The Project Gutenberg EBook of Smtliche Werke 9: Novellen aus sterreich
III, by Ferdinand von Saar

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Title: Smtliche Werke 9: Novellen aus sterreich III
       Leutnant Burda / Seligmann Hirsch / Die Troglodytin /
       Ginevra / Geschichte eines Wienerkindes / Schlo Kostenitz

Author: Ferdinand von Saar

Editor: Jakob Minor

Release Date: September 15, 2015 [EBook #49971]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SMTLICHE WERKE 9: NOVELLEN ***




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                         Ferdinand von Saars
                           smtliche Werke
                           in zwlf Bnden.

          Im Auftrage des Wiener Zweigvereins der Deutschen
                           Schillerstiftung
        mit einer Biographie des Dichters von Anton Bettelheim
                    herausgegeben von Jakob Minor.

   Mit 5 Bildnissen, einer Wiedergabe des Grabdenkmals des Dichters und
                 einem Briefe als Handschriftenprobe.

                            Neunter Band.
                    Novellen aus sterreich. III.

                               Leipzig.
                          Max Hesses Verlag.

                         Ferdinand von Saars




                       Novellen aus sterreich.


                            Herausgegeben
                                 von
                             Jakob Minor.

                            Dritter Teil:
          Schicksale. -- Frauenbilder. -- Schlo Kostenitz.

                               Leipzig.
                          Max Hesses Verlag.

   Das Recht der bersetzung behlt sich der Wiener Zweigverein der
                   Deutschen Schillerstiftung vor.




                               Inhalt.
                       Novellen aus sterreich.
                            Dritter Teil.


                                           Seite
   Schicksale.
        9.  Leutnant Burda                     7
       10.  Seligmann Hirsch                  77
       11.  Die Troglodytin                  117
   Frauenbilder.
       12.  Ginevra                          161
       13.  Geschichte eines Wienerkindes    209
   14. Schlo Kostenitz                      273




                           Leutnant Burda.


                      Vorwort des Herausgebers.

Die Novelle ist im Sommer 1887 in Blansko geschrieben und noch in
demselben Jahre in der Deutschen Dichtung von Karl Emil Franzos am 1.
und am 15. September (zweiter Band, Heft 11 und 12, Seite 312-334 und
338-354) zuerst erschienen. Hier sollte sie den Titel: _^Vanitas^_
fhren, den Saar auf den Rat Franzos' in den ursprnglichen: _Leutenant
Burda_ verndert hat. Die Handschrift hat sich Franzos nach dem Abdruck
fr seine Autographensammlung ausgebeten; der Dichter aber konnte ihm
nicht zu Willen sein, da sie die Frstin Salm besitzen wollte, in deren
Nachla sie sich also wohl befinden drfte. Frher aber hat sie der
Dichter noch mit vielen, jedoch blo stilistischen Abnderungen der
Buchausgabe in der dritten Novellensammlung: Schicksale (Seite 1-126)
zugrunde gelegt, welche im Herbst 1888 mit der Jahreszahl 1889 erschien.
Fr die zweibndigen Ausgaben der Novellen aus sterreich 1897 und
1904 (zweiter Band, Seite 1-81) hat Saar hie und da neuerdings zu
bessern gesucht und noch in der letzten Korrektur von 1904 die Chiffre
B... in Brnn aufgelst. Eine merkwrdige Mittelstellung zwischen den
Drucken von 1889 und 1897 nimmt der Abdruck in der Wiener Mode 1898
(Elfter Jahrgang, 7. bis 12. Heft, Seite 294 ff., 337 f., 376-378,
415-417, 456 f., 497 f.) ein, der zwar nach der Angabe des Herausgebers
auf Grund der Novellen aus sterreich von 1897 veranstaltet sein soll
und mit ihnen auch in der Regel bereinstimmt, wiederholt aber doch noch
Lesarten der Schicksale von 1889 aufweist; er mu auf eine Handschrift
oder auf Korrekturbogen zurckgehen, die fr den Druck von 1897 dann
noch weitere nderungen erfahren haben. Dagegen beruht die zweite
Auflage der Schicksale von 1897 auf demselben Satz wie die Novellen
aus sterreich von demselben Jahre.


                                  I.

Bei dem Regiment, in welchem ich meine Militrzeit verbracht hatte,
befand sich auch ein Leutnant namens Joseph Burda. In Anbetracht seiner
Charge erschien er nicht mehr allzu jung; denn er mochte sich bereits
den Dreiigern nhern. Dieser Umstand wrde schon an und fr sich gengt
haben, ihm bei seinen unmittelbaren Kameraden, die fast durchweg
flaumige Gelbschnbel waren, ein gewisses Ansehen zu verleihen; aber er
besa noch andere Eigenschaften, die ihn besonders auszeichneten. Denn
er war nicht blo ein sehr tchtiger, verwendbarer Offizier, er hatte
sich auch durch allerlei Lektre eine Art hherer Bildung erworben, die
er sehr vorteilhaft mit feinen, weltmnnischen Manieren zu verbinden
wute. Als Vorgesetzter galt er fr streng, aber gerecht; Hheren
gegenber trug er eine zwar bescheidene, aber durchaus sichere Haltung
zur Schau; im kameradschaftlichen Verkehr zeigte er ein etwas gemessenes
und zurckhaltendes Benehmen, war jedoch stets bereit, jedem einzelnen
mit Rat und Tat getreulich beizustehen. Niemand wachte strenger als er
ber den sogenannten Korpsgeist, und in allem, was den Ehrenpunkt
betraf, erwies er sich von peinlichster Empfindlichkeit, so zwar, da er
in dieser Hinsicht, ohne auch nur im geringsten Hndelsucher zu sein,
mehr als einmal in ernste Konflikte geraten war und diese mit dem Sbel
in der Faust hatte austragen mssen. Infolgedessen wurde er ein wenig
gefrchtet, aber auch um so mehr geachtet, ohne da er dadurch anmaend
oder hochfahrend geworden wre, wenn es gleichwohl dazu beitrug, die
etwas melancholische Wrde seines Wesens zu erhhen.

Dem allen hatte er es zu danken, da man auf eine groe persnliche
Schwche, die ihm anhaftete, kein Gewicht legte -- oder besser gesagt,
sie wie auf Verabredung einmtig bersah. Er war nmlich ungemein eitel
auf seine uere Erscheinung, die auch in der Tat eine hchst
einnehmende genannt werden mute. Von hoher und schlanker Gestalt, hatte
er ein wohlgebildetes Antlitz, dessen leicht schimmernde Blsse durch
einen dunklen, fein gekruselten Schnurrbart noch mehr hervorgehoben
wurde, und auffallend schne graue Augen, die von langen Wimpern
eigentmlich beschattet waren. Es fehlte zwar nicht an Krittlern, welche
behaupteten, da er eigentlich schief gewachsen sei, und wirklich
pflegte er beim Gehen die rechte Schulter etwas emporzuziehen. Aber
gerade das verlieh seiner Haltung jene vornehme Nachlssigkeit, die mit
der Art, wie er sich kleidete, in sehr gutem Einklange stand. Denn
obgleich sein Uniformrock stets von untadelhafter Weie und Frische war,
so zeigte er doch niemals jenes gleiende Funkeln, welches das
unmittelbare Hervorgehen aus der Schneiderwerksttte bekundet htte, und
wiewohl Burda gar sehr auf ^taille^ hielt, so sa doch, bis zur
eleganten Beschuhung hinab (von der man wute, da sie stets nach einem
eigenen Leisten hergestellt wurde), an ihm alles so leicht und bequem,
als wre es nur so obenhin zugeschnitten und angepat worden. In dieser
Weise erschien das, was ein Ergebnis sorgfltiger Berechnung war, nur
als der natrliche gute Geschmack eines vollendeten Gentleman, dessen
Taschentcher, wenn sie entfaltet wurden, einen kaum merkbaren
Wohlgeruch von sich gaben, und wenn man auch im stillen seine Glossen
machte, da sich Burda von seinem Burschen -- der ein kurzes
Privatissimum bei einem Haarknstler hatte nehmen mssen -- tglich
frisieren lie, so trachtete doch mancher, es ihm in seiner Weise gleich
zu tun, ohne jedoch das Original auch nur im entferntesten zu erreichen.

Da diese raffinierte und gewissermaen verborgene Sorgfalt, die er auf
sein ueres verwendete, im letzten Grunde mit dem Bestreben
zusammenhing, bei dem anderen Geschlechte den gnstigsten Eindruck
hervorzubringen, braucht wohl nicht erst ausdrcklich gesagt zu werden,
und ebenso selbstverstndlich ist es, da sich Burda nach dieser
Richtung hin fr unwiderstehlich hielt. Nicht da er etwa dieses
Bewutsein irgendwie zur Schau getragen oder gar, wie es wohl einige von
uns pflegten, mit Herzenseroberungen geprahlt htte; er beobachtete
vielmehr in solchen Dingen die uerste Zurckhaltung, und nur aus
manchen Symptomen konnten Schlsse gezogen werden. Da waren es denn
entweder zarte Damenringe, die er am kleinen Finger seiner
wohlgepflegten Hand trug, oder ein aus Haaren geflochtenes Armband, das
zufllig unter seiner Manschette zum Vorschein kam -- sowie pltzliches
geheimnisvolles Verschwinden zu gewissen Stunden, was zu allerlei
Vermutungen Anla gab, denen er zwar nicht geradezu widersprach, aber
deren weitere Errterung er sofort mit ernstem Stirngerunzel abschnitt.
berhaupt nahm er nur selten an Gesprchen teil, welche die Liebe und
somit auch die Frauen zum Gegenstand hatten, welch letztere er von einem
ganz eigentmlichen Standpunkt aus betrachtete. Wie nmlich fr einen
mehr berchtigten, als berhmten Feldherrn der Mensch erst beim Baron
anfing, so begann fr Burda das weibliche Geschlecht erst bei der
Baronesse. Den einfachen Geburtsadel einer jungen Dame lie er nur dann
gelten, wenn der betreffende Vater General oder Prsident irgend einer
hohen Landesstelle war; auf gewhnliche Hofratstchter pflegte er mit
einer Art von Mitleid herabzusehen; Damen der Plutokratie verachtete er
grndlich. Alles andere existierte fr ihn einfach gar nicht, und er gab
jedesmal seiner Verwunderung Ausdruck, wenn er erfuhr, da ein Offizier
irgend eine wohlhabende Brgerstochter geheiratet hatte (was er eine
Mesalliance nannte); im schrfsten Tone aber tadelte er es, wenn jemand
zu einer Dame von zweifelhaftem Rufe in mehr als ganz vorbergehende
Beziehung getreten war.

Diese hochstrebenden Neigungen konnten um so seltsamer erscheinen, als
Burda selbst sehr bescheidener Herkunft war. Als Sohn eines kleinen
Rechnungsbeamten hatte er eine nur drftige Erziehung erhalten,
anfnglich das Gymnasium besucht, aber sich bald als Eleve in das Amt
seines Vaters aufnehmen lassen, um diesem weiterhin nicht mehr zur Last
fallen zu mssen. Spter, als die Zeitlufte gnstige Aussichten bei der
Armee erffneten, war er als Kadett in unser Regiment getreten. In jene
Zeit schienen auch seine ersten Erfolge bei den Frauen gefallen zu sein.
Denn wie die Sage ging, hatte sich damals die Tochter eines hheren
Generals, in dessen Adjutantur er, seiner schnen Handschrift wegen,
verwendet wurde, schwrmerisch in ihn verliebt. Diesem Roman hatte
jedoch der General, nachdem er einem geheimen Briefwechsel auf die Spur
gekommen, sofort damit ein Ende bereitet, da er den Helden nach Verona
versetzen lie, wo sich der Werbebezirk des Regimentes -- das ein
italienisches war -- befand. Dort, unter sdlichem Himmel, in der
Vaterstadt Romeos und Julias, hatte auch unverzglich eine dunkellockige
Marchesa ihr Auge auf den schmucken Krieger geworfen und mit ihm --
einem eiferschtigen, der sterreichischen Fremdherrschaft uerst
abholden Gemahl zu Trotz -- ein hchst leidenschaftliches Verhltnis
begonnen, bei welchem es an nchtlichen Zusammenknften mittels
Strickleiter, blutigen berfllen von seiten des Marchese usw. nicht
gefehlt haben sollte. Kein Wunder also, da Burda, einmal Offizier
geworden, nicht tiefer mehr herabsteigen konnte und seine Netze blo in
den oberen Regionen aufrichtete. So glaubte man auch jetzt trotz seiner
Zurckhaltung zu wissen, da er in der ansehnlichen Provinzstadt, wo
diese Geschichte zu handeln beginnt, die besondere Gunst einer
Stiftsdame erworben habe, die, obgleich nicht mehr ganz jung, als
vollendete Schnheit galt. Nebenher wurde freilich auch behauptet, das
Ganze bestehe darin, da Burda sehr hufig unter den Fenstern des
Stiftsgebudes vorberwandle und in der daranstoenden Kirche jeden
Sonntag die Messe hre; ein unschuldiges Vergngen, das eigentlich
jedermann geboten wre. Wie dem aber mochte gewesen sein: die meisten
von uns, von einem hnlichen romantischen Hange beseelt, hielten an der
berzeugung fest, da Burda infolge seiner Vorzge ein Auserwhlter sei,
und fuhren fort, mit einer Art sehnschtiger Bewunderung nach ihm
emporzublicken.

Indessen sollte doch einmal seinem Ansehen ein gelinder Sto versetzt
werden. Es war nmlich unter den jngeren Offizieren die Gepflogenheit
entstanden, schriftliche Meldungen und sonstige Eingaben mit
absichtlicher Flchtigkeit zu unterzeichnen (was genial aussehen sollte)
oder dabei die Buchstaben so grillenhaft zu verschnrkeln, da die
betreffenden Namen in der Tat oft nicht zu entziffern waren. Unser
Oberst, eine schwarzgallige, pedantische Natur, nahm somit die stets
erwnschte Gelegenheit wahr, dem jungen Volk am Zeuge flicken zu knnen,
und lie die hervorragendsten beltter, darunter auch meine Wenigkeit,
vor sich bescheiden. Wir hatten schon vorher von der Sache Wind bekommen
und waren nicht wenig erstaunt, auch Burda, dessen Unterschrift an
kaligraphischer Deutlichkeit nichts zu wnschen brig lie, unter den
Vorgeladenen zu erblicken. Nachdem uns der Oberst mit sarkastischem
Behagen die ^corpora delicti^ vor Augen gehalten und mit nselnder
Stimme jeden einzelnen gefragt hatte, wie er denn eigentlich heie --
und was _dies_ und was _jenes_ zu bedeuten habe, schlo er mit einem
sehr scharfen Verweise, fr die Zukunft exemplarische Strafen in
Aussicht stellend. Dann wandte er sich in etwas gemigtem Tone an
Burda: Und auch Sie, Herr Leutnant, habe ich kommen lassen, um eine
Frage an Sie zu richten. Seit wann sind Sie denn Graf geworden?

Burda zuckte leicht zusammen. Dann erwiderte er, allmhlich bis unter
die Stirnhaare errtend, mit fester, fast herausfordernder Stimme:
Graf? In welcher Hinsicht meinen dies der Herr Oberst?

Der Oberst trat einen Schritt zurck und kniff, wie es in Erregung seine
Gewohnheit war, das rechte Auge zu. In welcher Hinsicht? Mit Hinsicht
auf Ihren letzten Wache-Rapport. Derselbe ist -- er hielt ihm das
Schriftstck entgegen -- mit G f Burda unterzeichnet. Dieses G f ist,
wie ich aus den Unterschriften des Herrn Majors Grafen N... und des
Herrn Hauptmanns Grafen K... entnehme, eine beliebte Abkrzung des
Wortes Graf. Was haben Sie darauf zu erwidern?

Ich erlaube mir zu bemerken, sagte Burda in strammster Haltung, da
dieses G f keineswegs das Wort Graf bedeuten soll. Es ist die Abkrzung
meines Namens Gottfried.

Gottfried? Sie heien ja Joseph!

Allerdings. Aber es drfte dem Herrn Oberst bekannt sein, da man bei
der Taufe in der Regel den Namen des Vaters mit empfngt. Mein Vater
fhrte den Namen Gottfried; somit heie ich Joseph Gottfried.

Der Oberst trat noch einen Schritt zurck und zwinkerte krampfhaft mit
dem rechten Auge. Dann mu ich Sie bitten, Ihren Taufschein aktenmig
vorzulegen, damit die Regimentslisten, in welchen, soviel ich wei, blo
der Name Joseph eingetragen erscheint, richtiggestellt werden knnen.
Aber trotzdem werden Sie knftighin weniger zweideutige Abkrzungen zu
whlen haben. Er machte eine kurze Verbeugung, und wir waren entlassen.

Als wir die Tr hinter uns hatten und nun insgesamt die Treppe
hinabschritten, herrschte peinliches Schweigen. Das Komische des ganzen
Auftrittes htte eigentlich zu allgemeiner Heiterkeit angeregt; aber die
Gegenwart Burdas, der die Sache sichtlich ernst nahm und berdies nicht
ganz ohne Verlegenheit schien, drngte die uerung einer solchen
Stimmung zurck. Wir verabschiedeten uns von ihm mit einigen
oberflchlichen Worten, und auch in der nchsten Zeit blieb uns diese
Befangenheit ihm gegenber; es war, als htte etwas Fremdes,
Unerwartetes seine leuchtende Erscheinung getrbt.

Er selbst aber legte noch am selben Tage seinen Taufschein, der wirklich
beide Namen enthielt, auf dienstlichem Wege vor und unterzeichnete von
nun an mit augenflliger Absichtlichkeit und ohne jede Abkrzung: Joseph
Gottfried Burda.


                                 II.

Dieser unliebsame Zwischenfall wurde brigens wie alles, das keine
bemerkenswerten Folgen nach sich zieht, um so eher wieder vergessen, als
bald darauf ein Ereignis eintrat, welches die Gemter in leicht
begreifliche Aufregung versetzte. Das Regiment erhielt nmlich eines
Tages ganz pltzlich den Befehl, in die Wiener Garnison einzurcken, was
man damals als besondere Auszeichnung zu betrachten pflegte. Aber auch
aus sonstigen Grnden wurde diese Anordnung von den Offizieren mit
groer Freude begrt. Denn viele von uns waren gebrtige Wiener und
konnten nunmehr ihre Angehrigen auf lngere Zeit wiedersehen, whrend
den brigen Gelegenheit geboten wurde, das mehr oder minder fremde Leben
der Hauptstadt kennen und genieen zu lernen. Nebenbei galt es, das
Regiment in der kurzen Spanne Zeit, die hiezu noch vergnnt war, in den
allerbesten Stand zu setzen, was jedem einzelnen rastlose Ttigkeit
auferlegte -- bis endlich der groe Tag erschien, an welchem wir die
Waggons bestiegen und, im Wiener Nordbahnhofe angelangt, mit klingendem
Spiele der Kaserne entgegenzogen, die uns in einer der nchsten
Vorstdte angewiesen war.

Wien selbst trug damals noch ganz seinen frheren Charakter zur Schau.
Die alten Tore mit den unbeweglichen Brcken ber dem Stadtgraben
bestanden noch; die Kastanien- und Lindenalleen auf dem Glacis fhrten
nach den Vorstdten, und wenn heutzutage die innere Stadt von der
Ringstrae wie von einem blendenden Juwelengrtel umspannt erscheint, so
glich sie damals, von den Ringmauern der Bastei eingeschlossen, einem
Schatzkstlein, in welchem die meisten Kostbarkeiten zusammengedrngt
lagen. Auch der ffentliche Verkehr war einfacher, gleichsam intimer,
als jetzt. Die verschiedenen amtlichen Berufszweige gingen rumlich
nicht allzuweit auseinander, ebenso die mannigfaltigen Objekte des
Vergngens und des Genusses -- und so hatte sich denn auch jeder von uns
bald mit den Verhltnissen vertraut gemacht und in seiner Weise
eingelebt. Diejenigen, welche zur Bequemlichkeit neigten und
auerdienstlichen Begegnungen mit hohen und hchsten Vorgesetzten gern
aus dem Wege gingen, vermieden es nach Mglichkeit, die Straen und
Pltze der Stadt zu betreten und verbrachten ihre freie Zeit in der Nhe
der Kaserne. Andere hingegen -- zumeist ltere Hauptleute mit stark
entwickelten gastronomischen Neigungen -- liebten die Weinstuben und
Restaurants aufzusuchen, die sich eines besonderen Rufes erfreuten,
woselbst sie auch meistens bis tief in die Nacht hinein hngen blieben,
um dann in heiterster Stimmung nach Hause zurckzukehren. Schlielich
aber gab es einzelne, die kein hheres Vergngen kannten, als, aufs
sorgfltigste angetan, das Pflaster des Grabens und Kohlmarktes zu
beschreiten und solche Orte aufzusuchen, wo sie, um zu sehen und gesehen
zu werden, ohne besonderen Kostenaufwand mit der vornehmen Welt
zusammentreffen konnten. Da zu diesen wenigen auch Burda gehrte,
versteht sich von selbst, und es war in der Tat bewunderungswrdig, wie
vollendet er sich in dieser Hinsicht benahm. Wenn er so in nachlssiger
Haltung vor dem weltberhmten Caf Daum stand und die Vorbergehenden
mit khlen Blicken betrachtete, oder mit gemessenem Schritte seinen
Rundgang auf der Bastei antrat, war er geradezu das Muster eines
eleganten Offiziers. Niemand vermochte im Wintersalon des Volksgartens,
whrend die Kapelle der Gebrder Strau ernste und heitere Weisen zu
hren gab, mit vollendeterem Anstande Platz zu nehmen, und im
Stehparterre der beiden Hoftheater wute er stets einen Pfeiler zu
erobern, an welchen gelehnt, er seine Blicke nach den Logen, das heit
nach den weiblichen Insassen schweifen lie.

In dieser Zeit war ich Burda, der mich bis dahin nur wenig beachtete,
nher getreten. Den Anla hierzu hatte eine konomische Frage gegeben.
Es mangelte nmlich in den Kasernen an einer ausreichenden Zahl von
Offizierswohnungen, infolgedessen mehrere von uns entsprechende
Geldentschdigungen erhielten. Da war es denn nun Sitte, da die
Besitzer von sogenannten Naturalquartieren einen oder auch mehrere
Kameraden bei sich aufnahmen, damit jedem einzelnen die entsprechende
Zinsquote zur Aufbesserung der schmal bemessenen Gage dienen knne. Auch
Burda, der eine Wohnung in der Kaserne hatte, mute daran denken, einen
Mieter zu suchen -- oder, wie dies in seiner Art lag, sich einen solchen
zu erwhlen. Da die Wahl auf mich fiel, mochte in erster Linie wohl
damit zusammenhngen, da ich zu der Kompagnie versetzt worden war, bei
welcher er selbst stand; aber ich hatte immerhin Grund, seine
Aufforderung als Auszeichnung zu betrachten und sie um so lieber
anzunehmen, als sich ein besonderer, mir sehr erwnschter Vorteil daran
knpfte. Denn ich hatte schon damals literarischen Neigungen nachgegeben
und wnschte im Laufe des Tages einige ruhige, vllig ungestrte Stunden
zu haben, aber wie wre dies in einer kameradschaftlichen Wirtschaft, wo
es in der Regel ziemlich wst herging, zu erreichen gewesen! Burda
jedoch, der die Rcksicht in Person war und berdies stets seine eigenen
Wege ging, bot mir in dieser Hinsicht alle Sicherheit. Ich kndigte
sofort in dem Privathause, wo ich mich bereits eingemietet hatte, und
zog in seine Wohnung, welche eigentlich nur aus zwei Zimmern bestand;
diese aber waren sehr gerumig, und jedes hatte seinen eigenen Eingang.
Die Verbindungstr wurde abgesperrt, von beiden Seiten ein Kasten
davorgerckt -- und die Sache war in Ordnung gebracht.

Anfnglich hielten wir uns beide ziemlich fern voneinander; er aus
gewohnter Zurckhaltung -- _ich_ aus Furcht, ihm lstig zu fallen; es
war eben, als wohnte jeder fr sich allein. Im brigen befand sich Burda
whrend des Tages nur selten zu Hause; war dies aber der Fall, so lag er
gewhnlich auf einer niederen Ottomane, die er aus zwei bereinander
geschichteten Strohscken und einem berwurf aus grell gemustertem Zitz
hchst sinnreich hergestellt hatte, und las, was er sehr gerne tat,
franzsische Romane. Fast niemals drang ein strender Laut zu mir
herber, und ich konnte deutlich nachfhlen, wie er beim Kommen und
Gehen den Schall seiner Schritte sorglich abdmpfte. Nur seine hufigen
Waschungen vernahm ich und bisweilen auch ein leises Gerusch, welches
er dadurch hervorbrachte, da er seine neueste Uniform stets eigenhndig
brstete; ein heikles, wichtiges Geschft, das er selbst seinem
auerordentlich geschulten Diener nicht anvertrauen mochte.

So trafen wir denn auer Dienst nicht allzuoft zusammen, am hufigsten
noch im Burgtheater, das ich, begreiflicherweise, so oft es nur anging,
besuchte, whrend Burda jeden zweiten Tag mit der Oper abwechselte.
Fanden wir uns nach der Vorstellung zufllig im Foyer, so pflegten wir
gemeinschaftlich nach Hause zu gehen, denn nach dem Theater zu
soupieren, gestatteten unsere Mittel nicht. Hingegen lud er mich
zuweilen in huldvoller Stimmung ein, bei ihm den Tee zu nehmen, was
allerdings im eigentlichsten Wortsinne zu verstehen war, da in der Regel
Rum und Sahne fehlten und hchstens etwas abgelegenes Weibrot als
Beigabe erschien.

Eines Tages hatte ich mich eben an den Schreibtisch gesetzt, um den
zweiten Gesang eines greren Gedichtes in Angriff zu nehmen, zu dem ich
mich unter dem Eindruck von Ernst Schulzes Bezauberter Rose hatte
verleiten lassen, als ich an der Verbindungstr ein leises, immer
eindringlicher werdendes Klopfen und zuletzt die Stimme Burdas vernahm:
Stre ich, wenn ich einen Augenblick hinberkomme?

Obgleich mir nun diese Unterbrechung nicht sehr gelegen kam, so war es
doch selbstverstndlich, da ich entgegenrief: O, nicht im geringsten!
Es wird mich sehr freuen, dich bei mir zu sehen. Und damit eilte ich an
den Eingang, um Burda zu empfangen, der auch alsbald, ein
zusammengefaltetes Papier in der Hand, bei mir eintrat.

Nachdem ich ihn gebeten hatte, auf einem der beiden braun gestrichenen
Sthle Platz zu nehmen, die einen groen Teil meiner Zimmereinrichtung
bildeten, fragte ich, was ihn zu mir fhre.

Ich habe hier, sagte er, ein paar Verse niedergeschrieben, und da ich
wei, da du dich mit Poesie beschftigst, so wollte ich dich bitten,
das Gedichtchen durchzusehen, ob sich nicht etwa Verste gegen das
Metrum oder sonstige Fehler eingeschlichen haben. Willst du mir diese
Geflligkeit erweisen?

Mit grtem Vergngen, erwiderte ich, indem ich das Blatt
entgegennahm. Es enthielt zehn bis fnfzehn Verse, die im ganzen
ziemlich steif, aber vollstndig korrekt waren und beilufig mit
folgenden Reimen schlossen:

   Soll mir der Stern der Hoffnung nicht erbleichen,
   So gib, erhab'ner Engel, mir ein Zeichen!

Es ist nichts daran auszusetzen, sagte ich, das Papier zurckgebend.

Ich dachte es wohl, entgegnete er ernst. Aber ich wollte ganz sicher
gehen.

Jeden anderen wrde ich mglicherweise jetzt gefragt haben, an wen
eigentlich die Verse gerichtet seien; allein Burda gegenber war das
nicht zu wagen. Auch interessierte es mich nicht gerade bermig.
Diesmal aber war es mir, als wollte er gefragt sein. Denn er blieb mit
gekreuzten Beinen sitzen und blickte, die rechte Fuspitze hin und her
bewegend, wie erwartungsvoll vor sich hin. Ich unterbrach endlich das
Schweigen, indem ich, wenngleich noch immer etwas zaghaft, begann: Und
darf man vielleicht wissen -- --?

Er wandte rasch das Haupt und streckte mir die Hand entgegen: Lieber
Freund, du hast in der Zeit unseres Zusammenwohnens nicht blo meine
Zuneigung, sondern auch meine Achtung in hohem Grade erworben. Ich kann
und darf dich daher auch vollstndig in alles einweihen -- umsomehr, als
es mir, offen gestanden, ein Bedrfnis ist, diesmal einen Vertrauten zu
haben. So hre denn: die Verse sind an die jngste der Prinzessinnen
L... gerichtet.

Nun hatte ich allerdings nichts Geringes zu hren erwartet; dennoch
erstarrte ich fast vor Erstaunen. Da Burda seine Blicke so hoch erheben
knne, berstieg all und jede Voraussetzung, wenn ich auch nicht umhin
konnte, seinen sublimen Geschmack zu bewundern. Die Prinzessinnen L...
gehrten zu den blendendsten Erscheinungen der aristokratischen
Frauenwelt, welche damals an Schnheiten so auffallend reich war. Von
mtterlicher Seite verwaist, dem Alter nach kaum um je ein Jahr
voneinander verschieden, trugen sie alle drei mit ihren khn und doch
zart geschwungenen Nasen die ausgesprochenste Familienhnlichkeit zur
Schau, und wenn sie, in der Regel gleich gekleidet, in der Loge saen
oder in den Prater fuhren, so mochte dieser Anblick wohl viele Herzen
hher schlagen gemacht haben. Da aber irgend ein Erdensohn, wenn er
jenen Kreisen nicht angehrte, es wagen sollte, der Tochter eines
Frsten aus souvernem Geschlechte, welcher am Hofe eine der ersten
Stellungen einnahm, in solcher Weise, mit solchen Erwartungen zu nahen,
war unfabar. Ich blieb sprachlos.

Burda schien sich an meinem Erstaunen zu weiden. Nun, sagte er endlich
lchelnd, siehst du darin etwas so ganz Unmgliches?

Nun galt es wieder, ihn nicht zu verletzen. O nein -- durchaus nicht --
-- ich habe nur nachgedacht. Auf welche Art willst du denn der
Prinzessin das Gedicht zukommen lassen?

Auf welche Art? Ganz einfach durch die Post.

Durch die Post?

Natrlich. Du weit, da ich mich ein wenig auf Kaligraphie verstehe.
Ich bringe also die Verse ohne Unterschrift und ohne meine Hand zu
verraten aufs zierlichste zu Papier. Auf der Adresse ahme ich eine
Damenschrift nach, und um die Empfngerin sofort wissen zu lassen, von
wem der Brief kommt, siegle ich mit feinem, blagelbem Lack -- mit der
Farbe unserer Aufschlge, setzte Burda erklrend und bereits etwas
rgerlich hinzu, da er in meiner Miene noch immer keine verstndnisvolle
Zustimmung bemerken mochte.

Das ist alles ganz gut, warf ich jetzt ein. Aber wie, wenn der Brief
in unrechte Hnde fllt?

Burda sah mich mit mitleidsvoller berlegenheit an. In unrechte Hnde?
Glaubst du denn, da man in frstlichen Husern den Tchtern die Briefe
ffnet, wie dies wohl in brgerlichen Kreisen von seiten mitrauischer
Vter und Mtter geschehen mag?

Vom ffnen ist nicht die Rede. Aber der Brief kann in Gegenwart anderer
Personen berbracht werden. Und wenn dann hinsichtlich seiner an die
Empfngerin eine Frage gerichtet wird -- was soll sie erwidern?

Burda rckte ungeduldig auf dem Stuhl hin und her. Lieber Freund,
sagte er gereizt, man sieht doch gleich, da du keine Ahnung hast, was
in der Aristokratie Sitte und Gepflogenheit ist. In solchen Familien hat
jedermann seine eigenen Appartements, seine eigene Dienerschaft -- und
man empfngt eben seine Briefe fr sich allein. Indessen hast du in
gewissem Sinne recht, fuhr er nach einer Pause einlenkend fort; ich
selbst verkenne ja das Bedenkliche meines Unternehmens nicht. Aber du
wirst zugeben, da meinerseits etwas gewagt werden mu; denn die
Prinzessin kann doch nicht den ersten Schritt tun. Im brigen habe ich
alles wohl erwogen und reiflich berlegt. Die Sache steht einfach so:
entweder erwartet man -- und ich habe Grnde, dies aufs bestimmteste
vorauszusetzen -- von mir eine Kundgebung, dann begreifst du wohl, da
es mit dem Briefe keine Gefahr hat. Denn selbst angenommen, da er der
Gegenstand irgend einer Frage wrde, so besitzt man gewi auch den
ntigen weiblichen Scharfsinn, um sich aus der Affre zu ziehen. Oder:
ich habe mich bis jetzt vollkommen getuscht -- nun, dann wird man die
Verse einfach beiseite werfen -- und alles ist aus.

Diese ruhige Auseinandersetzung wirkte. Mir selbst kam jetzt das Ganze
weniger befremdlich vor. Ich htte freilich noch einwenden knnen, da
in dem Schritte, den er unternahm, etwas Verletzendes fr die junge Dame
selbst liege; aber ich unterdrckte diese Bemerkung und sagte blo: Ich
sehe, du hast alle Umstnde aufs genaueste in Betracht gezogen, und so
kann ich dich nur bitten, mir zu verzeihen, da ich mir gestattet habe
-- --

Du bist vollkommen entschuldigt, sagte er herablassend, indem er sich
erhob. Es war ja deine Pflicht, mich auf mgliche Zwischenflle
aufmerksam zu machen -- und ich danke dir dafr. Damit du jedoch siehst,
wie grundlos deine Einwrfe waren, so fordere ich dich auf, Zeuge meines
Erfolges zu sein. Er stand einen Augenblick nachsinnend. Heute ist der
Zwlfte -- morgen sende ich das Gedicht ab -- am Vierzehnten erhlt es
die Prinzessin -- und am Fnfzehnten hat man die Loge im Burgtheater,
denn es ist ein ungerader Tag. Ich ersuche dich also, am Fnfzehnten mit
mir gemeinsam das Burgtheater zu besuchen und whrend der Vorstellung an
meiner Seite zu bleiben. Das Weitere wirst du sehen. Damit reichte er
mir die Hand und begab sich, von mir auf den Gang hinaus geleitet, in
sein Zimmer.

Als ich wieder allein war, wirbelte es mir im Kopfe. Sollte es mglich
sein! rief ich aus. Sollte die Prinzessin wirklich .... Warum nicht? Es
waren ja doch schon hnliche Flle vorgekommen! Burdas Zuversicht hatte
etwas Ansteckendes; sie schien sich jetzt auch mir mitteilen zu wollen.
Aber nein, nein! Es ist ganz und gar undenkbar! sprach endlich die
gesunde Vernunft und behielt das letzte Wort. Dabei verga ich freilich,
da ich vorhin selbst darangegangen war, in dem zweiten Gesange meiner
Dichtung mit glhenden Farben ein geheimes Stelldichein zu schildern,
welches zwischen einer Knigstochter und einem Knappen (der sich
allerdings am Schlusse als Knigssohn wrde entpuppt haben) stattfinden
sollte.


                                 III.

Der Tag, oder besser gesagt der Abend, an welchem Burda von dem
erhabenen Engel ein Zeichen erwartete, war da. Wir begaben uns also --
und zwar ziemlich frh -- in die noch dmmerhaften Rume des
Burgtheaters, um uns einen guten, vollkommene Umschau gewhrenden Platz
zu sichern. Diese Vorsicht erwies sich brigens als berflssig. Denn
man gab Minna von Barnhelm, welches Stck bei den meisten von uns in dem
Rufe stand, langweilig zu sein, und obgleich sein zweiter Titel fr das
Militr sehr anziehend htte klingen sollen, so blieb doch diesmal das
Parterre, wo es sonst von Uniformen wimmelte, um so sprlicher besucht,
als im Krntnertor-Theater der Prophet aufgefhrt wurde, welche Oper
damals mit Ander als Johann von Leyden noch immer eine sehr starke
Zugkraft ausbte. Burda aber wollte in der Minna von Barnhelm ein
besonders gnstiges Vorzeichen erblicken; ja er warf sogar hin, da man
das Stck vielleicht auf ausdrcklichen Wunsch der Prinzessin angesetzt
habe. Ich fand diese Voraussetzung ziemlich gewagt, was er auch zugab;
indes blieb er dabei, es sei jedenfalls ein merkwrdiges Zusammentreffen
der Umstnde.

Inzwischen hatte sich der lichtspendende Kronleuchter von oben
herabgesenkt; das Haus belebte sich, das Niederklappen der Sperrsitze
wurde vernehmbar und mischte sich mit einzelnen Klagelauten der
Instrumente, die man im Orchester zu stimmen begann. Endlich war die
Ouvertre in gewohntem Miklange verhallt -- und die Vorstellung begann.

Jetzt konnte man ganz deutlich wahrnehmen, wie sprlich das Theater
berhaupt besucht war. Die Logen- und Sitzreihen wiesen klaffende Lcken
auf, ein Beweis, da die vornehme Welt das klassische Lustspiel
ebenfalls nicht besonders zu schtzen wisse. Nur die Galerien erschienen
stark besetzt. Auch die frstlich L...sche Loge zeigte sich zu
sichtlicher Bestrzung Burdas leer. Schon hatte sich die erste Szene
zwischen Just und dem Wirt -- von Laroche und Beckmann aufs kstlichste
dargestellt -- abgespielt; schon hatte Major Tellheim seinen Edelmut,
Ludwig Lwe als Werner den unverwstlichen Zauber seines Naturells zu
entfalten begonnen, der Vorhang fiel -- und noch immer ghnte die Loge
wie ein dunkler Abgrund, in den die Hoffnungen Burdas zu versinken
drohten. Da -- als das Orchester eben mit einer jammernden Zwischenmusik
anhob, konnte man in dem nicht allzu gerumigen Viereck ein leichtes
Schimmern und Wehen bemerken; Sthle wurden gerckt -- und die drei
Schwestern setzten sich, whrend Burda vor Aufregung zitterte, an die
Brstung.

Der zweite Akt begann. Luise Neumann, als Franziska, schlug ihre
schalkhaftesten und dabei innigsten Laute an, die Aktion verwickelte
sich -- und nun nahm das Stck einen immer lebhafteren Fortgang, bis es
am Schlusse des dritten Aktes zu strmischem Beifalle hinri. Ich
betrachtete Burda. Er hatte die ganze Zeit ber regungslos an seinen
Pfeiler gelehnt dagestanden. Eine stille, wonnige Verklrung war ber
seinem Antlitz ausgebreitet, und seine Augen schimmerten in feuchtem
Glanze. Was nun die jungen Damen in der Loge betraf, so konnte ich
durchaus nicht bemerken, da man Burda irgendwelche Beachtung schenke.
Die Prinzessinnen hatten anfnglich etwas zerstreut nach der Bhne
geblickt; bald aber war ihre Aufmerksamkeit gefesselt worden, und jetzt,
nachdem sich der Vorhang wieder herabgesenkt, sprachen sie leise
miteinander. Dabei sahen sie wohl im Hause umher, und ihre Blicke
schweiften auch ber das Parterre; ob aber die Jngste Burda besonders
ins Auge gefat habe, lie sich nicht ermitteln.

Dieser verlie jetzt seinen Standort und winkte mir mit den Augen, ihm
in den kleinen, niederen Seitengang zu folgen, welcher als Verlngerung
des Parterres bentzt wurde und, obgleich man von dort aus kaum die
Bhne sehen konnte, in der Regel ebenfalls berfllt war. Heute aber
zeigte er sich leer und vereinsamt, und Burda setzte sich auf die
schmale, hartgepolsterte Bank, die an der Wand hinlief. Nachdem ich mich
neben ihm niedergelassen hatte, flsterte er mir zu: Nun, hast du
bemerkt?

Bemerkt? Was denn?

Da sie ganz in Gelb gekleidet ist.

Das ist mir nicht aufgefallen.

Weil du nicht darauf geachtet hast. Tritt hinaus und berzeuge dich,
da sie unsere -- das heit _meine_ Farbe trgt.

Als ich mich nun wieder an meinen frheren Platz begab, hatte der vierte
Akt bereits begonnen. Ich blickte nach der Loge -- und in der Tat, es
war so, wie Burda gesagt hatte. Das tief in den Schultern
ausgeschnittene Kleid war von mattem Gelb; im dunklen Haar wiesen sich
gelbe Rosen -- und vor allem leuchtete mir ein groer Fcher von hellem
Goldgelb in die Augen, den die Prinzessin nachlssig auf und nieder
bewegte. Ich begriff nicht, wie ich dies alles hatte bersehen knnen,
da es doch um so auffallender war, als die beiden lteren Schwestern
heute anders, und zwar in zartes Blau gekleidet waren. Es sah wirklich
wie Absicht aus.

Das Stck nherte sich dem Ende. Burda war inzwischen wieder an meiner
Seite erschienen, und als jetzt der Vorhang fiel, raunte er mir zu:
Komm, wir wollen sie noch in den Wagen steigen sehen.

Wir eilten in die Garderobe, nahmen unsere Mntel und stellten uns in
der Einfahrt auf. Das Haus leerte sich diesmal rasch, es dauerte daher
nicht lange, so erschienen die Prinzessinnen, in weie, mit Schwan
besetzte Theatermntel gehllt. Ihr Vater, der gegen Ende der
Vorstellung im Hintergrunde der Loge sichtbar geworden, folgte ihnen auf
dem Fue, whrend zwei Wagen vorfuhren. Man sonderte sich paarweise; der
Frst mit der jngsten Tochter stieg in den ersten Wagen, die beiden
anderen in den zweiten -- und die schmucken Gefhrte rollten von hinnen.
Wir sahen ihnen noch eine Weile nach, und ich glaubte zu bemerken, da
sie, auf dem Michaelerplatz angelangt, sich trennten und jedes eine
andere Richtung nahm.

Nun entfernten wir uns, und Burda schlug, ohne ein Wort zu sagen, den
Heimweg ein, doch nicht wie gewhnlich durch die Stadt, sondern ber das
verdete Glacis vor dem Burgtor. Es war im Dezember. Der Tag hatte sich
frostig angelassen, jetzt aber war es milder geworden. Feiner weier
Nebel lag wie ein matt durchleuchteter Schleier ber der Stadt; dabei
fing es in weichen, dichten Flocken zu schneien an.

Da Burda in seinem Schweigen verharrte, so schritten wir eine Zeitlang
stumm nebeneinander hin. Aber ich fhlte, da er erwartete, ich wrde
das Gesprch erffnen, und begann daher endlich: Nun, hast du eine
weitere Kundgebung erhalten?

Er warf mir einen Blick von der Seite zu. Eine weitere Kundgebung?
erwiderte er scharf. Gengt denn nicht diese _eine_, da sie, wie schon
erwhnt, meine Farbe trug? Htte sie mir vielleicht noch Zeichen machen
-- oder vor dem Theater in die Arme fallen sollen?

Ich sah, wie sehr ich ihn mit meiner Frage gereizt hatte. Keineswegs,
erwiderte ich, ich meinte ja nur -- -- Und wenn du wirklich berzeugt
bist, da die Wahl der Farbe eine absichtliche war --

berzeugt? rief er noch mehr aufgebracht. Als ob da ein Zweifel sein
knnte! Und sich gewaltsam migend fuhr er fort: Ich vergesse, lieber
Freund, da du das Recht hast, mich vor mglichen Selbsttuschungen zu
warnen. Aber wie soll ich dir meine berzeugung beibringen? Das bleibt
doch immer nur Sache des Gefhls.

Gewi߫, bekrftigte ich, um einem unersprielichen Streite vorzubeugen.
Und dein Gefhl wird jedenfalls das richtige sein -- wenn ich auch
nicht absehe, was sich aus dem allen entwickeln soll.

Er blieb stehen und blickte mir bei dem Schein einer nahen Gasflamme
ernst ins Gesicht. Entwickeln! Entwickeln! wiederholte er verchtlich.
Mich wundert nur, da gerade du so fragen kannst. Du bist doch Poet --
oder willst es wenigstens sein, und so solltest du auch begreifen, da
es Verhltnisse gibt, die keine weitere Entwicklung zulassen, weil sie
an sich schon der Gipfel alles Glckes sind. Oder ist es nicht das
hchste Glck, zu wissen, da man die Gedanken, die Phantasie eines
solchen Wesens beschftigt? Da man in einem _solchen_ Herzen die ersten
Empfindungen wachgerufen hat? Was kann, was darf ich mehr erwarten?

Ich gestehe, da ich mich beschmt fhlte. Das Zarte, Vergeistigte
seiner Auffassung imponierte mir; es war, als htte ich ihm ein Unrecht
abzubitten. Verehrter Freund, sagte ich mit aufrichtiger Wrme, ich
ersuche dich, vor allem zu glauben, da ich mich sehr wohl in deinen
Seelenzustand versetzen kann. Aber ich gestehe dir auch offen, da ich
dich, trotz deines idealen Sinnes, den ich stets bewundert, doch fr
einen Mann gehalten habe, dem ein solch traumhaftes Glck auf die Dauer
nicht zu gengen vermag.

Er sah mich eigentmlich an. Vielleicht hast du recht, erwiderte er
nach einer Pause, indem er sich wieder in Bewegung setzte. Und damit du
siehst, wie weit mein Vertrauen zu dir geht, will ich dich auch noch in
eine andere Angelegenheit einweihen. Sie ist zwar bis jetzt nicht viel
mehr als ein Luftgebilde; sie kann aber im Laufe der Zeit festere
Umrisse annehmen -- und dann Aussichten auf Mglichkeiten erffnen, die
gegenwrtig ganz undenkbar sind. Wenn du bei mir eine Tasse Tee trinken
willst, so werde ich dir alles darauf Bezgliche auseinandersetzen.

Wir schritten nun rascher aus, und so waren wir bald zu Hause angelangt,
wo uns der Diener Burdas zeremoniell die Mntel abnahm. Dann servierte
er auf einer blank gescheuerten, wie Silber aussehenden Zinnplatte den
Tee, welchem heute, wie zu voraussichtlicher Feier des erfolgreichen
Abends, etwas kalte Kche beigegeben war, schob auf einen Wink seines
Herrn noch einige Kohlen in den Ofen und verschwand.

Nachdem wir den Tee genommen und Zigarren angezndet hatten, stellte
Burda die Lampe auf eine Konsole, die neben der Ottomane stand, und lud
mich mit einer Handbewegung ein, dort Platz zu nehmen. Hierauf schlo er
ein versperrtes Schiebfach seines Schreibtisches auf und zog ein Pack
vergilbter und brchiger Papiere hervor, die er, indem er sich jetzt
gleichfalls setzte, zwischen uns beiden niederlegte.

Du entsinnst dich vielleicht noch, begann er nach kurzem Schweigen,
jenes rgerlichen Auftrittes beim Regimentsrapport, als wir noch in
Brnn waren?

Nun entsann ich mich dessen sehr wohl, wollte es aber nicht sofort
merken lassen. Ach ja, sagte ich nach einer Weile, du meinst die
Geschichte wegen der Unterschriften?

Allerdings. Und ich kann dir jetzt gestehen, da der Oberst mir
gegenber nicht ganz im Unrechte war -- denn ich hatte mit jenem G f in
der Tat einen Doppelsinn verbunden. Er legte die rechte Hand auf die
Papiere und fuhr fort: Ich habe nmlich Grund anzunehmen, da ich aus
einem alten adeligen Geschlechte stamme. Und zwar aus einem
Grafengeschlechte, das seinen Sitz in Bhmen hatte, nach der Schlacht am
Weien Berge jedoch, in welcher es an der Seite des sogenannten
Winterknigs gekmpft, von Ferdinand dem Zweiten seiner Gter entsetzt
und gezwungen worden war, das Land zu verlassen. Gewissen Traditionen
zufolge waren es zwei Brder, welche dieses Los getroffen. Der eine von
ihnen hat sich, wie man glaubt, nach Sachsen gewendet, wo noch heute ein
adeliges Geschlecht meines Namens blht. Der zweite blieb verschollen.
Gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts aber soll ein direkter Nachkomme
von ihm -- allerdings als bloer Brgerlicher -- wieder in sterreich
eingewandert sein, der sich auch wirklich _Burda_ geschrieben hat. Schon
mein Grovater war auf die mutmaliche Deszendenz unserer Familie von
diesem Manne aufmerksam gemacht und ermuntert worden, Nachforschungen
einzuleiten. Dies geschah, und die hier liegenden Schriftstcke sind das
Resultat jener Bemhungen. Sie stellen auch den fraglichen Zusammenhang
so ziemlich klar -- allein ber den Hauptpunkt: ob nmlich der erwhnte
Einwanderer wirklich ein Nachkomme der verschollenen Grafen Burda
gewesen ist, konnte leider nichts Bestimmtes ermittelt werden. Mein
Grovater lie also die Sache, welche mit nicht unbetrchtlichen Kosten
verknpft war, um so eher auf sich beruhen, als ja im besten Falle wohl
der Grafentitel, keineswegs aber die Wiedererlangung der konfiszierten
Gter erzielt werden konnte, welche in den Besitz anderer, zu jener Zeit
treu gebliebener Adelsfamilien bergegangen waren. Mein Vater war nun
schon gar nicht der Mann, eine solche Angelegenheit wieder aufzunehmen,
und ich mu es als wahres Wunder betrachten, da sich diese Papiere in
seinem Nachlasse noch vorgefunden haben. Ich selbst legte sehr lange
Zeit hindurch kein Gewicht darauf; erst nach und nach habe ich ihre
Bedeutung kennen gelernt -- und jetzt, da sie mir unter den dir
bekannten Umstnden unschtzbar geworden, ist mein Entschlu zur Reife
gediehen. Schon morgen sende ich das Ganze an einen jungen
Historiographen ab, den ich in Brnn kennen gelernt, und welcher
gegenwrtig am dortigen Landesarchiv in Verwendung steht. Ich hatte ihm
schon damals einige Andeutungen gemacht, infolge deren er sich bereit
erklrte, mir mit Hilfe seiner gelehrten Verbindungen an die Hand zu
gehen. Vor allem, meinte er, wre es geboten, mit den _von_ Burda in
Sachsen Fhlung zu nehmen und ein Einverstndnis zu erzielen. Dann
knnte es vielleicht unseren gemeinschaftlichen Bestrebungen gelingen,
durch einen Gnadenakt der betreffenden Souverne fr beide Linien den
Grafentitel, der mir ja selbstverstndlich vollkommen gengen wrde, zu
erreichen.

Ich war diesen Auseinandersetzungen mit wachsendem Erstaunen gefolgt und
wute frs erste nicht, was ich erwidern sollte. Einerseits lag die
Sache nicht geradezu auerhalb all und jeder Mglichkeit; allein die
Durchfhrung erschien mir mit Hinblick auf die damit verbundenen
Schwierigkeiten ganz und gar illusorisch. Ich berlegte eben, wie ich
dies in zartester Weise andeuten sollte, als mir Burda zuvorkam.

Ich verkenne nicht, fuhr er fort, welche fast unbersteiglichen
Hindernisse sich in den Weg stellen. Denn ganz abgesehen davon, da sich
der erwhnte Hauptpunkt wohl niemals ganz ins klare wird setzen lassen,
so ist es auch gewi, da man von seiten jener Familien, in deren Reihen
die Grafen Burda neuerdings aufzutauchen htten, alles anwenden wird, um
solche, wenn auch berechtigte Eindringlinge fern zu halten. Und sie
werden um so leichteres Spiel haben, als sich der betreffende Stammbaum
leider nicht rein erhalten hat. Hingegen knnte freilich der Umstand,
da ich zu einigen, gegenwrtig sehr hervorragenden Adelsgeschlechtern
-- zum Beispiel mit den Y... und den Z.... -- infolge von Ehebndnissen,
die vor Jahrhunderten geschlossen wurden, sogar in verwandtschaftliche
Beziehungen treten wrde -- gerade dieser Umstand, sage ich, knnte
vielleicht dazu beitragen, da man von seiten anderer hoher
Persnlichkeiten, die du erraten wirst, frdernd in die Angelegenheit
eingriffe und sie dem erfreulichsten Resultat zufhrte.

Es war erstaunlich, wie Burda sich alles und jedes zurechtlegte. Und in
der Tat, wenn er sich hinsichtlich der Gefhle, die er der Prinzessin
zumutete, nicht einer vollstndigen Tuschung hingab, so erschienen
seine Hoffnungen, so abenteuerlich sich diese ausnahmen, nicht ohne
einen gewissen Haltpunkt. Ich htete mich aber sehr, ihn darin zu
bestrken, und sagte blo: Das wirft allerdings ein neues Licht auf die
Sache, und wie immer auch der Erfolg sich gestalten mge, meiner besten
Wnsche, meiner aufrichtigen Teilnahme kannst du gewi sein.

Das bin ich, antwortete er, mir herzlich die Hand drckend, so wie
deines unverbrchlichen Schweigens.

Er war aufgestanden, um die Papiere wieder zu versorgen; ich aber, da es
mittlerweile spt geworden, empfahl mich und ging auf mein Zimmer. Im
Bette liegend, dachte ich unwillkrlich ber alle diese Mitteilungen
nach und verfolgte die Fden, die sich hier zu einem so wunderlichen
luftigen Gewebe ineinander schlangen. Als ich endlich einschlief, hatte
ich verworrene Trume, in welchen die Gestalten Burdas und der
Prinzessin aufs seltsamste mit jenen meines romantischen Gedichtes
zusammenflossen, das ich brigens seither nicht wieder aufgenommen
hatte.


                                 IV.

Weihnachten und Neujahr waren herangekommen. Ich hatte diese festliche
Zeit fast ausschlielich im Kreise meiner nchsten Verwandten
zugebracht, war daher mit Burda, der jetzt mehr als je seine eigenen
Wege verfolgte, nur wenig zusammengetroffen. Erst der beginnende
Karneval brachte uns einander wieder nher. Burda forderte mich nmlich
eines Tages auf, mit ihm den Hofball zu besuchen, der demnchst
stattfinden sollte, und an welchem jeder Offizier teilnehmen konnte. Du
kannst dir wohl denken, sagte er, was mich dazu bestimmt. Die
Prinzessin erscheint jedenfalls auch, und somit ist die erste,
vorderhand einzig mgliche Gelegenheit zu persnlicher Annherung
geboten. Man wird es herbeizufhren wissen, da ich vorgestellt werde --
das Weitere findet sich dann. Im brigen ist es jedenfalls interessant,
ein solches Fest in Augenschein zu nehmen. Ich pflichtete bei, und wir
trafen die ntigen Verabredungen.

Es war ein eisig kalter, dunkler Januarabend, als Burda und ich -- wir
hatten einen Fiaker genommen -- in der Hofburg vorfuhren und die hell
erleuchtete Treppe hinanstiegen. Der Eintrittssaal war noch ziemlich
leer; nur diensttuende Hofchargen, einige hhere Militrs -- darunter
auch der Adjutant des Frsten L..., ein noch sehr junger, etwas
stutzerhaft aussehender Major -- und mehrere Staatsbeamte, welche
Ordensritter waren, standen in kleine Gruppen verteilt. Nach und nach
aber bewegte es sich immer zahlreicher durch die hohen, weit geffneten
Flgeltren herein. Es glnzte und flimmerte von gold- und
silbergestickten Uniformen, von Ordensbndern und Sternen; die
Growrdentrger des Reiches erschienen, darunter ungarische und
polnische Magnaten in reicher, malerischer Nationaltracht. Endlich die
Damen: ein blendendes Gewoge von Spitzen, Samt und Seide, von Blumen und
Federn, von Diamanten und Perlen. Entblte Nacken und Arme schimmerten;
stolze, ausdrucksvolle Frauenkpfe tauchten auf, helle und dunkle Augen
leuchteten, rosige Lippen lchelten Gre zu. All das bewegte und
drngte sich mehr oder minder rasch dem groen Saal entgegen, der
erwartungsvoll die Zustrmenden aufnahm.

Die Prinzessinnen L... waren noch nicht erschienen, und schon begann das
Antlitz Burdas, mit dem ich mich nahe am Eingang hielt, sich zu
verfinstern -- als sie in Begleitung einer lteren Dame von auffallender
Hoheit in Gestalt und Blick hereintraten. Heute alle drei in duftiges,
mit kleinen Silberflittern bersetes Wei gekleidet, Maiglckchen im
Haar -- ein entzckendes Bild jugendlicher Anmut und Frische. Diesmal
konnte ich deutlich wahrnehmen, da Burda sofort bemerkt wurde. Um die
Lippen der beiden lteren zuckte es eigentmlich, whrend die Jngste --
ich glaubte mich nicht zu tuschen -- wie unmutig das Haupt abwandte und
mit einer gewissen Hast dem Saale zustrebte.

Als nun auch wir ihn betraten, standen wir vor einer dichten Menge, die
keinen berblick gestattete, whrend der Schall der verworrenen Stimmen
wie fernes Meeresbrausen an unser Ohr schlug. Pltzlich trat tiefe
Stille ein, und die Massen teilten sich. Eine Tr hatte sich geffnet,
auf deren Schwelle der Zeremonienmeister erschien, das Nahen des Hofes
ankndigend. Gleich darauf zeigte sich der jugendliche Monarch, der
damals seine hohe Braut noch nicht heimgefhrt hatte, eine Erzherzogin
am Arm. Hinter ihnen die mnnlichen und weiblichen Familienmitglieder --
dann der gesamte Hofstaat, mit dem Frsten L... an der Spitze. Der
Kaiser geleitete seine Dame nach der Balustrade, woselbst sie im Kreise
der brigen Platz nahm. Gleich darauf erhob sich der Taktierstab des
Kapellmeisters -- und der Ball begann.

Sofort vollzog sich eine Bewegung im Saale. Die lteren Herren verlieen
ihn oder zogen sich in entfernte Ecken zurck, whrend die Tanzlustigen,
so gut es anging, in der Nhe der Damen blieben, welche lngs der Wnde
zu sitzen kamen.

Ich selbst hatte mich von Burda zurckgezogen und war mit mehreren
andern in eine offene Verbindungstr getreten; von dort aus konnte ich
den ganzen Saal berblicken, wo der Tanz bereits begonnen hatte. Bald
fiel mir auch unter den walzenden Paaren die Prinzessin ins Auge, die
mit einem blutjungen Dragoneroffizier von kleiner, aber zierlicher
Gestalt lustig dahinflog. Ich sphte nach Burda und fand ihn an einem
Pfeiler stehen, den er auch hier, hart an einem Spiegel, zu behaupten
gewut hatte. Wie ich ihn so betrachtete, der, ein Bild starrer
Erwartung, vor sich hinblickte, kam mir seine Erscheinung weit weniger
vornehm und anziehend vor, als sonst; er wurde offenbar von der ganzen
Umgebung in den Schatten gestellt. Auch fiel mir jetzt zum erstenmal
auf, da seine Gesichtszge eigentlich unbedeutend waren und da er eine
sehr kleine, gedrckte Stirn hatte.

Whrend ich so meine Betrachtungen anstellte, fhlte ich mich leicht an
der Schulter berhrt. Ich wendete mich um -- und stand dem Adjutanten
des Frsten gegenber.

Drfte ich Sie bitten, sagte der Major sehr freundlich mit leiser
Stimme, mir einen Augenblick zu schenken, Herr Leutnant? Ich htte ein
paar Worte mit Ihnen zu sprechen. Er fate mich zuvorkommend unter dem
Arm und fhrte mich in ein kleineres Nebengemach, wo ein vereinsamtes
Bfett stand. Dort lud er mich zum Sitzen ein und begann, indem er mir
vertraulich nher rckte: Vor allem mchte ich Sie fragen, wie der
groe, schlanke Offizier heit, welcher im Saale an einem Spiegelpfeiler
steht. Sie werden wohl wissen, wen ich meine, da Sie, wenn ich nicht
irre, in seiner Gesellschaft hier erschienen sind.

Ich war begreiflicherweise gleich anfangs sehr betreten gewesen; nun
aber suchte ich mich zu fassen und nannte mit mglichster Unbefangenheit
den Namen Burdas.

Und darf ich mir erlauben, weiter zu fragen, ob Sie mit diesem Herrn
nher bekannt sind -- das heit, ob Sie mit ihm auf vertrautem Fue
stehen?

Ich erwiderte, da Burda mein Freund sei.

Das ist mir lieb, sagte der Major, indem er seine Hand leicht auf die
meine legte. Denn Sie knnen Ihrem Freunde auch einen wahren
Freundschaftsdienst erweisen. Wollen Sie das?

Diese Worte klangen hchst einschmeichelnd; aber mir ahnte nichts Gutes.
Gewi bin ich bereit -- und wenn Sie mir erklren wollen -- --

Er lehnte sich zurck und hustete leicht. Nun, begann er, das Ganze
ist von nicht allzu groer Bedeutung -- aber immerhin eine delikate
Angelegenheit. Ihrem Freunde hat es nmlich beliebt, an der jngsten
Tochter meines Chefs Wohlgefallen zu finden. Nun steht dies allerdings
jedermann frei, besonders einem in jeder Hinsicht ausgezeichneten
Offizier, wie dies Ihr Freund ohne Zweifel ist. Nur mit den Kundgebungen
seines Wohlgefallens sollte er, in richtiger Erwgung der Umstnde,
etwas vorsichtiger sein. Da er im Theater bestndig nach der
frstlichen Loge blickt, mchte noch hingehen. Allein die Prinzessin
kann seit einiger Zeit kaum mehr ans Fenster treten, ohne den Herrn
Leutnant zu gewahren, der vor dem Palais auf und nieder schreitet; sie
kann keinen Spaziergang unternehmen, ohne von ihm, wie von ihrem
Schatten, gefolgt zu werden -- ja selbst, wenn sie ausfhrt, wei es Ihr
Freund so einzurichten, da er beim Ein- und Aussteigen stets in der
Nhe ist. Unlngst ist es sogar vorgekommen, da, als der Wagen eine
Zeitlang vor einem Juwelierladen hielt, eine Rose durch das offene
Coupfenster geworfen wurde. Im Anfang, fuhr der Major mit ironischem
Lcheln fort, hat man die Sache nicht allzu bel aufgenommen. Sie
wissen ja, junge Damen sind -- wie soll ich nur sagen? -- unter allen
Umstnden nicht ganz frei von einer gewissen Koketterie. Bald aber
mokierte man sich -- und jetzt, da bereits zum zweiten Male mit der Post
anonyme Verse eingetroffen sind, in welchen die ^licentia poetica^ bis
zum uersten getrieben wurde -- jetzt fngt man an, diese fortgesetzten
Huldigungen unertrglich zu finden, und hat sich bemigt gesehen, den
durchlauchtigsten Papa ins Vertrauen zu ziehen. Dieser hat wieder mich
beauftragt, die Sache in unaufflligster, schonendster Weise beizulegen,
und ich selbst glaube am besten zu tun, wenn ich Sie jetzt herzlich
bitte, Ihren Freund auf das Unstatthafte seines Benehmens aufmerksam zu
machen.

Da hatte ich nun, was ich vorausgesehen, und befand mich in grter
Verlegenheit. Sie werden nicht verkennen, Herr Major, sagte ich nach
einer Pause, welch peinlichen Auftrag Sie mir da erteilen. Es fllt
immer ein schiefes Licht auf denjenigen, der sich in fremde
Angelegenheiten mischt, und oft wird gerade der wohlmeinendste Rat zur
Beleidigung. Das aber habe ich meinem Freunde gegenber zu befrchten,
der in jeder Hinsicht von uerster Empfindlichkeit ist. Da ich jedoch
erkenne, da ihm jedenfalls ein Wink gegeben werden mu, so werde ich es
trotzdem versuchen, wenn ich auch -- und ich bitte dies wohl zu beachten
-- fr den Erfolg nicht einstehen kann.

Gewi, das knnen Sie nicht, sagte der Major, indem er aufstand. Aber
ich lege Ihnen die Sache noch einmal ans Herz; denn ich wrde es
aufrichtig bedauern, wenn ich gezwungen wre, andere Wege
einzuschlagen.

Er hatte bei diesen Worten eine etwas strenge Miene angenommen und
reichte mir die Hand zum Abschied.

Den unerquicklichsten Gedanken und Empfindungen berlassen, ging ich
noch eine Weile auf dem glatten Fugetfel des stillen Raumes auf und
nieder, in welchen die Tanzmusik, leicht gedmpft, herberdrang. Da war
denn der leuchtende Traum Burdas zerflossen und hatte einer hchst
unangenehmen Wirklichkeit Platz gemacht! Was sollte ich nun tun? Wie dem
Verblendeten die Augen ffnen, um ihn vor dem Fluch der Lcherlichkeit
-- und vielleicht vor noch Schlimmerem zu bewahren? Ich trat an das
Bfett und trank ein Glas Limonade, ohne den Sigkeiten Beachtung zu
schenken, die vor mir in allen Formen und Farben aufgehuft waren. Dann
machte ich mich wieder auf den Weg nach dem Saale, wo eben eine
Franaise zu Ende ging. Wie ich bemerken konnte, hatte die Prinzessin
auch diese mit dem jungen Dragoneroffizier getanzt, dessen zartes, fast
mdchenhaftes Gesicht sehr erhitzt aussah. Als sich jetzt die Reihen
lsten und die Paare Arm in Arm nach rechts und links auseinanderbogen,
verlie eine Schar von Zusehern den Saal, darunter auch Burda, der
kreidebleich war und mich kaum erkannte, als ich jetzt auf ihn zuging.

Ah, du bist's! sagte er endlich. Wo hast du denn gesteckt?

Ich war in einem Nebenzimmer, wo ich mich nach einigen Erfrischungen
umgesehen hatte.

Und sonst -- wie unterhltst du dich? fragte er zerstreut.

So ziemlich. Und du?

O gut, ganz gut! Aber ich gehe jetzt.

Schon jetzt?

Ja; ich habe Kopfschmerzen -- mir war den ganzen Tag nicht recht wohl
-- --

Nun, dann gehe ich gleich mit. Ich habe hier auch nichts mehr zu
suchen.

Ich konnte bemerken, da ihm meine Begleitung sehr unangenehm war. Aber
ich kehrte mich diesmal nicht daran. Er hatte sich offenbar in seinen
Erwartungen getuscht gesehen, war tief verstimmt -- und so nahm ich mir
vor, an seiner Seite zu bleiben und das Eisen zu schmieden, so lange es
noch glhte.

Auf der Strae angelangt, schlug er den Kragen seines Mantels hinauf und
eilte so rasch ber den Josefsplatz, da ich Mhe hatte, ihm zu folgen.

Warum lufst du denn so? rief ich ihm zu.

Du hast doch gehrt, da ich Kopfschmerzen habe, erwiderte er zornig,
ohne mich anzusehen. Ich will bald zu Hause sein.

Du bist bler Laune, sagte ich. Dir ist etwas Unangenehmes begegnet.

Mir? Wieso? Warum?

Ich wei es, erwiderte ich fest. Man hat sich auf dem Balle nicht
umsonst deinetwegen an mich gewendet.

Er blieb wie versteinert stehen. An dich? Meinetwegen? Was willst du
damit sagen? fragte er mit bebender Stimme.

Und nun teilte ich ihm, whrend wir weiter schritten, das Gesprch mit
dem Major mit. Um ihn frs erste mglichst zu schonen, streifte ich den
heikelsten Punkt, nmlich den Unwillen der Prinzessin, nur flchtig und
legte das Hauptgewicht auf den Frsten und auf den Auftrag, den dieser
seinem Adjutanten erteilt hatte.

Aber der Erfolg war ein ganz anderer, als ich vorausgesetzt. Bei jedem
Worte, das ich sprach, schien er freier und leichter aufzuatmen; sein
Antlitz erhellte sich -- und pltzlich rief er mit triumphierendem
Lachen: Also _das_ ist es? _Das!_

Ich sah ihn verwundert an.

Also deswegen, fuhr er fort, hat sie mich heute wie absichtlich
keines Blickes gewrdigt? Deshalb hat sie in einem fort mit diesem
jungen Laffen, dem Prinzen A..., getanzt?! O, lieber Freund, ich knnte
dich fr deine Mitteilung umarmen! Und damit schritt er, sich froh in
die Brust werfend, dahin.

Aber lieber Freund, bedenke doch -- sagte ich ernst.

Nein! Nein! Kein Wort mehr, ich wei genug. Es kann sein, da ich mich
in letzter Zeit etwas unvorsichtig benommen; vielleicht hat sich die
Prinzessin selbst unklugerweise irgendwie verraten -- und nun, da man
merkt, wie es steht, will man mich ins Bockshorn jagen. O, ich kenne
das!

Ich war uerst unzufrieden mit mir und verwnschte es, da ich so
rcksichtsvoll vorgegangen. Ich htte alles geradezu heraussagen sollen;
denn nun hatte ich ihn gewissermaen selbst zu dieser irrigen Auffassung
verleitet. Diesen Fehler suchte ich wieder gutzumachen, indem ich sagte:
Du bist im Irrtum und sollst daher rundweg erfahren, da sich die
Prinzessin bei ihrem Vater ber dein Vorgehen beschwert hat.

Er lachte laut auf. Das ist die rechte Hhe! Verzeih, lieber Freund, du
bist in der Tat ein hchst naiver Mensch. Begreifst du denn nicht, da
man jetzt vor allem trachten mu, mich _ihr_ gegenber zu entmutigen?
Nein, nein, mein Teurer! Bemhe dich nicht! Wie gesagt: ich wei genug.
Das Weitere wird meine Sache sein. Aber nun fhle ich das Bedrfnis,
allein zu bleiben. Du wirst mich entschuldigen. Adieu! Schlaf wohl! Und
er lie mich an der Ecke der Singerstrae, wo wir eben angelangt waren,
stehen und bewegte sich raschen Ganges mit stolz erhobenem Haupte dem
Stephansplatze zu.

Ich ging langsam nach Hause. Je lnger ich ber das Vorgefallene
nachdachte, desto mehr kam ich zur Einsicht, da ich ein solches
Ergebnis htte erwarten knnen. Er hatte sich in seine fixen Ideen
dermaen verrannt, da nur der allerunsanfteste Zusammensto mit der
Wirklichkeit ihn zur Besinnung bringen konnte. Mochte dieser
Zusammensto erfolgen! Ich hatte das meinige getan, und Burda mute sich
die Folgen selbst zuschreiben, wenn er meine Ermahnungen in den Wind
schlug. -- --

                   *       *       *       *       *

Seitdem waren kaum zwei Tage verstrichen, als er, der mir inzwischen
sichtlich ausgewichen war, nach flchtigem Pochen an die Tr in mein
Zimmer strzte. Nun, was sagst du dazu? rief er, indem er ein kleines
bedrucktes Blttchen vor mich hin auf den Tisch schnellte. Lies!

Es war ein Zeitungsausschnitt, der ein Inserat enthielt. Es lautete:

_Tellheim._

Wir werden beobachtet. uerste Vorsicht geboten. Hoffe und vertraue!
Unvernderlich

                                                                   F.

Nun, drngte er, verstehst du? Begreifst du?

Was soll ich denn verstehen? fragte ich, ihn zweifelhaft anblickend.

Nun, so will ich denn deiner Fassungskraft zu Hilfe kommen. _Tellheim_
-- damit bin ich gemeint. _Wir werden beobachtet_ -- geht dir noch immer
kein Licht auf? _uerste Vorsicht geboten_ -- werde ich mir nicht
zweimal sagen lassen. _Hoffe und vertraue! Unvernderlich F._ -- Fanny.
Du weit doch, da die Prinzessin Fanny heit?

Also du glaubst ...? rief ich, auer mir vor Erstaunen ber diese neue
Phase seines Wahnes. Aus welcher Zeitung ist das?

Aus dem Fremdenblatt. Dieses Journal wurde damals in den weitesten
Kreisen gelesen und war so ziemlich das erste, das sich mit derlei
Einrckungen befate.

Du setzest wirklich voraus, da die Prinzessin sich an das
Ankndigungsbureau des Fremdenblattes --

Warum nicht? unterbrach er mich rauh. Es gibt doch vertraute Zofen,
die man mit derlei beauftragen kann.

Je nun -- in Romanen. Aber selbst angenommen, da man sich einer
solchen Vermittlerin bedient, so wre es doch weit einfacher -- und auch
weit besser gewesen, wenn man dir geschrieben htte.

Er stutzte. Vielleicht, erwiderte er verwirrt. Und sie wrde mir auch
gewi geschrieben haben, setzte er, froh eine Ausflucht vor sich selbst
zu finden, rasch hinzu, wenn sie meinen Namen wte.

An deiner Stelle wrde ich es sehr sonderbar finden, da dies noch
nicht der Fall ist. Es wre doch sehr leicht gewesen, deinen Namen zu
erfahren.

Allerdings, bekrftigte er, rgerlich darber, da ich ihn in diese
Klemme gebracht. Aber schon zeigte er sich von einer pltzlichen
Eingebung erleuchtet. Und man wird ihn auch wissen. Aber Geschriebenes
bleibt nun einmal Geschriebenes und kann sich unter Umstnden zu einem
gefhrlichen, weil verrterischen Dokumente gestalten, whrend ein
solches Inserat immer und ewig nur dem Eingeweihten verstndlich bleibt.
Ich sehe brigens, fuhr er mit zusammengezogenen Brauen khl und
gemessen fort, da du dich, um mir nicht zustimmen zu mssen, gewaltsam
gegen diese sprechende Tatsache verstockst. Ich finde dies, nachdem dich
der Major ins Vertrauen gezogen, auch sehr begreiflich. Du kannst
brigens in dieser Hinsicht vollkommen beruhigt sein. Denn insoweit
kennst du mich wohl, da ich der Mann bin, der nunmehr, nach allem, was
da vorgefallen, die uerste Zurckhaltung beobachten wird. Daher auch
diese ganze Angelegenheit zwischen uns beiden von heute an nicht mehr
zur Sprache kommen soll. Er verbeugte sich sehr frmlich und ging aus
dem Zimmer.

Mochte er gehen! Wenn er nunmehr vollkommene Zurckhaltung bewahrte, so
war dies gut fr ihn, erwnscht fr diejenigen, die seinen Kundgebungen
ausgesetzt gewesen. Der Zweck meiner Mission war erfllt. Im brigen
konnte die Sache auf sich beruhen.


                                  V.

Seit jenem Tage war zwischen mir und Burda eine Entfremdung eingetreten;
wir trafen nur bei unvermeidlichen Anlssen zusammen und sprachen dann
ber gleichgltige Dinge. Dazu kam noch, da ich zu einer dienstlichen
Verwendung bestimmt wurde, die mich eine Zeitlang von Wien fernehielt,
und so war bereits der Frhling im Anzug, als ich wieder dorthin
zurckkehrte.

Nicht ohne Unbehagen hatte ich meinem ersten Zusammentreffen mit Burda
entgegengesehen, und war daher nicht wenig erstaunt, als er mich bei dem
Besuche, den ich ihm doch abstatten mute, sehr herzlich empfing.

Lieber Freund, sagte er mit einer gewissen Wehmut, indem er die Arme
ausbreitete, ich freue mich unendlich, dich wieder zu sehen. Offen
gestanden, ich habe mich whrend deiner Abwesenheit sehr vereinsamt
gefhlt. Allerdings, fuhr er leicht errtend fort, durch eigene
Schuld. Wir htten ja wenigstens in brieflichem Verkehr bleiben knnen,
wenn ich nicht damals durch mein schroffes Benehmen -- -- Nun,
Geschehenes lt sich nicht ungeschehen machen, und ich kann dich nur
bitten, zu vergeben und zu vergessen.

Ich versicherte, da dies lngst der Fall sei.

Ich wei, ich wei, du bist ein guter, vortrefflicher Mensch -- der
einzige, dem ich mich anvertrauen konnte -- und noch anvertrauen kann.
Daher habe ich auch dein Eintreffen mit Sehnsucht erwartet. Denn du bist
jetzt in der Lage, mir einen auerordentlichen Freundschaftsdienst zu
erweisen. Ich habe nmlich, fuhr er etwas kleinlaut fort, die Dame,
die ich dir ja nicht erst zu nennen brauche, schon lange -- schon sehr
lange nicht mehr gesehen. Du kannst dir meine Bestrzung vorstellen, als
sie aufhrte, im Theater zu erscheinen. Da sich aber endlich auch ihre
Schwestern nicht mehr in der Loge zeigten, so schlo ich auf irgend
einen besonderen Umstand -- und hatte auch das Richtige getroffen. Denn
wie ich durch einen gnstigen Zufall -- nachzuforschen wagte ich ja
nicht -- in Erfahrung gebracht, waren im frstlichen Hause die Masern
ausgebrochen, an welchen smtliche Tchter daniederlagen. Nun aber sind
die beiden lteren lngst wieder gesund, und man erblickt sie nach wie
vor im Theater -- nur die jngste bleibt unsichtbar. Meine Besorgnis ist
also um so mehr zum uersten gediehen, als ich bei der Vorsicht, die
mir, wie du weit, zur Pflicht gemacht wurde, fr meine Person keinerlei
Erkundigungen einziehen kann. Du aber hast hier in brgerlichen Kreisen
Freunde, Verwandte und Bekannte, und es drfte nicht auffallen, wenn
einer beim Portier Nachfrage hielte.

Da dies leicht zu bewerkstelligen war, so sagte ich zu und konnte ihm
auch schon binnen kurzem mitteilen, da die Prinzessin noch immer an
einem Folgebel der Masern leide, aber baldiger Genesung entgegensehe,
eine Nachricht, die Burda mit melancholischer Freude aufnahm.

Inzwischen war es wirklich Frhling geworden. Die Bume auf dem Glacis
hatten Knospen und Bltter getrieben, der Rasen schimmerte in zartem
Grn, und die Feierlichkeiten, welche zu jener Zeit anllich der
kaiserlichen Vermhlung stattfanden, waren von herrlichstem Wetter
begnstigt. Aber nebenher war auch die orientalische Frage wieder einmal
eine brennende geworden, und schon hatten sich die diplomatischen Fden
jener europischen Verwickelungen angesponnen, welche spter mit dem
Krimfeldzuge und durch die Einnahme von Sebastopol einen vorlufigen
Abschlu finden sollten. Auch sterreich mute inmitten der allgemeinen
Rstungen Stellung nehmen und schob Observationstruppen an die
nrdlichen und sdstlichen Grenzen des Reiches vor. Infolgedessen
wurden einige Regimenter auf den Kriegsstand gesetzt, so auch unseres,
indem es gleichzeitig Marschbereitschaft erhielt, um, wie der Befehl
lautete, vorlufig in Bhmen Standquartiere zu nehmen.

Diese kriegerischen Aussichten wurden von den Offizieren mit
begeistertem Jubel begrt, und auch Burda wrde mit eingestimmt haben,
wenn ihn nebstbei nicht der Gedanke betrbt und geqult htte, da er
jetzt die Prinzessin kaum mehr wrde sehen knnen -- und da er sie, wie
er sich ausdrckte, in einer doppelt ungewissen und schmerzlichen Lage
zurcklasse.

Der Tag des Abmarsches kam heran. Am Abend vorher bat mich Burda, noch
einmal mit ihm ins Burgtheater zu gehen. Du wirst sehen, sagte er,
sie kommt heute. Etwas in meinem Inneren deutet darauf hin. Sie wird
unter allen Umstnden erfahren haben, da das Regiment morgen marschiert
-- und wird das mglichste daran setzen, mir wenigstens einen
Scheideblick spenden zu knnen.

Ich hatte mich schon gewhnt, auf derlei Reden kein Gewicht mehr zu
legen. Ich bestrkte ihn weder in seinen Voraussetzungen, noch
entmutigte ich ihn; ich hrte mit einem gewissen teilnahmsvollen
Schweigen zu, das er sich auslegen mochte, wie er wollte. brigens hatte
er selbst seine frhere Empfindlichkeit und Reizbarkeit verloren; er war
weich und hingebend geworden. Es war ihm offenbar nur mehr darum zu tun,
jemanden zu haben, dem er seine Gedanken und Gefhle aussprechen konnte,
unbekmmert, ob man zustimme oder nicht.

Es wurden drei kleine Stcke gegeben. Whrend des ersten blieb die Loge
leer; bei Beginn des zweiten aber -- ich traute kaum meinen Augen --
erschien wirklich die Prinzessin. Und zwar ganz schwarz gekleidet -- und
allein. Das heit, so gut wie allein. Denn die Dame, welche neben ihr
Platz nahm, war ohne Zweifel ein Gesellschaftsfrulein oder hnliches.

Burda stie mich leicht an; denn sagen konnte er nichts in dem Gedrnge,
das uns umgab.

Ich blickte nach der Prinzessin. Sie sah auffallend bleich und
angegriffen aus. In der Hand hielt sie einen kleinen Veilchenstrau,
welchen sie von Zeit zu Zeit, den Duft einatmend, nahe vor das Antlitz
brachte.

Nachdem das Stck zu Ende gegangen war, erhob sie sich mit allen Zeichen
der Ermdung und verschwand samt ihrer Begleiterin.

Da jetzt in der Zwischenpause um uns her einige Bewegung entstand,
flsterte mir Burda zu: Ich glaube, man ist fort. Wir wollen noch den
Beginn des letzten Stckes abwarten, dann gehen wir auch.

Wir schoben uns, um spter keine Strung zu verursachen, nher dem
Ausgange zu, und da die Loge wirklich leer blieb, entfernten wir uns
schon nach den ersten Szenen, die nun auf der Bhne folgten.

Nachdem wir unsere Mntel genommen hatten, blieb Burda im leeren Foyer
stehen. Nun, habe ich richtig geahnt?

Ich wute nicht, was ich erwidern sollte.

Man sah, wie leidend sie noch immer ist, fuhr er fort. Welche
berwindung mu es ihr gekostet haben, das Theater zu besuchen. Und was
sagst du dazu, da sie in Trauer erschienen ist?

Das kann ein Zufall sein, sagte ich, fast zornig gegen eine Annahme
kmpfend, die, ich mu es gestehen, unwillkrlich in mir selbst
aufgetaucht war. Vielleicht ein entfernter Todesfall in der Familie --
oder eine Hoftrauer, deren Ansage uns nicht mehr zugekommen ist.

Mglich, warf er leicht hin, meiner Meinung sorgfltig ausweichend.
Aber was ist das? fuhr er fort, indem er mit der Hand seine linke
Brustseite betastete. Dann knpfte er rasch seinen Mantel auf und zog
aus der inwendig angebrachten Tasche einen Veilchenstrau hervor, den er
anfnglich selbst mit unglubiger berraschung betrachtete. Endlich aber
richtete er sich hoch empor und sagte, indem er mir die Blumen
entgegenhielt, sehr ernst: Lieber Freund, ich rede jetzt nichts mehr.
Du hast, dessen bin ich sicher, diese Veilchen in der Hand der
Prinzessin gesehen -- und nun finde ich sie in meiner Brusttasche. Leb'
wohl! Ich darf dich nicht lnger deinen Angehrigen, von welchen du wohl
noch Abschied wirst nehmen wollen, entziehen und danke dir fr deine
Begleitung. Damit reichte er mir die Hand und ging.

Ich war betroffen und verwirrt. Sollten diese Veilchen wirklich ...?
Doch nein! Es war ein Strau wie jeder andere von den vielen hunderten,
welche um diese Jahreszeit an allen Straenecken feilgeboten wurden.
Mute es also gerade derjenige sein, den die Prinzessin ...

Dem will ich auf den Grund kommen, sagte ich zu mir selbst und kehrte
nach einigen Schritten, die ich schon auf die Strae hinausgetan, wieder
um, um mich in die Garderobe zu begeben. Der eine von den beiden
Wrtern, ein schmchtiges, grauhaariges Mnnchen, das gewhnlich die
Offiziere zu bedienen pflegte, war eben auf seinem Stuhl sanft
eingenickt. Bei meinem Erscheinen fuhr er empor.

Ich trat vertraulich auf ihn zu und fragte:

Erinnern Sie sich des Offiziers, der gerade vorhin mit mir wegging?

Der Alte sah mich immer noch etwas schlaftrunken an; dann rief er: O
gewi! Wie sollt' ich nicht? Der groe Herr Leutnant, den kenn' ich sehr
gut.

Ich hatte dies erwartet. Denn Burda, wenn auch im allgemeinen sehr
haushlterisch, liebte es doch, sich solchen Leuten gegenber uerst
freigebig zu erweisen.

Nun also, dann knnen Sie mir vielleicht auch sagen, auf welche Art ein
Veilchenbukett in die Manteltasche des Herrn Leutnant gekommen ist?

Veilchenbukett? In die Tasche des Herrn Leutnant!? rief der Alte und
schlug fast die Hnde ber den Kopf zusammen. Dann whlte er verzweifelt
in den Militrmnteln, welche dicht bereinander an der Wand des
schmalen Raumes hingen. Richtig! Richtig! sthnte er; da hab' ich
eine schne Konfusion gemacht!

Wieso?

Nun sehen Sie: das Bukett war von einer Dame im zweiten Parterre --
nicht mehr jung -- aber interessant, sehr interessant. Sie hatte mich
gebeten, es einem Hauptmann vom Regiment Alexander -- Sie kennen ihn
vielleicht -- den mit dem ungeheuren Schnurrbart -- in die Tasche zu
praktizieren. Nun hat er auch solche Aufschlge -- wenn auch mehr
orangegelb -- aber so bei Nacht -- und der Mantel des Herrn Leutnant
hing gleich neben dem seinen -- und da -- -- er vollendete nicht und
machte nur bezeichnende Gebrden des Verwechselns.

Nun, nun, sagte ich, nehmen Sie die Sache nicht so tragisch! Es
braucht ja weder der Hauptmann, noch die interessante Dame davon zu
erfahren. Und sollte man Sie wirklich zur Rede stellen, so knnen Sie
Ihr Versehen ruhig eingestehen; es war ja kein Verbrechen. Nehmen Sie
dies zu einstweiligem Trost.

Er empfing das Gereichte mit einem devoten Knix, zeigte aber
nichtsdestoweniger immer noch groe Unruhe.

_Das_ also war herausgebracht. Aber wie stand es mit der schwarzen
Kleidung? Gewi ebenso, wie damals mit der gelben Toilette, die man
offenbar ganz zufllig gewhlt, da man sich in der Absicht, nach dem
Theater mit dem Frsten eine Gesellschaft zu besuchen, anders gekleidet
hatte als die Schwestern. So dachte ich, als ich mich wieder auf der
Strae befand. Da durchzuckte es mich. Die Prinzessin hatte das
Burgtheater besucht -- wie nun, wenn die beiden andern sich in der Oper
befnden, wo eben italienische Stagione war und die Medori ihre Triumphe
feierte? Da mte sich zeigen, was es mit der Trauer auf sich habe!

Es war noch nicht allzuspt, und so eilte ich in das andere Theater
hinber. Man gab Verdis Ernani. Das Haus war berfllt; die Tren des
Parterres standen zu beiden Seiten offen, um auf dem Gange fr
diejenigen Raum zu schaffen, welche, um wenigstens zu hren, auf das
Sehen verzichteten. Ich versuchte mich durchzudrngen, unbekmmert
darum, da meine Rcksichtslosigkeit Zeichen der Mibilligung
hervorrief. Indes konnte ich nicht weit gelangen. Die Bhne, sowie die
rechte Seite des Theaters blieben mir durchaus verschlossen, nur die
linke konnte ich ins Auge fassen. Dort aber, in einer kleinen
Proszeniumsloge, saen auch die zwei Prinzessinnen in Gesellschaft jener
lteren Dame, die mit ihnen auf dem Hofball gewesen -- und zwar alle
schwarz gekleidet. Meine Vermutung hatte mich also nicht getuscht: eine
Familientrauer, wenn auch um kein nahes Mitglied, sonst wrde man wohl
das Theater gar nicht besucht haben. Ich war zufriedengestellt und
entfernte mich, ohne auf den Todesgesang Ernanis zu achten, der jetzt
hinter meinem Rcken strmischen Applaus entfesselte.

