Project Gutenberg's Gabriel Schillings Flucht, by Gerhart Hauptmann

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Title: Gabriel Schillings Flucht
       Drama

Author: Gerhart Hauptmann

Release Date: February 25, 2014 [EBook #45009]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GABRIEL SCHILLINGS FLUCHT ***




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[Illustration: SFV]




                    Gabriel Schillings
                          Flucht


                          Drama

                           von

                    Gerhart Hauptmann

                     [Illustration]

                S. Fischer Verlag / Berlin


                    Dritte Auflage.

  Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung, vorbehalten.

      Den Bhnen und Vereinen gegenber Manuskript.

        Copyright 1912 S. Fischer, Verlag, Berlin.

      60 Exemplare sind auf handgeschpftes Bttenpapier
      abgezogen und numeriert, davon 50 zum Verkauf.


     Einige ... versichern, Eunostus sei ihnen begegnet, ans Meer
     eilend, um sich zu baden, weil ein Weib sein Heiligtum betreten
     habe.

                                  Plutarch, Moralische Schriften.




Dramatis Personae


  Gabriel Schilling, Maler.
  Eveline, seine Frau.
  Professor Murer, Bildhauer und Radierer.
  Lucie Heil, Violinistin.
  Hanna Elias.
  Frulein Majakin.
  Doktor Rasmussen.
  Klas Olfers, Wirt im Krug auf Fischmeisters Oye.
  Khn, Tischlermeister.
  Der Lehrjunge.
  Schuckert.
  Mathias, Fischer.
  Magd bei Olfers.
  Fischer, Frauen und Kinder der Fischer.

          Das Drama spielt auf Fischmeisters Oye,
                einer Insel der Ostsee.

                    Zeit: um 1900.

    Gabriel Schillings Flucht wurde geschrieben im Jahre 1906.




Erster Akt


     Strand. Im Hintergrund das Meer im Sptnachmittagslichte eines
     klaren Tages Ende August. Rechts der Schuppen einer
     Rettungsstation, an dessen Mauer die Gallionfigur eines
     gestrandeten Schiffes angebracht ist. Sie ist aus bemaltem Holz und
     stellt eine Frau mit bauschigen Rcken dar, deren Kopf
     zurckgeworfen ist, so da ihr bleiches Gesicht mit
     nachtwandlerischem Ausdruck dem Himmel sich darzubieten scheint.
     Ihr langes schwarzes Haar fliet offen ber die Schulter. -- Am
     Strande, im Trockenen, steht ein Fischerboot. Links vorn auf der
     Dne, dem Schuppen gegenber, ein Signalmast mit Strickleitern usw.

     Ein junges Mdchen, wei und sommerlich gekleidet, liegt mit einem
     Buch zwischen Schuppen und Signalmast auf der niedrigen Dne: Lucie
     Heil.

     Von rechts vorn kommt der etwa 45jhrige Tischlermeister Khn,
     gefolgt von einem Lehrling. Sie tragen blaue Schrzen, keiner von
     beiden eine Mtze. Der Meister grt Lucie, der Lehrling grinst sie
     an. An der Rckwand des Rettungsschuppens liegt ein Stapel
     fichtener Bretter. Zwei davon ldt Khn dem Lehrling auf, und
     dieser trgt sie davon.

Khn:

Na, sind Sie auch wieder da, Freilein?

Lucie:

Das gehrt sich doch, Meister!

Khn:

Sie kommen immer, wenn die Zugvgel abreisen! Wenn die vielen Zugvgel
bei uns Station machen, kommen Sie auch.

Lucie:

Das stimmt.

Khn:

Wir warten immer drauf, da der Herr Professor Ottfried Murer sich am
Ende doch noch anbaut auf der Insel.

Lucie:

Im vorigen Herbst war es nahe daran; aber der Windmller ging mit seinem
Preis pltzlich zu hoch hinauf.

Khn:

Die Leute sind dumm! Sie wissen nicht, was sie von der Hand weisen. Wenn
so'n Mann, wie Professor Murer, sich hier auf der Insel ein Tuskulum
hinsetzt, das wrde doch fr jeden hier von grtem Vorteil sein.

Lucie:

Es wre gar nicht gut, wenn die Insel bekannt wrde; denn kme erst mal
das ganze Grostadtgewimmel darber hereingebrochen, dann wr's mit
ihrer Schnheit wohl aus.

Khn:

Ist der Herr Professor Ihr Onkel, Freilein?

Lucie

     (lacht):

Nein, ich bin seine Gromutter, Meister Khn.

     Ottfried Murer erscheint vom Strande her ber die Dnen. Er ist
     ein mittelgroer, etwa 36jhriger blonder Mann mit rtlich blondem
     Spitzbart. Sein Kopfhaar ist kugelrund geschoren; die Stirne breit.
     Ein Ausdruck schmunzelnder Schalkhaftigkeit belebt zuweilen den
     scharfblickenden Ernst seines Gesichts hinter der goldnen Brille
     und dem Kneifer. Er ist unauffllig gekleidet, hat einen Mantel um,
     einen weichen Filzhut auf dem Kopf, einen gewhnlichen Stock an den
     Arm gehakt, und ein Buch, Quart, mit weiem Schweinslederdeckel in
     der Hand.

Murer:

Guten Tag, Meister Khn.

Khn:

Schn'n Dank, Herr Professor! -- Glcklich wieder auf Fischmeisters Oye
angelangt?

Murer:

Gott sei Dank, Meister. -- Aber ich hatte es diesmal verdammt ntig.

Khn:

Na, ja, wir haben's ja in der Zeitung gelesen.

Murer

     (schmunzelnd):

Was haben Sie denn in der Zeitung gelesen?

Khn:

Von die schne Bildsule, die in Bremen errichtet worden ist.

Murer:

Die hat mir verflucht Arbeit gemacht, knnen Sie mir glauben, die schne
Bildsule. Ich bin froh, da sie mir aus dem Gehege ist.

Khn:

Nu gehn Sie aber doch gleich schon wieder nach Griechenland?

Murer:

Hat das etwa auch schon wieder in der Zeitung gestanden?

Khn:

Jawohl! Es gibt ja wohl Marmorbrche dort, und da wollen Sie ja wohl
Steine fr neue Standbilder aussuchen.

Murer:

Na, Gott sei Dank bin ich mal erst vorlufig hier! -- Ich habe schon
manchmal ganz gemtlich in Berlin in einer Weinkneipe gesessen und in
der Zeitung gelesen, ich befnde mich augenblicklich in Konstantinopel
und modellierte die Tochter des Sultans. -- brigens, wem gehrt denn die
Gallionfigur?

Khn:

Die hat der groe Nordweststurm vor zwei Jahren an Land gebracht.

Murer:

Sie gefllt mir; ich wrde sie gerne kaufen.

Khn:

Ilsebilse, niemand will se, kam der Koch und nahm se doch. -- Schuckert,
glaub' ich, hat sie gefunden.

Murer:

Ist das der junge Schuckert?

Khn:

Jawohl. Bei Schuckerten finden Se immer so was. Der Alte hat mal einen
dicken goldnen Armring aus'm Wasser rausgebracht. Soll ich vielleicht
mal mit ihm reden?

Murer:

Ja, bitte, Meister; tun Sie das!

Khn:

brigens hat's mit dem Dinge, wie mir einfllt, ne kuriose Bewandtnis.
Die dnische Brigg, von der's wahrscheinlich stammt und die hier drauen
gesunken ist, hat der junge Schuckert zwei oder drei Tage vorher, jenau
mit die Figur, bei schnstem Wetter wafeln gesehn.

Murer:

Weit du, was wafeln ist, Lucie?

Lucie:

Nein.

Murer:

In Schottland nennt man es %second-sight%.

Lucie:

Ach so, etwas mit dem zweiten Gesicht sehen.

Murer:

Ja, zum Beispiel sein eignes Begrbnis.

Khn:

Gott sei Dank, ich leide nicht dran, trotzdem ich alle Augenblick mal
mit Sargbretter zu tun habe.

Murer:

Ist jemand gestorben?

Khn:

Nee, vorlufig nich; aber Vorrat mu sein.

     (Er legt sich zwei Bretter auf die Schulter und geht.)

Adje, Herr Professor!

Murer:

Wiedersehn, Meister Khn. -- -- --

     (Lucie und Murer allein.)

Murer:

Na, Schusterchen, ich bin ja im hchsten Grade berrascht, dich hier zu
sehen.

Lucie:

Ich erst recht. Ich dachte, du bist auf die Sdspitze zugegangen:
deshalb habe ich mich hier in den Norden geschlngelt; es war wirklich
nicht meine Absicht, dir aufzulauern.

Murer

     (schmunzelnd, klug, stoweise):

So! So! Wirklich? Na na! Ein Musterkind! -- brigens hast du gewafelt bei
mir; denn ich wollte eben mal ber unser grnes Kuhlndchen nach dir
Auslug halten. -- Was liest du denn da?

Lucie:

Rate! --

Murer:

Dann ist es nicht schwer zu raten: die Droste. -- Wie lange liegst du
schon hier, mein Kindchen?

Lucie:

Schon lange Zeit. -- Mit wem hat diese Figur dort eine gewisse
hnlichkeit?

Murer

     (fat die Gallionfigur ins Auge):

Ich wei es nicht! Etwa mit deiner Mutter?

Lucie:

Mit Mutter, gewi.

Murer:

Das finde ich nicht.

Lucie:

Ich wrde vielleicht auch nicht darauf gekommen sein; aber ich habe von
Mutter getrumt. Ich ging mit ihr unten am Strand spazieren, nachts, und
da hatte sie ihre Hand mit dem bloen Unterarm auch so an der Halskette
und auch einen Kranz auf, wie diese Figur ihn hat. Ich hatte wohl also
Mutters Bild und dies hier unwillkrlich verschmolzen. -- Ich trume hier
berhaupt furchtbar lebhaft und schleppe, merkwrdigerweise sogar mitten
im hellen Sonnenschein, einen heien Kopf und den Spuk der Nacht mit mir
herum.

Murer

     (lchelnd, gehoben):

Aber sonst ist es wieder gttlich hier. Ich habe jetzt wieder Stunden
erlebt, die unvergleichlich sind. Diese Klarheit! Dieses stumme und
mchtige Strmen des Lichtes! Dazu die Freiheit im Wandern ber die
pfadlose Grastafel. Dazu der Salzgeschmack auf den Lippen. Das geradezu
bis zu Trnen erschtternde Brausen der See, -- siehst du, hier hinter der
Brille ist noch ein Tropfen! -- Dieses satte, strahlende Maestoso, womit
sie ihre Brandungen ausrollen lt. Kstlich!

Lucie:

Da hast du gewi wieder interessante Ideen gehabt. (Sie nimmt sein
Skizzenbuch.)

Murer:

Nichts. Auf Ehrenwort, keine Linie. Schreibtafel her, ich mu mir's
niederschreiben: Ich werde zwar diese unmoderne Gewohnheit nicht
los, -- aber vor so etwas heit es einpacken. -- Sag' mal, den Brief von
Schilling hattest du doch?

Lucie:

Ich hatte ihn dir heut morgen wiedergegeben.

Murer

     (sucht in den Taschen und findet den Brief):

Richtig, freilich, da ist ja das Schriftstck. -- Es hat sich mit meiner
Depesche gekreuzt. -- Ich wrde mich mchtig freuen, wenn Schilling sich
endlich mal aus seiner Misere mit einiger Energie herauslste. -- Hltst
du's fr mglich, nach diesem Brief? Du bist doch in solchen Sachen sehr
schlau, Schusterchen.

Lucie

     (zuckt mit den Achseln):

Nach diesem Brief, Ottfried, allerdings. Freilich, sicher kann man es,
wie die Sachen mit Schilling liegen, nicht voraussagen. Er scheint ja in
einer Krisis zu sein, aber sag' mal selbst, sein Verhltnis zu Hanna
Elias ist schon manchmal in einer Krisis gewesen; und doch renkte sich
alles immer wieder zu unsrem beiderseitigen Mifallen ein. -- Du weit
ja, was sie fr Mittel hat! Wenn sie es absolut will, da er bei ihr
bleibt, na, so geht sie zu Bett und kriegt vier Wochen lang
Nasenbluten. --

Murer:

h, ich mag sie nicht! Ich bin in keiner Beziehung, nicht wahr, ein
Weiberfeind; sie brauchen auch, wei Gott, um mir zu gefallen, nicht
alle deutsche Gnse zu sein. Aber diese Hanna macht mich ganz wild.
Wenn ich sie ansehe, fast leichenhaft wchsern, wie sie ist, dann
begreife ich nicht, wie sie leben kann, und hoffe, sie mu jeden
Augenblick abschieben. Keine Ahnung! Sie lebt; sie denkt nicht daran und
wird uns alle womglich noch einbuddeln.

Lucie:

Ja, Ottfried, das kann ganz gut mglich sein.

Murer:

Verzeih mir's Gott, wenn keine Aussicht vorhanden ist, da sie in Blde
das Zeitliche segnet, dann mu mit Schilling erst recht was geschehn;
dann mu man erst recht mit ihm einen letzten, rcksichtslosen Versuch
machen. Dazu ist er zu gut, um an dieser Schrze zugrunde zu gehn.

Lucie:

Wer wei, vielleicht ist deine telegraphische Einladung gerade zur
rechten Stunde gekommen.

Murer:

Merkwrdig, dieser ruhige, schlichte Mensch, der mehr als wir alle in
seinem gelassenen Wesen gefestigt schien, ist durch diese Person ganz
aus der Bahn gerissen. Als sie auftauchte, dacht' ich das Gegenteil.
Seine Heirat mit Eveline war Unsinn. Sie hat ihn sich, weil er immer
gegen die uerlichkeiten des Lebens gleichgltig war, wenn man ihn nur
ungestrt malen lie, einfach angetraut. Und da war er mit einemmal ihr
Ernhrer. Hanna hat mehr Reiz, mehr Selbstndigkeit, und so glaubt ich
am Anfang, sie wrde fr seine Kunst _das Rinascimento des vierten
Jahrzehntes_ sein. Statt dessen stellt sie seine Existenz als Knstler
und Mann berhaupt in Frage.

Lucie:

Woraus erhellt, da sie ebenfalls von orientalischer Faulheit ist, da
Weiber, die nichts zu tun haben, blo Unfug stiften; und ich habe mir
deshalb fest vorgesetzt, ich will diesen Winter sehr viel Kolophonium
fr meinen Geigenbogen verbrauchen.

Murer:

Hast du die tausend und abertausend Stare und Schwalben auf den
Strohmtzen der Fischerkaten drben in Vitte gesehn? Diese Aufregung,
dieser Eifer, diese entzckende Reiselust! Packt es dich da nicht auch
wieder mchtig?

Lucie:

Wenn ich am Meer sein kann, mit dir allein, und an einem versteckten
Platz, wo uns niemand beunruhigt, so weit du ja, da ich strflich
bedrfnislos und zufrieden bin. -- Weit du brigens, was mich der Fischer
gefragt hat?

Murer:

Nun?

Lucie:

Ach Unsinn, nichts! -- Blo, ob du ein Onkel von mir bist. -- Ich habe
gesagt, ich bin deine Gromutter.

Murer:

Was die Menschen doch wie die Teufel neugierig sind! Aber la das,
Schusterchen, rgere dich nicht! Klatsch macht man durch absolute
Verachtung unschdlich! Hr' lieber zu, was ich beschlossen habe.
Nmlich, dem guten Schilling gegenber ist mein Gewissen nicht ganz
rein. Moralische Urteile sind eigentlich nur Bequemlichkeit; und doch
hab' ich mich dieser Bequemlichkeit dem Freund gegenber, als ich seine
Handlungsweise nicht recht mehr verstand, leider schuldig gemacht. Wenn
es ginge, mchte ich das gern jetzt wieder ausgleichen. Aber das ist
vielleicht Selbstbetrug. Ich bin vielleicht nur gut aufgelegt und mchte
mein Wohlbefinden noch steigern.

Lucie:

Nun, ein ganz, ganz schlechter Kerl bist du ja gerade nicht.

Murer:

Keinesfalls sehr viel schlimmer, als andere! -- Das Stck Geld unterm
Gromast, was nicht nur nach dem Aberglauben der Fischer darunter
gehrt, hat Schilling leider immer gefehlt; er wre sonst zweifellos
besser gesegelt. Und man ist in Geldsachen ja leider, wo Not an Mann
ist, auch nicht immer durchweg zum Anstand geneigt. Aber jetzt, wo die
Bremer nicht knausrig gewesen sind, will ich mal alles wieder gut
machen. Ihr mt beide mit mir nach Griechenland.

Lucie

     (lustig):

Herrlich. Deine Brille funkelt ja frmlich, wie du das sagst. Und dein
Haar sieht dabei schon wie eine Flamme auf einem Opfertiegel in Delphi
aus.

Murer:

Also will ich dir auch gleich mal was weissagen: jetzt schwre ich dir,
da Schilling kommt.

Lucie:

Und ich glaube es auch, ich kann es besttigen, da er drben auf dem
Fusteige durch das Moor schon mehrmals gewafelt hat.

Murer

     (beobachtet in die Ferne):

Wirklich, ein Mensch kommt ber das Moor gelaufen.

Lucie:

Vor kaum zehn Minuten hat der kleine Dampfer von Stralsund drben in
Grobe angelegt. -- Das ist er.

Murer:

Er rennt wie ein Brstenbinder. Teufel noch mal, das knnte wahrhaftig
der Maler Schilling mit seinem Rucksack und seinem Pastellkasten sein!
(Er ruft.) Ku ui!

Lucie:

Da will ich euch erst mal allein lassen!

Murer

     (blickt aus, zieht sein Taschentuch, schwenkt es und ruft):

Ku u i! Ku u i!

Lucie

     (ruft schon von weitem):

Was ist denn das fr ein Ruf?

Murer:

Ku u i! So rufen die afrikanischen Buschleute.

Lucie:

Er bleibt stehen. (Sie will fort.) Adieu!

Murer:

Adieu, mein Kind, adieu! Ich will mal kurzen Proze machen. Wenn er es
nicht ist, komm ich dir nachgerannt.

Murer

     (luft nach rechts hin ab).

Lucie

     (blickt noch immer ber die Dnen ihm nach, kommt pltzlich
     hervorgeeilt, klettert einige Stufen sehr gewandt die Strickleiter
     am Signalmast hinauf, dort schwenkt sie das Taschentuch und ruft):

Ku u i! Ku u i! Ihr findet mich bei Klas Olfers im Krug!

     (Um den Schuppen herum kommt abermals Tischlermeister Khn.)

Khn:

Kommt neuer Besuch?

Lucie:

Ein ganzer Gesangverein, Meister, der Professor Murer ein Stndchen
bringt.

     Sie springt herunter und luft davon, ab. Von links kommen eine
     Anzahl Fischer mit aufgekrempelten Hosen und blauen Jacken ber die
     Dnen. Der junge Schuckert ist darunter. Es sind meist groe,
     breitschultrige blonde Gestalten mit gedrungenen Brten. Einige
     tragen ihre Transtiefel in der Hand. Etwas Lautloses, Visionartiges
     ist in ihren Bewegungen.

Khn:

Schuckert!

Schuckert:

Wat is?

Khn

     (hat sein Brett auf seine Schulter geladen):

Help mi man noch een Brett up de Schuller.

Schuckert

     (kommt zu ihm herber):

Na denn fix tau!

Khn:

Wirst du dat Ding doa baben verkoopen?

Schuckert:

Wat denn for'n Ding?

Khn:

Dat Weib ohne Fiet.

Schuckert:

Hhh! Wat hast du woll in din Breegenkasten, det du dat Unglck
erhanneln wilt!

Khn:

Wer seggt dir, dat ick dat erhanneln will. De fremde Professor will et
erhanneln!

Schuckert:

De Fremde, de bi Klas Olfers is? Hhh! Tsch, worum nich. Dat wier
woll am Enn all mieglich to maken. -- Adjs Khn! (Er setzt seinen Weg
ber die Dnen fort, nachdem er dem Tischler noch zwei Bretter
aufgeladen.)

Khn:

Hierst, bring dat Ding dal in'n Krug. Wist nich?

Schuckert:

Jau, jau.

Khn:

De fremde Professor zahlt proper, segg ick!

Schuckert:

Hei soll ja wull hier baben een bisken sin! (Tippt sich mit dem Finger
an die Stirn.)

     Schuckert folgt den anderen Fischern und stt mit ihnen unten vom
     Strand ein Segelboot durch das flache Wasser ins tiefe Meer.
     Meister Khn rckt die Bretter auf die Schulter zurecht, dabei
     fllt ihm eins wieder herunter. Gleich darauf taucht Murer und
     sein Freund Schilling auf. Dieser ist ein hoher, blonder, bartloser
     Mensch, mehr der Typus eines feingeistigen Schweden, als eines
     Deutschen. Die Kleider hngen sehr lose um seinen mageren und
     eleganten Krper. Das Gesicht wirkt durch tiefliegende groe Augen
     und Magerkeit etwas verfallen. Strohhut, Sommerberzieher,
     Pastellkasten.

Schilling:

Halten Sie mal, bleiben Sie mal stehen, Mann! (Er stolpert herzu, lt
den Malkasten fallen und fat das heruntergefallene Brett an einem Ende
mit zwei Hnden an.) Komm, fa mal die andre Seite an, Ottfried!

Khn:

Sie sind ja zu gtig! Recht scheenen Dank, meine Herren!

Murer

     (springt herzu, fat die andere Seite des Brettes und er und
     Schilling fangen an, damit zu wippen):

Na also, da sind wir ja wieder mal drei vergngte Berliner
zuflligerweise auf einer unentdeckten, einsamen Insel zusammengeschneit.

Schilling

     (wippend):

Berlin, Berlin, du dauerst mir!

     (Sie legen dem Tischler das Brett auf die Schulter)

Murer:

Das ist nmlich 'n richtiger Berliner, mein Sohn.

Khn:

Ich habe nmlich, wie dat so is, und dat mein Metier so mit sich bringt,
een jroes Plsier an d' Srge machen. Srge hab ick sehr jern, blo
meinen eignen nich. Und wie nu mal, drauen am schlesischen Bahnhof hab
ick jetischlert, der Fremde kam, der wo so klapprige Beene hat, und uzte
mir, dat ick ma nu sollte meinen eignen hlzernen Schlafrock machen, da
dachte ick mir, vorwrts, nu aber raus aus Berlin. Jawoll, de rzte
hatten mir uffgegeben, und hier bin ick wieder fuchsmunter jeworn. (Er
nickt und geht mit seinen Brettern auf der Schulter ab.)

Schilling

     (stutzt, betrachtet abwechselnd seine offenen Hnde, die er sich
     harzig gemacht hat, und sieht dem Tischler nach):

Komisch, wie so ne Stimme hier anders klingt, und wie so'n
gleichgltiger Kerl hier anders aussieht, als wie in Berlin -- und wie
so'n Brett sich anders anfat. (Er ruckt sich zusammen und nimmt seinen
Malkasten wieder auf.)

