
in eine sehr erfreuliche Bewegung, um dann im dritten mit einem Sturm
loszubrechen, der die khnsten Prophezeiungen des ersten Leseabends
verwirklichte. Der Dichter, im Hintergrund einer Loge unerkannt und
unbeachtet, geno sein Werk zum erstenmal rein, fhlte sich in den
brausenden Wellen des sich selbst hher hinauftreibenden Applauses
unendlich wohl, eilte zum Schlu der Vorstellung auf die Bhne, und
unter Hndedrcken und Umarmungen war eitel Freundschaft und Seligkeit.

In der sichern Voraussicht, da es wieder gut gehen wrde, hatte
Willmann ein kleines Souper in einem besondern Zimmer des nchsten
Gasthauses veranstaltet. Theaterfreunde und Schauspieler, darunter
die beiden Regisseure, kamen nach der Auffhrung zusammen, speisten
und ergaben sich bei nachfolgendem Weinpunsch frhlichem Gesprch.
Es war natrlich, da das Gelag den Charakter einer Ovation fr den
Poeten annahm. Der Regisseur der Tragdie stand auf, schilderte mit
elegantem Lob das Bestreben und Verhalten des Freundes, hob namentlich
die Ausdauer hervor, die ihn endlich zum wohlverdienten Triumph gefhrt
habe, und sprach den Wunsch aus, da die Verbindung des Dichters mit
dem Theater, insbesondere mit der hiesigen Bhne, keine vorbergehende,
sondern eine dauernde seyn mge.

Heinrich, durch die lauten und herzlichen Zurufe der Versammlung
gerhrt, begeistert, erwiederte: Meine Freunde! Auf den ehrenden
Wunsch, den ein Kenner und Knstler ersten Ranges an mich gerichtet
hat, mu ich erklren, da die Verbindung meiner poetischen Thtigkeit
mit dem wirklichen deutschen Theater das Ziel meines Lebens ist und
immer bleiben wird. Dramatische Dichtung und Darstellung mssen Hand
in Hand gehen, wie Freund und Freund, ja ich mchte fast sagen, wie
Mann und Frau! Sie sind geschaffen, sich wechselseitig zu hegen, zu
frdern, und nur im engsten Bunde kann jede ihrer eigensten Vollendung
entgegen gehen. Das dichterische Werk, das in bestimmtem Hinblick
auf die scenische Darstellung und ihre Gesetze hervorgebracht wird,
erlangt nicht nur grere Bhnenwirksamkeit, sondern auch hheren
Werth an Poesie, an dramatischer Poesie. Die dramatische Poesie ist
es aber doch unstreitig, auf die es beim Drama vor allem ankommt. Wir
wollen hier nicht den Reiz der Erzhlung und nicht den Zauber des
Liedes auf Kosten des dramatischen Lebens: wenn diese beiden zugelassen
werden, drfen sie nur Elemente -- Zierden bilden zum Vortheil der
Handlung. Die Bhne weist den dramatischen Dichter auf dieses hchste
Ziel immer wieder hin, sie zieht ihn von den Abschweifungen in die
Gebiete des Epos und der Lyrik immer wieder zurck, und darum wird
es in der Zukunft seyn, wie es in Wahrheit immer gewesen ist: die
reinste Entfaltung der Dramatik auch als Poesie wird abhngen von dem
lebendigen Verkehr der Dichter mit dem Theater und von der Erfllung
der Ansprche, welche an das Drama durch den Zweck bhnengemer
Wirkung gestellt werden.

Die Dichtung, die solchen Bund eingeht mit dem Theater, mu aber in
diesem Bund allerdings frei seyn und jene Forderungen des Theaters
vollkommen selbststndig erfllen: durch Poesie -- durch Wahrheit
und Schnheit. Ein poetisches Drama, das einen einseitig epischen
oder lyrischen Charakter hat, ist kein Bhnenstck, aber immer noch
ein dichterisches Werk; ein Drama, das nur Bhnenstck ist, sinkt
aus der Sphre der Poesie berhaupt in die Region der Machwerke und
Surrogate. Fern sey es von mir, den Kreis der Poesie verengern zu
wollen! Schnheit ist mglich auch in Abspiegelung des wirklichen,
des oft sogenannten prosaischen Lebens, und wie weit ich selber in
meinem ersten Versuch hinter dem Ideal zurckgeblieben seyn mag,
Kunstverstndige geben mir zu, da sie gleichwohl poetische Ergtzung
in ihm gefunden haben. Schnheit ist mglich gegenber von allen
Stoffen, denn die Schnheit kommt aus dem liebevollen Geist, der die
Stoffe kunstgem bildet; aber da mu sie seyn, wo mit dem Anspruch
der Kunst aufgetreten wird. Das Drama, das den Forderungen der
Darstellung entgegen kommt in und mit Poesie, steigert, erhebt, adelt
die Darstellung. Das Bhnenstck aber, das jene Forderungen tuschend
erfllt durch sinnlich wirkende Effekte, degradirt die Bhne und
entwrdigt die Kunst zum prosaischen Gewerbe.

Es gibt einen wahren und einen falschen Bund der dramatischen
Dichtung mit der Bhne. Der wahre Bund zweier gleichmig freien, in
wechselseitiger Liebe freien Knste, die sich einander ganz machen
und gebend und empfangend mit einander das hchste aller Kunstwerke
hervorbringen, die scenische Darstellung des dramatischen Gedichts --
dieser Bund der Ehren und des ehrenhaften Vortheils -- er lebe hoch!

Groer Applaus folgte der mit Schwung vorgetragenen Rede, und unter
nachtrglichen Bravos stieen Alle mit dem Poeten an. Berger konnte
aber nicht umhin zu bemerken: Treffliche Grundstze und sehr gut
ausgesprochen! Aber nehmen Sie sich in Acht! -- Handeln Sie darnach,
rief Hallfeld pathetisch dagegen, und lassen Sie sich nicht irre
machen! Wenn dem Theater auch diese Zumuthungen zu viel sind, dann
haben wir kein Recht mehr, uns Knstler zu nennen.

Der krftige Spruch des Heldenvaters rief Widerspruch und eine
Discussion hervor, die unter Anleitung Willmanns die Frage mehr und
mehr in Erwgung praktischer Flle beleuchtete und bis nach Mitternacht
whrte. Die endlich geleerte zweite Bowle brachte unter den Streitenden
eine Art Vershnung zu Stande, indem die idealere Partei zugab,
da unter Umstnden auch poetisch bedeutungslose Dramen wirklich
knstlerische Bhnenleistungen mglich machten, und man ging endlich in
guter Freundschaft auseinander.

Als Heinrich am andern Morgen erwachte, fhlte er sich, trotz des
reichlichen Genusses alles Guten, doch vollkommen heiter und krftig.
Aber das Glck der Seele hat eben auch die schne Eigenschaft, da
es die Nahrung des Leibes mglichst wohl bekommen macht, und nicht
nur gesunde Mnner, wie Heinrich, sondern auch Hypochondristen knnen
wir nach einem Triumph, den sie whrend eines anstrengenden Schmauses
gefeiert haben, oft zu holdseliger Jugend erblht sehen.

Die letzten Pflichten, die den Dichter in der Residenz gehalten hatten,
waren erfllt, der Tag der Abreise zur Geliebten gekommen. Er wollte
heute noch fort, packte einen kleinen Koffer mit Kleidungsstcken,
legte die Theaterzettel der beiden Auffhrungen mit den guten
Recensionen dazu und machte sich dann auf zu den Freundinnen, um
Abschied zu nehmen.

Es war doch ein eigenes Gefhl, als er die Treppe hinan stieg, um
zweien Wesen Lebewohl zu sagen, mit denen er so lange und so herzlich
verkehrt, von denen er so viel Liebes erfahren hatte. Wie wird es Rosa
aufnehmen? rief's unwillkrlich in ihm. Keine Einbildung! antwortete
er sich selbst, und zog entschlossen die Klingel.

Die junge Knstlerin war allein zu Hause. Mit sanft heiterer Miene
grte sie ihn; aber die Ahnung, was ihn herfhre, gab ihrem Gesicht
alsbald einen Schein von Wehmuth. Heinrich betrachtete sie, ein Ernst
berkam ihn und steigerte sein Gefhl zur Verlegenheit. Ein kleines
Gesprch ber den gestrigen Abend, das den ersten Erkundigungen und
Antworten folgte, hielt nicht lange vor. In dem Schweigen, das eintrat,
nahm sich aber der Poet endlich zusammen, lchelte durch den Ernst und
sagte: Ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen.

Rosa, obwohl sie das erwartet, fhlte sich durch die Thatsache doch
so getroffen, da sie unwillkrlich auffuhr: Ah! rief sie, indem
eine leichte Blsse ber ihr Gesicht flog. Aber schnell, mit Lcheln,
setzte sie hinzu: Ich begreife! -- Ich reise zu den Meinigen,
fuhr Heinrich fort, die guten Nachrichten selber zu berbringen --
-- Freilich, freilich! rief die Knstlerin mit lebhaftem Nicken. Wie
schmerzlich sie den Stich in ihrem Herzen empfand, sie erkannte die
Nothwendigkeit, ihn zu verbergen, und es mute ihr gelingen.

Mit einer Theilnahme, wie man sie einem kindlich Glcklichen zuwendet,
und mit einer gewissen Laune im Ton, fuhr sie fort: Da wird groe
Freude seyn im Lande! Ein Dichter, der auszog mit Manuscripten und
Projekten und heimkehrt mit einem Lorbeerkranz! Gefeiert vom Publikum,
angegriffen vom Neid, gerhmt von dramaturgischer Weisheit! Was knnen
die Verwandten und die liebende Braut sich Besseres wnschen? Das
Talent, an das man glaubte, ist bewiesen, glnzend bewiesen, und der
ffentliche Erfolg in der Residenz mu dem Sieger die Huldigung der
Provinz eintragen! Mit Stolz werden die Eltern die Hand der Geliebten
in die seine legen, der Bund wird geschlossen werden und die Freunde
werden glcklich seyn -- die hiesigen, das mgen Sie glauben, nicht am
wenigsten!

Die Liebende hatte sich whrend dieser Rede innerlich so befreit, da
ihre Miene bei den letzten Worten das reinste Wohlwollen ausdrckte.
Der Schein desselben wirkte nun aber auch befreiend auf den Poeten.
Ja, es war liebevolle Freundschaft, was sie beseelte -- nicht
mehr! Sie war ihm gut, sie hing an ihm als ihrem Zgling und wollte
sein Bestes; aber sie lebte in einer Sonnensphre der Kunst und der
Seelengte, von wo sie nur mit freudigem Antheil auf sein Glck
hernieder sah. Gewisse Gedanken, die er sich gemacht, Vermuthungen,
die er gehegt, waren grundlos. Er besa in ihr einen guten Engel,
einen Schutzgeist; von ihr geleitet, gefrdert zu werden, hatte sein
gnstiges Geschick ihn zu ihr gefhrt, und ihr konnte er nun auch, wie
immer, traulich sein ganzes Herz ffnen.

Ja, rief er mit dem Glcksgefhl eines Liebenden, so, hoffe ich,
wird es kommen! Ich will Ihnen ehrlich gestehen, dieser Erfolg hat
mir auch noth gethan. Wie sehr Auguste an mich glaubt, sie hat Eltern
und Verwandte, die sehen wollen, um zu glauben. Aber jetzt, wenn ich
heimkehre, werden sie befriedigt seyn und Augen machen wie Kinder vor
dem brennenden Christbaum. Der Erfolg, wie ich ihn berichten kann,
wird auf sie den grten Effekt machen; sie werden mich hher stellen,
meinen Zusagen berhaupt und vllig glauben, und sie knnen es auch.
Nachdem ich -- mit Ihrer Hlfe, liebste Freundin -- meine Kraft erprobt
habe, ist mir's, als ob mir Alles gelingen mte. Es liegt mir in
den Fingern und ich meine es nur auf's Papier werfen zu drfen. Ja,
ich fhre Auguste einem gesicherten Loos entgegen, ich bin davon
berzeugt, und werde daher mit aller Zuversicht vor die Eltern treten.

Rosa, nachdem sie mit einem schwer zu beschreibenden Blick beigestimmt
hatte, sagte: Wann wollen Sie reisen? -- Heute noch, in einer
Stunde, erwiederte Heinrich. Es ist auch die hchste Zeit. Ich habe
nichts an Auguste geschrieben, weil ich mir den Genu verschaffen
wollte, die Erlebnisse der letzten Tage vollstndig mndlich zu
schildern.

Ich verstehe, rief das Mdchen. Mit einem Lcheln der Trauer, das
aber sogleich in ein Lcheln der Liebe berging, reichte sie ihm die
Hand und sagte: Reisen Sie mit Gott! und finden Sie alles Glck, das
Ihr Herz sich wnscht! Aber -- vergessen Sie dabei nicht ganz Ihre
hiesigen Freunde!

O, rief Heinrich, von niemand wird in unsern Unterhaltungen fter
und ehrenvoller die Rede seyn, als von Ihnen! Ihr Lob wird von allen
Lippen erschallen, und wenn ich dann mit Auguste zurckkehre, wird
unser erster Gang zu Ihnen seyn! -- Rosa nickte dankend. Empfehlen
Sie mich, fuhr Heinrich fort, der lieben Mutter, es ist mir leider
unmglich, sie zu erwarten. Und nun -- leben Sie wohl!

Er war nher getreten und gab ihr die Hand. Sie, mit edler
Freundlichkeit, sagte: Die herzlichsten Wnsche nochmals, und auf
Wiedersehen! -- Auf Wiedersehen, unbedingt! entgegnete Heinrich,
nickte mit einem Blick des Dankes und verlie die Stube. -- Rosa
begleitete ihn vor die Thre und rief ihm noch heiter nach: Gren Sie
die Braut von der Freundin!

Dann kehrte sie rasch in die Stube zurck. Das Mglichste war
geleistet, ihre Kraft aber zu Ende. -- Erschpft, von tiefster Trauer
bezwungen, warf sie sich auf's Sopha.

Sie hatte entsagt, wiederholt entsagt. Sie hatte ihr Leid besiegt und
die erhabene Freude der Gromuth empfunden. Aber dabei hatte sich doch
wieder eine Art Hoffnung erhoben, die ja in einem Leben, wo alles
vernderlich und das Unwahrscheinlichste noch immer mglich ist, auch
nicht ganz und gar ohne Grund war. Jetzt aber, wo der Geliebte nach
erreichtem Zweck unmittelbar zu der Andern eilte, um das Band mit ihr
unauflslich zu knpfen, jetzt war ihr der letzte Schimmer von Hoffnung
genommen. Er war dahin fr sie! Und wer konnte ihr verbrgen, da er
als Gatte der Andern ihr auch nur als Freund bleiben werde?

Ihre Einbildungskraft fhrte sie ihm nach und den Ereignissen voraus.
Sie sah ihn in die Arme der Verlobten sinken und dieser, was sie selbst
vergeblich ersehnt hatte und ersehnte, alles, alles allein zu Theil
werden. Ein Gefhl der Eifersucht erhob sich in ihr und strmte ber
ihr Wollen und Denken hin gleich einer Springfluth. Jener war alles
gegeben, ihr war alles genommen: unselig wehvolles, grausames Geschick!
Und wieder die Eine Frage, die sich so oft in ihr erhoben: Konnte
Auguste ihm seyn, was sie ihm htte seyn knnen? -- Nein! mute sie
selber entscheiden. Denn welche Vorzge sie haben mochte, sie liebte
ihn nicht wie sie! Sie hatte ihn nicht erkannt, sah nicht in sein
gutes, fhlendes, reiches Herz wie sie, war nicht bezaubert von dem
schpferischen Genius und der lebenswarmen Phantasie, von dem Weitblick
des Geistes und der Beschrnktheit des kindlichen Sinnes! Fr sie hatte
die Natur ihn werden lassen! Denn sie bewunderte sein Talent und sie
trat ein, wo es zu gut war, um sich mit der Welt abzukmpfen! Seine
Schwchen waren ihr lieb, so lieb wie die Gaben, womit Gott und Natur
ihn ausgestattet! Sie konnte ihn beglcken, sie konnte glcklich seyn
mit ihm!

Hatte sie nicht so mancher Versuchung widerstanden und sich mitten in
einer Welt des Leichtsinns, der oft so reizend ist, rein erhalten fr
ihn? So sehr, da auch ihr Herz -- ihr so oft kalt genanntes Herz --
jungfrulich war, und ihre Liebe zu ihm ihre erste Liebe? Und alles das
nur, um das Liebste zu entbehren und fr ihr ganzes Leben beraubt und
elend zu seyn?

Ihre Lippe zuckte bei diesem Gedanken und das Antlitz drckte ein
Gefhl tiefster Gekrnktheit aus. Ihr Inneres zerflo. Thrnen
strzten ihr in die Augen und rollten die Wangen herab; sie gab sich
ihrer Leidenschaft hin und weinte wie ein Kind.


                                 X.

Whrend die Liebende sich in Thrnen zu erleichtern suchte, fuhr
Heinrich auf die Eisenbahn, nahm einen Platz in einem wenig besetzten
Coup und sah die letzten Bedenken, die sich nach dem Abschied noch
in ihm erhoben hatten, bald durch die Reisegefhle zerstreut, die
schmeichelnd seine Brust durchzogen. Es war Anfangs April, die Luft
mild, der Himmel dnn berzogen, die Wlder schwrzlich braun, aber
Saatfelder und Wiesen grn; und fort ging's in gewaltigem Rollen,
dem Neuen und Neugewordenen entgegen. Da beschftigt die dichterisch
erregte Seele der Augenblick mit seinen Erscheinungen, und wenn sie
darber hinausgeht, so ist's, in die Zukunft, der man entgegen zieht;
das Vergangene ist verschwunden.

Heinrich athmete froh am geffneten Fenster, sah die Bilder der
Landschaft vorberfliegen, sah den Raum zwischen sich und ihr
kleiner und kleiner werden, und es war ihm, als ob er einem Paradies
entgegen zge, das auch schon die zu ihm fhrenden Wege mit Poesie zu
durchhauchen vermochte. Sein Geist eilte voraus, ber die Gegenwart
hinweg, um das Knftige zur Gegenwart zu machen.

Welch ein Moment, wenn er vor die Eltern trat und sagte: Hier bin
ich! Ich hab' Alles gehalten, was ich versprochen, und Alles erreicht,
was ich mir vorgesetzt! Anerkennung ist mir geworden und verheien,
eine schne, glckliche Zukunft mir und Auguste verbrgt! Welch ein
Triumph, wenn er ihre Seelen mit Liebe, mit Bewunderung erfllte! Wenn
die Familie und die Freunde des Hauses mit Blicken einer Achtung auf
ihn sahen, die nicht mehr erschttert werden konnte, und er endlich in
der That als das vor ihnen galt, was er war!

Der Ruhm ist s, nirgends aber ser als in der Heimath. Nach einem
alten Worte gilt der Prophet nichts im Vaterlande; dewegen mu er
eben fort aus ihm und drauen Geltung und Ehre suchen. Hat er sie aber
gefunden, dann ist ihm nichts reizender, als ihrer zu genieen in dem
Winkel der Erde, der ihn leben und streben sah, unerkannt, ungeglaubt.
Die Menschen, denen bei allem persnlichen Wohlwollen sein Ideal ein
Aergerni oder eine Thorheit war, zu berfhren durch die That, das ist
die Vollendung seines Werks, und wenn er dann die Mienen, deren Zweifel
und Spott ihm wehegethan, im Lichte des Beifalls, ja der stolzen
Mitfreude glnzen sieht, dann ist sein letzter und feinster Ehrgeiz
gestillt; -- der Moment ist gekommen, wo er befriedigt ruhen kann.

Heinrich war aber ein Dichter, dessen Geist immer wieder zur Produktion
sich drngte. Mitten in den Visionen des Glcks erzeugte er Gedanken
und Entwrfe zu neuen, greren und schneren Werken. Ideale der
dramatischen Poesie traten vor seine Seele, lockend, erregend, und
wiesen ihn auf die hchsten Ziele dichterischer Thtigkeit. Es waren
die nicht Bilder, wie er sie in dem Schauspiel vorgefhrt, sondern
in seiner Tragdie angestrebt hatte. Jene menschlich interessanten
und liebenswrdigen Figuren waren nicht das Hchste; sie konnten
berschritten, berglnzt werden durch Gestalten, die den greren
Geist und Charakter, den hheren Schwung der Seele in der gemessen
schnen Rede, der Musik des Wortes, der Sprache der Gtter ausdrckten.
Das war und blieb der Gipfel der Kunst, und ihn zu ersteigen, vielmehr
zu erfliegen, glaubte er sich vorzugsweise berufen. Das Schauspiel,
das in der Sprache des gewhnlichen Lebens eben dieses Leben malte,
verdiente Anerkennung, wenn es mit chten, ergtzenden Farben
ausgefhrt war; und falls ihm selber knftig anziehende Stoffe sich
boten, wollte er sich ihnen nicht entziehen. Aber die eigentliche
Aufgabe des dramatischen Dichters war doch das hochpoetische Drama,
die Tragdie, die in gttlich und dmonisch begabten Charakteren
und im Zusammensto gewaltigster Leidenschaften die hchst mglichen
Erscheinungen der Erde vor Augen stellte; und nur durch Arbeiten auf
diesem Feld konnte der lebende deutsche Dichter hoffen an die groen
-- die allein stehengebliebenen Dramatiker alter und neuer Zeiten
sich wrdig anzureihen. Ihn hatte es zu solchen Arbeiten gedrngt von
Jugend auf, sie waren seine erste Liebe -- sie muten auch seine letzte
seyn. Nur chtes Leben, Quell der Natur mute die hheren Gebilde
durchstrmen, wie die bescheidenen Bilder der Wirklichkeit. Vielmehr:
noch wahrer muten jene Gebilde seyn, als diese, weil sie schner seyn
muten, und in der edelsten Form nicht vergngliches Leben ausdrckten,
sondern ewiges. -- Darin lag nun eben der Fortschritt, den er in
Abweichung von seinem ersten Wege gemacht, da er nach der Erkenntnis
der falschen die wahre Idealisirung sich eingeprgt -- da er das
Wollen in sich aufgerufen hatte zum Vollbringen des gesunden Hchsten.

Die bescheidene Arbeit, die ihm gelungen war, hatte ihm den Beifall des
Publikums errungen. Die idealeren, die ihm gelingen muten, sollten
ihm diesen Beifall auch erringen, aber das Publikum zugleich in die
Hhe hinanheben, die er selber erstiegen -- beglckend und wahrhaft
frdernd, wahrhaft bildend zugleich sich erweisen.

Als er mit seinen Gedanken dahin gekommen war, sah er fr sich hin, wie
sich erinnernd, und ein Lcheln verklrte sein Angesicht. Pretentis
hatte man die Reden seiner Schauspielheldin gefunden? Allerdings
nicht ganz ohne Grund; er hatte das auch eingesehen und dewegen
herabgestimmt, wo er vermochte. In dem wahrhaft poetischen Drama,
wie es ihm nun vorschwebte, konnte er aber sein Ideal des Weibes den
hchsten Ton anstimmen lassen, und man fand es natrlich; denn in
solche Sphre gehrte dieser Ton. -- --

Der Zug ging langsamer; er fuhr in den Bahnhof eines grern Ortes,
von welchem Heinrich seinen Weg mit der Post fortzusetzen hatte.
Sein Gepck an sich nehmend, sorgte der Reisende fr einen Platz und
bentzte die Zwischenzeit zu behaglichem Speisen. -- Der Wagen, der ihn
aufnahm, war glcklicherweise nicht allzuvoll, und bald wiegte ihn das
heimlichere, poetischere Fahren durch Ebenen und Waldthler in se
Trumereien.

In derselben Stunde, welche den Poeten seinem Reise- und Lebensziel
entgegenbrachte, erging auch an die Zurckgelassene in der Residenz ein
Ruf, den sie fr ihr Leben als epochemachend ansehen konnte.

Sie hatte sich ausgeweint -- recht von Herzen -- und eine eigen
wohlthuende Stille war in sie gezogen: jener Friede der Genesung, wo
die Seele, von einer erdrckenden Last befreit, leise die Schwingen
wieder erhebt und holde, trstende Stimmen ihr vom Himmel zu ertnen
scheinen. Die Spuren des Thrnengusses suchte sie nicht zu verbergen.
Als die Mutter heimkehrte, trat sie ihr mit feuchten, gertheten Augen
entgegen und erwiederte auf die Frage, was ihr wre, mit einem Ton
unverholener Trauer: Er hat Abschied genommen -- und ist fort! -- Die
Mutter nickte mit einem Blick liebenden Mitleids. Nach kurzem Schweigen
sagte sie: Um so besser!

Zwei Stunden gingen vorber. Der Gegenstand war nicht mehr berhrt, das
Mdchen gefater worden, und der Schein einer still gehobenen Seele
klrte ihr Antlitz. Da kam ein Theaterdiener mit einem Schreiben von
der Intendanz nebst einer Rolle.

Rosa las, und ein froher Ausruf entfuhr ihrem Munde. Ein schon lnger
erschienenes, von der Hofbhne aber seit Jahren nicht gegebenes Drama
sollte auf hohen Wunsch zur Auffhrung kommen. Die Hauptperson darin
war eine Figur, die der zweiten Liebhaberin, nach den bisherigen
Begriffen von ihr, immer noch zu hoch lag, fr welche die erste aber
nicht mehr Jugend und Naivett genug hatte. Es war das fein, ergreifend
und schwungvoll ausgefhrte Bild einer in schmerzlichen Lagen, in einer
Steigerung von Leid sich bewhrenden treuen Liebe. -- Die Intendanz,
von jenem Wunsche gedrngt, fragte nun bei der jungen Knstlerin an,
ob sie die Partie nicht doch zu bernehmen vermchte. Jene, welche
die Dichtung kannte, war sofort entschlossen und antwortete mit einem
dankbaren Ja.

Es war -- das Ganze der Rolle angesehen -- ein Schritt auf eine neue
und wesentlich hhere Stufe der Darstellung, eine Aufgabe, bei der
sie sich etwas zuzumuthen hatte, in ihrem jetzigen Gemthszustand ein
wahrer Segen fr sie.

Die Kunst erschien ihr, die das empfand, in erhebendster Bedeutung.
Sie war nicht nur ein Ersatz fr das mangelnde Glck des Lebens, nicht
nur auch ein Quell der Befriedigung, sondern das hhere Leben, der
grere Wirkungskreis. -- Menschen darzustellen mit allen Mitteln einer
lebendigen Persnlichkeit; feinen, fhlenden Seelen zu erscheinen in
den anmuthigsten, wohlthuendsten Offenbarungen des Gemths; ihnen
sich einzuprgen in den edelsten Gestalten und ihnen eine Freude zu
seyn auch in der Erinnerung; das Beste, was dichterische Phantasie
geschaffen, am schnsten zu versinnlichen und dadurch nicht nur zu
beglcken, sondern Muster zu werden fr die Lebenden und mitzuarbeiten
an dem groen Werk der Bildung, das unmerklich, aber dennoch weiter
fhrt: -- das ist frwahr eine Thtigkeit, die ein Menschenleben
ausfllen, in der ein Menschengeist sich gengen kann.

Rosa, an diesen Ideen und Mglichkeiten sich erhebend, sagte zu sich
selbst: Das Eine ist mir genommen, das Andere gegeben; ich mu
zufrieden seyn. -- Ich will dem Rufe folgen und suchen meinen Kreis
zu erweitern, und meine fast, da es mir gelingen msse. -- In Gottes
Namen! Ich will nur Knstlerin seyn, aber die ganz! Und wer wei?
Vielleicht hab' ich doch Recht, wenn ich glaube, da die Sehnsucht
besser spielt, als die Flle des Glcks. Vielleicht erobert die
entbehrende Seele das Leben der Liebe um so glhender auf der Bhne,
und der Verlust des Menschenherzens wird ein Gewinn der Kunst, ein
Gewinn fr ihre Freunde. -- -- Einerlei! Diese treu Liebende, die
ein deutsches Dichterherz erfunden, rhrend im Leid und gro in der
Schmach, die sie vernichten sollte, dieses schne Bild will ich spielen
und mir gtlich thun dabei. Ich will es aus mir herauslassen, was mich
schmerzt und bedrngt, und wenn ich nur mein Herz erleichtere, sollen
sie mich loben und rufen: es ist eine Knstlerin! Wahrlich, unsereins
darf nicht verzweifeln, ja kaum klagen! Eine Andere mte sich grmen
und die Wunden von der Zeit heilen lassen, die so langsam und so
drftig heilt; ich kann mein Herzeleid in andere Herzen ergieen, da
es rhrt und wohlthut! -- -- Es ist, setzte sie nach einem Augenblick
lchelnd hinzu, ein wenig ideell, dieses Glck der Schauspielerin,
das ist nicht zu lugnen; aber es ist ein Ersatz, und mir soll's genug
seyn!

Die Auffhrung des Stcks war fr die nchste Woche beantragt. Rosa
nahm die Rolle vor, erwog sie nach ihrem Grundcharakter und ihren
Wandelungen, vertiefte sich in sie und lebte ganz ihrer Aufgabe. --

Heinrich nherte sich dem Ende seiner Fahrt. Nach einer Wendung um
eine Anhhe lag die Stadt vor ihm in Abendbeleuchtung, bescheidener
als die Residenz, aber heimlicher, und fr den liebenden Dichter von
einem bezaubernden romantischen Duft umflossen. Die Schornsteine
rauchten, die hervorragenden Gebude, die hohen Thrme schauten so
freundlich bekannt und doch poetisch anders her zu ihm, der selbst ein
Anderer geworden. Die Grten am Zwinger umkrnzten die Husermassen so
traulich. Dort aber, in der Nhe der Hauptkirche, da lag es, das Heim
seiner Seele, das Haus, das die Erwhlte beherbergte. Der uerste
Garten vor der Stadtmauer war erreicht, eine kurze Frist noch, und er
begrte sie.

Der Wagen ging durch das Thor, durch die Hauptstrae: das Herz
des Liebenden begann zu klopfen, in Gefhlen zu klopfen, die ihn
berraschten. Die stolze Freude, womit er vor Auguste und die Eltern
zu treten gedachte, war noch in ihm; aber je nher er dem Hause kam,
je mehr erhob sich daneben eine Sorge, die ein unwillkrliches dumpfes
Beben zur Folge hatte. Sahen die Eltern seine Erfolge und Hoffnungen
mit seinen Augen an? Wrdigten sie die Bedeutung seines Talents in
seiner ganzen Ausdehnung? Legten sie die Hand der Tochter in die seine
mit dem ehrenden Vertrauen, das er fordern konnte, und das zu seinem
Glck unentbehrlich war? Oder? --

Unwillig schttelte er den Kopf ber Gedanken, welche den Moment des
Wiedersehens trben wollten -- ber den Kleinmuth, der krnkend war fr
die braven Leute -- krnkend auch fr das Geschick, das ihn bisher doch
so freundlich gefhrt hatte.

Im nchsten Gasthof stieg er ab, kleidete sich um und eilte dem
stattlichen Hause zu. In den untern Gang eingetreten, erblickte er
eine alte, seit Jahren zum Haushalt gehrende Magd, die ihn in der
Dmmerung forschend ansah, und als sie ihn erkannte, einen Ausruf der
Ueberraschung hren lie, der einen Klang des Bedauerns hatte.

Heinrich war nicht in der Verfassung, die zu bemerken und rief
erfreut: Hanna! -- Wie steht's? Sind alle zu Hause? -- Ja, Herr
Heinrich, war die Antwort. -- Alle?

Alle miteinander. -- Gut! rief der Glckliche, machte einen
Schritt gegen die Treppe, hielt aber pltzlich an und sagte zu der
ernst vor ihm Stehenden mit Lcheln: Melde mich, Hanna!

Die Alte stieg hinan, Heinrich ging auf und ab. Aus's neue begann sein
Herz bange zu pochen. Er schttelte den Kopf ber sich selbst und mhte
sich, die Unruhe niederzuhalten; aber das nderte nichts und bald
gerieth sein ganzes Wesen in Aufruhr.

Die Alte blieb ungewhnlich lange aus. -- Warum lie man ihn warten?
Was hatte das zu bedeuten? Niemals war ihm das begegnet in diesem
Hause! -- Endlich erschien sie mit einem Licht und rief: Sie sind
willkommen, Herr Born. Heinrich betrachtete sie und sagte: Du bist
so ernsthaft, Hanna. -- Es ist doch nichts vorgefallen? Keinem ein
Unglck begegnet? -- Durchaus nicht, erwiederte die Alte nicht ohne
ein gewisses Mundverziehen. Sie werden aber doch nicht mehr Alles
so finden, wie's gewesen ist! -- Was ist geschehen? rief Heinrich
schnell. -- Gehen Sie nur hinauf! war die Antwort. Sie sind im
groen Zimmer.

Der Liebende, mit Vorgefhlen, die jetzt nur gar zu gerechtfertigt
waren, eilte die Treppe hinan, klopfte an die Thre und trat auf das
Herein des Vetters in den Salon.

Er erblickte beim Schein einer Lampe die Eltern, nicht weit von
ihnen Auguste, und neben ihr einen stattlichen, elegant gekleideten
Mann von seinem Alter, den er sich nicht erinnerte frher gesehen zu
haben. Der Unbekannte war grer und muskulser gebaut, als selbst er,
die Haare dunkel, die Gesichtsfarbe gesund und braun. Aussehen und
Haltung verriethen einen Mann, dem eine feste Lebensbasis und bewhrte
Fhigkeiten eine ungewhnliche Ruhe und Sicherheit verleihen.

Dem Poeten entfielen bei diesem Anblick die freudigen Ausrufungen,
womit er den Verwandten in die Arme zu eilen gedacht hatte, ganz und
gar. Da man auf seinen ersten Gru auch noch sehr frmlich antwortete,
da Auguste tief errthet war und mit unwillkrlichem verlegenen
Bedauern zu ihm hersah, befiel ihn mit einemmal die schlimmste Ahnung,
und eine unbeschreibliche Verwirrung ergriff ihn.

Auguste, mit pltzlicher Entschlossenheit und einer Haltung, deren
sich eine Heroine nicht zu schmen gehabt htte, trat einen Schritt
nher und sagte, vorstellend, zu Heinrich: Herr Kronfeld, Sohn unseres
Verwandten, den du kennst -- mein Brutigam. Dann zu diesem: Doktor
Born, unser Vetter -- der Dichter, dessen Lob du in den Zeitungen
gelesen hast.

Der junge Kaufmann verneigte sich und erklrte seine Freude, die
Bekanntschaft zu machen, nicht ohne einen merklichen Zug von Triumph
in dem ruhig vornehmen Gesicht. Heinrich starrte ihn an und dankte
mechanisch.

Das Wort Brutigam hatte ihn trotz seiner Ahnung wie ein Donnerkeil
getroffen und auf einen Moment frmlich gelhmt. Ringend suchte er
wieder eine Haltung zu gewinnen, instinktmig betrachtete er Auguste
und die Eltern, ob es nicht doch ein Scherz wre, den sie mit ihm
vorhatten -- eine Comdie, die sie spielen wollten. -- Aber die Mienen
Aller widersprachen dieser Meinung strengstens. Das glhende Gesicht
der Tochter verkndete einen unwiderruflich gefaten Entschlu; die
Eltern sahen verlegen und sarkastisch her, wie man auf einen Geopferten
und Getuschten zu blicken pflegt.

Es war geschehen! Der beispiellose Verrath war begangen! Er war
betrogen, gefft, gehhnt auf's Schndeste! Ein Abgrund von
Treulosigkeit that sich vor ihm auf. -- Doch, ein unmnnlich Jammerbild
wollt' er den verrtherischen Seelen nicht geben. Die Falsche war
seiner Verzweiflung nicht werth, auch nicht seines Zorns und einer
Scene, die erzrnte Vorwrfe herbeigefhrt htten. Die kalte Ruhe
der Verachtung mute er zeigen, den Hohn des Mannes, dem nur das
verchtlich Werthloseste entzogen wird! --

Trotz der besten Vorstze war es aber das nicht, was dem Dichter
gelingen konnte, und auch in der That nur sein erster Gedanke. Ihm
geziemte der Stolz der geistig sittlichen Ueberlegenheit und des
reinen Bewutseyns. Das war das Arsenal, aus dem er die Waffen holen
mute gegen die emprende Unbill. Durften sie sich nicht weiden an
dem Geknickten, so war er doch zu gut, namentlich aber zu gro dazu,
um Bses mit Bsem zu vergelten. Er wollte zeigen, da er nicht nur
in seinen Poesien hochsinnig dachte, sondern auch in der That und
Wahrheit. Er wollte sie vernichten durch den Adel des wahren Poeten und
durch die stolze Gleichgltigkeit, die damit Hand in Hand ging.

Indem es dem Dichter wirklich gelang, sich zu fassen, entgegnete er mit
einer ironischen Artigkeit, die in der That ganz von oben kam: Halten
Sie es meiner Ueberraschung zu gute, da ich nicht gleich die rechten
Worte gefunden, auf Ihre erfreuliche Mittheilung zu antworten. Sie
kennen meine Gesinnung und wissen, welchen Antheil ich an Allem nehme,
was Sie betrifft. Empfangen Sie nun meine besten Wnsche, und mge dir,
liebe Cousine, alles Glck zu Theil werden, das du verdienst -- und das
der Mann deiner Wahl dir verbrgt!

Diese Rede, trotz der Ironie, die namentlich der Braut sehr fhlbar
wurde, befreite die Gemther gleichwohl: die Scene, die man frchten
mute und frchtete, obwohl man sie zu bestehen sich entschlossen
hatte, war vermieden, und man konnte die aufgerissene Kluft mit
Versicherungen berdecken. In der That zeigte sich ein Schein von
Erkenntlichkeit und Wohlwollen in allen Mienen. Der Vater ergriff das
Wort und versetzte mit groem Ernst: Ich danke dir, Heinrich! Wenn
Leute, die sich lieben und in jeder Beziehung fr einander passen,
Glck haben knnen in der Welt, so drfen wir's fr unsern Sohn und
unsere Tochter hoffen. Herr Kronfeld, der Jahre lang im Ausland gewesen
und erst vor wenig Wochen aus London zurckgekehrt ist, wird die Fabrik
seines Vaters bernehmen und von den Kenntnissen, die er auswrts
gesammelt hat, Gebrauch machen. Schon jetzt beschftigt er dreihundert
Arbeiter --

Heinrich verneigte sich mit einer Anerkennung, aus der die ganze still
sublime Geringschtzung des Idealisten heraussah. -- Es werden aber,
fuhr jener mit einem Ausdruck fort, als ob die Verlobung der Tochter
dadurch mehr als gerechtfertigt wre, mit der Zeit nochmal so viel
werden. -- Das ist in der That groartig! rief Heinrich. Wie ich
meine Cousine kenne, ist das auch der rechte Wirkungskreis fr sie, das
eigentliche Feld fr ihren ausgezeichneten praktischen Sinn und ihren
auf's Groe gerichteten Geist. Ich wiederhole meine Glckwnsche -- und
freue mich, da sich Alles so schn gefgt hat.

Mutter Werthlieb lchelte, halb ber die Ironie, die sie ihm gnnen
mute, halb ber die Art, gute Miene zu machen, wofr sie's nahm. In
Folge eines instinktmigen Dranges, nun auch dem gleichwohl sehr
gekrnkten Vetter etwas Angenehmes zu sagen, begann sie: La uns jetzt
aber auch von dir reden, lieber Heinrich! Du hast Glck gemacht, dein
Stck hat Beifall gefunden. Wir haben's gehrt und gelesen.

Heinrich zuckte unwillkrlich die Achsel und entgegnete mit einer
Miene der Geringschtzung: Was will das heien? Eine Kleinigkeit! --
Nun, bemerkte der Vetter, der die Rede wrtlich zu nehmen den Takt
hatte, es hat mich doch sehr gefreut. Auf der Hofbhne, eine solche
Auszeichnung! Es ist immer ein schner Anfang.

Ja, fuhr Auguste, deren Miene schwer bekmpftes Schamgefhl
ausdrckte, mit einem Blick des Antheils fort; es hat uns Alle
auerordentlich gefreut -- -- Und berrascht? fiel Heinrich ein;
natrlich!

Auguste, errthend, entgegnete: Ich hab' es nicht anders von dir
erwartet. -- Du schmeichelst! versetzte der Poet mit voller
Ueberlegenheit. Ich, wenn ich aufrichtig seyn soll, htte dieses
Zutrauen nicht von dir erwartet!

Die Mutter, der Tochter zu Hlfe kommend, fuhr fort: Ein Bekannter von
uns, der zufllig dort war, Stadtrath Wei, hat die erste Auffhrung
gesehen und uns genau erzhlt, wie's gegangen ist. Anfangs war er
fr dich sehr in Sorge; aber dann wurde er stolz auf einen solchen
Landsmann und hat sich deiner Bekanntschaft gerhmt. Uebrigens --
fgte sie lchelnd hinzu -- hat er gethan, was in seinen Krften stand
und dich mitgerufen. -- Heinrich, lchelnd ber die Naivett dieser
Mittheilung, erwiederte: Sagen Sie ihm gelegentlich meinen Dank.

Es mu ein eigenes Gefhl seyn, bemerkte nun der junge Fabrikbesitzer
mit der Miene eines ber solche Triumphe glcklicherweise Erhabenen,
vor ein begeistertes Publikum zu treten und seinen Ruhm so
handgreiflich in Empfang zu nehmen. -- Jedenfalls, erwiederte
Heinrich, fhlt man sich dabei geehrter, als in mancher andern
Situation!

Der alte Herr lchelte unwillkrlich, er mute diese Bemerkung gut
finden. Im Grunde schien ihm jetzt nicht nur das Eis gebrochen,
sondern der fatale Handel so gut wie beigelegt, und nun kehrte der
Geschftsmann, der in seiner Familie das Behagen liebte, ohne weiteres
zur vetterlichen Traulichkeit und zur Bonhomie des vieljhrigen
Gnners zurck. Er sah den Poeten freundlich an und rief mit cordialer
Ermuthigung: Du mut uns das Stck vorlesen! Wir bitten eine
Gesellschaft zusammen, Verwandte und Freunde, die du kennst und
die dich als Dichter verehren, und du feierst dann auch hier deinen
Triumph. -- Ach ja, rief die Gattin, das wre charmant!

Diemal konnte der Poet doch nicht umhin, einen stechenden Blick
der Verachtung auf Menschen zu werfen, die sich's mit ihm so
auerordentlich leicht machten. Er nahm sich inde zusammen und
versetzte mit mglichstem Ernst: Wird doch nicht gehen, Base. Ich
will so bald als mglich zu meinen Eltern, die sich nach mir sehnen
und deren treuer Liebe ich die Freude, die ich ihnen machen kann,
nicht lnger vorenthalten darf. Auch ich, wie Sie sich denken mgen,
sehne mich darnach, sie wieder zu sehen. Und mit einem Ausdruck
rckhaltloser Superioritt, der vielleicht die beste Rache ist, setzte
er hinzu: Genieen Sie das Glck, das die rhmliche Verbindung Ihnen
Allen verheit! Die Gesinnung, die es geschaffen hat, wird es auch
erhalten; und mit aller Freude, die ein Freund darber empfinden kann,
scheid' ich nun! Leben Sie wohl!

Er hatte bei den letzten Worten umhergesehen und einen durchdringenden
Blick auf Auguste ruhen lassen. Diese schlug die Augen nieder und
machte eine Bewegung, als ob sie in's Herz getroffen wre. Heinrich, es
gewahrend, verbeugte sich und verlie das Zimmer.

Mit brennenden Wangen ging er die Treppe hinunter. Als er der Alten
ansichtig ward, rief er: Du hast Recht gehabt, Hanna! -- Gott sey,
Dank! Das wr' berstanden!

Jene trat einen Schritt nher, und indem sie ihr Gesicht in strenge
Falten legte, sagte sie mit gedmpfter Stimme: Frulein Auguste hat
sehr unrecht gegen Sie gehandelt. Ich kann Ihnen sagen, das ist nicht
nur meine Meinung, sondern gar viele denken so. -- Wirklich? rief
der Poet mit dem Ton ironischen Verwunderns. -- Der Herr Rektor, fuhr
Hanna fort, hat ihr die Freundschaft aufgekndigt und kommt nie mehr
in unser Haus.

Ein Ehrenmann, versetzte Heinrich; das ist begreiflich! -- Nun,
Hanna, lebe wohl! Es thut mir gut, wenigstens Eine treue Seele in
diesem Hause getroffen zu haben. Ernst ergriff er ihre Hand, drckte
sie und sagte herzlich: Behalte mich in gutem Andenken! -- Oh, rief
die Alte mit Thrnen in den Augen, Sie sind gut, Herr Heinrich, und
Sie werden auch noch glcklich seyn! Besser vorher als nachher! Machen
Sie sich keinen Kummer! Ein Herr wie Sie --

Der junge Mann, trb lchelnd, schttelte den Kopf, machte eine
Bewegung des Abschieds und ging der Thre zu. Auf einmal, von der
Treppe herab, ertnte der dringende Ruf: Heinrich! Er kam von
Auguste, die sich alsbald zeigte und mit raschen Tritten zu ihm
herabstieg.

Heinrich hatte sich wieder umgewendet, befremdet sah er sie an und
sagte kalt: Was wnschen Sie von mir? -- Geh! versetzte das
Mdchen mit einem Blick des Vorwurfs in dem schuldbewuten Gesicht.
Stell' dich nicht fremd gegen mich! Wir sind immer noch Verwandte und
Jugendfreunde!

Heinrich lchelte mit einem Ausdruck unverholener Geringschtzung.
Dann, nach einer Bewegung, die einen gefaten Entschlu anzeigte,
entgegnete er: Nun, also -- was willst du von mir? -- Ich mu mit
dir reden, erwiederte das Mdchen. -- Wozu das, gute Cousine?

Du mut mich hren! fuhr sie leidenschaftlicher fort. Ich verlang'
es von dir! -- Ich bitte dich darum, setzte sie weicher hinzu.

Heinrich, nach einem Blick auf sie, nickte mit dem Ausdruck des
Verstehens. Sie ging ihm voran in ein Zimmer, das er selbst, wenn er
auf Besuch hier war, zu bewohnen pflegte; er folgte mit der Miene
glaubensloser Neugier.

Jene, nachdem sie die Thre geschlossen, begann: Ich wei, Heinrich,
da du mich verdammst. Du denkst das Schlimmste, das Niedrigste von
mir, weil du nicht weit, wie Alles so gekommen ist -- und ich kann
dich nicht so gehen lassen! Was ich gethan habe, das ist geschehen nach
genauer Ueberlegung; und ich hab' nur gethan, was ich fr meine Pflicht
hielt.

Heinrich betrachtete sie mit einem Blick des Mitleids. Ich will's
nicht bestreiten, sagte er dann. Es gibt verschiedene Ansichten ber
das, was man Pflicht nennt.

Der Entschlu, zu dem ich endlich gekommen bin, hat mich einen groen
Kampf gekostet, fuhr Auguste mit Nachdruck fort. -- Das kann ich
glauben, erwiederte jener. Dem Verlobten die Treue zu brechen -- --
Wir waren nicht verlobt! fiel Auguste rasch ein.

Frmlich nicht, versetzte Heinrich -- allerdings! Wir hatten nicht
Ringe gewechselt und keine Verlobungskarten ausgegeben. Aber ich hab'
das Verhltni nie anders angesehen, und du schienst dich doch auch
zu benehmen, als ob es eben diese Bedeutung htte. Erinnerst du dich
vielleicht noch unseres Abschieds und was du mir dabei gesagt hast?
Erinnerst du dich der Briefe, die du mir geschrieben? Mir schienen das
Betheurungen einer Liebenden, die treu seyn will. Und wie lang ist's
her, da ich den letzten erhalten habe?

Auguste war tief errthet. Nach einem Moment des Besinnens entgegnete
sie, ohne die innere Bewegung verbergen zu knnen: Ich will meine
Briefe nicht verlugnen, ich will kein Wort verlugnen, das in
ihnen steht. Wir sind eben mit einander aufgewachsen; du hast mich
liebgewonnen und ich dich, und wir haben so fortgelebt wie in einem
Traum. Aus der Freundschaft naher Verwandter, die sich dutzten von
Jugend auf, ist ein Verhltni entstanden, das ernster schien, als
es war. Die hergebrachte Vertraulichkeit hat wenigstens mich weiter
gefhrt, als ich sonst gegangen wre: ohne deine Base zu seyn, htt'
ich nie mit dir Briefe gewechselt.

Mag seyn, versetzte Heinrich, indem seine Augen zu funkeln begannen.
Aber du hast sie nun einmal gewechselt, hast mein Gelbni der Liebe
und Treue vernommen und wieder vernommen -- hast es erwiedert! Und wenn
auch in deinen Briefen nicht die Wrme, die glhende Liebe herrschte
wie in den meinen -- von der Jungfrau hab' ich das nicht verlangt --,
so sind es doch Ergieungen einer Seele, die sich fr gebunden achtet,
die ihr Loos an das des Geliebten gefesselt hlt.

Ja, versetzte Auguste, das ist wahr -- wahr von den Briefen, die ich
dir bis zu einer gewissen Zeit geschrieben habe! Damals, wenn du mich
von meinen Eltern httest verlangen knnen, wr' ich dir gefolgt, mit
Freuden gefolgt! -- Aber dann, versetzte Heinrich, kam ein Anderer
und Besserer -- -- Nein! unterbrach ihn das Mdchen. Schon vorher
nderte sich meine Gesinnung -- und mute sich ndern.

