The Project Gutenberg EBook of Der Junkervon Denow / Ein Geheimnis / Ein
Besuch / Auf dem Altenteil, by Wilhelm Raabe

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Title: Der Junkervon Denow / Ein Geheimnis / Ein Besuch / Auf dem Altenteil
       Erzhlungen

Author: Wilhelm Raabe

Release Date: January 9, 2014 [EBook #44639]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER JUNKERVON DENOW / EIN ***




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                 Wilhelm Raabe

                   Bcherei

                 Erste Reihe:

                   Kleinere
                  Erzhlungen

                 Zweiter Band




               Berlin-Grunewald

       Verlagsanstalt fr Litteratur und
              Kunst/Hermann Klemm




                 Wilhelm Raabe

                Der Junker von
                     Denow

                 Ein Geheimnis

                  Ein Besuch

               Auf dem Altenteil

                  Erzhlungen


                Dritte Auflage
                11.-16. Tausend




               Berlin-Grunewald

       Verlagsanstalt fr Litteratur und
              Kunst/Hermann Klemm




      Gedruckt bei G. Kreysing in Leipzig
  Einbandzeichnung entworfen von Bernhard Lorenz
  Den Einband fertigte H. Fikentscher in Leipzig




     ******************************
     *                            *
     *            Der             *
     *                            *
     *      Junker von Denow      *
     *                            *
     *    Historische Novelle     *
     *                            *
     ******************************




                    I.


Wer am Abend des sechsten Septembers alten Stils, am Donnerstag vor
Mari Geburt im Jahre unsers Herrn Eintausendfnfhundertneunundneunzig,
nach Sonnenuntergang einen Blick aus der Vogelschau ber die Rheinebene
von Rees bis Emmerich und weit nach Ost und West ins Land hinein htte
werfen knnen, der wrde eines erschrecklichen Schauspiels teilhaftig
geworden sein.

Schwarze regendrohende Wolken verhingen das Himmelsgewlbe, und es wrde
eine dunkle Nacht gewesen sein, wenn nicht der Mensch diesmal dafr
gesorgt htte, da es auf der weiten Flche nicht ganz finster wurde.
Auf den Wllen von Rees leitete, an der Spitze seiner Hispanier,
Burgunder und Wallonen, Don Ramiro de Gusman die Verteidigung der Stadt
und Festung gegen das Reichsheer, welches schlfrig und matt genug der
Belagerung oblag, dafr aber auf andere Weise desto mehr Lrm machte,
wie es einer Armee des heiligen rmischen Reichs deutscher Nation
zukam. Ein fahles, blitzartiges Leuchten lag hier ber der Gegend, denn
wenn auch das schwere Geschtz seit Mittag schwieg, so knatterte doch
das Musketenfeuer, schwcher oder strker, rund um die Stadt fort und
fort, und manch ein Wachtfeuer flackerte auf beiden Ufern des Flusses,
welcher manche Leiche in seinen nachtschwarzen Fluten mit sich hinab
fhrte in das leichenvolle Holland, wo der finstere Admiral von
Aragonien, Don Francisco de Mendoza, und der Sohn der schnen Welserin,
der bigotte Kardinal Andreas von sterreich, die Zeiten Albas
erneuerten. --

Wir haben es jedoch nur mit der rechten Seite des Rheines zu tun, wo
tief in das Land hinein unter den zusammengewrfelten Tausenden des
Reichsheeres, Hessen, Brandenburgern, Braunschweigern, Westfalen, der
_furor teutonicus_, die sinnlose, trunkene, deutsche Furie ausgebrochen
war und in Verwstungen aller Art sich Luft machte. In allen Drfern
und Lagerpltzen Sturmglocken, Trommeln und rufende Trompeten --
Geschrei und Jammer des elenden, geplnderten, mihandelten Landvolkes
-- bittende, drohende Befehlshaber -- flchtende Herden, Weiber,
Kinder, Kranke, Greise -- Reitergeschwader, die sich sammelten,
Reitergeschwader, die auseinanderstoben -- brennende Huser und
Zeltreihen, und zwischen allem die Cleveschen Milizen, die
Hahnenfedern, zur Wut gebracht durch die Ausschweifungen derer,
welche da Hilfe bringen sollten gegen die Ausschweifungen des fremden
Feindes! berall Blut und Feuer und Brand -- ein unbeschreibliches,
wstes, grauenhaftes Durcheinander, zu dessen Schilderung Menschenrede
nicht hinreicht!...

Lange genug hatte an diesem Abend Don Ramiro, hinter seiner Brustwehr an
eine zerschossene Lafette gelehnt, hinbergeschaut nach den Laufgrben
und Angriffswerken der tollgewordenen Belagerer; jetzt stieg er langsam
herab von seinem Lugaus, und begleitet von zwei Fackeltrgern und
mehreren seiner Unterbefehlshaber schritt er durch die Gassen von Rees,
dessen zitternde Bewohner jedes Fenster hatten erhellen mssen, und
dessen Straen dumpf drhnten unter den Schritten der gegen die
stlichen Ausfallspforten heranmarschierenden Besatzung.

Francisco Orticio! sagte der spanische Kommandant, und im nchsten
Augenblick stand der Geforderte vor ihm.

Alles bereit? fragte Don Ramiro wieder.

Der gerstete Fhrer senkte stumm den Degen und wies mit der Linken auf
die Haufen der Krieger, welche jetzt alle an den ihnen bestimmten
Pltzen dicht gedrngt, regungslos standen. Des Spaniers Auge flog mit
dsterer Befriedigung ber all diese im Glanz der Fackeln blitzenden
Harnische, Sturmhauben, Piken und Schwerter -- er nickte. Sie wrden
sich da drauen untereinander selbst fressen, gleich den hungrigen
Wlfen, sagte er, aber wir wollen zur Ehre Gottes und der heiligen
Jungfrau -- hier lftete er den Hut, und alle Umstehenden taten
das Gleiche -- unsern Teil an dem Verdienst haben, die Ketzer zu
vertilgen! Erinnert Euch, Orticio, mit dem Schlage Elf beginnt das Feuer
wiederum -- mit dem Schlage Elf hinaus auf sie! Spanien und die
Jungfrau! die Losung.

An eure Pltze, ihr Herren! erschallte das Kommandowort Francisco
Orticios -- ein dumpfes Gerassel und Geklirr der sich aneinander
reibenden Harnische -- Don Ramiro de Gusman schritt langsam prfend die
Reihen entlang; dann stieg er schweigend wieder zu dem Walle empor, nach
einem letzten Wink und Gru fr Orticio, welcher sein Wehrgehng fester
zog.

Noch eine halbe Stund'! Spanien und die Jungfrau, Spanien und die
Jungfrau! ging es dumpf durch die Reihen der harrenden Krieger. -- --

Unsere Geschichte beginnt!

So hole der Teufel die meineidigen Schufte und meuterischen Hunde!
schrie der Hauptmann Burghard Hieronymus Ruwurmb in Verzweiflung,
im Lager der dreizehn Fhnlein gewappneter Knechte, Reisiger und
Fusldner, welche Herr Heinrich Julius, postulierter Bischof zu
Halberstadt, Herzog zu Braunschweig und Lneburg als Obrister des
niederschsischen Kreises zufolge des Koblenzschen Reichsabschieds
fr diesen Krieg geworben und aus aller deutschen Herren Lndern
zusammengebracht hatte. Ist denn die Welt ganz umgekehrt? Es ist zum
Rasendwerden!... So schlage zum letzten Mal die Trommel, Hans Niekirche
-- o heiliges Wort Gottes, das ist das Jngste Gericht!

Hans Niekirche aus Braunschweig, der Trommelschlger, ein blutjunger
Wicht, welcher einem Schneider seiner Geburtsstadt aus der Lehre
gelaufen war, hatte, hierhin gestoen, dahin gezerrt, sich fast zwischen
die langen Beine seines Hauptmanns gerettet und fing nun mit zitternden
Hnden von neuem an, das Kalbfell zu bearbeiten; whrend der Hauptmann
hin und her lief, mit beiden Hnden das Haupthaar durchwhlend. Er hatte
wohl das Recht, zornig zu sein, der Wackere! Dicht hinter sich hatte er
ein geplndertes Bauernhaus, dessen Fenster und Tren eingeschlagen
waren, und auf dessen Schwelle ein junges Weib mit zerrissenen Kleidern,
in der im letzten Krampf zusammengekniffenen Hand ein Bschel roter
Haare, leblos ausgestreckt lag. An sein linkes Bein hing sich jetzt auch
noch ein arm Kindlein in seiner Todesangst, zu seiner Rechten schlug
Niekirch seine Wirbel, und rings um ihn her schrie und stampfte, fluchte
und drohete sein meuterisch Fhnlein und rasaunte durcheinander, wie ein
aufgestrt Rattennest.

O ihr Schelme, ihr Hunde, das soll euch heimgezahlt werden! brllte
der Hauptmann. Warte, Hans Diroff von Kahla, warte, Koburger, Christoph
Stern von Saalfeld, an den Galgen und aufs Rad kommt ihr; oder die
Gerechtigkeit ist krepiert auf Erden. Warte, du Schmalz von Gera, dein
Fett soll all werden, wie eine Kerze im Feuer! O Tag des Zorns, o Hunde!
Hunde!

Gebt Raum, Hauptmann! schrie ein riesenhafter Kerl, genannt Valentin
Weisser von Roseneck, dem Fhrer den Bchsenkolben vor die Brust
setzend. Ihr seid die Verrter, die Schelme, Ihr und Eure saubern
Gesellen und Euer Graf von Hohenlohe, der Hollnder! Wollt Ihr uns nicht
etwa ber das Wasser, ber den Rhein, von des Reiches Boden fhren? He,
sprecht!

Nicht ber den Rhein! nicht ber den Rhein! nicht vor Bommel! nicht vor
Bommel! schrie es von allen Seiten, und weit ber das Feld durch alle
Tausende wlzte sich dasselbe Wort. Der Hauptmann schlug den Kolben von
seiner Brust zur Seite.

Du wirst gehngt, wie ein Spatz, Rosenecker, schrie er.

Ihr sollt es wenigstens nit erschauen! brllte der Schtz wieder, die
brennende Lunte ber dem Haupte schwingend. Er nahm sich nicht die Mhe,
sie aufzuschrauben, das Feuerrohr lag auf der Gabel -- im nchsten
Augenblick wre der Hauptmann ein Kind des Todes gewesen, wenn nicht
pltzlich zwischen dem Bedrohten und dem Drohenden ein Reiter im vollen
Galopp angehalten und dem wtenden Musketierer den Bchsenlauf in die
Hhe geschlagen htte, da der Schu in die Luft ging.

Der Junker! der Junker! schrie es auf allen Seiten. Der Junker
zurck! sprecht, sprecht, was ist's? was sagt der Graf? Haben sie uns
verkauft an die hollndischen Juden, ihnen ihre Festung Bommel zu
entsetzen?... Der Junker, der Junker! Nicht nach Bommel, nicht vor
Bommel! nicht ber den Rhein! nicht ber den Rhein! In die Spiee der
von Hollach!

Ja, schreit nur, bis ihr berstet! zischte blau vor Grimm der
Hauptmann durch die zusammengebissenen Zhne und ballte die Hnde, da
die Ngel tief ins Fleisch drangen. Schreit nur -- es ist noch nicht
im Topf, darin es gekocht wird -- Christoph von Denow, sprecht zu den
Meutmachern! sagt den rudigen Hunden Eure Botschaft!

Der junge Reiter richtete sich hoch auf im Sattel, und alle die wilden
Gesichter im Fackelschein ringsumher wandten sich ihm zu.

Der wohlgeborene und edle Graf Philipp von Hohenlohe, unser gndiger
Feldhauptmann --

Nichts von dem Grafen von Hollach, dem Verrter, dem Judas! schrien
einige. Stille! Ruhe! Hrt ihn! riefen die andern und gewannen die
Oberhand, da der Reiter fortfahren konnte.

Der Graf lt den Fhnlein des braunschweigischen Regiments zu Ro und
zu Fu vermelden, da ihr Begehren und Gebaren unehrlich und treulos
sei, deutscher Nation zu Schimpf und Schande und groem Schaden
gereiche --

Ein allgemeines Wut- und Spottgebrll unterbrach den Redner, der erst
nach langem Harren weiter rufen konnte.

Es sagt der Graf von Hohenlohe, da er befehle, Generalmarsch zu
schlagen vor jeglichem Quartier und auszurcken in die Linien gen Rees,
auf weitern Befehl! Da kommt unser gndigster Obrister, der Herr von
Rethen.

Neues Geschrei empfing den ebenfalls im vollen Rosseslauf erscheinenden
Fhrer, welcher den schriftlichen Befehl des Grafen mit sich fhrte;
aber ebenfalls vergeblich durch Bitten, Drohungen, Erinnerungen an den
Artikelbrief das Volk zur Ruhe zu bringen versuchte. Atemlos,
zornesbleich hielt er zuletzt in dem kleinen Kreise der Hauptleute und
Offiziere und der wenigen treugebliebenen Sldner. Der Junker aber
befand sich, willenlos fortgerissen, inmitten des wildesten Getmmels
der aufrhrerischen Knechte, die von Mord und Blut sprachen, und
bereits ihre Spiee senkten, ihre Feuergewehre richteten auf das
Huflein der Getreuen, welche einen Ring schlossen um die Fhrer und die
geretteten Feldzeichen, und sich rsteten, ihr Leben so teuer als
mglich zu verkaufen.

Auch das Reiterlager hatte sich in Bewegung gesetzt, von Minute
zu Minute wuchs der Tumult, und inmitten all dieser drohenden
Spiee, Schwerter und Bchsen, unter all diesen scheu gewordenen,
ausschlagenden, stampfenden Rossen und trunkenen Mnnern taucht jetzt
fr uns eine Gestalt auf, klein und zierlich gebaut, aber trutzig und
unverzagt, im Heerlager aufgewachsen, gebrunt von Wind und Wetter,
abgehrtet in mancher bsen Sturmnacht am schwchlichen Lagerfeuer, ein
klein Htlein, geziert mit einer Hherfeder, auf den krausen, wirren
Locken, ein Dolchmesser im Grtel, -- bekannt bei Fhrern, Knechten und
Reisigen; zu Ro, zu Fu, zu Wagen stets dem Heere zur Hand: =Anneke
Mey= von Stadtoldendorf, des braunschweigschen Regiments Marketenderin
und Schenkin!

Hab' ich dich auf den Fu getreten, Anneke? fragte ganz kleinmtig der
wilde Valentin Weisser, der eben das Feuergewehr gegen den Hauptmann
hatte losgehen lassen. Nimm dich in acht, da sie dich nicht
erdrcken, Engel-Anneke -- stelle dich hinter mich, du wirst gleich dein
blaues Wunder sehen.

Nehmet Ihr Euch in acht, Rosenecker, lachte das wildherzige Kind, Ihr
spielt ein hoch Spiel diese Nacht!

Der Riese warf einen trotzigen, lachenden Blick ber die hin und her
wogenden Massen. --

Hoho, sind wir nicht unsrer genug, zu gewinnen? Nicht vor Bommel!
Ju -- ho! ho! nicht vor Bommel! nicht bern Rhein! Fort mit den
Hauptleuten, fort mit dem Grafen von Hollach!

In diesem Augenblick riefen wieder Hunderte von Stimmen nach dem
Junker -- dem Christoph von Denow. Da zuckte ein seltsamer Glanz ber
das Gesicht des Mdchens. Es stellte sich zuerst auf die Zehen, dann
kletterte es mit katzengleicher Behendigkeit und Schnelligkeit auf einen
Schutthaufen, wo sich bereits mehrere Soldatenweiber mit ihren Kindern
und Habseligkeiten zusammengedrngt hatten und alle zugleich in den Lrm
hineinkreischten.

Mein Mann! mein Mann! Jesus, sie wrgen sich alle! Gottes Sohn --
Franz! Franz!

Was macht der Junker? wo ist der Junker? rief Anneke Mey, eine Hand,
welche ihr entgegengestreckt wurde, ergreifend.

Da! da! er spricht zu denen vom vierten Fhnlein -- da -- da -- Jesus,
sie werfen den Hauptmann Eberbach nieder, und mein Mann, Jesus, mein
Mann! --

Die Augen der Armen wurden starr, mit einem Sprung war sie von der Hhe
herab und strzte sich mitten in das Getmmel; ber den am Boden
liegenden Hauptmann sank unter den Hieben und Sten der Meutrer der
Doppelsldner Franz Hase von Erfurt zusammen. Vergeblich hatte sich
Christoph von Denow unter die Piken und Hellebarden geworfen, mit seinem
Schwert die Spitzen niederschlagend; im vollen Lauf strzte jetzt das
aufrhrerische Kriegsvolk auf die Treugebliebenen und die Befehlshaber,
Schsse krachten hinber und herber. Ihr Messer aus der Scheide reiend
trieb Anneke Mey in den Aufruhr hinein. Christoph von Denow sah sie
pltzlich an seiner Seite unter den Fen der Kmpfenden; -- noch ein
Augenblick, und sie war verloren, noch ein Augenblick, und er hatte sie,
fast ohne zu wissen, was er tat, zu sich emporgezogen aufs Pferd; alles
drehte sich um ihn her -- Mordio! Mordio! brllte es auf allen
Seiten -- -- Da -- -- urpltzlich -- -- blieben alle die zum Verbrechen
gezckten und geschwungenen Waffen, wie durch ein Zauberwort aufgehalten
in der Luft -- jeder Wut- und Angstschrei erstarrte auf den Lippen --
Angreifer und Angegriffene standen lautlos, bewegungslos!

Im Westen ber Rees hatte sich, begleitet von einem donnerartigen
Krachen, der dunkle Nachthimmel blutig-rot gefrbt. Alle Geschtze auf
den Wllen, alle Geschtze in den Angriffslinien brllten los; im Lager
des Reichsheeres flog ein Pulvervorrat in die Luft, dazwischen rollte,
immer strker werdend, das kleine Gewehrfeuer.

Mit einem Male hatte sich die Szene im aufrhrerischen Lager vollstndig
verndert.

Sturm! Sturm! Rees zu Sturm geschossen! ging es von Mund zu Mund.
Sturm! Sturm! Gen Rees! gen Rees!

Und als peitsche der Satan sie vorwrts, seiner Hlle zu, hatte sich
pltzlich diese ganze Masse von Kriegern, Fhrern, Weibern, Troknechten
in Bewegung gesetzt, dem flammenden Vulkan im Westen entgegen. Gier nach
Beute, unbefriedigte Gier nach Blut trieb sie von dannen. Im wildesten
Taumel, Reiter und Fuvolk und Wagen bunt durcheinander, raste sie ber
das Feld durch die Nacht. Im wildesten Taumel und Traum, das Schwert am
Faustriemen, vor sich auf dem Sattel das Mdchen aus den Weserbergen,
sa Christoph von Denow auf seinem schwarzen Ro. -- --

Sturm! Sturm! Rees zu Sturm geschossen! Vivat der Graf! Vivat der Graf
von Hollach! Vorwrts! Vorwrts!

Ein sekundenlanges Anhalten in dieser wsten Menschenflut war eine
Unmglichkeit, ein Fehltritt, ein Straucheln der sichere Tod. Schon
hrte man zwischen dem Donnern und Krachen um die Stadt den Schlachtruf
der Feinde: Spanien und die Jungfrau! Spanien und die Jungfrau! und
lauter und nher den Ruf der angegriffenen Belagerer: Das Reich! das
Reich! Vorwrts, das Reich!

Hinein in die Atmosphre von Blut und Feuer brauste die anstrzende
Menschenmasse, und die Letzten drngten bereits die Vordersten
in die angegriffenen Laufgrben, aus denen eine andere Flut ihnen
entgegen wogte. Das waren die Hessischen, die schlecht bewaffneten,
halbverhungerten, im Regen und Rheinwasser fast ertrnkten
Schanzgrber, welche dem wilden Anprall der Spanier nicht hatten
widerstehen knnen.

Spanien! Spanien! Spanien und die Jungfrau! rief Francisco Orticio,
sich ber einen Schanzkorb in die Hhe schwingend.

Spanien! Spanien und die Jungfrau! wiederholten seine Krieger ihm
nachdringend.

Rette, Hessen! Rette! schrien die flchtigen Sldner des Landgrafen im
panischen Schrecken.

Braunschweig! Braunschweig! brllte es von den Hhen der Bschungen.

Up dei Dvels! schrie Heinrich Weber aus Schppenstedt, eine Fackel in
der Hand mitten unter die Hessen springend. Der flammende Brand flog im
weiten Bogen gegen die Spanier -- ein zweiter Satz -- die zu Grund, der
Bergstadt im Harz, gehmmerte Hellebarde schmetterte nieder auf eine zu
Cordova geschmiedete Sturmhaube: Diego Lua aus Toboso strzte mit einem
_Valga me Dios!_ tot zurck.

Braunschweig! Braunschweig! brauste es dem Schppenstedter nach, und
Braunschweig! Braunschweig! jubelten auch die Hessen, welche mit neuem
Mut sich wandten gegen ihre Verfolger.

Braunschweig! Braunschweig! rief Christoph von Denow, dem es gelungen
war, sich von seinem Pferde zu werfen, welches sich auf der Bschung
hoch bumte, im nchsten Augenblick aber, von einer Kugel getroffen,
zusammenbrach. Anneke Mey stand unbeschdigt auf den Fen, doch auch
sie wurde mit hinabgerissen in die Grben, wo sie jedoch samt Hans
Niekirche hinter einem Haufen umgestrzter Schanzkrbe den verlorenen
Atem wieder gewinnen konnte.

Und jetzt Angriff und wtende Verteidigung, Flche in sechs Sprachen,
Todesrufe; -- auf engstem Raum Vernichtung jeder Art! -- Alle Hauptleute
der Braunschweiger: Adebar, Maxen, Wulffen, Wobersnau, Ruwurmb, Dux,
Statz, und wie sie hieen, hatten ihre Stellen als Befehlshaber wieder
eingenommen und drngten tapfer kmpfend die Spanier zurck. Tapfer
stritten aber auch die Spanier. Sechs Geschtze hatten sie in den
hessischen Schanzen genommen und in den Rheingraben versenkt, Schritt
fr Schritt wichen sie zu den flammenden Mauern und Wllen der Stadt
ber die Leichen ihrer Landsleute und ihrer Feinde. Der Graf von
Hohenlohe in vollster Rstung mit seinen Herren fhrte stets neue
Truppen an; Haufen auf Haufen lie Don Ramiro de Gusman hervorbrechen.

Dicht an den Spaniern kmpfte Christoph von Denow, das Blut rieselte aus
einer Stirnwunde, -- er merkte es nicht. Anneke Mey hatte sich mutig auf
ihren Schanzkorb geschwungen und den widerstrebenden Niekirche
nachgezogen. Sie hielt ihr Messer noch immer gezckt in der Rechten, mit
der Linken hielt sie den schlotternden Trommelschlger am Kragen.

So schlage den Sturmmarsch, Junge! rief sie lachend. Willst' nicht?
Wart, gleich fliegst du herunter, da sie dich drunten zu Brei
vertreten, Feigling!

Ja! ja! ich will! jammerte Hans. Ach wr' ich doch daheim! Ach wr'
ich doch zu Haus! Mein Mutter! mein Mutter!

Na, na, schlage nur immer zu, du kommst noch davon! sagte Anneke
begtigend und lie den Kragen des Armen los. Dein' Mutter wartet schon
a bissel! Schau, wie lustig das aussieht -- da, guck, sie geben's den
welschen Bluthunden! Wr' ich 'n Knab, wie du -- hei, ich wollt's ihnen
auch schon zeigen! Und mit heller Stimme fing das Mdchen an zu
singen:

    Mein Vater wollt' ein Knbelein,
    Mein Mutter wollt' ein Mgdelein,
    Mein' Mutter tt gewinnen,
    Des mu den Flachs ich spinnen -- Ja spinnen!
    Das ist mir groes Leid!

Immer mutiger schlug Hans Niekirche, durch seine Gefhrtin aufgemuntert,
seine Wirbel, und unter beiden Kindern vorbei drngten ununterbrochen
die Scharen des Reichs vor und zurck, wie der Kampf vor- und
zurckwich; bis die Spanier in die Stadt gedrngt waren, und das Zeichen
zum Sammeln von allen Seiten den Deutschen gegeben wurde. Don Ramiro
hatte die Rheinschleusen, welche er in seiner Gewalt hatte, ffnen
lassen.

Sieh das Wasser! das Wasser! rief Hans Niekirche in neuer Angst. La
uns fort, Anneke, sie wollen uns ersufen, wie die jungen Katzen.

Ein allgemeiner Schrei erhob sich unter dem Getmmel in den Laufgrben;
schon standen manche Haufen bis an den Grtel in der reiend schnell
steigenden Flut.

Halt, halt! rief Anneke Mey. Er ist noch nicht zurck; aber -- geh
nur -- geh -- ich bleib'!

Und ich bleib' auch! schrie Hans der Trommler.

Zurck! zurck! tnte es aus den rckwrts weichenden Scharen des
Reichsheeres: Das Wasser! Der Rhein! Das Wasser! Und immerfort
donnerte das Geschtz der Spanier von den Wllen, immerfort schlugen die
Kugeln verheerend in das wirre, verzweiflungsvolle Durcheinander.

Es war eine bse Belagerung -- die Belagerung der Stadt Rees am Rhein:
es war kein Glck, es war keine Ehre dabei zu holen.

Der Junker! der Junker! Christoph! Christoph von Denow! schrie die
junge Dirne auf ihrer Hhe, die Hnde ringend, und das Wasser stieg und
stieg. Schon waren die letzten der Haufen unter ihr vorber, und die
Toten, von den Fluten gehoben, wirbelten um sie her. Da griff eine Hand
aus den Wassern nach dem Schanzkorbe, auf welchem sie stand, und ein
bleiches Haupt erhob sich zu ihren Fen: Rette! Rette!