Murer:

Mensch, es war der allerschlauste Gedanke, den du seit Jahren gehabt
hast, da du gekommen bist.

Schilling

     (kurz, befremdlich):

Es hat sich gemacht.

Murer:

Na also, es mute sich auch mal machen. Das war doch zum Beinausreien
mit uns; man konnte deiner ja gar nicht mehr habhaft werden. Wie geht's,
wie steht's?

Schilling:

Wie du siehst, famos!

Murer:

Wirklich, du siehst ausgezeichnet aus. Etwas spack natrlich, das macht
die Stadt; aber wie du daherkamst, mit Jnglingsschritten, da sahst du
wie 'n mittlerer Zwanziger aus.

Schilling:

Ja, das macht das geregelte Leben, mein Sohn. Hbsch ausschlafen,
nachts! Keine gegipsten Weine trinken! Nimm dir ein Beispiel, wenn du
kannst, denn deine Nase hat etwas Verdchtiges.

Murer

     (fat sich an die Nase):

Stimmt! Aber sage, Junge, was soll man tun? Unsereiner, der wie ein
Maurer arbeitet, kann ohne was Geistiges eben nicht sein. Du hast dir
das Trinken abgewhnt?

Schilling:

Das will ich nicht grade behaupten, Ottfried.

Murer:

Nanu, Augen grad aus! Ist das nu was oder nicht? Ist so'n Anblick die
acht Stunden Bummelzug etwa nicht wert, mein Sohn?

     Sie vertiefen sich beide in den Anblick der See, die man laut und
     gleichmig rauschen hrt, und in das Leuchten des blutroten
     Abendhimmels.

Schilling

     (dem die Augen vor Erschtterung berlaufen):

Es ist verflucht, wie unsereiner nervs auf dem Hunde ist. Man merkt das
vor so einem pltzlichen Eindruck.

Murer:

Das ging Lucie und mir nicht anders, Schilling. Als pltzlich die langen
Schaumlinien auftauchten -- wir kamen zu Fu vom Fhrhaus herber zum
westlichen Strand! -- das hat uns beide hllisch berrumpelt; und ich
glaube, wir haben beide, ich wei nicht wieso, wie Kinder geflennt.
brigens weit du ja wohl, ist im Frhjahr Luciens Mutter gestorben.

Schilling

     (sonderbar ngstlich):

So? Ist sie gestorben? Ach! Woran?

Murer:

Hat dir Rasmussen nicht davon gesprochen?

Schilling:

Rasmussen hab ich jetzt nicht gesehen ... wie lange? -- Gut anderthalb
Jahre nicht.

Murer:

Er hat Frau Heil zuletzt noch behandelt.

Schilling

     (nach lngerem Stillschweigen):

Ja, wie das mit einem so eigensinnigen, in seinem Fach bornierten
Menschen, wie Rasmussen, eben ist. Wessen unsereiner bedarf, das
begreift er nicht. Ich hasse auch alle Moralphilister! Und er hat einen
frmlichen Ha auf die Kunst. Wissenschaft! Nur immer Wissenschaft!
Wissenschaft hier und Wissenschaft dort! Und im Namen der Wissenschaft
jeglichen Unsinn. Und nun erst in Geschmacksdingen -- : hottentottenhaft!
Ich mute mal mit ihm reinen Tisch machen.

Murer:

Du, du, vermiese mir unsern Rasmussen nicht. Ein Kerl ... na, mit einem
Wort: nicht zu spaen. Solid! Wo man ihn anfat, ist auch was.

Schilling:

Sag mal, an was ist Frau Heil gestorben?

Murer:

Ein Herzleiden scheint es gewesen zu sein.

Schilling

     (tief atmend):

Kein Wunder, wenn man bedenkt, in welch stickige Atmosphre die Menschen
der Grostadt lebenslang eingekerkert sind. Leben heit ihnen, sich
aufregen, und an diesem ununterbrochenen berreizungen sterben sie dann
natrlich frhzeitig scharenweise elend hin! -- Du kannst dir nicht
denken, Ottfried, wie sehr ich diesmal nach dem Anblick gelechzt habe.

Murer:

Warum nicht? Es ging mir genau so wie dir.

Schilling:

Unmglich! Ich habe mitten im Lrm und Asphaltgestank der
Friedrichstrae schon immer das Meer vor Augen gesehen, tatschlich,
als richtige Luftspiegelung. Ich habe immer danach gegriffen! -- Ich bin
wie ein Seehund! Ich mchte gleich Hals ber Kopf mitten hinein.

Murer:

Das finde ich schlielich auch weiter nicht merkwrdig. Du solltest mal
Lucie reden hren in ihrer fanatischen und direkt waghalsigen Badewut.

Schilling:

Das ist auch was andres, das meine ich nicht. Ich glotze diesmal die See
mit Augen an ... wovon ihr keine Ahnung habt, Kinder. Als wenn einem der
Star gestochen worden ist. Dort stammen wir her, dort gehren wir hin.

Murer

     (lachend):

Du bist Wasser und sollst zu Wasser werden! -- Wie geht's deiner Frau?
Willst du was rauchen, Schilling?

Schilling

     (fahrig, zerstreut):

Wie Pauken und Zymbeln klingt das im Kopf! -- Rauchen? -- Eveline ist
munter, Gott sei Dank! Soweit das bei ihr berhaupt mglich ist,
nmlich. Eigentlich hab ich sie, ehrlich gestanden, nie wirklich bei
guter Laune gesehn. (Er lt sich auf der Dne nieder.) Sprechen wir
lieber von was andrem. -- Es kommt nmlich immer darauf an, wenn es sich
um Miseren handelt, ob man imstande ist, sie zu beheben. Hat man das
aber bis zur Verbldung auf jede erdenkliche Weise vergeblich versucht,
so erscheint der gloriose Moment, wo man hunde-schnauzen-gleich-gltig
wird: und dieser Moment ist bei mir erschienen!

Murer

     (klopft ihm auf die Schulter):

Fortschritt, mein Junge, wenn es so is!

Schilling:

Na natrlich, Fortschritt! Etwa nicht? Glaubst du, ich wre sonst
hergekommen? -- Sonst htt ich mich nicht aus dem Staube gemacht!

     Lngeres Stillschweigen.

Murer:

Wie wr's, wenn wir nun als zwei alte Freunde, Schilling, auf alle
Umschweife ganz verzichteten, und auf sogenanntes Zartgefhl. Nehmen wir
mal an, unsre Gefhle freinander sind ehrlich und anstndig; warum
sollen sie denn da nicht offne und starke sein! Wenn du's also nicht
krumm nimmst, so frage ich dich ...

Schilling:

Mit Hanna Elias ist es zu Ende.

     Lngeres Stillschweigen.

Ich kann dir sagen, du glaubst es nicht, wie ich die Zeit ... die mir
immerhin frher mal kostbare Zeit! -- diesen Sommer wieder mit Scheffeln
und Mollen wahnsinnig verschleudert habe. Ich kann keine Wanduhr mehr
ticken hren, ich erschrecke bei jedem Pendelschlag.

Murer:

Wer hat nicht mit Weibern Zeit verloren! Ja, welcher Mann, der wirklich
einer ist, hat sich nicht selbst mehr als einmal an Weiber verloren. Das
schadet nichts! Man lt sich fallen, man hebt sich auf, man verliert
sich und man findet sich wieder. Hauptsache bleibt, da man Richtung
behlt. Wenn man Richtung behlt und entschlossen fortlebt, so wette ich
tausend gegen eins, was schlecht geheien hat in der Zeit, mu dann in
der Zeit auch wieder mal gut heien.

Schilling:

Ach, Junge, ich habe in meinem verpfuschten Leben zu schrecklich viel
niedertrchtigen Unsinn verdaut. Mit meiner unanstndig anstndigen
Anlage habe ich, wei der Teufel, so oft Fiasko gemacht, da ich allen
Ernstes darber gegrbelt habe, wie man es anfngt, recht grundgemein,
schweinemig praktisch zu sein. Ich bin talentlos, ich kann es nicht.
Dabei hab ich die Welt auf die allerverschiedenste Weise beguckt: durch
die hohle Hand, durch die Beine, von oben, von unten, von hinten, von
vorn. Und ich kann mir nicht helfen, ich habe immer nur eins gesehen:
von weitem macht sie sich ziemlich entfernt, aber aus der Nhe dafr
ber alle Begriffe stupide, gemein und unanstndig.

Murer:

Schilling, ich lasse die Welt, wie sie ist; wir wollen uns damit weiter
nicht aufhalten. Ich habe dir selber, glaub ich, auch nicht immer blo
die schne Fassade gezeigt. La das, vergi es, denk nicht daran! Und
jetzt, Junge, sag ich mal etwas Mystisches: wir sind aus der gleichen
Generation. Ich behaupte, da wir beide im gleichen Jahre an der
Auenflche unsres Planeten erschienen sind, so sind wir auch schon
vorher miteinander gewandert, in hnlichem Rhythmus, in hnlichem
Schritt. Und wenn wir auch uerlich nicht vereint gewesen sind, so
sind wir jetzt, wo wir uns wiedertreffen, im tieferen Sinne gleich weit
gelangt. Also schreiten wir nur mal wieder eine gute Strecke stramm
bewut miteinander.

Schilling

     (forciert):

Topp Kinder, hier wollen wir lustig sein! Deibel nochmal, tchtig
deutschen Sekt saufen und so tun, als wren wir siebzehn Jahr mit den
allergrten Rosinen im Sack und htten die Nase nicht voll gekriegt.
(Beide Freunde geraten in eine nervse Heiterkeit; alsdann stutzt
Schilling, die Gallionfigur gewahrend.) Eiapopeia, was raschelt im
Stroh! Was ist denn das fr 'ne seltsame Heilige?

Murer:

Das ist von einem gestrandeten Schiff die Gallionfigur.

Schilling:

h, berall diese wahnwitzigen Weibsbilder!

Murer:

Etwas bergeschnappt sieht sie wirklich aus.

Schilling:

Sag mal, findest du da keine hnlichkeit?

Murer:

Lucie behauptet mit ihrer Mutter.

Schilling:

Nein, Luciens Mutter meine ich nicht. -- Im Ausdruck das Haar, auch in der
Bewegung.

Murer:

Mir dmmert es schon! Aber ich billige dieses hnlichkeitsaufstbern
nicht. -- Trau einem alten, gezausten Fuchs wie mir, mein Sohn: verwickle
dich nicht in hnlichkeiten. Das sind Schlingen, die man sich selber
legt. Und wenn wirklich die Holzpuppe Hanna Elias hnlich sieht, so
mache dir klar, sie hat mit ihrer lsternen Nase ihr ganzes Schiff in
einen nicht grade feucht-frhlichen Abgrund verfhrt. -- Atme, Mensch,
trinke die starke Luft, und la das Gespenst deines Lebens von gestern
dein wirkliches Leben von heut nicht mattsetzen.

Schilling:

Da ist keine Gefahr mehr, Gott sei Dank! -- Ich sage dir ja, diese Sache
mit Hanna ist versunken. Wir haben uns endlich mal so vollkommen
geklrt, so in alle Winkel unsrer Beziehung hinabgeleuchtet, da da
absolut nichts mehr zu errtern bleibt.

Murer:

Dann gratulier ich von Herzen, Schilling.

Schilling:

Verdorben, gestorben, eingesargt, zwlf Klafter tief unter die Erde
begraben. -- Und, Ottfried, den Gefallen mut du mir tun: kein Wort,
keinen Laut mehr von dieser Geschichte. -- Du kennst mich ja; ein fr
allemal, Ottfried: wenn mir mal ne Erinnerung ber die Leber luft,
bitte, la mich, bemerke es nicht. Es sind manchmal lppische
Kleinigkeiten!

Murer:

hnlichkeiten!

Schilling:

Ein dunkles Auge ... irgendein Zug um den Mund, das kann Tote wieder
lebendig machen! Aber dann la mich, stre mich nicht! Denn das lhmt
mich in meiner Brutalitt. Man mu brutal sein, man braucht alle Kraft,
um so eines bleichen gestrigen Wesens Meister zu sein! (Er springt auf,
wirft Hut, Stock und Rucksack weg und beginnt sich auszukleiden.) Und nu
Junge, Reinheit, Freiheit! Luft! Gott sei Dank, ja, man kann hier wieder
mal atmen! Hoffentlich kommt bald 'n Sturm! So was Wildes, Frisches,
Tolles, Brausendes, Salzhaltiges brauche ich! -- ein Bad! -- Kein
Weibergeplrr! Kein Zungengedresch in Nachtcafs! In Freiheit zugrunde
gehn, meinethalb -- nur nicht vergurgeln in einem Abraumkanale! (Er rennt,
halb entkleidet, gegen die See hin.)

Murer:

Nicht zu weit hinein, Schilling!

Schillings Stimme:

Bade mit, Ottfried! Herrlich! Ahoi, ahoi!




Zweiter Akt


     Das enge, niedrige Wohnzimmer der Familie Klas Olfers in Klas
     Olfers' Gasthaus auf Fischmeisters Oye. Durch eine Tr in der
     Hinterwand erblickt man den Flur und eine leiterartige Stiege ins
     Dachgescho. Jenseits des Flurs durch eine andere offne Tr das
     gerumige Gastzimmer. Die Wand rechts im Wohnzimmer ist ebenfalls
     mit einer Tre versehen, die zu einem dunklen und berfllten
     Ladenraume fhrt, worin Klas Olfers Waren fr die Bedrfnisse der
     armen Fischer hlt. An der gleichen Wand steht ein altes Ledersofa,
     davor ein Tisch, ber diesem ist eine billige Hngelampe
     angebracht, um ihn herum stehen gelbpolierte Sthle aus
     Fichtenholz; etwas seitlich davon eine kleine Wanduhr. Die Wand
     links enthlt ein kleines Fensterchen mit Mullgardinen. Am Fenster
     ein kleiner Nubaumnhtisch; in der Ecke links ein Schreibsekretr
     aus gleichem Holz, in der Ecke rechts ein weier Kachelofen, ber
     dem Sofa ein ldruck der kaiserlichen Familie, auf dem Fuboden ein
     Teppich aus zusammengestckelten Lppchen, eine rot und wei
     karierte Decke auf dem Tisch. Auf einer Kommode an der Fensterwand
     eine Porzellanuhr mit Glocke und einige Steingutvschen mit
     Papierblumen. Auf dem gehkelten Deckchen des Nhtisches
     Familienphotographien in stehenden Papprhmchen. Oben auf dem
     Nubaumsekretr befindet sich eine ausgestopfte Seemve, die mit
     ihrem Kopf die weigetnchte Zimmerdecke berhrt. Das Ganze macht
     einen ungemtlichen, hchst bescheidenen Eindruck.

     Es ist Morgen, gegen acht Uhr. Klas Olfers, ber fnfzig Jahre alt,
     graubrtig, von pergamentener Haut und bengstigend blulicher
     Gesichtsfarbe, sieht zu, wie die Magd den Tisch fr das erste
     Frhstck zurecht macht. Die Ereignisse des ersten Aktes liegen
     drei Tage zurck.

     Vor der Tr wird lebhaft mit einer Peitsche geknallt.

Klas Olfers

     (wird aufmerksam):

Nanu? Wat wie det?

Die Magd:

Det is de olle Mathias von de Fhrinsel mit sinen loahmen Grauschimmel.
He bringt twee fremde Doamens up sin Brettwoagen.

Klas Olfers

     (am Fenster):

He, Mathies! Wat hest du woll bei die Herrgottsfrhe schon for'n Butt ut
de Rois'n holt!

Stimme des Mathias:

Tsch! Det is nu nich anders, Klas Olfers.

Klas Olfers:

Ick komm gliek rut! -- Spring man fix tau, Dearn. Help de Doamen ut de
Karreet!

Die Magd:

Et is man blo noch eene im Wagen drin.

     Hanna Elias steht in der Flurtr. Auf dem rabendunklen Haar trgt
     sie einen dunklen, breiten Strohhut mit Mohnblumen garniert. Die
     Haut ihres Gesichtes ist von wchserner Blsse und
     Durchsichtigkeit. Ihre Zge sind uerst fein und dabei
     intelligent. Ihre Augen sind gro, dunkel, unruhig. ber all ihren
     Bewegungen liegt etwas Unsttes. Sie kann die Finger nicht still
     halten. Ein Zug des Nachdenkens, gleichsam ber ein Problem, dessen
     Lsung ebenso aussichtslos als unbedingt notwendig ist, befllt sie
     immer, sofern nicht uere Eindrcke sie ablenken. Ihre Kleidung im
     ganzen zeugt von exotischem Geschmack, wie denn berhaupt der
     Eindruck, den sie hervorruft, fremdartig ist. Sie ist zart, eher
     klein als gro und gehrt jenen Frauen an, bei denen nicht ohne
     weiteres zu entscheiden ist, ob sie die Zwanzig kaum berschritten
     haben, oder ob sie ber die Dreiig sind.

Hanna

     (gut deutsch, nur leicht fremdartig im Ausdruck):

Bekommt man hier auf ein bis zwei Nchte Unterkunft?

Klas Olfers:

Tsch! gewi! Dat schell uns woll keene Kopfschmerzen maken, min
Freilein! Es is zwar alles knppeldickvoll bei Klas Olfers, aber von die
zwlf Gastzimmer ... Stcker dreizehn sind deswegen immer noch frei.
Wnschen Sie en Zimmer oder zwei?

Hanna

     (in den Hausflur sprechend):

Wir nehmen doch zwei Zimmer, Frulein Majakin?

Frulein Majakin

     (im Hereintreten):

Wenn ich bitten darf, nehm ich fr mich ein Zimmer.

     Frulein Majakin ist eine siebzehnjhrige Russin aus Petersburg.
     Obgleich sie nicht gro ist, mu man sie, da ihr alles
     Backfischartige, Halbreife abgeht, fr lter halten. Ihre Kleidung
     ist durchaus schlicht und unauffllig.

Klas Olfers

     (der sein gesticktes Kppi in der Hand dreht):

Se kennen twee Zimmer nebeneinander hoaben, meine Doamens, nach See rut.
Wollen Sie glik auf't Zimmer gehn?

Frulein Majakin:

Wenn Sie hierbleiben wollen etwa, Frau Hanna, ich gehe doch vorher
einmal hinauf.

Hanna

     (die unschlssig schien):

Ich auch, natrlich.

Klas Olfers:

Fix, Dearn, spring vorut! (Die Magd drckt sich eilig an den Damen
vorbei in den Flur und man hrt sie laut polternd die Holzstiege
hinaufstrmen. Klas Olfers fhrt fort.) Denn drft ich woll freundlichst
gebeten haben!?

     Er postiert sich, das Kppi in der Hand, an der Flurtr, die Damen
     folgen, nachdem Hanna das Zimmer mit den Augen durchforscht und ihr
     Sonnenschirmchen an einen der Sthle gelehnt hat, dem
     Dienstmdchen, Klas Olfers den Damen, so da der Raum leer bleibt.


     Ein Fischer in blauer Jacke steckt seinen hellblonden, brtigen
     Kopf aus dem Laden herein. Es ist Schuckert.

Schuckert:

He! -- Klas Olfers! -- Ick wull gern een Stcker twelf Meter Tau
hebben! -- He, Klas!

     Respekt vor der guten Stube, dem gedeckten Frhstckstisch
     bewirken, da Schuckert seine Stimme dmpft.

     Durch den Hausflur trgt der alte, mchtige, schwarzhaarige Fischer
     Mathias das Gepck der Damen vorber. Klas Olfers kommt ihm die
     Treppe herab entgegen.

Klas Olfers

     (im Hausflur):

Lat et man lieber unnen stehn, Mathies! 'n Kierl wie du mit diene
Transtebel bricht mie snst noch miene Stiegen drch! -- Komm in de
Gaststub, trink 'n Glas Beer!

Mathias

     (lt den Gepckhaufen liegen, richtet sich auf, nimmt die blaue
     Schildmtze ab, so da die Luft an den Scheitel kann, hlt sie aber
     in einiger Entfernung ber dem Kopfe fest und streift mit dem
     Handrcken der Rechten den Schwei von der Stirn. Dabei pustet er
     erleichtert):

't makt warm, Klas Olfers! 't makt wedder warm ht!

Klas Olfers

     (zu dem Mdchen, das eilig die Treppe herunterkommt):

Bring das Gepck na baben, Dearn!

Schuckert

     (hat ber den Vorgngen im Flur den Zweck seines Kommens vergessen.
     Erinnert sich nun wieder und ruft):

He! -- Klas Olfers! Ick wull giern een Enn Tau hebben! -- Klas! -- Unn twee
Meter ... twee Meter Sgellinwand .... (Als niemand auf ihn hrt) ...
Sgellinwand wull ick girn hebben.

Klas Olfers

     (indem er mit Mathias die Gaststube gegenber betritt):

Na, Mathias, wie is? Wenn kenn wi mal wedder scheunen, fetten Oal
hebben?

     Sie verschwinden im Gastzimmer. Man hrt zuweilen von dort den
     schweren Schritt des Fischers, Klappern von Bierseideln und das
     undeutliche Gerusch plattdeutscher Unterhaltung. Nun kommt die
     Treppe herunter und in das Zimmer herein Murer, ein Buch und
     einige Drucksachen in der Hand. Er nimmt am Tisch Platz. Schuckert
     hat seinen Kopf zurckgezogen. Murer entfaltet eine Karte und
     blickt kopfschttelnd auf, als das geschftige, laute Gepolter von
     Tritten auf der Treppe nicht abreit. Pltzlich steckt Lucie ihren
     Kopf zum Fenster herein.

Lucie:

Guten Morgen, Herr Murer!

Murer:

Na, endlich jemand. Wo steckt ihr denn? Glaubt ihr, ich kann von der
Luft leben?

Lucie:

Bist du allein?

Murer:

Mutter-Hund, so zu sagen, eine geschlagene Stunde lang.

     Lucie verschwindet vom Fenster, kommt schnellfig durch den
     Hausflur ins Zimmer, schliet die Tre hinter sich, die Tr nach
     dem Laden ebenfalls, geht wortlos auf Murer zu, umhalst ihn, zieht
     ihn nach rckwrts, so da der Stuhl kippt, und kt ihn zu vielen
     Malen mit frischer, gesunder Leidenschaftlichkeit. Sie ist im
     fufreien Leinwandkleidchen vom Baden gekommen, trgt die Wsche
     noch unterm Arm und das Haar zum Trocknen offen. Murer wehrt sich
     zunchst nicht, dann zieht er das Mdchen auf seinen Scho und kt
     sie, merklich erwrmt, auf den Mund, wobei er den Duft ihres
     erfrischten Krpers einzusaugen scheint.

Murer:

Frische Seejungfer!

Lucie:

Gott sei Dank, da ich dich endlich mal allein habe. Das kommt jetzt gar
nicht mehr bei uns vor.

Murer:

Auer, wenn die Hunde den Mond anbellen!

     (Stillschweigen und erneute Ksse.)

