The Project Gutenberg EBook of Peter und Lutz, by Romain Rolland

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Title: Peter und Lutz
       Eine Erzhlung mit sechzehn Holzschnitten von Frans Masereel

Author: Romain Rolland

Illustrator: Frans Masereel

Translator: Paul Amann

Release Date: December 20, 2014 [EBook #47713]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PETER UND LUTZ ***




Produced by Jens Sadowski





                            ROMAIN ROLLAND




                            PETER UND LUTZ


                            EINE ERZHLUNG
                      MIT SECHZEHN HOLZSCHNITTEN
                          VON FRANS MASEREEL

                               MNCHEN
                          KURT WOLFF VERLAG

                  Einzig berechtigte bertragung von
                              Paul Amann

          Copyright 1921 by Kurt Wolff Verlag A.-G., Mnchen
                          Printed in Germany

                            Thaliae Amicae

                            Die Erzhlung
               umfat den Zeitraum vom 30. Januar 1918
                  (Mittwochabend) bis zum Karfreitag
                     desselben Jahres (29. Mrz)

Peter versank in die Tiefe der Untergrundbahn. Rohe, fiebrig erregte
Menge. In einen Block von Menschenleibern eingekeilt, atmete er die
schwere Luft, die durch aller Lungen ging; er stand dicht bei der
Waggontre; blicklos waren seine Augen zur schwarzen, drhnenden
Tunnelwlbung gekehrt, unter der die grellblanken Pupillen des Zuges
hinglitten. In Peters Innern prallte auch so eine harte, zuckende
Helligkeit an schwere Finsternis. Er meinte unter seinem
hochgeschlagenen Winterrockkragen zu ersticken; die Arme drckte er
dicht an den Leib und hielt die Lippen krampfhaft geschlossen; seine
schweifeuchte Stirn trafen eisige Schauer, wenn bei aufgerissener Tre
ein Hauch von drauen eindrang; in dieser Lage wollte er am liebsten
nicht mehr atmen, nicht mehr denken, nicht mehr leben. Das Gemt des
Achtzehnjhrigen -- fast schien er noch ein Kind -- war voll dumpfer
Verzweiflung. Da oben ber ihm, ber dieser finsteren Wlbung, ber
diesem Rattengang, durch den das metallene Ungetm voll gespenstigen
Menschengekribbels dahinscho -- da oben war Paris, war der Schnee, die
kalte Januarnacht, der Alpdruck des Lebens und des Sterbens -- war der
Krieg.

Der Krieg. Seit vier Jahren war er da, hatte sich ins Leben
eingefressen. Mit seiner ganzen Schwere hatte er auf Peters Jugend
gelastet. Er hatte den Jngling gerade in der entscheidenden Epoche
berfallen, da er durch die Unrast erwachender Sinne erschttert,
tierhafter, blinder, zermalmender Krfte gewahr wird, der Krfte des
Lebens; des Lebens, das er doch gar nicht verlangt hat. Ist nun so ein
Junge, wie es Peter war, von Haus aus zart, ist sein Gemt so weich und
sein Leib so schmchtig, dann packt ihn -- ohne da er sich traut, es
wem einzugestehen -- ein Ekel, ein Grauen vor dem Schmutz, vor der
Gemeinheit, vor dem Bldsinn dieser ewig zeugenden, ewig verschlingenden
Natur -- vor dieser werfenden Sau, die ihre Jungen frit . . . In jedem
jungen Menschen zwischen dem sechzehnten und dem achtzehnten Lebensjahre
regt sich etwas von Hamlets Seele. Wie kann man von ihm Verstndnis fr
den Krieg verlangen! (Eure Sache, Ihr gesetzten Mnner!) Er hat schon
daran gerade genug, das Leben zu verstehen -- und ihm zu verzeihen.
Gewhnlich verkriecht er sich in ein Traumland und ins Reich der Kunst,
bis er sich mit der Tatsache seiner Fleischwerdung abgefunden hat, der
gefhrliche bergangszustand der Verpuppung glcklich berstanden ist
und der Falter ausschlpfen kann. In jenen wirren Vorfrhlingstagen des
Lebens bedarf er so sehr des Friedens und der Sammlung! Aber gerade da
holt man ihn aus seinem Schlupfwinkel, entreit ihn mit roher Gewalt
schtzendem Dunkel, mit seiner noch so verletzlichen neuen Hlle stt
man ihn an die rauhe Luft, mitten ins harthutige Menschengeschlecht;
dessen Ha und Tollheit soll er sich sofort zu eigen machen, ohne sie zu
begreifen; ohne sie zu begreifen, soll er dafr ben.

Als Achtzehnjhriger war Peter schon assentiert. In einem halben Jahre
wird das teure Vaterland sein junges Fleisch brauchen. Der Krieg lechzte
darnach. Sechs Monate war noch Schonzeit. Sechs Monate! Wenn man
wenigstens bis dahin nicht nachzudenken brauchte! In dieser Unterwelt
bleiben! Den grellen Tag nicht mehr sehen mssen! . . . Mit dem
hinfliegenden Zuge tauchte er ins Dunkel und schlo die Augen . . . Als
er die Augen wieder auftat -- stand ein paar Schritte weiter, durch die
Krper von zwei fremden Menschen von ihm geschieden, ein junges Mdchen,
das eben eingestiegen war. Zuerst erkannte er im Schlagschatten des
Hutes nur ihr zartes Profil, dann das Blond einer Locke auf der schmalen
Wange, ein Glanzlichtchen auf der lieblichen Biegung dieser Wange, die
feine Linie der Nase und der geschrzten Oberlippe, die noch vom raschen
Laufe zitterte. Durch die Pforte seiner Augen ging sie ein in sein Herz,
trat hinein ganz und gar, und die Pforte schlo sich hinter ihr. Das
Lrmen der Auenwelt schwieg. Stille. Friede. Sie war da.

Sie sah nicht nach ihm hin. Sie wute noch gar nicht, da er auf der
Welt war. Und doch war sie in ihm. Er hielt ihr stummes Bild zrtlich in
den Armen und wagte nicht zu atmen, damit sie nicht einmal sein Atem
berhre . . .

Bei der nchsten Station kam wilde Bewegung ins Gedrnge. Schreiende
Leute strzten in den schon berfllten Wagen. Peter versprte den
Anprall und tragenden Druck der Menschenwelle. ber dem Tunnel, oben
ber der groen Stadt, ein dumpfes Krachen. Der Zug fuhr weiter. In
diesem Augenblicke rannte in wahnsinniger Angst ein Mensch die Treppe
hinunter, indem er die Hnde vors Gesicht hielt und -- jetzt kollerte er
ganz hinunter. Man sah gerade noch, wie ihm Blut zwischen den Fingern
flo . . . Dann kam wieder der finstre Tunnel. Im Waggon Schreckensrufe:
die Flieger sind da! . . . In der gemeinsamen Gefahr, darin diese
gepferchten Leiber zu einem Krper verschmolzen, hatte Peters Hand die
Hand ergriffen, die er dicht neben der seinen fhlte. Und wie er die
Augen hob, da war es Sie.

Sie machte sich nicht los. Dem Drucke seiner Finger antworteten ihre
Finger, erst etwas krampfig und aufgeregt, dann sanft hingegeben,
brennend hei und regungslos. So verharrten ihre Hnde im schtzenden
Dunkel wie zwei Vgelchen, die im selben Neste kauern; und ihr warmes
Herzblut flo in einem Strome durch ihre verknpften Hnde. Sie sprachen
kein Wort und regten sich nicht. Die Lippen des Burschen streiften
beinahe die Locke auf ihrer Wange und ihr Ohrlppchen. Sie blickte ihn
nicht an. Zwei Stationen weiter lste sie ihre Hand aus der seinen, die
ihr gleich nachgab, schlpfte leicht durchs Gedrnge und war weg, ohne
ihn berhaupt angesehn zu haben. Erst als sie verschwunden war, fiel's
ihm ein, ihr zu folgen . . . Zu spt. Der Zug war im Fahren. Bei der
nchsten Haltestelle stieg Peter an die Oberwelt. Da war wieder
Nachtluft, ein Kitzeln unsichtbaren Schneeflaums und die gengstigte
Riesenstadt, die ihre Furcht schon wieder als Abenteuer geno, whrend
hoch ber ihr noch Kriegsvgel schwirrten. Peter aber sah nichts als
jene, die in ihm war; er ging heim, Hand in Hand mit der Unbekannten.

                   *       *       *       *       *

Peter Aubier wohnte bei seinen Eltern nchst dem Cluny Platz. Sein Vater
war ein hherer Gerichtsbeamter, der sechs Jahre ltere Bruder war bei
Kriegsausbruch als Freiwilliger hinausgezogen. Es war eine gute, echt
franzsische Brgerfamilie, warm fhlende, brave Leute von
menschenfreundlichster Gesinnung, die aber nie gewagt hatten, einen
selbstndigen Gedanken zu fassen. Der Gerichtsprsident Aubier war durch
und durch Ehrenmann und hegte eine hohe Auffassung von seinen
Standespflichten. Als rgsten Schimpf htte er die leiseste Andeutung
zurckgewiesen, seine richterlichen Entscheidungen knnten jemals nicht
blo von Recht und Gewissen eingegeben sein. Aber dieses Gewissen hatte
noch nie ein Wort gegen die Regierung gesprochen (besser gesagt:
geflstert). Es war von Geburt an amtlich-korrekt. Sein Denken war eine
Funktion des Staates, vernderlich, aber immer unanfechtbar. Die
bestehenden Gewalten erschienen ihm in gottgewollter Unfehlbarkeit.
Dabei bewunderte er aufrichtig die ehernen Charaktere der hohen
Richtergestalten vergangener Tage, die so frei und unbeugsam ihre Bahn
geschritten waren; vielleicht hielt er sich sogar insgeheim
gewissermaen fr deren Geistesverwandten. So war er etwa eine
Miniaturausgabe des Michel de l'Hospital, nur da eben ein Jahrhundert
republikanischer Knechtung ber ihn weggegangen war. -- Frau Aubier war
eine musterhafte Christin, wie ihr Gemahl ein musterhafter Republikaner.
So wie der sich im besten Glauben, mit dem ehrlichsten Gefhl erfllter
Pflicht, zum Werkzeug gegen jede staatlich nicht patentierte
Freiheitsregung gebrauchen lie, so erhob sie in aller Reinheit ihres
Herzens ihre Stimme fromm im Chor der menschenschlchterischen
Kriegsgebete, wie sie damals in jedem Lande Europas katholische
Priester, protestantische Pastoren, Rabbiner und Popen gen Himmel
schickten, in schnem Einklange mit den gutgesinnten Zeitungen und
Leuten dieser Epoche. Beide, Vater und Mutter, liebten ihre Kinder
abgttisch, hatten als echte Franzosen eigentlich nur fr sie ein ganz
tiefes, inniges Gefhl und wrden ihnen jedes Opfer gebracht haben,
brachten jetzt aber ohne Bedenken eben diese Kinder zum Opfer dar, weil
die andern Leute auch so taten. Wem galt dies Opfer? Dem unbekannten
Gott. Immer wieder hat Abraham seinen Isaak zum Brandaltar gefhrt. Und
seine berhmt gewordene Narretei gilt der bedauernswerten Menschheit
immer noch als Vorbild.

Wie das so oft vorkommt, war in diesem Familienleben zwar die Liebe
gro, aber es gab gar keinen vertraulichen Verkehr zwischen Eltern und
Kindern. Wie sollte man sich einem andern ganz erffnen, wenn eine
gewisse Scheu einen abhlt, sich selber ganz klare Rechenschaft zu geben
von dem, was man empfindet? Was immer in einem vorgehen mochte, man
wurde das Gefhl nicht los, gewisse Dogmen mten unangetastet bleiben:
war das schon reichlich unbequem, wo die Dogmen brav in suberlich
begrenztem Gebiete verblieben (so stand es im ganzen mit allem, was das
Jenseits betraf), was sollte man erst anfangen, wenn dergleichen gar ins
Leben eingreifen, es in jeder Hinsicht bestimmen wollte, wie der
neumodisch-unkirchliche Dogmenzwang tut? Wie dem Dogma Vaterland
entrinnen? Die neue Religion brachte alttestamentarische Zustnde
wieder. Sie begngte sich nicht mit bloem Lippendienst und harmlosen,
der Gesundheit zutrglichen oder komischen bungen, wie Beichte, Fasten
am Freitag oder Sonntagsruhe, an denen sich der Witz der Philosophen
hatte ben drfen, nmlich in der guten alten Zeit, da das Volk noch
frei war -- unter den Knigen. Die neue Religion wollte einfach alles
fr sich, mit weniger gab sie sich nicht zufrieden: den ganzen Menschen,
seinen Leib, sein Blut, sein Leben und sein Denken. Vor allem aber sein
Blut. Seit den Tagen der mexikanischen Azteken hatte sich keine Gottheit
so sattgetrunken an Blut. Dabei tte man diesen Glubigen bitter Unrecht
mit der Annahme, sie litten nicht unter ihren Opfern. Sie litten und
glaubten. Ihr meine armen Menschenbrder, denen Leid ein Beweis
gttlicher Nhe ist! . . . Das Ehepaar Aubier litt wie die andern und
warf sich in den Staub wie die andern. Aber von einem Halbwchsigen
konnte man wirklich nicht verlangen, da er den Schrei seines
Menschenherzens bertube, die Stimme seiner Menschensinne und seiner
Menschenvernunft. Peter htte so gern wenigstens genau begriffen, was da
so bedrckend auf ihm lag. Wie viele Fragen brannten ihm auf der Zunge,
ohne da er sie aussprechen durfte! Denn als Erstes drngte sich ja der
Herzensschrei hervor: Aber ich glaube ja gar nicht daran! Schon das
wre Gotteslsterung gewesen. -- Nein, er konnte nicht reden. Wie sie
ihn ansehen wrden! In starrem Entsetzen, entrstet, mit Kummer und
Scham! Und da er im Alter stand, wo die Seele noch bildsam ist, wo ihre
berzarte Membran sich vor jedem Windhauch kruselt und in Falten legt
und, unter so flchtigen Fingern erschauernd, festere Gestalt annimmt,
so war er, ohne gestanden zu haben, doch schon voll Trauer und Scham.
Ach, wie felsenfest sie alle daran glaubten! (Aber ob nur alle wirklich
daran glaubten?) Wie machte man das? -- Er traute sich nicht zu fragen.
Als einzig Unglubiger inmitten einer glubigen Menge ist man wie einer,
dem ein Organ fehlt -- ein vielleicht berflssiges Organ -- aber eins,
das alle brigen besitzen; so birgt man denn errtend seine Ble vor
ihren Blicken.

Der einzige, der in diesen Seelennten der Vertraute des Jungen htte
sein knnen, war der ltere Bruder. Philipp war fr Peter ein Gegenstand
jener schwrmerischen Verehrung, mit der Halbwchsige (ohne sich's
irgend merken zu lassen) zu lteren Brdern, Schwestern oder fremden
Weggenossen aufsehen, ja auch zu Menschen, die ganz flchtig aufgetaucht
und wieder verschwunden sind -- weil sie ihnen als reine Verkrperung
des Ideals erscheinen, dem sie in Lebens- und Liebesahnung zustreben: in
diesem bewundernden Aufblick liegt keusche Glut und dumpferer Drang, der
Zukunft will. Der groe Bruder hatte diese kindliche Huldigung wohl
gemerkt und fhlte sich geschmeichelt. Bis in die letzte Zeit war er
stets bemht gewesen, im Herzen des Jungen zu lesen und das Gelesene
schonungsvoll zu deuten: denn trotz seiner krftigeren Natur war er, wie
der Jngere, aus jenem feinen Stoffe geformt, der die besten Mnner noch
etwas frauenhaft erscheinen lt, ohne da sie sich dessen schmen. Aber
da kam der Krieg und ri ihn aus Leben und Arbeit, aus seinen
naturwissenschaftlichen Studien, aus seinen Jnglingstrumen und dem
innigen Verkehr mit dem jngeren Bruder. Im hochgespannten Rausch der
ersten Kriegstage hatte er alles stehen und liegen lassen und war
hinausgestrmt; wie sich ein groer Vogel toll in den Raum wirft, so
wollte der reine, heldische Tor mit Schnabel und Fngen der ra der
Kriege ein Ende machen, das Reich des ewigen Friedens aufrichten auf
Erden. Seitdem war der groe Vogel zwei, drei Mal ins Nest
zurckgekehrt; doch waren ihm leider jedesmal wieder ein paar
Schwungfedern ausgerupft. So mancher holde Wahn war dahin, aber er
konnte sich nicht berwinden, es einzugestehen. Da er daran geglaubt
hatte, war ihm jetzt Scham und Demtigung. Er war dumm genug gewesen,
das Leben nicht so zu sehen, wie es ist. Jetzt war er unerbittlich im
Bestreben, es allen falschen Zaubers zu entkleiden und doch mit
stoischer Kraft zu bejahen, wie immer es sein mochte. Aber er kehrte
seine Stacheln nicht nur gegen sich selbst; in seiner Verbitterung
verfolgte er seine Illusionen bis ins Herz des Bruders, wo er sie wie
alte Bekannte wiederfand. Als er zum ersten Male nach Hause kam, flog
ihm Peter mit der ganzen Glut seiner eingemauerten Seele zu, fhlte sich
aber sogleich durch die Art und Weise des Heimkehrers schmerzlich
abgekhlt; das Wiedersehen war ja gewi noch sehr herzlich, aber in der
Stimme des Bruders lag ein so scharf ironischer Klang! Die Fragen, die
sich auf seine Lippen drngten, wurden jh zurckgescheucht. Philipp sah
diese Fragen auftauchen, aber mit einem Blick fegte er sie weg. Nach
zwei, drei fruchtlosen Annherungsversuchen zog Peter die Fhler seines
Herzens ein und verkroch sich in sich selbst. Er kannte den Bruder gar
nicht wieder. Der andere erkannte den Zustand des Jngeren nur zu gut.
Sah er doch in ihm wieder, was er noch unlngst selber gewesen war und
nun nicht mehr zu sein vermochte. Das lie er ihn ben. Nachher tat es
ihm leid, aber das lie er sich nicht merken und fing immer wieder an.
Beide litten darunter; und da begann das allzu hufige Miverstehen zu
wirken, da ihr gemeinsames Leid, statt sie einander nahezubringen, sie
sich noch ganz entfremdete. Der einzige Unterschied bestand darin, da
der ltere wute, wie nah verwandt ihre Qualen waren, whrend Peter
damit ganz allein zu stehen meinte, ohne eine Seele, der er sein Herz
erschlieen durfte.

