The Project Gutenberg EBook of Petersburg, by Andrey Bely

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Title: Petersburg

Author: Andrey Bely

Translator: Nadja Strasser

Release Date: June 5, 2012 [EBook #39919]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Produced by Jens Sadowski








Petersburg

Roman
von
Andrej Bjly





1919
Mnchen bei Georg Mller




Autorisierte bersetzung aus dem Russischen
von Nadja Strasser





Alle Rechte vorbehalten











Erstes Kapitel


Apollon Apollonowitsch Ableuchow

Apollon Apollonowitsch Ableuchow war von hchst wrdiger Abstammung: er
hatte Adam zum Vorfahren gehabt. Das war aber die Hauptsache nicht: viel
wichtiger war, da sein edelst geborener Ahne _Sem_ gewesen war, also der
eigentliche Ahnherr der semitischen, chetitischen und farbigen Vlker.

Hier wollen wir aber zu den Vorfahren weniger ferner Epochen einen bergang
tun.

Diese Vorfahren lebten im kirgiskaijsakischen Hordenstaat, und von da aus
trat Mirsa Ab-Lai, Ururgrovater des Senators, der in der christlichen
Taufe den Vornamen Andreij und den Rufnamen Uchow bekommen hatte, zur
Regierungszeit Anna Joannownas ruhmvoll in den russischen Dienst ein. So
berichtet ber dieses Hervorgehen aus den Tiefen einer mongolischen Rasse
des _Russischen Reiches Wappenkalender_. Dann wurde der Krze wegen
Ab-Lai-Uchow in Ableuchow verwandelt.

Dieser Ururgrovater wurde, der berlieferung nach, zum Urquell des ganzen
Geschlechts.

                                * * *

Ein mit Goldtressen geschmckter, grauer Lakai staubte mit einem Federbusch
den Schreibtisch ab; in der offenen Tr zeigte sich die Papiermtze des
Kochs.

Er ist schon auf, was?

Reibt sich mit Eau de Cologne ab, wird gleich zum Kaffee erscheinen.

Morgens sagte der Briefbote, fr den gndigen Herrn sei ein Briefchen aus
Hispanien gekommen: mit hispanischer Marke.

Ich mache Sie aufmerksam: Sie sollten Ihre Nase weniger in die Briefsachen
stecken.

Anna Petrowna ist also . . .

Na ja: also . . .

Aber ich -- ich meine es nur so . . . Was bin ich: nichts . . .

Des Kochs Kopf verschwand im Nu: Apollon Apollonowitsch Ableuchow schritt
in sein Arbeitszimmer herein.

                                * * *

Ein auf dem Tisch liegender Bleistift fesselte die Aufmerksamkeit Apollon
Apollonowitschs. Er fate einen Beschlu: dem Ende des Bleistiftes eine
spitze Form zu geben. Rasch nherte er sich dem Schreibtisch und griff nach
. . . einem Briefbeschwerer, den er lange in tiefer Nachdenklichkeit in der
Hand drehte, ehe er bemerkte, da er einen Briefbeschwerer und nicht einen
Bleistift in der Hand hielt.

Die Zerstreutheit kam daher, da ein tiefer Gedanke ihn im selben
Augenblick erleuchtete; und sogleich, zur ganz ungeeigneten Zeit (Apollon
Apollonowitsch mute eilig ins Amt), entwickelte sich der Gedanke zu einem
fortlaufenden Gedankengang. In dem Tagebuch, das im Jahr seines Todes zu
erscheinen hatte, war eine neue Seite dazugekommen.

Nachdem er den Gedankengang eilig aufgeschrieben, dachte Apollon
Apollonowitsch: Jetzt ist es Zeit in den Dienst. Und er schritt weiter in
das Speisezimmer, um seinen Kaffee zu sich zu nehmen.

Vorerst begann er mit peinlicher Beharrlichkeit den alten Kammerdiener
auszuforschen:

Ist Nikolai Apollonowitsch schon auf?

Nein, der junge Herr sind noch nicht aufgestanden.

 --  . . . sagen Sie: wann eigentlich . . . sagen Sie, wann pflegt
Nikolai Apollonowitsch sozusagen . . .

Ja, der junge Herr stehen ein wenig spt auf . . .

Na, wie denn, ein wenig spt?

Und sogleich, ohne auf eine Antwort zu warten, schritt er, nachdem er einen
Blick auf die Uhr geworfen hatte, weiter, um seinen Kaffee zu trinken.

Es war genau halb zehn.

Um zehn fuhr er, der Alte, ins Regierungsamt. Nikolai Apollonowitsch aber,
der Jngling, erhob sich aus dem Bett -- zwei Stunden spter. Jeden Morgen
erkundigte sich der Senator nach der Aufstehzeit des Jngeren. Und jeden
Morgen faltete er unzufrieden das Gesicht.

Nikolai Apollonowitsch war des Senators Sohn.

Kurz, er war das Haupt eines Regierungsamtes . . .

Apollon Apollonowitsch Ableuchow zeichnete sich durch ruhmvolle Taten aus;
mehr als _ein_ Stern ist auf seine goldbestickte Brust niedergefallen: der
Stern des Stanislaus und der Anna sogar: sogar der Stern des Weien Adlers.

Und vor kurzem erglnzten an dem Wohnsitz patriotischer Gefhle die
Strahlen des Diamantzeichens, nmlich: das Ordenszeichen -- des Alexander
Newski.

Wie war nun die gesellschaftliche Stellung der aus dem Nichts hier ins
Leben gerufenen Persnlichkeit?

Ganz Ruland kannte Ableuchow wegen der ungemeinen Lnge der von ihm
gehaltenen Reden; diese Reden glnzten und spritzten geruschlos Gifte auf
die feindliche Partei; das Resultat dessen war, da die Antrge dieser
feindlichen Partei an den Stellen, auf die es ankam, abgelehnt zu werden
pflegten. Mit der Einsetzung Ableuchows auf den verantwortlichen Posten
hrte die Ttigkeit des neunten Departements auf. Gegen dieses Departement
fhrte Ableuchow einen zhen Kampf auf dem Wege des Papiers oder, wo es
anging, durch Reden. Die Reden des Senators durchflogen Kreise und
Gouvernements, von denen manche ihrer Ausdehnung nach dem Deutschen Reich
nicht nachstanden.

Apollon Apollonowitsch war das Haupt eines Regierungsamtes.

Eines Regierungsamtes, das Ihnen wohl bekannt ist.

Wollte man die saftlose, gnzlich unansehnliche, kleine Gestalt meines
Helden mit der unermelichen Gre der von ihm betriebenen Mechanismen
vergleichen -- man wrde wohl fr lange Zeit in naives Staunen verfallen;
und in der Tat: es staunten ausnahmslos alle ber den Wettersturz geistiger
Krfte, der aus diesem Schdel -- ganz Ruland und allen Departements, mit
Ausnahme eines einzigen, zum Trotz -- hervorgebrochen war; und nun ruhte
das Haupt jenes einzigen Departements, dem Willen des Schicksals
gehorchend, seit zwei Jahren unter des Grabes Stein.

Mein Senator war gerade achtundsechzig alt geworden; und sein Gesicht, das
blasse, erinnerte bald an den grauen Briefbeschwerer (in feierlichen
Augenblicken), bald an Papiermach (in Muestunden); die steinernen
Senatoraugen, umgeben von schwarz-grnem Graben, schienen in Momenten der
Mdigkeit noch blauer und riesenhafter.

Unsererseits fgen wir hinzu: Apollon Apollonowitsch regte sich beim
Anblick seiner vollstndig grnen, auf dem blutroten Fond des brennenden
Ruland ungeheuer vergrerten Ohren keinesfalls auf. So war er nmlich vor
kurzem abgebildet: auf dem Titelblatt einer humoristischen Gassenrevue,
eines der judaischen Blttchen, deren blutrote Umschlge in jenen Tagen
sich auf den menschenwimmelnden Straen mit erstaunlicher Raschheit
vermehrten . . .


Nordost

Im eichenen Speisezimmer erklang das Keuchen der Uhr; der graue Kuckuck
stie, sich verneigend und zischend, seinen Ruf aus; auf das Zeichen des
altertmlichen Kuckucks nahm Apollon Apollonowitsch vor der Porzellantasse
Platz und brach knusperige Stckchen vom Weibrot ab. Beim Kaffee dachte
Apollon Apollonowitsch an die frheren Jahre zurck; und -- sogar, ja sogar
-- leicht zu scherzen pflegte er beim Kaffee:

Wer ist der Wrdigste unter allen Menschen, Ssemjonytsch?

Ich denke mir, Apollon Apollonowitsch, der Wrdigste unter allen wird der
Geheime Wirkliche Rat sein.

Apollon Apollonowitsch lchelte nur mit den Lippen.

Sie denken nicht richtig: Der Wrdigste unter allen ist der Kaminkehrer
. . .

Der Kammerdiener kannte bereits den Scherz, doch die Ehrfurcht gebot
Schweigen darber.

Warum, gndiger Herr, wenn ich fragen darf, dem Kaminkehrer diese Ehre?

Vor dem Wirklichen Geheimen Rat weicht man aus, Ssemjonytsch?

Ich denke -- so ist's, Exzellenz . . .

Der Kaminkehrer . . . vor ihm weicht selbst der Wirkliche Geheime Rat aus,
denn: er beschmutzt, der Kaminkehrer.

So ist also die Sache, meinte ehrfurchtsvoll der Kammerdiener.

So ist es; aber es gibt ein Amt, das noch wrdiger ist . . . Und gleich
darauf:

Das eines Wasserklosettarbeiters . . .

Pff! . . .

Vor diesem weicht nicht nur der Wirkliche Geheime Rat, sondern selbst der
Kaminkehrer aus . . .

Und -- einen Schluck Kaffee. Wir bemerken aber: Apollon Apollonowitsch war
ja selbst Wirklicher Geheimer Rat.

Ja, Apollon Apollonowitsch, auch das noch: Anna Petrowna erzhlte einmal
. . .

Bei den Worten Anna Petrowna brach der grauhaarige Kammerdiener ab.

                                * * *

Den grauen Mantel?

Den grauen Mantel.

Ich denke, auch die grauen Handschuhe?

Nein, geben Sie mir die Wildlederhandschuhe . . .

Geruhen Exzellenz einen Augenblick zu warten: die grauen Handschuhe haben
wir ja im Schrank, Fach C, Nordwest.

Nur ein einziges Mal ging Apollon Apollonowitsch in die Kleinigkeiten des
Lebens ein: er fhrte einmal eine Revision seines Inventars durch.
Ordnungsmig war das Inventar registriert und eine Nomenklatur der groen
und kleinen Fcher eingefhrt; es entstanden Fcher mit Lettern: a, b, c,
und die vier Seiten der Fcher bekamen die Bezeichnung der vier
Weltgegenden.

Wenn er eine Brille auf den Platz gelegt hat, notierte Apollon
Apollonowitsch auf seiner Liste mit kleiner, perlenartiger Schrift:
Brille--Fach b, NO, d. h. Nordost; eine Kopie dieser Liste bekam der
Kammerdiener, der die Richtungen der kostbaren Toilettengegenstnde
auswendig gelernt hat; fehlerlos skandierte er nachts in schlaflosen
Stunden diese Richtungen herunter.


Brief mit spanischer Marke

Auf dem Tisch erhob sich eine kalte, langbeinige Bronze; des Lampenschirms
rosig-violette Farbe schimmerte nicht: verloren hat das neunzehnte
Jahrhundert das Geheimnis dieser Farbe; das Glas dunkelte ab von der Zeit,
und ebenso die feine Zeichnung.

Die goldenen Trumeaus zwischen den Fenstern verschlangen berall mit dem
Grn ihrer Spiegelflchen den Salon; Perlmuttertischchen schimmerten neben
jedem Trumeau.

Sich mit der Hand auf die fein geschliffene Kristallklinke sttzend,
ffnete Apollon Apollonowitsch rasch die Tr; seine Schritte hallten auf
dem glnzenden Parkett; berall an allen Ecken standen Haufen kleiner
Nippsachen aus Porzellan; diese Nippsachen brachten sie mit aus Venedig, er
und Anna Petrowna, vor -- vor nun dreiig Jahren.

Seine Augen glitten zum Klavier hinber.

Apollon Apollonowitsch erinnerte sich: eine weie Petersburger Nacht;
hinter den Fenstern ein breiter Flu; der Mond stand oben, und es rauschte
eine Roulade von Chopin: ja, er wei es noch; Chopin (nicht Schumann) hatte
Anna Petrowna gespielt . . .

Apollon Apollonowitsch lie sich in einen Empiresessel nieder, wo auf dem
blablauen Atlas des Sitzes Krnzchen sich wanden, seine Hand griff nach
dem chinesischen kleinen Tablett, auf dem ein Paket unerffneter Briefe
lag; sein kahler Kopf neigte sich ber die Briefe. In Erwartung des
Kammerdieners mit der Meldung: Der Wagen wartet vertiefte er sich in die
Morgenpost.

Die Kuverte wurden erbrochen, eins nach dem anderen.

Hm . . . So--o, so--o-- so--o: schn . . .

Und eines der Kuverte wurde sorgfltig eingesteckt.

Hm . . . Bittgesuch . . .

Bittgesuch, Bittgesuch . . .

Ein Umschlag aus massivem grauen Papier, versiegelt, mit Wappenzeichen,
ohne Marke, mit Siegellackpetschaft.

Hm . . . Graf Dublwe . . . Was mag's wohl sein? Bittet, im Bureau zu
empfangen . . . Persnliche Angelegenheit . . .

Hm . . . Aha! . . .

Graf Dublwe, das jetzige Oberhaupt des neunten Departements, war der Gegner
des Senators.

Weiter . . . Ein blarotes Miniaturkuvert; die Hand des Senators erbebte,
Anna Petrownas Schrift; er besah sich die spanische Marke, brach aber das
Kuvert nicht auf:

Hm . . . Geld? . . .

Geld war ja abgeschickt?

Es wird geschickt werden!! . . .

Hm . . . notieren . . .

In der Meinung, einen Bleistift aus der Tasche gezogen zu haben, hielt er
ein beinernes Nagelbrstchen in der Hand und wollte gerade die Notiz:
Zurcksenden machen, als . . .

-- ? . . .

Der Wagen wartet . . .

Apollon Apollonowitsch hob den kahlen Kopf und schritt hinaus aus dem
Zimmer.

                                * * *

An den Wnden hingen Bilder, deren lig schimmernde Leinwand nur mit Mhe
Franzsinnen unterscheiden lie, die wie Griechinnen aussahen, in engen
Direktoire-Tuniken und riesenhohen Frisuren.

ber dem Klavier hing eine verkleinerte Kopie des Bildes von David:
Distribution des aigles par Napolon premier.

Kalt war die Pracht des Salons wegen des vollstndigen Mangels an
Teppichen; der Parkettboden glnzte; wrde ihn die Sonne einen Augenblick
bescheinen, die Augen wrden von selbst sich geschlossen haben. Kalt war
dieses Gastzimmers Gastfreundschaft.

Senator Ableuchow aber hat diese Klte zum Prinzip erhoben.

Sie prgte sich: im Wirt, in den Bronzen, in den Dienern, selbst in der
tigerhnlichen, dunkelfarbigen Bulldogge, die irgendwo in der Nhe der
Kche lebte.

Mit der Abreise Anna Petrownas verstummte der Salon; der Deckel des
Klaviers klappte zu, keine Roulade erklang mehr.

Ja, was Anna Petrowna betrifft -- oder einfacher gesagt, was den Brief aus
Spanien betrifft: kaum war Apollon Apollonowitsch hinausgeschritten,
begannen zwei Lakaien miteinander zu plappern:

Er las den Brief nicht . . .

I wo: fllt ihm nicht ein, ihn zu lesen . . .

Wird er ihn zurckschicken?

Wahrscheinlich ja.

So ein Stein von einem Menschen, Gott sei mir gndig.

Ich will Ihnen was sagen: Sie sollten delikater in Ihren Ausdrcken sein.

                                * * *

Whrend Apollon Apollonowitsch ins Vorzimmer schritt, sah der grauhaarige
Kammerdiener, ebenfalls hinschreitend, zu den wrdigen Ohren empor und
drckte in der Hand seine Tabakdose -- ein Geschenk des Ministers.

Apollon Apollonowitsch blieb auf der Treppe stehen und suchte nach einem
Wort.

Mm . . . hren Sie . . .

Exzellenz?

Apollon Apollonowitsch suchte nach einem passenden Wort.

Was im allgemeinen -- ja -- macht . . . macht . . .

--? . . .

Nikolai Apollonowitsch.

Nichts weiter, Apollon Apollonowitsch, der junge Herr befinden sich wohl.

Und sonst?

Wie immer: Der junge Herr geruhen sich einzusperren, lesen Bcher.

Auch Bcher?

Dann promenieren der junge Herr durch die Zimmer.

Promenieren -- ja, ja . . . Und . . . Und? Wie?

Der junge Herr promenieren . . . im Schlafrock . . .

Lesen, promenieren . . . So. Weiter?

Gestern erwarteten der junge Herr . . .

Erwarteten -- wen?

Den Kostmeur . . .

Was fr einen Kostmeur?

Den Kostmeur.

Hm -- hm . . . Wozu denn eigentlich?

Ich denke mir, der junge Herr wollten zu einem Ball . . .

                                * * *

Aha -- so . . . zu einem Ball . . . Apollon Apollonowitsch rieb sich an
der Nasenwurzel: ein Lcheln erhellte sein Gesicht, es wurde pltzlich
greisenhaft.

Apollon Apollonowitsch nahm seinen Zylinder und schritt durch die geffnete
Tr.


Der Wagen raste in den Nebel

Reif lag auf den Straen, Trottoiren und Dchern. Reif bedeckte die
Passanten; beschenkte sie mit Grippe; zugleich mit dem feinen Regenstaub
kroch Influenza und Grippe hinter die aufgeschlagenen Kragen der
Gymnasiasten, Studenten, Staatsbeamten, Offiziere und der gewhnlichen
Subjekte; und das Subjekt (der Brger sozusagen) sah sich gengstigt um; er
sah in die graue, abgeschlissene Strae; er zirkulierte durch die
Endlosigkeit der Straen, berwand, ohne Murren, diese Endlosigkeit, im
endlosen Flu ebensolcher Subjekte wie er, unter dem Rennen, Rasseln,
Klappern der Droschken, fern von sich die melodischen Stimmen der
Automobilrouladen und des anwachsenden Gerusches (das dann allmhlich
wieder verhallte) der gelbroten Trambahnen, unter ununterbrochenem Rufen
der Zeitungsverkufer.

An diesem dsteren Petersburger Morgen flogen die schweren Flgeltren des
prunkvollen gelben Hauses auf: das gelbe Haus blickte mit all seinen
Fenstern auf die Newa. Ein Lakai mit rasiertem Gesicht, mit Goldtressen an
den Reversen, sprang aus dem Entresol hervor, um dem Kutscher ein Zeichen
zu geben. Die grauen, scheckigen Pferde zogen an und rollten zum Vestibl
den Wagen heran, der ein altes Adelswappen trug: ein Einhorn, einen Ritter
durchbohrend.

Als Apollon Apollonowitsch Ableuchow in grauem Mantel und Zylinder mit
steinernem, einem Briefbeschwerer hnlichem Gesicht, im Gehen den schwarzen
Wildlederhandschuh anziehend, rasch im Vestibl erschien und noch rascher
die Wagenstufe betrat, wurde der Gesichtsausdruck eines gerade
vorbergehenden braven Polizisten im Nu noch dmmer, und er streckte sich
starr in Positur.

Apollon Apollonowitsch Ableuchow warf einen flchtigen, verlorenen Blick
auf den Polizisten, auf den Wagen, den Kutscher, auf die groe schwarze
Brcke, auf den Newaspiegel, hinter dem sich neblige, vielschlotige Fernen
zeichneten und von wo her ngstlich die Wassiljewski-Insel hervorblickte.

Der graue Lakai schlug eilig die Wagentr zu. Der Wagen rannte in den Nebel
hinein: der zufllig vorbergehende Polizist, erschttert von allem
Gesehenen, blickte lange, lange ber die Schulter in den schmutziggrauen
Nebel dem fortgerasten Wagen nach; dann seufzte er und ging weiter; bald
verschwanden im Nebel auch die Schultern des Polizisten wie alle Schultern,
Rcken, alle grauen Gesichter und alle schwarzen, nassen Regenschirme in
diesem Nebel verschwanden. In dieselbe Richtung warf auch der wrdige Lakai
einen Blick; er blickte dann nach rechts, nach links, auf die Brcke,
zuletzt auf die weite Flche der Newa . . .


Quadrate, Parallelepipede, Kuben

He, he . . .

So schrie der Kutscher . . .

Und die Rder spritzten auf alle Seiten Straenkot.

Der Wagen raste auf den Newskij-Prospekt. Apollon Apollonowitsch Ableuchow
wiegte sich auf dem Atlaspolster des Sitzes; von dem Dreck der Strae war
er durch vier perpendikulre Wnde getrennt; war auch von den
vorbeiflutenden Menschenmengen getrennt, von den trbselig nassen, roten
Umschlgen der Gassenblttchen, die an der Straenkreuzung dort verkauft
wurden.

Die Regelmigkeit und Symmetrie beruhigten die Nerven des Senators, die
durch Unebenheiten des huslichen Lebens und dem hilflosen Kreisen unseres
Staatsrades erregt waren.

Harmonische Einfachheit war das Kennzeichen seines Geschmacks.

Am meisten liebte er die geradlinige Strae; diese Strae mahnte ihn an den
Flu der Zeit, zwischen zwei Punkten des Lebens.

Nasse, glitschrige Straen: Huser in Kubusform als regelmige
fnfstckige Reihen; von der Linie des Lebens unterscheiden sich dieselben
nur in einer Beziehung: diese Reihen hatten weder Ende noch Anfang.
Begeisterung erfllte jedesmal die Seele des Senators, wenn sein lackierter
Kubus wie ein Pfeil die Linie des Newskij durchschnitt. Dort hinter den
Fensterscheiben liefen die Nummern der Huser vorbei, eine Zirkulation ging
dort vor sich; dort schimmerten an klaren Tagen von weit, weit her
blendend: die goldene Spitze[*], die Wolken, der rote Strahl des
Sonnenuntergangs; und dort sah man an nebligen Tagen -- nichts, niemand.

[Funote *: Die berhmte, schon von Puschkin besungene Spitze des
Arsenals.]

Weiter aber waren die Linien der Newa, der Inseln.

Apollon Apollonowitsch liebte diese Inseln nicht: die Bevlkerung dort
waren Fabrikarbeiter, roh; ein vieltausendkpfiger Menschenschwarm wlzte
sich dort morgens zu den vielschlotigen Fabriken; er wute, jetzt
zirkulierte dort der Browning. Und noch an etwas anderes dachte Apollon
Apollonowitsch: Die Bewohner der Inseln zhlen zu der Bevlkerung des
Russischen Reiches; auch dort ist die allgemeine Volkszhlung durchgefhrt:
auch sie haben numerierte Huser, Polizeireviere, Staatsinstitute; der
Insulaner ist: Advokat, Schriftsteller, Arbeiter, Polizeibeamter; er hlt
sich fr einen Brger Petersburgs, doch ist er Brger des Chaos, er bedroht
des Reiches Residenz aus herannahender Wolke . . . Apollon Apollonowitsch
wollte nicht weiter denken: voll Unruhe sind diese Inseln --
niederstampfen, niederstampfen! Durch das Eisen einer riesigen Brcke an
den Boden festschmieden und in alle Richtungen durch Straenpfeile
durchbohren . . . Und so vertrumt blickend in die Endlosigkeit der Nebel,
wuchs der Staatsmann aus dem schwarzen Kubus seines Wagens heraus, dehnte
sich auf alle Seiten und reckte sich in die Hhe empor; er wnschte, sein
Wagen mge vorwrts rasen, da die Straen ihm entgegen flgen -- eine
Strae nach der anderen; da die ganze sphrische Oberflche des Planeten
wie durch Schlangenringe durch schwarzgraue Huserkuben eingefat wrde;
da die ganze von Straen zusammengedrngte Erde im kosmischen Linienlauf
die Endlosigkeit wie ein geradliniges Gesetz durchschnitt; da ein
Parallelstraennetz, durchkreuzt von einem anderen Parallelstraennetz,
sich mit den Flchen der Quadrate und Kuben in die Himmelsabgrnde bohrt:
fr jeden Stadteinwohner je ein Quadrat; da . . . da . . .

Am meisten beruhigte ihn nach der Linie, die Figur des Quadrates.

Er pflegte oft lange sich gedankenloser Betrachtung hinzugeben von:
Pyramiden, Dreiecken, Parallelepipeden, Kuben, Trapezen. Unruhe ergriff ihn
nur beim Anblick des abgebrochenen Kegels.

Die Zickzacklinie aber, die konnte er nicht ausstehen.

In seinem Wagen geno Apollon Apollonowitsch durch lange Augenblicke
gedankenlos die viereckigen Wnde, im Zentrum eines vollendeten, mit Atlas
berspannten Kubus sitzend: Apollon Apollonowitsch war zur Einzelhaft
geschaffen; nur die Liebe zur Staatsplanimetrie hatte ihn in die
Vieleckigkeit eines verantwortlichen Postens hineingezogen.

                                * * *

Die nasse, schlpfrige Strae wurde in geraden, neunziggradigem Winkel von
einer anderen nassen Strae durchquert; im Kreuzungspunkt der Linien stand
ein Polizist . . .

Und ebensolche Huser erhoben sich dort, und ebenso grau zogen dort
Menschenstrme hin und ebenso grngelb stand dort ein Nebel. Konzentriert
liefen dort Gesichter vorbei; die Trottoirs flsterten, scharrten, wurden
mit den Gummischuhen gerieben; feierlich zog die Brgernase vorbei. In
Mengen zogen Nasen vorbei: Adlernasen, Entennasen, Hhnernasen, grnliche,
weie; auch die mangelnde Nase zog da vorbei. Hier zogen einzelne, Paare,
Dreier- und Vierergruppen; einem Hut folgte ein zweiter; steife Hte,
Federn, Mtzen; Mtzen, Mtzen, Federn; Dreimaster, Mtzen, Zylinder,
Mtzen, Kopftuch, Schirm, Feder.

Doch parallel der dahineilenden Strae lief eine zweite Strae, mit einer
ebensolchen Reihe von Schachteln, mit Numerierung, mit Wolken; und mit
demselben Staatsbeamten.


Der Bewohner der Inseln[*]

[Funote *: Ein viel bevlkerter lterer Stadtteil Petersburgs hinter der
Newa, von verschiedenen Newaarmen sowie Kanlen durchschnitten.]

Es war der letzte Tag des Septembers.

Auf der Wassiljewskij-Insel in der Tiefe der siebzehnten Linie blickte
aus dem Nebel ein Haus, gro und grau; vom winzigen Hofraum fhrte eine
schwarze, etwas schmutzige Treppe hinein: es gab da Tren und Tren. Eine
davon wurde geffnet.

Ein Unbekannter mit schwarzem Schnurrbrtchen erschien an der Schwelle.

Dann begann der Unbekannte langsam die Treppe herunterzusteigen. Er kam von
der Hhe des fnften Stockwerkes, vorsichtig ber die Stufen tretend; in
seiner Hand wiegte sich, gleichmig, ein nicht gerade kleines, aber auch
nicht sehr groes Paket in einer schmutzigen Serviette mit rotem Rand eines
abgefrbten Fasanenmusters.

Mein Unbekannter zeigte sich ungemein vorsichtig im Behandeln des Pakets.

Es war selbstverstndlich die Hintertreppe, und sie war mit Gurkenschalen
und mehrfach zertretenen Kohlblttern bedeckt. Der Unbekannte mit dem
schwarzen Schnurrbrtchen rutschte darauf mehrmals aus.

Mit einer Hand ergriff er dann das Treppengelnder, whrend die andere (mit
dem Bndel) in der Luft eine nervse Zickzacklinie beschrieb; doch die
Zickzacklinie betraf nur den Ellbogen; mein Unbekannter wollte offenbar das
Bndel vor einem rgerlichen Zufall bewahren: vor jhem Sturz auf die
steinerne Stufe.

Auch weiter unten, bei einer Begegnung mit dem Hausmeister, der beladen mit
Brennholz nach oben ging, zeigte mein Unbekannter in intensivster Weise
seine delikate Sorge um das Paket, das an die Holzscheite anstoen konnte;
die im Bndel verwahrten Gegenstnde muten besonders zerbrechlicher Natur
sein.

Sonst wre das Benehmen meines Unbekannten nicht zu verstehen.

Als mein bemerkenswerter Unbekannter vorsichtig die schwarze Ausgangstr
erreicht hat, prustete eine schwarze Katze vor seinen Fen und lief mit
gehobenem Schwanz, seinen Weg berquerend, davon. Das Gesicht meines
Unbekannten durchzog ein krampfhaftes Zucken, den Kopf aber warf er nervs
nach hinten, wobei sich ein zarter Hals zeigte.

Und nun ist er im Hofe, in dem mit Asphalt gepflasterten, von den fnf
Stcken des vielfenstrigen Riesen eingezwngten Viereck. Inmitten des Hofes
standen regelmige Holzstapel, und man sah noch ein Stck der vom Winde
abgekahlten siebzehnten Linie.

Der Unbekannte von der Insel hate Petersburg schon immer: dort -- dort
erhob es sich, das Petersburg, aus einer dichten Wolkenwoge; dort schwebten
Huser; dort schwebte, schien es, ber den Husern etwas Gehssiges und
Dunkles, dessen Atem mit dem Eis seines Granits und seiner Steine die einst
grnen, lauschigen Inseln fest eingezwngt hat. Ein befremdend Kaltes,
Dunkles, Schweres starrte von dort aus kmpfendem Chaos; starrte mit
steinernem Blick und schlug in wahnsinnigem Flug mit seinen
Fledermausflgeln; und peitschte mit schwerwiegendem Wort die Armut der
Inseln, und aus dem Nebel traten Schdel und Ohren hervor: so war nmlich
vor kurzem auf dem Titelblatt eines Gassenblttchens jemand abgebildet
gewesen.

Der Unbekannte dachte daran und drckte in der Tasche seine Faust fest
zusammen; er dachte an ein von jemand gesagtes grausames Wort, und er
dachte noch, da die Bltter an den Bumen schon fielen.

                                * * *

Unsererseits sagen wir aber: O, ihr russischen Leute, ihr russischen Leute:
Lat nicht die Scharen der aus den Inseln gleitenden Schatten an euch
heran! Frchtet die Insulaner! Sie haben das Recht, sich frei im Reiche zu
siedeln: sind nicht deswegen Brcken, schwarze und graue, ber die
lethischen Gewsser zu den Inseln gespannt? Abbrechen sollte man sie
. . .

Zu spt . . .

Die Polizei dachte nicht daran, die Nikolajewsche Brcke fortzuschaffen;
nun wlzten sich dunkle Schatten ber die Brcke; unter diesen Schatten
spannte sich auch der dstere des Unbekannten. In der Hand dieses Schattens
wiegte sich gleichmig ein nicht ganz kleines und doch nicht allzu groes
Paket.


Und indem sie ihn erblickten, weiteten sie sich, begannen zu leuchten,
zu glnzen . . .

In der grnlichen Beleuchtung des Petersburger Morgens, im rettenden Als
ob zirkulierte vor dem Senator Ableuchow auch das bliche Phnomen: der
Strom von Menschen; wortstumm wurden hier die Menschen; ihre Wogen, wie die
ans Ufer schlagenden Wellenfluten -- drhnten, brllten; das gewhnliche
Ohr aber begriff es nicht im geringsten, da jene donnernden Wogen
menschliche Wogen waren.

Mit der vorderst flutenden Menge verkehrte der greise Senator mit Hilfe der
Drhte (der Telegraphen- und Telephondrhte), und der Schattenstrom prgte
sich in seinem Bewutsein wie die ruhig flieende Kunde aus einer hinter
Fernen liegenden Welt.

Apollon Apollonowitsch dachte: an die Sterne, an die Unfalichkeit der
dahinrollenden Donnerwogen; und sich auf seinem schwarzen Polster wiegend,
stellte er Berechnungen an ber die Strke der vom Saturn herberstrmenden
Lichtkraft.

Pltzlich . . .

-- faltete sich sein Gesicht und wurde von einem Zucken entstellt;
krampfhaft rollten die steinernen, von Blau umrnderten Augen; die mit
schwarzem Wildleder bekleideten Hnde flogen bis zur Hhe der Brust, als
sollten diese Hnde ihn schtzen. Sein Oberkrper sank zurck und der
Zylinder fiel, an die Wand aufschlagend, auf die Knie unter den entblten
Kopf . . .

Die vorbergleitenden Silhouetten betrachtend (Mtzen, Hten, Federn),
erblickte Apollon Apollonowitsch unter den Mtzen, Hten, Federn in der
Ecke -- ein paar wahnsinnige Augen: die Augen zeigten eine unerhrte
Eigenschaft; die Augen erkannten den Senator; und indem sie ihn erkannten,
wurden sie wahnsinnig; vielleicht hatten die Augen an der Ecke gelauert;
und indem sie ihn erblickten, weiteten sie sich, begannen zu leuchten, zu
glnzen.

Dieser wahnsinnige Blick war ein bewut geworfener Blick und gehrte einem
unbestimmten Individuum mit schwarzem Schnurrbrtchen, in einem Mantel mit
aufgeschlagenem Kragen; wenn sich Apollon Apollonowitsch spter in die
Einzelheiten des Geschehnisses vertiefte, kam er -- eher durch berlegung
als durch Erinnerung -- auf noch einen Umstand: in der rechten Hand hielt
das Individuum ein in ein nasses Tuch gewickeltes Paket.

Die Sache war ja so einfach: der Strom der Droschken hielt den Wagen an der
Straenkreuzung auf (dort hob eben der Schutzmann sein weies Stbchen in
die Hhe); die vorbeiziehende Woge von Individuen, gedrngt von den
Droschken, die quer den Newskij durchschnitten, diese Woge wurde ganz
einfach an den Wagen des Senators gedrngt und zerstrt? die Illusion: wenn
er, Apollon Apollonowitsch, ber den Newskij raste, war er Milliarden von
Werst weit weg von dem menschlichen Tausendfler, der dieselbe Strae
beschritt; beunruhigt rckte Apollon Apollonowitsch dicht an das Fenster
heran und sah, da ihn nur eine dnne Wand und ein vier Werschok breiter
Raum von der Menge trennte; hier hatte er das Individuum erblickt; und
begann es ruhig zu betrachten; es war etwas Bemerkenswertes in seiner
ganzen unansehnlichen Gestalt; und sicher wre ein Physiognomiker, zufllig
in der Strae auf diese Figur stoend, berrascht stehengeblieben und wrde
spter bei seinen Geschften an das gesehene Gesicht denken; die
Besonderheit des Gesichtes lag nur in der Schwierigkeit, seinen Ausdruck
unter irgendeine Kategorie zu bringen -- in nichts anderem . . .

Diese Betrachtung wre durch den Kopf des Senators gehuscht, wenn er auch
nur eine Sekunde lang beobachtet htte; doch es dauerte keine Sekunde. Der
Unbekannte hob die Augen und -- hinter den Spiegelscheiben des Wagens, in
vier Werschok Entfernung von sich, erblickte er -- nicht ein Gesicht,
sondern . . . einen Totenschdel im Zylinder und ein riesiges blagrnes
Ohr.

In derselben Viertelsekunde erblickte der Senator in den Augen des
Unbekannten -- jene Unbegrenztheit des Chaos, aus der die neblige,
vielschlotige Ferne und die Wassiljewskij-Insel schon seit jeher zum Haus
des Senators hinberschielte.

Da eben war es, wo sich die Augen des Unbekannten weiteten, zu leuchten, zu
glnzen begannen; und da eben flogen hinter dem Wagenfenster, in vier
Werschok Entfernung, die Hnde des Senators in die Hhe und bedeckten die
Augen.

Verschwunden ist der Wagen; mit ihm entschwand auch Apollon Apollonowitsch
in die feuchten Fernen; dorthin, wo an klaren Tagen herrlich die goldene
Spitze, die Wolken und der purpurne Sonnenuntergang glnzten, wo aber heute
schmutzige Wolkenschwrme zogen . . .

Apollon Apollonowitsch litt an Herzerweiterung.

Einen kurzen Augenblick nur hatte all dies gedauert.

Apollon Apollonowitsch setzte mechanisch den Zylinder wieder auf und
drckte den wildledernen schwarzen Handschuh ans hpfende Herz, dann nahm
er sein geliebtes Betrachten der Kuben auf, um sich ber das Geschehene
ruhige und klare Rechnung zu geben.

Apollon Apollonowitsch sah wieder aus dem Fenster des Wagens: was er jetzt
sah, verwischte das Frhere: eine nasse, glitschrige Strae, nasse,
glitschrige Pflastersteine, die fiebernd glnzten im septemberlichen Tag!

                                * * *

Die Pferde hielten. Der Polizist salutierte. Hinter dem Fenster des
Vestibls, unter dem die Sulen des kleinen Balkons sttzenden brtigen
Karyatiden dasselbe Schauspiel wie immer: die schwerkpfige Messingkeule
glnzte in der Hand des Portiers; die achtzigjhrige Schulter drckte ein
dunkler Dreimaster; ein achtzigjhriger Portier schlummerte ber dem
Brsenkurier. So schlummerte er schon vorgestern, gestern. So schlummerte
er in jenen verhngnisvollen fnf Jahren . . . So wird er auch weitere fnf
Jahre schlummern.

Fnf Jahre sind es her, seit dem Tag, an dem Apollon Apollonowitsch als
unverantwortliches Haupt eines Amtes im Amt erschienen war; seit dieser
Zeit sind fnf Jahre verstrichen. Und Ereignisse hat es gegeben: China
revoltierte, Port Arthur war gefallen. Doch unverndert blieben die
Visionen der Zeiten: achtzigjhrige Schultern, Livreetressen, ein
Dienerbart.

                                * * *

Die Flgeltre flog auf: die Messingkeule klopfte. Durch die Wagentr trug
Apollon Apollonowitsch seinen steinernen Blick in das breite Vestibl
hinber. Dann schlo sich die Tr hinter ihm.

Apollon Apollonowitsch stand und atmete.

Exzellenz . . . wollen sich doch hinsetzen . . . Siehe doch nur: Exzellenz
schpfen kaum Atem.

Immer laufen Exzellenz, als ob Sie noch ein kleiner Junge wren . . .

Wollen doch Exzellenz ein wenig sitzen, bis Sie zu sich kommen.

So ist es, ja . . .

Vielleicht . . . einen Schluck Wasser?

Aber das Gesicht des ruhmreichen Mannes erhellte sich wieder, kindisch
wurde es, greisenhaft, berzog sich mit Fltchen.

                                * * *

Doch das Herz, der Vernunft nicht gehorchend, bebte und pochte; und alles
umher schien deswegen so -- und wieder auch nicht so . . .


Aber schweigen Sie doch! . . .

Die Petersburger Strae durchdringt im Herbst den ganzen Organismus: Sie
macht das Knochenmark frieren; sie kitzelt das zitternde Rckgrat; trittst
du aber von der Strae in einen warmen Raum, beginnt sie im Blute als
Fieber zu kreisen. Diese Eigenschaft der Strae empfand jetzt der
Unbekannte, in das Vorzimmer tretend, das erfllt war von schwarzen,
blauen, grauen, gelben Mnteln, von burschikosen, langohrigen,
stutzschwanzigen Mtzen und allerhand berschuhen. Warme Feuchtigkeit
schlug ihm entgegen; in der Luft hing weilicher Dampf.

Das Individuum mit dem Schnurrbrtchen trat, nachdem es seine berkleider
in Verwahrung bergeben hatte, in den Saal . . .

A--a--a . . .

Ihn betubten zuerst die Stimmen.

                                * * *

Kre--e--ebse . . . aaa . . . ah--aa--ha . . .

Sehen Sie, sehen Sie, sehen Sie . . .

Sprechen Sie nicht . . .

Me--emme . . .

Und noch Wodka dazu . . .

Aber wieso denn . . . aber gehen Sie . . . Was Sie nicht sagen . . .

                                * * *

Der Restaurantsaal war ein ziemlich schmutziger Raum; der Boden war mit
Pasta bestrichen; die Wnde, von einem Schildermaler bemalt, stellten die
Trmmer einer schwedischen Flottille dar, von deren Hhe Peter der Groe
mit der Hand in die Ferne zeigte; und weiter sah der Beschauer
waschblaufarbene Flchen als weimhnige Wlle ihm entgegenstrmen; durch
den Kopf des Unbekannten aber strmte ein Wagen . . .

                                * * *

Wnschen Sie mit Sirup? wandte sich der dick aufgedunsene Wirt vom
Schanktisch an unseren Unbekannten.

Nein, ohne.

Selbst aber dachte er: Warum war der Blick hinter dem Wagenfenster
erschrocken? Die Augen waren hervorgetreten, wurden steinern und schlossen
sich dann; der tote, rasierte Kopf wiegte sich und verschwand; der Rcken
war nicht von der Peitsche eines grausamen Wortes erwrmt; die
schwarz-wildlederne Hand schwang sich machtlos in der Luft; es war nicht
eine Hand, es war nur ein . . . armseliges Hndchen . . .

Noch ein Glas . . .

                                * * *

Dort weiter sa ein mig schwitzender Mann mit breitem Kutscherbart; in
blauer Joppe, die geschmierten Schaftstiefel ber die graue Soldatenhose
gezogen. Der mig schwitzende Mann trank ein Glas nach dem anderen.

                                * * *

Dreimal schluckte mein Unbekannter das scharfe, farblos glnzende Gift,
dessen Wirkung an die Wirkung der Strae gemahnte. Speiserhre und Magen
lecken mit vertrockneter Zunge seine rachevollen Flammen, das Bewutsein
aber, des Krpers entledigt, sich um diesen zu wirbeln beginnt und wird
unerhrt hell . . . Nur fr einen kurzen, einen Atemzug whrenden
Augenblick.

Und das Bewutsein des Unbekannten wurde fr einen kurzen, einen Atemzug
whrenden Augenblick hell, und er erinnerte sich: die Arbeitslosen hungern;
die Arbeitslosen hatten ihn gebeten, und er hatte ihnen versprochen; und er
hatte von ihnen bekommen -- ja? Wo ist das Paketchen? Da ist es ja, hier --
neben ihm . . . Von ihnen hatte er das Paketchen bekommen.

In der Tat: die Begegnung auf dem Newskij hat sein Gedchtnis verwirrt.

                                * * *

Der Unbekannte mit dem schwarzen Schnurrbrtchen setzte sich vor ein
Tischchen, um den zu erwarten, der . . .

Haben Sie Lust auf ein Glschen?

Der mig schwitzende Brtige zwinkerte lustig.

Danke . . .

Warum nicht?

Aber ich hab' schon getrunken . . .

Trinken Sie noch eins, in meiner Gesellschaft . . .

Mein Unbekannter berlegte etwas: Mitrauisch sah er den Brtigen an, griff
erst nach dem feuchten Paketchen, dann griff er nach einem Zeitungsstck
und deckte wie zufllig jenes Paketchen zu.

Pltzlich . . .

Doch von diesem Pltzlich spter einmal.


Ein Schreibtisch stand dort

Apollon Apollonowitsch suchte sich auf den laufenden Geschftstag
einzustellen; pltzlich standen deutlich vor ihm die Berichte des gestrigen
Tages; er sah vor sich die gefalteten, auf seinem Schreibtisch liegenden
Akten, ihre Anordnung, die von ihm auf den Akten gemachten Notizen, die
Buchstabenform der Schrift, den Bleistift, mit dem er blau Folge geben,
rot Information geschrieben hatte.

In der kurzen Zeit von der Treppe zum Arbeitszimmer vernderte Apollon
Apollonowitsch durch eigenen Willen das Zentrum seines Bewutseins; alles
Spiel des Gehirns wurde an den Rand des Gesichtsfeldes geschoben: ein
Hufchen parallel gelegter Akten aber bekam seinen Platz im Zentrum jenes
Feldes.

Apollon Apollonowitsch ffnete die Tr des Arbeitszimmers.

Der Schreibtisch stand auf seinem Platz, und ihn bedeckte ein Haufen von
Akten; Holzscheite knisterten im Kamin; ehe er in die Arbeit versank,
wrmte Apollon Apollonowitsch seine frierenden Hnde am Kamin; doch das
Spiel des Gehirns fuhr fort, seine nebelhaften Flchen zu bauen und
begrenzte das senatorische Gesichtsfeld.

Apollon Apollonowitsch blieb in der Tr stehen -- denn -- wie nun anders?

Das harmlose Gehirnspiel schob sich wieder in sein Gehirn, das heit in den
Haufen von Akten und Bittgesuchen.

Apollon Apollonowitsch erinnerte sich: das Individuum hatte er schon einmal
gesehen.

_Das Individuum sah er ein mal -- denken Sie -- im eigenen Hause._

Er wei noch: er stieg die Treppe hinab, um zum Empfang zu erscheinen; auf
der Stiege stand Nikolai Apollonowitsch und unterhielt sich, ber die
Brstung gelehnt, mit jemand, der unten stand: Nikolai ber seine
Bekanntschaften auszufragen -- dazu hielt der Staatsmann sich nicht fr
befugt; das Taktgefhl hinderte ihn auch damals geradeheraus zu fragen:

Sag' mal, Nikolinka, wer ist es, der dich da besuchte, mein Engel?

Nikolai htte die Augen zu Boden geschlagen und htte gesagt:

Nun so, Vater, mich besuchen eben . . .

Damit htte das Gesprch sein Ende gehabt.

Deswegen hatte auch Apollon Apollonowitsch fr die Person des Individuums
im dunklen Mantel, das unten stand, kein Interesse gezeigt. Der Unbekannte
hatte dasselbe schwarze Schnurrbrtchen und dieselben Augen, dieselben
absonderlichen Augen (solchen Augen knnen Sie nachts in der Moskauer
Kapelle des Mrtyrers Panteleymon begegnen: diese Kapelle ist berhmt durch
Heilung Besessener; solche Augen wrden Sie auf den Photographien sehen,
die den Lebensbeschreibungen bedeutender Menschen beigegeben sind; und
schlielich: solche Augen sehen Sie in neuropathischen und selbst
psychiatrischen Anstalten).

Schon damals hatten die Augen sich geweitet, zu spielen, zu glnzen
begonnen; also war das schon einmal gewesen und wird sich vielleicht
wiederholen.

ber alles -- ja, ja . . .

Notwendig . . .

Genaueste Information . . .

Seine genauesten Informationen bekam aber der Staatsmann nicht auf
direktem, sondern auf verschlungenem Wege.

                                * * *

Apollon Apollonowitsch sah durch die Tr seines Arbeitszimmers:
Schreibtische, Schreibtische! Haufen von Akten! ber die Akten gebeugte
Kpfe! Kratzen der Federn! Knistern der umgeschlagenen Bltter! Was fr
fieberhaft gigantische papierne Ttigkeit!

Apollon Apollonowitsch versank beruhigt in die Arbeit.


Seltsame Eigenschaften

Das Gehirnspiel des Trgers diamantener Orden hatte seltsame, sehr
seltsame, hchst seltsame Eigenschaften: Sein Schdel wurde zum Behlter
gedanklicher Bilder, die sofort ihre Verkrperung in dieser Gespensterwelt
fanden.

Mit Rcksicht auf diesen seltsamen, sehr seltsamen, hchst seltsamen
Umstand htte besser Apollon Apollonowitsch keinen seiner migen Gedanken
von sich geworfen; denn jeder seiner migen Gedanken entwickelte sich
hartnckig zu einem rumlich-zeitlichen Bilde und setzte seine -- jetzt nun
unkontrollierbaren -- Handlungen auerhalb des senatorischen Kopfes fort.

Apollon Apollonowitsch war in gewissem Sinne wie Zeus: aus seinem Kopfe
entstiegen Gtter, Gttinnen und Genien. Wir haben es schon gesehen: einer
dieser Genien (der Unbekannte mit dem schwarzen Schnurrbrtchen), als
bloes Bild entstanden, begann dann in der gelblichen Newa-Rumlichkeit
sein wirkliches _Sein_; dabei behauptete er, dieser Rumlichkeit, nicht dem
senatorischen Kopf, entstammt zu sein; nun hatte aber auch der Unbekannte
mige Gedanken; und auch diese besaen die gleichen Eigenschaften.

Sie entflohen dem Hirn und wurden zu etwas Festem.

Ein dem Kopfe des Unbekannten entflohener Gedanke war, da er, der
Unbekannte, wirklich existiere; vom Newskij-Prospekt lief dieser Gedanke
zurck in das Senatorhirn und befestigte in ihm das Bewutsein, die
Existenz des Unbekannten in diesem Kopfe sei -- eine illusorische Existenz.

So schlo sich nun der Kreis.

Apollon Apollonowitsch war in gewissem Sinne wie Zeus: kaum wurde in seinem
Kopfe die mit einem Paketchen bewaffnete Pallas -- der Unbekannte --
geboren, als schon aus ihm eine zweite, ebensolche Pallas hervorstieg.

Diese letzte Pallas war das senatorische Haus.

Das steinerne Ungeheuer war dem Hirn entflohen; und nun ffnet es seine
gastliche Tr -- vor uns.

                                * * *

Der Lakai stieg die Treppe hinauf; er litt an Asthma; doch ist nicht von
ihm jetzt die Rede, sondern von -- der Treppe: einer herrlichen Treppe! Die
Stufen: weich waren sie wie die Windungen des Hirns. Doch diese Treppe zu
beschreiben, ber die fters schon Minister gegangen waren, bleibt dem
Autor keine Zeit, denn nun ist der Lakai schon oben im Saal . . .

Aber auch -- der Saal: herrlich! Fenster und Wnde: die Wnde etwas kalt
. . . Aber der Lakai ist schon im Salon.

Wir betrachteten das schne Wohnhaus nach jenen allgemeinen Merkmalen, die
der Senator an alle Dinge anzuwenden pflegte. --

So: --

      In wei Gott welcher Zeit einmal in die freie Natur
      gekommen, erblickte hier Apollon Apollonowitsch
      dasselbe wie wir; d. h.: er sah eine blhende Natur;
      fr uns pflegt sie im Nu in einzelne Teile zu zerfallen:
      Veilchen, Butterblumen, Nelken; der Senator aber
      machte aus der Geteiltheit wieder eine Einheit. Wir
      wrden natrlich gesagt haben:

         Hier ist ein Gnseblmchen.

         Hier -- ein Vergimeinnicht . . .

         Apollon Apollonowitsch sagte einfach und kurz:

         Blumen . . .

         Eine Blume . . .

Unter uns gesagt: Apollon Apollonowitsch hielt alle Blumen, wei Gott
warum, fr Glckchen . . .

Mit lakonischer Krze wrde er auch sein eigenes Haus charakterisieren; fr
ihn bestand es aus Wnden (die bildeten Quadrate und Kuben), aus
durchgeschlagenen Fenstern, aus Parkettbden, Sthlen, Tischen; weiter
kamen Details . . .

Der Lakai trat ins Vorzimmer . . .

Und da wollen wir uns erinnern: alles, was an uns vorberglitt (Bilder,
Klavier, Spiegel, Perlmutter-Inkrustation an den Tischchen), kurz alles,
was vorberglitt an uns -- all das konnte keine rumliche Form besitzen:
all das war nur Reizung der Hirnhaut, wenn nicht am Ende ein chronisches
Kranksein . . . des Kleinhirns . . .

Es entstand die Illusion eines Zimmers; sie zerflo dann aber spurlos, und
hinter der Grenze des Bewutseins baute sie ihre nebelhaften Flchen; wenn
der Diener die schwere Salontr hinter sich schlo, wenn seine Stiefel laut
auf dem Korridorboden aufschlugen -- das alles war nur ein Pochen in den
Schlfen: Apollon Apollonowitsch litt an Blutandrang gegen den Kopf, dessen
Ursache die Hmorrhoiden waren.

Hinter der zugeschlagenen Tr war kein Salon: es war . . . Hirnraum:
Windungen, graue und weie Hirnmasse, die dicken Wnde aber, die aus
funkelnden Pnktchen bestanden (bedingt durch den Blutandrang), diese
nackten Wnde waren nur das bleierne Schmerzgefhl in den Nacken-, Stirn-,
Schlfen- und Scheitelknochen, die zu dem wrdigen Schdel gehrten.

Das Haus -- dieses steinerne Ungeheuer war kein Haus; es war ein
Senatorkopf: Apollon Apollonowitsch sa vor dem Tisch, ber den Akten,
durch Migrne bedrckt, mit dem Empfinden: sein Kopf sei sechsmal so gro
und zwlfmal so schwer als er sein sollte.

Seltsame, sehr seltsame, hchst seltsame Eigenschaften.


Unsere Rolle

Die Petersburger Straen haben eine unleugbare Eigenschaft: sie verwandeln
die Passanten in Schatten; Schatten aber verwandeln sie in Menschen. Wir
sahen es an dem Beispiel mit dem geheimnisvollen Unbekannten.

Als der Gedanke im Senatorhirn entstanden, wurde er auf dem
Newskij-Prospekt zu etwas Festem und folgt nun dem Senator durch unsere
ganze bescheidene Erzhlung.

Wir haben den Weg von der Straenkreuzung bis zur Millionenstrae
beschrieben, den der Unbekannte gegangen war; wir beschrieben auch, wie er
in dem kleinen Restaurant sa, bis zu dem vielsagenden Pltzlich, bei dem
alles abbrach; mit dem Unbekannten geschah etwas pltzlich; eine
unangenehme Empfindung berkam ihn.

Untersuchen wir jetzt seine Seele; doch erst untersuchen wir das kleine
Restaurant; dafr haben wir Grnde; wenn wir, der Autor, mit pedantischer
Genauigkeit den Weg eines ersten besten Unbekannten beschreiben, so glaube
uns der Leser: die Zukunft wird unser Verhalten rechtfertigen.

Als der Unbekannte hinter der Tr des kleinen Restaurants verschwunden war
und wir den Drang versprten, ihm zu folgen, wandten wir uns um und
bemerkten zwei Silhouetten, die langsam den Nebel durchquerten; eine der
Silhouetten war behbig und gro, doch ihr Gesicht konnten wir nicht
unterscheiden (Silhouetten besitzen eben kein Gesicht); wir bemerkten
jedoch: einen neuen aufgespannten seidenen Regenschirm, blendend glnzende
Gummischuhe und eine Pelzmtze mit Ohrenklappen.

Der Hauptbestand der zweiten Silhouette war die ausgemergelte Gestalt eines
kleinen Mnnchens; das Gesicht zeichnete sich deutlich genug, doch wir
sahen es nicht, gefesselt von der riesigen Warze.

Wir taten, als betrachteten wir die Wolken und lieen das dunkle Paar an
uns vorbeigehen; vor der Tr des Restaurants blieb besagtes Paar stehen und
wechselte einige Worte:

Hm?

Hier . . .

So dacht' ich's mir: Vorkehrungen sind getroffen; fr den Fall, da Sie
mir ihn an der Brcke nicht zeigten.

Und welche sind die Vorkehrungen?

Ich lie jemand ins Restaurant sich hineinsetzen.

Ach, wozu Sie nur Vorkehrungen treffen! Ich habe Ihnen gesagt: hundertmal
hab' ich's Ihnen gesagt . . .

Verzeihung, ich tat es aus Eifer . . .

Erst htten Sie sich mit mir beraten sollen . . . Ihre Vorkehrungen sind
gut . . .

Nun sagen Sie es selbst . . .

Ja, aber Ihre guten Vorkehrungen . . .

Hm . . .

Wie? . . . Ihre guten Vorkehrungen werden alles verwirren . . .

                                * * *

Das Paar machte fnf Schritte, blieb stehen. Und wieder wechselte es einige
Worte:

Hm! . . . Ich mu nun . . . Hm! . . . Ihnen Erfolg wnschen . . .

Wie knnen da Zweifel bestehen: das Unternehmen ist im Zug wie ein
Uhrmechanismus. Wenn ich selbst nicht dahinterstnde -- ich sagte Ihnen aus
Freundschaft: die Sache ist sicher.

Hm?

Was meinten Sie?

Verfluchter Schnupfen.

Ich spreche von der Sache . . .

Hm . . .

Die Seelen sind wie Instrumente gestimmt: und bilden ein Konzert -- was
meinen Sie? -- Dem Dirigenten hinter den Kulissen bleibt nur, das Stbchen
zu schwingen. Senator Ableuchow wird ein Zirkular verfassen, der Unbekannte
aber . . .

Verfluchter Schnupfen . . .

Nikolai Apollonowitsch wird . . . Kurz: ein Konzerttrio, und Ruland ist
der Zuschauerraum; Sie verstehen mich? Verstehen? Warum schweigen Sie
immer?

Hren Sie: Sie sollten Ihr Gehalt beziehen . . .

                                * * *

Nein, Sie knnen mich nicht verstehen!

Ich kann's schon; hm -- hm -- hm -- wo soll einer nur so viel
Taschentcher hernehmen?

Was ist los?

Na, der Schnupfen! . . . Und wird das Tier -- hm -- hm -- hm -- nicht
inzwischen Reiaus nehmen . . .

Aber wo . . .

Sonst nehmen Sie lieber Ihr Gehalt . . .

Gehalt! Mir handelt es sich nicht um das Gehalt; ich bin Artist, verstehen
Sie, Artist!

In seiner Art . . .

Wie?

Nichts: ich kuriere mich mit Talglicht.

Die Figur zog ein ganz durchntes Taschentuch hervor und begann sich
wieder zu ruspern.

Ich spreche ja von der Sache. Sie knnen es so ausrichten: Nikolai
Apollonowitsch hat das Versprechen gegeben . . .

Talglicht ist ein sehr gutes Mittel gegen Schnupfen . . .

Richten Sie bitte alles aus, was ich Ihnen sagte: die Sache ist
organisiert . . .

Du reibst abends die Nase ein -- und am Morgen ist der Schnupfen
verschwunden . . .

Ich sage nochmals, die Sache ist organisiert wie ein Uhrwerk . . .

Die Nase ist dann frei, du kannst wieder atmen . . .

Wie ein Uhrmechanismus! . . .

Ha?

Wie ein Uhr--mecha--nismus, zum Teufel.

Meine Ohren sind belegt, kann kaum hren.

Uhr--en--mech . . .

Apschi! . . .

Das Taschentchlein spazierte wieder unter die Warze: zwei Schatten
verloren sich wieder in nakaltem Grau. Bald tauchte der Schatten mit der
Ohrenklappenmtze aus dem Nebel auf, blickte zerstreut auf die Spitze der
Petropawlowschen Festung hinber.

Und trat ins Restaurant ein.


Und dabei glnzte fettig sein Gesicht

Leser!

Du kennst das Pltzlich. Warum versteckst du dann wie der Vogel Strau
den Kopf in die Federn, wenn du das verhngnisreiche, unabwendbare
Pltzlich nahen siehst?

Hre also . . . Dein Pltzlich schleicht hinter deinem Rcken; du fhlst
dich sehr beunruhigt: im Rcken entsteht eine unangenehme Empfindung, als
wlzte sich gegen ihn wie gegen eine offene Tr eine Schar Unsichtbarer; du
wendest dich und bittest die Wirtin:

Gndige Frau, gestatten Sie, da ich die Tr schliee; ich ertrag's nicht,
mit dem Rcken gegen eine offene Tr zu sitzen.

Dein Pltzlich nhrt sich vom Spiel deines Hirns; gern frit es wie ein
Hund die Gemeinheit deiner Gedanken; es schwillt an, du aber schmilzt dann
wie ein Licht; sind deine Gedanken gemein und erfat dich ein Zittern, dann
beginnt das Pltzlich, vollgefressen an allerhand Gemeinheit, wie ein
gemsteter, unsichtbarer Kter vor dir her zu laufen, und ein Fremder
bekommt den Eindruck, als seiest du durch eine schwarze unsichtbare Wolke
vor den Blicken verdeckt.

                                * * *

Wir verlieen unseren Unbekannten im kleinen Restaurant. _Pltzlich_ wandte
sich der Unbekannte rasch um: es schien ihm, als krche ein
widerwrtig-schleimiges Etwas ihm hinter den Kragen und ber das Rckgrat
hinweg. Hinter seinem Rcken war aber nichts; dster ghnte die Trffnung
des Einganges, und durch die Tr wlzte sich das Unsichtbare.

Da wurde es ihm klar: die von ihm erwartete Person schritt jetzt die Treppe
herauf; gleich, sofort wird sie eintreten; aber sie ist noch nicht
eingetreten; in der Tr hat sich noch niemand gezeigt.

Doch whrend mein Unbekannter sich von der Tr abwandte, trat auch schon
der unangenehme Dicke herein; whrend er sich dem Unbekannten nherte,
knarrte der Fuboden unter seinen Fen; sein gelbliches, rasiertes, leicht
zur Seite geneigtes Gesicht schwamm gemchlich in dem eigenen Doppelkinn,
und dabei glnzte fettig sein Gesicht.

Da wandte sich mein Unbekannter um; die _Person_ winkte ihm freundlich mit
der Ohrenklappenmtze:

Alexander Iwanowitsch . . .

Lipantschenko!

Ich bin's . . .

Sie lieen auf sich warten.

An dem Tische des Unbekannten Platz nehmend, rief die Person
selbstzufrieden aus:

Kaffee . . . Und -- hren Sie -- einen Kognak: meine Flasche haben Sie
dort mit meinem Namen vermerkt.

Und um sie herum hrte man:

Hast du mitgetrunken?

Jawohl . . .

Mitgegessen?

Jawohl . . .

Was bist du dann, mit Verlaub, fr ein Schwein . . .

                                * * *

Vorsichtig! rief mein Unbekannter: der Dicke, den der Unbekannte mit
Lipantschenko ansprach, wollte seinen Arm auf den Zeitungsfetzen legen, der
ber dem Paket lag.

Was denn? Da hob Lipantschenko den Zeitungsfetzen, sah das nasse
Paketchen, und seine Lippen erbebten.

Das . . . das . . . ist es?

Ja, _das_ -- ist es . . .

Lipantschenkos Lippen bebten noch immer.

Wie sind Sie doch unvorsichtig, Alexander Iwanowitsch.

Lipantschenko streckte seine hlzernen Finger aus; die falschen Steine
seiner Ringe funkelten auf diesen geschwollenen Fingern mit den
abgebissenen Ngeln (auf den Ngeln sah man Spuren derselben braunen Farbe,
die seine Haare zeigten; ein aufmerksamer Beobachter wrde daraus
schlieen: die Haare der Person waren gefrbt).

Eine Bewegung nur (htte ich den Ellbogen darauf gelegt), dann wre es zu
. . . einer Katastrophe gekommen . . .

Und mit auerordentlicher Vorsicht legte die Person das Paket auf den
Stuhl.

Ha, wir wren dann, beide, witzelte unangenehm der Unbekannte. -- Wir
wrden beide . . .

Er schien sich zu weiden an der Verlegenheit der Person, die er -- wie wir
von uns hinzufgen -- hate.

Nicht meinetwegen, natrlich, sondern . . .

Gewi, Ihretwegen nicht, sondern . . .

                                * * *

Und um sie herum hrte man:

Mit >Schwein< haben Sie mich nicht zu beschimpfen . . .

Aber ich schimpfte ja doch gar nicht.

Freilich schimpften Sie: Sie warfen es mir vor, da Sie gezahlt haben
. . . Was ist dabei? Neulich haben Sie gezahlt, heute zahl' ich . . .

La dich kssen, Freund, fr diese Tat . . .

Essen Sie nur, essen Sie, das wird schon richtiger sein.

Na, das >Schwein< nicht belnehmen und essen -- essen tu' ich auch so
schon . . .

                                * * *

Wissen Sie, Alexander Iwanowitsch, wissen Sie, mein Lieber, nehmen Sie
dieses Paketchen, -- Lipantschenko schielte hinber -- und tragen Sie's
gleich zu Nikolai Apollonowitsch.

Ableuchow?

Eben: zu ihm; zur Aufbewahrung.

Aber gestatten Sie, aufbewahrt kann das Paket auch bei mir werden.

Das ist ungeschickt: Sie kann man abfassen; _dort_ aber ist es sicher.
Immerhin: das Haus des Senators Ableuchow . . . brigens, haben Sie schon
von dem letzten Wort des ehrenvollen Alterchens gehrt?

Da neigte sich der Dicke zum Unbekannten und flsterte ihm etwas ins Ohr.

Sch--sch--sch . . .

Ableuchow?

Sch . . .

Ableuchow?

Sch--sch--sch . . .

Mit Ableuchow?

Jawohl, nicht mit dem Senator, sondern mit des Senators Sohn: wenn Sie ihn
besuchen, bergeben Sie ihm geflligst zugleich mit dem Paket auch dieses
Briefchen: da ist's . . .

Lipantschenkos schmalstirniger Kopf wlzte sich wie eine Last gegen das
Gesicht des Unbekannten; in ihren Hhlen lauerten prfend zwei bohrende
uglein; die Lippe bebte leicht und sog an der Luft. Der Unbekannte mit dem
Schnurrbrtchen horchte aufmerksam und suchte im Lrm der Stimmen den
Inhalt des Geflsterten genau zu erfassen. Kaum hrbar flsterten die
widerwrtigen Lippen, und es schien, als lge darin ein furchtbarer Inhalt,
als flsterten sie von Welten und Planeten; bei genauem Zuhren aber erwies
sich der Inhalt von einfachster Alltglichkeit.

Sie bergeben ihm das Briefchen . . .

Wie, steht denn Nikolai Apollonowitsch selbst in Beziehungen?

Die Person zwinkerte mit den uglein und schnalzte mit der Zunge.

Ich dachte, nur durch mich wird der Verkehr mit ihm vermittelt . . .

Sie sehen nun -- das stimmt nicht . . .

                                * * *

Um sie herum hrte man:

I, Freund, i . . .

Hau' mir ein Stck vom Aspikfleisch herunter.

Im Essen liegt die Wahrheit . . .

Was ist die Wahrheit?

Wahrheit ist das Ebare . . .

Das wei ich auch . . .

Wenn du's weit -- dann ist's gut. Gib den Teller her und i . . .

                                * * *

Der dunkelgelbe Anzug Lipantschenkos erinnerte den Unbekannten an die
dunkelgelbe Tapete seines Zimmers auf der Wassiljewskiinsel -- an jene
Farbe, die sich fr ihn mit der Schlaflosigkeit der weien Frhlings- und
der dsteren Herbstnchte verband; und diese bse Schlaflosigkeit war es
wohl, die jetzt vor ihm ein unheilvolles Gesicht mit schmalen, mongolischen
Augen, das ihn so oft von jener gelben Tapete angesehen hatte, hervorrief.

                                * * *

Verzeihung, Lipantschenko, sind Sie Mongole?

Warum diese sonderbare Frage? . . .

So, mir schien's . . .

In jedem Russen kreist ja mongolisches Blut . . .


Was fr Kostmeur?

Die Appartements Nikolai Apollonowitschs bestanden aus Schlaf-, Arbeits-
und Empfangszimmer.

Das Schlafzimmer: ein riesiges Bett, darauf eine rote Atlasdecke; ein
feiner Spitzenberwurf ber die hoch aufgeschlagenen Kopfkissen. An den
Wnden des Arbeitszimmers eichene Bcherschrnke mit Seidenvorhngen, die
leicht auf ihren Messingringelchen nach links und rechts glitten; eine
sorgliche Hand konnte den Inhalt der Fcher vor dem Beschauer verdecken
oder aber eine Reihe von Einbandrcken sehen lassen, die mit der Aufschrift
Kant geziert waren.

Die Sitzmbel hatten dunkelgrnen Bezug, und herrlich war die Bste . . .
eben desselben Kant natrlich.

Seit zwei Jahren stand Nikolai Apollonowitsch nie vor Mittag auf.
Zweieinhalb Jahre vorher pflegte er aber in frherer Stunde zu erwachen: um
neun; und um halb zehn erschien er in geschlossener Studentenuniform beim
Familienfrhstck.

Vor zweieinhalb Jahren spazierte Nikolai Apollonowitsch nicht im
bucharischen Schlafrock im Hause umher; das rote Kppchen hing nicht im
orientalischen Salon; vor zweieinhalb Jahren verlie Anna Petrowna, die
Mutter Nikolai Apollonowitschs, die Gattin Apollon Apollonowitschs, fr
immer den huslichen Herd, inspiriert von einem italienischen Snger. Nach
ihrer Flucht mit dem Snger erschien Nikolai Apollonowitsch auf dem Parkett
des erkalteten huslichen Herdes im bucharischen Schlafrock; die tglichen
Begegnungen von Vater und Sohn beim Morgenkaffee hrten von selbst auf. Den
Kaffee bekam Nikolai Apollonowitsch ins Bett.

Zu erheblich frherer Stunde als der Sohn geruhte Apollon Apollonowitsch
seinen Kaffee zu trinken.

Vater und Sohn trafen sich nur bei Tische; und auch da nur ganz kurz; am
Morgen aber sah man Nikolai Apollonowitsch im Schlafrock; seine Fe staken
in pelzverbrmten, tatarischen Pantffelchen, auf dem Kopfe aber hatte er
ein rotes Kppchen.

Der glnzende junge Mann wurde zum orientalischen Menschen.

Nikolai Apollonowitsch hatte soeben einen Brief erhalten; einen Brief mit
fremder Schrift; armselige Virsche von erotischer Nuance mit der
verblffenden Unterschrift: Die flammende Seele. Nikolai Apollonowitsch
begann, um die Virsche genauer zu studieren, hilflos durchs Zimmer zu
kreisen; nach der Brille suchend, warf er Bcher, Federhalter und andere
Kleinigkeiten durcheinander und brummte vor sich hin:

Ah -- ah . . . Wo ist doch nur die Brille?

Hol's der Teufel . . .

Verloren? . . .

Ha?

Nein, so was!

Nikolai Apollonowitsch pflegte ebenso wie Apollon Apollonowitsch mit sich
selber zu sprechen.

Seine Bewegungen waren rasch wie die Bewegungen seines exzellenten Vaters;
wie Apollon Apollonowitsch war er klein von Gestalt, und das stets
lchelnde Gesicht hatte denselben ruhelosen Blick; versank er jedoch in
Betrachtung irgendeines Gegenstandes, dann wurde allmhlich dieser Blick
steinern: trocken, klar und kalt zeichneten sich die Linien seines
Antlitzes, wie das eines Heiligenbildes, berraschend durch besonderen,
edlen Aristokratismus: das Edle des Gesichts zeigte sich besonders in der
Stirn, die wie gemeielt war, mit angeschwollenen derchen: das rasche
Pulsieren dieser derchen war ein deutliches Voranzeichen frhzeitiger
Sklerose.

Diese blulichen derchen entsprachen dem Blau um die riesigen
kornblumenblauen Augen (nur in Augenblicken der Erregung waren diese Augen
durch die erweiterten Pupillen schwarz).

Wir sehen Nikolai Apollonowitsch vor uns mit seinem Kppchen auf dem Kopf;
wrde er es abnehmen, erblickten wir eine ppige flachsweie Mhne, die den
Trotzausdruck dieses kalten, fast rauhen Antlitzes milderte; schwerlich
konnte man bald wieder bei einem Erwachsenen Haare von solcher Farbe
finden; oft finden wir sie nur bei Dorfkindern, besonders in Weiruland.

Er warf den Brief unachtsam fort und setzte sich vor ein aufgeschlagenes
Buch hin; die gestrige Lektre, eine Abhandlung, entstand deutlich vor ihm.
Er erinnerte sich des Kapitels und der Seite, des lenksamen Ganges der
Gedanken und der am Rand des Buches gemachten Notizen; sein Gesicht, noch
immer streng und klar, wurde lebhaft von Gedanken belebt.

Hier in seinem Zimmer wuchs Nikolai Apollonowitsch in Wahrheit zu einem
sich selbst berlassenen Zentrum; er wandelte sich in eine Serie aus dem
Zentrum entstammender, logischer, fr Gedanken und Seele vorbestimmender
Voraussetzungen, und dieser Tisch da: er war hier das einzige Zentrum des
Alls -- des denkbaren und undenkbaren, alle onen der Zeit zyklisch
durchlaufend.

Aber kaum gelang es heute Nikolai Apollonowitsch, sich den Kleinlichkeiten
des Lebens zu entziehen, dem Wirbel allmglicher Unvernehmbarkeiten,
genannt Leben und Welt; kaum gelang es ihm, sich zu sich selbst zu erheben,
als eine dieser Unvernehmbarkeiten sich in seine Welt gedrngt hat:

Nikolai Apollonowitsch ri sich von seinem Buche los, es wurde geklopft.

Na? . . .

Was ist?

Hinter der Tr antwortete eine dumpfe, ehrfurchtsvolle Stimme:

Dort . . .

. . . fragt jemand nach Ihnen . . .

Wenn Nikolai Apollonowitsch sich auf einen Gedanken konzentrierte, sperrte
er die Tr seines Arbeitszimmers ab: dann begann es ihm zu scheinen, als
verwandelten sich augenblicklich er selbst und die Gegenstnde des Zimmers
aus Dingen der realen Welt in nur gedanklich erfabare Symbole rein
logischer Konstruktionen; der Zimmerraum und sein eigener Krper, der die
Gefhlsfhigkeit verlor, wurden zum einzigen Sein-Chaos, von ihm das _All_
genannt; sein Bewutsein aber, abgesondert vom Krper, verband sich
unmittelbar mit der elektrischen Lampe des Schreibtisches, von ihm genannt
_Sonne des Bewutseins_. So hinter der abgesperrten Tr, Schritt fr
Schritt seine zur Systemeinheit geschlossenen Stze berdenkend, fhlte er
seinen Krper sich in das _All_, d. h. ins Zimmer, ergieen; der Kopf
dieses _Krpers_ aber fand seinen Platz im dickbuchigen kleinen Zylinder
der elektrischen Lampe mit dem zierlichen Schirm.

Und so sich in einen anderen Raum versetzend, wurde Nikolai Apollonowitsch
ein wahrhaft schpferisches Wesen.

Das ist es, warum er es liebte, sich einzusperren: eine Stimme, ein Schritt
oder ein fremdes Gerusch verwandelte das _All_ in ein Zimmer, das
_Bewutsein_ in eine Lampe und zerstrte in Nikolai Apollonowitsch den
willkrlichen Bau der Gedanken.

So auch jetzt.

Was ist's?

Ich hre nicht . . .

Aus den Fernen des Raumes antwortete des Lakaien Stimme:

Jemand ist hier.

                                * * *

Das Gesicht Nikolai Apollonowitschs bekam den Ausdruck der Zufriedenheit.

Ah, das ist wohl der Kostmeur? Er brachte mir das Kostm.

Was ist es nur fr ein Kostmeur?

Nikolai Apollonowitsch ging hinaus, bog sich ber die Brstung der Treppe
und rief hinunter:

Sind Sie's?

Der Kostmeur?

Vom Kostmeur?

Hat er das Kostm geschickt?

Und wieder fragen wir von uns aus: Was ist das nur fr ein Kostmeur?

                                * * *

Im Zimmer Nikolai Apollonowitschs lag nun ein Karton. Er sperrte die Tr
ab; geschftig zerschnitt er die Kordel; hob den Deckel; dann zog er aus
dem Karton: erst eine kleine Maske mit schwarzem Bart aus Spitzen, dann
folgte ein hellroter prchtiger Domino mit rauschenden Falten.

Bald stand er, ganz in Atlas und Rot, vor dem Spiegel, die Maske ber dem
Gesicht hochhaltend, die schwarze Spitze des Bartes verschob sich und fiel
auf die Schultern, rechts und links, wie zwei phantastische Flgel; und
zwischen den schwarzen Spitzenflgeln blickte aus dem Spiegel
qualvoll-seltsam im Halbdunkel des Zimmers das Eigentliche: das Gesicht,
sein Gesicht, sein eigenes; Sie wrden sagen, dort im Spiegel sah Nikolai
Apollonowitsch nicht sich selbst, sondern einen unbekannten, blassen,
sehnsuchtskranken -- Dmon des Raumes.

Nach dieser Maskerade packte Nikolai Apollonowitsch mit ungemein
zufriedenem Gesicht erst den roten Domino, dann auch die Maske in den
Karton.


Feuchter Herbst

Der feuchte Herbst lagerte ber Petersburg, und traurig glomm der
septemberliche Tag.

Wie ein grnlicher Schwarm zogen Wolkenflocken dahin, und verdichtet zum
gelblichen Rauch, fielen sie auf die Dcher wie eine Drohung nieder.

ber den Himmel einen Trauerbogen spannend, erhob sich ein dunkler
Rustreifen von den Rauchfngen der Dampfer, der seinen Schwanz in die Newa
versenkte.

Und die Newa drhnte, stie durch die Pfeife des kleinen Dampfers gellende
Schreie aus, ihre sthlernen Wasserschuppen zerbrachen an den steinernen
Pfeilern; und ihre Zungen leckten den Granit; mit ihren kalten Newawinden
berfiel sie und zerrte an Mtzen, Schirmen, Mnteln. Und berall in der
Luft lagerte die fahlgraue Fulnis; von dort aber, wo auf dem Felsen[*] der
nasse Reiter steht, blinkte das gelbe, grnberzogene Kupfer zur Newa, in
die fahlgraue Fulnis hinber.

[Funote *: Das berhmte aus Kupfer gegossene Denkmal Peters des Groen.]

Auf diesem dsteren Fond des schwnzigen, berhngenden Rues der feuchten
Kaisteine, die Augen auf das bazillenerfllte, trbe Newawasser gerichtet,
zeichnete sich deutlich die Silhouette Nikolai Apollonowitschs im grauen
Studentenmantel und seitlich sitzender Studentenmtze ab. Langsam bewegte
sich Nikolai Apollonowitsch gegen die graue, dunkle Brcke.

Vor der groen schwarzen Brcke blieb er stehen.

Ein unangenehmes Lcheln erleuchtete fr einen Augenblick sein Gesicht und
erlosch gleich wieder; die Erinnerung an eine unglckliche Liebe hatte ihn
erfat, und er wurde von ihr wie vom Aufbrausen eines kalt-kalten Windes
bedrngt; Nikolai Apollonowitsch erinnerte sich einer nebligen Nacht; in
dieser Nacht hatte er sich bers Brckengelnder gebeugt; er hatte sich
umgewandt und gesehen, da niemand ihm zusah; er hatte den Fu hochgehoben,
und sein glatt-blanker Gummischuh hatte sich bers Gelnder geschwungen und
-- so war er -- mit hochgehobenem Fu stehengeblieben; es sollte scheinen,
da daraus weitere Folgen sich ergeben mten; doch . . . Nikolai
Apollonowitsch war mit hochgehobenem Fu stehengeblieben.

Einige Augenblicke spter hatte er seinen Fu wieder zurckgezogen.

Damals eben reifte in ihm der unberlegte Plan: einer leichtsinnigen Partei
ein furchtbares Versprechen zu geben.

Dieser unglcklichen Tat jetzt gedenkend, lchelte Nikolai Apollonowitsch
in unangenehmster Weise. So bog er auf den Newskij-Prospekt ein; es begann
zu dmmern; in den Auslagen blinkten bald da, bald dort Lichter auf.

Ein schner Mann, hrte Nikolai Apollonowitsch immer wieder sagen.

Eine antike Maske . . .

Apollo vom Belvedere.

Ein schner Mann . . .

So sprachen die ihm begegnenden Damen wohl von ihm.

Dieses blasse Gesicht . . .

Dieses marmorne Profil . . .

Gttlich . . .

Die ihm Begegnenden sagten es zueinander. Wre Nikolai Apollonowitsch aber
mit einer der Damen ins Gesprch gekommen, sie wrde fr sich gedacht
haben:

Scheusal . . .

Dort, vor einer Einfahrt, wo zwei melancholische Lwen spttisch die Tatzen
auf die grauen Granitplatten legten, dort, an diesem Platz, blieb Nikolai
Apollonowitsch stehen und sah verwundert in den Rcken eines vor ihm
schreitenden Offiziers. Er holte diesen ein:

Ssergeij Ssergeijewitsch!

Der Offizier wandte sich um und sah mit einem Schatten des rgers durch die
blauen Brillenglser, wie, sich ihm nhernd, die kleine Figur im
Studentenmantel von der Einfahrt herkam, wo zwei melancholische Lwen mit
glatten Granitmhnen spttisch die Tatzen bereinander gelegt haben. Fr
einen kurzen Augenblick wurde das Gesicht des Offiziers von einem Gedanken
erleuchtet; das leichte Beben der Lippen lie vermuten, da er erregt war;
als schwankte er: _erkennen_ oder _nicht_.

Ah, guten Abend! Wohin?

Ich gehe zur Pantelemonstrae, log Nikolai Apollonowitsch, um mit dem
Offizier durch die Moika zu gehen.

Gehen wir zusammen, bitte.

Wohin gehen Sie? log wieder Nikolai Apollonowitsch, um mit dem Offizier
durch die Moika zu gehen.

Ich -- nach Hause.

Dann haben wir denselben Weg.

Beide schienen das Berhren einer schweren Vergangenheit vermeiden zu
wollen, und sie leiteten sogleich das Gesprch auf anderes ber: sie
sprachen vom Wetter, dann davon, da die Unruhe der letzten Tage ungnstig
auf die philosophischen Arbeiten Nikolai Apollonowitsch' gewirkt, von den
Schwindeleien, die der Offizier in der Proviantierungskommission (er
versorgte dort irgendein Amt) aufgedeckt haben wollte.

So unterhielten sie sich whrend des ganzen Weges.

Und nun kam die Moikastrae.

Adieu, also . . . Sie gehen ja weiter?

Das Herz Nikolai Apollonowitschs begann eifrig zu pochen; etwas wollte er
sagen; und doch, nein: er sagte es nicht; einsam stand er nun vor der
zugeschlagenen Tr; ihn packte die Erinnerung an eine verunglckte Liebe,
vielmehr -- an einen sinnlichen Trieb -- und blau pulsierten die derchen
an den Schlfen; er sann jetzt ber seine Rache; er sann ber die boshafte
Verhhnung seiner Gefhle von seiten der, die hinter diesem Vestibl
wohnte; schon seit nahezu einem Monat sann er ber seine Rache; doch --
jetzt kein Wort mehr davon!

                                * * *

Nikolai Apollonowitsch sah nicht den Newskij-Prospekt, noch immer stand das
graue Haus vor seinen Augen; Fenster, hinter den Fenstern Schatten; hinter
den Fenstern vielleicht lustige Stimmen: die des gelben Krassiers, Baron
Ommau-Ommergau; die des blauen Krassiers, Graf Awen; und ihre -- ihre
Stimme . . . Da sitzt Ssergeij Ssergeijewitsch, der Offizier, und wirft
vielleicht unter den Witzen dazwischen:

Und ich bin jetzt mit Nikolai Apollonowitsch gegangen.


Im Arbeitszimmer eines hohen Verwaltungsamtes

Hier, im Arbeitszimmer des hohen Verwaltungsamtes, wuchs Apollon
Apollonowitsch zu einem wahrhaften Zentrum heran: in eine Serie von
Staatsmtern, Abteilungen und grnen Tischen. Hier war er, der Kraft
aussendende Punkt, der Kreuzungspunkt der Krfte, und der Impuls
unzhliger, reich gegliederter Manipulationen. Hier war Apollon
Apollonowitsch eine Kraft im Newtonschen Sinne; Kraft im Newtonschen Sinne
aber ist, wie Sie sicher wissen, eine okkulte Kraft.

Hier war er die letzte Instanz.

Apollon Apollonowitsch war heute besonders genau: bei Entgegennahmen der
Berichte winkte er kein einziges Mal mit dem nackten Schdel; Apollon
Apollonowitsch frchtete Schwche zu zeigen: bei Erfllung der amtlichen
Pflichten! . . . Schwer fiel es ihm heute, sich zur logischen Klarheit zu
erheben: wei Gott wieso -- doch Apollon Apollonowitsch kam zu dem
Schlusse, da sein eigener Sohn Nikolai -- ein ausgemachter Schuft sei
. . .

                                * * *

Im Begriff, vor die Schar wartender Bittsteller zu treten, lchelte Apollon
Apollonowitsch; dieses Lcheln aber kaum aus Schchternheit: was mochte nur
seiner hinter der Tr harren . . .

Apollon Apollonowitsch verbrachte sein Dasein zwischen zwei Schreibtischen,
zwischen dem seines eigenen Arbeitszimmers und dem des Verwaltungsamtes.
Ein dritter beliebter Ort war fr ihn sein Wagen.

Und nun war er -- schchtern.

Schon ging die Tr auf; der Sekretr, ein junger Mann mit einem etwas
liberal ber die Bruststrke hngenden Orden, flog der hohen Persnlichkeit
entgegen, und dabei knisterte ehrfurchtsvoll der berstrkte Rand seiner
schneeweien Manschette. Auf seine schchterne Frage brllte ihn Apollon
Apollonowitsch an:

Nein, nein! . . . Machen Sie so, wie ich gesagt habe . . .


Die kalten Finger

Apollon Apollonowitsch Ableuchow im grauen Mantel und hohen schwarzen
Zylinder mit steinernem, an einen Briefbeschwerer mahnendem Gesicht, sprang
rasch aus dem Wagen und lief ber die Stufen des Entresols, im Gehen den
schwarzen Wildlederhandschuh herunterstreifend.

Rasch trat er ins Vorzimmer. Der Zylinder wurde mit Vorsicht dem Lakai
berreicht. Mit derselben Vorsicht wurden Mantel, Portefeuille und Cachenez
bergeben.

Apollon Apollonowitsch stand vor dem Lakai in Nachdenken versunken;
pltzlich wandte er sich an ihn mit der Frage:

Haben Sie die Freundlichkeit, mir zu sagen: kommt fters hierher ein
junger Mann -- ja: ein junger Mann?

Ein junger Mann?

Verlegenes Schweigen: Apollon Apollonowitsch fand keine andere Formulierung
seines Gedankens. Der Lakai aber war nicht imstande, zu erraten, von
welchem jungen Mann der gndige Herr sprach.

Junge Leute, Exzellenz, kommen hierher selten . . .

Na, und . . . junge Leute mit Schnurrbrtchen?

Mit Schnurrbrtchen?

Mit schwarzen . . .

Mit schwarzen?

Na ja, und . . . in einem Mantel . . .

Alle kommen in Mnteln . . .

Ja, aber mit aufgeschlagenem Kragen . . .

Etwas erleuchtete den Diener.

Ah, Sie sprechen von dem, der . . .

Na ja, von dem . . .

Einmal war so einer hier . . . er kam zum jungen Herrn: aber es ist schon
lange her; ja, jawohl . . . der kommt schon hie und da . . .

Wie denn?

Jawohl, ja!

Mit Schnurrbrtchen?

Ganz richtig!

Mit schwarzem?

Mit schwarzem Schnurrbrtchen!

Und einem Mantel mit aufgeschlagenem Kragen?

Ganz richtig . . .

Apollon Apollonowitsch stand einen Augenblick wie angewurzelt da, dann
pltzlich ging Apollon Apollonowitsch weiter.

Die Treppe war mit grauem Plschteppich bedeckt; die Treppe war --
naturgem -- von schweren Wnden begrenzt; diese Wnde waren mit grauen
Plschteppichen bespannt. An den Wnden blinkten die Ornamente
altertmlicher Waffen, unter einem rostgrnen Schild glnzte das Gold einer
litauischen Mtze; es funkelte der kreuzfrmige Griff eines
Ritterschwertes; hier rosteten Schwerter; dort neigten sich, schwer
bereinander, Hellebarden; bunt in seinem Matt zeichnete sich der
vielringelige Panzer; und mit dem Sechserlauf nach unten hing da eine alte
Pistole.

Oben ber der Treppe befand sich eine Balustrade; eine weie Niobe hob hier
auf einem Sockel aus mattweiem Alabaster ihre alabasternen Augen gen
Himmel.

Sich mit der knochigen Hand auf den geschliffenen Kristallgriff sttzend,
ffnete Apollon Apollonowitsch mit Nachdruck die Tr; kalt klangen in dem
riesigen, bermig in die Lnge gezogenen Saal seine Schritte.


So geschieht's immer

ber den leeren Petersburger Straen schwebten arm beschienene
Undeutlichkeiten; jagend berholten einander abgerissene Wolkenflocken.

Ein phosphoreszierender Fleck flog matt und tot am Himmel; in
phosphoreszierendem Glanz lag neblig des Firmamentes Tiefe, und davon
durchglnzt war das Eisen der Dcher und Rauchfnge. Da flo das grne
Wasser des Moikakanals, und an einem seiner Ufer erhob sich das
dreistckige Haus mit seinen fnf weien Sulen. Dort auf dem lichten Fond
des lichten Gebudes schritt langsam ein Krassier Ihrer Majestt: ein
goldener, glitzernder Helm sa auf seinem Kopfe.

Und die silberne Taube ber dem Helm breitete weit ihre Flgel aus.

Nikolai Apollonowitsch, parfmiert und rasiert, ging, gehllt in Pelz, ber
die Moika; sein Kopf war in den Mantel gesunken, und seltsam leuchteten die
Augen; in der Seele erhoben sich Schauer -- die keinen Namen besaen; in
ihr sang etwas Banges, Ses.

Er dachte: dies da -- ist _dies_ auch Liebe? Er erinnerte sich: es war eine
neblige Nacht, er rannte aus jenem Vestibl dort heraus und lief ber die
eiserne Petersburger Brcke, um dort auf der Brcke . . .

Er erbebte.

Eine Lichtgarbe flog an ihm vorber: ein schwarzer Hofwagen raste vorbei;
an den leuchtenden Fenstervertiefungen _jenes_ Hauses glitten seine roten,
wie blutunterlaufenen Laternen vorbei; in die schwarze, strmende Mainacht
gossen diese Laternen fr kurze Augenblicke Spiel hinein und Glanz; der
gespensterhafte Abri vom Dreimaster des Lakais und der Abri von
flatterndem Uniformkragen huschten zugleich mit dem Licht aus dem Nebel, um
sich im Nebel zu verlieren . . .

Nikolai Apollonowitsch stand kurze Zeit nachdenklich vor dem Haus; wild
schlug das Herz in seiner Brust -- pltzlich verschwand er im wohlbekannten
Vestibl.

In frherer Zeit trat er jeden Abend hier ein; jetzt hat er ber
zweieinhalb Monate diese Schwelle nicht betreten; und nun berschritt er
sie wie ein Dieb.

Die Entreetr ffnete sich vor ihm, und als sie zufiel, schlug ihn der Laut
von diesem Zuschlagen in den Rcken; Finsternis umfing ihn, als wre hinter
ihm alles in einen Abgrund versunken (so ist's wohl im ersten Augenblick
nach dem Tode, wenn von der Seele der Tempel des Krpers in den Abgrund des
Verwesens hinabsinkt); doch an den Tod dachte jetzt Nikolai Apollonowitsch
nicht -- fern war der Tod; auf die kalten Stufen setzte er sich hin, vor
die Tr einer Wohnung, das Gesicht vergraben in den Pelz, und horchte auf
das Klopfen seines Herzens; schwarze Leere lag hinter seinem Rcken;
schwarze Leere breitete sich vor ihm.

So sa Nikolai Apollonowitsch im Dunkel.

                                * * *

Ein weiblicher Schatten, das Gesicht im kleinen Muff vergraben, lief ber
die Moika und nherte sich ebendemselben Haus, wo auf der kalten Stufe
hinter der Tr Nikolai Apollonowitsch sa. Die Tr ging auf und schlug
hinter ihr zu; Finsternis umfing sie, als wre alles hinter ihr in einen
Abgrund versunken; die kleine schwarze Dame dachte an so einfache, irdische
Dinge, nun wird sie gleich die Teemaschine auftragen lassen; sie fhrte
schon die Hand an die Glocke, und da -- sah sie: eine Gestalt, wie es
schien, eine Maske erhob sich vor ihr von den Stufen.

Als die Wohnungstr aufging und in das Dunkel des Stiegenhauses sich fr
einen Augenblick eine Lichtwelle ergo, besttigte der Schrei des
Stubenmdchens die Wunderlichkeit der Erscheinung. In der hellen
Beleuchtung erschien ein Bild von unbeschreiblicher Seltsamkeit, und die
schwarze Gestalt der kleinen Dame rannte durch die geffnete Tr.

Hinter ihrem Rcken aber erhob sich im Dunkel seidenrauschend ein
dunkelflammenroter Bajazzo mit brtigem, zappelndem Lrvchen.

Lautlos und langsam glitt von den Schultern ber den rauschenden Atlas der
Pelzmantel hinunter, zwei rote Arme streckten sich sehnschtig gegen die
Tr. Aber die Lichtgarbe zerschneidend, schlo sich die Tr und stie das
Stiegenhaus zurck in die Leere, ins Dunkel.

                                * * *

Eine Sekunde spter lief Nikolai Apollonowitsch auf die Strae hinaus; aus
den Falten seines Mantels quoll ein Stck roter Seide hervor; die Nase in
den Studentenmantel vergraben, galoppiert Nikolai Apollonowitsch Ableuchow
in die Richtung der Brcke.

Ende des ersten Kapitels.




Zweites Kapitel


Tagesschau

Es ist -- eine Sage aus der Wirklichkeit . . . hier die Zeitungsausschnitte
von jener Zeit (der Autor wird schweigen): zugleich mit Mitteilungen ber
Diebsthle, Vergewaltigungen, ber das Verschwinden eines Schriftstellers
haben wir eine Reihe interessanter Notizen: eine durchgehende Phantastik
oder so was, vor der jeden Leser des Conan Doyle schwindeln mte: kurz --
hier die Zeitungsausschnitte.

_Tagesschau_.

_Erster Oktober_. Wir geben einen hchst geheimnisvollen Vorfall wieder,
der uns von der Kursistin N. N. mitgeteilt wurde. Am ersten Oktober ging
die Kursistin N. N. in der Abendstunde an der Tschernyschow-Brcke vorbei.
Dorten beobachtete sie ein sehr sonderbares Schauspiel: am Ufer des Kanals
neben dem Brckengelnder tanzte in der nchtlichen Dunkelheit ein roter
Atlasdomino, ber dem Gesicht trug derselbe eine schwarze Spitzenmaske.

_Zweiter Oktober_. Nach Wiedergabe der Volkslehrerin M. M. teilen wir dem
geehrten Publikum einen geheimnisvollen Vorfall mit, der sich neben einer
der Vorstadtschulen zutrug. Die Volkslehrerin M. M. war gerade mit dem
Vormittagsunterricht in der O.-Volksschule beschftigt; die Fenster der
Schule gehen auf die Strae; pltzlich begann sich auf der Strae vor den
Fenstern ein mchtiger Staubwirbel zu drehen; natrlich strzte die
Lehrerin und mit ihr, die lustige Kinderschar zum Fenster; man denke sich
aber die Bestrzung der Kinder und ihrer Klassenlehrerin, als der rote
Domino, der sich im Zentrum des von ihm aufgewirbelten Staubes befand, sich
dem Fenster nherte und seine schwarze Spitzenmaske gegen die Scheibe
drckte. Der Unterricht in der O.-Volksschule wurde eingestellt . . .

_Dritter Oktober_. Whrend der spiritistischen Sitzung im Hause der
ehrenwerten Baronin R. R. hatten die Anwesenden gerade eine spiritistische
Kette gebildet, als ein roter Domino sich in die Kette mischte und im
Tanzen mit der Falte seines berwurfs die Nasenspitze des Geheimen Rates S.
berhrte. Der Arzt der G.-Klinik konstatierte eine starke Verbrennung: wie
es heit, wird die Nasenspitze lilafarbene Flecke bekommen. Kurz, berall
-- der rote Domino.

Endlich: _Vierter Oktober_. Die Bevlkerung des Vorortes I. ergriff
einmtig vor dem roten Domino die Flucht; es wurden eine Reihe von
Protestkundgebungen veranstaltet: in den Vorort N. ist eine
Kosakenabteilung abgegangen.

Der Domino, der Domino -- was hatte es damit fr eine Bewandtnis?

Ein wrdiger Mitarbeiter einer sicher wrdigen Zeitung, der fnf Kopeken
fr die Zeile bekam, hatte beschlossen, eine Geschichte als Stoff zu
benutzen, die er in einem bekannten Hause gehrt hatte; die Wirtin dieses
Hauses aber war eine Dame. Es handelt sich also um einen wrdigen
Zeitungsreporter, der per Zeile honoriert war; und es handelte sich um eine
Dame.

Von ihr wollen wir nun beginnen.

Eine Dame: hm! und eine hbsche . . . Was ist eine Dame?

Die Eigenschaften einer Dame hat noch nicht einmal der Chiromant zu
entdecken vermocht; wie soll sich nun ein Psychologe -- pfui! -- ein
Schriftsteller an dieses Geheimnis wagen? Das Geheimnis wird tiefer, wenn
die Dame jung ist und wenn man von ihr sagt, sie sei hbsch.

Also: es war eine Dame; sie besuchte aus Langerweile Kurse; und wieder aus
Langerweile vertrat sie zuweilen die Lehrerin der O.-Volksschule, wenn sie
nicht am Abend vorher im Spiritistenzirkel gewesen war. Im Hause dieser
Dame verbrachte der Zeitungsreporter seine Abende.

Diese Dame erzhlte ihm lachend, sie habe soeben im dunklen Stiegenhaus
einen roten Domino gesehen. Dieses harmlose Gestndnis einer hbschen Dame,
in die Rubrik Tagesschau gekommen, wuchs zu einer Serie ruhebedrohender,
nie gewesener Vorflle heran.


Sofja Petrowna Lichutina

Jene Dame . . . Aber jene Dame war Sofja Petrowna; ihr mssen wir sogleich
viele Worte widmen.

Sofja Petrowna zeichnete sich durch einen mehr als ppigen Haarwuchs aus,
und sie war auerordentlich schlank; wrde sie ihre schwarzen Haare
auflsen -- diese schwarzen Haare wrden ihre ganze Gestalt einhllen, bis
ber die Knie; und sie waren so schwarz, da es keinen schwrzeren
Gegenstand gab. Sei's die Flle ihrer Haare oder deren Schwrze, aber Sofja
Petrownas Oberlippe zeigte einen Flaum, der ihr fr spter mit einem
regelrechten Schnurrbrtchen drohte. Sofja Petrowna besa einen
ungewhnlichen Teint, ihre Gesichtsfarbe war einfach die Farbe der Perle,
vom Wei der Apfelblten, doch mit zartem Rosa dazu.

Die uglein Sofja Petrownas waren keine uglein, sondern -- wenn ich nicht
frchtete, prosaisch zu werden, ich sagte: -- Riesenaugen, von dunkler,
blauer -- von dunkelblauer Farbe. Diese Augen waren bald funkelnd, bald
matt, bald schienen sie stupid, wie abgefrbt -- und sie schielten. Ihre
hellroten Lippen waren gro, viel zu gro, aber . . . die Zhnchen (ach,
die Zhnchen!): wie Perlen waren die Zhnchen! Und dazu -- ein kindliches
Lachen . . . Dieses Lachen gab den vorstehenden Lippen einen besonderen
Reiz; und ein besonderer Reiz lag in der schlanken, wieder allzu schlanken
Gestalt: ihre Bewegungen, auch die ihres nervsen Rckens, waren bald
rasch, bald trge -- bis zur Hlichkeit plump.

Sofja Petrowna trug ein schwarzes Wollkleid, das im Rcken geknpft war.

Ach, Sofja Petrowna.

Sofja Petrowna Lichutina bewohnte eine kleine Wohnung in der Moikastrae;
grelle, lrmende Farben fielen dort wie Kaskaden von den Wnden nieder:
feuerrote, himmelblaue; japanische Fcher, Spitzen, Anhngsel, Schleifen;
an den Lampen Atlasschirme und Atlasflgel, die tropischen Schmetterlingen
glichen; es war, als schwebte ein Schwarm dieser Schmetterlinge, die Wnde
verlassend, um Sofja Petrowna Lichutina.

Sofja Petrowna behngte die Wnde mit japanischen Landschaften; was diesen
Landschaften gnzlich fehlte, war die Perspektive. Aber auch in den
Zimmern, vollgestopft mit Sofas, Puffs, Fchern und lebenden japanischen
Chrysanthemen -- fehlte die Perspektive; die Perspektive ergab nur der
Atlasalkoven, aus dem Sofja Petrowna hervorschwebte, das flsternde Schilf
ber der Tr, durch die sie gleitend hereinschritt; der Berg Fusi-Jama --
der farbige Hintergrund fr ihre prchtigen Haare; es mu gesagt sein: wenn
Sofja Petrowna Lichutina in ihrem rosa _Kimono_ des Morgens von der Tr zum
Alkoven schwebte, war sie eine echte kleine Japanerin. Perspektive aber gab
es hier keine.

Es waren winzige Zimmerchen; und jedes fllte ein riesengroer Gegenstand
aus. Das Bett war dieser riesige Gegenstand im winzig kleinen Schlafzimmer;
die Wanne war es im winzigen Badezimmer; im Salon war es -- der hellblaue
Alkoven; Tisch und Kredenz waren es im Speiseraum; dieser Gegenstand im
Dienstbotenraum war das Dienstmdchen; dieser Gegenstand im Herrenzimmer
war selbstredend der Gatte.