Lucie:

Ich schlafe hier furchtbar wenig, Ottfried. Es war wieder taghell diese
Nacht. Ich habe nach zwlf Uhr noch ohne Kerze gelesen. -- (Sie kt ihn
wieder.)

Murer

     (von ihr umhalst):

Halt, Lucie, sei nicht so unvorsichtig!

Lucie

     (stutzt und verstummt einen Augenblick, dann lacht sie mit
     verdoppelter Lustigkeit aus gesunder, bermtiger Kinderseele
     heraus, toll und hinreiend):

Man merkt, da du heuer noch kein Seewasser geschluckt hast, Ottfried!
Sonst wrden dir smtliche Spiebrger der Welt, so wie mir,
piepschnuppe sein; -- (sie gert wieder in einen neuen gesunden Lachkrampf
von innen heraus, dann Olfers nachahmend): Heute mittag woll wi zur
Abwechslung wieder mal Kabeljau essen! Bis zur belkeit Kabeljau! Jau,
jau, Kabeljau!

Murer:

Kriege blo keinen Lachkrampf, liebe Lucie!

Lucie:

Und dann lassen wir uns von Klas Olfers seinem gestickten Kppi eine
Bouillon kochen.

Murer:

In solchen Fllen pflegte meine Schwester frher immer zu mir zu sagen:
du ahnst etwas!

Lucie:

Die See! Die See! Die See! Die See! Wenn ihr wollt, da ich wieder
lebendig und fuchsfidel munter werde, wenn ich mal sollte gestorben
sein, so braucht ihr mich blo in Seewasser zu tunken!

     Sie nimmt vor einem kleinen Spiegelchen ihr Haar zusammen.

Murer:

Sag mal, hast du Schilling gesehen?

Lucie:

Schilling treibt's mit dem Baden viel toller als ich. Er schwimmt, bis
man ihn aus den Augen verliert; der kann aus dem Wasser erst recht nicht
herausfinden.

Murer:

Ich finde, da seine Laune zusehends besser wird.

Lucie:

Na, ganz gewi.

Murer:

Auch sein Betragen ist wieder viel offner und freier, mehr, wie es in
alten Zeiten war.

Lucie:

Ich finde ihn geradezu ausgelassen. Ich habe ihn so berhaupt nicht
gekannt.

Murer:

Da hast du wohl recht. Das kannst du wohl sagen. In der Zeit, als du ihn
zum erstenmal sahst, hatte er schon seinen Klaps weggekriegt.

     (Schilling erscheint am Fenster.)

Schilling

     (mit blauen Lippen und vor Frost klappernd):

Jetzt aber ein Knigreich fr einen heien Kaffee, Kinder!

Murer:

Schilling, ich sage dir, wenn du so wahnsinnig bertreibst, wirst du
nochmal so oder so dran glauben mssen: entweder ersaufst du, oder du
kriegst einen Schnupfen weg, an dem du dein Lebelang zu niesen hast!

Schilling:

Den brauch ich nicht kriegen, den hab ich schon.

Lucie:

Haben Sie jemals in Ihrem Leben eine solche wasserscheue Unke gesehen?

Schilling:

Landratze! Unverbesserliche, feige Landratze! --

     (er singt):

    Am Woasser, am Woasser
    Am Woasser bin i z'haus!

     Singend und mit den Fingern schnipsend, wie ein
     Schuhplattlertnzer, entfernt er sich vom Fenster. Lucie und Murer
     lachen ununterbrochen, whrend Schilling singend durch den Flur und
     ins Zimmer kommt.

Murer:

Nanu aber Frhstck! Kaffee! Wirtschaft!

Schilling:

Klas Olfers! Wirtschaft! Wir demolieren das ganze Haus!

     Alle drei trommeln in ausgelassener Lustigkeit auf dem Tisch herum.
     Klas Olfers kommt mit komischem Entsetzen aus der Gaststube ber
     den Flur herein.

Klas Olfers:

Um Gottes willen! Wo fehlt et denn, meine Herrschaften?

Murer:

Im Magen, Herr Olfers.

Klas Olfers:

Dat is immer better als im Kopp.

Schilling:

Oder in der Westentasche.

     Das Dienstmdchen kommt feuerrot mit einem schwerbeladenen
     Kaffeebrett.

Klas Olfers:

Dearn, bring Kaffee!

Die Magd:

Gehn Se man aus'n Weg, Herr Olfers! (Olfers drckt sich schnell
beiseite.)

Lucie:

Sehn Sie, Herr Olfers, Ihre Bemhungen um die Wirtschaft werden noch
nicht mal anerkannt.

Klas Olfers:

Mit de Fruenslt mt een klogen Mann dat gewehnt sin, Freilein!

Murer:

Sie haben wohl neue Gste gekriegt?

Klas Olfers:

Twee Fruenslt von Breege drben per Sgelboot. Se snd all in Breege up
Rgen drben to Boadekur.

Schilling:

Jung oder alt?

Klas Olfers:

Scheune Matjeshringe! Ick segg awer, det et unbedingt mssen
auslnd'sche Doamen sin!

Murer:

Fischmeisters Oye wird Weltbad, Olfers!

     Die Magd hat den Tisch geordnet und sich entfernt. Murer,
     Schilling und Lucie fangen sogleich an, lebhaft einzuhauen. Milch
     und Kaffee werden eingegossen, Eier zerklopft, Brote mit Butter
     gestrichen, Aufschnitt geschnitten. Formen werden dabei nicht
     pedantisch gewahrt.

Klas Olfers

     (steht, sieht zu und dreht befriedigt einen Daumen um den andern.
     Nach einer Weile sagt er):

Die See macht Apptit! -- Na, wenn't man schmeckt!

Murer:

Vorzglich! -- Sagen Se mal, Herr Olfers, kriegen wir heut mittag
Schweinebraten?

Klas Olfers:

Joa! Det kann am End wohl lickt angngig sin.

Murer:

Ich dachte mir's.

Klas Olfers:

Worum dachten sich det?

Murer:

Na, ich denke, das Schwein is heut nacht an Rotlauf draufgegangen!

Klas Olfers:

Tsch! Got, dat ich versichert woar.

     Lucie und Schilling platzen heraus.

Klas Olfers

     (dem der Spa jetzt einleuchtet):

I wat? Von d Swin Swinebroten? Nee, Herrschaften, dat gift et bie Klas
Olfers nu und nimmermehr!

Schilling:

Wo beziehen Sie denn Ihren Kaffee her?

Klas Olfers:

Allet ut Stroalsund.

Schilling:

Gibt's denn in Stralsund so groe Kornfelder?

Klas Olfers:

Ooi, oi, oi! Mine Herrschaften, Si foppt mi!

     (Er luft mit Zeichen gemtlichen Entsetzens hinaus.)

Lucie:

Kinder, rgert den alten Trottel nicht immer so schrecklich!

Schilling:

So! Und jetzt kann man sich endlich in aller Ruhe eine Importe fr zehn
Pfennig ins Gesicht stecken. (Er lehnt sich zurck und zieht sein
Zigarrenetui.)

Murer:

Du hast aber gar nicht soviel Hunger gehabt!

Schilling:

Meistens Durst. -- Leichtes Getrnk! -- Sogar das einfache
Lagerbier ist mir zu schwer. -- Es mu was sein, wovon man viel
trinken kann! -- Das grasgrne, sogenannte Trinkwasser hier auf
der Insel ist ganz scheulich! Geradezu eine Kalamitt!

Murer

     (sich zurcklehnend):

Na, wie denkst du heut ber Griechenland?

Schilling:

Wie immer! Ein formidabler Gedanke!

Murer:

Mchtest du nicht mal endlich dorische Sulen sehen, dort, wo sie
gewachsen sind?

Schilling:

Na ob und wie!

Murer:

Nu aber mal ernsthaft! Wir mssen darber mal ernsthaft nachdenken.

Schilling:

Darber denke ich seit meinem sechzehnten Jahre ernsthaft nach.

Murer:

Aber nicht ber meine przisen Vorschlge.

Lucie:

Diese Nacht im Traum bin ich ununterbrochen mit ziemlichen
Schwierigkeiten von einer griechischen Insel zur andern voltigiert.

Schilling:

Redet mir blo nicht von Trumen, Kinder! Meine Seele war diese Nacht in
dem Aal, den ich gestern abend gegessen habe. Wahrhaftigen Gott! Und ich
schrie, als der Aal, weil ich schreckliche Angst vor einem ekligen
Aalnetze hatte!

Murer

     (lachend):

Bleiben wir mal bei der Stange, mein Sohn. Es ist jetzt die Rede von
Griechenland. Du weit, da ich mir bei einigem guten Willen einreden
kann, da ich hin mu. Und es ist auch mein fester Vorsatz. Nun wei
ich nicht, was du dagegen haben kannst, mit uns mal zum Zwecke einer
allgemeinen Aufpolsterung dort unten herumzusteigen?

Schilling

     (mit verndertem Ton):

Mein Junge, ich ziehe mir morgens die Kleider an und finde das manchmal
schon zu umstndlich. Ich ziehe sie abends wieder aus und habe etwas
mehr Spa daran; damit habe ich mehr als genug zu tun. Was darber
hinausgeht, ist mir zu weitlufig.

Murer:

Ist das die Wirkung von euren Seebdern?

Schilling:

Wei Gott, wovon das die Wirkung ist! Sieh mal, es gab mal bei mir eine
Zeit, da braucht ich an einem grauen Tag nur in der Ferne, zum Beispiel
an einem Berg oder an einem der mrkischen Seeufer irgendeinen von der
Sonne beschienenen Fleck zu erblicken, sofort verlegte ich auch ein
Stck Eden dahin. Was sollte ich heute in Griechenland? Ich kann in die
Dinge nichts mehr hineinlegen. h, stellen wir erst die Uhr mal ab. (Er
steht auf und stellt den Pendel der Wanduhr still.)

Murer:

Es gab eine Zeit! was tu ich damit? Du solltest eine so schwchliche,
sentimentale Altweibersommermeditation wahrhaftig anderen berlassen.
Und die Uhr wird auch nicht mehr abgestellt! (Er springt auf und stt
den Pendel der Uhr wieder an, so da sie geht. Lucie bricht in Gelchter
aus.) Taten, mein Junge! Malen! Arbeiten! Was meinst du wohl, wie gesund
das ist!

Schilling:

Nanu will ich dir mal was anderes sagen: ich reise seit meinem
sechzehnten Jahre jedes Frhjahr und jeden Herbst mittels einer sehr
lebhaften Phantasie nach Griechenland. In Wirklichkeit bin ich nie
hingekommen; da glaubt man nu mal so recht nicht mehr dran.

     Lucie nimmt eine Gitarre vom Sofa und zupft darauf leise die
     Ruinen von Athen von Beethoven.

Murer:

Das ist Sache der Berlin-Wien-Triester Eisenbahn und des
sterreichischen Lloyd, keine Glaubenssache. Man kauft ein Billett, und
dann ist man dort. Und wenn man erst dort ist -- in lumpigen vier, fnf
Tagen kann man es sein, Schilling! -- so sieht man das bichen Kehricht
im Winkel eines Berliner Ateliers ganz anders an. Man sieht's berhaupt
nicht mehr, kann ich dir sagen. -- Man mu doch mal deutlich mit dir sein.

Schilling

     (mit lauter, scheinbarer Zustimmung):

Na los, Kinder, woll'n wir heut mittag abreisen! -- Ich rauche noch
meinen Glimmstengel aus, und dann fang ich an, meine Sachen zu packen,
und nu red aber einer noch 'n Wort.

     Lebhafter Heiterkeitsausbruch von Lucie und Murer ob des drolligen
     Auftrumpfens. Schilling ist aufgestanden und geht heftig paffend im
     Zimmer umher. Murer erhebt sich ebenfalls, hlt eine Zigarre in
     der Hand und versucht mehrmals vergeblich ein Streichholz
     anzuznden.

Murer:

Wei der Teufel, ich kann vor Erregung kein Streichholz mehr ankriegen,
so oft die Idee, das Land des goldelfenbeinernen Zeus -- das Land, in dem
beinahe mehr Gtter aus Erz und Marmor als Menschen gewesen sind -- mal
wiederzusehen, mich packt. Die Welt der Barbarenhorden, in der wir
leben, ist ja doch nur von grimassenschneidenden Affen erfllt!

Schilling:

Anwesende hoffentlich ausgeschlossen.

Murer:

Allerdings; denn nach Rasmussen ist es klar, da die alten Griechen,
genau wie wir, langschdlige, blonde Kerle gewesen sind.

Schilling:

Ich bitte dich, rede mir blo nicht von Rasmussen.

Murer:

Er mag manchmal so lcherlich und so verbohrt wie mglich sein: wenn du
ihn mal brauchst, so wirst du ihn finden!

Schilling:

Gott sei gedankt, getrommelt und gepfiffen, ich brauche ihn nicht.

Lucie

     (legt die Gitarre weg und springt auf):

Kinder, ich werde mich jetzt ein bichen umziehen und anziehn gehn; dann
werde ich einige Kreutzeretden herunterhaspeln, denn wenn ihr wirklich
nach Griechenland reist, so la ich mich unten in Athen doch natrlich
vor der Knigin hren.

     Sie eilt durch den Flur die Treppe hinauf ab, gleich darauf hrt
     man von oben Geigenspiel.

Schilling:

Nee, Hellas und Rasmussen vertragen sich nicht.

Murer:

La ihn, es handelt sich jetzt nicht um Rasmussen. Es handelt sich jetzt
um dich und mich. Meine Idee wre, da wir vielleicht erst ein bichen
nach Kleinasien gehn, von da nach Athen, dann bleiben wir in Korfu zwei,
drei Wochen lang; und im Mrz sind wir unten in Florenz, wo ich ja Gott
sei Dank meine Ateliermiete vor kurzem, und zwar noch im letzten
Augenblick, fr drei Jahre erneuert habe. Dort kannst du auch, von den
Uffizien gar nicht zu reden, mal wieder nackte Modelle sehn.

Schilling:

Ich mchte dran glauben, wahrhaftig, Ottfried! Beinahe kann ich's, es
geht aber nicht! -- Sieh mal, mir dreht sich die Galle im Leibe um, wenn
ich denke, wieviel ich in den letzten fnf Jahren endgltig und
unwiederbringlich verlumpt habe. Es ist zu spt, man holt's nicht mehr
ein!

Murer:

Bis zum siebenunddreiigsten Jahr kommt niemand ohne Blessur durch die
Welt. Wir haben alle ein verknotetes Schicksal als Aufgabe, und die
Lsung kann immer wieder nichts anderes sein als die Tat.

Schilling:

Du stehst breit und fest und kraust dir den Bart. Dir gereicht eben
alles zum Guten schlielich, und mir schlgt es zum Miserablen aus.

Murer:

Nein, ich habe nur immer den Grundsatz gehabt, den ich auch dich zu
befolgen bitte und der: Nimm Kraft aus deiner Schwche heit.

Schilling:

Ich hab keinen Pfennig Geld in der Tasche.

Murer:

Da du das immer wieder betonst, ist bei einer alten Freundschaft wie
unserer lcherlich.

Schilling:

Das hab ich auch schon ... das klingt sehr verlockend!... das hab ich
auch schon von Frauenzimmern gehrt. Und dann ist es mir ziemlich bel
bekommen.

Murer:

Frauenzimmer und Freund ist ein ander Ding. Mu ich dich dran erinnern,
Schilling, da ich in alten Zeiten als Hungerleider mal vor deiner Tr
um fnfzig Pfennig bitten gewesen bin, um nur mal wieder zu mittag zu
essen?

Schilling:

Es hlt mich nichts, es hindert mich nichts. Ich bin bereit, und im
Augenblick meinethalben, mit dir nach dem Monde zu reisen. Und doch
glaub ich an die Geschichte nicht! -- Sieh mal, von meiner Gattin
Eveline bekam ich noch gestern abend hier diesen Brief. Du weit
vielleicht nicht, da sie ber die neue Wendung der Dinge mit ... mit
Hanna im siebenten Himmel ist. -- Ja, ich hatte ihr scherzweise etwas von
deinen Absichten angedeutet. Ich hatte das Maul etwas vollgenommen, so
etwa wie: meine ganze bisherige Ttigkeit wre eigentlich lauter
Vorarbeit und so weiter, und hoffte jetzt wirklich mit dem wirklichen
Werk mal anzufangen; was man so, um Seiten zu fllen, schreibt. Und da
lies mal geflligst den Dithyrambus! (Er wirft Murer den Brief hin):
Also! Was sollte mich also festhalten? -- vorausgesetzt, da von dem
Reisegeld etwas fr die Muler zu Hause brig bleibt.

Murer:

Was willst du mit siebenunddreiig Jahren, mein Junge, denn anders
gemacht haben als die Vorarbeit? Der Japaner Hokusai sagt: alles, was er
im Alter vor siebzig Jahren gemalt habe, sei nicht der Rede wert. Und du
willst im Alter des Schlers verzweifeln.

Schilling:

Na, Teufel, da will ich mir noch eine anstecken! -- (Merkbar erregt,
zndet er seine zweite Zigarre an): Weshalb auch nicht? -- Na, alsdann!
Versuchen wirs eben noch mal. -- Schneid htt ich eigentlich immer, blo
eigentlich keine Traute nicht. Es ist wahr, ich fhle mich hier etwas
anders. Ich fhle mich hier -- ich finde wirklich, da feste Entschlsse
ganz gnstig wirken! -- ich fhle mich hier sogar aufgefrischt! Ich knnte
beinahe glauben -- beinahe wieder glauben, es gibt auer dem
jammerwrdigen Sackhupfen nach der Krume Brot und hnlichen klglichen
Amsements noch einen anderen Zustand in der Welt. Die Erinnerung an ...
an ... an den Gestank fngt an zu verblassen in ... in der salzigen
Inselluft. Man bildet sich ein ... ganz ohne Spa, man bildet sich ein
... man fragt sich, ob man sich denn tatschlich in diesen verdammten,
rckwrtigen Trichter mu hineinziehen lassen? -- Warum denn? Nein! Ich
glaube das nicht! Ich werde mal ganz entschieden nein sagen! Warum la
ich nicht alles mal sitzen und liegen und hocken und quetschen und
stinken nach Herzenslust? Warum nicht? Denkst du vielleicht, ich kann
das nicht? Was denn? Sie saugen sich an wie die Blutegel, sie binden
einem Hnde und Fe delilahaft, sie gieen einem Blei ins Hirn, sie
knebeln einem das Maul mit Gemeinpltzen und pauken einem mit einem
tglichen Hagel von faustdicken Dummheiten das letzte bichen Ehrgefhl
aus dem Tempel raus. Sucht mich im Peloponnes, meine Herrschaften!
(Whrend seines halb ernsten, halb drolligen Ausbruchs hat Schilling
sich erhoben und luft umher. Gemeinsames Gelchter beider Freunde
beschliet die Rede.)

Murer:

Bravo! Man mu sich die Leber mal freipulvern!

     Schilling entdeckt pltzlich das Schirmchen der Hanna Elias. Er
     nimmt es auf und besieht es von allen Seiten.

Schilling

     (immer noch in Betrachtung des Schirmchens vertieft):

Sage mal, wem gehrt denn das?

Murer

     (das Schirmchen prfend):

Das wird 'n Schirmchen von Lucie sein! -- Aber nein: die trgt ja nie
solche Dinger.

Schilling

     (betrachtet das Schirmchen, blickt dann mit einem fragenden
     Ausdruck in Murers Augen, dann wieder auf den Schirm, den er
     aufspannt. Er untersucht den Griff, liest von einem
     Silberplttchen):

-- Zum 13. Juni 99 -- (sieht wiederum Murer an, tut wie abwesend einige
Schritte langsam und dumm lchelnd auf die Flurtr zu, bleibt stehen,
schliet das Schirmchen, sagt halb abwesend, mit dem Ausdruck der
Verlegenheit): -- Ganz unbegreiflich! -- (scheint dann aufzuwachen und geht
mit den Worten): Entschuldige mich mal einen Augenblick! -- (durch den
Flur in das Gastzimmer, um Klas Olfers zu suchen.)

Murer

     (ergreift einen Spazierstock und stt dreimal gegen die
     Zimmerdecke. Sogleich verstummt das Geigenspiel und Lucie kommt die
     Treppe heruntergepoltert und ins Zimmer.)

Lucie:

Ist Schilling hier?

Murer:

Nein. Was ist denn los?

Lucie:

Ich habe in diesem Augenblick oben auf dem engen Gange zwischen den
Zimmern eine Dame getroffen, die sah wie Hanna Elias aus!

Murer:

Hanna Elias? Das ist ja unmglich. Hast du sie angeredet?

Lucie:

Nein. Ich war so verdutzt, ich htte kein Wort hervorgebracht. Und
auerdem war ich auch nicht ganz sicher. Es ist in dem Gange nicht hell
genug.

Murer:

Deshalb wirst du dich auch wahrscheinlich getuscht haben; -- das heit
--: Schilling hat eben jetzt hier ein kleines grnes Schirmchen entdeckt!
-- Sollte das Unheil doch in der Luft liegen? -- Na, jedenfalls red ich
mit ihr kein Wort.

Lucie

     (hlt noch immer die Klinke der Tr, die sie hinter sich zugezogen
     hat, fest):

Fragen wir doch mal Olfers, Ottfried!

Murer:

Oder hole doch mal das Fremdenbuch! Ich sah vorhin schon den Olfers, der
ja doch neugierig wie ein Rotschwanz ist, mit der fettigen Kladde um die
Zimmertren der Fremden herumschleichen.

     Lucie eilt resolut in das Gastzimmer hinber und ist sogleich mit
     dem Fremdenbuch wieder bei ihm.

Lucie

     (hat das Fremdenbuch auf den Tisch gelegt, blttert hastig):

Also -- -- : Frau Hanna Elias! -- Hier stehts.

Murer

     (er tritt heran, berzeugt sich, da der Name wirklich dasteht, und
     Lucie und er blicken einander lngere Zeit sprachlos an, dann sagt
     er):

Das ist doch tatschlich ein -- Aas, dieses Frauenzimmer!

Lucie:

Pst. Ottfried! Ich glaube, sie kommen schon.

Murer:

Dann kriech ich durchs Fenster, liebes Kind. Ich kann diese blutleere
Fratze nicht sehen. Diesen lemurischen Wechselbalg. Ich kriege das
Grausen vor dieser Larve. Ich frchte mich, wenn ich nachts unter einem
Dache mit diesem Gespenste bin. Ich bin berzeugt, es springt ihr nachts
eine weie Maus oder was hnliches aus dem offenen Mund und saugt sich
einem im Schlaf an die Pulsader. Adieu: komm nur nach, ich kneife
aus! -- (Er steigt, whrend man die Stimmen von Hanna Elias und Schilling
laut auf der Treppe hrt, eilig zum Fenster hinaus.)

Lucie:

Ottfried, Ottfried! Sei doch nicht unsinnig. --
     (Sie ist allein und wird von lautlosem Lachen geschttelt. Nachdem
     sie ein wenig die Fassung gewonnen hat, horcht sie an der Tr und
     wischt dann, diese aufstoend, ebenfalls schnell hinaus.)