Christoph! Christoph! schrie das Mdchen, sie lag auf den Knien, sie
fate die triefenden Locken, sie fate den Schwertriemen -- der Junker
von Denow war gerettet. Valentin Weisser, der Riese, dessen Blutdurst
und Mut durch den Kampf und den Rhein bedeutend gekhlt war, brachte
mit Hilfe gutwilliger Genossen den wunden Junker, die Dirne und Hans,
den Trommelschlger, glcklich auf das Trockene und weit hinein ins
Feld, wo die gelichteten, zerrissenen, wunden Krieger des Reichsheeres
um die Wachtfeuer murrend und grollend in stumpfsinniger Ermattung lagen
und die Fhrer bereits wieder unheimliche und drohende Worte zu hren
bekamen.




                    II.


Trbe dmmerte der Morgen. Auf die wste Nacht folgte ein ebenso wster
Tag. Vergeblich hatte Herr Otto Heinrich von Beylandt, Herr zu Rethen
und Brembt, Leib und Leben und Seligkeit den Meuterern zum Pfande
eingesetzt, da sie nicht von des Reichs Boden weggefhrt werden
sollten; vergeblich hatte der Graf von Hohenlohe geflucht, gebeten und
gedroht. Zwischen sieben und acht Uhr waren zehn Fhnlein des
braunschweigischen Regiments aufgebrochen und aus dem Feld gezogen,
Mnster zu. Weiber, Kinder, Dirnen folgten jetzt dem plndernden,
ehrvergessenen, eidbrchigen Haufen durch den grauen Nebelregen. Keiner
befahl, keiner gehorchte. Die einen meinten, es gehe gradaus zum Herzog
von Braunschweig, ihrem Zahlherrn, nach Wolfenbttel; andere glaubten,
es gehe gegen den Bischof von Mnster; die meisten aber dachten gar
nichts, und so schwankte der tolle Zug, einem Betrunkenen gleich, hier
vom Wege ab, dort vom Wege ab, jetzt auf ein Dorf zu, jetzt auf ein
einsames Gehft. Kleinere Banden schweiften zur Seite, oder vor und
nach -- fort und fort ber die Heide; hier im Kampfe mit einer
ergrimmten Bauernschar, dort im Hader untereinander. Der Nebel ward
Regen und hing sich in perlenden Tropfen an die letzten Blten des
Heidekrauts und trufelte von den Stacheln und Zweigen der Dornbsche.
Krhenscharen begleiteten den Zug lautkrchzend, oder flatterten in
dichten Haufen westwrts dem Rhein zu, wo von Rees her das Feuer der
Berennung nur noch in einzelnen Schlgen dumpf grollte. Strker und
strker ward der Regen, die blutigen Spuren der vergangenen Nacht, der
Schlamm der Laufgrben mischten sich auf den pulvergeschwrzten
Gesichtern, den zerrissenen, verbrannten Kleidern, den verrosteten
Waffenstcken -- die Mnner fluchten und sangen, die Weiber chzten, die
Kinder schrien, und Anneke Mey auf ihrem Wagen, mit einem Bierfa
beladen, hielt trstend das Haupt des wunden Christoph von Denow in
ihrem Scho und sprach ihm zu und verhllte ihn, wie eine Mutter ihr
Kind, mit einem groben Soldatenmantel; whrend Hans Niekirche
zhneklappernd das magere Ro leitete, welches vor dem Karren ging. --
Lange Zeit hatte der Junker wie besinnungslos gelegen, jetzt hob er den
Kopf mhsam empor und strich die Haare aus der Stirn und warf einen
Blick auf seine Umgebung.

O Anneke, weshalb hast mich nicht gelassen in dem Wasser -- oh! oh!

Still, still, lieget ruhig, Herr! Die ganze Welt ist auseinander --

Weshalb hast mich nicht gelassen im Lager -- im Heer vor Rees?

Es ist aus, aus! Alles aus, sagen sie. Alles luft auseinander --

Und wohin gehen wir?

Wei nicht! wei nicht!

Bin also so weit! Ein Spiegesell von Rubern und Mrdern und
landesflchtigem Gesindel! Krchzt nur, ihr schwarzen Galgenvgel, ihr
habt einen feinen Geruch, wittert den Fra, wann er noch lustig auf den
Beinen herumstolpert und den Bauerngnsen die Hlse abhaut und die
Rinder aus dem Stall zieht. O Christoph! Christoph! Und du knntest
einen adeligen Schild fhren!

Der junge Gesell stie solch einen herzbrechenden Seufzer aus, da ein
neben dem Karren reitender Sldner aufmerksam wurde. Er drngte sein
Pferd nher heran, zog seine Feldflasche hervor und reichte sie dem
Wunden zu.

Hoho, Junker, was spinnst fr Hanf? Da wrme dir das Herz, bis wir uns
den Mnsterschen Dompfaffen in die warmen Nester legen! Aufgeschaut,
aufgeschaut, Christoffel! 's ist beschlossen, Ihr sollt unser Obrister
werden!

Der Junker machte eine unwillige Handbewegung und antwortete nicht.

Auch gut, brummte der Reiter. Der Satan hol' alle diese Maulhnger!
Mcht' nur wissen, was die Gesellen fr einen Narren an ihm gefressen
haben. Hat den Vorspruch gemacht gestern beim Grafen nach ihrem Willen
und soll den Fhrer spielen, und kann den Kopf nicht grad halten -- Bah!
Htten hundert Bessere gefunden; kann mit seinem Adel weder den Mantel
noch die Ehre flicken. Fort, Mhre, was scheust? Dacht ich's doch, da
liegt wieder einer der trunkenen Schelme im Wege. Vorwrts, Schecke, la
liegen, was nicht mehr laufen mag. Was will die Trompete? Holla, was ist
das?

Ja, was wollte die Trompete? Auf der rechten Seite des Weges der
Meuterer waren zwar von Zeit zu Zeit vereinzelte Schsse gefallen,
niemand hatte sie aber beachtet, weil man sie nur den obenerwhnten
Scharmtzeln mit den Bauern und Hahnenfedern zuschrieb. Jetzt aber wurde
das Feuer regelmiger, Reitertrompeten erschallten. Der Zug stutzte und
hielt. Gestalten, schattenhaft, tummelten sich in dem dichten Nebel, und
erschreckte Stimmen erklangen: Die Spanier! Die Spanier!

Zum Henker die Spanier; wie kommen die Spanier soweit ber den Rhein?
brummte der Reiter, welcher eben dem Junker die Feldflasche geboten
hatte. Er lockerte aber nichtsdestoweniger das Schwert in der Scheide
und wickelte den rechten Arm aus dem Mantel los.

Der Feind! der Feind! die Speerreiter! riefen die im Lauf
rckkehrenden Plnderer, zu den Genossen stoend, und einige brachten
eine frische Wunde mit zurck. Nher und nher hrte man die Trompeten
und den Schlachtruf _Espaa! Espaa!_ und dann Hohenlohe! Hohenlohe!

Keiner von den Meutmachern machte Miene, an dem Gefechte teilzunehmen;
aber die Musketen waren auf die Gabeln gelegt, die Lunten aufgeschroben,
die Spiee gesenkt, und man hatte instinktmig einen Kreis um die Wagen
mit den Weibern und Kindern und den Raub geschlossen.

Jetzt schienen die Spanier wieder zurckgedrngt zu werden; der Lrm des
Kampfes verlor sich in der Ferne. Der Zug der Aufrhrer wollte sich
bereits wieder in Bewegung setzen.

Halt, halt! rief einer der Fuknechte, da kommen sie wieder!
Rossestrab! Er kniete nieder und legte das Ohr an den Boden. Viel
Pferde im Galopp! Man konnte kaum zehn Schritte weit im Nebel und Regen
deutlich sehen; es waren wieder nur unbestimmte Schatten, die man nahen
sah.

Ein Halt wurde ihnen zugerufen, und sie hielten, und eine einzelne
Gestalt lste sich von dem Haufen ab. Aus dem Ring der aufrhrerischen
Sldner des Reichs traten ihr einige entgegen.

Wer seid Ihr? Woher des Weges? Was fr Begehr?

Der Nahende ritt, ohne zu antworten, nher heran.

Haltet, oder wir schieen!

Nur zu, eidbrchig Gesindel; versucht, ob ihr einen ehrlichen
Reitersmann trefft!

Wilde Flche und der Ruf Feuer, Feuer! ertnten, und manche Bchse
wurde in Anschlag gebracht; aber dazwischen riefen auch Stimmen: Halt,
halt, das sind keine Spanier, keine Speerreiter!

Nein, das sind keine Spanier, rief der Reisige zurck. Das sind auch
keine Meuterer, Mrder oder Diebshalunken; -- ehrliche Hohenlohesche
Reiter sind's, die euch Lumpengesindel wahren sollen, da ihr nicht dem
Galgen entlauft! Glaubt's, der Graf htte meinetwegen andere dazu
schicken mgen, als uns -- nehmt das Ab -- Henkermahl drauf!

Der Graf von Hollach hat Euch geschickt? fragte es verwundert aus dem
Haufen, und mancher der wilden Kerle drngte sich vor, nher an den
Reitersmann.

Zurck! rief dieser, wir gehen mit euch, wie befohlen, jagen die
Speerreiter, die euch die Gurgel abschneiden knnten, -- man sparte nur
die Stricke -- und schtzen das arme Landvolk vor euch Hunden. Damit
holla! -- na, wohin geht der Marsch?

Packt Euch zum Teufel, wir brauchen Euch nicht! schrie Jobst Bengel
aus Heiligenstadt. Wer hat Euch gerufen? Sagt dem Grafen, dem
Hollnder, unsern schnsten Dank und wir knnten unsern Weg allein
finden.

Geht nicht! Alles auf Befehl! Kmmert euch so wenig als mglich um uns;
ihr handelt nach Belieben, wir nach Befehl!

Aber unser Belieben ist, da ihr euch hinschert, woher ihr gekommen
seid! brllte Hans Rmer aus Erfurt. Geht, oder es setzt mein' Seel
blutige Kpfe!

Unser Befehl ist, da wir gehen, wohin euch der Satan treibt. Am
Hllentor kehren wir um, das ist der Befehl. Genug der Worte.

Damit wandte der Hohenlohesche Rittmeister sein Ro und sprengte zurck
zu seinen Reitern, welche unbeweglich auf einer kleinen Erderhhung
hielten und im Gegensatz zu dem tobschtigen, wsten Gebaren der
Meuterer nur leise Worte des Zorns und der Verachtung hatten.

Auf seinem Schmerzenslager hatte Christoph von Denow halbblinden Auges
und klingenden Ohres den Vorgang angesehen und angehrt. Jetzt mute er
auch ohnmchtiger Zeuge der wilden Reden um ihn her sein.

Das ist solch ein falsch Spiel von dem Grafen -- das ist eine Falle.
Sollen uns schtzen vor den Speerreitern! -- Lauter Sorg und Lieb, bis
sie uns den Hals zuschnren! -- Nichts von dem Grafen von Hollach! Fort
mit den Reitern des Hollnders! Feuer auf sie! In die Spiee! in die
Spiee mit ihnen!

Die Rasenden! die Niedertrchtigen! sthnte Christoph von Denow, die
Hnde ringend. Und hier liegen zu mssen gleich einem abgestochenen
Schaflamme! Halt, halt, was wollen sie tun?!

Seine schwache Stimme ging verloren in dem Lrm fort mit Hollndern,
fort mit dem Grafen von Hollach!

Mit einem Schlage setzte die ganze Masse der Meuterer im Sturmlauf an
gegen das kleine Huflein der Reiter.

Hab's mir wohl gedacht, brummte der Rittmeister in den grauen Bart.
Achtung, Gesellen! Stand gehalten -- das ist der Befehl. Herunter mit
den Schuften, wenn sie euch nahe kommen.

Sie griffen wirklich an. Im nchsten Augenblick war die Reiterschar
umringt, durchbrochen. Die meisten sanken nach tapfrer Gegenwehr vom
Pferd; nur wenige schlugen sich durch und flohen ber die Heide.
Zuletzt kmpfte noch ein einzelner. Das war der tapfere alte Fhrer, der
sich wie ein Verzweifelter wehrte. Endlich erstach ihm Balthasar
Eschholz aus Berlin das Ro, und eine Kugel durchfuhr seine treue Brust.

Einige Minuten standen die Mrder wie erstarrt. Schlug ihnen diesmal das
Herz? Sie wagten es nicht, die Gefallenen zu berauben, ein pltzlicher
Schrecken kam ber sie, wie von Gott dem Richter gesandt, und Mann und
Ro und Wagen strzten von dannen, hinein in den Nebel, der sie
verschlang, als seien sie nicht wert, von Himmel und Erde gesehen zu
werden.

Das ist ein schlechter -- schlechter Tod! seufzte der zu Boden
liegende Reiterhauptmann. Ein schlechter Tod! -- In deine Hnde -- aber
alles der Befehl -- nun kann der Rat von Nrnberg mein Weib und meine
Jungen auffttern -- ein schlechter Tod -- Amen! Alles -- der --
Befehl!

Er griff noch einmal mit beiden Hnden krampfhaft in das Heidekraut --
es war vorber.

Ein Wglein und drei Menschenkinder waren zurckgeblieben beim
Fortstrzen der Mrderschar. Das waren Anneke Mey aus Stadtoldendorf,
welche das Haupt des Erschlagenen sttzte, das war Christoph von Denow,
der auf seinem Lager das Vaterunser weiter betete, welches der
Rittmeister nicht hatte zu Ende bringen knnen. Das war Hans Niekirche,
der Trommelschlger, welcher schluchzend das Rlein vor dem Wagen
hielt!........




                    III.


Nicht Leben, nicht Tod; nicht Vergessenheit, nicht Sinnesklarheit; nicht
Schlaf, nicht Wachen; -- alles ein wildes, wirres Chaos in dem
fieberkranken Kopfe Christoph von Denows! Jetzt legte es sich ihm, einem
feurigen Schleier gleich, vor die Augen, tausend Sturmglocken und der
Verzweiflungsschrei einer eroberten Stadt fllten ihm Ohr und Hirn; --
jetzt versank er wieder in ein endloses graues Nichts, in welchem ihn
allerlei unerkennbare Schatten umschwebten; -- jetzt vermochte er es
wieder, sich und seine Umgebung zu unterscheiden, ohne sich klar darber
werden zu knnen, wer ihn von dannen fhre und wohin man ihn fhre.
Manchmal war der Himmel ber ihm grau und ihn fror, dann wieder schaute
er empor in das reine Blau, und die Sonne schien herab auf ihn. Manchmal
glaubte er sich in einem auf dem Wasser fahrenden Schifflein zu
befinden, manchmal sah er wieder grne Zweige ber sich und hrte die
Vgel singen. Er gab es auf, zu denken, sich zu erinnern: willenlos
berlie er sich seinem Geschick. Es zog und zuckte durch seinen
Geist! -- Da ist der weite, khle Saal in der vterlichen Burg, dem
einstmals am weitesten in das Polen- und Tartarenland vorgeschobenen
Posten des deutschen Wesens. Durch die bunten Scheiben der spitzen
Fenster fllt das Licht der Sonne und wirft die farbigen, flimmernden
Schattenbilder der gemalten Wappen und Heiligen auf den Estrich. Da
steht der Sessel des Ritters von Denow neben dem groen Kamine, und der
Sessel und der Gebetschemel der Mutter in der Fenstervertiefung, da
glitzern im Winkel auf dem knstlich geschnitzten Schenktisch die
riesigen, wie Silber glnzenden Zinnkrge und Geschirre. Da blickt ernst
von der Wand der Ahnherr mit dem Ringpanzer auf der Brust, und manch
wunderlich Gewaffen aus den Polen- und Preuenschlachten hngt an dem
Mittelpfeiler, welcher den Saal sttzt....

Feuer! Feuer! Das ist nicht der Widerschein der Abendsonne an den
Wnden. Feuer! Feuer! und das Wimmern der Burgglocken und der Schall der
Sturmhrner! -- Wo blieb das se, mildlchelnde Bild der Mutter, das
eben noch durch den stillen dmmerigen Saal glitt? Feuer und Sturm! Die
Polen! die Polen! Allverloren! Allgewonnen! Allgewonnen!

Da taucht ein ehrliches brtiges Gesicht auf -- das ist der Knecht
Erdwin Wstemann, welcher den kleinen Christoph aus der brennenden
vterlichen Burg auf den Schultern trug und rettete.... Nun rauscht der
Wald, nun murmelt der Bach -- das ist die verlorene Forsthtte, wo der
treue Knecht und das Kind hausten so lange Jahre hindurch. Die Hunde
zerren bellend an der Kette, der Falk schaukelt sich auf seiner Stange.
Wilde Gesellen und Weiber -- fahrende Soldaten, Snger und Studenten und
demtige Juden verlangen Obdach vor dem nahen Gewitter oder dem
Schneesturm. Sie lagern auf nackter Erde um das Feuer, an welchem die
Hirschkeule bratet. Der Weinkrug geht im Kreise umher; Lieder
erschallen! Lieder vom freien Landsknechtsleben, lutherische Lieder,
Spottlieder gegen den Papst und den Trken und lateinische Lieder
vom wandernden Scholarentum. Jetzt gert der rote Heinz mit dem
landflchtigen Leibeigenen oder dem Zigeuner in Streit; die Messer
blitzen, der Knecht Erdwin wirft sich zwischen die Kmpfenden -- es
rauscht der Wald, es murmelt der Bach, es klingt die Harfe des blinden
Sngers -- ah Wasser, Wasser und Waldfrische in dieser Glut, welche das
Gehirn verdorrt und die Knochen versengt!

Einen Augenblick lang ffnete der Kranke die Augen, er hrte Stimmen um
sich her; jemand hielt ihm einen Krug voll frischen Wassers an die
heien Lippen. Er hatte nicht fragen knnen, wo er sei, wer ihm helfe in
seiner Not? -- von neuem ergriff ihn der Fiebertraum.

Aus dem Kinde ist im lustigen Wildschtzenleben ein wackerer Bub
geworden. Hinaus aus dem grnen Wald zieht der Knecht Erdwin mit dem
Schtzling. Die Zeiten sind danach -- wer khn die Wrfel wirft, kann
wohl den Venuswurf werfen. Mancher gelangte in der Fremde zu hohen Ehren
und Wrden, der im Vaterlande kaum den heilen Rock trug. Gern kaufen
Franzosen, Spanier, Hollnder mit rotem Golde rotes deutsches Blut.
Ho, so hattest du dir die Welt drauen vor dem Wald wohl nicht gedacht,
Christoph von Denow? Hei, das waren andere Gestalten und Bilder:
Stdte, Klster und Burgen; Frsten mit Rittern und Rossen, schne
Damen, bte und Bischfe mit reichem Gefolge, Brgeraufzge, bunte
Landsknechtsrotten auf dem Wege nach Italien, nach Frankreich -- fr den
Kaiser und wider den Kaiser!

Aus dem Reitersbuben ist ein Reitersmann geworden, welcher nichts sein
nennt, als sein gutes Schwert, und welchem von den Vtern her nichts
geblieben ist, als der eiserne Siegelring mit dem Wappen derer von
Denow, welchen er am Finger trgt.

Immer weiter hinein in das bunte Leben, in den bunten Traum -- tagelang,
wochenlang im Wundfieber kmpfend zwischen Sein und Vernichtung, bis
endlich eine Glocke dumpf und feierlich erklingt, eine Glocke, die nicht
mehr allein in dem Gehirn des Kranken lutet!

Wo bin ich?... Die Glocke, was will die Glocke? murmelte Christoph
von Denow, die Augen aufschlagend.

Anneke Mey stie einen Freudenschrei aus und hob das Haupt des Junkers
ein wenig aus ihrem Schoe: Er lebt, o guter Gott, er wird leben!

Die Glocke! die Glocke?

Still, lieget still, Herr! das ist Sankt Lambert zu Mnster, und da --
horcht! das ist der Dom! Morgen ist der heilige Matthiastag -- still,
still, lieget ruhig.

Es wurde dunkel ber dem Junker; das Wglein fuhr in diesem Augenblick
durch die Torwlbung. Der Junker schlo die Augen wieder, er glaubte
einen Wortwechsel zu hren, er glaubte zu bemerken, da der Wagen hielt,
Annekes Stimme erklang ngstlich und bittend dazwischen. Er glaubte ein
brtiges Gesicht ber sich zu sehen und einen Ausruf des Schreckens zu
hren. Der Wagen bewegte sich wieder -- er fuhr aus dem dunklen Tor in
das Licht der Strae hinein. -- --

Das war das Gesicht des alten Knechts Erdwin, welches der Junker von
Denow ber sich sah, bis im folgenden Moment alles verschwand und es
wieder Nacht war im Geiste Christophs. -- Allmhlich aber wurde diese
Nacht jetzt Dmmerung; die Gedanken ordneten sich mehr und mehr.
Christoph von Denow erwachte wieder zum Leben.

Er fhlte den wohltuenden Strahl der milden Herbstsonne, er vernahm die
Worte der Freunde um sich her. Jetzt erzhlte Erdwin, der Knecht, jetzt
sprach Anneke Mey, jetzt lachte Hans der Trommelschlger. Die Landschaft
glitt an ihm vorber, Stdte, Drfer, Flecken, er sah blaue Hhenzge im
Osten auftauchen und vernahm, wie ein Wanderer dem Knechte Erdwin sagte,
das sei der altberhmte groe Teutoburger Wald. Er schlummerte abermals
ein, und als er abermals erwachte, fand er sich mitten in den Bergen,
und ein Wasser rauschte seitwrts in das Dickicht. Das Wsserlein kenn'
ich, rief Anneke, das ist die Else, die fliet in die Werre, und die
Werre fliet in die Weser, nun sind wir der Heimat nahe.

Und wie ziehen wir nun, Anneke? fragte der getreue Knecht Erdwin,
welcher munter neben dem Wagen, den Spie auf der Schulter, herschritt.

Wo die Sonne aufgeht, fahren wir zu; aus dem Teutoburger Wald in den
Lippeschen Wald, zuletzt wird doch mal ein Berg kommen, von dem wir die
Weser glitzern sehen knnen. Dann sind wir zu Hause!

Anneke, Anneke! murmelte Christoph.

O, wachet Ihr wieder, Junkerlein? geduldet Euch und lieget still, wir
sind alle noch da, und der Meister Erdwin ist auch da und hat mir alles
von Euch erzhlt und ich ihm auch alles von Euch.

O Junker, Junker, seid Ihr wach? rief der Knecht Erdwin und schauete
ber den Rand des Wagens. Das Mtterlein im Himmel mu ber uns wachen,
da ich Euch grad am Tor zu Mnster treffen mut'. Von der Reichsschanze
bis nach Mnster bin ich kreuz und quer Euern Spuren nachgezogen. Habt
mich schn in Angst und Not gebracht! Haltet das Maul, Junkerlein. Dem
Herzmdel da dankt Ihr Euer jung Leben. Lasset Euch trnken und atzen
und schlaft wieder ein, wir halten Euch oben, Hans und Anneke und ich!

Christoph drckte schwach die Hand des wackern Alten, er wollte nach dem
Heere fragen, nach den Meuterern, aber er verga es. Sein wunder Kopf
ruhte noch immer an der Brust der jungen Dirne. Aus schwimmenden Augen
blickte er auf zu dem braunen, wildfreundlichen Gesicht ber ihm.

Ach, Anneke Mey, Anneke Mey, wohin willst du mich fhren?

In meiner Heime ist es gar schn, sagte das Mdchen. Da sind die
Berge und die Wiesen so grn, da schaut die alte Burg, sie heien sie
die Homburg herab auf das Stdtel. Da sind die hohen weien Felsen ganz
wei, wei -- da wohnen die klugen Zwerge in tiefen runden Lchern. Das
ist wahr, ganz gewi wahr! Es ist auch schaurig da, manchmal rhrt sich
der Boden, und der Wald sinkt ein in die Erde, tief, tief, -- und ein
Wsserlein springt dann unten in dem Grund auf; das Wasser trinken die
Leut nicht gern. Aber mitten in den Bergen, da ist ein khler Bronn, der
Wellborn geheien, aus dem kommt das Wasser durch Rhren in die Stadt,
und die Brunnen rauschen und pltschern immer zu. Und vor dem Burgtor
ist ein klein Haus dicht an der Stadtmauer, da sitzt meine alte Muhme,
die Alheit -- mein Vater und Mutter sind lang tot im Lager von Lafere,
wo wir mit dem franzsischen Knig Heinrich waren -- und ihre Katz sitzt
neben ihr, und wenn sie, ich mein' die Muhme -- an mich gedenkt, so
brummt und keift und bet't sie ein Vaterunser, grade weil sie mich gern
hat. Schlfst noch nicht, Junkerlein? Mach die Augen zu und kmmre dich
nicht um die Welt.

Mit leiser Stimme fing das Mdchen an zu singen:

    Musikanten zum Spielen,
    Schne Mdchen zum Lieben:
    So lasset uns fahren,
    Mit Ro und mit Wagen,
    In unser Quartier!
    In unser Quartier!

Ach, der Wagen stt zu hart; wisset Ihr was, Meister Erdwin? singet
Ihr weiter.

Wollen's versuchen! sagte der Knecht Wstemann und begann im Ton der
Schlacht von Pavia das Lied von der Schlacht vor Bremen, in welche er
als junger Bursch mit den Reitern des Grafen von Oldenburg gezogen war,
und frisch schallte sein Ba in den Wald hinein.

    -- Unser Feldherr das vernahm,
    Graf Albrecht von Mansfelde,
    Sprach zu seinem Kriegsvolk lobesam:
    Ihr lieben Auserwhlten,
    Nun seid ganz frisch und wohlgemut,
    Ritterlich wolln wir fechten;
    Gewinnen wolln wir Ehr und Gut,
    Gott wird helfen dem Rechten.

Als der Endvers kam, war Christoph wirklich eingesungen zu sanftem
Schlummer, und Hans Niekirche behielt den braunschweigschen Gassenhauer,
den er eben zum besten geben wollte, auf das Ersuchen des alten Erdwins
fr sich. Mit einbrechender Nacht wurde bei einem Khler mitten im Forst
das Nachtquartier aufgeschlagen.