Woher also sollte hier Perspektive kommen?

Alle sechs Zimmerchen wurden durch Dampfheizung erwrmt, und in der Wohnung
erstickte man deshalb fast vor feuchter Treibhauswrme; die Fensterscheiben
schwitzten; und die Besucher Sofja Petrownas schwitzten; ewig schwitzten
die Dienstboten und der Gatte; Sofja Petrowna selbst war mit leichter
Dunstwolke bedeckt, wie die japanischen Chrysanthemen mit Tau.

Wie konnte nun in diesem Treibhaus eine Perspektive entstehen?

Und es gab auch _keine_.


Die Besucher Sofja Petrownas

Sofja Petrowna unterhielt nicht ihre Besucher: war dieser ein junger Mann
aus der Gesellschaft, der das Vergngen liebte, dann hielt sie es fr
ntig, zu all seinen witzigen, nicht ganz witzigen sowie ganz ernsten
Worten zu lachen; sie wurde purpurn vor Lachen, und ihre kleine Nase
bedeckte sich mit Schweiperlchen; der mondne junge Mann wurde, wei Gott
weshalb, auch purpurn, und seine Nase bedeckte sich mit Schweiperlchen;
der mondne junge Mann wunderte sich ber das junge, aber doch unmondne
Lachen und rumte Sofja Petrowna innerlich einen Platz unter den
Demimondnen ein. Inzwischen erschien auf dem Tisch eine Sammelbchse mit
der Inschrift Fr wohlttige Zwecke, und Sofja Petrowna Lichutina rief
lachend: Sie haben wieder eine >Fifka< gesagt -- Sie haben zu zahlen.
Sofja Petrowna hatte seit kurzem eine Sammlung zugunsten der Arbeitslosen
angelegt, und jeder, der eine gesellschaftliche >Fifka<, d. h. eine
gewollte Dummheit, sagte, mute -- zahlen; das Wort Fifka leitete sie von
fi . . .[*] ab. Und Baron Ommau-Ommergau, der gelbe, Ihrer Majestt
Krassier, Graf Awen, der blaue Krassier, der Leibhusare Sporyschew und
Werhefden, Sekretr im Amte Ableuchows, lauter mondne junge Leute,
sprachen eine Fifka nach der anderen und warfen eine Silbermnze nach der
anderen in die Bchse.

[Funote *: pfui.]

Warum kamen nur zu ihr so viele Offiziere? Mein Gott, sie tanzte ja auf
Bllen; war hbsch, ohne Demimondne zu sein; und schlielich war sie
selbst Offiziersgattin.

War ihr Besucher Musiker oder Musikliebhaber, erklrte ihm Sofja Petrowna,
da ihre Gtter -- die Duncan und der Nikisch seien (sie sagte aber Dunkn
und Niksch), da sie selbst Meloplastik zu erlernen gedenke, um den
Walkrenflug in -- ja, man denke nur! -- in Bayreuth zu tanzen. Doch
erschttert durch die falsche Aussprache der Namen kam der Besucher bald zu
dem Schlusse, Sofja Petrowna Lichutina sei nichts weiter als einfach ein
Gnschen; und sein Verhalten wurde ein wenig ungezwungen; inzwischen aber
brachte das sehr hbsche Stubenmdchen das Grammophon ins Zimmer: und aus
der Kehle des roten Blechrohres ergo sich ber den Gast der Flug der
Walkre.

Sofja Petrownas Besucher zerfielen in zwei selbstndige Gruppen: die zur
Gesellschaft Gehrenden und die _sozusagen_ Besucher, die keine waren, denn
sie waren -- gern Gesehene -- etwas fr die Seele; diese sozusagen Besucher
gaben sich keine Mhe -- nicht die geringste! --, in das Treibhuschen zu
gelangen. Mit Gewalt fast lockte sie Engel Peri -- wie die Offiziere sie
nannten -- zu sich; und war das geschehen, dann erwiderte sie sofort den
Besuch; in ihrer Gesellschaft sa Engel Peri mit geschlossenem Mndchen:
sie lachte nicht, kokettierte nicht im geringsten, war uerst schchtern
und, whrend die sozusagen Besucher strmisch miteinander debattierten, war
sie stumm. Man hrte Revolution -- Evolution. Und wieder Revolution --
Evolution. Immer ber dasselbe debattierten die _sozusagen_ Besucher; es
war nicht die Jeunesse dor, es war die einfache, arme Jugend, Studierende,
die mit den Fremdwrtern: soziale Revolution und soziale Evolution
stolzierten. Engel Peri verwechselte konsequent diese beiden Worte.


Der Offizier Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin

Unter den Studierenden befand sich eine hufige Besucherin des Hauses
Lichutin, eine in diesem Kreise geschtzte Persnlichkeit: die Studentin
Warwara Ewgrafowna.

Unter dem Einflu der Studentin gab sich Engel Peri dazu her, einen --
denken Sie! -- Meeting zu besuchen. Unter dem Einflu der Studentin stellte
auch Engel Peri die Sammelbchse mit der verschleierten Inschrift Fr
Wohlttigkeit auf den Tisch. Die Bchse war natrlich nur fr die Besucher
bestimmt; die zu den _sozusagen_ Besuchern Gehrenden waren vom Zahlen
befreit; die Zahlenden waren Graf Awen, Baron Ommau-Ommergau, Sporyschew
und Werhefden. Unter dem Einflu der Studentin begann Engel Peri die
O.-Schule zu besuchen und ochste verstndnislos das Manifest von Karl
Marx. Zu dieser Zeit nmlich besuchte sie tglich der Student Nikolenka
Ableuchow, den sie ohne Risiko sowohl mit Warwara Ewgrafowna (die in
Nikolenka verliebt war) als auch mit Ihrer Majestt gelbem Krassier
bekannt machen konnte: der Sohn Ableuchows war natrlich berall
willkommen.

brigens huschte Engel Peri seit einiger Zeit heimlich zu den Spiritisten
hinber, im Hause der Baronin . . . (na, wie heit sie nur?), die ins
Kloster gehen wollte.

Seit dieser Zeit auch lag auf Sofja Petrownas Tischchen ein prachtvoll
gebundenes Bchlein _Der Mensch und sein Krper_ von einer gewissen Henri
Besanon (Sofja Petrowna hatte wieder die Namen verwechselt: es war nicht
Henri Besanon, sondern Anni Besant).

Ihre neue Passion verheimlichte Sofja Petrowna sorgfltig sowohl vor dem
Baron Ommau-Ommergau wie auch vor Warwara Ewgrafowna; und aufs
Verheimlichen verstand sich Engel Peri in bewunderungswrdiger Weise: so
ist Warwara Ewgrafowna bei ihr nie auf Graf Awen und Baron Ommau-Ommergau
gestoen. Was dahinter gesteckt haben mochte -- wei der Himmel!

Es gab noch einen unter den Besuchern Sofja Petrownas; einen Offizier,
Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin; eigentlich war er ihr Gatte; er war
irgendwo in der Proviantverwaltung ttig; frhmorgens verlie er das Haus;
vor Mitternacht erschien er nie wieder; gleich sanft begrte er die
Besucher und die _sozusagen_ Besucher; mit derselben Sanftheit sprach er
aus Hflichkeit eine Fifka und zahlte eine Mnze; oder er nickte
bescheiden bei den Worten Revolution -- Evolution, trank eine Tasse Tee und
ging in sein Zimmer. Im Grunde genommen wre Ssergeij Ssergeijewitsch
Lichutin den Besuchern wie den _sozusagen_ Besuchern gern ferngeblieben. Im
Grunde genommen htte er gern die Spiritistensitzungen bei der Baronin
besucht; doch lag es ihm fern, seinen bescheidenen Wunsch als Gatte geltend
zu machen; denn er war kein Despot: Sofja Petrowna liebte er mit der ganzen
Kraft seiner Seele; ja, noch mehr: er hatte vor zweieinhalb Jahren gegen
den Willen seiner Eltern, steinreicher sibirischer Gutsbesitzer,
geheiratet; sein Vater verfluchte ihn deswegen und entzog ihm das Geld; da
trat er, unerwartet fr alle, bescheiden in das Gregorische Regiment ein.

Und noch ein Besucher war da: der schlaue Kleinrusse Lipantschenko; er war
ein sinnlicher Mensch und nannte Sofja Petrowna nicht Engel, sondern
Herzchen; doch hielt er sich in den Grenzen der Hflichkeit und durfte ins
Haus kommen.

Der gutmtige Gatte Sofja Petrownas verhielt sich mild gegen die
revolutionren Freunde seiner teuren Hlfte; gegen ihren mondnen
Bekanntenkreis verhielt er sich mit unterstrichenem Wohlwollen; den
Kleinrussen Lipantschenko aber duldete er blo.


Der schlanke hbsche Trauzeuge

Schon am ersten Tage ihres sozusagen Damendaseins, whrend des Mysteriums
der Trauung, als Nikolai Apollonowitsch ber dem Haupt ihres Gatten,
Ssergeij Ssergeijewitsch, den hochfeierlichen Kranz hielt, wurde sie in
qulender Weise von dem hbschen schlanken Trauzeugen berrascht, von der
Farbe seiner unirdischen dunkelblauen Augen, von dem Wei seines marmornen
Gesichts, von der Gttlichkeit seiner flachsweien Haare. Nun und . . .
Nikolai Apollonowitsch kam ins Haus der Lichutins: erst einmal in vierzehn
Tagen, dann jede Woche ein-, zwei-, drei-, viermal, dann erschien er
tglich. Bald merkte aber Sofja Petrowna, da das Gesicht, das
gotthnliche, strenge, nur eine Maske war; Grimassen, zielloses Reiben der
Hnde, schlielich ein unangenehmer Froschausdruck beim Lcheln, herrhrend
vom ununterbrochenen Spiel der Gesichtszge -- hinter all dem verbarg jenes
Gesicht sich fr immer. Zu ihrem Schrecken begriff dann Sofja Petrowna, da
sie verliebt war in jenes Gesicht; nicht in _dieses_, wohl aber in jenes.
Engel Peri hatte sich vorgenommen, eine tadellose Gattin zu sein; und der
Gedanke, da sie, ihrem Gatten treu, von jemand anderem gefesselt wurde,
bedrckte sie gnzlich. Aber weiter nur, weiter: ber die Maske, den
Froschmund, ber die Grimassen hinweg, suchte sie, unbewut, ihre verlorene
Verliebtheit zu retten: sie qulte Ableuchow, berhufte ihn mit
Beleidigungen; doch heimlich vor sich selbst verfolgte sie seine Spuren,
suchte seine Wnsche und seinen Geschmack zu erraten, richtete sich
unbewut nach ihnen, in der ewigen Hoffnung, wieder einmal jenes
eigentliche, gttliche Antlitz zu erblicken.

Seit dieser Zeit war ihr eigener Gatte nur Besucher in der kleinen Wohnung
an der Moika.

Dies konnte Sofja Petrowna nicht ertragen, denn sie hatte ja ein so winzig,
winzig kleines Stirnchen; und neben dem kleinen Stirnchen lebten in ihr
Vulkane tiefster Gefhle: denn sie war eine Dame; und man soll in einer
Dame das Chaos nicht wecken.


Der rote Narr

Eigentlich benahm sich Sofja Petrowna ihrem Gegenstand gegenber in den
letzten Monaten hchst provozierend: vor dem Grammophon, aus dem
Siegfrieds Tod tnte, bte sie Krperplastik und hob dabei ihren
rauschenden Seidenrock fast bis zum Knie; ferner: ihr Fchen berhrte
unter dem Tische mehr als einmal Ableuchow. Nicht zu verwundern, da dieser
manchmal den Engel zu umarmen versuchte; dann entwand sich ihm der Engel
und bergo ihn mit Klte. Bald darauf aber begann das Spiel von neuem.
Einmal klatschte eine Ohrfeige durchs japanische Zimmer: --, Uu --
Scheusal, Frosch . . . Uuu -- roter Narr.

Ruhig und khl erwiderte Nikolai Apollonowitsch:

Bin ich ein roter Narr, so sind Sie -- eine japanische Puppe . . .

Vor der Tr richtete er sich voll Wrde empor, in diesem Augenblick bekam
sein Gesicht den einmal gesehenen Ausdruck, und an diesen erinnert,
erwachte ihre Liebe jh wieder; als Nikolai Apollonowitsch verschwunden
war, warf sie sich auf den Boden, bi und kratzte im Weinkrampf den
Teppich; sprang dann pltzlich auf und streckte die Arme gegen die Tr:

Komm, kehre zurck -- Gott!

Ihr zur Antwort schlug unten die Tr zu. Nikolai Apollonowitsch lief zu der
groen Petersburger Brcke. Wir werden weiter sehen, da er an dieser
Brcke den wichtigen Beschlu gefat hatte, durch eine Tat sein eigenes
Leben von sich zu werfen. Zu tief hatte ihn das Wort roter Narr
getroffen.

Nie wieder hat ihn Sofja Petrowna gesehen . . .

Dafr kamen um so fter Graf Awen, Baron Ommau-Ommergau, Werhefden und
selbst Lipantschenko; sie lachte mit ihnen ohne Unterla; dann hielt sie im
Lachen inne und fragte neckisch:

Nicht wahr, ich bin eine Puppe?

Sie antworteten mit einer Fifka nach der anderen und warfen Silbermnzen
in die Sammelbchse. Lipantschenko aber machte ihr zum Geschenk eine Puppe
mit gelbem Gesicht.

Als sie das vor ihrem Gatten Ssergeij Ssergeijewitsch aussprach, sagte er
nichts und tat, als ginge er schlafen; in seinem Zimmer aber setzte er sich
hin und schrieb an Nikolai Apollonowitsch einen kurzen Brief; in seinem
Briefchen schrieb er Ableuchow, da er, Ssergeij Ssergeijewitsch, sich
erlaube, ihn um folgendes zu bitten: Er wolle sich aus prinzipiellen
Grnden nicht in die Beziehungen Ableuchows zu seiner unendlich geliebten
Gattin mischen, doch bitte er dringend (dringend war dreimal
unterstrichen), ihrem Hause fr immer fernzubleiben, da die Nerven seiner
geliebten Gattin angegriffen seien. Sein Benehmen vernderte Ssergeij
Ssergeijewitsch nicht im geringsten: er verwaltete -- irgendwo -- das
Proviantamt.

Ssergeij Ssergeijewitsch war gro von Gestalt, trug einen hellblonden Bart,
besa Nase, Mund, Ohren, Haare und wundervoll glnzende Augen: leider trug
er eine dunkelblaue Brille, und niemand kannte die Farbe dieser Augen und
auch nicht ihren herrlichen Ausdruck.


Gemeinheit, Gemeinheit, Gemeinheit

In diesen frostreichen Oktobertagen befand sich Sofja Petrowna in
ungewhnlicher Aufregung; blieb sie allein in ihrem Treibhuschen, dann
runzelte sich ihr Stirnchen, und ihr Gesicht wurde purpurn; sie trat ans
Fenster und wischte mit ihrem Taschentchlein aus zartem Batist die
schweibedeckten Scheiben, das Glas begann zu quieken, und ffnete einen
Augenblick auf den Kanal und auf einen vorbergehenden Herrn mit Zylinder
-- nichts weiter; als wre sie in ihren Ahnungen getuscht, begann Engel
Peri ihr angefeuchtetes Taschentuch mit den Zhnchen zu beien und zu
zerren, dann lief sie hinaus, zog ihren schwarzen Plschmantel an, setzte
die Mtze aus ebensolchem Plsch auf (Sofja Petrowna kleidete sich sehr
bescheiden) und ging fort, um, die Nase in den Pelzmuff vergraben, zwischen
der Moikastrae und dem Kai zu schlendern.

Und einmal, whrend Lipantschenko da war, ergriff sie ihre Hutnadel und
stach sich ins kleine Fingerchen.

Sehen Sie, es schmerzt nicht, und es kommt kein Blut: ich bin aus Wachs
. . . eine Puppe.

Lipantschenko lachte und sagte:

Sie sind keine Puppe, Herzchen.

Erbost jagte ihn Engel Peri von sich. Er ergriff seine Ohrenklappenmtze
und ging.

Sie aber fuhr fort, ruhelos durchs Treibhuschen zu wandern, runzelte das
Stirnchen, errtete, wischte die Scheiben; es erffnete sich der Ausblick
auf den Kanal und auf eine vorberfahrende Droschke -- nichts weiter.

Was aber weiter?

Die Sache war so: vor einigen Tagen kehrte Sofja Petrowna von der Baronin
R. R. nach Hause zurck. Bei der Baronin R. R. hatte es an diesem Abend
geklopft; weiliche Funken waren ber die Wand gelaufen, und einmal hatte
der Tisch einen Sprung getan: sonst nichts; aber Sofja Petrownas Nerven
waren uerst gespannt, und die Treppe zu ihrer Wohnung war nicht
beleuchtet (in Husern mit billigen Wohnungen werden die Treppen
bekanntlich nicht beleuchtet): und im Dunkel der Stiege sah Sofja Petrowna
ganz deutlich einen noch schwrzeren Fleck, der sie wie eine schwarze Maske
anstarrte. Sofja Petrowna zog mit aller Kraft an der Glocke. Als sich die
Tr geffnet und ein Lichtstrahl die Treppe beleuchtete, schrie das
Dienstmdchen Mawruscha auf und schlug die Hnde zusammen: Sofja Petrowna
sah nichts, denn sie rannte in die Wohnung hinein: Mawruscha aber hatte
gesehen: hinter dem Rcken der gndigen Frau stand ein roter Atlasdomino
mit schwarzer Maske, die von einem Fcher aus ebenso schwarzen Spitzen
umrahmt war; der rote Domino streckte Mawruscha seinen blutigen rmel
entgegen, aus dem eine Visitenkarte hervorlugte; und als die Tr vor dem
ausgestreckten Arm zugeschlagen ward, erblickte auch Sofja Petrowna die
Karte, die wahrscheinlich durch die Spalte hereinflog; was war aber auf der
Karte? An Stelle eines Wappens -- ein Schdel mit Knochen und darunter in
modernem Schriftsatz die Worte: Ich erwarte Sie auf dem Maskenball --
Ort, Datum und weiter die Unterschrift _Der rote Narr_.

Den ganzen Abend war Sofja Petrowna in grter Erregung. Wer mochte sich
als roter Domino verkleidet haben? Er natrlich, Nikolai Apollonowitsch: so
hatte sie ihn ja einmal genannt . . . Der rote Narr war also gekommen. Wie
war aber eine solche Handlungsweise einer wehrlosen Frau gegenber zu
nennen? War das nicht eine Gemeinheit?

Gemeinheit, Gemeinheit, Gemeinheit.

Wre doch nur schon der Gatte gekommen, der Offizier. Er wrde es dem
Unverschmten gezeigt haben. Sofja Petrowna errtete, bi und zerrte ihr
Taschentchlein und begann zu schwitzen. Wr' doch nur jemand gekommen.

Es kam jedoch niemand.

Aber vielleicht war er es nicht? Sofja Petrowna fhlte sich merklich
beunruhigt: es tat ihr leid, den Gedanken fallen lassen zu mssen: der Narr
sei -- er; in diesen Gedanken flocht sich zugleich mit dem Zorn das se,
bekannte bange Empfinden; sie schien zu wnschen, er htte sich als
vollendeter Schuft entpuppt.

Nein -- nicht er; er ist doch kein Schuft, kein dummer Knabe! -- Und ihr
Herz stand still: nicht er.

Unter ihren _sozusagen Besuchern_, die von Revolution -- Evolution
sprachen, befand sich einer, der Zeitungsreporter war und Neintelpfein
hie. Sofja Petrowna schtzte ihn hoch, und ihm erffnete sie sich: er
begleitete sie darauf zum Maskenball; dort gab es Harlekine,
Italienerinnen, Spanierinnen und orientalische Frauen, die einander durch
die schwarzen Masken in bser Weise zublinzelten. Gesttzt auf
Neintelpfeins Arm schritt Sofja Petrowna bescheiden in ihrem schwarzen
Domino mit schwarzer Maske, jemand suchend, unstet durch die Sle.

Da eben war es, wo Sofja Petrowna mit der ntigen Vorsicht, Neintelpfein
von dem geheimnisvollen Vorfall erzhlte. Der kleine Neintelpfein war
Zeitungsreporter und bekam fnf Kopeken fr die Zeile: von diesem Abend
ging es an. Jeden Tag eine Notiz in der Tagesschau, der rote Domino und
wieder der rote Domino!

Man sprach ber den Domino, debattierte und ereiferte sich unglaublich; die
einen erblickten darin einen revolutionren Terror; die anderen schwiegen
und zuckten die Achseln.


Ein ganz verruchertes Gesicht

Nikolai Apollonowitsch lehnte ber die Treppenbalustrade und warf auf alle
Seiten irisierenden Glanz, der ganz im Gegensatz zu der Sule stand und zum
Alabaster, von dem aus die Niobe ihre Alabasteraugen gen Himmel hob.

ber das Gelnder gebeugt, rief Nikolai Apollonowitsch etwas hinunter, doch
auf seinen Ruf erwiderte erst nur die Stille; dann aber antwortete mit
bertriebener Deutlichkeit eine Fistelstimme:

Sie hatten mich sicher fr jemand anders gehalten . . . Ich bin es -- ich
. . .

Unten stand der Unbekannte mit dem schwarzen Schnurrbrtchen, im Mantel mit
aufgeschlagenem Kragen.

Nikolai Apollonowitsch verzog darauf das Gesicht in ein unangenehmes
Lcheln:

Sie sind es, Alexander Iwanowitsch? . . . Hchst angenehm!

Dann fgte er heuchlerisch hinzu:

Ich erkannte Sie ohne Brille nicht . . .

                                * * *

Das unangenehme Empfinden berwindend, das in ihm die Anwesenheit des
Unbekannten im lackierten Haus hervorrief, fuhr Nikolai Apollonowitsch
fort, mit dem Kopfe nach unten zu winken:

Ich bin eigentlich gerade aus dem Bette gekommen, deshalb auch noch im
Schlafrock. (Dies wie nebenbei erwhnend, wollte Nikolai Apollonowitsch
dem Besucher zu verstehen geben, da er zur ungeeigneten Zeit gekommen sei;
wir fgen von uns hinzu: Nikolai Apollonowitsch hatte all die letzten
Nchte auer dem Hause verbracht.)

Auf dem reichen Fond des Ornaments aus altertmlichen Waffen machte der
Unbekannte mit dem schwarzen Schnurrbrtchen eine recht klgliche Figur,
doch nahm er sich zusammen und begann eifrig Nikolai Apollonowitsch zu
beruhigen:

Das macht gar nichts, Nikolai Apollonowitsch, da Sie gerade aus dem Bette
sind . . . Ich versichere Sie, es hat gar nichts zu bedeuten. Sie sind ja
keine Dame, und auch ich bin's nicht . . . Ich selbst bin nmlich auch erst
jetzt aufgestanden . . .

Vor der Eichentr zum Arbeitszimmer drehte sich Nikolai Apollonowitsch
pltzlich zu dem Unbekannten; ber beide Gesichter flog ein Lcheln: beide
sahen einander erwartungsvoll an.

Also bitte, . . . Alexander Iwanowitsch!

Nur ja keine Umstnde . . .

Der Salon Nikolai Apollonowitschs war der vollstndige Gegensatz zu der
Strenge seines Arbeitszimmers: er war bunt. Wie . . . der bucharische
Schlafrock. Der Schlafrock Nikolai Apollonowitschs setzte sich
gewissermaen in allen Gegenstnden des Zimmers fort; so im niederen Sofa,
das einem orientalischen Ruhebett aus bunten Geweben glich; der bucharische
Schlafrock setzte sich weiter fort im Taburett von verschiedenen Tnen; das
Dunkelbraun inkrustiert mit Streifchen aus Elfenbein und Perlmutter; der
Schlafrock fand seine Fortsetzung auch in einem Negerschild aus der dicken
Haut eines einst erlegten Nashorns, dann im sudanischen, verrosteten Pfeil
mit massivem Griff, der -- wei Gott warum -- hierher gehngt wurde;
endlich setzte sich der Schlafrock in dem gestreiften Pelz eines Leoparden
fort, der mit aufgesperrtem Rachen auf den Boden geworfen ward; eine
dunkelblaue, trkische Wasserpfeife stand auf dem Taburett und dabei ein
dreibeiniges, goldenes Rauchzeug, gebildet aus einer durchlcherten Kugel,
ber der ein Halbmond schwebte; das Wunderlichste aber war ein bunter
Kfig, in dem von Zeit zu Zeit kleine, grne Papageien mit den Flgeln zu
schlagen begannen.

Nikolai Apollonowitsch reichte dem Besucher das bunte Taburett: der
Unbekannte mit dem Schnurrbrtchen setzte sich auf den Rand und zog ein
billiges Zigarettenetui aus der Tasche.

Sie gestatten?

Bitte.

Sie rauchen nicht?

Nein, ich habe diese Gewohnheit nicht. Und verlegen setzte er sofort
hinzu:

brigens, wenn andere rauchen . . .

Machen Sie das Fenster auf?

                                * * *

Verteidigen Sie den Tabak nicht, Nikolai Apollonowitsch. Ich sage es Ihnen
aus eigener Erfahrung . . . Der Rauch durchsetzt den grauen Hirnstoff. Die
Hemisphren des Hirns werden verstopft: eine allgemeine Mattigkeit ergiet
sich in den Organismus . . .

Der Unbekannte zwinkerte Nikolai Apollonowitsch familir zu.

Sehen Sie mein Gesicht?

Ohne die Brille gefunden zu haben, nherte Nikolai Apollonowitsch seine
Augen dem Gesicht des Unbekannten.

Sehen Sie das Gesicht?

Ja, das Gesicht . . .

Das Gesicht ist bla . . .

Ja, es ist etwas bla -- Ableuchows Wangen wurden von Hflichkeitswellen
in verschiedenen Nuancen berstrmt.

Ein ganz grnes, verndertes Gesicht, unterbrach ihn der Unbekannte, Das
Gesicht eines Rauchers.

Nikolai Apollonowitsch sprte schon lngst eine beunruhigende Schwere, als
fllte das Zimmer sich nicht mit Rauch, sondern eher mit Blei; Nikolai
Apollonowitsch fhlte, wie sich die Hemisphren seines Hirns verstopften
und eine allgemeine Mattigkeit seinen Krper durchzog; er dachte aber nicht
an die Wirkungen des Tabakrauches -- er dachte vielmehr daran, wie er sich
mit Wrde aus der peinlichen Lage zurckziehen knnte; er dachte, was er
wohl im bedenklichen Fall tun sollte, wenn der Unbekannte . . . wenn
. . .

Diese bleierne Schwere kam nicht von der billigen Zigarette; sie kam
vielmehr von der gedrckten Stimmung des Wirtes. Er erwartete von Sekunde
zu Sekunde, da sein unruhiger Besucher nun das Geschwtz abbrche, dessen
eigenster Zweck zu sein schien -- ihn durch Erwartung zu qulen; ja: da er
es abbrechen wrde, um ihn daran zu erinnern, da er, Nikolai
Apollonowitsch, seinerzeit durch ihn, den sonderbaren Unbekannten -- wie es
nur deutlicher aussprechen? . . .

Kurz, da er seinerzeit die fr ihn furchtbare Verpflichtung bernommen
hatte, der gerecht zu werden, ihm nicht blo die Ehre gebot; dieses
furchtbare Versprechen aber hatte Nikolai Apollonowitsch damals nur aus
Verzweiflung gegeben; ein Mierfolg hatte ihn dazu bewogen; die Spuren
dieses Mierfolges verwischten sich nun allmhlich. Das furchtbare
Versprechen mte, schien es ihm, von selbst weggefallen sein; doch es
blieb bestehen; es blieb schon deswegen bestehen, weil es nicht
zurckgenommen ward; aufrichtig gestanden hatte es Nikolai Apollonowitsch
einfach grndlich vergessen; und so blieb dieses Versprechen bestehen und
lebte im Kollektivbewutsein einer gewissen Partei fort, whrend in ihm
selbst die Empfindung von der Bitternis des Seins entschwunden war; und er
sein Versprechen gern als ein scherzhaftes betrachtet htte.

Das Erscheinen des Individuums mit dem Schnurrbrtchen erfllte Nikolai
Apollonowitsch mit Angst.

Warum denn aber -- warum hatte er sein Versprechen gegeben? -- Und das wre
nicht das Wichtigste: warum hatte er aber sein furchtbares Versprechen
einer leichtfertigen Partei gegeben?

Die Antwort wre einfach: Nikolai Apollonowitsch, beschftigt mit der
Methodik der sozialen Erscheinungen, hatte die Welt dem Feuer und Schwert
preisgegeben.

Wissen Sie, Nikolai Apollonowitsch, (Nikolai Apollonowitsch fuhr
erschreckt auf) ich kam eigentlich nicht zu Ihnen wegen des Tabaks . . .
das heit das mit dem Tabak war ganz zufllig . . .

Ich verstehe schon.

Der Tabak ist eine Sache fr sich; ich kam aber nicht wegen des Tabaks,
sondern einer Sache wegen . . .

Sehr angenehm . . .

Eigentlich ist es auch gar keine Sache; es handelt sich nur um eine
Geflligkeit -- und diese Geflligkeit werden Sie mir sicher erweisen
. . .

Gewi doch, sehr angenehm . . .

Nikolai Apollonowitsch wurde blau; er sa und bemhte sich, einen Knopf vom
Sofa zu lsen.

Mir ist es hchst peinlich, aber eingedenk . . .

Nikolai Apollonowitsch fuhr zusammen: die scharfe, hohe Fistelstimme des
Unbekannten fuhr wie ein Messer durch die Luft; eine Sekunde des Schweigens
war dieser Fistelstimme vorangegangen; diese Sekunde aber glich einer
Stunde -- einer unendlichen Stunde.

Doch nahm er sich sofort zusammen; er meinte nur:

So, ich stehe zu Ihren Diensten -- Und dabei dachte er: die Hflichkeit
habe ihn vernichtet . . .

Eingedenk Ihres Mitfhlens mit uns, kam ich . . .

Alles, was ich nur kann -- schrie Nikolai Apollonowitsch heraus und
dachte: er sei doch ein vollendeter Esel . . .

Eine kleine, o, eine ganz kleine Geflligkeit . . . (Nikolai
Apollonowitsch horchte gespannt):

Pardon . . . darf ich um die Aschenschale bitten?


Die Zusammenste in den Straen huften sich

Es war eine nebelreiche, sonderbare Zeit: mit frostigem Schritt zog durch
Rulands Norden der giftige Oktober; im Sden aber hingen bereits seine
Fulnisnebel in der Luft. Er jagte das goldene Waldflstern aus den Bumen,
und das goldene Waldflstern legte sich ergeben auf den Boden -- ergeben
fiel das Espenlaub zu Boden, wirbelte und klebte an den Fen der
Passanten, wisperte und flocht gelbrote Worte aus Blttern. Das se, in
der septemberlichen Laubwelle badende Piepsen der Meisen, es badete lngst
nicht mehr in den Laubwellen; und die Meise selbst hpfte jetzt verwaist im
Netzwerk der nackten Zweige umher.

Es war eine nebelreiche, sonderbare Zeit; die Froststrme nahten schon in
den bauschigen Wolken, die bleiern waren und blau, aber alle glaubten an
den Frhling: vom Frhling berichteten die Zeitungen, vom Frhling
unterhielten sich die Staatsbeamten der allerletzten Klasse; an den
Frhling mahnte ein damals populr gewesener Minister; und direkt nach
Maiveilchen dufteten die Seelenergsse in den Briefen einer Petersburger
Studentin.

Die Bauern hatten lngst aufgehrt, den rauhen Boden zu pflgen; ihre
Pflge warfen sie fort, die Bauern, ebenso ihre Eggen; sie sammelten sich
in Huflein vor ihren Htten und errterten die Nachrichten der Zeitungen;
sie sprachen und debattierten und bereiteten sich vor, in einer vereinten
Schar gegen das Gutsherrenhaus zu ziehen, gegen das Haus mit den Sulen,
das sich in den Wolga-, Kama- und selbst in den Dnjeprwellen spiegelte; der
Feuerschein der brennenden Gter leuchtete in den langen Nchten ber
Ruland; der Tag aber verwandelte das Leuchten in das Schwarz der
Rauchsulen. Da aber konnte man in den entlaubten Bschen Haufen zerzauster
Kosaken erblicken, die die Lufe ihrer Flinten gegen den Alarmturm
richteten; auf ihren zerzausten Pferden sprengten dann ihre Abteilungen
hervor, blaue brtige Menschen rasten, die Nagaiken schwangen durch die
herbstlichen Fluren dahin.

So war es auf dem Lande.

Aber so war es auch in den Stdten. In den Werksttten, Friseurlden,
Milchgeschften, Wirtshusern, berall trieb sich ein redseliges Subjekt
umher; die aus den blutgetrnkten Feldern der Mandschurei mitgebrachte,
buschige Pelzmtze in die Stirn gedrckt, in der Seitentasche ein -- wei
Gott woher herbeigeschaffter -- Browning, steckte das redselige Subjekt zum
soundsovielten Male dem Vorbergehenden ein schlecht gedrucktes Blttchen
in die Hand.

Alles wartete, hoffte und frchtete sich; man lief beim leisesten Gerusch
auf die Strae, versammelte sich in Haufen und ging wieder auseinander; so
lebten in Archangelsk die Loparen, Korelen und Finnen; in Nischne-Kolymsk
die Tangusen; am Dnjepr -- die Juden und die Kleinrussen. In Petersburg und
Moskau lebten so alle: man wartete, frchtete sich, hoffte; beim leisesten
Gerusch rannte man auf die Strae; man versammelte sich in Haufen und ging
wieder auseinander.

Die Zusammenste in den Straen huften sich: die Zusammenste mit den
Hausportiers, den Wchtern, den Revieraufsehern; die Hausportiers, die
Polizisten und besonders die Revieraufseher wurden von jedem belstigt: vom
Arbeiter, vom Abcschtzen, vom Kleinbrger Iwan Iwanowitsch Iwanow und
seiner Gattin, selbst vom Ladeninhaber Pusanow, der in den vergangenen
besseren Tagen den Revieraufseher bald mit Lachs, bald mit kernigem Kaviar
beschenkt hatte. Jetzt wandte sich der wohlgeborene Kaufmann Pusanow gegen
den Revieraufseher und das andere Gesindel: so etwas schchterte den
Polizeibeamten ein: grau, in grauem Mantel, wanderte er unbemerkt wie ein
Schatten daher und zog in Ehrfurcht beflissen seinen Sbel ein, mit zum
Boden gesenkten Augen.

So fristete zu jener Zeit seine Tage der Polizeibeamte in irgendeinem Kem;
so fristete er die Tage in Petersburg, Moskau, Orenburg, Taschkent, kurz,
in all den Stdten, die zum Russischen Reiche gehrten.

Petersburg ist von einem Ring vielschlotiger Fabriken umgeben; die Vorstadt
ist wie ein Ameisenhaufen belebt. Zu jener Zeit waren alle in den Fabriken
hchst aufgeregt; und die Anfhrer der Haufen wurden alle zu redseligen
Subjekten; es zirkulierte unter ihnen der Browning; und noch etwas. Die
blichen Schwrme wuchsen in jenen Tagen unmig an und verdichteten sich
zu vielkpfiger, vielstimmiger, riesenhafter Schwrze; und griff ein
Fabrikinspektor nach dem Telephonrohr, so wute man schon: gleich wird ein
Steinhagel aus der Menge zu den Fenstern fliegen.

Petersburg selbst blieb unverndert; nur ein einziges Mal zogen Scharen von
Menschen, von Geistlichen gefolgt, ber den Newskij-Prospekt: man trug den
Sarg eines Professors; voran wlzte sich ein Meer von Grn; blutrote
Atlasbnder wehten in der Luft.

Es war eine neblige, sonderbare Zeit; mit frostigen Fersen schritt der
Oktober durchs Land; frostiger Staub flog in braunen Strmen durch die
Stadt; und ergeben legte sich das goldene Blttergeflster auf die Wege des
Sommergartens, ergeben legte sich das raschelnde Laub zu den Fen der
Passanten, um, vor ihnen herjagend, an ihren Fen hngenzubleiben; raunend
flocht es gelbrote Worte aus Bltterbscheln; das Meisengepiepse, das den
ganzen August in den Laubwellen gebadet hatte, badete lngst nicht mehr in
den Wellen des Laubes; und die Meise im Sommergarten hpfte verwaist im
Netz der trockenen Zweige umher, hpfte auf dem bronzenen Gitter und flog
auf das Dach ber dem Huschen Peters des Groen.

So waren die Tage. Die Nchte aber -- -- Bist du schon nachts einmal
gewandert, befandest du dich da in einem entlegenen Vorstadtgehlz, und
hast du da die aufdringlichen, schreckenden U-Laute vernommen? Uuuu --
uuuu -- uuuu: so tnte es in der Ferne; war es berhaupt ein Laut? Wenn's
aber ein Laut war, so kam er sicher aus einer anderen Welt; von seltener
Strke und Klarheit: Uuuu -- uuuu -- uuuu, tnte es in den Vorstdten von
Moskau, Petersburg, Saratow; doch die Fabrikpfeife hatte geschwiegen, der
Sturm hatte nicht gepfiffen, und stumm war der Haushund geblieben.

Hrtest auch du einmal das Oktoberlied von neunzehnhundertundfnf? Ein
solches Lied hatte es vorher nicht gegeben; ein solches Lied wird es nicht
mehr geben: nie mehr.


Es ruft mich mein geliebter Delwig

ber die Stufen des Amtsgebudes schreitend, sich mit der Hand an des
Gelnders kalten Marmor sttzend, blieb Apollon Apollonowitsch mit der
Fuspitze an dem Plschlufer hngen und -- stolperte; unwillkrlich
verlangsamte sich sein Schritt; da geschah es, da seine Augen eine
Zeitlang an dem Riesenportrt des Ministers hafteten, der mit traurigem und
mitleidigem Blick vor sich hin sah.

Das Rckgrat Apollon Apollonowitschs durchzog eine Frostwelle: das Gebude
war wenig geheizt. Wie eine Ebene schien Apollon Apollonowitsch der weie,
ausgedehnte Raum.

Er hatte Angst vor dieser Weite. Der Raum ngstigte ihn noch mehr als der
Zickzack oder die gebrochene Linie; eine Dorflandschaft war ihm ein
Schrecken: dort hinter Schnee und Eis, hinter der gewundenen Linie des
Waldsaums, in der sich kreuzende Luftstrme im Schneesturm rasen, dort wre
er einst einmal, einem Zufall zufolge, beinahe erfroren.

Es geschah vor fast fnfzig Jahren.

In jener damaligen Stunde des einsamen Erfrierens hatte er gefhlt, wie
kalte Finger seine Brust durchbohrten und grausam streichelnd sein Herz
berhrten; jene frostige Hand geleitete ihn dann weiter; jener frostigen
Hand folgte er in seiner Karriere, vor Augen immer die unheilvolle,
unmgliche Ausdehnung; dort, von dort winkte immer die frostige Hand; von
dort ghnte ihm entgegen -- die Un--Unermelichkeit: Russisches Reich.

Ja: nun zum Portrt des Ministers . . . fters hatte er diesem gesagt:

Ruland ist eine eisige Ebene, in welcher sich seit Hunderten von Jahren
Wlfe umhertreiben . . .

Der Minister hatte ihn mit samtweichem, liebkosendem Blick angesehen; mit
der weien Hand den gepflegten, grauen Schnurrbart streichelnd, schwieg er
und seufzte. Der Minister hatte seine mter als ein qualvolles,
opferheischend drckendes Kreuz getragen; er trug sich mit dem Gedanken,
nach Beendigung des Dienstes . . .

Aber er starb.

Jetzt ruhte er im Grabe, und Apollon Apollonowitsch Ableuchow war nun ganz
allein; hinter ihm verloren sich die Jahrhunderte, in der
Un--ermelichkeit; vor ihm zeigte eine frostige Hand in die
Un--ermelichkeit.

Un--ermelichkeiten flogen ihm entgegen.

Ruland, Ruland, dich sah er, dich!

Du bist es, das durch Wind, Sturm, Schnee und Regen heulte; heulte durch
Millionen lebendiger, beschwrender Stimmen! Es schien in diesem Augenblick
dem Senator, als riefe eine Stimme aus einem einsamen Grab, in unbestimmter
Weite nach ihm; es wiegte sich dorten kein einsames Kreuz; es winkte von
dort kein Lichtchen in das eisige Schneetreiben hinein; und hungrige Wlfe
heulten in Rudeln dort als Echo der heulenden Winde.

Unstreitig: im Senator entwickelte sich mit den Jahren Raumangst.

Die Krankheit wurde akut -- seit jenem tragischen Tod; vielleicht
beobachtete ihn nchtlich die Gestalt des toten Freundes und blickte ihn in
den langen Nchten an mit seinem samtweichen Blick und streichelte mit der
weien Hand den gepflegten, grauen Schnurrbart.


Inzwischen setzte sich die Unterhaltung fort

Inzwischen setzten Nikolai Apollonowitsch und der Unbekannte die
Unterhaltung fort.

Ich habe den Auftrag, sagte der Unbekannte, die Aschenschale von Nikolai
Apollonowitsch nehmend, --ja: ich habe den Auftrag, Ihnen dieses Paketchen
zur Aufbewahrung zu bergeben.

Nur das? rief Apollonowitsch Nikolai. Er wagte noch kaum zu glauben, da
das bengstigende Erscheinen des Unbekannten nicht _jenes schreckliche_
Versprechen betraf, da es sich nur um ein harmloses Paketchen handelte;
rasch erhob er sich und nherte sich dem Paket; doch seltsamerweise erhob
sich auch der Unbekannte und trat zwischen Nikolai Apollonowitsch und das
Paket; und als die Hand des Senatorsohnes nach diesem griff, erfate der
Unbekannte derb seine Finger:

Vorsichtig, um Gottes willen . . .

Da ertnte pltzlich ein metallischer Laut, ein Knall; man hrte das
Quieken einer gefangenen Maus; im Nu flog das Taburett zu Boden, und mit
eiligen Schritten lief der Unbekannte in die Ecke:

Nikolai Apollonowitsch! Nikolai Apollonowitsch, rief seine ngstliche
Stimme, eine Maus, eine Maus . . . Sagen Sie geschwind Ihrem Diener
. . . da, das . . . _das_ kann ich nicht ertragen . . .

Nikolai Apollonowitsch wunderte sich.

Sie frchten sich vor Musen? . . .

Rasch, rasch . . . schaffen Sie sie fort . . .

Nikolai Apollonowitsch beeilte sich, den Knopf der elektrischen Klingel zu
drcken und sah ordentlich komisch aus, in der Hand die gefangene Maus
haltend, die allerdings in der Falle sa, und Nikolai Apollonowitsch neigte
sein Gesicht fast bis an den Draht, um das Tierchen genauer zu betrachten.

Ein Muschen, sprach er, die Augen zum hereintretenden Diener gewandt;
hflich wiederholte seinerseits dieser:

Ein Muschen.

                                * * *

Nikolai Apollonowitsch trug endlich das Paket in sein Arbeitszimmer; es
fiel ihm flchtig nur auf, da das Paketchen so schwer war; doch dachte er
darber nicht weiter nach; nur als er auf dem weichen Teppich leicht
stolperte, ertnte aus dem Paket ein metallischer Klang; der Unbekannte
fuhr bei diesem Laut leicht in die Hhe, und dabei beschrieben seine Arme
jene Zickzacklinie in der Luft, die den Senator vor kurzem so erschreckt
hatte.

Doch es geschah nichts: der Unbekannte erblickte nur zu seiner nicht
geringen Verwunderung auf dem Lehnstuhl im Nebenzimmer einen faltenreichen
roten Domino und eine schwarze Maske; whrend Nikolai Apollonowitsch einen
Platz in seiner Schreibtischlade freimachte und, vorsichtig, das Paketchen
hineintat, betrachtete der Unbekannte den Domino; zugleich sprach er
lebhaft Gedanken aus, die in ihm grndlich gereift zu sein schienen:

Wissen Sie . . . Die Einsamkeit richtet mich zugrunde. Ich habe in diesen
Monaten verlernt zu reden. Merken Sie nicht, da meine Worte verworren
sind?

Nikolai Apollonowitsch, den bucharischen Rcken dem Gaste zugewandt, sagte
hierauf durch die Zhne:

Na, das geschieht zuweilen mit jedem.

Der Unbekannte sprach hinter seinem Rcken weiter:

Ich finde mich nicht mehr in den Stzen zurecht. Ich will irgendein Wort
sagen, sage aber etwas ganz anderes: drehe mich immer im Kreis um die Sache
herum . . . Ich vergesse zuweilen die Namen der gewhnlichsten Gegenstnde,
und wenn ich auf sie komme, dann zweifle ich, ob sie richtig sind. Ich
wiederhole mir: Lampe, Lampe, Lampe; pltzlich aber scheint es mir, da ein
solches Wort gar nicht existiere. Ich habe meist niemand, den ich fragen
knnte; und den ersten besten zu fragen, davon hlt mich Scham zurck; man
wrde mich am Ende fr einen Wahnsinnigen halten.

Aber was fllt Ihnen ein . . .

brigens, was das Paket betrifft: htte Nikolai Apollonowitsch aufmerksam
auf die Mahnungen zur Vorsicht seitens seines Gastes geachtet, er wrde
begriffen haben, da das vermeintlich harmlose Paketchen keinesfalls so
harmlos war; aber er beachtete es nicht und verstand auch kaum die jetzt
aufgefangenen Worte. Indessen fuhr die prasselnde Fistelstimme fort, ihn
auf den Rcken zu trommeln:

Das Leben ist schwer fr einen, der, wie ich, in der Torricelli-Luftleere
. . .

Torricelli? fragte verwundert Nikolai Apollonowitsch, ohne auf die Rede
zu achten.

Ja, eben -- Torricelli-Luftleere, und das alles im Namen der
Allgemeinheit, der Sache fr die Allgemeinheit; diese Sache fr die
Allgemeinheit hat aber mich aus der Liste der Lebenden gestrichen. Meine
Gesellschaft sind Wanzen und Mauerkfer. Ich bin nur -- ich. Hren Sie mir
zu?

Gewi doch.

Nikolai Apollonowitsch hrte jetzt tatschlich zu.

Hier aber schwieg pltzlich der Unbekannte. Denn Nikolai Apollonowitsch
hatte den Schreibtisch abgesperrt und wandte sich um.

Wissen Sie: ich wollte Sie schon lngst einmal sehen, um mich einmal vor
Ihnen auszusprechen: ich sehe so wenige. Ich wollte Ihnen von mir
erzhlen.

Von wem? . . . Aber warten Sie, warten Sie: ich habe einen Kognak im
Schrnkchen -- mgen Sie . . .

Nicht abgeneigt . . .

Bald erschien vor dem Gast eine kleine Karaffe und zwei geschliffene
Weinglschen.

Whrend er dem Gast das Glas fllte, dachte Nikolai Apollonowitsch daran,
da jetzt die beste Gelegenheit sei, sich von dem damaligen Versprechen
loszusagen; als er aber diesen Gedanken in Worte einkleiden wollte -- wurde
er verlegen; aus Feigheit vermochte er es nicht, sich vor einem Fremden
feige zu zeigen.

Ich lese jetzt Conan Doyle zur Erholung, fuhr der Unbekannte zu prasseln
fort, Meine Lektre wrde Ihnen berhaupt sehr verrckt erscheinen: ich
lese die Geschichte des Gnostizismus, Gr. Nissk., den Syrianer, den
Apokalypsis. Das ist, wissen Sie, mein Privileg. Die Originalitt meiner
geistigen Nahrung kommt von denselben Sonderstellungen. Ich bin ein
revolutionrer Snob, wie es militrische Snobs gibt, die sich den
Georgsorden verdient haben: einem alten Kriegsmann mit Verdiensten verzeiht
man manches.

Der Unbekannte wurde nachdenklich, dann fllte er sein Glschen, trank es
aus, um es von neuem zu fllen.

Und warum sollte ich auch nicht nach meinem Eigenen, Persnlichen suchen:
Ich privatisiere auch so zwischen vier gelben Wnden.

Sie waren ja deportiert gewesen?

Ja, nach Jakutsk.

Hier entstand ein verlegenes Schweigen. Der Unbekannte mit dem schwarzen
Schnurrbrtchen sah aus dem Fenster auf die Flche der Newa. Schwnze von
Rauch hingen ber dem dunkelfarbigen Gewsser. Der Unbekannte nippte aus
dem Glschen, dann sah er die gelbe Flssigkeit an: seine Hnde zitterten.

Nikolai Apollonowitsch sagte beinahe mit . . . Ha:

Den Massen aber sagen Sie wohl nichts davon?

Natrlich schweig' ich noch so lange.

Nun, und nach der Rckkehr aus Jakutsk?

Die Flucht aus Jakutsk war mir gut gelungen; ich wurde in einem
Sauerkrautfa herbertransportiert, und jetzt bin ich das, was ich bin: ein
Arbeiter im Dunkeln. Glauben Sie ja nicht, ich arbeite im Namen sozialer
Utopien oder im Namen eurer Eisenbahn -- Gedankengnge. Eure Kategorien
erscheinen mir wie Schienen und euer Leben wie ein rollender
Eisenbahnwagen; ich war frher auch ein vollendeter Nietzscheaner. Wir alle
sind ja Nietzscheaner: auch Sie, Herr Ingenieur Ihrer Eisenbahnlinie, sind
es, nur werden Sie es nie zugeben. Nun also: fr uns, Nietzscheaner, ist
die agitatorisch und revolutionr gestimmte Masse die Klaviatur, ber die
die Finger des Pianisten frei laufen, eine Schwierigkeit nach der anderen
berwindend; und whrend irgendein Gaffer im Parkett sich an den gttlichen
Beethoventnen labt, liegt fr den Spieler und fr Beethoven die Sache
nicht in den Tnen, sondern im Septakkord. Sie wissen ja, was Septakkord
ist? So sind wir alle!

Also Sportsmnner der Revolution!

Was ist dabei? Ist denn der Sportsmann nicht Artist? Ich bin Sportsmann
aus reiner Liebe zur Sache, und deshalb bin ich Artist.

Wieder entstand verlegenes Schweigen. Nikolai Apollonowitsch zupfte
gergert am Knopf seines Ruhebetts.

Alles ist aufgebaut auf Kontrasten! Und meine Ttigkeit fr die
Gesellschaft brachte mich in die traurigen Regionen des Eises. Hier
gedachte man wohl meiner, man verga aber, da ich dort allein war, in
einer Leere; und whrend ich in dieser Leere versank, verlor ich alle
Parteivorurteile, alle Kategorien, wie Sie sagen wrden: seit Jakutsk habe
ich nur eine einzige Kategorie. Und wissen Sie, welche?

Welche denn?

Die Kategorie des Eises . . .

Wie meinen Sie dies?

Wohl vom Nachdenken oder vom Alkohol nahm hierbei das Gesicht Alexander
Iwanowitschs einen seltsamen Ausdruck an. Seine Farbe, ja selbst sein
Umfang vernderte sich kra (es gibt Gesichter, die sich jh verndern): er
schien jetzt ganz berauscht.

Die Kategorie des Eises -- das Eis der jakutischen Gegend; ich trage es
immer im Herzen; das ist es, was mich von den anderen scheidet; ja, ja, ja;
das Eis scheidet mich: erstens als Menschen, der unter fremdem Namen lebt,
und dann hat mir dieses Eis jene besondere Eigenschaft verliehen, durch die
ich mich, auch wenn ich unter Menschen bin, in die Un--ermelichkeiten
versetzt fhle . . .

Nikolai Apollonowitsch empfand eine seltsame Klte: sein an die Partei
gegebenes Versprechen war ja noch nicht zurckgenommen; von den Worten des
Unbekannten wehten so durchdringlich eisige Ebenen; wie sein Vater liebte
Nikolai Apollonowitsch nicht die Weite.

Inzwischen stand Alexander Iwanowitsch beim Fenster und lchelte:

Ein Programm fr die Revolution hat unsereiner nicht ntig: das ist etwas
fr Theoretiker, Publizisten, Philosophen . . .

Pltzlich brach er ab und schwieg: aus dem schlackigen Nebel rollte ein
Wagen heran, die Wagentr flog auf, und Apollon Apollonowitsch sprang rasch
hervor und warf einen flchtigen, ngstlichen Blick auf die Spiegelscheiben
der Fenster. Auch Alexander Iwanowitsch empfand eine jhe Angst und fhrte
die Hand vor die Augen.

Er . . .

Was ist los?

Nichts Besonderes: Ihr Vater ist mit dem Wagen gekommen.


Wnde -- Schnee und nicht Wnde

Apollon Apollonowitsch liebte seine gerumige Wohnung nicht; ihre Mbel
glnzten zu aufdringlich, so in alle Ewigkeit . . .

Lauttnend, grell hallten die Schritte des Senators durch den Saal. Von der
mit weien Girlandenmustern verzierten Decke, aus dem Kreis der
Stuckfrchte, hing ein Lster aus Bergkristall. Er wiegte sich,
durchschimmernd, behangen von durchsichtigen Mullgeweben, und bebte in
kristallenen Trnen.

Die Quadrate des Parketts glnzten wie ein Spiegel. Die Wnde: Schnee --
und nicht Wnde. Hochbeinige Sthle standen dort und goldene Rinnen liefen
die weien Beine entlang; zwischen den Sthlen mit cremefarbenen
Plschsitzen glnzte das Wei der hohen Alabastertischchen, auf deren jedem
sich ein Archimedes aus demselben Material erhob. Aber es war nicht nur
Archimedes, es waren auch andere Griechen. Kalt blinkte von den Wnden das
eingelegte ernst-eisige Spiegelglas; doch eine sorgliche Hand hngte auch
dahin rundrahmige Bilder von blablauen Tnen, die an die Fresken von
Pompeji erinnerten.

Apollon Apollonowitsch warf im Vorbergehen einen flchtigen Blick auf die
Fresken und gedachte derjenigen Hand, die sie dahin gehngt; diese
sorgliche Hand war die der Anna Petrowna: Apollon Apollonowitsch verzog
verchtlich den Mund und schritt in der Richtung seines Arbeitszimmers
weiter. Zwei Jahre waren es her, seit Anna Petrowna ihn, eines
italienischen Sngers wegen, verlassen hatte. --


Eine Persnlichkeit

Mit dem Erscheinen des Senators im Hause wurde der Unbekannte von
Nervositt ergriffen; seine bis dahin glatt flieende Sprache wurde
holprig: wahrscheinlich die Wirkung des Alkohols; berhaupt schien sein
Gesundheitszustand bedenklich; die Gesprche, die er mit sich selbst und
mit anderen fhrte, lsten in ihm ein sndhaftes Gefhl aus und wirkten
qulend auf sein Rckenmark; er empfand einen sonderbaren, dsteren Ekel
vor seinen interessierenden Gesprchen; dieser Ekel bertrug sich dann auf
ihn selbst; diese uerlich harmlosen Unterhaltungen schwchten ihn sehr;
doch am unangenehmsten war der Umstand, da, je mehr er sprach, um so
unwiderstehlicher sich in ihm das Bedrfnis regte, noch weiterzusprechen;
er konnte nicht mehr Einhalt tun und erschpfte sich mehr und immer mehr;
manchmal ging dies so weit, da er dann vom Verfolgungswahn befallen ward;
in Trumen setzten sich diese Anflle fort: er hatte furchtbare Trume; der
Albdruck kehrte oft dreimal in einer Nacht wieder.

All das fiel Alexander Iwanowitsch ein, und er schttelte die Achseln: als
htte die Rckkehr des Senators seine Seele wieder in Aufruhr gebracht; ein
fremder Gedanke beunruhigte ihn. Zuweilen nherte er sich der Tr und
horchte auf kaum vernehmbare, ferne Schritte: die Schritte des Senators,
der sich in seinem Zimmer bewegte.

Nun hren Sie meinem Geschwtz weiter zu, Nikolai Apollonowitsch: in all
den Worten ber die Selbstbehauptung meiner Persnlichkeit liegt ja
wiederum Krankhaftigkeit. Ich spreche mit Ihnen, debattiere -- aber nicht
mit Ihnen debattiere ich, sondern mit mir, nur mit mir selbst. Der Partner
bedeutet fr mich gar nichts: ich spreche ebenso mit Wnden, mit
Laternenpfahlen, mit vollendeten Idioten. Ich hre nicht auf fremde
Gedanken, das heit ich hre nur davon das, was mich selbst, was das
_meine_ betrifft. Ich kmpfe, Nikolai Apollonowitsch: die Einsamkeit ist
der Angreifer; ich sitze stunden-, tage-, wochenlang in meiner Mansarde und
rauche. Dann beginnt es mir zu scheinen, als wre alles nicht das
Eigentliche. -- Kennen Sie das?

Ich kann es mir nicht deutlich vorstellen. Ich hrte, so was kommt bei
Herzschwche vor. Beim Anblick von leeren Flchen, in deren Nhe sich
nichts befindet . . . Das versteh' ich eher.

Ich aber nicht; doch wenn ich so allein sitze . . . da sag' ich mir: warum
bin ich -- ich? Und da scheint es mir: ich bin es eben gar nicht. Oder: da
steht vor dir ein Tischchen. Wei der Teufel: ist das ein Tischchen, oder
ist es keines? Und ich sage mir: was hat doch das Leben aus dir gemacht?
Aber glauben Sie: ich bin nur allein krank? Oho: auch Sie, Nikolai
Apollonowitsch, sind es. Fast alle sind -- krank. Lassen Sie, ich wei
alles, was Sie sagen wollen, und doch: ha--ha--ha! -- Fast alle
Ideenarbeiter in der Partei sind in derselben Weise krank; nur bei mir
tritt es deutlicher hervor. Ich hab' auch in frherer Zeit, wissen Sie, die
Parteiarbeiter gern beobachtet: eine gefllte Versammlung; Geschfte,
Rauch, Gesprche -- ber lauter Erhabenes, Edles; mein Genosse ist voll
Aufregung; dann aber ldt er mich ein, mit ihm ins Restaurant zu gehen.

Nun, und was dann?

Nun, da erscheint natrlich Wodka und dergleichen; ein Glas hbsch nach
dem anderen; ich beobachte nun: zeigte sich nach dem Wodka um den Mund
meines Partners so ein Schmunzeln (welches es ist, kann ich Ihnen nicht
sagen), dann wute ich: auf diesen Ideenarbeiter ist kein Verla; seinen
Worten und seinem Tun ist kein Glauben zu schenken; dein Partner ist krank
-- an Willensschwche, an Neurasthenie; und nichts, glauben Sie mir, nichts
in der Welt schtzt ihn vor Gehirnerweichung: dieser Partner ist nicht nur
fhig, in schwieriger Situation sein Wort zu brechen (Nikolai
Apollonowitsch fuhr zusammen): er ist auch fhig zum ganz einfachen
Diebstahl und Verrat. Und sein Verbleiben in der Partei ist Provokation,
Provokation. Seither lernte ich die Bedeutung solcher, wissen Sie, Fltchen
um den Mund, kleiner Schwchen, eines Auflachens, einer Grimasse verstehen;
und wohin ich meine Augen wende, berall, berall stoe ich auf Zerrttung
des Gehirns -- eine allgemeine, schleichende, nicht zu fassende Provokation
-- versteckt hinter einem solchen, wissen Sie, kurzen Auflachen; welcher
Art -- knnte ich Ihnen nicht sagen, aber ich erkenne es mit unfehlbarer
Sicherheit -- ich habe es auch bei Ihnen erkannt.

Dann sind aber auch Sie ein Provokateur. Nehmen Sie es mir nicht bel, ich
meine es in idealem Sinne.

Ich -- ja, ja, ja. Ich bin ein Provokateur. Aber meine ganze Provokation
bettigt sich im Namen einer groen, heimlich aus Fernen rufenden Idee;
eigentlich nicht einer Idee, sondern einer Strmung.

Die Erregung des Unbekannten bertrug sich auf Ableuchow; die blulichen
Tabakwellen und die zwlf zerknllten Zigarettenstummel machten ihn
durchaus nervs. Als wre ein unsichtbarer Dritter zwischen sie getreten.

Warten Sie, ich geh' mit Ihnen; mir brummt der Schdel. Wir knnen drauen
ungestrt weiterreden.

Ein vorzglicher Gedanke.

Ein scharfes Pochen an die Tr unterbrach ihn, und ehe Nikolai
Apollonowitsch fragen konnte, wer da sei, ffnete der halbberauschte
Alexander Iwanowitsch die Tr. Hart vor ihm, fast an seine Stirn stoend,
befand sich ein nackter Schdel mit groen, allzu groen Ohren. Der
Unbekannte sprang zurck und sah zu Nikolai Apollonowitsch hinber; doch
was er erblickte, war nur . . . eine Friseurladenpuppe: ein blasses,
schnes Wachsgesicht mit unangenehmem Lcheln auf dem bis zu den Ohren
gehenden Munde.

In der offenen Tr stand Apollon Apollonowitsch, eine riesige Melone unterm
Arm . . .

So--o--o, so--o--o. Ich habe, scheint es, gestrt . . . Ich brachte dir
dieses Melonchen da, Kolenka . . .

Es war Tradition des Hauses, da Apollon Apollonowitsch, wenn er in der
Herbstzeit vom Dienst nach Hause fuhr, eine Astrachaner Melone mitbrachte,
fr die beide, sowohl er wie sein Sohn, eine Passion hatten.

Alle drei bewahrten einen Augenblick Schweigen; whrend dieses Augenblicks
empfand jeder von ihnen ganz offen eine tierische Angst.

Mein Universittskollege, Vater . . . Alexander Iwanowitsch Dudkin . . .

So--o--o . . . Sehr angenehm.

Apollon Apollonowitsch reichte zwei Finger: _jene Augen_ -- ohne den
schrecklichen Blick; war es in Wahrheit jenes Gesicht, das ihn auf der
Strae anblickte? Apollon Apollonowitsch sah vor sich einen schchternen,
offensichtlich von Not bedrckten Menschen.

Doch drei Herzen pochten laut; drei Augenpaare vermieden es, einander zu
begegnen. Nikolai Apollonowitsch rannte hinaus, um sich umzuziehen.

Inzwischen knpfte Apollon Apollonowitsch mit dem Unbekannten ein Gesprch
an. Die Unordnung im Zimmer des Sohnes, der Kognak, die Zigarettenstummel
machten einen peinlichen Eindruck auf den Senator; aber die Antworten des
Unbekannten beruhigten ihn: diese waren vllig zusammenhanglos. Alexander
Iwanowitsch errtete immer wieder und gab zufllige Antworten. Er sah vor
sich nur gutmtige Fltchen, und aus diesen gutmtigen Fltchen blickten
gutmtige Augen: die Augen eines Gehetzten; und die knisternde Stimme
formte sich zu Worten, die Alexander Iwanowitsch kaum hrte; nur die
Endworte der Stze fing sein Ohr auf:

Wissen Sie . . . schon als Gymnasiast liebte Kolenka alle Vgel . . . Er
war wibegierig . . . Jetzt ist er ganz anders: hat alles verworfen . . .
Und geht nicht zu den Kollegs . . .

So redete im Schreiton Apollon Apollonowitsch, der achtundsechzigjhrige
Greis; etwas wie Mitgefhl regte sich im Herzen des Unbekannten . . .

Nikolai Apollonowitsch trat wieder ein.

Wo gehst du hin?

Ich mu geschftlich wohin, Vater . . .

Zusammen mit . . . Alexander . . . mit Alexander . . .

Mit Alexander Iwanowitsch . . .

So--so . . . Also mit Alexander Iwanowitsch. Bei sich dachte Apollon
Apollonowitsch: Am Ende ist es vielleicht am besten: vielleicht waren die
_Augen_ nur Einbildung . . . Weiter dachte Apollon Apollonowitsch, da --
Not keine Schande sei . . . Warum nur der Kognak? (Apollon Apollonowitsch
hate Alkohol.)

Ja, wir gehen geschftlich . . .

Apollon Apollonowitsch suchte nach einem passenden Wort:

Vielleicht essen wir erst zu Mittag? Alexander Iwanowitsch knnte mit uns
speisen . . .

Apollon Apollonowitsch sah auf die Uhr:

brigens ich will nicht stren.

Auf Wiedersehen, Vater . . . .

Adieu . . .

                                * * *

Whrend sie ber den helltnenden Korridor schritten, stand der kleine
Apollon Apollonowitsch hinten in der Korridorhalbdmmerung und blickte
neugierig den beiden nach.

Und doch, und doch . . . Gestern erblickten ihn diese Augen: Ha und Angst
waren in ihnen; und diese Augen: -- sie gehrten _ihm_. -- Und eine
Zickzackbewegung mit der Hand . . . eine hchst unangenehme -- oder war
alles gar nicht -- war es berhaupt nicht?

Alexander Iwanowitsch Dudkin, Student . . .

Apollon Apollonowitsch schritt hinter ihnen weiter.

                                * * *

Im prunkvollen Vorraum blieb Nikolai Apollonowitsch vor dem alten Diener
stehen und suchte nach dem Wort, das er sagen wollte.

Ja--aa . . . aa . . .

Zu dienen!

Aha . . . das Muschen!

Jawohl! . . .

Bitte, was haben Sie damit gemacht?

Mit dem Muschen? Auf dem Kai in Freiheit gesetzt . . .

Ist es auch richtig?

Gewi doch, gndiger Herr: wie immer.

Nikolai Apollonowitsch empfand besondere Zrtlichkeit gegen diese kleinen
Bestien.

Beruhigt ber das Schicksal der Maus schritt er neben Alexander Iwanowitsch
weiter.

Beiden schien es, als blicke ihnen von der Balustrade jemand mit traurigem,
prfendem Blick nach.

                                * * *


Die Flucht

Alexander Iwanowitsch kehrte in seine traurige Behausung zurck, um einsam
zwischen den vier kahlen, braungelben Wnden zu sitzen und das Leben der
Mauerkfer in den feuchten Wandfalten zu studieren. Sein morgendlicher
Ausgang war eine Flucht vor den Mauerkfern; er merkte schon lngst, da
die Ruhe seiner Nchte in direktester Weise von der Ruhe des
vorhergegangenen Tages abhnge: was er auf der Strae, im Wirtshaus, im
Caf erlebte, das brachte er mit nach Hause.

Und was war nun heute?

Alexander Iwanowitsch dachte: wenn er nach Hause zurckgekehrt sein wird,
werden die Geschehnisse des Tages seine Tr zu sprengen beginnen.

Hinter sich lie Alexander Iwanowitsch die diamantenschimmernde Brcke
zurck.

Weiter, hinter der Brcke, auf dem Fond des nchtlichen Issakijdoms, reckte
sich -- aus der grnen Wirrnis -- immer derselbe Granitblock, immer
derselbe geheimnisvolle Reiter hielt dort in der schweren, grnenden Hand
seinen kupfernen Lorbeerkranz hoch ber die Newa; unter den weit
ausschlagenden Vorderhufen des Rosses stand schlummernd ein alter Grenadier
mit buschigem Helm auf dem Kopf.

Ein leicht wogender Halbschatten bedeckte des Reiters Angesicht, und die
Einheit des metallenen Antlitzes verlor sich im Doppelsinn des Ausdrucks;
die metallene Hand schnitt in die trkisblaue Luft ein.

Von jener schicksalsschwangeren Zeit, als der metallene Reiter an die Ufer
der Newa herangesprengt kam, von jener, mit kommenden Tagen schwangeren
Zeit, als er sein Ro auf das graue, finnische Granit warf -- von da ab --
spaltete sich Ruland; es spalteten sich auch die Schicksale des
Vaterlandes; diesen Ri trug Ruland leidend und weinend, trug und trgt
ihn bis zur heutigen Stunde . . .

Du, Ruland, bist wie ein Ro! Ins Dunkel, in die Leere schlgst du mit den
Vorderhufen aus; und fest verankert im Granit sitzen deine Hinterbeine.

Willst auch du dich von dem haltenden Stein lsen, wie sich manche deiner
wahnsinnigen Shne vom Boden lsten -- willst auch du dich lsen von dem
haltenden Stein, um zaumlos in der Luft hngenzubleiben, um dann in das
undurchdringliche Wasserchaos zu strzen? Oder whnst du, durch die Lfte,
Nebel zerreiend, mitsamt deinen Shnen in die Wolken zu tauchen? Oder,
Ruland, bist du nur aufgebumt, in Sinnen versunken ber das grausige
Schicksal, das dich hierher verschlug -- in diesen Norden, wo selbst die
Sonne zgernd stundenlang nicht unterzugehen vermag; wo die Zeit fiebernd,
bald in frostiger Nacht, bald im tagelichten Schimmer sich dehnt? Oder
willst du, dich vor dem Sprunge frchtend, deine Hufe dem Boden nhern und
wiehernd deinen groen Reiter aus den trgenden Landen zurck in die Tiefen
der Ebenen tragen?

Mge es nicht geschehen! . . .

Einmal hoch aufgebumt, die Lfte mit dem Blick messend, wird das kupferne
Ro nicht die Hufe senken: ein Sprung wird es sein in die Geschichte, ein
Brausen, ein mchtiges, wird es geben; spalten wird sich der Boden; die
Berge selbst werden strzen von dem Sprung; und die geliebten Ebenen werden
hckerig werden; dann werden sich Nishnij Nowgorod und Wladimir und
Uglitsch erheben . . .

Du aber, Petersburg, wirst sinken.

Alle Vlker werden dann ihre Pltze verlassen; einen groen Streit wird es
geben, einen Streit, wie ihn die Welt noch niemals gesehen: die gelben
Horden aus Asien, ihre festangesessenen Pltze verlassend, werden die
europischen Fluren mit Ozeanen von Blut berstrmen; es wird, es wird --
ein Zusima geben! Es wird -- eine neue Kalkschlacht geben! . . .

Schlachtfeld von Kulikowo -- ich harre deiner!

Aufgehen wird dann die letzte Sonne auch ber meinem geliebten Land. Wenn
du, o Sonne, nicht aufgehst, dann versinken, o Sonne, unter den schweren
mongolischen Fersen die europischen Ufer, und weie Gischt wird diese Ufer
bespritzen, die Erdgeborenen werden wieder auf des Ozeans Grund sinken --
in das ureigene, in das lngst vergessene Chaos . . .

Geh auf, o Sonne!

Geh auf!

                                * * *

Ein trkisblauer Durchblick glitt am Himmel hin; ihm entgegen flog durch
die Wolken ein brennender Phosphorfleck, der sich pltzlich in die
helleuchtende Mondscheibe wandelte; fr einen Augenblick entflammte alles
rundum: Wasser, Rinnsteine, Granit, die zwei Gttinnen ber dem Viadukt,
das Dach des vierstckigen Hauses; hell blinkte die Kuppel des Issakijdoms;
entflammt waren auch -- des Reiters Angesicht und der Kupferlorbeerkranz;
allmhlich erloschen die Lichter der Inseln, und das zweideutige Fahrzeug
inmitten der Newa erwies sich als ein einfacher Schoner; ein heller Punkt
leuchtete funkelnd von der kleinen Kapitnsbrcke: vielleicht das
Lichtsignal des rotnasigen Bootsmanns mit der hollndischen Mtze,
vielleicht die helle Laterne des wachthabenden Matrosen.

Einem Ruwlkchen gleich, lste sich der Halbschatten vom kupfernen Reiter,
und schwrzer zeichneten sich auf den Steinen des Pflasters der
buschhaarige Grenadier und der Reiter.

Die Schicksale der Menschen sah Alexander Iwanowitsch pltzlich von hellem
Licht durchleuchtet: er vermochte klar zu erblicken, was einmal sein wird;
er vermochte es jetzt zu erfahren, was nie geschehen kann: alles war
deutlich; das Schicksal schien sichtbar geworden zu sein; doch in sein
_eigenes_ Schicksal zu blicken, davor bangte es ihm; erschttert,
ergriffen, sehnsuchterfllt stand er davor.

Und -- der Mond bohrte sich in eine Wolke hinein . . .

Wild jagend flogen die Flockenarme der Wolken dahin; neblige
Hexenhaarstrhnen durchzogen die Hhe; und zweideutig tanzte dazwischen ein
brennender Phosphorfleck . . .

Pltzlich -- ein betubendes Brllen: vom Viadukt her gegen den Newastrom
raste, mit riesigen Scheinwerfern blendend, petroleumkeuchend, ein Auto;
Alexander Iwanowitsch erblickte noch die gelben Mongolengesichter; dann
verlieen ihn die Krfte. Er fiel pltzlich zu Boden, und zu seinen Fen
rollte seine durchnte Mtze, whrend er hinter seinem Rcken ein einem
Wehklagen hnliches Lispeln vernahm:

Herr Jesus Christus! Steh uns bei!

Alexander Iwanowitsch wandte sich und gewahrte, da es der Grenadier war.

Herrgott, was war das?

Ein Auto: hohe japanische Gste . . .

Das Auto aber war nicht mehr zu sehen.


Stjopka

Hinter Petersburg, von Kolpino ab, luft in Windungen die verlassene
Strae: diese Gegend -- es gibt keine schrecklichere Gegend! Nherst du
dich Petersburg morgens oder blickst beim Erwachen aus dem Fenster: -- tot;
keine einzige Seele, kein Dorf; es ist, als wre das Menschengeschlecht
ausgestorben und die Erde selbst -- ein toter Krper.

Vielschlotiges, vielrauchiges Kolpino.

Von Kolpino gegen Petersburg luft also diese sich windende Strae; sie
schlngelt sich einem grauen Bande gleich; ihr Rand ist von Schotter und
Telegraphenpfhlen eingefat. Mit einem Bndel am Stock ber der Schulter
wanderte dort ein Arbeitsbursche dahin; wurde aus irgendeinem Grund
fortgejagt; jetzt zog er auf seinem eigenen Rappen in der Richtung gegen
Petersburg; um ihn herum borstete sich das gelbe Schilf; tot lagen die
Steine am Wege; zuweilen flogen Schlagbume auf und nieder, die
Telegraphendrhte summten, anfangs und endlos. Der Arbeitsbursche war der
Sohn eines verarmten Krmers; sein Name war Stjopka; kaum einen Monat hatte
er in der Fabrik gearbeitet, nun ging er nach Petersburg.

Vielstckige Mauerriesen kauerten zwischen den Fabrikschloten, da und dort,
dort und hier; am Himmel war keine einzige Wolke zu sehen, und der Horizont
schien wie ein schmieriger Rustreifen; und diesen Ru atmeten dorten
anderthalb Millionen Einwohner.

All das sah mein Stjopka, doch aus all dem machte er sich wenig; auf einen
Schotterhaufen sich niederkauernd, a er ein Stck von seinem Brot. Und
weiter ging's: gegen Petersburg; gegen Petersburg, das giftige,
rubedeckte.

Am Abend dieses Tages ffnete sich die Tr der Hausmeisterwohnung; der
Hausmeister Matweij Morschow sa gerade im Zimmer und las den
Brsenkurier; die korpulente Hausmeisterin (sie litt immer an den Ohren)
hatte einen Berg von Kissen auf dem Tische liegen und war eifrig bemht,
mit Hilfe russischen Terpentinls die Wanzen aus denselben zu vertilgen;
ein scharfer, tzender Geruch erfllte die Hausmeisterwohnung.

In diesem Augenblick ging quiekend die Tr auf; auf der Schwelle stand
unsicher Stjopka (der Hausmeister Matweij Morschow auf der
Wassiljewskij-Insel war sein einziger Landsmann in Petersburg; es war daher
begreiflich, da Stjopka ihn aufsuchte).

Am Abend erschien auf dem Tische eine Wodkaflasche; es erschienen auch
Sauergurken; es erschien auch Bemertny, der Schuhmacher, mit seiner
Gitarre. Die Wodka lehnte Stjopka ab: um so mehr tranken der Hausmeister
Matweij Morschow und Bemertny, der Schuhmacher.

Hr' nur mal . . . hr' nur mal, was der Landsmann da alles erzhlt,
sprach schmunzelnd Morschow.

Das kommt alles davon, weil sie nicht den gehrigen Verstand haben,
zuckte der Schuster Bemertny die Achseln; er berhrte die Saite mit dem
Finger, und es ertnte: bim, bim. Stjopka aber erzhlte immer wieder von
demselben: was sich in ihrem Dorfe fr besondere Menschen eingefunden
hatten, was diese besonderen Menschen ber dies und jenes fr Ansichten
besaen, wie sie im Dorfe des Kindleins Geburt, das heit die Freiheit,
verkndeten: o, die allgemeine Freiheit.

Das kommt alles davon, weil sie nicht den gehrigen Verstand haben; sie
haben nicht den gehrigen Verstand: und niemand hat ihn.

Der Schuster berhrte wieder die Saiten, und es ertnte: bim, bim. Er sang
dabei.

Stjopka erwiderte zuerst nichts; dann sang auch er ein Liedchen.

Wer aufmerksam gehorcht hatte, war der junge Herr, der oben die Mansarde
bewohnte und zufllig in die Hausmeisterwohnung hereingetreten war; er
fragte Stjopka ber die von ihm erwhnten besonderen Menschen: was diese
von dem Untergang der Welt prophezeiten und von der Zeit, in welcher dies
geschehen werde; noch genauer erkundigte er sich ber den fremden Herrn,
der ins Dorf gekommen war. Mager war der Herr, litt, wie es schien, und
trank auch zuweilen gern ein Glschen; so da Stjopka ihm fters zugeredet
hatte:

Herr, Sie sind krnklich; der Tabak und die Wodka ist fr Sie der Tod;
auch ich frnte frher diesem Laster, ich trank: dann aber gab ich ein
Gelbde . . . Vom Tabak und der Wodka ist alles Bse gekommen; ich wei
auch, wer das Volk mit Wodka vergiftet: der Japaner.

Woher weit du das alles?

Von der Wodka? Erstens sagt es selbst Graf Lew Nikolajewitsch Tolstoi --
haben Sie sein Bchelchen >Der erste Brantweinbrenner< gelesen? -- Dasselbe
sagten aber auch die Leute im Dorf, die besonderen.

Und das mit den Japanern?

Von den Japanern -- das wei man schon: das wissen alle. Erinnern Sie sich
noch an den Sturm, der in Moskau wtete; damals haben die Leute auch dies
und jenes gesprochen; es sollen die Seelen der Erschlagenen gewesen sein:
sie seien vom Jenseits, hie es, ber Moskau gezogen, denn sie waren ohne
kirchlichen Segen von dannen gegangen. Und noch weiter hie es: es bedeute
einen Aufruhr, der in Moskau ausbrechen wrde.

Und was wird mit Petersburg geschehen?

Was da geschehen wird: Die Chinesen errichten hier einen Gtzentempel!

Der junge Herr lud dann Stjopka zu sich in die Mansarde ein: die Wohnung
des jungen Herrn war nicht hbsch, es bangte ihn, allein drinnen zu sitzen,
da nahm er Stjopka zu sich hinauf und lie ihn bei sich schlafen.

Er nahm ihn also mit nach oben, lie ihn vor sich Platz nehmen, holte aus
dem Koffer ein zerrissenes Schriftstck und las es Stjopka vor: Eure
politischen berzeugungen sind mir klar und deutlich: es ist immer derselbe
Teufelsspuk, immer dieselbe finstere Nacht; ihr glaubt mir nicht, aber ich
wei es schon zur Genge: ich wei, da ihr es in Blde erfahren werdet,
wie es viele bald erfahren werden . . . Ich aber werde aus den unreinen
Krallen befreit.

Es naht eine groe Zeit: denkt daran, schreibt es euch auf, und sagt es
euren Nachkommen . . .

Stjopka zog mit der Nase laut die Luft ein, der junge Herr las noch lange
das Schriftstck . . .

So ist es -- so, so. Und wer hat das geschrieben?

Der ist im Auslande, verbannt ist er.

So--o . . .

                                * * *

Und was wird in der Zukunft geschehen, Stjopka?

Ich hrte: vor allem wird es ein Morden geben, dann kommt eine allgemeine
Unzufriedenheit; dann wieder kommen Seuchen, Hunger; nun, und dann, sagen
gelehrte Leute, wird es Unruhen geben: der Chinese wird sich gegen sich
selbst erheben; die Mohammedaner -- auch sie werden sich rhren, aber
daraus wird nichts . . .

Na, und weiter?

Was weiter? Da hast du, Herr, eine Prophezeiung: wir mssen eine Arche
Noah bauen!

Wie bauen?

Wir werden sie schon bauen: Sie sagen es mir, ich sag' es Ihnen -- wir
werden es uns zuflstern.

Was werden wir uns zuflstern?

Aber das eben, immer dasselbe: vom zweiten Erscheinen Christi.

Genug: das alles ist . . .

                                * * *

Komm hernieder, Jesus Christus!

Ende des zweiten Kapitels.




Drittes Kapitel


Die Feier

Es hie an einer sehr hohen Stelle zu erscheinen; das Erscheinen sollte
sich gestalten, d. h. -- es gestaltete sich hochfeierlich.

Aus diesem Anla fanden sich auerordentliche Persnlichkeiten mit
auerordentlich ernsten Gesichtern, in goldgestickten Uniformen, an
besagter Stelle ein.

Es war ein Tag des Auerordentlichen. Dieser Tag war natrlich hell. In den
frhesten Stunden schon funkelte am Himmel die Sonne: und alles funkelte,
was nur zu funkeln vermochte: die Petersburger Dcher, die Petersburger
Spitzen, die Petersburger Kuppeln.

In der Ferne fielen Kanonenschsse.

Htten Sie Mue genug, um einen Blick auf jene wichtige Stelle zu werfen,
Sie htten nur Lack, nur Glanz gesehen: Glanz lag auf den Spiegelscheiben;
und selbstverstndlich -- hinter den Spiegelscheiben; Glanz waren die
Sulen; Glanz das Parkett; vor der Einfahrt ebenfalls Glanz; kurz: Lack,
Schimmern und Glanz!

Es war ein Tag des Auerordentlichen; und er sollte natrlich in Glanz
vergehen; und -- er verging natrlich in Glanz.

Vom frhen Morgen schon war jede Dunkelheit gewichen, und es war ein
Leuchten, heller als das der Elektrizitt, ein Leuchten des Tages; in
dieser Helligkeit funkelte alles, was zu funkeln vermochte: die
Petersburger Dcher, die Petersburger Spitzen, die Petersburger Kuppeln.

In der Mittagssonne donnerten Kanonenschsse.

An diesem auerordentlichen, leuchtenden Morgen sprang aus dem Bett mit
blendend weien Bettlaken, im blendenden Schlafzimmer, ein kleines weies
Figrchen; dieses Figrchen erinnerte, wei Gott weshalb, an einen
Zirkusreiter. Nach einer heiligen Tradition alter Zeiten begann dieses
Figrchen durch schwedische Gymnastik seinen Krper zu strken; es streckte
die Arme und Beine und machte zwlf (und mehr) Kniebeugen. Nach dieser
ntzlichen bung rieb das Figrchen den nackten Schdel und die Hnde mit
Eau de Cologne.

Weiter, nachdem Schdel, Hnde, Ohren und Hals mit kaltem Wasser erfrischt
waren und der Kaffee, fr den auerordentlichen Tag ins Schlafzimmer
gebracht, eingenommen war, warf sich Apollon Apollonowitsch Ableuchow (wie
die anderen hochgestellten Greise an diesem Tag) in das gestrkte Linnen;
er steckte durch die ffnung des panzerartigen Hemdes zwei berraschend
groe Ohren und den lackglnzenden Schdel. Dann holte Apollon
Apollonowitsch Ableuchow aus dem Schrank die rotlackierten Schchtelchen,
unter deren Deckel, in weichem Samt gebettet, seltene, kostbare Orden
lagen. Wie den anderen hochgestellten Greisen, wurde auch ihm eine
glnzende Uniform mit vergoldeter Brust gereicht; dazu eine Hose aus weiem
Tuch, ein Paar weie Handschuhe, eine Schachtel von besonderer Form, eine
schwarze Sbelscheide, deren Griff mit silbernen Fransen verziert war;
unter des gelben Nagels Druck flogen alle zehn rotlackierten Deckelchen
auf, und hervorgeholt wurden: der Weie Adler mit entsprechendem Stern und
blauem Band und viele andere Orden, endlich auch die Brillantenzeichen; das
alles legte sich auf die goldgestickte Brust. Apollon Apollonowitsch stand
vor dem Spiegel, weigoldig (ganz Schimmern und Schauer!), mit der Linken
den Sbel an die Seite drckend, die Rechte mit dem pleureusengeschmckten
Dreimaster und den weien Handschuhen -- an der Brust. In dieser Schauer
einflenden Ausstattung lief Apollon Apollonowitsch den Korridor entlang.

Im Salon machte der Senator etwas verwirrt einen Augenblick halt; die
auerordentliche Blsse und das nachlssige Aussehen des Sohnes versetzten
den Senator in Erstaunen.

Nikolai Apollonowitsch erhob sich an diesem Tage ungewhnlich frh;
nebenbei gesagt, hatte Nikolai Apollonowitsch diese Nacht berhaupt nicht
geschlafen: am Abend rollte ein Wagen an das gelbe Haus heran; Nikolai
Apollonowitsch sprang aus dem Wagen und begann krftig zu luten; als ihm
der graue, goldbetrete Lakai aufgemacht hatte, lief Nikolai
Apollonowitsch, ohne den weiten Mantel abgenommen zu haben, die leere
Zimmerflucht entlang und sperrte sich in seinem Zimmer ein. Bald darauf
begannen vor dem gelben Hause unbekannte Schatten zu spazieren. Nikolai
Apollonowitsch wanderte in seinem Zimmer auf und ab; um zwei Uhr in der
Nacht, dann um halb drei, selbst um vier hrte man noch immer seine
Schritte.

Ungewaschen und bernchtig, sa Nikolai Apollonowitsch im bunten
Schlafrock dster vor dem Kamin. Apollon Apollonowitsch, ganz Schimmer und
Schauer, blieb unwillkrlich stehen, und auf dem glatten Parkett spiegelte
sich sein Glanz; er stand vor einem Trumeau, umgeben von pausbackigen
Putten; seine Finger trommelten leise auf der Inkrustation eines
Tischchens. Nikolai Apollonowitsch sprang, pltzlich wie zu sich gekommen,
auf, wandte sich um und schlo unwillkrlich die Augen: auch ihn blendete
der weigoldene Greis.

Der weigoldene Greis war ihm Vater; doch versprte Nikolai Apollonowitsch
in diesem Augenblick nicht die geringsten verwandtschaftlichen Gefhle; er
empfand im Gegenteil etwas ganz anderes, dasselbe vielleicht, was er schon
in seinem Zimmer empfunden hatte; in seinem Zimmer bte nmlich Nikolai
Apollonowitsch terroristische Akte an sich selbst: -- Nummer eins bte
terroristische Akte an Nummer zwei, der Sozialist an dem Edelmann, der Tote
an dem Verliebten; in seinem Zimmer verfluchte Nikolai Apollonowitsch sein
irdisches Wesen, und da er das Ebenbild seines Vaters war, verfluchte er
denselben logischerweise. Es war klar, da seine Gotthnlichkeit ihn dazu
bewog, seinen Vater zu hassen; liebte aber sein _irdisches_ Wesen dennoch
den Vater? Dies wrde Nikolai Apollonowitsch sich kaum gestanden haben.
Lieben? . . . Ich wei nicht, ob dieses Wort hier am Platz ist; Nikolai
Apollonowitsch kannte seinen Vater gewissermaen mit den eigenen Sinnen,
kannte ihn bis zu den verborgensten Seelenwindungen, bis zum Beben der
unaussprechlichen Gefhle; noch mehr: er glich, seinen Sinnen nach, dem
Vater vollstndig; am meisten wunderte es ihn, da er psychisch nicht
wute, wo er selbst aufhrte und wo in ihm der Geist des Senators begann,
des Trgers jenes funkelnden Brillantenordens unter anderen, die jetzt
schimmerten auf der goldgestickten Brust. Er stellte sich im Augenblick vor
(vielmehr er fhlte sich selbst in dieser prunkvollen Uniform): was htte
er empfunden, angesichts eines solchen unrasierten Kumpans im bunten
bucharischen Schlafrock wie er? Es mute ihm als Verletzung des guten Tones
erscheinen. Nikolai Apollonowitsch begriff, da er Ekel empfunden htte,
da diesen Ekel jetzt sein Vater empfand. Er begriff auch, da es ein
Gemisch von Ha und Scham war, das ihn bewogen hatte, vor dem weigoldenen
Greis emporzuspringen:

Guten Morgen, Vater.

Der Senator aber fuhr fort, mit den Sinnen, instinktiv vielleicht, in dem
Sohne das zu sehen, was ihm selbst nicht uneigen war; seinerseits dachte er
sich absichtlich im Neglig, den Sohn dagegen als Karrieristen und
Emporkmmling ganz weigolden vor ihn tretend, und -- er zwinkerte
ngstlich mit den Augen und erwiderte mit uerst bertriebener Naivitt,
lustig und besonders familir:

Guten Tag.

Der Trger der Brillantenzeichen schien seine eigene Endentwicklung in der
Psychik des Sohnes nicht zu erkennen. In beiden war die Psychik zu sehr
durch Logik verdrngt. Ihre Psychik erschien ihnen als Chaos, aus dem nur
berraschungen hervorgingen: wenn sie sich aber psychisch berhrten, so
waren sie wie zwei gegeneinander gerichtete, in einen Abgrund fhrende
Luftlcher, und vom Abgrund zum Abgrund lief ein hchst unangenehmer
Luftzug; diesen Luftzug versprten jetzt beide; und die Gedanken der beiden
mischten sich, so da der Sohn sicher die Gedanken des Vaters htte
weiterdenken knnen.

Beide lieen die Augen sinken.

Die undefinierbare Empfindung des Verwandtseins glich am allerwenigsten der
Liebe; wenigstens kannte das Bewutsein Nikolai Apollonowitschs diese Liebe
nicht. Dieses undefinierbare Verwandtsein empfand er als schmachvollen
physiologischen Akt; in diesem Augenblick wrde er das Hervortreten
verwandtschaftlicher Gefhle als eine natrliche Absonderung seines
Organismus betrachtet haben: Absonderungen dieser Art aber pflegt man weder
zu lieben noch zu hassen: man ekelt sich einfach vor ihnen.

Ein kraftloser Froschausdruck erschien auf seinem Gesichte.

Sie sind heute in Gala?

Finger berhrten Finger und sprangen zurck. Apollon Apollonowitsch wollte,
schien es, den Grund seiner feierlichen Ausstattung erklren; auch wollte
er nach der Ursache der unnatrlichen Blsse des Sohnes fragen wie seines
Erscheinens in so ungewohnter Stunde. Die angefangenen Worte blieben ihm
jedoch in der Kehle stecken und gingen in ein Husten ber. In diesem
Augenblick meldete der eintretende Diener, da der Wagen warte. Gleichsam
erfreut winkte Apollon Apollonowitsch dankbar dem Lakai zu:

So--o, schn.

Apollon Apollonowitsch, ganz Schauer und Glanz, rauschte an seinem Sohn
vorbei; bald verklangen seine Schritte in der Ferne. --

Nikolai Apollonowitsch sphte seinem Vater nach; auf seinem bernchtigen
Gesichte erschien wieder ein Lcheln: der Abgrund hatte sich vom Abgrund
abgewandt; der Luftzug wehte nicht mehr. Nikolai Apollonowitsch Ableuchow
dachte an das letzte Zirkular des Apollon Apollonowitsch, das im
vollstndigen Gegensatz zu seinen eigenen Plnen stand; Nikolai
Apollonowitsch kam zu dem Schlu, da sein Vater, Apollon Apollonowitsch,
ganz einfach -- ein ausgemachter Schuft war.


Auf dem Meeting

Nach dem nakalten Schmutz der ersten Oktobertage badeten eines Tages die
Petersburger Dcher, die Petersburger Spitzen, die Petersburger Kuppeln im
blendenden Glanz der Oktobersonne. Engel Peri blieb an diesem Tag allein;
der Gatte war abwesend; er verwaltete -- irgendwo dort -- den Proviant; der
unfrisierte Engel schwebte in seinem rosa Kimono zwischen den Vasen mit
Chrysanthemen und dem Berg Fujiyama. Die Falten des Kimonos flatterten wie
Atlasflgel, und der besagte Engel bi unter der Hypnose eines Gedankens
bald sein Taschentchlein, bald das Ende des schwarzen Zopfes. Nikolai
Apollonowitsch blieb natrlich nach wie vor der schuftigste Schuft, aber
auch der Zeitungsreporter Neintelpfein -- so einer! -- war auch -- ein
Vieh. Die Gefhle des Engels waren bis zum uersten aufgewhlt.

Um ein wenig die aufgewhlten Gefhle ins Gleichgewicht zu balancieren,
kauerte sich Engel Peri mit untergeschlagenen Beinen auf ihre Chaiselongue
hin und schlug das Bchlein von: Henri Besanon Der Mensch und sein
Krper auf. Dieses Bchlein hatte Engel Peri schon des fteren
aufgeschlagen, aber . . . (und noch einmal aber): das Bchlein fiel ihr
jedesmal aus den Hnden, die Augen schlossen sich im Nu, im kleinen Nschen
entstand ein strmisches Leben: es pfiff darin und schnaufte.

Nein, heute wird sie nicht einschlafen: Baronin R. R. hatte sich schon
einmal nach dem Bchlein erkundigt; als sie hrte, da es bereits gelesen
ist, fragte sie schelmisch: Na, und was meinen Sie dazu, ma chre? Aber
ma chre erwiderte gar nichts; und Baronin R. R. drohte ihr mit dem
Fingerchen: Doch nicht umsonst hatte sie auf die Titelseite des Bchleins
geschrieben: meiner devanchanischen Freundin und als Unterschrift:
Baronin R. R. -- eine irdische Hlle, doch mit buddhistischen Funken.

Aber gestatten Sie: was ist es: devanchanische Freundin, Hlle,
buddhistischer Funken? Das sollte ihr nun Henri Besanon jetzt erklren.
Und Sofja Petrowna wollte sich diesmal in ihn vertiefen; aber kaum hatte
sie das Nschen in Henri Besanon gesteckt, als die Glocke ertnte und,
einem Sturme gleich, die Kursistin Warwara Ewgrafowna ins Zimmer
hereinflog. Engel Peri hatte nicht Zeit, das kostbare Bchlein zu
verstecken und wurde bei der Tat ertappt.

Was ist das? rief streng Warwara Ewgrafowna, setzte den Zwicker auf die
Nase und beugte sich ber das Bchlein . . .

Was haben Sie da? Wer hat's Ihnen gegeben?

Die Baronin R. R.

Na, freilich . . . Und was ist das?

Henri Besanon . . .

Sie wollen sagen: Anni Besant . . . Der Mensch und sein Krper? . . . So
ein Unsinn . . .

Die blauen uglein zwinkerten ngstlich, whrend die roten Lippen sich
schmollend zusammenzogen.

Die Bourgeoisie, ihr Ende fhlend, warf sich auf die Mystik: berlassen
wir den Himmel den Spatzen, und bauen wir aus dem Reich der Notwendigkeiten
das Reich der Freiheit.

Und Warwara Ewgrafowna bergo den Engel mit sieghaftem Blick: die uglein
des Engels aber zwinkerten noch hilfloser; Engel Peri achtete Warwara
Ewgrafowna und Baronin R. R. in gleicher Weise, und nun sollte sie zwischen
ihnen whlen. Zum Glck machte Warwara Ewgrafowna aus der Sache keine
Affre; die Beine bereinandergeschlagen, wischte sie den Zwicker.

Es handelt sich um folgendes . . . Sie werden sicher auf dem Ball bei den
Zukatows sein . . .

Ja, erwiderte schuldbewut der Engel.

Es handelt sich also darum: auf diesem Ball wird, wie ich erfahren habe,
auch unser gemeinsamer Bekannter sein: Ableuchow.

Der Engel errtete.

Nun also, Sie bergeben ihm hier diesen Brief. -- Warwara Ewgrafowna
streckte dem Engel ein Kuvert entgegen.

bergeben Sie ihn, weiter nichts: werden Sie es tun?

Ich werde . . . ich werde ihn bergeben.

Schn also. Ich habe augenblicklich leider wenig Zeit, ich mu zu einem
Meeting . . .

Liebste Warwara Ewgrafowna, nehmen Sie mich mit.

Aber frchten Sie sich denn nicht? Es kann zu einer Schlgerei kommen.

Nein, Liebste, nehmen Sie mich mit.

Dann bitte, kommen Sie. Aber Sie werden erst noch Toilette machen mssen,
sich pudern und so weiter . . . Machen Sie es rasch . . .

                                * * *

Da sie ihn morgen auf dem Ball bei Zukatows sehen, mit ihm sprechen, ihm
den Brief hier bergeben wird -- all das war bengstigend und schmerzhaft:
Schicksalschweres lag darin -- nein, nicht denken, nicht denken!

Eine trotzige, schwarze Haarstrhne fiel auf den Nacken.

Ja, der Brief. Auf dem Brief stand deutlich zu lesen: An Nikolai
Apollonowitsch Ableuchow. Sonderbar war nur dies: diese Schrift war die
Schrift Lipantschenkos . . .

Welcher Unsinn!

Nun ist sie schon in ihrem Wollkleid, das am Rcken geknpft war.

Also gehen wir, gehen wir . . . brigens, dieser Brief . . . von wem ist
er? . . .

?

Ach so, dann nicht, nicht: ich bin fertig.

Warum wollte sie durchaus zum Meeting? Um unterwegs auszufragen,
auszuforschen?

Wonach aber forschen?

Beim Tor stieen sie auf den Kleinrussen Lipantschenko.

So, so, wohin?

Sofja Petrowna winkte gergert mit der Hand und mit dem Plschmuff.

Ich gehe zum Meeting, zum Meeting.

Der schlaue Kleinrusse aber gab nicht nach.

Schn, ich gehe mit Ihnen.

Warwara Ewgrafowna errtete, blieb stehen: sie starrte den Kleinrussen an.

Ich glaube, ich kenne Sie: Sie wohnen im Zimmer bei . . .

Der schamlose Kleinrusse geriet hierber in grte Verwirrung: begann zu
schnaufen, trat zurck, lftete verwirrt seine Mtze und ging fort.

Wer ist, bitte, dieses unangenehme Subjekt?

Lipantschenko.

Das stimmt nicht. Nicht Lipantschenko, sondern ein Grieche aus Odessa:
Mawrokordato; er kommt fters ins Zimmer, das hinter meiner Wand ist: ich
rate Ihnen nicht, ihn zu empfangen.

Doch Sofja Petrowna hrte nicht zu. Mawrokordato, Lipantschenko -- das war
ganz gleich . . . Der Brief nur, der Brief . . .

                                * * *


Edel, schlank und bla! . . .

Sie gingen ber die Moikastrae.

Links von ihnen bebte das letzte Gold der Baumbltter; trte man nher, man
wrde die Meisen hpfen sehen; aus dem Garten aber zog sich, resigniert am
Boden liegend, bis zu den Steinfliesen hin, ein knisternder Faden, der sich
vor den Fen des Fugngers wirbelte, sich an seine Fe hngte und
flsternd gelbrote Worte aus Blttern flocht.

Uuuu -- uuuu -- uuuu?

Haben Sie gehrt?

Was denn?

                                * * *

Pltzlich tauchte auf dem feuerroten Fond eine Silhouette auf: Flgeln
gleich flatterte im Winde der weite graue Mantel; im Wachsgesicht mit den
vorstehenden Lippen ein nachlssiger Ausdruck; die Augen schienen nach
irgend etwas in den blulichen Newafernen zu suchen, fanden es aber nicht
und glitten ber alles Nahe hinweg: so sah er weder Sofja Petrowna noch
Warwara Ewgrafowna: die Augen sahen nur die Tiefe, das grnliche Blau. Vor
der Silhouette aber lief keuchend die tigerartig gestreifte Bulldogge, die
silberne Reitpeitsche des Herrn in den Zhnen.

An die beiden nher herangekommen, blinzelte Ableuchow, zu sich kommend,
mit den Augen und berhrte grend seine Mtze; er sagte nichts und ging
weiter: dorthin, wo im Feuerrot die Huser badeten.

Sofja Petrowna, mit schielenden Augen, verbarg ihr Gesichtchen in den Muff
und nickte unbeholfen seitlich mit dem Kopfe, nicht ihm, sondern der
Bulldogge zu. Warwara Ewgrafowna aber blieb mit starrem Blick an ihm
hngen.

Ableuchow --

Ja . . . ich glaube.

Nach dieser bejahenden Antwort (sie selbst war kurzsichtig) murmelte
Warwara Ewgrafowna erregt vor sich hin:

   Edel, schlank und bla,
   Wie Flachs der blonde Schopf;
   Reich an Geist und arm an Herz:
   N. A. A. -- Kennt ihr diesen Kopf?

Sofja Petrowna wandte sich pltzlich unerwartet fr sie selbst um und sah,
wie dort in der Ferne in den letzten grellroten Strahlen der Newasonne, ihr
zugewandt, Nikolai Apollonowitsch stand; seltsam vornbergebeugt, das
Gesicht in den Kragen vergraben, stand er und lchelte, wie es ihr schien,
in unangenehmster Weise; er gab eine hchst komische Figur ab: in seinen
weiten Mantel gehllt, sah er bucklig und wie seiner Arme beraubt aus; vor
diesem Anblick wandte sie eilig ihr Kpfchen ab.

