The Project Gutenberg EBook of Auch ich. Auch du., by Hans Siemsen

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Title: Auch ich. Auch du.
       Aufzeichnungen eines Irren.

Author: Hans Siemsen

Release Date: June 10, 2016 [EBook #52295]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUCH ICH. AUCH DU. ***




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                             HANS SIEMSEN




                          AUCH ICH  AUCH DU


                            AUFZEICHNUNGEN
                             EINES IRREN




                          KURT WOLFF VERLAG




                  BCHEREI DER JNGSTE TAG BAND 75

              GEDRUCKT BEI POESCHEL & TREPTE IN LEIPZIG




           COPYRIGHT BY KURT WOLFF VERLAG  LEIPZIG  1919




                                  I.


Es ist hier nicht alles, wie ich es mir wnschte. Am Tor steht der
Kaiser, der lt uns nicht hinaus. Er trgt einen roten Rock und lt
mich nicht hinaus, wenn ich mir ein Brieflein kaufen will. Er erzhlt
auch nichts und macht ein groes Gitter, damit wir uns nicht mit den
Damen unterhalten, die drauen vorbeipromenieren mit ihren geputzten
Kindern. Er macht das Gitter auf und zu.

Aber gestern hat mir die Mariandjei dies Bchlein gegeben. Recht
handlich zum schreiben. Da will ich nun beginnen:

                      DIE GROSSE RECHTFERTIGUNG.

Das wre vielleicht nicht einmal so schwierig. Es wre vielleicht alles
noch in Ordnung zu bringen.

Ich bin nur leider nicht mehr ganz bei Trost. Ja, Trost fehlt mir. Jeder
hat den seinen. Aber fr mich ist wohl keiner mehr brig geblieben?

                   *       *       *       *       *

Ich htte nur gerne einmal alles recht klar. Solange ich selbst noch
etwas davon wei. Weil ich der Einzige bin, der etwas wei. Jeder
glaubt, etwas zu wissen. Ich allein wei wirklich etwas.

Ohne mich rhmen zu wollen! Ach! Wen habe ich nun schon wieder
beleidigt? Ich bitte um Entschuldigung! Ich beeile mich, um
Entschuldigung zu bitten.

                   *       *       *       *       *

Ich wei natrlich sehr wohl, da ich nichts wei. -- Obwohl das nun
wiederum auch wohl vielleicht nicht ganz richtig ist, denn: Nichts ist
ja wohl nichts. Jedoch: Nichts wissen, das ist schon viel.

Sie denken vielleicht, ich treibe Scherz? Ich spiele ein wenig Sokrates?
Aber das liegt mir fern. Liegt mir vllig fern. Hren Sie nur noch einen
Augenblick zu, lesen Sie nur noch ein wenig weiter! Ich werde sogleich
das Richtige sagen.

Wenn ich einmal, angenommen, wie man so sagt, nichts wei, ja, was wei
ich denn dann? Es mu doch etwas sein. Wie knnte ich es sonst nicht
wissen? Nichts zu wissen, mu doch etwas sein. Nur etwas. Nur ein wenig.
Das ist aber nicht zu unterschtzen! Das ist sogar gewi sehr wichtig,
auerordentlich wichtig, dieses Nichts. Ich mchte sogar behaupten, es
ist die Ursache!

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. So etwa knnte man sich die
Sache vorstellen. So etwa knnte man geradezu behaupten: Nichts war
die Ursache der Angelegenheit.

Aber Sie lcheln schon wieder, meine Dame. Sie lcheln bereits ber
mich, ber den Bajazzo. Nun, wie Sie wollen! Bitte, ruhig zu lcheln.
Lache, Bajazzo! Und schminke Dein Antlitz! Vielleicht ein wenig Gesang
gefllig? Vielleicht knnte man ein Lied anstimmen?