Also auch _hierber_ befand ich mich nun im klaren und dachte nur noch,
whrend ich meines Weges ging, darber nach, was die Prinzessin ins
Burgtheater gefhrt haben mochte? Ganz einfach der Umstand, da fr sie
in jener Proszeniumsloge kein Platz gewesen. Oder noch wahrscheinlicher:
sie wollte nach lngerer Krankheit zum erstenmal wieder das Theater
besuchen und hatte ein kleines, heiteres Stck, das sie vielleicht
besonders gerne sah, einer lrmenden Oper vorgezogen. Der letzte Faden
von Burdas Hirngespinst zerflatterte. Und dennoch konnte ich diesmal
nicht ber ihn lcheln. Vielmehr berkam mich eine tiefernste, fast
traurige Stimmung. Mute ich mir doch sagen, da, von seinem Standpunkt
aus betrachtet, in allen diesen Zufllen ein Schein der Absichtlichkeit
lag; ich selbst war ja einen Augenblick wieder an meinen berzeugungen
irre geworden. Es sah fast aus, als htte sich das Schicksal vorgesetzt,
mit ihm ein grausames Spiel zu treiben. -- --

Am folgenden Tage, morgens acht Uhr, marschierten wir ab. Als wir die
Franzensbrcke berschritten hatten und uns dem Bahnhofe nherten,
stauten sich am Ende der Jgerzeile einige Wagen, von der
vorberziehenden Truppe aufgehalten. Jetzt rollte auch ein Fiaker heran,
der rasch seine Pferde zum Stehen brachte. So viel man bemerken konnte
-- auf einer Seite war der Vorhang zur Hlfte herabgelassen -- sa in
dem eleganten Coup eine dunkel gekleidete Dame. Ich sah, wie Burda, der
nicht weit vor mir in den Reihen dahinschritt, pltzlich zusammenzuckte,
dann gegen alle Vorschrift heraustrat und sich gegen den Fiaker
umwendete. Wie? Sollte er am Ende glauben, da die Prinzessin hierher
gefahren kam, um ihn noch einmal zu sehen? Gewi, das war seine Meinung.
Immerhin! Mochte er sich noch an dieser Tuschung erfreuen, es ist
ohnehin die letzte. Aber es war anders beschlossen.


                                 VI.

Das Regiment hatte die Kantonierungs-Stationen in Bhmen bezogen. Der
Stab befand sich mit einem Bataillon in einer ansehnlichen Kreisstadt,
alles brige war in greren oder kleineren Ortschaften verteilt. Die
Kompagnie, bei welcher Burda -- der mittlerweile zum Oberleutnant
vorgerckt war -- und ich standen, hatte einen Marktflecken in der Nhe
einer Bahnstation zugewiesen erhalten. Die Gegend war nicht ohne Anmut.
Wohlbebaute Felder, saftige Wiesen wechselten mit sanften, schn
bewaldeten Hhen ab. Auch war ein groes, gut gehaltenes Wirtshaus
vorhanden, wo wir beide -- den Hauptmann hatte der Brgermeister in
Quartier genommen -- ein ganz behagliches Unterkommen fanden. Am
uersten Ende des Fleckens fhrte, nach der Seite abzweigend, eine
stattliche Lindenallee zu einem kleinen Schlosse empor, das ganz wie ein
mittelalterliches Kastell aussah. Die Ringmauer und der runde, aus
mchtigen Quadern aufgefhrte Turm, der in einer weiten Plattform
endigte, stammten gewi aus jener Zeit und waren mit sichtlicher
Sorgfalt wohl erhalten worden; auch alles spter Hinzugebaute zeigte
sich den Resten der Vergangenheit mglichst angepat. Dieses Schlo
gehrte der reich begterten grflichen Familie M... und wurde frher
nur bei herbstlichen Jagdausflgen bentzt; jetzt aber war es von einem
jungen Paare bewohnt. Ein jngerer Sohn des Hauses hatte sich nmlich im
Laufe des Winters vermhlt und es einer Hochzeitsreise vorgezogen, mit
seiner Gattin die Honigmonde in dieser lndlichen Zurckgezogenheit zu
verbringen. Man erzhlte allerlei von dem abgeschlossenen,
menschenscheuen Leben der Neuvermhlten. In der ersten Zeit habe man sie
gar nicht zu Gesicht bekommen; erst jetzt, da besseres Wetter
eingetreten, knne man sie hin und wieder zu Pferd oder zu Wagen sehen,
jedoch immer vereint, wie unzertrennlich, und es wurde sogar behauptet,
da die junge Grfin, amazonenhaft geschrzt, ihren Gatten auf jedem
seiner Birschgnge begleite. An uns selbst waren die beiden, als eben
eine Kompagniebung stattfand, in einem leichten Jagdwagen, der mit vier
kleinen, von der Grfin selbst gelenkten Schecken bespannt war,
vorbergefahren. Burda hatte bei dieser Gelegenheit die Bemerkung
hingeworfen, da es eigentlich der Anstand erfordere, im Schlosse eine
Visite abzustatten -- und zwar ^in corpore^. Unser Hauptmann aber, eine
etwas derbe Natur, hatte darauf erwidert, das wrde so aussehen, als
wolle man sich aufdrngen. Man drfe sich um diese Aristokraten nicht
eher kmmern, als bis sie selbst von den kaiserlichen Offizieren, die
wir seien, Notiz genommen.

Auf Burda jedoch bte das Schlo immer strkere Anziehungskraft aus. Er
umschritt es bei jedem unserer gemeinsamen Spaziergnge in immer engeren
Kreisen und liebte es, von einer nahen Anhhe herab auf die
geheimnisvollen Baumwipfel des Parkes zu blicken, der sich, nicht allzu
ausgedehnt, dem Walde entgegenzog.

Ach! rief er eines Abends, als eben die Sonne versank und ihr letztes
Gold am Horizont aufflammen lie, ach, welch ein Glck, mit der Knigin
seines Herzens in so stolzer Abgeschiedenheit hausen zu knnen! Dann
nach einer Pause und mit dem Arme einen Kreis in der Luft beschreibend:
Wer wei, ob nicht einer meiner Vorfahren einst ber diesen Boden
geherrscht hat? Aber was ntzt es mir? schlo er achselzuckend mit
einem leichten Seufzer.

Ein Schweigen trat ein.

Aber weit du, sagte er pltzlich, indem er wieder das Schlo ins Auge
fate, da eines Tages die Prinzessin hierher kommen knnte?

Ich sah ihn so berrascht an, da es ihn, wre er noch der frhere
gewesen, tief wrde verletzt haben. Aber nun achtete er kaum darauf und
fuhr gewissermaen im Selbstgesprch fort: Wenn ich nicht irre, so sind
die M... mit den L... irgendwie verschwgert. Und da wre es denn auch
-- sobald man meinen Aufenthaltsort erfahren hat -- nicht allzu schwer,
einen Besuch ins Werk zu setzen. Jedenfalls leichter, als damals allein
in der Loge zu erscheinen -- und sich morgens darauf an der Nordbahn zu
zeigen.

Ich hatte mich inzwischen gefat und erinnert, da ich ber nichts mehr
zu staunen habe.

Je nun, sagte ich, es ist immerhin mglich.

Am folgenden Nachmittag saen wir auf der Bank vor dem Wirtshause,
rauchten unsere Tschibuke und blickten dabei, ziemlich gelangweilt, auf
eine groe, teichhnliche Pftze, die sich auf dem Marktplatze
ausbreitete, und an deren Rande sich eine Schar schneeweier Gnse ruhig
sonnte.

Pltzlich vernahm man das Gerusch nahender Wagen, und bald darauf kamen
zwei Gefhrte in Sicht. In dem ersten, einem gerumigen Landauer, sa
das grfliche Paar tief zurckgelehnt, whrend die leichte Kalesche, die
knapp dahinter fuhr, sich leer zeigte. Man jagte so rasch vorbei, da
das harmlose Geflgel, wild aufgescheucht, mit lautem Kreischen und
Schnattern in die Pftze hinein flchtete.

Da wird jemand von der Bahn geholt, sagte Burda, seine Uhr
hervorziehend. Es ist jetzt halb drei, in einer Viertelstunde kommt der
Zug. Ich bin neugierig, wer da eintreffen wird.

Wir blieben sitzen. Nach einer Weile vernahmen wir den fernen
Signalpfiff, das Nherbrausen des Zuges -- und es dauerte nicht lange,
so kamen die beiden Wagen wieder zurckgefahren. Neben der Grfin sa
jetzt eine junge Dame, in welcher, obgleich sie das Antlitz mit einem
blauen Reiseschleier verhllt hatte, sofort die Prinzessin zu erkennen
war. Der Graf nahm mit einer anderen Dame -- derjenigen, welche damals
mit in der Loge erschienen war -- den Vordersitz ein. In der Kalesche
hatte eine hbsche Zofe Platz genommen, die, von Koffern und Schachteln
umgeben, mit lebhaften Augen ziemlich herausfordernd um sich blickte.

Burda hatte den ausgebrannten Tschibuk sinken lassen. Jetzt erhob er
sich und ging, ohne ein Wort zu sagen, in sein Zimmer hinauf. Ich war
darber sehr froh, denn da die Prinzessin nun in der Tat erschienen,
hatte mich derart aus der Fassung gebracht, da ich in Verlegenheit
gewesen wre, irgend eine Meinung zu uern.

Das ist denn doch hchst merkwrdig! sagte ich zu mir selbst, als ich
jetzt allein war und mich anschickte, einer mir obliegenden dienstlichen
Verrichtung nachzukommen. Dabei ging mir dieser neue Zufall -- denn was
anderes konnte es sein? -- bestndig im Kopfe herum. Die Sache bekam
nunmehr, ganz objektiv betrachtet, ein eigentmliches Interesse, und ich
war neugierig, was aus dieser unvermuteten Komplikation entstehen wrde.

Als ich spter wieder dem Wirtshause zuschritt, sah ich, wie eben ein
wohlgenhrter Lakai mit glattrasiertem Doppelkinn und einer leichten
Mtze auf dem Kopfe sich nherte. Er kam offenbar aus dem Schlosse und
trat jetzt in die Schankstube, deren Fenster offen standen, so da ich
vernehmen konnte, wie er von einigen Gsten, die drinnen beim Bier
saen, laut begrt wurde.

Ah, Herr Georg! rief einer. Lassen Sie sich auch wieder einmal
sehen!

Ich konnte nicht verstehen, was der also Empfangene erwiderte. Ich
vernahm eigentlich nur ein hastiges Schlucken und Gurgeln, dann wurde
ein Glas auf den Schenktisch gestoen.

Sie haben ja Besuch bekommen! hie es weiter.

Nunmehr hrte ich, wie der Lakai sagte: Freilich. Die Prinzessin L...,
die beste Freundin unserer Grfin. Schon vor sechs Wochen htte sie
kommen sollen, um dann spter mit uns nach Italien zu reisen. Statt
dessen ist sie krank geworden. Wer wei, ob jetzt noch etwas aus der
Reise wird. Ein Glck wr's, denn es ist nicht mehr auszuhalten in dem
Nest!

Nach diesem fr die Eingeborenen nicht sehr schmeichelhaften Ausspruch
strzte er, wie ich, ein wenig durchs Fenster blickend, bemerken konnte,
ein zweites Glas hinunter und suchte nach kleiner Mnze, um seine Zeche
zu bezahlen.

Sie wollen schon wieder fort!?

Ich mu zur Bahn laufen und telegraphieren lassen. Es ist eine
Schachtel im Coup vergessen worden. So geht's, wenn man keine mnnliche
Dienerschaft mitnimmt!

Und ohne Gru eilte er hinaus.

So also standen die Dinge. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, welche
Genugtuung Burda beim Anblick der Prinzessin mute empfunden haben,
welche Hoffnungen und Erwartungen er nunmehr an ihren hiesigen
Aufenthalt knpfte ...

Aber diese Hoffnungen und Erwartungen, die der Zufall wachgerufen,
sollten von diesem selbst sofort wieder vernichtet werden. Denn die
unentschiedene, ratlose Haltung, welche die Regierung den
fortschreitenden Ereignissen gegenber noch immer bekundete, hatte einen
bestndigen Wechsel der militrischen Dispositionen zur Folge -- und so
bekam auch unser Regiment noch am selben Abend den Befehl, die
Standquartiere sofort zu verlassen und nach Prag in Garnison abzurcken.

Burda, nachdem er diese Neuigkeit vernommen, lachte bitter auf.

Fatales Geschick! rief er aus. Jetzt, nachdem die Prinzessin auch
diesen Effort unternommen -- jetzt mu -- -- es ist wirklich
unglaublich! Wie wrde sich jetzt alles entwickelt haben! Wir htten
Einladungen nach dem Schlosse erhalten, sei es nun zu einer Jagd, zu
einem Diner -- oder was wei ich! -- brigens, setzte er nach einigem
Nachsinnen hinzu, Prag ist so bel nicht -- und der Verlust nicht allzu
gro; denn ich bin berzeugt, da auch _sie_ in einiger Zeit dort
erscheinen wird.

Dieser Behauptung zeigte ich mich doch noch nicht gewachsen; es war mir,
als befnde ich mich einem Wahnsinnigen gegenber.

Er bemerkte nicht, wie ich zusammenzuckte, und fuhr fort: Prag ist der
Sitz des ganzen bhmischen Adels. Man macht also eben wieder irgend
einen Besuch. berdies wird es mir jetzt immer deutlicher, da die
Prinzessin bereits in Kenntnis von der Angelegenheit ist, die ich, wie
du weit, verfolge; sie wrde sonst nicht so geradeaus vorgehen.

Nach diesen Worten rief er seinen Burschen und befahl ihm, zu packen,
welches Geschft er mit verschrnkten Armen gebieterisch berwachte.

Es war ein heller, taufrischer Maimorgen, als wir abzogen und Burda
einen letzten Blick nach den Fenstern des Schlosses emporsendete, wo
noch alles in tiefem Schlafe zu liegen schien.


                                 VII.

Prag war zu jener Zeit ein sehr angenehmer Aufenthaltsort. Die
nationalen Sonderbestrebungen waren noch nicht zu ausgesprochenen
Konflikten gediehen; sie grten und zuckten, dem unbefangenen Blicke
verborgen, noch unter der Oberflche, und wenn auch die Stadt, infolge
des slawischen Grundelementes ihrer Bevlkerung, keine deutsche genannt
werden konnte, so war sie doch im besten Sinne des Wortes international.
Zwischen Wien und Dresden die Mitte haltend, wurde sie, zumal im Sommer,
wo ein groer Zug nach den bhmischen Bdern stattfand, ob ihrer
prachtvollen Lage und ihrer alten Baudenkmale von vielen Fremden
besucht, wozu gute Hotels, ein sehr annehmbares Theater und sonstige
Ressourcen wesentlich beitrugen. Kurz, man konnte in Prag wie in einer
Grostadt leben, und doch waren alle Bedingungen einfacher und weniger
kostspielig als anderswo.

Dieser Umstand kam Burda bei unserem Eintreffen sehr zustatten. Mit
groer Befriedigung hatte er vernommen, da die Offiziere nicht in der
Kaserne untergebracht wrden, daher es seine erste Sorge war, eine
passende Wohnung zu suchen, die er auch bald gefunden hatte und welche
er nunmehr allein bezog. Denn, sagte er zu mir, es ist jetzt vor allem
geboten, ein anstndiges ^Home^ zu besitzen. Es knne sich mancherlei
ereignen, und jedenfalls msse er, wie die Dinge nun stnden, gewrtig
sein, da eines Tages irgend ein vertrauter Sendbote eintreffe, welchem
gegenber man sich in jeder Hinsicht ^comme il faut^ zu erweisen habe.
So trat er denn auch sofort mit einem Mbelverleiher in Verbindung, der
ihn mit allem Ntigen versah; auerdem lie er fr seinen Burschen eine
Livree anfertigen, welche der eines Leibjgers gleich kam.

Sich derart einrichtend, widerstrebte es ihm auch, seine Mahlzeiten in
einer jener unscheinbaren Gastwirtschaften einzunehmen, auf welche wir
anderen mehr oder minder angewiesen waren, und zog es vor, zwischen fnf
und sechs Uhr im Englischen Hof zu dinieren, was er sich insofern
schon erlauben konnte, als er sodann auf ein Abendessen verzichtete.
Dabei zog er sich mehr und mehr vom kameradschaftlichen Verkehre zurck,
was zwar anfangs nicht besonders auffiel, da man von seiner Seite ein
gewisses Sich-Abschlieen von jeher gewohnt war. Nach und nach aber
wurde man stutzig und fhlte sich umsomehr befremdet, als Burda nebstbei
ein sehr hochmtiges Benehmen zu entfalten begann, was frher nicht
seine Art war. Mich selbst behandelte er jetzt mit einer gewissen
Herablassung, und ich empfand, da er mich wie jeden anderen wrde
bersehen haben, wenn es ihm nicht ein Bedrfnis gewesen wre, mich bei
seinem Ideengange an der Seite zu behalten. Auch brauchte er jemanden,
der fr ihn, wenn er dienstlich verhindert war, ins Theater ging, um
nachzusehen, ob die Prinzessin, deren Eintreffen er von Tag zu Tag
erwartete, nicht in einer Loge auftauche.

Diese unerschtterliche Erwartung erfllte sich selbstverstndlich
nicht; dafr aber geschah es, da eine hochgestellte militrische
Persnlichkeit, der Generaladjutant des Kaisers, in Prag eintraf und
daselbst einen Tag verweilte. Es fgte sich, da wir ihm, ohne noch von
seiner Ankunft zu wissen, vor dem Hotel, in welchem er abgestiegen war,
begegneten, wobei er unseren militrischen Gru freundlichst erwiderte.

Das war Graf G...! sagte Burda, als wir den General hinter uns hatten,
ganz aufgeregt. Was ihn wohl hierher gefhrt haben mag?

Wer kann das wissen? Vielleicht geht er nach Karlsbad; er leidet ja
bekanntlich an der Leber.

Mglich. Aber hast du bemerkt, wie eindringlich er mich ins Auge gefat
hat?

Das habe ich nicht wahrgenommen.

Aber ich, sagte Burda kurz und verabschiedete sich, da wir eben bei
der Gasse angelangt waren, in der er wohnte.

Am Abend besuchte der Generaladjutant das Theater, wo wir ihn mit dem
Landeskommandierenden in dessen Loge sitzen sahen. Man gab die Oper
Martha, die der Graf wohl oft genug gehrt haben mochte. Er schenkte
auch der Vorstellung nur wenig Aufmerksamkeit, sprach eifrig mit dem
Kommandierenden und blickte dabei manchmal durch das Opernglas nach den
Offizieren im Parterre; eine Art von Musterung, welche durchaus in der
Natur der Sache lag.

Beim Nachhausegehen sagte Burda: Gib acht, es scheint etwas im Zuge zu
sein. Er ist offenbar nicht ohne besondere Absicht nach Prag gekommen.
Und da man Martha gegeben hat, ist ebenfalls sehr bezeichnend.

Wieso? fragte ich.

Denke nur ein wenig ber das Sujet nach, und du wirst dahinter
gelangen.

Nun lie sich, wenn man auf die Hirngespinste Burdas einging, allerdings
eine gewisse hnlichkeit seiner Lage mit der Lionels herausfinden -- da
er aber in der Vorfhrung der Oper geheimnisvolle Absichtlichkeit
vermutete, machte mir den beklemmendsten Eindruck: ich begann ernstlich
fr seinen Verstand zu frchten. Dabei befand ich mich in der ratlosen
Lage eines Menschen, der einen zweiten auf dem besten Wege sieht,
irrsinnig zu werden, und doch niemanden davon in Kenntnis setzen darf.
Denn wie htte ich den Seelenzustand Burdas samt allen Einzelheiten, die
ihn hervorgerufen, ohne die zwingendste Notwendigkeit preisgeben knnen?
Ich berlegte schon, ob ich nicht diesen Anla bentzen und ihm
eindringliche Vorstellungen machen sollte, aber wir waren bereits in der
Nhe seiner Wohnung angelangt und so trennten wir uns schweigend.

Zwei Wochen waren seitdem vergangen, als eines Tages mittels
Regimentsbefehls verlautbart wurde, Seine Majestt habe mit
allerhchster Entschlieung die Errichtung eines Adjutantenkorps
angeordnet. Dies war dahin zu verstehen, da smtliche Offiziere, welche
bei hohen Persnlichkeiten oder bei Generalaten in Verwendung standen,
einen Krper fr sich zu bilden haben und eine besondere Adjustierung
erhalten sollten. Am Schlusse erging eine Aufforderung, sich zu melden,
an diejenigen, welche, bei nachzuweisender Befhigung, die Absicht
htten, in dieses Korps zu treten.

Nun? fragte Burda, mit welchem ich im Kompagniedienstzimmer
gemeinschaftlich den Befehl gelesen hatte.

Das kmmert mich wenig, erwiderte ich. Denn ich habe durchaus nicht
die Absicht, mich zum Eintritt zu melden. Auch bin ich nicht in der
Lage, mir ein Pferd zu halten.

Darum handelt es sich nicht, entgegnete er scharf. Ich frage dich, ob
es dir nun klar ist, weshalb der Generaladjutant hier erschienen ist?

Ich sah ihn an.

Er ist gekommen, fuhr er im Tone vollster berzeugung fort, um
Erkundigungen ber meine Person einzuziehen, mich in Augenschein zu
nehmen -- und dann zu veranlassen, was nunmehr erfolgt ist. Man hat
offenbar die Absicht, mich in unaufflliger Weise nach Wien und in die
nchste Nhe hoher und hchster Persnlichkeiten zu bringen.

Wie? rief ich aus. Du glaubst, da man deiner Person wegen ein
eigenes Korps ins Leben gerufen habe --

Nun, wenn auch nicht gerade das, erwiderte er, zum Glck noch das
Ungeheuerliche seiner Voraussetzung fhlend, aber die Aufforderung
wurde ganz gewi mit Hinsicht auf mich erlassen.

Wozu htte es einer bedurft? Man knnte dich ja ohne weiteres sofort an
eine solche Stelle berufen!

Allerdings. Aber ich habe dir schon gesagt, da man jeden in die Augen
fallenden Schritt vermeiden will, was auch der einzige Grund ist, der
die Prinzessin -- welche offenbar ihren Vater bereits gewonnen hat --
von Prag fernhlt. Denke dir nur, welches Aufsehen es erregen mte,
wenn man mich so Knall und Fall nach Wien beriefe.

Das war zu viel! Ich konnte nicht lnger an mich halten und beschwor
ihn, sich keinen so weitgehenden Tuschungen hinzugeben, wobei ich mich
freilich, um nicht das Kind mit dem Bade zu verschtten, blo an den
vorliegenden Fall hielt. Aber meine Vorstellungen blieben fruchtlos --
ja noch mehr: er wurde mir ob meiner Einwrfe nicht einmal bse. Und
schon am nchsten Tage, nachdem er sein Gesuch an den Mann gebracht,
begab er sich zu dem hervorragendsten Militrschneider Prags und
erkundigte sich, ob bereits ein Schema der Uniformierung fr das neue
Korps vorliege. Und als man ihm in der Tat ein solches zeigte, war es
nur die Furcht, eine Indiskretion zu begehen, was ihn abhielt, sofort
Ma nehmen und die betreffenden Kleidungsstcke herstellen zu lassen.


                                VIII.

Der Sommer neigte sich dem Ende zu, und die Herbstmanver standen in
Aussicht. Burda meinte, er wrde diese wohl hier nicht mehr mitmachen,
da bis dahin seine Einteilung in das neue Korps erfolgt sein msse. Es
wren ohnehin schon sechs Wochen seit dem Tage der Aufforderung
verflossen, und er knne sich nur wundern, da noch keine Entscheidung
herabgelangt sei. Er zeigte sich daher uerst betroffen, als nach
einiger Zeit verlautbart wurde, da der Oberleutnant von H..., welcher
der Sohn eines Feldmarschall-Leutnants und der einzige Offizier des
Regiments war, der sich auer Burda gemeldet hatte, in das Korps berufen
worden sei, und zwar mit dienstlicher Verwendung beim Generalkommando in
Lemberg. Aber er bertubte diese Betroffenheit sofort vor sich selbst,
indem er ausrief: Nun ja, nach Lemberg! Mich hat man fr Wien ins Auge
gefat, und es wird sich dort bis jetzt keine offene Stelle ergeben
haben.

Aber noch am selben Tage wurde ihm, als wir gerade mit einigen anderen
Offizieren im Kasernenhofe standen, von einer Ordonnanz ein
Dienstschreiben berbracht, das er, beiseite tretend, hastig aufri,
erbleichend las und dann zu sich steckte.

Sobald wir allein waren, sagte er mit heftiger, aber tonloser Stimme:
Mein Gesuch ist abschlgig beschieden.

Das war vorauszusehen gewesen. Denn es mochten im ganzen doch viele
Gesuche eingereicht worden sein, und da hatten wohl wie gewhnlich
Nepotismus und Protektion den Ausschlag gegeben.

Dahinter steckt eine Intrige! fuhr Burda fort.

Eine Intrige?

Gewi. Hatte ich doch gleich Unheil geahnt, als ich den
Generaladjutanten in der Loge mit dem Kommandierenden verhandeln sah!

Wieso?

Ist der Kommandierende nicht ein Graf Z...? Und gehren die Z... nicht
zu jenen Familien, welche, wie ich dir sagte, gewissermaen in die
Rechte der ehemaligen Grafen Burda getreten sind? Was Wunder also, da
man, da der Generaladjutant vertrauliche Mitteilungen gemacht haben
wird, spter alle mglichen Machinationen ins Werk gesetzt hat? Aber ich
werde dem Generaladjutanten schreiben!

Um Gottes willen! rief ich aus. Bedenke doch, was du tun willst! Wie
kannst du denn nur mit vlliger Gewiheit annehmen, da sich auch alles
so verhlt, wie es dir erscheint? Hast du denn berhaupt hinsichtlich
jener Angelegenheit schon etwas erfahren?

Nein, noch immer nicht. Und erst jetzt fllt es mir auf, da bereits
sieben Monate verstrichen sind, seit ich die Papiere nach Brnn gesendet
habe. Ich werde sofort urgieren.

Das tu, sagte ich, froh, einen Weg zur Ablenkung gefunden zu haben.
Und versprich mir, da du nichts unternimmst, bis du Antwort erhalten
hast. Und wenn sich dann zeigt, da dein Verdacht gegrndet ist -- --

Er sann einen Augenblick nach.

Du hast recht; ich mu meiner Sache vollkommen gewi sein. Aber das
sage ich dir, lange warte ich nicht. Ich werde auf sofortige Antwort
dringen, und wenn diese nach Ablauf einer Woche nicht erfolgt ist, so
schreibe ich dem Grafen G... -- und mglicherweise auch dem Frsten.
Denn wer wei, was man _diesem_ alles ber mich hinterbracht hat -- und
wie wrde ich dann in _ihren_ Augen erscheinen, wenn ich es an mir
haften liee.

Damit ging er und berantwortete mich vlliger Ratlosigkeit. Denn
nunmehr schien es zum uersten kommen zu wollen. Wenn er sich zu einem
tollen Schritt hinreien lie -- war er verloren!

Schon in einigen Tagen kam er zu mir in die Wohnung gestrzt.

Da hast du den Beweis, sagte er und hielt mir einen Brief entgegen.
Schon aus dem insolenten Tone dieses Schreibens wirst du erkennen, wie
sehr ich berechtigt war, Verdacht zu schpfen.

Ich entfaltete den Brief und las ihn. Am Eingang entschuldigte sich der
Schreiber, da er zu seinem Bedauern nicht in der Lage sei, Gnstiges
berichten zu knnen. Vor allem htten sich jene Anhaltspunkte, die er
bei den von Burda in Sachsen zu finden gehofft, durchaus hinfllig
erwiesen. Denn diese angebliche erste Linie leite ihren Stammbaum
nicht allzu weit zurck -- und zwar bis zu einem sicheren Daniel Burda,
der zu Anfang dieses Jahrhunderts als kurfrstlicher Sattelknecht
aufgefhrt erscheine. Nun msse dies allerdings eine Hofcharge gewesen
sein; allein wie es sich herausgestellt habe, sei besagter Daniel Burda,
der Sohn eines einfachen Posthalters auf dem platten Lande, erst infolge
jener Eigenschaft in den Adelsstand erhoben worden. Und was nun die
zweite Linie betrfe, so wisse der Herr Oberleutnant am besten selbst,
da bereits das mglichste versucht worden sei, den allein magebenden
Punkt aufzuhellen. Dies wrde aber fr alle Zeit um so schwieriger
bleiben, als in sterreich, vornehmlich aber in Galizien, Bhmen und
Mhren, eine ganz unbersehbare Anzahl von Personen existiere, welche
den Namen Burda fhren und dabei in den untergeordnetsten
Lebensstellungen sich befnden (Handwerker, Fuhrleute und dergleichen).
Schreiber knne also nur mit bestem Wissen und Gewissen den Rat
erteilen, diese ganz und gar in der Luft schwebende Angelegenheit
endgltig fallen zu lassen.

Dieser Mensch ist offenbar bestochen! schrie Burda, nachdem ich zu
Ende gelesen hatte. Aber ich werde das nicht so hinnehmen!

Was willst du denn tun?

Ich werde dem Kommandierenden eine Herausforderung zugehen lassen!

Bist du wahnsinnig? rief ich aus. Oder fhlst du wenigstens nicht,
da dich ein solches Beginnen aller Welt gegenber in den Verdacht des
Wahnsinns bringen mte? Und womit knntest du die Herausforderung
begrnden -- angenommen selbst, da dieser Brief von seiten des
Kommandierenden inspiriert worden wre? Wird er es zugestehen? Wird er
berhaupt eine Herausforderung annehmen?

Er mu! Er ist Offizier wie ich und du!

Allerdings. Aber es ist dir doch bekannt, da hohe Vorgesetzte derlei
Zumutungen als schwere Subordinationsvergehen behandeln -- und bestrafen
lassen. Es knnte dir deine Charge kosten!

Oho! kreischte er. Das mcht' ich denn doch sehen! -- Aber du kannst
recht haben, fuhr er nachdenklich fort. Man darf ihm immerhin zumuten,
da er sich hinter seine Stellung verschanzt. Da mu man ihm denn
indirekt zu Leibe gehen und sich an seinen Neffen halten.

An seinen Neffen?

Nun ja! Du kennst doch den knabenhaften Ulanenrittmeister mit dem
Molkengesicht, dessen Schwadron seit einigen Wochen auf Feuerpikett hier
ist?

Allerdings -- vom Sehen --

Dann wirst du auch bemerkt haben, wie arrogant der Bursche ist. Er
dankt kaum, wenn man ihn grt.

Ich glaube, du tust ihm unrecht, erwiderte ich. Ich halte ihn fr
einen ganz harmlosen Menschen. Seine Unart scheint mehr einer gewissen
Verlegenheit zu entspringen.

Ach was! entgegnete Burda gereizt. Ich wei das besser. Und jetzt
wird mir auch klar, weshalb man sich seit einiger Zeit im Englischen Hof
am Kavalleristentische sehr sonderbar benimmt.

Daran war etwas Wahres, und ich selbst hatte davon gehrt. Denn im
Regiment, woselbst man an Burda seit dessen Bestreben, in das
Adjutantenkorps aufgenommen zu werden, eine immer schrfere Kritik bte,
wurde teils mit Entrstung, teils mit Schadenfreude behauptet, er sei
auf dem besten Wege, sich ffentlich blozustellen. So htten sich die
Kavallerieoffiziere, welche im Englischen Hof sehr opulent zu dinieren
pflegten, bereits ber die Grandezza lustig gemacht, mit der er im Hotel
erscheine und ein Kuvert zu migem Preise samt einer kleinen Flasche
Rotwein bestelle. Infolgedessen habe man ihm dort (natrlich ganz
harmlos und ohne zu ahnen, welche besondere Anzglichkeit damit
verbunden war) auch den Stichelnamen der verwunschene Prinz beigelegt.

Ich sagte daher jetzt nicht ohne Verlegenheit: Das solltest du gar
nicht beachten. Man wei ja, da die Herren >auf stolzen Rossen< uns
bescheidene Fugnger immer ein wenig von oben herab ansehen.

Nein, nein, das ist es nicht allein. Der Rittmeister hat offenbar durch
seinen Onkel Wind bekommen -- und bei Tisch allerlei ber mich
vorgebracht.

Das sind Einbildungen, lieber Freund.

Durchaus nicht. Ich wei es jetzt bestimmt. Und du sollst dich selbst
berzeugen; ich lade dich ein, heute mit mir zu speisen.

Diese Einladung war mir natrlich sehr unerwnscht; da er aber darauf
bestand, und ich berdies befrchten mute, da er sich in der Stimmung,
in der er war, ohne meine Begleitung zu einem aufsehenerregenden Schritt
knnte hinreien lassen, so sagte ich schlielich zu.

Der Speisesaal im Hotel zum Englischen Hof wurde am spteren Nachmittag
wenig besucht. Um ein Uhr mittags und sieben Uhr abends fand dort
Wirtstafel statt, an welcher eine gemischte, zumeist aus Fremden
bestehende Gesellschaft teilnahm, in den brigen Stunden kamen nur
selten Gste. Regelmig aber zwischen vier und fnf Uhr speisten an
einem langen, eigens fr sie bereitgehaltenen Tische die Offiziere des
Feuerpiketts samt anderen Kavalleristen, die sich in Prag aufhielten.
Unter den letzteren befand sich auch ein reckenhafter Krassierleutnant
namens Schorff, welcher dem Generalstabe des Kommandierenden zugeteilt
war, eigentlich jedoch nur bei gewissen Gelegenheiten als Galopin
verwendet wurde, eine militrische Sinekure, die er sich, wei Gott wie,
mochte zu erobern gewut haben. Man hie ihn allgemein den Amerikaner,
obgleich er in Deutschland geboren war; sein Vater aber sollte sich
seinerzeit in den Minen Kaliforniens ein fabelhaftes Vermgen erworben
haben. Andere behaupteten, dieser sei Spielpchter in Homburg gewesen.
Gleichviel, der junge Baron Schorff -- auch so wurde er, ohne es zu
sein, genannt -- erhielt von Hause wahre Unsummen Geldes, die er in
auffallendster Weise verausgabte. Er hatte die schnsten und strksten
Reitpferde, einen prachtvollen Viererzug, hielt eine Loge im Theater,
mehrere Mtressen und so weiter. Dabei war er ein Spieler und Raufbold
rgster Sorte, dem jedermann gern aus dem Wege ging; selbst die Frauen,
die doch sonst von derlei Erscheinungen angezogen werden, wichen ihm mit
einer Art von Entsetzen aus.

Es war etwas ber fnf, als Burda und ich im Englischen Hof erschienen.
Am Kavalleristentische hatte man bereits abgespeist; Kaffee und Likr
wurden soeben serviert. Aber die Gesellschaft schien nicht Lust zu
haben, ein frhliches Gelage, das offenbar stattfand, deshalb
abzubrechen. Man hatte noch Champagnerglser vor sich, welche von neuem
gefllt wurden. Dabei herrschte eine laute, ausgelassene Heiterkeit,
dergestalt, da unser Eintreten, sowie der Gru, den wir darbrachten,
nicht bemerkt -- oder doch bersehen wurde.

Burda warf mir einen bedeutungsvollen Blick zu. Dann nherte er sich dem
Tische und rief: Meine Herren, wir haben gegrt, und ich ersuche Sie,
unseren Gru in geziemender Weise zu erwidern.

Die Gesellschaft hob die Kpfe und sah ihn berrascht an. Schorff aber,
der mit dabei war, sprang auf, schnellte das Monokel, das er bestndig
im Auge trug, mit einem kunstvollen Ruck weit von sich und verbeugte
sich in beraus grotesker Weise vor Burda, indem er in seiner
rheinlndischen Aussprache sagte: Wir haben die Ehre, dem Herrn
Oberleutnant unsere Reverenz zu machen.

Ich verbitte mir derlei Scherze, Herr Leutnant, entgegnete Burda mit
absichtlicher Umgehung des kameradschaftlichen Du, und mahne Sie an die
Achtung, welche Sie Ihrem Vorgesetzten schuldig sind.

Was? Was ist das? rief Schorff, dessen breites, bartloses Gesicht sich
purpurrot frbte, whrend er mit wieder eingeklemmtem Glase Burda
herausfordernd ansah.

Herr Rittmeister, sagte dieser, sich an den jungen Grafen Z...
wendend, der obenan sa, ich fordere Sie auf, Ihr Ansehen zu gebrauchen
und dem Leutnant Schorff das Unziemliche seines Benehmens vorzuhalten.

Der Rittmeister nahm eine suerlich lchelnde Miene an und zupfte
verlegen an den dnnen Hrchen auf seiner Oberlippe. Schorff aber kehrte
sich gegen ihn und sagte: Haben Sie gehrt, Graf? Sie sollen mir einen
Verweis erteilen -- aber sagen Sie lieber dem verwunschenen Prinzen, da
er sich in acht nehmen mge, ich knnte ihm sonst an die Hfte greifen.

Diese Worte erregten trotz der peinlichen Situation eine gewisse
Heiterkeit; einige lachten sogar laut auf.

Burda war leichenfahl geworden.

Das ist infam! kreischte er jetzt. Sie benehmen sich samt und sonders
wie Buben!

Nun folgte eine unbeschreibliche Szene. Die Kavalleristen waren
aufgesprungen, um sich auf Burda zu strzen, der an seinen Sbel griff.
Schorff langte mit verkehrter Hand nach einer Champagnerflasche, die im
Eiskbel steckte -- die rgsten Ttlichkeiten, ein blutiges Gemetzel
standen bevor.

Aber in diesem Augenblicke hatte ich auch die ntige Geistesgegenwart
gefunden und trat dazwischen. Meine Herren, rief ich, ich bitte zu
bedenken, wo wir uns befinden! Man wird bereits aufmerksam.

Es war so. Ein Kellner, der eben hatte eintreten wollen, war mit offenem
Munde in der Tr stehengeblieben. Hinter ihm erschien ein zweiter, ein
dritter; auch vor den offenen Fenstern des ebenerdig gelegenen Saales
hatten sich auf der Strae einige Neugierige angesammelt, um nach der
Ursache des Lrmes zu forschen.

Das wirkte. Die Kavalleristen nahmen, wenn auch unwillig, ihre Pltze
wieder ein.

Jeder von uns wei nunmehr, was zu geschehen hat, fuhr ich fort und
legte eine Karte auf den Tisch. Burda, vor Aufregung am ganzen Leibe
zitternd, tat desgleichen; hierauf lieen wir uns in einer entfernten
Ecke des Saales nieder und befahlen unser Diner.

Drben war finsteres Schweigen eingetreten, nur Schorff wollte sich noch
immer nicht zufrieden geben und konnte in seinen wiederholten halblauten
Wutausbrchen nur mit Mhe beschwichtigt werden. Endlich erhob man sich
und ging, ohne uns anzusehen.

Das ist eine schne Bescherung, sagte ich nach einer Pause.

Frchtest du dich vielleicht? entgegnete Burda in scharfem Tone. Er
war bereits vollkommen ruhig geworden, und eine eigentmliche
Befriedigung leuchtete aus seinen grauen Augen.

Ich frchte fr dich, sagte ich ernst. Du wirst dich nun mehrere Male
hintereinander zu schlagen haben.

Je fter, je besser! Das ist es gerade, was ich beabsichtigte!

Ich konnte nicht umhin, ihn mit einiger Bewunderung anzublicken. Was er
da sprach, war keineswegs Prahlerei. Es entsprang, das fhlte ich,
wirklichem Mute, wenn auch vielleicht dem Mute des Don Quichotte, der es
fr sich allein mit ganzen Heeren aufnahm.

Ja, fuhr Burda fort, indem er sich mit sehr gutem Appetit an das
Gericht machte, das man uns eben vorgesetzt, ja, es soll Aufsehen
machen -- es soll und wird eine ^cause clbre^ werden!

Ich verstand ihn. Er erwog, welchen Eindruck diese ^cause clbre^ auf
die Prinzessin machen wrde -- und da war er denn wieder glcklich auf
dem alten Wege.

Daran solltest du jetzt gar nicht denken, warf ich ernchtert ein. Und
von einem pltzlichen Gedanken befallen, setzte ich hinzu: Wer wei
brigens, ob alles wirklich so kommt, wie wir voraussetzen.

Wieso? Wieso? fragte er hastig.

Je nun, vielleicht beliebt es allen diesen Herren, sich hinter Schorff
zu verschanzen -- und ihn allein die ganze Sache austragen zu lassen.

Oho! Da habe ich auch ein Wort mitzusprechen!

Allerdings. Aber du wirst es nicht verhindern knnen, da Schorff den
Anfang macht.

Er hob den Kopf und sah mich stirnrunzelnd an.

Was willst du damit sagen?

Ich schwieg, denn ich wagte nicht auszusprechen, da Schorff ein sehr
gefhrlicher Gegner sei. Je nun, er ist ein bekannter Raufbold, warf
ich endlich leicht hin.

Das mag er sein. Auch wir fhren unsere Klinge. Fatal ist es
allerdings, da sich gerade dieser freche, aufgeblasene Plebejer hat
vordrngen mssen. Aber wenn es nicht zu ndern ist, immerhin! Der Herr
Rittmeister wird mir nicht entgehen.

Wir waren beim Dessert angelangt, und nachdem wir den Kaffee genommen
hatten, forderte mich Burda auf, mit ihm den Abend auf der Sophieninsel
zuzubringen, wo heute vor einem gewhlten Publikum Konzert im Freien
stattfand.


                                 IX.

Schon am nchsten Vormittage fand sich ein Hauptmann des Generalstabes
in Begleitung eines Artillerieoffiziers in meiner Wohnung ein. Sie
kmen, sagten die Herren, hinsichtlich des bedauerlichen Vorfalles, der
gestern im Englischen Hof stattgefunden und welcher bereits zur Kenntnis
der Militrbehrden gelangt sei. Man wnsche hohen Ortes, da die
Angelegenheit so rasch und einfach wie mglich beigelegt werde. Demnach
wren sie infolge eines von seiten smtlicher Beleidigten getroffenen
bereinkommens als Kartelltrger des Herrn Leutnant Schorff ermchtigt,
zu erklren, da dieser im Namen aller brigen die Sache zum Austrag
bringen wolle.

Es kam also, wie ich es vorausgesehen, und obgleich sich bei ruhiger
Betrachtung dieses Vorgehen auch wirklich als das vernnftigste erwies,
so lag darin fr Burda doch eine Art Geringschtzung, die ich wider
Willen mitempfand.

Ich glaube nicht, da der Herr Oberleutnant Burda auf diese Proposition
eingehen wird, sagte ich.

Er wird sich doch nicht mit jedem einzelnen schlagen wollen? rief der
Hauptmann, indem er, um seine Verwunderung auszudrcken, die Augen weit
aufri.

Je nachdem.

Du mein Gott! erwiderte er, die Achsel zuckend. Indes, das wird sich
ja ergeben. Frs erste mssen wir aber an unserem Auftrage um so mehr
festhalten, als Leutnant Schorff doch jedenfalls der Hauptbeleidigte
ist.

Dagegen lie sich nichts einwenden, und der Artillerist stellte zu dem
Duell einen Fechtsaal zur Verfgung, welcher, wie er ankndigte, mit
seiner Dienstwohnung auf dem Hradschin in Verbindung stehe und zu derlei
Zwecken besonders geeignet sei. --

Du hast ihnen sehr gut geantwortet, sagte Burda, als ich ihm diese
Unterredung mitteilte. Ich danke dir. Was mich selbst betrifft, so
werde ich die Sache jedenfalls zum uersten treiben. Allerdings laufe
ich dabei Gefahr, zum Krppel gehauen zu werden. Aber ich vertraue
meinem Stern.

Pistolenduelle waren damals in der Armee nicht blich; man schlug sich
fast durchgehends mit Sbeln, eine Kampfweise, welche die Ttung des
Gegners in der Regel zwar ausschlo, aber immerhin einen sehr
bedauerlichen Ausgang herbeifhren konnte. Dies erwog man jetzt auch im
Regiment, woselbst die ble Stimmung gegen Burda pltzlich in rege
Teilnahme umgeschlagen war. Sein mannhaftes Auftreten gegen die
Kavalleristen, das eine Art gemeinsamen Stolzes wachrief, imponierte den
meisten, und es fehlte nicht an Zeichen der Anerkennung, die Burda mit
ernster Zurckhaltung entgegennahm. Man wnschte aufrichtig, da er den
Strau siegreich bestehe, wobei man sich freilich nicht verhehlte, wie
schwer dies einem Schorff gegenber sein mchte.

Am nchsten Morgen -- es war an einem Sonntage -- fuhr ich mit Burda
nach dem Hradschin, wohin sich der zweite Sekundant mit dem Wundarzte
schon frher auf den Weg gemacht hatte. Wir wurden von dem
Artillerieoffizier empfangen und in ein gerumiges Zimmer gefhrt, an
dessen Wnden Rapiere, Schlger, Masken und Plastrons hingen. In einer
Ecke hatte man fr alle Flle ein niederes Feldbett aufgestellt;
Eisbecken und Verbandzeug befanden sich in der Nhe. Der Hauptmann des
Generalstabes war bereits anwesend; er prfte, als wir eintraten, eben
die beiden Duellsbel, die auf einem Tische lagen. Auch ein zweiter
Wundarzt war zugegen.

Es dauerte nicht lange, so hrte man den Viererzug Schorffs heranrollen,
und bald darauf erschien dieser in aufrechter Haltung und mit kurzem
Gru in unserer Mitte. Dann reichte er seinen beiden Sekundanten die
Hand und begann sich zu entkleiden.

Als er sein buntgestreiftes Wollhemd ablegte, staunte ich ber die Kraft
und Flle seiner Muskeln, die in auffallender Entwickelung hervortraten.
Mit seinem breiten Nacken und dem gedrungenen Halse, auf welchem ein
verhltnismig kleiner Kopf sa, hatte er etwas vom farnesischen
Herkules, whrend Burda, der nun gleichfalls den Oberkrper entblte,
mit seiner zarten weien Haut, seinen geschmeidigen, etwas weichlichen
Formen an die Bste des Antinous mahnte. Eigentmlich war es zu sehen,
wie jetzt die Gegner einander gegenbertraten und den blichen Gru
austauschten. In den Mienen und Gebrden Schorffs lag Impertinenz, in
jenen Burdas ritterliche Herablassung.

Wir gaben das Zeichen -- und der Kampf begann. Schorff, sein Glas im
Auge, schien die Sache leicht zu nehmen; er glaubte offenbar, da jeder
seiner Hiebe, die er nur so obenhin fhrte, sofort sitzen msse. Aber
hierin irrte er. Burda verteidigte sich mit groer Ruhe und Sicherheit,
die Schorff offenbar berraschte, aber auch reizte, und als er jetzt,
vom Sbel seines Gegners gestreift, leicht am Ohre zu bluten begann,
geriet er in Wut. Mit einem wahren Hagel von gewaltigen Streichen drang
er auf Burda ein, so zwar, da dieser Mhe hatte, standzuhalten und
bereits schwer zu atmen begann. Jetzt markierte Schorff eine Prim,
fhrte aber in der Tat eine Terz, welche so mchtig traf, da sofort auf
der Brust Burdas ein langer, bluttriefender Spalt zum Vorschein kam.

Halt! Halt! schrien die Sekundanten und warfen sich dazwischen. Aber
zu spt. Denn schon war ein gewaltiger Kopfhieb gefolgt. Burda taumelte,
sein Sbel klirrte zu Boden -- und gleich darauf folgte er selbst mit
blutberstrmtem Antlitze nach.

Das ist Mord! rief ich aus. Selbst der Hauptmann war ganz bleich
geworden und stammelte: Aber Schorff, was haben Sie getan?

Dieser drehte sich auf den Hacken um und stie durch die
zusammengepreten Zhne hervor: ^Il l'a voulu!^ Dann wusch er eine
geringe Blutspur von der Wange, kleidete sich an, grte und ging.

Inzwischen hatte man den Schwergetroffenen auf das Feldbett geschafft.
Dort lag er bewutlos und sthnte leise, whrend man die Wunden
untersuchte. Sie schienen derart gefhrlich, da beide rzte, die um
Burda beschftigt waren, den Kopf verloren und erklrten, es sei das
Schlimmste zu befrchten, und sie knnten keine weitere Verantwortung
auf sich nehmen. Der Herr Oberleutnant msse sofort in das Militrspital
gebracht werden. Der eine fuhr auch gleich mit dem Wagen, in welchem wir
gekommen waren, dorthin voraus, um Vorbereitungen treffen zu lassen,
whrend von seiten der Artillerie (in deren Kaserne wir uns befanden)
eine Bahre samt Trgern beigestellt wurde.

Es war eine traurige Rckkehr, die wir jetzt, der ffentlichen
Aufmerksamkeit mglichst ausweichend, nach der sonntglich ruhigen Stadt
antraten. Im Spitale hatte man ein kleines, abgesondertes Zimmer
ermittelt, wohin man nun Burda brachte. Nach der ersten raschen
Untersuchung erklrte der Chefarzt, mit der Brustwunde habe es nicht
viel auf sich, aber die Schdeldecke sei schwer verletzt. Ob und wie
tief der Hieb in das Gehirn eingedrungen, msse noch genauer erforscht
werden, jedenfalls stehe eine hchst gefhrliche Entzndung in Aussicht.
Dies teilte er auch dem Regimentsadjutanten mit, der im Auftrage des
Obersten und in Begleitung anderer Offiziere erschienen war, um
Erkundigungen einzuziehen. Auch von seiten der brigen Garnison, in der
sich die Kunde von dem unglcklichen Ausgange des Duells rasch
verbreitet hatte, zeigte sich lebhafte Teilnahme. Der Doktor aber bat,
man mge jetzt, um jedes Aufsehen zu vermeiden, Nachfragen und Besuche
einstellen; es wrden zur rechten Zeit Nachrichten bermittelt werden.
Da ich zu bemerken glaubte, da ihm auch meine Gegenwart nicht sehr
erwnscht sei, entfernte ich mich gleichfalls, nachdem ich als
besonderer Freund des Verwundeten die Erlaubnis erbeten hatte, gegen
Abend wiederkommen zu drfen.

Als ich am spten Nachmittag das schmale, lngliche Gemach betrat, in
welchem Burda lag, herrschte dort melancholisches Dster. Schon im
Inspektionszimmer hatte ich erfahren, da es schlecht stehe. Er habe
zwar wiederholt die Augen aufgeschlagen und zu sprechen versucht, aber
immer wieder sei er in Bewutlosigkeit zurckgesunken. Nun sah ich ihn
auf dem drftigen Bette, Brust und Haupt mit Eiskompressen bedeckt, die
Augen geschlossen. Ihm zur Seite befand sich ein Wrter, der durch mein
Erscheinen aus jener stumpfsinnigen Langeweile aufgeschreckt wurde, die
ein solcher Dienst mit sich zu bringen pflegt. Er machte mir Zeichen des
Bedauerns, wechselte die Umschlge und sagte dann mit leiser Stimme, er
wolle jetzt frisches Eis holen -- und auch, mit meiner Erlaubnis, sein
Abendbrot einnehmen, das eben jetzt zur Verteilung kommen werde.

Ich war froh, frs erste ungestrt zu sein, und hie ihn gehen. Dann
setzte ich mich in einiger Entfernung von dem Bette nieder und
betrachtete meinen armen Freund, der in der Tat schon wie ein
Sterbender, wie ein Toter aussah. Tiefer Schmerz berkam mich, und dazu
gesellte sich etwas, wie ein Gefhl von Schuld. Htte ich nicht
verhindern knnen, da es so weit gekommen? Htte ich nicht schon lngst
alles anwenden sollen, um ihn, koste es, was es wolle, von seinen
Tuschungen zurckzubringen? Aber htt' ich es, nach allem, was ich an
ihm erfahren -- mit ihm erlebt, auch wirklich vermocht? Wre es
berhaupt mglich gewesen, ihn von seinem Wahne zu heilen? Nein, es war
nicht mglich! Es mute alles so kommen, wie es kam: er war, wie jeder,
dem unerbittlichen Schicksale seiner Natur verfallen. Und doch -- trotz
seiner Schwchen und Mngel, trotz seiner Irrtmer -- welch ein
vortrefflicher Mensch war er! Welche vornehme Seele! Welch tapferes
Herz! Er hatte ein besseres Los verdient ...

Da schien es mir pltzlich, als rege er sich. Und in der Tat, es war so.
Mit leichtem Sthnen schlug er die Augen auf.

Ich trat leise an das Bett und beugte mich ber ihn.

Wer ist -- wer ist da? hauchte er.

Ich hatte alle Mhe, mich zu erkennen zu geben.

Ach du -- du! brachte er mhsam hervor, whrend ein Strahl der Freude
seine bleichen Zge umflog. Ich glaube, ich bin verwundet, fuhr er
fort und machte einen schwachen Versuch, die Hand nach seinem Kopfe zu
bewegen.

Leider, erwiderte ich, und zwar nicht ganz unerheblich. Indessen --
--

Aber wo bin ich denn? fuhr er fort, die Augen mhsam hin und her
bewegend. Das ist ja nicht mein Zimmer --

Allerdings nicht; du bist -- du bist im Spital -- --

Im Spital! wollte er aufschreien, vermochte es aber nicht und chzte
nur: Im Spital -- im Spital -- und wenn jetzt -- -- Er konnte nicht
vollenden; sein Kinn sank zur Brust herab, und er verstummte.

Ich aber wute, was er meinte. Mit der Besinnung war auch jener unselige
Wahn wiedergekehrt. Er hatte sagen wollen: Und wenn jetzt die Prinzessin
von meiner Verwundung erfhrt -- und hierher eilt --

Wo sind meine Kleider? fragte er mit einem Mal hastig, meinen
Gedankengang unterbrechend.

Deine Kleider? Die werden wohl in jenem Schrank sein. -- -- Da sind
sie.

Bitte -- sieh in meinem Rocke nach -- ob sich ein kleines Etui -- darin
findet --

Hier ist es!

Gib! Gib! drngte er.

Ich reichte es ihm. Er war aber nicht imstande, es zu ffnen, und ich
mute es fr ihn tun. Ein vertrocknetes Veilchenbukett lag darin. Er
nahm es in die bleiche, kraftlose Hand, senkte das Haupt und betrachtete
es lange. Dann sagte er mit berraschend leichter und freier Stimme:
Lieber Freund -- du hast mir sehr oft mehr oder weniger deutlich zu
verstehen gegeben -- da ich in einer argen Tuschung befangen gewesen.
Er seufzte tief auf. Mein Gott! Wenn es sich wirklich so verhielte --
wenn alles nur Traum -- Einbildung --

Er verstummte wieder und atmete unruhig.

Es war zu viel! Dieser Strahl von Erkenntnis, der in dieser bangen
Stunde pltzlich in ihm aufleuchtete, war von erschtternder Wirkung.
Ich mute an mich halten, um nicht in Trnen auszubrechen.

Nein! Nein! rief er jetzt, all seine Kraft zusammennehmend, es kann
nicht sein! Diese Veilchen -- das mut du selbst zugestehen -- denn du
weit es -- diese Veilchen sind von _ihr_!

Wer wre so grausam gewesen, es zu bestreiten?

Ja, ja, sagte ich, ich wei es, sie sind von ihr.

Er brachte mit letzter Anstrengung den Strau vor das Antlitz und kte
ihn. Er sollte mir ein Talisman sein -- aber er hat mich nicht
beschtzt.

Seine Hnde sanken herab -- er war wieder bewutlos. Gleich darauf trat
auch der Wrter ein; ich schickte ihn um den diensttuenden Arzt. Dieser,
ein noch sehr junger Mann mit intelligentem, aber etwas barschem
Gesichte, erschien sofort.

Nun? fragte er mit einem Blick auf Burda.

Er war zu sich gekommen, sagte ich.

Hat er mit Ihnen gesprochen?

Ja.

Vernnftig?

Ganz vernnftig, erwiderte ich nicht ohne Verlegenheit.

Und jetzt ist er wieder bewutlos? Er trat an das Bett, langte nach
dem Arme Burdas und fhlte den Puls. Heftiges Fieber. Das ist der
Anfang vom Ende. brigens, wer wei -- vielleicht --

Dieses Vielleicht besttigte sich nicht. Noch in derselben Nacht
verstrkte sich das Fieber, Delirien traten ein; am nchsten Tage
folgten Paroxismen -- und als ich das Krankenzimmer wieder betrat, war
Burda eine Leiche. Bei den letzten traurigen Vorbereitungen, die man in
meiner Anwesenheit traf, suchte ich berall nach dem Veilchenstraue --
doch umsonst: niemand wollte ihn gesehen haben. Man hatte ihn offenbar
in den Kehricht geworfen.

Zum Schlusse machte sich der Zufall, der im Leben Burdas eine so groe
Rolle gespielt, noch einmal geltend. Fast am selben Tage, an welchem
drei Ehrensalven ber das Grab des Verblichenen hinwegdonnerten, war in
den Zeitungen die Nachricht zu lesen, da sich Prinzessin Fanny L... mit
dem Prinzen A... verlobt habe.

Gegen Schorff aber kehrte sich jetzt allgemeiner Unmut, und man
trachtete sogar eine ehrengerichtliche Untersuchung des Falles wider ihn
durchzusetzen. Da jedoch der junge Graf Z... in die Angelegenheit mit
verwickelt erschien, so wurde alles weitere niedergeschlagen und Schorff
blo nach Ungarn zu seinem Regiment versetzt. Einige Jahre spter war er
aus den Listen der Armee verschwunden. Was aus ihm geworden, habe ich
nicht in Erfahrung gebracht.




                          Seligmann Hirsch.


                      Vorwort des Herausgebers.

Mit dem ersten Abdruck des Anfanges der vorigen Novelle sendet der
Dichter am 10. September 1887 aus Schlo Oslavan bei Eibenschtz auch
das Brouillon der unsrigen an die Frstin Marie zu Hohenlohe, die er
vorher im intimsten Kreise der Frstin Salm zu Blansko vorgelesen hatte
und fr die er sich das strengste Geheimnis erbittet. Wenn er von dem
Manuskript schreibt, da es von Unschnheiten und Unrichtigkeiten, was
Sprache und Ausdruck betreffe, wimmle, so lt sich das wohl mit der im
Nachla befindlichen Handschrift in Einklang bringen. Spter hat der
Dichter ber die Entstehungszeit unserer Novelle, wie so oft,
widersprechende Angaben gemacht. Nach seinem Bericht an Stefan Milow
soll sie 1887/88 in Blansko entstanden, nach dem Bericht an Bettelheim
1886 bereits erschienen sein. Mir ist kein frherer Druck bekannt
geworden, als der vom Herbst 1888 in den Schicksalen (1889, Seite
127-193), fr den die Vorlage die noch vorhandene Handschrift bildete,
die schon durch die Paginierung als ein Mittelstck erkennbar ist und
deren Text whrend des Druckes noch manche Abnderungen erfahren hat. In
der zweibndigen Ausgabe der Novellen aus sterreich 1897 (zweiter
Band, Seite 83-127) ist die Chiffre G... in Graz aufgelst, sonst aber
nur wenig mehr gendert worden; die zweite Auflage der Schicksale (o.
J., 1897) beruht auf demselben Satz wie diese Ausgabe. In der zweiten
Auflage der Novellen aus sterreich 1904 (a. a. O.) ist berhaupt nur
mehr die Orthographie und die Interpunktion modernisiert worden.


                                  I.

Die Saison in dem kleinen Kurorte, wo ich auf Anraten des Arztes das
kalte Wasser gebraucht hatte, ging zu Ende. Die defekten
Menschenexemplare, welche sich hoffnungs- und vertrauensselig hier
zusammengefunden: ltere Standespersonen mit eingewurzelten beln,
jngere Lebemnner mit verdorbenen Sften, blutarme, an den Nerven
leidende Damen -- und endlich solche, die in dem anmutigen Tale blo die
Sommerfrische samt allerlei geselligen Zerstreuungen genieen wollten,
waren nach und nach abgezogen. Selbst die letzten Kurgste, die auer
mir, der ziemlich spt eingetroffen war, noch am lngsten ausgehalten:
ein mrrischer Finanzrat, der von heftigen Kongestionen geplagt wurde
und bestndig ohne Kopfbedeckung, zu gewissen Stunden auch ohne
Fubekleidung umherging; eine etwas zweifelhafte Dame aus Wien, die mit
einer hchst auffallenden Toilette die Reste einstmaliger Schnheit zur
Schau trug; ein alter Geck und Bade-Habitu, der ihr den Hof machte --
und ^last, not least^ ein interessanter, am Rckenmarke leidender
Schngeist, welcher in seinem Rollwgelchen der Gegenstand des
allgemeinen weiblichen Mitleids gewesen war, mich aber durch
unausgesetzte literarische Gesprche zur Verzweiflung gebracht hatte:
auch diese vier Standhaften ergriffen jetzt infolge des pltzlich
eingetretenen rauhen Herbstwetters, dem sich sogar ein tchtiger
Schneefall beigesellte, einhellig die Flucht -- und ich blieb allein
zurck. Zwar wurde mir nunmehr das Kurhaus sozusagen vor der Nase
gesperrt, denn der rztliche Leiter der Anstalt hatte schon lngst alle
Vorbereitungen getroffen, um seine winterliche Praxis in der
Landeshauptstadt wieder aufzunehmen. Aber das kmmerte mich wenig. Ich
hatte genug Abreibungen und Einpackungen genossen, infolge deren ich
mich, um die Wahrheit zu bekennen, auch sehr wohl fhlte, und da mir die
Gegend gefiel, so beschlo ich, noch einige Zeit zu verweilen, -- ein
Vorhaben, das von dem Besitzer des Gasthofes zu den Drei Monarchen, wo
ich untergebracht war, mit groer Anerkennung begrt wurde; blieb ihm
doch jetzt wenigstens _ein_ Mensch erhalten, dem er die Rechnung nach
dem blichen Badetarif stellen konnte.

Zudem war, wie ich vorausgesehen, den verfrhten Vorboten des Winters
das herrlichste Wetter, ein wahrer Nachsommer, gefolgt. Klar und blau
spannte sich der Himmel aus, die Bergeshupter schimmerten im milden
Sonnenglanze, und linde Wrme breitete sich ber Flur und Wald, welch
letzterer in seinem bunten Schmuck an die Worte des Dichters erinnerte:

   Wie sanft den Wald die Lfte streicheln,
   Sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln!

Welch ein Genu war es jetzt, in sicherer Einsamkeit zwischen den hohen
Buchen und Fichten dahin zu wandeln! Wie lohnend, eine Anhhe zu
ersteigen, auf den malerisch gelegenen Ort hinab- und in die weite
Gebirgsferne hineinzublicken, ohne durch Ausbrche landlufigen
Entzckens gestrt zu werden! Wie angenehm, auf der Terrasse des
Gasthofes zu frhstcken und statt nachbarlichen Tassen- und
Lffelgeklappers samt obligatem Badeklatsch blo das Rauschen des
Flusses zu vernehmen, der sich unten silberhell durch grne Triften
schlngelte! Es war eben, als trete erst jetzt die ganze Landschaft in
voller, ungetrbter Schnheit hervor. Selbst mein Zimmer, das mir frher
wie die Abteilung eines Taubenschlages vorgekommen, heimelte mich, seit
das Haus leer geworden, ganz wohnlich an. Um es recht bequem zu haben,
mietete ich noch ein anstoendes kleineres dazu -- und so befand ich
mich endlich wieder in dem behaglichen Zustande ttigen Alleinseins, der
mir im Leben stets der erwnschteste gewesen ist.

Eines spten Nachmittags -- ich pflegte um diese Zeit zu essen -- sa
ich, bei Kaffee und Zigarre angelangt, im Speisezimmer des Gasthofes und
vertiefte mich in die Zeitungen, welche eben mit der Post eingetroffen
waren. Die Hngelampe ber dem Billard, das in der Mitte des Raumes
stand, war bereits angezndet, und eine trauliche Stille herrschte, die
nur hin und wieder unterbrochen wurde, wenn drauen in der Schankstube,
wo einige harmlose Kleinbrger in ziemlich schweigsamer Geselligkeit
beisammen saen, ein frisches Glas begehrt und gefllt wurde. Pltzlich
waren von dort her Schritte eines Eintretenden zu vernehmen -- und
gleich darauf eine berlaute, schnarrende Stimme.

Ha! Ha! Noch immer die alte Gesellschaft beisammen! Gr Gott, Herr
Schreinermeister! Und auch Sie, Herr Lederermeister! Willkommen, Herr
Gamilschegg! (Das war der Krmer des Ortes.) Freut mich, Sie alle wieder
zu sehen!

Der Sprecher schien kein Gewicht darauf zu legen, da diese Begrung
offenbar sehr kleinlaut erwidert wurde, und fuhr fort:

Auch die hbsche Cilli noch hier! (Das galt dem Schenkmdchen, welches
nebenbei die Dienste einer Kellnerin verrichtete.) Also noch immer nicht
verheiratet? Und auch an Kurmachern wird es mangeln, seit die Kurgste
fort sind. (Er belachte das Wortspiel sehr laut und selbstgefllig.) Am
Ende werd' ich alter Knabe doch noch aushelfen mssen! Oder sollte gar
Ihre Frau Ursache zur Eifersucht haben, Herr Matzenor? (Damit war der
Hotelwirt gemeint, der eigentlich Matzenauer hie; aber der Ankmmling
schien den Diphthong au bisweilen wie o auszusprechen.) Ich will nicht
hoffen! -- Und wie sieht es denn da drinnen aus? Gewi auch noch alles
auf demselben Fleck!

Schwere, schlurfende Tritte nherten sich der offenen Tr, die in das
Speisezimmer fhrte, und die robuste, breitschulterige Gestalt eines
Mannes zeigte sich, der auf der Schwelle stehen blieb und weit vor sich
hin ausspuckte.

Er mochte ungefhr sechzig Jahre zhlen. Sein fleischiges, gertetes
Gesicht, das buschige Brauen, stark entwickelte Backenknochen und eine
plump geschwungene Nase aufwies, war von einem teilweise ergrauten
Barte, einem sogenannten ^collier grec^ eingerahmt. Auf dem Kopfe sa
ihm, schief und zerknllt, eine phantastische Reisemtze; ein langer
berwurf mit Pelzkragen stand vorne offen und lie abgetragene, nicht
allzu reinlich gehaltene Unterkleider, aber auch eine groe Busennadel
aus Brillanten und eine massive goldene Uhrkette sehen. In der
kurzfingerigen, mit Ringen berladenen Hand hielt er eine ungeheure
Zigarrenspitze aus Bernstein, an welcher er pustend sog, die Fe
steckten in weiten Stiefeln mit Tuchbesatz. Die ganze Erscheinung hatte
etwas Groteskes und dabei Fremdartiges; der Mann sah aus wie ein
Armenier oder Bulgare.

Er rusperte sich und spuckte noch einmal, dann trat er ein. Als er
jetzt meiner ansichtig wurde -- ich sa ziemlich abseits -- stutzte er,
grte jedoch nicht, obgleich er mich, whrend er langsam das Billard
umschritt, mit einem lauernden Seitenblick im Auge behielt. Dann lie er
sich in einiger Entfernung von mir auf einen Stuhl nieder und starrte
mich an. Diese Musterung wurde mir unangenehm; ich kehrte mich zur
Seite.

Nunmehr erhob er sich wieder, langte ein illustriertes Journal herab,
das im Halter an der Wand hing, und begann, nachdem er einen
Nasenklemmer aufgesetzt, mit dem Rcken an das Billard gelehnt, die
Bilder zu betrachten. Nach und nach vertiefte er sich auch in den Text.
Er bewegte dabei nach Art mancher alten Leute die Lippen, gleichsam
jedes Wort im stillen nachsprechend. Allmhlich aber gab er auch ein
Gerusch von sich. Zuerst war es ein dumpfes Gemurmel, dann ein
vernehmbares Buchstabieren -- endlich fing er, gewissermaen in Flu
kommend, mit lauter Stimme zu lesen an. Erst jetzt erkannte ich an der
eigentmlich singenden und gezogenen Aussprache den Juden. Seiner
Redeweise mit anderen, die im ganzen etwas Weltlufiges hatte, konnte
dies nicht entnommen werden; nun aber, da er sich selbst berlassen war,
traten die spezifischen Merkmale hervor. Dabei hatte seine Stimme,
obwohl sie eines gewissen sonoren Klanges nicht entbehrte, doch etwas so
unangenehm Lautes und Eindringendes, da es mir durch Mark und Bein ging
und alle Nerven in Aufregung brachte. Ich konnte nicht lnger an mich
halten und rief: Mein Herr, ich mache Sie darauf aufmerksam, da Sie
nicht allein sind!

Er schrak zusammen und blickte mich mit offenem Munde an. Dann lftete
er mit demtiger Gebrde die Mtze und stammelte: Entschuldigen Sie.
Aber gleich darauf nahm er eine vornehme Haltung an und sagte
herablassend: Ist Ihnen vielleicht die Zeitung gefllig?

Danke. Ich habe das Blatt schon gelesen. Damit drehte ich ihm den
Rcken.

Ich vernahm, wie er das Journal beiseite legte, ein paarmal, wie
unschlssig, am Billard hin und her ging -- dann einen Seufzer ausstie
und behutsam aus dem Zimmer schlich, so zwar, da es mich schon gereute,
ihn derart angelassen zu haben.

Aber drauen in der Schankstube stimmte er sofort wieder seinen
lautesten, jovialsten Ton an. Nun, Herr Matzenor, wie steht's mit dem
Abendessen? Gibt es Forellen?

Leider nicht, Herr von Hirsch. Wie sollte ich jetzt --

Verstehe! Verstehe! Keine Nachfrage in dieser Zeit! Keine Gste! Aber
ein Huhn wird mir die Frau Gemahlin doch einfangen knnen? Was?

Gewi, Herr von Hirsch.

Also ein Huhn! Mit Salat! Es wird wohl auch eine Weile dauern -- ich
gehe indessen hinauf. Adieu, meine Herren! Auf Wiedersehen!

Diese letzten Worte galten jedenfalls der Tischgesellschaft, die sich
aber ganz schweigend verhielt.

Als er sich entfernt hatte, pochte ich an ein Glas, worauf sofort Herr
Matzenauer erschien, der als echt lndlicher Hotelier seine Gste,
soweit es anging, selbst bediente.

Sagen Sie mir doch, wer war denn das? rief ich ihm zu.

Ein Herr Hirsch aus Wien, erwiderte er mit seinem gewohnten,
verschmitzt offenherzigen Lcheln. Kennen Sie ihn nicht?

Den Teufel auch. Wer soll alle Hirsche kennen! Aber was macht er denn
hier?

Er erwartet seinen Sohn, der gegenwrtig mit Familie in Italien ist.
Sie wollen hier zusammentreffen, um dann gemeinschaftlich nach Wien
zurckzureisen.

Und wann wird das sein?

Ja, das wei ich nicht. Etwa in acht Tagen.

Wo haben Sie ihn denn untergebracht?

Auf Nummer 5.

Was? So nahe bei mir?

Es war ohnehin meine Absicht, ihn auf Nummer 12 zu geben; aber er
wollte durchaus sein frheres Zimmer haben.

Sein frheres Zimmer?

Er ist ja ein alter Bekannter. Vor zwei Monaten hat er hier die Kur
gebraucht; gerade als Sie eintrafen, zog er ab. Wo er sich inzwischen
aufgehalten, ist mir nicht bekannt. Wahrscheinlich in Graz. Wenigstens
ist er jetzt von dort gekommen. Aber entschuldigen Sie, ich mu nach der
Kche sehen.

Damit ging Herr Matzenauer lchelnd ab und lie mich in recht bler
Laune zurck. Denn dieser unvermutete Gast legte mir unter allen
Umstnden einen gewissen nachbarlichen Verkehr auf, der mich um so mehr
aus meiner glcklichen Ruhe und Stimmung zu bringen drohte, als der neue
Ankmmling eben kein besonders angenehmer Mann war. Endlich erhob ich
mich und ging auf mein Zimmer. Dort zndete ich die Lampe an und nahm
ein Buch zur Hand. Aber mit dem Lesen ging es nicht; meine Gedanken
schweiften bestndig zu diesem Herrn Hirsch hinber, den ich auch ganz
deutlich in seinem Zimmer rumoren hrte; wahrscheinlich packte er seine
Koffer aus. Und dabei erkannte ich neuerdings, wie dnn die Wnde waren
und erinnerte mich, was ich schon frher unter den verschiedenartigen
Geruschen gelitten hatte, die von allen Seiten zu mir herbergedrungen
waren. In gelinder Verzweiflung trat ich ans Fenster und blickte hinaus,
um zu sehen, ob nicht wenigstens fr heute ein abendlicher Spaziergang
mglich sei. Pfadlose Dunkelheit lag ber der Gegend; ich war also ein
Gefangener. Da fiel mir ein, da ich einige notwendige Briefe zu
schreiben habe, ein Geschft, das ich schon ungebhrlich lange
hinausgeschoben. Zu derlei kann man sich zwingen -- und ich zwang mich.
Als ich mich an den Schreibtisch setzte, verlie mein Nachbar das Zimmer
und stapfte die Treppe hinunter. Nun hatte ich Luft -- und bald war ich
derart in meinen Gegenstand vertieft, da ich mich erst wieder auf die
Umstnde besinnen mute, als nach etwa zwei Stunden Herr Hirsch, von
unserem Wirte geleitet, zurckkehrte.

Also gute Nacht, Herr Matzenor! rief er. Eigentlich wr' es die
Pflicht der Cilli gewesen, mir heraufzuleuchten -- aber Sie sind ein
vorsichtiger Mann! Dabei gab er eine drhnende Lachsalve von sich.

Herr Matzenauer empfahl sich. Herr Hirsch aber schritt im Zimmer auf und
ab, wobei er polternd einige Gegenstnde zurecht schob. Hierauf begann
er eine Arie aus Norma zu pfeifen und in allen Tonarten zu singen.
Endlich trat einige Ruhe ein, und ich glaubte zu erkennen, da er
anfing, sich zu entkleiden; wirklich fielen nach einer Weile seine
schweren Stiefel mit dumpfem Schall zu Boden. Bald nachher folgte ein
lautes, langgedehntes Ah! des Behagens, ein Zeichen, da er sich im
Bett ausgestreckt habe. Rasch entschlossen, bereitete auch ich mich zur
Nachtruhe, schlpfte unter die Decke und blies das Licht aus. Schon lag
ich in halbem Schlafe, als ich pltzlich durch ein entsetzliches Rcheln
aufgeschreckt wurde; es war, als wrde nebenan jemand erdrosselt. Sollte
dem alten Mann etwas zugestoen sein? -- und schon wollte ich aus dem
Bette springen. Aber meine Angst war grundlos. Denn ich hatte bald
erkannt, da jenes Rcheln nur das Prludium eines so krftigen
Schnarchens gewesen, wie ich es im Leben niemals vernommen. In allen
Modulationen erklang es: bald wie der ruckweise, gleichmige Gang einer
Sgemhle, bald in zitternden, gequetschten Gurgel- und Nasenlauten --
bald mit so furchtbarem, langgezogenem Gerassel, als wollte es das
stille, nachtschlafende Haus in seinen Grundfesten erschttern.


                                 II.

Am Morgen stand es bei mir fest: mit diesem Manne konnte ich nicht unter
einem Dache bleiben. Die Frage war nur, was beginnen? Aber hatte ich mir
denn nicht schon lngst vorgenommen, einmal nach Graz zu fahren? Ich
mute mich ja mit manchem Notwendigen, vor allem mit gewissen Bchern,
versorgen, die ich in jener Stadt aufzutreiben hoffte. Auch fiel mir
jetzt ein, da dort einer meiner Verwandten lebe, den aus solcher Nhe
aufzusuchen, eigentlich meine Pflicht war. Ich konnte mich ja mehrere
Tage, konnte mich eine Woche ferne halten -- und bis dahin wrde Herr
Hirsch wohl abgereist oder doch wenigstens nicht lange mehr hier sein.
Also nach Graz! Ich beeilte mich, diesen rettenden Gedanken mit
Bentzung des nchsten Bahnzuges zur Tat zu machen, kleidete mich,
whrend mein Nachbar noch hrbare Schlummertne von sich gab, rasch an
und begab mich zum Frhstck hinunter, wobei ich meinen Entschlu Herrn
Matzenauer ankndigte.

Was? rief dieser betreten. Sie wollen fort? Doch nicht etwa wegen des
Herrn Hirsch?

Allerdings.

Das sollten Sie nicht. Lernen Sie ihn nur erst nher kennen. Er hat
zwar seine Eigenheiten -- ist aber ein ganz gemtlicher alter Mann.

Er schnarcht wie ein Br.

Daran wrden Sie sich bald gewhnen. Auch knnten Sie ja ein anderes
Zimmer nehmen.

Das ist mir zu umstndlich, sagte ich kurz abweisend.

Nun, ich meinte ja nur. Sie begreifen, wie leid es mir tut, Sie zu
verlieren; ich hatte gehofft, da Sie ber Neujahr bleiben wrden. Wenn
Sie brigens wirklich wieder kommen -- --

Gewi komme ich wieder. Ich lasse ja meine Sachen zurck und nehme nur
das Notwendigste mit. Ich htte mich jedenfalls auf kurze Zeit nach Graz
begeben, denn ich habe dort zu tun. Erwhnen Sie daher Herrn Hirsch
gegenber nichts; ich mchte nicht gerne jemanden verletzen.

Nach einer halben Stunde fuhr ich mit Plaid und Handkoffer ab.

                   *       *       *       *       *

Als ich wieder eintraf war meine erste Frage:

Nun, ist er fort?

Noch immer nicht, erwiderte Herr Matzenauer verlegen und berdies
sichtlich verstimmt. Er hat einen Brief von seinem Sohn erhalten, worin
dieser mitteilt, da er sich noch einige Tage in Venedig aufzuhalten
gedenke.

Das war vorauszusehen! rief ich rgerlich. Aber was haben Sie denn?
Sie machen ja ein ganz saueres Gesicht.

Herr Matzenauer kratzte sich leicht am Hinterhaupte.

Ich will Ihnen nur gestehen, sagte er, da es mir jetzt auch schon zu
viel wird.

Wieso?

Nun sehen Sie: ich bin Hotelbesitzer, und als solcher mu ich auf
Gewinn bedacht sein. Daher war mir auch das Erscheinen eines neuen
Gastes sehr angenehm. Herr Hirsch ist ein reicher Mann -- oder vielmehr
sein Sohn ist es -- und der Alte lt viel aufgehen. Aber er macht auch
die unglaublichsten Ansprche. Alle erdenklichen Mbel will er in seinem
Zimmer haben; kein Stuhl ist ihm weich, kein Bett lang und breit genug,
fast tglich mu irgend ein Umtausch getroffen werden. Und jederzeit
sollen Leckerbissen da sein. Die sind aber auf dem Lande -- und nun gar
fr eine Person -- schwer zu beschaffen; in erster Linie kosten sie
Geld. Infolgedessen findet Herr Hirsch, der bei allem Wohlleben mit dem
Kreuzer knickert, die Rechnung immer zu hoch beziffert. Meine Frau will
schon gar nicht mehr fr ihn kochen, weil ihm kaum eine Speise recht
zubereitet ist; ich mu mich rein aufs Bitten verlegen.

Hm --

So anspruchsvoll war er doch im Sommer nicht. Freilich hatte er da eine
gewisse Dit zu befolgen -- auch mute er sich der anderen Gste wegen
Zwang auferlegen; denn er hatte noch das Kurhaus in frischer
Erinnerung.

Das Kurhaus?

Herr Matzenauer errtete leicht.

Ich hab' es Ihnen frher verschwiegen -- aber jetzt sollen Sie's
wissen. Er hatte sich bei der ganzen Badegesellschaft unleidlich
gemacht. Jedermann wich ihm aus, besonders die Damen -- und schlielich
wollte man ihn nicht einmal mehr am Kurhaustische dulden. Da hat er sich
zu mir geflchtet, damit er doch etwas zu essen bekommt.

Sehen Sie wohl! Aber was hilft's? fuhr ich resigniert fort. Man mu
Geduld haben. Er wird doch nicht ewig hier bleiben.

Das hoff' ich auch. Wenn er mir nur nicht die paar Stammgste aus der
Schankstube vertreibt. Ich mu sie jetzt im Winter doppelt schtzen. Es
sind stille, ernsthafte Leute, und seit die Abende lnger geworden,
machen sie gern unter sich eine Tarockpartie. Herr Hirsch aber, der sich
zu Tod langweilt und berdies aufs Spiel versessen ist, wie der Teufel,
mchte immer mithalten. Die anderen wollen jedoch durchaus nicht; man
hat hier zu Lande noch immer eine gewisse Antipathie gegen die -- Sie
verstehen mich. Und berhaupt wollen sie mit keinem Fremden spielen. Das
aber knnen sie ihm doch nicht verwehren, da er sich zu ihnen setzt und
dem Spiel zusieht. Und wenn er sich ruhig verhielte, mcht' es immerhin
sein. Aber er macht in einem fort Bemerkungen und Ausstellungen; dabei
werden die Leute konfus und rgern sich. Erst vorgestern sagte der
Tischler, der nicht gerade der Feinste ist, zu mir: Sie, Herr
Matzenauer, wenn Sie uns den alten Juden nicht vom Tisch halten, so
wandern wir in die Sonne aus. -- Denken Sie nur, in die elende Kneipe am
untersten Ende des Platzes! Hierauf hab' ich dem Hirsch die Sache sehr
deutlich zu verstehen gegeben -- aber am nchsten Tage sa er schon
wieder dort. Am Ende kommt es noch zu einem Skandal.

Mit diesem Ausruf schlo Herr Matzenauer seine Auseinandersetzungen und
entfernte sich eilig, da drauen nach ihm verlangt wurde.

Ich aber blieb bei dem Glase Bier sitzen, das ich mir bei meiner Ankunft
in das Speisezimmer hatte bringen lassen. Der Tag neigte sich dem Abend
zu. Die letzten Strahlen der Novembersonne fielen schrg durch die
Scheiben auf den Fuboden des Gemaches; im Ofen flackerte, der
Jahreszeit angemessen, ein leichtes Feuerchen; aus der Schankstube
herein tnte das Ticken der Schwarzwlderuhr -- und hin und wieder ein
Wort, ein Ausruf, welcher samt leisem Kartengerusch anzeigte, da die
Winterstammgste bereits mit einer nachdenklichen Tarockpartie begonnen
hatten. Dies alles heimelte mich wieder ganz traulich an, und nur das
Bewutsein, da Herr Hirsch noch immer im Hause sei, lie kein volles
Behagen in mir aufkommen.

Da vernahm ich, wie er drauen eintrat.

Aha! Die Spielratten schon beisammen! Glck auf, Herr Gamilschegg! Sie
haben gestern Pech gehabt. Aber Sie haben auch miserabel gespielt.
Warten Sie, heute setz' ich mich zu Ihnen. Da wird es gleich besser
gehen!

Der Ortskaufherr murmelte etwas, das ich nicht verstehen konnte. Herr
Hirsch aber rckte sehr hrbar einen Stuhl heran, whrend das Spiel
seinen Fortgang nahm. Und es dauerte nicht lange, so begann er Kritik zu
ben.

Aber warum denn eine Farbe, Herr Gamilschegg? Tarock htten Sie bringen
sollen. Also jetzt Tarock! Nicht so nieder -- hher! hher!

Sie machen mich ja ganz irre, Herr von Hirsch -- --

Nichts da! Nur fort so -- Tarock und wieder Tarock!

Sie haben leicht raten, Herr Hirsch, warf eine brummige Stimme ein,
die offenbar dem Tischler angehrte. Sie sehen ja in alle Karten!

Wie heit sehen? rief Hirsch, bei dem sich im Eifer spezifische
Anklnge geltend machten. Nichts seh' ich! Gar nichts! -- So, Herr
Gamilschegg! Und jetzt den Scs drauf! Gewonnen! Was hab' ich gesagt?

Die Karten wurden gemischt und von neuem umgegeben. Aber Herr
Gamilschegg schien wieder nicht zur Zufriedenheit seines Mentors zu
spielen; denn dieser erschpfte sich in Verweisen und Ratschlgen. Das
dauerte noch eine Weile; endlich schien es den anderen zu viel zu
werden. Karten wurden auf den Tisch geworfen, und gleich darauf
erdrhnte die vorige Stimme: Entweder Sie halten Ihr Maul -- oder wir
hren zu spielen auf!

Einen Augenblick war es still. Auf solche Worte zeigte sich Herr Hirsch
zweifelsohne nicht vorbereitet. Endlich stammelte er: Seien Sie doch
nicht so grob, Herr Schreinermeister.

Grob oder nicht. Wir brauchen niemand, der uns bestndig dreinred't!

Dreinreden? Ich rede ja gar nicht darein!

Gewi, Sie stren das Spiel, Herr von Hirsch, warf der Krmer sehr
artig, gleichsam als Entschuldigung ein.

Ich meinte es ja gut! Ich habe Ihnen helfen wollen -- --

Das ist nicht notwendig! donnerte der Tischler. Der Herr Gamilschegg
wei selbst, wie er zu spielen hat. Und kurz und gut: Schauen Sie, da
Sie weiter kommen, sonst zeigen wir Ihnen, wo die Tr ist.

Auf diese Tathandlung wollte es der so roh Zurechtgewiesene jedenfalls
nicht ankommen lassen, denn er erschien sofort im Speisezimmer, bleich,
mit schlotternden Knien. Er wankte mhsam bis zu einem Stuhl, der in der
Nhe des Fensters stand, sank darauf nieder und bedeckte sein Antlitz
mit den beringten Hnden.

Gott, du Gerechter! Nirgends will man mich dulden -- berall stt man
mich weg -- was soll ich tun, was soll ich beginnen, ich armer,
geschlagener Mann!

Dieser halblaute Ausbruch eines tiefen, verzweiflungsvollen Schmerzes
hatte etwas Ergreifendes. Ich war, um es offen zu bekennen, der
dramatischen Szene, die sich nebenan abgespielt, nicht ganz ohne
Schadenfreude gefolgt; nun aber schlug diese sofort in Mitleid um. Ich
machte eine Bewegung.

Jetzt erst gewahrte er mich und sah mich lange mit steigender
Aufmerksamkeit an; er wollte offenbar Erinnerungen sammeln, was ihm aber
nicht zu gelingen schien. Endlich stand er auf, nherte sich mir und
sagte ohne jegliches Zeichen der Beschmung oder Verlegenheit, nur im
Tone einer vorwurfsvollen Anklage: Haben Sie gehrt, wie man mich da
drauen behandelt hat?

Leider hab' ich es hren mssen. Aber nehmen Sie die Sache nicht zu
schwer. Sie htten sich mit diesen Leuten gar nicht einlassen sollen.

Da haben Sie recht! Es ist gemeines Volk. Aber ich bin nun einmal ein
vorurteilsloser Mann und kenne keine Standesunterschiede -- obgleich ich
allen Grund htte, solche zu machen. Denn ich habe im Leben mit den
hchsten Persnlichkeiten verkehrt -- und erst unlngst bei einer
Whistpartie assistiert, an welcher ein General und zwei Hofrte
teilgenommen.

Desto vorsichtiger htten Sie sein sollen.

Richtig! Ganz richtig! Vorsichtig htte ich sein sollen! Leider, leider
bin ich es nie gewesen! -- Aber mit wem habe ich eigentlich die Ehre, zu
sprechen? fuhr er fort, indem er pltzlich eine stolze Haltung annahm.