Hanna Elias und Schilling kommen jetzt die Treppe herunter, dieser voran
ins Zimmer, sie folgt.

Schilling

     (dessen Antlitz jh von einer bengstigenden Blsse befallen ist):

Sie sind nicht mehr da. -- Sie sind schon fort. -- Wahrscheinlich schon an
den Strand gegangen. -- Wart, ich hng deine Jacke auf, oder ... willst
du den Hut aufbehalten? -- (Seine Bewegungen sind unsicher, seine Hnde
zittern vor Erregung. Er steckt den Kopf durchs Fenster hinaus und
ruft): Ottfried! Ottfried! Frulein Lucie! -- Nein! -- Nun setz
dich, Hanna. Das ist unsere separate Klause hier. Olfers hat sie
uns eingerumt, damit wir nicht immerfort von den Gemeinpltzen
der anderen Gste belstigt werden. So! -- (Die Tr ist
geschlossen, er schliet auch noch das Fenster.) Jetzt aber bitte
ich dich, klre mich auf.

Hanna

     (nur auf dem Rande eines Stuhles sitzend, die Arme ausgestreckt auf
     dem Tisch ruhen lassend, zerpflckt ein Papier):

Du bist nicht sehr froh, da ich bei dir bin?!

Schilling:

Ich bin zunchst mal berrascht, liebe Hanna. Das kann schlechterdings
auch nicht anders sein, wie du zugeben wirst. Alles andere ist dabei
Nebensache.

Hanna

     (wie vorher):

Ja, das sagst du -- : fr mich leider noch immer nicht.

Schilling:

Hanna, du sollst mich nicht falsch verstehen. Natrlich freu ich mich,
da du da bist, aber sag mal selbst -- erwarten konnt ich dich doch nach
dem, was geschehen ist, nicht; und nun gar auf dieser entlegenen
Insel. -- (Er reit pltzlich wieder das Fenster auf und ruft):
Ottfried! -- Es war mir, als ob ich seinen Schritt hrte.

Hanna

     (wie vorher):

Das klang ja beinah wie ein Hilferuf!

Schilling:

Mich beunruhigt nur, wenn sie nicht Bescheid wissen. Wir pflegen nmlich
fast jeden Morgen in die Gegend des Leuchtturms hinaufzugehn, oder
treffen uns an der Kirchhofmauer im Kloster, wo man einen umfassenden
Ausblick hat. Ich will nur, da sie nicht auf mich warten.

Hanna:

La dich nicht stren, Gabriel, wenn du vielleicht eine Verabredung
hast.

Schilling

     (gutmtig aufbrausend):

Wie? Was? Du spaest wahrscheinlich, Hanna.

Hanna

     (nach lngerem Stillschweigen):

Ja -- um dir nun doch die Aufklrung einigermaen zu geben, die ich dir
vielleicht schuldig bin: wir wohnen zur Kur in Breege auf Insel Rgen
drben. Und zwar war ich letzten Freitag beim Arzt und er also hat uns
dorthin geschickt -- und da hrten wir auf dem Schiff ganz zufllig von
Ottfried Murer, da er auf Fischmeisters Oye ist. Und da ich schon in
Berlin erfuhr, du bist mit Ottfried Murer zusammen, so wut ich auch
deinen Aufenthalt.

Schilling

     (mitrauisch):

Der Arzt hat dich nach Breege geschickt?

Hanna:

Ich hatte wieder drei Tage lang Bluthusten.

Schilling

     (nervs, als habe er selbst diesen Husten):

Menschenkind! Da du nicht einmal grndlich Wandel schaffst! Es ist ja
horrend, was du armes, schwaches Geschpf mut durchmachen. (Er hat
impulsiv ihre Hand ergriffen. Leise macht sie sich los und nestelt ihren
Hut vom Kopfe.)

Hanna:

Und dabei kam ich eigentlich fr den Arzt nicht einmal in Betracht. Ich
hatte ihm gar nicht von mir gesprochen.

Schilling

     (streicht ber das nun freigelegte Haar):

Und also von wem?

Hanna:

Ach, es betraf nur, du weit, meinen Kleinsten. Es betraf nur ...

Schilling:

Den kleinen Gabriel?

Hanna:

Er kann sich noch immer nicht recht grade aufrichten.

Schilling

     (verfinstert sich pltzlich und geht mit dsterem und verbittertem
     Gesichtsausdruck auf und ab, nachdem er seine Hand von dem Scheitel
     Hannas genommen hat):

Liebe Hanna, ich habe die Welt nicht gemacht. Es tut mir leid: ich bin
fr die grausige Spahaftigkeit des Daseins nicht verantwortlich. Wenn
ich knnte, so wrd' ich den kleinen, erbrmlichen armen Schlucker von
Jungen sofort gesund machen. Es ist mir unmglich. Ich kann es
nicht! -- Ich habe Tage und Nchte gehabt ... es geht nicht! -- Hanna, ich
kann nicht mehr! -- Ich kann nur dem Fatum seinen Lauf lassen.

Hanna:

Es ist gut, da das Fatum ist!

Schilling:

Wieso?

Hanna:

Man kann auf das Fatum vieles abwlzen.

Schilling

     (schweigt, hlt mit beiden Hnden seine Schlfen und blickt, von
     Hanna, abgehetzt, verzweifelt, gegen die Zimmerdecke; so stehend,
     sagt er nach einer Weile):

Weshalb bist du gekommen, liebe Hanna?

Hanna

     (wie vorher, ruhig, aber mit bebender Stimme):

Weil ich nicht ohne dich sein kann, Lieb.

Schilling

     (aus gepeinigter Seele, wie unter einem neuen Peitschenschlag):

Das ist eine Lge! Das glaub ich dir nicht!

Hanna

     (sehr ruhig, sehr bleich):

Wieso ist das eine Lge, Liebling?

Schilling

     (nach einigem Stillschweigen, mit scheinbarer Festigkeit):

Hanna, dies alles liegt hinter mir. Ich bin soweit ... ich habe es
hinter mich gebracht ... mit Gottes Hilfe nun berwunden. Ich habe es
mit unendlicher Mhe, sag ich dir, endlich in den gehrigen Abstand von
mir gebracht. Es ist nicht anders. Es ist zu Ende!

Hanna:

Gut! (Sie erhebt sich.) Du bist gegen mich eingenommen durch irgendwen.
Irgendjemand, den ich nicht fassen kann, hat mich in deine Ohren
verleumdet. Gut! Ich werde dir aus dem Wege gehen. Obgleich ich nicht
wei, womit ich gefehlt habe. Aber, Liebling, ich bitte dich, sofern es
dir irgend genehm sein sollte: nimm mir den marternden Schmerz der
nagenden Grbelei aus der Brust; gewhre mir, wenn es sein kann, die
eine letzte Gelegenheit, den Schandfleck von meinem Leibe zu waschen,
der ihn in deiner Erinnerung sonst fr ewig entstellen wird: Wie habe
ich dich belogen, Liebling?

Schilling:

Frage, wo du mich nicht belogen hast! Ich gebe ja zu, da es fr eine
Frau, wie dich, fr eine so geniale Frau nicht immer so absolut leicht
ist, Lge von Wahrheit zu unterscheiden. Aber la das! Erpresse mir
diese bittren Bekenntnisse nicht! -- Es ist nicht schn, wenn die Leute
abrcken; glaube mir, es war kein erhabener Moment, als mir der erste
den Rcken kehrte -- dann der zweite, der dritte, der vierte Schlaukopf
im Knstlerklub. Das ist keine spahafte berraschung, die einem da
widerfahren ist! Aber Teufel, was wre mir schlielich das!? Auch da
ihr beide, dein Herr Gemahl und du, mich in eure stliche
Schmutzfinkenwirtschaft eingewickelt habt, in eure kaltbltig vorher
abgekartete Trennungskomdie, ist es nicht! Eure Vorurteilslosigkeit
lie das erwarten. Was aber hernach deine wunderbare Liberalitt gegen
deine Landsleute dir tatschlich noch mglich machte, das zu berhren
fehlt mir der Handschuh auf der Hand.

Hanna:

Verleumdung!

Schilling:

Richtig! (Er zndet die ausgegangene Zigarre wieder an und sagt kalt,
mit verndertem Ton): Sag mal, Hanna, wann wirst du abreisen!

     Ihn berkommt nun pltzlich eine auffallende Gleichgltigkeit. Er
     lt sich auf das Sofa fallen, pafft, und scheint sich
     ausschlielich seiner Zigarre zu widmen. Hanna dagegen schreitet
     nun erregt im Zimmer umher.

Hanna:

Dies ist, wie mir scheint, hier ein Gasthaus fr jedermann, der die
Zeche nicht schuldig bleibt! -- Ich werde reisen, wann mir's
beliebt. -- Ich werde keinesfalls vor dem morgenden Tage abreisen! --
Schon deshalb nicht; ich habe eine Freundin aus Ruland mit und kann
mich unmglich lcherlich machen.

Schilling:

Warum hast du die Freundin mitgebracht?

Hanna:

Warum lebst du denn hier mit deinen Freunden? -- Mir liegt nichts an ihr,
ich brauche sie nicht. Nun also: Sie hat sich an mich gehangen, sie ist
ohne Bekannte in Berlin; -- sie ist eine harmlose kleine Person; und ich
bin ein Weib, von allen verlassen. (Sie steht am Fenster und weint
leise.)

Schilling

     (nach lngerem Stillschweigen, leise):

Ich rate dir, wieder zu deinem Mann zu gehn.

Hanna

     (fhrt auf, mit leidenschaftlicher Heftigkeit):

Nie! Niemals! Warum sagst du das, Gabriel? Wo du doch weit, wie bis ins
Herz hinein mich das krnkt. Ich habe nichts mehr mit ihm zu tun. Ich
werde mit meinem Kind trockenes Brot essen, aber niemals werd ich auch
nur einen Pfennig bei ihm erbitten gehn. Viel lieber selbst nach Odessa
zurck und von dort mit dem Kinde im Arm nach Sibirien.

Schilling

     (erhebt sich, seufzt tief und geht umher.)

Hanna:

Ihr qult eine Frau, das vermag nur der Deutsche!

Schilling:

Gut, Hanna, nehmen wir das mal an! -- Jetzt sei so gut, Hanna, beruhige
dich! Ja? La deinen bewhrten Verstand mal aufleuchten! -- La mich!
Verfolge mich einige Wochen, einige Monate lang nicht! Die Sache ist
die: ich bin nicht mehr ich! Mein ganzes Wesen, meine ganze
ursprngliche Art zu sein, ist durch das Leben mit dir umgebildet;
glaube mir, da ich mir selber entfremdet bin. Ich bin alledem entrckt
und entfremdet worden, womit und wozu ich geboren bin, und wodurch ich
allein existiere und wachse. Das hab ich verloren, das suche ich nun.
Und dazu mu ich allein sein, Hanna. Ich mu mich besinnen, ich mu
blindlings fast wieder zum Kinde werden! Erst wieder neu gehen lernen,
genau wie ein Kind!

Hanna:

O, ich wei wohl; ich kenne die ganze Intrige. Ich kenne den Mann, der
ihr Urheber ist. -- Er hat mich gemieden von Anfang an; schon als du uns
das erstemal vorstelltest, wute ich gleich, er ist mein Feind. -- Nun,
ich verlange von ihm nicht Gerechtigkeit -- aber wenn er behauptet, und
wenn er sagt, er wolle dein Bestes mehr als ich ... wenn Ottfried Murer
das sagen will, Gabriel, so achte ich diese niedrige Lgen auch nur im
allergeringsten nicht!

Schilling

     (pret ihr Handgelenk, wird von einer anderen Empfindung mehr und
     mehr berwltigt):

Verstehe! Begreife, geliebte Hanna! Ich mchte schreien ... ich mchte
dir klar machen ...

Hanna:

Und ich wnschte, ich wre weit fort von hier!

Schilling

     (in heier Umarmung):

Bleib! Bleib! Verzeih mir, geliebte Hanna!




Dritter Akt


     Zwischen zwei Sandhgeln zieht sich ein breiter Feldweg nach dem
     Hintergrunde zu, zwischen anderen Hgeln, gegen das Meer hin
     verschwindend. In dem Winkel, den die ferneren Hgel bilden, steht
     die See als tiefblaue Wand. Darber das hellere Blau des
     wolkenlosen Himmels. Rechts vom Wege, im Vordergrund, liegt ein
     wenig hher hinauf ein Kirchhof; ein Teil seiner niedrigen
     Umfassungsmauer ist sichtbar, ber die Mauer ragt ein altes
     Kruzifix. Ziemlich weit vorn steht, in die Mauer eingebaut, die
     kleine alte, mit Schindeln bedeckte Leichenhalle. Auer einem
     zerzausten Hollunderstrauch an der oberen Ecke, auerhalb der
     Mauer, zeigt sich keine Vegetation. Nahe bei diesem
     Hollunderstrauch ist aus vier Pfhlen und einem Brett vor Jahren
     eine Bank errichtet worden, die stark verwittert, noch steht. Links
     vom Wege liegt ein imposantes, aber stark verfallenes Mauerwerk,
     Reste eines alten Klosters. Das besterhaltene Stck ist ein
     Torbogen aus braun-rtlichen Ziegelsteinen. Einige sehr alte
     Pappeln und Eschen erheben sich dahinter. Etwas romantisch Dsteres
     liegt ber diesem Gebiet.

     Nicht mehr als zwei Stunden sind vergangen seit den Geschehnissen
     im zweiten Akt.

     Lucie liegt unweit der kleinen Bank lesend im Thymian. Murer kommt
     vom Meer her den Weg hervor und zu ihr.

Murer:

Bravo! Du bist noch allein, Schusterchen. Puh! Ich frchtete, es wrde
womglich um dich her schon russisch gesprochen. Eine verfluchte
Geschichte ist das!

Lucie:

Ich glaube, der arme Schilling mit seinen Damen kommt nicht, er frchtet
sich.

Murer:

Wie kann man um Gottes willen ein Weib so wenig im Kusch halten, da sie
einem wie eine Bracke berall auf der Fhrte liegt! Die ganze Insel ist
mir verleidet. Sie hat lngst, kannst du mir glauben, die Witterung, da
wir mit Schilling etwas vorhaben. Das mu sie durchkreuzen. Davon hlt
sie kein Anstandsgefhl und nichts in der Welt berhaupt zurck. -- Aber
sie kann ganz sicher sein, ich habe mir das jetzt auf meinem Gange alles
durchberlegt -- sie hat in mir einen zum letzten entschlossenen Gegner
gefunden. Diese Beute jag ich ihr ab.

Lucie:

Vielleicht steht es gar nicht so schlimm, wie du denkst, Ottfried, und
Schilling hat Energie genug fr sich allein.

Murer:

Sobald sich's um Energie handelt, trau ich ihm nicht. Nein! Besonders
jetzt nicht. Da drfte doch ein sehr entschiedenes Nachhelfen unbedingt
ntig sein; daran soll es nicht fehlen, ich werde schon nachhelfen.
Aber, ob es gegenber ihrer berlegenen weiblichen Strategie und ihrem
Arsenal gegenber was ntzen kann, wei ich nicht.

Lucie

     (lacht):

Du wirst sie mir schlielich noch ganz interessant machen.

Murer:

Da sie interessant ist, leugne ich nicht. Ich mu sogar manchmal an
Goya denken. Ich kann mir ohne Schwierigkeit vorstellen, da sie dort
oben (er weist auf den Kirchhof) hinter der Mauer zu Hause ist, in
Grbern haust und in Ewigkeiten verurteilt sein knnte, sich durch
heigesogenes Mnnerblut fr ein grausiges Scheindasein aufzuwrmen.

Lucie

     (lachend):

Wenn das wahr wre, mte man ihr verzeihn.

Murer:

Durchaus nicht. Ich htschele keine Gespenster.

Lucie:

Wenn ich dir nun aber sage, Ottfried: ich wei nicht, wieso mir hier
alles gespenstisch ist; das Meer am Tage, das ununterbrochene Wuchten
und Brausen der Brandung die ganze Nacht! Die Sterne, die Milchstrae
ist mir gespenstig! Und ich freue mich, da alles hier so gespenstig
ist! Deshalb lieg ich auch hier an der Mauer so gerne.

Murer:

Ich kann dir eine andre Empfindung zugeben, die den meisten Menschen
abhanden gekommen ist: das klare Gefhl, das sich hier ununterbrochen
meldet, da hinter dieser sichtbaren Welt eine andre verborgen ist. Nahe
mitunter, bis zum Anklopfen. Dieses Gefhl soll dir, wenn du das meinst,
erlaubt sein, Schusterchen. Im brigen aber bin ich fr dich
verantwortlich, und ich habe eigentlich, als ich dich mit hierher nahm,
nicht den Gedanken gehabt, dich in trbe Vorstellungskreise
zurckzuverwickeln.

Lucie:

Du meinst, da mir das Trumen von Mutter was Trbes ist?

Murer:

Mit offenen Augen soll man nicht trumen; am hellichten Tage trumt man
nicht. Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, da alle diese Gespenster
Blut trinken. Und das auf die Dauer auszuhalten, haben wir alle nicht
Blut genug.

Lucie:

Du irrst dich, wenn du meinst, da mir der eigentmliche Zustand, dem
ich so gern hier nachhnge, schdlich ist. Er wirkt angenehm; er ist mir
wohlttig. Es ist ungefhr so, als wenn jemand durch eine Tr in
unbekannte Rumlichkeiten gegangen ist, und whrend die Tr sich ffnet
und schliet, folgt man ihm mit dem Blick und der Seele ein Stck ins
Unbekannte hinein.

Murer:

Ich wei, wie sehr dieser Zustand verlockend ist ... dieser
Zwischenzustand, knnte man sagen, wo das Schemenhafte sich berall ins
reale Leben mischt; wo man mit einem Fu auf der Erde steht und mit dem
andern im bersinnlichen. Und doch schaudert der Mensch vor dem Eindruck
von Todesfllen und den damit verknpften aufwhlenden Folgezustnden
ganz vernnftigerweise zurck.

Lucie:

Es ist mir heiter, es ist mir nicht aufwhlend. Ich wiege mich einfach
in dem bestimmten Bewutsein, da ich mit Mutter verbunden bin. -- Es hat
auerdem alles um mich etwas eigentmlich Interimistisches. Ich wei
nicht, ich glaube nicht, da das alles: das Rauschen, das Licht, das
Lerchengetriller endgltig ist.

Murer

     (legt den Arm um Lucie):

Aber hoffentlich sind wir beide endgltig.

Lucie:

Meinst du, Liebster? Ich wei es nicht! (Er kt sie inbrnstig.)

Murer:

Dich nehm ich in alle Ewigkeit ber alle Fixsterne und Planeten des
Weltalls mit.

Lucie:

Wirklich?

Murer:

Was hast du denn eigentlich, Lucie?

Lucie:

Nichts. (Sie sieht ihn mit groen, feuchten Augen grade an): Ich denke
nur manchmal -- man sieht es zum Beispiel auch in der Sache mit
Schilling -- da wenn bei dir Liebe und Kunst in Konflikt kommen, da dir
dann die Kunst das vor allem Wichtige ist.

Murer:

Ja, aber bei uns gehen sie Hand in Hand, kleines Liebchen.

Lucie:

Hat diese Hanna nicht vor zwei Jahren noch einen Sohn gehabt?

Murer:

Sie behauptet sogar von Schilling.

Lucie:

Nun, und?

Murer:

Jawohl, es kann ganz gut mglich sein. Es ist ein entzckender blonder
Strunk; nur leider, wie's scheint, nicht recht lebensfhig.

Lucie:

Na, und Schilling?

Murer

     (zuckt mit den Achseln):

Er hat mir die Photographie gezeigt. -- Das Schicksal eines Kindes, Lucie,
ist whrend der ersten Jahre die Mutter. Sie vernachlssigt es, weil sie
lieber Tee trinkt und in Wiener Cafs mit verlumpten Studenten
kannegieert. Wenn sie es braucht gegen Schilling, denkt sie daran. Ich
wundre mich berhaupt, da sie diesmal auf den Effekt, mit dem Kindchen
im Arm als verlassene Mutter aufzutreten, verzichtet hat.

Lucie:

Eigentlich bist du sehr hart -- doch ich hab dich lieb, Ottfried.

Murer

     (lacht):

Dafr bin ich dann auch ein Dauerspielzeug. -- Oder ist es nicht wahr,
da ihr, wie Kinder, was ihr liebt, am liebsten zunichte macht?

Lucie:

Pst, Ottfried! Sie kommen. Wir wollen ihnen um Schillings willen
entgegengehn.

Murer:

Ungern, uerst ungern, Schusterchen.

     Auf dem Wege im Hintergrunde tauchen Kpfe auf. Schilling, Hanna
     Elias und Frulein Majakin. Lucie ist elastisch aufgesprungen,
     Murer erhebt sich langsam und widerwillig, geht aber, nachdem er
     sich abgeklopft hat, mit Lucie den Ankommenden entgegen.

Schillings Stimme:

Kuui!

     Murer antwortet nicht im Weiterschreiten. Im Hintergrund findet
     dann die Begegnung statt. Von der Begrung sieht man die
     Verbeugungen und hrt undeutliche Stimmen. Wiederum fliegt eine
     Mve von links hinten nach rechts vorn durch das Dnental ber den
     Kirchhof. Nach einiger Zeit lsen sich Murer und Frulein Majakin
     aus der Gruppe und kommen nach vorn. Die brigen bewegen sich in
     der Ferne die Hgel links hinauf, stehen einige Zeit in den
     Anblick des Meeres versunken und verschwinden dann aus dem
     Gesichtskreis.

Murer:

Sie kennen Frau Hanna Elias schon lange?

Frulein Majakin

     (langsam und berlegt redend, in der Aussprache die Russin
     verratend):

Oh nein! Ich kenne sie erst seit kurze Zeit. Wir trafen zusammen auf
eine Sitzung in Berlin dieses Frhjahr von die letztverwichene groe,
internationale Frauenkongre. Mein Vater ist Arzt, meine Mutter ist tot.
Ich reise schon seit vier Jahren mit meinem Papa in Europa umher. Er hat
seine ... wie man sagt? Praxis? -- er hat seine Praxis aufgegeben.

Murer:

Ich war der Meinung, Ihre Bekanntschaft mit Frau Hanna datiere sich
schon von Ruland her.

Frulein Majakin:

Oh nein! Wie gesagt, erst seit kurze Zeit. Aber ich bewundre sehr Frau
Hanna, ich verehre ihr sehr, ich liebe ihr sehr. Ich finde, sie ist eine
Frau von Bedeutung, sehr berraschend, sehr wunderbar interessant und
klug.

Murer:

Worin sehen Sie ihre Bedeutung, mein Frulein?

Frulein Majakin:

Ich liebe nicht Frauen, die Sklavinnen sind, und die sich ihr Recht am
Dasein verkmmern lassen. Ich verehre ihr sehr, ich verdanke sie viel.
Ich kann beinah sagen, sie hat mir zu eine neue Religion ... zu die
Religion von Schnheit verholfen.