Was ist denn da drauen vorgegangen in der Welt? fragte der schwarze
Waldmann. Ihr seid die Ersten nicht, die hier durchkommen sind und hier
angehalten haben. Das ist ja auf einmal, als ob alles Kriegsvolk im
deutschen Land sich hier auf den Wald niedergeschlagen htt', wie ein
Immenschwarm auf den Schlehenbusch. Ist es wahr, da das Reichsheer
auseinandergelaufen ist?

Es ist wahr, sagte der Knecht Erdwin dster. Es ist aus, -- alles
vorbei!

Vorgestern zog hier ein Trupp durch, fast zehn Fhnlein stark, aber
anzusehen wie ein wst Raubgesindel, Fuvolk und Reiter durcheinander.
Wollten gen die Weser und lieen sich vernehmen, sie wollten ihrem
Zahlherrn, dem Braunschweiger Herzog --

Die Braunschweiger?! riefen Erdwin und Anneke und Hans Niekirche. Die
Braunschweiger?! murmelte Christoph von Denow und richtete sich halb
auf seinem Lager auf.

Gehret Ihr zu ihnen? fragte der Khler mitrauisch. Nehmt Euch in
acht; ich hab' einen gesprochen, der sagte, der Braunschweiger habe
seine Leibguardia und Reiter die Menge abgesandt, ihnen den Weg zu
verlegen. Sein Feldhauptmann, der Graf von Hohenlohe, ist auch, von
Mitternacht her, gegen sie aufgebrochen. Das kann ein bel Ende nehmen!

Gegen die Weser sind sie gezogen?

Wie ich Euch sagte, Maidlein.

Herr Gott, so mssen wir ab vom Weg!

Ihr gehrt also nicht zu ihnen?

Nein! nein! nein! riefen Christoph und Erdwin und Anneke.

Und Ihr wollt auch ber die Weser?

In meine Heimat! rief Anneke.

Mit dem wunden Mann? Geht nicht, wahrlich geht nicht! Weg und Steg sind
verlegt.

Alle schwiegen erschrocken und verstrt einige Minuten.

Saget doch, fuhr der Khler dann fort, weshalb wollt Ihr nicht bei
mir bleiben im Walde, bis der Kopf des Burschen dort wieder heil und
ganz ist? Hunger und Durst sollt Ihr nicht leiden. Ihr erzhlet mir
alles, was da drauen in der Welt vorgegangen ist, dafr geb' ich Euch
Futter und Obdach. Gefllt's Euch?

Ihr wolltet --?

Gewi will ich; ich will Euch sogar noch groen Dank schuldig sein
dafr!

Angenommen, Landsmann! rief der Knecht Wstemann freudig. Junker, nun
streckt Euch lang auf Euerm Lager, und wehe dem ersten Rehbock, der mir
vor die Armbrust gert, welche ich dort an der Wand sehe.

So kamen am Tage Cornelii des Hauptmanns die vier Flchtlinge des
Reichsheeres zum ersten Mal zu Ruhe.




                    IV.


Dominus Basilius Sadler, der heiligen Schrift Doktor und frstlicher
Hofprediger zu Wolfenbttel, hatte seine Predigt beendet und das
Vaterunser gebetet. Unter den letzten Klngen der Orgel strmte die
Menge aus der Marienkapelle in den dunkeln nebligen Herbsttag hinaus.
Man schrieb den vierten November 1599.

Was hatte das andchtige Volk? Statt ruhig und gemessen wie
gewhnlich am heiligen Sonntag ihren Wohnungen und dem Sonntagsbraten
zuzuschreiten, blieben die Mnner in Gruppen auf dem Kirchplatz stehen
und steckten die Kpfe zusammen; selbst die Weiber waren von derselben
Aufregung ergriffen. Kaum war nmlich der letzte Orgelton verhallt, so
durchzitterte von der Dammfestung her ein anhaltender Trommelwirbel die
stille Luft und schwieg dann einige Augenblicke. Darauf nherten sich
die kriegerischen Klnge im Marschtakt, und manche der Brger eilten
ihnen, ihre Knaben an der Hand, entgegen; der grte Teil der Menge
blieb jedoch zurck und erwartete die Dinge, welche da kommen sollten.
Nun geht es an! Das ist der Beginn! hie es unter dem Volk.

Das ist der Gerichtswebel, Martin Braun von Kolberg, sagte ein
Goldschmied, der von allem genau Bescheid wute. Der verkndet nun das
kaiserliche Malefizrecht an allen vier Orten der Welt.

Sie kommen! sie kommen! hie es unter der Menge, und eine Gasse
bildete sich jetzt, um die Nahenden durchzulassen. Von der Dammbrcke
her durchzog mit seinen drei Trommlern der Gerichtswebel, begleitet von
einigen Hellebardierern, feierlich und langsam die Heinrichsstadt gegen
das Kaisertor hin.

Wir lassen ihn ziehen und lassen das Volk seine Betrachtungen anstellen
und schreiten quer ber den Platz vor der Marienkapelle, durch die
Lwenstrae, ber die Dammbrcke an dem Schlo vorber nach dem
Mhlentorturm, dessen Eingnge von einer strkern Wache als gewhnlich
umgeben sind. Wir fhren den Leser in das obere Stockwerk des Gebudes.
Ein weites Gewlbe tut sich uns hier auf, so dunkel, da das Auge sich
erst an die Finsternis gewhnen mu, ehe es irgend etwas in dem Raum
erkennen kann. Ist das geschehen, so bemerken wir, da das trbe,
herbstliche Tageslicht, durch viele, aber enge und stark vergitterte
Fenster fllt. Die Wnde entlang ist Stroh aufgeschichtet, auf welchem
dunkle Gestalten in den mannigfaltigsten Stellungen und Lagen sich
dehnen. Von dunkeln Gestalten sind auch einige hie und da aufgestellte
Tische umgeben. Ein Kohlenfeuer glimmt in dem Kamin unter dem gewaltigen
Rauchfang. Allmhlich erkennen wir mehr in dem dunsterfllten Raume:
bleiche, wilde Gesichter, umgeben von wirren zerzausten Haaren,
schlechtverbundene, mit blutigen Binden umwickelte Glieder. Ein leiseres
oder lauteres Klirren und Rasseln von Ketten erschreckt uns; -- wir sind
unter den -- Meuterern von Rees! Gekommen ist's, wie es kommen mute;
morgen wird der Obriste des niederschsischen Kreises, Herr Heinrich
Julius von Braunschweig, das Gericht ber sie angehen lassen. Dumpf tnt
der ferne Trommelschlag des um die Wlle der Festung ziehenden
Gerichtswebels Martin Braun in ihr Gefngnis herber. Lauschen wir ein
wenig den Worten der gefangenen wilden Gesellen!

Ta, ta, ta! Was das fr ein Wesen ist? Sollte man nicht meinen, der
Teufel sei den Kerlen in den Lrmkasten gefahren? Es gehet alles zum
Schlechteren, selbsten das Trommelschlagen, sagte eine baumlange
Gestalt, sich ber die Genossen erhebend.

Sollt' meinen, Valtin, wir htten uns um anderes zu kmmern als den
Trommelschlag, sagte unwirsch ein zweiter Sldner.

Valentin Weisser lie sich jedoch nicht von seinem Thema abbringen.
Horchet nur, ist das die alte freudige deutsche Art? Aber jetzt will
jeder ein Neues einbringen! Auch die Hispanier machen's so; da lob' ich
mir die Italiener, die haben aufgehoben, was wir nicht mehr mochten, und
ziehen mit den fnf gleichen Schlgen bis ans Ende der Welt. Topp, topp,
topp, topp, topp! das erwecket das Herz zu Freud und Tapferkeit und
hilfet zu Leibeskrften. Topp, topp, topp, topp, topp! Ht dich Bau'r,
ich komm'! -- das ist's! oder --

Hauptmann, gib uns Geld! fiel lachend ein Dritter ein.

Fg dich zu der Kann! brummte Hans Rmer von Erfurt, der Schmerbauch.

Mach dich bald davon! sang eine schrille Stimme dazwischen.

Ht dich vor dem Mann! brummte Jobst Bengel von Heiligenstadt.
Mchte nur wissen, wie lang wir noch in diesem Loch stecken sollen?
Alle blutigen Teufel, ich wollt', der Blitz schlg' gleich mitten
unter uns, und nhme uns mit herauf oder herunter, ins Paradies oder
die Hlle! 's sollt' mir gleich sein -- 's wr' wenigstens eine
Vernderung!

Das greuliche Fluchen ist auch nicht an der Zeit! sagte eine ernste
und finstere Stimme.

Hilft auch zu nichts, Meister Wstemann, grinste der Vorige wieder.
Dem Galgen entluft man nit so leichtlich -- mit Verlaub, Junker, das
war nicht auf Euch gesagt. Wir folgen dem hhnischen Blick des
Sprechenden. Neben dem Kamin, an die feuchtschwarze Wand gelehnt, steht
Christoph von Denow, gebrochen an Leib und Seele. Er schaute starr,
gradaus vor sich hin, bei den Worten Jobsts aber fuhr er auf, sank
jedoch in demselben Augenblick mit einer abwehrenden Bewegung der Hand
in seine vorige Stellung zurck. Die Entgegnung bernahm Erdwin
Wstemann, der drohend seine gefesselten Fuste nach dem schon
zurckweichenden Jobst ausstreckte: Den Schdel zerschmettere ich dir
an der Wand, wenn du den Rachen nicht hltst, du Sohn einer Hndin --
sage noch ein Wort --

Auf ihn! so ist's recht! schrien einige der Gefangenen. Halt, halt!
trennt sie! riefen andere.

Seid ruhig, Erdwin, sagte der Junker, la ihn, Alter, -- er hat
recht, der Strick des Hangmanns droht uns allen.

Euch nicht! Euch nicht! rief der alte Wstemann, die ihm
entgegengestreckte Hand seines Schtzlings fassend. O Ihr -- Ihr in
diesen Banden -- das Herz bricht mir darber -- o die Schurken, die
Schurken!

Ein Murren, welches bald in lautere Drohungen berging, folgte den
Verwnschungen des Alten, der alle ihn Umgebenden mit allen Flchen
berhufte, welche ihm auf die Zunge gerieten.

Wer wei, was geschehen wre, wenn man nicht pltzlich drauen vor der
eisenbeschlagenen Tr des Gefngnisses Schritte und eine befehlende
Stimme vernommen htte. Hellebardenschfte und Musketenkolben rasselten
nieder auf den Steinboden. Eine allgemeine Stille trat ein unter den
Gefangenen, die Schlsser der Tr kreischten und knarrten. Sie ffnete
sich, ein Gefreiter mit der Partisane auf der Schulter schritt herein
mit zwei Bchsenschtzen, deren Lunten glimmten. Ihnen folgte ein
kleines schwarzes Mnnlein, welchem zur Seite, von Kopf bis zu Fu
geharnischt, der Leutnant der Festung, Hans Sivers, sich hielt. Durch
die geffnete Tr sah man den Gang angefllt mit Bewaffneten von der
Besatzung.

Tut Eure Pflicht, Herr Notarius! sagte der Leutnant, und das kleine
schwarze Mnnlein -- Herr Friedericus Ortlepius, _notarius publicus_ und
des peinlichen Gerichts zu Wolfenbttel bestallter und beeidigter
Gerichtsschreiber, rusperte sich, nahm das Barett vom Haupt und
entfaltete ein Papier, welches er in der Rechten trug. Ein Sldner, der
eine Lampe hielt, nherte sich. Der Leutnant hob den Arm gegen die
Gefangenen, abermals rusperte sich Herr Ortlepius und las dann seine
Schrift ab wie folgt:

Da der Hochwrdige, Durchlauchtige, Hochgeborne Frst und Herr,
Herr Heinrich Julius, postulierter Bischof des Stifts Halberstadt,
Herzog zu Braunschweig und Lneburg, unser allerseits gndiger Frst
und Herr, unlngst nach Besage und Inhalt des Koblenzschen Abschieds,
als verordneter Kriegsobrister dieses niederschsischen Kreises,
zur Beschtzung des lieben Vaterlandes wider das tyrannische Einfallen
des hispanischen Kriegsvolkes, unter andern ein Regiment deutscher
Knechte von dreizehn Fhnlein hat werben lassen, solches ist _notorium_
und mnniglich bekannt. Sind dieselben auch nachher von Seiner
Frstlichen Gnaden selbst gemustert, bewehrt, und haben sie in
derselben persnlichen Gegenwart in dem Ring, altem lblichem
Kriegsgebrauch nach, auf den Artikulbrief geschworen.

Ob nun wohl I.F.G. sich gnzlich versehen und verhofft, nachdem
I.F.G. es so treulich gemeinet, auch dem gemeinen Vaterland zum Besten es
sich so sauer haben werden lassen, -- es wrde gemeldetes Regiment sich
vermge geschworenen Eides, Treu und Pflicht, wie Solches ehrlichen,
redlichen Kriegsleuten eignet und gebhret, verhalten haben, so hat sich
aber befunden, da zehn Fhnlein von solchem Regiment, ohne einige
rechtmige gegebene Ursach, wider ihre geschworene Treu und Pflicht,
I.F.G. zu sonderlichen Schimpf, der ganzen deutschen Nation zum
sonderlichen Spott und Hohn, dieser Kriegsexpedition zum Nachteil, dem
Feind aber zum Frohlocken mit fliegenden Fhnlein aus dem Felde gezogen
sind. Haben ihre verordnete Obrigkeit nicht bei sich leiden wollen, auch
in solcher Meuterei so lange kontinuiret, bis da I.F.G., zur
Erhaltung Deroselben Autoritt, ein' Ernst zu diesen Sachen haben tun
mssen, und sie durch ihren damaligen Statthalter und Generallieutenant
den Wohlgebornen und Edeln Grafen Philipp zu Hohenlohe, auf der Heide
zwischen der Ucht und Barenburg, hinter dem Moor, genannt das hessische
Darlaten, haben trennen und zum Gehorsam bringen lassen. Und obwohl
I.F.G. damals nach Kriegsgebrauch und scharfen Rechten sie zu
massakrieren und smtlich zu Schelmen zu machen, und ber sie als
Schelmen die Fhnlein abreien und schleifen zu lassen, befugt gewesen
sein, so haben doch I.F.G. zu Deroselbst eigenen Glimpf den
gelindesten Weg fr die Hand nehmen wollen und haben sich resolviret,
euch die bestrickten Knechte, welche eines Teils bei I.F.G. als die
Prinzipalisten Meutemacher angegeben sind, andernteils von ihren eigenen
Spiegesellen dafr geliefert worden sind, -- vor ein ffentlich
Malefizrecht stellen zu lassen.

So fordere ich also auf unsers allerseits gndigen Frsten und Herrn
gndigen Befehl euch: Christoph von Denow, Detlof Schrader von
Rendsburg, Erich Sdfeld von Hannover usw. usw. -- so fordere ich euch
auf morgen frh um sieben Uhr, das ist den fnften November dieses
Jahres Eintausendfnfhundertneunundneunzig vor kaiserliches Recht in
den Ring, wo ihr gerichtet werden sollt, wie es am Jngsten Tage vor
Gott dem Allmchtigen, wenn Gottes Sohn kommen wird zu richten die
Lebendigen und Toten, zu verantworten ist! -- --

Fnfundachtzig Namen rief der Notarius Friedrich Ortlepp auf, und jeder
der Gefangenen antwortete durch ein: Ist hier gegenwrtig. Als die
Liste zu Ende gebracht war, hob der kleine schwarze Mann noch einmal,
lchelnd, die bebrillte Nase und lie seine uglein wohlwollend ber die
Gefangenen hingleiten; dann nickte er dem Geharnischten zu, dieser
winkte dem Gefreiten, welcher seine Partisane anzog, sein Kommandowort
rief. Die Musketierer schulterten ihre Bchsen, und die Beamten
schritten heraus aus dem Gewlbe, dessen Tr sogleich hinter ihnen
wieder zufiel.

Noch einen Augenblick tiefster Stille, dann ein dumpfes Gemurmel, dann
wildester Losbruch aller mchtig zusammengepreten Gefhle und
Leidenschaften der gefesselten Meuterer! Ein wildes Durcheinander, --
Ausrufe des Zorns, des Hohns, der Besorgnis, der Angst, --
Kettengerassel!

O Junker, Junker! rief verzweiflungsvoll der Knecht Erdwin, das Haupt
seines jungen Herrn an seine breite Brust ziehend. O Junker, Junker,
wenn das Euer Vater erlebt htte!

Ja, meine Mutter, meine Mutter! 's ist gut, da sie tot ist! seufzte
Christoph von Denow, die Hand ber die Augen legend. -- -- -- -- -- --

In den berfllten Schenken der Stadt erschallte der tobende Gesang der
zum Kriegsgericht eingeforderten Sldner und Hauptleute; viel Zank und
Streit blieb nicht aus in den Gassen. Die Brger zeigten sich nicht
allzuhufig auerhalb ihrer Haustren, und wenn es ja einen Nachbar oder
Gevatter allzusehr drngte, die Ereignisse des Tages mit einem Gevatter
oder Nachbar zu besprechen und abzuhandeln, so schlich er so vorsichtig
als mglich im Schatten der Hauswnde dahin. Der Nebel ward dichter und
dichter, je mehr die Dmmerung Besitz ergriff von Stadt und Land. Der
Herzog auf dem Schlo lie mehr Holz in den Kamin seines Gemaches
werfen, und der Geringste seiner Untertanen ahmte ihm darin so gut als
mglich nach. Immer unfreundlicher ward die Nacht.

Auf dem Prellsteine unter dem Torgewlbe des Mhlenturmes kauerte eine
weibliche, verhllte Gestalt. Einen grauen Mantel von schwerem,
grobem Tuch hatte sie dicht um sich geschlagen, das spitze Htlein,
durch welches ein klein rundes Loch ging, gleich der Spur einer
Bchsenkugel -- tief in die Stirn gedrckt; ein Bndel lag neben ihr.
Das war Anneke Mey aus Stadtoldendorf!

Ihr Haupt sttzte sie auf beide Hnde und starrte regungslos auf die
schwarzen Massen des frstlichen Schlosses, welches jenseits des
Ockergrabens hoch emporragte in den dunkeln Nachthimmel, und in welchem
hie und da ein erleuchtetes Fenster schimmerte. -- So hatte Anneke den
ganzen lieben langen Tag ber gesessen, so sa sie noch, als es schon
vollstndig Nacht geworden war, und die Ronde sich nherte, das Tor zu
schlieen.

Sitzt die Dirn da noch! rief der Weibel. Heda, Schtzchen, fort mit
dir, da dir das Fallgatter nicht auf den Kopf fllt. Marsch, Liebchen!
wei nicht, was du hier suchen knntest? Anneke rhrte sich nicht von
ihrem Platze.

Na, wird's bald? Nimm Vernunft an, Kind, 's gibt wrmere Nester. Damit
fate er den Arm der Kauernden, um sie in die Hhe zu ziehen.

O lasset mich hier! lasset mich hier!

Hoho, geht nicht, geht nicht. Aber nun lasset doch auch einmal Euch ins
Gesicht schauen. Hebt die Laterne hoch! Mdel, Kopf in die Hhe!

Der Schein der Laterne fiel in das bleiche gramvolle Gesicht des
Mdchens. --

Alle Teufel, das ist ja die Anneke, die Anneke Mey von Rees her! rief
einer der Bchsenschtzen sich vordrngend. Weibel, mit der mut du
suberlich umgehen. Frcht dich nit, Anneke -- wo kommst du her?

Aus dem Moor, aus dem hessischen Darlaten, Arendt Jungbluth! sagte
Anneke tonlos.

Wo sie die Meutmacher niedergelegt haben? Ei, ei, Anneke, und du bist
mit ihnen gezogen?

Sie sind im Wald ber uns gekommen, weil sie der Graf von Hollach
abgedrngt hatt' von der Weser, und sie haben den Junker aufs Pferd
gezwungen, und er hat nichts anders gekonnt, er hat sie mssen fhren;
nun aber haben sie doch geraubt und gebrannt und sind gezogen, wo sie
wollten, und wir haben mssen mit ihnen durch die Wiehenberge, ins Land
Hoya. Da ist es zum Ende gekommen -- da hat uns der Graf gestellt, und
Hans Niekirche ist tot, ist auch nicht heimgekommen zu seiner Mutter --
Gnade Gott uns allen!

Lautlos umstanden die Sldner das junge Mdchen; endlich sagte der
Weibel: So ist es geschehen, dagegen kann keiner sagen -- arm Mdel,
was sitzest nur hier auf dem kalten Stein? Stumm deutete Anneke nach
dem Gefngnis im Turm ber ihr; dann sagte sie: Sie fhrten uns zuerst
auf das feste Haus Stolzenau; nun sind wir hier zum Gericht!

Und der Junker, von welchem du gesprochen hast, ist da oben bei den
andern? fragte der Weibel.

Anneke nickte.

Das ist der Knab Christoph von Denow, von den Reitern? fragte wieder
der Gefreite Arendt Jungbluth, welcher zuerst Anneke erkannt hatte. Ist
das dein Schatz?

Ein leises Zittern berlief den Krper des Mdchens, sie antwortete
nicht und schttelte das Haupt und senkte das Gesicht in die Hnde und
legte den Kopf auf die Knie.

Arm Kind! arm Mdel! murmelten die Krieger. Aber sie kann hier nicht
bleiben, brummte der Weibel. Wir mssen fort, der Bse fhrt uns sonst
auf den Buckel!

Lasset mich einmal mit ihr sprechen, sagte Arendt Jungbluth. Er beugte
sich nieder zu der Armen und flsterte ihr zu; pltzlich stie sie einen
Schrei aus, einen Freudenschrei und stand auf den Fen: Wirklich,
wirklich? Ihr knnt? Ihr wollt? O, Gott segne Euch tausendmal!

Herauf die Brcke! Herunter das Gatter! Ist's geschehen? -- Fort nach
der Schlowach! -- Jrgen, marsch, voran mit der Laterne! kommandierte
der Weibel. Anneke, Ihr gehrt zu uns, niemand tut Euch was zu Leid.
Marsch, marsch!

Die Hellebarden lagen wieder auf der Schulter: inmitten der
Wachtmannschaft ging Anneke Mey, und Jrgen trug auer der Laterne auch
noch das Bndlein des Soldatenkindes.




                    V.


Eins schlug die Uhr des Schloturmes, und die Krhen fuhren auf aus
ihren Nestern und umflatterten krchzend die Spitze und die Wetterfahne,
bis der Klang ausgezittert hatte.

So geh zu ihm! flsterte Arendt Jungbluth. Um drei Uhr ist meine
Wacht zu Ende, dann klopf' ich und du kommst heraus. Nun gehab dich
wohl; des Wrtels Margaret lauert drunten am Gang.

Dank Euch, dank Euch! flsterte Anneke Mey. Die Gefngnistr im
Mhlenturm ffnete sich kaum weit genug, um das schmchtige junge
Mdchen einzulassen, und schlo sich sogleich wieder.

Die qualmende Hngelampe war wie ein roter Punkt in dem dunsterfllten
Raume anzuschauen; die meisten der Gefangenen schnarchten auf dem Stroh
die Wnde entlang, viele hatten aber auch die Kpfe auf den Tisch gelegt
und schliefen so. -- Dann und wann erklirrte leise eine Fessel, oder ein
Sthnen und Geseufz ging durch die Wlbung. Niemand hatte den Eintritt
des Mdchens bemerkt.

Einige Minuten stand Anneke dicht an die Mauer gedrckt. Sie vermochte
kaum Atem zu holen. Wie sollte sie in dieser Hlle den finden, welchen
sie suchte?

Pltzlich ward es hell in ihr: anfangs leise, dann lauter begann sie das
alte Lied vom Falkensteiner zu singen:

    Sie ging den Turm wohl um und um:
    Feinslieb bist du darinnen?
    Und wenn ich dich nicht sehen kann,
    So komm' ich von meinen Sinnen.

    Sie ging den Turm wohl um und um,
    Den Turm wollt' sie aufschlieen:
    Und wenn die Nacht ein Jahr lng wr',
    Keine Stunde tt' mich verdrieen!

Von ihrem Lager richteten sich die Schlfer auf, strker klirrten die
Ketten an ihren Armen und Beinen.

    Ei, drft' ich scharfe Messer tragen,
    Wie unsers Herrn sein' Knechte,
    Ich tt' mit dem Herrn vom Falkenstein,
    Um meinen Herzliebsten fechten!

Was ist das? Wer ist das? Wer singet hier? tnte es wild
durcheinander. Anneke, Anneke, Anneke Mey, rief die Stimme Christoph
von Denows dazwischen, und Erdwin Wstemann hielt das junge Mdchen in
den Armen: Hier, hier halt' ich sie, hier ist sie, wie ein Engel vom
Himmel mit ihrer Lerchenstimme! O Kind, Kind, was willst hier in dieser
Wstenei? Junker, Junker, wo seid Ihr?

O Anneke! Anneke! rief Christoph von Denow.

Vivat Anneke, Anneke Mey! riefen alle andern Gefangenen. Das ist ein
wackeres Mdel! Vivat des Regiments Schenkin!

Es fiel keine schnde, bse Rede: im Gegenteil, es war, als ob durch das
Erscheinen des Kindes jedes trotzige wilde Herz milder geworden wre.
Man htte sie gern auf den Hnden getragen, da sie das aber nicht leiden
wollte, suchte man ihr den bequemsten Platz aus und breitete Mntel
unter ihre Fe, um sie vor der feuchten Klte der Steinplatten zu
schtzen. Eine Bank wurde zerschlagen, um das erlschende Feuer im Kamin
damit zu nhren.

So hast du uns nicht verlassen, Anneke! rief Christoph und hielt ihre
beiden Hnde in den seinigen, und der Knecht Erdwin wischte verstohlen
eine Trne aus den grauen Wimpern. O, wie knnen wir dir je das
wiedervergelten?

Wie knnt ich Euch verlassen? Und wenn sie Euch zum Tode fhren, ich
geh' mit Euch!