Ich nannte meinen Namen.

Er sah nachdenklich in die Luft und schttelte dann den Kopf, um
anzudeuten, da er diesen Namen niemals gehrt habe.

Und sind Sie von hier?

Nein.

Und von wo, wenn ich fragen darf?

Aus Wien.

Aus Wien! rief er laut und breitete die Arme aus, als wollte er mich
ans Herz drcken. Aus Wien! Da kennen Sie gewi meinen Sohn!

Ich habe nicht die Ehre.

Was? Sie kennen den Hirsch nicht? Den Ritter von Hirsch? Grohndler --
Direktor der *Bank? -- Aber Sie sind wohl nicht von der Geschftswelt?

Nein, ich bin nicht von der Geschftswelt.

Und was sonst, wenn ich mir erlauben darf?

Ich privatisiere. Diese Antwort hatte ich schon ganz anderen Leuten,
als Herrn Hirsch, erteilt.

Ah so! Ah so! Und was machen Sie denn hier?

Ein Landaufenthalt -- --

Ein Landaufenthalt? Um diese Zeit? Bei beginnendem Winter? Seltsamer
Geschmack! Wenn ich mit meinem Sohn, der gegenwrtig in Venedig ist,
nicht hier ein Rendezvous htte, wrde mich dieses Nest nicht mehr zu
Gesichte bekommen haben. Und dann ganz pltzlich: Spielen Sie Karten?

Niemals!

Was? Ein Wiener -- und nicht Karten spielen? Schmen Sie sich! Aber
doch Billard? Wie?

Nun ja, hin und wieder -- wenn sich's gerade trifft -- --

Schn! Da knnen wir uns gleich unterhalten! Und er rannte auf das
Billard los.

Ich wollte Einwendungen erheben.

Nein! Nein! Sie drfen es mir nicht abschlagen! Sie _mssen_ mit mir
spielen! Und da ich immer noch keine rechte Bereitwilligkeit zeigte,
fuhr er in flehendem Tone fort: Ich bitte, spielen Sie mit mir!

In Gottes Namen! Fnf Partien.

Bravo! Fnf Partien! Aber wir mssen Licht haben -- es wird schon ganz
dunkel. Herr Matzenor! Herr Matzenor! Und als dieser in
dienstfertiger Eile erschien: Znden Sie die Lampe an! Ich werde mit
diesem Herrn Billard spielen! Er war offenbar in gehobenster Stimmung
und hatte den unangenehmen Vorfall bereits vollstndig vergessen.

Herr Matzenauer sah mich erstaunt an, machte Licht und begab sich in die
Schankstube zurck, aus der sich die Gste inzwischen entfernt zu haben
schienen.

So, nun knnen wir beginnen, rief Herr Hirsch, einen Kugelstab aus der
Lade ziehend. Whlen Sie nur eine gute Queue -- das ist die Hauptsache.
Ich gebe Acquit. Und nun zeigen Sie, was Sie knnen.

Da werden Sie nicht viel sehen. Ich bin ganz aus der bung.

Bescheidenheit! Pure Bescheidenheit! Ich bin berzeugt, da Sie
vortrefflich spielen. Aber an mir sollen Sie Ihren Meister finden.

Daran zweifle ich nicht, erwiderte ich, den ersten Sto vollfhrend.

Ausgezeichnet! Sehen Sie, wie Sie es treffen! Aber geben Sie acht, nun
komme ich!

Damit legte sich Herr Hirsch mit der ganzen Wucht auf das Billard und
zielte lange. Da er aber zu tief ansetzte und bermig stark zustie,
so sprang der Ball in die Hhe und ber den Rand hinaus.

Oho! Nicht geschmiert! Wo ist die Kreide? Wer schlecht schmiert, fhrt
schlecht! Er lachte laut ber den abgedroschenen Witz.

Die Partie nahm ihren Fortgang. Herr Hirsch lobte mein Spiel
berschwenglich, suchte mich aber stets durch prahlerisch angekndigte
Kunstste zu berbieten. Da jedoch diese fast durchgehends milangen,
so kam es, da ich zuletzt Sieger blieb. Als ich jetzt die Queue aus der
Hand legen wollte, gab dies mein Gegner nicht zu. Er knne sich nicht
berwunden geben, sagte er, und es mten noch fnf Partien gespielt
werden. Ich machte gute Miene, da ich mich aber bereits entsetzlich
langweilte und infolgedessen sehr unaufmerksam spielte, so gewann
diesmal Herr Hirsch.

Und jetzt die Meisterpartie! rief er.

Was?

Gewi! Nunmehr stehen wir gleich; eine letzte Partie mu den Ausschlag
geben.

Es kam mir nicht mehr darauf an, und um wirklich ein Ende zu machen,
lie ich ihn gewinnen.

Sehen Sie, rief er strahlend vor Triumph, ich hab' es Ihnen
vorausgesagt! -- Aber nun wollen wir soupieren! Sie werden wohl auch zu
Abend essen und mir erlauben, da ich mich an Ihren Tisch setze.

Ich konnte nichts dagegen haben und lie es geschehen, da er den Wirt
herbeirief.

Herr Matzenor, ich werde mit diesem Herrn soupieren! Was Sie mir zu
bringen haben, wissen Sie. Auch eine kleine Flasche Bordeaux!

Da ich in Graz sehr frh zu Mittag gegessen hatte, bestellte auch ich
etwas.

Als wir an dem frischgedeckten Tisch saen, fllte Herr Hirsch sein
Spitzglas und hob es, mir zutrinkend, empor.

Auf unsere Bekanntschaft! sagte er mit Emphase. Pltzlich aber hielt
er inne und blickte mich starr an. Seltsam! Ich mu Sie doch schon
irgendwo gesehen haben.

Gewi߫, erwiderte ich lchelnd. Vor acht Tagen auf demselben Platze.

Im Antlitz des Herrn Hirsch vollzog sich eine unbeschreibliche
Vernderung; es ging sozusagen aus den Fugen. Das waren _Sie_?
stammelte er. Dann verstummte er, und seine Unterlippe sank herab. Mit
einemmal aber lachte er laut auf, stemmte die Hnde in die Seiten und
rief: Was haben Sie damals von mir gedacht?

Ich zuckte ausweichend die Achseln.

Nein, nein! Nur heraus damit! Sie haben sich gedacht: dieser Mann hat
keine Lebensart.

Nun -- wenn Sie selbst -- --

Nicht wahr, ich hab' es getroffen? O, ich wei, ich wei! Man glaubt
das allgemein von mir. Aber ich sage Ihnen, ich _habe_ Lebensart -- ich
_mu_ Lebensart haben, denn ich bewege mich in Wien in der feinsten
Gesellschaft. Auf dem Lande freilich, in der Fremde, la ich mich
gehen. Wie um diese Behauptung zu erhrten, fuhr er mit dem Messer in
einen kleinen Berg von Kaviar, den man ihm auf einem Schsselchen
vorgesetzt hatte, und fhrte die Spitze zum Munde. Ausgezeichnet!
Echter Astrachan! Davon mssen Sie kosten! Ich habe ihn eigens fr mich
kommen lassen. Aber so versuchen Sie doch!

Ich wollte ihn nicht verletzen und nahm ein bichen von dem grokrnigen
Roggen, der in der Tat vortrefflich war.

Sie sind ein Feinschmecker, sagte ich.

Ja, das ist meine Schwche -- meine einzige Schwche. Wenn Sie so lange
leben, wie ich, werden Sie gleichfalls dahinter kommen, da ein guter
Bissen der reellste Genu ist. Und ich kann's vertragen. Meine Verdauung
lt nichts zu wnschen brig. Fr wie alt halten Sie mich?

Etwa sechzig --

Fehlgeschossen! Weit fehlgeschossen! Siebzig, sage ich Ihnen, siebzig!
Zweiundsiebzig! Ja, man sieht es mir nicht an. Ein wenig Gicht in den
Beinen -- im brigen bin ich vollkommen gesund und nehme es noch mit
manchem Jungen auf. -- Aber nun raten Sie, was ich mir nach dem Kaviar
bestellt habe?

Nun, was denn?

Wildschwein! Kstliches Wildschwein, das ein benachbarter Frster in
die Kche geliefert hat. Es ist jetzt gerade die Zeit. Sie sehen mich
an? Sie lachen? Sie wundern sich, da ich als Jude derlei esse.

Daran habe ich gar nicht gedacht.

Sie haben! Sie haben! Aber Sie sehen keinen Orthodoxen vor sich --
obgleich ich in Galizien unter solchen aufgewachsen bin. Ich war seit
jeher ein Freidenker, ein Aufgeklrter, und habe deswegen in frherer
Zeit -- jetzt ist es freilich ganz anders -- manches rgernis erregt.
Und nun gar bei meiner Frau! Die war -- Gott lasse sie ruhen -- in
solchen Dingen von einer Strenge -- eine wahre Chassidim! Etwas zu
genieen, was gegen die Speisegesetze verstie, erschien ihr als das
grte Verbrechen. Seligmann, sagte sie oft zu mir, wenn ich in dieser
Hinsicht gesndigt hatte, Seligmann -- so heie ich nmlich -- du bist
ein Abtrnniger! Und erst am Sabbat! Da hatt' ich meine Not. Keine
Pfeife durfte ich mir anznden -- damals rauchte man noch aus Pfeifen
--, keinen Brief durfte ich schreiben -- nicht einmal lesen. Aber dabei
war sie eine prchtige Frau, wie man heutzutage keine mehr findet. Und
von einer Schnheit! Geweint hab' ich, geweint wie ein Kind, als man ihr
am Hochzeitstag die tiefschwarzen Haare abschnitt. Welch ein Unsinn!
Aber damals ging es nicht anders. Ja, das war eine Frau, meine Gittel!
Er versank in sich und seine Augen wurden feucht.

Jetzt erschien der Eberbraten. Herr Hirsch blickte empor. Nun? Sieht
das nicht appetitlich aus? Nehmen Sie doch auch ein Stckchen! Und
trotz meiner Einwendungen legte er mir eine Schnitte auf den Teller und
fuhr, whrend er behaglich zu schmausen anfing, fort: Es ist seltsam,
wie sich manchmal die Dinge fgen. Ich habe eine eingefleischte Jdin
zur Frau gehabt, obgleich ich selbst, wie schon gesagt, niemals ein
besonders guter Jude gewesen bin. Mein Sohn ist es viel mehr als ich --
und sehen Sie, der hat wieder eine Frau, die sich ihres Judentums
schmt. Sie stammt aus sehr feinem, vornehmem Hause -- und gebildet ist
sie -- gebildet! Alle Sprachen spricht sie -- und Bcher liest sie, von
denen wir beide keine Ahnung haben. Aber sie ist auch eitel, sehr eitel!
Alles, was in Wien irgendwie hervorragt, soll sich in ihrem Hause
versammeln: Staatsmnner, Gelehrte, Knstler und Schriftsteller. Und die
meisten kommen auch -- obgleich man noch immer sehr gegen uns
eingenommen ist -- und diejenigen, die es nicht merken lassen wollen,
sind es am meisten. Alle diese Leute erscheinen wohl im Salon, setzen
sich auch nicht ungern an die Tafel -- sobald sie aber wieder drauen
sind, schtten sie sich schon auf der Treppe gegen die Juden aus. Ich
wei das. Und auch meine Schwiegertochter wei es, obwohl sie es sich
nicht eingestehen will. Daher fhlt sie sich im geheimen verstimmt,
gedemtigt. Und mein Sohn liebt sie. Fabelhaft ist es, wie er sie liebt.
Zehn Jahre sind sie schon verheiratet -- und noch immer ist er so
feurig, so voll Anbetung, wie am ersten Tage. Und sie ist nichts weniger
als schn. Geist hat sie freilich -- Geist und Energie. Sie wird es
dahin bringen, da sich mein Sohn taufen lt -- oder wenigstens die
Kinder, damit sie nicht mehr als Hebrer in der Welt herumlaufen.

Und wre Ihnen dies sehr unerwnscht?

Unerwnscht? Mir? Mein Gott, Sie wissen ja, da ich kein Fanatiker bin,
und schon vor Jahren hab' ich es zum Entsetzen der Gemeinde
ausgesprochen, da uns allen schlielich nichts anderes brig bleiben
wird. -- Und selbst wenn es mir nicht recht wre, was knnt' ich dagegen
tun? Man mu seine Kinder gewhren lassen. Er seufzte und schob
nachdenklich den Teller beiseite.

Haben Sie mehrere Kinder? fragte ich nach einer Pause.

Gehabt! Gehabt! Im ganzen waren es vier; zwei davon sind schon in
frher Jugend gestorben. Nur dieser Sohn ist mir geblieben -- und eine
Tochter. Er schwieg eine Zeitlang, dann fragte er pltzlich: Kennen
Sie den Knig Lear von Shakespeare? (Er sprach _Liar_ und _Schikispir_
aus.)

Ja -- ich kenne das Stck.

Nun also, ich bin auch so ein Knig Liar! Doch nein, fuhr er mit
hastiger Einschrnkung fort, Sie drfen nicht glauben, da meine
Tochter eine Recha oder Gonowril ist -- aber sie ist auch keine Ophelia.
Ich will Ihnen die Sache erklren. Er lehnte sich weit zurck und fuhr
nach einer Pause fort: Wie Sie mich da vor sich sehen, bin ich ein
armer Mann. Das heit, wie man's nimmt -- ich habe, was ich brauche.
Aber ich bin einst ein reicher, sehr reicher Mann gewesen. Und das
zweimal. Das erstemal in Polen. Ich stand dort mit dem ganzen Adel in
Verbindung, der meine Hilfe in Anspruch nahm, wenn er sich in
Verlegenheit befand. Und da war ich zu gutmtig; ich konnte nichts
abschlagen -- und so verlor ich fast mein ganzes Vermgen. Mit dem Rest
ging ich samt den Kindern -- meine Frau war inzwischen gestorben -- nach
Wien. Sie knnen sich keinen Begriff machen, wie schwer es damals fr
unsereinen war, dort Fu zu fassen. Aber es gelang mir. Ich knpfte nach
und nach Geschftsverbindungen an -- und wurde wieder der reiche Hirsch.
Mit der Zeit war meine Sarah -- das ist die Tochter -- mannbar geworden.
Eine Schnheit, sag' ich Ihnen! Freilich ganz anders als die Mutter --
aber eine Schnheit. Die heutigen Maler, die immer nur Weiber mit roten
Haaren malen, wrden sich um sie gerissen haben. Gefrbtes Haar kommt
jetzt sehr hufig vor; aber das ihre war von Natur rotes Gold, und
aufgelst, fiel es wie eine Schleppe zu Boden. Nun besa ich einen
Geschftsfreund, der hie Mandel -- ein sehr wohlhabender Mann,
wohlhabender als ich. Der hatte einen Sohn, und dieser verliebte sich
natrlich sofort in die Sarah. Eines Tages kommt der alte Mandel zu mir
und sagt: >Hren Sie, Hirsch, geben Sie Ihre Tochter meinem Sohn. Ich
werde ihm kaufen ein Gut in Ungarn -- das war schon nach dem Jahre
Achtundvierzig -- und Ihre Sarah kann werden eine Schlofrau.< Ich sagte
nicht ja, ich sagte nicht nein. Die Partie war gut, sehr gut -- aber der
junge Mandel gefiel mir nicht. Er war mir zu unansehnlich, zu hlich --
mit Respekt zu melden, eine wahre Vogelscheuche. Ich rief mir also die
Sarah und sagte: >Sarah, sagt' ich, der junge Mandel hat um dich
geworben. Ich rede dir nicht zu. Nimmst du ihn, so nimmst du ihn, wenn
nicht, nicht.< Nun hatte ich erwartet, da sie die Hnde ber dem Kopf
zusammenschlagen und aus dem Zimmer laufen wrde. Aber nichts da! Sie
erwiderte ganz ruhig: >Warum soll ich den jungen Mandel nicht nehmen,
Vater? Ich nehm' ihn.< Bald darauf war Hochzeit, eine glnzende
Hochzeit. Ich aber drckte mich dabei in ein Nebenzimmer, denn ich
schmte mich, da meine Tochter einen solchen Untham zum Mann genommen,
whrend die andern glaubten, ich htte mich zurckgezogen, um im stillen
Freudentrnen zu vergieen wegen der reichen Heirat. Und so haben mich
die Menschen niemals verstanden -- niemals! Er ri bei diesen Worten
mit heftiger Armbewegung eine Zigarrendose aus der Brusttasche und
schickte sich zu rauchen an.

Nachdem er einige mchtige Wolken von sich geblasen, fuhr er fort: Mit
dieser Hochzeit begann wieder mein Unglck. Denn bald darauf erlitt ich
Verluste -- ungeheure Verluste. Die Brse! Die Brse! Was sollte ich
beginnen? Ich war ein Bettler und schmte mich, auf die Strae zu gehen.
Mein Sohn, der nun fr sich selbst sorgen mute, trat, obgleich er eben
die Jura absolviert hatte, in ein Wollgeschft -- und ich, -- nun, ich
begab mich zu meiner Tochter nach Ungarn. Empfangen haben sie mich dort
sehr anstndig -- sehr, das mu ich sagen. Aber es dauerte nicht lange,
so nahm die Sache eine schiefe Wendung. Ich bin seit jeher ein ttiger
Mann gewesen und kann nirgends so ganz mig zusehen. Ich wollte daher
meinem Schwiegersohne bei Verwaltung des Gutes an die Hand gehen; denn
ich hatte in Polen allerlei Einblicke in die Landwirtschaft bekommen.
Meine Tochter aber legte sich sofort ins Mittel. >Reden Sie doch< --
damals sagten die Kinder noch Sie zu mir -- >reden Sie doch dem Aladar<
-- eigentlich heit er Aron -- >nicht darein, lieber Vater; Sie sind ein
Schlemihl.< Das tat mir weh -- von meinem eigenen Fleisch und Blut. Aber
recht hatte sie! Ich _war_ ein Schlemihl. Also schwieg ich und kmmerte
mich um nichts mehr. Doch was sollte ich den ganzen geschlagenen Tag in
dem den Schlosse auf der ungarischen Puta? Ich suchte zuweilen ein
nahe gelegenes Stdtchen auf, wo sich die Landedelleute aus der Umgebung
in einem Kaffeehause zusammenzufinden pflegten. Dort wurde, besonders an
Markttagen, stark gespielt. Ich war nicht ganz ohne Mittel, denn mein
Sohn verdiente bereits und schickte mir von Zeit zu Zeit, was er
entbehren konnte -- und so hielt ich mit. Aber das Unglck verfolgte
mich nun einmal -- ich verlor -- bis ich endlich eine Spielschuld auf
mir sitzen hatte. Nicht allzu hoch, aber zahlen konnt' ich sie nicht und
mute mich, wenn auch ungern, in meiner Verlegenheit an Sarah wenden.
Sie hatte zwar von mir eine ansehnliche Mitgift erhalten; aber ich
wute, da sie seit jeher geizig war, sehr geizig. >Wozu brauchen Sie zu
spielen, Vater? Diesmal will ich Ihnen das Geld geben, aber spielen
drfen Sie nicht mehr; Sie sind jetzt ein armer Mann.< Das war das
Zweite. Aber recht hatte sie: ich _war_ ein armer Mann. Rhrte also
keine Karte mehr an. Doch dabei blieb's nicht. Es kam zum Vorschein, da
ich zu whlerisch im Essen und Trinken sei, und als ich eines Tages
zufllig ein wenig hustete, hie es: >Sie rauchen zu viel, Vater. Warum
rauchen Sie so viel? Es wird Ihnen schaden.< Ich verstand den Wink --
und der ri den Faden entzwei. Denn wer mir meine Zigarre nimmt, der
nimmt mir mein Leben. Ich erwiderte nichts, obgleich mir das Herz
zerspringen wollte; am nchsten Tage aber reiste ich ab und lie Sarah
mit ihrem Aladar allein. Denn Kinder haben sie nicht.

Er war bei dieser Erzhlung in Aufregung geraten und als er jetzt
schwieg, atmete er heftig. Die geliebte Zigarre war ihm ausgegangen,
aber er machte keinen Versuch, sie wieder anzuznden, und blickte starr
vor sich hin. Fast knnte man sagen, fuhr er nach einer Weile mit
tonloser Stimme fort, auf diese Weise straft sie Gott. Denn auch meine
Tochter ist eine echte Jdin: sie krnkt sich, da sie unfruchtbar
geblieben.

Ich wollte ihn ermuntern und sagte: Dafr erleben Sie ja, wie es
scheint, an ihrem Sohne um so grere Freude.

Er sah betroffen empor. An meinem Sohne? O ja! Gewi! Mein Sohn ist ein
edler Mensch -- von _dem_ kann ich haben, was ich will. Aber -- er warf
sich dabei in die Brust -- er ist mir auch Dank schuldig. Ich habe an
seiner Erziehung nichts gespart und ihm sogar einen Hofmeister gehalten.
Wie schon gesagt, er ist Jurist und htte, wie mancher andere, in
Staatsdienste treten -- htte Karriere machen knnen. Im vorigen Jahre
wollte man ihn um jeden Preis in den Reichsrat whlen. Aber er hat es
vorgezogen, ganz und gar Kaufmann zu bleiben. Und als solcher ist er
einzig. Seine Kombinationen, seine Unternehmungen gehen ins Groartige.
Er ist bereits Millionr.

Ich gratuliere. Und Sie leben bei ihm in Wien?

Natrlich! Natrlich! Das heit, ich habe bei ihm gelebt. Aber da war
wieder die Schwiegertochter der Stein des Anstoes. Sie begreifen: die
doppelte Eifersucht der Gattin und Mutter. Die Frau wei, welche Stcke
mein Sohn auf mich hlt -- und dann die Enkel! Ach, wenn Sie meine Enkel
kennen wrden! fuhr er mit aufleuchtenden Augen fort. Ein Knabe und
ein Mdchen. Wahre Engel! Besonders die Kleine, die Jenny -- sieben
Jahre ist sie alt. Reizend, sage ich Ihnen, reizend! Und ihren alten
Grovater lieben sie abgttisch! Da gab es denn immer Neid und
Zwistigkeiten im Hause -- so da ich es endlich vorzog, fr mich allein
zu wohnen. Aber ganz in der Nhe, ganz in der Nhe; ich kann jeden
Augenblick -- Er brach pltzlich ab, als fehle es ihm an Atem, und
rckte, in Gedanken versinkend, unruhig auf seinem Sitze hin und her.

Ich erwiderte nichts, und so trat lngeres Schweigen ein. Er schien ganz
und gar um seine mitteilsame Stimmung gebracht und beachtete mich kaum
mehr. Sein Blick hatte etwas Erloschenes, Verglastes bekommen, seine
Wangen waren eingesunken, seine Zge schlaff geworden -- er sah mit
einem Male wirklich sehr alt aus.

Jetzt stand er ganz unvermittelt auf und sagte: Ich gehe zu Bett.
Wohnen Sie auch hier? Und ohne meine Antwort abzuwarten oder gute Nacht
zu sagen, hatte er sich entfernt.

Ich blieb nachdenklich sitzen. Ich hatte den Alten ohne Zweifel an einer
sehr empfindlichen Stelle berhrt, und bei einigem Nachsinnen konnte ich
leicht herausbringen, wie das zusammenhing. Trotz seiner Unformen und
Schwchen flte er mir jetzt Teilnahme ein; denn ich empfand, da er
ein unglcklicher Mann war. Als nunmehr Herr Matzenauer erschien und
mich, whrend er den Tisch abrumte, mit einiger Ironie fragte, wie ich
mich mit Herrn Hirsch unterhalten habe, gab ich gar keine Antwort. Bald
darauf in meinem Zimmer angelangt, hrte ich meinen Nachbar bereits
schnarchen. Aber nicht so entsetzlich wie damals. Oder schien es mir nur
so?


                                 III.

Als ich am nchsten Tage von meinem gewohnten Morgenspaziergange nach
Hause zurckkehrte, stand Herr Hirsch unten am Tore. Er sah wieder ganz
frisch und munter aus und hatte einen von Neuheit funkelnden Zylinderhut
unternehmend auf dem rechten Ohre sitzen; in der Hand hielt er eine
kleine Reisetasche. Er schien mich kaum wiederzuerkennen und erwiderte
meinen Gru fast wie den eines Fremden.

Nun, wie haben Sie geschlafen? fragte ich in meiner Betroffenheit.

Vortrefflich! entgegnete er herablassend. Und jetzt fahre ich nach
M... Es ist zwar ein wenig frostig heute; aber das tut nichts. Kennen
Sie den Ort?

Ich verneinte.

Ein ganz stattlicher Marktflecken, wo jeden Tag herrschaftliche Beamte
zusammenkommen. Sie haben eine Art Kasino errichtet, und da geht es ganz
lustig zu. Ich bin in diesem Sommer fter dort gewesen und begreife gar
nicht, da ich diese Gesellschaft nicht schon lngst wieder einmal
aufgesucht habe, statt mich hier wie ein Mops zu langweilen. Kommen Sie
vielleicht mit? Die Zge gehen ganz bequem; um zehn Uhr abends sind wir
wieder zurck.

Ich lehnte dankend ab.

Nun dann Adieu! Er legte einen Finger an die Hutkrmpe und schlug den
Weg nach dem Bahnhofe ein, der, auerhalb des Ortes liegend, mit einem
kurzen Gange zu erreichen war.

So also benahm sich heute der Mann, der mir gestern sein ganzes Herz
ausgeschttet! Sein Entschlu aber, nach M... zu fahren, konnte mir nur
angenehm sein. Denn trotz der Teilnahme, die ich fr ihn zu hegen
begonnen, hatte ich doch mit einem gewissen Bangen einer erneuten
Einladung zum Billardspiel und sonstigen geselligen Anforderungen
entgegengesehen.

Als er nachts zurckkehrte, sa ich in meinem Zimmer und las.

Famos hab' ich mich unterhalten -- famos! rief er jemandem,
wahrscheinlich Herrn Matzenauer, im Flur so laut zu, da ich es bis
herauf hrte. Das sind ganz andere Leute, als die hiesigen. Gleich
morgen fahre ich wieder hin!

In der Tat war Herr Hirsch am nchsten Tage nicht zu sehen, auch nicht
am nchstfolgenden -- und am dritten blieb er sogar ber Nacht weg.

Herr Hirsch wird Ihnen ja ganz und gar untreu, sagte ich beim
Frhstck zu unserem Wirte.

In Gottes Namen! entgegnete dieser rgerlich. Es schien ihm doch nicht
recht zu sein, da der anspruchsvolle Gast sein Geld anderswohin trage.
Aber wissen Sie, was er in M... macht? Er spielt -- und das ziemlich
hoch. Denn dort ist eine richtige Bande beisammen. Der Verwalter und der
sogenannte Forstmeister eines freiherrlichen Gutes, beide so verschuldet
wie der Besitzer selbst, und ein verlotterter Winkelschreiber, der
frher einmal in der Gegend Amtmann gewesen, die drei rupfen den alten
Vogel, was das Zeug hlt. Gestern mute er von mir schon hundert Gulden
borgen, und in der Hitze des Gefechts hat er sicherlich den Zug
versumt. Wenn er nur bis Mittag heimkommt. Es liegt oben ein Telegramm
fr ihn -- wahrscheinlich von seinem Sohn.

Wirklich traf Herr Hirsch um zwlf Uhr ein. Ein Telegramm!? Ein
Telegramm!? schrie er, whrend er die Treppe hinauf in sein Zimmer
polterte. Wo ist das Telegramm? Dann nach einer Pause: Mein Sohn
kommt! Mein Sohn! Also jetzt gilt's, Herr Matzenor! Machen Sie Ihrem
Hotel Ehre! Das andere Zimmer ist doch, wie ich befohlen, in den letzten
Tagen geheizt worden? Und dann einen Wagen! Einen Wagen auf sechs! Mein
Sohn kommt zwar leider allein -- nicht mit Familie, wie ich gehofft --
aber zu Fu kann er nicht gehen. Zu Fu nicht! Und sagen Sie Ihrer Frau,
da sie sich zusammennehmen soll. Das Essen mu exquisit sein. Ein
Diner! Ein Diner! Mein Sohn wird Appetit haben; denn ich wei, da er
whrend der Fahrt nie etwas zu sich nimmt.

Als er sich jetzt allein befand, rannte er bald in seinem, bald in dem
fr seinen Sohn bestimmten Nebenzimmer hin und her. Ich dachte, er wrde
vielleicht, erregt, wie er war, zu mir herberkommen, um mich von dem
groen Ereignisse in Kenntnis zu setzen. Aber es geschah nicht; er hatte
mich offenbar bereits ganz vergessen.

Nun war ich aber denn doch ein wenig neugierig auf Herrn Hirsch junior,
und da meine Essensstunde mit der betreffenden Bahnzeit zusammenfiel, so
konnte ich voraussetzen, da ich ihn im Speisezimmer wrde sehen knnen.

Ich hatte auch eben mein Mahl beendet, als der Wagen angefahren kam und
gleich darauf Vater und Sohn eintraten; der letztere eine distinguierte,
aber keineswegs anspruchsvolle Erscheinung. Kleiner und viel zarter
gebaut als sein Vater, wies er mit diesem berhaupt keinerlei
hnlichkeit auf. Er hatte ein ausgesprochen jdisches, scharf
geschnittenes Profil; seine hohe und breite Stirn erschien infolge einer
frhen Glatze noch ausdrucksvoller und bedeutender; die Augen blickten
etwas mde durch eine feine Stahlbrille. Er nahm geruschlos an dem
Tische Platz, den Herr Matzenauer mit groer Sorgfalt gedeckt hatte und
auf welchem vier Kerzen in einer silberplattierten Girandole brannten.

Da siehst du das Speisezimmer! rief Herr Hirsch senior pathetisch.
Zwar nicht elegant, aber gemtlich. La dir nur gleich ein Glas Bier
geben; ich wei, du trinkst es gern. Es ist auch ganz ausgezeichnet --
eigentlich das einzige Gute, das man hier haben kann. -- Aber den
Richard httest du doch mitbringen knnen!

Ich habe dir schon gesagt, lieber Vater, erwiderte der andere mit
gedmpfter Stimme, da beide Kinder stark erkltet sind. Man mute also
trachten, sie so rasch wie nur mglich nach Hause zu bringen.

Nun ja, nun ja -- aber an der Bahn htt' ich sie doch sehen knnen.

Dann htte man auch den langsamen Postzug bentzen mssen -- und das
ist berhaupt unangenehm fr Frauen und Kinder. Der Eilzug hlt ja hier
nur whrend der Badesaison.

Es ist wahr, es ist wahr -- -- Nun, ich werde ja die lieben Engel
morgen in Wien ans Herz drcken!

Der Sohn erwiderte nichts. Er schien nachdenklich und kostete zerstreut
von dem Biere, das man ihm gebracht. Ich aber wollte nicht lnger Zeuge
dieses Familiengesprches sein, das der Alte in seiner gewohnten
Ungebundenheit mit lautester Stimme fhrte, stand auf und entfernte
mich.

Drauen war es mondhell. Ich ging, meine Zigarre zu Ende rauchend, eine
Zeitlang auf dem verdeten Platze des Ortes auf und nieder; dann zog ich
mich in mein Zimmer zurck.

Nach Ablauf einer Stunde kamen auch die beiden anderen die Treppe
hinangestiegen und traten gleich von auen in das Gemach, welches fr
den Angekommenen in Bereitschaft stand. Dort begann nun eine
Unterredung, die immer lebhafter wurde, so da der Ton der Stimmen mehr
und mehr zu mir herberdrang. Pltzlich hrte ich den Alten ausrufen:

Nach Venedig?! Was soll ich in Venedig? Er war dabei in sein Zimmer
getreten und durchma es mit heftigen Schritten.

Sein Sohn, der offenbar keine Ahnung hatte, da auer ihnen noch irgend
jemand hier oben wohne, war ihm nachgefolgt und sagte jetzt begtigend:
Aber lieber Vater, du hast doch schon oft den Wunsch ausgesprochen,
Venedig zu sehen.

Ja, mit euch! Mit euch wollt' ich es sehen -- mit euch wollte ich
reisen. Aber allein! Was soll ich alter Mann allein in Venedig? Ich kann
kein Wort Italienisch.

Das ist auch gar nicht notwendig. In dieser Familie wirst du dich wie
zu Hause fhlen. Man wird in jeder Hinsicht fr dich sorgen -- und auf
diese Art wirst du nach und nach ganz bequem das eigentmliche Leben der
Stadt kennen lernen.

Ich will es aber nicht kennen lernen! Was kmmert mich das Leben von
Venedig? Ich habe an meinem eigenen genug. Und bei diesen Schnorrern
will ich schon gar nicht sein!

Es sind keine Schnorrer. Der Mann hat einen sehr ansehnlichen Posten
bei einem dortigen Bankhause.

Durch wen aber hat er ihn erhalten? Durch dich! Durch dich! Ich sehe
schon, unter Aufsicht soll ich stehen. berwachen soll man jeden meiner
Schritte!

Das bildest du dir ein.

Nichts bild' ich mir ein! Nichts! Ihr verschwrt euch hinter meinem
Rcken! Ihr verbannt mich! O, ich wei, ich wei! Schon diesen Sommer
sollte ich nicht bei euch in Hietzing zubringen -- die Villa wre doch
gro genug -- und so ist es geschehen, da mir der Arzt eine
Kaltwasserkur und lngeren Aufenthalt im Gebirge verordnet hat. Mir
fehlt gar nichts! Ich bin ganz gesund!

Gott sei Dank, da du es bist, lieber Vater. Desto mehr wirst du in
Venedig genieen knnen.

Wenn ich aber nicht will und nicht mag! Und wenn ich auch mchte, wie
knnt' ich's -- ferne von euch! Bernhard! fuhr er flehentlich fort,
lieber Bernhard, verstoe mich nicht! Ich wei, der Vorschlag kommt
nicht aus deinem Herzen, die Frau will mich weg haben!

Du irrst. Die Stellung, welche ich gegenwrtig anstrebe, die
Verbindungen, die ich infolgedessen unterhalten mu -- mit einem Wort,
die Verhltnisse machen es durchaus notwendig, da du diesen Winter
nicht in Wien zubringst.

Ich werde auch nicht dort sein -- fr keinen Menschen werde ich dort
sein! Einmieten will ich mich in irgend einer Vorstadt -- kein Auge soll
mich erblicken! Nur alle acht Tage lat mich kommen auf eine
Viertelstunde, da ich dich sehen kann -- und umarmen die Enkelchen!

Wie oft hast du das schon gesagt! Derlei unwrdige und unnatrliche
Abmachungen wren ja auch gar nicht notwendig, wenn du nur ein wenig
Vernunft annehmen wolltest. Aber darin liegt es. Wenn du nicht den
ganzen Tag im Hause sein kannst, wenn du nicht zu jedem Diner, zu jeder
Gesellschaft mitgeladen wirst, so fhlst du dich aufs tiefste gekrnkt,
machst uns die heftigsten Vorwrfe, die unerquicklichsten Szenen. Und
dann -- so weh es mir tut, es dir neuerdings sagen zu mssen --

Er verstummte; denn ich hatte mich jetzt sehr nachdrucksvoll geruspert.
Die unfreiwillige Lauscherrolle, die ich spielte, war mir bereits hchst
peinlich geworden. Man zog sich drben sofort in das anstoende Zimmer
zurck und schlo die Verbindungstr.

Nun war es still. Aber nicht lange. Der Auftritt setzte sich drei Zimmer
weit von mir fort. Allerdings verstand ich jetzt nicht mehr, was
gesprochen wurde; aber die Stimme des Alten drang von Zeit zu Zeit an
mein Ohr: bald klagend, bald drohend, bald flehend. Endlich ein dumpfer
Aufschrei -- dann trat vollstndige Ruhe ein.

Bald darauf kam Herr Hirsch in sein Zimmer geschlichen und legte sich zu
Bett. Aber das gewhnliche Schnarchen erfolgte nicht. Ich hrte ihn
seufzen, leise sthnen -- und, wie ich glaubte, auch leise weinen -- bis
ich einschlief.

                   *       *       *       *       *

Am nchsten Morgen war der Angekommene bereits wieder abgereist. Sein
Vater hatte ihn zur Bahn begleitet und kam jetzt im Wagen
zurckgefahren. Er trat in das Speisezimmer, wo ich soeben gefrhstckt,
und sah sehr bleich und angegriffen aus. Als er meiner ansichtig wurde,
machte er eine Anstrengung, sich zu ermuntern, und schttelte mit
erknstelter Lustigkeit seinen Hut aufs rechte Ohr. Aha, Sie hier?
Guten Morgen! Guten Morgen! Haben Sie meinen Sohn gesehen? Der ist schon
wieder fort -- denn er mu noch heute abend in Wien sein. Und wissen
Sie, wohin _ich_ zur Abwechslung gehe? Nach Venedig! Was sagen Sie! Nach
Venedig! Es ist schon lange mein Wunsch gewesen -- und mein Sohn hat es
mir mglich gemacht, den Winter dort zuzubringen. Ich werde bei einer
sehr feinen Familie wohnen und mir nichts entgehen lassen, was die
wunderbare Stadt bietet. Ich freue mich schon auf die Gondelfahrten.
Schade, da ich nicht jnger bin -- denn die Venezianerinnen sollen
einzig sein! Er versuchte ein frivoles Gelchter aufzuschlagen,
verstummte aber pltzlich; man sah, da ihm das Weinen nahe war.

Ich wnschte ihm glckliche Reise und lie ihn allein.

                   *       *       *       *       *

Noch am selben Tage zog Herr Hirsch ohne weitere Verabschiedung von
dannen. Ich aber verblieb, whrend nun der Winter mit aller Macht
hereinbrach, in dem Gasthause zu den Drei Monarchen.


                                 IV.

In den Slen des Wiener Musikvereins fand ein groer Ball statt. Es war
eines jener glnzenden Wohlttigkeitsfeste, wie sie jetzt infolge der
steigenden Not -- aber auch der zunehmenden Eitelkeit -- immer hufiger
veranstaltet werden. Seit einer Reihe von Jahren hatte ich an derlei
Vergngungen nicht mehr teilgenommen; hauptschlich schon deshalb, weil
ich oft und lange von Wien ferne gewesen. Heute aber hatte ich mich
eingefunden, um wieder einmal die groe Welt auf mich wirken zu lassen
und sie in ihren neuen und neuesten Erscheinungen zu beobachten. Diese
letzteren waren in der vorwiegenden Mehrzahl, und so kam es, da ich
mich bald in dem bunten Gewhl, das die strahlenden Rume durchwogte,
fremd und vereinsamt fhlte. Selbst ltere Bekannte hatten einige Mhe,
sich meiner zu entsinnen, und reichten mir dann blo mit einem
flchtigen: Ah, Sie sind wieder da! im Vorbergehen die Hand.

Etwas nachhaltiger, wenn auch mit hnlichen Worten, wurde ich von einem
stattlich und vornehm aussehenden Herrn begrt, der, als ich mich jetzt
eben in eine Ecke zurckziehen wollte, auf mich zugeschritten kam.

Dieser Mann war eine stadtbekannte Persnlichkeit und nahm in der
Gesellschaft eine eigentmliche Stellung ein. Aus einer sehr angesehenen
jdischen Familie stammend, hatte er von seinen Vtern zwar Reichtum,
jedoch nicht die Gabe ererbt, ihn zu vermehren oder auch nur zu
bewahren. Frh auf Reisen gegangen, hatte er lngere Zeit in Paris
gelebt -- und war dann spter in Wien durch allerlei noble Passionen mit
seinem Vermgen glcklich zu Rande gekommen. Da er aber fast mit der
gesamten Geldaristokratie in verwandtschaftlichen und sonstigen
Beziehungen stand, so konnte man ihn von jener Seite nicht fallen lassen
und verschaffte dem rmsten allerlei geschftliche Sinekuren, die ihm
keine andere Verpflichtung auferlegten, als zu gewissen Terminen gewisse
Dividenden einzustreichen. Infolgedessen konnte er mit einiger
Einschrnkung seinen bisherigen Gewohnheiten treu bleiben und war in der
Lebewelt, mnnlichen sowohl, wie weiblichen, daher auch in
Knstlerkreisen, ob seines beweglichen Geistes und schlagfertigen Witzes
sehr beliebt; im brigen aber wurde er nicht besonders geachtet. Da er
dies, je lnger, je tiefer empfand, so berkam ihn bei zunehmenden
Jahren das Bedrfnis sich zu rchen, und zwar damit, da er die tzende
Lauge seines Spottes ber alles und jedes -- und nicht am wenigsten ber
seine eigenen Stammesgenossen ausgo. Kein eingefleischter Antisemit
konnte gegen das jdische Wesen rger losziehen, als dies Herr X bei
jeder Gelegenheit mit dem breitesten Behagen zu tun liebte.

Also wo haben Sie denn wieder so lange gesteckt? fragte er. Auf dem
Lande? Sie werden noch ganz und gar verbauern. -- Aber was sagen Sie zu
der heutigen Crme der Gesellschaft? Zu unseren modernen Gren? Unseren
modernen Schnheiten? Schwindel! Pofel! Glnzender Pofel -- nichts
weiter! Und finden Sie nicht das _nationale Element_ (damit meinte er
das jdische) sehr in den Vordergrund gerckt? Ich mchte wetten, da
zwei Drittel der verehrten Anwesenden mosaischer Konfession sind -- wie
man sich in meiner Jugend euphemistisch auszudrcken pflegte. Und auch
die Ball-Patronessen sind zur Hlfte Jdinnen. Er wies dabei auf eine
Gruppe von Damen, die nicht allzuweit von uns im Gesprche beisammen
standen. Betrachten Sie nur geflligst diese Nasen! Diese runden
Rcken! Die gute Baronin Hirtburg ist auch dabei. Zehn Jahre lang war es
ihr khnster Traum, mit der Frstin M... als Patronesse zu figurieren --
nun hat sie's erreicht. Was ihr an Haltung abgeht, hat sie durch Schmuck
ersetzt. Dort -- die dicke Person meine ich, die eben mit der Frstin
spricht. Sieht sie nicht aus wie in Brillanten gefat?

Ich blickte nach der bezeichneten Dame, die in der Tat eine geradezu
fabelhafte Kleider- und Diamantenpracht entfaltet hatte.

Auch ihr Gemahl ist, wie gewhnlich, in der Nhe, fuhr X mit einem
Seitenblicke fort. Ein hchst bemerkenswerter Mann. Man schtzt ihn
bereits auf zwanzig Millionen. Und er kann's noch weiter bringen, wenn
sich die Herren Anarchisten nicht ins Mittel legen. Denn er ist ein
auergewhnlich feiner Kopf -- eine Art Geschftsgenie. Aber kein Lotos
ohne Stengel. Das heit, jeder Mensch hat seine besondere Dummheit. So
auch er. Er liebt nmlich seine Frau bis zum Exze. Beachten Sie nur,
wie er dasteht und in ihrem Anblick schwelgt. Wie ein Verzckter!

Ich hatte mich nach der angegebenen Richtung hin gewendet und den Herrn
ins Auge gefat. Je lnger ich ihn betrachtete, desto bekannter kam er
mir vor. Wie haben Sie vorhin die Dame genannt? Baronin Hirtburg? Heit
denn jener Herr nicht Hirsch?

Mein Cicerone lachte laut auf. Man sieht, da Sie wei Gott wo leben.
Hirsch hie er -- Hirtburg heit er. Er hat sich diesen Namen mit dem
Baronat erworben -- oder sagen wir gekauft. Auch der Taufe war er schon
nahe. Aber er wrde sich damit um allen Kredit gebracht haben; denn
Israel setzt gegenwrtig wieder mehr denn je seinen Stolz darein, dem
Wasser auszuweichen.

Und wissen Sie vielleicht, was mit seinem Vater geschehen ist? Lebt er
noch??

Der alte Seligmann? Haben Sie den gekannt?

Ganz oberflchlich. Ich bin vor Jahren irgendwo mit ihm
zusammengetroffen.

Seien Sie froh, da Sie ihn nicht nher kennen gelernt. Ein ganz
unmgliches Individuum. Wissen Sie wirklich nicht, wie er geendet hat?

Nein.

Dann will ich's Ihnen sagen. Selbst wenn Sie ihn nur _einmal_ gesehen
haben, werden Sie begreifen, da man einen _solchen_ Vater nicht im
Hause haben kann. Das htte sich brigens in irgend einer Weise
arrangieren lassen. Aber der alte Jobber, der selbst einmal ein ganz
hbsches Vermgen besessen, konnte das Brsenspiel nicht lassen. Wie oft
sein Sohn die Differenzen fr ihn gezahlt haben mag, wei ich nicht.
Endlich aber wurde es diesem doch zu viel. Da griff denn der Herr Papa,
um seine Leidenschaft befriedigen zu knnen, zu allerlei seltsamen
Ressourcen -- zuletzt verlegte er sich gar wieder auf unsaubere
Wuchergeschfte, mit welchen er einst seine Laufbahn begonnen hatte, und
die ihn schlielich noch mit den Gerichten in Konflikt zu bringen
drohten. Wie kompromittierend fr das zuknftige freiherrliche Haus!
Also mute er um jeden Preis aus Wien entfernt werden. Man schickte ihn
frs erste in kleine Bder -- dann internierte man ihn in Venedig. Nun
denken Sie sich den alten Hirsch in Venedig! Ein Rhinozeros in einem
Aquarium! Aber Scherz beiseite. Der alte schwachsinnige Mann, der gleich
allen Juden an seiner Familie hing, wie das Eiwei am Dotter, ist
darber verrckt geworden, ohne da es die Leute, die ihn in jeder
Hinsicht berwachen sollten, gleich bemerkt htten. Eines schnen
Morgens, als er sich seiner Gewohnheit nach am Kinn eigenhndig den Bart
abnahm, hat er das Messer um einen Zoll zu tief angesetzt und sich einen
ganz kleinen Schnitt am Halse beigebracht. Und dieser Schnitt, sehen
Sie, ist der wunde Fleck im Hause Hirtburg. Was sag' ich Fleck! Ein
Abgrund ist's, den der Herr Baron gern mit ein paar Millionen ausfllen
mchte, wenn es ginge -- denn er hat -- auch das ist unbegreiflich! --
seinen Vater auerordentlich geliebt. Aber sieh' da: Hirtburg, der
Jngste! Er deutete mit den Augen nach einem jungen Manne, der eben auf
den Baron zuschritt. Was sagen Sie zu diesem Exemplar? Ist er nicht
ganz sein Grovater ^in nuce^? Seit Darwin kennt man die Sache. Ein
solcher Sohn knnte mir gestohlen werden. Dafr aber ist die Tochter
desto reizender. Geradezu bezaubernd. Woher sie's hat, wei ich nicht.
_Eine_ der wenigen jdischen Schnheiten, die ich gelten lasse. Kommen
Sie, ich werde sie Ihnen zeigen, setzte er, sich auf den Fuspitzen
erhebend, hinzu. Wenn ich nicht irre, tanzt sie dort eben wieder mit
einem jungen Diplomaten, einem Marquis der ^rpublique franaise^. Der
scheint es auf ihre goldene Hand abgesehen zu haben.

Er hatte mich unter dem Arme gefat, und wir drngten uns durch den
Kreis von Zusehern, der sich um die Tanzenden gebildet.

Sehen Sie dort die hohe, schlanke Gestalt mit den Teerosen auf dem
Kleide? Nun, was sagen Sie? Ist das ein Wuchs? Sind das Bewegungen? Die
Grazie selbst. Und dieses Profil! Diese Augen -- diese Haare --

In der Tat, ein wunderbares Geschpf!

^Voil^: die Enkelin von weiland Seligmann Hirsch.




                           Die Troglodytin.


                      Vorwort des Herausgebers.

Die Novelle soll nach Saars Bericht an Stefan Milow 1887/88 in Blansko
entstanden, nach dem Bericht an Bettelheim dagegen schon 1887 erschienen
sein. Wenn diese letztere Angabe richtig ist, mu sie, wie die meisten
brigen, zuerst in einer Zeitschrift verffentlicht worden sein. Ich
kenne nur den ersten Abdruck in Buchform, in der dritten
Novellensammlung Schicksale 1889 (Seite 195-271). Fr die zweibndige
Ausgabe der Novellen in sterreich 1897 (zweiter Band, Seite 129-178)
kndigte Saar dem Verleger am 10. Januar 1897 an, da eine kleine
nderung notwendig sei; sie befindet sich bei der Schilderung des
Marktfleckens (Seite 123 unserer Ausgabe) die im ersten Druck so lautet:
... Marktflecken, der bereits stdtische Aspirationen zu hegen begann.
Das Gericht des Bezirkes und das Steueramt hatten dort ihren Sitz;
desgleichen ein Advokat und ein Notar, welche, sowie einige andere
wohlhabende Brger, ganz stattliche Huser bauen lieen; es entstand
sogar eine nette, pompejanisch bemalte Villa, welche ihr Eigentmer an
Sommergste zu vermieten gedachte, denn die landschaftlichen Reize der
Gegend erfreuten sich in der nahegelegenen Landeshauptstadt eines
gewissen Rufes. Auerhalb ... In der zweiten Auflage der zweibndigen
Novellen aus sterreich 1904 (a. a. O.) ist neben diesen stilistischen
nderungen die Chiffre B... in Brnn aufgelst worden. Auf diesem Text
beruht dann der Abdruck in Reclams Universalbibliothek (1904, Nr. 4600,
Seite 65-104), in welchem nur noch einige welcher abgeschafft sind.
Die zweite Auflage der Schicksale (o. J. [1897]) beruht auch hier auf
demselben Satz wie die Ausgabe der Novellen aus demselben Jahr.

Ja, es ist eine Zeit her, da ich die Geschichte erlebt, sagte der
Forstmeister Pernett, indem er sich nachdenklich den angegrauten Bart
strich, und doch ergreift mich noch heute die Erinnerung daran ganz
eigentmlich. Aber hren Sie:


                                  I.

Man schrieb das Jahr 65, und ich befand mich als Adjunkt im Dienste des
Grafen W.... auf einem seiner Gter in Mhren. Der Revierfrster, dem
ich zugeteilt wurde, war ein ausgezeichneter Forstmann, aber schon
ziemlich bejahrt und berdies mit einem bsen Gichtleiden behaftet,
daher fast der ganze eigentliche Dienst auf meinen Schultern lastete.
Doch jung und krftig, meinem Berufe leidenschaftlich ergeben, lie ich
es mich nicht verdrieen, zu leisten, was eben zu leisten war -- und
manchmal auch noch mehr. Ich kam also, auer bei dienstlichen Gngen
nach der im Schlosse befindlichen Forstkanzlei, nur sehr selten aus dem
Wald heraus, was ich brigens gar nicht bedauerte. Denn ich war kein
Wirtshausgeher, kein Freund des Kegelschiebens und sonstiger
Unterhaltungen, auf welche in der Regel der Sinn junger Leute gerichtet
ist. Eines aber entbehrte ich schwer: den Umgang mit angenehmen
Frauenzimmern, zu denen ich, offen gestanden, Zeit meines Lebens groe
Neigung empfunden. Und gerade in dieser Hinsicht sah es im Forsthause
sehr traurig aus. Die alten Leute hatten zwar zwei Tchter -- ein Sohn
war ihnen versagt geblieben --, aber die eine war schon verheiratet, als
ich kam, und die andere folgte bald diesem Beispiele, indem sie die Frau
eines frstlichen Schlogrtners in der Nachbarschaft wurde; ich blieb
also in unserem Heim auf den Anblick der wohlbeleibten, schwerflligen
Frsterin und einer alternden Magd beschrnkt. Im brigen freilich hatte
ich nur allzuoft mit jungen Weibsleuten zu tun, die nicht ganz
ungefhrlicher Art waren. Die zahlreichen und ausgebreiteten
herrschaftlichen Industrien hatten nmlich eine Arbeiterbevlkerung,
gewissermaen ein lndliches Proletariat geschaffen, das die Gegend in
weitem Umkreise bewohnte und von der Hand in den Mund lebte; buerliche
Ansassen gab es nur wenige. Die Weiber und Tchter dieser Leute
verdingten sich denn auch als Tagelhnerinnen bei der Feld- und
Forstwirtschaft, und so kam es, da ich oft eine Schar von Mdchen beim
Aussetzen der Kulturen zu verwenden und zu beaufsichtigen hatte;
auerdem erschienen sie an bestimmten Tagen im Walde, um Klaubholz zu
sammeln. Sie hatten durchaus nichts Plumpes und Ungeschlachtes an sich,
vielmehr waren die meisten schlanke, zierliche Gestalten mit
wohlgeformten Hnden und Fen, und was man auch gegen die Gesichter
einwenden konnte, schne Augen hatten sie fast alle und wuten davon
auch ausgiebigen Gebrauch zu machen. Dabei waren sie trg und
nachlssig, naschhaft und diebisch -- und auch sonst zu jedem Unfug
aufgelegt. Weh' dem, der sich mit einer von ihnen leichtfertig
eingelassen htte; er wre unrettbar in die Verlotterung mit
hineingezogen worden. Wie oft scherzte ich mit dem Wirtschaftsadjunkten,
der ein junger Mann von gutem Hause und mancherlei Kenntnissen war, ber
unser gemeinsames Schicksal, das uns, whrend wir doch ber mehr
willfhrige Sklavinnen htten verfgen knnen als der Grotrke, zu
einem trostlosen Zlibat verurteilte und uns obendrein noch zwang, dem
verfhrerischen Vlklein gegenber grimmige und brbeiige Mienen
aufzusetzen, die freilich auch nicht besonders wirksam waren; sie hatten
im besten Falle vorwurfsvoll schmachtende -- in der Regel aber nur
bermtig herausfordernde Blicke und spttisches Gelchter hinter
unserem Rcken zur Folge. Dennoch hielten wir uns wacker, und was mich
selbst betraf, so kann ich heute noch sagen, da ich mich von all den
hbschen Teufelinnen vollkommen frei bewahrt habe. Einmal aber war doch
die Versuchung auf ganz merkwrdige Art an mich herangetreten.

Der Ort, in dessen nchster Nhe sich das Schlo befand, war ein
ausgedehnter, von einem Flusse durchstrmter Marktflecken, dessen
Einwohnerschaft aus ziemlich wohlhabenden Brgern und Grundbesitzern
bestand; auch das Gericht des Bezirkes hatte dort seinen Sitz. Auerhalb
des Ortes, in gleicher Linie mit der nach den grflichen Htten- und
Eisenwerken fhrenden Chaussee, lief eine langgestreckte Gasse hin, die
aus gleichmig erbauten und mit kleinen Grten versehenen Husern
bestand. Es war eine Arbeiterkolonie, die schon ein Vorfahr des Grafen
nach englischem Muster ins Leben gerufen, und in welcher Sauberkeit und
verhltnismiger Wohlstand herrschten, da die Inwohner, zumeist
Maschinenschlosser und Modelltischler, gut bezahlte, intelligente Leute
waren, deren Mehrzahl bereits anfing, sich mit allerlei sozialistischen
Problemen zu beschftigen. Im Rcken des Ortes selbst hingegen, an den
zerklfteten Ufern eines weitlufigen Baches, hatte eine andere
Ansiedelung Platz gegriffen, die sich wst und unfreundlich genug
ausnahm. Denn dort hausten niedrige Lhner und Handlanger, die, mit
ihren zahlreichen Familien in schlecht gemauerten Htten bunt
zusammengepfercht, ein von Not und Kmmernis bedrngtes Dasein
fristeten. Unter ihnen befand sich auch ein heruntergekommener Mensch,
namens Kratochwil. Er hatte einst bessere Tage gesehen und war vor
einiger Zeit noch Eigentmer der Kaluppe gewesen, in welcher er jetzt
mit seinem Weibe und fnf Kindern eine jmmerliche Rumlichkeit
innehatte, ab und zu bei den Hochfen und Ziegeleien beschftigt. Da er
aber infolge des Branntweintrinkens, dem er ergeben war, auch krperlich
immer mehr verfiel, so konnte er kaum mehr zu irgend einer Arbeit
verwendet werden und wurde schlielich, rckstndiger Miete halber,
eines Tages mit den Seinen erbarmungslos vor die Tr gesetzt. Noch
gelang es den Leuten, die sich in ihrem Elend zu den unsaubersten
Hantierungen herbeilieen, bei dem Abdecker des Ortes in einem
notdrftig schtzenden Verschlag unterzukriechen; sie hatten sich jedoch
kaum dort eingenistet, als auch schon der Flecktyphus unter ihnen
ausbrach und das Weib samt zwei Kindern in das Notspital der Gemeinde
geschafft werden mute. Die Kinder starben, die Mutter genas und kehrte
zu den Ihren zurck, die nunmehr, da sie ihren Schlupfwinkel sofort
hatten verlassen mssen, unter freiem Himmel kampierten. Da es Sommer
war, so ging diese Lebensweise mit Zuhilfenahme von Betteln und allerlei
Felddiebsthlen eine Weile hin, als aber endlich die rauhe Jahreszeit
hereinbrach, schienen die Obdachlosen dem vlligen Untergange
preisgegeben. Es wre zwar Pflicht der Gemeinde gewesen, fr die Leute,
welche als Eingeborene nicht abgeschoben werden konnten, in irgend
einer Weise Sorge zu tragen, und wirklich kam auch die Sache im Rate zur
Verhandlung. Da sich jedoch nicht absehen lie, wie diesem von Gott
verlassenen Menschenknuel Hilfe zu bringen wre, und es doch nicht
anging, eine aus fnf Kpfen bestehende Familie schlankweg aus dem
Gemeindesckel zu ernhren, so kam man zu keinem Beschlusse und lie
einstweilen die Dinge ihren Lauf nehmen. Da fgte es der Zufall, da die
Landplage der wandernden Zigeuner auch wieder einmal ber den Ort kam.
Man mute diesen Nomaden eine mehrtgige Lagerung auerhalb des
Weichbildes gestatten und stellte ihnen eine versandete Hutweide am
linken Ufer des Flusses zur Verfgung, wo auch alsbald eine Reihe
lcheriger Zelte aufgeschlagen war. Nach ihrem Abzuge zeigte sich eine
gerumige Erdvertiefung, welche die Bewohner eines weitlufigen Zeltes
zu besserem Wetterschutz mochten gegraben haben; auch eine Anzahl
brchiger Zeltstangen war zurckgeblieben. Auf diese berreste einer
annhernd menschlichen Behausung strzten sich die Kratochwil, die das
braune Volk die ganze Zeit ber mit scheelugiger Neugierde umlauert
hatten, wie Habichte und nahmen sofort davon Besitz. Die Schtte faulen
Strohes, die sie samt einigen schlechten Lumpen in der Grube vorfanden,
diente ihnen frs erste zu willkommener Lagersttte, und nachdem ihr
stumpfer Sinn einmal angeregt war, ergab sich das Weitere von selbst.
Mit Benutzung der Zeltstangen, mit zusammengerafftem alten Lattenwerk
und frischem Tannenreisig wuten sie eine schtzende Bedachung
herzustellen, unter der sie sich, so gut es anging, huslich
einrichteten. Sie gruben die eine Hlfte des Geviertes noch um einiges
tiefer und erlangten dadurch zwei Wohnrume, wo sie Moos und trockenes
Laub aufschtteten. Sie sorgten fr eine gesicherte Feuerstelle, sie
legten eine unterirdische Vorratskammer an, in der sie erbeutete
Lebensmittel verwahrten, und da man ihnen gestattet hatte, im Walde Holz
zu sammeln, so war auch bald ein ganz stattlicher Vorrat an
Brennmaterial in der Nhe des Einganges aufgeschichtet; ja, als der
Frhling ins Land zog, versuchten sie sogar auf ihrem Territorium
Kartoffeln und andere leicht wuchernde Gemse zu pflanzen. Mit
hhnischer Verwunderung blickte man nach dem seltsamen Anwesen, das
sich, von zwei jungen Silberpappeln berragt, eigentlich ganz malerisch
ausnahm. Einige Spavgel hieen es bereits Villa Kratochwil; der
Wirtschaftsadjunkt aber hatte die Inwohner einmal gesprchsweise die
Troglodyten genannt, und diese, wenn auch nicht ganz zutreffende
Bezeichnung war ihnen seither im Munde vieler geblieben. Um ihr
sonstiges Tun und Treiben kmmerte sich niemand. Die Kinder wuchsen
selbstverstndlich ohne Schulunterricht in uerster Verwahrlosung
heran. Der ltere Junge, ein blutleerer, lendenlahmer Gesell, schien
noch die besten Anlagen zu besitzen, denn er wurde des Herumlungerns
mde und verdingte sich als Knecht bei einem Fuhrmann, der allerdings
selbst herabgekommen war und nur noch ein paar abgetriebene Mhren im
Stall hatte. Die beiden Jngsten aber, ein Mdchen und ein Knabe,
zeigten seit ihrer frhesten Kindheit die schlimmsten Eigenschaften.
Nicht allein, da sie aufs Zudringlichste bettelten, sie stahlen auch
wie die Elstern; besonders war das Mdchen in dieser Hinsicht berchtigt
und gefrchtet. Das kleine Ding wute sich des Abends in die Huser
einzuschleichen, wo sie in irgend einem Versteck die Nacht zubrachte, um
am frhen Morgen mit leicht erhaschter Beute zu entweichen. So wurde sie
einmal sogar unter dem ehelichen Lager eines Gutsbeamten entdeckt,
dingfest gemacht und dem Gerichte berantwortet. Da sie aber noch nicht
in dem Alter gesetzlicher Verantwortlichkeit stand, mute sie wieder
frei und der huslichen Zchtigung anheimgegeben werden. Was es mit der
letzteren auf sich hatte, konnte man sich mit Hinblick auf die Eltern
vorstellen, welche wohl in ihrer Sucht nach Branntwein wenigstens
indirekt die Mitschuld der Anstiftung mochten getragen haben. Endlich
aber war die Dirne doch schon mehr als halbwchsig, als sie im Verein
mit ihrem jngeren Bruder bei Nacht in eine verrammelte Bodenkammer
drang und dort allerlei entwendete. Sie wurde also wegen
Einbruchsdiebstahls auf ein Jahr ins Zuchthaus gesteckt, whrend der
Bursche mit einer leichten Gefngnisstrafe im Orte selbst davonkam.

In dieser Verfassung befand sich die Familie Kratochwil, deren bisherige
Schicksale mir blo vom Hrensagen bekannt waren, whrend meines ersten
Dienstjahres, und auch ich konnte nicht umhin, ihrer freien Siedelung
Aufmerksamkeit zu schenken, wenn ich daran vorberkam, und das war bei
meinen Dienstgngen, einer erwnschten Wegkrzung halber, meistens der
Fall. Auch drngte sich bei der kleinen Nebenbrcke, die dort ber den
Flu fhrte, stets der Bursche auf, der jeden anbettelte, von dem er
mglicherweise noch eine Gabe zu erlangen hoffte. Er wies dabei den
widerlich aussehenden Stumpf seiner rechten Hand vor, die er sich, als
man ihn einmal zur Feldarbeit zwingen wollte, aus Ungeschick oder, wie
behauptet wurde, vorstzlich mit einer Sichel verstmmelt hatte. Im
brigen jedoch war er ein krftiger, von Gesundheit strotzender Junge,
dessen tadellosen Krperbau man bewundern mute, wenn er, halb nackt,
fischend oder krebsend im Wasser stand. Auch sein Gesicht war bei aller
Rohheit nicht unschn, und seine lebhaften, olivengrnen Augen stachen
eigentmlich von einer dichten Flle kupferfarbener Haare ab, die
senkrecht ber seiner Stirn emporstanden. Zudem hatte er bei aller
Frechheit etwas Gutmtiges und Drolliges, so da man oft nicht umhin
konnte, ihm wider bessere Einsicht kleine Mnze oder einen
Zigarrenstummel zuzuwerfen, an welchem er auch sofort unter tollen
Freudensprngen mit den wunderlichsten Grimassen zu saugen begann.

Eines Tages -- es war im Mai, der sich nach einem rauhen, fast
winterlichen April herrlich anlie -- hatte ich wieder in der
Forstkanzlei zu tun. Als ich mich der Brcke nherte, gewahrte ich
unten, hart an der Uferbschung, eine weibliche Gestalt liegen, die sich
im warmen Flusande trg und behaglich sonnte. Sie war nur mit einem
dnnen, farblosen Fhnchen bekleidet, das ihr, vielfach zerschlissen,
kaum ber die Kniee zu reichen schien. Das verwaschene bunte Kopftuch
war in den Nacken hinabgesunken und lie krauses dunkles Haar sehen; der
Blick starrte gedankenlos gen Himmel. Da jetzt meine Schritte auf den
Balken erdrhnten, wandte sie mir mechanisch das Haupt zu, unter welches
sie beide Arme geschoben hatte, und sah mich mit groen, dunkelgrnen
Augen an. Diese Augen und auch sonst eine gewisse hnlichkeit mit dem
jungen Strolche brachten mich sofort zur berzeugung, da es die
Kratochwilsche Tochter sei, die wohl in letzter Zeit aus der
Strafanstalt zu den Ihren zurckgekehrt war.

Meine Geschfte nahmen diesmal lngere Zeit in Anspruch, so da etwa
zwei Stunden vergangen waren, als ich mich wieder auf den Heimweg
machte. Das Mdchen lag noch immer regungslos auf derselben Stelle.
Meiner ansichtig geworden, dehnte und reckte sie langsam die Glieder,
hob sich ghnend mit halbem Leibe empor und folgte mir eindringlich mit
den Augen.

Im Forsthause erzhlte ich bei Tisch von meiner Begegnung. Der Frster,
im Grunde des Herzens ein gutmtiger Mann, aber barsch und oft grausam
in Worten, wenn ihm etwas wider den Strich ging, zeigte sich sehr
aufgebracht. Er behauptete, das nichtsnutzige Ding wrde im Zuchthause
gewi nur noch schlechter geworden sein, und dabei kam er auf die ganze
Familie zu sprechen, die ihm seit jeher ein Dorn im Auge gewesen.
>Dieses Gezcht<, rief er aus, >verschndet den ganzen Ort. Es ist ein
wahrer Skandal, da sich die Gemeinde nicht endlich ins Mittel legt!<

Und da sa er wieder einmal auf seinem Steckenpferde. Unter der
Feudalherrschaft emporgekommen, war er ein Feind der autonomen Gemeinde,
mit der es des fteren Grenzstreitigkeiten gab, die auch den Wald
berhrten. Am meisten aber hate er den Brgermeister, weil dieser, ein
wohlhabender Grundbesitzer, auch als das Haupt der slawischen Partei
galt, die in ihrer natrlichen Mehrzahl nach und nach eine gewisse
Machtstellung erlangt hatte. Der Frster jedoch, obgleich selbst von
slawischer Abstammung, hielt sich infolge seiner ganzen Erziehung und
seines langjhrigen dienstlichen Verhltnisses leidenschaftlich zu den
Deutschen des Ortes.

Mich selbst kmmerte dieser Zwiespalt damals noch wenig, und ich warf
ein, da die Gemeinde den Kratochwils gegenber sich in einer sehr
schwierigen Lage befnde.

>Ach was!< unterbrach er mich heftig. >Reden Sie diesem Volk nicht auch
noch das Wort! Indolenz ist es, strfliche Indolenz! Und obendrein ein
Verbrechen, die Leute so dicht beisammen in ihrer verpesteten Erdhhle
zu belassen. Es mte doch mit dem Teufel zugehen, wenn man die
Lumpeneltern nicht zu Paaren treiben und die Kinder irgendwo zu
redlichem Erwerb unterbringen knnte.<

>Um die Kinder ist es zu schade<, bemerkte die Frsterin. >Die beiden
jngsten sind mir immer als ganz hbsch aufgefallen; besonders das
Mdchen.<

>Die kann's noch weit bringen! Aber freilich, was kmmert das die Vter
der Gemeinde? Hat doch der Herr Brgermeister seinen einzigen Sohn
aufwachsen lassen wie das liebe Vieh.<

>Der Junge soll ja seit jeher schwachsinnig gewesen sein<, sagte die
Frau, immer zum Begtigen bereit.

>Mag sein; aber keineswegs derart, da ihm ein ordentlicher Unterricht
nicht htte beikommen knnen. Der Vater war in der Lage gewesen, einen
Lehrer zu halten, oder auch zwei, wenn es schon mit dem Knaben in der
Schule nicht vorwrts ging. Er dachte wohl, es sei nicht notwendig. Denn
trotz seines Geldes und seiner stdtischen Kleidung ist und bleibt er
ein Bauer, dessen ganze Weisheit darin besteht, das Kalb vor den Pflug
zu spannen. Nun, das ist seine Sache. Was jedoch die Kratochwilschen
betrifft, so bin ich berzeugt, da dieses Gesindel ber kurz oder lang
irgend ein Unheil anrichtet.<

Beim Abendessen kam der Alte wieder auf dieses Thema und gab
infolgedessen zum Schlusse allerlei Schauergeschichten aus seinem Leben
zum besten. Er erzhlte von einem verzweifelten Kampfe, den er als
junger Mann mit Wildschtzen bestanden, von gelegten Waldbrnden, von
verfolgten Verbrechern, die sich in das Revier geflchtet, und
dergleichen mehr. Als wir zu Bette gegangen waren, konnte ich lange
nicht einschlafen; dann aber trumte mir allerlei verworrenes und
schreckhaftes Zeug, wobei die Troglodytenfamilie am Flusse in allen
Gestalten die Hauptrollen spielte.


                                 II.

Am nchsten Morgen hngte ich mein Gewehr ber die Schulter, pfiff
meinem Hunde und ging in den Wald. Denn es war einer der Tage, an
welchen Klaubholz gesammelt wurde, und da hie es, ein wachsames Auge
haben. Kannten doch die Leute, so diese Vergnstigung genossen, keine
Schonung dessen, was, wie sie meinten, eben der freien Natur angehrte.
Sie zertraten aufs rcksichtsloseste die jungen Kulturpflanzen, brachen
mit ihren Stangen, daran starke Haken befestigt waren, samt den drren
Zweigen auch gesunde nieder und legten nicht selten feine Schlingen ins
Buschwerk, auf da sich Hhner und junge Hasen verfngen. So
durchstreifte ich denn jenen Teil des Reviers, der sich mehr gegen die
Niederung hinzog; auf dem hher gelegenen, wo Rotwild wechselte, hatte
es weniger Gefahr, denn die meisten vermieden in der Regel den
beschwerlichen Aufstieg; auch waltete dort seines Amtes der oben
wohnende Heger.

Es ging diesmal sehr lebhaft zu, da man die erste schne Zeit bentzte,
um sich fr lnger hinaus zu versorgen; es wimmelte nur so von Weibern
und halbwchsigen Kindern. Indessen war die Sonne immer hher gestiegen,
und der Forst begann allmhlich wieder zu vereinsamen, als ich, bereits
an die Heimkehr denkend, die Mutter Kratochwil gewahrte, wie sie eine
ziemlich steile Lehne mhsam herunterhumpelte. Das ausgemergelte,
hinfllige Weib hatte sich eine ungeheuere Last von Reisig und drrem
Laub auf den Rcken gebrdet; sie keuchte, und der Schwei rann ber ihr
knochiges, blulichrotes Gesicht, whrend ein paar Schritte hinter ihr
die Tochter ganz frei und unbelastet hinabtnzelte, nur die dnne
Brechstange gleichsam zum Spiel nach sich schleifend. Seht die
Zuchthausprinzessin, dachte ich, indes mir die Alte mit heiserer Stimme
einen demtigen Gru zurief, seht die Troglodytin, sie lt die Mutter
sich zu Tode schleppen, ohne auch nur ein Zweiglein aufzunehmen! Dennoch
konnte ich nicht umhin, der krftig schlanken Gestalt nachzublicken, wie
sie jetzt auf ebenem Boden trotz ihrer Lumpen wirklich wie eine
Prinzessin einherschritt und sich dabei anmutig in den Hften wiegte.
Sie war ohne Gru und Seitenblick an mir vorbergegangen; aber bei einer
Pfadbiegung angelangt, blieb sie pltzlich stehen und blickte rasch mit
einem flchtigen Lcheln nach mir zurck. Ich rgerte mich, da sie nun
bemerkt hatte, wie ich ihr nachstaunte, und ging geraden Weges nach
Hause, wo ich aber von dieser neuerlichen Begegnung schwieg, um den
Frster nicht wieder in Harnisch zu bringen.

Tags darauf hatte ich in der Baumschule zu tun, die, dem Waldrande schon
ziemlich nahe, in einer anmutigen windgeschtzten Schlucht lag. Als ich
mich der Umfriedung nherte, sah ich unweit davon das Mdchen auf einem
bemoosten Steine sitzen, als erwarte sie jemanden. Sie hatte im Schoe
eine Menge von Vergimeinnichten liegen, die sie am Rande eines hinter
ihr vorberrieselnden Baches gepflckt haben mochte, und auf welche sie
jetzt errtend niederblickte. Eine eigentmliche Empfindung durchzuckte
mich; aber ich ging, ohne sie anzusehen, an ihr vorber und trat in die
Baumschule. Whrend ich dort musterte und hantierte, blickte ich
unwillkrlich zwischen den Latten durch und gewahrte, wie sie jetzt mit
ungeschickten Fingern bemht war, die kleinen blauen Blumen zum Strau
zu einen. Mir wurde immer seltsamer und peinlicher zu Mut, und um nicht
wieder an ihr vorbeizukommen, zwngte ich mich nach der anderen Seite
hin durch den an mehreren Stellen brchig gewordenen Zaun und trachtete
das Dickicht zu gewinnen, indem ich in einen schmalen Pfad einbog. Ich
war noch nicht lange gegangen, als es in der Nhe raschelte und mein
Hund leicht anschlug. Ich dachte, es wre ein Reh, statt dessen aber
brach das Mdchen hervor und huschte, whrend sie den Strau fallen
lie, dicht an mir vorbei, sofort jenseits wieder verschwindend. Ich
lie die plump aussehende Gabe liegen und ging meines Weges. Nach
einiger Zeit erschien sie wieder -- und bald darauf ein drittes Mal.
Diese zudringliche Verfolgung begann mich zu rgern; rasch entschlossen,
bog ich sofort nach rechts ab und schritt quer durchs Holz auf der
krzesten Linie dem Forsthause zu. Als ich mich der Schwelle nherte,
hrte ich in der Entfernung hinter mir ein kurzes, helles Lachen
erklingen, wie das einer Spottdrossel.

Am nchsten Tage traf sie mich wieder an -- und auch an dem
nchstfolgenden; sie mute offenbar irgendwo auf der Lauer liegen, um zu
erforschen, welche Richtung ich nahm, wenn ich das Haus verlie, sonst
htte sie nicht stets neben mir her sein knnen. Als ich am dritten Tage
zurckkehrte, sagte der Frster: >Sie, Pernett, ist Ihnen nicht die
junge Kratochwil begegnet? Ich habe die verdammte Dirne heute frh am
Hause vorbeischleichen sehen wie eine Katze. Sie treibt sich gewi im
Revier herum.<

Ich wei nicht, was mich abhielt, die volle Wahrheit zu sagen, und
erwiderte blo, da ich das Mdchen allerdings von weitem wahrgenommen.

>Sie htten sie anrufen und abschaffen sollen. Ich bitte mir aus, da es
das nchste Mal sofort geschieht. Und wenn sie Ihnen keine Folge
leistet, so hetzen Sie den Hund auf sie -- oder brennen ihr eins
hinauf!<

>Ja, wenn das nur so ginge!< erwiderte ich mit gezwungenem Lachen.

>Leider geht's nicht. Und das wei auch das Gesindel und nimmt sich
daher alles und jedes heraus. _Diese_ Kanaille aber darf um keinen Preis
geduldet werden. Drohen Sie nur, da man den Eltern das Klaubrecht
entzieht, das wird schon wirken.<

Ich fhlte mich whrend dieser Unterredung um so befangener, als ich mir
bewut war, bei der ersten Frage meines Vorgesetzten errtet zu sein.
Aber er hatte recht: der Sache mute ein Ende gemacht werden. Ich nahm
mir also vor, das Mdchen bei der ersten Wiederbegegnung scharf
anzulassen.

Am nchsten Morgen war trbes, regnerisches Wetter eingefallen, und ich
dachte daher, da sie sich heute wohl nicht zeigen wrde; aber es
dauerte nicht lange, so sah ich sie im nassen Gestrpp einer abgeholzten
Lehne auftauchen.

>He! du!< rief ich sie an.

Sie stand still und blickte mir, unter dem triefenden Kopftuche ber und
ber erglhend, entgegen.

>Was streichst du denn da im Wald herum?< fuhr ich barsch fort, indem
ich auf sie zutrat.

Sie schien eine andere Sprache erwartet zu haben, denn ihr Gesicht
verfinsterte sich und ihre Augen nahmen einen bsen Ausdruck an. >Nun,<
fragte sie mit rauher Stimme, >darf ich's vielleicht nicht?<

>Nein!<

>Warum nicht? In den Wald kann jeder gehen.<

>Meinst du? Im Revier darf sich niemand aufhalten -- und du am
wenigsten.<

>Wer wird mich hindern?<

>Ich.<

>Ihr? Geht!< Sie sah mich dabei mit zusammengezogenen Brauen verchtlich
-- und doch mit unglubiger Zrtlichkeit an.

Ich fhlte, wie mir dieser Blick ins Innere drang; dennoch nahm ich eine
gleichgltige Miene an. >Was mich betrifft, so sollt' es mich wenig
kmmern, ob du da bist oder nicht; du wirst die Bume nicht forttragen.
Aber der Frster duldet's nicht und hat mir befohlen, dich
abzuschaffen.<

>Und wie wollt Ihr das anfangen?< fragte sie hhnisch.

Mein Stop hatte sich mittlerweile zwischen uns beide gestellt und fing
jetzt an, sie vorsichtig zu beschnuppern.

>Wollt Ihr mir vielleicht gar mit dem Hund zu Leibe?< fuhr sie lachend
fort. >Der wrd' Euch nicht gehorchen.< Sie hatte bei diesen Worten
einen Brocken schwarzen Brotes aus der Tasche gezogen, nach welchem
Stop, gefrig wie alle Jagdhunde, gierig schnappte und dann, nach mehr
verlangend, wedelnd zu ihr emporsah. >Seht Ihr! Er ist klger, als sein
Herr; er nimmt, was man ihm gibt.<

Ihre Unverschmtheit verdro und emprte mich jetzt wirklich. >Weit
du,< sagte ich, >ich werde mich mit dir in kein Hin- und Herreden
einlassen, und erklre dir nur, da ich dich nicht mehr hier treffen
will. Gewalt kann ich allerdings nicht anwenden, aber es gibt noch
andere Mittel, dir den Kopf zurechtzusetzen. Frs erste drfen deine
Eltern nicht mehr Holz sammeln, wenn du mir noch einmal in den Weg
kommst. Das merk' dir!< Damit lie ich sie, dem Hunde pfeifend, kurzweg
im Gestrpp stehen. Ich empfand deutlich, wie sie mir mit zornig
funkelnden Augen nachblickte, und nach einer Weile vernahm ich ein
wildes, weithin schallendes Hohngelchter.

Aber meine Worte, sowie mein ganzes Benehmen schienen doch die
beabsichtigte Wirkung nicht verfehlt zu haben; denn das zudringliche
Geschpf blieb von diesem Tag an dem Walde fern; wenigstens bekam ich es
nicht zu Gesicht. Aber seltsam: obgleich ich mit dem Erfolg zufrieden
sein mute und es auch wirklich war, so fehlte mir doch etwas bei meinen
Gngen. Es war mir, als knnte ich noch immer nicht daran glauben, da
sie meinem Befehl gefolgt sei, und so oft ich es irgendwo in den Zweigen
rascheln hrte, glaubte ich auch ihre Gestalt hervorbrechen zu sehen,
gewissermaen enttuscht, wenn ich nun in der Tat irgend ein Getier
erblickte.

Inzwischen war es vollends Sommer geworden und drauen auf den
weitgedehnten, sonnenbeglnzten Feldern begann allmhlich das Korn zu
reifen. Um diese Zeit hatte ich mich einmal in der Frhe zu dem Heger
hinauf begeben und mit ihm den oberen Teil des Reviers begangen; als ich
mich zum Abstieg anschickte, war es bereits nahe an Mittag und die
Hitze, schon am Morgen hchst empfindlich, hatte sich inzwischen bis zum
Unertrglichen gesteigert. Aus dem Nadelholz rings herum drang eine
betubende Glut und schien jeden Laut zu ersticken; nicht einmal das
Hmmern des Spechtes klang durch die Stille. Ich hatte meinen Rock
ausgezogen und lechzte wie mein Hund, der mit heraushngender Zunge
dicht hinter mir herschritt. Aber alle Bche und Wasserrisse waren
eingetrocknet, und die kurze Wegstunde, die ich noch bis zum Forsthause
zurckzulegen hatte, schien mir gerade Zeit genug, um zu verdursten. Da
fiel mir ein, da ich mich in der Nhe eines Erdbruches befinden msse,
woselbst ich im vorigen Sommer whrend der grten Drre eine Quelle
angetroffen hatte, die mhselig zwischen Moos und Baumwurzeln
hervorsickerte. Ihr sprliches Wassergeriesel sammelte sich in einem
kleinen, von Zeit zu Zeit berflieenden Tmpel, wodurch der Ort selbst
bestndig feucht gehalten und der Wuchs hoher Ulmen begnstigt wurde,
die in der Runde khle, dstere Schatten verbreiteten. Ich trachtete
sofort, die krzeste Richtung zu gewinnen, indem ich mich ohne weiteres
durchs Dickicht schlug. Bald empfand ich auch, wie mir ein erquickender
Hauch entgegenwehte; jetzt vernahm ich schon deutlich, wie es in der
Tiefe rieselte und pltscherte. Noch ein paar Schritte -- und unter mir
lag der klare, umschattete Tmpel. Aber gleichzeitig benahm es mir den
Atem, und ich mute mich taumelnd am nchsten Ast festhalten. Denn dem
kleinen Bassin, an dessen Rand sich weibliche Kleidungsstcke verstreut
zeigten, entstieg eben mit blinkendem Leibe das Mdchen. Stop war
vorausgeeilt; sie schrak zusammen und wandte mir das Antlitz zu. Ihre
erste Regung war, sich in instinktmiger Scham die Hnde vor die Augen
zu schlagen; sofort aber zuckte es eigentmlich um ihren Mund, und indem
sie die erhobenen Arme sinken lie, nahm sie die bekannte Venusstellung
an, die sie nie im Leben vor Augen gehabt. Ich wendete mich ab und floh
den Pfad zurck, den ich mir gebrochen. Wie ein Trunkener taumelte ich
vorwrts; das Herz schlug mir bis an den Hals hinauf; Hitze und
Trockenheit in der Kehle drohten mich zu ersticken, whrend mich mein
Hund, der sich inzwischen satt getrunken, mit noch triefender Schnauze
lustig umsprang.

Wie ich damals nach Hause gekommen, wei ich heute nicht mehr; ich kann
nur sagen, da ich das Bild nicht vor den Augen wegbrachte, da mich
marternde Sehnsucht verzehrte, da ich mit dem Entschlusse kmpfte, das
Mdchen aufzusuchen -- und was derlei Ausgeburten einer erhitzten
Phantasie mehr waren. Vernunft und Ehrgefhl halfen mir freilich ber
all diese Erschtterungen hinweg; aber mir war und blieb in den nchsten
Tagen elend zumut. Ich konnte nicht essen, nicht schlafen und schritt im
Walde wie ein Schatten umher.

So mochte fast eine Woche vergangen sein, und ich mute wieder einmal
nach der Baumschule sehen, die ich seither vermieden hatte, obgleich
mich eine geheimnisvolle Macht hinzuziehen schien. Schon aus einiger
Entfernung konnte ich bemerken, da das Mdchen, wie damals, in der Nhe
des Zaunes sa. Ich fhlte einen heftigen Ruck am ganzen Krper, und
unwillkrlich wendete ich mich zur Umkehr. Doch schon schmte ich mich
auch dieser unwrdigen Feigheit und beschlo, der Gefahr, wenn es denn
wirklich eine sein sollte, mutig zu begegnen; schritt also jetzt an der
Sitzenden, ohne ihr einen Blick zu schenken, vorber. Stop aber hielt an
und wedelte ihr wie einer guten Bekannten entgegen. Sie lockte ihn an
sich heran. Ich pfiff; doch da sie ihm den Kopf kraute, folgte er nicht
gleich. Das rgerte mich. >La den Hund in Ruhe!< herrschte ich ihr zu,
mit einer halben Wendung stehen bleibend.

>Kann ich dafr, da er mich kennt?< antwortete sie ruhig, ohne
aufzusehen. >Er wei sich nicht zu verstellen, wie Ihr.<

>Was willst du damit sagen?< erwiderte ich barsch.

>Warum tut Ihr, als shet Ihr mich nicht?<

>Sei froh, wenn ich dich nicht sehe<, sagte ich bedeutungsvoll.

>Ach geht!< sagte sie, indem sie sich von dem Stein erhob und langsam
auf mich zukam. >Ich habe ja doch Tag fr Tag hier auf Euch gewartet.<

>Auf mich? Weshalb?<

Sie erwiderte nichts, sah mich aber mit einem Blick an, der mir das Blut
sieden machte -- und mich doch gleichzeitig derart emprte, da ich mit
ungeheuchelter Entrstung ausrief: >Du bist ein schamloses Ding! Schau,
da du fortkommst -- und das sogleich!<

Sie blickte mich halb erschreckt, halb unglubig an, whrend ein bldes
Lcheln um ihre roten, halb geffneten Lippen spielte.

>Hast du gehrt? Hinweg! sag' ich!< Damit trat ich, den Arm gebieterisch
ausgestreckt, so drohend auf sie zu, da Stop trotz seiner freundlichen
Gesinnung bedenklich zu knurren anfing.

Sie bebte zusammen; gleich darauf aber kam ein tckischer,
herausfordernder Trotz in ihrem Antlitz zum Vorschein; es war, als
wollte sie sich zur Wehr setzen. Dann aber nahmen ihre Zge pltzlich
den Ausdruck vollstndiger Gleichgltigkeit an. >Nun ja; tut nicht so
bse und schreit nicht. Ich gehe schon. Aber schenkt mir wenigstens
etwas. Ich habe Hunger. Und seht, das Kleid geht schon ganz in Fetzen --
auch habe ich keine Schuhe --<

>Du brauchst Schuhe -- du Strauchdiebin!< rief ich hart.

Sie zuckte wieder zusammen; ihre Augen waren ganz dunkel geworden und
blitzten vor Wut und Ha. >Warum heit Ihr mich so?< rief sie mit
geballten Fusten. >Euch habe ich nichts gestohlen.< Dann lie sie
allmhlich die Arme sinken und sagte vorwurfsvoll: >_Ihr_ solltet mich
nicht so nennen -- gerade _Ihr_ nicht.<

Ich selbst hatte das Wort bereut, kaum da ich es ausgestoen. >Warum
lt du's auch darauf ankommen<, entgegnete ich milder. >Und wenn du
Hunger hast, warum arbeitest du nicht?<

>Das geht nicht<, erwiderte sie dumpf.

>Weshalb nicht?<

>Es nimmt mich niemand.<

>Das ist nicht wahr. Hast du's denn schon versucht?<

Sie schttelte das Haupt.

>So tu's!<

Sie blickte nachdenklich vor sich hin. >Schenkt mir lieber etwas<, sagte
sie nach einer Weile.