                   *       *       *       *       *

Ich bemhe mich, Ihnen zu gefallen, wie Sie sehen. Ich bemhe mich um
Ihre Gunst. Ganz einfach gesprochen: Ich mchte Sie herzlich bitten, mir
Gehr zu schenken. Ihr Ohr zu leihen, sozusagen.

Und, wenn ich bitten darf, ein wenig Vertrauen! Vertrauen ist es, worum
ich bitte. Ich betrachte es als von Gott. Eine Gabe vom Himmel. Ohne
Ansehen der Person. Aber kein Almosen! Nichts von Verfhrung! Leere
Hnde, gilt es, zu behalten.

                   *       *       *       *       *

Jedoch! Jedennoch! So komme ich nicht zum Ziel. Es ist schon alles
wieder verdorben. Ich sehe, ich bin bereits wieder verloren: Habe mich
hinreien lassen, rede und rede.

Die Gtzen glnzen mit ihren Perlen. Ihre Haare triefen von Fett und l.
Ich aber sage Euch: Gottes Bild ist nicht unter ihnen!

                   *       *       *       *       *

Bin aber selbst der schuldige Teil. Ich gebe mir alle Mhe. Ich mchte
alles Mgliche tun. Habe bereits auf alle Weise versucht, glcklich zu
sein. Aber vergeblich.

Obwohl hier von Glck nicht die Rede sein kann. Wollte um etwas anderes
bitten. Was ich bentige ist Vertrauen. Jeder Gott bentigt Vertrauen.
Glauben sozusagen. Glaubwrdigkeit. (Jetzt aber hren Sie einmal mein
Herz! Es schlgt. Es kichert. Es lacht sich eins. Weil ich da eben
Gott erwhnte. Scheinbar so nebenbei erwhnte: Jeder Gott bentigt
Vertrauen. Jeder.

Nun, wollen abwarten. Werden schon sehen!)

                   *       *       *       *       *

Aber hier beginnt nun bereits mein Unglck. Abgesehen von Schuld und
Unschuld, beginnt hier nun bereits mein Leidensweg: Es kann ja nicht
lnger verborgen bleiben: Bin leider so wenig vertrauenerweckend.

Ja, unzweifelhaft: Ich errege Gelchter. Man lacht ber mich. Und
niemand glaubt mir.

Ich bitte aber eines bemerken zu drfen. Gelchter steckt an. --
Vielleicht wrden sonst doch nicht alle lachen. Vielleicht wenn Sie es
unterlieen, zu lachen, wrde ich weniger lcherlich erscheinen.
Vielleicht, da sich dann doch einer fnde. Vielleicht fnde sich dann
doch jemand, der an mich glaubt, der an mich glauben mchte?

Ich bitte darum. Ich bitte ergebenst, nicht lachen zu wollen!

Werde aber trotzdem lieber gehen! Werde gehen! Bemhen Sie sich nicht
weiter! Lachen Sie getrost!




                                 II.


Ich werde in den Wald gehen, in den Sterbewald. Zwischen den Bschen
unsichtbar verschwinden. Ich werde mich beeilen, zu verschwinden, zu
verschweigen. Ich werde mich verschweigen im Wald. In den Bschen will
ich mich verzweigen. Pst! Bitte nicht darber zu reden!

                   *       *       *       *       *

Als er in den Wald gekommen war, fing die Nacht an! Als die Nacht
gekommen war, fing der Mond an. Hrten die Sterne auf zu singen und die
Schlange sprach: Du hast mir noch immer nicht den Kopf zertreten. Aber
ich habe Dich in die Ferse gestochen.




                                 III.


Werde nun sogleich mit der Erzhlung beginnen. Werde mich vorstellen,
mit Verlaub:

Mein Name ist: Tot.

berlegen Sie wohl die Bedeutung dieses Namens! Ich bin tot. Ich habe
mich erschlagen.

Glauben Sie, da es Gelchter erregt? Ich denke: Man wird darber reden.
Leicht mglich, da ich auf diese Weise Eingang fnde. In Kreise
vielleicht, in Zirkel, Klubs, Geselligkeit?