Warum wandte er sich denn nicht an seine Altersgenossen, an die
Schulkameraden? Htten denn nicht vor allem diese jungen Leute sich
enger zusammenschlieen und aneinander eine Sttze finden sollen? Aber
das trat durchaus nicht ein. Ein trauriges Verhngnis hielt sie vielmehr
vllig zersplittert, in kleine Gruppen verzettelt, und noch innerhalb
der letzten Grppchen verhielt man sich khl und mitrauisch. Die
gewhnlichsten Naturen hatten sich mit geschlossenen Augen kopfber in
den Strom der Kriegsbegeisterung gestrzt. Die meisten hielten sich fern
davon, fhlten sich mit den vorangegangenen Generationen keineswegs
verknpft, teilten durchaus nicht deren Leidenschaften, weder in
Hoffnung noch Ha; sie sahen dem rasenden Geschehen zu, wie Nchterne
dem Treiben Betrunkener. Aber wie sich dagegen wehren? Viele grndeten
Zeitschriftchen, deren schwaches Leben nach den ersten Nummern aus
Luftmangel erlosch; die Zensur machte nicht viel Federlesens.
Frankreichs Geistesleben wurde wie unter der Glocke einer Luftpumpe
erstickt. Die Hochstehenden unter diesen Jnglingen fhlten sich zu
schwach zur Auflehnung, zu stolz zur Klage und lebten einfach im Gefhle
dahin, dem Kriege ans Messer geliefert zu sein. Wie in einem
Schlachthause warteten sie, bis sie an der Reihe waren: bis dahin
machten sie in all er Stille ihre Beobachtungen und bildeten sich ein
Urteil; in ihrem Blick lag etwas Verachtung und viel Ironie. Sie sahen
auf die umnachtete Herde herab und strzten sich, des Widerspruches
wegen, in eine bertriebene geistige und knstlerische Verfeinerung
ihres Ich, in einen ideal gefrbten Sinnenkult, mit dem die gefhrdete
Individualitt ihr Recht gegen die bergriffe der menschlichen
Gemeinschaft behaupten wollte. Welch Spottgebild einer Gemeinschaft, die
sich diesen Jnglingen nur als gemeinschaftlich verbtes oder erduldetes
Morden darstellte! Frhreife Erfahrung hatte ihre schnen Trume welk
gemacht: sie hatten gesehn, wie solche Trume bei ihren lteren Brdern
greifbare Gestalt annahmen, und sie, die doch nicht daran glaubten,
sollten mit ihrem Leben dafr bezahlen! Sie hatten auch zu den Menschen
ihres Alters kein rechtes Vertrauen mehr; auch ihr Glaube an die
Menschheit im allgemeinen war erschttert. Zudem konnte einem um diese
Zeit Vertrauensseligkeit teuer zu stehen kommen! Jeden Tag hrte man,
da irgend jemandes Gedanken und Privatgesprche von patriotischen
Spitzeln verraten wurden, deren Eifer die Regierung ehrte und anfeuerte.
Entmutigung, Menschenverachtung, Klugheit und stoisches Gefhl
seelischer Einsamkeit bewirkten, da die jungen Leute sich kaum je
aussprachen.

Peter konnte in diesem Kreise nicht den Horatio finden, den solche
achtzehnjhrige Hamlets immer suchen. Es graute ihm davor, sein Denken
der ffentlichen Meinung hinzugeben (diesem ffentlichen Weibe), aber es
war ihm umso tieferes Bedrfnis, innige Vereinigung mit frei gewhlten
Seelen zu suchen. Er war zu warm und weich, um ganz fr sich bleiben zu
knnen. Er litt am Leiden der Gesamtheit. Dieser Berg von Qual erdrckte
ihn, zumal er seine Masse berschtzte: denn die Menschheit ertrgt eben
all dies, weil ihr Fell etwas hrter gegerbt ist als die neue Haut eines
zarten Jnglings. -- Aber eines bertrieb und berschtzte er sicher
nicht und es drckte ihn schwerer als die Qual der Welt: dies war ihr
idiotischer Stumpfsinn.

Leiden und selbst der Tod sind nichts, wenn man wei wofr. Jedes Opfer
ist gut, dessen Warum man begreift. Aber was ist dies Warum? Was ist in
Jnglingsaugen der Sinn der Welt und ihrer zerstrenden Umwlzungen?
Kann ein gegen sich selber ehrlicher, gesunder Bursche wirklichen Anteil
nehmen an der rohen Balgerei der Nationen, die wie bldsinnige Widder
mit den Hrnern gegeneinander rennen, hart am Rande des Abgrunds, in den
sie alle strzen werden? Und doch wre die Strae breit genug fr alle.
Warum also solch rasende Selbstvernichtung? Warum diese hochmtigen
Vaterlnder, die Raubstaaten und die Vlker, die man morden lehrt wie
eine heilige Pflicht? Warum dies allgemeine Gemetzel unter allen Wesen?
Diese Welt, die sich selber auffrit? Warum dies unheimliche Schreckbild
einer endlosen Kette des Lebendigen, darin jeder Ring die Zhne in den
Nacken des nchsten Ringes einhaut, sich von seinem Fleische nhrt, von
seinem Tode lebt? Warum der Kampf und warum der Schmerz? Warum der Tod?
Warum das Leben? Warum? Warum? . . .

Dies Warum schwieg, als der Junge an jenem Abende heimkam.

                   *       *       *       *       *

Und es war doch nichts anders geworden. Er stand wieder in seinem Zimmer
in einem Wirrwarr von Bchern und Papieren. Rings die altbekannten
Gerusche. Auf der Strae unten verkndigten Hornsignale das Ende des
Fliegeralarms. Von der Treppe her vernahm man das befriedigte Schwatzen
der Hausparteien, die aus dem Keller heraufstiegen. Aus dem oberen
Stockwerke hrte man das endlose Auf- und Abrennen des rappligen
Nachbars, der seit Monaten auf die Rckkehr seines verschollenen Sohnes
wartete. -- Doch seine gewohnten Sorgen und ngste -- die lauerten nicht
mehr im Zimmer. Wird einmal ein unvollkommener Akkord angeschlagen, so
klingt er rauh und wirft Unruhe in unsere Seele, bis der eine Ton
hinzukommt, der die feindseligen oder khl fremden Einheiten erst zu
einem Ganzen verschmilzt wie gegenseitig unbekannte Gste, die gewartet
haben, bis man sie einander vorstellt. Sofort ist dann das Eis
gebrochen, und schner Einklang strmt von Mensch zu Mensch. Bei Peter
hatte die heimliche Berhrung einer warmen Hand diese wunderbare
Verwandlung bewirkt. Er wute nicht, woher der neue Zustand kam; jedes
Zergliedern lag ihm jetzt ganz fern. Er sprte nur, wie die gewohnte
Tcke der Dinge pltzlich besnftigt war. So haben sich etwa stechende
Schmerzen in unserem Kopfe auf Stunden huslich eingerichtet: auf einmal
merkt man, der Schmerz ist weg; wo ist er nur hingekommen? Ein Summen in
der Schlfe als Nachklang . . . das ist alles. -- Auch Peter traute dem
ungewohnten Frieden nicht recht. Er wurde den Argwohn nicht los, seine
Qual sammle in solcher Atempause nur frische Krfte, um ihn dann mit
verdoppelter Wut anzufallen. So kannte er schon die Ruhepunkte, wie sie
die Kunst gewhrt. Wenn in unsere Augen gttliches Ebenma an Linien und
Formen dringt oder im Ohre, in der wollstigen Tiefe seiner Muschel, mit
spielend vielgestaltiger Schnheit die Akkorde gleich Perlenschnren
rollen und sich im Gesetz magischer Zahlen edel verknpfen, dann kehrt
der Friede in uns ein, und wir tauchen tief in die Flut der Freude. Aber
dies Strahlende kommt von auen, wie von ferner Sonne, deren Glhen ber
unendlichen Raum hinweg uns mit Zauberkraft dem Leben hoch entrckt
hlt. Doch das whrt nur eine Weile, und dann sinkt man wieder zurck.
In der Kunst kann man die Wirklichkeit nur vorbergehend vergessen. Der
verschchterte Peter war auf eine hnliche Ernchterung gefat. --
Diesmal jedoch kam die Ausstrahlung von innen her. Das Leben blieb ihm
dabei vllig gegenwrtig. Aber alles stand in schnem Einklang.
Erinnerungen und neue Eindrcke. Sogar tote Dinge, die Papiere und
Bcher, die im Zimmer verstreut lagen, bekamen Leben, bekamen eine
Wichtigkeit, die sie ganz verloren hatten.

Seit Monaten war seine geistige Entwicklung gehemmt; er war wie ein
Bumchen, das in voller Bltenpracht vom Hauche der drei Eismnner
welk geworden ist. Freilich gab es praktische Jungen, welche die neuen
Prfungserleichterungen zugunsten der jngsten wehrpflichtigen Jahrgnge
so tchtig ausntzten, da sie, solange die Prfer mehr als ein Auge
zudrcken muten, Zeugnis ber Zeugnis unter Dach brachten. Das war
Peters Art nicht. Andrerseits empfand er auch nicht den verzweifelten
Wissensdurst anderer junger Leute, die im Angesicht des Todes sich
gierig mit Kenntnissen vollpfropfen, zu deren Nachprfung ihr Leben zu
kurz sein wird. Das stndige Gefhl eines grausen Weges ins Leere, ins
Nichts, das allenthalben hinter dem tollen, boshaften Trugbilde der Welt
verborgen war -- das schnitt seinem Wissensdrang die Schwingen durch. Er
strzte sich auf ein Buch, auf einen Gedanken -- dann hielt er mutlos
inne. Was sollte ihm das? Wozu denn lernen? Wozu inneren Reichtum
hufen, wenn man doch alles verlieren, alles lassen soll, wenn einem
nichts zu eigen gehrt? Ttigkeit und Wissen hatte nur dann einen Sinn,
wenn das Leben einen Sinn besa. Um diesen Sinn des Lebens hatte er mit
hchster Anspannung des Geistes, in tiefster Herzenssehnsucht umsonst
gerungen. -- Und mit einem Schlage hatte sich dieser Sinn des Lebens
ganz von selber aufgetan . . . Das Leben hatte einen Sinn . . . Was war
das nur? -- Als er sich fragte, woher dies innere Lcheln kam, sah er
die halb geffneten Lippen vor sich, auf denen zu ruhen seine Lippen
hei begehrten.

                   *       *       *       *       *

In normalen Zeiten wre dieser Zauberbann kaum von Dauer gewesen. Der
junge Mensch stand ja noch auf einem Punkte der Entwicklung, wo man nur
berhaupt Liebe begehrt und sie in jedem Auge findet; das unruhig
verlangende Herz flattert wie ein Schmetterling von einer zur andern; es
hat keine Eile in seiner Wahl: sein Tag hat erst begonnen. Aber da der
Tag so kurz sein sollte, tat doch Eile not.

Die Hast dieses Jungenherzens war umso grer, je mehr es im Rckstande
war. Die Grostadt erscheint freilich von weitem als dampfender
Schwefelpfuhl der Sinnengier, birgt aber auch unberhrte Seelen und
kindlich reine Krper. Wieviel Jnglinge und Mdchen wollen die Liebe
nicht entwrdigen und treten mit keuschen Sinnen in die Ehe! Selbst in
den raffiniertesten Kreisen, wo die Neugier der Nerven vorzeitig gereizt
wird, steckt hinter den freien Redensarten so mancher jungen Weltdame
oder irgendeines Studenten oft ein nur sehr oberflchliches Wissen um
erotische Dinge. Sie haben von allem etwas luten gehrt und gar nichts
selber erfahren. Mitten in Paris gibt es Gebiete von geradezu
provinzieller Unschuld, gleichsam umhegte Klostergrtchen, quellenhafte
Reinheit. Nur seine Literaten bringen Paris in Verruf. Gerade die
sittlich Verkommensten sind die angeblich berufenen Wortfhrer der
Stadt. Und dabei wei ja jeder, wie oft falsche Scham die Lautersten
hindert, ihre Reinheit zu bekennen. -- Peter kannte die Liebe noch
nicht; ohne Widerstand folgte er ihrem ersten Rufe. Sein seelischer
Rausch wurde dadurch aufs hchste gesteigert, da seine Liebe unter den
Schwingen des Todesengels geboren war. In jener aufregenden Minute, als
sie die Drohung der Bomben ber den Kpfen sprten und ihr Herz sich im
Anblick des Verstmmelten zusammenkrampfte, da hatte es ihre Finger
zueinander gezogen, und mitten im Schauer krperlich empfundener
Todesangst war beiden der Trost und Balsam eines unbekannten Freundes
zuteil geworden. Was lag nicht alles in diesem flchtigen Hndedruck!
Die Mnnerhand sagte: lehne dich an mich! -- Die andere aber berwand
mtterlich die eigene Furcht: mein kleiner Junge! Das wurde freilich
weder ausgesprochen noch gehrt. Aber solch innerliches Flstern fllt
die Seele ganz anders aus als Worte, die nur wie ein Vorhang das wahre
Denken unserm Blick entziehen. Peter lie sich einwiegen von diesen
murmelnden Stimmen. Es klang wie das Summen goldgeringelter Bienen im
Halbschatten der Seele. Jetzt flossen ihm die Tage wieder traumschwer
dahin. Das nackt in Einsamkeit erstarrte Herz ahnte Nestwrme.

In diesen ersten Februartagen berblickte Paris erst die Verwstungen
des letzten Fliegerangriffs und leckte seine Wunden. Die Presse lag im
Hundehaus an der Kette und klffte Rache und Vergeltung. Nach dem
Programm des alten Clemenceau (der seinerzeit in seinem Blatte so lange
den Mann in Ketten gespielt hatte, bis er alle andern in Ketten
schlagen konnte) fhrte die Regierung Krieg gegen die Franzosen. Es
begann die Bltezeit der sensationellen Hochverratsprozesse. Der Anblick
eines Elenden, der mit einem blutdrstigen Staatsanwalt um sein armes
Leben rang, war ein Hochgenu fr die Pariser Gesellschaft; ihre
Theaterleidenschaft schien noch nicht durch vierjhrigen Krieg und das
Schauspiel der zehn Millionen Toten bersttigt zu sein, die in den
Kulissen der Weltbhne zusammengebrochen waren.

Aber der Jngling wute nur noch von dem geheimnisvollen Gaste, der
jetzt bei ihm weilte. Seltsame Gewalt jener Eindrcke, die Liebe werden!
In den tiefsten Grund unseres Wesens sind sie geprgt und doch ohne
festen Umri. Peter htte weder die Form ihrer Zge, noch die Farbe
ihrer Augen oder die Linie ihres Mundes beschreiben knnen. Nur das
Gefhl, das sie in ihm erregt hatte, schwang in ihm nach. Bei jedem
Versuche, das Bild bestimmter zu fassen, wurde es entstellt. Es gelang
ihm auch nicht, sie in den Straen von Paris wiederzutreffen. Jeden
Augenblick meinte er, sie zu sehen. Da war es ein Lcheln, dort das
Licht eines jungen Nackens, ein aufleuchtendes Auge. Schon schlug ihm
das Herz. Aber es bestand nicht die geringste hnlichkeit zwischen
diesen vorberhuschenden Eindrcken und dem wahren Bilde, das er suchte
und das er zu lieben meinte. Er liebte also nicht? Gerade weil er
liebte, war es so um ihn bestellt, deshalb sah er sie berall und in
allen Gestalten. Denn jedes Lcheln, jedes Licht, jedes Leben -- das war
Sie! Ein genauer Umri htte als Schranke gewirkt. -- Und doch will man
Umri und Schranke, um Liebe fassen und halten zu knnen. Sollte er sie
auch nie mehr wiedersehen -- er wute, sie war auf der Welt, war ein
Nest fr seine Seele, der Hafen im Sturm, das Leuchtfeuer in der Nacht,
stella maris. Amor, Gott der Liebe, wache ber uns in der Stunde unseres
Todes! . . .

                   *       *       *       *       *

Er ging lngs der Seine an der Akademie vorber und warf einen
zerstreuten Blick in den Kasten eines der wenigen Hndler mit Schmkern
und Raritten, der seinem Platz auf der Kaimauer treu geblieben war.
Dort gehen gerade die Stufen zum Pont des Arts hinauf. Da hob er die
Augen und sah die, auf die er wartete. Mit einer Zeichenmappe unterm Arm
bewegte sie sich die Treppe herunter wie ein zierliches Reh. Ohne sich
einen Augenblick zu besinnen, strzte er ihr entgegen, und whrend er
empor- und sie herabstieg, trafen sich zum ersten Male ihre Blicke und
drangen tief ein. Als er sie dicht vor sich sah, blieb er stehen und
wurde rot. berrascht sah sie sein Errten und errtete auch. Bevor er
auch nur Atem geschpft hatte, war der niedliche Rehschritt vorber. Als
er seiner wieder mchtig wurde und sich umdrehn konnte, verschwand ihr
Kleid schon hinter der Ecke des Laubenganges in der Seinestrae. Er
machte keinen Versuch, ihr zu folgen. Er sttzte sich auf das Gelnder
der Brckenstiege und fand ihren Blick im flieenden Strome wieder. Da
hatte nun sein Herz fr lange Nahrung . . . (O du liebe Jugendtorheit!)
. . .

Eine Woche spter schlenderte er durch den Luxemburg-Park, den die Sonne
mit sanftem Gold fllte. Welch strahlend schner Februar in diesem
todestraurigen Jahre! Offenen Auges trumte er vor sich hin und wute
nicht recht, ob er davon trume, was er wirklich um sich sah, oder ob
dies Gesehene ein Traumbild war; in sehnschtigem Drange, in dumpfem
Liebesglck und -leid, schritt er verloren lchelnd dahin und regte
unbewut die Lippen zu abgerissenen Worten: es wurde ein Lied. Er sah zu
Boden, in den Sand des Weges; da war ihm wie einem, den der Hauch einer
vorberfliegenden Taube streift: er mute einem Lcheln begegnet sein.
Er drehte sich um und sah, da sie seinen Weg gekreuzt hatte. Sie war
weitergegangen, aber gerade in diesem Augenblicke wandte sie sich
lchelnd, um ihm nachzublicken. Da war es vorbei mit seinem Zaudern, er
kam auf sie zu und htte ihr bald beide Hnde entgegengestreckt; in
seiner Bewegung lag so viel strmische Jugend und Unschuld, da auch sie
in aller Unschuld wartend stehen blieb. Er bat nicht um Verzeihung fr
die Freiheit, die er sich herausnahm. Die zwei Leutchen fhlten
keinerlei Befangenheit. Es war, wie wenn sie einfach ein begonnenes
Gesprch fortsetzen sollten.

Sie lachen mich aus, sagte er; da haben Sie recht!

Ich lache Sie nicht aus. (So schnell und biegsam wie ihr Gang war auch
ihr Sprechen.) Sie haben ja selbst vor sich hingelacht, und darber
mute ich lachen.

Habe ich wirklich gelacht?

Sie lachen ja noch immer.

Jetzt wei ich warum.

Sie fragte nicht nach diesem Warum. Sie gingen nebeneinander her und
waren glcklich.

Das schne bichen Sonne, sagte sie.

Das Frhlingskind, das Neugeborene!

Dem haben Sie wohl zugelacht, vorhin?

Nicht dem allein. Vielleicht Ihnen auch.

So ein kleiner Lgenbeutel! Warten Sie nur! Sie kennen mich ja gar
nicht.

Doch! Und ob! Wir haben uns ja, ich wei nicht wie oft, gesehen.

Drei Mal, heute mitgerechnet.

Sehen Sie! Sie erinnern sich daran! Sie geben also zu, da wir alte
Bekannte sind!

Was Sie nicht sagen!

Ja, was wr' da noch alles zu sagen, das meine ich auch . . . Kommen
Sie, setzen wir uns hier nieder . . . nur einen Augenblick, bitte,
bitte! Man sitzt so schn, am Wasser!

(Sie waren beim Galatheen-Brunnen, den Arbeiter gerade mit einer
Verschalung zum Schutze gegen Bombensplitter versahen.)

Ich kann nicht, ich versume meine Tramway.

Sie nannte die Abfahrtszeit. Er bewies ihr, da sie noch mehr als
fnfundzwanzig Minuten Zeit htte.

Das wohl, aber sie wollte erst da drben, an der Ecke der Racinestrae,
ihr Vesperbrot kaufen; dort gab es so gute Semmeln. Da zog er ein
Brtchen aus der Tasche.

Besser als das da sind die Semmeln gewi nicht! . . . Bitte, nehmen Sie
doch! . . .

Sie lachte und wollte nicht recht. Da steckte er ihr das Brtchen in die
Hand; die Hand behielt er in der seinen.

Sie machen mir eine solche Freude damit . . . Kommen Sie doch, setzen
wir uns! . . .

Er fhrte sie zu einer Bank in der Mitte der Allee, die das Bassin
umsumt.

Ich habe noch etwas . . .

Er zog ein Tfelchen Schokolade aus der Tasche.

So eine Naschkatze . . . Aber was wollen Sie noch sagen?