Der Poet sah sie erstaunt, mit tiefem Unmuth an; Auguste fuhr fort:
Erinnere dich, wie es dir ergangen ist, und versetze dich in meine
Lage! Du bist in die Residenz gereist mit einer Theaterdichtung, die
wir hier alle fr ausgezeichnet gehalten haben und von welcher du
fr deine Person dir Ehre, glnzenden Ruhm und die grten Vortheile
versprochen hast. Du hast sie nicht einmal zur Auffhrung bringen
knnen. Und wie zornig du ber den Vorfall warst, endlich hast du
doch selber zugeben mssen, da sie fr die Bhne sich nicht eignete.
Dann hast du ein neues Stck angefangen und warst deiner Sache ganz
sicher und hast mir wieder die besten und schnsten Erfolge prophezeit.
Ich habe dir wieder geglaubt und meine Eltern, die hchst bedenklich
geworden waren, nochmal zum Glauben bewogen. Da, nach Wochen erneuerter
Hoffnungen, schreibst du mir: die zweite Arbeit sey wieder aufgegeben
und du habest eine dritte begonnen, wozu dir diese Schauspielerin den
Stoff berlassen habe. Auf diese Nachricht, ich will es nicht lugnen,
wankte auch mein Vertrauen. -- Zur unrechtesten Zeit! fiel Heinrich
ein.

Auguste sah ihn mit einem eigenen Blick an und sagte: Ich bin keine
Dichterin, wenn ich auch Dichter verehre; ich kann mir die Dinge nicht
durch Phantasie verschnern und mu sie daher nehmen, wie sie sind.
Ich habe dich geliebt und dir vertraut, und httest du mein Vertrauen
gerechtfertigt, so wr' ich die Deine geworden. Aber nachdem zwei
deiner stolzesten Verheiungen unerfllt geblieben waren und sich
recht eigentlich in Nichts aufgelst hatten, wie wr' es mir mglich
gewesen, ernstlich an die dritte zu glauben? Wie konnte ich annehmen,
da dir mit dem fremden Entwurf gelingen werde, was dir mit deinen
eigenen, die du so begeistert ausgedacht und so sehr gepriesen hattest,
nicht gelungen war? Ich mute denken, da du ber dein Talent berhaupt
in einer Tuschung befangen warst, da deine Krfte zu dieser Art von
Arbeiten nicht hinreichten, da deine Bemhungen vergeblich seyn und
bleiben wrden -- und da du mich, wenn auch mit dem besten Glauben
von der Welt, hinhalten wrdest und mtest, weil dir ein Plan um den
andern fehlschlug.

Heinrich wollte reden, aber das Mdchen schnitt ihm das Wort im Mund
ab, indem sie fortfuhr: Sag' selbst, welch ein Schicksal erwartete
mich unter diesen Umstnden? Wenn ich den Bitten, den dringenden
Mahnungen meiner Eltern auch htte widerstehen knnen, so wurde ich
lter; ein Jahr um's andere und mit ihm das bischen Jugendblthe ging
dahin; und wenn mir das in einer Art geschah, wie es mancher geschehen
ist -- wer stand mir dafr gut, da du nicht endlich selber dein Herz
von mir abkehrtest?

Oh! rief Heinrich, indem er sich unwillig wegwandte. -- Es wre
nicht das erstemal, fuhr Auguste fort, da ein glhender Liebhaber
kalt wrde und sich zurckzge! Poeten sind wandelbar, und eine neue
Liebe kann fr ihr Herz gar leicht mehr Reize haben, als die Pflicht
der Treue. Genug, wenn ich mich nicht selbst verblenden wollte, konnte
ich jetzt in einem fortgesetzten Verhltni weder mehr auf mein Glck
rechnen noch auf das deine. Mein Vater (wenn ich das auch sonst von
ihm htte erwarten drfen) konnte unsere Erhaltung fr sich allein
nicht bestreiten, nicht =mehr= bestreiten, mein guter Heinrich! Von
dem Augenblick nun, wo ich das in aller Klarheit sah, betrachtete
ich mich nur noch als deine Verwandte, deine Freundin; und wenn du
meinen letzten Brief nochmals ansehen magst, wirst du dich berzeugen,
da sich in ihm nur die sorgenvolle Theilnahme an deinem Schicksal
ausspricht, wie sie eine Freundin empfindet. Kurze Zeit, nachdem ich
diesen Brief geschrieben, sah ich den jungen Kronfeld, gewann sein
Herz, ganz ahnungslos von meiner Seite, und hrte seinen Antrag.
Ich verbrachte trotz alledem Tage der grten Aufregung und der
peinlichsten Zweifel, weil ich mir den Eindruck vorstellte, den dieser
Schritt auf dich machen wrde und eine Stimme in mir doch wieder fr
dich gesprochen hatte. Aber von dem ausgezeichneten jungen Mann, von
meinen und seinen Eltern gedrngt, wiederholt und mit Grnden gedrngt,
denen ich nichts mehr entgegenzusetzen wute, sagte ich endlich Ja.

Heinrich nickte, wie zu der guten Vertheidigung einer schlechten Sache,
und entgegnete bitter: Das war zu derselben Zeit, wo dein Geliebter
und Verlobter sein Wort zur Wahrheit machte und mit der Schpfung
seines Geistes einen Erfolg errang, der ihm eine rhmliche Zukunft, uns
beiden eine geehrte Existenz verbrgte!

Auguste konnte nicht umhin, nun einen flchtigen Blick des Mitleids
auf ihn zu werfen. Heinrich, erwiederte sie, ich freue mich dieses
Glcks von ganzer Seele! Aber nach der Belehrung, die ich darber
erhalten habe, kann ich die Hoffnungen nicht mehr theilen, die du
darauf zu bauen scheinst. Wer ist dir denn gut dafr, da dieses Stck
auch anderswo so gefllt wie da, wo die Mitarbeiterin darin gespielt
und natrlich ihre Freunde und Verehrer hat? Wer ist dir gut dafr,
da man es an andern Orten, wo keine Gnner helfen, auch nur gibt?
Und wenn es gegeben wrde und gefiele, wer verbrgt dir, da deine
neuen Arbeiten eben den Beifall erhalten wie diese, die unter so
besondern Verhltnissen entstanden ist? Ein Theaterstck, das hier
und dort wohl aufgenommen wird, grndet noch nicht die Existenz eines
einzelnen Mannes, geschweige denn einer Familie. Ich habe darber im
Hause meines Brutigams von einem Schriftsteller, der in diesen Dingen
bewandert ist, Aufklrungen erhalten, die mich in meinem Entschlu
nur bestrken konnten. Darum will ich dir aber jetzt das Herz nicht
schwer machen. Es ist mglich, da dir von nun an Alles ber Erwarten
gelingt, und niemand kann es inniger wnschen als ich. Aber ich, in
meinen Verhltnissen, konnte an diese Mglichkeit -- noch dazu in einer
Zeit, wo sie eine hchst entfernte war -- nicht das Schicksal meines
ganzen Lebens knpfen, whrend von anderer Seite mir und meinen Eltern
das gesichertste, ehrenvollste Loos und ein Wirkungskreis geboten war,
wie ich ihn mir immer gewnscht habe.

Heinrich stand mit bebender Lippe. Richtig! entgegnete er; richtig
-- und abscheulich! -- Auguste sah ihn an wie eine Verletzte. -- Du
hast sehr einsichtsvoll gehandelt! fuhr jener fort; als ein wahres
Muster von Ueberlegung und praktischem Verstand! Aber von Gemth und
von Wrde der Gesinnung erblick' ich keine Spur in deinem Verhalten!
Wenn diese Grnde gelten, dann kann man jede Treue brechen; denn
immer kann man sagen: ich habe zwar eine heilige Zusage gegeben und
unwandelbare Treue hoffen lassen; aber dort bietet sich mehr Vortheil,
mehr Sicherheit, man lebt nur Einmal und mu vernnftig seyn, also lat
uns absagen und unser Lebensglck begrnden!

Heinrich! rief das Mdchen, gegen diese Auslegung sich wehrend, in
einem Tone zugleich der Scham und der Entrstung. -- Geh, rief
dieser, du kennst die Liebe nicht! Die Liebe ist eine Flamme, die mit
wunderbarer Gewalt auflodert und ber alle Rcksichten hinweggeht. Die
Liebe =will= keine Sicherheit, sie will das Wagni und die Gefahr,
und freut sich ihrer! Denn nur der Gefahr und dem Unglauben der Welt
gegenber kann sie zeigen, was in ihr und an ihr ist! Nur in der
Selbstaufgebung und im Opfer gengt sie sich! Die Liebe scheut nicht
zurck vor dem Gedanken des Leides, ja nicht des Untergangs! Die Liebe
hofft Alles und geht Hand in Hand mit dem Glauben; aber sie ist auch
bereit, Alles zu dulden, weil sie wei, da jedem zeitlichen Verlust
ewiger Ersatz wird! Geh hin und stelle dich zu deines Gleichen! Du
verlierst mehr, als du gewinnst! Ein einziger Augenblick einer edeln
Seele, die gttlich denkt und handelt, ist mehr werth als ein ganzes
Leben solcher verstndigen, klugen, herzlosen Figuren! Ich habe mich
getuscht, ja; aber nicht ber mich und mein Talent; denn in mir glht
eine Flamme, die nie verlschen und nur immer heller aufleuchten
wird! Ueber dich hab' ich mich getuscht und ber deine Gesinnung! In
dir hab' ich eine Gttin erblickt und als eine Gttin hab' ich dich
gefeiert, und sehe nun, da du nichts bist, als ein Weib, und zwar ein
gewhnliches Weib, mit all dem trivialen Verstand und dem offenen Auge
fr den Vortheil! Meinethalb! Ich bin beschmt und mu es tragen! Ich
bin verschmht und weggeworfen, und soll meine Schmach nun auch noch
fr Recht erkennen und der Verchterin meinen Beifall zollen! Doch,
Gott sey Dank, es gibt noch Seelen in der Welt, die lieben und liebend
wagen und opfern! Es gibt noch Seelen, die mir anhngen mit einer Liebe
und Treue, die nichts wankend machen kann! Fort, fort zu ihnen! fort zu
meinen Eltern! fort an das Herz der Mutter, die alles empfangen soll,
was du verschmhst, und die es mit Freuden empfangen wird! -- O, fuhr
er mit Thrnen in den Augen fort, der Boden brennt mir unter den Fen
-- nie, nie werd' ich dieses Haus mehr betreten!

Heinrich! rief Auguste erschttert, mit schmerzlichem Bedauern in dem
glhenden Gesicht. Aber dieser war fertig. Fahr wohl! rief er mit
einem Stolz, der sein Gesicht leuchten machte; fahr wohl fr diese
Welt! Sey glcklich, wie du es vermagst, und vergi, da meine Liebe
jemals dir gehrt hat! Sie war die Tochter des grbsten Irrthums, ich
bereue sie -- und sie ist dahin fr immer!

In grter Aufregung, aber dennoch mit stolz gemessenen Schritten
verlie er Zimmer und Haus. Auguste, sich fassend und wieder
aufrichtend, sah auf die offene Thre. Er strmt fort, sagte sie zu
sich selbst, mit Verachtung im Herzen! Aber es ist mir doch lieb,
da ich ihn noch gesprochen habe. Er hat meine Grnde gehrt, und
wie schlecht sie ihm jetzt vorkommen mgen, wenn er meinen Entschlu
ruhiger bedenkt, wird er mich und sich selbst besser beurtheilen. Ich
hab' doch recht gethan, mich nicht fr mein Leben an ihn zu fesseln.
Das erkenn' ich jetzt mehr als jemals. Und, setzte sie mit einem
Ausdruck voll Selbstgefhl hinzu, wie verchtlich mein Loos ihm
erscheinen mag, ich nehm' es an. --

Heinrich ging rasch in den Gasthof zurck, eilte auf sein Zimmer
und schlo sich ein. Es war Zeit. Sein Herz war unendlich gedrckt,
von einem Strom der bittersten Empfindung durchfluthet, und Thrnen
strzten ihm aus den Augen, Thrnen der Scham, des Wehs und des Zorns.
Welch ein Verrath! rief er. Welch ein Abgrund von Selbstsucht!
Ist es mglich? Hab' ich mich so vllig getuscht? Unverzeihlich,
unverzeihlich! Bei mir war Alles Ernst, hoher, heiliger Ernst, bei ihr
Alles Schein, Phrase, hohle Phrase! Ewige Schmach fr mich! Sie hab'
ich angesehen und dargestellt als das Ideal des Weibes! leuchtend in
allen Tugenden, die sie zu haben schien, mit jener diabolischen Magie
des Weibes zu haben sich anstellte, und die doch keiner ferner waren
als eben ihr! Doch -- in Gottes Namen! Sey mein Irrthum der grbste
gewesen, Liebe hat in mir geirrt und ein gromthig fhlendes Herz! Mag
ich der Dumme gewesen seyn, wenn ich nur nicht der Lieblose war! Denn
der Weltverstand lernt sich, die Liebe nimmermehr, und wo die Liebe
fehlt, da fehlt das Heil und die Ehre des Menschenthums!

Schweigend sa er eine Zeitlang. Dann, mit schmerzlichem Ernst nickend,
fuhr er fort: Unerhrt ist die Krnkung, die ich erfahren habe, und
ich wei es, ich werde von dem Gift, das mich peinigt, so schnell
nicht genesen; aber Etwas bleibt mir, das mich trsten und endlich, so
Gott will, auch heilen wird: das Herz meiner Eltern, das Herz edler
Seelen, die mir Antheil bezeigt und mit liebevoll uneigenntziger
Freundlichkeit und Gte mich gefrdert haben.

Er hielt inne, und whrend die Thrnen in seinen Augen versiegten,
starrte er fr sich hin. Pltzlich fuhr er zusammen. Eine dunkle Rthe
ergo sich ber seine Wangen, seine Brust arbeitete und die Zge,
die nur Anklage und Leid ausgedrckt hatten, verriethen auf einmal
Schuldgefhl, Scham und Sorge.

Mit der Hand ber die Stirn fahrend, rief er aus: Zu meinen Eltern!
Sie sollen meine Ehre, meine Schmach erfahren! -- Bei ihnen hoffe ich
Ruhe und, so Gott will, neuen Lebensmuth zu finden!


                                 XI.

Am andern Morgen reiste Heinrich ab. Der Tag war schn, und der
schmerzlich Beraubte, aber der Entsagung Fhige hatte, in der
offnen Chaise, die er fr sich genommen, allein durch Feld und Wald
hinrollend, wundersame Empfindungen. Die Lerchen sangen steigend in die
sonnige Hhe -- die frohen, frischen Klnge, die ihn von allen Seiten
umtnten, bten auf das gedrckte Herz eine freundliche Wirkung. Je
weiter er von der Stadt sich entfernte, um so erleichterter fhlte er
sich. Sie versank hinter ihm, in der er so brennenden Schimpf erfahren:
die Flecken, die seiner Ehre sich angeheftet, schienen mit ihr zu
vergehen, und das stechende Leid milderte sich zu linder Trauer.

Als er der Heimath sich nherte, sprachen ihn die Landschaftsbilder
wohlthuender an, und die Poesie der Knabenjahre, der ersten Ausflge,
deren er sich hier erinnern mute, legte sich ihm balsamisch an die
Seele. Die Liebe, der er entgegenging, beglckte und rhrte ihn in
der bloen Vorstellung, und tief empfand er die heilige Festigkeit
des Bandes, das Eltern und Kind verknpft. Die peinliche Erfahrung
hatte ihn selbst wieder zum Kinde gemacht, das Trost und Hlfe suchte
bei denen, welche die Natur ihm zum treuesten Beistand angewiesen;
und diesem Trost, wie sehnte er sich ihm entgegen! Als nun aber das
Stdtchen selbst hervortrat, da gingen schmerzlich erregte Gefhle
durch die wohlthuenden: er bangte vor dem Moment des Gestndnisses, vor
dem Unmuth und dem Schmerz der mitbeleidigten Eltern, und er mute
alle Kraft zusammennehmen, um endlich mit gefater Miene vor sie zu
treten.

Die ersten zrtlichen Begrungen und Umarmungen belehrten ihn, da
ein Gestndni nicht mehr nthig sey. Die Untreue der Geliebten war
im Orte schon bekannt, und das Benehmen des Mdchens wurde namentlich
von der Mutter leidenschaftlich verurtheilt. Heinrich vernahm aus dem
Munde der guten Frau Bedauern, Anklagen und Glckwnsche nacheinander,
whrend der Vater schweigend oder mit ernsten, kurzen Worten zustimmte.
Er sah aber auch, wie die Freude ber den ffentlichen Erfolg und den
beginnenden Ruhm des Sohnes den Verdru ber die erlittene Krnkung in
Beiden berwog, und fhlte mit tiefer Beruhigung, da er sich mit ihnen
verstndigen konnte. Wie wohl that ihm das! Gerhrt sah er in die guten
Augen, aus denen die treueste Liebe glnzte.

Er wollte sich entstricken von den Erschtterungen der letzten Tage,
zu dem neuen Leben in mglichster Einsamkeit sich vorbereiten, und
mit heimlichen, wenn auch melancholischen Empfindungen richtete er
sich in dem Stbchen ein, das er seit Jahren zu bewohnen pflegte
-- still, abgelegen, mit der Aussicht auf den Garten, fr ihn ein
erinnerungsreicher Boden und ganz geeignet zum Rckgang in frhere
Zeiten, zum Ueberdenken des Erlebten und zum Ausreifen neuer
Entschlieungen. -- --

Es ist nicht meine Absicht, den Verkehr Heinrichs mit den Seinen und
mit den guten Freunden, deren er in dem Geburtsorte besa, nher zu
schildern. Auch die letztern nahmen lebhaft Partei fr ihn, und manche
scharfe Bemerkung fiel ber das weibliche Geschlecht berhaupt, wogegen
aber eben der Geschdigte zu protestiren pflegte.

Er genas, wenn auch langsam und ohne den frhlichen Sinn und schnen
Muth frherer Tage wiederzufinden. Zuweilen sprach er sich ber Auguste
und ihr Verhalten in einer Art aus, da man schlieen mute, er sehe
in der Lsung des Bandes ein fr ihn unter allen Umstnden gnstiges
Geschick. Dann erblickte man ihn aber doch wieder in Aufregung,
Verwirrung und Betrbni. Die Mutter, die am innigsten mit ihm fhlte,
trstete ihn in solchen Momenten und meinte: er werde schon die Rechte
noch finden! Wenn er dann eigen seufzte und die Achsel zuckte, ruhte
sie nicht mit erheiternden, ja schmeichelnden Reden, bis seine Mienen
sich wieder aufhellten. Einmal entgegnete er der Trsterin mit Ernst:
Wer eine Erfahrung gemacht hat, wie ich, der findet nicht leicht den
Muth zu einer neuen Unternehmung. Wenn man einem Scheinbild nachjagt,
sieht man sich am Ende nicht nur getuscht, man hat vielleicht gerade
das wahre Glck, das man erlangen konnte, thricht versumt und auf
immer verloren! -- Nun, setzte er mit leisem Lcheln hinzu, immer
bleibt mir ja eine Mutter, die mich liebt, wie ich sie liebe -- und die
mir nie untreu werden wird! -- Das schon, erwiederte die Gute. Aber
das ist nicht genug! Fr dich nicht, und fr mich auch nicht!

Unser Freund scheute sich, den Eltern eine letzte Erffnung zu machen.
Er gab sich den Gefhlen hin, die sich in ihm erzeugten, rechnete mit
sich selbst und lebte ein Leben stiller Erwgungen.

Ungefhr acht Tage nach seiner Heimkehr schrieb er an den ihm so
freundlich gewogenen Rector der Handelsstadt einen Brief, der uns den
besten Blick in den Zustand seines Herzens thun lt. Er hatte nicht
die Stimmung gefunden, den eben so braven und heitern wie gelehrten
Schulmann noch zu besuchen; aber durch die Nachricht, die ihm Hanna
mitgetheilt, war die Achtung, die er immer gegen ihn empfunden, so
vermehrt worden, da es ihm jetzt eine wahre Genugthuung verschaffte,
gegen ihn mit aller Offenheit sich auszusprechen. Die Hauptstellen
lauteten:

Es ist sonderbar, welche Erfahrungen wir armen Sterblichen machen und
immer wieder machen. In gewissen Dingen werden wir nicht nur nicht
durch den Schaden Anderer klug, sondern auch nicht einmal durch unsern
eigenen. Immer wieder tuschen wir uns -- weil der Trug so lieblich
ist und ein tiefes, glhendes Verlangen der Seele stillt!

Wie viel ist ber die Liebe gesagt und gesungen! -- und noch immer
ist nicht recht in's Licht gesetzt, da es zweierlei Liebe, zwei
grundverschiedene Arten von Liebe gibt. Unterschieden sind sie wohl;
aber nicht mit vlliger Gerechtigkeit und siegreicher Klarheit. Die
eine ist reizender, bestrickender gemalt wie die andere; und wenn
diese auch als die bessere hingestellt worden ist, so fhlt man aus
dem Bilde das Pflichtgefhl des Malers, nicht die reine, selige
Begeisterung heraus. Was er erhhen wollte, fand nicht auch die wahre
hhere Schnheit und mu dem Zauber weichen, der unwillkrlich in die
Spiegelung des Geringern gekommen ist.

Wir lieben am Weib die uere Erscheinung, den Schein -- und der
Schein trgt. Es gibt eine Schnheit des Leibes, der keineswegs eine
Schnheit der Seele entsprechen mu. Die Seele hat wohl eine Fhigkeit
zur Schnheit, aber nicht so viel, da sie schn seyn, sondern nur,
da sie (wie unsere Sprache so treffend sagt) schn thun kann. Auch
die Seele ist also mehr zum Schein als zum Seyn ausgestattet, und mit
dem Schein tuscht sie uns; sie erscheint uns so, da wir uns selber
tuschen, indem wir das bloe So-Thun fr Seyn und Wahrheit nehmen, und
nun triumphiren, als ob wir die schnste Wahrheit selber gefunden.

Ja wohl: edlen Sinn, treue Liebe, aufopfernden Muth blicken die
leuchtenden Augen und strahlt das errthete Angesicht! Aber im
Innersten lebt das klare, kalte, berechnende Ich, das frei ist
gegen die Affecte und sich vorbehlt, diese zu besttigen oder
zurckzunehmen, je nach Befund. Davon merken wir aber nichts, wir
von dem schnen Doppelschein Betrogenen! Was uns so auerordentlich
hold anspricht, das mu nothwendig wahr seyn! Die Liebe, die mit so
wunderbarem Feuer aus den Augen in unser tiefstes Herz einglht, kann
nur eine ewige seyn! Und nun erhebt sich unsere Liebe mit doppelter und
dreifacher Macht, in dankbarer Rhrung schmelzen wir und durch keine
Verherrlichung glauben wir der Bewunderten genugthun zu knnen. Was wir
an lieblichen und edeln Eigenschaften nur zu denken vermgen, sehen wir
in ihr -- tragen es ber in sie und sehen es wirklich und gewhnen uns
daran: das Weib steht als eine Gttin vor uns, an der alle Wandelung
des Lebens nur ein Schnerwerden seyn kann!

Was haben wir fr Mittel gegen diese vereinten Tuschungen? Gegen
die Magie, die wir wollen und miterzeugen, weil sie uns beseligt? Es
gibt nur Ein wirksames: die Enttuschung durch die That, -- durch den
thatschlichen Schaden, den thatschlichen Schimpf und das Herzeleid!
-- --

Dichterische Seelen drfen doch vielleicht auf Entschuldigung rechnen,
wenn sie der Blendung erliegen! -- Der Dichter mu gut seyn, er
mu Glauben und Liebe haben; denn er soll in Schnheit fhren und
idealisiren Alles, was er sieht, -- und dazu mu er schon Alles
liebevoll und schn sehen. Der Dichter treibt nur sein Metier, wenn er
verschnert und glubig preist und liebevoll verherrlicht; darum ist
er auch so sicher dabei und erlangt am schwersten den Scharfblick, der
hinter den Blumen der ueren Lieblichkeit die Schlange der Selbstsucht
wahrnimmt. Ihm mu der wirkliche Sachverhalt unerbittlich _ad oculos_
demonstrirt werden, sollen es nicht lnger Augen seyn, die sehen
ohne zu sehen! -- Aber auch dann -- der Zauber, an dem er so lange
gehangen hat, wirkt noch immer! Bilder ehemaligen Glcks umgaukeln
den Beraubten, Sehnsuchtgepeinigten; der schne Schein glnzt in
unwiderstehlichen Reizen, und tiefstes Leid erfllt seine Seele, da
er verlieren soll, was er zu hchster Seligkeit erlangen wollte und in
entzckenden Trumen schon als erlangt sich vorgespiegelt hat! -- --

Doch, verehrter Freund, hier thu' ich mir selber Unrecht. Regungen
dieser Art hab' ich freilich; aber doch nur selten, und ich verstehe
ihnen zu antworten und sie abzuweisen. Die Wahrheit, die wahre
Schnheit, die Schnheit der Seele leuchtet mir in siegendem Glanz;
ich sehe sie immer schner, und ihr heiliger Zauber entkrftet den
unheiligen, der die Schwche bestrickt hat. Wenn sie vor mir lebendig
wird, dann erbleichen die Farben der tuschenden Erscheinung und diese
gewinnt durch ihr erkanntes Wesen ein mitniges Licht, das die letzten
Sympathien im Herzen tilgt.

Was gibt es Lieberes, als ein ehrliches Herz? Was gibt es Holderes als
die Gte, die darnach trachtet, da sie Freude mache und Hlfe leiste,
und die keinen andern Lohn will, als das frohe Gesicht des Beglckten?
Was gibt es Schneres und Rhrenderes, als die Gromuth, die sich
selber beraubt, um Andere zu bereichern? Was gibt es Himmlischeres,
als den Blick aus dem Aug eines Weibes, deren innerstes Wesen Gte,
Gromuth ist? O, neben diesem Blick erscheint der seste, dessen die
Sirene in Momenten der Rhrung fhig ist, oberflchlich und machtlos!
Dort nur sehen wir in den Himmel, in heilig holdes Leben; wir fhlen
uns unendlich heimlich und gesichert, unser Gefhl beglckt uns nicht
nur, es erhht und weiht uns, und nicht nur selig, sondern mit der
Besten selber gut und edel geworden erblicken wir die Gestalt und
Alles, Alles an ihr in dem Licht ewiger Schnheit!

Hat es solche Frauen nicht gegeben? Und Gott sey Dank, es gibt noch
solche! Es ist keine poetische Tuschung, wenn wir von Frauen reden,
die Engel sind! Sie wandeln auf Erden, diese schnen Wesen, sie
erweisen sich, und wehe dem Stumpfsinnigen, der nach thatschlichem
Erweis ihre himmlische Gte noch bezweifeln knnte!

Die That und die Bewhrung durch die That, daran erkennt man sie. Denn
sie geben sich nicht immer das Ansehen ihres innern Wesens und lieben
es nicht selten, den Adel ihres Denkens und Fhlens hinter Scherz und
Spiel zu verstecken. Es gibt ernste Heilige auf Erden; aber es gibt
auch heitere, die sich in lieblicher Laune gefallen und deren gtige
Seele, wenn sie sich offenbart, nur um so rhrender erscheint.

Menschen haben ihre Schicksale. Das meine war, von dem Schein getuscht
und betrogen zu werden. Hab' ich mich dadurch eines ehrlichen Herzens
unwerth gemacht, so mu ich's dulden. Aber Ein Vortheil -- Ein Ersatz
ist mir doch geworden: ich habe die wahre Schnheit erkennen lernen
auf Grund der falschen, und mein Herz lodert in Liebe zu Dem, was ewig
liebenswerth ist.

Zwei Tage darauf erhielt er von dem alten Herrn das Antwortschreiben:

      _Aequam memento rebus in arduis
      Sevare mentem!_

Diesen alten Spruch, mein lieber Freund, ruf' ich Ihnen zu, damit
Sie ihn beherzigen, wie's noth thut! Aus Ihrem freundlichen und
dichterischen Brief hab' ich zu meiner groen Beruhigung ersehen, da
Sie sich ber den Verlust der schnen Werthlieb fast schon getrstet
haben. Fahren Sie fort und bringen Sie es dahin, da Sie sich zu diesem
Ende Glck wnschen. Sie hat uns Alle getuscht, und auch ich hab'
mich zu schmen, da ich sie, weil sie schn war und in ihrer stolzen
Ruhe etwas Klassisches hatte, fr gut gehalten. Ja, ja, der Mammon! --
Mir will vorkommen, als ob er noch nie so der Gott der Welt gewesen
wre, als gerade in unsern Tagen! Alles hlt man jetzt fr unsicher,
nichts erweckt mehr Vertrauen im Herzen der Menschen, als Geld und
Gut. Man stellt sich vor, was man Alles dafr haben kann, und trachtet
immer nach mehr, ohne zu bedenken, da man doch nur uere Dinge dafr
eintauscht, welche sehr hufig auch schdlich sind, und da man oft
nicht nur die Tugend, sondern auch die edelsten Freuden dafr hingibt.
Aber das sind _nugae_ fr die jetzige Zeit. Was die Moralisten aller
Jahrhunderte, Philosophen und Poeten des Alterthums so schn und
berzeugend gelehrt haben: da das wahre Glck in der Tugend bestehe,
damit kann man heutzutag nur noch den Spott auf sich ziehen. Wo will
die Welt hin, mein lieber Freund? Und wird sie auf diesem Wege, der aus
der Bildung heraus in die Rohheit fhrt, endlich Halt machen und zur
Vernunft und edlen menschlichen Denkart umkehren?

Thtigkeit, Ma und gute Laune, das erhlt uns jung, es verschafft
uns den Boden in der Welt, den wir brauchen, und verheit uns ein
glckliches Alter. Mit groer Freude hab' ich von Ihrem guten Erfolg
auf der Bhne gelesen. Sie sind doch schnell zum Zwecke gekommen, und
das beweist mir, da das Drama das Fach ist, auf das Sie mit Ihrem
Talent vorzglich angewiesen sind. Cultiviren Sie es, und versumen Sie
dabei nicht, die alten Autoren zu studieren, Griechen und Rmer! Sie
wissen, ich bin kein Pedant und setze die Alten nicht unbedingt ber
die Neuern, weil ich in ihnen zu Hause bin und meine liebsten Freuden
aus ihnen schpfe. Aber lernen kann man sehr viel aus ihnen; und mich
will bednken, als ob man sie gegenwrtig besonders auch zum Vortheil
der dramatischen Dichtung studieren sollte. Man ist zu bunt geworden im
Drama, wie mir scheint, -- man bringt zuviel Stoff und verliert ber
den Effecten den Effect. Ein Streben nach grerer Concentration und
Harmonie thut den jetzigen dramatischen Autoren noth; und wo finden sie
da herrlichere Muster, als es die groen Tragiker der alten Griechen
sind, deren einer jetzt sogar wieder von unsern Bhnen herab die Herzen
erschttert?

Ihnen, mein lieber junger Freund, wird das Studium der Alten noch ganz
besonders ersprielich seyn; denn Sie -- nehmen Sie mir's nicht bel!
-- verrathen noch immer zu viel Ueberschwnglichkeit! Die Vergtterung
eines Weibes hat Ihnen Kummer eingetragen; und nun scheinen Sie
mir doch wieder nach einer andern Seite hin vergttern zu wollen,
phantasiren sich Engel in Menschengestalt, und sind in Gefahr, sich
eine neue Enttuschung zu bereiten. Freilich gibt es engelgute Frauen;
aber auch diese bleiben immer menschliche Wesen mit verschiedenen
menschlichen Eigenschaften, die mit dem Engelsideal oft gar sehr in
Widerspruch treten. Man mu sich das zuvor sagen und natrlich-gesunden
Sinnes nicht zuviel erwarten, wenn man nicht Beschmung und Verdru
erleben will.

Doch darum nicht den Muth verloren, mein lieber Poeta! Es gibt gute,
brave, wohlgezogene Mdchen, und ich wnsche von Herzen, da Sie eine
solche finden und mit ihr des Lebens froh werden mgen. Vielleicht
schwebt Ihnen bereits ein liebes Kind vor, wie ich Ihnen eines wnsche?
Sind Sie der Hauptsache gewi, dann sehen Sie nur frisch ber alles
Andere hinweg und grnden Sie mit Besonnenheit ihr Glck im Ehestand!
Denn dafr, wie ich Sie kenne, hat Sie Gott geschaffen. Ich sage Ihnen:
Ihre Phantasie wird sich nie ganz losringen von der Schnen, die so
unwrdig gegen Sie gehandelt hat, wenn Sie nicht der Gatte einer Andern
werden. Ein Engel, den Sie nur trumen, wird Sie nicht frei machen
gegen die, welche denn doch immer noch lebendig da ist, sondern nur
ein gutes braves Weib, das Sie die Freuden des Hauses kosten lt. --
Leben Sie wohl, handeln Sie als Mann, und wenn etwas eintrifft, das
mir Freude machen kann, vergessen Sie nicht, es mir zu melden, sondern
denken Sie auch im Glck an mich! --

Als Heinrich diesen Brief las, konnte er nicht umhin, die trstende
Wirkung zu empfinden, die herzlicher Antheil, mit wackerm Humor
ausgesprochen, immer auf uns bt. Zuletzt schttelte er aber doch
melancholisch den Kopf. Uebertriebene Vorstellungen? sagte er zu
sich; -- phantastische Ansprche? -- Wenn es nur das wre!

Er schwieg, und ein Seufzer stahl sich aus seiner Brust. O
Verblendung, rief er aus. Stumpfsinn des Trumers, worber kannst du
hinwegsehen! -- -- Aber Geschehenes ist nicht zu ndern. Ich mu einen
neuen Plan machen zum Leben und etwas versuchen! Meine Eltern sollen
mich hren, und das heute noch!


                                 XII.

Vierzehn Tage waren hingegangen, seitdem Rosa von der Intendanz die
ehrende Aufforderung erhalten. Die Vorstellung des Dramas, in welchem
sie die Hauptrolle geben sollte, hatte stattgefunden und sie darin
eine Kraft, Leidenschaft und Kunst entwickelt, da die Kenner mit
Staunen folgten und das Publikum den aufgeregtesten Beifall spendete.
Der Sieg war vollkommen und bildete denn auch andern Tags den
Hauptgegenstand der Unterhaltung in den feineren Kreisen der Stadt.

Rosa, indem sie den frher schon gelungenen Versuch in berraschender
Vollendung wiederholte, hatte ihre Begabung fr die hhere Sphre
der strengsten Kritik dargethan. Die Verwandlung ihres Herzens und
Willens im Bunde mit der angesammelten Erfahrung hatte neue Fhigkeiten
in ihr zu Tage gebracht und nicht nur ihrer Gestalt und Miene einen
edleren, heroischeren Ausdruck, ihrem Spiel mehr Feuer, Innigkeit und
Schwung verliehen, sondern auch ihre Stimme umfangreicher und tnender
erscheinen lassen. So wahr ist es, da die physischen Mittel abhngen
vom Geist, ein erhhtes Wollen auch sie erhhen und die unzureichend
scheinenden zureichend machen kann.

Es war der Knstlerin doch eine groe Genugthuung. Ein ses Gefhl der
Macht durchdrang sie, und am Abend whrend der Vorstellung, am andern
Tag bei Besuchen glckwnschender Verehrer empfand sie die reinste
Freude. Sie hatte sich's ausgedacht, alle ihre Krfte aufgerufen und
zusammengenommen und das Bild ihrer Seele auf der Scene verwirklichen
wollen; aber wer stand ihr gut dafr, da sie es auch konnte? Nun
mute sie dem Beifall der Zuschauer, der allgemeinen Stimme glauben und
durfte die Leistung fr gelungen halten.

Nach und nach sank die bewegte Fluth, Ruhe kam in ihr Herz und die
Befriedigung ihrer Seele gewann einen Charakter des Ernstes, von dem
sich eine stille Melancholie nicht abhalten lie. Die Grundempfindung
war doch eine beglckende. Die innere Vertiefung wurde von ihr als ein
Zuwachs ihres Wesens, als dauernder Gewinn empfunden.

Als sie am dritten Morgen aus ihrem Stbchen in's Zimmer trat, fand sie
die Mutter eifrig lesend. Verschiedene Zeitungen waren eingegangen, die
smmtlich das Lob der Tochter verkndeten, und die gute Frau schwelgte
eben in einem wahren Hymnus, in den sich die gefrchtete Feder Emil
Schilfs ergossen hatte. Dieser Gute konnte, wenn nicht hhere Motive
entgegen traten, eben so tapfer preisen wie schmhen, und diemal,
von dem Spiel Rosas bezwungen, hatte er sein Feuilletongenie in einem
Panegyrikus blitzen lassen, da die Mutter Edelsteine und Perlen zu
lesen glaubte. Mit leuchtenden Augen ging sie auf die Tochter zu,
meldete ihr die Vollendung des Triumphs durch die Presse und kte sie
unter Thrnen der Freude. Sie war ber den Erfolg noch glcklicher,
jedenfalls stolzer als Rosa, und ihre Mienen hatten zugleich etwas
Geheimnivolles, als ob aus dem umgedrehten Fllhorn noch eine Spendung
zu erwarten wre.

Zunchst beschftigte sie ein anderer Gedanke. Nach einem Moment des
Besinnens ernst geworden, fate sie die Hand der Tochter und sagte:
Du hast Alles erreicht. Du hast gezeigt, da du eine Knstlerin bist;
die schrfsten Kritiker setzen dich schon den berhmtesten Namen an
die Seite. Schau nun aufwrts, mein Kind! Widerstehe deiner Schwche!
Bezwing' eine Leidenschaft, die an deinem Herzen zehrt! Vergi ihn, der
ohne Zweifel dich vergessen hat!

Rosa hatte ernsthaft gehorcht. Bei den letzten Worten, unglubig oder
gegen den Gedanken sich wehrend, schttelte sie den Kopf. -- Wie!
rief jene, mit einem Anflug von Unmuth; du zweifelst noch? Kommt er
auch nur dazu, uns, die wir Alles fr ihn gethan haben, ein paar Zeilen
zu schreiben? Er denkt nicht an dich! Er lebt seiner Braut -- oder
seiner Frau. Er ist aufgegangen in seinem Glck -- und wem verdankt
er's?

Du bist ungerecht, Mutter, entgegnete die Tochter mit dem Humor
eines melancholischen Herzens. Wem verdanke denn ich mein Glck? --
wem verdank' ich den Triumph, den ich gefeiert habe? Offenbar Ihm, wie
du selber zugeben mut, seiner Liebenswrdigkeit -- was mir nmlich
so vorkam -- und seiner Lieblosigkeit! Beide muten zusammen kommen,
um mich zu der Schauspielerin zu machen, die nun vom Publikum und den
Journalen gefeiert wird. Gestehen wir's uns jetzt, fuhr sie nach
einem Moment fort, indem sie ihr launig in's Auge sah, ich war in der
That ein oberflchliches Ding. Possen zu machen war meine Kunst und
mein Bestreben. Die Soubrettenrollen hatten mir nach und nach eine
Frivolitt beigebracht, da mir der ehrlichste Ernst bereits anfing
pretentis zu erscheinen. Ich war leichtfertig und kalt -- ja, auch
kalt! In den besten Momenten war's doch nur soso, und nicht das Rechte.
Nun ist Alles anders geworden, und wenn ich wieder eine Rolle von der
lustigen Gattung bekomme, werde ich auch diese feiner und schner
spielen. Es war eine Schickung, fuhr sie mit einem unterdrckten
Seufzer fort, und der Hauptvortheil ist auf meiner Seite. Also keinen
Seitenhieb auf ihn -- das bewutlose Werkzeug meines guten Genius! La
ihn das Glck genieen, das er um mich gar wohl verdient hat! Und wenn
er uns dabei vergit -- dem Glcklichen, wie du weit, schlgt keine
Stunde.

Die Mutter schttelte den Kopf, indem ihre Augen feucht wurden. Ich
wrde dich, entgegnete sie, fr das edelste Geschpf der Welt
erklren, obwohl du mein Kind bist, wenn ich nicht wte, da die Liebe
in allen Geschpfen gromthig ist. Du sprichst zu seinen Gunsten? Du
liebst ihn also noch! -- O Welt, o Welt!

Was hast du nur dagegen? versetzte Rosa mit Lcheln. Wenn die Liebe
gromthig und edel macht, dann ist's ja genug, zu lieben und die
Vortheile davon zu haben. Ist edle Gesinnung nicht die Hauptsache?
Und wenn zu ihr die bloe Liebe fhrt, wozu bedarf es da noch des
Geliebtwerdens? -- Geh! rief die Mutter, halb gerhrt, halb
unwillig, du bist eine Thrin! -- Das edelste Geschpf, entgegnete
Rosa, eine Thrin? -- Allerdings, versetzte die Mutter, eine
Schwrmerin, von der ich sorgen mu, da sie ihr Lebensglck versumt,
indem sie ein unerwiedertes Gefhl wie ein Heiligthum pflegt. Doch,
ich hoffe, die Zeit wird das Ihre thun. Du bist noch jung, und was du
dir auch einbilden magst, ehe Monate dahingegangen sind, wird diese
Leidenschaft dir erscheinen wie ein Traum, ber den man lchelt, wenn
man erwacht. Du wirst die Augen aufmachen und endlich den Mann finden,
der dich wieder liebt.

Rosa, mit einer ablehnenden Bewegung, hemmte die Fortsetzung. Es mag
seyn, erwiederte sie nach einem Moment. Bis jetzt hab' ich aber
nichts dergleichen im Sinn und das Trumen ist mir noch lieber als das
Wachen. Lassen wir's und erwarten wir alles Uebrige von der Zeit! Ich
bin wirklich zufrieden; ich habe meine Plane als Schauspielerin und
will die gute Gelegenheit benutzen, um noch einige Rollen zu spielen
wie die so gut gelungene und so viel gepriesene. Ich werde sie bekommen
-- was will ich mehr?

Die Mutter nickte und schwieg. Sie trat auf die Seite, machte sich
an einem Schrank etwas zu thun und betrachtete dann die nachdenklich
Dastehende mit einer eigenthmlichen Mischung von Trauer und Hoffnung,
als pltzlich die Klingel ertnte und nach einigen Sekunden die Kchin
mit einem Brief erschien an die gndige Frau. Diese erbrach ihn, las
und ihre Wangen rtheten sich; mit Mhe hielt sie eine triumphirende
Empfindung nieder, die sich auf ihrem Gesicht ausdrcken wollte, und
sagte zu Rosa mit Lcheln: Ich mu ausgehen! Studire derweil die
Bltter. -- Wohin gehst du? fragte Rosa. -- Vorderhand, erwiederte
die Frau, bleibt das mein Geheimni. -- Ah! rief jene, du hast
Geheimnisse vor mir? Das ist etwas Neues!

Mit einem liebevollen Blick entgegnete die Mutter: Nicht gegen dich,
mein Kind, wie du dir denken kannst, sondern fr dich! Fr dein Glck
-- dein wahres Glck -- -- Nun, versetzte Rosa mit einem Aufschauen
des Argwohns, ich hoffe nicht -- -- Keine Sorge! unterbrach sie
die Frau kopfschttelnd. Deine Freiheit soll dabei nicht angetastet
werden. -- Dann, erwiederte jene, thue, was du vorhast, und mgen
deine Bemhungen gesegnet seyn!

Die Mutter verlie die Stube. Rosa trat zu dem runden Tisch, nahm
eine Zeitung und las. Ihre Zge erhellten sich. Es thut doch wohl,
ausgezeichnet zu werden, sagte sie endlich; zumal von einem, dem
sonst nichts gut genug ist und der lieber verwundet -- um seinem Namen
Ehre zu machen. Sonderbare Menschen! Die besten knnen die schlimmsten
und die schlimmsten die besten werden! Sogar auf die Bosheit kann man
sich heutzutag nicht mehr verlassen!

Sie ergriff ein anderes Blatt, und schon die ersten Zeilen entrissen
ihr einen Ausruf der Verwunderung. Es war der Preisgesang von Schilf,
der mit seinen humoristisch-pathetischen Sprngen auf die klare Seele
der Gefeierten nur einen sonderbaren Eindruck machen konnte, aber sie
doch erheiterte und vergngte. Sie schttelte den Kopf und lchelte.
Welche Bekehrung! rief sie zuletzt; und was ist gegenwrtig nicht
Alles mglich!

Das Blatt weglegend, als ob sie von Lob gesttigt wre, suchte sie
unbewut die Bank in der Laube auf. Ihr Herz verlangte zu trumen und
gewissen Gedanken sich hinzugeben. Eine Rede der Mutter hatte sie
getroffen. Es ist in der That auffallend, sagte sie sich, da er
nicht einmal schreibt -- einige wenige Zeilen schreibt! -- Hat er uns
wirklich vergessen im Hause der Braut -- oder der Frau? Undankbar
ist er doch sonst nicht gewesen; im Gegentheil, er konnte mit seinen
Danksagungen ordentlich zur Last fallen. Aber allerdings, fuhr sie mit
einem traurigen Lcheln fort, aus den Augen, aus dem Sinn, das ist ein
bewhrter Spruch. Das Glck entrckt den Geist, und das Erste, was wir
dabei vergessen, ist die Pflicht, die leidige Pflicht. Innehaltend
schaute sie vor sich hin. Dann sagte sie: Oder wr's doch anders?
Htte ihn das Glck vielmehr belehrt und ihm die Augen geffnet ber
mich und meine Gefhle? Htte er hinterdrein erkannt, da ich ihn
liebe, leidenschaftlich liebe, und wollte er mir durch eine Schilderung
seliger Tage nur nicht wehe thun? Mglich auch das! und das stimmt mehr
zu seinem Charakter!

Sie schwieg und schien sich in eine Vorstellung zu vertiefen. Auf
einmal erhob sie den Kopf und rief: Sachte, Phantasie! Nach Glck
ausschauen heit sich Unglck holen! Machen wir aus der Noth eine
Tugend, fuhr sie mit ruhiger Entschlossenheit fort. Gnnen wir jener
ihr Glck und befassen wir uns mit der vielgerhmten Entsagung! Am Ende
bleibt mir mein Geist -- wie ich hoffe, auch mein Humor -- und die
Kunst, das gttliche Gef, in das ich mein Herz, wenn es zu voll und
zu schwer geworden, immer wieder ausstrmen kann.

Sie stand auf und sah auf die Thre. Ein Verlangen, die Mutter zu
sehen, erhob sich in ihr -- eine Neugier, was sie vorhaben mge. Auf
einmal ertnte die Klingel, von krftiger Hand gezogen. War das nicht
ein Klingeln, wie --? Ohne zu wissen, was sie that, mit schauerndem
Herzen, ging sie zur Thre und ffnete sie, whrend die Magd eben die
uere aufmachte. Ein Schrei der Ueberraschung entfuhr ihr. Heinrich
Born! rief sie. Sie kommen selbst? -- Heinrich, der eingetreten
und auf den Ruf still gestanden war, grte mit einem Ernst, den man
feierlich nennen konnte, ging in's Zimmer und gab ihr die Hand.

Rosa, nach der Ueberzeugung, die sie haben mute, erkannte die
Nothwendigkeit, ihn als liebende Freundin, als Schwester zu empfangen;
sie raffte all ihre Kraft zusammen, und ihr Herz, wie mchtig es
klopfte, fgte sich. Nun, fragte sie mit gutmthigem Lcheln, Sie
sind glcklich? Haben Alles nach Wunsch getroffen, und -- Erzhlen Sie
mir! Sie wissen, welch innigen Antheil ich nehme.

Heinrich stand betreten, verdstert. Rosa, vergebens auf eine Antwort
harrend, fuhr fort: Was ist Ihnen? Das Glck macht ernst, ich wei
es -- Aber Sie haben ein Aussehen -- -- Sind Sie nicht glcklich?
-- Nein, erwiederte Heinrich mit traurigem Ton. -- Wie! rief
das Mdchen. Sind Sie nicht mit Auguste verheirathet? oder werden
heirathen?

Nein, rief jener, indem er bitter den Mund verzog. Das Verhltni
ist gelst. Sie hat fr gut gefunden, einen Andern -- einen Reichen
zu beglcken und wird nchstens -- -- Ah! rief die Liebende, jh
bestrmt von den widersprechendsten Empfindungen, aber nach einem
blitzhnlichen Gefhl der Freude doch mit einem Ernst des Bedauerns in
ihrem Gesicht. Sie sind betrogen -- und unglcklich? fuhr sie mit dem
Tone des Mitleids fort.

Betrogen und unglcklich -- ja, versetzte Heinrich; aber unglcklich
nicht durch den Betrug, sondern durch die unverantwortliche
Selbsttuschung, in der ich befangen und so sicher gewesen bin. Wie
ist es mglich, da ein Mensch eine solche Zeit in solcher Verblendung
lebt? Was kann so einer noch von sich selber erwarten?

Rosa, durch den bittern und traurigen Ton dieser Antwort getroffen
und irre gefhrt, sagte mit Ernst: Der Glaube an eine Liebe, die man
Ihnen so lang und so gut geheuchelt hat, kann Sie nicht beschimpfen.
Er verrth nur ein liebendes, treues Herz, das auch Andere der Treue
fhig hlt, und das ehrt Sie und Sie knnen stolz darauf seyn. Trsten
Sie sich, fuhr sie mit Gte fort. Wenn es nicht der Verlust ist, der
Sie unglcklich macht, dann fangen Sie nur wieder mit neuem Muth an zu
leben! Unternehmen Sie eine Arbeit! Sie gehren ja zu den Glcklichen,
die in ihrer Kunst den Balsam haben fr die Wunden der Seele! Und wenn
es ein Trost fr Sie seyn kann, meine -- unsere Freundschaft bleibt
Ihnen. Wir sind nach wie vor bereit, Ihnen zu dienen und zu helfen, wo
wir knnen.