Murer:

Haben Sie denn in Ruland nicht solche Frauen massenhaft?

Frulein Majakin:

Nein. Wir haben Frauen, sie sprechen den ganzen Tag von die Politik und
gar nicht von Kunst. Sie sind oberflchlich. Man sieht selten sie
fasziniert von Kunst. Und es ist sehr schn zu bemerken, wie sehr
fasziniert von die groe Kunst von Professor Schilling Frau Hanna ist.

Murer

     (mit einem sardonischen Lcheln, das liebenswrdig sein soll):

Tja! Das ist sehr hbsch, was soll man da sagen? -- Und Sie haben nun
also die Religion von Frau Hanna auch in sich aufgenommen? Was?

Frulein Majakin:

Nun, ich bin leider noch jung und sehr ungelehrt. Ich kann mir natrlich
nur wenig von ihre Verstndnis anmaen. Sie mssen mit mir, wenn ich
bitten darf, nachsichtig sein. Aber ich habe sogleich in die
Nationalgalerie begriffen, da Professor Schilling ein groer Knstler
ist.

Murer:

Wo haben Sie das begriffen, mein Frulein?

Frulein Majakin:

In das Museum zu Berlin, wo mir Frau Hanna so freundlich war und hat mir
vor die berhmte Werke von Professor Schilling gefhrt.

Murer:

Ich glaube, wenn Sie das mal dem guten Schilling sagen, da er Professor
ist und Werke in der Nationalgalerie hat, wrden Sie ihm einen
diebischen Spa machen.

Frulein Majakin:

Wie sagen Sie?

Murer:

Nichts. Es war weiter nichts.

Frulein Majakin:

Es ist schade um diesen bedeutenden Menschen.

Murer

     (nachdem er sie verdutzt eine Weile von der Seite angesehen hat):

Das stimmt vielleicht. Ich hoffe indes, da es noch nicht zu spt mit
ihm ist. Woher kommt Ihnen aber die Einsicht, mein Frulein?

Frulein Majakin:

Oh, es ist nicht so schwer, in seine fieberhaft peinvolle Augen zu lesen
und in die Linie von sein schweres Leiden in seine schnen, verfallenen
Gesicht.

Murer

     (beinah erschrocken):

Meinen Sie, da er krperlich leidend ist?

Frulein Majakin:

Von seine psychische Leiden spreche ich begreiflicherweise nicht.

Murer:

Nun, es macht mir eigentlich jedesmal Spa, wenn Leute ber Schilling
erschrecken. Es geschieht nmlich meistens, wenn sie ihn sehen, beim
erstenmal. Schon vor achtzehn Jahren sah Schilling so aus. Er selbst
pflegt immer den Witz zu machen, man knne durch dunkle Ringe um beide
Augen die Welt viel genauer und grndlicher sehn.

Frulein Majakin

     (ohne darauf einzugehen):

Denken Sie, ich habe mir nach die Radierungen, die ich sehr liebe, in
die Kupferstichkabinette zu Petersburg von Ihre Person, Herr Professor,
auch eine solche Idee gemacht.

Murer:

Wieso? Sie kennen meine Radierungen?

Frulein Majakin:

Oh, ich habe sie schon im zwlften, dreizehnten Jahr durch meinen Papa
in die russischen Sammlungen kennen gelernt.

Murer:

Wenn Sie einen solchen Papa haben, brauchen Sie doch eine Hanna Elias
nicht!

Frulein Majakin:

Ich habe gedacht an eine lange, bleiche Gestalt mit kohlschwarze Augen
und dnne Lippen, an einen Mensch, der vor die viele groe und
furchtbare Visionen wie von eine Fieber ausgehhlt und gefoltert ist.
Und nun sehe ich eine gesunde Gelehrten.

Murer

     (zuckt mit den Achseln, lacht):

Ja, so geht's einem, Frulein, wie das so ist. Man mu nie den
unverzeihlichen Fehler begehn, seinen Idealen zu nah auf den Leib zu
rcken.

     Sie sind whrend der Unterhaltung, zuweilen stehend bleibend,
     zuweilen schreitend, zu der kleinen Bank an der Mauer gelangt.

Murer:

Aber, bitte, wenden Sie nun Ihren Blick von dem unschuldigen Gegenstand
Ihrer Enttuschung einmal ab und betrachten Sie unsre wundervolle
Umgebung.

Frulein Majakin:

Sie lieben, scheint es, ber alles die Einsamkeit.

Murer

     (lustig erregt):

Ich bin ein Gott, wenn ich sechs bis acht Stunden tglich ausschlielich
mir berlassen bin. Ein Tag in Gesellschaft macht mich zu jenem
geschlagenen, ausgeplnderten, armen Mann, der von Jerusalem nach
Jericho zog und unter die Mrder fiel.

Frulein Majakin:

Oh, ich liebe Gesellschaft, ich liebe die Menschen!

Murer:

Und also gefllt Ihnen hchst wahrscheinlich unsre Insel, wo es keine
Wiener Cafs, keine Konzerte und keine Theater gibt, nicht?

Frulein Majakin:

Oh nein, ich begreife wohl, wie dies alles von eine bengstigend kalte
Gre und Schnheit ist. Nur ich leide in solche Umgebung an eine
schwere Empfindung von die eigne Geringfgigkeit und Verlassenheit.
Dagegen ich liebe, wie eine Gott: der Mensch! Mir sagen nichts diese
tote Sandhgel, wo nichts auf die Schrei meines Herzens hrt. Ich bin
fr ihr nicht, und sie sind fr mir nicht, und nur der Mensch ist dem
Menschen Gott, Himmel, Welt, Heimat und Zufluchtsort. Ich kann in die
tote Natur keine Sinn bringen.

Murer

     (verdutzt):

Wie alt sind Sie denn, Frulein Majakin?

Frulein Majakin:

Ich bin vor drei Tagen siebzehn geworden.

Murer:

Da gratulier ich nachtrglich noch!

     Lucie kommt in ihrer temperamentvollen Art ber die Dnen nach
     vorn.

Lucie:

Du lt uns ja auf hinterlistige Weise im Stich, lieber Ottfried!

Murer

     (khl):

Wieso?

Lucie:

Ich stre doch nicht hier ebenfalls?

Murer

     (kurz trocken):

Wieso ebenfalls? -- Keineswegs doch, Lucie.

     Lucie stutzt, lacht und nimmt mit einigem Abstand auf der Erde
     Platz. Sie zupft Halme aus und kaut sie, zugleich Murer und
     Frulein Majakin unauffllig beobachtend.

Lucie:

Dein schnelles Abbiegen hat, glaub ich, den guten Schilling etwas
gekrnkt, Ottfried.

Murer

     (antwortet Lucien durch einen Blick ber die Augenglser, wobei er
     erstaunt und mit Mibilligung ihrer Indiskretion den Kopf
     schttelt, schlielich wendet er sich mit Achselzucken von ihr ab
     und zu Frulein Majakin):

Wovon sprachen wir doch, Frulein Majakin?

Frulein Majakin:

Oh, verzeihen Sie, Herr Professor, was mgen dies wohl fr alte Ruinen
sein?

Murer:

Es sind Reste von einem Kloster einer alten, ehemaligen
Franziskaneransiedlung. Hier hausten die grauen Mnche von Stralsund.
Man findet noch alte Kellergewlbe, und ich wei bestimmt, wer an
Geister glaubt, der kann die Fratres und Patres noch sehen nachts ihre
Messe zelebrieren und Umzug halten.

Lucie:

Kannst du mir eigentlich sagen, Ottfried, ob dort nach Westen zu in der
See noch andre Inseln sind?

Murer:

Nein.

Lucie:

Ich hre den ganzen Tag, und zwar ununterbrochen, Glockenluten.

Murer:

Ich auch. Es kann eine Glockenboje, aber noch wahrscheinlicher absolute
Gehrstuschung sein.

Frulein Majakin:

Ich zweifle fast an die Wirklichkeit, wenn ich denke, da mich der
glhende Wunsch von meine unreife Mdchenjahre, Sie zu sehen, nun auf
diese unbekannte, einsame Insel, in diese fremde, sonderbare Umgebung
auf einmal ganz wunderbar erfllt worden ist. (Sie blickt auf ihre
Hnde, die etwas zerpflcken.)

     Schilling und Hanna Elias erscheinen im Hintergrund.

Schilling

     (mit faxenhaften Gebrden, schreiend):

Ahoi! -- Kuckuck! Ahoi, Kuckuck!

Murer

     (nervs beunruhigt):

Beinahe mchte ich gegen Sie ehrlich sein. Ich stimme nicht ... ich wei
nicht, woran es liegt ... ich sympathisiere mit Ihrer Freundin Hanna
Elias nicht. Ich gerate in einen, wir Deutsche nennen das rappligen
Zustand. Ich bin ungerecht, es reizt mich an dieser Persnlichkeit jede
Miene, jede Bewegung, jedes Wort. Wenn es Ihnen recht ist und Sie meine
Gesellschaft nicht lstig finden, so knnten wir ihnen vielleicht noch
fr einige Zeit, um die Kirchhofmauer herum, aus dem Wege gehn.

Lucie

     (mit Entschlossenheit):

Damit wrdest du Schilling bitter beleidigen!

Schilling

     (wie vorher, etwas nher):

Ahoi, Kuckuck!

     Der Kuckucksruf, den Schilling laut und ziemlich getreu nachmacht,
     wird vom Echo, aus der Gegend des Kirchhofs, jedesmal stark und
     deutlich wiederholt.

Murer

     (zuckt mit den Achseln, wird vor rger rot und sagt scheinbar
     gleichgltig):

Wo werden Sie denn im kommenden Winter sein, Frulein Majakin?

Frulein Majakin:

In Berlin. Mein Vater gedenkt bis zu Ende Mrz in die dortige Bibliothek
zu arbeiten.

Schilling

     (noch nher):

Kuckuck! -- (Echo: Kuckuck!) -- Ahoi! -- (Echo: Ahoi!) Hrt ihr
den Kuckuck, Kinder?

Murer

     (ruft dagegen):

Im Herbst einen Kuckuck? Botanik schwach!

Schilling

     (uerlich bertrieben forsch, in heimlich bettelnder
     Verlegenheit):

Ehrenwort, Ottfried! Kannst du nicht hren?

Lucie

     (zu Ottfried):

Du kannst dich auch berzeugen, da unter den toten Vgeln, die nachts
an den Scheiben des Leuchtfeuers zugrunde gehn, und die um den
Leuchtturm unten herum liegen, auch der Kuckuck ist.

Schilling

     (wie vorher):

Kuckuck! -- (Echo: Kuckuck) -- Kuckuck! -- (Echo: Kuckuck).

Murer:

Du bist ja recht spahaft aufgelegt.

Schilling:

Ihr lacht, weil ihr nicht wit, wer da eigentlich antwortet.

Murer:

Na, ich denke ein Kuckuck!

Schilling:

Ja Kuchen, Ottfried! Das ist der spahafte Anton mit der Sense, der
hinter der Leichenhalle sitzt! -- Hrt ihr ihn denn nicht dengeln, Kinder?
(Man hrt das Gerusch eines Dengelnden.) Kuckuck! -- (Echo: Kuckuck!
lauter, als vorher.) (Die Gesellschaft bricht in krampfhaftes Lachen
aus.) Wer hat gute Augen von den Herrschaften? Der lese mal, was hinten
auf dem Spritzenhaus, oder wollte sagen auf der Totenkapelle,
geschrieben steht!

Lucie

     (liest langsam und laut):

Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hlle,
wo ist dein Sieg? Erster Corinther fnfundfnfzig.

Schilling

     (mit theatralischer Geste und Wildheit):

Kuckuck! -- (Echo: Kuckuck!) -- Kuckuck -- (Echo) -- Kuckuck -- (Echo).

Murer:

Nanu hr aber mal auf mit dem gruseligen Unsinn.

     (Schilling ist mit Hanna Elias, die sehr bleich ist,
     herangekommen.)

Schilling

     (krampfhaft unbefangen):

Ich gestatte mir, vorzustellen: Ottfried Murer, Frau Hanna Elias,
langjhrige, brave Freundin meinerseits. Ein Knigreich fr ein Glas
Pilsener Bier, meine Herrschaften.

Murer:

Wieder verschwitzt -- Donnerwetter noch mal! Gleich, wenn wir zu Hause
kommen, wird nach Stralsund telegraphiert, und morgen hast du ein ganzes
Fa davon.

Hanna

     (laut zu Frulein Majakin):

Er war schrecklich niedergedrckt, wie er sagt, und nun ist ihm die
heitere Laune wiedergekommen.

Schilling

     (mit ironischer Begeisterung):

Das ist die unendliche Freude, Freude, Freude, mein liebes Kind!

Hanna

     (finster):

Oh, ich nehme nicht an, da etwa nur ich die einzige Ursache deiner
Freude bin. Dennoch fhl ich sehr wohl, wie wichtig es war, hierher zu
kommen.

Schilling

     (mit ironischem Pathos):

Ich danke, du opferfreudiges Weib.

Murer:

Vielleicht interessiert es Sie, Frulein Majakin, einen Blick auf die
rmlichen, namenlosen Grber zu tun.

Schilling:

Willst du dich wieder drcken, Ottfried?

Murer:

Mich drcken? Wieso? Ich verstehe dich nicht.

Schilling:

Weil dir vielleicht die Gesellschaft eines Knstlers, der nicht so viel
solides Sitzfleisch hat wie du, strend ist.

Murer

     (schneidend):

Ich stehe bei meiner Arbeit meistens. -- Wir kommen gleich wieder; ich
zeige der Dame nur mal einige der eigentmlichen Inschriften, die auf
dem Kirchhof sind.

Schilling:

Ein toter Heuschreck hopst nicht mehr.

Murer:

Wie meinst du?

Schilling:

Das wre auch so 'ne nette Inschrift. Dort oben liegen nmlich Leute,
die ohne zu wissen wie auf diese Insel gekommen sind.

Murer:

Jawohl, es sind gestrandete Seeleute.

Schilling:

Sie sind sonst ziemlich mit heiler Haut, die Fe voran, hier angelangt.
Nur mit etwas durchnten Unterhosen. Aber die trocknen schon wieder mit
der Zeit. Manche ohne Hut, einige sogar ohne Strmpfe. Einem wackren
Seemanne macht das nichts! Man kann ja pumpen, pumpen, pumpen sein Leben
lang.

Murer:

Wenn das deine neuerworbene gute Laune sein soll, lieber Schilling, dann
wnsch ich mir wirklich deine sogenannte schlechte Stimmung von heute
morgen zurck! -- Entschuldige uns einen Augenblick.

     Murer entfernt sich mit Frulein Majakin, und man sieht ihn durch
     eine kleine Gitterpforte den Kirchhof betreten. Schilling blickt
     ihnen nach, zuckt die Achseln, lacht kurz in sich hinein, nimmt auf
     der Bank Platz und zieht Hanna neben sich, mit dem Blick immer noch
     das Paar auf dem Kirchhof verfolgend. Alsdann fhrt er schnell
     herum und sieht mit einem verlorenen Lcheln Lucie an, die noch
     ruhig im Sande liegt.

Schilling:

Ja ja, so geht's in der Welt, Frulein Lucie.

Lucie

     (antwortet, in dem sie Thymian in der Handflche reibt, mit
     Bedeutung):

Der Mensch denkt, und der Kutscher lenkt.

Hanna:

Gott sei Dank, ich habe es schon auf der Zricher Universitt verlernt,
mir von Mnnern, die unhflich sind, imponieren zu lassen.

Schilling:

Und auch Leute, die auf ihren Erfolgen, wie auf Stelzen gehn, imponieren
mir nicht.

Lucie:

Das kommt Ihnen nicht aus dem Herzen, Schilling. -- (Sie erhebt
sich): -- brigens, Schilling, wenn Ottfried wiederkommt, und er etwa
mich, was ich nicht glaube, vermissen sollte, sagen Sie, bitte, ich wre
zuhaus.

Schilling

     (mit Beziehung auf Frulein Majakin, Luciens Worte wiederholend):

Der Mensch denkt, und der Kutscher lenkt! Es ist kein Verla in solchen
Sachen. Die berraschungen hren nicht auf. -- (Mit Augenzwinkern): --
Wollen wir mal schlau nach dem Rechten sehn?

     Schilling hat sich erhoben und schleicht mit komischer Vorsicht,
     als ob er Murer und Majakin belauschen wollte, gegen die
     Kirchhofmauer, die er erklettert.

Lucie

     (unwillkrlich lachend):

Fallen Sie blo nicht da runter, Schilling!

Schilling:

Und besonders nicht nach innen hinein!

Lucie:

Nein; lieber, wenn's geht, noch mal nach auen.

     Schilling tut einen absichtlich komischen Fall von der Mauer nach
     auen. Lucie luft lachend davon und verschwindet. Schilling steht
     da und putzt sich die Kleider ab.

Hanna:

Gabriel, hast du dir weh getan?

Schilling:

Keine Spur! Ich glaube, ich rutschte freiwillig runter. -- (Sie an sich
ziehend, hei, ihr ins Ohr): -- Woll'n wir nochmal in die Dnen
gehn? -- Bernstein suchen, mein ich natrlich.

Hanna

     (bleich und erregt):

Tu alles nach deinem Belieben mit mir.

Schilling:

Komisch, die wilden Schwne, die ber uns hinleierten! Bist du
erschrocken?

Hanna:

Ein wenig!

Schilling:

Ich nicht. Meinethalben knnten es Viecher mit Klauen gewesen sein, ich
htte dich doch nicht losgelassen! Du Schwarze, du Schneekhle, du Braut
von Korinth! -- (Er stutzt): Siehst du Murer?

Hanna:

Gott sei Dank, nein, ich sehe ihn nicht.

Schilling

     (schadenfroh, geheimnisvoll):

Er hat auf die Majakin angebissen.

Hanna:

Nun, weder als Knstler, noch auch als Mensch, ich bewundere ihn nicht.
Er kann nur wehrlose Frauen beleidigen.

Schilling

     (mit spahafter Entrstung):

Ja, es ist wahr, Hanna; soll ich ihn fordern?

Hanna:

Du scherzest; ich wei. Du sollst es nicht tun und tust es auch nicht.

Schilling:

Durst. (Er lt sich auf die Erde nieder, mit dem Munde ber eine Lache,
und trinkt.) -- Oh, schmeckst du prchtig! -- (Er gewahrt sein Spiegelbild
in der Lache und erschrickt): -- Kruzitrken, bin denn das ich?!

Hanna:

Du trinkst doch aus dieser grnlichen Lache nicht?!

     Eine Krhe schreit.

Schilling:

Verfluchte Krhe! Willst du dein Maul halten! -- Komm mal her. Hanna,
sieh mich mal an -- -- ? Wie seh ich aus?

Hanna:

Ganz wie immer, Liebster!

Schilling:

Na, alsdann! Wozu soll ich nach Griechenland? -- (Er ist aufgestanden
und starrt bewegungslos gegen das Meer hin.)

Hanna

     (vermag ihre heimliche Bengstigung durch seinen eigentmlichen
     Zustand nicht mehr zu verbergen):

... Und wenn du mir diesen Augenblick die Weisung geben willst, Gabriel:
reise ab, in derselben Stunde will ich noch abreisen. Befiehl mir! Ich
wei, da du von diesem kalten, herzlosen Menschen abhngig bist. Ich
will deine Hand kssen und will abreisen. Ich sehe wohl ein ... ich will
nicht, da du gepeinigt bist.

Schilling:

Horch mal, die See rauscht bis hier herauf. -- (Er horcht, erhebt
pltzlich aus starrer Versonnenheit ekstatisch die Arme, als ob er eine
berirdische Vision she): Oh! Oh!! Oh!!! Oh!!!! Das Element! Das
Element! (Wie geblendet von einem berirdischen Glanz, in den er sich
auflsen mchte, beginnt er zu wanken.)

Hanna:

Um Himmels willen, was ist dir denn, Gabriel?

Schilling:

Nichts! Gar nichts! Ruhn! Mde! Nur ausruhn, Liebchen!

     Er hngt schwer in Hannas Armen, die ihn zur Erde niedergleiten
     lt.

Hanna:

Gabriel! Gabriel! Gabriel!




Vierter Akt


     Ein Zimmer im ersten Stock des Saalbaues von Klas Olfers Gasthaus;
     wei getncht mit zwei Fenstern in der Hinterwand. Der Blick durch
     diese Fenster geht frei auf die See, die wiederum wie eine blaue
     Wand die Rahmen so weit ausfllt, da nur ein kleines Stck Himmel
     oben sichtbar ist. Wiederum ist ein strahlend heller Herbsttag. Je
     eine Tr links und rechts verbindet den Raum mit anderen
     Gastzimmern. Er hat links an der Wand die einfache helle
     Holzbettstelle mit Strohsack usw. und bunter Decke. Rechts ein
     kleines Sofa mit Tisch davor. Eine primitive Wascheinrichtung mit
     Spiegel, einen Kleiderschrank, darin Murer, der das Zimmer inne
     hat, seine Garderobe unterbringt. An einigen Kleiderhaken hngen
     Murers Hut, Wettermantel, Stock usw. Auf dem Tisch, der mit einer
     grnlichen Decke bedeckt ist, steht eine Wasserflasche und Glser.
     In einer Zimmerecke befindet sich Murers geschlossener
     Reisekoffer. Lucie sitzt am Tisch und schreibt Briefe. Hanna Elias
     kommt leise aus der Tr links.

Lucie:

Schlft Schilling wieder?

Hanna:

Jawohl, er schlft. Er ist eine Minute aufgewacht und hat gefragt noch
Doktor Rasmussen. Wann kann Herr Rasmussen frhestens hier sein?

Lucie:

Murer hat gleich, noch bevor Schilling gestern den Wunsch uerte ...
gleich nach dem Anfall telegraphiert.

Hanna:

Und meinen Sie, da er die weite Reise wird machen?

Lucie:

Aber ohne Zgern, ganz unbedingt.

Hanna

     (nimmt am Tisch Platz):

Er verlangt sehr dringend nach Doktor Rasmussen. -- (Nach kurzem
Stillschweigen fortfahrend): Ich werde nicht vergessen den gestrigen Tag
und die heutige Nacht, die ich auf dieser Insel verlebt habe.

Lucie

     (abwechselnd zuhrend, schreibend oder ber den Brief nachdenkend):

Das glaube ich wohl.

Hanna:

Sie sehen, wie gut es war, Frulein Lucie, da ich gekommen bin.

Lucie

     (verdutzt):

Das kann ich nicht recht verstehen, Frau Hanna.

Hanna:

Ich habe gefhlt in der letzten Zeit, da mit Schilling vorgegangen ist
eine tiefe Vernderung. Das hab ich gewut und das hat mich beunruhigt.

Lucie:

Dann htten Sie sich aber doch sagen sollen, da es gut fr ihn wre,
mal fr einige Zeit von seinen Sorgen befreit zu sein.

