The Project Gutenberg EBook of Reise zu deutschen Front, by Ludwig Ganghofer

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org


Title: Reise zu deutschen Front

Author: Ludwig Ganghofer

Release Date: February 18, 2014 [EBook #44961]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE ZU DEUTSCHEN FRONT ***




Produced by Franz L Kuhlmann, Norbert H. Langkau and the
Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net





       [* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *]
       [* Anmerkungen zur Transkription:                        *]
       [*    Es stehen                                          *]
       [*    _ - Zeichen fr "non-Fraktur" -in diesem Text-     *]
       [*            fr "fremdsprachliche" Phrasen             *]
       [*    = - Zeichen fr "gesperrte" Phrasen                *]
       [*    $ - Zeichen fr "fett gedruckte" Phrasen           *]
       [*    [+] - Zeichenfolge fr Kreuzsymbol                 *]
       [*    [Illustration] fr das Logo des Ullstein Verlags   *]
       [*                                                       *]
       [* Der Text ist unverndert aus dem Original bernommen. *]
       [* Ausnahme: "stummgemacht" gendert in "stumm gemacht"  *]
       [*           (Falsches Trennzeichen bei Zeilen- UND      *]
       [*           Seitenumbruch im Original)                  *]
       [* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *]




                                Ullstein
                              Kriegsbcher




                               Reise zur
                            deutschen Front
                                  1915


                               Reise zur
                            deutschen Front
                                  1915

                                 =von=

                                 Ludwig
                               Ganghofer

                             [Illustration]

                                 =1915=
                   Verlag Ullstein & Co Berlin / Wien

                         150. bis 200. Tausend

      Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung, vorbehalten.
        Amerikanisches Copyright 1915 by Ullstein & Co, Berlin.




                                   1.


                                                        12. Januar 1915.

Ich soll das Gesicht dieser groen Zeit mit eigenen Augen sehen. Die
Erwartung brennt in mir wie ein Hhenfeuer.

Gleich am ersten Abend der Reise, in Frankfurt, fat mich ein starker
Eindruck. Hier sieht der mchtige Bahnhof aus wie eine Festungshalle.
Ein von Westen kommender Zug schttet ein paar hundert Offiziere
und Mannschaften aus. Meist sind es Leichtverwundete. Ein junger,
bildhbscher Offizier, den geschienten, dick verbundenen Arm in
der Schlinge, den Waffenrock umgehngt, macht sich vor dem Zug ein
bichen Bewegung und raucht dazu mit Behagen seine Zigarette. Ein
Schwerverwundeter wird auf einem Wgelchen rasch vorbergefahren.
Ich sehe ein abgezehrtes Leidensgesicht mit sehnsuchtsvollen Augen.
Das Gezitter und Gewackel des Wgelchens, auf dem der Brave an mir
vorbeigefahren wird, scheint ihm schwere Schmerzen zu verursachen.
Ich hre sein leises, ein bichen unwilliges Ach!. Dann dreht er
langsam das Gesicht auf die andere Seite und schliet die Augen. Das
Wgelchen verschwindet im Gewhl der Feldgrauen. Sehr viele von ihnen,
Offiziere und Mannschaften, tragen das Eiserne Kreuz. Alle tragen es mit
sichtlichem Stolz, jeder scheint sich still innerlich zu freuen, wenn
es gesehen wird und einen dankbaren Blick erweckt. Ja! Dankbar mssen
wir jedem sein, der dieses Zeichen der deutschen Ehre trgt. Und da wir
der Ausgezeichneten so viele sehen, das mu uns freudig stimmen, mu uns
Vertrauen und Ruhe geben. Ein Heer von Helden! Wer, auer Gott, knnte
uns besser schtzen?

Neben den Verwundeten sind viele, die nur heimkehren, um irgendeinen
militrischen Auftrag auszufhren. Ihr Auftreten ist ernst und wrdig,
ihr Schritt rasch und beschwingt. beraus wohltuend ist die Frsorge,
die man diese Offiziere den Mannschaften erweisen sieht. Wenn da ein
Soldat steht, der etwas ratlos herumsieht und nicht wei, was er
beginnen soll, ist gleich ein Offizier bei ihm und fragt: Was ist
mit Ihnen, woher kommen Sie, wohin wollen Sie, haben Sie einen guten
Platz? Jedes Anliegen findet Hilfe. Ich sehe einen Offizier, der den
Arm um einen blassen, md und schwerfllig vorwrts tappenden Soldaten
geschlungen hlt und den Schaffner des Schlafwagens anruft: Haben Sie
noch Platz? Der Mann mu ein Bett haben. Die Antwort: Alles besetzt!
Und der Offizier sagt: Dann geben Sie dem Mann mein Bett, er mu
liegen, mu schlafen knnen, ich komme schon irgendwo unter. --

Frh, vor Tageserwachen, geht die Reise weiter. Ich bin der einzige
Zivilist in dieser endlos scheinenden Wagenkette. Das zu wissen, ist
unerquicklich. Die Zeit ist so, da man als Nicht-Soldat immer in
Versuchung gert, sich seines brgerlichen Rockes zu schmen. Auer
mir und vielen hundert Soldaten ist nur noch ein junges Mdel im Zuge.
Wahrhaftig, ich bin in groer Sorge um ihr Schicksal. Sie selbst ist
vergngt und plaudert lebhaft. Ihr Kupee ist berfllt, und ein halbes
Dutzend der Feldgrauen steht noch lachend um die Tre herum. Das mindert
die Gefahr.

Der Morgen beginnt zu grauen, whrend der Zug aus der mchtigen
Frankfurter Bahnhofshalle hinausrollt. Gleich vielen groen
Morgensternen hngen die hochmastigen Streckenlampen in der stahlblauen
Luft. Die Huser gleiten vorber, mit Hunderten von erleuchteten
Fenstern. Am Morgen hat ein erleuchtetes Fenster etwas Widersinniges;
bei seinem Anblick hat man unwillkrlich das Gefhl: es ist nicht
Morgen, es will Abend werden. Mir rinnt es bei diesem Gedanken hei
durch Seele und Knochen. Nein! In Deutschland geht es nicht einem Abend
und nicht der Nacht entgegen; ein Morgen wird kommen, schner als jeder
Morgen, den das deutsche Volk noch jemals erlebte.

Ein Drhnen und Rauschen. Der Zug gleitet ber die eiserne Brcke,
und gleich einem wundervollen Silberband, das die Ferne mit der Nhe
verknpft, so glnzt der Mainstrom ins erwachende Land hinaus.

Immer wieder bersetzt der Zug eine Strae und immer seh' ich das
gleiche Bild: bei den Schlagbumen stehen lange Zge von Soldaten,
die auf ihrem Wege zum Exerzierplatz einige Minuten aufgehalten sind.
Millionenheere stehen drauen im Kampfe, und noch immer wimmelt die
ganze Heimat von Feldgrauen. berall Soldaten, Soldaten, Soldaten! Und
jeder von ihnen hat ein gesundes deutsches Herz und zwei kraftvolle
Fuste, jeder von ihnen ist ein Vertrauender, ein Lachender! --
Deutschland! Nur die Trichten und Engherzigen knnen in Sorge geraten
um deine Zukunft.

Heller und heller wird der Morgen. Kleine Stdte mit lieblichen
Silhouetten huschen vorber und Drfer, in denen schon die Arbeit des
Tages beginnt. Von auen klingt keine Stimme herein in den rauschenden
Zug; aber man sieht eine ruhige Heiterkeit in allen Gesichtern.

Gut gepflegte Wlder wechseln mit sauber abgeernteten Fluren, auf
denen der milde Winter das Grn schon daumenhoch wachsen lie. Dann
wieder die braunen Spitzdcher zwischen groen Obstgrten, in denen
die regelmigen Reihen der Apfelbume mit den kalkwei angestrichenen
Stmmen aussehen wie Nymphenburger Tafelaufstze.

In der Nhe und in der Ferne mehren sich die hoch emporgestreckten
Schornsteine der Industriesttten. So viele sind es, da man glauben
knnte, Gott htte soeben durch diesen erwachenden Morgen vom Himmel
herunter gerufen: Fleiiges Volk der Deutschen, wo bist du? Und
unzhlige riesige Steinfinger fuhren in die Hhe: Da bin ich!

Unter dunstigen Schleiern schwingen sich drei mchtige Bogen ber blaue
Luftrume hinber: eine Rheinbrcke!

Rhein!

Tausend deutsche Lieder klingen aus diesem Worte, tausend Bilder der
Vergangenheit tauchen herauf aus der schimmernden Tiefe dieser einen
Silbe. Von allen Zukunftsbildern, die sich mit dem Rhein verweben, seh'
ich nur immer dieses Eine mit dem ewigen Eigenschaftsworte: =Deutsch=!

Der Morgen ist klar geworden, mit einem weien Himmel, aus dem wie ein
winkender Feuerfinger das Mondviertel herausbrennt. Mit hell erwachenden
Farben wellt sich die Umgebung von Mainz in die Ferne, eine reizende,
liebenswrdig gegliederte Landschaft.

Jetzt fahr' ich ber die drei hohen Eisenbogen, die ich vor einer Weile
gesehen. Wie eine wohlhabende und ordnungsliebende Hausfrau vor einem
befreundeten Gast ihre Laden und Truhen ffnet, so kramt eine groe,
fleiige deutsche Stadt ihre Straen, Gassen und Huserfluchten vor mir
aus.

Der Zug taucht in den langen Tunnel hinein, der die alten Festungswerke
durchschneidet. Die Finsternis endet, strahlendes Licht, wieder das
weite Stdtebild und in den Straen die Menschen, von denen noch keiner
einen Geielschlag des tobenden Krieges zu fhlen bekam. Jeder fhlte
nur den Segen der friedlichen Ruhe im Herzen des Deutschen Reiches.

Nebel kmpfen, langgestreckte Wolkenzge umwrgen die Weinberge und
die Waldhhen, und unter den Dunstfahnen des Himmels mischen sich die
langen, braunen Rauchwimpel der Fabrikskamine.

Jetzt ein entzckendes Bild! Die ber weite Flurstrecken hinreichenden
Krautgrten der Mainzer Vorstadt sind berflattert von einem weien
Mwengewimmel. Dahinter glnzt die lange Silberborte des Rheines mit
gleitenden Schiffen in allen Farben.

Ein kleines friedliches Dorf. Viele Frauen und Kinder. Alle lachen und
rufen, alle winken mit weien Tchern -- aus den Fenstern meines Zuges
gucken wohl viele, viele Soldatengesichter heraus? Immer aufs neue
wiederholt sich dieses Bild der grenden Frauen, Mdchen und Kinder,
das Bild dieser weien Flattergre. Mir gelten sie nicht. Ich bin ein
berflssiger, ein Nutzloser, ein Altgewordener ohne Waffe in der Faust!

Nun fliegt an mir ein seltsames Bild vorber, dessen Symbolik mich
tief ergreift: Ein groes umzuntes Flurgeviert, durchsetzt mit
regelmigen Reihen kleiner, wei bemalter Kreuze. Ein Friedhof?
Eine Grbersttte? Ein Garten des Todes? Nein! Es ist ein junger
deutscher Weingarten mit sprossenden Reben, dessen blattlose, dem nahen
Frhling entgegendrstende Ranken sich emporstrecken ber die weien,
kreuzfrmigen Sttzen.

Jetzt geht ein kstliches Funkeln und goldenes Erblitzen ber alle Hhen
und Tiefen der schnen deutschen Erde hin.

Du friedsames, du verheiungsreiches, du sonnbeglnztes Land des
heimatlichen Bodens! Alle Krfte meiner Seele gren und lieben dich!
Komm und nimm, was ich habe, komm und nimm, was ich bin! Dir will ich
dienen, mein ganzes Leben soll nichts anderes sein als ein geduldiges
Mich-Einfgen in dein Wachsen und Erblhen, nichts anderes als ein
Samenkorn auf dem Acker deiner werdenden Gre! --

Meine Augen trinken das Bild der friedlichen Landschaft. Schwrme von
Wildenten rinnen auf den Altwssern und Kanlen des Rheines umher. Vor
Bingen sieht man die Bogen einer neuen Brcke entstehen, die eben gebaut
wird. Welch ein Gegensatz: der Gedanke an den Krieg, den wir fhren --
und das erhebende Bild dieses deutschen Friedensfleies!

Der rauschende Zug lenkt gegen Sdwesten ab, und die Weinberge und das
Silberband des Rheines gleiten von mir zurck. Scharf hebt sich noch
der zierliche Umri einer alten Burg vom sonnigen Himmel ab und fngt
zu wandern an und verschwindet. Auf Wiedersehen, du deutscher Rhein, du
flutende, rauschende Lebensader des Deutschtums!

Die Fahrt geht durch ein enges Flutal. Auf der einen Seite die
Hgelkette mit den Weinbergen, deren Stabgewirre anzusehen ist wie
ein endloser Zug von Lanzenreitern, die sich hinter braunen Erdwllen
verbergen und nur die Spitzen ihrer Speere gewahren lassen; auf der
anderen Seite der mit Drfern und Stdtchen besetzte und mit alten
Steinbrcken berspannte Flu, den die Regenmassen der letzten Wochen
braun und reiend gemacht haben. Alle paar hundert Schritte stehen
Fischer mit Angelstcken oder Tauchnetzen, und Buben rennen mit
Netztrichtern an langen Stangen. Alle sind sehr vergngt. Die denken im
sicheren Frieden ihrer Heimat wohl gar nicht an den Krieg, den irgendwo
da drauen oder da hinten die Vlker miteinander fhren.

Das enge Tal weitet sich zu schnen Gelnden, durchblitzt von
Wasserlufen, berwlbt von einem leuchtenden Himmel. Die Welt sieht
aus, als mchte der Frhling um drei Monate frher kommen als sonst.
Jeder Windhauch trgt mir den Wohlgeruch der brutlichen Erde entgegen,
auf allen sonnseitigen Hngen wuchert das frische Grn -- es fehlen in
diesem verfrhten Frhlingsbilde nur die Schwrme der Wandervgel.
Aber fliegt da nicht der lange feldgraue Wanderzug, in dessen Mitte ich
selber mitflattere als brauner Kuckuck? Der Frhling des Deutschtums hat
Wandervgel in unzhlbarer Menge.

Die Nhe von Metz verrt sich. Jeder Tunnel, jede Brcke, jede
Wegbersetzung ist militrisch bewacht. In den Bahnhfen, in denen Zge
sich kreuzen, tauchen Soldaten auf, die aussehen, als htten sie am
Morgen noch in den lehmigen, von Regensumpf erfllten Schtzengrben
gelegen. Stiefel, Uniform und Mantel, alles ist erdfarben, und bei
manchem dieser Tapferen ist das Band des Eisernen Kreuzes anzusehen, als
wr's eine sterreichische Auszeichnung: schwarz-gelb.

An der Bahnstrecke tauchen franzsische Namen auf: Remilly, Courcelles.
Hier sieht man zuweilen an den Mauern frisch getnchte Stellen. Da
standen franzsische Aufschriften, die man jetzt berstrich und durch
deutsche Klnge ersetzte. Sehr erfreulich ist das! Ein Glck, da man
es endlich lernt, aller unpraktischen Duldung zu vergessen und dieses
Inlands-Franzsische in gutes Deutsch zu verwandeln! Mit der hbschen
Landschaft werden sich die deutschen Klnge ganz gut vertragen. Wlder
und Fluren, wenn auch augenblicklich ein bichen berschwemmt, haben
jene Linie, die das deutsche Wesen und Volkstum ihnen gab vor vielen
Jahrhunderten. Das bichen franzsische Herrschaft inzwischen war nur,
was der sterreicher ein bergangl nennt.

In einer Station mit franzsischem Namen guckt aus einem Fenster ein
uniformierter Mann heraus, mit franzsischem Schnurrbart und mit einer
spiegelblanken Glatze, die noch viel franzsischer ist. Seine Frau
grt mit der Hand nach romanischer Art, so, wie die Italiener auf
den Bahnhfen winken, mit Handflchen und Fingerspitzen nach vorne.
Frankreich scheint nimmer weit zu sein. Aber wo ist der Krieg? Ich sehe
nur Bilder des Friedens und der ungestrten Ruhe, sehe nur lachende
Gesichter.

Entlang der Bahnstrecke taucht ab und zu eine soldatische Wache auf.
Der Zug biegt um eine Waldecke, und pltzlich sieht man einen groen
Husersee mit turmloser Kathedrale. Die deutsche Festung Metz! Aber
man sieht nur eine Stadt. Wo ist die Festung? Ich kann sie nicht
finden. Im Bahnhof gleicht das Umsteigen von Zug zu Zug einem Sturm
auf ein feindliches Fort. Kein Mittagessen, nicht so viel Zeit, um eine
Schinkensemmel zu erwischen. Der Gedanke an unsere braven Soldaten,
die unter dem Kugelregen tage- und nchtelang hungern mssen, macht
mich geduldig und zufrieden. Auf einem Gepckskarren werden vier hbsch
gearbeitete Srge herbeigefahren. Sie kommen leer und werden beschwert
in die Heimat zurckwandern.

Der Zug fhrt nordwrts durch reiche deutsche Industriebezirke, immer
entlang der franzsischen Grenze, die sich hinzieht ber dunkle
Waldhgel. Hinter ihnen, gegen Westen, wallt es von dichten Nebeln, die
den Mittagshimmel immer trber umschleiern. Ein feiner Regen beginnt zu
fallen und kleidet allen Wechsel der Landschaft in ein ruhiges Feldgrau.

Aus einem groen Httenwerke leuchten rotstrahlende Glutaugen heraus.
Sind es Essenfeuer oder glhende Eisenblcke? Was immer, es sind
strahlende Augen des deutschen Fleies. Trotz allem Lrm des Zuges
vernehme ich das Drhnen mchtiger Stahlhmmer. Und aus hohen
Schornsteinen wirbelt Rauch in drei Farben empor: tiefschwarz, nebelwei
und zinnoberrot. Eine Riesenfahne in deutschen Farben! Das war wohl
immer so, seit vielen Jahren ruheloser Arbeit. So oft die Franzosen von
den nahen Grenzbergen herunterguckten, muten sie dieses wallende Banner
der deutschen Rhrsamkeit gewahren.

Die Bahn macht eine Kurve und wendet sich gegen Westen. Es geht nach
Frankreich hinein. Ein heier Schauer rinnt mir durch die deutsche
Seele, ber die Haut, durch alle Glieder. Meine fiebernden Gedanken
fliegen zurck ber die Wege, auf denen ich von Mnchen hierher gekommen
bin. Wo war der Krieg? Ich habe nur das blhende Leben der Heimat
gesehen, sah nur unverwstete Fluren, nur unbeschdigte Huser, aus
deren Fenstern die Ruhe eines verllich behteten Glckes herausredete.
Ich sah die tausend Zeugen unseres schpferischen Fleies, sah Jugend
und mnnliche Kraft in unermebarer Flle, sah Frauen und Mdchen mit
frohen, glubigen Augen, sah unbedrohten Besitz und sicheres Eigentum,
sah alle Gter und Segnungen eines von eisernen Krften beschtzten
Landes, und habe bis zur Stunde nur gesehen und empfunden, was Friede
heit, und was es fr ein Volk bedeutet: so kraftvoll zu sein, da es
auch in kriegerischen Zeiten jeden kostbaren Wert des Friedens fr sich
erzwingen kann auf dem heiligen Boden, den es bewohnt!

Ein suchender Blick durch die grauen Schleier des trb gewordenen Tages.
Und mir fhrt ein Schreck in das Herz, so kalt wie Eis, und wieder so
brennend wie der Sto eines glhenden Dolches.

Zwischen kahlen Hhen ein wogender Qualm. Neben dem Gleise liegt der
wste Trmmerhaufen eines zerschossenen Bahnwrterhuschens, aus dessen
wirrem Schutt noch die Reste von Dingen und Gerten hervorlugen, die
einst einem freundlichen Leben dienten. Und hinter den zurckweichenden
Hgeln taucht etwas Grauenvolles heraus, hinaufgestellt auf eine weithin
sichtbare Hhe, wie eine Warnung, eine Mahnung und ein Wegweiser fr
alles deutsche Denken der Gegenwart.

Lautlos und dennoch begabt mit einer schreienden Stimme, verlassen von
allem Leben, ein steingewordenes Sterben, so steht dieses Frchterliche
da droben. Zerbrochene Mauern sind von Ru geschwrzt, alle Fenster
sind aus den Hhlen gerissen, nur manchmal hngen noch in grotesker
Verrenkung die Reste von grn bemalten Lden an dem zerschmetterten
Gemuer. Kein Dach mehr. Alles, was Holz war, ist verbrannt, verkohlt.
Kaminschchte, Giebel und aberwitzige Ruinenformen starren in die
graue Regenluft empor wie Hunderte von verkrppelten Riesenhnden mit
gespreizten und zerkrmmten Steinfingern. berall die Spuren eines
wilden, gewaltigen und verzweifelten Kampfes, berall Tod, Vernichtung
und Zerstrung, berall der hohlugige Schauder des Untergangs.

Was ich da sehe, war einmal ein franzsisches Stdtchen, war
Audun-le-Roman.

Mir zittern bei diesem Anblick alle Nerven. Das Grauen dieser
Todessttte befllt mich mit doppelter Macht nach allen ruhigen und
frhlichen Friedensbildern, die ich auf der Fahrt durch unsere Heimat
immer und berall gesehen. Wie etwas grausam Qulendes ist in mir der
Schrei: So htte es kommen knnen bei =uns=, so htte von schwer zu
schtzenden Grenzmarken, die das Schaudervolle erleben muten, der
Untergang und jeder Todesschreck auf Vernichtungswegen sich hineinwhlen
knnen bis ins innerste Herz unseres Landes, alles verwstend und alles
erwrgend!

Eine zornvolle, brennende Sehnsucht ist in mir. Ich mchte hundert,
mchte tausend, mchte Millionen Fuste haben, mchte zurckgreifen
in alle Hhen und Tiefen unseres Volkes, in alle Straen und Winkel
unserer Heimat, und mchte hundert, mchte tausend, mchte Millionen der
Daheimgebliebenen an den Armen fassen, mchte sie herziehen vor dieses
grauenvolle Bild und mchte hineinschreien in ihre Herzen:

=Das seht euch an=! Das hat die eiserne Kraft des Deutschtums, das
hat der unzerbrochene, unter freudigen Blutopfern glhende Heldenmut
des deutschen Heeres im Westen euch erspart, euch und euren Kindern,
eurem Gut und eurem Boden! =Das seht euch an=! Und vergleicht es mit
dem, was ihr in heiterem Frieden noch immer besitzen drft! Vergleicht
es mit dem, was der Mut und die Treue des deutschen Heeres fr euch
erfocht von Anbeginn des Krieges bis zur heutigen Stunde! Dann prft
eure Seelen, prft euer Heimatswerk! Und ihr werdet geduldig werden, ihr
werdet glubig sein und unerschtterlich in eurem deutschen Vertrauen!
Und im siebenten, im zehnten und -- wenn es sein mte -- auch noch im
zwlften Monat eines Kampfes, den eine Welt von Widersachern und Neidern
ber uns heraufbeschworen, werdet ihr alle, die ihr euch Deutsche nennt,
immer noch die gleichen sein, die unzerbrechbar Festen und Verllichen,
die Geduldigen und Opferwilligen, die Ehrlichen und Starken, die von
einem einzigen Gedanken der Kraft und Treue Durchbrausten, wie ihr alle
es gewesen seid in den ersten Tagen und Wochen dieses heiligen deutschen
Erlsungskrieges!

Da droben grinsen und drohen und warnen die schwarzen Ruinen!

Ich wende die Augen ab, ich schaue heimwrts in die klare Redlichkeit
und in die ausdauernde Kraft unseres Volkes. Und mir wird wohler und
freier um die bedrckte Seele.




                                   2.


                                                        15. Januar 1915.

Weiter und weiter geht die Fahrt, immer neuen Bildern der kriegerischen
Zerstrung entgegen, aber auch immer neuen Bildern, die es mit
hinreiender Kraft verstehen, einem deutschen Herzen jeden notwendigen
Glauben und alles Vertrauen einzureden.

Von der Bahnstrecke ziehen sich liebenswrdige Buchentler nach allen
Seiten hin, mit vielfach geschlngelten Bachlufen -- eine Landschaft
wie in Franken daheim.

In einem Bachtal, das an den khlen Grund des Volksliedes erinnert,
huscht eine Mhle vorber, sieben vergngte Landstrmer stehen im Hof,
und unter ihnen, auch nicht gerade traurig, steht eine dunkelugige und
schwarzhaarige Franzsin. Vielleicht spielt sich hier so was hnliches
wie das deutsche Mrchen vom Schneewittchen und den sieben Zwergen ab --
ein Mrlein vom Kohlschwrzchen und den sieben Riesen?

Eine kleine Stadt -- Longuion. Vernichtung, wohin das Auge sieht. Am
tiefsten erschttert mich der Anblick eines kleinen, vllig verwsteten
Hauses, an dem noch einzelne Zeichen verraten, wie hbsch es einmal
gewesen sein mu; im ersten Stock ein Balkon mit geschmiedetem Gelnder;
die eisernen Ranken und Blumen sind zu vllig sinnlosen Formen
verzerrt, und rings um die leere, lchrig ausgefranste Balkontre zieht
sich ein groer, aus vielen Hunderten von weien Punkten gebildeter
Heiligenschein -- die Arbeit eines Maschinengewehres. Der Kampf um
dieses kleine hbsche Haus und seine Balkontre mu furchtbar gewesen
sein.

Man sieht in zerstrte und noch ganze Straen hinein. Die meisten der
Leute, die da herumwandern, sind Feldgraue, sind deutsche Soldaten.
Auer ihnen noch ein paar an Ecken und in Winkeln umherstehende Greise
mit kummervollen Gesichtern, mit den Hnden in den Taschen der weiten
Schlotterhosen; jeder hat die Kappe tief in die Stirn gezogen und trgt
einen dicken Schlips um den Hals gewickelt. Ein paar Kinder sieht man,
die harmlos und heiter spielen, mit etwas kreischenden Stimmchen;
sieht junge Mdchen, die sehr hastig gehen, und sieht Frauen, von denen
die einen immer die Augen gesenkt halten, whrend andere frech und
unternehmungslustig umhersphen; dieser Blick des lukrativen Lasters
ist nur eine Maske fr den Blick des Hungers und der Not; es sind
junge Mtter, die ihre darbenden Kinder ernhren mssen, gleichviel um
welchen Preis! -- Verget es niemals, ihr deutschen Frauen, vor welch
entsetzlichen Dingen euch die treuen Blutopfer unseres Heeres behteten!
Ihr solltet diese Mttergesichter sehen, diese suchenden Weiberaugen!
Wohl haben die Hnde deutscher Wohlttigkeit und Frsorge hier das
Hrteste der franzsischen Not schon gelindert; die Verzweiflung beginnt
sich in stumpfe Ruhe zu verwandeln, aber aus allen Bildern, die man
sieht, grinst unverkennbar noch immer der Schreck und das Grauen jener
Stunden heraus, in denen die Dcher brannten, die Huser zerbarsten, die
Kanonen brllten, die Maschinengewehre knatterten und zwischen rinnendem
Blut alle Schmerzen des Lebens ihre erbitterten Flche knirschten.

Immer von neuem brennt der Gedanke in mir auf: So knnt' es aussehen
bei uns daheim! Und noch immer kann solch ein Furchtbares uns befallen,
wenn wir nicht stark und verllich bleiben, nicht glubig und
vertrauensvoll, nicht hilfsbereit und opferwillig bis zum Letzten!

Pltzlich ist finstere Nacht um mich herum. Langsam und vorsichtig fhrt
der Zug durch einen von den Franzosen zerstrten Tunnel, den unsere
wackeren deutschen Pioniere in unglaublich kurzer Zeit wieder wegbar
gemacht haben. Kleine Lichter blitzen im Dunkel auf, die Gestalten der
feldgrauen Arbeiter sind grell und grotesk beleuchtet, zwischen ihnen
und den Insassen des Zuges werden heitere Zurufe gewechselt -- und nun
fhrt der Zug in den Tag hinaus. Es ist ein trber Tag, schon nahe dem
Abend, und dennoch wirkt sein Licht wie eine Himmelsglorie. Und neben
der Bahnstrecke, im Hfchen einer Soldatenbaracke, stehen noch vom
Heiligen Abend her die drei mit Silberfden geschmckten Christbume.
Das unaufhrliche Regengepritschel der letzten Wochen hat sie freilich
schon bel zugerichtet; dennoch sind sie noch immer umwoben von
zrtlicher Heimatsehnsucht und lieblichen Erlsungsbildern.

berall gewahrt man arbeitende Soldatenschwrme; endlose Kolonnen
knattern ber die Wege hin; auf den Straen sind Zge von franzsischen
Gefangenen in roten Hosen damit beschftigt, die von den Lastautomobilen
ausgerissenen Stellen und die tiefen Granatenlcher zu ebnen. Und in der
Ferne, ber weite und de Felder, sieht man die zierlichen Figrchen
feldgrauer Patrouillenreiter hintraben. Auch die Pferde, ob Rappen,
Schimmel, Fuchsen oder Schecken, sind alle grau vom bodenlosen Morast
dieser Regenzeit.

Da kommt wieder ein Dorf, in das sich berschwemmung und Zerstrung
teilen. Inmitten der Verwstung steht manchmal ein unversehrtes Haus,
aus dessen Fenstern das Leben herausguckt mit den Augen einer scheuen
Zufriedenheit -- Augen, welche sagen: Auch das Dasein in Elend und
Trauer ist noch ein besseres Ding als Tod und Verwesung.

Das Fort Montmdy, auf einer malerischen Hhe gelegen, zeichnet sich
schwarz wie Tinte in den Abendhimmel. Der tiefere Stadtteil am Ufer
des Stromes zeigt nur geringe Spuren von Zerstrung. berall sieht man
Baracken und Zelte der deutschen Landstrmer. Die nassen Tcher glnzen
und pludern im Winde. Hier mag die Nachtruhe nicht sonderlich gemtlich
sein. Mitten in den weiten Flchen der berschwemmung stehen groe Zelte
bis zur halben Hhe unter Wasser. Hier kam die berflutung in der Nacht
so schnell, da man die Zelte nimmer abbrechen, nur das Leben noch
retten konnte. Mit Beschmung denke ich an mein behagliches und warmes
Bett daheim; es ist wahr, ich habe viele Nachtstunden schlaflos in ihm
verbracht, wachgehalten von der Sorge um Heimat und Heer; aber bei den
Gedanken an das, was unser Heer im Felde leistet und was es an Mhsal
zu ertragen hat, gab mir meine suchende Phantasie kaum ein annherndes
Bild der Wahrheit, wie ich sie jetzt zu sehen bekomme. Wir in der
Heimat mssen noch viel, =viel= nachdenklicher werden, um den groen
Unterschied zwischen der deutschen Heeresarbeit im Felde und unserem
bescheidenen Hilfswerk in der Heimat mit ausreichender Dankbarkeit zu
erfassen. Und =sehr= bescheiden mssen wir werden, mssen erkennen, da
alles, was wir tun, noch immer zu klein, noch immer zu wenig ist.

Auf einem Bahnhof hlt mein Zug neben einer langen, mit Tannenreis
geschmckten Wagenreihe, vollgepfropft mit frischen Truppen, mit etwa
tausend Bonner Burschen, jung, heiter und gesund. Jahrgang 1914. Alle
Wagenwnde sind bedeckt mit Kreidekarikaturen von Englndern und
Franzosen. Drollige Inschriften:

Achtung! Deutsche Bluthunde! -- Platz frei, die Barbaren kommen! --
Blaue Bohnen zur Ftterung britischer Lwen! -- Weinet nicht, ihr
Bonner Mdels, wir kommen bald wieder! Aus jedem Fenster guckt ein
halbes Dutzend dieser frischen frhlichen Gesichter heraus. Ich frage:
Wohin geht's?

Die kurze Antwort: Dreschen helfen!

Von Wagenfenster zu Wagenfenster gibt es eine muntere Konversation, bis
aus dem Wagen da drben eine strenge Unteroffiziersstimme herausruft:
Vorsicht beim Antworten! Der olle Kunde fragt zu viel!

Weiter geht's. Es ffnet sich der Blick in eine lange, enge Stadtgasse.
Nur Soldaten sieht man, Hunderte von Feldgrauen. Dazu zwei barmherzige
Schwestern, schwarz, mit weien Hauben. Und zahlreiche Rekonvaleszenten
in Spitalkitteln erholen sich bei einem Spaziergang, ehe die Dmmerung
kommen will.

Wieder die den Felder. Eine Arbeiterhtte mit weiblauem Fhnchen
gleitet vorber. Ich mchte beim Anblick dieser Heimatfarben vor Freude
schreien. Bevor ich das Fenster aufbringe, ist die Htte davongelaufen,
das liebe Fhnchen verschwunden.