Die freundlichen Worte hatten auf den Ermahnten einen wohlthuenden und
rhrenden Eindruck gemacht. Er wollte reden; aber pltzlich, wie von
einem heimlichen Gedanken getroffen, wandte er sich heftig weg. Das
Mdchen sah ihn erstaunt, bestrzt an. Was ist Ihnen? rief sie. Hab'
ich etwas gesagt, das Sie beleidigt? -- Nein, nein! rief Heinrich in
tiefer Erregung. Er schwieg, fate sich wieder, und sagte mit traurig
entschiedenem Ton: Fragen Sie mich nicht! Ueberlassen Sie mich meinem
Schicksal. Mir ist nicht mehr zu helfen.

Also doch! erwiederte Rosa nach einem Moment des Schweigens, mit
einem Ausdruck des Mitleids und der Betrbni. Sie verzweifeln, und
knnen und wollen keinen Trost annehmen! Aber Sie sind ungerecht!
Wenn Ihnen die Geliebte untreu geworden ist, drfen Sie dewegen der
Freundin untreu werden? Das finde ich nicht schn gehandelt!

Heinrich, mit sich selber kmpfend, stand ein Raub schmerzlich
verwirrter Empfindungen. -- Ermannen Sie sich! fuhr das Mdchen
liebevoll mahnend, wie zu einem Kranken fort. Versuchen Sie, was
eine neue Beschftigung und der Umgang mit treuen Freunden vermag! Ich
wei wohl, setzte sie mit einem Schein traurigen Lchelns hinzu, die
Freundschaft ist kein Ersatz fr verlorene Liebe; aber etwas sollte die
unsere, die ja nicht von gestern ist, doch vermgen. Wenn nicht das
Glck, so sollten Sie doch die Ruhe der Seele bei uns wieder finden
knnen.

Heinrich, mit unwillkrlichem Widerspruch, schttelte den Kopf. Wie!
rief das Mdchen, nicht ohne ein Gefhl der Krnkung ihrerseits; auch
das nicht? Sie sind also unheilbar? Sie wollen es seyn?

Der so wunderbar Verkannte sah sie an. Eine Rhrung bermannte ihn, und
in ihr kam unaufhaltsam ein Schmerzensblick der Liebe aus seinem Auge.
Obwohl er ihn so schnell als mglich in einen Blick des Bedauerns, der
Bitte um Vergebung wandelte, so hatte ihn Rosa doch bemerkt und ahnte
die Wahrheit. Unmglich war es ihr, von ihrem Antlitz einen Schein
der Freude, von ihrem Blick ein Leuchten der Liebe zurckzuhalten.
Aber noch war es nicht gewi, noch war es nicht ausgesprochen, und sie
konnte sich irren. Mit ernstem, herzlichem Ton fuhr sie fort: Ihr
Benehmen ist sonderbar. Die krnkende Behandlung, die Sie erfahren
haben, macht Sie nicht unglcklich, sagen Sie? und doch geberden Sie
sich wie einer, der es ist. Sie geben sich fr verloren, unrettbar
verloren; und wenn man Ihnen Trost einsprechen will in der besten
Meinung, wenden Sie sich wie beleidigt ab. Sie sind also noch immer
unglcklich! Warum?

Weil -- weil -- rief der Gedrngte, wie einer, der nicht lnger
an sich halten will. Aber als ob ihm die Zunge pltzlich den Dienst
versagte, schwieg er dennoch. Dann, mit groer Anstrengung den Tumult
der Seele niederhaltend, erwiederte er: Mein Frulein, beste Freundin!
ich habe Sie nach meiner Rckkehr besuchen und begren wollen; aber
ich sehe, da ich in einer unsinnigen Stimmung bin, da ich mich vor
Ihnen wie ein Thor benehme, und es ist meine Pflicht, Sie von diesem
Anblick zu befreien. Ich bin zu Ihnen gekommen mit Vorstzen, die ich
nicht halten kann. Vergeben Sie mir, und leben Sie wohl!

Er wandte sich, um zu gehen; allein Rosa, die jetzt nicht mehr zweifeln
konnte, errthend, mit einem Ausdruck um die Lippen, dessen Ernst
das Entzcken der Seele nur einigermaen zu dmpfen vermochte, rief:
Bleiben Sie! Reden Sie! antworten Sie aufrichtig und ohne Rckhalt!
Warum?

Weil, rief Heinrich, und stockte noch einmal. Aber nun antwortete
besser, schner und rhrender ein Blick der Liebe und Verehrung, der
aus der tiefsten Seele kam, und Thrnen, die in seinen Augen glnzten.

Weil Sie mich lieben! rief mit leuchtendem Antlitz das Mdchen. Weil
Sie mich lieben! wiederholte sie, und weil Sie glauben, ich hegte fr
Sie nur Gefhle der Freundschaft! Ist's nicht so?

Ja! rief Heinrich erschttert. Ja, weil ich Sie liebe und Ihrer
nicht werth bin! Das ist der Grund! Und nun strafen Sie mich fr meine
Anmaung, verschmhen Sie mich!

Das Mdchen erwiederte s lchelnd: Das werd' ich nicht thun, lieber
Freund! Ich freue mich allzusehr ber diese Bekehrung -- -- Wie,
rief Heinrich, Sie knnten verzeihen? -- Ich habe Sie geliebt,
erwiederte sie, vom ersten Tag an, wo ich Sie sah. Bei der ersten
Begegnung schon regte sich's in meinem Herzen!

Heinrich, der voll Entzcken gehorcht hatte, fate sie bei den Hnden
und drckte sie zrtlich. Auf einmal rief er bestrzt: Himmel! und
mit dieser Gesinnung haben Sie die Lobpreisungen der Andern gehrt?
-- Nun, erwiederte sie, ich will's Ihnen nur gestehen: das hat mir
auch wirklich manchmal Kummer gemacht. -- Und doch! rief Heinrich
ergriffen. Sie sind das liebenswrdigste und beste Geschpf, das mir
auf dieser Welt begegnet ist! Gott sey gepriesen, da er mich Sie
finden lie! -- Und Sie knnten -- Sie wollten die Meine werden?

Rosa, indem ein seliges Licht ihr Antlitz verklrte, erwiederte: Da es
nun doch einmal heraus ist, ja! Und von Herzen gern!

Nun hatte der Glckliche keine Worte mehr. Er umfing die Geliebte und
kte die Lippen, die so lieblich entschieden hatten, mit dem Feuer
der innigsten Leidenschaft, mit Thrnen der Rhrung und der Freude.
Rosa schauerte zusammen. Endlich, endlich fhlte sie die Seligkeit der
Gegenliebe!

Aus dem Wonnerausch, in den ihr ganzes Wesen getaucht war, sich
erhebend und den Geliebten mit nassen Augen zrtlich ansehend, rief
sie: Wie schn ist Alles gegangen! Ich wrde mir nichts nehmen lassen
von dem, was ich erduldet habe! Zum glcklichen Leben bleibt uns
noch Zeit genug, und es thut wahrhaftig gut, wenn man vorher etwas
ausgestanden hat! Wie wird sich die Mutter freuen! -- die Mutter,
setzte sie horchend hinzu, die, wie ich hre, so eben die Thre
aufschliet!

Einen Moment spter erschien die gute Frau, und zwar mit groer
Genugthuung, im Zimmer und wollte eben reden, als sie den Poeten
erblickte und ihn berrascht ansah. Doctor Born! rief sie, Sie sind
hier, mit Frau Gemahlin?

Heinrich schttelte errthend, lchelnd den Kopf und ging auf sie zu,
ihre Hand zu fassen. Rosa, mit anmuthiger Heiterkeit, antwortete fr
ihn: So gut ist's uns nicht geworden! Man hat sich fr einen Andern,
einen Reichern entschieden; als der Poet kam, war die schne Hand
vergeben und die gepriesenen Lippen der Angebeteten wnschten ihm
glckliche Reise. So ist er nun wieder hier, ein armer Betrogener, mit
wundem Herzen Trost suchend bei seinen Freunden in der Residenz, welche
sich diemal ausnahmsweise etwas herzlicher benommen haben, als die
Leute drauen im Land, wo die Biederkeit zu Hause ist.

Die Mutter sah von einem auf's andere, sah die Gesichter glcklich, die
Augen strahlend von Liebe, und ahnte, wute die Wahrheit. Rosa nickte
der gerhrt Blickenden zu und sagte: Du errthst es, liebe Mutter! Ja,
er hat sich bekehrt! er liebt mich, liebt mich so schn, wie man's nur
wnschen kann -- und hat um meine Hand angehalten! Werden wir ihm einen
Korb geben?

Die Frau lchelte und schwieg: Was du thun wirst, versetzte sie dann,
wei ich nicht. Ich fr meine Person hab' einen Korb in Bereitschaft.
-- Wie! rief Heinrich, einen Scherz erkennend, mit heiterer Frage. --
Den Korb mit dem Hochzeitsgeschenk, erluterte die Gute, indem sie
ein gro besiegeltes Schreiben hervorzog. -- Ah! rief die Tochter
ahnend, das ist dein Geheimni? -- Allerdings, versetzte jene,
indem sie ihr den Brief bergab. Dein Erfolg von letzthin hat meine
Bemhungen untersttzt: du bist aufgerckt und dein Gehalt beinahe
verdoppelt!

Rosa ffnete das Schreiben der einsichtsvollen Intendanz, berflog es
und rief: Tausend mehr -- das ist stark! -- Aber gut! setzte sie
mit einem Blick auf den Poeten hinzu, -- sehr gut! Wir werden es zu
brauchen wissen.

Der Poet nickte erheitert, sagte dann aber: Ich sehe, du meinst, ich
selber bringe nichts als meine Lieder und meine Liebe! Erlaube mir,
da ich doch noch eine kleine Rente hinzufge, die meine guten Eltern
mir ausgeworfen haben -- fr den Haushalt. -- Wie schn! rief das
Mdchen und fate lchelnd seine Hand.

Ich will es bekennen, fuhr Heinrich fort, ich bin hierher gekommen
mit einer Liebe, die ich zu verbergen entschlossen war; aber die
Hoffnung lie ich mir nicht vllig rauben. Ich wollte schweigen, aber
schweigend die unendlich Geliebte zu verdienen, zu gewinnen suchen,
wie lange es dauern mochte. Das hab' ich meinen Eltern gestanden, und
sie, welche die edelsten Seelen aus meinen Schilderungen kannten, gaben
mir ihren Segen dazu. Versuche dein Glck, sagte die gute Mutter zum
Abschied; eine bessere Frau wirst du in der ganzen Welt nicht finden.
Und weil es denn doch eine Gnade gibt in der Welt, so hab' ich sie
gefunden und, setzte er mit liebendem Blick auf die Mutter hinzu, zur
besten Frau die beste Schwiegermutter!

Diese gab ihm gerhrt die Hand und Heinrich umarmte und liebkoste sie
mit der Zrtlichkeit eines Sohnes. Die drei Glcklichen tauschten
Reden und Bezeigungen der Liebe, als die Klingel wieder ertnte und
gleich darauf Mnnertritte sich hren lieen. Die Thre ging auf und es
zeigten sich die beiden Regisseure mit Doctor Willmann.

Gratulire, gratulire! rief der Heldenvater, der den Zug erffnete.
Als er bei den Damen auch den Poeten erblickte, setzte er berrascht
hinzu: Sie schon wieder hier? Und mit einer Miene -- -- was mu ich
denken?

Heinrich besann sich kurz, nahm die Geliebte bei der Hand und sagte:
Meine Herrn, erlauben Sie mir eine Vorstellung! Rosa Wendling, erste
Liebhaberin der Hofbhne -- meine Braut!

Rufe des Staunens und der Freude antworteten auf diese Erffnung.
Nachdem Heinrich in der krzesten Form erklrt hatte, wie es gekommen,
folgten Glckwnsche unter frohem Beloben und Hndeschtteln.

Nun, rief Berger dem Poeten zu, nun sind Sie fertig! Arm in Arm mit
Ihr werden Sie das Jahrhundert in die Schranken fordern! Sie werden
Schauspiele schreiben, Lustspiele -- -- Und Tragdien! fiel Hallfeld
ein. -- Diese letzteren, fuhr Berger fort, wenn sie unvermeidlich
entstehen, werden wir mit dem grten Interesse =lesen=. -- Und wenn
sie gelesen sind und sich erprobt haben -- spielen, setzte Hallfeld
hinzu.

Berger sah Willmann an, der angenehm lchelte, und zuckte die Achsel.
Heinrich versetzte: Meine Freunde, ich habe Erfahrungen gemacht, die
mir auch zu dramatischen Arbeiten sehr frderlich seyn werden. Alles,
was Arbeit heit, bleibt aber der Zukunft vorbehalten. Zunchst will
ich glcklich seyn und Hochzeit machen, Hochzeit mit der edelsten und
liebenswerthesten Braut, wie sie nur je der Glcklichste heimgefhrt
hat -- wozu die Herrn freundlich geladen sind.




                         Verlust und Gewinn.


                                  I.

Auf der Besitzung des Baron Waldfels, in einem Thal des nordwestlichen
Theils von Sddeutschland, war in der zweiten Hlfte der zwanziger
Jahre, an einem Tage, den man sich nicht wohl anders denken kann als
schn, am Pfingstmontag, eine frhliche Gesellschaft versammelt. Die
Witterung war in der That hchst angenehm. Die Sonne, wiederholt durch
leichte Wlkchen verschleiert, erwrmte die Luft nicht allzusehr,
und doch glnzte die fruchtbare Gegend in den schnsten Farben des
Frhlings. Ueber diese Gunst des Himmels war vor allen der Baron
erfreut, der seit mehreren Tagen einen einflureichen Mann und
entfernten Anverwandten, den Grafen Warburg, bewirthete und heute
durch ein Vogelschieen, das er dem guten Schtzen zu Ehren in seinem
Park veranstaltet, den bisherigen Festlichkeiten die Krone aufsetzen
wollte. Wie es glckliche Tage gibt, so ging ihm diemal auch alles
nach Wunsch. Es hatten sich aus der Umgegend zahlreiche Gste
eingefunden, deren Namen und Titel zum Theil sehr wohlklingend waren.
Die Schtzen nicht nur, auch die Zuschauer und Zuschauerinnen, die an
einer wohlbesetzten Tafel im Schatten einer Baumgruppe saen, fanden
sich bald in der heitersten Stimmung. Die Hauptsache war aber, da
keiner der Geladenen so unhflich war, besser zu schieen als der Graf.
Dieser machte bald nach einander Scepter und Reichsapfel fallen und kam
dadurch in die freundlichste Laune. Der Wirth und die vorgestellten
Gste benutzten die Gelegenheit, das Geschick Seiner Excellenz auf das
Wrmste zu bewundern und ihm darber die zierlichsten Dinge zu sagen.
Die ganze Gesellschaft wurde in eine freudige Aufregung versetzt, die
eine geraume Zeit anhielt. Man schien sich glcklich zu preisen, so
etwas mit angesehen zu haben.

Der Graf, der es liebte, sich nach allen Seiten hin einen guten Namen
zu machen, hatte ausdrcklich gegen den Baron den Wunsch ausgesprochen,
da auch das Landvolk in den Park zugelassen werden mchte. Demgem
hatte sich auf beiden Seiten des Grasplatzes, der den Schtzen
eingerumt war, hinter nothwendig erachteten Planken eine bunte Menge
von Bewohnern des herrschaftlichen und anderer benachbarter Drfer im
Sonntagsputz aufstellen drfen. Die Bauern wuten natrlich, wer der
Knig des Festes war, und vermge jener verehrungsfrohen Theilnahme,
die sich ber alles beglckt fhlt, wenn ein Hochstehender sich
auszeichnet, oder auch in Folge jener eben so volksmigen Schlauheit,
die bei sich erwgt, welchen Nutzen mglicherweise eine gehrige
Schmeichelei bringen knne, machte sich unter ihnen ebenfalls ein sehr
lebhaftes Staunen ber die Geschicklichkeit des Grafen laut. Wenn die
einen Ausrufe des Triumphes hren lieen und aussahen, als ob sie
selber den guten Schu gethan htten, so sagten andere, whrend der
Gefeierte vorbei ging, fr ihn vernehmlich, zu irgend einem Nachbar:
Das ist Einer! der versteht's! Hast du schon so was gesehen? Da knnen
sich die andern verkriechen u. s. w. Der Graf lchelte und schien
ber diese Art der Anerkennung nicht weniger erfreut als ber die
Glckwnsche der Schtzen und der schnen Damen.

Alles das bewirkte, da der Baron vor Genugthuung strahlte. Was kann es
fr einen gastfreien Mann auch Angenehmeres geben, als zu sehen, da
eine von ihm veranstaltete Festlichkeit gut verluft? Das Anordnen ist
unstreitig eine Kunst; aber zum Gelingen gehrt auer der Kunst noch
Glck. Beides, seine eigene Schpfung und die Gunst des Augenblicks
geniet der Wirth bei einem wohlgerathenen Fest mit einander; und
wer bedenkt, wie selten wahre Frhlichkeit in der Welt ist, wie sie
gar oft auch da nicht erscheinen will, wo man sie mit pomphaften
Veranstaltungen sucht, der wird die innige Zufriedenheit des Barons
ber ihre damalige Gegenwart um so begreiflicher finden. Herr von
Waldfels gehrte zu den guten Naturen, die nicht nur fhig sind, sich
von Herzen zu freuen, sondern denen die Freude auch wohl ansteht. Er
war von stattlicher Gre und behaglicher Rundung. Ein schner Kopf
mit ziemlich hoher Stirn, nobler Nase und feinem Mund verrieth eben
so wie seine Haltung den chten Cavalier. Eine gewisse Rthe, die auf
Kenntni und Schtzung edler Getrnke deutete, geziemte dem angehenden
Fnfziger. Wer ihn heute sah, wie er mit unerschpflicher Artigkeit den
Wirth machte, wie er mit dem Schein der Absichtslosigkeit von einer
Gruppe zur andern ging und jedem seiner Gste, vom Grafen an bis zu
dem geringsten derselben, ein passendes Compliment zu sagen wute;
wie er doppelt anmuthig und beglckt erschien, wenn er einer Dame den
Hof machte; wie er gelegentlich auch einem Bauern oder einer hbschen
Buerin einen Scherz zuwarf, der groes Vergngen hervorrief, und mit
Lcheln die Dorfbuben betrachtete, die sich in der Nhe der Tafel
jubelnd im Grase wlzten -- wer alles das auch nur als unbetheiligter
Zuschauer gesehen, der wrde ihn fr einen ungewhnlich liebenswrdigen
Mann erklrt haben. Und da diejenigen, die seine Kuchen aen und seine
Weine tranken, sich noch wrmer ber ihn ausdrckten, begreift sich.

Als die Gesellschaft im besten Zuge des Vergngens war, hatten sich
zwei junge Leute von ihr entfernt. Sie wandelten in einer Allee unter
einem prchtigen Laubdach hin und fhrten in gelegentlichen Fragen und
Antworten nur ein abgerissenes Gesprch, schienen sich aber doch auf's
angenehmste zu unterhalten. Es war Arthur, der zwanzigjhrige Sohn
des Barons, und seine fnfzehnjhrige Cousine, Anna, das einzige Kind
einer Freifrau von Holdingen, welche heute bei dem verwittweten Baron
die Honneurs machte. Arthur, der ein ziemlich gebter Jagdschtze war,
hatte anfangs auch einige Kugeln nach dem Vogel gesendet, aber den
Wettkampf um die von seinem Vater ausgesetzten splendiden Preise, wie
billig, den Eingeladenen berlassen. Da er nun auch seinen geselligen
Pflichten als Sohn des Hauses bereits gengt hatte, so konnte er wohl
dem Verlangen nachgeben, mit seinem Bschen ein wenig spazieren zu
gehen.

Es hat einen eigenen Reiz, den Jubel eines Festes aus der Ferne zu
vernehmen. Wir empfinden hier, was man die romantische Poesie des
frhlichen Lebens nennen knnte; wir athmen seinen zartesten und
sesten Duft ein. Sind wir ohnehin von einem schnen Gefhl bewegt,
und lauschen wir an lieblich heimlicher Stelle, dann gleicht nichts
dem Zauber, der bei solchen Tnen ungesehener Lust unser Herz erfllt.
Die beiden jungen Leute, wenn sie eine Fanfare hrten, die nach einem
guten Schu geblasen wurde, oder lautes Gelchter und frohen Lrm,
wandten sich theilnehmend um und horchten. Sie sahen sich dann lchelnd
an und freuten sich wechselseitig ber ihr Vergngen. Wie schn ist
heute Alles! rief zuletzt Anna mit einem Ausdruck des jugendlichen
Gesichts, der das Fest mehr ehrte, als das geistreichste Lob. Arthur
stimmte herzlich bei und sagte: Es ist mir besonders lieb meines
Vaters wegen, und da der Graf sieht, wie vergngt wir hier leben.

Trotz der gerhmten Schnheit des Festes entfernte sich das Paar, einem
unbewuten Zuge der Herzen folgend, immer weiter davon. Sie waren an
der westlichen Grenze des Gartens angekommen und gingen in's Freie.
Den jungen Mann schien ein Gedanke zu beschftigen, der zugleich
inniges Wohlgefhl und Befangenheit auf seinem Gesicht hervorrief.
Ein ses und banges Geheimni schien ihm zum erstenmal klar und
klarer zu werden. Als das schne Kind diesen Ernst wahrnahm, wurde
sie gleichfalls ernster und sah mit einer gewissen Verlegenheit vor
sich hin. So wandelten sie schweigend neben einander bis zum Fu der
Hgelreihe, die sich hinter dem Garten erhob und deren nchste Partien
Eigenthum des Barons waren. Wir wollen hinauf, sagte Arthur wieder
freundlich und traulicher; es ist schon lang, da wir nicht mehr
zusammen herunter gesehen haben. Das Mdchen, statt aller Antwort,
ging ihm voran. Als sie auf dem Heidegras glitschte und einen leichten
Schrei ausstie, ergriff Arthur ihre Hand, um sie zu fhren. Eine
Rthe glhte in den beiden Gesichtern auf, die ber den Zustand ihrer
Herzen keinen Zweifel mehr lie. Aus wechselseitigem Wohlgefallen war
in den jungen Seelen eine Neigung aufgekeimt, die dadurch, da sie
einen kindlichen Charakter behielt, nicht weniger tief und innig war,
eine Neigung, die sich jetzt in wonnigem Gefhl offenbarte und in
ihrer Bedeutung von Arthur klar erkannt, von Anna wenigstens geahnt
wurde. Der Jngling schien von Dank gegen den Zufall erfllt zu seyn,
da er ihm Anla gegeben, Annas Hand zu ergreifen. Denn zwischen
Verwandten ist ein traulicher Verkehr allerdings natrlich, aber die
Liebe verndert das erste, unbefangene Verhltni. Das Mdchen, mit
dem ein junger Mensch umging, wie mit einer Schwester, wird durch sie
ein wunderbares, heiliges Wesen, dem er nur mit inniger Scheu, mit
tiefer Verehrung nahen kann. Die Vertraulichkeiten, die er sich frher
erlaubte, scheinen ihm jetzt die khnsten Wagnisse, und unmglich
dnkt es ihm, eine Hand zu berhren, die er sonst mit vetterlicher
Unbefangenheit ergriff. Dafr ist aber, was frher ein Spiel war, jetzt
auch ein unendliches Glck, wohl werth in Demuth erharrt oder mit
khnem Entschlu erstrebt zu werden.

Whrend die beiden Glcklichen Hand in Hand emporsteigen, wollen
wir einen kurzen Rckblick auf ihre Vergangenheit und ihre
Lebensverhltnisse werfen.

Arthur war das einzige Kind des Barons. Seine Mutter, die aus einer
Patricierfamilie stammte, erlag einer Krankheit, als er zehn Jahre alt
war. In der nchstfolgenden traurigen Zeit hatte der Vater das Glck,
fr den Knaben einen vortrefflichen Erzieher zu erhalten, der in ihm
neben dem Sinn fr die Wissenschaft ein Interesse fr das Ntzliche
und Gemeinntzige weckte und ein unbefangenes Urtheil, einen festen
Charakter in ihm ausbildete. Die war um so nothwendiger, als der Baron
in dieser Zeit sich immer mehr den Neigungen eines Lebemanns berlie
und fr den Sohn ein gefhrliches Beispiel werden konnte. Arthur war
von frhlicher Gemthsart, er gefiel sich bei geselligen Vergngungen
und war keineswegs unempfnglich fr Schmeichelei, Eigenschaften, die
der Verlockung manche schwache Seite boten. In Folge der guten und
klugen Fhrung lernte er sich aber beherrschen, und seine Studien und
ein gehaltvolles Gesprch wurden ihm das Liebste. Mit Recht konnte man
ihn fr einen musterhaften jungen Menschen erklren.

Er war sechzehn Jahre alt, als die Baronin von Holdingen ihren
Wohnsitz in der Nhe seines vterlichen Gutes nahm. Der Gatte dieser
Dame war als Beamter in der Residenz gestorben und hatte ihr nichts
hinterlassen als ein bescheidenes Landhaus. Da sie in der Stadt von
ihrem Wittwengehalt nicht mehr standesmig leben konnte, bezog sie
ihre Villa, die etwa anderthalb Stunden von Waldfels lag. Als eine
Frau, die auf ihre Abstammung, auf die Stellung, die ihr Gemahl
eingenommen hatte, groe Stcke hielt, richtete sie sich mit ihren
geringen Mitteln dennoch wrdig ein und fhrte ein Hauswesen, das bei
aller Einfachheit einen angenehm aristokratischen Zuschnitt hatte.
Der Baron, als ziemlich naher Verwandter, war ihr mit Rath und That
behilflich gewesen, und das Verhltni der beiden Familien hatte sich
dadurch nur um so fester geknpft.

Arthur hatte an seiner kleinen Cousine gleich beim ersten Anblick
groes Wohlgefallen. Er behandelte sie anfangs mit der wohlwollenden
Herablassung, die einem Jngling, auf dessen Wangen sich schon die
ersten Spuren eines Flaums zeigen, gegen ein eilfjhriges Kind
natrlich ist; aber bald kam er davon ab. Anna, die eine sehr gute
Erziehung erhalten hatte, war ihren Jahren krperlich und geistig
voraus. Sie gehrte zu den Naturen, die sich in harmonischem
Wachsthum entwickeln, immer dieselben zu bleiben scheinen und
immer liebenswrdiger werden. Wenn es Mdchen gibt, die zuerst ein
unscheinbares Aussehen haben, in der Zeit des Uebergangs vom Kinde
zur Jungfrau sich aber schnell zu berraschender Schnheit ausbilden,
so war Anna schon als Kind von groer Schnheit, und diese erreichte
spter nur einen hheren Grad der Vollendung. Eine schlanke, feine
Gestalt, ein Gesicht von aristokratischem Geprge, das aber, von
kindlicher Freude und herzlicher Gte belebt, nicht eine Spur von
uerlicher Vornehmheit zeigte. Sie war wie eine edle Blume, fein,
therisch, aber durchaus frisch und natrlich. Schon frh zeigte sie
entschiedene geistige Fhigkeiten, durch welche sie nach und nach in
den Stand gesetzt wurde, ernsthaften Gesprchen mit Interesse zu folgen
und mit verstndigen Worten selber daran Theil zu nehmen. Alles das
flte dem Jngling eine Achtung ein, die ihn ein anderes Verhalten
gegen sie annehmen lie. Er behandelte sie nun wie ein Mdchen von
seinem Alter, und die schien auch ihr am besten zu gefallen. Da sie
hufig beisammen waren, so entstand zwischen ihnen ein vertrauliches
Verhltni, in welchem sich beide wohl und glcklich fhlten. Es war
jedoch vollkommen harmlos; nicht ein Hauch von Leidenschaft, wie sie in
solchem Alter auch schon mglich ist, regte sich in ihnen.

Nach einer Reise durch die Schweiz und Frankreich bezog Arthur die
Universitt. In der akademischen Freiheit gab er sich den Studien
hin, die ihn am meisten anzogen, und seine Lieblingsfcher wurden
Naturgeschichte und Physik, auf der andern Seite Nationalkonomie
und Statistik, und seine Lieblingslektre Reisebeschreibungen. Die
Erde mit ihrem Reichthum an Natur- und Kunstprodukten, deren beste
Anwendung und Vertheilung, Handel und Wandel kennen zu lernen, wurde
der vorherrschende Trieb in seiner Seele. Da er bei der Liebe zur
Sache leicht fate und bald einen Zusammenhang ausfindig machte, so
hatte er ber diese Gegenstnde selber seine Gedanken und hielt sie
fr wichtig genug, um sie niederzuschreiben. Er fhrte bei seiner
angenehmen Beschftigung ein geregeltes Leben, zeigte sich aber in
vorkommenden Fllen seines Standes wrdig, und schonte da, wo es eine
Ehrensache war, etwas zu thun, das Geld weniger, als andere seiner
Commilitonen, die sich eines bessern Wechsels rhmten. In der neuen
Welt, die ihm in seinen Studien aufging, und bei den Bekanntschaften,
die er machte, war ihm das Bild der kleinen Anna einigermaen
erblat, und zufllig ward ihm in den ersten anderthalb Jahren seines
Universittslebens nicht die Gelegenheit, es durch eine Zusammenkunft
wieder aufzufrischen. Vor wenigen Tagen nun, wo ihn sein Vater des
Grafen wegen nach Hause gerufen, sah er seine Cousine zum erstenmal
wieder. Sie war beinahe vllig herangewachsen. Ihr Wesen verrieth schon
jene Flle des Gemths und jenen eigenthmlichen Gehalt, der bei andern
Naturen erst spter hervorzubrechen und dem Aeuern den Charakter der
Tiefe und eines geheimnivollen innern Lebens zu geben pflegt. Es war
die Jungfrau in ihrer ersten, rosigen Erscheinung, noch Kind und doch
schon Weib -- ein beraus holdes Bild des in Unschuld blhenden Lebens.
Arthur fhlte sich bei ihrem Anblick tief in's Herz getroffen. Er stand
nach dem ersten Grue scheu und verlegen vor ihr. Nur mit Mhe fate
er sich und suchte den frheren vertraulichen Ton mit ihr zu finden,
was ihm einigermaen gelang. Aber ein Keim war in seine Seele gesenkt,
der nun rasch aufging und sich drngend entfaltete. Eine ahnungsvolle
Sehnsucht bemchtigte sich seiner, das liebe Kind allein zu sprechen,
und als er am heutigen Fest Alle mit ihrem Vergngen beschftigt sah,
lud er sie zu dem kleinen Spaziergang ein.

Sie waren auf dem Rcken des Hgels angekommen. Obgleich hier eine
Hlfe nicht mehr nthig war, lie Arthur die geliebte Hand doch nicht
los, indem er die Eigenthmerin derselben durch Bemerkungen ber das
Fest zu beschftigen suchte. Er fhrte sie auf die nchste Erhhung,
wo sie ihrem erklrten Zweck zufolge die Aussicht genieen wollten.
Der Anblick, der sich ihnen hier darbot, entri ihnen trotz ihrer
anderweitigen Gedanken doch herzliche Ausrufungen der Bewunderung.
Es war um die sechste Stunde, der Himmel vllig rein geworden und
der Glanz der Sonne im Westen nicht durch das kleinste Wlkchen
mehr getrbt. Die fruchtbare Landschaft lag in abendlich warmer
Beleuchtung vor ihnen: rechts der Park, wo das Knallen der Bchsen
und das entfernte Zischen der Kugeln den Fortgang der mnnlichen
Lustbarkeit anzeigte, und das nach Osten gebaute Schlo; weiterhin,
rechts und links sich ausdehnend, das Thal mit einem wohlgebauten
Stdtchen, freundlichen, von Obstgrten umkrnzten Drfern, reichen
Getreidefeldern und ppigen Wiesen, durch welche der Segen des
Thals, der blinkende Flu dahinstrmte; die gegenberliegenden
Hgelreihen mit herrlichen Laubwldern bedeckt, an ihrem Fue hin und
wieder herrschaftliche Wohnungen und auf einem Gipfel, aus Bumen
hervorragend, eine verwitterte Burgruine. Durch das allgemeine Grnen
und Blhen hatte die Landschaft einen eigenen, frhlingsseligen
Charakter erhalten, und dieser stimmte so vllig zu dem Frhling in
den Herzen der jungen Leute, da sie mit feuchten Augen die vor ihnen
ausgebreitete Schnheit und in lautloser Verstndigung sich selber
ansahen.

Endlich rief Anna mit kindlicher Freude: Wie herrlich ist's hier
oben! Man mchte da wohnen und gar nicht mehr hinuntergehen! --
Ich hab' auch im Sinn, bemerkte hierauf Arthur mit einem gewissen
Selbstgefhl, hier oben ein Belvedere bauen zu lassen. -- Auf dieser
Stelle? fragte das Mdchen. -- Nein, versetzte der junge Mann,
nicht hier. -- Warum nicht? entgegnete sie verwundert. Arthur
wiegte das Haupt und ein geheimnivolles Lcheln umspielte seinen Mund.
Anna sah ihn fragend an und sagte: Wo ist es denn schner? -- Komm,
erwiederte Arthur und ergriff die losgelassene Hand wieder. Er fhrte
sie nordwestlich an zwei kleinen Anschwellungen vorber auf einen etwas
hher liegenden und mehr vortretenden Punkt und sagte: Hier ist's
schner. Das Mdchen sah umher und schien den Unterschied nicht gleich
wahrnehmen zu knnen. Auf einmal rief sie: Ah, da sieht man unser Haus
-- und mein Fenster, ganz deutlich! Eine glhende Rthe ergo sich
bei diesen Worten ber das Gesicht des Jnglings. Anna wendete sich zu
ihm, und wie durch einen Zauber flammte dieselbe Rthe in ihrem Antlitz
auf. Sie hatte den Grund der Wahl dieser Stelle erkannt. Was bisher
nur in Ahnung vor ihre Seele getreten war, das stand jetzt klar wie
der Tag vor ihr: sie war ber alles geliebt, sie liebte ber alles und
fr's ganze Leben. -- Ein Schauer von Wonne ergriff sie; bebend und wie
niedergedrckt durch die Flle des Glcks, senkte sie das Haupt. Aber
die Liebe war zu mchtig, sie besiegte die Bangigkeit und die Scham
und ihr Sieg kndigte sich in der Heiterkeit an, die sich ber das
Gesicht des schnen Mdchens verbreitete.

Auch Arthur hatte sich von der ersten Verlegenheit erholt; er sah
auf Anna mit der Zrtlichkeit eines durchaus redlichen Gemths, eine
freudige Hoffnung leuchtete aus seinen Zgen. Da wendete sich Anna zu
ihm und schaute ihn mit einem Blick an, der in unendlicher Gte die
ganze Liebe und Treue ihres Herzens offenbarte. Arthur fate entzckt
ihre beiden Hnde und rief: Anna! liebe gute Anna! Du liebst mich!
Ja, du liebst mich! Das Mdchen, die ja schon alles gestanden hatte,
erwiederte nichts; aber Arthur wollte das holde Wort von ihren Lippen
hren und rief dringend: Sprich, Anna! Liebst du mich? Willst du
mir gehren? Das Mdchen erhob ihr Haupt, und mit dem Ton inniger
Liebe, mit dem Ausdruck einer heiligen Verpflichtung erwiederte sie:
Ja, Arthur! Der Jngling prete ihre Hnde an seine Brust und rief,
indem Thrnen seine Augen fllten: Dank dir, Anna! tausend, tausend
Dank! Ich bin dein in Freud und Leid! Und kein anderer Trieb soll mein
Herz erfllen mein ganzes Leben hindurch, als dich zu lieben und dich
glcklich zu machen! -- --

Nach einer Weile finden wir das junge Paar auf dem Rckwege. Die Liebe
erweckt in redlichen und lebensvollen Gemthern vom ersten Moment
ihres Entstehens an bei jedem Schritt ihrer Entwicklung wunderbare
Empfindungen; aber das hchste und reinste Glck gewhrt sie nach dem
ersten gegenseitigen Gestndni. Hier ist ihr ses Leben verschmolzen
mit der Heiterkeit des Siegs, mit dem Wohlgefhl des gewissen Besitzes.
Der freudige Stolz, ein Herz gewonnen zu haben, ist mit innigem Dank
fr ein erhaltenes hchstes Geschenk verbunden. Die Seele ist klar und
ruhig bewegt, aber die Empfindung tiefer als je vorher. Der Himmel, in
welchem die Liebenden wandeln, erscheint ihnen so vertraut, als ob sie
immer in ihm geweilt htten, und doch so neu, wie ein Wunder, das sich
eben vor ihren Augen begeben.

Htten Arthur und Anna ihre Empfindungen schildern knnen, sie htten
sich vielleicht in dieser Weise ausgedrckt; aber sie waren in ihr
Glck versenkt und hatten keine Zeit, sich selber zu beobachten. Sie
vergaen auch des Redens unter sich und gingen schweigend den Hgel
hinab. Ihr ganzer Verkehr beschrnkte sich darauf, da sie von Zeit zu
Zeit die jugendlichen Gesichter gegen einander wandten und sich wie
trumend mit seligem Lcheln ansahen.

Als sie mitten im Park waren, hrten sie unmittelbar nach einem
Schu ein allgemeines Freudengeschrei. Die Trompeter und Hornisten
bliesen den Siegestusch mit nie vernommener Strke und wiederholten
ihn mehrmals. Offenbar hatte sich etwas Groes ereignet. Das Paar
beflgelte neugierig seine Schritte, und am freien Platz angelangt,
erblickten sie den Grafen, von Herrn und Damen umgeben, die ihm
mit dem lebhaftesten Eifer Complimente machten. Bald erfuhren sie
warum. Es hatte sich in der That etwas Wunderbares begeben, wie
es aber im Leben doch nicht ganz ungewhnlich ist. Wir sehen bei
Hazardspielen, da gewisse Spieler an gewissen Tagen unwiderstehlich
glcklich sind. Dasselbe knnen wir bei den Unterhaltungen bemerken,
wo es hauptschlich auf Geschicklichkeit ankommt und wo es um vieles
begreiflicher ist, da die Freude ber das erste Gelingen offenbar eine
die Fhigkeiten steigernde Kraft besitzt. Nun wohl, der Graf hatte
heute seinen gesegneten Tag und so eben seinen Leistungen die Krone
aufgesetzt, indem er die Krone des Vogels herunterscho und damit
den ersten Preis gewann. Freilich hatte ihn der Zufall dabei sehr
begnstigt. Andere Schtzen hatten das Stck, welches diemal besonders
gut befestigt war, so wohl getroffen, da es bereits wankte. Aber was
konnte das helfen? Sie hatten das Verdienst, der Graf das Glck und
die Ehre. Es versteht sich von selbst, da ihm sein Glck nun eben als
das hchste Verdienst angerechnet wurde. Die vornehmeren Gste, die
ihn umgaben, berboten in Artigkeiten sogar ihre frheren Leistungen,
und einige Bauernbursche hatten beim Fallen der Krone gerade heraus
gejauchzt wie bei einem Kirchweihtanz. Die htte man sonst wohl als
ungehrig empfunden, jetzt wurde es ganz wohl aufgenommen, so hoch war
der Strom der Begeisterung gestiegen.

Es dauerte einige Zeit, bis Arthur zu dem Grafen durchdringen konnte.
Als er ihn begrte, rief dieser: Ah, junger Freund, wo stecken Sie?
Man hat Sie seit zwei Stunden nicht gesehen. -- Arthur erwiederte, er
habe sich erlaubt einen Spaziergang zu machen. Allein? fragte der
Graf. Sind Sie Poet? Philosoph? Wie? -- Der junge Mann bemerkte,
er habe seine Cousine, Anna von Holdingen, begleitet. -- Ah so!
rief der Graf und lchelte. Der edle Herr war ein groer Kenner in
Herzensangelegenheiten, hatte schon frher einen Blick aufgefangen, den
Arthur arglos auf Anna warf, und ein leichtes Errthen desselben machte
ihn jetzt in seiner Vermuthung um so gewisser. Durch seinen Erfolg als
Schtze zur Gte und Milde gestimmt, unterdrckte er inde vor den
andern eine neckende Frage, die ihm schon auf der Zunge lag, und sagte
beifllig: Damendienst geht allem vor. -- Aber, setzte er vergngt
hinzu, etwas frher htten Sie doch kommen sollen. Sie haben etwas
versumt. -- In Arthur regte sich nun auch ein gewisser Humor und
er sagte: Ich bedaure unendlich, nicht Augenzeuge von einem Schusse
gewesen zu seyn, von dem man in Waldfels noch reden wird in sptsten
Zeiten. Allein berrascht htte mich der Anblick der fallenden Krone
keineswegs: Excellenz knnen was Sie wollen. -- Ei, ei, versetzte
der Graf, Sie schmeicheln! -- Die Schmeichelei, erwiederte Arthur,
liegt nicht in dem, was ich sage, sondern in dem, was Excellenz thun.
-- Schon gut, sagte der Graf. Uebrigens, fuhr er heiter fort,
mu ich gestehen, da der heutige Tag der schnste ist, den ich seit
lange erlebt habe. Ich erinnere mich kaum, so vergngt gewesen zu seyn
und werde meinem freundlichen Wirthe dafr ewig Dank wissen. -- Der
heutige Tag, erwiederte Arthur mit schelmischem Doppelsinn, wird
einen Glanzpunkt in der Geschichte von Waldfels bilden. Was sich an
ihm Wunderbares begeben, werde ich getreu bemerken und die sptesten
Geschlechter sollen sich noch daran erfreuen. -- Der Graf lachte und
verabschiedete den jungen Vetter mit einer huldvollen Handbewegung.
Spter sagte er zu dem Baron: Ihr Arthur gefllt mir immer besser. Er
hat Geist, viel Geist, und wenn er sich fr den Staatsdienst bestimmen
will, verbrge ich Ihnen, da er seine Carrire machen wird. Was ich
dazu beitragen kann, ihn in die Hhe zu bringen, soll mit dem grten
Vergngen geschehen.

Nach dem letzten glcklichen Schu zog sich der Graf von dem Wahlplatz
zurck und berlie es Andern, das schon geplnderte Thier vollends
zu Grunde zu richten. Als die Sonne gesunken war, bestimmte und
vertheilte man die Preise, und der Graf, der die drei ersten erhielt,
war doppelt und dreifach der Knig des Tages. Den wrdigen Schlu des
Festes machte ein Souper, das im Gartensaal aufgetragen wurde. Der Graf
bildete natrlich den Mittelpunkt der Gesellschaft. Vor ihm prangte
in schnster Vase ein riesiger Blumenstrau; hinter ihm an der Wand
hatte man die von ihm gewonnenen prchtigen Fahnen aufgehngt. Er
war offenbar von dem Gefhl dessen, was er war und wofr er gehalten
wurde, vollstndig durchdrungen; aber dieses Gefhl gab sich in der
Form der Huld und jedermann gnnte es ihm nicht nur, sondern fand es
schn und gro. Arthur hatte es einzurichten gewut, da er neben seine
Cousine zu sitzen kam. Er unterhielt sich in der Freude seines Herzens
unbefangen mit ihr, und das Paar theilte sich die lieblichsten Dinge
mit, ohne da die Nachbarn es merkten. Nur Seine Excellenz fanden Zeit,
hie und da einen Blick auf sie zu werfen und Wahrnehmungen zu machen,
die Sie zu ergtzen schienen. Der Baron lie seine Blicke ber die
Gesellschaft hingleiten wie ein Feldherr ber seine Truppen. Er sah,
da in dem herrlich erleuchteten Raum an schn geschmckten Tafeln
untadelich servirt wurde; er vernahm von allen Seiten das empfundene
Lob der Speisen und Getrnke; er bemerkte, wie das Vergngen eher zu-
als abnahm und die verschiedenen Unterhaltungen endlich in einen
frohen Lrm zusammenfloen, der nur durch lautes Gelchter zuweilen
unterbrochen und berboten wurde. Das alles freute ihn in tiefster
Seele. Und als er nun zuletzt in Champagner ein Hoch auf den Grafen und
Schtzenknig ausbrachte, in welches die Gesellschaft mit grenzenlosem
Enthusiasmus einstimmte, und der Gefeierte in hchst anerkennenden
Ausdrcken den Wirth leben lie, da mute es den Gsten vorkommen, als
ob sie nie einen glcklicheren Mann gesehen htten, als den Herrn von
Waldfels. Nur wenige schienen diese Ansicht nicht ganz zu theilen, und
an einem der Geladenen htte man beim Serviren des Champagners sogar
ein unwillkrliches Achselzucken wahrnehmen knnen.

Zuletzt fand auch dieser schne Tag ein Ende. Der Graf zog sich in
seine Gemcher zurck und die Gste verabschiedeten sich. Arthur fand
Gelegenheit, der Geliebten durch einen Hndedruck zu sagen, was seine
Lippen vor der Mutter nicht auszusprechen wagten, und die beglckendste
Antwort zu empfangen. Er war zu aufgeregt, um sich schon zur Ruhe zu
begeben, und ging allein in den Park zurck. Die Nacht war schn,
thauig, zaubervoll. Der Mond strahlte vom reinsten Himmel und verklrte
die Landschaft mit jenem silberklaren, ahnungsvollen Licht, das in
gewisse Stimmungen ser einklingt, als das goldene Sonnenlicht.
Der Liebende suchte die Pltze auf, die er mit dem theuern Mdchen
durchwandelt, lie die Erlebnisse des Tages an sich vorberziehen und
entwarf reizende Plane fr die Zukunft, indem er einstweilen an dem
Bilde des Lebens sich weidete, das auf Schlo Waldfels erblhen sollte.
Spt ging er zu Bette und setzte in Trumen fort, was er wachend
begonnen hatte.


                                 II.

Arthur hatte eine Eigenschaft, die im Leben sehr frderlich seyn kann,
wenn sie nicht bertrieben in Thtigkeit gesetzt wird: er liebte es,
unentschiedene Verhltnisse sobald als mglich in's Klare zu bringen,
und das, was er fr gut und nothwendig hielt, herzhaft auszufhren. Als
er nach der Abreise des Grafen am Abend des folgenden Tags ber seine
Verlobung mit Anna -- denn das war ihm die wechselseitige Erklrung
-- und das nun von ihm geforderte Verhalten nachdachte, kam er zu dem
Entschlu, dem Vater alles zu gestehen und sein und Annas Glck durch
die Beistimmung der Eltern zu sichern.

Arthur liebte seinen Vater herzlich, wenn er auch nicht alles an ihm
billigen konnte, und hatte zu seinem Wohlwollen, seiner theilnehmenden
Gte das vollste Vertrauen. Er fhlte daher guten Muth, als er
am nchsten Morgen sein Zimmer aufsuchte, um mit ihm ber seine
Herzensangelegenheit zu sprechen. -- Uns liegt nun aber vor allem
ob, die Leser mit dem Manne, von welchem das Schicksal des Jnglings
abhing, nher bekannt zu machen.

Baron Gnther von Waldfels gehrte zu einer Klasse von Adeligen, wie
sie jetzt seltener geworden sind. Sein Vater, schon bei der Uebernahme
des Familiengutes sehr wohl gestellt, fhrte ein zwar stattliches, aber
doch konomisches Leben. Er vergab seinem Stande nichts und bte eine
wrdige Gastfreundschaft; allein da er sich beinahe ausschlielich
auf seiner Besitzung aufhielt und sich mit der Verwaltung seines
Vermgens beschftigte, so kam er nicht in den Fall, seine Einknfte
zu verzehren, und im Lauf der Zeit mehrten sich daher Capitalien und
Gter. Bei seinem Tode war Gnther zweiundzwanzig Jahre alt. Als der
ltere Sohn bernahm er dem vterlichen Testament zufolge die Gter,
whrend sein um mehrere Jahre jngerer Bruder in's Landesheer eintrat.

Es kommt oft vor, da der Sohn eines haushlterischen Mannes zur
Verschwendung geneigt ist; im Volk sagt man in Bezug darauf: der Sparer
mu seinen Zehrer haben. Den letzteren vorzustellen, hatte der neue
Herr von Waldfels in der That alle Talente, und nachdem diese durch die
vterliche Autoritt niedergehalten gewesen, traten sie in der Freiheit
um so glnzender hervor. Jung, schn und reich -- warum sollte er
sich etwas versagen? Er war von grenzenloser Gutmthigkeit, der Baron
Gnther, und bewhrte diese eben so gegen sich selbst, wie gegen
Andere. Er begriff nicht, wie man ein anderes Streben haben knne, als
das Leben zu genieen, und einen hhern Ehrgeiz, als Andern Genu zu
bereiten. Beides that er denn auch in groem Mastabe. Mehrere Jahre
lang besa er den Ruhm des prchtigsten und freigebigsten Herrn in der
ganzen Umgegend; aber die Gter, die sein Vater erworben hatte, waren
dafr in den Kauf gegeben.

Als er sich beinahe ganz auf die Einknfte des Stammgutes beschrnkt
sah, lernte er in einer sddeutschen Handelsstadt ein schnes, blondes,
zartgebautes Mdchen kennen. Er empfand in Kurzem eine heftige
Leidenschaft fr sie und sie wurde seine Gattin. Das Geschlecht,
aus welchem Arthurs Mutter stammte, ehedem reich, war jetzt kaum
mehr wohlhabend zu nennen; statt der Mitgift brachte aber die junge
Frau konomische Tugenden nach Waldfels. Sie wute der Verschwendung
Gnthers Einhalt zu thun und mit verhltnimig geringen Mitteln
doch ein anstndiges Haus zu machen. Da die Liebe des Barons zu ihr
sich gleich blieb und die huslichen Freuden ihn beschftigten, so
hielt er wirklich an sich und begngte sich mit seinen immer noch
bedeutenden Revenuen. Leider starb die gute Frau an den Folgen einer
unglcklichen Niederkunft. Der Baron war untrstlich; er zog sich von
der Gesellschaft zurck und trauerte um die geliebte Gattin mit einer
Ausdauer, die ihm niemand zugetraut htte. Allein noch war nicht ein
volles Jahr verflossen, so fhlte sein Herz sich befreit und sein
ursprnglicher Charakter trat in der alten Strke wieder hervor.