Hanna:

Er ist so zerrttet von die schreckliche Qulereien von seine echt
deutsche Ehefrau, da er hundertmal zu mir gesagt hat: Hanna, nur wenn
du bei mir bist, habe ich ein Gefhl von Geborgenheit. Es ist ein
Verbrechen, was eine solche Frau an dem Manne begeht, mit ihren
Vorwrfe, ihre ewige Trnen und Anklagen, mit ihre tglichen Forderungen
um Geld, wo er doch nicht, trotz aller Arbeit, verdienen kann, und sie
knnte mit ihrem Klavierunterricht viel besser als er das Leben
verdienen.

Lucie:

Mag sein, da Frau Eveline nicht sehr besonders tatkrftig ist; sie soll
es ja frher, als sie von England zurck als Gouvernante kam, reichlich
gewesen sein.

Hanna:

Ich habe diesen Mann im Elend gefunden, im Elend geliebt! Weil er elend
war, hab ich ihn geliebt. Ich wollte ihm helfen in seine Verzweiflung.
Ich nahm nie einen Pfennig Geld von ihm. Eher sucht ich es, wo ich es
finden konnte! Ich wollte ihn aus der Sorge reien. Ich wollte nicht,
wie Eveline, durch ihn versorgt und erhalten sein. Sie wirft auf den
armen Schilling jede Verantwortung. Ich trage selbst die Verantwortung.
Ich wei, seine Kunst ist viel zu gut! Und er kann unmglich damit viel
Geld machen. Er braucht mich, ich bin ihm unentbehrlich, ich teile mein
letztes Stck Brot mit ihm.

Lucie:

-- Ich wrde mir jedenfalls niemals einreden knnen, da irgendein Mensch
nicht ohne mich existieren kann.

Hanna:

Das ist bei Ihnen und Murer ein anderer Fall. (Lucie lacht kurz und
leicht auf.) Aber ich habe zu ihm gesagt: ich will deine Arbeit, ich
will dein Glck. Ich werde gehen und nicht wieder auftauchen, wenn du
mit deine Frau glcklicher bist. Ich dachte, er schlft auf einer
elenden Feldbettstelle in eine feuchten und eisigen Atelier. Soll er
lieber bei seine Frau schlafen, hab ich gesagt, wenn es gut fr ihn
ist. Nun, er antwortet mir: nur das nicht! Er hat gestanden vor meine
Haustr, wo ich habe russische Herren gehabt zu Besuch in meine Wohnung,
bei achtzehn Grad Klte stundenlang. Um elf Uhr ist er fortgegangen
darnach, weil ich nicht habe bemerkt, da er da ist, und ist nachts halb
ein Uhr, wo alles still war, wiedergekehrt und hat mich geweckt mit
Steinchen am Fenster. So habe ich ihn glcklicherweise entdeckt.

Lucie

     (trocken):

Da wird der gute Schilling wohl etwas verfroren gewesen sein.

Hanna:

Er war halbtot, als er zu mir kam, und hat sich erst gegen Morgen
erwrmt.

Lucie:

Hat er denn solche Anflle, wie den gestrigen, schon frher gehabt?

Hanna:

Ich wei, seine Frau hat ihm aufgeregt. Sie hat ihm gedroht, sie wird
sich tten, wenn er nicht aufgibt seine Liebe zu mir. Wie kann er denn
diese Liebe aufgeben? Wo sie ihm doch der einzige Sinn seines Lebens
ist, die Rettung von ihre Banalitt. Soll er denn seine Kunst aufgeben,
wo er sagt, da seine Liebe zu mir von seine Kunst die innerste Seele
ist?

Lucie:

Leider hat er in den letzten Jahren nichts mehr gearbeitet.

Hanna:

Oh, er hat ein ses Kinderportrt gemacht von meine kleinen Sohn
Gabriel.

Lucie:

Wenn man aber bedenkt, da in mehreren Jahren nur dieses Bildnis
entstanden ist, so kann man doch wohl nicht anders sagen, als da seine
Kraft darniederliegt.

Hanna:

Sie liegt durchaus nicht darnieder gnzlich. Er bewundert wie nichts in
der Welt meine Akt. Nun, ich bin selber viele Monate krank gewesen und
habe nicht knnen in seinem ungesunden und kalten Atelier und ohne
Bekleidung stehn, und in eine sehr verbogene Stellung fr seine Geburt
der Venus, als Modell. Ich habe es aber mit Anstrengung meiner letzten
Krfte getan, bis ich bin von der Kiste, auf die ich stand, mit eine
Ohnmacht zusammengebrochen.

Lucie:

Ich setze voraus, da es an Ihrem guten Willen nicht liegt; das Resultat
ist doch aber klar. Und Sie sollten doch verstndigerweise die Absichten
Murers untersttzen.

Hanna

     (steht auf):

Er sagt, da Murer ihn deprimiert; er sagt mir, da Murer ihn
entmutigt.

Lucie

     (lacht herzlich, mit einem Anflug von Bitterkeit):

Nun, was die Menschen alles Widersprechende durcheinander schwatzen,
unter einen Hut zu bringen, verstehe ich nicht.

Schillings Stimme:

Hanna!

Hanna:

Sie sehen, er ruft mich, Frulein Lucie. --

     (Sie geht zu Schilling hinein, ab.)

     Kaum, da Hanna Elias verschwunden ist, als ziemlich geruschvoll
     Rasmussen eintritt. Er ist als Typus den Fischern der Insel
     verwandt. Sein Scheitelhaar ist ergraut, der rtlich blonde Bart
     noch ohne weie Fden. Seine Kleidung ist schlecht und recht. Sein
     Schuhwerk massiv. Er hat eine Ledertasche umgehngt, einen
     Sommerpaletot berm Arm, einen weichen schwarzen Hut in der Hand,
     in der Rechten einen krftigen Stock.

Rasmussen

     (mit einem groen Schritt ber die Schwelle, laut):

Na, da bist du ja, Lucie; na, was gibt's? Was habt ihr denn wieder
ausgefressen? Guten Tag! Wo ist denn Ottfried? Wie gehts euch denn?

Lucie

     (beschwichtigend):

Pst! Stille! Schilling liegt nebenan.

Rasmussen:

Pst! Ach so. Entschuldige, Lucie.

Lucie

     (in halbem Humor):

Fr einen Arzt, der nicht praktiziert, hast du eine ziemlich lebhafte
Praxis, Rasmussen.

Rasmussen:

Nchstens erheb ich Honorar. Ihr macht mir wirklich ein bichen viel
Umstnde. brigens mu irgendein bser Stern in diesen Jahren ber uns
Freunden wirksam sein; vor noch nicht dreizehn Monaten habe ich meinen
Vater verloren, letzten Dezember den Bruder, gleich darauf rieft ihr
mich, und ich habe das nahe Ende deiner Mutter prognostiziert; dann
liegt noch der Tod einer alten Wohltterin dazwischen, und nun ist
womglich hier wieder was los. brigens kannst du mir glauben, da die
Reise mit Eveline keine angenehme Zugabe gewesen ist.

Lucie:

Die Reise mit wem?

Rasmussen:

Mit Eveline. Sie kann brigens noch nicht unten sein. Ich habe mich
gleich auf der Frinsel, wo wir gelandet sind, losgemacht und bin zu Fu
durch die Dnen gelaufen. Eh der Wagen sich durch die Sandwege mahlt,
vergeht sicher noch gut eine halbe Stunde. -- Denk mal, ich habe jetzt
ber drei Jahre die See nicht gesehn, obwohl ich geborner Wolliner bin.

Lucie:

Erlaube mal, Rasmussen, das ist nicht gut mglich, was du da sagst; denn
Hanna Elias ist drin bei Schilling.

Rasmussen:

Ja, um Gottes willen, ich denke, die Sache ist abgetan?!

Lucie:

Das ist leicht gesagt, und schwer durchgefhrt bei einer Natur wie Hanna
Elias.

Rasmussen:

Du kannst mir glauben, da Eveline ebenfalls dieser berzeugung ist, die
Sache sei aus. -- Das ist ja aber ein Unglck, Herrschaften! -- Warum habt
ihr mir eigentlich nicht ein Sterbenswort in eurer Depesche angedeutet?

Lucie:

Ich wundre mich auch, da Ottfried, der mir sonst immer wegen meiner
Gedankenlosigkeit Vorwrfe macht, in diesem Falle nicht berlegter
handelt.

Rasmussen:

Was soll ich denn tun? Ich lese: Herkommen, Schilling
erkrankt! -- Natrlich lauf ich zu seiner Frau Eveline. Ich nahm doch an
und mute doch annehmen, da sie besser als ich unterrichtet ist. Und
wenn man als Arzt auf eine weltabgeschiedene Hallig berufen wird, so mu
man doch irgend 'n Anhalt haben! Apotheke und sonstige Hilfsmittel
gibt's doch hier nicht. -- Du siehst brigens auch nicht besonders aus!

Lucie

     (ausweichend):

Wir haben alle wenig geschlafen.

Rasmussen:

Donnerwetter nochmal, was machen wir nu!? Ich kann mir an dieser fatalen
Geschichte eine Schuld unter keiner Bedingung beimessen. Sogar ... ich
habe sogar noch versucht, als ich merkte, da Eveline nicht unterrichtet
war, sie von der Reise zurckzuhalten. Schlielich und endlich: ich
wute nicht, was geschehen war, und also, da sie partout doch mitwollte,
was konnte ich ernstlich dagegen tun? Ich hatte im Grunde kein Recht
dazu.

Lucie:

Dem armen Schilling soll gar nichts erspart bleiben! --

Schillings Stimme

     (singend):

    Am Woasser, am Woasser,
    Am Woasser bin i z' Haus.

Rasmussen

     (horcht und lacht):

Na, da wird's ja so schlimm noch nicht sein, Kinder. -- Was ist denn also
mit Schilling passiert?

Lucie:

Ach, wir waren eigentlich sehr froh und vergngt, bevor diese
Fledermuse hier auftauchten. Wir hatten Reiseplne und groe Ideen.
Jetzt hab ich dafr nur einen Plan, irgendwie unabhngig ttig zu sein.

Rasmussen:

Wo ist denn Ottfried?

Lucie:

Er wandelt auf Pfaden hheren Lebens mit einer Verehrerin, Frulein
Majakin.

Rasmussen:

Kinder, seid ihr denn alle verdreht geworden? Ich htte nun wirklich
drauf geschworen, da ein strammer, kurznackiger Kerl wie Murer, in
seinem Alter, nach dem, was er alles erfahren hat und mit -- ich bin kein
Schmeichler, Lucie! -- dem unverdienten Glck in der Hand, von
Experimenten kuriert sein wrde. Aber obgleich er das ganze Gegenteil
von dem armen Schilling ist, so kriegt er zuweilen doch einen Raptus,
der ihn auf einmal eigensinnig und unzuverlssig macht -- kurz nachdem man
vielleicht zehn Eide auf seine Verllichkeit geschworen htte.

Schillings Stimme:

Ist das nicht Rasmussen?

Rasmussen

     (laut):

Jawohl!

Schillings Stimme:

Immer rein!

Rasmussen

     (ffnet die Tr zu Schillings Zimmer ein bichen und ruft hinein):

Na, mein Junge, werd ich nu wieder zu Gnaden angenommen?

Schillings Stimme:

Rede blo keinen Unsinn, Rasmussen!

Rasmussen:

Nee, das mu ich erst wissen, sonst schmeit du den Kunstbarbaren
womglich zur Tre hinaus. -- Nu sag mal, was heit denn das, Gabriel?

     Er geht zu Schilling hinein und schliet die Tr hinter sich. Lucie
     legt ihre Schreibutensilien zusammen, nachdem sie ihren Brief
     adressiert und mit einer Marke beklebt hat. Darnach tritt Ottfried
     Murer ein, sogleich ohne weiteres Hut und Stock an den
     Kleiderhaken hngend.

Murer:

Herrliches Wetter! Man hrt auch wieder den ganzen Morgen deine
Glockenboje oder was es ist; als ob die Fische im Wasser Sonntag
feierten. Das Inselchen gefllt sogar jetzt Frulein Majakin. Wir haben
den Leuchtturmwrter besucht. Ich habe dir sogar einen wirklichen toten
Kuckuck mitgebracht, den wir am Fue des Turms unter einem wahren
Massenmordfeld aller unserer Vogelarten gefunden haben.

Lucie:

Einen toten Vogel bringst du mir mit, Ottfried?

Murer:

Bewundere meinen Edelmut, Schusterchen. Da du neulich behauptet hattest,
der Kuckuck beehre auch Fischmeisters Oye auf seiner Wanderschaft -- du
weit ja, als Schilling so gruselig das Echo herausforderte -- so wollte
ich dir das noch extra besttigen.

Lucie

     (beziehungsreich):

Da bringst du mir also einen Vogel, der die Dummheit beging, im
Stockfinstern gegen ein groes Licht zu fliegen, und der sich bei
dieser Gelegenheit den Schdel zerschmettert hat.

Murer:

Jawohl: der betrogene Idealist liegt unten auf dem Tisch in der
Gaststube. Ich gebe dir zu, da dieser eigentmliche Mibrauch glubiger
Sehnsucht der Kreatur ohne einen zehnfach eingeteufelten Teufel, einen
gesteinigten, hllischen Satan, schwer zu erklren ist.

Lucie:

Hat Frulein Majakin sich an die schreckliche Sprache der Fischer
einigermaen gewhnt?

Murer:

Sie sagt, wenn die Fischerweiber und -mnner sich unterhielten, das
klnge wie eine Versammlung von Seemwen. Dann hat sie noch eine andere,
uerst nette Bemerkung gemacht: das Gerusch der Brandung erzeuge aus
einiger Ferne die Vorstellung eines gewaltigen Stiers, der eifrig Gras
rupft und dann wieder ausschnauft. Genau so klingt es, beobachte das
mal! Und nun ist sie der Meinung, da dadurch die Sage von Zeus als
Stier und von der Europa entstanden ist.

Lucie:

Ich glaube, da diese Idee, die du vor zwei Jahren mal hier improvisiert
hast, den Weg ber mich zu Schilling, von Schilling zu Hanna, von Hanna
zu Frulein Majakin genommen hat.

Murer:

Von mir soll das stammen? Das glaub ich nicht!

Lucie:

brigens, Rasmussen ist bei Schilling.

Murer:

Rasmussen ist angekommen?

Lucie:

Er wundert sich, da du ihm gar kein Wort von Hanna Elias gedrahtet
hast.

Murer:

Inwiefern denn, Lucie, von Hanna Elias?

Lucie:

Wenn du ihn unterrichtet httest, da sie hier ist, dann htte er
Eveline Schilling nicht mitgebracht.

Murer:

Eveline ist hier? (Er wird bleich, zuckt aber, etwas verstockt, die
Achsel.) Ja, das tut mir leid! Man soll eigentlich berhaupt seine Hnde
nicht in fremde Angelegenheiten hineinstecken; aber man will immer
wieder Herrgott spielen und Schicksal sein. (Er rafft sich zusammen und
tut einige Schritt gegen Schillings Tr.) Na, man mu doch mal Rasmussen
guten Tag sagen.

Lucie:

Hast du also die Idee ganz aufgegeben mit Griechenland?

Murer:

Es geht nicht, glaub ich; die Sachen machen sich nicht; ich mu diesen
Winter in Berlin bleiben.

Lucie:

Wann hast du denn diesen Entschlu gefat?

Murer:

Ich hab ihn nach Durchsicht meiner Vertrge leider fassen mssen,
Schusterchen.

Lucie

     (beziehungsreich):

Der alten, oder neuer Vertrge?

Murer:

Der alten natrlich! Neue schliet man auf Fischmeisters Oye doch nicht!
(Er ist zu ihr getreten und streichelt sie.)

Lucie:

Warum nicht? -- -- Du bist ja so zrtlich, Ottfried!

Murer:

Wie immer, Schusterchen.

Lucie

     (sieht ihn gro und ruhig an):

Na, geh nur zu deinem armen, verunglckten Griechenlandfahrer hinein!

Murer:

Bist du verstimmt, Lucie?

Lucie:

Nein, nur etwas nachdenklich.

     Sie blickt vor sich nieder und tippt mit dem Finger der rechten
     Hand auf den Tisch. Murer kt ihre herabhngende Linke und begibt
     sich zu Schilling hinein ab. Lucie stt einen resignierten Seufzer
     aus und will sich durch die Tr rechts hinausbegeben, wird aber
     durch Klopfen an dieser Tr zurckgehalten.

Lucie:

Herein! Bitte eintreten!

     Die Tr wird geffnet und Klas Olfers bedeutet einer mageren,
     drftig gekleideten, tief verschleierten Frau einzutreten. Es ist
     Gabriel Schillings Frau, Eveline Schilling.

Klas Olfers:

Ich denke, et wrd det Beste sin, wi fragen bei det gndige Freilein mal
nach.

     Lucie, schnell gefat, hlt Frau Schilling unauffllig im Trrahmen
     zurck.

Lucie:

Herr Olfers, das mu wohl ein Irrtum sein. Die Dame will wahrscheinlich
zu Herrn Rasmussen.

Eveline

     (ohne den Schleier zu ffnen):

Ist Rasmussen nicht hier?

Lucie

     (tief errtend):

Sie sehen, nein!

Eveline:

Sie sind Frulein Lucie Heil, meine Dame.

Lucie

     (wie vorher):

So heie ich. Woher kennen Sie mich?

Eveline:

Sie haben mal bei einer Matinee in der Singakademie eine Sonate von
Schubert gespielt.

     (Klas Olfers entfernt sich achselzuckend.)

Darf ich bei Ihnen etwas ablegen? Sie werden vielleicht schon erraten
haben, da ich die unglckselige Frau von Gabriel Schilling bin. (Sie
nimmt Schleier und Hut ab, ohne Luciens Erlaubnis abzuwarten.)

Lucie

     (sehr unruhig):

Dies ist hier Professor Murers Zimmer. Wenn es Ihnen recht wre,
gndige Frau, knnten wir lieber in mein Bereich hinbergehn.

Eveline:

Vor allen Dingen, wo ist mein Mann?

     Frau Schilling enthllt sich nun als eine verhrmte, gealterte Frau
     mit tiefliegenden Augen, hervorstehenden Backenknochen und
     hektischer Rte auf den Wangen. Sie ist ber das fnfunddreiigste
     Jahr hinaus, erscheint aber lter und ohne weiblichen Reiz.

Lucie:

Sie werden den Wunsch haben, sich etwas zu restaurieren, gndige Frau?
Ich nehme an, Sie sind die Nacht durchgereist; vielleicht ruhen Sie auch
erst eine halbe Stunde? Herr Schilling schlft, und jedenfalls drfte
ein Grund zu unmittelbarer Besorgnis nicht vorhanden sein.

Eveline

     (lt sich auf einen Stuhl nieder):

Heiraten Sie niemals, liebes Frulein! (Sie weint still in sich hinein.)

Lucie

     (in peinlicher Verlegenheit):

Sie sind bermdet, gndige Frau! Sie sind von der Nachtfahrt nervs
berreizt und abgespannt. Wollen Sie sich bitte in meine Hand geben.
Sie brauchen Ruhe, ich kenne das. Ich habe eine lange Pflege bei meiner
armen Mutter hinter mir. Mit Denken und Grbeln ist gegen nervse
Depressionen nicht anzukmpfen.

Eveline

     (mit dem Versuch, sich zu raffen):

Es geht schon vorber, lassen Sie mich!

Lucie:

Ich mchte Sie aber wirklich gern dazu bewegen, mit mir auf mein Zimmer
zu gehn!

Eveline:

Wissen Sie, wie mir mein Leben vorkommt, Frulein? -- Sie sind eine Frau,
warum soll ich nicht offen zu Ihnen sein? -- Man baut mit unendlicher
Mhe, mit blutigem Mrtel und schweren Steinen ein festes Gebude, und
wenn es fertig ist, ist es ein Kartenhaus.

Lucie:

Sie sehen in diesem Augenblick die Welt in einem zu trben Lichte.

Eveline:

Ja, ich sehe sie wie etwas vollkommen Fremdes, etwas vollkommen
Uninteressantes, abschreckend Gleichgltiges an. Trostlos ist sie, leer
und stockfinster. -- Sie glauben, ich bertreibe, Frulein! Aber ich habe
wahrhaftig keine unbescheidnen Wnsche gehegt! Ein Familienleben! Ein
bescheidnes Auskommen! Selbst das wenige hat mir der Himmel in seiner
unergrndlichen Gte versagt. Ja, er hat sich erschlichen, was ich mir
verdient habe. Ich war jung wie Sie und vielleicht unternehmender, als
Sie sind. Ich wei es nicht. Ich ging nach England, ich machte
Ersparnisse. Ich war gut gekleidet. In meinen Ferien konnte ich reisen.
Meine Freundin und ich, wir besuchten Holland, die Normandie, wir
brauchten nicht knausern, wir speisten in den ersten Hotels an der Table
d'hte! Und nun kam Schilling! Ich dachte, er ist ein redlicher Mensch!
Ich dachte, er wird seine Pflichten achten und mein bichen Erspartes
ist bei ihm, dacht ich, in guter Hand. Ja freilich! Sehen Sie mich nur
an. (Sie zeigt die groen Flicken in ihrem Rock und das zerrissene
Futter ihres schbigen Jacketts.) Ich habe alles hingegeben, alles
umsonst zum Opfer gebracht.

Lucie

     (mit berwindung):

Es werden bessere Zeiten kommen!

Eveline:

Immer morgen, morgen, heute nicht. Heute borg ich mir, was sag ich,
erbettle ich mir zwanzig Mark zur Reise von Doktor Rasmussen, und morgen
zahl ich vielleicht ein Billett erster Klasse rund um die Welt. Heute
leb ich mit meiner Tochter von einer altbacknen Schrippe und etwas
abgelassener Milch, und morgen werd ich bei Dressel und Uhl essen. Das
ist mir nichts Neues, ich kenne das! Von diesem morgen wird man nicht
satt. Das ist hchstens fr arme, hungrige Suglinge der mit Essig und
Galle getrnkte Lutschpfropfen. Man denkt: dein Mann hat dich heute
verlassen und morgen kommt er wieder zu dir zurck. Jawohl. Aber wie?
Von vier Mnnern getragen, vielleicht auf dem Sterbebette. -- Ich mu ihn
sehn! Wo ist Gabriel?

Lucie:

Sie werden sich jedenfalls erst beruhigen! Vielleicht sehen Sie ein, da
eine Begegnung in diesem Zustand fr beide Teile nicht ratsam ist!

Eveline:

Was heit das? Was tut ihr alle mit mir? Warum lat ihr mich nicht zu
Gabriel? Warum sagt ihr mir nicht, was geschehen ist? Es ist mir alles
hier so unheimlich! Was sind das fr Stimmen hier nebenan?

Lucie

     (lgt):

Fremde! Vater und Sohn aus Stralsund!

     Hanna Elias tritt aus Schillings Zimmer. Die Frauen betrachten sich
     einige Sekunden lang mit grenzenlosem Staunen.