Allerdings, meine Hnde! Sind leider wohl nicht rein genug? Zwar leer.
Ich habe leere Hnde. Habe immer darauf Wert gelegt. Aber nicht rein!
Habe wohl verabsumt, sie zu waschen.

Hier wscht sich alles fein und suberlich. Eine Hand wscht hier die
andere. Mit Geld und guten Worten und so weiter.

Ich habe statt dessen einen seltenen Namen. Tot. Herr von Tot.

                   *       *       *       *       *

Aber, um immer ehrlich zu bleiben: Mein eigentlicher Name ist das nicht.
Vom Wind verweht. In die Sterne gestreut.

Namenlos bin ich genannt.

Namenlos irr ich von Land zu Land.

Namenlos elend.

Namenlos tot.

Einmal hatte ich einen Namen. Wie lange ist das her?

Wei Gott! Wie oft bin ich seit dem gestorben!




                                 IV.


Ich gebe mir alle Mhe, mich zu ordnen, meine Verwirrung zu ordnen,
meine Verirrung. Hren wir also den Tatbestand!

                   *       *       *       *       *

Zwei Uhr dreiig Schleichpatrouille. Die neunte Kompagnie stellt hierzu
einen Unteroffizier, vier Mann. Freiwillige vor! Freiwillig! Ein sehr
khnes Wort. Bitte, Ihre Aufmerksamkeit darauf zu richten! Aus eigenem
Antrieb, knnte man sagen. Freiwillig, wie Gott die Welt erschuf!
_Freiwillig trat ich vor._

Weshalb blieb ich nicht freiwillig stehen? Wie gemtlich war doch der
Unterstand! Wir hatten Kerzen an jenem Tag. Wir hatten Feuer. Wir hatten
geheizt. Wir krochen so mollig in unsere Betten. Nebeneinander. Warm und
geborgen. Die kleine Kerze htte geschienen. Flacker-Schatten htten
sich bewegt. Die stmmigen Stmme, die Balken der Decke! So eng, so
niedrig alles, traulich und warm. Viele Frhlingstage wren gefolgt!

                   *       *       *       *       *

Was trieb mich an? Weshalb nur mute ich alles verlassen?

Und wenn nun ich fein nicht gegangen wre?

Ein anderer fr mich. Ganz einfach! Ein anderer htte alles erlebt. Was
zu erleben war, fertig wie eine Uniform. Fertig waren die Gnge da, die
Schritte, das Stolpern, offen lagen die Grben, die Lcher. Schon hingen
die Granaten ber uns. Alles bereit. So ging ich hinein.

Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. So ging ich in mein
Himmelreich.

                   *       *       *       *       *

Jeder empfngt zehn Handgranaten. Sie gehen Birkenwaldweg! Sie
Mrchenwald! Sie Adjutantenweg! Wie hbsch das klingt: Sie
Adjutantenweg!

Schon klirren die Glocken des Drahtverhaues. Ein Stern steigt zum Himmel
und fllt. Ein fernes Maschinengewehr klatscht Beifall. Etwas verfrht.

                   *       *       *       *       *

Die Beine sind uns vom Winter geschwollen. -- Und der Bauch von
Lusebissen. Oh nicht sehr reprsentabel stellen wir uns zu diesem
Stelldichein. Lichtscheu. Wir kriechen am Boden. Und des Menschen Sohn
zertritt uns den Kopf.

Die Leuchtkugeln haben die Sterne verdunkelt. Zwei Uhr dreiig. Wir sind
da.




                                  V.


Wie mir doch alles unter den Hnden zerfliet! Alles luft mir so leicht
davon, so leichtlich luft es mir aus der Feder. Als htte ich meine
Freude dran!