Hm . . . ich schme mich, das Papier ist schon weg von der Schokolade
. . .

Ach geben Sie nur her, es ist ja Krieg. Er sah zu, wie sie knabberte.

Zum ersten Male merke ich, da der Krieg auch sein Gutes hat.

Nur nicht vom Kriege sprechen, das ist so langweilig.

Ja, sagte er begeistert, nie werden wir vom Kriege reden.

(Da ward ihnen pltzlich ganz leicht zumute.)

Schaun Sie, wie diese komischen Kerlchen ihr Duschbad nehmen.

(Sie zeigte auf die Spatzen, die am Brunnenrande groe Wsche hielten.)
Aber dann haben Sie mich neulich am Abend (das mute er wissen) doch
gesehn?

Freilich.

Aber Sie haben ja nie zu mir hingeschaut. Die ganze Zeit waren Sie nach
der andern Seite gewendet . . . Sehen Sie, gerade so wie jetzt . . .

(Er sah sie im Profil; zierlich a sie ihre Semmel und blickte
schelmisch vor sich hin.)

Sehn Sie doch ein bichen her! . . . Was gibt's denn da drben zu
sehen? Aber sie wendete ihm das Gesicht nicht zu. Er fate ihre rechte
Hand, deren Handschuh am Zeigefinger zerrissen war und das Spitzchen
blo lie.

Worauf sehen Sie denn?

Sie sehe ich an, wie Sie meinen Handschuh begutachten . . . aber Sie
zerreien ihn ja noch mehr!

(In Gedanken hatte er wirklich versucht, die offene Stelle zu
erweitern.)

Ach verzeihen Sie! . . . aber wieso knnen Sie mich sehn?

Sie antwortete nicht; aber im schalkhaften Profil flitzte die lachende
Pupille in den Augenwinkel.

O wie durchtrieben!

Machen Sie's nach! . . . Aber Sie schielen ja dabei!

Das bring' ich nie fertig. Ich mu immer ganz grad und dumm vor mich
hinschaun, sonst seh' ich nichts.

Aber nein, nicht gar so arg dumm.

Endlich! Ich sehe Ihre Augen!

Sie sahen einander an und lachten leise.

Wie ist Ihr Name?

Lucia.

Wie hbsch! wie dieser Tag!

Wie heien Sie?

Peter -- recht abgentzter Name.

Ein wackerer Name, mit ehrlichen, klaren Augen.

Wie die meinen.

Ja, klar sind sie wirklich.

Sie sehen doch Lucia an.

Lucia! . . . man sagt >Frulein<.

Nein.

Nicht?

(Er schttelte den Kopf.)

Fr mich sind Sie kein >Frulein<. Sie sind Lutz und ich bin Peter.

Sie hielten sich bei den Hnden gefat, ohne sich anzusehen. Wortlos
sahen sie in das zarte Himmelsblau zwischen den entbltterten Zweigen;
durch ihre Hnde strmte ihr Denken und Fhlen ineinander ber. Sie
sagte:

Da neulich am Abend haben wir zwei eine gehrige Angst gehabt.

Ja, sagte er, das war schn.

(Erst nachher muten sie darber lcheln, da jeder nur ausgesprochen
hatte, was der andere dachte.)

Sie entzog ihm ihre Hand und stand rasch auf, weil sie die Uhr schlagen
hrte. Es ist hchste Zeit . . .

Er begleitete sie, die in jenen anmutigen Laufschritt der Pariserinnen
verfiel, dessen Geschwindigkeit man gar nicht merkt, so leicht scheinen
sie dahinzugleiten.

Kommen Sie hier oft vorbei?

Jeden Tag. Aber meistens auf der anderen Terrassenseite. (Sie zeigte
in die Tiefe des Gartens, auf die schon von Watteau gemalten
Baumgruppen.) Auf dem Rckweg vom Museum.

Er warf einen Blick auf die Mappe, die sie trug.

Malerin? fragte er.

Nein, sagte sie, das wre zuviel Ehre. Ich schmiere ein bichen.

Warum? Zum Vergngen?

Aber nein, fr Geld.

Fr Geld?

Abscheulich, nicht? Kunst nur als Gelderwerb!

Ich wundere mich nur, da Sie damit Geld verdienen, wenn Sie also nicht
malen knnen!

Gerade darum. Ich werde es Ihnen schon noch erklren, das nchste Mal
. . .

Das nchste Mal beim Brunnen . . . Wir werden da wieder vespern, nicht
wahr?

Ich werde schaun. Wenn's schn ist.

Aber Sie kommen frher, nicht wahr? . . . Sagen Sie, Lutz . . .

(Sie waren bei der Haltestelle angelangt. Sie sprang auf das Trittbrett
der Straenbahn.)

Antworten Sie mir, sagen Sie doch . . . Lucia . . . Luxchen . . .
kleines Lichtlein . . .

Sie antwortete nicht; aber als die Bahn schon fuhr, zwinkten ihre
Wimpern Ja, und eine lautlose Bewegung ihrer Lippen sagte:

Ja, Peter.

Auf dem Heimwege dachten beide: Merkwrdig froh sehen heute abend die
Leute aus!

Sie lchelten, ohne sich einzugestehen, was geschehen war. Sie wuten
nur soviel, da sie Es nun besaen, in Hnden hielten als ihr Eigen
. . . was denn? Ein Nichts. So reich waren sie an jenem Abende! . . .
Daheim besahen sich beide im Spiegel, mit herzlichen Blicken, wie man
einen Freund betrachtet. Sie sagten sich: Jenes liebe Auge hat auf dir
geruht. Beide gingen bald zu Bette, sie waren ganz erschpft . . .
Wovon nur? Durch wunderbare Mhsal. Beim Auskleiden dachten sie:

Das Schnste ist jetzt, da es ein Morgen gibt.

                   *       *       *       *       *

Morgen . . . sptere Geschlechter werden sich kaum mehr vorstellen
knnen, was in diesem Worte an stummer Verzweiflung lag, welch
abgrndiger berdru, als der Krieg sich zum vierten Male jhrte . . .
So mde war man . . . Wie oft war die Hoffnung schon getuscht worden!
Hunderte von Morgen waren einander gefolgt und wurden ein immer
gleiches Heute und Gestern, alle dem Nichts und dem Warten
verfallen, dem Warten aufs Nichts. Es stockte der Lauf der Zeit. Das
lange Jahr war wie ein stygisches Gewsser, das schwarz und fettig das
Leben einschnrte, indem es mit dstern Schillerflecken nicht mehr zu
flieen schien. Morgen? Morgen war tot. Aber in den Herzen der zwei
Kinder war das Morgen auferstanden.

Dieses Morgen sah sie wieder beim Sperlingsbrunnen sitzen, und Morgen
folgte auf Morgen. Das schne Wetter war diesen ganz kurzen Begegnungen
hold; jeden Tag waren sie etwas weniger kurz. Jedes brachte sein
Vesperbrot mit, weil das Tauschen so eine Freude war. Peter wartete
jetzt schon am Tor des Museums. Er begehrte ihre Arbeiten zu sehen. Sie
war zwar nichts weniger als stolz darauf, zeigte sie aber ohne viel
Umstnde vor. Es waren verkleinerte Kopien nach berhmten Gemlden oder
nach Teilen solcher Gemlde, eine Gruppe, ein Kopf, ein Brustbild. Auf
den ersten Blick gar nicht so bel, aber unglaublich schlampig in der
Ausfhrung. Hie und da ein paar recht gelungene, hbsche Anstze; aber
dicht daneben schlerhaft Milungenes, das nicht nur Unkenntnis der
Grundbegriffe aller Kunstbung verriet, sondern auch eine Sorglosigkeit,
die ber fremdes Urteil hoch erhaben schien. -- Ach was! Ist lange gut
genug! . . . -- Lutz nannte die Originalgemlde, deren Kopien ihre
Bltter vorstellen sollten. Peter kannte diese Gemlde nur allzu genau.
Sein Gesicht war krampfhaft verzogen im Schmerz der Enttuschung. Lutz
fhlte, da er nicht zufrieden war; aber unerschrocken zeigte sie ihm
alles -- und sogar das da -- Krach! -- das Allermiserabelste. Dabei
stand ein spttisches Lcheln auf ihrem Gesicht, das ebenso ihr selbst
wie Peter galt; bei alledem zwang sie das leiseste Nagen des rgers
nieder. Peter bi sich auf die Lippen, um keine Bemerkung zu machen.
Aber zuletzt wurde es ihm doch zu arg. Sie zeigte ihm gerade einen
florentinischen Raffael.

Aber die Farben stimmen ja nicht! sagte er.

Wr' das grte Wunder, sagte sie.

Ich bin nicht hingelaufen, mir's anzuschauen. Ich hab's nach einer
Photographie gemacht.

Aber was sagen denn die Leute dazu?

Wer? Die Kundschaft? Die laufen doch auch nicht ins Museum, sich das
Original anschaun! . . . Und wenn, so nehmen sie's nicht so genau! Rot
oder Grn oder Blau -- wenn nur Farben da sind. Manchmal arbeite ich
wirklich nach farbiger Vorlage, aber dann nehme ich auch andere Farben
. . . Schaun Sie zum Beispiel das da . . . (Ein Engel von Murillo.)

Es gefllt Ihnen so besser?

Nein, aber Spa hat es mir gemacht, und bequemer war's auch . . . und
schlielich ist mir's egal; die Hauptsache bleibt, da ich Kufer finde
. . .

Jetzt hatte sie ihren letzten Trumpf ausgespielt und hielt inne, nahm
ihm das Gekleckse aus den Hnden und lachte hellauf.

Was sagen Sie? Noch greulicher, als Sie sich's vorgestellt haben?

Er fragte kummervoll:

Aber wozu, wozu machen Sie solches Zeug?

Mit einem guten Lcheln voll mtterlicher berlegenheit betrachtete sie
sein tiefbetrbtes Gesicht: dieses lieben, verwhnten Brgershnchens
Lebensbahn war so eben gewesen, da er sich nicht vorstellen konnte, wie
man oft gar klein beigeben mute, um nur . . .

Er fragte noch einmal:

Wozu? Sagen Sie mir nur: wozu?

(Er war frmlich schuldbewut, wie wenn er diese Kunstgreuel verbrochen
htte . . . So ein guter kleiner Junge! Sie htte ihn kssen mgen
. . . in allen Ehren, auf die Stirn.)

Sie sagte leise:

Ich lebe davon.

Das erschtterte ihn. Daran hatte er gar nicht gedacht.

Ja, das Leben ist eine verzwickte Sache, fuhr sie in leichtem,
spttischem Tone fort. Zunchst mu man essen, und zwar alle Tage.
Gestern abend hat man freilich sein Essen gehabt, aber heute ist's schon
wieder dieselbe Geschichte. Und kleiden soll man sich auch. Alles
kleiden, den Krper, den Kopf, die Hnde, die Fe. Was da an
Kleidersachen zusammenkommt! Und bei allem heit es zahlen. Bei allem.
Leben heit zahlen.

Zum ersten Male bemerkte er Einzelheiten, die seinen verliebten Blicken
bisher entgangen waren: das bescheidene, stellenweise recht enthaarte
Pelzwerk, die etwas abgetragenen Schuhe, alle Spuren von Drftigkeit,
die nur die natrliche Eleganz einer kleinen Pariserin verwischen
konnte. Es schnrte ihm das Herz zusammen.

Ach knnte ich nicht, knnte ich nicht -- Ihnen aushelfen?

Sie rckte etwas ab und wurde rot.

Nein, nein, sagte sie, peinlich berhrt; keine Rede . . . Niemals!
. . . Das habe ich nicht ntig . . .

Aber mich wrde es so glcklich machen!

Nein . . . Nicht mehr darber reden. Oder wir sind Freunde gewesen
. . .

Dann sind wir also Freunde?

Ja. Das heit, wenn Sie noch mein Freund sein wollen, nachdem Sie
diesen scheulichen Kitsch gesehen haben?

Aber natrlich! Das ist doch nicht Ihre Schuld.

Aber es tut Ihnen weh?

Das schon.

Sie lachte vor Behagen.

Da lachen Sie? So boshaft zu sein!

Nein, ist nicht boshaft. Das verstehen Sie nicht.

Warum lachen Sie also?

Das sage ich nicht.

(Sie dachte: Mein Liebes! Wie schn, da dir weh tut, was ich Hliches
gemacht habe.)

Sie sagte:

Sie sind gut. Dank dafr.

(Er sah sie mit erstaunten Augen an.)

Geben Sie sich keine Mhe, das zu begreifen, sagte sie, indem sie
leicht seine Hand berhrte . . . So, reden wir von was anderm . . .

Ja . . . nur noch ein Wort . . . Ich mchte aber doch wissen . . .
Sagen Sie mir -- aber nicht beleidigt sein! -- sind Sie vielleicht
gerade jetzt etwas in der Klemme?

O nein, ich habe das vorhin nur so gesagt, weil's bei uns ein paar Mal
verdammt knapp zugegangen ist. Aber jetzt steht es viel besser. Mutter
hat einen gut bezahlten Posten gefunden.

Ihre Mutter hat einen Beruf?

Sie ist Arbeiterin in einer Munitionsfabrik . . . zwlf Franken
tglich. Jetzt sind wir reich.

In einer Fabrik! in einer Fabrik fr den Krieg!

Ja.

Aber das ist ja frchterlich!

Mein Gott, man nimmt, was sich bietet.

Lutz, wenn sich aber Ihnen so etwas bieten mchte . . .

Mir? aber Sie sehen ja, ich kleckse lieber . . . Jetzt geben Sie wohl
zu, da mein Geschmier noch nicht das rgste ist!

Aber wenn Sie verdienen mten und es gbe kein anderes Mittel als
Arbeit in einer solchen Granatenfabrik, wrden Sie hingehn?

Ich mte verdienen und htte kein anderes Mittel? Gewi ginge ich hin!
Mit beiden Hnden griffe ich zu!

Lutz! Denken Sie daran, was man alles in solchen Fabriken erzeugt?

Nein, daran denke ich nicht.

Alles, was Qual und Tod bereitet, was zerreit, verbrennt, was Wesen
martert, wie Sie, wie ich . . .

Sie legte sich die Hand auf den Mund, damit er schweige.

Ich wei, das wei ich alles, aber ich will nicht daran denken.

Sie wollen nicht daran denken?

Nein, sagte sie.

Nach einer Pause fgte sie hinzu:

Man mu doch leben . . . wenn man nachdenkt, lebt man nicht mehr
. . . und ich, ich will leben, will leben. Wenn ich, um zu leben,
gezwungen werde, dies oder jenes zu tun, soll ich mich um dies und jenes
kmmern und qulen? All dies geht mich nichts an. Ich will es ja nicht
so. Wenn es etwas Schlimmes ist, meine Schuld ist es nicht. Was ich
will, das ist nichts Schlimmes.

Was wollen Sie also?

Zunchst will ich leben --

Sie leben gerne?

Freilich. Habe ich nicht recht?

O gewi! Es ist eine so gute Sache, da Sie leben!

Sie leben nicht gerne?

Nicht gerne bis zum Augenblicke, wo . . .

Bis wann?

Aber diese Frage bedurfte keiner Antwort. Die wuten beide im voraus.
Peter aber lie nicht locker:

Sie sagten: >Zunchst will ich leben< -- und was noch? . . . Was wollen
Sie weiter?

Ich wei nicht.

O Sie wissen schon . . .

Sie sind aber schon sehr neugierig.

Sehr!

Ich schme mich ein bichen, wenn ich's Ihnen sagen soll . . .

Sagen Sie mir's ins Ohr. Dann hrt es niemand.

Sie lchelte.

Ich mchte . . . (Sie stockte.) Ich mchte ein klein bichen Glck
. . .

(Sie waren dicht aneinandergerckt.) Sie fuhr fort:

Verlange ich zu viel? . . . Man hat mir oft gesagt, das ist egoistisch,
und ich denke mir manchmal auch: Hat man denn ein Recht darauf? . . .
Wenn man um sich herum soviel Elend und Kummer sieht, wagt man nicht
sich aufzulehnen. Aber mein Herz lehnt sich doch auf und schreit: Ja,
ich habe ein Recht auf ein bichen, ein klein bichen Glck . . . Sagen
Sie mir aufrichtig, ist das egoistisch? scheint es Ihnen schlecht?

Peter ergriff ein unendliches Erbarmen. Dieser schwache Schrei aus einem
Kinderherzen erschtterte ihn bis zum Grunde seiner Seele. Es kamen ihm
die Trnen. Aneinandergelehnt saen sie auf der Bank und jedes sprte
die Krperwrme des andern. Es trieb ihn so sehr, sich zu ihr zu wenden
und sie in seine Arme zu schlieen. Er wagte sich nicht zu rhren, aus
Angst, seiner Bewegung dann nicht mehr Herr zu sein. Reglos sahen die
beiden vor sich nieder. Seine Stimme zitterte von verhaltener
Leidenschaft, als er jetzt, fast ohne die Lippen zu regen, sehr rasch
und ganz leise sagte:

O mein liebes Krperchen du! Du mein Herzchen! Diese kleinen Fe
mchte ich fassen und meine Lippen darauf drcken, ganz aufessen knnte
ich Sie . . .

Ohne aufzusehen, sagte sie auch sehr schnell und leise, in tiefer
Verwirrung:

Narr! kleiner Narr! . . . Stillsein! . . . ich bitte Sie . . .

Ein alter Herr spazierte langsam an ihnen vorbei. Sie fhlten, wie ihre
Krper sich in Liebe zerlsten . . .

Nun war niemand mehr in der Allee. Ein struppiger Spatz badete im Sande.
Der Brunnen warf seine hellen Trpfchen in die Luft. Befangen zgernd
wandten sich ihre Gesichter einander zu; kaum aber hatten sich ihre
Blicke getroffen, als sie schon wie Vgelchen sich zueinander schwangen;
eilig und ngstlich war ihr Ku, dann flogen sie wieder auseinander.
Lutz stand auf und wollte gehen. Er war auch aufgestanden. Sie sagte:
Bleiben Sie!

Sie wagten nicht mehr, sich anzusehen. Er flsterte:

Lutz . . . dies klein bichen Glck . . . nicht wahr? . . . jetzt haben
wir's!

                   *       *       *       *       *

Schlechtes Wetter machte den Vesperstunden beim Sperlingsbrunnen ein
Ende. Nebel umhllte die Februarsonne. Aber die in ihren Herzen
vermochte er nicht zu ersticken. Ach, das Wetter mochte sein, wie es
wollte: kalt oder hei, regnerisch, windig, mit Schnee oder
Sonnenschein! Ihnen wrde es gewi willkommen sein. Jede Witterung kam
ihnen besonders gnstig vor. Denn solange ein Glck im Sprieen ist,
scheint das Heute immer als der schnste Tag.

Der Nebel war ihnen ein lieber Anla zu tglichem, stundenlangem
Beisammensein. Die Gefahr gesehn zu werden war sehr verringert. -- Nun
holte er sie schon frh von der Tramway ab und begleitete sie bei ihren
Gngen in der Stadt. Er hielt den Rockkragen aufgeschlagen. Sie trug ein
Pelzhtchen, und ihr Kinn war tief in ihre Boa vergraben. In den dichten
Schleier spannten die geschwungenen Lippen ein winziges Rund. Aber der
beste Schleier war ihnen die feucht hllende Webe des Nebels. Der lag
schwer und grau wie Asche, von gelblichem Phosphorlicht durchtastet. Man
sah keine zehn Schritt weit. Der Dunst wurde noch dichter, wenn sie
durch eine der alten Querstraen zur Seine heruntergingen. Du lieber
Nebel, wohlig khle Ruhstatt der Trume, dein Eishauch ist nur ein
Wonneschauer! Den beiden war darin wie der Mandel in ihrer Fruchthlle,
wie dem Flmmchen in einer abgeblendeten Laterne. Peter hielt Lutzens
linken Arm dicht an sich gedrckt; sie gingen im gleichen Schritt; sie
waren fast gleich gro, Lutz ein bichen grer; so zwitscherten sie
halblaut, fast Wange an Wange; wie gern htte er auf dem Schleier das
betaute Rund ihres Mndchens gekt!