Bei Chauvancy bauen deutsche Pioniere an einer von den Franzosen
gesprengten Brcke. Ich brlle zum Fenster hinaus und winke mit beiden
Hnden. Die Pioniere gucken und lachen und fragen sich, was fr ein Narr
da im Zuge ist? Kein Narr! Ein Deutscher voll strmischer Dankbarkeit
und Bewunderung! Nur eine kurze Strecke feindlichen Landes hab' ich von
der Grenze bis hierher durchfahren, kaum ein paar hundert Kilometer
lang. Doch in jeder Minute fand ich reichlich Ursache, ber das immense
Ma von Arbeit zu staunen, das deutscher Flei und deutsche Intelligenz
hier geleistet haben, um alles von den Franzosen und vom Krieg Zerstrte
wieder zurckzugewinnen fr die Bedrfnisse des deutschen Heeres und
fr den allgemeinen Verkehr. Wenn der kommende Friede unsere deutschen
Helden mit Eichenlaub und Lorbeer bekrnzen wird, mu er einen besonders
schnen und reichverdienten Kranz fr die deutschen Pioniere flechten.
Wren die Pioniere, die ich da gesehen habe, nicht so feste, stramme und
derbschlchtige Gestalten, ich mchte sie die lieben Heinzelmnnchen
des Deutschtums nennen! An ihnen besonders wollen wir Daheimgebliebenen
uns ein Beispiel nehmen! Ein ganzes Volk von Pionieren wollen wir
sein, von Pionieren des deutschen Gedankens, der deutschen Treue und
Hilfsbereitschaft, der deutschen Ausdauer und Beharrlichkeit!

Man mu, was unsere Pioniere entlang der Maas und im Wasser und Sumpf
dieser meilenweiten berschwemmungsgebiete geleistet haben, mit eigenen
Augen sehen. Sonst glaubt man es nicht, sonst hlt man das deutsche
Arbeitswunder, das hier gewirkt wurde, fr ein phantastisches Mrchen.

Immer trber sinkt der Abend. Doch die Dunkelheit beendet das Werk
dieses Fleies nicht. Hunderte von Fackeln und Pechflammen brennen auf
-- leuchtende Sterne der deutschen Gewissenhaftigkeit!

Jenseits einer mchtigen Wasserflche, die aussieht wie ein groer,
milchweier See, steigt zwischen kleinen hbschen Wldchen eine
weitlufige Stadt ber sanft geneigte Hgel empor -- =Sedan=!

Du heiliger Name! Deine beiden Silben sind wie ein weihevoller Zauber,
der eine Flle von herrlichen Bildern in mir erweckt und mich trumen
lt von deutscher Kraft und Gre, von deutscher Vergangenheit und
deutscher Zukunft.

Der Bahnhof ist ein Gewhl von Soldaten. Tausende von Feldgrauen!
Heimkehrende und Ankommende. Wohin man die Ohren dreht, berall hrt
man die lieben deutschen Laute. Sie wirken doppelt eindrucksvoll, hier,
auf dem Boden der feindlichen Fremde, hier, auf dem Frhlingsacker des
deutschen Werdens!

Ganz unfabare Mengen von Postscken und Gepckballen werden hin und her
geschoben, ausgeladen und neu verstaut -- Wagenladungen mtterlicher
Gre und Zrtlichkeiten, Wagenladungen treuer Heimatsgedanken unserer
Soldaten. Und der ganze Bahnhof ist ein unbersehbares Gewimmel von
stehenden und kommenden Zgen, von qualmenden oder rastenden Lokomotiven.

Weiter geht's. Die sinkende Nacht umhllt mir alles Kommende. In der
stahlblauen Dmmerung glnzen wieder die groen Streckenlaternen. Der
Tag endet im Feindesland, wie er am Morgen in der Heimat begann: mit
strahlenden Lichtern in der Dunkelheit.

Unter strmendem Regen rauscht der Zug durch die Finsternis. Geht's ber
eine Brcke, so hrt man das dumpfe Brausen des hochgestiegenen Stromes.
Drauen ist wenig zu sehen: gleitende Laternen, pechschwarze Hgelketten
und die matt blinkenden Wasserflchen der groen, noch immer wachsenden
berschwemmung.

In einer Station bei lngerem Aufenthalt kommt eine strenge Kontrolle
aller Reisenden, die der Zug noch enthlt. Der Offizier, der meinen
Ausweis musterte, nickt mir freundlich zu: Sie werden erwartet!

Noch eine kurze Fahrt und ich bin am ersten Ziel meiner Reise, im Groen
Hauptquartier. Auf dem Bahnhof ein liebenswrdiger Empfang. Es ist
sieben Uhr abends. Fr acht Uhr bin ich zur kaiserlichen Tafel geladen.

Das Wetter will sich klren. Der Regen hat aufgehrt. Helle Sterne
glnzen aus den Wolkenklften, whrend ich den groen, stillen
Bahnhofplatz berschreite. Ein Automobil mit Offizieren saust vorber,
und wie langgestreckte Lichtvgel flattern die Scheinbndel der
Autolaternen in die Finsternis. Schlagbume und Schilderhuschen in den
deutschen Farben leuchten auf, Wachen schreiten hin und her, und berall
ist ein leises Klirren, ein Gefunkel von Metall.

Hinter dem laublosen Astgewirre hoher Bume strahlt eine Reihe von
erleuchteten Fenstern.




                                   3.


                                                        17. Januar 1915.

Zwischen den hohen Bumen eines stillen Parkes steht eine schmucke
Villa. Ihre Besitzer sind geflohen, als das deutsche Heer erschien und
das franzsische sich auch auf die Socken machte. Es waren wohlhabende
Leute, die stolz waren auf ihr Haus; das merkt man schon am uern des
Baues, an der Gepflegtheit des Parkes, den jetzt eine schweigsame Nacht
umtrumt, und an der etwas grotuenden Freitreppe, auf der jetzt im
Flackerschein der Laternen zwei regungslose Schildwachen mit blanken
Klingen stehen. Und es waren Leute, die es liebten, an regenreichen
und strmischen Winterabenden behaglich am Kamin zu sitzen und amsant
zu plaudern, vielleicht nach etwas altmodischem Stil, so hnlich, wie
Konversation in einem Lustspiel von Scribe oder Pailleron gemacht wird;
das vermutet man beim Anblick der Rume, deren Komfort eine wunderliche
Mischung von gutem Geschmack und provinzialer Anbequemung zeigt, von
ererbter Gediegenheit und wahllos Gesammeltem.

Diese Leute, die nicht mehr da sind und irgendwo im Sden von Frankreich
sitzen, in Bordeaux oder bei Nizza, denken wohl in ruheloser Sorge an
ihr verlassenes, unbeschtztes Haus und glauben es verwstet durch
alle Barbarengreuel, die sie in ihren Journalen als Zugabe zu jedem
Frhstck genieen. Ihre Sorge ist ein Irrtum, ist eine von jenen halb
grauenhaften und halb lcherlichen Verzerrungen der Wahrheit, wie
sie rings um unsere Grenzen blich wurden, seit Deutschland diesen
schaudervollen Krieg ber die ganze Welt heraufbeschwor -- so sagen
unsere Feinde, obwohl sie es besser wissen. Das Haus dieser entflohenen
Leute -- statt entflohen gebraucht man hier in Frankreich die mildere
Wendung abgereist -- dieses Haus, das sie aller Verwstung ausgesetzt
vermuten, ist in Wahrheit sorglicher behtet, als sie selbst es vor
jedem Vernichtungsschreck des Krieges htten behten knnen, wenn
sie geblieben wren. Denn unter diesem verlassenen Dache, in dessen
Rumen jetzt aus allen Richtungen der Erde die Fden eines groen
Weltgeschehens zusammenlaufen, wohnt heute der =Deutsche Kaiser=,
der Fhrer unseres in Begeisterung und Lebenstrotz geeinten Volkes,
der oberste Kriegsherr unseres siegreichen Millionenheeres, das der
deutschen Heimat erspart, was unsere Feinde unter den Schlgen des von
ihnen entfesselten Krieges zu leiden haben.

Zwischen den Mauern dieses stillen, gutbehteten Hauses ist nichts von
einem grozgigen Hofhalt zu gewahren. In dieser ernsten Zeit ist auch
das Leben des Kaisers von feldmiger Schlichtheit, ist wie gekleidet in
ruhiges, unaufflliges Feldgrau.

Die wenigen Gste der Abendtafel versammeln sich in einem kleinen
Empfangsraum. Schon das begrende Wort, das jeder Kommende mit den
schon Anwesenden tauscht, ist der Beginn eines lebhaft bewegten
Gesprches ber die jngsten Vorflle des Krieges, ber den
verheiungsvollen Stand der Dinge im Osten, ber den Fortschritt im
Westen.

Nun verstummt das Gesprch, und man tritt von der Tre zurck, die ein
Diener ffnet.

Heftig schlgt mir das Herz unter dem Touristenkittel, schlgt mir vor
Erregung fast bis an den Hals herauf. Aller Wirbel meiner Gedanken
drngt auf die Frage hin: Wie wird der Kaiser aussehen, was werde ich
lesen knnen aus seinen Zgen, was wird herausklingen aus seinen Worten,
was werde ich fhlen mssen unter dem Blick seiner blanken Augen, jetzt,
in dieser Zeit des Ringens, in der jedes deutsche Herz sich sehnt nach
dem aufrichtenden Orakel eines Wissenden, nach einem Halt und einer
Sttze in jenen beklommenen Minuten, die heute auch dem Glubigsten und
Vertrauensvollsten nicht vllig erspart bleiben knnen?

Es war mir seit einem Jahrzehnt vergnnt, den Kaiser zu sehen in
manch einer heiteren Stunde des Friedens, den er liebte und bis zum
uersten zu erhalten suchte, er, der diese Friedensliebe durch ein
Vierteljahrhundert in zahllosen Taten der Vershnlichkeit und des
Entgegenkommens erhrtete, und den unsere Feinde jetzt in grotesker
Gehirnverwirrung als Friedensstrer und Eroberungslstling bezeichnen,
als Hunnenmogul und zweiten Attila.

Immer hab ich am Kaiser das von jedem Schwanken freie Gleichma
seiner aus Ernst und Frohsinn gemischten Art verehrt und bewundert,
habe mich erfreut an dem klaren Seelenspiegel seines Blickes, an
der temperamentvollen Offenheit seines Wortes, an seinem krftigen
Lachen, an der freien Menschlichkeit und Frische seines persnlichen
Wesens, wie an der gesunden Innerlichkeit, die ihm eine besonnene,
fr jeden deutschen Brger vorbildliche Lebensfhrung und sein
unerschtterliches Vertrauen auf Gott, Welt und Menschen bis ber
die Reife des Mannesalters bewahrte. Mein Glaube an den Kaiser als
Menschen vermittelte mir auch immer das Verstndnis seiner Eigenart als
Herrscher. Ich meine, das ist so unter dem Kronreif: Ganz ein Mensch
bleiben, heit ganz ein Frst werden.

Aber jetzt? Wie viel Hartes, wie viel gewaltsam Formendes mgen
diese fnf Monate seit Kriegsbeginn ber den Kaiser gebracht haben,
an Verantwortung, an Gewissenskmpfen, auch an schmerzvollen
Enttuschungen? Was hat die Last und das Gewicht dieses Weltaufruhrs
ihm gegeben, was ihm genommen? In dieser Zeit, in der die
widersinnigsten Gerchte -- aus Ha oder Liebe, aus Furcht oder Hoffnung
geboren -- so unzhlbar aufschnellen, wie die Heuschrecken aus dem Kraut
einer Sommerwiese -- in dieser letzten Zeit hab ich oft erzhlen hren:
das Haar des Kaisers wre wei geworden, sein Gesicht und seine Haltung
um Jahre gealtert. Ich habe das nie geglaubt. Gesunde und starke Bume
erfllen ihre Zeit, trotz Sturm und Ungewitter. Und dennoch mu ich
bekennen: Jetzt, vor dem Augenblick, in dem ich unter dem drhnenden
Glockenschlage einer ber Wohl und Wehe unseres Reiches entscheidenden
Zeit, hier, in Feindesland, auf erobertem Boden, den Kaiser des
deutschen Volkes sehen sollte, befiel mich etwas Bedrckendes, eine
fiebernde Erregung, fast eine qulende Angst. Wie werde ich ihn
wiedersehen? Wird die frohe Gte, die immer aus ihm redete, gemindert
sein, verwandelt in Zorn und Hrte? Werden Mimut, Zweifel und Sorge
aus seinen sonst so glubigen Augen sprechen? Haben die Fuste des
Geschehens ihn gefat, ihn umgemodelt, wie sie es mit vielen machen,
die der Widerstandskraft entbehren und sich von den Ereignissen
zerren lassen? Hat der heie Atem des Krieges ihn angehaucht und in
ihm geweckt, was nie noch in seinem Innern war? Ist in ihm unter dem
Donnerdrhnen des Schlachtfeldes ein Neues entstanden, das man beklagen,
vor dem man erschrecken mte? --

Da tritt er ein, in der feldgrauen Generalsuniform, mit dem gleichen
ruhig-elastischen Schritt, den ich immer an ihm gesehen. Wohl wahr: sein
Haar, mit der kleinen, trotzigen Welle ber der rechten Schlfe, ist
seit dem Frhjahr ein wenig grauer geworden, kaum merklich. Und eine
Furchenlinie, die ich frher nie gewahren konnte, ist in seine Stirne
geschnitten und schattet zwischen seinen Brauen. Aber nur eines einzigen
Blickes in diese klaren und offen sprechenden Augen bedarf es -- und
gleich einer glhenden Welle durchstrmt mich der sehnschtige Wunsch:
es mchten alle Tausendscharen der Deutschen, namentlich jene, in denen
Sorge und Bangigkeit zu erwachen drohen, jetzt an meiner Stelle stehen!
Dann wrden sie in freudiger Ruhe aufatmen, wie ich!

Unter allem Sturm dieser vierundzwanzig roten Wochen ist der Kaiser
in jeder Wertlinie seines Wesens der gleiche geblieben -- nein, nicht
der gleiche, er ist einer geworden, der gewann und nichts verlor. Der
Kaiser ist ein durch die Zeit Erhhter! Man empfindet es vor dem Bilde
seiner Wrde und Haltung, empfindet es bei seinem ruhigen Lcheln, vor
seinem ruhigen Blick. Und bevor ich noch ein erstes Wort von ihm hre,
strmt etwas Aufrichtendes in mich ber. Ein frohes Gefhl der deutschen
Sicherheit ist in mir, erneuter Glaube und erhhtes Vertrauen. Ich wei:
bei =uns= ist die Wahrheit, bei =uns= das Recht, bei =uns= die Kraft und
bei =uns= der Sieg!

Ob der Kaiser ahnt, was in mir vorgeht? Er sieht mich pltzlich mit
einem jener forschenden Blicke an, die in seinen sthlernen Augen sein
knnen. Dann nickt er freundlich, reicht mir die Hand und erhht mir
die Freude dieser Minute durch ein ebenso herzliches wie impulsives Lob
meiner Landsleute: =Na, Ganghofer, Ihre Bayern! Prachtvolle Leute! Die
haben feste und tchtige Arbeit gemacht! Und vorwrts geht es, berall,
Gott sei Dank!= Dann ein Erinnern an die letzte Begegnung im Frhjahr,
wo zu Berlin im Palais des deutschen Kronprinzen meine kleine Dorfsatire
Tod und Leben vor dem Kaiser aufgefhrt wurde. Nun schweigt er eine
Weile, und sein Lcheln mindert sich und verschwindet. Tief atmend sieht
er mir ernst in die Augen und sagt mit einer langsamen und strengen
Stimme: =Wer htte damals ahnen knnen, was jetzt gekommen ist? Und
da wir uns hier in Frankreich wiedersehen wrden? So!= -- In einem
diplomatischen Aktenstcke, das die deutsche Schuldlosigkeit an diesem
Kriege zu dokumentieren hat, knnen dieser Atemzug, dieser ernste Blick
und diese Worte des Kaisers nicht aufgezhlt werden. Aber Beweiskraft
haben sie. Eine berzeugende.

Man geht zur Tafel. Das Speisezimmer ist ein gemtlicher Raum, der mich
weidmnnisch anheimelt. Von den braunverschalten Wnden blinken die
weien Hauer wuchtiger Eberkpfe herunter -- Jagdtrophen, die in den
Argonnen erbeutet wurden.

Nur wenige Diener. Und eine kurze, rasche Mahlzeit. Was zur Tafel kam,
das wei ich nimmer. Der Platz an der Seite des Kaisers und der Kreis
seiner zehn Gste, hoher Wrdentrger des Heeres und Hofes, gibt mir
so viel Beruhigendes, Erfreuliches und Fesselndes zu hren, da ich
der Mahlzeit vllig vergesse, obwohl ich so hungrig wie ein Wolf aus
dem Eisenbahnwagen gekommen war und seit vierundzwanzig Stunden auf
jagender Reise keinen verschlingbaren Bissen erwischt hatte. Aber wie
feldmig einfach die Tafel des Kaisers bestellt ist, beweist eine
Speisenfolge, die ich mir an einem anderen Abend als Erinnerung mitnahm.
Auf dem kleinen Zettelchen, nicht grer als eine Visitenkarte, steht
geschrieben:

                                                         11. Januar 1915

                        =Knigliche Abendtafel=
                          Gebackene Seezungen
                Kaltes Fleisch, Kartoffeln in der Schale
                                  Obst

Dazu als Getrnk: franzsischer Landwein und Wasser. Und Kriegsbrot
gibt es. =Nur= Kriegsbrot! Daran knnte sich mancher bei uns daheim,
der unsere Soldaten im Felde kmpfen, leiden, bluten und siegen lt,
mit Strenge und Ungeduld die militrischen Tagesberichte kritisiert und
nebenbei nicht die Heldenkraft oder nicht den Willen besitzt, sich die
gewohnte Frhstckssemmel zu versagen, ein lehrreiches und mahnendes
Beispiel nehmen! Wir mssen lernen, unsere kleinen Liebhabereien
beiseite zu schieben, jeden der Allgemeinheit schdlichen Eigennutz
aus uns herauszuklopfen und jedes Gefhl, jeden Gedanken und jede
Lebenshandlung auf das Ziel einzustellen, das wir fr Heimat und Volk
erkmpfen mssen.

Alles, was ich an des Kaisers einfacher Tafel sehe und hre, wird mir
zur Ursache einer sprunghaften Gedankenteilung. Mit Ohr und Herz bin ich
bei jedem Worte, das da gesprochen wird, und bin zugleich in der Heimat,
um zu schauen und zu vergleichen. Und immer deutlicher wird es mir, da
manches, was wir Daheimgebliebenen zu denken und zu tun lieben, ganz
wesentlich anders werden mte, wenn wir gleichwertig werden wollen mit
jenen, die bei harter Arbeit drauen stehen im Felde.

Nach der Mahlzeit kommt eine ernste, manchmal auch von einem Lachen
erhellte Plauderstunde in einem kleinen, netten Wintergarten, wie wir
ihn auf der deutschen Bhne schon in vielen franzsischen Komdien
gesehen haben. Zigaretten und kurze Pfeifen brennen, und in Kelchglsern
wird Mnchner Bier gereicht. Auf dem Tisch, an dem sich der Kaiser
niederlt, stehen blhender Flieder und Rosen, die ihm die Kaiserin
aus Berlin sandte. Alles Gesprch dreht sich um den Lauf der Dinge
in der Heimat und um wichtige Episoden des Krieges. Das ist eine
wesentlich andere Art, vom Kriege zu sprechen, als wir sie daheim bei
unserm Bierbank- und Teetischklatsch zu hren bekommen. Hier wird
nicht die Welt geteilt, hier werden nicht Lnder genommen und Reiche
verschenkt, hier grndet man nicht Pufferstaaten und korrigiert nicht
die Landkarte von Europa mit einem anspruchsvollen Blaustift. Hier
gilt alles Denken nur dem Ernst und den Notwendigkeiten der Gegenwart;
von der Zukunft ist nicht die Rede. Unausgesprochen klingt aus allen
bedeutsamen Worten, die ich hre, das feste und klare Zeitgesetz
heraus: Erst arbeiten und siegen. Alles weitere wird kommen, wie es
kommen mu und wie wir es uns verdienen.

-- Ich gestehe, da ich da manchmal ein bichen schamrot wurde. Und
in meinem Inneren hab' ich heilig geschworen, niemals wieder in
phantastischen Nchten meinen Handatlas durch ausschweifende Linien
zu verunreinigen und nebulose Zukunftsgeographie von Mittelafrika zu
betreiben. Und whrend ich hier, in einem hundekalten Stbchen zu
Peronne, diesen heien Schwur mit frierenden Fingern niederschreibe,
klirrt unter meinem Fenster der feste Taktschritt deutscher Soldaten
vorber, die zu den Schtzengrben marschieren, Automobile rasseln
vorbei in sausender Fahrt, und unaufhrlich rollt von der nicht allzu
weit entfernten Front das Murren schwerer Geschtze zu mir her. Die
gaukelnden Kriegsvorstellungen, die ich aus der Heimat mitbrachte,
beginnen sich jetzt unter den harten Wirklichkeitsbildern, die mich bei
Tag und Nacht umwirbeln, sehr grndlich zu verndern. --

Jener erste Abend, an dem ich Gast des Kaisers war, bescherte mir
auch ein eindringliches Exempel der Art, wie im Groen Hauptquartier
gearbeitet wird, bis spt in die Mitternacht hinein. Bevor ich davon
erzhle -- d. h. erzhlend alles verschweige -- will ich, man liebt
als Poet die Kontraste, dem groen Zeitbilde noch ein niedlich-intimes
Lichtchen aufsetzen.

Die Gesellschaft im franzsischen Wintergarten hat sich nach der
Mahlzeit noch um einen schweigsamen, hchst wohlerzogenen Gast vermehrt;
das ist ein kleiner schwarzer Teckel mit gescheiten Augen, des Kaisers
Lieblingshund, augenblicklich ein bichen invalide, mit verbundener
Pfote; so oft er will, darf er es sich auf dem Scho seines Herrn bequem
oder, richtiger gesagt, unbequem machen; manchmal nimmt er auf des
Kaisers Knie hchst schwierige und bedrohsame Stellungen ein, die fast
an die Kletterknste einer Gemse erinnern -- und dann mu der Deutsche
Kaiser so lange stillhalten, bis es dem zappeligen Teckelchen wieder
beliebt, auf den Boden zu springen. Von der rhrenden Geduld, die der
Kaiser an dieser kleinen Qulkrabbe erweist, lt sich eine Brcke zu
einem tiefen Zug seines Charakterbildes hinberschlagen. Denn er kann
eine bewundernswerte Geduld auch mit Dingen und Menschen haben, die ihn
viel grber belstigen, als es der kleine, nette Teckel zu tun gewhnt
ist.

Gegen die elfte Abendstunde wird fr den Kaiser und eine Anzahl
hoher Offiziere ein militrischer Vortrag angesagt. Eine Neuheit der
Kriegstechnik soll in Projektionsbildern vorgefhrt werden, die der
begleitende Vortrag eines Offiziers erlutern wird.

Durch die dunkle, schneelose Winternacht wandern die Gste der stillen
Villa zu einem nahen Hause hinber. Der Himmel ist klar geworden und
alle Sterne funkeln. Die kleine Stadt liegt in schwarzem Schweigen, ohne
Lichter, wie ausgestorben. Nur ein scharf suchender Blick erkennt die
regungslos in der Finsternis stehenden Wachen.

Ein verdunkelter Saal, mit etwa vierzig Sthlen; hinter ihnen ein
Vergrerungsapparat mit elektrischen Schnren, vor ihnen an der Mauer
eine groe Leinwand. Fest und gleichmig klingt in dem matten Zwielicht
die Stimme des vortragenden Offiziers, whrend Ruck um Ruck eine lange
Reihe von Bildern ber die Leinwand gleitet. Die ersten sind fr mich
als Laien eine vllig unverstndliche Sache; erst nach einer Weile lehrt
das gesprochene Wort mich begreifen, was ich sehe, und ich beginne in
erregter Spannung zu ahnen, da es sich hier um eine neue, wichtige und
fr die Kriegfhrung hilfreiche Sache handelt. Immer wieder und wieder
stellt der Kaiser mit raschen, knappen Worten eine Zwischenfrage; der
Offizier gibt Antwort. Bis Mitternacht dauert das. Nach dem letzten
Bilde glnzen die Flammen des Lsters auf. Lebhaft tritt der Kaiser auf
den jungen Offizier zu, der den Vortrag gehalten, reicht ihm die Hand
und sagt:

=Ich danke Ihnen! Das ist eine gute Sache! Glauben Sie, da uns die
Franzosen das nachmachen knnen?=

Der junge Offizier in dem verwitterten Feldgrau lchelt: So schnell
=nicht=, Majestt! Wir haben das erst jetzt gefunden.

In dem erhellten Saal ein Zusammenstehen von Gruppen, eine mit
halblauten Stimmen gefhrte Debatte.

Whrend ich diese Gesprche hre, klingt in mir immer wieder das
verheiungsvolle Wort, das der junge Offizier gesprochen: Wir haben das
jetzt gefunden!

=Wir=! Das sind wir Deutschen! Wir, bei denen das Recht und die Kraft
ist, und bei denen der Sieg sein wird!

Ich trage stolz und beglckt dieses Wort in mir davon durch die
sternhelle Nacht -- dazu die mich hei erfreuende Einladung: morgen im
Auto mit dem Kaiser hinberzufahren zum deutschen Kronprinzen.

Von den tiefen, meinen deutschen Glauben und mein Vertrauen wie mit
eisernen Stben strkenden Eindrcken dieses Abends schwirren mir
Kopf und Herz, whrend ich das winzige Stbchen betrete, in dem ich
einquartiert bin. Es ist, nach franzsischer Sparsamkeit mit dem Raume,
so klein, da man beim ersten Schritt ber die Schwelle schon gleich
mit dem Ellbogen an die Fensterscheibe stt. Fast vier Fnftel dieses
Grillenhuschens ist bestellt mit dem groen, ganz famosen Bett. Wie
herrlich werde ich da schlafen heute nacht, mit aller Verheiung der
vergangenen Stunden in meiner Seele!

Aber der Mensch hat neben der Seele auch einen Leib. Whrend ich im
Dunkel liege und mit offenen Augen frhlich trume, beginne ich, der ich
an der Tafel des Deutschen Kaisers speiste -- nein, =nicht= speiste, nur
lauschte -- einen nagenden Hunger zu fhlen. Und dann knappere ich mit
Hochgenu und Zrtlichkeit an dem Dutzend guter Weihnachtslebkuchen, die
mir meine Frau vor der Abreise von Mnchen in die Handtasche steckte.

Wir! Wir Deutschen!

Mit diesem Wort im Herzen mache ich meine Augen zu. Und mit dem anderen:

Morgen!




                                   4.


                                                        19. Januar 1915.

Der Deutsche Kaiser ist kein Frmmler, aber ein frommer, tiefglubiger
Christ, der seinen Tag mit Gott beginnt und mit Gott beendet.

In der kleinen Stadt, die das Groe Hauptquartier beherbergt, wurde ein
groer Raum zu einer Feldkirche umgewandelt. Hier wird der Gottesdienst
fr den Kaiser und die Garnison des Hauptquartiers abgehalten. Den
langen, mchtigen Hallenraum fllen in dichten Reihen die Soldaten,
deren Abteilungen sich aus Linie, Reserve und Landsturm mischen, feste
und stramme Gestalten, mit gesunden und ruhigen Bartgesichtern; dazu die
kleine, aus allen Reiterregimentern der deutschen Bruderstmme gebildete
Kavallerietruppe der kaiserlichen Wache; nahe dem Altar, zu beiden
Seiten des auf den Kaiser wartenden Kirchenstuhles, sind die Pltze
der Offiziere und des Orchesters, das aus Harmonium und acht Blsern
besteht.

Das Bild des mit roten Tchern ausgeschlagenen und durch drei Stufen
erhhten Altars hat etwas freudig Aufwrtsstrebendes. Zur Rechten
und Linken schmcken ihn zwei groe Banner in den deutschen Farben,
zwischen denen das Kreuzbild des Erlsers auf die Reihen der Soldaten
niederblickt. Das heilige Zeichen leuchtet freundlich in der durch die
Fenster hereinflutenden Morgensonne. Und gleich einem Symbol des vor
Gottes Antlitz ruhenden Krieges sind auf beiden Seiten des Altars die
mit allen Landesfarben der deutschen Stmme bewimpelten Reiterlanzen zu
schlanken, friedsamen Pyramiden aneinandergestellt.

Ein Kommando. Das Zusammenklirren der Soldatenstiefel klingt wie ein
einziger harter Eisenschlag. Auf dem Bretterboden die ruhigen Schritte
eines einzelnen Mannes. Durch die Reihen der Soldaten schreitet der
Kaiser zu seinem Kirchenstuhl. Sein Gesicht ist ernst, fast unbeweglich.
Und immer, mit einem sinnenden Blick, sind seine Augen emporgehoben zum
Bilde Gottes, auf dessen gerechte Hilfe er hofft und baut.

Harmonium und Blser beginnen den Choral, und Feldprediger =Goens= --
eine Gestalt wie aus einem Holzschnitt des 17. Jahrhunderts in das Leben
von heute herausgetreten -- steigt zum Altar empor. Mit gewaltiger,
Herz und Nerven durchbrausender Tonwelle schwillt aus zweitausend
deutschen Soldatenkehlen das alte fromme Kirchenlied durch die goldenen
Sonnenbnder empor in das klingende Hallengewlbe. Und noch weiter,
noch hher wird es tnen. Solch ein glubiges Lied voll Kraft und
Christentreue und Inbrunst mu der Himmel erhren. Der schne machtvolle
Klang erschttert mich bis in die tiefste Seele, und alles Denken in mir
ist deutsche Andacht.

Der Prediger liest das Epiphanias-Evangelium, die Geschichte der
morgenlndischen Magier, die in glubiger Sehnsucht auszogen, gefhrt
von ihrem Sterne, und in Redlichkeit alle Tcke und Hinterlist des
Herodes zuschanden machten und wieder heimkehrten in ihr Land,
den gefundenen Gott im Herzen. Tief und warm, in einer ebenso zum
anspruchsvollsten Verstande wie zu aller Einfalt der Volksseele
sprechenden Weise deutet der Prediger die biblische berlieferung
zuerst in christlichem Sinne. Dann hebt er das Ewig-Menschliche aus
dem schnen Gleichnis hervor: das ruhelose Wandern und Streben der
irdischen Hoffnung nach allem Hheren und Besseren. Aus der wachsenden
Flamme seines Wortes steigen die groen Bilder eines in Sehnsucht und
Gottvertrauen suchenden Volkes empor, das in unbersehbaren Scharen
und im Gefunkel seiner gesegneten Waffen auszog und Heimat und Herd
verlie, um die Freiheit seines bedrohten Lebens zu beschtzen. Gefhrt
vom leuchtenden Stern der deutschen Hoffnung, von Wahrheit und Treue
geleitet, wird dieses Volk durch Kampf und Prfung einer Zeit der Blte
und Ernte entgegenschreiten und jede feindliche Tcke und herodianische
Hinterlist zuschanden machen. Und heimkehren wird es in sein Land, mit
dem Glauben an Gottes Kraft in der Seele, mit der Freude des gewahrten
Rechts im Herzen, mit den Krnzen des Sieges an seinen Fahnen.

Die heilige Verheiung, die von den Stufen des Altars hinausklang ber
den weiten, von Feldgrauen dicht erfllten Raum, scheint wie ein
frohes Feuer in diese zweitausend deutschen Soldatenbrste zu fallen.
Ihr Danklied braust wie das feierliche Spiel einer riesigen Orgel, und
aus diesem machtvoll schwingenden Seelenliede hr' ich auer Andacht
und Gottvertrauen noch andere Klnge heraus: heie Sehnsucht nach
der Heimat, zrtliche Gre der Shne an Vter und Mtter, drstende
Liebestrume junger Herzen, glhende Segenswnsche der Graubrtigen fr
ihre Kinder.

Nun wird es still ber alle Kpfe hin. Kein Scharren einer Sohle, kein
Ruspern. Ein Schweigen, das lautlos ist. Der Kaiser hat sich erhoben
und den Helm vom Haupte genommen. Warmes Leben ist in seinen Zgen,
sein Gesicht und seine Augen sind froher und heller, als sie waren, da
er kam; das Antlitz emporgehoben zum Kreuzbilde, betet der Deutsche
Kaiser stumm zu dem gerechten Gotte, an den er glaubt. Um was er betet,
das hrt nur ein Einziger. Doch wir Deutschen, die wir ihn kennen, wir
wissen alle: er betet als Vater fr Frau und Kind, betet als Mensch fr
die Menschen, betet als Herrscher fr Heimat und Volk und Heer.

Immer mute ich ihn ansehen. Mich erfllt eine Stimmung voll schner
Weihe und ruhiger Zuversicht. Sie hlt noch immer in mir an, whrend
ich schon drauen in der Sonne stehe und die Truppen sich ordnen, um
vor dem Kaiser zu defilieren. Trommeln und Pfeifen. Dann der alte, das
Blut befeuernde Yorck-Marsch. Mit Klirren und Stampfen geht's vorber,
jeder Truppenteil wie ein festgeschlossener, unzerreibarer Felsklotz.
Die gesunden, straffen Gestalten erzittern von der Wucht des Marsches,
und wie Eisenhmmer schlagen die gut deutschen Stiefelsohlen in den
franzsischen Morast.

Da hr' ich ein frohes Auflachen des Kaisers. Er winkt mir. =Ganghofer!
Haben Sie sich das angesehen? Wie groartig die Leute marschieren! Ganz
famose Menschen!= Wieder lacht der Kaiser, herzlicher als ich es jemals
von ihm hrte. Und eine starke Freude glnzt in seinen Augen.