Sie saen beieinander, Christoph und Anneke, neben dem Kamin, und die
Dirne schluchzte und lchelte durch ihre Trnen. Sie vergaen alles um
sich her, und der alte Wstemann stand dabei, seufzte tief und schwer
und schttelte das greise Haupt:

Jammer, o Jammer!

Um drei Uhr krhte zum ersten Mal der Hahn, um drei Uhr klopfte Arendt
Jungbluth an die Tr.

Nun mu ich scheiden! sagte Anneke. Gott schtze uns; wenn das
Gericht angeht, steh' ich auf Eurem Wege, Herr.

Anneke, Gott lohn's dir, was du an uns tust!

Fahre wohl! Fahre wohl, Anneke! riefen die gefangenen Meuterer. Gott
segne dich, Anneke!

Christoph von Denow schlug die Hnde vors Gesicht; -- die Tr war hinter
dem jungen Mdchen zugefallen. Im Osten zeigte ein weier Streif am
Nachthimmel, da der Morgen nicht mehr fern sei, und der Wind machte
sich auf, fuhr von den Harzbergen nach dem deutschen Meer und verkndete
dasselbe.

       --      --      --      --      --

Sechs schlug die Uhr des Schloturmes; wieder schossen die Krhen aus
ihren Nestern und umflatterten die Spitze, krochen aber diesmal nicht
wieder zurck in ihre Schlupfwinkel, sondern lieen sich, eine bei der
andern, nieder auf dem Rande der Galerie, welche nahe dem Dach, den Turm
umzieht. Neugierig reckten sie die Hlse und blickten herab in den
dichten weien Nebel unter ihnen, aus welchem kaum die hchsten Giebel
der Stadt und Festung hervorlugten. Trommelschall erdrhnte auf dem
Schlohofe und hallte wider von den Wllen, whrend eine kriegerische
Musik aus der Ferne dem Weckauf der Besatzung antwortete. Auf der
Festung trat die Soldateska unter die Waffen, und in der Heinrichsstadt
verkndete das klingende Spiel, da die Brgerschaft in Wehr und
Harnisch aufzog.

Von Zeit zu Zeit lste sich einer der schwarzen Vgel aus der Reihe der
Genossen los und flatterte mit kurzen Flgelschlgen hinein in den
Nebel, als wolle er Kundschaft holen ber das Fest, welches ihm drunten
bereitet wurde. Kehrte er zurck, so wute er mancherlei zu erzhlen,
und freudekreischend erhoben sich die andern und wirbelten durcheinander
und berschlugen sich in der grauen Luft, um endlich wieder
zurckzufallen auf ihre Pltze in Reih und Glied.

Gegen sieben Uhr verflchtigte sich der Schleier, welcher ber der Stadt
lag, um sieben Uhr trat alles ins Licht! Vor dem frstlichen Marstalle
waren die Schranken aufgestellt. Ein mit rotem Tuch bekleideter Tisch
und ebenso berzogene Bnke fr den Gerichtsschulzen und die Beisitzer
standen in der Mitte. Das Volk umwogte dicht gedrngt den Platz. Jetzt
zog mit dem Gespiel die frstliche Leibgarde aus dem Schlotor, den
Graben entlang, und besetzte zwei Seiten der Schranken. Nach ihr rckte
in drei Fhnlein die Brgerschaft von der Dammfestung, der Heinrichstadt
und dem Gotteslager heran und schlo die beiden andern Seiten ein. Der
Ring war gebildet; die Fahnen wurden zusammengewickelt und unter sich
gekehrt, die Obergewehre mit den Spitzen in die Erde gestoen, nach
Kriegsgebrauch bei kaiserlichem Malefizrecht.

Abermals entstand eine Bewegung unter der Volksmenge; wieder schritt
ein Zug durch die gebildete Gasse feierlich und langsam vom Schlo her.
Das war der Gerichtsschulze Melchior Reicharts mit seinen einundzwanzig
Richtern, Hauptleuten, Gefreiten und Gemeinen, und dem Gerichtsschreiber
Fridericus Ortlepius die allesamt paarweise in den Ring eintraten.

Zuerst lie sich der _notarius publicus_ nieder, zur linken Hand an dem
roten Tisch. Er ordnete seine Papiere, guckte in sein Tintenfa, rckte
das Sandfa zurecht, und der trbe Himmel und die Krhen auf dem
Schloturm schauten ihm dabei zu. Er prfte die Spitze seiner Feder auf
dem Daumennagel, das Murmeln und Murren der tausendkpfigen Menge machte
einer Totenstille Platz; von dem Mhlenturm her erklang ein taktmiges
Rasseln und Klirren und verkndete das Nahen der Gefangenen. -- -- -- --

O mein Gott, hilf ihm und mir! sthnte Anneke Mey von Stadtoldendorf,
als an dem Mhlenturm die Pforte sich ffnete und die davor aufgestellte
Reiterwache, die Pferde rckwrtsdrngend, das Volk auseinander trieb.

Da sind sie! die Meutmacher! die Schufte! Da sind die falschen
Schurken! ging der unterdrckte Schrei durch das zornige Volk. Aus der
Gefngnispforte hervor glitt ein verwildertes, trotziges oder verzagtes
Gesicht nach dem andern an der zitternden Anneke vorber.

Und jetzt --

Christoph! durchdrang grell und schneidend ein Schrei die schwere
graue Luft, da der Herzog Heinrich Julius, welcher an einem Fenster
seines Schlosses stand und auf das Getmmel unter sich finster
herabblickte, unwillkrlich den Kopf nach der Richtung hin neigte.

Da schritt er einher, der Junker von Denow, bleich, wankend, gesttzt
auf den Arm des getreuen Knechtes Erdwin.

O Christoph! Christoph von Denow!

Der junge Reiter erhob das Auge; es haftete auf dem jungen Mdchen,
welches hinter der Reihe der begleitenden Hellebardierer die Hnde ihm
entgegenstreckte; -- ein trbes Lcheln glitt ber das Gesicht
Christophs, dann schttelte er das Haupt; er wollte anhalten.

Hast doch recht gehabt, Anneke! lachte hhnisch Valentin Weisser,
der Rosenecker. Waren unsrer doch zu wenig. Puh -- 's ist am End
einerlei -- Kugel oder Strick. Vorwrts, Junker Stoffel; ich tret' dir
sonst die Hacken ab!

Vorwrts! vorwrts! rief der Fhrer der Geleitsmannschaft -- vorber
schritt Christoph von Denow. --

Im Ring aber schwuren die Richter mit aufgerichtetem Finger und lauter
Stimme:

Ich lobe und schwre, da ich diesen Tag und alles dasjenige, was vor
diesem Malefizrecht vorkommen wird, urteilen und richten will, es sei
gleich ber Leib und Blut, Geld oder Geldeswert, als ich will, da mich
Gott am Jngsten Tage richten soll -- den Armen als den Reichen. Will
hierinnen weder Freundschaft noch Feindschaft, Gunst noch Ungunst, weder
Ha, Geschenke, Gaben, Geld ober Geldeswert ansehen, oder mich
verhindern lassen! So wahr mir Gott helfe und sein heiliges Wort!

Alle Beisitzer saen darauf nieder an ihren Pltzen, und nur der
Gerichtsschulze blieb stehen und tat eine Umfrage. Darauf verkannte er
das Recht: erstens im Namen der heiligen unzerteilbaren Dreifaltigkeit,
dann im Namen des Frsten, dem Richter und Angeklagte als Kriegsleute
geschworen hatten, zuletzt kraft seines eignen angeordneten Amts und
Stabes, da keiner innerhalb oder auerhalb dem Rechten wolle einreden.
Solle auch niemand einem Richter heimlich zusprechen. Dem Profo solle
eine freie Gasse gelassen werden, damit er guten Raum habe, damit er
desto ba mit den Gefangenen vom Rechten ab- und zugehen mge, bei Pn
eines rheinischen Glden in Gold.

Derhalben, fuhr er fort, wer nun vor diesem Kaiserlichen Recht zu
schicken oder zu schaffen hat, es sei gleich Klger oder Antworter oder
sonsten einer, der dem lblichen Regiment etwas anzuzeigen hat: die
stehen in den Ring und klagen, wie man pflegt zu klagen und Antwort zu
geben, auf Red und Widerred, wie in Kaiserlichen Rechten der Gebrauch
ist. -- Gerichtswebel, habt Ihr gestern den Profo, wie auch die
Angeklagten frgeboten, zitieret und geladen?

Und der Gerichtswebel stand auf und antwortete: Herr Schulthei, ich
habe sie gestern frh mit drei Trommeln an den vier Orten der Welt
zitieret!

Und des Regiments Profo, Karsten Fricke, trat in den Ring, und der
Gerichtswebel fhrt die Angeklagten hinein, jedes Fhnlein fr sich
zusammengeschlossen. --




                    VI.


Liege still, Kind, sagte am zwanzigsten November bei Tagesanbruch auf
der Hauptwache im Schlo zu Wolfenbttel der Gefreite Arendt Jungbluth.
Liege ruhig und schlaf weiter: der Morgen ist dunkel und druet Schnee.
Es geht noch nicht an.

Anneke Mey hatte sich auf der harten Holzbank, erschreckt aus tiefem
Traum auffahrend, in die Hhe gerichtet, bei dem Ruf der Wacht drauen,
die zur Ablsung herausrief.

Schlafe wieder ein, Anneke, ich wecke dich, wenn es Zeit ist, sagte
Arendt, die Sturmhaube auf den Kopf stlpend.

Der letzte Tag! murmelte das Soldatenkind, und das mde Haupt sank
wieder zurck auf das harte Lager, die Augen schlossen sich wieder.

Hui, der Wind -- Teufel! brummte Arendt, als die Sldner wieder
zurcktraten in die Wachtstube. Schlft sie wieder? -- Richtig! ach,
ich wollt', sie verschlief' es ganz. Ruhig, Kerle -- haltet eure Muler!
Donner -- ist es nicht grad, als ob der Sturm den alten Kasten einem
ber dem Kopf zusammenreien wollte? Das wird das rechte Wetter sein fr
die da drauen im Ring, das blst ihnen die Urteile vom Munde weg. Wie
sie da liegt! ist das nicht ein Jammer? Ich wollt', sie verschlief' die
bse Stund.

Wild jagte der Wind die schweren Schneewolken vor sich her und heulte
und pfiff in den Gngen des Schlosses wie der bse Feind, klapperte mit
den Ziegeln, rttelte an den Fenstern und trieb die Wetterfahnen mit den
Lwen auf den Turmspitzen im Kreise umher, heftiger und heftiger, wie
der Tag zunahm.

Anneke Mey lag noch immer, nicht im Schlaf, sondern in stumpfsinniger
Erschpfung. Was kein Kriegszug vollbracht hatte, das hatten die letzten
vierzehn Tage getan; sie hatten das Kind gebrochen, es matt und md
gemacht bis zum Tode. Vergeblich sahen sich diesmal auf ihrem Wege zum
Gericht Christoph von Denow und Erdwin Wstemann nach dem abgehrmten
Gesicht ihres Schutzengels um.

Gottlob, gottlob, sie verschlft's! murmelte Arendt Jungbluth, sich
ber das Lager der Armen beugend.

Im Ring, unter dem dstern, schwarzen Himmel mit den jagenden Wolken las
Friedrich Ortlepp, der Gerichtsschreiber, ein Todesurteil nach dem
andern; einen Stab nach dem andern brach der Schulthei und warf ihn auf
den Richtplatz.

Gnade Gott der Seelen in Ewigkeit. Amen! sprach er bei jeder weien
Rute, welche zerknickt auf den Boden fiel.

Und jetzt -- jetzt der letzte Spruch!

Auf eingebrachte Klage des Profoen, Gegenrede des Beklagten,
produzierte Kundschaft und Zeugnis, ist durch einhellige Umfrage zu
Recht erkannt, da -- =Christoph von Denow= nicht gebhrt hat, sich fr
einen Vorsprecher bei der vorgesetzten Obrigkeit, noch fr einen
Hauptmann aufzuwerfen, noch die Befehle zu vergeben und auszuteilen,
noch die Wacht zu bestellen. Warum er dem Profo berantwortet werden
soll, welcher ihn in sein Gewahrsam fhren und ihn dem Nachrichter
einantworten und befehlen soll, da er ihn hinausfhre und an den
nchsten Galgen hnge und mit dem Strange zwischen Himmel und Erde
erwrge, damit der Wind unter ihm und ber ihn durchwehen knne, ihm zu
verwirkter Strafe und andern zum abscheulichen Exempel!

Wieder fiel der gebrochene Stab zu den anderen auf die Erde.

Gnade Gott der Seelen in Ewigkeit, Amen!

Auf die Knie strzten dreiundachtzig der Verurteilten: Gnade, Gnade!
Gnade ist besser denn Recht!

Hochauf richteten sich Christoph von Denow und Erdwin Wstemann, und der
Junker hob die gefesselte Rechte zum Himmel, whrend der Wind seine
Locken zerwhlte und die Schneewolken sich ffneten und das weie
Gestber wirbelnd herabfuhr:

Keine Gnade! Recht! Recht! Recht ist besser denn Gnade!

In den Ring sprang der Profo mit der Wache und strzte sich auf die
Gefangenen -- wild und anhaltend brach das Geschrei des Volkes los, die
Kommandoworte erschallten dazwischen, die Trommeln wirbelten, die
Trompeten schmetterten, aus der Erde wurden die Waffen gerissen und hoch
in die Luft geschwungen, die Fhnlein entfalteten sich im Winde. Die
Krhen aber schossen in einem schwarzen Haufen herab von dem Schloturm
und umflatterten krchzend die Sttte des Gerichts. Gleich dem bewegten
Meer wogte und donnerte das Volk, und durch die Menschenflut kmpfte
sich mit zerrissenen Kleidern, losgegangenen Haarflechten Anneke Mey.

Christoph! Christoph! O du heiliger Gott im Himmel! verloren!
verloren!

Dem Herzog am geffneten Fenster seines Gemachs ri der Sturm den Griff
des Flgels aus der Hand, da er klirrend zuschlug. ber den Schlohof
schritt der Gerichtsschulthei Melchior Reicharts mit den Hauptleuten
Georg Frost, Peter Khler, Heinrich Jordans und Moritz Ahlemann nach
getaner Pflicht den jungen Frsten, Zahlherrn und Kreis-Obersten fr
die Verurteilten zu bitten. Fridericus Ortlepius trug frsichtiglich
und sorgsamlich die Akten und Protokolle. Tief in die Nacht hinein sa
der Herzog mit den sechs Mnnern ber diesen Papieren. Vierundzwanzig
Todesurteile besttigte er, und unter diesen befand sich das Christoph
von Denows. Zweiunddreiig der Verurteilten begnadigte er dahin, da
sie zur Straf sich verpflichten sollen, im Land zu Ungarn auf dem
Grenzhause Gro-Wardein wider den Erbfeind der Christenheit zu Wasser
und zu Lande, in Sturm und Schlachten jederzeit, wie ehrlichen
Kriegsleuten solches gebhrt, sich gebrauchen zu lassen. --
Siebenundzwanzig Mnnern wurde auf einen gewhnlichen Urfried das
Leben und die Ehre geschenket und sie ihrem Fhnlein wieder
einverleibt. -- Zweien wurde das Leben und die Ehre ohne Bedingung
geschenkt. Der erste war Erdwin Wstemann, der andere ein Sldner,
genannt Klaus Rischemann von Calvrde. Alle diese Schlsse wurden den
Gefangenen noch in derselben Nacht bekannt gemacht.




                    VII.


Der Schnee lag hoch in den Straen und auf den Pltzen der Stadt und
Festung Wolfenbttel. Der Sturm hatte sich mit Anbruch des Tages ganz
gelegt, es war wieder still und ruhig geworden, und leise trufelte es
von den Dchern, denn die Luft war warm und mit Feuchtigkeit gefllt;
mit dumpfem Gerusch bewegte sich das Volk in den Gassen.

Die Fenster der Schlokirche glnzten rtlich in die trbe
Morgendmmerung herein, und feierlich erklang die Orgel und der Gesang
vieler Menschenstimmen:

    Allein zu dir, Herr Jesu Christ,
    Mein Hoffnung steht auf Erden. --

Im Schein der Lichter und Lampen erglnzte Harnisch an Harnisch in dem
heiligen Gebude: den Verurteilten sollte ihre letzte Predigt gehalten
und das Abendmahl ihnen gereicht werden. Der junge Herzog sa in seinem
Stuhl, das Gebetbuch vor sich; alle Offiziere der Besatzung waren in
Wehr und Waffen zugegen, und die Wnde entlang und im Schiff der Kirche
drngte sich ein brtiges ernstes Kriegergesicht an das andere. Die
Vierundzwanzig, die sterben sollten, saen auf einer niedern Bank unter
der Kanzel, auf welcher der Magister Basilius im schwarzen Chorrock mit
der Halskrause stand, bereit, seine Rede ber die beiden Schcher am
Kreuz zu beginnen. In einem dunkeln Winkel unter der Orgel stand Erdwin
Wstemann und hielt die schluchzende Anneke im Arm; um sie her knieten
oder standen die vom Tode losgesprochenen Meuterer, denen man die
Fesseln abgenommen hatte.

Und jetzt schwieg die Orgel und der Gesang. Das Wort des Evangelisten
Lukas wurde gelesen:

Aber der beltter einer, die da gehngt waren, lsterte ihn und
sprach: Bist du Christus, so hilf dir selber und uns! -- Da antwortete
der andere, strafte ihn und sprach: Und du frchtest dich auch nicht vor
Gott, der du in gleicher Verdammnis bist? Wir sind billig darinnen, denn
wir empfangen, was unsere Taten wert sind; dieser aber hat nichts
Ungeschicktes gehandelt! -- Und er sprach zu Jesu: Herr, gedenke an
mich, wenn du in dein Reich kommst! -- und Jesus sprach zu ihm:
Wahrlich, ich sage dir, heut wirst du mit mir im Paradiese sein! --

berlaut riefen bei diesen letzten Worten des Textes einige der
Verurteilten: Das helfe uns der allmchtige Gott! und hoben die
kettenklirrenden Hnde gefaltet hoch empor. Das Auge Christoph von
Denows aber leuchtete pltzlich in einem Glanz, welcher darin bereits
fr immer erloschen schien. Hatte er eine Vision? Rief ihm eine se
bekannte Stimme von oben? Erschien ihm winkend die tote Mutter?

Christoph von Denow war zum Sterben bereit. --

Gott, Gott, la so nicht das Haus Denow zu End kommen! sthnte in
seinem Winkel Erdwin, der Knecht. Herr, schenke du ihm einen adeligen
Tod! La diesen Kelch an mir vorber gehen!

Er soll mir den Kopf zertreten und ber meinen leblosen Leib weggehen,
wenn er mich nicht hren will! sagte Anneke Mey tonlos.

Und Dominus Basilius Sadler begann seine Bu- und Trostpredigt und
teilte sie in die zwei Punkte:

Erstlich, wie sich der heilige Schcher am Kreuz in einer letzten Not
gehalten.

Zum andern, wie herrlich ihn Christus getrstet habe.

Der Himmel im Osten aber frbte sich immer purpurner, und die Lichter
und Lampen der Kapelle erblaten mehr und mehr vor dem Glanz, welchen
Gott ber die winterliche Welt leuchten lie. Die Gefangenen neigten die
Hupter tiefer und tiefer.

-- Euer Weib und Kinder befehlet ihr, die ihr welche habt, Gott dem
Allmchtigen, der ist der Waisen Vater und der Witwen Richter. Ist schon
dieser Tod vor der Welt schmhlich, so gedenket, wenn ihr euch bekehret,
da ihr Gottes Kinder seid, dann wird solch Leiden ehrlich und herrlich.
Denn der Tod seiner Heiligen ist wert gehalten vor dem Herrn. --

Einen ehrlichen Tod! o Gott, schenke ihm einen adeligen Tod! murmelte
Erdwin, der Knecht.

So gebe Gott der Allmchtige euch allen die Gnade seines heiligen
Geistes, da ihr euer' Snd von Herzen erkennt und euch leid sein
lasset, euch im wahren Glauben zu Christo wendet und darin bis ans Ende
verharret, euer' Seel in Geduld fasset, allen Menschen von Herzen
vergebet und verzeihet, heut, diesen Tag, Gott eure Seele opfert und
berantwortet und am groen Tag des Herrn mit Freuden auferstehet und
mit Leib und Seele ewig lebet! Amen, Amen, Amen!

Der Sand war verlaufen in der Uhr auf der Kanzel. Der Herzog verlie mit
seinen Hofbeamten seinen Stuhl, Anneke Mey verschwand von der Seite
Erdwins, ohne da dieser es bemerkte; -- unter den Klngen des alten
traurigen Chorales: Wenn mein Stndlein vorhanden ist -- wurde den
Verurteilten das Abendmahl gereicht.

Nun war auch das geschehen; in die letzten Klnge der Orgel mischte sich
grell und schneidend ein anderer Klang -- der Schall des
Armensnderglckchens: Der Henker wartete an der Tr des Hauses Gottes!

Im langsamen Zug traten die Verurteilten und Gefangenen, von ihren
Wchtern umgeben, hinaus aus der Schlokirche, vor welcher sie die
harrende Menge mit wildem Geschrei und Droh- und Schmhworten empfing.
Der schwere Gang begann, in das goldne Morgenrot hinein, ber den
Schloplatz, die Dammbrcke, durch die Heinrichsstadt dem Kaisertor zu.
Alle Gassen, durch welche der Zug ging, waren mit herzoglichen Reitern
und den gewaffneten Brgern besetzt, um den Andrang des Volks zu
bndigen.

Vor dem Kaisertor waren die vier Galgen gebaut, woran die vierundzwanzig
Leben enden sollten. Fast eine halbe Stund verging, ehe die Verurteilten
unter ihnen standen. Der Ring war geschlossen auf zwei Seiten von den
Hellebardierern, auf den beiden andern Seiten von den Musketenschtzen,
deren Rhre auf den Gabeln lagen, deren glimmende Lunten zum
augenblicklichen Gebrauch aufgeschroben waren. Dicht vor dem Gefreiten
Arendt Jungbluth hielten sich Erdwin Wstemann und der Junker Christoph
von Denow.

Der Alte hatte den Arm um seinen jungen Herrn geschlungen, und dieser
das Haupt an die Brust des treuen Knechts gelegt. Sie sprachen leise
zueinander.

Wei nicht, wo sie geblieben ist! wei nicht, wo sie bleibt! sagte der
Alte.

Sie hat mich nicht sterben sehen wollen; -- 's ist auch besser so! O
schtze sie -- halte sie, trag sie auf den Hnden und im Herzen und
verla sie nie und nimmer -- ich will meiner Mutter von ihr sagen, wenn
ich zu ihr komm'.

O Junker, Junker, und Euer Vater --

Vergi nicht, was du ihm versprochen hast.

Es wird geschehen, so wahr mir Gott helfe! sagte dumpf der Alte.

Schau, es geht an -- da hast du den Ring -- mein Schwert liegt versenkt
im Moor, es ist ein gutes, tadelloses Schwert geblieben! -- Ihr sag -- o
Anneke! Anneke! Der Junker brach ab; er vermochte es nicht, weiter zu
sprechen.

Unterdessen war eine Totenstille in der Menschenmenge eingetreten, die
aber jedesmal, wenn die Henker einen der Meuterer des Reichsheeres von
der Leiter stieen, in ein grliches, langanhaltendes Geheul, durch
welches scharf das Wirbeln der Trommel klang, berging. -- --
Dreiundzwanzig Mal hatte das Volk aufgeschrien. --

Christoph von Denow! rief nun der Profo mit lauter Stimme.

Zum letztenmal lagen sich Christoph und Erdwin in den Armen.

Lebe wohl! lebe wohl! flsterte der erste -- vergi nicht! --

So gnade Gott mir und Euch! schrie der Knecht Wstemann und strich die
langen greisen Haare aus der Stirn zurck. Der Junker von Denow stand
am Fue der Leiter!

Er drckte die Hand auf das Herz und setzte den Fu auf die erste
Staffel: O Anneke, se Anneke!

Der Gedanke kam ihm, er wrde sie erblicken in der Menge, welche wieder
in unheimlichster Stille den Richtplatz bedeckte; mit einem Sprung war
er oben an der Seite des Henkers, der ihn mit dem Strick in der Hand
erwartete. Er stie die Hand desselben zurck -- seine Augen schweiften
ber all die Tausende emporgerichteter Gesichter. --

O Anneke Mey, liebe Anneke, wo bist du? wo bist du? weshalb hast du
mich verlassen?!

Wieder streckte der Henker die Hand nach ihm aus; er hielt ein Blech,
auf welchem die Worte standen Meutmacher und Meineidiger und wollte es
dem Verurteilten an einem Bande um den Hals werfen.

Lebe wohl, se Anneke Mey! flsterte Christoph von Denow; er schlug
die Hand des Henkers abermals zur Seite, klirrend fiel das Blech, die
Leiter nieder, zur Erde. --

Mit einem wilden, entsetzlichen Schrei sprang Erdwin Wstemann einen
Schritt zurck, mit einem Griff ri er das Feuerrohr aus den Hnden
Arendt Jungbluths und an seine Wange. Der Schu krachte -- Gnade Gott
mir und dir!

Dank, Erdwin -- hast -- Wort gehalten! sprach Christoph von Denow. Er
schwankte -- breitete die Arme aus: Lebe -- wohl -- se -- Anneke!
Der entsetzte Henker wollte ihn halten, aber im dumpfen Fall strzte der
Krper die Leiter herab in den blutigen Schnee.

Aufbrllte die Menge und tobte durcheinander, der Ring lste sich -- die
Offiziere, die Beamten, der Gewaltiger strzten sich auf den Knecht
Erdwin, welcher regungslos dastand, das abgeschossene Rohr in der Hand.

Und jetzt ein neues Geschrei von der Stadt her: Haltet, haltet!