Lange noch stand er, gekrmmt, unangenehm lchelnd und machte auf dem
feuerroten Fond der untergehenden Sonne eine recht komische Figur. Doch
nicht sie sah er: bei seinen kurzsichtigen Augen konnte er die sich
entfernenden, kleinen Gestalten kaum sehen; er lachte vor sich hin und
blickte weit, weit, wo die Linien der Inseln sich tief senkten.

Sie aber -- weinen wollte sie: sie wnschte, ihr Gatte, Ssergeij
Ssergeijewitsch Lichutin htte sich dem Schuft genhert, ihm mit seiner
sehnigen Faust ins Gesicht geschlagen und ihm seine ehrliche
Offiziersmeinung gesagt.

Die untergehende Sonne schleuderte ihre herzlosen Strahlen direkt vom
Horizont; ber ihm wiegte sich die Unermelichkeit der rosa schimmernden
Luftwellen; noch hher lagen die soeben noch weien, jetzt rosigen Wlkchen
in von Perlmutter durchzogenem Trkisblau; bald werden die
Perlmutterstreifen die zarten Durchblicke im Trkisblau erlschen; ergieen
wird sich das dunkle, schwere Blau, die blaugrne Tiefe, auf die Huser,
auf den Granit, auf die Wasser.

Einen Sonnenuntergang aber wird es nicht mehr geben.


Comt! -- Comt! -- Comt!

Der Lakai trug die Suppe auf. Vor den Teller des Senators hatte er schon
vorher eine Pfefferschale hingestellt.

Apollon Apollonowitsch in seinem kurzen grauen Sakko zeigte sich in der
Tr; rasch nahm er seinen Platz ein, und der Lakai hob den Deckel der
dampfenden Suppenschssel.

Dann ging die Tr links auf; Nikolai Apollonowitsch in hochgeknpftem
Studentenrock sprang rasch ins Zimmer.

Beide richteten die Blicke aufeinander, und beide wurden verlegen (sie
wurden immer verlegen).

Nikolai Apollonowitsch stolperte am Tischbein.

Apollon Apollonowitsch reichte dem Sohne seine wulstigen Lippen; an diese
wulstigen Lippen drckte Nikolai Apollonowitsch seine zwei Lippen; die
Lippen berhrten einander; und zwei Finger schttelten eine schwitzende
Hand.

Guten Abend, Vater!

Guten Abend!

Apollon Apollonowitsch setzte sich. Apollon Apollonowitsch ergriff die
Pfefferschale und pfefferte wie gewhnlich seine Suppe zu stark.

Aus der Universitt? . . .

Nein, vom Spaziergang . . .

Und ein Froschausdruck legte sich um den Mund des ehrerbietigen Sohnes; wir
betrachteten sein Gesicht mit all den mannigfachen Grimassen, mit dem
Lcheln und den Mienen der Hflichkeit, die der Fluch Nikolai
Apollonowitschs war, wenn auch nur deswegen, da von der _griechischen
Maske_ dann nicht eine Spur zurckblieb; dieses Lcheln, die Grimassen und
die einfachen Gesten der Hflichkeit schumten wie eine ununterbrochene
Kaskade vor dem hpfenden Blick des zerstreuten Vaters. Die Hand, die den
Lffel hielt, zitterte sichtlich, und die Suppe lief daneben.

Aus dem Amt, Vater?

Nein, vom Minister . . .

                                * * *

Oben sahen wir, wie Apollon Apollonowitsch in seinem Arbeitszimmer sitzend,
zu der berzeugung gelangte, da sein Sohn ein ausgemachter Schuft sei: so
pflegte der achtundsechzigjhrige Vater tglich einen zwar nur mit den
Gedanken erfabaren, aber doch terroristischen Akt an seinem eigenen Blute
und seinem Fleische zu begehen.

Doch das waren abstrakte, durch gedankliche Arbeit gezogene Schlsse, die
nicht einmal in den Korridor, geschweige in das Speisezimmer aus dem
Privatraum getragen wurden.

Wnschest du Pfeffer, Kolenka?

Ich mchte um das Salz bitten, Vater . . .

Apollon Apollonowitsch blickte seinen Sohn an, das heit, er hpfte mit den
Augen ber die Gestalt des grimassierenden jungen Philosophen und er gab
sich in dieser Stunde, der Tradition gehorchend, einer Aufwallung von
Vterlichkeit hin.

. . . Und ich gebrauche gern Pfeffer: es schmeckt besser gepfeffert
. . .

Nikolai Apollonowitsch, die Augen auf den Teller gerichtet, war bemht, die
aufdringlichen Assoziationen aus seinem Gedchtnis zu jagen: den
Sonnenuntergang an der Newa, die Unaussprechlichkeit der rosaschimmernden
Wellen, den zarten Perlmutterglanz, die blaugrne Tiefe; und auf dem Fond
des zartesten Perlmutterschimmers . . .

So--o! . . .

So--o! . . .

Sch--n . . .

So unterhielt Apollon Apollonowitsch seinen Sohn (oder vielmehr sich
selber).

Schwer lastete das Schweigen ber dem Tische. Aber dieses Schweigen strte
den suppespeisenden Vater gar nicht (das Schweigen pflegt alte Leute nicht
zu stren, wohl aber die nervse Jugend). . . Der Sohn aber empfand im
Suchen nach einem Gesprchsthema regelrechte Qual.

Fr ihn selbst unerwartet, platzte er heraus:

Und ich . . .

Wie? Was?

Nein . . . so . . . nichts . . .

ber dem Tische hing schwer das Schweigen.

Nikolai Apollonowitsch platzte wiederum unerwartet fr sich heraus.

Und ich . . .

Die Fortsetzung zu diesem herausgeplatzten Und ich fand er noch immer
nicht.

Was soll ich nur zu diesem >Und ich< hinzufgen? dachte er. Doch rein
nichts fiel ihm ein.

Apollon Apollonowitsch, beunruhigt durch die sinnlose Wortverwirrung des
Sohnes, sah ihn indessen fragend, streng und kaprizis an, erbost ber das
Gestammel . . .

Aber gestatte: Was meinst du?

Und ich . . . las in der >Theorie der Erfahrung< von Cohen . . . Wieder
hielt er stockend inne . . .

Also was ist das fr ein Buch, Kolenka?

In der Ansprache bewahrte Apollon Apollonowitsch seinem Sohne gegenber die
Tradition von dessen Kindheit: und der _vollendete Schuft_ wurde _Kolenka,
Shnchen, Liebling_ genannt . . .

Cohen ist der bedeutendste Vertreter der europischen Kantianer.

Erlaube -- Comtianer?

Kantianer, Vater . . .

Aber Kant ist ja nicht wissenschaftlich . . . -- Comt ist es, der nicht
wissenschaftlich ist . . .

                                * * *

Apollon Apollonowitsch, mde und ein wenig unglcklich, rieb sich langsam
mit dem kalten Fustchen die Augen und wiederholte zerstreut:

Comt . . . Comt . . . Comt . . .

Apollon Apollonowitsch dachte, da sein Gehirn die letzte Woche wieder
unter heftigem Blutandrang, verursacht durch starkes Hervortreten der
Hmorrhoiden, litt; sein Schdel fiel schwer gegen die dunkle Stuhllehne;
die blauen Augen starrten fragend vor sich hin.

Comt . . . Ja: Kant . . .

Er berlegte etwas und richtete den Blick auf den Sohn:

Was ist es also fr ein Buch, Kolenka? . . .

                                * * *

Nikolai Apollonowitsch hatte aus instinktiver Schlauheit das Gesprch auf
Cohen gebracht; Cohen war ein neutrales Gesprchsthema. Dieses Thema schlo
andere Themen aus, und so wurde eine Auseinandersetzung verschoben (von Tag
zu Tag -- von Monat zu Monat). Auerdem behielt der Sohn von der Kinderzeit
die Gewohnheit, mit dem Vater lehrreiche Gesprche zu fhren: so pflegte
Nikolai Apollonowitsch, aus dem Gymnasium kommend, seinem Vater eifrig die
Einzelheiten des gallischen Krieges zu erzhlen; vergngt hatte der Vater
dem Sohne zugehrt und wohlwollend dessen Interesse am Lehrstoff zu
steigern gesucht. Auch in spteren Zeiten hat Apollon Apollonowitsch fters
seine Hand auf die Schulter seines Sohnes gelegt:

Kolenka, du solltest die _Logik_ von Mill einmal lesen: es ist dies --
weit du -- ein ntzliches Buch . . . Zwei Bnde . . . Ich habe es
seinerzeit von A bis Z gelesen . . .

Nikolai Apollonowitsch erschien am Tage darauf mit einem mchtigen Buch in
der Hand. Apollon Apollonowitsch fragte freundlich mit geheuchelter
Unabsichtlichkeit:

Was liest du da, Kolenka?

Mills Logik, Vater.

So--o, so--o . . . sehr, sehr gut.

                                * * *

Jetzt endgltig voneinander gelst, kehrten sie unbewut zu dem Alten
zurck: ihr gemeinsames Mittagessen endete oft mit einem lehrreichen
Gesprch . . .

Apollon Apollonowitsch dachte: Es mu zugegeben werden; sein Gehirnapparat
ist gut ausgearbeitet.

Und beim Dessert waren sie bis zu einer Art Freundschaft gelangt.

Beide erhoben sich, beide spazierten durch die Zimmerflucht; die weien
Schatten der griechischen Weisen huschten durch die Rume: dort, dort und
dort; die Flucht der Zimmer verdunkelte sich; weit im Salon hpfte an der
Wand ein rtlicher Schein; man vernahm das Knistern des Kaminfeuers.

So pflegten sie auch frher durch die leere Zimmerflucht zu wandern -- der
Knabe und . . . der damals noch zrtliche Vater. Etwas spter pflegte der
zrtliche Vater dem blonden Knaben kameradschaftlich die Hand auf die
Schulter zu legen; der zrtliche Vater fhrte damals den Knaben an das
Fenster, die Finger zu den Sternen hebend:

Die Sterne, Kolenka, sind weit: ber zweieinhalb Jahre sind notwendig, bis
der Strahl von dem nchsten Stern, zu uns herberkommt . . . So ist es,
mein Lieber! Einmal schrieb er ihm ein Verschen:

   Kolenka, der dumme Tropf,
   Tanzt und hpfet immer;
   Mit der Mtze auf dem Schopf
   Reitet er durchs Zimmer.

War es -- oder war es vielleicht gar nicht? . . . Nie, niemals?

Beide saen jetzt im Salon auf dem Atlassofa und sprachen, zwecklos und
gedehnt, bedeutungslose Worte. Der glattrasierte, graue alte Apollon
Apollonowitsch zeichnete sich im hpfenden Feuerschein mit seinen Ohren und
dem Sakko: mit ebendemselben Gesichtsausdruck, auf dem Fond des brennenden
Rulands, wurde er vor kurzem auf dem Titelblatt eines Straenblttchens
dargestellt.

Kommt fters zu dir, Liebling, der . . . der . . .?

Wer, Vater?

Der, wie heit er nur . . . Der junge Mann?

Der junge Mann? . . .?

Nikolai Apollonowitsch grinste pltzlich . . .

Der, den Sie neulich in meinem Zimmer trafen? Alexander Iwanowitsch Dudkin
. . . Nein, er kommt nur manchmal.

                                * * *

Wenn . . . wenn . . . es keine indiskrete Frage ist, so . . . scheint mir
. . .

Was, Vater?

                                * * *

brigens . . . wenn meine Frage sozusagen ungeschickt ist . . .

Wieso ungeschickt?

Ich meine . . . ein ganz angenehmer junger Mann: arm, wie es scheint.

Apollon Apollonowitsch sah auf die Uhr.

Ja, so . . . Es gibt viele spezielle Wissenschaftsgebiete: jedes
Spezialgebiet ist tief. Weit du, Kolenka, ich bin mde.

Apollon Apollonowitsch wollte seinen Sohn, der sich die Hnde rieb, nach
etwas fragen . . . Er blieb stehen, sah sich um, fragte aber nichts,
sondern senkte den Blick: Nikolai Apollonowitsch empfand einen Augenblick
Scham.

Mechanisch hielt Apollon Apollonowitsch dem Sohne seine wulstigen Lippen
hin; zwei Finger schttelten eine Hand.

                                * * *

Bald darauf ffnete sich die Tr des senatorischen Arbeitszimmers: mit
einer Kerze in der Hand lief Apollon Apollonowitsch in den mit nichts zu
vergleichenden Raum, um sich . . . dem Zeitungslesen zu widmen . . .

                                * * *

Nikolai Apollonowitsch trat ans Fenster.

Ein phosphoreszierender Fleck raste in wildem Tempo ber den Himmel; in
phosphoreszierendem Glanz leuchtete neblig die Newaferne, und grn
schimmerten die lautlos gleitenden Flchen; bald dort, bald da sprhte ein
goldener Funken auf; an verschiedenen Stellen des Wasserspiegels
entflammten rtliche Lichter, um sich vielleicht nach einer Sekunde im
phosphoreszierenden Nebel zu verlieren. Hinter der Newa dehnten sich die
Riesengestalten der Inseln und warfen in den Nebel mattleuchtende Blicke --
endlos, lautlos, qualvoll: es schien, als weinten sie: hher streckten sich
in wildem Rasen undeutlich gezeichnete bauschige Arme; Schar um Schar
erhoben sie sich ber den Wellen der Newa; vom Himmel aber fielen sie als
durchleuchtend phosphoreszierende Flecke. Nur an einer vom Chaos
unberhrten Stelle, wo sich am Tage die Troitzkibrcke breitete, glnzten
durchnebelte riesige Brillantennester ber einer glitzernden Schar
rundgliedriger Lichtschlangen; sich bald zusammenringelnd, bald streckend,
rasten die Schlangen als Funkenlinie nach oben; und untertauchend,
erschienen sie dann wieder als Sternfden auf dem Spiegel des Wassers.

Nikolai Apollonowitsch blickte vertrumt auf diese Fden.

In der dunklen Ferne des Korridors ertnte metallisch ein Trriegel, in der
dunklen Ferne des Korridors schimmerte Licht auf: mit der Kerze in der Hand
verlie Apollon Apollonowitsch den mit nichts zu vergleichenden Raum: ein
mausgrauer Schlafrock, graue, rasierte Backen und riesige Konturen ganz
toter Ohren zeichneten sich deutlich im tanzenden Licht und liefen aus der
Helle in die vllige Dunkelheit hinein.

                                * * *

Nikolai Apollonowitsch dachte: Es ist Zeit.

Nikolai Apollonowitsch wute, da sie zum Meeting gegangen war (dafr
brgte die Begleitung Warwara Ewgrafownas), Nikolai Apollonowitsch dachte,
da schon zweieinhalb Stunden vergangen sind, seit er sie getroffen hatte;
jetzt dachte er: Es ist Zeit . . .


Tatam -- tam -- tam!

Es war schon spt.

Sofja Petrowna war auf dem Wege nach Hause, sie verbarg ihr Nschen in den
flaumigen Muff. Hinter ihrem Rcken dehnte sich die Troitzkibrcke, lief
endlos gegen die Inseln, die stumm in der Ferne sich dehnten; ber die
groe eiserne Brcke breiteten sich Schatten, legten sich auf das feuchte
Gelnder, legten sich auf die grnlichen, von Bazillen wimmelnden
Wasserflchen.

Pltzlich weiteten sich Sofja Petrownas Augen, begannen zu zwinkern,
schielten: unter dem feuchten, feuchten Gelnder lag mit gespreizten Beinen
ein dunkles tigerartiges Tier, in den Zhnen eine silberne Reitpeitsche;
die runde Schnauze des tigerartigen Tieres war zur Seite gewandt; als Sofja
Petrowna in diese Richtung den Blick warf, sah sie das wchserne Gesicht
mit den vorstehenden Lippen, den Blick auf das grnliche, von Bazillen
wimmelnde Wasser gerichtet; es schien, als barg dies Gesicht in sich einen
teuflischen Gedanken, der in ihr seinen Widerklang gefunden hatte; denn
qulend verfolgten sie in den letzten zwei Tagen die Worte aus der
allbekannten Romanze:

   Wir standen am Ufer der Newa
   Und sahen dem purpurnen Sonnenuntergang zu.

Und nun, er stand auf dem Ufer der Newa und sah dumpf auf das Grn, oder
nein -- er flog mit dem Blick in die Ferne, wo sich die Ufer breiteten, wo
sich resigniert die Inselhuser duckten, wo ber den weien Festungswnden
hoffnungslos und kalt die qualvoll scharfe, herzlose, kalte Spitze der
Petropawlowski-Festung zum Himmel ragte.

Es zog sie zu ihm -- was sind Worte, was sind Gedanken! Aber er, er
bemerkte sie wieder nicht; mit den vorstehenden Lippen und glasig
erweiterten Augen hnelte er in seinem weiten Mantel einem kleinen,
armlosen Krppel.

Als sie vorbei war, wandte sich Nikolai Apollonowitsch langsam um und ging
mit raschem, trippelndem Schritt fort; an der Ecke vor der Brcke wartete
sein Wagen; der bald dahinraste; und als sein Wagen Sofja Petrowna
berholte, wandte Nikolai Apollonowitsch, whrend er, zum Hunde
niedergebeugt, mit den Hnden dessen Halsband herunternahm, den Blick der
einsam schreitenden dunklen Gestalt zu, die ihr Nschen in den Muff
gesteckt hat; er sah sie an, lchelte; doch der Wagen raste vorbei.

Pltzlich, unerwartet, begann der erste Schnee zu fallen; seine lebendigen
Diamanten schimmerten tanzend im Lichtkreis der Laterne; nur ganz, ganz
matt beschien der Lichtkreis auch eine Mauer des Palais, den Kanal und die
kleine steinerne Brcke; leer war es rundum; eine einsame Droschke wartete
auf jemand an der Ecke, und der Kutscher pfiff sorglos ein Liedchen; in der
Droschke lag nachlssig hingeworfen ein weiter grauer Mantel.

Sofja Petrowna Lichutina blickte, auf der Brcke stehend, vertrumt in die
Tiefe; Sofja Petrowna Lichutin war schon fters dagestanden; einmal stand
sie auch mit ihm da; und sie sprach von den gttlichen, wundervollen,
zauberhaften Klngen einer Oper und, mit dem Fingerchen dirigierend, sang
sie halblaut:

Tatam-tam-tam! . . . Tatam-tam-tam!

Nun stand sie wieder da; ihre Lippen ffneten sich, das Fingerchen hob sich
in die Hhe:

Tatam-tam-tam! . . . Tamtam-tam-tam!

Pltzlich hrte sie Schritte, die sich ihr rasch nherten. Sie sah sich um
-- und schrie nicht einmal auf: hinter der Palaisecke erschien der rote
Domino, lief wie suchend bald hin, bald her und strzte, die Frauengestalt
auf der Brcke entdeckend, ihr entgegen; er stolperte vom Laufen und hielt
die Maske weit vor sich, der kalte Newawind aber spielte mit dem schwarzen
breiten Spitzenfcher. Sofja Petrowna Lichutina hatte angesichts der
laufenden Maske kaum Zeit, sich klar darber zu werden -- da der rote
Domino eine Narrenmaske sei, da ein geschmackloser Witzbold (und wir
wissen, wer es war) mit ihr einfach einen Scherz machen wollte, da hinter
der Samtmaske sich ein menschliches Gesicht verbarg -- Sofja Petrowna
dachte (sie hatte ja so eine winzige Stirn), da die Welt ein sonderbares
Loch bekommen habe und da sich auf sie aus diesem Loch, keinesfalls aber
aus der umgebenden Welt, ein teuflischer Spavogel strzte; wer dieser
teuflische Spavogel sei, das htte sie kaum zu erklren vermocht.

Als die schwarze Spitzenmaske stolpernd die Brcke erreichte, ri ein
Windsto an dem roten Narrenanzug so heftig, da seine Flgel bers
Gelnder in die dunkelfarbige Nacht flogen; zum Vorschein kam ein
wohlbekannter Anzug, und der furchtbare Domino verwandelte sich einfach in
den armseligen Witzbold; in diesem Augenblick rutschte der Witzbold aus und
fiel mit der ganzen Wucht seines Krpers zu Boden; ber ihm aber klang
jetzt lautes, unbndiges Lachen:

Kleiner Frosch, Scheusal -- roter Narr! . . .

Ein flinker kleiner Frauenfu stie zornig gegen den Narren.

Lngst des Kanals eilten inzwischen brtige Mnner daher, aus der Ferne
ertnte das Polizeisignal; der Narr sprang auf; der Narr strzte zur
Droschke; man sah aus der Ferne, wie in der Droschke sich hilflos eine
Gestalt bewegte, bemht, den Mantel wieder ber die Schulter zu ziehen.
Sofja Petrowna begann zu weinen und verlie im Laufschritt die verruchte
Stelle. Vom Kanal her lief bellend in der Richtung der Droschke die
stumpfnasige Bulldogge: ihre kurzen Beine flitzten nur so dahin, und
hinterher raste ein Gefhrt, in dem zwei Schutzleute saen.


Es winselte ein toller Hund

Sofja Petrowna lief gekrnkt auf die andere Seite; gekrnkt vergo sie
Trnen in ihren Muff; an das schreckliche, fr sie ewig schmachvolle
Geschehnis konnte sie nicht denken. Htte Nikolai Apollonowitsch sie nur in
anderer Weise beleidigt, htte er sie lieber geschlagen, htte er sich in
seinem roten Domino bers Gelnder gestrzt -- sie wrde ihr ganzes
weiteres Leben mit grausigem Beben an ihn gedacht haben. Jetzt aber Rache,
Rache!

Wie ein Sturm lief Sofja Petrowna in ihre Wohnung. Im hellen Vorzimmer hing
ein Offiziersmantel mit Kappe: ihr Mann war also zu Hause. Ohne abzulegen,
flog Sofja Petrowna ins Zimmer des Gatten; sie ri mit derber, prosaischer
Geste die Tr auf, flog hinein: mit zerzauster Boa, weichem Muff und
flammendem, flammendem Gesichtchen, das so unschn geschwollen war: flog
hinein und blieb stehen.

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin schien sich zum Schlafengehen
fertigzumachen; seine graue Joppe hing bescheiden auf dem Kleiderstock, er
selbst aber in schneeweiem Hemd und Hosentrgern -- lag auf den Knien,
einer regungslosen, wie gebrochenen Silhouette gleich; er hatte ein matt
glnzendes Heiligenbild vor sich, mit knisterndem llmpchen davor. Bla
zeichnete sich im Halbdunkel des llmpchens das Gesicht des Offiziers mit
spitzem, blau erscheinendem Brtchen und der zur Stirn gehobenen, blauen
Hand; Hand, Gesicht, Bart und weie Brust schienen wie geschnitzt aus
festem, duftendem Holz; kaum merkbar bewegte Ssergeij Ssergeijewitsch die
Lippen, kaum merkbar neigte er seine Stirn gegen das blaue Lichtchen, und
kaum merkbar rhrten sich die aneinandergepreten blauen Finger an der
Stirn, das Kreuz schlagend.

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin drckte erst die blulichen Finger auf
die Brust und auf beide Schultern, verneigte und wandte sich dann wie gegen
seinen Willen um. Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin erschrak nicht, wurde
nicht verlegen; sich vom Fuboden erhebend begann er gewissenhaft
hngengebliebene Stubchen von den Knien zu entfernen. Nach dieser etwas
langsam vollfhrten Handlung fragte er ruhig:

Was hast du, Ssonjuschka?

Die gleichmtige Ruhe des Gatten reizte und beleidigte sogar Sofja
Petrowna, ebenso wie das blaue Lichtchen dort in der Ecke. Mit einem
scharfen Ruck fiel sie auf einen Stuhl, ihr Gesicht mit dem Muff deckend,
und begann laut zu weinen.

Aber Sonja . . . Nun beruhige dich doch . . . Beruhige dich doch, mein
Kind! Kindchen, Kindchen! . . .

Lassen Sie mich, lassen Sie mich! . . .

Was ist geschehen? Sag'! . . . Wir wollen uns beide ruhig darber
beraten.

Nein, lassen Sie mich, lassen Sie mich! . . . Nichts . . . lassen Sie
mich! Sie scheinen kaltes . . . aaaa . . . Fischblut zu haben . . .

Verletzt trat Ssergeij Ssergeijewitsch beiseite, blieb einen Augenblick
unschlssig stehen und lie sich dann ebenfalls in einen Sessel nieder.

Aaaa . . . Seine Frau so im Stich zu lassen! . . . Er verwaltet irgendwo
dort den Proviant! . . . Geht fort! . . . Wei nichts! . . .

Es ist nicht richtig, Ssonjuschka, wenn du glaubst, ich wte gar nichts
. . . Sieh mal . . .

                                * * *

Sieh mal, Liebling: seit der Zeit, wo ich . . . in dieses Zimmer
bersiedelte . . . Kurz, auch ich habe mein Selbstgefhl; dich aber will
ich in deiner Freiheit, das mut du wissen, nicht stren . . . Noch mehr:
ich kann dich in deiner Freiheit nicht stren: ich verstehe dich; ich wei,
Liebling, sehr gut, da es dir nicht leicht ist . . . Ich lebe,
Ssonjuschka, in einer Hoffnung: vielleicht wird einmal wieder . . . Na,
nicht, nicht! Aber verstehe mich auch: meine Fremdheit, meine, wie soll ich
es nennen, Gleichgltigkeit kommt keinesfalls von Klte . . . Nein, nicht,
nicht! . . .

                                * * *

Du mchtest vielleicht Nikolai Apollonowitsch Ableuchow sehen? Es ist
etwas zwischen euch vorgefallen, wie mir scheint! Erzhl' mit doch alles:
erzhle alles, ohne etwas zu verheimlichen: wir wollen dann beide ber
deine Situation nachdenken.

Sie drfen nicht von ihm sprechen! . . . Er ist ein Schuft, ein Schuft.
Ein anderer Mann wrde ihn lngst erschossen haben . . . Ihre Frau wird
verfolgt, verhhnt . . . Und Sie? . . . Nein, lassen Sie mich.

Und verworren, erregt, mit auf die Brust gesenktem Kpfchen erzhlte sie
alles, alles.

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin war ein einfacher Mensch. Einfache
Menschen sind aber von einer unverstndlichen, sinnlosen Tat mehr
berrascht als von einer Gemeinheit, als von Mord und tierischer Bluttat.
Ein Mensch kann Verrat, Verbrechen und Schmach menschlich verstehen.
Verstehen aber heit ja beinahe -- rechtfertigen; wie ist es aber zu
begreifen, wenn ein Mann aus guten Gesellschaftskreisen und, wie man
annehmen konnte, ein durchaus ehrlicher Mensch, auf den absurden, sinnlosen
Gedanken kommt, sich an der Schwelle eines Salons auf alle viere
hinzustellen und die Falten seines Fracks in der Luft zu bewegen? Dies
wre, wie ich aussprechen mu, eine vllige Schufterei! Die
Unbegreiflichkeit, die Zwecklosigkeit einer solchen schuftigen
Handlungsweise kann keine Rechtfertigung finden, ebensowenig wie eine
Gotteslsterung, Kirchenschndung oder hnliche sinnlose Bosheiten. Nein,
mag ein ehrlicher Mensch lieber straflos Staatsgelder veruntreuen, als sich
auf alle viere stellen, denn durch eine Handlung wie die letztere wird
alles geschndet.

Zornerfllt stellte sich Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin deutlich vor,
wie der Harlekindomino im unbeleuchteten Stiegenhaus ausgesehen habe und
. . . Ssergeij Ssergeijewitsch begann zu errten, bis er purpurn wurde: das
Blut stieg ihm zu Kopfe. Er hatte ja schon als Kind mit Nikolai Ableuchow
gespielt; spter bewunderte er oft seine philosophischen Fhigkeiten;
edelmtig erlaubte er Nikolai Apollonowitsch, sich zwischen ihn und seine
Gattin zu stellen, weil er ihn fr einen Mann aus guter Gesellschaft, fr
einen ehrlichen Mann hielt, und nun . . . zornerfllt stellte sich Ssergeij
Ssergeijewitsch den grimassierenden roten Domino im unbeleuchteten
Stiegenhaus vor. Er erhob sich und begann erregt durchs winzige Zimmer zu
schreiten; er ballte die Hand zu einer Faust und schwang sie bei den
scharfen Kurven wuterfllt in die Luft; wenn Ssergeij Ssergeijewitsch auer
sich war (und das war zwei-, dreimal in seinem Leben geschehen), kam diese
Geste immer wieder zum Vorschein; Sofja Petrowna verstand wohl diese Geste;
sie frchtete sich ein wenig: sie frchtete sich immer -- nicht vor der
Geste, doch vor dem Schweigen, das die Geste ausdrckte.

Was . . . was haben Sie?

Nichts . . . nichts weiter.

Und Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin schritt durch das winzige Zimmer auf
und ab, die Hand zu einer Faust geballt.

Der rote Domino! . . . Ekel, Ekel, Ekel! Dort stand er hinter der
Eingangstr -- ha?! . . .

Leutnant Lichutin empfand Ekel und Grauen . . . Seinen Brief unbeachtet
lassen, ihn, den Offizier, durch eine harlekinische Missetat zu entehren,
durch eine giftige Grimasse seine geliebte Frau zu beleidigen!!! . . .
Ssergeij Ssergeijewitsch gab sich das ehrliche Offizierswort, diese
Schlange zu zertreten, zu zertreten; nach diesem Entschlu fuhr er fort,
auf und ab durchs Zimmer zu spazieren, mit krebsrotem Gesicht, die Hnde zu
Fusten geballt, den muskulsen Arm bei den scharfen Kurven in der Luft
schwingend; selbst Sofja Petrowna war ngstlich geworden: ebenfalls rot,
mit halb offenen Lippen, die ungetrockneten Trnen an den Wangen, verfolgte
sie aufmerksam die Bewegungen ihres Gatten.

Was haben Sie?

Rauh klang jetzt die Stimme Ssergeij Ssergeijewitschs. In ihr lag jetzt
Drohung und unterdrckte Wut.

Nichts . . . nur so . . .

Aufrichtig gesagt, Ssergeij Ssergeijewitsch empfand in diesem Augenblick
auch gegen seine geliebte Frau so etwas wie Ekel, als wre auch sie an der
schmachvollen harlekinischen Tat des roten Dominos beteiligt.

Geh in dein Zimmer: leg' dich schlafen . . . berla alles mir.

Und Sofja Petrowna Lichutina erhob sich folgsam und suchte leise ihr Zimmer
auf.

Allein geblieben, spazierte Ssergeij Ssergeijewitsch noch lange auf und ab
und hstelte. Von Zeit zu Zeit schwang er die eichene Faust ber ein
Tischchen, und es schien, als mte es in Stcke zerfallen.

Doch die Faust lste sich.

Endlich begann er sich rasch auszuziehen; dann kroch er unter seine Decke;
doch einen Augenblick spter flog die Decke auf den Boden; Ssergeij
Ssergeijewitsch setzte sich auf, starrte in die Dunkelheit und sagte
vernehmlich flsternd:

Ah, Ah! Was sagen Sie dazu. Ich erschiee ihn wie einen Hund . . .

Da ertnte hinter der Wand ein weinerliches, lautes Stimmchen.

Was haben Sie?

                                * * *

Nichts . . . nur so . . .

Ssergeij Ssergeijewitsch stieg wieder in sein Bett, zog die Decke ber den
Kopf und seufzte, flsterte, drohte . . .

                                * * *

Sofja Petrowna rief nicht nach dem Mdchen. Sie entkleidete sich selbst und
stand bald ganz in Wei unter einer Fontne von Kleidungsstcken, die sie
in drei, vier Minuten um sich zu bilden verstand; dann warf sie sich ins
Bett; jetzt sa sie, die Beine bereinandergeschlagen, das erboste
Gesichtchen mit den vorstehenden Lippen und dem deutlich gezeichneten
Schnurrbrtchen auf beide Arme gesttzt.

Sofja Petrowna horchte auf die Laute hinter der Wand, dann horchte sie auf
das Klavierspiel, das heute wie allabendlich ber ihrem Kopfe tnte; dort
wurde die Melodie einer Masurka gespielt; nach ihr hatte sie schon als
zweijhriges Kind lachend mit ihrer Mutter getanzt. Durch die alten,
ahnungslosen Tne legte sich Sofja Petrownas Zorn, verwandelte sich in
Mdigkeit, in Apathie; sie begann sich ber den Mann zu rgern, in dem sie
selbst die Eifersucht, wie sie es nannte, gegen den _Andern_ geweckt hatte.
Sofja Petrowna sah pltzlich ein, da ihr Mann mit dem ganzen Vorfall
nichts zu tun hatte; dieser Vorfall sollte ein Geheimnis zwischen ihr und
dem _Andern_ bleiben. Die Hinzuziehung des Gatten gestaltete die
Angelegenheit in eine fr sie beleidigende Form: Ssergeij Ssergeijewitsch
wrde aus diesem Geschehnis sicher ganz unzutreffende Schlsse ziehen; vor
allem wrde er das Ganze keinesfalls verstehen: weder ihre s-bangenden
Gefhle noch die Verkleidungskomdie des Andern. Sofja Petrowna horchte auf
die Tne der alten Masurka und auf das peinliche Gerusch hinter der Wand;
aus der Flle der schwarzen Haare blickte gengstigt das perlenfarbige
Gesichtchen mit den dunkelblauen, jetzt matt schimmernden Augen.

Pltzlich fiel ihr Blick auf ihren Toilettenspiegel; dort lag der Brief,
den sie _ihm_ auf dem Ball bergeben sollte (sie hatte diesen Brief ganz
vergessen). Im ersten Augenblick beschlo Sofja Petrowna, das Schreiben am
nchsten Tag an Warwara Ewgrafowna zurckzusenden. Wie durfte man es wagen,
sie mit Auftrgen an ihn zu belstigen! Sie wrde ihn ohne Zweifel
zurckschicken, wenn sich nicht ihr Mann in die Angelegenheit gemischt
htte (wenn er doch endlich einschlafen wrde!); jetzt rgerte sie sich
ber die Einmengung anderer, whrend sich in ihr ein Gefhl des Protestes
erhob: schlielich war es _ihre_ persnliche Angelegenheit, und sie hatte
auch das vollstndige Recht, den Brief zu ffnen, um den Inhalt zu
erfahren; wie wagte er es berhaupt, Geheimnisse vor ihr zu haben?). Mit
einem Stze war Sofja Petrowna am Tischchen; doch kaum hatte sie den Brief
in Hnden, als sie ein wtendes Flstern hinter der Wand vernahm.

Was haben Sie?

Hinter der Wand antwortete man ihr:

Nichts . . . nur so . . .

Das Bett krachte, dann wurde alles still. Mit zitternder Hand brach Sofja
Petrowna das Kuvert auf . . . und je weiter sie las, um so grer wurden
ihre Augen. Der matte Ausdruck verschwand aus ihnen und verwandelte sich in
schimmernden Glanz: das blasse Gesichtchen bekam erst das Rosa der
Apfelbltter, dann wurde es rosarot und schlielich, als sie mit dem Lesen
fertig war -- einfach purpurn.

Jetzt war Nikolai Apollonowitsch ganz in ihrer Hand; sie erbebte bei der
Vorstellung an den furchtbaren Schlag, den sie ihm jetzt fr ihre
zweimonatige Qual versetzen konnte; von diesen, ihren Hndchen wrde er
diesen Schlag bekommen. Er hatte sie durch eine dumme Maskerade erschrecken
wollen; doch dieselbe milang ihm und wurde zu einer Reihe von
Bldigkeiten; nun sollte er jetzt das shnen, was er in ihr hervorgerufen
hatte! Ja, ja, ja: sie wrde sich rchen durch die einfache bergabe des
geffneten Briefes von so furchtbarem Inhalt. Einen Augenblick lang empfand
sie Schwindel vor dem Weg, den sie, verleitet durch den roten Domino,
betrat. Doch mag es geschehen: mag es der blutige Weg fr den blutigen
Domino werden!

Die Tr knarrte: Sofja Petrowna hatte kaum Zeit, den Brief zu verbergen,
als sich auf der Schwelle ihr Gatte zeigte; er war ganz in Wei: in weiem
Hemd und Unterhose. Das Erscheinen eines ihr vllig fremden Menschen in so
ungenierter Weise versetzte sie in Wut.

Sie htten sich doch wenigstens anziehen sollen.

Ssergeij Ssergeijewitsch wurde verlegen und trat rasch aus dem Zimmer,
einen Augenblick spter aber erschien er wieder, mit einem Schlafrock
bekleidet. Einfach, doch mit unangenehmer, bei ihm ungewohnten Schrfe
sagte er ihr:

Sophie . . . Sie mssen mir versprechen, ich bitte Sie sehr darum, morgen
nicht zu den Zukatows zum Ball zu gehen . . .

Schweigen.

Ich hoffe, Sie versprechen mir das; die Vernunft wird es Ihnen selbst
sagen: ersparen Sie mir weitere Erklrungen.

Schweigen.

Ich mchte, da Sie selbst die Unmglichkeit einsehen, nach dem
Vorgefallenen diesen Ball zu besuchen.

Schweigen.

Wenigstens gab ich selbst fr Sie das Offizierswort, da Sie nicht auf dem
Ball sein werden.

Schweigen.

Ich werde sonst gentigt, es Ihnen einfach zu verbieten.

Ich werde auf dem Ball sein . . .

Nein, Sie werden nicht dort sein!!

Sofja Petrowna war berrascht von der hlzernen Stimme, mit der er es
sagte.

Nein, ich werde dort sein . . .

Es entstand eine drckende Stille; man hrte nur ein seltsames Rcheln in
der Brust des Offiziers. Er griff sich nervs an den Hals und bewegte den
Kopf, wie bemht, eine schwere Entscheidung abzuschtteln; mit
bermenschlicher Kraft unterdrckte er einen drohenden Ausbruch; er lie
sich still auf einen Stuhl nieder und blieb stockgerade sitzen; mit
unnatrlich leiser Stimme begann er:

Sehen Sie: ich habe Sie nicht mit Fragen belstigt. Sie selbst haben mich
zum Zeugen des Vorgefallenen gemacht.

Ssergeij Ssergeijewitsch konnte das Wort roter Domino nicht aussprechen;
instinktiv fhlte er sich vor einem Lasterabgrund, dem seine Frau, auf
abschssigem Wege, entgegenrannte; wo in diesem sinnlosen Treiben das
Lasterhafte lag, konnte sich Ssergeij Ssergeijewitsch nicht sagen, doch er
fhlte, da es sich hier nicht um einen einfachen Roman, nicht um Untreue,
selbst nicht um einen Fall handelte. Nein, nein, nein; hier schwebte ber
dem Ganzen das Aroma satanischer Erzesse, die wie Blausure fr immer die
Seele seiner Frau zu vergiften drohten, er wute: wird seine Frau morgen
bei Zukatows erscheinen, wird sie dort den ekelhaften Domino sehen, dann
ist alles verloren: die Ehre der Frau, seine Ehre als Offizier, alles.

Sehen Sie, nach all dem, was Sie mir sagten, mu es Ihnen klar sein, da
Sie sich mit ihm nicht treffen drfen, da dies eine Schande, eine Schande
wre; endlich gab ich das Wort, da Sie nicht hingehen wrden. Haben Sie
Erbarmen mit sich, Sophie, mit mir und auch . . . mit ihm, denn sonst
. . . ich, ich wei nicht . . . ich brge fr nichts . . .

Doch Sofja Petrowna emprte sich immer mehr ber die freche Einmengung
dieses fremden Offiziers; eines Offiziers noch dazu, der es gewagt hatte,
in ihrem Schlafzimmer in einem so unanstndigen Aufzug zu erscheinen: sie
hob irgendein Kleidungsstck vom Fuboden auf (sie hatte erst jetzt
bemerkt, da sie selbst im vollstndigen Neglige war) und warf es ber
sich, darauf drckte sie sich in eine Ecke; und von dort aus dem Halbdunkel
sagte sie entschlossen, das Kpfchen bewegend:

Vielleicht wre ich auch nicht hingefahren, aber jetzt, nachdem Sie sich
so eingemengt haben, gehe ich hin, gehe ich gerade hin!

Nein, das werden Sie nicht!!!

Was ist es? Es schien ihr, als krachte im Zimmer ein betubender Schu;
gleichzeitig tnte ein unmenschlicher Schrei: eine dnne, heisere
Fistelstimme schrie etwas Unverstndliches; ein eichener Mann sprang in die
Hhe; ein Sessel fiel krachend um, und ein Faustschlag schlug das billige
Tischchen entzwei, dann flog krachend die Tr ins Schlo, und alles war
ruhig . . .

Die Masurka oben brach ab, Schritte und Stimmen wurden hrbar; schlielich
begann der beunruhigte Nachbar mit einem Besenstiel am Boden zu klopfen, um
damit von oben in gebildeter Weise seinem Protest Ausdruck zu geben.

Sofja Petrowna Lichutina sa zusammengekauert in der Ecke und weinte: zum
erstenmal im Leben stand sie vor solchem Wutausbruch; der Mensch, der
soeben vor ihr stand . . . das war kein Mensch, das war . . . nicht einmal
ein Tier. Vor ihr hatte soeben ein wtender, toller Hund geheult.


Der zweite Raum des Senators

Das Schlafzimmer Apollon Apollonowitschs war einfach und klein: vier graue
perpendikulre Wnde und ein einziger Fensterausschnitt mit weien
Spitzengardinen; ebenso wei waren die Bettlaken, Handtcher und
Kissenberzge; vor dem Schlafengehen des Senators spritzte der
Kammerdiener die Bettlaken mit einem Pulverisator ein.

Apollon Apollonowitsch gebrauchte nur das Eau de Cologne des Petersburger
Chemischen Laboratoriums.

Weiter stellte der Kammerdiener ein Glas mit Zitronenlimonade auf das
Nachttischchen und entfernte sich dann, Apollon Apollonowitsch entkleidete
sich selbst.

Mit groer Korrektheit zog er seinen Schlafrock aus, mit ebensolcher
Korrektheit faltete er ihn zusammen und warf ihn geschickt ber die Lehne
des Stuhles; mit grter Korrektheit zog er dann auch Sakko und Hose aus;
in gestrickter, fest anliegender, weier Unterhose und im Hemd pflegte er
vor dem Schlafengehen seine gymnastischen bungen zu machen.

Diese ntzlichen bungen machte er besonders eifrig an jenen Tagen, an
denen er an Hmorrhoiden litt.

Nach den ntzlichen bungen zog er die Decke ber sich, um sich der
friedlichen Ruhe hinzugeben und die Reise zu beginnen: denn der Schlaf (das
fgen wir von uns hinzu) ist eben nichts anderes als eine Reise.

Das alles vollfhrte Apollon Apollonowitsch auch heute. Bis zum Kopf in die
Decke gehllt, schwebte er bereits in der zeitlosen Leere.

Aber da werden wir unterbrochen, und man fragt uns: Wieso Leere? Und die
Wnde, der Boden? Und . . . so weiter? . . .

Wir antworten:

Apollon Apollonowitsch sah immer zwei Rumlichkeiten vor Augen: eine war
die _materielle_ (die Zimmerwnde, die Wnde des Wagens usw.), die andere
-- nicht gerade die _geistige_ . . . (die materielle aber keinesfalls)
. . . Also, ber seinem Kopf sah der Senator Ableuchow sonderbare
Strmungen: funkelnde, gleiende, aber auch neblige, irisierende Flecke,
aus sich drehenden Zentren hervorgehend, im Halbdmmer die Grenzlinien der
materiellen Flchen verschleiernd; so schwirrte Raum im Raum, und
letzterer, alles andere verdeckend, verband sich mit dem Unermelichen der
sich bewegenden, sich biegenden Perspektiven, deren Inhalt aus . . . so
etwas wie Tannennadeln, Sternchen, Fnkchen, Flmmchen bestand. Apollon
Apollonowitsch pflegte vor dem Einschlafen die Augen zu schlieen und sie
dann wieder zu ffnen; wobei sich folgendes ergab: die Flmmchen,
Nebelflecke, Fden und Sternchen fgten sich wie aufsteigender heller
Schaum brausender, bergroer Dunkelheiten pltzlich zu wahrnehmbaren,
deutlichen Bildern (fr eine Viertelsekunde nur): zu einem Kreuz, zu einem
Brillanten, zu einem Vieleck, zu einem Schwan, zu einer lichterfllten
Pyramide. Dann zerstob alles. --

Apollon Apollonowitsch besa ein seltsames Geheimnis: die Welt der
mathematischen Figuren, der Konturen, der Zitterigkeiten, der
absonderlichen physischen Empfindungen -- kurz: ein All der Seltsamkeiten.
Dieses _All_ entstand immer vor dem Schlafengehen und entstand so, da
Apollon Apollonowitsch in diesem Augenblick alle frheren
Unvernehmbarkeiten, Gerusche, kristallographischen Figrchen, goldene, im
Finstern sich tummelnde chrysanthemenartige Sterne auf vielfigen Strahlen
wahrnahm (manchmal bergo ein solcher Stern des Senators Schdel mit
flssigem Gold, dann lief es ihm kalt ber den Schdel); kurz, er erinnerte
sich alles dessen, was er am Tage vorher gesehen hatte und dessen er sich
folgenden Morgen wohl nicht mehr erinnerte.

Manchmal (nicht immer) merkte Apollon Apollonowitsch beim Schlafengehen, in
den letzten Momenten seines Tagesbewutseins, da alle Fden, alle Sterne,
einen kochenden Wirbel bildend, aus sich einen Korridor bauten, der ins
Unendliche lief; und (was das Seltsamste war) er fhlte, da dieser
Korridor seinen Anfang im Senatorkopfe hatte, da er, der Korridor -- eine
unendliche Fortsetzung des Kopfes selbst sei, seines Kopfes, dessen
Scheitel sich ffnete, um eine Fortsetzung zum Unermelichen zu bilden; und
so gewann der alte Senator vor dem Einschlafen den hchst sonderbaren,
eigentmlichen Eindruck, als she er nicht mit den Augen, sondern mit dem
Zentrum seines Kopfes, das heit, als sei er, Apollon Apollonowitsch, nicht
_er_, sondern ein Etwas, das in seinem Hirn sa und von dort aus alles
ansah; wurde der Scheitel geffnet, konnte jenes _Etwas_ frei und ohne
Hemmung ber den Korridor bis zu dem in unendlich weiter Ferne liegenden
Abgrundsrand laufen.

Das war die zweite Rumlichkeit des Senators -- das Land seiner
allnchtlichen Reisen; und nun genug davon . . . ja.

Den Senatorkopf in die Decke gehllt, schwebte er bereits ber der
zeitlosen Leere, der lackierte Fuboden lste sich schon von den Beinen des
Bettes, und dieses stand sozusagen im Unbekannten -- als des Senators Ohren
sonderbare Laute vernahmen, hnlich denen aufschlagender Hufe.

Tra -- ta -- ta . . . Tra -- ta -- ta . . .

Die Laute kamen nher.

Seltsam, hchst seltsam: der Senator schob ein Ohr aus der Decke hervor --
ja: es _scheint_ richtig -- aus dem Spiegelsaal kam das Gerusch.

Apollon Apollonowitsch schob den Kopf hervor.

Die Laute klangen noch immer: Apollon Apollonowitsch sprang auf und lief in
den Korridor.

Der Mond beschien die stillen Zimmer.

Mit bloen Beinen, mit brennender Kerze in der Hand spazierte der Senator
durch die Rume. Die pltzlich aufgetauchte Bulldogge folgte ihrem
beunruhigten Herrn und wedelte wohlwollend mit dem abgehackten, halben
Schwanze.

Wie ein flacher Holzdeckel wiegte sich keuchend die haarige Brust, whrend
das blagrne Ohr lauschte. Zufllig fiel der Blick des Senators in einen
Spiegel; der zeigte ein seltsames Bild: seine Arme, Beine und Brust waren
mit dunkelblauem Atlas berzogen.

Apollon Apollonowitsch schpfte Atem und lief in den Saal: von woher die
Laute drangen.

Tra -- ta -- ta . . . Tra -- ta -- ta . . .

Schimpfend hallte des Senators Stimme:

Nach welchem Paragraphen des Gesetzes?

Dies rufend sah er, da die gleichmtige Bulldogge, friedlich und
verschlafen, neben ihm herlief. Doch -- welche Frechheit! -- Aus dem Saal
erwiderte eine Stimme:

Auf Grund einer auerordentlichen Verfgung.

ber die freche Antwort emprt, lief der blaue Ritter in den Saal, und
Apollon Apollonowitsch sah jetzt: die Laute waren nichts anderes als das
Zungenschnalzen eines elenden, tanzenden Mongolen: eines dicken Mongolen,
dessen Physiognomie er in Tokio gesehen hatte (der Senator war einmal nach
Tokio geschickt worden) --, und dieser dicke Mongole eignete sich das
Gesicht des Nikolai Apollonowitsch an; _eignete_ es sich an, sagte ich,
denn er war nicht Nikolai Apollonowitsch, sondern ein gewhnlicher Mongole,
den der Senator frher in Tokio gesehen hatte. Dies zu begreifen, weigerte
sich der Senator, mit den Fustchen die erstaunten Augen reibend. Der
Mongole aber (Nikolai Apollonowitsch) nherte sich ihm in eigenntziger
Absicht.

Da rief der Senator zum zweitenmal:

Nach welchem Gesetz? Und nach welchem Paragraphen?

Und die Rumlichkeit antwortete ihm:

Es gibt jetzt schon keine Paragraphen und keine Gesetze.

                                * * *

Pltzlich der Schwere beraubt, ja selbst des Empfindens der Krperlichkeit,
ganz Gesicht und Gehr, von jedem anderen Gefhl befreit, hob er die
Stellen der Augen (denn die Augen waren nicht mehr: jede Krperlichkeit war
ja entschwunden!) in die Richtung seines eigenen Scheitels und merkte, da
kein Scheitel mehr existierte, denn dort, wo sonst das Hirn von festen
Knochen gehalten wurde, war jetzt eine runde ffnung, die zur dunkelblauen
Ferne strahlte, und ber dieser ffnung hing ein rotierendes Rad aus
tanzenden, sprhenden Funken; im Augenblick, als Apollon Apollonowitsch den
Mongolen an seinen kraftlosen Krper heranschleichen fhlte -- im selben
Augenblick begann ein Etwas, das wie der Wind im Schornstein heulte und
pfiff, das Bewutsein Apollon Apollonowitschs in die unendlichen
Sternfernen emporzuziehen.

Hier geschah ein Skandal (das Bewutsein Apollon Apollonowitschs
konstatierte, da schon einmal ein hnlicher Fall vorgekommen war: wo, wann
-- dessen erinnerte er sich nicht) -- hier geschah ein Skandal: der Wind
blies das Bewutsein Apollon Apollonowitschs aus Apollon Apollonowitsch.
Durch die runde, strahlende ffnung flog er hinaus in das Blau der Gestirne
als goldener, federleichter Stern; als er gengend hoch ber seinem eigenen
Kopfe schwebte (der ihm als _Planet_ erschien); zerstob der goldene Stern,
einer Rakete gleich, lautlos in Luft . . .

Ende des dritten Kapitels.




Viertes Kapitel


Der Sommergarten

Nchtern, vereinsamt liefen die Wege des Sommergartens auseinander; mit
eiligen Schritten durchquerte sie der dster dreinschauende Passant, um
sich dann in der hoffnungslosen digkeit des Marsfeldes zu verlieren.

Verstimmt lag der Sommergarten da.

Die Sommerstatuen flchteten sich unter die Holzverschlge; die groen
Bretter glichen in ihrer Lngsseite, der Form nach, einem Sarg; diese Srge
umstanden die schmalen Gartenwege; in diesen Srgen verbargen sich Nymphen
und Satyre, damit der Zahn der Zeit nicht an ihnen mit Regen, Schnee und
Frost nagen konnte; denn die Zeit -- sie zernagt alles mit ihrem eisernen
Zahn; sie zernagt in gleicher Weise den Krper wie die Seele und selbst die
Steine. --

Mit dem Verschwinden der alten Zeiten verdete der Garten, er wurde grau,
schrumpfte zusammen; die Grotte zerfiel, die Springbrunnen murmelten nicht
mehr, die Sommergalerie war zerstrt, der Wasserfall ausgetrocknet;
zusammengeschrumpft lag der Garten geduckt hinter dem Gitterzaunwerk.

Peter selbst war es, der den Garten angelegt hat; mit seiner eigenen
Giekanne bego er die Pflanzen; er lie Zedern aus Solikamsk, Sauerdorn
aus Danzig und Apfelbume aus Schweden herbeibringen; er errichtete
Wasserspiele, und ihre Sprhregen glitzerten zuweilen wie leichtes
Spinngewebe auf den roten Kamisolen der allerhchsten Persnlichkeiten, mit
gepuderten Locken, schwarzen Arabergesichtern und den eleganten Hofdamen in
kostbaren Roben; gesttzt auf den geschliffenen Griff des schwarzen,
goldverzierten Stockes, fhrte der grauhaarige Kavalier seine Dame an das
Bassin, wo vom dunkelgrnen, schumenden Grund, prustend, der Seehund seine
Schnauze hervorstak; ein gengstigtes Ach! von seiten der Dame, indessen
der Kavalier scherzhaft lchelte und seinen Stock dem schwarzen Monstrum
entgegenhielt.

Damals zog sich der Sommergarten weit hin, und das Marsfeld mute ein
ordentliches Stck seiner Flche fr die Alleen des Gartens hergeben, jenen
Alleen, die dem kaiserlichen Herzen so nahelagen; riesige Muscheln aus
indischen Gewssern streckten hier von den rauhen Steinen der Grotte ihre
rosafarbigen Fhler in die Luft, und die hohe Persnlichkeit nherte, den
pleureusengeschmckten Hut abnehmend, neugierig das Ohr der rosigen
ffnung: ein chaotisches Summen drang ihr entgegen; inzwischen labten sich
andere hohe Persnlichkeiten vor der Grotte an Fruchtsaftwasser.

Auch in spteren Zeiten hrte man fters Lachen, Seufzer und Flstern vor
der Statue, die in malerischer Pose ihre Hnde in den dmmernden Tag
vorstreckte; dabei glnzten die Perlen der Hoffrulein. Im Frhling war es,
am Pfingsttag; die Abendluft verdichtete sich; pltzlich wurde sie von
Orgeltnen erschttert, die aus einer Gruppe schlummernder Ulmen
hervorbrachen; und von derselben Ecke aus breitete sich pltzlich spaiges
grnes Licht aus; von diesem grnen Licht beschienen, bliesen grellrote
Jgermusikanten in ihre Hrner, und von den melodischen Tnen erzitterte
die Luft, die Seelen der Zuhrer in ihren Tiefen aufwhlend; hast du das
sehnsuchtsvolle Weinen der in die Luft emporgehobenen Hrner nicht
vernommen?

Das war alles einmal gewesen; jetzt ist es vorbei; jetzt laufen dster
verstimmt die Wege des Sommergartens auseinander; eine schwarze, ruhelose
Vogelschar kreiste ber dem Peterhuschen; unertrglich war ihr Gezwitscher
und das Aufschlagen der vielen Flgel; die schwarze, ruhelose Schar lie
sich strend auf die Zweige niederfallen.

Nikolai Apollonowitsch, parfmiert und rasiert, schritt, in seinen
Wintermantel gehllt, ber den hartgefrorenen Weg; sein Kopf sank auf den
Pelz, und die Augen glnzten eigentmlich. Er hatte gerade beschlossen,
sich in Arbeit zu vertiefen, als ihm ein Zettelchen berreicht wurde; mit
unbekannter Schrift lud ihn jemand zu einem Stelldichein in den
Sommergarten ein; die Unterschrift war ein S. Wer mochte sich hinter dem
geheimnisvollen S verbergen? S ist -- Sofja (sie hat wohl ihre Schrift
verndert). Nikolai Apollonowitsch, frisch rasiert und parfmiert, schritt
ber den hartgefrorenen Weg weiter.

Er sah aufgeregt aus; er hatte in diesen Tagen keinen Appetit, keinen
Schlaf gehabt; eine dnne Staubschicht legte sich ungehindert auf die
aufgeschlagene Seite des Kant. Ein Strom ser Gefhle zog durch die Seele
Nikolai Apollonowitschs; hnliches hatte er auch schon frher empfunden. --
Dumpf, fern. Aber seit er durch sein eigenes Vorgehen in Sofja Petrowna die
unbestimmten Schauer geweckt hatte, war auch er von diesem Schauer erfat;
als hatte er in ihm selbst schlummernde Krfte in unergrndeten Tiefen
geweckt; als wre in ihm eine olssaite gesprungen und anderer
Leidenschaften -- Kinder htten ihn durch die Lfte in andere Lnder
getragen. Sollten auch das nur die wiedergekehrten, rein sinnlichen
Empfindungen sein? Oder war es am Ende -- die Liebe? Aber die Liebe
verneinte er.

Er sah sich bewegt um nach der bekannten Gestalt im Pelzmantel mit kleinem,
schwarzem Muff; doch niemand war auf den Wegen zu sehen. Auf einer nahen
Bank sa eine nachlssig gekleidete Frauensperson. Diese erhob sich
pltzlich, trippelte erst eine Weile an der Bank herum und ging dann auf
ihn zu.

Sie haben mich . . . nicht erkannt?

Ach ja, guten Tag!

Sie scheinen mich auch jetzt nicht zu erkennen? Ich bin -- Solowjowa.

Aber natrlich erkannte ich Sie, Warwara Ewgrafowna!

Dann wollen wir hier auf der Bank Platz nehmen . . .

Nikolai Apollonowitsch lie sich geqult neben ihr nieder; in dieser selben
Allee war ihm das Stelldichein gegeben, und nun kam diese unglckliche
Begegnung! Nikolai Apollonowitsch berlegte, wie er das Mdchen loswerden
konnte; in Erwartung der anderen sah er sich fortwhrend verlegen um, doch
es kam niemand.

Vor ihren Fen lagen Haufen dunkelbrauner, wurmstichiger Bltter; ein
dunkles Netz von Zweigen zog sich vor ihnen, matt den Horizont
durchschneidend, hin; von Zeit zu Zeit begann dieses Netz zu chzen; von
Zeit zu Zeit begann sich dieses Netz zu bewegen.

Haben Sie meinen Zettel bekommen?

Welchen Zettel?

Den Zettel mit >S< gezeichnet?

Was, den haben _Sie_ geschrieben?

Aber gewi doch . . .

Wieso dann >S<?

Wieso? Ich heie doch Solowjowa.

Alles strzte vor ihm zusammen. Und er, und er -- was hatte er sich nicht
schon alles ausgemalt! Die unbestimmten Schauer, die ihn trugen, versanken
in jhe Tiefe.

Womit kann ich dienen?

Ich . . . ich wollte, ich dachte . . . haben Sie einmal ein Gedicht mit
der Unterschrift >Die flammende Seele< bekommen?

Nein.

Wie ist das mglich? Ach, wie rgerlich! Ohne diese Verse ist es mir
eigentlich schwer, Ihnen zu erklren . . . Ich wollte Sie ber den Sinn des
Lebens fragen . . .

                                * * *

Verzeihen Sie, Warwara Ewgrafowna, ich habe gar keine Zeit.

Wieso? Ach, wieso denn?

Auf Wiedersehen! Ich bitte vielmals um Verzeihung: wir werden dieses
Gesprch ein anderes Mal aufnehmen. Nicht wahr?

Warwara Ewgrafowna machte einen schchternen Versuch, ihn zurckzuhalten,
doch er erhob sich entschlossen und reichte ihr seine parfmierte Hand. Ihr
fiel im Augenblick nichts ein, wodurch sie ihn zu bleiben bewegen konnte;
er aber lief ganz verrgert, das Gesicht stolz und gekrnkt in den
Pelzmantel vergraben, von dannen.


Madame Farnoix

Erst in spter Stunde beliebte Engel Peri ihre unschuldigen uglein
aufzuschlagen; ihre uglein wollten durchaus nicht offen bleiben, und im
Kpfchen bohrte ein dumpfer Schmerz; Engel Peri geruhte noch lange im
Halbschlummer dazuliegen; in ihrem Kpfchen schwirrten
Unverstndlichkeiten, Undeutlichkeiten durcheinander; der erste volle
Gedanke war der an den bevorstehenden Abend: was wird nun werden? Als sie
sich darber klar zu werden versuchte, fielen ihre Augen wieder zu, und
ihren Kopf erfllten wieder Unverstndlichkeiten, Undeutlichkeiten. Aus
dieser Unklarheit erhob sich nun das Wort: Pompadour, Pompadour . . . Was
war es aber mit dem Pompadour? Hell erleuchtete dieses Wort ihre Seele:
Toilette  la Pompadour -- himmelblaue Seide mit Blmchenmuster,
Valencienner Spitzen, silbergraue Halbschuhe mit Pompons. ber die Toilette
 la Pompadour hatte sie mit Madame Farnoix neulich einen groen Disput;
Madame Farnoix wollte keinesfalls auf die Blondenspitzen verzichten. Es
entstand eine Meinungsverschiedenheit, die so weit ging, da Madame Farnoix
Sofja Petrowna vorschlug, den Stoff wieder mitzunehmen und sich an Maison
Tricotons zu wenden. Davon wollte aber Sofja Petrowna nichts hren, und so
blieben die Blondenspitzen; ebenso gab Sofja Petrowna in anderen, den Stil
Pompadour betreffenden Punkten nach, z. B. was das leichte Chapeau Bergre
an den rmeln betraf.

So war man einig geworden.

Vertieft in Gedanken ber Madame Farnoix, Maison Tricotons und Pompadour,
fhlte Sofja Petrowna doch, da gestern noch etwas geschehen war, das alles
andere verwischen mute; sie benutzte aber ihren verschlafenen Zustand
unbewut, die halbentschwundene Erinnerung von dem gestrigen Tage nicht in
sich aufkommen zu lassen; endlich erinnerte sie sich der zwei Worte: Domino
und Brief; sie sprang vom Bett auf und rang in gegenstandsloser Bangigkeit
die Hnde; noch ein drittes Wort gab es, mit dem sie gestern auch
eingeschlafen war.

Doch Engel Peri konnte sich dieses dritten Wortes nicht entsinnen; dieses
dritte Wort war von Belang: Gatte, Offizier, Leutnant.

Engel Peri nahm sich vor, an die beiden ersten Worte vor dem Abend nicht zu
denken, das dritte aber vollstndig zu ignorieren. Doch gerade dieses
dritte drngte sich ihr unerwartet schon sehr bald auf; das kam nmlich so:
kaum war sie aus ihrem berheizten Schlafzimmerchen in den Salon getreten,
ihre schwebenden Schritte weiter ins Zimmer des Gatten lenkend, berzeugt,
da dieser, wie immer, schon lngst aus dem Hause war, um irgendwo dort den
Proviant zu verwalten, als sie zu ihrer Verwunderung die Tr von innen
abgeschlossen fand; entgegen jeder Regel, entgegen der Vernunft, der
Ehrlichkeit, trotz Unbequemlichkeit und enger Wohnung -- befand sich
Leutnant Lichutin allem Anschein nach noch in seinem Zimmer.

Da erst fiel ihr die gestrige hliche Szene ein; und mit schmollendem
Mndchen schlug sie die Tr ihres Schlafzimmers zu (er habe sich
eingesperrt, dann wolle auch sie das gleiche tun). Zugleich aber erblickte
sie das zerschlagene Tischchen.

Gndige Frau wnschen den Kaffee ins Zimmer?

Nein, nicht.

                                * * *

Der gndige Herr wnschen den Kaffee ins Zimmer?

Nein, nicht.

                                * * *

Gndiger Herr, der Kaffee ist kalt geworden.

Schweigen.

Gndige Frau, es ist jemand da.

Von Madame Farnoix?

Nein, von der Wscherin.

Schweigen.

                                * * *

Die Stunde hat sechzig Minuten; die Minute besteht aus lauter kleinen
Sekunden; die Sekunden liefen und bildeten Minuten; schwerfllig wlzten
sich die Minuten; und langsam, langsam gingen die Stunden dahin.

Schweigen.

Whrend des Tages sprach der Gelbe, Ihrer Majestt Krassier, Baron
Ommau-Ommergau, vor, mit einer Zwei-Pfund-Bonbonniere mit Kraftschokolade
unter dem Arm. Die Bonbonniere wurde gndig entgegengenommen, der Krassier
mute gehen.

Gegen zwei Uhr nachmittags klingelte der Blaue, Seiner Majestt Krassier,
Graf Awen, mit einer Bonbonniere von Ball in der Hand. Die Bonbonniere
wurde angenommen, er mute gehen.

Nicht empfangen wurden auch der Leibhusar mit der hohen Pelzmtze; der
Husar schttelte seinen Sultan hinter dem Busch zitronengelber
Chrysanthemen, den er in der Hand hielt; er war unmittelbar nach Graf Awen
erschienen.

Dann war Werhefden mit einem Logenbillett fr das Mariensche Theater
erschienen; es fehlte nur Lipantschenko.

Endlich, spt am Abend, kam das Laufmdchen von Madame Farnoix mit einem
riesigen Kleiderkarton; sie wurde sofort vorgelassen; als darber im
Vorzimmer ein Kichern entstand, ffnete sich die Tr des Schlafzimmers, ein
verweintes Gesichtchen blickte neugierig hervor, und eine Stimme rief
erzrnt:

Rasch damit her!

Zu gleicher Zeit knackte das Schlo im Herrenzimmer, eine zerwhlte Mhne
erschien einen Augenblick und -- verschwand. War es wirklich der Leutnant?

                                * * *

Petersburg verkroch sich in die Nacht.

Wer erinnert sich nicht des Abends vor der ereignisvollen Nacht? Wer
erinnert sich nicht des traurigen Hinscheidens dieses Tages?

Die riesengroe Purpursonne lief ber der Newa dahin, um sich dann hinter
den Fabrikschloten zu verbergen: die Petersburger Huser berzogen sich mit
einem feinen Dunstschleier, zerflossen gleichsam und verwandelten sich in
eine leichte, amethystgraue Spitze; die Fensterscheiben warfen allerorts
einen goldigflammenden Schein, und die hohen Turmspitzen leuchteten
rubinenrot. Alles, was sonst schwerfllig hervorstach: die Vorsprnge der
Mauern, die Karyatiden an den Eingngen, die steinernen Balkons, verloren
sich in der brennend roten Flammenhaftigkeit.

Blutrnstig grell lag das rostrote Palais da: dieses alte Palais wurde noch
von Rostrelli erbaut; ein zarter, hellblauer Mauerkrper, umgeben von einer
Schar weier Sulen, stand damals das Palais; bewundernd pflegte einst die
Kaiserin Elisabeth, Peters Tochter, das Fenster zu ffnen, um in die
Newafernen zu blicken. Zur Zeit Alexanders I. war das alte Palais mit
fahlgelber Farbe bestrichen; unter Alexander II. wurde es wieder renoviert,
und von da ab behielt es seinen rostroten Farbenton, blutigrot gegen
Westen.

An diesem ereignisreichen Abend flammte alles und alles, und so flammte
auch das Palais; alles andere aber, was nicht von dem Schein erfat war,
versank, langsam, in Dunkel; langsam in Dunkel versanken die Reihen der
Linien und Wnde, indessen dort auf dem erlschenden lila Himmel in den
Perlmutterwlkchen sich langsam sprhende Feuerchen entzndeten; langsam,
langsam leichte duftige Flmmchen aufhpften.

Du wrdest gesagt haben, dort erblickte man die Abendrte der
Vergangenheit.

Eine Dame von kindlicher, nicht allzu groer Gestalt, ganz in Schwarz, die
an der Brcke dort die Droschke verlassen hatte, wandelte schon seit
geraumer Zeit vor den Fenstern des gelben Hauses; etwas seltsam zitterten
ihre Hnde. Die rundliche Dame war im vorgerckten Alter und sah aus, als
litte sie an Asthma; ihre rundlichen Finger griffen immerzu nach dem Kinn,
das erheblich ber dem Kragen hervorhing und einzelne graue Hrchen zeigte.
Vor den Fenstern des gelben Hauses stehend, nahm sie pltzlich mit der
zitternden Hand und einem ihrem Alter unentsprechend raschen Griff ein
Spitzentaschentuch aus dem kleinen Handtschchen heraus, wandte sich gegen
die Newa und begann zu weinen. Die untergehende Sonne beschien dabei ihr
Gesicht, und auf ihrer Oberlippe zeichnete sich deutlich das
Schnurrbrtchen; sie legte ihre Hand auf einen Stein und sah mit
kindlichem, nichts sehendem Blick in die nebelhafte, vielschlotige Ferne
und die Tiefe des Wassers.

Endlich nherte sich die Dame erregt dem gelben Haus und lutete.

Die Tr ging auf; ein betreter Greis streckte durch die ffnung seinen
kahlen Schdel vor und zwinkerte mit den trumenden uglein in den gelben
Glanz des Newasonnenuntergangs.

Sie wnschen?

Die ltliche Dame kam in Aufregung: Rhrung vielleicht, vielleicht
verborgene Schchternheit erhellten ihre Zge . . .

Semjonytsch . . . erkennen Sie mich nicht?

Da erbebte der kahle Lakaienschdel, und sein Blick fiel auf das kleine
Handtschchen.

Mtterchen, gndige Frau! . . . Anna Petrowna!

Ja, Semjonytsch, ich bin's . . .

Aber wieso denn? Woher?

Rhrung, wenn nicht gar verborgene Schchternheit klang aus der angenehmen
Stimme.

Aus Spanien, . . Ich wollte nun sehen, wie es euch ohne mich geht.

Gndige Frau, Mtterchen . . . Kommen Sie doch nur herein . . .

Anna Petrowna schritt ber die Treppe, die derselbe Teppich bedeckte wie
damals.

Aber niemand ist zu Hause, weder der junge Herr noch Apollon
Apollonowitsch.

ber der Balustrade erhob sich wie damals die Sule aus weiem Alabaster,
und auf ihr hob wie damals die Niobe ihre Alabasteraugen gen Himmel; dieses
_Damals_ berfiel Anna Petrowna (seither sind bereits drei Jahre
verstrichen, und vieles wurde inzwischen erlebt), vor ihr tauchten die
schwarzen Augen des italienischen Kavaliers auf, und wieder sprte sie ihre
sorgsam verborgene Schchternheit.

Befehlen gndige Frau Kaffee oder Schokolade? Oder vielleicht den
Samowar?

Anna Petrowna schttelte mit Mhe die Vergangenheit von sich (hier war
alles wie frher).

Also, wie ist es euch all die Jahre gegangen?

Es ging eben . . . Aber ich mu der gndigen Frau sagen: ohne Sie gibt's
keine Ordnung . . . Sonst aber blieb alles beim alten . . . . Der gndige
Herr hat . . .

Ja, das wei ich . . .

Jawohl, immer neue Auszeichnungen . . . Die Gnade des Kaisers . . . Was
ist da zu sagen: der gndige Herr bedeuten schon was!

Und ist -- der Herr -- gealtert?

Der gndige Herr kommt -- wie es heit -- auf einen verantwortlichen
Posten: er ist so gut wie Minister . . .

Anna Petrowna schien es pltzlich, da der Lakai sie ein klein, klein wenig
vorwurfsvoll anblickte; das schien ihr wohl; der Lakai blinzelte nur von
dem blendenden Glanz der untergehenden Sonne, whrend er ihr die Tr zum
Salon ffnete.

Und Kolenka?

Kolenka? Nikolai Apollonowitsch? O, der ist so gescheit. Macht
Fortschritte in den Wissenschaften; und auch sonst, wie und wo es sich
gehrt . . . Ein bildhbscher, junger Herr!

Aber was sagen Sie da? Er war doch immer in den Vater . . .

Sie sagte es, lie die Augen sinken und machte sich an dem Handtschchen zu
schaffen.

An den Wnden dieselben hochbeinigen Sthle; zwischen den Sthlen mit den
cremefarbigen Plschsitzen berall kleine weie Sulen; und von jeder
dieser Sulen sah sie ein strenger Mann aus kaltem Alabaster vorwurfsvoll
an. Und direkt feindlich funkelte sie das grnliche, alte Spiegelglas an,
unter dem sie mit dem Senator das entscheidende Gesprch hatte; dort weiter
-- die blatnigen Bilder -- die pompejanischen Fresken; diese Fresken
brachte ihr der Senator, als sie seine Braut gewesen war -- vor nun dreiig
Jahren.

Anna Petrowna wurde wieder von der alten Gastlichkeit des Salons erfat;
von dem Lack und ueren Glanz; wie in alter Zeit bedrckte etwas ihre
Brust; die alte Feindseligkeit wlzte sich nach oben, bis zur Kehle;
Apollon Apollonowitsch wird ihr vielleicht verzeihen; sie ihm aber -- nie;
im lackierten Heim entluden sich die Lebensgewitter lautlos, aber ihre
Entladungen waren ttend.

So wurde sie von aufgetauchten, dunklen Gedanken zu feindlichen Ufern
gejagt; zerstreut lehnte sie sich gegen das Fenster und blickte auf die
rosigen Wlkchen, die ber die Newawellen dahinglitten.

Bleiben gndige Frau bei uns?

Ich? . . . Ich wohne im Hotel.

                                * * *

Im zerflieenden Grau tauchten pltzlich matte, wie verwundert blickende
Punkte auf: Lichter, Lichtchen; Lichter, Lichtchen reihten sich aneinander
und sprangen dann als rtliche Flecken aus der Dunkelheit, indessen von
oben Wasserflle herunterstrzten: blaue, dunkellila, schwarze.

Petersburg verkroch sich in die Nacht.


Ihre Schuhchen trippelten

Die Klingel ging immer wieder.

Aus dem Vorzimmer traten in den Saal engelhafte Wesen in hellblauen,
weien, rosafarbigen Kleidern; sie schimmerten silbern, funkelten;
fchelten einander mit den Augen, mit den Fchern, mit dem leichten
Seidenstoff an; strmten eine wohltuende Atmosphre aus von Veilchen,
Maiglckchen, Lilien, Tuberosen; die weimarmornen Schultern, noch
berhaucht von leichtem Puderstaub, sollten whrend einer Stunde rot
werden, von feuchtem Dunst berzogen; jetzt vor dem Tanzen schienen die
Gesichtchen, die Schultern, die mageren, nackten Arme noch blsser und
magerer als sonst; um so strker war der Reiz dieser Geschpfe, der nur in
dem leisen Aufblitzen der Augen unmerklich hervortrat, whrend sie, wie
richtige Engelskindlein, sich in farbigen, duftigen Mullwolken scharten;
von dem ffnen und Zumachen der weien Fcher entstand ein leichter Wind.
Ihre Schuhchen trippelten.

Es war eigentlich gar kein Ball, den die Zukatows gaben; es war mehr ein
Kindertanzabend, an dem auch die Erwachsenen sich zu beteiligen wnschten;
die Kunde ging allerdings, da auch Masken erscheinen wrden.

Darber wunderte sich Lubow Aleksejewna eigentlich ein wenig, denn es war
ja noch nicht die Zeit der Blle; aber so waren schon einmal die
Traditionen des geliebten Gatten: wo es sich um Tanzen und Kinderlachen
handelte, galt ihm der Kalender nichts; der Gatte, der Eigentmer eines
silberweien Backenbartes, wurde noch immer Koko genannt. In seinem
tanzenden Heim hie er natrlich Nikolai Petrowitsch, das Oberhaupt der
Familie und Vater zweier lieblicher Tchter von achtzehn und fnfzehn
Jahren.

Diese zwei lieblichen blonden Geschpfe trugen heute duftige Kleidchen und
silberne Schuhchen. Seit neun Uhr schon fuchtelten sie mit ihren Fchern
gegen den Vater, gegen die Wirtschafterin, gegen das Stubenmdchen, sogar
. . . gegen den wrdigen, alten Herrn von Nashornumfang, der als Besuch im
Hause weilte (ein Verwandter von Koko). Endlich erscholl das langersehnte
Klingelzeichen, die Tr des weileuchtenden Saals tat sich auf, und im
festanliegenden Frack trat der Tapeur ein und stie beinahe mit dem
Offizianten zusammen, den man fr diesen glanzvollen Abend extra engagiert
hatte. Der bescheidene Tapeur legte seine Noten zurecht, schlug den
Klavierdeckel bald auf, bald wieder zu, blies vorsichtig den unsichtbaren
Staub von den Tasten und drckte schlielich ohne plausiblen Grund den
glnzenden Lackschuh aufs Pedal; er erinnerte an den Maschinisten der
Lokomotive, der seine Maschine vor dem Verlassen der Station sorgfltig
untersucht. Nachdem er von dem guten Zustande des Instruments berzeugt
war, schob er die Sche des Fracks auseinander, lie sich auf das niedere
Taburett nieder, warf den Krper zurck und blieb, die Finger auf den
Tasten, einen Augenblick unbeweglich sitzen -- dann aber erschtterten
helltnende Akkorde die Wnde, als wre ein Signal zur Abfahrt gegeben
worden.


Zu Ende getanzt

Wie gewhnlich schlichen sich auch heute von Zeit zu Zeit Salongste durch
den Saal zum Salon -- mit wohlwollender Miene schritten sie lngs den
Wnden; freche Fcher nippten sie gegen die Brust, perlenverzierte Rcke
trafen sie im Flug, und der heie Wind wehte ihnen zu von dahinsausenden
Paaren; sie aber schritten lautlos weiter.

Ein rundlicher Herr mit unangenehm blatternarbigem Gesicht durchquerte
zuerst den Saal; sein Rock spannte sich ber dem bermig runden
Buchlein; er war Redakteur einer konservativen Zeitung und entstammte
selbst der liberalen Geistlichkeit. Im Salon angekommen, kte er das dicke
Hndchen Lubow Aleksejewnas, der fnfundvierzigjhrigen Wirtin, mit
aufgedunsenem Gesicht, dessen Doppelkinn auf den vom Korsett gesttzten
Busen fiel.

Kaum hatte die Wirtin eine harmlose Frage an ihn gerichtet, als der
dickliche Redakteur dieselbe zu einer Frage von hchster Bedeutung erhob:

Sagen Sie es nicht -- nein! Denn so denken sie alle, weil sie die reinen
Idioten sind. Ich kann es Ihnen ganz genau beweisen.

Aber mein Mann, Koko . . .

Das sind alles jdisch-freimaurerische Schwindeleien, meine Gndige:
Organisation, Zentralisation . . .

Ach, wie interessant: erzhlen Sie bitte . . .

Und er sagte, sich tief in den Lehnstuhl versenkend:

Ja, meine Herrschaften, so ist es.

Durch die offenen Tren der dazwischenliegenden zwei Rume sahen sie aus
der Ferne den Saal, erfllt von Glanz und Flimmern. Man hrte das
donnernde:

Rrrekul . . .

Balances vos dames! . . . 

Und wieder:

Rrrekul! . . .


Der Ball

Was ist der Salon whrend eines lustigen Walzers? Er ist nur eine Zugabe
zum Tanzsaal und die Zufluchtssttte fr Mtter. Aber die kluge Lubow
Aleksejewna benutzte die Gutmtigkeit ihres Gatten (er besa keinen
einzigen Feind) sowie ihr mitgebrachtes, riesiges Vermgen, schlielich
auch den Umstand, da ihr Haus gegen alles auer Tanzen hchst gleichgltig
war und so ein neutrales Zentrum fr alle bildete -- dies alles benutzte
die kluge Lubow Aleksejewna, um, -- dem Gatten das Dirigieren im Tanzsaal
berlassend -- selbst die Begegnungen der verschiedensten Persnlichkeiten
zu vermitteln; bei ihr trafen sich die Fhrer der verschiedensten Parteien;
der Publizist mit dem Departementsverwalter; der Demagoge mit dem
Antisemiten. In ihrem Hause verkehrte, speiste sogar Apollon
Apollonowitsch.

Und whrend Nikolai Petrowitsch im Tanzsaal das Contredance durch neue
Figuren verwickelte -- verwickelte und entwickelte sich zur gleichen Zeit
in dem gegen alles gleichgltig freundlichen Salon manche Konjunktur.

Auch hier tanzte man, wenn auch in anderer Weise.

Der zweite, der sich in den Salon schlich, war ein Mann von wahrhaft
vorsintflutlichem uern, mit erschreckend zerstreutem Gesichtsausdruck.
Die Sche seines Rockes, auf dem stellenweise weie Federchen hingen,
waren hinten etwas geffnet und lieen eine hchst primitive Hosenschnalle
sehen; es war ein Professor der Statistik; an seinem Kinn hing in Bscheln
ein gelblicher Vollbart, und ber die Schultern fielen ihm Haarstrhnen,
die aussahen, als kmen sie selten mit einem Kamm in Berhrung. Unheimlich
wirkte seine blutrote hngende Lippe, die sich gleichsam vom Munde
loszulsen schien.

In den prunkvollen Salon eingetreten, wurde der Professor verwirrt: der
Glanz und das Flimmern schien ihn geblendet zu haben; mit gutmtigen
Blicken betrachtete er den feierlichen Saal, trippelte eine Weile auf ein
und derselben Stelle, blieb verlegen stehen, zog sein gefaltetes
Taschentuch hervor, um die auf dem Schnurrbart hngende Feuchtigkeit von
der Strae abzutrocknen; er zwinkerte den Paaren zu, die einen Augenblick,
zwischen zwei Quadrillefiguren, stillstanden.

Endlich gelangte er in den von blulichem, elektrischem Licht beschienenen
Salon, als ihn die Stimme des Redakteurs an der Schwelle zurckhielt.

Verstehen Sie jetzt, meine Gndige, den Zusammenhang zwischen dem
japanischen Krieg, den Hebrern, der uns drohenden Mongoleninvasion und der
Revolution? Das jdische Auftreten und die Treibereien der groen Fuste in
China stehen in engster und deutlichster Verbindung miteinander.

Ich verstehe es jetzt, ich verstehe.

Es war die Stimme der Lubow Aleksejewna. Der Professor blieb entsetzt
stehen; denn er war durch und durch liberal und ein Anhnger sozusagen
humaner Reformen; er erschien zum erstenmal in diesem Hause, in der
Hoffnung, hier Apollon Apollonowitsch zu treffen; doch dieser schien nicht
da zu sein -- und anwesend war nur der Redakteur des konservativen Blattes;
derselbe Redakteur, der soeben gerade die fnfundzwanzigjhrige, reine
Ttigkeit des Sammelns statistischer Daten -- human ausgedrckt -- in
unanstndigster Weise mit Schmutz beworfen hatte. Der Professor begann
pltzlich zu keuchen, zwinkerte gegen den Redakteur und pfiff leise
verchtlich in seinen struppigen Bart.

Begreifen Sie jetzt, meine Gndige, das jdisch-freimaurerische Treiben?

Jetzt begreife ich es; jetzt habe ich es begriffen.

Und dort, dort . . .

Mit einer Hand auf die Batasten aufschlagend, schlo der Tapeur dort
elegant das Tanzstck, whrend er mit der anderen mit meisterhafter
Schnelligkeit das Notenblatt umwandte, und dann, die Hand in der Luft und
die Finger ausdrucksvoll zwischen Klaviatur und Noten gespreizt, drehte er
seinen Krper erwartungsvoll dem Wirt zu, wobei seine blendend weien Zhne
schimmerten.

Die Geste des Tapeurs beantwortete Nikolai Petrowitsch Zukatow durch eine
aufmunternd anerkennende Bewegung des glatt rasierten Kinns zwischen dem
strmisch wallenden Backenbart; dann mit nach vorn gebeugtem Kopf, wie mit
der Stirn gegen die Luft stoend, glitt er eilig ber das blinkende Parkett
zwischen den Paaren durch, mit zwei Fingern ein Endchen des grauen Bartes
drehend; und willenlos schwebte hinter ihm das engelhafte Wesen her, hinter
ihr flatternd eine heliotropfarbene Schrpe; inspiriert durch den Flug
seiner Tanzphantasie, flog Nikolai Petrowitsch Zukatow blitzartig in die
Richtung des Tapeursitzes und brllte wie ein Lwe durch den Saal:

Pas -- de -- quatre, s'il vous plait!

Und hinter ihm her flog willenlos das engelhafte Geschpf.

Rauchwolken von Zigaretten stiegen im Rauchzimmer auf; Rauchwolken stiegen
im Vorzimmer auf. Hier streifte ein kleiner Kadettenschler seinen
Handschuh von der Hand und fchelte sich mit ihm Luft zu; zwei kleine
Mdchen, eng umschlungen, flsterten hier einander Geheimnisse, die
vielleicht soeben aufgetaucht waren; die Schwarzhaarige sagte es der
Blonden, und die Blonde kicherte und knapperte erregt an ihrem duftigen
Batisttchlein.

Im Vorzimmer stehend, konnte man auch einen Blick in das von Gsten
vollgestopfte Speisezimmer werfen; dort wurden Butterbrote, Frchte in
groen Schalen, Wein und Brauselimonade herumgereicht.

In dem grell erleuchteten Saal blieb jetzt der Tapeur ganz allein zurck;
er legte seine Noten zurecht, trocknete sich sorgfltig die heien Finger,
fuhr mit einem weichen Lppchen ber die Tasten, legte die Notenhefte
suberlich bereinander und ging, einem langbeinigen, schwarzen Vogel
gleich, ein wenig unentschlossen -- whrend die Diener ungeachtet seiner
Anwesenheit im Saal die Fenster zum Lften ffneten -- in die Richtung des
lackierten Vorzimmers.

Dort weiter irrte auch der Professor der Statistik einher, der bis dahin
(wie auf Kohlen) im Salon gesessen war; er stie jetzt auf den liberalen
Leiter einer Kreisverwaltung, der einsam und gelangweilt im Durchgang
stand, erkannte ihn, lchelte ihm freundlich zu, und wie gengstigt, da
dieser ihm davonlaufe, ergriff er mit zwei Fingern einen Knopf dessen
Rockes, gleichsam als Rettungsanker; und nun hrte man:

Nach den Ergebnissen der Statistik . . . Der jhrliche Salzverbrauch eines
normalen Hollnders . . .

Und wieder hrte man:

Der jhrliche Salzverbrauch eines normalen Spaniers . . .

Nach den Ergebnissen der Statistik . . .


Als klagte jemand

In diesem Augenblick sprang ein zehnjhriges Mdchen aus dem Mittelzimmer
heraus; es sah in den soeben noch vollen, jetzt durch Leere schimmernden,
verlassenen Saal. Am Eingang des Vorraumes ging leise die Tr auf; der
geschliffene, diamantensprhende Trgriff bewegte sich geheimnisvoll, und
in den schmalen Raum zwischen Tr und Wand schob sich vorsichtig eine
schwarze Maske herein; zwei glnzende Funken leuchteten durch die
Augenausschnitte derselben.

Das zehnjhrige Kind gewahrte diese Maske mit den zwei bs funkelnden
Punkten in den Ausschnitten, dann einen wallenden schwarzen Spitzenbart und
schlielich einen atlasrauschenden, faltenreichen Domino; erschreckt fhrte
das Kind die Finger zu den Augen, dann aber lchelte es freudig, klatschte
mit den Hndchen und lief mit dem Schrei: . . . Die Masken sind
angekommen! durch die Flucht der Zimmer, in deren bauschigen
Tabaksrauchwolken sich die Gestalt des Professors mit seinen
Elefantenbeinen nebelhaft zeichnete.

Der Kreisverwaltungsbeamter, der inzwischen festen Fu gefat hatte, sah
verwundert den Domino an und fate sich aus Verlegenheit wieder an den
Bart; der Domino aber flehte ihn gleichsam stumm an, ihn nicht aus dem
Hause in den Schmutz der Petersburger Straen, in den bsen, dicken Nebel
zu jagen.

Sagen Sie, bitte, sind Sie eine -- Maske?

Schweigen.

Die Maske flehte; schweigend irrte sie durch den Saal.

Aus der Ferne kam inzwischen eine zwitschernde Schar, um den Domino zu
sehen; doch bei seinem Anblick verstummte das lustige Gezwitscher und ging
in ein hauchendes Flstern ber; endlich verstummte auch das Flstern; eine
schwere Stille trat ein.

Der arme Domino: als wre er bei einem Vergehen ertappt -- er neigte sich
vor, und sein vorgestreckter roter Arm flehte gleichsam alle an, ihn nicht
aus dem Hause in den Petersburger Straenschmutz, in den bsen, feuchten
Nebel zu jagen.

Sag, Domino, bist du es am Ende, der durch die Petersburger Straen
herumluft?

Meine Herrschaften, haben Sie heute die >Tagesneuigkeiten< in der Zeitung
gelesen?

Warum?

Aber da steht wieder etwas ber den roten Domino.

Meine Herrschaften, das ist alles Unsinn.

So rief ber die bunten Kpfchen der jungen Mdchen der kleine Kadett
hinweg und richtete, sicher zielend, eine Papierschlange gegen den Domino.
Einen Augenblick schwebte der papierene Bogen in der Luft; als sein Ende
mit leichtem Knistern die Maske erreichte, schrumpfte der Bogen zusammen
und fiel schlaff auf den Boden; diesen Scherz lie der Domino unbeantwortet
und streckte nur flehend die Arme vor.

Gehen wir, meine Herrschaften.

Und die Schar lief davon.


Eine kleine vertrocknete Gestalt

Er hatte sich selbst vergessen; er verga seine Gedanken und verga seine
Hoffnungen; er weidete sich an der Rolle, die er sich selbst zugedacht
hatte: das gotthnliche, leidenschaftslose Wesen war verschwunden;
geblieben war nur die nackte Leidenschaft; und diese Leidenschaft wurde zu
Gift.

Als htte er all die letzten Tage seine Zaubermacht an ihr versucht; indem
er die Arme aus den Fenstern des gelben Hauses ihr entgegen ausgestreckt,
indem er seine kalten Arme gegen die Newanebel ber dem Granit ausstreckte.
Er suchte das von ihm in Gedanken hervorgerufene Bild liebend zu fassen; um
sich zu rchen, wollte er die vor ihm schwebende Silhouette erwrgen;
deswegen breiteten sich all diese Tage auch ihre kalten Arme aus, Raum
gegen Raum; deswegen klangen ihr all diese Tage ber in den Ohren wie aus
der Ferne kommende, unirdische Liebesbeschwrungen, pfeifende Schwre und
keuchende Leidenschaftsworte; deswegen hrte sie unverstndliches Summen,
und deswegen flochten zu ihren Fen knisternde Bltter Girlanden aus
Worten . . .

An sein Ohr drangen ferne Stimmen, und langsam wandte er sich um;
undeutlich und unklar -- ganz, ganz weit von ihm -- schritt eine kleine,
trockene Gestalt durch den Saal, haarlos, bartlos, ohne Brauen ber den
Augen, seltsam. Nikolai Apollonowitsch konnte durch die Maske nur mit Mhe
die Einzelheiten der Erscheinung sehen, denn das Blicken durch dieselbe
verursachte ihm Schmerz (auerdem war er kurzsichtig); er sah nur die
Konturen grnlicher Ohren; kurz, er erblickte vor sich den Vater: mit den
Ringen seiner Uhrkette spielend, starrte Apollon Apollonowitsch mit
schlecht verborgener Angst, auf die pltzlich aufgetauchte Maske; er
dachte, ein boshafter Spavogel wollte ihn, den Hfling, durch die
symbolische Farbe seines grellroten Kleides terrorisieren . . .

Unerwartet vernahm man das Lachen nahender Gste; das Zimmer fllte sich
mit Masken; eine Schar schwarzer Kapuziner sprang herein; sie bildeten
sofort einen Kreis um ihren roten Genossen und begannen einen wilden Reigen
zu tanzen; die Atlassche ihrer schwarzen Gewnder flogen auf und nieder;
dazu hpften die Spitzen der Kapuzen drollig im Takt, und vorn an der Brust
baumelten die gestickten, auf zwei gekreuzten Knochen ruhenden
Totenschdel.

Der rote Domino machte sich von der ihn umringenden Schar frei und lief aus
dem Saal; lachend folgte ihm die schwarze Kapuzinerschar; so liefen sie
durch den weiten Vorraum ins Speisezimmer; die um die Tische Sitzenden dort
begrten sie, indem sie mit den Tellern klapperten.

Nur einer sagte:

Meine Herrschaften, es ist zuviel . . .


Pompadour

Engel Peri stand vor dem etwas schrggehngten, ovalen Spiegel: alles lief
in ihm nach unten; die Zimmerdecke, die Wnde, der Fuboden, und dort
gleich einer Fontne von duftigen Gegenstnden, aus dem Meerschaum, aus
Spitzen und Mull trat sie selbst hervor, eine Schnheit mit hochgewelltem
Haar und einem Schnheitspflsterchen auf der Wange: Madame Pompadour!

Und ihre Haare, ganz in Locken gedreht, nur leicht von einem Band gehalten,
waren wie Schnee; und fein waren die Fingerchen, die jetzt die Puderquaste
hielten; die schmale himmelblaue Taille war ein wenig nach links gebeugt,
die Hand hielt eine kleine schwarze Maske; aus dem engen,
tiefausgeschnittenen Mieder blickte, wie hauchberzogen, atmend, lebendigen
Perlen gleich, der Busen; an den schmalen, seiderauschenden rmelchen
wogten in Wellen Valencienner Spitzen; Valencienner Spitzen wogten auch
sonst berall, an dem Ausschnitt, unter dem Ausschnitt; der Panierrock
wiegte sich unter dem Mieder, wie vom Windhauch getragen wiegte er sich,
spielend mit Volants und flimmernd mit der Silbergirlande der Festons;
silberne Schuhchen an den Fen und jedes verziert mit einer Silberquaste.
Aber seltsam: Sofja Petrowna sah in ihrer Robe gealtert und weniger hbsch
aus; statt des kleinen rosigen Mndchens hoben sich die unschn
abstehenden, allzu roten, allzu schweren Lippen vom kleinen Gesichtchen ab;
und als die Augen zu schielen begannen, zeigte Madame Pompadour etwas
Hexenhaftes: in diesem Augenblick steckte sie den Brief hinter das Mieder.

Im selben Augenblick auch sprang Mawruscha herein und brachte einen Stab
aus hellem Holz mit goldenem Griff und flatternden Bndern; whrend aber
Madame Pompadour den Stab nahm, blieb in ihrer Hand ein Zettelchen zurck,
von ihrem Gatten; darauf stand: Wenn Sie abends fortgehen, kehren Sie
nicht mehr in mein Haus zurck. Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin.

Dieser Zettel war natrlich an Sofja Petrowna Lichutina, nicht an Madame
Pompadour, gerichtet; Madame Pompadour lchelte verchtlich; sie sah in den
Spiegel, in die Tiefe, in das matte Grn: dort weit, weit zogen leichte,
rauschende Wellen dahin; und aus dieser grnlichen, blassen Tiefe mit dem
grellen Fleck des roten Lampenschirms tauchte -- pltzlich, ein
Wachsgesicht auf, und Sofja Petrowna drehte sich um.

Vor ihr stand ihr Gatte, der Offizier; aber wieder lchelte sie
verchtlich, hob leicht ihren spitzenverzierten Panierrock an den Festons
und schritt knicksend zurck; ein leichter Zephir hob sie vor ihm auf
seinen Schwingen davon, und ihr Reifrock wiegte sich gleichmig wie eine
Glocke und rauschte in sem Zephirhauch; in der Tr wandte sie ihm das
Gesicht zu und machte dem Offizier mit der Hand, die die schwarze Maske
hielt, schelmisch lchelnd, eine lange Nase; hinter der Tr hrte man dann
lautes Lachen und den lauten wie sonst ausgesprochenen Befehl:

Marwruscha, den Mantel!

Da lief Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin, Leutnant des Gr. Greischen,
Seiner Majestt Regiment, bla wie der Tod, doch ganz ruhig, mit ironischem
Lcheln der grazisen Maske vor, schlug die Sporen aneinander und blieb
ehrfurchtsvoll wartend, mit dem befohlenen Mantel in der Hand vor seiner
Gattin stehen; mit noch grerer Ehrfurcht warf er ihr den Pelz um, ri
weit die Flgeltr vor ihr auf, mit verbindlichem Lcheln mit der Hand nach
auen zeigend, in die farblose Dunkelheit; und wie sie rauschend, mit
hochgehobener Stirn, an dem ergebenen Diener vorbeischritt -- schlug
Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin nochmals die Sporen aneinander und machte
wieder eine tiefe Verbeugung. Die dunkelfarbene Finsternis ergo sich ber
sie -- von allen Seiten ergo sie sich: Lange, lange noch hrte man das
Rauschen auf der Treppe, denn fiel unten die Tr zu; Ssergeij
Ssergeijewitsch Lichutin aber kehrte in die Wohnung zurck und begann mit
denselben bertriebenen scharfen Bewegungen berall die elektrischen
Lichter zu lschen.


Das Verhngnisvolle

Komm mit mir! bedrngte eine Madame Pompadour Nikolai Apollonowitsch, und
da er Madame Pompadour nicht erkannte, gab er nur unwillig den Arm;
unmerklich spttisch sah sie ihren roten Kavalier an, und mit
zurckgeworfenem Kopfe legte sie eine Hand in seinen Arm, indessen die
andere den Rocksaum aus hellblau flatterndem Duft hielt und ein reizvolles,
silbernes Schuhchen hervorlugen lie.

Und nun begann man zu tanzen:

Eins -- zwei -- drei -- und die Taille bog sich, das Fchen lugte hervor
. . .

Erkennst du mich?

Nein.

Du scheinst jemand zu suchen?

Eins -- zwei -- drei -- und wieder ein Wiegen der Taille wie ein
Vorschieben des Fchens.

Ich habe einen Brief fr dich.

Dem ersten Paar -- Domino und Marquise -- folgten Harlekine, Spanierinnen,
perlmutterblasse Fruleins, Juristen, Husaren und willenlose Mullgeschpfe:
Nackte Schultern, silberige Rcken und Schrpen.

Allmhlich legte sich die eine Hand des roten Dominos um ihre hellblaue
Taille, und whrend er mit der zweiten die der Dame ergriff, lie diese den
Brief in seine Hand bergleiten; und im gleichen Augenblick legten sich
dunkelgrne, schwarze und husarenrote Arme aller anderen Kavaliere um die
schlanken, weien, heliotropfarbenen, seidenknisternden Gewnder, und alles
begann sich im Tanze zu drehen.

Der weibrtige Wirt aber brllte:

A vos places!

Und hinter ihm her flog ein willenloser Backfisch.

                                * * *


Apollon Apollonowitsch

Apollon Apollonowitsch erholte sich von seinem Herzanfall; er schmte sich
seiner Angst -- und trat in den Salon; alle erhoben sich bei seinem
Erscheinen von den Pltzen, und Lubow Aleksejewna ging ihm entgegen; der
Statistikprofessor bewegte sich ruhelos auf seinem Platze und stammelte:

Ich hatte schon einmal die Ehre gehabt; ich wollte Sie, Apollon
Apollonowitsch, in einer Angelegenheit . . .

Der Wirtin die Hand kssend, antwortete Apollon Apollonowitsch etwas
trocken:

Ich bin im Departementsbureau zu sprechen.

Zerstreut warf inzwischen die Wirtin ihrem Partner zu:

Und was meinen Sie, bitte . . .

Da trat ein Neuer ein: ein schweigsames, bewegliches Herrchen mit riesiger
Warze unter der Nase; er winkte wie aufmunternd dem Senator zu, lchelte
und rieb sich die Finger; mit zweideutig sanfter Miene fhrte er den
Senator beiseite:

Ja, sehen Sie, Apollon Apollonowitsch . . . Der Direktor des
N.-Departements trug mir auf . . . na, wie soll ich es sagen . . . an Sie
eine etwas heikle Frage zu richten . . .

Weiter konnte man nichts hren; man sah nur, wie das kleine Herrchen etwas
in das blagrnliche Ohr flsterte und pltzlich Apollon Apollonowitsch
ngstlich dazwischenwarf:

Sprechen Sie also geradeheraus . . . mein Sohn?

Wieder ein Flstern; der Senator fragte:

Der Domino, sagen Sie?

Der Domino -- ebendieser dort.

Mit diesen Worten zeigte das lebhafte Herrchen in den Nebenraum, wo der
ruhelose Domino in Rot ber das spiegelnde Parkett tanzend dahinglitt.


Der Skandal

Nachdem sie den Brief bergeben hatte, schlich sich Sofja Petrowna von
ihrem Kavalier fort, kraftlos lie sie sich auf ein weiches Taburett
nieder; ihre Arme und Beine versagten den Dienst.

Was hatte sie gemacht?

Sie sah, wie der rote Domino aus dem Tanzsaal in das Nebenzimmer lief, wie
er dort in einer Ecke das Briefchen entfaltete; um die kleine Schrift
besser zu lesen, schob er seine Maske auf die Stirn; die Spitzen des Bartes
legten sich wie schwarze, flatternde Flgel auf beide Seiten des Kopfes;
aus den flatternden Flgeln aber blickte ein wchsernes, unbewegliches
Gesicht mit vorstehenden Lippen; die Hand bebte, und auch der Brief, den
die Finger hielten, zitterte; kalter Schwei perlte auf seiner Stirn.