Ein paar Minuten spter beginnt die Fahrt im offenen Auto. Schade, da
jetzt die Sonne ein bichen Verstecken spielt und nur zeitweilig durch
die Klfte der trben Wolken hinausguckt. ber dem Lande, das ich sehen
soll, liegt so viel dunkle Trauer, da nur reichliche und ausdauernde
Sonne sie etwas aufhellen knnte.

Den Kaiser begleiten im Auto zwei Herren des militrischen Gefolges.
Und zwei Militrkarabiner, mit den Patronentaschen daneben, lehnen in
den Ecken des Wagens. Sonst kein Geleit, kein Schutz. Der Kaiser will
es so. Auch haben die Deutschen alles okkupierte Land schon friedlich
und ruhig gemacht und haben ihm reichliche Hilfe in seiner wachsenden
Not geleistet. Mit flinker Fahrt geht es neben gesprengten Steinbogen
ber eine hlzerne Notbrcke, gegen deren Balken die rauschende Flut
des hochgestiegenen Stromes anstrmt wie ein grimmiger Feind. Nur noch
handbreit ist der Brckenbogen ber dem schieenden Wasser. Das sieht
aus, als msse man Sorge um die Brcke haben; aber der Kaiser sagt: =Da
ist keine Gefahr. Was deutsche Pioniere bauen, das hlt.=

Was ich an Landschaft zu sehen bekomme, hat liebenswrdige Linien. Doch
keine Ferne will sich richtig aufklren.

An kleinen Drfern geht es vorber, in die noch keine deutsche Granate
gefallen ist. Auch unbeschdigt sehen sie abscheulich aus. Solch ein
Bild von Verwahrlosung und gleichfrmiger Geschmacklosigkeit, von
Mangel an Hausfreude, von gartenloser Nchternheit, von bedrckender
Aneinanderpferchung, von Schmutz und Unordnung hab' ich auer hier
in Nordfrankreich noch nie in einem Lande gesehen, das Anspruch auf
Kultur erhebt. Wohin die Deutschen da kommen, berall mssen sie erst
Ordnung schaffen und fegen und scheuern, bevor sie sich auf einen Sessel
niedersetzen oder in einer Stube ruhen knnen.

Und dieses Graue da drben ber dem Strom, dieses Leblose, von jedem
Atemzug Verlassene, dieses Zerrissene und Zerfetzte, dieses widersinnnig
Ausgefranste, durchschlungen von rauchschwarzen Zerrbildern? Was ist
das? Wie ein anderes Pompeji sieht es aus, nur ohne Tempel und Sulen,
alle Ruinen zu einem grauenhaften Schutthaufen bereinandergerttelt
durch ein neues Erdbeben?

Das ist =Donchery= gewesen, um dessen Mauern einer der hrtesten Kmpfe
tobte.

Heimat, Heimat, wehre dich mit allen Krften deines Volkes, mit jeder
Waffe deines Heeres und jedem Opfer deiner Brger, um solch ein
Furchtbares von dir abzuwenden! Dieses Grauen hat mit der bermacht
der Feinde schon hereingezngelt ber unsere Grenzen. Es soll nicht
weiterschreiten, wir wollen uns stemmen dagegen mit unseren Leibern, mit
unserem Gut, mit allem, was wir sind und was wir haben! Der Gedanke,
da unsere sieghaft vorschreitende Befreiung und Erlsung scheitern
knnte am eigenntzigen Kleinmut und am kurzsichtigen Egoismus Weniger
-- dieser Gedanke legt sich wie eine Klammer um mein Herz, wie ein
qulender Eisenreif um meine Kehle.

Gibt es Zuflle, die wie geheimnisvolle Gesetze sind? Whrend ich die
Gedanken, die mich durchschttern, stumm in mir verschliee, beginnt
der Kaiser pltzlich, ohne jede Beziehung zu einem vorausgegangenen
Worte, von dem herrlichen, wundervollen Zusammenhalt des ganzen
deutschen Volkes zu sprechen, von der heiligen Begeisterungsflamme der
ersten Augusttage. =Es ist meine schnste Freude, da ich das erleben
durfte=. Und nach kurzem, nachdenklichem Schweigen sagt er: =Wenn es
nicht so gewesen wre --= Er spricht diesen Satz nicht zu Ende, aber er
atmet auf und sieht gegen Donchery zurck, dessen Trmmersttte schon
verschwunden ist.

Mir wird leichter um die Brust. Auch die Landschaft, durch die wir
fahren, bringt aufrichtende und verheiungsvolle Erinnerungsbilder.
Historischer Boden! Heiliger Boden fr uns Deutsche! Das
Schlachtengelnde von Sedan!

=Dort oben=, sagt der Kaiser und deutet nach einer Feldhhe, =da ist
mein Vater gestanden=.

Neben der Landstrae huscht ein kleines, einsames Haus vorber.

=Hier ist Napoleon mit Bismarck zusammengetroffen.=

Aus einem hbschen, in seiner Laublosigkeit durchsichtigen Wldchen
lugen die Trme und Mauern eines zierlichen Schlosses heraus.

=Das ist Bellevue. Hier war die Unterredung meines Grovaters mit
Napoleon.=

Diese Worte des Kaisers wecken in mir das Feuer eines frohen deutschen
Stolzes. Gerne htte ich haltgemacht und wre ausgestiegen, um diese
geweihten Sttten der Reichswerdung als Andchtiger zu besuchen. Aber
ich nahm mir heilig vor, noch einmal hierher zurckzukehren.

Nun geht es seitwrts, mitten durch das weite berschwemmungsgebiet
der Maas. Von der Strae wird es auf hohem Damm durchschnitten. Lange
Proviantkolonnen knattern vorber, feldgraue Radfahrer sausen vorbei.
Die meisten der Soldaten gren, wie man unbekannte Offiziere grt,
doch mancher, trotz der schnellen Fahrt des Autos, erkennt den Kaiser
und ist mit jhem Ruck in eine unbewegliche Sule verwandelt, die zwei
gro aufgerissene, freudige Augen hat.

Eine Ortschaft kommt, die sich hell abzeichnet auf dem dunklen
Hintergrund des Waldes von Woevre. Und ber die Mauer eines Parkes hebt
sich ein schmuckes, kleines Schlo empor: das Ziel der Fahrt.

Im Schlohofe begrt der =deutsche Kronprinz= mit den sechs Herren
seines Stabes den kaiserlichen Vater, der den Sohn herzlich umarmt.

Seit dem Frhjahr scheint sich die schlanke Gestalt des jungen
Heerfhrers, den wir Deutschen jetzt den Sieger von Longwy nennen, noch
gestreckt zu haben. Auch in ihm wirken die starken Mchte der groen
Zeit. Die Sonne des Sommerfeldzuges und Wind und Wetter des Winters
haben sein frisches, gesundes Gesicht gebrunt. Und seine frohen Augen
glnzen in Freude -- kann er doch dem Vater von einem groen Erfolge
der letzten Nacht erzhlen. Ein festes Stck vorwrts gekommen, und
zwlfhundert Franzosen gefangen! Die mssen auf dem Marsche zur Bahn in
einer Stunde da vorbei kommen.

Mir hmmert es in der Brust. Eine Siegesnachricht, die so warm und neu
aus dem Schtzengraben heraufschnellt, wirkt wesentlich anders, als wenn
man sie daheim an der Mauer oder in der Zeitung liest. Man hat auch da
seine heie Freude. Aber wie frischer, um so besser.

Die gute Nachricht belebt und erwrmt die Stimmung am Frhstckstisch.
Dem Kaiser schmeckt das Mahl, und scherzend sagt er zum Kronprinzen:
=Bei dir it man besser als bei mir. Ich mu mir das berlegen, ob ich
nicht deinen Koch requirieren lasse?=

Kaum ist an der Tafel das Obst gereicht, da heit es: Sie kommen!

Die Strae hat sich schon zu beiden Seiten mit langen und dichten Reihen
der Feldgrauen gefllt. Durch diese Soldatengasse bewegt sich ein Zug
von seltsam aussehenden Gestalten einher. Franzosen? Wo ist denn die
berhmte rote Sache, die man die Hose von Frankreich nennt? Davon ist
nichts zu sehen. Ein bichen Blau sieht man, ein dunkles Blau, alles
andere an diesen Kommenden ist gelb. So tappen und taumeln sie durch
die Gasse her. Und ein Photograph hat sich auch schon eingefunden;
glckselig dreht er die Kurbel seines Kinokastens, immer mit dem
Objektiv gegen den Kaiser hin. Der sieht es, wird sehr unwillig, deutet
auf den nherkommenden Zug der Gefangenen und ruft dem Photographen
zu: =Sie! Photographieren Sie doch das da! Die Soldaten! Nicht immer
mich!= Ich habe selten einen verlegeneren und hilfloseren Menschen
gesehen als diesen aus allen Himmeln gerissenen Filmknstler. Er
dattert mit dem Apparat, rutscht hin und her, dreht an der Kurbel,
stockt wieder -- und ich besorge, der Film ist grndlich milungen.
Und wenn die deutschen Frstenkritiker diese zerrupfte Sache sehen,
werden sie sagen: Wenn sich der Kaiser schon immer photographieren
lassen will, soll er sich wenigstens einen geschickteren Photographen
aussuchen. So entsteht, was man als gerechtes und objektives Urteil
bezeichnet. Es ist, wie im groen so auch im kleinen, immer wieder die
Geschichte von Helgoland und Sansibar.

Die heitere Stimmung, in die ich geraten bin, schlgt mir pltzlich
um in eine schwere und tiefe Erschtterung. Mir scheint, ich mu mich
erst an den Krieg gewhnen. Unpolitisches Erbarmen lie mich fr einen
Augenblick vergessen, da ich Deutscher bin und da diese Gelben, die
da vorberwandern, unsere erbitterten Feinde sind, die auf deutsche
Soldaten schossen und stachen und schlugen. Das verga ich fr einen
Augenblick, weil die meisten dieser Menschen da grauenhaft aussehen,
herzergreifend. Sehen =so= auch die =Unseren= im Schtzengraben aus?
Dann wissen wir in der Heimat noch immer nicht, was Krieg ist, und was
unsere lieben, treuen Feldgrauen um unserer Sicherheit willen ertragen
mssen.

Was wir in der Heimat an Gefangenen sehen, ist etwas ganz anderes als
hier; bis sie hinauskommen zu uns, hatten sie schon viele Tage Zeit,
sich zu erholen, sind gut ausgeschlafen, sind gekrftigt, ordentlich
genhrt, sind gewaschen und gereinigt. Aber hier, im Felde, wo sie vor
wenigen Stunden erst aus den Schtzengrben herausgefischt wurden,
stecken die meisten in Kleidern, die nimmer als soldatische Uniform zu
erkennen sind, sondern von Nsse klatschen und von den Stiefeln bis
hinauf zur Brust so dick mit Kot und Lehmklumpen behangen sind, da
alles gelb ist an ihnen. Einige sehen wohl besser und frischer aus,
bewegen sich leicht und lebhaft, lassen sich ihr Pfeifchen oder die
Zigarette schmecken und knnen sogar lachen, hochmtig und spttisch.
Aber die meisten sind schwer erschpft, schleppen sich mhsam unter der
Last dieses nassen Dreckes an ihrem Leib, sind bleich und verstrt,
haben abgezehrte Wangen und eingesunkene, trauervolle Augen. In vielen
Gesichtern ist der seelenlose Stumpfsinn, den ein monatelanges Leiden
in ihnen erzeugte. Einige sind leicht verwundet, schon verbunden. Viele
gehen Arm in Arm gehngt, die noch Krftigeren sttzen die Schwcheren.
Unter dem Tausend sind kaum hundert hoch und gut gewachsene Leute, von
denen wir Deutschen sagen wrden: Das sind Mannsbilder. Alle anderen
sind klein, zart und schwchlich von Natur, dazu noch zerrieben von der
Mhsal des Krieges, viele unterhalb unseres Militrmaes, sogar von
zwerghaft zurckgebliebenem Wuchs.

So wandern sie vorbei -- nicht verspottet und verhhnt, nicht beschimpft
und mihandelt, nicht bespien und mit Futritten regaliert, wie es
deutschen Gefangenen in Frankreich erging. Unsre Feldgrauen stehen ernst
und schweigsam, sie reden und lachen nicht. Und viele von ihnen, die
doch unter dem Kugelregen der Franzosen gestanden und bedroht waren von
Wunden und Tod -- vielen kann ich es an den Augen ansehen, da in ihren
Hunnenseelen das gleiche menschliche Erbarmen ist wie in mir, der ich
mich an solche Bilder des Krieges erst noch gewhnen mu und noch keine
von seinen Gefahren verschmeckte.

Whrend die Gefangenen am Kaiser und der Gruppe seiner Offiziere
vorberkommen, reden wunderlich verschiedene Dinge aus diesen
franzsischen Augen: Gleichgltigkeit und Neugier, Hohn oder Ha. Aber
es sind doch auch manche dabei, in denen der Zorn und die Pein der
Stunde nicht vllig die Zge soldatischer Ritterlichkeit ersticken kann.
Ob sie den Kaiser und den Kronprinzen erkennen? Oder ob sie nur glauben:
das sind Generle? Sie salutieren oder ziehen das Kppi herunter, und
der Kaiser dankt.

Die letzten verschwinden, und eine Gruppe von deutschen Lanzenreitern
klirrt hinter ihnen her.

Das Bild, das ich gesehen, beschftigt mich noch lange, whrend
die Fahrt im Auto gegen Sden geht. Der Kronprinz begleitet seinen
kaiserlichen Vater eine Strecke Weges, will ihm eine Stelle mit weiter
Fernsicht gegen die Argonnen zeigen. Das Gesprch der beiden, das sich
immer um Dinge des Krieges dreht, ist ernst, aber die Stimmen bleiben
durchhaucht von einer warmen Herzlichkeit.

Nach einer halben Stunde hlt das Auto. Mitten aus der welligen
Landschaft erhebt sich ein groer, steiler Hgel, ein Kalvarienberg,
gekrnt von einem mchtigen Kreuzbild.

Der Weg da hinauf ist mit Schwierigkeiten verknpft, denn die Regengsse
vieler Wochen haben den lehmigen Steilhang so durchweicht und versumpft,
da jeder Schritt ein Glitschen und Rutschen wird. Aber die Kletterei
belohnt sich. Droben eine meilenweite, wundervolle Rundschau! Das
groe Stck Welt, das zu sehen ist, gleicht einem in den Wolken
schwimmenden Riesenteller, der belegt ist mit Wldern und Feldern, mit
Stdten und Drfern, mit Strmen und Bchen. Und alles ist Land, das
die Deutschen eroberten! Und gegen Sdosten zieht sich durch das Grau
des fernen Horizonts etwas hin, das einer schwarzen, langgestreckten
Gigantenschlange gleicht. Das ist der Argonnenwald, der unserem Heere
so blutig zu schaffen macht. Immer klingt aus jener Ferne ein dumpfes
Murren her, ganz leise, kaum noch zu hren im Brausen des Windes,
der den Hgel berweht. In der Hhe jagen zerrissene Wolken; und
sieht man empor zu ihrem Flug, so scheint das mchtige Kreuzbild sich
herabzuneigen, als mcht' es in Barmherzigkeit das Menschengeschlecht
der Erde umarmen.

Beim Niederstieg erweist sich der glitschige Boden noch feindseliger.
Ich frage den Kaiser, ob ich ihn sttzen darf. Ja! Kommen Sie her! Er
fat mich an der Schulter. So geht es langsam hinunter, und ich haue
bei jedem Schritt den Stiefelhacken ein, wie bei Glatteis auf einer
Gemsbirsche. Halb sind wir schon drunten. Da rutsche ich selber aus. Und
der Kaiser mit seiner starken Faust hlt mich aufrecht. Meinen etwas
verlegenen Dank erwidert er mit dem lachenden Wort: =Soldat und Brger,
die beiden mssen einander helfen, so gut sie knnen!= --

Whrend der Rckfahrt durch die sinkende Dmmerung spinnen sich in
meiner Seele hundert Gedanken und Bilder um dieses vieldeutige Wort des
Kaisers. --

Und ich glaube, da man uns Deutschen in dieser Zeit von heute keine
strkere und tiefere Mahnung sagen kann als dieses Kaiserwort: Soldat
und Brger, die beiden mssen einander helfen, so gut sie knnen!

Geschieht es so -- nicht nur im ersten Feuerstrom des alle Herzen
durchflammenden nationalen Glaubens, sondern auch in allen Wechselfllen
eines langen und zhen Kampfes, der von Brger und Soldat das letzte der
deutschen Kraft verlangt -- dann werden wir als Volk nicht niedergleiten
in Schmutz und Tiefe. Wir werden aufrecht stehen! Und gleich den
glubigen Magiern aus dem Morgenlande, die gefhrt wurden von ihrem
leuchtenden Sterne, werden wir alle Tcke und Hinterlist des Herodes,
der uns in Neid erwrgen will, zuschanden machen!




                                   5.


                                                        22. Januar 1915.

Wir leben in einer gerechten Zeit, die es sich angelegen sein lt,
allerlei unzutreffende Urteile in den Kpfen und Herzen des deutschen
Volkes richtigzustellen. Jetzt wissen wir, da unser Entrstungssturm
ber Zabern keine vllig objektive Sache war; da uns eine kleine,
wieder deutsch gewordene Insel in der Nordsee viel schutzreichere
Dienste leistete als jenes grere Inselland an der ostafrikanischen
Kste, dessen Abtausch an England wir mit leidenschaftlichem Kummer
beklagten und als Diebstahl an der Schatztruhe des deutschen Michels
bezeichneten; und seit unsere jungen Offiziere das Monokel fallen lieen
und, ein befeuerndes Vorbild fr die Mannschaft, mit Heldenruhe und
heiligem Opfermut in den Bleihagel der Feinde schritten, wissen wir
auch, da wir alle Ursache haben, den Typus des deutschen Leutnants
wesentlich anders und unabhngiger von uerlichkeiten zu konturieren,
als dies noch in der letzten Juliwoche des vergangenen Jahres geschehen
ist.

Ein langer Friede, und mag er an sich die schnste und begehrenswerteste
Sache sein, ist doch auch ein diplomierter Pdagoge fr Erziehung
ungerechter Nrgelsucht, skrupellosen Haders und ausartenden Mitrauens;
unter der Engelsmaske schneidet sein Gesicht die Grimassen eines
Verleumders und Lgners; mit dem Motto Verwirf das Gute und begehre
das Bessere! zerbrselt er jene menschlichen Werte, deren wir in
strmischen Zeiten am dringendsten bedrfen, und die -- das mag zu
seiner Entschuldigung gesagt sein -- auch nur in der Morgenrte groer
Ereignisse ihre wahre Gestalt und ihr innerstes Wesen zu zeigen
vermgen. Deutschland wre rmer geblieben um einen genialen Feldherrn,
wenn es nicht reicher geworden wre um diesen heiligen Krieg.

Gewi sind Witz und Satire zwei vllig unentbehrliche Waffen jeder
Kultur, jeder ethischen und nationalen Entwickelung. Aber knstlerische
Schpferkraft ist nur dann in ihnen, wenn sie die Gre frdern und
bejahen, die sie zu befehden scheinen. Fehlt es ihrem Mastab an
gerechtem Gewissen, verliert ihr Scheinbild =jede= Beziehung zum Bilde
der Wirklichkeit, jeden positiven Boden, und wird es zur augenlosen
Negation, die _ la mode_ einen vergnglich mundenden Kaviar fr das
Volk bereitet, dann ist es mit Witz und Satire die gleiche Sache, wie
wenn die vlkerrechtlich zulssigen Mantelgeschosse durch strfliche
Manipulationen zu mrderisch wirkenden Dum-Dum-Kugeln verzwickt werden.

Man verzeihe mir dieses etwas philosophisch angehauchte Vorspiel. Es
begann in mir zu klingen, als ich am dritten Tage meines Aufenthaltes im
Groen Hauptquartier einen fr uns Deutsche gerade jetzt sehr wichtigen
Mann kennen und in gesteigertem Mae ehren lernte -- einen Mann, den wir
immer als Philosophen zu besteckbriefen liebten -- wenigstens bis zu
jenen Augusttagen, die uns eine gerechtere Meinung von ihm beibrachten.
Ich hab ihn frher niemals so Aug' in Auge gesehen, immer nur aus der
Ferne, wie auch Millionen andere ihn sahen. Nah und genau betrachtet,
sieht er =ganz= anders aus. Ich mu gestehen, da ich noch nie einen
so krassen Widerspruch zwischen Lebenswahrheit und landlufiger
Karikaturtype beobachtete.

Die Natur hat diesen Mann nicht mit zwlf Kopflngen ausgestattet,
wie den roten Theaterprinzen von Arkadien, und hat ihn auch nicht
so hopfenstangenmager gebildet, wie er immer gezeichnet wird. Er
sieht viel eher wie ein fester, wohlproportionierter, derbgesunder
und breitschulteriger Forstmann aus, der seine Galauniform genau so
bequem und selbstverstndlich trgt wie sonst seine Waldjoppe. Dazu
ein wuchtiger, strenggeschnittener Kopf, unter dessen hartknochiger
Stirnwlbung sich kein Versteck fr nebulose Theorien vermuten lt. Was
edles Metall ist, prgt sich anders als lindes Blei; und klare Formen
sind immer eine Gewhr fr die Eigenschaften des Inhalts. Bei seiner
umfassenden Geistesbildung mag dieser kraftvoll aussehende Mann wohl
mehr von philosophischen Dingen wissen als mancher unter jenen, die ihm
den Philosophen anzukreiden pflegen. Aber er ist weder menschenferne
und trocken wie der groe Weise von Knigsberg, noch gallig und moros
wie Schopenhauer, noch ein wortschwelgerischer Systematikus wie Hegel,
noch dithyrambisch-brbeiig oder entrckt-melancholisch wie Nietzsche.
Er ist und blickt und redet und geht und steht wie ein prachtvoll
natrlicher Mensch, der ohne Mittel, nur durch sich selbst und durch
die ruhige Festigkeit seines persnlichen Wesens gewinnt und erobert
-- wenn man sich nicht gewaltsam und eigensinnig dagegen strubt, wie
die meisten von uns Deutschen es getan haben, seit der ersten Stunde
seiner Amtsfhrung. Aber dieser Widerstand ist wohl erledigt seit dem
erhebenden Augusttage, an dem unser Reichskanzler sprach, was allen
Deutschen aus der Seele gesprochen war, und an dem er sich als eine
tragende Sule der festen, raschen und entscheidenden Tat erwies, die
notwendig war fr die Sicherheit und den Fortbestand unseres Reiches.
Und nun wollen wir Deutschen das niemals wieder vergessen: da Mitrauen
und anspruchsvolle Ungeduld aus Vergleichsmanie gefhrliche und lhmende
Krfte sind. Das willige Vertrauen des Volkes formt den begabten
Staatsmann, wie die Gelegenheit des Krieges den geborenen Feldherrn
erscheinen und erkennen lt. Wir von heute wissen, wie das deutsche
Volk seinen Bismarck auf der Hhe seiner reifen Kraft und seines
Erfolges nahm; aber nicht alle erinnern sich daran, wie er in den Jahren
seiner Entwicklung genommen wurde, und da man den Abgeordneten von
Bismarck-Schnhausen bei seiner Jungfernrede verhhnte und auslachte.
brigens -- damals wurde viel davon gesprochen, was mit Polen geschehen
soll. Was Bismarck in der Magdeburger Zeitung aussprach, und was in
der Paulskirche der junge Dichter Wilhelm Jordan ber Polen sagte, das
sollte man heute nachlesen, sehr aufmerksam. Vieles davon stimmt auch
heute noch und kann Wege zeigen. --

Das Auswrtige Amt ist im Groen Hauptquartier untergebracht in dem
Gartenhaus eines Bankiers, von dem es ebenfalls heit: _Il est parti!_
-- zu deutsch: verduftet! Aber in dem Hause, aus dem er entfloh, ist
ein Odeur seiner seltsam trumerischen Seele zurckgeblieben. Die
Wohlhabenheit seines Besitzes lt vermuten, da er in seinem Bureau
ein tchtiger Finanzmann war. Doch in der Seele dieses erfolgreichen
Geldsammlers mu ein Winkelchen gewesen sein, das angefllt war: mit
mrchenzrtlicher Romantik. Das beweist die ganze Ausstattung seines
Hauses, und vor allem beweist es der groe, jetzt zur Arbeitskarte des
deutschen Auswrtigen Amtes umgewandelte Salon, dessen wunderlichen
Schmuck allerlei mechanische Spielwerke bilden. Der Trumer brauchte
da nur in seinen Muestunden ein paar Schlssel zu drehen und ein
paar sthlerne Federn aufzuziehen: dann tanzte eine Bajadere, ein
schner Trke machte Gebetsverbeugungen, ein Schlangenbndiger gab eine
Vorstellung und ein Affe fing zu klettern an und produzierte seine
drolligen Kapriolen.

Jetzt stehen diese Spielwerke still. Der deutsche Reichskanzler hat
in dem okkupierten Salon viel notwendigere Dinge zu tun als Affen
klettern und Bajaderen tanzen zu lassen. Doch ist zu vermuten, da
er wirksam damit beschftigt ist, die giftige Schlangenschar der von
unseren Feinden in die Welt geworfenen Lgen zu bndigen -- wobei das
deutsche Heer mit nie ermdendem Flei den Eisenschlssel dreht und die
sthlernen Federn aufzieht.

Zwischen den ruhenden Spielwerken stehen die Schreibtische, denen man
es ansieht, wie ruhelos hier gearbeitet wird. In der Mitte des Raumes
befindet sich der Schreibtisch des Reichskanzlers -- und unter den
Bchern, die da liegen, gewahre ich einen Band Satiren von =Ludwig
Thoma=. Es macht mir Freude, das Wohlgefallen des Reichskanzlers von
Bethmann Hollweg am sddeutschen Klang besttigt zu sehen. Ich uere
das, und er sagt in seiner warmen, freundlichen Art: Ja, das ist im
Feld und zwischen der Arbeit meine Lieblingslektre. Dabei erhole ich
mich und werde ruhig.

Ein Jagdausflug, den der Reichskanzler im Herbste 1913 nach Linderhof
machte, gibt Veranlassung, von meiner Heimat, ihren Bergen und
ihrem Volk zu sprechen. Wieder hre ich die gleiche Anerkennung der
verllichen Tchtigkeit unseres Bayernheeres, wie schon der Kaiser
sie mir mitgeteilt hatte. Und das Gesprch leitet ber auf den Gang
der Dinge zu Hause, auf die Opferwilligkeit und auch auf die nervse
Ungeduld der Daheimgebliebenen, auf schwer fhlbare Hrten der Zeit,
auf akute Probleme der Industrie, des von Schwierigkeiten bedrckten
geschftlichen Verkehrs und der reichen vaterlndischen Frsorge. Was
ich im Verlaufe dieses Gesprches hrte, lt sich zusammenfassen in die
Worte:

Bewundernswert ist es, was zu Hause an Opferwilligkeit geleistet wird!
Aber die Unruhe, die sich daheim in manchen Erscheinungen uert,
begreift man hier im Felde nicht ganz. Zu irgendwelcher Unruhe ist doch
nicht der geringste Grund vorhanden. Eine Zeit wie die jetzige ist immer
schwer, fr alle und fr jeden. Das mu eben berwunden werden. Und wir
=werden= es berwinden. Dann wird das Verlorene sich wieder ersetzen,
doppelt. Wie es hier im Felde steht, das werden Sie mit eigenen Augen
sehen. Erzhlen Sie es nur daheim! berall geht's voran, manchmal fr
die Ungeduld zu Hause nicht schnell genug, aber man mu einem zhen
Feinde gegenber vorsichtig sein und unntige Opfer vermeiden, um Kraft
fr entscheidende Stunden zu sparen. Wenn man sieht, wie tchtig und
beharrlich im Felde gearbeitet wird, nicht nur an der Front, sondern
auch =hinter= der Front und =zwischen= den Kmpfen, dann wird man
ruhig, fhlt sich sicher und wird vertrauensvoll, auch in ntigem Mae
geduldig.

Wenn man unseren Reichskanzler schon einen Philosophen nennt, so
ist das eine Philosophie, die wir Deutschen uns alle zu eigen machen
sollten, bis sie Stein und Bein in uns geworden. Ich habe vor kurzer
Frist in der Frankfurter Zeitung ein starkes und tiefes Wort von
Theobald Ziegler gelesen: Der Sieg ist unser Schicksal, dem wir
entgegenreifen. Und neben dieses Wort will ich einen japanischen
Ausspruch stellen, von dem wir in diesen Tagen gehrt haben: Wer im
Kriege die Hilfe der anderen braucht, hat schon verloren. Zwei Worte --
in dem einen kristallisiert sich der Glaube, im anderen der Beweis. Bei
uns ist die Kraft, bei uns der Sieg. Da sollte uns das bichen Warten
und Geduld doch so leicht werden wie ein Spiel, dessen sthlerne Feder
man mit keinem Schlssel aufzuziehen braucht!

-- (Whrend ich das niederschreibe, marschiert unter meinem Fenster zu
Peronne ein Bataillon des Mnchner Leibregiments vorber, marschiert
in sausendem Wind und unter strmendem Regen zur Ablsung in die
Schtzengrben. An die tausend Feldgraue sind es. Und sie singen! Diese
prchtigen Menschen! Ihr, die ihr zu Hause seid, ihr hrt ja diese
Lieder unter =eueren= Fenstern =auch=, fast tglich! Das klingt auch in
der Heimat schn -- und dennoch anders! Hier, whrend in geringer Ferne
die groe Trommel der Geschtze drhnt, klingt dieses kraftvolle Lied
so ruhig und heiter, so glubig und zuversichtlich, da ich es nicht
zu schildern vermag. Die Wirkung ist so mchtig -- man kann es nicht
sagen, nur fhlen. Etwas Starkes und berwltigend Frohes ist in mir --
aber ich mu fr eine Weile die Feder fortlegen, weil ich zum Schreiben
nimmer sehe.) --

-- -- Lat mich wieder erzhlen!

Der klrende und erhebende Eindruck, den ich aus dem franzsischen
Gartenhaus des deutschen Reichskanzlers mit mir fortnahm, sollte noch
ein tragendes Fundament am Abend finden, als ich wieder in dem kleinen
Wintergarten der stillen Villa war, im Kreise der den Kaiser umgebenden
Offiziere.

Ich sah und hrte da ein fr uns alle sehr lehrreiches Beispiel von
des Kaisers Geduld und Ruhe gegenber den Verleumdungsbomben, die
von unseren vielen Feinden mit sehr bel riechendem Pulver gegen uns
abgeschossen werden. Diese Dinge erbittern ihn, da ihm die Stirne
brennt. Aber auch in der heiesten Erregung verliert er nie die
Herrschaft ber sein Wort. Ich hrte den Kaiser in einem solchen Falle
sagen: =Das ist stark! Aber dumm ist es auch! Ein Glck, da die
Wahrheit auf die Dauer immer klger ist und die schnelleren Beine hat.=

Ritterliches Verhalten einzelner Gegner erfreut ihn. Und noch kaum einen
zweiten Deutschen hab' ich ber gute Eigenschaften, ber zhe Tapferkeit
und kriegstechnische Leistungen unserer Feinde so objektiv, so gerecht
und anerkennend urteilen hren wie den Deutschen Kaiser. Das sollten
einmal jene von ihm hren, die alle feindliche Welt jetzt erfllen
mit ihren urteilslosen Pamphleten wider ihn, mit den aberwitzigsten
Karikaturen und den niedrigsten Beschimpfungen.

Auch gegen England hrte ich vom Kaiser kein im Zorn maloses Wort.
Jedes Urteil, das er da ausspricht, bleibt doch, so streng es
auch manchmal klingt, immer innerhalb der Grenzen einer vornehmen
Zurckhaltung. Doch hrt man, wenn von den Germanenvettern ber dem
Kanal die Rede ist, aus seiner Stimme ein leises, kaum merkliches
Vibrieren. Dabei mischt sich seine Rede mit Bildern von scharfer
Prgung, mit Gleichnissen von schlagender Kraft.

Im Gesprch mit dem Vertreter eines neutralen Staates sagte der Kaiser:
=Sie sind doch Sportsmann? Wenn bei einem Wettrennen nach und nach alle
schwcheren Konkurrenten ausscheiden, und es ringen nur noch die zwei
strksten Pferde um den Sieg -- haben Sie es da schon einmal gesehen,
da der Jockei des Pferdes, welches nachzulassen droht, mit der Peitsche
nach dem Jockei des Pferdes schlgt, das ehrgeiziger und besser bei
Krften ist?= Ein Kopfschtteln des Sportsmannes. =Nun? Warum schlgt
dann England nach uns? Warum schlgt es nicht auf seinen faulwerdenden
Gaul?=

Und noch ein anderes Kaiserwort, von dem ich glaube, da es festgehalten
werden mu:

=Viele von den Leuten, die uns Deutsche immer nach uerlichkeiten des
Schliffes beurteilen und uns immer Barbaren nennen, scheinen nicht zu
wissen, da zwischen Zivilisation und Kultur ein groer Unterschied ist.
England ist gewi eine hchst zivilisierte Nation. Im Salon merkt man
das immer. Aber Kultur haben, bedeutet: tiefstes Gewissen und hchste
Moral besitzen. Moral und Gewissen haben meine Deutschen. Wenn man im
Ausland von mir sagt, ich htte die Absicht, ein Weltreich zu grnden,
so ist das der heiterste Unsinn, der je ber mich geredet wurde. Aber in
der Moral, im Gewissen und im Flei der Deutschen steckt eine erobernde
Kraft, die sich die Welt erschlieen wird!=

Unser Kaiser ist ein Deutscher im Sinne seines eigenen Wortes.