>Nein, ich schenke dir nichts! Das hiee nur deine Trgheit, deine
schlimmen Neigungen untersttzen. Oder doch --< fuhr ich fort, von einem
pltzlichen Gedanken berkommen >ja, ich will dir so viel schenken, da
du eine Zeitlang nicht zu hungern brauchst und dir ein paar Ellen Zeug
an den Leib schaffen kannst; aber auch nur unter der _einen_ Bedingung,
da du dich nach Arbeit umsiehst.<

Sie schwieg und schien einen schweren inneren Kampf zu kmpfen. >Es
nimmt mich niemand<, wiederholte sie endlich. >Ihr wit doch -- --<

>Ich wei. Aber gerade deswegen wird und mu man dich nehmen; denn es
ist jedermanns Pflicht, dir zu einem ordentlichen Leben zu verhelfen. Im
Wirtschaftshofe findest du ganz gewi Aufnahme. Wenn du willst, werde
ich mit dem Adjunkten sprechen.<

>Nehmt _Ihr_ mich lieber<, sagte sie, rasch aufblickend. >Ihr knnt mich
ja auch im Walde brauchen.<

>Nein,< entgegnete ich verwirrt, >nein, dazu ist es jetzt schon zu spt;
die Kulturen sind ausgesetzt, und was ich dir sonst noch zu tun geben
knnte, wrde nicht weit reichen. Aber bei der Wirtschaft geht es erst
jetzt so recht an. In der nchsten Woche beginnt die zweite Rbenhacke,
dann die Heumahd, spterhin ist der Schnitt -- und endlich die
Rbenernte. So httest du Beschftigung und Verdienst bis tief in den
Herbst hinein. Willst du?<

Ich sah, da sie zu keinem Entschlu kommen konnte und wie verloren vor
sich hinstarrte. Ich trat ihr nher und zog die Brse. >Schau,< sagte
ich in mildem Tone, >du bist ein hbsches Mdchen; warum willst du nicht
auch brav und rechtschaffen sein? Wie heit du denn eigentlich?<

>Maruschka<, sagte sie still.

>Also, Maruschka, warum willst du nicht, wie all die anderen, dein
tgliches Brot erwerben -- fr dich -- und auch fr deine Eltern, die
nun einmal zur Arbeit nicht mehr taugen? Dein Beispiel wrde den Bruder
aneifern -- und ihr knntet alle miteinander noch ehrsame Leute werden,
statt in Elend und Schande zu verkommen. Denkst du denn gar nicht an
deine Zukunft?<

Ihre breiten, krftigen Nasenflgel hatten whrend meiner Worte leise zu
zittern begonnen; die Mundwinkel zogen sich schmerzlich herab -- und
jetzt brach sie in ein unaufhaltsames, lautes Weinen aus.

>Siehst du?< fuhr ich fort, indem ich mit der Hand leicht ber ihr
sprdes Haar fuhr. >Nimm dir's zu Herzen. Heute ist Freitag --
bermorgen, Sonntags, in aller Frhe begib dich nach dem Hofe und melde
dich zur Arbeit. Willst du?<

>Ich will<, sagte sie schluchzend.

>Nun also. Da nimm! Es ist so viel, als ich eben kann. Aber ich baue auf
dein Versprechen. Und da du mir nicht mehr in den Wald kommst! Hrst
du?<

Sie schttelte unter Trnen das Haupt, zum Zeichen, da sie nicht
wiederkommen wolle.

>Und nun leb' wohl<, sagte ich.

Sie hielt die Gabe in der fest geschlossenen Hand. Stumm, gehorsam, noch
immer leise weinend, wandte sie sich und ging.

Mit freier, gehobener Brust atmete ich auf. Alle unlauteren, hlichen
Empfindungen waren in mir wie hinweggesplt; ich hatte nur das frohe
Gefhl, wohl gehandelt zu haben.

Ich erstieg die Anhhe und wartete, bis Maruschka aus dem Walde in die
sonnige Ebene hinaustrat. Sie blickte sich nicht um, sondern schritt mit
gesenktem Haupte zwischen den leuchtenden Kornfeldern dahin. Endlich
trocknete sie sich die Augen und begann dann langsam und vorsichtig die
Banknote zu entfalten, die ich ihr in die Hand gedrckt.


                                 III.

Gleich am Nachmittage suchte ich den Adjunkten auf. Er hrte mich
einigermaen verwundert an und fragte lchelnd, wie ich dazu kme, den
Frsprecher der jungen Troglodytin zu machen. Darauf war ich vorbereitet
und konnte daher ohne jede Verlegenheit auseinandersetzen, da sich das
Mdchen zu groem Verdrusse der Frsters tagelang im Revier
umhergetrieben, da ich ihr endlich ins Gewissen geredet und sie
bestimmt habe, sich Sonntags im Wirtschaftshofe zu stellen und um
Beschftigung zu bitten. Und am Ende seien wir ja infolge unseres Amtes
berufen, uns der Leute anzunehmen, da man sich von seiten der
Ortsobrigkeit gar nicht um sie kmmere.

>Gewi,< antwortete er, >und an mir soll's nicht liegen, wenn das
verlotterte Ding etwa klagen sollte, da man es rettungslos verkommen
lasse. Auch kann ich ja eben jetzt nicht genug rhrige Hnde finden.
Aber ich gestehe Ihnen offen, da ich zu ihrem guten Willen kein rechtes
Vertrauen zu fassen vermag. Und selbst wenn sie die redlichste Absicht
htte, so wird sie diese ihrer Natur gegenber nicht durchsetzen knnen
-- gerade so wenig, wie ihre Eltern, die ja auch hin und wieder derlei
Anwandlungen gehabt haben. Es sind nun einmal degenerierende Menschen,
denen die Arbeitsscheu im Blute steckt. Ein paar Tage, hchstens eine
Woche lang greifen sie zu; dann lassen sie pltzlich alles liegen und
stehen und strecken sich wieder auf die faule Haut. Das scheint, wie
gesagt, auf rein physischen Gesetzen zu beruhen, die selbst dem ueren
Zwange spotten. Wie es mit dem Bruder in dieser Hinsicht abgelaufen ist,
wissen Sie ja; ich frchte, die Schwester wird einen hnlichen Ausgang
nehmen. Aber wie gesagt, wenn sie kommt, ist sie angenommen. Einige von
den Weibern und Mdchen, die im Grunde nicht um gar vieles besser sind,
werden wohl die Nase rmpfen, wenn sie mit der abgestraften Diebin aufs
Feld hinaus sollen, aber das gibt sich in wenigen Tagen und braucht uns
nicht zu kmmern.<

Montags, in aller Frhe, begann die Rbenhacke, und ich suchte einen
erhhten Punkt am Waldrande auf, um der Arbeit von weitem zuzusehen.
Whrend der Nacht hatte es heftig gewittert; nun war die Luft
durchsichtig klar, und ein khler Wind strich von Norden her ber die
Felder, die sich zu beiden Seiten der Landstrae weithin ausdehnten. Wie
Smaragd stachen die Rbenpflanzungen von dem gelblich wogenden Getreide
ab, und die bunten Kopftcher der Arbeiterinnen, die sehr zahlreich in
tief gebckter Haltung auf dem grnen Plan beschftigt waren, flatterten
wie seltsame groe Blumen. Ich bemhte mich, Maruschka unter der
zerstreuten Schar herauszufinden, aber es wollte mir nicht gelingen, und
schon begann ich zu zweifeln, da sie ihren Vorsatz ausgefhrt -- als
ich sie pltzlich auftauchen sah, nunmehr deutlich erkennbar an den
farblos dunklen Lumpen, die sie noch immer am Leibe trug; nur ein neues,
feuerfarbenes Kopftuch hatte sie sich bis jetzt mit meinem Gelde
zugelegt. Sie war also wirklich gekommen -- sie arbeitete! Zufrieden
blickte ich noch eine Weile auf das bunte Bild, dann ging ich meinen
Geschften nach.

Gegen Abend fhlte ich mich pltzlich unwohl. Ich mute mich irgendwie
erkltet haben, und als ich zu Bett ging, stellte sich Schttelfrost
samt einer starken Halsentzndung ein, die mich einige Tage im Hause
fest hielt; whrenddessen aber war die Arbeit auf den Rbenfeldern zu
Ende gefhrt worden.

Hingegen folgte schon in der nchsten Zeit die Heuernte, und eine groe,
an den Ort grenzende Wiese wurde zuerst in Angriff genommen. Da ich an
diesem Tage zuflligerweise im Schlosse zu tun hatte, wo eben zwei junge
Grafen zur Brsch angekommen waren, so konnte ich bei meiner Rckkehr
das rstige Treiben in der Nhe betrachten und trat endlich selbst
hinein. Obgleich die Sonne noch nicht sehr hoch stand, herrschte doch
schon die ganze drckende Schwle des Juli. Der Schwei der Arbeit flo
in Strmen; dennoch war es eine Freude, zu sehen, wie die Leute, Mnner
und Weiber vereint, lustig die Sensen schwangen und die langhalmigen
Grser, in welchen sie bis an die Hften standen, vor sich niederlegten.
Auf dem bereits abgemhten Teil der Wiese wurde in groen Kreisen eine
neue Maschine herumgefahren, welche bestimmt war, die duftigen Schwaden
zu wenden und leicht auszubreiten. Dort konnte man auch den Adjunkten
gewahren, der eifrig hin und her schritt, seinen Feldstock schwingend.
Als er meiner ansichtig wurde, rief er schon von weitem: >Gr Gott,
Herr Waldkollege! Ihr kommt wohl, um nach meiner Schutzbefohlenen zu
sehen? Aber die werdet Ihr hier nicht finden. Was ich vorhergesagt, ist
eingetroffen. Zwei Tage lang hat sie bei den Rben gearbeitet, dann
verschwand sie. Wenn aber dennoch Euer Herz nach ihr verlangt,< fuhr er
etwas ironisch fort, >so schaut nur dorthin!< Er wies dabei mit seinem
Stocke nach einem hohen Mhlendamm, der sich am Rande der Wiese hinzog.
Und wirklich: dort oben sa Maruschka am Fue eines morschen
Weidenstrunkes, der einzelne junge Triebe in der Sonne glnzen lie. Sie
selbst aber trug noch ihre alte Kleidung, und so zeichnete sich die
ganze Gestalt finster und unerfreulich gegen den lichten Horizont und
seine wei schimmernden Wolken ab. Das feuerfarbene Tuch hatte sie auf
den Knieen liegen, in ihrem Haar funkelte ein Bschel roter Mohnblumen.
So blickte sie, die Arme aufgestemmt und das Kinn mit den Hnden
sttzend, auf die emsige Schar zu ihren Fen nieder.

>Es ist freilich bequemer,< fuhr der Adjunkt fort, >sich die Sache aus
der Vogelperspektive mit anzusehen. Dennoch begreift unsereiner gar
nicht, wie der Dirne der Tag hingehen mag; das ewige Faulenzen und
Vagieren mu doch auch seine Pein haben. Und was sie nur dabei denken
mag? Denkt sie berhaupt an oder ber etwas? Wer vermag sich in die
Seele eines solchen Wesens zu versetzen? Ich habe mich schon fter
gefragt, was sie denn eigentlich abhalten mag, die Pfade des am nchsten
liegenden und dabei bequemsten Lasters zu beschreiten; des Erfolges wre
sie ja sicher. Denn trotz ihrer Verwahrlosung, ihrer breiten
Backenknochen und der etwas platten Nase ist sie doch eine Schnheit,
eine echt slawische Schnheit. Hier im Orte knnte freilich ihr Weizen
nicht blhen; aber sie brauchte ja nur eine Fureise nach Brnn
anzutreten, dort gibt es Seelenverkuferinnen genug, die sie mit offenen
Armen empfangen wrden. Es kann also doch nur wieder die Macht der
Trgheit sein, was sie an das gewohnte heimatliche Elend festbannt.
Merkwrdig ist es brigens, da sich hier nicht wenigstens irgend ein
verkommener Bursche an sie macht. Ich kann zwar fr ihre Tugend nicht
einstehen, aber gewi ist, da ich sie niemals mit irgend
etwas Mnnlichem habe verkehren sehen; sie treibt sich immer
mutterseelenallein umher. Wre sie berhaupt fhig, zu lieben? Ja, das
sind lauter Probleme, lieber Freund, und wenn man sich so in der Lage
befnde, wre es ganz interessant, sie in andere Verhltnisse zu
versetzen und zu beobachten, was dabei herauskme, welche ungeahnten
Eigenschaften sie vielleicht entwickeln wrde -- -- Aber Teufel, was
treibt denn die Maschine!?< rief er, pltzlich abbrechend. Diese schien
ins Stocken geraten zu sein, und besorgt eilte er auf sie zu. Ich winkte
ihm mit der Hand zum Abschied und ging.

Seine Worte hatten in mir einen Sturm heraufbeschworen, der alles
gewaltsam Unterdrckte und vergessen Schlummernde wach rttelte.
Neuerdings tobte mein Blut und erzeugte die tollsten, ausschweifendsten
Gedanken. Aber es gelang mir doch bald, wieder ber mich selbst Herr zu
werden -- und um so mehr zu bleiben, als ich ja Maruschka nicht mehr
sah. Dem Walde blieb sie fern, und ich selbst, um nicht an ihrem Heim
vorberkommen zu mssen, bequemte mich stets zu einem lngeren Umweg
durch den oberen Teil des Ortes. In der Eile hatte ich einmal den frher
gewohnten Pfad eingeschlagen, und da stand sie gerade auf der Brcke.
Sie hielt sich tief ber das Gelnder gebeugt und blickte in das Wasser
hinunter. Vielleicht hatte sie mich kommen sehen und sich infolgedessen
abgewendet; mir aber fiel auf, da sie besser und sorgfltiger als sonst
gekleidet erschien, und zwar in helle Farben; um den brunlichen Hals
trug sie eine dreifache Schnur bunter Glasperlen. Unwillkrlich fragte
ich mich, wie sie zu dem allen gekommen sein mchte.

So vergingen mehrere Wochen, und die Jagdzeit rckte heran. Die
Herrschaft war inzwischen vollzhlig eingetroffen; auch zahlreiche Gste
erschienen. Da gab es denn gleich zum Anfang ein lustiges Geknalle auf
den Stoppelfeldern, das den Hhnern und Hasen galt; nunmehr aber sollte
im Walde der erste Trieb auf Rehe stattfinden. Ich mute mich also tags
vorher zu dem Heger hinaufbegeben, um mit ihm das Ntige zu verabreden,
fand ihn aber nicht zu Hause. Sein junges Weib -- er hatte, bereits
ziemlich hoch betagt, eine zweite Ehe geschlossen -- sugte eben auf der
Schwelle ihr Kind und meinte, der Mann msse noch in der Nhe sein, denn
er wre erst vor kurzem weggegangen. Sie bezeichnete mir die Richtung,
die er mutmalich eingeschlagen, und so betrat ich den angegebenen Pfad,
der in das ernste Dster hoher Tannen hineinfhrte. Eine Zeitlang blieb
er eben, dann hob er sich, um pltzlich in eine muldenfrmige Vertiefung
abzufallen, die, von jungen Lrchen- und Fichtenschlingen bestanden,
im vollen Lichte der klaren Herbstsonne lag. Ich hielt einen Augenblick
still, um zu sehen, ob sich nicht der Heger dort unten befinde -- da
gewahrte ich ein zrtliches Prchen, das in trauter Umschlingung
zwischen dem niederen Buschwerk ruhte. Die berraschten -- denn auch sie
erblickten mich jetzt -- fuhren auseinander und verbargen, indem sie
sich rasch umwlzten, instinktmig die Gesichter im Grase. Aber ich
hatte sie bereits erkannt: es waren Maruschka -- und der Sohn des
Brgermeisters, ein bartloser, noch nicht zwanzigjhriger Bursche, der
eigentlich hbsch zu nennen gewesen wre, wenn nicht ein widerlicher Zug
von Geistesschwche und kindischer Weichheit sein Antlitz entstellt
htte.

Ich kehrte natrlich sofort um und schritt den Pfad wieder zurck. Aber
es dauerte nicht lange, so kam mir jemand eilig nachgekeucht. Es war der
Junge, ohne Kopfbedeckung, den Rock nur so um die Schultern geworfen.
>Herr Adjunkt! Herr Adjunkt!< rief er noch aus der Entfernung mit
flehender Stimme.

>Was soll's?< fragte ich, indem ich anhielt.

>Ach, Herr Adjunkt,< stammelte er, sich mhsam des ungewohnten deutschen
Idioms bedienend, >verraten Sie nichts! Sagen Sie niemandem, da Sie
mich hier oben mit der -- mit der Maruschka gesehen haben.<

>Was kmmert das mich? Bin ich ein altes Weib?< versetzte ich barsch in
seiner Muttersprache.

>Ach, es wre schrecklich, wenn man's erfhre<, fuhr er weinerlich fort.
>Mein Vater -- und auch die Mutter wre -- --< Er machte Gebrden des
Auersichseins.

>Das glaub' ich gern<, bekrftigte ich. >Aber kommt ihr denn oft hier
oben zusammen?< fuhr ich unwillkrlich fort und schmte mich vor mir
selbst, da ich bei dieser Frage ein zuckendes Weh am Herzen versprte.

>I freilich<, grinste der Bursche, und sein Mund zog sich dabei bis zu
den Ohren. >Alle Tage.<

>An derselben Stelle?<

>Einmal da, einmal dort.<

>Und wie knnt ihr dann glauben, da euch niemand gewahr werden wird?<

>O, da herauf kommt ja kein Mensch. Hchstens Leute aus dem frstlichen
Revier herber, und die kennen uns nicht.<

>Aber der Heger? Der mte euch doch schon getroffen haben?<

>O, der Pan Heger,< lachte der Junge wieder, >der tut uns nichts. Der
hlt den Mund. Dem hab' ich --< er machte eine bezeichnende Pantomime,
da er ihm Geld in die Hand gedrckt.

Und das bestrkte mich wieder in der blen Meinung, die ich, sowie der
Frster, von dem Manne hatte. Im Dienste zwar erschien er sehr
brauchbar; er besa Umsicht, Mut und Energie, seine sonstigen
Eigenschaften aber flten kein Zutrauen ein. Er trank gern und hatte
schwere Familiensorgen auf dem Halse, da ihm noch drei Kinder aus erster
Ehe anhingen. Niemals kam er mit seinem Gehalt aus, und der Graf, bei
dem er eine Zeitlang in Privatdiensten gestanden und welcher fr ihn
eine besondere Vorliebe zeigte, mute ihn fortwhrend untersttzen. Ich
rgerte mich.

>Auch _Ihnen_ werd' ich mich schon dankbar erweisen<, fuhr der Bursche
mit unterwrfiger Zutraulichkeit fort.

>Was untersteht Ihr Euch!< brauste ich auf. >Ich habe nichts gesehen und
nichts gehrt. Was mich betrifft, knnt Ihr also vollstndig beruhigt
sein. Ich sag' Euch das, damit, wenn die Sache heute oder morgen doch
ruchbar wird, es nicht etwa heie, ich htte sie zutage gebracht<. Damit
lie ich ihn stehen.

Den Heger traf ich nunmehr zu Hause. Es kam mich an, ihn zur Rede zu
stellen; aber die ganze Sache war mir so widerlich, da ich sie nicht
noch einmal berhren wollte. Ich erteilte also blo meine Befehle fr
die Jagd und ging dann meiner Wege.


                                 IV.

Der Frster begab sich nur hchst selten in den Marktflecken; sein
Leiden und die damit verbundene Griesgrmigkeit hinderten ihn daran.
Mute es aber doch hin und wieder aus zwingenden Grnden geschehen, so
blieb er auch meistens gleich bis tief in die Nacht hinein unten hngen.
Denn er pflegte alsdann das Honoratioren-Wirtshaus aufzusuchen, wo der
seltene Gast mit groer Zuvorkommenheit empfangen wurde; das gute
bhmische Bier und eine Tarockpartie taten das brige, um den brummigen
Alten auftauen zu lassen, der sich, einmal in Flu gekommen, als sehr
gemtlicher und lustiger Gesellschafter erwies.

Das war auch in dieser Zeit einmal der Fall gewesen. Ich sa noch mit
der Frsterin, die ihn stets mit einiger ngstlichkeit erwartete, beim
Lampenschein am Tische, als er nach Hause kam. Er sah sehr heiter aus,
und whrend er sich's bequem machte, sagte er: >Wit ihr das Neuste? Der
ganze Ort ist voll davon. Der Sohn des Brgermeisters hat eine
Liebschaft mit der jungen Kratochwil.<

>Was du nicht sagst!< rief die Frsterin verwundert aus.

Ich aber wute es ja, und zuckte daher nur die Achseln.

>Eine schne Bescherung fr den Herrn Papa<, fuhr der Alte fort. >Nun
kann er leicht fluchen und wettern und dabei schwren, er wolle die
ganze Familie ins Zuchthaus bringen. Daran htte er frher denken
sollen, jetzt ist es zu spt.<

>Nun, es wird ja nicht so arg sein<, meinte die Frau.

>Arg ist es, sehr arg. Der schwachkpfige Lali, der schon als Bub' immer
hinter den Weibsbildern her war und von ihnen bestndig zum Narren
gehalten wurde, ist endlich vor die rechte Schmiede gekommen. Das
nichtsnutzige Mensch hat ihn natrlich gleich mit offenen Armen
empfangen. Und nun er den Braten geschmeckt, heult und flennt er und
droht, er werde sich umbringen, wenn man ihm die Maruschka nimmt.<

>Jesus Maria! Der Schlingel!< stie die Frsterin halblaut hervor, indem
sie die Hnde faltete.

>Tun wird er's freilich nicht, aber ihre liebe Not werden die Eltern mit
ihm haben; der verzogene Bursch war ja seit jeher gewohnt, seinen Willen
durchzusetzen. Jetzt lassen sie ihn freilich nicht mehr allein ber die
Strae, sonst aber achteten sie, trotz aller Affenliebe fr den
einzigen, nicht darauf, da der Tagdieb unter dem Vorwande, nach den
Feldern zu sehen, bestndig vom Hause fern war. Man htte sonst frher
dahinter kommen mssen. Merkwrdig ist es berhaupt, da auch sonst
niemand darauf verfiel, obgleich man sich allgemein wunderte, da die
Maruschka ganz schmuck und sauber einherging und ihr Vater aus dem
Rausch gar nicht mehr herauskam. Aber wissen Sie, Pernett,< fuhr der
Frster fort, indem er mich streng anblickte, >wissen Sie, da wir
eigentlich in die Geschichte mit verwickelt sind? Denn raten Sie einmal,
wo das saubere Liebespaar seine Zusammenknfte gehalten? In unserem
Revier -- oben beim Heger, der ihnen den Unterschlupf im Walde
verstattet. Wahrscheinlich hatte ihm der Junge eine Zeitlang Geld
zugesteckt, schlielich aber mochte es dem alten Gauner vorteilhafter
geschienen haben, das Geheimnis um eine runde Summe zu verraten.
Miserabler Lump! Aber da es nun einmal geschehen ist, habe ich im Grunde
doch meine Freude daran.<

Wir waren noch nicht lange zur Ruhe gegangen, als pltzlich die Hunde in
ein wtendes Gebell ausbrachen und die Hausklingel mehrmals
hintereinander hastig gezogen wurde. Da ich noch nicht schlief, so war
ich bald bei meinem Stubenfenster, das dem Tore zunchst lag, und
blickte, einen Flgel ffnend, hinaus. Drauen im Dunkel standen zwei
Mnner. Es waren Arbeiter, die bei einem Neubau auerhalb des Ortes
verwendet wurden und, wie sie sagten, in einem offenen Schuppen
genchtigt hatten. Von dort aus htten sie einen starken Feuerschein
bemerkt, der aus dem oberen Teil des Waldes gegen den Himmel aufstieg.
Sie wren gekommen, uns davon zu benachrichtigen und sich im Falle der
Not zur Verfgung zu stellen.

Kaum hatte der Frster, im Bette halb aufgerichtet, diese Kunde
vernommen, als er auch schon mit einem Satze auf dem Boden stand. >Ein
Waldbrand?< schrie er, indem er mit ungewohnter Schnelligkeit in seine
Kleider fuhr. >Ein Waldbrand? Aber wie ist denn das mglich?< setzte er,
sich besinnend, hinzu. >Bei diesem feuchten Nebelwetter? Auch war die
Nacht ganz windstill, als ich heimkehrte.<

>Das ist sie noch<, entgegnete ich, neuerdings hinausblickend. >Meiner
Meinung nach knnte hchstens das Hegerhaus brennen.<

>Sie haben recht; so wird es sein. Und dann hat auch die junge
Kratochwil das Feuer gelegt, um sich an dem Manne zu rchen.<

Mich selbst hatte dieser Gedanke sofort durchzuckt.

>Eilen Sie nur gleich hinauf<, fuhr der Frster fort, >und sehen Sie
nach. Die Mnner knnen Sie zur Vorsorge mitnehmen; ich folge Ihnen,
sobald ich mich wrmer angekleidet habe.<

>Ich denke, Sie knnen sich's ganz ersparen<, sagte ich, mich rasch
fertig machend. >Es kann keine besondere Gefahr dabei sein; das kleine
Haus steht ja auf einer ausgedehnten Lichtung. Sie mgen brigens in
Bereitschaft bleiben, und wenn es not tut, sende ich nach Ihnen.<

Dies leuchtete auch der Frsterin ein, die schon die hohen Filzstiefel
des Alten hervorgesucht hatte, und dieser stimmte zu, whrend ich mit
den Mnnern abging. Wir hatten zwei Laternen mitgenommen und schlugen
bei Nacht und Nebel gleich den krzesten, wenn auch beschwerlichsten Weg
ein. Es dauerte nicht lange, so versprten wir bereits leichten
Brandgeruch, der immer eindringlicher wurde, und als wir endlich auf die
Lichtung hinaustraten, schimmerte uns die rtliche Glut verglimmender
Balken, die um das Haus herumlagen, durch die Dunkelheit entgegen. Der
Brand war also schon erloschen und keine weitere Gefahr mehr zu
besorgen; auch der Schaden erwies sich als nicht sehr bedeutend. Blo
der Dachstuhl war herabgebrannt; die Mauern standen unversehrt; selbst
ein kleiner, ganz in der Nhe befindlicher hlzerner Stall war von den
Flammen verschont geblieben. Ich fragte die Hegerleute, welche eben
beschftigt waren, einige ins Freie geschaffte Habseligkeiten wieder
einzurumen, auf welche Art das Feuer ausgebrochen sei? Die Frau
erwiderte darauf hastig und einigermaen verwirrt, sie knne nur
glauben, da es bse Menschen gelegt htten. Es gbe einige Wilddiebe,
die ihrem Manne schon lngst Rache geschworen; auch wre es immerhin
mglich -- sie blieb pltzlich in ihrer Rede stecken, da ihr der Heger,
wie ich bemerkte, einen grimmigen Blick zuwarf. Die Errterung war ihm
offenbar unangenehm, und er sagte jetzt mit einem gewissen Trotz: >Wir
knnen niemanden anklagen. Die Oktobernchte sind bereits empfindlich
kalt, und da haben wir, der Kinder wegen, noch spt am Abend geheizt.
Der Ofen aber ist alt und schadhaft -- und der trgt wohl die Schuld an
dem Brande. brigens war der Schrecken, den wir ausgestanden, das
rgste; alles andere ist kaum der Rede wert. Dachsparren und Schindeln
waren ohnehin schon morsch und verwittert, und htten bald durch neue
ersetzt werden mssen.<

Diese Erklrung, sowie das ganze Benehmen der Leute erschien
hinreichend, Maruschka in meinen Augen des Frevels zu entlasten, den ich
ihr zugemutet; der Frster jedoch hielt bei meiner Rckkehr mit der ihm
eigenen Verbissenheit an seinem Argwohn fest und meinte, der Heger habe
wohl seine guten Grnde, die Schuld auf den Ofen zu schieben, damit die
Rolle, welche er bei dem Liebeshandel gespielt, nicht weiter zur Sprache
kme. Aber nicht blo der Alte war berzeugt, da das Mdchen den Brand
gelegt: die Kunde verbreitete sich im Orte selbst wie ein Lauffeuer und
wurde sofort zur unzweifelhaften Tatsache. Man sprach von nichts anderem
und fragte sich entrstet, wie es denn komme, da die Verbrecherin noch
immer frei und unbehelligt umhergehe. Infolgedessen fand sich auch das
Gericht veranlat, von der Sache Akt zu nehmen und Maruschka einem
strengen Verhre zu unterziehen. Da diese aber ihre Schuld auf das
entschiedenste in Abrede stellte und auch nicht der Schatten eines
wirklichen Beweises gegen sie vorgebracht werden konnte, so mute der
Gerichtsleiter, der diesen Ausgang vorhergesehen, alles weitere auf sich
beruhen lassen, zeigte sich aber, um die Gemter zu beruhigen, gerne
bereit, den Antrag zu untersttzen, den der Brgermeister, nunmehr durch
die Umstnde begnstigt, an die Statthalterei zu richten fest
entschlossen war, nmlich: die bereits wegen Einbruchs abgestrafte Marie
Kratochwil, welche, in unverbesserlicher Arbeitsscheu verharrend, der
ffentlichen Sittlichkeit sowohl, als auch der allgemeinen Sicherheit
gefhrlich erscheine, mge zur Abgabe in eine Korrektionsanstalt
bestimmt werden. Und da nun der Ortsvorstand begreiflicherweise mit
vollen Segeln ins Zeug ging, sich nach der Landeshauptstadt begab, um
dort persnlich alle Hebel in Bewegung zu setzen, so langte auch bald
der Bescheid herab, da das Mdchen zu einjhriger Zwangsarbeit
einzuliefern sei. Maruschka, bis dahin in Gewahrsam gehalten, wurde also
eines Tages, ohne da ich sie mehr zu Gesicht bekommen htte, unter
Gendarmeriebegleitung zur Bahn gebracht und nach Brnn befrdert.

Die Frau des Brgermeisters hatte sich inzwischen mit ihrem Sohne, der,
nachdem er sich eine Zeitlang wie ein Wahnsinniger gebrdet, in
apathische Schwermut versunken war, zu entfernt lebenden Verwandten
begeben, hoffend, da der Wechsel des Ortes und der Umgebung seinen
heilsamen Einflu auf den Gemtszustand des Burschen nicht verfehlen
wrde. Dieses Mittel schien aber nicht angeschlagen zu haben; denn man
wunderte sich bei seiner Rckkehr, wie schlecht und verfallen er aussah,
und wollte seitdem bemerken, da er ein in sich gekehrtes,
heimtckisches Lungerleben fhre. Bald hie es auch, er habe mit dem
Bruder der Maruschka Freundschaft geschlossen, treibe sich in dessen
Begleitung an entlegenen Orten umher, und beide seien schon des fteren
in einem verrufenen Wirtshause nchst der Landstrae gesehen worden. Ja
man behauptete sogar, da er bei einbrechender Dunkelheit die Familie in
ihrer Hhle aufsuche, sie mit Branntwein regaliere und mittrinkend
schwre: er und Maruschka wrden doch noch ein Paar werden. Zwar stehe
ihm im Frhling die Rekrutierung bevor, aber es wre ihm, trotz der
Absicht seines Vaters, ihn loszukaufen, ganz recht, ein paar Jahre beim
Militr zu dienen. Wenn er dann wieder zurckkehre, sei er majorenn und
niemand mehr knne ihm etwas befehlen oder verbieten, selbst seine
Eltern nicht, von denen er brigens glaube, da sie nicht allzulange am
Leben bleiben drften. So wenigstens erzhlte man sich; ich aber
gestehe, da ich stets eine eigentmliche Empfindung hatte, wenn mir der
Bursche hin und wieder begegnete, bleich, hohlwangig und mit blden
Augen vor sich hin wie ins Leere stierend.


                                  V.

Das Jahr 66 war herangekommen, und sein Sommer brachte Sorge, Verwirrung
und tiefes Leid. Heute sind mehr als zwei Dezennien darber hingegangen,
und die Einsicht, da jene Ereignisse der Ausgangspunkt des groen
Germanischen Reiches gewesen, hat uns alle mit dem Schicksal, das uns
damals getroffen, ausgeshnt, wenn sich auch seither die Deutschen in
sterreich, durch den Nationalittenhader von allen Seiten bedrngt,
immer einsamer und verlassener fhlen. Aber ich gerate da in
Reflexionen, die nicht zu meiner Geschichte gehren.

Der Krieg hatte auch unsere Provinz gestreift und der Ort vordringende
preuische Truppen beherbergt. Als sie nach geschlossenen
Friedensverhandlungen abgezogen waren, schien auch wieder die frhere
Alltagsstimmung zurckgekehrt zu sein; die so folgenschweren Vorgnge
hatten keine ueren Spuren hinterlassen. Bald aber machte sich viel
Schmerzliches geltend. Manche von den Einwohnern hatten ihre Shne in
den blutigen Schlachten verloren, oder sahen sie verstmmelt im
elterlichen Hause eintreffen. Zu denen, welche Tote zu beweinen hatten,
gehrte auch der Brgermeister. Der Junge hatte seinen Willen
durchgesetzt und sich assentieren lassen, oder vielmehr mochten die
Eltern, welche von dem bevorstehenden Kriege keine Ahnung hatten, in
einem kurzen Militrdienste ein willkommenes Heilmittel fr ihren Sohn
vermutet haben. Dieser war also in das einheimische Regiment getreten,
wo er auch, dem Schutze eines bekannten Hauptmannes empfohlen, in der
Tat einigermaen aufzuleben schien; der Krieg aber brachte ihm ein
rasches Ende. Er war zwar noch bei Kniggrtz mit heiler Haut
davongekommen, nach dem hastigen und verworrenen Rckzug ber die Elbe
jedoch wurde er vermit, und seine Spur blieb fr immer verloren; er
mute in den Fluten des Stromes sein Grab gefunden haben. Die beiden
Alten lebten, ihrer reichen Habe unfroh, in der Ergebung dahin und
nahmen schlielich eine junge verwaiste Anverwandte an Kindesstatt ins
Haus.

Auch in der Troglodytenfamilie hatte sich manches verndert. Der Vater,
endlich dem Schicksale des Sufers erliegend, war eines Tages im
^delirium tremens^ verendet, und die Mutter hauste nunmehr am Flusse
allein mit ihrem jngsten Sohne. Dieser schien indes in sich gegangen zu
sein und hatte wenigstens annherungsweise einen Beruf ergriffen: er war
Gnsehirt geworden. Und dieses Amtes waltete er mit berraschendem
Eifer, erstaunlicher Umsicht und ungeahnter Redlichkeit. So kam es, da
ihm nach und nach fast die ganze Gemeinde ihr watschelndes Federvieh
anvertraute, das man frher vor den wrgerischen Griffen der Kratochwil
nicht genug in acht hatte nehmen knnen. Eine unbersehbare Herde
schnatterte nun auf der frisch besmten Hutweide und verlieh der
Erdhtte, die sie umweidete, einen hchst idyllischen Charakter.
Zwischendurch bewegte sich der mchtig aufgeschossene, rothaarige Junge
und trieb mit einer langen, lustig geschwungenen Peitsche seine
Schutzbefohlenen zu Paaren, jedes einzelne Stck aus der Schar dem
Eigentmer nach heraus erkennend.

So ging das Jahr hin, und wohl nur wenigen kam es in den Sinn, da die
Zeit herannahe, um welche Maruschka aus der Zwangsanstalt wrde
entlassen werden. In mir selbst war fast jede Erinnerung an sie
erloschen; hatte ich doch inzwischen ein schnes, sanftes Mdchen, die
Tochter eines benachbarten Frsters, kennen gelernt, die auch spter
meine Frau geworden ist. Ich war also in der Tat hchlich erstaunt, als
ich die Zurckgekehrte an einem dsteren, strmischen Novembertage auf
der Brcke stehen sah. Sie lehnte mit dem Rcken am Gelnder und blickte
mir starr und ausdruckslos entgegen; endlich wendete sie sich langsam
ab. Ich aber war erschrocken ber die Vernderung, die in ihrem ueren
vor sich gegangen. Die einst so krftige, schlanke Gestalt hatte eine
ungesunde, formlose Flle entwickelt, und in dem fahlen, aufgedunsenen
Gesicht lag jener unbeschreibliche Zug den Stumpfsinns, der den meisten
Strflingen eigen ist. Von ihren Haaren war nichts zu sehen, ein
schmutziges Kopftuch umhllte das ganze Haupt bis tief in die Stirn
hinein. Ein unsgliches Grauen wandelte mich an, als ich jetzt an ihr
vorberging, und spter vermied ich es, auf demselben Wege
zurckzukehren.

Es gibt Tage, an welchen alles zusammentrifft, um kein Behagen im
Menschen aufkommen zu lassen. Ein solcher Tag war auch der heutige.
Schon am frhen Morgen hatte es Zwist und rgernis mit den Holzschlgern
im Walde gegeben; jetzt, nach der unerfreulichen Begegnung, mute ich im
Auftrage der Herrschaft zu Gericht, eines Treibers wegen, den man auf
der Jagd angeschossen; im Forsthause lag der Alte mit seiner Gicht zu
Bette, was auch die Frsterin um ihre Laune brachte. Nach hastig
eingenommenem Mittagessen mute ich wieder zu den Holzschlgern hinaus,
und am Abend stand mir der Abschlu der Forstrechnungen bevor, welches
Geschft ich stets so lange als mglich hinauszuschieben pflegte.

So hatte ich mich denn etwa gegen neun Uhr in meine Stube zurckgezogen,
um meine Arbeit in Angriff zu nehmen. Aber ich war zerstreut, unruhig,
und die verteufelten schwarzen Zahlen tanzten mir beim Lampenschein vor
den Augen. Mein Hund schien sich gleichfalls nicht behaglich zu fhlen;
er drehte sich wiederholt unter dem Tische um sich selbst herum und
konnte doch keine bequeme Lage finden. Auch das strte mich; ich legte
die Feder aus der Hand, brannte mir eine Pfeife an und ging eine
Zeitlang auf und nieder. Ich dachte dabei an gar nichts, und doch fhlte
ich mich von irgend etwas seltsam in Anspruch genommen. Aber die Zeit
drngte, ich setzte mich wieder und indem ich mich gewaltsam
zurechtrckte, begann ich zu addieren. Jetzt ging es, und mehr und mehr
kam ich in die Arbeit hinein. Auch Stop hatte endlich Ruhe gefunden; er
schlief.

Auf diese Art vergingen etwa zwei Stunden. Zuweilen hielt ich inne und
lauschte unwillkrlich auf den Novembersturm, der den Wald durchbrauste.
Stop schien ihn zu empfinden; er schauerte leicht und schlug hin und
wieder im Traume kurz und leise an.

Da war es mir, als geselle sich dem Rauschen mit einem Male ein
eigentmlicher Hall. Ich erhob mich und trat dicht an die Scheiben.
Horch! War das nicht Glockengelute? Ich ffnete leise einen Flgel.
Jetzt ein eigentmlich langgezogener Ton. Das Feuerhorn! Feuer -- Feuer
im Ort! So rasch als mglich machte ich mich fertig und verlie, um
niemand vorzeitig zu wecken, das Haus durch das niedrig gelegene
Fenster; Stop folgte mir mit einem federleichten Satze. Nach einigen
hastigen Schritten blickte ich zum Himmel empor; tief schwarz kam er
ber den Wipfeln der Fichten zum Vorschein, die das Haus nahe umstanden.
Also rasch vorwrts, um Ausblick zu gewinnen! Immer deutlicher vernahm
ich das dumpfe Glockengetn, whrend ein geheimnisvoller Weheruf mit dem
Sturm zu gehen schien. Nun brunte sich auch schon das Firmament, dann
rtete es sich -- und als ich jetzt den Waldrand erreicht hatte, lag der
Ort vor mir, taghell beleuchtet von dem Flammengewoge eines brennenden
Hauses. Wie ich mich sofort orientierte, war es das des Brgermeisters;
nahebei, nur durch ein anderes, niederes, aber langgestrecktes getrennt,
ragte das Gerichtsgebude, das grte des Ortes, von der prasselnden
Lohe angestrahlt, fast blutrot empor. Zum Glck trieb die Windrichtung
die Flammen nicht in den Flecken hinein, sondern nach rckwrts, dem
freien Felde zu; auch war die Feuerwehr, die sich erst vor kurzem hier
gebildet hatte, schon in voller Ttigkeit begriffen.

Eine Minute lang betrachtete ich das furchtbar prchtige Schauspiel,
whrend unten, beim Geheul der angesammelten Menschen, die Spritzen ber
den Platz rasselten und ihre Wasserstrahlen in die zngelnden Flammen
stuben lieen. Dann berlegte ich, ob ich hinabeilen oder vorerst die
gewi noch ahnungslosen Frsterleute in Kenntnis setzen sollte. Dabei
machte ich unwillkrlich eine halbe Wendung und gewahrte hinter mir im
Gestrpp eine zusammengekauerte weibliche Gestalt, die ich frher nicht
bemerkt hatte. Der Feuerschein umfunkelte ihr Antlitz, sowie die herben
roten Frchte eines drren wilden Rosenstrauches, an welchem sie
unmittelbar sa. Es war Maruschka.

>Du!?< rief ich aus, whrend eine pltzliche Gewiheit in mir aufstieg.

>Ja, ich,< erwiderte sie ruhig.

>Was tust du hier?<

>Ich sehe zu. Schon seit zwei Stunden wart' ich, da es anginge.<

>Du hast --!<

>Redet nur aus! Ich hab' das Feuer gelegt.<

>Elende!< stie ich hervor, indem ich mein Gewehr erhob, unwillkrlich
versucht, mit dem Kolben auf ihr Haupt niederzuschmettern.

>Oho!< schrie sie, indem sie rasch emporsprang. >Kommt Ihr mir so! Ich
frcht' Euch nicht samt Eurer Flinte. Denn wenn Ihr mich nicht gleich
niederschiet, knnt' es Euch schlecht ergehen!< Sie sah mich wild
drohend und dabei unsicher auf dem Boden fuend an. Aus der Tasche ihres
Kleides blinkte der dnne Hals einer Flasche hervor; sie hatte offenbar
Branntwein getrunken. >Aber was kmmert's denn Euch?< fuhr sie,
pltzlich einlenkend, fort; >Euch geschieht ja nichts, denn bis an den
Wald kommt das Feuer nicht.<

>Wer spricht davon? Aber die Leute da unten!<

>Die Leute da unten? Ihrer wegen hab' ich ja angezndet! Damals tat
ich's nicht, als sie mich anklagten. Jetzt sollen sie verbrennen, alle
miteinander!<

>Ruchlose! Aber der Himmel selbst lt deine Absicht zuschanden werden.
Sieh nur, der Wind hat sich gelegt, und das Haus brennt schon
schwcher.<

Sie blickte mit weit aufgerissenen Augen vor sich hin und sah, da ich
recht hatte. Wie es oft bei heftigem Sturme zu geschehen pflegt, war in
der Luft momentane Ruhe eingetreten, und es schien, als wre man des
Feuers bereits Herr geworden.

Sie krallte die Finger ineinander. >Nun, _das_ Haus wenigstens ist hin!<
keuchte sie krampfhaft.

>Was tut's? Der Brgermeister lt ein neues aufbauen. Und angenommen
selbst, da er schweren Schaden genommen, stand dir eine solche Rache
zu? War er nicht ohnehin schon schwer genug bestraft fr das Unrecht,
das er dir, wie du wohl meinst, angetan? Er hat seinen Sohn verloren.
Oder weit du das nicht?<

>Wie sollt' ich's nicht wissen!< sagte sie verchtlich. >Aber was hab'
ich davon, da er sich um seinen Jungen hrmt? Was kmmert's mich, da
der hin ist!<

>Du hast ihn doch gern gehabt!<

>Den? Der Aff' war mir immer zuwider. Ich hab' ihn genommen, weil er mir
Geld gab -- und weil _Ihr_ mich nicht mochtet!<

Im selben Augenblicke empfanden wir einen furchtbaren, heien Windsto,
der uns beide ins Wanken brachte; die Stmme hinter uns chzten und
knarrten, und aus dem erstickenden Brande zngelten neue Flammen.

>Ha! Ha!< rief sie mit gellendem Gelchter. >Seht Ihr, der Himmel meint
es gut mit mir! Es brennt wieder -- es brennt! Jetzt geht auch das
Nachbarhaus an!< Sie jauchzte in wilder Freude auf, zog die Flasche
hervor und trank gierig mit zurckgeneigtem Haupte und hoch erhobenem
Arm. >Ja, jetzt werden sie braten -- alle -- alle -- die mich ins
Arbeitshaus gebracht. Oh, was hab' ich dort ausgestanden! Ich will nicht
arbeiten, ich mag nicht arbeiten, ich kann nicht arbeiten -- und wer
mich dazu zwingt, der ist mein Feind, den hass' ich und den bring' ich
um!< Sie begann, eine branntweintrunkene Mnade, mich mit plumpen,
hlichen Sprngen zu umtanzen.

Ich fate sie rauh an und zwang sie still zu stehen. >Du kannst nicht
arbeiten?< rief ich. >Nun wirst du's erst recht mssen! Denn auf das
hin< -- ich wies nach dem Feuer -- >bekommst du wenigstens zehn Jahre
Zuchthaus. Und dort lt man die Leute nicht feiern!<

>Zuchthaus!< rief sie mit tollem Gelchter. >Zuchthaus! Den mcht' ich
sehen, der mich ins Zuchthaus bringt!<

>Was? Glaubst du, man werde nicht sofort auf dich verfallen? Dich nicht
vor Gericht stellen?<

>Wenn man mich hat!<

>Meinst du zu entkommen? Wo willst du denn hin?<

Sie breitete die Arme weit auseinander, als wollte sie den unendlichen
Raum bezeichnen.

>Die Gendarmen werden dich berall finden!<

>Meint Ihr? Oder wollt _Ihr_ mich gleich fassen? Tut's! Ihr habt ja auch
ein Gewehr!< Sie langte rasch darnach, und ich hatte alle Mhe, es ihr
zu entringen. >Schiet mich nieder!< heulte sie pltzlich, >schiet mich
nieder!< Sie warf sich zu Boden und wand sich mir zu Fen. >Oder nein,
kt mich!< schrie sie, wieder rasch aufspringend. >Kt mich! Meint
Ihr, ich wei nicht, da ich Euch gefallen habe? Da Ihr in mich
verliebt wart? Ja, verliebt! Damals -- erinnert Ihr Euch? Ihr habt Euch
nur geschmt, sonst wret Ihr mir nachgelaufen wie ein Hund, wret mir
um den Hals gefallen. Tut's jetzt, da alles aus ist! Ihr mt es tun!<
Gleich einer wilden Katze sprang sie an mir hinauf und umklammerte mich,
als wollte sie mich erwrgen, whrend ihre durstigen Lippen die meinen
suchten. Stop, der erbost zu bellen angefangen, verbi sich in ihr Kleid
und zerrte daran; aber sie beachtete es nicht. >Komm',< keuchte sie,
>komm' mit mir in den Wald hinein! Dort ist es Nacht -- kein Mensch
sieht uns -- komm'! komm'!< Sie trachtete, mich in wtender Umklammerung
mit sich fortzuziehen.

Ich machte alle Anstrengungen, mich loszumachen -- es ging nicht; ich
htte zur uersten Gewalt schreiten mssen. Und trotz allen Ekels und
Abscheus, trotz der Furcht, die ich jetzt vor ihr empfand, fhlte ich
doch eine pltzliche Wallung des Blutes, meine Sinne drohten sich zu
verwirren; ich befand mich in einer entsetzlichen Lage ....

Doch da erschien die Rettung! Ein nher kommendes Rasseln ertnte; es
war die kleine Feuerspritze eines auswrtigen Maierhofes, die dem
bedrngten Orte zu Hilfe eilte. Um Zeit zu gewinnen, hatte sie einen
breiten Feldweg eingeschlagen, der unten am Walde vorberfhrte; sie kam
jedoch, des stark ausgefahrenen Geleises wegen, nur langsam vorwrts.
Die Bedienungsmannschaft war abgesessen und eilte neben dem holpernden
Gefhrt einher.

>He, Leute!< rief ich mit aller Kraft. >Hieher, ihr Leute! Hier ist die
Mordbrennerin! Fat sie! Herauf ihr Leute!< Doch niemand kehrte sich
daran; meine Rufe schienen unvernommen im Winde zu verhallen. Die
Trunkene, Wahnwitzige aber schien zur Besinnung zu kommen und Bestrzung
zu empfinden. Sie lie in ihrer Umschlingung nach, und so konnte ich sie
beiseite schleudern, die Hhne meines Gewehres spannen und rasch
hintereinander beide Lufe in die Luft abfeuern. Das wirkte. Die Mnner
hielten an und blickten durch das Halbdunkel forschend empor. Maruschka,
die Gefahr erkennend, wandte sich eilig zur Flucht und verschwand
zwischen den Stmmen.

>Laufe du nur!< rief ich ihr, zitternd vor Aufregung, nach. >Man kennt
dich und wird dich zu finden wissen!<

Aber man fand sie nicht. Alle Nachforschungen, die man unverweilt nach
glcklich bewltigtem Brande im Revier sowohl als in der ganzen Gegend
anstellte, hatten keinen Erfolg. Sie war und blieb verschwunden. Erst im
Frhjahr, als der Schnee lngst geschmolzen war, entdeckte man im Wald
unter dem Gerll eines schmalen und tiefen Wasserrisses eine weibliche
Leiche. Sie war bis zur Unkenntlichkeit entstellt; aber alle Anzeichen
sprachen dafr, da es die der Troglodytin gewesen. Mir selbst blieb der
Anblick erspart, denn noch in demselben Winter war ich als Unterfrster
auf ein Gut versetzt worden, das ein Schwiegersohn des Grafen in
Sdsteiermark, nahe der kroatischen Grenze, besa.




                               Ginevra.


                      Vorwort des Herausgebers.

Auch in unserer Novelle hat Saar ltere Motive wieder aufgegriffen und
fortgesponnen. Das Motiv des mit Liebesschuld beladenen Offiziers hatte
er in der Umarbeitung von ^Vae victis^ wieder fallen gelassen (Band
VIII, Seite 9); und mit den Papieren zum Haus Reichegg stimmt nicht
blo die Situation, die Teilnahme der Offiziere an dem Tanzvergngen der
Stdter, sondern auch die Schilderung Ginevras berein. Die Handschrift
unserer Novelle ist Blansko, 4. Mrz 1889 datiert. Es ist eine
Reinschrift, die aber noch so viele Korrekturen erfahren hat, da sie
stellenweise nur schwer leserlich geworden ist. Sie liegt zunchst dem
ersten Abdruck in dem Wiener Jahrbuch Dioskuren 1890 (XIX. Jahrgang,
Seite 149-179) zugrunde, der freilich bei der Korrektur noch leise
Abnderungen erfahren hat; auf den Dioskuren beruht aber auch noch der
spte Abdruck in der Zeitschrift Moderne Kunst (XVII. Jahrgang,
1902/3, Seite 262 ff., 294 ff., 305 ff., 314 ff.). Fr eine neue Ausgabe
hat der Dichter zunchst in einem Separatabdruck aus den Dioskuren
nderungen angebracht, sie aber dann doch wieder in die Handschrift
eingetragen und diese zum zweiten Male dem Abdruck in der vierten
Novellensammlung Frauenbilder 1892 (Seite 1-82) zugrunde gelegt,
wodurch die Korrekturen so zahlreich geworden sind, da der Verleger
wiederholt einzelne Stellen ins Reine schreiben mute und sich bei
dieser Gelegenheit auch fr ein paar nderungen im Wortgebrauch die
Zustimmung des Dichters einholte. Trotzdem auch hier noch bei der
Korrektur nachgeholfen worden war, gengte auch diese Fassung dem
unermdlich feilenden Dichter nicht. Er erbat sich am 3. April 1896 ein
Exemplar der Frauenbilder fr eine etwa notwendige zweite Auflage und
unterzog sie im Mrz des folgenden Jahres eingehenden Verbesserungen,
die dann der ersten zweibndigen Ausgabe der Novellen aus sterreich
1897 (zweiter Band, Seite 179-232) zugute kamen und nicht mehr blo die
Form betrafen: denn die Mutter der Ginevra stammt nun nicht mehr aus
Conegliano, sondern aus Bassano, und der Satz am Schlusse, nach welchem
der Oberst zu der Polin immer noch in Beziehungen steht, ist erst hier
eingefgt. In der zweiten Ausgabe dieser Sammlung (a. a. O.) ist dann
neben geringen stilistischen nderungen die Chiffre L... in Leitmeritz
aufgelst worden. Dem Abdruck in Reclams Universalbibliothek (Nr. 4600
[1904]) scheinen noch nicht zu Ende korrigierte Druckbogen dieser
letzten Ausgabe zugrunde zu liegen; denn er stimmt an einigen wenigen
Stellen noch mit der vorletzten berein.

Das Diner war vorber und die kleine Tischgesellschaft begab sich in den
Garten der Villa, um dort den Kaffee zu nehmen. Nachdem man sich auf
einer Terrasse niedergelassen, die den Ausblick auf die umliegenden
Hhen und einen Teil der Stadt erffnete, sagte die Hausfrau: Erzhlen
Sie uns doch endlich von dieser Ginevra, lieber Oberst. Versprochen
haben Sie es lngst. Jedenfalls mu sie etwas ganz Besonderes gewesen
sein, da Sie noch immer mit einer Art Andacht ihrer gedenken. Lassen Sie
sich daher nicht bitten. Wir sind ganz unter uns, und hoffentlich kommt
kein unerwarteter Besuch, der Sie unterbrechen knnte.

Der Oberst, ein hochgewachsener, schlanker Mann in brgerlicher
Kleidung, blickte nachdenklich auf die Glimmflche der Zigarre nieder,
die er sich soeben angezndet. Nun denn, sagte er, wenn Sie wollen,
soll es geschehen, obgleich ich befrchten mu, ein recht unberlegtes
Versprechen gegeben zu haben. Denn was ich vorbringen kann, ist
eigentlich doch nur eine veraltete Liebesgeschichte, welche, wenn sie
heute gedruckt wrde, vielleicht niemand mehr lesen mchte. Indes, wie
gesagt, wenn Sie es wirklich wnschen, bin ich bereit. Ist es doch ein
Genu, wenn auch ein schmerzlicher, sich in die goldenen Tage der Jugend
zurckzuversetzen.


                                  I.

Ich war zwanzig Jahre alt und Fhnrich bei einem Regiment, das einen
Teil der Friedensbesatzung von Theresienstadt bildete. Diese Festung mag
-- abgesehen von ihrer anmutigen Lage in einem der gesegnetsten
Landstriche Bhmens -- auch noch heute kein besonders erfreulicher
Aufenthaltsort sein; damals aber -- in den vierziger Jahren -- konnte er
wahrhaft trostlos genannt werden. Denn auer dem groen, mit zwei
Baumreihen umpflanzten Hauptplatze, der fast durchgehends militrische
Gebude aufwies, gab es dort nur vier Gassen. Sie fhrten in den
entsprechenden Windrichtungen nach den Toren und Wllen und bestanden
zumeist aus kleinen, httenhnlichen Husern, in denen sich Krmer und
Handwerker, Bierwirte und Branntweinschnker angesiedelt hatten. Die
Offiziere waren daher ganz und gar auf den kameradschaftlichen Verkehr
angewiesen, und wir Jngeren fhrten nicht eben das erbaulichste Dasein.
In den Vormittagsstunden mehr oder minder dienstlich beschftigt,
verbrachten wir die brige Zeit im Militrkasino am Billard und am
Spieltische, oder begaben uns nach der jenseits der Elbe gelegenen
Kreisstadt Leitmeritz, wo wir zum Mivergngen der ehrsamen Pfahlbrger
in Kaffee- und Gastwirtschaften sehr anspruchsvoll auftraten,
leichtfertige Liebeshndel anzuknpfen suchten, und nach der Rckkehr in
die Festung begaben sich manche noch in ein hchst zweifelhaftes Lokal,
um dort halbe Nchte bei Punsch und Glhwein zu durchschwelgen.

Was nun mich selbst betraf, so machte ich dieses wste, gedankenlose
Treiben schon deshalb mit, weil man sich nicht ausschlieen konnte.
Zudem war ich jung, und nach der strengen Zucht, die ich frher in einem
Kadettenhause erdulden mute, hatten derlei Ausschreitungen fr mich den
Reiz der Neuheit. Mein Oheim, der mich, den frh Verwaisten,
gewissermaen an Sohnesstatt angenommen und einen ziemlich hohen und
einflureichen Posten beim damaligen Hofkriegsrate bekleidete, setzte
mir eine ganz ansehnliche Geldzubue aus; ich lebte also sorglos in den
Tag hinein, wenn ich auch bisweilen, meiner Natur nach, von
sentimentalen und hypochondrischen Anwandlungen nicht ganz frei blieb.

So kam es auch, da ich eines Abends, im Karneval, einmal und
nachdenklich in meiner den Kasernenwohnung sa und mich hchst
unglcklich fhlte, und zwar aus folgendem Grunde.

Der Festungskommandant, ein invalider General, erfreute sich einer
Tochter, welche zwar weder besonders jung, noch besonders hbsch zu
nennen war, aber schon vermge ihrer Stellung Anreiz genug besa, um
einem Neuling, wie ich, den Kopf zu verdrehen. Sie war auffallend
schlank gewachsen, hatte glnzend schwarze, stechende Augen, sehr weie,
leicht zwischen den Lippen hervorstehende Zhne, und wute ihren etwas
vergilbten Wangen durch zartes Auflegen von Rot knstliche Frische zu
verleihen. Bei erfahrenen Kameraden galt sie als eine ausbndige
Kokette, und man hatte mich gleich anfangs, halb im Scherz, halb im
Ernst, vor ihr gewarnt. Dennoch verliebte ich mich in sie, und zwar
anllich einer religisen Feierlichkeit, der sie, halb verschleiert, an
der Seite ihrer Mutter auf dem Oratorium der Garnisonskirche beiwohnte.
Obgleich sie sehr andchtig in ihr Gebetbuch versunken schien, konnte
ich doch bemerken, da sie von Zeit zu Zeit nach mir hinblickte,
anfnglich nur so von der Seite, dann aber mit Zuwendung des Antlitzes
immer lnger und eindringlicher. Ich glaubte dies um so mehr zu meinen
Gunsten auslegen zu drfen, als sie fortan stets hinter den
Fensterscheiben erschien, wenn ich -- und das geschah mehrmals des Tages
-- am Kommandantenhause vorberging; ja einmal konnte ich sogar
wahrnehmen, da sie in der Mitte des Zimmers auf einen Stuhl gestiegen
war, um mich von dort aus, wie sie wohl meinte, ungesehen beobachten zu
knnen. Ich hatte daher keinen sehnlicheren Wunsch, als ihr endlich
persnlich nher zu treten, und der offizielle Ball, den ihr Vater
demnchst zu geben verpflichtet war, erschien mir als huldvollste
Gelegenheit. Ich stellte mir bereits sehr lebhaft vor, wie auch _sie_
diesem Abend sich entgegen freue, wie sie mich sofort an sich
heranziehen, wie ich mit ihr im Tanze vereint dahinfliegen wrde -- und
was dergleichen jugendliche Erwartungen mehr waren. Aber ich hatte, wie
man zu sagen pflegt, die Rechnung vollstndig ohne den Wirt gemacht.
Denn zu dem Balle wurden auch auswrtige Gste geladen, und unter diesen
befanden sich neben hheren Standespersonen vom Zivil auch die Offiziere
eines Chevauxlegers-Regiments, das auf dem platten Lande stationiert
war. Da hatte ich nun den Schmerz, zu sehen, wie diese interessanten
Ankmmlinge die Aufmerksamkeit der Tochter des Hauses derart auf sich
lenkten, da sie fr mich keinen Blick, und als ich mich spter
vorstellen lie, auch kein aufmunterndes Wort brig hatte. In der
Verwirrung darber fand ich gar nicht den Mut, sie zum Tanze
aufzufordern, und whrend die Grausame fast die ganze Zeit ber von
einem sehr aristokratisch aussehenden Rittmeister in Beschlag genommen
wurde, fiel mir durch ein Verhngnis, wie es derlei Niederlagen stets zu
begleiten pflegt, die schwindschtige Tochter eines Kreisrates zu,
welche, da sie sonst niemand aufzufordern Lust bezeigte, mit ihren
rtlich blonden Schmachtlocken gleich einer Klette an mir hing, bis ich
mich endlich, sobald dies in anstndiger Weise geschehen konnte, aus dem
Staube machte und vom Balle verschwand.

So sa ich denn, in meiner Eigenliebe, oder wie ich mir damals
einbildete, in meinen heiligsten Gefhlen gekrnkt, zwischen den kahlen
vier Wnden, whrend die Dmmerung lngst hereingebrochen war und ich
kaum mehr die Rauchwolken sah, die ich aus einer langen Pfeife
mechanisch vor mich hinblies. Pltzlich vernahm ich hastige Tritte, die
sich drauen auf dem Gange der Tr nherten; diese wurde polternd
aufgestoen, und auf der Schwelle erschien eine mantelumhllte Gestalt,
die sich schwarz in schwarz von der sie umgebenden Dunkelheit abhob.

>Bist du hier?< rief eine krftige, etwas schnarrende Stimme, an der ich
sofort einen meiner nheren Freunde, den Leutnant Dorsner, erkannte. Und
da ich mich jetzt bemerkbar machte, fuhr er eintretend fort: >Zum
Teufel, was treibst du denn da im Finstern?<

Ich legte die Pfeife weg und zndete eine Kerze an, bei deren
zweifelhaftem Schein ich wahrnahm, da Dorsner, der jetzt den Mantel
auseinanderschlug, in eine schmucke, ganz neue Halbuniform gekleidet war
und Lackstiefel an den Fen hatte.

>Ich gehe nach Leitmeritz hinber<, sagte er, meine Frage vorweg
nehmend. >Es ist heute dort Ball auf der Schiesttte. Und du sollst mit
mir kommen.<

>Wir sind ja gar nicht geladen.<

>Das tut nichts. Ich habe einer Dame versprochen, zu erscheinen, und so
mu es geschehen.<

Ich wute, da er in geheimnisvollen Beziehungen zu der hbschen Tochter
eines wohlhabenden Lohgerbers stehe, die er auch spter geheiratet hat.

>Gut,< erwiderte ich; >aber wie willst du das anfangen?<

>Ganz einfach; ich gehe eben hin. Was bleibt den Herren
Ballausschssen anderes brig, als gute Miene zum bsen Spiel zu
machen. Aber deshalb siehst du auch ein, da ich nicht ganz allein dort
erscheinen kann. Ich hatte mich schon mit Heillinger verabredet; aber
dieser ist im letzten Augenblicke verhindert worden. Also tu' mir den
Gefallen.<

Aber ich war an diesem Abend zu derlei Unternehmungen ganz und gar nicht
aufgelegt und wandte daher neuerdings ein: >Und wenn man erfhrt, da
wir dort waren? Du weit doch, wie sehr man hheren Orts dagegen ist,
da wir an derlei Unterhaltungen teilnehmen.<

>Unterhaltungen? An was fr Unterhaltungen?< rief er rgerlich. >Es
kommen die anstndigsten Brgerfamilien von Leitmeritz zusammen. Und
berdies: auf einen Verweis mehr oder weniger kommt es doch nicht an.
Seit wann bist du denn so ngstlich geworden? Ich, als dein
Vorgesetzter, befehle dir, mit mir zu gehen. Vorwrts! Marsch!<

Noch immer konnte ich mich nicht entschlieen und schtzte Unwohlsein
vor. Ich htte mich auf dem Kommandanten-Balle erkltet.

>Ach was! Flausen! Derlei Erkltungen tanzt man sich am besten gleich
wieder aus dem Leibe. Und gib acht, was fr Mdchen du da drben in die
Arme bekommen wirst. Ganz andere Geschpfe, als diese drren
Gliederpuppen, wie sie gestern an uns herumbaumelten.<

Ich sah, da es kein Entrinnen gab, und da endlich doch auch der Gedanke
einer mglichen Zerstreuung in mir auftauchte, so erklrte ich mich
schlielich bereit und ging daran, mich umzukleiden, whrend Dorsner
ebenfalls von Zeit zu Zeit vor den kleinen Wandspiegel trat und sein
dichtes, von Natur gekruseltes Haar unternehmend auflockerte.

Endlich war ich fertig, und wir traten, die Festung hinter uns lassend,
den Marsch nach Leitmeritz an. Tagsber war Tauwetter eingefallen; nun
aber hatte der Boden, sehr zum Vorteil unserer Beschuhung, wieder
angezogen. Trotz des Frostes war in der herben Luft etwas wie ein
Vorhauch des Frhlings zu spren, und so schritten wir behaglich in
gleichmigem Takt den hell erleuchteten Saalfenstern entgegen, welche
von der am Eingange der Stadt gelegenen Schiesttte durch feine weie
Nebel herberstrahlten.


                                 II.

Es kam, wie Dorsner vorhergesagt. Zwei Komiteemitglieder -- ein lteres
und ein junges -- waren im Vestibl anwesend, als wir erschienen. Sie
sahen uns sehr befremdet und mit gespreizter Zurckhaltung an; da aber
Dorsner mit der ihm eigenen Liebenswrdigkeit auf sie zutrat und, sich
tief verbeugend, fragte, ob es denn nicht mglich wre, an dem schnen
Feste teilzunehmen, so zuckte es geschmeichelt um ihre Nasenflgel, ein
wohlwollendes Lcheln verbreitete sich ber ihre Gesichter, und indem
sie etwas von besonderer Ehre murmelten, geleiteten sie uns
zuvorkommend in den Saal, wo eben ein Tanz zu Ende ging und die Musik
verstummte. Wir befanden uns also einem bunten Gewirr von sich
auflsenden Paaren gegenber und wurden anfnglich kaum bemerkt. Nachdem
aber die verlassen gewesenen Sitzpltze wieder eingenommen waren,
wendete sich uns nach und nach die allgemeine Aufmerksamkeit zu, die von
mnnlicher Seite keine besonders wohlwollende zu sein schien, whrend
der weibliche Teil eine gewisse angenehme berraschung nur schwer
verbergen konnte. Dorsner, indem er das unbrtige Komiteemitglied
vertraulich unter dem Arm fate, bat, ihn einigen jungen Damen
vorstellen zu wollen; denn der Schalk vermied es, geradenwegs auf sein
Ziel, die rosige Gerberstochter, loszugehen, welche sein Erscheinen
sofort bemerkt hatte und nun, das Antlitz hinter dem ausgespannten
Fcher verbergend, mit ihren wohlbeleibten Anverwandten an einem Tische
des anstoenden Speisezimmers sa; man konnte in dieses durch eine
offene Flgeltr sowohl, wie auch durch einige hohe Fenster, die nach
dem Saale gingen, bequem hineinblicken. Es dauerte nicht lange, so wurde
das Zeichen zu einer Polka gegeben, welche Dorsner mit einer stmmigen
Brnette erffnete, die ihn, der von kleinem, zierlichem Wuchse war,
fast um Haupteslnge berragte. Ich selbst hatte mich, hinter einer
Reihe von Zuschauern, in eine Fenstervertiefung gestellt, wo ich nun
mehr und mehr in meine frhere Verstimmung zurcksank. Denn die
Gesellschaft, die ich hier vor Augen hatte, zog mich in ihrer
spiebrgerlichen Behbigkeit keineswegs an, und die zwar blhenden,
aber plump und geschmacklos geputzten Mdchen und jungen Frauen
erschienen mir so reizlos wie mglich. So beschlo ich denn, noch eine
Weile in meinem halben Versteck auszuharren und dann unbemerkt zu
verschwinden, da ich ja nunmehr meinen Freund, der sich jetzt im Tanze
bereits zu seiner Holden gefunden hatte, getrost seinem Schicksal
berlassen konnte. Pltzlich aber wurde meine Aufmerksamkeit gefesselt.
In den Armen eines vierschrtigen, ungelenken Tnzers schwebte eine
schlanke Gestalt anmutig vorber. Ein einfaches, hellblaues Kleid
reichte ihr, nach der Mode der damaligen Zeit, mit einer leichten Falbel
bis an die Knchel und lie die zierlichen Fe sehen. Ihr Haar, von
schimmerndem Aschblond, war aus der Stirn gestrichen, rckwrts
zusammengeknotet und blo mit einem weien Struchen geschmckt; um den
Hals war ein schmales schwarzes Samtband geschlungen, an dem ein kleines
goldenes Kreuz hing. Ich lie die geflligen Wendungen dieser lieblichen
Erscheinung nicht mehr aus den Augen, und als sie jetzt, wieder in meine
Nhe gelangend, aufsah, begegneten sich unsere Blicke. Die Polka dauerte
schon ziemlich lange; die meisten Paare hatten bereits untereinander
abgewechselt, nur der Tnzer der schlanken Blondine schien dies nicht
willens zu sein. Er tanzte unerschtterlich weiter, den Arm gleich einer
Klammer um den zarten Leib des jungen Mdchens geschlungen, den Blick
starr auf ihren Scheitel geheftet. Endlich schien es ihr zu viel zu
werden. Mit dem Ausdruck von Mimut im Antlitz machte sie sich gewaltsam
los und sank aufatmend in einen nahen Stuhl. Es war mir, als blicke sie
dabei nach mir hinber, gleichsam erwartend, ich wrde jetzt auffordernd
an sie herantreten. Aber ein eigentmlich lhmendes Zgern berkam mich
-- und als ich mich endlich entschlieen wollte, hatte sie schon ein
anderer junger Mann in den Reigen gezogen, der brigens sehr bald zu
Ende ging. In dem verdrielichen Gefhl meines ungeschickten Verhaltens
vermied ich es jetzt, ihren Blicken zu begegnen; spter gewahrte ich,
wie sie am Arme ihres frheren Tnzers in das Speisezimmer trat. Dort
nahmen beide an einem Tische Platz, an welchem eine vertrocknete alte
Frau sa, eine mit kupferroten Bndern verzierte Haube auf dem Kopf; ein
nicht mehr ganz junges, krnklich aussehendes Mdchen ihr zur Seite
mute, der hnlichkeit nach, die Tochter sein; auch konnte man immerhin
den jungen Mann trotz seines breiten, wuchtigen Auftretens fr den Sohn
halten. Auch Dorsner war da drinnen zu erblicken; er verweilte bereits
im besten Einvernehmen bei der Familie des Lohgerbers. Ich erwog nun, ob
ich gehen oder bleiben solle, und drckte mich eine Zeitlang unschlssig
an den Wnden hin, als ich mit einem Mal rings herum eine auffallende
Bewegung wahrnahm, deren Grund mir auch alsbald klar wurde. Ein kleiner,
burlesk aussehender Mann, in eng anliegenden Beinkleidern, Schuhen und
Strmpfen, das ergraute Haar nach vorne gestrichen und ber der Stirn in
eine hoch emporstehende Schraube gedreht, war in die Mitte des Saales
getreten und kndigte jetzt mit laut kreischender Stimme an, da nunmehr
eine Franaise erfolgen wrde. Dieser Tanz war damals noch keineswegs
etwas Gewhnliches, er galt vielmehr in kleinen Stdten als ganz
besondere Neuerung, in deren Schwierigkeit sich die wenigsten gefunden
hatten. Daher trat auch, als der Alte mit einem abgentzten Klapphute,
den er unter dem Arm hervorzog, dem Orchester das Zeichen zur Einleitung
gab, nur eine geringe Anzahl von Paaren heran.

>Was!?< rief der Sprecher, der sie sofort mit einem Blicke berzhlt
hatte, >was, nur neun Paare!? Sind wir denn in Krhwinkel? ^C'est une
honte!^ Schmen Sie sich, meine Herrschaften! ^En avant!^ Ich bitte,
herbei zu kommen!<

Diese Worte ermunterten manche, die unschlssig gewesen zu sein
schienen; sie nherten sich befangen und zgernd.

>Bravo! Nur immer herbei! Ich bin berzeugt, da noch viele da sind, die
ganz gut mittanzen knnten. ^Pas de gne, mes dames!^ Keine Umstnde,
meine Damen! ^J'arrangerai tout!^ Es wird vortrefflich gehen. Nur
Courage, meine Herren!<

Diese Zurufe lockten noch einige heran, so da nunmehr etwa zwanzig
Paare Aufstellung genommen hatten. Nun aber zeigte es sich, da ein
^vis--vis^ fehle.

>Ein ^vis--vis^!< schrie der Alte wieder. >Wir brauchen noch einen
Herrn und eine Dame! Ein Knigreich fr ein ^vis--vis!^ Kommt wirklich
niemand? Nun, ich werde schon irgendwo etwas Verborgenes ausfindig
machen -- vielleicht im Speisezimmer!< Und damit eilte er dorthin, trat
auf die Schwelle und erblickte die schlanke Blondine, die mit dem Rcken
gegen den Saal gekehrt sa, whrend ihre Tischnachbarn dem Forschenden
unwillige Blicke zuwarfen. >Was?< rief er in seinem hchsten Fisteltone,
>Frulein --< er kreischte einen Namen, den ich nicht verstehen konnte
-- >was, die beste meiner ehemaligen Schlerinnen macht sich unsichtbar,
wenn es an eine Quadrille geht?! Das mu ich mir ausbitten! Es scheint,
meine Herrschaften,< wendete er sich an die brigen, >es scheint, da
Sie die junge Dame hier zurckhalten!<

>Wir halten niemand zurck, Herr Tanzmeister,< erwiderte die alte Frau
mit scharfer, beinerner Stimme. >Wenn das Frulein tanzen _will_, so mag
sie es immerhin.<

Diese aber schien in groer Verlegenheit und im Kampfe mit sich selbst
zu sein. Der Alte jedoch lie ihr keine Zeit zu weiterer berlegung. Er
ergriff sie rasch beim Arm und zog die allerdings nur schwach
Widerstrebende in den Saal hinaus. Dort fiel sein Blick sofort auf mich,
denn ich war inzwischen dem Schauplatz dieser Szene nher getreten. >Und
da haben Sie auch gleich einen vorzglichen Tnzer!< rief er aus. >Ich
habe es wohl bemerkt, wie halsstarrig der Herr Offizier vorhin meiner
Aufforderung ausgewichen ist; jetzt aber, hoff' ich, wird er sich nicht
lnger bedenken!< Und damit lie er uns, seiner Sache sicher,
voreinander stehen. Wir errteten beide, verneigten uns gegenseitig und
traten, nachdem ich ihr den Arm geboten, in die Reihe.

Noch hatten wir in unserer Befangenheit kein Wort gewechselt, als schon
die Quadrille begann, bei welcher man in jener Zeit nicht blo
nachlssig hin und her schlenderte, sondern jeden Schritt aufs genaueste
markierte. Und da war es eine Freude zu sehen, mit welcher Grazie sich
meine Tnzerin bewegte. Die schmchtigen Arme an den Hften
hinabsenkend, schien sie damit ein leichtes Heben ihres Kleides andeuten
zu wollen, whrend die schmalen Fchen, in knappen Schuhen mit
Kreuzbndern, nur so ber den Boden hinschwebten. Mit vollendeter Anmut
streckte sie mir, wenn wir uns nach kurzer Trennung wieder
zusammenfanden, die Hand entgegen. Dabei lag ein fast feierlicher Ernst
in ihren Zgen; man konnte bemerken, da sie von ihrer Aufgabe, sich als
fertige Tnzerin zu erweisen, erfllt war, indes ich nun Gelegenheit
hatte, in nchster Nhe jede Einzelheit ihrer jugendlichen Schnheit zu
bewundern: die schimmernde Stirn, das etwas kurze, aber fein modellierte
Nschen, die durchsichtig zarte Muschel des Ohres. Noch immer verhielten
wir uns schweigend; erst als der Tanz bewegter wurde und trotz der
schrillen Feldherrnstimme des Alten mehrfache Irrungen und Stockungen
entstanden, fand ich Anla zu einigen scherzhaften Bemerkungen, die sie
jedoch blo mit einem reizenden Lcheln erwiderte.

Jetzt aber, als alles glcklich zu Ende war und die Paare Arm in Arm
einen Rundgang durch den Saal antraten, begann ich mit der allerdings
banalen, aber am nchsten liegenden Phrase: >Wahrhaftig, mein Frulein,
Sie tanzen wundervoll, und ich schtze mich glcklich, da es mir
vergnnt war, dies an Ihrer Seite zu erkennen.<

Sie errtete ein wenig und sagte dann mit einer ganz eigentmlich tiefen
und wohllautenden Stimme: >Nun ja, ich habe mir Mhe gegeben, die
Quadrille ordentlich zu erlernen. Es ist auch gar nicht so schwer; man
mu nur ein bichen den Kopf zusammenhalten. Aber die meisten Mdchen
sind so zerstreut und ziehen daher die einfachen Rundtnze vor.<

>Diese sind vielleicht auch in mancher Hinsicht angenehmer,< erwiderte
ich, noch immer sehr unsicher in der Fortfhrung des Gesprches. >Aber
ich habe bis jetzt verabsumt, mich Ihnen vorzustellen.< Ich nannte
meinen Namen.

Sie verneigte sich leicht und sagte dann: >Ich heie Ginevra -- Ginevra
Maresch.<

>Ginevra? Dieser Name ist auerhalb Italiens ein seltener.<

>Ich bin auch eine Italienerin,< entgegnete sie lchelnd, -- >das heit,
eine halbe. Meine Mutter ist aus Bassano im Venezianischen, wo sie mein
Vater, als er noch Offizier war, kennen gelernt.<

>Ihr Vater war Militr?<

>Jawohl; aber er hat seine Charge niedergelegt, um meine Mutter heiraten
zu knnen. Sie besaen beide kein Vermgen. Es wurde dem Vater sehr
schwer, eine andere Stellung zu finden, und so muten sie sich lange
gedulden. Endlich gelang es ihm, sich beim Steuerwesen unterzubringen.
Vor drei Jahren ist er hier als Einnehmer gestorben,< setzte sie ernst
hinzu.

>Und Ihre Mutter?<

>Die lebt -- dem Himmel sei Dank. Aber sie hat in diesem Winter eine
schwere Krankheit, -- eine Lungenentzndung, durchgemacht, von der sie
sich nur sehr langsam wieder erholt. Dies hielt sie auch ab, mich auf
den Ball zu begleiten.<

>Sind Sie mit Verwandten hier?<

>Nicht mit Verwandten. Es sind bloe Bekannte, die sich erboten, mich
mitzunehmen. Aber ich htte es vorziehen sollen, zu Hause zu bleiben.<

>Wieso?<

>Nun sehen Sie, diese Leute haben uns vor lngerem einen nicht
unbedeutenden Dienst erwiesen, fr welchen wir ihnen auch sehr dankbar
waren. Aber sie wollen uns immer eine gewisse Abhngigkeit fhlen lassen
-- besonders die alte Frau, die eine wohlhabende Witwe ist, und das
vertrgt sich schwer. Die Tochter wre eigentlich ein ganz gutes
Mdchen, es liee sich mit ihr auskommen. Aber leider ist sie gar nicht
hbsch, und das empfindet sie sehr schmerzlich -- besonders bei solchen
Gelegenheiten, wo sie kaum einer um eine Tour bittet. Da mu es ihr auch
doppelt weh tun, wenn sie wahrnimmt, wie andere von allen Seiten
bestrmt werden. Um ihr das Herz nicht noch schwerer zu machen, wollte
ich mich eigentlich von der Quadrille zurckziehen, die sie berhaupt
gar nicht tanzen kann -- so wie ihr Bruder, der sie gewissermaen aus
Hochmut nicht lernen will. Hingegen scheint er zu wnschen, da ich
sonst mit keinem andern tanze, als mit ihm.<

>Und hat er ein Recht zu solchem Verlangen?<

Sie erbleichte flchtig. >O nein! Nicht das geringste! Aber er tut sich
etwas auf seine Wohlhabenheit zugute. Ich mag ihn gar nicht leiden, und
zeig' es ihm auch, so weit es angeht. Aber er will es nicht verstehen,
und nur die Rcksicht auf den erwhnten Umstand hat mich bis jetzt
abgehalten, es ihm rund heraus zu sagen.<

>Das ist freilich unangenehm.<

>Sehr. Und ich sehe immer deutlicher ein, da es fr mich besser gewesen
wre, den Ball gar nicht zu besuchen. Aber es war mein erster, und
dieser Verlockung vermag ein junges Mdchen nicht zu widerstehen.<

>Konnten Sie sich denn nicht jemand anderem anschlieen?<

>Nein; wir haben uns im Laufe der letzten Jahre mehr und mehr
zurckgezogen. Die Menschen hier hatten uns immer gewissermaen als
Fremde behandelt -- und so sind wir es zuletzt geblieben.<

Wir hatten whrend dieses Gesprches den Saal mehrmals umschritten und
gar nicht bemerkt, da sich die brigen Paare allmhlich verloren
hatten, was uns jetzt zum Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit
machen mute. Nun aber begann das Orchester einen Walzer zu spielen, den
man wahrscheinlich deshalb so bald folgen lie, damit die von der
Franaise Zurckgebliebenen entschdigt wrden. Von den raschen Klngen
durchzuckt, umfate ich sofort meine Begleiterin und zog sie in den
beginnenden Wirbel hinein. Leicht, gleichsam krperlos, schwebte sie in
meinen Armen dahin -- und doch versetzte mich die Umschlingung in so
wonniges Entzcken, da ich es unwillkrlich ihrem anspruchsvollen
Begleiter nachtat und sie nicht eher freigab, als bis der letzte
Geigenstrich verklungen war. Tief Atem schpfend, das losgegangene Haar
aus der Stirn zurckschttelnd, machte sie eine Verbeugung, blickte
dann, wie sich besinnend, im Saale umher und eilte in das Speisezimmer.

Um mich drehte sich noch alles, und als ich mich jetzt mit
hochklopfendem Herzen nach einem Stuhl umsah, trat Dorsner lchelnd an
mich heran. >Nun,< sagte er, >dein Geschmack ist nicht bel. Aber es ist
ein noch ganz blutjunges Ding -- und dabei arm wie eine Kirchenmaus. Gib
acht, da du nicht hngen bleibst.<

Ich verstand kaum, was er sagte, und wollte mich eben setzen -- da
gewahrte ich, wie Ginevra an der Schwelle des Speisezimmers erschien.
Sie war ganz bleich und ihre blauen Augen hatten einen dunklen,
metallischen Glanz angenommen. Ich nherte mich ihr; sie kam mir sofort
entgegen.

>Denken Sie,< begann sie mit zitternder Stimme, >was man mir angetan!
Meine Begleiter sind fort und haben mich allein hier zurckgelassen.<

Einen Augenblick schwieg ich betroffen. Dann aber sagte ich: >Nun, das
wre ja eigentlich das Schlimmste nicht.<

>Gewi nicht, wenn ich jetzt ungescheut bleiben knnte. Und eigentlich
knnt' ich es auch,< fuhr sie fort, indem sie das Haupt erhob und frei
und stolz um sich blickte, >das Gerede der Leute sollte mich wenig
kmmern. Aber meiner Mutter wegen darf ich es nicht. Im brigen ist es
gut, da es so gekommen. Diese Menschen haben nun selbst das Band
zerrissen, das uns drckte. Ich will mich nur noch ein wenig abkhlen,
dann gehe ich nach Hause.<

>Allein?<

>Warum nicht? Ich kenne den Weg, und der ist kurz. Wir wohnen gleich in
der Nhe -- auerhalb der Stadt.<

>Wie glcklich wre ich, drft' ich Ihnen trotzdem meine Begleitung
anbieten.<

>Das knnen Sie -- wenn Sie meinetwegen den Ball verlassen wollen. Auch
ist es ja, wie gesagt, nicht weit -- in zehn Minuten sind Sie wieder
da.<

>Ich werde nicht zurckkehren; denn was sollte ich hier noch, wenn _Sie_
fort sind?<

Jede andere wrde nun, obgleich ich diese Worte in berzeugendem Tone
gesprochen hatte, doch irgend eine spttisch bezweifelnde Einwendung
hingeworfen haben. Ginevra aber blickte nachdenklich zu Boden.
>Wirklich?< fragte sie dann, indem sie langsam die Augen aufschlug und
mich mit einem vollen Blick ansah.

>Gewi<, bekrftigte ich.

Sie schwieg wieder. Dann sagte sie mit ihrer weichen, dunklen Stimme:
>Das freut mich.<

Inzwischen hatte sich der Saal fast gnzlich geleert; denn die
Raststunde war herangekommen, und alles drngte und zwngte sich behufs
Erquickung und Strkung in den Nebenraum, diesen berfllend. Ich konnte
mich daher mit Ginevra ruhig niederlassen, und zwar unweit einer
offenstehenden Nebentr, die zur Damengarderobe fhrte. Vor dieser, in
einem ganz kleinen Zimmerchen, war eine uerst primitive Konditorei
eingerichtet; es gab allerlei Backwerk, Orangen und Fruchtsfte; Eis war
nicht zu haben.

>Kann ich Ihnen irgend eine Erfrischung anbieten?< fragte ich.

>Nein, ich danke. Oder doch -- um ein Glas Wasser mchte ich bitten.<

Ich trat zu der alten Frau, die mit verdrielichem Gesicht bei der Ware
sa, begehrte Wasser, und um doch etwas zu erstehen, lie ich auch
einige Orangen auf den Teller legen, den ich Ginevra berreichte.

>Die Orangen sind schn<, sagte sie. >Ich werde eine davon nehmen und
sie der Mutter bringen.<

Nachdem sie getrunken hatte, blieben wir noch eine Weile schweigend
nebeneinander sitzen. >Nun aber bin ich bereit<, sagte sie jetzt, indem
sie sich erhob. >Erwarten Sie mich drauen am Eingang; ich nehme nur
meine Sachen aus der Garderobe.< Ich eilte nach dem Vestibl, wo mein
Mantel hing. Es dauerte nicht lange, so erschien sie, in einen ganz
leichten berwurf gehllt, ums Haupt ein schwarzes Schleiertuch
geschlagen, aus welchem ihr lichtes Antlitz wundervoll hervorschimmerte.
Drauen bog sie gleich links ab und schlug einen schmalen Fupfad ein.
Ich wagte es nicht, ihr den Arm zu bieten, und hielt mich in
ehrerbietiger Entfernung an ihrer Seite. Es war eine mondlose Nacht;
aber die Sterne flimmerten, und man konnte die Landschaft deutlich
wahrnehmen.

>Sehen Sie die Reihe kleiner Huser?< begann sie. >Dort wohne ich.<

>Das ist noch nher, als ich gedacht. Nur mehr ein paar Augenblicke --
und Sie sind mir entschwunden. Vielleicht fr immer.<

Sie erwiderte nichts.

>Soll ich Sie wirklich nicht mehr wiedersehen?<

>Ich werde die Mutter fragen,< sagte sie nach einer Pause.

>Und wie werde ich den Bescheid erfahren?<

Sie schien zu berlegen. >Kommen Sie morgen um vier Uhr nachmittags in
jene Allee.< Sie deutete auf zwei Reihen kahler Bume, die sich dunkel
quer ber die Felder gegen den Flu hinzogen. >Es ist mein Lieblingsweg;
besonders in dieser Jahreszeit, wo es hier herum noch ganz einsam ist.
Wollen Sie?<

>Sie fragen? -- --<

>Es drfte morgen gutes Wetter sein,< fuhr sie, stillstehend, mit einem
Blick nach dem Himmel fort; >auch schlechtes wrde mich nicht abhalten.
Jetzt aber bleiben Sie zurck. Gewahren Sie die erleuchteten Fenster?
Meine gute Mutter wacht noch.< Sie reichte mir die Hand. >Also ^addio^!
Auf morgen!<

Sie eilte nach vorwrts, den matten Lichtern entgegen. >^Addio!^< rief
sie leise zurck. Dann klopfte sie leicht an eine Scheibe. Gleich darauf
wurde die Haustr geffnet und wieder geschlossen.

Ich aber stand noch eine Weile und sphte nach dem Schatten Ginevras,
der sich auf den durchschimmerten Fenstervorhngen abzuzeichnen schien.
Endlich trat ich den Heimweg an, die Brust voll seliger Empfindungen, in
welchen jede Erinnerung an meine Festungscirce spurlos unterging.