Ein Reiter mit einem Papier in der Hand, im Galopp ansprengend! Ihm nach
ein zweiter Reiter, vor sich auf dem Pferd ein halbohnmchtiges,
todtbleiches Mdchen. --

Halt, halt! Befehl, den Verurteilten Christoph von Denow zurckzufhren
ins Gewahrsam!

Anneke Mey leblos auf dem leblosen Krper des Erschossenen -- Erdwin
Wstemann besinnungslos in den Armen Arendt Jungbluths -- -- --
Trompetenschall von der Torwache; von der Stadt her eine neue
Reiterschar: Der Herzog! der Herzog! -- Zu spt! zu spt! -- -- -- --

In dem wiedergebildeten Ring hielt der junge Frst mit seinem Gefolge;
vor ihm stand barhuptig der Profo neben der schrecklichen Gruppe am
Boden und erzhlte das Vorgefallene. Als er geendet, stieg der junge
Frst ab von seinem Hengst und nherte sich dem treuen Knecht des Hauses
Denow:

Weshalb hast du das getan?

Der Angeredete blickte irr und wirr im Kreise umher, antwortete nicht,
sondern brach nur in ein herzzerreiendes Gelchter aus.

Der Herzog legte die Hand an die Stirn; -- dann wandte er sich:

Hebt doch das Kind von der Leiche!

Der Leutnant von der Festung, Johannes Sivers, beugte sich nieder, um
dem Befehl nachzukommen. Es gelang ihm mit Mhe:

O gndiger Gott, tot, tot, frstliche Gnaden!

Ein dumpfes Gemurmel ging durch die lauschende Menge; der Frst schritt
finster sinnend einige Minuten auf und ab. Dann hob er das Haupt:

Bei meinen Vtern, ich glaub', da ist ein bs Ding getan! leget die
Dirne und den toten Knaben auf die Gewehrlufe -- es ist Unsere Meinung
und Wille, da das Gericht wieder beginne. Wir sind entschlossen,
selbsten im Ring zu sitzen!

Whrend dieser letzten Worte hatte sich Erdwin Wstemann langsam
aufgerichtet; jetzt stand er wieder fest auf den Fen. Der Herzog
bemerkte es, er legte ihm die Hand auf die Schulter:

Ihr habet hart und schnell in unser Gericht eingegriffen. Stehet zu mir
nun auch im Ring, da die Wahrheit an den Tag kommt! Nachher, wenn's
sich ausgewiesen hat, wie ich es mir zusammendenke, wollen Wir, da Ihr
die dort gen Ungarn fhret als Unser Ehrbarer, Mannhafter und Getreuer!
Hret Ihr, Hauptmann Erdwin Wstemann?! Nun hebet die Leichen und rhret
die Trommeln -- fort! fort!

ber der blutigen Morgenrte hatten sich die Wolken wieder dunkel
zusammengezogen. Wieder sanken leise einzelne weie Flocken herab. Sie
mehrten sich von Augenblick zu Augenblick und deckten bald, einem
Leichentuch gleich, die Krper Christophs und Annas, wie sie durch die
Gassen der Stadt Wolfenbttel, dem Zuge der Krieger und Brger voran,
dicht hinter dem Gefolge des Herzogs, welcher mit gesenktem Haupte
vorausritt, der Gerichtssttte am Schlo zugetragen wurden. Der alte
Knecht Erdwin ging neben seinem jungen Herrn her; aber er wute nichts
davon -- dunkel war es in ihm und um ihn! --

=So starb der Junker Christoph von Denow eines adeligen Todes!=




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    *                                           *
    *               Ein Geheimnis               *
    *                                           *
    *   Lebensbild aus den Tagen Ludwigs XIV.   *
    *                                           *
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                    I.

          In der Gasse Quincampoix.


Wenn man bedenkt, was fr wunderliche Geschichten in dieser Welt
tagtglich geschehen, so mu man sich sehr wundern, da es immerfort
Leute gegeben hat und noch gibt, welche sich abmhten und abmhen,
selbst seltsame Abenteuer zu erfinden und sie ihren leichtglubigen
Nebenmenschen durch Schrift und Wort fr Wahrheit aufzubinden. Die
Leute, die solches tun, verfallen denn auch meistens -- wenn sie ihr
leichtfertig Handwerk nicht ins Groe treiben und was man nennt groe
Dichter werden, -- der ffentlichen Miachtung als Flausenmacher und
Windbeutel, und alle Vernnftigen und Verstndigen, die sich durch ein
ehrlich Handwerk ernhren, als wie Prediger, Leinweber und Juristen,
Brstenbinder, rzte, Schneider, Schuster und dergleichen, blicken mit
mitleidiger Geringschtzung auf sie herab, und das mit Recht!

So sage ich denn reu- und wehmtig _confiteor, confiteor; -- mea culpa,
mea culpa!_ so beginne ich denn meine -- =wahre Geschichte=.

Es war in dem durch die Seeschlacht von La Hogue fr das Glck und den
Glanz des franzsischen Knigs und Volkes so unheilvollen Jahre 1692.
Viel Not und Elend herrschte im Lande; in Guienne, Bearn, Languedoc und
der Dauphine starben die Menschen zu Tausenden vor Hunger; Bankerotte,
greuliche Mordtaten, Aufstnde waren an der Tagesordnung; -- es war, als
wolle es abwrts gehen mit dem groen Louis. Es regnete, und der
Novemberwind fuhr in kurzen Sten scharf ber die Stadt Paris und durch
die Gasse Quincampoix, welche letztere gar wst, schmutzig und
verwahrlost ausschauete. Und sah die Gasse Quincampoix an diesem dstern
Novembernachmittag hlich aus, so gewhrten die Menschen, welche sie
bevlkerten, einen noch schlimmern Anblick. War es nicht, als ob das
allgemeine Unglck jedem Gesicht seinen Stempel aufgedrckt habe? -- O
wie verkommen erschien diese franzsische Nation, welche sich fr die
erste der Welt hielt.

Vier Uhr schlug's, als ein junger Mensch von ungefhr achtundzwanzig
Jahren, hager, bleichgelblich von Gesicht, schwarzhaarig, schwarzugig,
in luftigen, rmlichen, schbigen Kleidern, in der Gasse Quincampoix in
die Kneipe zum Dauphinswappen trat, um seine letzten Sols an eine
Mahlzeit zu wenden. =Stefano Vinacche= hie dieser junge Mann; ein
Neapolitaner war er von Geburt, ein Abenteurer vom reinsten Wasser. Als
er in die Gargotte eintrat, herrschte in derselben ein wahrer
Hllenlrm; ein Sergeant vom Regiment Villequier war mit einem Kornet
vom Regiment Ruffey ber dem Spiele in Streit geraten, ein
Perckenmacher zankte mit einem Lakaien der Prinzessin von Conti ber
die Frage: ob es recht sei, da Monsieur de Pomponne, der
Staatsminister, so viel einzunehmen habe, als ein Prinz von Geblt; --
andere Gste unterhielten sich ber andere Gegenstnde mit so viel Lrm
als mglich. Im Hinterzimmer, welches an die Kneipstube grenzte, war ein
uerst hitziger Wortkampf ausgebrochen zwischen dem Wirt zum
Dauphinswappen, Claude Bullot, und seiner hbschen galanten Tochter, --
kurz, alles ging drunter und drber, und nur Margot die Kellnerin, eine
Picarde, bewahrte ihren Gleichmut, blickte vom Kamin aus mit
untergeschlagenen Armen in das Getmmel und gab Achtung, da dem
Sergeanten und dem Kornet jede zerbrochene Flasche, jedes zertrmmerte
Glas richtig angekreidet wurden. Margot die Picarde wute, da im
Notfall die Marechausse in der Gaststube alles schon ins Gleichgewicht
bringen wrde, und was im Hinterzimmer vorging, zwischen ihrem Herrn und
der Mademoiselle, machte ihr das hchste Vergngen. --

Am Kamin legte Margot die Picarde dem Neapolitaner das Kuvert, und der
Fremde war allzu ausgehungert und allzu na, um anfangs an etwas anderes
zu denken, als den Hunger aus dem Magen und die Klte aus den brigen
Gliedern zu verjagen. Ruhig setzte er sich auf den ihm angewiesenen
Platz, a und trank, trocknete seine Kleider, bis er allgemach wieder
auflebte und fhig wurde, seine Aufmerksamkeit den Vorgngen in seiner
Umgebung zuzuwenden. Der Sergeant vom Regiment Villequier erhielt
richtig einen Degensto in die Schulter, verhaftet wurde darber der
Kornet vom Regiment Ruffey; die Brger, Lakaien, Diebe und Tagediebe
zerstreuten sich mit einbrechender Dmmerung, um sich vor der Dunkelheit
zu retten, oder in der Dunkelheit ihren lichtscheuen Geschften
nachzugehen. Es wurde still in der Gargotte, nur im Hinterzimmer konnte
man sich immer noch nicht beruhigen. In der Tr, welche auf die Gasse
fhrte, stand die Kellnerin Margot und blickte in den Regen und die
Nacht hinaus, das Feuer im Kamine prasselte und knatterte und warf
seinen roten Schein ber die Tische und Bnke des weiten Gemaches, die
trbe Hngelampe qualmte an der geschwrzten Decke; niemand strte jetzt
mehr den jungen Neapolitaner in seinen trben Gedanken. Mechanisch
klimperte er mit den wenigen Geldstcken in seiner Tasche; -- was sollte
er beginnen, um nicht Hungers zu sterben, um nicht in den Gassen dieses
schmutzigen, kalten, stinkenden Paris zu erfrieren? O Neapel, Neapel!
seufzte Stefano Vinacche.

Jawohl, etwas anderes war es, eine Nacht obdachlos am Strande des
tyrrhenischen Meeres, ein anderes, eine Nacht obdachlos am Ufer der
Seine zuzubringen. Eine Art stumpfsinniger Schlaftrunkenheit berkam den
jungen Italiener, seine Augen schlossen sich unwillkrlich, und immer
dumpfer und verworrener vernahm er das Schluchzen der Mademoiselle
Bullot und die kreischende Stimme des zornigen Vaters.

Aber was war das? Pltzlich schwand jedes Zeichen von Ermdung, von
Erschpfung an dem Italiener. Vorgebeugt sa er auf seinem Stuhle und
horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit nach der Tr hin, welche in
das Hinterzimmer fhrte. Das Wechselgesprch zwischen Vater und Tochter
war dem Fremden auf einmal interessant geworden durch einen Namen, der
soeben mehrere Male darin vorgekommen war.

Immer gespannter horchte Vinacche.

Hatte nicht Meister Claude Bullot, ehe ihm Monseigneur der Herzog von
Chaulnes die Kneipe zum Dauphinswappen einrichtete, als Seifensieder
Bankerott gemacht?

War nicht Mademoiselle Bullot ein reizendes Schtzchen, dem man schon
etwas zu Gefallen tun konnte?

Hoch spitzte Stefano Vinacche die Ohren beim Namen des Herzogs von
Chaulnes.

Oho, Stefano, solltest du da unvermutet in den Honigtopf gefallen sein?
Oho, Glck geht immer ber Verstand, -- _va' piu un' oncia di fortuna,
che una libra di sapere_. Achtung, Achtung, Vinacche!

Mancherlei sprach der Vater im Hinterzimmer der Kneipe zum Wappen des
Dauphins. Mancherlei sprach das Tchterlein dagegen; immer frhlicher
rieb sich Stefano die Hnde, bis endlich die Verbindungstr mit Macht
aufgerissen wurde und Mademoiselle -- _plore_ in das Schenkzimmer
strzte. Hinter ihr erschien der zornige Papa, einen zusammengedrehten
Strick in der Hand:

Warte, Kreatur!

Stefano Vinacche wute schon lngst, was er zu tun hatte. Er warf sich
auf den ergrimmten Gargottier und packte seinen erhobenen Arm.

Monsieur?!

Monsieur!

Lat mich frei! was fllt Euch ein?

Ich leid's nicht, da Ihr Mademoiselle mihandelt; -- tretet hinter
mich, Mademoiselle!

Margot, Margot! rief endlich der Wirt zum Dauphinswappen.

Margot erschien, stemmte aber nur die Arme in die Seite und sah der
Szene zu, ohne ihrem Herrn zu Hilfe zu kommen.

Haltet ihn, um Gottes willen, haltet ihn, er wird mich ermorden, wenn
Ihr ihn freilat! rief Mademoiselle Bullot.

Seid ruhig, Schnste; er soll Euch nichts zuleide tun. Pfui, schmt
Euch, Monsieur, wie knnt Ihr eine liebenswrdige Tochter also
behandeln?

Ich frage Euch zum letztenmal, wollt Ihr mich loslassen?

In Ewigkeit nicht, wenn Ihr mir nicht den Strick gebt, Signor, und
versprecht artig zu sein gegen die Damen, Signor!

Morbleu! schrie der Wirt zum Dauphinswappen, und der Himmel wei, was
geschehen wre, wenn nicht der Eintritt eines in einen Mantel
gewickelten Mannes der Szene ein Ende gemacht htte.

Der Mantel fiel zur Erde, und Wirt und Tchterlein und Kellnerin und
Italiener riefen mit einer Stimme:

Monseigneur!

Der Eingetretene war Karl d'Albert, Herzog von Chaulnes, Pair von
Frankreich, Vidame von Amiens, ein ltlicher Mann, dem man den groen
Herrn nicht im mindesten ansah, woran der brgerliche Anzug durchaus
nicht schuld war; ein Mann, von welchem einige Jahre spter ein
deutscher Schriftsteller sagte: Er erwartet den Tod mitten in seinen
Vergngungen; er ist freigebig ohne Unterschied und von einem sehr
abgenutzten Gehirne.

Holla, das geht ja lustig her! rief der Herzog. _Notre Dame de
Miracle_, und auch Vinacche dabei! Sagt mir um aller Teufel willen --

Mademoiselle Bullot lie ihn nicht aussprechen; sie eilte auf den hohen
Herrn zu und -- warf sich an seinen Hals, schluchzend, Gift und Galle
speiend:

Monseigneur, ich halt's nicht mehr aus; Monseigneur, errettet mich aus
den Hnden meines Vaters! Wre dieser edle junge Mann eben nicht
dazwischen gekommen, er htte mich gewilich zu Tode geschlagen.

Wieder das alte Lied? Bullot, Bullot, ich frage Euch um Gottes willen,
glaubt Ihr in der Tat, ich habe Euch Eurer roten Nase wegen zum
Eigentmer dieses Dauphinswappens gemacht? Ich sage Euch, auf den Knieen
solltet Ihr Eure liebenswrdige Tochter verehren; -- _notre Dame de
Miracle_, ich sage Euch zum allerletzten Male, behandelt Mademoiselle,
wie es sich ziemt, oder --

O Monseigneur! flehte Meister Claude, welcher seinen Strick lngst
ganz verstohlen in den Winkel geworfen hatte und katzenbuckelnd so
gemein und niedertrchtig aussah, wie man unter der Regierung des
groen Louis nur aussehen konnte. O Monseigneur, ich versichere Euch,
=sie= hat's darauf abgesehen, ihren unglckseligen Vater in ein
frhzeitig Grab zu bringen. Monseigneur, Ihr kennt sie nur von der einen
Seite; aber ich -- o Monseigneur! --

Still! Ihr seid ein Schurke, und Mademoiselle ist ein Engel! --
beruhige dich, Kind --

Monseigneur, er ist zu boshaft. Monseigneur, wenn Ihr mich wirklich
liebt, so lat mich nicht in seiner Gewalt.

Ruhig, ruhig, ses Kind. Was ist denn nur eigentlich vorgefallen?

Ja, was war vorgefallen?

Eine Zungenfertigkeit sondergleichen entwickelten Mademoiselle Bullot
und Meister Claude Bullot gegeneinander, doch haben wir mit dem
Ausgangspunkte des Streites nicht das mindeste zu schaffen und brauchen
nur zu sagen, da der Herzog von Chaulnes, obgleich er im Grunde seines
Herzens dem erzrnten Papa recht geben mute, in Anbetracht seiner
zarten Stellung zu Mademoiselle sich auf deren Seite stellte. Sehr
rgerlich war der Herzog von Chaulnes! In uerst lebendiger Stimmung
war er durch die Gasse Quincampoix zum Dauphinswappen geschlichen, nun
fand er statt Ruhe und Behagen, Unzufriedenheit und Streit; wo er
Lcheln und Lachen erwartet hatte, mute er Trnen trocknen; -- _notre
Dame de Miracle_, es war zu rgerlich!

Etienne, sagte der Herzog zu Vinacche, Etienne, ich bin dieses Lrms
mde; ich will nach Haus und du magst mit mir kommen. Meister Claude,
ich versichere Euch meiner gndigsten Ungnade! Mademoiselle, Eure
rotgeweinten Augen betrben mich sehr -- gute Nacht, Mademoiselle --
dazu zweihundert Louisdor im Landsknecht verloren -- kommt, Etienne
Vinacche, Ihr mgt mit mir zum Hotel fahren, ich habe Euch etwas zu
sagen; ich habe eine Idee!

Vergebens hing sich Mademoiselle Bullot an den Arm des Herzogs mit den
sesten Schmeicheleien und Liebkosungen. Er machte sich los, streckte
dem niedergeschmetterten Wirt zum Dauphinswappen eine Faust entgegen,
lie sich von Vinacche den Mantel wieder um die Schultern legen und
verlie, im hchsten Grade mimutig gestimmt, mit seiner Idee die
Gargotte, in welcher nach seinem Abzuge der Tanz zwischen Vater und
Tochter von neuem anging, doch diesmal mit allem Vorteil auf Seiten von
Mademoiselle. Meister Claude Bullot sah ein, da er ein Esel -- ein
gewaltiger Esel war; demtig kroch er zu Kreuze und nahm jede Injurie,
welche ihm das Tchterlein an den Kopf warf, mit gekrmmtem Rcken in
Empfang.

Unterdessen wateten mhsam der Herzog und der Italiener durch den
Schmutz und die Gefahren der Gassen von Paris, bis sie an einer Ecke zu
der harrenden Karosse des Herzogs gelangten. Mit tiefen Bcklingen ri
der Lakai den Wagenschlag auf.

Steig hinten auf, Etienne; ich habe mit dir zu reden, sagte der Herzog
und warf sich in die Kissen seiner Kutsche.

Achtung, Stefano, jetzt mag's in deinen Topf regnen! murmelte der
schlaue Neapolitaner, und schwerfllig setzte sich die Karosse in
Bewegung.




                    II.

                   Gold.


Whrend vor dem flackernden Kaminfeuer in seinem Hotel der Herzog von
Chaulnes dem obdachlosen Vagabunden Stefano Vinacche den annehmbaren
Vorschlag tut, Mademoiselle Bullot, das liebenswrdige Erzeugnis der
Gasse Quincampoix, zu -- heiraten und dadurch nicht nur sich selbst,
sondern auch Monseigneur aus mancherlei rgerlichen Verdrielichkeiten
des Lebens herauszureien, wollen wir erzhlen, wer Stefano Vinacche
eigentlich war. Im Jahre 1689 war der junge Neapolitaner als Lakai im
Gefolge des Herzogs, dem er zu Rom mancherlei Dienste kurioser Art
geleistet haben mochte, nach Frankreich gekommen, ohne jedoch in diesem
Lande anfangs die Trume, welche ihm seine sdliche Phantasie
vorspiegelte, zu verwirklichen. Es wird uns nicht gesagt, was ihn im
folgenden Jahre schon aus dem Dienste seines Gnners trieb, und ihn
bewog, sich als gemeiner Soldat in das Regiment Royal-Roussillon
aufnehmen zu lassen. Wir wissen nur, da er im Jahre 1691 dem
Regimentsschreiber Nicolle, seinem Schlafkameraden, einige
Offiziersuniformen, welche derselbe ausbessern sollte, stahl und mit
ihnen desertierte, welches Wagestck aber fast bel abgelaufen wre. Auf
dem Wege nach Paris, der Stadt, nach welcher von jeher eine dumpfe
Ahnung knftiger Geschicke das seltsame Menschenkind trieb, gefangen und
als Fahnenflchtiger ins Gefngnis geworfen und zum Tode verurteilt,
entging er nur durch Verwendung des Grafen von Auvergne dem Galgen. Im
nchsten Jahre in Freiheit gesetzt, machte sich Stefano Vinacche von
neuem auf den Weg nach Paris, und haben wir seiner Ankunft in der
Gargotte zum Wappen des Dauphins in der Gasse Quincampoix soeben
beigewohnt. --

Ei, wie wunderlich, wunderlich spinnt sich ein Menschenleben ab! Wir
armen blinden Leutlein auf diesem Erdenballe wandern freilich in einem
dichten Nebel, der sich nur zeitweilig ein wenig hier und da lftet, um
im nchsten Augenblicke desto dichter sich wieder zusammenzuziehen. Wir
getriebenen und treibenden Erdbewohner haben freilich nur eine dumpfe
Ahnung von dem, was im Getmmel ringsumher vorgeht. Warum sollten wir
uns auch in der kurzen Spanne Lebenszeit, die uns gegeben ist, viel um
andere Leute bekmmern, da wir doch so viel mit uns selbst zu tun haben?
ber allen Nebeln ist Gott; der mag zusehen, da alles mit rechten
Dingen zugeht; der mag acht geben, da sich der Faden der Geschlechter,
welchen er durch die Jahrtausende von dem Erdknuel abwickelt, nicht
verwirrt. Nur weil sie abgewickelt werden, drehen sich Sonne, Mond,
Sterne; -- von jeder leuchtenden Kugel luft ein Faden zu dem groen
Knuel in der Hand Gottes, zu dem groen letzten Knuel, in welchem
jeglicher Knoten, der unterwegs entstanden sein mochte, gelst sein
wird, in welchem alle Fden nach Farben und Feinheit harmonisch sich
zusammenfinden werden.

Da ist solch ein Kntlein im Erdenfaden! wir finden es in unsrer
Erdgeschichte am Ende des siebenzehnten und Anfang des achtzehnten
Jahrhunderts nach Jesu Geburt, wo viel Snde, Schande und Verderbnis
sich hlich ineinander schlingen, wo Krieg und Sittenlosigkeit das
abscheulichste Bndnis geschlossen haben, da das jetzige Gechlecht
schaudernd darob die Hnde ber dem Kopfe zusammenschlgt.

Der Erzhler aber, des letzten groen knotenlosen Knuels in der Hand
Gottes gedenkend, schlgt nicht die Hnde ber dem Kopfe zusammen; --
den Handschuh hat er ausgezogen, mutig in die Wstenei hineingegriffen,
einen lngst begrabenen, vermoderten, vergessenen Gesellen
hervorgezogen. Da ist er -- =Stefano Vinacche= -- spterhin Monsieur
Etienne de Vinacche, groer Arzt, berhmter Chemiker, -- Goldmacher,
nchst Samuel Bernard der reichste Privatmann seiner Zeit!...

Also Etienne, sprach der Herzog von Chaulnes zu dem halb verhungerten,
obdachlosen Vagabunden, eine allerliebste Frau und eine vortreffliche
Aussteuer....

_Servitore umilissimo!_

Und, Etienne, eine Empfehlung an meinen Freund, den Herzog von Brissac.
Ihr geht nach Anjou, -- lebt auf dem Lande, wie die Engel _ la Claude
Gillot_, -- ich besuche Euch -- stehe Gevatter --

Ah! machte der Italiener mit einer unbeschreiblichen Bewegung des
ganzen Oberkrpers.

_Plait-il?_

O nichts, Monseigneur! sagte der Italiener. Ihr seid mein
gndigster, gtigster Herr und Gebieter. Er machte eine Verbeugung bis
auf den Boden.

Wann soll die Hochzeit sein, Monseigneur?

So schnell als mglich -- ach!

Monseigneur seufzt?! rief Stefano schnell. Noch ist's Zeit, da
Monseigneur Sein Wort zurcknehme; Mademoiselle Bullot ist ein reizendes
Mdchen; aber wenn Monseigneur die hohe Gnade haben wollte, mich wieder
zu seinem Kammerdiener zu machen --

Nein, nein, nein, es bleibt dabei, Vinacche; Ihr heiratet die Schne,
und ich -- _ah notre Dame de Miracle_ -- ich will hingehen und sorgen,
da Madame von Maintenon und der Pater La Chaise davon zu hren
bekommen. Also geht, Vinacche; bis zur Hochzeit gehrt Ihr wieder zu
meinem Haus. Der Intendant soll fr Euch sorgen.

Monseigneur ist der gromtigste Herr der Welt! rief Vinacche, dem
Herzog die Hand kssend. Unter tiefen Bcklingen schritt er rcklings
zur Tr hinaus, und tief seufzend blickte ihm sein Gnner nach.

Als sich die Tr hinter dem Italiener geschlossen hatte, murmelte
dieser: _Corpo di Bacco_, Achtung, Achtung, Vinacche, Stefano mein
Shnchen! Halte die Augen offen, mein Pppchen! Ist's mir nicht
versprochen bei meiner Geburt, da ich vierspnnig fahren sollte in der
Hauptstadt der Franzosen?!

Drinnen rieb sich der Herzog die Stirn und chzte:

Ach, Madame von Maintenon ist eine groe Dame! _Vive la messe!_

Acht Tage nach dem eben Erzhlten war eine Hochzeit in der Gasse
Quincampoix. Der Wirt zum Dauphinswappen Claude Bullot verheiratete zu
seiner eigenen Verwunderung und zur Verwunderung smtlicher Nachbaren
und Nachbarinnen seine hbsche Tochter mit einem ganz unbekannten jungen
Menschen, der nicht einmal ein Franzose war. Mancherlei Glossen wurden
darber gemacht, und allgemein hie es, Mademoiselle Bullot sei eine
Trin, welche nicht wisse, was man mit einem hbschen Gesicht und
tadellosen Wuchs in Paris anfangen knne.