Das alles durfte ich erzhlen und glaubte es erzhlen zu mssen. Wird
auch den toll gewordenen Lsterhhnen aller uns feindlichen Lnder
der zweite Attila vorerst nicht auszureden sein, so werden diese
Charakterzge und Worte des Kaisers doch dazu beitragen, da wir
Deutschen sein innerstes Wesen richtig erkennen.

Dieser Abend in dem kleinen franzsischen Wintergarten -- es waren
auer dem Groadmiral von =Tirpitz= als Gste noch zwei Offiziere da,
von denen der eine als Kurier aus Konstantinopel, der andere als Kurier
aus dem Osten, vom Heere des Feldmarschalls Hindenburg, gekommen war --
dieser Abend gab mir auch noch andere Dinge zu hren, sehr erfreuliche
und verheiungsvolle! Die mu ich in mir verschlieen. Nur dieses eine
darf ich sagen: =Als ich an diesem Abend unter rauschenden Regengssen
zu meinem engen Grillenhuschen heimwanderte durch die finstere Nacht,
da sah ich unsere deutsche Sonne glnzen, gro und schn!=




                                   6.


                                                        24. Januar 1915.

Alles ist grau in grau verschwommen. Der Regen pltschert, und was Strom
oder Bach heit, ist wie ein wildes Tier. Bei jeder Wasserpftze, in die
ich trete, bei jedem Schlammloch, in das ich hineintappe, mu ich an
unsere Soldaten denken, die in den verpfuhlten Schtzengrben liegen.
Bei uns zu Hause geht man unter dem Regenschirm oder bleibt daheim oder
sitzt im Kaffeehaus. Mag es so sein! Wenn wir nur des Unterschiedes nie
vergessen!

Gegen zehn Uhr morgens wird es ein bichen heller. Im Auto, das mich
abholte, geht's nach Bellevue hinaus. Eine Enttuschung. Das Schlo,
in dem Napoleon seinen Degen an den Knig von Preuen bergab, ist
abgesperrt; es hat bei Beginn des Krieges schon empfindlich gelitten;
nun soll diese heilige Gedchtnissttte der Deutschen vor jeder weiteren
Zeitgefahr behtet werden. Der Park ist umzogen von einem Zaun aus
Stacheldraht, und ein deutscher Posten steht Wache. Das Schlo ist
leer, seine Fenster sind mit Brettern verhllt, sind geschlossene
Augen. Ich will davongehen. Da befllt mich eine tiefe Erschtterung
-- ich sehe die ersten deutschen Soldatengrber dieses Krieges: kleine
lehmgelbe Hgel, schwchliche Holzkreuze, die geheiligten Namen kunstlos
daraufgeschrieben, geschmckt mit Krnzen und Tannengewinden, denen man
es ansieht, da sie von harten Mnnerfusten geflochten sind.

Lange steh' ich mit entbltem Kopf. Und ich sehe nimmer die Grber,
nicht den Acker, nicht das Schlo und nimmer den triefenden Wald. Ich
hre nur in der Morgenstille den leisen, ruhelosen Fall von unzhlbar
vielen Tropfen und sehe deutsche Stdte und deutsche Drfer, deutsche
Straen und deutsche Stuben, sehe Kinder, die froh sein mchten und
verschchtert sind, und sehe Mtter, Frauen und Mdchen, alle in
schwarzen Kleidern, mit blassen Gesichtern und entzndeten Augen.
Vieltausendfach ist der Tod ber die Wiesen des deutschen Glckes
hingegangen, und in der Heimat fallen der Trnen mehr als Tropfen da
drben in dem regennassen Wldchen von Bellevue. Doch aus den blassen
Gesichtern, die ich sehe, spricht etwas anderes heraus, als es sonst
der Gram um versunkene Menschen ist, die uns teuer waren. Die Trauer,
die ich sehe, ist gefater, edler und heiliger. Stolz und Schmerz sind
verschwistert in ihr. Wir alle, die wir um der Heimat willen verlieren
muten, sei es an teuerem Leben oder an Gut, wir alle wissen, wofr wir
es hingaben.

Whrend ich die Grber verlasse, bleibt in mir eine Stimmung wie
nach dem Gottesdienste, bei dem vom sehnschtigen Auszug und von der
gesegneten Heimkehr der Magier aus dem Morgenlande gepredigt wurde.
So betrete ich auf der Landstrae zwischen Bellevue und Donchery
das alte kleine Haus, in welchem Napoleon auf Bismarck wartete. Ein
niederes, fast leeres Stbchen. Es steht da nur ein Glasschrank mit
Erinnerungen und ein Tisch mit zwei Strohsesseln. Auf dem einen
dieser Sthle hat Napoleon gesessen, auf dem anderen Bismarck. In dem
Glaskasten zeigen kleine Bltter die Handschriften unseres Kaisers,
des deutschen Kronprinzen und anderer Frsten. Jedes Blatt ist an
den Ecken beschwert mit den Zwanzigmarkstcken, welche die Hterin
dieses Hauses als Geschenk erhielt. Damals, am Sedanstag, war sie eine
Sechsundzwanzigjhrige, jetzt ist sie eine Greisin mit weiem Haar. In
dem ruhigen Ton, mit dem die Kustoden von Kunstsammlungen zu sprechen
pflegen, erzhlt sie, wie sie whrend jener Schlacht mit ihrer Familie
im Keller sa und die Granaten sausen hrte, die ber das Hausdach
hinber und herber flogen. Geradeso wre es jetzt wieder gewesen, beim
Kampf und bei der Zerstrung von Donchery. Von der freundlichen Gte
unseres Kaisers erzhlt sie und von den vielen hohen Gsten, die in ihr
berhmtes Haus kommen. Von den tausend anderen, ungefrsteten Besuchern
dieses Raumes erzhlen die Wnde, die Trbretter, die Fenstergesimse,
sogar die Stubendecke -- alle Pltze, auf die man seinen Namen schreiben
kann. Eine wunderliche und rhrende Tapete: diese Tausende von deutschen
Namenszgen!

Beim Gehen, unter der Tre, sag' ich zerstreut: Auf Wiedersehen! Die
Greisin erschrickt: Nein, mein Herr, nein, nein! Da wre doch =wieder=
Krieg! Das mu der letzte sein! Sie lchelt. Kommt noch einer, so leb'
ich nimmer!

Ein Anstieg ber eine Feldhhe. Niedergetretener Hafer und ungeerntete
Rben. Manchmal neben der Strae ein halb wieder zugeschtteter
Schtzengraben. Drr gewordene Laubhtten, die den Soldaten als
Unterstnde bei Regen dienten. Und lange, breite Drahthindernisse, jetzt
zerschlagen und zerstampft. Wie kleine dnne Schlangen ringeln sich
berall die entzweigeschnittenen Drhte aus dem Kraut heraus.

Hohe, von Gestrpp berwucherte Erdwlle und hinter ihnen etwas sehr
Sonderbares -- es sieht aus wie ein gewaltiger Termitenhaufen mit vielen
Einschlupftrichtern: das von den Deutschen eroberte und zerstrte Fort
des Aivelles, dessen Kommandant sich, als die Feste fiel, eine Kugel
durch den Kopf jagte. In einem Fhrenwldchen liegt das Grab, das ihm
die Deutschen gruben, und das sie zur Ehrung dieses Braven in sinniger
Weise schmckten. Die Hlfte seiner Besatzung war ihm davongelaufen,
bevor die erste deutsche Granate kam -- noch heute liegen an vielen
Stellen die roten Hosen umher, die diese Sorgenvollen herunterzogen, um
sie durch minder gefhrliche Bauernhosen zu ersetzen.

Meinen Weg sperrt solch ein riesiger Termitentrichter: die
Einschlagstelle eines deutschen Haubitzengeschosses. Ein Loch vom
Umfang einer Stube, drei Meter tief, und drunten sieht man durch
einen zerrissenen Schacht hinunter in einen schwarzen Keller, in
die granatensichere Kasematte, deren Betondach der deutsche Schu
zertrmmerte. berall Vernichtung; zwei Meter dicke Mauern sind zerrupft
wie Fliepapier; nur die Torhalle hat standgehalten; hier liegt noch das
franzsische Pulver in den Gewlben. Heiter schwatzende Landsturmmnner
sind mit dem Sortieren des Beuterestes beschftigt; alles wird
gesammelt, was sich fr deutsche Zwecke wieder verwenden lt: Eisen,
Kupfer, Messing, Zinkblech, Bleirhren und Gummi. ber Trmmerhaufen und
durch Granatenlcher klettere ich hinauf zur Plattform des Forts. Die
Kanonen, die hier stumm gemacht wurden, sind schon verschwunden, nach
Deutschland gebracht. Nur die Verwstung ist noch da, mit grauenvollem
Gesicht, mit etwa vierzig Granatentrichtern, die aussehen wie tief
eingesunkene Todesaugen. Ein Schu hat den hohen eisernen Mast der
franzsischen Flagge umgeworfen, hat die Spitze in den Grund gebohrt und
den schweren Fu in die Luft gehoben.

Meine Augen irren ber dieses stumme und doch schreiende Bild des
Unterganges hin. Ein schmerzender Schauder berrieselt mich bei dem
Gedanken, da unsere deutschen Festungen so aussehen knnten wie dieser
leblose Trmmerhaufen -- wenn wir nicht die Strkeren wren und nicht
die Ausdauer und den Willen htten, es auch zu bleiben.

Immer rieselt der Regen, dichte Wolken jagen ber Hgel und Wlder hin,
und graue, wogende Dnste verschleiern, was Landschaft heit. Alles
Franzsische scheint sich in deutsches Feldgrau verwandelt zu haben. Aus
diesem unbersehbaren Heere lsen sich immer wieder einzelne Gestalten
sichtbar ab: Soldaten, welche die Landstraen und die Brcken bewachen.
Bei jedem zweiten oder dritten Kilometer gibt's einen Aufenthalt der
Fahrt, eine Schranke, eine Visitation. Mein Ausweis ffnet mir jeden
Schlagbaum. So geht's in fnfstndiger Autohetze ber Hirson und
Guise nach St.-Quentin, in dem es wimmelt von deutschen Kriegern. Wo
kommen sie nur alle her? Ganz mrchenhaft ist ihre Menge. Und daheim,
bei meiner Reise durch deutsches Land, war es ebenso! Sei gesegnet,
meine Heimat, du unerschpflichster aller Menschenbrunnen! Und England
will uns vernichten? Uns? Wre diese britische Sehnsucht nicht so
verbrecherisch, sie mte drollig wirken in ihrer Torheit.

Bei sinkendem Abend erreiche ich die Stadt Peronne. Wieder dieses
gleiche Soldatengewimmel, noch dichter als in St.-Quentin! Der groe
Stadtplatz, auf dem ein gutes Denkmal der Marie Four zu sehen ist,
einer franzsischen Heimatsheldin vom Geiste der Jungfrau von Orleans --
dieser Platz, den der stumpfkpfige, mit dem gallischen Hahn geschmckte
Turm der Kathedrale berragt, sieht mit seiner Soldatenmenge aus wie
daheim in Mnchen der Marienplatz nach einer Parade am Knigstag. Aber
bin ich denn in der Fremde? Bin ich nicht wirklich daheim? berall
bayerische Klnge. Mnchner Laute! Ich fasse einen Feldgrauen am Arm:
Gr Gott, Landsmann! Woher sind Sie denn? -- Von Hoadhausen! --
Und wie geht's immer? -- Guat. Warum soll's denn schlecht gehn? --
Aber eine aufregende Zeit das! Nicht? -- Er sieht mich an, als htte
ich eine Sprache geredet, die er nicht versteht; dann lacht er ein
bichen: Gell, S kommen grad von dahoam? Ja ja, da =san= d' Leut a
so. I woa net, warum? -- Was dieser eine sagt, das gleiche lese ich
aus allen Gesichtern und Augen, hr es aus allen Worten. Hier im Feld
ist die Ruhe, das Bewutsein der deutschen Kraft. Zapplig, ohne Geduld
und aufgeregt sind nur wir zu Hause. -- =I woa net, warum?= sagte
der brave Feldgraue, der jetzt vier Tage Rast hat und dann wieder vier
Tage im Schtzengraben stehen mu. =Ohne= Regenschirm! Gb' es einen,
der ihm dienen knnte, so mte es einer sein, der, statt mit Seide oder
Baumwolle, mit daumendicken Stahlplatten bezogen ist. Und fr =alle=
fallenden Tropfen wrde der =auch= nicht helfen!

Mein erster Weg zu Peronne fhrt mich ins Kriegslazarett. Hier liegt
ein junger deutscher Offizier, der mir lieb ist. Ein stummes, festes
Umhalsen. Dann sitz' ich an seinem Bett, und seine fieberheie Hand ruht
in der meinen. Aber diese Sorge, die schon wieder verlliche Hoffnung
ist, gehrt mir allein. Davon will ich nicht sprechen. Ich bin hier, um
zu schauen und um der Heimat zu erzhlen, wie meine Reise zur deutschen
Front eine Reise zum deutschen Glauben wurde.

Im Lazarett mu ich Bilder sehen, die hart sind und in die Seele
schneiden. Ich will sie nicht schildern; wir alle wissen, was Leiden
und Schmerz des Krieges heit. Aber was ich sehe, predigt mir gleich in
der ersten Stunde die dankbare Bewunderung fr unsere deutschen rzte
und fr den stillen, geduldigen Opfermut unserer Schwestern vom Roten
Kreuz. Und diese Blankheit des Lazarettes, diese Ordnung und Sauberkeit!
berall, wo unsere rzte einzogen, muten sie wider den franzsischen
Schmutz zuerst das Wunder der Reinlichkeit wirken.

Aus einem Lazarettraum, an dessen halboffener Tr ich vorbergehe, hr'
ich in der sonst tiefen Stille des Hauses einen fast kindlich klagenden
Singlaut: Oooohlala, ooohlala, ooohlala! So hnlich sangen einmal auf
der Mnchner Theresienwiese die Aschantimdchen. Ich frage einen Wrter:
Was ist denn das?

Er brummt: =Ah mei', so a wehleidiger Franzos, der grad verbunden wird!
Gar nix halten s' aus, allweil mssen s' wuiseln. Die Unsern beien die
Zhn bereinand, da hrst kein Laut net! Is halt doch an anderer Schlag,
Gott sei Dank!=

Ich spreche ihm das in meinem Herzen nach: Gott sei Dank! -- Noch am
gleichen Abend erzhlt mir ein hoher Offizier, da unsere Feldgrauen
fr die Franzosen diesen Spitznamen aufbrachten: Der =Ohlala=! Und
noch einen anderen haben sie: Der =Tuhlmong=! Wo die feindlichen
Schtzengrben nahe bei den unseren liegen, kann man hufig das
franzsische Kommando hren: _Tout le monde, en avant!_ -- Das Ganze
vor! Bleibt dieser Befehl ohne Folge, was hufig geschieht, dann sagen
unsere Feldgrauen lachend: Heut mag er net, der Tuhlmong!

Als ich aus dem Lazarett auf die Strae trete, fllt der gottverwnschte
Regen schon wieder in dicken Schnren. Nur dieses Rauschen; die
Huser der Stadt sind still und finster, alle Tren und Fensterlden
geschlossen; nach Einbruch der Dunkelheit darf sich bei schwerer
Strafe niemand von der einheimischen Bevlkerung mehr auf der Strae
zeigen. Auer den einquartierten Soldaten wohnen da nur noch Greise und
Knaben, Frauen, Mdchen und Kinder. Alle Wehrfhigen sind fortgefhrt
oder dienen im franzsischen Heer. Ob diese Dienenden noch leben,
oder gefallen, oder gefangen sind, das wei hier niemand. Seit vier
Monaten sind die Einheimischen ohne Nachricht von ihren Vtern und
Shnen im Heer; jeder Briefverkehr mit Angehrigen jenseits der Front
ist ihnen zur Verhtung von Spionage verboten. Krieg! Was mag hinter
den geschlossenen Fensterlden, durch deren Ritzen das scheue Licht
herausquillt in die Regennacht, aus verschlossenem Gram und Zorn
geflstert und geknirscht werden! -- Bei uns daheim ist es anders! Da
ist Licht und Leben und unbedrckte Freiheit! Auch Leid und Schmerz,
gewi! Das hat seine harten, unvermeidlichen Grnde! -- Aber unsere
nervse Ungeduld, die sich manchmal versteigt zu sinnlosem Klatsch und
zu Worten voll bler Ungerechtigkeit wider unser Heer und seine Fhrer?
-- Wie sagte der brave Feldgraue von Haidhausen? I woa net, warum?

Auf dem dunklen Stadtplatz, bei dessen wenigen Laternen die
Wasserpftzen des Pflasters glitzern, nhert sich mir ein mchtiges
Rollen, Schnauben und Knattern. Wie ein langer, langer Zug von schwarzen
Ungetmen saust es aus der Nacht heraus und in die Nacht hinein. An
die vierzig oder fnfzig Lastautomobile mit angehngten Wagen! Und
alle sind vollgepfropft mit jungen deutschen Soldaten! Die rauchen ihr
Pfeifchen, ihre Liebeszigarren, und lachen und schwatzen! Und meine
grenden Zurufe erwidern sie lustig, mit gesundem Frohsinn! Als ging'
es zu einem Feste! Und sie fahren doch in die schwarze, vom Regen
durchpeitschte Nacht hinaus, der Richtung zu, aus der man seit dem Abend
immer ein dumpfes Rollen wie von einem schweren, nherkommenden Gewitter
hrt!

Ich bekomme eine kleine nette Quartierstube, vllig undevastiert,
obwohl vor mir schon viele Deutsche da gewohnt haben. Der Kamin hat
Geheimnisse -- man bringt ihn wohl dazu, da er brennt, aber nicht, da
er heizt. Doch der Gedanke an die da drauen, die noch viel nsser sind
und noch viel hrter frieren, macht mich geduldig. Auch trstet mich
wieder das famose franzsische Bett. Ein Segen fr uns, da Frankreichs
gute Armee nicht =so= gut ist, wie seine Betten sind. Da htten unsere
Feldgrauen noch viel hrter zu beien, und wir zu Hause mten noch
=viel= geduldiger sein, als wir jetzt schon -- =nicht= sind!

Aller Gte dieses Bettes zum Trotze kann ich nicht schlafen. Immer
rollt der Kanonendonner. Ein paarmal hr' ich den schweren Schlag einer
explodierenden Mine. Die Fensterscheiben klirren und das ganze Hans
zittert, obwohl ich etwa acht Kilometer vom Schusse bin. Spring' ich
zum Fenster hin, so seh' ich die Lichtbndel der Scheinwerfer ber die
Wolken huschen. -- Wo sind die Minen aufgegangen? Sind Deutsche, sind
Franzosen zerschmettert und zerrissen in die Luft geflogen? -- So sieht
die Ruhe aus, die wir bei der Front vermuten, wenn die Depeschen
melden: =Nichts Neues!= Wir mssen lernen, zwischen den Zeilen der
Telegramme zu lesen. Mir ging es kalt durch die Adern, als ich heute von
diesem Minenkrieg erzhlen hrte, von dieser Maulwurfsarbeit des Todes
unter der Erde, zwischen Schtzengraben und Schtzengraben. --

Am Morgen regnet's, regnet's und regnet's. Ein Wetter, um beim Gedanken
an unsere Truppen zu verzweifeln! Dabei ist es noch ein Glck, da die
Unseren von hrterem Schlag sind als die Franzosen, denen die Nsse
und der Schlamm noch viel empfindlicher an die Haut gehen. Dieses
frchterliche Wetter ist schlielich doch auch ein Bundesgenosse der
deutschen Robustheit.

Ich denke das, whrend ich aus der Haustr trete, und da erbringt
mir die Wirklichkeit einen Beweis, der mir Herz und Leib mit Freude
durchglht.

Durch die grob gepflasterte Strae stampft es herauf -- wie das
Volkslied sagt: in gleichem Schritt und Tritt. Sind das Franzosen? Die
gleichen Franzosen wieder, die von der Armee des deutschen Kronprinzen
gefangen wurden? Nein! Die Leute sind grer, krftiger. Auch sind das
keine Gefangenen, sie sind nicht bewacht, und sie tragen Waffen! Aber
die Gewehre sehen aus, als htte man sie aus einer Pftze gezogen;
Patronentaschen, Bajonett und Schanzeisen sind mit Schlamm umwickelt;
und genau so, wie jene tausend gefangenen Franzosen, die ich gesehen,
sind diese fnf-, sechshundert Deutschen von den Stiefeln bis ber die
Brust hinauf, bis zu Schulter und Hals so dick in gelben, klumpigen Lehm
gewickelt, da von den feldgrauen Uniformen nur wenige unbekleckerte
Lappen noch zu sehen sind. Nicht anders sehen Tornister und Mntel aus.
Viele von den Leuten tragen trotz der Klte die Hlse nackt und haben
die Liebesgabenschlipse um den Rand der Stiefelschfte herumgewickelt,
damit sie den Dreck nicht auch noch in die Stiefel bekmen! Aber
frische, gesunde, gutgefrbte Gesichter haben sie! Alle! Gut genhrt und
kraftvoll sehen sie aus! Und aus ihren hellen, ruhig-frohen Augen redet
eine wahrhaft stoische Zufriedenheit mit aller Mhsal, die sie erdulden
mssen fr Heil und Schutz der Heimat.

Nein! Was wir manchmal in den amtlichen Depeschen lesen, vom
Gesundheitszustand und der guten Verfassung unserer Truppen, das ist
nicht Stimmungsmache! Das ist =weniger= als die wundervolle Wahrheit,
die ich jetzt, beglckt bis ins Innerste meiner Seele, mit eigenen Augen
zu sehen bekomme.

Es sind Mannschaften des =Mnchener Leibregiments=, die nach der
Ablsung aus den Schtzengrben kommen, um vier Tage Rast zu haben.
Straff und strack marschieren sie in dem von Schlamm und Nsse
klatschenden Zeug an mir vorber -- und weil ihnen ein hoher Offizier
begegnet, rucken sie ihre Krper pltzlich auf, und die Stiefel stechen
und klingen wie bei festlichem Parademarsch. Hinter ihnen bleibt
auf dem groben Pflaster eine lange gelbe Lehmschlange, die im Regen
allmhlich ersuft und verschwindet.

So, wie in dieser Minute, hab' ich noch nie im Leben die Notwendigkeit
und sthlende Kraft der militrischen Erziehung unseres Volkes
verstanden. Und ich begreife nun auch die verzagte, hoffnungslose
Trauer, die ich hier in den Augen der Einheimischen sehe, wenn sie einen
Vorbeimarsch unserer Truppen betrachten; sie sprechen es nicht aus; aber
man fhlt es, da sie denken: =Ihr seid die Sieger!=

Neben aller stolzen Freude zitterte mir doch auch eine Sorge im Herzen,
und ich fragte den Offizier, der neben mir stehen geblieben war: Um
Gottes willen, die Leute haben doch nur die =eine Uniform=, wie werden
sie denn wieder trocken und sauber?

Er lachte: Ja, das wei ich nicht. Aber morgen sind sie's wieder. Die
meisten helfen sich so, da sie sich in dem nassen Schmutz auf ihr Stroh
legen und die Kleider am Leib trocknen lassen. Andere machen es anders.
Neulich sah ich einen in einer eiskalten Pftze stehen und die Kleider
waschen, die er am Krper trug. Ich fragte: >Mensch, was machen Sie
denn da?< Der Mann sagte: >Ja, mei', wie soll ich's denn machen? Mei'
Zuig mu i endli amal sauber kriegen, nacket kann i mi net herstellen,
mu i's halt =so= machen!< Er wusch und rippelte weiter! Und das
Merkwrdigste an der Sache ist, da wir noch nie so wenig Revierkranke
gehabt haben wie jetzt. --

Ich glaubte bisher, vom ersten Tage des Krieges an, jede Pflicht gegen
meine Heimat als Deutscher gewissenhaft erfllt zu haben. Jetzt wei
ich, da ich noch mehr htte tun mssen, um als Brger dem Soldaten zu
helfen.




                                   7.


                                                        27. Januar 1915.

Vorgestern, bei Anbruch der Abenddmmerung, zur Vorfeier von Kaisers
Geburtstag, war Kirchenkonzert in der alten Kathedrale von Peronne.
Die Offiziere in den Chorsthlen. Und die drei Lngsschiffe der Kirche
dicht gefllt mit deutschen Soldaten. An die Tausend waren es, alle
gewaschen und sauber gebrstet. Unbeweglich, den Helm oder die Mtze
vor der Brust, saen sie und lauschten dem kunstvollen Spiel der Orgel
und den ernsten Liedern, die gut gesungen wurden. Und als zum Schlusse
des Konzerts die Orgel zusammen mit den Blsern der Militrkapelle
-- wahrhaftig, ein brausender Donnerhall -- die Wacht am Rhein
intonierte, erhoben sich die Tausend und das groe deutsche Lied
schwoll empor in die gotischen Gewlbe wie ein schnes, kraftvolles und
inbrnstiges Gebet.

Barbaren-Andacht! Ja! Die Franzosen sagen doch jetzt, da wir spirituell
minderwertig und zivilisatorisch zurckgeblieben wren, weil wir Musik
haben, der Musik bedrfen und sie lieben! Wir sind ihnen wie giftige
Schlangen, die sich durch Pfeifenspiel fr Minuten bndigen lassen.
Solchem Wahnwitz gegenber mu man heiter werden und an den kropfigen
Zillertaler denken, der einem makellos gewachsenen Fremden begegnet und
dabei sein kropfiges Shnchen ermahnt: Tu nit spotten, sonst straft
dich Gott, und du wirscht die gleiche Migeburt wie der!

Und gestern, am Vorabend des Kaisertages, als aus schwimmenden Nebeln
eine dunkle Nacht herunterstieg, wurde auf dem groen Stadtplatz der
Zapfenstreich geschlagen. Keine aufdringliche Feier. Ein militrisches
Fest, wrdig in Grenzen gehalten, einfach, vornehm, und gerade deshalb
so schn und ergreifend, etwas herrlich Helles auf dem finsteren
Hintergrunde der Zeit. Wie eine ruhige Leuchtwoge schwamm die vierfache
Reihe der Fackeln ber den schwarzen Stadtplatz her und formte ihren
Flammenkreis um die Militrmusik. Auerhalb des Kreises standen die
Soldaten. Kopf an Kopf, so weit man in der Nacht zu sehen vermochte.
Die Jubelouvertre. Noch ein paar andere, gutgewhlte Musikstcke.
Dann der alte bayerische Zapfenstreich; seine strengen, geheimnisvoll
verhaltenen Trommelwirbel rtteln das Blut auf, seine munteren
Blserweisen besnftigen es wieder. Nun tiefe Stille ber dem weiten
Platz. Mit kurzen, markigen Worten brachte der Kommandierende des Korps,
General v. Xylander, das Hurra auf unseren Kaiser aus. Und die tausend
jauchzenden Soldatenstimmen klangen, als wr' es nur ein einziger
Schrei, das stolze und frohe Aufjubeln eines Riesen. Deutschland,
Deutschland ber alles! Und die leuchtende Fackelwoge schwamm still
davon, der Platz wurde finster.

Whrend der Nacht vernahm ich immer den fernen Kanonendonner. Und noch
etwas anderes hrte ich. Immer. Unter der Stube, in der mein Quartier
ist, wohnen und schlafen der Besitzer des hbschen Hauses, seine
greise Mutter und seine Magd in einer kleinen Kammer. Zwei Shne und
drei Brder sind im franzsischen Heer; von denen haben sie seit Mitte
September nichts mehr gehrt. Die Leute sind freundlich zu mir; sie
sagen nur Dinge, von denen sie hoffen, da ich sie gerne hre. Ich wei:
was sie denken, verschweigen sie; und wenn sie zu lcheln versuchen,
haben sie einen Zug voll Schmerzen um den Mund. So oft ich in die Kche
trete, schrickt die greise Frau heftig zusammen. Vor =mir=! Sie glaubt
nicht, da ich lieber ihre runzelige Hand streicheln als sie erschrecken
mchte. Und diese drei Leute hr' ich reden in jeder Nacht, unter meiner
Stube, mit bebenden Stimmen, ganz leise. So hab' ich sie auch immer in
dieser Nacht gehrt, nach dem Zapfenstreich. Und die zitternden Stimmen
erloschen nur, wenn drauen auf der Strae die Stahlschritte eines
Soldatentrupps vorberklirrten, der zur Ablsung in die Schtzengrben
zog.

=Mich= sangen diese Lieder, die sich immer aufs neue wiederholten, in
einen festen und ruhigen Schlaf. --

Nun ist der Morgen da. Es regnet nicht. Aber der Himmel ist grau
umdunstet. Sonne, Sonne, wo bleibst du denn? Bist du daheim in
Deutschland?

Eine Ruhe ist in mir, die ich nicht schildern kann. Ich empfinde sie,
wie man die Luft des werdenden Frhlings fhlt. Alle Unzufriedenheit und
Ungeduld, alles Nervse und Zappelige, auch alle Sorge um materiellen
Verlust ist abgestreift von mir. Das zhlt nicht. Nur Arbeit und Kraft
der Gegenwart zhlen, nur unsere deutsche Zukunft!

Mit vielen Soldaten hab' ich mich angefreundet. Was in ihren gesunden
Knochen ist, fliet ber in mich. Wir zu Hause, wir =glauben= im besten
Falle an den Sieg -- hier im Felde =wissen= sie alle: wir siegen. Aber
eines wei ich jetzt auch schon: da der Krieg etwas vllig anderes
ist, als ich in der Heimat vermuten und sehen konnte. Er ist etwas viel
Schrecklicheres, aber auch etwas viel, viel Schneres!

Was wird dieser neue Tag mir wieder zeigen?

Die Fahrt geht am Ufer der Somme entlang. Auch unter den trben
Nebelschleiern ist es noch eine wundervolle Landschaft. ber eine Breite
von vierhundert Meter verzweigen sich Kanle, Strom, Altwasser und
Smpfe, durchsetzt von malerischen Rhrichtfeldern, in denen Schwrme
von Wasserhhnern und Wildenten umherschlpfen.

Nun steh' ich vor einem Meisterwerk der deutschen Pionierkunst, vor
der fast fnfhundert Meter langen Holzbrcke ber die Smpfe der
=Somme=. Als der Bau begonnen wurde, verschwanden die ersten als
Pfosten eingetriebenen Baumstmme vollstndig im grundlosen Schlamm.
Dennoch wurde dieses Sumpfhindernis, von dem die Franzosen erwartet
hatten, da es den Anmarsch der Deutschen um viele Wochen verzgern
wrde, von zwei bayerischen Pionierkompagnien durch den Bau dieser
Brcke in =fnf Tagen= berwunden. Wie zierliches Filigranwerk sehen
diese Holzverschrnkungen aus und tragen Regimenter, schwere Geschtze
und lange Zge von Lastautomobilen. ber den Kanlen hat die Brcke
ausschwingbare Bogen zum Durchla der Schiffe! Und alles in fnf Tagen
entstanden!

Das Materialdepot dieser mrchenhaften Arbeit, der Pionierpark,
ist untergebracht in einer groen, zerschossenen und ausgebrannten
Fabrik. Was da in kurzer Zeit durch deutschen Flei, deutsche
Ordnung und deutsche Grndlichkeit entstand, das wirkt wie etwas
vllig Unglaubhaftes. Man zweifelt noch, wenn man es mit eigenen
Augen sieht. Das ganze Innere des zerstrten, nur noch von den kahlen
Mauern umschlossenen Gebudes ist durch Brettereinbauten in eine
Reihe von Slen, Stuben und Kammern verwandelt. Alle Rume sind mit
hlzernem Fachwerk ausgefllt und in peinlichster Genauigkeit mit
allen Gattungen von Kriegsmaterial und Werkzeug vollgekramt. Alles ist
da, vom Minenwerfer bis zum Schuhnagel. Ein lustiges Wunder ist der
Schlafsaal, in dem ein paar hundert Pioniere und Soldaten ihr Quartier
haben. In drei Reihen durchziehen den groen Raum die zweistckigen
Schlafschachteln -- ich finde keinen anderen Ausdruck -- die Hlfte der
Leute schlft zu ebener Erde, die andere Hlfte im Oberstock dieser
riesigen sechzigschlfrigen Bettladen. Heu und Stroh ersetzen die
Matratzen, als Kopfkissen dient der Tornister. Ich frage: Ist denn
da gut zu liegen? Alle lachen gleich, und einer sagt: Ah, da is's
gut, jetzt haben wir's fein! In den Ecken stehen die eisernen fen
und rings um die Mauern ziehen sich die hlzernen Tische und Bnke.
Da sitzen die Leute, wenn sie Rast haben, und schreiben Briefe und
Karten, oder essen, oder flicken ihr Zeug, oder spielen Tarock. Ein
bisserl rauchig ist es in dem Raum, nicht von den fen -- die ziehen
famos -- nur von den Pfeifen und Zigarren. Auch ein Badhaus ist da, und
ein Duschraum, mit einem Fabrikskessel als Warmwasserreservoir und mit
einer Feuerspritzenpumpe, die den Hochdruck liefert. Und der mchtige
Hofraum ist ein Gewimmel von Soldaten, Pferden und Lastkarren, ein
Durcheinanderhuschen von ruhelosem Flei.