Es lag diesem Herrn im Blute, da es fr den Sprling eines alten
Geschlechts nicht wohl passend sey, auf Erwerb zu sehen, auf der andern
Seite aber hchlich geziemend, diejenigen, die etwas erworben hatten
und fortfuhren es zu thun, gleichwohl an Generositt zu bertreffen.
Er verschmhte die Spekulation und hielt es unter seiner Wrde, bei
Kauf und Verkauf zu feilschen, wewegen die Handelsleute beraus gern
mit ihm zu thun hatten und ihn als das Muster eines einsichtsvollen
Mannes priesen. Handwerker und Knstler durch Bestellungen aufzumuntern
und berhaupt durch Freigebigkeit Glckliche zu machen, erschien
ihm als Pflicht und Ehrensache. Natrlich war es, da er bei dieser
Beglckung Anderer sich selbst am wenigsten verga. Gefiel ihm ein
Pferd, ein Jagdhund oder was sonst immer, so mute er es haben; und
da diese Passion ausgebeutet wurde, versteht sich von selbst. Dabei
war er zu Hause und in Gesellschaft eine hchst angenehme Erscheinung.
Er hatte die noble Wrde eines Mannes, der fhig ist Andere zu
erfreuen, und das liebenswrdige Mit- und Selbstgefhl eines wahrhaft
freundlichen Gebers. Unmglich war es, beim Spiel mit mehr guter Laune
zu verlieren. Es schien ihm ordentlich Vergngen zu machen, wenn seine
Geldstcke zu dem Hufchen eines andern wanderten, und wenn dieser
seine Freude darber nicht verbergen konnte, so betrachtete er ihn
mit einem wohlwollend berlegenen Lcheln, wie etwa ein Vater sein
Shnchen, wenn es wegen irgend einer Bagatelle kindisches Vergngen
blicken lt.

Man htte diesem Mann unerschpfliche Hlfsquellen gegnnt, so wohl
stand ihm sein prchtiges Leben an. Die seinen waren es nicht. Schon im
ersten Jahre reichten die Einknfte nicht zu; bald mute zum Verkauf
einzelner entbehrlicher Grundstcke und endlich zum Geldaufnehmen
geschritten werden. Dieses, das nthige Abbezahlen kleiner und das
Aufborgen grerer Summen wurde von da an die hauptschlichste
Beschftigung des Barons. War er durch die Nothwendigkeit darauf
gewiesen, so fand er in ihr bald auch einen eigenen Reiz. Er wandte
ein Capital von Zeit, Geist und Erfindungskraft daran, das ihn, der
Verwaltung seiner Besitzungen gewidmet, zum reichen Mann htte machen
mssen. Alles, was an Schlauheit in ihm lag, kam bei diesen Geschften
zum Vorschein. Er sorgte dafr, da seine Passiva der Welt mglichst
ein Geheimni blieben, und wute durch feines, liebenswrdiges Benehmen
immer neue Glubiger zu gewinnen. Dabei verlugnete er seine noble
Denkart keineswegs. Er beglckte die Frauen und Kinder der Glubiger
durch Geschenke, er machte bei seinen Anleihen gromthige Bedingungen,
und wenn er seine Lieferanten und Handwerker nur sehr theilweise
bezahlte, so hinderte er sie doch auf keine Weise, bermig groe
Rechnungen zu machen.

Die ging, so lange es gehen konnte. Ungefhr drei Jahre vor dem Beginn
unserer Erzhlung kam er in groe Bedrngni, und es gehrte die ganze
Strke seiner glcklichen Natur dazu, um nach auen keine Bekmmerni
merken zu lassen. Er mute sich bedeutend anstrengen, um das Schiff
wieder flott zu machen, und so hart es ihn ankam, die letzte Zeit her
seinen kostspieligsten Gewohnheiten entsagen. Die Ehre des Hauses mute
jedoch aufrecht erhalten werden. Sein Sohn, vor welchem er die Lage
der Dinge zu verbergen verstand, mute auf Gymnasium und Universitt
als junger Mann von Stande leben. Als der ihm verwandte Graf nach
wiederholten Einladungen endlich Waldfels zu besuchen versprach, so
durfte er nichts vermissen, was er von einem Wirthe seines Gleichen nur
irgend zu erwarten berechtigt war. --

So war der Mann, und so standen seine Angelegenheiten. Die Leser knnen
daraus einen Schlu ziehen, was der Sohn von ihm zu hoffen und zu
frchten hatte.

Als Arthur in das Zimmer trat, kramte der alte Herr eben in einem
Haufen von Papieren. Er horchte hoch auf, als jener ihm erffnete,
da er mit ihm ber eine Sache von Wichtigkeit zu sprechen habe.
Der junge Mann, wenn er auch eine wesentlich redliche Natur war,
entbehrte doch keineswegs der Klugheit, welche zur Erreichung guter
Absichten die geeigneten Mittel zu finden wei. Er hielt es diemal
fr gut, etwas auszuholen, und sprach zuerst von einem Lebensplan, den
er sich gebildet habe. Er msse dem Vater endlich gestehen, da ihn
eine besondere Neigung zu cameralistischen und konomischen Studien
treibe, und da er sich nichts anderes wnsche und auch nichts anderes
vorhabe, als nach Absolvirung der Universitt ihm bei der Verwaltung
des Guts zu helfen, wobei er durch mancherlei Verbesserungen, die er
fr mglich halte, den Ertrag desselben glaube steigern zu knnen.
-- Der Baron antwortete mit einem bedeutungsvollen Hm! und forderte
ihn durch seine Mienen auf, weiter zu reden. -- Arthur ging nun
ber auf das angenehme Leben in und um Waldfels. Er sprach von dem
gemthlichen Charakter des Volks, von den vortrefflichen Familien in
der Umgegend und rhmte namentlich Frau von Holdingen und ihre Tochter
als ausgezeichnet durch Bildung, Geist und Charakter, hinzufgend, da
der Vater die selbst anerkenne, indem er sie am hchsten schtze und
am liebsten mit ihnen umgehe. -- Der Baron, der darin nur eine weitere
Begrndung des Wunsches erblickte, spter in Waldfels zu leben, kam
noch nicht auf die rechte Fhrte und stimmte dem Lob seiner Verwandten
von Herzen bei. Darber bezeigte der Sohn die grte Freude und sprach
nun die zuversichtlichste Hoffnung aus, da der gute Vater gewi
seinem innigsten Wunsch nicht entgegentreten werde. Er wolle auf dem
Lande leben bei seinem Vater und an der Seite einer braven Frau. Alle
Tugenden, die er von einer Frau verlange, habe er aber in Anna von
Holdingen gefunden; er liebe seine Cousine und werde von ihr wieder
geliebt; er habe beim letzten Feste die Versicherung ihrer Liebe und
Treue von ihr erhalten und er bitte den Vater instndig, zu diesem
Bunde der Herzen seine Beistimmung zu geben.

Der Baron sah bei dieser unerwarteten Erffnung aus, wie einer, der
zweifelt, ob er recht hre. Er erhob sich, betrachtete den Sohn halb
mitleidig und sagte: Bist du klug, Arthur? Du willst dich verloben --
mit einem Kind? -- Anna, versetzte Arthur mit bescheidenem Ernst,
ist kein Kind mehr. -- Inde, fgte er mit einem Lcheln hinzu,
wenn sie's noch wre, so wr' es ihr einziger Fehler; und du weit ja,
da man eben diesen am schnellsten und sichersten ablegt.

Des Barons Antlitz verdsterte sich und mit schwerem Bedenken
schttelte er den Kopf. Es gehrte zu seinem Wesen, da er sich ber
die Zukunft Arthurs nie eine klare Vorstellung gemacht hatte. Er sorgte
fr die ihm gebhrende Ausbildung, im brigen lie er ihn gewhren.
In den seltenen Augenblicken, wo er wegen der Zerrttung des ererbten
Vermgens doch einige selbstanklagende Regungen empfand, beschwichtigte
er sein Gewissen dadurch, da er annahm, der Sohn, der so viele
Fhigkeit und so viel Ausdauer im Studium zeige, werde seiner Zeit
in den Staatsdienst treten, um eine gute Carrire zu machen; und als
er den Grafen zu sich einlud, dachte er unter anderem wirklich auch
daran, seinem Arthur durch die ehrenvolle Bewirthung desselben einen
einflureichen Protektor zu gewinnen. Auf der andern Seite erwog er,
da es einem Trger des Namens Waldfels, begabt und liebenswrdig,
unmglich fehlen knne, eine vorzgliche Partie zu machen und durch
die Reichthmer der Erwhlten die Mngel des vterlichen Vermgens
zu decken. So mute das Gestndni Arthurs, wodurch beide Hoffnungen
bedroht waren, tiefen Verdru und Unmuth in ihm erregen. Als der Sohn
auf seinem Gesicht einen Ernst sah, der ihm vllig ungewohnt erschien,
wurde er sehr betreten und fragte im Ton trauriger Ueberraschung:
Wr's mglich, Vater, da dir meine Wahl mifiele? Httest du an Anna
etwas auszusetzen?

Der Baron versetzte mit Wrde: Nach meiner Ansicht ist die Zeit, wo du
an Verlobung, oder gar an Verheirathung denken kannst, berhaupt noch
nicht gekommen. Wenn sie aber gekommen ist, so mu ich dir aus vielen
Grnden eine reichere Partie wnschen, da unsere Vermgensverhltnisse
keineswegs mehr brillant sind. -- O, rief der Sohn, wenn es nur das
ist, dann hab' ich keine Sorge! Und mit Selbstgefhl setzte er hinzu:
Wir wollen das Gut schon mit einander verwalten, da ich eine reiche
Frau nicht nthig habe. Ich habe meine Gedanken, und wenn du mir freie
Hand gibst, so verbrge ich mich dafr, in wenigen Jahren stehen wir
so, da ich Anna in eine glckliche, gesegnete Familie einfhren kann.
-- Du weit nicht, entgegnete der Vater mit einem Seufzer, wie
weit es gekommen ist! -- Das ist einerlei! versetzte der liebende,
muthige Jngling. Im schlimmsten Fall htten wir nur ein paar Jahre
mehr nthig. Und indem er ihn schmeichelnd bei den Hnden fate, rief
er in bittendem Ton: Sey der gute, liebe Vater, der du immer warst!
Gib deine Einwilligung!

Dem Baron stellte sich bei diesem Drngen seine Lage so klar vor Augen,
wie nie vorher. Das Gefhl, da sein einziger Sohn und das gute Mdchen
einem traurigen Loos entgegen gehen wrden, erschtterte ihn, und eben
die Liebe, die Sorge, gab ihm nun Kraft zur Strenge. Er wies die Hand
des Sohnes zurck und sagte mit Entschiedenheit: La diese Thorheiten!
Du bist selbst noch ein Kind und weit nicht, was zum Leben gehrt! --
Und froh, von sich selber etwas Empfehlenswerthes anfhren zu knnen,
fuhr er fort: Ich war zehn volle Jahre lter, als ich mich mit deiner
Mutter verlobte. Das ist die Zeit, wo man gegenwrtig allenfalls an's
Heirathen denken darf. Die kindischen Schwrmereien der Jugend sind
dann von selber vergangen und der Kopf ist hell genug, um eine in
jeder Beziehung glckliche Wahl zu treffen. Das mu ich wissen, der
ich Erfahrung habe und die Welt kenne. Aber ihr jungen Leute wollt
heutzutage klger seyn als die Alten, und es ist doppelt nthig, euch
in die gehrigen Schranken zurckzuweisen. -- Kurz, ich gebe zu dieser
Verbindung meine Einwilligung nicht und werde dafr sorgen, da die
voreilige Liebschaft ein Ende findet.

Nach diesem Beweis von Energie wollte sich der alte Herr wieder an
den Schreibtisch setzen, aber Arthur hielt ihn zurck. Mit Ernst und
Festigkeit erwiederte er: Du bist hart gegen mich, Vater, und das
thut mir weh, denn ich bin's nicht von dir gewhnt. Aber deine Hrte --
verzeih' mir, da ich so zu dir rede -- kann und wird meinen Entschlu
nicht ndern. Ich habe es wohl berlegt, um was ich dich bitte, und ich
mu vor allem das thun, was ich fr meine hchste Pflicht halte. Ich
=kann= meiner Cousine nicht entsagen. Sie ist ein so liebenswrdiges
Mdchen, da sie das Bild, das ich mir immer von dem vortrefflichsten
Weib gemacht habe, noch bei weitem bertrifft. Schon jetzt vereinigt
sie mit dem schnsten und tiefsten Gefhl den heitersten Geist und den
klarsten Verstand. Und wenn sie nach deiner Ansicht noch ein Kind ist,
was mu man erst in der Zukunft von ihr erwarten? Da ein solches Wesen
existirt, ist ein Wunder, da ich sie gefunden habe, ein unendliches
Glck -- und dieses Glck, das ich mit meinem Blute erkaufen wrde,
sollt' ich von mir stoen? -- Das ist es aber nicht allein. Ich habe
mich gegen Anna erklrt, ich habe das Versprechen der Treue mit ihr
gewechselt, und glaubst du, da ein Waldfels sein feierlich gegebenes
Wort brechen werde?

Das Vaterherz konnte sich dem Eindruck dieser Entgegnung nicht ganz
verschlieen; aber noch bewahrte der Baron seine Festigkeit und rief
im Ton des Unwillens aus: Das ist eben dein unverzeihlicher Fehler,
da du ein solches Wort gegeben hast! -- Es ist dazu gekommen,
erwiederte Arthur, ich wei selbst nicht wie. Ich folgte meinem Herzen
und es ist mir nicht eingefallen, da es jemand betrben knnte. Ich
fand das hchste Glck des Lebens -- konnte ich da noch an etwas
anderes denken? -- Und was ist denn alles andere im Vergleich mit
diesem Glck? Was kann denn noch in die Wagschale fallen, wenn wir das
Herz eines Mdchens gewinnen, fr dessen Besitz wir niedersinken und
Gott auf den Knieen danken mchten? -- Ich wei nicht, ob es Menschen
gibt, die so klein von sich denken, da sie sich nicht zutrauen, ein
ber alles geliebtes Weib durch's Leben zu fhren. Ich aber, lieber
Vater, gehre nicht zu ihnen; und wie unsere Verhltnisse jetzt auch
beschaffen seyn mgen, ich werde Anna glcklich machen, glcklicher als
irgend jemand in der Welt es vermag.

Der Baron konnte sich bei diesen Worten nicht enthalten, mit Theilnahme
auf den Sohn zu blicken und in seinem ganzen Wesen eine innere
Bewegung zu verrathen. Er sagte mit sanfterer Stimme: Lieber Arthur,
du weit nicht, was du versprichst! Du kennst die Klippen nicht, die
dich bedrohen! Du wirst scheitern, wie so viele vor dir gescheitert
sind! -- Ich werde nicht scheitern! rief Arthur mit dem Ausdruck
innerster Zuversicht. Ich fhle einen Muth in mir, dem nichts zu
schwer vorkommt, und hier in meinem Herzen ruft eine Stimme: du wirst
ber alle Schwierigkeiten triumphiren! -- Aber, fuhr er dringend
und herzlich fort, du, Vater, mut mir zu diesem Unternehmen deine
Beistimmung schenken und deinen Segen geben. Du warst immer so gut
gegen mich und in den letzten Jahren, ich darf es wohl sagen, Vater
und Freund in Einer Person. Deine Liebe, deine Freundschaft gehren zu
meinem Glck, sie sind das Mittel und die Bedingung dazu, ich kann und
will es nicht haben ohne sie. Darum schenke sie mir und gib mir dein
Jawort! Wir wollen dann zusammen arbeiten und hoffen und Gott und uns
selber vertrauen.

Die Widerstandskraft des Barons war zu Ende. Sein Herz war erweicht;
und zugleich hatte der Muth und die Zuversicht des Sohns ihn
angesteckt. Was er so eben noch in Abrede gestellt, das erschien dem
gerhrten Herzen jetzt nicht nur wieder mglich, sondern beinahe
wahrscheinlich. Ohnehin hatte er ja das Seine gethan; er hatte gewarnt
und lange genug gekmpft. Der junge Mensch fgte sich nicht; man
mute sich berzeugen, da hier nichts mehr zu ndern sey. -- Allen
diesen Eindrcken wich der Vater endlich und erklrte: Wenn du es
nicht anders haben willst, so mag es seyn. Ich gebe meine frmliche
Einwilligung noch nicht, aber ich verspreche sie dir fr den Fall, da
die Baronin nichts gegen eure Verlobung einzuwenden hat. Dann aber,
setzte er mit Bedeutung hinzu, vergi nie, da ich dich gewarnt und
nur deiner Hartnckigkeit nachgegeben habe.

Arthur hatte nicht bis zum Schlu dieser Rede gewartet, um dankerfllt
des Vaters Hand zu ergreifen und zu drcken. Er umarmte ihn nun mit
kindlicher Zrtlichkeit und rief mit Bezug auf die letzten Worte:
Nein, lieber Vater, nie werde ich das vergessen, so wenig wie
die unendliche Gte, womit du meine Bitte erfllt hast. Wenn ich
unglcklich werde, so ist es nur meine Schuld. Wenn ich Glck erlebe,
so hab' ich es einzig und allein dir zu danken. -- Gut, versetzte
der Baron mit vterlichem Ansehen, die ist abgemacht. Aber Eines mu
ich mir noch bedingen. Morgen Nachmittag gehen wir zur Baronin: bis
dahin wirst du das Schlo nicht verlassen. -- Arthur versprach es und
verabschiedete sich.

Er hielt Wort. Er unterdrckte das Verlangen, zu der Geliebten zu
eilen, aber er schrieb an sie und sorgte dafr, da der Brief ihr
geheim bergeben wurde. Er meldete ihr das Ergebni der Unterredung mit
seinem Vater und forderte sie dringend auf, ihrer Mutter gleichfalls
ein Gestndni zu machen und bis zur Ankunft seines Vaters ihre
Beistimmung zu erlangen. -- Den andern Morgen htte man an dem schnen
Mdchen wohl bemerken knnen, da ein ungewhnlicher Vorsatz ihre
Seele beschftigte. Sie zeigte eine bewegtere husliche Thtigkeit als
sonst. Wenn sie davon ablie, stand sie bald in tiefen Gedanken und
ihren reizenden Mund verschnte ein eigenes, halb verlegenes Lcheln.
Sie schien die rechte Form der Ausfhrung nicht finden zu knnen und
nahm endlich ihre Zuflucht zum Pianoforte. Dieses Instrument spielte
sie mit Fertigkeit, heute aber fhrte sie die gewhlten ernsten Stcke
mit einem Gefhl und einer Kraft aus, da die Mutter, die sich zu einer
weiblichen Arbeit gesetzt hatte, selbst mit Verwunderung horchte und
unwillkrlich dem rhrenden Eindruck der Musik sich hingab. Auf einmal
erhob sich das junge Mdchen und trat vor die Mutter. Ihr Vorhaben
nicht nur, sondern auch das Bewutseyn ihrer groen Jugend rief eine
holde Schamrthe auf ihren Wangen hervor; aber ihr Entschlu war gefat
und die Stimmung, wo sie ihn ausfhren konnte, hatte sie gewonnen.
Sie erklrte der etwas befremdet blickenden Mutter, da sie ihr ein
Bekenntni abzulegen habe, und bat sie, ihr mit Gte ein ruhiges Gehr
zu schenken. Dann erzhlte sie den Vorgang am Pfingstmontag mit der
Ergebung einer kindlich bescheidenen, aber zugleich mit dem Muthe einer
liebenden Seele, durchaus getreu nach der Wahrheit.

Frau von Holdingen war auf's hchste berrascht. Sie hatte nicht
geglaubt, da hinter der Aufmerksamkeit des jungen Vetters, die ihr
natrlich nicht entgangen war, eine so ernstliche Neigung verborgen
wre, und staunte nun ber ihr pltzliches Hervorbrechen. Aber sie
war nicht, wie der Baron, in der Lage, die Vereinigung der Kinder
bedenklich zu finden; im Gegentheil, sie empfand sogleich eine groe
Befriedigung. Die Familie Waldfels war eine der ltesten im Lande,
Arthur war ein Jngling von soliden Eigenschaften und, was sie schon
frher zum ftern hervorgehoben hatte, so recht von adelig schner
Gestalt. Die Vermgenszustnde des Barons hielt die von ihres Gleichen
stets das Bessere annehmende Dame fr geordneter als sie waren, den
Sohn mithin fr den Erben einer immerhin noch bedeutenden Besitzung,
und da ihr Kind wenig oder gar keine Mitgift zu erwarten hatte, die
materielle Denkweise der lebenden Mnnerwelt ihr aber nur zu gut
bekannt war, so hatte der Gedanke, ihre Anna Baronin von Waldfels
werden zu sehen, fr sie etwas hchst Erfreuliches und Beruhigendes.
Sie mute sich Mhe geben, ihr Vergngen vor der Tochter nicht geradezu
merken zu lassen, und die ernste Miene einer Beichtigerin zu behaupten.
Am Ende fiel ihr nichts Besseres ein, als ebenfalls ihre hohe
Verwunderung darber auszudrcken, wie bei dieser Jugend sowohl des
Vetters als namentlich Anna's selber ein solcher Vorgang habe mglich
seyn knnen.

Darauf erwiederte Anna mit Ergebung: Ich wei wohl, da ich noch jung
bin, aber ich bin alt genug, um einzusehen, da ich einen besseren und
edleren Mann, als Arthur, nie finden wrde, und ich habe ihn so lieb,
da ich ihn nicht lieber haben knnte! Als er mich zum Spaziergang
einlud, hatte ich keine Ahnung von dem, was kommen sollte. Es ist, wie
wenn's vom Himmel gefallen wre. Als ich darber nachdachte, war's
geschehen. Nun hat Arthur mein Wort, mein heiliges Versprechen -- und
du, setzte sie mit herzlich bittendem und zuversichtlichem Ton hinzu,
du, liebe Mutter, wirst mich gewi nicht hindern, es zu halten.

Frau von Holdingen erhob sich. Ihrem Herzen folgend umarmte sie das
Kind, indem sie mit Gte sagte: Beruhige dich, Anna! Hlt Arthurs
Gesinnung auch die Prfung der Mutter aus, dann hast du nicht zu
frchten, da ich eurer Verlobung mich widersetzen werde. Es kommt aber
hier vor allem auf den Baron an, der mit seinem Sohn vielleicht andere
Absichten hat. Wenn er die Verbindung nicht wnschte, so wre es fr
dich eine Ehrensache, deinem Vetter zu entsagen.

Um vier Uhr Nachmittags rollte die offene Chaise des Barons in den Hof.
Der wackere Herr war in froher, gemthlicher Laune. Er hatte mit gutem
Appetit gegessen und die ihm zugesandte Probe einer neuen Weinsorte
vortrefflich gefunden. Das Wetter war schn und die wehende Ostluft
erquickend; als er daher mit dem Sohn an blhenden Wiesen hinfuhr,
verga er den dstern Hintergrund seiner Angelegenheiten gnzlich und
hatte nur heitere Anschauungen. Aus der Art seines Auftretens schpfte
Frau von Holdingen sogleich die vollste Beruhigung, und die errthenden
jungen Leute gaben sich durch Blicke die freudige Gewiheit, da auf
beiden Seiten alles wohl stehe.

Nach den ersten Begrungen lie der Baron, der nicht gewohnt war, in
solchen Dingen lang zurckzuhalten, seine Blicke von der Tochter zur
Mutter gleiten und sich dann also vernehmen: Ich sehe, liebe Base,
da unsere gute kleine Cousine auch schon gebeichtet hat. Nun, was
sagen Sie zu den jungen Leuten? Ist das nicht erstaunlich? Hat man in
unsern Zeiten von so etwas gehrt? -- Sie haben uns eine eigenthmliche
Aufgabe gestellt, unsere Kinder; aber wie wir darber denken, wir
knnen nicht vermeiden, uns nun damit zu beschftigen.

Frau von Holdingen nahm eine wrdevolle Haltung an und erwiederte:
Allerdings hat mir meine Tochter alles gestanden und ich habe mein
Urtheil nicht zurckgehalten ber die Art, wie sie sich in ihrer Jugend
zu einem solchen Schritt hat hinreien lassen. Aber eben diese Jugend,
lieber Baron, mu sie entschuldigen. Was jetzt geschehen soll, das
hngt allein von Ihrer Entscheidung ab. Haben Sie gegen das Verhltni
und gegen die knftige Verbindung der jungen Leute nur die geringste
Einwendung zu machen, so kenne ich meine Pflicht, und ich werde dafr
sorgen, da aller Verkehr zwischen ihnen abgebrochen wird. -- Ach,
beste Baronin, versetzte der alte Herr, das wrde nicht viel helfen.
Arthur hat sich mir von einer ganz neuen Seite gezeigt: er wre im
Stand, seinem Vater zu trotzen! Auch unsere Anna, im Vertrauen, sieht
nicht darnach aus, als ob sie in dieser Angelegenheit ohne weiteres
Gehorsam leisten wollte. Was sollen wir thun? Die Kinder lieben sich,
sie haben sich Treue gelobt -- und wir mssen zu ihrem Spiel gute
Miene machen; -- das heit, wenn Sie, verehrte Frau, nicht aus mir
unbekannten Grnden Bedenken tragen, Ihre Einwilligung zu geben.

Die Baronin beeilte sich zu erklren, da sie die Verbindung ihrer
Tochter mit dem Sohne des Barons von Waldfels fr hchst ehrenvoll
und fr das grte Glck halte, das Anna nur irgend erwarten knnte.
Nun wre es dem wohlwollenden und galanten Mann vllig unmglich
gewesen, sein Jawort zu versagen. Er liebte es ohnehin nicht, Scenen
dieser Art hinauszudehnen, und versetzte daher mit herzlicher
Freundlichkeit: Da Sie so liebenswrdig denken, gndige Frau, und in
Ihrer Gte sich selbst bertreffen, so geben wir in Gottes Namen unsere
Einwilligung und behalten uns vor, die wirkliche Verlobung so lange
hinauszuschieben, als es uns schicklich dnkt. -- Mge der Himmel,
setzte er mit Ernst hinzu, seinen Segen dazu geben! -- Dann, mit
Liebe zu dem Paare gewandt, rief er: Bedankt euch nun bei der guten
Baronin, Kinder!

Die beiden, denen bei den ersten Reden doch wieder etwas bange
geworden, folgten der Aufforderung rasch und lieen ihre zrtlichen
Gefhle an den Eltern so herzlich aus, da diese selbst der Rhrung
nicht widerstehen konnten und sich mit feuchten, tiefbefriedigten
Blicken ansahen. Arthur hatte Anna's Hand ergriffen, sein Auge hing an
ihr in triumphirender, seliger Liebe. Er wagte es nicht, ihre Lippen
zu kssen, und drckte, indem er sie an sich zog, seinen glhenden
Mund auf ihre Stirne. Das Mdchen sah dabei so brutlich schn aus und
ihr Glck hatte einen so strahlend edeln Charakter, da der Baron der
Mutter zuflsterte: Mein Arthur hat sehr wohl gethan, sich dieses
Kleinod so frh zu gewinnen. Htte er noch gezaudert, so wrden die
Mitbewerber aus der Erde gewachsen seyn, und es htte ihm doch wohl
einer gefhrlich werden knnen. Er hat auch in dieser Sache den
Verstand und die Klugheit bewiesen, die ihn immer ausgezeichnet haben.
-- Die Mutter antwortete mit einem dankbaren und wohlgeflligen
Lcheln. --

So leicht wurde diese Angelegenheit, die so manche bedenkliche Seite
darzubieten schien, einem Ende zugefhrt, das alle Theile zufrieden
stellte. Der Baron hielt es um so weniger fr nthig, auf seine
dermaligen Vermgensverhltnisse hinzudeuten, als es ihm ja wieder
gelungen war, in dieser Beziehung gute Hoffnungen zu fassen. Und
wenn es nicht der Fall gewesen wre, wie htte ein so guter Mann es
ber's Herz bringen knnen, die gegenwrtige heitere Stimmung durch
einen prosaischen Miton zu trben? Man vereinigte sich darber, die
frmliche Verlobung in Ansehung der Jugend Annas erst nach einem Jahr
erfolgen zu lassen. Arthur sollte seine Studien beenden, reisen und
endlich nach Waldfels zurckkehren, wo dann nach den Umstnden frher
oder spter die Vermhlung stattfinden sollte. Der alte Herr zeigte
sich nicht abgeneigt, das Gut an Arthur zu bergeben, so da Anna die
Aussicht hatte, als Herrin in das Schlo gefhrt zu werden.

Beim Abendessen lie sich der Baron die geringere, aber chte Weinsorte
der Baronin eben so gut schmecken, wie seine bessere zu Hause. Seine
Laune belebte sich mehr und mehr. Er begann die Kinder zu necken
und freute sich an dem jungfrulichen Errthen des Mdchens. Unter
andern wollte er darin einen Hauptbeweis fr das Fortschreiten der
Menschheit erkennen, da die jetzige Generation nicht nur fhig sey,
so frh zu lieben, sondern auch so frh schon eine glckliche Wahl zu
treffen und mit Leidenschaft Verstand und Festigkeit zu verbinden.
Er selber gestehe, sich mit der Thorheit lnger abgegeben zu haben,
was er brigens auch nicht bereue. Wie er so dasa, glnzend von
Wohlwollen und Vergngen, htte er verdient, von dem besten Maler der
altniederlndischen Schule portrtirt und in der Poesie seines Wesens
fr alle Zeiten bewahrt zu werden. Endlich ergriff er das Glas, um
einen Toast auf das Liebespaar auszubringen. Er wnschte und verkndete
ihnen mit vterlicher Zrtlichkeit und mit dem besten Glauben ein Leben
voll Liebe, Glck und Freude.

Muten Arthur und Anna der Zukunft nicht mit den frohesten Empfindungen
entgegensehen? Muten sie sich nicht schon angeweht fhlen von dem
Hauch der vollkommensten Erdenseligkeit? Aber die Macht, welche das
Geschick der Menschen bestimmt, hat oft ihre Grnde, eben diejenigen,
die ein schnes, ruhiges Daseyn zu verdienen scheinen, die Wege des
Unglcks zu fhren. Die Zeit nahte heran, wo die Hoffnungen, von denen
die Herzen der Liebenden bewegt und erhoben waren, eine nach der andern
zertrmmert werden sollten.

Seit der Rckreise Arthurs auf die Universitt war mit dem Baron eine
eigene Vernderung vorgegangen. Das Glck der beiden Kinder hatte
ihn in Wahrheit tief gerhrt und in der nun folgenden Einsamkeit
nachdenklich gemacht. Er fhlte die Verpflichtung, fr sie etwas zu
thun, und nahm sich mit vlligem Ernste vor, seinen Haushalt noch
weiter einzuschrnken und auf den Ruhm eines glnzenden Edelmanns
ganz zu verzichten. Da sein Koch ihn zu dieser Zeit im Lohn steigern
wollte, kam ihm gerade recht. Er entlie ihn, verschaffte sich eine
bewhrte Kchin und befahl ihr, zwei Gerichte weniger zu geben als
bisher. Da er von seinem gewohnten Weinma etwas abzubrechen sich
nicht entschlieen konnte, so begngte er sich mit einer billigeren
Sorte und bewahrte die besten fr unumgngliche Gelegenheiten auf.
Ein reicher Nachbar hatte frher umsonst groes Verlangen nach seinen
zwei vorzglichen Wagenpferden blicken lassen; jetzt bentzte er das
Gelste desselben, trat ihm die beiden Grauschimmel um hohen Preis
ab und bezahlte damit einen drngenden Glubiger. Er fing an bei den
nthigen Einkufen auf Billigkeit zu sehen und mit den verwunderten
Kaufleuten um den Preis zu handeln. Ja, er bekmmerte sich sogar um
seine Land- und Forstwirthschaft, ging selbst auf die Felder, um die
Arbeiten mit anzusehen, und unterhielt sich mit dem Verwalter ber die
vortheilhafteste Bentzung des Bodens. Bei verschiedenen Gelegenheiten
hielt er seinen Untergebenen Reden ber die Nothwendigkeit einer
sparsamen Haushaltung mit so anmuthiger Wrde, als ob er nie an etwas
anderes gedacht htte. Die Leute stimmten ihm achtungsvoll bei, so
lange sie vor ihm standen; wenn sie sich allein sahen, konnten sie sich
nicht enthalten, lchelnd den Kopf zu schtteln.

Ob es dem guten Herrn mglich gewesen wre, in der eingeschlagenen
Richtung zu beharren, knnen wir nicht sagen. Das Schicksal enthob ihn
der Probe. Er fhlte sich eines Abends unwohl und legte sich frher als
gewhnlich zu Bette. Morgens fand man ihn todt. Ein Schlagflu hatte
seinem Leben ein Ende gemacht. -- --

Das pltzliche Hinscheiden einer lebensfrohen und lebenskrftigen
Person hat fr diejenigen, die ihr mit Liebe anhingen, etwas tief
Erschreckendes. Zu dem Schmerz ber den Verlust gesellt sich der
grausame Zweifel an allem, was man bisher fr sicher und dauernd
gehalten. Die Hinflligkeit des Menschen, die Unzuverlssigkeit alles
Irdischen sieht mit dem Antlitz der Gorgone auf uns her, und es
erfordert die hchste Strke, sich noch aufrecht zu erhalten und den
Pflichten des Tages zu gengen.

Frau von Holdingen und Anna hrten die Todesnachricht mit Entsetzen.
Die Ahnung einer unheilvollen Wendung ihres Geschicks durchzuckte
sie, als sie die bleichen Gesichter gegen einander wandten und sich
mit thrnenlosen Augen ansahen. Sie begaben sich in grter Eile nach
Waldfels, wo der herbeigerufene Arzt eben erklrt hatte, da man jede
Hoffnung aufgeben msse. In der allgemeinen Trauer, unter den Thrnen,
die jetzt reichlich um den Gestorbenen flossen, ermannte sich Frau von
Holdingen zuerst. Sie sandte einen reitenden Boten an den Sohn und
bernahm als nchste anwesende Verwandte die Leitung des Hauses.

Arthur erschien am folgenden Tage in Begleitung seines Oheims, den er
von der Landstadt, wo er als pensionirter Oberst lebte, mitgenommen
hatte. Wir versuchen es nicht, seinen Schmerz zu schildern. Die Liebe,
die er fr seinen Vater empfand, hatte sich durch dessen gtiges
Benehmen bei der ihm theuersten Angelegenheit noch erhht. Wenn er
seinen vertrauten Freunden von ihm erzhlte, so glnzten seine Augen,
als sprche er von der Verlobten. Welch ein erschtterndes Gefhl
war es nun, dem theuern Mdchen wieder die Hand zu reichen und den
geliebten Vater todt vor sich zu sehen! Er gab sich seinem Schmerz ohne
Widerstand hin. Die Anordnung der Trauerfeierlichkeiten mute von dem
Oheim und Frau von Holdingen bernommen werden.

Noch einmal sahen die Rume des Schlosses eine zahlreiche,
hochansehnliche Versammlung von Freunden der Familie Waldfels. Wenn
nicht Alle wahre Trauer um den Mann empfinden konnten, der jetzt in die
Gruft seiner Vter gesenkt wurde, so bedauerten doch Alle sein Ableben
aufrichtig und hrten mit Theilnahme die Rede des Ortsgeistlichen, der
ihnen seine menschlich schnen Charakterzge mit schonender Hindeutung
auf seine Schwchen in's Gedchtni rief.

Ein letzter Wille des Barons fand sich nicht vor; der Sohn war daher
alleiniger Erbe und der Oberst, als der nchste Verwandte, wurde sein
Vormund. Als beides geordnet war, ging Arthur in Verbindung mit dem
Oberst muthig an die Arbeiten, die ihm durch die Lage der Dinge und
durch die Gesetze des Landes geboten waren. Aber bald sollte dieser
Muth niedergeschlagen werden.

Was die Leser schon errathen haben mssen, enthllte sich.
Schon die Durchsicht der hinterlassenen Papiere lie die beiden
Waldfels einen ungefhren Schlu ziehen auf den wahren Stand der
Vermgensverhltnisse. Als aber in Folge des ffentlichen Aufrufs die
smmtlichen Glubiger der Verlassenschaft sich meldeten, bertraf die
Wirklichkeit selbst das, was sie in den schlimmsten Momenten gefrchtet
hatten: die Summe der Forderungen drohte das ganze Erbe zu verschlingen.

Fr Arthur, der sich in so schnen Hoffnungen gewiegt und so heilige
Pflichten bernommen hatte, war es ein schreckliches Gefhl, als er
zum erstenmal diese Wahrnehmung machte. Er war gerade allein -- sein
Oheim war auf einige Tage in seinen Wohnort zurckgegangen --, die klar
erkannte Thatsache wirkte daher um so grausamer und niederwerfender
auf ihn; die Verzweiflung whlte in seinem Herzen. Wenn er daran
dachte, welch ein reiches Erbe seinem Vater hinterlassen worden war,
so konnte er sich einer bittern Empfindung nicht erwehren. Wie war es
mglich, solchen Wohlstand gnzlich zu untergraben und den Sohn dem
Bettelstab nahe zu bringen? Wie war es mglich, den Weg zum Untergang
vorwrts zu gehen und nie zurckgeschreckt zu werden? -- Bei alledem
vermochte er dem Vater nicht zu grollen. Er dachte an seine unbegrenzte
Gutmthigkeit, an die Begriffe, die er von seinem Stande gehegt hatte,
und der Ruin des Familienvermgens erschien ihm als eine Art von
Verhngni, als eine Folge von Schwchen des Vaters, die zu seiner
Natur gehrten und fr die er nicht mit Strenge verantwortlich gemacht
werden konnte. Er tadelte sich selbst, da er nicht gesehen, wohin die
allzu glnzende Lebensweise zuletzt fhren msse, da er sich nicht
schon frher ernstlich von dem Stande des Vermgens unterrichtet und
versucht habe, den Vater zu den unausweichlichen Einschrnkungen zu
bestimmen. Was sollte er nun beginnen? Welch ein Loos wartete seiner?
Wie sollte er die Hoffnungen seiner Geliebten, wie sollte er seine
feierlich ertheilten Zusagen erfllen? -- Er hatte keine Antwort auf
diese Fragen.


                                 III.

Die Verzweiflung ist fr ein krftiges, emporstrebendes Gemth
eine unsglich bittere, aber eine heilsame Arznei. Sie fhrt es
in drre, todte Wsten, aber eben hier wird der Resignation des
Rechtschaffenen das Manna des Geistes zu Theil. Sie wirft es in die
tiefsten, dunkelsten Abgrnde, aber gerade in ihnen erscheinen dem
emporblickenden Auge die Sterne des Himmels. Gleich einem Erdbeben
ffnet die Erschtterung des Herzens neue Quellen und macht Krfte
frei, deren Umfang bis dahin nicht geahnt werden konnte. Eben so
wie groes, unerwartetes Glck, fhrt pltzlich hereinbrechendes,
niederschmetterndes Unglck die im Innersten zerbrochene Seele zu
Gott und gibt der passiven Religiositt eines edeln, aber ungeprften
Herzens die Weihe zur Thatkraft, zur Bewhrung.

Arthur fhlte die ganze Pein der Hoffnungslosigkeit, und wir drfen
es wohl sagen, da die grausame Enttuschung ihm bittere Thrnen
ausprete. Nach und nach aber legte sich der Sturm in seinem Herzen
und es wurde stiller darin. Er empfand leise das Vorgefhl der
Genesung. Mit beruhigterem Geist erkannte er das Groe der Prfung, die
ihm auferlegt war; er fhlte den Muth in sich, sie zu bestehen. Indem
er an die Kmpfe dachte, die seiner warteten, erhob sich seine Seele
und die Hoffnung auf den Sieg strkte sein Herz. In dieser Stimmung
vermochte er Gott zu danken fr die ihm zugemutheten Arbeiten; er
fhlte sich durch sie geehrt und gelobte sich, mit den ihm verliehenen
Krften Alles zu thun, um das Glck, das ihm nicht geschenkt werden
sollte, durch sich selbst zu erringen.

Da er sich berzeugt hatte, da sein Erbe den Glubigern zur Beute
fallen wrde und mte, so dachte er nach, welche Mittel ihm wohl
noch blieben, seinem Geschick eine Wendung zum Bessern zu geben.
Da fiel ihm der Graf ein, der sich gegen seinen Vater so warm ber
ihn ausgesprochen hatte. Er setzte sich nieder, erstattete dem
hochgestellten Mann einen treuen Bericht von seiner Lage und bat ihn um
gtige Aufklrung darber, welche Laufbahn ihn am schnellsten in den
Stand setzen knnte, seiner Verlobten und sich eine ehrenvolle Existenz
zu schaffen. Mitten in der Abfassung dieses Schreibens tauchte eine
eigenthmliche Vorstellung in ihm auf, bei der er nicht umhin konnte,
ber sich selber zu lcheln. Als er es beendet und abgeschickt hatte,
trat dieser Gedanke wieder vor seine Seele, und er hing ihm nach, wie
man Trumen nachhngt, ohne mehr daraus zu machen als sie sind. Seine
Einbildungskraft mute sich sehr gefllig erzeigen, denn sein Gesicht
glttete sich und gewann beinahe einen heitern Ausdruck.

Zunchst hatte er aber eine ernste Pflicht zu erfllen: er mute Frau
von Holdingen und Anna von dem Stand der Dinge unterrichten. Als er
nach dem Landhause fuhr, wohin er so gern die besten Nachrichten
gebracht htte, fhlte er doch wieder eine Bewegung, die er nur mit
Mhe bemeistern konnte. Er fand die nthige Ruhe erst in der Begrung
der Frauen, schilderte ihnen aber nun das thatschliche Verhltni,
wie es sich ihm endlich dargestellt hatte, mit wrdiger Resignation.
Als er geendet, trat eine tiefe Stille ein. Er betrachtete Mutter
und Tochter und bemerkte zu seinem Troste, da der Eindruck seiner
Erzhlung nicht so niederschlagend war, als er gefrchtet hatte.
Bei Anna war die in ihrem Herzen, ihrem Charakter und ihrer Jugend
begrndet; Frau von Holdingen aber war auf eine solche Erffnung schon
einigermaen vorbereitet, da ihr Gerchte zu Ohren gekommen waren, die
ungefhr auf dasselbe hinaus liefen. Dessen ungeachtet konnte sie sich
nicht enthalten, das Schweigen zuerst durch einen Ausruf schmerzlichen
Staunens zu unterbrechen und einen mtterlich tiefbesorgten Blick auf
die Tochter zu werfen.

Mancher erwartet nun vielleicht, da der junge Waldfels mit der
Erklrung hervorgetreten sey, er gebe unter solchen Umstnden Frulein
von Holdingen das von ihr empfangene Wort zurck; er liebe sie zu sehr,
um sie an sein unsicheres Loos zu fesseln und dem Glcke, das sie
zu erwarten das Recht habe, sich in den Weg zu stellen. Ein solcher
Gedanke hatte sich Arthur in der ersten Niedergedrcktheit allerdings
auch dargeboten, war aber sogleich von ihm verworfen worden. Er kannte
Anna und wute, da er sie durch eine solche Erklrung nur krnken
wrde. Er gehrte ihr, wie sie ihm; sie hatte Ansprche auf eine Liebe,
die sich nicht in muthloser Entsagung, sondern in vertrauensvollem
Behaupten des gewonnenen Besitzes offenbaren mu. Wie sehr er Recht
hatte, zeigte sich jetzt. Nach dem Ausruf der Mutter wandte sich Anna
liebevoll zu ihm, ergriff seine Hand und sagte mit innigem Ernst:
Es ist ein Unglck, Arthur, das ich um deinet- und um unsertwillen
schmerzlich bedaure. Aber wir wollen auch das mit einander tragen.
Jetzt ist es gut fr uns, da wir so jung sind, wir knnen warten. Ich
traue dir alles zu und meine, es mte dir alles gelingen. Wenn andere,
die mit Nichts anfangen muten, in der Welt etwas erreicht haben, warum
solltest du's nicht? Und wenn ich nie deine Frau werden knnte, setzte
sie mit dem schnen Aufschwung jugendlicher Gemther hinzu, so wrde
ich doch stets die Deine seyn. Ich habe dir mein Wort gegeben, und ich
wiederhole es jetzt: entweder du oder keiner soll meine Hand erhalten!
-- Arthur hrte mit freudiger Bewegung diese schmeichelhaften Worte und
umarmte und kte die Geliebte, indem Thrnen in seinen Augen glnzten.
Im Unglck mu man seyn, rief er aus, wenn man edle Seelen kennen
lernen will! Wenn man auch wei, wie gut sie sind, so thut es doch
innig wohl, zu hren und zu sehen, was man wei. Vertraue mir nur,
Anna, dein Glaube soll dich nicht tuschen! Was ich auch unternehme,
es mu gesegnet werden um deinetwillen. Wir werden glcklich seyn,
verlasse dich darauf -- ja, glcklicher als wenn der Reichthum des
Grovaters ganz auf mich gekommen wre!

Die Baronin hatte whrend dieser Reden mit einem Ausdruck auf die
jungen Leute gesehen, wie er der Welterfahrung eigen ist, wenn sie
von liebenswrdigen Seelen Hoffnungen aussprechen hrt, gegen deren
Erfllung, wie sie leider wei, so viele Hemmnisse aufstehen knnen.
Ihr armen Kinder, schien sie sagen zu wollen, wie leicht versprecht
ihr das Hchste, und und wie schwer wird es euch werden, nur etwas von
dem zu halten, was ihr jetzt schon gethan zu haben glaubt! Aber ein
Hauch von der Begeisterung der Liebenden war in ihre Seele gedrungen.
Sie bekmpfte eine Regung weltlichen Sinnes, trat zu dem Paar und
sagte mit dem Ausdruck edler Selbstberwindung: In Gottes Namen denn!
Ich kann zwar euer jugendliches Vertrauen nicht ganz theilen und warne
euch, in dieser Welt das Gute so leicht und so rasch zu erwarten.
Aber eurer Treue soll von mir kein Hinderni kommen. Ich habe meine
Einwilligung zu eurer Verbindung gegeben und ich werde sie nicht
zurcknehmen. Mge es euch, setzte sie mit besorgter Liebe hinzu, so
wohl gehen als ihr's verdient!

Auf dem Heimweg nahte Arthur jene Vorstellung wieder, die ihn schon
einmal freundlich angemuthet hatte. In der Bewegtheit seines Geistes
formte er unwillkrlich einen Plan daraus, und ein Wunsch regte sich
in seinem Herzen, das Phantasiegebild verwirklicht zu sehen. Sollte
das, sagte er zu sich selbst, meine Bestimmung seyn? Sollte ich auf
diesem Weg finden, was ich suche? Er schttelte den Kopf. Er dachte
an den Brief, den er an den Grafen abgesandt hatte, an die mglichen
Aussichten, die sich ihm von dieser Seite her erffnen knnten. Er
wird mir irgend einen annehmbaren Vorschlag machen und ich werde ihnen
bald eine gute Nachricht bringen knnen, sagte er zu sich selbst.
Diese Vorstellung erheiterte ihn sichtlich und er kam vllig beruhigt
nach Hause.

Solche Gegengewichte ruhen in jugendlichen und schpferischen
Seelen gegen den Druck uerer Verhltnisse! So leicht stellt sich
der innerlich begabte Mensch wieder her, wo andere vernichtet und
trostlos am Boden hinschleichen! -- Aber ein anderes freilich ist es,
ber den Gedanken einer mhevollen Zukunft sich zu erheben, und ein
anderes, die wirklichen Schwierigkeiten, wenn sie nun anrcken, zu
bestehen und zu berwinden. Da wandelt sich der Muth gar oft wieder in
Niedergeschlagenheit, die Hoffnungslust in Unmuth und Pein.

Am folgenden Tag kam der Oberst von seinem Wohnort zurck, um sich fr
die Dauer der Vormundschaft im Schlosse einzurichten. Arthur beeilte
sich, ihm seine traurige Entdeckung mitzutheilen. Der Kriegsmann schien
davon nicht sonderlich bewegt zu seyn. Er nickte nur ernsthaft mit dem
Kopf und sagte: Das hab' ich mir gedacht!

Hugo von Waldfels hatte eine gewisse Aehnlichkeit mit seinem Bruder,
unterschied sich aber von diesem durch Energie und eine Anlage zur
Heftigkeit, die whrend seiner militrischen Laufbahn eine Art
methodischer Ausbildung erlangt hatte. Sein Aeueres hatte nicht die
behagliche Rundung Gnthers, erschien aber dafr um so strammer und
schlagfertiger. Auch er hatte sein Erbe groentheils durchgebracht. In
der ersten Zeit war ihm das Spiel verderblich geworden; spter hatte
ein Liebesverhltni mit der schnen Tochter armer Leute seine Kasse
erschpft. Der Sohn derselben machte Ansprche auf seine Untersttzung,
und der unverheirathete Cavalier, der ihn liebte, hatte schon ber
den Rest seines Vermgens zu seinen Gunsten verfgt. Wenige Jahre vor
dem Tode seines Bruders machte ein Sturz vom Pferde den damaligen
Oberstlieutenant dienstunfhig, und es erfolgte die Pensionirung. Seine
Mittel wurden dadurch fr seine Bedrfnisse ziemlich schmal, und er
mute nun auch allerlei Manver anwenden, um sich nichts abgehen zu
lassen. In die Forderungen der Welt schickte er sich ziemlich gut.
Obschon er von seiner Abkunft und seinem Stande nicht gering dachte,
so wute er doch dem groen Geldbesitz die zeitgemen Concessionen zu
machen, und wenn er in seiner Heftigkeit den Stab ber jemand brach,
so lie er sich doch auch wieder begtigen. Es war ein Mann, wie es
viele gibt, einer von denen, die bei Erfllung ihrer Pflichten auch
verschiedene schwache Seiten blicken lassen, und zum Theil solche, die
sie an andern sehr ernstlich tadeln knnen.