                                 III.

In welcher Aufregung ich am folgenden Tage der vierten Nachmittagsstunde
entgegensah, lt sich denken; ich zhlte die Minuten und machte dabei
die Wahrnehmung, wie endlos lang solch ein minimaler Zeitabschnitt unter
Umstnden erscheinen knne. Und wie das schon in hnlichen Fllen zu
gehen pflegt, stellten sich meiner fieberhaften Ungeduld noch in der
letzten Stunde Hindernisse entgegen, ganz unvorhergesehene
Dienstobliegenheiten, die mich fast um das Stelldichein gebracht htten.
Dennoch gelang es mir, knapp vor vier Uhr, abzukommen, und mich fast
laufend auf den Weg zu machen.

Das Wetter hatte sich in der Tat sehr gnstig angelassen. Die schnste
Februarsonne strahlte vom blauen Himmel nieder und schuf einen wahren
Frhlingstag, wenn auch die Landschaft noch ihre ganze winterliche
Kahlheit aufwies.

Schon von weitem gewahrte ich die schlanke Gestalt Ginevras zwischen den
bezeichneten Baumreihen auf und nieder wandeln. Auch sie nahm mich
alsbald wahr und winkte mir mit dem Fcher, den sie statt eines
Sonnenschirms mitgenommen und ausgespannt hatte, grend zu. Sie trug
ihr Mntelchen nur ganz leicht um die Schultern geworfen, und der
schwarze Schleier umwehte lose ihr blondes Haupt.

>Also sind Sie doch gekommen<, sagte sie lchelnd, als ich endlich
atemlos und erhitzt vor ihr stand. >Ich hatte schon angefangen, ein
wenig zu zweifeln.<

Ich wollte zu meiner Entschuldigung hastig die Grnde der Versptung
auseinandersetzen, aber sie unterbrach mich. >Das tut ja nichts. Sie
sind jetzt da -- und was mich betrifft, so htte ich gewi noch weit
lnger gewartet. Auch hab' ich Ihnen eine gute Nachricht mitzuteilen:
meine Mutter will Sie empfangen.<

>Welch ein Glck!< rief ich aus.

>Ich hatte es vorausgesehen,< fuhr sie ruhig fort. >Denn ich kenne meine
Mutter und wei, da sie mir keinen Wunsch abschlgt. Sie drfen jedoch
nicht glauben, da ich ein verzogenes Kind bin. Die Gute erfllt meine
Wnsche, weil ich nur selten einen habe -- oder doch wenigstens
ausspreche. Geschieht dies aber, dann ist sie auch berzeugt, da es ein
sehnlicher und wohlberlegter ist, auf welchem ich, wenn es not tut,
bestehe. Als ich ihr von unserer Begegnung auf dem gestrigen Balle
erzhlte, sagte sie daher blo: wenn du glaubst, da er es redlich
meint, so mag er kommen. -- Und Sie meinen es doch redlich?< setzte sie
hinzu, indem sie mir voll und tief in die Augen sah.

Ich gestehe, da mich diese Frage einigermaen betroffen machte. Denn
ich empfand, da jetzt etwas Ernstes, feierlich Bindendes an mich
herangetreten war, darauf ich nicht vorbereitet gewesen. Aber schon
hatte ich mich ber die schmale Hand gebeugt, die sich mir
vertrauensvoll entgegenstreckte, und sie mit stummer Beteuerung gekt.

>Ich habe nicht daran gezweifelt<, sagte sie in festem Tone. >Die
Offiziere stehen zwar, was uns Mdchen betrifft, in keinem besonderen
Rufe. Aber ich glaube, es ist ein Vorurteil, das, wie manches andere,
gedankenlos nachgesprochen wird. Hatte ich doch an meinem Vater den
Beweis, da gerade in Ihrem Stande die Ehre ber alles geht. -- Aber
kommen Sie jetzt; meine Mutter erwartet Sie. Es ist zwar noch sehr schn
hier auen; allein der Tag neigt sich doch schon dem Ende zu, und in der
Dunkelheit sollen Sie unser Haus nicht betreten.<

So schritten wir denn auf die kleinen Wohnsttten zu, die in der
Entfernung vor uns lagen. Sie bildeten, von kunstlos umzunten Grtchen
und winzigen Grundstcken unterbrochen, eine Art Vorort, der im freien
Felde lag. Es wohnten sichtlich arme Leute hier; aber alles erschien
wohlgehalten und reinlich. In den blanken Scheiben spiegelten sich die
Strahlen der niedergehenden Sonne; hier und dort spielten Kinder
friedlich vor den Tren.

Das Haus, dem mich jetzt Ginevra entgegenlenkte, war etwas ansehnlicher
als die brigen; zum Eingang fhrten mehrere Stufen empor. Als wir diese
hinanstiegen, zeigte sich am nchsten Fenster das derb gertete,
neugierig blickende Antlitz einer bejahrten Frau, welche gleich darauf
im Flur an uns vorberkam und in einer Seitentr verschwand.

>Das war unsere Hauswirtin,< sagte Ginevra; >die Witwe des Amtsdieners,
der unter meinem Vater gestanden und sich dieses kleine Anwesen im Laufe
der Jahre erwirtschaftet hatte. Sie selbst bewohnt eben nur eine Kammer;
alles andere haben wir um ein Billiges gemietet.<

Sie ffnete eine zweite Seitentr, durch welche wir in eine helle Kche
traten, und von da in eine nicht ungerumige Wohnstube, wo die Mutter
Ginevras im Lehnstuhle sa, eine zarte, schmchtige Frau, die leidend
aussah, aber nicht viel ber vierzig Jahre zhlen konnte. Eine leichte
Rte flog ber ihr Antlitz, als wir eintraten und sie mit einiger Mhe
sich erhob.

>Da ist er, ^Mamma^,< sagte Ginevra. >Ich lasse dich mit ihm allein.<
Sie legte rasch Fcher, Schleier und Mntelchen ab und eilte wieder
hinaus.

Ich nherte mich der blassen Frau, die sich wieder gesetzt hatte, und
eine Pause gegenseitiger Verlegenheit trat ein.

Endlich begann ich: >Sie waren so gtig, mir zu gestatten -- --<

>Es freut mich, Sie kennen zu lernen<, erwiderte sie in ziemlich
gebrochenem Deutsch. >Bitte, nehmen Sie Platz.<

Ich zog einen Stuhl heran.

>Ich wei nicht,< fuhr sie nach einigem Zgern fort, >ob ich recht
getan, Sie zu uns zu bitten; wohl die meisten Mtter wrden Bedenken
getragen haben. Aber meine Tochter hat mir alles mitgeteilt, was auf dem
Balle vorgefallen, und so schien es mir doch am geratensten, einem
Wiedersehen keine Hindernisse in den Weg zu legen. Ihre liebenswrdige
Persnlichkeit< -- sie sagte diese Schmeichelei mit einem leichten
Senken des Hauptes und in jenem feinen, vornehm ausgleichenden Tone, wie
er nur in Italien zu hren ist -- >Ihre liebenswrdige Persnlichkeit
scheint einen tiefen Eindruck hervorgebracht zu haben, und es wrde
vielleicht zu geheimen Zusammenknften gekommen sein, die fr ein junges
Mdchen immer hchst peinlich sind. Ich selbst war, als ich die
Bekanntschaft meines unvergelichen Gatten machte, durch die
Verhltnisse im elterlichen Hause dazu gezwungen und wei, was ich dabei
gelitten habe. Denn trotz aller Liebe zu meinem Federigo empfand ich
einen solchen Verkehr doch stets als Verrat an meinen Angehrigen.<

Ich hatte, whrend sie so sprach, aufmerksam ihr Antlitz betrachtet, das
von der Erinnerung belebt wurde. In der ganzen Erscheinung lag
eigentlich nichts Sdlndisches, und wre das Charakteristische der
Aussprache und mancher Bewegungen nicht gewesen, man htte sie kaum fr
eine Italienerin gehalten. Sanfte, weiche Zge, schlichtes
kastanienbraunes Haar und ebensolche Augen; mit ihrer Tochter hatte sie
nicht die geringste hnlichkeit.

Sie erriet meine Gedanken und sagte lchelnd: >Nicht wahr, Sie finden,
da mir Ginevra gar nicht hnlich sieht? Sie ist ganz nach ihrem Vater
geraten. Wenn Sie sich die Mhe nehmen und jenes Bild dort betrachten
wollen, so werden Sie das erkennen.<

Ich erhob mich und trat vor ein ziemlich verblates Aquarell, das an
einem Fensterpfeiler hing. Es war etwas steif, aber nicht ohne
Empfindung ausgefhrt und stellte einen beilufig dreiigjhrigen Mann
in Offizierstracht der Jgertruppe vor. Aus dem berhohen Frackkragen
ragte ein fein geschnittener, hchst ausdrucksvoller Kopf mit
lichtblonden Haaren und blauen Augen. Je lnger ich das Bild bei dem
ungewissen Dmmerlichte des Abends betrachtete, desto deutlicher traten
mir die Zge Ginevras daraus entgegen.

>Und nicht blo im ueren gleicht sie ihm,< fuhr die Frau auf meine
laute Beistimmung fort; >auch in allem und jedem, was den Charakter
betrifft, der bei ihr, obgleich sie erst vor kurzem sechzehn Jahre alt
geworden, bereits zu groer Festigkeit entwickelt ist.<

>Ja, Ihre Tochter ist ein ganz einziges Geschpf!< rief ich aus.

>Nun, vielleicht sind wir beide bestochene Richter. Aber soviel glaube
ich wohl selbst sagen zu drfen: sie ist ein vortreffliches Mdchen und
verdient glcklich zu werden.<

>Sie wird es auch gewi!<

>Das steht in Gottes Hand.<

Ein Schweigen trat ein, whrenddessen man aus der Kche herein das
Knistern des Herdfeuers, sowie leise Schritte und Hantierungen vernehmen
konnte.

>Ginevra bereitet den Kaffee<, sagte Frau Maresch. >Sie mu ja berall
mit angreifen. Eine Magd zu halten, sind wir nicht in der Lage; das
Grbste verrichtet die Frau, bei der wir wohnen. Die kleine Pension, die
ich beziehe, reicht knapp zum Leben aus, und wren uns nicht vor einiger
Zeit ein paar hundert Lire zugefallen, die mir ein Verwandter in Italien
nachgelassen, wir wrden vielleicht in Not -- und was noch schlimmer, in
Abhngigkeit von fremden Menschen geraten sein.<

>Sie haben gewi noch mehrere Angehrige in Italien?< fragte ich.

>Nein -- wenigstens niemanden, der meinem Herzen nahe steht. Eltern und
ein Bruder, den ich hatte, sind schon vor Jahren rasch nacheinander
weggestorben. Man hatte meine Heirat nach langen Kmpfen widerwillig
zugegeben und mich dann in der Fremde mehr und mehr aus den Augen
verloren. Ich habe, wie Sie sich denken knnen, trotz meines ehelichen
Glckes sehr an Heimweh gelitten. Endlich jedoch verlor sich auch das,
und ich mchte jetzt eigentlich um keinen Preis mehr nach Italien
zurck. Und auch nicht anderswohin. In Graz leben noch Verwandte meines
Mannes, und diese haben mich wiederholt aufgefordert, mit Ginevra zu
ihnen zu kommen. Aber wir ziehen es vor, unabhngig zu bleiben, so
eingeschrnkt wir leben mssen. berdies sind wir, seit wir in diesem
Hause wohnen, sehr zufrieden. Es ist zwar nicht viel mehr als eine
Htte, aber wir sind hier vollstndig fr uns, haben einen kleinen
Garten -- und mit ein paar Schritten ist man ganz im Freien. Ich sehne
mich schon nach dem Frhling, wo ich dies alles so recht werde genieen
knnen; es soll mich hoffentlich ganz wieder herstellen.<

So fhrten wir das Gesprch weiter, wobei nun auch ich einiges ber
meine Lebensverhltnisse mit einflieen lie, obgleich die feinfhlige
Frau in dieser Hinsicht jede Frage vermied. Sie hrte mit bescheidener
Aufmerksamkeit zu und sagte schlielich: >Ich sehe, da Sie aus
vornehmer Familie sind. Und Emil heien Sie -- Emilio. Ein schner und
mir wohlbekannter Name; mein armer Bruder hat ihn gleichfalls gefhrt.<

In diesem Augenblick trat Ginevra ein, in der Hand eine kleine, grn
lackierte Schirmlampe, wie sie damals gebruchlich waren, und deren
Schein das bereits stark verdunkelte Zimmer angenehm erhellte.

>Du wirst dich wohl schon mit ihm ausgesprochen haben, Mutter,< sagte
sie, die Leuchte niederstellend, >und ich kann den Kaffee bringen, der
eigentlich lngst fertig ist -- und zu welchem Sie< -- sie wandte sich
mit einer Verbeugung an mich -- >eingeladen sind, wofern Sie dieses
Frauengetrnk nicht verschmhen.<

Und nun begann sie rasch, ihre Anstalten zu treffen. Sie schob den Tisch
nahe an die Mutter heran und breitete ein frisches Tuch darber. Dann
brachte sie aus der Kche Kanne und Tassen, welch letztere sie sorgsam
fllte und lchelnd kredenzte.

Nachdem das Vesperbrot eingenommen war, stand sie auf und zndete eine
Kerze an. >Nun aber will ich Ihnen auch mein Gemach zeigen<, rief sie.
>Es ist zwar ein ganz winziges Stbchen, aber ich herrsche darin
unumschrnkt.<

Sie ffnete eine Seitentr, die ich schon mehrmals ins Auge gefat
hatte, und lie mich, whrend sie voranleuchtete, eintreten. Der Raum
war allerdings verschwindend klein, so zwar, da man sich wunderte, wie
das, was darin stand, dennoch hatte Platz finden knnen. In der
Mittelwand zeigte sich ein Fenster; rechts und links davon waren zwei
eingerahmte Tuschzeichnungen angebracht, welche sdliche Landschaften
darstellten. Knapp am Fenster ein mit Weizeug berhufter Nhtisch,
nahe dabei ein anderes kleines Tischchen, auf dem zwischen einigen
Blumentpfen ein Vogelbauer stand. Die eine Seitenwand deckte ein
Kasten, die andere ein Regal, das sich vollstndig mit Bchern in
verblaten Einbnden ausgefllt zeigte.

>Nun, hab' ich es mir nicht hbsch eingerichtet?< fragte Ginevra. >Wenn
ich hier nhe, kann ich in unseren Garten blicken. Der ist freilich
jetzt noch ganz kahl und wst; dafr blhen meine Blumen am Fenster. Und
das hier< -- sie nherte sich mit dem Lichte dem Vogelbauer, in welchem
ein Zeisig, den Kopf unter dem Flgel, bereits auf seinem Stngelchen
schlief -- >das ist mein ^piccino^! Er zwitschert bei Tag ganz lustig.
Und dort< -- sie beleuchtete das Regal -- >dort haben Sie den ganzen
italienischen Parna: Dante, Ariosto, Tasso und so weiter. Er rhrt von
meinem Vater her, der seinen Stolz darein setzte, das Italienische zu
verstehen, wie ein Eingeborner -- oder eigentlich noch besser. Er las
gar nichts anderes, und Gott wei, wie oft er diese Bnde mag
vorgenommen haben. Er kannte kein anderes Vergngen. In seinen jngeren
Jahren war er auch Zeichner; jene Landschaften dort sind von ihm in
Neapel aufgenommen worden, denn er hat im Jahre Zwanzig die
sterreichische Intervention mitgemacht.<

Ich hatte inzwischen einen der Bnde herausgezogen und aufgeblttert.

>Lesen vielleicht auch Sie italienisch?< forschte sie.

>Ich sollte wohl; denn es wurde im Kadetteninstitute gelehrt. Aber ich
habe es nicht weit gebracht.<

>Wir wollen miteinander lesen, dann wird es schon gehen. -- Hast du
gehrt, ^Mamma^,< rief sie ins Zimmer hinein, >da ihm unsere Sprache
nicht fremd ist?<

>^Ho compreso; che piacere!^< lie sich die Mutter vernehmen.

>Sie knnen sich brigens denken,< fuhr Ginevra fort, >da ich selbst
das meiste von dem nicht kenne, was in den Bchern steht; es ist eine
gar zu schwere Lektre fr ein junges Mdchen.<

Wir waren bei diesen Worten wieder aus dem Stbchen getreten, und da ich
wahrnahm, da eine alte Standuhr im Zimmer bereits auf Acht wies, so
hielt ich es fr angemessen, mich jetzt zu verabschieden.

>Auf Wiedersehen<, sagte die Mutter. >^Sia benedetta la sua intrata da
noi.^<

Ich zog die Hand, die sie mir reichte, ehrerbietig an die Lippen und
trat aus der Tr, von Ginevra mit dem Lichte begleitet. Drauen stellte
sie es nieder und folgte mir in den Flur. Dort blieb sie stehen und
breitete mit einer unaussprechlich schnen und edlen Bewegung die Arme
aus.

>Sie lieben mich also?< fragte sie mit einem innigen Blick.

Ich zog sie an mich, und unsere Lippen schlossen sich zu einem langen
Kusse zusammen.


                                 IV.

Und nun, fuhr der Oberst fort, begann fr mich eine selige Zeit. Ich
suchte, so oft es nur anging, das kleine Haus auf, dessen Stille und
Abgeschlossenheit den Reiz eines Verhltnisses erhhte, das sich unter
dem sanften Auge der Mutter immer inniger entfaltete -- und dabei das
reinste und lauterste blieb, das sich denken lt. Denn bei aller
Leidenschaftlichkeit, mit welcher mir Ginevra ihre junge Seele erschlo,
erwies sie doch eine jungfruliche Hoheit und Wrde, die mich mit
Ehrfurcht und heiliger Scheu erfllte. Ich kam gewhnlich in den frhen
Nachmittagsstunden. Dann sa Ginevra am Nhtisch und ich neben ihr,
plaudernd oder still in ihren Anblick versunken, und wenn die Lampe
angezndet war, lasen wir, whrend die Mutter zuhrte, in den Bchern
des Vaters: Sonette Petrarcas, leicht faliche Gesnge aus der ^divina
commedia^, und hin und wieder ein Bruchstck von Meister Ludovicos
phantastischem Gedicht. Aber nicht lange mehr duldete es uns in den
Stubenrumen. Denn es war Frhling geworden und sonnige, warme Tage
lockten uns vor das Haus. Die Mutter lie sich ihren Lehnstuhl in das
Grtchen schaffen, wo bereits das erste Grn schimmerte und die Knospen
dem Aufbrechen nahe waren. Dort weilte sie, whrend wir anderen in das
Feld hinausschritten, nach den Lerchen empor sphten, die schmetternd
von den Schollen aufstiegen, und Ginevra die ersten Veilchen sowie
andere frhe Blumen zum Straue pflckte, den sie mir beim Abschied
mitgab. So lebten wir wie in einem schnen Traum dahin und ahnten nicht,
da die Tage des Glckes gezhlt seien .....

Als ich einmal bei einbrechender Nacht nach Hause zurckkehrte, fand ich
einen Brief meines Oheims vor, worin mir dieser mitteilte, da es seinem
Einflusse mglich geworden sei, meine Versetzung zu einem in Wien
befindlichen Regimente zu erwirken. Und zwar mit gleichzeitiger
Befrderung zum Leutnant; eine sprungweise Vorrckung, wie sie in jener
Zeit durch die Gunst eines befreundeten Regimentsinhabers nicht allzu
schwer zu erreichen war. Er hoffe daher, so schlo er, mich recht bald
umarmen zu knnen. Unter anderen Umstnden wre diese Nachricht eine
hchst erfreuliche gewesen; in diesem Augenblick aber fuhr sie wie ein
Blitz aus heiterem Himmel auf mich nieder. Was sollte mir jetzt eine
Befrderung? Was eine Versetzung nach Wien und das Wiedersehen meines
Oheims, wenn mich dies alles so rasch und pltzlich von der Geliebten
wegri!? Ich verbrachte eine schlaflose Nacht, und schon am nchsten
Morgen wurde ich von der Angelegenheit auch dienstlich verstndigt, mit
dem Beisatze, da ich binnen dreier Tage an meinen neuen Bestimmungsort
abzugehen habe. Also nur drei Tage, drei kurze Tage waren mir noch
vergnnt -- und auch diese, wie ich bei nherer berlegung erkannte, nur
in den allerkleinsten Bruchteilen. Denn gerade bei meinem Scheiden aus
dem Regiment war ich in dieser Spanne Zeit mehr als je an den
kameradschaftlichen Verkehr gebunden, ganz abgesehen von den sonstigen
Verpflichtungen, die mein so unerwarteter Abgang mir auferlegte. Ich
konnte also hchstens noch _einen_ vollen Abend fr mich retten. Der
heutige war schon von einer gemeinsamen Fechtbung in Anspruch genommen,
welche allwchentlich stattfand und mit einer Tafel im Kasino zu
schlieen pflegte. Drben war man davon unterrichtet und erwartete mich
daher nicht. Aber die Stunden, die knapp vor mir lagen, konnte ich
erhaschen und machte mich sofort auf den Weg nach Leitmeritz. Es war ein
schwerer Gang; mute ich doch die Frauen von der so bald bevorstehenden
Trennung in Kenntnis setzen!

Ich traf die Mutter allein zu Hause. Sie war in letzter Zeit etwas zu
Krften gelangt und schien eben beschftigt, Verschiedenes im Zimmer zu
ordnen.

>Ah, Emilio!< rief sie berrascht, als sie mich eintreten sah. >Wie
schn, da Sie wieder einmal vormittags kommen und uns fr den
verlorenen Abend entschdigen. Ginevra besorgt eben ein paar kleine
Einkufe in der Stadt; sie wird jedoch gleich wieder zurck sein. Aber
was haben Sie denn?< fuhr sie mit besorgten Blicken fort, da sie meine
ernste und niedergeschlagene Miene wahrnahm. >Ist vielleicht etwas
vorgefallen?<

>Allerdings, ^carissima madre^< -- ich pflegte sie stets so zu nennen --
>allerdings ist etwas vorgefallen. Etwas ganz Unerwartetes, Trauriges --
--< Und nun teilte ich ihr zgernd und mit aller Vorsicht mit, was nicht
verschwiegen bleiben konnte.

Sie mute sich setzen. >Mein Gott,< brachte sie mhsam hervor, >so
rasch, so pltzlich! Und was wird Ginevra dazu sagen? Sie ist zwar ein
starkes Mdchen -- aber dennoch -- -- Ich glaube, da ist sie schon<,
setzte sie aufhorchend hinzu.

In der Tat waren drauen die leichten Schritte Ginevras zu vernehmen,
und gleich darauf kam sie selbst ins Zimmer geeilt, das Antlitz von der
Luft gertet, ein Krbchen am Arm, das sie rasch beiseite stellte, um
mir dann, wie gewhnlich, an die Brust zu fliegen.

>Da bist du ja!< rief sie. >Ich hab' es gewut! Den ganzen Weg ber ist
es mir im Geiste vorgegangen, da ich dich beim Nachhausekommen hier
treffen wrde!<

>Mit deinen Ahnungen!< sagte die Mutter. >Wenn du wtest, was ihn
hierher gefhrt --<

Sie erblate leicht. >Was willst du damit sagen, ^Mamma^?< fragte sie
mit stockender Stimme, indem sie uns beide mit atemloser Spannung ansah.

Und nun erfuhr auch sie, was da kommen sollte.

Bei jedem Worte, das sie vernahm, wurde sie bleicher, ihre Arme sanken
langsam an den Hften hinab; so stand sie eine Weile wie erstarrt. Dann
aber strich sie mit der Hand langsam ber die Stirn und sagte: >Wir
htten darauf gefat sein knnen, da dies frher oder spter geschehen
wrde. Und da es nicht zu ndern ist, so wollen wir es mit
Standhaftigkeit tragen. Wann mut du schon fort?<

>In drei Tagen.<

>Das ist freilich bald, sehr bald. Aber gleichviel. Wien ist nicht aus
der Welt, und du wirst mich dort wie hier lieben.<

>Nun, wer wei,< warf die Mutter mit erzwungener Scherzhaftigkeit ein,
>ob er uns in Wien nicht vergit.<

>Wie kannst du nur so sprechen, ^madre^<, brauste sie auf. >Als ob du
nicht aus deinem eigenen Leben wtest, da selbst die grte
Entfernung, die lngste Trennung an Gefhlen, wie die unseren, nichts zu
ndern vermgen! Im Gegenteil werden sie dadurch nur gefestigt. Nicht
wahr?< -- wandte sie sich an mich und schlang den Arm um meine Schultern
-- >nicht wahr, wir gehren einander an frs Leben?<

>Fr ewig!< erwiderte ich und kte sie auf die Stirn. >Und sieh',< fuhr
ich, pltzlich von einem trstlichen Gedanken berkommen, fort,
>vielleicht reit mich das Schicksal in bester Absicht von deiner Seite.
Ich treffe in Wien mit meinem Oheim zusammen, der ein vielvermgender
Mann ist. Er liebt mich wie einen Sohn und wird sich gewi bestimmen
lassen, irgend etwas fr unsere Zukunft zu tun. Wir sind ja beide noch
jung und knnen warten.<

>Ja,< erwiderte sie, >wir _knnen_ und _wollen_ warten.<

Aber schon hatte mich die Empfindung berkommen, eine grundlose Hoffnung
ausgesprochen zu haben. Gerade von meinem Oheim hatte ich, frs erste
wenigstens, gar nichts zu erwarten; vielmehr hatte ich die berzeugung,
da er sich sofort feindselig gegen ein Verhltnis stellen wrde, das
ihm bei seinen ehrgeizigen Plnen hinsichtlich meiner militrischen
Laufbahn durchaus nicht wnschenswert erscheinen konnte. Um dieses
unangenehme Bewutsein zu bertuben, sagte ich rasch: >Und wie es auch
sein mge, jedenfalls komme ich nach den Waffenbungen um einen Urlaub
ein, den man mir nicht verweigern kann. Ich kehre also ganz gewi im
Sptherbst zurck und werde in der Festung bei einem Freunde oder hier
in einem Gasthofe wohnen. Dann knnen wir uns einige Wochen fr die
Trennung schadlos halten.<

>Und uns um so inniger des Wiedersehens freuen<, setzte sie hinzu, mir
tief in die Augen blickend. >Aber heute bleibst du doch?<

>Du weit, ich kann nicht; hchstens bis drei Uhr. Es wird uns berhaupt
nur _ein_ Abend mehr vergnnt sein -- der morgige. Ich werde so frh wie
mglich kommen -- zum Abschied.<

>Zum Abschied<, wiederholte sie still. >Aber heute kannst du wenigstens
mit uns zu Mittag essen. Ich werde gleich das Ntige veranlassen.< Und
sie erhob sich, um nach der Kche zu sehen, wo sich bereits die
Hauswirtin am Herde zu schaffen machte.

>Merkwrdiges Mdchen!< sagte die Mutter, als wir jetzt allein waren,
mit feuchten Augen. >Diese Seelenstrke! Man wrde es nicht fr mglich
halten. Ich selbst war bei gleichem Anla in Trnen aufgelst und
vermochte mich tagelang nicht zu fassen. Und sie! Sie ist wirklich ganz
ihr Vater.<

Spter deckte Ginevra, bleich zwar, aber ruhig wie sonst, den Tisch, und
wir setzten uns zum Mahle, von welchem unter einsilbigem Gesprch nur
wenig berhrt wurde. Auch spter blieb es ganz still in der vertrauten
Stube. Ich sa mit Ginevra Hand in Hand auf einem kleinen Sofa, der
Mutter gegenber, die eine Strickarbeit vorgenommen hatte und uns dabei
von Zeit zu Zeit wehmtig betrachtete. Endlich war es drei Uhr und ich
erhob mich.

>Also _morgen_<, sagte Ginevra, indem sie mir die Hand drckte.

>Morgen -- zum letztenmal!<

>_Nicht_ zum letztenmal!< sprach sie kraftvoll.

Als ich aber jetzt der Mutter die Hand reichte und mich der Tr
zuwandte, da brach in ihr der zurckgedmmte Schmerz mit elementarer
Gewalt hervor. Laut aufweinend strzte sie auf mich zu und umschlo mich
mit den Armen.

So standen wir lange, whrend sie mich krampfhaft festhielt und mit
ihren heien Trnen benetzte; dann ri ich mich los.


                                  V.

Der Oberst hielt inne und blickte eine Zeitlang schweigend vor sich hin.
Ich mchte am liebsten meine Geschichte hier abbrechen, sagte er dann;
denn die Rolle, die ich nunmehr zu spielen beginne, ist nichts weniger
als glnzend. Aber ich will mir die Bue auferlegen und im Kontext
fortfahren.

Der Abschied war ein tief ergreifender gewesen. Ich hatte Ginevra beim
Scheiden ein Ringlein mit blauem Stein gegeben, welch letzterer im
Geschmack jener Zeit ein kleines Herz vorstellte. Sie selbst lste das
goldene Kreuz, das sie bestndig trug, vom Halse los und reichte es mir.
>Nimm!< sagte sie. >Es ist ein Andenken meines Vaters; das einzige
Schmuckstck, das ich von ihm habe. Schon seine Mutter hat es getragen.
Trag' es jetzt _du_ als Erinnerung an mich, bis wir wieder vereint
sind.<

Ich kam mir damit wie gefeit vor und fhlte, wie siegreich das Bild
Ginevras, deren im Trennungsschmerz zitternde Gestalt, deren bleiches,
verweintes Antlitz ich whrend der Reise bestndig vor Augen hatte,
allen neuen Eindrcken standhalten wrde. Es waren anfnglich nicht
allzu viele. Denn frs erste galt es, im Regiment, wo man den eben nicht
erwnschten Einschub mit mitrauischer Zurckhaltung empfangen hatte,
festen Fu zu fassen, was mir eine doppelt eifrige Diensteserfllung zur
Pflicht machte. Auch hatte ich in Wien keine Anverwandten auer meinem
Onkel, und der war ein eingefleischter alter Hagestolz, welcher, trotz
seiner hochgestellten Verbindungen, der sogenannten Gesellschaft mit
barscher Rcksichtslosigkeit aus dem Wege ging. Seine Erholung war,
allabendlich ein vielgerhmtes Gasthaus in der innern Stadt aufzusuchen,
wo er sich im Kreise einiger Alters- und Gesinnungsgenossen nach des
Tages Mhen und Sorgen behaglich auslebte. Da hatte er nun seine Freude
daran, mich dort einzufhren und, so oft es anging, auf das kstlichste
zu bewirten, wobei der Champagner nicht gespart wurde. So war meine
freie Zeit fast ausschlielich von ihm in Anspruch genommen, hchstens,
da ich hin und wieder einmal das Theater besuchte. Dabei war und blieb
aber meine grte Freude der Briefwechsel mit Ginevra. Wir schrieben
einander regelmig alle acht Tage, was unter den damaligen
Verhltnissen dem heutigen tglichen Schreiben gleichkam, und es lt
sich nicht sagen, mit welcher Aufregung ich jeden Brief Ginevras
erbrach, mit welchem Entzcken ich ihn las -- und wieder las .....

So waren mehr als drei Monate verstrichen, als der Adjutant des
Bataillons, bei welchem ich stand, schwer erkrankte und ich beauftragt
wurde, einstweilen seine Dienstgeschfte zu bernehmen. Der
kommandierende Major, ein Baron Dumont, stammte aus einer franzsischen
Emigrantenfamilie und galt als hchst unfhiger Mann, dem allerdings
eine gewisse Gutmtigkeit nachgerhmt wurde. Da er des deutschen Idioms
niemals ganz mchtig geworden, hing er gar sehr von seinem Adjutanten
ab, den er brigens auch zu einer Art persnlichen Hofdienstes
heranzuziehen liebte. Als schlechter Reiter sah er es gerne, wenn man
seine schnen Pferde tummelte; bei Spaziergngen lie er sich begleiten,
und abends war man ein fr allemal zum Tee gebeten, wogegen man sich
freilich herbeilassen mute, stundenlang mit ihm Pikett oder Ecart zu
spielen, das einzige Vergngen, das er kannte. Er war mit einer
polnischen Grfin verheiratet, die zur Zeit meines Eintreffens beim
Regiment auf einem Gute in der Nhe Lembergs sich befand, nunmehr aber
eines Tages ganz pltzlich in Wien erschien. Beim ersten Anblick dieser
Frau hatte ich eine eigentmliche Empfindung; ich wute nicht, war es
Schreck oder Wohlgefallen -- vielleicht beides zusammen. Die Grfin
mochte ungefhr achtundzwanzig Jahre alt sein, und ihr Gesicht war
bereits leicht verwittert; bei nherer Betrachtung jedoch zeigte sich
ein reizendes Profil, und die blassen Lippen enthllten im Lcheln zwei
Reihen der kstlichsten Zhne. Von nicht allzu hohem Wuchse, zeichnete
sie sich durch etwas langsame, aber ungemein grazise Bewegungen aus;
Hnde und Fe waren die schnsten, die ich je gesehen. Ihr reiches Haar
war von einem matten, glanzlosen Braun, und auch die grauen, von den
Lidern halb verdeckten Augen hatten etwas Erloschenes, das pltzlich in
ein berraschendes Aufleuchten bergehen konnte. Dazu die weiche,
fremdlndische Aussprache, die vornehme Ungezwungenheit einer
vollendeten Weltdame -- und man mute sich sagen, da man sich hier
einer hchst verfhrerischen Erscheinung gegenber befinde. Ihr Gatte
schien sich durch ihre Anwesenheit etwas beengt zu fhlen, und es war
ihm sichtlich recht, da sie mich mit groer Liebenswrdigkeit
aufforderte, meine Abendbesuche nach wie vor fortzusetzen. So spielten
wir denn jetzt zu dreien Whist mit dem Strohmanne, und nach dem Tee
plauderten wir, wobei die Hausfrau es liebte, sich in trger
Behaglichkeit auf einer Chaiselongue auszustrecken und Zigaretten zu
rauchen, was damals noch etwas ganz Unerhrtes war. Dieses Gehaben
behielt sie auch bei, wenn zuweilen noch andere Herren geladen waren;
sie liebte es dann, in solch ungezwungener Weise Cercle zu halten. Damen
wurden niemals beigezogen; die Grfin erklrte, sie sei noch nicht in
der Verfassung, eigentliche gesellschaftliche Beziehungen aufzunehmen.
Gegen mich erwies sie eine Art mtterlicher Vertraulichkeit, die sich
oft zu allerlei unbefangenen kleinen Zrtlichkeiten steigerte. Sie
strich mir, auch in Gegenwart ihres Gatten, das Haar zurecht, berhrte,
nach polnischer Sitte, schmeichelnd meine Schulter oder lie im Gesprch
ihre Hand wie unbewut lange auf meiner ruhen, wobei mich stets heier
Schauer durchrieselte.

Es wre nun an der Zeit gewesen, fter das goldene Kreuzchen zu
befhlen, das ich an mir trug. Nicht etwa, da das Bild Ginevras durch
den intimen Verkehr mit der schnen Frau getrbt oder gar verwischt
worden wre; nein, es leuchtete mir noch immer in voller Klarheit
entgegen, aber aus viel weiterer Entfernung als frher, wo es mich
sozusagen auf Schritt und Tritt begleitet hatte.

Eines Abends, als wir wieder beim Whist saen und ich mir einige Fehler
im Spiel hatte zu schulden kommen lassen, sagte die Grfin: >Aber
was treiben Sie denn, ^mon enfant^? Sie leiden ja an einer
unverantwortlichen Zerstreutheit. Sind Sie vielleicht gar verliebt?<

>Du stellst Gewissensfragen, Lodoiska<, bemerkte ihr Gatte mit seinem
stereotypen Lcheln.

>Und wenn dem so wre, Grfin?< entgegnete ich halb im Ernst, halb im
Scherz.

>So wrd' ich es begreiflich finden<, antwortete sie. >Denn die Liebe
ist das Recht der Jugend. Und wo weilt der Gegenstand Ihrer Gefhle?
Hier in Wien?<

>Keineswegs. Weit -- sehr weit von hier entfernt.<

Sie erwiderte nichts und steckte hastig ihre Karten ineinander. >Ist es
ein junges Mdchen?< fragte sie nach einer Weile.

>Das versteht sich wohl von selbst<, sagte der Major.

>Schn?< fuhr sie kurz fort.

>Ungemein<, warf ich hin, den angeschlagenen Ton festhaltend.

>Brnett?<

>Blond.<

Sie schwieg und wendete ihre Aufmerksamkeit wieder dem Spiele zu. Als
der Robber beendet war, stand sie auf und sagte, sie leide heute an
Migrne und wolle sich deshalb zeitig zur Ruhe begeben. So brach auch
ich frher als sonst auf, vom Major wie immer mit einem wohlwollenden
Hndedruck verabschiedet.

Von jenem Abend an beobachtete sie gegen mich eine gewisse
Zurckhaltung. Sie nahm seltener am Spiele teil und zog sich
whrenddessen in den anstoenden Salon zurck, wo sie auf dem Klavier
phantasierte oder Stcke von Chopin spielte. Dann kam sie wieder herein
und nahm ihre gewohnte Lage auf der Chaiselongue ein. Wenn ich nach ihr
hinsah, konnte ich bemerken, da ihr Blick mit einem ganz seltsamen
Ausdruck auf mich gerichtet war.

Dies alles verfehlte nicht, mich in eine gewisse Unruhe zu versetzen,
die auf den Briefwechsel mit der entfernten Geliebten nicht ohne Einflu
blieb. Es war mir, als htte ich etwas zu verschweigen, geheim zu
halten, und infolgedessen gerieten meine Briefe weniger rund und
flieend als frher; sie wurden gezwungener, fragmentarischer. Ginevra
aber schien nichts davon zu bemerken. Ihre Zeilen atmeten die gewohnte
gleichmig ernste Leidenschaftlichkeit, die sich in Worten jeder
berschwenglichkeit enthielt, jedoch die reinsten und vollsten
Herzenstne anschlug. Und immer kam die stets wachsende Freude darber
zum Ausdruck, da nun die Zeit nher und nher rcke, um welche ich auf
Urlaub in Leitmeritz erscheinen wrde.

Das aber war es, was meine Unruhe nur noch steigerte. Denn je reiflicher
ich diese Angelegenheit erwog, desto deutlicher wurde mir, zu welch
unberlegtem Versprechen ich mich damals hatte hinreien lassen. Wie
konnte ich, nachdem ich mich kaum sechs Monate beim Regiment befand,
schon um einen Urlaub nachsuchen -- und das gerade jetzt, wo ich mich in
einer besonderen dienstlichen Verwendung befand, deren Ende sich gar
nicht absehen lie; denn der Adjutant, obwohl schon auf dem Wege der
Genesung, bedurfte noch einer lngeren Erholung. Und ganz abgesehen von
diesen so gewichtigen Bedenken: ich mute mein Gesuch doch irgendwie
begrnden. Womit? Mit Familienangelegenheiten? Man wute ja, da mein
Oheim in Wien lebte, und wie wrde sich dieser, den ich jetzt ohnehin
selten genug sah, zu meiner Absicht verhalten? Gewi verweigernd, um so
verweigernder, wenn ich ihn, wozu ich einen Augenblick schon
entschlossen gewesen, in den ganzen Sachverhalt einweihte. Ich war also
in der Tat ganz ratlos und wute nicht, was ich beginnen sollte.

In dieser peinlichen Gemtslage begab ich mich an einem nebligen
Oktoberabende, nachdem ich einen einsamen und gedankenvollen Rundgang um
das Glacis gemacht, in die Wohnung des Majors, der ich nun schon drei
Tage ferngeblieben war. Im Spielzimmer brannte bereits die Astrallampe;
im Halbdunkel des Salons aber sa Grfin Lodoiska am Flgel, dessen Tne
mir schon beim Eintritt entgegengeklungen hatten.

Als sie jetzt mein Erscheinen gewahr wurde, rief sie mir, ohne sich zu
unterbrechen, zu: >Kommen Sie nur da herein. Es ist mir drauen zu hell;
die Lampe tut meinen Augen weh.< Dann erhob sie sich und trat mir, von
dem Schein eines leichten Feuers, das im Ofen flackerte, phantastisch
beleuchtet, entgegen. Sie trug ein einfaches, knapp anliegendes
Tuchkleid, von dessen dunklem Blau sich ein weit ausgelegter weier
Halskragen und hohe Manschetten glnzend abhoben. Ihr volles Haar, auf
welches sie scheinbar wenig Sorgfalt verwendete, umrahmte in losen
Scheiteln ihr schimmerndes Antlitz.

>Sie mssen heute mit mir allein vorlieb nehmen<, begann sie in
melancholischem Tone. >Dumont hat notgedrungen eine Einladung
angenommen. Ich selbst lie mich entschuldigen; denn ich bin so gar
nicht gestimmt, in die Welt zu gehen.<

Sie hatte sich bei diesen Worten auf einen Pouf niedergelassen, der in
der Mitte des Salons stand, und lud mich mit einer Handbewegung ein,
neben ihr Platz zu nehmen.

>Ich bin seit einiger Zeit auch nicht in der besten Stimmung<, sagte
ich, mich setzend.

>Ich habe es wohl bemerkt<, erwiderte sie leise und nachdenklich.
>Vertrauen Sie mir doch an, was Sie drckt.<

Es wurde mir nicht leicht, darauf zu antworten. >Nun,< sagte ich
endlich, >vielleicht entsinnen Sie sich noch meiner Erklrungen -- oder
eigentlich Andeutungen ber eine Herzensangelegenheit -- --<

>Jawohl; ich erinnere mich.<

>Ich hatte in dieser Hinsicht,< fuhr ich zgernd fort, >um einen Urlaub
einkommen wollen, sehe aber, da sich unbersteigliche Hindernisse in
den Weg stellen --<

>Dann denken Sie nicht weiter daran,< warf sie leicht hin.

>Ja, wenn das nur so ginge. Ich habe eine bestimmte Zusage gemacht --
man erwartet mich -- --<

>Nicht jede Erwartung kann erfllt werden. Aber beichten Sie mir, ^mon
enfant^,< fuhr sie im alten vertraulichen Tone fort, indem sie meine
Hand fate, >wer ist denn eigentlich die junge Dame? Ist sie von guter
Familie? Haben Sie ernste Absichten?<

Es wurde mir wieder schwer, zu antworten. >Allerdings hege ich solche --
obgleich --<

>Sich auch in dieser Hinsicht Schwierigkeiten entgegenstellen?< fgte
sie rasch bei. >Ich verstehe. Es ist ein armes Mdchen, das Sie nicht
sofort zur Ihrer Frau machen knnen. Aber sagen Sie: haben Sie ein
bindendes Versprechen gegeben? Oder wre<, fuhr sie, mir hchst
ausdrucksvoll in die Augen sehend, fort, >wre das Verhltnis etwa schon
so weit gediehen, da Sie durchaus nicht mehr zurcktreten knnten?<

Ich verstand, was sie meinte. >O nein!< rief ich; >das ist keineswegs
der Fall.<

>Dann ist es ja ein wahres Glck, da Sie hier zurckgehalten werden,
lieber Freund! Bedenken Sie, wie gefhrlich fr Sie -- und auch fr Ihre
Geliebte ein solches Wiedersehen wre. Es knnte Ihnen dann wirklich die
Verpflichtung erwachsen, das Mdchen zu heiraten. Und wie wollten Sie
das anfangen? Sie wren vielleicht gezwungen, Ihre ganze Karriere
aufzugeben, wie schon mancher vor Ihnen -- zu ewiger Reue. Und das alles
schon in _Ihren_ Jahren! Nein, nein; schlagen Sie sich die Sache aus dem
Sinn!<

Ich vernahm schon eigentlich nicht mehr recht deutlich, was sie sprach.
Denn sie war mir ganz nahe gerckt; ihr warmer Odem, ihr duftiges Haar
streiften meine Wange. Ich fhlte, wie es sich wie ein schwerer,
betubender Schleier ber mich legte. Ich erwiderte nichts und seufzte
nur tief auf.

>Armes Kind,< sagte sie, indem sie mir das Haar aus der Stirn strich,
>armes Kind, lieben Sie sie denn wirklich so sehr?<

Sie mochte in dem Blick, mit dem ich sie jetzt ansah, ein ganz anderes
Gestndnis lesen, und ein Ausdruck grausamen Triumphes berflog ihre
Zge.

>Sie werden alles vergessen, wenn Sie bei uns bleiben. Und Sie bleiben
bei uns -- nicht wahr?<

Sie hielt mir die Hand hin, die ich ergriff und mit leidenschaftlichen
Kssen bedeckte.

Sie lie es lchelnd geschehen; dann drckte sie ihr Haupt fest an meine
Schulter, und flsterte: >Endlich!<

Ich sank ihr zu Fen.


                                 VI.

Mehr als ein Jahr war seitdem verstrichen, ich selbst aber ganz in dem
Taumel einer Leidenschaft untergegangen, die bereits anfing, mich mit
all den Qualen zu erfllen, welche hnliche Beziehungen mit sich
bringen. Ich hatte damals Ginevra ganz kurz mitgeteilt, da es mir
unmglich sei, einen Urlaub anzutreten; die Grnde wrde ich in meinem
nchsten Briefe ausfhrlich auseinandersetzen. Das verschob ich aber von
Tag zu Tag -- um es schlielich zu unterlassen. Was htte ich auch
schreiben sollen? Zwei Briefe, die inzwischen von Ginevra eingetroffen
waren -- den Empfang des zweiten hatte ich auf einem Schein besttigen
mssen -- fand ich gar nicht den Mut zu lesen, sondern schob sie
unerbrochen in ein Fach meines Schreibtisches und legte das Kreuz dazu,
auf da es mich nicht lnger an meine Treulosigkeit mahne. So gebrdete
ich mich wie der Vogel Strau, und da nun auch aus Leitmeritz keine
weitere Kundgebung mehr eintraf, so hielt ich mit jenem Leichtsinn der
Unreife, der einem in spteren Jahren ganz unfalich vorkommt, die Sache
fr wohl oder bel abgetan, und die Stimme des Gewissens sprach immer
seltener und schwcher.

Da, an einem strahlend kalten Januartage, als ich eben im Begriffe war,
an einer Schlittenpartie in den Prater teilzunehmen, welche Lodoiska,
die dieses Vergngen sehr liebte, vorgeschlagen hatte, wurde mir -- ich
trat gerade aus meiner Wohnungstr -- ein Brief berbracht. Ein Blick
auf die Adresse gengte, um mich erkennen zu lassen, da er von der
Mutter Ginevras war. Erschrocken schob ich ihn rasch in die Brusttasche
meines Mantels, entschlossen, mir durch diese unerwartete Mahnung die
Freude des Tages nicht verkmmern zu lassen. Als ich spt in der Nacht
nach Hause kam und den Brief hervorlangen wollte, fand er sich nicht
mehr vor; er mute, da ich den Mantel inzwischen mehrmals abgelegt, der
Tasche entglitten sein. Dieser Verlust berhrte mich hchst peinlich.
Wer konnte wissen, wem das Schreiben in die Hnde gefallen war, und
whrend der nchsten Tage hegte ich die Erwartung, da es in irgend
einer Weise an mich zurckgelangen wrde. Aber das geschah nicht, und
ich glaubte endlich einen Wink des Schicksals darin zu erkennen. War mir
doch so die bittere Wahl erspart geblieben, ob ich den Brief htte lesen
sollen oder nicht; zudem konnte ich mir ja leicht vorstellen, was er
enthalten haben mochte. Dennoch wurde durch diesen Zwischenfall mein
Gewissen wieder in Aufruhr gebracht, und ich mute, trotz aller
bertubungsversuche, in einem fort an die blasse, hinfllige Frau
denken, die mir in ihrem mtterlichen Schmerze geschrieben. Mit der Zeit
freilich wurden auch diese Nachwirkungen schwcher und gingen endlich
ganz vorber.

So war es, seit ich Theresienstadt verlassen, zum zweiten Male Karneval
geworden. Obgleich die Pariser Februarrevolution Europa in Bestrzung
versetzt hatte, tanzte man in Wien doch sorglos auf einem Vulkan, dessen
Ausbruch in allernchster Zeit bevorstand. Lodoiska, die keine Lust an
Bllen zeigte, wollte gleichwohl eine Redoute besuchen, wo damals die
Damen weniger durch ihre Toiletten, als vielmehr durch Geist und Witz zu
glnzen suchten und sich den Herren gegenber unter der Larve gerne die
Zgel schieen lieen. Lodoiska, in einen rosenroten Domino gehllt,
machte von der Maskenfreiheit den ausgiebigsten Gebrauch und umschwrmte
fortwhrend einige junge Kavaliere, die sie zu kennen schien. Sie hatte
nmlich im verflossenen Sommer ein Landhaus in Hietzing bezogen und war
dort wieder mit den Kreisen in Berhrung gekommen, denen sie angehrte.
Dabei hatten sich fr mich bereits mehrfache Anlsse zu beschmender
Eifersucht ergeben, die ich um so peinlicher empfand, als ich mich auch
sonst mehr und mehr durch ein Verhltnis entwrdigt fand, das der Major,
nach Art gewisser Ehemnner, auffallend begnstigte.

Ich war also gegen Morgen hchst mimutig von der Redoute nach Hause
gekommen und hatte dann weit in den Tag hinein geschlafen. Als ich eben
mit dem Ankleiden fertig war, erschien mein Diener und meldete, da eine
junge Dame in Trauer mich zu sprechen wnsche.

Wie ein Blitz durchzuckte es mich: Ginevra! Aber schon hatte ich auch
diesen Gedanken mit der Annahme beschwichtigt, da die Betreffende
mglicherweise eine ^pauvre honteuse^ sein knne, wie solche nicht allzu
selten die Offiziere in Anspruch zu nehmen pflegten. Ich sagte also
meinem Diener, er mge die Dame nur ins Nebenzimmer treten lassen.

Als ich, dennoch bangen Herzens, die Tr ffnete, stand sie -- stand
wirklich Ginevra aufrecht in der Mitte des Zimmers, die Arme, wie es
ihre Art war, an den Hften hinabgesenkt, die Hnde leicht
ineinandergeschlossen. Sie war auffallend grer geworden, und ihre
Formen zeigten sich erst jetzt vollstndig entwickelt. Eine
elfenbeinartige Blsse lag ber ihrem Antlitz, und die Augen hatten den
mir bekannten dunkel metallischen Glanz der Erregung. Ihr Haar
schimmerte noch goldiger als frher unter dem schwarzen Krepphute
hervor.

>Verzeihen Sie,< begann sie mit einem leichten Senken des Hauptes, >da
ich Sie aufgesucht. Es wrde nicht geschehen sein, wenn Sie den Brief
meiner Mutter einer Antwort gewrdigt htten.<

>Den Brief Ihrer Mutter --< stammelte ich in atemloser Verwirrung. Und
mit einem Blick auf ihre schwarze Kleidung fuhr ich fort: >Ihre Mutter
--<

>Ist vor zwei Monaten gestorben,< sagte sie ernst.

>Mein Gott --< erwiderte ich tonlos.

>An einem Rckfall in jene Krankheit, von der Sie ja wissen.<

Es war, als wollte sie in diese Worte fr mich eine Beruhigung legen.

>Mein Gott --< wiederholte ich, whrend sich jetzt ihre Augen langsam
mit Trnen fllten. >Aber ich bitte, setzen Sie sich doch --<

Sie drckte ihr Tuch an die Wimpern und machte eine kurz ablehnende
Bewegung. >Ich werde Sie nicht lange stren. Ich bin nur gekommen, um
eine Bitte auszusprechen, die ich durch meine Mutter an Sie richten
lie. Ich ersuche Sie, mir das Kreuz zurckzustellen, das ich Ihnen
gegeben. Sie kennen den Wert, den es fr mich hat -- und hoffentlich
befindet es sich noch in Ihrem Besitz.<

>Gewi, gewi<, entgegnete ich und wollte an meinen Schreibtisch treten.
Aber unwillkrlich hielt ich inne. >Und _Sie_, Ginevra -- was werden Sie
jetzt -- --<

>Ich folge dem Rufe von Verwandten, die in Graz leben; denn in
Leitmeritz mag ich nun nicht lnger bleiben. Aber ich werde niemandem
zur Last fallen, sondern Unterricht im Italienischen erteilen, der in
jener Stadt sehr gesucht sein soll.<

Wie sie jetzt so vor mir stand, ungebrochen von allem, was da geschehen,
in mdchenhafter Selbstndigkeit, im Vollbewutsein ihrer Hoheit und
Wrde, da berkam mich das ganze Gefhl meiner eigenen Erbrmlichkeit
und drohte mich zu ersticken. Wie aus einem Sumpfe blickte ich zu ihr
empor.

>Ginevra,< rief ich, >Sie verachten mich -- Sie _mssen_ mich aufs
tiefste verachten!<

>Ich verachte Sie nicht<, entgegnete sie ruhig. >Was knnen Sie dafr,
da Sie mich nicht geliebt haben?<

>O! Nicht geliebt!<

>Nicht so, wie ich in trichter Zuversicht vorausgesetzt -- nicht so,
wie _ich_ Sie geliebt. Wie sehr ich durch diese allmhliche Erkenntnis
gelitten, werden Sie mir ohne weitere Versicherung glauben. Jetzt aber
habe ich berwunden und sehe ein, da es nicht anders kommen konnte.
Daher hege ich auch keine Verachtung, keinen Groll gegen Sie; vielmehr
bin und bleibe ich Ihnen dankbar fr die erste schne Tuschung meiner
Jugend. Sie war trotz allem die glcklichste Zeit meines Lebens -- und
wird es wohl in meiner Erinnerung immer bleiben. Und so stelle ich Ihnen
auch< -- sie zog bei diesen Worten einen Handschuh halb ab -- >den Ring,
den Sie mir damals gaben, nicht zurck -- wie ich es vielleicht sollte.
Ich werde ihn tragen bis ans Ende meiner Tage.<

In mir wogten die unaussprechlichsten Gefhle.

>Ginevra!< rief ich leidenschaftlich und wollte, ihre Hand erfassend,
vor ihr niederknieen.

Sie trat rasch einige Schritte zurck. >Was soll das?!< rief sie mit
herber Stimme. >Es ziemt sich nicht zwischen uns.<

>Verzeihen Sie! Und doch, wenn Sie -- wenn Sie vergessen knnten -- --<

Sie zog die Brauen zusammen. >Nun, nun, sprechen Sie weiter!<

>Es knnte noch alles gut werden<, hatte ich sagen wollen. Aber ich
brachte die Worte nicht mehr hervor. Denn ich empfand, wie hohl und
nichtig eine solche Versicherung aus meinem Munde klingen msse, und die
unklare Vorstellung eines vershnenden Ausgleiches, die sich meiner
bemchtigt hatte, ging unter in dem Bewutsein vollstndiger Unkraft.
Ich schwieg.

Sie betrachtete mich mit einem Blick des Mitleids. >Sehen Sie, Sie
wissen selbst nicht, was Sie sagen sollen, und fhlen, da wir fr immer
geschieden sind. Und nun bitte ich: das Kreuz.<

Keiner Erwiderung fhig, ging ich an den Schreibtisch, suchte es hervor,
und reichte es ihr. Sie nahm es und wickelte mit zitternder Hand die
Papierhlle los. In ihrem Antlitz zuckte es schmerzlich, als jetzt ihr
Blick auf das matt schimmernde Gold fiel. Ich sah, wie sie sich
gewaltsam beherrschte, um nicht in Trnen auszubrechen. Ein Schttern
ging durch ihren ganzen Krper, sie mute sich setzen. >Mein Gott! Mein
Gott!< sagte sie still. Dann sttzte sie die Stirn mit der Hand und
begann leise zu weinen.

Ich wagte nicht zu atmen.

>Es ist vorber<, sagte sie endlich, indem sie aufstand, und sich die
Augen trocknete. >Leben Sie wohl!<

Noch einmal war es mir, als sollte ich die Hand, die sie mir jetzt
reichte, nicht wieder loslassen, sollte die herrliche Gestalt an mich
ziehen, wie einst. Sie schien es zu fhlen, und rasch sich mir
entreiend, schritt sie der Tr zu.

>Ginevra!< stie ich hervor und wollte sie zurckhalten. Aber sie winkte
mir heftig abwehrend zu und verschwand. Ich sank auf den Stuhl, den sie
eingenommen hatte, und blieb regungslos sitzen .....

Bald darauf folgten jene Mrztage, deren strmische Ereignisse auch mich
ber mich selbst hinausrissen. Freilich in einem anderen Sinne als
diejenigen, die damals das Banner der Freiheit entfalteten. Wir waren
eben Soldaten und erfllten unsere Pflicht. Ich selbst stand noch bei
den Truppen, die Wien belagerten. Dann kam der ungarische Feldzug mit
seinen wechselvollen Geschicken und blutigen Schlachtfeldern -- und als
sptere Jahre ber so Vieles den Schleier der Vergessenheit breiteten,
war auch ber meine jugendlichen Herzenskmpfe das Gras gewachsen.

                   *       *       *       *       *

Und haben Sie nichts mehr von Ginevra gehrt? fragte man nach einer
Weile.

Allerdings; ich war in der Lage, Erkundigungen einzuziehen. Sie lernte
in Graz einen jungen Triestiner kennen, der sich im Laufe der Zeit eine
sehr glnzende Stellung in gypten gemacht. Sie hat ihn geheiratet. Auch
gesehen glaube ich sie zu haben -- und zwar whrend der Wiener
Weltausstellung in einem offenen Wagen vorberfahren mit ihrem Mann und
einer bereits erwachsenen Tochter. Es ist jedoch mglich, da ich mich
getuscht.

Sie wird es wohl gewesen sein, sagte die Hausfrau nachdenklich. Und
so haben Sie wenigstens das Bewutsein, da sie glcklich geworden.

Daran habe ich nie gezweifelt. Denn sie war eine starke Natur;
unglcklich sind allein die Schwachen.

Und die Polin? fragte eine andere Dame.

Das wre eine Geschichte fr sich, antwortete der Oberst, indem er
aufstand und den Rest seiner Zigarre in den Aschenbecher warf.
Vielleicht erzhle ich sie Ihnen nchstens. Jetzt aber mu ich nach der
Stadt zurck; ich werde erwartet. Er verabschiedete sich und ging.

Die anderen blickten ihm nach, bis seine hohe Gestalt im Abenddunkel
zwischen den Bumen verschwunden war. Dann wandte sich der Hausherr zu
der Dame, welche nach der Polin gefragt hatte. Sie sollen wissen, liebe
Freundin, da er zu jener Frau noch immer in Beziehungen steht. Sie ist
zwar zehn Jahre lter als er -- also bereits eine Greisin --, aber er
konnte nicht mehr loskommen. Schade um ihn! Er hat sich seit jeher mit
Weibern geschleppt, und da wird man, wie Goethe sagt, zuletzt abgewunden
gleich Wocken.




                    Geschichte eines Wienerkindes.


                      Vorwort des Herausgebers.

Die Novelle ist in den Jahren 1890/91 in Blansko und in Raitz
entstanden, die Handschrift in Raitz am 15. Mrz 1891 abgeschlossen. Sie
ist eine Reinschrift mit so starken Korrekturen, da der Text wiederholt
fast unleserlich geworden ist und daher von dem Verleger nochmals
abgeschrieben wurde. Sogar das Wienerkind auf dem Titelblatt steht
ber einem unleserlich gemachten Wort und noch whrend des Druckes hat
der Dichter nicht blo zahlreiche kleinere nderungen angebracht,
sondern dem Manuskript eine Anweisung fr drei grere Varianten
nachfolgen lassen, die auch Bercksichtigung gefunden hat. Nachdem die
Redaktion der Zeitschrift Vom Fels zum Meer die Novelle im Mai 1891
unter sehr anerkennenden Worten als unpassend fr ein Familienblatt
zurckgeschickt hatte, scheint der erste Druck sogleich in Buchform, in
der vierten Novellensammlung Frauenbilder im Herbst des Jahres 1891
(1892, Seite 83-211) zustande gekommen zu sein. Hier hat die Novelle 10
Abschnitte; denn nach dem Diner in Hietzing wird der erzhlende Dichter
von der Frau von Ramberg (die in der Handschrift Frau von Nathan hie)
eingeladen, zu bleiben, und es folgt ein langes Gesprch mit der Heldin,
in dem sie ihm mitteilt, da sie mit Rber nicht verheiratet sei, und
da er sie nach vielfacher Untreue mit einer Summe Geldes loswerden
wolle, da sie ihn aber dennoch grenzenlos liebe und die Gewissensbisse,
die sie im Gedanken an ihren Mann und an ihre Kinder empfinde, als Shne
fr ihre blinde und unterwrfige Liebe hinnehme. Der Dichter, der
unserer Novelle in einem Briefe an Necker auch den Vorwurf macht, da
ihm der epische Faden halb ausgegangen sei, war mit dieser Fassung nicht
fr immer zufrieden und schon am 3. April 1896 erbat er sich von dem
Verleger ein Exemplar zu Verbesserungen fr eine etwaige zweite Auflage,
die dann der zweibndigen Ausgabe der Novellen aus sterreich 1897
(zweiter Band, Seite 233-307) zugute kamen. Hier ist das letzte Gesprch
des Dichters mit dem Wienerkind gestrichen, die Novelle hat daher nur
mehr 9 Abschnitte, auch im einzelnen hat der Dichter berall
nachgeholfen und aus dem Grafen X. einen Frsten B... (Seite 270 unserer
Ausgabe) gemacht. Schon am 31. Januar 1898 erbat er sich die
Aushngebogen des letzten Druckes von neuem, und die zweite Ausgabe der
Novellen 1904 (a. a. O.) brachte auer der Auflsung der durchsichtigen
Chiffren D... in Dbling, N... in Nudorf und Hotel V... in Hotel
Viktoria einige neue stilistische nderungen. Diese Ausgabe letzter Hand
liegt auch dem Abdruck in sterreichs Illustrierter Zeitung (XV.
Jahrgang, Heft 14 ff., 31. Dezember 1905, Seite 333 ff.) zugrunde, der
sich aber willkrliche Krzungen erlaubt.


                                  I.

Im Frhling des Jahres 1870 fand in dem Wiener Vororte, wo ich damals
meinen Wohnsitz genommen hatte, eine festliche Hochzeit statt. Fast der
gesamten Einwohnerschaft waren zierlich gedruckte Anzeigen zugegangen,
und wer nur irgend abkommen konnte, der fand sich auch am festgesetzten
Tage zum feierlichen Trauungsakte in der gerumigen Pfarrkirche ein. Ich
konnte gleichfalls nicht umhin, zu erscheinen, denn ich war mit dem
Brutigam persnlich bekannt, wenn auch nicht nher, als dies ftere
Begegnungen an ffentlichen Orten mit sich zu bringen pflegen. Er war
ein junger Mann in den ersten Dreiigern und so recht das Bild eines
Wiener Brgersohnes von lterem Schlage. Nicht allzu gro, dabei leicht
zu krperlicher berflle neigend, hatte er ein hbsches, frisch
gefrbtes Gesicht und uerst gutmtige blaue Augen, die in bestndiger
Heiterkeit strahlten. Er kleidete sich nach neuestem Schnitte und hatte
eine Vorliebe fr bunte Halsbinden, nahm sich aber keineswegs geziert
oder geckenhaft aus; vielmehr trat in seinem ganzen Wesen eine
gefllige, etwas sorglose Natrlichkeit zu Tage. Sein Vater, ein
wohlhabender Mann, hatte es aus kleinen Anfngen heraus zum
Stadtzimmermeister gebracht und am Eingange des Ortes ein ansehnliches
Familienhaus erbaut, an das sich ein groer Arbeitsplatz und weitlufige
Holzlager schlossen, zu welchen Liegenschaften sich im Laufe der Zeit
noch ausgedehnte Ziegeleien in der nchsten Umgebung gesellten. Als der
alte Stadler starb, teilten sich zwei Shne in den wohlgegrndeten
Besitz, so zwar, da der ltere, welcher bereits verheiratet war, die
Zimmermeisterei weiter betrieb, der Jngere aber das Holzgeschft und
die Verwaltung der Ziegeleien bernahm, nebenher ein behagliches, jedoch
keineswegs lockeres Junggesellenleben fortfhrend. Jetzt aber war er,
wie sich zeigte, dessen berdrssig geworden; im Stammhause war Raum
genug fr eine zweite Familie -- und so hatte er eben nur die Braut zu
whlen gehabt.

Die Kirche, durch deren gotische Bogenfenster das Licht eines sonnigen
Maitages fiel, war berfllt; wie natrlich, zeigte sich das weibliche
Geschlecht vorwiegend vertreten und harrte mit Spannung auf das
Erscheinen der Brautleute. Und als dieses jetzt endlich erfolgte und das
junge Paar mit einem zahlreichen Anhange in die Kirche trat, da ging ein
vernehmbares Murmeln der Bewunderung durch den stillen Raum, und aller
Augen folgten der Braut, die in der Tat einen entzckenden Anblick
darbot. Hohen Wuchses den Brutigam etwas berragend, schritt sie an
seinem Arm, bleich vor innerer Erregung, mit gesenktem Haupte dem Altare
zu. Der wallende Schleier, der Myrtenschmuck im dunkelblonden Haar, das
matte Wei des Hochzeitskleides gaben der krftig schlanken Gestalt
etwas sanft Verklrtes, und als sie jetzt aufblickte, schimmerten ihre
Augen hell wie Gold. Man war erstaunt und atmete kaum; so viele, so
makellose Reize hatte man nicht zu sehen erwartet. Auch ich war
berrascht -- doppelt berrascht. Denn ich hatte das schne Geschpf,
das jetzt in reifer Mdchenhaftigkeit vor den Altar trat, in fast noch
knospender Entwicklung gekannt, und whrend nunmehr der Priester seine
Anrede hielt, das Brautpaar mit klangvollen Stimmen die Jaworte sprach
und die Ringe gewechselt wurden, erinnerte ich mich an folgendes.

Es war zu Anfang der Sechziger Jahre. Ich hatte den Soldatenrock noch
nicht lange ausgezogen und mich mit meinen literarischen Hoffnungen und
Entwrfen in einer stillen Vorstadtwohnung eingesponnen, die ich in der
Regel whrend der ersten Nachmittagsstunden verlie, um in einer nahe
gelegenen Gastwirtschaft mein Mahl einzunehmen. Auf dem Wege dahin mute
ich an einem stattlichen Hause vorber, an einer jener Neubauten, wie
sie damals allerorten emporwuchsen und hier der Hauptstrae der Vorstadt
ein immer vornehmeres Aussehen verliehen. Es gehrte, wie ich spter
erfuhr, der Witwe eines Baumeisters, der die Herstellung auf eigene
Rechnung in Angriff genommen hatte, inzwischen aber mit dem Tode
abgegangen war. An einem Fenster des ersten Stockwerkes, in welchem die
Eigentmerin wohnte, gewahrte ich nun fter das reizende Profil eines
Mdchens, das hinter einer Reihe wohlgepflegter Blumentpfe sa. Die
noch sehr jugendliche Schne wendete natrlicherweise den Kopf bisweilen
nach der Strae, und so kam es, da sich eines Tages unsere Blicke
begegneten, wobei mir ihre hellen Goldaugen besonders auffielen. Seitdem
stellte sich zwischen uns eine Art stillen Einverstndnisses her, so
zwar, da sie mich jetzt immer zu erwarten schien und sich, wenn sie
mich kommen sah, hinter den Blumen erhob, mir auf diese Art auch den
Anblick ihrer zarten Bste zuteil werden lassend. Obgleich ich nun
keinerlei Absichten hegte, so spann ich doch den Faden des kleinen
Romans in anmutigen Trumen fort, indem ich es gewissermaen dem
Schicksale berlie, ob es mich vielleicht ohne mein Zutun dem holden
Geschpfe nher bringen wolle. Es durchzuckte mich daher ein freudiger
Schreck, als ich sie eines Tages, da ich gerade auf dem Heimwege
begriffen war, sehr zierlich gekleidet aus dem Haustor treten und in die
nchste, nur ein paar Schritte entfernte Seitengasse einbiegen sah. Im
ersten Augenblick war ich wie eingewurzelt stehen geblieben; dann aber
folgte ich ihr. Sie trug ein helles, blau gestreiftes Sommerkleid und
ein braunes Strohhtchen, das mit knstlichen Feldblumen geschmckt war.
Zum ersten Male hatte ich ihre hohe, schlanke Gestalt ganz vor Augen und
konnte die harmonischen Gliederbewegungen, die krftig ausschreitenden
Fchen und die dichte Flle des Haares bewundern, das ihr, nach der
Mode jener Zeit, halbgelst, in einem feinen Seidennetze weit ber den
Nacken hinabhing. Sie mute mich vorhin gleichfalls wahrgenommen haben,
denn sie wendete fter den Kopf zur Seite, wie um zu sphen, ob ich ihr
gefolgt und in der Nhe sei.

Jetzt hatte sie die Gasse durchschritten, welche in eine breite, von
Menschen und Fuhrwerken sehr belebte Strae mndete. Dort blieb sie
einen Augenblick unschlssig stehen, setzte dann behutsam auf den
Fuspitzen ber den Fahrweg, der erst vor kurzem bespritzt worden war,
und ging jenseits, sich nach rechts wendend, noch ein Stck fort, um in
eine jener stillen, nach dem Sdbahnhof fhrenden Gassen einzubiegen,
welche damals noch zum grten Teil von wipfelberragten Gartenmauern
gebildet wurden. Tat sie das, um mir Gelegenheit zu ungescheuter
Annherung zu bieten? Kaum konnte ich daran zweifeln, denn sie hatte ja
jetzt mit einer raschen Wendung nach mir zurckgeblickt. Dennoch und
obgleich ich nun ebenfalls die Gasse betrat, konnte ich einer gewissen
mutlosen Befangenheit nicht Herr werden und hielt mich noch immer in
einiger Entfernung. Endlich, da ich sah, da sie langsamer zu gehen
anfing, fate ich ein Herz und war bald an ihrer Seite, indem ich mich,
den Hut lftend, in einem Gewirr von Worten verfing, wie man sie bei
hnlichen Anlssen zur Entschuldigung zu stammeln pflegt.

Sie blickte mich leicht von der Seite an und brach dann in ein
klingendes Lachen aus.

Entschuldigen Sie sich doch nicht gar so sehr, sagte sie. Wir sind ja
alte Bekannte, denn Sie gehen tglich an unserem Hause vorber. Aber wer
sind Sie eigentlich? fuhr sie nach einer Pause fort, indem sie mich
jetzt mit ihren hellen Augen eindringlich musterte.

Ich gestehe, da mich nunmehr eine eigentmliche Verlegenheit berkam.
Der Berufstitel Schriftsteller diente zu jener Zeit noch nicht zu
besonderer Empfehlung; man war weit eher geneigt, einige Miachtung
daran zu knpfen. berdies hatte ich noch keine ffentlichen Proben
meiner Ttigkeit abgelegt, war daher gewissermaen weder Fleisch noch
Fisch. Dennoch mute ich mich entschlieen, mit einiger Beklemmung zu
sagen: Ich bin Schriftsteller.

So, erwiderte sie gedehnt. Und was schreiben Sie denn?

Neue Verwirrung meinerseits. Nun -- Dramen -- Novellen --

Ich konnte bemerken, wie sich ihr Nschen, dessen feine Nstern leicht
geschwellt waren, ein wenig rmpfte.

Also ein Dichter! sagte sie spttisch. Aber das tut nichts; Sie sehen
gar nicht danach aus. Fr heute brigens, setzte sie kurzweg hinzu,
mssen wir uns trennen. Bleiben Sie hier zurck; mein Weg fhrt mich
nach einer ganz anderen Richtung, und begleiten drfen Sie mich nicht.
Wenn Sie aber wieder mit mir zusammentreffen wollen, so kommen Sie
einmal zu Schwott. Sie wissen doch --?

O ja, ich wei --

Nun also. Jeden Samstag, manchmal auch an Donnerstagen bin ich abends
dort. Es ist sehr lustig. Und nun leben Sie wohl! Sie streckte mir die
Hand entgegen, drckte die meine kurz und krftig und eilte mit raschen
Schritten den Weg zurck, auf dem sie gekommen war.

Ich jedoch blieb mit sehr niederdrckenden Empfindungen in der verdeten
Gasse stehen. Schon das anfngliche Lachen und die ersten Worte des
jungen Mdchens hatten mich befremdet; die ungezwungene, gleichsam
berlegen leichtfertige Art und Weise, in der sie sich gab, hatte mich
mehr und mehr enttuscht und ernchtert; -- bei ihrer Aufforderung aber,
zu Schwott zu kommen, war ich vollends aus allen Himmeln gefallen.

Zu Schwott! Es war dies eine nach ihrem Besitzer benannte Tanzschule,
die sich in einem alten, heute nicht mehr bestehenden Huserkomplex der
inneren Stadt befand. Sie wurde weit weniger des Unterrichtes wegen
besucht, den man dort erteilte: ihre Hauptanziehungskraft waren die
sogenannten Gesamtbungen, welche an drei Abenden der Woche
stattfanden. Nicht blo ein Teil der ^jeunesse dore^ in all ihren
Spielarten erschien dabei; es kamen auch ltere, ja selbst alte
Lebemnner, die hier im Trben zu fischen gedachten. Denn es war
bekannt, da man in den schwlen und berfllten Rumen der Tanzschule
neben interessanten, vielumworbenen Erscheinungen aus der feineren
weiblichen Halbwelt auch den frischen Reizen von Beamten- und
Brgerstchtern begegnete, die sich, wie man annehmen konnte, ohne
Vorwissen ihrer Angehrigen hierher begaben, jugendlicher
Vergngungssucht -- oder auch schlimmeren Antrieben folgend. Ich selbst
war in frherer Zeit einmal dort gewesen und hatte es, wie meine Schne
gesagt, in der Tat sehr lustig gefunden. Aber auch sie war in diesem
ruchlosen Gewirre zu treffen -- _sie_, die mir hinter ihren Blumen als
Bild der Jungfrulichkeit erschienen war! Ich fhlte, wie sich mir jetzt
bei diesem Gedanken das Herz zusammenzog. Trotzdem wre ich immerhin
genug Realist gewesen, um ein Stelldichein von seiten eines so reizenden
Geschpfes unter allen Umstnden willkommen zu heien. Um aber mit einer
jungen Dame, die zu Schwott ging, in nhere Beziehung zu treten, dazu
waren meine Verhltnisse in keiner Weise angetan. So kam ich denn,
whrend ich langsamen Schrittes nach Hause ging, mehr und mehr zur
Einsicht, da der Sache ein fr allemal ein Ende zu machen und jeder
weitere Verkehr abzubrechen sei. Die Ausfhrung dieses Entschlusses
wurde mir auch durch uere Umstnde erleichtert. Denn, nachdem ich eine
Zeitlang vermieden hatte, mich in der Hauptstrae zu zeigen, mute ich
infolge einer Kndigung meine Wohnung rumen. Ich mietete mich hierauf
in einem entlegeneren Teile der Vorstadt ein und sah die schne Elise
Schebesta -- den Namen hatte ich spter in Erfahrung gebracht -- in der
Tat nicht mehr. Einmal nur, als ich an einem nebligen Oktoberabende die
innere Stadt durchschritt, glaubte ich beim Scheine der Gasflammen
erkannt zu haben, da sie an der Seite eines sehr vornehm aussehenden
Herrn in einem Fiaker an mir vorbergefahren war.

                   *       *       *       *       *

Und nun, nach einer Reihe von Jahren, stand sie, schner denn je, mit
schimmernder Myrte geschmckt am Altar .....

Die Zeremonie war zu Ende, und die Menge drngte aus der Kirche in den
leuchtenden Tag hinaus, um die Teilnehmer der Hochzeit noch in die Wagen
steigen zu sehen. Diese aber fuhren jetzt, whrend sich der Schleier der
Braut in der wehenden Luft aufbauschte und leicht hin und her flatterte,
dem Brgerhause zu, das am Eingange des Ortes mit blumengeschmckter
Pforte dem frhlichen Einzug entgegen harrte.


                                 II.

Die Neuvermhlten muten keine Hochzeitsreise angetreten haben -- keine
lngere wenigstens, denn schon in nchster Zeit begegnete ich ihnen bei
einem Spaziergange an dem stillen, den Vorort abgrenzenden Donaugelnde.
Es war ein milder, leicht bewlkter Abend, und die Ufer des Kanals,
tagsber durch anlangende Frachtschiffe und Holzfle reich belebt,
zeigten sich gnzlich verdet; nur ein geduldiger Angler sa an dem
sanft dahin flieenden Wasser. Ich war um diese Zeit oft hier zu finden,
denn ich liebte die stimmungsvolle Einsamkeit der Gegend, und auch die
beiden hatten sie wohl aufgesucht, um sich ungestrt im Freien ergehen
zu knnen. Sie schritten Arm in Arm, dicht aneinandergeschmiegt das Ufer
entlang und blickten gemeinsam nach einem Eisenbahnzuge, der eben
jenseits, ber eine frei ragende Brcke hinweg, ins Land hineinbrauste.
Als ich an ihnen vorberkam, mute ich einen Gru darbringen, wobei mich
die Besorgnis anwandelte, da mich die junge Frau vielleicht sofort
wieder erkennen wrde. Aber wiewohl sie mich, den Gru mit ihrem Gatten
erwidernd, rasch und aufmerksam betrachtete, so konnte ich doch ihrem
Gesichtsausdruck nicht entnehmen, ob dies der Fall gewesen;
wahrscheinlich hatte sie mich bereits vollstndig aus dem Gedchtnisse
verloren. Ich konnte spter nicht umhin, stehen zu bleiben und dem Paare
nachzublicken, bis es hinter einer hohen Baumgruppe, die, wie auf einem
hollndischen Landschaftsbilde, ein altes, einzeln stehendes Gebude
umdunkelte, verschwand. Trotz allem, was mir bekannt war, berkam mich
jetzt ein wehmtiges Gefhl der Verlassenheit -- ein fast an Neid
streifendes Nachempfinden des Glckes, das ich da vor Augen gehabt. --

Und dieses Glck schien in ungetrbter Dauer vorhalten zu wollen,
wenngleich die schne Frau Stadler mit einem etwas herausfordernden
Benehmen ziemlich gewagte Toiletten zur Schau trug, und ihr, wenn sie
sich an gewissen Abenden der Woche mit ihrem Gatten in einem
vielbesuchten Gasthause einfand, am Stammtische alles aufs lebhafteste
den Hof machte. Da geschah es auch oft genug, da sie noch in spter
Nachtstunde, von einem lauten, angeheiterten Mnnerschwarme umringt, in
das nahe gelegene, menschenleere Kaffeehaus trat, wo man lrmend Platz
nahm und bei dampfenden Punschglsern den erregten Lebensgeistern
vollends die Zgel schieen lie. Dennoch verlautete nichts, was dem
Rufe der Dame zu nahe getreten wre; sie schien vielmehr neben diesem
heiteren Lebensgenusse ihre Pflichten in jeder Hinsicht sehr
gewissenhaft zu erfllen. Sie war, das sah man, eine vortreffliche
Hausfrau, besorgte alle Einkufe selbst, zeigte sich jeden Sonn- und
Feiertag in der Kirche, und als sie im zweiten Jahre ihrer Ehe Mutter
geworden war, vollzog sich auch in ihrem Wesen ein sichtlicher Wandel.
Sie kleidete sich weit einfacher, erschien immer seltener am Stammtische
und war auf der Strae meistens nur, hchst aufmerksam und besorgt,
hinter einem netten Korbwgelchen sichtbar, das von einer Magd geschoben
wurde und in welchem ein rosiges Kindchen unter einem blauen Schleier
schlummerte. Ja, wenn man spterhin die einst so lebendige und
bewegliche Frau sah, wie sie mit zunehmender Leibesflle und leicht
schwellendem Doppelkinn an schnen Sommerabenden sich aus dem Fenster
lehnte und mit einer Art von satter Zufriedenheit auf die belebte Strae
hinabblickte, da machte sie so recht den Eindruck des Soliden und
Altbrgerlichen. Dann war es mir auch immer, als htte ich ihr etwas
abzubitten, und ich kam zur Einsicht, wie tricht und ungerecht es sei,
von Vergangenem stets auf das Zuknftige schlieen zu wollen. Was lag
daran, da sie als Mdchen, wie es im Volksmunde heit, ihr Leben
genossen hatte? Wenn sie jetzt nur eine treue, sorgsame Gattin, eine
liebende Mutter war -- und ihren Mann beglckte. Und da sie ihn
beglckte, das erkannte man an seinen heiteren Mienen, seinen
strahlenden Augen. Auch er hielt sich jetzt von Vergngungen ziemlich
fern und schien sich mit Vorliebe auf sein trauliches Heim zu
beschrnken, das nunmehr schon zwei heranwachsende Kinder belebten, ein
Knabe und ein Mdchen, schn und blhend, wie aus einem Gemlde von
Rubens herausgeschnitten.

Da begab es sich eines Winters, da in dem Vororte eine Persnlichkeit
sichtbar wurde, welche die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog. Es
war dies ein hochgewachsener, noch ziemlich jugendlicher Mann von
beraus vornehmem ueren, der im ^Htel garni^ Wohnung genommen und
sich in das Meldebuch als Leo Rber, Fabrikdirektor, eingezeichnet
hatte. Gleichwohl schien er ohne jegliche Beschftigung zu sein und
gehabte sich wie jemand, der in vlliger Unabhngigkeit von seinen
Renten lebt. Er machte, wenn auch im stillen, ziemlichen Aufwand,
speiste im Kasino, das mit dem Hotel in Verbindung stand, an einem
eigens fr ihn bereit gehaltenen Tische, und bei Fahrten nach der Stadt
bediente er sich, Omnibus und Pferdebahn verschmhend, stets eines
Mietwagens. Nach und nach verlautete indes, da die Fabrik, deren
Direktor er sich nannte, erst im Entstehen begriffen, er selbst aber von
einer Aktiengesellschaft beauftragt sei, in der Umgebung des Ortes den
Anlageplatz zu ermitteln und Voranschlge zu entwerfen. Endlich schien
er dies auch in Angriff nehmen zu wollen und trat mit einigen
einheimischen Fachleuten -- worunter die Gebrder Stadler -- in allerlei
Unterhandlungen, ohne sich jedoch mit einem von ihnen nher und
bestimmter einzulassen, wie er denn berhaupt jedem umgnglichen Verkehr
mit sehr hochmtiger Zurckhaltung auswich. Auch bei den Bllen, welche
im Laufe des Karnevals in dem groen Saale des Kasinos stattfanden,
erschien er blo als steifer Zuschauer, in tadellosem Frack, eine weie
Kamelie im Knopfloch. Ich selbst kmmerte mich um ihn begreiflicherweise
sehr wenig, wenn ich auch bei zuflligen Begegnungen auf der Strae
nicht umhin konnte, seine wirklich auffallend schne und interessante
Erscheinung mit Wohlgefallen zu betrachten. Und er war, wie alle
unbeschftigten Menschen, hufig genug auf der Strae anzutreffen. Vor
allem liebte er es, in der Lindenallee auf und nieder zu schreiten,
welche sich vom Eingang des Ortes bis zum Linienwalle erstreckte. Diese
Allee, im Sommer schattig und duftig, jetzt aber kahl und durchsichtig,
fhrte an dem freistehenden Stadlerschen Hause vorber, von diesem durch
die breite Fahrstrae getrennt; auf der anderen Seite dehnten sich,
niedrig eingeplankt, weitlufige Felder aus. Als ich eines Tages -- es
war schon im Mrz, und die Sonne schien hell und warm -- mit der
Pferdebahn aus der Stadt zurckkehrte, gewahrte ich ihn dort schon von
weitem und glaubte zu bemerken, da er im Gehen nach den Fenstern des
Brgerhauses emporsphte, dem wir uns jetzt beide nherten. Im
Vorberfahren folgte ich unwillkrlich seinem Blicke und sah, da Frau
Elise aufrecht dicht hinter den Scheiben stand. Wie ein Blitz
durchzuckte es mich, da hier ein Einverstndnis obwalte. Aber tat ich
den beiden nicht vielleicht unrecht? Konnte ich mich nicht tuschen?
Eine Zeitlang dachte ich darber nach; zuletzt aber sagte ich mir, da
mich ja die Sache ganz und gar nichts angehe, und lie meine Vermutung
um so mehr auf sich beruhen, als ich eben mit Vorbereitungen zu einer
Reise nach Italien beschftigt war, die ich bald darauf antrat.


                                 III.

Meinem Wanderaufenthalte im Sden war ein ziemlich langer und sehafter
bei einem Freunde in Steiermark gefolgt, und so waren auch bis zu meiner
Rckkehr beinahe zwei Jahre vergangen. Meine Wohnung hatte ich
beibehalten, und als ich im Zwielicht eines frostigen Sptherbstabends
ankam, fand ich in dem mir so lieb gewordenen Vororte vieles verndert.
Gleich neben dem Stadlerschen Hause zeigten sich neue Bauten: arg
verschnrkelte, aber doch hchst stattliche und gerumige Villen,
zwischen denen sich der alte Brgersitz, um einen sehr groen Teil
seines freiliegenden Grundes beschnitten, recht eng und gedrckt
ausnahm. Zudem wies er sich uerlich sehr vernachlssigt; die Tnche
war verwittert, die Fenster dunkelten wie erblindet. Im weiteren Verlauf
der Strae berraschte mich eine Anzahl prunkvoll erleuchteter
Kauflden; auch war der Verkehr viel lebhafter, als es sonst um diese
Stunde der Fall gewesen. Als ich am nchsten Morgen ausging, begegnete
ich fast lauter unbekannten Gesichtern, ein Zeichen, da viele neue
Einwohner zugewachsen waren. Erhoben sich doch, wie ich jetzt sah,
berall neue Huser; selbst die Querstrae, die man nicht lange vor
meiner Abreise durch eine weite Flucht verwsteter Grten abgesteckt
hatte, war in zwei Reihen kleiner Palste fast ausgebaut. Ich trat, um
zu frhstcken, in das Kaffeehaus. Dort war alles beim Alten geblieben;
nur die Fenster hatte man vergrert und mit hellen Spiegelscheiben
versehen. Im brigen ebenfalls fremde Gste, mit Ausnahme eines
bejahrten Mannes, der eine Brille mit dunklen Glsern auf der stark
gerteten Nase trug. Er war mir von frher her als Gemeindesekretr
bekannt, und ich wunderte mich, ihn whrend der Amtsstunden hier zu
treffen. Als ich grend auf ihn zutrat, hatte er einige Mhe, mich zu
erkennen, freute sich aber dann sehr des Wiedersehens und teilte mir
mit, da er vor zwei Monaten seine Pensionierung erhalten habe. Seines
zunehmenden Augenleidens wegen. Damit stehe es jedoch, Gott sei Dank,
noch immer nicht gar so schlimm; es wre eben nur ein willkommener
Vorwand fr den neuen Herrn Brgermeister gewesen, um ihn, den alt
gedienten und verdienten Beamten, beiseite zu schieben. Der Mann wolle
nun einmal alles von Grund auf umwandeln. Ja, fuhr der Alte in
wehmtigem Tone fort, die schnen, gemtlichen Zeiten sind vorber, und
unser liebes Dbling nimmt eine andere Gestalt an. Schon heute ist es
kaum mehr zu erkennen -- geben Sie acht, in einigen Jahren wird es ganz
und gar mit der Stadt zusammengewachsen sein. Hoffentlich erleb' ich das
nicht mehr.

Ich suchte ihn zu trsten und erkundigte mich nach diesem und jenem,
unter anderem auch nach den Stadlers.

Die Stadlers? Wissen Sie denn nicht, da der jngere gestorben ist?

Gestorben?

Jawohl, -- es war eine recht traurige Geschichte.

Wieso?