Weiter geht die Fahrt, ber kahles Feld. Bald mssen wir halten -- das
Auto kann oder darf aus irgendwelchem Grunde nimmer vorwrts. Ich stehe
auf dem Acker, gucke herum und frage mich: =Was ist da los?= Nichts
zu sehen, nur dieses stille, leblose Feld. Hinter dem Dunst des trben
Tages liegt da und dort ein Dorf. Und berall dunkle, kleine, niedliche
Wldchen. Ich denke mir noch: Das mte eine gute Fasanengegend sein!
Da hr' ich irgendwo in der Luft einen merkwrdigen Vogel singen. So
hnlich klingt es, wenn eine Radfahrersirene zu pfeifen anfngt. Mit
uuuuh beginnt es, und mit iiiih hrt es auf. Neben dem Saum eines nahen
Wldchens fhrt weier Dampf in die Hhe, der sich in schwarzen Rauch
verwandelt und wie zum Qualm einer Brandstatt wird. Eine halbe Sekunde
spter ein schwerer Donnerschlag. Jetzt kapiere ich: was ich sehe und
hre, ist der Einschlag einer franzsischen Granate. Alles ist schon
lange vorber, da hrt man erst, acht oder zehn Sekunden spter, den
fernen Hall des feindlichen Geschtzes.

Auf dem weiten Felde ist kein Mensch zu gewahren. Doch! Mit dem Glas
erkenne ich einen Soldaten, der nahe bei dem Wldchen ruhig in einem
Acker steht; er hat ein Notizbuch in der Hand und notiert etwas. Sehr
friedlich sieht das aus. Wieder dieses Sausen in der Luft, wieder der
aufwallende Rauch, hnlich dem Atemzug eines vulkanischen Kraters,
und wieder dieses Drhnen. Eine um die andere kommt, ber vier oder
fnf Kilometer von der unsichtbaren feindlichen Stellung her. Und
immer nher rcken sie gegen das Auto. Die beiden freundlichen
Offiziere, deren Gast ich bin, wnschen sehr lebhaft, mich wieder im
Auto zu sehen. In jagender Fahrt geht es davon. Hinter uns immer diese
dumpfen Paukenschlge. Ob eine Granate zu der Stelle kam, wo unser
Auto gestanden, wei ich nicht. Wohl kaum. Die Beschieung gilt einer
deutschen Batterie, die am Saum des Wldchens vergraben liegt, aber
an einer ganz anderen Stelle. Die Franzosen tasten seit Wochen in
kostspieliger Munitionsverschwendung den ganzen Umkreis des Gehlzes mit
Granaten ab, suchen immer diese fein versteckte Batterie und knnen sie
nicht finden. Gott sei Dank!

Die deutschen Kanonen bleiben stumm, und nach einer Viertelstunde
schweigen auch die franzsischen Geschtze.

Auf einem Umweg kehrt das Auto zu dem beschossenen Wldchen zurck.
Wir halten an der Somme, bei einer zerstrten Mhle, vor der eine von
unseren berhmten =Feldkchen= dampft und sehr einladend duftet. Zum
Kosten fehlt es an Zeit, wir mssen vorwrts. berall Soldaten, berall
Munitionswagen, berall Reiter und Radfahrer. Wir sind in der Nhe der
deutschen Front. Durch Rbenfelder, deren ungeerntete Frchte schon
wieder frische Blttchen zu treiben beginnen, blagrn wie junger Salat,
kommen wir zu dem von den Franzosen angepulverten Wldchen. Und jetzt
soll =ich= die deutsche Batterie entdecken, die da steht! Ich habe
ein Glas mit achtfacher Vergrerung; immer gucke ich, aber ich finde
nichts. Wohl sehe ich Prgelwege, die durch knietiefen Kot fhren, sehe
verschlammte Zufahrtswege und viele knstlich eingesteckte Bumchen,
aber keine Batterie. Man mu mich dicht vor das in die Erde eingegrabene
Geschtz hinfhren, damit ich merke, wo es steht. Die Hhlung ist
bedeckt mit einem schn gewlbten Holzdach, das auf der Somme von einem
franzsischen Schleppschiff abgenommen wurde. -- (Ganz wundervoll ist
das, wie unsere Feldgrauen alles und jedes, was sie finden, fr den
besten und ntzlichsten Zweck verwenden, dem es dienen kann. =Was=
hier franzsisches Gut heit, wird deutsche Wehr und Waffe.) -- ber
dem Schiffsdeck ist wieder dicke Erde und wieder ein knstliches
Gebsch, als Deckung gegen die Spheraugen der Flieger. Unten nur ein
schmaler Einschlupf, auf der anderen Seite die Ausschuffnung fr die
Kanone. Zrtlich streiche ich das metallene Rohr, das fr unser liebes
Deutschland schon viele wirksame Donnerkeile aussandte. Und den klugen,
lachenden Kanonieren drcke ich die Hnde.

Man zeigt mir ein deutsches Gescho und ein belgisches von gleichem
Kaliber -- die beiden sehen nebeneinander aus wie ein Mann und ein
Kind. Solange die Sache nur Geplnkel ist, lt man die belgischen
Kinder fliegen, um deutsche Munition und deutsches Geld zu sparen.
Wird's ernst, dann kommen unsere eisernen Mnner dran. Ganz frchterlich
schlagen sie drein. In einem Kellerloch sind sie zu hohen Sten
aufgeschichtet, um ihrer Stunde zu warten.

Nun spaziere ich am Waldsaum entlang, wo ich die franzsischen Granaten
einschlagen sah. Zwischen fnfzehn Explosionstrichtern, die gegen die
stubengroen Granatenlcher auf dem Fort des Aivelles aussehen wie
Spucknpfe, finde ich vier Ausblser und drei Blindgnger.

Durch Schlupfwege im verwsteten Walde geht's zu einer Stelle, die
genau so aussieht wie alles andere Gehlz. Hier soll ich abermals
etwas entdecken. Erst nach lngerem Sphen bemerke ich, da aus einer
Bodenstelle des gegen die franzsischen Linien gerichteten Waldsaumes
etwas Bluliches herauswirbelt. Dampft die Erde? Oder ist's Ofenrauch?
Oder Zigarrenqualm? ber ein verstecktes Trepplein geht es hinunter.
Das ist die Beobachtungsstelle der Batterie: ein Lehmsalon von etwa
vier Quadratmeter; warm wie ein Backofen; immer schwitzen und triefen
die Wnde; ein Rauch, der die Augen zerbeit; und ein Zwielicht,
an das ich mich erst gewhnen mu, bevor ich zu sehen beginne.
Beim Ausguck steht das Scherenfernrohr; in die Lehmwand sind drei
Telephonapparate eingebaut, und eine Ofenrhre dient als Sprachrohr.
Ganz mystisch berhrt es, wenn aus der Erde heraus die Stimmen quellen,
die von der Batterie kommen, vom Unterstand der Mannschaft oder vom
Offizierskellerchen. Mit uns dreien, die wir kamen, sind nun sieben
Leute in dem kleinen Raum. Umdrehen kann man sich nimmer. Aber man
plaudert und lacht -- und in dem kleinen Dreckloch ist ein frischer,
gesunder Humor, den ich mit Herz und Hnden fassen und heimschicken
mchte.

Ich sehe noch das feine Kellerchen, in dem der Batterie-Offizier
sich aufhlt. Das ist ein Lebensknstler. Er hat ein Tischerl, ein
Rokokofauteuilchen und ein zierliches Boudoirsofa, das ihm als Bett
dient. Um darauf zu schlafen, ist es freilich viel zu kurz. -- Aber,
sagt er, wenn man die Beine gegen die Wand hinaufstellt, liegt man
ganz ausgezeichnet! Diese Wand ist mit persischen Teppichen bekleidet,
die aus einer kaputtgeschossenen Villa stammen; immer dampfen sie im
Kampf zwischen Wrme und Feuchtigkeit, und ihre Farben beginnen unter
sprossendem Schimmel zu erlschen. Wenn 's Frhjahr wird, sagt der
junge Offizier mit seinem gesunden Lachen, dann kann ich da Schwammerln
zchten! Die e ich gerne.

Durch einen Laufgraben, der nicht tief genug ist, um die Kpfe vllig zu
schtzen, mssen wir geduckt hinschleichen. Dieses stete Niederbeugen
des Gesichtes hat etwas Gutes: man sieht immer ganz genau, wie tief
die Stiefel in den vom Regen durchweichten Lehm hineinquatschen. --
(Neulich versank ein allzu gewichtiger Reserveleutnant bis zu den
Hften; er selber konnte sich nimmer freimachen; als man ihn herauszog,
hatte er keinen Stiefel mehr, nur noch =einen= Socken.)

Immer ist ein feines Pfeifen in der Luft. Und von der Tiefe des
Feldhanges, der sich hinuntersenkt gegen das Tal der Somme, klingt
ununterbrochen ein lustiges Knallen herauf, als stnde da drunten die
Schiesttte des Mnchner Oktoberfestes.

Einmal, bei einer Biegung des Laufgrabens, sieht man hinunter ins
Tal. Bis in weite Ferne kann ich mit dem Glas die aufgeworfenen Lehm-
und Kreidesteinwlle der deutschen und franzsischen Schtzengrben
verfolgen. Manchmal nhern sie sich einander bis auf siebzig Meter
und ziehen sich wieder auf drei-, vierhundert Meter zurck. Diese in
die Ferne laufenden, gelben oder weigrauen Striche bilden seltsame
Ornamentlinien -- und diese kunstvolle Durchackerung der Natur luft
jetzt von der Kanalkste durch Nord- und Ostfrankreich bis gegen Basel.
In diesen Ackerfurchen des Krieges liegt eine Million unserer Feldgrauen
und wacht in verllicher Treue bei Tag und Finsternis, um unsere
deutsche Heimat vor den Bildern der Vernichtung zu behten, die ich
hier auf franzsischem Boden sehe bei Schritt und Tritt. Seid dankbar,
ihr Deutschen daheim! Bleibt ruhig, zuversichtlich und opferfreudig!
Und denkt bei jedem Atemzuge an das Kaiserwort: Soldat und Brger, die
beiden mssen einander helfen, so gut sie knnen!

Nirgends in der Landschaft ist ein Mensch zu sehen, alles de, wie
ausgestorben. Drunten im Tal, zwischen den deutschen und feindlichen
Erdwllen, entdecke ich mit dem Glas auf einer fahlen Wiese zwei
dunkelblaue Krper. Sie bewegen sich nicht, haben aber doch Menschenform
und sehen aus wie friedliche Schlfer, die sich mit ihren Mnteln
bedeckten: zwei gefallene Franzosen, die der Feind nicht zu holen und zu
bergen wagte. So liegen die beiden schon seit dem 30. Oktober. Frher
hatten sie vom Morgen bis zum Abend krchzende Gesellschaft; seit Wochen
sind auch die Raben ausgeblieben.

Der Laufgraben mndet in einen tiefen Lehmkessel. Frher war da eine
franzsische Stellung, die zurckweichen mute um zwei Kilometer;
noch sieht man die Feuerlcher und die aufgeschtteten Deckungen,
Feldflaschen, Konservenbchsen, auch eine rote, vom Regen fast farblos
gewordene Reithose. Und zwischen Stauden guckt aus der Erde der stumme,
grinsende Tod heraus. Ein gefallener Franzose! Seine Kameraden, denen
nicht die Zeit blieb, ihn zu bestatten, haben ihn nur fuhoch mit Erde
bedeckt. Der Regen hat die Schollen halb wieder davongeschwemmt. Eine
skelettierte Hand, die noch im blauen Soldatenrmel steckt, greift
sehnschtig heraus ins Leben, und der ganze Kopf liegt frei, fast schon
ein Totenschdel, aber noch mit Augenbrauen und Haarbscheln. Die
Hirnschale ist vllig zertrmmert -- dieser Franzose hatte das Unglck,
einem bayerischen Gewehrkolben in den Weg zu geraten.

Das Bild, das sich da herausstahl, aus der gelben Erde, ist nicht
widerlich, nicht ekelerregend. Nur ernst, tiefernst und erschtternd ist
es.

Du stiller Schlfer! Wer warst du? Wie klang dein Name? Wer weint
um dich? Aus welchem Glck bist du herausgefallen, weil England es
so begehrte von dir? Wir Deutschen htten dir Leben und Namen und
Glck gelassen. Aber England will bessere Geschfte machen und seine
Dividenden aufwrtsschrauben. Drum mute dein Leben hinuntersinken!
Bist du, frher ein Tor um Englands willen, jetzt unter der Erde ein
Wissender geworden? Willst du wieder herauf in den Tag und die Hand
erheben, um vor deinem Volk und Lande gegen den britischen Handelsmann
zu klagen? -- Der Schlfer gibt keine Antwort. Er schweigt, wird ewig
schweigen.

Ich wende mich erschttert ab. Weiter! Wieder in einen Laufgraben
hinein, der sich immer tiefer in die Erde whlt! Eine Wendung, und
ich bin im Schtzengraben. In langer Zeile seh' ich die Feldgrauen,
nein, die Lehmgelben, bei den Schiescharten stehen. Scharf und hastig
knallen die Schsse, hin und her. Und immer wieder fliegt eines von den
unsichtbaren Vgelchen, die so wunderlich pfeifen, ber unsere Kpfe
hinweg, surrt in die Erde hinein oder schlgt mit hellem Klirrton gegen
einen Stahlschild.

Etwas Heies ist in mir. Der schwle Atem des Krieges hat mich
angehaucht.




                                   8.


                                                        30. Januar 1915.

Eine tiefe Erregung brennt mir in allen Nerven. Das Herz schlgt mir bis
in den Hals herauf.

Bei jedem Blick, bei jedem Schritt im Schtzengraben seh' ich die
tapfere Mhsal, die mutige Beharrlichkeit und treue Ausdauer unserer
Feldgrauen, deren Uniformsfarbe vllig verschwindet unter dem gelben,
klumpigen Lehmbehang.

Alle zehn Schritte steht bei einem kleinen, mit Bohlen ausgelegten
Guckloch oder bei den schmalen Schiescharten der Stahlschilde ein
Wachtposten mit blitzenden Spheraugen, in den von Nsse und Klte
zerschrumpften Hnden das schubereite Gewehr. Immer wieder sticht
dieses scharfe Knallen in die dunstige Luft, hier im Graben und drunten
im Tal, und immer wieder geht dieses feine Pfeifen der Kugeln ber
unsere Kpfe weg. Keiner von den Wachtposten kmmert sich um uns, keiner
salutiert die Offiziere, die mich fhren, jeder ist mit gespannter
Aufmerksamkeit bei den feindlichen Dingen, die da drauen sind.

Von denen, die nicht auf Wache stehen, rasten die einen, die anderen
arbeiten. Hier wird hastig geschaufelt, um den Schutt und Schlamm
der vom Regen unterwaschenen und heruntergerutschten Lehmwnde
aus dem Graben zu werfen, eine Erdbewegung, die bei schlechtem
Wetter ununterbrochen durch Tage und Nchte fortdauert. Dort werden
Entwsserungskanle gezogen und Lcher gegraben, in denen das Regen- und
Sickerwasser versitzen kann.

Der Boden des Grabens ist, weil es einen Tag lang nimmer geregnet hat,
schon leidlich trocken; aber die mannshohen Wnde sind so klebrig, da
sich bei jedem sttzenden Griff alle Finger gelb umwickeln. Und so eng
ist der Gang, da man bald rechts und bald links mit Ellenbogen und
Schultern, mit Knien und Hften, beim Umdrehen und Ausweichen auch mit
Brust oder Rcken an diesen Lehmteig anstreift.

Jene Grabenschtzen, die ein bichen rasten knnen, sitzen oder liegen
in den winzigen Schlupfen, die unterhalb der Schiescharten in die
Lehmwnde hineingehhlt sind. Jedes Unterstandsloch hat knapp so viel
Raum, da zwei Soldaten sich nebeneinander zusammenhuscheln knnen;
Wnde und Decken sind manchmal, nicht immer, mit Brettern ausgeplzt;
der Boden ist handhoch mit Stroh belegt, meist mit ungedroschenem
Getreide, das von den Feldern weggerafft wurde; Mntel, Zeltbahnen
und Wolldecken, die in den Nchten vom Tropfwasser durchnt wurden,
sind neben den Einschlupflchern zum Trocknen aufgehngt; zuweilen
ist in die Seitenwand der Lcher mit einigen Steinen ein kleiner,
urweltlich ausschauender Ofen eingemauert, in dem die feuchten
Prgelchen glhen und qualmen. Manche der Lcher sind mit Scken
verhngt, andere haben ein schtzendes Trchen, das meist nur aus zwei
oder drei zusammengenagelten Brettstcken besteht; aber auch feineres
Material wurde zu diesem Zwecke verwendet: der grne Fensterladen einer
Villa, eine polierte Schranktre, das bunt verglaste Fenster eines
Gartenhuschens; sogar die Kupeetr einer Droschke ist vertreten --
alles herbeigeschleppt in finsteren Nchten, und an all diesen Dingen
ist die Farbe halb verschwunden, alles ist gelb, alles gesprenkelt von
den Griffen der lehmigen Hnde.

In diesen Lchern sitzen die Rastenden und schwatzen ruhig und heiter;
jene, die in der Nacht bei den Schiescharten wachen muten, liegen
jetzt am Tag in einem so bleischweren Schlaf, da kein lautes Wort und
kein knallender Gewehrschu sie zu wecken vermag; andere liegen auf
dem Bauch, bentzen den Tornister als Schreibtisch und kritzeln einen
Kartengru, der in die Heimat wandern soll.

Von solch einem Schreibenden sah ich den Krper und die langsam bewegte,
schwere Hand. Ich frage in das Loch hinein: So? Wird an den Schatz
geschrieben? Da dreht sich ein blondbrtiges, strenges Gesicht herum,
zwei blaue Mannsaugen sehen mich aus dem Zwielicht heraus sehr milaunig
an, und eine unwillige Stimme sagt: Was glaubst denn? An d' Frau!

Ich kann nicht schildern, wie dieses schne grobe Wort auf mich wirkte.
Es war mir wie ein wundervolles Lied von der redlichen Herzensreinheit
dieses deutschen Mannes. Seine Frau, seine Kinder, seine Heimatstreue
und seine Soldatenpflicht -- das ist seine Welt. Was anderes gibt es
nicht fr ihn. Und wie dieser eine, so sind Tausende, sind Millionen der
Unseren. Wer will uns besiegen?

Auf- und niederklimmend durch den engen Graben, stapfe ich an hundert
Lehmgelben vorber, an vielen Dutzenden von diesen Schlupfen und
Lchern. Ich hre nimmer die Schsse knallen, hre nimmer das Pfeifen
der bleiernen Vgelchen, die ber uns wegfliegen oder in die Lehmwlle
preschen. Immer mu ich schauen, immer vergleichen zwischen der
heldenhaften Geduld, die ich hier sehe auf Schritt und Tritt, und
zwischen der nervsen und krittelnden Ungeduld, deren wir uns schuldig
machen in der Heimat. Und immer mu ich rechnen: da diese Tapferen seit
Ende September, die mit Arbeit ausgefllten Ruhezeiten abgerechnet, in
diesem Graben und in diesen Lehmlchern volle sechzig oder siebzig Tage
und Nchte ausgehalten haben, ohne an Kraft und Gesundheit einzuben,
ohne von ihrer treuen Beharrlichkeit, von ihrer geduldigen Ausdauer
nur eine Faser zu verlieren. Nicht verloren haben sie, nein, sie haben
noch gewonnen. Einer sagt zu mir: Z'erst is mir's schon a bisserl hart
worden. Jetzt kennt man sich besser aus und wei, wie man's machen mu.
Auf d'Letzt lernt der Mensch alles.

Mir werden die Augen feucht, und eine Weile vermag ich nimmer zu reden.
Immer brennt die Frage in mir: Was hat =der= da als Soldat geleistet,
was =ich= als Brger? Ein bichen gezahlt hab' ich, ein bichen Geld
eingebt, einen Teil meines Einkommens verloren, fast das ganze. Und
da glaubte ich immer, was wunder ich leiste und trage und erdulde um
meiner Heimat willen! Jetzt bin ich klein und stumm. Und eine heie,
schmerzende Scham ist in mir.

Einer von den Gelben sitzt in seinem Lehmloch neben dem heftig
rauchenden Steinherdchen. Er scheint sich sehr wohl zu fhlen, schneidet
feine Scheibchen sorgfltig und liebevoll von einer heimatlichen
Speckschwarte herunter und schmaust.

Ich frage: Schmeckt es?

Da nickt er lachend: Ah ja! A bil ebbes darf man sich schon vergunnen.
Wer wei, wie lang 's dauert?

Jetzt hr' ich pltzlich die Schsse wieder, hre das Pfeifen der
Kugeln. Und nicht weit von der Stelle, wo ich stehe, vernehm' ich einen
wtenden Fluch: Himi Herrgott Kreizteifi beranand! Erschrocken
springe ich hin. Ein langer Kerl mit zausigem Rotbart steht bei einer
Schiescharte und repetiert das abgeschossene Gewehr. Was ist denn,
frage ich, sind Sie verwundet?

I? Ah na! Aber da drunt, an dem roten Stadel, da is a Loch. Da schiet
allerweil einer aui. Und ds Luder kann i net derwischen. Allweil
pulver i ums Loch umanand. Nie bring' i's sauber hin.

Ich gucke neben dem Mann durch die Schiescharte hinaus und ins Tal
hinunter. Der Ausschnitt der Landschaft, den ich sehe, ist wie ein
Bild in hlzernem Rahmen: ein Stck Talgelnde, die Erdwlle des
franzsischen Schtzengrabens und in der Mitte des Bildes ein halb
in Schutt geschossenes, tot und de liegendes Dorf mit umgestrztem
Kirchturm und ausgebrannter Kirche. Alles, was Leben heit, scheint
erloschen da drunten. Aber Schsse knallen, bald hier, bald dort; man
sieht keinen Rauch, sieht keinen Feuerstrahl, wei nicht, woher die
pfeifenden Vgelchen kommen. Jetzt entdecke ich den roten Stadel; es
ist ein plumper Bau aus Ziegelsteinen; und mitten in der roten Mauer
ist ein kleiner, runder, schwarzer Fleck, ein in die Mauer geschlagenes
Schieloch; von hier oben sieht es aus wie ein Tintenfleck, in
Wirklichkeit mag es so gro sein wie ein Hut. Vierhundert Meter sind es
bis dort hinunter. Eine feste Hand und ein sicheres Auge gehrt dazu, um
ber solche Entfernung eine Kugel richtig auf den Fleck zu bringen. Ich
gucke mit dem Feldstecher. In dem Loch ist nicht das geringste zu sehen,
aber rings um den schwarzen Fleck herum erkenne ich an der roten Mauer
die Einschlagtupfen der Kugeln, die umsonst da hinuntergeflogen sind.

Wart', Brderl, sagt der Rotbrtige, noch mit heiem Zorn in der
Stimme, und schiebt den Gewehrlauf langsam durch die kleine Scharte des
Stahlschildes hinaus, jetzt wird amal aufpat, urdentli!

Drunten knallt es, der franzsische Vogel pfeift, und ber unseren
Kpfen spritzt der Lehm auseinander. Ich mache flink einen Schritt nach
rckwrts, drehe mich um dabei -- und mu herzlich lachen. Neben einem
Gngelchen, das seitwrts hinaus gegraben ist, seh' ich eine kleine
Holztafel hngen mit der Inschrift: Zur Latrine und zur Kochstelle!
Bitte nicht verwechseln!

Solcher Heiterkeiten sind im Schtzengraben neben der schlummerlosen
Gefahr noch viele zu finden. Ein paar Dutzend Schritte weiter, neben
dem Trchen, hinter dem der Unteroffizier seinen Nachtschlupf hat,
steht angeschrieben: Villa Granateneck. Dieser Bezeichnung ist noch
das lyrische Motto beigefgt: Im tiefen Keller sitz' ich hier! Und
eine steil nach abwrts fhrende Stelle des Schtzengrabens, die dem
feindlichen Feuer ausgesetzt war und deshalb mit Wellblech und dick mit
Erde berdeckt wurde, trgt die Inschrift: Nordfranzsische Rodelbahn.

Solcher Humor in einer Luft, in der bei jedem Kugelpfiff der Tod auf
dem Sprunge nach einem deutschen Leben steht, ist nicht allein als der
Ausflu derber Gesundheit und guter Rasse zu erklren. Der schne, klare
Brunnen solch unverwstlicher Heiterkeit am Rande des immer harrenden
Grabes kann nur aus dem kraftschenkenden Bewutsein redlichster
Pflichterfllung strmen.

Von dem Frohsinn, den ich hier sehe und hre, fliegen meine Gedanken
immer heimwrts. Es ist wahr: wir in der Heimat leisten viel, Tausende
leisten weit ber ihre Krfte, und gerade hier, auf erobertem Boden,
hre ich immer wieder die herzlichste Anerkennung unseres Heimatwerkes.
Aber neben den Opferwilligen gibt es auch Drckeberger, Vorsichtige,
Zurckhaltende und ngstliche. Tten wir =alle= daheim so bis zum
letzten Atemzug unsere deutsche Pflicht, wie diese Getreuen hier im
Schtzengraben, dann wre nicht ruhelose Ungeduld in vielen von uns,
sondern Ruhe, Zuversicht und frohe Festigkeit wre in uns allen. Da
wrde der Groschen nicht zhlen, den wir verlieren, keine Bedrngnis
unserer wirtschaftlichen Lage, keine ntige Einschrnkung, keine Sorge
und kein Opfer unseres Lebens! --

Der Schtzengraben macht eine Wendung und ich stehe vor einem Bilde,
das mich tief ergreift. Auerhalb des Grabens, gegen die franzsische
Seite hin, ragt zwischen laublosen Bumen ein mchtiges Feldkreuz in die
Luft. Nicht nur das schwarze Kreuzholz, sondern auch das farbig bemalte,
berlebensgroe Schnitzwerk, das den Erlser zeigt, ist von vielen
Kugelschssen durchsplittert, von Schssen, die aus der franzsischen
Stellung kamen. Und der zerschossene Leib der ewigen Gte hlt die
Arme ausgebreitet mit einer groen, heiligen Gebrde, aus der etwas
Schtzendes und Hilfreiches zu mir redet.

Einer von den beiden Offizieren, die mich gefhrt haben, sagt nach einer
Weile: Es wird Abend. Irgendwo =mssen= wir umkehren. Das geht ja hier
so weiter bis nach Ostende.

Auf dem Rckweg gibt's einen Aufenthalt. Eine Lehmwand ist
heruntergebrochen und hat auf zehn Schritte weit den Graben
verschttet. Vier Soldaten schaufeln, da ihnen der Schwei von
den Gesichtern tropft; mehr knnen bei der Enge des Grabens an der
Ausbesserung des Schadens nicht arbeiten. Whrend wir wartend dastehen,
schlpft einer, der mich kennt, durch das Trloch seines Hhlchens
heraus -- einer aus der Garmischer Gegend, der mich vor Jahren einmal
auf die Alpspitze fhrte. Er begrt mich so herzlich und freudig,
als wre seine Heimat mit Haus und Berg zu ihm gekommen. Whrend wir
schwatzen, immer von daheim, treten noch ein paar andere zu uns, jeder
so gelb wie sein Kamerad, aber jeder mit dem gleichen, ruhigen, gesunden
Gesicht. Allerlei Fragen richten sie an mich -- gar manche ist darunter,
die zu beantworten mir schwer fllt. Einer, mit drstender Sehnsucht in
den Augen, fragt mich: Was meinen S', wie lang wird's denn noch dauern?

Ich suche nach Worten. Da bin ich berfragt. Es ist mglich, sogar
wahrscheinlich, da auf dem Festland die Hauptsache schon in sechs bis
sieben Wochen zur Erledigung kommt. Aber es kann auch noch ebensoviele
Monate dauern.

Nach kurzem Schweigen eine feste Soldatenstimme: No ja, mu man halt
aushalten! Durchreien tun wir's alleweil, so oder so!

An dieses tapfere, zuversichtliche Wort schliet sich eine etwas
wunderliche Frage, die mit dem vorausgegangenen Gesprch keinen
Zusammenhang zu haben scheint. Dennoch ist eine Beziehung vorhanden.
Eine sehr ernste.

Sie, sagen S' amal, ob ds wahr is, was die Meinige allweil schreibt:
da daheim in der Stadt die jungen Weibsbilder so ausg'schaamt in die
Kaffeehuser hocken, pariserisch anzogen, da man d' Haxen sieht bis
halbert zur Grattl auffi?

Trotz der derben Ausdrucksweise lacht keiner von den Lehmgelben; sie
scheinen die Frage fr eine sehr wichtige und wrdevolle zu halten. Ich
schttle den Kopf. Nein! So stimmt das nicht. Unsere deutschen Frauen
und Mdchen sind da nicht gemeint. Nur ein paar dumme Modegnse, ein
paar krankhafte Auslandsaffen. So was zhlt doch nicht.

Einer sagt: D sollten =uns= anschauen! Ein anderer brummt: Bal s'
vier Ncht lang da im Graben hocken mten, in der nassen Soo, bis
bers Knie nauf, i glaub, d taaten si' bald an andre Montur verlangen!
Und ein dritter gibt den Rat: man sollte diesen Ausnahmen jeden Tag ein
paarmal jene Sache vollhauen, die Goethe durch einen Gedankenstrich
bezeichnete -- von diesem Gedankenstrich wei natrlich der lehmgelbe
Pdagoge nichts, er gebraucht im rger sehr ungeniert das bliche
Volkswort.

Der Weg ist ausgeschaufelt. Wir knnen weitergehen. Ich komme an dem
Rotbrtigen vorber, der das Gewehr im Anschlag hat und immer lauert,
ganz unbeweglich.

Nach wenigen Schritten gewahre ich etwas Seltsames. Beim Herweg fiel es
mir nicht auf, erst jetzt entdecke ich's. Will mitten im harten Winter
der grne Frhling kommen? Eine Bodenstelle des Schtzengrabens ist dick
mit frischem, spannenlangem Gras berwuchert. Gras? Nein! Das ist junges
Getreide. Von den ungedroschenen Garben, die ein Feldgrauer vor vier
Monaten in seinen Unterschlupf hineinstreute, sind die Krner abgefallen
und in die nasse Erde hineingetreten worden. Jetzt gehen sie auf.
Ich sehe dieses frische, ppige Grn, und etwas Freudiges, Warmes und
Hoffnungsvolles ist mir im Herzen.

Drunten bei den Franzosen kracht ein Schu. In der Luft das feine
Singen. Und wenige Schritte hinter mir spritzen von der Holzversteifung
einer Schiescharte die Splitter weg. Jetzt ein Schu im deutschen
Graben. Dann die ruhige Stimme des Rotbrtigen, den ich nimmer sehe: No
also! Endli amal!

Ich brauche nicht umzukehren. Auch ohne zu fragen, wei ich, was der
kurze, zufriedene Monolog des Rotbrtigen bedeutet. Wohl denke ich auch
daran, da jetzt da drunten im roten Stadel ein Leben verblutet; aber
vor allem mu ich denken: da unsere Feinde wieder weniger wurden um
einen.

Ein langer Weg noch, durch den Laufgraben und ber die dmmernden
Rbenfelder.

Kanonenschsse und Granatenschlge drhnen in rascher Folge. Die
Franzosen tasten wieder nach der deutschen Batterie umher und knnen sie
nicht finden.

Beim Einsteigen in den Wagen bemerke ich, da ich nicht viel anders
ausschaue als die Lehmgelben im Schtzengraben. Ich fhle aber doch
einen betrchtlichen Unterschied. So hei, wie an diesem Abend, hat noch
nie die Frage in mir gebrannt: Was kann ich leisten als Brger, wie
kann ich ntzen?

Im Westen ein leuchtender Streif und drber ein zartes Blau und Wei.
Auch die Hhe klrt sich auf, und ich sehe den Schimmer des Vollmondes.
Der Kaisertag hat gutes Wetter gebracht. Bleibt der Himmel so, dann
werden es die Unseren im Schtzengraben besser bekommen.




                                   9.


                                                        3. Februar 1915.

Das gute Wetter hat nur drei Tage gedauert, war also immerhin
lebenskrftiger, als schne Trume zu sein pflegen. Jetzt ist die Welt
wieder grau umhangen.

Den letzten Gutwettertag benutzten die Franzosen zu einer schweren
Kanonade, die von den Deutschen nur mit einzelnen Meldeschssen
=Wir sind noch immer da!= erwidert wurde, um aus dem franzsischen
Tagesbericht den Satz auszuschalten: Eine deutsche Batterie
wurde stumm gemacht und vernichtet. Es waren im Hrbereich an
die zwlfhundert Schsse zu zhlen. Dazu etwa zwanzig grobe
Detonationen von Minenwerfern. So verpulverten die Franzosen an
diesem Schnwettertage ber eine Frontlnge von dreiig Kilometer ca.
hundertfnfundzwanzigtausend Franken. Die auf deutscher Seite am Abend
festgestellte Verlustziffer lautete: =kein= Toter, =kein= Verwundeter,
=kein= Materialschaden. Gelitten hatten nur die franzsischen Drfer
und cker. Fr Frankreich ein kostspieliges Vergngen! Wenn die
nordfranzsischen Bauern wieder einmal zu ihrer Scholle heimkehren,
werden sie entsetzt die Hnde ber dem Kopf zusammenschlagen.