Bei der Mittheilung Arthurs war dieser Mann nicht nur darum so ruhig,
weil er sich das Verhltni hnlich vorgestellt, sondern weil er auch
schon ein Mittel zur Abhlfe gefunden hatte, das er fr durchaus
praktikabel hielt. Der Neffe, der davon nichts wissen konnte, rief mit
Verwunderung ber die scheinbare Theilnahmlosigkeit: Mein Unglck
scheint Sie nicht sehr zu betrben! Wissen Sie mir Rath? Knnen Sie mir
aus dieser Noth heraushelfen? -- Der Oberst erwiederte: Nach meiner
Ansicht ist die Sache leicht. Wenn die Gesammtsumme, die dein Vater
schuldig wurde, so gro ist, wie du sagst, so ist zu frchten, da bei
gerichtlichem Verkauf der Hinterlassenschaft der Erls sie nicht einmal
decken wird. Die mssen wir den Glubigern begreiflich machen und es
dahin zu bringen suchen, einen Vergleich mit ihnen abzuschlieen. Die
Bursche sollen sich mit fnfzig oder sechzig Procent begngen. Dann
bernimmst du das Gut und stellst deine Angelegenheiten wieder her.

An diese Mglichkeit hatte Arthur auch schon gedacht, aber durch
nhere Prfung der verschiedenen Forderungen war er davon ab- und
zu dem Entschlu gekommen, eine solche Procedur nicht vornehmen zu
lassen. Die einen der Glubiger waren nmlich versichert, die andern
hatten blo Handschriften des Barons aufzuweisen. Jene waren reich,
diese fast ohne Ausnahme nur mittelmig begtert. Nun war anzunehmen,
da eben die reichen sich an ihre Unterpfnder halten und allein die
unversicherten kleinen Leute zu einem Nachla zu bestimmen seyn
wrden. Die zu versuchen widerstrebte der Denkart des jungen Mannes,
whrend er zugleich erkannte, da die Auskunft im besten Fall doch nur
eine kmmerliche seyn wrde. Sein Geist hatte sich ohnehin nach einer
andern Seite gewendet und sich mit dem Gedanken, das Stammgut aufgeben
zu mssen, schon vertraut gemacht. Darum erwiederte er jetzt ruhig:
Das geht nicht, lieber Onkel!

Warum nicht, fragte der Oberst, der sich von der Sicherheit des
Neffen unangenehm berhrt fhlte. -- Arthur bemerkte zunchst: Weil
dabei Leute ihr Geld verlieren wrden, denen eine solche Einbue sehr
empfindlich fallen mte -- Das sind Skrupel eines jungen Menschen,
versetzte der Oberst ungeduldig. Es handelt sich darum, ob eine
alte Familie im Besitz ihres Erbgutes bleiben oder ob sie es Andern
preisgeben soll, die es zertrmmern, vernichten werden; es handelt sich
darum, ob diese Familie selbst mit Ehren fortbestehen oder untergehen
soll. Die ist nicht mglich, ohne da einige Philister verlieren, --
darum sollen sie verlieren! -- Arthur, durch diesen Ton seinerseits
verletzt und gereizt, entgegnete: Wenn eine Familie nur auf Kosten
Anderer bestehen kann, so thut sie besser unterzugehen.

Der Oberst sah ihn gro an. Ist das Ernst? sagte er endlich. Bis
jetzt hielt ich dich fr einen verstndigen Menschen -- htt' ich mich
getuscht? wrst du ein phantastischer Thor? -- Arthur versetzte:
Den Verstand, den Sie mir zutrauen, hab' ich vielleicht; aber er geht
allerdings nur Hand in Hand mit der Ehrlichkeit. Ich =will= nicht
verstndig seyn, wenn ich unehrlich seyn mte! Und in diesem Fall
halt' ich's noch dazu fr nicht verstndig, unehrlich zu seyn.

Das war dem Oberst zu viel. Eine dunkle Rthe berzog sein Gesicht
und er schien eine heftige Entgegnung auf der Zunge zu haben. Allein
er bezwang sich, um den jungen Menschen durch Grnde zu besiegen. Er
sagte: Unsere Voreltern, wie dir ohne Zweifel bekannt ist, waren
reich und hochangesehen. Sie haben in dieser Gegend seit Jahrhunderten
Gutes gethan, sie haben zu verschiedenen Zeiten wahre Opfer gebracht
fr das Volk. Nun wohl, diese Leute sollen auch einmal fr uns ein
Opfer bringen! -- Arthur schttelte den Kopf und entgegnete: Wenn
unsere Voreltern dem Volke Gutes gethan haben, so wrden wir uns nur
ausgeartet zeigen, wenn wir es beraubten. -- Das ist die Folgerung
eines hochmthigen Narren! platzte der Oberst heraus. -- Es ist die
Logik eines rechtschaffenen Mannes, erwiederte Arthur mit Festigkeit.
-- Der Oberst stampfte mit dem Fu und wendete sich in tiefem Unmuth
von dem Jngling ab. In einer Pause der Ueberlegung fhlte er jedoch
die Nothwendigkeit, seine Leidenschaft zu unterdrcken, und begann
mit erneuerter Geduld: Wenn du eine solche Art von Ehrlichkeit hast
-- gut! folg' ihr! Aber folg' ihr zu einer Zeit, wo sie dich nicht zu
Grunde richtet. Deine erste Pflicht ist, durch einen Vergleich mit den
Glubigern dich zu retten. Ist die geschehen, dann arbeite dich wieder
empor, und wenn du wohlhabend bist, dann ersetze ihnen ihre Verluste.
-- Arthur wiederholte sein Kopfschtteln und bemerkte: Ich wre nicht
im Stande, auf die bloe Mglichkeit hin, da ich begangenes Unrecht
wieder gut machen knnte, gegen meine Grundstze zu handeln. Aber
solchen Ersatz zu leisten, hab' ich nicht einmal Aussicht.

Er machte den Oheim nun auf den Umstand aufmerksam, da die
versicherten Glubiger ihrer Lebensstellung und ihrem Charakter nach
zu einer Einbue sich nicht verstehen wrden, da aber die Forderungen
der Handschriftenbesitzer wenig mehr als ein Drittel der Schuldenmasse
betrgen, er mithin auch im Fall eines Accords nur eine geringe
Erleichterung zu erwarten htte. -- Der Oberst war betroffen. Wie es
Menschen von despotischem Hange begegnen kann, so hatte er, was er
wnschte, sich auch als leicht ausfhrbar gedacht und angenommen, da
man die Glubiger berhaupt zu einem Nachla wrde bestimmen knnen.
Nun schmte er sich, da der junge Mensch die Verhltnisse richtiger
angesehen haben sollte, und empfand nur um so mehr Unmuth gegen ihn.
Er fhlte einen Drang, ihn seinerseits wieder zu treffen, und sagte
endlich: Vielleicht! -- vielleicht ist es so! -- Aber so geht's, wenn
man sich den Rettungsweg, der einem noch geboten war, selber verbaut!
Der Bankier Pranger, dem du das meiste schuldig bist, hat eine Tochter,
die jetzt achtzehn Jahre seyn mu. Es ist wahr, da sein Vater noch
Krmer dort im Stdtchen war und sich glcklich pries, aus seinem Laden
etwas in's Schlo liefern zu drfen. Aber der Sohn hat Glck gehabt,
er ist ein reicher Mann und geadelt. Dergleichen Leute wnschen nichts
mehr, als sich mit alten Familien zu verbinden, und es wre nicht das
erstemal, da der Abkmmling eines guten Hauses durch eine solche
Heirath seine zerrtteten Verhltnisse wieder herstellte.

Arthur hatte dieser Rede mit Verwunderung gehorcht und erwiederte
nun mit Ernst und Strenge: Wozu sagen Sie mir das? Wollen Sie doch
bedenken, da dergleichen Reden jetzt gar keinen Zweck mehr haben.
-- Nun, fuhr der Oberst heraus, wenn ich dein Vater gewesen wre,
so htte ich meine Einwilligung zu dem thrichten Verhltni, das
du angeknpft hast, nicht gegeben und du wrest frei -- -- Weiter
konnte er nicht reden. Arthur, mit gertheten Wangen und funkelnden
Augen, hatte sich vor ihn gestellt und rief: Kein Wort mehr davon,
Onkel! Ich =bitte= Sie! -- Die Betonung dieses bitte verrieth eine
Leidenschaft, die den Oberst verstummen machte. Er wandte sich von ihm
und ging dster im Zimmer auf und ab.

In der Stille, die nun eintrat, fand er Zeit zum Nachdenken. Er fhlte,
da er den Neffen doch ungebhrlich verletzt habe, und ein gewisses
Bedauern, das er darber empfand, gab ihm die Kraft, nochmals den Ton
der Gte anzustimmen. Er sagte: Wenn man sieht, da ein junger
Mensch im Begriff ist sich unglcklich zu machen, so drfen seine
Verwandten nicht ablassen, ihn darber aufzuklren, und wenn sie dabei
Dinge hren sollten, die sie zu hren nicht gewohnt sind. Ich folge
dieser Pflicht und frage dich: Was willst du fr die Zukunft beginnen?
Hast du schon einen Entschlu gefat? -- Arthur erwiederte der
Wahrheit gem: Noch nicht. -- Dieser Ungewiheit gegenber erschien
dem Oberst sein Vorschlag wieder als der verhltnimig beste, und mit
erneuter Sicherheit begann er: Du willst also dein Haus einreien,
bevor du wenigstens eine neue Htte gebaut? Du verwirfst die Ansicht
eines erfahrenen Mannes und weit nicht nur keine bessere, sondern gar
keine entgegenzusetzen? Du gehst also blind in dein Verderben? -- Der
junge Mann stand nachdenklich da und der Oberst, der ihn erschttert zu
haben glaubte, fuhr mit Gewicht fort: Arthur, du kennst mich dafr,
da ich kein Schwtzer bin. Ich mache dir jetzt einen Vorschlag;
wenn du ihn verwirfst, so werd' ich ihn nicht wiederholen. La mich
versuchen, dir Waldfels zu retten! Ich bin dein Vormund und kenne
meine Rechte, aber was ich thue, will ich mit deiner Beistimmung thun.
Entschliee dich und gib sie mir! Manches geht leichter, als man sich's
vorstellt. Vielleicht lt sich der geadelte Kaufmann zu gnstigen
Bedingungen berreden: solche Menschen sind irgendwo zu packen. --
Bedenke, setzte er mit Ernst hinzu, da du dir nicht allein gehrst,
sondern einem Geschlecht, da du Pflichten gegen einen Namen hast, der
zu den besten im Lande gehrt, und da dieser Name mit dir untergehen
wird. -- Arthur erwiederte nach kurzem Bedenken: Sie wollen mein
Bestes auf Ihre Weise und ich danke Ihnen fr den Eifer, den Sie
dabei an den Tag legen. Allein den Weg, den Sie mir vorschlagen, kann
ich nicht gehen. Ich erkenne meine Pflichten gegen meinen Namen an
und werde sie erfllen, -- aber nur so, wie mein Charakter und meine
Ueberzeugung es gestatten.

Der Oberst sthnte bei diesen Worten. Der Geduldfaden, den er so lang
erhalten hatte, mute endlich reien. Er empfand all den Zorn, den man
ber die Hartnckigkeit und die Blindheit eines Menschen empfindet,
dem man vergebens den besten und zweckmigsten Rath ertheilt hat, und
indem er sich mit grimmigem Gesicht vor Arthur hinstellte, rief er:
Gut, junger Herr! Jetzt hab' ich nur noch Eine Pflicht zu erfllen,
nmlich dir zu erklren, was dein Betragen fr Folgen nach sich ziehen
wird. Mir, dem erfahrenen Mann, kann nichts abgeschmackter vorkommen
als der Hochmuth, der meint, die Welt msse sich nach ihm und seinen
Bedrfnissen richten, nichts widerlicher als die Phantasterei, die
den Unverstand fr Tugend ausgibt. Ich halte deinen Leichtsinn fr
unverantwortlich und sage dir daher: wenn du dabei bleibst, so zieh'
ich meine Hand von dir ab, ich vergesse, da du mein Neffe bist, und
berlasse dich deinem Schicksal! -- Und ich, erwiederte Arthur,
erklre, da ich gleichwohl dabei beharren mu, da ich mich aber
immer als Ihren Neffen betrachten, fr Ihren guten Willen dankbar seyn
und diese Gesinnung im glcklichen Fall beweisen werde. -- Der Oberst
zuckte die Achseln, sah ihn mitleidig an und verlie das Zimmer.

In der ersten Aufregung, welche die Scene in ihm hervorgerufen, empfand
Arthur die Befriedigung eines Menschen, der sich sagen kann, mit
Festigkeit nach seiner Ueberzeugung gehandelt zu haben. Als er aber
mit khlerem Blut darber nachdachte, erschien es ihm doch peinlich,
mit seinem Oheim in ein gespanntes Verhltni gerathen zu seyn, dessen
Aufhren er nach seiner Meinung nicht erwarten konnte, ohne eine ihm
unmgliche Nachgiebigkeit zu beweisen. Wie es bei leidenschaftlichen
Errterungen zu gehen pflegt, hatte er keine Gelegenheit gefunden,
von den Aussichten zu reden, die ihm gar bald durch den Grafen
erffnet werden knnten. Da er aber diesen Herrn dringend gebeten
hatte, in Rcksicht auf die geschilderte Lage seinen gtigen Rath ihm
bald ertheilen zu wollen, so beschlo er jetzt, bis zum Einlauf des
Schreibens zu warten und den Oheim durch eine gute Nachricht, auf die
er hoffte, wo mglich wieder zu vershnen.

Mehrere Tage gingen hin. Das Benehmen des Obersten entsprach seiner
Erklrung. Er gengte seinen Pflichten als Vormund, ohne seines
Projektes noch einmal Erwhnung zu thun, und beobachtete gegen seinen
Neffen die Formen kalter Hflichkeit; aber er suchte die Momente
des Zusammenseyns mglichst abzukrzen und zog sich theils auf sein
Zimmer zurck, theils machte er Besuche in der Nachbarschaft. Arthur
entschdigte sich im Hause der Verlobten. Er verschwieg hier die Scene
mit dem Oheim, und da auch dieser fr gut fand, nichts zu sagen, so
blieb der junge Mann glcklicherweise mit einer neuen Errterung
verschont. Mutter und Tochter hatten mit ihm angenommen, da er auf
Waldfels verzichten und sein Glck anderweitig suchen msse. Darum
bildete nun das Schreiben, das Arthur an den Grafen abgesandt hatte,
und die zu erwartende Proposition den Hauptgegenstand der Unterhaltung
und mancher Vermuthung.

Die sehnlich erharrte Antwort erschien endlich. Der junge Waldfels
betrachtete Adresse und Siegel mit begreiflichem Herzklopfen, eilte auf
sein Zimmer und las in grter Spannung.

In verhltnimig ausfhrlichem Schreiben drckte der hochgestellte
Herr zunchst sein Leidwesen ber den frhzeitigen Hintritt des Vaters
aus, eines der vortrefflichsten Mnner, die er gekannt, und dessen
Andenken seinen Freunden stets theuer bleiben werde. Dann ging er auf
Arthurs Verlobung ber, an der er um so herzlicheren Antheil nehme,
als =er= vielleicht zuerst an dem edeln jungen Paar die Anzeichen
einer tieferen Neigung wahrgenommen und sich darber gefreut habe. Er
wnsche demselben alles Glck, das die Erde bieten knne, und bedaure
auf's innigste, da die Hinterlassenschaft des Vaters nicht von der
Art sey, um ihnen sogleich die hiezu nthige Unterlage zu gewhren.
Was die Anfrage des jungen Freundes betreffe, so wolle er hierauf
eine gewissenhafte Antwort ertheilen. Er fr seine Person wrde es
am liebsten gesehen haben, wenn er sich der diplomatischen Carrire
htte widmen knnen, denn dazu scheine er ihm ganz besonderes Talent
zu besitzen. Allein zu dieser Laufbahn sey ein nicht unbedeutendes
Vermgen die nothwendige Voraussetzung, und so knne in Ermanglung
eines solchen leider auch diemal wieder eine glnzende Begabung
nicht die ihr zukommende Bethtigung finden. Aehnliches gelte von
der militrischen Laufbahn. Knnte er dem Baron die baldige Erlangung
einer Lieutenantsstelle allenfalls auch garantiren, so verbte sich
fr ihn die Wahl dieses Standes doch wegen der Bedingungen, an welche
die Landesgesetze die Verheirathung eines Offiziers knpften. Alles
wohl erwogen, msse er seinem trefflichen Verwandten rathen, auf der
Universitt die Jurisprudenz zu absolviren und sich dem Staatsdienst zu
widmen. Zwar sey es seine Pflicht, ihn darauf aufmerksam zu machen, da
der Concurrenten jetzt gar viele seyen und da er eine Reihe von Jahren
werde Geduld haben mssen, bis er eine seinen Wnschen entsprechende
Stellung werde erlangen knnen. Allein als begabter junger Mann werde
er sich auch hier mit der Zeit hervorthun und ihm Veranlassung geben,
seine Schritte zu frdern. Er auf seinem Posten habe sich freilich
die strengste Gerechtigkeit und Unparteilichkeit zum Gesetz gemacht;
allein es freue ihn auerordentlich, wenn er einem edelgesinnten
jungen Mann mit gutem Recht freundschaftlich unter die Arme greifen
knne. Im Uebrigen rathe er, nur guten Muthes zu seyn. In der Welt sey
manches mglich und es knne von irgend einer Seite her eine unerwartet
gnstige Wendung seines Geschicks eintreten. Sollte aber die Erfllung
seiner hchsten Lebenswnsche dennoch erst spt eintreten, so werde sie
ihn nur um so inniger beglcken, und er werde das erhebende Gefhl
eines mit Ausdauer errungenen und in jeder Hinsicht verdienten Looses
haben. Indem er daher u. s. w. u. s. w.

Als Arthur diesen Brief gelesen hatte, senkte er das Haupt in tiefer
Niedergeschlagenheit. Er hatte von dem Mann, der ihm so viel Theilnahme
bewiesen und dessen Macht anerkannt war, irgend einen Vorschlag
erwartet, der ihn auf ungewhnlichem Weg rasch zum ersehnten Ziel
fhren knnte. Nun sah er sich den gewhnlichsten Rath gegeben! Er sah
sich mit Redensarten beschenkt, die ihm von purer Gleichgltigkeit
dictirt und nur den Wunsch auszudrcken schienen: belstige mich nicht
weiter!

Htte er den Grafen nher gekannt, so wrde er weniger gehofft haben,
durch das Ergebni seiner Anfrage aber auch weniger erschttert worden
seyn. Der vielvermgende Herr besa eine ausgebreitete Verwandtschaft
und hatte eben gegenwrtig mehrere Vettern zu versorgen, die ihn nher
angingen als Arthur. Auch Andere hatten ihm Geflligkeiten und Ehren
erwiesen und konnten nun mit Ansprchen hervortreten. Darunter waren
Mnner, die ntzlich oder schdlich werden konnten, und diese mute
er vor allen bercksichtigen. Als kluger Mann hatte er von jeher
die Nothwendigkeit begriffen, fr brauchbare Persnlichkeiten ber
Belohnungs- und Anfeuerungsmittel verfgen zu knnen, und es sich daher
zur Regel gemacht, sich niemals ohne Noth durch eine schriftliche
Zusage zu binden. Da er sich nun auf seinem hohen Standpunkt ohnehin
von Supplicirenden umdrngt sah, denen er allen helfen sollte --
konnte er dem jungen Waldfels unter den gegenwrtigen Verhltnissen
mehr zuwenden, als ein miges Theilchen von Sympathie? Durch sein
ausfhrliches theilnehmendes Schreiben glaubte er sogar ein Uebriges
gethan und durch das ernstlich gemeinte Versprechen einer spteren
gelegentlichen Untersttzung seine wohlwollende Gesinnung vollkommen
bewiesen zu haben.

Arthur konnte sich in die Seele des Staatsmanns nicht hineindenken;
er beschuldigte ihn daher unfreundlicher Klte und sah in ihm nur
einen herzlosen Weltmenschen, von welchem fr ihn gar nichts mehr
zu erwarten sey. Es ist so schwer, gerecht zu seyn, wenn man eine
unerwnschte Antwort erhalten hat! Die vorgeschlagene Laufbahn, die
fr den Jngling an sich nichts Reizendes hatte, erschien ihm jetzt
geradezu widerwrtig; sein Herz wandte sich gnzlich davon ab. Allein
welche andere bot sich ihm dafr? Was sollte er dem Oberst sagen, den
er durch eine gute Nachricht zu gewinnen und zu beschmen gehofft?
Die Reihe sich zu schmen war nun an ihm. Und was sollte er Frau von
Holdingen sagen, die von dem einflureichen Mann eben so wie er eine
trostreiche Auskunft erwartet hatte? -- Bei diesem Gedanken ergriff
ihn eine marternde Empfindung, und schmerzlicher als je fhlte er die
Stiche der Verzweiflung im Herzen.

In der Gedankenbewegung, der er sich willenlos hingab, erschien Arthur
endlich jenes Traumbild, das in der letzten Zeit vor den Geschften des
Tags zurckgewichen war, auf's neue. Sein nach Rettung verlangendes
Herz fhlte sich zu ihm hingedrngt; das, was ihm zuerst nur spielender
Gedanke gewesen, erschien ihm nun als eine Eingebung, und siegreich
trat in ihm der Glaube hervor, da er zu der Thtigkeit, wie sie ihm
hiemit sich ffnen wrde, berufen sey, da er in ihr sein Glck finden
und sein Geschick wieder herstellen werde. Die Stunde der Entscheidung
war fr ihn gekommen. Nachdem er die Vorstellung noch eine zeitlang
betrachtet hatte, erhob er sich entschlossen und rief aus: Ja,
diesem Zuge will ich folgen! Verlassen von Andern will ich mir selbst
vertrauen und khn der Gttin mich weihen, die heutzutage allein noch
Wunder zu thun vermag. Ich fhle mich dazu begabt, die Aussicht reizt
und lockt mich, und diemal, das wei ich, wird mein Vertrauen mich
nicht tuschen. -- Aergert euch dann, ihr Herrn, setzte er mit stolzer
Geringschtzung hinzu, mit euch bin ich fertig! --

Der Entschlu, den Arthur in aufgeregtem Zustande gefat, hielt
die Probe nchterner Untersuchung aus. Den andern Tag, nachdem er
alle Verhltnisse wohl erwogen hatte, erneuerte er ihn und gelobte
sich, nicht wieder von ihm abzugehen. Sein Vorhaben war aber von der
Art, da es ihm geboten schien, niemand, auch nicht der Geliebten,
ein Gestndni davon zu machen. Er nahm sich vor, es fr Alle ein
undurchdringliches Geheimni seyn zu lassen und bei Anna und Frau von
Holdingen an das Vertrauen zu appelliren, das redliche Herzen einem
Ehrenmann schenken mssen. Eine tiefe Ruhe nahm in seiner Seele Platz.
Es war die Ruhe des Bewutseyns, einem hheren Rufe zu naturgemer
Bestimmung zu folgen.

Die Frage war jetzt nur, wie er den Frauen die Antwort des Grafen
mittheilen sollte, ohne ihre Herzen zu erschrecken und zu betrben. Aus
dieser Verlegenheit ri ihn ein Mann, der seinen Wnschen berhaupt
wie ein Bote des Schicksals entgegenkam -- ein Unterhndler seines
Hauptglubigers. Arthur erkannte aus den Reden desselben gar bald, da
es den reichen Landsmann ber die Maen gelstete, Eigenthmer von
Waldfels zu werden. Er fand nach dem, was er von ihm gehrt, diese
Neigung begreiflich und knpfte an sie seine Hoffnungen an.

Daniel Pranger, oder wie er seit vier Jahren hie, Daniel von Pranger
war der Sohn eines kleinen Materialwaarenhndlers in dem zwei Stunden
von Waldfels entfernten Stdtchen. Schon der Vater, der seine
Kunden mit Eifer bedient, hatte sich nach und nach ein nicht ganz
unbedeutendes Vermgen gesammelt. Daniel, der die Kaufmannschaft
in der altberhmten Handelsstadt erlernt, aus der die Baronin von
Waldfels stammte, bertraf ihn als selbststndiger Mann an Glck und
Unternehmungsgeist. Er wagte viel, und wo er wagte, gewann er. Endlich
setzte er seinen Spekulationen die Krone auf, indem er die Wittwe
eines Bankiers heirathete und damit eine gar viel bessere Partie
machte, als der verstorbene Baron, der kurz zuvor Arthurs Mutter
heimgefhrt hatte. Wenn den Glcklichen sein gesicherter Reichthum mit
Stolz erfllte, so war es ihm doch das seste Gefhl, von dem Glanz
desselben umstrahlt in der Vaterstadt aufzutreten und die Ausrufungen
des Staunens und die respektvollen Schmeicheleien zu vernehmen, womit
ihn seine Jugendfreunde beehrten. Er wiederholte diese Besuche mit
Familie in gemessenen Zeitrumen und unterlie nicht, vor seinem Abgang
Verwandten und Bekannten jedesmal ein Diner zu geben, das wochenlang
den Hauptgegenstand der Unterhaltung im Stdtchen bildete. Bei einem
dieser Besuche mute er hren, da die Festlichkeiten, die in Waldfels
veranstaltet wurden, in Aller Munde waren. Die Honoratioren rhmten
die Pracht derselben und noch mehr die noble Feinheit, mit welcher
der Baron seine Gste zu unterhalten wisse; die Frauen lieen fr
den damals noch in den besten Jahren stehenden Herrn eine groe
Eingenommenheit blicken. Alles das erfllte den reichen Mann mit einem
Gefhl, das wir nicht mit Unrecht als Neid bezeichnen knnen. Der Baron
ehrte ihn gelegentlich durch eine Einladung, was ihn freute; aber er
behandelte ihn dabei mit einer Hflichkeit, die ihm nicht eifrig genug
vorkam, und zeichnete ihn nicht vor andern aus, wie er es erwartet
hatte; er fhlte sich gedrckt und kam unbefriedigt und verdrielich
nach Hause. -- Ein glcklicher und stolzer Moment war es daher fr
ihn, als Herr von Waldfels ein Jahr spter in seinem Hause erschien,
um ein bedeutendes Anlehen bei ihm zu machen. Er bot ihm mehr, als
der Baron verlangt hatte, bedang sich hinreichende Sicherheit und
fhlte sich gro in dem Bewutseyn, der finanzielle Protector eines
Mannes zu seyn, den er in seiner Jugend so hoch ber sich erblickt
hatte und dem er auch in der Flle seines Reichthums den Rang nicht
abzulaufen vermochte. Schon zu dieser Zeit dachte er daran, da ihm bei
der Lebensweise des Barons wohl einmal seine Besitzung in die Hnde
fallen knnte. Er hatte seitdem ein lauerndes Auge auf den Gang seiner
Angelegenheiten und es war ihm angenehm, sich wegen nicht bezahlter
Zinsen in einer Weise mit ihm zu vergleichen, da die bisherige Schuld
um ein Ziemliches grer wurde. Als er das Ableben des Barons erfuhr,
trat der Wunsch, das Edelmannsgut zu besitzen, auf's lebhafteste in
ihm hervor. Er fate den Entschlu, alle Segel aufzuspannen, um sich
einen so glnzenden Ruhesitz zu verschaffen und zu dem Ruhm eines
reichen Mannes noch den eines Herrn von Waldfels zu fgen. Den Erben
durch Kndigung des Capitals in die Enge zu treiben, schien ihm aus
Grnden der Ehre und Klugheit nicht rthlich; er drngte ihn daher in
keiner Weise und wartete mit Ruhe seine Zeit ab. Als die Epoche der
Mndigkeit Arthurs herannahte, hielt er es fr das Zweckmigste, bei
dem unerfahrenen, in Verlegenheit befindlichen Jngling durch einen
geschickten Unterhndler das Geschft beginnen zu lassen.

Dieser, ein jdischer Handelsmann aus der Nachbarschaft, erwhnte
natrlich nichts davon, da er von dem Bankier zu seiner Anfrage
beauftragt sey. Er habe sich gedacht, da es dem Herrn Baron unter den
gegenwrtigen Umstnden erwnscht seyn knnte, die schne Besitzung
gut zu verkaufen, und die Verehrung, die er gehegt fr den seligen
Herrn Vater, mit dem er so manches Geschft gemacht, und das Interesse
fr das Wohlergehen des jungen Herrn Baron habe ihn bewogen, sich
nach einem Mann umzusehen, wie man ihn brauche. Er habe einen solchen
gefunden, einen Mann, reich und reell, der im Stande sey, die
Besitzung gut zu bezahlen, und den man dazu bringen knnte, sie zu
kaufen -- den Herrn von Pranger. Wenn der Herr Baron geneigt seyen,
sie zu veruern, so biete er ihm seine Dienste an, und so wahr er das
Leben habe, der Herr Baron solle ein Geschft machen, das er nicht
bereuen werde.

Arthur konnte sich nicht erwehren, mit Heiterkeit auf den Mann zu
sehen, der die Alles mit einer Lebhaftigkeit und Wrme vortrug, als
ob jede Sylbe aus seinem Herzen kme. Er richtete mehrere Fragen an
ihn, die sich auf Herrn von Pranger bezogen, und so vorsichtig der
Jude antwortete, so gewann Arthur doch die klarste Anschauung von dem
wirklichen Stand der Dinge. Sehr angenehm berhrt davon, gab er die
Erklrung: er sey nicht abgeneigt, das Gut zu verkaufen, sofern es
nmlich preiswrdig bezahlt wrde; vorher msse er sich aber mit den
Seinen berathen. -- Natrlich, erwiederte der Jude, bei einer Sache
von solcher Wichtigkeit! -- Aber, setzte er fein hinzu, der Herr
Oberst haben vielleicht eine zu militrische Ansicht von der Sache und
muthen Ihnen zu, eine Last zu tragen, die zu schwer fr Sie werden
knnte. Ein junger Herr, wie Sie, kann Anspruch machen auf alle Ehren
in der Welt. Warum sollten Sie sich mit einer Besitzung plagen, die
sich unter den jetzigen Verhltnissen -- verzeihen Sie, da ich das
sage! -- fr einen Herrn von Stande doch schwerlich mehr rentiren
kann. Indessen der Herr Baron sind klug, das ist allgemein bekannt, und
wissen selbst, was fr Sie am vortheilhaftesten ist. -- Arthur lie
das gut seyn. Man bestimmte die Zeit der nchsten Zusammenkunft und
trennte sich.


                                 IV.

In der Stimmung, welche die Unterredung mit dem jdischen Unterhndler
im jungen Waldfels angeregt, glaubte er seinen Oheim aufsuchen zu
mssen. Er fand ihn in seinem Zimmer, bat ihn nach bescheidenem Gru
herzlich, den Auftritt von letzthin vergessen und ihm wegen eines
Anerbietens, das ihm gemacht sey, den Rath der Erfahrung ertheilen zu
wollen. Der Oberst, durch dieses Entgegenkommen einigermaen begtigt,
brummte etwas von Pflicht und erklrte sich dazu bereit. Als Arthur
in seinem Bericht Herrn von Pranger als Kufer nannte, machte der
Kriegsmann ein erzrntes Gesicht. Dieser Sohn eines Ksekrmers, rief
er aus, will Waldfels haben? Das ist ja schamlos! -- Arthur stellte
dem Oheim vor, da er eben bei Herrn von Pranger Aussicht habe, das
Gut vortheilhaft zu verkaufen. Und was den Umstand betrifft, fuhr er
lchelnd fort, da der Sohn eines Krmers in den Besitz von Waldfels
kommen wrde, so erlaube ich mir, Sie daran zu erinnern, da Sie selber
einen Vorschlag gemacht haben, nach dem er der Schwiegervater und nach
Umstnden der Grovater eines Herrn von Waldfels werden sollte. -- Der
Oberst schnitt eine Grimasse des Verdrusses und versetzte: Ja, das
hab' ich gesagt! -- Hol's der Henker! Das Geld ist heutzutag Alles!
-- Er ging unmuthig im Zimmer auf und ab und stie abwechselnd Flche
und Seufzer aus. Endlich stellte er sich vor den Neffen hin und sagte
mit einem grimmigen Humor: Nun, wenn der Kerl durchaus unser Stammgut
haben will und du nicht davon zurckzubringen bist, es abzugeben, so
la dir's wenigstens so gut als mglich bezahlen! -- Arthur, erfreut
ber die Willfhrigkeit, die sich hierin kund gab, versetzte: Dafr,
lieber Oheim, lassen Sie mich sorgen. =Bezahlen= soll er es!

In dem erleichterten Gefhl, das wir immer haben, wenn wir jemanden
tractabler finden, als wir zu hoffen gewagt, begab sich Arthur zu Frau
von Holdingen. Er sprach hier aus Grnden zuerst von der Absicht des
Bankiers. Die Baronin konnte ebenfalls ihre Betrbni nicht verbergen,
da ein Gut, welches die Familie Waldfels Jahrhunderte hindurch
besessen hatte, in die Hnde eines solchen Mannes kommen solle. Sie
mute inde gestehen, da man es am Ende noch fr ein Glck halten
msse, wenn Arthur dadurch in den Besitz einer Summe Geldes gelange,
die er zu seinem Fortkommen gar sehr wrde brauchen knnen. Um so
mehr, fiel Arthur ein, als unser edler Verwandter, der Herr Graf,
die Hoffnungen, die wir auf ihn gesetzt haben, vor der Hand nicht
erfllen zu wollen scheint. Er berreichte der Baronin das Schreiben,
das sie begierig las. Als sie es geendet, zuckte sie die Achseln und
sagte: Ich habe ihn immer fr einen Menschen gehalten, der nur an sich
denkt. Sie schwieg bekmmert und Arthur wandte sich zu Anna, die ihn
schon vorher mit einem Blick angesehen hatte, der zu sagen schien: In
Gottes Namen, das macht es nicht aus! Nun lenkte sie das Gesprch auf
einen andern Gegenstand und zog auch die Mutter in dasselbe, so da
sich nach einiger Zeit alle drei wieder in gefater Stimmung befanden.
Arthur sagte beim Abschied zur Baronin: Wir wollen uns jetzt an das
Nchste halten und einen vortheilhaften Verkauf zu bewerkstelligen
suchen. Ich hoffe Ihnen bald gute Nachrichten geben zu knnen.

Die Verhandlungen zwischen dem jungen Waldfels und Herrn von Pranger
begannen. Jener, durch seinen Oheim untersttzt, benahm sich dabei so
klug, da die Begierde des Bankiers, die freiherrliche Besitzung in
seine Hnde zu bekommen, immer mehr gestachelt wurde. Es kam Arthur zu
gute, da die brigen Glubiger in seine Redlichkeit volles Vertrauen
setzten und in das Geschft keine Strung brachten. Ntzlich wurde
es ihm, da der Oberst auf seine Faust das Gercht unter die Leute
gehen lie, er sey im Stande einem Gewissen einen schlimmen Streich zu
spielen, indem er das Geld zu seiner Bezahlung herbeischaffe. Endlich
-- und das war die Hauptsache -- hatte Arthur noch das Glck, den
jdischen Unterhndler, Herrn Samuel Rosenheimer, auf seine Seite zu
bekommen.

Wie wir unsern jungen Freund kennen gelernt, war er von Herzen
freundlich gegen jedermann. An Samuel Rosenheimer ergtzte ihn das
mit der Sicherheit eines Knstlers durchgefhrte Spiel, welches
er durchschaute; er verkehrte gern mit ihm und erwies ihm dabei
mit Vergngen die Hflichkeiten, auf die ein so geschickter Mann
Anspruch machen konnte. Herr von Pranger dagegen kehrte gegen seinen
Unterhndler bald die unangenehme Seite des Auftraggebers hervor. Er
ward rgerlich, da die Sache nicht von der Stelle rcken wollte;
einmal in bler Laune, setzte er sich hin und schrieb einen Brief,
in welchem er Herrn Rosenheimer krnkende Vorwrfe machte und ihm
erklrte, da er sich in die Nothwendigkeit versetzt sehen knnte,
einen andern Unterhndler zu whlen. Nun kann der Israelit in der Regel
gar vieles vertragen, wenn es seyn mu; gewisse Beleidigungen verletzen
ihn aber um so tiefer und eine stille Wuth bleibt um so lnger in
seinem Gemthe. Als Samuel Rosenheimer diesen Brief gelesen hatte,
verzog er seinen Mund verchtlich und sagte fr sich: Der Herr Baron
von Waldfels, der Abkmmling einer so alten und so angesehenen Familie,
ist hflich gegen mich, und dieser Mensch, dessen Grovater im Spittel
gestorben ist, belohnt meine Mhe mit Undank und Geringschtzung! --
Nu, wir wollen sehen!

Am andern Tag kam er zu Arthur und konnte oder wollte eine gewisse
Aufregung nicht verbergen. Er fate den jungen Mann bei der Hand und
sagte: Herr Baron, erlauben Sie, da ich heute ernsthaft mit Ihnen
rede. Ich mein's gut mit Ihnen -- glauben Sie mir! Sie sind ein braver
und liebenswrdiger Herr und unverdient -- das wei der liebe Gott! --
in eine schlimme Lage gekommen. Der Herr Vater -- Gott hab' ihn selig!
-- er war auch ein braver Herr; aber er trieb's ein bischen zu hoch, er
war auch zu gut -- und wie's so geht wenn man einmal anfngt Schulden
zu machen, ist's oft nicht mehr mglich aufzuhren. Und nun steht's
so -- unter uns, Herr Baron, knnen wir das schon sagen -- da Sie
mglicherweise um Ihr ganzes Vermgen kommen knnen. Das thut mir weh,
ich versichere Sie, weh thut's mir! Ich wei ja auch, warum Sie jetzt
wnschen mten, das ganze groe Vermgen zu haben, das an Ihren Herrn
Vater gekommen ist. So wahr ich hier stehe, 's freut mich allemal,
wenn ich Sie sehe mit Frulein von Holdingen -- zwanzig Meilen in der
Runde gibt es kein so liebes und so schnes Paar! -- Herr Baron --
nichts fr ungut! -- ich hab' auch ein Herz!

Dem Juden waren bei diesen Worten die Augen feucht geworden und Arthur
wute nicht, was er von ihm halten sollte. Seine Gedanken errathend
fuhr jener fort: Sie wnschen zu erfahren, was ich eigentlich will,
das will ich Ihnen sagen. -- Ihnen, Herr Baron, mu geholfen werden!
-- und ich, Samuel Rosenheimer, der ich hier vor Ihnen stehe -- ich
will Ihnen helfen! -- Arthur sah ihn verwundert an. Es kam ihm vor,
als ob er diemal kein Spiel vor sich she, und er sagte freundlich:
Wie wollen Sie das machen, lieber Herr Rosenheimer? -- Fragen Sie
mich nicht, erwiederte jener, ich werd's machen! -- Wissen Sie was?
Ich kehre auf eine Stunde in's Wirthshaus zurck. Gehen Sie unterde
zum Herrn Onkel, berathen Sie sich mit ihm und schreiben Sie die
Bedingungen, unter denen Sie das Gut ablassen wollen, auf einen Bogen
Papier; weiter nichts. -- Herr Baron, ich empfehle mich Ihnen.

Nach einer Stunde kam der Jude wieder. Arthur bergab ihm lchelnd
das gewnschte Papier. Rosenheimer las es und sagte bedenklich: Sie
fordern viel, Herr Baron. -- Nicht mehr, erwiederte Arthur, als
die Besitzung fr einen Liebhaber werth ist. Ich selbst wrde sie um
diesen Preis nicht abgeben, wenn ich nicht dazu gezwungen wre. -- Der
Jude versetzte: Nu, wir wollen sehen! -- Fr jetzt mu ich Sie aber
bitten, in dieser Sache nichts weiter zu thun und mit niemand darber
zu reden. Vertrauen Sie dem Samuel Rosenheimer und warten Sie, bis er
wieder kommt.

Zwei Tage nachher gelangte an Herrn von Pranger durch einen
Geschftsfreund die Nachricht, der Frst von N. habe geuert, er wolle
das Gut Waldfels kaufen. Einige Stunden nachher trat Rosenheimer mit
geheimnivoller Miene in's Comptoir. Der Bankier nahm ihn sogleich mit
in sein Zimmer und fragte ihn hastig: Ist's wahr, da der Frst von N.
die Absicht hat, Waldfels an sich zu bringen? -- Haben Sie auch schon
davon gehrt? versetzte der Jude ruhig. Ich kann Ihnen nur sagen,
was mir mein Schwager aus der Residenz des Frsten geschrieben hat:
da dieser Herr beabsichtigt, schon in den nchsten Tagen einen seiner
Beamten nach Waldfels zu schicken. -- Dem Bankier stieg das Blut in's
Gesicht und er rief unwillig aus: Das wre ja schndlich, wenn mir ein
Gut, auf das ich schon Jahre lang spekulire, vor der Nase weggeschnappt
wrde? -- Knnen Sie sich wundern, versetzte Rosenheimer, da eine
so schne Besitzung noch mehr Liebhaber findet? Uebrigens drfen Sie
sich gratuliren: noch wei der junge Herr nichts von dieser Absicht des
reichen Frsten, noch steht Ihnen Waldfels zu Gebot. Aber wie? Bezahlen
mssen Sie's! Der junge Baron ist zh, grausam zh; er kennt den Werth
seines Gutes genau -- nu, was red' ich viel? Hier sind die Bedingungen!

Er hatte unterdessen die Brieftasche gezogen und bergab ihm das
Papier. Der Bankier las rasch und rief unmuthig aus: Wie, das ist
-- -- Das Ultimatum von dem Herrn Baron, fiel Rosenheimer ein. --
Ist der junge Mann klug? versetzte Herr von Pranger; diese Summe!
-- Die Summe ist schn, bemerkte Rosenheimer, aber Waldfels ist
noch schner. -- Und die Bedingungen? fuhr der Bankier fort. Sechs
Jahre das Gut nicht verkaufen, an den Gebuden keine wesentlichen
Aenderungen vornehmen zu drfen! Was soll das? -- Herr von Pranger,
erwiederte Rosenheimer, Sie wissen, solche Herren hngen mit einer
ganz sonderbaren Zrtlichkeit an dem Stammsitz ihrer Familie. Es thut
dem armen jungen Mann weh, da er Waldfels nicht behaupten kann. Da
es aber nicht mglich ist, so will er wenigstens dafr sorgen, da es
noch einige Jahre so besteht, wie er es gefunden hat. Eine Grille,
wenn Sie wollen! Aber was kmmert das Sie? Wenn Sie Waldfels einmal
haben, geben Sie's doch nicht wieder her, und Vernderungen an den
Gebulichkeiten wren nicht nthig, wenn ein Frst -- was sag' ich? --
wenn ein Knig es beziehen wollte.

Der Bankier zuckte die Achseln und ging im Zimmer auf und ab. Der Jude
las in seinem Gesicht, da ihm der Gedanke, Waldfels an einen Andern
kommen zu lassen, unertrglich fiel; er nherte sich ihm und sagte:
Herr von Pranger, Sie sind ein reicher Mann, -- keine Widerrede!
-- Sie sind ein reicher Mann! Was macht es Ihnen, wenn Sie ein paar
tausend Gulden weniger haben? Wenn Sie's nicht wissen, spren Sie's
nicht, aber dem jungen Mann thun sie gut. Und wenn es wird bekannt
werden, was Sie gegeben haben, so wird man sagen: der Bankier von
Pranger ist ein gromthiger Charakter; -- er hat dem jungen Mann in
seiner Verlegenheit das Gut nicht abgedrckt -- er hat gehandelt als
ein wahrer Edelmann -- er verdient den Edelmannssitz zu haben. -- Das
hie seinen Mann bei der schwchsten Seite fassen. Herr von Pranger
wurde um vieles freundlicher und vermochte seinen Worten kaum den
Schein eines Vorwurfs zu geben, als er sagte: Was sind Sie fr ein
Unterhndler! Sie nehmen die Partie des Barons! -- Ich nehme nicht
die Partie des Barons, entgegnete Rosenheimer. Ich habe gethan, was
ich konnte. Kann ich dafr, da der junge Baron so hartnckig, und da
der Frst auf den Einfall gekommen ist, das Gut zu kaufen? Die letzten
Worte gaben dem Bankier wieder einen Stich in's Herz. Nun, wollen
Sie? fragte Rosenheimer und sah ihn scharf an. Der Andere schwieg,
aber der Jude sah, woran er war. Herr von Pranger, sagte er, seinen
Hut ergreifend, ich habe meine Schuldigkeit gethan und will Sie nicht
weiter belstigen. Aber um eins bitt' ich Sie: wenn das Gut in drei
oder vier Tagen gekauft ist, machen Sie mir keine Vorwrfe.

Er ging gegen die Thre. Warten Sie, rief Herr von Pranger. -- Haben
Sie sich entschlossen? entgegnete der Jude. -- Ja, versetzte der
Bankier mit heroischer Anstrengung, in's Teufels Namen! Melden Sie dem
jungen Mann, da ich morgen nach * * kommen werde, um den Kauf mit ihm
abzuschlieen. -- Wollen Sie mir nicht eine schriftliche Einladung an
den Baron mitgeben? Es macht einen besseren Effekt. Herr von Pranger
schrieb ein Billet, siegelte und gab es Rosenheimer, indem er sagte:
So eilen Sie! -- Ich werde eilen, sagte der Jude und empfahl sich.

Als er das Haus verlassen hatte, zuckte er die Achseln und sagte
mit der Miene tiefer Geringschtzung: Wie dieser Mensch zu seinem
Reichthum gekommen ist, mcht' ich wissen! Ist das ein Geschftsmann?
Gott soll helfen! -- Samuel Rosenheimer bedachte in diesem Augenblick
nicht, da eine bermige Begierde nach einem zu erlangenden
Gegenstand auch verstndige Mnner zuweilen toll und blind machen kann.

Den andern Tag feierte man zu Waldfels ein bescheidenes Fest. Es war
der 31. Mrz, der Tag, an welchem Arthur vor einundzwanzig Jahren das
Licht der Welt erblickt hatte und der ihn heute mndig machte. Er, der
Oberst, Frau von Holdingen und Anna hatten gemeinschaftlich gespeist
und saen eben beim Kaffee, als der alte Diener hereintrat und zu
Arthur sagte: Herr Samuel Rosenheimer bittet um einige Augenblicke,
er habe Ihnen etwas Interessantes und Angenehmes zu melden. -- Ah,
rief Arthur, er soll hier hereinkommen. -- Herr Rosenheimer trat ein,
begrte die Gesellschaft und stellte sich mit glnzenden Augen vor
Arthur. Herr Baron, sagte er, das Billet des Bankiers emporhaltend,
was hab' ich hier? was meinen Sie? -- Arthur erwiederte lchelnd:
Wie kann ich das wissen? -- Haben Sie die Gte zu lesen, sagte
Rosenheimer, bergab ihm das Schreiben und erklrte den andern: Es ist
eine Einladung vom Bankier Pranger nach * *, wo morgen auf die von dem
Herrn Baron gestellten Bedingungen hin das Geschft wegen Waldfels vor
sich gehen soll. -- Ist es wahr? fragte der Oberst den Neffen, der
das Billet gelesen hatte. Arthur bergab es ihm, der Oberst las und
rief in der ersten Ueberraschung: Was doch so ein -- er wollte sagen:
verdammter Jude nicht alles durchsetzen kann! Aber er besann sich,
nahm einen Armstuhl, rckte ihn zurecht und sagte freundlich: Herr
Rosenheimer, setzen Sie sich! Dieser hatte inde noch keine Ohren fr
ihn und dankte nur leichthin. Er sah den jungen Waldfels an und sagte:
Nun, Herr Baron, verdien' ich Lob? Hab' ich mein Wort gehalten? Wie?
Arthur reichte ihm die Hand und erwiederte mit Herzlichkeit: Ich bin
Ihnen sehr verpflichtet, Sie haben sich um mich und uns alle verdient
gemacht. Nehmen Sie meinen besten Dank und rechnen Sie auf meine ganze
Erkenntlichkeit. -- O ich bitte! rief Rosenheimer und setzte sich.
-- Nachdem Arthur den Damen die Kaufbedingungen mitgetheilt, welche der
Jude dem Bankier annehmlich zu machen gewut hatte, bemerkte Frau von
Holdingen mit graziser Kopfbewegung: Dieser Erfolg macht Ihnen in
der That alle Ehre, Herr Rosenheimer. Trinken Sie mit uns eine Tasse
Kaffee? -- Das Gesicht des Unterhndlers zerschmolz in das seste
Lcheln. Gndige Frau Baronin, rief er, diese Ehre! Sie beschmen
mich wahrhaftig! Unterdessen hatte die Dame eine Tasse eingeschenkt
und prsentirte sie ihm; Herr Rosenheimer nahm sie mit Wrde und trank.