Der rote Domino sah nicht Madame Pompadour, die ihn aus der Ecke
beobachtete; er ging vollends im Lesen des Briefes auf; da trat pltzlich
jemand herein; der Domino verbarg mit nervser Bewegung das Billett in den
Atlasfalten; die Maske aber verga er herunterzuziehen. Und so stand er da,
mit auf die Stirn geschobener Larve, halboffenem Munde und nichtssehendem
Blick.

Vom Tanzen erhitzt, lief ein kleines Mdchen, Khlung suchend, herein; sie
stie beinahe in der Tr den liberalen Leiter der Kreisverwaltung um, eilte
dann zum Spiegel, richtete das Bndchen im Haar, schnrte das weie,
seidene Schuhchen fester und begann mit ihrer Freundin Heimliches zu
flstern.

Umsehend gewahrte sie den roten Domino mit offenem Gesicht und rief:

Sie sind es also? Guten Abend, Nikolai Apollonowitsch. Wer htte es nur
gedacht!

Sofja Petrowna sah, wie schmerzhaft Nikolai Apollonowitsch dem Mdchen
zulchelte; dann verlie er mit scharfem Ruck seinen Platz und ging eilig
in den Saal.

An herumstehenden Masken; und tanzenden Paaren vorbei rannte Nikolai
Apollonowitsch mit zitternden Beinen immer weiter, und hinter ihm her
rauschte der karminrote Atlas, bei dessen Anblick man unwillkrlich an Blut
denken mute.

Diese Flucht des roten Dominos mit nach oben geschobener Maske, unter der
das Gesicht Nikolai Apollonowitschs zu sehen war, gestaltete sich zu einem
wahren Skandal; die Tanzenden verlieen ihre Pltze, die Damen sahen ihm
mit weit aufgerissenen Augen nach. Der Leibhusar Sporyschow ergriff den
laufenden Ableuchow an der Hand und fragte flehend: Um Gottes willen,
Nikolai Apollonowitsch, was ist geschehen? -- Doch wie ein gehetztes Tier
sah ihn dieser mit wahnsinnigem Gesichtsausdruck an, versuchte zu lcheln,
ohne da daraus ein Lcheln wurde, und strzte, sich losreiend, weiter.

Dieser Zwischenfall im Tanzsaal lenkte auch die Aufmerksamkeit des Salons
auf sich; die schwerflligen Salonbesucher drngten sich, beschienen vom
blulichen Lichte, in die Tr, neugierige Blicke in den Tanzsaal richtend.
Aus dieser Gruppe hob sich des Senators kleine, vertrocknete Gestalt mit
wie aus papiermachbleichem Gesicht, mit festeingezogenen Lippen und
grnlichen, abstehenden Ohren: genau so war er krzlich auf dem Titelblatt
eines humoristischen Straenblttchens dargestellt gewesen.


Wie aber wenn . . .?

Sofja Petrowna Lichutina blieb mitten im Saale stehen.

Erst jetzt wurde ihr ihre furchtbare Rache klar; erst jetzt verstand sie
deutlich den Inhalt des Briefchens: begriff, da der Brief Nikolai
Apollonowitsch aufforderte, die mit einem Uhrmechanismus versehene Bombe,
die sich angeblich in seinem Schreibtisch befand, gegen -- dies war kaum
mizuverstehen -- gegen _den Senator_ zu werfen (denn Apollon
Apollonowitsch wurde allgemein _der Senator_ genannt).

Sofja Petrowna stand verloren mit leicht zur Seite geneigter Taille unter
den Masken und bemhte sich, das Ganze zu begreifen; gewi, es war ein
boshafter und gemeiner Scherz von jemand, und von ihrer Seite die Lust, ihn
durch diesen Scherz zu erschrecken: er war ja doch . . . der schuftige
Feigling. Wie aber, wenn . . . Nikolai Apollonowitsch wirklich in seinem
Tische einen so furchtbaren Gegenstand liegen hat? Und wenn man das
erfhrt? Und ihn jetzt gleich festnehmen wird? . . . Verloren stand Sofja
Petrowna unter den Masken, mit himmelblauer Taille und silbergrauen,
ppigen Locken.

berall hrte man ein Flstern, ein Murmeln.

Nein, haben Sie es gesehen? Verstehen Sie es? Was?

Ich habe es immer gesagt, ma chre: sein Sohn wird ein Schuft. Und auch
Tante Lise und Mimi und Niklas -- sie alle sagten es ebenfalls.

Arme Anna Petrowna: ich verstehe sie! . . .

Ach, wir verstehen sie alle.

Da kommt er selbst, da kommt er . . .

Er hat schreckliche Ohren . . .

Es heit, er wird Minister . . .

Er wird das Land zugrunde richten . . .

Man mu es ihm sagen . . .

                                * * *

Wie aber, wenn . . . wenn Nikolai Apollonowitsch in seinem Schreibtisch
eine Bombe liegen hat? Das kann ja bekannt werden; er kann ja auch selbst
einmal gegen den Tisch stoen . . . Abends sitzt er vielleicht an diesem
Tische vor einem Buche. Eine Bombe -- das ist etwas Rundes, was nicht
berhrt werden darf. Sofja Petrowna fuhr zusammen. Einen Augenblick lang
sah sie deutlich Nikolai Apollonowitsch vor sich, wie er bei ihr, sich die
Hnde reibend, vor dem Teetisch sitzt; auf dem Tisch steht das Grammophon
und schleudert gegen sie leidenschaftliche, italienische Liebeslieder; ach,
warum muten sie sich zanken! Wozu die alberne Geschichte mit dem Brief,
dem Domino und alles andere? . . .

Wie aber, wenn . . . der Brief kein Scherz war, wenn er . . . wirklich
verurteilt ist . . . Nein, nein, nein! Solche Schrecknisse gibt es nicht in
der Welt; nicht einmal unter Tieren fnden sich solche, die einen
wahnsinnigen Sohn zwingen wrden, gegen den Vater die Hand zu erheben. Das
waren Albernheiten der Freunde. Wie dumm war sie doch -- vor einem
einfachen Spa zu erschrecken! Aber: auch ihn erschreckte der Scherz der
Freunde; er war doch ganz einfach ein Feigling: auch damals, am Kanal, lief
er nicht vor dem Signal des Polizisten davon?

Er benahm sich damals nicht wie ein Held: er rutschte aus, fiel hin, und so
prosaisch lugte unter dem Atlas die gewhnliche, graue Hose hervor . . .
Und auch jetzt: er lachte nicht ber den naiven Scherz der revolutionren
Freunde, er erkannte die berbringerin nicht; er rannte durch den Saal ohne
Maske, machte sich zum Lachobjekt aller Herren und Damen. Nein, Ssergeij
Ssergeijewitsch mute diesem Feigling eine Lektion erteilen! Ssergeij
Ssergeijewitsch mu den Feigling herausfordern . . .

Der Leutnant! . . . Ssergeij Ssergeijewitsch! Der Leutnant Ssergeij
Ssergeijewitsch fhrte sich seit dem gestrigen Abend in unanstndigster
Weise auf; er brummte sich etwas in den Bart und ballte die Faust; er wagte
es, in bloer Unterhose zu ihr ins Schlafzimmer zu treten, und wagte es
dann, hinter ihrer Wand bis zum frhen Morgen auf und ab zu schreiten.

Undeutlich fiel ihr das gestrige wahnsinnige Schreien, fielen ihr die
blutangelaufenen Augen ein, die auf den Tisch donnernde Faust: ist Ssergeij
Ssergeijewitsch am Ende vom Wahnsinn befallen worden? Er schien ihr schon
seit langem verdchtig: verdchtig schien ihr seine Schweigsamkeit in den
letzten drei Monaten; verdchtig schien ihr dieser dienstliche Eifer. Ach,
sie war so einsam und arm: und jetzt brauchte sie so sehr eine feste
Sttze; wie wnschte sie, ihr Mann, Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin,
htte sie wie ein Kind in seine Arme genommen und von hier weggetragen
. . .

Sofja Petrowna fuhr zusammen, da sie sich der Geste erinnerte, mit der er
ihr gestern den Abendmantel gereicht und die Tr devot geffnet hatte. Wie
mochte er hinter ihrem Rcken dann gestanden haben! Wie verchtlich aber
hatte sie ihm ins Gesicht gelacht, und wie sie dann mit leicht gerafftem
Panierrock knicksend an ihm vorbeigegangen war (ach, warum hatte sie nicht
auch bei der bergabe des Briefes vor Nikolai Apollonowitsch einen Knicks
gemacht: das Knicksen stand ihr doch sehr gut!), wie sie sich dann in der
Tr umgedreht und dem Offizier eine lange Nase gemacht hatte! Und jetzt:
sie ngstigte sich doch ein bichen, nach Hause zurckzukehren . . .

Gergert stampfte sie mit dem Fchen.

Na, warte, du sollst es schon sehen!

Und doch war es ihr ngstlich zumute, nach Hause zurckzukehren.

Aber noch ngstlicher, hier noch lnger zu verweilen; denn schon waren die
meisten der Gste fort, der gutmtige Wirt trat, ein wenig niedergedrckt,
bald zu dem einen, bald zu dem anderen der briggebliebenen Gste und
erzhlte irgendeine Anekdote; dann sah er sich verwaist in dem immer leerer
werdenden Saale um, sah die kleine Schar der noch anwesenden Harlekine und
Narren, und sein Blick bat unverhohlen, den Rest der Frhlichkeit doch nun
aufzugeben.


Der weie Domino

Es war hchste Zeit, das Haus zu verlassen. Einsam und aufgeregt schlich
sich Sofja Petrowna durch die fast leeren Sle. Pltzlich erblickte sie in
der Ferne einen weien Domino, der jetzt gerade aufgetaucht zu sein schien,
und:

      jemand, traurig und schlank, jemand, den sie unzhlige
      Male gesehen zu haben glaubte, auch vor kurzem,
      auch heute -- jemand, traurig und schlank, ganz
      in weien Atlas gehllt, schritt ihr durch die leeren
      Sle entgegen; durch die Ausschnitte der Maske ergo
      sich auf sie das helle Licht seiner Augen; es schien ihr,
      als strahlte trauriges Licht von seiner Gestalt, von
      seinen knchernen Fingern . . .

Und vertrauensvoll rief Sofja Petrowna dem lieben Domino zu:

Ssergeij Ssergeijewitsch! . . . Ssergeij Ssergeijewitsch!

Kein Zweifel, es war Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin; er hatte den
gestrigen Auftritt bereut; er kam -- um sie abzuholen.

Sofja Petrowna rief noch einmal dem lieben Domino zu -- dem Schlanken,
Traurigen:

Sie sind es doch? Sie?

Doch der Schlanke, Traurige schttelte langsam den Kopf und legte die
Finger an den Mund, wie zum Schweigen auffordernd.

Vertrauensvoll streckte sie dem Kostmierten ihre Hand entgegen: wie
schimmerte doch der weie Atlas, wie war er khl! Ihr himmelblauer Arm
legte sich, willenlos, auf den weien des Dominos.

Nie hatte sie Ssergeij Ssergeijewitsch so glnzend gesehen, whrend sie
flsternd bat:

Sie haben mir verziehen?

Durch die Maske kam ein Seufzer als Antwort.

Wir werden uns jetzt vershnen?

Aber der Schlanke, Traurige schttelte langsam den Kopf.

Warum schweigen Sie?

Aber der Schlanke, Traurige, legte wieder den Finger an den Mund.

Sind Sie es, Ssergeij Ssergeijewitsch?

Aber der Schlanke, Traurige befahl ihr zu schweigen.

Sie traten bereits ins Vorzimmer hinaus; das Unaussprechliche umgab sie,
Unaussprechliches stand zwischen ihnen; Sofja Petrowna nahm ihre Maske ab
und versank im liebkosenden Pelz; der Schlanke, Traurige zog seinen
Wintermantel an, nahm aber die Maske nicht ab. Verwundert sah sie auf ihn:
ihm wurde kein Offiziersmantel gereicht, sondern ein schbiges Mntelchen,
aus dessen rmeln die schmalen Hnde seltsam hervortraten, sie an Lilien
erinnernd. Unter den verwunderten Blicken der Diener schmiegte sie sich
nahe an ihn; das Unaussprechliche umgab sie, das Unaussprechliche stand
zwischen ihnen.

Aber auf der Schwelle schttelte der Schlanke, Traurige mit dem Kopfe und
befahl ihr zu schweigen.

Der Himmel war schon gestern gegen Abend ganz schmutzig gewesen; ber Nacht
lie sich der Schmutz auf die Erde nieder; und der Nebel und alles
verwandelte sich dann in schwrzliche Dunkelheit, aus der schreiend grell
die braunroten Flecken der Laternen hervorstachen. Sofja Petrowna sah vor
sich die unklaren Abrisse der langen Gestalt, und flehend bat sie ihn:

Ich mchte eine Droschke.

Die lange Gestalt ihres unbekannten Begleiters, eine abgetragene Mtze ber
den Kopf gestlpt, schwenkte den Arm gegen den Nebel, eine Droschke kam
langsam nher.

Sofja Petrowna verstand nun alles; die traurige Erscheinung hatte eine
wundervolle, kosende Stimme -- eine Stimme, die sie unzhlige Male gehrt;
erst vor kurzem, erst heute; ja, heute: im Traum; und sie hatte sie
vergessen, wie sie vergessen hatte -- den Traum selbst . . .

Er hatte eine wundervolle, kosende Stimme, aber . . . kein Zweifel; es war
nicht die Stimme Ssergeij Ssergeijewitschs. Sie aber hatte gehofft, sie
aber hatte gewnscht, dieser herrliche, freundliche, ihr fremde Mensch,
wre ihr Gatte gewesen. Aber ihr Gatte war nicht gekommen, hatte sie nicht
aus der Hlle geholt; ein Fremder hatte es getan.

Wer mochte er sein? Wer?

Die unbekannte Gestalt erhob mehrmals die Stimme: die Stimme wuchs, wuchs
und wuchs, und es schien, als wachse jemand riesengro unter der Maske.

Wer sind Sie doch?

Ihr alle verleugnet mich; ich aber folge euch allen. Ihr verleugnet mich,
um dann nach mir zu rufen . . .

Die lichte Erscheinung half ihr in die Droschke; als sie ihm aber flehend
die zitternden Hnde entgegenstreckte, legte er wieder den Finger auf die
Lippen und befahl ihr zu schweigen.

Der Wagen bewegte sich bereits: o, wre er doch stehengeblieben! Oder wre
er doch, o, zurckgekehrt -- zu jener Stelle, wo soeben noch der Schlanke,
Traurige stand, wo jetzt aber niemand war und nur eine Laterne mit ihrem
grellen, trben Auge in die Nacht blinkte.


Sie verga das, was war

Sofja Petrowna Lichutina verga das, was war. Ihre Zukunft verlor sich in
der schweren, dunklen Nacht. Das Nicht-mehr-gut-zu-Machende nahte sich ihr,
das Nicht-mehr-gut-zu-Machende erfate sie.

Mitsamt einem Stck ihrer nahen Vergangenheit lste sich der gestrige Tag
von ihrem Bewutsein; Unannehmlichkeiten mit dem Gatten; Unannehmlichkeiten
mit Madame Farnoix: als sie tiefer gehen wollte und das Bewutsein befragte
-- da lste sich der gestrige Tag los, wie sich ein Stck Erde manchmal
loslst; er lste sich los und versank in einer dunklen Tiefe. Man hrte
einen Laut, als wrden Steine zerschlagen.

Vor ihr erstand ihre Liebe von diesem unglcklichen Sommer; und auch die
Liebe dieses unglcklichen Sommers lste sich wie alles andere und versank
in einem dunklen Abgrund; und wieder hrte man einen Laut, als wrden
Steine zerschlagen. Es erstanden vor ihr, um gleich wieder zu versinken,
ihre Gesprche mit Nikolai Ableuchow; es erstanden -- um wieder zu
versinken -- die Jahre ihrer Ehe, ihre Brauttage, ihre Hochzeit: eine Leere
verschlang diese Stcke ihrer Erinnerungen, und es tnten Laute, als
zerschlge jemand Steine. Ihr ganzes Leben flog an ihr vorbei, und dieses
ganze Leben versank in einer Tiefe; als wre es nie gewesen; als wre sie
selbst -- ein noch nicht geborenes Seelenwesen. Hinter ihrem Rcken bereits
begann diese Leere (denn alles war dort versunken und sank in einen dunklen
Grund) und setzte sich in die Ewigkeit fort; und von den Ewigkeiten her
tnte ein Schlag nach dem anderen: dort lste sich ein Stck nach dem
anderen von ihrem Leben und fiel, laut aufschlagend, in einen dunklen
Abgrund . . .

Pltzlich kam Sofja Petrowna zu sich: die Droschke berholend raste ein
Feuerwehrwagen vorbei; ein Helm und eine brennende Fackel blitzten vor ihr
fr kurze Augenblicke auf; gleich darauf raste, klappernd und rasselnd, ein
ganzer Feuerwehrzug vorbei.

Brennt es irgendwo? wandte sich Sofja Petrowna an den Kutscher.

Ja, Herrin, wie es scheint, auf den Inseln.

Das Gefhrt hielt nun vor ihrem Hause.

Sofja Petrowna erinnerte sich da an alles: alles stand erschreckend
prosaisch vor ihr. Die Masken erschienen ihr als einfache Spamacher;
sicher waren es Bekannte, die auch ihr Haus fters aufsuchten; der
Traurige, Schlanke war wohl einer von ihren revolutionren Freunden (wie
lieb es von ihm war, sie zur Droschke zu bringen). Gergert bi sie sich
auf die Lippen: wie konnte sie so ungeschickt _ihn_ mit ihrem Gatten
verwechseln? Und ihm sinnlose Bekenntnisse ins Ohr flstern ber irgendeine
Schuld? Jetzt wird dieser unbekannte Bekannte allen Leuten den Unsinn
berbringen, wird die Meinung verbreiten, sie frchte sich vor ihrem Manne.
Und dieser Klatsch luft dann durch die ganze Stadt . . . Nein, Ssergeij
Ssergeijewitsch, Sie werden mir gleich fr diese unntige Schmach bezahlen!
. . .

Zornerfllt stie sie mit dem Fchen gegen die Eingangstr; die Tr
klappte mit lautem Krachen hinter ihrem Rcken zu. Finsternis umfing sie,
das Unaussprechliche erfate sie wieder fr einen Augenblick (so mute es
wohl im ersten Augenblick nach dem Tode sein). Aber Sofja Petrowna dachte
nicht an den Tod, im Gegenteil, sie dachte an so einfache Dinge. Sie dachte
daran, wie sie Mawruscha gleich befehlen wrde, den Samowar aufzutragen,
wie sie inzwischen ihrem Manne eine ordentliche Predigt halten wrde (auf
so was verstand sie sich: vier Stunden konnte sie es, ohne Aufatmen,
fortsetzen), und wenn Mawruscha den Tee fertig serviert hatte -- dann wrde
sie sich mit ihrem Manne vershnen.

Sofja Petrowna klingelte. Gleich mute sie den eiligen Schritt Mawruschas
hinter der Tr vernehmen; aber sie hrte diesen eiligen Schritt nicht.
Sofja Petrowna fhlte sich beleidigt und klingelte zum zweitenmal.

Mawruscha schlft natrlich; Sofja Petrowna braucht nur aus dem Hause zu
gehen, da wirft sich die dumme Gans sofort ins Bett . . . Aber auch der
Gatte, Ssergeij Ssergeijewitsch ist groartig: er wartete natrlich seit
Stunden voll Ungeduld auf ihr Kommen, hrte das Luten und merkte, da die
Bediente schlief. Und doch rhrte er sich nicht! Der Herr ist beleidigt!
Na, warte nur!

Du bleibst ohne Vershnung und ohne Tee! . . .

Sofja Petrowna begann heftig zu luten, einmal nach dem anderen, die Glocke
prasselte nur so . . . Nichts, niemand! Sie neigte sich mit dem Ohr gegen
das Schlsselloch; und wie sie ihr Ohr lauschend am Schlsselloch hatte,
hrte sie hinter der Tr (in einem Werschok Entfernung) ganz deutlich: ein
keuchendes Atmen und ein Reiben von Zndhlzern an der Schachtel: Herrgott
Jesus Christus, wer mochte dort keuchen? Sofja Petrowna trat etwas zurck.

Mawruscha? Nein, sie war es nicht. Ssergeij Ssergeijewitsch? Ja, er war es.
Aber warum schwieg er? Warum machte er nicht auf? Warum stand er hinter der
Tr und keuchte?

Bses ahnend begann Sofja Petrowna, verzweifelt, an die filzbeschlagene Tr
zu hmmern; Bses ahnend rief Sofja Petrowna:

So macht doch auf!

Hinter der Tr fuhr jemand fort keuchend zu atmen, regelmig und hastig:

Ssergeij Ssergeijewitsch, lassen Sie es doch! . . .

Schweigen.

Sind Sie es? Was haben Sie?

Ta -- ta -- ta -- etwas wlzte sich von der Tr.

Was ist denn los? Herrgott, ich frchte mich, ich frchte mich . . .
Machen Sie doch auf, Liebling!

Etwas heulte auf hinter der Tr und lief eilig in die inneren Zimmer; man
hrte ein Rumoren, Sthle wurden geschoben; Sofja Petrowna glaubte die
Lampe im Salon klimpern zu hren, dann wurde wieder ein Tisch geschoben.
Einen Augenblick lang war dann alles ruhig.

Aber dann pltzlich hrte man ein furchtbares Krachen; wie wenn die Decke
eingestrzt wre und der Schutt nach unten fiele; unter den verschiedenen
Tnen vernahm Sofja Petrownas Ohr mit Schrecken: das schwere Niederfallen
eines menschlichen Krpers.


Unruhe

Apollon Apollonowitsch Ableuchow hate im Grunde genommen das unvermittelte
Sprechen, bei dem man in die Augen des Partners blicken mute; das Sprechen
mittels der Telephondrhte beseitigte diese Nachteile. Apollon
Apollonowitsch horchte mit Vergngen auf das Summen des Telephons.

Apollon Apollonowitsch ging zu Zukatows mit dem einzigen Vorhaben, dem
Leiter eines gewissen Amtes einen Schlag zu versetzen. Diesem Amt hatte es
in der letzten Zeit beliebt, mit einer radikalen Partei ein wenig zu
kokettieren. Apollon Apollonowitsch hate Kompromisse; und er wollte dem
Parteileiter zeigen, wie er, einmal erst auf seinem hohen Posten, sich zum
besagten Amtsleiter stellen wrde . . .

Deswegen blieb Apollon Apollonowitsch den ganzen Abend bei Zukatows, vor
sich das hchst widerliche Bild: konvulsivisch hpfende Beine und blutrote,
unangenehm knisternde Stoffe: solche roten Fetzen sah er schon einmal: auf
dem Platze vor der Kathedrale: dort wurden diese Fetzen Fahnen geheien.

Diese roten Fetzen hier, auf einem Tanzabend, bei dem das Haupt der
Verwaltung anwesend war -- schienen ihm ein unschicklicher, unwrdiger,
schmachvoller Scherz, und die konvulsivisch tanzenden Beine riefen in ihm
das Bild einer traurigen (aber unumgnglichen) Manahme hervor, durch die
Staatsverbrechen unmglich wurden.

In offensichtlicher Langeweile, mit kaum zu berwindendem Widerwillen, sa
Apollon Apollonowitsch auf dem Stuhle, aufrecht wie ein Stock, ein kleines
Porzellantchen in den winzigen Hndchen. Gegen den bunten, bucharischen
Teppich stemmten sich in perpendikulrer Richtung die dnnen Beinchen,
deren untere Teile mit den Schenkeln einen geraden Neunziggradwinkel
bildeten; perpendikulr zu der Brust streckten sich die dnnen Arme nach
dem Porzellantchen vor. Apollon Apollonowitsch Ableuchow, die
erstklassige Persnlichkeit, glich einer auf den Teppich gemalten
gypterfigur -- eckig, breitschulterig, jede anatomische Regel verleugnend.

Die Mitteilung des kleinen, unscheinbaren Herrchens wirkte auf Apollon
Apollonowitsch wie ein Schlag: der blutrote unangenehme Domino, der
hirnlose Narr, der ihm am meisten auf die Nerven fiel -- sein leiblicher
Sohn . . . Nein, nein -- nein, nein: der Domino sein leiblicher Sohn!
. . .

Ist er auch wirklich sein Sohn? Sein leiblicher Sohn kann ja einfach nur
der Sohn Anna Petrownas sein; durch berwiegen in den Adern des
mtterlichen Blutes. Das mtterliche Blut hat das reine Ableuchowsche
Geschlecht verunreinigt, indem es dem berhmten Manne einen _unsauberen_
Sohn geschenkt hat. Nur ein _unsauberer_ Sohn, ein _Bastard_, konnte Dinge
treiben wie diese.

Am meisten emprt war Apollon Apollonowitsch, da der widerwrtige, dort
hpfende Domino (Nikolai Apollonowitsch), wie ihm das kleine Herrchen
berichtete, bereits eine ebenso widerwrtige Vergangenheit hatte, da ber
sein Treiben die jdische Presse bereits geschrieben hatte; Apollon
Apollonowitsch bedauerte, nicht in die Tagesneuigkeiten der Zeitungen
hineingesehen zu haben.

Mit rascher Bewegung erhob sich Apollon Apollonowitsch und lief in das
Nebenzimmer, um dort den Domino ausfindig zu machen; aber aus demselben kam
mit eiligen, eiligen Schritten ein kleiner, glattrasierter Gymnasiast im
Salonrock auf ihn zu, und Apollon Apollonowitsch war nahe daran, ihm aus
Zerstreutheit die Hand zu reichen; der glattrasierte Gymnasiast erwies sich
bei nherer Betrachtung als Senator Ableuchow selbst: in der Eile war der
Senator beinahe in den Spiegel hineingerannt.

Apollon Apollonowitsch wandte dem Spiegel den Rcken zu; und -- dort, dort:
im Zimmer, zwischen Saal und Salon, sah Apollon Apollonowitsch den
widerlichen Domino (den Bastard), der in das Lesen eines (sicher
widerlichen) Briefes (sicher unanstndigen Inhalts) vertieft war. Apollon
Apollonowitsch hatte nicht den Mut, den Sohn zur Rede zu stellen.

Bald vernahm Apollon Apollonowitsch ein Murmeln und Flstern und merkte da
und dort ein spttisches Lcheln; er bemerkte auch, da das konvulsivische
Tanzen pltzlich aufgehrt hat; das beruhigte fr einen Augenblick sein
aufgewhltes Gemt. Aber dann ging es wieder mit erschreckender Klarheit
durch seinen Kopf: sein Sohn sei ein ganz miserabler Kerl; denn nur ein
ganz miserabler Kerl konnte sich in so abscheulicher Weise auffhren:
einige Tage hintereinander einen roten Domino anziehen, einige Tage
hintereinander eine Maske vors Gesicht binden; einige Tage hintereinander
die jdische Presse in Aufregung halten . . .

Apollon Apollonowitsch gedachte jetzt auf seinen Posten verzichten zu
mssen: er konnte den Posten nicht annehmen, ehe er die Schmach
weggewaschen hatte, die seinem Geschlecht durch das Benehmen des Sohnes
(immerhin ein Ableuchow) zugefgt wurde . . .

Mit diesen trben Gedanken reichte er den Anwesenden seinen Finger und
lief, von Wirt und Wirtin geleitet, aus dem Salon. Und als er in seinem
Lauf durch den Tanzsaal angsterfllt gegen die Wnde blickte -- dabei fand
er den hellerleuchteten Saal viel zu gro --, sah er deutlich, wie ein
Hufchen grauer Matronen miteinander tuschelte.

An Apollon Apollonowitschs Ohr gelangte nur das Wort -- Hhnchen.

Apollon Apollonowitsch hate die Hhnchen, die mit weggeschnittenen Kpfen
in den Basaren verkauft werden.


Der Brief

Nikolai Apollonowitsch befand sich in einem dunklen Traum, im dunkelsten
Nakalt der Strae, in das die Laterne hartnckig einen rtlichen Fleck
hineinzuleuchten bemht war.

Nach ein paar Schritten bemerkte Nikolai Apollonowitsch mit Gleichmut, da
ihm die Beine fehlten; unordentlich patschten durch den Schmutz weiche
Krperteile; vergeblich bemhte er sich, diese weichen Krperteile in
gewnschter Richtung zu bewegen; sie weigerten sich, ihm zu gehorchen; sie
hatten wohl uerlich die Form von Beinen: aber Beine waren es nicht;
unwillkrlich lie sich Nikolai Apollonowitsch auf eine Stufe vor dem
Nachbarhause nieder; so sa er, gehllt in seinen Wintermantel, wohl eine
Minute lang.

Das war ganz natrlich in seiner Lage (sein ganzes Benehmen war durchaus
natrlich); ebenso natrlich war es, da er den Mantel aufschlug, in den
Taschen suchte und das Briefchen hervorzog; wieder und wieder las er es,
bemht, darin eine Spur von Scherz oder Spott zu entdecken; aber nichts
davon gelang ihm . . .

Eingedenk Ihres im Sommer gemachten Vorschlages teilen wir Ihnen mit, da
der Wrfel nun auf Sie fiel. Sie haben unverzglich an die Sache zu gehen
-- und . . . hier konnte Nikolai Apollonowitsch nicht lesen, denn da stand
der Name seines Vaters -- doch weiter: Das ntige Material in der Gestalt
der Bombe mit dem Uhrmechanismus wurde Ihnen seinerzeit bergeben; Eile ist
geboten; es ist erwnscht, da die Angelegenheit schon in den nchsten
Tagen erledigt ist . . . Weiter folgte -- die Parole: Nikolai
Apollonowitsch kannte die Parole wie die Schrift gut. Es war die Schrift
des Unbekannten. Er hatte schon fters Briefe von dem Unbekannten
erhalten.

Zweifel waren ausgeschlossen.

Nikolai Apollonowitsch bemhte sich, nicht zu denken, nicht zu verstehen:
denken, _verstehen_ . . . konnte man denn so etwas _verstehen_; das _kam_
einfach und zwang und wrgte . . . darber denken hie sich ins Wasser
strzen . . . Zu denken gab es da nichts, denn . . . das war . . . Na, wie
war es nur zu bezeichnen? . . .

Nein, niemand vermochte hier etwas zu denken.

Nikolai Apollonowitsch suchte sich an ueres zu klammern: da ist die
Karyatide an der Einfahrt; nichts weiter: eine Karyatide . . . Doch --
nein, nein! Gar keine Karyatide: er hatte eine solche noch nie gesehen: sie
hngt gerade ber einer Flamme. Und dort ist -- ein Haus: nichts weiter --
ein Haus.

Nein, nein, nein!

Es ist kein einfaches Haus, wie alles andere nicht einfach ist: alles in
ihm hat sich verschoben, hat sich von den Wurzeln losgelst, er selbst hat
sich von seinen eigenen Wurzeln losgelst und sieht von irgendwoher (fr
ihn ganz unbekannt), wo er noch nie gewesen, seine Umgebung.

Da sind nun auch Beine -- nichts weiter -- Beine . . . Nein, nein! Es sind
keine Beine, es sind ganz weiche, unntig baumelnde Krperteile.

Nikolai Apollonowitsch erhob sich schwer von der Stufe. Nikolai
Apollonowitsch trat in ein leeres Gchen.

Das Gchen war leer, wie alles: wie dort oben die Ferne; so leer, wie die
menschliche Seele sein kann. Fr einen Augenblick bemhte sich Nikolai
Apollonowitsch, an die transzendenten Dinge zu denken; daran, da die
Geschehnisse dieser vergnglichen Welt nicht im geringsten das unsterbliche
Zentrum berhren und da selbst das denkende Hirn nur ein
Bewutseinsphnomen sei; da, soweit er, Nikolai Apollonowitsch, in dieser
Welt handelte, er -- nicht er sei; sondern nur -- vergngliche Materie;
sein wirklicher, beschauender Geist kann ihm noch immer den Weg erleuchten;
erleuchten trotz _diesem_; beleuchten -- selbst . . . _dieses_ . . . Doch
_dieses_ umgab ihn, umgab ihn von allen Seiten wie ein Zaun; zu seinen
Fen sah er nur eine Pftze.

Und nichts leuchtete.

Das Bewutsein Nikolai Apollonowitschs bemhte sich vergeblich zu leuchten;
es leuchtete nicht. Die furchtbare Dunkelheit blieb, wie sie war. Sich
ngstlich umsehend, erreichte er mit schleichenden Schritten den hellen
Laternenfleck. Er begann wieder zu lesen. Die Gedanken entflogen dem
Bewutseinszentrum wie eine Schar betubter, vom Sturm gepeitschter Vgel;
aber auch dieses Zentrum gab es nicht mehr: es gab nur noch ein dsteres
Loch, vor dem Nikolai Apollonowitsch verloren stand, wie vor einem tiefen
Brunnen. Wann und wo war er schon einmal so gestanden? Er suchte sich
dessen zu entsinnen, aber es gelang ihm nicht. Und wieder begann er:

Eingedenk Ihres im Sommer gemachten Vorschlages, las er und wollte einen
Punkt entdecken, den er beanstanden konnte; doch er fand keinen.

Eingedenk Ihres im Sommer gemachten Vorschlages . . . Er hatte in der Tat
den Vorschlag gemacht, aber er hatte ihn spter vergessen; wohl fiel er ihm
nachtrglich wieder ein, aber dann folgten die Ereignisse der allerletzten
Zeit, folgte der Domino; verwundert blickte Nikolai Apollonowitsch auf
diese Vergangenheit zurck; er fand sie einfach albern; eine Dame mit
hbschem Gesichtchen fllte sie aus; nichts weiter -- eine Dame, eine Dame,
eine Dame! . . .

Wir teilen Ihnen mit, da der Wrfel auf Sie fiel, las Nikolai
Apollonowitsch, als er hinter seinem Rcken Schritte vernahm; er wandte
sich um und ging dem Herannahenden entgegen; er erblickte Hut, Mantel,
Stock, ein kleines Vollbrtchen und eine Nase: das alles ging an ihm
vorbei, ohne ihn zu beachten (er hrte nur die Schritte und das sich
berschlagende Pochen des Herzens).

Er wandte sich wieder dem Brief zu.

Das ntige Material in Gestalt einer mit Uhrmechanismus versehenen Bombe
ist Ihnen seinerzeit bergeben worden . . . Es war ihm nichts bergeben
worden, nein, nichts! Es tauchte etwas wie eine Hoffnung in ihm auf, alles
wre nur -- Spa . . . Eine Bombe? Nein, er hatte keine Bombe! Ja, ja --
keine!!

                                * * *


Das Paket?!

                                * * *

Da erinnerte er sich: das Paket, der verdchtige Besucher, der
septemberliche Tag -- alles, alles. Nikolai Apollonowitsch erinnerte sich
deutlich, wie er das Paket nahm (es war na) und in seinen Schreibtisch
verbarg.

Und zum erstenmal erfate ihn eine unaussprechliche Angst.

Das kleine Mnnchen, das hinter ihm herging (warte nur, hatte er es nicht
soeben gesehen?), blieb am Zaun, zwei Schritte von ihm entfernt -- eines
natrlichen Bedrfnisses wegen stehen; aber vor dem alten Zaun stehend,
drehte es das Gesicht Ableuchow zu, schnalzte in besonderer Art mit der
Zunge und lchelte kaum merklich:

Vom Ball sicher?

Ja, vom Ball . . .

Ich wei es wohl . . .

So--o . . . Und woher denn?

Aber unter Ihrem Mantel blickt ein . . . ein Zipfel vom Domino hervor.

Na, ja: ein Domino . . .

Neulich, da hat er auch herausgesehen . . .

Wie, neulich?

Ja, neulich, neben dem Kanal . . .

Herr!! . . .

Aber lassen Sie es nur gut sein: Sie sind ja der Domino?

Welcher Domino eigentlich . . .

Na, eben -- _derjenige_.

Ich verstehe Sie nicht; und berhaupt ist es seltsam, einen unbekannten
Menschen . . .

Unbekannt sind Sie durchaus nicht: Sie sind Nikolai Apollonowitsch
Ableuchow, und auerdem sind Sie der _rote Domino_, von dem die Zeitungen
schreiben . . .

Nikolai Apollonowitsch wurde bla wie der Tod.

Hren Sie, hren Sie . . . Glauben Sie mir, das alles sind abscheuliche
Mrchen . . .

Mit seinem natrlichen Bedrfnis fertig geworden, verlie das Mnnchen den
Zaun, knpfte seinen Mantel zu, schob familir die Hand in die Tasche und
zwinkerte vieldeutig:

Wo wollen Sie hin?

Auf die Wassiljewskij-Inseln.

                                * * *

Sie scheinen nicht genau zu wissen, wo Sie hinwollen, sagte lchelnd das
kleine Herrchen; dann machen wir doch zusammen einen Abstecher ins
Restaurant.


Begleiter

In grauem Mantel, mit schwarzem Zylinderhut, das Gesicht von der Farbe
grauen, grn berhauchten Wildleders, lief Apollon Apollonowitsch Ableuchow
wie gengstigt die Stufen hinunter und stand nun im durchnten
glitschrigen Portal.

Jemand rief seinen Namen, und auf den ehrfurchtsvollen Ruf hin tauchten aus
der Dunkelheit die schwarzen Konturen des Wagens auf, und im Lichtkreis der
Laterne hob sich das Wappen ab: ein Einhorn, einen Ritter durchbohrend.
Schon hob Apollon Apollonowitsch seinen Fu zum Wagentritt, als er das
schbige Herrchen, von dem er soeben die wichtige, traurige Wahrheit
vernommen hatte, auf der Strae erblickte.

Apollon Apollonowitsch lie darauf den im geraden Winkel gehobenen Fu
wieder sinken, berhrte mit dem Handschuh den Rand des Zylinders und gab
dem vor Erstaunen bld dreinschauenden Kutscher trocken den Befehl: allein
nach Hause zu fahren. Dann beging Apollon Apollonowitsch eine unerhrte
Tat: so was wies die Geschichte seines Lebens in den letzten fnfzehn
Jahren nicht auf: Apollon Apollonowitsch, selbst vor Verwunderung mit den
Augen zwinkernd und die Hand, des Asthmas wegen, an das Herz gedrckt,
begab sich zu _Fu_, bemht, den sich im Nebel verlorenen Rcken des
schbigen Herrchens einzuholen, auf den Weg; eine wesentliche Tatsache
bitte ich in Betracht zu nehmen: die unteren Extremitten des ruhmvollen
Mannes waren nmlich bis zum uersten klein geraten; wenn Sie diese
wesentliche Tatsache bercksichtigen, dann werden Sie es verstndlich
finden, da Apollon Apollonowitsch durch eifriges Bewegen der Arme sich das
Gehen zu erleichtern suchte.

Apollon Apollonowitsch beging also zwei unerhrte Abweichungen von dem
Kodex seiner hchst geregelten Lebensweise, erstens: verschmhte er den
Wagen (in Anbetracht seiner krankhaften Raumangst -- eine wirkliche
Heldentat); zweitens: flog er in nicht bertragenem, sondern buchstblich
wahrem Sinne des Wortes in dunkler Nacht durch eine menschenleere Strae.
Er rief dem in die Dunkelheit entfliehenden Rcken zu:

Mm . . . Hren Sie!

Doch der Rcken (eigentlich nicht der Rcken, sondern die mitlaufenden
Ohren) hrten nicht.

Halten Sie doch . . . Pawel Pawlowitsch!

Der Rcken wandte sich um, blieb stehen und, den Senator erkennend, kam er
ihm entgegen.

Exzellenz! . . . Apollon Apollonowitsch! Wieso ohne Wagen? . . .

Aber Apollon Apollonowitsch unterbrach den Gefhlsergu:

Die Nachtluft ist mit ntzlich . . .

Beide gingen nun in derselben Richtung: das Herrchen bemhte sich, Schritt
mit dem Senator zu halten, was aber in Wirklichkeit nicht leicht war (die
Schrittchen Apollon Apollonowitschs konnte man durch das Mikroskop
betrachten).

Apollon Apollonowitsch hob die Augen auf den Begleiter und sagte -- sagte
mit sichtbarer Verwirrung:

Ich . . . wissen Sie . . .

Ja? horchte das Mnnchen auf.

Ich . . . wissen Sie . . . mchte Ihre genaue Adresse haben, Pawel
Pawlowitsch.

Pawel Jakowlewitsch, verbesserte bescheiden der Begleiter.

Pardon, Pawel Jakowlewitsch, ich habe, wissen Sie, ein schlechtes
Gedchtnis fr Namen . . .

Macht nichts, bitte, macht absolut nichts, nichts.

Das schbige Herrchen dachte inzwischen bei sich:

Mchte wohl ber den Sohn etwas erfahren . . . aber schmt sich zu fragen
. . .

Also, Pawel Jakowlewitsch, ich bitte Sie um Ihre Adresse.

Apollon Apollonowitsch Ableuchow knpfte den Mantel auf und zog sein, in
das Fell eines gefallenen Nashorn gebundenes Notizbuch hervor; sie blieben
unter einer Laterne stehen.

Meine Adresse, sagte, sich gleichsam windend, das Herrchen, ist
vernderlich. Meist halte ich mich auf der Wassiljewskij-Insel auf: 18.
Linie, Haus Nr. 17; dort habe ich zwei Zimmer beim Schuhmacher Bemertny;
zu fragen: der Schreiber des Polizeireviers Woronkow.

So -- so -- so: ich werde Sie in diesen Tagen besuchen . . .

Pltzlich hoben sich die Augenbrauen des Senators und Erstaunen prgte sich
in seinem Gesicht:

Warum? fragte er, warum? . . .

Warum mein Name Woronkow ist, whrend ich in Wirklichkeit Morkowin heie?

Ja -- eben.

Das kommt daher, Apollon Apollonowitsch, weil ich dort unter falschem
Namen wohne.

Das Gesicht Apollon Apollonowitschs drckte Ekel aus (im Prinzip war er
gegen solche Erscheinungen).

Meine eigentliche Wohnung ist auf dem Newskij . . .

Apollon Apollonowitsch dachte: Was ist zu machen: solche Erscheinungen
sind in einer bergangszeit und im Rahmen der Gesetzlichkeit -- eine
traurige Notwendigkeit, aber eben eine Notwendigkeit.

Ich bin zur Zeit, Exzellenz, mit der Auffindung einer gewissen Spur
beschftigt: es ist jetzt eine uerst bedeutsame Zeit.

Ja, ja, Sie haben recht, stimmte Apollon Apollonowitsch bei.

Es ist ein politisches Verbrechen von besonderer Wichtigkeit in
Vorbereitung . . . Vorsichtig: hier ist eine Pftze . . . Dieses Verbrechen
. . .

Soo . . .

In nchster Zeit drfte es uns gelingen, dieses Verbrechen an den Tag zu
bringen . . . Hier ist eine trockene Stelle, darf ich Ihnen die Hand
bieten? . . .

Apollon Apollonowitsch wurde von seiner Angst befallen: sie schritten ber
einen groen Platz; unwillkrlich rckte er ganz nahe an den Begleiter
heran.

Soo, soo: sehr gut . . .

Apollon Apollonowitsch suchte Mut zu fassen, aber der riesige Platz und die
ihm entgegenlaufende Ferne drckten ihn nieder. Einen Augenblick berwand
die Sorge um das bedrohte Ruland die persnlichen ngste: die Angst um den
Sohn und die Angst vor der Notwendigkeit, diesen riesigen Platz zu
berschreiten.

Ist ein terroristischer Akt in Vorbereitung?

Wie gesagt -- ja . . .

Und sein Opfer?

Soll ein hoher Beamter werden!

ber das Rckgrat Apollon Apollonowitschs lief es kalt: er hatte vor
einigen Tagen einen Drohbrief erhalten; in diesem Briefe wurde ihm
mitgeteilt: falls er den Posten annehme, wrde er von einer Bombe
vernichtet werden; Apollon Apollonowitsch verachtete anonyme Briefe; er
warf das Schreiben fort; den Posten nahm er an.

Verzeihen Sie, wenn es kein Geheimnis ist: wen haben sie jetzt vor?

Hier geschah etwas wirklich Seltsames: alle Dinge an dem Senator duckten
sich gleichsam und rckten viel nher heran; auch Herr Morkowin schien
kleiner geworden zu sein und rckte nher heran; ein spttisches Lcheln
spielte um seine Lippen, als er im Flsterton, den Kopf gegen den Senator
geneigt, sagte:

Wieso -- wen? Sie, Exzellenz, Sie!

Apollon Apollonowitsch sah: eine Karyatide vor dem Portal: nichts weiter --
eine Karyatide. Doch -- nein, nein! Keine Karyatide, so eine hat er nie im
Leben gesehen: diese hngt nur so im Nebel. Dort ist der Giebel eines
Hauses: nichts weiter -- ein Giebel; doch -- nein, nein: es ist nicht
einfach ein Giebel, wie auch alles andere nicht mehr einfach ist; alles hat
sich verschoben, hat sich von den Wurzeln gelst; selbst er hat sich von
den Wurzeln gelst; und er stammelte in die mitternchtliche Dunkelheit:

Warum aber? . . . Bitte -- bitte. Warum? . . .

Apollon Apollonowitsch konnte es sich durchaus nicht denken, da diese
behandschuhte Hand, da diese Beine, da dieses mde, absolut mde (glaubt
es mir!) Herz -- unter der Einwirkung sich verbreitender Gase in
irgendeiner Bombe im Nu sich verwandeln knnen sollte . . .

Das heit, wie meinen Sie das?

Aber eben so, Apollon Apollonowitsch -- hchst einfach . . .

Dann aber fgte Herr Morkowin hinzu:

Sie drfen sich durchaus nicht frchten, Exzellenz, denn es sind die
strengsten Maregeln getroffen worden: wir verhindern es: eine unmittelbare
Gefahr fr heute oder morgen besteht nicht . . . In einer Woche aber werden
Sie informiert sein. So lange gedulden Sie sich . . .

Das ngstlich bebende Gesicht betrachtend, das, vom fahlen Laternenlicht
beschienen, an eine Leiche gemahnte, dachte Herr Morkowin: Wie alt er doch
ist, die reinste Ruine . . .

Aber mit kaum merklichem Krchzen wandte Apollon Apollonowitsch dem
Mnnchen sein bartloses Gesicht zu und lchelte pltzlich, ganz trbe,
wodurch sich unter seinen Augen gewaltige faltige Scke bildeten.

Einen Augenblick spter kam jedoch Apollon Apollonowitsch wieder zu sich,
verjngte sich, seine Gesichtsfarbe wurde heller: er drckte fest Herrn
Morkowins Hand und schritt, aufrecht wie ein Stock, dem schmutzigen,
herbstlichen Nebel entgegen, im Profil an die Pharaomumie Ramses' des
Zweiten erinnernd.

Uh! Wie war es feucht, wie faulna, wie war die Nacht so blulich und lila
mit rtlichem Ausschlag von den Laternen, wie entwand sich Apollon
Apollonowitsch dem Lila, um in den Kreis der Laterne zu gelangen, und wie
flog er aus dem Rot der Laterne wieder in das Lila!


Nrrisch

Knacks -- knacks -- knacks: so knacksten die elektrischen Knpfe, und die
Dunkelheit nahm einen unbeholfen langen Menschen auf, mit allzu scharfen
Gesten. Das war vielleicht gar nicht Leutnant Lichutin?

Nein, begreifen Sie doch seinen Zustand: sich so widerwrtig im Spiegel zu
erblicken, weil irgendein Domino sein ehrliches Haus entehrt hatte, weil,
seinem Offizierswort treu, er jetzt auch seine Frau nicht auf die Schwelle
lassen durfte. Nein, begreifen Sie doch seinen Zustand: es war eben
Leutnant Lichutin -- er selbst.

Knacks -- knacks -- knacks: im zweiten Zimmer knacksten die elektrischen
Knpfe; ebenso im dritten. Dieser Laut beunruhigte Mawruscha, und als sie
mit schlrfendem Schritt aus der Kche ins Zimmer trat, erstaunte sie ber
die vllige Dunkelheit.

Und sie brummte:

Was ist das nun wieder?

Aber in der Dunkelheit hstelte jemand trocken.

Gehen Sie fort . . .

Aber, gndiger Herr . . .

Aus der Ecke schrie jemand zornig mit pfeifender, befehlender Stimme:

Gehen Sie fort . . .

Aber, gndiger Herr, ich mu im Zimmer der gndigen Frau Ordnung machen
. . .

Gehen Sie ganz fort . . .

                                * * *

Und dann sind auch, Sie wissen, die Betten nicht abgedeckt . . .

                                * * *

Hinaus! sagte ich.

Kaum war sie in die Kche getreten, als der Herr ihr dahin folgte:

Gehen Sie berhaupt weg aus dem Hause . . .

Aber warum nur, gndiger Herr . . .?

Fort, gleich fort! . . .

Aber wohin soll ich?

Wohin Sie wollen: fort mit Ihnen . . .

Gndiger Herr!! . . .

Fort mit Ihnen, da Sie sich nicht zeigen bis morgen.

Aber gnd . . .

Fort, fort! . . .

Er steckte ihr ihren Mantel zu und schob sie aus der Tr hinaus; Mawruscha
brach in Trnen aus; sie erschrak -- tdlich: der Herr schien pltzlich
nicht ganz . . . Sie htte zum Hausmeister und aufs Polizeirevier laufen
sollen, statt dessen lenkte sie ihre Schritte zu einer Freundin.

Ja, Mawruscha . . .

                                * * *

Wie schrecklich ist die Lage eines harmlosen, eines normalen Menschen: sein
Leben hngt an einer Anzahl gewhnlicher Gebrauchswrter, an dem Faden ganz
durchsichtig klarer Handlungen, von diesen Handlungen geleitet, segelt er
in die Ferne, einem Fahrzeug gleich, wohl ausgerstet mit absolut --
ausreichenden Worten und Gesten; luft aber dieses Fahrzeug auf einen
verborgenen Felsen der Lebensunverstndlichkeiten auf -- so zerschellt es,
und der einfltige Segler sinkt im Nu auf den Grund des Meeres . . . Beim
kleinsten Sto des Lebens verlieren Normalmenschen die Fhigkeit des
Verstehens. Nein, kein Wahnsinniger kennt die Gefahren fr das Hirn, die
fr den Normalen bestehen: das Hirn der Abnormen ist vielleicht aus
leichterem therstoff geschaffen. Fr das normale Hirn gibt es vllig
undurchdringliche Dinge, die dem kranken Hirn ohne weiteres klar
erscheinen: dem normalen Hirn bleibt nichts brig, als sich zu zerstren;
und es -- zerstrt sich.

Seit dem gestrigen Abend empfand Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin die
schrfsten Schmerzen im Kopf, wie wenn er im Laufen mit der Stirn gegen
eine eiserne Mauer gestoen wre; und whrend er vor der Mauer stand, sah
er, da es gar keine Mauer gab, da sie nicht undurchdringlich war und da
es dort, hinter ihr, ein unsichtbares Licht gab; da es dort eigene Gesetze
des Sinnlosen gab; wie es hinter den Mauern einer Wohnung Licht gab . . .
Hier brummte Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin etwas und schttelte den
Kopf; er fhlte ein intensives, ihm selbst verborgenes Arbeiten des Hirns
. . .

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin brummte wieder etwas und dann wieder: er
schttelte wieder und wieder den Kopf: seine Gedanken verwirrten sich
vollstndig. Er hatte seine Betrachtungen mit der Analyse der Handlungen
seiner untreuen Gattin begonnen und endete damit, da er sich selbst auf
Hlichkeiten ertappte.

Was also nun? Seit dem gestrigen Abend begann _es_: es kroch heran,
zischte; was ist dieses _Es_? -- Warum kam es? Auer der Verkleidung
Nikolai Ableuchows gab es nichts, was zu beanstanden wre . . .

Ssergeij Ssergeijewitsch, ein einfach gutmtiger Mensch, stie mit dem Kopf
an die Mauer: aber durch sie sehen, hinter ihre spiegelnden Flchen -- das
vermochte er nicht: hatte er nicht, wenn auch nur vor seiner Frau -- das
ehrliche Offizierswort gegeben, sie nicht wieder ins Haus zu lassen, falls
sie zum Ball gehen wrde?

Was also tun? Was tun?

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin kam in Aufregung und begann, immer von
neuem, Streichhlzer zu reiben; rotbraune Flmmchen zuckten auf; rotbraune
Flmmchen beleuchteten das Gesicht eines Wahnsinnigen; voll Unruhe blickte
er auf die Uhr: zwei Stunden waren vergangen, seit Sofja Petrowna
fortgegangen war -- zwei Stunden, das heit hundertundzwanzig Minuten;
jetzt begann er zu rechnen, wie viele Sekunden es waren.

Sechzig multipliziert mit hundertzwanzig . . . Sechzig mal einhundert
. . .

Ssergeij Ssergeijewitsch fate sich an den Kopf:

Sechzig mal einhundert . . . Nein, eine Sekunde mal einhundert . . .

Seine Gedanken verwirrten sich: Ssergeij Ssergeijewitsch bewegte sich in
vollstndiger Dunkelheit: ta -- ta -- ta -- tnten seine Schritte; Ssergeij
Ssergeijewitsch fuhr fort zu rechnen:

Einmalhundert mal . . . Und zwei Nullen dazu -- macht zusammen
siebentausend zweihundert Sekunden. Ja.

Erfreut ber die Bewltigung dieser komplizierten geistigen Arbeit uerte
er diese Freude in einer etwas berlauten Weise. Pltzlich fiel ihm ein:
sein Gesicht verfinsterte sich:

Siebentausendzweihundert Sekunden -- seit ihrem Entfliehen:
zweihunderttausend Sekunden -- dann ist alles zu Ende!

Nach den siebentausendzweihundert Sekunden fhrt die
siebentausendzweihundertunderste in den Zeitraum hinein, in dem sein
Offizierswort Geltung bekommt; siebentausendzweihundert Sekunden durchlebte
er gleich siebentausend Jahren; seit der Entstehung der Welt sind ja bis
zum heutigen Tage nicht mehr Jahre vergangen. Es schien Ssergeij
Ssergeijewitsch, als wre er seit der Entstehung der Welt in diese
Finsternis eingeschlossen gewesen, mit seinen unertrglichen Kopfschmerzen;
den selbstttigen Gedanken, der Autonomie des Gehirns, das die leidende
Person ausschliet. Ssergeij Ssergeijewitsch begann pltzlich fieberhaft in
einer Ecke zu suchen; er nahm aus einem Schrank einen Strick und versuchte
eine Schlinge zu machen: das wollte ihm aber nicht gelingen. Ganz
verzweifelt lief er in sein Zimmer, den Strick hinter sich herschleifend.

Was tat nun Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin? Suchte er seinem gegebenen
Offizierswort Geltung zu verschaffen? Ach -- wo! Er nahm blo, wei Gott
wozu, die Seife aus der Seifendose heraus, kauerte sich auf den Fuboden
nieder und begann ber einem hingestellten Waschbecken den Strick mit Seife
einzureiben. Kaum war er damit fertig, als seine Handlungen einen wahrhaft
phantastischen Charakter annahmen; man konnte ruhig sagen, nie im Leben
hatte Ssergeij Ssergeijewitsch so originelle Dinge gemacht.

Denken Sie sich nur!

Er stieg, wei Gott wozu, auf den Tisch (vorerst hatte er die Tischdecke
abgenommen); dann zog er vom Fuboden einen gebogenen Stuhl herauf, den er
ebenfalls auf den Tisch stellte; auf dem Stuhle stehend, nahm er die Lampe
vom Haken und legte sie sich vorsichtig vor die Fe; an Stelle der Lampe
aber befestigte Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin den von der Seife
glitschrigen Strick; dann schlug er ein Kreuz und blieb unbeweglich einen
Augenblick stehen; und langsam legte er mit beiden Hnden die Schlinge ber
seinen Kopf, wie jemand, der im Begriff ist, sich aufzuknpfen.

Aber ein glnzender Gedanke ging dem Offizier jetzt durch den Kopf:
eigentlich mute er sich doch die Haare vom Halse wegrasieren.

Mit diesem glnzenden Gedanken ging Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin in
sein Zimmer: dort begann er beim Schein einer abgebrannten Kerze sich die
Haare vom Hals zu rasieren.

Endlich war er fertig, zgern durfte er nicht mehr. Aber gerade in diesem
Augenblick ertnte im Vorzimmer die Hausglocke; gergert schlenderte
Ssergeij Ssergeijewitsch, vor sich das mit Seife bedeckte Rasiermesser, sah
mit Bedauern auf die Uhr (wie viele Stunden doch dahingeflogen waren:) und
-- was tun? Was tun? Einen Augenblick lang dachte er daran, sein Vorhaben
zu verschieben; er konnte doch wahrhaftig nicht voraussehen, da er
berrascht werden wrde; zum zweitenmal ertnte inzwischen die Glocke und
verkndete ihm, da er keine Zeit zu verlieren habe; er sprang also auf den
Tisch, um die Schlinge vom Haken zu lsen; aber der glitschrige Strick
gehorchte ihm nicht und entrutschte seinen Fingern. Eiligst stieg Ssergeij
Ssergeijewitsch wieder herunter und begann sich in das Vorzimmer zu
schleichen; und whrend er schlich, merkte er: langsam schmolz die
schwarzblaue Finsternis der Zimmer, die sich wie Tinte die ganze Nacht ber
ihn ergossen hatte; langsam begann sich in die Tintenfinsternis Grau zu
mischen; und in dieser grauenden Finsternis zeichneten sich Gegenstnde:
ein auf dem Tische stehender Stuhl, eine umgelegte Lampe; und ber all
diesem -- eine nasse Schlinge.

Im Vorzimmer legte Ssergeij Ssergeijewitsch das Ohr an das Schlsselloch
und blieb unbeweglich stehen; aber wohl infolge der Aufregung zeigte sich
bei ihm ein solcher Grad von Vergelichkeit, einer Vergelichkeit, bei der
die Durchfhrung eines Vorhabens undenkbar ist: Ssergeij Ssergeijewitsch
merkte nicht im geringsten, wie sehr er keuchte; und als er nun das
unruhige Rufen seiner Frau hinter der Tr hrte, begann er aus purer Angst
entsetzlich zu brllen; jetzt sah er ein, da alles verloren war, schnell
rannte er ins Zimmer zurck, um sein originelles Vorhaben rasch
durchzufhren: geschwind sprang er auf den Tisch, streckte den frisch
rasierten Hals und begann hurtig die Schlinge zuzuziehen, wobei er aber,
wer wei wozu, zwei Finger zwischen Strick und Hals steckte.

Dann rief er, wei Gott wozu:

Wort und Tat!

Er stie mit den Fen den Stuhl um, und der Tisch rollte auf seinen
Messingrllchen fort (diese Laute waren es eben, die Sofja Petrowna vor der
Tr hrte).


Was weiter

Einen Augenblick . . .

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin begann im Dunkeln mit den Beinen in der
Luft zu schleudern; deutlich sah er indessen den Widerschein der kleinen,
von der Straenlaterne herstammenden Lichtreflexe am Ofen; deutlich hrte
er das Klopfen und Kratzen an der Tr; seine zwei Finger wurden ihm so fest
ans Kinn gedrckt, da er sie nicht mehr herausziehen konnte; pltzlich
schien es ihm, als ersticke er; ber seinem Kopfe hrte er einen Knall
(wahrscheinlich vom Platzen der Hirngefe). Pltzlich begann sich oben an
der Decke etwas zu lsen, und auf einmal lag Ssergeij Ssergeijewitsch
vollstndig tot am Boden; doch er erhob sich gleich wieder von den Toten,
nachdem er im Jenseits blo einen ordentlichen Schupser bekommen hatte; er
kam zu sich und begriff, da er nicht von den Toten auferstanden, sondern
da er, mit Schmerzen im Rckgrat, auf dem Fuboden seines Zimmers lag und
zwei Finger zwischen Hals und Strick eingeklemmt hatte; und Ssergeij
Ssergeijewitsch begann an der Schlinge zu zerren, bis sie sich lockerte.

Jetzt wurde es ihm klar, da er sich, beinahe, erhngt htte: da nicht
viel, nicht viel gefehlt -- und er wre tot gewesen. Ssergeij
Ssergeijewitsch stie einen Seufzer der Erleichterung aus.

Wir wollen jedoch einige Worte zugunsten Ssergeij Ssergeijewitschs sagen:
der Erleichterungsseufzer entrang sich ihm ganz unwillkrlich, wie etwa
unwillkrlich die Abwehrbewegungen der Ertrinkenden sind, bevor sie, ihrem
eigenen Willen entsprechend, in der kalt-grnen Tiefe untertauchen.
Ssergeij Ssergeijewitsch wollte, ganz im Ernst (lcheln Sie, bitte,
nicht!), seine Rechnung mit der Erde beschlieen, und er htte dieses
Vorhaben ohne jeden Zweifel zur Ausfhrung gebracht, wenn nicht die morsche
Zimmerdecke (woran der Erbauer des Hauses Schuld trgt) nachgegeben htte;
den Erleichterungsseufzer stie also nicht die Persnlichkeit Ssergeij
Ssergeijewitschs aus, sondern nur sein tierisch-fleischlicher,
unpersnlicher Krper. Wie dem auch sei, jetzt kauerte dieses Ich auf dem
Fuboden, und horchte auf alles mgliche (auf die tausend verschiedenen
Laute); sein Geist aber in der Tiefe der Hlle bewahrte vlligen Gleichmut.

Im Nu wurden seine Gedanken klar, im Nu entstand vor seinem Bewutsein das
Dilemma: Was also tun? Was tun? Den Revolver suchen -- das dauerte zu lange
. . . Das Rasiermesser? Mit dem Rasiermesser -- hu -- hu -- hu! Nein: das
Natrlichste war: hier auf dem Fuboden gestreckt liegenzubleiben und alles
andere dem Schicksal zu berlassen; ja, aber bei dieser natrlichen Lsung
wird Soja Petrowna (sie hat sicher das Fallen gehrt) zum Hausmeister
laufen -- wenn sie nicht schon gelaufen ist --, man wird an die Polizei
telephonieren, es gibt einen Zusammenlauf, die Menge wird die Tr
aufbrechen, eindringen und ihn da auf dem Boden, mit einem Strick um den
Hals, liegen sehen.

Nein, nein, nein! Nie wird sich der Leutnant zu so was erniedrigen: die
Ehre seines Offiziersrocks ist ihm mehr wert als irgendein seiner Frau
gegebenes Wort. Es bleibt nur eines brig: rasch die Tr aufzumachen und
sich mit der Frau zu vershnen.

Rasch versteckte er den Strick unter das Sofa und lief in schmachvollster
Weise zur Tr, hinter der es jetzt ganz still war.

Mit demselben unwillkrlich keuchenden Atem ffnete er und blieb,
unschlssig, auf der Schwelle stehen; brennende Scham berkam ihn, und der
Sturm, der in seiner Seele gewtet, legte sich, als htte sich im
Augenblick, als sich der Deckenhaken lste, alles in ihm gelst: der Zorn
gegen die Frau, die Emprung ber das Benehmen Nikolai Ableuchows. Hatte er
doch selbst jetzt Unerhrtes begangen, eine mit nichts zu vergleichende
Schandtat: er wollte sich erhngen und -- zog statt dessen den Haken aus
der Decke heraus.

Einen Augenblick . . .

Niemand lief ins Zimmer, doch stand jemand dort (das sah er); endlich aber
flog Sofja Petrowna herein; sie flog; herein und brach in Weinen aus.

Was ist das? Was ist das? Warum ist es dunkel?

Ssergeij Ssergeijewitsch schwieg verlegen.

Warum hrte ich hier ein Rumoren und Laute?

Ssergeij Ssergeijewitsch drckte verlegen ihre kalten Fingerchen in seinen
Hnden.

Warum sind Ihre Hnde voll Seife? . . . Ssergeij Ssergeijewitsch,
Liebster, sagen Sie, was das alles bedeutet?

Siehst du, Sonjuscha . . .

Aber sie unterbrach ihn:

Warum sind Sie heiser?

Ja, siehst du, Sonjuscha . . . ich . . . ich hatte das Fenster geffnet
. . . Deswegen bin ich heiser . . . Aber darum handelt es sich nicht
. . .

Er stockte.

Nein, nicht, nicht! -- rief Ssergeij Ssergeijewitsch, als seine Frau das
elektrische Licht aufdrehen wollte -- nicht hier, komm ins andere Zimmer.

Und er zog sie mit Gewalt in sein Zimmer.

Der Morgen begann bereits zu dmmern, und manchen Augenblick schien es
hier, als wren die Gegenstnde des Zimmers: Sthle, Bilder, Vasen, Sbel,
Wnde, die verstreut liegenden Rasierutensilien -- nur aus Luft gewobene
Spitzen, ein Spinngewebe; und durch diese feinen, feinen Spitzen spiegelte,
verschmt und zrtlich, der ins Fenster fallende morgendmmernde Himmel.

Von unklarer Angst getrieben, begann Sofja Petrowna sich in den Zimmern
umzusehen. Aus dem Nebengemach des Gatten rief eine heisere, weinerliche
Stimme ihr nach:

Dort findest du Unordnung . . .

Weit du, Liebling, ich habe die Zimmerdecke gerichtet . . .

Die Decke hat einen Ri gegeben . . .

Man mute . . .

Aber Sofja Petrowna hrte nichts: sie stand angstvoll vor dem Haufen der
auf den Teppich herabgefallenen Stuckdecke, in dem sich dunkel der Haken
abhob; der Tisch mit dem auf ihm befindlichen umgestrzten Stuhl war
beiseite geschoben; unter der weichen Chaiselongue -- auf der liegend Sofja
Petrowna noch vor kurzem Henry Besanon gelesen hatte -- unter dieser
weichen Chaiselongue lugte ein grauer Strick hervor. Sofja Petrowna
Lichutina zitterte; sie fhlte, wie der beginnende Tag sie anhauchte; sie
krmmte sich.

Hinter den Fenstern begannen pltzlich leichte Flammen zu sprhen, und
alles wurde durchleuchtet; ein rosa schimmerndes Netz aus
Perlmutterschuppen breitete sich dort, und durch die Lcken dieses Netzes
blickte ein zart-zartes Blau; ganz zart war das Blau, alles erfllte sich
mit bebender Unsicherheit; alles erfllte sich mit der verwunderten Frage:
Aber wieso doch? Aber wieso doch? Scheine ich denn nicht mehr? Durch
Sofja Petrownas Seele gingen pltzlich hauchend leichte Stimmen; und alles
leuchtete fr sie auf, als ein blasser Strahl auf die Schlinge des Strickes
fiel. Ihr Herz erfllte sich mit pltzlichem Schauer und mit der
verwunderten Frage: Aber wieso doch? Aber wieso doch? Warum hab' ich
vergessen?

Sofja Petrowna Lichutina neigte sich gegen den Boden und streckte die Hand
zum Stricke aus. Sofja Petrowna Lichutina kte den Strick und begann leise
zu weinen: eine vergessene und, wieder aufgelebte Gestalt aus ihrer
Kindheit (die Gestalt war doch nicht vllig vergessen -- wo habe ich sie
nur gesehen: krzlich erst, heute?). Diese Gestalt hob sich langsam, und
jetzt stand sie hinter ihrem Rcken. Als sie sich umwandte, sah sie: hinter
ihrem Rcken stand ihr Mann, Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin, schlank,
lang und traurig; er hielt seinen hellblauen, sanften Blick auf sie
gerichtet:

Du mut mir verzeihen, Sonjuscha!

Sie fiel, wei Gott warum, zu seinen Fen, umarmte sie und weinte:

Du Armer, Armer, Geliebter! . . .

Was sie noch miteinander flsterten -- wei der Himmel: das blieb unter
ihnen; bei der Morgenrte aber sah man ihn seine mageren Arme ber sie
breiten:

Gott wird dir verzeihen . . . Gott wird dir verzeihen . . .

Das rasierte Gesicht lachte glcklich: wer konnte auch jetzt nicht lachen,
angesichts des lachenden Himmels, an dem leichte, schimmernde Wlkchen
dahinflogen?


Der Brger

Weit dehnten sich und liefen die Gchen, Gassen, Straen und vornehmen
Prospekte auseinander; aus dem Dunkel trat bald die hochragende Ecke eines
Hauses hervor, eines schweren Ziegelsteinbaus, zusammengesetzt aus lauter
Wuchtigkeiten; bald ghnte im Dunkel ein Portal, vor dem zwei steinerne
gypter den steinernen Vorsprung eines Balkons trugen. Mitten im
Petersburger Nebel, aus dem Dunkel in das Dunkel, schritt Apollon
Apollonowitsch weiter, an dem hochragenden Haus vorbei, an der steinernen
Ecke, an all den Hunderten zentnerschweren Wuchtigkeiten vorbei, er ging
und ging, alle Schwierigkeiten berwindend: nun erreichte er einen
niederen, grauen, ein wenig moderigen Bretterzaun.

Da ging pltzlich eine niedrige Tr auf, die dann offen stehen blieb;
weier Dampf wlzte sich aus der Trffnung, scheltende Stimmen, das
Klimpern einer armseligen Balalaika und Gesang drangen nach auen.

So ist also der Brger? Apollon Apollonowitsch empfand pltzlich Interesse
fr diesen Brger, und es gab da einen Augenblick, wo ihn der Wunsch
packte, an die erste beste Tr zu pochen und den Brger zu suchen; aber da
fiel ihm ein, da eben dieser Brger ihm einen schmachvollen Tod wnschte:
sein Zylinderhut rutschte auf die Seite, und die mden Schultern sanken:

-- Ja, ja, ja: sie hatten ihn in Stcke zerrissen; nicht ihn selbst, aber
seinen besten Freund, einen Freund, wie ihn das Schicksal einem Menschen
nur einmal im Leben sendet; einen Augenblick lang sah Apollon
Apollonowitsch deutlich vor sich einen grauen Schnurrbart, die grnliche
Tiefe der auf ihn gerichteten Augen, whrend sie beide ber der Reichskarte
gebeugt dasaen und ihr seltsam jugendhaftes Greisenalter sich in heien
Trumen erging (das geschah gerade einen Tag, bevor . . .). Aber die Brger
hatten auch diesen einzigen Freund zerfleischt, den ersten unter den ersten
. . . Man sagt, das dauert nur eine Sekunde, dann aber ist -- rein gar
nichts . . . Was ist nun zu machen? Ein Staatsmann ist nun einmal ein Held;
aber doch -- brr -- brr . . .

Apollon Apollonowitsch Ableuchow richtete den Zylinderhut zurecht, hob
wieder die Schultern hoch und schritt weiter durch den faulen Nebel und das
nicht weniger faule Leben des Brgers dahin -- durch das Netz
schleimig-feuchter, modriger, halbeingesunkener Mauern, Tore, Bretterzune
-- durch den ekligen, stinkenden, leeren, allgemeinen Abort. Und es schien
ihm auf einmal, als werde auch er von dem Ha jenes modrigen Zauns und
jener blinden Mauer verfolgt. Aus Erfahrung wute Apollon Apollonowitsch,
da _sie_ ihn haten; doch wer waren diese _sie_? Ein armseliges, wie alles
andere stinkendes Huflein? Das Gehirnspiel Apollon Apollonowitschs baute
vor seinem Blick neblige Flchen; die Riesenkarte Rulands erschien ihm
winzig klein: War _das_ der Feind? Die ungeheure Zusammenhufung von
Vlkern, die auf dieser Flche wohnen: _hundert Millionen_. Nein, mehr
. . .

Was? Er wird gehat? . . . Nein, Ruland liegt gedehnt vor ihm. Ihn selbst
aber . . . ihn will man . . . will man . . . Nein, brr -- brr . . . Miges
Spiel des Gehirns.

Mit wem sollte er nun durch das Leben gehen? Mit dem Sohn? Aber sein Sohn
ist ja ein ausgemachter Schuft. Mit dem Brger? Aber der Brger will ihn
. . . Apollon Apollonowitsch erinnerte sich, da er einst vorhatte, mit
Anna Petrowna durchs Leben zu gehen; nach Beendigung seiner Laufbahn ein
Landhaus in Finnland zu beziehen . . . Aber nun -- Anna Petrowna hatte ihn
verlassen, ja, verlassen!

Apollon Apollonowitsch sah pltzlich ein, da er keinen Lebenskameraden
besa (bis zu diesem Augenblick hatte er darber nie nachgedacht), und ein
Tod, der ihn auf dem Posten ereilt, erschien ihm als eine eigentliche
Verschnerung seines dahingegangenen Lebens. Und kindliche Trauer berkam
ihn und Ruhe und Behaglichkeit. Er hrte nur das Suseln des
dahinflieenden Rinnenwassers, als betete jemand, betete immer um dasselbe,
um das eine: um das, was nie war, was aber auch nie sein wird . . .

Das Grauschwarz, das ihn die ganze Nacht bedrckt hatte, begann sich
langsam zu dehnen. Die Husermauern verschmolzen matt mit der
entschwindenden Nacht. Die rotgelben Laternen, die soeben noch rotgelbe
Flammen von sich warfen, begannen gleichsam zu schwinden -- und
entschwanden allmhlich vollstndig. Die fiebernden Lichter auf den Mauern
erloschen. Die Laternen verwandelten sich schlielich in dunkle Punkte, die
verwundert in den trben Nebel blinkten. Einen Augenblick lang schien es,
als wre die graue Zusammenhufung von Linien, Turmspitzen, Mauern mit den
huschenden Flchen der Schatten und der unendlich vielen Fenster -- da das
alles keine Zusammenhufung von Steinen, sondern ein in die Luft sich
erhebendes Spitzengeflecht von feinster Arbeit, durch dessen Muster die
Sonne zaghaft hervorblickte.

Pltzlich tauchte vor Apollon Apollonowitsch ein armgekleidetes, etwa
fnfzehn Jahre altes Mdchen mit einem Tuch auf dem Kopfe auf; hinter ihr
her zeichnete sich im nebligen Morgengrau die Gestalt eines Mannes; die
Gestalt schien mit niedrigen Vorschlgen an das Mdchen herangekommen zu
sein. Apollon Apollonowitsch hielt sich fr einen Ritter; unerwartet fr
sich selbst lftete er den Zylinder.

Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten und Sie nach Hause bringen? In dieser
spten Stunde ist es fr junge Personen von Ihrem Geschlecht nicht
ungefhrlich, allein durch die Straen zu gehen.

Sie gingen in tiefem Schweigen; alles erschien nher, als es in der
Wirklichkeit war; na und alt schien sich alles in die Jahrhunderte zu
entfernen; all das hatte Apollon Apollonowitsch auch schon frher aus der
Ferne gesehen. Aber jetzt -- jetzt war es unmittelbar vor ihm: kleine
Huschen, Mauern, niedrige Tore und an seinen Arm ngstlich gedrckt dieser
Backfisch, fr den er, Apollon Apollonowitsch, kein Schuft, kein Senator
war, sondern einfach nur so ein unbekannter gtiger Greis.

Sie kamen bis zum grnen Huschen mit schiefem Tor und morschen Stufen;
hier lftete der Senator wieder den Zylinderhut und verabschiedete sich vom
Backfisch; als die Tr sich hinter dem Mdchen schlo, verzog sich traurig
der greisenhafte Mund; die toten Lippen begannen zu kauen; in diesem
Augenblick ertnten in der Ferne Laute wie von einem Violinbogen: es war
die Stimme des Petersburger Gockels, der etwas verkndete, das nicht
existierte, jemand weckte, der nicht vorhanden war.

Ende des vierten Kapitels.




Fnftes Kapitel


Das Herrchen

Nikolai Apollonowitsch schwieg whrend des ganzen Weges.

Der Petersburger Schmutz gluckste in den Straenrinnen; tastend mit seinen
Laternenlichtern sauste dort ein Wagen in den Nebel hinein . . .

Whrend des ganzen Weges hrte er das zudringliche Aufschlagen der hinter
ihm her eilenden Gummischuhe; er fhlte auf seinem Rcken zwei entzndete,
kleine uglein gerichtet, die zu dem steifen Hut gehrten, der sich ihm
angeschlossen hatte -- an jener Stelle am Zaun -- dort im Gchen.

Nikolai Apollonowitsch wandte sich und sah gerade dem Herrchen ins Gesicht;
sein Gesicht besagte nichts: steifer Hut, Stock, Mantel, Brtchen und Nase.

Mit wem hab' ich die Ehre?

Pawel Jakowlewitsch Morkowin.

Die Petersburger Feuchtigkeiten krochen ihm unter die Haut; der
Petersburger Schmutz gluckste in den Straenrinnen; frostig kalte Nsse
durchtrnkte seinen Mantel.

Der Schatten des steifen Hutes dehnte sich bald an der Mauer, bald
schrumpfte er wieder zusammen; wieder ertnte eine deutliche Stimme hinter
Ableuchows Rcken:

Ich wette, da Sie aus purer Koketterie diesen gleichgltigen Ton
anzunehmen geruhten . . .

Hren Sie, versuchte Nikolai Apollonowitsch dem steifen Hut zu erwidern,
ich bin, aufrichtig gesagt, hchst verwundert; ich bin, aufrichtig
gestanden . . .

Dort, dort blitzte der erste helle Apfel auf, da der zweite; dort weiter
der dritte; diese Linie der elektrischen pfel zeigte den Newskij-Prospekt
an, wo die steinernen Husermauern die ganze lange Petersburger Nacht von
elektrischem Licht bergossen stehen und wo die kleinen, hellerleuchteten
Restaurants mit dem grellen Rot ihrer Schilder in die Nacht starren,
whrend vor ihnen federngeschmckte Dmchen auf und ab spazieren und das
Karminrot ihrer gefrbten Lippen in die Boas vergraben; sie spazieren da
neben Zylinderhten, Schirmmtzen, Russenkitteln, vornehmen Wintermnteln,
in dem matthellen Lichtchaos -- dem weitaufgesperrten, glhenden Rachen,
der wie die Hlle von den armseligen finnischen Smpfen gegen das sich
weit, weit breitende Ruland gerichtet ist.

Nikolai Apollonowitsch beobachtete immerzu den Schatten des steifen Hutes
an der Mauer, den ewig dunklen Schatten; es war klar: die besonderen
Umstnde der Begegnung mit dem geheimnisvollen Pawel Jakowlewitsch hatten
ihn daran gehindert, gleich dort -- am Zaun im Gchen -- diese
Bekanntschaft abzubrechen, ohne dabei die eigene Wrde preiszugeben; jetzt
hie es mit der grten Vorsicht auszuforschen, was eigentlich dieser Pawel
Jakowlewitsch von ihm wute, was zwischen diesem und seinem Vater
vorgegangen war; deshalb zgerte er, sich zu verabschieden.

Sie gingen ber die Brcke.

Vor ihnen schritten zwei Leute: ein fnfundvierzigjhriger, in schwarzes
Leder gekleideter Seemann; auf seinem Kopf sa eine Mtze mit Ohrenklappen,
er hatte blauschimmernde Wangen und einen grellrotblonden Bart, in dem sich
weie Fden mischten; sein Begleiter, ein Riese in Schaftstiefeln, mit
dunkelgrnem Filzhut, schwarzen Haaren und Brauen und kleinem
Schnurrbrtchen, schritt neben ihm her. Beide erinnerten Nikolai
Apollonowitsch an etwas; und beide schritten durch die offene Tr in das
kleine Restaurant mit dem brillantenen Schild.

Pawel Jakowlewitsch fate Ableuchow am Mantel:

Hierher, Nikolai Apollonowitsch, ins Restaurant: da, hierher, das kommt
uns sehr gelegen! . . .

Aber gestatten Sie . . .

Es war nichts zu machen: Nikolai Apollonowitsch zuckte kaum merklich mit
den Achseln und ffnete mit leichter Ekelgrimasse die Tr . . .

Eine seltene, hchst seltene Gelegenheit . . . Herr Morkowin schnalzte
mit den Fingern: Ich sage es Ihnen ganz offen: einen jungen Mann von Ihren
Talenten . . . auslassen?! ignorieren?! . . .

Hier im geschlossenen Raume empfand man die Petersburger Strae als ein
scharfes fiebriges Prickeln am Krper, als ein Krabbeln zahlloser
rotfiger Ameisen.

Mich kennen ja alle . . . Alexander Iwanowitsch, Ihr Vater, Schischiganow,
Peppowitsch . . .

Um sie herum aber tnte es:

Wer sind Sie eigentlich?

Wer? . . . Iwan! . . .

Iwan Iwanowitsch! . . .

Was bist du doch, Iwan Iwanowitsch, fr ein Schwein!

An einer Stelle stieg eine dicke Rauchwolke in die Hhe; dort wieder
brllte pltzlich das Orchestrion auf, wie wenn zehn Blashrner ihre
ohrenzerreienden Tne in die durchqualmte Luft hinausstoen wrden. Der
Kaufmann Iwan Iwanowitsch Iwanow stellte sich, eine grne Flasche in der
hochgehobenen Hand, mit seiner Dame, deren Bluse ganz zerzaust war, in
Tanzpositur vor das Orchestrion.

Nikolai Apollonowitsch sah sich erstaunt um: wie konnte er in eine solche
unmgliche Gesellschaft, in einen solchen unmglichen Ort geraten, er, der
doch . . .?

Ha--ha--ha--ha--ha--ha! drhnte es in der Ecke, wo die betrunkene
Gesellschaft sa. Verzweifelt, qualvoll, wie das Explodieren unterirdischer
Ungeheuerlichkeiten in einem Vulkan, wuchs und breitete sich und weinte in
den goldenen Trichtern, bald aufbrausend, bald mit Kastagnetten schlagend,
das alte, alte Lied:

   Schwei--ei--get, ihr lodernden Ge--fh--le,
   Schlaaaf ein, du hooofnungsloo--oses Heee--erz . . .


Ein Glschen Wodka!

Gestehen Sie . . . He: zwei Glschen Wodka! -- Gestehen Sie . . ., rief
Pawel Jakowlewitsch Morkowin, ich wette, da ich fr Sie ein Rtsel bin,
ber das Sie jetzt vergeblich Ihren Gehirnapparat anstrengen . . .

Dort, dort ein kleiner Tisch: vor diesem Tischchen sitzt ber sein Glas
gebeugt ein etwa fnfundvierzigjhriger Seemann mit schwarzem Lederanzug,
blulich schimmerndem Gesicht.

Und neben dem Seemann kauerte schwer, wie aus Stein gehauen, der Riese.

Der Riese -- mit schwarzen Brauen und schwarzen Haaren -- lachte zweideutig
und schielte gegen Nikolai Apollonowitsch.

Also, mein junger Freund?

Was meinen Sie?

Was sagen Sie zu meinem Benehmen auf der Strae?

Was ich zu Ihrem Benehmen auf der Strae sage? Ach was? . . . Ich wei
wirklich nicht . . .

Trinken wir noch eins?

Ja, wir trinken noch eins . . .

                                * * *

Vor ihm glnzte das prickelnde Gift; um sich in ruhigere Verfassung zu
versetzen, legte er sich auf den Teller etwas von dem welken Gemse, das
ihnen angeboten wurde; nun stand er so mit dem voll gefllten Glas, whrend
Pawel Jakowlewitsch geschftig bemht war, mit der Gabel einen glitschrigen
Pilz zu erwischen; nachdem er endlich diesen glitschrigen Pilz erwischt
hatte, wandte er sich wieder Nikolai Apollonowitsch zu (auf seinem
Schnurrbart blieben Fdchen vom Gemse hngen). . .

Nicht wahr, das hat seltsam ausgesehen?

So stand er einmal (denn das alles -- war schon frher einmal gewesen)
. . .

Die Glser stieen laut aneinander; genau so hatten die Glser aneinander
gestoen . . . Wo? Wann?

Nikolai Apollonowitsch suchte sich zu erinnern. Doch er konnte sich nicht
erinnern.

Dort, neben dem Zaun . . . Nein, Herr Wirt, keine Sardinen: die schwimmen
ja in einem gelben Schleim.

Wissen Sie, Pawel Jakowlewitsch, ich erwarte von Ihnen eine Aufklrung
. . .

Meines Verhaltens?

Jawohl, Ihres Verhaltens . . .

Ich werde es erklren . . .

Wieder glnzte das prickelnde Gift: Nikolai Apollonowitsch fhlte, wie er
berauscht wurde -- alles begann sich um ihn zu drehen; gespensterhafter
schimmerte vor ihm die Schankstube, noch blauer schien der Seemann,
riesenhafter der Riese; sein Schatten verteilte sich an den Wnden und
schien wie mit einer Krone geschmckt.

Trinken wir also noch ein drittes Glschen?

Jawohl, trinken wir ein drittes . . .

                                * * *

Also, was haben Sie zu dem Gesprch am Zaun hinzuzusetzen?

ber den Domino?

Na ja, natrlich . . .

Voll Ekel wollte Nikolai Apollonowitsch den wenig appetitlichen Lippen des
Herrn Morkowin ausweichen, doch er berwand sich. Und nachdem er das
Schmatzen zweier Lippen auf seinen Lippen gefhlt hatte, hob er seine Augen
zur Decke, mit der Hand eine Locke von der hohen Stirn wegstreichend, und
seine Lippen verzogen sich in ein unnatrliches Lcheln und zuckten und
zitterten angestrengt (so zucken unnatrlich die Beinchen der gemarterten
Frsche, wenn an sie die Enden der elektrischen Drhte angesetzt werden).

Gestehen Sie -- es ist ein ganz absurder Gedanke: Sie wren der Domino
. . . Hi--hi--hi: wie konnte man auf einen solchen Gedanken nur kommen --
he? Sagen Sie blo? Ich sagte mir: He, Pawel, das ist nur so ein kurioser
Einfall; und dazu noch neben dem Zaun, beim Verrichten eines sozusagen
menschlichen Bedrfnisses . . . Domino! . . . Es war einfach nur ein Anla
fr die Bekanntschaft, mein Lieber.

Sie verlieen den Schanktisch und drngten sich zwischen den Tischen durch.
Und wieder brllte das Orchestrion wie zehn kreischende Blashrner, die
ihre ohrenzerreienden Tne in den Qualm hinausstoen; an den Ohren sich
brechend, erhob sich das Gebimmel eines ganzen Schwarms von Glckchen.

Kellner! Eine saubere Tischdecke! . . .

Und Wodka . . .

Nun sind wir mit dem Domino fertig. Und jetzt, mein Lieber, gehen wir zum
anderen, uns miteinander verbindenden Pnktchen ber . . .

                                * * *

Beide sttzten die Ellbogen auf das Tischchen. Nikolai Apollonowitsch
fhlte seinen Rausch (vor Mdigkeit wahrscheinlich).

Ja -- ja -- ja: es ist ein seltsamer, kurioser Punkt . . . Schn: geben
Sie mir Nierenbraten mit Madeira; und Ihnen . . . auch Nierenbraten?

Was ist das nur fr ein Punkt?

Kellner, zwei Portionen Nierenbraten . . . Nun also -- ich mu Ihnen
sagen: die Bande, die uns aneinander knpfen -- diese Bande -- es sind
heilige Bande . . .

?

Es sind Bande des Blutes . . .

In diesem Augenblick wurde der Nierenbraten gebracht.

Ach, denken Sie ja nicht, da jene Bande . . . -- bitte Salz, Pfeffer,
Senf! -- etwa mit Blutvergieen in Zusammenhang stehen . . . Aber warum
zittern Sie, mein Lieber? Sieh mal einer her: wie er rot wurde, wie er
aufflammte: rein wie ein junges Mdel! Wnschen Sie Senf? Da ist Pfeffer.

Was sagten Sie?

Ich sagte: da ist der Pfeffer . . .

Vom Blute . . .

Ah? Von den Banden? Unter den Banden des Blutes verstehe ich die Bande der
Verwandtschaft.

Verzeihen Sie, ich glaube Sie nicht recht verstanden zu haben: Was
verstehen Sie unter Verwandtschaft?

Ich bin ja, Nikolai Apollonowitsch, ein Bruder von Ihnen.

Wie, ein Bruder?

Ein morganatischer natrlich, denn ich bin das Resultat einer
unglcklichen Liebe zwischen Ihrem Vater und -- einer im Hause lebenden
Weinherin . . .

Wahnsinn!

Das hatte er frher einmal schon erlebt.

Und nun wollen wir zu Ehren unserer Begegnung als Verwandte noch ein
Glschen trinken.

Verzweifelt, qualvoll drhnte es in dem wildgewordenen Orchestrion, heulend
und wie die Tanztrommel schlagend, festigten und breiteten sich die Tne
und ergossen sich jammernd aus den vergoldeten Trichtern in den Saal.

                                * * *

Sie wollten sagen, da mein Vater . . .

A--a--a: die Schulter! Wie die Schulter zuckt! unterbrach ihn Pawel
Jakowlewitsch. Wissen Sie, warum sie gezuckt hat?

Warum?

Weil die Verwandtschaft mit einem solchen Subjekt, Sie, Nikolai
Apollonowitsch, gewissermaen verletzt . . . Dann haben Sie aber auch
wieder etwas Mut gewonnen.

Mut gewonnen? Weswegen sollte ich den Mut verloren haben?

Ha--ha--ha -- Pawel Jakowlewitsch hrte ihm nicht zu -- Sie haben Mut
gewonnen, weil Ihrer Meinung nach . . . -- Noch ein Stck vom Braten?

Danke . . .

. . . Meine ausfallende Neugierde und unser Gesprch neben dem Zaun sich
in einfacher Weise erklrten.

Nikolai Apollonowitsch kniff die Augen zusammen, whrend seine Finger auf
dem Tisch trommelten.

Jetzt aber bin ich gentigt, Sie freudig und traurig zugleich zu stimmen
. . . Sie entschuldigen mich: bei einer neuen Bekanntschaft mach' ich es
immer so; es bleibt mir nur noch brig, Ihnen zu sagen, da wir wohl Brder
sind, aber von verschiedenen Eltern . . .

Inwiefern sind wir dann Brder?

Den berzeugungen nach . . .

Was wissen Sie von meinen berzeugungen?

Sie sind ein fest berzeugter Terrorist, Nikolai Apollonowitsch.

Ha--ha--ha! Nikolai Apollonowitsch warf sich auf seinen schbigen Stuhl
zurck. Ha--ha--ha--ha . . .

Hi--hi--hi! echote Morkowin.

Ich werde Ihnen was sagen -- Nikolai Apollonowitsch wurde ganz ernst und
tat, als htte er mit Mhe den Lachanfall berwunden (er hatte nur
knstlich gelacht), Sie irren sich, denn ich verhalte mich dem Terror
gegenber ganz negativ; doch abgesehen von all dem: woher nehmen Sie es
an?

Aber gestatten Sie, Nikolai Apollonowitsch! Ich bin ja ber alles, was Sie
betrifft, unterrichtet: ber das Paket, ber Alexander Iwanowitsch Dudkin,
ber Sofja Petrowna . . .

                                * * *

Ich wei alles, erstens dank meiner persnlichen Neugierde, dann aber,
weil es meine dienstliche Pflicht von mit fordert . . .

Sie stehen im Dienst? . . .

Ja, der Polizei . . .

Der Polizei?

Mein Lieber, warum faten Sie sich an die Brust, als lge dort ein sehr
gefhrliches und sehr diskretes Dokument. . . Ein Glschen!


Rettungslos verloren

Mit ganz neuem, schuldbewutem Lcheln zog Nikolai Apollonowitsch aus
seiner Seitentasche ein Notizbchlein heraus.

A--a--a--a--! Wollen Sie mir geflligst dieses Bchlein . . . zur
Durchsicht geben . . .

Nikolai Apollonowitsch wehrte nicht; er fuhr fort, mit demselben
schuldbewuten Lcheln dazusitzen.

Pawel Jakowlewitsch beugte sich ber das Bchlein; sein ber den Tischrand
sich erhebender Kopf schien nicht am Halse, sondern an den zwei Hnden
befestigt zu sein; einen Augenblick lang sah er wie ein wirkliches Ungetm
aus: Nikolai Apollonowitsch sah in diesem Augenblick vor sich einen
scheulichen Kopf mit zwinkernden uglein, die Haare -- wie Wolle, die man
einem Hunde ausgekmmt hatte; mit widerlicher Lachmiene lie er seine zehn
mit gelben Hautfalten berzogenen, hpfenden Finger ber die Bltter
laufen: wie ein riesenhaftes Insekt sahen sie aus, wie eine zehnbeinige
Spinne, deren Pfoten ber knisterndes Papier liefen.

Pawel Jakowlewitsch wollte jedoch Ableuchow blo erschrecken; es war nur
ein netter Scherz gewesen; mit demselben widerlichen Lachen warf er das
Bchlein Ableuchow ber den Tisch zurck.

Ich bitte; warum eigentlich diese bergroe Zuvorkommenheit . . . Ich habe
ja gar nicht vor, Sie etwa ins Verhr zu nehmen . . . ngstigen Sie sich
doch nicht, Liebster: ich bin ja bei der Polizei -- in direktem Auftrage
der Partei ttig . . . Es war gar nicht ntig, da Sie sich so aufregten,
Nikolai Apollonowitsch, wahrhaftig nicht . . . Wre ich wirklich ein
Polizeibeamter, Sie wren jetzt sicher verhaftet; denn Ihre Geste, die war,
wissen Sie, sehr bemerkenswert; erst faten Sie sich an die Brust mit so
erschrecktem Gesichtsausdruck, als befnde sich bei Ihnen ein Dokument
. . . Wenn Sie in Zukunft auf einen Spitzel geraten, wiederholen Sie nicht
diese Geste, diese wrde Sie verraten . . . Einverstanden? . . . Dann aber
erlaube ich mir, Sie auf einen anderen Fehler, den Sie begangen haben,
aufmerksam zu machen: Sie zogen ein harmloses Bchlein aus der Tasche
hervor in einem Augenblick, wo es von Ihnen noch gar nicht gewnscht wurde;
Sie nahmen das Bchlein heraus, um die Aufmerksamkeit von etwas anderem
abzulenken . . .

                                * * *

Was bedeutet diese Tortur? Wenn Sie wirklich _das_ sind, wofr Sie sich
ausgeben, -- He, Kellner, zahlen! -- ist Ihr ganzes Benehmen, sind alle
Ihre Grimassen -- unwrdig.

Beide erhoben sich.

In den weien, stinkenden Dampfwolken, die aus der Kche herberdrangen,
stand Nikolai Apollonowitsch -- bla, wei und wutschnaubend, den roten
Mund ohne jegliches Lcheln weit auseinandergezogen, umgeben vom Kranz
seiner hell-hellen, flachsnebligen Haare; wie ein von Hunden mde gejagtes
Tier; die Zhne fletschend, wandte er sich verchtlich gegen Morkowin,
nachdem er dem Kellner ein Halbrubelstck zugeworfen hatte.

Das Orchestrion spielte nicht mehr; die Nachbartische waren schon lngst
leer und das Zwittergeschlecht hatte sich in den Straen der
Wassiljewskij-Insel verzogen; auf einmal wurde das elektrische Licht
berall ausgelscht; das gelbrote Licht einer Kerze durchzog die tote
Leere; im Halbdunkel zerrannen die Wnde; von einem Tischchen erhob sich
der fnfundvierzigjhrige Seemann; einen Augenblick lang sprhten seine
Augen grne Funken um sich; dann verschwand er im Dunkel.

Mit Zwischenpausen sagte Pawel Jakowlewitsch:

Lassen Sie es nur sein: mir ist es genau so peinlich wie Ihnen.

Und wozu das Versteckenspiel, Genosse . . .

Ich kam hierher nicht der Scherze wegen . . .

Haben wir uns nicht verabreden wollen? . . .

                                * * *

. . . nun ja: ber den Tag, an dem Sie Ihr Versprechen einzulsen gedenken
. . .

Mit ernstem Blick auf Ableuchow fgte er voll Wrde hinzu:

Die Partei erwartet Ihre unverzgliche Antwort, Nikolai Apollonowitsch.

Nikolai Apollonowitsch stieg schweigend die Treppe hinunter.

Die Restauranttr schlug hinter ihm zu.

Die vielugigen, hohen Laternen, vom Winde gezerrt, hpften in seltsamen
Lichtgestalten, indem sie sich fr die lange Petersburger Nacht bereit
hielten.

Na, und wenn ich den Auftrag ablehne?

Dann verhafte ich Sie . . .

Sie? mich? verhaften?

Bitte nicht zu vergessen, da ich . . .

Da Sie ein Konspirator sind?

Da ich Polizeibeamter bin; als Polizeibeamter verhafte ich Sie . . .

Was wird die Partei dazu sagen?

Die Partei wird mir recht geben.

Und wenn ich Sie anzeige?

Versuchen Sie es . . .

Auf der groen eisernen Brcke sah sich Nikolai Apollonowitsch um: niemand,
nichts . . . die nasse Brstung, das grnliche, von Bazillen wimmelnde
Wasser, die kalten, weinerlich summenden Newawinde; hier an dieser Stelle
hatte er vor zweieinhalb Monaten sein furchtbares Versprechen gegeben. Er
stand an der Newa und sah mit dumpfem Blick in das Grn der Tiefe -- oder
nein: sein Blick flog dorthin, wo ganz tief unten die Ufer kauerten; dann
ging er mit raschen, ungelenken Schritten weiter.

Ein phosphoreszierender Fleck sauste, vom Nebel umschleiert, in wildem Flug
dahin; mit phosphoreszierendem Leuchten breitete sich die Ferne ber die
Newa dahin. Hinter der Newa erhoben sich jetzt die Riesenhuser der Inseln,
die mit flimmernden Augen in den Nebel blickten. Oben in der Hhe spreizte
eine schattenhafte Gestalt wild ihre klumpigen Hnde; eine Schar nach der
anderen.

Vollstndig leer war der Kai.

Mit besonderer Neugierde starrte nun Nikolai Apollonowitsch die
Riesengestalt des kupfernen Reiters an.

Pltzlich teilten sich die Wolken, und ein grnlicher Rauchschleier berzog
sie im Mondlicht wie geschmolzenes Kupfer . . . Einen Augenblick lang stand
alles in Flammen: das Wasser, die Dcher, der Granit; das Gesicht des
Reiters blitzte auf, und sein kupferner Lorbeerkranz glnzte; und er
streckte befehlend die vielhundertzentnerschweren Hnde direkt gegen
Nikolai Apollonowitsch.

Lachend lief Nikolai Apollonowitsch von dem kupfernen Reiter fort:

Ja, ja, ja . . .

Ich wei, ich wei . . .

Unrettbar verloren . . .

                                * * *

. . . Es hie sofort etwas beginnen, ohne Zeit zu verlieren -- doch was?
War es nicht er, war es nicht er selbst, der von dem Wahnsinn des Mitleids
so oft gepredigt hatte? War es nicht er, der von seiner Verachtung gegen
die Adeligen, gegen die greisen adeligen Ohren, den vogelhaft langgezogenen
Hals . . .

Endlich stie er auf eine versptete Droschke: die vierstckigen Huser
fuhren -- sausten nun an ihm vorbei.

Das Admiralittsgebude schob seine achtsulige Ecke vor; es schimmerte
eine Weile mit seiner rosigen Farbe und verschwand; ein wei-schwarz
gestreiftes Schilderhuschen lief nach links vorbei; in seinem grauen
Mantel schritt dort ein alter Pawlowscher Grenadier auf und ab.

Da sah pltzlich Nikolai Apollonowitsch eine kleine, ausgemergelte Gestalt,
die sich mit eiligen, verspteten Schritten wie hpfend auf dem Trottoir
bewegte; diese trockene, winzige Gestalt . . . in dieser trockenen Gestalt
. . . er erkannte diese trockene Gestalt: es war Apollon Apollonowitsch.

Apollon Apollonowitsch, der den Backfisch nach Hause gebracht hatte, eilte
jetzt zur Schwelle des gelben Hauses.

Apollon Apollonowitsch hrte hinter seinem Rcken das Poltern der Droschke;
der alte rasierte Kopf drehte sich in diese Richtung; als die Droschke den
Senator einholte, sah der Senator: dort auf dem Sitz lauerte gekrmmt ein
ltlich, krppelhaft aussehender Jngling, in unangenehmster Weise in
seinen Mantel vollstndig gehllt.

Und es schien ihm, da sich die Augen des unangenehmen Jnglings bei seinem
Anblick zu weiten begannen . . . ja, ja, ja: sie hatten denselben Blick und
weiteten sich mit demselben Glanz; aber schon hatte ihn der Wagen berholt
und hpfte mit zudringlichem Gepolter ber die Steine dahin, whrend hinten
die weie Nummer schimmerte: 1095.

Nikolai Apollonowitsch sprang aus der Droschke und lief eilig gegen das
Portal des gelben Hauses.

Nikolai Apollonowitsch zog aus aller Kraft an der Glocke; auf beiden Seiten
des Portals befanden sich Greife mit aufgerissenen Rachen, jetzt rosig von
der Morgenrte, mit ihren Krallen die Stange festhaltend, von der aus an
gewissen Kalendertagen die rotweiblaue Flagge ber die Newa flatterte; und
unter den Greifen erblickte Nikolai Apollonowitsch das Wappen: einen
federgeschmckten Ritter mit Rokokolocken, von einem Einhorn durchbohrt.
Dieses alte Wappen gehrte den Ableuchows; aber auch er, Nikolai
Apollonowitsch, war durchbohrt -- doch von wem? Von wem?