So will ich denn ehrlich berichten, wie ich gesndigt habe. Meine Zunge
ist so schnell, schnell geworden vom vielen Lgen. Meine Feder gleitet
so gleinerisch. _Ich war Literat._ Man mu das gestehen. Dagegen
scheint kein Kraut gewachsen? Dagegen scheint der Tod nicht viel zu
helfen. Diese Gewohnheiten scheinen sich nicht zu verlieren im Tod. Ein
Brandmal! Ein Schandmal! Ein Schandmaul! stehe ich da.

                             HERR v. TOT
                               Literat.

Ich spielte mit Worten. Ich dichtete umher. So frhlich gaukelten wir
durch die Welt!

Auf Seidenbetten saen wir gern. Tranken. Musik. Und sen Wein. Da
klingelte oft die Gartentr! Herein, Ihr liebenswerten Gste! Der
Bettler mag vorber schleichen! Seine verhungerten Tiere im Arm.

Da dichtete es sich s. Da war es Wollust, zu vergehen. Da schrieben
wir auf zrtlichem Papier:

   Du goldene Melatyle!
   Verwirrter Silberfinkenstrom!
   Die schwankenden Gefhle
   Entgeistern in den Dom.

   Die lieben Nebelfalter
   Umschmeicheln meinen Schmeichelsinn.
   Bald kommen Tod und Alter.
   Welt, nimm mich hin!

Recht gefllig diese Melodie, nicht wahr? Zu gutem Essen und etwas Wein!




                                 VI.


Viel haben die Generle Schuld.

Stillgestanden!? Das ist nicht von Gott.

Aber ist es nicht noch trauriger, whrenddessen s zu tun?




                                 VII.


Stillgestanden! Augen rechts! Rum ta ta, rum ta tata. Augen gerade --
aus! Ich bestrafe den Musketier Roessingh mit drei Tagen Mittelarrest,
weil er vor seinem Herrn Major eine nachlssige Ehrenbezeugung gemacht
hat. Ich bestrafe den Musketier Tiemann --

Und wir alle standen dabei, ohne ein Wort zu sagen, ohne zu Hilfe zu
eilen.

Ei, wie wurden wir da umhergeschwenkt. In Gruppenkolonne -- links
schwenkt -- marsch! Nach rechts und links und mitten aufmarschiert!

Aber da steht Ihr feinen Damen und seht uns zu und lacht und geht
vorber.

Es lebe der Kaiser! Er verschliet das Gittertor!

Mach es nur zu vor den schnen Damen. Sie sollen nur gehn mit ihren
Sonnenschirmen!

Die Mariandjei hat mich eingeschlossen. Ich habe die schnen Damen
beleidigt.




                                VIII.


Es ist so traurig, da mir niemand hilft! Wie soll ich denn allein die
Welt aufbauen? Da habe ich lieber ein Gedicht gemacht.

   Ach Gott, ich bin so einsam wie ein Watt
   Wie verloren gegangen in Paris-Stadt

   Wie ein lange gefangen gehaltener Adler
   Und wie ein Gott, der keine Mutter hat.

Das habe ich aber schon mal gemacht.




                                 IX.


Als ich mich zum erstenmal erschlug, war ich achtzehn Jahre alt. Ich war
mein Bruder aus Frankreich und hie Pierre. Wie Kain den Abel habe ich
mich erschlagen.

                   *       *       *       *       *

Freiwillig waren wir losmarschiert. Lichtscheu. Am Boden krochen wir.
Kein Stacheldraht zerri mein Herz. Hart gierig lag ich auf der Lauer.

                   *       *       *       *       *

Oh weh! Ihr tapfern Jger, Ihr khnen Helden! Ihr lauert dem kleinen
Hasen auf. Dem gehetzten Hslein zerbrecht Ihr das Rckgrat und freut
Euch hoch ber seinem Blut.

Da schlug mein Herz voll Gier, als mein Bruder heran kam, mein
franzsischer Bruder, mein kleiner Peter. Ganz dicht ging er an mir
vorber. Ich freute mich hoch ber seinen wehrlosen Rcken. Und kroch
ins Dunkle hinter meinem Bruder.