Eveline

     (in einem Tone des Erstaunens, in dem keine Spur der eben noch
     vorherrschenden, angstvoll weinerlichen Erregung mehr ist):

Hanna, du bist es? -- Was treibst du hier?

Hanna:

La uns vor allen Dingen, Eveline, da wir nun einmal
unbegreiflicherweise hier zusammengetroffen sind, wie zwei vernnftige
Menschen sein.

Eveline:

Unbegreiflicherweise zusammengetroffen?

Hanna:

Zuflligerweise jedenfalls!

Eveline:

Also ist deine Anwesenheit hier zufllig!? Oder meinst du, da es
unbegreiflicherweise und zufllig ist, wenn sich eine Frau zu ihrem
angetrauten Manne begibt, nachdem sie erfahren hat, da er vielleicht
lebensgefhrlich krank geworden ist? Wie kommst du hierher, was willst
du hier?

Hanna:

Es handelt sich nicht um uns augenblicklich, sondern meinethalben um
deines Mannes Wohlergehen. Also bitt ich dich, frage mich jetzt nicht
weiter. Jedenfalls nicht hier, denn ich sage dir, da es Schilling
erspart werden mu, einen Zank zwischen uns zu sehn. Ich gehe mit dir an
den Strand hinunter. Dort will ich dir Rede und Antwort stehn.

Eveline:

Bitte, bitte, Hanna, ganz ohne Umschweife: wie kommst du hierher, was
suchst du hier? Das Rtsel mcht ich gerne gelst wissen. Wie kommt's,
da ihr auseinander seid, und ich betrogener, armer Esel von einer Frau
glaube daran, da es aus mit euch ist, und ihr lacht mich aus hinter
meinem Rcken! -- Hast du ihn wieder rumgekriegt? -- Hast du ihm wieder
weisgemacht, da du keine Allerweltsdame bist? Oder mu man vielleicht
Allerweltsdame sein, um dem eigenen Gatten zu gefallen?

Hanna

     (fr einen Augenblick ohne Selbstbeherrschung):

Eher bist du eine Allerweltsdame! -- Und ich bitte dich, hre jetzt auf
damit! -- Wenn du ein Gefhl von weibliche Wrde hast, so hre jetzt auf
mit diesen Ton und solche Beleidigungen, in diesen Augenblick.

Eveline

     (zu Lucie):

Diese Dame spricht von weiblicher Wrde!

Hanna:

Ich spreche von weiblicher Wrde, gewi!

Lucie:

Meine Damen, Sie sind hier in einem kleinen Gasthause, bedenken Sie das!
Wir drfen kein solches Aufsehen machen. Es ist unmglich, da Sie so
fortfahren. Schon allein um des Kranken willen nicht.

Eveline

     (zu Lucie):

Lassen Sie sich mal von dieser Dame erzhlen, Frulein, mit welchen
Mitteln, welchen Schlichen sie hinter Gabriel her gewesen ist, bis sie
ihn so weit bekommen hat. Wie sie mir erst hat Freundschaft geheuchelt:
Du bist zu geduldig! Du mut mehr beanspruchen! Du mut ihm klar
machen, da du ein gleichberechtigter Mensch und nicht eine Sklavin
bist. Ihr deutschen Frauen seid alle Sklavinnen. So hie es, so ging es
in einem fort, und ich bin auch zuerst drauf reingefallen, bis ich dann
merkte, worauf es hinauslief, und da sie sich Gabriel kapern wollte,
weil der eigene Mann ihr berdrssig war. Eine schne Gesellschaft! Eine
brave Familie! Erzhle doch! Immer erzhle doch! Da hast du
Gesprchsstoff, beste Hanna! Da hast du fr deine Suade genug!

Hanna:

Solche fantastische, krankhafte Mrchen, ausgebrtet von einer sich
beleidigt glaubenden Frau, berhren mich nicht.

     Rasmussen fhrt wild aus Schillings Tr heraus, die er hinter sich
     sorgfltig ins Schlo klinkt, ehe er spricht.

Rasmussen:

Donnerwetter, was ist hier los, Herrschaften?! Was macht ihr euch
eigentlich von Schillings Zustand fr eine Vorstellung? Er wird unruhig,
er fragt; was soll ich ihm antworten? Verlegt euren Kampfplatz wo anders
hin!

     Eveline vergit Hanna und starrt Rasmussen an. Hanna weicht mit
     Entschlu und geht zur Tr rechts hinaus.

Eveline

     (will an Rasmussen vorber zu Schilling hinein):

Wo ist mein Mann?

Rasmussen

     (sie zurckhaltend):

Immer erst hbsch abwarten!

Schillings Stimme:

Rasmussen!

Rasmussen

     (Eveline energisch festhaltend, die bestrebt ist, sich
     loszumachen):

Ich sage dir, wenn du noch einen Funken Besinnung hast, wenn du noch
einen Funken Liebe aufbringen kannst fr deinen Mann, wenn dir daran
liegt, ihn noch einige Zeit zu behalten, am Leben berhaupt zu erhalten,
mein ich, so geh jetzt nicht zu ihm hinein.

Eveline

     (mit einem unwillkrlich hervorbrechenden, hilferufartigen und
     eigensinnigen Schrei):

Gabriel!

Schillings Stimme

     (schnell und erschrocken):

Der bin ich! (Schilling erscheint in der Tr. In dem edlen, aber
furchtbar vernderten Gesicht liegt Bestrzung und Staunen): Was ist
denn passiert??

Rasmussen:

Nichts! Es ist gar nichts weiter passiert! Es hat sich nur wieder
herausgestellt, da eine Frau und gesunde Vernunft nicht vereinbar sind.

Eveline

     (die Worte mhsam hervorwrgend):

Du hast mich belogen, Gabriel! Warum hast du mich hintergangen, gerade
in einem Augenblick, wo ich wieder in meinem Innern Hoffnung schpfte?
Du sagtest, du habest dich freigemacht. Du sagtest, du habest mit Hanna
gebrochen, und gerade in diesem Augenblick entdecke ich, da du ein
kalter, grausamer, hartgesottener Betrger bist. Gabriel, warum tatest
du das? Warum zerstrst du in mir den letzten erbrmlichen Rest von
Achtung fr dich? -- Nein, ich kann einen Menschen wie dich nicht mehr
achten!

Schilling

     (hat abwechselnd errtend und erblassend mit einem gespannten, fast
     blde fragenden Ausdruck zugehrt. Er lt seinen Blick, wie um
     Auskunft bittend, von Lucie zu Rasmussen wandern und sagt dann mit
     einem erstickten kurzen Auflachen):

-- So! Diese Ansicht teile ich. -- -- -- Was fhrt dich eigentlich her,
Eveline?

Eveline:

Frage lieber, was Hanna hierher fhrt, Gabriel.

Rasmussen:

Und nun ist die Kontroverse geschlossen. -- Ich bin Arzt, Eveline, dein
Mann ist krank ...

Schilling:

Red keinen Unsinn, ich bin nicht krank! -- Du hast doch nicht am Ende
gedacht, Eveline, es ist Matthi am letzten mit mir? -- Den Gefallen tu'
ich der Welt noch nicht! -- Wenn du's nicht glauben willst, frage mal
Rasmussen! -- Die ganze Geschichte, Eveline, luft einfach auf einen etwas
geschmacklosen Spa hinaus, den ich mir leider gestern gemacht habe.

Eveline

(fat sich an den Kopf, wie besinnungslos):

Fort, fort, sonst verliere ich meinen Verband! -- (Sie will hinaus.)

Schilling:

Eveline, du wirst jetzt hierbleiben!

Eveline:

Ich kann nicht bei einem Menschen bleiben, der mein Mann, mein
angetrauter Ehemann, Vater meines Kindes und dabei willenloser Sklave
einer gemeinen Dirne ist.

Rasmussen:

Na, na, na, na! Jetzt aber Schlu, Eveline!

Schilling

     (nach kurzem Schweigen, mit demselben hilflos fragenden Ausdruck
     wie vorher):

Ja, woran liegt das alles? Ich wei es nicht. Ich habe nach etwas ...
wie soll ich sagen? Ich habe nie bewut nach dem Schlechten gestrebt!
Ich hatte wirklich nie bse Absichten!

Eveline:

Stelle dich gleichgltig, Gabriel; es wird ein Tag kommen, wo du den
Unterschied zwischen einer Frau, die du jetzt mihandelst, und einer
Hanna Elias einsehen wirst.

     Hanna Elias strzt in vollstndig zgelloser Raserei herein und auf
     Eveline los, kreischend und mit geballten Fusten.

Hanna:

Es ist mich gleichgltig, was du von mir sagst! Ich speie darauf, es ist
mich gleichgltig! Ich speie auf deine verfluchte Liebe! Du hast keine
Liebe! Du lgst, du lgst! Du hast dicken, geschwollenen Vipernha! Du
hast Gift, du hast Stachel, du hast keine Liebe! Wie qulst du jetzt
deinen kranken Mann! Pfui! Schamlose, Schlechte, Niedertrchtige! Keinen
Funken von Herz, keinen Funken von Gott! Da, stich mich! Triff mich mit
deine Augen! Triff mich mit deine Dolch von Blick! Triff mich mit einer
richtigen Dolchspitze! Da! Was ist mir Leben! Was liegt mir daran? Nur
geh, geh und la meinen Gabriel! Er ist nicht dein! Du hast ihn
verspielt! Mein, mein! Ich fhl's! Er ist mein, mein Gabriel!

     Unter den Fenstern erschallt pltzlich das mitnige Gerusch eines
     kleinen erregten Janhagels. Kinder, Weiber und halbwchsige
     Burschen miauen, husten und schreien: hoho. Der Lrm wird durch
     die energische Stimme von Klas Olfers beschwichtigt: Ruhe, macht,
     dat ji wegkommt! Wat wollt ihr hier! Rasmussen hat, um sie zu
     beruhigen und ihre wahnsinnige Erregung zu dmpfen, Hanna in seine
     Arme geschlossen. Er drngt sie langsam hinaus. Murer hat den
     grten Teil der letzten Szene miterlebt, hinter Schilling in der
     Tr stehend. Eveline ist stumm und besinnungslos vor Entsetzen. Ihr
     Blick bleibt, solange sie im Zimmer ist, mit grauenvollem Staunen
     auf Schilling haften. Dieser steht bewegungslos und schluchzt nur
     einige Male krampfhaft. Seine weitgeffneten Augen stehen voll
     Wasser. Das Taschentuch wie einen Knebel im Mund, geht Eveline an
     Schilling vorber, von Lucie gefhrt, hinaus. Stillschweigen.

Rasmussen

     (nach einigem Stillschweigen zu Schilling):

Na, es kommt auch mal wieder anders, Schilling!

Murer

     (legt mit einem leichten Schlag seine Hand auf Schillings
     Schulter):

    Duck dich und la vorbergahn,
    Das Wetter will sein' Willen han.

Schilling

     (mit unendlichem Grauen im blutlosen Gesicht):

Wir sind keine Griechen, mein lieber Junge!

     Murer klopft ihm weiter auf die Schulter, sehr bewegt;
     unwillkrlich umarmt er ihn. Eine Weile herrscht Schweigen.
     Rasmussen tritt dazu.

Schilling

     (indem er beide ein wenig beiseite zieht, mit qualvollem innerem
     Ausbruch):

Der Ekel erwrgt mich. Gift! Gebt mir Gift! Ein starkes Gift,
Rasmussen!




Fnfter Akt


     Die Strandgegend wie im ersten Akt. Der Schuppen der
     Rettungsstation, die Gallionfigur, das Fischerboot auf der Dne,
     der Signalmast, die Bretter hinter dem Schuppen. Die Sonne ist
     hinunter, allein es bedeckt den Himmel eine starke Abendrte, so
     da eine magische Helligkeit verbreitet ist. Lucie und Frulein
     Majakin kommen langsam vom Strande herauf.

Lucie:

Ich mu Ihnen sagen, ich habe vor alledem jetzt, nach allem, was
vorgefallen ist, einen so ausgesprochenen Widerwillen, da ich lieber
freiwillig alles hingeben wrde, als nur den kleinsten Versuch in der
Art dieser Weiber zu tun.

Frulein Majakin:

Man kmpft doch aber fr das, was man liebt -- und naturgem, scheint
mir, Frulein Heil.

Lucie:

Ich wrde unter gar keinen Umstnden dafr kmpfen. Ich habe von Harpyen
gelesen. Sie sind wie Harpyen, diese Weibsbilder. Niemals geben sie,
wenn sie es erst in den Klauen haben, ihr Opfer frei. Nur da sie schn
singen, kann ich nicht finden!

Frulein Majakin:

Wie geht es Herrn Schilling?

Lucie:

Schilling schlft! Einen totenhnlichen Schlaf, seit Stunden.

Frulein Majakin:

Es gibt bei manche Krankheiten zuletzt einen solchen furchtbaren Schlaf,
aus dem kein Erwachen ist.

Lucie:

Das hat mir auch Rasmussen angedeutet.

     (Kurzes Stillschweigen.)

Frulein Majakin:

Herr Murer scheint sehr an Ihnen zu hngen, Frulein Heil.

Lucie:

Ich betrachte Murer als meinen Freund und werde ihn immer dafr
betrachten. Wie er sein Leben im brigen einrichtet, kmmert mich nicht.
Er ist frei! Ich verlange durchaus nichts von ihm. Ich danke Gott, da
ich durch mein bichen Begabung immer sozusagen mein Brot finde.

Frulein Majakin:

Ist es richtig, Sie waren angestellt zwei Winter lang in Dresden an die
Opernorchester?

Lucie:

Das ist allerdings wahr. Wenn ich aber jetzt etwas unternehme, so werd
ich vielleicht in irgendeiner Mittelstadt eine kleines Musikinstitut
errichten.


Frulein Majakin:

Glauben Sie, ob Professor Murer jemals wird heiraten?

Lucie

     (lacht):

Das wei ich nicht! -- Wenn man betrachtet, was er mit seinen Freunden
erlebt, so ist es kein Wunder, wenn er sich ngstet.

Frulein Majakin:

Es scheint mir auch. Er scheint mir ein Feind von die Ehe zu sein.

Lucie:

Sind Sie vielleicht eine Freundin vom Heiraten?

Frulein Majakin:

Ich kann mich denken, da eine Frau von ein Mann, wie Professor Murer
ist, durch ein ganzes Leben gefesselt wird. Das kann ich mich denken,
Frulein Lucie.

Lucie:

Aber da Sie ihn ebenso lange fesseln, glauben Sie das?

Frulein Majakin:

Ich kann berhaupt nicht Herr Murer fesseln. Er hat eine sehr groe
Liebe, eine sehr groe Bewunderung fr eine ganz andere Dame als mich.
-- Wissen Sie, da wir werden abreisen?

Lucie:

Warum wollen Sie denn schon abreisen, Frulein Majakin? Lassen Sie Hanna
Elias abreisen! Mchte sie sein, wo der Pfeffer wchst. Geben Sie ihr
Eveline Schilling mit! Wenn es Ihnen hier so gut gefllt, wie Sie sagen:
bleiben Sie doch!

Frulein Majakin:

Ich glaube kaum, da dies ist, was Sie sagen, Ihr Ernst, Frulein Lucie.
Und wenn es wirklich wre der ganze Ernst Ihres Frauenherzens, ich
bleibe nicht. Auch ich bin, glauben Sie mir, durch das, was ich habe
sehen und hren mssen, mit diese traurige Liebesschicksal von diese
arme, gebrochene Knstler und Mann ... auch ich bin ein wenig erschreckt
davon.

Lucie:

Ich bin so wtend, ich knnte diese Weibsbilder prgeln, glauben Sie
mir, ich mchte sie ganz gehrig mit beiden Fusten schrecklich
durchprgeln.

Frulein Majakin:

Und mich dazu?

Lucie:

Nein. Sie, Frulein Majakin, wrd ich nicht durchprgeln. Ich wrde nur
wnschen, da Sie ganz ruhig zurck zu Ihrem Herrn Vater gehn. -- Glauben
Sie nicht, da Murer ein Mann wie Schilling ist! Murer nimmt eins
zwei drei, was er haben will, und dann geht er und modelliert seine
Statuen. Skrupel macht er sich weiter nicht.

Frulein Majakin:

Dann hat er die rechte noch nicht gefunden.

Lucie

     (lacht):

Vielleicht; wer wei, Frulein Majakin.

Frulein Majakin:

Es liegt immer daran, wenn ein Mann so unstt ist, da ihm die Frau, die
ihn versteht, bis in die geheimste Regung der Seele, noch nicht begegnet
ist.

Lucie:

Vielleicht wissen Sie eine Frau fr ihn! Jede Frau denkt allerdings, sie
sei die rechte. Ich schwre sogar, die arme Eveline ist berzeugt davon,
da sie fr Schilling die ausgesucht einzig richtige Gattin ist. Aber
man kann ja nicht wissen, ob Ihr Instinkt nicht wirklich das Richtige
trifft, Frulein Majakin. (Kurzes Stillschweigen.) Finden Sie nicht, es
ist etwas so Verhaltenes, etwas, was frmlich bengstigt, in der Luft?

Frulein Majakin:

Etwas Totes, ja. Das macht die Windstille.

Lucie:

Es drckt! Sehen Sie mal. Wie jedes Boot doppelt auf der absolut
spiegelglatten Flche liegt. Ich mchte um Schillings willen, da Wind
kme. Er hat sich so sehr einen Sturm gewnscht.

Frulein Majakin:

Meistens erschrickt der Mensch vor die Natur; manchmal scheint die Natur
vor den Mensch zu erschrecken.

Lucie:

Mit Schilling, glaub ich, ist es aus.

     Schon seit einiger Zeit hat man in der Ferne rufen gehrt. Fischer
     laufen unten am Strand hin und her. Lucie und Frulein Majakin
     schenken diesen Vorgngen keine Aufmerksamkeit. Sie sind nun immer
     weiter nach vorn hin schreitend, rechts zwischen den Dnen
     verschwunden. Der Tischlermeister Khn kommt mit seinem Lehrjungen,
     der eine Radwer fhrt. Sie beginnen Bretter aufzuladen.

Khn:

Junge, mach fix, et gibt Wind!

Der Junge:

Wat haben denn de Fischers unten am Strande, Meester?

Khn:

De Hring kommt.

Der Junge:

Sehen Se nicht de Lichter drauen uf See, Meester? Unsre Fischer sind
alle schon drauen.

Khn:

Na, denn la se man machen und lade de Bretter uf.

Der Junge:

Ob wohl der Kunstmaler aus Berlin sterben wird, Meester?

Khn:

Halts Maul! wat jeht uns dat an!

Der Junge:

Ick dachte blo, weil wir dem kienenen Sarg machen.

Khn:

Fr wen man so'n Sarg machen dut, det wee Jott!

Der Junge:

Meester, Meester, dort kommt er ja.

Khn:

Wer denn?

Der Junge:

Denn is er ja jar nich krank, Meester.

     Gabriel Schilling kommt von links, aus den Dnen. Er ist
     unzureichend bekleidet: Hemd, Beinkleider, Jackett, keine Weste,
     kein Hemdkragen, keine Strmpfe in den Schuhen. Er geht schnell,
     wie ein Nachtwandler, gerade auf die Gallionfigur zu, die im
     Scheine des Blinkfeuers vom Leuchtturm in bestimmten Zwischenrumen
     heller beleuchtet wird. Nahe herangekommen, steht er still und
     blickt zu ihr hinauf.

Khn:

'N Abend.

Schilling

     (mit verrosteter Stimme, erschrocken):

Guten Abend. Wer sind Sie denn?

Khn:

Sind Sie vielleicht der Herr Maler Schilling, wenn ich fragen darf?

Schilling:

Pst! Namen und Stand tut hier nichts zur Sache. -- Sagen Sie mal, wie
kommt denn das, da diese Figur dort oben immer abwechselnd hell und
dunkel wird?

Khn:

Na, das kommt ganz natrlich von dem Blinkfeuer.

Schilling:

Ich habe das schon eine ganze Weile von ferne beobachtet. Ich wute gar
nicht, was es bedeutet.

Khn:

Wieso bedeutet?

Schilling:

Ich wollte erst nicht herberkommen. Schlielich dacht' ich mir aber,
da es doch was bedeuten mu. -- Woher stammt denn eigentlich diese Figur?

Khn:

Sie stammt von einer dnischen Brigg, die hier drauen gesunken ist.

Schilling:

Richtig! Natrlich! Schiff und Mannschaft natrlicherweise zugrunde
gerichtet.

Khn:

Da haben Sie ganz recht. So ist et och.

Schilling:

Wie hie denn die Brigg?

Khn:

Sie hie doch Ilsabe.

Schilling:

Den Namen kenn ich von irgendwo her.

Khn:

Sie werden ihn auf 'm Kirchhof gelesen haben, wo die gelandeten Leichen
von der Ilsabe begraben worden sind. Da ist ja 'n Kreuz und auf dem
steht Ilsabe.

Schilling:

Eigentlich liegen wir recht gut, da oben im Sande.

Khn:

Wie sagen Sie, wenn ich bitten darf?

Schilling:

Na, eine schnere Stelle, begraben zu werden, gibt's doch nicht. Oder
mchten Sie etwa lieber in Berlin auf so einen Massenkirchhof begraben
werden?

Khn:

Na, so weit bin ich berhaupt noch lange nicht.

Schilling:

Keine Automobilomnibusse, keine Straenbahnwagen, immer nur die
rennenden, springenden, kleinen Sandkrnerchen! Frischer, gesunder,
nasser Sturm! Der schne Salut des Meers berm Grabhgel!

Khn:

I, da hat man ja nischt mehr von!

Schilling:

Das sagen Sie so! Wer wei denn das, Meister? Ich hab aber irgendwo mal
gelesen: Gott lscht nicht aus im dunklen Grabesscho, was er entzndet
hat im dunklen Mutterscho߫. -- brigens, gucken Sie doch mal hinter sich.

Khn

     (tut es):

Warum nicht? Wat soll denn dort sind, Herr Professor?

Schilling:

Das versteht sich von selbst. Da brauchen Sie meine Erklrung nicht. Da
hat wahrscheinlich das Wasser noch einen armen Teufel auf den Strand
gesplt.

Khn

     (der nichts sieht, verdutzt):

Was denn fr 'n armen Teufel?

Schilling

     (immer starr blickend):

Gott, ich wei ja nicht, wer das ist, den sie da begraben. Ist das bei
Ihnen immer so, da der Pfarrer der erste ist und dann erst die Kinder
mit dem Kruzifix kommen? Komisch ist blo: sie singen ja nicht.

Khn:

I, Sie wollen man mit mich Ihren Spa haben!

Schilling:

Dem armen Schlucker von der Ilsabe haben Sie doch den hlzernen
Schlafrock auch gemacht!?

Khn:

Denn mssen Sie mehr als unsereener zu sehen kriegen. Anders versteh ich
det nich.

Schilling:

Glauben Sie denn, ich erkenne meinen alten Freund Murer nicht, weil er
einen Zylinder auf hat, einen Regenschirm in der Hand hlt, und weil es
ein bichen strmt und graupelt?