Das menschliche Herz ist seltsamer Regungen fhig. Obwohl der Gedanke,
das alte Familiengut einem Andern berlassen zu mssen, fr Arthur und
die Seinen schmerzlich war, so freuten sich jetzt doch alle sehr, es so
vortheilhaft angebracht zu sehen. Arthur erblickte in diesem Ausgang
der Unterhandlungen ein gnstiges Vorzeichen, einen Anfang des Glcks,
das sich jetzt auch wieder einfinden msse. Als er die gegen Anna
bemerkte, sah ihm das schne Mdchen mit dem liebevollsten Vertrauen
in's Gesicht. Rosenheimer weidete sich an dem Anblick des Paares und
seine Augen fllten sich mit Wasser bei dem Gedanken, da er es sey,
der dieses schne Vergngen gestiftet.

Whrend die andern einen Spaziergang in den Park machten, fragte Arthur
den Juden, wie er zu dem glcklichen Resultat gekommen sey. Rosenheimer
hatte den Takt, die kleine Kriegslist, die angebliche Absicht des
Frsten von N. betreffend, zu verschweigen und nur im Allgemeinen zu
bekennen, da er Herrn von Pranger bei zwei schwachen Seiten, bei der
Furcht, das Gut durch einen Andern gekauft zu sehen, und bei der =Ehre=
angefat habe. Nachdem er dem jungen Waldfels nochmal eingeschrft, zur
bestimmten Stunde sich an dem bezeichneten Ort einzufinden, empfahl
er sich. -- Auf dem Heimwege empfand dieser Mann eine so vollkommene
Genugthuung, wie nie vorher. Er hatte sich gercht; er hatte Gutes
gethan und Lob und Ehre dafr empfangen; er hatte die Aussicht, den
Lohn, den ihm Herr von Pranger fr seine Mhe entrichten mute, durch
einen sicherlich glnzenden Beweis der Erkenntlichkeit des Herrn
Barons gemehrt zu sehen. Bei dieser Erwgung sagte er zu sich selber:
Der junge Herr hat Ursache, mich gut zu bezahlen. Er ist zum Glck
gekommen, er wei nicht wie. Lieber Gott, wenn so ein Mann auch
Verstand hat, was hilft das? Man mu die Mittel und Wege kennen -- ein
Geschft ist ein Geschft! -- Aber 's freut mich von ganzer Seele, da
ich diesen braven Leuten geholfen habe. Um viel Geld lie' ich mir das
nicht abkaufen!

Der Abschlu des Geschfts ging den andern Tag rasch vor sich. Herr von
Pranger machte keine Schwierigkeiten; er dachte jetzt nicht mehr an
die Summe, die er zahlen mute, sondern nur an das Glck, Eigenthmer
des Edelmannsgutes in der Nhe seiner Vaterstadt zu werden, und trieb
selber zur Erledigung. Als Arthur und der Oberst ihm gratulirten,
fhlte er sich so gro, da er den Wunsch des erstern, er mchte einige
seiner Diener behalten, ohne weiteres zu erfllen gelobte. Nach einem
kleinen Gelag fuhren beide Theile vergngt nach Hause.

Als Rosenheimer einige Tage spter zum Bankier kam, sagte er: Wissen
Sie was Neues, Herr von Pranger? Der Frst von N. rgert sich schwer,
da Sie ihm das schne Gut weggekauft haben. Er schmt sich, und denken
Sie, jetzt soll niemand sagen, da er die Absicht gehabt hat, es zu
acquiriren! -- Mag er sich rgern, versetzte Herr von Pranger; ich
hab' es jetzt und werd's behalten.

Die Geldsummen, die nach und nach flssig wurden, setzten Arthur in
den Stand, alle Forderungen an ihn ohne Ausnahme zu tilgen, Herrn
Rosenheimer, nach dessen eigenem Ausdruck wahrhaft edelmnnisch zu
bedenken und noch etliche Tausend Gulden in der Hand zu behalten.
Die unversicherten Glubiger priesen ihn laut und meinten, eine so
rechtschaffene Handlungsweise knne nicht ohne Lohn bleiben; aber
auch Herr von Pranger, wie Rosenheimer vorausgesagt, wurde allgemein
gerhmt, da er die milichen Umstnde des jungen Waldfels nicht
mibraucht, sondern die Besitzung als reicher Mann groherzig bezahlt
habe.

Die letzte Zeit im Hause seiner Vter war fr Arthur, trotz des
glcklichen Verkaufs, eine trbe und melancholische. Der Oberst, den
keine Pflicht mehr in Waldfels hielt und der den Einzug des Herrn von
Pranger nicht mit ansehen mochte, war in seinen Wohnort, zu seiner
gewhnlichen Lebensweise zurckgekehrt. Einige Tage vor seiner Abreise,
wo der Gedanke des guten Verkaufs nicht mehr den Reiz der Neuheit
besa, hatte er wieder angefangen, den Neffen mit der Bemerkung zu
qulen, da er doch am Ende besser gethan htte, seinem ersten Rath
zu folgen und das Gut fr sich zu erhalten. Er hatte ihm das Prekre
seiner Lage vorgestellt, ihn ermahnt, jetzt nur rasch und mit allen
Krften nach einem sichern Unterkommen zu trachten, und was dergleichen
lstige Bemerkungen mehr waren, so da Arthur eine wahre Erleichterung
fhlte, als er sich verabschiedete. In der nun folgenden Einsamkeit
wurde der junge Mann aber fr die Wehmuth des Scheidens und Meidens um
so empfnglicher, als der launische April sich eben in einer lenzlich
milden Heiterkeit gefiel, die in zarten Gemthern eine stille Trauer so
sehr begnstigt. Arthur machte die letzten Besuche im Dorfe und kehrte
weich gestimmt zurck. Er wandelte allein in all den geliebten Rumen
der Besitzung umher und konnte nicht verhindern, da heie Thrnen
seine Wangen herabliefen. Am Ende fand er Trost in dem Gedanken, da er
sein Stammgut wenigstens fr die nchsten sechs Jahre vor Zertrmmerung
gesichert habe. Was dachte er sich wohl dabei? Schmeichelte er sich mit
der Hoffnung, die Besitzung jemals wieder zu erwerben? Konnte er es
irgend fr mglich halten, da der neue Eigenthmer sie wieder abgeben,
da er selber in den Stand kommen werde, sie zu bezahlen? -- Sollen wir
die Wahrheit sagen, so folgte er einer instinktmigen Regung, ber
deren Vernnftigkeit er sich keine Rechenschaft gab. Genug, da dieser
Gedanke ihm wirklich wohl that und den Schmerz der Trennung linderte.

An demselben Tag, wo Herr von Pranger mit seinen beiden Shnen sich zu
einem glanzvollen Einzug in Waldfels rstete, siedelte Arthur mit den
wenigen Effekten, die er fr sich behielt, nach dem Stdtchen ber.
Im alten gothischen Hause eines wohlhabenden und ihm befreundeten
Mannes, der in fremden Landen Geld erworben hatte, um es in seinem
Geburtsort zu verzehren, standen zwei Zimmer fr ihn bereit. Er hing im
grern seine Familienbilder auf und brachte Kisten und Koffer unter,
das kleinere richtete er sich zur Wohnung ein. Als er in dem fertigen
Nest allein da sa, hatte er ein angenehmes Gefhl. Der Abschied
von Waldfels, von seinen Dienern und den Dorfbewohnern, die ihm mit
nassen Augen ein herzliches Lebewohl nachriefen, hatte ihn gerhrt und
erschttert. Wie wohl ihm die Liebe that, die man ihm bewies, so war er
doch froh, die Aufregung berstanden zu haben und sich ungestrt den
Gedanken widmen zu knnen, die seine Seele erfllten.

Sein Leben war sehr einfach. Den grten Theil des Tages verwendete
er auf Studien, die Abende brachte er fast ohne Ausnahme bei Frau von
Holdingen zu. In der Regel guten Muthes und unterhaltend, sa er hier
zuweilen doch auch in tiefen Gedanken und die Schatten der Sorge flogen
ber seine jugendlichen Zge. Dann setzte sich Anna zum Clavier und
spielte eines von ihren Lieblingsstcken, die auch die seinigen waren.
Die Regungen des Zweifels und der Bangigkeit gingen unter im sen
Gefhl, das die edeln Tne in ihm hervorriefen, in einem wunderbaren
innern Leben, wo die Empfindungen der Ergebung und der Hoffnung sich
durchdrangen, wo dstere Bilder an der Seele vorberzogen, ohne zu
erschrecken, glnzende, ohne zu erheitern, und beide nur sanfte Schauer
im Herzen erweckten. Wenn Anna die Saiten ausklingen lie und zu dem
Geliebten trat, dann entspann sich wohl ein Gesprch, welches Arthur
Gelegenheit gab, Beispiele zu erzhlen, wie muthige Herzen khne
Dinge gewagt unter dem Spott der Welt, aber endlich durchgefhrt zur
Beschmung der Welt. Und die jungen Seelen fhlten sich mit einander
gestrkt und erhoben.

Der Baronin fiel es auf, da Arthur sich niemals ber einen Lebensplan
aussprach. Sie versuchte es ein paarmal, ihn durch Anspielungen
zum Reden zu bringen, aber er lenkte das Gesprch auf einen andern
Gegenstand. In ihrer Besorgni nahm sie sich vor, ihn geradezu um eine
Erklrung anzugehen, warum er nicht auf die Universitt zurckkehre und
was er denn berhaupt vorzunehmen gedenke. Da sie aber sah, da er
nicht gerne sprach, so wurde sie bedenklich und verschob die Ausfhrung
ihres Entschlusses von einem Tag zum andern.

Eines Tages wurde Arthur ein Brief bergeben, auf den er mit Verlangen
gewartet haben mute, denn er wechselte die Farbe, als er das
Postzeichen erblickte, schlo sich in sein Zimmer ein und wurde den
ganzen Abend nicht wieder sichtbar. Den folgenden Morgen brachte er mit
Schreiben zu, hatte dann eine lngere Unterredung mit seinem Wirth,
machte mehrere Gnge und packte Abends einen Koffer.

Am zweiten Morgen, in den Strahlen der Maiensonne, wanderte er nach
dem Landhaus. Er traf Anna allein im Zimmer und gab ihr die Hand.
Sie sah ihn an und sagte: Wie siehst du heute aus? So feierlich!
-- Arthur erwiederte: Ich komme auch in einer feierlichen Absicht:
ich mu dir eine Prfung zumuthen. -- Anna lchelte und sagte: Eine
Prfung? Der Jngling aber blieb ernst und setzte hinzu: Ich mu dich
verlassen. Das Lcheln verlor sich aus dem Gesicht des Mdchens; sie
erwiederte mit Ergebung: Darauf bin ich gefat. -- Arthur schttelte
den Kopf und sagte: Ich verlasse dich nicht, wie du meinst, ich
mu weit hinweg, ich mu auer Landes gehen -- und ich kann nicht
sagen, wann ich wiederkehre. -- Anna sah ihn bestrzt an, der nun
entschlossen fortfuhr: Und das ist noch nicht das Schlimmste. Ich
kann dir auch nicht sagen, wohin ich gehe, und eben so wenig, was
ich unternehmen werde. -- Das gute Kind wute nicht was sie denken
sollte; sie richtete einen traurigen und vorwurfsvollen Blick auf ihn.
Arthur umfate sie zrtlich und sagte: Glaubst du, ich wrde vor dir
ein Geheimni haben, wenn ich nicht berzeugt wre, da es so besser
sey fr dich wie fr mich? Es gibt Dinge in der Welt, die man zuerst
thun mu, ehe man davon reden kann, Vorstze, die den Gleichgltigen
lcherlich erscheinen und theilnehmenden Herzen Sorge einflen,
die aber glcklich durchgefhrt den Beifall Aller haben. In meinem
Innern lebt ein Trieb, der mich unwiderstehlich zu einem Unternehmen
hindrngt, aber zugleich ein siegesmuthiger Glaube, da ich hier finden
werde, was ich suche. Es ist mir, als ob ich nur ausgehen drfte, um
zu nehmen, was fr mich bereit liegt. Willst du diesen Glauben mit
mir theilen, ohne zu sehen? Willst du mir gestatten, das Geheimni,
das du mitzubesitzen ein Recht httest, fr mich allein zu behalten?
-- Anna konnte diesen aus tiefstem Herzen kommenden Worten nicht
widerstehen; sie erhob sich mit einem Aufschwung des Geistes auf die
Hhe des Geliebten und erwiederte mit inniger Zuversicht: Ja, Arthur!
-- Wirst du mir, fragte dieser weiter, vollkommen vertrauen? --
Vollkommen, erwiederte das Mdchen. -- Und wenn Monate vergehen,
ehe ein Brief von mir an dich gelangt, Jahre vergehen, bevor ich
wiederkehre, wirst du nie an mir irre werden, nie in deinem Glauben
wanken? -- Niemals, versetzte sie. -- Ich hab' es ja gewut, rief
Arthur freudig, da du mir vertrauen wrdest, wie ich dir vertraue! --
O, fuhr er fort, der Glaube ist etwas so Schnes! Ich begreife jetzt,
warum diejenigen, die fhig sind zu glauben, zum Dulden und Harren
berufen werden. Glaube mir nur unbedingt. Wir werden uns wiedersehen!
Wir werden uns glcklich wiedersehen!

In diesem Moment trat Frau von Holdingen herein. Arthur hatte den Muth,
ihr sogleich seinen Entschlu und seine Forderung mitzutheilen. Die
Wangen der guten Frau rtheten sich und unwillig rief sie aus: Wie,
das knnen Sie von mir verlangen? Sie wollen in die weite Welt gehen,
Sie wollen sich Jahre lang entfernt halten, und ich, die Mutter Ihrer
Verlobten, soll nicht erfahren, was Sie thun und treiben? -- Verehrte
Frau, entgegnete Arthur mit Ernst, ich muthe Ihnen nichts zu, als
was eine edle Seele gewhren kann. Hier zu Land mte ich mit geringer
Neigung einen Weg einschlagen, der mich nach mehrjhriger Anstrengung
und im glcklichen Falle doch nur zu einem sehr bescheidenen Loose
fhren wrde. In der Ferne dagegen winkt mir ein Glck, nach dem ich
mit Freuden ausziehe und das ein frhliches Streben auch viel reicher
lohnen wird. Mein Entschlu ist das Ergebni der gewissenhaftesten
Prfung. Aber an die Ausfhrung kann ich nur dann mit Muth und Freude
gehen, wenn Sie mir ein besonderes Gestndni erlassen, wie es mir
Anna erlassen hat. -- Das ist ja unerhrt! rief die Baronin.
Nein, lieber Freund, setzte sie hinzu, ich kann, ich darf es nicht
dulden! -- Nun trat Anna zu ihr, nahm sie beim Arm und sagte: Schau
ihm doch nur in's Gesicht, Mutter! Sieht so ein Mann aus, dem man
nicht vertrauen kann? Wenn er uns nicht sagt, was er beginnen will,
so ist das Geheimni nothwendig, und wir sollten ihn vielmehr bitten,
zu schweigen. -- Die Baronin schttelte das Haupt und rief: O
Kind, Kind! -- Anna fuhr fort, indem ein ernstes Lcheln ihren Mund
umspielte: Als ich ein Kind war, da erzhltest du mir Geschichten
aus einer Zeit, die du vor allen liebst, aus einer Zeit, wo man sich
Treue gelobte und hielt, wo der Liebende auszog auf Abenteuer oder zu
heiligen Kmpfen und die Geliebte ihn vertrauensvoll ziehen lie. Du
hast mir damals die Tugenden dieser Zeit zur Nachahmung empfohlen und
solltest mir jetzt nicht den Beweis gestatten wollen, da ich etwas
von dir gelernt habe? -- Das Gesicht der Baronin hellte sich bei
dieser Rede ein wenig auf. Sie wendete sich gegen Arthur und rief:
Sollten Sie vielleicht -- -- Ich bitte Sie, liebe Mutter fiel
Arthur ein, indem er sie bei der Hand nahm, fragen Sie mich nicht! --
Die Baronin, durch einen eigenthmlichen Gedanken getrstet, war schon
berwunden. Ihr macht mich selber thricht, rief sie. Wahrlich,
wir leben in einer neuen und seltsamen Zeit, wo die Kinder die Eltern
regieren! Nach einem Moment des Schweigens fand sie das ganze Ansehen
der Mutter und sagte mit Ernst und Wrde: Ein Trost ist es mir, da
Sie, lieber Sohn, ein Mann von Kopf und Verstand und ein Mann von Ehre
sind. Ihrem Verstand und Ihrer Ehre will ich vertrauen. Unternehmen
Sie, was Ihr Herz Sie heit, und mge Gott seinen Segen dazu geben! --
Amen, riefen die beiden Kinder und hingen an der Mutter in liebender
Umarmung.

Das Leben sorgt bei gewissen Ereignissen in der Regel fr ein
Gegenbild, und fr Arthur war es kein Verlust, da er das zu der eben
geschilderten Scene nicht zu Gesichte bekam. Arthur hielt es nmlich
fr seine Pflicht, auch dem Oheim sein Vorhaben zu melden, natrlich
in der von ihm beschlossenen Allgemeinheit. Als der Oberst den Brief
gelesen, sagte er zu sich selber: Da haben wir's! Der Mensch ist
verrckt und wird ein Abenteurer! Wenn sein Projekt etwas taugte, htte
er Ursache, es mir zu verschweigen? Es taugt also nichts! Er nimmt
das Bischen, was ihm bleibt, in die Tasche und geht auf und davon.
So machen's die Leute, die tugendhafter seyn wollen, als andere! --
Nachdem er hierauf mit Selbstgefhl seine Tabakspfeife ausgeklopft,
setzte er hinzu: Wr' es nicht meine Pflicht, die Post zu nehmen und
ihm den Kopf zurechtzusetzen? Er sah in den Brief und sagte: Es ist
zu spt! -- Nun, mag er gehen! Ich sehe nicht ein, warum ich mich wegen
eines Menschen kmmern soll, der meinen Rath verschmht und es fr
nobel hlt, sich zu ruiniren!

Es war am letzten des schnen Monats, als Arthur mit den Seinigen und
einem alten Diener im Posthofe stand. Dieser hatte seine Stelle bei
Herrn von Pranger aufgegeben, weil ihm einer der Shne in einer Weise
begegnet war, die er sich, wie er sagte, auch von einem geborenen Baron
nicht htte gefallen lassen. Da er sich ein kleines Vermgen erspart
hatte, so fragte er Arthur, ob er ihm nicht unentgeltlich dienen knne,
und als dieser es fr unmglich erklrte, machte er seinen Antrag
Frau von Holdingen. Auf Arthurs Bitte, dem es trstlich war, eine
vertraute Seele bei den Seinen zu wissen, hatte ihn die Baronin in ihr
Haus aufgenommen. Der gute Alte erzhlte jetzt, da im Schlosse groe
Vorbereitungen zu einem Feste getroffen wrden, das alles berbieten
solle, was frher dort gesehen worden sey. Aber, setzte der treue
Diener hinzu, sie mgen Geld aufwenden so viel sie wollen, so schn
wird's doch nicht werden, wie unser Fest am vorjhrigen Pfingstmontag.
Wer htte damals gedacht, da dieses Schlo und dieser Park in andere
Hnde kommen und der junge Herr auer Landes gehen wrden! -- Arthur
klopfte ihm auf die Schulter und sagte: Halte dich nur gut, alter
Freund, und wir feiern vielleicht noch schnere Feste mit einander,
wenn auch nicht in Waldfels. -- Gott geb' es! erwiederte der Alte,
halb glubig und halb resignirt.

Ueber die Lippen der Frau von Holdingen war kein Wort gegangen, als
hie und da eine Ermahnung, die sich auf die Pflege der Gesundheit
und auf die Bequemlichkeit des Abreisenden bezog. Anna war still; an
der Bewegung ihrer jugendlichen Brust konnte man sehen, da sie zu
ergriffen war, um reden zu knnen. Die Postpferde waren endlich an
den Wagen gespannt. Arthur trat zu Mutter und Tochter, um den letzten
Abschied zu nehmen. Als er die Geliebte sah in der holdesten Vollendung
der Jungfrau, so schn in Liebe und Leid, so unendlich Werth, Glck
zu genieen, so unendlich fhig, Glck zu bereiten -- da verlie ihn
die bis dahin behauptete Kraft. Sich trennen zu mssen auf Jahre,
vielleicht auf immer, von der Wonne seines Lebens! Zwischen sich und
das hchste Ziel seiner Wnsche die Zeit und das Schicksal treten
zu lassen! Der Gegenwart zu entsagen fr eine ungewisse Zukunft, der
liebsten Wirklichkeit fr ein Mhrchen vielleicht! -- Gegen diese
Gedanken hielt auch der Glaube und das Vertrauen, die ihn bis dahin
erfllten, nicht mehr Stand; ein unendliches Weh ergriff sein Herz.
Er prete die Verlobte an seine Brust; die Thrnen der Unglcklichen
vermischten sich und flossen vereint zu Boden. Mit Gewalt ri er
sich endlich los und stieg in den Wagen, der nach Norden rollte. Die
Zurckgebliebenen sahen ihm weinend nach und das liebende Mdchen
wollte in Leid und Wehmuth vergehen, als sie die Tne des Posthorns
erschallen und schwcher und schwcher werden hrte.


                                 V.

Nach der Abreise des Verlobten trat in dem Landhause eine Zeit stillen
Lebens ein, wie es entsagende Gemther zu fhren pflegen. Mutter und
Tochter fllten die Stunden mit ihren gewohnten Beschftigungen aus;
sie begngten sich aber, nur das Nthigste mit einander zu reden,
und berlieen sich meist ihren Gedanken. Es war eine Zeit, wo man
das Ticken der Stubenuhr am Tage fter hrte als sonst, aber fr die
Liebende zugleich eine Zeit wundersamer Empfindungen. Eine solche
Existenz hat ihre eigenen Reize. Ergebung und Hoffnung knnen das
Leid der Entbehrung versen und den Geist oft zu unerwartet lichten
Anschauungen fhren. Die Werke der Kunst, die Schnheit der Natur
wirken eindringlicher auf das weiche Gemth und erheben es ber
bedrckende Gefhle, die trstenden Einflsse der Religion finden ein
bereiteres Herz.

Hie und da wurde der sanfte Flu dieses Lebens freilich durch
einen Miton unterbrochen und getrbt, indem die Mutter sich nicht
enthalten konnte, in eine sorgliche Stimmung zurckzufallen und ber
den Abwesenden Bemerkungen hren zu lassen, in denen sie das schon
Zugestandene zum Theil wieder zurcknahm. Anna schwieg dazu; sie
wute, da dergleichen Anwandlungen am schnellsten vergehen, wenn sie
keinen Widerspruch erfahren. Fhlte sie sich betrbt, so suchte sie
die Gesellschaft des alten Dieners auf, der an Arthur mit rhrender
Zrtlichkeit hing und ihn im Gesprch mit ihr um so mehr erhob, als er
sah, wie sehr es die junge Herrin beglckte.

Die Zeit bewhrte zuletzt auch hier ihre beruhigende Macht und
erleichterte die Gefhle Aller. Die Sorge um jemand setzt ohnehin eine
Kenntni von seiner Lage voraus. Wir sorgen nur um Personen in unserer
Nhe und um entfernte nur in so weit, als wir sie geistig bei ihren
Unternehmungen begleiten knnen. Die Abwesenden, bei denen die nicht
der Fall ist, bergeben wir der Obhut Gottes und vertrauen schon darum,
weil uns nichts anderes brig bleibt. Vielleicht war die einer der
Grnde, warum Arthur ber sein Vorhaben nichts Bestimmtes aussagen
wollte.

Der Umgang der Baronin bestand jetzt nur aus wenig Personen.
Hauptschlich verkehrte sie mit dem Rentier, der die Familienbilder und
sonstige werthvolle Mobilien Arthurs bewahrte und sich in allen Stcken
als sein vterlicher Freund bewiesen hatte. Umgeben von den Vorfahren
desselben, gedachte man des Abwesenden und die Baronin erging sich
gelegentlich in Vermuthungen. Arthur hatte auch seinem Wirthe nichts
Nheres ber sein Vorhaben mitgetheilt, aber dieser war durch einen
zufllig entschlpften Ausdruck auf eine Spur gekommen, die er fr die
richtige hielt. Eben darum lie er vor den Damen nichts davon merken
und verschwieg auch was er wute: da Arthur fr den Fall seines Todes
ber die Hlfte seines Vermgens, die bei ihm angelegt war, zu Gunsten
Annas verfgt hatte.

Von Zeit zu Zeit sah die Baronin den Pfarrer von Waldfels, einen
milden und verstndigen Seelenhirten, der ebenfalls mit Liebe an dem
freiherrlichen Hause, besonders an Arthur hing. Ihr Verkehr mit der
Familie Pranger beschrnkte sich auf hfliches Gren, wenn sie sich
zufllig an einem dritten Ort sahen. Die Baronin hrte nur von andern,
wie es im Schlosse immer hoch hergehe, wie Herr von Pranger sich
Weihrauch streuen lasse, die jungen Herrn bermthige Streiche machten,
und nur die Mutter eine gutmthige Frau sey, der man nichts vorwerfen
knne, als eine allzugroe Verliebtheit in ihre Kinder.

Es war mitten im Sommer. Die Baronin und Anna saen im Zimmer beisammen
und hatten eben von der Einsamkeit gesprochen, in der sie gelassen
wrden, als zu ihrer groen Ueberraschung Frau von Pranger mit ihrer
Tochter bei ihnen vorgefahren kam. Sie erkundigte sich mit Wrme nach
dem Befinden der Damen, verweilte ber eine Stunde und bat sie zuletzt
mit aller Herzlichkeit um einen Besuch in Waldfels. Die Baronin sagte
hflich zu und rieth nach ihrer Entfernung hin und her, was wohl der
Zweck dieses pltzlichen Entgegenkommens seyn mchte. Auch whrend des
Gegenbesuchs im Schlosse, wo man sie mit Freundschaft berhufte, sah
sie nicht klarer, wohl aber hatte Anna, mit welcher August, der ltere
Sohn des Hauses, sich unterhielt, eine Vermuthung, die der Wahrheit
nahe kam.

Um das Folgende begreiflicher zu machen, mssen wir erwhnen, da in
der letzten Zeit das Gercht aufgetaucht war, die Verlobung zwischen
dem jungen Waldfels und Anna von Holdingen sey wieder rckgngig
geworden, indem beide Theile eingesehen htten, da sie gegenseitig
ihrem Glck im Wege stnden; der Abschied, den sie im Posthofe von
einander genommen, sey der letzte berhaupt gewesen. Diese Fabel war
auch nach Waldfels gedrungen und dort wahrscheinlich gefunden worden.
August von Pranger, auf den Anna schon beim ersten Anblick einen
ungewhnlichen Eindruck gemacht hatte, sah sie nun mit andern Augen
an, als er sonst wohl gethan htte, und die Folge war, da er bei
der nchsten zuflligen Begegnung sein Herz gnzlich an sie verlor.
Ein Bekannter, dem er das erwhnte Gercht mittheilte, bestritt die
Wahrheit desselben mit gewichtigen Grnden, aber das konnte ihn jetzt
auf seinem Weg nicht mehr aufhalten. Im Gefhl seiner selbst fate er
den Beschlu, den Kampf, wenn davon noch die Rede seyn knne, mit dem
Abwesenden zu wagen und sich um die Gunst des schnen Fruleins zu
bewerben. Er ffnete sein Herz vor allem der Mutter, deren Liebling er
war, und machte von seiner Flamme und der Pein, die er leide, eine so
ergreifende Schilderung, da die gute Dame bald den Versuch aufgab,
ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Sie bedachte, da eine Verbindung
mit der alten Familie Holdingen fr sie ehrenvoll und dem Frulein ein
gesichertes Loos mit ihrem Sohn zu wnschen sey. Nachdem sie ihre
Hlfe zugesagt, rckte man hinter den Vater und brachte ihn endlich
zu der Erklrung, da sie in dieser Sache freie Hand haben sollten.
Mutter und Sohn beriethen sich, und der unerwartete Besuch bei Frau von
Holdingen war die Erffnung des Feldzugs.

Anna sagte ihrer Mutter natrlich nichts von ihrer Muthmaung, die
ja auch eine trgerische seyn konnte, und so knpfte sich zwischen
den beiden Familien eine Beziehung, die verschiedene wechselseitige
Besuche zur Folge hatte. Bei diesen warf aber August von Pranger seiner
Ausersehenen zuletzt so glhend zrtliche Blicke zu, da ein Zweifel
ber seine Gefhle nicht mehr mglich war. Anna mute frchten, da
es von Blicken zu Worten kommen wrde, und sie fate den Entschlu,
seine Krankheit vor dem eigentlichen Ausbruch durch abkhlende Mittel
zu heilen. Als er das nchstemal sich zu entschieden huldigenden
Reden verstieg, behandelte sie die als eine galante Sprechbung,
rhmte ihn wegen seiner Einflle, rieth ihm aber, im Ausdruck nicht zu
weit zu gehen, da die Uebertreibung der Zierlichkeit schaden mte.
Erneuten Versicherungen setzte sie erneuten Spott entgegen. Ein
Unbefangener htte dabei in ihren Zgen nicht nur die vollkommenste
Gleichgltigkeit, sondern zugleich eine Andeutung von Geringschtzung
erblicken mssen; aber Verliebte sind dafr bekannt, da sie alles, was
berhaupt noch einer Auslegung fhig ist, zur ihren Gunsten auslegen.
Der junge Herr sah in der scherzenden Abweisung nichts als eine Art von
Koketterie, die ihn locken wolle, und er beschlo, dem vorausgesetzten
Wunsche zu entsprechen.

Eines Tages begab er sich ohne Begleitung nach dem Landhause. Er
wute es zu machen, da er mit Anna allein im Garten war, und ergo
sein Herz in einer leidenschaftlichen Erklrung, die mit der Bitte
um ihre Liebe und ihre Hand schlo. Anna, die von ihren Mitteln doch
eine andere Wirkung erwartet hatte, war hochbetroffen. Der Ausdruck
ihres errtheten Gesichts verrieth, da sich nicht nur die Liebende,
sondern auch der Sprling einer alten Familie beleidigt fhlte, und
mit dem Stolz beider erwiederte sie: Herr von Pranger, Sie wissen,
da ich mit meinem Vetter, dem Herrn von Waldfels, verlobt bin. Sie
haben selbst die Ehre gehabt, den Baron zu sehen und kennen zu lernen.
Und nun frag' ich Sie: was hat Ihnen den Muth gegeben, der Braut eines
solchen Mannes einen solchen Antrag zu machen? Der junge Mensch sah
sie bestrzt an. Anna fuhr fort: Ich kann mir denken, da ein lngeres
Verweilen in unserem Hause Ihnen nicht angenehm seyn wird. Nehmen
Sie die Ueberzeugung mit sich, da dieser Vorgang fr die ganze Welt
ein Geheimni bleiben wird, nur fr meine Mutter nicht, der ich ihn
mitzutheilen verpflichtet bin. -- Nun regte sich der Stolz auch in
dem Abgewiesenen; er suchte seinem glhenden Gesicht den Ausdruck der
Geringschtzung zu geben, verbeugte und entfernte sich.

Anna ging zu ihrer Mutter und erzhlte ihr das Erlebni. Die Baronin
hrte mit Entrstung zu und sagte zuletzt: Das war also der Grund
dieser pltzlichen Freundlichkeit? Ich htte mir's denken sollen, da
irgend etwas Unedles dahinter verborgen war. Mit trbem Lcheln setzte
sie hinzu: Wie unersttlich diese Menschen sind! Sie haben dem jungen
Mann sein Stammgut abgenommen, und nun wollen sie ihm auch die Verlobte
nehmen! -- Anna bemerkte mit Ernst: Fr diese Absicht, glaub' ich,
sind sie genug, vielleicht zu sehr gestraft. -- --

Die kleine Episode hatte fr die Baronin doch eine nachtheilige Folge:
der Aufenthalt im Landhause begann ihr verleidet zu werden. Schon das
Gerede, das ihr pltzlicher Bruch mit der Familie Pranger veranlate,
mute ihr unangenehm seyn. Dazu kam aber noch, da diese Familie sich
anstrengte, die erlittene Niederlage durch Siege auf einem andern
Gebiete wieder gut zu machen, und da ihr die vollkommen gelang.
Es gab jetzt zu Waldfels mehr Festlichkeiten, als anfangs im Plane
lag, und Speisen und Getrnke wurden immer vortrefflicher. Die Wirthe
bemhten sich nun auch mehr, die Gste artig zu behandeln, alle Glieder
der Familie nahmen sich mglichst zusammen, und bald ertnte die ganze
Gegend von ihrem Lob. Es traten geschworene Anhnger des Hauses Pranger
auf, die den Chef desselben viel hher stellten, als den verstorbenen
Baron, die Mutter als die ausgezeichnetste Dame und die drei Kinder als
die liebenswrdigsten Sterblichen priesen. Der Reichthum hat so viele
Hlfsmittel!

Als die Baronin von dem Zulauf und dem Vergngen in Waldfels hrte,
hatte sie eine verdrieliche Empfindung. Sie konnte sich nicht
enthalten, miliebige Bemerkungen ber die gebildete Welt der Umgegend
zu machen und Einzelne zu nennen, von denen sie das wiederholte
Erscheinen im Schlosse nicht erwartet htte. Anna versetzte lchelnd:
Kannst du dich darber wundern, da diesen Herrn der Wein noch eben so
gut schmeckt wie frher? Und wenn sie den Wirth dafr loben, so ist das
hbsch: es beweist, da sie dankbar sind. -- Allerdings, erwiederte
die Mutter. Wer diesen Leuten gut zu essen und zu trinken gibt, der
ist ihr Gtze, und dem Gtzen wird geruchert. Aber Herrn von A. und
Herrn von O. htt' ich's nicht zugetraut. -- Anna wiegte das Haupt und
schwieg.

Bald erfuhr man, da August von Pranger einer neuen und milderen
Schnheit, der Tochter des Herrn von A. seine Huldigung zuwende. Die
Baronin sagte lchelnd zu Anna: Er hat sich getrstet. -- Gott sey
Dank, versetzte diese heiter, da ich ihn nicht mehr auf dem Gewissen
habe. -- Eine Woche spter wurde bekannt, da Herr von O. sich mit
Frulein von Pranger verlobt habe und die Hochzeit noch in diesem
Jahre gefeiert werden solle. Die Baronin sagte: Nun begreif' ich die
eifrigen Besuche dieses Herrn bei dem Bankier und finde sie verstndig.
Er braucht einen solchen Schwiegervater. Ein Verziehen der Oberlippe
zeigte jedoch an, da ihr diese Nachricht bel gemundet hatte. Ihre
gute Laune verlor sich mehr und mehr. Wenn wir bedenken, da sie in
der zweiten Hlfte des Lebens stand und sich auf bloe Hoffnungen
angewiesen sah, whrend ihre Gegner reeller Gter sich erfreuten, so
werden wir ihre Stimmung begreifen. Anna mute sich Mhe geben, den
Geist der Mutter oben zu erhalten; allein glcklicherweise kam ihr das
Schicksal zu Hlfe.

An einem Herbstmorgen wurde dem guten Mdchen ein Brief berbracht,
bei dessen Anblick ihre Augen strahlten. Er war von Arthur, aus London
datirt und die ersten Worte ein freudiger Zuruf. Die Glckliche
verschlang ihn und eilte jubelnd damit zur Mutter. Diese las und ihr
Gesicht klrte sich einigermaen auf. Es ist gut, sagte sie zuletzt;
aber nach der Freude, die du gezeigt hast, wrde ich schon die Meldung
eines glcklichen Resultats erwartet haben. -- O, rief das Mdchen,
ich bin damit vollkommen zufrieden!

Die Stellen des Briefes, die fr uns von Interesse sind, lauteten:
Ich bin in einer eigenen Lage. Ich mchte dir tglich schreiben, wie
ich immer an dich denke; allein ich mte dann von meinem Thun und
Treiben reden, mte dir Gedanken mittheilen, die sich darauf beziehen
-- und ich hab' nun einmal das Gelbde gethan zu schweigen. La mich
dem gefaten Entschlu treu bleiben, wie es auch mit den Grnden dazu
beschaffen sey. Unser Schicksal ist ungewhnlich, mag es auch unser
Verhltni und unser Verhalten seyn. Ich habe dein geliebtes Bild
stets vor Augen, all mein Dichten und Trachten bezieht sich auf dich,
jede Mhe wird mir durch dich verst, meine ganze Existenz durch
dich verklrt. Wenn du wtest, wie oft ich mich glcklich preise
und wie ich dir danke!..... Ich kann dir nun melden, da ich meinen
vorlufigen Zweck hier erreicht habe und in den nchsten Tagen unter
guten Anzeichen an den Ort meiner Bestimmung abgehe. Es wird eine
weite Reise seyn, und lange kann es dauern, bis ein zweites Schreiben
von mir in deine Hnde kommen wird. Aber ich spreche dir nicht Muth
zu; ich wei ja, da du mir vertraust, und fr diejenigen, die sich
lieben und vertrauen, ist die Entfernung nichts, denn sie sind im Geist
innigst beisammen. Was hilft es, wenn man sich leiblich nahe ist und in
Gedanken getrennt? Wenn ich aber dein Bild im Herzen hege, wenn ich
fhle, da du mich im Herzen trgst, wenn ich mit dir rede, Gedanken
tausche, dann empfind' ich eine unaussprechliche Lust. Und ich wei
dann: was im Geist ist, das wird fr die, welche ausharren, zuletzt in
Wirklichkeit seyn.

Ich berlasse den Leserinnen die Entscheidung, ob dieser Brief trotz
der Schlichtheit seiner Sprache nicht darnach angethan war, das Mdchen
zu beglcken. Fr die Mutter, die nur relativ zufrieden gestellt
war, hatte das gewogene Schicksal noch eine andere Gabe bereit. Zwei
Tage spter wurde ihr amtlich gemeldet, da ihr die verstorbene Frau
von B. das Gut Schnbach vermacht habe. Sie empfand groe Freude
und eine unendliche Beruhigung. Nun war die Tochter gesichert! Und
selbst wenn Arthur ohne Erfolg heimkehrte, war die Verbindung der
Kinder mglich. Allerdings war Schnbach nur ein kleines Gut, es hatte
kein volles Hundert Morgen Landes; aber die Einknfte reichten doch
fr den Anfang hin und Arthur hatte einen Ausgangspunkt fr weitere
Unternehmungen. Wie schn war es von der hochbetagten Verwandten, da
sie sich vor ihrem Ende noch ihrer erinnert hatte! Um so schner, als
die seltsame Frau vor mehreren Jahren ihr eine Aeuerung bel genommen
und den Verkehr mit ihr abgebrochen hatte. Die Baronin wurde durch die
Vorstellung dieser Gromuth so gerhrt, da ihr Thrnen in die Augen
kamen, die freilich bald wieder versiegten. Mit beinahe kindlicher
Lebhaftigkeit theilte sie der von einem Spaziergang heimkehrenden
Tochter die gute Neuigkeit und ihren Entschlu mit, das Landhaus zu
verkaufen und schon diesen Herbst nach dem fnfundzwanzig Meilen
sdlicher gelegenen Schnbach zu ziehen. Anna war sehr erfreut; sie
sah, da die gute Mutter nun wieder Boden unter sich fhlte, da ihr
heiterer Sinn wiedergekehrt war, um sie hoffentlich nicht wieder zu
verlassen. Der neue Beweis eines gnstigen Schicksals erhob ihre
Seele. Wie gern htte sie dem Geliebten die Nachricht mitgetheilt, ihn
vielleicht zurckgerufen! Aber sie kannte seine Adresse nicht und mute
ihn seinen Gang gehen lassen.

Die erste Person, welche die Baronin mit dem Glcksfall und ihrem
Vorhaben bekannt machte, war der Rentier. Dieser fgte dem Ausdruck
seiner Freude die Bitte hinzu, das Landhaus ihm zu berlassen, und
stellte zugleich ein Angebot, welches die Baronin fr so gnstig hielt,
da sie den Handel auf der Stelle abschlo. Mit baarem Geld versehen
und um so vergngter bereitete sie sich vor, die Erbschaft anzutreten
und die Uebersiedelung zu bewerkstelligen. Sechs Wochen spter finden
wir sie in Schnbach eingerichtet. Das sogenannte Schlchen war
ein zweistockiges Haus am Ende des gleichnamigen Dorfes. Links und
gegenber lagen die nthigen Wirthschaftsgebude, rechts ein ziemlich
groer Garten. Mutter und Tochter bewohnten die Zimmer des obern
Stocks, die Rume des untern dienten den Bedrfnissen der Haushaltung.

Der Eintritt in andere Verhltnisse hat fr ein lebendiges Menschenherz
immer etwas Erfreuliches, um so mehr, wenn man einer unangenehmen
Situation entgangen ist. Man hat neue Anschauungen, macht neue
Bekanntschaften, sieht neue Arbeiten vor sich, und das Neue zeigt in
der Regel zuerst die schnere Seite. -- Die Baronin fhlte sich als
Gutseigenthmerin gar wohl. Sie hatte einen Haushalt von acht Kpfen
unter ihrem Befehl: einen Baumeister, zwei Knechte, zwei Mgde, einen
Jungen, eine Kchin, die zugleich Kammerjungfer war, und den alten
Diener. Die neuen Leute schienen brav und geschickt; der Baumeister
namentlich zeigte groen Eifer fr seinen Dienst. Scheuer, Bden und
Keller waren gut versehen, das Vieh gesund. Der Winter stand vor der
Thr, aber man war auf ihn gerstet.

Der Winter war ziemlich streng, die Familie Monate hindurch
eingeschneit. In der Einsamkeit, die nur durch wenige Besuche
unterbrochen wurde, trat der in Anna liegende Hang zum Nachdenken
hervor, und sie fand eine Lust darin, sich ihm hinzugeben. Beziehungen,
in denen man sich auf Glauben und Hoffen angewiesen sieht, begnstigen
ohnehin die Einkehr in sich selbst und die Vergeistigung des Menschen.
Die hchsten Wnsche, die man hegt, finden jetzt nur Befriedigung im
Seelenleben; wie natrlich, da man dieses pflegt und hochhlt. Und
je mehr man uerlich entbehrt, desto mehr gewinnt man innerlich.
Je weniger man von der sinnlichen Wirklichkeit ergriffen ist, desto
freier entfalten sich die Blthen des Geistes. Wenn aber der Mann durch
das Nachdenken ber sich selbst, ber Gott und Welt, rechtshin oder
linkshin, zu dieser oder jener eigenthmlichen Ansicht gefhrt werden
kann, so wird die weibliche Seele in der Regel zu einer religisen
Anschauung gelangen. Die Lehren der Religion werden ihr auf dem Wege
des Nachdenkens entgegen kommen und der Lohn desselben wird seyn,
da sie in jene Lehren eine tiefere Einsicht gewinnt, da sie in ihr
lebendig, ihr wahres Eigenthum werden. -- Das war bei Anna der Fall.
Die Frucht ihres Nachdenkens bestand darin, da das Verhltni zu Gott,
welches dem Christen durch seinen Glauben geboten und in gewissem Sinn
anerzogen wird, fr sie ein selbststndig gesuchtes und erlangtes
wurde, da ihr in dem, was sie bisher nur kindlich geglaubt hatte, ein
neues Licht aufging, welches sie in ihrem Glauben befestigte.

Es wre eine schne Aufgabe fr den Denker, die verschiedenen Arten,
wie die Menschen sich zu Gott verhalten knnen, im Zusammenhang
darzustellen und zu beurtheilen. Welch eine Reihe von Mglichkeiten
-- von der Denkweise, die vor der Welt Gott nicht sieht, ohne sich
ihm ganz entziehen zu knnen, bis zu derjenigen, die vor Gott die
Welt nicht sieht! Von der Religiositt solcher, die sich begngen,
Gott die uere Ehre zu erweisen und sich nur in der Noth von Herzen
an ihn wenden knnen, bis zu der Innigkeit des Frommen und Weisen,
der erkennend und liebend in Gott lebt! Wie viele Abstufungen sind
in jeder Hauptrichtung mglich, und wie erscheint jede derselben in
der Wirklichkeit motivirt und charakteristisch! -- Die Religiositt,
die ihrer selbst mchtig, die der Gerechtigkeit und Milde gegen die
Welt fhig ist, ohne an Kraft und Wrme zu verlieren, wird immer als
das Ziel des Menschen erkannt werden. Die Gesinnung, die sich in und
mit dieser Religiositt erzeugt, bewhrt sich als ein Segen fr jede,
auch fr die beste Natur; denn auch in der besten Natur sind Gefhle
und Neigungen, denen man sich arglos hingeben kann, die aber erst
eine Prfung auszuhalten und eine Richtung zu empfangen haben. Durch
die Richtung auf das religise Ziel werden die selbstschtigen Triebe
zurckgedrngt, die guten geklrt und erhht und der Geist tchtig
gemacht fr alle Beziehungen des Lebens.

Als der Winter seinem Ende nahte, konnte Anna bei einem Einblick in ihr
Inneres erkennen, da mit ihr eine Verwandlung vorgegangen war. Ihr
Vertrauen auf Gott war befestigt und klar geworden. In der Prfung,
der sie sich frher nur unterworfen hatte, erkannte sie den heilvollen
Zweck und pries den Willen, der sie dazu berufen. Der Glaube an den
entfernten Verlobten, an seine Liebe und Treue, an sein Glck, an die
Krnung ihrer gemeinsamen Wnsche, hatte einen wesentlich heitern
Charakter erhalten, und nicht selten war es ihr, als ob alles, was sie
hoffte, schon erfllt wre.

Der Frhling kam und entfaltete sich bald in aller Schnheit. Der Mai
verdiente diemal seinen Namen des Wonnemonats, was bekanntlich nicht
in jedem Jahr der Fall ist. Es begann die arbeit- und freudenreiche
Zeit des Dorflebens. Mutter und Tochter theilten sich in die Pflichten
der Herrschaft. Jene behielt sich das oberste Regiment vor und notirte
Ausgaben und Einnahmen; die Tochter leitete die Arbeiten im Garten.
Mit Hlfe des alten Dieners und einer Magd war sie hier so thtig,
da nach einiger Zeit Kchen- und Ziergewchse, Bume, Strucher und
Spaliere gleich gut im Stande waren. Ihre Spaziergnge liebte sie nach
ihren eigenen Feldstcken zu richten, und wenn ihr eines ppig entgegen
glnzte, so wurde das Wohlgefallen an seiner Schnheit noch gar sehr
durch den Gedanken erhht, da Boden und Frucht ihr gehrten. Es war
ein neues, angenehmes und heimliches Gefhl fr sie. Die Heuernte,
eine der frhlichsten Arbeiten, wenn sie vom Wetter begnstigt wird,
begleitete sie von Anfang bis zu Ende.

Bei diesen Beschftigungen war es natrlich, da sie mit verschiedenen
Dorfleuten nher bekannt wurde. Sie fand unter Weibern und Mdchen
solche, mit denen gut verkehren war, die sie zu sich einlud und selber
besuchte. Man unterhielt sich ber Haus- und Feldwirthschaft, ber
gewhnliche und ungewhnliche drfliche Vorgnge. Anna freute sich,
von dem Leben und Treiben ihrer Bekanntschaften, von Leid und Freud
dieser Existenzen eine Anschauung zu erhalten. Sie mute ber sich
selber lcheln, wenn sie bedachte, da sie eines solchen Umgangs noch
vor einem Jahr nicht fhig gewesen wre und in der Mitte der Buerinnen
schwerlich ein anderes Gefhl gehabt htte, als das des Hherstehens
und der Herablassung. Jetzt bewirkte die Gemeinsamkeit der konomischen
Interessen eine gewisse Sympathie und Vertrautheit, und sie fhlte, da
ein solches Verhltni nicht nur besser, sondern auch ntzlicher sey.
Ganz mit Recht; das bloe Herabsehen lt geistig arm, das Herabsteigen
zu wohlwollender Theilnahme befreit und bereichert. -- Nach und nach
hatten sich auch verschiedene andere Bekanntschaften mit gebildeten
Familien der Umgegend geknpft. Es fanden sich ltere und junge Mnner
in Schnbach ein, die der Baronin ihren Respekt, der schnen Tochter
galante Aufmerksamkeit bezeigten. Die beiden Damen konnten nicht umhin,
zuweilen an geselligen Partien Theil zu nehmen, und sahen, da es ihnen
eben so wenig an Unterhaltung wie an Arbeit fehlte.