Sie haben also gar nichts davon gehrt? Seine Frau ist ihm
durchgebrannt. Mit diesem Herrn Rber, dem sogenannten Fabrikdirektor.
An den mssen Sie sich ja noch erinnern. Eines schnen Morgens war sie
fort, Mann und Kinder im Stiche lassend. Alle ihre Pretiosen hat sie
mitgenommen und auch eine Summe Geldes, die allerdings insoferne ihr
Eigentum war, als sie einige Mitgift ins Haus gebracht. Der arme gute
Ferdl -- Sie wissen ja, da er Ferdinand geheien hat -- war ganz auer
sich, dem Irrenhause nahe.

Er hat sie wohl sehr geliebt?

Und wie! Von Jahr zu Jahr mehr. Schn war sie, das mu man sagen. Er
hatte sie auf einem kostmierten Bauernballe kennen gelernt, der hier im
Kasino stattfand und zu dem sie aus der Stadt gekommen war -- als
Tirolerin. Er vernarrte sich sofort in sie und hat sie geheiratet,
obgleich ihm mancher, der wute, da ihr Ruf nicht der beste sei,
dringend davon abriet. Sonst aber erschien die Partie ganz passend. Das
Frulein Schebesta war aus guter Familie, eines Baumeisters Tochter und,
wie gesagt, auch nicht ganz ohne Vermgen, obgleich auf dem Hause, das
ihr nach dem Tode der Mutter zugefallen, genug Schulden hafteten. Und
whrend ihrer Ehe hielt sie sich auch die lngste Zeit ganz brav, wenn
sie auch eine flotte Frau war. Aber da mute der Lump mit seiner stolzen
Haltung und dem interessanten Backenbart kommen -- und aus war's und
geschehen. Indes, nachdem der erste Schmerz sich ein wenig gelegt hatte,
suchte sich der verlassene Ehegatte so gut es ging zu fassen. Er hat
seinen Kindern zuliebe alles aufgeboten, sein schweres Schicksal mit
mnnlicher Kraft zu tragen -- und es war ihm auch so ziemlich gelungen.
Da, eines Tags -- sechs Monate ist es jetzt her -- steht er dort an
jenem Billard und spielt wie gewhnlich nach Tisch. Pltzlich fllt ihm
die Queue aus der Hand, mit der andern fhrt er nach der Stirn -- und
sinkt lautlos zu Boden. Der Schlag hatte ihn getroffen.

Und die Kinder? fragte ich nach einer Pause.

Mit denen ist es auch eigentmlich gegangen. Selbstverstndlich hat sie
der Bruder zu sich genommen, dessen Frau ihm keine Nachkommenschaft
geschenkt hat. Da wren sie auch ganz gut aufgehoben gewesen. Aber bald
darauf erkrankten sie, fast gleichzeitig, am Scharlach. Als sie beinahe
schon genesen waren, trat Diphtheritis hinzu -- und beide starben in
einer Nacht.

Das ist wirklich sehr traurig.

Na, vielleicht war's zu ihrem Besten. Man soll keinen beklagen, wenn er
einmal da unten in der Erde liegt. Wer wei, was die zwei Kleinen noch
alles htten erleben mssen; jedenfalls aber blieb's ihnen erspart, sich
spterhin ber ihre Mutter klar zu werden. Auch geht's ja -- im
Vertrauen gesagt -- schon seit Jahren mit den Stadlerschen abwrts. Der
Krach im Jahre 73 hat auch auf die Brder gewirkt; es hie, da sie nur
mit Mhe den Konkurs abwehrten. Daher sind auch, als der Jngere starb,
sofort die Ziegeleien samt den Holzlagern verkauft worden; und auch der
Johann treibt die Zimmermeisterei nur mehr recht notdrftig fort. Denn
mit der Ausschlielichkeit, die den Vater emporgebracht, ist's schon
lange vorbei, und die Konkurrenz, die auf jedem Gebiete herrscht, hat
den Sohn berflgelt. Sie werden das auch dem Hause anmerken, wenn Sie
vorberkommen. Frher blickte es einem so hell, so einladend entgegen;
jetzt nimmt es sich neben den modernen Nachbarn ganz finster und
trostlos aus. So ist der Lauf der Welt, schlo er seufzend: das Neue
floriert, und das Alte geht zu Grunde.

Er war aufgestanden, nahm Hut und berrock vom Nagel und schickte sich
zum Fortgehen an.

Und hat man nichts mehr von der Frau gehrt? fragte ich.

Nichts Gewisses. Anfangs hie es, das Paar habe sich nach Pest
gewendet. Dann wollte man erfahren haben, da sie in Paris seien,
whrend andere behaupteten, sie wren gar nicht ber Wien
hinausgekommen. Es ist auch jetzt ganz gleichgltig. Wer wei, ob sie
berhaupt noch beisammen sind. Derlei Dinge halten nicht.

Er reichte mir die Hand und empfahl sich. Ich aber blieb sitzen und sah
durch die neuen Spiegelscheiben auf die Strae hinaus, die in diesem
Augenblick wenig belebt war. Ein scharfer Nordwind hatte sich erhoben
und fegte welkes Laub von den Bumen des Kaffeehausgartens ber das
Pflaster. Ja, sagte ich still vor mich hin, das ist der Lauf der
Welt.

Ein Trupp von Kindern, die nach beendeter Schulstunde, die Bcherrnzel
auf dem Rcken, lustig am Fenster vorbeitollten, weckte mich aus meinen
Gedanken.


                                 IV.

Seitdem war fast ein Jahr verstrichen, als eines Vormittags an meine Tr
geklopft wurde und ein jngerer Schriftsteller eintrat, der sich bei
seinen Berufsgenossen keiner besonderen Beliebtheit erfreute. Nicht ohne
Begabung schon sehr frh in die Literatur getreten, hatte er sich auf
allen mglichen Gebieten versucht und bettigte sich, da der Erfolg
seinen Erwartungen nicht entsprach, zuletzt fast nur mehr als Kritiker.
In dieser Eigenschaft hielt er -- gewissermaen schon ein Vorlufer der
heutigen neuesten Schule -- als leitenden Grundsatz die Behauptung
aufrecht, da alles bisher Geleistete veraltet sei und in unsere Zeit
nicht mehr passe. Er selbst fhlte sich durchaus modern, sprach stets
von einer Literatur der Zukunft und erwies sich infolgedessen gegen
Anfnger sehr nachsichtsvoll und ermunternd, besonders wenn diese dem
weiblichen Geschlecht angehrten. So stand er denn auch bei einigen
Schriftstellerinnen und solchen, die es werden wollten, in groem
Ansehen. Sie bersendeten ihm ihre Werke, zogen ihn zu Rate, wogegen er,
wie behauptet wurde, stets die Gelegenheit wahrnahm, mit der einen oder
der anderen dieser Damen, die er nach seinem Geschmacke fand, in
intimere Beziehungen zu treten. Nebenher aber wollte es ihm nicht
gelingen, sich eine feste und unbestrittene literarische Stellung zu
schaffen, was ihn, eitel und selbstbewut wie er war, immer mehr in
einen schwarzgalligen Hochmut hineintrieb. Ich selbst hatte mich ihm bei
irgend einer Gelegenheit gefllig erwiesen, und seitdem besuchte er mich
fter, als mir gerade erwnscht war. Denn trotz der Anerkennung, die er
mir gegenber gndigst an den Tag legte, konnte er doch nicht umhin,
bestndig durchflieen zu lassen, wie sehr er sich mir und meinen
Leistungen berlegen fhle.

Obgleich Sie sich gar nicht um mich kmmern, mu ich Sie doch wieder
einmal in Ihrer Einsiedelei aufsuchen, sagte er jetzt, indem er mir die
Hand reichte und sich seines abgegriffenen Hutes entledigte. Dann
schttelte er das lange, straffe Haar und blickte im Zimmer umher. Mein
Gott! wie kann man sich nur so vergraben! Eine schne Aussicht haben Sie
allerdings, setzte er, ans Fenster tretend, hinzu. Aber was ntzt das
alles? Dabei bleibt man doch nur ein Romantiker, ein elegischer Lorenz
Kindlein. Heutzutage mu der Dichter mitten im Kampfe des Lebens stehen,
mu ein scharfes Auge, ein stets bereites Ohr haben fr die Zeichen und
Forderungen der Zeit -- sonst wird er mit Recht beiseite liegen
gelassen.

Da ich auf diese oft vernommenen Bemerkungen mit einem Schweigen
antwortete, das er auslegen konnte, wie er mochte, fuhr er, nach mir
zurckgewendet, in seinem Sermon fort: Aber so seid Ihr nun einmal, Ihr
Herren von der alten Schule! Ihr knnt Euere berlieferten Ideale nicht
los werden. Da treffen es die Frauen wahrlich besser. Die haben den Mut,
mit der Vergangenheit zu brechen, und besitzen den richtigen Instinkt
fr die Bedrfnisse der Gegenwart. Sehen Sie nur, was ich da wieder in
die Hand bekommen!

Er zog bei diesen Worten ein ziemlich umfangreiches Heft, das in der
Mitte zusammengelegt war, aus der Tasche seines berziehers und reichte
es mir hin. Ich bog es auseinander und las den Titel: Der Roman einer
Frau, von Elsa Rber.

Ich blickte sinnend auf.

Er bemerkte es nicht und warf sich in seinem Eifer auf den nchsten
Stuhl. Grandios, sage ich Ihnen! Der Griff einer Lwin! Da wird mit dem
hergebrachten flauen Gefasel ber die Heiligkeit der Ehe grndlich
aufgerumt und das Evangelium der freien Liebe hchst eindringlich
gepredigt. Die betreffenden Stellen und Schilderungen sind um so
schlagender, als sie von der Feder einer Frau herrhren. Ganz so, wie
sie hier vorliegt, fuhr er nach einer Pause fort, ist die Geschichte
freilich nicht zu brauchen. Die Form ist sehr mangelhaft; auch steht die
Verfasserin mit der Grammatik und hin und wieder mit der Orthographie
noch auf ziemlich gespanntem Fue. Aber mit der gehrigen Nachhilfe kann
der Roman, wenn er erscheint, Furore machen.

Und ist Ihnen die Verfasserin persnlich bekannt? fragte ich aus
meinen Gedanken heraus.

Selbstverstndlich. Nachdem ich das Manuskript, das sie mir durch
zweite Hand bersenden lie, geprft hatte, habe ich mich auch sofort
bei ihr eingefhrt. Eine wunderschne Frau! Im interessantesten Alter --
so im Anfang der Dreiiger. Vielleicht ist sie Ihnen sogar nicht fremd;
denn wenn ich nicht irre, hat sie whrend der Ehe, die sie da schildert,
hier in Dbling gewohnt.

Und jetzt? fragte ich weiter, whrend immer bestimmtere Vermutungen in
mir auftauchten.

Jetzt? Jetzt lebt sie in der Stadt.

Allein?

Keineswegs. Mit ihrem Geliebten, den sie zwar ihren Mann nennt; aber
ich glaube nicht, da sie verheiratet sind. Er ist Agent -- oder
hnliches; es scheint ihnen nicht am besten zu gehen. Er sah nach der
Uhr. Teufel, schon Zwlf! Da mu ich Sie verlassen. Ich soll zu Tisch
nach Weinhaus hinber, wo Verwandte von mir den Sommer zubringen. Habe
die Gelegenheit bentzt, zu Ihnen einen Abstecher zu machen. Wissen Sie
was? Ich lasse das Manuskript hier. Sie erweisen mir einen Gefallen,
wenn Sie es durchsehen. Ich bin zwar meiner Sache sicher; allein es wre
mir doch von groem Werte, auch Ihr Urteil zu vernehmen. Wenn es Ihnen
recht ist, hol' ich es gegen Abend bei Ihnen ab.

Da meine Vermutungen inzwischen fast zur Gewiheit geworden waren, so
interessierte mich jetzt das Ganze sehr lebhaft, und ich sagte ihm, da
er mich nach fnf Uhr ganz bestimmt zu Hause antreffen werde.

Kaum war er aus dem Zimmer getreten, als ich mich auch schon setzte und
das Heft zur Hand nahm. Elsa Rber! Es konnte kein Zweifel sein! Rber
hie ja der Mann, um dessen willen Frau Stadler Heim und Familie
verlassen hatte. Alles traf zu: sie war die Verfasserin!

Ich begann zu lesen. Es wurde mir nicht ganz leicht; denn die Schrift
war ungleich und verworren, an manchen Stellen so flchtig, da ich
einzelne Wrter kaum entziffern konnte. Dennoch, je mehr Bltter ich
umwendete, je mehr mute ich mich in gewissem Sinne mit der Ansicht des
begeisterten Entdeckers einverstanden erklren. Nicht, da mir die
Arbeit so bedeutend wie ihm erschienen wre. Sie erwies sich vielmehr
als ganz schlerhafte Nachahmung einer Erzhlung, die unter dem Titel
Die Geschiedene vor einigen Jahren erschienen war und von einem
hochbegabten Autor herrhrte, welcher als eigentlicher Erffner dieser
Richtung eine stark naturalistische Erotik in die neuere deutsche
Literatur eingefhrt hatte. Und die kurzen Gedichte, welche sich hin und
wieder eingestreut fanden, riefen sofort die genialen Lieder der Ada
Christen ins Gedchtnis. Trotzdem: neben vielem Platten und Gewhnlichen
-- ergreifende Schilderungen; neben manchem Falschen und Verlogenen,
neben Rohem und Verletzendem -- Laute einer tiefen, eigentmlichen
Empfindung, erschtternde Schreie des Schmerzes und der Lust, welche
namentlich in unbefriedigten weiblichen Herzen mchtigen Widerhall
hervorrufen muten. --

Ich lie das Heft sinken. Seltsam! So war denn diese einst so behbige,
jeder hheren geistigen Anregung fernstehende Frau, die, als echtes,
genufrohes Wienerkind herangewachsen, vor Jahren verchtlich das
Nschen germpft hatte, als sie erfuhr, da ich ein Dichter sei: zuletzt
auch von dem schriftstellerischen Drange der Zeit erfat worden, und die
Macht ihrer Schicksale hatte ihr die Feder in die Hand gedrckt!

                   *       *       *       *       *

Gegen sechs trat der neue Frauenlob (diesen Namen hatte ich dem
Erwarteten schon seit lngerem so fr mich im stillen beigelegt) wieder
bei mir ein.

Sein erstes Wort war: Haben Sie gelesen?

Gewi߫, besttigte ich.

Nun und was sagen Sie? drngte er.

Ich bin Ihrer Meinung, erwiderte ich ohne jede Einschrnkung, da ich
doch wute, da er keine einzige wrde gelten lassen.

Bravo! rief er, indem er stolz das Haupt erhob. Dann fgte er
herablassend hinzu: Welch ein Triumph fr die Dichterin, da auch Sie
-- --

Ich berlegte einen Augenblick. Es konnte, wie gesagt, kein Zweifel mehr
obwalten, aber ich wnschte die vollstndigste berzeugung. Aus dem
Roman selbst konnte diese nicht unmittelbar gewonnen werden. Wie bei den
meisten Anfngerarbeiten waren die Lokalfarben absichtlich verwischt,
die Charaktere ziemlich allgemein gehalten, die Begebenheiten weit
hergeholt. Ich sagte also: Ich will Ihnen nur gestehen, da ich die
Verfasserin in der Tat zu kennen glaube. Das heit, ganz oberflchlich
-- gewissermaen blo vom Sehen. Dennoch kann ich mich tuschen. Teilen
Sie mir also Genaueres ber sie mit -- beschreiben Sie mir ihr ueres
--

Wozu auch? Sehen Sie sich die Dame an, und es wird sich zeigen, ob Sie
auf der richtigen Fhrte waren.

Wie sollte das geschehen?

Ganz einfach. Man erwartet mich heute abend dort zum Tee -- und ich
nehme Sie mit. Das gnstige Urteil, das Sie gefllt, wird die schne
Frau doppelt freuen, wenn sie es aus Ihrem eigenen Munde vernimmt.

Ich gestehe, dieser Vorschlag hatte etwas Verlockendes. Es reizte mich,
die Frau, deren Lebensgang ich so lange beobachtet hatte, in nunmehr
ganz vernderten Verhltnissen wiederzusehen. Dennoch fhlte ich das
Unstatthafte eines solchen Vorgehens, um so mehr, als ja meine
Anerkennung keineswegs eine so rckhaltlose war, wie der selbstbewute
Protektor voraussetzte. Ich erwiderte daher: Es wird doch wohl nicht
angehen -- so ganz ohne weiteres --

Welche Bedenklichkeiten, Verehrter! Sie knnen doch annehmen, da Sie
unter allen Umstnden willkommen sein werden. Und dann offen gestanden,
es kommt mir sehr erwnscht, wenn ich Sie dort einfhren darf. Und zwar
dieses Rber wegen, der trotz seiner fatalen Lebensstellung ein uerst
hochmtiger Geselle ist. Er schtzt die Begabung seiner Geliebten --
oder seiner Frau nicht im geringsten; vielmehr bespttelt er ihr Streben
und betrachtet mich mit offen zur Schau getragenem Mitrauen. Er glaubt
jedenfalls, da ich mit -- Gott wei welchen eigenntzigen Absichten ins
Zeug gehe. Wenn er aber sieht, da ein Mann wie Sie -- --

Ich wte nicht, warum gerade ich diesem Herrn Rber imponieren
sollte, erwiderte ich, die jetzt so pltzliche Hochschtzung abweisend.
Und dann noch eins. Es wre doch eigentlich sehr unzart, wenn ich jener
Frau so ganz ohne jegliche Vorbereitung entgegentreten wrde. Denn so
gut _ich_ sie im Gedchtnis zu haben glaube, wird auch _sie_ sich meiner
Person erinnern und knnte dadurch hchst unliebsam an die Vergangenheit
gemahnt werden.

Er lachte laut auf. Da irren Sie gewaltig, lieber Freund! Frau Elsa hat
mit allem, was hinter ihr liegt, grndlich abgerechnet. Das sollte Ihnen
doch schon der Roman beweisen; sie hat jetzt nur eines im Auge: da
dieser zur Geltung gelangt. Also machen Sie sich keine Skrupel und
kommen Sie mit!

Eine Zeitlang schwankte ich noch; dann aber gab die Neugierde den
Ausschlag. Ich machte mich fertig und fuhr mit Frauenlob nach der Stadt.


                                  V.

Der Stadtteil, in welchem Elsa Rber wohnte, war jenes alte, mehr oder
minder licht- und luftlose Gassengewirre, das sich in der nchsten Nhe
des Stephansdomes noch heute von allen Neuerungen fast unberhrt
erhalten hat. Die Mietzinse sind dort in den meisten Husern billiger
als anderswo, und so besteht auch ein groer Teil der Bewohner aus
Leuten, die in beschrnkten, fter auch zweifelhaften Verhltnissen
leben. In einer der engsten Gassen vor einem hohen, grau bertnchten
Hause mit vorspringendem ersten Stockwerk angelangt, traten wir -- es
war im September -- in eine dunkle, zugluftige Einfahrt. Dort lenkte
mich mein Fhrer gleich links ber ein paar Stufen nach einem schmalen,
unbeleuchteten Seitengang, wo wir uns einer einzelnen Tr gegenber
befanden. Er zog die Klingel und, da drinnen alles still blieb, nach
einer Weile ein zweites Mal. Endlich vernahm man ein Gerusch von
leichten Schritten, die sich zgernd der Tr nherten; ein kleines
Guckloch wurde geffnet, und eine weibliche Stimme fragte in die
Dunkelheit hinaus: Wer ist da?

Ich bin es, Frau Elsa! rief Frauenlob eindringlich. Machen Sie nur
auf!

Drinnen klang, whrend sich das Guckloch schlo, ein leichtes Ah! Dann
sehr vernehmlich: Bitte nur noch einen Augenblick! Ich habe das Mdchen
weggeschickt; ich mu erst den zweiten Schlssel holen.

Bald darauf drehte sich dieser im Schlosse, und eine nicht ganz deutlich
werdende Gestalt lie uns, indem sie die Tr ffnete, in das trbe
Zwielicht einer nicht sehr gerumigen Kche treten.

Ach, verzeihen Sie, sagte sie, indem sie den Schlssel wieder umdrehte
und abzog, da Sie sich so lange gedulden muten. Ich hatte Sie so frh
nicht erwartet. Aber -- --

Wie man bemerken konnte, verweilte jetzt ihr Blick befremdet und
forschend auf mir.

Ja, gndige Frau, ich habe einen Besuch mitgebracht, rief mein
Begleiter feierlich. Dann vorstellend: Mein hochverehrter Kollege, der
_berhmte_ -- er nannte meinen Namen. Er hat Ihren Roman gelesen und
will Sie nun auch persnlich kennen.

O, ich bitte -- erwiderte sie verwirrt. Aber treten Sie doch ins
Zimmer. Ich habe noch gar nicht Licht gemacht -- ich werde gleich --
Und indem sie sich jetzt mit einer Petroleumlampe zu schaffen machte,
die in der Nhe des Herdes stand, traten wir in ein ziemlich
weitlufiges, niedrig gewlbtes Gemach, wie solche in den Erdgeschossen
alter Stadthuser hufig anzutreffen sind. Da die Fenstervorhnge
geschlossen waren, herrschte in dem Raume solche Dunkelheit, da man die
Einrichtungsstcke, auer einem runden Tische, der in der Mitte des
Zimmers stand und auf welchem bereits Vorbereitungen zum Abendtee
getroffen waren, kaum unterscheiden konnte.

Wir hielten uns, um nirgends anzustoen, in der Nhe der Tr, und nun
trat auch Frau Elsa herein, das Gesicht von der hellschimmernden Lampe
beleuchtet, die sie vor sich her trug.

Wenn Frauenlob gesagt hatte, da sie wunderschn sei, so konnte man
diesem Ausspruche jetzt ebenso wenig unbedingt beipflichten, wie der
berschwenglichen Anerkennung des Romans. Da sie sehr schn gewesen,
das zeigte sich allerdings noch, und da sie auch noch immer Anreiz
auszuben vermochte, mute zugegeben werden. Allein welche Vernderungen
waren da whrend der letzten drei Jahre vor sich gegangen! Sie war
berraschend schlank, ja mager geworden, und zwar wies sie jene
Magerkeit vorzeitig raschen Verfalles, welche Zge und Formen schlaff
und verkmmert erscheinen lt. Ihr vormals so ungemein ppiges Haar war
auffallend gelichtet, und die hellen Goldaugen hatten sich zu einem
scharfen Braun abgedunkelt. Trotzdem waren es noch immer anziehende
Augen, die jetzt bei mangelnder Gesichtsflle um so grer erschienen,
als sie von sichtlich geschwrzten Wimpern hervorgehoben wurden. Aber
sie waren auch von breiten, mifarbigen Ringen umzogen, die als Zeichen
krperlicher -- vielleicht auch seelischer Erschpfung gelten konnten.
Sie trug ein einfaches, nicht ganz passendes Kleid aus Wollenstoff, und
auer einer billigen, unechten Brosche in der Gegend des Halses
keinerlei Schmuck. Ihre Hnde waren gertet und lieen trotz der
peinlichen Sorgfalt, mit der sie offenbar gepflegt wurden, Spuren harter
huslicher Arbeit erkennen.

Sie hatte die Lampe auf den Tisch gestellt und betrachtete mich
aufmerksam. Darf ich noch einmal um den Namen dieses Herrn bitten; ich
hab' ihn vorhin nicht ganz --

Frauenlob wiederholte ihn mit Emphase.

Ach ja, sagte sie, indem sie sich auf ein kleines Sofa niederlie und
uns gleichfalls zum Sitzen einlud -- ach ja, diesen Namen hab' ich wohl
schon gehrt. Aber es ist mir, als sollt' ich Sie auch persnlich kennen
--

Nun war der peinliche Augenblick gekommen, den ich vorausgesehen und
trotz der Versicherungen Frauenlobs gefrchtet hatte. Ich erwiderte
daher etwas kleinlaut: Allerdings haben wir einander schon fter
gesehen -- und zwar in Dbling, wo ich seit einer Reihe von Jahren
wohne.

Ja, ja, gewi -- in Dbling, entgegnete sie hastig, whrend ihre etwas
gelbliche Gesichtsfarbe langsam in eine dunkle Rte berging. Ich
entsinne mich sehr genau. Und da kennen Sie ja gewi auch meine ganze
Geschichte und werden sich nicht wundern, mich in ganz anderen
Verhltnissen --

Ich hatte mich inzwischen gefat und trachtete so rasch wie mglich ber
dieses Thema hinwegzukommen, das sie allem Anscheine nach doch nicht so
vollstndig gleichgltig lie, wie Frauenlob behauptet hatte.

Ich wundere mich ber gar nichts, gndige Frau, sagte ich in
bestimmtem und dabei sehr ehrerbietigem Tone; hchstens ber das eine,
da Sie unter die Schriftstellerinnen gegangen sind.

Mein Gott, sagte sie aufatmend mit einem Lcheln; wei ich doch
selbst kaum, wie ich dazu gekommen bin. Ich hatte ja frher an so etwas
gar nicht gedacht und auch sehr wenig gelesen. Im vorigen Jahre sind mir
aber ganz zufllig ein paar Bcher in die Hand gekommen, die auf mich
groen Eindruck gemacht haben. Aber auch da fiel es mir nicht ein,
selbst zu schreiben; erst als mein -- Mann fr einige Zeit verreisen
mute und ich ganz allein blieb, erst da berkam es mich. Und zwar ganz
pltzlich; -- ohne vieles Nachdenken habe ich die Geschichte
hingeschrieben.

Das entsprach ganz meinen Voraussetzungen, und ich freute mich ber das
unbefangene Eingestndnis. Unwillkrlich fhlte ich mich versucht, auf
unsere allererste Begegnung anzuspielen und so zu erfahren, ob sie sich
meiner auch aus jener fernen Zeit noch erinnere. Wre ich mit ihr allein
gewesen, wrde ich es jedenfalls getan haben, so aber hielt mich die
Gegenwart meines Begleiters zurck, und ich schwieg.

Ich legte auch anfangs gar kein Gewicht darauf, fuhr sie nach
einer Pause fort; es war mir eine bloe Zerstreuung -- eine
Herzenserleichterung gewesen. Spter aber zeigte ich die Bltter einer
Bekannten, und diese meinte, ich sollte sie zu verwerten trachten; es
gbe jetzt so viele Frauen, die mit derlei Geld erwerben. Sie bot mir
ihre Vermittelung an -- und Ihr -- Freund hier -- sie wies auf
Frauenlob -- war so liebenswrdig, ein gnstiges Urteil zu fllen.

Dieser warf sich auf seinem Stuhle in die Brust. Nur nach Verdienst,
Frau Elsa, sagte er.

Also auch _Sie_ meinen, sprach sie langsam, indem sie schchtern ihren
Blick auf mich richtete, auch _Sie_ meinen, da die Sache --

Sie haben es doch gehrt! unterbrach sie der andere, ungeduldig die
langen Haare schttelnd.

Ich befand mich nun wieder in einiger Verlegenheit.

Ihre Leistung ist jedenfalls eine sehr interessante, hob ich
gewissermaen zgernd an, und mit einigen nderungen, die daran
vorgenommen werden mssen --

Das werde ich alles besorgen! rief Frauenlob. Auch die Herausgabe!
Der Erfolg kann nicht ausbleiben, Frau Elsa, und wenn Sie sich fernerhin
meiner Leitung anvertrauen, so ist Ihnen eine bedeutende Zukunft gewi.

Sie blickte zweifelnd vor sich hin. Glauben Sie wirklich? fragte sie
dann nachdenklich, mehr gegen mich gewendet. Ich htte da so vieles zu
lernen. Und woher sollte ich die Zeit nehmen? Wir leben, wie Sie sehen,
in beschrnkten Verhltnissen -- und mein Mann ist sehr verwhnt; ich
habe alle Hnde voll zu tun, um unsere Huslichkeit seinen Bedrfnissen
gem einzurichten. Er wrde es nicht besonders gerne sehen, wenn ich
mich anderweitig beschftigte --

Danach haben Sie nicht zu fragen! sagte Frauenlob in scharfem,
erzieherischem Tone. Die Hrigkeit der Frau ist Gott sei Dank vorber
-- und Sie mssen sich neben Ihrem -- Gemahl eine selbstndige Stellung
schaffen.

Mein Gott, daran denk' ich ja gar nicht, erwiderte sie zerstreut; es
war, als horche sie dabei aus dem Zimmer hinaus. Und dann -- er hat nun
einmal eine Abneigung gegen schreibende Frauen.

Das mssen Sie ihm eben abgewhnen -- mssen ihn eines Besseren
belehren!

Sie erwiderte nichts und hatte offenbar die letzten Worte nur mehr mit
halbem Ohr vernommen. Dann rief sie pltzlich: Da kommt er!

Drauen war heftig an der Klingel gerissen worden, und durch die Kche,
wo sich schon frher die Anwesenheit einer Magd bemerkbar gemacht hatte,
trat jetzt Rber ein. Er mute seine hohe Gestalt unter der Tr um so
mehr bcken, als er den Hut auf dem Kopfe behielt. Erst in der Mitte des
Zimmers nahm er ihn zgernd ab, wobei sein Blick berrascht und
befremdet auf mich gerichtet blieb.

Wir hatten uns erhoben.

Der Herr Doktor hat uns einen angenehmen Besuch mitgebracht, Leo,
sagte Elsa, und der Ton ihrer Stimme hatte dabei etwas flehend
Unsicheres, einen berhmten Schriftsteller. Vielleicht kennst du den
Herrn vom Sehen.

Er blickte mich unverwandt an und sagte, ohne eine Miene zu verziehen,
mit einer leichten Verbeugung: Habe nicht die Ehre. Hierauf machte er
eine halbe Wendung und fuhr, nach uns zurck sprechend, fort: Die
Herren werden schon entschuldigen. Ich bin seit heute morgen auf den
Beinen und mu mir's bequem machen. Er war bei diesen Worten auf eine
Seitentr zugeschritten, ffnete sie und verschwand in einem kleinen
Zimmer, das offenbar als Schlafgemach bentzt wurde.

Er ist wirklich sehr in Anspruch genommen, besttigte Elsa, die ihm,
wie ihn bedauernd, nachgeblickt hatte. Dann begab sie sich mit einer
kurzen Entschuldigung in die Kche, um, wie sie sagte, nach dem Tee zu
sehen.

Ich sprte nun groes Verlangen, fortzugehen und sah meinen Begleiter
fragend an. Dieser aber schien durchaus nicht gewillt, das Feld zu
rumen; er lehnte sich vielmehr mit einer Art verbissenen Trotzes in den
Stuhl zurck und streckte die Beine von sich.

Jetzt trat auch schon die Hausfrau wieder ein, in jeder Hand eine kalte
Schssel tragend. Die Magd folgte mit allerlei Zubehr. Dann wurde der
kochende Teekessel gebracht; spter folgte ein groer, mit Bier
gefllter Glaskrug.

Inzwischen war Rber gleichfalls zum Vorschein gekommen. Er hatte sich
in einen langen, abgetragenen Schlafrock gehllt, der Spuren frherer
Eleganz aufwies; an den Fen trug er bequeme Hausschuhe.

Die Herren werden es nicht bel nehmen, begann er in herablassendem
Tone, als verzeihe er uns, da wir mglicherweise an seiner Bekleidung
Ansto nehmen knnten, die Herren werden es nicht bel nehmen, da ich
so vor ihnen erscheine. Allein wie gesagt, ich fhle mich
berangestrengt -- und zudem leide ich schon einige Zeit an den Fen.

Ach ja! fiel Elsa ein. Und es will auch gar nicht besser werden. Hast
du heute vielleicht wieder strkere Schmerzen? forschte sie ngstlich.

Nun, nicht gerade das. -- Aber, fuhr er mit einer Wendung nach dem
Tische fort, ich sehe, es ist alles bereit. Die Herren sind unsere
Gste?

Gewi werden sie uns das Vergngen machen, sagte Elsa einladend.

Was konnte ich tun? Um irgend eine stichhaltige Ausrede zu ersinnen, war
es zu spt und somit der gnstige Augenblick, mich zu entfernen,
versumt; ich mute mich also mit an den Tisch setzen.

Elsa machte mit zuvorkommender Aufmerksamkeit die Wirtin, whrend Rber,
einem sichtlichen Bedrfnisse folgend, sehr ungezwungen den Schsseln zu
Leibe ging. Erst jetzt konnte ich ihn mit voller Aufmerksamkeit
betrachten. Auch in _seinem_ ueren zeigte sich eine groe Vernderung.
War Elsa in den letzten Jahren krperlich verfallen, so hatte er
hingegen verhltnismig zugenommen. Aber es war nicht die blhende
berflle der Gesundheit und Kraft, sondern jene blasse und weichliche
Aufgedunsenheit, welche so vielen Menschen anhaftet, die ein
unregelmiges und dabei sorgenvolles Leben fhren. Dies konnte man
besonders in seinem Gesichte wahrnehmen, dessen Zge derart verquollen
waren, da die frher so ungemein schnen dunkelgrauen Augen kaum mehr
zur Geltung gelangten. Er rasierte das Kinn nicht, sondern trug einen
sehr kurz gehaltenen Vollbart, der ihm bel lie und in welchem sich
schon zahlreiche Silberfden bemerkbar machten; auch zeigte sich ber
der Stirn stark zunehmende Kahlheit. Der ganze Mann sah in der Tat sehr
verkommen aus.

Eben jetzt langte er eine Kartoffel auf seinen Teller und whrend er die
noch leicht dampfende in vier Teile zerlegte und verkhlen lie,
erffnete er, sichtlich in behaglicherer Stimmung, das Gesprch.

Sie wollen also, begann er, sich gleichsam an uns beide wendend, mit
ironischer Verziehung der Mundwinkel, Sie wollen also meine El--sa--
er sprach den Namen mit satirisch bertriebener Betonung aus -- ^ tout
prix^ zur Dichterin machen?

Machen? rief Frauenlob mit scharfer Stimme. Er schien nur auf einen
Angriff gewartet zu haben, und seine kleinen, grnlichen Augen blitzten
kampflustig. Machen? Wie sollte man das anstellen, wenn es nicht schon
wre?

Ich wei, erwiderte der andere vornehm, indem er ein Kartoffelstck
aufnahm: ^poeta nascitur.^ Aber man kann auch jemanden in etwas
heineinreden.

Was htte man davon? entgegnete Frauenlob, geringschtzig das Haupt
zurckwerfend.

Ganz richtig, was htte man davon? Wenn auch Elsa Begabung besitzt --
woran ich brigens gar nicht zweifeln will -- so bleibt doch das Ganze
eine hchst unntze Sache.

Aber man kann doch damit verdienen, Leo, warf Elsa schchtern ein.

Rber lachte laut auf. Verdienen? Mit der Schriftstellerei? Ha! Ha!

Erlauben Sie, schrie Frauenlob heftig, whrend ich dem Mann im stillen
nicht unrecht gab, das ist eine Behauptung, die nur beweist, wie sehr
Sie in Ihren Anschauungen zurck sind. Es ist ja wahr, frher einmal
muten selbst die grten Geister darben; heutzutage jedoch kann man mit
der Feder sehr viel erwerben.

Als Journalist vielleicht. brigens ist das _viel_ oder _wenig_
Ansichtssache. Wenn ich Summen in Betracht ziehen soll, so mssen es
Hunderttausende sein.

Sie geben es nicht billig! lachte Frauenlob mit giftigem Hohne. Er
hatte im Eifer eben das dritte Glas Bier hinuntergestrzt, und sein
knochiges, breites Gesicht, das stets ungesund gertet war, begann
blulich zu leuchten.

Das ist meine Sache, erwiderte Rber mit ruhigem Stolz, und zum ersten
Male glnzten seine Augen wieder hell und gro auf. Die Herren Poeten
pflegen bestndig von ihren Idealen zu sprechen; auch andere Leute haben
welche. Das meine ist ein sehr groes Vermgen, ein Ideal, das so
ziemlich jedes andere in sich schliet.

Aber auch um so mehr Ideal bleibt! rief der Gegner bissig.

Je nach Umstnden. Das kann Ihnen schon die groe Anzahl bedeutender
Kapitalisten zeigen, die es in der Welt gibt. -- ^A propos^, Lisi, fuhr
er mit einem Blick auf die Hausfrau fort, ich habe heute gute
Nachrichten mitgebracht. Die Sache in Bulgarien scheint endlich in Flu
kommen zu wollen.

Wirklich! Wirklich! rief sie, berrascht und vor Freude errtend, aus
der peinlichen Verlegenheit heraus, die sie bei diesem Wortwechsel
begreiflicherweise berkommen hatte. Wirklich? wiederholte sie jetzt,
wie von einem unwillkrlichen Zweifel ergriffen, etwas kleinlaut und
gedehnt.

Er hatte sich inzwischen den Mund gewischt und, ohne uns zum Rauchen
aufzufordern, eine Zigarette angezndet.

Ja, wirklich, mein Kind. Gut Ding braucht eben Weile, und ich begreife,
da es dir schon etwas zu lange dauert. Aber es sei dir vergeben. Und
wenn alles so kommt, wie ich hoffe, dann kannst du zu deinem Vergngen
blaustrmpeln.

Es drfte wohl beim Strmpfestopfen sein Bewenden haben, sagte
Frauenlob mit unerbittlicher Grobheit.

Immer eine ntzlichere Beschftigung als Romane schreiben. brigens
verspre ich keine Lust, mich in eine weitere Behandlung dieses
Gegenstandes einzulassen. Die Herren sind ja auch nicht zu mir, sondern
zur -- Dichterin gekommen. Ich darf die literarischen Konferenzen nicht
lnger stren. Er erhob sich mit gemachtem Ghnen, trat schwerfllig
auf Elsa zu und kte sie flchtig auf die Stirn. Gute Nacht, mein
Kind.

Du willst dich wirklich schon zurckziehen? fragte sie. Man sah ihr
die innere Ratlosigkeit an, in der sie sich befand.

Gewi, ich bin mde und schlfrig. Recht gute Nacht, meine Herren! Er
verbeugte sich dabei nur vor mir und schritt nach dem Nebenzimmer; Elsa
folgte ihm bis zur Tr.

Ich hatte genug, stand auf und suchte nach meinem Hute; Frauenlob, an
seinem Ingrimm wrgend, blieb sitzen.

Sie wollen schon fort? fragte Elsa, zurckkehrend und in einem Tone,
der bewies, welche Erleichterung ihr dies wre.

Allerdings, entgegnete ich, nach der Uhr sehend. Die Stunde ist
vorgerckt, und Sie wissen, ich habe einen weiten Weg. Sie bleiben
noch? wandte ich mich bedeutsam an meinen Begleiter.

Dieser sah unschlssig vor sich hin, dann sprang er auf.

Ich wollte allerdings noch einiges Wichtige mit Frau Elsa verhandeln,
allein in solcher Stimmung -- -- In der Tat, gndige Frau, -- er trat
vor sie hin -- es bedarf des ganzen Umfanges meiner Verehrung und
Bewunderung fr Sie -- --

Ach mein Gott, lieber Doktor, unterbrach sie ihn, Sie sollten Rber
doch schon ein wenig kennen. Er ist nun einmal so -- er hat den Kopf
voller Sorgen, die ihn bellaunig machen -- und da -- -- Allerdings hat
er sich heute unverantwortlich benommen. Und ich mu doppelt bedauern --
Ihretwegen -- Sie sah mich dabei ausdrucksvoll und gleichsam um
Nachsicht flehend an. Was werden Sie von uns denken?

Besorgen Sie nichts, gndige Frau, erwiderte ich. Ich bin nicht so
leicht verletzt. Vielmehr habe ich Sie recht sehr um Verzeihung zu
bitten. Denn gewi war es mein so ganz unvorbereiteter Besuch, zu dem
ich mich nie und nimmer htte entschlieen sollen, was zur unliebsamen
Verstimmung dieses Abends wenigstens beigetragen hat.

O, glauben Sie das nicht, sagte sie hastig. Dann, sich Frauenlobs
besinnend, fuhr sie einlenkend fort: Wie immer auch, berzeugt knnen
Sie sein, da es _mir_ sehr angenehm war, Sie kennen gelernt -- oder
besser gesagt, wiedergesehen zu haben. Und ich wrde Sie jedenfalls
bitten, Ihren lieben Besuch zu erneuern, wenn ich das unter solchen
Umstnden noch wagen drfte.

Je nun, man wird ja im Leben immer wieder zusammengefhrt. Fr heute
nehmen Sie die Versicherung, da ich, was mich selbst betrifft, den
verunglckten Abend keineswegs bedauere.

Ich drckte die Hand, die sie mir reichte. Dann geleitete sie uns in die
Kche, wo sie die Magd weckte, die auf einem Stuhle eingeschlafen war
und sich jetzt anschickte, uns durch den dunklen Flur nach dem bereits
gesperrten Haustor zu leuchten.

Ich komme morgen Nachmittag, sagte Frauenlob im Fortgehen;
hoffentlich finde ich Sie allein.

Sie erwiderte nichts und rief uns nur mit gedmpfter Stimme Gute Nacht
nach.

Kaum auf die Gasse getreten, rief mein Begleiter, in welchem es noch
immer zu kochen schien: Der Unverschmte! Und Sie, mein Bester, haben
mich mit keinem Worte untersttzt!

Was htte ich sagen sollen? Ich begreife auch gar nicht, wie Sie sich
so ereifern konnten. Dem Manne sind eben die neuen Beziehungen seiner
Frau -- oder Geliebten unangenehm. Er hat sich im ganzen doch nur wie
ein Eiferschtiger benommen.

Eiferschtig? Er liebt sie gar nicht. Seine Eitelkeit ist verletzt,
weil er sich mit einem Mal von einer Frau geistig berragt sieht, die er
bis jetzt nur als eine willfhrige Magd betrachtet hatte.

Mglich. brigens scheint er mir geistig durchaus nicht so tief
stehend.

Ach was! Ein Hohlkopf ist er, der obendrein an Grenwahn leidet. Haben
Sie gehrt, wie er mit den Hunderttausenden herumwarf?

Je nun, er scheint sich mit weitgehenden geschftlichen Spekulationen
zu befassen. Und da wre es ja in unserer Zeit des raschen Gelderwerbes
immerhin denkbar, da ihm irgend eine Kombination glckt.

Sagen Sie lieber irgend ein Schwindel. Der Mensch besitzt alle Anlagen,
um frher oder spter mit dem Strafgerichte Bekanntschaft zu machen.

Auch das ist nicht ausgeschlossen. Es walten hier berhaupt
Verhltnisse ob, in welche man sich am besten gar nicht einmischt. Auch
Sie, denk' ich, sollten sich zurckziehen.

Zurckziehen? Ich? Nachdem ich schon so weit vorgedrungen? Nein, da
kennen Sie mich schlecht, Verehrter! Dieser Frau mssen die Augen
geffnet, sie selbst auf die Bahn gebracht werden, die sie zu schreiten
berufen ist. Ich interessiere mich sehr fr sie -- und zwar, wie ich
Ihnen ganz offen bekennen will, nicht blo fr die Schriftstellerin.

Wenn das der Fall ist, dann stehen Ihre Aussichten nicht sehr gnstig.
Denn wenn Sie vielleicht auch recht haben, da _er_ sie nicht liebt:
_sie_ liebt ihn gewi leidenschaftlich.

Nun ja! Das mag sein! rief er, rgerlich ber die Wahrheit, die mein
Ausspruch enthielt. Aber das kann sich auch ndern. Die Hauptsache ist,
da sie erkennt, an welchen Mann sie sich da gekettet hat. Daher mu man
ihr eine literarische Stellung schaffen; ist ihr Ehrgeiz einmal geweckt,
dann ergibt sich alles weitere von selbst.

Je nun, Sie sind Herr Ihrer Beschlsse.

Wir waren inzwischen auf der Freiung angelangt, wo die erleuchtete Uhr
der Schottenkirche eine halbe Stunde vor Mitternacht wies.

Werden Sie noch auf einen Tramwaywagen stoen? fragte er khl und
offenbar verletzt durch meine zweifelhafte Zustimmung.

Ich denke wohl, da es noch nicht zu spt wre. Aber ich ziehe es
jedenfalls vor, zu Fu zu gehen. Die Nacht ist hell und angenehm.

Nun, dann leben Sie wohl! Ich kehre um.

Wir verabschiedeten uns ziemlich gemessen voneinander; dann trat ich
beim Schein des Halbmondes, an welchem, querber, ein regungsloser
dunkler Wolkenstreif stand, den Heimweg an.


                                 VI.

Der Roman einer Frau war in der Tat erschienen. Frauenlob hatte dafr
einen jungen, aufstrebenden Buchhndler gewonnen, der in pikanten
Verlagsartikeln sein Heil zu finden hoffte und auch ein verhltnismig
nicht unbedeutendes Honorar zahlte. Der Erfolg entsprach allerdings
nicht ganz den ausschweifenden Erwartungen der beiden Herren; aber es
war immerhin ein Erfolg, der fast ganz mit meinen Voraussetzungen
zusammentraf. Von der magebenden Kritik anfnglich gar nicht beachtet,
fand das Buch doch den Weg in das lesende Publikum und wurde vornehmlich
von Frauen, die in offenkundiger oder verheimlichter Miehe lebten, mit
einer Art persnlicher Anteilnahme gepriesen. Infolgedessen drang es
denn allmhlich auch in literarische Kreise; man prfte, fand, was ich
gefunden, und hielt mit mehr oder minder einschrnkender Anerkennung
nicht zurck. So kam es, da der Name der Verfasserin ein mehrfach
genannter wurde, sie selbst aber hier und dort als interessante
Erscheinung auf der Bildflche der ffentlichkeit auftauchte. Wie weit
dies alles in ihr bisheriges Leben verndernd eingriff, blieb mir
unbekannt. Denn in meinen eigenen Verhltnissen war inzwischen ein
Umschwung eingetreten, welcher, seit lngerem vorbereitet, mich zu dem
Entschlusse bestimmt hatte, Wien zu verlassen und einen anderen
Aufenthaltsort zu whlen; ich war abgereist, ohne Elsa Rber wieder
gesehen zu haben. Frauenlob, der mich seit jenem Abend auffallend
vernachlssigt hatte, war beim Abschiede sehr khl und wortkarg, indem
er das schweigende Selbstbewutsein eines Mannes hervorkehrte, der in
stolzer Zurckhaltung blo die Tatsachen fr sich sprechen lt.

Ich wrde also in meiner Abgeschiedenheit aller dieser Ereignisse und
Zusammenhnge immer weniger gedacht haben, wenn mich nicht jetzt ab und
zu die Zeitungen daran gemahnt htten. Ich stie auf Notizen ber Elsa
Rber, auf literarische, sowie auf solche, welche blo Persnliches
enthielten. So wurde sie auch in einer Schilderung des glnzenden
Festes, das whrend des Karnevals in den Atelierrumen eines berhmten
Malers stattgefunden, unter den Damen genannt, welche durch blendende
Erscheinung und prachtvolles Kostm besonders aufgefallen waren.

Da erhielt ich im Frhling von Frauenlob ganz unvermutet ein Buch
zugesendet. Er war, wie sich zeigte, wieder einmal schpferisch ttig
gewesen und hatte unter sehr verlockendem Titel einen Band Erzhlungen
herausgegeben, welche in der Tat bewiesen, da es ihm weit weniger an
Talent, als an Geschmack und innerer Reife gebrach. Eine dieser
Erzhlungen, und zwar die lngste von allen, konnte sogar als gelungen
bezeichnet werden, und ich war froh, ihm dies in warmen Worten mitteilen
zu knnen. Mich bei dieser Gelegenheit nach Elsa zu erkundigen,
unterlie ich nach einiger berlegung, es gewissermaen ihm selbst
anheimstellend, ob er mir in dieser Hinsicht Nachricht geben wolle oder
nicht. Ich empfing von ihm auch sofort ein lngeres Schreiben, welches
nebst seinem Danke fr meine Anerkennung folgendes enthielt:

Und nach Elsa Rber fragen Sie nicht? Das ist mir ein Beweis, da Sie
sich um diese Frau gar nicht mehr kmmern. Dennoch drfte es Sie
interessieren, zu erfahren, da ich meine Beziehungen zu ihr abgebrochen
habe. Und zwar vollstndig und fr immer. Denn sie ist infolge ihres
literarischen Debts mit Kreisen in Berhrung gekommen, die mir durchaus
nicht zusagen. berdies hat sich merkwrdigerweise der Ausspruch, den
Sie, wie Sie sich noch erinnern werden, einst ber Rber getan, insofern
bewahrheitet, als es diesem wirklich gelungen ist, die an jenem
denkwrdigen Abend aufs Tapet gebrachte Angelegenheit in Flu zu
bringen. Er vermittelt jetzt, so heit es, bedeutende Exporte nach allen
Balkanlndern, und Sie begreifen, da er sich bereits auf den kleinen
Krsus hinausspielt. Die enge Stadtwohnung ist aufgegeben, eine
weitlufige in einem vornehmen Neubau bezogen worden. Kleine Diners
finden dort statt, sowie grere Abendgesellschaften, an welchen neben
einigen fragwrdigen Geschftsexistenzen auch gewisse Schmarotzer
teilnehmen, die den Ruhm der Hausfrau in die Welt posaunen. Dieses alles
wrde brigens noch hingehen, wenn nicht auch _sie_ angefangen htte,
sich (wie lcherlich!) auf die groe und vornehme Dame hinauszuspielen
-- und sogar _mir_, dem sie in schlimmer und schlimmster Zeit ihren
Erfolg (der ja auch ein pekunirer war!) zu danken hatte, mit
Herablassung und Geringschtzung zu begegnen. Da ich aber keineswegs der
Mann bin, solches zu dulden, so habe ich ihr, nachdem sie mich einmal
ber eine Stunde hatte antichambrieren lassen, meine Meinung rund heraus
gesagt und sie ihrem Schicksal berlassen. Dieses wird kein sehr
freundliches sein; denn Leuten wie Rber gegenber bleibt das Sprichwort
aufrecht: Wie gewonnen, so zerronnen. brigens kann mir alles weitere um
so gleichgltiger sein, als ich selbst neue Wege einzuschlagen gedenke.
Hren und staunen Sie: auch ich verlasse Wien. Allerdings nicht, um
mich, gleich Ihnen, in beschauliche Einsamkeit zurckzuziehen. Ich will
mich vielmehr aus unseren stagnierenden, absterbenden Zustnden heraus
so recht ins Volle und Aufstrebende strzen -- kurz: ich will trachten,
in der Hauptstadt des Deutschen Reiches Boden zu gewinnen. Fr einen
sterreicher keine leichte Aufgabe, werden Sie sagen. Gewi. Aber ich
schrecke vor Schwierigkeiten nicht zurck. Man hat in Berlin einen sehr
bezeichnenden Ausdruck erfunden: das Epitheton schneidig. Nun, einige
Schneidigkeit werden Sie mir, wie Sie mich kennen, wohl zugestehen
mssen -- und daraufhin will ich es wagen. Jedenfalls werde ich diesen
Sommer daran setzen, die dortigen literarischen Verhltnisse eingehend
zu studieren -- und mich berhaupt umzutun. Gelingt es mir nicht, feste
Anknpfungspunkte zu finden -- dann erbrigt mir freilich nichts
anderes, als wieder zur alten Wiener Tretmhle zurckzukehren. Unter
allen Umstnden aber erhalten Sie aus der deutschen Metropole Nachricht
von Ihrem usw.

So also standen nunmehr die Dinge, deren Entwicklung ich bald wieder aus
den Augen verlor. Denn immer seltener wurde jetzt in den Blttern, die
mir zu Gesichte kamen, Elsa Rber erwhnt; es lie sich erkennen, da
man ber sie, die ihrem ersten kein zweites Werk hatte folgen lassen,
bereits wieder zur Tagesordnung bergegangen war. Nur einmal noch, nach
ziemlich geraumer Zeit, stie mir eine Notiz auf: Frau Elsa Rber habe
zur Errichtung eines Kinderasyls eine sehr namhafte Summe beigesteuert.
Ich stutzte. Wollte sie vielleicht mit dieser Spende Gewissensregungen
beschwichtigen und an fremden Kindern gutmachen, was sie einst an den
eigenen verbrochen? Fast schien es mir so. Es konnte indessen auch bloe
soziale Eitelkeit sein, was sie antrieb, als ffentliche Wohltterin zu
glnzen. Eines aber war damit bewiesen: da sich Rber noch immer im
Stadium des Gewinnens befand.

Was Frauenlob betraf, so hatte er mir zwar von Berlin aus voll stolzer
Zuversicht und weitgehender Erwartungen geschrieben, auch spter unter
Kreuzband ein paar Artikel zugesendet, die in dortigen Blttern
erschienen waren; fernere Resultate jedoch lieen auf sich warten.


                                 VII.

Ein Jahr spter fhrten mich die Verhltnisse auf kurze Zeit wieder nach
Wien. Es war im Frhsommer, und die helle Stadt schimmerte in vollem
Bltenschmuck ihrer ffentlichen Anlagen. Dennoch hatten viele meiner
Bekannten sich bereits aufs Land begeben. Einer von ihnen stellte mir in
seiner verlassen stehenden Wohnung ein Zimmer zur Verfgung, welches ich
eigentlich nur zum Schlafen bentzte. Ich empfing niemanden, ging
ziemlich unbeachtet meinen Geschften nach und gab mich nebenher im
stillen den Genssen hin, welche Wien und seine nchste Umgebung in
dieser schnen Jahreszeit darbieten.

So hatte ich mich auch an einem strahlenden Sonntagsmorgen zu einer
Fahrt nach Schnbrunn entschlossen. Ich wollte da drauen, etwa im
Jgerhause, frhstcken und hierauf wieder einmal den herrlichen Park
nach allen Richtungen durchstreifen, wollte mich spter auf eine Bank
niederlassen, die sonnigen, rasenumsumten Blumenbeete des Parterres,
die weien Marmorgruppen in den Nischen der Laubwnde, das freundliche
Schlo mit seinen grnen Jalousien vor Augen -- und mich dabei in lngst
vergangene Zeiten, in alte teuere Erinnerungen zurcktrumen ......

Das fhrte ich denn auch alles aus -- und darber war es Mittag
geworden. Ich dachte nun bei Dommayer zu essen, nachmittags aber bei
Verwandten vorzusprechen, die in Penzig wohnten, und welche ich seit
einer Reihe von Jahren nicht mehr aufgesucht hatte.

Whrend ich mich jetzt dem nach Hietzing fhrenden Ausgang des noch
ziemlich menschenleeren Parkes nherte, kamen mir in der breiten
Doppelallee zwei hohe, vornehm aussehende Frauengestalten entgegen. Die
eine von ihnen schien mir sehr bekannt; unwillkrlich blickte ich sie
forschend an -- und sah, nun schon ganz in der Nhe, da ich Elsa Rber
vor mir hatte.

Auch sie war, wie ich bemerken konnte, auf mich aufmerksam geworden, und
ungeheuchelte Freude des Wiedersehens malte sich jetzt in ihren Zgen.

Ah, Sie sind in Wien! rief sie, stehenbleibend und mir die Hand
entgegenstreckend, die ich mit einiger Verlegenheit ergriff. Seit wann
sind Sie denn hier? -- Aber ich mu Sie bekannt machen, fuhr sie mit
einem Blick auf ihre Begleiterin fort, die mich stolz und zurckhaltend
betrachtete. Meine Freundin Frau von Ramberg -- Herr --.

Ich hatte inzwischen herausgefunden, da mir auch diese Dame, welche
eine Art Mnnerhut und einen leichten Halbschleier trug, nicht ganz
fremd war; denn sie gehrte zu jenen Erscheinungen, mit welchen mich die
weitlufigen gesellschaftlichen Beziehungen, die ich in frherer Zeit
noch unterhielt, hier und dort flchtig zusammengefhrt. Sie war die
Frau eines Konsulatsbeamten und mit diesem ziemlich weit in der Welt
herumgekommen; seit sie aber von ihm getrennt lebte, hatte sie Wien zu
ihrem stndigen Aufenthaltsorte gewhlt, wo sie eine rege gemeinntzige
Wirksamkeit zu entfalten suchte. Sie beschftigte sich viel mit der
Frauenfrage, war Mitglied mehrerer weiblichen Vereine; ja sie hatte
sogar an der Klinik eines berhmten Chirurgen einen Pflegerinnenkurs
durchgemacht, dessen Frucht eine kleine Broschre ber diesen Gegenstand
war. Sie galt fr geistig sehr bedeutend, aber auch fr hochmtig und
rnkeschtig; die Mnner behandelte sie mit khler Herablassung und
schlo sich mit Vorliebe an Frauen an.

Sie erwiderte nunmehr meine Verbeugung mit einem gemessenen Kopfnicken.

Und bleiben Sie jetzt hier? fragte Elsa weiter.

Keineswegs. Ich bin nur auf ganz kurze Zeit gekommen -- gleichsam
inkognito --

Das ist schade. Ich begreife brigens, da man es vorzieht, auf dem
Lande zu leben. Die Ruhe ist so wohltuend. Auch wir wollen jetzt
bestndig in Hietzing wohnen, wo wir eine Villa gekauft haben. Wuten
Sie vielleicht davon?

Nein.

Weil Sie sich auch gar nicht um so alte Bekannte kmmern! Aber kommen
Sie doch ein wenig mit uns. Man hat mir Bewegung verordnet, und da laufe
ich denn die Alleen hier ab.

Ich konnte nicht umhin, mich anzuschlieen und fand mich allmhlich in
die so unvermutete Situation. Hatte ich doch kaum mehr der Frau gedacht,
die jetzt neben mir herschritt! Sie war schlank geblieben und sah bei
nherer Betrachtung etwas gealtert aus; vor allem hatte ihr Teint und
der Schmelz der Zhne bedeutend gelitten. Aber ihre Zge waren feiner,
vergeistigter geworden, und ein schwermtiger, schmerzlicher Zug um
Augen und Mund verschnte sie eigentmlich. Ein Morgenkleid aus rot
gemustertem Foulard und ein groer weier Spitzenhut vollendeten ihre
tadellose Erscheinung. Ja, sie war in Haltung und Miene, in Wort und
Gebrde wahrhaftig eine Dame geworden. Der Wiener Dialekt, der ihr
eigentlich niemals stark angehaftet und welchen sie im Verkehr mit
Rber, der ein sehr reines Deutsch sprach, schon frher so ziemlich
abgestreift hatte, war jetzt bis auf einige leichte und gemtliche
Anklnge aus ihrer Rede verschwunden. Was nicht das Geld bewirkt! So
dacht' ich im stillen, whrend ich das kostbare Parfm einatmete, das in
einem feinen Hauche von ihr ausging.

Wissen Sie, begann sie nach einigen schweigend zurckgelegten
Schritten, da ich Ihnen schon schreiben wollte?

Mir? Gewi in einer literarischen Angelegenheit?

O keineswegs! erwiderte sie rasch mit leichtem Errten, Sie erinnern
sich doch -- ich sagte Ihnen ja, da ich eigentlich keinen Beruf zur
Schriftstellerin in mir fhle.

Man mu es ihr glauben, da sie es behauptet, warf Frau von Ramberg,
halb zu mir gewendet, mit ihrer etwas dnnen und knchernen Stimme ein.
Sie hat aber trotzdem einen neuen Roman zu schreiben begonnen.

Nun ja; ich bin jetzt wieder oft allein -- und da mu ich doch die Zeit
mit irgend etwas hinbringen. Aber es ist nur fr mich; Sie wissen ja, es
macht denen, die mir am nchsten stehen, keine Freude.

Daran wrde ich mich in der Tat nicht kehren, sagte die andere scharf.

Ach lassen Sie das jetzt, liebe Euphemie, erwiderte Elsa mit einem
bittenden Blick. Und dann zu mir: Aber sagen Sie doch, wohin wollten
Sie eben? Was haben Sie fr heute vor?

Ich wollte zu Dommayer --

Zu Dommayer? Essen Sie doch lieber mit uns!

Wie knnt ich -- --

O ich verstehe. Sie haben noch jenen unseligen Abend im Gedchtnisse.
Aber Sie werden heute alles anders finden -- und auch ein paar Freunde
von uns -- eine ganz kleine Gesellschaft --

Die ich nicht kenne.

Der Architekt K.... und der Musiker H... werden Ihnen doch nicht fremd
sein? sagte die Ramberg spitz, indem sie in die Luft sah.

Und der junge Maler R... gewi auch nicht, setzte Elsa dringend hinzu.
Er tritt jetzt ganz in die Futapfen Lenbachs und Fritz Kaulbachs. --
Und was den Hausherrn betrifft, so hatte er sich damals absichtlich so
schroff benommen -- und es auch gleich darauf bereut -- Ihretwegen. Nur
der Doktor war ihm uerst verhat -- und wie ich jetzt zugeben mu,
nicht mit Unrecht.

Nun --

Ich wei, was Sie sagen wollen. Er hat sich mit dem Roman sehr bemht
-- hat mir, ich geb' es gerne zu, in bser Zeit einen groen Dienst
erwiesen. Und ich wre ihm auch gewi dankbar gewesen -- aber er wollte
sich sofort bezahlt machen.

Sie erhob das Haupt und blickte wegwerfend zur Seite.

Von wem ist die Rede? fragte Frau von Ramberg.

Ach von -- Elsa nannte den Namen.

Das ist aber doch ein hchst geistvoller Mensch, sagte die andere sehr
bestimmt. Wie ich hre, lebt er jetzt in Berlin?

Ich glaube, warf ich leicht hin, da ich nicht recht wute, was ich
erwidern sollte.

Also nicht wahr, Sie kommen? wandte sich jetzt Elsa wieder an mich.
Um drei Uhr. Hetzendorferstrae. Sie fgte die Nummer bei.

Aber ich trug durchaus kein Verlangen, dort zu speisen, und brachte
meinen beabsichtigten Besuch in Penzig vor.

Ach, den knnen Sie ja inzwischen abtun!

Nun ja, aber --

Kein aber! Bitte, kommen Sie! Ich htte Ihnen so manches zu sagen --

Ich kann ja nach Tisch erscheinen.

Sie wrden uns vielleicht nicht antreffen; denn wir fahren
wahrscheinlich nach Tisch aus.

Nun, wenn dieser Herr gar so viele Umstnde macht -- sagte Frau von
Ramberg und zog die Schultern in die Hhe.

Nein, nein! Ich habe ihn nun einmal und lasse ihn nicht wieder los. Wer
wei, ob ich ihn sonst jemals wieder sehe, da er ja nicht hier bleibt --
und auch ich schon in den nchsten Tagen abreise. -- An die See -- oder
ins Gebirge, setzte sie mit leiserer Stimme, zu mir gewendet, hinzu.
Ich bin sehr leidend -- meine Nerven sind zerrttet --

Ich blickte sie an. In der Tat: der schmerzliche Zug in ihrem Antlitz
trat jetzt schrfer hervor, und ihr Blick hatte etwas Erloschenes.

Nun denn, sagte ich, unwillkrlich nachgebend, ich werde erscheinen.

Schn! rief sie. Und nun machen Sie Ihren Besuch!

Ich verabschiedete mich von den Frauen und begab mich ber den
schwankenden Kettensteg nach Penzig. Dort traf ich, wie dies meistens in
hnlichen Fllen zu geschehen pflegt, niemanden von der Familie, die ich
wieder sehen wollte, zu Hause. Man hatte vereint fr den ganzen Tag
einen weiteren Ausflug unternommen.


                                VIII.

So begab ich mich denn doch zu Dommayer und blieb dort bis hart an drei
Uhr sitzen. Endlich betrat ich die Hetzendorfer Strae und dachte beim
Anblick der neuen schimmernden Villen an die unscheinbare Reihe
schlichter, kleiner Landhuser, welche in frherer Zeit hier gestanden.

An Ort und Stelle angelangt, wurde ich von einem Livreediener in einen
groen, ebenerdigen Salon gefhrt, wo der Hausherr mit sechs mnnlichen
Gsten bereits anwesend war. Ich sah, da Rber bei meinem Erscheinen
leicht errtete, und er konnte seine Verlegenheit nicht ganz bemeistern,
whrend er mir mit ausgesuchter Hflichkeit entgegenschritt.

Elsa hat mir gesagt, da wir heute das Vergngen haben wrden, Sie zu
empfangen; ich freue mich auerordentlich. Die Damen werden wohl gleich
erscheinen; darf ich Sie einstweilen mit diesen Herren bekannt machen?

Der Architekt, ein behbiger, jovialer Lebemann und infolge des feinen
Kunstsinnes, den er als Hersteller geschmackvoller Interieurs bewhrte,
in den vornehmsten Kreisen gesucht und beliebt, war schon auf mich
zugekommen und schttelte mir die Hand, whrend der Musiker H..., ein
ergrauter Apostel Richard Wagners, sich mit einem apathischen Kopfnicken
begngte. Der Maler, schlank und blond, der mir blo dem Namen nach
bekannt war, verneigte sich mit verbindlicher Schchternheit wie ein
junges Mdchen.

Ganz unbekannt waren mir: Herr Malinsky, Geschftsfreund Rbers; eine
hagere Gestalt mit fast kahl geschorenem Haupte, aber endlos nach rechts
und links abstehendem Backenbarte. Sein Antlitz war schlaff und
durchfurcht, sein Blick matt und doch durchdringend wie der eines
Croupiers. Dann ein schmchtiger Jngling mit nachlssiger, vornber
gebeugter Haltung, dnner Habichtsnase, ein rundes Stck Glas ins rechte
Auge geklemmt. Er wurde mir als Baron Conimor vorgestellt und bemhte
sich, verstndnisinnig zu lcheln, als ihm mein Name genannt wurde.
Dabei sah man ihm die Zuversicht an, da der Nimbus kolossalen
Reichtums, der den seinen umstrahlte, keineswegs verfehlen wrde, die
richtige Wirkung zu tun. Ganz zuletzt tauchte, gewissermaen wie aus
einem Versteck, ein kleiner dicker Mann mit Sbelbeinen, ungeheuerer
Stirn und wulstigen Lippen ber dem verschwindend kurzen Kinn auf: der
Direktor des neuen Kinderasyles. Er verneigte sich linkisch und sah in
seinem zwar ganz neuen, aber sehr schlecht sitzenden schwarzen Anzuge
zwischen den in geschmackvolle Sommertracht gekleideten Anwesenden wie
ein Leichenbitter aus. Den vornehmsten Eindruck machte Rber. Er war
wieder ganz die stramme, tadellose Erscheinung von frher. Sein Scheitel
war freilich gelichtet geblieben; aber dieser Mangel lie die Stirn
freier und schner hervortreten, wie denn berhaupt seine Zge, wie sich
nun zeigte, mit den Jahren an Bedeutung gewonnen hatten. Was nicht das
Geld vollbringt! dachte ich wieder still bei mir.

Jetzt ffnete sich die Tr, und die beiden Damen traten ein. Aller Augen
blickten ihnen entgegen und leuchteten, mit Ausnahme der grauen und
kalten Rbers, in Bewunderung fr die Hausfrau auf.

Elsa sah nun auch wirklich berraschend schn aus, und man kam hier
wieder einmal zur Einsicht, welche Rolle die Ankleidekunst im Leben
einer verblhenden Frau spielt. Eine knappe, spitzenverbrmte Robe von
gelblicher Farbe, herzfrmig ausgeschnitten und in der linken
Achselgegend mit blassen Rosen geschmckt, zeigte ihren Wuchs in
harmonischer Schlankheit; die eben in Mode gekommene schlichte und
glatte Haartracht, mit dem kleinen englischen Knoten im Nacken, lie sie
um so jugendlicher erscheinen, als der krankhafte Gesichtsausdruck in
diesem Augenblicke gnzlich verschwunden war. Erst jetzt bemerkte ich,
da die Haare einen starken Schimmer ins Rote aufwiesen, der offenbar
knstlich hergestellt war, wie man denn berall die verhllende,
nachbessernde und verschnende Hand wahrnehmen und verfolgen konnte.
Dennoch lag ber der ganzen Gestalt eine kstliche aromatische Frische,
an der man ebenso wenig zweifeln mochte, wie an der Echtheit der
Brillant-Boutons, die an den rosigen Ohren der schnen Frau gleich
groen Tautropfen funkelten.

Als gerader Gegensatz erschien Frau von Ramberg, obgleich auch sie sich
in den Gemchern der Hausfrau mit etwas Reispulver angefrischt und den
sprlichen Brauenwuchs ber den wasserblauen Augen sorgfltig
nachgedunkelt hatte. Ihr Gesicht erwies sich nun ohne Schleier als nicht
unhbsch: kleine, gekniffene Zge, denen ein bedeutungsvoller Ausdruck
aufgezwungen war. Sie trug das fahlblonde Haar rund abgeschnitten und zu
einer kunstvollen Kruselflle aufgebauscht, was ihr im Verein mit der
stolzen Kopfhaltung und einem schwarz gernderten Kneifer, den sie
nunmehr, wei Gott warum, auf die Stumpfnase gesetzt hatte, fast das
Aussehen eines jungen Mannes verlieh; auch der hagere, eckige und von
einem bertrieben einfachen Kleide bis an das Kinn hinauf umschlossene
Leib stimmte dazu. So hatte denn die ganze Erscheinung etwas
Zwiespltiges, das leicht ein Lcheln htte hervorrufen knnen, aber der
scharfe, bse Zug um die schmalen, blutlosen Lippen der Dame mahnte zur
Vorsicht.

Elsa, ein prachtvolles Bukett von Rosen und Hyazinthen in der Rechten,
bot mir mit einem Blick der Befriedigung rasch die Linke zu flchtigem
Drucke. Schn, da Sie Wort gehalten haben! Dann begrte sie die
Gesamtheit der brigen Herren mit einer anmutigen Kopfbewegung und trat
auf den Direktor zu. Dieser sagte unter zahllosen Bcklingen, er habe
seinen Sonntag bentzt, um der groherzigen Gnnerin vor der Badereise
noch Kunde von ihren lieben Schtzlingen zu bringen. Der Herr Gemahl sei
so liebenswrdig gewesen und habe ihn aufgefordert, beim Diner zu
bleiben.

Sehr willkommen, erwiderte Elsa, deren Zge einen innig ernsten, fast
andchtigen Ausdruck angenommen hatten. Hoffentlich gedeihen die
Kleinen und sind zufrieden. Wir wollen bei Tisch weiter davon sprechen.
Dann wandte sie sich, wie mir schien, mit etwas gezwungener
Liebenswrdigkeit an Conimor. Und Ihnen, Baron Sigi, mu ich sehr
danken fr das wundervolle Bukett -- sowie fr die anderen Blumen, die
Sie mir neuerdings haben senden lassen. Es ist sehr lieb von Ihnen --
aber was wird Ihr Papa sagen, wenn Sie die Treibhuser derart plndern?
Nicht wahr, Leo? Sie blickte nach Rber; dieser aber zuckte blo die
Achseln.

Ach was, Papa! lachte Conimor gedehnt. Der tut's ja selbst -- wenn
auch mehr im geheimen.

Das mu wahr sein, warf der Architekt ein, der als gutmtiger
Spottvogel bekannt war. Conimor Vater und Sohn ersticken die Frauen
Wiens mit Blumen.

Nur die schnen, wenn ich bitten darf, versetzte der Baron, Elsa,
indem er den Kopf leicht hin und her wiegte, mit den Augen
verschlingend. brigens -- unsere Grten vertragen es. Sie wissen doch,
da wir zur Vergrerung der Anlagen in Nudorf wieder einige Joch
Terrain erworben haben?

Und einen Gartendirektor aus England, warf der Maler ein.

Ja -- aber auch der leistet nichts Besonderes, nichts
Auergewhnliches. Rosen -- und immer wieder nur Rosen. Das wird am Ende
langweilig. Soll einer einmal eine ganz neue Blume erfinden!

Das drfte freilich schwer halten, sagte der Architekt. Aber bringen
Sie selbst einmal Abwechselung in den Gegenstand. Geben Sie statt der
Rosen andere Gewchse, zum Beispiel Passifloren.

Conimor ffnete ein wenig den Mund und sah in die Luft. Passifloren?

Gewi߫, fuhr der andere fort. Und da liee sich vielleicht eine ganze
neue Spielart zuwege bringen; die knnen Sie dann ^Passiflora Conimor^
nennen.

^Passiflora Conimor^, wiederholte der Baron gedankenlos, denn er
starrte wieder nach Elsa, die sich inzwischen von ihm entfernt hatte.

In diesem Augenblicke wurden die Trflgel des anstoenden Speisezimmers
geffnet, und ein Diener in schwarzem Frack meldete, da serviert sei.

Elsa schob leicht ihren Arm unter den meinen; Rber fhrte Frau von
Ramberg, die mit dem Direktor ein Gesprch begonnen hatte, und wir
lieen uns alle an dem Tische nieder, der mit kostbarer Einfachheit
gedeckt war: schweres Linnen, schwere Kristallglser, massives Silber.
Keine Blumen (denn wie mir Elsa zuflsterte, liebte Rber sie nicht auf
der Tafel); nur eine alte getriebene Fruchtschssel, in welcher, von
groen Gartenerdbeeren umgeben, eine Ananas goldig erglnzte, hob sich
farbig von dem funkelnden und schimmernden Wei ab. Auch das Menu sprach
fr den Geschmack der Wirte: wenige Gnge, aber ausgesuchte, seltene
Gerichte; Bordeaux und Champagner.

Elsa sa zwischen mir und dem Direktor. Dieser hatte gleich nach der
Suppe seinen Bericht begonnen, den er, von teilnehmenden Fragen der
Hausfrau des fteren unterbrochen, mit einem salbungsvollen Sermon ber
den Segen der modernen Humanitt schlo. Die Unterhaltung wurde nun
allgemein. Conimor gab die neueste Turfanekdote zum besten. Man kannte
sie aber schon und sie fand daher wenig Anklang. Die Knstler sprachen
selbstverstndlich von allerlei, das in ihr Fach schlug: der Maler von
dem Bismarckbildnisse Lenbachs, der Architekt von einem verfallenen
Schlchen, das ein Graf X in Tirol gekauft habe und dessen
Restaurierung demnchst in Angriff genommen werden sollte, der Musiker
von der Auffhrung des Parzival, die in Bayreuth bevorstand. Meine
Tischnachbarin zur Linken, Frau von Ramberg, gab mir sehr eindringlich
ihre Begeisterung fr einen norwegischen Dichter zu hren, welcher eben
damals mit seinen Dramen Aufsehen erregte, spter aber durch Henrik
Ibsen vollstndig verdrngt wurde. Rber berwachte mit scharfen Blicken
den Fortgang des Diners, whrend er mit dem neben ihm sitzenden Malinsky
von Zeit zu Zeit einige vertrauliche Worte wechselte.

Nicht allzu lange dauerte es, so wurde die Tafel aufgehoben, und man
begab sich, um den Kaffee zu nehmen, in den Salon, da einstimmig erklrt
wurde, auf der Terrasse sei es noch zu hei.

Nachdem der Direktor seine Tasse und ein Glschen Chartreuse geleert
hatte, bewegte er sich, eine der schweren Zigarren, die Rber seinen
Gsten dargereicht, unangezndet zwischen den dicken Fingern, verlegen
auf seinem Stuhle hin und her. Endlich erhob er sich und stammelte, man
mge verzeihen, da er sich leider entfernen msse. Er habe eine
Verabredung mit seiner Frau getroffen, die ihn in Schnbrunn erwarte.

Elsa reichte ihm sehr freundlich die Hand, die er untertnig an die
wulstigen Lippen drckte. Wie schn, wie wei war jetzt -- ich hatte sie
schon bei Tisch bewundert -- diese Hand, an deren schlankem Goldfinger
ein prachtvoller Saphir glnzte.

Ich hoffe, vor meiner Abreise Ihre Zglinge noch persnlich aufsuchen
zu knnen; wenn nicht, so erhalten Sie jedenfalls das Bewute
zugesendet.

Kaum war der Direktor, der sich in der Nhe der Tr noch einmal mit
einem tiefen Knix umgewendet hatte, wobei er nach Weiberart an seine
langen Rocksche griff, verschwunden, als auch Rber sich erhob.

Ich mu ebenfalls aufbrechen, sagte er, und kann nur bedauern, die
Gegenwart so angenehmer Gste nicht lnger genieen zu knnen.

Man sah, wie Elsa erbleichend zusammenzuckte. Wie? fragte sie mit
gepreter Stimme, du willst fort? Du hast doch versprochen, den Abend
hier zuzubringen -- endlich einmal, setzte sie leiser hinzu.

Ja, ich habe es versprochen, erwiderte er kalt. Aber ich kann mein
Versprechen nicht halten. Eine wichtige Angelegenheit zwingt mich, nach
der Stadt zu fahren.

Heute? An einem Sonntag? fragte Frau von Ramberg spitz.

Meine Angelegenheiten kennen keinen Sonntag, gndige Frau. Dann wandte
er sich zu Elsa. Malinsky wird es dir besttigen; er kommt mit mir.

Allerdings, sagte dieser, indem er seine durchfurchte Stirn noch mehr
in horizontale Falten legte. Es geht nicht anders, Verehrte. Er erhob
sich zum Abschied.

Elsa schien ihn gar nicht gehrt zu haben.

Geh' nur, geh'! sagte sie, das Haupt zurckwerfend, heftig zu Rber.
Wir knnen auch ohne dich ausfahren.

Gewi, erwiderte er mit einem harten Blicke; du wirst mit Conimor
fahren.

Nun, wenn du es durchaus willst -- versetzte sie, nervs erbebend, und
sah ihn mit weit geffneten Augen an.

Ja, ja! rief der Baron vergngt, wir fahren miteinander! Mein Fiaker
hat heute ein ganz neues Zeug'l -- famos!

Elsa achtete nicht darauf. Und wann kommst du zurck? fragte sie,
schwer atmend.

Das wei ich nicht. Es drfte spt werden, und da bernachte ich besser
gleich in der Stadt.

Nachdem er dies in eisigem Tone gesprochen hatte, verbeugte er sich nach
rechts und links; dann trat er, wie sich besinnend, an mich heran und
reichte mir mit einem Anfluge seines frheren Hochmutes die Hand. Ich
hoffe, Sie wohl noch ein andermal zu sehen.

Als er sich mit Malinsky entfernt hatte, trat eine peinliche Stille ein.
Man sah, in welcher Gemtsverfassung sich Elsa befand, und war in
Verlegenheit, wie man darber hinwegkommen sollte. Selbst der joviale
Architekt wute sich nicht zu helfen; er trommelte auf den Scheiben der
Glastr, die auf die Terrasse fhrte, whrend Frau von Ramberg ihren
sichtlichen rger hinter einem Zeitungsblatt verbarg, das sie zur Hand
nahm. Der Maler aber nherte sich betrachtend den Bildern, die an den
Wnden hingen; darunter auch eine arg verstrichene Farbenskizze von
Makart, welche die Hausfrau in einem ungeheueren Rembrandthute
vorstellte. Zuletzt vertiefte er sich sehr angelegentlich in einen ganz
kleinen Pettenkofen, der in der Nhe eines Fensters angebracht war. Nur
Conimor kam nicht aus dem Gleichgewichte. Er go sich hchst munter ein
zweites Glas Chartreuse ein und vertauschte seine Zigarre, die er in den
Aschenbecher warf, mit einer zarten Papyros.

Wie hei es hier ist! rief Elsa pltzlich, indem sie ihren Fcher
heftig auseinander schwirren lie.

Soll ich die Tr ffnen? fragte der Architekt.

Bitte!

Er tat es. Die Luft, die hereindrang, war allerdings noch von der
Nachmittagssonne durchglht; aber ihr wrziger Hauch erquickte doch und
verteilte sich wohltuend in dem rauchigen Raume.

Man atmete freier auf, und auch Elsa schien sich allmhlich zu fassen.

Lieber H..., sagte jetzt Frau von Ramberg herablassend zu dem Musiker,
der inzwischen regungslos dagesessen hatte, Sie haben bei Tisch von der
neuesten Schpfung Wagners gesprochen. Sie kennen sie gewi schon --
wenigstens zum Teil. Knnen Sie uns nichts daraus vorspielen?

Den Anfang, wenn Sie wollen, erwiderte der Gefragte trocken.

O ja! Wir bitten darum! rief Elsa aus ihren Gedanken heraus. Nicht
wahr? wendete sie sich fragend an mich; sie hatte sich offenbar erst
jetzt wieder auf meine Anwesenheit besonnen.

Der Musiker erhob sich, trat an den Stutzflgel, der in der Nhe der
Gartentr stand, und ffnete ihn, whrend alles Platz nahm.

Jetzt begann er zu spielen. In feierlichen, vibrierenden Schwingungen,
sofort an die Eigenart ihres Urhebers mahnend, quollen die Tne auf.

Der Architekt, wie um gesammelter zuzuhren, schlo die Augen; der Maler
drehte, etwas zerstreut, die Enden seines feinen blonden
Schnurrbrtchens; Conimor, die Hnde in den Hosentaschen, ffnete den
Mund. Frau von Ramberg hatte sich neben Elsa gesetzt und lauschte mit
zurckgeworfenem Haupte und bereinandergeschlagenen Beinen. Elsa
blickte starr vor sich hin; von Zeit zu Zeit schien ein leichter
Schauder durch ihren Krper zu gehen.

Das Spiel war zu Ende und tiefe Stille trat ein. Der Architekt fuhr
empor; man merkte, da er geschlummert hatte. Endlich sprach Frau von
Ramberg: Groartig! Erhaben!

Das eigentlichste Werk des Meisters, eine Offenbarung, bekrftigte
H.... barsch.

Hm -- ja, sagte Conimor, indem er aufstand und nher trat. Aber was
Sie letzthin gespielt haben, hat mir noch viel besser gefallen. Sie
wissen, das Stck da -- aus Tristan und Isolde --

Isoldens Liebestod, versetzte der Musiker kurz, ohne ihn anzusehen.

Ach ja, Isoldens Liebestod! rief Elsa hastig. Er ist wundervoll!
Spielen Sie ihn doch!

Wird es Sie nicht zu sehr angreifen, meine Liebe? fragte die Ramberg
mit gedmpfter Stimme. Ich frchte --

Ach nein, nein! Es tut nichts! Bitte, liebster H...!

Dieser legte wieder die langen, vertrockneten Finger auf die Tasten,
whrend sich Conimor auf ein kleines Tabouret niederlie, das zufllig
ganz nahe hinter dem Fauteuil Elsas stand.

So trat denn neuerdings erwartungsvolles Schweigen ein, und bald darauf
entwickelte sich aus glau ineinander zitternden Klangwellen heraus, in
allmhlichen, grausam wollstigen, immer wieder in sich zurcksinkenden
Steigerungen, der gewaltsamste Angriff auf die menschlichen Nerven, den
die Tonkunst kennt. Die Wirkung war auch hier eine geradezu krperliche:
Jeder fhlte sich in seiner Weise gepackt, berwltigt, gepeinigt,
entzckt, aufgelst. Selbst Frau von Ramberg konnte ihre Wrde nicht
behaupten; sie fing an, sich auf ihrem Sitze wie eine Schlange zu
winden. Elsa lag weit zurckgelehnt in dem niederen Fauteuil, ohne zu
merken, da ihr Haar den Arm Conimors berhrte, den dieser auf die Lehne
gelegt hatte. Sie war bleich, und ein hastiges, gleichmiges Zucken
erschtterte ihren Leib. Pltzlich stie sie einen durchdringenden
Schrei aus.

Alles sprang erschrocken auf; nur der Musiker blieb ruhig sitzen, die
Finger auf den Tasten.

Ich hab' es ja gewut! rief Frau von Ramberg, mehr erzrnt als
besorgt, indem sie mit ihrer drren Hand ber die Stirn Elsas strich.

Diese sah aus wie eine Tote, ihr Blick war gebrochen. Dennoch erhob sie
sich, mhsam nach Atem ringend, nahm den Arm der Dame und wankte, auf
der andern Seite von Conimor untersttzt, aus dem Salon. Man hrte, wie
sie drauen in ein krampfhaftes Weinen ausbrach.

Schne Bescherung! sagte der Architekt nach einer Pause. Dann sich zu
H.... wendend: Da haben Sie die Wirkungen der Wagnerschen Musik.

Was kann Wagner dafr, da die Leute krank sind, versetzte der andere
phlegmatisch.

Wie aber stnd' es um ihn, wenn sie's nicht wren?

_Sie_ sind jedenfalls gesund, sagte H...., indem er aufstand und ihm
mit einen leichten Schlag auf den wohlgenhrten Leib versetzte. Dann sah
er nach der Uhr. Schon sechs. Ich mu nach Lainz hinber. Adieu. Er
verbeugte sich nachlssig und ging.

Alter Musikbr! brummte der Architekt und folgte dem Maler und mir
ber die Terrasse in den Garten, wo wir ziemlich einsilbig das blumige
Rondell des Vorplatzes umschritten. Drauen, hart am Gitter, im Schatten
berhngender Zweige stand der Fiaker Conimors; in der Tat ein sehr
fesches Zeug, dessen Lenker, auf dem Kutschbock ausgestreckt, den
Schlaf des Gerechten schlief.

Jetzt kam der Baron zurck und gesellte sich zu uns. Wir sahen ihn
fragend an.

Ich wei nichts, sagte er, die Achseln zuckend. Sie hat sich mit Frau
von Ramberg auf ihr Zimmer begeben.

Es dauerte nicht lange, so erschien diese auf der Terrasse und schritt
uns, sichtlich erregt, mit wichtiger Miene entgegen.

Die Frau des Hauses ist noch immer nicht wohl, sagte sie.

Doch nichts Gefhrliches? forschte Conimor angelegentlich.

Ich hoffe nicht. Jedenfalls aber kann sie sich heute nicht mehr zeigen.
Die Herren wollen sich also in ihren weiteren Plnen fr den Abend nicht
stren lassen. Sie aber, Baron Sigi, fahren sofort nach der Stadt zu
Doktor Breuer, auf da er, wenn mglich, noch heute herauskommt.

Soll geschehen, versetzte Conimor, nherte sich dem Gitter und rief
den Kutscher an. Er mute es noch zweimal tun, bis dieser emporschrak,
schlaftrunken um sich blickte und, endlich die Sachlage begreifend, beim
Tor der Villa vorfuhr.

Und was tun _wir_? wandte sich der Architekt an den Maler.

Dieser blickte unschlssig vor sich hin.

Wenn die Herren wollen, nehme ich Sie mit, sagte Conimor mit einer
einladenden Armbewegung.

Ja, haben wir denn alle drei Platz? fragte der umfangreiche
Bauknstler mit einem Blick nach dem zierlichen Gefhrt.

Ach was, wir nehmen den Baron auf den Scho! erklrte der Maler.

Die Herren stiegen ein.

Nachdem der Wagen fortgerollt war, sah mich Frau von Ramberg von der
Seite an und fragte: Sie kennen Elsa schon lange?

Allerdings -- ziemlich lange.

Und auch, wie sie mir selbst gesagt hat, ihre frheren Verhltnisse. Da
werden Sie sich wohl manches von dem erklren knnen, was Sie heute
wahrgenommen. Sie erwartete, da ich etwas darauf sagen wrde. Da dies
aber nicht geschah, fuhr sie fort: Das ist die Folge, wenn man einem
Manne alles opfert. Offen gestanden, habe ich Elsa, nachdem ich ihren
Roman gelesen, fr eine weitaus bedeutendere Frau gehalten. Sie ist doch
nur eine beschrnkte, weichmtige Wienernatur und brachte es nicht
einmal dahin, da Rber sie geheiratet hat. -- Ich glaube, sie wollte
Ihnen Erffnungen machen und Ihren Rat erbitten, setzte sie nach einer
Pause hinzu, offenbar rgerlich ber mein andauerndes Schweigen, das ihr
gewi sehr einfltig erschien. Aber da ist nicht zu raten und nicht zu
helfen. Er liebt sie eben nicht mehr. Auch sonst ist die Arme sehr bel
daran. Sie hat nmlich in letzter Zeit fter derlei Anflle, und die
rzte verstehen ihren Zustand gar nicht, wenn sie ihr Bewegung
verordnen. Ich halte das Ganze fr den Beginn einer hchst traurigen
Frauenkrankheit.