Was wrden wohl die =deutschen= Bauern dazu sagen, wenn es bei =uns= so
gekommen wre, im ganzen Reich! Im Feuerbereich der Franzosen kein Haus
mehr, keine gefllte Scheune, kein Vieh! Jeder Wald verwstet, die Zune
zerstampft, jeder Acker zerrissen von den Granatentrichtern, alles Feld
zerschnitten, zerrupft, entzweigesgt und unterwhlt von Laufgngen,
Schtzengrben und Minenkellern! Jahre und Jahre werden ntig sein, bis
hier wieder fruchtbares Feld und blhende Drfer entstehen. Um unseren
deutschen Bauern deutlich zu machen, was ihnen erspart blieb, sollte man
sie mit Extrazgen hierherbringen und ihnen diese Vernichtungsbilder des
Krieges zeigen. Da wrde der Wille, die deutsche Kraft zu nhren und zu
erhalten, baumdick in ihnen erwachsen.

Jetzt eben sitze ich in einem der hohen, zweirdrigen Bauernwgelchen,
wie sie hier in Nordfrankreich blich sind. Der Bauer, dem das
Wgelchen samt Gaul und Geschirr gehrte, ist abgereist -- zum
Unterschied von seinen vornehmen Landsleuten tat er es nicht freiwillig.
Solche Wagen sollten auch bei uns in Deutschland heimisch werden; sie
sind billig, sind bequem, gleiten leicht dahin und strengen auch auf
schlechten Wegen den Gaul nicht an. Auch sieht man nett in die Weite,
wenn man so hoch oben sitzt. Heute ist's mit der Rundsicht freilich
mager bestellt; es regnet nicht, aber alles ist grau verschleiert.

Mein Kutscher, feldgrau natrlich, ist ein Hausmeister aus
Frstenfeldbruck, ein braver und ruhiger Mann, der gerne von seiner
Frau und seinen Kindern erzhlt. Aber er hat die cholerische Gewohnheit
angenommen, jedesmal, so oft er das Wort Franzosen oder Frankreich
gebraucht, den wtenden Zwischenruf zu machen: So a Sauvolk auf der
Welt! Vor allem rgert ihn der franzsische Mist in den Drfern und
Husern. Und ganz besonders ergrimmt ihn die Piettlosigkeit der
franzsischen Soldaten, die viele ihrer gefallenen Kameraden seit
Monaten unbestattet vor ihren Schtzengrben liegen lassen. So
ebbes mu sich doch strafen an die Franzosen. Bal a Volk kein Respekt
vor'm Heldentod von seine Brder nimmer hat, so a Volk kommt seiner
Lebtag nimmer in d'Hh, sag i! Ds gibt's einfach gar nicht, da uns
d'Franzosen besiegen kunnten!

Whrend dieses Ergusses hatte der Erbitterte eine Warnungstafel
bersehen und war einer Strae nachgefahren, die nicht granatensicher
ist. Ein fester Paukenschlag. Der franzsische Gaul will scheu werden,
mein Frstenfeldbrucker redet ihm freundlich zu -- Ja ja, jetzt
versteht er schon ganz gut Deutsch! -- und richtig, der Gaul kehrt
verstndig um, und nun mssen wir einen weiten Umweg machen, um mein
Ziel zu erreichen: den Schtzengraben eines Mnchner Regiments.

Eine Wache gebietet Halt, mein Philosoph mit seinem deutschverstndigen
Rssel mu zurckbleiben, und gefhrt von einem jungen, freundlichen
Kriegsfreiwilligen wate ich durch die Lehmsmpfe der verwsteten Felder.
Wenn es hier nach drei Schnwettertagen so aussieht, wie mu es aussehen
nach einem Platzregen? Ich komme an Wagen und Karren vorber, die bei
ihren Nachtfahrten im Moraste stecken blieben. Neben einer Hecke duftet
ein totes Pferd; sein Bauch ist wie ein buckliges Fa.

Ein Rollen und Brllen, bald nah, bald ferne; die Franzosen vertrdeln
schon wieder ein Huflein Staatsgelder. ber einen die Wegmulde
sperrenden Rbenacker mssen wir flink und mit geduckten Kpfen
hinberspringen; das Feld sieht aus wie ein Sieb, dessen Boden ein
bichen unregelmig durchlchert ist.

Nun empfngt mich ein kleiner Wald; er hat einen neuen Namen bekommen:
das bayerische Hlzl. In dem wirren Gezweige leuchten viele, viele
blinkweie Flecken: die Splitterwunden der von Granaten getroffenen
Bume. Vor dem Eingang in den Wald ist ein Damm aufgeschichtet, um
das Regenwasser und die Schlammbche abzuwehren. Jetzt geht es einen
schmalen Weg entlang, der mit festen Prgeln belegt ist, damit man
nicht bei jedem Schritte einsinkt bis ber die Knchel. Zur Rechten des
Weges gucken aus der Lehmbschung kleine, trbe, glserne ugelchen
heraus: die winzigen Fenster der in die Erde hineingegrabenen
Offizierskellerchen und Mannschaftshtten. Hier wohnt und schlft und
it und arbeitet, wer nicht Dienst im Schtzengraben hat.

Junge Offiziere empfangen mich, liebenswrdig und gastfreundlich. Wie
alt mu ich schon sein, weil auch ein Major fr mich noch aussieht
wie ein Jngling in Uniform! Ein flinker, prchtig mundender Imbi in
solch einem kleinen, ganz gemtlichen Kellerchen. Dann geht es hinaus.
berall, wohin meine Augen im Walde fliegen, seh' ich Arbeit, Arbeit und
Arbeit. Wege werden gebaut und mit Prgeln gepflastert; hier grbt man
Rinnen zur Trockenlegung des Bodens und zur Ableitung des Wassers; eine
steile, rutschige Waldtreppe wird ausgebessert -- es steht da auf einem
Tfelchen: Gasteiger Anlagen, Automobile fnfzehn Kilometer. Hier baut
man neue Unterstnde fr je dreiig Mann, berwlbt sie mit Wellblech
und behtet das Dach mit dicker Lehmlage. Dort, im Gewirr der Stauden,
geht es reihenweise hin und her, da schleppt man die Eisenbahnschwellen,
die Bretter, die Balken und Pfhle, die Strohgarben und Lattenroste
durch den Wald hinauf, und droben wird alles zurechtgelegt fr die
Nachtarbeit, bei der diese notwendigen Dinge auf Pfaden, die man am Tage
wegen der singenden Vgelchen nicht begehen kann, in die Schtzengrben
wandern. Dieses Gewimmel fleiiger Arbeit -- das ist die Ruhepause
unserer Feldgrauen! Schliet man die Augen und sieht diese schleppende
Plage nimmer, so glaubt man wirklich an heitere Ruhe, denn immer hrt
man ein Lachen, berall klingen frhliche Worte.

Ich sehe zwei von unseren gesegneten Feldkchen am Werke; sie brodeln
und qualmen und riechen gut und werden am Abend den gesunden Hunger
der Unseren stillen. Wie eine liebe Freude ist dieser Gedanke in mir!
Und da greift mir pltzlich etwas Hartes und doch etwas wunderbar
Schnes an den Hals und tief in das Herz hinein -- ich stehe vor dem
Waldfriedhof! So nennen sie diesen kleinen stillen Platz. Zwischen
vier groen Eichen haben sie sauber gemacht, den Weg besandet und einen
Zaun gezogen. Alles, was in dem schneelosen nordfranzsischen Winter
immergrn ist, das haben sie weit in der ganzen Gegend gesammelt, haben
es hier mit den Wurzeln eingepflanzt und haben es so sorgsam gepflegt,
da es schon jetzt zu treiben beginnt und neue Bltter bildet: Lorbeer
und Stechpalme und Buchs und Efeu. Aus den zerschossenen Drfern haben
sie Marienstatuettchen und Kruzifixe herbeigetragen, eins fr jedes Grab
-- und haben die Holzkreuze schn ausgeschnitten, haben sie bemalt,
haben in hbscher Schrift die deutschen Heldennamen draufgeschrieben,
haben rhrend kindliche Verse gedichtet -- und haben so diesem ernsten
Platz, auf dem die grn geschmckten Hgel in breiter Reihe liegen,
etwas Heiligfrohes gegeben, etwas Frhlingshaftes in aller Kahlheit
dieser Winterszeit. Das ist keine Sttte des Todes -- das ist ein grner
Tempel der Auferstehung und des ewig blhenden Lebens.

Meine Deutschen! -- -- Wenn du von =denen= sprichst, du Philosoph aus
Frstenfeldbruck, dann mut du =anders= sagen: =So ein Prachtvolk
auf der Welt!= -- Solch ein Volk? Und untergehen? Nicht Sieger und
Lebensgrtner auf Erden bleiben? Dieser Gedanke wre Irrsinn oder
verbrecherischer Zweifel an Gottes logischem Schpferwillen!

Das deutsche Bild, das ich gesehen, verlt mich nimmer! Hei zittert
in mir die dankbare Ehrfurcht nach, whrend ich hinter den fhrenden
Offizieren hinaufwate durch den engen, pftzigen Lehmgraben, dessen
Boden und Wnde mich einwickeln in gelben Schlamm. Immer weiter fhrt
er hinaus in das vom schrfsten und grbsten aller Pflge, vom Pflug
des Krieges, durchackerte Feld. Immer knallt es und drhnt. Wieder mu
ich an ein friedliches Schtzenfest denken -- so pufft und donnert es
immer, wenn gegen Abend die Schtzen sich beeilen, und wenn im guten
Bchsenlicht vor der Dmmerstunde bei vielen Punktschssen die Bller
gelst werden.

Jetzt stehe ich auf der Wallbank und sphe durch die Scharte eines
Stahlschildes nach der feindlichen Stellung hinber. Ein Grauen, das
mir durch alle Knochen rieselt, macht mich schauern wie bei Frost. Da
drauen liegen sie. Es sind nicht die ersten verwesenden Toten, die
ich sehe. Aber in solcher Menge! Zorn und Ekel und Erbarmen kmpfen
in mir. Dreiundfnfzig kann ich zhlen. Jene, die am mutigsten waren,
liegen weit voran, jeder fr sich allein -- hinter ihnen die anderen,
zuerst eine kurze, dann eine lange Reihe. Manche liegen wie behagliche
Schlfer; manche sehen aus, als wollten sie eben aufstehen und htten
in den Beinen einen Krampf bekommen, der sie unbeweglich machte; andere
haben die Fe hochgeschlagen, wie erstarrt inmitten eines Purzelbaumes;
einer gleicht einem orientalischen Beter, der auf den Knien liegt und
mit ausgebreiteten Armen die Stirne zur Erde beugt; und einer scheint
wie in wildem Zorne stumm zu lachen und hlt die beiden geballten Fuste
gegen den Himmel gestreckt. Ganz braun sind diese Fuste, so braun wie
die Fuste eines Arabers. Und die gleiche braunschwarze Farbe liegt auch
ber allen Gesichtern dieser einst wei gewesenen Europer -- soweit
ihre Gesichter noch vorhanden sind. Vgel und Muse haben da schon ihre
abmindernde Arbeit getan. Die Farben der Mntel und Uniformen sind
verblichen; und jenen Toten, die beim Sturz das Kppi verloren, hat der
wochenlange Regen das Haar ber Stirn und Schlfe gekmmt. So liegen sie
seit dem 18. Dezember; und ein Dutzend Schritte hinter diesen von aller
Heimat Verlassenen, die doch tapfere Helden ihres Volkes waren, schlafen
und essen und trinken im franzsischen Schtzengraben ihre lebenden
Brder! Denen boten die Deutschen einen Waffenstillstand zur Bestattung
ihrer Gefallenen an. Die Franzosen lehnten ihn ab. Warum? Weil sie darin
einen Vorteil fr die Deutschen witterten? Weil sie glaubten, der stete
Anblick dieses Todes wrde die Deutschen verzagt machen? Oder weil sie
hofften, dieser Leichenwall wrde ihr empfindliches Ohlala-Hutchen vor
den bayerischen Gewehrkolben behten? Oder nur, weil sie zu zivilisiert
und zu faul waren, um eine etwas mhsame und unsthetische Pflicht der
Piett zu erfllen?

Frstenfeldbrucker! Ich will beim Gedanken an diese verlassenen Toten
dein zorniges Philosophenwort nicht nachsprechen. Aber =recht= hast du!

Nach diesen Minuten des Schauders ist mir der Anblick unserer
Feldgrauen, die den Waldfriedhof anlegten, wie Erlsung und Trost, wie
aufatmende Befreiung.

Der Schtzengraben, in dem ich da stehe, ist einer der
niedertrchtigsten -- nur haltloser Lehm, immer in rutschender Bewegung,
alles eine Spottgeburt aus Dreck und Wasser. Mit Spaten und Brettern,
mit Flechtwerk und Lattenrost kann man dieses klebrigen, schleichenden
Feindes nicht Herr werden -- nur mit Humor. Recht bezeichnend heit
eine Strecke dieses Schtzengrabens das Pfuiteufelgasserl. Ein
Verbindungsgang hat sogar einen variablen Namen: bei leidlich trockenem
Wetter heit er Knig-Ludwig-Strae; steigt das Grundwasser, so heit
er Knig-Ludwigs-Kanal. Und in einer Grabensenkung, die =immer=
Wasser hat, bis bers Knie herauf, zeigt ein Tfelchen die Inschrift:
Bitte nicht auf den Boden spucken! Man begreift da den Snger aus
dem feldgrauen Volke, der sich in einer lyrischen Schilderung des ihm
gelufigen Milieus zu dem Verse verstieg:

    Der Schtzengraben, wenn ich nicht irr',
    Ist dem heiligen Peterl sein Nachtgeschirr!

In einem Hhlchen sitzen drei mit gekreuzten Beinen wie Trken und
spielen Tarock. Einen hr' ich sagen: Daheim ist daheim! Nebenan
spielt einer die Mundharmonika, sein Kamerad singt leise dazu, ein
bichen melancholisch -- und ich hre im Vorbergehen den Vers:

    Jatz hot sie einen andern Buam!

Auf dem Trchen eines Schlupfes steht: Meilerhtte -- auf dem
nchsten: Arminshtte; da hausen Mitglieder des Alpenvereins; einer
ruft mir zu: Ds weard jetzt wieder a schner Roman, gelt? Und weil
ich auf dem Hirndach eine ziemlich dicke Mhne habe, die sich in meinen
drei Feldwochen schon merklich streckte, winkt mir ein Lachender: S,
i bin Frisr, soll i Eahna vielleicht d' Haar stutzen? Und beim Sausen
eines Haubitzenschusses hr' ich, wie einer warnt: Obacht, a Rollwagerl
kimmt!

Einer sitzt ruhig in seinem Hhlchen und guckt aus der
Liebesgabenkopfhaube heraus wie ein mittelalterlicher Ritter aus seinem
Eisenhut. Ich frage: Ist's warm da drinnen? Er lacht: Hundskalt!
Aber halbert trocken, Gott sei Dank! Vor acht Tagen hast allweil gmoant,
du mut a Fisch wearn! Ein anderer fllt ein: Ah, ds is gut so!
Frher, daheim, da is man so von eim Tag in andern einitorkelt, und nie
hat man verstanden, was man hat vom Leben. Jetzt, bal i heimkomm, jetzt
wei i, was 's Leben wert is und wie man leben mu!

An dem meterbreiten Zwischenraum zweier Unterschlupfe ist eine
Blechtafel befestigt: Hier ruht in Gott ... Ehe der Schtzengraben
ausgehoben wurde, begruben hier die Deutschen einen Unteroffizier; diese
Erdstelle lie man beim Bau des Grabens unberhrt; zur Rechten und
Linken des Todes wrmt sich jetzt und ruht und schlummert das gesunde
Leben.

Whrend des Weiterstapfens durch den Graben erzhlen mir die Offiziere
von dem miglckten Durchbruchversuch der Franzosen am 18. Dezember.
Mitten im heiesten Gefecht ereignete sich da ein heiteres Intermezzo.
Ein Bayer, der mit dem Bajonett losrennen wollte, erkannte in seinem
Feind einen Spezi, der drei Jahre in Mnchen als Kellner gedient
hatte. Jesses! Du? Was tust denn =Du= da? Der Franzose antwortete im
reinsten Mnchnerisch: Durchbrecha tean mer. Und der Bayer lachte: So
so? Da gib nur glei' dei' G'wehr her! Die Sache war erledigt.

Im Unterstand eines Artillerieleutnants bekomme ich noch ein kleines,
verheiungsvolles Stilleben zu sehen: das Fensterchen ist mit
sprossenden Efeustcken bestellt -- und die Blumentpfe bestehen aus
feindlichen Ausblsern, aus den Stahlhlsen franzsischer Granaten,
die keinen Schaden anrichteten.

Steil geht's hinunter und drben noch steiler hinauf; ein Drahtseil ist
angebracht, wie bei einer gefhrlichen Kletterstelle im Hochgebirge. In
der Mulde ist der Wall Schulter an Schulter besetzt. Und drben, wo es
aufwrts geht, an etwas exponierter Stelle, warnt mich der Offizier:
Den Kopf ducken! Fr die Stelle haben die Franzosen drben einen
Spezialisten. Nicht weit von dieser Platte ist in der vergangenen Nacht
ein junger Fhnrich bei einer Erkundung gefallen.

Meine Fhrer wollen umkehren, wir sind an der Grenze ihres Gebietes;
aber der junge freundliche Leutnant des Nachbargrabens erklrt: Wir
haben was da droben, das =mu= man sehen! Mit flinker Kletterei geht es
aufwrts.

Ja! Das =mute= ich sehen: =die Madonna im Schtzengraben=! Frher
stand sie drauen an einem Feldweg, zwischen der deutschen und der
franzsischen Stellung, immer von den Kugeln bedroht. Vier stmmige
Bayern haben sie in einer finsteren Nacht hereingeholt in den Graben:
eine lebensgroe Mutter Maria mit dem Kinde, aus schwarzem Eisengu.
Der Schpfer dieses Bildwerkes mu halb ein Knstler, halb ein Bauer
gewesen sein. Etwas Naiv-Rhrendes spricht aus dem zarten Schmalgesicht
der Maria, wie aus der spielenden Geste des heiligen Kindes. Nun steht
diese schwarze Madonna kugelsicher in einer Lehmnische des deutschen
Schtzengrabens, ist mit Buchs umkrnzt, mit Efeu umwunden -- und unsere
Feldgrauen, ehe sie sich schlafen legen, knien da, mit der Mtze vor der
Brust.

Die sinkende Dmmerung umwebt das Bildwerk mit immer dichter werdenden
Schleiern. In mir ist ein Sinnen, so andchtig und froh, wie ein
glubiges Gebet. Dann steigen wir ber das offene Feld zum Bayerischen
Hlzl hinunter und brauchen dabei die Kpfe nimmer zu ducken; fr den
Spezialisten im franzsischen Schtzengraben ist es bereits zu dunkel
geworden.

Eine deutsche Batterie gibt noch vier Schsse ab. Ihr Hall und das
Krachen der platzenden Granaten weckt ein langrollendes Echo an den
Waldsumen. Abendluten im Felde!

Ich werde bleiben bis zum Morgen, weil ich die Nachtruhe der
Feldgrauen am eigenen Leib erfahren will. Was man wrdigen soll, das mu
man kennen.

       *       *       *       *       *

                                                        4. Februar 1915.

Drauen die Nacht, von der man nicht sagen kann, da sie still ist. Nur
dunkel ist sie.

Wir sitzen zu fnft bei einer schmackhaften Mahlzeit im
Offizierskasino des Schtzengrabens. Unter der Erde liegt es, ist
zwei Meter breit und drei Meter lang. Steigt man aus der Oberwelt ber
das Trepplein herab, so mu man sich =sehr= tief bcken, sonst gibt es
gleich =zwei= Beulen, eine an der Stirn und eine am Hinterkopf. Hat man
aber diese Gefahr berwunden, dann wird die Sache ganz reizend.

An die dreiig solcher Htten und Kellerchen hab' ich schon besucht; in
allen merkt man die gleiche deutsche Sehnsucht: ein Heim zu haben, in
dem man sich gerne aufhlt.

Naturherd aus gedrrten Lehmpatzen oder eisernes felchen, beide haben
die verwandte Eigenschaft: sie ruen und rauchen. Aber das macht
nichts. Den Ru kann man wieder hinauskehren, und gegen den Rauch kann
man die Tr aufmachen -- wenn's nicht gerade hereinpritschelt. Von
den Lehmwnden schwitzt immer die Nsse durch; aber in der Wrme von
Ofen und Menschen verdunstet sie wieder. Die nachrutschenden Erdmauern
haben das beharrliche Bestreben, die Verschalungsbretter krumm zu
biegen und herauszudrcken; dann werden sie eben wieder aufgeplzt
und festgenagelt; das hilft mit Sicherheit einen oder zwei Tage. Da
es von oben hereinregnet, das ist ja eine ganz natrliche Sache; ein
verstndiger Mensch wird sich gegen die ewigen Gesetze der Schwere und
des Falles nicht auflehnen. Etwas irritierend wird die Sache, wenn das
Wasser von unten heraufquillt; na, da schpft man eben und schpft und
schpft -- und schlielich kommt man zu der beruhigenden berzeugung,
da auch hier eine sehr alte Naturnotwendigkeit mitspielt: nmlich das
Gesetz vom Gleichgewicht der Flssigkeiten. Wir haben doch das in der
Schule gelernt, da das Wasser in den beiden Schenkeln einer gebogenen
Glasrhre gleich =hoch= stehen mu. Wenn also drauen das Lehmwasser
bis ans Fensterchen steigt, =mu= es sich einen Meter tiefer auf dem
Stubenboden herinnen doch =auch= ein bichen zeigen. Und da sucht sich
der kluge Mensch eben nach Krften zu schtzen. Das ist das Wunderbare
im Feld: man wird so ruhig, da man mit allem einverstanden ist und mit
allem fertig wird.

Aber jetzt fragt einmal eine von unseren braven deutschen Hausfrauen
daheim: ob sie nicht lngst schon im Irrenhause wre, wenn sie das
vier Monate htte mitmachen mssen. Sie wre schon whrend der ersten
vier =Tage= in Verzweiflung geraten ber die sonderbaren Flecken, durch
die bei solchen chronischen Wasserbewegungserscheinungen die Tapeten
in den seltsamsten Ornamenten gesprenkelt werden. Man knnte der Frage
nhertreten: ob man nicht einmal durch Parlamentsbeschlu die =Frauen=
in den Krieg schicken sollte. Ich denke =sehr= gut von ihnen, bin
aber doch berzeugt, da sie =viel= nachsichtsvoller und geduldiger
heimkehren wrden, als sie waren, da sie auszogen.

Ja, wahrhaftig, diese Kellerchen sind tapeziert! Manchmal nur mit
Zeitungspapier und den Packbogen unterschiedlicher Liebesgaben. Zuweilen
aber auch mit persischen Teppichen, die aus einer nordfranzsischen
Villa stammen und -- wie ich bereits erzhlte -- sich schon nach der
zweiten oder dritten Woche durch lebhafte Pilzbildung auszeichnen,
um sich schlielich in Warmbeete zur Zchtung von Schwammerlingen zu
verwandeln.

An derart gestalteten Wnden sind nun allerlei nette Dinge angebracht.
Nie fehlt das Brettregal, auf das man die Schuhschmiere, das
Liebesgabenklosettpapier oder sonstige Kulturgegenstnde hinauflegen
kann. Irgendwo ist immer ein mglichst wasserdicht gemachtes Archiv fr
Schreibmappe und militrische Akten angebracht. Die reiche, mit Sorgfalt
und Liebe gesammelte Kunstgalerie besteht aus kolorierten Kupferstichen,
die aus dem Schutt der niedergeschossenen Bauernhuser herausgeholt
wurden, aus den vielen Ansichtskarten, die von daheim gekommen, aus
Titelblttern der Jugend und aus Kriegsbildern des Simplicissimus.
In dem Offizierskasino, in dem ich mich augenblicklich befinde, ist
sogar eine Schwarzwlderuhr vertreten; aber sie geht nicht; infolge der
andauernden Feuchtigkeit ist das ganze Rderwerk zu einem unentwirrbaren
Oxydklumpen zusammengerostet; so hat diese Uhr jetzt nur noch den
einen Zweck, mit ihren eisernen Gewichten allerlei unangenehme Pffe
auszuteilen und sich mit ihren Ketten in die Haare der Tischgste zu
verwickeln; aber -- Eine Uhr im Zimmer, das sieht doch immer nett aus!
Nicht? So behauptet der Major mit einem zrtlichen Blick auf diese
Kostbarkeit seines Bataillonskasinos.

Geradezu vornehm ist die Beleuchtung. Es ist bekanntlich =viel= nobler,
Kerzen zu brennen, als elektrisches Licht zu bentzen. Diese im Felde
selbst fabrizierten Talgkerzen haben jedoch bei ihrem aristokratischen
Glanze zwei miliche Eigenschaften; ist es kalt und zieht es durch
Tr und Fenster herein, so brennen sie schief und trnen in die
Suppenschssel; und ist es so warm, da man von Bullenhitze redet, so
biegen sie sich in geschwungenen Barockformen ber den Leuchter herunter
und lassen ihre Fetttropfen auf das magere Kommibrot fallen. Na ja,
frische Alpenbutter wre schmackhafter! --

-- Vielleicht erheben nachdenkliche Leser jetzt den Vorwurf gegen
mich, da ich mit unangebrachter Heiterkeit von Dingen rede, die man
eigentlich doch sehr ernst nehmen sollte. Dieser Vorwurf wre ungerecht.
Ich glaube, da man, was ich da erlebt und gesehen habe, =nur= heiter
nehmen kann! Wollte ich =ernst= von der unbeschreiblichen Mhsal
erzhlen, die unsere Offiziere und Soldaten seit Monaten mit namenloser
Geduld und entzckendem Humor ertragen, so wrdet ihr in der Heimat bei
jedem meiner ernsten Worte ein wehes Zittern in euren Herzen haben! Aber
seid ohne Sorge! Ich =darf= heiter erzhlen. Die Unseren im Felde sind
von so gesundem Schlag, da sie monatelang die ruhelose Marter dieses
nassen Dreckes und die Drohung steter Gefahr fr Leib und Leben ertragen
und dabei doch immer noch lachen knnen.

Gerade im Anschlu an dieses Wort bekenne ich, da ich an diesem von
Kerzentropfen und sonstigen Wirtschaftsrtseln bekleckerten Tische eine
der schnsten, tiefsten und wertvollsten Stunden meines Lebens genieen
durfte. Denn als wir gespeist hatten und der gute franzsische Landwein
geheimnisvoll in den sehr verschiedenartigen Glsern leuchtete, begannen
sie zu erzhlen, diese Feldgrauen; jeder von ihnen hat viel Hartes
durchmachen mssen; und einer trgt zwei kleine rote Narbensternchen
auf der Stirne -- wo die Kugel hinein und wieder hinaus gegangen, ohne
diesen festen deutschen Jnglingsschdel zerbrechen zu knnen. Von den
ersten schweren Wochen des Krieges erzhlten sie, von den furchtbaren
Tagen und Nchten in Lothringen und Belgien, von Stunden, in denen
manchmal auch die Nerven des tapfersten Mannes zu versagen drohten. Ganz
ruhig erzhlten sie, fast so ruhig, wie man von einem beschwichtigten
Ungewitter redet; nur ihre Worte wurden langsamer, ihre Stimmen leiser,
innerlicher; sie gebrauchten keine aufputzenden Adjektiva, sie sagten
jedes Ding so hart und streng vor sich hin, wie es geschehen war, und
keiner redete von sich selbst, jeder nur immer von der groen Sache.
Und whrend ich atemlos lauschte, an Herz und Knochen vom Grauen des
Krieges gerttelt, war es mir immer, als mte ich etwas Dankbares aus
mir herausschreien und mte mit beiden Hnden hinbergreifen ber den
Tisch, um diese jungen deutschen Mannsfuste zu fassen und zu drcken.
Htten es mir diese drei Wochen im Felde noch =nie= gezeigt und gesagt,
so htt' ich es jetzt an diesem kleinen Tisch verstanden, was fr uns
Brger in der Heimat das kraftvolle und sieghafte Wort bedeuten mu:
ein deutscher Soldat, ein deutscher Offizier! -- Freilich, im Sinne
eines Kunstgeschmackes, der die Abwechslung liebt, haben sie auch einen
Mangel: in ihren besten und wesentlichsten Zgen sind sie alle gleich,
da ist einer wie der andere! An vielen hundert kleinen Tischen dieser
kleinen Lehmlcher knnte ich ein Gleiches hren, wie ich es an =diesem=
Tische vernahm.

Es wirkte auf mich, da ich lange wortkarg bleiben mute, als es
schon wieder heiter wurde, weil Besuch erschien. In Begleitung
eines Reichsrates, den wir in Mnchen kennen und verehren, kam der
Regimentskommandeur zur Besichtigung der Nachtarbeit im Schtzengraben
-- als Vorgesetzter ein Freund und Vater seiner Soldaten. Davon sollte
ich gleich eine Probe erfahren, die mir unvergelich bleiben wird.
Der Kommandeur wollte bei diesem Nachtweg eine Befrderung verknden.
Nach dem Regimentsschimmel mte man's eigentlich anders machen. Aber
was einer verdient, mu er bekommen. Den Lohn verschieben, heit ihn
entwerten.

Nun geht's hinaus in die dunkle Nacht, die geheimnisvoll durchklirrt
ist von einem gedmpften Arbeitslrm. Manchmal ein Schu in der
Ferne, manchmal einer im nahen Schtzengraben -- Schsse, die bei
der Finsternis nicht treffen knnen, nur sagen wollen: Wir wachen!
Zuweilen leuchtet droben ber dem Wald eine rote Helle auf und
verschwindet wieder. Und herunten zwischen den Bumen schreiten oder
stehen schwarze Gestalten mit klumpigen Lasten auf den Schultern.
Schritt um Schritt geht es ber klappernde Prgel hin oder durch
quatschenden Lehmteig. Bei etwas schwierigen Stellen leuchtet fr einen
Moment der Strahl eines elektrischen Lmpchens auf.

Ein Kriegsfreiwilliger wird herbeigerufen. Kaum unterscheide ich in der
Nacht den Umri der schlanken, unbeweglich stehenden Gestalt.

Die Stimme des Kommandeurs: Lieber R.! Sie haben nicht nur zwei famose,
schneidige Erkundungen gemacht, ich wei auch, da Sie in allen Stcken
ein tchtiger, verllicher Soldat sind! Nicht wahr, Sie streben den
Offizier an?

Jawohl, Herr Oberstleutnant!

Sind Sie schon Fhnrich?

Nein, Herr Oberstleutnant!

Dann sind Sie es jetzt. Ich gratuliere Ihnen!

Da hr' ich einen leisen Laut -- wie von einem Jungen, dem beim Baden im
Bach das kalte Wasser heraufsteigt an die Lenden. Dieser leise Laut --
das war tiefste deutsche Soldatenfreude.

Ich mu die Hand strecken. Darf ich Ihnen auch gratulieren? Keine
Erwiderung. Aber den Hndedruck hab' ich noch eine Stunde lang gesprt.

Der Weg durch Laufgang und Schtzengraben ist mit Schwierigkeiten
verknpft. Immer wandern die langen, endlos scheinenden Reihen der
lastschleppenden Soldaten an uns vorber. Beim Ausweichen mu ich immer
den verwnschten Bauch in die nasse Lehmwand hineinquetschen. Oft komm'
ich von diesem klebrigen Teige kaum mehr los. Pfundweis hngt er an
meinen Hnden. Was will man machen, man wischt ihn an der Hose ab.

berall im Schtzengraben wird geschanzt, geschaufelt und gearbeitet,
berall wird gebessert, was schlecht wurde, berall ausgetauscht, was
unbrauchbar geworden.

In ihren Schlupfen liegen die Abgelsten; keine Stimme, kein ffnen des
Trchens, kein Zug der kalten Nachtluft und auch kein Schu vermag
sie zu wecken. Sie schlafen, wie nur die Zufriedenen und Glcklichen
schlummern. Wie Aschenscke sehen sie aus, in ihre Mntel gewickelt, die
Zeltbahnen ber die Kpfe gezogen.

Die Schtzen, die im Graben auf Wache sind, stehen regungslos bei
ihren Scharten und sphen in die Nacht hinaus, die der Mond, hinter
dicken Wolken verborgen, ein bichen aufzuhellen beginnt. Oder gewhnen
sich nur die Augen an die Finsternis? Manchmal ein Schu -- weil ein
Wachtposten was gesehen hat oder was zu sehen glaubte. Und zuweilen,
in den benachbarten Stellungen drben, das Drhnen einer platzenden
Granate. Eine kann ich aufgehen sehen. Das sieht aus wie ein Strau aus
Feuerblumen, der eine schwarze Manschette hat.