Und dort, dort auf dem Trottoir sah er im Nebel -- jene kleine, trockene
Gestalt, in der . . . die . . . -- Apollon Apollonowitsch, der Vater, sah
aus -- wie der Tod in einem Zylinderhut.

Inzwischen kam die kleine Gestalt nher; Nikolai Apollonowitsch wurde, wie
immer, ganz verwirrt.

Apollon Apollonowitsch sah nun: sein Sohn, greisenhaft und sonderbar bs
aussehend, lief rasch die Stufen des Portals hinunter und kam eilig und
schuldbewut, mit zwinkerndem, ausweichendem Blick dem Vater entgegen.

Guten Morgen, Vater . . .

Schweigen.

So eine unerwartete Begegnung: ich komme nmlich von Zukatows.

So -- so: guten Morgen, Kolenka . . .

Die Flgeltr flog auf, der ihnen wohlbekannte Geruch ihrer Wohnung schlug
den beiden Ableuchows entgegen.

Die eine Seite etwas vorschiebend, schritt jeder von ihnen rasch durch die
Tr.


Rot wie Feuer

Beide wuten, da ihnen ein Gesprch miteinander bevorstand; dieses
Gesprch war schon in all den vielen Jahren des Schweigens gereift; Apollon
Apollonowitsch bergab dem wartenden Lakai Zylinder, Mantel und Handschuhe,
doch hielt er sich sonderbarerweise mit den Gummischuhen lange auf; armer,
armer Senator: wute er denn, da es gerade sein Sohn, Nikolai
Apollonowitsch, war, der mit jenem Auftrage betraut war? Ebensowenig konnte
Nikolai Apollonowitsch vermuten, da sein Vater die Geschichte mit dem
roten Domino genau kannte. Beide atmeten den wohlbekannten Geruch ihrer
Wohnung ein; der silberschimmernde weiche Biber fiel auf die Hnde des
Dieners; in seinem Domino erschien nun Nikolai Apollonowitsch vor dem
Vater.

Ah . . . ah . . . Ein roter Domino? . . . Sieh mal her!

Ich war maskiert . . .

So--o . . . Kolenka . . . so--o . . .

Als er seinen Sohn errten sah, wurde er selbst rosig, und um dies zu
verbergen lief er mit koketter Grazie die Treppe zum Vestibl zur Wohnung
hinauf.

Nikolai Apollonowitsch blieb allein auf den Stufen der samtbelegten Treppe
zurck, versunken in tiefes Nachdenken; doch die Stimme des Lakaien
unterbrach seinen Gedankengang.

Vterchen! . . . Dieses schbige Gedchtnis! . . . Gndiger Herr, lieber
gndiger Herr: es ist ja etwas vorgefallen! . . .

Was ist vorgefallen?

Etwas -- etwas . . . Ich wage es kaum zu sagen . . .

Auf den Stufen der grauen, mit Samt belegten Treppe hielt nun Nikolai
Apollonowitsch inne; durch das Fenster drang purpurnes Licht herein und
bildete auf dem Boden ein Netz aus hellen Flecken.

Es ist so etwas! Ja, also: unsere gndige Frau . . .

Unsere gndige Frau, Anna Petrowna . . .

. . . ist zurckgekehrt!!

                                * * *

Wer ist zurckgekehrt?

Anna Petrowna! . . .

Wer ist denn das? . . .

Wieso -- wer? . . . Ihre Frau Mutter . . . Wie sprechen Sie doch nur,
lieber gndiger Herr, als wren Sie ein Fremder: es ist doch Ihre Mutter
. . .

?

Die gndige Frau ist aus Hispanien nach Petersburg zurckgekehrt . . .

                                * * *

Die gndige Frau schickte erst einen Brief durch einen Boten: sie wre in
einem Hotel abgestiegen . . . Denn das lt sich denken . . . Die Lage der
gndigen Frau ist eine solche . . .

?

Kaum waren Seine Exzellenz, Apollon Apollonowitsch, ausgefahren, als
pltzlich -- ein Bote, mit einem Brief . . . Na, den Brief legte ich auf
den Schreibtisch hin, und dem Boten gab ich ein Zwanzigkopekenstck . . .

Aber kaum war eine Stunde danach vergangen -- als . . . du meine Gte! Da
erscheint die gndige Frau selbst . . . Sie hat jedenfalls ganz sicher
gewut, da niemand zu Hause war . . .

                                * * *

Es lutete also . . . Ich mach' die Tr auf . . . Vor mir steht eine
fremde Dame, eine sehr wrdige Dame; nur einfach gekleidet und -- ganz in
Schwarz . . . Ich sage nun: >Sie wnschen, Gndige?< Und die Dame zu mir:
>Aber erkennst du mich denn nicht, Mitri Ssemjonytsch?< -- Da habe ich
rasch ihr Hndchen gekt: >Mtterchen, Anna Petrowna . . .<

                                * * *

Und Anna Petrowna -- Gott schenk' ihr Gesundheit -- sah so, sah mich so an
. . . Sie sah mich an -- und brach in Trnen aus: >Ich will sehen, wie ihr
da ohne mich lebt< . . . Das Taschentchlein hat sie aus dem Tschchen
gezogen . . .

Ich hatte allerdings strengen Auftrag bekommen, nichts reinzulassen
. . . Aber ich hab' unsere gndige Frau doch reingelassen . . . Und sie
. . .

Der Greis machte groe Augen; mit weitgeffnetem Munde blieb er stehen und
dachte bei sich, da die Herrschaften im lackierten Haus wohl schon lngst
den Verstand verloren hatten: statt Freude, Verwunderung oder Bedauern zu
uern -- rannte Nikolai Apollonowitsch ganz einfach, ohne ein Wort zu
sagen, die Treppen hinauf, so da die roten Atlasenden seines Dominos
wunderlich in der Luft flatterten.

                                * * *


Ein schlechtes Zeichen

In den Zimmern blitzte schon die Sonne; die Inkrustation an den Tischen
scho ihre Strahlen in die Luft, und die Spiegel glnzten freudig; ja, sie
lachten, die Spiegel, denn aus dem ersten von ihnen, der im Salon hing, vom
Saal aber zu sehen war, blickte ein weies, wie mit Mehl bestubtes
Gesicht; das war Nikolai Apollonowitsch, der unbeabsichtigterweise in den
Salon hineinrannte, hier aber wie angewurzelt stehenblieb . . .

Nikolai Apollonowitsch sah nun, da sein Vater ihn hier erwartete.

Statt des Sohnes erblickte Apollon Apollonowitsch im Spiegel eine einfache
rote Marionettenpuppe; beim Anblick dieser Marionettenpuppe ging ihm der
Atem aus; die rote Puppe aber blieb in der Mitte des Saals verlegen stehen
. . .

Da nherte sich Apollon Apollonowitsch, unerwartet fr sich selbst, der Tr
und schlo sie; der Rckzug war abgeschnitten. Das Begonnene mute erledigt
werden. Das Gesprch ber das sonderbare Verhalten des Sohnes betrachtete
Apollon Apollonowitsch als einen schweren chirurgischen Eingriff. Wie der
Chirurg zum Tischchen eilt, auf dem die Messer, Zangen, Feilen
zurechtgelegt sind, so trat Apollon Apollonowitsch, sich die gelben Finger
reibend, dicht an Nikolai heran; er suchte den ausweichenden Blick
aufzufangen, nahm mechanisch das Brillenetui aus der Tasche, drehte es
zwischen den Fingern eine Weile und steckte es wieder ein; er hstelte
behutsam, schwieg einen Augenblick und sagte:

So -- so: ein Domino.

Zugleich ging ihm durch den Kopf, da dieser scheue Jngling da, dessen
grinsender Mund bis zu den Ohren reichte, der es nicht zustande brachte,
einem gerade ins Gesicht zu sehen -- da dieser scheue Jngling und der
Petersburger Domino, von dem die judische Presse voll war -- ein und
dieselbe Person war; da er selbst, Apollon Apollonowitsch, die
erstklassige Persnlichkeit und Trger alten Adels, da er selbst diesen
Jngling gezeugt hatte; in demselben Augenblick sagte Nikolai
Apollonowitsch etwas verlegen:

Ja . . . es waren eben viele in Masken . . . da hab' auch ich mir . . .
diesen Maskenanzug . . .

Zugleich ging es Nikolai Apollonowitsch durch den Kopf, da dieses zwei
Arschin lange Krperchen seines Vaters, mit einem Umfang von hchstens
zwlfeinhalb Werschok, das Zentrum und den Kreis eines unsterblichen
Zentrums bilde: des darin sitzenden Ich; da aber ein Ziegelstein, der
sich irgendwo zufllig gelst hatte, dieses Zentrum vernichten kann,
vollstndig vernichten. Vielleicht unter dem Einflu dieses sich auf ihn
bertragenen Gedankens lief Apollon Apollonowitsch eilig zum
allerentferntesten Tischchen und begann darauf mit zwei Fingern zu
trommeln. Inzwischen trat Nikolai Apollonowitsch mit schuldbewutem Lcheln
nher:

Es war, weit du, sehr lustig . . . Wir tanzten, weit du . . .

Zugleich aber dachte er: Haut, Knochen und Blut, kein einziger Muskel; aber
dieses Hindernis -- Haut, Knochen und Blut -- mu durch den Willen des
Schicksals in Stcke zerrissen werden . . .

Dann weit du, haben wir Petit jeu gespielt.

Apollon Apollonowitsch sah fest dem Sohn ins Gesicht und antwortete nichts
. . . Apollon Apollonowitsch erinnerte sich: einst war diese fremde
Marionettenpuppe ein kleines Krperchen; dieses Krperchen hatte er mit
vterlicher Zrtlichkeit auf den Armen getragen; der blonde kleine Knabe
hatte sich eine Papiermtze aufgesetzt und war ihm auf den Nacken
gestiegen. Apollon Apollonowitsch hatte mit etwas heiserer und zerrissener
Stimme gesungen:

   Kolenka, der dumme Tropf,
   Hpft und tanzet immer;
   Mit der Mtze auf dem Kopf
   Reitet er durchs Zimmer.

Jetzt aber, jetzt? Nicht ein Krperchen sah Apollon Apollonowitsch vor
sich, sondern einen Krper, und dieser Krper -- war gro und fremd . . .
War er fremd? War er . . .?

Apollon Apollonowitsch, begann durchs Zimmer zu zirkulieren, auf und ab:

Siehst du, Kolenka . . .

Apollon Apollonowitsch lie sich in einen weichen Lehnstuhl nieder.

Ich mu, Kolenka . . . das heit, nicht ich mu, sondern -- wie ich hoffe
-- wir mssen . . . miteinander sprechen: hast du jetzt die ntige Zeit
dazu? Die Sache, die mich aufregt, besteht darin . . .

Apollon Apollonowitsch stockte, er lief wieder zum Spiegel (in diesem
Augenblick schlug die Turmuhr), und Nikolai Apollonowitsch erblickte im
Spiegel den Tod im Gehrock, sah einen vorwurfsvoll auf sich gerichteten
Blick, hrte, wie Finger trommelten; da sprang mit lautem Lachen der
Spiegel: wie ein Blitz durchschnitt ihn eine schrge Nadel mit lautem
Knistern und blieb fr immer im Glas wie ein Silberzickzack stecken.

Apollon Apollonowitsch warf einen Blick auf den Spiegel, und der Spiegel
sprang; Aberglubische wrden gesagt haben:

Es ist ein bses, ein bses Zeichen . . .

Geschehen, fertig: das Gesprch war nun unausbleiblich.

Mit allen Mitteln hatte Nikolai Apollonowitsch sich bemht, die
Auseinandersetzung hinauszuschieben; und gerade jetzt erschien sie ihm
berhaupt berflssig: alles htte sich ja von selbst bald geklrt. Nikolai
Apollonowitsch bedauerte, da er nicht rechtzeitig aus dem Salon entwichen
war (wie viele Stunden die Agonie schon dauerte: und unter dem Herzen
schwoll ihm etwas, schwoll, schwoll); doch zugleich mit dem Schrecken
empfand er eine seltsame Wollust: er konnte sich von seinem Vater nicht
losreien.

Ja, Vater, ich habe, aufrichtig gesagt, diese Auseinandersetzung
erwartet.

Ah, du hast sie erwartet?

Ja, ich habe sie erwartet.

Hast du jetzt Zeit?

Ja, ich bin frei.

Dann, Kolenka, geh in dein Zimmer und sammle erst deine Gedanken.
Entdeckst du in dir etwas, was wir zusammen besprechen knnen, dann komm in
mein Arbeitszimmer.

Jawohl, Vater . . .

Apropos: leg' diese Jahrmarktsfetzen ab . . . Aufrichtig gesagt, mir
mifllt das alles in hchstem Grade . . .

?

Ja, es mifllt mir sehr! Es mifllt mir in hchstem Grade!

Die Tr fiel ins Schlo.

                                * * *

Nikolai Apollonowitsch blieb neben dem Tischchen stehen; sein Blick hpfte
ber die Bltter der Bronze-Inkrustation, ber die Nippsachen und die
kleinen Etageren an der Wand. Ja, hier hatte er gespielt: hier war er oft
lange gesessen -- in dem Lehnstuhl mit den kleinen Girlanden auf dem
blablauen Atlasbezug; und wie jetzt hing auch damals die Kopie vom Bilde
Davids: Distribution des aigles par Napolon premier. Das Bild stellte
den groen Kaiser im Purpurmantel und mit einem Kranz auf dem Haupt dar,
wie er den Arm gegen die Marschallversammlung ausstreckte.

Was wird er seinem Vater sagen? Wieder in qualvoller Weise lgen? Lgen, wo
das Lgen schon nicht mehr ntzt? Lgen, wo seine Situation jede Lge
eigentlich ausschliet? Lgen . . . Nikolai Apollonowitsch erinnerte sich,
wie er in den fernen Kinderjahren gelogen hatte.

Da ist das Klavier, gelb, stilgem; es berhrt kaum den Parkettboden mit
seinen feinen Rollbeinchen. Hier pflegte die Mutter, Anna Petrowna, zu
sitzen, die alten Beethoventne erschtterten die Wnde: das unendlich
Alte, das in Tnen rann, rief in seinem kindlichen Herzen dieselbe
Sehnsucht hervor wie der verblassende Mond, der erst rot auftauchend, immer
hher ber die Stadt seine blagelbe Trauer trgt . . .

Mu er nicht schon gehn, um mit dem Vater zu sprechen?

In diesem Augenblick sah die Sonne in das Zimmer herein; die Sonne, die
leuchtende Sonne warf von oben ihre lanzenartigen Lichter; der goldene
tausendarmige Titan der uralten Zeiten berzog die Leere mit seinen
leuchtenden Vorhngen und beleuchtete die Turmspitzen, die Dcher, die
Wsser und die Steine und die an die Fensterscheibe gedrckte,
gttlich-blasse Sklerosestirn; der goldene tausendhndige Titan jammerte
dort still ber seine Einsamkeit: Kommt, kommt zu mir, zur alten Sonne!

Ihm aber schien die Sonne eine riesige, tausendbeinige Tarantel, die in
wahnsinniger Leidenschaft die Erde berfllt . . .

Und unwillkrlich schlo Nikolai Apollonowitsch die Augen; da alles
pltzlich aufblitzte: der Lampenschirm blitzte auf; der Lampenzylinder
wurde von Amethysten berst; Funken strahlten auf den Flgeln des goldenen
Amors; die Oberflche des Spiegels blitzte auf -- ja, der Spiegel, der hat
einen Sprung bekommen.

Aberglubische wrden gesagt haben:

Ein bses Zeichen, ein bses Zeichen . . .

In all dem Hellen und Blitzenden zeichnete sich pltzlich eine dunkle
Gestalt vor Nikolai Apollonowitsch; in all das Stumme hpfte pltzlich ein
eindringliches Flstern hinein:

Und wie soll es nun . . . soll es nun . . .?

Nikolai Apollonowitsch hob sein Antlitz . . .

Wie soll es nun mit . . . der gndigen Frau?

Vor sich erblickte er den Diener Ssemjonytsch.

Alles Alte kehrt wieder zurck . . . Nein: das Alte kehrt nie wieder.

Alles, alles, alles: das Blitzen der Sonne, die Wnde, der Krper, die
Seele -- alles wird verschwinden; schon jetzt schwindet alles; und dann:
ein Delirium, ein Abgrund, eine Bombe.

In der Kindheit hatte Kolenka oft phantasiert; nachts begann oft ein
elastisches Kgelchen vor ihm zu hpfen; das Kgelchen schien bald aus
Gummi zu sein, bald aus einem Stoff aus anderen Welten; den Boden
berhrend, gab es einen sonderbaren lackierten Laut von sich: ppp --
peppp und wieder: ppp -- peppp. Pltzlich blhte sich das Kgelchen
in erschreckender Weise auf und nahm deutlich die Gestalt eines kugeligen
dicken Herrn an; dieser dicke Herr, der zu einer langweiligen Kugel
geworden war, blhte sich immer mehr auf, immer mehr, immer mehr, so da er
zu zerplatzen drohte.

Und whrend er sich dehnte und zu einer Kugel wurde, um dann zu
zerspringen, hpfte er, wurde rot, sprang in die Luft und lie einen leisen
lackierten Laut hren:

Ppp . . .

Pppowitsch . . .

Ppp . . .

Und er sprang auseinander.

Im vollstndigen Delirium begann dann Nikolenka seltsame, sinnlose Dinge zu
schreien.

Ppp, Pppowitsch, Ppp . . .

Was ist das? Fieberphantasien?

Nikolai Apollonowitsch drckte seine kalten Finger an die Stirn: es wird --
ein Delirium, ein Abgrund, eine Bombe . . .


Bleistiftpckchen

Das Arbeitszimmer des Senators war uerst einfach; in der Mitte erhob sich
natrlich ein Tisch; das war aber nicht das Wichtigste; viel wichtiger
waren die Schrnke, die an allen Wnden standen; auf dem Tische aber vorn
lag ein Lehrbuch der Planimetrie.

Vor dem Schlafengehen schlug Apollon Apollonowitsch gewhnlich dieses Buch
auf, um das ungefgige Leben dem Schlaf unterzuordnen und es im Kopfe zu
beruhigen durch Betrachtung der beseligenden Zeichnungen: der
Parallelepipede, Parallelogramme, der Konuse, Kuben und Pyramiden.

Apollon Apollonowitsch lie sich in einen schwarzen Lehnstuhl nieder, und
hier sa er gerade gestreckt und wartete auf das Erscheinen seines
nichtsnutzigen Sohnes.

Ein ngstlicher Seufzer ertnte hinter seinem Rcken; er sah sich um und
erblickte den Diener Ssemjonytsch . . .

Was ist los?!

Ich erlaube mir, es Ihnen vorzubringen: unsere gndige Frau . . . Anna
Petrowna . . .

Zornig kehrte Apollon Apollonowitsch dem Lakai sein riesiges Ohr zu . . .

Was? Was ist los? . . . Sprechen Sie lauter, ich hre schlecht.

Der zitternde Ssemjonytsch neigte sich ganz zum blagrnen Ohr des Senators
hin, der ihn wartend ansah.

Die gndige Frau . . . Anna Petrowna . . . sind zurckgekehrt . . .

? . . .

Aus Hispanien -- nach Petersburg . . .

                                * * *

So--o, so--o, sehr gut! . . .

                                * * *

Sie geruhten ein Briefchen durch den Boten zu schicken . . .

Sie sind im Hotel abgestiegen . . .

                                * * *

Apollon Apollonowitsch legte eine Hand ber die andere und sa vollstndig
ruhig und unbeweglich; es schien, als bewegten sich auch keine Gedanken in
ihm: gleichgltig streiften seine Blicke ber die Rcken der vielen Bcher,
auf denen es goldig schimmerte: Gesetzbuch des Russischen Reiches. Erster
Band. Dann weiter: Zweiter Band. Auf dem Tische lagen Papiere,
schimmerte ein vergoldetes Tintenfa, lagen verstreut Federhalter; auch lag
dort ein Briefbeschwerer: ein Buerlein (der Untertan) mit einem
Schnapsglas in der gehobenen Hand. Vor all den Sachen, vor den
Federhaltern, vor den Papierhaufen sa Apollon Apollonowitsch mit
gekreuzten Armen ohne jegliche Bewegung, ohne Zittern . . .

                                * * *

Apollon Apollonowitsch sagte nichts, er ffnete nur eine der Schubladen und
nahm daraus ein Pckchen mit einem Dutzend Bleistiften heraus (sehr, sehr
billiger); einige davon zog er hervor -- und zwischen den Fingern des
Senators knackten die zerbrochenen Stbchen. In dieser Weise pflegte
Apollon Apollonowitsch seine seelischen Schmerzen zu uern: er brach
Bleistifte auseinander, die zu diesem Zweck von ihm in der Schublade unter
Buchstaben B sorgfltig aufbewahrt lagen.

Gut, Sie knnen gehen . . .

                                * * *

Trotz des Zerbrechens der Bleistifte gab er seine uerliche Wrde und Ruhe
nicht auf, und niemand htte es geglaubt, da dieser steife Wrdentrger
kurz vorher, mhsam Atem holend und vor Rhrung fast weinend, die Tochter
einer Kchin durch den Schmutz nach Hause geleitet hatte.

Nachdem Ssemjonytsch sich entfernt hatte, warf Apollon Apollonowitsch die
zerbrochenen Bleistifte in den Papierkorb und lehnte sich mit dem Kopf
gegen den Sitz des schwarzen ledernen Lehnstuhls: das Greisengesichtchen
verjngte sich und er begann an seiner Krawatte zu zupfen, um sie in
tadellose Ordnung zu bringen; er sprang jhlings auf und begann durchs
Zimmer zu schreiten: mit seiner kleinen Gestalt und den flatternden
Bewegungen erinnerte Apollon Apollonowitsch lebhaft an seinen Sohn, ganz
besonders an eine Photographie desselben von neunzehnhundertundvier.

Die Tr ging auf, an der Schwelle stand Nikolai Apollonowitsch, in der
Studentenuniform, doch in Hausschuhen.

Da bin ich, Vater . . .

Der kahle Kopf wandte sich der Sonne zu; nach dem passenden Worte suchend,
schnalzte er mit den Fingern:

Siehst du, Kolenka . . ., Apollon Apollonowitsch sprach jetzt nicht mehr
von dem Domino (ach was, Domino!), er sprach von etwas ganz anderem.

Siehst du, Kolenka, ich habe mit dir ber etwas zu sprechen, wovon du
sicher schon gehrt haben wirst . . . Deine Mutter, Anna Petrowna, ist nun
zurckgekehrt . . .

Erst jetzt wurde es Nikolai Apollonowitsch vollstndig klar, da seine
Mutter zurckgekehrt war.

Anna Petrowna, mein Lieber, hat etwas begangen, was ich . . . was ich
. . . schwer mit der ntigen Ruhe zu qualifizieren in der Lage bin . . .

Kurz, was sie begangen hatte, ist dir, hoffe ich, bekannt; ich vermied es
bisher -- das hast du wohl gemerkt -- in deiner Gegenwart, mit Rcksicht
auf deine natrlichen Gefhle, darber zu sprechen . . .

Ich danke Ihnen, Vater: ich verstehe Sie . . .

Selbstredend . . . -- Apollon begann wieder in der Diagonalrichtung
durchs Zimmer auf und ab zu laufen, zwei Finger in die Westentasche
gesteckt: Selbstredend: die Rckkehr deiner Mutter nach Petersburg ist fr
dich eine berraschung.

(Apollon Apollonowitsch sah dem Sohn gerade ins Gesicht, wobei er sich ein
wenig auf die Zehenspitzen hob.)

Eine vollstndige . . .

Eine berraschung fr uns alle . . .

Wer htte gedacht, da Mama zurckkehrte . . .

Ich meine es auch: wer htte es gedacht -- Apollon Apollonowitsch
spreizte ratlos die Hnde auseinander, hob die Achseln in die Hhe, machte
vor dem Fuboden eine Verbeugung -- da Anna Petrowna zurckkehren wird.
Und er begann wieder auf und ab zu laufen: Diese berraschung kann -- wie
du dir leicht denken kannst -- mit einer Vernderung (Apollon
Apollonowitsch hob vielsagend einen Finger in die Luft, und seine Stimme
drhnte in tiefem Ba, als hielte er eine wuchtige Rede vor einer
Versammlung) unseres ganzen huslichen Status quo; oder aber (er wandte
sich um): alles bleibt beim alten.

Ja, ich denke es mir auch so . . .

Im ersten Falle: -- bitte, willkommen . . .

Apollon Apollonowitsch machte eine Verbeugung vor der Tr.

Im anderen Falle -- Apollon Apollonowitsch begann ratlos mit den Augen zu
zwinkern: -- wirst du sie selbstverstndlich sehen, ich aber . . . ich
. . . ich . . .

Und Apollon Apollonowitsch richtete seine Augen auf den Sohn; die Augen
waren traurig: die Augen eines zappelnden, gehetzten Rehs:

Ich wei wahrhaftig nicht, Kolenka, ich denke aber . . . brigens ist es
mir so schwer, dir das zu erklren, besonders, wenn ich deine natrlichen
Gefhle bercksichtige, die . . .

Nikolai Apollonowitsch erbebte bei dem Blick, mit dem sich der Senator an
ihn wandte, und -- ganz merkwrdig: er fhlte pltzlich eine Aufwallung von
-- was glauben Sie? Liebe? -- ja, Liebe zu diesem alten Despoten, der
verurteilt war, in Stcke zerrissen zu werden.

Unter dem Einflu dieses Gefhls machte er eine ruckhafte Bewegung in die
Richtung seines Vaters: einen Augenblick noch, und er wre vor seinem Vater
niedergekniet, um ihm alles zu bekennen und ihn um Vergebung anzuflehen;
aber der Alte, als er die Bewegung des Sohnes wahrgenommen hatte, zog
wieder die Lippen fest zusammen, trippelte etwas eilig beiseite und begann
mit einer Miene des Ekels mit den Hnden zu fuchteln:

Nein, nein, nein! Ich bitte Sie, es zu unterlassen . . . Ich wei, was Sie
wollen! . . . Sie haben mich gehrt: bitte mich jetzt allein zu lassen.

Zwei Finger klopften herrisch ber den Tisch; die erhobene Hand zeigte auf
die Tr:

Sie halten mich zum besten; mein Herr, Sie sind nicht mein Sohn, mein
Herr, Sie sind ein schrecklicher Schuft.

Das alles sprach Apollon Apollonowitsch nicht, sondern schrie es heraus;
unerwartet fr ihn selbst brach es aus ihm hervor.


Ppp, Pppowitsch, Ppp

Nikolai Apollonowitsch rannte beinahe mit der Stirn gegen die Tr seines
Zimmers; er drehte das elektrische Licht auf (Wozu? Die Sonne, ja, die
Sonne blickte schon durch die Fenster) und lief in die Richtung seines
Schreibtisches, wobei er unterwegs einen Stuhl zu Boden warf.

Ah -- ah -- ah . . . Wo mag nur der Schlssel sein?

-- -- ?

-- -- !

Ah! . . .

Na, also . . .

Schn . . .

Ebenso wie sein Vater pflegte Nikolai Apollonowitsch mit sich selbst zu
reden.

Und -- ja: er wollte sich beeilen . . . Er bemhte sich, die widerspenstige
Schublade herauszuziehen; er entnahm ihr einige mit Bndchen versehene
Bndel mit Briefen; dann eine groe Photographie; sein Blick streifte das
Bild, und von diesem blickten ihm zwei Augen einer hbschen Frau entgegen
-- mit spttischem Lcheln sahen sie ihn an; er schleuderte das Bild von
sich; unter dem Bild befand sich das in ein Tuch gewickelte Paket; mit
gemachter Gleichgltigkeit legte er es auf die Handflche und prfte sein
Gewicht: es war etwas Schweres darin; er legte das Paket wieder rasch auf
den Tisch.

Mit geschftigen Bewegungen begann er nun, das Paket von dem Tuch, in das
es gewickelt war, zu befreien. Sein Erstaunen war grenzenlos:

Eine Bonbonniere . . .

Ah . . .

Ein Bndchen . . .

Nein, schau mal einer her . . .

Wie sein Vater hatte Nikolai Apollonowitsch die Gewohnheit, mit sich selbst
Gesprche zu fhren.

Als er aber das Bndchen aufgeknpft hatte, waren seine Hoffnungen
zerschmettert (er hatte doch auf etwas gehofft), denn drin -- in der mit
einem rosa Bndchen zugeschnrten Bonbonniere -- befand sich nicht Konfekt
von Bal, sondern eine einfache Blechbchse; sein Finger empfand in
unangenehmster Weise die Klte des Deckels.

Da bemerkte er zugleich den Uhrenmechanismus, der seitlich an der Bchse
angebracht war: man brauchte nur den Schlssel zu drehen, um den schwarzen
Zeiger auf die vorgemerkte Stunde zu bringen.

Nikolai Apollonowitsch hatte eine dumpfe berzeugung, die seine Schwche
und Charakterlosigkeit dokumentierte: er fhlte, da er nie imstande war,
diesen Schlssel umzudrehen, denn es gab kein Mittel, den einmal in
Bewegung gesetzten Mechanismus zum Stillstand zu bringen. Um sich den
Rckzug von vornherein unmglich zu machen, fate Nikolai Apollonowitsch
sofort den Schlssel mit den Fingern: sei's, da seine Finger in diesem
Augenblick zu zittern begannen, sei's, da er in einem Schwindelanfall in
den Abgrund strzte, dem er mit aller Kraft auszuweichen suchte -- der
Schlssel machte eine Drehung um eine Stunde, dann um zwei . . . Nikolai
Apollonowitsch machte unwillkrlich einen kunstvollen Sprung auf die Seite;
nach dem Seitensprung schielte er wieder zum Tisch hinber: noch immer
stand die Blechbchse, die frher Sardinen enthalten hatte, auf dem Tische
(er hatte sich einmal mit Sardinen bergessen, seither hatte er sie nie
mehr gegessen); eine gewhnliche Sardinenbchse wie jede andere: glnzend,
mit abgerundeten Ecken . . .

Nein -- nein -- -- nein --!

Wohl war es eine Sardinenbchse, doch eine Sardinenbchse mit furchtbarem
Inhalt!

Der metallene Schlssel hatte sich schon um zwei Stunden weitergedreht, und
in der Sardinenbchse begann das seltsame, mit dem Verstand nicht zu
kapierende Leben; die Sardinenbchse war dieselbe und doch wieder nicht
dieselbe; in ihrem Innern krochen die Zeiger: der Stunden- und der
Minutenzeiger; der geschftige Sekundenzeiger hpfte im Kreise; er wird nun
weiterhpfen, bis zu dem Augenblick (der ist nicht mehr fern) -- bis zu dem
Augenblick, bis zu dem Augenblick, an dem . . .

      -- der schauerliche Inhalt der Sardinenbchse sich
      hlich aufblht; sich malos dehnt; und da -- und
      da: zerspringt die Sardinenbchse . . .

      -- Teile des schauerlichen Inhalts rasen im Kreise
      umher, zerreien mit donnerndem Gepolter den Tisch;
      der vielfach gespalten zusammenfllt; und auch sein
      Krper wird in Stcke zerreien: zusammen mit den
      Holzspnen, mit den sich nach allen Seiten ausbreitenden
      Gasen wird er als eine blutige, schmutzige,
      leblose Masse an den kalten steinernen Wnden hngenbleiben
      . . .

      -- in dem hundertsten Teil einer Sekunde wird das
      alles geschehen: in dem hundertsten Teil einer Sekunde
      werden die Wnde einstrzen und der schauerliche
      Inhalt wird, sich dehnend, dehnend, dehnend -- zugleich
      mit den Holzsplittern, Blut und Steinen gegen den
      dunkeln Himmel emporfliegen.

Drauen stiegen bauschige Rauchwolken nach oben, ihre Schwnze in die Newa
tauchend.

Was hat er nun getan, was hat er getan?

Die Blechbchse stand noch immer auf dem Tisch; hat er nun den Schlssel
umgedreht, dann msse er unverzglich die Bchse an die richtige Stelle
bringen (zum Beispiel: unter das Kissen in dem weien Schlafgemach); oder
sie mit dem Fue zerstampfen. Aber sie an die richtige Stelle zu bringen,
unter das hochaufgeschlagene Kopfkissen des Vaters, damit der alte, kahle
Kopf, ermdet von dem soeben Vorgefallenen, mit aller Wucht auf die Bombe
niederfllt -- nein, nein, nein: dazu konnte er sich nicht hergeben; das
wre Verrat.

Mit dem Fue zerstampfen?

Doch bei diesem Gedanken fhlte er etwas, was auf seine Ohren wie ein
unglaublicher Druck einwirkte: er fhlte eine so heftige belkeit (dank den
acht Branntweinglsern, die er getrunken hatte), als htte er die Bombe wie
eine Pille heruntergeschluckt.

Nie wird er sie zerstampfen knnen, nie.

Es bleibt noch: sie in die Newafluten zu werfen; aber dazu hatte es noch
Zeit: er braucht ja nur noch etwa zwanzigmal den Schlssel umzudrehen; dann
ist eine Frist gewonnen; hat er einmal den Schlssel umgedreht, da heit es
nur eine Frist, so lange wie nur mglich, zu gewinnen; doch er zgerte,
indem er sich, ganz entkrftet, in den Lehnstuhl niederlie; belkeit,
furchtbare Schwche, Schlfrigkeit berwltigten ihn; das mattgewordene
Denken aber, vom Krper losgelst, baute vor ihm hliche, sinnlose
Arabesken . . . und er schlummerte ein.

                                * * *

Im Schlaf, des Krpers beraubt, fhlte er doch diesen gleichsam als ein
unsichtbares Zentrum, das frher ein Bewutsein und ein Ich besessen
hatte und so hatte das Ich Nikolai Apollonowitschs noch immer eine
krperliche Gestalt, wiewohl es auch kein Krper mehr war; und in diesem
_Nicht-Krper_ lebte ein fremdes Ich, das vom Saturnus herabgeflogen kam
und sich zum Saturnus wieder hinaufschwang.

Er sa vor seinem Vater (wie er schon frher zu sitzen pflegte) -- doch
krperlos; hinter den Fenstern seines Zimmers aber, in der vollstndigen
Dunkelheit, tnte es unaufhrlich halblaut: turn -- turn -- turn.

Es waren die Jahreszahlen, die nach rckwrts liefen.

Bei welcher Jahreszahl sind wir nun?

Laut auflachend antwortete Apollon Apollonowitsch:

Bei keiner, Kolenka, bei keiner: die Jahreszahl, mein Lieber, ist Null
. . .

Der grauenhafte Seeleninhalt Nikolai Apollonowitschs bewegte sich unruhig
(dort, wo die Stelle des Herzens war), wie ein summender Kreisel: er blhte
und dehnte sich; es war, als ob der grauenhafte Seeleninhalt zu einer
marternden Kugel wrde.

Es war das Jngste Gericht.

Ei -- ei: was ist das >ich bin?<

Ich bin? -- eine Null . . .

Und -- was ist die Null?

Die Null ist eine Bombe, Kolenka . . .

Nikolai Apollonowitsch begriff nun, da er eine Bombe war, nichts weiter;
diese Bombe war explodiert, und an jener Stelle, wo im Lehnstuhl die Hlle
des Nikolai Apollonowitsch (einer Eierschale gleich) sa -- zuckte ein
Blitz auf und tauchte in die schwarzen onenwellen unter.

                                * * *

Da erwachte Nikolai Apollonowitsch halb; schaudernd merkte er, da sein
Kopf auf der Sardinenbchse lag.

Und er sprang in die Hhe: ein schrecklicher Traum . . . Was war es aber?
Er konnte sich des Traums nicht entsinnen; der Alpdruck, der ihn in seiner
Kindheit zu qulen pflegte, stellte sich ein: Ppp, Pppowitsch, Ppp, ein
Kgelchen, das sich zu einer Riesenkugel aufblht; die alten Kinderdelirien
kehrten wieder zurck, denn -- Ppp, Pppowitsch Ppp, das Kgelchen von
schauerlichem Inhalt, ist nichts als eine Bombe; dort steht sie und summt
unhrbar mit ihren Zeigern und dem Hrchen; Ppp, Pppowitsch, Ppp wird
sich dehnen, dehnen, dehnen; Ppp, Pppowitsch, Ppp wird dann explodieren:
alles, alles wird zerspringen . . .

Was? Phantasiere ich?

Mit rasender Schnelligkeit ging es durch seinen Kopf: Was tun? Es bleibt
nur noch eine Viertelstunde brig: den Schlssel wieder umdrehen?

Er drehte zwanzigmal den Schlssel um; und zwanzigmal chzte etwas drinnen
in der Blechbchse: die alten Delirien kehrten fr einige Zeit zurck,
damit der Morgen -- Morgen, der Tag -- Tag und der Abend -- Abend bleibe;
am Ende der Nacht aber wird keine Umdrehung des Schlssels die Frist zu
verlngern vermgen: es wird etwas geschehen, was die Wnde zum Umstrzen
bringen, den purpur erleuchtenden Himmel in Stcke zerreien und ihn
zusammen mit dem verspritzten Blut zum finsteren Urchaos verwandeln wird.

Ende des fnften Kapitels.




Sechstes Kapitel


Er fand wieder den Faden seines Seins

Es war ein trber Petersburger Tag.

Wollen wir nun zu Alexander Iwanowitsch zurckkehren; Alexander Iwanowitsch
erwachte; Alexander Iwanowitsch schlug die Augen auf, doch die fielen ihm
immer wieder zu; die Geschehnisse der Nacht wurden zurck in die
unterbewute Welt gedrngt; seine Nerven waren zerrttet: die Nacht war fr
ihn ein Ereignis von riesiger Bedeutung.

Wenn er sich zwischen Schlaf und Wachsein befand, war es ihm, als werde er
in eine Tiefe geschleudert: als fiele, strze er aus einem Fenster des
fnften Stocks; seine Empfindungen zeigten ihm eine Bresche, die in seine
Welt geschlagen wurde; durch diese Bresche flog er in eine andere,
gestaltenwimmelnde Welt hinein, von der es nicht gengt zu sagen, man werde
dort von furienhnlichen Geschpfen berfallen: in ihr war selbst das
Weltgewebe nichts als Furiengewebe.

Erst gegen Morgen vermochte Alexander Iwanowitsch von sich diese Welt
abzuschtteln; und er versank dann in Wonne; das Erwachen stie ihn jh
wieder hinunter: es blieb in ihm ein unbestimmtes Sehnsuchtsgefhl zurck,
und sein ganzer Krper schmerzte.

Im ersten Augenblick nach dem Erwachen merkte er, da er von Frost
geschttelt wurde, er hatte die Nacht hindurch gefiebert: etwas ging mit
ihm vor . . . Doch was?

Whrend der ganzen langen Nacht rannte er im Delirium durch neblige Straen
oder stieg ber Stufen einer geheimnisvollen Treppe; am wahrscheinlichsten
aber war es das Fieber gewesen, das durch -- seine Adern rannte; das
Gedchtnis erzhlte etwas, aber die Erinnerungen daran entglitten immer
wieder, und er bemhte sich vergeblich, es festzuhalten.

All das war -- Fieber.

Ernstlich erschrocken (bei seiner Einsamkeit frchtete sich Alexander
Iwanowitsch vor Krankheiten), dachte er, es wrde gut fr ihn sein, wenn er
das Zimmer nicht verliee.

Mit diesem Gedanken begann er einzuschlummern; im Einschlummern aber dachte
er:

Etwas Chinin sollte ich einnehmen.

Er schlief ein.

Und beim Erwachen fgte er hinzu:

Und einen krftigen Tee . . .

Und nach einigem Nachdenken fgte er wieder hinzu:

Mit Himbeersaft . . .

Es ging ihm durch den Kopf, da er die letzte Zeit in einer fr seine Lage
unerlaubt leichtsinnigen Weise gelebt hatte; dieser Leichtsinn erschien ihm
jetzt um so unverzeihlicher, als ihm ernste und schwere Tage bevorstanden.

Unwillkrlich seufzte er:

Und dann sollte ich streng das Trinken vermeiden . . . Nicht die
Offenbarung lesen . . . Nicht bei dem Hausmeister unten sitzen . . . Und
auch die Unterhaltungen mit Stjopka, der beim Hausmeister wohnt: ich sollte
nicht mit diesem Stjopka plaudern . . .

Diese Gedanken an Tee mit Himbeer, an Wodka, an Stjopka, an die Offenbarung
Johanni beruhigten ihn erst, indem sie die Ereignisse der Nacht zu einer
Lappalie machten.

Als er sich aber mit dem eiskalten Wasser aus der Leitung und mit Hilfe
eines Seifenrestes, der in einem seifigen, gelben Brei lag, gewaschen
hatte, fhlte Alexander Iwanowitsch, wie ihn wieder die Ereignisse der
Nacht berwltigten.

Er streifte mit dem Blick sein Zwlfrubelzimmer (ein Mansardenraum).

Was fr eine traurige Behausung!

Das Hauptmbelstck des rmlichen Raumes war das Bett; dieses Bett bestand
aus vier Brettern, die auf zwei Holzbcke gelegt wurden; die Oberflche
dieser Bcke war mit ekelhaften, dunkelroten, vertrockneten Wanzenspuren
bedeckt, mit denen Alexander Iwanowitsch viele Monate hindurch mit Hilfe
eines Wanzenpulvers einen hartnckigen Kampf gefhrt hatte.

Auf den Brettern lag eine mit Holzwolle gefllte, dnne Matratze; ber das
schmutzige Bettuch hatte Alexander Iwanowitsch sorgfltig eine gestickte
Decke gebreitet, deren rote und blaue Streifen mehr vom langjhrigen
Gebrauch als vom Schmutz grau aussahen; von dieser Decke, die ein Geschenk
von irgend jemand (vielleicht von der Mutter) gewesen war, zgerte
Alexander Iwanowitsch sich zu trennen; vielleicht auch aus Mangel an Geld
(diese Decke hatte ihn auch nach Sibirien begleitet).

Auer dem Bett . . . -- ja: hier mu ich noch erwhnen: ber dem Bett hing
ein kleines Heiligenbild, das den heiligen Seraphin im Fichtenwald auf
einem Stein kniend bei seinem tausend Nchte whrenden Gebet darstellte.

Auer dem Bett stand dort noch ein glattgehobelter, kleiner Tisch ohne jede
Verzierung: in billigen Landwohnungen gebraucht man solche Tische zum
Aufstellen der Waschschsseln; solche Tischchen werden berall auf den
Sonntagsmrkten feilgeboten; in der Wohnung Alexander Iwanowitschs war das
Tischchen Schreib-, Speise- und Nachttischchen zugleich; Waschschssel gab
es berhaupt keine: bei seiner Toilette bediente sich Alexander Iwanowitsch
der Wasserleitung, neben der eine Blechdose mit einem in schleimiger
Seifenflssigkeit schwimmenden Seifenrest hing; auerdem gab es einen
Kleiderrechen, auf dem eine Hose baumelte; eine zerrissene Pantoffelspitze
blickte unter dem Bett hervor. (Alexander Iwanowitsch trumte eines Nachts:
dieser zerrissene Pantoffel wre ein lebendes Wesen, eine Art
Stubengeschpf, wie etwa der Hund oder die Katze; es schlrfte selbstndig
aus einer Stelle des Zimmers zur anderen, kriechend und in den Ecken
rasselnd; als Alexander Iwanowitsch die schlrfenden Pantoffel mit im Munde
aufgeweichtem Semmelbrot fttern wollte, bissen ihn diese in die Finger,
weswegen er erwachte).

Es stand noch im Zimmer ein brauner Reisekoffer, der lngst seine
ursprngliche Form verloren hatte und Gegenstnde von schrecklichster
Bedeutung enthielt.

Doch das ganze Mblement dieses sozusagen Zimmers, trat zurck vor der
Farbe der Tapete, die unangenehm und frech war, von dunkelgelber oder
brauner Nuance, mit riesigen feuchten Flecken; abends kroch langsam bald
ber den einen, bald ber den andern dieser Flecke ein Tausendfler. Das
ganze Innere des Zimmers war von Tabakrauch erfllt. Alexander Iwanowitsch
mute unaufhrlich, mindestens zwlf Stunden tglich rauchen, um die
farblose Atmosphre in eine dunkelgraue, blaue zu verwandeln.

Alexander Iwanowitsch Dudkin betrachtete seine Behausung, und wieder -- wie
schon immer -- zog es ihn hinaus aus dem vollgerauchten Zimmer, zog es ihn
fort von hier; es zog ihn auf die Strae in den schmutzigen Nebel, wo er
mit den Schultern, den Rcken und grnlichen Gesichtern der Petersburger
Prospekte eins werden konnte, um sich mit ihnen zu einem einzigen
riesengroen, grauen Gesicht zu verschmelzen.

Am Fenster seines Zimmers klebte der dichte Oktobernebel: Alexander
Iwanowitsch Dudkin empfand das Bedrfnis, sich von dem Nebel durchdringen
zu lassen, alle seine Gedanken von ihm durchdringen zu lassen, alles, was
in seinem Hirn herumspukte, in dem Nebel zu ertrnken; durch die Gymnastik
der schreitenden Fe wollte er dieses Spukzeug auflsen; schreiten wollte
er, immer schreiten und schreiten: von Prospekt zu Prospekt, von Strae zu
Strae; schreiten so lange, bis das Hirn gnzlich verstummt ist, dann vor
dem Tischchen der Schenke niedersinken, um sich mit Wodka zu verbrennen.
Nur ein solches zielloses Wandern durch Straen und krumme Gchen, an
Laternen, Zunen und Fenstern vorbei erstickt die qulenden Gedanken im
Hirn.

Whrend er seinen armseligen Mantel anzog, sprte er wieder, da es ihn
frstelte, und er dachte traurig:

Htt' ich doch etwas Chinin!

Aber woher Chinin nehmen? . . .

Und whrend er die Treppe hinunterging, dachte er wieder traurig:

A--ach, htt' ich doch nur einen krftigen Tee mit Himbeersaft . . .


Die Treppe

Die Treppe!

Schaurig, dunkel, feucht -- gab sie erbarmungslos seine schlrfenden
Schritte wieder, die schaurige, dunkle, feuchte Treppe! Heute nacht war das
gewesen. Nun erst erinnerte sich Alexander Iwanowitsch, da er diese Nacht
wirklich hier gegangen war: oder war es etwa im Traum? Nein, das war in der
Wirklichkeit; doch was war es eigentlich?

Was?

Ja: aus all diesen Tren ergo sich das tdliche Schweigen ber ihn; es
breitete sich endlos aus und lie ein sonderbares Rasseln vernehmen: und
unermdlich, ohne Aufhren schluckte irgendein schmatzendes Etwas seinen
eigenen Speichel herunter, mit langgezogener Deutlichkeit. Es waren
schreckliche, unbekannte Tne, aus Seufzern, aus dumpfem Sthnen aller
Zeiten zusammengeschmolzen; durch die schmalen Fenster oben konnte man
sehen (und er hatte es gesehen), wie von Zeit zu Zeit die Dsterkeit
aufblitzte, wie sie die Gestalt zerrissener Wolken annahm, wie alles
aufleuchtete, wenn die bla-trkisblauen Strahlen sich lautlos auf den
Boden legten, um da bewegungslos und tot liegenzubleiben.

Dorten -- dort: dort blickte der Mond herein.

Doch Schwrme nahten heran: ein Schwarm nach dem anderen -- bauschige,
dunstige, gewitterschwere -- strzten sich all diese Schwrme ber den Mond
her: die bla-trkisblauen Strahlen erloschen; von berall her schwangen
sich Schatten hervor; alles bedeckten die Schatten . . .

Da erinnerte sich Alexander Iwanowitsch Dudkin, da er gestern abend ber
dieselbe Treppe gelaufen und die letzten, versagenden Krfte angespannt
hatte, ohne jede Hoffnung auf berwindung. Und eine schwarze Gestalt (war
auch _das_ Wirklichkeit?) rannte ihm nach; lief hinter seinen Fersen her,
seinen Fuspuren nach.

Und sie hatte ihn zugrunde gerichtet, rettungslos vernichtet.

                                * * *

Die Treppe!

An grauen Werktagen ist sie friedlich, alltglich; von unten her kommen
dumpfe Schlge: Krautkpfe werden gehackt: Die Partei von der Wohnung
Nummer vier bereitet ihren Sauerkrautvorrat fr den Winter; so alltglich
sehen die Treppengelnder aus, die Tren, die Stufen; ber das Gelnder ist
ein alter, abgetretener, nach Katze riechender Teppich gehngt, der Partei
aus Nummer vier gehrend; der Hausknecht mit einer geschwollenen Backe
klopft ihn mit dem Ausklopfer aus; eine blonde Weibsperson, die aus einer
Tr herauskam, niest in ihre Schrze: zwischen dem Hausknecht und der
Weibsperson entwickelt sich wie selbstverstndlich ein Gesprch:

Uh--uh--uh!

Hilf doch mal ein bichen, lieber Mensch . . .

Stepanida Markowna . . . Was haben Sie da schon wieder zusammengeschleppt!
. . .

Schon gut, schon gut . . .

Aber hren Sie mal . . .

Jetzt heit es >zusammengeschleppt<, wenn's aber an das Trinkgeld geht
. . .

Aber hren Sie mal -- diese Arbeit . . .

Wrden Sie nicht immer zu den Meetings laufen, dann wren Sie mit der
Arbeit fertig geworden . . .

Sticheln Sie da nicht wegen den Meetings herum: Sie werden schon selbst
einmal sehen, was Sie den Meetings zu danken haben!

Na -- na, klopf nur jetzt die Kissen recht gut aus he, du Kavalier!

                                * * *

Tren!

Da, da und da . . . An dieser da ist der Wachsleinwandbeschlag ganz
zerfetzt; aus den Lchern blicken Rohaarbschel hervor; an die andere ist
mit einer Stecknadel eine Visitenkarte geheftet, die schon ganz vergilbt
ist; sie trgt den Namen Sakatilin . . . Wer ist dieser Sakatilin? Wie er
sonst heit, welches sein Beruf ist -- das alles ist den Neugierigen zu
erraten berlassen: Sakatilin -- und damit fertig.

Hinter der Tr gibt ein Fiedelbogen sich eifrig die Mhe, ein bekanntes
Liedchen zu spielen. Und eine Stimme singt:

Das Vaterland, das geliebte . . .

Sakatilin, das wird sicher ein Musiker sein, der in einem Orchester eines
kleinen Restaurants beschftigt ist.

Das ist alles, was man bei der Betrachtung der Tren beobachten kann
. . .

Die Stufen?

Sie sind mit Gurkenschalen, Straenkotklumpen und Eierschalen reichlich
bedeckt . . .


Er ri sich los und begann zu laufen

Alexander Iwanowitsch Dudkin warf einen Blick auf die Treppe, auf den
Hausknecht und die Weibsperson, die sich gerade mit einem neuen
Federunterbett aus der Tr schob; und -- merkwrdig: die alltgliche
Einfachheit der Treppe verwischte keinesfalls, was er diese Nacht hier
erlebt hatte; selbst jetzt bei Tageslicht, angesichts der Stufen mit den
herumliegenden Eierschalen, des Hausknechtes, der Weibsperson, der Katze,
die auf dem Fensterbrett das Eingeweide eines Huhns verzehrte, kehrte zu
ihm die berstandene Angst wieder: die Erlebnisse der vorigen Nacht waren
-- _Wirklichkeit_! Und in der bevorstehenden Nacht wird dieses Wirkliche
wiederkehren: die Treppe wird dunkelschattig und schauerlich sein; wieder
wird eine schwarze Gestalt sich an seine Fersen heften; hinter der Tr mit
der Visitenkarte Sakatilin wird er wieder hren, wie jemand schmatzend
seinen Speichel schluckt (vielleicht nicht Speichel, sondern Blut) . . .

-- Und er wird wieder das bekannte, unglaubliche Wort mit vollstndiger
Deutlichkeit vernehmen:

Ja -- ja -- ja . . . Ich bin es . . . Ich richte rettungslos zugrunde
. . .

Wo hat er es gehrt?

                                * * *

Fort von hier! Auf die Strae! . . .

Er msse weiterschreiten, immerzu schreiten, weit weg von hier sein; er
msse schreiten bis zur vollstndigen Erschpfung, bis zum vollstndigen
Einschlafen des Gehirns; er msse sich dann vor ein Tischchen in der
Schenke niederlassen und dort schlafen, damit ihn nicht die bsen Trume
aufsuchen. Dann msse er das Ganze von neuem beginnen: quer und kreuz durch
Petersburg schreiten, sich im Schilf und im hngenden Dunst der Ufer
verbergen, in Erstarrung alles von sich werfen und erst dann zu sich
kommen, wenn in den Vororten die dsteren Lichter angezndet sind.

Alexander Iwanowitsch Dudkin war schon im Begriff, die steinerne Treppe
hinunterzugehen, als er pltzlich stehenblieb; er bemerkte einen Menschen
in schwarzem italienischen berwurf mit phantastisch gebogenem Hut auf dem
Kopf, der, drei Stufen auf einmal nehmend, das Gesicht gegen den Boden
gerichtet einen schweren Stock in der Hand, mit dem er gewaltig fuchtelte,
ihm entgegenrannte.

Sein Rcken bildete einen Bogen.

Dieser seltsame Unbekannte mit dem schwarzen italienischen berwurf lief in
seiner Eile direkt auf Alexander Iwanowitsch zu; beinahe hat er ihn mit dem
Kopf gegen die Brust gestoen; als der Unbekannte aber endlich den Kopf
aufgerichtet hat, erblickte Alexander Iwanowitsch Dudkin direkt vor seiner
Nase die todblasse, mit Schweitropfen bedeckte Stirn des -- denken Sie
nur! -- des Nikolai Apollonowitsch: er sah die Stirn mit der dicken,
pulsierenden Ader; nur an diesem charakteristischen Zeichen (der hpfenden
Ader) erkannte Alexander Iwanowitsch Ableuchow; an den wild schielenden
Augen sowie der seltsamen, auslndischen Kleidung htte er ihn sicher nicht
wiedererkannt.

Guten Tag! Ich bin es; ich komme zu Ihnen.

Nikolai Apollonowitsch stie diese Worte rasch, rasch hervor; und -- was
das nur heien sollte! -- er stie sie in drohendem Flstertone hervor. Ah
-- ah! Und wie er nach Luft schnappte! Ohne Alexander Iwanowitsch die Hand
zu reichen, sagte er eilig in drohendem Flsterton:

Ich mu Ihnen, Alexander Iwanowitsch, mitteilen, da ich es -- _nicht tun
kann_.

?

Sie haben hoffentlich verstanden, was ich nicht tun kann: ich _kann nicht_
und ich _will nicht_; kurz -- _ich tu es nicht_.

!

Es ist eine Absage, eine unwiderrufliche. Das knnen Sie weiter
ausrichten. Und ich bitte, mich in Ruhe zu lassen . . .

Auf dem Gesicht Alexander Iwanowitschs malte sich Verlegenheit, ja Angst.

Nikolai Apollonowitsch wandte sich um; seinen schweren Stock in der Hand
schwingend, begann er die Stufen hinunterzulaufen, als wolle er entfliehen.

Aber warten Sie doch, warten Sie doch! rief Alexander Iwanowitsch Dudkin,
ihm nacheilend, so da die Stufen unter seinen Fen knatternd nach oben
flogen.

Nikolai Apollonowitsch!

Im Flur erfate er Ableuchows Mantel, doch Nikolai Apollonowitsch ri sich
wieder los. Dann aber sah er sich um; mit leicht zitternder Hand schob er
seinen burschikos sitzenden Hut tiefer in die Stirn und stie mit
geknstelter Festigkeit halblaut hervor:

Das ist sozusagen . . . ekelhaft! . . . Hren Sie?

Und er rannte mit kleinen Schrittchen ber den Hof weiter.

Alexander Iwanowitsch hielt sich einen Augenblick an der Tr fest.
Alexander Iwanowitsch wurde von einem Unruhegefhl erfat: er wurde ohne
jeglichen Grund beleidigt; einen Augenblick berlegte er, was er zu tun
habe; unwillkrlich zuckten seine Glieder; unwillkrlich streckte er seinen
feinen, weiblichen Hals vor; dann holte er mit zwei Stzen den
Davoneilenden ein.

Er klammerte sich fest an den ihm entwichenen berwurf; der Eigentmer des
berwurfes machte verzweifelte Versuche, sich loszureien; fr einen
Augenblick lang war auf dem engen Raum zwischen zwei Holzsten eine
Balgerei entstanden; etwas fiel dabei herunter, und auf dem Asphalt ertnte
ein metallischer Klang. Mit dem Stock fuchtelnd, voll Wut stie Nikolai
Apollonowitsch einzelne sinnlose Worte von unglaublichem und vor allem
beleidigendem Inhalt hervor, beleidigend fr Alexander Iwanowitsch.

Das nennen Sie Aktionen, Parteiarbeit? Mich von Spionen zu umgeben . . .
Mich berall zu verfolgen . . . Selbst an nichts mehr glauben . . . Die
Offenbarung lesen . . . Zugleich aber spionieren . . . Mein Herr, Sie sind
. . . Sie sind . . . Sie sind . . .

Endlich ri sich Nikolai Apollonowitsch wieder los: sie rannten durch die
Strae.


Die Strae

Die Strae!

Wie hat sie sich verndert! Wie haben diese rauhen Tage auch auf sie
eingewirkt!

Dort die gueisernen Stbe eines Gartengitters; die rostbraunen
Ahornbltter schlagen, vom Wind getrieben, an diese Gitterstbe; die
rostbraunen Bltter haben schon den Baum verlassen; und nur die ste --
vertrocknete Skelette -- erhoben sich krchzend in die Luft.

Im September war der Himmel blau und rein gewesen; jetzt ist aber alles
anders: schon vom frhen Morgen ergo sich ein schwerer Bleistrom ber den
Himmel; der September war zu Ende.

Sie rannten durch die Strae:

Aber gestatten Sie, Nikolai Apollonowitsch, fuhr erregt und beleidigt
Dudkin fort -- Sie werden zugeben, da wir nicht ohne eine Erklrung
Ihrerseits voneinander gehen knnen . . .

Wir haben nichts mehr miteinander zu sprechen, rief trocken Nikolai
Apollonowitsch, den Hut burschikos auf die Seite geschoben.

Aber erklren Sie doch vernnftig, um was es sich handelt, drang
Alexander Iwanowitsch heftig in ihn ein.

In seinen hpfenden Gesichtszgen malte sich Unruhe und Beleidigung; seine
Bestrzung -- fgen wir von uns hinzu -- war aufrichtig, so aufrichtig, da
Nikolai Apollonowitsch trotz seines Zornes es merkte.

Er wandte sich um und begann schon ohne den frheren Zorn, vielmehr
weinerlich erbost, zu murmeln:

Nein, nein, nein! . . . Worber sollen wir noch miteinander sprechen?
. . . Sie knnen es nicht bestreiten . . . Eher habe ich das Recht,
Aufklrung zu verlangen . . . Ich leide ja, nicht Sie und nicht Ihre
Genossen . . .

Aber was? . . . Was ist denn eigentlich los? . . .

Mir ein Paket aufzudrngen . . .

Na, und?

Ohne vorher zu sagen, ohne zu erklren, ohne um Erlaubnis zu bitten
. . .

Alexander Iwanowitsch errtete tief.

Und dann verschwinden . . . Mir durch eine unterstellte Person mit der
Polizei zu drohen . . .

Bei dieser unverdienten Beschuldigung wandte sich Alexander Iwanowitsch mit
nervsem Ruck Ableuchow zu:

Halten Sie: welche Polizei?

Die Polizei eben . . .

Von welcher Polizei reden Sie? . . . Was ist das fr eine Niedertracht?
. . . Was sind das fr Anspielungen? . . . Ist einer von uns
unzurechnungsfhig?

Aber Nikolai Apollonowitsch, dessen weinerliche Erbostheit wieder in Wut
umgeschlagen war, schrie ihm heiser ins Ohr:

Ich wrde Sie . . . (sein Mund mit den fletschenden Zhnen lchelte; es
schien, als wollte er das Ohr des Begleiters beien). Ich htte Sie
. . . da gleich -- an dieser Stelle . . . Ich htte . . . ich . . . auf
offener Strae, zur Belehrung all dieser Leute da, mein lieber Alexander
Iwanowitsch . . . (die Sprache verwirrte sich ihm). . .

Dort -- dort . . .

Dort hinter dem kleinen Fenster des blankgestrichenen Huschens sa, immer
mit den Lippen kauend, an sommerlichen Juliabenden, bei untergehender Sonne
ein steinaltes Frauchen (-- Ich htte Sie! . . . drang es von irgendwoher
zu Alexander Iwanowitsch herber); im August war die Alte verschwunden, und
das Fenster blieb geschlossen; im September wurde aus dem Huschen ein
geschmckter Sarg herausgetragen; dem Sarge folgte ein kleiner Haufen: ein
Herr mit abgeschabtem Mntelchen und einer Beamtenmtze auf dem Kopf und --
sieben flachshaarige Jungen.

Der Sarg war zugenagelt gewesen.

(-- Ja, Alexander Iwanowitsch, ja--a, drang es von irgendwoher an Dudkins
Ohr.)

Dann sah man Mnner mit einfachen Mtzen aus und ein gehen: man sprach
davon, da in dem Huschen Bomben gefertigt wurden. Alexander Iwanowitsch
wute, da die Bombe, die seinerzeit ihm zur Aufbewahrung bergeben wurde,
aus diesem Huschen gekommen war.

Da fuhr er unwillkrlich zusammen.

Wie seltsam: whrend Nikolai Apollonowitsch ihm seine Vorwrfe und
Beschuldigungen entgegenschleuderte, dachte er an das Huschen. Jetzt roh
in die Wirklichkeit zurckgestoen, begriff er aus all den verworrenen
Reden des Senatorshnchens nur das eine:

Hren Sie, sagte er, das wenige, das ich aus Ihren Worten verstehe, ist:
da es sich um das Paket handelt . . .

Es handelt sich um _sie_: Sie haben mir _sie_ persnlich zur Aufbewahrung
bergeben.

Komisch: das Gesprch wurde vor demselben Huschen gefhrt, in dem die
Bombe entstanden war: die Bombe, zu einem gedanklichen Wesen geworden, hat
einen geschlossenen Kreis beschrieben, und wo sie entstanden war, war jetzt
die Rede von ihr.

Aber seien Sie doch nicht so laut, Nikolai Apollonowitsch; ich begreife
Ihre Aufregung nicht . . . Sie berschtten mich da mit Beleidigungen: Wo
finden Sie aber in meiner Handlungsweise etwas Verwerfliches?

Wieso -- wo?

Ja, warum ist das verwerflich, wenn die Partei -- diese Worte sprach er
ganz im Flsterton aus -- Sie bat, einige Zeit das Paket bei sich
aufzubewahren? Sie selbst waren ja damit einverstanden? Es ist ja weiter
nichts dabei . . . Ist es Ihnen unangenehm, das Paket weiter bei sich zu
behalten, so hol' ich es gern ab . . .

Ach, lassen Sie es doch: diese Miene der Unschuld: als ob es sich nur um
das Aufbewahren des Pakets handelte . . .

Tsss! Leiser: es kann uns jemand hren . . .

Nicht darum allein handelt es sich: tun Sie nicht, als ob Sie mich nicht
verstnden.

Aber um was handelt es sich denn?

Um die Vergewaltigung.

Es war keine Vergewaltigung . . .

Um die planmige Verfolgung . . .

Ich wiederhole: es war keine Vergewaltigung -- das geben Sie mir selbst
zu. Was die Verfolgung betrifft, so mu ich . . .

Ich habe mich seinerzeit, im Sommer, bereit erklrt; ja, ich habe mich
sogar selbst angeboten und . . . ja, gewi: ich habe es versprochen, doch
in der Voraussetzung, da es dabei keinen Zwang gebe; da es berhaupt
keinen Zwang in der Partei gebe; wenn man dennoch bei Ihnen gezwungen
werden kann, dann sind Sie einfach ein Hufchen verdchtiger Intriganten
. . . Jawohl, ich habe mein Wort gegeben -- aber was folgert daraus? Konnte
ich denn nicht der Ansicht sein, da ich mein Wort auch zurcknehmen darf
. . .

Aber warten Sie . . .

Unterbrechen Sie mich nicht: konnte ich denn wissen, da mein Versprechen
_so_ aufgefat werden wrde? Da man es in solcher Weise deuten wrde
. . . da man mir _dieses_ vorschlagen wrde?

Nein, warten Sie, ich mu Sie doch unterbrechen . . . Von welchem
Versprechen reden Sie eigentlich? Drcken Sie sich bitte deutlicher aus
. . .

Unklar dmmerte etwas in Alexander Iwanowitsch auf (wie er doch alles
verga!).

Ach, Sie reden von _jenem_ Versprechen? . . .

Es fiel ihm ein, da ihm eine _gewisse Persnlichkeit_ einmal in dem
kleinen Restaurant mitgeteilt hatte (der Gedanke an diese gewisse
Persnlichkeit rief in ihm ein unangenehmes Gefhl hervor); diese gewisse
Persnlichkeit mit anderen Worten: Lipantschenko hatte ihm damals
mitgeteilt, Nikolai Apollonowitsch htte sich bereit erklrt -- pfui! Er
mochte gar nicht daran denken . . . Und er sagte rasch:

Aber ich rede ja gar nicht davon; es handelt sich ja gar nicht darum.

Doch, doch! Es handelt sich eben um das gegebene Versprechen: aber es
wurde als unwiderruflich angesehen und schuftig ausgelegt.

Nur ruhig, Nikolai Apollonowitsch, worin sehen Sie die Schuftigkeit?
Worin?

Ist das nicht eine Schuftigkeit?

Ja, ja, ja: wo? Die Partei bat Sie, einige Zeit bei sich das Paket
aufzubewahren . . . Das war alles . . .

Nur das, Ihrer Meinung nach, nur das?

Das war alles . . .

Wenn es sich nur um die Aufbewahrung des Paketes gehandelt htte, wrde
ich Sie verstehen, aber verzeihen Sie einmal . . .

Er machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand.

Wir haben wirklich nichts miteinander zu sprechen: sehen Sie denn nicht
ein, da wir uns nur immer um die Sache herumdrehen und gar nicht an sie
herankommen? . . .

Ich merke das wohl . . . Aber: Sie reden da immerzu von einer
Vergewaltigung . . . Ich erinnere mich nun, einmal im Sommer gehrt zu
haben . . .

Nun? . . .

Von einem terroristischen Akt, den Sie uns angeboten haben: dieser
Vorschlag ging also nicht von uns aus, sondern von Ihnen.

Alexander Iwanowitsch erinnerte sich jetzt, da ihm Lipantschenko (damals
im Restaurant, whrend er immer wieder sein Glas mit Likr fllte) gesagt
-- Nikolai Apollonowitsch Ableuchow htte ihnen durch eine dritte Person
mitteilen lassen, er sei bereit, seinen eigenen Vater zu tten;
Lipantschenko hatte es mit einer widerwrtigen Ruhe mitgeteilt, doch
hinzugefgt, die Partei werde selbstredend das Anerbieten ablehnen; dieser
sonderbare Vorschlag, die Unnatrlichkeit, die sich in der Auswahl des
Opfers uerte, der an Niedertracht grenzende Zynismus -- das alles hatte
in dem sensiblen Alexander Iwanowitsch das schrfste Ekelgefhl
hervorgerufen. Alexander Iwanowitsch hatte sich ja damals in einem
Rauschzustand befunden, und spter erschien ihm das ganze Gesprch mit
Lipantschenko als ein Spiel seiner alkoholverdsterten Gehirnmasse. Das
alles ging ihm aber jetzt durch den Kopf:

Im Grunde genommen . . .

Von mir zu verlangen, unterbrach ihn Ableuchow, da ich . . . da ich
. . . meinen eigenen Vater . . .

Eben, eben . . .

Das ist widerlich!

Ja, das ist widerlich! Und ich habe es eigentlich auch damals schon nicht
geglaubt. Htte ich es geglaubt, Sie wrden in meinen Augen . . . sehr
gesunken sein . . .

Also auch Sie halten es fr eine Gemeinheit?

Ja, verzeihen Sie: aber dafr halte ich es . . .

Na, sehen Sie! Sie selbst halten es fr eine Gemeinheit und haben doch fr
diese Gemeinheit Ihre Hand gegeben?

Dudkin geriet in Erregung, sein zarter Hals streckte sich:

Nein, hren Sie . . .

Er ergriff mit der zitternden Hand den Knopf des italienischen berwurfs,
seine Augen starrten seitlich auf einen unbestimmten Punkt:

Reden Sie keinen Unsinn: wir schleudern da einander Beschuldigungen an den
Kopf, und dabei stimmen wir beide . . . er richtete seinen Blick
verwundert auf Ableuchow -- in der Bezeichnung der Tatsache berein
. . . Auch Sie nennen es eine Gemeinheit?

Nikolai Apollonowitsch zuckte zusammen:

Gewi ist es eine Gemeinheit! . . .

Sie schwiegen eine Weile . . .

Sehen Sie, wir sind beide derselben Meinung . . .

Nikolai Apollonowitsch zog sein Taschentuch hervor und fuhr sich damit ber
die Stirn:

Da wundere ich mich aber . . .

Ich auch . . .

Verdutzt sahen sie einander in die Augen. Alexander Iwanowitsch (er verga
jetzt, da er vom Fieber geschttelt wurde) erfate wieder mit der Hand den
Rand des italienischen berwurfs:

Um diesen Knoten zu lsen, antworten Sie mir bitte auf folgende Frage:
Ging das Versprechen nicht direkt von Ihnen aus?

Nein doch! Nein!

_Diesen Mord_ haben Sie also nicht einmal in Gedanken gehabt? Verzeihen
Sie, ich frage so, weil ein Gedanke sich manchmal unwillkrlich, durch eine
Geste, durch den Tonfall, durch einen Blick, ja sogar durch das Beben der
Lippen uert . . .

Aber nein doch, nein . . . das heit . . . Nikolai Apollonowitsch hielt
inne; und dabei merkte er, da er innehielt, weil er einen verdchtigen
Gedankengang verbergen wollte; er errtete und begann von neuem:

Das heit, ich habe den Vater nie geliebt . . . Und ich glaube es oft
ausgesprochen zu haben . . . Aber, da ich . . .? Nie und nimmer! . . .

Schn, ich glaube Ihnen.

Aber tckischerweise errtete hier Nikolai Apollonowitsch bis zu den
Haarwurzeln; nun wollte er die Sache wieder erklren, doch Alexander
Iwanowitsch schttelte abwehrend den Kopf, um eine gewisse, diskrete Nuance
eines ihnen beiden zu gleicher Zeit gekommenen Gedankens nicht zu berhren.

Aber lassen Sie es . . . Ich -- glaube Ihnen . . . Ich spreche jetzt nicht
mehr davon, ich spreche von etwas anderem: Sagen Sie mir . . . Sagen Sie
mir ganz offen: Habe ich es -- veranlat?

Nikolai Apollonowitsch sah verwundert zu seinem naiven Partner auf: er sah
ihn an, errtete und sagte hitzig mit forcierter berzeugung, die er nun
brauchte, um einen gewissen Gedanken, der in ihm aufgeblitzt war, zu
verscheuchen:

Ich glaube -- ja . . . Sie haben ihm geholfen . . .

Wem denn?

Dem Unbekannten . . .

?

Der Unbekannte wnschte . . .

?

Da ich diese Gemeinheit begehe.

Wann hat er es gewnscht?

In seinem gemeinen Zettel . . .

Ich kenne keinen Unbekannten . . .

Der Unbekannte, murmelte ratlos Nikolai Apollonowitsch, Ihr
Parteigenosse . . . Warum wundern Sie sich so . . .?

                                * * *

Ich versichere Sie, einen _Unbekannten_ gibt es in der Partei nicht
. . .

                                * * *

Jetzt war Nikolai Apollonowitsch an der Reihe, sich zu wundern:

Was? In der Partei gibt es den Unbekannten nicht? . . .

Tsss, nicht so laut, bitte . . . Nein, einen solchen gibt es nicht . . .

Aber ich bekam drei Monate hindurch Briefe . . .

Von wem?

Von ihm . . .

Sie schwiegen beide.

Beide atmeten sie schwer, und beide blieben mit fragendem Blick aneinander
hngen; aber whrend der eine, von einem Grauen berwltigt, den Kopf
sinken lie, blitzte ein Hoffnungsstrahl in den Augen des andern auf.

                                * * *

Nikolai Apollonowitschs tiefste Emprung, die das Grauen besiegt hatte,
zeichnete zwei rote Flecken auf dem blassen Gesicht Alexander Iwanowitschs.

Was?

Aber Alexander Iwanowitsch vermochte nicht Atem zu holen; endlich hob er
die Augen, und in seinem Gesicht malte sich eine unaussprechliche
Traurigkeit, wie sie nur in Trumen vorkommt und die Worte berflssig
macht.

Was also? Qulen Sie mich nicht!

Doch Alexander Iwanowitsch legte den Finger auf den Mund, schttelte den
Kopf und schwieg: von seinem Gesicht von seinen erstarrten Fingern ergo
sich unmerklich das Unaussprechliche, was man nur in Trumen versteht.

Endlich bezwang er sich und sagte:

Ich versichere Sie auf Ehrenwort: ich habe mit dieser ganzen dunklen
Geschichte nichts zu tun . . .

Nikolai Apollonowitsch glaubte erst nicht.

Was haben Sie gesagt? Wiederholen Sie es, schweigen Sie nicht: begreifen
Sie doch meine Situation . . .

Ich habe damit nichts zu tun . . .

Was bedeutet es also?

Ich wei es nicht . . . -- Dann setzte er, rasch die einzelnen Worte
hervorstoend, hinzu: Nein, nein, nein: es ist Lge; es ist Delirium, Hohn
. . .

Wie kann ich es aber wissen! . . .

Nikolai Apollonowitsch richtete die nichtsehenden Augen auf Alexander
Iwanowitsch; dann blickte er die Strae an: wie sich die verndert hat!

Wei ich's denn? Mir ist damit nicht geholfen . . . Ich schlief diese
Nacht nicht . . .

Eine Droschke mit aufgestelltem Dach sauste den Fahrdamm hinauf: wie sich
dieser verndert hat, wie haben die rauhen Tage auch ihn mitgenommen!

Ein Windsto kam von der Bucht her: die letzten Bltter fielen herunter; es
wird keine mehr bis zum Mai geben; wie viele werden im Mai nicht mehr sein!
Diese heruntergefallenen Bltter sind, wahrlich -- die letzten. Alexander
Iwanowitsch wute alles genau, was kommen wird: es werden blutige, ja
blutige, grauenvolle Tage kommen; dann wird alles versinken; zieht nur,
zieht hin, ihr letzten, unvergleichlichen Tage!

O, windet euch, weht durch die Luft, ihr letzten Bltter! Wieder ein
miger Gedanke . . .


Die helfende Hand

Er war also auf dem Ball?

Ja, er war dort . . .

Er sprach mit Ihrem Vater?

Ja, und er erwhnte auch Ihren Namen . . .

Dann trafen Sie ihn im Gchen? . . .

Und er fhrte mich ins Restaurant . . .

Und nannte sich?

Morkowin . . .

Teufelsspuk!

                                * * *

Als sich Alexander Iwanowitsch von dem Anblick der wehenden Bltter
losgerissen hatte und zur Wirklichkeit zurckgekehrt war, merkte er, da
Nikolai Apollonowitsch mit ungewhnlicher Lebhaftigkeit, sogar ein paar
Schritte vorauseilend, redete; er gestikulierte; senkte das Profil mit dem
unangenehmen, langgezogenen Mund; er erinnerte an eine tragische antike
Maske, die mit der Beweglichkeit einer Eidechse kein einheitliches Ganzes
darzustellen vermochte: kurz, er sah aus wie ein Heupferdchen mit
starr-unbeweglichem Antlitz.

Alexander Iwanowitsch machte nur hier und da eine Bemerkung:

Und dabei sprach _er_ von der Polizei?

Ja, er drohte mit der Polizei . . .

Und behauptete, eine solche Drohung wre im Sinne der Partei, und die
Partei billige so etwas? . . .

Na ja, sie billige es . . . Nikolai Apollonowitsch sagte es etwas gereizt
und versuchte einzuwenden:

Sie werden sich erinnern, da auch Sie seinerzeit sagten, die Vorurteile
der Partei . . .

Was hab' ich gesagt? rief lebhaft und streng Dudkin.

Soweit ich mich erinnere, meinten Sie, die Vorurteile der unteren
Parteischichten werden von den oberen nicht geteilt . . .

Unsinn! Dudkins ganzer Krper zuckte, und er beschleunigte den Schritt.

Nikolai Apollonowitsch suchte seine Hand aufzufangen; er antwortete wie ein
Schuljunge auf Dudkins Fragen und lchelte unnatrlich. Dann fuhr er fort
zu erzhlen, was alles in dieser Nacht geschehen war: von dem Ball, von den
Masken, von der Flucht aus dem Ballsaal, von der Begegnung am Tor, von dem
Zettel und endlich von dem stinkenden Restaurant.

Es waren vollstndige Fieberphantasien.

Der Teufelsspuk hat alles durcheinander gebracht; alle wren sie schon
lngst wahnsinnig geworden, wenn dasjenige, was rettungslos zugrunde
richtet, wirklich existierte.

                                * * *

Schwarze Menschenschwrme wlzten sich ihnen entgegen: Hunderte von
schwarzen Hten hoben und senkten sich wie Wellen. Ihnen entgegen schoben
sich lackierte Zylinder; wie Dampferschornsteine erhoben sie sich ber den
Wellen; eine Straufeder schumte vor ihnen auf; Tellermtzen lchelten sie
an: blaue, gelbe und rote Mtzen.

Von berall her lugten zudringliche Nasen.

Nasen schoben sich in Mengen daher: Adlernasen, Hahn-, Enten- und
Hhnernasen; und so weiter, und so weiter; dort wieder eine auf die Seite
gebogene Nase; dann wiederum eine, die nicht gebogen war: grnliche, grne,
blasse, weie und rote Nasen.

All das wlzte sich ihnen entgegen auf der Strae: sinnlos, eilend,
massenhaft.

Nikolai Apollonowitsch, der mit bittenden Gesten Dudkin folgte, kaum
imstande, ihn einzuholen, konnte sich noch immer nicht entschlieen, mit
der Hauptfrage hervorzutreten, die sich aus der Tatsache: der Schreiber des
schrecklichen Briefes konnte unmglich im Auftrage der Partei gehandelt
haben, ergab; das war es aber, was ihn jetzt ausschlielich beschftigte:
diese Frage war ja fr ihn von uerster Wichtigkeit -- seiner praktischen
Konsequenzen wegen; und sie fllte sein ganzes Hirn aus.

Sie glauben also -- Sie glauben also, es hat sich in das Ganze ein Irrtum
eingeschlichen?

Nachdem er diesen zgernden Versuch gemacht hatte, an die ihn
beschftigende Frage heranzugehen, fhlte Nikolai Apollonowitsch, wie
brennende Ameisen ber seinen Krper zu kriechen begannen: wie, wenn das
alles nur ein Verstellungsspiel war? dachte er, und die Angst packte ihn
von neuem.

Sie sprechen von dem Brief? hob Alexander Iwanowitsch die Augen, nachdem
er sich von dem Strom von Kpfen, Hten, Schnurrbrten losgerissen hatte.

Selbstverstndlich -- nicht nur ein Irrtum . . . Es ist nicht nur ein
Irrtum: es ist ein niedertrchtiger Schwindel in der ganzen Sache. Das
Unsinnige ist tadellos durchgefhrt und verrt ein sicher gestecktes Ziel:
sich in die Beziehungen zweier eng miteinander verknpften Menschen zu
drngen, sie verwirrt zu machen und so in einem Chaos die Parteiaktion zu
ertrnken.

Dann helfen Sie mir aus der . . .

Eine unglaubliche Verhhnung, unterbrach ihn Dudkin, ein Hineinziehen
von Klatsch und Schauermrchen . . .

Dann flehe ich Sie an, raten Sie mir . . .

Und zu all dem mengte sich Verrat; es riecht nach Verhngnis, nach
Grauenhaftem . . .

Ich wei nicht . . . Ich bin ganz verwirrt . . . Ich . . . ich habe diese
Nacht nicht geschlafen . . .

All das ist ein Schauermrchen . . .

Von Mitleid bermannt, streckte Alexander Iwanowitsch Ableuchow die Hand
entgegen; dabei merkte er, da Nikolai Apollonowitsch viel kleiner war als
er (Nikolai Apollonowitsch war eben nicht mit Gre gesegnet).

Versuchen Sie Ihre ganze Kaltbltigkeit zu bewahren . . .

Mein Gott! Sie haben leicht von Kaltbltigkeit reden; ich habe diese Nacht
nicht geschlafen . . . ich wei nicht, was ich jetzt tun soll . . .

Warten Sie . . .

Werden Sie zu mir kommen?

Ich sage Ihnen: warten Sie; ich werde Ihnen aus der Sache heraushelfen.

Er sagte es so berzeugt und sicher, ja, fast feierlich, da sich Ableuchow
sofort beruhigte; aber die Wahrheit gesagt, berschtzte Alexander
Iwanowitsch in seiner Aufwallung von Mitleid, die Mglichkeit fr ihn zu
helfen, in hohem Grade . . . In der Tat: in welcher Weise konnte er helfen?
Er war ein Einsamer, durch die konspirative Stellung von der Auenwelt
Abgesonderter; die Konspiration schnitt ihm den Weg selbst zur
Parteittigkeit ab; dem Komitee selbst aber hat er nie angehrt, obschon er
Ableuchow grosprecherisch vom Stabsquartier erzhlt hatte; das einzige,
was er tun konnte, war -- mit Lipantschenko Rcksprache zu nehmen. Vor
allem jedoch hie es, den bis zum uersten erschtterten Ableuchow zu
beruhigen.

Und er tat es.

Ich hoffe, da es mir gelingen drfte, die verworrenen Fden wieder zu
ordnen; ich werde heute noch die ntigen Erkundigungen einziehen und
. . .

Er stockte; die ntigen Aufklrungen konnte ihm nur Lipantschenko geben;
sonst niemand; wie aber, wenn dieser nicht in der Stadt war?

Und . . .?

Und werde Ihnen morgen Antwort geben.

Ich danke Ihnen, ich danke. Und Nikolai Apollonowitsch begann ihm in
berschwenglicher Rhrung die Hnde zu drcken; das machte Alexander
Iwanowitsch etwas verlegen; alles hing ja doch davon ab, ob Lipantschenko
in der Stadt war und ber welches Material dieser verfgte.

Lassen Sie es nur: wir sind ja an der Sache alle gleich interessiert.

Doch Nikolai Apollonowitsch, der bis zu diesem Augenblick nur Grauen
empfunden hatte, vermochte jedes Hilfe versprechende Wort entweder ganz
apathisch oder begeistert aufzunehmen.

Und Nikolai Apollonowitsch reagierte mit Begeisterung.

Alexander Iwanowitsch versank inzwischen wieder in seine Gedanken; eine
kleine Tatsache beschftigte ihn: Ableuchow versicherte ihm ja, da der
furchtbare Auftrag von einem Anonymus ausging; dieser Anonymus hatte
Ableuchow wiederholt geschrieben; es war nun klar: dieser Anonymus war eben
ein Provokator.

Weiter . . .

Aus den verworrenen Reden Ableuchows waren immerhin einige Folgerungen
mglich: es haben zwischen ihm und der Partei besondere Beziehungen
bestanden; aus diesen Sonderbeziehungen wucherte das Gemeine hervor;
Alexander Iwanowitsch suchte sich noch etwas zu erklren, doch vergeblich:
die Flle der an ihnen vorbeiziehenden Nasen, Schnurrbrte, Schultern
lenkte seine Gedanken von der gegebenen Richtung ab.


Der Newskij-Prospekt

Schultern, Schultern und Schultern zogen vorbei; sie bildeten zusammen
einen pechschwarzen Brei; einen sehr zhen und langsam flieenden Brei; an
diesen Brei heftete sich sofort auch die Schulter des Alexander
Iwanowitsch, sie blieb sozusagen an ihm kleben; und Alexander Iwanowitsch
Dudkin folgte seiner eigenwilligen Schulter, dem Gesetz der Unteilbarkeit
des menschlichen Krpers gehorchend; so wurde er auf den Newskij-Prospekt
geschleudert; wie ein Kaviarkrnchen wurde er in einen dicken Brei
hineingedrckt.

Was ist ein Kaviarkrnchen? Es ist eine Welt und ein Konsumtionsgegenstand
zugleich; als Konsumobjekt stellt das Kaviarkrnchen keine befriedigende
Einheit dar; diese Einheit ist der Kaviar selbst: die Gesamtsumme der
Kaviarkrnchen; der Konsument kennt keine Kaviarkrnchen, er kennt den
Kaviar, den er auf das Butterbrot gestrichen bekommt. So werden Krper,
einzelne Individuen, die auf das Trottoir des Newskij-Prospekts
hineingeraten, zu einem Teil eines greren Krpers, sie werden zu Krnchen
des Kaviars: die Trottoire des Newskij-Prospektes sind die
Butterbrotflchen. Dasselbe geschah auch mit Dudkins Krper, der aufs
Trottoir geriet; dasselbe geschah auch mit seinen ihn beschftigenden
Gedanken: er verschmolz sich mit einem fremden, mit dem Verstand nicht zu
fassenden Gedanken -- dem Gedanken des riesigen, vielbeinigen Wesens, das
durch den Newskij-Prospekt zog.

Auf dem Newskij-Prospekt gab es keine Menschen, dort war nur ein laut
tnender, kriechender Vielfler; eine Vielheit von Worten wurde an ein und
derselben Stelle durch eine Vielheit von Stimmen abgelagert; richtig
geordnete Stze wurden dort zerhackt durch Anprallen aufeinander; und die
Worte flogen sinnlos und wahnsinnig geworden auseinander wie die Scherben
zerschlagener, leerer Flaschen, die frher an einer bestimmten Stelle
gelegen waren. Durcheinandergebracht verbanden sich die Worte dann wieder
in einen endlosen Satz, ohne Anfang und Schlu; dieser Satz war jedes
Sinnes beraubt und schien aus sinnlosen Fabeln zu bestehen: die endlose
Sinnlosigkeit eines Satzes hing wie eine Ruwolke ber dem
Newskij-Prospekt; in der Luft erhob sich der schwarze Rauch der
Hirngespinste.

Alexander Iwanowitsch ri seine Gedanken wieder aus der Flut zurck; sie
kamen aus dem flieenden Wirrwarr ordentlich beschmutzt hervor; nach dem
Bad in dem gedanklichen Kollektiv wurden auch seine Gedanken zu einem
Wirrwarr, mit Mhe richtete er sie auf, die Worte, die gegen sein Ohr
schlugen: auch die Worte des Nikolai Apollonowitsch; diese Worte klopften
schon fortwhrend an sein Ohr, aber fremde Worte drngten sich wie Splitter
dazwischen und zerrissen die Stze; Alexander Iwanowitsch konnte deswegen
nicht den Sinn dessen auffangen, was an sein Trommelfell gelangte.

Verstehen Sie, -- trommelte es vor seinem Ohr -- verstehen Sie mich,
Alexander Iwanowitsch . . .

O ja, ich verstehe . . .

Das Ohr Alexander Iwanowitschs bemhte sich, den an ihn gerichteten Satz
aus dem Wirrwarr herauszuziehen, das war aber nicht leicht, denn fremde
Worte fielen wie ein Steinhagel dazwischen:

Ja, ich verstehe Sie . . .

In der Blechbchse dort -- trommelte es wieder -- bewegte sich ein
Leben: dort tickte so seltsam ein Uhrwerk . . .

Alexander Iwanowitsch dachte:

Blechbchse? Was fr eine Blechbchse? Und was geht mich seine Blechbchse
an?

Als er aber seine Aufmerksamkeit konzentriert hatte, begriff er pltzlich,
da der Senatorsohn von der Bombe sprach.

Als ich sie aufgezogen hatte, begann sich drinnen ein Leben zu bewegen;
und erst war sie doch tot . . . Ich habe nur den Schlssel umgedreht und ja
. . . und . . . ja, es schluchzte sogar etwas darin, ich versichere Sie;
wie ein Betrunkener, den man aus dem Schlaf gerttelt hat.

Haben Sie sie denn aufgezogen?

Ja, und sie begann zu ticken . . .

Die Uhr?

Auf vierundzwanzig Stunden.

Wozu haben Sie das getan?

Ich habe die Blechbchse auf den Tisch gestellt und sah sie an,
betrachtete sie; die Finger streckten sich von selbst nach ihr -- einfach
so, sie drehten von selbst den Schlssel um . . .

Was haben Sie gemacht?!! Geschwind in den Flu mit ihr!!

In aufrichtigem Schreck schlug Alexander Iwanowitsch die Hnde zusammen;
seine Halsmuskeln zuckten.

Verstehen Sie: sie schnitt eine Grimasse . . .

Die Blechbchse?

Ich wurde berhaupt, whrend ich vor ihr stand, von verschiedenen
Empfindungen erfat, die einander rasch abwechselten, von sehr
verschiedenen . . . Wei der Teufel, was das war . . . Ich habe, aufrichtig
gesagt, noch nie im Leben derartiges empfunden . . . Ein Ekel hatte mich
gepackt, aber so, da ich von Ekel zerrissen wurde . . . Das bldeste Zeug
kam mir in den Kopf; und vor allem das Gefhl des Ekels, eines furchtbaren,
unermelichen Ekels: schon die Form der Blechbchse ekelte mich an, der
Gedanke, da darin frher Sardinen herumschwammen (nicht ausstehen kann ich
sie!); es war ein Ekel wie vor einem groen, harten Insekt, das mir mit
seinem Insektengeplapper ans Ohr schlug; denken Sie: es wagte mir etwas
zuzuraunen . . . Ha? . . .

Hm . . .

Es war ein Ekel wie vor einem Rieseninsekt, dessen Krper mit belkeit
erregendem Blech berzogen war . . . Ich wei nicht: war es das
Insektenhafte oder war es das Blecherne . . . aber wissen Sie, mich drckte
so der Ekel, als ob . . . na, als ob ich sie hinuntergeschluckt htte
. . .

Hinuntergeschluckt!? Pfui Teufel . . .

Ja, wei der Kuckuck: geschluckt; verstehen Sie, was das heit? Ich wurde
eine gehende Bombe mit zwei Beinen, in deren Leib es widerwrtig tickte.

Leiser doch, Nikolai Apollonowitsch, man kann uns hren!

Ach, was werden die verstehen! Das ist ja gar nicht zu verstehen . . . Man
mu sie auf dem Tisch vor sich gehabt haben, ihr Ticken gehrt haben, vor
ihr gestanden sein . . . Kurz, man mu alles selbst erlebt haben, in seinen
Empfindungen . . .

Ah, wissen Sie, -- pltzlich wurde auch Alexander Iwanowitsch lebhaft --
ich verstehe Sie: ein Ticken . . . Einen Laut kann man verschieden in sich
aufnehmen: wenn man auf ihn horcht, kann man neben dem einen auch etwas
anderes hren . . . Ich habe einmal einen Neurastheniker bis zur Raserei
gebracht: ich begann nmlich im Gesprch mit ihm mit dem Finger leicht auf
den Tisch zu klopfen, mit gewissem Vorbedacht, wissen Sie, im Takt zum
Gesprch; pltzlich sah er mich an, verstummte, wurde bla und fragte dann:
>Was machen Sie?< Ich sagte: >Nichts<, fuhr aber fort, weiterzuklopfen
. . . Denken Sie: der hat einen Anfall bekommen und war so verletzt, da er
mich von da ab bei Begegnungen auf der Strae nie mehr grte . . . Das
kenne ich . . .

Nein, nein, nein: das kann man nicht verstehen . . . In mir hob sich
etwas: Erinnerungen, unbekannte und doch bekannte Delirien . . .

Sie erinnerten sich Ihrer Kindheit, nicht wahr?

Als wenn sich alle Empfindungen von einer Binde gelst htten . . . Es
bewegte sich etwas ber dem Kopfe -- wissen Sie? Wenn sich einem die Haare
struben -- das kann ich verstehen, aber das war es doch nicht, denn bei
mir war der Schdel selbst offen. Jawohl: ich habe es diese Nacht verstehen
gelernt, was das heit: die Haare stehen einem zu Berge; es sind aber nicht
die Haare: der ganze Krper ist es, der einem >zu Berge steht<, alles
strubte sich wie einzelne Hrchen: die Beine, die Arme, die Brust; wie
wenn alles mit unsichtbaren Haaren bedeckt wre und jemand dir mit einem
Strohhlmchen darber fhre; oder wie wenn du in ein Kohlensurebad tauchst
und die mit Gas gefllten Luftblasen dir ber den Krper laufen: kitzeln,
pulsieren, immer rascher, immer schneller, so da, wenn du still liegen
bleibst, dieses Kitzeln, Pulsieren, Herumfahren zu einer mchtigen
Empfindung wird; wie wenn dein Krper in Stcke zerrissen wrde, die
einzelnen Teile deines Krpers in verschiedene Richtungen
auseinandergezerrt wrden: vorn wird dir das Herz herausgerissen, hinten
ein Stck deines Rckenmarks; du wirst an den Haaren nach oben gezogen;
nach unten an den Beinen gezerrt . . . Dann machst du eine Bewegung, und
alles beruhigt sich wieder . . .

Kurz: Sie waren wie Dionysos, der Gemarterte, Nikolai Apollonowitsch
. . . Doch Scherz beiseite: Sie sind jetzt auf einmal ganz anders, ich
erkenne Sie nicht . . . Jetzt sprechen Sie nicht nach Kant . . . So habe
ich Sie noch nie reden hren . . .

Ja, ich sagte es Ihnen schon: meine Empfindungen haben sich gleichsam von
einer Binde gelst . . . Nicht nach Kant, meinen Sie. Was Kant? Dort ist
alles anders . . .

Dort ist, Nikolai Apollonowitsch, eine ins Blut bergeleitete Logik, das
heit Hirnempfindung im Blut oder Totenruhe; nun nherte sich Ihnen ein
wirkliches Ereignis des Lebens, und das Blut stieg Ihnen zum Hirn; daher
hrt man auch in Ihren Worten jetzt das Pulsieren wirklichen Lebens . . .

So stand ich, wissen Sie, vor ihr, und es schien mir . . . ja, worber
sprach ich?

Sie sagten: und es schien Ihnen . . .

Und es schien mir, ich selbst blhe mich auf; vielmehr: ich bin schon
lngst ganz aufgeblht; es sind vielleicht schon hundert Jahre, da ich
mich immer mehr aufblhe; ohne es gemerkt zu haben, lief ich als
aufgeblhtes Monstrum herum . . . Das ist wirklich schrecklich.

All das sind Empfindungen . . .

Aber sagen Sie: bin ich nicht . . . nicht . . .

Alexander Iwanowitsch lchelte mitleidig:

Im Gegenteil, Sie sind etwas magerer geworden: Ihre Wangen sind
eingefallen, unter den Augen sind bluliche Ringe.

Ich bin dort vor ihr gestanden . . . Nein, nicht ich -- nicht ich, nein
. . . ein Riese mit ungeheurem idiotischen Kopf, dessen Schdelnhte offen
waren; und dabei pulsierte der Krper; ber den ganzen, ganzen Krper
liefen Ndelchen; sie stachen, schossen hinein; ich empfand deutlich auf
einer Entfernung von mindestens einem Viertelarschin vom Krper die Stiche
-- ganz auerhalb des Krpers! . . . Ah! . . . Denken Sie nur! . . . Ich
empfand unzhlige Stiche krperlicher Art -- auerhalb des Krpers . . .
Und diese Stiche, die Pulsschlge -- begreifen Sie doch das! -- zeichneten
mein Kontur ber den Grenzen meines Krpers, diesseits der Haut: die Haut
befand sich innerhalb des Empfindungskreises. Was war das? Sollte ich
umgekrempelt gewesen sein, mit der Haut nach innen? Oder war mein Hirn nach
auen bergesprungen?

Sie waren einfach auer sich . . .

Sie haben gut zu sagen >auer sich< -- das sagen eben alle. Das ist ja nur
eine Allegorie, die sich nicht auf krperliche Empfindungen sttzt; oder,
im besten Fall, nur auf eine Emotion. Ich fhlte mich aber >auer mir< ganz
krperlich, sozusagen physiologisch, nicht emotional . . . Gewi, ich war
auch zugleich in Ihrem Sinne auer mir, das heit, ich war erschttert. Die
Hauptsache war aber, da sich meine organischen Empfindungen, die
Empfindungen meiner Sinnesorgane um mich herum ausbreiteten, sich in den
mich umgebenden Raum ergossen, erweiterten: ich flog auseinander wie eine
Bombe . . .

Tsss!

In kleine Teile! . . .

Es kann uns jemand hren . . .

Wer war es also, der dort gestanden hat -- ich oder nicht ich? Das geschah
mit mir, in mir, auerhalb meiner . . . Merken Sie diese Anhufung von
Worten? . . .

Erinnern Sie sich: als ich neulich bei Ihnen war, wie ich das Paketchen
brachte -- da fragte, ich Sie: Warum bin ich -- ich? Sie haben mich damals
nicht verstanden . . .

Und jetzt habe ich alles begriffen: aber das ist doch ein Schrecken, ein
Schrecken . . .

Es ist kein Schrecken, sondern das wahrhaftige Erleben des Dionysos: kein
Erleben in Worten, im Buch . . . Ein Erleben des sterbenden Dionysos
. . .

Der Teufel wei, was das ist!

Beruhigen Sie sich doch, Nikolai Apollonowitsch! Sie sind furchtbar mde;
und das ist nicht zu verwundern: in einer Nacht so viel zu erleben . . .
Das knnte auch einen Strkeren umwerfen.

Alexander Iwanowitsch legte ihm die Hand auf die Schulter; die Schulter
bebte; Alexander Iwanowitsch empfand jetzt direkt das Bedrfnis, sich von
dem nervs plappernden Ableuchow frei zu machen und ber das Geschehene ins
klare zu kommen.

Ich bin ja ruhig, vollstndig ruhig; ich wre jetzt sogar nicht abgeneigt,
ein Glschen zu trinken; ich fhle mich gehoben, frisch . . . Sie knnen
mir ja mit Sicherheit besttigen, da der Auftrag ein Schwindel war?

Das konnte nun Alexander Iwanowitsch nicht mit Sicherheit sagen; trotzdem
sagte er kurz und ungemein heftig:

Ich brge dafr . . .


Die Offenbarung

Endlich verabschiedete er sich.

Jetzt hie es vorwrts schreiten: immerzu schreiten, schreiten bis zur
vlligen Berauschung des Gehirns; dann vor das Tischchen im kleinen
Restaurant niedersinken, Wodka trinken und nachdenken.

Alexander Iwanowitsch fiel es pltzlich ein: der Brief, der Brief! Aber
hatte er nicht selbst einmal einen Brief von der gewissen Person
bernommen, um ihn -- Ableuchow zu bergeben?

Wie hatte er doch alles vergessen! Den Brief hatte er bei sich, als er
Ableuchow damals mit dem Paket besuchte, doch hatte er vergessen, ihn
abzugeben; er bergab ihn bald darauf Warwara Ewgrafowna, die ihm sagte,
sie werde Ableuchow treffen. Sollte es am Ende der verhngnisvolle Brief
gewesen sein? . . .

Aber nein doch, nein.

Dieser konnte es nicht gewesen sein; Ableuchow bekam ja jenen Brief, wie er
berichtet hat, auf einem Ball durch eine -- Maske . . . Ball, Maske -- und
Warwara Ewgrafowna Ssolowjowa!

Nein, nein!

Das beruhigte Alexander Iwanowitsch: dieser Brief war es also nicht; so war
er, Alexander Iwanowitsch Dudkin, an der Sache unbeteiligt; vor allem aber:
der furchtbare Auftrag konnte nicht von Lipantschenko ausgehen; das behielt
er als Haupttrumpf in der Hand; denn wrde der Brief von Lipantschenko
ausgegangen sein, so mte dieser ihm als eine zweifelhafte Person
erscheinen und er, Dudkin, wrde sich dann sagen mssen, da er mit einer
zweifelhaften Person in Verbindung stehe.

Das wre ein Wahnsinn.

Kaum, da er sich all das berlegte, und im Begriff, einen Trambahnwagen zu
besteigen, den Droschkenstrom zu durchqueren dachte, als er eine Stimme
vernahm.

Alexander Iwanowitsch, einen Augenblick . . . warten Sie . . .

Er drehte sich um und sah Nikolai Apollonowitsch, der, kaum Atem holend, am
ganzen Krper zitternd, mit Fieberflmmchen in den Augen, hinter ihm
herlief und ihm zur Verwunderung der Passanten mit dem Stock lebhaft
zuwinkte . . .

Einen Augenblick . . .

Herrgott, Sakra! . . .