                   *       *       *       *       *

Da fuhr die hllische Leuchtkugel hoch. Da sah er mich an. Da hob er
seine Hnde. So unschuldig war das Brderlein!

_Ich aber warf die Granate. Ich warf die Granate, whrend das Brderlein
die Hnde hob._

                   *       *       *       *       *

Da hatte ich viel Beifall. Da fuhren die Leuchtkugeln hoch. Da
klatschten die Gewehre eifrig Beifall.

Da kroch ich zu dem Brderlein. Derweil es noch lebte.

Um es zu pflegen, Ihr schnen Damen?

Um mich zu verbergen, Ihr Liebenswerten! Um mich zu verbergen vorm
Beifall der Gewehre.

Da hat das Brderlein mich sehr beschtzt! Es weinte, das liebe Kind.
Camarade! Camarade! Da trafen ihn all die Kugeln, die mir galten. Da
war er ganz still. Camarade, camarade! Da schlugen die Kugeln noch in
die Leiche.




                                  X.


Sehr hbsch habe ich das erzhlt. Nicht wahr, meine Lieben? So ein wenig
poetisch und mit Gefhl. Ohne die werten Ohren zu verletzen? Die zarten
hrchen, die sanften Seelen?

Bin nmlich Literat. Ein tchtiges Handwerk! Es dichtet sich so kstlich
ber Leichen!

                   *       *       *       *       *

Die Mariandjei hat mir verboten zu schreiben. Aber ich wei den Ort zu
finden! ber Abgrnden schreibe ich. ber Abgrnden!




                                 XI.


Und wenn ich nun nicht gegangen wre? Wenn ich nun diesen schweren Gang
freiwillig _nicht_ gegangen wre?

Ein _anderer_ fr mich! (Bitte, zu erinnern!)

Nun. Also. Endlich! Heraus damit!

Ich bin _nicht_ gegangen. Ich blieb zu Hause. _Ein anderer ging fr
mich._

Ein anderer ging. Wir hatten es uns bequem gemacht.

                   *       *       *       *       *

Da kam das liebe Peterlein, der deutsche Peter kam, das unschuldige
Kindlein, mit einem roten Rock von Blut. Wie dem Kaiser sein Rock, so
rot von Blut.

Ich habe einen erledigt, Mensch. (Ja, Mensch! O, Menschlein, hre wohl
zu!) Wir haben einen abgesgt.

Da saen wir alle und hatten es _nicht_ getan. Da saen wir alle mit
feinen Hnden und hatten nicht einmal Wasser fr den Peter, fr seine
kleinen schmutzigen Kinder-, fr seine unschuldigen Mrderhnde. Er
mute sich selber darauf pissen.

Das hat mir die Mariandjei verboten. Hier haben wir immer Wasser. Oh, so
viel Wasser.

                   *       *       *       *       *

Da hat der Peter mir alles erzhlt. Da lag er neben mir und hat mir
alles erzhlt, wie ich es selbst erlebt habe. Oft genug. Ich habe
gettet. Mehr hat er nicht erzhlt. Ohne ein Wort zu sagen, hat er's
erzhlt.

Da lagen wir, Brder, nebeneinander und das Brderlein drauen lag auch
dabei, lag da so schaurig in seinem Blut.

Hrt die Stimme des Blutes!

Ich hrte sie nicht.

Ich habe mich fremd verhllt in meinen Mantel. Ich habe mich herzoglich
verhllt vor ihm. Vornehm habe ich mich eingewickelt. So bin ich in
Anfechtung gefallen und schlief. So bin ich tief gefallen und fiel in
Schlaf.

Da hat sich der Peter davongemacht. Da lag er allein und hat sich
davongemacht. Da hat er sein Gewehr an die Brust gesetzt und hat sich
erschossen im Wald und fiel.