Das gewhnliche Ziel ihrer Geschftsgnge war der Laden des fragwrdigen
Kunst- und Antiquittenhndlers, fr den sie ihr Grnzeug, wie sie
sagte, herstellen mute. Sie hatten es nie sehr eilig mit dem Hinkommen
und, angeblich nur durch Zufall gerieten sie immer auf die lngsten
Umwege und dann mute der Nebel schuld sein. Wenn trotz allem das Ziel
schlielich doch in greifbarer Nhe erschien, blieb Peter zurck, Lutz
trat in den Laden. Er wartete an der nchsten Ecke. Er mute lange
warten und die Klte war recht empfindlich. Aber er war selig, um
ihretwillen warten, frieren und sich langweilen zu drfen. Endlich kam
sie wieder heraus, lief lchelnd herbei und fragte mitleidig und
besorgt, ob er denn nicht schon ein Eiszapfen war, der Arme! Er las es
ihr jedesmal von den Augen ab, wenn sie beim Trdler Glck gehabt hatte,
und dann freute er sich, wie wenn er den Gewinn eingeheimst htte. Aber
meistens kam sie mit leeren Hnden wieder; sie mute zwei, drei Mal
hingehen, ehe sie zu ihrem bichen Gelde kam. Dabei konnte sie noch von
Glck sagen, wenn man die bestellte Arbeit nicht noch mit Grobheiten
zurckwies. Heute, zum Beispiel, gab es groes Geschrei wegen einer
Miniatur nach der Photographie eines verstorbenen Ehrenmannes, den sie
nie gesehn hatte. Die Familie war emprt, weil die Haar- und Augenfarbe
nicht stimmte. Sie mute es noch einmal machen. Sie war geneigt, solches
Migeschick tapfer von der heiteren Seite zu nehmen, und lachte nur
darber. Peter aber lachte nicht. Er war auer sich vor Zorn.

Solche Trottel! Erztrottel!

Wenn Lutz ihm Photographien zeigte, die sie in Farben kopieren sollte,
flammte er in grimmiger Verachtung auf -- (wieviel Spa machten ihr
diese komischen Wutanflle!) -- gegen diese Idioten-Gesichter, diese
feierlich grinsenden Kltze. Es schien ihm eine Entweihung, da Lutzens
liebe Augen sich mit diesen Eselsmienen vollsaugen, da ihre Hnde
solche Zge wiedergeben sollten. Es war einfach emprend! Da war ihm
noch das Kopieren im Museum lieber. Aber damit war es vorbei. Die
letzten Museen wurden geschlossen und die Kundschaft verlor jedes
Interesse dafr. Weder Madonnen noch Engel regierten die Stunde; jetzt
galten nur die rauhen Krieger. Jede Familie hatte den ihren, tot oder
noch lebend -- fter aber tot -- und wollte seine Zge verewigt sehen.
Die Reichsten bestellten Portrts in Farben: diese Arbeit wurde recht
gut bezahlt, bot sich aber nur noch selten; man durfte nicht whlerisch
sein. In Ermanglung besserer Auftrge blieb nichts anderes brig, als zu
lcherlich niedrigen Preisen sich mit dem Vergrern von Photographien
zu befassen. Die nchste Folge war, da Lutz jetzt jeder Vorwand fehlte,
so lange in der Stadt zu verweilen; sie hatte ja nicht mehr in den
Museen zu kopieren, sondern einfach jeden zweiten oder dritten Tag beim
Kunsthndler vorzusprechen, um Arbeiten zu bernehmen oder abzuliefern;
die Arbeit selbst lie sich zu Hause machen. Das pate nun den zwei
jungen Leuten ganz und gar nicht. Wie zuvor schlenderten sie ziellos
durch die Gassen und konnten sich nicht entschlieen, den Weg zur
Station einzuschlagen. Da sie mde und vom Nebel durchkltet waren,
traten sie in eine Kirche ein; dort setzten sie sich artig in eine
Kapellennische und sprachen leise von den kleinen Dingen ihres Alltags;
dabei sahen sie in die Glasgemlde der Fenster. Von Zeit zu Zeit wurden
sie still, und ihre Seelen, frei vom Joch der Worte (es kam ihnen ja
nicht auf den Sinn der Worte an, sondern auf den Lebenshauch darin, der
wie die zarte Berhrung zitternder Fhlfden war), ihre Seelen also
pflogen dann ernstere, tiefere Zwiesprache. Die traumhafte
Farbenherrlichkeit der Glasgemlde, das Dster der Pfeiler, das Gesumme
der Litaneien mengten sich in ihre Trumerei, weckten die Vorstellung
der Bitternisse des Lebens, die sie vergessen wollten, und flten
trstliches Heimweh nach dem Unendlichen ein. Obgleich es fast schon elf
Uhr vormittags war, erfllte, wie l aus heiligem Kruge, gelbliche
Dmmerung das Schiff der Kirche. Aus fernster Hhe flo seltsames
Leuchten: dunkler Purpur, ein roter Tropfen im Veilchenblau eines
Riesenfensters, undeutliche Gesichter, von schwarzer Metallfassung
umrahmt. Das blutfarbene Licht stie eine Wunde in die hohe Nebelwand.
. . Lutz sagte ganz unvermittelt:

Kommen Sie auch dran?

Er begriff sogleich, was sie meinte, weil sein Geist in diesem Schweigen
derselben dsteren Fhrte gefolgt war.

Ja, sagte er. Aber nicht davon sprechen!

Nur eines sagen Sie mir: Wann?

In einem halben Jahre.

Sie seufzte.

Sie drfen nicht mehr daran denken. Das ntzt ja gar nichts.

Sie wiederholte:

Gar nichts.

Sie holten recht tief Atem, um diese Vorstellung zu verdrngen. Dann
zwangen sie sich tapfer (oder sollte man nicht eher sagen feige? Wer
kann entscheiden, was der wahre Mut ist?), von andern Dingen zu reden,
von den Kerzenflammen, die im Wachsduft wie Sterne flimmerten, von der
prludierenden Orgelmelodie, vom Mesner, der gerade vorbeiging, von den
immer neuen Entdeckungen, die Peter in ihrem Handtschchen machte, wenn
seine neugierigen Finger darin forschten. Mit wahrer Leidenschaft
strzten sie sich auf jede Kleinigkeit, die sie heiter ablenken konnte.
Keinem der beiden Kinder fiel es auch nur im Traume ein, sie knnten dem
Schicksal, das sie voneinander reien wollte, irgendwie entrinnen. Statt
sich dem Kriege entgegenzustemmen, dem entfesselten Strome eines ganzen
Volkes Trotz zu bieten, drfte man eher versuchen, die Kirche, deren
steinerner Panzer sie umgab, aus ihren Grundfesten zu heben. Das einzige
Auskunftsmittel war zu vergessen, bis zum letzten Augenblicke zu
vergessen und sich insgeheim mit der leisen Hoffnung zu schmeicheln, der
letzte Augenblick wrde nie kommen. Bis dahin nur glcklich sein!

Als sie plaudernd den Rckweg von der Kirche antraten, verriet ihm der
Druck ihres Armes, da sie noch einen Blick auf die Auslage werfen
wollte, an der sie eben vorbeigekommen waren. Ein Schuhgeschft. Er sah,
wie ihr Blick liebkosend ein Paar hoher Schnrstiefelchen umfing.

Hbsch? fragte er.

Einfach s! sagte sie.

Er lachte ber den Ausdruck und sie lachte mit.

Sind sie nicht zu gro?

Nein, gerade recht.

Da knnte man sie ja kaufen? Sie drckte seinen Arm und zog ihn fort,
um sich dem verfhrerischen Anblick zu entreien.

Das ist nur fr reiche Leute, _ist nicht fr uns, ist nicht fr uns,_
sang sie nach einer alten Volksweise.

Warum denn nicht? Aschenbrdel hat auch den schnen Pantoffel
angezogen.

Ja, damals gab's noch Feen!

Dafr gibt's heute noch verliebte Jungen.

Sie sang wieder:

_Es darf nicht sein, mein Freund, nein, nein!_

Warum denn nicht, da wir doch Freunde sind?

Gerade darum.

Wieso?

Gerade von einem Freunde darf man keine Geschenke annehmen.

Also nur von einem Feinde?

Von einem Fremden, das geht eher; wenn nur mein Kunsthndler mit einem
Vorschu herausrcken wollte, der Geizkragen!

Aber Lutz, ich habe schlielich doch auch das Recht, bei Ihnen ein Bild
zu bestellen, wenn's mir pat!

Sie konnte gar nicht weiter gehn vor Lachen.

Sie wollen also ein >Werk< von mir besitzen? Mein armer Freund, was
sollten Sie damit? Es war schon gerade genug, da Sie das Zeug
angeschaut haben. Ich wei ganz genau, da es Schund ist. Fr den Genu
wrden Sie sich bedanken.

Aber durchaus nicht, es waren reizende Sachen dabei. Und schlielich
ist das Geschmackssache.

Ihr Geschmack hat sich merkwrdig schnell gendert.

Darf er das nicht?

Nein, bei Freunden nicht.

Lutz, portrtieren Sie mich!

Na hren Sie, portrtieren soll ich Sie auch noch?

Aber es ist mein voller Ernst, neben diesen Schafskpfen werde ich wohl
noch bestehen knnen!

Da drckte sie fest seinen Arm, und ihr entschlpfte das Wort:

Mein Schatz!

Was haben Sie gesagt?

Nichts.

Ich habe es ganz gut gehrt.

Dann behalten Sie's fr sich!

Nein, ich behalte es nicht fr mich, ich gebe es Ihnen doppelt wieder
. . . Mein Schatz! . . . Mein Schatz! . . . Sie machen also mein
Portrt, nicht wahr? . . . Abgemacht?

Haben Sie eine Photographie?

Nein, ich habe keine.

Ja wie soll ich's dann anfangen? Ich kann Sie doch nicht auf der Gasse
malen?

Sie haben mir doch erzhlt, da Sie meist allein zu Hause sind?

Ja, an den Tagen, wo Mutter in der Fabrik ist. Aber ich getraue mich
nicht . . .

Haben Sie Angst, da man uns sieht?

Nein, deswegen nicht. Wir haben keine Nachbarn.

Also was frchten Sie dann?

Lutz antwortete nicht. Sie waren bei der Elektrischen angelangt. Es
warteten zwar viele Leute, aber man sah sie kaum, der Nebel schied das
Prchen immer noch von der brigen Welt. Sie mied seinen Blick.

Da fate er ihre beiden Hnde und sagte warm:

Keine Angst haben, mein Schatz . . . Lutz erhob den Blick, und sie
sahen einander in die Augen; diese zwei Augenpaare schauten so klar und
ehrlich! Ich vertraue Ihnen, sagte sie. Sie schlo die Augen. Sie
fhlte, da sie ihm heilig war.

Die Hnde lsten sich voneinander. Die Tram gab das Abfahrtszeichen. In
Peters Blick lag eine innige Bitte.

An welchem Tage? fragte er.

Mittwoch, antwortete sie, kommen Sie gegen zwei Uhr . . . Im letzten
Augenblick vor der Abfahrt fand sie ihr schalkhaftes Lcheln wieder; sie
sagte ihm ins Ohr:

Aber bringen Sie doch Ihre Photographie mit. Ich kann ja zu wenig, um
ohne Photographie zu malen . . . O ja! O ja! Ich wei, Sie haben schon
welche, Sie kleiner Erzschwindler Sie!

                   *       *       *       *       *

uerste Vorstadt, noch hinter der Malakoffstrae. Halbausgebaute
Straen stehen zahnlckig da und werden von wsten, noch unverbauten
Flchen unterbrochen, die schon in eine Art lndliche Gegend von
zweifelhaften Reizen sich verlieren, wo zwischen Plankenzunen Htten
von Lumpensammlern lieblich verstreut sind. Trbgraue Wolkenschluche
liegen lang auf der farbenarmen Erde, aus deren magern Rippen Nebel
dampft. Die Luft ist schneidend kalt. Man kann das Haus nicht verfehlen:
nur drei stehen auf dieser Straenseite, es ist das letzte und hat kein
Gegenber. Es ist einstckig und hat einen von Staketen umzunten Hof
mit zwei, drei armseligen Struchern und einem Gemsebeet, das jetzt
unterm Schnee liegt.

Peter ist geruschlos eingetreten; der Schnee dmpft den Schall seiner
Schritte. Aber die Vorhnge im Erdgescho bewegen sich; und wie er zur
Tre kommt, ffnet sie sich und Lutz steht auf der Schwelle. Die Stimme
versagt ihnen, wie sie sich im halbdunklen Hausflur begren. Sie fhrt
ihn in das erste Zimmer, das als Wohnraum dient. Dort arbeitet sie auch,
ihre Staffelei steht beim Fenster. Erst wissen sie nicht, was sie reden
sollen; sie haben den Genu dieses Zusammenseins schon zu sehr in
Gedanken vorweggenommen; all die schnen Worte, die sie sich
zurechtgelegthatten, bleiben ihnen in der Kehle stecken; sie getrauen
sich nur halblaut zu sprechen, trotzdem sie allein im Hause sind, oder
vielmehr gerade darum. Steif bleiben sie in ziemlichem Abstande
voneinander sitzen. Sie wagen nicht, die Arme zu bewegen, nicht einmal
den Mantelkragen hatte er heruntergeklappt. Sie reden vom kalten Wetter
und vom Fahrplan der Straenbahn. Dabei sind sie todunglcklich, da
ihnen nichts Gescheiteres einfallen will.

Endlich rafft Lutz sich zur Frage auf, ob er die Photographien
mitgebracht habe; kaum nimmt er sie aus der Tasche, ist das Eis
gebrochen. Die Bilder sind die erwnschten Mittler, ber die hinweg man
erst frei plaudern kann; man ist doch nicht mehr unter vier Augen, es
sind noch andere Augen auf einen gerichtet, aber die stren nicht. Peter
hatte den glnzenden Einfall gehabt (es war ganz ohne Hintergedanken
geschehen), alle seine Bilder, vom dritten Lebensjahre an, mitzubringen.
Eines dieser Bilder zeigt ihn noch im Kleidchen. Lutz lacht hellauf vor
Freude; sie hat fr das Bild zierlich lustige Kosenamen und
Schmeichelworte. Gibt es denn etwas Seres fr eine Frau, als ein
Klein-Kinderbild des Geliebten zu betrachten? In Gedanken wiegt sie ihn
auf den Armen, reicht ihm die Brust -- fast ist ihr, als htte sie ihn
unter dem Herzen getragen. Dabei sprt sie ganz genau, wie schn sich
dem kleinen Knirps alles sagen lt, was man dem Erwachsenen nicht sagen
kann. -- Als er sie fragt, welche Photographie ihr am besten gefllt,
sagt sie ohne Bedenken: Das liebe Kerlchen da . . .

Wie ernst er schon dreinschaut! Ernster beinahe als heute. Wirklich,
wenn Lutz sich getraut htte (und richtig, eben traut sie sich), Peter
recht anzusehn, um seine heutige Erscheinung mit den alten Bildern zu
vergleichen, so wrde sie jetzt in seinen Augen einen Ausdruck
harmloser, kindlicher Freude entdecken, die dem Kleinen noch fehlt; die
Augen dieses kleinen Brgerkindchens, das hbsch unter der Glasglocke
gehalten wurde, sind wie Vglein in verdunkeltem Kfig; jetzt ist eben
das Licht gekommen, nicht wahr, Lucia, Lichtlein? . . . Jetzt mchte er
aber Photographien von Lutz sehen. Da beschaut er nun ein sechsjhriges
Mdelchen mit dickem Zopf, das einen kleinen Hund fest in den Armen
hlt; wie Lutz dieses Bild wieder erblickt, meint sie bei sich mit einer
Anwandlung von Bosheit, ihre damalige Liebe zu dem Tierchen wre nicht
geringer und kaum andern Wesens gewesen als die jetzige; ihr ganzes Herz
gab sie ihrem Peter, wie sie es dem Hndchen gegeben hatte; vielmehr
hatte auch schon die erste Liebe Peter gegolten und der Hund war sein
Platzhalter gewesen. Lutz zeigt auch ein kleines Frulein von dreizehn
oder vierzehn Jahren, das kokett und etwas geziert den Hals verdreht;
zum Glck wich aus den Mundwinkeln nie ein kleines, schelmisches
Lcheln, das zu sagen schien:

Wit ihr? Ich spae nur; ich nehme mich nicht ganz ernst . . .

Jetzt hatten beide ihre Befangenheit ganz und gar berwunden.

Sie begann das Portrt mit dem Stifte zu entwerfen. Da er sich nicht
rhren und auch beim Sprechen kaum die Lippen bewegen sollte, redete
fast nur sie allein. Aber wie es aufrichtigen Menschen geht, wenn sie
ein wenig zu lange sprechen mssen, kam sie im Handumdrehen auf die
Geheimnisse ihrer engeren und weiteren Familie zu reden, die sie
durchaus nicht hatte enthllen wollen. Sie war selber erstaunt, wie sie
sich dabei zuhrte; aber da gab es kein Halten mehr: gerade Peters
Schweigen wirkte wie ein Abhang, der den Strom ihrer Worte unablssig
flieen lie . . .

Sie erzhlte von ihrer Kinderzeit in der Provinz. Sie stammte aus der
Touraine. Die Mutter war aus gutem, wohlhabendem Brgerhause und hatte
sich in einen Lehrer buerlicher Abstammung verliebt. Ihre Familie
wollte von einer solchen Heirat nichts wissen; aber die zwei Liebesleute
bestanden auf ihrem Willen, das junge Mdchen wartete ihre
Volljhrigkeit ab und vermhlte sich dann ohne die Zustimmung ihrer
Eltern. Seitdem wollten ihre Leute von ihr nichts mehr wissen. Dem
jungen Paare waren bei sehr beschrnkten Mitteln ein paar Jahre innigen
Zusammenlebens beschieden. Aber der Mann hielt die berbrdung auf die
Dauer nicht aus. Er erkrankte. Die Frau nahm nun tapfer auch seine Last
auf sich; sie arbeitete fr zwei. Der beleidigte Standesdnkel ihrer
Eltern lie sie in feindlicher Klte verharren, sie wollten nichts fr
die Tochter tun. Der Kranke war ein paar Monate vor Kriegsausbruch
gestorben. Die beiden Frauen hatten keinen Versuch mehr gemacht,
Beziehungen zur Familie der Mutter anzuknpfen. Diese htte gewi das
junge Mdchen zu Gnaden aufgenommen, wenn es den ersten Schritt getan
htte -- das wre dann als ein mea culpa der Mutter aufgefat worden.
Aber da konnten die lange warten! Eher Kieselsteine essen!

Peter staunte ber die Hartherzigkeit dieser brgerlichen Verwandten.
Lutz sah darin nichts Unerhrtes.

Solche Leute sind doch gar nicht so selten, glauben Sie nicht? Im
Grunde sind sie nicht bse. Davon bin ich bei meinen Groeltern fest
berzeugt; sie htten uns also gewi so gerne zugerufen: >Kommt wieder
zu uns!< Aber fr ihren Dnkel war der Sto gar zu hart, und was ist
denn allein gro bei solchen Leuten? Eben nur ihr Dnkel! Hat man ihnen
Unrecht getan, so sehen sie nicht nur dies so oder so beschaffene
Unrecht, sondern es wird einfach >das Unrecht< schlechthin: die andern
sind eben im Unrecht, sie aber wohnen im Recht. Und dabei brauchen sie
gar nicht bsartig zu sein (sie sind's auch wirklich nicht) -- aber sie
lieen einen vor ihren Augen eher bei langsamem Feuer verbrennen, statt
zuzugeben, da sie vielleicht nicht im Rechte waren. Nein, ihre
Verwandten waren die einzigen nicht! Da hatte man noch ganz andere Flle
erlebt! . . . Habe ich nicht recht, sagte sie, sind sie nicht so?