Warten Sie, Alexander Iwanowitsch: ich kann mich nicht so ohne weiteres von
Ihnen trennen . . . Ich mu Ihnen nur sagen . . . Er nahm Dudkin bei der
Hand und fhrte ihn zum Schaufenster eines Ladens, wo sie nun
stehenblieben.

Mir erffnete sich noch etwas . . . War es eine Offenbarung oder so etwas
gewesen . . .? Dort vor der Blechbchse . . .

Hren Sie, Nikolai Apollonowitsch, ich mu gehen: in Ihrer eigenen Sache
. . .

Ja, ja, ja: nur noch einen Augenblick . . . eine kleine Sekunde . . .

Schn, schn: ich hre zu . . .

Nikolai Apollonowitsch sah jetzt aus, als wre eine Inspiration ber ihn
gekommen; vor Freude verga er, da der Knoten eigentlich noch nicht gelst
war; und da -- was die Hauptsache war: die Blechbchse noch tickte und
unermdlich daran arbeitete, die vierundzwanzig Stunden zu berwinden.

Wie eine Offenbarung war es: als wachse ich, wissen Sie, in die
Unermelichkeit hinein, den Raum berwindend; ich versichere Sie: es war
ganz real -- und zugleich mit mir wuchsen alle Gegenstnde: das Zimmer, die
Aussicht auf die Newa, die Spitze der Peter-Paul-Festung: alles wuchs,
dehnte sich; schon nherte sich das Wachsen seinem Abschlu (es gab einfach
keine Raummglichkeit mehr), da schien es mir: in diesem Abschlu, in dem
Ende des Wachsens, in seiner Vollendung lag der Anfang von irgend etwas,
lag etwas Fertiges . . . Und dieses >Etwas< war so unfabar und so
unangenehm und so sinnlos; sinnlos aber vielleicht nur deswegen, weil mir
das Organ fehlte, mit dessen Hilfe ich in diesem Sinnlosen, dem ber den
Abschlu Hinausreichenden einen Sinn gefunden htte. An Stelle der
sinnlichen Empfindung hatte sich eine >Null<empfindung eingestellt; und das
Wahrgenommene war keine Gre irgendwelcher Art, nicht einmal eine Null,
sondern kleiner als eine Null. Die Sinnlosigkeit des Ganzen bestand
vielleicht darin, da die Empfindung -- eine solche von >_Null minus
Etwas_< war.

Hren Sie, unterbrach ihn Alexander Iwanowitsch: sagen Sie mir lieber:
hat Ihnen Warwara Ewgrafowna Ssolowjowa einen Brief bergeben? . . .

Einen Brief? . . .

Ja, einen Brief? . . .

Ach, Sie meinen die Verse mit der Unterschrift >Flammende Seele<?

Na, ich wei es nicht; kurz: haben Sie einen Brief von Warwara Ewgrafowna
bekommen?

Ja, ja . . . Nun also: ich sage -- >_Null minus Etwas_<. Was ist das
aber?

Mein Gott, immer dasselbe!

Sie sollten doch die Apokalypse lesen . . .

Sie haben mir schon frher einmal zum Vorwurf gemacht, da ich die
Apokalypse nicht kenne; ich will sie jetzt lesen, ganz bestimmt. Ich fhle,
da, nachdem ich durch Sie wegen der Sache beruhigt bin, in mir das
Interesse fr Ihre Lektre erwacht ist; ich werde mich jetzt, wissen Sie,
zu Hause einschlieen, werde Brom trinken und die Apokalypse lesen; es
interessiert mich ganz auerordentlich; etwas blieb in mir von dieser Nacht
zurck: alles ist so und doch wieder anders . . . Sehen Sie zum Beispiel
hier das Schaufenster . . . In ihm spiegeln sich die Gegenstnde ab: da
geht ein Herr mit steifem Hut vorbei -- sehen Sie -- jetzt ist er fort
. . . Da sind wir beide, sehen Sie? Und alles ist so sonderbar . . .

Sonderbar . . . ja . . . Alexander Iwanowitsch nickte zustimmend: o, was
das sonderbar betrifft, so war er darin wohl Spezialist.

Oder auch: die Gegenstnde . . . Wei der Teufel, was das ist: alles ist
so, wie es war, und doch wieder anders . . . Das ist mir bei der
Betrachtung der Blechbchse klar geworden: eine Blechbchse wie jede andere
-- und doch: keine, nein, keine Blechbchse, sondern . . .

Tsss . . .

Eine Blechbchse -- furchtbaren Inhalts!

Tragen Sie nur die Blechbchse geschwind in die Newa; dann wird sich auch
alles geben, alles wird wieder auf seine richtige Stelle kommen . . .

Nein, nein, nie wird es wieder, wie es war, nie . . .

Er sah sich traurig nach den vorbergehenden Paaren um; er seufzte traurig,
denn er wute: nie wird es wieder, wie es war, nie, nie wieder . . .

Alexander Iwanowitsch staunte ber den Beredsamkeitsstrom, der sich aus dem
Munde Ableuchows ergo; er wute im Grunde genommen gar nicht, was er damit
anfangen solle: sollte er ihn beruhigen, ihm beipflichten oder ihm im
Gegenteil widersprechen; oder das Gesprch abbrechen (Ableuchows
Anwesenheit bedrckte ihn jetzt sehr).

Ihre Empfindungen, Nikolai Apollonowitsch, erscheinen nur Ihnen selbst
merkwrdig; Sie sind einfach bis jetzt in ungelftetem Zimmer dagesessen
und haben Kant studiert; nun gerieten Sie in einen Wirbelsturm, und da
begannen Sie auf sich aufzupassen . . . Sie horchten auf den Sturm und
entdeckten sich selbst in ihm . . . Ihre Empfindungen sind schon oft und
oft beschrieben worden; sie sind Gegenstand der Beobachtungen, des Studiums
. . .

Wo aber, wo?

In der Belletristik, in der Lyrik, in der Psychiatrie, in okkultischen
Forschungen . . .

Alexander Iwanowitsch lchelte unwillkrlich ber diese schreiende (von
seinem Standpunkte) Unwissenheit dieses geistig hochentwickelten
Scholastikers, dann fuhr er lchelnd fort:

Der Psychiater . . .

?

Wrde es bezeichnen . . .

Ja, ja, ja . . .

All das . . .

Dieses: >das und wieder nicht das<?

Ja, nennen Sie es, wie Sie wollen; er wrde es mit dem ihm gelufigen
Worte: >Pseudohalluzination< bezeichnen.

?

Das bedeutet -- eine Art symbolischer Empfindungen, die dem
reizauslsenden Geschehnis nicht entsprechen.

Ah was: so etwas sagen ist so gut wie nichts sagen.

Ja, Sie haben wohl recht.

Nein, solche Erklrung kann mich nicht befriedigen . . .

Gewi, der Ultramoderne wrde diese Empfindungen als die der Urtiefe
bezeichnen, das heit, er wrde einer nicht alltglichen symbolischen
Empfindung ein passendes Bild zu geben versuchen.

Das wre doch nur eine Allegorie.

Verwechseln Sie nicht Allegorie mit Symbol: Allegorie ist ein Symbol, das
zu einer stehenden Redensart geworden ist; ein Beispiel dafr ist das
bliche >auer sich<; das Symbol aber ist eine Appellation an das wirklich
Erlebte, zum Beispiel von Ihnen -- an Ihr Erlebnis bei der Blechbchse; es
ist eine Aufforderung an die anderen, knstlich das zu erleben, was der
Betreffende wirklich erlebt hatte . . . Doch wre ein anderes Wort hier
zutreffender: nmlich: das Pulsieren des Elementarkrpers. In dieser Weise
hatten Sie eben Ihr Erlebnis gehabt; die erlebte Erschtterung hat Ihren
Elementarkrper ganz real mitgerissen, er hat sich fr einen Augenblick von
Ihrem physischen Krper gelst, und darin liegt der Grund all Ihrer
Empfindungen: stehende Redensarten wie >Abgrundtiefe< oder >auer sich<
haben Tiefe angenommen, wurden fr Sie lebenswahr, wurden Symbol; nach der
Lehre verschiedener mystischer Schulen verwandeln die Erlebnisse des
Elementarkrpers Worte und Allegorien in Realitten und Symbole; die Werke
der Mystiker sind erfllt von solchen Symbolen, und ich wrde Ihnen raten,
jetzt, nachdem Sie das alles erlebt haben, die Mystiker zu lesen . . .

Ich sagte Ihnen schon, da ich es tun werde . . .

Was Ihre Erlebnisse selbst betrifft, so kann ich nur noch folgendes
hinzusetzen: Ihre ersten Empfindungen nach Ihrem Tode werden ganz derselben
Art sein, wie Plato, gesttzt auf das Zeugnis der Bacchanten, uns
versichert . . . Es gibt Experimentalschulen, in denen man solche
Empfindungen bewut hervorruft. Sie glauben es nicht? . . . Solche gibt es,
das kann ich Ihnen fest versichern, denn mein einziger Freund, der mir
berhaupt am nchsten stehende Mensch, gehrt einer solchen Schule an; die
Experimentalschule wrde Ihren Alpdruck durch zielbewute Arbeit in
gesetzmige Harmonie verwandeln, indem sie den Rhythmus, die Bewegungen,
die Pulsation studieren und das nchterne Bewutsein in die Empfindungen
einfhren wrde, zum Beispiel in das Gefhl der Ausbreitung . . . brigens
stehen wir noch immer da und plaudern . . . Sie mssen nach Hause eilen und
die Blechbchse ins Wasser werfen; und bleiben Sie ja zu Hause, keinen
Schritt hinaus (Sie werden sicher beobachtet); bleiben Sie zu Hause sitzen,
trinken Sie Brom, und lesen Sie die Apokalypse: Sie sind ja sehr abgespannt
. . . brigens lassen Sie lieber das Brom; Brom stumpft das Bewutsein ab;
wer Brom mibraucht hat, der taugt zu nichts mehr . . . Und ich mu nun
eilen, in Ihrer Sache.

Alexander Iwanowitsch drckte rasch Ableuchows Hand und tauchte in den
Strom schwarzer Hte unter; erst aber drehte er sich wieder um und rief:

Vergessen Sie nicht -- die Blechbchse in den Flu!

Seine Schulter klebte nun an anderen Schultern, und rasch schleifte ihn der
Vielfler mit sich fort.

Nikolai Apollonowitsch fuhr zusammen: in der Blechbchse brodelte ja
inzwischen das Leben; auch in diesem Augenblick war der Uhrenmechanismus an
der Arbeit; geschwind nach Hause, geschwind; er wollte gleich eine Droschke
nehmen; zu Hause werde er _sie_ in die Tasche stecken, und dann in die Newa
mit ihr!

Nikolai Apollonowitsch fhlte pltzlich wieder, wie er sich zu dehnen
begann; zugleich fhlte er: es rieselt.


Die Karyatide

Dort hinter der Kreuzung ghnte wie ein dunkler Schlund die Strae;
steinern erhob sich in ihr vor einem Portal die Karyatide.

Es war das Amt; jenes Amt, in dem Apollon Apollonowitsch Ableuchow
unbeschrnkt herrschte.

Der Herbst hat seine Zeitgrenze; und der Winter hat seine Zeitgrenze;
zyklisch verlaufen selbst die Zeitperioden. Die brtige Karyatide aber
erhob sich ber die Zyklen: halsbrecherisch stemmte sie ihren steinernen
Huf gegen die Mauer; man glaubte: gleich wrde sie sich losreien und als
Steinmasse auf die Strae strzen.

Und doch -- sie strzt nicht hinunter.

Was sie ber sich sieht, ist wie das Leben vernderlich, unerklrlich,
unfabar: Wolken ziehen dahin; die weien Schfchen wandeln sich in weie
Unfalichkeiten; oder -- es rieselt; es rieselt -- so wie jetzt, wie
gestern, wie vorgestern.

Das, was sie zu ihren Fen sieht, ist ebenso unvernderlich wie sie
selbst: unvernderlich ist der Zug des menschlichen Vielflers auf dem
erleuchteten Trottoir; oder wie im Augenblick, bei der trostlosen
Feuchtigkeit: das tdlich eintnige Schlrfen der dahineilenden Fe; und
ewig grn sind die Gesichter; nein, an ihnen sieht man nicht, da groe
Ereignisse im Gange sind.

Wer den dahinziehenden Strom von Hten beobachtete, htte nicht gesagt, da
schon im Theater in Kutais aus dem Publikum vor kurzem der Ruf ertnte:
Staatsbrger! . . ., da der Polizeihauptmann in Tiflis eine Bombenfabrik
entdeckt hat, da in Odessa die Bibliothek geschlossen wurde; da an zehn
Universitten Rulands Meetings abgehalten wurden -- an ein und demselben
Tag, zu ein und derselben Stunde; da zur gleichen Zeit Tausende
berzeugter, jdischer Revolutionre zu Versammlungen zogen; da die
Bewohner von Perm rumorten; da im selben Augenblick die von Kosaken
umzingelte Stahlfabrik in Reval die rote Flagge gehit hat.

Wer den dahinziehenden Hutstrom beobachtete, htte nicht gesagt, das von
berallher neues Leben hervorsprudelte; da schon auf der Strecke Moskau --
Kasan der Streik der Eisenbahner begonnen hat; da auf vielen anderen
Strecken die Arbeit eingestellt wurde; da die Arbeiter in den Bahnhfen
die Fenster einschlugen, die Eisenbahnschuppen zerstrten; da Zehntausende
vom Starrkrampf getroffene Waggons berall stillstanden, da der Verkehr
allmhlich erstarb. Angesichts dieses Hutstroms htte niemand gesagt, da
in Petersburg die Ereignisse in vollem Gange waren, da sich die Setzer
aller Zeitungen vereint und eigene Delegierte gewhlt haben; da an den
Riesenwerken bei Petersburg gestreikt wurde und berall in den Vororten die
mandschurischen Mtzen zu sehen waren; da jeder einzelne -- _er_ und doch
wieder _nicht er_ war; da der Strom nicht nur einfach dahinzog, sondern
dahinzog mit dem Gefhl der Unruhe in sich; da jeder die Empfindung hatte,
sein Kopf sei ein Idiotenkopf mit offenen Schdelnhten, da dieser Kopf
jeden Augenblick von einem Sbel oder sogar von einem einfachen Holzknppel
gespalten werden konnte. Htte da einer sein Ohr auf den Boden gedrckt und
gelauscht -- er htte ein liebliches Gemurmel vernommen: ein
Revolverknattern, das sich von Archangelsk bis zur Krim, von Libau bis
Blagoweschtensk ausbreitete.

Doch war die Zirkulation noch ungestrt: monoton, langsam, leblos zog noch
der Hutstrom zu den Fen der Karyatide dahin.

                                * * *

Die graue Karyatide beugte sich vornber und blickte auf die sich immer
gleichbleibende Menge zu ihren Fen; unendlich war die Verachtung, die
sich im alten Stein der Augen ausdrckte; unendlich war der berdru,
unendlich die Verzweiflung.

Und -- o, htte sie doch die Kraft!

Wie htten sich die muskulsen Arme ber die steinernen Schultern gereckt;
und der von dem Meiel zerhauene Nacken -- wie flge er wild nach oben; in
einem lauten, verzweifelten, langgezogenen Brllen risse sich der Mund auf;
du httest gesagt: Es ist das Brllen des Sturmes (so brllten die
schwarzen Tausende von Mtzen der Huligans whrend der Pogrome). Wie aus
einer Lokomotive wrde sich auf die Strae ein Dampfstrom ergieen; die von
der Strae losgerissene Balkonbalustrade wrde erstaunt auf das Pflaster
aufschlagen und in laut tnende, feste Steine zerfallen (so fielen bald
darauf die Steine gegen die Fenster der Regierungsgebude); zu einem
Steinhagel wrde dieses Meielwerk werden, whrend es erst in der trben
Luft einen ebenso trben wie blendenden Bogen bilden wrde; und als blutige
Splitter wrden diese Hagelkerne auf den erschreckten Hten der hier
monoton, langsam, leblos Vorberziehenden liegenbleiben . . .

                                * * *

An diesem grauen Petersburger Tage flog auf einmal die schwere, prchtige
Tr auf; der graue, glattrasierte Lakai mit Goldtressen auf dem Revers
sprang heraus, um dem Kutscher das Zeichen zu geben; die Pferde zogen wild
an und rollten pfeilschnell den lackierten Wagen an das Portal heran; der
graue Lakai mit dem glattrasierten Gesicht streckte sich mit dmmster Miene
in Positur, whrend Apollon Apollonowitsch Ableuchow mit vorgebeugtem
Rcken, unrasiert, mit krankhaft aufgedunsenem Gesicht und herabhngender
Unterlippe seine schwarz behandschuhte Hand an den Rand des glnzend
schwarzen Zylinders fhrte.

Apollon Apollonowitsch warf einen kurzen, von Gleichgltigkeit erfllten
Blick auf den Lakai, auf den Wagen, auf den Kutscher, auf die schwarze
Brcke, auf die gleichmige Flche der Newa, in der sich die dumpfe,
vielschlotige Ferne zeichnete, whrend sich hinten aschgrau die
Wassiljewski-Insel breitete mit den vielen Tausenden von Streikenden, die
sie beherbergte.

Der stramme Diener schlug die Wagentr zu, die das alte Wappen, einen
Ritter, von einem Einhorn durchbohrt, trug; der Wagen strmte in den
schmutzigen Nebel hinein, an der mattdunklen Riesensilhouette des
Issakijdoms, an dem Reiterdenkmal des Kaisers Nikolaus vorbei, auf den
Newskij, wo die Massen sich stauten, wo sich mit leichtem Suseln der rote
flatternde Stoff ber die Strae spannte; die schwarzen Konturen des
Wagens, die Silhouette vom Dreimaster des Lakaien durchschnitt pltzlich
die schwarze, dichte Masse, aus der lauter Gesang dem Wagen entgegenschlug.

Der Wagen hielt in der Menge.


Fort, fort, Tomy!

Mais j'espre . . .

Sie hoffen?

Mais j'espre que oui, schallte des Auslnders Stimme hinter der Tr.

Die Schritte Alexander Iwanowitschs auf der Holzdiele der Terrasse tnten
absichtlich laut; Alexander Iwanowitsch liebte es nicht zu horchen. Die ins
Zimmer fhrende Tr war halb offen.

Es wurde immer dunkler -- blauer.

Man achtete auf seine Schritte nicht. Alexander Iwanowitsch Dudkin
beschlo, nicht weiter zu horchen, und er berschritt die Schwelle des
Zimmers.

Ein schwerer Duft erfllte hier die Luft: eine Mischung von Parfm und
scharfer Sure eines Medikamentes.

Soja Sacharowna Fleisch erging sich wie immer in Liebenswrdigkeiten. Sie
gab sich die grte Mhe, einen fremden Besucher zum Bleiben zu bewegen;
der Fremde wehrte aber dankend ab.

Es wurde immer dunkler -- blauer.

Ah, ich freue mich sehr, Sie zu sehen, sehr . . . Es ist furchtbar nett,
da ich Sie sehe . . . Putzen Sie bitte die Fe ab, und nehmen Sie Ihren
berzieher ab.

Alexander Iwanowitsch drckte khl Sojas Hand.

Ich hoffe, Sie haben einen sehr schnen Eindruck von Ruland gewonnen
. . . Nicht wahr? . . . wandte sie sich wieder an den Fremden. -- Welcher
Aufstieg!

Der Franzose trocken:

Mais j'espre . . .

Soja Sacharowna Fleisch rieb sich die vollen Hndchen und sah mit ihrem
liebkosenden, doch etwas verlegenen Blick bald den Franzosen, bald
Alexander Iwanowitsch an; sie hatte runde Augen, die ihr aus den
Augenhhlen hervorquollen. Soja Sacharowna mochte etwa an die Vierzig sein;
Soja Sacharowna war eine Brnette mit groem Kopf; ihre festen Wangen waren
emailliert, und der Puder fiel von ihnen herunter.

Er ist noch nicht da . . . Sie kommen doch zu ihm? fragte sie wie
beilufig Alexander Iwanowitsch; in dieser flchtigen Frage verbarg sich
eine gewisse Unruhe; vielleicht verbarg sich darin Feindseligkeit;
vielleicht sogar Ha; doch die Unruhe, Feindseligkeit und der Ha verdeckte
der Blick und das liebenswrdige Lcheln; so verdeckt die klebrige
Sigkeit der Bonbons, die allenthalben in den Lden verkauft werden, all
den Schmutz der ungelfteten Rume, wo sie gemacht werden.

Ich werde auf ihn warten.

Alexander Iwanowitsch verneigte sich vor dem Franzosen, dann langte er nach
einer der Birnen, die in einer Fruchtschale auf dem Tisch standen; Soja
Sacharowna stellte darauf die Schale etwas weiter weg; Alexander
Iwanowitsch a Birnen gar zu gern. Soja Sacharowna lie inzwischen den
Franzosen nicht los:

Ja, ja, ja: wir erleben Dinge von geschichtlicher Bedeutung . . . berall
Mut und Jugend . . . Der zuknftige Geschichtsschreiber wird . . . Glauben
Sie es nicht? Besuchen Sie nur die Meetings . . . Hren Sie nur die Reden
voll berschwenglicher Gefhle; sehen Sie sich nur die Begeisterung an
. . .

Der Franzose schien keine Lust zur Fortsetzung des Gesprchs zu haben.

Pardon, madame, monsieur viendrat il bientt?

Um dieses Gesprch, das sonderbarerweise sein nationales Gefhl verletzte,
nicht zu hren, trat Alexander Iwanowitsch ans Fenster, wobei er fast ber
einen buschigen Bernhardiner stolperte, der auf dem Boden liegend
gemchlich einen Knochen bearbeitete.

Aus den Fenstern des kleinen Landhauses sah man das Meer: es wurde immer
dunkler -- blauer.

Das Auge des Leuchtturms drehte sich im Kreise um; das Licht flimmerte --
eins, zwei, drei! -- und es erlosch; der dunkle Mantel eines Passanten
flatterte in der Ferne; noch weiter sah man, wie sich die Wellen wiegten;
die Lichter am Ufer lagen wie verstreute Funkensplitter da; der vielugige
Strand borstete sich mit seinem Schilf; weit, weit tnte eine Sirene.

Was fr ein Wind!

Bitte, da ist die Aschenschale . . .

Die Aschenschale blieb vor Alexander Iwanowitschs Nase stehen; doch
Alexander Iwanowitsch war ein sehr empfindlicher Mensch: er warf den
Zigarettenstummel in den Topf des Blumenstocks am Fenster, aus einem
Protestgefhl heraus.

Wer singt denn da?

Soja Sacharowna machte eine Geste, aus der hervorging, da sie den
Fragenden als einen rckstndigen Menschen betrachtete.

So? Das wissen Sie nicht? . . . Ja, gewi: Sie wissen es eben nicht
. . . Also: es ist nmlich Schischnarfijew . . . was das aber heit --
hinter seinen vier Wnden hocken . . . Schischnarfijew hat sich uns allen
sehr angeschlossen . . .

Ich habe diesen Namen schon irgendwo gehrt . . .

Schischnarfijew hat sehr viel Kunstsinn . . .

Soja Sacharowna sagte die letzten Worte mit solcher Betonung, als htte
Alexander Iwanowitsch an den knstlerischen Fhigkeiten des genannten
Sngers in unangebrachter Weise Zweifel geuert. Doch Alexander
Iwanowitsch dachte gar nicht daran, die Talente des Knstlers zu bemkeln.

Er fragte blo:

Ist er Armenier? Bulgare? Georgier?

Nein, ach nein . . .

Chorwate? Persier?

Ja, er ist ein Persier aus Schemacha; er war vor kurzem bei dem Aufruhr in
Ispaganj beinahe umgebracht worden . . .

Ah, so: er ist also ein Jungperser?

Selbstverstndlich . . . Sie wuten es nicht? . . . Schmen Sie sich
. . .

Soja Sacharowna bergo ihn mit einem verchtlichen Blick und wandte sich
wieder dem Franzosen zu:

Alexander Iwanowitsch hrte der Unterhaltung der beiden nicht zu,
natrlicherweise: er horchte aber auf die hoffnungslos zerrissene
Baritonstimme; der Held Jungpersiens sang eine tiefelegische Romanze, und
tiefe Wehmut wehte von ihr auf Alexander Iwanowitsch. Flchtig ging es aber
Alexander Iwanowitsch nebenbei durch den Kopf, da Soja Sacharownas
Gesichtszge den verschiedensten schnen Frauen entnommen sein konnten: der
einen die Nase, der anderen der Mund, der dritten die Ohren. Zusammen
ergaben die Zge jedoch ein Gesicht, das keinesfalls angenehm wirkte und
das nichts weniger als schn war. Ihrem Typus nach gehrte aber Soja
Sacharowna zu den ppigen orientalischen Brnetten.

Die laut plappernde Stimme Soja Sacharownas drang indessen doch an Dudkins
Ohr:

Es handelt sich wohl um das Geld?

Schweigen.

Das Geld aus dem Auslande wird man wohl bentigen.

Zur Antwort eine unruhige Handbewegung.

Nach der Zerstrung der Organisation in T. T. wre es ratsamer fr Ihren
Redakteur, nicht hierherzukommen . . .

Der Franzose gab keinen Laut von sich.

Denn es sind Dokumente entdeckt worden . . .

Alexander Iwanowitsch hrte wieder das elegische Singen des Jungpersers.
Inzwischen schien der Franzose die Geduld verloren zu haben. Etwas barsch
sagte er:

Je serai bien triste d'avoir manqu l'occasion de parler  monsieur.

Sie knnen ebenso mit mir sprechen . . .

Excusez, dans certain cas je prfaire parler personnellement . . .

Ein Busch schlug mit seinen Zweigen an das Fenster.

Zwischen den Zweigen sah man die weie Gischt der Wellen schimmern,
dmmerig und blau schaukelte ein Segelboot auf den Wellen, und ber den
Segeln verdichtete sich blau der Abend.

Die Segel schienen zu entschwinden in diesem dmmernden Blau.

Da hielt pltzlich vor der Gartentr eine Droschke, und ein korpulenter
Herr wlzte sich aus ihr herunter. Die ungelenken Finger der mit einem
halben Dutzend hin und her baumelnder Pakete beschwerten Hand suchten lange
im Portemonnaie herum; eine unterm Arm gehaltene Tte rutschte dabei nach
unten, und flugs kullerten mehrere schne pfel im Schmutz der Strae.

Der Herr beugte sich, um die pfel vom Boden aufzulesen; sein Mantel ging
ihm dabei auf, und er schien schwer zu keuchen; beim Schlieen der
Gartentr wren ihm die Pakete beinahe wieder in den Schmutz gefallen.

Endlich schritt er auf dem gelben, von Struchern umsumten Gartenweg dem
Hause zu; sofort verbreitete sich eine drckende Atmosphre; der mit einer
Ohrenmtze bedeckte geierartige Kopf sa schwer auf den Schultern; die
tiefsitzenden uglein aber liefen diesmal nicht unruhig hin und her (wie
sie es immer taten, wenn ein fremder Blick sie traf); die tiefsitzenden
Augen blickten mde und fest zu den Fenstern des Hauses hinber.

Alexander Iwanowitsch bemerkte sogar in diesen Augen eine besondere, eigene
Freude, zu der sich Mdigkeit und Traurigkeit gesellten -- eine rein
tierische Freude, nach der Hetze des Tages bald ausruhen, sich erwrmen und
in ausgiebiger Weise seinen Hunger stillen zu knnen. So erscheint das
Raubtier, whrend es in seine Hhle zurckkehrt, zahm und mild und lt die
auch ihm innewohnende Gutmtigkeit erblicken; es beschnuppert dann
wohlwollend sein Weibchen und leckt die freudig winselnden Jungen ab.

War das _er_?

Ja, das war _er_; und _er_ sah diesmal harmlos und prosaisch aus; und doch:
es war _er_.

                                * * *

Da kommt er auch!

Enfin . . .

Lipantschenko! . . .

Guten Tag . . .

Mit freudigem Knurren sprang der gelbe Bernhardiner auf und warf sich, mit
einem Satz an die andere Ecke des Zimmers gelangend, seinem Herrn auf die
Brust.

Fort, fort, Tomy! . . .

Lipantschenko, bemht, die Pakete vor dem Hunde zu schtzen, hatte nicht
ein mal Zeit gehabt, seine ungerufenen Besucher in Augenschein zu nehmen:
auf seinem breiten, flachen Gesicht drckte sich teils Humor, teils
hilfloser Zorn aus; ein direkt kindlicher Zug huschte pltzlich in seinem
Gesicht auf:

Schon wieder das Ablecken!

Er wandte sich hilflos von Tomy ab und rief:

Soja Sacharowna, so helfen Sie mir doch loszukommen . . .

Aber schon berhrte die breite Hundezunge ehrfurchtslos die Nasenspitze des
Herrn; dieser schrie laut auf (und dabei, man denke nur, lchelte er)
. . .

Aber Tomy!

Da erst bemerkte er die Besucher, die auf ihn warteten und etwas ungeduldig
ber das Familienidyll lchelten; die Heiterkeit verschwand aus seinem
Gesicht, und er sagte etwas barsch und wenig hflich:

Bitte, gleich . . .

Dabei bebte die herunterhngende Unterlippe, und man konnte ihr ablesen:

Selbst hier keine Ruhe . . .

Er ging in eine Ecke und bemhte sich lange, die neuen und etwas engen
berschuhe abzustreifen; dann legte er ebenso langsam den berzieher ab,
wobei er schwer und mhevoll etwas aus der Tasche hervorzog (man htte
glauben knnen -- einen zwlflufigen Browning); was aber zum Vorschein
kam, war -- eine Puppe.

Diese Puppe warf er auf den Tisch mit den Worten:

Das ist fr Akulinas kleine Manja . . .

Da sperrte jeder der Besucher den Mund auf.

Endlich wandte sich der Hausherr, indem er sich die erfrorenen Hnde rieb,
mit gewissem, verlegenem Mitrauen an den Franzosen:

Bitte . . . da hinein . . . da . . .

Zugleich warf er Dudkin zu:

Bitte geflligst zu warten . . .


Hlich . . .

Seltsam!

Das Verhalten der _gewissen Persnlichkeit_ Dudkin gegenber hatte bis zu
diesem Tage den Charakter grter Verbindlichkeit getragen; ja, es war nur
Verbindlichkeit gewesen, und zwar Verbindlichkeit etwas zudringlicher Art;
durch Monate hindurch, bei den verschiedensten Anlssen oder auch ohne
diese hatte die gewisse Persnlichkeit ein Ornament aus Schmeichelei um
Dudkin gewoben: diese Schmeichelei ernst zu nehmen -- das war so angenehm
gewesen.

Und Dudkin hatte sie ernst genommen.

Er hatte die gewisse Persnlichkeit wohl verachtet, er hatte ihr gegenber
einen physiologischen Widerwillen empfunden; ja, er hatte all diese Tage,
die fr ihn eine Krise in seinem tiefsten Glauben bedeuteten, jede
Begegnung mit der Persnlichkeit gemieden. Doch diese hatte ihn berall zu
erreichen gesucht; seine oft mehr als spttischen Bemerkungen mit stoischer
Gleichmtigkeit, zuweilen sogar mit zynischem Lachen entgegengenommen;
htte er sie ber den Grund dieses Lachens gefragt, sie htte geantwortet:

Ich lache -- ber Sie.

Dudkin hatte sich bemht, der Persnlichkeit zu beweisen, da das Programm
ihrer Partei unhaltbar sei, abstrakt, blind -- sie war damit einverstanden;
doch wute Dudkin, da sie bei der Festsetzung des Programms mitgearbeitet
hatte; htte er die Persnlichkeit gefragt, ob nicht ihrer Meinung nach bei
der Ausarbeitung des Programms etwas wie Provokateurgeist mitgespielt habe,
die Persnlichkeit htte beteuert:

Nein, sicherlich nicht; diese Annahme ist eine Frivolitt . . .

Dudkin hatte endlich versucht, die Persnlichkeit durch sein mystisches
Kredo zu verblffen, indem er die Behauptung aufstellte: das Soziale, die
Revolution sei keine Verstandeskategorie, sondern eine gttliche Forderung
des Alls; die Persnlichkeit hatte nichts gegen die Mystik gehabt; sie
hrte aufmerksam zu und bemhte sich sogar -- zu verstehen.

Aber sie vermochte es nicht zu verstehen.

Alle Einwendungen, alle radikalen uerungen hatte die Persnlichkeit
schweigend hingenommen; dann klopfte sie ihm auf die Schulter und zog ihn
mit ins Wirtshaus, wo sie vor dem Tischchen sitzend den ewigen Kognak
tranken; zuweilen hatte ihm die Persnlichkeit unter dem Gerusch des
Orchestrions gesagt:

Ich? Was bin ich? -- nichts . . . Ich bin nur ein Unterseeboot; Sie aber
sind ein Panzerkreuzer; ein groes Schiff gehrt ins groe Wasser . . .

Und dabei hatte die Persnlichkeit ihn in die Dachkammer gejagt, ihn an die
Dachkammer gefesselt und aus dem menschlichen Verkehr ausgeschaltet; der
Panzerkreuzer lag im Hafen, ohne Mannschaft, ohne Kanonen; die einzigen
Reisen, die er in der letzten Zeit gemacht hatte, waren nur -- ins
Wirtshaus und zurck; die Persnlichkeit hatte all diese Wochen, die fr
Dudkin eine Periode des Protestes bedeuteten, dazu benutzt, um aus ihm
einen -- Sufer zu machen.

Die Persnlichkeit war ihm immer gastfreundlich entgegengetreten, und
Dudkin hatte das sichere Gefhl: kme er in eine Lage, wo er ernster Hilfe
bedrfte, die Persnlichkeit wrde ihm diese ohne weiteres leisten; das
erschien selbstverstndlich.

Zum erstenmal ergab sich heute dazu die Gelegenheit.

Er hatte Ableuchow versprochen, ihm den Knoten lsen zu helfen. Doch konnte
er es nur mit Hilfe der Persnlichkeit ausfhren; durch eine unheimliche
Verkettung von Umstnden hatte Ableuchow sich in ein frmliches Teufelsnetz
verfangen; Alexander Iwanowitsch glaubte, er brauche nur der Persnlichkeit
von der Sache zu berichten und diese wrde die Fden schon herausfinden.

Was ihn also veranlate, hierherzukommen, war das Wort, das er Ableuchow
gegeben hatte. Und nun -- sieh mal einer her!

Der verletzende Ton, den die Persnlichkeit ihm gegenber jetzt
angeschlagen hat, war ihm in ebensolchem Mae neu wie unangenehm (es war
der Ton, dessen sich der hohe Beamte einem Bittsteller gegenber bedient;
mit dem der Chefredakteur dem ber Diebsthle und Brnde berichtenden
Reporter entgegentritt; in dem der Kreisschulinspektor zu dem Kandidaten
auf die Lehrerstelle in -- Solwytschegotsk oder Sarepta spricht).

Sieh mal einer her! . . .

Also: nach Beendigung seiner Unterhaltung mit dem Franzosen (der Franzose
hatte sich bereits entfernt) trat die Persnlichkeit gegen alle
Gepflogenheit nicht aus ihrem Arbeitszimmer, sondern blieb dort sitzen, vor
dem Schreibtisch, als wre Alexander Iwanowitsch berhaupt nicht da, als
wre er nicht ein guter Bekannter, sondern -- wei der Teufel! -- irgendein
Bittsteller, dem es an Zeit nicht fehlen darf . . .

Es wurde immer dunkler -- blauer.

In dieser sich ausbreitenden Dunkelheit, in der Halbdmmerung des
Arbeitszimmerchens, sa die Persnlichkeit, den viereckigen Kopf ganz ber
den Schreibtisch gebeugt, und wie ein hlicher dunkelgelber Fleck hob sich
ihr Rcken im schwachen Fensterlicht ab.

Alexander Iwanowitsch zuckte scharf mit den Achseln und wandte dem Rcken
seinen eigenen Rcken zu; er begann mit vollstndig unabhngigem Ausdruck
an seinem kleinen Schnurrbrtchen zu zupfen; er wollte eine beleidigte
Miene aufsetzen, brachte es aber nur zu einer unabhngigen; er zupfte an
seinem Brtchen mit einem Ausdruck, als htte er mit dem Rcken dort am
Schreibtisch nichts zu tun. Eigentlich htte er aufspringen und die Tr
hinter sich zuschlagen sollen, doch das durfte er nicht: die Lebensruhe
Nikolai Ableuchows hing von seinem Gesprch mit der Persnlichkeit ab; er
konnte also weder weggehen noch die Tr zuschlagen.

Alexander Iwanowitsch hstelte, um der Persnlichkeit seine Ungeduld
kundzutun . . . Doch klang dieses Hsteln wie das eines Abcschtzen, den es
beim Anblick des Lehrers im Halse zu wrgen begann. Was war mit ihm? Woher
diese Schchternheit? Er frchtete die Persnlichkeit keinesfalls: er
frchtete sich nur vor den Halluzinationen, die ihn in seiner Dachkammer
heimzusuchen pflegten, vor der Persnlichkeit wahrhaftig nicht . . .

Die Persnlichkeit fuhr fort zu schreiben.

Alexander Iwanowitsch hstelte wieder; dann wieder. Diesmal reagierte sie.

Bitte sich zu gedulden . . .

Dieser Ton!

Endlich erhob sich die Persnlichkeit leicht vom Sitz und wandte sich um;
sie machte mit der dicken Handflche eine einladende Geste:

Bitte . . .

Alexander Iwanowitsch wurde eigentmlich verwirrt; sein Zorn, der alle
Grenzen berschritt, fand darin seine uerung, da er die allgemein
gebruchlichsten Worte pltzlich vergessen hat:

Ich . . . sehen Sie . . . ich komme . . .

?

Wie Sie wissen . . . oder brigens . . . Zum Teufel!

Und er brachte trocken und kurz hervor:

Ich komme in einer geschftlichen Angelegenheit . . .

Die Persnlichkeit aber lehnte sich im Lehnstuhl zurck (wie gern htte er
sie jetzt in ihrem Lehnstuhl erwrgt!), ma ihn mit vernichtendem Blick und
trommelte mit den dicken Fingern auf dem Tisch; dann brummte sie etwas
gedmpft:

Ich mache Sie aufmerksam . . . Ich habe heute fr lange Errterungen nicht
genug Zeit, daher . . .

Na, also!

Ich wrde Sie daher bitten, mein Lieber, sich krzer und deutlicher zu
fassen . . .

Und das Kinn in das Doppelkinn vergrabend, wandte die Persnlichkeit einen
starren Blick gegen das Fenster, hinter dem mit leichtem Gerusch die
Bltter von den Bumen fielen.

Seit wann, bitte, haben Sie mir gegenber diesen . . . diesen Ton? . . .
kam es pltzlich aus Alexander Iwanowitsch, doch klang es nicht blo
ironisch, sondern auch verlegen.

Die Person unterbrach ihn aber wieder: unterbrach in unangenehmster Weise:

Also?

Sie kreuzte die Hnde ber der Brust.

Ich komme in einer Angelegenheit . . . -- und er stockte . . .

Also?! . . .

Von groer Wichtigkeit . . .

Zum dritten Male unterbrach ihn die Persnlichkeit:

Das Ma der Wichtigkeit wollen wir lieber spter erlutern.

Und sie kniff die uglein zusammen.

Sonderbarerweise wurde nun Dudkin vollstndig verwirrt, errtete und hatte
das Gefhl, kein Wort hervorbringen zu knnen. Er schwieg.

Auch die Persnlichkeit schwieg.

Die vom Baum sich lsenden roten Bltter schlugen ans Fenster, wirbelten
und flsterten miteinander; die Zweige (die vertrockneten Skelette)
zeichneten ein schwarzgraues Netz hinter den Glasscheiben; der Wind pfiff;
das schwarz-neblige Netz begann zu schaukeln; das schwarz-neblige Netz
begann zu raunen. Unzusammenhngend, verworren, hilflos erzhlte Alexander
Iwanowitsch von dem Inzident des Ableuchow; je weiter er aber, die
Strungen und Hindernisse der Sprache berwindend, in der Erzhlung kam,
desto schroffer und trockener wurde die Haltung der Persnlichkeit; ihre
Stirn glttete sich, die schwulstigen Lippen hrten auf zu saugen; bei der
Stelle der Erzhlung aber, wo der Provokateur Morkowin auf die Oberflche
trat, zog die Persnlichkeit bedeutungsvoll die Brauen in die Hhe und
machte eine schnuppernde Bewegung mit der Nase, als htte die
Unverfrorenheit des Erzhlers an dieser Stelle ihren Hhepunkt erreicht und
die Geduld der Persnlichkeit ihre Grenze berschritten:

Ah . . . Sehen Sie? . . . Und was haben Sie gesagt? . . .

Alexander Iwanowitsch fuhr zusammen:

Was ich gesagt hab'? . . .

Nichts, nichts; fahren Sie fort.

Vollstndig verzweifelt schrie Alexander Iwanowitsch heraus:

Aber ich hab' ja alles gesagt! Was soll ich noch erzhlen?!

Mit dem Kinn auf das Doppelkinn gesttzt, senkte die Persnlichkeit den
Kopf, seufzte, sah vorwurfsvoll, ohne das bliche Zwinkern (der Blick war
jetzt traurig), Alexander Iwanowitsch an und sagte kaum hrbar:

Hlich . . . Sehr, sehr hlich! Sie sollten sich schmen! . . .

Alexander Iwanowitsch fhlte, wie sein Herz hpfte; und -- o Grauen! --
beim Worte Sie sollten sich schmen fhlte er, wie seine Wangen von einer
Rte bergossen wurden; aus den Worten des furchtbaren Partners hrte er
deutlich die verborgene, vernichtende Drohung heraus; Alexander Iwanowitsch
fuhr unruhig auf seinem Sitz hin und her und bemhte sich, seine nicht
begangene Schuld sich ins Gedchtnis zu rufen.

Seltsam: er hatte nicht den Mut zu fragen, was die verborgene Drohung
eigentlich bedeute und was das Wort sich schmen in diesem Zusammenhang
heien sollte. Er schluckte es einfach herunter.

Wie soll ich nun diesen provokatorischen Brief Ableuchow erklren?

Die schmale niedere Stirn nherte sich der seinen.

Wieso provokatorisch? Er ist keinesfalls provokatorisch . . . Ich mu Sie
ernchtern. Der Brief an Ableuchow war von mir geschrieben.

Diese Worte waren mit einer Wrde ausgesprochen, die alles, Zorn, Vorwrfe
und verletzenden Ton berwog; mit einer Wrde, die sich sogar bis zur Milde
herablie.

Wie? Den Brief haben Sie geschrieben?

Und er ist durch Ihre Hnde gegangen -- erinnern Sie sich nicht? Oder
haben Sie es vergessen?

Das Wort vergessen sprach die Persnlichkeit so aus, als wre es
selbstverstndlich, da Alexander Iwanowitsch es nicht vergessen hat und
sich nur -- wei Gott warum? -- stellte, als wisse er nichts mehr davon;
die Persnlichkeit lie ihn brigens deutlich fhlen, da sie mit ihm jetzt
wie die Katze mit der Maus zu spielen beabsichtige.

Erinnern Sie sich: ich bergab Ihnen den Brief damals im kleinen
Restaurant . . .

Ich gab ihn aber nicht Ableuchow, sondern Warwara Ewgrafowna, ich
versichere Sie . . .

Ah was, lassen wir es doch, Alexander Iwanowitsch; wir sind unter uns,
mein Lieber, und brauchen vor einander keine Komdie zu spielen: der Brief
hat den Adressaten gefunden, alles andere sind leere Ausreden . . .

Und Sie sind der Verfasser des Briefes?

Dudkins Herz hpfte und klopfte, als wollte es sich losreien und
davonlaufen; wie ein Bffel wrde es gleich zu brllen anfangen und -- sich
davonmachen.

Die Persnlichkeit klopfte bedeutungsvoll auf den Tisch, wobei sie ihre
Gleichgltigkeit mit steinerner Festigkeit vertauschte; dann rief sie:

Warum wundern Sie sich? . . . Weil ich den Brief an Ableuchow geschrieben
habe? . . .

Freilich . . .

Verzeihen Sie, ich mu aber sagen: Ihr Erstaunen grenzt an offenkundige
Heuchelei . . .

Dudkin nherte sich mit einem Ruck der Persnlichkeit.

Hren Sie: entweder bin ich verrckt oder -- Sie!

Die Persnlichkeit zwinkerte ihm zur Antwort nur zu:

Also!?

Ihr ganzes Aussehen sprach:

He, he, Vterchen: glaubst, ich habe nicht bemerkt, wie du vorhin geblickt
hast? . . . Du glaubst, mit mir kannst du . . .

Dann aber: ganz pltzlich wurde sie heiter, fast lustig, sah ihren Partner
mit geknstelter dummer Dreistigkeit an und schnalzte mit der Zunge, als
wollte sie sagen:

He, mein Lieber, ein gemeiner Kerl bist doch du, nur du, nicht ich . . .

Laut sagte sie aber nur:

Ahhh! . . .

Dann aber, wie ein satanisches Lachen unterdrckend, lie die
Persnlichkeit streng, aber wohlwollend ernst ihren schweren Arm auf
Dudkins Schulter nieder, dachte einen Augenblick nach und fgte hinzu:

Hlich . . . Sehr, sehr hlich . . .

Alexander Iwanowitsch berkam das ihm wohlbekannte sonderbare, drckende
Gefhl des Vernichtetwerdens durch ein Etwas, das gleich auf dem
dunkelgelben Fleck seiner Tapete auftauchen wrde; Alexander Iwanowitsch
empfand eine ihm unbewute Schuld; er sah hin, und es war ihm, als htte
sich eine Wolke ber ihn gesenkt, ganz tief; als lief diese Wolke von der
Persnlichkeit zu ihm, als steige sie wie Rauch aus der Persnlichkeit
hervor.

Die Persnlichkeit aber sa da, das schmalstirnige Gesicht ihm zugewendet,
und sprach immer wieder:

Hlich . . .

Ein schweres Schweigen trat ein.

brigens werde ich die weiteren Beweise abwarten: ohne Beweise geht es
natrlich nicht . . . Aber immerhin: die Anklage wiegt schwer; so schwer,
das mu ich sagen, da . . . -- Die Persnlichkeit seufzte.

Aber welche Beweise meinen Sie?

Sie selbst will ich vorderhand aus dem Spiel lassen . . . Wie Sie wissen,
gehen wir in der Partei nur auf Grund von Tatsachen vor . . . Die Tatsachen
aber, die Tatsachen . . .

Was fr Tatsachen meinen Sie?

Die Tatsachen ber Sie werden gesammelt . . .

Das hat noch gefehlt!

Die Persnlichkeit erhob sich vom Lehnstuhl, und whrend sie die Spitze
einer Havanna abschnitt, begann sie leise eine Melodie zu pfeifen; sie
hllte sich in undurchdringliches Wohlwollen; dann schritt sie mit
gemessenen Schritten ins Speisezimmer hinber, fate freundschaftlich den
dort sitzenden Schischnarfijew an der Schulter.

In die Richtung der Kche, von wo ein angenehmer Bratengeruch herberzog,
rief er:

Ich habe einen Mordshunger . . .

Dann mit einem Blick den gedeckten Tisch musternd:

Ein Schnpschen noch . . .

Dann schritt sie zurck in das Arbeitszimmer.

                                * * *

Ihr Herumsitzen beim Hausmeister . . . Ihre Freundschaft mit der Polizei
des Reviers, mit dem Hofknecht . . . Ihre Gelage in Gesellschaft des
Polizeibeamten Woronkow . . .

Auf den verstndnislosen, fragenden Blick Dudkins -- einen von Grauen
erfllten Blick -- setzte Lipantschenko, das heit die Persnlichkeit, ihr
boshaftes, zweideutiges Flstern fort, indem sie die Hand auf Dudkins
Schulter legte.

Als ob Sie es nicht selbst wten? Warum die verwunderten Augen? Sie
wissen am Ende gar nicht, wer der Woronkow sei?

Wer Woronkow sei? . . . Woronkow? . . . Aber was hat das mit der Sache zu
tun? . . . Was ist dabei? . . .

Aber Lipantschenko, die Persnlichkeit, brach in ein Lachen aus und fate
sich vor Lachen an die Hften:

Das wissen Sie nicht?

Das behauptete ich nicht: ich wei schon . . .

Na, also!

Woronkow ist ein Schreiber im Polizeirevier, und er besucht oft den
Hausmeister Matwej Morschow . . .

Sie haben Zusammenknfte, Sie unterhalten sich mit einem Polizeispitzel
wie der letzte Provokateur . . .

Aber erlauben Sie . . .!

Sie brauchen kein Wort, kein Wort zu sagen, wehrte die Persnlichkeit,
mit der Hand fuchtelnd, jeden Erwiderungsversuch des zu Tode erschrockenen
Dudkin ab.

Ich wiederhole: die Tatsache einer offenen Provokateurttigkeit Ihrerseits
ist noch nicht definitiv festgestellt, aber . . . Ich warne Sie, aus
Freundschaft warne ich Sie, Alexander Iwanowitsch, mein Liebling; Sie haben
ein bses Spiel begonnen . . .

Ich?

Treten Sie zurck, ehe es zu spt ist . . .

Die uglein unter der schmalen Stirn sprachen:

So--o--o, Vterchen . . . Wie hast _du_ dir wohl die Sache gedacht?

Der Speichel spritzende Mund aber sagte:

Tuen Sie doch nur nicht so harmlos . . .

Es fllt mir ja gar nicht ein . . .

Ganz Petersburg wei es schon . . .

Was wei es?

Von der Zertrmmerung der Parteiorganisation in T. T.

Was?!

Ja, ja . . .

Wenn es die Absicht der Persnlichkeit war, Dudkins Gedanken von der Spur,
die ihn auf die wirklichen Motive ihres Benehmens bringen konnte,
abzulenken, dann hat sie dieses Ziel durch die Nachricht von der Zerstrung
der sehr wichtigen Organisation in T. T. vllig erreicht; diese Nachricht
traf wie ein Blitzstrahl den schwachen Alexander Iwanowitsch:

Herr Jesus Christus!

Jesus Christus! -- hhnte die Persnlichkeit, Sie haben jedenfalls
frher davon gewut als wir alle . . . Wir wollen es aber, ehe die Sache
nicht unwiderleglich erwiesen ist, auf sich beruhen lassen. Hufen Sie
jedoch die Verdachtsmomente nicht: sprechen Sie kein Wort von der
Ableuchowaffre.

Alexander Iwanowitsch schien in diesem Augenblick sehr idiotisch ausgesehen
zu haben, denn die Persnlichkeit fuhr fort zu lachen und lie dabei in
aufreizender Weise den schwarzen Schlund zwischen den Reihen der Zhne
sehen: genau so aufreizend ghnt der Schlund im Gesicht eines abgehuteten
Kadavers.

Tuen Sie nicht so, mein Lieber, als wre Ihnen die Rolle Ableuchows
unbekannt gewesen; und als ob Sie nicht wten, da ich ihn durch den
gegebenen Auftrag dafr strafen wollte; tuen Sie doch nicht, als wten Sie
nicht, wie dieser schuftige Kerl seine Rolle gespielt hat: ich gestehe, er
hat es geschickt gemacht; seine Rechnung war gut -- die Rechnung auf
allerlei Sentiments und Charakterschwchen, wie zum Beispiel Sie es zu
verkrpern geruhen.

Mit dem Vorwurf der Charakterschwche schien die Persnlichkeit einen Teil
der Schuld von Alexander Iwanowitsch nehmen zu wollen und sich so in
gewissem Grade weichen Gefhlen zugnglich zu zeigen; das hatte bewirkt,
da sich Alexander Iwanowitsch in der Tat wie von einer Last befreit fhlte
und da er es nun bereits versuchte, sich einzureden, er habe vorhin die
Persnlichkeit falsch beurteilt.

Ja, die Berechnung war schlau: der edle Sohn hat seinen Vater und ist
bereit, diesen ins Jenseits zu befrdern; inzwischen treibt er sich unter
uns herum, hlt Referate und hnliches Zeug; sammelt nebenbei Dokumente und
wartet, bis er ihrer gengend besitzt, um sie -- seinem verehrten Vater zu
unterbreiten . . . Und dabei fhlen sie sich alle von dieser Schlange in
sonderbarer Weise angezogen . . .

Aber, Nikolai Stepanowitsch, er hat . . . er hat geweint . . .

Geweint . . . Und das hat Sie in Erstaunen versetzt? . . . Sie sind doch
ein eigentmlicher Kauz: Trnen -- das ist ja etwas ganz bliches bei den
Verrtern aus der Intelligenz; ein gebildeter Verrter glaubt selbst an die
Aufrichtigkeit der Trnen, die er vergiet; und vielleicht bedauert er es
auch in diesem Augenblick, da er Verrter geworden ist; aber uns ntzen
diese Trnen nicht im geringsten . . . Sie, Alexander Iwanowitsch, weinen
doch auch jetzt . . . Natrlich will ich nicht damit sagen, da auch Sie
ein Schuldbelasteter sind . . .

Und das war ja eine Lge, denn soeben noch hatte die Persnlichkeit von
einer solchen Schuld gesprochen; diese offenbare Lge erfllte Alexander
Iwanowitsch fr einen Augenblick mit unendlichem Grauen; durch sein
Unterbewutsein flog es wie ein Blitz: Hier wird dir ein Handel
vorgeschlagen: du wirst aufgefordert, eine niedertrchtige Verleumdung als
wahr hinzunehmen und mit diesem Preis eine Verleumdung deiner eigenen
Person abzuwehren . . . Doch blitzte es eben _nur_ im Unterbewutsein auf,
denn die Wahrheit voll zu sehen hinderte die gegen den Tisch geneigte,
schmale Stirn der Persnlichkeit, die bedrckende Atmosphre eines nahenden
Verhngnisses, das Flimmern in den kleinen uglein und das So, soo,
V--terchen . . . Und Dudkin begann bereits zu glauben, da er der
Verleumdung glaube.

Sie sind, Alexander Iwanowitsch -- davon bin ich berzeugt -- rein; was
aber Ableuchow betrifft: hier in dieser Schublade hab' ich Dokumente, die
ich im ntigen Augenblick dem Parteigericht unterbreiten werde . . .

Da begann die Persnlichkeit in wildem Tempo auf und ab durchs Zimmer zu
rennen, von einer Ecke schrg zur anderen, und schlug sich mit der dicken
Faust auf die Brust. Ihre Stimme aber trug Tne wahrhaftigen Gekrnktseins
bis zur Verzweiflung -- ja, ihre Stimme klang direkt vornehm (der Handel
schien gnstig abgeschlossen zu sein).

Spter einmal wird man mich -- ich versichere Sie -- verstehen: jetzt
zwingen mich die Ereignisse, die Seuche in ihrem Herd zu ersticken . . . Ja
. . . ich handle wie ein Diktator, kraft mir selbst erteilter Befugnisse
. . . Es fiel mir schwer, glauben Sie mir, es fiel mir sehr schwer, das
Urteil zu unterschreiben . . . Aber . . . Dutzende gehen zugrunde -- Ihres
Senatorshnchens wegen . . . Dutzende gehen zugrunde! . . . Viele sind
schon verhaftet . . . Erinnern Sie sich: auch Sie waren schon einmal in
grter Gefahr, zugrunde gerichtet zu werden. (Alexander Iwanowitsch
dachte bei diesen Worten, da er ja schon zugrunde gerichtet worden war.)
. . . Wenn nicht ich . . . Denken Sie an Jakutsk! . . . Sie aber haben
Mitleid, setzen sich fr ihn ein! . . . Weinen Sie nur, weinen Sie! Grund
dazu ist genug da . . . Dutzende werden zugrunde gerichtet!!! . . .

Die Persnlichkeit blitzte noch einmal mit den uglein und verlie das
Zimmer.

Dunkel wurde es, schwarz.

                                * * *

Die Dunkelheit berfiel alles; sie heftete sich an alle Gegenstnde des
Zimmers; Tische, Schrank und Lehnstuhl -- alles tauchte in Dunkelheit
unter; in dieser Dunkelheit sa mutterseelenallein Alexander Iwanowitsch;
Dunkelheit betrat seine Seele -- er weinte.

Alle Tonnuancen in den Worten der Persnlichkeit klangen jetzt wieder in
Dudkins Ohr, und sie erschienen ihm jetzt aufrichtig; nein, die
Persnlichkeit hat nicht gelogen; sein Mitrauen und Ha gegen sie erklren
sich nur durch den Zustand, in dem er sich gerade befand: seine nchtlichen
Delirien haben sich fr ihn zufllig -- durch ein Wort, eine Geste -- mit
der Persnlichkeit verknpft.

Eine Lautassoziation -- nichts weiter.

Wohl ist es wahr: er hatte auch schon frher hnliches der Persnlichkeit
gegenber empfunden; aber wahr ist es auch, da er der Persnlichkeit
verschiedenes zu verdanken hatte und da sie sich seiner annahm; der
Widerwillen, das Grauen vor ihr hat gar keine Berechtigung und erklrt sich
nur durch seine Delirien: durch die Erscheinung der braungelben Flecke auf
seiner Tapete.

Ach, er ist eben krank, das ist es . . .

Die Dunkelheit brach herein: sie berfiel alles, besiegte alles; ernst und
drohend traten Tisch, Lehnstuhl und Schrank im Raum hervor; die Dunkelheit
trat in seine Seele ein -- er weinte: zum erstenmal erblickte er vor sich
Nikolai Apollonowitsch in seiner wahren moralischen Gestalt. Wie kam es,
da er ihn nicht frher erkannt hatte? Wie kam es? . . .

Er erinnerte sich seiner ersten Begegnung mit Ableuchow (in einem ihm
bekannten Zirkel hielt damals Nikolai Apollonowitsch einen Vortrag, in dem
er alle Werte umwertete): der allgemeine Eindruck war kein angenehmer; dann
spter: es kann nicht geleugnet werden: Ableuchow hatte doch ein ganz
besonderes Interesse fr Parteigeheimnisse gezeigt; mit der
plump-zerstreuten Miene eines Degenerierten hat er berall seine Nase
hineinzustecken gewut: die Zerstreutheit kann ebensogut eine Heuchelei
gewesen sein. Alexander Iwanowitsch sagte sich: ein Provokateur hheren
Genres kann sehr wohl das uere Ableuchows haben -- diese vertrumt
traurigen Augen (die einem fremden Blick nicht standhielten) wie den
Froschausdruck des langgezogenen Mundes; langsam nherte sich Alexander
Iwanowitsch der berzeugung, da sich Ableuchow in der ganzen Sache hchst
sonderbar aufgefhrt hatte; und -- Dutzende gehen zugrunde! . . .

Je mehr er sich selbst zu berzeugen suchte, da an der Zerstrung der
Organisation in T. T. Ableuchow beteiligt war, um so mehr wich das
bedrckende Gefhl, das ihn whrend des Gesprchs mit der Persnlichkeit
befallen hatte; eine gewisse Leichtigkeit und Sorglosigkeit rann in seine
Seele. Alexander Iwanowitsch hatte seit jeher den Senator besonders gehat.
Er empfand Apollon Apollonowitsch gegenber einen Ekel, einen frmlichen
Ekel, wie ihn die Menschen vor der Tarantel empfinden; Nikolai
Apollonowitsch aber hatte er zuweilen direkt geliebt; jetzt hatten sich fr
ihn der Senator und der Senatorsohn zu einem gemeinsamen Etwas
verschmolzen, das in ihm nicht nur Ekel auslste, sondern auch den Wunsch
hervorrief, diese Tarantelbrut auszurotten, zu vernichten.

O, ihr Gewrm! . . . Dutzende gehen zugrunde! . . . O, ihr Gewrm . . .

Selbst die Tausendfler sind besser, selbst die gelbbraune Tapete, selbst
die Persnlichkeit; in der Persnlichkeit ist wenigstens Gre des Hasses
vorhanden; mit der Persnlichkeit kann man sich wenigstens in dem Wunsch,
zu zerstren, zu vernichten, eins fhlen.

O, ihr Gewrm! . . .

Aus dem Zimmer nebenan lockte bereits der gastfreundlich gedeckte Tisch;
allerlei Schmackhaftigkeiten waren auf dem Tisch aufgestellt: Wurst, Aal
und kalter Kalbsbraten; man hrte die etwas ermdete Stimme der
Persnlichkeit und die des Schischnarfijew, der sich verabschiedete;
endlich war er fortgegangen.

Gleich darauf trat die Persnlichkeit in das Arbeitszimmer, trat zu
Alexander Iwanowitsch und legte ihm die schwere Hand auf die Schulter:

So ist es! . . . Es ist besser, wir streiten uns nicht, Alexander
Iwanowitsch: Wenn die, die zueinander gehren, sich herumstreiten, . . .
was soll dann berhaupt werden? . . .

                                * * *

Nun, kommen Sie zu Tisch! . . . Essen Sie mit uns zu Abend . . . Aber um
eins bitte ich: beim Essen kein Wort von alldem . . . Das ist ja alles
ziemlich traurig . . . Und Soja Sacharowna braucht davon nichts zu wissen:
sie ist auch so schon von alldem mde . . . Ich selbst bin auch schon
ordentlich ermdet . . . Alle sind wir mde . . . Das machen eben die
Nerven . . . Wir sind eben beide nervse Menschen . . . Also zu Tisch
. . . kommen Sie . . .

Gastfreundlich lockte der schimmernde Tisch.


Wieder war er da, der Traurige und Schlanke

Mehrmals lutete Alexander Iwanowitsch.

Mehrmals lutete Alexander Iwanowitsch vor dem Tor seines dsteren Hauses;
der Hausmeister ffnete ihm nicht; hinter dem Tor antwortete auf das Luten
nur Hundegebell; ein Hahn in der Ferne verkndete durch seine krhende
Stimme die Mitternacht; und -- schwieg dann; die 18. Linie schlngelte sich
hin, in die Tiefe, ins Leere.

berall war Leere.

Alexander Iwanowitsch empfand eigentlich etwas wie Freude: in der Tat, es
verschob sich in dieser Weise sein Eintreten in die dsteren Rume zwischen
den Wnden; hinter diesen Wnden hrt man die ganze Nacht Gerusche,
Knacken und Quieken. Und was die Hauptsache war: er mute, ehe er diesen
Raum betrat, im Dunkeln achtmal zwlf kalte Stufen berwinden; er zhlte
immer erst zwlf, dann machte er eine drehende Bewegung und zhlte wieder
ebenso viele.

Das machte er viermal hintereinander.

Zusammen also -- sechsundneunzig lauttnende, steinerne Stufen; dann blieb
er vor einer filzbeschlagenen Tr stehen; voll Angst mute er den
halbverrosteten Schlssel ins Loch stecken; ein Streichholz anzuznden war
gefhrlich: es konnte pltzlich die unglaublichsten Dinge beleuchten, wie
zum Beispiel eine Maus oder noch was anderes . . .

So dachte Alexander Iwanowitsch.

Deswegen verweilte er gern vor dem Tor seines Hauses.

Nun aber . . . --

      -- Jemand, ein Trauriger und Schlanker, den
      Alexander Iwanowitsch oft schon an der Newa gesehen
      hatte, zeigte sich in der Tiefe der 18. Linie. Diesmal
      trat er leise in den hellen Lichtkreis einer Laterne;
      es war aber, als ergo sich wehmtig helles, goldenes
      Licht aus seinem Antlitz, von seinen knochigen Fingern
      . . . -- So ist auch heute der unbekannte Freund erschienen.

Alexander Iwanowitsch erinnerte sich, da dieser liebe Bewohner der 18.
Linie einmal von einer alten Frau mit haubenfrmigem Strohhut mit lila
Bndern angerufen worden war.

Sie hatte ihn da Mischa genannt.

Alexander Iwanowitsch war jedesmal zusammengefahren, wenn der Schlanke und
Traurige im Vorbeigehen ihm seinen unaussprechlichen, allsehenden Blick
zugewandt; dabei hatten seine eingefallenen Wangen wei geschimmert. Nach
solchen Begegnungen an der Newa war es Alexander Iwanowitsch immer, als
hrte und hrte er nichts, als sehe und sehe er nichts.

Wenn er doch stehengeblieben wre! . . .

O, wenn er doch! . . .

O, wenn er ihn doch anhren wollte! . . .

Aber ohne zu sehen, ohne stehenzubleiben ging der Schlanke und Traurige
vorbei.

Deutlich verklangen seine Schritte. Alexander Iwanowitsch drehte sich um
und wollte ihm leise etwas sagen; er wollte den unbekannten Mischa leise
anrufen . . .

Aber der helle Kreis, in den Mischa soeben eingetreten war, schimmerte
leer; und niemand, nichts war dort zu sehen; nur der Wind pfiff, und in den
Pftzen spiegelte sich Licht.

Und die gelbe Lichtzunge der Laterne winkte herber.


Ein toter Strahl fiel durchs Fenster

So, so, so: dort standen sie, als er in der Nacht nach Hause zurckkehrte.
_Sie_ warteten auf ihn. Wer _sie_ waren, dies zu sagen war nicht gut
mglich: zwei deutliche Gestalten. Ein toter Strahl fiel durchs Fenster des
dritten Stocks; er legte sich wie ein fahler Schein auf die grauen Stufen
der Treppe.

Und unheimlich ruhig lagen in der vollstndigen Dunkelheit die fahlen
Lichtflecke -- ohne jeden Reflex.

In diesem fahlen Licht rankte auch das Treppengelnder; neben dem
Treppengelnder aber standen _sie_: zwei undeutliche Gestalten; sie lieen
Alexander Iwanowitsch passieren und blieben rechts und links von ihm
stehen; sie sagten nichts, rhrten sich nicht, bebten nicht; man fhlte nur
in der Dunkelheit einen bsen, zusammengekniffenen, festen Blick.

Sollte er sich ihnen nicht nhern, sollten er ihnen nicht die in seiner
Erinnerung aufgetauchte Beschwrung zuflstern?

Und unter diesem Blick in den fahlen Fleck treten zu mssen! Vom Mond
beschienen zu sein, whrend zwei sphende Augen auf ihn gerichtet sind;
dann hinter sich im Rcken die Augen zweier Spher zu fhlen, die jeden
Augenblick ihm etwas antun konnten; den Schritt nicht zu beschleunigen,
gleichgltig zu tun, zu hsteln!

Denn -- wrde er die Treppe rasch hinauflaufen, dann folgen ihm seine
Spher sofort.

Auf einmal wurden die weifahlen Flecke grau und zerflossen harmonisch; sie
lsten sich vollstndig in gnzliche Dunkelheit auf. (Ein schwarzer Knuel
schien vor den Mond getreten zu sein.)

Alexander Iwanowitsch nherte sich jetzt ruhig der vorhin weischimmernden
Stelle; er sah die Augen nicht mehr und folgerte daraus, da auch er von
den Augen nicht gesehen wird (der Arme: er hoffte, ungesehen in seine
Dachstube zu schlpfen). Er beschleunigte nicht seinen Schritt und begann
sogar -- an seinem Brtchen zu zupfen; und . . .

. . . Alexander Iwanowitsch hielt nicht stand.

Pfeilschnell rannte er ber die Stufen bis zum ersten Treppenabsatz (welche
Taktlosigkeit!). Als er den Treppenabsatz erreicht, tat er etwas, was ihn
vllig in den Augen der unten stehenden Gestalten herabsetzen mute.

Er rieb ein Streichholz, beugte sich ber das Treppengelandet und warf
einen erschreckten, verlorenen Blick in die Tiefe: die Eisenstbe des
Gelnders blitzten auf, und deutlich erblickte Alexander Iwanowitsch unten
die Silhouetten.

Wie gro war aber sein Erstaunen!

Eine der Silhouetten erwies sich einfach als der Tatare Machmudka, der im
Kellerraum des Hauses wohnte, und neben ihm stand ein ganz gewhnlicher
Mensch mit steifem Hut auf dem Kopfe und einer gebogenen, orientalischen
Nase; der Mann mit der orientalischen Nase schien Machmudka um eine
Auskunft zu bitten, worauf dieser verneinend den Kopf schttelte.

Dann erlosch das Streichholz, und Alexander Iwanowitsch konnte nichts
weiter sehen.

Doch verriet das brennende Zndholz seine Anwesenheit, und sofort ertnte
ein Scharren von Tritten auf den Stufen; und schon hrte Alexander
Iwanowitsch direkt vor seinem Ohr eine Stimme.

Entschuldigen Sie, sind Sie nicht Andrej Andreitsch Gorelski?

Nein, ich bin Alexander Iwanowitsch Dudkin . . .

Ja, dem falschen Passe nach . . .

Alexander Iwanowitsch fuhr zusammen, aber . . . er sah ein, da jetzt ein
Leugnen nutzlos wre.

Schn. Und was wnschen Sie? . . .

Ich bitte um Entschuldigung: ich komme zu Ihnen zum erstenmal in so
ungewhnlicher Stunde . . .

Bitte . . .

Diese Hintertreppe . . . Ihre Wohnung war geschlossen . . . Aber jemand
war drin . . . Ich beschlo, Sie beim Eingang zu erwarten . . . Diese
Treppe . . .

Wer ist in meinem Zimmer? . . .

Das wei ich nicht; mir antwortete eine Bauernstimme . . .

Stjopka! . . . Gott sei Dank, Stjopka ist dort . . .

Und was wnschen Sie? . . .

Verzeihen Sie, ich hrte soviel von Ihnen: wir haben gemeinsame Freunde
. . . Nikolai Stepanowitsch Lipantschenko, in dessen Hause ich wie ein Sohn
aufgenommen bin . . . Ich wollte Sie schon lngst kennenlernen . . . Ich
hrte, da Sie ein Nachtschwrmer sind . . . Deswegen hab' ich mir erlaubt
. . . Ich wohne eigentlich in Helsingfors und komme nur hier und da
hierher; meine Heimat ist der Sden . . .

Alexander Iwanowitsch leuchtete es sofort ein, da sein Gast log, und zwar
in ganz unverschmter Weise, denn genau dieselbe Geschichte war ihm schon
einmal passiert (wo und wann -- das konnte er sich im Augenblick nicht
vergegenwrtigen).

Nein, nein, nein: die Sache ist keinesfalls harmlos; doch durfte er nicht
verraten, da er das gemerkt hat; er sagte also in die Dunkelheit hinein:

Mit wem hab' ich die Ehre zu sprechen?

Ich bin der Perser Schischnarfijew . . . Ich hab' Sie schon fters gesehen
. . .

Schischnarfijew . . .

Wir waren heute zu gleicher Zeit dort, bei Lipantschenko. Ich sa dort
zwei Stunden und wartete, bis Sie mit Ihrer geschftlichen Angelegenheit
fertig waren, aber ich mute dann doch fortgehen, ehe Sie herauskamen
. . . Soja Sacharowna hatte mir vorher nichts von Ihrem Besuch gesagt. Ich
suchte schon lngst eine Gelegenheit, Sie zu treffen . . . Ich suche Sie
schon lngst . . .

Die letzten Worte riefen wieder in Dudkin eine Erinnerung wach, eine
schwache Erinnerung, wie im Schlaf: er fhlte sich angewidert, gelangweilt,
angedet . . .

Haben wir uns schon frher getroffen?

Ja . . . erinnern Sie sich nicht? . . . In Helsingfors . . .

Eine schon klarere Erinnerung tauchte jetzt in Dudkin auf; unerwartet fr
sich selbst zndete er wieder ein Zndholz an und hielt es direkt vor
Schischnarfijews Gesicht: die Wnde blitzten gelb auf, die Eisenstbe des
Gelnders schimmerten fr einen Augenblick metallisch; im flatternden
gelben Licht erblickte Alexander Iwanowitsch gerade vor sich das Gesicht
des Persers; zugleich fiel es Alexander Iwanowitsch ein, da er in der Tat
dieses Gesicht schon einmal in Helsingfors in einem Caf gesehen habe; und
auch damals schon verfolgte ihn der Fremde mit seinem unverwandt auf ihn
gerichteten Blick der forschenden Augen.

Erinnern Sie sich?

Alexander Iwanowitsch erinnerte sich noch, da gerade in Helsingfors -- ja
eben: gerade in Helsingfors hat seine Krankheit ihren Anfang genommen;
gerade in Helsingfors begann jenes mige, in ihn gleichsam von auen
eingedrungene Gehirnspiel.

Er erinnerte sich nun, da es gerade die Zeit gewesen war, in der er die
ganz paradoxe Idee vertreten hatte: die Kultur msse beseitigt werden, da
die bestehende geschichtliche Periode: die des Humanismus -- zu Ende
angelangt sei, und was von ihr noch brigblieb, sei nur ein verwitterter,
morscher Steinberrest; es beginnt die Periode der gesunden Tierinstinkte,
die sich von unten in dem Huligan- und Apachenwesen, oben, bei der
Aristokratie, in der Rebellion der Knste gegen das Althergebrachte wie in
der Zuneigung zu primitiver Kultur, zu allem Erotischen anzeigt; ja, selbst
die Bourgeoisie trat in die neue Bahn ein, die die orientalischen Moden,
die Negertnze, der Cake-walk, der Two-step und dergleichen mehr zeitigte;
Alexander Iwanowitsch predigte in jener Zeit die Verbrennung der
Bibliotheken, der Universitten, der Museen; er predigte auch noch die
Herbeirufung der Mongolen (doch spter bekam er vor den Mongolen Angst).
Alle Erscheinungen des modernen Lebens hatte er damals in zwei Kategorien
eingeteilt: zu der einen gehrten die Erscheinungen, die von einer
absterbenden Kultur sprachen die andere war das gesunde Barbarentum, das
sich jetzt noch unter der Maske der uersten Verfeinerung bergen mute
(Nietzsche, Ibsen), um unter dieser Maske das Chaos in die Herzen zu
pflanzen, das schon, heimlich, aus allen Seelen ruft . . .

Alexander Iwanowitsch war dafr eingetreten, da die Masken abgenommen und
dem Chaos freies Spiel gegeben werde.

Er erinnerte sich, damals im Caf in Helsingfors gerade dieses gepredigt zu
haben; und als ihn jemand gefragt, wie er sich zum Satanischen stelle,
hatte er zur Antwort gegeben:

Das Christentum ist berlebt: im Satanischen aber liegt ein groer
Fetischismus, das heit gesundes Barbarentum.

Gerade bei dieser Unterhaltung -- das erinnerte er sich jetzt -- hatte
abseits vor einem einsamen Tischchen Schischnarfijew gesessen und ihn
unverwandt angesehen.

Die Predigt des Barbarentums hatte ein sonderbares Ende gefunden (damals
schon, in Helsingfors): ja, es war ein vollstndiger Alpdruck gewesen: er
war nmlich (ob im Traum oder im Einschlafen, das wute er nicht) mit
rasender Schnelligkeit durch einen nicht zu definierenden, mglicherweise
zwischen den fernen Planeten sich befindenden Raum geschleift worden, wo an
ihm ein dort vielleicht blicher, von unserem Standpunkte aber sicherlich
brutaler Akt vollfhrt worden war; es war sicher alles ein Traum gewesen
(unter uns: was ist eigentlich ein Traum?), aber es war ein hlicher Traum
gewesen; der damals zum Abbrechen der Predigt gefhrt hatte; diesen Traum
hielt Alexander Iwanowitsch spter fr den Anfang seiner Krankheit, doch im
brigen -- liebte er es nicht, daran erinnert zu werden.

Da war es gewesen, wo er heimlich die Offenbarung zu lesen begonnen hatte.

Jetzt an der Treppe war fr ihn die Erinnerung an Helsingfors furchtbar.
Und er dachte:

Das war es also, warum sich mir in den letzten vierzehn Tagen immerzu das
Wort Helsingfors aufdrngte.

Schischnarfijew fuhr inzwischen fort:

Erinnern Sie sich?

Die Sache nahm eine hliche Wendung: er htte eigentlich unbedingt in sein
Zimmer flchten mssen, so rasch als mglich, die steinernen Stufen hinauf;
er sollte die Dunkelheit ausnutzen, ehe das phosphoreszierende Licht wieder
seine fahlweien Strahlen auf die Stufen wirft; doch von Grauen erfllt,
zgerte Alexander Iwanowitsch.

Schischnarfijew aber sagte wieder:

Sie werden mir also erlauben, zu Ihnen einzutreten? . . . Ich bin,
aufrichtig gesagt, etwas mde vom Warten . . . Ich hoffe, da Sie mir
meinen mitternchtlichen Besuch nicht belnehmen . . .

In einem Anfall unbewuter Angst schrie Dudkin heraus:

Bitte sehr! . . .

Fr sich aber dachte er:

Dort ist ja Stjopka, er wird mir helfen . . .

                                * * *

Alexander Iwanowitsch lief die Treppe voran; hinter ihm her lief
Schischnarfijew: die langen Reihen der Stufen schienen sie nicht blo in
den fnften Stock zu tragen, sondern in eine unendliche Hhe; die Treppe
schien kein Ende zu haben; umkehren war nicht mglich: hinter ihm her lief
Schischnarfijew, und vor ihm schlug ein Lichtstrahl aus einem Trspalt.

Alexander Iwanowitsch dachte:

Wie konnte Stjopka da hineingekommen sein: der Schlssel ist ja bei mir?

Durch einen Griff in die Taschen berzeugte er sich aber, da er sich
geirrt hatte: statt des Trschlssels hatte er den vom alten Reisekoffer
eingesteckt.


Petersburg

In vollstndiger Verwirrung betrat Alexander Iwanowitsch sein armseliges
Zimmer; vor einem brennenden Lichtstumpf kauerte Stjopka auf der Pritsche,
den buschigen Kopf tief ber ein Buch in altslawischem Druck gebeugt.

Stjopka las in einem Gebetbuch.

Alexander Iwanowitsch erinnerte sich, da er Stjopka gebeten hatte, das
Gebetbuch mitzubringen: er wollte darin das Gebet des groen Wassilij: die
Beschwrung des Teufels, nachlesen.

Du bist da, Stjopka, das freut mich!

Ich habe Ihnen das Geb . . . -- Nachdem er einen Blick auf den Gast
geworfen: Ich habe Ihnen das Gewnschte gebracht . . .

Ich danke dir . . .

Ich habe Sie erwartet und inzwischen darin gelesen . . . (Wieder ein
Blick auf den Unbekannten). . . Jetzt mu ich aber gehen . . .

Alexander Iwanowitsch fate Stjopka an der Schulter:

Geh nicht fort, bleib noch eine Weile . . . Dieser Herr da ist Herr
Schischnarfijew.

Dieser stand an der Tr; er hatte seinen Hut abgenommen, den Mantel aber
behielt er an und betrachtete das Zimmer mit fragenden Blicken:

Nicht sehr schn haben Sie es hier . . . Feucht ist es ein wenig . . . und
kalt . . .

Der Lichtstumpf brannte aus: das Papier, mit dem es an seinem Ende
umwickelt war, begann zu brennen, und pltzlich begannen die Wnde in
flieendem Rot zu tanzen.

                                * * *

Nein, Herr, bitte mich zu entlassen, ich mu gehen -- Er warf einen etwas
schielenden, feindseligen Blick auf Alexander Iwanowitsch, whrend er den
Gast berhaupt keines Blickes mehr wrdigte; -- lassen Sie mich gehen; ein
anderes Mal schon . . .

Er nahm das Gebetbuch an sich.

Unter Stjopkas scharfem Blick senkte Alexander Iwanowitsch unwillkrlich
den seinigen: ihm schien der scharfe Blick ein Blick des Vorwurfs zu sein.
Wie soll er sich jetzt Stjopka gegenber verhalten? Er htte ihm so gern
etwas gesagt; er hat wohl Stjopka beleidigt; Stjopka wird es ihm nicht
verzeihen; er glaubte Stjopkas Gedanken zu lesen:

Nein, Herr, wenn Sie _solche_ Besucher empfangen, da ist es nichts mehr
zwischen uns; und Sie brauchen dann auch kein Gebetbuch mehr . . . Solche
Leute suchen nicht einen jeden auf; und wen sie aufsuchen, der mu von
_derselben_ Sorte sein wie sie selbst . . .

Also -- also erkennt Stjopka in dem Gast eine verdchtige Person . . . Wie
sollte nun er mit ihm allein im Zimmer bleiben? . . .

Stepan, bleib doch hier.

Aber Stjopka machte eine abwehrende Bewegung, die etwas wie Ekel verriet.

Der Herr kommt doch zu Ihnen, nicht zu mir!

Die Tr hinter Stjopka fiel zu. Alexander Iwanowitsch wollte ihm erst
nachrufen, er solle doch das Gebetbuch dalassen, aber . . . er schmte
sich. Nun sollte er pltzlich das fr ihn, den Freigeist, kompromittierende
Wrtchen Gebetbuch aussprechen. Alexander Iwanowitsch nahm sich fest vor,
vor nichts, was auch kommen mag, zu erschrecken; denn alles, was jetzt
kommt, nachdem Stjopka das Zimmer verlassen hat, kann nur Halluzination des
Gesichts und des Gehrs sein. Die tanzenden roten Flammen an den Wnden
erstarben; alles wurde -- ein tdlich fahles Grn.

                                * * *

Mit einer Handbewegung lud er den Gast ein, auf der Pritsche vor dem
Tischchen Platz zu nehmen, selbst aber blieb er neben der Tr stehen, um
gegebenenfalls entschlpfen zu knnen, das Zimmer mit dem Besucher
abzusperren und selber ber alle sechsundneunzig Stufen hinunterzukollern.

Der Gast sttzte seinen Ellbogen aufs Fensterbrett, zndete eine Zigarette
an und begann zu plaudern; sein Profil zeichnete sich schwarz auf dem Fond
des durchs Fenster hereinstrmenden, grnlichen Lichtes; hinter dem Fenster
flog der Mond zwischen Wolken dahin . . .

Ich sehe wohl ein, da es nicht die rechte Stunde, in der ich zu Ihnen
gekommen . . . da ich Sie, wie es scheint, stre . . .

Das macht nichts, bitte sehr, versuchte Alexander Iwanowitsch den anderen
zu beruhigen, whrend er selbst der Beruhigung bedurfte und mit der Hand
heimlich hinter dem Rcken untersuchte, ob die Tr offen oder zugesperrt
sei.

Aber . . . Ich habe Sie so lange schon besuchen wollen, hab' Sie berall
gesucht, und als wir uns auch bei Soja Sacharowna verfehlt haben, bat ich
diese um Ihre Adresse; ich komme jetzt direkt von dort zu Ihnen und
beschlo auf Sie zu warten . . . Um so mehr, als ich morgen schon ganz frh
verreise.

Sie verreisen? fragte Alexander Iwanowitsch, denn es schien ihm, die
Worte seines Besuchers htten in ihm ein doppeltes Echo ausgelst: whrend
sein ueres Ohr die Worte Ich verreise ganz frh vernommen hatte, hrte
er mit einem anderen, inneren Ohr deutlich:

Ich verreise ganz frh am Morgen, um mit der Abenddmmerung zurckzukehren
. . .

Aber er bestand nicht auf der Beantwortung seiner Frage und fuhr fort, das
weitere mit seinem ueren Gehr aufzunehmen.

Ja, ich verreise nach Finnland, nach Schweden . . . Dort wohne ich; meine
Heimat ist aber -- Schemacha. Ich wohne eben in Finnland, weil das
Petersburger Klima, aufrichtig gesagt, auch fr mich schdlich ist.

Ein doppeltes Echo lste wieder dieses auch fr mich aus: das Klima von
Petersburg ist fr alle schdlich, es war nicht ntig, es zu betonen.

Ja, erwiderte Dudkin mechanisch, Petersburg befindet sich auf einem
Sumpf . . .

Ja, ja, ja . . . Fr das Russische Reich ist Petersburg ein sehr
bezeichnender Punkt . . . Nehmen Sie nur die Landkarte zur Hand . . .
Unsere Hauptstadt, die so reich von Denkmlern geschmckt ist, gehrt auch
zum Lande des Jenseits . . .

Oh, oh, oh! dachte Dudkin; nun heit es die Nase nach dem Winde halten,
um rechtzeitig fliehen zu knnen . . .

Laut aber erwiderte er:

Sie sagen: _unsere_ Hauptstadt . . . Doch nicht Ihre: Ihre Hauptstadt ist
ja nicht Petersburg, sondern Teheran . . . Ihnen, als einem Orientalen,
drften die klimatischen Verhltnisse unserer Hauptstadt . . .

Ich bin Kosmopolit: ich lebte ja schon in Paris und in London . . . Ja,
wovon sprach ich? -- da unsere Hauptstadt zum Land des Jenseits gehrt,
das pflegt man bei den Landkarten, Reisefhrern und dergleichen nicht in
Betracht zu ziehen; selbst der ehrenwerte Baedeker schweigt darber; der
bescheidene Provinzler, der nicht vorher aufmerksam gemacht wurde, gert
schon bei dem ersten Schritt vom Nikolaijewer oder Warschauer Bahnhof in
einen Sumpf; er hatte eben nur mit der realen Behrde gerechnet und hatte
es unterlassen, sich mit einem Schattenpa zu versehen.

Wie meinen Sie es?

Nun eben, ganz einfach: wenn ich in das Land der Papuas gehe, wei ich,
da ich im Land der Papuas auf Papuas stoen werde; ber diese
Naturerscheinung hat mich Herr Karl Baedeker rechtzeitig unterrichtet; aber
denken Sie, wie ich mich fhlen mte, wenn ich auf dem Wege nach Kirssanow
auf eine Horde schwarzer Papuas stiee (was brigens sehr bald in
Frankreich der Fall sein wird, da Frankreich in aller Stille die schwarzen
Horden bewaffnet, um sie nach Europa zu bringen): Sie werden das erleben,
brigens drfte es Ihren Wnschen sehr zustatten kommen; es pat ja so gut
zu Ihrer Theorie der Vertierung und der Kulturvernichtung: erinnern Sie
sich? . . . Ich hrte Ihnen damals im Helsingforser Kaffeehaus mit
Befriedigung zu.

Alexander Iwanowitsch fhlte sich immer unbehaglicher; es frstelte ihn;
besonders widerlich war es ihm, einen Hinweis auf die von ihm lngst
berwundene Theorie zu hren; er hat diese Theorie lngst als krankhaft
erkannt und verworfen; und nun jetzt, wo er sich wieder krank fhlt, tritt
sie ihm in so widerlicher Form entgegen.

Also, wo bin ich? Ja, die Papuas: die Papuas sind, sozusagen, erdgeborene
Wesen; die Biologie der Papuas, so primitiv sie auch ist, drfte Ihnen,
Alexander Iwanowitsch, nicht unbekannt sein. Mit einem Papua knnen Sie
schlielich und endlich sich irgendwie noch immer verstndigen; sagen wir
zum Beispiel etwa mit Hilfe des Schnapses; und dann: selbst in Papuasien
gibt es Rechtsinstitutionen, die unter Kontrolle des papuasischen
Parlaments stehen . . .

Alexander Iwanowitsch fiel das hchst befremdende Benehmen seines Gastes
auf, dessen Stimme sich pltzlich in hchst unpassender Weise von ihm
gelst hatte; und berhaupt verwandelte sich der unbeweglich auf dem
Fensterbrett sitzende Gast (oder betrogen ihn etwa seine Augen?) ganz
deutlich in einen Rufleck auf der mondbelichteten Fensterscheibe, whrend
seine Stimme, immer lauter werdend, den krchzenden Ton eines Grammophons
annahm, der Alexander Iwanowitsch unmittelbar ins Ohr hineintrommelte.

Der Petersburger Schatten aber ist nicht einmal ein Papua; die Biologie
der Schatten ist noch nicht erforscht. Sie werden sich nie mit dem Schatten
verstndigen knnen, seine Forderungen nie verstehen lernen; sobald Sie
Petersburger Boden betreten, schlpft der Schatten in Sie zugleich mit
allen mglichen Krankheitsbazillen hinein, die Sie mit dem Wasser aus den
Leitungen hinunterschlucken . . .

                                * * *

Vom Mond beschienen und mit phosphoreszierenden Flecken berdeckt, sa er
auf seinem schmutzigen Lager und ruhte von den Angstanfllen aus; da, hier
war sein Gast gesessen: der war jetzt nicht mehr da. Diese Angstanflle!
Drei-, vier-, fnfmal whrend einer Nacht; den Halluzinationen folgten
klare Augenblicke.

Jetzt war sein Bewutsein klarer wie der Mond dort hoch vor den seitwrts
dahinziehenden Wolken; und wie der Mond schien das Bewutsein hell und
belichtete die Seele, wie der Mond die labyrinthartigen Straenprospekte.
Weit nach hinten und nach vorn belichtete das Bewutsein die kosmischen
Zeiten und die kosmischen Fernen.

In jenen Fernen gab es nichts: keine Menschen, keine Schatten.

Und -- leer waren die Fernen.

In seinen vier einander perpendikulren Wnden kam er sich selbst wie ein
in den kosmischen Rumen eingeschlossener Gefangener vor; ein Gefangener,
der -- freier ist als alle anderen Menschen, fr den der winzige Raum
zwischen den vier schmalen Wnden dem ganzen Raum des Alls gleicht.

Einsam ist der Raum des Alls! Sein leeres Zimmer! . . . Das All ist der
letzte Besitz an Reichtmern . . . Das eintnige All! . . . Eintnig war
sein Zimmer schon immer gewesen . . . Die Wohnung eines Bettlers mu aber
prunkvoll erscheinen im Vergleich mit der Leere des Raumes im All.

                                * * *

Die Befreiung von den Dmmerzustnden wie eine Erholung empfindend, trumte
sich Alexander Iwanowitsch hoch ber alles Sinnliche der Welt hinweg.

Eine hhnische Stimme sprach:

Der Schnaps!

Das Rauchen!?

Die wollstigen Gefhle?

Befand er sich auch wirklich so hoch ber allem Sinnlichen der Welt?

Er senkte den Kopf: davon kommt alles: die Krankheit, die Angstzustnde,
die Schicksalsschlge -- von den schlaflosen Nchten, vom Rauchen, vom
Trinken.

Der Schnaps!

Pltzlich fhlte er einen schmerzhaften, scharfen Stich in seinem kranken
Backzahn; er drckte die Hand auf die Wange.

Seine Irrsinnsanflle erschienen ihm auf einmal in neuem Licht; er begriff
jetzt die Wahrheit dieses Irrsinns: er war nur die Botschaft seiner
erkrankten Sinnesorgane an das bewute Ich; nicht der persische Untertan
Schischnarfijew verfolgte ihn, sondern seine schwergewordenen Sinnesorgane
verfolgten sein _Ich_; und indem sich dieses _Ich_ vor ihnen zu retten
sucht, wird es zum _Nicht-Ich_, denn nur durch die Sinnesorgane kommt das
_Ich_ wiederum zu sich zurck; der Alkohol, der Tabak und die schlaflosen
Nchte untergruben seinen schwachen Krper; unser krperlicher Organismus
aber ist eng mit dem Raum verbunden; whrend der Organismus zu zerfallen
begann, bildeten sich auch Lcken im Raum; in die Spalten der Sinnesorgane
drangen Bazillen ein; das Rumliche aber, das immer den Krper umschliet
-- fllte sich mit Visionen . . . Zum Beispiel: Wer ist Schischnarfijew?
Ein Alpdrucktraum; dieser Traum aber ist eine Folgeerscheinung des
Alkohols; Schischnarfijew ist also nichts anderes als ein Stadium der
Alkoholvergiftung.

Du solltest nicht rauchen, nicht trinken, dann wrden deine Sinnesorgane
wieder ihren Dienst tun!

Er fuhr zusammen.

Heute hatte er jemand verraten. Wie konnte er es bersehen, da er jemand
verraten hatte? Er hatte ja zweifellos verraten: er hatte aus Angst Nikolai
Apollonowitsch an Lipantschenko ausgeliefert; deutlich erinnerte er sich
aller Einzelheiten des widerlichen Handels. Er hatte ohne zu glauben an
etwas geglaubt: das war Verrat. Ein noch grerer Verrter ist
Lipantschenko selbst; da Lipantschenko sie alle verriet, hatte er
eigentlich schon immer gewut, und doch verbarg er vor sich selbst dieses
Wissen (Lipantschenko bte eine besondere Macht ber seine Seele aus):
darin lag die Wurzel seiner Krankheit: im furchtbaren Wissen, da
Lipantschenko ein Verrter ist; das Trinken, Rauchen, das ausschweifende
Leben waren nur Folgen; und die Halluzinationen waren die letzten Glieder
der Kette, an die ihn Lipantschenko geschmiedet hielt. Warum tat es dieser?
Weil Lipantschenko wute, da ihm sein Verrat bekannt ist; nur weil
Lipantschenko wei, lt er ihn auch jetzt nicht los.

Lipantschenko hat seinen Willen geknechtet; er hat durch diese Knechtung
seines Willens den schrecklichen Verdacht, der alles aufdecken konnte,
abzuwenden gesucht; Lipantschenko ahnte, da in ihm, Dudkin, Mitrauen
erwacht war, und suchte durch eine engere Gemeinsamkeit dieses Mitrauen
einzudmmen, daher hatte er ihn keinen freien Schritt machen lassen; daher
hatte er ihn an sich gebunden; er hat in Lipantschenko seine Mystik
gegossen, dieser aber in ihn den Alkohol.

Alexander Iwanowitsch erinnerte sich deutlich der Szene im Arbeitszimmer
des Lipantschenko; der freche Zyniker und Schuft hatte es auch da
verstanden, ihn zu hintergehen; er sah jetzt deutlich vor sich den feisten
Hals des Lipantschenko mit der dicken, fetten Falte; dieser Hals hatte ihn
gleichsam frech verhhnt, bis Lipantschenko, seinen Blick auf dem Halse
fhlend, sich umgedreht hatte; dieser aufgefangene Blick war es aber, der
Lipantschenko alles gesagt hatte.

Damals hatte er mit seiner Einschchterungspolitik begonnen: er hatte ihn
berfallen und so alle Karten vermischt; er hatte einen tdlich
verletzenden Verdacht ausgesprochen und ihm dann einen Kompromi
vorgeschlagen: so zu tun, als ob er dem Verrat Ableuchows glaubte.

Und Dudkin hat es geglaubt!

Alexander Iwanowitsch sprang auf und ballte in hilfloser Wut die Fuste;
das war nun Tatsache, das ist nun geschehen.

Hier lag der Grund seines Alpdruckes.

                                * * *

Er erinnerte sich der ersten Begegnung mit Lipantschenko; der Eindruck war
wahrlich kein angenehmer gewesen; Lipantschenko hatte entschieden etwas
zuviel Interesse fr die Schwchen seiner Mitmenschen gezeigt. Dieser
plumpe Krper, diese stumpfsinnig zwinkernden uglein konnten wohl einem
Provokateur hheren Genres angehren, nicht aber . . .

Ein solcher konnte schon manchmal auch ganz einfltig erscheinen.

Gewrm . . . O, du Gewrm!

Je mehr er sich in Lipantschenko vertiefte, in die Betrachtung seiner
Krperteile, seiner Manieren, Gepflogenheiten, um so deutlicher sah er vor
sich: nicht einen Menschen, sondern -- eine Tarantel.

Und etwas Sthlernes drang ihm in die Seele:

Ja, ich wei jetzt, was ich zu tun habe.

Ein Gedanke erleuchtete ihn: alles wird so einfach enden; da es ihm nicht
schon frher eingefallen war! Nun ist es ihm klar, welche Mission er zu
erfllen hat.

Alexander Iwanowitsch lachte hell auf:

Dieser Wurm glaubte mich hintergehen zu knnen.

Da fhlte er wieder einen starken Stich im Zahn: aus seinen Trumereien
gerissen, griff er sich an die Backe; sein Zimmer, der kosmische Raum --
verwandelte sich wieder in eine armselige Dachkammer; das Bewutsein begann
zu erlschen (wie das Mondlicht in den Wolken); er wurde vom Fieber
geschttelt; seine Augenblicke fllten sich langsam mit ngsten und
Bangigkeit; er rauchte eine Zigarette nach der anderen, rauchte sie ganz
bis zum uersten Rand herunter . . .

Pltzlich aber . . .


Der Gast

Alexander Iwanowitsch Dudkin vernahm einen seltsamen knallenden Laut; der
knallende Laut kam von unten; dann wiederholte er sich (begann er sich zu
wiederholen) auf der Treppe: ein Schlag folgte dem anderen, mit Pausen
dazwischen. Wie wenn jemand mit aller Wucht ein riesengroes,
zentnerschweres Metallstck auf Stein warf; und diese auf Stein
niederfallenden Metallschlge stiegen immer hher, kamen immer nher.
Alexander Iwanowitsch begriff nun, da ein beltter die Treppenstufen
zerschlug. Er horchte, ob nicht aus irgendeiner Tr jemand herauskam, um
den nchtlichen Ruhestrer dingfest zu machen. Ist es aber auch wirklich
blo ein nchtlicher beltter?

Die Schlge auf der Treppe folgten einander; eine Steinstufe nach der
anderen wurde zermalmt; und die Steine flogen unter den wuchtigen Schritten
nach unten; dieses metallene, drhnende Etwas nherte sich hartnckig dem
dunkelgelben Dachzimmer; mit betubendem Gepolter rollten jetzt
vielhundertzentnerschwere Steinmassen ber die Stufen: zertrmmert sind
sie; und -- mit furchtbarem Knall lste sich auf einmal der Steinboden vor
der Tr:

Die Tr spaltete sich mit donnerndem Krachen und flog aus den Angeln; aus
der ghnenden ffnung ergossen sich melancholische Dsterkeiten wie
rauchige, tiefgrne Wolkenknule in die Kammer; von dem Stiegenraum her
flo Mondferne herein, und die Dachkammer schlo sich an die
Unermelichkeit an; mitten aber an der Trschwelle, zwischen den
zerrissenen Wnden, durch die die grnliche Unermelichkeit hereinsickerte,
stand pltzlich, den gekrnten, grnumwobenen Kopf tief gesenkt, den
schweren, grnumsponnenen Arm vorgestreckt, eine mchtige,
phosphorleuchtende Gestalt.

Das war -- der kupferne Gast.

Der metallene, matt schimmernde Mantel glitt schwer von den metallisch
blinkenden Schultern ber den geringelten Panzer; die aus Eisen gegossenen
Lippen bebten zweideutig, denn nun wiederholte sich das vergangene
Jahrhundert; jetzt, im selben Augenblick, in dem hinter der armseligen
Kammer die Wnde des alten Gebudes in die grnliche Unermelichkeit
strzten; und ebenso klaffte seine eigene Vergangenheit vor Alexander
Iwanowitsch auf; er rief:

Jetzt erinnere ich mich . . . Ich habe dich erwartet . . .

Der Riese mit dem kupfernen Kopf war im Fluge durch alle Zeitepochen
gezogen und schlo so den eisernen Ring bis zu diesem Augenblick ab;
Vierteljahrhunderte zogen dahin; Nikolai stieg auf den Thron; die
verschiedenen Alexander stiegen auf den Thron; Alexander Iwanowitsch aber,
der Schatten, hatte sich vergeblich bemht, den Ring zu berwinden: alle
Zeitepochen zu durchlaufen, indem er die einzelnen Tage, Jahre, Minuten
durchlief, indem er die feuchten Petersburger Prospekte durchwanderte --
trumend, wachend, sich in Sehnsucht verzehrend . . . Und hinter ihm her,
hinter allen anderen her klirrte das Metall, das die Existenzen zerschlug;
krachten die metallenen Schlge -- in leeren Fluten, in Drfern, in den
Stdten; donnerten unter den Haustoren, auf den ffentlichen Pltzen, auf
den Stufen der nchtlichen Haustreppen.

Es donnerten -- die Zeitepochen; ich habe dieses Donnern gehrt. Und du --
hast auch du sie gehrt?

Apollon Apollonowitsch Ableuchow ist -- ein Schlag auf Stein; Petersburg
ist -- ein Schlag auf Stein; die Karyatide dort vor dem Portal, die sich
bald lsen will -- ist wiederum derselbe Schlag auf Stein; unvermeidlich
ist die Verfolgung; und unvermeidlich sind -- die Schlge; du kannst dich
in deiner Dachkammer nicht verbergen; die Dachkammer ist Lipantschenkos
Werk; die Dachkammer ist eine Falle; einrennen mut du sie, einrennen
. . . durch Schlge auf Lipantschenko!

Dann wird sich alles wenden; unter den Metallschlgen, die den Stein
zerbrckeln, mu Lipantschenko in Stcke zerfallen; dann zerfllt auch die
Dachkammer und zerfllt auch Petersburg selbst; die Karyatide wird zu Staub
werden, und der nackte Schdel Ableuchows wird durch die Schlge, die
Lipantschenko treffen, tdlich getroffen.

Alles, alles erhellte sich jetzt fr ihn, als nach zehn Jahrzehnten der
kupferne Gast bei ihm erschien und mit laut tnender Stimme sagte:

Ich gre dich, mein Sohn!

Drei Schritte nur: ein dreimaliges Knattern der Bretter unter den Fen des
riesigen Gastes; mit seinem metallenen Hintern schlug der aus Metall
gegossene Kaiser laut klirrend auf den Stuhl auf; der grnumsponnene
Ellbogen, mit tnenden, glockenhnlichen Lauten sich vom Mantel befreiend,
fiel mit seiner ganzen kupfernen Schwere auf das billige Tischchen; und mit
langsamer, zerstreuter Bewegung griff der Kaiser vom Kopfe die kupfernen
Lorbeeren; klirrend fiel der kupferne Lorbeerkranz vom Haupt.