Da lag ich und schlief, lag erschossen im Wald und lag auf dem Feld in
meinem Blut. Da lagen wir Brder brderlich verstreut.




                                 XII.


Paragraph zehn der Kriegsartikel? Feigheit! Wer sich unerlaubt entfernt.
Wer seinen Truppenteil verlt. Fahnenflucht wird mit dem Tode bestraft.
Strafe wird mit dem Blute bestraft. Blut wird bestraft. Alles wird
bestraft. Da regnete es Strafen. Hagelte es Strafen.




                                XIII.


Da bin ich in den Wald gegangen und habe den lieben Peter gesucht.

Da habe ich eine Raupe zertreten. Da habe ich eine Schnecke zertreten.
Da habe ich den Peter gefunden und habe mich zu ihm gelegt zu seinem
Herzen und weinten beide um unsern toten Freund. Da weinten wir
freundlich um unsern Freund. Da sind wir alle drei gestorben. Der
Pitter, der Peter, der Pierre und ich. Da lagen wir verstorben im Wald.
Da lagen wir unter die Bsche verstreut. Da lagen wir brderlich
verstreut im Wald.

Bis zum Abend. Da mute ich auferstehen.




                                 XIV.


Nun spiele ich immer Auferstehen. Aber ich mu es heimlich tun. Die
Brder sind nicht da. Ich bin allein. Und die Mariandjei hat mich
angebunden.

                   *       *       *       *       *

Als ich kam, gab man mir ein Feiertagskleid und alle Tren gingen auf
und zu. Aber in letzter Zeit sind viele verschlossen. Es gefllt mir
hier nicht mehr.

Auch den Kaiser mag ich nicht mehr leiden.




                                 XV.


Als ich ein Kind war, schlug man mich. Einst hatte ich eine Raupe
gefangen, eine groe Raupe, auf einem Blatt. Da bliesen die Soldaten vor
dem Tor, bunte Husaren ritten ins Manver.

Hei! wie ich, Knabe, da frhlich lief! Wie ich da lief! Und im Laufen
zertrat ich die Raupe, zertrat auf dem Kies ihren Schlangenleib.

Oh, wie zerkrampfte sich da mein Fu im Schuh! Oh, wie zerkrampfte sich
da mein Herz! Als ich da ausglitt auf ihrem schlpfrigen Leib, als da
der Kies unter meiner Sohle knirschte.

Da warf ich mich in den Wald. Da verging ich im Wald. Da vergrub ich
mich unter den Bschen im Wald. Da machte ich keine Schularbeiten mehr
-- und wurde geschlagen, weil ich die Raupe nicht und nicht die
Henkersstelle sehen wollte.

                   *       *       *       *       *

Eigentlich wre nun _dies_ der Anfang. Ja, eigentlich wre nun dies der
Anfang meiner Geschichte. Aber wie soll ich Euch das erklren?

Haben Sie noch nie eine Raupe oder eine Schnecke zertreten? Ein Muslein
vielleicht? Vielleicht eine kleine Mause-Mutter mit zwei, drei kleinen
Muslein im Bauch?




                                 XVI.


Die Mariandjei sieht nicht gerne, da ich schreibe. Ich sollte ihr
lieber ein Bildlein malen.

Da habe ich ihr ein Bildlein gemalt. Den Wald habe ich ihr gemalt;
unsern Sterbewald. Mit einem schnen Rosenstrauch. Da liegen der Peter
und der Pierre, da liegen wir alle drei, wie wir verstarben, wie wir uns
da so im Walde verstreuten unter dem Rosenstrauch, so dahingestreut. Und
da komme ich nun gegangen. Immer komme ich so durch die Nacht zu uns
gegangen, wie wir daliegen und uns beweinen und uns fein brderlich
befreunden. So zwischen den Bumen durch den Wald komme ich da mit Trost
gegangen.