Mit diesem kategorischen Ausspruch zog sie das Kinn zu kurzem Gru an
und entlie mich.

Ich aber trat in den lauen, dmmerigen Abend hinaus. Auf dem Hietzinger
Platze wimmelte es von Menschen und Fuhrwerken aller Art, die bereits
samt und sonders der Stadt zustrebten, whrend bei Dommayer lustige
Musik erklang und immer neue Scharen von Besuchern den Schnbrunner Park
verlieen. Mitten in diesem bunten Gewoge schritt auch ich jetzt, meinen
Gedanken nachhngend, dahin.

                   *       *       *       *       *

Als ich mich im Laufe der nchsten Tage, meinen Besuch in Penzing
erledigend, nach dem Befinden Elsas erkundigte, erhielt ich in der Villa
den Bescheid, da sie auf dringendes Anraten der rzte eine altbewhrte
Wasserheilanstalt aufgesucht habe.


                                 IX.

Die Zeit meiner Abreise war herangerckt. Bevor ich meine Vaterstadt
vielleicht auf lange wieder verlie, wollte ich noch eine stille Stunde
der Gemldegalerie im Belvedere weihen. Konnte es doch das letztemal
sein, da ich diese Kunstschtze an dem stimmungsvollen Orte sah, wo ich
sie seit meiner Jugend zu betrachten und zu bewundern gewohnt war.

Die Ausfhrung dieses Vorhabens wurde durch mehrfache Umstnde bis knapp
vor dem Tage verzgert, den ich mir zur Reise festgesetzt hatte, und
selbst da kam noch allerlei Strendes dazwischen, so da es bereits zwei
Uhr war, als ich mich, an den wohlbekannten Taxushecken und den
steinernen Sphinxen vorbereilend, dem ehemaligen Sommerpalaste des
Prinzen Eugen nherte. Das Wetter war dem Unternehmen nicht sehr
gnstig: ein dsterer, bedeckter Himmel, der sich hin und wieder
aufhellte, um gleich wieder regendrohend sich zu verfinstern. So fehlte
denn, als ich die weiten Sle betrat, der verklrende Sonnenschein,
welcher, wenn auch in einzelnem zuweilen strend, die Gesamtheit der
Bilder sofort dem Auge und Herzen nher bringt. Zudem waren unvermutet
viele Besucher da; die Mehrzahl rote Bdeker in den Hnden. Was mich
aber am meisten strte, war die Unzahl von kopierenden Malern und
Malerinnen. Sie saen nur so in Reihen hintereinander, jeder und jede
noch ein paar neugierige Zuseher im Rcken oder zur Seite. Ich konnte
die richtige Stimmung nicht finden und ging zerstreuten Sinnes an den
herrlichen Meisterwerken hin. Dieser leere, unbefriedigte Zustand wurde
aber mit einem Mal zu einem grimmigen Mibehagen, als ich im Rubenssaale
mit einem Herrn zusammenstie, dem ich, und besonders heute, lieber eine
Meile weit aus dem Weg gegangen wre. Es war ein sogenannter Amateur,
ein sonst ganz unbeschftigter, ziemlich wohlhabender Mann, der in allen
Ateliers herumschnffelte, auf jeder Auktion anzutreffen war und, wie
sich von selbst versteht, eine kleine Privatgalerie samt einer
wertvollen Antiquittensammlung besa. Sein selbstbewutes Wesen, seine
rechthaberischen, oft sehr schiefen Kunsturteile waren sprichwrtlich
geworden, und die Maler behaupteten, er verstehe von Bildern so viel
oder so wenig wie ein Schuhflicker. Das war nun freilich bertrieben;
denn wiewohl er nach jeder Richtung hin Aussprche tat, die von
dnkelhafter Halbbildung strotzten, so konnte man doch nicht leugnen,
da er, wie alle solche Menschen, die Gabe besa, an jeder Leistung
sofort die schwachen Seiten herauszufinden. Und wie in der Kunst, so
auch im Leben. Ein aufdringlicher Gesellschafter, wute er sich in alle
Kreise Eintritt zu verschaffen; man duldete ihn als eine Art notwendigen
bels und bespttelte seine bse Zunge mehr, als man sie frchtete, da
er oft genug ber ganz harmlose Persnlichkeiten die ungeheuerlichsten
Dinge vorbrachte. Dennoch wute er sehr genau, wo jeden einzelnen der
Schuh drckte, und die verborgensten und verschwiegensten Verhltnisse
waren fr ihn nicht selten ein offenes Buch, in dem er mit Behagen las.

Ich wollte anfangs Miene machen, ihn nicht sofort zu erkennen, dann aber
mich mit einer verbindlichen Gebrde schweigend an ihm vorbei drcken.
Er jedoch tat sehr erfreut, fate mich unter dem Arm, fragte mich, wie
es mir gehe, wie lange ich schon in Wien sei -- und so weiter. Meine
neueste Dichtung habe er gelesen, sich aber leider mit dem Sujet nicht
befreunden knnen; jedenfalls sollte ich mehr -- viel mehr schreiben.
Dann kam er auf die neuen Museen zu sprechen, welche er in der
Hauptsache fr ganz verfehlt erklrte -- und schlo endlich damit, da
er hier Rafaels Madonna im Grnen ^en miniature^ kopieren lasse, und
zwar von einem Aquarellisten, der in dieser Hinsicht eine ganz neue
Methode erfunden habe. Er fhrte mich auch zu dem betreffenden Knstler,
einem schon sehr bejahrten Herrn, der, eine eigentmlich konstruierte
Brille auf der Nase, ruhig hinter seiner Tafel sa. Die fast vollendete
Arbeit nahm sich in der Tat sehr schn und erfreulich aus; der Mcen
lobte sie auch, hielt jedoch mit wohlwollenden Ausstellungen keineswegs
zurck. Ganz unertrglich jedoch benahm er sich einem jngeren Maler
gegenber, welcher, wie sich herausstellte, Morettos Santa Justina im
Auftrage des Mnchener Grafen Schack kopierte. Nicht genug, da er dicht
hinter den emsig Arbeitenden trat und, bald das Original, bald die Kopie
betrachtend, vor allen Anwesenden mibilligend den Kopf schttelte: er
wies auch mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die Fehler hin, welche
seiner Meinung nach bei der Nachbildung begangen wurden, so da der
Knstler endlich sich unwillig halb erhob und den unberufenen Kritiker
mit zornfunkelnden Augen herausfordernd ansah.

Ich hielt es nicht lnger aus und wollte, mich empfehlend, die Galerie
verlassen, die mir nun doch schon verleidet war.

Warten Sie, ich gehe gleich mit Ihnen, sagte er und hngte sich wieder
an meinen Arm.

Er hatte unten einen Einspnner stehen und bot mir einen Platz an. Ich
wollte ablehnen; aber er ntigte mich einzusteigen. Fahren Sie
wenigstens ein Stck Weges mit; warum wollen Sie denn die lange Heugasse
zu Fu zurcklegen?

Als wir in dem engen Gefhrt saen, fragte er mich, wohin ich denn
eigentlich wollte. Ich antwortete, da ich jetzt essen gehen wrde.
Wohin? Er speise in der Stadt Frankfurt, ich solle mitkommen. Nein, das
sei mir zu entlegen, ich wolle berhaupt nicht nach der Stadt. Wohin ich
mich also begeben wrde? Ich nannte ein in der Nhe befindliches Hotel,
das mir gerade einfiel. Hotel Viktoria? Schn, ich kann auch dort
speisen und leiste Ihnen Gesellschaft. Er rief dem Kutscher zu, nach
dem bezeichneten Orte zu fahren.

Da es inzwischen ein wenig geregnet hatte und sich der Tag berhaupt
empfindlich khl anlie, so vermieden wir, uns in den schnen Garten zu
setzen, der das Hotel auszeichnet, und begaben uns in den Speisesaal,
der, wie meistens um diese Stunde, ganz unbesucht war. Wir bestellten
unser Essen, das ich meinerseits in der aufgezwungenen Gesellschaft mit
verbissenem Ingrimm hinunterwrgte.

Man hatte uns schon den Kaffee gebracht, als pltzlich drauen im Garten
ein auffallend vornehmes Paar erschien: ein Herr und eine Dame, in welch
ersterem ich sofort Rber erkannte. Die beiden schienen unter sich
uneins, ob sie im Freien bleiben oder den Saal aufsuchen sollten.
Endlich gab die Dame kurzweg den Ausschlag, indem sie sich rasch an
einem kleinen Tische niederlie, der, von einigen Oleanderstcken
umgeben, ziemlich geschtzt in der Nhe der Saalfenster stand.

Mein Begleiter hatte die Ankmmlinge ebenfalls wahrgenommen und rief:
Oho! Wie kommen _die_ daher? Gewi nur, weil sie anderswo frchten
mten, gesehen zu werden.

Kennen Sie die Leute? fragte ich hinausblickend. Wir saen an der
Rckwand des nicht sehr breiten Saales in einer Art Nische, wo man uns
nicht leicht wahrnehmen konnte.

Ob ich sie kenne! erwiderte er, sich behaglich zurcklehnend. Das ist
ja dieser Rber, der in letzter Zeit so viel Geld macht.

Ich glaube, ich bin einmal irgendwo flchtig mit ihm zusammengetroffen.
Und ist die Dame seine Frau?

Seine Geliebte. Die gewesene Frau eines Brsensensals, der sich
ihretwegen erschossen hat. Eine Jdin. Sie war einmal unvergleichlich
schn, wie man noch jetzt bemerken kann.

Ihre Schnheit war mir allerdings sofort aufgefallen, und gerade in
diesem Augenblick zeigte sie mit einer Kopfwendung ihr ungemein
interessantes Profil: edelste, orientalische Zge, fast blutlos bleich;
aus dem kleinen weien Kapotehtchen, das sie trug, drngte sich
rckwrts, in kaum zu bndigender Flle, ein Wust von glanzlosen
dunkelschwarzen Haaren hervor.

Eine hchst gefhrliche Person, fuhr mein Nachbar fort. Herzlos, mit
einem kalten, messerscharfen Verstande. Dabei bizarr, phantastisch,
abenteuerlich. Eine unmgliche Zusammenstellung, werden Sie sagen -- und
doch ist es so.

Sie scheinen sehr genau unterrichtet zu sein.

Mein Gott, ich verkehre ja mit aller Welt und habe sie schon gekannt,
da sie noch ein junges Mdchen war. Bereits damals zeigte sich, was sie
werden wrde: ein Irrlicht, das nicht zu haschen, ein Mhlstein, der
nicht abzuschtteln ist. Sie htte inzwischen schon einen Frsten B...
heiraten sollen, und nur durch die grten Geldopfer von seiten der
Familie ist die Sache rckgngig geworden.

Sie besitzt also Vermgen?

Er lachte laut auf. Vermgen? Schulden! Denn es ist nicht anzunehmen,
da ihr neuer Verehrer diese vollstndig gezahlt hat. Sie ist nmlich
eine notorische Verschwenderin -- und zwar in einer Art und Weise, die
eigentlich schon ans Wahnwitzige streift. Das pflegt immer der Fall zu
sein, wenn der semitische Geist einmal ins Gegenteil umschlgt. In ihrer
Hand wrden Millionen zerrinnen. Was sie jetzt Herrn Rber kosten mag,
lt sich gar nicht beurteilen.

Aber ist er denn selbst so ungewhnlich reich, fragte ich, da er --

Reich! Er hat mit Lieferungen in die unteren Donaulnder reichlichen
Gewinn erzielt. Seit einiger Zeit operiert er mit einem gewissen
Malinsky, einem wahren Gauner, an der Brse. Bis jetzt allerdings mit
fabelhaftem Glcke. Wie lange es noch so fortgehen wird, ist die Frage.
Er soll brigens auch noch eine alte Geliebte in seiner Villa in
Hietzing bei sich haben. Eine Art Schriftstellerin. -- Wissen Sie davon
nichts? fragte er pltzlich argwhnisch.

Nein, erwiderte ich trocken und machte Anstalten, meine Zeche zu
begleichen. Denn ich glaubte zu bemerken, da man drauen, whrend zwei
Kellner mit unterwrfiger Dienstbeflissenheit ein ausgesuchtes Diner zu
servieren begannen, auf uns aufmerksam geworden war.

Sie wollen schon gehen? fragte mein Begleiter.

Ja; ich mu nach Hause. Ich habe noch allerlei zu ordnen und zu packen,
denn ich reise morgen von hier ab.

Ich hatte gefrchtet, er wrde sich mir wieder anschlieen, vielleicht
gar in meiner Wohnung eine zweite Zigarre rauchen wollen. Aber er regte
sich nicht und sah mich ganz gleichgltig an.

So? Sie reisen morgen? sagte er gedehnt. Nun, dann Gott befohlen! Ich
bleibe noch ein wenig. Es macht mir Vergngen, das Prchen da drauen zu
beobachten. Es sitzt sich hier wie in einer Loge.

Wir reichten einander flchtig die Hnde, und ich entfernte mich,
nachdem ich noch einen Blick auf Rber und seine neue Geliebte geworfen
hatte, welche eben bemht war, mit einem kurzen Messer, das sie in der
beringten Hand hielt, eine Krebsschere zu ffnen.

Noch den ganzen Abend beschftigte dieses unvermutete Zusammentreffen
meine Gedanken, und als ich am nchsten Morgen, bei strmendem Regen, im
Eisenbahnzuge durch die melancholischen Praterauen fuhr, da kam auch am
Fue des Kahlen- und Leopoldsberges fr einen Augenblick der stattliche
Vorort in Sicht, wo sich fr die schne Frau Stadler der
Schicksalsknoten geschrzt hatte. Wie wird es enden? dachte ich,
whrend jetzt der Zug mit beschleunigtem Laufe und schrillem Pfeifen in
die weite, trostlose Ebene hineindampfte.

                   *       *       *       *       *

Es endete nur zu bald -- und traurig. Was ich darber zufllig und
absichtlich in Erfahrung gebracht, kann hier in Krze erzhlt werden.

Das Glck war Rber nicht treu geblieben. Er verlor, verlor alles, was
er gewonnen -- und noch mehr. Aber er hatte, um sich aufrecht zu
erhalten, in letzter Zeit auch nach anvertrauten Geldern gegriffen: drei
namhafte Betrge waren sofort zu ersetzen, wofern er nicht den Gerichten
verfallen wollte. Woher aber die ntige Summe nehmen? Elsa brachte sie
zustande: sie ging -- ob nun gezwungen, oder aus eigenem Antriebe --
Conimor darum an. Und dieser erfllte ihr Begehren. Er hatte gerade die
Nacht zuvor im Wienerklub an einen hohen Aristokraten zweimal
hunderttausend Gulden im Spiel verloren; was lag daran, wenn Papa noch
ein Smmchen darauf legte, das doch kaum zur Hlfte jenes Verlustes
hinanreichte? Er konnte es ja wieder hereinbringen. Elsa erhielt also
das Geld und gab es Rber. Dieser nahm es -- und verschwand, ohne seine
Verpflichtungen zu erfllen. Mit ihm die neue Geliebte. Es mute alles
von langer Hand vorbereitet gewesen sein; denn sie waren spurlos
entkommen. Wie man annahm, nach Amerika; und in der Tat liefen zwei
Jahre spter von dorther Briefe und Geldsendungen an die
Verlusttragenden ein.

Was aber htte die arme Verlassene damals tun sollen? Die Villa war mit
Beschlag belegt worden; ihr selbst standen peinliche Vernehmungen --
vielleicht noch rgeres bevor, da man anfnglich nicht umhin konnte, sie
als die Mitwisserin jener strflichen Vorgnge anzusehen. Sie nahm also
zu dem Mittel ihre Zuflucht, das sie schon lange vorher zur
Beschwichtigung krperlicher Schmerzen in Anwendung gebracht und welches
sie jetzt rasch und mit einem Mal von allen Leiden befreien sollte. Sie
vergiftete sich mit Morphin.

Und was wrde Frauenlob gesagt haben, wenn er diesen vollwichtigen
Triumph seiner Vorhersagungen noch erlebt htte?! Aber er war vor Elsa
zu Grabe gegangen. Ein Lungenbel, zu dem er seit jeher veranlagt
gewesen, hatte sich in Berlin, wo er kmmerliche Tage fristete, rasch
entwickelt und ihn dahingerafft, ehe ihm noch die viel gepriesene
Heilkraft der Kochschen Lymphe eine trgerische Hoffnung htte gewhren
knnen.




                          Schlo Kostenitz.


                      Vorwort des Herausgebers.

Die noch nicht druckreifen Vorarbeiten zum _Schlo Kostenitz_ hat Saar
fr den Fall seines Ablebens der Frstin Salm oder seinem Schwager Dr.
Camill Lederer als Andenken vermacht, der letztere hat sie wiederum
Herrn Hofrat Maresch gewidmet, in dessen Besitz sie sich gegenwrtig
befinden. Wir erfahren aus ihnen, da die Novelle, die ursprnglich
_Schlo Reichegg_ und spter _Baronin Clotilde_ betitelt werden
sollte, mit der lteren: Haus Reichegg nicht blo inhaltlich verwandt,
sondern wirklich mit ihr aus einer Wurzel entsprossen ist. Saar scheint
einen ursprnglich fr die frhere Novelle bestimmten Eingang unter
lteren Papieren vorgefunden und an ihn angeknpft zu haben. Im Mrz
1890 hat er unsere Novelle in Kaltenleutgeben begonnen und dann in Raitz
im Sommer und Herbst fortgesetzt, ohne viel ber den Eingang hinaus zu
kommen, der wieder in einem Dutzend nur wenig verschiedener Abschriften
vorliegt. Der Held heit hier noch Gnthersdorff, der Graf
Poiga-Reuhofen; bei dem Versteck zwischen den Tren (Seite 281) wird auf
Latour namentlich angespielt und unter den Lieblingswerken der Baronin
auer der Amaranth von Redwitz besonders Hebbels Herodes und
Mariamne genannt. Vollendet wurde die Novelle in Raitz am 1. Mrz 1892;
sie erschien zuerst im Feuilleton des Abendblattes der Deutschen Zeitung
vom 27. Juli bis 19. August 1892 in acht Abschnitten (Nr. 7391-7414) und
schon wenige Monate spter, im Oktober 1892, aber mit der Jahreszahl
1893, als Einzeldruck (600 Exemplare), Karl von Thaler in alter
Freundschaft zugeeignet. Der Dichter, der die Novelle fr eine seiner
besten und fr sterreich bedeutsamsten Arbeiten hielt, wollte vier
Jahre spter (im Herbst 1896) den fnften und siebenten Bogen umdrucken
und bei Seite 123 des ersten Druckes einen Karton einlegen lassen, um
einige sehr kurze, aber hchst notwendige Verbesserungen anzubringen.
Als aber dann die zweibndige Ausgabe der Novellen aus sterreich 1897
(zweiter Band, Seite 309-393) zustande kam, stellte er das von ihm
bereits durchkorrigierte Exemplar fr diese zur Verfgung. Es ist nun
fr den Dichter, von dem man das sagen knnte, was W. Schlegel von
Calderon gesagt hat: da aus seinen Hnden nicht eine verwahrloste Zeile
hervorgegangen sei, hchst charakteristisch, wie geringfgig die
nderungen sind, um derentwillen er die Kosten eines Umdruckes nicht
scheute. S. 312 f. unserer Ausgabe redet der Graf die Baronin nur mehr
einmal mit Du an (Du liebst mich?), kehrt aber gleich wieder zum
Sie zurck, und die Worte: und da sie verzweiflungsvoll widerstrebte
sind hinzugefgt. S. 325 sind die Worte: Daher galt sie auch ....
Interesse ein, welche die Charakteristik der Baronin vervollstndigen,
an die Stelle der noch zum vorausgehenden Satze gehrigen Worte
getreten: da sie fallen wrde, ohne sich wieder erheben zu knnen.
Der Karton aber sollte Seite 337 einzig und allein um der drei Worte
willen: aller Wahrscheinlichkeit nach, eingelegt werden. In der
zweiten Auflage der zweibndigen Novellen aus sterreich 1904 (a. a.
O.) hat die Novelle nur mehr ganz unbedeutende Vernderungen erfahren.


                                  I.

In der Nhe eines Grenzgebirges, dessen westliche Auslufer sich dicht
bewaldet ins flache Land erstrecken, liegt auf miger Hhe ein weit
ausblickendes Schlo, das sich im Laufe der letzten Jahrzehnte nicht
allzu freundlich von dem Hintergrunde dunkler Tannen abgehoben hatte.
Denn die Mauern waren verwittert, die Fensterlden geschlossen, und um
das schweigende Portal wehte der Hauch der Verdung. Unten aber dehnte
sich die Ebene aus, damals wie heute, ein sonniges Bild regen,
werkttigen Lebens. Hart am Fue des Abhanges ein stattlicher
Marktflecken, in dessen Umkreise der schwarze Diamant, die Steinkohle,
geschrft und auf unbersehbaren Feldern, von nur schmalen Strichen
Kornes eingerahmt, die gelb blhende lpflanze und die zuckerspendende
Rbe gebaut wurden. Dazwischen, weithin zerstreut, einzelne Schachte und
Fabrikgebude, gegen deren geschwrzte Mauern und qualmende Schlote sich
hier und dort ein hellschimmerndes Landhaus umso lieblicher ausnahm. Von
dort herauf erklang tagsber, bald lauter, bald gedmpfter, das Gepolter
der Maschinen, das Brausen der Dampfkessel, der gellende Schall der
Werkglocken -- und verzitterte in den Wipfeln des Schloparkes, wo auf
dem verschlammenden, von Wasserrosen berdeckten Teiche ein einsamer
Schwan die stillen Kreise zog. --

Im Frhling des Jahres 1849 jedoch hatte dieser verlassene Herrensitz
einen noch ganz freundlichen Anblick dargeboten. Auch war gerade in
jener Zeit eine Anzahl von Arbeitern erschienen, um das Schlo, welches
von seinem damaligen Besitzer, dem Freiherrn von Gnthersheim, bis jetzt
nur im Sommer bentzt worden war, zu dauerndem Aufenthalte instand zu
setzen. Und bald konnte man auch in der Umgegend die Kunde vernehmen,
da der Freiherr des hohen Staatsamtes, das er bekleidete, enthoben
worden sei und sich nunmehr mit seiner Gemahlin fr immer hieher
zurckzuziehen gedenke. In der Tat kam eines Abends -- zu Anfang des
Juni -- auf der staubigen Landstrae ein mchtiger, mit Postpferden
bespannter Reisewagen in Sicht, welchen in frherer Zeit
schwarzbefrackte Honoratioren und weigekleidete Mdchen mit
Blumenstruen in den Hnden wrden erwartet haben, der aber jetzt, wo
die verbrausten Strme des Revolutionsjahres noch berall zerstrte und
unklare Verhltnisse zurckgelassen hatten, blo der Gegenstand einer
halb flchtigen, halb befangenen Neugier war. So geschah es, da der
Freiherr, als er mit seiner Gemahlin, einer noch jungen, leicht
verschleierten Dame, unter dem Portal aus dem Wagen stieg, nur von
seinem Verwalter und einigen Nebenbediensteten empfangen wurde. Spter
jedoch kam es in der Gaststube des Goldenen Lwen, wo sich die
hervorragendsten Brger und Ansassen des Ortes allabendlich einzufinden
pflegten, zu einer lebhaften Debatte ber die Frage, ob man dem
Schloherrn, wiewohl dieser nunmehr alle feudalen Hoheitsrechte
eingebt habe, nicht doch eine Ovation htte darbringen sollen. Denn es
unterlag keinem Zweifel, da er nur seinen liberalen Anschauungen, die
er bekanntermaen schon im Vormrz bettigt hatte, bei dem abermaligen
Umschwung der Dinge zum Opfer gefallen sei. Und in dieser Hinsicht
verdiene er jedenfalls die hochachtende Anerkennung, das
verstndnisvolle Bedauern aufgeklrter und nach wie vor freiheitlich
gesinnter Mnner. Eine direkte Kundgebung, das msse man nachtrglich
erkennen, wre allerdings bei dem reaktionren Drucke, der gegenwrtig
selbst auf dem platten Lande gebt werde und sich durch verschrfte
Polizeimaregeln jeder Art bemerkbar mache, nicht wohl tunlich gewesen,
keineswegs aber knne es verargt oder gar verwehrt werden, da man von
seiten der Brgerschaft dem Gutsbesitzer, zu welchem man seit Jahren in
einem weitverzweigten Pachtverhltnisse gestanden und noch stehe, einen
Hflichkeitsbesuch abstatte. Dabei wre man ja recht wohl imstande, die
eigentliche Absicht ^sub rosa^ kundzugeben, und somit sei auch dann jede
Versumnis -- wenn eine solche vorliege -- wieder gut gemacht. Diese
Anschauung, obgleich einige ngstliche und Gleichgltige dagegen
sprachen, wurde endlich mit Stimmenmehrheit zum Beschlusse erhoben,
worauf man daran ging, die Mitglieder der beabsichtigten Deputation und
deren Fhrer zu whlen.

Als dem Freiherrn am nchsten Vormittage das Erscheinen der Abgeordneten
gemeldet wurde, war er eben beschftigt, in seinem Arbeitszimmer --
einem hochgelegenen Gemache mit weiter Fernsicht -- einige notwendige
Einrichtungen zu treffen, und schien von der ihm zugedachten Ehre
keineswegs freudig berrascht zu sein, denn ein Schatten von Mimut
berflog sein Antlitz. Da es aber nicht anging, die Leute, welche sich
drauen durch anspruchsvolles Ruspern und Scharren mit den Fen
bemerkbar machten, unter irgend einem Vorwande abzuweisen, so lie er
sie, indem er eine wohlwollende Miene annahm, ohne weiteres eintreten.
Er ging ihnen einige Schritte entgegen, hrte die Rede des Sprechers,
der ein kleiner, beleibter Mann war, in vorgebeugter Haltung an,
errtete flchtig bei einigen bedeutungsvollen Stellen und dankte
schlielich mit etwas leiser, aber klarer und eindringlicher Stimme fr
die wohlwollenden Gesinnungen seiner Mitbrger. Sie zu rechtfertigen,
vermge er leider nicht mehr; berhaupt bleibe jetzt dem einzelnen
sowohl wie der Gesamtheit nichts anderes brig, als sich in schweigender
Ergebung zu fassen. Hierauf reichte er dem Fhrer die Hand zum Abschied
und geleitete die unter Bcklingen sich Entfernenden bis zur Tr. Allein
geblieben, trat er langsam an ein Fenster und blickte gedankenvoll in
den leuchtenden Tag hinaus. Der unvermutete, wenn auch an sich ganz
bedeutungslose Zwischenfall hatte doch, indem er Erinnerungen weckte,
lebhaft auf ihn gewirkt. Und wie da drauen am Horizont weie,
schimmernde Wolkenmassen emportauchten, so tauchte im Geiste des
verabschiedeten Staatsmannes die Vergangenheit auf .....

Der Freiherr von Gnthersheim war nicht von altem Adel. Sein Grovater,
einem brgerlichen Geschlechte entstammend, war unter der Regierung
Maria Theresias mit bescheidenen Anfngen in Staatsdienste getreten und
hatte sich im Verlauf der Jahre dem Kanzler Kaunitz derart verwendbar
erwiesen, da er whrend der Josephinischen ra zu immer hheren mtern
emporstieg. Sein Sohn betrat unter dem folgenden Herrscher die gleiche
Laufbahn und wurde spter ob seiner Verdienste zur Zeit der
franzsischen Invasion vom Kaiser Franz in den Freiherrnstand erhoben,
welcher Auszeichnung er durch den Erwerb einer Herrschaft in Bhmen, die
er von einem tief verschuldeten Kavalier unter sehr gnstigen
Bedingungen bernahm, auch eine reale Grundlage zu verleihen wute. Dem
Enkel war somit vorweg eine glnzende Zukunft erffnet. Ursprnglich zur
diplomatischen Karriere bestimmt, wurde er als noch ganz junger Mann
whrend des Wiener Kongresses in der Staatskanzlei verwendet, wo er
durch seine Fhigkeiten und seine erstaunliche Arbeitskraft die
Aufmerksamkeit Metternichs erregte. Der Frst zog ihn nunmehr nher an
sich heran, konnte ihn jedoch von der Richtigkeit des Regierungssystems,
das jetzt in sterreich mehr und mehr Platz griff, nicht berzeugen;
ihre Anschauungen gingen immer weiter auseinander, bis endlich der
Freiherr, bereits selbst in hherem Amte, zu jenen Persnlichkeiten
gehrte, die im Rate der Krone fortschrittliche Ideen entwickelten und
neue Institutionen ins Leben zu rufen trachteten. So war er denn auch
einer von denen, welche, trotz Rang und Wrden, die so pltzlich
ausgebrochene Mrzrevolution als erlsenden und verheiungsvollen
Umschwung begrten. In jener vielbewegten Zeit mit einer leitenden
Machtstellung betraut, mute er gleichwohl infolge der zunehmenden
revolutionren Ausschreitungen Verfgungen erlassen, die ihn in den
Augen der Volksfhrer freiheitsfeindlich erscheinen lieen und ihn eines
Tags in die Lage brachten, sich vor einem erregten Pbelschwarme, der
sein Wohnhaus umwogte und drohend eindringen wollte, mit seiner fast zu
Tode gengstigten jungen Frau in dem engen Zwischenraume einer Doppeltr
verborgen zu halten. Dennoch harrte er auf seinem Posten aus und
trachtete im Verein mit einigen Gleichgesinnten, den Kaiser, der sich
inzwischen nach Innsbruck begeben hatte, zur Rckkehr nach Wien zu
bestimmen, von welchem Schritte er Klrung der Verhltnisse und endliche
Beruhigung erwartete. Als aber trotzdem die Greuel der Oktobertage
folgten und der Hof nunmehr nach Olmtz zu fliehen gezwungen war, da
konnte er zu seinem tiefen Schmerze nicht umhin, denjenigen
beizustimmen, die schon in den ersten glorreichen Freiheitstagen das
Verderben und den Zerfall der Monarchie erblickt hatten. Er selbst mute
jetzt -- mit welchen Gefhlen! -- die einziehenden Truppen
Windisch-Grtz' und des Banus als Retter und Erretter begren, mute
erkennen, da die Regierung keine anderen Maregeln ergreifen konnte,
als jene, die nun ein hochmtig zufahrender, gewaltsamer Staatsmann an
die Hand gab und denen der Freiherr selbst zum Opfer gefallen war .....

Noch immer stand dieser in Gedanken am Fenster. Endlich machte er eine
Handbewegung, als wollte er sagen: Vorber! Dann griff er nach seinem
Hute und begab sich ber die breite, von seinen Schritten leicht
hallende Steintreppe in den Park hinab.

Still und sonnig lag das Parterre mit seinen bunten Blumenbeeten vor ihm
ausgebreitet. Er durchschritt es und bog in einen breiten Baumgang ein,
der, sanft ansteigend, immer tiefer in die Schatten einer knstlich
geschaffenen romantischen Wildnis hineinfhrte. Ringsumher zeigten sich,
in hchst mannigfaltiger Abwechslung, bemooste Felsenpartien, kleine
Teiche und Wasserflle, Grotten, Eremitagen, lauschige Bosketts mit
erffneten Fernsichten: alles schon zu Ende des vorigen Jahrhunderts
angelegt und durch ein zierliches Labyrinth von auf- und abfhrenden
Pfaden miteinander verbunden.

Jetzt hielt der Freiherr still. Er hatte eine freiere Hochflche
erreicht und stand vor einer groen Wiese, die sich, von Eichen und
alten Buchen umsumt, in leuchtender Einsamkeit ausdehnte. Am anderen
Ende ragte, dicht vor einem kleinen Birkenwldchen, ein sehr gerumiger,
etwas verwittert aussehender Pavillon auf, das Tirolerhaus genannt. Ein
hlzerner, gedeckter Gang umlief von auen das erste Stockwerk; die Tr
im Erdgescho stand offen, und auf einer daneben angebrachten Bank sa
die Gattin des Freiherrn, das Haupt durch einen breitrandigen
Florentiner Strohhut gegen die Strahlen der Sonne geschtzt. Ein
aufgeschlagenes Buch lag in ihrem Schoe; sie selbst aber blickte
trumerisch vor sich hin. So tief schien sie in sich versunken, da sie
den Nahenden lange nicht bemerkte, der nun quer ber das schwellende
Grn der Wiese auf sie zuschritt.

Endlich hatte sie sein Erscheinen wahrgenommen, erhob sich und ging ihm
mit etwas langsamen, aber hchst geschmeidigen Gliederbewegungen
entgegen. Ihr schlanker Wuchs, noch mehr aber ihre ganz ungewhnliche
Schnheit lieen sie um vieles jnger erscheinen, als sie in der Tat
war. Erst bei nherer Betrachtung erkannte man die vllig ausgereifte
Gestalt und jene etwas berschwellenden Formen, wie sie kinderlosen
Frauen eigen zu sein pflegen.

Jetzt stand sie vor ihm und schlang die weien Arme, die aus
langgeschlitzten Hngermeln hervorschimmerten, leicht um seinen Hals.

Du kommst spt, sagte sie, ihre groen Augen, die blau wie Kornblumen
waren, zu ihm aufschlagend. Ich habe dich schon lange erwartet.

Er erwiderte frs erste nichts und blickte nur in dieses Antlitz, das
bei aller rosigen Helle einen zart brunlichen Hautton aufwies und von
einem solchen Zauber war, da man es, auch nur einmal gesehen, nie
wieder vergessen konnte. Und er! Wie oft hatte er sich schon in den
unergrndlichen Reiz dieser weichen und doch mit feinster Bestimmtheit
geschnittenen Zge versenkt! Wie oft den sanften Bug der Nase, den
unbeschreiblichen Liebreiz der Lippenbildung bewundert -- und wie wurde
er stets aufs neue davon berrascht und entzckt! Endlich sagte er: Ich
bin zurckgehalten worden; es war eine Deputation bei mir.

Sie lie die Arme sinken. Eine Deputation? fragte sie betroffen.

Erschrick nicht, entgegnete er, indem er zrtlich mit seiner schon
etwas welken Hand ber eine der dunklen Haarwellen strich, die zu beiden
Seiten ihres Hutes hervorquollen. Es ist von gar keiner Bedeutung. Man
hat mir von seiten der Ortsgemeinde eine Huldigung dargebracht, von der
ich allerdings lieber verschont geblieben wre. Da sie aber jetzt, wie
alles andere, bereits hinter mir liegt, so will ich sie gewissermaen
als Abschlu meines ffentlichen Wirkens betrachten -- und nichts soll
frder unsern lieben Schlofrieden stren.

So hoffe ich! sagte sie, sich an ihn schmiegend. Und doch, fuhr sie
nachdenklich fort, frchte ich auch, da dir dieser Frieden, diese Ruhe
bald zur Last werden drfte. Du bist so an Ttigkeit gewhnt --

Ja, antwortete er, whrend er seinen Arm sanft um ihre Mitte legte und
sie langsam nach der Bank zurck leitete, auf die sich nun beide
niederlieen, ja, ich bin an Ttigkeit gewhnt -- aber ich bin auch
erschpft. Wer, wie ich, das Werk seines Lebens zusammenbrechen sah, der
fhlt, da er zu Ende ist und nicht etwa wieder von vorne anfangen --
oder gar nach einer anderen Richtung hin wirksam sein kann. So ist man
auch nur meinem eigenen Wunsche zuvorgekommen, als man mich, freilich
ziemlich ungndig, in den Ruhestand versetzte, und wenn mich heute noch
ein bitteres Gefhl beschleicht, so ist es nur die Folge der
berzeugung, da der Staat auf Bahnen zurckgeworfen wurde, die nie und
nimmer zum Heile fhren knnen. Wie unsicher, wie drohend erscheinen die
Verhltnisse! Des Aufstandes in Ungarn ist man noch nicht Herr geworden,
-- Konflikte mit Deutschland hinsichtlich der Machtfrage scheinen sich
vorzubereiten. sterreichs Zukunft ist es, was mich mit tiefer Sorge
erfllt. Knnte ich _darber_ beruhigt sein, so wrde ich mich glcklich
preisen, endlich mir selbst -- und meinem geliebten Weibe leben zu
knnen.

Er hatte bei diesen Worten ihre Hand erfat, um sie an die Lippen zu
fhren; sie aber bot ihm den Mund zu einem vollen, langen Kusse.

So ungleich auch das Paar erscheinen mochte, der Austausch dieser
ehelichen Zrtlichkeit hatte nichts Befremdliches. Denn der betagte
Mann, der die blhende Frau umschlang, gehrte zu jenen seltenen
Menschen, welche ohne Nachteil alt werden knnen. War auch sein Haar
ergraut, sein Scheitel gelichtet: seine schlanke, vornehme Gestalt war
aufrecht und beweglich geblieben, und der geistige Adel seiner Stirn,
der klare Blick seiner Augen wurden durch den fein sinnlichen Zug, der
die Lippen umspielte, keineswegs geschdigt, sondern nur noch
eindringlicher hervorgehoben. War er doch, als er zu Anfang der
Vierziger Jahre einem ffentlichen Verwaltungsamte vorstand, im
Volksmunde stets der schne Prsident genannt worden. Und damals
geschah es auch, da er sich, nahezu ein Fnfziger, in die Tochter eines
seiner ihm unterstehenden Rte beim ersten Anblick leidenschaftlich
verliebt, da er um sie geworben -- und ein freudiges Jawort erhalten
hatte. Er war viel zu klug, um nicht einzusehen, da dabei sein Rang und
seine Glcksgter sehr bedeutend in die Wagschale gefallen waren; aber
er hatte trotzdem die berzeugende Empfindung, da er seine kaum
zwanzigjhrige Braut auch durch die Vorzge seiner Persnlichkeit
fesselte und ihr durch die unverbrauchte Kraft seines im Innersten
jugendlich gebliebenen Wesens fast jene Liebe einflte, die er selbst
fr sie empfand. Ja, er wurde beglckt -- aber auch er beglckte. Daran
konnte, durfte er nicht zweifeln im Laufe einer nunmehr fast
zehnjhrigen Ehe. Aber wird dieser beseligende Zustand Dauer haben
knnen? Auch jetzt noch, da er nun in der Tat die Schwelle des
Greisenalters beschritten hatte? Und spter ....?

Diese Gedanken mochten es sein, die seine Stirn umwlkten und ihn mit
gedmpfter Stimme sagen lieen: Ja, ich werde hier glcklich sein,
Klothilde. Aber auch _du_?

Sie sah ihn berrascht an. Ich!? Wie kannst du nur daran zweifeln? Du
weit doch, wie sehr ich unser schnes Kostenitz liebe. Und jetzt, da
wir uns ganz hier einleben knnen -- was stets das Ziel meiner geheimen
Wnsche war -- jetzt sollte ich nicht glcklich sein knnen?

Er sah, da sie ihn nicht verstand. Ich meinte es auch nicht so, sagte
er leise. Ich zweifelte nur, ob du dich auch ferner an _meiner_ Seite
hier glcklich fhlen wirst.

Sie verfrbte sich leicht. An _deiner_ Seite? rief sie. Wie kommst du
zu dieser Frage, Alfons?

Er senkte das Haupt. Weil ich lter und lter werde -- und du noch im
vollen Zenith deines Lebens stehst.

Nun hatte sie ihn begriffen. Sie sprang auf, legte die Hnde auf seine
Schultern und blickte ihm erschreckt und vorwurfsvoll ins Antlitz.
Alfons, was willst du damit sagen? Wer gibt dir ein Recht, so zu
sprechen?

Meine innerste Empfindung, antwortete er demtig, indem er ihre beiden
Hnde ergriff und sie sanft an die Lippen fhrte. Verzeih' mir,
Klothilde! Es war gewi tricht, da ich dieser Empfindung Ausdruck
gegeben -- aber ich konnte nicht anders.

Sie stand vor ihm und sah ihm tief in die Augen. Mein Gott, ich fasse
es nicht. Hast du denn etwas an mir wahrgenommen, das dich zu solchen
Besorgnissen --

O nichts! Nichts! unterbrach er sie hastig. Du bist ein Engel an Gte
und Zrtlichkeit!

O dann, rief sie, dann begreife ich nicht, wie du dich mit solchen
Gedanken qulen kannst! Alfons! fuhr sie fort, indem sie jetzt, eh' er
es noch verhindern konnte, rasch an ihm niederglitt, knieend seine Hand
ergriff und wiederholt an die Lippen drckte. Alfons! Mu ich dir denn
erst versichern, da es kein glcklicheres Weib geben kann, als ich es
bin? Fhlst du denn nicht, wie innig ich dir angehre? Und nun gar hier,
ferne von den verwirrenden Eindrcken der Welt, in die ich mich, das
weit du, nie -- niemals habe finden knnen. O, hier kann sich ja unser
_beider_ Glck nur erhhen, und wenn dir, wie gesagt, die Unttigkeit
nicht zur Last wird, dann wird auch nichts den Himmel unserer Tage
trben!

Der Hut war ihr in den Nacken gesunken, und ihr schnes Haupt kam ganz
und voll zum Vorschein. Er streichelte mit Kosen die dunkle Haarflle,
die ihre zarte, schimmernde Stirn umflo. Kann es denn ein besseres Tun
geben, als still in deiner Nhe zu atmen? sagte er lchelnd, whrend er
sie mit sanfter Gewalt wieder auf die Bank emporzog. brigens ganz und
gar mig werde ich trotzdem nicht sein. Denn ich habe vor, die
Geschichte der Jahre zu schreiben, die ich im Staatsdienste zugebracht.
Sie wird vielleicht einem spteren Geschlechte zugute kommen.

Das ist ja herrlich! rief Klothilde vergngt aus. Werde doch auch ich
meine Beschftigungen -- oder Liebhabereien wieder aufnehmen, die mir so
lange verwehrt und verkmmert waren. Schon habe ich meine
eingetrockneten Aquarellfarben hervorgesucht -- und gleich morgen gehe
ich an die Landschaft, die ich bereits vor einem Jahre begonnen. Und wie
will ich mich wieder auf meinem Klavier ben! Jeden Abend sollst du eine
Sonate oder eine Symphonie zu hren bekommen.

Er lchelte ihr mit stiller Beistimmung zu.

Und wenn Tante Lotti kommt, dann sind wir auch nicht mehr so ganz
allein. Dann haben wir einen guten Hausgeist, der sich um alles kmmern
wird, was deine Frau vernachlssigt. Es ist dir doch recht, setzte sie
nach einer Pause hinzu, da ich sie gebeten habe, unser bestndiger
Gast zu sein?

Gewi. Die rmste verdient unsere ganze Teilnahme, und wir erfllen nur
eine Pflicht, wenn wir ihr nach all dem Unglck, das sie getroffen, bei
uns ein Asyl anbieten.

Sie ist so gut! fuhr Klothilde fort. Und dabei so umsichtig, so
tchtig! Wie bewundernswert hat sie nach dem frhen Tode ihres Mannes
ihren Sohn erzogen. Und welche Seelenstrke hat sie bewiesen, als sie
den hoffnungsvollen Jngling in ihren Armen verbluten sah.

Ja, dieser Kampf an der Taborbrcke, sagte der Freiherr nachdenklich,
war das Verhngnis der Revolution. Ich hatte den armen August gewarnt,
aber er konnte -- oder wollte nicht mehr zurck.

Sie sah, da sich die Stirn des Gatten umwlkte, und suchte seine
Gedanken abzulenken. Willst du dir nicht das Haus ansehen? fragte sie.
Ich habe mich darin schon wieder vollstndig eingerichtet. Komm, ich
werde dich fhren!

Sie stand auf, und er folgte ihr, indem er seinen Arm leicht unter den
ihren schob. Sie traten in den kleinen Flur und stiegen die knarrende
Holztreppe hinan, die nach einem nicht ungerumigen, wenn auch niederen
Gemach fhrte. Es war in lndlichem Geschmack mit Mbeln aus Naturholz
eingerichtet; an den Wnden hingen, dunkel eingerahmt, und schon
ziemlich verblat, Tiroler Gebirgsveduten; in der Mitte aber, ber einer
sauber geschnitzten, mit harten Kissen belegten Sitztruhe, prangte in
sorgfltig koloriertem Steindruck das Bildnis Andreas Hofers. Die ganze
Ausstattung rhrte noch von der Mutter des frheren Schlobesitzers her,
die einige Jugendjahre in Tirol zugebracht und zur Erinnerung an diesen
Aufenthalt das kleine Gebude hatte herstellen und mit Vorliebe betreuen
lassen. Sie pflegte, wie behauptet wurde, whrend ihrer letzten
Lebensjahre fast die ganze Tageszeit hier zuzubringen, und ein
anstoendes Zimmerchen zeugte von ihren sonstigen Gewohnheiten und
Liebhabereien. Dort war alles im zierlichen Stil des Empire
eingerichtet. Vor einem winzigen Kanapee stand ein putziges
Spieltischchen aus Ebenholz, an welchem die alte Dame Patience legte
oder mit ihrer Vorleserin eine Partie L'Hombre machte. Ein kleines,
brchiges Spinett hatte seinen Platz dicht am Fenster; auf der anderen
Seite befand sich eine offene Handbibliothek, die eine ganze Serie
lterer Dichter, wie Klopstock, Uz, Hagedorn, Gellert, enthielt; alles
in wohlerhaltenen altmodischen Einbnden von braunem Leder. Die Werke
Jean Pauls fanden sich vor, samt einem Exemplar der ersten Ausgabe des
Werther; auch einige Dramen Schillers und Tiedges Urania. Auf dem
gerumigen Tische des Eintrittszimmers lagen ebenfalls Bcher, die sich
durch frische und moderne Einbnde als Lektre der jetzigen Herrin zu
erkennen gaben.

Da siehst du nun alles beisammen, sagte Klothilde, nachdem sie
eingetreten waren, was ich auer dir zu meinem Glck brauche. Hier
meine geliebten Bcher, vor allen mein Lenau -- sie nahm den Band wie
liebkosend auf -- und dort meine Staffelei. Selbst das Klimperkstchen
da drinnen ist mir unschtzbar; denn ein paar Kleinigkeiten von Mozart
lassen sich immerhin darauf spielen.

Er stand jetzt vor der zierlichen Staffelei, an welcher die von
Klothilde erwhnte Landschaft zu erblicken war. Sie stellte ein
lauschiges, wipfelumschattetes Felsental vor; von der Hhe stubte ein
Wasserfall nieder. Im Vordergrunde fanden sich einige Frauengestalten in
idealer Gewandung angedeutet.

Daran erkennt man doch gleich die Schlerin Markos, sagte der
Freiherr, das Bild betrachtend.

Es war so. Klothilde hatte als ganz junges Mdchen von diesem Meister,
der, wie in jenen Tagen viele seiner Kunstgenossen, zu solchem
Nebenverdienst greifen mute, Unterricht erhalten. Man konnte sie begabt
nennen; aber ber den Dilettantismus erhob sie sich nicht, wie denn
berhaupt ihre ganze Bildung, den Zeitverhltnissen entsprechend, der
Grndlichkeit entbehrte. Nur die zugnglichste Oberflche des Wissens
hatte sie in sich aufgenommen mit dem feinen Instinkte der damaligen
Frauen, welche an geistiger Empfnglichkeit die Mnner fast durchgehends
berragten. So gingen denn die Kenntnisse Klothildens nicht sehr weit
ber das hinaus, was ihr durch die gleichzeitige schne Literatur
vermittelt wurde, und auch da war es eigentlich nur das schwermtig
sentimentale Element, das sich in den Dichtungen Lenaus, oder das Zarte
und Sinnige, wie es sich in den Studien Adalbert Stifters aussprach, was
sie unmittelbar anzog; der tiefe Gehalt unserer Klassiker war ihr mehr
oder minder verschlossen geblieben. Hingegen zeigte sie sich musikalisch
ungemein stark veranlagt und auch umfassend ausgebildet. War doch in
ihrem Vaterhause, mehr als heutzutage blich, die Kammermusik gepflegt
worden, und Klothilde selbst hatte stets am Klavier an diesen
liebevollen bungen teilgenommen. Vor allem waren es die
unerschpflichen Tonschtze Beethovens, an denen man sich immer wieder
entzckte, und so besa sie fr diesen Meister nicht blo die
begeistertste Verehrung, sondern auch das tiefste Verstndnis.

Hier werde ich nun wieder meine Vormittage zubringen, sagte sie jetzt.
Wie dankbar bin ich der guten Grfin, deren Geist mich in diesen Rumen
umschwebt, da sie das reizende Huschen entstehen lie!

Nun, nun, erwiderte der Freiherr scherzhaft, indem er sich unter dem
tapferen Sandwirte niederlie, ich werde noch ganz eiferschtig werden
auf dieses Buen Retiro, welches berdies so einsam gelegen ist, da du
mir ganz leicht eines Tages geraubt werden kannst.

O ich frchte mich nicht! lachte sie. Du weit, wie ngstlich ich
bin; aber hier fhle ich mich so sicher, wie in deinen Armen.

Sie hatte sich zu ihm gesetzt, und beide blickten nun schweigend durch
eine offenstehende Flgeltr in das leuchtende Grn hinein, das drauen
ber dem Gelnder des Ganges zum Vorschein kam. Eine Biene surrte ins
Zimmer herein und umkreiste langsam einen Strau von Wiesenblumen, der,
offenbar von Klothilde gepflckt, in einer altmodischen Vase vor ihnen
stand.

Pltzlich erklang in der Ferne der schrille Ton einer Glocke.

Wie rasch die Zeit vergeht! rief Klothilde. Man lutet schon zu
Tisch.

Offen gestanden, mir nicht ganz unerwnscht, sagte der Freiherr, indem
er sich erhob. Ich spre bereits die Wirkungen der Landluft.

So verlieen sie denn das kleine Haus und schritten gemchlich, die
schattigsten Laubgnge whlend, dem Schlosse zu.

Wenn es dir recht ist, sagte Klothilde, indem sie sich zutraulich an
seinen Arm hngte, so machen wir nachmittags gleich unseren ersten Gang
in den Wald. Wie lange schon haben wir ihn nicht mehr betreten! Willst
du?

Gewi, erwiderte er; alles was _du_ willst.

Bald darauf betraten sie das Ezimmer im Erdgeschosse. Es war ein
khler, weit gewlbter Raum, wo sich das Paar allerdings etwas
vereinsamt ausnahm. Ein wrdig aussehender Kammerdiener reichte mit
zeremoniellem Ernst die Speisen dar.

Nachdem der Freiherr die gewohnte Siesta gehalten, brachen sie nach dem
Walde auf, der hinter dem Schlosse lag. Ein kleines Hinterpfrtchen in
der Umfassungsmauer des Parkes, das der Freiherr aufschlo, fhrte
zuerst auf ein Feld hinaus, wo die hren, von rotem Mohn durchleuchtet,
bereits eine gelbliche Frbung angenommen hatten. Sie durchschritten es
auf einem schmalen Pfade, dann traten sie in das duftige Bereich des
Nadelholzes. Langsam bewegten sie sich im Anstiege fort, bis sie endlich
eine Waldble erreicht hatten, wo eine alte, breitstige Fhre
aufragte. Eine Ruhebank stand davor, und an dem rtlich grauen Stamm war
ein Bild zu sehen: das schne, leidvolle Antlitz einer ^mater dolorosa^.
Klothilde selbst hatte es vor einigen Jahren nach einem lteren Meister
kopiert und an ihrem Lieblingsbaume angebracht. Trotz einer schtzenden
berdachung hatten die Gouachefarben bereits gelitten und Klothilde nahm
sich vor, nchstens ihren Malkasten mitzunehmen und den Schaden
auszubessern.

Die Sonne stand schon tief, als sie wieder in das Schlo zurckkehrten.
Nach einer kurzen Trennung fanden sie sich wieder im Salon zusammen.
Drauen hatten sich die Fluren bereits in Dmmerung gehllt, die der
Schimmer des zunehmenden Mondes leicht durchbrach. Bald wurden die
Lampen gebracht, und man nahm den Tee, worauf sich Klothilde am Klavier
niederlie und die Mondscheinsonate zu spielen begann. Zauberhaft
quollen die Tne unter ihren Hnden auf und drangen durch die offene
Altantr in die schweigende Landschaft hinaus, welche jetzt von dem
sanften Silbergestirn immer leuchtender erhellt wurde. Und als dann
spter die beiden Gatten auf dem Altan standen und in die azurene Nacht
emporblickten, da wlbte sich der Himmel mit seinen unzhligen Sternen
wirklich ber zwei glcklichen Menschen.


                                 II.

Drei Wochen waren den Bewohnern des Schlosses auf solche Art in sanfter
Gleichmigkeit dahingegangen. Der Sommer hatte sich inzwischen zu
seiner eigentlichen Hhe erhoben, und der Duft der blhenden Linden
schwamm weithin in der Luft. Der Freiherr verbrachte nunmehr die
sonnedurchglhten Stunden des Tages in seinem nach Norden gelegenen
Arbeitszimmer, wo er bereits allerlei Material zu seinen
Denkwrdigkeiten aufgesammelt hatte; seine Gattin aber hielt sich dann
in ihrem Sommerhause auf, wo sie eine Art geschftigen Traumlebens
fhrte. Sie sa an der kleinen Staffelei und strichelte zierlich an
ihrer idealen Landschaft, und wenn es in den niederen Rumen allzu
schwl wurde, so nahm sie eines ihrer Lieblingsbcher und lie sich
unter den schattenden Birkenwipfeln nieder, zuweilen mit sinnendem Aug'
dem Fluge der Schwalben folgend, die im Zick-Zack ber die Wiese
hinschossen, oder dem Rufe des Kuckucks, lauschend, der aus dem Walde
herbertnte.

Eines Tages, als das Ehepaar eben abgespeist hatte, wurde vom
Kammerdiener mit dem Kaffee ein versiegeltes Schreiben gebracht, das fr
den Freiherrn bestimmt war. Es enthielt die Mitteilung des
Gemeindevorstehers, da der Marktflecken Einquartierung zu erwarten
habe. Und zwar den Stab und die erste Division eines Dragonerregiments,
welchem der hiesige Landbezirk als Kantonierungsstation angewiesen sei.
Dem Orte falle es natrlich nicht allzu schwer, die Offiziere und
Mannschaften unterzubringen; hinsichtlich der Pferde jedoch gebe es
groe Schwierigkeiten, daher man den Freiherrn ersuchen msse, die
bekanntlich sehr ausgedehnten Stallrume des Schlosses zur Verfgung zu
stellen. Man wrde auf ungefhr dreiig Pferde rechnen.
Selbstverstndlich wren dann auch die betreffenden Reiter aufzunehmen,
die jedoch in den Stllen selbst unterkommen knnten. Auch wre man sehr
dankbar, wenn Seine Exzellenz so liebenswrdig sein wollte, einen oder
zwei der Herren Offiziere zu beherbergen, unter denen, wie man in
Erfahrung gebracht, einige vom hohen Adel sich befnden. Man
beabsichtige in dieser Hinsicht selbstverstndlich keinen Zwang, bitte
aber um mglichst raschen Bescheid, da die Truppe schon morgen hier
einrcken werde.

Der Freiherr hatte das Schreiben mit zunehmendem Stirnrunzeln gelesen
und zgerte jetzt, seiner Gemahlin den Inhalt bekannt zu geben. Da sie
ihn aber doch erfahren mute, so berreichte er ihr das Blatt, welches
sie, nachdem sie es rasch berflogen, auf den Tisch sinken lie.
Soldaten! rief sie aus, whrend nach und nach ein tiefes Errten in
ihrem Antlitz zum Vorschein kam.

Ja, Soldaten! erwiderte er in erzwungen resolutem Tone. Kriegsvolk
und Landesplag', setzte er bitter scherzhaft, Heine zitierend, hinzu.
Unser stiller Schlohof wird morgen einem lrmenden Feldlager
gleichen.

Und mssen wir uns denn dem Auftrage unterziehen? fragte sie, ihn
angstvoll ansehend.

Allerdings, mein Kind, antwortete er nach kurzem Schweigen. Wir haben
unseren Teil der gemeinsamen Lasten ohne Widerrede zu tragen. Auch lt
sich nicht leugnen, da unsere Stallungen leer stehen, da ja die ganze
Feldwirtschaft verpachtet ist. Wir mssen also die Leute aufnehmen.

Und die Offiziere? fuhr sie zgernd fort. Man hat uns in dieser
Hinsicht zu nichts verpflichtet.

Gewi. Aber wohl erwogen, knnen wir auch dieses Ersuchen nicht von der
Hand weisen. Es wrde illoyal -- zum mindesten seltsam erscheinen.
Angenehm kann es mir nicht sein, das begreifst du. Wren es noch
Offiziere schlechthin, so wrde sich die Sache auch einfacher gestalten;
aber es sind, wie in dem Blatte zu lesen, auch welche vom Hochadel
darunter, und man wird nicht ermangeln, uns gerade _diese_
heraufzusenden. Das ist fatal. Du weit, ich habe zur Aristokratie seit
jeher, nicht blo infolge meiner Anschauungen, sondern auch als
Emporkmmling auf gespanntem Fue gestanden, wenngleich es meine
Stellung mit sich brachte, da ich mit den Leuten, soweit es not tat,
verkehren mute. Aber da es nun nicht anders geht, so sollen sie in
Gottes Namen kommen!

Und wo werden wir sie unterbringen?

Auch dafr wird sich Rat schaffen lassen. Steht doch der kleine Anbau
des linken Flgels, in welchem sich frher das herrschaftliche Gerichts-
und Rentamt befand, vollstndig leer. Es enthlt zwei ganz bequeme
Wohnungen, die auch, wie ich glaube, zur Not eingerichtet sind; auerdem
kann man einiges hinberschaffen lassen. Und somit, fuhr der Freiherr
fort, indem er aufstand und entschlossenen Schrittes auf und nieder
ging, somit ist die Angelegenheit erledigt. Zu einem gesellschaftlichen
Verkehr sind wir nicht verpflichtet; auch pflegen die Herren, die gerne
ungezwungen unter sich bleiben, einem solchen meistens selbst
auszuweichen.

Sie erwiderte nichts und blieb in unruhiges Nachdenken versunken.

Er trat auf sie zu und legte die Hand beruhigend auf ihren Scheitel.
Nimm diesen Zwischenfall nicht so tragisch, Klothilde, sagte er. Er
wird vorbergehen wie vieles andere. Freilich, fuhr er mit einem
leichten Seufzer fort, es ist kein gutes Vorzeichen, da der idyllische
Zustand, in den hinein wir uns versetzt haben, so rasch gestrt wurde.
Die ereignislosen Tage, wie sie sich in frherer Zeit so behaglich
abgewickelt haben, sind eben vorber. Brennende politische Fragen,
bedeutungsvolle soziale Probleme sind zu lsen, und die Geschichte der
Staaten wird vielleicht bald eingreifende Vernderungen zu verzeichnen
haben. Schon jetzt, scheint es, nehmen die Verhandlungen mit Preuen
einen ernsteren Charakter an, und das fr morgen erwartete Regiment
drfte nicht das einzige sein, das an die Grenze gezogen wird; ich
glaube, da man von unserer Seite eine militrische Demonstration
beabsichtigt.

Sie hatte ihm mit dem Ausdruck stiller Verzweiflung zugehrt. Aber was
haben wir damit zu schaffen, Alfons? rief sie. Das alles geht dich ja
gar nichts mehr an!

Liebes Kind, erwiderte er mit sanftem Ernste, den Wellenschlgen der
Zeit kann sich auch der am fernsten Stehende nicht entziehen.

Er hatte bei diesen Worten den Klingelzug ergriffen, der den
Kammerdiener herbeirief. Dieser erhielt nun den Auftrag, den Verwalter
in Kenntnis zu setzen, da ihn der Freiherr sofort auf seinem Zimmer
erwarte. Hierauf stiegen die beiden Gatten schweigend die Treppe nach
dem ersten Stockwerke hinan. Im Vestibl trennten sie sich, wie
gewhnlich um diese Zeit, und jedes begab sich nun in seine Gemcher.

Als sich Klothilde in den ihren befand, sank sie in einen Fauteuil und
berlie sich den wogenden Empfindungen, die sie bestrmten. Ja, auch in
diesem reinen Herzen gab es Widersprche; auch in dieser so ungemein
glcklichen Ehe fand sich eine Untiefe, welche die junge Frau bis jetzt
angstvoll vor sich selbst verheimlicht hatte und von der jetzt mit einem
Mal der verhllende Schleier weggerissen war!

So sehr Klothilde an ihrem Gatten hing, so sehr sie ihn verehrte und
hochhielt: _eine_ Seite seines Wesens gab es, ber welche sie anders
dachte, die sie anders empfand, als er. Das waren seine liberalen
Grundstze. Anfnglich hatte sie diese kaum begriffen und um so weniger
Gewicht darauf gelegt, als ja auch der Freiherr keineswegs mit solcher
Anforderung an seine junge Frau herangetreten war. Erst nach Ausbruch
der Mrzbewegung erhielt Klothilde deutliche Vorstellungen und
Eindrcke, welche sie dem Gange der Ereignisse innerlich mehr und mehr
entfremdeten. Die ersten jubelnden Umzge mit Fahnen und Fackeln, die
Uniformen der Nationalgarde, die wallenden Hutfedern der Studentenlegion
schienen ihr wesenlose Maskerade, die sie oft im stillen belchelte.
Doch sie verschwieg ihre Meinung, um den Gatten, der dies alles so hoch
nahm, nicht zu verletzen, und um keinen Preis htte sie gewagt, ihn etwa
beeinflussen oder umstimmen zu wollen, selbst dann nicht, als sie spter
den furchtbaren Ernst jener Tage erkannte und schaudernd miterlebte.
Aber so kam es auch, da sie die siegreich einziehenden Truppen mit ganz
anderen Empfindungen begrte als der Freiherr, und da ihr Blick
dankbar und mit stillem Wohlgefallen auf den krftigen Gestalten, den
wettergebrunten Zgen der Marsshne ruhte, die jetzt alle Pltze und
Straen der Stadt so reich belebten. Wie oft wurde sie, die frher,
gleich den meisten Mdchen und Frauen Wiens, vor jeder Uniform eine
eigentmliche, oft verletzend sich kundgebende Scheu empfunden hatte,
durch vernehmbares Sbelgeklirr ans Fenster gelockt, um sofort, tief
errtend, vor den flammenden Blicken vorbergehender Offiziere wieder
zurckzutreten. Und da hatte sie auch, zum erstenmal in ihrer Ehe, die
Entdeckung gemacht, da sie ein empfngliches Herz besitze, da sie
dieses Herz aufs strengste berwachen msse. Sie fhlte, da sie bereits
auf dem Wege war, ihrem Gatten in Gedanken untreu zu werden, und deshalb
hatte sie auch diesmal das Schlo und seine Abgeschiedenheit doppelt
freudig begrt. Ja, hier in dieser seligen Stille, bei ihrer Staffelei,
bei ihren Bchern, von hehren Tnen umrauscht, konnte ihr nichts
Verwirrendes nahen, konnte sie niemals sich selbst, niemals ihrer
Pflicht untreu werden! Und nun war die Gefahr pltzlich so nahe -- so
entsetzlich nahe gerckt!

Es benahm ihr den Atem. Sie stand auf und ffnete eines von den
Fenstern, welche, um die Hitze des Tages abzuhalten, samt den Jalousien
geschlossen waren. Es war zum Ersticken im Zimmer. Aber auch von drauen
schlug ihr dumpfe Schwle entgegen. Sie blickte hinaus. Kein Blatt regte
sich, rings umher brtete es wie ein Gewitter.

Unruhig bewegte sie sich im Zimmer bald hierhin, bald dorthin, nahm ein
Buch zur Hand und versuchte zu lesen; aber es gelang ihr nicht.

Gegen Abend trat der Freiherr bei ihr ein. Er hatte dem Verwalter die
ntigen Auftrge erteilt, hatte nunmehr selbst nachgesehen und alles in
Ordnung gefunden. Du aber, armes Herz, scheinst dich noch immer nicht
beruhigt zu haben, schlo er seinen Bericht.

Sie erwiderte nichts, und schmiegte sich nur, wie Schutz suchend, an
seine Brust.

Nun, ich begreife es wohl, fuhr er fort. Ist mir doch selber recht
peinlich zumute. Aber komm, gehen wir jetzt zum Tee. Und zur Feier des
bevorstehenden Ereignisses kannst du uns dann die Eroica spielen!

Er hatte dies, um sie aufzumuntern, in satirisch scherzhaftem Tone
gesprochen; sie aber streckte abwehrend die Hnde aus und rief: Nein,
nein, heute nicht!

Nun, freilich, sie wrde ja gar nicht passen! Also etwas Lustiges! Etwa
einen Marsch aus Vielka oder ein paar Lannersche Walzer.

Trotz dieser Erheiterungsversuche blieb die Stimmung eine gedrckte, und
als sich Klothilde spter doch an den Flgel setzte, wurde sie schon bei
den ersten Tnen, die sie anschlug, von rollendem Donner unterbrochen.
Das Gewitter, welches in der Tat langsam und zgernd heraufgestiegen
war, kndigte jetzt seine unmittelbare Nhe an. Ein Blitz zuckte durch
die Nacht, whrend ein heftiger Windsto die halb offen stehende Glastr
weit aufri.

Der Freiherr stand auf, um sie zu schlieen. Das erste Gewitter dieses
Sommers, sagte er hinausblickend. Es droht recht arg zu werden.

Wirklich folgte schon Blitz auf Blitz, die Landschaft taghell
erleuchtend; immer nher, immer mchtiger erscholl der Donner, und
chzend warfen sich die dunklen Wipfel der Bume im Sturm hin und her.

Klothilde war an die Seite ihres Gatten getreten und betrachtete mit ihm
das furchtbar prchtige Schauspiel, bis sie sich endlich mit leichtem
Beben geblendet abwandte.

Komm, sagte er, machen wir Nacht und lassen bei geschlossenen Lden
die Elemente sich austoben.

Ihre Schlafgemcher grenzten aneinander. Um das Schlo heulte der Sturm,
rauschte der Regen, hallte der Donner -- und so blieben sie noch lange
wach.


                                 III.

Dem nchtlichen Gewitter war kein heiterer Morgen gefolgt. Ein rauher
Nordwind sauste noch immer durch die Wipfel und trieb am Himmel dstere
Wolken vorber, die sich in heftigen Gssen entluden. So lie sich denn
der Tag fr die Erwachenden keineswegs freundlich an, und in
schweigender Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, wurde das
Frhstck eingenommen. Die Reiter, so hie es, wrden schon um zehn Uhr
in den Ort einrcken, und diesem Augenblicke sah die Dienerschaft
keineswegs so unfroh entgegen, wie die Herrschaft, denn mit den Soldaten
kam ja Leben und Abwechslung in die de Stille und Einsamkeit des
Schlosses herauf. Besonders der weibliche Teil gab eine sehr auffallende
Erregung kund. Schon als die Kammerzofe des morgens das Zimmer der
Freifrau betrat, konnte diese wahrnehmen, da sich das Mdchen viel
zierlicher als sonst gekleidet hatte; aber auch in der Kche erschienen
die Mgde in ihrer Weise herausgeputzt und liefen in unntzer
Geschftigkeit hin und her, whrend selbst die betagte wohlbeleibte
Kchin eine frische Haube mit bunten Bndern aufgesetzt hatte. Nur der
Kammerdiener bewahrte unerschtterlich seine vornehme Ruhe, und der
Kutscher des Freiherrn, ein hagerer, ziemlich steifer Rosselenker,
machte sogar ein etwas verdrieliches Gesicht, da ihm nunmehr eine
bedenkliche Schmlerung seiner Hoheitsrechte im Stalle bevorzustehen
schien.

So kam die zehnte Stunde allmhlich nher. Der Himmel hatte sich
inzwischen aufgeklrt, und die Gatten traten auf den Altan hinaus. Von
dort hatte man ja die Landstrae in Sicht, die sich, soweit das Auge
reichte, in mehrfachen Krmmungen durch die Fluren hinzog, und auf
welcher nunmehr die Reiter heranrcken muten. Und wirklich, dort in
uerster Ferne funkelte es mit einem Male wie Feuer auf. Das waren die
Helme, welche die hervorbrechenden Sonnenstrahlen auffingen und
widerspiegelten. Und schon kam die Truppe mit ihren weien Mnteln zum
Vorschein, gleich einer seltsamen, hell gleienden Riesenschlange sich
nher und nher windend. Schon konnte man die einzelnen Pferde, konnte
die Offiziere von der Mannschaft unterscheiden, konnte die Standarte
wahrnehmen, die in ihrem berzuge von schwarzem Wachstuch in die Luft
ragte. Und nun ein helles Trompetensignal. Kommandorufe ertnten; die
Sbel fuhren blitzend aus den Scheiden -- und in geschlossenen Reihen,
unter langgezogenen Fanfaren zogen die Schwadronen in den Marktflecken,
ein, von welchem aus bereits eine Menge Volks entgegengelaufen war.

Da sind sie, sagte der Freiherr, und trat mit Klothilde in den Salon
zurck. Es wird noch eine Weile dauern, bis wir unseren Teil zu Gesicht
bekommen.

Wir wollen es abwarten, entgegnete sie, den Schal, den sie ber ihren
Morgenanzug geworfen hatte, frstelnd ber der Brust zusammenziehend.
Dann ging sie, um sich fr den Tag anzukleiden.

Er aber setzte sich an ein Fenster und blickte erwartungsvoll hinaus.

Es zeigte sich lange nichts; nur der Regen fiel in Strmen auf die Pfade
der Avenue. Die Dragoner hatten offenbar unten auf dem Marktplatze
Aufstellung genommen, und die Bequartierung ging jetzt allmhlich vor
sich. Von Zeit zu Zeit drang ein Trompetensignal durch die Stille.

Nun aber wurden Hufschlge vernehmbar, und es dauerte nicht lange, so
kam ein kleiner Trupp in raschem Trabe die Avenue heraufgeritten. Die
Pferde ber und ber mit Kot bespritzt, triefend von Nsse. Voran ein
Offizier auf einem schlankfigen Rappen, den Mantelkragen
emporgestlpt, so da unter dem Helm nur eine khn geschwungene Nase und
zwei dunkle Augen, die rasch und flchtig nach den Schlofenstern
aufblickten, zum Vorschein kamen. Ein Reitknecht mit zwei in Decken
gehllten Handpferden folgte; ganz zuletzt kam ein leichter Fourgon
nachgefahren.

Der Verwalter, der den Auftrag erhalten hatte, die Ankmmlinge zu
empfangen, war ihnen schon entgegengeeilt und lenkte sie jetzt seitwrts
um das Schlo herum nach dem Hofe, wo sich die Stlle und das Amtshaus
befanden.

Nach einiger Zeit erschien er bei dem Freiherrn, der mittlerweile sein
Zimmer aufgesucht hatte, mit der Meldung, da alles aufs beste
untergebracht sei. Nur _ein_ Offizier sei gekommen, und zwar ein
Rittmeister, dessen Leutnant krank in der letzten Station
zurckgeblieben sei. Die betreffende Wohnung habe man dem Wachtmeister
eingerumt, der wahrscheinlich seine Stelle vertrete.

Als der Verwalter sich entfernt hatte, trat bald darauf der Kammerdiener
ein und berreichte eine Karte. Der Freiherr nahm sie und las:
Rittmeister Graf Poiga-Reuhoff.

Der Herr Graf, berichtete der Kammerdiener, habe durch seinen Reitknecht
anfragen lassen, ob er noch im Laufe des Vormittags die Ehre haben
knne, Seiner Exzellenz aufzuwarten, was der Freiherr in verbindlichster
Weise bejahte. Hierauf begab er sich in das erste Stockwerk hinunter, um
Klothilde in Kenntnis zu setzen. Sie befand sich in ihrem
Ankleidezimmer, und er klopfte leise an die Tr. Bist du allein?
fragte er.

Ja. Ich bin im nchsten Augenblick bereit --

Er setzte sich, die Karte in der Hand, auf einen Stuhl.

Klothilde erschien bald. Sie sah etwas bleich, aber wundervoll aus in
einem hochgeschlossenen Kleide aus braunem Foulard mit mattem Goldglanz.
Eine durchsichtig weie Halskrause hob den Schmelz ihres Antlitzes.

Der Freiherr betrachtete sie unwillkrlich mit Bewunderung, sagte jedoch
nichts und berreichte ihr blo die Karte.

Sie warf einen Blick darauf: Ein Graf? sagte sie dann.

Wie vorausgesehen. Wenn ich nicht irre, sind die Poiga in Bhmen -- in
der Nhe Prags begtert. Er will uns sofort einen Besuch machen.

_Uns?_ Mu ich dabei sein?

Gewi. Man mte sonst eine Ausrede ersinnen. Und wozu -- da du ihn
doch einmal wirst kennen lernen mssen.

Es ist wahr, erwiderte sie gefat. Wir sind eigentlich recht tricht.
Ich habe inzwischen darber nachgedacht und gefunden, da wir allzuviel
Gewicht auf diese Einquartierung legen.

Du hast recht, erwiderte er mit zustimmendem Lcheln, wir benehmen
uns, als htten wir niemals im Leben mit Menschen verkehrt.

Sie begaben sich in den Salon. Auf einem Tische lagen Zeitungen und
Briefe, die mit der Post gekommen waren. Auch ein Brief an Klothilde
fand sich vor, bei dessen Anblick sie ausrief: Von Tante Lotti!

Sie setzte sich und begann das ziemlich umfangreiche Schreiben zu lesen,
whrend der Freiherr die Zeitungen durchbltterte.

Jetzt rief sie: Wie schade! Lotti schreibt mir, da sie vor halbem
August nicht bei uns eintreffen kann; es sind wichtige Angelegenheiten,
die sie bis dahin in Wien zurckhalten. Und gerade jetzt wre sie uns
von groem Nutzen!

Allerdings, erwiderte der Freiherr. Sie ist eine praktische Frau, die
nicht viele Umstnde macht.

So ging die Zeit hin, und die Turmuhr holte gerade aus, die zwlfte
Stunde zu schlagen, als vom Korridor herein Tritte und Sporengeklirr
vernehmbar wurden.

Man kommt, sagte der Freiherr, indem er sich erhob und dem nunmehr
Eintretenden, welchem der Kammerdiener die Tr geffnet hatte,
entgegenging.

Auch Klothilde stand auf und richtete die Augen scheu auf die hohe,
mnnlich schlanke Gestalt, die der knapp anliegende weie Uniformrock
sehr vorteilhaft hervorhob.

Gestatten Sie, Exzellenz, begann der Graf, indem er sich leicht
verbeugte und die schne Frau mit einem raschen Blick streifte,
gestatten Sie, da ich mich persnlich vorstelle. Es hat sich nun
einmal gefgt, da wir in Ihren Burgfrieden einbrechen muten, und es
braucht wohl keiner Versicherung, da ich selbst an dieser unliebsamen
Strung keine Schuld trage.

Der Freiherr erwiderte einige verbindliche Worte und bat den Grafen,
Platz zu nehmen.

O ich wei, sagte dieser, whrend er sich in einem Fauteuil niederlie
und Klothilde, die sich auf das Sofa gesetzt hatte, ganz und voll ins
Auge fate, ich wei und begreife sehr wohl, da derlei berflle
hchst lstig sind. Aber was will man tun? Man mu sie eben wohl oder
bel hinnehmen. Sie drften brigens, fuhr er, den Kopf hochmtig
zurckwerfend, fort, nicht allzuviel zu leiden haben. Meine Dragoner
sind ehrliche Mhrer, also im ganzen stille und zurckhaltende Leute,
die mit ihren heimischen Mehlklen vollstndig zufrieden sind. Und was
meine Person betrifft, so bitte ich, auf mich nicht die geringste
Rcksicht zu nehmen. Ich habe nur sehr wenige Bedrfnisse und fhre das
Notwendigste, wenn es nur einigermaen angeht, stets mit mir. Speisen
werde ich unten an der Wirtstafel mit den Offizieren. Sie sehen also,
schlo er, stolz ablehnend, da ich auer der hchst angenehmen
Wohnung, die Sie mir zur Verfgung gestellt, auf Gastfreundschaft
durchaus keinen Anspruch mache.

Eine Pause trat ein, die der Freiherr mit der Frage unterbrach, woher
das Regiment komme.

Aus Italien, wo wir so ziemlich unntz waren, da die Kavallerie in den
sumpfigen Reisfeldern keine rechte Verwendung finden konnte. Nun, Papa
Radetzky ist trotzdem mit den Italienern fertig geworden. Wir sollten
hierauf mit anderen Truppen unter Haynau nach Ungarn marschieren.
Unterwegs aber erhielt das Regiment Order, hierher zu rcken. Es
bereitet sich wohl etwas gegen Preuen vor; der alte Hegemoniekitzel
scheint sich dort wieder zu regen.

Der Knig von Preuen hat die deutsche Kaiserkrone abgelehnt, sagte
der Freiherr im Tone leiser Zurechtweisung.

Weil sie ihm vom Frankfurter Parlament angeboten wurde, entgegnete der
Graf mit unterdrckter Heftigkeit. Es wre Unsinn gewesen, sie von
solcher Seite anzunehmen. Die Schwche sterreichs ist eine weit bessere
Chance, und da Kossuth und Grgei noch immer obenauf sind, glaubt man
auch damit rechnen zu knnen. Aber das russische Bndnis wird den Dingen
eine ganz andere Wendung geben. Eure Exzellenz wissen doch bereits --
--?

Ich habe von diesem Bndnisse in den Zeitungen gelesen, sagte der
Freiherr ruhig.

Der Zar ist mchtig, fuhr der Graf mit blitzenden Augen fort, und es
kann der Welt gar nicht schaden, wenn sie nach all dem tollen
Freiheitsschwindel wieder einmal tchtig die Knute zu spren bekommt.

Der Freiherr erwiderte nichts und suchte das Gesprch auf andere, nher
liegende Dinge zu lenken, wobei nun auch Klothilde Gelegenheit fand,
einige Worte mit einzuflechten. Aber der Graf erhob sich bald.

Ich darf die Herrschaften nicht lnger stren, sagte er, sich beim
Abschiede mit herablassender Frmlichkeit verbeugend. Auch werde ich
unten erwartet. Noch eines will ich sagen. Sollten sich wider
Vermutungen meine Leute Unzukmmlichkeiten erlauben, so bitte ich, sich
sofort an mich zu wenden. Fr Strungen, welche mit der Handhabung des
Dienstes verbunden sind, kann ich natrlich nur um Entschuldigung
bitten, und die Schloherrin -- er wandte sich dabei an Klothilde --
wird es mir hoffentlich nicht allzu schwer anrechnen, wenn sie durch
unvermeidliche Trompetensignale -- oder durch das Wiehern und Stampfen
der Pferde aus sen Morgentrumen aufgeschreckt wird.

Als er sich entfernt hatte, herrschte lngeres Schweigen. Endlich sagte
der Freiherr: Hab' ich es nicht vorhergesagt? Es ist wirklich ein
Glck, da wir uns um ihn nicht zu kmmern brauchen. -- Wie findest du
ihn? setzte er nach einer Weile, sie nicht ohne Besorgnis anblickend,
hinzu.

Sie zuckte leicht die Achseln.

Der richtige Aristokrat, fuhr der Freiherr, mehr zu sich selbst
sprechend, fort. Welche Anschauungen! Aber er hat ja recht, schlo er
mit bitterem Lcheln. Diesen Herren gehrt jetzt wieder die Welt.


                                 IV.

Die uerung, welche der grfliche Rittmeister ber seine Leute getan,
bewahrheitete sich. Sie enthielten sich, wie man sah, ohne besonderes
Verbot alles berflssigen Lrmens und gingen in meist wortloser, etwas
melancholischer Gleichmigkeit ihren Verrichtungen nach. Waren diese
abgetan, so streckten sie sich auf ihr Strohlager hin oder saen
rauchend auf den langen Bnken, die an der Stallmauer angebracht waren;
manchmal gingen sie des Abends paarweise oder in Gruppen in den Ort
hinunter, um aber in der Regel lange vor dem Erklingen der Retraite
wieder heimzukehren. Selbst um das schne Geschlecht im Schlosse
kmmerten sie sich uerst wenig, und die Mgde machten sich ganz unntz
fter als sonst bei dem Auslaufbrunnen zu tun, der zwischen der Kche
und dem Stalle sein Wasser versprudelte. Hin und wieder nherte sich
wohl der eine oder der andere von den Reitern mit einem tschechischen
Scherzworte, das aber die guten Wiener Kinder (selbst die Eingeborenen
sprachen nur deutsch) nicht verstanden, oder half ihnen mit
ungeschlachter Galanterie Eimer und Krge aufnehmen; weiter aber kam es
nicht, da man zu keinem Gedanken- und Gefhlsaustausche gelangen konnte.
Nur der Wachtmeister, ein behbiger, auf seinen struppigen, knstlich
verlngerten Schnurrbart sehr stolzer Mann, schien in dieser Hinsicht
unternehmender sein zu wollen. Er hatte es aber, wiewohl er bisweilen
auch in der Kche herumschnffelte und schkerte, im Bewutsein seiner
Wrde mehr auf das niedliche Kammerktzchen abgesehen, das nun ebenfalls
fter, als gerade notwendig war, durch den Hof huschte. _Diese_
Franziska jedoch (eigentlich wurde sie Fanny genannt) fand _diesen_
Werner (zufllig fhrte der Wachtmeister in der Tat diesen Namen)
keineswegs nach ihrem Geschmacke; auch _sie_ strebte nach Hherem, und
ein schmucker Leutnant wre ihr gerade recht gewesen. Obzwar nun ein
solcher fehlte -- und der Herr Graf unnahbar schien, so hatte sie
dennoch fr den ltlichen Galan nur ein herablassendes Kopfnicken oder
hchstens ein paar schnippische Worte in Bereitschaft.

So geschah es, da schon in krzester Zeit fast das frhere stille Leben
im Schlosse herrschte und die Reiter, deren Erscheinen so viele
Aufregung hervorgebracht hatte, kaum mehr beachtet wurden. Nur wenn sie
die Pferde gesattelt aus dem Stalle zogen, aufsaen und unter dem
Kommando des Wachtmeisters, der mit einer langen Peitsche mitten in dem
Rund des Hofes stand, Schule ritten, da gab es immerhin ein Schauspiel,
dem man nicht ungern zusah, und welches bisweilen auch der Rittmeister
vom Fenster seiner Wohnung aus, einen kurzen Tschibuk rauchend,
beobachtete.

Eines Tages hatten sich der Freiherr und seine Gemahlin in einen
galerieartigen Raum begeben in dessen Mitte ein Billard stand, um sich
von dort aus, da die Fenster nach dem Hofe gingen, gleichfalls das
Traben und Galoppieren mit anzusehen. Es gab diesmal einige besonders
widerspenstige Pferde, und der Wachtmeister fand Gelegenheit, seine
Peitsche eindringlich spielen zu lassen, wobei nicht selten die im
Sattel wankenden Reiter mitgetroffen wurden.

Der Freiherr hatte sich bald wieder entfernt; Klothilde aber war noch am
Fenster zurckgeblieben, und sah jetzt, wie sich die Leute zum Abritt
anschickten. Inzwischen jedoch war ein prachtvolles, isabellfarbiges
Pferd, leicht aufgezumt, aus dem Stalle gezogen und vor das Wohnhaus
des Rittmeisters gelenkt worden. Und gleich darauf trat dieser aus der
Tr, in Mtze und Reitjacke, eine Gerte in der Hand.

Bei seinem Anblick trat Klothilde erschrocken vom Fenster zurck. Ihr
erster Antrieb war, aus dem Zimmer zu fliehen; aber sie fhlte sich
unwiderstehlich gefesselt. Mit leichtem Zittern trat sie hinter einen
der schweren Halbvorhnge und blickte, so sich verborgen glaubend,
wieder in den Hof hinab, whrend sich der Graf eben in den Sattel
schwang. Es kostete ihm einige Mhe, denn das edle Tier war voll
nervser Unruhe. Es trat, aufgeregt schnaubend, bestndig zur Seite und
versuchte endlich mit den Vorderfen in die Luft zu steigen, von dem
Stallknechte nur mit Anwendung aller Kraft niedergehalten. Endlich sa
der Reiter oben und ttschelte liebkosend den glnzenden, mit einer
langen, fast weien Mhne gezierten Hals des Tieres, das ihn aber noch
immer nicht auf sich dulden wollte. Es bumte sich hoch auf, schttelte
den Kopf und war nicht nach vorwrts zu bewegen, vielmehr trat es jetzt,
durch Schenkeldruck und stachelnde Sporen gepeinigt, einen Rckgang im
Kreise an, so da der Wachtmeister, der sich inzwischen genhert hatte,
schon seine Peitsche entrollen wollte. Der Graf aber winkte unwillig ab
und lie dem Pferde seinen Willen. In dem Augenblick jedoch, als er in
Gefahr kam, an die Mauer gedrckt zu werden, versetzte er ihm, nach
rckwrts ausholend, solch wuchtige Gertenhiebe, da es mit einem Male
einige rasche Stze nach vorwrts tat -- und zwar quer ber den Hof, in
das Wiesenrondell hinein, das einen kleinen flachen Zierteich umgab.
Dort aber ri er es -- sich weit zurcklehnend -- so mchtig herum,
peitschte ihm derart die Flanke, da es unwillkrlich in den gebahnten
Weg einbog, wo es, am ganzen Leibe zitternd, stillestand. Nun neigte
sich der Graf wieder schmeichelnd zu seinem Halse nieder und langte aus
der Tasche eine Hand voll Zuckerstcke, die er mit vorgestrecktem Arm
dem Pferde anbot. Dieses blhte die Nstern und betastete mit den Lippen
zurckhaltend die gebotene Sigkeit, die es zuletzt doch mit wachsendem
Behagen zwischen dem schumenden Gebisse zermalmte. Nun erhielt es
leichten Schenkeldruck und schmeichelnden Zuruf; noch widerstrebte es --
aber allmhlich setzte es sich in Gang, immer williger, immer freier,
immer leichter, bis es zuletzt mit flchtigen, weitausgreifenden Hufen,
den Kopf anmutig auf und niederbewegend, in der Runde dahinflog.

Mit klopfendem Herzen und wachsender Erregung hatte Klothilde diesen
Vorgngen zugesehen. Sei es nun, da sie dabei unbewut aus dem
schtzenden Verstecke getreten war, sei es, da dieses sich berhaupt
nicht gengend erwies, die junge Frau mute von unten jedenfalls zu
erblicken gewesen sein. Denn als jetzt der Graf im Bogen wieder an dem
Schlosse vorbeikam, sah er rasch empor und brachte, sich im Sattel
verneigend, mit eigentmlichem Lcheln einen zwar hchst ehrerbietigen
-- und doch nicht minder vertraulichen Gru dar.

Ohne ihn zu erwidern, trat Klothilde erbleichend zurck und floh auf ihr
Zimmer.


                                  V.