Klirrend und prasselnd zog die tausendzentnerschwere Hand die rotglhende
Pfeife hervor; und zwinkernd sprach er:

Petro Primo Catherina Secunca . . .

Er schob die Pfeife zwischen die starken Lippen, und der grne Rauch des
geschmolzenen Kupfers stieg in den Mondschein auf.

Da erst begriff Alexander Iwanowitsch, da er umsonst durch all die
Jahrzehnte gelaufen; da die Schlge hinter ihm ohne jeden Zorn gedonnert
haben; jene Schlge in den Stdten, Drfern, unter den Toren, auf den
Treppen; er war ein seit Ewigkeit Begnadigter; und alles Gewesene -- ebenso
wie das Kommende -- war nur ein visionres Durchwandern, bis zum
Trompetenruf der Erzengel.

Und -- er sank zu den Fen des Gekommenen:

Meister!

In den kupfernen Gesichtsfalten des Gastes leuchtete kupferne Melancholie;
gutmtig legte sich auf seine Schulter die steinzermalmende Hand, und
weiglhend brach sie ihm das Schlsselbein.

Macht nichts: sterbe nur, dulde . . .

Der metallene Gast, in tausendgradiger Hitze, im Mond glhend, sa jetzt
sengend vor ihm; ganz durchglht, blendend wei geworden, flo er ber den
gebeugten Alexander Iwanowitsch wie ein geschmolzener Eisenstrom; in
vollstndigem Wahn wand sich Alexander Iwanowitsch in der
tausendzentnerschweren Umarmung: der kupferne Reiter ergo sich mit seinem
Metall in seine Adern.


Die Schere

Herr, schlafen Sie?

In seiner bleiernen Bewutlosigkeit fhlte Alexander Iwanowitsch dumpf, da
ihn wer rttelte.

Herr, he? . . . Herr!

Endlich schlug er die Augen auf und versetzte sich in den dsteren Tag.

Aber Herr! . . .

Der Kopf neigte sich.

Was ist los?

Alexander Iwanowitsch merkte erst da, da er auf der Pritsche lag.

Die Polizei?!

Vor seinem Blick erhob sich ein Zipfel des heien Kissens.

Welche Polizei denn . . .?

Ein dunkelroter Fleck kroch auf dem Kissen dahin -- brr: in seinem
Bewutsein blitzte es auf:

Eine Wanze . . .

Er wollte sich auf den Ellbogen sttzen und sich erheben, verfiel aber
wieder in Bewutlosigkeit . . .

Herrgott, aber kommen Sie doch zu sich . . .

Alexander Iwanowitsch sttzte sich endlich auf den Ellbogen.

Bist du es, Stjopka?

Er erblickte ein aufsteigendes Dampfwlkchen; ein Dampfwlkchen aus einer
Teekanne; auf dem Tische sah er auch die Kanne und eine Tasse.

Ah, das ist schn, Tee.

Was schn! Sie fiebern ja ganz, Herr . . .

Mit Verwunderung sah Alexander Iwanowitsch, da er angekleidet war; er war
ja sogar im Mantel dagelegen.

Wieso bist du hier?

Ich bin zu Ihnen raufgekommen; es wird auf sehr vielen Fabriken gestreikt;
die Polizei berall, massenhaft. . . . Ich kam zu Ihnen rauf, hab' das
Gebetbuch mitgebracht.

Das Gebetbuch war aber schon bei mir.

Aber wo, Herr, das hat Ihnen nur getrumt . . .

Warst du nicht gestern hier gewesen?

Nein, Herr, Sie haben mich schon zwei Tage nicht gesehen.

Ich glaubte aber . . . Mir schien eben . . .

Was schien ihm?

Ich kam heute zu Ihnen rauf und sah Sie liegen; Sie sthnten, fieberten
ganz, wie im Feuer lagen Sie da.

Ich bin aber gesund, Stjopka.

Aber wo denn, gesund! . . . Ich hab' da fr Sie einen Tee gemacht; hier
ist auch Brot, ganz frisches; trinken Sie, vielleicht wird's doch besser.
Ja! So dazuliegen -- das ist doch nichts . . .

(Er erinnerte sich: In der Nacht war durch seine Adern eine kochende
Metallbrhe geflossen.)

Ja, ja, mein Lieber, in der Nacht habe ich ein ganz anstndiges Fieber
gehabt . . .

Das glaub' ich schon . . .

Ein Fieber von hundert Grad.

Sie werden einmal im Alkohol zu Tode gesotten . . .

In der eigenen Brhe? Ha--ha--ha . . .

Was meinen Sie? Man erzhlt: es hat einmal einen alkoholischen Menschen
gegeben, dem sind aus dem Mund weie Dampfwolken aufgestiegen . . . und er
war dann totgesotten . . .

Alexander Iwanowitsch lchelte ein bses, wehes Lcheln.

Sie haben sich schon den Teufel auf den Hals getrunken . . .

Die Teufel waren schon da, das ist wahr . . . Deswegen habe ich dich auch
um das Gebetbuch gebeten: ich will sie verjagen.

Sie werden sich auch noch die grne Schlange auf den Hals trinken . . .

Alexander Iwanowitsch lchelte wieder schief:

Ganz Ruland aber auch, mein Lieber . . .

Waas? . . . Trinkt sich die grne Schlange . . .?

Er dachte aber gleich:

Solltest doch lieber deine Zunge hten . . .

Das ist nicht wahr: Ruland steht unter Jesu Christi Schutz . . .

Du quatschst . . .

Sie quatschen selbst: Sie werden schon sehen . . . wenn Sie noch
weitertrinken, dann werden Sie einmal von _ihr_, von _ihr_ selbst geholt
. . .

Alexander Iwanowitsch schrak heftig zusammen.

Von wem?

Von . . . von . . . der _weien Frau_.

Da das Delirium tremens, das Stjopka mit der weien Frau meinte, auf den
Fersen war -- daran war nicht zu zweifeln.

Ach, weit du: wenn du doch in die Apotheke laufen . . . und mir ein
Chininpulverchen kaufen mchtest . . .

Das kann ich schon tun . . .

Aber nicht vergessen: salzsaures, kein schwefelsaures. Schwefelsaures
Chinin ist nur Verschwendung und hilft wei Gott nichts . . .

Ach, Herr, am Chinin liegt es nicht . . .

Fort mit dir! . . .

Stepan lief zur Tr und Alexander Iwanowitsch ihm nach.

Vergi auch nicht, Stjopuschka, mir bei dieser Gelegenheit auch etwas
Himbeersaft zum Tee zu kaufen.

Er dachte:

Himbeer ist ein gutes, schweitreibendes Mittel.

Mit raschen, flieenden Bewegungen trat er an die Wasserleitung; kaum hatte
er sich aber aus dem Hahn gewaschen, als in ihm wieder alles aufflammte,
die Grenze zwischen Delirium und Wirklichkeit verwischend.

Whrend er mit Stjopka gesprochen hatte, schien es ihm immerfort, hinter
der Tr lauere etwas: etwas ihm seit Ewigkeiten Bekanntes. Dort, hinter der
Tr? Und er lief hinaus; aber hinter der Tr sah er nur das Treppenhaus
sowie das Treppengelnder, das ber dem Abgrund hing. Hier blieb Alexander
Iwanowitsch angelehnt stehen; er schnalzte mit der vollstndig
ausgetrockneten Zunge, zitternd vor innerer Klte. Ein Geschmacksgefhl
reizte ihn, ein Kupfergeschmack; im Mund und auf der Zungenspitze.

Wahrscheinlich wartet es unten im Hofe . . .

Im Hof war aber niemand, nichts. --

Vergeblich suchte er berall, in allen versteckten Ecken, in den
Durchgngen (zwischen den Holzstapeln); silbern schimmerte der Asphalt;
silbern schimmerten die Ahornbltter; nichts, niemand, nichts . . .

Wo ist _es_ also?

Stjopka lief mit den gekauften Sachen vorbei; nun schlpfte er rasch, um
von Stjopka nicht gesehen zu werden, hinter einen Holzsto; pltzlich wurde
er von einem Gedanken erleuchtet:

_Es_ ist in einem metallenen Ort . . .

Was das fr ein Ort war und warum ein metallener? Darauf gab ihm sein im
Wirbel sich kreisendes Bewutsein keine erklrende Antwort. Umsonst
strengte er seine Gehirnzellen an: nichts deutete auf das in ihm frher
gewesene Bewutsein; eines blieb in der Erinnerung haften: es hat sich hier
ein anderes Bewutsein befunden; dieses andere Bewutsein hatte sehr klare
Bilder vor ihm entstehen lassen; in jener Welt, die keinesfalls unserer
hnlich war, befindet sich . . . _es_ . . .

Und . . . _es_ wird wieder erscheinen.

Mit dem Erwachen verwandelt sich jedes andere Bewutsein in einen unrealen,
mathematischen Punkt; am Tage also, im Wachsein, schrumpft _es_ zu einem
Bruchteil eines mathematischen Punktes zusammen; ein Punkt hat aber keine
Teile; also kann _es_ nicht gewesen sein.

Es blieb nur die Erinnerung an eine Erinnerungslosigkeit und an ein Etwas,
das einer Ausfhrung harrte, das kein Verschieben duldete; doch -- was war
es?

Eine Erinnerung an einen _metallenen Ort_ . . .

Eine Erleuchtung kam ber ihn: mit federnden, leichten Schritten eilte er
zu einer Straenecke, wo sich zwei Straen kreuzten; an dieser Straenecke
(das wute er) war ein Geschft, dessen Fenster ein Glanzflimmern
verbreiteten . . . Wo war aber das Geschft, und -- wo war diese
Straenecke?

Dort glnzten Gegenstnde.

Gibt es dort Metalle?

Diese sonderbare Passion!

Woher auf einmal diese sonderbare Passion bei Alexander Iwanowitsch?
Wirklich: an der Ecke glnzten Metalle: es war ein kleiner Laden, in dem
alle mglichen, billigen Metallgegenstnde: Scheren, Messer, Gabeln,
verkauft wurden.

Er trat in das Geschft ein.

Eine verschlafene Gestalt (wahrscheinlich der Eigentmer all dieser Sgen,
Messer, Bohrer) erhob sich hinter der Kasse und trat vor den Verkaufstisch,
auf dem verschiedene Stahlgegenstnde glnzten; der schmalstirnige Kopf
fiel eigentmlich schwer gegen die Brust; hinter der Brille verbargen sich
kleine, rtlichgraue uglein:

Ich mchte, ich mchte . . .

Da er nicht wute, was er wollte, berhrte er mit der Hand eine Sge; die
gab einen klirrenden Laut von sich: wss--wss--wss. Der Ladeninhaber
blickte mit seinen tief in den Hhlen sitzenden Augen den Kufer an:
Alexander Iwanowitsch ist ja ganz unerwartet fr sich selbst auf die Strae
gelangt; so wie er auf seiner Pritsche im Mantel gelegen war, kam er in das
Geschft; der Mantel war zerdrckt und mit Schmutz bedeckt; vor allem aber:
er hatte keinen Hut auf dem Kopf: das Gesicht mit berhngenden, wirren
Haaren konnte jeden erschrecken.

Deswegen sah ihn der Ladeninhaber mitrauisch, mit gefalteter Stirn an; mit
unberwindlichem Ekel in den ungemtlichen, von Natur aus schwer gebauten
Gesichtszgen starrte er unverwandt Dudkin an.

Wnschen Sie eine Sge?

Die scharf prfenden uglein aber sprachen wtend:

So--o--o! . . . Ein wahnsinnig gewordener Trunkenbold!

So schien es ihm.

Nein, keine Sge; mit einer Sge, wissen Sie, geht es nicht. Ich brauche
ein finnisches Messer, ein geschliffenes.

Doch der Ladeninhaber erwiderte grob:

Verzeihen Sie: wir haben keine finnischen Messer.

Die bohrenden Augen sagten gleichsam:

Wenn du ein Messer in die Hand bekommst . . . dann geschieht manches
Unheil . . .

Wenn sich die Lider gehoben htten, dann wren die scharf bohrenden uglein
zu einfachen Augen geworden; aber eine hnlichkeit berraschte Dudkin; eine
hnlichkeit -- denken Sie, mit wem? Mit Lipantschenko. Jetzt drehte ihm die
Gestalt den Rcken zu und warf ihm einen Blick zu, der selbst einen Ochsen
zu Boden gestreckt htte.

Es ist ganz gleich: geben Sie mir eine Schere . . .

Bei sich aber dachte Dudkin: Woher diese Wut in ihm? Woher diese
hnlichkeit mit Lipantschenko? Aber gleich darauf beruhigte er sich selbst:
Ach wo! Ist da berhaupt eine hnlichkeit?

Lipantschenko trgt keinen Bart, und dieser dicke Kerl hat einen runden
Vollbart.

Aber bei dem Gedanken an Lipantschenko fiel ihm pltzlich alles ein: alles
-- alles -- alles! Jetzt wute er ganz klar, warum er auf den Gedanken
verfallen war, in dieses Geschft zu gehen. Jetzt wute er, was er
vorhatte.

Vor der Schere stehend, begann er zu zittern:

Sie brauchen nicht einzuschlagen -- nein, nein . . . Ich wohne ganz in der
Nhe . . . Ich kann es so tragen, es geht auch so . . .

Mit diesen Worten nahm er die kleine Schere, die von eleganten Leuten zum
Ngelschneiden gebraucht wird, und steckte sie in die Tasche; dann lief er
aus dem Laden.

Mitrauisch, verwundert und erschreckt blickte ihm der quadratfrmige,
schmalstirnige Kopf mit dem vorstehenden Stirnknochen nach; der vorstehende
Stirnknochen ging im hartnckigen Wunsch auf, das Vorgefallene zu
verstehen; es um jeden Preis zu verstehen, koste es, was es wolle; zu
verstehen -- oder in Stcke zu zerfallen.

Doch der Stirnknochen vermochte es nicht zu verstehen; er war ja ein so
armseliger Stirnknochen: schmal, mit Querfalten; es war -- als weinte er.

                                * * *


Unermelichkeiten

Wir verlieen Nikolai Apollonowitsch in dem Augenblick, als Alexander
Iwanowitsch Dudkin, verwundert ber den aus Ableuchows Lippen pltzlich
hervorgebrochenen Redestrom, ihm die Hand drckte und in der schwarzen
Kopfbedeckungsflut untergetaucht war, whrend Nikolai Apollonowitsch da
wieder fhlte, da er sich zu dehnen begann.

Wir verlieen Nikolai Apollonowitsch in dem Augenblick, als die peinliche
Verkettung von Umstnden sich unerwartet glcklich gelst hatte.

Bis zu diesem Augenblick hatten sich vor ihm wie Felsenblcke allerlei
Visionen und gedankliche Ungetme getrmt; ganze Gaurissankare von
Geschehnissen drohten ber ihn niederzustrzen, und das alles hatte sich im
Laufe von vierundzwanzig Stunden vollzogen: das Warten im Sommergarten und
die unruhigen Schreie der Krhen; die Verkleidung in rote Seide; der Ball,
das heit: die gestreiften, glckchenbehngten Harlekine, die flammend
roten Narren, der gelbbucklige Pierrot und der sinnlos betrunkene, den
Mdchen Angst einflende Bajazzo -- diese ganze Harlekinade, die wie ein
Schreck durch die Sle dahingesaust war; die unbekannte himmelblaue Maske,
die knicksend getanzt und ihm knicksend ein Zettelchen zugesteckt hatte;
und dann -- dann seine schmachvolle Flucht aus dem Saal, fast bis zum Abort
an den Zaun, wo ihn das kleine rudige Mnnchen abgefangen hatte; endlich
Ppp, Pppowitsch, Ppp, das heit, die Sardinenbchse furchtbaren Inhalts,
die . . . noch immer . . . tickte . . .

Die Sardinenbchse furchtbaren Inhalts, geeignet, die ganze Umgebung in
einen einzigen blutigen Schlamm zu verwandeln.

Wir verlieen Nikolai Apollonowitsch bei dem Schaufenster eines Ladens; wir
verlieen ihn, weil zwischen uns und dem Senatorsohn Regentropfen
niederzufallen begonnen hatten; ein rieselndes Regennetz hatte sich zu
spinnen begonnen; hinter diesem Netz verloren alle schweren Gegenstnde,
die Huserkanten und Vorsprnge, die Karyatiden, Portale, die Karniese der
steinernen Balkons ihre deutlichen Konturen, verwischten sich allmhlich
und traten kaum, kaum hervor.

Man spannte Regenschirme auf.

Nikolai Apollonowitsch stand vor der Auslage und dachte daran, da es
keinen Namen fr diese Gemeinheit gebe; einer Gemeinheit, die
vierundzwanzig Stunden andauerte oder achtzigtausendsechshundert in der
Tasche dahinhpfende Sekunden: achtzigtausend Augenblicke bedeuten ebenso
viele Punkte in der Zeitlichkeit; kaum war ein Augenblick eingetreten, als
schon ber ihn Sekunden, Augenblicke, Punkte, hpfend, im Kreise verteilt,
herannahten und sich langsam in eine dehnbare kosmische Kugel verwandelten;
die Kugel zersprang immer wieder; der Fu glitt in die kosmischen Leeren
ber: der durch die Zeit Wandernde fiel in unbekannte Tiefen, vielleicht in
die kosmischen Rume, bis zu . . . einem neuen Augenblick; so waren
vierundzwanzig Stunden dahingegangen, achtzigtausend in der Tasche hpfende
Sekunden; jede von ihnen verpuffte: der Fu glitt in Unermelichkeiten
hinber.

Nein, es gibt keinen Namen fr diese Gemeinheit, nein!

Es war besser, nicht zu denken; aber -- irgendwo dachte _es_; vielleicht
kamen die Gedanken aus dem aufgequollenen Herzen; Gedanken, die nicht im
Kopfe, wohl aber im Herzen hausten; das Herz dachte; das Hirn aber fhlte.

Ganz von selbst entstand vor ihm der scharfsinnige, bis in Einzelheiten
ausgearbeitete Plan; ein fr den Urheber verhltnismig ungefhrlicher
Plan, aber ein um so gemeinerer, ja gemeinerer!

Wer hat diesen Plan ausgeheckt? Htte er, Nikolai Apollonowitsch, so etwas
zustande gebracht?

Nmlich:

In all diesen Stunden hpften vor seinen Augen, unabhngig von ihm selbst,
nadelscharfe Gedankensplitter, die in allen mglichen Farben irisierten,
wie Sternfunken und wie das lustige Klimbim des Weihnachtsbaumes
schimmerten: unaufhrlich versanken, flogen sie durch die einzige vom
Bewutsein erleuchtete Stelle und versanken wieder: aus dem Dunkel ins
Dunkle; bald wand sich vor ihm die Gestalt eines Clowns, bald galoppierte
der zitronengelbe Narr Petruschka durch die erleuchtete Stelle des
Bewutseins dahin -- aus dem Dunkel in das Dunkle -- das Bewutsein aber
beschien unparteiisch alle sich berstrzenden Bilder; und wenn sie
miteinander verschmolzen, verlieh ihnen das Bewutsein einen
erschtternden, unmenschlichen Sinn; Nikolai Apollonowitsch spuckte beinahe
vor Ekel.

Ideenarbeit?

Es war ja gar keine Ideenarbeit . . .

Es war nur feige Angst und tierische Empfindungen, das Bestreben, die
eigene Haut zu retten . . .

Ja, ja, ja . . .

Ich bin ein vollendeter Schuft . . .

Wir hatten schon gesehen, da auch der verehrte Herr Vater seinerzeit zu
genau demselben Schlu gekommen war.

                                * * *

Er war -- ein ausgemachter Schuft!

Nachdem er das begriffen, war sein erstes, auf die Wassiljewski-Insel zu
eilen, in die 18. Linie; eine schbige Droschke fuhr ihn dahin; mit
keuchender, wuterfllter Stimme flsterte er hinter dem Rcken des
Kutschers:

Ha! . . . So etwas! . . . Heuchler . . . Lgner . . . Mrder . . . Einfach
fr die eigene Haut . . .

Auf dieses laut emprte Flstern wandte sich der Kutscher um und fragte
etwas gergert:

Was ist?

Nichts . . . Gar nichts . . .

Der Kutscher dachte:

Ein sonderbarer Herr, wahrhaftig . . .

Nikolai Apollonowitsch pflegte, wie Apollon Apollonowitsch, mit sich selbst
zu reden.

Die Winde echoten:

Vatermrder!

Lgner!

Vllig auer sich sprang Nikolai Apollonowitsch aus der Droschke; an den
Holzstapeln vorbei durchflog er den asphaltierten kleinen Hof und gelangte
an die Hintertreppe, um ber die Stufen hinaufzurennen . . . weswegen --
das wute er allerdings nicht; wahrscheinlich aus Neugierde; um demjenigen
in die Augen zu blicken, der die ganze Sache -- durch die bergabe des
Pakets -- verschuldet hatte.

Hier stie er auf Alexander Iwanowitsch; alles andere wissen wir ja nun.

                                * * *

Es gibt keinen Namen fr diese Schndlichkeit, nein!

Ja, -- doch sein Herz, von all dem Geschehenen erwrmt, begann langsam zu
schmelzen; das eisigkalte Herzklmpchen wurde allmhlich wieder ein Herz;
erst hatte es sinnlos gepocht; jetzt pochte es mit bestimmtem Sinn; auch
pochten in ihm die Gefhle; diese Gefhle erbebten ganz pltzlich in ihm;
diese kleinen Erschtterungen erschtterten und verwandelten jetzt seine
ganze Seele.

Soeben noch trmte sich jenes Ungeheuer von einem Hause als ein
Massenhaufen steinerner Balkons ber der Strae; wre er ber die
gepflasterte Strae gelaufen, dann htte er mit der Hand seine steinerne
Ecke fassen knnen; aber es fing zu regnen an, und in dem Nebel begann
diese steinerne Ecke zu schwimmen.

So schwamm jetzt auch alles andere.

Es begann zu rieseln, und das Ungeheuer aus ineinandergreifenden Steinen
begann sich aufzulsen; nun erhebt es schon, aus dem Regen heraus -- in den
Regen hinein, seine leichten Spitzenkonturen, seine kaum merklichen Linien:
ein wahrhaftiges Rokoko: das Rokoko verschwindet dann in einem Nichts.

In nassem Glanz blinken die Fenster, die Vitrinen; aus den Dachrinnen
schiet ein Wasserstrahl hervor; auf die bleichen Trottoirs fielen von oben
dichte, lange Tropfen, die tdliche Trockenheit des Trottoirs nahm eine
dunkelbraune Farbe an; ein vorbeisausendes Gummirad spritzte Kot nach
beiden Seiten.

Und so ging es und ging es weiter . . .

Nikolai Apollonowitsch verschwand unter den aufgespannten Regenschirmen der
Passanten: die Prospekte schwammen in Dunst; es war, als schben sich die
Riesenkrper der Huser aus dem Luftraum in irgendeinen anderen,
unbekannten Raum; dumpf blinken von dort ihre Konturen herber, der
ineinander verworrenen Karyatiden, Spitzen, Mauern. Es schwindelte ihn: er
lehnte sich gegen ein Schaufenster; etwas zersprang in ihm, flog
auseinander; und -- vor ihm erstand ein Stck seiner Kindheit.

                                * * *

Er sieht seinen Kopf auf dem Scho der Gouvernante, der alten Nokkert,
ruhen; beim Lampenlicht liest die Alte:

   Wer reitet so spt durch Nacht und Wind?
   Es ist der Vater mit seinem Kind . . .

Pltzlich heulte der Sturm hinter den Fenstern auf; sicher wird das Kind
dort verfolgt; an der Wand zittert der Schatten der Gouvernante.

Und wieder . . .

Apollon Apollonowitsch -- klein, alt, grau -- lehrt Kolenka das
franzsische Contre-Danse; gleitend bewegt er sich, zhlt seine Schrittchen
und schlgt mit den Handflchen den Takt; er schreitet bald rechts, bald
links; er schreitet bald vorwrts, bald rckwrts; an Stelle der
begleitenden Musik rezitiert er laut und schnell:

   Wer reitet so spt durch Nacht und Wind?
   Es ist der Vater mit seinem Kind . . .

Dann richtet er seine haarlosen Augenbrauen auf Kolenka:

Wie ist also, mein Lieber, die erste Figur der Quadrille?

Alles andere war Nacht und Wind gewesen, denn die Verfolger hatten ihn
eingeholt: hatten das Kind aus den Armen des Vaters gerissen:

   In seinen Armen das Kind war tot . . .

Das ganze Leben nach jenem Augenblick erwies sich als ein Spiel der Nebel.
Das Stck Kindheit verschwand.

                                * * *

In nassem Glanz blinkten die Fenster, die Vitrinen, die Wasserrinnen; die
graubraune Nsse der Trottoirs glnzte; Gummirder spritzten Kot auf alle
Seiten. In der dunstigen Nsse verschwand Nikolai Apollonowitsch unter den
aufgespannten Regenschirmen der Passanten; es war, als schben sich die
Riesenkrper der Huser aus dem Luftraum in einen anderen, unbekannten
Raum; es blinkten von dort ihre Konturen herber, die ineinander verwobenen
Karyatiden, Spitzen, Mauern.


Die Kraniche

Nikolai Apollonowitsch wnschte sich in die Heimat zurck, in die Kindheit,
denn auf einmal begriff er es: er war -- ein kleines Kind.

Er mute _alles_, _alles_ von sich abstreifen, vergessen; er mute alles,
alles, wieder lernen, wie man es in der Kindheit einmal lernt; die alte
vergessene Heimat -- jetzt hrt er sie wieder. Und -- schon, schon hrte er
berall die Stimme der traurigen, aber doch lieben Kindheit, die lange
nicht mehr erklungene Stimme, die nun zu klingen begann.

Jener Stimme Laut?

Wie man in der Stadt den Schrei der Kraniche nicht hrt, so hrt man auch
diese Stimme nicht: hoch oben schweben die Kraniche; in dem Gepolter der
Stadt hren sie die Stdter nicht; sie aber fliegen, fliegen, ber die
Stadt dahin -- die Kraniche! . . . An irgendeiner Stelle, vielleicht auf
dem Newskij-Prospekt, bleibt im Lrm der dahinsausenden Droschken, unter
dem Schrei der Zeitungsverkufer, in vorabendlicher Stunde zur
Frhlingszeit ein Mann wie angewurzelt auf dem Trottoir stehen, ein
Bewohner der Felder, der zufllig in die Stadt gekommen war; er bleibt
stehen -- neigt den struppigen Kopf mit dem brtigen Gesicht auf die Seite
und redet dich an:

Tsss! . . .

Was ist's?

Aber er, der Bewohner der Felder, der zufllig in die Stadt gekommen war,
schttelt zur Antwort den struppigen Kopf und lchelt schlau-schlau:

Hren Sie nicht?

?

Horchen Sie doch! . . .

Aber was? Aber was denn?

Er aber seufzt:

Dort . . . rufen die . . . Kraniche . . .

Du horchst auch hin.

Erst hrst du rein nichts; dann aber hrst du von oben, aus den Fernen: ein
lieber, vergessener Laut -- ein besonderer Laut . . .

Dort schreien die Kraniche.

Ihr wendet beide die Kpfe nach oben. Ein dritter, ein vierter, ein fnfter
wendet den Kopf nach oben.

Erst sind alle von den kosmischen Fernen geblendet; nichts auer Luft
. . . Doch nein: es ist etwas da, auer der Luft . . . Durch das gnzlich
leere Blau sieht man etwas ziehen, etwas immerhin Bekanntes: nach dem
Norden . . . fliegen . . . die Kraniche . . .

Ein ganzer Ring von Neugierigen; alle Kpfe sind nach oben gewendet, das
Trottoir ist von Menschen versperrt; langsam schiebt sich der Gorodowoi
heran; und -- o nein, er bemeistert seine Neugierde nicht: bleibt stehen,
wirft den Kopf nach oben; er schaut.

Ein Murmeln:

Kraniche! . . .

Sie kehren wieder zurck . . .

Die Lieben . . .

ber den verfluchten Petersburger Dchern, ber dem Holzpflaster, ber der
Menge -- dieses Vorfrhlingsbild, diese bekannte Stimme! . . .

                                * * *

Ebenso -- die Stimme der Kindheit!

Man hrt sie nicht; aber -- sie sind da; der Ruf der Kraniche ber den
Straen von Petersburg: pltzlich hrt man ihn einmal! Ebenso die Stimme
der Kindheit.

So etwas wie diese Stimme vernahm auf einmal Nikolai Apollonowitsch.

Wie wenn ein trauriger Jemand, den Nikolai Apollonowitsch noch nie gesehen
hatte, um seine Seele einen lichten, durchdringenden Kreis beschrieben
htte und dann in seine Seele eingedrungen wre; durch die Seele drang das
helle Licht seiner Augen hindurch. Nikolai Apollonowitsch fuhr zusammen; es
dehnte sich etwas in seiner Seele, was bis dahin ganz zusammengeschrumpft
darin gelegen war; leicht flo dieses Etwas in die Unermelichkeit hinber;
ja, die Unermelichkeit war selbst da und sprach:

Ihr verjagt mich alle! . . .

Was, was, was? versuchte Nikolai Apollonowitsch zu horchen; die
Unermelichkeit sprach unentwegt:

Ich folge euch allen . . .

So sprach sie.

Nikolai Apollonowitsch sah sich verwundert um, als erwarte er, den Sprecher
vor sich zu erblicken; er erblickte aber etwas anderes, und zwar: eine
schwimmende Masse von Hten, Schnurrbrten, Kinnen; weiter zog sich nur
einfach der Prospekt hin; und in ihm schwammen Blicke, wie alles jetzt
schwamm.

Der neblige Prospekt erschien ihm auf einmal lieb und bekannt; ah -- ah --
ah! -- wie traurig war jetzt der Prospekt; und der Strom der Hte mit den
Gesichtern? Alle an ihm vorbeiziehenden Gesichter -- wie waren sie
nachdenklich und unaussprechlich traurig.

Den aber, der gesprochen hatte, erblickte er nicht.

                                * * *

Aber wer ist denn dort? Dort, auf der anderen Seite? Neben jenem
Riesenhause? -- unter den Steinmassen der Balkons?

Ja, dort steht jemand.

Genau so wie er selbst; auch vor dem Schaufenster eines Ladens; er steht
unter dem aufgespannten Regenschirm, einfach so . . . Ja, einfach so: oder
betrachtet er etwas? . . . Es scheint so -- sein Gesicht ist nicht zu
sehen. Was ist daran Besonderes? Steht er doch, Nikolai Apollonowitsch, auf
dieser Seite, einfach so, zu seinem eigenen Vergngen . . . _Jener_ steht
nun auch so: wie er, Nikolai Apollonowitsch, wie die anderen Passanten; er
ist ja auch nur ein Passant; und er ist auch lieb und traurig (wie alle
jetzt); er betrachtet etwas mit ganz unbefangener Miene: ich bin nichts
weiter als ein einfacher Jemand, mit einem Schnurrbart! . . . Nein --
glattrasiert . . . Seine Gestalt in dem Wintermantel erinnert -- doch an
wen? Winkt er nicht?

Einfach jemand mit einer Schirmmtze auf dem Kopf.

Wo war es doch nur frher schon einmal gewesen?

Sollte er nicht an ihn nher herankommen, an den lieben Eigentmer der
Schirmmtze? Der Prospekt gehrt ja der Allgemeinheit, wahrhaftig! Auf
diesem ffentlichen Prospekt ist fr jeden Platz . . . Er konnte einfach
hingehen -- sich die Sachen dort im Schaufenster ansehen. Dazu ist jeder
berechtigt.

Er konnte unbefangen neben dem anderen stehenbleiben, dann zufllig einen
flchtigen, wie zerstreuten, dabei aber aufmerksamen Blick werfen --

-- auf ihn!

Um sich zu vergewissern: wer er denn eigentlich sei?

Nein, nein, nein! . . . Um seine -- sicher erstarrten -- Finger zu berhren
und zu weinen vor dummem Glcksgefhl! . . .

Sich aufs Trottoir platt hinstrecken!

Ich bin -- krank, taub, belastet . . . Beruhige mich, Meister, beschtze
mich . . .

Und die Antwort zu bekommen:

Steh auf . . . und . . .

Gehe . . .

Begehe keine Snden . . .

                                * * *

Nein, er wird keine Antwort bekommen.

Gewi, er wird keine Antwort von dem Traurigen bekommen, denn es gibt jetzt
noch keine Antwort: die Antwort wird spter kommen -- in einer Stunde
vielleicht, in einem Jahr, in fnf Jahren; vielleicht noch spter -- in
hundert, in tausend Jahren; aber eine Antwort wird kommen! Jetzt aber wrde
der Traurige und Schlanke, den er nie vorher im Traum gesehen, der ein
Unbekannter, doch kein einfacher Unbekannter, sondern ein geheimnisvoller
Unbekannter war -- jetzt wrde dieser Traurige und Schlanke ihn nur ansehen
und den Finger auf den Mund legen. Ohne sich umzusehen, ohne
stehenzubleiben wrde er weiter durch den Straenschmutz gehen . . .

Und wrde in dem Straenschmutz verschwinden . . .

                                * * *

Aber ein Tag wird kommen.

Und all das wird sich in einem kurzen Augenblick ndern. Und alle
unbekannten Passanten -- alle, die im Augenblick der tdlichen Gefahr
aneinander vorbeigegangen waren (irgendwo in einem schmalen Gchen), alle,
deren unaussprechliche Blicke von diesem kommenden Augenblick gesprochen
hatten und die dann in der Unermelichkeit verschwunden waren -- alle, alle
werden sie sich finden!

Die Freude dieser Begegnung wird ihnen niemand nehmen.


Ich gehe einfach so . . . und stre niemand

Was ist das mit mir? dachte Nikolai Apollonowitsch, ich versank zu sehr
unrechter Zeit in Trumereien.

Es war keine Zeit zu verlieren . . . Die Zeit vergeht, inzwischen tickt die
Sardinenbchse noch immer. Das beste wre: an den Schreibtisch zu gehen,
das Ganze in ein Papier einschlagen, in die Tasche stecken und dann -- zur
Newa . . .

Er wandte bereits die Augen von dem Riesenbau, vor dem unter den steinernen
Balkons der Unbekannte mit aufgespanntem Regenschirm stand; wieder ergo
sich der dicke Krperbrei mit den vielen Fen an ihm vorbei -- der Brei
aus menschlichen Krpern, der hier immer flo, im Frhling, im Sommer, im
Winter: der Brei aus immer gleichen Krpern.

Aber er hielt es nicht aus und sah wieder hin.

Der Unbekannte hatte sich nicht vom Platz gerhrt; er wartete offenbar,
ebenso wie Nikolai Apollonowitsch; wartete, bis der Regen aufhrt;
pltzlich rhrte er sich, pltzlich schlo er sich dem Menschenstrom an;
den Paaren und den Gruppen; er verschwand hinter einem blanken, lackierten
Dreimaster; nur sein Regenschirm ragte hilflos hervor.

Du solltest dich abwenden und weitergehen! Hol' ihn der Kuckuck, den
Unbekannten, was geht er dich an?

Kaum hatte er es gedacht, tauchte die Schirmmtze, die ihn so gefesselt
hatte, hinter dem blanken Dreimaster und den sich rasch vorbeiziehenden
Schultern wieder auf; in Gefahr, unter eine Droschke zu kommen, lief der
Unbekannte quer ber die Strae; komisch streckte er seinen Regenschirm
vor, den der Wind ihm aus der Hand zu reien drohte.

Wie sollte er sich jetzt abwenden? Wie jetzt fortgehen?

Was will er? dachte Nikolai Apollonowitsch und war, unerwartet fr sich
selbst, darber verwundert.

Ah, so sieht er also aus!

In der Nhe verlor der Unbekannte sehr an Interesse; aus der Entfernung
hatte er imposanter ausgesehen; geheimnisvoller, trauriger; seine
Bewegungen waren langsamer.

He! bitte: er sieht ja ganz idiotisch aus! Diese Mtze, nein diese Mtze!
Wie er auf seinen Kranichbeinen dahintrippelt! Die Sche des schbigen
Mntelchens flattern hin und her, der Schirm mit Lchern, und die
Gummischuhe sind viel zu gro . . .

Nikolai Apollonowitsch empfand etwas wie Feindseligkeit gegen den Fremden;
erst wollte er ihn vorbeilassen, dann nderte er seine Taktik und rhrte
sich nicht vom Platz, um dem anderen nicht etwa den Weg frei zu, machen; so
stieen sie direkt aufeinander; Nikolai Apollonowitsch machte eine
erstaunte Miene, der andere zeigte sich gleichgltig; sonderbar: die
durchfrorene, groe Hand (mit Gnsehaut bedeckt) berhrte die Mtze; eine
hlzerne, heisere Stimme hmmerte entschlossen:

Ni--ko--lai A--pol--lo--no--witsch!! . . .

Da erst merkte Nikolai Apollonowitsch, da der Unbekannte, der ihn fast
berrannt hatte (offensichtlich ein gewhnlicher Kleinbrger), um den Hals
einen Verband trug (wahrscheinlich eines, Furunkels wegen, die ja
gewhnlich dort ihren Sitz nehmen, wo sie am meisten strend empfunden
werden: am Hals, am Schulterblatt oder an einer nicht nher zu
bezeichnenden Stelle! . . .).

Doch seine Betrachtungen ber die tckischen Eigenschaften der Furunkel
wurden unterbrochen:

Sie scheinen mich nicht zu erkennen!

(Ei, ei!)

Mit wem hab' ich die Ehre? hatte schon Nikolai Apollonowitsch mit etwas
beleidigter Miene begonnen, aber er sah aufmerksamer den Unbekannten an,
ri dann pltzlich den Hut vom Kopfe und rief mit entstelltem Gesicht:

Nein . . . Sind Sie es wirklich? . . .

Gewi, in dem zuflligen Passanten, der wie ein Bettler aussah, war nicht
leicht Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin zu erkennen; denn erstens war
jetzt Lichutin in Zivilkleidung, die ihm ungefhr so pate wie der Kuh ein
Sattel; und dann -- sieh mal einer her! -- war Ssergeij Ssergeijewitsch
Lichutin bartlos. Das war die Hauptsache: an Stelle des welligen runden
Bartes trat ein unangebrachtes, ein wenig unsauberes Nichts hervor; und --
was ist nur mit dem Schnurrbart geworden? Diese haarlose Stelle zwischen
Nase und Lippe war es eben, die das wohlbekannte Gesicht zu einem vllig
fremden, zu einem unangenehmen Nichts machte.

Das Verschwinden des eigens Lichutin gehrenden Bartes, des eigens Lichutin
gehrenden Schnurrbartes verlieh dem Leutnant den erschtternden Ausdruck
eines Idioten:

Nein, entweder versagen meine Augen . . . oder . . . Sie scheinen,
Ssergeij Ssergeijewitsch . . .

Ganz richtig: ich bin in Zivil . . .

Das mein' ich nicht, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Das nicht . . . Nicht
das erstaunt mich . . . es ist aber immerhin etwas erstaunlich . . .

Was ist erstaunlich?

Sie haben sich ganz verwandelt, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Ich bitte
Sie vielmals um Verzeihung . . .

Das sind Kleinigkeiten . . .

O, gewi . . . Ich sage es nur so . . . Ich wollte nur sagen, da Sie sich
den Bart abgenommen haben . . .

Was ist dabei? sagte etwas gereizt Lichutin, Den Bart abgenommen! Warum
auch nicht? . . . Ja, ich habe mir den Bart abgenommen . . . Diese Nacht
habe ich nicht geschlafen . . . Warum drfte ich mir da nicht den Bart
wegrasieren? . . .

In der Stimme des Leutnants Lichutin klang seltsamerweise eine gewisse
Erbostheit, eine Rauheit, die mit dem bartlosen Gesicht wenig harmonierte.

Ja, ich habe mich rasiert . . .

Natrlich, natrlich . . .

Hol's der Kuckuck! regte sich noch immer Lichutin auf, Ich quittiere
eben den Dienst . . .

Warum quittieren Sie? . . . Wieso? . . .

Aus privaten Grnden, die nur mich allein angehen . . . Uns gehen diese
Lappalien nichts an, Nikolai Apollonowitsch . . . Uns gehen unsere privaten
Angelegenheiten nichts an . . .

Hier rckte Leutnant Lichutin nher an Ableuchow heran.

brigens gibt es Angelegenheiten, die . . .

Mit dem Rcken die Vorbergehenden stoend, begann Nikolai Apollonowitsch
zurckzuweichen.

Es gibt Angelegenheiten, Ssergeij Ssergeijewitsch, die . . .?

Angelegenheiten, die, mein Herr . . .

In der heiseren Stimme des Leutnants merkte Nikolai Apollonowitsch deutlich
unheimliche Noten; es schien ihm, als bemhte sich der Offizier, seine Hand
zu erhaschen.

Sie sind erkltet? nderte Ableuchow brsk das Thema und stieg vom
Trottoir herunter; zur Erklrung seiner Worte berhrte Ableuchow seinen
eigenen Hals und deutete damit auf den Halsverband des Offiziers hin, auf
eine mgliche Halsentzndung oder Grippe.

Ssergeij Ssergeijewitsch aber wurde rot, sprang schnell vom Trottoir
herunter und bemhte sich um jeden Preis, an Ableuchow heranzukommen, um
. . . um . . . um . . . Ein paar Passanten blieben stehen und sahen zu:

Ni--ko--lai Apol--lono--witsch! . . .

?

Ich habe Sie wahrhaftig nicht deswegen eingeholt, damit Sie -- von dem
Hals . . . und wei der Teufel wovon reden . . .

Es blieb ein dritter, dann ein fnfter, ein zehnter Passant stehen, wohl in
der Meinung, da ein Taschendieb gefangen wurde.

Das gehrt gar nicht zur Sache . . .

Ableuchows Aufmerksamkeit war aufs uerste geschrft, er dachte bei sich:

So--so--so? . . . Was gehrt denn eigentlich zur Sache?

Lichutin ausweichend, befand er sich nun wieder auf dem Trottoir.

Um was handelt es sich also?

Wo war nur sein Gedchtnis?

Die Angelegenheit mit dem Offizier schien ernst zu werden. Ja: der Domino!
Zum Teufel! Er hatte die Geschichte mit dem Domino gnzlich vergessen;
jetzt erst fiel sie ihm wieder ein.

Es gibt was, es gibt was . . .

Sofja Petrowna Lichutina hat sicher ber den Vorfall im dunklen Entree und
vorher am Kanal geplaudert.

Das ist wohl die Angelegenheit, mit der ihn Lichutin jetzt bedrngte.

_Das_ hatte noch gefehlt . . . Ach, zum Teufel, auch das noch jetzt, auch
das noch . . .

Pltzlich wurde alles ganz trb.

Der Hutstrom wurde dunkel; rachschtig glnzten die Zylinder; wieder sprang
die Kleinbrgermasse berall vor; in Mengen zogen Nasen vorbei: Adlernasen,
Hahn- und Hhnernasen, grnliche, blaurote und mit Warzen geschmckte;
ausdruckslose, eilige, groe Nasen.

Vor Lichutins Blick ausweichend berflog Nikolai Apollonowitsch sie alle
mit den Augen und wandte sich dann dem Schaufenster zu.

Inzwischen hatte Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin sich Ableuchows Hand
bemchtigt und hielt sie, halb drckend, halb knetend, in der seinen;
whrend sich allmhlich ein Kreis von Neugierigen um sie versammelt hatte,
trommelte seine hlzerne Fistel unaufhaltsam weiter:

Ich . . . ich . . . ich . . . erlaube mir, Ihnen zu versichern, da ich
. . . Sie schon seit dem Morgen . . .

?

Ich suche Sie . . .

War schon berall -- auch in Ihrer Wohnung . . . Wurde in ihr Zimmer
gefhrt . . . Bin dort lange gesessen . . . habe einen Zettel hinterlassen
. . .

Ach, wie rgerlich . . .

Aber, unterbrach ihn der Offizier, die Angelegenheit ist sehr wichtig,
ein unaufschiebbares, geschftliches Gesprch . . .

So? Nun beginnt es, hpfte es durch Ableuchows, Kopf, und er erblickte
zugleich im groen Fenster sein Spiegelbild zwischen Schirmen, Stcken,
Handschuhen und allerlei hnlichen Dingen.

Inzwischen heulte und tanzte durch den Newskij-Prospekt der kalte Wind, und
die Regentropfen fielen wie Schrotkerne auf die Schirme, auf die ernst
gebeugten Rcken, raunten und flsterten und bergossen die Haare und die
erstarrten Hnde der Kleinbrger, der Arbeiter, der Studenten mit ihrem
kalten Na.

Ich habe eine Angelegenheit mit Ihnen . . . Ich will sagen -- eine Sache,
die keine Verzgerung duldet, die aufgeklrt werden mu; ich forschte
berall nach, wo ich Sie treffen knnte; zu diesem Zwecke besuchte ich auch
. . . wie heit sie nur? . . . unsere gemeinsame Bekannte -- Warwara
Ewgrafowna . . .

Ssolowjowa? . . .

Ganz richtig . . . Mit Warwara Ewgrafowna hatte ich eine sehr unangenehme
Auseinandersetzung -- Ihretwegen . . . Sie verstehen mich? . . . Um so
schlimmer . . . Wovon sprach ich aber? . . . Ja, diese Warwara Ewgrafowna
Ssolowjowa (die habe ich brigens eingesperrt) gab mir die Adresse eines
Ihrer Freunde . . . Dudkin, glaube ich. Es ist brigens gleich . . . Ich
ging nun nach dieser Adresse; aber gerade whrend ich den Hof betreten
hatte, sah ich Sie aus dem Hause kommen. Sie liefen eilig weiter, und Sie
waren nicht allein; mit Ihnen war ein mir unbekannter Herr . . . Lassen Sie
es: Nomina sunt odiosa . . . Sie sahen sehr erregt aus, der Herr aber
. . . der Herr . . . Nomina sunt odiosa . . . sah krnklich aus . . . Ich
wollte Ihre Unterhaltung mit dem Herrn nicht stren . . . Verzeihung, Sie
knnen den Namen des Herrn durchaus fr sich behalten . . .

Ssergeij Ssergeijewitsch, ich . . .

Warten Sie! . . . Ich traute mich nicht, Ihre Unterhaltung zu stren,
obwohl ich Sie -- aufrichtig gestanden -- mit solcher Mhe gefunden hatte
. . . Nun also, ich folgte Ihnen; natrlich in gewisser Distanz, um nicht
zufllig Ohrenzeuge Ihres Gesprchs zu werden: ich liebe es nicht, die Nase
in fremde Angelegenheiten zu stecken, Nikolai Apollonowitsch . . . Aber
davon spter . . .

Hier wurde Lichutin nachdenklich, er sah sich, wei Gott warum, um und
verlor sich mit dem Blick in der Ferne des Newskij-Prospektes.

Ich verfolgte Sie . . . bis zu dem Platz dort . . . Sie unterhielten sich
immerzu miteinander . . . Ich folgte Ihnen und rgerte mich ein wenig,
offen gesagt . . . -- Halt! -- unterbrach er pltzlich seinen Wortergu
-- hren Sie nichts?

Nein . . .

Tsss . . . Horchen Sie . . .

Aber was eigentlich? . . .

Ein Ton . . . Ein U-Ton . . . Dort . . . Von dort kommt er . . .

Nikolai Apollonowitsch wandte den Kopf; merkwrdig: wie eilig die Droschken
pltzlich vorbeirasten, und alle in eine Richtung; die Fugnger
beschleunigten die Schritte (und stieen die beiden immerfort); manche
drehten sich um und sahen zurck; sie stieen dabei auf die
Entgegenkommenden; das Gleichgewicht des Verkehrs war gestrt worden.
Nikolai Apollonowitsch sah auf alle Seiten und hrte Lichutin gar nicht zu.

Sie blieben dann schlielich allein und lehnten gegen eine Vitrine; da
begann es auch zu regnen . . . Ich lehnte mich auch auf der anderen Seite
der Strae gegen eine Vitrine . . . Sie sahen mich fest an, taten aber, als
merkten Sie mich nicht.

Ich erkannte Sie nicht . . .

Ich grte Sie aber . . .

Also, dachte gergert Ableuchow, er verfolgt mich . . . Er will mich
. . .

Was wollte er?

Vor etwa zweieinhalb Monaten hatte Nikolai Apollonowitsch von Lichutin ein
Briefchen bekommen, in dem dieser ihn sehr eindringlich bat, die Ruhe
seiner heigeliebten Gattin nicht zu stren. Das geschah nach der Szene an
der Brcke; einige Stze in diesem Briefchen waren zweimal unterstrichen,
und auf dem Ganzen lag ein ernster Hauch, ein Zugwind aus Worten, knnte
man sagen, wobei es nicht an dem Inhalt der Worte lag, sondern berhaupt
. . . Und in seiner Antwort hatte Nikolai Apollonowitsch zugesagt . . .

Er hatte ein Versprechen gegeben und es -- gebrochen.

Was ist das nur?

Zusammengedrngt blieben auf einmal die Passanten auf den Trottoirs stehen;
auf dem breiten Prospekt war pltzlich keine Droschke zu sehen; weder das
eilige Klatschen der Gummirder noch das helle Aufschlagen der Pferdehufe
aufs Pflaster war zu hren; die vorbergesausten Droschken bildeten am Ende
der Strae, in der Ferne, eine unbewegliche schwarze Masse, whrend sie
hier eine holzgepflasterte Leere hinterlieen, in die der pfeifende Wind
kaskadenartig hpfende Schwrme rastloser Tropfen schleuderte.

Sehen Sie doch nur hin!

Wie merkwrdig, wie merkwrdig! . . .

Aus der Ferne des Prospektes, von dort, wo er leer und rein war, zwischen
den zwei schwarz wimmelnden Trottoirs, durch die jetzt ein anwachsendes,
tausendstimmiges Summen (hnlich wie in einem Wespennest) kam, sauste eine
Droschke heran; in gebckter, halb sitzender Stellung hielt dort ein
bartloser Herr, ohne Hut, mit zerzausten Haaren, eine lange, schwere Stange
mit den Hnden umklammert; ein an der Stange befestigtes groes rotes Tuch
durchschnitt mit leichtem Pfeifen die Luft; indem es sich in der kalten
weiten Leere wellenfrmig wand, krmmte und seine zungenartigen Enden
vorstreckte; merkwrdig war dieser Flug der roten Flagge durch den leeren
Prospekt; als aber der Wagen mit dem fliegenden roten Tuch vorber war,
gerieten die steifen Hte, Dreimaster, Zylinder, Schirmmtzen, Federhte
und die buschigen, mandschurischen Mtzen auf den Trottoirs in Bewegung; es
entstand ein Wogen, ein Stampfen von Fen, ein Stoen von Ellbogen, und
pltzlich ergo sich die schwarze Menge von den Trottoirs auf die Mitte des
Prospektes; aus den zerrissenen Wolken sandte die blasse Sonnenscheibe fr
einen Augeblick gelbliches Licht auf die Huser, die Spiegelscheiben, die
lackierten Schirmmtzen; der Sturm war mit seinem tollen Tanz zu Ende. Der
Regen hatte ausgeweint.

Die Menge ri auch Ableuchow und Lichutin mit sich; sie wurden vom Trottoir
geschoben und durch ein paar krftige Ellbogen voneinander getrennt;
Nikolai Apollonowitsch wollte die Gelegenheit benutzen, um eine Droschke zu
erreichen und nach Hause zu fahren, ohne auf die Auseinandersetzung mit
Lichutin einzugehen: denn zu Hause lag noch immer . . . die Bombe im
Schreibtisch und . . . tickte! Solange sie noch nicht in der Newa lag,
konnte er ja nicht ruhig sein!

Er wurde fortwhrend von den Dahinstrmenden gestoen: aus den Geschften,
den Friseurlden, Husern, aus den Querstraen ergossen sich immer neue
Bche in den Menschenstrom; und immer wieder fluteten Teile dieses Stromes
in die Huser, Lden, Friseurlden, Querstraen zurck, ein Heulen,
Brllen, Stoen: mit einem Wort -- eine Panik; ber den Kpfen in der Ferne
breitete sich pltzlich etwas wie Blut: aus den schwarzen Massen erhoben
sich kochend rote Zungen, wie Flammen und wie Hirschgeweih.

Und nun -- ach wie rgerlich!

Durch zwei -- drei Schultern von ihm getrennt erblickte er die verhate
Mtze und zwei besorgte Augen, die nach ihm sphten; Leutnant Lichutin hat
ihn auch im Gedrnge nicht aus den Augen gelassen; gerade als sich
Ableuchow von ihm befreit glaubte, suchte dieser ihn durch die Menge wieder
zu erreichen.

Da wir uns nicht verlieren, Nikolai Apollonowitsch; ich werde mich
brigens schon an Sie halten.

Natrlich, dachte nun vollstndig berzeugt Nikolai Apollonowitsch, der
verfolgt mich; ich werde mich von ihm nie mehr frei machen knnen . . .

Und er suchte sich durchzudrngen, um nur einen Wagen zu erreichen.

Hinter der Menge her, ber den Kpfen und dem Stimmengewirr flatterten die
Fahnen wie flieende Zungen und wie flieende Helligkeiten; pltzlich aber
blieb alles -- Fahnen, wehende Flammen -- still, alles erstarb; es ertnte
Gesang, deutlich und klar.

Nikolai Apollonowitsch erreichte endlich eine Droschke; schon hatte er den
Fu auf das Trittbrett gesetzt und war im Begriff, dem Kutscher zuzurufen,
so rasch als es die Menge erlaubte, wegzufahren, als er an der Schulter
ber eine fremde Schulter hinweg, von einer Hand gefat wurde; es war der
Offizier; wie angewurzelt blieb Ableuchow stehen; Gleichgltigkeit
simulierend, sagte er mit gezwungenem Lcheln:

Eine Manifestation! . . .

Ganz einerlei: ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen . . .

Ich . . . wissen Sie . . . Ich bin ganz mit Ihnen einverstanden . . . Wir
mssen etwas miteinander erledigen . . .

Pltzlich kam von irgendwoher ein zerrissenes Knattern; in einzelne Teile
zerrissen fiel dieses Knattern in der Ferne, aber sofort begannen die ber
den Kpfen flatternden Helligkeiten hin und her zu schwanken; der rote
Fahnenwirbel geriet in heftige Bewegung, und bald sah man die roten Zungen
vereinzelt an verschiedenen Stellen zaghaft zappeln.

Dann wollen wir in ein Caf, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Sie haben doch
nichts gegen ein Caf?

Wieso in ein Caf? entrstete sich Lichutin.

Ich bin nicht gewohnt, an solchen Orten ernste Besprechungen zu haben
. . .

Aber wo denn, Ssergeij Ssergeijewitsch? . . .

Ich denke . . . Sie wollten ja eine Droschke nehmen, dann fahren wir
zusammen in meine Wohnung . . .

Der Ton dieser Worte war offensichtlich geheuchelt; Nikolai Apollonowitsch
bi sich fast bis zum Bluten auf die Lippen.

Nach Hause, nach Hause . . . Wie konnte er das? Das hiee ja unter vier
Augen dem Offizier ber sein Benehmen gegen Sofja Petrowna Rechnung geben;
das hiee dem beleidigten Gatten vielleicht sogar in Anwesenheit Sofja
Petrownas wegen des Wortbruches Genugtuung geben . . . Es war klar: es
konnte sich nur um eine Falle handeln . . .

Ich glaube aber, Ssergeij Ssergeijewitsch, da aus Grnden, die uns beiden
bekannt sind, ein Besuch bei Ihnen fr mich nicht ganz passend ist . . .

Ach was, lassen wir das!

Nikolai Apollonowitsch war vernnftig genug, sich nicht weiter zu struben.

Ich bin bereit, sagte er ergeben. Er verhielt sich auch ganz ruhig; sein
Unterkiefer bebte nur ein wenig -- das war alles.

Als gebildeter und humaner Mensch, Ssergeij Ssergeijewitsch, werden Sie
mich verstehen . . . Kurz . . . kurz . . . was Sofja Petrowna betrifft
. . .

Weiter kam er nicht.

Sie stiegen nun in die Droschke. Und -- es war auch hchste Zeit: denn wo
noch soeben die vielen Fahnen flatterten, war jetzt keine einzige mehr zu
sehen; aber von dort her, wo das Knattern in zerrissenen Teilen durch die
Luft geflogen war, strzte ein so fest zusammengeknulter Menschenstrom,
da die Droschken, die hier in einem Rudel gestanden, sich im raschesten
Tempo in die entgegengesetzte Richtung davonmachten und den Teil des
Newskij-Prospektes zu erreichen suchten, wo die Zirkulation schon
wiederhergestellt wurde und nur graue Polizeihauptmnner zu Fu neben
berittener Gendarmerie zu sehen waren.

Die Droschke mit Lichutin und Ableuchow bewegte sich.

Nikolai Apollonowitsch sah, wie sich der menschliche Vielfler
gewohnheitsgem vorwrts bewegte, als wre nichts geschehen; er bewegte
sich, wie er sich schon vor Jahrhunderten bewegt hatte, die Zeiten flossen
dort oben dahin, ber den Menschen; auch den Zeiten war eine Grenze
bestimmt; fr den menschlichen Vielfler gab es aber keine Grenze; wie
bisher bewegt er sich und wird sich in allen Ewigkeiten weiterbewegen
. . .

Pltzlich verschwand alles: sie verlieen den Prospekt.

Tief ber den Husern hingen bauschige Wolken, von einem dunklen,
wassergesttigten Streifen beschwert, vom Himmel herunter; Nikolai
Apollonowitsch knickte unter dieser unerwarteten schweren Last zusammen;
die bauchige Wolke kroch nher heran; und als der dunkelblaue Streifen
allmhlich grau geworden, sie zudeckte, begannen geschftige Tropfen zu
klappern und zu lispeln und bildeten in den glucksenden Pftzen kalte
Luftblasen; ganz zusammengekauert, mit dem Gesicht in den italienischen
berwurf eingehllt, sa Nikolai Apollonowitsch im Wagen; er verga fr
einen Augenblick, wohin es ging; es blieb nur ein dunkles Gefhl in ihm
zurck, er werde gegen seinen Willen gefahren.

Die unglckliche Verkettung von Umstnden wlzte sich wieder an ihn heran.

Die unglckliche Verkettung von Umstnden -- kann man so die Pyramide von
Geschehnissen bezeichnen, die sich in den letzten vierundzwanzig Stunden
wie Felsen bereinander aufgetrmt hatten? Eine Felsenpyramide, die Seelen
zermalmt; ja -- eine Pyramide! . . .

An einer Pyramide liegt etwas, was die Macht der menschlichen Vorstellung
bersteigt; die Pyramide ist ein Delirium der Geometrie, das heit, sie ist
ein Delirium, fr das es kein Ma gibt; die Pyramide ist ein von Menschen
geschaffener Begleiter des Planeten; sie ist auch gelb und tot wie der
Mond. Die Pyramide ist ein durch Zahlen mebares Delirium.

Es gibt ein Grauen der Zahl, ein Grauen, das aus dreiig
aneinandergereihten Ziffern besteht, wobei jede Ziffer eine Null ist;
dreiig Nullen neben einem Einser -- das ist ein Grauen; streichen Sie den
Einser aus -- und die dreiig Nullen versinken in ein Nichts.

Dann gibt's nur eine -- Null.

In dem Einser liegt das Grauen nicht; an sich ist ein Einser ein
Imponderabilium; er ist eben nur -- ein Einser! . . . Aber ein Einser plus
dreiig Nullen bildet das Ungetm einer Pentallion: die Pentallion -- oh,
oh, oh! -- hngt an einem schwarzen dnnen Stbchen; der Einser der
Pentallion wiederholt sich mehr als eine Milliarde mal Milliarde
Milliarden.

Sie zieht sich durch Unermelichkeiten.

So zieht sich der Mensch durch den Kosmos aus urewigen in urewige Zeiten.

Ja --

-- als menschlicher Einser, das heit als drres Stbchen, lebte bis jetzt
Nikolai Apollonowitsch im Kosmos, seinen Lauf aus urewigen Zeiten nehmend
--

-- in Adamgestalt war Nikolai Apollonowitsch nur ein Stbchen; sich seiner
Drre schmend, hat er nie zusammen mit einem anderen gebadet --

-- seit urewigen Zeiten!

Und nun fiel auf die Schultern dieses drren Stbchens das Ungetm einer
Pentallion; zum unansehnlichen Etwas seines Inneren gesellte sich das
ungeheure Nichts; im Unansehnlichen dehnte sich aus urewigen Zeiten das
Ungeheure des Nichts --

-- so dehnt sich der Magen durch Gase, an denen alle Ableuchows litten seit
urewigen Zeiten!

Zum innerlich unansehnlichen Etwas gesellte sich das ungeheure Nichts; das
Etwas schwoll durch das leere, nullige Nichts zu einem Grauen an.
Gaurissankare entstanden; er aber, Nikolai Apollonowitsch, mute dabei
explodieren wie eine Bombe.

Ha? Bombe? Sardinenbchse? . . .

Im Nu flog wieder durch seinen Kopf, was schon seit dem Morgen darin war:
sein Plan.

Was fr einer?


Der Plan

Ja, ja, ja!

Heimlich die Sardinenbchse hinlegen: unter das vterliche Kopfkissen; oder
nein: unter die Matratze. Das zu Erwartende wird eintreten: fr die
Pnktlichkeit garantiert das Uhrwerk.

Er aber wird sagen:

Gute Nacht, Vater!

Zur Antwort:

Gute Nacht, Kolenka!

Ein Ku auf die Lippen und dann zurck in das eigene Zimmer.

Sich voll Ungeduld ausziehen -- unbedingt ausziehen! Die Tr mit dem
Schlssel absperren und die Decke ber den Kopf ziehen.

Wie der Vogel Strau sein.

Im warmen, molligen Bett aber zu zittern, schwer zu atmen anfangen -- wegen
der Herzste; sich bangen, frchten, horchen: bis es dort . . . bumsen
. . . knallen wird, dort -- hinter dem Schwarm von steinernen Wnden;
warten auf das Knallen, das die Stille zerreit, das Bett, den Tisch, die
Wand zerreien wird; vielleicht auch . . . vielleicht auch . . .

Sich bangen, frchten, horchen . . . Das wohlbekannte Schlrfen der
Pantoffeln hren, die sich nach . . . dem mit nichts vergleichbaren Ort
begeben.

Das leichte franzsische Buch beiseite werfen und nach der Watte, der
einfachen Watte greifen, um sich die Ohren zuzustopfen; den Kopf unter das
Kissen stecken. Sich dann endgltig berzeugen: Jetzt hilft nichts! Jh die
Decke fortwerfen, um den schweibedeckten Kopf frei zu machen und in dem
Abgrund der Angst einen neuen Abgrund entstehen zu lassen.

Warten und warten.

Es ist nun noch eine halbe Stunde Zeit briggeblieben; es naht schon die
grnliche Erhellung der Morgendmmerung; das Zimmer wird grau, blau;
schwcher wird die Flamme der Kerze; noch fnfzehn Minuten; da erlscht das
Licht; langsam flieen die Ewigkeiten dahin; es sind eben keine Minuten,
sondern Ewigkeiten; ein Streichholz reiben; es sind nur fnf Minuten
vergangen . . . nun sich bei dem Gedanken beruhigen, da es doch noch nicht
bald ist, erst nach zehn langsamen Umdrehungen des Zeitrades, dann -- aber
durch die Pltzlichkeit erschttert werden, wenn --

      -- der nie gehrte, nie sich wiederholende, faszinierende
      Laut denn doch . . .

      -- erdonnern wird!!! . . . .

                                * * *

Dann: --

-- rasch in die Unterhose schlpfen (nein, was Unterhose: lieber so) --
oder sogar nur im bloen Nachthemd, mit verzerrtem, ganz weiem, erstauntem
Gesicht --

      -- ja, ja, ja! --

      -- aus dem warmen Bett springen und mit nackten
      Fen in den geheimnisvollen Raum -- den dunklen
      Korridor rennen, wie ein Blitz rennen, dorthin, von
      wo der nie wiederkehrende Laut gekommen war,
      die Diener umrennend weiterstolpern und die besonderen
      Gerche in sich aufnehmen, die Mischung von
      Rauch, Gebranntem, Gas und . . . etwas, was noch
      schrecklicher ist als Rauch und alles andere.

brigens, nein, riechen wird man wahrscheinlich berhaupt nichts.

In das raucherfllte, qualmende Zimmer hineinrennen, um es, erstickend vor
Husten, sofort wieder zu verlassen und den Kopf durch das schwarze Loch in
der Wand zu stecken, das durch jene Explosion entstanden ist (in der Hand
wird inzwischen der Leuchter mit der in aller Eile angezndeten Kerze
tanzen).

Durch das Loch in der Wand wird die rotgelbe Flamme den Ort beleuchten, der
frher das Schlafzimmer geheien hatte . . . Die rotgelbe Flamme wird etwas
hchst Unwesentliches beleuchten: den berall aufsteigenden Rauch.

Dann -- wird noch etwas beleuchtet sein . . . nein! ber dieses Bild wird
der Vorhang aus Rauch geworfen, aus Rauch! . . . Rauch und Rauch, nichts
weiter!

Aber doch . . .

Einen kurzen Augenblick unter diesen Vorhang blicken und ah, ah! Die Hlfte
der Wand ganz rot: dieses Rot fliet; die Wand ist also na; also auch --
klebrig, klebrig . . . Das alles wird der erste Eindruck vom Zimmer sein;
zugleich aber auch der letzte. Zwischendurch wird sich anderes einprgen:
die mit Stuck bedeckten Wnde, die Holzsplitter vom Parkett, Fetzen vom
verbrannten Teppich; die Fetzen qualmen noch. Nein, lieber nicht weiter
. . . aber doch . . . der Schienbeinknochen?

Warum blieb gerade dieser Knochen unversehrt?

All das wird Sache eines kurzen Augenblicks sein; hinter seinem Rcken aber
-- ebenfalls kurze Augenblicke: ein bldes Stimmengewirr, ein Strampeln mit
den Fen im Korridor, verzweifeltes Geheul der -- denken Sie sich nur! --
Abwaschfrau; das Rattern der Telephonglocke (wahrscheinlich wird die
Polizei verstndigt). . .

Den Leuchter fallen lassen . . . . auf dem Boden kauernd zucken vor dem
kalten Oktoberwind, der durch das Loch in der Wand eindringt (bei jenem
Knall waren alle Fensterscheiben auseinandergestoben), zucken vor Klte und
an dem Nachthemd zupfen, bis der mitleidige Diener sich nhert --

-- der Kammerdiener vielleicht, derselbe, auf den spter die Schuld
abzuwlzen am leichtesten sein wird (auf ihn wird ja auch so zu allererst
der Schatten des Verdachtes fallen) -- bis der mitleidige Diener dich mit
Gewalt in das andere Zimmer zieht und mit Gewalt kaltes Wasser in den Mund
giet . . .

Aber sich vom Fuboden erhebend erblicken: -- dir zu Fen dieselbe
dunkelrote Klebrigkeit, die jener Knall hierher geschmissen hatte . . . er
schmi sie durch das Loch in der Wand zugleich mit einem Stck Haut (von
welcher Stelle mag nur die sein?) herber . . . Die Augen erheben und
sehen, wie an der Wand klebend . . .

Brrr! . . . Hier ohnmchtig werden.

                                * * *

Die Komdie bis zu Ende spielen.

Vierundzwanzig Stunden spter vor dem fest geschlossenen Sarge (es gab ja
nichts, was in den Sarg zu legen gewesen wre) mit deutlich klarer Stimme,
im eng anliegenden Studentenkittel ber der Kerze gebeugt beten.

Zwei Tage spter frisch rasiert, das marmorne, gotthnliche Gesicht in den
Pelz des Wintermantels vergraben mit dem Ausdruck eines unschuldigen Engels
hinter den Sarg auf die Strae treten; mit den weibehandschuhten Hnden
die Mtze drcken und, von einer Suite hoher Persnlichkeiten umgeben, bis
zum Friedhof hinter dem Blumenberg (dem Sarg) schreiten. Diesen Sarg werden
Greise mit goldbestickter, ordengeschmckter Brust, weien Hosen und Sbeln
an der Seite auf ihren zitternden Hnden die Treppe hinuntertragen.

Acht kahlkpfige Greise werden die Last tragen.

                                * * *

Und -- ja, ja!

Bei der Untersuchung so auszusagen, da . . . auf irgend jemand (ohne
Vorbedacht) doch ein Schatten fallen mu; es mu auf irgend jemand ein
Schatten fallen, damit er nicht auf dich selbst fllt . . . Wie anders
machen?

Auf irgend jemand wird ein Schatten geworfen . . .

Auf irgend jemand wird ein Schatten fallen . . .

                                * * *

   Kolenka, der dumme Tropf,
   Hpft und tanzet immer;
   Mit der Mtze auf dem Kopf
   Reitet er durchs Zimmer.

                                * * *

Ihm wurde es klar: in dem Augenblick, wo Nikolai Apollonowitsch im Namen
einer Idee (so glaubte er) es auf sich genommen hatte, Vollstrecker des
Todesurteils zu sein, im selben Augenblick -- nicht heute, wo er sich den
ganzen Morgen auf dem grauen Prospekt herumgetrieben hatte, war dieser
ganze Plan von ihm ausgeheckt worden; die Tat im Namen einer Idee, so sehr
erregend sie war, verband sich in ihm mit teuflischer, gleichmtiger
Verstellungskunst, mit der Fhigkeit zu verleumden: vollstndig unschuldige
Menschen zu verleumden (am bequemsten -- den Kammerdiener; der wurde
zuweilen von einem Neffen oder so was, einem Schler der Gewerbeschule,
besucht; wohl schien er von Parteien nichts gewut zu haben, aber das macht
nichts . . .).

In jedem Falle rechnete er mit seiner Kaltbltigkeit. Zum Vatermord
gesellte sich Lge, gesellte sich auch Feigheit, aber auch -- was die
Hauptsache war -- Gemeinheit.

                                * * *

Er ist -- ein Schuft . . .

                                * * *

Alles, was in diesen zwei Tagen geschehen war, waren Tatsachen gewesen von
denen jede ein Ungeheuer war; ein Haufen von Tatsachen, das heit, ein
Schwarm von Ungeheuern; vor diesen zwei Tagen hatte es keine Tatsachen
gegeben; und die Ungetme hatten nicht hinter ihm hergejagt; Nikolai
Apollonowitsch hatte gegessen, geschlafen, gelesen; er hatte Liebe
empfunden: zu Sofja Petrowna; mit einem Wort: alles hatte sich in
bestimmtem Rahmen bewegt.

Aber, und -- nochmals aber! . . .

Er hatte anders als alle anderen gegessen und hatte anders als alle anderen
geliebt; seine Trume waren schwer und dumpf gewesen; das Essen schien
geschmacklos, und selbst seine Liebe hatte nach der Episode an der Brcke
einen sonderbaren Charakter angenommen: den Charakter der Verhhnung mit
Hilfe des Dominos; seinen Vater -- hatte er gehat; es gab also ein Etwas,
das sich hinter ihm herschlich, das auf all sein Tun ein besonderes Licht
warf (lag nicht darin auch der Grund, da er fortwhrend zusammenfuhr, da
seine Arme wie unntige Lappen herunterhingen, da sein Gesicht ein
Froschlcheln aufwies?).

Was war dieses Etwas?

War es sein der Partei gegebenes Versprechen? Wohl hatte er das Versprechen
nicht zurckgenommen, aber er hatte auch an dieses nicht mehr gedacht;
gedacht haben andere fr ihn (wie wir wissen -- Lipantschenko); er hatte
aber auch gegessen, geschlafen, geliebt, gehat in seiner besonderen,
seltsamen Weise; ebenso seltsam erschien seine kleine Figur auf der Strae,
wenn das Ende seines berwurfs im Wind flatterte und er mit gekrmmtem
Rcken wie ein Buckliger dahinschritt . . .

Es lag also an dem Entschlu, den er dort, dort an der Brcke, gefat
hatte, als ein kalter Newawind geblasen und er vor sich einen Mann mit
steifem Hut, Stock, Schnurrbart erblickt hatte (die Bewohner Petersburgs
zeichnen sich durch -- hm -- hm! -- Eigenschaften aus! . . .).

Aber wiederum schon das Stehen auf der Brcke war ja nur eine Folge davon,
da es ihn dahin getrieben hatte; die Liebe hatte ihn getrieben; doch hatte
er seine Leidenschaften in besonderer Weise erlebt, unschn -- kalt.

An der Klte also lag es.

Diese Klte war schon in der Kindheit in seine Seele gedrungen, als er,
Kolenka, nicht Kolenka, sondern -- Vaterbrut genannt wurde! Er hatte sich
geschmt. Spter war ihm das Wort Brut ganz klar geworden (durch die
Beobachtung des schamlosen Treibens der Haustiere), und -- ja, er erinnerte
sich -- er hatte geweint; die Schmach seiner Entstehung hatte er dann auf
den Urheber bertragen -- den Vater.

Er war oft stundenlang vor dem Spiegel gestanden und beobachtete, wie seine
Ohren wuchsen: sie wuchsen in der Tat.

Da hatte Kolenka begriffen, da alles, rein alles, was in der Welt lebte,
Brut war; da es keine Menschen gab, sondern da sie nur Erzeugnisse
waren; Apollon Apollonowitsch selbst war nur ein Erzeugnis, das heit
eine unangenehme Summe von Blut, Haut und Fleisch; eine unangenehme, weil
die Haut -- schwitzte, das Fleisch verdarb durch Wrme, das Blut aber einen
Duft hatte, der nicht der Duft von Maiveilchen war.

So identifizierte sich die Temperatur seiner Seele mit den unabsehlichen
Eisregionen, etwa der antarktischen Zone; er aber -- ein Peery, ein Nansen,
ein Amundsen -- kreiste in diesen Eisregionen; oder auch: -- seine Seele
war zu blutigem Schlamm geworden (der Mensch ist bekanntlich nichts als in
einer Haut steckender Schlamm).

Eine eigentliche Seele existierte also nicht.

Er hatte sein eigenes Blut gehat und nach fremdem gelechzt. So hatte er
seit seiner frhesten Kindheit in sich die Keime der Ungetme getragen; und
als sie reif wurden, schlpften sie in vierundzwanzig Stunden hervor und
umstanden ihn als Tatsachen von ungeheuerstem Inhalt. Nikolai
Apollonowitsch wurde bei lebendigem Leibe aufgefressen; er war in die
Ungetme bergeronnen.

Kurz, er war selbst ein Ungetm geworden.

Frschlein!

Ungeheuer!

Roter Narr!

Ja, eben: man hatte vor seinen Augen mit Blut gespielt, ihn Brut genannt;
jetzt lacht der Narr ber sein eigenes Blut; nicht der Narr war eine Maske:
die Maske war Nikolai Apollonowitsch . . .

Sein Blut ist vorzeitig in Zersetzung bergegangen.

Es ist vorzeitig in Zersetzung bergegangen: das ist es wohl, warum er in
anderen zuweilen Ekel auslste; das war der Grund, warum er auf der Strae
so sonderbar aussah.

Dieses morsche, armselige Gef mute zerbrechen: und langsam geschah es.


Das Hohe Amt

Das Hohe Amt.

Irgend jemand hatte es geschaffen; seit dieser Zeit bestand es; bis dahin
hatte es nur eine Zeit gegeben, die man mit dazumal bezeichnet. So
berichtet uns das Archiv.

Das Hohe Amt.

Irgend jemand hatte es geschaffen, bis dahin gab es nur Dunkelheit, jemand
schwebte ber dem Dunkel; und es entstand Licht -- ein Zirkular unter
Nummer eins; das Zirkular der letzten fnf Jahre trug die Unterschrift:
Apollon Ableuchow: im Jahre neunzehnhundertfnf war Apollon
Apollonowitsch Ableuchow die Seele aller Zirkulare.

Das Licht scheint im Dunkel; die Dunkelheit hat es nicht verschlungen.

                                * * *

Das Hohe Amt.

Und die bockbeinige Karyatide. Seit dem Tage, an dem der von zwei Rappen
gezogene schwarzlackierte Wagen zum erstenmal an das Portal herangesaust
war und sich von den Trauerkissen erhebend die Statue mit dem
Pergamentgesicht den Fu auf den Granit gesetzt hatte, seit dem Tage, an
dem zum erstenmal die schwarzbehandschuhte Hand auf die vielen Verbeugungen
hin den Rand des Zylinders berhrt hatte, seit diesem Tag waltete ber dem
Hohen Amt, das seine feste Macht ber ganz Ruland ausbreitete, ein noch
festerer Machtdruck.

Lngst im Staub begrabene Paragraphen waren auferstanden.

Der Paragraph -- das ist ein Papierfresser, er ist die Papierreblaus; an
dem dunklen Abgrund der Willkr saugt sich wie ein Blutegel der Paragraph
fest; und wahrhaftig: es ist etwas Mystisches an dem Paragraphen: er ist:
das dreizehnte Zeichen des Zodiakus.

ber einem ungeheuren Teil Rulands erhob sich der Paragraph als schwarzer
Gehrock ohne Kopf; durch die weisuligen, ungeheizten Sle, ber die
rotbespannten Freitreppen zirkulierte der kopflose Paragraph, und ber
diese Zirkulation waltete Apollon Apollonowitsch.

Apollon Apollonowitsch ist der populrste Beamte Rulands, ausgenommen
. . . Konschin (dessen unvernderliches Autogramm ihr berall mit euren
Banknoten herumtragt).

Das Hohe Amt existiert. Und in ihm haust Apollon Apollonowitsch; vielmehr:
er hatte gehaust, denn er ist gestorben . . .

      -- Ich war vor kurzem an seinem Grab: ber einem
      schweren, schwarzmarmornen Block erhebt sich ein
      schwarzmarmornes, achteckiges Kreuz; unter dem
      Kreuz ein deutliches Hautrelief, das einen Riesenkopf
      darstellt, aus dessen tiefen Augenhhlen zwei leere
      Pupillen sich in den Beobachter bohren; ein dmonischer,
      mephistophelischer Mund! Tiefer unten eine
      Aufschrift mit Riesenlettern: Apollon Apollonowitsch
      Ableuchow, Senator . . .

      Geburtsjahr, Todesjahr . . . Ein einsam verlorenes
      Grab! . . . --

      -- Er existiert, Apollon Apollonowitsch: im Direktorzimmer:
      tglich ist er da zu sehen, ausgenommen
      die Hmorrhoidentage.

Es gibt auerdem im Hohen Amt Rume der . . . Nachdenklichkeit.

Und dann gibt es einfach Zimmer; am meisten aber Sle; in jedem Saal stehen
einige Tische. Vor den Tischen sitzen Schreiber: zwei vor jedem; jeder von
ihnen hat vor sich ein Tintenzeug, eine Feder und einen respektablen Sto
mit Papier; die Feder in der Hand des Schreibers knarrt, die Papierbltter
knistern; so knarrt der faule, herbstliche Wind durch die Wlder, durch
Schluchten; so knistert der Sand -- in den Wsten, in den salzigen Steppen
von Orenburg, Ssaratow, Ssamara; -- mit einem Wort: es existiert das Hohe
Amt.

                                * * *

Im Direktorzimmer sitzt tglich Apollon Apollonowitsch Ableuchow mit dick
geschwollener Ader an der Schlfe, die Beine bereinandergelegt, die
sehnige Hand hinter die Rockborte geschoben; im Kamin prasseln die
Holzscheite, der achtundsechzigjhrige Greis atmet den Paragraphenbazillus
ein; und dieser Atem verbreitet sich dann ber das ganze, ungeheure
Ruland: tglich wird ein zehnter Teil unserer Heimat von dem Flgelungetm
dieser Wolke bedeckt. Von einem glcklichen Einfall erleuchtet sitzt
Apollon Apollonowitsch, die Beine bereinandergekreuzt, die Hand hinter die
Rockborte geschoben, und blht (so ist nun einmal seine Gewohnheit) seine
Wangen ganz dick auf; es ist, als ob er blasen wrde; ein khler Wind zieht
dann durch die ungeheizten Sle; Wirbelstrme aus mannigfachen Papieren
erheben sich; in Petersburg erhebt sich der Wind, an irgendeinem entlegenen
Ende Rulands verdichtet er sich zum Sturm.

Apollon Apollonowitsch sitzt in seinem Arbeitszimmer und . . . blst.

Und die Rcken der Schreiber beugen sich tiefer ber die Tische; und das
Papier knistert: so laufen die Winde durch die rauhen Wipfel der Fichten
. . . Dann zieht er seine Wangen wieder ein; und nun knistert alles: ein
trockener Papierschwarm, wie der unheimliche Bltterfall im Herbst, jagt
von Petersburg . . . bis zum Ochotskimeer.

Norden, du mein geliebter Norden! . . .

Apollon Apollonowitsch ist ein Stdter par excellence und ein gut erzogener
Herr: er sitzt ruhig in seinem Arbeitssessel, whrend sein Schatten, den
Stein der Wnde durchdringend . . . die Menschen auf den Landstraen
berfllt: er zieht pfeifend wie ein lustiger Mordgeselle durch die weiten
Flchen von Ssamara, Tambow, Ssaratow -- durch die sandigen Grnde, das
Gestrpp, den wilden Klee; er zerrt an den Getreidehaufen, facht ein
verdchtiges Feuerchen in den Stllen an; der rote Hahn in den Drfern hat
in ihm seinen Urheber; er ist es, der die reinen Quellenbrunnen unsauber
macht; wenn er als schdlicher Tau ber die Kornfelder fllt, dann verdirbt
die Saat; das Rind krankt hin . . .

Er vermehrt die Zahl der Grber und macht sie tiefer.

Spavgel wrden sagen: nicht Apollon Apollonowitsch, sondern -- Aquilon
Apollonowitsch.

                                * * *

Apollon Apollonowitsch ist einsam.

Er kommt nicht mehr nach. Der Pfeil seiner Zirkulare dringt nicht mehr in
die Provinzkreise: seine Spitze bricht schon vorher ab. Aus dem Palmyra:
Sankt Petersburg erffnet Apollon Apollonowitsch immer von neuem seine
Papierkanonade, aber die Schsse gehen (in der letzten Zeit) unheimlich oft
fehl.

Diese Kugeln und Pfeile hat der Staatsbrger schon seit langem --
Seifenblasen getauft.

Vergeblich sandte immer wieder der Gewaltige seine zackigen Apolloblitze;
das Blatt der Geschichte hat sich gewendet: der Glaube an alte Mythen ist
verschwunden; Apollon Apollonowitsch Ableuchow ist nicht mehr der Gott
Apollo: er ist einfach -- Apollon Apollonowitsch, ein Beamter in
Petersburg.

In den letzten Tagen war die Papierzirkulation geringer geworden: es wehte
ein ungnstiger Wind.

Zugleich zeigte sich in Petersburg selbst, auf dem Newskij-Prospekt, die
dunkle Provinz in Gestalt der mandschurischen Mtze; die Trger dieser
Mtze scharten sich zu einer Kompaktheit und zogen durch die Prospekte;
hier reizten sie die Vorbergehenden durch einen flatternden roten Fetzen
(so einen Tag hat es gegeben): an diesem Tag war auch kein Rauch aus den
Schloten des Fabrikringes hervorgestiegen.

Wie Sisyphus wlzte Apollon Apollonowitsch seit fnf Jahren das Rad des
Riesenmechanismus unaufhrlich hinauf den steilen Abhang der Geschichte;
die machtvollen Muskeln zerrissen; immer hufiger blickte hinter den
Machtmuskeln ein fremdes Skelett: Apollon Apollonowitsch Ableuchow,
wohnhaft am Englischen Kai.

Wahrhaftig, er fhlte sich als ein Skelett, von dem sich das Fleisch --
Ruland -- gelst hatte.

Aufrichtig gesagt war Apollon Apollonowitsch schon vor dieser unheimlichen
Nacht manchem seiner hochbeamteten Beobachter wie von etwas angebohrt, wie
von einer verborgenen Krankheit befallen erschienen; mit einem
rabenschwarzen Mantel bekleidet, mit rabenschwarzem Zylinder auf dem Kopf
warf er sich tglich sthnend in die Polster seines rabenschwarzen Wagens;
zwei rabenschwarze Rosse trugen den bleichen Pluto davon.

ber die Wellen des Phlegethon trugen sie ihn in den Tartarus: hier kmpfte
er mit den Wellen.

Endlich nach vielen kleinen Katastrophen schlugen die papiernen
Phlegethonwellen in das vom Senator getriebene Rad der groen Maschine ein:
das Hohe Amt zeigte eine Bresche; das Hohe Amt, deren es wahrhaftig wenige
in Ruland gibt.

Als dieser unvergleichliche Skandal ausgebrochen war, verlie -- wie man
spter erzhlte -- in vierundzwanzig Stunden der Genius die irdische Hlle
des Brillantenordentrgers; manche befrchteten sogar, er wre um seinen
Verstand gekommen. In vierundzwanzig Stunden -- nein, eigentlich in zwlf
-- zwischen Mitternacht und Mitternacht -- ist Apollon Apollonowitsch
Ableuchow die Stufen seiner Beamtenkarriere hinuntergesaust.

Er ist in der Meinung vieler gefallen.

Spter wurde behauptet, der Skandal mit seinem Sohn wre die Ursache des
Sturzes gewesen; ja: auf dem Ball bei den Zukatows war noch ein Mann von
hoher staatlicher Bedeutung erschienen; als aber bekannt wurde, wie sein
Sohn aus dem Ballsaal geflchtet war, da wurde auch pltzlich der Fehler
des Senators gedacht, angefangen von seinen berzeugungen bis zu seiner
mehr als kleinen Figur; und als am frhen Morgen die druckfeuchten
Zeitungen erschienen waren und die Verkufer mit dem Ruf: _Das Geheimnis
des roten Dominos_ durch die Straen rannten, da war jeder Zweifel
gewichen.

Apollon Apollonowitsch Ableuchow war endgltig aus der Liste der Kandidaten
fr den uerst wichtigen Staatsposten gestrichen worden.

Jene verhngnisvolle Zeitungsnotiz . . . Doch brigens hier ihr Wortlaut:
Der Geheimpolizei ist es gelungen, festzustellen, da die in der letzten
Zeit vielfach aufgetauchten Gerchte von einem roten Domino, der sich in
den Straen Petersburgs herumtreibt, auf Tatsachen beruhen; es gelang, auf
die Spur des Mystifikators zu kommen: verdchtig ist der Sohn eines hohen
Beamten, der einen wichtigen administrativen Posten bekleidet; die Polizei
hat die ntigen Manahmen ergriffen.

Mit diesem Tage begann der Untergang des Senators Ableuchow.

Apollon Apollonowitsch Ableuchow wurde im Jahre
achtzehnhundertsiebenunddreiig geboren (im Todesjahr Puschkins); seine
Kindheit war auf dem alten adligen Gut im Gouvernement Nischrod verflossen;
im Jahre achtzehnhundertachtundfnfzig hatte er seine Ausbildung als Hrer
der Rechte auf der Hochschule abgeschlossen; achtzehnhundertsiebzig wurde
er zum Professor fr das Lehrfach F . . . P . . . an der Sankt Petersburger
Universitt ernannt; seit achtzehnhundertfnfundachtzig war er Vizedirektor
und seit achtzehnhundertneunzig Direktor des N. N.-Departements; ein Jahr
darauf war er durch einen Allerhchsten Ukas zum Mitglied des Regierenden
Senats befrdert; seit dem Jahre neunzehnhundert stand er an der Spitze des
Hohen Amtes.

Das ist sein Curriculum vitae.

Ende des sechsten Kapitels.




Siebentes Kapitel


Kohlensureoblaten

Die grnliche Helle des Morgens sah bereits zum Fenster herein, aber der
alte Ssemjonytsch hatte noch kein Auge geschlossen! Er sthnte fortwhrend
in seiner Kammer, wlzte sich von einer Seite auf die andere; bald berfiel
ihn ein Ghnen, bald mute er sich jucken, dann wieder -- verzeih uns,
Herr, unsere Snden! -- kam das Niesen ber ihn; und bei alledem noch die
verschiedensten Gedanken und, was dergleichen mehr ist:

Aus Hischpanien kam sie, unser Mtterchen, Anna Petrowna, aus Hischpanien
. . .

Und er erzhlte sich selber:

Ja--a . . . Ich mache also auf . . . Eine Dame steht da, eine unbekannte
. . . Eine unbekannte Dame, auf auslndische Art gekleidet . . . Sie aber
sagt also zu mir . . .

Aaaa . . .

Sie aber sagt zu mir . . .

Herr, vergib uns unsere Snden! . . .

Wieder das verdammte Ghnen.

Schon hat bereits die Teturinsche Fabrik ihre Sirene singen lassen; die
kleinen Dampfer an der Newa pfiffen; das elektrische Licht an der Brcke --
pfit! -- weg ist es . . . Ssemjonytsch warf die Decke von sich und erhob
sich, seine groe Zehe bohrte sich in das Geflecht des Bettvorlegers.

Er flsterte mit sich selber.

Ich sag' zu ihm: so und so, Exzellenz . . . Er aber -- ja, also . . .

Nicht das geringste Interesse . . .

Und auch der junge Herr . . . kaum den Windeln entwachsen . . . So ein --
Herr, verzeih uns unsere Snden! -- so ein junger Hund; noch feucht hinter
den Ohren . . .

Es sind keine Herrschaften . . . Chamlete sind es . . .

So brummte Ssemjonytsch vor sich hin; und -- steckte wieder den Kopf unter
das Kissen; langsam zogen die Stunden vorbei; blarosa Wlkchen, im
Sonnenschein reifend, liefen hoch ber dem reif werdenden Glanz der Newa
. . . Durchwrmt von der Decke lag Ssemjonytsch und brummte vor sich hin
und flsterte trauernd:

Es sind keine Herrschaften . . . es sind -- einfach Chemiker . . .

Ei, wie knackte auf einmal die Korridortr! Vielleicht Diebe!

Erst neulich waren Diebe beim Kaufmann Awdiew gewesen. Bestohlen haben sie
den Kaufmann Awdiew.

Auch Chacha, den Moldauer, hatte man einmal umbringen wollen.

Er warf die Decke ab und streckte den dunstgebadeten Kopf vor; rasch
schlpfte er in die Unterhose und sprang mit ernstlich beleidigter Miene
und kauendem Unterkiefer aus dem durchwrmten Bett; barfig patschte er in
den von Geheimnissen erfllten Raum: den dunkel ghnenden Korridor.

Und nun?

Der Riegel an der . . . Wasserklosettr knackte: Seine Exzellenz, Apollon
Apollonowitsch, der gndige Herr, geruhte von dort in sein Schlafgemach
zurckzukehren.

Das Blau des dunklen Korridors wurde bereits von Grau durchzogen, die
Zimmer aber leuchteten im Hell; die Kristallanhngsel funkelten: halb acht;
die kleine Bulldogge kraute sich, strich, mit der Pfote kratzend, ber das
Halsband und langte dann mit der Schnauze, der tigerhnlichen, nach dem
eigenen Rcken.

Herrgott, Herrgott!

Awdiew, der Kaufmann, war bestohlen worden! . . . Awdiew, der Kaufmann,
war bestohlen worden! . . . Chacha, den Provisor, hat man umbringen wollen!
. . .

                                * * *

Wild ausgelassen ergossen sich die Strahlen vom blauen, klingenden, vom
kristallblitzenden Himmel.

Mit ungelenken Bewegungen, ber die himbeerfarbene Quastenschnur stolpernd,
zog Apollon Apollonowitsch seinen wattierten, ein wenig abgeschabten,
mausgrauen Schlafrock an; aus den grellhimbeerfarbenen Revers sah sein
unrasiertes Kinn hervor (das gestern brigens noch glatt gewesen war), mit
nadelscharfen, dichten, ganz weien Stoppeln wie frisch in der Nacht
gefallener Reif; das Dunkel der Augen- und Backenhhlenknochen, die -- wie
wir von uns sagen knnen -- sich ber Nacht bedeutend vertieft hatten,
zeichneten sich dabei besonders scharf.

Mit geffnetem Mund und entblter, behaarter Brust sa er auf seinem Bett,
zog langsam die Luft ein, die jedoch, von der Lunge nicht aufgenommen,
stoweise rasch wieder herauskam; er tastete immerzu nach seinem Puls und
beobachtete die Uhr.

Ihn schien ein unausgelstes Aufstoenbedrfnis zu qulen.

Er dachte weder an die Serie alarmierender Depeschen, die ihn von allen
Seiten eilig zu erreichen suchten, noch an den wichtigen Staatsposten, der
ihm fr immer zu entschlpfen drohte, noch an -- an Anna Petrowna;
wahrscheinlich dachte er nur daran, woran man, vor einer offenen Schachtel
kohlensaurer Oblaten sitzend, zu denken pflegt.

Das heit -- er dachte daran, da das Aufstoen, die unregelmigen
Herzschlge, der Luftmangel (der Luftdurst), auch diesmal wie immer von
Stichen und Kitzeln in den Handinnenflchen begleitet, bei ihm nicht vom
Herzen komme, sondern eine Folge der Entwicklung von Gasen sei.

An die ziehenden Schmerzen im linken Arm, an das schmerzhafte Zucken in der
linken Schulter bemhte er sich jetzt nicht zu denken.

Wissen Sie -- das alles kommt einfach vom Magen!

So hatte ihm eines Tages der achtzigjhrige Kammerherr Ssaposchkow, der
krzlich an einer Herz-Angina dahingegangen ist, all diese Beschwerden
klarzumachen gesucht.

Die Gase, wissen Sie, drcken auf die Magenwnde und verursachen ein
Zusammenziehen des Zwerchfells . . . Daher das Aufstoen, die Herzschlge
. . . Es kommt alles von der Gasentwicklung . . .

Vor kurzem wurde Apollon Apollonowitsch im Senat bei der Entgegennahme
eines Berichtes von einem Unwohlsein befallen; er wurde blau, begann zu
keuchen und mute hinausgefhrt werden; auf das dringende Zureden, einen
Arzt zu Rate zu ziehen, erklrte er den Anwesenden:

Wissen Sie, es ist nichts als die Entwicklung von Gasen . . . daher die
Schlge . . .

Die schwarzen trockenen Pastillen, die Gase absorbieren, pflegten ihm
zuweilen Erleichterung zu bringen; nicht immer brigens.

                                * * *

Ja, das sind die Gase -- und er begab sich . . . Es war gegen halb neun.

Das war der Lrm, der Ssemjonytsch so beunruhigt hat.

Bald daraus knallte eine Tr im Korridor; Apollon Apollonowitsch nahm den
gestreiften Plaid von den frierenden Knien, erhob sich wieder, trat an die
Tr seines Schlafgemachs, ffnete diese und steckte sein schweibedecktes
Gesicht vor, um -- auf ein ebensolches schweibedecktes Gesicht zu stoen.

Sie sind's?

Jawohl -- ich, Exzellenz . . .

Was wollen Sie?

Ich habe nur so nachgesehen . . .

Ah, ja, ja . . . Warum so zeitig . . .?

Es mu berall nachgesehen werden . . .

?

Ein Laut . . .

Welcher Laut?

Es hat geklopft . . .

Ach, das da . . .

Hier erfate Ssemjonytsch den Rand der viel zu weiten Unterhose und
schttelte bedenklich den Kopf.

Es wird nichts weiter sein . . .

                                * * *

Die Sache war, da zehn Minuten vorher Ssemjonytsch zu seiner groen
Verwunderung bemerkt hatte: aus der Zimmertr des jungen Herrn war der
hellblonde Kopf hervorgetaucht, hatte sich nach rechts, dann nach links
umgesehen und war wieder verschwunden.

Einen Augenblick darauf aber war der junge Herr wie ein Heupferdchen an die
Tr des alten gndigen Herrn herangesprungen.

Da war er stehengeblieben, atmete, schttelte den Kopf und drehte sich
wieder, ohne Ssemjonytsch, der in der Ecke stand, bemerkt zu haben; er
blieb wieder eine Weile stehen, atmete und drckte seinen Kopf an die
Trspalte, aus der ein Lichtschein kam; ja, so stand er, den Kopf fest an
die Trleibung gedrckt! Solche Neugierde bei einem jungen Herrn
vornehmster Art! . . . nein, das war nichts fr einen jungen Herrn, der
nicht nur so einer war . . .

Hinter der Tr sphen? Nein, das ist kein wrdiges Benehmen.

Wenn es wenigstens bei einem Fremden gewesen wre -- aber der eigene Vater,
sein eigenes Fleisch und Blut; es wre ja nichts dagegen zu sagen, wenn der
Sohn, um des Vaters Gesundheit besorgt, gespht htte; aber nein man fhlt
schon, da es hier nicht um die kindliche Sorge geht, da es einfach nur so
geschieht, aus miger Neugierde. Dafr gibt es nur ein Wort: ein
Tunichtgut.

Du bist doch nicht irgendein Lakai, sondern der Sohn eines Generals, hast
franzsische Erziehung genossen.

Hier begann Ssemjonytsch hm -- hm zu machen.

Ei, wie er zusammenfuhr, der junge Herr!

Meinen Gehrock bitte rasch abzubrsten, warf er dem Alten gergert zu.

Und fort war er von Vaters Tr in das eigene Zimmer: ein wahrhaftiger
Tunichtgut.

Zu Befehl! brachte Ssemjonytsch mit kritischer Note durch die Zhne; bei
sich dachte er aber:

Die Mutter ist zurckgekehrt -- und er in aller Herrgottsfrhe: >Putzen
Sie meinen Gehrock ab.<

Das ist kein schnes Benehmen, kein wrdiges!

Chamlete sind es einfach . . . Gott steh uns bei . . . An der Tr horchen
. . .

                                * * *

All das ging dem Alten durch den Kopf, whrend er, seine Unterhose
festhaltend, bedenklich den Schdel schttelte und leise vor sich
hinbrummte:

A? . . . Was das ist? . . . Geklopft hat es: das stimmt . . .

Was aber hat geklopft, wer?

Nichts Besonderes: der gndige Herr braucht sich deswegen nicht zu
beunruhigen . . .

?

Es ist nur Nikolai Apollonowitsch . . .

Ha?

Der junge Herr hat die Tr zugeschlagen: er ist heute frh ausgegangen.

Apollon Apollonowitsch sah Ssemjonytsch an und wollte dann etwas fragen,
aber er gab es auf und kaute nur greisenhaft mit dem Mund; er erinnerte
sich der kurz vorher stattgehabten verunglckten Auseinandersetzung mit dem
Sohn (es war ja der Morgen nach dem Ball bei Zukatows); mit dem Ausdruck
des Verletztseins senkten sich seine Mundwinkel und bildeten hngende
Hautsckchen. Der zurckgebliebene Eindruck war fr Apollon Apollonowitsch
peinlich genug, und er jagte ihn von sich.

Schchtern, bittend sah er Ssemjonytsch an.

Der Alte hat Anna Petrowna gesehen . . . Hat immerhin mit ihr gesprochen
. . .

Zudringlich blieb dieser Gedanke haften.

Verndert haben mochte sie sich schon, Anna Petrowna . . . Ist wohl mager
geworden, hat abgenommen; hat vielleicht auch graue Haare bekommen; auch
mehr Falten im Gesicht . . . Knntest ihn vorsichtig, auf Umwegen fragen
. . .

Doch -- nein, nein!

Pltzlich zerflo das Gesicht des achtundsechzigjhrigen alten Herrn
unnatrlich in Falten, der fletschende Mund reichte bis zu den Ohren.

Und der Sechzigjhrige war jetzt -- ein Tausendjhriger; und mit knstlich
erhobener Stimme, die fast wie ein Schreien klang, versuchte die
grauhaarige Ruine aus sich ein Anekdotchen herauszupressen.

A . . . m--m-- . . . Ssemjonytsch . . . Sie sind . . . m--m--m . . .
barfu.

Der alte Diener fuhr beleidigt zusammen.

Entschuldigen, Erzell . . .

Das . . . m--m--m . . . meine ich gar nicht, strengte sich Apollon
Apollonowitsch an, um zu seiner Anekdote zu gelangen.

Aber das Anekdotchen wollte ihm nicht gelingen, und er stand mit in die
Leere geheftetem Blick da; ganz flchtig lie er sich dann nieder und brach
mit dem Unsinn los:

A . . . sagen Sie . . .

?

Sie haben gelbe Fersen?

Ssemjonytsch war beleidigt.

Ich habe keine gelben Fersen; das haben nur die langzpfigen Chinesen
. . .

Hi -- hi -- hi . . . Dann vielleicht rosafarbige?

Mit Verlaub -- menschliche . . .

Nein -- gelbe, gelbe . . .

Und Apollon Apollonowitsch, der Tausendjhrige, Zitternde, Kleine, stampfte
mit dem Pantoffel auf den Boden auf.

Auch Fersen, jawohl . . . Aber vor allem sind's die Hhneraugen, Exzellenz
. . . Sobald ich den Schuh angezogen habe, da beginnen sie zu brennen und
zu stechen, ja, Herr . . .