O so freudig in meiner Trauer komme ich da durch den Wald heran. Lautere
Freude um die zerwehte Stirne. Und die Sterne immer vor mir her! Wie ein
Gleichnis komme ich daher. Tag und Nacht bin ich da der Gleiche.

                   *       *       *       *       *

So hab ich ihr das Bildlein gemalt und habe es ihr auch im Schlafe
gewidmet. Mit einem Vers. Den habe ich selbst gemacht.

                 DAMIT SIE KEIN VERGNGEN DARAN HAT.

   Tag und Nacht gleiche
   Nachtbleiche, Blindschleiche!

                   *       *       *       *       *

Ich mag auch die Mariandjei nicht mehr leiden.

Ich will lieber in unsern Sterbewald! Da warten auf mich, da ich komme,
die lieben Brder. Ich habe sie so lieb gehabt. Ich habe sie so von
Herzen lieb.




                                XVII.


Ich habe mich wieder verleiten lassen.

Ach, die Verwirrung ist so gro! Ach, wie das Dunkel wchst! Und die
Mauern auf allen Seiten!

Man hat mir Stangen vor mein Fenster gegeben. Da soll ich meinen
Verstand daran ordnen. Aber die Ordnung schneidet so hart in die Seele.

                   *       *       *       *       *

Ich verzage. Ich glaube verzagen zu mssen. Hilft mir denn niemand? Ich
bitte darum.

Ach fnde sich doch einer, der mir hilft! Ich glaube, ich kenne die Welt
nicht mehr? Und soll sie doch aufbauen, ganz allein. Aber wenn niemand
mir helfen will, so mag ich nicht lnger der liebe Gott sein.

                   *       *       *       *       *

Ein einziges Wrtlein fllt mir noch ein:

Ich bin _nicht_ gegangen -- und bin doch schuldig. Ich habe _nicht_
gettet und bin doch schuldig.

Vielleicht ist es das? Vielleicht sind wir deshalb hier versammelt? Weil
wir es _nicht_ getan haben. Weil es die andern lieben Brder, dieweil
wir unschuldig blieben, tun muten.

Unschuldig! Das ist wohl meine Schuld?

                   *       *       *       *       *

Ach, wie bitter brennt doch die Ordnung! Sichelt so grausam durch die
Seele!

Aber Ordnung mu sein, sagt die Mariandjei. Sonst werde ich nie meine
Prfung bestehen.




                                XVIII.


   Nun aber zu Tanz und Musik zurck!
   Vielleicht gelingt uns noch einmal ein Blick!
   Einen Blick zu tun in die erwnschte Nacht,
   Die uns zu Kindern Gottes macht.

(Spter aber!)




                                 XIX.


Es traten einige Damen bei mir ein. Ich habe sie nach Krften
unterhalten. Es hie, meine Mutter wre darunter. Ich habe sie, nach
Krften, unterhalten. Um Verzeihung gebeten fr langweiligen Brief.
Kurzweilig gesprochen. (Siehe Goethe!)

                   *       *       *       *       *

Mchte mich zurckziehen, wie Sie sehen. Habe keine Zeit. Bin mde.

Ich habe vielleicht Ihre werte Geduld ein wenig auf die Probe gestellt.
Machen Sie sich nichts daraus, meine Damen! Ich mache mir auch nichts
daraus, wie Sie sehen. Ich befinde mich hier sehr wohl. Das Zimmer
scheint allerdings ein wenig nchtern. Es scheint allerdings allerlei
abhanden gekommen. Bitte immerhin Platz zu nehmen!

                   *       *       *       *       *

Wo waren wir doch gleich stehen geblieben? Ich glaube, die Nacht war
angebrochen?

Ach ja, wir wollten uns zurckziehen! Schuldlos wollte ich mich
zurckziehen. Dies Zimmer mit meinem Bett vertauschen. Ich erinnere
mich, ja, ich erinnere mich.

                        Herr Tot und lebendig
                               Literat
                         Gr. Hurenstrae 12.