Peter dachte nach. Es ging ihm vllig ein. Er mute sich sagen:

Aber ja. Sie sind so . . .

Das kleine Mdchen hatte ihm mit einem Male die Augen geffnet fr die
ganze Engherzigkeit, die armselige Drre der Brgerkaste, der er
angehrte. Ausgetrocknetes, ausgesogenes Erdreich, das nach und nach
alle seine Lebenssfte aufgebraucht hat und sie nicht mehr zu erneuern
vermag, wie jene Gegenden Innerasiens, wo befruchtende Strme
tropfenweis im gleienden Sande versickert sind. Sogar die Menschen, die
sie zu lieben meinen, lieben diese Brger nur wie einen toten Besitz;
ihrem Selbstsinn opfern sie jene auf, ihrem versteiften Hochmut, ihren
kleinlichen, verrannten Ideen. Peter sah nun in diesem Lichte mit tiefer
Trauer seine eigenen Eltern und sein eigenes Dasein. Er schwieg. Die
Fensterscheiben erbebten von fernem Geschtzfeuer. Peter dachte an die
Menschen, die dort sterben muten, und sagte bitter:

Und das ist auch ihr Werk.

Dies heisere Kanonengebelfer, der Krieg, der allgemeine Zusammenbruch --
ging nicht dies alles groenteils auf Rechnung eben jener Herzensklte
und Unmenschlichkeit, jenes bornierten Dnkels der Brgerkaste? Aber
jetzt (es gab noch eine Gerechtigkeit!) wollte das entfesselte Ungeheuer
nicht innehalten, ehe es eben jenes Brgertum verschlungen hatte.

Lutz sagte:

Es ist gerecht.

Sie ahnte gar nicht, wie ihr Denken so ganz gleichen Schritt hielt mit
Peters Gedanken. Der schrak frmlich zusammen vor diesem Widerhall.

Ja, es ist gerecht, sagte er, gerecht ist alles, was da geschieht.
Die Welt war zu alt, sie mute und wollte sterben.

Lutz senkte den Kopf und stimmte ein:

Ja.

Wie sich doch diese ernsten Kinderstirnen einem unausweichlichen
Geschicke beugten und in scharfen Falten die Spur verzweifelnden
Grbelns trugen! . . .

Es wurde dmmrig im Zimmer, das auch ziemlich ausgekhlt war. Lutzens
Hnde waren eiskalt, wie sie ihre Arbeit abbrach. Peter durfte das Bild
nicht ansehn. Sie traten nun ans Fenster und schauten in den Abend
hinaus, ber trbselige Felder auf bewaldete Hhenzge. ber diesem
veilchenblauen Bogenzug von Wldern lag der blagrne, goldbestubte
Himmel. Ein Hauch aus der Seele des Puvis de Chavannes war ber diesem
Bilde. Lutz verriet durch ein schlichtes Wort, wie sehr sie diesen
zarten Frieden empfand. Als ihn das fast ein wenig wunderte, war sie gar
nicht gekrnkt sondern meinte, man knne ganz wohl etwas fhlen, das man
nicht in Kunstwerken auszudrcken vermge. Es war auch nicht blo ihre
Schuld, wenn sie gar so stmperhaft malte. In bel angebrachter
Sparsamkeit hatte sie ihren Kurs in der Kunstgewerbeschule nicht bis zu
Ende besucht. brigens war sie nur in der Not aufs Malen verfallen. Wozu
berhaupt malen, wenn es einen nicht dazu trieb? Peter mute doch auch
bemerkt haben, wie die meisten nicht aus innerem Drange sich
knstlerisch bettigten, sondern aus Eitelkeit, aus Langerweile -- oder
auch weil sie sich zuerst den wahren inneren Beruf zugetraut hatten und
spter ihren Irrtum nicht eingestehn wollten. Man sollte doch nur dann
Knstler sein, meinte sie, wenn man sein Erleben durchaus nicht fr sich
behalten konnte, wenn man an seinem inneren Reichtum sonst frmlich
erstickte. Aber sie selbst, sie htte gerade genug fr sich selbst. Sie
verbesserte sich gleich:

Und fr noch jemand.

(Er hatte nmlich den Mund zum Schmollen verzogen.)

Der schne Goldton des Himmels erlosch, wurde brunlich. Die leere Ebene
lag jetzt tieftraurig da. Peter fragte Lutz, ob ihr diese de nicht gar
zu unheimlich sei.

Nein.

Aber wenn Sie spt heimkommen?

Es ist keine Gefahr. Apachen kommen nicht in diese Gegend. Die haben
ihre festen Gewohnheiten. Sind im Grunde auch solide Brger. Und dann
wohnt da unser Nachbar, ein alter Lumpensammler mit seinem Hunde.
berhaupt habe ich keine Angst. Ich prahle nicht damit. Es ist gar
nichts Besonderes. Ich bin sonst nicht gerade mutig. Ich habe eben noch
keine Gelegenheit gehabt, recht das Gruseln zu lernen. Wenn es einmal
dazu kommt, entpuppe ich mich vielleicht als rgerer Hasenfu als
andere. Wei man denn je, was man ist?

Ich wei, was Sie sind, sagte Peter.

Ja, das ist aber auch viel leichter, ich wei es auch . . . was Sie
angeht. Den andern erkennt man immer besser.

Der feuchte Abendfrost drang durch die geschlossenen Fenster. Peter
schauerte ein wenig zusammen. Lutz merkte es sogleich am Zucken seines
Nackens. Auf ihrem Spirituskocher bereitete sie ihm eine Tasse
Schokolade. So vesperten sie. In mtterlicher Sorgfalt warf Lutz ihm
einen Schal um die Schultern. Behaglich lie er sich verwhnen, wie ein
Ktzchen wohlte er sich in der weichen Wrme des Tuches. Man kam wieder
auf Lutzens Lebensgeschichte zurck, die noch nicht ganz fertig erzhlt
war. Peter sagte:

Wenn Sie sonst in der Welt niemand haben als Ihre Mutter, mu doch das
Verhltnis zu ihr sehr innig sein.

Ja, sagte Lutz, es _war_ so.

_War_? wiederholte Peter.

O wir haben uns immer noch lieb, sagte Lutz. Sie war etwas verlegen,
weil ihr dieses Wort entschlpft war. (Warum sagte sie ihm immer mehr,
als sie sagen wollte? Dabei fragte er sie nicht aus, wagte es nicht.
Aber sie hrte, wie sein Herz fragte, und es tut so gut, jemandem alles
zu sagen, wenn man es sonst nie gedurft hat. Die Stille im Haus, das
halbdunkle Zimmer, -- all das verlockte zu rckhaltloser Aussprache.)
Sie sagte:

Seit vier Jahren kennt man sich gar nicht mehr aus. Alle Menschen sind
ganz anders.

Meinen Sie, Ihre Mutter ist anders geworden oder Sie selbst?

Alle Menschen, wiederholte Lutz.

Worin?

Man kann es nicht ausdrcken. Man hat nur das Gefhl, da berall die
Beziehungen zwischen einander nahestehenden Menschen, auch innerhalb der
Familien, irgendwie anders geworden sind. Man kann auf nichts mehr
bauen, jeden Morgen mu man sich jetzt fragen: >was wird es abends
geben, werde ich den auch nur wiedererkennen?< Man ist wie auf einer
Planke im Wasser; die will fortwhrend umkippen.

Was ist denn geschehen?

Ich wei nicht, sagte Lutz, ich kann es Ihnen nicht erklren. Ich
wei nur, seit dem Krieg ist es so. Es liegt etwas in der Luft. Alle
Welt ist ganz aus dem Huschen. Wo man sich in den Familien umschaut,
sieht man Menschen ihre eigenen Wege gehen, die frher unzertrennlich
waren. Alle sind wie berauscht; wie Jagdhunde wittern sie irgend etwas
und laufen der Fhrte nach.

Wohin denn?

Ich wei nicht. Aber die Leute selber, mein' ich, auch nicht. Wohin der
Zufall und ihre Begierde sie treiben. Frauen legen sich Liebhaber zu.
Mnner vergessen ihre Frauen. Und das kommt bei den bravsten Leuten vor,
die bis dahin so ruhig und ordentlich schienen. berall hrt man von
zerrtteten Ehen. Aber zwischen Kindern und Eltern ist es gerade so.
Meine Mutter . . .

Sie hielt inne, dann fuhr sie fort:

Meine Mutter lebt jetzt ihr eigenes Leben.

Sie stockte wieder und sagte dann:

Das ist ja ganz natrlich. Sie ist noch jung, meine arme Mama, viel
Glck hat sie auch nicht erfahren: sie hat noch soviel unverbrauchtes
Gefhl. Sie hat wohl das Recht, sich ein neues Leben aufzubauen.

Peter fragte:

Sie will wieder heiraten?

Lutz schttelte den Kopf. Man wute nicht recht . . . Peter wagte keine
weitere Frage.

Sie hat mich gewi immer noch gern. Aber nicht mehr wie frher. Sie
knnte jetzt auch ohne mich leben . . . Die arme Mama wre ja so
zerknirscht, wenn sie sich darber klar werden mte, da ihre Liebe zu
mir in ihrem Herzen nicht mehr an erster Stelle steht! Nie wrde sie es
eingestehen . . . Das Leben ist doch eine kuriose Sache!

Ihr leises Lcheln war traurig und zugleich etwas schalkhaft. Peter
legte zrtlich seine Hand ber ihre Hnde, die auf die Tischplatte
gesttzt waren, sonst rhrte er sich nicht.

Wir sind alles arme Geschpfe, sagte er.

Eine Weile spter sagte Lutz:

Wir zwei, wir sind so ruhig! . . . Die andern sind wie im Fieber.
Krieg. Fabriken. Alles hastet, hastet. Arbeiten, leben, genieen . . .

Ja, sagte Peter, kurz ist die Stunde. Um so weniger soll man
laufen, statt zu gehen! Man ist ja doch zu bald am Ziele. Wir wollen
ganz kurze Schrittchen machen.

Aber die Stunde selber rennt fort, sagte Peter. Halten wir sie recht
fest!

Ich halte sie, ich halte sie, sagte Lutz, indem sie seine Hand
ergriff.

So plauderten sie bald zrtlich, bald ernsthaft, wie gute alte Freunde.
Aber dabei achteten sie wohl darauf, da immer der Tisch zwischen ihnen
blieb. Aber jetzt merkten sie erst, da es im Zimmer tiefe Nacht
geworden war. Peter stand hastig auf. Lutz hielt ihn nicht zurck.

Die kurze Stunde war um.

Sie hatten Angst vor der Stunde, die jetzt kommen konnte. Beim Abschied
waren sie so befangen, ihre Stimmen klangen so gepret wie bei Peters
Eintritt. Auf der Schwelle wagten ihre Hnde kaum sich zu berhren.

Aber wie er die Tr geschlossen hatte und beim Durchschreiten des
Grtchens den Kopf gegen das Fenster im Erdgescho wandte, sah er im
letzten kupfrigen Widerschein auf den Scheiben Lutzens Kopf im Umri,
wie sie im ungewissen Halblicht ihm mit dem Ausdruck tiefer Leidenschaft
nachsah. Da lief er zum Fenster zurck und legte den Mund an die
Scheibe. Durch die glserne Wand hindurch kten sich ihre Lippen. Dann
wich Lutz ins Dunkel des Zimmers zurck und der Fenstervorhang fiel
nieder.

                   *       *       *       *       *

Seit etwa vierzehn Tagen wuten sie nicht mehr, was in der Welt vorging.
Mochte man doch in Paris durch dick und dnn Leute einkerkern und
verurteilen, mochte doch Deutschland eben unterzeichnete Vertrge
durchfhren oder wieder umstoen, mochten doch die Regierungen weiter
lgen, die Presse weiter schmhen und die Heere weiter sich tten. Die
beiden lasen keine Zeitungen. Sie wuten wohl, irgendwo oder berall
ringsumher gab es Krieg, wie etwa auch Typhus und Influenza herrscht;
aber das machte ihnen weiter keinen Eindruck; sie wollten nicht daran
denken.

Aber gerade diese Nacht rief sich der Krieg ihnen selber ins Gedchtnis
zurck. Sie waren beide schon zur Ruhe gegangen (die Tage vergingen
ihnen in einer solchen Anspannung des Gefhls, da sie abends todmde
waren). Jedes hrte in seinem Stadtviertel das Alarmsignal, beide
wollten aber nicht aufstehen. Jedes vergrub den Kopf in die Polster,
unter die Decke, wie Kinder whrend des Gewitters -- aber gar nicht aus
Furcht (sie waren berzeugt, es knne ihnen nichts zustoen), -- sondern
um zu trumen. Lutz vernahm, wie es in der schwarzen Nachtluft drhnte
und dachte: Wie wre es gut, das Unwetter in seinen Armen
vorberbrausen zu hren!

Peter hielt sich die Ohren zu. Nichts sollte ihn in seinen Gedanken
stren! Hartnckig versuchte er auf der Klaviatur der Erinnerung Ton fr
Ton das Lied dieses Tages zu wiederholen, die melodische Folge der
einzelnen Stunden von der Minute an, da er Lutzens Haus betreten hatte,
die feinsten Biegungen ihrer Stimme, jede kleine Bewegung, die
ununterbrochene Reihe von Eindrcken, die sein hastiger Blick geschlrft
hatte, -- einen Wimperschatten auf der Wange oder deren Beben im Anhauch
eines Gefhls, das dem Windgekrusel am Wasser glich, der Lichtstrahl
eines Lchelns, der ber ihre Lippen glitt, oder die weiche Nacktheit
der zwei ausgestreckten Hnde, zwischen denen sein Handballen gelegen
hatte, -- all diese kstlichen Splitter suchte er mit magischer
Liebesglut zu einem Bilde zu verschmelzen. Er duldete nicht, da uerer
Lrm in sein Heiligtum drang. Dies Drauen war wie ein lstiger Besucher
. . . Krieg? Wei schon, wei schon. Der Krieg pocht an die Tr? Soll
warten! . . . und der Krieg wartete wirklich geduldig vor der Schwelle.
Er wute, seine Stunde wrde auch noch kommen. Das wute Peter auch und
darum schmte er sich seiner egoistischen Abkehr durchaus nicht. Die
Welle des Todes wrde ihn schon auch ergreifen. Zu Vorschssen war er
nicht verpflichtet. Am Verfallstage mochte der Tod seine Rechnung
prsentieren! Bis dahin aber sollte er ihn in Ruhe lassen, sich hbsch
still verhalten! Ach, bis dahin wollte er wenigstens von dieser
wundervollen Zeit nichts verlieren; jede Sekunde war ein Goldkorn und er
glich dem Geizigen, der seine Schtze betastet und streichelt: Das ist
mein, ist ganz mein eigen! Rhrt nicht an meinen Frieden, an meine
Liebe! Die sind mein bis zur Stunde, wo . . . Aber wann wird diese
Stunde kommen? -- Am Ende kommt sie nie! Ein Wunder? . . . Warum nicht?
. . .

Inzwischen flo der Strom der Stunden und Tage weiter dahin. Bei jeder
Biegung kam das Grollen der Katarakte nher. Peter und Lutz lagen im
Kahne hingestreckt und hrten es wohl. Aber sie hatten keine Angst mehr.
Selbst diese gewaltige Stimme wiegte sie wie begleitender Orgelton noch
tiefer in ihren Liebestraum. Wenn man endlich beim Abgrund war, wrde
man nur die Augen schlieen, sich fester aneinander drngen und alles
wrde mit einem Male zu Ende sein. Der Abgrund ersparte ihnen die Pein,
an das sptere Leben zu denken, an das Leben, das sonst noch htte
kommen knnen, an die aussichtslose Zukunft. Lutz hatte ein Vorgefhl
von den Widerstnden, auf die Peter, wenn er sie heiraten wollte, htte
stoen mssen; Peter selbst empfand dies minder klar (er war der
Klarheit minder zugetan), bebte aber auch davor zurck. Was brauchte man
jetzt so weit vorauszusehn? Das Leben hinter dem Abgrunde erschien wie
das Leben im Jenseits, von dem die Kirche erzhlt. Es heit, da man
sich dort wiederfinden wird; aber ganz sicher wei man es nicht. Sicher
ist nur eines: die Gegenwart, unsere Gegenwart. Da hinein lat uns, ohne
ngstliches Zgern und Zhlen, unser ganzes Teil Ewigkeit ergieen!

Lutz kmmerte sich um die Tagesereignisse noch weniger als Peter. Der
Krieg interessierte sie gar nicht. Er kam einfach als eine Plage mehr zu
den vielen anderen hinzu, aus denen nun einmal das uere Leben gewoben
war. Nur wer vor der nackten Wirklichkeit des Lebens geborgen ist, macht
viel Aufhebens vom Kriege. Aber das kleine Mdchen mit ihrer frhreifen
Lebenserfahrung -- wie gut kannte sie den Kampf ums tgliche Brot --
panem quotidianum . . . (Gott gab es nicht umsonst!) -- zeigte ihrem
Freunde, dem verwhnten Brgershnchen, wie der Friedenszustand fr die
Armen, besonders fr deren Frauen, nur ein Trugbild ist, der gleiende
Deckmantel fr einen mrderischen, tckischen, unablssigen Krieg. Sie
verschonte ihn mit Einzelheiten, um ihn nicht zu betrben: sie fhlte
sich ihm mtterlich berlegen, als sie sah, wie sehr ihn ihre Berichte
erschtterten. Wie die meisten Frauen empfand sie gegenber gewissen
hlichen Seiten des Lebens keineswegs den krperlichen und seelischen
Abscheu, von dem sich da der junge Bursch gepackt fhlte. Gewaltsame
Weltverbesserung lag ihr ganz fern. Wenn es ihr einmal noch schlechter
gegangen wre, wre sie imstande gewesen, ohne Ekel ekelhafte
Beschftigung zu bernehmen und deren Spur so leicht und anmutig von
sich abzutun, da sie dann wieder blitzblank, in aller Seelenruhe, htte
ihrer Wege gehen knnen. Jetzt freilich vermochte sie es nicht mehr;
seit sie Peter kannte, hatte ihre Liebe ihr alle Neigungen und
Abneigungen ihres Freundes mitgeteilt; aber dergleichen kam nicht aus
dem Grunde ihres Wesens. Sie gehrte einem ausgeglichenen, heiteren
Menschenschlage an, dem aller Pessimismus fern lag. Melancholie und
groartige Weltverneinung war nicht ihre Sache. Das Leben ist, wie es
ist. Man nimmt es, wie es ist. Htte schlimmer ausfallen knnen! Soweit
Lutz nur zurckdenken konnte, war ihr ueres Dasein immer recht
schwierig gewesen; immer war man da auf der Suche nach rettenden
Auswegen, besonders seitdem Krieg war; die Wechselflle eines solchen
Daseins hatten Lutz gelehrt, sich nicht um den nchsten Tag zu sorgen.
Dazu kam noch, da dieser innerlich freien kleinen Franzsin jeder
Gedanke ans Jenseits fremd war. Dieses Leben gengte ihr. Lutz fand es
hbsch genug, aber es hngt doch nur an einem Hrchen, es gehrt so
wenig dazu, damit dies Hrchen reit, da es wirklich nicht lohnte, sich
um Dinge zu qulen, die morgen geschehen knnten. Trinkt, ihr Augen, im
Vorbereilen vom Licht, in dem ihr badet! Und was das Nachher anlangt,
so la dich, Herz, vertrauend in der Strmung treiben! . . . Und jetzt
hat man sich gar noch so lieb -- ist das nicht kstlich? Lutz wute
wohl, es wrde nicht lange whren. Aber ihr Leben wrde ja auch nicht
lange whren . . .