Durch den ganzen Schtzengraben geht es. Die schubereiten
Maschinengewehre werden revidiert. In einen finsteren, engen Gang hinein
und unter die Erde hinunter! Ganz vorne arbeitet einer wie ein Bergmann,
ein zweiter karrt den ausgehobenen Lehm davon, ein dritter versteift den
Minengang mit sttzenden Bohlen.

Wieder im Graben. Ein schnes, rotglnzendes Sternchen surrt in die Luft
hinauf und fngt in der Hhe grell zu brennen an. Das ganze Gelnde
zwischen unseren und den feindlichen Grben ist taghell beleuchtet.
Drben liegen die toten Franzosen als schwarze, unbewegliche Klumpen
-- aber ganz in der Nhe liegt etwas Lebendiges, das sich bewegt: ein
deutscher Horchposten. Und ein Gewirre von Drhten ist zu sehen -- das
sind die Stacheldrahthindernisse und die aus dem Graben hinausgerollten
Spanischen Reiter. Ein letztes Lichtgezitter, alles versinkt wieder
in undurchdringliche Finsternis, um nach wenigen Minuten wieder
aufzuglnzen -- -- und wir daheim, wir sagen immer: Was ist denn nur da
drauen? Warum geschieht da nichts? Warum geht da nichts vorwrts?

Es ist Mitternacht geworden. Nun drfen auch die letzten der Geplagten
ein bichen ruhen. Ehe der Morgen kommt, mssen sie wieder bei den
Scharten stehen. Und Nsse und Schlamm an Rock und Stiefel und Hose
mssen trocken geworden sein von der Wrme ihres eigenen Krpers. Seit
dem 5. August haben sie dieses Soldatenkleid am Leib und haben es nur
abgelegt, wenn sie hinter der Front im Ablsungsquartier die Wsche
wechseln und baden und sich subern konnten. Und diese Gesundheit,
dieser Humor, diese treue Beharrlichkeit, diese unzerbrechbare Geduld!
-- Und, wahrhaftig, da gibt es Leute in der Heimat, denen der deutsche
Sieg nicht schnell genug in die warmen Betten luft! --

Im Offizierskasino noch ein kurzer Schwatz und ein Schlummertrunk. Im
Felde nennt man ihn heies Wasser. Natrlich ist etwas drin, etwas
sehr Krftiges!

Und jetzt -- ins Bett. [+] [+] [+] Gott beschtze mich!

Eine freundliche Ordonnanz zieht mir die zehn Pfund schweren Lehmgebilde
von den Beinen herunter. Gut Nacht, Herr Doktor! Dann bin ich
allein auf einer Flur, die alles andere ist, nur nicht weit. Das
Lehmherdchen glutet noch ein bichen und raucht sehr heftig. Also die
Tr auf! Aber es hat zu regnen begonnen, und ein ungemtlicher Wind
peitscht die Traufenfden herein. Also die Tr wieder zu! Und in den
Kleidern auf die Pritsche! Bevor ich das Kerzenstmpfchen auslsche,
seh' ich noch etwas sehr Schnes: die ganze Bretterdecke meines
Unterschlupfes ist behngt mit groen, blitzenden Diamanten. Jetzt
lieg' ich im Dunkeln. Da fngt es auch schon zu tropfen an. Pitsch,
pitsch, pitsch, pitsch! Ich ziehe, wie ich es bei den Soldaten gesehen,
die Zeltbahn ber den Kopf. Nach einer Viertelstunde bricht mir am
ganzen Leib der Schwei aus. Ich entkleide mich und krieche wieder
unter das raschelnde Segeltuch. Pitsch, pitsch, pitsch, pitsch! Nach
einer halben Stunde friere ich, da mir die Zhne klappern. Ich ziehe
mich wieder an, und weil mir vom Rauch, der nach Erlschen jeglicher
Wrme reichlich zurckblieb, die Augen heftig brennen, mache ich wieder
die Tr auf, drcke sie aber sofort sehr energisch zu. Ich liege
wieder, und trotz der Dunkelheit bemerke ich an meinem nachlassenden
Hustenreiz, da der Rauch verschwindet. Aber das andere bleibt:
Pitschpitschpitschpitschpitschpitsch ... jetzt klingt es viel schneller
und ununterbrochen. Nicht nur von oben kommt der feuchte Segen, auch
von unten her. Schon will ich in einem drohenden Tobsuchtsanfall
fluchen wie ein Berserker. Aber da mu ich denken: So machen es unsere
Feldgrauen seit sechzig oder siebzig Nchten durch! Wobei noch zu
bercksichtigen ist, da ich als Gast ein Kavalierhttl bekam, also
eine Sache, die so gut ist, wie sie sonst kein anderer hat! Ein Wunder
geschieht -- ich, das nervseste von allen nervsen sern, ich werde
pltzlich so geduldig wie ein Lamm, drehe mich still auf die Seite und
fange, um den Schlaf herbeizuschmeicheln, die fallenden Tropfen zu
zhlen an: Pitsch, pitsch, pitsch, pitsch ...

Ich glaube, bis nah' an siebenhundert kam ich. Ja, wahrhaftiger Gott:
gegen drei Uhr bin ich zufrieden eingeschlafen. Ein paarmal erwachte
ich, hatte rckwrts das Gefhl einer immer feuchter werdenden Unterlage
und im Hirn eine seltsame Idiosynkrasie: ich vermutete immer, da
vor meinem Kavaliershttl irgend jemand Holz hacke. Es waren die
Gewehrschsse, die vom Schtzengraben herunterklangen. Und einmal fuhr
ich sehr heftig auf und hrte noch ein doppeltes Rollen -- es war ein
Granatenprchen in den Wald geflogen. Ich drehte mich um und schlief
wieder ein. Und habe geschlafen, bis im Ergrauen des Tages die Ordonnanz
mich weckte und meine schngeschmierten Stiefel brachte: No, Herr
Doktor, wie war's?

Ganz gut! Ein bisserl feucht halt!

Mein, da haben wir's jetzt noch wie im Himmel! Aber die vorig' Woch',
da haben wir sechs Ncht lang im Wasser hocken mssen. Niederlegen
hat man sich gar nimmer knnen. Auf'm Tornister hat man halt sitzen
mssen. Da hat's die meisten von uns a bil verdrossen. Alle haben wir
g'schimpft, ja! Blo an einziger is zufrieden g'wesen. Ds war a Tlzer
Floknecht. Der hat allweil g'sagt: >Ds bin i g'wohnt!< -- Da haben wir
uns a guts Beispiel g'nommen.

Drauen rauschte der schwere Regen.

Heier Tee. Fnf Tassen. Dann hinauf in den Schtzengraben. Hier sind
im Morgengrau schon alle bei der Arbeit. Fast durch die ganze Lnge des
Grabens liegen die Lehmwnde niedergebrochen. Alles, was Boden heit,
ist verschlammt und berschwemmt. Und den schanzenden Soldaten rinnt
das Wasser ber Gesichter, Rock und Hosen herunter. Und immer noch
schwatzen sie lustig und machen jene kleinen, netten Spe, in denen
eine groe, tiefe Seele steckt -- die Seele des deutschen Volkes!

Ist der Krieg im Regen ertrunken? Kein Schu mehr. Den ganzen Vormittag
bleibt es still. Doch am Nachmittage, whrend ich durch die klatschenden
Regengsse und unter peitschenden Windsten zurckwandere zu meinem
Frstenfeldbrucker Philosophen, beginnen die Haubitzen wieder zu
donnern, und von berall klingt das Knallen, das die pfeifenden
Vgelchen fliegen macht.

Mein ganzes Denken ist ein einziges heies, inbrnstiges Gebet zur Sonne:

Komm! Und scheine den Unseren! Meinetwegen auch den andern! Wenn nur
die Unseren trocken werden und sich wrmen knnen!




                                  10.


                                                        7. Februar 1915.

Einen Tag lang war herrliches Wetter. Alles funkelte von Sonne. Die
reinste Frhlingsstimmung! Dachte man an die Truppen, so fhlte
man immer den gleichen Gedanken: =Gott sei Dank, jetzt werden
sie trocken!= Wie eine tiefe Wohltat war's, mir vorzustellen,
da unsere Feldgrauen vor Wrme dampfen. Und mit Lachen mute ich
besonders an =einen= denken. Den hatte ich in seinem triefenden
Schtzengrabenhhlchen knien sehen, mit einer ganz sonderbar
verbuckelten Gestalt. Um Gottes willen, was ist denn mit Ihnen? hatte
ich erschrocken gefragt, denn ich hielt ihn fr einen Schwerverwundeten
im Notverband. Aber nun kam eine heitere Lsung. Der kluge Mann hatte,
um sich gegen die von unten heraufquellende Nsse zu schtzen, =sieben=
wollene Liebesgabenbauchbinden =hinten= herumgebunden. Er behauptete:
das bewahre ihn bis zum Morgen vor dem tieferen Eindringen jeglicher
Feuchtigkeit. Weil die uerste dieser sieben wollenen Sitzfleischhute
zinnoberrot war -- mglicherweise aus dem ehemaligen Unterrock einer
Dorfschnen geschnitten -- glich der Eingewickelte einem Pavian in der
Paarungszeit. Wie feucht die sieben kontrr verwendeten Bauchbinden
auch geworden sein mgen -- jetzt konnte er sie einen Tag lang in die
freundliche Sonne hngen.

Die drollige Episode ist auch ein ernster Beweis fr die opulente
=Liebesgabenflle=, mit der unsere Feldgrauen von der Heimat aus bedacht
werden. Was sie mehrfach bekommen, wird oft in hchst sinniger Weise
aufgebraucht. Einen sah ich, der vier Paar Kniewrmer zu ganz famosen,
ttenfrmig bereinandergreifenden Gamaschen zusammengenht hatte; der
Mann mu brigens auch knstlerischen Geschmack haben, weil er bei
Erzeugung dieses Meisterwerkes der Feldflickerei die Farben harmonisch
gliederte: grau, braun, grau, braun. berzhlige Schlipse werden
hufig als Lehmhindernisse oben um die Stiefelrhren herumgewickelt;
entbehrliche Pulswrmer finden Verwendung als Zehenfutterale, und
Kopfschluche werden zu Kniehsln degradiert. Einstimmig ist bei
allen Feldgrauen die =dankbare Anerkennung der Liebesgabenmenge=. Zu
Dutzend Malen hrte ich in wechselnden Worten den gleichen Sinn: =Die
Leut daheim sind so viel gut! Jetzt haben wir's oft besser wie in der
Friedenszeit.=

Die segensreichste von allen Liebesgabenspenderinnen ist aber doch
die warme Sonne. Sie macht berflssig, was Wolle heit, und legt die
Soldaten trocken wie liebe Kinderchen. Nur die Kanonen macht sie nervs;
denn wenn die Nebel verschwinden und der Himmel blau wird, erscheinen
die feindlichen Flieger. Vorgestern hrte man fast ununterbrochen vom
Morgen bis zum Abend die Schrapnellschsse krachen, die den Fliegern
entgegenflammten und hinter ihnen herjagten. Das ist ein aufregendes
Bild: wenn hoch droben im Blau dieser winzig aussehende Menschenvogel
kreist, den das unbewaffnete Auge erst nach langem Sphen zu entdecken
vermag. In so groer Hhe ist seine Bewegung eine kaum merkliche: oft
scheint er vllig stillzustehen wie ein Falke, der auf seine Beute
lauert. Und dann pltzlich springen aus dem blauen Himmel, whrend
herunten auf der Welt die Schsse krachen, kleine silbergraue kuglige
Wlklein heraus, immer wieder und wieder eins, hinter dem Vogel,
vor ihm, ber ihm, unter ihm -- die Rauchklumpen der platzenden
Schrapnellgeschosse. Ganz ruhig bleiben sie hngen im Blau, erweitern
sich ein bichen, werden zu weien Himmelsschfchen -- und wenn der
Flieger schon lange verschwunden ist, hngen sie noch immer da droben
und bezeichnen den Weg, den der feindliche Menschenvogel genommen hat.

Schwebt der Flieger in zwei- bis dreitausend Meter Hhe, so ist er fast
vllig sicher. Nur bei ganz besonderem Glcksfall -- der feindliche
Vogel wrde sich natrlich anders ausdrcken -- kann ihn ein Schu
herunterholen. Freilich, je hher der Flug, um so bescheidener auch
das Resultat der Erkundung, trotz Photographie und Funkenspruch.
Die vielen Schrapnellschsse, die man hinaufschickt, bringen also
immerhin den Gewinn, da der franzsische Flieger, dem die glckliche
Heimkehr wesentlich sympathischer als der Absturz ist, auerhalb
einer ergebnisreicheren Sphweite gehalten wird. Trifft ein Schu,
so geht's dem Flugzeug noch lange nicht ans Leben; die Stellen, wo es
sterblich ist, sind keine Scheunentore, sondern kleine Achillesfersen.
Jeder Doppeldecker der deutschen Fliegerabteilung zu H., bei der ich
einen mir unvergelichen Tag verbrachte, ist ausgezeichnet durch die
Ehrenmale vieler Schunarben; neben jenen ausgeheilten Wunden, die
fr das Flugzeug lebensgefhrlich waren, steht unter dem Bild des
Eisernen Kreuzes der sieghafte Tag angeschrieben, an welchem deutsche
Unerschrockenheit und Geistesgegenwart eine drohende Todesstunde
berstanden. Mit dankbarer Bewunderung hab' ich das Eiserne Kreuz
erster Klasse unseres khnen Fliegeroffiziers betrachtet, der auf einem
ebenso verwegenen wie ergebnisreichen Erkundungsfluge schwer verwundet
wurde und noch in uerster Erschpfung, auf dem Verdeck des Flugzeuges
stehend, =ein Schuloch des rinnenden Benzinbehlters so lange mit dem
Daumen verstopfte, bis der Doppeldecker innerhalb der deutschen Stellung
glcklich zu landen vermochte=.

Der Satz, den ich da niedergeschrieben habe, ist schnell gelesen. Doch
wer die Ewigkeitsminuten eines solchen Nervenkampfes in den Lften
auszudenken vermag, wird einen atembeklemmenden Schauder empfinden und
sich dabei doch aufrichten in deutschem Stolz. Vor Beginn des Krieges
hatte das franzsische Flugwesen gegen das deutsche eine siebenfache
bermacht. Unsere Flieger haben sie ausgeglichen durch zhe Schulung und
technisches Geschick, durch sthlerne Herzhaftigkeit und erhhten Mut.
Wie man von altersher sagte: Ein Mann, ein Wort -- so wird man sagen:
Ein deutscher Flieger, ein deutscher Held! -- Bei uns ist die Kraft,
bei uns der Sieg! Alles was ich sehe und erlebe im Feld, klingt mir
immer wieder aus in diesen herrlich lutenden Refrain.

Neuer Nebel und Regen brachte mich gestern um den Anblick eines
=Geschwaderfluges= der Unseren. Ein solcher Flug war geplant zur
Begrung unseres Knigs, der die bayerischen Armeeverbnde an der Front
besichtigte. Wetter und Wind verriegelten die Fliegerschuppen. Aber der
Vorbeimarsch unseres =Leibregiments= sowie der anderen, auf Ablsung
in den Stadtquartieren weilenden Truppen war auf dem groen Stadtplatz
trotz Nebelreien und spritzenden Pftzen eine ganz prachtvolle
Sache. =Jede Schiescharte in unseren Schtzengrben ist Schulter an
Schulter besetzt -- und hinter der Front dieses fast unbersehbare
Gewimmel unserer gesunden, hochgewachsenen, kraftvollen und tadellos
ausgersteten Soldaten!= Im Gefhl der Zuversicht, die dieses Bild und
der klingende Taktschritt vieler Tausende von festen deutschen Beinen
mir einflte, htt' ich vor Freude immer schreien mgen. Das verbot
nicht nur der militrische Ernst der Stunde, auch jeder Blick auf die
Einheimischen, die in dichten Gruppen umherstanden; sie sprachen kein
lautes, vernehmbares Wort; entweder blieben sie stumm oder flsterten
ganz leise miteinander; immer unruhiger irrten ihre Augen ber diese
festgefgten Soldatenzge hin, und in ihren Gesichtern wurden Schreck
und Staunen immer grer, je lnger der Vorbeimarsch der Bataillone
und Batterien dauerte. -- Neulich, als groe Rekrutennachschbe hier
eintrafen, tuschelten die Einheimischen mit glnzenden Augen einander
zu: das wren fliehende, von den Franzosen aus den Schtzengrben
verjagte Deutsche. Gestern begriffen sie die Wahrheit und bekamen
eine erschreckende Vorstellung von Deutschlands unerschpflichem
Menschenbrunnen. Und da war in ihren Augen die Trauer des Wissens:
da der Sieg ein unentreibarer Besitz der Deutschen ist. Wenn die
=Franzosen= zittern und Unruhe und Verzagtheit fhlen, so haben sie
Grund dazu!

Immer war im Blick und im Lachen unseres Knigs die Freude zu sehen,
die ihm das straffe Bild seiner Truppen bereitete. Bei dem Festmahl,
dem als Gast der Generalfeldmarschall =von Blow= beiwohnte, war der
Knig in einer Stimmung, die ihn zu verjngen schien. Aus seiner
heiteren, lebhaften Unterhaltung war herauszuhren, was dieser von Kraft
klirrende Tag ihm gezeigt hatte. Im Anschlu an ein Gesprch ber meine
Schilderungen des Hauptquartiers sagte der Knig: =Wann dieser Krieg
zu Ende sein wird, ob spter oder frher, das wei heute mit Sicherheit
kein Mensch auf Erden. Aber wie er ausgehen wird, das wissen wir doch
alle. Da kann man ruhig sein.=

Vorhin gebrauchte ich das Wort Festmahl. Das klingt ein bichen
wunderlich: ein Festmahl im Kriegslager. Man mu da nur wissen, wie
es war. Eine Stimmung von festlicher Gehobenheit, gewi! Aber dieses
Mittagessen, an dem der Knig teilnahm, fand im zweiten Stockwerk
eines hohen, schmalbrstigen Hauses statt, dessen rechte Mauerseite
ungesttzt und ein bichen schief in der Luft hngt. Das Nachbarhaus,
das diese Mauer vor einigen Monaten noch tragen half, die Prfektur,
ist niedergebrannt und in einen Schutthaufen verwandelt -- nicht von
den Deutschen in Trmmer geschossen, sondern =vor= ihrem Einmarsch
abgebrannt, nachdem die Staatsgelder, wie hier erzhlt wird, auf
unerklrliche Weise verschwunden waren. In diesem schmalbrstigen, von
seiner staatlichen Sttze jetzt vllig verlassenen Hause wurde im Juli
des vergangenen Jahres, kurz vor Ausbruch des Krieges, ein Galadiner
zu Ehren des Prsidenten der franzsischen Republik abgehalten. Von
der Herrlichkeit dieses peronnesischen Nationalfestes unter Monsieur
Poincars Vorsitz ist nur das knstlerisch verzierte Men noch brig
geblieben: ein Dutzend der leckersten Gnge mit einer Himmelsleiter
aller besten franzsischen Weine! Bei dem Mittagessen, das gestern fr
unseren Knig und seine Offiziere gerichtet war, ging es einfacher zu;
man trank dabei Bayerisches Bier und ein paar Glser Sekt. Und als
von der freihngenden Wand gesprochen wurde, die bei jedem schweren
Kanonendonner sehr merklich wackelt, sagte der Knig lachend: =Wo
Deutsche sitzen, da hlt schon alles!=

Ja! Wir Deutschen sitzen hier in erobertem Land! Und das hlt. Sicher
und fest.

       *       *       *       *       *

Es war um die elfte Nachtstunde. Und pltzlich hrte ich ein Lied von
vielen Soldaten, hrte den stahlfesten Hammerschlag marschierender
Schritte, warf die Feder weg und sprang an das Fenster und ri die
Scheiben auf.

ber der laternenlosen Strae hing eine schwarze, finstere Nacht, in der
mein Blick nur mhsam die Umrisse der gegenberliegenden Hausdcher
unterschied. Und ein heulender Sturmwind peitschte mir den Regen ins
Gesicht.

In solcher Nacht kamen sie heranmarschiert und sangen, kamen aus der
Stadt und stampften hinaus zu den Schtzengrben. Es mssen zwei
Bataillone des =Leibregiments= gewesen sein. So finster war es, da
ich einzelne Gestalten nicht auszunehmen vermochte. Nur die groen,
dichten Menschenklumpen unterschied ich. Das einzig Helle und deutlich
Sichtbare waren die wehenden Glutfunken, die von den Zigarren oder aus
den brennenden Pfeifen im Sturmwind davonflogen.

Immer sangen die Soldaten, immer das gleiche Lied:

    =In der Heimat, in der Heimat,
    Da gibt's ein Wiedersehn!=

Und dann kam etwas, was ich von singenden Soldaten noch nie gehrt
habe: als sie schon auerhalb der Stadt waren, auerhalb der alten,
zerbrochenen Festungswerke, verwandelte sich das Ende ihres Liedes in
ein mit wirren und hohen Stimmen durcheinanderklingendes Jauchzen und
Jodeln, wie wir es kennen von unseren Hochlandsfesten bei strahlender
Morgensonne.

Ein Gedanke sagte mir noch: Du irrst dich, es hat nur der Sturmwind ihr
Lied zerrissen, und drum tnt es so, wie wirr durcheinanderklingende
Schreie! -- Aber nein! Ganz deutlich, jeder Tuschung entrckt, wahr
und wirklich, klang es nun abermals durch die Finsternis aus der Ferne
zu mir her! Sie jauchzten und jodelten wie junge Menschen in froher
Trunkenheit! Und da war es in mir wie ein klares Sehen, wie ein festes
und heiliges Wissen: da Soldaten, die mit solchem Liede und mit solchem
Jauchzen in eine strmische Nacht hinausmarschieren, der Gefahr und
dem drohenden Tod entgegen -- da solche Soldaten siegen =mssen=!
Gleichviel, wann!




                                  11.


                                                       16. Februar 1915.

Vor wenigen Tagen war es. Niemand sprach davon, da man einen Angriff
der Franzosen erwarte. Aber es lag was in der Luft, nicht nur deshalb,
weil die feindlichen Geschtze seit zwei Tagen lebhafter als sonst ber
die fernen Waldhgel herberdonnerten. Auch am Verhalten der Feldgrauen
fiel mir etwas auf. Ich glaube, militrisch nennt man es erhhte
Bereitschaft.

Mit Anbruch der Nacht war fr mich der Besuch einer weit entlegenen
Artilleriestellung verabredet, zu der es am Tage keine Zufahrt gibt.
-- Acht Uhr vorber. Ich sa in einer engen, finsteren Sache, wie
ein Strfling in seinem Zellenwagen. Das kleine Kupee hatte keine
Glasscheiben, sondern Brettfensterchen mit winzigen Ausschnitten, durch
die ich manchmal ein wsseriges Sternchen flchtig aufschimmern sah.

Nach zwei Stunden hlt der Wagen. Ich bin im Hof einer groen Ferme.
Alle Lden geschlossen, nirgends ein Licht. Nur droben am klar
gewordenen Himmel brennen die vielen Sterne. Die Haustr wird geffnet,
und die freundlichen Stimmen dunkler Gestalten begren mich. Dann
sitzen wir in der etwas schummerigen Stube, und der Zigarrenrauch
schwimmt in geschlngelten Fden um das sparsame Flmmchen der
Petroleumlampe. Die Offiziere sind heiter wie sonst; in dieser
Heiterkeit ist eine Ruhe, die alle Spannung meiner Nerven beschwichtigt.
Mir ist sehr wohl an diesem Tisch. Im Geplauder frag' ich einmal: Da
ist doch hier in der Gegend eine von den Franzosen kaputt geschossene
Villa, deren Turm neulich noch ganz war? Da droben sitzt doch immer ein
Beobachter. Steht der Turm noch? Oder ... Um den Tisch geht ein Lachen
herum. Und der junge Artilleriehauptmann schmunzelt: Gott sei Dank, er
steht noch! Da droben sitze doch =ich= immer! Wenn Sie morgen nachmittag
zu mir hinaufkommen wollen? Ich denke, da werden Sie etwas sehen!

Whrend wir weiterschwatzen, hr' ich etwas: manchmal klingt es wie eine
Karfreitagsklapper; dann wieder, als kollerten viele Holzkugeln ber
eine steile Treppe herunter; oder als wrden hundert Teppiche geklopft.
Jede Sekunde klingt es anders und bleibt doch immer das gleiche. Was
ist das? -- Noch ist es kein Angriff. Aber mglich, da es einer wird.

Wir treten in den schwarzen, vom Sternenhimmel berfunkelten Hof
hinaus. Nun vernehm' ich es deutlich. So hatt' ich es noch =nie=
gehrt, auch nicht im Schtzengraben. Was da so unregelmig hmmert
in der Nacht, ist wie das Zhneklappern eines frierenden Riesen. Hoch
ber uns fahren kurze Zischlaute durch die Luft: die Hochgnger, die
von den zerrissenen Salven der Franzosen zwei Kilometer weit ber den
schwarzen Waldgrat herberfliegen. Auf dem Dach geht eine Schieferplatte
in Scherben, und die Splitter brseln in den Hof herunter. Dieses
ziellose Gepulver in der Finsternis hat etwas unsagbar Aberwitziges.
Schieen denn da die Unseren =auch=? -- Nein. Die warten, bis es
notwendig wird. -- Aber auf was schieen denn die Franzosen, jetzt,
in der Nacht? -- Ein Lachen. Auf nichts. Vielleicht glauben sie,
eine Patrouille zu sehen. Oder es ist wieder ein Bluff, mit dem sie uns
herauslocken mchten. So machen sie es oft. Aber die Unseren sitzen fest
und warten ruhig, bis die Franzosen kommen. Dann kracht es bei =uns=.
Das hat einen ganz anderen Ton! --

Diese Erklrung gab mir ein uerst behagliches Zufriedenheitsgefhl.
Mit ihm vereinigte sich das Bild der Schtzengrben, die ich gesehen --
und die deutsche Sehaftigkeit in diesem Maulwurfskriege begann mir als
etwas sehr Notwendiges und Vorteilhaftes einzuleuchten. Bei gleichen
Krften eine unzerbrechbare Mauer verteidigen, ist schon der Sieg --
mit dem Kopf gegen unbeugsame Steine rennen zu mssen, ist schon die
Niederlage, noch ehe der letzte Kampf beginnt. Die festen Stellungen,
die hier seit Monaten geschaffen und mit jedem Tage strker ausgebaut
wurden, knnen nur durch eine groe bermacht berrannt werden. Eine
solche bermacht werden die Franzosen auch mit englischer Hilfe niemals
wieder haben! Aber =wir= werden sie haben! Bald! Dann wird die Stunde
der Entscheidung im Westen gekommen sein! --

Am Morgen schien die Sonne aus blauem Himmel heraus. War dem frierenden
Riesen warm geworden? Er hatte seinen klapprigen Zhneschauer
eingestellt. Nur ab und zu noch klangen einzelne Schsse von der
feindlichen Stellung herber.

Die Offiziere waren aus der Ferme verschwunden; ein junger Doktor sollte
mich fhren. Vor dem Hause ging es lebhaft zu. Feldgraue kamen ber
die Lehmwege hergewatet, jeder mit sechs kleinen Kesseln, um von der
Feldkche das Frhstck fr die Kameraden im Schtzengraben zu holen.
Die Schsse, die sich noch hren lieen, wurden bertnt vom friedlichen
Gerusch einer Dreschmaschine, die den franzsischen Weizen fr den
deutschen Appetit ausklopfte. Zwlf Bauernweiber lupften die Garben,
bedienten die Maschinen und banden das ausgedroschene Stroh. Bei ihnen
stand zur Aufsicht ein braunbrtiger deutscher Unteroffizier, der sein
Pfeiflein rauchte und gemtlich dreinguckte, solange die Weiber tchtig
schafften; wurden sie faul, dann nahm er die Pfeife aus den Zhnen und
sagte energisch: Trawallih! Worauf die Weiber wieder sehr fleiig
wurden. -- Besser so, als da ein franzsischer Korporal unseren
deutschen Bauernfrauen befehlen drfte: Harbeiiitet!

Manchmal donnerte irgendwo ein Kanonenschu, whrend wir in den
glnzenden Vormittag hinauswanderten. Wir muten gedeckte Schleichwege
suchen, durch Pftzen waten, durch dornige Wldchen kriechen. Auf einem
groen Teiche sahen wir ein deutsches Idyll: eine mit Weizengarben
beladene Zille kam auf dem Wasser herangeglitten; vier Feldgraue saen
auf der Strohladung des Schiffleins, und zu dieser netten Fahrt blies
einer die Mundharmonika; warme Sonne umglnzte das hbsche Bild, das
doppelt zu sehen war: in der Luft und im spiegelnden Wasser. Dazu der
franzsische Kontrast: ein grauenvoll verwstetes Gehft! Welch ein
entzckendes Landhaus mit Obstwiese und Blumengarten, mit Fischzucht und
Weihern, mit Rosenhecken und Lauben mu das gewesen sein, ehe der Krieg
begann! Und jetzt ein wstes Durcheinander von verkohlten Balken, von
Brandschutt und zerstckelten Mauern!

Ein Rauschen in den Lften -- ein Flieger! Ich fand ihn mit dem Glas.
Ein deutscher Doppeldecker! Wie etwas ganz Feines und Zierliches flog
er zweitausend Meter hoch im Blau. Da begann auch schon die Kanonade
von der franzsischen Stellung her, ein feindliches Maschinengewehr
erhob seine langsame Unkenstimme: Tack, tack, tack, tack ..., und
neben der Sonne pufften in langer Reihe die grauen Kugelwlklein der
Schrapnellschsse aus dem blauen Nichts heraus. In meiner Seele war
ein heier Schrei: Fliege, fliege, du deutscher Bruder da droben,
erflle deine khne Pflicht, la dich nicht herunterholen vom Ha deiner
Feinde! Er flog und flog, immer blieben die Explosionswlklein weit
hinter ihm zurck. Geradhin und ruhig segelte er wie ein wilder Schwan,
der die Tiefe verachtet. Keiner von den hundert Schssen, die nach ihm
abgefeuert wurden, konnte ihn auch nur zum leisesten Ausbiegen von der
Richtung seines Erkundungsfluges zwingen. Im Glanz der Sonne, den meine
Augen nimmer ertrugen, verschwand er. Ich mute zwei Worte flstern:
Deutscher Flug! Aus diesen Silben und ihren Bildern wuchsen mir
stolze, hoffnungsfrohe Gedanken heraus. --

Ein zerrissener Wald, in den die Mittagssonne steil herunterglnzte.
Hier sah ich etwas Neues: einen von den groen Mrsern, die vor wenigen
Tagen hierhergebracht wurden. Steht ein Mensch neben solch einem
metallenen Ungetm, so sieht er aus wie ein Zwerg neben einem Nashorn.
An der Kugel, die dieser deutsche Kampfgigant ber zehn Kilometer
schleudert, haben vier Feldgraue zu schleppen. Und solcher Kugeln stehen
Hunderte aufgeschichtet, jede in ihrem binsenen Moseskrbchen! Ich
frage: Wird geschossen? -- Vor dem Abend kaum. Der Feuerbefehl mu
von der Turmstelle kommen. Also von dort, wo ich in einer Stunde sein
werde!

Bei dem weiten Umweg ber die Felder zappelt mir die Ungeduld in den
Beinen. Hinter einer Deckung erwarten uns die beiden Pferde. Wir reiten
los. Da beginnt auf einem langgestreckten Hhenzuge der frierende Riese
heftig mit den Zhnen zu klappern. Immer rascher klingt es ineinander,
fast ist es schon ein ununterbrochenes Salvenrollen. Und in vielen
Richtungen fangen die Geschtze zu drhnen an, vorerst nur franzsische.
Jeder Schu ist ein doppelter Donner: Abschu und Granatenschlag.
Wir lassen die Pferde rennen, um so rasch wie mglich unser Ziel zu
erreichen. -- Da ist es!

Auf einem von winzigen Waldflecken umhuschelten Hgel stand einmal ein
kleines Dorf. Jetzt ist es ein Schutthaufen, den alles Leben verlassen
hat. Nicht weit davon liegt die Trmmersttte der kastellartigen Villa
mit dem hohen Turme, der noch immer steht. Wer diesen Turm erbauen lie,
mu Rittertrume gehabt haben _ la_ Don Quixote! Vom Haus ist nimmer
viel brig, und auch der Turm ist ausgebrannt bis in die zerrissene
Blechkuppel hinauf. Sein Inneres ist eng und dunkel; von den vier
verbrannten Turmbden sind nur noch ein paar verkohlte Balkenstmpfe
vorhanden. In diesem leeren Mauerdarme haben die deutschen Pioniere
acht Leitern hin und her bereinander gebunden. Drauen der ruhelose
Geschtzdonner, im Turme das Schweigen. Aber ganz in der Kuppel droben
trillert ununterbrochen die Klingel eines Telephons. Und ruhige Stimmen
tnen herunter; immer wieder hre ich die beiden Worte: Turmstelle
hier!