Mein kleines Sofa wartet, mein seidenes Sofa. Bitte nur, Platz zu
nehmen, meine Damen! So legen Sie doch den Hut ab! Verdammt! Mein
Tubchen, legen Sie sich doch ab.

Machen Sie sich nur keine Gedanken! Beunruhigen Sie sich nicht um andere
Leute!

Sieh da, sieh da, noch immer der alte Bettler. Noch immer geht er
vorber mit seinen Tieren. Und die Fenster schlieen nicht mehr ganz
dicht. Man hrt das Gewimmer. Schade! Man hrt das Gewimmer.

                   *       *       *       *       *

Aber deswegen keine Bengstigung, bitte: Es ist ja nicht unsere Schuld.
Wir haben keine. Wir werden uns fleiig die Hnde waschen. Mit Geld und
guten Worten und so weiter. Wir nehmen uns einen Stellvertreter. Das ist
mein neuester Trick. Eine alte Sache.

Jeder schickt eben den andern. Den lieben nchsten, den nchsten besten,
den Allernchsten. Je nher, je besser! Je lieber, je besser! Damit man
auch was zu weinen hat. Den Bruder vielleicht? Oder sonst irgendeinen?
Und haben wir keinen, so machen wir einen. Die Welt darf nicht zugrunde
gehen! Ich werde Ihnen ein Kind machen, wenn Sie erlauben. Einen Sohn
werden wir uns machen, einen kleinen Bruder. Der liebe kleine Bruder mag
fr uns gehen! Den lieben kleinen Bruder werden wir schicken. Der soll
fr uns den Peter erschlagen. Der mag sich das Blut von den Hnden
pissen!

                   *       *       *       *       *

So kommen Sie nur auf mein zartes Sofa! Da lassen wir flink den Vorhang
herunter und spielen fleiig Papa und Mama. Das Brderlein mag die
Schuld auf sich nehmen.

Das steht vor seinem Hauptmann und sagt: Jawoll! Ei, da wird es
umhergeschwenkt! Ei, da fliegen die Befehle! Da regnet es Strafen. Da
hagelt es Strafen.

Wir aber ziehen uns leise zurck. Wir ruhen so s an unserer Brust.
Komm doch, mein Tubchen! La lnger mich nicht warten! Komm nur, du
liebenswerte Sau, der Kaiser braucht Soldaten!




                                 XX.


Die Mariandjei ist auch nicht mehr da. Man hat mir alles fortgenommen.
Nur noch die Stbe sind da. Die Ordnungsstangen. Mich in Ordnung zu
halten, damit ich nicht falle. Damit ich nicht in Versuchung falle.




                                 XXI.


Wenn ich nur einmal noch aufgeklrt wrde! Ein wenig auferleuchtet, ein
wenig erhellt!

Ich mu noch etwas vergessen haben? Es war gewi eine wichtige Sache.
Etwas zu sagen oder etwas zu tun. Ich frchte, es blieb noch etwas zu
tun!

                   *       *       *       *       *

Lieber Gott! So fing es an. Aber wie mag es weiter gehen?

Lieber Gott! Mache mich fromm! Komm Karline, komm!

Ich habe solche Angst, ich knnte sterben.




                                XXII.


Ich wollte erzhlen, wie ich schuldig war. Ich wollte erzhlen, wie ich
unschuldig war. Aber das wichtigste habe ich vergessen. Ich wute noch
etwas. Das war so wichtig! Kann es von Euch mir denn nicht einer sagen?
Ich bitte doch so herzlich darum.

                   *       *       *       *       *

Was war es doch nur?

Was mag es doch nur gewesen sein?




Anmerkungen zur Transkription


Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit
Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 16]:
   ... gefallen und schlief. So bin ich tief gefallen und viel ...
   ... gefallen und schlief. So bin ich tief gefallen und fiel ...






End of the Project Gutenberg EBook of Auch ich. Auch du., by Hans Siemsen

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUCH ICH. AUCH DU. ***

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