Seitdem wagte sie es nicht mehr, an ein Fenster zu treten. Sie
frchtete, des Grafen ansichtig zu werden -- frchtete es um so mehr,
als sie deutlich empfand, wie sehr sie dies eigentlich im Tiefsten ihrer
Seele wnsche. Hatte sie sich doch schon frher im Geiste mehr mit ihm
beschftigt, als sie es vor sich selbst verantworten konnte. Seine hohe
Gestalt, das dunkle Feuer seiner Augen, sein gebruntes, stolzes
Antlitz, von welchem das kurzgeschnittene blonde Haupthaar und der feine
rtliche Schnurrbart eigentmlich abstachen, schwebte ihr in jeder
einsamen Stunde vor und schlichen sich sogar nachts in ihre Trume. Wie
oft hatte sie sich auf dem strflichen Wunsch ertappt, unter irgend
einem Vorwande das Zimmer ihrer Zofe zu betreten, weil sie zufllig
wahrgenommen, da man von dort aus das kleine Amtshaus im Auge habe, wo
der Graf, ohne sich -- so schien es -- um irgend jemand zu kmmern, wie
meilenweit vom Schlosse entfernt lebte. Aber jetzt, nachdem er sie so
seltsam eindringlich, so rtselhaft vertraulich gegrt, hatte sie mit
einem Male die berzeugung, da auch er sich im Geiste mit ihr
beschftigt habe, und fhlte sich nunmehr von den geheimnisvollen Fden
seiner Gedanken umsponnen.

So lebte sie in bestndiger, vor ihrem Gatten verhehlter Unruhe dahin,
die ihr um so qualvoller wurde, als ihr die Gelegenheit benommen war,
ihre frhere Lebensweise wieder aufzunehmen. Denn die junge Frau trug
jetzt eine seltsame Scheu, sich in den Park zu begeben; zudem herrschte
noch immer unfreundliches, vernderliches Wetter, und durch die Wipfel
wehte es feucht und khl. Klothilde blieb daher auf ihre Zimmer
angewiesen und unternahm nur zuweilen am Nachmittage, tief in einem
halbgedeckten Wagen zurckgelehnt, mit ihrem Gatten eine kurze
Spazierfahrt.

Als aber jetzt wieder der Himmel blau, die Tage hell und sonnig geworden
waren und die leuchtende Glut des Juli ber der Landschaft lag, da
begann Klothilde eine unendliche Sehnsucht nach ihrem trauten Asyl zu
empfinden. Sie glaubte zu fhlen, wie sich, wenn sie nur wieder einmal
an ihrer Staffelei oder mit einem Buche unter den lispelnden
Birkenwipfeln se, alles Verwirrende und Bengstigende von ihr ablsen,
wie ein tiefer, wunschloser Friede in ihre Seele einziehen wrde. Auch
die Gefahr, im Parke mit dem Grafen zusammenzutreffen, schien whrend
des Vormittags ausgeschlossen. Denn der ritt ja, wie sie in Erfahrung
gebracht, jetzt jeden Morgen mit seinen Dragonern fort, zu irgend
welchen greren bungen die, ziemlich weit vom Marktflecken entfernt,
auf freiem Felde, vorgenommen wurden. Dann blieb er auch gleich unten zu
Tisch und kehrte erst in den spteren Nachmittagsstunden nach Hause
zurck.

Sie setzte also eines Morgens nach dem Frhstck ihren Gartenhut auf.
Ich gehe heute in den Park, sagte sie auf einen fragenden Blick ihres
Gatten. Zum erstenmal seit mehr als vierzehn Tagen. Du meinst doch
auch, da ich -- -- setzte sie zgernd hinzu, da sie zu bemerken
glaubte, da seine Stirn nicht ganz frei war.

O gewi, gewi߫, fiel er rasch ein. Warum solltest du nicht? Es hat
mich ohnehin gewundert, da du so lange hier oben ausgehalten hast,
fgte er mit leichtem Scherze bei.

Das Wetter war nicht sehr einladend. Auerdem begreifst du wohl --

Er hatte sich erhoben und stand jetzt dicht neben ihr. Ich begreife,
sagte er leise. Aber das wre doch zu viel. Geh' nur, mein Kind, fuhr
er fort, indem er sie sanft auf die Stirn kte. Vielleicht suche ich
dich spter unten auf.

Sie nahm ihren Sonnenschirm und schritt die Treppe hinab. Im Vorhause
warf sie einen scheuen Blick nach dem Hofe. Dort war alles still, wie
ausgestorben; denn die Dragoner waren weggeritten und noch nicht
zurckgekehrt. Nur eine Stallwache lungerte trg auf einer Bank.
Klothilde durchschritt jetzt einen schmalen Seitengang, ffnete eine
kleine Pforte -- und stand unmittelbar auf dem prangenden Parterre. Es
war die Zeit des Nelkenflors, und weie Falter flatterten ber diesen
wrzigen Blumen, welche in allen Farbenschattierungen ihren heien Duft
ausatmeten. Sie bckte sich, um eine von hellem, brennendem Rot zu
pflcken und steckte sie vor die Brust. Je tiefer sie jetzt in den Park
hineinschritt, desto beschwingter fhlte sie sich. Mit Entzcken sog sie
die warme und doch so erquickende Sommerluft ein, und strahlend glitt
ihr Blick ber das vertraute Grn der alten Baumgruppen. Nun hatte sie
schon die Wiese, hatte das Tirolerhaus erreicht, dessen Tr sie mit
rascher Hand aufschlo. Und jetzt betrat sie die lieben, dmmerigen
Rume, in die, nachdem Tren und Fensterlden geffnet waren, der helle
Tag hereinflutete. Ja, da stand und lag noch alles so, wie sie es vor
Wochen verlassen. Auf dem Tische die Bcher, dort die Staffelei mit der
nahezu vollendeten Landschaft; selbst die Blumen in der Vase, die
letzten, die sie unten auf der Wiese gepflckt, waren noch nicht
vollstndig verwelkt. Unwillkrlich breitete die junge Frau wie zur
Begrung die Arme aus; dann fuhr sie mit beiden Hnden leicht ber die
Brust hinab, als wollte sie damit alles Belastende und Unreine, das noch
auf ihr lag, abstreifen. Hierauf ging sie daran, wie sie es stets
gewohnt war, einige Ordnung zu schaffen. Sie reihte die Bcher
aneinander, entfernte die Blumen aus der Vase, um sie spter durch
andere zu ersetzen, und begann mit einem leichten Tuche, das sie einem
Schrnklein entnommen, die feine Staubschicht wegzuwischen, die sich
ber einzelne Gegenstnde gebreitet hatte. Bei dieser Beschftigung
berhrte sie ganz ein leises Trompetenklingen in der Ferne, welches
anzeigte, da die Reiter von ihren bungen nach dem Marktflecken
zurckkehrten.

Nun hatte sie bereits die Sthle zurechtgerckt und die Staffelei mit
allem Ntigen instand gesetzt. Aber mit der Arbeit wieder beginnen
konnte und mochte sie heute noch nicht. Sie wollte sich frs erste ganz
und voll den seligen Empfindungen hingeben, welche hier -- o, sie hatte
es vorausgesehen! -- ber sie gekommen waren. Ausgenieen wollte sie so
recht den fhlbaren Beginn wonniger Befreiung und sich dabei
hinbertrumen in das reine, ungetrbte Glck kommender Tage! So ging
sie wieder langsam hinunter und lie sich auf die Bank nieder, wo sie so
gerne sa. Dort weilte sie jetzt, in ihr Innerstes versunken, whrend
die Zeit mit unmerklichem Flgelschlage an ihr vorberzog ...

Endlich sah sie nach der kleinen Uhr, die sie im Grtel trug. Es war
Mittag geworden. Sie aber hatte noch zwei volle Stunden vor sich, bis
die Tischglocke sie rief; auch wrde ja noch frher ihr Gatte
erscheinen. Einstweilen konnte sie einen Rundgang um den Teich
unternehmen, der in nchster Nhe oberhalb des Tirolerhauses lag.
Klothilde liebte die ausgedehnte, von Schilf und Binsen durchsetzte
Wasserflche, an deren Ufern Erlen und hohe Ulmen tiefe, schwermtige
Schatten verbreiteten. Kaum, da sie dort sichtbar geworden, kamen
sogleich zwei Schwne herangeschwommen, denn sie waren gewohnt, da
ihnen die Schloherrin hin und wieder Brot zuwarf. Heute aber war sie
mit leeren Hnden gekommen, und die silberweien Vgel begleiteten
fruchtlos ihre Schritte.

Nachdem Klothilde den Teich langsam umgangen hatte, lenkte sie halb
unbewut ihre Schritte einem Hgel zu, welcher, knstlich angelegt und
von hohen Fichten bestanden, ber die Umfassungsmauer des hier sein Ende
erreichenden Parkes emporragte. Ein schmaler Pfad wand sich durch das
Gehlz und fhrte nach dem Gipfel, der den Ausblick auf die
gegenberliegenden Wlder und Hhenzge erffnete und auf welchem jetzt
Klothilde angelangt war. In demselben Augenblick jedoch prallte sie mit
einem halb unterdrckten Aufschrei zurck. Denn auf einer bequemen
Ruhebank, die dort oben angebracht war, sa der Graf, lssig
zurckgelehnt, eine Zigarre rauchend. Jetzt erhob er sich und sagte
lchelnd mit einer tiefen Verbeugung: Sie erschrecken ja, gndigste
Chatelaine, als wre ich eine Schlange, auf die Sie treten knnten.

Alles Blut war aus ihrem Antlitz gewichen. Sie stand vor ihm in blasser
Schnheit, sich mit der Rechten an einem Fichtenstamm haltend, denn es
war ihr, als mte sie umsinken.

Ich kann nur bedauern, fuhr er, die Zigarre wegschleudernd, fort, da
Ihnen mein Anblick solches Entsetzen eingeflt hat. Aber fassen Sie
sich doch! Er trat auf sie zu, wie um sie zu sttzen.

Sie machte eine abwehrende Bewegung und sagte mit bebender Stimme:
Verzeihen Sie, ich war so gar nicht vorbereitet, da jemand --

Hier sitzen knnte? erwiderte er mit leichter Ironie. Fhlen Sie sich
denn gar so sicher in dieser Einsamkeit? Frher mag dies wohl der Fall
gewesen sein -- aber jetzt kann es immerhin Leute geben, die Ihnen
auflauern. Zum Beispiel ich. Ich habe es schon gestern getan -- und
heute gehe ich seit einer Stunde im Park umher.

Ich habe Sie nicht bemerkt.

Das wei ich. Sie saen so in Gedanken vertieft dort unten vor dem
kleinen Hause. Auch habe ich mich ziemlich gedeckt gehalten und bin sehr
leise aufgetreten. -- Aber Sie wollten sich jetzt gewi hier
niederlassen? setzte er hinzu, indem er mit einer einladenden
Handbewegung nach der Bank wies.

O nein, versetzte sie rasch. Ich dachte nicht daran, hier zu
verweilen -- es war ein bloer Zufall, da ich -- --

Der Zufall ist nichts anderes, als geheimnisvolle Notwendigkeit, sagte
er. Ich wollte sie vorhin nicht stren; als ich aber, meinen Weg
fortsetzend, diese Stelle entdeckt hatte, da dachte ich, wie schn es
wre, wenn Sie sich hier einfinden wrden. Und so war es mein lebhafter
Wunsch, der Sie, ohne da Sie es gewollt, hieher gefhrt. Er hatte sich
bei diesen Worten leicht zu ihr hingebeugt und sah sie mit seinen
dunklen Augen eindringlich an.

Sie wute nicht, was sie erwidern sollte, und fhlte nur, wie ihr eine
heie Glut ins Antlitz stieg.

Ja, fuhr er fort, seine Stimme zu schmeichelndem Flstern dmpfend,
ja, schne Chatelaine, ich habe nicht blo gestern und heute -- ich
habe stets an Sie gedacht, seit ich Sie zum erstenmal gesehen. Und schon
damals hab' ich erkannt, da wir uns finden wrden.

Sie rang nach Atem. Da war es ja, da hatte er ausgesprochen, was sie
geahnt, was sie gefrchtet! Und _sie_ -- o Gott! -- sie stand da,
ratlos, hilflos -- und fand kein Wort der Entgegnung, der
Zurechtweisung. Was konnte -- was mute er von ihr denken?

Und nicht wahr? setzte er hinzu, wir haben uns gefunden -- werden uns
wiederfinden --

Er hatte bei diesen Worten mit seiner nervigen, aber feinen Hand, an der
ein kostbarer Siegelring glnzte, ihre bebenden Finger erfat und einen
Arm um ihren Leib gelegt. Sie wollte sich ihm entziehen, ihn
zurckstoen -- aber sie vermochte es nicht. Ihre Kniee wankten, die
Sinne drohten ihr zu vergehen.

O, du liebst mich! lispelte er, indem er versuchte, ihren bleichen,
abgewandten Mund zu kssen, nicht wahr, du liebst mich? Und da sie
verzweiflungsvoll widerstrebte, fuhr er fort: Kommen Sie, lassen Sie
uns hier bleiben an diesem trauten, verschwiegenen Ort! Er suchte sie
mit Gewalt nach der Ruhebank zu lenken. Hier strt uns niemand -- --

Diese Worte brachten sie zur Besinnung. Denn wie ein Blitz hatte sie
dabei der Gedanke an ihren Gatten durchzuckt. Wenn er mittlerweile in
den Park gekommen wre -- und sie nun suchte!

Sie machte eine gewaltsame Anstrengung, sich aus den Armen des Grafen
loszumachen, der seine Lippen in ihr Haar gepret hatte; aber er
umklammerte sie nur um so fester. Als er jedoch in ihren Zgen den
Ausdruck der entsetzlichen Angst gewahrte, mit welcher sie von dem Hgel
fortstrebte, fragte er betroffen: Warum wollen Sie fliehen? -- Wohin
wollen Sie, Klothilde?

Sie deutete in kraftloser Verstrung nach dem Tirolerhause hinunter.

Dorthin?! Warum?

Ich erwarte -- Mehr konnte sie nicht hervorbringen.

Wen? Wen erwarten Sie? drngte er, ohne sie vllig loszulassen. Und da
sie nicht mehr antwortete, setzte er hinzu: Ihren Gatten?

Sie lie bejahend das Haupt sinken.

Nun gab er sie langsam frei. Das ist freilich fatal, sagte er mit
unterdrcktem rger. Er darf uns nicht beisammen finden. Am
allerwenigsten hier. Aber ich komme morgen -- komme jeden Tag wieder. Um
dieselbe Stunde --

Sie hrte ihn nicht mehr. Sie strich mit beiden Hnden ber ihr
losgegangenes Haar und taumelte die Hhe hinunter.

Er aber blieb eine Weile aufrecht stehen und blickte verdrossen in die
Gegend hinaus. Dann schttelte er den Kopf und entfernte sich mit
vorsichtigen Schritten.


                                 VI.

Als jetzt Klothilde, ohne zu wissen wie, bei dem Tirolerhause angelangt
war, sank sie auf die Bank neben der Tr und blickte starr und
ausdruckslos vor sich hin. Was war denn vorgegangen?! Sie mute sich
erst darauf besinnen -- und nun schlug sie, laut aufsthnend, die Hnde
vor das Antlitz. Mein Gott! Mein Gott! Was sie geahnt, wovor sie
gezittert, war eingetroffen. Eingetroffen in dem Augenblick, wo sie sich
bereits gerettet und geborgen glaubte! Vollzogen hatte es sich
pltzlich, ohne Widerstand von ihrer Seite! Willenlos hatte sie in den
Armen des Grafen gelegen -- und nur mehr eines Haares Breite hatte sie
von dem Abgrund getrennt, in den sie als Ehebrecherin unrettbar
versunken wre! Und war sie es denn eigentlich nicht schon? Ein anderer,
als ihr Gatte, hatte sie verlangend an sich gezogen, hatte sie -- sie
schauderte auf -- _du_ genannt, hatte mit brennenden Lippen ihrem
Scheitel ein Mal aufgedrckt. Wie sollte sie jetzt dem Freiherrn
entgegentreten -- entweiht, gebrandmarkt! Und nicht der begehrliche Mann
mit den dunklen Augen war an dem allen schuld -- nein, nur _sie_, sie
ganz allein in ihrer entsetzlichen Schwche und Hilflosigkeit! Jede
andere Frau an ihrer Stelle und unter solchen Umstnden wrde den
Versucher abgewiesen -- ihn wenigstens zum Scheine zurckgestoen haben!
Und _sie_ -- sie hatte nicht einmal ein Wort der Zurechtweisung,
geschweige denn ein gebieterisches der Abwehr gefunden. Und wenn er
morgen wieder an sie herantrat, fehlte ihr gewi wieder die Kraft! O,
was fr ein Weib war sie!? Welch ein verchtliches Geschpf! Welch
unerhrt feige, erbrmliche Natur! Nicht wert, da sie die Sonne
beschien, deren goldige Lichter vor ihr auf der Wiese glnzten und
funkelten!

Sie sprang auf und eilte in die Zimmer empor. Dort schlo sie rasch die
nach dem ueren Gang offene Tr, schlo alle Fensterlden. Nun war es
dunkel um sie her; nur die Gegenstnde, deren Anblick sie noch vor einer
Stunde so glcklich gemacht, dmmerten in gespenstischen Umrissen auf.
Auch _das_ konnte sie nicht ertragen; sie sank auf den harten Sitz an
der Wand und schlo die Augen. Nun war es finster und still wie im
Grabe. O, lge sie darin!

Aber wurden jetzt nicht von unten herauf Tritte vernehmbar? Klangen sie
nicht schon auf der Treppe? Das war ihr Gatte! Ihr Herz stand still --
und doch nicht so still, wie sie es gewnscht htte.

Der Freiherr hatte leicht an der Klinke gedrckt und fragte mit halber
Stimme durch die Spalte herein: Bist du hier, Klothilde?

Sie regte sich nicht.

Nun hatte er die Tr ganz geffnet und sah bei dem Lichtschein, der von
drauen hineinfiel, wie sie lang ausgestreckt dasa, totenbleich, mit
zurckgesunkenem Haupte.

Klothilde! rief er, erschrocken auf sie zueilend. Was ist dir? Mein
Gott, was ist geschehen --?

Sie gab noch immer keinen Laut von sich.

Er befhlte ihre Stirn, fate ihre kalte, leblose Hand. Klothilde,
wiederholte er, aufs uerste bengstigt, was ist dir?

Frage mich nicht, erwiderte sie jetzt dumpf.

Was soll das heien? drngte er, indem er sich an ihrer Seite
niederlie. Sprich, rede -- ich bitte dich!

Sie schlug die Augen auf und starrte, ohne ihn anzusehen, wie ins Leere.
Ich bin verloren, sagte sie.

Verloren?! rief er aus. Verloren -- wiederholte er tonlos, whrend
pltzlich eine entsetzliche, unfabare Vermutung in ihm aufdmmerte.

Ja, sagte sie.

Ihm war es, als lge er im Fieber und habe ein entsetzliches
Traumgesicht. Aber nein: es war ja Wirklichkeit -- etwas Entsetzliches
mute vorgefallen sein. Was immer auch: vor allem Klarheit, vollstndige
Gewiheit! Er sagte daher sanft: La diese rtselhaften Aussprche,
Klothilde. Sage mir, was geschehen ist. Hrst du, Klothilde? Vertrau' es
mir an -- mir, deinem Gatten, der dich liebt -- so unsglich liebt --

Bei dem Ton dieser Stimme, bei der Berhrung seiner Hand, die jetzt mit
aufmunterndem Kosen ber ihre Schlfe und Wange strich, berkam sie ein
so gewaltiges Weh, da ihr die Brust zerspringen wollte. Endlich brach
sie in einen Strom von Trnen aus.

Er lie sie weinen. Dann brachte er seinen Mund dicht an ihr Ohr und
sagte weich und flsternd: Ich will dir zu Hilfe kommen. Sage mir:
hngt dein verzweifelter Zustand mit -- mit dem --

Er vollendete nicht; denn ein rasches Aufschluchzen Klothildens sprach
deutlich genug.

Und nun, da er die Gewiheit hatte, um was es sich handelte, begann er
zu forschen, allmhlich, mit uerster Vorsicht und Zartheit. Aus den
leisen, kaum andeutenden Fragen, die er an sie richtete, aus halben
Worten, unterdrckten Gebrden, krampfhaftem Weinen erfuhr er, was sich
zugetragen -- und atmete auf.

Armes Kind! sagte er nach einer Pause, armes Kind! -- Und wei ich
jetzt alles? setzte er leise hinzu.

Sie bejahte mit stummem Senken des Hauptes.

Nun dann, fuhr er fort, die Hand auf ihren Scheitel legend, dann sei
ruhig. Denn es wird alles wieder gut werden.

Sie fuhr mit halbem Leibe empor und blickte ihn mit schreckhaftem
Erstaunen an. Das ist nicht mglich, sagte sie tonlos.

Warum nicht? Liebst du ihn denn?

Nein! rief sie, die Arme vorstreckend. Es war nur Schwche --
entsetzliche Schwche.

Nun, erwiderte er, indem er sie jetzt mit sanfter Gewalt an sich zog,
wenn du ihn nicht liebst, wenn du fhlst, da deine Zuneigung fr mich
die gleiche geblieben ist, dann ist ja auch alles wie frher.

Sie sah ihn ausdruckslos an. Es kann nicht wie frher sein. Denn du
mut mich jetzt verachten, aufs tiefste verachten.

Verachten? sagte er innig. Nein, ich verachte dich nicht, ich _liebe_
dich! Und daher ist es auch jetzt meine Pflicht, dich dir selber
zurckzugeben. Er war bei diesen Worten aufgestanden und schritt, ernst
vor sich hinblickend, in dem dmmerigen Raume auf und nieder.

Sie folgte ihm mit den Augen. Es war, als habe ein Hoffnungsstrahl in
ihrem verstrten Antlitz aufgeleuchtet. Pltzlich aber fragte sie
zitternd: Was willst du tun?

Das ist meine Sache, entgegnete er fest.

Sie sprang auf. Ein frchterlicher Gedanke hatte sie durchzuckt. Es war
offenbar: er trug sich mit einer Herausforderung an den Grafen! So
pflegen ja die Mnner mit der Ehre ihrer Frauen die eigene wieder
herzustellen! Mein Gott! Er wollte mit seinem Leben fr sie einstehen --
fr sie, die sich des Lebens nicht mehr wert fhlte!

Nein, rief sie, das darfst du nicht! Du darfst es nicht!

Er sah sie befremdet an; denn er verstand nicht gleich, was sie sagen
wollte. Erst der Ausdruck namenloser Angst, mit dem sie ihm jetzt
flehend die Arme entgegenstreckte, brachte ihn darauf.

Besorge nichts, entgegnete er mit ruhigem Lcheln. Ich kmpfte nicht
mit solchen Waffen. -- Aber fasse dich jetzt, Klothilde. Es ist hohe
Zeit -- wir mssen nach dem Schlosse zurck. In _solchem_ Zustande darf
dich niemand sehen.

Sie fhlte, da er recht habe und da sie ihm schuldig sei, uere
Haltung zu bewahren. Instinktiv trat sie vor einen kleinen Spiegel, der
an der Wand hing, ordnete ihre Haare, benetzte ihre verweinten Augen aus
einem Glase, das halb mit Wasser gefllt neben der Staffelei stand, und
frischte ihr Antlitz auf.

Er war auf sie zugetreten. Sei guten Mutes, Klothilde, sagte er, indem
er ihr den Arm bot. Es wird bald alles wie ein bser Traum hinter uns
liegen.

Sie versuchte ein schwaches Lcheln; dann gingen sie.


                                 VII.

Der Freiherr erschien heute allein zu Tisch. Die Baronin ist unwohl,
bedeutete er dem Kammerdiener. Dieser schaffte sofort das aufgelegte
zweite Gedeck beiseite, ohne sich irgendwelche Gedanken zu machen; denn
es war ihm bekannt, da die Herrin, wenn auch selten, dann aber um so
heftiger an Migrne leide und sich in solchem Falle stets gnzlich
zurckziehe.

Mit der ueren Ruhe eines Weltmannes, der im Leben jede Art von
Selbstbeherrschung erlernt und gebt hatte, nahm der Freiherr das Diner
ein, wenn auch flchtiger als sonst, was ja nicht auffallen konnte, da
er ohne Gesellschaft speiste. Er atmete aber befreit auf, als endlich
der Kammerdiener das Kaffeebrett mit der kleinen chinesischen Tasse und
dem silbernen Knnchen vor ihm niedersetzte und hierauf verschwand. Nun
konnte er sich, in den Stuhl zurckgelehnt, vollstndig seinen Gedanken
berlassen.

Was sich da zugetragen, hatte ihn nicht ganz unerwartet getroffen. Ein
Vorgefhl davon hatte auf ihm mit dumpfem Drucke gelegen seit jenem
Tage, an welchem er die Zuschrift des Gemeindevorstehers erhalten. Aber
nach Art erfahrener Naturen wollte er nicht vorschnell an ungewi
drohende Dinge rhren, um nicht etwa ihren Gang zu beschleunigen; er
vermied es spter sogar, seine Gemahlin zu beobachten, auf da er durch
verfrhte Wahrnehmungen nicht aus dem Gleichgewicht gebracht werde. Da
sich aber nun alles, immer noch berraschend genug, vollzogen hatte,
erkannte er auch sofort sehr deutlich, wie klar und einfach die Sache
lag -- und Klothilde allein war es, die er dabei unmittelbar ins Auge
fate. Er selbst kam ja gar nicht in Betracht; er war ein alter Mann,
den nur getroffen hatte, was ihn frher oder spter einmal treffen mute
-- und Graf Poiga-Reuhoff war eben ein gewohnheitsmiger Rou, gegen
welchen er fr seine Person nicht einmal Gereiztheit empfand, den er nur
mit Hinblick auf den Seelenzustand Klothildens hate. Armes Weib!
flsterte er vor sich hin. Welche Zukunft steht ihr bevor! Aber nicht
die Zukunft galt es jetzt zu bedenken, nur die Gegenwart. Und ber diese
mute sie unter allen Umstnden hinweggebracht werden!

Als jetzt der Kammerdiener wieder eintrat, sagte er: Ich mchte heute
dem Herrn Rittmeister einen Besuch machen, da ich ihn das erste Mal
nicht angetroffen und blo eine Karte zurckgelassen habe. Erkundigen
Sie sich, ob er zu Hause ist. Lassen Sie aber nichts von meiner Absicht
verlauten; vielleicht besinne ich mich noch anders.

Er erhielt bald die Meldung, der Graf befinde sich in seiner Wohnung.
Nachdem er noch eine Weile sitzen geblieben, begab er sich auf sein
Zimmer, um eine nderung in seinem Anzuge vorzunehmen. Dann griff er
nach seinem Hute und schritt langsam die Treppe hinunter.

Es schlug eben vier Uhr, als er quer ber den Hof dem Amtshause
zuschritt. Auf einer der Stallbnke sah er den Reitknecht des Grafen
sitzen, trg hingelmmelt neben dem Wachtmeister, mit welchem er in
einer Unterhaltung begriffen schien. Sobald der Wachtmeister des
Schloherrn ansichtig wurde, erhob er sich und salutierte; der
Reitknecht aber, ein bartloser, in der Art solcher Leute hochmtiger
Bursche, zgerte sichtlich; erst als der Freiherr gerade auf ihn zutrat,
erhob er sich rasch und brachte den Stummel einer Virginiazigarre, den
er mehr kaute als rauchte, aus dem Munde.

Der Freiherr sagte, er wnsche den Grafen zu sprechen; wie er gehrt
habe, sei dieser zu Hause.

Ja, erwiderte der Bursche in schwer verstndlichem Deutsch; aber er
schlft. Ich habe jedoch den Befehl, ihn um vier Uhr zu wecken. Es ist
jetzt gerade Zeit, fuhr er mit einem Blick nach der Schlouhr fort,
und ich werde den Herrn Baron anmelden.

Tun Sie das, versetzte der Freiherr, ich werde einstweilen hier
warten. Und er schlug die Richtung nach dem Rondell in der Mitte des
Hofes ein, wo er den kleinen Teich zu umschreiten begann.

Es dauerte ziemlich lange, bis der andere mit der Nachricht zurckkam,
der Herr Graf lasse bitten, einstweilen oben Platz zu nehmen, er werde
gleich erscheinen.

Der Freiherr folgte nun dem Reitknechte, der offenbar auch die
Verrichtungen eines Dieners besorgte, in das Eintrittszimmer, wo es
ziemlich wst aussah. Auf einem niederen Schranke gewahrte man, neben
einer Anzahl von Gerten und Reitstcken, die Mtze und die Handschuhe
des Grafen; zwei Sbel, ein schwerer und ein leichter, lehnten in einer
Ecke, und auf dem Tische vor dem Sofa lag bei den Resten eines
Frhstcks, die jetzt der Bursche rasch entfernte, ein zur Hlfte
gerauchter Tschibuk. Obgleich ein Fenster offen stand, war doch ein
scharfer Geruch von trkischem Tabak im Gemach verbreitet, der sich dem
Freiherrn, welcher selbst nicht rauchte, hchst unangenehm aufdrngte.
Durch die geschlossene Tr des Nebenzimmers herein klang das zornige, ab
und zu herrisch beschwichtigte Geklff eines Hundes, der den Fremden
witterte; dazwischen Schritte und Gerusche, welche verrieten, da der
Graf eben im raschen Ankleiden begriffen war.

Endlich ffnete sich die Tr, durch deren Spalt sofort ein gelber,
affenartiger Pintscher laut aufbellend dem Freiherrn entgegenscho; auf
einen drohenden Ruf seines Herrn kroch er unter das Sofa, wo er leise
nachknurrte.

Ich mu sehr um Entschuldigung bitten, Exzellenz, sagte der Graf,
indem er den erst halb eingeknpften Uniformrock vollends schlo, ich
mu sehr um Entschuldigung bitten, da ich Sie so lange habe warten
lassen, aber ich war auf Ihren Besuch durchaus nicht vorbereitet -- --.
Seine Bewegungen waren hastig, unsicher und lieen Verlegenheit
erkennen.

Vielmehr mu _ich_ Sie, Herr Graf, um Verzeihung bitten, da ich zu so
wenig geeigneter Stunde bei Ihnen erschienen bin --.

O, das hat gar nichts zu sagen, unterbrach ihn der andere, whrend
sich nun beide setzten. Wir machen jetzt grere bungen, die
einigermaen ermdend sind -- und da habe ich eine Stunde geschlafen
--.

Nun, es war immerhin eine Strung -- aber ich habe Ihnen eine dringende
Mitteilung zu machen.

Eine dringende Mitteilung? Welcher Art, wenn ich fragen darf?

Drfte ich mir vielleicht erlauben, jenes Fenster zu schlieen? sagte
der Freiherr nach einer kurzen Pause, indem er Miene machte, sich zu
erheben.

O, sehr gern! rief der Graf und sprang zuvorkommend auf. Exzellenz
frchten wahrscheinlich die Zugluft?

Nein. Ich frchte nur, da meine Mitteilung Errterungen nach sich
ziehen knnte, welche besser im Hofe nicht gehrt werden.

Der Graf zuckte zusammen. Er konnte kaum mehr im Zweifel sein, um was es
sich handeln wrde; jetzt aber hatte er auch sofort die vollstndigste
Fassung gewonnen. Exzellenz treffen sehr seltsame Vorkehrungen, sagte
er kurz.

Sie drften vielleicht ntig sein. Ich mchte Sie sogar bitten, im
Vorhause nachzusehen, ob nicht jemand --

Der Graf blitzte ihn mit seinen dunklen Augen zornig an. Was soll das
heien? Ich bin von keinen Spionen umgeben und bitte Sie, zur Sache zu
kommen.

Wie es Ihnen beliebt. Ich fr meine Person pflege niemals sehr laut zu
sprechen -- und eigentlich handelt es sich ja nur um eine Bitte, die ich
Ihnen vortragen werde. Wenn Sie ihr Gewhrung schenken, so entfllt jede
weitere Verhandlung von selbst.

Und was wre das fr eine Bitte? fragte der Graf, der sich wieder
gesetzt hatte und nun die Arme ber der Brust verschrnkte.

Da Sie diese Behausung sobald, wie nur irgend mglich, verlassen
mchten.

Herr Baron!

Bleiben Sie ruhig, Herr Graf, sagte der Freiherr sanft. Betrachten
Sie es wirklich nur als Bitte. Es klang in der Tat ein flehender Ton
durch diese Worte.

Der andere blickte mit zusammengezogenen Brauen vor sich hin. Und aus
welcher Veranlassung richten Sie diese Bitte an mich?

Aus Rcksicht fr meine Frau.

Eine dunkle Rte scho in das Antlitz des Grafen. Sie hat Ihnen
gesagt? -- fragte er halb verwundert, halb wegwerfend.

Ja, sie hat es mir gesagt.

Nun also! versetzte der Graf nach kurzem Schweigen, indem er hochmtig
den Kopf zurckbog. Wenn Sie nicht gekommen sind, Rechenschaft von mir
zu fordern, dann ist auch alles weitere hchst gleichgltig. Denn Sie
begreifen doch, da Ihre Frau Gemahlin fortan vor mir sicher ist -- ganz
sicher!

Diese Worte trafen den Freiherrn wie Peitschenhiebe, aber er zuckte
nicht einmal mit den Wimpern. Das begreife ich sehr wohl, sagte er
ruhig. So einfach jedoch liegen die Dinge nicht. Was da vorgefallen,
hat meine Frau derart angegriffen, da eine dauernde Seelenstrung zu
befrchten ist.

Die Baronin scheint sehr schwache Nerven zu haben! rief der Graf
hhnisch.

Ohne Zweifel. Und deshalb sehen Sie auch ein, da ich unter keiner
Bedingung von Ihnen Genugtuung fordern darf. Ich habe vielmehr, was
_meine_ Person anbetrifft, gar kein Gewicht auf die Sache zu legen und
nur zu trachten, da meine Frau sich beruhige. Sie mu _vergessen_
lernen -- und dazu ist vor allem notwendig, da _Sie_ nicht mehr hier
sind.

Eine hchst eigentmliche Auffassung!

Gewi, diese Auffassung ist keine alltgliche. Aber wie Sie auch
darber denken mgen, eines werden Sie nach reiflicher Erwgung klar
erkennen: da Ihnen unter allen Umstnden die Pflicht erwchst, das
Geschehene mglichst ungeschehen zu machen.

Der Graf war nachdenklich geworden. Die ruhig ernste, ergreifende
Sprache des Freiherrn verfehlte offenbar nicht, Eindruck zu machen. Aber
bald gewann seine Natur wieder die Oberhand.

Nein! Nein! rief er, sich ungestm vom Sessel erhebend. Ich kann mich
nicht so ohne weiteres fortweisen lassen!

Sie werden nicht fortgewiesen. Es ist Ihr freier Entschlu, eine
nderung herbeizufhren.

Aber wie soll ich es anstellen? rief der Bedrngte rgerlich mit dem
Fue stampfend. Kann ich denn so Knall und Fall -- --? Was wrde man
_unten_ -- im Kreise der Kameraden dazu sagen? Es wrde Aufsehen erregen
-- ja man knnte sogar mutmaen --

Um Mutmaungen kmmere ich mich nicht.

Und jedenfalls wrde man einen anderen Offizier heraufsenden. Sie kmen
da vielleicht nur aus dem Regen in die Traufe!

Der Freiherr bewegte sich auf dem Sofa, aber er sagte mit eisiger Ruhe:
Das frchte ich nicht. Wiederholungen ereignen sich nicht so rasch
nacheinander.

Der Graf sah ihn halb erstaunt, halb verchtlich an und erwiderte nichts
mehr. Denn pltzlich wurden schwere, wuchtige Tritte vernehmbar, die
unter Sporengeklirr die Treppe heraufkamen.

Es ist jemand von meinen Leuten, sagte er jetzt. Und da nun schon mit
schchterner Plumpheit an der Tr geklopft wurde: Herein!

Ein stattlicher Unteroffizier trat ins Zimmer, den Helm auf dem Kopfe,
die Diensttasche umgehngt. Er nahm Stellung und salutierte automatisch.
Dann zog er ein groes versiegeltes Schreiben hervor und berreichte es
seinem Vorgesetzten, der es erbrach. Whrend des Lesens nahmen die Zge
des Grafen einen eigentmlichen Ausdruck an.

Es ist gut. Sagen Sie meinem Wachtmeister, da er die Leute zum Befehl
antreten lassen soll. Als er mit dem Freiherrn wieder allein war,
wandte er sich an diesen. Der Zufall ist Ihnen gnstig, Herr Baron.
Wissen Sie, was dieses Blatt enthlt? Den Marschbefehl. Wir mssen
sofort zur ungarischen Armee stoen. Morgen mit dem frhesten verlassen
wir das Schlo.

Ohne ein Zeichen der berraschung oder der Befriedigung erhob sich der
Freiherr und sagte mit einer Verbeugung: Dann ist unsere Unterredung zu
Ende. Wre das Blatt gestern eingetroffen, so wre sie nicht notwendig
geworden.

Kaum hatte er sich zum Abgehen gewendet, als auch schon der Hund unter
dem Sofa hervorscho und sich mit wtendem Gebell an seine Fersen
heftete. Ein Futritt seines Herrn lie ihn schmerzlich aufheulen.
Verdammte Bestie! rief der Graf mit unterdrckter Stimme, whrend das
Tier winselnd in einen Winkel flchtete. Allein geblieben, schritt er
mit sichtlich unangenehmen Gedanken und Empfindungen im Zimmer auf und
nieder. Ach was! sagte er endlich, schnippte mit den Fingern und
schnallte seinen Sbel um.

                   *       *       *       *       *

Whrenddessen hatte Klothilde auf dem Ruhebett ihres durch geschlossene
Jalousien verdsterten Zimmers gelegen. Ich mu dich nun fr einige
Zeit dir selbst berlassen, hatte der Freiherr zu ihr gesagt, als er
sich zu Tisch hinunter begab. Vielleicht ist es dir erwnscht. ngstige
dich nicht, es wird alles gut werden.

Aber kaum allein, empfand sie sofort wieder aufs tiefste, da es nie und
nimmer gut werden knne. Einen Augenblick zwar hatte sie bei den milden,
zrtlichen Trstungen ihres Gatten aufgeatmet; einen Augenblick war das
Leben, sonnenhell wie frher, aus der dunklen Nacht der Verzweiflung,
die sie umgab, aufgetaucht -- jetzt aber versank es wieder. Sie fhlte,
da etwas in ihr gebrochen und vernichtet war, das nicht wieder
hergestellt werden konnte. Ja, die klare Ruhe, der heitere Frieden ihrer
Seele war verloren -- verloren fr immer. Was frommte es, da ihr Gatte
entschuldigte und verzieh, was sie sich selbst niemals wrde verzeihen
knnen? Der heutige Tag lie sich in ihrem Gedchtnisse nicht
auslschen. Seit jeher hatte sie nur in ganz reiner Lebensluft zu atmen
vermocht; die leiseste Trbung drohte sie zu ersticken. Schon von klein
auf war sie so gewesen. Ein geringes Versehen, das sie sich zu schulden
kommen lie, ein noch so sanfter Tadel ihres Vaters -- die Mutter hatte
sie schon sehr frh durch den Tod verloren -- oder von seiten ihrer
Lehrer erfllte sie mit solchen Gewissensbissen und Selbstvorwrfen, da
sie oft wochenlang aus kindlichem Gram und Kummer nicht herauskam. Mit
welch ngstlicher Scheu war sie als Mdchen und spter als Frau allem
aus dem Wege gegangen, was sie in Gefahr und Versuchung htte bringen
knnen; eine innere Stimme sagte ihr, da ihr die Kraft des Widerstandes
fehle. Daher galt sie auch in der Gesellschaft fr geistig beschrnkt,
und trotz ihrer Schnheit trat niemand nher an sie heran; denn ihre
hilflose Zurckhaltung flte weit eher Mitleid als Interesse ein. Darum
liebte sie so die Stille und Zurckgezogenheit; da konnte sie ihr Wesen
frei und furchtlos entfalten, da konnte sie gedeihen; -- Verwickelungen
und Konflikten, das fhlte sie, war sie nicht gewachsen -- sie brachten
ihr den Tod ...

Sie schauerte. Wie kalt war es im Zimmer trotz des heien Sommertages!
Sie breitete eine leichte Decke ber sich und schlo die Augen. Und wie
sie jetzt so dalag, berkam sie ein eigentmlicher Zustand. Es wurde ihr
so weh zumute -- und doch wieder so wohl. Gerade wie beim Beginn einer
schweren Krankheit, wo die Welt in vagen Umrissen zu verdmmern beginnt
-- wo alles Nahe in immer weitere Ferne gerckt wird. Nur manchmal
durchzuckte ein namenloser Schmerz ihre Brust. Denn da dachte sie ihres
edlen Gatten, der glcklichen Jahre, die sie mit ihm verlebt hatte --
dachte an den schnen stillen Park, an das Tirolerhaus -- an ihre
Landschaft -- ihre geliebten Bcher ...

Sie zog die Decke hher hinauf. Ein seltsamer, dumpfer Druck, den sie
schon in den letzten Tagen hin und wieder empfunden hatte, lastete jetzt
schwer auf ihrer Stirn, und indem sie die Augen schlo, versank sie in
einen lhmenden Halbschlaf, der sie mit verworrenen Traumgesichten
umgaukelte. Es war nichts Ungeheuerliches, nichts eigentlich
Bengstigendes. Die verschiedenartigsten Gestalten tauchten auf und
verschwanden wieder oder gingen eine in die andere ber. Sie sah ihren
Vater, sah ihre Mutter, von der sie sich sonst kein recht deutliches
Bild mehr machen konnte; sie sah sich selbst als ganz kleines Mdchen
mit einem Geburtstagsstrau in der Hand; ihren Gatten als ganz jungen
Mann in einem grnen Frack mit gelben Knpfen, wie er auf einer von
Daffinger gemalten Miniatur dargestellt war; sah den Grafen auf einem
Feuer sprhenden Pferde, ihr Kammermdchen mit dem Aussehen einer alten
Magd in ihrem elterlichen Hause -- einen langen Zug von Reitern auf
schwarzen, seltsam beflorten Rossen ...

Jetzt schrak sie auf. Ihr Gatte, der ber sie gebeugt stand, hatte sie
sanft auf die Stirn gekt. Du hast geschlummert? fragte er leise.

Ja -- es scheint, erwiderte sie, whrend ihr neuerdings die ganze
Wucht ihres Elends fhlbar wurde.

Und nun teilte er ihr mit, was sich zugetragen. Er hatte gehofft, sie
wrde dabei immer leichter, immer freier aufatmen. Aber sie hauchte nur
tonlos: Mein Gott! Mein Gott! Dieser _eine_ Tag!

Ja, sagte er erschttert und zugleich beruhigend, es ist traurig, da
alles menschliche Glck und Unglck zuletzt meistens nur von solchen
Schickungen abhngt. Doch trste dich: es ist jetzt alles vorbei.

Sie ergriff die Hand, die er ihr reichte; aber das Herz lag ihr wie Eis
in der Brust.


                                VIII.

Am folgenden Nachmittag sa der Freiherr am Schreibtisch und richtete
folgenden Brief an Frau Charlotte Nespern in Wien:

Ich schreibe Ihnen in grter Bengstigung, liebe Tante Lotti! Meine
teure Klothilde, die sich schon gestern unwohl gefhlt, ist heute in den
frhen Morgenstunden von einem Schttelfroste befallen worden, in
welchem ich sofort den Vorboten einer ernstlichen Erkrankung vermutete.
Dennoch unterlie ich es, auf ihre Einsprache hin, nach einem Arzt zu
schicken, denn der Anfall ging vorber, und nur eine gewisse Abspannung
war zurckgeblieben, die Klothilde bewog, im Bette zu bleiben, wo sie
auch spterhin in einen, wie es schien, ruhigen und erquickenden
Schlaf verfiel. Aber gegen Mittag erwachte sie unter erneuten
Fiebererscheinungen -- und nun zgerte ich keinen Augenblick, nach dem
Doktor zu senden, der aber, wie das schon zu gehen pflegt, nicht
anzutreffen war, da er sich zu einem Kranken auerhalb der Ortschaft
begeben hatte. Es konnte nur der Auftrag hinterlassen werden, da er
nach seiner Rckkunft sogleich im Schlosse erscheine. Bis jetzt (vier
Uhr) ist er noch nicht da -- und ich fange bereits an, die Minuten zu
zhlen; denn das Fieber ist im Zunehmen begriffen, und die geliebte
Kranke, obgleich sie nicht darber klagt, scheint an den qulendsten
Kopfschmerzen zu leiden. In dieser verzweifelten Gemtslage schliee ich
meinen Brief mit der innigen Bitte, wenn es Ihnen die Umstnde nicht
ganz und gar unmglich machen, so eilen Sie hierher und stehen in
voraussichtlich schwerer Zeit bei Ihrer Sie zrtlich liebenden Nichte
und Ihrem treu ergebenen

                                                        Gnthersheim.

Der Freiherr hatte das Schreiben hastig fertiggestellt und dann durch
einen Diener eilends zur Post bringen lassen. Es gab damals noch keine
Telegraphenverbindungen, auch keine Eisenbahnen, die von den Hauptlinien
abzweigten, und so muten wenigstens vier Tage verstreichen, eh' die
sehnlich Herbeigewnschte eintreffen konnte. Der besorgte Gatte begann
den Zustand der vlligen Verlassenheit, in welchem er sich jetzt mit der
Kranken befand, aufs tiefste zu empfinden.

Nunmehr aber wurde das Erscheinen des Arztes gemeldet. Der Freiherr ging
ihm rasch entgegen und fhrte ihn in das Zimmer, wo Klothilde lag, das
Antlitz erhitzt, die Stirn mit einem khlenden Umschlag bedeckt.

Der Doktor, ein hoher Fnfziger mit stark gertetem pockennarbigen
Gesicht, trat auf seinen Stock gesttzt -- denn er hatte ein lahmes Bein
-- mit einer plumpen Verbeugung an das Bett und betrachtete sie
aufmerksam. Dann entfernte er den kalten Bausch und befhlte die Stirn.
Diese Umschlge ntzen nichts -- Eis! Eis! Er setzte sich auf einen
Stuhl und prfte den Puls der Kranken, an die er einige kurze Fragen
richtete.

Hm -- machte er nach einer Pause. Ich werde eine Kleinigkeit
verschreiben. Damit erhob er sich und hinkte schwerfllig aus dem
Zimmer.

Der Freiherr war ihm gefolgt und fragte jetzt ngstlich: Nun, lieber
Doktor -- nun?

Cerebrales Fieber, erwiderte dieser trocken, indem er sich nach
Schreibzeug umsah.

Ich bringe Ihnen sogleich das Ntige. -- Aber sagen Sie: halten Sie den
Zustand fr sehr gefhrlich?

Es kann eine Gehirnentzndung werden. Hat die Frau Baronin in letzter
Zeit eine Aufregung durchgemacht?

Trotz seiner Selbstbeherrschung und obgleich er auf die Frage
vorbereitet gewesen, fhlte der Freiherr, wie er errtete. Sie hat sich
allerdings einen Vorfall sehr zu Herzen genommen, aber --

Hm, ja. Kinderlose Frauen in solchem Alter und -- er warf einen
eigentmlichen Blick auf den Freiherrn. brigens wer wei, wie die
Dinge zusammenhngen. Exzellenz haben ja hier oben auch Einquartierung
gehabt? Nicht wahr?

Der Freiherr konnte eine Gebrde der Betroffenheit nicht unterdrcken.
Ja, gewi --

Nun also. Ich kann Ihnen nur sagen, da seit einigen Tagen im Orte
Typhusflle vorkommen. Vielleicht haben die Dragoner etwas eingeschleppt
und nun als Andenken zurckgelassen.

Um seine Erregung zu verbergen, trat der Freiherr ins Nebenzimmer und
brachte ein kleines zierliches Tintenfa samt Feder und Papier herein.

So, sagte der Doktor, nachdem er rasch ein Rezept geschrieben, das
ist alles, was ich tun kann. Im brigen: fortgesetzte Eisumschlge,
khlende Getrnke. Unter allen Umstnden aber mchte ich Ihnen raten,
noch einen Arzt zu Rate zu ziehen. Ich bernehme in solchen Fllen nicht
gern allein die Verantwortung. Denn ich gelte, obgleich ich mein Diplom
in der Tasche habe -- er schlug dabei an die Hfte -- in den Augen
vieler Leute doch nur als Landbader. Eine Kapazitt aus Prag -- oder gar
aus Wien hierher zu bescheiden, ist es freilich zu spt.

Zu spt! rief der Freiherr angstvoll.

Ja; denn die Krisis pflegt oft sehr rasch einzutreten.

Aber eine gnstige Wendung ist doch mglich?

Mglich, ja. Schicken Sie daher gleich einen Wagen nach Trautenau -- zu
Doktor Lederer. Ein Schler Oppolzers. Er ist zwar ein sonderbarer
Heiliger und wird sich spreizen -- schlielich aber kommen. Allerdings
kann er vor zwlf Stunden kaum da sein, fgte der Doktor nachdenklich
hinzu.

Sie bengstigen mich aufs uerste!

Na! Na! Verlieren Exzellenz den Kopf nicht. Eines mu ich Ihnen noch
sagen, damit Sie nicht etwa allzu sehr erschrecken: es werden
voraussichtlich schon heute Delirien eintreten. Jedenfalls komme ich
abends wieder. Guten Tag!

Mit dieser gedankenlos gesprochenen Gruformel, die ihm bei jedesmaligem
Kommen und Gehen zur Gewohnheit geworden, entfernte er sich und berlie
den Freiherrn einer stummen Verzweiflung.

Mein Gott! Mein Gott! Sollte es schon soweit -- und keine Rettung mehr
sein? flsterte endlich der qualvoll Bedrckte und begab sich mit
leisen Schritten in das Krankenzimmer zurck. Er beugte sich ber
Klothilde, die in unruhigem Schlummer zu liegen schien, und fate leicht
ihre Hand. Bei dieser Berhrung schlug sie die Augen auf und sah ihn wie
fremd an. Dann aber lchelte sie, und er fhlte, wie sich ihre Finger zu
sanftem Drucke schlossen.

Wie fhlst du dich? fragte er.

O, nicht schlechter, erwiderte sie mit matter Stimme. Nur mde, sehr
mde -- ich mchte in einemfort schlafen.

Nun, schlafe, mein Kind, schlafe, sagte der Freiherr zrtlich. Aber
wir werden Eisumschlge machen mssen.

Das wird mir wohl tun, hauchte Klothilde, whrend sie schon die Lider
geschlossen hatte.

Inzwischen war Eis gebracht worden und der Freiherr traf selbst die
ersten Anstalten. Dann berlie er dem Kammermdchen die weitere Sorge,
um jetzt die Absendung des Wagens nach Trautenau veranlassen zu knnen.
Er tat es, wie er sich selbst eingestand, ohne trstliche Erwartung.
Denn mit jener ahnungsvoll dsteren Voraussicht, welche reifen und
vielgeprften Menschen eigen ist, zweifelte er bereits an einem
glcklichen Ausgange. Ich baue auf Ihre Umsicht, sprach er zu dem
Kammerdiener, den er mit der Botschaft an den Arzt betraute, und wei,
da Sie nichts verabsumen werden.

Dann kehrte er zu der Kranken zurck, hie das Mdchen einstweilen sich
entfernen und nahm dicht an dem Bette Platz. Klothilde schlummerte. Aber
sie bewegte Kopf und Arme hin und her; ihre weien Finger schienen von
dem blauen Atlas der Bettdecke Flocken auflesen zu wollen.

Langsam, bleischwer zogen die Stunden vorber, whrend drauen die Sonne
tiefer und tiefer sank und ihr letztes rtliches Gold durch die Spalten
der Jalousien schimmern lie.

Was war das pltzlich? Klothilde hatte die Lippen bewegt und
unverstndliche Worte gemurmelt. Er glaubte, sie glten ihm, und neigte
sein Haupt tief zu dem ihren hinab. Aber sie bemerkte es offenbar nicht.

Willst du etwas, Klothilde? fragte er leise.

Keine Antwort; nur erneutes, strkeres Gemurmel -- unverstndliche
Worte.

Sein Herz erstarrte. Die beginnenden Delirien! sprach es in ihm.

Immer unruhiger wurde die Kranke; sie warf chzend und sthnend den Kopf
hin und her, und schien dabei mit unsichtbaren Personen zu sprechen.

Wenn er nur verstehen knnte! Und jetzt waren ihm auch einige Worte
deutlich ins Ohr gedrungen. Es waren franzsische Worte! Sie hatten sich
beide im gegenseitigen Verkehr dieser Sprache nur selten bedient; ja
Klothilde hegte eine Art Abneigung dagegen, denn sie hatte sie in ihrer
Jugend uerst schwer und mhsam erlernt und spter nur sehr
unvollkommen beherrscht. Und jetzt -- in ihrer Krankheit -- in der
Bewutlosigkeit ihres Geistes griff sie danach!

^Le cheval! Le cheval!^ stie sie jetzt, furchtbar aufschreiend,
hervor und richtete sich mit halbem Leibe auf. Pltzlich aber sank sie
wieder zurck, streckte sich lang aus und verblieb regungslos.

Der Freiherr nahm dies alles wahr im ungewissen Dunkel des Gemaches.
Klothilde! rief er entsetzt. Klothilde!

Sie blieb stumm.

Mein Gott! chzte der Freiherr. Wenn nur Doktor --

Aber der trat auch eben jetzt, so leise wie es ihm mglich war, durch
die Tr, von dem ngstlich blickenden Mdchen gefolgt, welches das Licht
einer Kerze mit vorgehaltener Hand dmpfte.

O, Doktor, sehen Sie nur ...

Dieser nahm dem Mdchen das Licht ab und lie den vollen Schein auf
Klothilde fallen. Sie lag noch immer ganz starr; ihr schnes Antlitz war
verzerrt, die Mundwinkel herabgezogen.

Mein Gott, Doktor, was ist das?

Dieser schien selbst erschrocken; er hatte diesen Anblick offenbar nicht
erwartet. ^Trismus -- Trismus^, sagte er endlich. Ist Senfmehl im
Hause? Rasch!

Das Mdchen eilte fort.

Aber schon trat etwas ein, das den Freiherrn erschaudern machte. Ein
pltzliches Schttern ging durch den Krper seiner Frau; die Augen
ffneten sich weit, die Finger krampften sich zusammen und mit
zischenden Atemsten schnellte die Kranke wiederholt im Bette empor.

Konvulsivischer Anfall! rief der Doktor. Ein so akuter Verlauf ist
mir in meiner ganzen Praxis noch nicht vorgekommen. Sobald einige
Beruhigung eintritt, werde ich sofort einen Veneneinschnitt applizieren.
-- Aber jetzt, Exzellenz, ist es Zeit, da Sie nach dem Geistlichen
schicken.

Der Freiherr zuckte zusammen. Daran hatte er gar nicht gedacht. Dem
Geiste seiner Zeit gem war er kein Unglubiger; auf religise
Gebruche und Feierlichkeiten jedoch hatte er, sowie seine Gemahlin, die
ihre stille Andacht am liebsten in der kleinen, im Erdgescho gelegenen
Schlokapelle verrichtete, seit jeher nur wenig Gewicht gelegt. Jetzt
aber sollte Klothilde mit den Sterbesakramenten versehen werden, und die
tiefernste Bedeutung des Augenblickes fiel ihm erschtternd auf die
Seele.

Es traf sich, da der Ortspfarrer, der durch einen Diener in Kenntnis
gesetzt wurde, seit einigen Tagen selbst unwohl war und daher seinen
Kooperator entsenden mute; dieser erschien auch in kurzer Zeit.

Der Freiherr war ihm die Treppe hinunter entgegengegangen und befand
sich einem ganz jungen Geistlichen gegenber, der erst vor kurzem aus
dem Alumnat getreten sein konnte. Eine schmchtige, hoch aufgeschossene
Gestalt mit blonden Haaren und einem zarten, fast mdchenhaften Gesicht,
das Befangenheit und Verlegenheit ausdrckte. Als ihm jetzt der Freiherr
mit zitternder Stimme auseinandersetzte, wie so ganz unvorhergesehen und
rasch der traurige Fall eingetreten -- und da die Kranke bewutlos sei,
erwiderte er, hoch errtend: O, ich verstehe -- ich verstehe -- ich
werde die heilige Handlung so rasch wie mglich vornehmen.

Die Augen zu Boden gesenkt, betrat er das matt erhellte Zimmer und erhob
den Blick erst, als er dicht vor der Kranken stand, bei welcher der
Doktor inzwischen eine leichte Blutentziehung angewendet hatte. Mit
bebender Stimme und bebender Hand nahm er, whrend die anderen in dem
Hintergrunde des Zimmers knieten, die Zeremonie der letzten lung vor;
er wagte dabei kaum das regungslose, bleiche junge Weib anzusehen, und
es glich einer Flucht, als er nach einem kurzen Gebet das Zimmer
verlie.

Der Freiherr war ihm nachgeeilt und ergriff drauen dankend seine Hand:
Gott schtze Sie! murmelte der Priester, hastig abwehrend, und
entfernte sich mit dem Mener, der jetzt im Hofe sein Glckchen
erklingen lie.

Als der Freiherr zurckkehrte, fand er den Doktor am Bett, trbselig das
Haupt gesenkt. Beide blickten nun schweigend auf Klothilde, aus deren
schnem Antlitz die Verzerrung verschwunden war. Aber sie hatte die
Augen geschlossen und atmete hastig und stoweise.

Doktor!? flehte leise der Freiherr.

Der andere schttelte mutlos den Kopf. ^Collapsus!^ sagte er leise.

So mu ich mich auf das uerste gefat machen?

Ich glaube. Was geschehen konnte, ist geschehen. Es wre jetzt an der
Natur, sich selbst zu helfen. Jedenfalls bleibe ich hier. Ich darf mich
wohl ein wenig da drinnen auf das Sofa hinstrecken? Mit diesen Worten
zog er sich in das anstoende Zimmer zurck.

Der Freiherr jedoch kniete am Bett nieder. Bis zu dieser Minute war sein
Auge trocken geblieben. Der furchtbare Krampf seines Innern hatte keine
Lsung finden knnen. Jetzt aber machte er sich in Trnen Luft. Zuerst
drngten sie sich einzeln, tropfenweise, zwischen den Wimpern hervor,
aber immer strmender, immer heier weinte sie der gebrochene Mann auf
die geliebte Hand nieder, die er umfat hielt ...

Doktor! Doktor!

Dieser fuhr, aus dem kurzen Schlafe, in den er verfallen war, von dem
Freiherrn wachgerttelt, empor.

Ein neuer Anfall! Ein neuer Anfall!

So, so, sagte der Doktor, sich etwas mhsam zurechtfindend, und folgte
in das Krankenzimmer.

Der Anfall war heftig, aber kurz. Klothilde lag wieder ruhig da; sie
schien jedoch kaum mehr zu atmen.

Und nun geschah etwas, das nur diejenigen kennen, welche an Sterbebetten
gestanden haben.

Klothilde ffnete mit einemmal die Augen und richtete sich mit halbem
Leibe empor. Ausdruckslos blickte sie um sich; dann kehrte sie ihr
Antlitz langsam dem Gatten zu. Sah sie ihn? Sah sie ihn nicht? Wer
konnte es sagen? Unverwandt, aber verglast blieben ihre Augen auf ihn
gerichtet. Pltzlich lchelte sie; dann fiel sie in die Kissen zurck,
seufzte tief auf -- und ihr Kinn sank zur Brust hinab.

Der Freiherr von Gnthersheim beugte sich ber die Leiche.


                                 IX.

Wie er den Rest der Nacht und den Morgen durchlebt, wie er den
eingetroffenen zweiten Arzt empfangen, darber konnte er spter sich
selbst keine Rechenschaft ablegen. Mit jener an Gedankenlosigkeit
grenzenden Apathie des Schmerzes traf er und hie er die Anstalten
treffen, welche nunmehr zum Begrbnis notwendig erschienen. Er wurde
dabei von dem wackeren Doktor untersttzt, der offenbar Mitleid mit dem
vereinsamten Manne hatte; auch der Ortsvorsteher fand sich ein, um das
Beileid der Gemeinde auszusprechen und sich dem Freiherrn zur Verfgung
zu stellen. Und wie denn die Frauen bei hnlichen Anlssen stets bemht
sind, eine warme und werkttige Teilnahme zu bezeigen, so hatten einige
angesehene Einwohnerinnen nicht ermangelt, der weiblichen Dienerschaft,
welche sichtlich den Kopf verloren hatte, bei den letzten Diensten, die
der toten Herrin zu erweisen waren, an die Hand zu gehen.

Und so war auch die Stunde gekommen, wo Klothilde im Salon aufgebahrt
lag, von hochragenden Wachslichtern umflackert. Man hatte sie in
schwarze Seide gekleidet, ihr einen Kranz aus weien Rosen um die Stirn
und ein kleines goldenes Kruzifix in die gefalteten Hnde gelegt. Der
Freiherr war im Innersten gegen solche Zurschaustellung gewesen, aber er
konnte und durfte sie den Menschen nicht entziehen, die jetzt voll
scheuer Neugierde in Scharen heraufkamen, die schne tote Schlofrau zu
bewundern und zu betrauern. Und whrenddessen sa er im anstoenden
Gemach allein, ganz allein. Er hrte die vorsichtig gedmpften Schritte
der Ab- und Zugehenden, hrte stilles Geflster und unterdrcktes
Weinen. Er aber konnte nicht weinen; wre Tante Lotti hier gewesen, so
wren mit ihren auch seine Trnen geflossen. Sie allein war es, die er
entbehrte -- aber sie konnte ja im besten Falle erst bermorgen
eintreffen. Und so blieb sein heies Auge trocken, blieb es die endlos
lange Nacht hindurch, whrend welcher zwei arme Frauen an der Leiche
beteten, blieb es, als er den letzten Ku auf die Stirn seines Weibes
drckte. Nur wie im Traum nahm er wahr, da man jetzt den Sargdeckel
ber ihr schlo; wie im Traum sah er den Pfarrer mit zwei Kaplnen in
weien Chorhemden und goldgestickten Stolen eintreten, hrte die
monotonen Gebete, die halb gesungenen, halb gesprochenen Responsorien,
atmete den betubenden Duft, der qualmend aus dem geschwungenen
Weihrauchfasse drang. Und jetzt wurde der Sarg gehoben und fortgetragen.
Hinter ihm folgten die Priester, hinter den Priestern er selbst. Dann
die schwarzgekleidete Dienerschaft und endlich die Honoratioren des
Ortes, die mit ihren Frauen dicht gedrngt den Sarg umstanden hatten.
Und so ging es in langsamem Zuge die Avenue hinunter, hinunter durch den
heien, leuchtenden Sommertag, hinunter zur Ortskirche, wo die Tote bis
auf weiteres in einem zum Schlobesitz gehrenden Gruftgewlbe
beigesetzt wurde. Erst als er sich wieder -- ein Wagen, der nachgefahren
war, hatte ihn zurckgebracht -- allein im Schlosse befand, erwachte er.
Und da brach auch sein Jammer hervor und erfllte die einsamen Gemcher
mit sthnender Wehklage.

                   *       *       *       *       *

Tante Lotti war gekommen. Er hatte sie stumm in seine Arme geschlossen
und dann ein leise abwehrendes Zeichen mit der Hand gemacht. Daraus
hatte sie entnommen, da er nicht gefragt sein wollte -- und sie fragte
nicht. Wozu auch? Da Klothilde gestorben war, das wute sie, und sie
fand sich in diese Tatsache, wie sich starke und vielgeprfte Naturen in
das Unabnderliche zu finden wissen. War sie doch nicht auer sich
geraten, als man ihr den Sohn sterbend ins Haus gebracht. Sie hatte
nicht, wie andere Mtter an ihrer Stelle getan haben wrden, mit Gott
und der Weltordnung gehadert, nicht die teuflische Kamarilla und die
entmenschte Soldateska verflucht: nein, der Jngling hatte sich im
blauen Legionrrock, die Flinte auf der Schulter, zu voraussichtlichem
Kampfe aufgemacht -- konnte sie es wundernehmen, da er mit
durchschossener Brust vor ihr lag? Freilich, da ihre Nichte in der
vollsten Blte des Lebens so pltzlich dahingerafft worden war, entzog
sich jeder Voraussetzung. Aber wie viele Menschen erkranken und sterben
nicht auf der weiten Erde? Auch die junge Frau hatte dieses Los
getroffen. Tief schmerzlich fr den armen Gatten; schmerzlich auch fr
_sie_, die auf das Kind des Bruders all die segnende Liebe bertragen
wollte, welche sie dem eigenen nicht mehr weihen konnte. Als kluge und
erfahrene Frau hatte sie gefhlt, wie notwendig gerade Klothilden, deren
Ehe kinderlos geblieben, eine mtterliche Freundin sein mute -- um so
notwendiger, je mehr ihr Gatte in den Jahren vorschritt. Aber sie hatte
auch sofort das Bewutsein, nunmehr fr _diesen_ leben und sorgen zu
mssen. Sie war auf seinen Brief ber Hals und Kopf von Wien abgereist
und hatte dort manches hchst Wichtige unerledigt zurckgelassen.
Dennoch wollte sie jetzt frs erste hierbleiben und abwarten, bis sich
der Trostlose einigermaen gefat haben wrde.

Und der Freiherr fate sich auch allmhlich. Das heit, es wurde ihm
nach und nach vollkommen klar und deutlich, was sich eigentlich
zugetragen hatte. Sein geliebtes Weib war ihm weggestorben, einer
Gehirnentzndung erlegen. Also einer Krankheit. Was aber hatte die
Krankheit hervorgerufen? Aller Wahrscheinlichkeit nach jene Begegnung im
Parke mit dem Grafen Poiga. _Der_ also war ihr Mrder! Doch nein! Was
hatte er denn getan? Nicht mehr und nicht weniger, als was jeder andere
an seiner Stelle -- was vielleicht der Freiherr selbst in seinen
jngeren Jahren -- einer schnen Frau mit einem alternden Gatten
gegenber getan haben wrde. Konnte der Graf die Folgen voraussehen --
ja auch nur ahnen? Nein. Denn keine andere Frau htte sich dieses
Abenteuer so zu Herzen genommen. _Er_ jedoch, ihr Gatte, htte sie
kennen und es wissen sollen. Und so war es auch seine Pflicht gewesen,
sie vor solchen Fhrlichkeiten zu bewahren, zu schtzen. Aber die Schuld
lag noch viel tiefer. Er hatte als Fnfzigjhriger ein junges Mdchen
geheiratet, hatte ein aufblhendes Leben an sein verwelkendes gefesselt.
Und doch -- das Mdchen hatte ihn geliebt! Es hatte als Weib zehn Jahre
lang mit inniger Neigung an ihm gehangen! Dennoch durfte er damals nicht
um sie werben. Denn als reifer, berlegter Mann mute er voraussehen,
da die Natur im Laufe der Zeit gegen diesen Bund Protest einlegen
wrde. Und er gestand sich jetzt, da ihn solche Bedenken auch wirklich
stark beunruhigt hatten, aber von seiner Selbstsucht, von seinem
Verlangen nach dem kstlichen Besitz waren sie zum Schweigen gebracht
worden. Ja, es war ein Verbrechen, da er um sie geworben! Was aber wre
geschehen, wenn er es nicht getan? Sie wrde einen anderen geheiratet
haben. Sie wre jetzt noch eine glckliche Gattin -- vielleicht eine
glckliche Mutter. Bei diesem Gedanken krampfte sich sein Herz zusammen.
Worin jedoch lag die Brgschaft, da es sich, bei all den
Zuflligkeiten, die das menschliche Wohl bedingen, bei all den Gefahren,
die es bedrohen, wirklich so verhalten wrde? Wer konnte behaupten, da
Klothilde unter anderen Verhltnissen glcklicher -- ja auch nur so
lange glcklich gewesen wre, wie sie es mit _ihm_ war. Htte sie nicht
schon in ihrem ersten Wochenbett sterben knnen? Er atmete freier auf.
Ja, ein Menschenschicksal lt sich in all seinen Mglichkeiten nicht
berechnen, und wenn er an dem seines geliebten Weibes Schuld trug, so
bte er es jetzt durch ein vereinsamtes, qualvolles Dasein, dem der
erlsende Tod -- er fhlte es im Tiefsten seiner Seele -- nicht so bald
nahen wrde ...

Dennoch ging er jetzt daran, alle notwendigen letztwilligen Anordnungen
so rasch zu treffen, als sollte er morgen sterben. Frs erste
hinsichtlich seines Vermgens. Er war kein reicher Mann; ja ohne den
bedeutenden Ruhegehalt, den er vom Staate bezog, htte er sich sehr
einschrnken mssen. Die Ersparnisse welche die Gnthersheim vor ihm
zurckgelegt, waren von seinem Vater zum Ankauf des Gutes verwendet
worden, das, weil man es nicht in eigener Verwaltung haben konnte oder
mochte, nur geringe Ertrgnisse abwarf. Er selbst hatte es blo als
Sommeraufenthalt geschtzt -- und das Schlo sollte einst der Witwensitz
seiner teuren Klothilde werden; denn da er vor ihr zu Grabe gehen
wrde, unterlag keinem Zweifel. Nun war es freilich anders gekommen.
Aber was sollte jetzt mit dem Gute geschehen? Es lebten zwar noch
Anverwandte des Freiherrn, aber keiner, den er fr wrdig erachtete, da
er ihm den Besitz vererbe. Sie sollten alle, je nach ihren persnlichen
Verhltnissen, durch Legate oder Jahresrenten befriedigt und versorgt
werden -- auch jene, die es nicht um ihn verdient hatten. Das Gut selbst
aber, samt allen darauf haftenden Lasten und mit dem ausdrcklichen, in
schmerzlicher Piett fr die Verblichene wurzelnden Vorbehalt: da das
Schlo auf die Dauer von fnfundzwanzig Jahren nicht als Wohnsitz
bentzt werden drfe, sollte nach seinem Tode der Ortsgemeinde zufallen.
Damit waren dieser die Mittel an die Hand gegeben, durch grere
industrielle Unternehmungen und Errichtung gedeihlicher ffentlicher
Anstalten den Marktflecken -- wie es das ehrgeizige Streben der
Einwohnerschaft war -- im Laufe der Zeit zum Range einer Stadt zu
erheben.

Nachdem der Freiherr diese Schenkung urkundlich besiegelt hatte, zog er
die letzte Ruhesttte der Verewigten in Erwgung. Fr jetzt war sie, wie
es die Umstnde erheischten, in die entlegene Gruft gebracht worden.
Dort aber, bei den fremden Toten, durfte sie nicht bleiben. Ganz in
seiner Nhe sollte sie ruhen, an dem Orte, den sie im Leben so sehr
geliebt. Der Gedanke, ihr an der Stelle des Tirolerhauses ein kleines
Mausoleum zu errichten, beschftigte ihn. Aber ein solches Grabmal
erschien ihm doch zu gesucht, zu aufdringlich -- und so wendete er sich
an das Landeskonsistorium mit dem Ersuchen, die Leiche seiner Gemahlin
in der Schlokapelle beisetzen zu drfen, woselbst sie bis zu seinem
eigenen Ableben zu verbleiben htte. Dann aber sollten beide Leichen
nach Wien berfhrt und dort auf dem Sankt Marxer Friedhofe in der
Grabsttte seiner Eltern und Groeltern zur ewigen Ruhe bestattet
werden.

ber diesen Entschlssen und Anordnungen war allmhlich der Herbst ins
Land gezogen. Die Tage wurden krzer und krzer; Schwrme von
Nebelkrhen hockten in den Wipfeln des Parkes, dessen Pfade sich mit
abfallendem Laube bedeckten. Und die Novemberstrme fingen an, um das
Schlo zu brausen, wo der Freiherr einsam hauste. Und doch nicht ganz
einsam. Tante Lotti hatte inzwischen ihre Angelegenheiten in Wien
geordnet und war zu ihm zurckgekehrt. Der harrenden Teilnahme dieser
Vielgeprften erschlo er endlich den ganzen Umfang, die ganze Bedeutung
seines Schmerzes. Sie begriff -- und verstand zu trsten. An ihrer Seite
betrat er zum ersten Male wieder Klothildens Gemcher, die er bis jetzt,
den berwltigenden Eindruck frchtend, gemieden hatte. Und nun wurden
ihm auch die verlassenen Rume mit all den Reliquien eines fr immer
dahingegangenen Daseins zu einem teuren Besitze, bei dem er jetzt fter
und fter verweilte, in Erinnerung versunken und von sanfter Wehmut
durchschauert.

Und als es nun wieder allmhlich Frhling wurde, die weie Schneedecke,
die sich ringsum ausgebreitet hatte, wegschmolz -- und in dem
ergrnenden Rasen des Parkes Veilchen und Primeln zum Vorscheine kamen,
da schlug der Freiherr eines Tages den Weg nach dem Tirolerhause ein.
Mit zitternder Hand ffnete er Tren und Fenster und lie die warme,
sonnige Luft in die stillen, leicht nach Moder duftenden Rume dringen.
Da befand sich alles noch an derselben Stelle, wie damals! Die
Landschaft an der Staffelei -- die Bcher, eines davon aufgeschlagen.
Und dort stand auch das Glas, in welches Klothilde den Zipfel ihres
Tuches getaucht hatte, um die Trnenspuren im Antlitz zu verwischen! Er
verhllte das seine mit den Hnden. Mein Gott! Mein Gott! Die
Erinnerung an jene entsetzliche Stunde berfiel ihn mit ganzer Macht ...

Er wankte die Stufen hinab und lie sich auf die Bank nieder, wo sie so
gerne gesessen hatte. Vor ihm lag die Wiese in neuer Triebkraft; ber
ihm, in den schlanken Birkenzweigen, wiegte sich mit zartem Gezwitscher
eine Meise; ein erster hellgelber Falter flatterte dicht an ihm vorber.
Befreiende Wehmut berkam ihn nach und nach; es war ihm, als se
Klothilde mit ihrem breitrandigen Strohhute an seiner Seite -- und
legte, wie sie es gewohnt war, ihre Hand in die seine .......

Und nun weilte er fast tglich dort. Schon blhte in sanften Farben der
Akelei, den man auf Wunsch der Schlofrau, die ihn so sehr liebte,
gepflanzt hatte, und der so reich und ppig gedieh, da im Mai alle
Rasenhnge davon berdeckt waren. Und dann kam die Zeit der Rosen, die
Zeit der Nelken -- und endlich die der Georginen und Astern ...

So zog Jahr um Jahr dahin, und der Freiherr selbst begann ein
Pflanzenleben zu fhren -- das stille Pflanzenleben des Alters. Seine
Denkwrdigkeiten, die er begonnen hatte, waren frs erste liegen
geblieben. Als er sie spter wieder aufnehmen wollte, erschienen ihm
diese Aufzeichnungen nicht mehr wichtig genug, da sich inzwischen im
Staate eine Neugestaltung der Dinge anzubahnen schien, wie sie einst
seinem Geiste vorgeschwebt hatte. So lie er denn die Papiere ruhen und
begngte sich mit dem Bewutsein seines frheren Wollens. --

Als seit dem Tode Klothildens fast ein Dezennium verstrichen war, fhlte
sich der Freiherr eines Abends unwohl. Es war in der ersten
Frhlingszeit, die ihn wieder in den Park zu dem Tirolerhause gefhrt
hatte. Er mochte sich whrend der Stunden, die er dort zubrachte,
erkltet haben, der herbeigerufene Arzt stellte eine Lungenentzndung
fest. Die Krankheit ging jedoch in normalem Verlaufe vorber, und im Mai
konnte sich Gnthersheim, wenngleich noch sehr geschwcht, doch als
genesen betrachten.

Mittlerweile hatte sich gegen das mit Frankreich verbndete Italien der
Krieg vorbereitet, dessen rasche und folgenschwere Ereignisse der
Freiherr, wie so viele Einsichtige, mit ahnungsvollen Befrchtungen
verfolgte. Als er eines Vormittags in seinem Zimmer die Zeitungsberichte
ber die Schlacht bei Magenta las, fand er unter den gefallenen
Offizieren einen Oberst Graf Poiga-Reuhoff verzeichnet. In diesem
Augenblick entsank das Blatt seiner Hand.

Als nach einiger Zeit der Kammerdiener eintrat, sah er seinen Herrn mit
gesenktem Haupte auf dem Sofa sitzen und glaubte, er schlafe. Sich leise
nhernd, erkannte er, da er tot war. Eine Lungenlhmung war pltzlich
eingetreten.


                                  X.

Die beiden Srge waren nach Wien gebracht worden. Auch Tante Lotti hatte
sich dorthin begeben und laut testamentarischer Vollmacht mit sich
genommen, was von intimerem Werte war; alles brige wurde an Arme und
Bedrftige verteilt, so da nur, was gewissermaen niet- und nagelfest
war, im Schlosse zurckblieb. Dieses selbst aber wurde nunmehr an allen
seinen Eingngen versperrt und die Schlssel dem Gemeindevorstand
berantwortet, der seinerseits einen verllichen Mann als Aufseher
anstellte. Mit seiner Familie im Amtshause untergebracht, hatte dieser
darber zu wachen, da nichts in Verfall gerate; wie denn auch zweimal
des Jahres alle Rumlichkeiten geffnet wurden, um die notwendige
Lftung und Reinigung vorzunehmen.

Inzwischen war die neue Aera wirklich angebrochen, und eine frhliche
Wahlbewegung ging durch das Land. Lang erhoffte Einrichtungen, erlsende
Gesetze machten sich geltend, aber mit ihnen auch tiefere nationale
Spaltungen, die fast in allen Teilen der Monarchie zutage traten. Es war
ein freierer, aber auch unruhigerer Geist in die Zeit gekommen, deren
Hauch von nun an das stille Schlo umwehte, whrend die Mauern
allmhlich eine dstere Frbung annahmen und auf den unbetretenen Gngen
der Avenue sich langhalmiger Graswuchs entwickelte.

Pltzlich wurde es von feindlichen Truppen berschwemmt. Denn der Krieg
des Jahres 1866 hatte sich in die Nhe gezogen, und die Kanonen
donnerten in der Runde. Man hatte das weitlufige Gebude einem
preuischen General erschlieen mssen, der dort sein Heerlager
aufschlug.

Auch das ging vorber, und es wurde wieder still auf der einsamen Hhe.
Unten aber regte sich aufs neue der Gewerbeflei friedlicher Hnde --
und der Marktflecken dehnte sich weiter und weiter aus. Ein stattliches
Schulhaus, ein neues Rathaus in gotischem Rohbau erhoben sich -- und als
nun gar auf frisch gelegten Schienen die erste Lokomotive
vorberdampfte, da war auch das Ziel erreicht -- und der Ort zum Range
einer Stadt erhoben worden. Und schlielich waren auch die
fnfundzwanzig Jahre abgelaufen, welche dem Schlosse neue Bewohner ferne
gehalten hatten.

Mit demselben Tage aber, an dem diese Frist ihr Ende erreichte, waren
auch schon ganze Scharen von Handwerkern erschienen, welche nunmehr
daran gingen, das verlassene Gebude nach jeder Richtung hin im
modernsten Geschmacke aufzufrischen und einzurichten. Denn einer der
bedeutendsten Industriellen des Landes, der sich im Laufe der Jahre ein
erstaunliches Vermgen erworben, war bei einer Geschftsreise von
diesem, gewissermaen in der Luft schwebenden Herrensitze in Kenntnis
gesetzt worden und hatte sofort hinsichtlich des Erwerbes in der ganzen
frheren Gutsausdehnung ein glnzendes Angebot getan. Die Vter der
jungen Stadt gingen umso rascher auf den Verkauf ein, als damit alle
weiteren Sorgen und Mhen der Verwaltung entfielen und das
Gemeindevermgen um ein betrchtliches, zur Stunde flssiges Kapital
wuchs. Und so hielt denn, nachdem im Schlosse die zahlreichen, vordem
sehr einfach gehaltenen Gemcher durchweg mit neuen Parkettbden, mit
goldgemusterten Tapeten, mit Samt, Seide, Spitzen und stilvollen Mbeln
ausgestattet, die Vorhalle und die Treppen mit Nischen und Statuen, mit
kostbaren Teppichen und exotischen Gewchsen ausgeschmckt waren, an
einem dunklen Septemberabend der neue Besitzer seinen Einzug -- und zwar
bei elektrischem Licht, dessen weies Fanal die Avenue weithin erhellte.

Selbstverstndlich waren auch bedeutende Eingriffe in den Park
geschehen. War doch dieser im Laufe der Jahre mit seinem Unterholz
derart ins Laub geschossen, da eine frmliche Durchforstung Platz
greifen mute. Dabei fielen auch alle vermorschten Eremitagen,
Tempelchen, Brckchen und Ruhebnke, die samt und sonders aus
Birkensten hergestellt waren; nur das Tirolerhaus an der groen Wiese
hatte man als wunderliches Denk- und Wahrzeichen einer engbrstigen und
geschmacklosen Vergangenheit unberhrt gelassen. Auch konnte man dort
immerhin vor einem pltzlich niedergehenden Regen Schutz finden oder
auch an khlen Herbsttagen das Gouter einnehmen. Als man aber das
letztere wirklich einmal ausfhrte, da zeigte sich, da die
Rumlichkeiten fr die hchst zahlreiche Familie des neuen Schloherrn
samt allen Hofmeistern, Gouvernanten und Bonnen doch viel zu klein und
unbequem waren. Die Damen konnten keinen rechten Platz zum Sitzen finden
-- und die Herren stieen mit den Hten an die Decke. ffnete man die
Fenster, so drang empfindliche Zugluft herein, schlo man sie, so waren
die Zimmerchen -- denn auch die Damen rauchten Zigaretten -- alsbald mit
unertrglichem Tabaksqualm angefllt. Und welche Bruthitze mochte in der
schnen Jahreszeit hier innen herrschen! Man mied also das Haus im
nchsten Sommer vollstndig; nur die englische Gouvernante, eine
ltliche Mi mit messingblonden Haarwickeln, suchte es je zuweilen an
Sonntagen auf, um von keinem Menschen gestrt in der Bibel lesen zu
knnen. Und als im darauffolgenden Winter das Unerhrte geschah,
verwegene Strolche nchtlicherweile einbrachen und alles Bewegliche
wegschleppten, da kam man auch sofort zu dem Entschlusse, den alten
Kasten dem Erdboden gleich zu machen und an seiner Stelle ein
gerumiges, den Anforderungen modernen Komforts entsprechendes
Sommerhaus zu errichten. Wirklich entstand auch, wie hervorgezaubert, in
krzester Zeit ein ganz stattliches Gebude im Schweizerstil, von dessen
breiter, luftiger Terrasse man bequem auf einen weit abgesteckten Lawn
Tennis-Platz niederblicken konnte, der einen guten Teil der Wiese
einnahm. Dort bewegen sich, wenn -- was hufig geschieht -- das Schlo
zahlreiche Gste beherbergt, anmutig jugendliche Gestalten in vollem
Eifer des krperbiegenden Spieles. Die Herren in Jockeimtzen und
farbigen Wollenhemden, die Damen, hochgeschrzt, in grell bunter Tracht
-- alle aber in gelben, mit Gummi besohlten, absatzlosen Schuhen. Und
whrend unten bei frhlichen Scherzen und schallendem Gelchter die
Blle hin und her oder ber das Gitternetz fliegen, weilt oben auf der
Terrasse eine Schar gesetzterer Mnner und Frauen in anregendem
Geplauder. Da wird alles berhrt, alles gelobt oder getadelt, begriffen
oder miverstanden, was der Tag bringt: die neuesten Verordnungen der
Regierung und die neuesten Moden; die Schwankungen der Kurse und die
Differenzen zwischen diesem oder jenem Theaterdirektor und dieser oder
jener Schauspielerin; die letzte sensationelle Ehescheidung, das letzte
siegreiche Rennpferd, der Sozialismus, der Hypnotismus und die
Erzeugnisse der naturalistischen Schule. So regt und bettigt sich
geruschvoll an dem Orte, wo Klothilde in tiefer Stille an der
schwermtigen Glut Lenaus sich entzckte, an ihrer idealen Landschaft
pinselte -- und im bergefhl der Schuld zusammenbrach, ein neues,
bestimmteres, zuversichtliches Geschlecht mit anderen Empfindungen und
Anschauungen, mit anderen Zielen und Hoffnungen -- daher auch mit
anderen Schicksalen. Aber auch dieses Geschlecht wird dereinst zu den
vergangenen zhlen -- und wieder ein neues ausblicken nach den
ungewissen, ewig wechselnden Fernen der Zukunft.

                 Druck von Hesse & Becker in Leipzig.




Anmerkungen zur Transkription


Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t oder kursiv sind, wurden
mit Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. Textstellen, die in Antiqua
gesetzt waren, wurden ^so^ markiert.

Offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 86]:
   ... legte mir unter allem Umstnden einen gewissen nachbarlichen ...
   ... legte mir unter allen Umstnden einen gewissen nachbarlichen ...

   [S. 95]:
   ... -- es wird schon ganz dunkel. Herr Matzenor! Herr
       Matzennor! ...
   ... -- es wird schon ganz dunkel. Herr Matzenor! Herr
       Matzenor! ...

   [S. 96]:
   ... blieb. Als ich jetzt die Queue aus der Hande legen wollte,
       gab ...
   ... blieb. Als ich jetzt die Queue aus der Hand legen wollte, gab ...

   [S. 111]:
   ... In den Slen des Wiener Musikvereins fand einer groer ...
   ... In den Slen des Wiener Musikvereins fand ein groer ...

   [S. 113]:
   ... vorhin die Dame geannt? Baronin Hirtburg? Heit denn ...
   ... vorhin die Dame genannt? Baronin Hirtburg? Heit denn ...

   [S. 131]:
   ... Weges. Nach einger Zeit erschien sie wieder -- und bald
       darauf ...
   ... Weges. Nach einiger Zeit erschien sie wieder -- und bald
       darauf ...

   [S. 132]:
   ... Am nchsten Tage trat sie mich wieder an -- und auch ...
   ... Am nchsten Tage traf sie mich wieder an -- und auch ...

   [S. 139]:
   ... dem Walde in die sonnige Ebene hinaustrat. Sie blickte nicht ...
   ... dem Walde in die sonnige Ebene hinaustrat. Sie blickte sich
       nicht ...

   [S. 144]:
   ... zu verabreden, fand ihn aber nicht zu Haufe. Sein junges Weib ...
   ... zu verabreden, fand ihn aber nicht zu Hause. Sein junges Weib ...

   [S. 159]:
   ... mich erwrgen, whrend ihre dunstigen Lippen die meinen ...
   ... mich erwrgen, whrend ihre durstigen Lippen die meinen ...

   [S. 167]:
   ... bereits sehr lehbaft vor, wie auch sie diesem Abend sich
       entgegen ...
   ... bereits sehr lebhaft vor, wie auch sie diesem Abend sich
       entgegen ...

   [S. 195]:
   ... acht Tage, was unter den damaligen Verhltnissen dem hentigen ...
   ... acht Tage, was unter den damaligen Verhltnissen dem heutigen ...

   [S. 195]:
   ... tglichen Schreiben gleichkam, und es lt sich nicht sageu,
       mit ...
   ... tglichen Schreiben gleichkam, und es lt sich nicht sagen,
       mit ...

   [S. 217]:
   ... Ich konnte bemerken, wie sich ihr Nschen, dessen seine ...
   ... Ich konnte bemerken, wie sich ihr Nschen, dessen feine ...

   [S. 223]:
   ... ein Einverstndis obwalte. Aber tat ich den beiden nicht
       vielleicht ...
   ... ein Einverstndnis obwalte. Aber tat ich den beiden nicht
       vielleicht ...

   [S. 290]:
   ... hinein, das drauen ber dem Gelnde des Ganges zum Vorschein ...
   ... hinein, das drauen ber dem Gelnder des Ganges zum
       Vorschein ...

   [S. 319]:
   ... besinnne ich mich noch anders. ...
   ... besinne ich mich noch anders. ...

   [S. 335]:
   ... wackeren Doktor untersttzt, der offfenbar Mitleid mit dem ...
   ... wackeren Doktor untersttzt, der offenbar Mitleid mit dem ...






End of the Project Gutenberg EBook of Smtliche Werke 9: Novellen aus
sterreich III, by Ferdinand von Saar

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