Da aber Mademoiselle Bullot und Stefano Vinacche mit ziemlich vergngten
Mienen ihr Schicksal trugen, so mochten Papa und Nachbarschaft nach
Belieben sich wundern, nach Belieben Glossen machen. Smtliche
Dienerschaft des Herzogs von Chaulnes verherrlichte die Hochzeit durch
ihre Gegenwart; Flten und Geigen erklangen in der Gargotte zum Wappen
des Dauphins. Man sang, jubelte, trank auf das Wohl der Neuvermhlten
bis tief in die Nacht. Zuletzt artete das Gelage nach der Sitte der Zeit
in eine wahre Orgie aus; blutige Kpfe gab's, und zum Schlu mute der
Polizeileutnant einschreiten und die ausgelassene Gesellschaft
auseinander treiben. Am folgenden Tage machte das junge Paar sich auf
den Weg zum Gouverneur von Anjou, dem Herzog von Brissac, einem armen
Heiligen, dessen Name nicht im Kalender steht.

Ein tchtiges Schneegestber wirbelte herab, als der Wagen der
Neuvermhlten hervorfuhr aus der Gasse Quincampoix. Auf der Schwelle
seiner Tr stand der Vater Bullot mit der Kellnerin Margot, und beide
blickten dem Fuhrwerk nach, so lange sie es sehen konnten. Dann zog der
Wirt zum Dauphinswappen die Schultern so hoch als mglich in die Hhe
und trat mit der Picarde zurck in die Schenkstube, welche noch deutlich
die Spuren der Hochzeitsnacht an sich trug.

Alles in allem genommen, ist's doch ein Trost und ein Glck, da ich
sie los bin, brummte der zrtliche Papa. Es htte noch ein Unglck
gegeben; das war ja immer, als brenne der Scheuerlappen zwischen uns.
Vorwrts, Margot! einen Ku und an die Arbeit, mein Liebchen, auf da
das Haus rein werde.

Liebe Freunde, wer das Leben Stefano Vinacches beschreibt, der mu recht
acht geben, da er seinen Weg im Nebel nicht verliere. Schattenhaft
gleitet die Gestalt des Abenteurers vor dem Erzhler her, bald zu einem
Zwerg sich zusammenziehend, bald riesenhaft anwachsend, gleich jener
seltsamen Naturerscheinung, die den Wanderer im Gebirge unter dem Namen
des Nebelgespenstes erschreckt. Bald klarer, bald unbestimmter tritt
Stefano Vinacche aus den Berichten seiner Zeitgenossen uns entgegen. Wir
wissen nicht, was ihn mit seiner Frau so schnell aus Anjou nach Paris
zurcktrieb; wir wissen nur, da am neunten April 1693, an dem Tage, an
welchem Roger von Rabutin, Graf von Bussy, sein wechselvolles Leben
beschlo, der Papa Bullot in hchster Verblffung die Hnde ber dem
Kopfe zusammenschlug, als er Tochter und Schwiegersohn zu Fu,
kotbespritzt, mit hchst winziger Bagage, durch die Gasse Quincampoix
auf das Dauphinswappen zuschreiten sah. Der gute Alte traute seinen
Augen nicht und berzeugte sich nicht eher von der Wirklichkeit dessen,
was er erblickte, bis ihm Madame Vinacche schluchzend um den Hals fiel,
und Stefano ihn herzzerbrechend anflehte, ihn und sein Weib fr eine
Zeit wieder unter sein Dach zu nehmen.

Wir wollen auch recht artige Kinder sein! bat Madame Vinacche.

Und wir werden nicht lange Euch zur Last sein! rief Stefano.

_Diable! diable!_ chzte Meister Claude Bullot, und Margot, die
Picarde, gab ihm verstohlen einen Rippensto, da er fest bleibe und
sich nicht beschwatzen lasse.

Wer htte aber den beredten Worten Stefano Vinacches widerstehen knnen?
Das Ende vom Liede war, da das junge Ehepaar mit seinen armen
Habseligkeiten einzog in die Kneipe zum Dauphinswappen, und da Meister
Bullot und Margot, die Kellnerin, nachdem Madame Vinacche die Schwelle
berschritten hatte, seufzend sich in das Unvermeidliche fgten.

Ach, Margot, Margot, nun sind die schnen Tage wieder vorber! seufzte
Meister Claude, und whrend die Heimgekehrten im oberen Stockwerk des
Hauses ihre Einrichtungen trafen, saen am Kamin in der leeren
Schenkstube der Wirt und seine Kellnerin trbselig einander gegenber
und konnten sich nur durch das weise Wort, da man das Leben nehmen
msse, wie es komme, -- trsten. Dann schlossen die beiden Parteien
einen Kompromi, in welchem festgestellt wurde, da weder Monsieur
Etienne noch Madame in die Angelegenheiten des Papas und der Kellnerin
Margot sich mischen sollten, und da sie durch ihnen passend scheinende
Mittel fr ihrer Leiber Nahrung und Kleidung selbst zu sorgen htten.
Wohnung, Licht und Feuerung versprachen Meister Bullot und Margot die
Picarde zu liefern.

Feierlich wurde dieser Vertrag von einem Stammgast der Gargotte, dem
Sieur Le Poudrier, einem Winkeladvokaten, verbrieft und besiegelt, und
man lebte fortan miteinander, wie man konnte.

Da der Herzog von Chaulnes seine Verpflichtungen gegen das junge Ehepaar
glnzend abgetragen zu haben glaubte, so flo die Quelle seiner Gnaden
immer sprlicher und versiegte zuletzt ganz. Die Haushaltung im zweiten
Stockwerk des Dauphinswappens mute fr Erffnung anderer Geldquellen
sorgen, zumal da noch im Laufe des Sommers ein kleiner Vinacchetto das
Licht der Gasse Quincampoix erblickte. Die Not und der Zug der Zeit
machten Stefano zu einem Charlatan; aber jedenfalls zu einem genialen
Charlatan.

_Anima mia_, la den Mut nicht sinken, wir fahren doch noch
vierspnnig! sagte er zu seiner hungernden Frau und fing an, den
Nachbarn und Nachbarinnen, sowie den Gsten, welche die Gargotte seines
Schwiegervaters besuchten, Mittel gegen das Fieber und andere
unangenehme bel zu verkaufen.

Allmhlich verwandelte sich das Wohngemach der kleinen Familie in ein
schwarzangeruchertes chemisches Laboratorium; mit wahrer Leidenschaft
warf sich Stefano Vinacche, obgleich er bis an sein Ende weder lesen
noch schreiben lernte, auf das Studium der Simpla und der Mineralien.

Eine gewaltige Vernderung ging mit dem seltsamen Menschen vor; -- nicht
mehr war er der vagabondierende Abenteurer, der das Glck seines Lebens
auf den Landstraen, in den Gassen suchte. Tag und Nacht schritt er
grbelnd einher, das Haupt zur Brust gesenkt, die Arme ber der Brust
gekreuzt. Wer konnte sagen, was er suchte?

Eine fast ebenso berraschende Vernderung kam ber das junge Weib
Vinacches. Die frhere Mtresse des Herzogs von Chaulnes verehrte den
ihr aufgedrungenen Mann auf den Knien, sie war die treuste, liebendste
Gattin geworden, und ist es ber den Tod Stefanos hinaus geblieben.

=Sie= konnte lesen, =sie= konnte schreiben: --wie viele alte vergilbte
Bouquins hat sie dem suchenden Forscher, in stillen Nchten, whrend sie
ihr Kind wiegte, vorgelesen!

Der Vater Bullot hatte nicht mehr Ursache, sich ber das wilde,
unbndige Gebaren seiner Tochter zu beklagen. Die eigentmliche Gewalt,
welche Stefano Vinacche spterhin ber die schrfsten, klarsten Geister
hatte, trat auch jetzt in der engeren Sphre schon bedeutend hervor.
Papa Claude, Margot die Picarde, Gratien Le Poudrier der Rabulist, alle
Nachbaren und alle Nachbarinnen beugten sich dem schwarzen, funkelnden
Auge Stefanos. Der Stein war ins Wasser gefallen, und die Wellenringe
liefen in immer weitern Kreisen fort; -- weit, weit ber die Gasse
Quincampoix hinaus verbreitete sich der Ruf Stefano Vinacches!

Unterdessen schlug man sich in Deutschland, Flandern, Spanien, Italien
und auf der See. In Deutschland verbrannte Melac Heidelberg, und der
Feldmarschallleutnant von Hettersdorf, der die _poltronnerie_ seines
Herzens mit groen _Peruquen_ und bebremten Kleidern zu bedecken
pflegte, -- Hettersdorf, der elende Kommandant der unglcklichen Stadt,
wurde auf einem Schinderkarren durch die Armee des Prinzen Ludwig von
Baden gefhrt, nachdem ihm der Degen vom Henker zerbrochen worden war.
Aus Flandern schickte der Marschall von Luxemburg durch d'Artagnan die
Nachricht vom Sieg bei Neerwinden. Roses in Katalonien wurde erobert. Zu
Versailles, zu Paris in der Kirche unserer lieben Frau sang man _Te Deum
laudamus_; aber im Bischoftum Limoges starben gegen zehntausend Menschen
Hungers. Zu Lyon wie zu Rouen fiel das Volk in den Gassen wie Fliegen,
und ihrer viel fand man, welche den Mund voll Gras hatten, ihr elendes
Leben damit zu fristen.

Stefano Vinacche, nach einer Reise in die Bretagne, verlie die Gasse
Quincampoix und das Haus seines Schwiegervaters und zog in die Gasse
Bourg l'Abb. Strahlend brach die Glckssonne Stefanos durch die Wolken.
Fnf Monate war er in der Bretagne gewesen, und niemand hat jemals
erfahren, was er dort getrieben, -- gesucht, -- gefunden hat! Zu Fu
zog er aus, in einer zweispnnigen Karosse kehrte er zurck. Zwei
Lakaien und ein Kammerdiener bedienten ihn in der Strae Bourg l'Abb,
wohin er aus der Gasse Quincampoix zog. Von neuem errichtete er in
seiner jetzigen Wohnung seine chemischen Feuerherde, von neuem braute er
seine Rezepte, und das Gercht ging aus, Monsieur Etienne Vinacche suche
den Stein der Weisen, und es sei Hoffnung vorhanden, da er denselben
binnen kurzem finden werde; und wieder tritt dem Erzhler der alte
Gnner des unbegreiflichen Mannes, der Herzog von Chaulnes, entgegen,
welcher ihm zum Ankauf von Kohlen, Retorten und dergleichen Apparaten
zweitausend Taler gibt.

Im Jahr der Gnade Eintausendsiebenhundert war das groe Geheimnis
gefunden; -- Stefano Vinacche hatte das Projektionspulver hergestellt,
Etienne Vinacche machte --

                            =Gold!=

In demselben Jahre Eintausendsiebenhundert kaufte =Monsieur de Vinacche=
aus dem Inventar von Monsieur, dem Bruder des Knigs, fr sechzigtausend
Livres Diamanten.




                    III.

               Glck und Glanz.


Wir schauen wie in ein Bild von Antoine Watteau durch das zarte
frhlingsfrische Bltterwerk zu Coubron -- fnf Meilen von Paris -- wo
Monsieur Etienne de Vinacche auf seinem reizenden Landsitze ein
glnzendes Fest gibt. Die untergehende Maisonne des Jahres
Siebzehnhunderteins bergiet die Landschaft mit rosigem Schein; --
Lachen und Kosen und Flstern des jungen Volkes ertnt im Gebsch;
geputzte ltere Herren und Damen durchwandeln gravittisch die
gradlinigen Gnge des Parkes. Karossen und Reitpferde mit ihrer
Begleitung von Kutschern, Lakaien und Lufern halten vor dem vergoldeten
Gittertor; Monsieur de Vinacche und seine Frau sind eben im Begriff, von
einem Teil ihrer Gste, der nach Paris oder den umliegenden Landhusern
zurckkehren will, Abschied zu nehmen.

Die Dame Rochebillard, die Geliebte Tronchins, des ersten Kassierers
Samuel Bernards, des _fils de Plutus_, -- wird von Madame de Vinacche
zu ihrer Kutsche geleitet; Monsieur Etienne befindet sich im eifrigen
Gesprch mit einem jungen Edelmann, dem Sieur de Mareuil. Fr
fnftausend Livres will Vinacche dem Herrn von Mareuil einen
konstellierten Diamant, vermge dessen man immerfort glcklich spielen
soll, anfertigen. Ein wenig weiter zurck unterhalten sich die beiden
reichen Bankiers van der Hultz, der Vater und der Sohn, mit Herrn
Menager, _Scrtaire du Roi_ und Handelsdeputierten von Rouen; -- auf
einem Rasenplatz tanzen einige junge Paare nach den Tnen einer Schalmei
und eines Dudelsacks ein Menuett; bunte Diener tragen Erfrischungen
umher, fr die abfahrenden Gste erscheinen andere; der Chevalier von
Serignan, Monsieur Nicolaus Buisson, der Sieur Destresoriers, Edelleute
von der Robe, Edelleute vom Degen, Finanzleute, Beamte und so weiter mit
ihren Frauen und Tchtern, allgesamt angezogen von dem Glanz, der Pracht
und dem groen Geheimnis des einstigen neapolitanischen Bettlers Stefano
Vinacche.

Hat sich aber um Mitternacht dieser Schwarm der Gste verloren, so
erscheinen andere Gestalten. Aus verborgenen Schlupfwinkeln tauchen
Mnner auf, finstere bleiche Mnner mit zusammengezogenen Augenbrauen
und rauhen, rauchgeschwrzten Hnden. Da ist Konrad Schulz, ein
Deutscher, den Herr von Pontchartrain spter verschwinden lt, ohne da
man jemals wieder von ihm hrt. Da sind Dupin und Marconnel,
hocherfahren in der geheimen Kunst. Da ist Thuriat, ein wackerer
Chemiker; da ist ein anderer Italiener, Martino Polli. Geheimnisvolle
Wagen, von geheimnisvollen Fuhrleuten begleitet, langen an und fahren
ab, und Scke werden abgeladen und aufgeladen, die, wenn sie die Erde
oder einen harten Gegenstand berhren, ein leises Klirren, als wren sie
mit Goldstcken gefllt, von sich geben, geheimnisvolle Feuer in
geheimnisvollen fen flammen auf, -- Wacht hlt Madame de Vinacche, da
die nchtlichen Arbeiter nicht gestrt werden in ihrem Werke.

Hte dich, Stefano Vinacche! Im geheimen Staatsrat zu Versailles hat man
von dir gesprochen: Monsieur Pelletier von Sousy, der Intendant der
Finanzen, hat den Mann mit dem Kopf voll bser Anschlge, hat Monsieur
d'Argenson aufmerksam auf dich gemacht.

Hte dich, Stefano Vinacche! --

Wer klopft in dunkler Nacht an das Hinterpfrtchen des Landhauses zu
Coubron?

Salomon Jakob, ein Jude aus Metz, welcher die Verbindung des
Unbegreiflichen mit Deutschland vermittelt.

Wer klopft in dunkler Nacht an die Pforte des Landhauses zu Coubron?

Franz Heinrich von Montmorency-Luxemburg, Pair und Marschall von
Frankreich, welchen Stefano Vinacche die Kunst lehren soll, den Teufel
zu beschwren.

In dunkler Nacht fhrt nach Coubron der Herzog von Nevers, um sich in
die geheimen Wissenschaften einweihen zu lassen.

In dunkler Nacht fhrt nach Coubron Karl d'Albert, Herzog von Chaulnes,
und Madame de Vinacche empfngt ihn in brokatnen Gewndern, geschmckt
mit einer Cordeliere und einem Halsband im Wert von sechstausend Livres.

_Notre Dame de Miracle_, wie habe ich fr Euer Glck gesorgt,
Allerschnste! sagt der Herzog von Chaulnes, und die Tochter des Wirts
zum Dauphinswappen verbeugt sich mit dem Anstand einer groen Dame und
fhrt den hohen Gast und Gnner in ihren Salon, welcher den Vergleich
mit jedem andern zu Paris aushlt.

Stefano Vinacche trgt nicht mehr sein eigenes Haar; eine wallende
gewaltige Lockenpercke bedeckt sein kluges Haupt. Mit feiner Ironie
sagt er, in den wallenden Stirnlocken dieser seiner Percke halte er
seinen _Spiritus familiaris_, sein _folet_ verborgen und gefesselt.

_Notre Dame de Miracle_, Ihr seid ein groer Mann, Etienne! sagt der
Herzog von Chaulnes, und der Hausherr von Coubron verbeugt sich
lchelnd:

O Monseigneur!

Ja, ja, wer htte das gedacht, als ich Euch in Italien von der
Landstrae aufhob? Wer htte das gedacht, als ich Euch durch den Grafen
von Auvergne vom Galgen errettete; -- Vinacche, Ihr mt mir sehr
dankbar sein.

Stefano legt die Hand auf das Herz.

Monseigneur, ich habe ein gutes Gedchtnis fr empfangene Wohltaten.
Glaubt nicht, da das Glck und die errungene Wissenschaft mich stolz
mache. Fragt meine Frau, was gestern geschehen ist.

Wahrlich, Monseigneur, es war eine tolle Szene. Stellt Euch vor, es
befindet sich gestern eine glnzende Gesellschaft bei uns, Monsieur
Despontis, Monsieur von Beaubriant und viele andere, als ein abgelumpter
Mensch Etienne zu sprechen verlangt. Die Diener wollten ihn abweisen;
aber Etienne hrt den Lrm und lt den Vagabunden kommen. _Mon Dieu_,
was fr eine Szene!

Nun?!

Nicolle war's, gndigster Herr! Nicolle, meines Mannes Kamerad aus dem
Regiment Royal-Roussillon!

Oh, oh, oh! ah, ah, ah! lacht der Herzog. Dem Wiederfinden htt' ich
beiwohnen mgen. Das mu in der Tat eine eigentmliche berraschung
gegeben haben.

Ich fiel in Ohnmacht, und Etienne -- fiel dem Vagabunden um den
Hals --

Und die Gesellschaft?

Stand in starrer Verwunderung! Es war ein tdlicher Augenblick, ruft
Madame de Vinacche klagend, doch Etienne sagt:

Ich hatte dem Manne einst ein schweres Unrecht zugefgt, jetzt war mir
die Gelegenheit gegeben, es wieder gutzumachen, und ich benutzte diese
Gelegenheit.

_Notre Dame de Miracle_, ich werde der Frau von Maintenon diese
Geschichte erzhlen. Ihr seid ein braver Gesell, Etienne. Ah, oh, _ou la
vertu va-t-elle se nicher_? wie Monsieur Molire sagt, -- sagt er nicht
so?

Ich glaube, gndiger Herr, meint Vinacche, die Achsel zuckend, und
setzt hinzu, als eben jemand an die Tr des Salons mit leisem Finger
klopft: Da kommt Konrad, uns zum Werk zu holen. Wenn es also beliebt,
Monseigneur, so knnen wir unsere Arbeit von neuem aufnehmen; Zeit und
Stunde sind gnstig, jeder Stern steht an seinem rechten Platz, und gute
Hnde schren die Flamme!

In die geffnete Tr schaut das finstere Gesicht des deutschen Meisters
Konrad Schulz:

Es ist alles bereit!

Wir kommen! sagt der Herzog von Chaulnes, mit zrtlichem Handku von
Madame Vinacche Abschied nehmend. In das chemische Laboratorium herab
schreiten die Mnner.

Um den schwarzen Herd stehen regungslos die Gehilfen des groen
Goldmachers. Atemlos verfolgt der Herzog jede Bewegung des Alchymisten.

Der Meister arbeitet!

Tiegel voll Salpeter, Antimonium, Schwefel, Arsenik, Qecksilber gehen
von Hand zu Hand. Die Phiole mit dem Sonnenl reicht Martino Polli,
das Blei bringt Konrad Schulz zum Flu; -- der groe Augenblick ist
gekommen. Aus einem Loch in der schwarzen feuchten Mauer ringelt sich
eine bunte Schlange hervor, sie steigt an dem Beine Stefano Vinacches
empor, sie umschlingt seinen Arm und scheint ihm ins Ohr zu zischen. Ein
Zittern berkommt den Goldmacher, aus der Brust zieht er ein winziges
Flschchen; -- im Tiegel grt und kocht die metallische Masse, -- die
Flammen zngeln, -- aus der Phiole in der Hand des Meisters fllt das
Projektionspulver in den Tiegel -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Das Werk ist vollbracht! In die Form giet Konrad Schulz die kostbare,
im hchsten Flu befindliche Masse -- nach einigen Augenblicken wiegt
der Herzog von Chaulnes eine glnzende Metallbarre in der Hand.
Reinstes Gold, Monseigneur! sagt Stefano Vinacche. --




                    IV.

     Was man in Versailles dazu sagte.


Vinacche fuhr mit seiner Frau vierspnnig durch die Straen von Paris.
Lange war Claude Bullot tot und erinnerte sie nicht mehr an die
Dunkelheit ihrer Herkunft. In der Gasse Saint Sauveur besa Stefano
jetzt ein prchtiges Haus, wo er die beste Gesellschaft von Paris bei
sich sah. Sein Leben strahlte im hchsten Glanz. Die Teilnehmer seiner
wunderlichen Operationen hatte er durch Drohungen, Versprechungen, List
und berredung zu seinen Sklaven gemacht; er durfte ihnen drohen, sie
bei der geringsten Auflehnung gegen seinen Willen als Flscher, Kipper
und Wipper hngen zu lassen. Seine Geschftsverbindungen mit Samuel
Bernard, Tronchin, Menager, mit den beiden van der Hultz, mit
Saint-Robert und dem Sieur Buisson Destresoriers nahmen ihren
ungestrten Fortgang. Man sah in seinen Gemchern oft fnfzehn, zwanzig,
dreiig Scke voll nagelneuer Louisdors aufgestellt. Neu geprgte
Goldstcke fanden die Diener und Dienerinnen, von denen das Haus
berquoll, im Kehricht, in den Winkeln, unter der schmutzigen Wsche; --
sie verkauften Stckchen von Goldbarren an die Juden, und Madame de
Vinacche erschrak eines Tages heftig genug, als sie, ungesehen von
ihnen, ein Gesprch zwischen ihrer Kammerfrau La Martion und einigen
Lakaien ihres Mannes belauschte. --

Der spanische Erbfolgekrieg hatte begonnen. War das Geld im Hause
Stephano Vinacches im berflu vorhanden, so mangelte es um desto mehr
im Hause des Knigs Ludwig des Vierzehnten. Herrschte im Hause Stefano
Vinacches Jubel und bermut, so herrschte Mimut, Angst, Sorge und Not
zu Versailles. Ein gewaltiger Umschwung aller Dinge trat in diesem
frher so glnzenden Frankreich mehr und mehr hervor. Auf die Zeit des
phantastischen, lebenvollen Karnevals folgte der Aschermittwoch mit
seinen Grabgedanken. Zu Grabe gegangen waren die Schriftsteller und
Dichter: Pascal und Franz von La Rochefoucauld ergrndeten nicht mehr
die Tiefe des menschlichen Herzens. Jean de Lafontaine hielt nicht mehr
den lustigen Spiegel der Welt vor, Jean war davongegangen wie er
gekommen war; -- verstummt war die mchtige Leier des groen Corneille,
Jean Racine hatte sein Schwanenlied gesungen und war hinabgesunken in
die blaue Flut der Ewigkeit. Tot, tot war Molire, der gute Kmpfer
gegen Dummheit, Heuchelei, Aberglauben und Laster; tot war Jean Baptiste
Poquelin, genannt Molire, aber Tartuffe lebte noch!

Die Heiterkeit des Daseins war erblat, auch die feierlichen Stimmen der
groen Kanzelredner Bossuet, Bourdaloue, Flechier verstummten! Knig in
Frankreich war der Pater La Chaise, Knigin in Frankreich war Franziska
d'Aubign, die Witwe Paul Scarrons. Die Schutzherrschaft ber das Land
nahm man dem heiligen Michael und gab sie der Jungfrau Maria, wie man
sie vorher dem heiligen Martin und vor diesem dem heiligen Denis
genommen hatte. Schaffe Geld, schaffe Geld, Geld, Geld, o heilige
Jungfrau Maria! Schaffe Geld, holde Schutzherrin, Geld zum Kampf gegen
deine und unsere Feinde! Schaffe Geld und abermals Geld und wiederum
Geld, se Mutter Gottes! Schaffe Geld, Geld, Geld, o Schutzpatronin von
Frankreich und Versailles, Marly und Trianon!

Wiederum war ein Staatsrat gehalten worden zu Versailles ber die besten
Mittel, Geld zu bekommen, und niemand hatte Rat gewut; weder
Pontchartrain, noch Pomponne, noch du Harlay, Barbezieux, d'Argouges,
d'Agnesseau. Wohl war manche neue Steuer vorgeschlagen worden; doch ohne
zu einem Resultat gelangt zu sein, hatte Louis der Vierzehnte seine Rte
entlassen mssen. Verstimmt im hchsten Grade, ratlos bis zur
Verzweiflung schritt er auf und ab in seinem Gemach und seufzte:

O Colbert, o Louvois!

Der Knig von Frankreich befand sich vollstndig in der Seelenstimmung
Sauls, des Knigs der Juden, als er Verlangen trug nach dem Geiste
Samuels, des Hohenpriesters.

Dazu war die Frau Marquise nach Saint Cyr zu ihren jungen Damen
gefahren, und der Vater La Chaise gab einigen Brdern in Christo in
der Vorstadt Saint Antoine in seinem Hause ein kleines Fest. Armer,
groer Louis! zu seinem letzten Mittel mute er greifen, um sich zu
zerstreuen; -- Fagon, sein Leibarzt, wurde gerufen. In der Unterhaltung
mit diesem klugen Manne ging dem Monarchen, freilich doch langsam
genug, dieser trbe Oktobernachmittag des Jahres 1703 hin, und zuletzt
kam auch Madame von Maintenon zurck. Der Knig seufzte auf, gleich
einem, der von einer schweren Last befreit wird; Fagon machte seine
Verbeugungen und entfernte sich, ebenfalls hchlichst erfreut ber seine
Erlsung.

Im klagenden Tone erzhlte nun der Knig seiner Ratgeberin von seiner
trben Nachmittagsstimmung, von seiner Sehnsucht nach ihr, seiner
einzigen Freundin, von der Dummheit der rzte und von der vergeblichen
Ratssitzung.