Ihrem Wesen nach war sie ganz anders als der kleine Junge, der sie
liebte und den sie liebte; der war gefhlvoll, leidenschaftlich, nervs,
erregbar, glcklich und unglcklich zugleich, berschwnglich in Lust
und Leid, gleich strmisch in Hingabe oder Trotz; gerade wegen dieses
Gegensatzes zu ihrer Art war er ihr so lieb. Aber ganz einig waren beide
im unausgesprochenen Vorsatz, keinen Blick in die Zukunft zu werfen: sie
war ein sorglos hinpltscherndes Bchlein, das in sein Los ergeben ist
-- er aber strzte sich in berspannter Verneinung der Umwelt in den
Abgrund der Gegenwart und nichts sollte ihn daraus vertreiben.

                   *       *       *       *       *

Der groe Bruder war wieder daheim. Er hatte ein paar Tage Urlaub.
Gleich am ersten Abend merkte er, da sich die Atmosphre des
Vaterhauses irgendwie verndert hatte. Worin denn? Das wute er selber
nicht zu sagen: aber etwas ging ihm gegen den Strich. Die Seele hat
Fhlfden, die fernhin Dinge aufspren, die das Bewutsein noch gar
nicht abgetastet hat. Die feinsten Fhlfden aber streckt verletztes
Selbstgefhl aus. Bei Philipp schwangen also diese Fden aufgeregt hin
und her, suchten verwundert ein Etwas, das ihnen fehlte . . . Dabei
hatte er doch den Kreis seiner Lieben, der ihm den gewohnten Weihrauch
zollte -- das aufmerksame Publikum, dem er krglich Frontschilderungen
zuzumessen geruhte -- die Eltern hingen in gewohnter Bewunderung an
seinen Lippen, -- der kleine Bruder. . . Oha! Halt! Ja, der, gerade der
war nicht da, wenn man ihn brauchte! Anwesend war er wohl, aber er
drngte sich gar nicht mehr an den groen Bruder heran, er bettelte
nicht, wie sonst, um vertrauliche Erffnungen, deren Verweigerung dem
Groen so viel Spa gemacht hatte. Zu welchen Armseligkeiten verleitet
gekrnkte Eitelkeit! Sonst setzte Philipp zu all den glhenden
Zweifelfragen des jngeren Bruders eine mde, spttische Gnnermiene auf
-- jetzt fhlte er sich verletzt, weil Peter keine solchen Fragen mehr
stellte. Und so suchte er selbst diese Dinge aufs Tapet zu bringen. Er
wurde viel mitteilsamer und sah beim Sprechen immer Peter an, um ihn
merken zu lassen, da seine Reden ihm galten. Zu andern Zeiten wre
Peter auer sich gewesen vor Freude darber und htte sich nicht lange
bitten lassen, auf die Absicht des Bruders einzugehen. Aber jetzt rhrte
er sich nicht und sah in aller Seelenruhe zu, wie Philipp die
ausgestreckten Fhler wieder hbsch einziehen mute. Der war jetzt
beleidigt und machte ironische Bemerkungen. Peter aber lie sich nicht
aus der Fassung bringen und antwortete schlagfertig in gleichem Tone.
Philipp wollte nun eine grndliche Aussprache herbeifhren, hielt in
bertriebener Lebhaftigkeit frmliche Reden -- aber nach ein paar
Minuten merkte er, da er fr sich allein redete. Peter sah ihm zu und
schien zu denken:

Nur zu, lieber Freund, wenn's dir Spa macht! Nur weiter, ich hre
schon zu . . .

Welch unverschmtes leichtes Lcheln! . . . Die Rollen waren vertauscht.
Beschmt wurde Philipp still und beobachtete nun etwas aufmerksamer den
jungen Bruder, der sich jetzt nicht weiter mit ihm abgab. Wie der sich
verndert hatte! Die Eltern hatten nichts bemerkt, weil sie ihn jeden
Tag sahen; aber der durchdringende und jetzt noch von Eifersucht
geschrfte Blick Philipps fand nach einer Abwesenheit von ein paar
Monaten Peters gewohnten Gesichtsausdruck nicht wieder. Peter schien in
glckseliger Dumpfheit sorglos dahinzuleben; gleichgltig gegen die
Menschen, ohne einen Blick fr die Umwelt, webte und schwebte er
offenbar wie ein junges Mdchen in weicher, warmer Traumluft. Philipp
sah ein, da er selbst dem Bruder gar nichts mehr bedeutete.

Da er nicht nur andere gut zu beobachten verstand, sondern auch das
eigene Erleben immer tapfer unter die Lupe nahm, wurde ihm die Ursache
seiner Verstimmung bald klar und heilsame Selbstverspottung befreite ihn
davon. Wie nur erst einmal die dumme Empfindelei abgetan war,
beschftigte er sich um der Sache selbst willen mit Peter und suchte den
geheimen Grund seiner Verwandlung zu entdecken. Gerne htte er ihn zu
vertraulichen Erffnungen gebracht. Aber darin fehlte es ihm an bung
und auerdem schien der kleine Bruder keinerlei Bedrfnis nach
Herzensergieung zu verspren; mit spttisch lssigem Gleichmut
betrachtete er sehr von oben herab Philipps linkische Bemhungen, eine
Brcke zu ihm zu schlagen. Lchelnd, die Hnde in den Taschen, pfiff er
ein Liedchen vor sich hin und gab beilufige Antworten, ohne recht auf
die Fragen zu horchen -- und auf einmal hatte er sich schon wieder in
sein Mrchenschlo zurckgezogen. Schn guten Abend! Weg war er. Nur
sein Spiegelbild lag noch am flieenden Wasser und rann einem durch die
Finger. -- Wie ein verschmhter Liebhaber fhlte Philipp erst jetzt den
ganzen Wert des Herzens, das er verloren hatte, und die eigentmliche
Anziehungskraft, die von dem Geheimnis ausging, das sich darin barg. Der
Zufall spielte ihm des Rtsels Lsung in die Hnde. Als er eines Abends
ber den Boulevard Montparna heimging, begegnete er im Dmmerlicht
Peter und Lutz. Er frchtete, sie knnten ihn gesehn haben. Aber sie
kmmerten sich gar nicht um die Auenwelt. Sie waren eng
aneinandergeschmiegt; Peter sttzte seinen Arm auf Lutzens Arm, hielt
ihre Hand, und seine Finger schlangen sich zwischen ihre Finger; so
gingen sie mit kurzen Schritten dahin, in heier, unersttlicher
Zrtlichkeit wie Eros und Psyche in der Farnesina. Ihre Blicke waren
tief ineinander versenkt. Philipp lehnte sich an einen Baum und sah zu,
wie sie vorbergingen, stehen blieben, weiter gingen und im Dunkel
verschwanden. Philipps Herz war voll Mitleid mit den zwei Kindern; er
dachte:

Mein Leben ist hingeopfert. Meinetwegen! Aber da die zwei auch daran
glauben sollen, ist das rgste Unrecht. Wenn ich wenigstens ihr Glck
erkaufen knnte!

Trotz seines hflich-zerstreuten Wesens merkte Peter doch am nchsten
Tage, wie herzlich die Stimme des Bruders klang, wenn er mit ihm sprach;
allerdings empfand er auch das nicht sofort, sondern es fiel ihm erst
nachher auf, wenn er daran zurckdachte. Da erwachte er doch so halbwegs
aus seinem Traumzustand und sah wieder einmal den guten Blick des
lteren, den er an ihm gar nicht mehr kannte. Philipp schaute ihn mit so
klaren Augen an, da Peter den Eindruck hatte, dieser Blick wolle in
sein Geheimnis eindringen; hastig barg er es hinter herabgelassenen
Vorhngen. Aber Philipp lchelte nur, stand auf, legte ihm die Hand auf
die Schulter und schlug einen Spaziergang vor. Peter ging darauf ein; er
hatte ja wieder Vertrauen; sie gingen mitsammen in den nahen
Luxemburgpark. Der groe Bruder lie seine Hand immer noch auf der
Schulter des Jngeren ruhn und der war stolz darauf, da es wieder gut
stand zwischen ihnen. Jetzt war ihm die Zunge gelst. Sie sprachen
lebhaft von geistigen Dingen, von Bchern und Beobachtungen an Menschen,
von neuen Erfahrungen -- nur gerade von der einen Sache nicht, an die
sie beide immerfort denken muten. Es tat ihnen wohl, so vertraulich
miteinander zu reden, ohne doch an das Geheimnis zu rhren, das zwischen
ihnen stand.

Mitten unter dem Plaudern fragte sich Peter:

Wei er's? . . . Aber woher sollte er es denn erfahren haben? . . .

Philipp beobachtete ihn lchelnd, wie er schwatzte. Peter hielt endlich
mitten im Satze inne . . .

Was hast du denn? . . .

Nichts. Ich schaue dich nur an. Ich bin so froh.

Sie tauschten einen Hndedruck. Auf dem Rckwege fragte Philipp:

Du bist glcklich?

Peter nickte wortlos.

Da hast du recht, Kleiner, das Glck ist was Schnes. Nimm mein Teil
mit dazu . . .

Um Peter nicht zu betrben, vermied es Philipp whrend dieses
Aufenthaltes, ber die nahe bevorstehende Einziehung von des Bruders
Jahrgang zu sprechen. Aber am Tage seiner Abreise konnte er doch die
sorgenvolle Bemerkung nicht unterdrcken, da der Bruder nun so bald der
Prfung ausgesetzt sein wrde, die er aus eigener Erfahrung nur zu gut
kannte. Aber kaum ein Schatten glitt ber die Stirn des kleinen
Verliebten. Er zog ein wenig die Brauen zusammen, blinzelte, wie wenn er
ein unangenehmes Bild verscheuchen wollte, und sagte:

Ach was! . . . noch Zeit! . . . Chi lo sa?

Man wei es nur zu genau, sagte Philipp.

So viel wei ich sicher, sagte Peter, den Philipps Hartnckigkeit
verdro, wenn ich mal dort drin stecke, -- ich schiee auf niemand.

Philipp widersprach nicht, aber lchelte wehmtig vor sich hin; wute er
doch so gut, wie die schwache Einzelseele und ihr Wollen hinschwanden
vor der unerbittlichen Wucht der Herde.

                   *       *       *       *       *

Der Mrz war wieder da und lngere Tage und erster Vogelsang. Aber mit
der Kraft des Sonnenlichtes wuchsen auch die dsteren Flammen des
Krieges. Mit fieberhafter Spannung sah man dem Frhjahr entgegen und der
Katastrophe, die in der Luft lag. Das riesige Tosen schwoll lauter an,
der Waffenlrm von Millionen Feinden, die sich seit Monaten vor der
Dammlinie der eigenen Stellung gestaut hatten und nun als Sturmflut ber
die Landschaft von Paris und sein von soviel Wettern geprftes
Wappenschiff hinbrausen wollten. Wie riesige Schatten eilten der
Verheerung Schreckensnachrichten voraus: phantastische Gerchte ber
Giftgase, ber tdliche Krfte, die sich durch die Luft verbreiten und
ganze Provinzen packen und vernichten sollten, wie seinerzeit die
erstickende Rauchwolke des (Vulkans) Mont Pelee. Schlielich lieen auch
immer hufigere Besuche deutscher Flieger die Nerven der Stadt Paris ja
nicht zur Ruhe kommen.

Peter und Lutz wollten von all dem noch immer nichts wissen; aber Keime
des schwelenden Fiebers, die sie unbewut mit der schweren Gewitterluft
eingeatmet hatten, entfachten heieres Verlangen in ihren jungen
Krpern. Die drei Kriegsjahre hatten durch ganz Europa alle ethischen
Anschauungen in einem Mae zerrttet, da die anstndigsten Menschen in
Mitleidenschaft gezogen waren. Dazu kam noch, da die beiden Kinder an
keinerlei Kirchenglauben Rckhalt hatten. Aber es schtzte sie ihre
Herzensreinheit und ganz triebhafte Scham. Doch waren sie innerlich
entschlossen, einander ganz anzugehren, bevor die blinde Grausamkeit
der Menschen sie auseinander reien wrde. Bis dahin hatten sie nie
darber geredet. Diesen Abend aber sollte es ausgesprochen werden.

Ein- bis zweimal der Woche hatte Lutzens Mutter Nachtschicht in der
Fabrik. Um in dem abgelegenen Huschen nicht allein zu bleiben,
bernachtete Lutz dann in der Stadt bei einer Freundin. Sie wurde nicht
berwacht. Das Liebespaar benutzte diese Bewegungsfreiheit, um einen
Teil des Abends beisammen zu sein; manchmal speiste man auch bescheiden
in einem kleinen, wenig besuchten Gasthause. Wie sie also an diesem
Abende -- es war Mitte Mrz -- vom Essen kamen, hrten sie das
Alarmsignal. Sie bargen sich im nchstgelegenen Unterstand, wie man vor
einem Platzregen in ein Haustor tritt, und vergngten sich eine Weile
mit Beobachtungen an der zusammengewrfelten Gesellschaft da unten. Aber
da die Gefahr nun schon fern oder abgewehrt schien, ohne da der Alarm
abgeblasen wurde, machten sich Peter und Lutz unter heiterem Geplauder
wieder auf den Weg, da sie nicht zu spt nach Hause kommen wollten. Sie
gingen gerade durch ein altes dunkles Gchen nchst der
Sankt-Sulpiz-Kirche und waren eben an einem Fiaker vorbeigekommen, der
bei einem Haustore stand; Pferd und Kutscher schliefen fest. Sie waren
auf der anderen Straenseite, etwa zwanzig Schritt entfernt -- da
erbebte alles: blendendes Rot, strzender Donner, Prasseln und Klirren
losgerissener Dachziegel und zerbrochener Fensterscheiben. Die Gasse
macht dort eine scharfe Biegung; dahinter drckten sie sich, eng
umklammert, wie angeklebt in eine Mauernische. Beim Aufflammen dieses
Blitzes hatte jeder in des andern Augen Liebe und Entsetzen gelesen.
Schon war es wieder Nacht um sie, aber noch hrte man Lutzens flehende
Stimme: Nein, noch nicht . . . noch nicht. . .

Peter sprte auf seinen Lippen im leidenschaftlichen Ku die Zhne der
Geliebten. Sie standen im Dunkel des Gchens und hrten das Klopfen
ihrer Herzen. Ein paar Schritte weiter waren Leute aus den umliegenden
Husern im Begriffe, den tdlich getroffenen Kutscher unter den Trmmern
des Wagens hervorzuziehen; der Unglckliche wurde ganz nahe an ihnen
vorbeigetragen; sein Blut trufelte zur Erde nieder. Lutz und Peter
waren wie zu Stein erstarrt; als ihr Bewutsein wieder hell wurde,
fanden sie sich so innig verschmiegt, da ihnen war, als lgen ihre
Krper nackt aneinander. Sie lsten die verkrampften Hnde und Lippen,
die wie Wurzeln das geliebte Wesen hatten einsaugen wollen. Beide
berkam ein Zittern.

Gehen wir heim, sagte Lutz, von ahnungsvollem Schreck befallen. Sie
zog ihn mit fort.

Lutz! nicht wahr, du lt mich nicht aus der Welt gehen, ehe . . .

Mein Gott, sagte Lutz und drckte seinen Arm, der Gedanke wr'
schlimmer als der Tod!

Mein Liebes! das sagten sie gleichzeitig.

Sie blieben wieder stehen:

Wann werde ich dein? fragte Peter. (Er wagte nicht zu fragen: wann
wirst du mein?)

Lutz merkte dies und es rhrte sie.

Mein Schatz, sagte sie; . . . Bald! Drng' uns nicht! Du kannst es
garnicht inniger wollen als ich! . . . Bleiben wir noch ein Weilchen so
wie jetzt . . . Es ist so schn! . . . Noch bis zum Ende dieses Monats!
. . .

Bis Ostern? sagte er.

(Ostern fiel in jenem Jahre auf den letzten Mrz.)

Ja, bis zur Auferstehung.

Ach, sagte er, vor der Auferstehung kommt das Sterben.

Sst! sagte sie und schlo ihm den Mund mit einem Kusse.

Dann lsten sie ihre Umarmung.

Heute abend feiern wir unsere Verlobung, sagte Peter.

Aneinandergeschmiegt gingen sie weiter und weinten vor Liebe. Unter
ihren Schritten kreischten Glassplitter, und das Pflaster war blutig.
Rings um die Flamme ihres Gefhls lauerten Nacht und Tod. Ihnen zu
Hupten standen zwei Hauswnde der engen Gasse so nah beieinander wie
Schornsteinmauern; aber in diesem Rahmen, als wre er ein magischer
Kreis, pulste in reiner Himmelstiefe ein Sternenherz . . .

Und horch! Es beginnen die Glocken ihren Gesang, die Lichter flammen
wieder auf, die Straen beleben sich aufs neue! Kein Feind mehr in den
Lften. Paris atmet auf. Der Tod ist von ihm gewichen.

                   *       *       *       *       *

So war ihnen der Samstag vor Palmsonntag herangekommen. Tglich waren
sie stundenlang beisammen und suchten dies gar nicht mehr zu verbergen.
Sie schuldeten der Welt keine Rechenschaft mehr. Nur noch durch dnne,
dem Zerreien nahe Fden hingen sie mit der Welt zusammen! -- Vor zwei
Tagen hatte die deutsche Offensive eingesetzt. In einer Breite von fast
hundert Kilometern schumte die Riesenwoge heran. Ununterbrochene
Aufregungen durchbebten die Stadt: -- erst flog das Munitionslager
Courneuve in die Luft, wobei ganz Paris wie von einem Erdbeben zitterte,
dann rissen fortwhrende Alarmierungen die Leute aus dem Schlafe und
machten sie vllig nervs. Und gar an diesem Samstagmorgen erwachten
Leute, die erst spt hatten einschlafen knnen, im Grollen der
geheimnisvollen Kanone, die irgendwo in der Ferne steckte und ber den
Sommeflu weg, wie von einem anderen Planeten, aufs Geratewohl Tod und
Verderben streute. -- Die ersten Schsse hielt man fr weitere
Fliegerbomben und flchtete folgsam in die Keller; aber an eine dauernde
Gefahr gewhnt man sich rasch und das Leben stellt sich darauf ein; ja,
fast findet es einen Reiz darin, wenn das Unheil nur alle gleich bedroht
und seine Wahrscheinlichkeit fr den einzelnen nicht zu gro ist.
berhaupt war auch das Wetter gar zu schn; jammerschade, sich lebendig
zu begraben: noch vor der Mittagsstunde war alles im Freien; Straen,
Grten, Caf-Terrassen sahen an jenem strahlend schnen, sommerlich
heien Nachmittage ganz festtglich aus.

An eben diesem Nachmittage wollten Peter und Lutz aus dem Gewhl in den
Wald von Chaville flchten. Seit zehn Tagen lebten sie in einem
gespannten Zustande weltentrckter innerer Stille. Tiefer Friede war in
ihren Herzen, aber erregtes Zittern in ihren Nerven. In solchen
Augenblicken fhlt man sich gleichsam auf einer Insel mitten in rasendem
Wirbelstrom: Auge und Ohr sind vllig berwltigt vom Rauschen und
Schumen. Aber wie man die Lider senkt und mit dem Finger das Ohr
verschliet und so die Riegel vorgeschoben sind, kehrt mit einem Male
tiefe, berauschende Stille in uns ein, Stille reglosen Sommertags, wo
hohe Freude, wie ein Vglein aus laubigem Versteck, ihr frisches Lied in
lichten Wellen verrinnen lt. Du gttlicher, zauberischer Gesang der
Freude, seliges Gezwitscher im Dickicht des Lebens! Ich wei ja -- nur
einen schmalen Lidspalt mu ich ffnen oder den Finger blo ein bichen
weniger fest ans Ohr drcken -- und Gischt und Brausen des Stroms sind
wieder da! Welch schwache Schleuse hlt jene fern! Aber gerade dies
Wissen um die Gebrechlichkeit der Schleuse lt die Freude noch hher
schwingen: man wei, sie ist bedroht. Selbst Stille und Frieden bekommen
so die innere Spannung der Leidenschaft. Hand in Hand traten sie in den
Wald. Vorfrhling steigt einem zu Kopfe wie neuer Wein. Die junge Sonne
macht trunken mit ihrem lauteren Rebensaft. Das Licht ist ber die noch
blattlosen Wlder ausgegossen; durch die nackten Zweige hindurch hlt
einen das blaue Himmelsauge in Bann und Betubung . . . Die jungen Leute
vermochten kaum ein paar Worte zu wechseln. Die Zunge wollte begonnene
Stze nicht zu Ende sprechen. Ihre Beine waren schlapp und mochten nicht
weiter. Im Schweigen des durchsonnten Waldes taumelten sie dahin. Die
Erde zog sie an. Sich auf der Strae niederlegen! Auf einer Felge des
groen Erdenrades sich mitforttragen lassen! . . .