Whrend der Doktor die beiden Pferde irgendwo versorgt, beginn' ich zu
klettern. Durch schieschartenhnliche Fensterchen fllt sprliches
Licht herein; das hilft mir, die Leitergriffe zu finden. In der
dunklen Hhe stoe ich mit dem Kopf gegen etwas Hartes. ber mir eine
lachende Stimme: Herein! Ein schmales Falltrchen wird geffnet.
Zwei feste Hnde greifen herunter und ziehen mich vollends hinauf. Ein
freundlicher, aber kurzer Gru des jungen Hauptmanns -- ich bekomme in
dem kleinen Dachkfig ein Winkelchen, wo ich stehen mu, ohne mich viel
rhren zu knnen -- dann geht die ernste militrische Arbeit weiter,
mit raschen und knappen Schlagworten, die mir, da fast immer in Zahlen
geredet wird, eine unverstndliche Sprache sind. Auer dem Hauptmann
ist noch ein Leutnant da, ein Unteroffizier zur Bedienung des Telephons
und einer zur Mearbeit auf der Karte, die ber ein Brett gespannt ist.
Zwischen dem Mauerbord und der Dachkuppel ist eine handbreite Lcke; da
kann man hinausgucken, kann sogar den Feldstecher dazwischenstecken. Und
whrend bei jedem schweren Granatenschlag das Gemuer des Turmes leise
schttert, beginne ich zu schauen, durchwhlt von einer heien Erregung,
die mir fast den Atem erwrgt.

Was ich sehe, ist ein Bild von unsagbarer Schnheit, ein wundervolles,
im Gold der Abendsonne leuchtendes Land. Als ich noch da drunten war, da
sah ich Hgel und Wlder; jetzt seh' ich nur einen ebenen Felderschild
mit dunklen Flecken, aus denen sich hhere Bume zierlich oder seltsam
geformt herausheben. Zerstrte Drfer und zertrmmerte Gehfte sehen
aus wie kleine, gesprenkelte, sonderbare Blumen. Gleich den niederen
Versatzstcken einer Theaterdekoration schieben sich die Konturen
von Gehlzen und Ortschaften durch- und hintereinander, alles wie
niedliches Spielzeug. Ich sehe geschlngelte Bche und schnurgerade
Straenzge, sehe weit in sdlicher Ferne den blitzenden Lauf der Somme
mit ihren Smpfen und Kanlen, und sehe -- vergleichbar einem endlosen,
vielgewundenen, doppelten Kupferkettchen -- die von Osten kommenden
und gegen Norden ziehenden Linien der deutschen und feindlichen
Schtzengrben. ber allem der blaue Himmel mit seiner niedersteigenden
Sonne; und in der Tiefe ein feines, wunderlich zu Streifen gestaltetes
Nebelziehen, das sich unter dem ruhelosen Donner des Geschtzkampfes
mehr und mehr zu verstrken scheint.

Dieses herrliche Land da drunten? Ist das ein Herzogtum ohne Volk?
Nirgends ist ein Mensch zu entdecken, nirgends ein Bauer auf den
Feldern, nirgends ein Wagen, der sich bewegt, nirgends ein Tier der
Erde! Alle Schnheit da drunten ist leer und de. Nur manchmal, unter
dem aufschreckenden Granatendrhnen, flattern braune, dichte Schwrme
von Wandervgeln nahe bei meinem Ausguck vorber, wie Wolken von drren
Blttchen, die der Sturmwind treibt.

Mir werden Lippen und Zunge trocken, und vor Erregung fiebert mir jeder
Nerv im Leib. Immer sphe ich durch das Glas nach den Schtzengrben,
bei denen der Riese mit den Zhnen schauert. Ich gewahre nichts, nichts,
nichts, keinen Rauch, keinen Feuerblitz, keine Bewegung, =nichts=! Und
immer dieses Donnern und Brllen in der Luft! Gierig suche ich mit dem
Glas die bald umschleierte, bald wieder von Sonne leuchtende Leere
ab. In weiter Ferne, auf etwa vierzehn Kilometer, gewahre ich vor
einem Waldstreif vier kleine, weie Punkte, als htte man da ein paar
Taschentcher zum Trocknen aufgehngt. Jetzt bewegen sie sich langsam
und schweben aufwrts und werden grer, ein feindlicher Flieger. Das
Telephon klingelt und die ruhige Stimme des jungen Hauptmanns, der
beim Scherenfernrohr sitzt, gibt eine Meldung in Ziffern. Der Flieger,
den ich mit dem Glas beobachte, macht pltzlich eine Schwenkung, und
ich sehe einen zweiten erscheinen. Ist das ein Deutscher? Der den
Franzosen verfolgt? Beide verschwinden im Dunst. Whrend ich suche,
kommt mir eine kleine blaugraue Kugel mit langem Schwnzlein ins Glas:
ein franzsischer Fesselballon. Unbeweglich hngt er in der Luft, etwa
zwlf Kilometer von uns entfernt. Nun gleitet er zur Erde hinunter und
verschwindet hinter einem Waldstreif. Beim Scherenfernrohr ein kurzes,
heiteres Lachen: Dem war unser Flieger nicht geheuer!

Allmhlich wird der Geschtzdonner seltener und verstummt beinahe ganz.
Die grauen Dnste in der Landschaft zerflattern und verschwinden.
Die Sonne ist rot geworden, Felder und Wlder gluten oder liegen in
schwarzblauem Schatten. Das Telephon trillert, der Hauptmann wird zum
Hrrohr gerufen. Jawohl, Herr General, der Ballon ist niedergegangen.
Ein langes, leises Gerusch im Apparat, hnlich dem Krchzen eines
Grammophons, bevor es zu spielen beginnt. Da sieht der Leutnant, der den
Platz am Scherenfernrohr einnahm, da der Fesselballon wieder hochgeht.
Die Meldung wird ins Telephon gegeben. Wieder beginnt im goldschnen
Abend dieses Brllen und Drhnen, das die Lfte erschttert, gleich dem
Donner eines grauenvollen Gewitters. Wieder die ruhige Zahlensprache und
die kurzen Worte. Meldung um Meldung kommt, Meldung um Meldung fliegt
zu den Batteriestellungen und zum Divisionsstabe. Ich mchte lauschen,
mchte diese Ziffern und Worte deuten, aber immer mu ich schauen und
suchen.

Der Geschtzkampf, der sich bisher in grerer Entfernung abspielte,
scheint sich nher heranzuziehen. Auf zwei Kilometer steht pltzlich ein
gewaltiger, grauschwarzer Rauchbaum in einem Acker. Ein Krachen, da
mir die Ohren klingen. Schlag um Schlag. Eine ganze Reihe von solchen
Rauchbumen fhrt aus der Erde heraus, dicht bei einem Wallstrich
unserer Schtzengrben. Der Granatenregen kommt von zwei franzsischen
Batterien; ihr Feuer wird vom Fesselballon geleitet; sie schieen gut;
in gerader Zeile setzen sie eine Granate dicht neben die andere. Immer
mu ich an die Unseren in dem mit Flammen und Eisen berschtteten
Graben denken, und whrend mir das Gesicht brennt, rinnen mir kalte
Schauer durch das Herz.

Die Sonne ist schon drunten, immer grauer wird die Dmmerung, immer
dichter dieses Dunstgewoge. In dem engen Dachkfig des Turmes ist es
schon so dunkel geworden, da man die Karte beim Messen nimmer ablesen
kann; man mu sie mit einem elektrischen Taschenlmpchen beleuchten.
Die Worte, die ich hre, lassen mich vermuten, da die eine der beiden
feindlichen Batterien -- eine Waldbatterie -- jetzt gleich unter
deutsches Feuer genommen wird. Nach der anderen sucht der Hauptmann
mit dem Scherenfernrohr. Da drben, dreihundert Meter westlicher,
mu sie stehen, aber die Stellung verschwimmt im Dunst. Ich sphe
durch mein Glas -- und ein Zufall will es, da ich in der Dmmerung
die Stichflamme eines feuernden Geschtzes erkenne. Im Scherenfernrohr
sieht der Hauptmann noch den Feuerstrahl von zwei weiteren Geschtzen.
Durchs Telephon fliegt der Bereitschaftsbefehl zu den Mrsern. Aber
bis im Dunkel des Turmkfigs bei Laternenschein die Richtung auf der
Karte gemessen und die Entfernung, achttausend Meter, berechnet werden
konnte, ist drauen der Abend schon so tief gesunken, da das Feuer der
Mrser dem Feind ihre Stellung verraten wrde. Das Telephon trillert.
Die Mrser bleiben in Richtung. Schlu. Eine andere Meldung geht zum
Stab. Und pltzlich drhnen viele deutsche Schsse rasch ineinander --
weit aus den Lften hr' ich etwas wie das ferne Sausen eines wackligen
Eisenbahnzuges -- und dort, wo die feindliche Waldbatterie gestanden,
seh' ich etwas Furchtbares und Wildschnes aufbrennen. Sieben oder acht
Granaten mssen es gewesen sein, die innerhalb zweier Sekunden auf die
gleiche Stelle gefallen sind. Fr meine Augen sah es aus, als wr's nur
eine einzige Flamme, die wie ein riesiges Irrlicht zuckend und sinnlos
umherhpfte. Eine schwere Wolke wirbelt da drben in die sinkende
Nacht hinauf, die Stelle umhllt sich mit Dunst -- und dann erst, da
alles fr den Blick schon verschwunden ist, hrt man den drhnenden
Explosionsdonner und sein Echo.

Eine ruhige Stimme sagt: Die ist erledigt. Die andere kommt morgen
dran!

Nun tiefes Schweigen in der Dunkelheit. Kein Schu mehr. Nichts.

Ich kann nicht sprechen. Ganz stumm bin ich. Und whrend ich mich in der
Finsternis des Turmes ber die Leitersprossen hinuntertaste, kommt mir
eine Erinnerung aus meiner Kinderzeit. Damals, 1864, sah ich in einem
Guckkasten die Beschieung der Dppeler Schanzen. Das war anders!

Wir reiten durch die still gewordene Nacht. Zwischen den erwachenden
Sternen glnzt die feine Goldspange des zunehmenden Mondes. Das ganze
Rund seiner Scheibe ist als blulicher Hauch zu erkennen. Sein Licht
wird wachsen mit jedem Tag, wird schn und vollkommen werden. Ich fhle
diesen Gedanken wie ein Gleichnis fr den deutschen Sieg.

Auf der dunklen Strae begegnen uns die langen Zge der zu ihren
Quartieren heimkehrenden Verstrkungstruppen; ihr Eingreifen ist nicht
ntig geworden; der Vorsto, den die Franzosen versuchen wollten,
zerflatterte, bevor er noch richtig begonnen hatte.

Die Feldgrauen, die in der Finsternis an uns vorbermarschieren, singen
nicht; sie reden mit ruhigen, halblauten Stimmen; und die Funken ihrer
Zigarren und Pfeifen wehen leuchtend in die Dunkelheit hinaus, gleich
schwrmenden Glhwrmchen einer Frhlingsnacht.




                                  12.


                                                       21. Februar 1915.

Wenn wir daheim den militrischen Tagesbericht studieren und dabei
die hufig wiederkehrende Stelle finden: Im Westen hat sich nichts
Wesentliches ereignet -- dann pflegen wir uns in Mimut und Unbehagen
mit der Errterung von Dingen und Taten zu beschftigen, die nach
unserer Meinung notwendig geschehen mten, aber unbegreiflicherweise
unterlassen werden. Keine von unseren Vorstellungen vom Kriege
ist so ungerecht wie diese! Gerade in den Zeiten, in denen wir
Daheimgebliebenen nichts von Siegen zu hren glauben, wird hier im Felde
so viel tchtige, musterhafte und erfolgreiche Arbeit geleistet, da ich
Glcklicher, der ich diese rastlose deutsche Tat jetzt mit eigenen Augen
sehen darf, jeden Tag mit dem frohen Gefhl beschliee: Heute hab' ich
wieder einen groen deutschen Sieg gesehen!

Wie die Ruhepausen in den Schtzengrben aussehen, wie hier in
bewundernswerter Ausdauer jede Minute bei Tag und Nacht benutzt wird,
wie man schaufelt und schanzt und unsere Stellungen in unzerbrechbare
Erdfestungen verwandelt, wie man mit uerster Kraftanstrengung alles
erzwingt, was die Gefahr fr unsere Feldgrauen vermindern und ihre
namenlose Mhsal etwas ertrglicher machen kann -- davon habe ich
schon erzhlt. Nun lat mich heute davon sprechen, wieviel stille
deutsche Siege =hinter= der Front erfochten werden. Und je weniger
Nervengeprickel in den Schilderungen dieser von keinem militrischen
Tagesbericht verkndeten Siegesarbeit sein kann, um so aufmerksamer mt
ihr daheim gerade =diese= Bilder betrachten. Sind die Siege an der Front
die weithin lutenden Trme unserer Kraft, so ist die Arbeit hinter der
Front das Fundament, auf dem sie errichtet werden und das sie trgt.

Vor allem will ich da erzhlen, was unsere deutschen Mtter und Frauen
mit trstendem Aufatmen hren werden: in welcher Weise hier im Feld fr
Ernhrung, Unterkunft und Gesundheit ihrer Shne und Mnner gesorgt
wird. Wie es mit solchen Dingen bei den Heeren unserer Gegner gehalten
wird, das wei ich nicht. Aus eigener Anschauung mu ich aber glauben:
=so, wie bei uns, kann es nirgends sein=! Was ich hier gesehen habe, das
kann nur =deutsche= Schulung, nur deutsche Umsicht und Frsorge fertig
bringen!

Ich will einen typischen, das Ganze im kleinen illustrierenden
Einzelfall herausgreifen, den ich selbst mit angesehen habe. Ein
Rekrutennachschub von dreitausendfnfhundert Mann war angemeldet, und es
hie: in =vier= Tagen kommen sie, und bis dahin mu alles Ntige fr die
Unterkunft der Leute fertig sein. Am Mittag des vierten Tages =war= es
fertig! Die Bahnzge kamen, einer flink hinter dem anderen, und entluden
dieses junge Gewimmel der Feldfrischen. Hier, tief in Feindesland,
sechs oder sieben Kilometer hinter der Front, an der gekmpft wird,
funktioniert dieser gewaltige Bahnbetrieb mit der gleichen Ordnung und
Pnktlichkeit, wie wir sie bei uns daheim in friedlichen Zeiten kennen.
Eine lange Reise macht hungrig. Also das erste: die Leute mssen satt
werden. In einer von allem Franzsischen gesuberten Gterhalle sind
in langen Reihen die hlzernen Tische und Bnke aufgeschlagen. Wer es
sieht, denkt an einen Mnchner Brukeller. Die Gulaschkanonen dampfen,
und in einem qualmenden Nebenraum sind Backsteinherde mit eisernen
Kesseln gebaut -- in diesen Kesseln, die aus einer Spinnerei stammen,
wurde frher die franzsische Seide gednstet; jetzt siedet da drin fr
unsere Deutschen das belgische Ochsenfleisch. Der Krieg nimmt, was er
brauchen kann und was ihm ntzlich ist. Und nun sitzen die paar tausend
Feldgrauen auf den langen Holzbnken, lachend und schwatzend, und jeder
bekommt sein festes Mahl, jeder seinen Krug Bier, gutes Bier, das hier
von deutschen Brauern fr die Unseren gesotten wird.

Vom Bahnhof marschieren die Gesttigten zu ihren Quartierstellen, und
wenn sie von der nahen Front her den ersten Kanonendonner hren, blitzen
ihre Augen vor Ungeduld. Wo sie hinkommen, in Husern, Meierhfen,
Fabriken oder Schulen, finden sie alles zu ihrer Unterkunft bereit;
auf jeder Tre steht angeschrieben, wieviel Mann hier wohnen sollen.
Fnfzehnhundert werden untergebracht in einer groen Tuchfabrik. Vier
riesige Webersle mit guter Luft und hellen Oberlichtfenstern. Aus drei
von diesen Slen wurden die mechanischen Websthle herausgeschleppt
und im vierten dicht aneinander gerckt; ein bichen schnell hat es
gehen mssen; wenn der abgereiste Fabrikant dereinstens heimkehrt,
wird er geraumer Zeit bedrfen, um diesen eisernen Hexenknuel wieder
auseinander zu drseln. Die drei freigemachten Sle sind verwandelt
in Schlafrume; was in der Umgegend an Bettstellen noch aufzutreiben
war, wurde hier zusammengetragen; daneben lange Reihen von Lagersttten
auf dem mit Brettern belegten Boden: fr jeden Mann ein doppelter
Strohsack, eine wollene Decke, ein Kissen, ein Handtuch; jeder hat sein
Brettregal fr den kleinen Kram, und die ganzen Rume sind durchzogen
von Lattengestellen fr Waffen, Mntel und Tornister. Jeder Feldwebel
bekommt separat seinen Bretterverschlag, der verwandelt ist in ein
wohnliches Stberl. Auch die Kochherde mit Geschirr, die Waschkchen
und Desinfektionsrume, alles steht schon zum Gebrauche bereit. Und das
alles wurde herbeigeschafft und fertiggestellt in =vier= Tagen. Wie
schwatzlustig man sein mag, beim Anblick einer solchen Arbeitsleistung
wird man still.

Ehe die Neugekommenen ruhen drfen, mssen sie sich subern. Und da
hab' ich ein Bild gesehen, das mir mein Lebenlang in froher Erinnerung
bleiben wird. Die Tuchfabrik, in der die Fnfzehnhundert einquartiert
wurden, hat eine mchtige Wschereihalle. Die Maschinen, die
Rohrleitungen, die Transmissionen, die Treibriemen, alles ist noch da.
Aber jede Wasserpumpe ist in eine Badebrause umgezaubert, und in den
tiefen, halbstubengroen Holzkufen, in denen frher die neugewobenen
Tcher gesotten und ausgewaschen wurden, sitzen jetzt unsere deutschen
Jungen im dampfenden Wasser, ein Dutzend in jeder Kufe, die Arme und
Kpfe von Seifenschaum bedeckt, rippelnd und scheuernd und pltschernd,
munter und schreivergngt wie pritschelnde Dorfbuben.

Aus diesem Bild redet eine so gesunde Lebensfreude heraus, da ich sie
nicht zu schildern vermag. Und beim Anblick dieser lustigen Kpfe und
dieser blinkweien Jnglingsschultern mute ich mich der schwarzgrau
gewordenen Gesichter und Fuste jener dreiundfnfzig toten Franzosen
erinnern, die seit acht Wochen vor dem feindlichen Schtzengraben von
Maricourt liegen, verlassen von ihren Brdern, verlassen von ihrer
piettlosen Heimat! Wie zwischen einzelnen Menschen, so gibt es auch
zwischen Vlkern sieghafte Unterschiede. Aber wir, natrlich wir,
sind die Barbaren, und Frankreich marschiert an der Spitze der
Zivilisation!

Wie ich Unterkunft, Verpflegung und Hygiene unserer Truppen hier an
einem Einzelfall im kleinen geschildert habe, so wird es innerhalb der
Mglichkeitsgrenzen im groen durch das ganze deutsche Heer gehalten,
immer nach dem Grundsatz: Die Gesundheit des Soldaten ist sein Schild
und seine strkste Waffe.

In =jedem= mit deutschen Truppen belegten Stdtchen, sogar in
jedem Dorfquartier wurde eine Badegelegenheit eingerichtet. Wo nur
zwanzig Feldgraue beisammen sind, gibt es wenigstens ein mit Blech
ausgeschlagenes Fubad und eine Warmwasserdusche. In Peronne wurde
eine militrische Badeanstalt installiert, in der immer hundert Mann
gleichzeitig baden knnen. Ein Erquicken ist es, das anzusehen: wie
die Leute, die nach der Ablsung aus dem Schtzengraben dreckig da
hineinwandern, frisch und sauber wieder herauskommen, jeder mit dem
zusammengewickelten Handtuch unter dem Arm. In dieser Badeanstalt
gibt es sogar ein =elektrisches Lichtbad= zur Bekmpfung der
Schtzengraben-Rheumatismen -- eine groe Warenkiste, deren Deckel mit
einem Halsausschnitt versehen ist, und deren Inneres mit Wachsleinwand
tapeziert und mit Glhlampen behngt wurde.

Dieser obligatorische und streng berwachte Badebetrieb ist ein
gesegnetes Mittel gegen Krankheiten und Verlausung, ein wunderwirkender
Erneuerungsbrunnen fr die krperliche Spannkraft unserer Soldaten. Aber
der Krieg schlgt Wunden, und die Mhsal des Dienstes ist eine so harte,
da sie trotz aller hygienischen Frsorge schlielich doch manchem
Feldgrauen die feste Gesundheit erschttert. Wie diese Verwundeten und
Erkrankten in unseren Feldlazaretten betreut werden, das glauben wir
in der Heimat zu wissen. Es hat mich aber doch ein frohes, dankbares
Staunen befallen, als ich dieser Tage das Lazarett von Caudry besuchte.
Vor vier Monaten war das noch eine franzsische Spitzenfabrik. Jetzt
steht da ein deutsches Lazarett von so mustergltiger Ordnung und
Einrichtung, da man Riesenkrfte haben mchte, um es vom franzsischen
Boden wegzuheben und in eine deutsche Stadt hineinzustellen. Da
sieht man =nichts= mehr, was den Anschein des in Eile und notdrftig
Adaptierten hat, alles ist so, als wr' es von Anfang fr sanitre
Zwecke gebaut und eingerichtet.

Die vom blichen franzsischen Schmutz versumpften Hfe wurden mit
gepflasterten Wegen durchzogen, alle Gebude und Rume spiegeln
von Sauberkeit, alle Mauern sind wei getncht und sehen aus, als
wren sie mit frischgewaschener Leinwand berzogen. Von der nchsten
Bahnstation wurde ein Geleise bis vor die Tr des Lazaretts gelegt,
damit die Verwundeten und Kranken ohne Gerttel und Plage hergebracht
werden knnen. Die innere Einrichtung ist gegliedert wie in jedem
groen stdtischen Spital. Neben der Amtsstube und den Zimmern der
rzte und Schwestern ist die Apotheke, ein zahnrztliches Atelier,
der Operationssaal und die Rntgen-Kammer. Alle Wirtschaftsrume,
die appetitlichen Vorratshallen, die groe Kche, die Splkammer,
die Wscherei, der Trocknungsraum und die Bgelstube, das alles ist
praktisch und bequem aneinander gereiht zu einem zusammenhngenden
Ganzen. Im Oberstock sind die Nhstuben fr Anfertigung der
Lazarettkleidung und Bettwsche, sowie die Handwerksrume, die
Schneiderwerkstatt und Schusterei, wo die Uniformen und Stiefel der
eingebrachten Verwundeten gesubert und ausgebessert werden. In einem
groen Dachraum liegen diese neu hergerichteten Soldatenhllen mit
Helmen und Waffen in langen Reihen, Nummer an Nummer, und warten auf
das genesene Leben, das wieder in sie hineinschlpfen und wieder dem
Vaterlande dienen soll. Das stille Bild dieser Kriegsgarderobe hat etwas
tief Ergreifendes. Und unter solch einem feldgrauen Kleiderbndelchen
seh ich nur =einen= braunen Soldatenstiefel stehen. Wo mag der andere
geblieben sein? Und der Fu, der dazu gehrte?

Das Lazarett hat zwlfhundert Betten. Alle waren schon in Gebrauch.
Jetzt, Gott sei Dank, sind nur fnfhundertsiebzig belegt. Tritt man
in einen dieser breiten und langen Bettsle, so hat man nicht den
Eindruck eines Krankenraumes. Man glaubt: das ist eine weie, luftige
Erholungshalle, durch deren groe Deckenfenster eine Flle ruhigen
Lichtes hereinstrmt. Die meisten der Genesenden sind schon auer Bett;
sie plaudern oder schreiben Briefe, lesen oder spielen und tragen die
hellen, sauberen Lazarettkittel, die aus requirierten belgischen Stoffen
von franzsischen Nherinnen gefertigt wurden. Alle Betten sind wei --
gute eiserne Bettstellen mit Drahtfederung und dreiteiligen Matratzen --
und zu Hupten eines jeden Bettes hngt ein Tfelchen mit dem Namen des
Bettgastes und dem Datum seiner Ankunft. Nur in wenigen Gesichtern ist
noch die Blsse des berstandenen Leidens, fast in allen schon die gute
Farbe der wiederkehrenden Gesundheit. Ich spreche mit vielen, auch mit
solchen, die noch liegen mssen. Nie hr' ich eine Klage, nie einen Laut
des Mimutes, hre nur gutmtige, herzhafte, auch heitere Antworten, und
in allen, wie verschieden sie auch klingen, ist immer der gleiche Sinn:
Jetzt darf ich bald wieder antreten!

Bei einem von denen, die noch liegen, zeigt die weie Bettdecke eine
Form, als wre unter ihr etwas nicht mehr vorhanden, was zu einem
ganzen Menschen gehrt. Ob es =der= ist, fr den der einsam gewordene
Stiefel aufbewahrt wird? Ich bring' es nicht fertig, diesen Kranken
nach seiner Verwundung zu fragen, drcke stumm seine Hand und nicke
ihm zu; auch er lchelt und nickt, aber seine Augen werden ein bichen
feucht. Und gleich beginnt eine Schwester heiter und herzlich mit ihm
zu plaudern. Von solchen Schwestern in ihren dunklen Kleidern sind etwa
zwanzig in dem groen weien Saal -- ernste und dennoch freundliche
Frauen- und Mdchengesichter mit guten Augen -- man mchte einer jeden
in deutscher Dankbarkeit die hilfreichen Hnde kssen.

In mir ist eine Stimmung, die sich wunderlich mischt aus tiefer
Erschtterung und glcklichem Aufatmen. Was knnte einen Deutschen
froher machen, als mit eigenen Augen sehen zu drfen: =so= werden unsere
leidenden Soldaten gepflegt und wieder dem Leben entgegengefhrt.

Es fllt mir schwer, dieses weie Heiligtum der deutschen
Lebenserneuerung zu verlassen. Auf der Schwelle mu ich zgern, mu
das Gesicht drehen. Und da fllt mir etwas auf, was ich vorher nicht
bemerkt hatte, etwas mir Unverstndliches; ber die Decke des langen
Saales, in welchem frher die Spitzenwebsthle standen, zieht sich
eine Transmissionswelle mit vielen Riemenscheiben hin; und diese
Welle =luft=, ganz leer, ohne Riemen, lautlos. Mein liebenswrdiger
Fhrer, General v. Nieber, der mit den rzten seiner Etappe dieses
mustergltige Kriegslazarett geschaffen hat, erklrt mir die sonderbare
und anscheinend zwecklose Sache: Wenn die Welle lngere Zeit
unbeweglich liegt, rosten die Lager und verderben. Drum lassen wir alle
Transmissionen abwechselnd jeden Tag eine Stunde lang laufen. Wenn der
Besitzer dieser Fabrik wieder heimkommt, soll er sein Eigentum so weit
in Ordnung finden, als es der Krieg und die Frsorge fr die Unseren
erlaubte.

Ein deutsches Wort! Ob es von dem Fabrikbesitzer -- _il est parti!_
-- bei der Heimkehr den verdienten Dank erfahren wird? Ich besorge: der
wird nur entdecken, was der Krieg ihm verdarb, und wird fr das, was
deutsche Gewissenhaftigkeit ihm unverdorben bewahrte, kein sehendes Auge
haben.

Nicht weit von Caudry, in Le Cateau, befinden sich die ebenso musterhaft
eingerichteten Genesungsheime fr Mannschaften und Offiziere, umgeben
von einem lckenlosen Apparat fr gute Ernhrung. Da ist alles
herbeigeschafft, was dem Erstarken der Gesundheit dienen kann. Und
weil frische Eier fr Rekonvaleszenten sehr bekmmlich, aber im
geflgelverschlingenden Kriege und dazu noch im Winter uerst selten
sind -- es wurde einmal fr dreiig Eier ein Automobil in Tausch gegeben
und fr ein halbes Pfund Butter ein ganzes Veloziped -- drum haben die
deutschen rzte in Le Cateau eine geheizte Hhnerzucht installiert. Ein
groer Scheunenraum wurde in ein Warmhaus fr tausend Hennen verwandelt,
und ein beharrlich glhender, von einem Drahtgitter umzogener Ofen redet
dem gackernden Vlklein der gefiederten Franzsinnen mit lieblichen
Wrmestrahlen zu, recht viele, viele Eier fr unsere genesenden
Feldgrauen zu legen. Zwanzig gallische Hhne befrdern das ntzliche
Werk. berraschenderweise vertragen sie sich sehr gut miteinander; sie
haben der Friedensarbeit so viel zu verrichten, da sie der angeborenen
Kriegslust vllig vergessen.

Hinter diesem heiteren Bildchen steht eine ernste Wahrheit. Wieviel
deutsche Hnde muten sich rhren in ruhelosem Flei, wieviel kluge
Gedanken muten in deutschen Gehirnen aufglnzen, wieviel Geduld mute
sich in hilfreiche Arbeit verwandeln und wieviel energischer Wille mute
umgesetzt werden in wirksame Tat, bis innerhalb weniger Monate ins
Leben gerufen war, was ich auf Schritt und Tritt hier leuchten sehe als
ruhmvollen Sieg der deutschen Regsamkeit und des deutschen Wesens.


              Verlag von =Adolf Bonz & Comp.= in Stuttgart




                            $Eiserne Zither$

                              Kriegslieder
                         von =Ludwig Ganghofer=

                                1914/15

                       Erster Teil -- 16. Tausend
                      Zweiter Teil -- 10. Tausend
               Klein-Oktav. In Leinwand gebunden M. 1.--.


=Auszge aus Urteilen der Presse=:

Wer diese weichen und doch herzhaften, diese poetischen und doch ganz
realistischen Verse liest, der wird, wenn er ein Deutscher ist, seine
Seele in ihnen wiederfhlen. Dr. St.

                                    (=Mnchen-Augsburger Abendzeitung=.)

Das Buch kann als ein vorzgliches Werk der Kriegsliteratur bezeichnet
werden. Sein Studium bereitet Genu und ist zugleich Erbauung.

                                               (=Darmstdter Tagblatt=.)

Vaterlandsliebe und heiliger Zorn haben ihm diese aus tiefster Seele
flutenden Verse eingegeben; ungeknstelt, aber voll heien Lebens
klingen diese Verse, die aus der deutschen Not geboren und vom Glauben
an Deutschlands Recht und Sieg durchzittert sind.

                                     (=Schwbischer Merkur, Stuttgart=.)

Gehaltvolle, geharnischte Lieder des berhmten kerndeutschen Erzhlers.

                                    (=Braunschweigische Landeszeitung=.)

Es sind zndende, poetisch schne Gedichte ber Kriegs- und damit
zusammenhngende Ereignisse, welche der allgemein bekannte und beliebte
Dichter uns bietet. Wir sind berzeugt, da die hbsch ausgestattete
Sammlung Begeisterung hervorrufen und in allen deutschen Landen guten
Absatz finden wird.

                                      (=Volckmar's Weihnachts-Katalog=.)

Diese Kriegslieder gehren mit zum Besten, was die eiserne Zeit bisher
hervorgebracht hat. Sie reien unwillkrlich mit fort und mssen auch
den Sorgenvollen guten Mutes machen.

                                              (=Die Wartburg, Leipzig=.)


              Verlag von =Adolf Bonz & Comp.= in Stuttgart




                          1914 ist erschienen:

                           $Der Ochsenkrieg$

                     Roman aus dem 15. Jahrhundert
                         von =Ludwig Ganghofer=

                           1. bis 15. Tausend

        2 Bnde. Oktav. Geheftet M. 8.-, fein gebunden M. 10.-.


Ganghofer bietet das nicht alltgliche Schauspiel eines Dichters,
der nach einer dreiigjhrigen Produktion noch jugendfrisch, ohne
Altersrunzeln der Ermdung dasteht, und dessen jngste Schpfung im
Glanz edler Meisterschaft alle Qualitten seiner Dichternatur in
unverminderter Kraft offenbart. In keinem seiner frheren Werke hat
er seine kompositorische Kraft in so hohem Mae wie hier bewiesen. Er
fesselt den Leser gleich mit dem dramatisch wuchtigen Auftakt des Romans
und lt ihn bis zur letzten Zeile nicht los. Das Mittelalter mit seiner
wilden Brutalitt, mit seiner derben Erotik, mit seinem Elend, seiner
Pestilenz und mit seiner bei alldem doch urwchsigen Kraft, steht, mit
realistischen Mitteln hervorgezaubert, in leuchtenden Visionen vor uns.
Markig sind die Hauptgestalten des Romans gezeichnet, mit berzeugendem
Leben gefllt. Eine Figur verdient ganz besonders hervorgehoben zu
werden: der Sldner Malimmes, ein kstlicher Bursche, der in seiner
Art das deutsche Wesen ebenso vollwichtig reprsentiert, wie Cyrano de
Bergerac das Franzosentum. Hier hat ein Poet seine Lwenklauen gezeigt.
Der Ochsenkrieg ist ein meisterhaftes Kulturgemlde; als Roman ist das
Buch durch seine Naturschilderungen, durch seine Charakterzeichnung und
durch die suggestive Kraft der Sprache dem Besten ebenbrtig, was die
deutsche Kunst auf erzhlendem Gebiet gezeitigt hat.

                                              (=Neues Wiener Tagblatt.=)

                             [Illustration]

                             Ullstein & Co
                              Berlin SW 68





End of Project Gutenberg's Reise zu deutschen Front, by Ludwig Ganghofer

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE ZU DEUTSCHEN FRONT ***

***** This file should be named 44961-8.txt or 44961-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/4/4/9/6/44961/

Produced by Franz L Kuhlmann, Norbert H. Langkau and the
Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License available with this file or online at
  www.gutenberg.org/license.


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