In der letzten Zeit wurde das frohe Leben in Schnbach nur dadurch
gestrt, da von Arthur keine Nachricht einging. Obwohl Anna nach dem
ersten Brief sich darein ergeben hatte, lange ohne Kunde zu bleiben,
obwohl sie mit Vertrauen und Muth gerstet war, so fing sie doch
endlich an besorgt zu werden. Das Ziel seiner Reise mochte seyn,
welches es wollte, fr den Fall glcklicher Erreichung desselben sollte
eine Meldung schon eingetroffen seyn. War das Schreiben verloren
gegangen? Oder hielt sich Arthur gar nicht verpflichtet, seine Ankunft
zu melden? Wollte er erst ein glckliches Ergebni seiner Unternehmung
abwarten? -- Die Beruhigung der Verlobten erfolgte jedoch bald, indem
der ersehnte Brief ankam. Er war aus =Calcutta=, bezog sich auf ein
frheres, von dort abgesandtes Schreiben und besttigte somit die erste
Vermuthung Annas. Die Hauptstellen darin lauteten:

Ich lebe ganz der Thtigkeit, die ich mir erwhlt. Mit jedem Tag wird
sie mir interessanter und lieber. Wenn man die Gabe besitzt, sich
von einer Unternehmung eine schne Vorstellung zu machen, so hat
man freilich bei der Ausfhrung noch gar manche Probe zu bestehen.
Denn hier gibt es Arbeit und Mhe und unangenehme Erfahrungen. Die
Begeisterung entflieht zuweilen gnzlich und man hat Augenblicke,
wo man von dem Gefhl gepeinigt wird, als habe man sich in der Wahl
seines Berufs vergriffen. Doch das dauert nicht; es ist nur der Rauch,
der aufsteigt, so lange die Flamme das Holz noch nicht ganz ergriffen
hat. Die Arbeit wird gelufiger, man fhlt sich den Schwierigkeiten
gewachsen, und nun stellt sich auch die Freude wieder ein; man findet,
da die erwhlte Thtigkeit in der Wirklichkeit so schn ist, wie sie
in der Vorstellung war, ja schner noch. -- Ich stehe im Anfang, und
doch habe ich schon eine so frhliche Ansicht gewonnen. Das ist mir
Brge, da ich sie nicht mehr verliere, da mein Beruf mir halten
werde, was ich mir davon versprochen..... Wie entzckend ist es, die
ersten Schritte gelingen zu sehen zu einem muthig gesteckten Ziel und
bei jedem Schritt die Empfindung zu haben, da er nher dem Momente
bringt, wo die Trume eines liebevollen Herzens sich erfllen werden! O
theure Braut! mein Metier kann sich freilich nicht schmeicheln, da ich
es um seiner selbst willen liebe. Hinter all meinem Thun und Treiben
glnzt mir die Sonne eines glcklichen Wiedersehens und vergoldet seine
Umrisse. Aber in diesem Schein liebe ich es doch und die Wirkung ist
dieselbe.

Als das glckliche Mdchen ihren Brief der Mutter zeigte, rief
diese beim ersten Blick in ihn: Ah, Calcutta! Sie las ihn mit
Aufmerksamkeit und gab ihn mit ernster, aber zufriedener Miene wieder
zurck. Nicht lnger stand sie an, gegen die Tochter ihre Meinung ber
den erwhlten Beruf Arthurs auszusprechen. Er sey offenbar in die
indisch brittische Armee getreten und habe eine Carrire eingeschlagen,
die zwar der Gefahren mancherlei, aber dafr auch die Hoffnung
ungewhnlicher Erfolge biete. Das Blut der Waldfels habe sein Recht
verlangt und sie wolle es nicht tadeln. Eben darum htte er aber keine
Ursache gehabt, die Wahl dieses Berufs ihnen zu verschweigen. Wenn die
Gefahr auf dem Pfade der Ehre liege, so sey sie kein Schreckbild fr
ein edelgeborenes Weib. -- Anna schwieg; sie konnte die Sicherheit der
Mutter nicht theilen, wute aber auch keine andere bestimmte Ansicht
entgegenzustellen. Sie fhlte nur, was der Geliebte auch erwhlt hatte,
es war das Rechte.

In ihrer Antwort schilderte sie ihm auf seinen Wunsch genau, was sie
bisher erlebt und gethan; sie war mit Liebe ausfhrlich. Nach einem
reizenden Gemlde des Lebens in Schnbach erklrte sie ihm, da er
nun die Wahl habe zwischen groen Hoffnungen und einem bescheidenen
Besitz. Sie sage ihm die nur fr den Fall, da die Aussichten in der
Fremde sich trbten, und habe keineswegs die Absicht, ihn von dem
einmal gefaten Entschlu abzubringen.

Zur Erhaltung der Heiterkeit, die mit dem Briefe Arthurs im Hause der
Baronin eingekehrt war, trug nicht wenig bei, da die Getreideernte
eben so glcklich von statten ging, wie die Heuernte, zuletzt auch die
Einsammlung der Herbstfrchte. Frau von Holdingen war sehr zufrieden
gestellt und lernte eine neue Schnheit der Landwirthschaft in guten
Einnahmen kennen, die nach und nach in ihre Kasse flossen. Anna, die
es sich nicht versagen konnte, den Arbeiten zu folgen, hatte trotz der
Schutzmittel gegen die Sonne einen etwas gebrunten Teint erhalten.
Die Mutter schttelte lchelnd den Kopf und meinte, sie sey eine
ganze Buerin geworden. Die eleganten Herrn der Umgegend schienen sie
aber nicht weniger reizend zu finden, als vorher, und ein malender
Dilettant, der sie einmal im Obstgarten sah, rief enthusiastisch:
Pomona! --

In hnlicher Art wie das eben geschilderte vergingen vier Jahre.
Es waren in konomischer Hinsicht gute Jahre, wo beim Gedeihen des
Ganzen einzelnes Unglck in Feld und Stall nicht in Betracht kommen
konnte. Frau von Holdingen sah sich nicht nur in den Stand gesetzt,
ihre husliche Einrichtung zu verbessern und zu verfeinern, sondern
zuletzt auch eine Summe Geldes auszuleihen. -- Sie hatte dabei ein
hchst behagliches Gefhl und blickte mit um so grerer Sicherheit in
die Zukunft, als auch die Nachrichten von Arthur fortwhrend gnstig
lauteten. -- Von diesem liefen jhrlich in der Regel zwei Schreiben
ein, theils aus Calcutta, theils aus andern ostindischen Pltzen. Sie
zeugten von der Unwandelbarkeit seiner Gesinnung, von der guten Laune,
womit er die Mhen seines Berufes ertrug, von seinem immer vorwrts
strebenden Geist. In dem ersten hatte er den Damen zu der Erwerbung
von Schnbach gratulirt, aber heiter hinzugefgt, da er sich nun erst
recht aufgefordert fhle, fr ein gehriges Aequivalent zu sorgen. Die
letzten Briefe meldeten, da er viel im Lande herumgekommen, manche
Gefahr bestanden und zu einem ansehnlichen Posten vorgerckt sey. Frau
von Holdingen sah dadurch ihre Ansicht vollkommen besttigt, fand
es aber um so unbegreiflicher, da er aus der Wahl seines Standes
auch jetzt noch ein Geheimni machen wolle und nicht einmal jenen
ansehnlichen Posten, zu dem er sich aufgeschwungen, nher bezeichne.
Anna setzte den Geliebten in Kenntni von allem, was in ihrem Kreise
geschah, und machte ihm bei natrlichen Anlssen auch Mittheilungen
ber ihr inneres Leben. Wenn sich diese Verlobten nun auch nicht so
hufig schreiben konnten, wie andere, so waren ihre wenigen Briefe
doch um so gehaltvoller und gedankenreicher.

Bei lngerer Mue, zumal in Winterszeiten, ermangelte die Mutter nicht,
an der weiteren Ausbildung ihrer Tochter fr das hhere gesellige Leben
zu arbeiten. Sie hatte die Freude, sich von dieser in Sprachen und
sonstigen literarischen Kenntnissen eingeholt, zum Theil berflgelt
zu sehen; aber noch immer vermite sie manches in den Stcken, die
zur Reprsentation gehren. Als sie einmal wieder eine Ausstellung
zu machen hatte und eine Ermahnung folgen lie, antwortete Anna mit
einem Lcheln, das zu sagen schien, die Mutter lege diesen Dingen
eine zu groe Wichtigkeit bei. Die Baronin aber bemerkte gleichfalls
heiter: Man mu auf alles gerstet seyn. Wenn dein Brutigam mit einem
Nabobsvermgen zurckkehrt und eine seinem Reichthum entsprechende
Stellung im Vaterlande erlangt, so soll er eine Frau haben, die ihm
durch die Wrde und Grazie ihrer Erscheinung Ehre zu machen versteht.

Die Gunst des Schicksals hat auf die meisten Herzen eine sichermachende
Wirkung. Es gehrt schon eine eigenthmliche Erfahrung und eine
Gewohnheit des Nachdenkens dazu, wenn man in der Mitte guter Tage an
die bsen denkt, die kommen mchten, und sich darauf gefat macht.
Die hoffende und vertrauende Natur wird das in der Regel vergessen
und glauben, was heute war, msse auch morgen seyn, und doch ist
die ungetrbte Dauer der Wohlfahrt das Seltene, ihre Strung das
Gewhnliche im Leben.

Der sechste Frhling, den Mutter und Tochter in ihrem Besitzthum
verlebten, war von besonderer Schnheit. In den ersten Tagen des Mai
sagte Anna zum Baumeister: Wir werden ein sonniges Jahr haben.
Dieser versetzte bedenklich: Wenn wir nur nicht zu viel Sonne
bekommen! Unsere Felder knnen eher noch einen nassen als einen gar zu
trockenen Jahrgang ertragen, und ich frchte -- -- Keine schlimme
Prophezeihung! fiel Anna ein. Es ist noch immer recht geworden. --
Eben dewegen, meinte der Baumeister, kann es auch einmal schief
gehen. Doch wir wollen das Beste hoffen.

Der Himmel erfllte nicht, was der gefllige Mann hoffte, sondern was
der erfahrene frchtete. Nach wenigen Wochen schon konnte sich Anna
von den schlimmen Wirkungen der alleinherrschenden Sonne berzeugen.
Die Feldfrchte hatten eben zu der Zeit keinen Regen erhalten, wo sie
dessen am meisten bedurften; sie waren zum groen Theil verdorrt,
selbst auf den besten Pltzen verkmmert. Und das Jahr behauptete den
einmal angenommenen Charakter. Regentage waren selten, die heien
schienen kein Ende nehmen zu wollen. Bche trockneten ein, der Boden
bekam Risse, die Natur verschmachtete. Wie sehnschtig sahen die armen
Bewohner der Gegend nach einer Wolke zum Himmel auf! Wie freuten sie
sich, wenn sie endlich erschien und sich ausbreitete! Aber sie ging,
wie sie gekommen, und spter erfuhr man, da sie ihren Segen anderswo
niedergestrmt hatte. -- Das Sonnenlicht, das die Welt verschnt und
Aug und Herz erquickt, wurde den Menschen eine Qual, sein Wieder- und
Wiedererscheinen frchterlich.

Es war ein Mijahr und hatte rings bedeutende Verluste zur Folge.
Die Baronin, bei welcher die Ausgaben die Einnahmen ebenfalls
erklecklich berstiegen, mute die angelegte Summe zurckfordern und
groentheils verbrauchen. Glcklicherweise hatten die benutzten guten
Jahre die bemittelteren Familien in den Stand gesetzt, ein Fehljahr
auszuhalten; die Noth wurde nicht so gro, als man besorgte, und an
Frau von Holdingen kamen von armen Familien des Dorfes nur so viele
Bittgesuche, als sie allenfalls befriedigen konnte. Sie wurde von der
Tochter angetrieben, so viel als mglich zu thun; denn fr diese hatte
der Sommer wenigstens =eine= herrliche Frucht gebracht: ein Schreiben
Arthurs, worin er meldete, da ihn das Glck auf's neue begnstigt,
und da er, wenn es so fortfahre, die geliebte Braut in zwei bis drei
Jahren hoffe wiedersehen zu knnen. Ihr gerhrtes Herz fhlte sich nun
um so mehr gedrngt, zu helfen und Freude zu machen, wo sie konnte.

Der in diesem Jahre vergebens erflehte Regen kam im nchsten Frhling
reichlich; schne Tage fehlten nicht, man konnte sich ein fruchtbares
Jahr versprechen. Leider berwog der Regen nach und nach, die schnen
Tage wurden eine Ausnahme, der Segen des Feldes drohte in Nsse
zu verkommen. Neue und schwerere Sorgen ngstigten die Herzen der
Landleute. Es war nicht blo der Schmerz ber den Verlust, der sie
qulte, es war auch das uneigenntze Leid: die Frchte, die so schn
gewachsen, so klglich verderben zu sehen. Und dieses Leid erneuerte
sich fortwhrend; denn es ist dem Landmann unmglich, ein fr allemal
zu resigniren. Sobald die Wolken sich wieder ein wenig verziehen,
hofft er wieder, und die Nichterfllung schmerzt auf's neue. Das stete
Dunkel der Regentage wirkt an sich niederschlagend, und man mchte
verzweifeln, wenn man es jeden Morgen die Welt verdstern sieht.

Frau von Holdingen wurde in groe Betrbni versetzt. Sie konnte im
Fall eines neuen Fehljahres Noth und Verlegenheit nicht vermeiden, und
diese Vorstellung entri ihr nicht selten unmuthsvolle Ausrufungen.
Anna machte die Beobachtung, da die Dorfleute das drohende Unglck mit
mehr Ruhe ertrugen, und da ihre Klagen gelassener waren, als die der
Mutter. Sie wunderte sich ber diesen Umstand, der doch ganz natrlich
war. Diejenigen, die mehr gewohnt sind, ihren Willen und ihre Wnsche
geltend zu machen, empfinden es um so schmerzlicher, wenn das Geschick
sich ihnen entgegenstellt, whrend Schultern, die fr gewhnlich mit
Lasten beschwert sind, einmal auergewhnlich noch mehr tragen knnen.

Endlich hellte der Himmel sich auf und es kam eine Reihe schner Tage.
Das Wort des Baumeisters, da die Felder von Schnbach noch eher Nsse
als Drre ertragen knnten, bewhrte sich. Manches war verdorben, das
brige erholte sich wieder. Die Getreideernte begann und die Gesichter
erheiterten sich, denn die Frucht war besser, als man erwartet hatte;
aber kaum hatte man ein Drittel davon eingebracht, als ein Wetter am
Himmel aufzog und ein Hagelschlag der strksten Art alles, was noch
drauen stand, im Lauf einer Viertelstunde vernichtete.

Wer ein solches Ereigni miterlebt hat, der kann sich sagen, da er
die schrecklichste Erfahrung des Landmanns kennen gelernt. Was als
bloe Vorstellung die Seele erbangen macht, das steht als grausame,
unwiderrufliche Wirklichkeit vor Augen! Der herbste Verlust wird
zugleich unter den erschtterndsten Formen erlitten! Diemal wurde
das ohnehin Frchterliche des Schauspiels noch dadurch erhht, da
die ungewhnlich groen Hagelkrner auch die Ziegel auf den Dchern
zerschlugen und das Zerknallen und Herabstrzen derselben das Getse
des Sturmes noch schauerlicher machte. Es war den armen Bewohnern des
Dorfes, als ob die Welt untergehen sollte. Frau von Holdingen und Anna
hatten sich bei den Hnden gefat; ihre Gesichter waren erbleicht und
ihre Seelen rangen mit dem Schrecken. Als die Betroffenen den Schaden
besichtigten, erneuerte sich der Jammer: die Wirklichkeit bertraf
die schlimmsten Befrchtungen. Ein so vollkommener Verlust hat aber
wenigstens das Gute, da man die Pein des Verlierens mit einemmal
absolvirt. Man hat in dieser Richtung nichts mehr zu hoffen, aber auch
nichts mehr zu frchten; die Sache ist abgethan und in dem gefolterten
Herzen kann die Ruhe der Entsagung Platz nehmen. So fgten sich nun die
armen Landleute in das Unabnderliche und suchten zu retten, was noch
zu retten war.

Auch die Baronin trug das vollendete Unglck besser als das drohende,
und war zunchst bemht, die Mittel zur Fortfhrung ihres Haushalts
herbeizuschaffen. Sie bedurfte einer namhaften Geldsumme und erhielt
sie von dem befreundeten Rentier, mit dem sie von Zeit zu Zeit Briefe
gewechselt hatte. Als der Bedarf durch Einkufe gedeckt war, sah
sie der Zukunft mit ruhigerem Herzen entgegen. -- Es war dennoch
ein trauriger Herbst. Zu dem trben Gefhl, das eine verkmmerte
Wirthschaft erregt und erhlt, kam eine neue, schwerere Sorge. Seit dem
vorigen Sommer war keine Nachricht von Arthur eingegangen. Man konnte
freilich denken, da wieder ein Brief verloren gegangen sey, oder
da der Verlobte Grnde gehabt habe, die Absendung eines Berichts zu
verzgern. Allein in Folge des erlebten Unglcks und der Noth, welche
die beiden Frauen mit Augen sahen, ohne ihr abhelfen zu knnen, waren
ihre Seelen der Furcht zugnglicher geworden; sie ngstigten sich durch
dstere Vorstellungen, ber die sie sich nur mit Anstrengung wieder zu
erheben vermochten.

Am Ausgang dieser Jahreszeit erhielten sie von dem Rentier eine
Nachricht, die auch nur einen unerfreulichen Eindruck auf sie machen
konnte. Herr von Pranger, dessen Vermgensverhltnisse durch die
Lebensweise der Familie schon angegriffen waren, hatte in Folge groer
Verluste, die er bei zwei Bankerotten erlitten, seine Zahlungen
einstellen mssen; das Gut Waldfels befand sich in den Hnden seiner
Glubiger. Auch andere Leute haben Unglck, sagte Anna zur Mutter.
Mich dauert die Familie und namentlich die gute Frau. -- Und mich,
bemerkte die Mutter, dauert auch die schne Besitzung, die jetzt dem
Schicksal der Zertrmmerung schwerlich entgehen wird. Doch -- das
Unglck mag seinen Lauf nehmen!

Die moralische und religise Kraft Annas wurde im Laufe des Winters
auf die strkste Probe gestellt. Sie erhielt keine Nachricht von dem
Geliebten. Die Annahme, da auch ihn ein Unglck betroffen habe, mute
fr Anna an Wahrscheinlichkeit gewinnen, und sie erfuhr dabei, da auch
der festeste Wille nicht im Stande ist, das angefochtene Menschengemth
immer aufrecht zu erhalten; da die Kraft des Menschen im glcklichsten
Falle nur so weit reicht, aus den Niederlagen sich wieder zu erheben
und weiter zu kmpfen. Ihr Leben wurde ein Wechsel von unberwindlicher
Trauer und von stiller Ergebung und Erhebung des Geistes. Wer Gott
vertrauen gelernt, der wird sich freilich in dem Glauben, da zuletzt
alles ein gutes Ende finden werde, nicht erschttern lassen; aber er
mu darum nicht fr nothwendig halten, da schon im irdischen Leben die
Krnung seiner Wnsche erfolgen werde. Fr dieses Leben kann er, wie
ja so viele seiner Mitmenschen, zum Unglck, zur Entsagung verurtheilt
seyn. Je inniger er aber an jenen Wnschen hngt, um so peinvoller wird
es fr ihn seyn, an ihrer Erfllung verzweifeln zu mssen, und nur in
den geistigsten Momenten wird er seine Schmerzen unter sich drngen
knnen.

Die Gemthsbewegungen, denen das gute Mdchen ausgesetzt war, griffen
zuletzt auch ihre Gesundheit an. Sie verlor die Farbe und die
zierliche Rundung ihrer Wangen, den Glanz ihres Auges. Die Mutter sah
sie mit Blicken tiefen Kummers an. Ein so edles Kind, ein so herrliches
Geschpf, sollte es wirklich um das Glck des Lebens betrogen und
dem Leide geweiht seyn? -- Traurig senkte sie das Haupt und ein
schmerzlicher Seufzer entrang sich der Brust.

Es war nur eine Mehrung ihrer Betrbni, als ein wohlhabender adeliger
Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft, der Anna schon frher eine
gewisse Aufmerksamkeit gewidmet hatte, durch eine Verwandte anfragen
lie, ob sie seine Bewerbung mit gnstigen Augen ansehen wrde. Aus
den Reden der Dame ging hervor, da sowohl sie als ihr Cousin das
Verhltni Annas gelst, d. h. von dem entfernten Verlobten aufgegeben
glaubten und eben dadurch sich zu der Anfrage ermuthigt fhlten. Frau
von Holdingen schttelte bei dieser Erffnung den Kopf und schwieg
kummervoll. Den Mund Annas umspielte ein eigenes Lcheln und sie
erwiederte: Ich danke Herrn von ** fr seine gtige Gesinnung; aber
mein Verhltni mit Arthur von Waldfels ist nicht gelst und wird sich
niemals lsen. Ich wei, da er gesinnt ist wie ich, da er Treue
halten wird bis zum letzten Athemzug. Wenn er aber todt wre, so wrde
ich dennoch ihm und nie einem andern gehren. -- --

Endlich begann ein neuer Frhling, und zwar so schn, da auch die
bedrcktesten Seelen sich etwas erleichtert fhlen muten. Ein guter
Jahrgang war an der Zeit und alle Anzeichen verhieen ihn. Als Frau
von Holdingen bei einem gelegentlichen Blick in die leere Scheuer den
Kopf schttelte, sagte der Baumeister, der es bemerkt hatte: Sie wird
wieder voll werden. Ich prophezeie diemal ein Jahr wie das erste, das
Sie in Schnbach zugebracht haben.

Die Prophezeiung traf ein, und doch sollte sich die erste Versicherung
als eine Tuschung erweisen. In einer Nacht des Mai wurden die Bewohner
des Schlchens durch Feuerlrm geweckt. Es brannte im Nachbarhause.
Als die Baronin aus dem Fenster sah, hatte die Flamme bereits auch
ihre Wirthschaftsgebude ergriffen. Mit grter Mhe wurden die
Stlle gerumt und das Wohnhaus gerettet; von Scheuer und Viehhaus
blieben nur die Mauern brig. -- Es heit, kein Unglck komme allein,
und dieser Spruch hat eine reiche Erfahrung fr sich. Man kann die
Thatsache aus der Natur und dem Zweck des Unglcks erklren, oft aber
enthlt das erste schon einfach den Keim des folgenden in sich. Im
gegenwrtigen Fall hatte der Brand zu dem Hagelschaden eine genaue
Beziehung. Frau von Holdingen hatte die zerschlagenen Ziegeldcher an
den Wirthschaftsgebuden vorlufig nur mit Stroh decken lassen und
die rechte Wiederherstellung besseren Zeiten vorbehalten. Das Stroh
hatte Feuer gefangen, wo Ziegel ohne Zweifel widerstanden htten, bis
Hlfe gekommen wre; und so war der erste Verlust an dem zweiten Schuld
geworden.

Das Wohlwollen, das die Baronin bei verschiedenen Gelegenheiten den
Dorfleuten bewiesen hatte, wurde ihr jetzt vergolten. Die bemittelten
Familien erboten sich eifrig, das obdachlose Vieh in ihre Stlle
aufzunehmen. Gerhrt machte sie von dem Anerbieten Gebrauch und im
Anschauen der herzlichen Theilnahme fiel ein Schein des Trostes
in ihre Seele. Aber dieser verschwand bald wieder. Die schlimmste
Frucht des fortgesetzten Unglcks ist der Wahn, da man ganz von
Gott verlassen und einer unheilbringenden Macht verfallen sey. Wenn
ein solcher Miglaube in edlen Herzen nicht Wohnung nehmen kann, so
kann er sie doch in einzelnen Momenten anfallen und zu Boden drcken.
Noch immer war keine Nachricht von Arthur eingetroffen! Muten die
Frauenseelen, die all ihr Glck auf ihn gesetzt hatten, nicht endlich
von Verzweiflung ergriffen werden? Mute das Schreckbild seines
Untergangs dem gengsteten Mdchen nicht nher und nher treten? Als
der Dorfbote von der Post noch einmal zurck kam, ohne das ersehnte
Schreiben mitzubringen, war die Kraft der Armen erschpft und ohne
Widerstand brach sie zusammen. Ihre Thrnen flossen, als ob sie die
Seele in ihnen hinstrmen wollte. Die Mutter richtete sie auf und mit
der Strke der Pflicht und der Liebe hielt sie das unglckliche Kind in
den Armen.


                                 VI.

Die Strme des Herzens gleichen in ihrer Wirkung den Gewitterstrmen.
Sie vertreiben aus der Atmosphre der Seele die niederdrckende Schwle
und schaffen Raum fr ein stilles und mildes inneres Leben. In einem
Anfall von Verzweiflung, der in einen Strom von Thrnen endet, wird
eine Last abgeworfen. Was dem Menschen vorher unmglich war, das wird
ihm dann leicht, was er vorher mit grter Anstrengung nicht von sich
zu erlangen vermochte, das kommt beinahe von selber. Es ist die mit
ein Beweis, da im Menschen eine Natur wohnt, die ihr eigenes Leben hat
und nicht berufen zu seyn scheint, dem Geiste jederzeit Gehorsam zu
leisten.

Zwei Tage spter, um die Mittagsstunde, finden wir Mutter und Tochter
im gemeinschaftlichen Zimmer des Schlchens. Anna war in eine Ecke
des Sophas gelehnt, ihr Gesicht war bleich, aber es drckte eine
Melancholie aus, die nicht ohne einen gewissen Schein von Heiterkeit
war -- die Frucht der Ergebung. Wenn der Verlust eines theuren Wesens
die Seele in tiefe Trauer versetzt, so wei der Glaube ja, da dieses
Wesen nicht fr immer verloren ist, und das Gefhl des Besitzes ber
die Welt hinaus wirft ein sanftes Licht in das Dunkel des Leids. Aber
das Herz der Liebenden war auch durch die Hoffnung erhellt, welche
nicht ablie, sich wieder und wieder in ihr zu erheben. Es war ein
sonderbarer Zustand: eine Entsagung durch Hoffnung, und eine Hoffnung
durch Entsagung gedmpft; ein Schweben durch eine milde Region der
Trauer, deren Ende als Mglichkeit vor der Seele steht.

Die Mutter sah das schweigende Kind mit tiefer Besorgni an. Sie
erblickte in ihr nur ein hinwelkendes Bild der Resignation, und bei
dem pltzlich aufsteigenden Gedanken, da der Anfang einer Krankheit
da seyn knnte, die sie dem Grabe zufhren mte, fuhr sie erschreckt
zusammen.

In diesem Augenblick trat der alte Diener ein und meldete einen
Fremden, der sich Theodor Schmidt nenne und die gndige Frau um
einige Minuten Gehr bitte. -- Vielleicht ein Zimmermeister aus der
Nachbarschaft, der sich um den Bau bewerben will. Fhr' ihn her!
-- Als der Fremde erschien, sah die Baronin gleich, da sie sich
geirrt hatte. Es war ein elegant gekleideter Mann in den Dreiigen,
dessen Haltung den feiner Gebildeten, dessen Figur und Dialekt den
Norddeutschen verriethen. Der Fremde begann: Ich habe -- einen
Blick auf Anna werfend, hielt er jedoch inne, zog die Hand, die er
der Brusttasche genhert hatte, wieder zurck und sagte nach kurzem
Bedenken: Ich habe Ihnen eine gute Nachricht zu berbringen. -- Anna
sah ihn an; die Mutter erwiederte: Eine gute Nachricht? Zgern Sie
nicht, werther Herr, wir bedrfen einer solchen. -- Der Fremde fuhr
fort: Ich bin beauftragt von dem Herrn Baron von Waldfels -- Anna,
die keinen Blick von ihm verwendet hatte, rief: Arthur von Waldfels?
-- Er lebt? Er ist gesund? -- Er lebt und ist gesund, erwiederte
der Fremde. Er befindet sich in Deutschland und ich bin beauftragt,
die verehrten Damen zu ersuchen, meine Begleitung zu ihm anzunehmen.
-- Anna starrte ihn an; das Zuviel des Glcks machte sie mitrauisch,
aber das ehrliche Gesicht des Fremden trstete sie wieder. Ist es
mglich? rief sie, indem eine glhende Rthe ihre Wangen bergo, ist
es mglich? -- Der Fremde nahm einen Brief aus der Tasche und bergab
ihn Anna. Diese ffnete ihn und las und Entzcken leuchtete aus ihrem
Gesicht.

Der Brief lautete: Auf dem Boden des deutschen Vaterlandes, aus
seiner ersten Handelsstadt, begre ich dich, Geliebteste, und die
innig verehrte Mutter. Ich lebe des Glaubens, da dieser Brief die
theuersten Wesen, die ich auf der Erde habe, gesund antreffen wird und
bereit, mein Glck zu theilen. Ich bin wiedergekehrt, nachdem ich den
Zweck, um dessen willen ich ausgegangen bin, erreicht habe, mit tiefem
Dank gegen den Himmel, der meine Thtigkeit ber Erwarten gesegnet hat.
Der Ueberbringer, mein Sekretr, dessen Treue erprobt ist, wird dich
und die geliebte Mutter zu mir geleiten. Folge ihm und erfahre bei
deiner Ankunft, warum es mir nicht mglich war, selber zu dir zu eilen.

Frau von Holdingen hatte die Tochter, als sie den Brief nahm und
ffnete, mit der hchsten Spannung betrachtet; auch ihr war das Glck
zu unerwartet gekommen, als da sie sich dem Glauben daran sogleich
htte hingeben knnen. Aber durch die Wonne der Liebenden sah sie die
Nachricht besttigt und Thrnen fllten die Augen der geprften Frau.
Sie trat nher; Anna rief mit himmlischer Freude: Es ist wahr! Mutter,
liebe Mutter! und fiel ihr um den Hals. Lange hielten sie sich umfat.
Die Ueberglckliche weinte am treuen Mutterherzen und ihre Thrnen
wollten kein Ende nehmen. Endlich richtete sie sich auf und sagte: Das
vollkommenste Glck, ein Glck, das mir keinen Wunsch mehr brig lt,
war mir aufgespart -- und ich hatte den Glauben daran verloren und war
verzweifelt! Ich habe die Probe nicht ausgehalten, auf die ich gestellt
wurde, und bin beschmt!

Im Laufe des Gesprchs vernahmen sie, da der Sekretr schon
lngere Zeit in Arthurs Diensten stehe. Die Mutter forderte ihn wie
gelegentlich auf, etwas von den Schicksalen des Barons mitzutheilen.
Aber jener versetzte, er bedaure, diesem Wunsche nicht entsprechen zu
knnen; die Erzhlung seiner Schicksale habe sich Herr von Waldfels
selber vorbehalten. -- Ah, rief die Baronin heiter, noch immer
geheimnivoll! -- Nun, setzte sie mit Selbstgefhl hinzu, wir glauben
die Hauptsache errathen zu haben und knnen uns fr das Uebrige noch
einige Tage gedulden.

Am andern Morgen fuhr ein Postillon mit einem stattlichen Reisewagen
vor, den Arthur den Damen entgegengeschickt hatte. Unter frhlichem
Blasen ging es durch das Dorf, wo die am Wege stehenden Leute Gre
und Glckwnsche nachriefen. Bald rollte der Wagen auf der weien
Landstrae fort. Mit welcher Heiterkeit sah Anna die schnen Saaten,
den grnen Wald und alles, was sich ihren Blicken darbot! Wie
freundlich und wie heimlich sprach sie alles an! -- Sie sa da so
leicht, mit so edler und freier Haltung, da Wagen und Pferde fr sie
erfunden zu seyn und keine hhere Aufgabe zu haben schienen, als ihr zu
dienen.

Am zweiten Nachmittag fuhren sie durch eine Gegend, die den Damen
bekannt war. Etwa drei Meilen weiter nach Westen lag das Thal mit
Waldfels und dem Landhause. Anna sah hinber und konnte nicht umhin,
ein Bedauern zu empfinden, da dem Brutigam das schne Gut seiner
Ahnen verloren seyn sollte. Vor Kurzem hatte ein Besucher nach
Schnbach die Nachricht gebracht, da die Besitzung wieder verkauft
worden sey. Sie hatte die unbewegt vernommen; wie konnte fr die
Tiefbetrbte eine solche Vernderung Bedeutung haben? Aber im Glck
regen sich neue Bedrfnisse; wenn die groen Wnsche erfllt sind,
dann tauchen die kleineren wieder auf, denn die Menschenseele strebt
nach dem Vollkommenen. Jetzt, mit den hchsten Geschenken des Himmels
begnadigt, empfand sie in der That ein Verlangen nach dem Besitz von
Waldfels, und es that ihr ernstlich leid, ihm entsagen zu mssen.

Die Seitenstrae, die nach dem Thale fhrte und zunchst einen kleinen
Hgel hinanstieg, wurde sichtbar. Anna machte die Mutter darauf
aufmerksam. Diese, ihre Gedanken errathend, rief in bedauerndem Tone:
's ist Schade! -- Die Anschauung ihres Gefhls an der Mutter brachte
aber das Mdchen zur Selbsterkenntni und sie sagte: Was doch die
Menschen ungengsam sind! Ich habe das Hchste erlangt -- ein Glck,
dessen ich mich unwerth fhlte und das ich nicht tragen zu knnen
glaubte; und jetzt wnsche ich eine Zugabe! -- -- Weg mit den Augen!
sagte sie zu sich selbst und richtete die Blicke die Linie entlang,
auf der sie dem Geliebten nher kommen sollte.

In andere Gedanken verloren, gewahrte sie es nicht, da der Postillon
in die Seitenstrae einbog; aber Frau von Holdingen rief: Was ist
das? und sah den Sekretr mit betroffen fragendem Blick an. Dieser
versetzte mit einem Lcheln: Wir fahren die rechte Strae, gndige
Frau. -- Anna, die den Ausruf der Mutter und diese Antwort vernommen
hatte, sah, wo sie war, und wie ein elektrischer Funke zuckte eine
Ahnung durch ihre Seele. Der neue Kufer von Waldfels war Arthur! Sie
sollte den Geliebten in der Besitzung seiner Ahnen wiedersehen -- auch
ihr letzter Wunsch sollte erfllt werden! Mit erglhten Wangen fate
sie die Hnde der Mutter und sah in ein Antlitz, aus dem ihr derselbe
Glaube entgegen blickte. Und dieser Glaube wurde vom Abgesandten
besttigt -- durch Schweigen. -- Wie wonnig klopfte das Herz der
Liebenden, wie selig lchelte sie, als der Wagen weiter und weiter
rollte und sie dem Brutigam nher und nher brachte! Endlich fuhren
sie in das Thal ein, das im reichen Schmuck des Frhlings prangte.
Der letzte Zweifel schwand. Sie sahen das Landhaus, sie sahen das
Stdtchen, aber ihre Blicke richteten sich nach Waldfels. Dort lag es,
berglnzt von der Abendsonne, das Schlo mit dem Park, die Krone des
Dorfs. Das Posthorn schmetterte -- wie anders klangen jetzt seine Tne
zum Wiedersehen, als vor Jahren zum Abschied! Der Wagen rollte in die
alte Allee, dem Thore zu, das mit Blumen geziert hersah.

Ein schlanker Mann, in eleganter, einfacher Kleidung, eilte ihnen
entgegen und rief: Willkommen! Es war Arthur. Der Wagen hielt. Anna,
von der Rechten des Geliebten ergriffen, flog an seine Brust. Es war
kein Traum! Sie hielten sich in ihren Armen, ihre Herzen schlugen an
einander -- ihr Glck war vollendet! Ein Wunder der staunenden Seele,
war es helle, klare, selige Wirklichkeit! -- Anna erhob ihr Haupt,
Freudenthrnen rollten aus ihren Augen, die an dem Geliebten hingen.
Arthur streichelte die Thrnen von ihren Wangen und sah sie aus
feuchten Augen mit unendlicher Liebe an. Dann sagte er in herzlichem
Ton: Siehst du, Anna? unser Vertrauen hat uns doch nicht betrogen! Die
muthig unternommene Arbeit ist gesegnet worden; Alles ist erreicht, was
wir gehofft haben, ja mehr als das; der Himmel ist mir gnstig gewesen
um deinetwillen -- selbst ber meine Trume hinaus! -- Anna rief: Was
soll ich thun, Arthur, um so viel Glck zu verdienen? -- Bleibe, wie
du bist! erwiederte dieser liebevoll.

Die Baronin stand vor ihnen. Arthur ergriff ihre Hand, umarmte sie und
rief: Verzeihen Sie, liebe Mutter! -- Diese erwiederte gerhrt:
Der Braut gebhrt der Vorrang. -- Meine Augen haben das Schnste
gesehen, was eine Mutter sehen kann -- Ihre Liebe zu Anna ist dieselbe
geblieben.

Aus dem Thor, durch das der leere Wagen gefahren war, kamen der Rentier
und der Pfarrer von Waldfels. Von Arthur gefhrt, begab sich die
Gesellschaft in den Hof, wo die Damen von der Dienerschaft ehrerbietig
begrt wurden. Die Glcklichen erkannten in allem die Zeichen des
wiederhergestellten Glanzes, und von welchen Empfindungen muten sie
bewegt seyn, als sie nach so vielen Jahren zum erstenmal wieder in das
schne Schlo eintraten!

Nach einer halben Stunde finden wir den kleinen Kreis in einem Zimmer
vereinigt, dessen Wnde mit den Familienbildern des Hauses Waldfels
geschmckt waren und dessen Altan und Fenster die Aussicht in den
Park boten. Whrend das verlobte Paar sich mit dem Geistlichen, der
Rentier mit dem Sekretr unterhielt, sa die Baronin allein an der
Seite und lie ihre Blicke von Arthur zu einem Bilde gleiten, das
einen stattlichen Krieger aus dem siebzehnten Jahrhundert vorstellte.
Ihr schien, als ob ihr knftiger Schwiegersohn keinem seiner Ahnen
mehr gliche als diesem, und sie fand es nun um so begreiflicher, da
die kriegerische Neigung desselben in ihm wieder erwacht sey. Arthurs
Glieder waren beinahe so krftig wie die des alten Generals, und
sein Gesicht eben so gebrunt. Allerdings fehlte ihm die gewaltige
Narbe, welche die Stirn des Vorfahren zierte, und wir knnen nicht
verschweigen, da die Baronin gleich nach der ersten Begrung in dem
Gesicht des Wiedergekehrten nach einem solchen Zeugni der Tapferkeit
gesucht hatte. Allein es gibt glckliche Soldaten, die das Privilegium
zu haben scheinen, unverwundet zu bleiben, und zu diesen mute der
Baron gehren. Die Neugierde, die sie bis jetzt unterdrckt hatte,
regte sich aber bei dieser Vergleichung auf's neue. Sie widerstand
jetzt nicht lnger, und zu der Gruppe tretend, erinnerte sie Arthur
daran, da er ihnen eine Erzhlung seiner Schicksale und seiner
=Thaten= schuldig sey. Oder, setzte sie lchelnd hinzu, wre die
Zeit dazu noch immer nicht gekommen? -- In der That, noch nicht
ganz, erwiederte Arthur. Wir haben bis zum Abendessen nur noch eine
halbe Stunde, mein Bericht wird aber ziemlich lange dauern und ich
will ihn daher Ihnen und mir erst nach einer entsprechenden Strkung
zumuthen. Ich mache Ihnen aber einen andern Vorschlag. Haben Sie die
Gte, uns etwas von der letzten Zeit in Schnbach zu erzhlen, von der
wir hier nur sehr wenig und gar nichts Bestimmtes wissen.

Die Baronin erklrte sich bereit. Nach einer kurzen Einleitung
schilderte sie die Regentage und den Hagelschlag des vorigen Jahrs.
Sie zeigte sich dabei in konomischen Ausdrcken so bewandert, da
Arthur sich nicht enthalten konnte, nach dem Bedauern ihres Unglcks
auch seine Bewunderung ihrer landwirthschaftlichen Kenntnisse
auszusprechen, was sie inde mit einem leichten Achselzucken hinnahm,
vielleicht um damit anzudeuten, da die Kenntni jener Ausdrcke
noch lange nicht die Oekonomin mache. Als sie der Sorgen wegen des
Ausbleibens einer Nachricht erwhnte, war Arthur betroffen. Wie! rief
er aus, Sie haben meinen letzten Brief nicht erhalten? -- Die Baronin
erwiederte mit Bedeutung: Wir haben keinen Brief von Ihnen erhalten
seit mehr als anderthalb Jahren. -- Arthur sa mit dem Ausdruck tiefen
Bedauerns da und sagte: Ich bin sehr zu tadeln. Bei solcher Entfernung
sollte man Nachrichten dieser Art in zwei oder drei nacheinander
abgehende Briefe niederlegen, da die Mglichkeit des Verlustes um so
viel nher liegt. Aber das Glck hatte mich verwhnt: ich dachte nicht
daran. -- In diesem Schreiben, fuhr er zu Anna gewendet fort, hatte
ich dir gemeldet, da ich Anstalt machte, meine Angelegenheiten in
Ostindien zu ordnen und nach Europa zurckzukehren. Ausdrcklich war
darin bemerkt, da von dort aus kein Brief mehr nachfolgen wrde. --
Nach einer Pause begann die Baronin: Eine Schilderung, wie wir unter
solchen Umstnden den Winter verlebten, will ich Ihnen erlassen.
-- Arthur, die Hand der Geliebten fassend, rief herzlich: Verzeih
mir! -- Zuletzt schilderte sie den Brand in Schnbach, und die
Mnner uerten ihre Verwunderung ber diese Steigerung betrbender
Erlebnisse. Arthur sagte: Das Schicksal hat ungleich getheilt. Sie
haben das Unglck gehabt und ich das Glck. Aber, setzte er hinzu,
mein Glck ist im Stande, Ihr Unglck zu decken. -- Es ist eigen,
bemerkte Anna; ich mchte mir jetzt das Unglck der letzten Jahre
nicht nehmen lassen, sogar die Sorge und die Angst nicht, die ich um
deinetwillen empfunden. Nur das erlebte Leid beruhigt das Herz bei
allzugroer Freude. -- Die, setzte der Geistliche hinzu, ist unter
andern der Zweck des Leides in der Welt. Aber in der Regel dankt man
dem lieben Gott fr das Mittel erst spter.

Nach Tisch saen sie wieder in dem heimlichen Zimmer beisammen. Whrend
des Essens hatte ein kurzer Gewitterregen die Natur erfrischt und
balsamische Luft strmte durch die offenen Fenster. Die Sonne war
unter-, der Mond aufgegangen, aber noch herrschte der Glanz im Westen.
Niemand achtete der Schnheit des Abends; die Geister waren gespannt
auf die Erzhlung Arthurs. Dieser, neben Anna sitzend, begann endlich,
indem er das Wort zunchst an die Baronin richtete.

Sie wissen, da mein Weg zuerst nach London ging. Dort lebte ein
Kaufmann, ein Grohndler, den mein Vater vor etwa zehn Jahren
sich verpflichtet hatte, indem er ihm bei einer Ehrensache einen
wesentlichen Dienst leistete. Ich wute die aus einem Dankschreiben,
das sich unter den nachgelassenen Papieren fand, hatte mich brieflich
an diesen Mann gewendet und Rath und Hlfe war mir zugesagt worden. In
London stellte ich mich ihm vor. Ich fand einen rstigen Fnfziger, der
mich mit groem Wohlwollen aufnahm. Dadurch ermuthigt, theilte ich ihm
sogleich mit, was in meinem Briefe schon angedeutet war: da ich den
Entschlu gefat habe, Kaufmann zu werden.

Die Baronin wollte bei diesen Worten ihren Ohren nicht trauen. Wie?
rief sie, Kaufmann? -- daran dachten Sie? -- Doch, setzte sie hinzu,
indem sie sich bezwang, ich will Sie nicht unterbrechen. -- Arthur,
der bei diesem erwarteten Ausruf ein Lcheln nicht unterdrcken konnte,
fuhr fort: Herr Goodman -- die war der Name des Kaufmanns -- sah
mich prfend an und sagte dann mit Ernst: Ich begreife, da Sie einen
Stand ergreifen wollen, in welchem Sie das Glck, das Sie suchen, am
schnellsten und sichersten erreichen zu knnen glauben. Allein es ist
mglich, lieber Freund, da Sie diese Laufbahn gar viel anders finden,
als Sie erwarten, und es ist meine Pflicht, Sie darauf aufmerksam zu
machen. Das Erlernen der Kaufmannschaft hat fr eine gewisse Art von
Menschen seine groen Unannehmlichkeiten. Ob Sie in Ihrem Alter und --
wie er lchelnd hinzusetzte -- als deutscher Edelmann dabei aushalten,
das ist noch die Frage. Aber angenommen Sie bleiben standhaft und
erlangen eine Stellung, in der Ihre Arbeit sich lohnt, so haben Sie bei
der consequentesten Thtigkeit und Umsicht auch noch ungewhnliches
Glck nthig, wenn Sie das Ziel, das ich aus Ihrem Brief kenne, endlich
erreichen wollen. Ist Ihnen das Glck nicht gnstig, werden Ihnen blo
die Frchte des Fleies zu Theil, so verfehlen Sie Ihren Zweck.

Gut, rief hier die Baronin, das schreckte Sie ab und Sie suchten
-- -- Keineswegs, fiel Arthur ein, das schreckte mich nicht ab,
denn ich war auf solche Einwendungen vorbereitet. Ich erwiederte mit
Entschiedenheit, mein Entschlu sey reiflich erwogen, ich fhle mich
zu dieser Thtigkeit hingezogen und habe mehr Vorkenntnisse, als er
mir vielleicht zutraue; Mhen und Anstrengungen vermchten mich nicht
abzuschrecken und ich knne mich des Glaubens nicht erwehren, da ich
auf diesem Wege erreichen werde, was ich suche. Herr Goodman, der mich
mit Ruhe angehrt hatte, ergriff nun meine Hand mit jener mnnlichen
Herzlichkeit, welche der Englnder denjenigen zeigt, die ihm gefallen.
Wenn das ist, versetzte er, dann will ich nicht mehr abmahnen,
sondern helfen. Er hielt Wort -- und Arthur Waldfels trat als Lehrling
in seine Handlung ein.

Diese Erffnung machte auf die Baronin und Anna einen gleich starken,
aber sehr verschiedenen Eindruck. Die Verlobte, die sich zwar immer zu
der Annahme der Mutter geneigt, aber sich nie ganz fr sie entschieden
hatte, war bei den ersten Worten Arthurs im Klaren. Gehrte nun auch
nach ihrer Ansicht ein ungewhnlicher Entschlu dazu, einen solchen
Stand zu ergreifen, so war die Ausfhrung nur ein Beweis mehr fr
die Tiefe und Innigkeit seiner Liebe. In ihr erweckte daher diese
Mittheilung nur Rhrung, und aus ihren Mienen sprach eine herzliche
Genugthuung. Frau von Holdingen dagegen erschien ganz auer Fassung
gebracht. Mit der Rthe der Verlegenheit auf ihrem Gesicht rief sie:
Kaufmannslehrling! -- ein Baron von Waldfels -- -- Ah, setzte sie
nach einem Moment auf die Ahnenbilder deutend hinzu, was wrden diese
da zu einem solchen Schritt ihres Abkmmlings gesagt haben! -- Diese
da, entgegnete Arthur, wrden sich wohl nicht in der Lage befinden,
von Ihnen gegenwrtig angerufen zu werden, wenn ich jenen Schritt nicht
gethan htte!

Die Baronin war bei allen ihren Lieblingsanschauungen, wie dem Leser
schon bekannt ist, eine verstndige und keineswegs unpraktische Frau.
Von dem Gewicht dieser Entgegnung getroffen und an die guten Folgen
des seltsamen Unternehmens erinnert, fate sie sich und erwiederte
lchelnd: Es mag wahr seyn. Am Ende gilt hier das Wort: der Zweck
-- -- Heiligt das Mittel? fiel Arthur ein. In diesem Falle gewi!
Erlauben Sie mir brigens, Sie auf das letzte der von Ihnen angerufenen
Bilder aufmerksam zu machen: es stellt eine Dame vor, die, wie Sie
sich erinnern werden, von Kaufleuten abstammt. -- Es ist wahr, rief
die Baronin, auf welche das Bekannte, an das Arthur sie mahnte, wie
eine Enthllung wirkte. Der Genius der Mutter hat in Ihnen gesiegt!
-- Und dem Himmel sey dafr gedankt! versetzte Arthur; denn der
Genius meines Vaters -- mit aller Hochachtung sey von ihm gesprochen
-- htte mich schwerlich nach Waldfels zurckgefhrt. -- Die Baronin,
welche die Wahrheit dieses Wortes zugeben mute, schwieg. Sie nahm sich
zusammen und sagte dann mit Anmuth: Verzeihen Sie meine Verwunderung
ber Ihren Entschlu, dessen Ungewhnlichkeit Sie selber nicht lugnen
werden. Sie haben reussirt -- das ist die Hauptsache.

Im Vorgefhl des Erfolgs, bemerkte Arthur, wurde ich Kaufmann.
Da ich gegen Herrn Goodman meine Ehre verpfndet hatte, so erfllte
ich alle meine Pflichten, auch die unerfreulichen, gewissenhaft.
Mancher Auftrag schien mir nur ertheilt zu werden, um meine Geduld
zu prfen; ich bestand die Probe. Meine wissenschaftliche Bildung,
meine Vorkenntnisse und eine gewisse Anlage zum praktischen Denken
frderten mich rasch. Ich begriff den Zweck dessen, was ich treiben
sollte, und lernte um so leichter. Ich hatte den Zusammenhang der
verschiedenen Arbeiten vor Augen, und die einzelnen erschienen mir um
so interessanter. Es dnkte mich, als ob jeder Tag mich weiter brchte,
und schon jetzt machte ich die angenehme Erfahrung, da das Schwierige
mir gelufig wurde. -- Sie sehen aus allem, da ich ein ungewhnlicher
Lehrling war; ich hatte auch ein ungewhnliches Schicksal. Noch war
kein Vierteljahr verflossen, als mich Goodman zu sich rufen lie, meine
Ausdauer, meine Gewandtheit hervorhob und zu dem Schlu kam, da ich
verdiene, ein Kaufmann zu werden. (Hier konnte sich Frau von Holdingen
nicht enthalten, ein wenig die Achseln zu zucken.) Er erffnete mir,
da er mich in eine Stelle bringen knne, die mich unter glcklichen
Umstnden rasch frdern werde, -- in die Stelle eines Commis bei einem
Geschftsfreund in Calcutta. Ich war auf's angenehmste berrascht.
Ostindien war das Land meiner kaufmnnischen Trume und ich sah in
diesem Ruf eine besonders gnstige Vorbedeutung. Goodman hatte mir
Auftrge in seinem Interesse zu ertheilen und rstete mich mit den
nthigen Geldern aus. Ich beeilte mich, dieses erste Resultat nach
Deutschland zu melden, und ein rascher Segler trug Csar und sein
Glck.