Sie erkletterten die Bschung jenseits der Strae, drangen ins Unterholz
und streckten sich nebeneinander aufs drre Laub, durch das die ersten
Veilchen sproten. Erster Gesang von Vgeln und das ferne Schnauben der
Geschtze mischten sich ins Glockengelute der Drfer, das dem morgigen
Feste galt. Die leuchtende Luft erbebte von Hoffnung, Glauben, Liebe und
Tod. Trotz der Einsamkeit sprachen sie nur mit gedmpfter Stimme. Ihr
Herz war so voll: war es Glck? war es Leid? Sie htten es nicht sagen
knnen. Wie Lutz so reglos dalag und weit offenen Auges in den Himmel
starrte, fhlte sie das bittere Weh in sich bermchtig werden, gegen
das sie schon den ganzen Tag ankmpfte, um Peter die Freude nicht zu
verderben. Der legte seinen Kopf in Lutzens Scho wie ein Kind, das
schlafen will, und an der Wange fhlte er die Wrme ihres Leibes.
Wortlos streichelte Lutz Augen, Nase und Lippen des Geliebten. Die
lieben vergeistigten Hnde, die, wie es im Feenmrchen heit, an den
Fingerspitzen ein Mndchen zu haben schienen! Peters Sinne aber waren
eine feingestimmte Harfe und erklangen jedem Gefhl, das in den Fingern
der Freundin bebte. Er vernahm ihren Seufzer, ehe sie ihn getan hatte.
Lutz war jetzt halb aufgerichtet und vorgeneigt; so klagte sie mit
gepreter Stimme:

Ach Peterchen!

Peter sah sie betroffen an.

Ach Peterchen! Was sind wir denn? . . . Was wollen sie von uns? . . .
Was wollen denn wir? . . . Was geht in uns vor? . . . Diese Kanonen, die
Vgel, der Krieg, unsere Liebe . . . die Hnde da, der Leib, die Augen
. . . Wo bin ich denn? . . . und was bin ich denn? . . .

Peter hatte sie nie in so ratloser Verwirrung gesehen und wollte sie
trstend in die Arme schlieen. Aber sie stie ihn zurck:

Nein! Nein! . . .

Sie barg ihr Gesicht in den Hnden; Hnde und Gesicht drckte sie tief
ins trockene Laub. Peter war ganz auer sich und flehte:

Lutz! . . .

Er legte seinen Kopf dicht neben den der Geliebten.

Lutz! sagte er noch einmal. Was ist denn? . . . Hast du was gegen
mich? . . . Sie hob ein wenig den Kopf:

Nein!

Er sah, da ihre Augen voll Trnen standen.

Du bist traurig?

Ja

Warum?

Ich wei nicht.

So sag' doch! . . .

Ach, ich schme mich . . .

Du schmst dich? Weshalb?

Wegen allem.

Sie schwieg.

Schon den ganzen Tag stand sie unter dem qualvollen Eindruck eines
peinlichen, erniedrigenden Erlebnisses: jene Fabriken, als Sttten des
Todes und der Unzucht, erzeugten mit ihrem Durcheinander von Mnnern und
Weibern, als Grbottiche von Menschenfleisch, ein Gift, von dem auch
Lutzens Mutter bis zum Wahnsinn ergriffen war; sie kannte nun weder
Scheu noch Scham. In rasender Eifersucht hatte sie in der eigenen
Wohnung mit ihrem Geliebten einen lauten Streit gehabt, ohne sich vor
Lutz irgendwie zu migen; so hatte diese bei der Gelegenheit erfahren,
da ihre Mutter schwanger war. Das war fr das Mdchen gleichsam eine
Beschmutzung gewesen, von der auch sie selbst, die Liebe berhaupt und
sogar ihre Liebe zu Peter befleckt wurde. Darum also hatte sie Peter
zurckgestoen: sie schmte sich fr ihn und sich . . . seinetwegen
schmte sie sich? Armer Peter! . . .

Sehr gedemtigt lag er da und wagte sich nicht mehr zu rhren. Da
versprte sie Reue, lchelte in ihren Trnen, legte den Kopf auf seine
Knie und sagte:

Jetzt komme ich dran!

Peter war immer noch besorgt, strich ihr bers Haar, wie man ein
Ktzchen liebkost, und flsterte:

Lutz, was war denn das? Sag' doch! . . .

Nichts, sagte sie. Ich habe traurige Dinge mitangesehen.

Ihr Geheimnis war ihm heilig und so fragte er nicht weiter. Aber selber
setzte sie nach einer Weile hinzu:

Du, manchmal . . . manchmal schmt man sich, Mensch zu sein . . .

Peter zuckte zusammen.

Ja, sagte er.

Sie schwiegen eine Weile, dann beugte er sich zu ihr nieder und sagte
ganz leise:

Verzeih!

Lutz sprang auf, fiel Peter um den Hals und sagte wie er:

Verzeih!

Mund ruhte an Mund.

Die zwei Kinder waren beide recht des Trostes bedrftig, den jedes im
andern fand. Sie sprachen nicht aus, was sie dachten:

Noch ein Glck, da wir sterben werden! . . . Das Grlichste wre
doch, so ein erwachsener Mensch zu werden, der noch darauf stolz ist,
ein Mensch zu sein und da er so gut zerstren und beschmutzen kann
. . .

Ihre Lippen verwuchsen, Wimper rhrte an Wimper, Blick drang tief in
Blick, und sie lchelten in zrtlichem Erbarmen. Und nimmer wurden sie
dieses gttlichen Gefhls mde, das die reinste Form der Liebe ist.
Endlich rissen sie sich aus dieser Versunkenheit; nun sah Lutz wieder
heiteren Auges den weichen Himmel, die aufbrechenden Bume und sog den
Duft der ersten Blumen.

Wie schn, sagte sie.

Sie dachte:

Warum sind die Dinge so schn? Und wir so rmlich, gewhnlich und
hlich? . . .

(Nur du nicht, mein Lieb, du nicht!) . . . Sie sah wieder ihren Peter
an:

Ach! was gehn mich die andern an?

Und in der prachtvollen Torheit der Verliebten sprang sie mit hellem
Gelchter auf, lief in den Wald hinein und rief:

Fang mich!

Die ganze brige Zeit spielten sie wie kleine Kinder. Und als sie sich
mde getollt hatten, gingen sie mit kurzen Schritten wieder ins Tal
hinunter, das wie ein Fruchtkorb bis zum Rande mit den Strahlengarben
der sinkenden Sonne angefllt war. Alles, was ihre Sinne einsogen,
schien ihnen neu; ihre zwei Herzen, ihre zwei Krper waren nur noch ein
Herz, ein Krper.

                   *       *       *       *       *

Es war eine Zusammenkunft von fnf gleichaltrigen Freunden und
Studienkameraden bei einem aus ihrer Mitte; vermge eines erwachenden
Sinnes fr seelische Wahlverwandtschaft hatten sie sich gegenber den
anderen zusammengeschlossen. Dabei dachte nicht einer wie der andere.
Was immer man von der Gleichfrmigkeit der vierzig Millionen Franzosen
fabeln mag, in Wirklichkeit gibt es hier soviel Kpfe, soviel Sinne. Wie
die franzsische Ackerkrume war auch das Denken Frankreichs in winzige
Parzellen zersplittert. So versuchten auch die fnf Freunde nur, jeder
von seinem Fleckchen Land aus, ber die trennende Hecke weg Gedanken
auszutauschen. Dabei bestrkte sich jeder erst recht in seiner
besonderen Denkweise. Immerhin waren sie aber doch alle Freie im Geiste
und, wenn auch nicht alle Republikaner, so doch gegen jede geistige und
gesellschaftliche Rckkehr zu abgelebten Zustnden.

Jakob See trug die strkste Kriegsbegeisterung zur Schau. Dieser edel
geartete Jude hatte jede Leidenschaft Frankreichs in sich aufgenommen.
Durch ganz Europa hin machten so seine Stammesgenossen die Sache und
Denkweise ihrer Adoptivvaterlnder ganz zu der ihren. Wie immer, wenn
sie sich einer Sache annahmen, neigten sie sogar zu einer gewissen
bertreibung. Blick und Stimme des schnen Jungen verrieten ein etwas
schweres Pathos, seine regelmigen Zge waren wie mit starkem Griffel
nachgezogen, seine Meinungen uerte er mit bergroer Entschiedenheit
und wurde heftig, wenn er auf Widerspruch stie. Nach ihm handelte es
sich um einen Kreuzzug der demokratischen Staaten zur Befreiung aller
Vlker und zur Ausrottung des Krieges. Ein vierjhriges Schlachten im
Namen so menschenfreundlicher Ziele hatte ihn noch keines Besseren
belehrt. Er gehrte zu den Menschen, die sich nie von den Tatsachen
widerlegen lassen. Er trug doppelten Stolz in sich, den geheimen Stolz
auf seine Rasse, deren Wiederaufrichtung er anstrebte, und seinen
persnlichen Stolz, der immer recht behalten wollte. Er wollte es um so
strker, je weniger er innerlich seiner Sache sicher war. Unter dem
Deckmantel seines aufrichtigen Idealismus entfalteten sich bei ihm
hchst anspruchsvoll lange zurckgedmmte Triebe, nmlich Tatendrang und
Abenteuerlust, die gleichfalls aus dem Kern seines Wesens stammten.

Anton Naud war auch fr den Krieg. Aber nur, weil er sich nicht anders
helfen konnte. Dieses gute, dickliche Brgerskind mit seinen rosigen
Wangen war im Grunde friedfertig und klug; es war etwas kurzatmig und
ein zierlich gerolltes R verriet seine Herkunft aus Mittelfrankreich;
mit ruhigem Lcheln sah er die redegewandte Begeisterung des Freundes
See; er verstand es sogar, diese Begeisterung mit lssig hingeworfenen
Wrtchen zu hellen Flammen zu entfachen. Doch fiel es dem dicken
Faulpelz nicht im Traume ein, sich selber in diese Flammen zu strzen.
Warum sollte man sich das Fr oder Wider einer Sache zu Kopfe steigen
lassen, wenn man doch nichts daran ndern konnte? Nur in den Tragdien
wird einem immer der heroisch-schwatzhafte Widerstreit von Pflicht und
Neigung vorgefhrt. Wenn man keine Wahl hat, tut man seine Pflicht, ohne
groe Worte zu machen. Dadurch wird die Geschichte nicht erbaulicher.
Naud wollte den Krieg weder bewundern noch auf ihn schelten. Sein
hausbackener Menschenverstand sagte ihm, wenn der Krieg schon einmal im
Gange wre, wie ein Zug in voller Fahrt, so mte man eben mitfahren: da
wre weiter nichts zu machen. Diese ganze Fragerei, wer den Krieg
verschuldet habe, schien ihm Zeitvergeudung. Wenn er schon in den Krieg
mute, wie bitter wenig ntzte ihm dann die Wissenschaft, er htte nicht
in den Krieg mssen, wenn dies und das so und so gekommen wre -- wie es
aber nicht gekommen war!

Die Schuldfrage! Fr Bernhard Saisset lag hier der Kern des ganzen
Problems; leidenschaftlich mhte er sich ab, diesen Schlangenknuel zu
entwirren oder er fuchtelte vielmehr damit ber dem Kopf herum wie eine
kleine Furie. Er war ein zarter, feiner, von innerer Glut verzehrter
Bursche; er war sehr nervs, allzu groe geistige Empfnglichkeit
brauchte vorzeitig seine Krfte auf. Er entstammte einer alten
republikanischen Familie, deren Glieder die hchsten Wrden im Staate
bekleidet hatten; gerade darum konnte sich der junge Saisset gar nicht
genug tun an linksrevolutionrer Leidenschaft. Er hatte die magebenden
Mnner und ihren Anhang gar zu nahe gesehen. Er klagte alle Regierungen
an -- vor allem aber die seines eigenen Landes. Er redete jetzt nur noch
von den Bolschewiken und Kommunisten; von deren Vorhandensein hatte er
zwar eben erst Kunde erhalten, aber schon sah er sie als Brder an, wie
wenn er sie von Kindesbeinen an gekannt htte. Er sah das Heil nur noch
in einem allgemeinen Umsturz, ber dessen Wesen er sich jedoch selbst
nicht recht klar war. Er hate den Krieg, aber er htte sich mit Wonne
in einem Klassenkriege hingeopfert -- in einem Kriege gegen seine eigene
Klasse, gegen sich selbst.

Der vierte, Claudius Puget, wrdigte diese Wortgefechte nur einer
khlen, etwas verchtlichen Aufmerksamkeit. Er stammte aus rmlichen,
kleinbrgerlichen Verhltnissen; ein Schulinspektor hatte gelegentlich
einer Dienstreise seine Fhigkeiten entdeckt, hatte ihn aus dem
Wurzelboden seiner Heimat gerissen; so mute er vorzeitig die Wrme des
Familienlebens entbehren, gewhnte sich als Stipendiat einer
Staatsschule nur immer auf sich selber gestellt zu sein, nur mit sich,
aus sich heraus und fr sich zu leben. Auf diesem Wege wurde er auch
theoretischer Egoist, ein eifriger Zergliederer seines Ich. Da er mit
solcher Wollust in die Betrachtung dieses Selbst vertieft war wie eine
behaglich eingerollte Katze, lie ihn das aufgeregte Wesen der anderen
ganz kalt. Die drei disputierenden Freunde hatten sich, wie er meinte,
gegenseitig nichts vorzuwerfen; alle drei gehrten sie zur groen Herde.
Gaben sie nicht ihr bestes Vorrecht auf, indem sie durchaus an
Massenbewegungen teilhaben wollten? Freilich hielt es jeder mit einer
andern Masse. Aber fr Puget war jede Masse im Unrecht. Die Masse war
der eigentliche Feind. Der Geist soll abseits bleiben und fern von Pbel
und Staat das kleine, streng abgeschlossene Reich des Gedankens
aufrichten.

Peter aber sa beim Fenster, sah zerstreut hinaus, trumte vor sich hin.
Sonst hatte er mit leidenschaftlichem Eifer an diesen Wortgefechten
teilgenommen. Aber heute war es ihm nur ein leeres Wortgeklingel, das so
fern herbertnte; es kam ihm komisch und langweilig vor; er wre bald
eingeschlafen. Die anderen waren so vertieft, da sie sein Schweigen
erst nach geraumer Zeit merkten. Aber endlich rief ihn Saisset doch an,
weil er bei ihm gewhnlich fr sein bolschewistisches Gerede Widerhall
fand.

Peter fuhr aus seiner Trumerei auf, wurde rot und fragte lchelnd:

Wovon redet ihr denn?

Die andern waren emprt.

Aber hast du denn nicht zugehrt?

Woran dachtest du nur? fragte Naud. Peter war etwas verwirrt, wollte
sie aber auch ein bichen rgern. So antwortete er:

An den Frhling hab' ich gedacht. Ohne euch zu fragen, ist er gekommen,
ohne zu fragen, wird er auch wieder gehn.

Alle zermalmten ihn unter der Wucht ihrer Verachtung. Naud schimpfte
ihn Dichter, Jakob See hie ihn einen Flausenmacher. Aber Pugets Augen
kniffen sich noch mehr zusammen und sein kalt er Blick forschte mit
spttischer Neugier in Peters Zgen. Er sagte:

Du geflgelte Ameise du!

Was? fragte Peter lachend.

Vorsicht mit den Flgeln! sagte Puget. Der Hochzeitsflug dauert nur
eine Stunde.

Das Leben dauert auch nicht lnger, sagte Peter.

                   *       *       *       *       *

In der Osterwoche waren sie wieder tglich beisammen. Peter besuchte
Lutz in ihrem einsamen Huschen. Das drftige Grtlein war im Erwachen.
Dort verbrachten sie die Nachmittage. Sie empfanden jetzt einen
Widerwillen gegenber Paris und der Menge, gegenber dem Leben. Manchmal
saen sie wie in seelischer Lhmung schweigend nebeneinander und mochten
sich nicht rhren. Ein absonderliches Gefhl hatte Macht ber sie
gewonnen. Sie hatten Angst. Diese Angst wuchs, je nher der Tag
heranrckte, an dem sie sich einander schenken wollten -- dieses
Angstgefhl entstammte einer zum hchsten Grad gesteigerten Liebe, einer
vllig rein gewordenen Seele, der das Hliche, Grausame, Schimpfliche
des Lebens ein solches Grauen einflt, da sie im Rausch ihrer
schwermtigen Leidenschaft davon trumt, sich von all diesem Niedrigen
freizumachen. Sie sprachen nicht darber.

Ihre liebste Beschftigung war, sich in hellen Farben auszumalen, wie
ihre Wohnung aussehen sollte, wie sie miteinander arbeiten und ihren
kleinen Haushalt fhren wollten. Sie einigten sich ber die geringsten
Einzelheiten ihrer Einrichtung, ber die Art der Tapeten, der Mbel, und
wie die aufgestellt werden sollten. Als echte Frau bekam Lutz Trnen in
die Augen, wenn liebe Kleinigkeiten erwhnt wurden, an die sich
Vorstellungen eines innigen, beseelten Zusammenlebens knpften. Sie
kosteten die zarten, kleinen Freuden knftiger Huslichkeit in der
Vorstellung aus. Dabei wuten sie ganz genau, nichts von all dem wrde
je verwirklicht werden, -- Peter ahnte es in angeborenem Pessimismus, --
Lutz aber wurde durch ihre Liebe so klarsichtig, da sie die
Unmglichkeit einer Heirat erkannte . . . Deshalb wollten sie dieses
Glck rasch wenigstens im Traume genieen. Die berzeugung, da es ein
Traum bleiben msse, verbarg einer vor dem anderen. Jeder meinte da ein
tiefes Geheimnis zu bewahren und mhte sich in zrtlicher Sorge, den
anderen in der sen Tuschung zu erhalten.

Wenn sie den schmerzlichen Vorgenu unmglicher Zukunft durchgekostet
hatten, befiel sie eine Ermattung, wie wenn sie ihr wirkliches Leben
schon gelebt htten. Dann saen sie still in der Laube mit den drren
Kletterranken, deren erstarrte Sfte die neue Sonne wieder quellen lie;
Peters Kopf ruhte an Lutzens Schulter, und so lauschten sie vertrumt
dem Gesumm der erwachenden Erde. Hinter den treibenden Wolken spielte
die kindliche Mrzensonne Verstecken, lachte auf -- und war schon wieder
weg. Heller Strahl und dstre Schatten glitten ber die Flche, wie
durch die Seele Lust und Leid.

Lutz, sagte Peter pltzlich, weit du noch? . . . Es ist lange, lange
her . . . Aber es war schon einmal so mit uns. . .

Ja, sagte Lutz, das ist wahr. Ich erkenne alles wieder, alles . . .
Aber wo waren wir damals?