Der Junge:

Meester, ich furcht mir, der is jo wahnsinnig!

Schilling:

Und die Damen, glauben Sie, kenn ich nicht? Die Weibsleute, die da
hinterdrein laufen und die ... und die ... und die ihre Rcke so
sorgfltig hoch nehmen, weil ihnen bei dem Regen das die grte
Hauptsache ist?

Khn:

Aber et fllt ja keen Troppen vom Himmel, Herr Schilling.

Schilling

     (schlgt sich vor den Kopf):

Ja, Donnerwetter noch mal, Sie haben ja recht, wo ist man denn? (Er hlt
die Hand in den vermeintlichen Regen.) Kein Tropfen, wahrhaftig. Na,
einerlei. Ich htte geschworen, da da so etwas geflunkert hat. Na nu
aber, nu aber, sehn Se mal, Meister: sind das nun sechs Fischer, die die
lange gelbe Kiste auf den Schultern tragen, ja oder nein, Meister? Na
nu mssen Sie doch zufrieden sein.

Khn:

Wenn Sie aber nun noch so weiter reden, bester Herr, denn kriege ick
Angst, det et umgeht hier uf de Insel, und denn mach ick mir lieber ...

Schilling:

Sie haben recht. Ich merke das ja. Ich vermenge nmlich immer ganz
einfach Wirklichkeit und Einbildung.

Khn:

Da kommen Leute, die suchen nach Sie, Herr Schilling.

Schilling:

So? -- Wo denn? -- Wenn Sie etwa irgendwer fragen sollte ... Nichts! sagen
Sie nichts! Oder sagen Sie, da ich tausendmal lieber ... oben in der
Nhe von dem Kreuz von der Ilsabe eingebuddelt bin als im schnsten
Berliner Mausoleum. Und da man, wenn man die Hnde so aufhebt, nur
immer gradaus, immer geht, nur geht -- man auch drauen im Meer schlafen
kann.

Khn

     (lacht):

Gut!

Schilling

     (der seine Arme, hnlich wie ein Beter gegen das Meer hochgehoben
     hat):

Und wenn Sie noch jemand nach mir fragt, dann sagen Sie: der Maler
Schilling hat hier auf Fischmeisters Oye die beste Idee seines Lebens
gehabt ... oder sagen Sie lieber blo, ich bin baden gegangen.

     Von dem Gallion, das er noch immer hungrig anstarrt, sich mhsam
     losreiend, verschwindet Schilling, eigentmlich lachend, mit
     hocherhobenen Hnden in der Dunkelheit.

Khn:

Nu soll mich noch eener sagen, wenn der nich sein eignes Totenbejngnis
jesehn hat!

     Khn und der Junge mit einem Stapel Bretter auf der Radwer ab. Dr.
     Rasmussen und Professor Murer kommen von rechts, im Gesprch ruhig
     schreitend, gelegentlich stehen bleibend.

Rasmussen

     (zurckblickend):

Was mag denn eigentlich bei Klas Olfers los sein? Da kommen ja in einem
fort Leute mit Laternen aus dem Haus.

Murer:

Es ist wohl 'n neuer Schub Fremder gekommen.

Rasmussen:

Eveline wacht jedenfalls vor morgen frh nicht auf. In solchen Fllen
ist wirklich das einzig Wahre: Morphium.

Murer:

Schilling schlft ohne Morphium. Kannst du mir denn um Gottes willen
nicht sagen, was diese bleierne Betubung, in die er verfallen ist,
eigentlich zu bedeuten hat?

Rasmussen:

O, ja. Der medizinische terminus technicus interessiert dich wohl nicht.
Mach dir nur einfach klar, es ist ein Schlafzustand, aus dem nur noch
ein vorbergehendes Erwachen mglich ist.

Murer:

Wieso denn nur noch? Was soll das heien?

Rasmussen:

Gut, reden wir weiter nicht davon.

Murer:

Ich nehme noch an, du willst doch damit nicht sagen, Rasmussen, da fr
Schilling keine Rettung mehr ist.

Rasmussen:

Allerdings, Ottfried, will ich das sagen.

Murer:

Deutsch und deutlich: da Schilling sterben wird?

Rasmussen:

Hr mal, rege dich weiter nicht auf, Ottfried. Das Leiden hat in
schleichender Form wahrscheinlich seit einem Jahrzehnt in ihm gesteckt.
Seine moralische Schlappheit wird dadurch erklrlich. Sonst htte er
wahrscheinlich den Weibern und allen korrumpierenden Einflssen, seiner
Natur nach, mehr Energie entgegengesetzt. Jedenfalls bin ich froh, da
ich noch meinen Frieden mit ihm gemacht habe.

Murer

     (drckt furchtbar Rasmussens Arm):

Willst du denn damit sagen ... unmglich ... das wre ja grauenvoll.

Rasmussen:

Ja, ja, ja, ja, mein Lieber, daran ist wahrhaftig nichts zu ndern.
Zerbrich mir nicht meinen Unterarm. Schilling ist ein verlorener Mann
und wird diese Insel nicht lebend verlassen.

Murer:

Und du willst behaupten, ein Zweifel ist ausgeschlossen?

Rasmussen:

Wenn es dir Spa macht, zweifle daran. Aber schlielich war Schilling
schon so wie so ein bichen unter die Rder geraten. Seine Integritt
als Gentleman hatte sogar einen unangenehmen Flecken gekriegt, weshalb
ja, wie dir besser bekannt ist als mir, seine eigenen Fachkreise von ihm
abrckten.

Murer

     (aufbrausend):

Das war eine unqualifizierbare Hetzerei, Rasmussen. Dort steckt die
Gemeinheit, wo man dieser grundnoblen Natur nachgeredet hat, er liee
sich von Hanna Elias und von den Geldern ihrer Liebhaber aushalten.
Meine Hand ins Feuer, das war ja gerade der Fehler dieses armen Kerls,
da es ihm gegen den Anstand ging, seinen Arm auch nur nach einer Mark
auszustrecken.

Rasmussen:

Schn! Aber damit erreicht man eben doch schlielich nichts.

Murer:

Meiner Ansicht nach htte Schilling in der Kunst sehr mglicherweise
trotzdem noch was Passables erreicht. Man mute nur seinem trgen
Willen nachhelfen. Du htt'st ihn sehen sollen, noch wie er vor einigen
Tagen war, als wir ihn hier tchtig aufgepolstert hatten und bevor sein
Verhngnis, in Gestalt dieser Hanna, hier auftauchte. Und deshalb
behaupt' ich auch, wenn sein Leiden lteren Datums ist, so ist es doch
erst seit der Ankunft der Weiber in das galoppierende Stadium
eingetreten. Als er oben am Kirchhof zusammengebrochen war und wir kamen
dazu und sahen diese Hanna ber ihm, da kam es mir vor, als mte nun
irgendwelche hllische Hakelberend zu dieser vollendeten Hatz Halali
blasen.

Rasmussen:

Wo es dann aber noch rger gekommen ist. Hte dich nur vor der Majakin.

Murer:

Ich bin kein Gabriel Schilling, Rasmussen. In vierzehn Tagen pack' ich
mir meine Lucie ein und rutsche mit ihr nach Florenz hinunter.

Rasmussen:

Warum heirat'st du denn das Mdel nicht?

Murer:

Weil das fr unsereinen immer die Klippe ist.

     (Klas Olfers kommt.)

Klas Olfers:

     (schon aus einiger Entfernung):

't gibt Sturm, Herrschaft. Is Herr Moaler Schilling hier bei Sie, meine
Hern?

Murer:

Gott sei's geklagt, da knnen wir leider nicht mit Ja antworten. Mensch,
schlag mich tot, ich kann das nicht in meinen Hirnkasten kriegen, da es
da wirklich keinen Ausweg geben soll.

Rasmussen:

Ich denke, das ist doch'n Ausweg, Ottfried.

Klas Olfers:

Herr Schilling is nich tu Hus. Hei is heidi up und davon loopen.

Murer:

Mein braver Herr Olfers, Sie tuschten sich.

Klas Olfers:

In goar keenen Fall, ich tusche mich nich, Herr Professor; 's Bett is
leer, wir suchen em und wi finden em nich.

Rasmussen:

Weit kann er gar nicht gegangen sein. Vielleicht hat er sich auf den
Flur geschleppt und wird mglicherweise in einem Ihrer leeren Zimmer
liegen.

Klas Olfers:

Nee, is nich! Ick und Frau Elias, wi hoaben oalle Zimmer bis unner de
Betten abgesucht. Hei is fort! Hei is gegen den Strand hin loopen!

Murer

     (ruft durch die hohlen Hnde):

Schilling! Schilling!

Rasmussen:

Kinder, da mssen wir allerdings stramm suchen gehn. Es ist gar nicht
unmglich, da er hier drauen irgendwo halb oder ganz bewutlos liegt.
Er kann die Nacht durch hier drauen nicht liegen bleiben.

Murer

     (wie vorher):

Schilling! Schilling!

Rasmussen:

Ich glaube schwerlich, da er dich hrt.

     Schuckert mit zwei anderen Fischern kommt. Schuckert trgt eine
     brennende Laterne.

Klas Olfers:

Na, Schuckert, wat is?

Schuckert:

Wi hewen nix funden. Wi hewen binoah den ganzen Strand bis Grobe hin
abgesucht.

Klas Olfers:

Und da hbt jie nix von dem Moaler Schilling, ock in den Dnen nich,
gesprt?

Schuckert:

Nich an Strand unten und ock nich in den Dnen. (Er schreit durch die
Hnde): Ahoi! Ahoi!

     (Fischer rechts am Strande antworten.)

Die Fischer:

Ahoi! Ahoi!

Schuckert:

Hbt jie wat funden?

Die Fischer

     (rufen zurck):

N, wi nich!

Murer:

Wer kommt denn dort?

     Der Wind bricht los mit gesteigerter Heftigkeit. Alle knnen nur
     mhsam gegen ihn ankmpfen. Lucie kommt.


Lucie:

Famos, Ottfried, da Schilling doch seinen Sturm noch kriegt!

Murer:

Wir sind auf der Suche nach Schilling, Lucie! Schilling ist nmlich aus
dem Bett gestiegen und hat sich leise davongemacht.

Rasmussen:

Wir wollen mal berlegen, Kinder!

Lucie

     (spontan):

Flucht! begreiflicherweise Flucht! -- Dann ist das doch Hanna Elias
gewesen. Es schreit nmlich eine weibliche Stimme dort unten in der
Nhe, wo Fischer Kummer wohnt, fortwhrend mit einigen Leuten herum.

Murer:

Schusterchen, geh und such sie auf. Gib mal acht: du hast die Aufgabe,
sie mglichst von Schilling fernzuhalten.

     Der Tischler Khn tritt aus der Dunkelheit heran.

Khn:

Suchen Sie den Herrn Maler Schilling, meine Herrn?

Murer:

Jawohl, jawohl!

Khn:

Herr Schilling ist eben, vor eene kleene Viertelstunde erst, hier
gewesen.

Murer:

Wo ist er gewesen?

Khn:

Hier, meine Herren.

Murer:

Tuschen Sie sich da etwa nicht, Meister?

Khn:

Ich hab sojar jesprochen mit ihm.

Murer:

Was haben Sie denn mit ihm gesprochen?

Khn:

So allerhand! Und dann ooch was, was mir jetzt erst uf die Seele
gefallen ist. Ich sollte gehn und sollte Ihnen sagen, da Herr Schilling
baden gegangen is!

Klas Olfers:

Nanu, Schuckert, nu woll wi den Schuppen ufmaken! Nu woll wi dat kleene
Boot flottmachen. Komm man fix. Hast du den Slissel mitbrockt, Tjung?

Schuckert:

Tja, Klas Olfers, ick hebb em all.

     Schuckert verschwindet hinter dem Schuppen, man hrt den groen
     Schlssel knarren und danach das groe Tor aufghnen.

Rasmussen:

Herr Olfers, ich werde mit ins Boot steigen. (Zu Murer): Es ist
tatschlich nicht ausgeschlossen, da Schilling in seiner Wassergier
noch mal hinausgeschwommen ist.

     Er luft mit Klas Olfers und den anderen Leuten hinter den
     Schuppen, von wo man hrt, wie alle zusammen das kleine
     Rettungsboot herausschaffen. Zuweilen dringt das dumpfe Poltern der
     Ruder durch den zunehmenden Wind. Das Meer beginnt strker zu
     rauschen.

Lucie:

Ich suche Hanna Elias auf.

Murer:

Wart mal! Wenn der arme Kerl wirklich mit Selbstmordgedanken etwa
hinausgeschwommen ist, und ihn drauen womglich Reue anwandelt ...
Komm, wir machen ein Feuer an.

Lucie:

Die Pechpfanne brennt ja schon vor dem Schuppen.

     Das rote Licht der Pechpfanne und beleuchteter Rauch dringen
     hinterm Schuppen hervor. Mehr und mehr Fischerweiber und Kinder
     kommen, in den Wind schwatzend und schreiend, aus der Dunkelheit.
     Sie fragen einander, dringen auf die Mnner ein, um zu erfahren,
     was los ist; diese aber scheinen wortkarg nur damit beschftigt,
     das Boot klarzumachen. Die Jungen klettern auf das umgestlpte Boot
     auf der Dne; einige die Strickleiter am Signalmast empor. Das Boot
     ist inzwischen ins Wasser gebracht.

Murer

     (zu den Leuten, die ihn bestrmen):

Ich wei nicht! Ich kann keine Auskunft geben! -- Ich wei nicht! -- Ich
wei nicht! -- Es tut mir leid!

     Hanna Elias, in aufgelstem Zustande, dringt durch die Menge
     hervor.

Hanna:

Herr Professor Murer, ist er gefunden?

Murer:

Nein. Eben erst ist das Boot flottgemacht.

Hanna:

Er ist immer noch nicht gefunden?

Murer:

Nein.

Hanna:

Ich will mit ins Boot, ich mu mit hinausfahren.

     Sie reit sich los und eilt fliegenden Haares gegen das Boot
     hinunter.

Lucie:

Ich wei nicht, ich kann ihr nicht bse sein!

Murer:

Wie denkst du? Wollen wir uns auch anschlieen?

Lucie:

Sieh mal, wie das gespenstisch ist! Das ganze Meer sieht wie Steinkohle
aus! Und es wirft schon wieder ziemliche Schaumkmme.

Murer:

Auch frmlich wie gelber Steinkohlenschaum.

Lucie:

Schn! Und sieh mal im nassen Sande die gelben Reflexe.

Murer:

Ja, gelb und dahinter purpurrot! -- Sag mal, du bist ja so ruhig,
Schusterchen.

Lucie:

Ich wei nicht, seit der Wind so auffrischt, kommt so ein neues,
frisches, freies Gefhl ber mich. -- Ich glaube nmlich ... jetzt ist er
fr ewig geborgen!

Murer:

Hast du Schilling gern gehabt?

Lucie

     (zu ihm aufblickend):

Nicht so, wie dich!

Murer:

Wollen wir immer beisammen bleiben?

Lucie

     (fatalistisch):

So lange es dauert in dieser Welt. -- Still! Sie rufen dort unten so
unheimlich!

Murer:

Am Ende ist er gefunden. Komm!

Lucie:

Nein, Ottfried, ich gehe nicht mit.

Murer:

Warum nicht?

Lucie:

Ich mag nicht! Ich kann das nicht. Wenn Schilling wirklich geflohen ist
... nein, nicht mehr ... nicht mehr wie die Jagdhunde nachlaufen.

Murer:

Gut. Amen.

Lucie

     (schnell):

Wahrhaftig, sie bringen ihn.

     Dunkle Gestalten werden sichtbar, Fischer, die eine Bahre tragen,
     auf der Schilling tot liegt. Fischerweiber und Kinder folgen.
     Rasmussen geht neben der Bahre. Der Zug bewegt sich schweigend,
     hinter dem Schuppen hervor, unter dem Gallion vorber, nach links
     vorbei. Lucie und Murer blicken Hand in Hand von einem erhhten
     Standpunkt auf ihn herunter. Etwas Lautloses, Unwirkliches liegt in
     dem Vorgang.


Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.




Gerhart Hauptmanns Werke in Einzelausgaben


  Bahnwrter Thiel -- Der Apostel.    Novellist. Studien. 8. Aufl.
  Vor Sonnenaufgang.    Bhnendichtung.               13. Auflage.
  Das Friedensfest.    Soziales Drama.                 7. Auflage.
  Einsame Menschen.    Drama.                         27. Auflage.
  De Waber.    Schauspiel.    (Originalausgabe.)       2. Auflage.
  Die Weber.    Schauspiel.    (bertragung.)         43. Auflage.
  Kollege Crampton.    Komdie.                        9. Auflage.
  Der Biberpelz.    Eine Diebskomdie.                14. Auflage.
  Hanneles Himmelfahrt.    Eine Traumdichtung.        23. Auflage.
  Florian Geyer.                                       9. Auflage.
  Die versunkene Glocke.    Ein deutsches Mrchendrama.  80. Aufl.
  Fuhrmann Henschel.    Schauspiel.    (Originalausg.)   16. Aufl.
  Fuhrmann Henschel.    Schauspiel.    (bertragung.)    16. Aufl.
  Schluck und Jau.    Spiel zu Scherz und Schimpf.       10. Aufl.
  Michael Kramer.    Drama.                           10. Auflage.
  Der rote Hahn.    Tragikomdie.                      8. Auflage.
  Der arme Heinrich.    Dramatische Dichtung.         23. Auflage.
  Rose Bernd.    Schauspiel.                          18. Auflage.
  Elga.                                                7. Auflage.
  Und Pippa tanzt!    Ein Glashttenmrchen.          10. Auflage.
  Die Jungfern vom Bischofsberg.    Lustspiel.         4. Auflage.
  Kaiser Karls Geisel.    Drama.                       6. Auflage.
  Griechischer Frhling.                               7. Auflage.
  Griselda.                                            6. Auflage.
  Der Narr in Christo Emanuel Quint.    Roman.        18. Auflage.
  Die Ratten.    Berliner Tragikomdie.                7. Auflage.


Gerhart Hauptmanns Gesammelte Werke in sechs Bnden

Geheftet 24 Mark, in Halbpergament gebunden 30 Mark, in Ganzpergament 36
Mark.

  1. Band: Soziale Dramen: Einleitung -- Vor Sonnenaufgang
     -- Die Weber -- Der Biberpelz -- Der rote Hahn.

  2. Band: Soziale Dramen u. Prosa: Fuhrmann Henschel
     -- Rose Bernd -- Bahnwrter Thiel -- Der Apostel.

  3. Band: Familiendramen: Das Friedensfest -- Einsame
     Menschen -- Kollege Crampton -- Michael Kramer.

  4. Band: Mrchendramen: Hanneles Himmelfahrt --
     Die versunkene Glocke -- Der arme Heinrich.

  5. Band: Historische Dramen: Florian Geyer.

  6. Band: Mrchendramen und Fragmentarisches: Elga --
     Schluck und Jau -- Und Pippa tanzt -- Helios -- Das
     Hirtenlied.

     Niemand wird das tiefgewurzelte Gefhl der Dankbarkeit in uns
     zerstren knnen, da diese Werke da sind. Als Ausdruck des
     dichterischen Geistes unserer Tage -- sei er nun gro oder klein,
     doch er ist unser -- sind und bleiben sie uns Deutschen kostbar.
     Deutsch sind sie bis ins Letzte, voll keuscher Beseeltheit, voll
     inniger Flle. Dies _fhlen_ wir auch jenseits alles Urteilens und
     Verstehens. Und darum lieben wir, wir knnen gar nichts anders.
     (Neue Freie Presse, Wien)


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  | Anmerkungen zur Transkription:                                     |
  |                                                                    |
  | Folgende Korrekturen wurden vorgenommen:                           |
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  |  "d'hote" in "d'hte" gendert.                                    |
  |  "Eunosthus" in "Eunostus" gendert.                               |
  |  "Kreuzeretden" in "Kreutzeretden" gendert.                     |
  |                                                                    |
  | Folgende Schreibweisen wurden nicht gendert, da sie frher        |
  | gebruchlich waren:                                                |
  |                                                                    |
  |  Gallion, Gallionfigur                                             |
  |  Gehrstuschung                                                   |
  |  hellichten                                                        |
  |  Hollunderstrauch                                                  |
  |  Mve, Seemve                                                     |
  |  unstt, Unsttes                                                  |
  |                                                                    |
  | In der wrtlichen Rede sind Worte so geschrieben, wie sie          |
  | gesprochen werden, ohne Auslassungszeichen zu verwenden. Das ist   |
  | so beibehalten worden, wie beispielsweise:                         |
  |                                                                    |
  | altbacknen ander anziehn ausruhn begehn bescheidnes bitt bittren   |
  | borg dacht eignes entgegengehn erheb fhl geborner gehn gehts      |
  | geschehn gesehn grad gratulier hng htt heut hinbergehn jag kenn |
  | konnt kriech leb lieg mcht nehm nich offne red Ruhn seh sehn      |
  | stehn stehts berm unbescheidnen verzeihn wackren werd Wiedersehn  |
  | wirs wnsch zuhaus                                                 |
  |                                                                    |
  | Folgende Schreibweisen wurden uneinheitlich belassen:              |
  |                                                                    |
  |  "Ku ui", "Kuui" und "Ku u i"                                      |
  |                                                                    |
  | Folgende Schreibweisen wurden zu der meist gebrauchten             |
  | Schreibweise vereinheitlicht:                                      |
  |                                                                    |
  |  "Jaketts" (getrennt als Ja-ketts geschrieben) zu "Jacketts"       |
  |                                                                    |
  | An folgenden Stellen wurde die Interpunktion gendert:             |
  |                                                                    |
  |  ... von der Mauer nach auen. Lucie luft ... (Punkt eingefgt)   |
  |  ... solche Anflle, wie den gestrigen, schon frher gehabt? (2.   |
  |                          Komma eingefgt)                          |
  |                                                                    |
  | Die folgenden Stze wurden gendert, der ersetzte Buchstabe als    |
  | Setzfehler gewertet:                                               |
  |                                                                    |
  |  wenn wir mal ne Erinnerung ber die Leber lauft (Original)        |
  |  wenn mir mal ne Erinnerung ber die Leber luft (Transskript)     |
  |                                                                    |
  | Die folgenden Stze wurden gendert, die falsche Grammatik         |
  | erlaubte kein flssiges Lesen der Textstellen:                     |
  |                                                                    |
  |  Warum lebst du denn hier mit deine Freunde? (Original)            |
  |  Warum lebst du denn hier mit deinen Freunden? (Transskript)       |
  |                                                                    |
  | (Original) krankhafte Mrchen, ausgebrtet von eine sich beleidigt |
  | glaubenden Frau, (Transskript) krankhafte Mrchen, ausgebrtet von |
  | einer sich beleidigt glaubenden Frau,                              |
  |                                                                    |
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End of Project Gutenberg's Gabriel Schillings Flucht, by Gerhart Hauptmann

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GABRIEL SCHILLINGS FLUCHT ***

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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