Sire, sagte die Marquise lchelnd, ich bin Eure demtige Dienerin;
die besten rzte sind die, welche die Seele zu heilen verstehen, was
aber die Ratlosigkeit Eurer Rte betrifft, so ist hier ein Billett,
welches die Mittel angibt, dem Staat Geld zu schaffen. Von unbekannter
Hand wurde es mir in den Wagen geworfen. Leset es, Sire, wir haben schon
einmal ber den Mann gesprochen, von dem es handelt.

Der Knig nahm das Schreiben und berflog es.

Vinacche?! der Goldmacher! murmelte er und zuckte die Achseln.

Ich hre Erstaunliches ber den Mann, meinte die Marquise. Sein
Luxus geht ins Grenzenlose. Die grten Herren Eures Hofes, Sire, gehen
bei ihm ein und aus. Der Herzog von Brissac hat mir neulich stundenlang
von dem geheimnisvollen Menschen gesprochen. Neulich war auch Madame von
Chamillard bei mir; sie steht in Verbindung mit dem reichen
hollndischen Bankier van der Hultz. Auch dieser Mann soll vollstndig
berzeugt sein, Monsieur de Vinacche habe das Projektionspulver
gefunden, Monsieur de Vinacche mache in Wahrheit Gold.

Ach, Marquise, von wie vielen haben wir das geglaubt!

Sire, wre ich an Eurer Stelle, ich wrde d'Argenson beauftragen,
diesen Italiener etwas genauer zu beobachten.

Der Knig zuckte abermals die Achseln und gab das Billett zurck.

Wenn d'Argenson das fr ntig hlt, so mag er seine Anordnungen
treffen; -- ich will nichts damit zu tun haben. Was beginnen Eure
Frulein zu Saint Cyr, Marquise?

Nachdem der Knig das Gesprch auf eine andere Bahn geleitet hatte, war
es vergeblich, von neuem den verlassenen Punkt zu berhren; aber die
Marquise schob das Billett in ihre Tasche und fate einen Beschlu. Am
andern Tage schickte sie ihren Stallmeister Manceau in die Gasse Saint
Sauveur zu Vinacche, unter dem Vorgeben: er solle Diamanten kaufen fr
eine fremde Prinzessin. Manceau, von seiner Herrin bestens instruiert,
lie nichts in dem Hause des Alchymisten auer Augen und erzhlte
nachher Wunder von der Pracht und dem Glanze, die darinnen herrschten.
Pferde, Gemlde, Silbergeschirr, Meubles, alles taxierte er, wie ein
Auktionskommissr; auf seine Frage nach Juwelen antwortete aber
Vinacche, er besitze deren wohl sehr schne, aber er handle nicht damit.

Fast schwindelnd von dem Geschauten kam der Abgesandte der Marquise nach
Versailles zurck und stattete seiner Herrin Bericht ab. Einige Tage
nachher wurde Stefano Vinacche selbst nach Versailles beschieden und
daselbst sehr hflich und zuvorkommend von Herrn von Chamillard
empfangen! Ein langes Gesprch hatten die beiden Herren miteinander, und
hinter einem Vorhange lauschte die Marquise von Maintenon demselben.
Aber aalglatt entschlpfte Vinacche jeder Frage, die sich auf seine
groe Kunst bezog; er nahm Abschied und bestieg seine Karosse wieder,
ohne da die Marquise und Chamillard ihrem Ziel im geringsten
nhergekommen wren.

Lassen wir d'Argenson kommen! sagte Frau von Maintenon. Um keinen
Preis darf uns dieser Mann entgehen.

Monsieur de Chamillard verbeugte sich bis zur Erde, und -- d'Argenson
ward gerufen.




                    V.

                Das Ende.


Und Monsieur d'Argenson streckte seine Hand aus; -- es fiel ein
schwarzer Schatten ber das glnzende, frhliche Leben in der Gasse
Saint Sauveur; nach allen Seiten hin zerstob das Getmmel der vornehmen,
reichen und geistreichen Gste. Die Flucht nahmen die Herzge, die
Marquis, die Chevaliers, die Abbs, die Poeten. Wer durfte wagen, da zu
weilen, wohin Monsieur d'Argenson den Fu gesetzt hatte?

Aus dem Nebel ragt dster drohend die Bastille! Sie halten den Stefano
Vinacche, auf da ihnen sein kstliches Geheimnis nicht entgehe,
und -- am 22. Mrz 1704, einem Sonnabend -- scharren sie ihn ein auf dem
Kirchhof von Sankt Paul, unter dem Namen =Etienne Durand=.

Wer hat je das Genie durch Gewalt gezwungen, seine Schtze mitzuteilen?

So liest man in den Registern der Bastille:

In der Nacht vom Mittwoch auf den grnen Donnerstag, als am 20. Mrz
1704, morgens um ein Viertel auf zwei Uhr verschied in Nummer drei der
Bertaudiere Monsieur de Vinacche, ein Italiener, in der Gegenwart des
Schlieers La Boutonnire und des Korporals der Freikompagnie der
Bastille, Michel Hirlancle. Nach dem Tode des Gefangenen gingen die
beiden Wchter, Monsieur de Rosarges davon zu benachrichtigen, und erhob
sich dieser und verfgte sich in die Zelle des Sieur Vinacche, welcher
sich selbst gettet hat, indem er sich gestern, als am Mittwoch,
ungefhr um zwei Uhr nachmittags mit seinem Messer die Kehle unter dem
Kinn zerschnitt und sich also eine sehr groe und weite Wunde
beibrachte. Obgleich ihm alle mgliche Hilfe geleistet wurde, konnte man
ihn doch nicht retten. Da der Sterbende einige Zeit hindurch das
Bewutsein wieder erlangte, so hat unser Almosenierer sein Bestes getan,
ihn zur Beichte zu bewegen, jedoch ganz und gar vergeblich. Gegen neun
Uhr abends habe ich Monsieur d'Argenson von dem Unglck Nachricht
gegeben, und ist derselbe in aller Eile sogleich erschienen, um zu dem
Sterbenden zu reden, jedoch auch ihm hat der Unglckliche keine Antwort
gegeben.

                          In diesem Schlosse der Bastille 20. Mrz 1704.

                                                          =Dujonca=,

                                         Knigsleutnant in der Bastille.

Wohl mochte nachher d'Argenson in seinem Bericht an Chamillard von
_billonage_, von Kipperei und Wipperei sprechen, es glaubte niemand
daran, selbst der Berichterstatter glaubte nicht daran; man brauchte nur
eine Rechtfertigung dem aufgeregten Publikum gegenber. Zu Versailles
wirkte die Nachricht von dem Tode Stefano Vinacches gleich einem
Donnerschlag; der Knig Ludwig der Vierzehnte wurde darob ebenso zornig
und niederschlagen, wie spter in demselben Jahre ber die Kunde von den
Niederlagen auf dem Schellenberge und bei Hchstedt. Die Frau Marquise
und die Herren de Chamillard und d'Argenson hatten einige bittere
Stunden zu durchleben; aber was half das? Stefano Vinacche war tot und
hatte sein Geheimnis mit in das Grab genommen!

Der Witwe des Unglcklichen meldete man offiziell, ihr Gemahl sei in der
Bastille am Schlagflu verschieden; sie blieb im ungestrten Besitze
aller der auf so geheimnisvolle Weise erworbenen ungeheuren Gter. Der
alte Bericht, dem wir dieses seltsame Lebensbild nacherzhlen,
vergleicht den gemordeten Stefano mit jenem Knstler, welcher dem
Imperator Tiberius ein kstliches Gef von biegsamem, hmmerbarem Glas
berreichte. Der Kaiser bewunderte die vortreffliche Erfindung und
fragte, ob dieselbe schon andern Menschen bekannt sei, welches der
Knstler verneinte. Auf diese Antwort hin lie der Tyrann dem genialen
Erfinder den Kopf abschlagen und die Werkstatt desselben zerstren,
damit nicht Gold und Silber gemein und wertlos wrden, wie der Kot in
den Gassen von Rom.

_Par notre Dame de Miracle_, Madame, Euer Gemahl war ein groer Mann,
sagte der Herzog von Chaulnes zu der trauernden Witwe Stefanos, Euer
Gemahl war in Wahrheit ein groer Mann; aber =einen= Fehler hatte er, er
war zu verschwiegen! Wie oft hab' ich ihn beschworen, mir sein groes
Geheimnis anzuvertrauen, -- Madame, auf meine Ehre, Monsieur Etienne war
zu verschwiegen, viel zu verschwiegen.

O Madame, Madame, die Welt ist nicht so beschaffen, da sie ein groes
Genie in sich dulden knnte! sagte zur Frau Vinacche der Dichter Jean
Baptiste Rousseau, der Freund Stefanos. Madame, die Welt kann das
Talent nur tten, und es gibt nur einen Trost:

_c'est le mme Dieu qui nous jugera tous!_

Liebste Schwester, sagte der Graf d'Aubign zur Marquise von
Maintenon, liebste Schwester, in meinem Leben habe ich noch nichts
erfunden, wohl aber traue ich mir viel Geschick zu, die Erfindungen
anderer Leute herauszuholen. Ihr wit das ja; _mon Dieu_, weshalb habt
Ihr mir nicht diese Geschichte mit dem Italiener berlassen? Das war
kein Charakter fr die Kunst Monsieur d'Argensons.

Die Frau Marquise seufzte, zuckte die Achseln und griff nach ihrem
Gebetbuch, Mademoiselle La Caverne, ihre Kammerfrau, meldete: Seine
Majestt verfge sich soeben in die Messe. Graf d'Aubign, welcher sich
wegen seiner Schwester Regierung einbildete, er sei die dritte Person in
dem Knigreiche, lie die Unterlippe herabsinken und legte sein Gesicht
in die frmmsten Falten.

Gehen wir, mein Bruder, sagte die Marquise. Wir wollen beten fr die
Seele dieses unglcklichen Monsieur de Vinacche und bitten, da Gott uns
seinen Tod nicht zurechne.




    ******************************
    *                            *
    *         Ein Besuch         *
    *                            *
    ******************************




Es war schon Dmmerung, als der Besuch kam; so sehr Dmmerung, da es
uns unmglich ist, zu sagen, wie der Besuch aussah. Es ist uns berhaupt
nicht leicht gemacht, hierber ganz deutlich zu werden. Helfen uns die
Leserinnen selber nicht dabei, so werden wir auf diesem Blatt Papier mit
Feder und Tinte wenig ausrichten.

Wieder ein Tag, Johanne, in Einsamkeit und mhseliger, geringen Nutzen
bringender Arbeit; und zu der Arbeit trbe Gedanken den ganzen Tag ber.
Wegplaudern kann ich dir deine Sorgen nicht; da habe ich Schwestern, die
das besser verstehen. Ich kann nur hier und da eine Stunde bei dir
verweilen; la mich das jetzt, vielleicht ist dir wohler nachher. Hast
auch wohl schmerzende Augen von dem ewigen Schaffen so spt in den
Jahren? Die darfst du dreist zumachen, derweil ich bei dir bin. Nur
keine unntigen Hflichkeiten unter Freunden. La dich gehen, ich lasse
mich auch gehen und lege mir niemandes wegen Zwang an, und viel Zeit
habe ich nie, das wit ihr ja alle, die ihr mich dann und wann unter
euerer brigen Bekanntschaft in der Welt bei euch seht. Wo warst du
eben, Johanne?

Sie feierten ein Fest heute drunten im Hause, daran habe ich geqult,
widerwillig teilnehmen mssen. Es war so viel Wagenrollen in der Gasse
und vor dem Hause, die Leute waren so laut; es drang so viel lustiger
Lrm zu mir herauf. Es war tricht: aber ich lie mich von meiner
Phantasie hinabfhren zu meiner jungen, reichen, glcklichen
Hausgenossin; und da wurde mein Schicksal bitterer, ich war den Tag ber
unzufriedener denn je mit meinem Lose; ach, da es nun wieder stiller
geworden ist, will ich es nur gestehen: ich war recht bse den Tag ber,
voll Migunst, Neid und Eifersucht. Es war sehr unrecht.

Ja freilich, du bist arm, und deine Hausgenossin ist reich; du bist alt
geworden, und deine Hausgenossin ist noch jung. Niemand kommt zu dir als
von Zeit zu Zeit ich, und jene fhrt das lebendigste Leben. Daran kann
ich nichts ndern, nicht den kleinsten Stein des Anstoes in der
Krperlichkeit der Dinge kann ich dir aus dem Wege rumen; -- aber wie
wre es, wenn du dessenungeachtet jetzt doch einmal einige Wege mit mir
gingest -- die ich dich fhre?

Da die Frau Johanne jetzt lchelt, ist sie schon auf diesen Wegen mit
ihrem Besuch -- dieser seltsamen Besucherin, die nicht plaudert, wenige
Neuigkeiten wei, sondern nur von Zeit zu Zeit die Hand oder auch nur
den Zeigefinger erhebt. Frau Johanne hat dabei auch dem andern Rat ihres
stillen Gastes Folge gegeben; sie hat die Augen geschlossen. Bei
geschlossenen Augen sagt sie: Ja es ist unrecht, und es ntzt auch
nichts, andern ihr Glck oder vielleicht auch nur den Schein des Glckes
zu mignnen. Das Leben geht so rasch hin, und es wird so schnell Abend
aus Morgen allen Leuten!

Ist es nicht wie gestern, als es auch noch in meinem Leben Morgen war?
als ich so jung war wie diese junge Nachbarin und auch ber schne
Teppiche schritt? als die Wagen auch vor meiner Tr hielten und die
Gste zu mir kamen? als meine Gestalt aus dem Pfeilerspiegel im
Festkleide mir zulchelte und Richard mir ber meine Schulter
zuflsterte, was der Spiegel mir sagte?

Hab' ich damals, an meinem Morgen, in meinem Frhling, in meiner Jugend
viel daran gedacht, wie die Leute ber meinem Haupte, unter meinen
Fen, die Nachbarn gegenber lebten, und ob sie weniger jung, sorgenlos
und glcklich als ich waren?

Siehst du, es wandelt sich gut an meiner Hand, nickte der Besuch. Nur
weiter, komm nur weiter, wir sind auf dem ganz richtigen Wege. Es ist
nur, weil man in der mimutigen Stunde nicht recht seine Gedanken
zusammennehmen kann, da man seine Tage so regenfarbig, seine Nchte so
dunkel und sternenlos sieht. Was zeigte dir dein Spiegel noch auer
deiner Gestalt im Haus- und im Festkleide und den Bildern deiner
nchsten Umgebung?

Frau Johanne legt das Haupt in ihrem Stuhl zurck und die Hand auf die
Stirn. Sie sitzt wieder vor ihrem hohen, vornehmen Spiegel, den Rcken
gegen die Fenster gewendet. Aber aus dem zerbrechlichen Glase und der so
leicht verwischbaren Folie von damals ist in Wahrheit ein Zauberspiegel
geworden, aus dem sich wesenhaft, greifbar, voll Leben und Wirklichkeit
die Hoffnung, der Trost, das beste Glck ihrer Witwenschaft, ihrer
Kinderlosigkeit, ihres Alters loslsen.

Es sind aber nicht die Abbilder ihrer nchsten Umgebung, die Mbel,
Wnde, Gemlde, Teppiche und Vorhnge ihres damaligen Gemaches, die sie
nun mit ihren geschlossenen Augen wiedersieht. Es ist das Stck der
Gasse, das gegenberliegende Haus, das damals in den goldenen Rahmen
zufllig mit hineinfiel und nun wieder lebendig in ihm leuchtet, nachdem
Glas und Folie lngst zersplittert und verwischt sind, wie Glanz und
Glck jener lange vergangenen Tage.

Ich denke, wir wagen es noch einmal, folgen unserm guten Einfall und
schlpfen hinber zu der unbekannten Nachbarin. Was meinst du, Johanne?

Ein Einfall! murmelt die Frau Johanne. Nur ein seltsamer Einfall --
_un concetto, una fantasia strana_, wie die Italiener sagen. Und mir
vielleicht auch nur darum mglich, weil ich eben erst mit Richard von
unserm schnen langen Aufenthalt in Italien nach Hause gekommen war.
Dort, in Italien, folgen die Leute viel leichter als hier bei uns ihren
Einfllen und schlpfen so ber die Gasse und halten gute Nachbarschaft,
zumal wenn sie sich vom Fenster oder -- Spiegel aus schon lngst kennen
und unser Gatte einmal gesagt hat: 'Der Mann der hbschen kleinen Frau
im blauen Kleide da drben ist einer unserer besten, talentvollsten
Unterbeamten, Johanne; das Weibchen mit seinem Kindchen ist wirklich
allerliebst, schade, da sie nicht zu uns gehren, d. h. nicht in unsere
Gesellschaftskreise passen.'

Ja, was wrde aus euerer Welt werden, wenn ich nicht immer von neuem,
zu jeder Zeit und berall eure nrrischen Kreise strte und euch
zusammenbrchte im Wachen und im -- Traum? Nur weiter, immer weiter,
Johanne. Die Nachbarin wohnt in keinem vornehmen Hause; die Treppen, die
zu ihr hinauffhren, sind steil und dunkel; aber wir sind auf dem
rechten Wege -- ganz auf dem rechten Wege!

Auf dem rechten Wege! Wie kommst du eigentlich hierzu, Johanne? habe
ich mich noch auf der steilen dunkeln Treppe gefragt. Ihr habt euch ja
noch nicht einmal zugenickt und noch weniger je ein Wort miteinander
gesprochen. Wie wre das auch mglich gewesen bei so vielem andern
gesellschaftlichen Verkehr?

Das wei ich am besten, von welchen Kleinigkeiten alles abhngt, sagt
der Besuch. Trichtes Menschenvolk! wo bliebet ihr, wenn nicht ich aus
dem Kern den Baum, aus dem Funken das Licht, aus dem Hauch den Sturm
machte? Dein Blut war noch abenteuerlich unruhig von den bunten
Erlebnissen in der Fremde; du hattest viel ghnen mssen an jenem Tage;
leugne es nicht, Johanne, du warst eigentlich in keiner angenehmen
Stimmung, trotzdem da du noch jung, reich und eine Schnheit warst. Zu
verbraucht, alltglich, gewhnlich, abgenutzt und gering erschien dir
alles in der behaglichen Heimat um dich herum.

Und Richard hatte mir jetzt gesagt: Unsere Nachbarin hat Unglck
whrend unserer Abwesenheit gehabt; der Mann ist ihr gestorben; wir
werden nicht leicht einen so guten Arbeiter wieder bekommen. -- Da sah
ich sie statt im blauen oder rosa Kleide in einem schwarzen am Fenster,
bleich und kummervoll. Und sie trug ihr Kind auf dem Arme, ihr armes
verwaistes Kindchen, und da --, da nickte ich ihr zu von meinem Fenster;
und da --, da bin ich zu ihr gegangen!...

Und nun ist sie wieder bei ihr, die Trumende, -- die Freundin bei der
Freundin, und die Zeiten -- die Stunden, Tage und Jahre vermischen sich
wunderbar im s-melancholischen Dmmerungstraum. Der Besuch knnte nun
wohl gehen -- o wie lebendig, wie lebendig ist alles nun im Traum!...

Im Traum. Die alte Frau schlft in ihrem Stuhl nach dem arbeitsvollen
mhsamen Tage. Sie denkt nicht mehr ber die Vergangenheit; sie trumt
von ihr und s und friedlich; denn der Besuch hatte ihr ja vorher
leise, beruhigend die Hand auf die furchenvolle Stirn gelegt.

Nun ist der Raum um sie her nicht mehr beschrnkt und niedrig, nun sind
die Gertschaften nicht mehr rmlich und abgenutzt; denn im gleichen
Stbchen und unter gleichem Gerte fhrte ja die beste Freundin ihrer
Jugend ihr =liebes=, stilles Leben. Zu solchem Stbchen schlich sie aus
dem Glanz und der Flle des eigenen Daseins, und alles ist im Traum wie
damals um sie her.

Wie viele Jahre gehen vorber whrend der kurzen Augenblicke, in denen
sie jetzt die Augen geschlossen hlt? Wechselnde Schicksale -- viel
Sorge und Angst im Mittage des Lebens auch im eigenen Hause. Was ist
noch brig von alledem, was damals war? Wo sind die hohen Spiegel, die
Purpurvorhnge, die weichen Teppiche -- die Freunde, die Bekannten der
Jugend? Ist doch der eigene Gatte so lange schon tot und die eigenen
Kinder; und auch die Freundin schlft ja nun lange schon unter ihrem
grnen Hgel und steigt nur dann und wann daraus hervor in der
=Erinnerung= und im =Traum=, und lchelnd, trstend und Geduld anratend
zumeist auch nur dann, wenn vorher der Besuch gekommen ist, den die
Greisin, die arme alte Frau Johanne, bei ihrer spten, beschwerlichen
Lebensmhe wie in der Dmmerung des heutigen Abends bei sich empfangen
hat.

Von all den guten Freunden, den lieben Bekannten ist niemand brig, ist
niemand treu als das Kind, das einst die Trumerin zum erstenmal
hinberzog aus ihrer Lebensfreude und dem Glanz ihrer Jugend zu dem Leid
der jungen Nachbarin im schwarzen Kleide. Und dieses Kind ist erwachsen,
ist auch eine verheiratete Frau und weit in der Ferne. -- -- --

Horch, ein Schritt auf der Treppe.

Ist es die Stimme des Besuchs, welche die Frau Johanne noch in ihrem
Traume vernimmt: Nun gehe ich und lasse dich der Wirklichkeit. Wie gern
kme ich zu allen so wie zu dir in den bsen Stunden des Erdenlebens,
wie gern hlfe ich allen so wie dir hinweg ber die dumpfen Pausen
zwischen euern Schicksalen; wenn ich nur nicht so oft vor die
verschlossene Tr kme. In den Bchern heie ich eine vornehme Frau; mit
einem groen Gefolge hoher Shne und Tchter schreite ich durch die
Jahrtausende, aber gern sitze ich nieder zu den Kindern, den Armen, den
Bekmmerten -- mit Freuden komme ich zu denen, die aus Bchern nur wenig
oder nichts von mir wissen. Nun lebe wohl, du nrrisch alt Weiblein,
lache und weine dich aus in dem Glck der Gegenwart und Wirklichkeit und
halte mir deine Tr offen; ich klopfe nicht gern lange vergeblich....

Es war nur der Brieftrger, dessen Schritt man auf der Treppe gehrt
hatte. Der Brief aber, den er der Frau Johanne brachte, lautete freilich
trotz der ganzen, vollen Wirklichkeit, die er verkndete, wie
Glockenklang und Jubelruf aus Dichtung und Wahrheit.

Meine liebe andere Mutter, ich bin so glcklich -- Franz ist daheim!
Gesund und so brtig wie ein Br und so sonnenverbrannt -- entsetzlich!
Aber es hat ihm, Gott sei Dank, nichts geschadet, und ich bin so
glcklich, so glcklich! Gestern sind sie eingezogen, und es war so
wundervoll, und ich hatte einen so guten Platz. Ich brauchte den Leuten
vor mir nur zu sagen: ich habe ja auch meinen Mann darunter, und sie
trugen mich fast auf ihren Armen in die erste Reihe. Und wir -- ich und
viele Hunderte und Tausende von meiner Sorte, htten fast den ganzen
Effekt gestrt. Das war ja aber auch nur zu natrlich, und kein
Feldmarschall und sonstiger groer General und Prinz durfte etwas
dagegen einwenden. Ich hing ihm unter den Trommeln und Trompeten, den
Pferden und Bajonetten am Halse, und wie ich nachher nach Hause gekommen
bin, wei ich nicht. Nun habe ich ihn aber selber wieder zu Hause --
ganz und heil zu Hause: es lebe der Kaiser und mein Mann und mein Kind
und du, mein liebes zweites Mtterchen! Und nun hre nur, ber acht Tage
sind wir alle bei dir, -- er, Franz, mu dir ja sein Eisernes Kreuz
zeigen und ich dir unsern Jungen und meinen tapfern Ritter und
Landwehrmann, den sie mir so unvermutet mitten im vorigen Sommer von
seinem Zeichen- und meinem Nhtisch wegholten und fr das Vaterland ins
frchterlichste Kanonenfeuer stellten. Was haben wir ausgestanden, Mama!
Da war es ja noch ein Segen, da der Junge noch zu klein und dumm war,
um schon mit einsehen zu knnen, was der Mensch an ngsten und Sorgen
auf der Erde und im Kriege aushalten mu und kann. Aber eins hat er auch
noch zuwege gebracht, und das ist herrlich -- ich meine der Krieg und
nicht unser Junge natrlich -- ach, ich bin immer noch so konfus und
habe es wie tausend Glocken im Ohr und wie Ameisen in allen Gliedern!
nmlich die Privatingenieure sind im Preise gestiegen, und unser Weizen
blht endlich auch einmal. -- Darber werden wir denn recht eingehend
reden in acht Tagen in deinem lieben Stbchen; du sollst und darfst uns
nun nicht mehr so einsam und allein sitzen, jetzt, da es uns so gut geht
und noch viel besser gehen wird, was wir aber um Gottes willen ja nicht
berufen, sondern ja bei dem Wort dreimal unter den Tisch klopfen wollen!
Wir haben alle so viel ausstehen mssen und einander so wenig helfen
knnen; aber nun soll's anders werden, sagt Franz. Eine bessere Stelle
haben wir schon, nmlich Franz, und dies hat sich schon mitten im Kriege
gemacht, wo merkwrdigerweise nicht blo Leute zusammengeraten, die sich
auf den Tod hassen, sondern auch solche, die einander recht gut
gebrauchen knnen. Nun sagt er, jetzt gbe er nicht mehr nach, und
sollte er noch dreimal so lange wie vor dem schrecklichen Metz vor dir
in die Erde gegraben liegen und dich belagern mssen. Er erzhlt
furchtbare Dinge von seiner Hartnckigkeit und neugewonnenen Erfahrung
in dergleichen Kriegskunststcken; und er behauptet, es wre gar kein
Zweifel, jetzt kriegte er dich -- wir kriegten dich! O knnten wir's dir
doch zum tausendsten Teil vergelten, was du so viele kmmerliche Jahre
durch bis in unsere Brautzeit und bis zu unserer Heirat an uns getan
hast!