Es war ihnen eine Freude, darber nachzudenken, in welcher Gestalt sie
einander schon gekannt haben mochten. Schon als Menschen? Vielleicht.
Dann war aber bestimmt Peter das Mdchen und Lutz der Bursch . . . Als
Vglein in den Lften? Als Lutz noch ein Kind war, sagte ihre Mutter
immer, sie sei als kleine Wildgans durch den Kamin in's Haus gefallen:
ach! wie hatte sie sich die Flgel geknickt! . . . Mit besonderer
Vorliebe aber fanden sie sich in den flchtigsten Formen der Elemente
wieder, wie sie sich durchdringen, sich verschlingen und entrollen,
gleich Irrgngen im Traum oder Ringen von Rauch: weies Gewlk, das im
Abgrund des Himmels zergeht, spielende Wellchen, oder Regen, wie er die
Erde berhrt, Tau im Grase, gefiederte Lwenzahnsamen, die sich von
flieenden Lften tragen lassen . . . Aber der Wind trgt sie fort. Wenn
er nur diesmal nicht wieder zu blasen anhebt und sie fr alle Ewigkeit
auseinandertreibt! . . .

Aber Peter sagte:

Ich denke, wir haben uns nie verlassen; wir waren immer beisammen, wie
wir jetzt aneinander lehnen: nur da wir geschlafen haben und allerlei
Trume hatten. Auf kurze Augenblicke erwacht man . . . aber nur halb
. . . Ich fhle deinen Atem, deine Wange an der meinen . . . hie und da
raffen wir uns ordentlich auf: dann kssen wir uns . . . und gleich
sinken wir wieder in Schlaf . . . Mein lieber Schatz, mein lieber, ich
bin da, ich halte deine Hand, verla mich nicht! . . . Es ist noch lange
nicht an der Zeit, kaum da der Frhling ein kaltes Nasenspitzchen zeigt
. . .

Wie deins, sagte Lutz.

Bald erwachen wir inmitten eines schnen Sommertages . . .

Wir sind dann der schne Sommertag sagte Lutz . . .

Wir sind der laue Lindenschatten, die Sonne zwischen den Zweigen, der
Singsang der Bienen . . .

Der Pfirsich am Spalier und sein duftendes Fleisch . . .

Die Rast der Schnitter und ihre goldenen Garben . . .

Die trgen Herden, die ihr Stck Wiese wiederkuen . . .

Der Abendhimmel im Westen, der wie ein Teich ist zwischen Bltenbumen,
das flssige Licht, das ber die Felder hin verrinnt . . .

. . . Alles das werden wir sein, sagte Lutz, alles was gut und s
tut, ob man es sieht oder erfat und fat, kt oder it oder einsaugt
und atmet . . . Was brig bleibt, knnen sich die Leute behalten, sagte
sie und zeigte auf die Stadt und ihre Rauchwolken.

Sie lachte, kte den Freund und sagte:

Fein haben wir unser Duettchen gesungen, was, Peterlein?

Ja, Jessica, sagte er.

Mein armes Peterlein, fuhr sie fort, wir passen aber schon gar nicht
in diese Welt, wo man nur noch die Marseillaise singt! . . .

Und dabei wird sie immer so falsch gesungen! sagte Peter.

Wir haben uns in der Station geirrt; wir sind zu bald ausgestiegen.

Ich frchte sehr, sagte Peter, die nchste Station wre noch
schlimmer gewesen. Kannst du dir vorstellen, Schatz, wie wir als Glieder
der zuknftigen Gesellschaft leben, im groen Bienenkorb, auf den man
uns vertrstet; wo jeder nur fr die Bienenknigin leben darf oder fr
die Republik?

Von frh bis Abend Eier legen wie ein Maschinengewehr oder von frh bis
Abend fremde Brut ablecken . . . Schne Wahl! sagte Lutz.

Aber Lutz, du schlimmes Mdel, was du fr hliche Sachen redest!
sagte Peter lachend.

Ja, ich wei, es ist sehr schlecht von mir. Ich tauge rein gar nichts.
Aber du auch nicht, weit du? Du hast so wenig das Zeug, Menschen tot zu
machen oder zu verstmmeln, als ich zum Zusammenflicken von Verwundeten,
wie man's bei Stiergefechten mit den armen Pferden macht, denen der
Bauch aufgeschlitzt wurde -- damit sie das nchste Mal wieder zu
gebrauchen sind. Wir sind nun einmal unntze, gefhrliche Geschpfe; wir
haben einen lcherlichen, strflichen Vorsatz gefat, wir wollen ja nur
fr alle die leben, die wir lieb haben, und lieb haben wir unseren
kleinen Schatz, ein paar Freunde, alle guten Leute, die kleinen Kinder,
den schnen lichten Tag, auch gutes weies Brot, eben alles, was schn
ist und dem Gaumen wohltut. Es ist einfach eine Schande, eine Schande,
sag' ich dir! Wirst du gar nicht rot fr mich, Peterlein? . . . Aber wir
werden unsere Strafe schon kriegen! Wenn die Erde bald nur noch eine
groe Fabrik mit Staatsbetrieb sein wird, der ohne Rast noch Ruh
funktioniert, dann gibt's fr uns keinen Platz da drin . . . Nur ein
Glck, da wir dann nicht mehr da sind!

Ja, das ist ein Glck! sagte Peter.

   Was gelten mir, die man sehr glcklich preit,
   Darf ich, o Frau, in Deynen Armen sterben;
   Nicht Ruhm, nicht Glantz, ich will nur Eins erwerben:
   An Deyner Brust verhauchen Seel und Geist . . .

Na hr' mal, mein kleiner Schatz, das ist ein kurioser Einfall!

Aber ein echt- und altfranzsischer Einfall, sagte Peter, 's ist vom
alten Ronsard:

   . . . . . . . . nur dies ist mein Begehren!
   Nach hundert Jahren Mue, ohne Ehren,
   Ein Tod ganz fern der Welt, in Deynem Scho . . .

Nach hundert Jahren, seufzte Lutz. Der ist aber bescheiden! . . .

   Denn irr ich nicht, dann ist ein grer Glck
   Ein solcher Tod in Dir, als das Geschick
   Des Caesar oder Alexanders Los.

So ein schlimmer, schlimmer, schlimmer kleiner Nichtsnutz, schmst du
dich gar nicht? In dieser Zeit der Helden!

Es sind ihrer zu viel, sagte Peter. Ich will lieber ein kleiner Junge
sein, der wen lieb hat, einfach ein Menschenjunges, aus Menschenleib.

Sag' lieber aus Frauenleib! Hast ja noch meine Brustmilch am
Schnblein, sagte Lutz und drckte ihn an sich. Mein Menschlein,
meins!

                   *       *       *       *       *

Wer jene Tage mitgemacht, aber dann die berwltigende Wendung des
Kriegsglcks erlebt hat, erinnert sich gewi kaum mehr an das schwere,
drohende Brausen der Flgel, die in dieser einen Woche Frankreichs
Kernland dem Blick entzogen und sogar Paris mit ihrem Schatten
streiften. In der Freude der Erlsung wirft man berstandene
Prfungszeiten weit hinter sich. Der deutsche Ansturm gipfelte in der
Karwoche zwischen Montag und Mittwoch. Die Somme berschritten, Bapaume,
Nesle, Guiscard, Roye, Noyon, Albert genommen, elfhundert Kanonen
erbeutet. Sechzigtausend Gefangene . . . Es war ein Sinnbild fr dies
Zertreten des begnadeten Landes der Anmut, da am Kardienstag der
Schpfer zarter Harmonien, Debussy, verstarb. Die Lyra zerbrach . . .
Armes kleines Griechenland, du stirbst! . . . Was davon brigbleibt?
Ein paar ziselierte Gefe, ein paar rein vollendete Stelen, die bald
das Gras der Grberstrae berwuchert. Unsterbliche berreste des
zerstrten Athen . . .

Peter und Lutz sahen wie von eines Hgels Hhe den Schatten, der ber
die Stadt kam. Sie waren noch ins Strahlenkleid ihrer Liebe gehllt und
so erwarteten sie furchtlos das Ende ihres kurzen Lebenstages. Sie
durften ja zu zweit in die Nacht tauchen. Mit ser Wehmut gedachten sie
der schnen Akkorde Debussys, die ihnen so lieb gewesen waren; wie
Abendgelute verhallten die in der Tiefe. Mehr als je befriedigte gerade
die Musik den innersten Trieb ihrer Herzen. Nur diese Kunst war Stimme
der befreiten Seele; ihr Ton drang zu ihnen durch den Schleier der Dinge
und Gestalten. Am Grndonnerstag wandelten sie wieder -- Lutz war in
Peter eingehngt und hielt seine Hand umfat -- auf regenweichen Wegen
an der Stadtgrenze. Windste fuhren ber die nasse Flche. Sie merkten
weder Regen noch Wind, noch die de Hlichkeit der Felder, noch den Kot
auf der Strae. Sie setzten sich in die niedere Bresche einer halb
eingestrzten Parkmauer. Peters Regenschirm reichte kaum hin, Lutzens
Kopf und Schultern zu schtzen; so sa sie mit baumelnden Beinen und
nassen Hnden auf der Mauer und sah zu, wie es von ihrem Gummimantel nur
so troff. Wenn der Wind in die ste fuhr, gab es ein kleines
Gewehrgeknatter von Regentropfen: pak, pak! Lutz bewahrte das
lchelnde Schweigen still seliger Entrcktheit. Tiefe Freudenflut
umsplte sie.

Warum haben wir uns nur so lieb? sagte Peter.

Ach Peter, dann hast du mich nicht einmal so lieb, wenn du erst fragst:
warum.

Ich frag' ja nur, damit du sagst, was ich gerade so gut wei wie du.

Du angelst Komplimente, sagte Lutz. Aber da kommst du an die Rechte.
Vielleicht weit du, warum ich dich lieb habe. Ich wei es nicht.

Du weit es nicht? fragte Peter ganz bestrzt.

Freilich nicht! (Sie lchelte verstohlen.) Aber ich brauch es auch
gar nicht zu wissen. Wenn man erst nach dem Warum einer Sache fragt, so
steht's schon schwach damit. Ich hab' dich eben lieb' und da brauch' ich
kein Warum, kein Wieso, kein Wann und Woher! Meine Liebe, die spr' ich,
die ist da, die ist da! Was sonst noch da sein mag -- das ist mir
gleich.

Sie neigten sich im Kusse zueinander. Bei dieser Gelegenheit langte der
Regen unter den ungeschickt gehaltenen Schirm und fuhr ihnen mit den
Fingern ber Haar und Wangen; ihre Lippen sogen ein kaltes Trpfchen
ein.

Peter sagte:

Aber die andern?

Welche andern? sagte Lutz.

Die Armen, antwortete Peter, alle, die nicht sind wie wir.

Sie sollen es machen wie wir. Einen anderen lieb haben.

Aber werden sie auch Liebe finden? Das gelingt nicht jedem, Lutz.

O doch!

Aber nein. Du weit nicht, wie teuer du das Geschenk bezahlt hast, das
du mir gibst.

So gab ich mein Herz der Liebe, meine Lippen dem Geliebten wie meine
Augen dem Sonnenlichte; es ist kein Geben, es ist ein Nehmen.

Aber es gibt Blinde.

Wir werden sie nicht heilen. Wir mssen sehend sein an ihrer Statt.

Peter schwieg lange.

An was denkst du? fragte Lutz.

Ich denke daran, da an diesem Tage, weit, weit von uns und doch uns
ganz nahe, Der am Kreuz gelitten hat, der in die Welt gekommen war,
Blinde sehend zu machen.

Lutz fate seine Hand:

Du glaubst an ihn?

Nein, Lutz, ich glaube nicht mehr. Doch bleibt er allen ein Freund, die
er je an seinem Tische gespeist hat. Wie ist's mit dir, kennst du ihn?

Fast gar nicht, sagte Lutz. Bei uns zu Hause wurde nie von ihm
gesprochen. Ich kenne ihn nicht und liebe ihn doch . . . ich wei, er
hat geliebt.

Nicht wie wir.

Warum nicht? Wir haben da nur ein armes kleines Herz, das kann nur dich
lieben, mein Liebes. Er, er hat uns alle geliebt. Aber darum ist's doch
die gleiche Liebe.

Peter fragte ergriffen:

Mchtest du morgen, weil doch sein Todestag ist . . . Bei Sankt-Gervas
soll so schne Kirchenmusik sein . . .

O ja, an dem Tage mchte ich gern mit dir in die Kirche gehen. Ich wei
bestimmt, er nimmt uns freundlich auf. Wir sind uns nher, wenn wir ihm
nher sind.

Sie schweigen . . . Regen. Regen. Regen. Der Regen sinkt nieder, nieder
und der Abend auch.

Morgen um diese Zeit sind wir da unten, sagte sie.

Der scharfe Nebelhauch lie Lutz ein wenig zusammenschauern.

Ist dir kalt, Schatz? fragte er besorgt. Sie erhob sich von der Mauer.

Nein, nein. Alles ist mir Liebe. Ich liebe Alles, und Alles liebt mich
wieder. Der Regen liebt mich und der Wind, der graue Himmel und die
Klte, -- und mein kleines Lieb . . .

                   *       *       *       *       *

Auch am Karfreitag war der Himmel mit langen grauen Schleiern verhangen;
aber die Luft war mild und still. Auf den Straen wurden schon Blumen
verkauft -- gelbe Narzissen und Nelken. Peter kaufte ein paar und Lutz
behielt die Blten in der Hand. Sie gingen den stillen Goldschmied-Kai
entlang und vorbei an der edelragenden Kirche Notre-Dame. In s
gedmpftem Lichte umfing sie die milde, vornehme Schnheit der Altstadt.
Als sie den St. Gervas-Platz betraten, flogen Tauben vor ihnen auf. Ihre
Blicke folgten den Tauben auf ihrem Kreisflug um die Fassade; ein Vogel
lie sich auf dem Kopf einer Bildsule nieder. Schon waren sie die
Stufen zum Portal hinangestiegen und wollten eintreten; da sah Lutz sich
noch einmal um und bemerkte, ein paar Schritte seitwrts, mitten in der
Volksmenge, ein etwa zwlfjhriges Mdchen; das rothaarige Kind lehnte
mit statuenhaft ber den Scheitel erhobenen Armen im Portale und sah die
Eintretende an. Auch ihr feines, etwas archaisches Gesichtchen gemahnte
an gotische Kirchenstatuetten; rtselhaft war ihr Lcheln, von
berzarter Lieblichkeit, voll Geist und Wrme. Lutz lchelte ihr auch zu
und wollte Peter auf sie aufmerksam machen. Aber der Blick des kleinen
Mdchens glitt jetzt hher hinauf, haftete ber Lutzens Kopf und schrak
pltzlich zurck; es barg das Gesicht in die Hnde und war nicht mehr zu
sehn.

Was hat sie denn? fragte Lutz.

Aber Peter sah nicht hin.

Wie sie eintraten, girrte das Tubchen zu ihren Hupten. Letzter Ton von
drauen. Das Pariser Stimmengewirr verstummte. Die freie Luft war weg.
Teppiche aus Orgeltnen und hochgespanntes Gewlbe, schwere Gewebe aus
Klang und Stein, schieden sie von der Auenwelt.

Sie blieben im Nebenschiff, zwischen der zweiten und dritten
Seitenkapelle, links vom Eingange, setzten sich auf eine Stufe und
schmiegten sich ganz in die Pfeilernische, so da sie vor den Blicken
der Menge geborgen waren. Sie saen mit dem Rcken zum Chor; wenn sie
aufblickten, sahen sie von einer Kapelle nur die Spitze des Altars, das
Kreuz und die farbigen Fenster. Wie eine Trne rann die fromme Wehmut
uralter Gesnge. In der schwarz verhangenen Kirche saen die zwei
kleinen Heiden Hand in Hand vor ihrem groen Freunde. Und beide
flsterten gleichzeitig die Worte:

Du groer Freund, in deinem Angesichte nehme ich ihn, nehme ich sie.
Fge uns zusammen! Du siehst in unsere Herzen.

Und ihre Finger blieben vereint, verschlungen wie die Gerten eines
Weidenkorbes. Sie waren nur mehr ein Leib, den die Wogen der Musik in
Schauern durchdrangen. Sie gaben sich ganz ihren Trumen hin, als ob sie
im gleichen Bette lgen.

Lutz sah im Geiste das rothaarige Mgdlein wieder. Und da war es ihr,
als ob sie das Kind heute Nacht im Traume erblickt htte. Aber sie
konnte sich nicht darber klar werden, ob dem wirklich so gewesen war
oder ob sie das Bild, das vor ihrem inneren Auge stand, flschlich in
den heutigen Schlaf zurckversetze. Dann wurde sie von dieser Anspannung
mde und lie ihre Gedanken wahllos schweifen.

Peter trumte den entschwundenen Tagen seines kurzen Lebens nach. Die
Lerche steigt von nebliger Ebene empor, um die Sonne zu suchen . . . Wie
fern die ist! So hoch! Wird man sie je erreichen? . . . Der Nebel wird
noch dichter. Es ist keine Erde, kein Himmel mehr. Und die eigene Kraft
erlahmt . . . Gerade rieselte gregorianischer Gesang durch die hohe
Wlbung des Chors, da erhebt sich mit einem Male Lerchenjubel, aus dem
Nebeldster taucht das froststarre Krperchen auf und schwingt sich in
ein unendliches Meer von Sonne . . .

Der Druck und Gegendruck ihrer Finger erinnerte sie daran, da sie
selbander dahinglitten. Und so fanden sie sich wieder im Dunkel der
Kirche, wie sie, eng aneinandergeschmiegt, schnen Gesngen lauschten;
ihre Herzen waren eins in Liebe und so standen sie auf der Gipfelhhe
reinster Freude. Und sie begehrten glhend -- sie beteten -- von dort
nicht mehr herab zu mssen. Lutzens leidenschaftlicher Blick umfing
gerade wie im Kusse ihren teuren kleinen Gefhrten -- (fast
geschlossenen Auges und mit halb geffneten Lippen schien er in eine
Region berirdischen Glckes entrckt und hob in einem Aufschwung
freudigen Dankes das Haupt empor, dem erhabenen Quell der Urkraft zu,
den man aus tiefstem Triebe oben suchen mu) -- da bemerkte Lutz zu
ihrer hchsten berraschung im goldroten Kapellenfenster das lchelnde
Gesichtchen des rothaarigen Kindes. In starrem Erstaunen brachte Lutz
kein Wort hervor -- da sah sie auch schon, genau wie vordem, da in das
seltsame Antlitz der gleiche Ausdruck von Schreck und Mitleid trat.

Im selben Augenblick bewegte sich der plumpe Pfeiler, an dem sie
lehnten; die ganze Kirche zitterte in ihren Grundfesten. Lutzens Herz
schlug so laut, da sie weder den Krach der Explosion, noch das Schreien
der Menge hrte; es blieb ihr keine Zeit, Schreck oder Schmerz zu
empfinden -- so schnell warf sie sich, wie eine Henne vor die Kchlein,
schtzend ber Peter; geschlossenen Auges lchelte der vor Glck. Wie
eine Mutter drckte sie mit aller Kraft das teure Haupt an ihren Busen;
sie war ber ihn gebckt, ihr Mund auf seinem Nacken -- so duckten sie
sich zusammen.

Mit einem Schlag brach auf die beiden der massige Pfeiler nieder.

August 1918.

                    Das 19. bis 24. Tausend dieser
                  neuen, mit Holzschnitten von Frans
                    Masereel geschmckten Ausgabe
               (27. bis 32. Tausend der Gesamtauflage)
                        wurde im Frhjahr 1927
                     von E. Haberland in Leipzig
                               gedruckt





End of the Project Gutenberg EBook of Peter und Lutz, by Romain Rolland

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with the defective work may elect to provide a replacement copy in
lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
or entity providing it to you may choose to give you a second
opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.

1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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