Die Fahrt ging verhltnimig schnell und ohne besondere Abenteuer
vorber -- die Stadt der Palste lag vor mir. Ich erinnere mich noch
wohl der zauberhaften Empfindung beim ersten Anblick und des Staunens,
welches Tage lang bei mir anhielt. Eine Stadt, welche mit der Pracht
Europas und der Pracht Asiens die Augen blendet -- die Vereinigung
der wunderbarsten Contraste -- der Versammlungsort von Reprsentanten
aller Nationen, aller Religionen und aller Stnde -- der Schauplatz
der mannigfaltigsten und seltsamsten Gesichter, Figuren und Trachten
im Rahmen einer tropischen Natur! -- Es steht wie ein Mhrchen vor den
Augen, aber dieses Mhrchen ist Wirklichkeit! -- Doch, unterbrach
sich der Erzhler mit einem Lcheln, ich mu der Lust zu schildern
Widerstand leisten, wenn ich meinen Bericht heute noch zu Ende bringen
soll. Also zur Sache!

Ich wurde von dem Handelsfreunde meines Londoner Beschtzers, Herrn
Warren, gtig empfangen, besorgte mit seiner Hlfe die bernommenen
Auftrge und trat als letzter Commis in ein groartiges Geschft ein.
Die neuen Verhltnisse machten neue Anstrengungen nthig; aber ich
lie es daran nicht fehlen und orientirte mich bald. Das Talent --
Sie erlauben mir schon, mir so etwas beizulegen -- und die Liebe zur
Sache erleichtern jede Arbeit. Man hat damit schon vorher eine Ahnung
von dem, was man sich zu eigen machen soll; man sucht und man findet.
Je weiter man vorrckt, je klarer und angenehmer wird die Thtigkeit.
Fr Leute, die reflektiren -- und als guter Deutscher gehr' ich zu
diesen -- hat die Beobachtung eines so bedeutenden Handelshauses an
sich groen Reiz. Wie in einem gut regierten Staate thut jeder an
seiner Stelle seine Pflicht, und das Haupt, allein oder mit Hlfe des
Fhigsten, lenkt das Ganze und lt Gedanken ausfhren zum Gedeihen
des Ganzen. Man bentzt die Schpfungen der Vorfahren, Erfindungen und
Einrichtungen, welche dazu dienen, die Geschfte zu vereinfachen und zu
erleichtern. Wohlgefhrte Bcher bewirken eine Art von Allwissenheit;
sie befhigen den Kaufmann, ber den Stand der mannigfaltigsten
Geschfte und Beziehungen sich jederzeit Rechenschaft zu geben. Der
Geist herrscht, der Stoff ist bewltigt. Es ist ein Gefhl, ganz
hnlich dem eines Generals, der eine Armee kommandirt, oder dem eines
Knstlers, der seinem Gegenstand Form und Schnheit gibt. Arthur
hielt ein wenig inne und richtete seinen Blick auf den Rentier, dessen
Gesicht bei den letzten Worten, im Andenken an die Zeiten, wo er selber
als Buchhalter wirkte, sich angenehm aufgeklrt hatte. Die beiden
Geschftsleute nickten einander zu und Arthur nahm seine Erzhlung
wieder auf.

Ich arbeitete mich rasch empor. Warren, den mein Eifer freute,
begnstigte mich ungewhnlich. In den ersten dritthalb Jahren fungirte
ich als Korrespondent und als Reisender. Bei einer Handlung, die
jhrlich Millionen umsetzte, drfen Sie hier an nichts Kleinliches
denken. Ich vermittelte bedeutende Geschfte, lernte Land und Menschen
kennen, lernte die Sprache des Landes und konnte unserem Hause manchen
guten Dienst leisten. Gesttzt auf solide Kenntnisse regte sich mein
Geist und ich hatte =Ideen=. Warren hrte sie, hie sie gut, und sie
bewhrten sich. Wir ersahen hie und dort unsern Vortheil, kauften
wohlfeil ein, verkauften theuer und machten groen Gewinn.

Bei dieser Mittheilung war die Baronin bedenklich geworden, und
unwillkrlich rief sie: Aber Sie werden doch nicht -- -- Sie hielt
inne, das Wort wollte nicht ber die Zunge. -- Betrogen haben?
ergnzte Arthur heiter. Mit nichten, verehrte Frau! -- Erlauben
Sie mir, bei dieser Gelegenheit berhaupt mich der Kaufmannschaft
anzunehmen. Da im Handel betrogen wird, ja, da der Handel zum Betrug
reizt, will ich nicht lugnen. Aber der Betrug ist hier, wie auf andern
Gebieten, nur ein Surrogat fr mangelnde positive Eigenschaften.
Um als Kaufmann etwas zu erwerben, mu man Kenntnisse, Verstand,
Einflle, Muth und Glck haben. Wer die nicht hat und doch zu etwas
kommen will, der wird sich auf Betrug legen. In der Regel wird aber
gerade der Betrger die kleinen und mittelmigen, der begabte und
muthige Kaufmann dagegen die groen Geschfte machen. Nur mu man die
Dinge sehen, wie sie sind. Wenn ich ein Auge habe auf die politischen
und merkantilischen Ereignisse, wenn ich in die Zukunft sehe, ihre
Bedrfnisse erkenne und zu rechter Zeit mich in den Stand setze, sie
zu befriedigen, so bin ich ein guter Geschftsmann und kein Betrger.
Wenn ich mir Waaren verschaffe, wo sie billig, und sie dahin frdere,
wo sie theuer sind, benachtheilige ich weder Verkufer noch Kufer,
im Gegentheil, ich diene beiden und verdiene ihren Dank. Ich nehme
von dem, der abgeben will, und gebe ab an den, der nehmen will; ich
befriedige die Wnsche beider und ntze beiden. Der Gewinn, der dabei
abfllt, gebhrt mir von Rechtswegen, denn ich habe gethan, was ihn zur
Folge hat, und niemand gehindert, dasselbe zu thun. -- Shakespeare,
wie Sie wissen, nennt seinen Kaufmann von Venedig einen =kniglichen=
Kaufmann. Kann man denken, da Antonio sich mit Betrug abgegeben hat?
Aber solcher kniglichen Kaufleute gibt es jetzt mehr als jemals.
Es gibt Mnner, die sich an dem Handel betheiligen mit dem vollen
Bewutseyn der segensreichen Wirkungen desselben fr die Welt, Mnner,
deren Reichthum die Frucht ihrer Einsicht und ihres Fleies ist und die
von ihm noch dazu den achtungswerthesten Gebrauch machen.

Ich geb' es zu, erwiederte die Baronin, und sehe nun wohl, zu
welchen Kaufleuten Sie sich gesellt haben. -- Arthur fuhr fort: Die
Folge meiner Dienstleistungen war, da mir Warren sein ganzes Vertrauen
schenkte. Er gab mir davon den sprechendsten Beweis, indem er mich
zu dem Posten eines Disponenten oder Handlungsvorstehers erhob. --
Das also, fiel die Baronin lchelnd ein, war der bedeutende Posten,
zu dem Sie sich emporgeschwungen haben? Ich will Ihnen gestehen,
ich dachte, Sie wren wenigstens Major geworden. Nachdem ich Ihren
ersten Brief aus Calcutta gelesen, glaubte ich nmlich nicht anders,
als Sie htten den Militrstand ergriffen. -- Damit sagen Sie mir
nichts Neues, versetzte Arthur. Ich konnte das schon lange aus
Annas Briefen abnehmen. Allein gestatten Sie mir eine Bemerkung. Wenn
ich auch Geld und Gunst genug gehabt htte, um die dort gewhnliche
Zahl oder Unzahl von Concurrenten aus dem Felde zu schlagen und eine
Lieutenantsstelle zu erlangen, so wre ich dadurch in derselben Zeit
doch schwerlich in den Stand gesetzt worden, mit solchen Erbrigungen
nach Hause zu kehren. Ich will nicht lugnen, da man auch als Offizier
in Indien sein Glck machen kann, zumal wenn man in dieser Eigenschaft
mit irgend einem diplomatischen Posten betraut wird; allein immer
bleibt der Unterschied, da der Offizier, wenn nicht auergewhnliche
Einflsse im Spiele sind, die Gaben der Fortuna erwarten mu, whrend
der Kaufmann ihnen entgegen gehen kann. Ich fhlte einen Drang,
selbststndiger zu handeln, meine Gedanken rascher zu verwerthen, und
whlte den Stand des Kaufmanns.

Das mag seyn, erwiederte die Baronin; allein ich wurde zu meiner
Annahme durch den Glauben verleitet, Offizier zu werden lge dem Baron
Waldfels am nchsten. -- Ich begreife das, versetzte Arthur. In
Deutschland sieht man das so an, aber in England und in Indien hat man
dafr einen andern Standpunkt. -- Anna, die mit groer Aufmerksamkeit
zugehrt hatte, wagte hier die Mutter daran zu erinnern, da das
indische Reich einer Gesellschaft von Kaufleuten seine Grndung
verdanke und noch von einer solchen regiert werde. Die Armee steht im
Dienste der Compagnie, sie wird von einem Manne befehligt, den diese
gewhlt hat, und es ist wohl natrlich, da die Machthaber sich nicht
unter ihren Dienern fhlen, wie ehrenvoll die Stellung derselben auch
seyn mag.

Frau von Holdingen errthete ein wenig. Es war ihr begegnet, was so
oft geschieht: sie kannte die Thatsachen, aber sie hatte nie diese
Folgerung daraus gezogen. Arthur bemerkte: Allerdings regiert
in Indien eine Handelsgesellschaft, wenn auch nicht absolut, und
diese Gesellschaft hat nicht nur Diener aus den ersten Familien
Englands, sie hat auch Frsten und Knige des Landes unter sich und
schreibt ihnen die Wege vor, die sie wandeln sollen. Da bei solchen
Verhltnissen der Kaufmann, zumal wenn er Aktien der Compagnie besitzt,
ein nicht geringes Selbstgefhl hat, ist schwerlich zu verwundern.
Doch, setzte er hinzu, das hat er auch in Deutschland, und man gnnt
es ihm, wenn er reich ist. -- Nun wohl, rief die Baronin nicht ohne
eine gewisse gute Laune, ich bin berwunden und Ihre Erzhlung wird
von jetzt an vor meinen Einreden sicher seyn. -- Ich bitte Sie um
das Gegentheil, versetzte Arthur. Wenn mein Bericht Anla zu einer
interessanten Errterung gibt, so ist es um so besser. Lassen Sie mich
brigens bei dieser Gelegenheit noch gestehen, da der Stolz der Geburt
-- und zwar nicht nur der, den man zeigen zu knnen glaubt, sondern
auch der, den man innerlich hegt und aus Klugheit hinter Hflichkeit
verbirgt -- da dieser Stolz, sage ich, fr den, der nachzudenken
pflegt, eben in Indien einer starken Probe ausgesetzt ist. Wenn man
den Kastengeist in seiner vollendetsten Ausbildung und mit all seinen
Folgen erblickt, wenn man jenen Stolz an Persnlichkeiten wahrnimmt,
bei denen er uns absurd und lcherlich erscheint, wenn man berhaupt
die verschiedensten Menschen mit den verschiedensten Prtensionen
hervortreten sieht, die man schwach finden mu, so kann man sich wohl
fragen, ob man nicht Ursache hat, das eigene Selbstgefhl eben so zu
beurtheilen.

Die Baronin mute ihre Zusage schon jetzt brechen, indem sie sich nicht
enthalten konnte, zu rufen: Wie, wollen Sie Geburt und Stand fr
nichts erklren? -- Keineswegs, erwiederte Arthur mit Ernst. In
einer Welt, wo sich jeder seiner Vorzge freut und sich etwas darauf zu
gute thut, freue ich mich auch dessen, was mir zu Theil geworden ist,
und namentlich des Glcks, unter meinen Vorfahren Mnner zu wissen, die
sich in Krieg und Frieden ausgezeichnet und das Ansehen verdient haben,
dessen sie genossen. Ich sehe mit Liebe und Stolz auf die Bilder,
die ihre Zge bewahren, und danke Gott, da der Boden, auf dem sie
gewandelt sind, wieder mein Eigenthum geworden ist. Baron Waldfels,
setzte er heiter hinzu, klingt schn, und ich freue mich, so genannt
zu werden. -- Gut! rief die Baronin ebenfalls heiter; aber? -- denn
ein Aber wird doch nicht fehlen. -- Aber, fuhr Arthur fort, indem
ich mich dieser Empfindung hingebe, sind meine Augen offen fr die
Vorzge Anderer, ich bewundere diejenigen, mit welchen Gott die Geister
und Herzen der Menschen ausgestattet hat, und ich empfinde Hochachtung,
wo ich unter andern Umstnden vielleicht nur eine gnnerhafte Billigung
htte blicken lassen, die uns nicht mehr zu Gesichte steht. Ich will
es Ihnen gestehen, ich hatte dazu einen gewissen Hang und es war gut,
da ich durch das Schicksal davon geheilt wurde. -- Ich habe zwar,
versetzte die Baronin, von einem solchen Hang nichts bemerkt; indessen
wollen wir Ihr Wort gelten lassen und dafr um die Fortsetzung Ihrer
Geschichte bitten.

Arthur begann wieder: Es war ein Beweis groen Vertrauens, da mich
Warren so jung auf diesen Posten erhob; allein ich kann sagen, da ich
es rechtfertigte. Die Geschfte gingen lebhafter als je und ich ntzte
dem Hause auf mannigfaltige Weise. Da ich einen Gehalt hatte, um den
mich ein Major htte beneiden knnen, der Chef des Hauses mir berdie
einen Antheil an dem Gewinn bewilligte, so gediehen dabei auch meine
eigenen Angelegenheiten und ich sammelte mir, was bei uns ein Vermgen
seyn wrde, dort aber freilich nicht viel heien will. Dennoch konnte
ich damit etwas thun, was mich auerordentlich freute und immer meine
schnste Erinnerung von jenem Lande bleiben wird.

Als Arthur hier eine kleine Pause machte, sahen ihn die Zuhrer
erwartungsvoll an, und er fuhr fort: Nicht lange nach meiner Ankunft
in Calcutta hatte ich die Bekanntschaft eines Kaufmanns gemacht,
der um etliche Jahre lter war als ich, eine anmuthige Frau und
reizende Kinder hatte. Ich kam oft in sein Haus, denn es gehrt zu
meinen grten Genssen, Glckliche zu sehen, und namentlich eine
glckliche Familie. Im Lauf der Zeit wurde aus der Bekanntschaft wahre,
herzliche Freundschaft. Mackenzie war ein Englnder von der besten
Art, jeder Zoll ein Gentleman, und besonders unter den Seinen von dem
angenehmsten Humor und der grten Liebenswrdigkeit. Eines Abends,
als ich ihn aufsuchte, traf ich ihn in seinem Zimmer allein und sehr
niedergeschlagen. Er wollte eine Zeitlang nicht mit der Sprache heraus;
endlich gestand er mir, da er in jngster Zeit einen groen Verlust
erlitten habe und da gegenwrtig beinahe sein ganzes Vermgen einem
Schiff anvertraut sey, das er mit einer Ladung Baumwolle nach Europa
geschickt habe und mit Manufakturwaaren zurck erwarte. Ich trstete
ihn, so gut ich konnte, und es gelang mir, ihn wieder aufzuheitern.
Bald darauf kam ein Gercht zu meinen Ohren, das Schiff Mackenzie's
sey verunglckt. Ich ging sogleich zu ihm und fand ihn in stummer
Verzweiflung. Auch er wute nichts Bestimmtes, aber er sah voraus, da
in Folge dieses Gerchts Forderungen bei ihm eingehen wrden, denen
gegenber er sich fr insolvent erklren msse. Mein Entschlu war
gleich gefat; ich eilte nach Hause und bald konnte ich dem Bedrngten
nicht nur mein Vermgen, sondern auch eine namhafte Summe von Warren
zur Verfgung stellen. Die ngstlichen Glubiger wurden befriedigt und
mein Freund war gerettet.

Ah, rief die Baronin, da sieht man den Edelmann unter den
Kaufleuten! -- Arthur erwiederte: Es wre schlimm fr die gedrngten
Kaufleute, wenn nur die Barone unter ihnen einer solchen Handlung
fhig wren! -- Uebrigens hatte diese Aushlfe die Folgen der feinsten
Spekulation: sie war es, die mein Glck entschied. Das Schiff
Mackenzies war allerdings einem heftigen Sturm ausgesetzt gewesen, aber
es hatte ihn bestanden und lief eine Woche spter glcklich ein. Freude
und Wohlstand kehrten mit ihm wieder. Mein Freund, dessen erhobener
Geist sich jetzt mit khnen Entwrfen trug, bat mich dringend, mich
mit ihm zu verbinden, und da ein vor kurzem angekommener Verwandter
Warrens nach meiner Stelle trachtete, so gab ich nach. Wir strengten
unser Talent an, wir wagten und wir gewannen. -- Ach, liebe Mutter,
fuhr der Erzhler fort, welchen Reiz hat das Leben eines Kaufmanns!
In welcher Spannung wird er erhalten und in welches Entzcken kann er
versetzt werden! Nichts gleicht der Freude, die er empfindet, wenn ein
wohlberechnetes, aber immer noch gewagtes Unternehmen gelingt und der
Segen desselben in goldener Wirklichkeit in sein Haus einzieht.

Annas Gesicht erheiterte sich bei diesen Worten und sie sagte: Es
scheint doch, da du nach und nach gelernt hast, dein Metier um seiner
selbst willen zu lieben. -- In gewissem Sinn allerdings, erwiederte
Arthur, ich will es nicht lugnen; aber doch nicht eigentlich. Der
Beweis liegt vor. Als ich das Vermgen, das ich in die Handlung meines
Freundes gebracht hatte, um das Vierfache gemehrt sah und hinreichend
fand, um denen, die mich so gromthig hatten ziehen lassen, ein
angenehmes und wrdiges Loos zu schaffen, da sagte ich zu mir selber:
Genug! und kndigte dem Freund meinen Entschlu an, nach Deutschland
zurckzukehren. -- Ein Blick von Liebe und Dankbarkeit war die Antwort
der Verlobten, ein beiflliges Kopfnicken verrieth die Empfindung der
Baronin.

Mackenzie bot alle Kraft der Ueberredung auf, mich zurckzuhalten. Er
rief: Das Glck ist fr uns, noch einige Jahre und wir sind Millionre!
Obwohl diese Aussicht reizend und die Liebe, die mein Freund fr mich
an den Tag legte, rhrend war, so blieb ich dennoch fest, wobei ich
brigens gern gestehe, da das Gewicht des Hauptgrundes, der mich
nach Hause trieb, durch das einiger andern noch verstrkt wurde. --
Und die sind? fragte die Baronin. -- Zunchst das Klima, das zu
einem Leben nthigt, in welchem die Sinne eine grere Rolle spielen,
als einem Deutschen von meinem Schlage lieb seyn kann. Wir haben
dort Monate der schnsten und angenehmsten Witterung; aber auf sie
folgt eine heie Zeit, gegen deren Gipfelpunkte die heien Tage in
Deutschland Kinderspiel sind, und die Glut wird endlich durch eine
Regenzeit gekhlt, deren strkste Ergieungen die Welt scheinen
ertrnken zu wollen. Die Feinde der Menschheit unter den Insekten und
Amphibien bedrohen und verfolgen uns fast unausgesetzt, und man kann
Dinge erleben, die an eine Landplage Egyptens erinnern. Allerdings
wissen sich die Reichen gegen die Unbilden der Natur zu schtzen, und
es ist interessant, die verschiedenen Mittel kennen zu lernen, durch
welche man jene lstigen Erscheinungen zu beseitigen oder zu mildern
sucht. Die Huser erhalten durch solche Einrichtungen einen neuen
Zuwachs von Prunk und einen sehr eigenthmlichen Charakter. Allein
diese Rcksichtnahme auf materielle Anfechtungen und die Erholungen,
die man sich dabei gnnen zu mssen glaubt, machen selber materiell,
und es gehrt ein fester Wille dazu, wie er nicht jedermanns Sache
ist, um den Kopf oben zu halten und den verschiedenen Reizungen zu
widerstehen. -- Was mich betrifft, so war ich von einem Gedanken
erfllt und durch eine, ich darf wohl sagen fieberhafte Thtigkeit
in Anspruch genommen. Ich ging also durch die Ausflsse des Klimas
hindurch zu dem Ziel hin, das ich als Leitstern vor Augen hatte. Mein
Wille und mein Streben hoben meine Krperkraft und lieen mich die
Anflle der tropischen Natur berwinden. Aber zuletzt war ich doch
froh bei dem Gedanken, den Anstrengungen und Aufregungen des dortigen
Lebens zu entgehen und zu einer geistigeren Existenz in das Vaterland
zurckkehren zu knnen. -- Das leuchtet ein, bemerkte die Baronin.

Ein anderer Grund lag in den politischen Verhltnissen des Landes. Ich
bin zwar ein zu guter Germane und glaube zu sehr an einen vernnftigen
Gang der Geschichte, als da ich die Herrschaft der Englnder in Indien
fr ein Uebel und nicht vielmehr fr einen Erfolg im Interesse des
Menschengeschlechts halten sollte. Ich kenne auch wohl die Anstalten,
die man in's Leben gerufen hat, um jene Herrschaft im Sinne des Geistes
und der Kultur zu rechtfertigen. Aber bis jetzt sind mit ihr immer noch
gewaltige Mibruche verbunden, Mibruche auf Kosten der Eingeborenen,
von denen auch nicht abzusehen ist, wann sie ein Ende finden knnen und
werden. Ich will ein andermal Beispiele geben und Sie werden mir dann
zugestehen, da das englische Indien kein Land ist, wo ein Mann von
meiner Lebensanschauung wnschen konnte, Htten zu bauen.

Ich begreife das, nahm jetzt der Pfarrer das Wort, freue mich aber,
da Sie ber das englische Regiment nicht den Stab zu brechen haben.
Denn wir mssen an dem Glauben festhalten, da die Herrschaft eines
christlichen Volks und die geistigen Gter, die sie mitbringen, dem
beherrschten Lande zuletzt immer zum Segen gereichen werden.

Hoffen wir das und glauben wir, da die Keime, die jetzt vorhanden
sind, nach und nach sich entfalten werden. Aber mein Herz trachtete
endlich aus diesen Verhltnissen heraus, nach dem Aufenthalt im
Vaterlande, wo das Christenthum das Leben zwar auch noch lange nicht
ganz nach seinen Grundstzen gemodelt hat, aber in der Umbildung doch
schon weiter gekommen ist. -- Meine Sehnsucht nach der Heimath, fuhr
der Erzhler zu Anna gewendet fort, wurde hauptschlich durch die
Briefe angefacht und gemehrt, die ich aus Schnbach erhielt und die mir
in der Glut meiner Thtigkeit die kstlichste Erquickung waren. Wie
reizend die Schilderung des uern Lebens, wie schn und ergreifend
die Mittheilungen aus dem innern! -- Da es mir nicht einfallen konnte,
dich und die Mutter nach Indien zu rufen, so blieb mir nichts brig,
als nach erreichtem Zwecke zu euch nach Deutschland zu eilen. -- Ich
stellte meinem Freund alle diese Verhltnisse vor und berzeugte ihn;
und mit demselben Eifer, mit welchem er sich zuerst meiner Abreise
widersetzt hatte, frderte er sie nun. Das Vermgen, das ich mir im
Schwei meines Angesichts erworben hatte, wurde mir in London und
Hamburg zur Verfgung gestellt; ich nahm Abschied und bestieg das
Schiff, das mich nach Europa fhren sollte. -- Darf ich dir gestehen,
da ich in den letzten Tagen, wo meine Seele bei dem Gedanken jauchzte,
dich und meine Freunde in Deutschland wiederzusehen, doch Augenblicke
hatte, wo ich Bedauern empfand, von dem Feld meiner Thaten auf immer
scheiden zu mssen? -- Mein Leben ist im Vaterland, und ihm will ich
dienen, nachdem ich mir die Mittel verschafft habe, es in meinem Sinne
zu thun. Aber nie werde ich jenes Land vergessen mit den Wundern seiner
Natur und seiner alten Kunst! Nie die gewaltigen Eindrcke auf meinen
Reisen und die Abenteuer, die ich erlebte! Nie die kolossale Thtigkeit
der Hauptstadt und die groartigen Erscheinungen ihres Weltverkehrs!

Als Arthur nach diesen mit Wrme gesprochenen Worten innehielt,
bentzte Frau von Holdingen die Gelegenheit, zu fragen, wie es sich
denn mit den Gefahren verhalte, die er in jenem Lande bestanden
habe. Sie wolle bekennen, durch diese Nachricht hauptschlich in
ihrer Meinung bestrkt worden zu seyn, da er in der Armee diene.
Arthur erwiederte: In einem Lande, wo es Lwen, Tiger und Schlangen
erster Gre gibt, in welchem, wie Sie aus den Zeitungen erfahren
haben werden, ein Geheimbund von Schwrmern existirt, die ihrer
Gottheit durch Mordthaten zu huldigen suchen, und wo der Reisende
fast ausschlielich auf Selbsthlfe angewiesen ist, da braucht man
keineswegs Militr zu seyn, um in Lebensgefahr zu gerathen. Ich werde
Ihnen die Abenteuer gelegentlich mittheilen, die mir aufstieen, und
kann Ihnen jetzt schon sagen, da ich mich dabei auf eine Weise aus der
Affaire gezogen habe, die eines Cavaliers nicht ganz unwrdig war.

Nun, Gott sey Dank, fiel Anna ein, du bist jetzt zu Schiff und hast
dieses Land hinter dir! -- Ja, versetzte Arthur, ich bin zu Schiff,
ich segle nach Europa mit dem Landsmanne, den ihr hier seht und der mir
in den letzten Jahren der treueste Gehlfe war. Die Reise ging auch
diemal ohne jedes auergewhnliche Erlebni von Statten. Wir fuhren
zuerst nach London. Da ich Goodman wieder einen kaufmnnischen Gefallen
hatte erweisen knnen, so empfing er mich mit doppelter Freude und
war stolz auf seinen Zgling. -- Von London aus, wo ich mehrere Tage
verweilen mute, schrieb ich an unsern wrdigen Freund Hellmuth. -- Was
man wnscht, das glaubt man gern. Ich konnte nicht umhin zu hoffen, da
Waldfels wieder zu erlangen seyn wrde; und da man in solchen Fllen
eine gewisse ahnungsvolle Aengstlichkeit hat, so bat ich unsern Freund,
mein Anerbieten sogleich Herrn von Pranger mitzutheilen. Mein Brief kam
zu rechter Zeit, denn schon waren die Glubiger im Begriff, es an einen
Liebhaber abzugeben.

So ist es, bemerkte der Rentier auf einen fragenden Blick der
Baronin. Da mir aber der Herr Baron den unkaufmnnischen Auftrag
gegeben hatte, genau denselben Preis, den er dafr erhalten, wieder
zu bieten, so war es mir leicht, den Concurrenten aus dem Felde zu
schlagen. Die runde Summe trug brigens dazu bei, Herrn von Pranger den
Vergleich mit seinen Glubigern zu erleichtern und ihm die Fortfhrung
seines Geschfts mglich zu machen.

Das hr' ich gerne, rief Anna. Mge ihm der Verkauf des Gutes so
wohl gedeihen, wie dir, sagte sie zu Arthur. -- Dieser nickte und fuhr
fort: Die Nachricht von dem Abschlu des Kaufs traf mich in Hamburg.
Ich sandte Herrn Schmidt nach Schnbach und eilte nach Waldfels, um es
wrdig zu machen fr den Einzug meiner theuersten Gste. -- Da ich
diese gesund und froh wiedergesehen habe, das ist die Krone meines
Glcks -- und Gott mge es mir erhalten!

Nach diesen herzlich und feierlich gesprochenen Worten trat eine Stille
in der Versammlung ein, indem alle den Empfindungen sich hingaben,
welche die Erzhlung in ihnen angeregt hatte. Dann ergriff Arthur
auf's neue das Wort und sagte: Wenn ich zurckdenke an die Zeit des
letzten Abschiednehmens, so kommt mir alles, was unterdessen geschehen
ist, wie ein Traum vor. Ich frage mich, wie das, was jetzt als eine
Thatsache vor mir liegt, mglich gewesen, und erschttert danke ich
dem Himmel, der solche Wunder an mir gethan hat. Der Instinkt, der mich
beherrschte, hat mich richtig geleitet; das Bild meiner Phantasie ist
eine Wahrheit geworden. Ich habe alles, was mir zur Freude des Lebens
nothwendig ist, ich bin in den Stand gesetzt, meinem Vaterlande und
meinen Freunden nach meiner Neigung zu dienen. Und dieses Glck habe
ich mir erkmpft, es ruht auf Arbeiten, deren Erinnerung mich erfreut
und erhebt, und die mir Brge seyn drfen, da ich mir's auch erhalten
werde. O meine Freunde! ihr werdet mir glauben, wenn ich euch sage,
da ich mich jetzt ohne Vergleich glcklicher fhle, als wenn mir der
Wohlstand, dessen ich mich erfreue, geschenkt worden wre. Gesegnet sey
das Migeschick, gesegnet sey die Nothwendigkeit, die mich zwang, durch
eigene Kraft mir Gter zu erwerben, die ich nun im tiefsten Sinne des
Wortes =mein= nennen kann!

Einer unwillkrlichen Regung folgend, richtete er dann seine Blicke auf
das Portrt des Vaters, auf welches eben der Schein der Lampe fiel.
Der Baron, der in seiner besten Zeit und in der schnsten Stimmung
gemalt worden war, sah mit frohem Selbstgefhl auf die Gesellschaft,
und dem phantasiebegabten Betrachter konnte es scheinen, als ob ihn die
Erzhlung des Sohnes mit freudiger Theilnahme erfllt htte. Arthurs
Augen glnzten; nie waren die liebenswrdigen Eigenschaften des Vaters
so klar und rein vor seiner Seele gestanden, als in diesem Augenblick.
Die Gesellschaft errieth und begriff seine Gefhle. Mit heiterer Miene
wandte er sich zu der Baronin und sagte mit der Laune eines liebevollen
Gemthes: Werden Sie mich jetzt absolviren, beste Mutter? Werden Sie
mir verzeihen, da ich ein so ungewhnliches Mittel ergriffen habe,
mein Wort zu halten? -- O, rief die Baronin mit freundschaftlichem
Vorwurf, wollen Sie mich beschmen? Sie sind gerechtfertigt durch den
Erfolg, der Ihr Unternehmen krnte, und wir mssen Sie preisen, das
Mittel gewhlt zu haben, das zum Ziel fhrte.

Der erreichte Zweck hatte in der That seine Wirkung auf die Seele
der Baronin schon vollstndig gebt, das Mittel glnzte verschnt in
den Strahlen seines Lichtes. In dem Vergngen, das sie nun empfand,
begegnete es ihr, den Schwiegersohn zu fragen: warum er denn aus
seinem Projekt ein Geheimni gemacht und sie nicht gleich in dasselbe
eingeweiht habe? Hier konnten Arthur und Anna nicht umhin, sich
lchelnd anzusehen, und jener versetzte: Ich habe nicht zu hoffen
gewagt, da meine Wahl schon vor dem Erfolg Gnade vor Ihren Augen
finden wrde, und hielt es fr sicherer, zu schweigen. -- Die Baronin
hatte den Humor zu erwiedern: Sie mgen Recht gehabt haben. --

Es war unvermerkt spt geworden. Der Mond stand hoch am Himmel, der
Zeiger der Uhr wies auf eilf. Arthur trat zu einem Wandschrank, nahm
ein Papier heraus und sagte wiederkehrend zu Frau von Holdingen: Fr
heute hab' ich noch eine Bitte an Sie. Ich bin zwar aus Indien nicht
als Millionr, aber doch mit einem Vermgen zurckgekehrt, das durch
den Wiederkauf von Waldfels noch nicht erschpft ist. Erlauben Sie mir
nun, da ich auch Ihnen ein Geschenk mache, wodurch Sie wieder das
werden, was Sie zur Zeit meiner Abreise gewesen sind: die Eigenthmerin
der kleinen, zierlichen Villa, in der wir so schne Stunden verlebt
haben. Es ist jetzt fr uns eine Zeit der Restauration; und wenn Sie
auch spter mit uns das Schlo bewohnen werden, so mssen Sie uns doch,
wie frher, in den geweihten Rumen zuweilen bewirthen knnen. Er
bergab ihr das Dokument und die Baronin erwiederte: Ich nehme das
Geschenk an und danke Ihnen von Herzen fr Ihre Aufmerksamkeit. Ich
irre mich wohl nicht, wenn ich annehme, da dort heute schon alles zu
unserer Aufnahme bereit ist? -- Allerdings, versetzte Arthur. Die
Baronin drckte ihm die Hand.


                                 VII.

Wie man sich denken kann, hatte schon die Ankunft Arthurs und sein
Einzug in Waldfels die Bewohner der Umgegend in groe Aufregung
versetzt. Als man aber bald nachher von den Vorbereitungen zu seiner
Vermhlung Kunde bekam, steigerte sich die Theilnahme auf's Hchste.
Dasselbe herzliche Mitgefhl uerte sich in allen Schichten der
Bevlkerung, und da es sich gleich von Anfang sehr entschieden
aussprach, so wurde auch von Seiten der frher geschworenen Anhnger
des Hauses Pranger kein Miton laut, vielmehr machten sie Anstalten
sich zu bekehren.

Am meisten Vergngen herrschte vielleicht im Dorfe Waldfels selber.
Die ererbte Anhnglichkeit der Bauern htte sich bei diesem Anla
auch bewhrt, wenn der Sprling der alten Familie, der in sein Erbe
zurckkehrte, ohne persnliche Vorzge gewesen wre. Wie freuten sie
sich nun erst der Wiederkehr eines so liebenswrdigen und gefeierten
Herrn! Wie freuten sie sich seines Reichthums, seines Ansehens, seiner
schnen Braut! Denn das hat der Trger eines alten Namens, wenn er
ihm Ehre macht durch Eigenschaften des Geistes und Herzens, vor allen
andern einmal voraus: man findet seine Erfolge durchaus in der Ordnung
und hat selber ein Gefhl der Befriedigung, wenn er Glcksgter
erwirbt, die seinem Rang entsprechen.

Eine eigene Tonleiter von Empfindungen sollte bei dieser Gelegenheit
der Oberst von Waldfels durchlaufen. Arthur hatte ihm seine Schicksale
in einem Schreiben mitgetheilt, das aus dem Stdtchen datirt und
bestimmt war, ihn zu necken, indem das angenehme Resultat erst in
den letzten Zeilen erwhnt wurde. Bei dem Worte Kaufmannslehrling
und Handlungsdiener gerieth der alte Krieger in eine schwer zu
beschreibende Entrstung. Seine Augen funkelten, seine Hnde zitterten
und er machte eine Bewegung, als wollte er den Brief wegwerfen. Allein
die Neugierde bewog ihn fortzufahren und sein Blut begann ruhiger
zu flieen, als er von Rupien und Pfunden las. Im Ueberfliegen der
letzten Seite erhellten sich seine Zge mehr und mehr, und als er an
die Nachricht von der Wiedererwerbung des Gutes kam, stie er einen
Freudenschrei aus. Er las noch einmal, athmete tief auf und schttelte
dann lchelnd den Kopf, indem er sagte: Wer htte dem Jungen das
zugetraut? -- Zwar Verstand hat er immer gehabt und Obstination wie
ein Satan! -- Kaufmann! Verwnschter Einfall! -- Aber die Hauptsache
ist, da er den Rupienbaum geschttelt hat, wie die Englnder zu sagen
pflegen. So oder so! Er ist der Baron von Waldfels und -- beim Teufel!
er ist zu rechter Zeit gekommen!

Um den letzten Ausdruck zu verstehen, mu man wissen, da der Oberst
sich in der Zwischenzeit wieder seiner alten Passion, dem Spiel,
ergeben hatte und in seinen Finanzen sehr zurckgekommen war. Der
Gedanke, da Arthur bei seinem bekannten Charakter ihm und namentlich
auch seinem herangewachsenen Sohn unter die Arme greifen werde, hatte
etwas sehr Trstliches fr ihn. Er konnte sich nicht enthalten, eine
gewisse Hochachtung vor dem reichen Mann zu empfinden, und war stolz,
sein Oheim zu seyn.

In dem Briefe nach Waldfels eingeladen, beeilte er sich, dem
freundlichen Ruf zu folgen. Auf dem Wege traf er durch einen eigenen
Zufall mit Seiner Excellenz dem Grafen zusammen. Dieser hatte seine
Stellung in Folge der politischen Ereignisse verloren, neuerdings aber
wieder gewonnen und war nun um so ngstlicher darauf bedacht, sie zu
behaupten. Als ihm der Oberst seine Neuigkeit mittheilte, flsterte
ihm sein Gewissen zu, da er in dem reich gewordenen Verwandten einen
Gegner finden knnte; er wute sich aber zu beherrschen und drckte
mit Wrde seinen freudigen Antheil aus, indem er hinzufgte, er sey
berzeugt, da der Baron von Waldfels durch seine ausgezeichneten Gaben
die conservative Partei verstrken und eine Zierde derselben seyn
werde. Der Oberst hatte die Bosheit, Seiner Excellenz die Mglichkeit
entgegenzuhalten, da Arthur im Auslande liberale Grundstze eingesogen
haben knnte und da ihn eben seine unabhngige Stellung verleiten
knnte, sie geltend zu machen. Der Graf erwiederte, er werde das von
einem Baron von Waldfels nun und nimmermehr glauben.

Das Wiedersehen zwischen Oheim und Neffen war sehr herzlich. Der
Oberst, dem graue Haare jetzt ein ehrwrdiges Aussehen gaben, schlo
den Glcklichen in seine Arme und belegte ihn mit den schnsten Namen.
Arthur richtete auch an ihn die launige Frage: Sind Sie mit mir
zufrieden? Grollen Sie mir nicht wegen -- -- Lieber Neffe, fiel der
Oberst ein, wer so viel Glck hat, wie du, der htte Unrecht, nicht
das Sonderbarste und Tollste zu unternehmen. -- Scherz bei Seite: du
hast deine Sache gut gemacht und ich gebe dir meinen Beifall.

Der alte Krieger lebte im Schlosse wieder ganz auf. Da Waldfels der
Familie gesichert war, erfllte ihn mit stets erneuter Genugthuung.
Arthur hatte sich auf eine gelegentliche Anspielung bereit erklrt,
fr seinen jungen Vetter zu sorgen, was ihm eine groe Last von
seinen Schultern nahm. In der Freude seines Herzens zeigte er gegen die
Damen von Holdingen alle Galanterie, deren er fhig war. Man htte ihn
fr ganz verwandelt halten knnen, wenn er die alte Kraft des Zorns
nicht zuweilen gegen irgend einen Diener bei einem wirklichen oder
vermeintlichen Fehler desselben gezeigt htte.

Bald nach dem Oberst trat ein anderer alter Bekannter im Schlosse auf:
Herr Samuel Rosenheimer. Die Verhltnisse des Unterhndlers hatten
sich ziemlich gebessert, er fuhr mit einem Einspnner im Land herum,
wo er verschiedenartige Geschfte mit Glck betrieb. Eben mit seinem
jngsten Sohn im Stdtchen anwesend konnte er dem Verlangen nicht
widerstehen, dem Herrn Baron seinen Besuch zu machen. Die Begrung
war sehr warm. Herr Baron, begann Rosenheimer nach den ersten
Complimenten, ich kann Ihnen versichern, keine grere Freude hab'
ich in meinem Leben gehabt, als wie ich gehrt hab', da Sie wieder in
unserem Lande angekommen sind! -- und wie? -- Edmund, rief er seinem
Sohn zu, k dem Herrn die Hand! 's ist ein groer Baron -- aber ein
noch grerer Kaufmann. Sieh dir ihn genau an, damit du weit, wie so
ein Herr aussieht! -- Der Junge gaffte den Belobten mit einer Mischung
von Dreistigkeit und Schchternheit an, wobei inde die Dreistigkeit
berwog. Arthur gab ihm die Hand und der Kleine drckte einen Schmatz
darauf.

Aber sagen Sie mir, Herr Baron, fuhr Rosenheimer mit galantem Lcheln
fort, wie haben Sie's angefangen? Wie ist's mglich, da man in so
kurzer Zeit ein solches Vermgen sammeln kann? -- Ja, ja, setzte
er hinzu, wir drfen uns gratuliren, da nicht mehr Herrn Barone
auf den Einfall kommen, Kaufleute zu werden. Gott soll hten! was
wrde aus uns werden? -- Arthur konnte nicht umhin, ber diese Art
von Schmeichelei zu lachen, und meinte dann, ber das Glck eines
Kaufmanns sollte sich am wenigsten derjenige wundern, der nach allem,
was man sehe, selbst bedeutend vorwrts gekommen sey. -- Rosenheimer
protestirte gewaltig gegen diese Annahme. Rckwrts, Herr Baron,
rckwrts! -- Und wie soll's anders seyn? Die Geschfte gehen fr
unser einen alle Tage schlechter. Kein Mensch will mehr bezahlen, und
wenn man jemand hilft, wr's Noth, man gb' ihm noch Geld dafr, da
er sich helfen lt. -- Er hielt ein wenig inne, dann fuhr er mit
einem gewissen Ernst fort: Herr Baron, weil wir gerade unter uns
sind, erlauben Sie mir ein Wort. Ich habe das Glck gehabt, Ihnen
einen Dienst zu leisten. Ich hab's gern gethan und ich bin dafr
bezahlt worden, es fllt mir nicht ein, Ansprche zu machen. Aber wahr
bleibt wahr: ich hab' doch ein klein wenig dazu beigetragen, da Sie
jetzt wieder der Besitzer Ihres vterlichen Gutes sind, und ich bin
berzeugt, wenn Sie werden wieder Geschfte machen, werden Sie sich
erinnern, da es einen gewissen Samuel Rosenheimer in der Welt gibt.

Arthur erwiederte, das Geschftemachen habe aufgehrt und er gedenke
jetzt auf seinen Lorbeeren zu ruhen. -- Rosenheimer lchelte. Sagen
Sie das einem andern, Herr Baron! Wer einmal so gute Geschfte gemacht
hat, wie Sie, der kann's nicht mehr lassen! -- Und wenn Sie so gewi,
als Sie wieder Geschfte machen, Ihren gehorsamen Diener mit Auftrgen
beehren werden, so will ich mich glcklich schtzen. -- Unter dieser
Bedingung, versetzte Arthur, haben Sie mein Versprechen. -- Ich
dank' Ihnen, erwiederte der Jude. -- Ach, fuhr er nach einer Pause
fort, Sie glauben nicht, wie gern ich mit solchen Herrn zu thun habe,
wie Sie! Haben sie wieder ein Geschrei gemacht gegen die Herrn von
Adel! Ich mcht' wissen! Der gemeine Pbel, der ist stolz und hoffrtig
und anmaend; ich will die Grobheiten nicht zhlen, die ich von solchen
Leuten schon hab' verschlucken mssen. Aber die rechten vornehmen
Herrn sind freundlich und hflich. Wer Grund htte, stolz zu seyn,
der ist's nicht, und wer keinen Grund hat, der ist's. Wie kommt das,
Herr Baron? -- Das ist schwer zu sagen, versetzte Arthur erheitert.
Vielleicht aber daher, weil es eine Art von Schwachheit ist, stolz
zu seyn und namentlich seinen Stolz merken zu lassen, und weil Leute
von Bildung es nicht lieben, fr schwach zu gelten. -- Sie haben
Recht, erwiederte der Jude. Bildung! -- Siehst du, Edmund? Hab' ich
dir's nicht immer gesagt? -- Herr Baron, ich danke Ihnen nochmal und
freue mich auerordentlich auf Ihren ersten Auftrag. -- Er fuhr sehr
befriedigt nach Hause. --

Da dem Glcklichen gehuldigt wird, ist eine bekannte Sache. Wir
erwhnen darum nur im Vorbeigehen, da Waldfels zu dieser Zeit eine
nicht geringe Anzahl Gste sah, welche die Erfolge Arthurs durch ihre
Bewunderung zu illustriren suchten. Doch mgen in wenigen Fllen so
viele Gratulationen von Herzen gegangen seyn, wie in diesem.

Der Augenblick, der Arthur und Anna fr immer verbinden sollte, nahte
heran. Htten wir erwhnen sollen, da die Verlobte schon auf der Reise
nach Waldfels ihre ganze frhere Kraft und Frische wieder erlangt
hatte? Dergleichen sagt man sich von selbst. -- Am Tage der Trauung
glnzte sie in einer Schnheit, die selbst ihrer Mutter auffiel. Die
Aufregung des Moments gab ihrem Antlitz einen bezaubernden Ausdruck;
eine wonnige Feierlichkeit sprach aus ihrem ganzen Wesen. Es war die
vollendete Schnheit, erfllt von dem edelsten und lieblichsten Leben
der Seele. -- Wir bewohnen eine Welt der Unvollkommenheit; aber in
dieser Welt gibt es doch Geschpfe, die von ihrer Regel ausgenommen zu
seyn scheinen; und diese Geschpfe haben Momente, wo man sagen mchte:
Engel des Himmels mssen neben ihnen verlieren!

Die Trauung fand in der Schlokapelle, unter Anwesenheit nur der
nchsten Freunde statt. Der Geistliche sprach ber einen Text, der
ihm Gelegenheit gab, das Heil der Prfungen zu schildern, die ber
den Menschen verhngt werden. Es waren Gedanken, die zum Theil schon
von dem Brautpaar ausgesprochen waren, die aber vor dem Altar, an die
hchsten Grnde angeknpft und an den grten Beispielen bewiesen,
feierlich erhebend und ergreifend wirkten. Kein Auge blieb ohne Thrnen
der Rhrung.

Bei dem darauf folgenden Mahle fand die Baronin Gelegenheit, zu dem
Rentier zu sagen: Ich finde, da mit dem Brutigam whrend seiner
Abwesenheit doch eine Vernderung vorgegangen ist. Er ist freilich
unterdessen ein Mann geworden -- aber das ist es nicht allein. Er hat
in seinem Benehmen etwas Eigenthmliches, was mir sehr gefllt; und
ich glaube, man kann sagen, er hat etwas -- -- Von einem Englnder,
ergnzte der Freund. -- Allerdings, erwiederte die Baronin, und
zwar erinnert er mich an die edelsten, die ich gesehen. Doch -- das
ist begreiflich! -- Sie sah mit einem Blick inniger Liebe auf das
Brautpaar und setzte hinzu: Er sieht so unendlich zuverlssig aus!
Mein Kind wird glcklich seyn! --

Nach einigen Tagen befand sich die junge Frau allein in ihrem Zimmer,
mit einer weiblichen Arbeit beschftigt. Aus einer gewissen Erregung
und einem gelegentlichen Horchen nach der Thre hin konnte man
schlieen, da sie jemand erwartete; und so war es. Nach einer Weile
kam Arthur und lud sie zu einem Spaziergang ein. Lchelnd erhob sie
sich, denn das Ziel desselben war ihr nicht unbekannt. Sie gingen durch
den Park, jener Thre zu, hinter welcher die Anhhen lagen. Wie anders
war jetzt ihre Empfindung, als an jenem Pfingstmontag, wo sie unter
der sen Last einer unausgesprochenen Liebe diesen Weg wandelten!
Aber die Erinnerung daran fllte ihre Herzen jetzt mit der reizendsten
Empfindung. Von dem Hgel sah ein zierliches Belvedere herab, das erst
vor einer halben Stunde der letzte Handwerksmann verlassen hatte, und
ein bequemer Steig fhrte zu ihm hinan. Arthur hatte sein Wort von
damals gehalten und Anna dankte mit einem liebevollen Blick. Am Fue
des Hgels angekommen, lchelte die junge Frau; sie lie den Steig bei
Seite und lief mit jugendlicher Leichtigkeit einige Schritte ber das
Haidegras hin; pltzlich glitschte sie, stie einen Schrei aus und fiel
in die Arme Arthurs, der ihr nachgeeilt war. Herzlich lachend klommen
sie Hand in Hand zu dem hbschen kleinen Gebude empor. Anna rhmte und
bewunderte es und beide sahen von ihm schweigend in das Thal hinab, das
wieder im Glanz der Abendsonne dalag. Nach einer lngeren Pause sagte
Arthur mit einem Ausdruck von Laune, durch die er den innern Ernst zu
verdecken strebte: Was man in der Jugend wnscht, hat man im Alter die
Flle! -- Und Anna erwiederte: Wir haben in frher Jugend gewnscht,
und der Himmel hat die Gnade gehabt, uns von der Bedingung des Alters
zu dispensiren. -- Ja, sagte Arthur, er gab uns das Glck in der
besten Zeit! Aber das soll uns nicht niederschlagen; wir vertrauen
dem Geber und wollen von seinem Geschenk einen Gebrauch machen, durch
den wir die Gunst, wenn nicht abverdienen, doch nach Mglichkeit
rechtfertigen. -- Die junge Frau reichte ihm schweigend die Hand.




      *      *      *      *      *      *




Anmerkungen zur Transkription

    Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden bernommen, auch wenn
    verschiedene Schreibweisen des gleichen Wortes nebeneinander
    verwendet wurden, fehlende oder unpassende Anfhrungszeichen
    wurden nicht korrigiert. Nur offensichtliche Druckfehler wurden
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Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
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distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
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