Ich glaube meinem Manne natrlich auf sein Wort, da du jetzt zu uns
kommen wirst, aber ich verlasse mich eigentlich doch noch mehr auf
meinen Jungen. Was soll das arme Kind ohne dich anfangen,
Gromtterlein; jetzt, wo es anfngt zu laufen und ich doch nicht ewig
aufpassen kann? Gromtterchen, du gehrst zu unserm Richard wie die
Stadt Metz wieder zum Deutschen Reich, was aber eine recht schlechte
Vergleichung ist; ich kann aber nichts dafr, weil ich als jetzige
glorreiche Kriegsfrau so kurz nach den vielen Siegen und Eroberungen
mich nur in solchen Vergleichungen bewegen kann und brigens auch eben
keine andere wute.

Wir mieten natrlich eine grere Wohnung, und es wird ein Leben wie in
Frankreich, wo es freilich, wie Franz meint, die letzte Zeit durch kein
gutes Leben gewesen ist, was also eigentlich wieder nicht pat. Nein,
wir wollen leben in Deutschland, wie ich es mir als das Schnste denke;
und denke du dir es auch so lieb, als wenn alle Dichtung auf Erden, wenn
du diesen Brief bekommst, eben zum Besuch bei dir gewesen wre und dich
leise auf unsere Plne und Absichten mit dir vorbereitet htte, da dir
der Schrecken nichts schade! Was ich dir eigentlich schreibe, wei ich
gar nicht, und den Jungen habe ich auch beim Schreiben auf dem Schoe.
* Dieser Klex kommt auf seine Rechnung, denn greift er mir nicht in die
Frisur, so fhrt er mir mit die Feder.

Und nun nichts mehr; denn in acht Tagen sind wir bei dir; und obgleich
ich hier jetzt an keiner Stunde am Tage was auszusetzen finde, so wollte
ich doch, da es erst ber acht Tage wre, um dir Auge in Auge, Mund auf
Mund sagen zu knnen, wie ich bis in den Tod dein dankbares Kind bin und
bleibe, du meine zweite Herzensmutter!...

Die Frau Johanne hat viel Unglck im Leben gehabt. Eigene Familie hat
sie nicht mehr, ihr Mann ist tot, ihre Knaben sind ihr schon als Kinder
genommen, ihren Wohlstand hat sie auch verloren, und doch gibt es keine
andere Frau in der Stadt, die in dieser Stunde so glckliche Trnen
weint wie diese, welche nie dem Besuch, der in der Dmmerung bei ihr
war, die Tr verschlo, und die an seiner Hand in den Traum sich leiten
lie, bis die Wirklichkeit anklopfte und ihr die reife liebliche Frucht
jenes Einfalls und Nachbarschaftsbesuchs der Tage der Jugend in den
Scho legte.




    ******************************
    *                            *
    *      Auf dem Altenteil     *
    *                            *
    *   Eine Silvester-Stimmung  *
    *                            *
    ******************************




                    I.


Sie hatten den Senioren der Familie alle Ehre angetan, wie sich das denn
auch wohl so von Rechts wegen gebhrte; aber der Lrm wurde den
weihaarigen Herrschaften allmhlich doch ein wenig zu arg. Die alte
Dame, die immer noch um ein paar Jahre jnger war als der alte Herr,
hatte dem letzteren ein ihm schon lngst wohlbekanntes kopfschttelnd
Lcheln gezeigt, welches weiter nichts bedeutete als:

Kind, Kind, bedenke den Morgen und deinen Rheumatismus! Es hat alles
seine Zeit, und ich glaube, die unsrige ist jetzt vorhanden.

Der alte Herr hatte zuerst ganz erstaunt aufgesehen und sein Weib an:
Nicht mehr bis Mitternacht, und in das neue Jahr hinein? Ei, ei, ei --
hm!

Hm, sagte der alte Herr, in dem frhlichen Kreise erhitzter Gesichter
umherblickend; es hat freilich alles seine Zeit; aber es ist
sonderbar, und, liebe Kinder, es kommt einem ganz kurios vor, wenn auch
dieses -- zum erstenmal Zeit wird!

Dabei hatte er sich aber bereits etwas mhsam aus seinem Sessel erhoben.
Den Kopf schttelte er auch; jedoch ohne dabei zu lcheln wie seine
Frau.

Du hast recht, Anna; es ist unsere Zeit gekommen, und so wnsche ich,
wnschen wir euch jungem Volk --

Von einem Gewissen war bei diesem jungen Volk natrlich nicht die
Rede. Dazu waren sie smtlich (auch die ltesten unter ihnen) noch viel
zu jung, und viel zu vergngt und viel zu aufgeregt durch die uralten,
ewig jungen Stimmungen der letzten Stunden des scheidenden Jahres. Ein
Gewhl von blonden und braunen Kpfchen und Kpfen, von Hnden und
Hndchen erhob sich um die beiden Greise; und alle Verfhrungsknste,
deren die Menschheit in ihrer Erscheinung als Familie in der
Silvesternacht fhig ist, waren zur Anwendung gebracht worden.

Einmal noch schadete es sicherlich gewi nicht!... Gropapa und
Gromama hatten noch nie so munter ausgesehen!... Es ging ja niemand zu
Bett vor Mitternacht, selbst die Jngsten nicht!...

Nun, Mutter! Einmal noch? Was meinst du? Kleine weie Hndchen --
weie beringte Hnde hatten ihre Verfhrungsknste nicht ohne Erfolg
versucht; nun legte sich statt anderer Antwort auf die Frage des alten
Herrn wieder eine Hand auf die seinige. Das war aber keine weiche, keine
weie, keine krftige mehr; aber eine starke und treue war es auch;
vielleicht wohl die strkste und treueste.

Die Gromutter hat recht! Es hat alles seine Zeit, und die unsrige ist
gekommen. Junges Volk, wir werden zu Bette geschickt von ihr, der Madame
Zeit, whrend die Jngsten aufbleiben drfen. Der Kopf summt uns zu sehr
morgen frh, wenn wir uns dagegen sperren und wehren; und es ist zwar
hbsch von Gromama, wenn sie nur von Rheumatismus spricht; aber das
rechte Wort ist es eigentlich nicht. Sie htte ganz dreist Gicht sagen
knnen, gerade so gut wie der Herr Schwiegersohn und _Doctor medicinae_
da hinter seinem Punschglase, wenn er jetzt ein Gewissen htte. Liebe
Kinder, wir sind beide ber siebenzig Jahre alt, und --

Oh!...

Und wir sind sehr glcklich und behaglich. Sehr wohl ist uns zumute
und so wnschen wir euch allen zum erstenmal vor Ablauf des alten Jahres
ein glckliches neues.... Bitte, lieber Sohn, ich wei, was du sagen
willst; aber wende dich damit an die Mama, die wird dich versichern, da
deine Frau, unsere liebe Sophie da, heute ber dreiig Jahre sicherlich
gleichfalls viel verstndiger sein wird, als du. Wende dich an deine
Mutter, mein Schmeichelktzchen Marie. Sie hat immer gemeint, du seiest
ganz ihr Vorbild, also wirst du wohl wissen, was in vierzig Jahren in
der Neujahrsnacht deine Meinung sein wird, wenn die unverstndige Jugend
dir deinen Mann da verfhren will. Schieben Sie die Kinder nicht so
heran, lieber Schwiegersohn, sie machen der Gromama nur das Herz
schwer. Es ist Zeit geworden fr uns; -- -- -- ein frhliches,
segensreiches Jahr ihr -- alle!...

Alle! jubelten sie, und die Glser hatten geklungen, und die Kinder,
die Enkel hatten sich zugedrngt und ihre kleinen Becher hingehalten,
ohne da man sie dazu zu schieben brauchte. Sie hatten sehr gejubelt;
und die Tonwellen der Glser und der Stimmen waren verklungen.

Nun seid weiter vergngt; aber die Kinder lat ihr mir morgen
ausschlafen. Begleitung nehmen wir nicht mit, die Trepp' hinauf. Wir
finden unseren Weg schon allein, nicht wahr, Walter? sagte die alte
Dame, die Gromutter des Hauses.




                    II.


Sie entschlpften, wie man entschlpft, wenn man das siebenzigste
Lebensjahr hinter sich hat. Langsam stiegen die beiden die
teppichbelegte Treppe in ihre Stube hinauf, der Greis gesttzt auf den
Arm der Greisin; und dann waren sie allein miteinander, noch einmal
allein miteinander in der Neujahrsnacht.... Umgesehen hatten sie sich
nicht auf der Treppe und einen leisen Schritt, einen Kinderschritt, der
ihnen nachglitt, den hatten sie berhrt. Ein so scharfes Ohr, wie vor
Jahren, hatte keins von den zwei Alten mehr; aber diesen Schritt, diesen
Geister-Kinderschritt wrde auch wohl jedes andere jngere Ohr berhrt
haben. --

Auf dem Altenteil! Das kann eines der bittersten Worte sein, die das
Schicksal den Menschen in dieser Welt zuruft; aber auch eines der
behaglichsten. Fr diese beiden Alten war es nach langer schwerer,
mhseliger Arbeit ein behagliches geworden. Sie fanden ihre Gemcher
durch ein verschleiertes Lampenlicht erhellt, ihre beiden Lehnsthle an
den warmen Ofen gerckt und:

Mit dem Schlage Zwlf komme ich doch und poche an eurer Kammertr und
spreche meinen Wunsch durchs Schlsselloch. Ihr braucht aber nicht
darauf zu hren; ich schicke ihn euch auch in den Schlaf hinein! hatte
das jngste und am jngsten verheiratete Tchterlein als letztes Wort im
Festsaale da unten gesagt.

O mein Gott, da sitzt ihr noch? rief dieselbe junge Frau unter dem
Glockenklang und dem Neujahrschoral von den Trmen, unter dem pltzlich
aufklingenden Gassenjubel und dem Jubel der Kinder und Enkel in dem
Saale des Hauses. Das ist doch ganz wider die Abrede, und heute bers
Jahr werden wir euch da unten bei uns fester halten, ihr Lieben, Bsen,
Besten!... Ein glckliches neues Jahr, Gropapa! ein glckliches neues
Jahr, Gromama!

Da stand ein niedrig lehnenloses Sesselchen mit einem verblaten
gestickten Blumenstrau darauf neben den zwei Sthlen der Greise. Die
junge Frau, nachdem sie den Vater und die Mutter mit ihren Kssen fast
erstickt hatte, sa nieder auf dem kleinen Stuhl und hatte keine Ahnung
davon, wer eben vor ihr darauf gesessen und die Mutter und den Vater
gegen die Abrede und gegen ihren eigenen festen Vorsatz wach gehalten
hatte ber die Mitternachtsstunde hinaus und aus dem alten Jahr in das
neue hinein! Mit leise bebender Hand strich die alte Frau die blonden
Haare der Tochter aus dem lebensfreudigen, glhenden, erhitzten
Gesichte. Die blonden Locken, die sich eben vor ihr ringelnd bewegt
hatten, waren schon vor vierzig Jahren zu Staub und Asche geworden: die
junge Frau wute nichts von ihnen, oder doch nur gerchtweise. Lange vor
ihrer Geburt war das erste, das lteste Kind gestorben, zwlf Jahre alt.
Ein halbverwischtes Pastellbildchen, das ber der Kommode der Mutter,
der Gromutter des Hauses, hing, war alles, was von ihm brig geblieben
war in der Welt.

Alles?




                    III.


Ein leiser Schritt, ein unhrbarer Schritt; -- ein Geister-Kinderschritt
in der Silvesternacht!... Wir haben gesagt, da die beiden Greise vor
einer Stunde die Treppe zu ihren Gemchern hinaufgestiegen und ihn, wie
wir brigen alle, nicht vernahmen. Ganz war es doch nicht so.

Als der alte Herr der alten Dame mit immer noch zierlicher Hflichkeit
die Tr ffnete, um sie zuerst ber die Schwelle treten zu lassen, hatte
die Frau einen Augenblick gezgert und zurckgesehen und gehorcht.

Der alte Herr glaubte, sie horche noch einmal auf den frhlichen Lrm,
auf das heitere Stimmengewirr der Neujahrsnacht dort unten im Festsaal
des Hauses.

Sie sind gottlob recht heiter, meinte er, wte auch nicht, weshalb
nicht. Und auch wir, -- Mutter! -- nicht wahr, Alte?... Wie spt ist es
denn eigentlich? Elf Uhr! Noch frh am Tage, wenngleich wirklich ein
wenig spt im Jahre.

Ja, Walter! hatte die Greisin erwidert, aber nur, um doch eine Antwort
zu geben. Ich hrte eigentlich nicht auf dich; ich dachte an unser
nnchen, fgte sie hinzu, als sich die Tr hinter ihnen geschlossen
hatte und sie in der letzten Stunde des ablaufenden Jahres mit sich
allein waren.




                    IV.


Das junge Volk! Lngst hat es drei Viertel des Hauses nach seinem
Geschmack und Bedrfnis eingerichtet und mit vollem Rechte des Lebens.
An das Reich der beiden Alten hat keine Hand gerhrt; auer dann und
wann eine Kinderhand, deren volles Recht des Lebens es freilich ist und
immerdar sein wird, in der Grovter und der Gromtter Hausrat,
Schubladen und Schrnken zu whlen und zu kramen und sich die vom Anfang
der Welt an dazugehrigen erstaunungswrdigen, lustigen und traurigen
Geschichten erzhlen zu lassen.

Es war einmal!... oh, noch einmal von dem, was war!... Und so war es
gekommen, da die jngste Tochter des Hauses die Eltern um Mitternacht
noch wach fand unter den Glocken, die das neue Jahr einluteten. Eine
Kinderhand aber war es wiederum gewesen, die an den Schleiern der
Vergangenheit gezupft hatte: Es war einmal! Ich bin da! -- Mama, du
sagst in dieser Stunde nicht: Man hat doch keinen Augenblick Ruhe vor
dir, Kind! -- Ich bin da; und nun lat mich sitzen auf meinem Stuhl,
lat uns erzhlen: Es war einmal!... lat uns erzhlen von dem, was
einmal war!...

Und sie hatten davon erzhlt, die beiden Greise nmlich. Das Kind hatte
nur drein gesprochen.

Sie wre gewi auch eine stattliche Frau und eine gute geworden, sagte
die alte Dame. Ich meine, am meisten htte sie wohl der Theodore
geglichen, wenn wir sie behalten htten, das liebe Kind. Sie haben alle
da unten, -- unsere meine ich, Papa! -- ein hbsches lustiges Lachen;
aber ich kann nichts dafr, ich mu es sagen: wie das Kind, unser
nnchen, ist doch keins so glcklich in seinem Lachen gewesen. Die
andern kennen wir ja auch nun schon lange mit ihren Sorgen und ihren
Nten und ihren unntzen rgernissen. Keins von ihnen lacht und kreischt
und kichert so wie mein nnchen es tat. Htten wir die Enkel nicht, so
wrde das Haus wohl manchmal still genug sein; -- selbst dir, Gropapa.

Da war das Lachen, das vor so langen, langen Jahren zuerst das Haus hell
und heiter gemacht hatte! Auch der alte Herr, der Gropapa, dem das
Haus nie ruhig genug sein konnte, kannte es ganz genau.

Also, ihr wit es doch noch, wie es war, als wir drei allein waren, und
dein Haar noch nicht so wei, Vater; und auch deines nicht so hbsch
grau, mein Mtterchen, und ich euer liebes, einziges Mdchen! Hier sitze
ich auf meinem Stuhl und behalte mein Recht, allen meinen Schwestern und
Brdern und allen meinen Nichten und Neffen zum Trotz. Ich bin die
lteste! Wer auch nach mir gekommen ist, wie viele auch gesessen haben
auf diesem Schemelchen -- mir gehrt es, mir habt ihr es hierher
gestellt; das ist mein Sitz am Herde! Wer kann mir meinen Platz nehmen
in eurer Seele? wer in dem Hause, das ihr gebaut habt und in dem ihr
mich einmal euer Glck nanntet?!

Du hast recht, Mutter, sagte der alte Herr; ich wei eigentlich
nicht, wie wir gerade jetzt darauf kommen; aber das Kind hat immer zu
mir, -- zu uns gehrt. Nur weil wir es wuten, haben wir nicht immer
dran gedacht. So geht es aber mit allem Wissenswrdigen in der Welt.

Mein nnchen! seufzte einfach die Greisin; doch die blonden Locken
wurden wie mutwillig von neuem geschttelt, und wieder legte sich der
kleine Finger schalkhaft auf den Mund: Ja, ich war immer da, wenn ihr
auch nicht an mich zu denken glaubtet: an manchem schwlen Sommertage,
in mancher kalten, dunkeln, trostlosen Winternacht. An manchem Feste in
der lichtstrahlenden Winternacht, an manchem sonnigen, seufzervollen
Frhlingsmorgen. Jetzt haben die andern da unten im Saale euere Sorgen,
Freuden und Arbeiten. Ihr aber habt Zeit fr mich. Eure andern, die nach
mir gekommen sind, haben mir wohl mein altes Spielzeug verkramt und
zerbrochen; aber mein Pltzchen im Hause haben sie mir nicht nehmen
knnen. Ich habe es ihnen nur geliehen, einem nach dem andern; doch mein
Eigentum ist es und bleibt es; nicht wahr, Papa und Mama?! Ihr habt zwar
unter den andern gottlob nun auch wieder ein nnchen -- ein Enkelkind
mit meinem Namen -- aber das tut nichts, wir vertragen uns schon um
diesen kleinen Stuhl und um -- euch!... Es war wohl ein kleiner Sarg,
in den ihr mich legen mutet; aber -- ich bin immer ber meine Jahre
klug gewesen. Ich habe es wohl oft heimlich erlauscht, wenn ihr das ber
mich sagtet. Damals wute ich freilich nicht recht, was ihr damit sagen
wolltet, und ob es eigentlich ein Lob fr mich sei; jetzt aber wei ich
es. Ei ja, ich bin sehr klug fr meine Jahre gewesen! nun lacht nur, wie
ihr damals geweint habt, als ich von euch weggefhrt wurde und nicht
ber die Schulter zurcksehen durfte. Seht ihr wohl, da lchelt ihr
wenigstens schon. Die Jahre sind nun hingegangen; lange, lange Jahre!
Heute abend habt ihr euch vorgenommen, noch einmal jung zu sein mit
euren Kindern und Enkeln. Es ist euch auch wohl gelungen, doch nicht
ganz. Ganz jung seid ihr erst jetzt wieder, da ich mich zu euch gesetzt
habe, ich -- euere lteste und euere Jngste. Nimm meinen Krauskopf
wieder zwischen deine Hnde, Mutter, la mich wieder auf deinem Knie
sitzen, Vterchen; drauen schneit es sehr, und der Nordwind blst, und
es ist spt in der Nacht; ihr aber schickt mich diesmal noch nicht zu
Bett; -- wir wollen jetzt einander noch nicht zu Bette schicken; wir
wollen noch einmal ein Weilchen sitzen und erzhlen von =dem, was einmal
war=.




                    V.


Sie hatten nur noch fnf Minuten in ihren Grovtersthlen neben dem
Ofen sitzen wollen, um sich von dem Feste, dem Hndedrcken, all den
Kssen und guten Wnschen zu dem neuen kommenden Jahre ein wenig zu
erholen, wie es den ltesten Leuten in der Familie geziemt in der
Silvesternacht, whrend die Jugend um die lichterglnzende Festtafel
weiter jubelt und lrmt, nach der Uhr sieht und den Sekundenzeiger mit
lachendem Auge verfolgt bis heran an den neuen ernsten Grenzstein ihrer
Erdenzeit. Und sie, die bereits Greise waren, hatten nicht nach der Uhr
gesehen; sie hatten gar nicht einmal daran gedacht. Die Sekunden der
letzten Stunden des Jahres waren ihnen dahingeglitten, wie die vielen,
langen arbeitsvollen, inhaltreichen Jahre ihres Daseins selber bis in
dieses jngste und das eben vor der Tr stehende hinein.

Du fragst wohl, Vater, wie wir gerade jetzt darauf kommen, und sagst,
da du an das Kind lange nicht gedacht hast, sagte die alte Dame. Es
ist freilich lange her, da wir ihren kleinen Sarg dort in dem Saale, wo
sie jetzt gottlob so lustig sind, aufstellen muten. Wie wunderlich es
doch ist, da ich gerade jetzt darauf komme, was fr eine schne
Sommernacht es war, in welcher sie starb! Horch jetzt nur, wie der Wind
den Schnee gegen die Fenster treibt. Wir haben die andern alle behalten
und wir haben an unseren Kindeskindern Freude; aber an unsere lteste
habe ich doch immer gedacht. Was wrde aus den Kindern werden, wenn ihre
Mtter nicht immer an sie dchten. Selbst die Gestorbenen knnen ohne
ihre Mutter nicht auskommen. -- Horch, wie sie es da unten treiben!
eigentlich ist es recht unrecht von ihnen, da sie auch die Jngsten so
lange aus dem Bette zurckhalten, und ich werde ihnen morgen frh auch
jedenfalls meine Meinung darber sagen. -- Als =sie= in ihrem Fieber
lag, sa ich auch und zerrang mir die Hnde und fragte mich Tag und
Nacht, was ich htte anders machen knnen, damit das Schreckliche nicht
so zu kommen brauchte. Du warst wohl vernnftiger, wenn du aus deinem
Kontor heraufkamst und mir zuredetest, Geduld zu haben. Wie konnte ich
wohl verstndig sein und Geduld haben? Und man sucht doch immer so, wie
man einem andern die Schuld geben kann, und wre man das auch selber!

Ich meine, Mutter, wir geben das auf, uns den Kopf darber zu
zerbrechen, und noch dazu so spt in der Nacht, im Jahr und in den
Jahren, sprach der alte Herr, wiederum sehr vernnftig; und dann
sprachen sie bis zu dem ersten Glockenschlage der Mitternacht nichts
mehr miteinander. Dagegen aber fllte sich ihre Stube immer mehr mit den
Bildern und den Klngen der Vergangenheit. Und der liebliche Spuk der
Silvesternacht hatte nicht das geringste vom Phantasten an sich. Das
lteste Kind des Hauses war noch einmal im vollen blhenden Leben Herrin
im Reich und fand all sein altes verkramtes Spielzeug wieder, wie -- die
zwei weihaarigen Greise. Sie paten wieder ganz zueinander, die Eltern
und das Kind: der dunkle, geheimnisvolle Vorhang der Zukunft hatte sich
bewegt, und es war eine Kinderhand, die sich aus den schwarzen Falten
wei und zierlich hervorstreckte und winkte. Sie aber, die Frhlichen da
unten im Festsaale des Hauses, hatten dem Vater und der Mutter, dem
Grovater und der Gromutter -- den beiden Alten ein glckliches, ein
segensreiches neues Jahr gewnscht und hatten zwischen Becherklang und
lustigem Lachen ihren Wunsch wehmtig ernst gemeint, wie sich das
gebhrte.

Wie gut der Papa und die Mama heute abend aussahen, meinten sie. Es
ist doch eine Freude, wie frisch sie sich erhalten und wie sie noch an
allem teilnehmen. Aber verstndig war es doch, da sie nicht ber ihre
Zeit bei uns sitzen blieben. Morgen frh htten wir uns doch Vorwrfe
gemacht, wenn wir sie noch lnger geqult htten, das Vergngen nicht
durch ihr Weggehen zu stren.... Jetzt aber auf die Uhr gesehen! in
fnf Minuten wird es Zwlf schlagen; -- ein bichen leise, Kinder, da
=wir die alten Leute nicht wecken!=...

Zwlf Uhr und -- ein neues Jahr! Alle guten Geister haben einen leisen
Schritt und gehen auf weichen Sohlen; so schlich sich die jngste
Tochter des Hauses weg aus dem jubelnden Kreis, glitt die Treppe hinauf
und horchte an der Tr der alten Leute, die durch den Becherklang, die
lauten Glckwnsche und alles, was sonst noch in die Stunde gehrt,
nicht gestrt werden sollten in ihrer Ruhe auf dem Altenteil.

O mein Gott, da sitzt ihr noch? Das ist doch ganz wider die Abrede! Sie
meinen alle da unten, da ihr lngst in den Federn liegt und euch
behaglich in das neue Jahr hinbergetrumt habt.

Das letztere haben wir auch getan, mein Kind, sagte der alte Herr
nachdenklich lchelnd.

Oh, und nun mte ich sie alle -- alle die brigen auch noch
heraufrufen, da sie euch ihre Meinung sagen. Sie werden es mit Recht
sehr bel nehmen, wenn ich's nicht auf der Stelle tue, Mama!

La es lieber, mein Herz, meinte die alte Dame, leise die blonden
Flechten vor ihr, die noch nicht Staub und Asche geworden waren,
streichelnd. Es wrde den Vater doch zu sehr aufregen, und wir gehen
nun wirklich gleich zu Bett. Wir haben vorher nur noch ein wenig an
allerlei gedacht, was vor eurer -- vor deiner Zeit war.

Ach ich bin so glcklich! rief die junge Frau. Wir sind so vergngt
da unten an unserem Tische, und ihr hier in euerer lieben, alten, guten
Stube seht so jung aus und so hell aus den Augen, wie das Jngste von
uns -- euern andern! Oh, und mein Franz ist so drollig; der Mensch ist
mir fast ein wenig zu ausgelassen, oh -- und also noch einmal: ein
frhliches, glckliches, gesegnetes neues Jahr euch vor allen und -- uns
andern auch!

Ja, ja! sagten die =alten Leute= leise zu gleicher Zeit und nickten
freundlich ihre Zustimmung zu dem guten Wunsch.





End of the Project Gutenberg EBook of Der Junkervon Denow / Ein Geheimnis /
Ein Besuch / Auf dem Altenteil, by Wilhelm Raabe

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER JUNKERVON DENOW / EIN ***

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