Bei sich aber dachte er:

Ach was -- Fersen? . . . Es handelt sich bei dir nicht um die Fersen
. . . Hast wohl auch, alter Pilz, die ganze Nacht kein Auge geschlossen
. . . Und die Gemahlin befindet sich in der nchsten Nhe, in erwartendem
Zustand . . . Und der Sohn, dieser Chamletist . . . Aber nein, der mu von
den Fersen reden! . . . Gelbe . . . Vielleicht hast du selbst gelbe Fersen
. . . Auch eine -- >Persnlichkeit<! . . .

Und er fhlte sich ganz und gar beleidigt.

Aber wie immer zeigte Apollon Apollonowitsch (wenn es gerade ber ihn kam)
in Anekdoten, in dummen Scherzen, in allerlei Spchen eine geradezu
klettenhafte Zudringlichkeit: um sich selbst aufzumuntern, spielte der
Senator (der Wirkliche Geheime Rat, Professor und Trger der
Brillantenorden) den Springinsfeld, den Tunichtgut, den lustigen Bsewicht;
er war da fr die anderen wie die Fliegen, die an gewitterschweren,
schwlen Tagen einem zudringlich bald in die Augen, bald in die Nase, bald
ans Ohr fliegen; wie die Fliegen, die man an gewitterschweren, schwlen
Tagen, wenn graurtliche Wolken schwer und tief ber den Linden hngen, zu
Dutzenden auf den Hnden, auf dem Schnurrbart umbringt.

Das Frulein aber -- hi--hi--hi . . . Das Frulein . . .

Was meint der gndige Herr?

Das Frulein hat . . .

So ein Tunichtgut!

Was hat das Frulein?

Rosige Fersen . . .

Das kann ich nicht wissen . . .

Da geben Sie nur acht . . .

Spaig sind Sie, gndiger Herr . . .

Das kommt von den Strmpfchen, wenn das Fchen vom -- Schwei . . .

Und ohne den Satz zu vollenden, schritt Apollon Apollonowitsch Ableuchow --
der Wirkliche Geheime Rat, Professor, Haupt eines hohen Amtes -- mit den
Pantoffeln schlrfend, weiter, in sein Schlafzimmer; und -- knacks: die Tr
abgesperrt.

Drinnen hinter der Tr lie er sich auf einen Stuhl nieder, wurde still,
weich.

Und er sah mit hilflosen Blicken um sich: ei, wie klein wurde er! Ei, wie
sich sein Rcken krmmte! Seine Schultern schienen ungleich hoch (als wre
eine hinuntergeschlagen). Die Hand griff unwillkrlich nach der hpfenden,
schmerzenden Seite.

                                * * *

Ja--a! . . .

Alarmierende Nachrichten aus der Provinz . . . Und, wissen Sie, der Sohn,
der Sohn! . . . Dem eigenen Vater solche Schmach zu bereiten . . . Eine
schreckliche Lage, wissen Sie . . .

Die alte Gans, Anna Petrowna, ausgeplndert: ein schuftiger Hohlkopf, mit
einem Schnurrbart wie bei einer Kchenschabe . . . Nun ist sie
zurckgekehrt . . .

Macht nichts! . . . Es wird schon irgendwie gehen! . . .

Aufruhr, Rulands Untergang . . . Sie sammeln sich schon: Attentat!
Irgendein Abiturient mit Schnurrbrtchen erlaubt sich, in ein altadeliges,
geachtetes Haus . . .

Dann aber -- die Gase, die Gase! . . .

Hier schluckte er eine Oblate hinunter . . .

                                * * *

Die Feder verliert ihre Elastizitt, wenn sie zu stark gespannt ist; es
gibt eine Grenze fr die Elastizitt; fr den menschlichen Willen gibt es
auch eine Grenze; auch der eiserne Wille schmilzt; im Alter verdnnt sich
das menschliche Hirn. Heute kommt ein Frost, und der feste Schneehaufen
sprht helleuchtende Funken; und du modellierst aus den frostigen
Schneesternchen eine funkelnde menschliche Gestalt.

Raunend und flsternd zieht das Tauwetter daher, der Schneehaufen wird
unterwssert: er schrumpft zusammen, wird glitschrig und zerfllt.

Apollon Apollonowitsch Ableuchow hatte schon in der Kindheit gefroren: er
hatte gefroren und seine Krfte gesthlt; in der frostigen Petersburger
Nacht schien seine funkelnde Gestalt derber, fester, gewaltiger, diese
selbstleuchtende, funkelnde Gestalt, die in der nordischen Nacht gerade am
mchtigsten geragt, als der faule Wind eingesetzt hatte, der seinen Freund
vernichtete; dieser Wind, der jetzt zu einem Sturm ausgeartet ist.

Apollon Apollonowitsch Ableuchow hatte sich bis zum Losbrechen des Sturmes
noch immer auf der Hhe gehalten; ja, auch nachher.

Einsam und stolz, stand lange, vom Sturm umbraust, Apollon Apollonowitsch
Ableuchow -- selbstleuchtend froststeif und stark; aber es ist allem eine
Grenze gesetzt: schmilzt doch selbst Platina.

ber Nacht gab Apollon Apollonowitsch nach, ber Nacht fiel er zusammen und
lie seinen groen Kopf hngen; auch er, der federnd Elastische, knickte
zusammen. Frher aber? Es ist noch nicht lange her, da hatten in dem
faltenlosen Profil, das herausfordernd dem Himmel zugekehrt war, rote
Flmmchen gezuckt, die . . . ganz Ruland . . . in Flammen . . . versetzen
konnten . . .

Eine einzige Nacht lag dazwischen.

Und an Stelle des starken, goldwamsigen Mannes stand im feurigen Fond des
brennenden Rulands -- ein an Hmorrhoiden leidender Greis, im Morgenrock
mit Quasten, mit kurz atmender, offener, haariger Brust, unrasiert,
schwitzend -- der konnte natrlich nicht den Lauf unseres ins Wanken
geratenen Staatsrades (ber die holprigen, schlecht befahrbaren Wege)
leiten! . . .

Fortuna hat ihn verlassen.

Sicher sind es doch nicht die intimen privaten Ereignisse, nicht der
ausgemachte Schuft von einem Sohn, nicht die Angst, wie ein gemeiner
Krieger im Felde von einer Bombe getroffen zu werden, nicht das Erscheinen
Anna Petrownas, dieser wenig bedeutenden Person, die nirgends, rein
nirgends Glck hatte -- sicher war es nicht das Erscheinen dieser Anna
Petrowna (im schwarzen gestopften Kleid mit schwarzem Tschchen in der
Hand); sicher endlich war es auch nicht der rote Lappen auf der Strae, die
den Trger der brillantenen Orden in einen mrben Schneehaufen verwandelt
haben.

Nein -- die Zeit war es.

                                * * *

Haben Sie schon einmal berhmte, aber bereits in Kindheit verfallene Mnner
gesehen, Greise, die ein halbes Jahrhundert jedem Anprall standhielten --
weilockige (fters noch kahlkpfige) mit dem Eisen des Kampfes gepanzerte
Fhrer?

Ich habe solche gesehen.

In Versammlungen, bei Sitzungen, bei Kongressen, stiegen sie in ihrer
blendend weien Strke, in tadellosen Fracks mit den ausgestopften
Schultern; rckengekrmmte Greise mit herunterhngenden Kiefern, falschen
Zhnen

      -- ich sah sie --

      wie sie, noch gewohnheitsmig sich auf der Tribne
      aufraffend, in alter Weise die Herzen zu erobern
      versuchten und eroberten.

Und ich sah sie dann zu Hause.

Mit schwachsinniger Geschftigkeit flsterten sie mir kranke, schlechte
Witze ins Ohr; sie trippelten in ihr Arbeitszimmer und zeigten mit
schmatzendem Mund auf das Bcherfach mit den in Schweinsleder gebundenen
gesammelten Werken, die auch ich einst gelesen hatte, mit denen sie einst
mich und sich selbst bewirtet hatten.

Trauer berkommt mich!

                                * * *

Um zehn Uhr hat es an der Haustr gelutet; es war nicht Ssemjonytsch, der
aufgemacht hat; jemand kam, ging in das Zimmer des Nikolai Apollonowitsch,
sa dort, lie einen Zettel zurck.


Ich wei, was ich tue

Punkt zehn Uhr war Apollon Apollonowitsch mit dem Kaffee fertig.

Ins Speisezimmer pflegte er -- wie wir wissen -- immer kalt, streng, frisch
rasiert, Eau-de-Cologne-Duft weit ausstrahlend, hineinzukommen, um seinen
Kaffee nach dem Chronometer zu erledigen; heute aber war er unrasiert,
unparfmiert, im Morgenrock, mit den Hauspantoffeln schlrfend, zum
Frhstck erschienen.

Von halb neun bis zehn Uhr blieb er allein vor dem Tisch.

Er hatte die Korrespondenz unbeachtet gelassen, den devoten Morgengru der
Diener gegen alle Tradition nicht beantwortet, und wie die Bulldogge ihre
speichelnde Schnauze auf die Knie des Herrn gelegt hat, hat sich dieser an
dem Kaffee verschluckt, und seine rhythmisch schmatzenden Lippen riefen:

He . . . wer ist da? Nehmt den Hund fort . . .

Die Hand brselte und knetete das franzsische Frhstcksbrtchen, whrend
der versteinerte Blick unverwandt in den schwarzen Kaffeesatz auf dem Boden
der Tasse starrte.

Um halb zwlf erinnerte sich gleichsam Apollon Apollonowitsch an etwas,
fuhr unruhig-geschftig auf seinem Platz auf und nieder; die Augen irrten
hin und her und erinnerten an eine graue Maus; er sprang auf und lief mit
perlenden Schrittchen, ein wenig zitternd in sein Arbeitszimmer, wobei der
zurckgeschlagene Vorderscho des Morgenrockes seine nur halb zugeknpfte
Unterhose sehen lie.

Bald darauf trat auch der Diener ins Arbeitszimmer, um zu melden, da der
Wagen warte; wie angewurzelt blieb er aber an der Schwelle stehen.

Erstaunt sah er zu, wie sein Herr die massive Leiter ber die weichen
Samtteppiche rollte, von Bcherschrank zu Bcherschrank, wie er chzend,
stolpernd, keuchend, schwitzend, mit Gefahr fr sein hohes Leben die
Sprossen hinaufkletterte, um mit den Fingern die Bcher auf Staub zu
untersuchen; den Diener erblickend, kaute er ein wenig verchtlich mit dem
leeren Mund, ohne auf die Mitteilung ber den unten wartenden Wagen etwas
zu erwidern.

Mit der Hand ber die Rckeneinbnde klopfend, verlangte er nach einem
Staubtuch.

Zwei Diener brachten ihm zwei Staubtcher; auf seinen Wunsch wurden ihm
diese an einem Besenstiel hinaufgereicht; jeder der zwei Diener nahm eine
Stearinkerze in die Hand; jeder der zwei Diener stellte sich -- rechts und
links -- neben die Leiter hin und streckte den bald steif gewordenen Arm
mit der Kerze nach oben.

Hher mit dem Licht! . . . Nicht so . . . Nein, anders . . . Aber hher
doch . . . noch etwas hher . . .

ber den hohen Gebuden jenseits der Newa ballten sich inzwischen rauchige,
bauschige Wolken zusammen und hingen wie Knuel aus Filz in der Luft; der
Wind schlug gegen die Fenster; im grnlich-dsteren Zimmer herrschte
Halbdmmerung; drauen heulte der Wind; und immer hher, hher streckten
sich zwei Stearinkerzen an beiden Seiten der Leiter, die fast bis zur
Zimmerdecke lief; dort ganz oben bewegten sich die Sche des mausgrauen
Morgenrockes hin und her und baumelten himbeerrote Quasten.

Exzell . . .

Ist es eine Arbeit fr Sie, Exzellenz . . .

Wozu mhen Sie sich nur selbst ab? . . .

Erlauben, Exzell . . . So was Unerhrtes . . .

Apollon Apollonowitsch Ableuchow, der Wirkliche Geheime Rat, der oben in
der Staubwolke stand, der konnte ja gar nicht hren. Ach wo: alles in der
Welt vergessend, wischte er mit dem Staublappen die Einbandrcken, klopfte
mit den Deckeln an die Leiter, bis er schlielich heftig zu niesen begann:

Staub, Staub, Staub . . .

So was . . . So was . . .

Na, wartet nur, bis ich mit dem Lappen an euch herankomme!

So, sehr schn . . .

Und er warf sich, mit dem Lappen bewaffnet, ber den Staub her.

Ein unruhiges Knattern der Telephonglocke: das hohe Amt lutete; aber auf
das unruhige Gelute wurde aus dem gelben Hause geantwortet:

Exzellenz? . . . Ja . . . Geruht Kaffee zu trinken . . . Es wird
ausgerichtet werden . . . Ja . . . Der Wagen wartet schon . . .

Auch auf das dritte, diesmal wtende Klingeln, wurde geantwortet:

Noch nicht . . .

In seinem Arbeitszimmer . . .

Ist mit Ordnen der Bibliothek beschftigt . . .

Der Wagen?

Der Wagen wartet . . .

Die Pferde wurden endlich in den Stall zurckgebracht; der Kutscher spuckte
aus: schimpfen traute er sich nicht.

                                * * *

Sauber wisch' ich euch!

Ei, ei, ei! . . . Sieh mal einer her!

Abschi! . . .

Und die zitternden, gelben Hnde schlugen auf die dicken Bnde.

                                * * *

Ein schepperndes Klingeln im Vorzimmer: ein schepperndes, zerrissenes
Klingeln; das Sprechen des Schweigens zwischen einem und dem folgenden
Klingeln; als Erinnerung an etwas, lief dieses Schweigen durch die Rume
der lackierten Zimmer -- als Erinnerung an etwas Vergessenes; und trat
ungebeten ins Arbeitszimmer; hier stand es, alt, alt, und stieg ber die
Sprossen der Leiter nach oben.

Ein Ohr streckte sich aus dem Staub; der Kopf wandte sich.

Hren Sie?

Wer es sein konnte?

Es konnte -- Nikolai Apollonowitsch sein, der Schuft, der Taugenichts und
Lgner; es konnte ein -- Herman Hermanowitsch sein, der mit den Papieren
kam; oder ein Kotosch -- Kotoschinski; oder vielleicht Graf Nolden; es kann
brigens -- mm -- mm -- auch Anna Petrowna sein . . .

Es schepperte.

Hren Sie denn nicht?

Gewi, Exzellenz; es wird aber dort schon aufgemacht . . .

Jetzt erst antworteten die Diener: versteinert waren sie noch immer
gestanden und hatten geleuchtet.

Ssemjonytsch allein schlenderte durch den Korridor (immer war er von etwas
bedrckt, immer murmelte er etwas vor sich hin) und wiederholte aus
Langeweile die auswendig gelernten Abteilungen der herrschaftlichen
Kleiderchiffonniere:

Nordost: schwarze und weie Krawatten . . . Kragen und Manschetten -- im
Osten . . . Uhren -- im Norden -- nur Ssemjonytsch, im Korridor wandernd,
horchte auf, wurde unruhig, schrfte das Ohr und trippelte gegen das
Arbeitszimmer des Herrn.

Ich gestatte mir, aufmerksam zu machen: es hat gelutet.

Die Diener antworteten nicht.

Jeder hielt seine Kerze in der hoch nach oben gestreckten Hand; auf der
oberen Sprosse der Leiter ragte der kahle Kopf des Senators aus der
Staubwolke hervor; eine unruhige, zerrissene Stimme sagte:

Ja, auch ich hab' es gehrt.

Apollon Apollonowitsch ri sich von einem dicken Band los:

Ja, ja, ja . . .

Es lutet . . . Hren Sie, es lutet . . .

Beide versprten zugleich ein unaussprechliches, aber ihnen deutliches
Etwas, denn beide fuhren zusammen: rasch, rasch, beeilet euch! . . .

Es ist die gndige Frau . . .

Es ist Anna Petrowna!

Rennet, geschwind, sputet euch: es hat wieder gescheppert!

Geschwind stellten die Diener ihre Kerzen auf den Tisch und eilten in den
dunkelnden Korridor (als erster trippelte Ssemjonytsch voran). Im
grnlichen Licht des Petersburger Morgens begannen die Augen des Apollon
Apollonowitsch oben unter der Zimmerdecke unruhig hin und her zu laufen;
nach Luft schnappend, chzend, die haarige Brust, die Schulter und das
borstige Kinn gegen die Sprossen gedrckt, stieg er die Leiter hinunter und
begann pltzlich mit trippelnden Schrittchen gegen das Vestibl zu rennen,
den Staublappen in der Hand, die Sche des Morgenrockes wie phantastische
Dreiecke in der Luft flatternd. Er stolperte leicht, blieb stehen und
tastete kurz atmend mit dem Finger nach dem Puls.

                                * * *

Ein Herr mit wallendem Backenbart in tadellos zugeknpftem Amtsrock, mit
blendend weien Manschetten und dem Annastern an der Brust, kam
ehrfurchtsvoll, vom Diener angefhrt, die Treppe herauf; auf dem
Silbertablettchen in den zitternden Hnden des alten Ssemjonytsch lag eine
Visitenkarte, die eine Adelskrone aufwies.

Hinter der steinernen Niobe stand Apollon Apollonowitsch, schlug mit
geschftiger Miene die Sche seines Morgenrockes bereinander und sah dem
wrdigen Gast mit dem gut gepflegten Bart entgegen.

Wahrhaftig er sah wie eine Maus aus.


Du wirst wie geistesgestrt sein

Petersburg -- das ist ein Traum.

Wenn du einmal im Traum Petersburg besucht hast, dann kennst du zweifellos
dieses mchtige Vestibl: die eichenen Tren sind schwer, und die
Spiegelscheiben blitzen; die Vorbergehenden sehen nur die Spiegelscheiben;
nie waren sie hinter ihnen.

Hinter der Spiegelscheibe blitzt immer der kupferschwere Kopf des
Schweizerstabes.

Die gebogene achtzigjhrige Schulter hinter der Scheibe: von ihr trumt der
zufllige Passant lange, von ihm, dem alles nur ein Traum ist und der
selber ein Traum ist; auf die gebogene Schulter des greisen Schweizers
fllt schwer der dunkle Dreimaster; seine Silbertressen blinken und
erinnern an Angestellte der Bestattungsbureaus, wenn sie ihres Amtes
walten.

Unverndert bleibt es.

Der schwere Kupferkopf ruht friedlich auf der achtzigjhrigen Schulter
eines Schweizers; und jahraus, jahrein der mit einem Dreimaster gekrnte
Schweizer ber dem Brsenkurier. Dann erhebt er sich wohl einmal und
ffnet die Tr. Am Tage, am Morgen, gegen Abend, wann du an der Eichentr
vorbeigehst, am Tage, am Morgen oder gegen Abend -- immer erblickst du den
kupfernen Stabkopf; immer erblickst du die Silbertressen; immer erblickst
du den dunklen Dreimaster.

Verwundert bleibst du vor dieser Vision stehen. Dasselbe hattest du bei
deinem vorigen Hiersein gesehen. Fnf Jahre waren vorbergegangen: dumpfe
Wellen von Ereignissen waren dahingerollt; China war erwacht; Port Arthur
war gefallen; die Gelben hatten unser Amurgebiet berschwemmt; es sind die
alten Mrchen von den eisernen Reitern des Dschingis-Khan wieder lebendig
geworden.

Aber die Visionen der alten Zeiten bleiben unverndert; eine achtzigjhrige
Schulter, ein Dreimaster, eine Silbertresse, ein Bart.

In dem Augenblick, in dem sich der weie Bart hinter der Spiegelscheibe
bewegen, der schwere Kupferkopf des Schweizerstabes hinter der Tr blitzen
und silbrig wie das Rinnenwasser, das dem Kellerbewohner Cholera und Typhus
bringt, die weien Tressen schimmern -- und wo dennoch von den alten Zeiten
nichts mehr sein wird, -- in diesem Augenblick wirst du wie ein
Geistesgestrter durch die Petersburger Prospekte rennen.

Wenn dort hinter der blinkenden Glastr der schwere Kupferstab seinen Platz
verlassen htte, dann wrde sicher, sicher hier weniger von Typhus und
Cholera zu merken sein; China wrde nicht so voll Unruhe gren; Port Arthur
wre nicht gefallen; unser Amurgebiet wre nicht von Zpfen berflutet und
die Reiter des Dschingis-Khan nicht aus ihren vielhundertjhrigen Grbern
auferstanden.

Aber hre nur, horch: ein Stampfen von Schritten . . . Aus den Uralsteppen
kommt es. Es kommt immer nher, das Stampfen.

Das sind -- die eisernen Reiter.

                                * * *

Was fr ein Tag!

Schon am frhen Morgen hatten die Trpfchen zu flstern, zu klatschen, zu
klappern begonnen; von der Meereskste her trmten sich die nebligen
Filzflecken; paarweise erschienen die Schreiber; der Schweizer mit dem
Dreimaster machte ihnen auf; sie hngten ihre Hte wie ihre feuchten
berkleider an die Haken, liefen die mit rotem Tuch belegten Stufen hinauf,
liefen durch das weimarmorne Vestibl, hoben die Augen zu dem Portrt des
Ministers und gingen in ihre ungeheizten Sle -- an ihre kalten
Arbeitstische. Aber die Schreiber schrieben nicht: sie hatten nichts zu
schreiben; aus dem Direktorzimmer kamen keine Papiere; das Direktorzimmer
war leer; wohl brannten im Kamin lohend Holzscheite. Aber ber dem massiven
Eichentisch neigte sich nicht der kahle Kopf mit den geschwollenen Adern an
den Schlfen, die tiefsitzenden Augen wandten sich nicht gegen den Kamin,
wo in lustiger Kornblumenschar giftige Rauchwlkchen emporringelten. Das
Direktorzimmer war leer.

An diesem Tag war Apollon Apollonowitsch nicht in sein Arbeitszimmer
geschritten.

Das Warten wurde bereits langweilig; ein bescheidenes, fragendes Flstern
ging von Tisch zu Tisch; Gerchte schoben sich von einem zum anderen;
Gespenster huschten durch die Luft; im Zimmer des Vizedirektors knatterte
die Telephonglocke.

Noch nicht herausgekommen? . . . Unmglich! . . . Sagen Sie, wird dringend
erwartet . . . nicht mglich . . .

Zum zweiten Male knattert das Telephon:

Haben Sie ausgerichtet? . . . Noch immer beim Frhstck? . . . Sagen Sie,
Exzellenz wird dringendst verlangt . . .

Der Vizedirektor stand mit bebendem Unterkiefer vor dem Telephon; er machte
mit den Armen Gesten des vollstndigen Unbegreifens; er wartete eine,
anderthalb Stunden; dann setzte er seinen berhohen Zylinder auf und stieg
die teppichbelegte Treppe hinunter. Die Haustr flog auf vor ihm; er
bestieg einen Wagen . . .

Zwanzig Minuten spter betrat er das Vestibl des gelben Hauses und
erblickte mit Erstaunen seinen Vorgesetzten, Apollon Apollonowitsch
Ableuchow, im Morgenrock von widerwrtiger, mausgrauer Farbe, mit unruhig
auf ihn gerichteten: Blick hinter der Statue der Niobe stehen.

Apollon Apollonowitsch! rief der grauhaarige Ritter des Annaordens und
richtete hierbei eilig seinen Halsorden unter der Krawatte zurecht. Er
erblickte hinter der Niobe das unrasierte, mit Haarstoppeln bedeckte Kinn.

Apollon Apollonowitsch, da sind Sie? Und ich, wir warteten und warteten;
telephonierten immer wieder.

Ich . . . mm--mm . . . ordnete meine Bibliothek . . . Verzeihen Sie,
Vterchen, da ich Sie . . . so . . . empfange.

Er zeigte mit den Hnden auf seinen Morgenrock.

Was haben Sie, krank? A--a--a: Sie scheinen etwas aufgedunsen. Das ist
sicherlich die Wassersucht? -- und er berhrte ehrfurchtsvoll den mit
Staub bedeckten Finger des Vorgesetzten.

Apollon Apollonowitsch lie den Staublappen auf das Parkett niedergleiten.

Da Sie gerade jetzt krank wurden! . . . Ich komme mit Neuigkeiten . . .
Ich mu Ihnen zu -- einem Generalstreik in Merowetrinsk gratulieren . . .

Woher nehmen Sie? . . . Ich . . . mm--mm . . . bin gesund . . . Das
Gesicht des Alten verzog sich in Falten. (Die Nachricht vom Generalstreik
nahm er gleichgltig auf; er schien sich nicht mehr ber etwas wundern zu
knnen.) -- Bitte nur einzutreten; so viel Staub, wissen Sie . . .

Staub?

Da hab' ich mit dem Lappen . . .

Der Vizedirektor mit dem wallenden Backenbart verneigte sich ehrfurchtsvoll
vor der gekrmmten Ruine und bemhte sich immerfort, auf das wichtige
Papier zu kommen, das er im Salon auf ein Perlmuttertischchen vor sich
hinlegte.

Doch Apollon Apollonowitsch unterbrach ihn wieder:

Staub, wissen Sie, der enthlt Mikroorganismen, die verschiedene
Krankheiten hervorrufen. Ich habe ihn deswegen mit dem Staublappen . . .

Pltzlich sprang die graue Ruine aus dem Empiresessel auf und stie, sich
mit der einen Hand auf die Lehne sttzend, mit der anderen gegen das
Papier.

Was ist das?

Wie ich Ihnen, Exzellenz, soeben mitteilte . . .

Nein, gestatten Sie . . . Apollon Apollonowitsch bckte sich rasch ber
das Papier: er wurde auf einmal jnger, sein Gesicht wurde wei und rosig
(rot konnte es nicht mehr werden).

Warten Sie! . . . Aber sie sind dort alle verrckt geworden! . . . Man
braucht meine Unterschrift? Neben dieser Unterschrift?!

Apollon Apollonowitsch! . . .

Ich gebe meine Unterschrift nicht.

Aber es ist eine Revolte!

Setzen Sie Iwantschenko ab . . .

Iwantschenko ist schon abgesetzt: haben Sie es vergessen?

Ich gebe meine Unterschrift nicht . . .

Mit verjngtem Gesicht latschte er in seinen Pantoffeln auf und ab durch
den Salon, die Hnde auf dem Rcken, mit unanstndig geffnetem Morgenrock,
die Glatze tief nach vorn gebeugt; er nherte sich dem erstaunten Gast und
begann auf ihn mit Speichel zu spritzen:

Wie konnten die dort sich das nur denken? Etwas anderes ist eine -- feste
administrative Gewalt, und wieder etwas anderes ist eine direkte Verletzung
der gesetzlichen Regeln . . .

Apollon Apollonowitsch -- versuchte der Beamte den Alten zur Vernunft zu
bringen, Sie sind ein Mann von festem Willen, Sie sind ein Russe . . . Wir
hofften . . . Nein, Sie werden doch sicherlich unterschreiben.

Apollon Apollonowitsch drehte einen Bleistift zwischen zwei knchernen
Fingern; er blieb stehen, sah mit scharfem Blick in das Papier hinein und:
knisternd brach der Bleistift in zwei Stcke; erregt band er darauf die
Grtelschnur seines Morgenrockes fest, seine Kinnladen zitterten vor Zorn.

Ich gehre, Vterchen, zur Schule Plehwe . . . Ich wei, was ich tue
. . . Das Huhn geht nicht zu den Eiern in die Lehre . . .

Mm--m . . . Ich -- gebe -- meine -- Unterschrift -- nicht . . .

Schweigen.

Mm--mm--m . . . M----mm . . .

Und er blies seine Wangen auf . . .

Der Herr mit dem wallenden Backenbart stieg mit bedenklicher Miene die
Treppe hinunter; es war ihm klar: die Karriere des Senators Ableuchow, an
der er lange Jahre gebaut hatte, ist nun zu Staub geworden. Nachdem der
Vizedirektor gegangen war, schritt Apollon Apollonowitsch lange zornig auf
und ab, im Salon zwischen den Empiresthlen. Dann verlie er den Raum und
erschien gleich wieder mit einer riesigen Mappe unterm Arm, die er auf das
Perlmuttertischchen legte. Dann lutete er und befahl dem Diener, ein Feuer
im Kamin zu machen.

Ein toter Kopf blickte ber die Notabene, die Fragezeichen,
Gedankenstriche, Paragraphen, ber die nun _letzte Arbeit_, zum Kaminfeuer
hinber; die Lippen murmelten:

Macht nichts . . . So--so . . .

Mit boshaftem Lcheln und zusammengekniffenen Augen dachte der kahle
Senatorenkopf an den vollendeten Karrieristen, der soeben das Haus
verlassen hatte, der es gewagt hatte, ihm, Ableuchow, den Vorschlag zu
machen, sein bisher reines Gewissen durch eine Konzession zu beflecken und
der jetzt sicherlich sprhend vor Wut durch die schmutzigen Straen raste
. . .

Ich bin, meine Herrschaften, einer aus der Schule Plehwe . . . Ich wei,
was ich tue . . . Ja, ja, meine Herrschaften . . .

Der scharf gespitzte Bleistift hpfte zwischen den Fingern; der scharf
gespitzte Bleistift fiel als kleine Splitter auf das Papier nieder; das ist
ja seine letzte Arbeit; in einer Stunde wird diese Arbeit gemacht sein; in
einer Stunde wird er sich mit dem Hohen Amt telephonisch verbinden lassen
und ihm die mit dem Geiste kaum zu fassende Nachricht berbringen.

                                * * *

Der Wagen raste an die Karyatide des Portals heran; die Karyatide rhrte
sich nicht; er rhrte sich nicht, der brtige Alte, der das Portal des
Hohen Amtes sttzte.

Das Jahr achtzehnhundertundzwlf hatte ihn aus den Wldern befreit;
achtzehnhundertfnfundzwanzig strmten die Dezembertage an ihm vorbei.
Vorber sind diese Strme! Vorber sind auch die jngsten Strme von
neunzehnhundertundfnf!

Mann mit dem steinernen Bart!

Alles hatte er gesehen, was um ihn geschah, und was zu geschehen aufgehrt
hatte. Doch wird er niemals davon erzhlen.

Er erinnert sich der zwei Vollblutrosse, die der Kutscher mit festem Zug an
der Leine vor dem Portal anhielt; von den schweren Gruppen stieg der Dampf
in Wolken auf; ein General mit Dreimaster auf dem Kopfe, in einem Mantel
mit Biberkragen, sprang grazis aus dem Wagen und lief unter lauten
Hurras zur Glastr, die sich ihm ffnete.

Dasselbe Hurra klang ihm entgegen, als der General spter auf den Balkon
hinaustrat. Der brtige Mann unter dem Balkon kennt diesen Namen noch
heute. Aber er nennt ihn niemandem.

Er wird niemandem von der Dirne erzhlen, die heute nacht unten auf den
Stufen des Portals gekauert und geweint hatte.

Er wird niemandem von dem Minister erzhlen, der, bis vor kurzem, hier
tglich zu erscheinen pflegte: er trug einen Zylinder auf dem Kopf; in
seinen Augen lag eine grnliche Tiefe; wenn er aus dem leichten Schlitten
heraustrat, glttete er seinen gepflegten graumelierten Bart mit der grau
behandschuhten Hand.

Er ging mit hastigen Schritten durch die Glastr, um dann in
Nachdenklichkeit versunken an den Fenstern stehenzubleiben.

Dort, an jenem Fenster, sah man das blasse, blasse Gesicht an die Scheibe
gedrckt; der zufllige Passant wrde in dem blassen Fleck an der Scheibe
wohl kaum das Gesicht des Mannes vermutet haben, der von da aus die
Schicksale Rulands lenkte.

Der brtige Alte kannte ihn; und er erinnert sich seiner, niemals und nie
wird er von ihm erzhlen! . . .

Und -- Ruhe seiner Asche . . .

Auch der Schweizer mit dem Stab, der ber dem Brsenkurier schlummerte,
auch er kannte das leiddurchzogene Gesicht gut. Wetscheslaw
Konstantinowitsch hat, Gott sei Dank, noch niemand im Hohen Amt vergessen;
aber an, seligen Angedenkens, Kaiser Nikolaus Pawlowitsch erinnert sich
keiner mehr: man erinnert sich nur der weien Sle, der Sulen, der
Balustraden.

Der brtige Alte aber, er erinnert sich seiner.

Aus der Unzeit her, wie ber der Linie der Zeit schweben, steht er gebeugt
da: ber der pfeilgeraden Strae oder -- ber der bitteren, salzigen,
fremden menschlichen Trne?

                                * * *

Der kahle Kopf hebt sich empor, der mephistophelische, greisenhaft welke
Mund lchelt; rtliche Flmmchen zucken durch das Gesicht; Flmmchen
blinken in den Augen, aber es sind steinerne Augen; blau in grnlichen
Hhlen; kalte, erstaunte Blicke, und -- kalt, kalt. Gespenstisch entflammen
Zeit, Sonne, Licht. Das ganze Leben nichts als -- ein Gespenst. Lohnt es
sich? Nein, es lohnt sich nicht:

Ich bin, meine Herrschaften, aus der Schule Plehwe . . . Ich, meine
Herrschaften . . . Ich--mm--mm

Der kahle Kopf senkt sich.

                                * * *

Im Hohen Amt hpfte ein Flstern von Tisch zu Tisch; pltzlich ging die Tr
auf; ein Beamter mit kalkweiem Gesicht sprang ans Telephon:

Apollon Apollonowitsch hat seinen Abschied genommen . . .

Alle sprangen von den Pltzen auf; der Beamte Legonin begann zu weinen; es
entstand ein bldes Stimmengewirr, ein Futrampeln; aus dem Zimmer des
Vizedirektors drang eine feste Stimme und das Knattern der Telephonglocke
(zum Departement neun); der Vizedirektor stand mit bebendem Kinn da; in
seiner Hand tanzte das Telephonrohr hin und her. Apollon Apollonowitsch
Ableuchow war bereits nicht mehr das Haupt des Amtes.

Eine Viertelstunde spter erteilte der grauhaarige Vizedirektor, in hoch
zugeknpftem Amtsrock und mit dem Annaorden auf der Brust, seine Befehle;
zwanzig Minuten spter schritt er mit frisch rasiertem, verjngtem Gesicht
durch die weiten Sle.

Das war der Verlauf eines Ereignisses von unbeschreiblicher Wichtigkeit.


Das Reptil

Die schumenden Wasser des Kanals wlzten sich gegen die Stelle, an der der
Wind, aus der den Ferne des Marsfeldes kommend, sthnte: ein schrecklicher
Ort!

Am Rande dieses schrecklichen Ortes prangt ein herrlicher Palast; sein nach
oben ragender Turm gibt ihm das Aussehen eines wunderschnen Schlosses:
rosarot, steinschwer; ein Gekrnter lebte in diesen Mauern; schon lange ist
es her: der Gekrnte weilt lngst nicht mehr unter den Lebenden.

Seiner Seele, o Herr, sei in deinem Reiche gndig!

Der rosenrote Palast hob sich mit seinen nach oben ragenden Dchern von den
vollstndig bltterlosen, knorrigen sten der Umgebung ab; in wirrem
Durcheinander streckten sich die Zweige gegen den Himmel und fingen die
weigrauen Nebelbausche auf; chzend flog, pfeilgerade, eine Krhe auf; sie
flog auf, schwebte eine Weile in den Nebelflocken und strzte sich wieder
hernieder zur Erde.

Ein Droschkenwagen durchkreuzte diesen Ort.

Ihm entgegen liefen zwei kleine, rtliche Huschen, die, ein Einfahrtstor
bildend, auf dem Platz vor dem Palast standen; links drohte heulend eine
Baumgruppe; die gebogenen Gipfel der Stmme neigten sich, wie zum berfall;
die dnne Turmspitze blinkte oben aus den nebligen Flocken hervor.

Schwarz zeichnete sich eine Reiterstatue aus dem Nebelgrau des Platzes; die
Reisenden, die Petersburg besuchen, schenken diesem Denkmal keine
Aufmerksamkeit; ich selbst pflegte oft vor ihm zu stehen: ein herrliches
Werk! Wie schade, da ein armseliger Witzbold seinen Sockel, wie ich bei
meinem jngsten Hiersein bemerkte, mit Gold bestrichen hat.

Ein Selbstherrscher und Urenkel hatte dieses Denkmal seinem groen
Urgrovater errichtet; dieser Selbstherrscher war es gewesen, der das
Schlo hier bewohnt hatte; in dieser rosaroten Steinburg hat er auch seine
unglcklichen Tage beendet; er hat nicht lange hier gelitten; sein Leiden
konnte nicht lange whren; zwischen starrsinniger Eitelkeit und edlen
Wallungen wurde seine Seele zu Tode gezerrt; in Stcke zerrissen, entfloh
die kindliche Seele ihrem Krper.

Wie oft mag das stumpfnasige Gesicht mit den weigepuderten Locken aus
diesen Fenstern hinausgeblickt haben, vielleicht aus dem dort? Wie oft
mochte hinter diesen Scheiben das stumpfnasige Gesicht mit den
weigepuderten Locken voller Sehnsucht seine Augen in die Ferne getaucht
haben, in das rosige Verbleichen des Himmels, in das silberne Spiel des
Mondlichts im dunklen Blttergewirr der Strucher . . . Vor dem Tor stand
die Schildwache mit breitkrempigem dreieckigem Hut auf dem Kopf, und
salutierte mit dem Gewehr, wenn die Majestt mit goldbestickter Brust und
dem Andrejewschen Band ber der Schulter aus der Tr trat, um seinen
aquarellbemalten Wagen zu besteigen, auf dessen hohem Bock ein flammenroter
Kutscher sa, whrend auf den Trittbrettern zwei dicklippige Neger standen.

Alles mit flchtigem Blicke streifend, setzte Kaiser Pawel Petrowitsch das
sentimentale Gesprch mit dem in duftige Gazeschleier gehllten Hoffrulein
fort; das Hoffrulein lchelte und ihre Wangen zeigten zwei neckische
Grbchen, und -- ein schwarzes Schnheitspflsterchen . . .

In jener verhngnisvollen Nacht fiel silbernes Mondlicht durch die Scheibe
auf die schweren Mbel des kaiserlichen Schlafgemachs; es fiel auf das Bett
und vergoldete den am Rande sitzenden, kleinen schelmischen,
funkensprhenden Amor; auf dem blassen Linnen zeichnete sich das wie mit
Tusche leicht hingeworfene Profil ab; irgendwo schlug eine Turmuhr;
irgendwo tnten Schritte . . . Es waren kaum drei Minuten vergangen und
zerwhlt war das Bett; an der Stelle, wo das blasse Profil sich abgehoben
hatte, sah man nur eine Vertiefung im Kissen; das Bettleinen war noch warm;
der Schlafende war verschwunden; ein Hufchen weigepuderter Offiziere mit
blanken Sbeln stand ber das Lager gebeugt; jemand suchte eine Seitentr
von auen zu sprengen; man hrte eine weinende Frauenstimme; pltzlich hob
ein Offizier mit rosigen Lippen den schweren Fenstervorhang; in dem
durchsichtigen Silber hinter dem Fenster sah man -- einen schwarzen,
hageren, zitternden Schatten.

Der Mond fuhr fort sein leichtes Silber noch weiter in das Gemach zu
streuen, auf die schweren Mbel des kaiserlichen Schlafgemachs; es fiel auf
das Bett; es vergoldete die kleinen Amoretten an dem Kopfende; es fiel auch
auf das todblasse, wie mit leichter Tusche hingeworfene Profil . . .
Irgendwo schlug eine Turmuhr; Schritte tnten in der Ferne.

                                * * *

Gedankenlos betrachtete Nikolai Apollonowitsch diesen dsteren Platz und
merkte nicht, da das rasierte Gesicht des neben ihm sitzenden Leutnants
sich ihm immer wieder zuwandte; der Blick, mit dem Leutnant Lichutin sein
Opfer streifte, schien von Neugierde erfllt; Lichutin rckte fortwhrend
auf seinem Platze hin und her; stie seinen Nachbar in die Seite;
allmhlich erriet Nikolai Apollonowitsch, da der Leutnant es nicht ber
sich bringen konnte, ihn zu berhren -- wenn auch nur mit dem Ellbogen, und
er rckte immer weiter fort und beschenkte den anderen mit Seitenpuffen.

In diesem Augenblick ri ein Windsto Ableuchow den italienischen Hut vom
Kopf und er war gentigt, ihn mit unwillkrlichen Bewegungen von den Knien
seines Nachbars aufzufangen; er berhrte dabei Lichutins kalte Finger und
diese Finger zuckten zusammen und sprangen wie durch die Berhrung von
etwas Widerlichem zurck; der spitze Ellbogen machte eine rckwrtige
Bewegung; als htte der Leutnant Lichutin nicht die Haut seines guten
Bekannten, ja seines Spielkameraden, berhrt, sondern . . . ein Reptil
. . . das man am liebsten . . . mit dem Fu zerdrcken mchte . . .

Diese Bewegung war Ableuchow nicht entgangen; er sah seinerseits jetzt mit
prfendem Blick den Freund seiner Kindheit an, mit dem er einst auf du
gewesen war; dieser Sserjosha, nmlich Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin,
hatte sich seit ihrem letzten Zusammensein mindestens um acht Jahre
verjngt und hatte sich wieder in Sserjosha verwandelt; aber dieser
Sserjosha horchte jetzt nicht mehr voll Spannung den gedanklichen Flgen
Ableuchows, wie damals, vor -- acht Jahren, als sie in den Holunderbschen
des alten grovterlichen Parks sich verborgen hielten; acht Jahre sind
vergangen; diese acht Jahre haben alles verndert; die Holunderbsche sind
abgetragen worden und er . . . mit heimlicher Unterwrfigkeit sah er
Ssergeij Ssergeijewitsch an.

Ableuchows Gesicht magerte pltzlich ab.

Sie quittieren Ihren Dienst, Ssergeij Ssergeijewitsch?

Ha?

. . . Ihren Dienst? . . .

Ja, wie Sie sehen . . .

Ssergeij Ssergeijewitsch ma Ableuchow mit einem Blick, als she er ihn zum
erstenmal; er sah ihn vom Kopf bis zu den Fen an.

Ich wrde Ihnen raten, Ssergeij Ssergeijewitsch, den Mantelkragen
hochzuheben: Ihr Hals ist erkltet und bei diesem Wetter . . . da ist es
wirklich sehr leicht mglich . . .

Was meinen Sie?

Sie knnen sich leicht eine Halsentzndung zuziehen.

Ihrer Sache wegen -- brachte mit dumpfem Brummen Lichutin hervor.

-- ?

Es hat mit dem Hals nichts zu tun . . . Ich habe Ihrer Sache wegen den
Dienst quittiert, das heit, nicht einmal Ihrer Sache wegen, sondern
Ihretwegen.

Aha, eine Anspielung! wre beinahe laut aus Ableuchow herausgekommen;
aber er fing wieder einen Blick auf: so sieht man nicht die an, die man
kennt; so sieht man hchstens ein berseeisches Wunder im Panoptikum an.

So sehen Passanten einen Elefanten an, den man zuweilen in vorgerckter
Abendstunde auf dem Wege vom Bahnhof zum Zirkus antrifft. Sie heben die
Augen, machen einen Ruck nach rckwrts und glauben ihren eigenen Augen
nicht, zu Hause erzhlen sie:

Denkt euch, wir haben auf der Strae einen Elefanten gesehen.

Aber alle lachen ber sie.

Eine solche Neugierde sprach aus Lichutins Blicken; es war keine Emprung
in ihnen, hchstens ein gewisser Ekel (wie von der Nhe einer
Ringelnatter); kriechende Reptile rufen keine Emprung hervor, man mchte
nur . . . sie mit dem Fue . . . zertreten.

Nikolai Apollonowitsch dachte ber Lichutins Worte nach: er quittiere
seinetwegen den Dienst; ja, Leutnant Lichutin verliert die Mglichkeit,
Offizier zu sein, nach dem, was bald zwischen ihnen geschehen sein wird; in
der Wohnung wird wohl niemand sein; es wird da etwas geschehen, etwas
. . . Hier wurde Ableuchow von ernster Angst gepackt; er rckte unruhig auf
seinem Platze und -- und pltzlich bohrten sich alle seine zehn Finger in
den Arm des Offiziers.

Ha! . . . Was meinen Sie . . . Warum wollen Sie? . . .

Ein rosafarbiges Huschen, von oben bis unten mit Stuck verziert, eilte an
ihnen vorbei: dieses Rokokohuschen war vielleicht einst die Wohnsttte des
Hoffruleins gewesen, des Hoffruleins mit den schelmischen Grbchen in den
Wangen und dem schwarzen Schnheitspflsterchen.

Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Ich, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Ich mu
gestehen . . . Ach, ich bedaure so sehr . . . Mein Benehmen war sehr, sehr
bedauerlich . . . Ich habe mich benommen, Ssergeij Ssergeijewitsch . . .
schmachvoll, betrbend . . . Aber ich habe -- eine Rechtfertigung; ja, ich
habe, habe eine Rechtfertigung. Als ein gebildeter humaner Mensch, als
lichte Erscheinung, drften Sie, Ssergeij Ssergeijewitsch, das begreifen
knnen . . . Ich habe diese Nacht nicht geschlafen, ich will sagen: ich
leide an Schlaflosigkeit . . . Die rzte fanden (er erniedrigte sich nun
zu einer Lge) . . . Ich meine, mein Zustand wird als sehr ernst
betrachtet. Gehirnbermdung mit Pseudohalluzinationen (ihm fielen
pltzlich Dudkins Worte ein) . . . Was meinen Sie dazu?

Ssergeij Ssergeijewitsch sagte nichts: ohne jede Emprung sah er ihn an; in
seinem Blicke war nur Ekel (wie in der Nhe einer Ringelnatter); Reptile
lsen ja keinen Zorn aus: sie . . . zertritt man nur mit dem Fu . . .

Pseudohalluzinationen . . . wiederholte flehend Ableuchow, erschreckt,
klein, ungelenk, und verkroch sich mit den Augen in die des anderen (diese
Augen aber antworteten nicht); er wollte schon hier die Auseinandersetzung
beenden, hier, in der Droschke und nicht dort in der Wohnung; das
verhngnisvolle Hausportal ist schon so, so nahe; ist die
Auseinandersetzung bis zur Erreichung des Portals nicht beendet -- dann ist
alles aus, alles, alles! A--us! Ein Mord geschieht, eine ttliche
Beleidigung, oder es kommt zu einer einfachen Schlgerei.

Ich . . . ich . . . ich . . .

Steigen Sie aus, wir sind schon da . . .

Mit bleiernen, unbeweglichen Blicken sah Nikolai Apollonowitsch um sich,
sah in die blulichen Nebelflocken, sah auf die mit einem Glucksen
niederfallenden Tropfen, auf die metallischen Blasen der Pftzen.

Leutnant Lichutin sprang aus der Droschke, warf dem Kutscher das Fahrgeld
zu und blieb auf dem Trottoir in Erwartung des Senatorshnchens stehen,
der, schwerfllig zaudernd, noch nicht ausgestiegen war.

Warten Sie bitte, Ssergeij Ssergeijewitsch, ich hatte ja einen Stock
. . . Wo ist er nur? Ach, sollte ich ihn . . . verloren haben?

Er suchte wirklich nach seinem Stock; aber der Stock war rettungslos
verschwunden; ganz bla und beunruhigt drehte Nikolai Apollonowitsch die
Augen nach allen Seiten.

Nun, was ist?

Aber mein Stock . . .

Ableuchows Kopf sank tief auf die Schultern; die Schultern wiegten sich auf
und ab; der Mund zog sich auf eine Seite aus; mit bleiernem, unbeweglichem
Blick sah Nikolai Apollonowitsch vor sich hin, in die blulichen
Nebelflocken, und rhrte sich nicht vom Fleck.

Da begann Lichutin zornig und ungeduldig zu atmen; er fate Ableuchow
delikat, aber fest am rmel, und hob ihn vorsichtig wie einen Warenballen
aus der Droschke.

Nikolai Apollonowitsch krallte sich mit allen zehn Fingern in Lichutins
Arm: jetzt mssen sie ber die dunkle Stiege gehen: wie, wenn die Hand des
Offiziers eine unanstndige Geste machen wird, der er im Dunkeln nicht
ausweichen kann; die Handlung wird geschehen sein und dann -- ist es --
aus; das Geschlecht der Ableuchow ist fr immer geschndet (sie wurden noch
nie geschlagen).

Leutnant Lichutin (dieser Wterich!) hat ihn so schon mit der
freigebliebenen Hand am Saum des italienischen berwurfs gepackt; Nikolai
Apollonowitsch wurde ganz wei.

Ich gehe schon, ich gehe, Ssergeij Ssergeijewitsch . . .

Er stemmte sich unwillkrlich mit dem Schuhabsatz gegen den Rand der ersten
Treppenstufe, aber er berlegte es sich sofort, um nicht lcherlich zu
erscheinen.

Die Haustr schlo sich hinter ihnen.


Hllische Finsternis

Hllische Finsternis umfing sie in dem unbeleuchteten Stiegenhaus (wie im
ersten Augenblick nach dem Tode); man hrte das Keuchen des Offiziers, und
hinter ihm reihten sich wie Perlen einzeln gesprochene Worte.

Ich . . . bin hier gestanden . . . hier . . . Ich bin nur so . . .
gestanden . . .

So machen Sie es, Nikolai Apollonowitsch? So machen Sie es?

Ein vollstndiger Nervenanfall . . . Krankhafte Vorstellungsassoziationen
. . .

Assoziationen? . . . Warum kommen Sie nicht? . . . Wie sagten Sie --
Assoziationen?

Der Arzt sagte . . . Warum ziehen Sie mich am Arm? Ich kann doch selbst
gehen . . .

Sie brauchen aber auch nicht meinen Arm zu packen . . . Bitte, lassen Sie
mich los . . .

Aber es fllt mir ja gar nicht ein . . .

Der Arzt sagte -- der Arzt sagte: eine ganz selten vorkommende . . .
Gehirnzerrttung; der Domino und alles andere: nur Gehirnzerrttung . . .

Pltzlich ertnte von oben eine gut genhrte, laute Stimme:

Guten Abend!

Jemand stand vor der Wohnungstr der Lichutins.

Wer ist da?

Unzufrieden klang Lichutins Stimme in der Finsternis.

Wer ist da? fragte auch Ableuchow sehr erleichtert; die ihn festhaltende
Hand lste sich von ihm, und zu seiner groen Freude hrte er jemand ein
Streichholz reiben.

Die fremde, gut genhrte Stimme fuhr laut fort:

Ich stehe da schon eine ganze Weile . . . Habe ein paarmal gelutet -- es
macht niemand auf. Und pltzlich bekannte Stimmen.

Die Streichholzflamme beleuchtete eine weigepflegte Hand, die einen Bund
wundervoller Chrysanthemen hielt; hinter ihnen zeichnete sich die
stattliche Figur Werhefdens.

Wie? Sind Sie es, Ssergeij Ssergeijewitsch?

Sie sind bartlos?

Sie sind in Zivil? . . .

Er tat, als bemerkte er erst jetzt Ableuchow (unsererseits sagen wir aber,
da er Ableuchow schon im ersten Augenblick gesehen hatte), rieb ein neues
Streichholz und ma ihn mit den Blicken, wobei er die Brauen hochhob.

Auch Nikolai Apollonowitsch? . . . Wie geht es Ihnen, Nikolai
Apollonowitsch? Nach dem gestrigen Abend dachte ich . . . Sie hatten sich
nicht wohl gefhlt? . . . Sie sind etwas strmisch aus dem Ballsaal
verschwunden . . . Seit dem gestrigen Abend . . .

Wieder flammte ein Streichholz auf; zwei spttische Augen blickten hinter
den Chrysanthemen hervor: Werhefden wute, da das Lichutinsche Haus vor
Ableuchow geschlossen war; als er bemerkt hatte, da dieser jetzt,
offensichtlich gegen seinen eigenen Willen, hierher geschleift wurde, hielt
er es als gut erzogener Mensch fr seine Pflicht, sich zu entfernen.

Ich stre doch nicht? . . . Ich mu nmlich gleich gehen . . . Wir haben
unglaublich viel zu tun . . . Ihr Herr Vater, Apollon Apollonowitsch,
erwartet mich . . . Ein Generalstreik scheint in Vorbereitung zu sein, da
gibt's nun viel Arbeit fr uns . . .

Ehe ihm geantwortet werden konnte, ging die Tr eilig auf; eine weie,
steife Haube mit einem Schmetterling obenauf erschien in der ffnung.

Marwruscha, ich komme nicht zu Besuch . . .

Bitte den Herrn, einzutreten: die gndige Frau ist zu Hause.

Ach nein, Marwruscha, bergeben Sie nur bitte diese Blumen der gndigen
Frau von mir . . . Das ist eine frhere Schuld -- wandte er sich mit einem
Lcheln an Lichutin und zuckte mit den Achseln, wie der Mann einem anderen
zulchelt und mit den Achseln zuckt, nachdem sie gemeinsam einen Abend in
Gesellschaft mit Damen zugebracht hatten . . .

Ich bin sie Sofja Petrowna schuldig geblieben fr die vielen verunglckten
Witze . . .

Und wieder lchelte er; dann erinnerte er sich:

Also, auf Wiedersehen, lieber Freund. Adieu, Nikolai Apollonowitsch: Sie
sehen bermdet aus, nervs . . .

Wie Schrotkugeln rollten seine Schritte die Treppe hinunter; von unten
klang noch herauf:

Sie sollten nicht so viel mit ihren Bchern . . .

Nikolai Apollonowitsch wollte beinahe hinunterrufen:

Ich komme mit, Hermann Hermanowitsch; ich mu auch schon gehen, haben wir
nicht denselben Weg? . . .

Aber die Schritte verstummten -- und bum! fiel das Haustor ins Schlo.

Da fhlte sich Nikolai Apollonowitsch wieder ganz verlassen; und wieder
wurde er festgehalten, jetzt nun endgltig, vor Marwruscha. In seinem
Gesicht malte sich Grauen, whrend das von Marwruscha deutliche Spuren von
Erstaunen und Angst zeigte; dagegen drckten die Gesichtszge des Offiziers
unverhehlte, geradezu satanische Freude aus; mit Schwei berdeckt zog er
sein Taschentuch hervor, whrend er mit der freien Hand den widerstrebenden
Studenten gegen die Tr schob.

So geschmeidig sich auch die Figur Nikolai Ableuchows im Ausweichen zeigte
-- er wurde endlich doch in die offene Tr geschoben.

Bitte einzutreten . . .

Er war also doch da; aber im Vorzimmer erblickte er bekannte Gegenstnde,
die eichenimittierte Wandverkleidung mit dem Spiegel in der Mitte; und mit
dem letzten Rest von Wrde meinte er:

Ich halte mich nur einen Augenblick auf.

Beinahe htte er seinen berwurf nach alter Gewohnheit Marwruscha
zugeworfen. Uff -- diese Hitze und das Parfm. Da vergeht einem das Denken.

Doch trat Ssergeij Ssergeijewitsch dazwischen und zischte Marwruscha leise
zu:

Gehen Sie in die Kche . . .

Und ohne die Hflichkeitsformen zu beachten, die er als Wirt des Hauses
seinem Besuch schuldete, schob er ganz unzart den breitkrempigen Hut und
den fliegenden berwurf zusammen mit Nikolai Apollonowitsch in das Zimmer,
in dem die Fuji-Jamas an den Wnden hingen.

Nikolai Apollonowitsch erblickte flchtig das rosa Kimono: es verschwand
eilig im Nebenzimmer, und die Tr schlo sich hinter ihm.

In seiner ungewollt raschen Fahrt durchs Zimmer merkte Ableuchow die hier
vorgegangenen Vernderungen nicht: weder die Spuren des abgefallenen, nur
notdrftig weggeschafften Schutts noch das klaffende Loch in der
Zimmerdecke. Als er aber seinen ngstlich fletschenden Mund in die Richtung
seines Henkers wandte, da erblickte er . . .

Die Tr zu Sofja Petrownas Zimmer ging ein wenig auf, und im Spalt zeigte
sich ein Kopf: Nikolai Apollonowitsch sah nur -- zwei Augen; voll Grauen
sahen ihn diese Augen aus einer schwarzen Haarflut an.

Aber kaum hatte er ihnen seinen Blick zugewandt, da sahen sie weg, und es
ertnte der Ruf:

Ach, ach!

Sofja Petrowna sah: ihr Gatte, der Offizier, mit schweibedecktem Gesicht,
bemhte sich krampfhaft, den berwurf des Nikolai Apollonowitsch
festzuhalten, whrend dieser ebenfalls mit vor Schwei feuchter Stirn sich
zu entwinden suchte. Seine Stiefelabstze stemmten sich gegen den Teppich,
rutschten aus, und der Teppich zog sich in groe Falten zusammen.

Hier hatte Ableuchow Sofja Petrowna erblickt; weinerlich rief er ihr zu:

Bitte, Sofja Petrowna, lassen Sie uns allein; was wir Mnner miteinander
. . .

Da lste sich sein berwurf von ihm und flog wie ein phantastischer Vogel
auf das Sofa.

Seine Abstze glitschten auf dem Teppich aus, und einen Augenblick verlor
er das Gleichgewicht; balancierend suchte er irgendeinen festen Punkt zu
erhaschen; dieser feste Punkt erwies sich aber als die nichtgeschlossene
Tr zu Lichutins Zimmer; die Tr ffnete sich und wie ein Stein fiel
Ableuchow nieder: das Unbekannte verschlang ihn.


Der Privatmann

Endlich erhob sich Apollon Apollonowitsch.

Er blickte seltsam unruhig um sich; er ri sich von dem Sto bereinander
gehufter Papiere los: von den Notabenen, Paragraphen, Frage- und
Ausrufezeichen; kalt bebte und hpfte die Hand mit dem Bleistift -- ber
dem vergilbten Blatt auf dem Perlmuttertischchen; der Stirnknochen wlbte
sich in gewaltsamer Anstrengung: es hie zu begreifen, um jeden Preis zu
begreifen.

Und er -- begriff.

Der lackierte Wagen mit dem Wappen wird nicht mehr an die alte, steinerne
Karyatide heransausen; nichts wird sich dort, hinter der Glastr, ihm
entgegen, erheben: weder die achtzigjhrige Schulter, noch der Dreimaster
und der kupferkpfige Stab; aus den Ruinen wird nicht Port Arthur
entstehen; aber erheben wird sich China; horch! -- tnt nicht ein Stampfen
aus der Ferne? Das sind -- die Reiter des Tschingis-Khan.

Apollon Apollonowitsch horchte auf: aus der Ferne kommt das Stampfen; nein,
es ist kein Stampfen: Ssemjonytsch schreitet durch die kalt glitzernde
Pracht der Zimmer; herein kommt er, sieht sich um und geht weiter.

Die Schritte des alten Ssemjonytsch verklangen.

Apollon Apollonowitsch liebte seine groe Wohnung nicht, mit der ewigen
Perspektive der Newa: eine grnliche Schar zogen dort die Wolken dahin:
zuweilen verdichteten sie sich zu gelblichem Rauch, der sich dann auf die
Ufer legte; die dunkle Wassertiefe schlug mit dem Stahl ihrer Schuppen an
den Granit; Apollon Apollonowitsch sah sich um: diese Wnde! Hier wird er
sitzenbleiben, fr lange Zeiten, mit der Perspektive auf die Newa. Das ist
sein Familienherd; der ffentliche Dienst ist beendet.

Was ist dabei?

Wnde -- Schnee und nicht Wnde! Ja, gewi, sie sind etwas kalt . . . Was
ist dabei? Familienleben -- schon gut: Familienleben; d. h.: ja gewi:
Nikolai Apollonowitsch ist ein schrecklicher -- ja, sozusagen ein
schrecklicher . . . und dann: Anna Petrowna, die auf ihre alten Tage
. . . wei Gott wozu, sich gewandelt hat!

Mm -- mm . . .

Apollon Apollonowitsch drckte fest den Kopf mit den Hnden; seine Blicke
starrten in die prasselnde Glut des Kamins: mige Spiele des Gehirns!

Sie liefen weiter -- die Gedanken, liefen ber, die Grenze des Bewutseins
hinaus: dort trmten sie sich zu einem Berg chaotischer Bilder; Nikolai
Apollonowitsch tauchte dort auf -- klein gewachsen, mit forschend blauen
Blicken und einem Knuel mannigfachster (das mu man schon zugeben)
geistiger Interessen, bis zum uersten verworrener.

Und es tauchte ein Mdchen auf (seitdem sind schon -- dreiig Jahre
verflossen); eine Schar Anbeter; unter ihnen ein in besten Jahren stehender
Herr, Apollon Apollonowitsch Ableuchow, bereits ein hherer Beamter und ein
hoffnungslos Verliebter.

Und -- die erste Nacht; das Grauen in den Augen der mit ihm allein
gebliebenen Gefhrtin -- der Ausdruck des Ekels, der Verachtung, verborgen
unter dem ergebenen Lcheln der Duldenden; in jener Nacht hatte Apollon
Apollonowitsch Ableuchow, ein bereits hochgestellter Beamter, einen
verbrecherischen, formell erlaubten Akt begangen: er hatte ein Mdchen
vergewaltigt; diese Vergewaltigungsakte geschahen Jahre hindurch; und in
einer solchen Nacht wurde Nikolai Apollonowitsch gezeugt -- zwischen zwei
verschiedenen Lcheln: zwischen dem Lcheln der Wollust und dem der
Ergebenheit; ist es verwunderlich, da Nikolai Apollonowitsch dann die
Mischung aus Verachtung, Angst und Wollust in sich verkrperte? Sie htten
sogleich beide an die Aufgabe gehen sollen: das von ihnen gezeugte Grauen
zu erziehen, das Grauen zu vermenschlichen.

Sie aber fachten es noch mehr an.

Und nachdem sie selbst dieses Grauen bis zum uersten trieben, flchteten
sie sich alle selbst vor dem Grauen: Apollon Apollonowitsch in die hohe
Verwaltung, in der die Schicksale Rulands bestimmt wurden; Anna Petrowna
-- zur Befriedigung ihrer erwachten Geschlechtstriebe zu Mantalini (dem
italienischen Snger); Nikolai Apollonowitsch in die Philosophie; und von
dort in die Versammlungen von Abiturienten nicht existierender Hochschulen.
Ihr heimischer Herd verwandelte sich in eine Sttte der Verwstung.

An diese Sttte wird er jetzt nun wieder zurckkehren; statt Anna Petrowna
wird ihm nur die geschlossene Tr zu ihren Appartements entgegensehen,
falls sie nicht die Lust verspren wird, in seine Verwstung
zurckzukehren; die Schlssel zu diesen Appartements hat er bei sich
(zweimal war er in diesen Teil des kalten Hauses getreten, um dort ein
Weilchen zu sitzen; beide Male hatte er Schnupfen davongetragen).

Statt des Sohnes aber wird er ein Auge erblicken -- ein zwinkerndes,
ausweichendes Auge -- gro, leer und kalt, von kornblumenblauer Farbe; ein
halb diebisches, halb grenzenlos erschrockenes; in diesem Auge wird sich
das Grauen verbergen -- jenes Grauen, das sich in den Augen der
Neuvermhlten gemalt hatte, in jener Nacht, da Apollon Apollonowitsch
Ableuchow, der hohe Beamte, zum erstenmal . . .

Wenn er sich nicht mehr im Staatsdienst befinden wird, knnen auch die
anderen Paradezimmer geschlossen werden; nur der Korridor wird offenbleiben
mit den anschlieenden Rumen fr ihn und den Sohn: sein ganzes Leben wird
sich auf den Korridor beschrnken; seine Pantoffel werden dort schlrfen;
und dann wird es noch geben: Zeitunglesen, das Verrichten krperlicher
Notdrfte, das unvergleichliche rtchen und die Fertigstellung der
Lebensmemoiren.

Ja, ja, ja!

Und die Tr, die zum Zimmer des Sohnes fhrt -- davor wird er stehenbleiben
und -- durchs Schlsselloch hineingucken, dann aber, bei jedem verdchtigen
Gerusch -- zurckspringen; oder nein, er wird an einer passenden Stelle
ein Loch durch die Wand bohren, und -- seine Mhe wird belohnt werden: das
Zimmertreiben seines Sohnes wird vor seinen Blicken offenliegen wie der
Mechanismus einer aus dem Gehuse entfernten Uhr. Von diesem
Beobachtungspunkt aus wird er andere als staatliche Interessen verfolgen
knnen.

Und doch wird alles nur sein:

Guten Morgen, Vater!

Guten Morgen, Kolenka!

Und jeder wird dann in sein eigenes Zimmer gehen.

Dann -- dann: der Schlssel wurde umgedreht; er schleicht sich zu der
Stelle an der Wand, wo sie durchbohrt ist, um zu sehen; horchen, zuweilen
zittern, zusammenfahren in Erwartung des sich ihm erffnenden Geheimnisses;
in welcher Weise wird sich die Vertraulichkeit zwischen Nikolai und jenem,
mit dem Schnurrbrtchen, uern; in der Nacht wird er dann, die Decke von
sich werfend und den schweibedeckten Kopf vorstreckend, ber das Gehrte
grbeln, wird Oblaten zu sich nehmen, um die schmerzhaften Schlge des
Herzens zu beschwichtigen, und wird zum unvergleichlichen rtchen rennen:
mit den Pantoffeln durch den Korridor schlrfen . . . bis ein neuer Morgen
graut.

Guten Morgen, Vater!

Guten Morgen, Kolenka!

Das ist das Leben eines Privatmannes.

                                * * *

Ein unberwindlicher Drang trieb ihn, in das Zimmer des Sohnes zu treten;
schchtern knarrte die Tr: er war im Empfangszimmer; er blieb an der
Schwelle stehen; ganz klein, greisenhaft; er zupfte an den himbeerroten
Schnren seines Morgenrockes und betrachtete das Durcheinander, das hier
herrschte: den Vogelkfig mit den Papageien, das arabische Taburett mit
Inkrustation aus Elfenbein und Kupfer; dann die Geschmacklosigkeit: den
roten Domino, dessen ppige Falten wie Feuergarben oder flieende
Hirschgeweihe vom Taburett herunterquollen, direkt zum Leoparden hinunter,
der auf dem Boden mit fletschendem Maul ausgestreckt lag; Apollon
Apollonowitsch stand eine Weile, kaute mit dem leeren Mund, kratzte sich
das wie mit Reif bedeckte Kinn und wandte sich voll Abscheu ab (er kannte
ja die Geschichte mit der Maske).

Apollon Apollonowitsch schien es, als wenn es hier schwl wre; statt mit
Luft war die Atmosphre hier mit Blei angefllt; als wren hier furchtbare,
unertrgliche Gedanken gedacht worden . . . Ein unangenehmes Zimmer! Und
eine unangenehme Atmosphre! . . .

Da -- ein leidvoll lchelnder Mund, kornblumenblaue Augen, wie eine lichte
Aureole die Haare: in eng anliegender Studentenuniform mit sehr schmaler
Taille, weie Glachandschuhe in der Hand, frisch rasiert (vielleicht
parfmiert), den Sbel an der Seite, stand sein Sohn Nikolai Apollonowitsch
im Rahmen und litt: Apollon Apollonowitsch betrachtete einen Augenblick
lang aufmerksam das Portrt, das im vergangenen Frhjahr gemalt worden war,
und schritt in das Nebenzimmer.

Der nicht abgesperrte Schreibtisch zog die Aufmerksamkeit des Senators auf
sich: eine der Schubladen war etwas vorgeschoben; eine instinktive
Neugierde berkam Apollon Apollonowitsch, den Inhalt dieser Lade nher zu
untersuchen; mit raschen Schritten nherte er sich dem Schreibtisch und
griff nach einer darauf liegenden groen Photographie, die eine brnette
Dame darstellte . . .

Mechanisch drehte er das Bild in der Hand, ohne es eigentlich zu sehen;
denn seine Gedanken waren weit weg und bewegten sich in der Richtung der
Betrachtungen ber seine zurckgelegte eigene Laufbahn und die, die manche
andere (die vulgr Karrieristen genannt zu werden pflegen) noch vor sich
haben . . . Ihn aber mchte man . . .

Was -- mchte man ihn?

Durch die Gedanken abgelenkt, merkte er es gar nicht, da er nicht mehr das
Portrt in der Hand hielt, sondern einen ihm unbekannten schweren
Gegenstand, den er mechanisch aus der offenen Schublade herausgezogen
hatte; ein tnender Laut kam aus diesem Innern: am allerwenigsten dachte
der Senator dabei an einen Abgrund (wir trinken ja oft genug vor einem
offenen Abgrund Kaffee mit Sahne); er betrachtete den viereckigen
Gegenstand mit den abgerundeten Kanten mit der grten Aufmerksamkeit und
horchte auf das Ticken der Uhr in seinem Innern: ein Uhrmechanismus -- in
einer schweren Sardinenbchse . . . In der Tat . . .

Der Gegenstand gefiel ihm nicht . . .

Er trug den Gegenstand, um ihn eingehender zu untersuchen, ber den
Korridor in den Salon. Mit seinem ber den Gegenstand geneigten Kopf
erinnerte er an ein Hufchen grauer Muse; seine Gedanken waren noch immer
mit jenem Typus der Staatsmnner beschftigt, wie er ihn gerade heute vor
sich gehabt hatte; die Leute von diesem Typus pflegen, um jede
Verantwortung von sich zu wlzen, zu den desten Phrasen Zuflucht zu
nehmen; wie zum Beispiel: Es ist bekannt, da . . ., whrend keinesfalls
etwas bekannt ist; oder: Die Wissenschaft sagt uns . . ., whrend die
Wissenschaft uns nichts sagt.

Apollon Apollonowitsch lief mit dem Gegenstand bis zu der Stelle des
Salons, wo das mit Inkrustation verzierte Tischchen stand und
hochmtig-steif sich eine langbeinige Bronze in die Hhe streckte; er legte
den schweren Gegenstand auf ein kleines chinesisches Lacktablett, sein
kahler Kopf war nach unten gebeugt; ber ihm aber breitete sich der
Lampenschirm aus blaviolettem, fein bemaltem Glas.

Doch das Glas war abgedunkelt von der Zeit; und abgedunkelt war auch die
seine Malerei.

                                * * *


Die verunglckte Auseinandersetzung

Trotz des Schmerzes, den ihm das Fallen verursachte, erhob sich Nikolai
Apollonowitsch sofort vom Parkettboden des Lichutinschen Arbeitszimmers und
sah sich ngstlich nach einem Verteidigungspunkt um; diesen entdeckte er in
einem schweren eichenen Lehnstuhl, der vor dem Schreibtisch stand, und
hinter diesen flchtete er; er sah komisch genug aus mit dem bebenden Kinn,
den deutlich zitternden Fingern, von dem einzigen, instinktiven Streben
erfllt -- noch rechtzeitig das Ziel zu erreichen: sich an den Lehnstuhl zu
klammern. Hier wrde er dem herannahenden Feinde ausweichen knnen; nach
links, nach rechts, je nachdem von welcher Seite der Angriff nahen wrde.

Oder: er knnte den Lehnstuhl als Waffe bentzen; den Feind durch einen
Sto mit den Stuhlbeinen zu Boden werfen und, ehe dieser sich aufrichtet,
das Fenster erreichen . . .

Schwer atmend und hinkend gelangte er an den Lehnstuhl.

Doch kaum hatte er ihn erfat, als er auf seinem Halse den sengenden Atem
des Offiziers versprte; er drehte sich um und erblickte ein verzerrtes
Gesicht sowie eine gehobene Hand, deren fnf Finger auf seine Schulter
niederzufallen bereit waren; das vor Wut gertete Gesicht des Rchers
starrte ihn mit versteinertem Blick an; niemand htte in dieser
Physiognomie das harmlose Gesicht des Offiziers wiedererkannt, der ehedem
gleichmtig ein Zwanzigkopekenstck nach dem anderen als Strafe fr dumme
Witze an die Kasse seiner Gattin zahlte. Es war nicht eine Hand mit fnf
Fingern, sondern eine Tatze, die die Schulter zermalmen mte, wenn sie auf
diese niederhieb. Behende sprang Ableuchow ber den Lehnstuhl hinber.

Die fnffingerige Tatze fiel auf den Lehnstuhl.

Ein Krachen ertnte; der Lehnstuhl strzte um; eine unmenschliche, gellende
Stimme drang an Ableuchows Ohr:

. . . denn da wird eine Menschenseele vernichtet!

Eine ungelenke Gestalt jagte hinter der kleinen davoneilenden Figur her;
aus dem geffneten speichelnden Mund kamen heisere, gurgelnde Laute, wie
ein dnnes Krhen, stimmlos und rot:

Ich habe mich eingemengt . . . weil . . . verstehen Sie? . . . Diese ganze
Sache . . . Diese Sache . . . das ist . . . Verstehen Sie es? . . . Das ist
so etwas . . . Mich geht es persnlich nichts an . . . Ich bin ein
Unbeteiligter . . . Aber -- verstehen Sie? . . .

Der irrsinnig gewordene Offizier hob ber seinem Opfer die nervs
zitternden Fuste, und whrend es eine klatschende Ohrfeige erwartete,
fuchtelte er mit ihnen in der Luft; der zu einem Hufchen Muskeln
zusammengeschrumpfte Ableuchow wand und krmmte sich; aus seinem feige
fletschenden Munde kamen stoweise Worte:

Ich verstehe es . . . Ich verstehe schon, Ssergeij Ssergeijewitsch . . .
Beruhigen Sie sich, aber . . . Ich bitte Sie, nicht so laut . . .

Er glitt in die Ecke und kauerte dort von Schwei bergossen nieder.

Am liebsten htte er die Augen geschlossen und sich die Ohren zugestopft,
um ja nicht das halbwahnsinnige, rote Gesicht zu sehen und die krhende,
tonlose Stimme hren zu mssen:

Aah . . . Eine solche Sache . . . da mu jeder anstndige Mensch . . . aah
. . . jeder anstndige Mensch . . . mu da eingreifen . . . ohne auf seine
Stellung . . . ohne auf die Etikette zu achten . . .

Nikolai Apollonowitsch dachte:

Soll ich jemand zu Hilfe rufen?

Aber wen? Nein, es ist zu spt: noch ein Augenblick, und alles wird zu Ende
sein!

Er ffnete die Augen -- und erblickte ber sich (er kauerte ja noch immer
am Boden) zwei weit auseinander gespreizte Beine; ohne sich lange zu
besinnen, entschlo er sich: mit fletschendem, gleichsam lachendem Mund,
mit flachswei wehenden Haaren schwang er sich zwischen den zwei Beinen
hindurch und rannte wie ein Pfeil zur Tr; doch . . . fnf Finger erfaten
ihn schmachvoll beim Scho seines Rockes; sie klammerten sich fest und --
knackend ri der kostbare Stoff entzwei.

Bleiben Sie doch . . . bleiben Sie doch . . . Ich . . . ich . . . ich
. . . tte Sie doch nicht . . . Bleiben Sie doch . . . Es drohen Ihnen
keine Gewaltttigkeiten . . .?

Durch einen groben Sto wurde Nikolai Apollonowitsch wieder in die Ecke
geschoben, so da er mit dem Rcken an die Wand anschlug; dort in der Ecke
blieb er stehen, schwer atmend, fast weinend ber die Garstigkeit der
Szene; er begriff nun: es war nicht Lichutin, der von ihm beleidigte
Offizier, der hier tobte, ja nicht einmal ein von Rachegefhlen
gepeitschter Feind, sondern ein Geistesgestrter, mit dem man nicht reden
kann; noch hatte sich der Irrsinnige, der ja als solcher kolossale
Muskelkraft besitzt, nicht ber ihn gestrzt; aber er wird es gleich tun,
sicherlich.

Der Irrsinnige aber wandte sich um; ging auf den Fuspitzen zur Tr, und
knacks -- wurde der Schlssel umgedreht; jenseits der Tr hrte man
unruhige Laute, als weine jemand. Dann war alles still. Ein Rckzug war
nicht mehr mglich; auer durchs Fenster.

Schwer atmeten zwei im abgesperrten Zimmer: ein Vatermrder und ein
Halbwahnsinniger.

                                * * *

Das Zimmer mit dem abgefallenen Stuck an der Decke war leer; vor der Tr
zum Zimmer des Hausherrn lag ein breitrndiger weicher Hut, von der
Chaiselongue hing ein Stck des phantastischen berwurfes herunter; als
aber aus dem Arbeitszimmer des Gatten ein Laut wie vom Aufschlagen mit
etwas Schwerem ertnte, ffnete sich die Tr aus Sofja Petrownas Zimmer,
und Sofja Petrowna in Hauspantffelchen, die Haare wie eine schwarze
Kaskade ber den Rcken gleiten lassend, trat hervor, ihr schmales
Stirnchen war sichtlich in Falten gelegt.

Sie nherte sich ganz leise der Tr, kauerte nieder und sah durch das
Schlsselloch; sie sah: zwei Paar Beine, die sich gegen die Zimmerecke
wlzten; dann sah sie die Beine nicht mehr, wohl aber vernahm sie eine aus
der Ecke kommende, seltsam gurgelnde, krhende, rollend-flsternde Stimme;
und wieder zeigten sich zwei Beine, die sich gegen die Tr bewegten, dann
drehte sich, direkt vor Sofja Petrownas Augen, der Schlssel um.

Sofja Petrowna begann zu weinen und sprang von der Tr fort; da erblickte
sie eine weie Schrze und eine Schmetterlingshaube: es war Marwruscha, die
hinter ihrem Rcken stehend sich das schneeweie Schrzchen vor das Gesicht
hielt und -- weinte:

Was geht denn dort vor? . . . Liebe, gndige Frau . . .

Ich wei nicht . . . Ich wei gar nichts . . . Was ist das nur? Was machen
sie dort, Marwruscha?

                                * * *

Der Halbwahnsinnige fuhr fort mit den Hnden in der Luft herumzufuchteln;
er flsterte ununterbrochen etwas und schritt in Diagonalrichtung durch das
schwle Zimmerchen, von einer Ecke zur anderen. Nikolai Apollonowitsch,
noch immer an der Wand in der Ecke stehend, beobachtete seinen wahnsinnigen
Feind, der ja jeden Augenblick zu einem wilden Tier werden konnte.

Jedesmal wenn die Hand oder der Ellbogen des Wahnsinnigen eine scharfe
Kurve machte, fuhr der an der Wand Stehende zusammen. Aber der besessene
Offizier verfolgte ihn nicht mehr, er lie sich in den Lehnstuhl nieder und
kehrte seinem Opfer den Rcken zu; seine Ellbogen auf die Knie sttzend,
den Rcken gekrmmt, den Kopf tief in den Schultern vergraben, seufzte er
und versank in tiefe Nachdenklichkeit.

Auf einmal sthnte er:

Allmchtiger Gott!

Und wieder ein Sthnen:

Steh uns bei und beschtze uns!

Nikolai Apollonowitsch benutzte dieses stille Delirium.

Er schob sich ein wenig vor und streckte sich; der Offizier wandte sich
nicht um: der Paroxismus schien den Hhepunkt berschritten zu haben und
war jetzt im Abnehmen; lautlos humpelte nun Nikolai Apollonowitsch zum
Schreibtisch; er sah komisch genug aus in elegantem Gehrock mit
abgerissenem Schoteil, mit glnzenden Gummischuhen an den Fen und
herunterbaumelndem Kragenschal um den Hals.

Er erreichte den Schreibtisch: hier blieb er einen Augenblick stehen und
horchte auf den Atem und das murmelnde Beten des Geisteskranken; dann
streckte er vorsichtig den Arm und suchte den Briefbeschwerer zu ergreifen;
wie fatal: ber dem Briefbeschwerer lag ein ganzer Sto mit Briefbogen.

Wenn sein rmel nur diese nicht streifte!

Aber tckischerweise hat der rmel doch das Papier gestreift; die
Papierbogen fuhren auseinander und knisterten verrterisch; das ri den
Leutnant aus seiner Nachdenklichkeit; sein Kopf wandte sich und erblickte
Nikolai Apollonowitsch mit vorgestrecktem Arm, den Briefbeschwerer in der
Hand; Nikolai Apollonowitsch blieb das Herz stehen; er sprang vom Tisch
zurck und drckte den Briefbeschwerer fest in der Hand -- fr alle Flle.

In zwei Sprngen war Ssergeij Ssergeijewitsch neben Ableuchow, lie seine
Hand auf dessen Schulter fallen: So -- nun geht es wieder an.

Ich mu Sie um Verzeihung bitten . . . Ich war etwas aufgeregt:
entschuldigen Sie . . .

Beruhigen Sie sich . . .

Die Sache war aber zu ungewhnlich . . . Aber um Gottes willen, frchten
Sie sich doch nicht . . . Warum zittern Sie? . . . Mir scheint, ich fle
Ihnen Angst ein . . . Ich . . . ich . . . habe Ihnen den Rockscho
abgerissen: das . . . geschah ohne meinen Willen . . . weil Sie, Nikolai
Apollonowitsch, sich vor der Unterredung drcken wollten . . . Begreifen
Sie doch, da Sie mir in der Sache eine Erklrung schuldig sind . . .

Aber ich bin ja bereit, emprte sich Nikolai Apollonowitsch. ber den
Domino sagte ich Ihnen schon auf der Treppe; ich wollte Ihnen gern alles
erklren, aber Sie lieen mich nicht dazu kommen . . .

Hmm . . . ja, ja . . .

Glauben Sie mir: die Geschichte mit dem Domino liegt nur an der bermdung
meiner Nerven; ich habe das Ihnen gegebene Versprechen nicht berschritten:
es war nicht mein freier Wille, da ich pltzlich im Stiegenhaus erschien,
es war . . .

Also wegen des Rockes entschuldigen Sie, unterbrach ihn Lichutin wieder
und zeigte hiermit aufs neue, da er einfach ein unzurechnungsfhiger
Mensch war . . . Der Rockscho wird Ihnen angenht; ich mache es, wenn Sie
wollen, selbst: ich habe eine Nadel und Zwirn . . .

Das fehlte noch! Ableuchow sah forschend den Offizier an: der Paroxysmus
schien doch wirklich vorber zu sein.

Aber das, Ssergeij Ssergeijewitsch, ist eigentlich . . . Das ist eine
Lappalie . . .

Ja, ja: das ist weiter nichts . . .

Was unser Thema betrifft: da ich mich im Stiegenhaus einfand . . .

Aber es handelt sich doch gar nicht um das Stehen im Stiegenhaus! wehrte
gergert der Offizier ab und begann aufs neue, in Diagonalrichtung durch
das kleine Zimmer zu schreiten.

Na, ich meine: was Sofja Petrowna betrifft . . . Mutiger geworden trat
Ableuchow ein wenig aus der Ecke vor.

Es handelt sich nicht um . . . nicht um . . . Sofja Petrowna, schrie ihn
der Offizier an, Sie haben mich vollstndig miverstanden!

Aber um was denn?

Das ist ja alles -- nichts . . . Das heit -- nichts im Vergleich zu der
Sache, um die es geht . . .

Was meinen Sie damit?

Die Sache ist -- der Offizier blieb vor Ableuchow stehen und saugte sich
mit seinen blutangelaufenen Augen an die erschrockenen Augen seines
Partners fest . . . die Sache ist, da Sie nun eingesperrt sind . . .

Aber . . . warum bin ich eingesperrt? Die Hand griff den Briefbeschwerer
fester . . .

Warum ich Sie eingesperrt habe? Warum ich Sie sozusagen mit Gewalt hierher
gelockt habe? . . . Ha, ha, ha: Das steht in gar keiner Beziehung zum
Domino oder zu Sofja Petrowna . . .

Durch Ableuchows Kopf ging es: Er ist total verrckt; er hat alle
Zusammenhnge verloren, er folgt nur krankhaften Assoziationen: er hat, wie
es scheint, doch vor, mich . . .

Als htte Ssergeij Ssergeijewitsch seine Gedanken erraten, beeilte er sich,
ihn zu beruhigen, aber das klang eher wie Hohn oder boshafter Spott:

Ich wiederhole: Sie sind hier in vollstndiger Sicherheit. . . Nur der
Rock . . .

Der verhhnt mich! dachte Nikolai Apollonowitsch, und ein ebenfalls
wahnsinniger Gedanke flog durch sein Hirn: dem Offizier einen Hieb mit dem
Briefbeschwerer auf den Kopf zu versetzen; dem so Betubten die Hnde zu
binden und sich in dieser Weise das Leben zu retten, das er schon deswegen
braucht, weil . . . ja . . . weil ja . . . die Bombe . . . im Schreibtisch
noch immer . . . tickte . . . tickte . . .

Also Sie werden von hier nicht weggehen . . . Ich aber werde mit einem
Brief von Ihnen, den ich diktiere -- mit Ihrer Unterschrift . . . Ich werde
dann in Ihre Wohnung gehen und in Ihrem Zimmer nachsehen . . . Zwar war ich
heute schon dort, habe aber nichts gefunden . . . Ich werde alles
durchsuchen, und wenn ich nichts finde, dann warne ich Ihren Vater . . .
denn -- er rieb sich die Stirn -- es handelt sich nicht um Ihren Vater;
es handelt sich um Sie: ja, ja, ja -- es handelt sich einzig und allein um
Sie, Nikolai Apollonowitsch!

Er bohrte sich mit dem knochigen Finger in die Brust und stand, eine
Augenbraue hochgezogen (nur eine Braue hochgezogen) da.

Das wird nicht geschehen, Nikolai Apollonowitsch! Das wird nie und nimmer
geschehen!

Und in dem glattrasierten, roten Gesicht spiegelte sich:

-- ?

-- -- ?

Nein, der ist total verrckt!

Sonderbarerweise wurde aber Nikolai Apollonowitsch von diesem
Wahnsinnsdelirium in Spannung versetzt; er horchte auf: Ist es auch
wirklich Delirium? Es scheinen eher, Anspielungen zu sein,
unzusammenhngend ausgesprochene Anspielungen aus etwas; doch -- worauf? Am
Ende -- auf . . . auf . . . auf?

Ja, ja, ja . . .

Aber Ssergeij Ssergeijewitsch, wovon reden Sie denn eigentlich?

Sein Herz hrte auf zu schlagen; er hatte das Gefhl, als umspanne seine
Haut nicht einen Krper, sondern einen Kieselsteinhaufen; und an Stelle des
Hirns hatte er auch nur Kieselsteine.

Wovon ich spreche? Aber von der Bombe . . . -- uerst verwundert trat
Ssergeij Ssergeijewitsch zwei Schritte zurck.

Der Briefbeschwerer entfiel Ableuchows Hand . . .

                                * * *

Ich bin erstaunt, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Wie konnten Sie glauben,
da ich . . . da ich . . . Wie konnten Sie annehmen, da ich mich fr eine
solche Schufterei hergeben werde . . . Ich bin doch -- kein Schurke . . .
Ich glaube doch, kein gnzlich Verworfener zu sein, Ssergeij
Ssergeijewitsch.

Nikolai Apollonowitsch schien nicht weiter sprechen zu knnen; er wandte
sich ab; nach einer Weile kehrte er wieder sein Gesicht dem Offizier zu.

In der schattigen Ecke zeichnete sich stolz die gekrmmte Figur, -- wie es
dem Offizier schien -- aus flieenden Helligkeiten, ein schmerzhaft
lchelnder Mund, kornblumenblaue Augen; die flachsweien Haare wie eine
lichte Aureole um den Kopf; die Stirn glnzend wei und hoch; emprt,
beleidigt, schn, stand er dort, gehoben durch den grellroten Fond der
Tapete.

Der seidene Kragenschoner baumelte sehr unangebracht herunter und seinem
Rock fehlte -- ach! -- die eine Schohlfte . . .

So stand er: aus den tiefen Augenhhlen blickte auf den Offizier eine
kalte, dunkle Leere; sie schmiegte sich an ihn, gab ihm die Empfindung des
Eises. Lichutin schien es, als wre er mit all seiner physischen Kraft,
seinem gesunden Verstand (denn er glaubte gesunden Verstand zu besitzen),
mit all seinem Edelmut nur -- ein Gespenst.

Aber ich glaube Ihnen, ich glaube Ihnen -- verlegen fuchtelte Lichutin
mit den Hnden.

Ich habe eigentlich, sagte er ganz beschmt, gar nicht gezweifelt
. . . Ich mu mich wirklich schmen . . . Ich bin etwas aufgeregt . . . Mir
erzhlte meine Frau . . . Man hat ihr einen Zettel aufgentigt . . . Sie
las ihn durch: sie hatte das Kuvert aus Versehen aufgemacht -- log er dazu
und errtete.

Ableuchow klammerte sich schadenfroh an das Gesagte:

Gewi: wenn Sofja Petrowna den an mich adressierten Zettel gelesen hat,
dann hatte sie (er zuckte mit den Achseln) wohl das Recht gehabt (seine
Stimme klang hier sehr ironisch), Ihnen den Inhalt mitzuteilen. Ganz
hochmtig lie er die letzten Worte fallen und trat aus der Ecke.

Ich . . . ich . . . war etwas hitzig gewesen. Des Offiziers Blick
streifte den abgerissenen Schoteil.

Was den Rock betrifft -- haben Sie keine Sorge: ich nhe den Scho selbst
wieder an.

Aber mit kaum merklichem Lcheln sprach Nikolai Apollonowitsch, stolz und
etwas belehrend:

Sie wuten nicht, was Sie taten.

In den tiefblauen Augen lag eine unklare, geheimnisvolle Traurigkeit.

Also gehen Sie doch, zeigen Sie mich an, wenn Sie mir nicht glauben.

Und er wandte sich ab.

Die breiten Schultern begannen auf und ab zu gehen . . . Nikolai
Apollonowitsch brach pltzlich in Weinen aus; aber: Nikolai Apollonowitsch,
der sich von seiner groben, tierischen Angst befreit hatte, gewann vllig
Mut; ja noch mehr: in diesem Augenblick wnschte er sogar, der Leidende zu
sein. So wenigstens empfand er jetzt sich selbst, er empfand sich als einen
der Qual berlieferten Helden; als einen, der vor aller Welt Leiden und
Schmach erdulden mute; seinen Krper empfand er als -- zerqulten Krper;
seine Gefhle waren zerrissen wie sein Ich; er erwartete, da aus seinem
zerrissenen Ich eine blendende Helligkeit hervorsprhen und eine liebe
Stimme -- aus dem Inneren, wie schon so oft frher -- ihm zurufen wird:

Du hast fr mich gelitten: ich wache ber dich.

Aber die Stimme blieb aus. Auch die Helligkeit blieb aus. Es gab nur
Dunkelheit. Auf einmal begriff er, warum die vershnende Stimme: Du hast
fr mich gelitten, -- ausblieb. Weil er fr niemand gelitten hatte, weil
er nur fr sich selbst gelitten hat . . . Weil er nur eine widerwrtige
Suppe sozusagen, die er sich selbst eingebrockt, auszulffeln hatte.
Deswegen kam die Stimme nicht und blieb auch die Helligkeit aus. An Stelle
des frheren Ich war Dunkelheit. Deswegen konnte er nicht mehr
standhalten: seine breiten Schultern begannen auf und ab zu gehen.

Er wandte sich ab, er weinte.

Wirklich, ertnte hinter ihm eine friedliche, milde Stimme, ich habe
mich geirrt, ich habe die Sache miverstanden . . .

Aber in der Stimme klang auch rger; Scham und rger. Ssergeij
Ssergeijewitsch bi sich fest auf die Lippen; in seinem Gesicht malte sich
ein Kampf zwischen edelsten Gefhlen und hlichen Erinnerungen; sein
Gegner aber wandte ihm den Rcken zu, weinte und lie mit sehr unangenehmer
Stimme Worte fallen.

Sie benutzten Ihre physische bermacht, um mich . . . vor einer Dame
. . . dahinzuschleifen, wie . . . wie . . .

Die edlen Gefhle haben die Oberhand gewonnen; mit ausgestreckter Hand
schritt Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin durch das Zimmer; aber Nikolai
Apollonowitsch, der sich umgewandt hatte, sagte mit einer Stimme voll
verhaltener Wut und -- ach! -- versptetem Selbstgefhl:

Wie . . . wie . . . einen Mehlsack . . .

Htte auch er die Hand ausgestreckt -- Ssergeij Ssergeijewitsch wre der
glcklichste Mensch, in seinem Gesicht wrde sich Milde spiegeln; seine
edle Aufwallung hatte aber in dunkle Leere getroffen.

Sie wollten sich berzeugen, Ssergeij Ssergeijewitsch? . . . Da ich --
kein Vatermrder bin? . . . Nein, nein, Ssergeij Ssergeijewitsch, Sie
htten sich vorerst berlegen sollen . . . Sie aber haben mich . . . wie
einen . . . einen Mehlsack . . . Und haben mir den Rock zerrissen . . .

Den Rock kann man ausbessern!

Und ehe Nikolai Apollonowitsch zu sich kam, lief Lichutin zur Tr:

Marwruscha, einen schwarzen Faden! . . . Eine Nadel!

Die aufgerissene Tr traf beinahe Sofja Petrowna, die dahintergestanden und
gehorcht hatte; ertappt sprang sie auf die Seite, doch -- zu spt; nun
stand sie da, rot wie eine Pfingstrose und ma beide mit wtendem,
vernichtendem Blick.

Auf dem Boden, zwischen den drei Dastehenden lag das abgerissene Stck vom
Rock.

Du . . . Sonetschka . . .

Sofja Petrowna! . . .

Ich habe Sie gestrt? . . .

Sieh mal, . . . Nikolai Apollonowitsch . . . hat ein Stck von seinem
Rockscho verloren . . . Knnte man nicht . . .

Beunruhigen Sie sich nicht, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Ich bitte,
Sofja Petrowna . . .

Knnte man nicht -- ihm diesen annhen?

Aber Nikolai Apollonowitsch, mit vor Verlegenheit verzerrtem Mund, begab
sich rasch in das Fuji-Jama-Zimmer; er griff nach seinem italienischen
berwurf, und erst da bemerkte er, da die Decke in diesem Zimmer
beschdigt war; aus Hflichkeit wandte er das verzerrte Gesicht Sofja
Petrowna zu:

Das Zimmer hat sich etwas verndert . . . An der Decke ist . . . Sie
lassen Reparaturen ausfhren?

Das war ich, Nikolai Apollonowitsch . . . Ich habe an der Decke
gearbeitet.

Bei sich aber dachte er:

So, so: in der Nacht ist mir das Erhngen milungen, jetzt die
Auseinandersetzung . . .

Nikolai Apollonowitsch verlie humpelnd den Salon; sein berwurf glitt ihm
auf einer Seite von der Schulter und zog sich wie eine phantastische
Schleppe hinter ihm her.

                                * * *

Von den Notabenen, Fragezeichen, Paragraphen, von der nun letzten Arbeit
erhob sich der kahle Kopf; dann sank er wieder; im Kamin prasselte und
lohte das Feuer; mit boshaft herausforderndem Lcheln und
zusammengekniffenen Augen starrte der kahle Kopf in den Kamin.

Was ist das?

Ein schmerzhaft lchelnder Mund, Augen von kornblumenblauer Farbe, Haare
wie eine lichte Aureole um den Kopf; der Senator erblickte in der Flamme
des Kamins eine Gestalt: Nikolai Apollonowitsch, gekreuzigt, leidend, von
Helligkeit schimmernd; er zeigte mit den Augen auf seine roten Wunden an
den Handflchen; von oben aber schttete ein beflgelter Erzengel khlende
Tautropfen ber ihn, in die Glut des Kamins . . .

Er wei nicht, was er tut . . .

Pltzlich begann es zu krachen, zu zischen, die Helligkeiten zerrissen und
mit den Funken zerstob die leidvolle Gestalt.

                                * * *

Eine Viertelstunde spter befahl Apollon Apollonowitsch dem Kutscher,
anzuspannen; eine halbe Stunde danach bestieg er den Wagen und noch in
einer Viertelstunde danach wurde sein Wagen von einer gaffenden Menge im
Weiterfahren behindert; doch: war es wirklich eine nur gaffende Menge?

Es schien etwas vorgefallen zu sein.

Nur durch die dnne Wand des Wagens war Apollon Apollonowitsch von der
rebellischen Menge getrennt; durch die Scheibe sah er lauter Kpfe: Hte,
Mtzen und mandschurische Pelzmtzen; ganz in der Nhe erblickte er ein
Paar zornblitzende Augen; er sah den weit aufgerissenen Mund des
Lumpenkerls: der Lumpenkerl sang. Der Lumpenkerl rief ihm zu:

Steigen Sie nur aus, es gibt keine Durchfahrt mehr.

Der Stimme des Lumpenkerls gesellten sich weitere von ebensolchen
Lumpenkerlen hinzu.

Da mute Apollon Apollonowitsch seine Wagentr aufmachen; die Lumpenkerle
sahen, wie ein alter Mann, dessen Oberlippe zitterte, aus dem Wagen stieg
und mit der behandschuhten Hand den Rand seines Zylinderhutes hielt.
Apollon Apollonowitsch sah vor sich aufgerissene Mnder und eine
Holzstange, von der, wellenartig die Luft durchschlagend, mit leichtem
pfeifenden Gerusch ein rotes Tuch flatterte; aus der Menge ertnte es
pltzlich:

He, Hut ab!

Apollon Apollonowitsch nahm seinen Zylinder ab und begann eilig, Wagen und
Kutscher verlassend, sich durch die Menge zu drcken, um das Trottoir zu
erreichen; bald lief er dann mit kleinen Schrittchen in die
entgegengesetzte Richtung, von der Menge fort; aus den Lden, Husern,
Wirtshusern, Seitengassen strmten schwarze Gestalten und versperrten den
Weg; er arbeitete sich mit allen Krften durch und erreichte -- endlich --
eine leere Seitenstrae, aus der eine . . . Abteilung Kosaken . . . dorthin
. . . sprengte . . .

                                * * *

Verschwunden waren die Kosaken; die Strae war leer; man sah in der Ferne
noch die Rcken der Reiter; und in der anderen Richtung den Rcken eines
alten, eilig dahintrottenden Mannes mit hohem Zylinder auf dem Kopfe.


Das kleine Patiencespiel

Der Samowar dampfte auf dem Tisch; ein neuer, schn geputzter Samowar
glnzte in der Ecke auf der Etagere; der aber, der auf dem Tische stand,
war ungeputzt und schmutzig; der neue Samowar wurde nur aufgestellt, wenn
Besuch da war; war man allein, dann kam das verbogene Ungetm auf den
Tisch; es keuchte und schnarchte laut; hie und da schossen rote Funken aus
ihm hervor. Irgendeine schlecht erzogene Hand hatte Kugeln aus Weibrot
gerollt, die jetzt, platt gedrckt, an der Tischdecke klebten; unsauber --
grau hob sich ein feuchter Fleck unter einem nicht ganz geleerten Teeglas
ab; auf einem Teller lag der Rest eines Kotelettes und ein wenig kaltes
Kartoffelpree.

Wo sind die ppigen Haare der Soja Sacharowna? Statt ihrer war nur ein
kleines Zpfchen zu sehen.

Wahrscheinlich trug Soja Sacharowna eine Percke -- natrlich wenn Besuch
da war; nebenbei wahrscheinlich schminkte sie sich ausgiebig, denn wir
hatten sie immer als ppige Brnette mit glatter, emaillierter Haut
gesehen; jetzt aber sa eine einfache, ltliche Frau da mit schwitzender
Nase und einem Museschwanzzpfchen; sie trug eine eben nicht gerade
saubere Nachtjacke.

Lipantschenko sa halb abgewandt vom Teetisch, den viereckigen Rcken Soja
Sacharowna und dem Samowar zugekehrt. Vor ihm lagen die aufgeschlagenen
Karten; er hatte nach dem Abendbrot seine Lieblingsbeschftigung, das
Patiencespiel, aufgenommen, das so sehr beruhigend auf die Nerven wirkte;
aber er war gestrt worden; durch ein langes Gesprch mit Soja Sacharowna,
bei dem er die Karten, den Tee und alles andere beiseite lie.

Nach dem Gesprch hatte er sich abgewandt: er hatte dem Gesprch den Rcken
zugewandt.

Er sa ohne Kragen, ohne Rock, mit aufgeschnalltem Hosengrtel, der ihm
wahrscheinlich den Leib zu sehr gedrckt hatte.

Gerade hatte ihn ein verdchtiger schwarzer Fleck an der Wand neben der Uhr
gefesselt, der unzweifelhaft eine Kchenschabe war (es gab ihrer reichlich
in dem Landhaus), als er wieder durch seine Lebensgefhrtin aufgeschreckt
wurde.

Soja Sacharowna schob so laut das Teetablett von sich, da Lipantschenko
zusammenfuhr.

Na, und was ist eigentlich dabei? . . . Was ist dabei? . . .

Was denn?

Darf denn nicht eine Frau, eine treue Frau, eine vierzigjhrige Frau, die
Ihnen ihr Leben gewidmet hat, -- eine Frau wie ich, eine . . .

Ihre Ellbogen fielen auf den Tisch.

Was murmeln Sie dort, meine Liebe? Sprechen Sie deutlicher . . .

Darf denn nicht eine Frau wie ich . . . eine bejahrte Frau . . . darf sie
nicht fragen . . .

Lipantschenko drehte sich in seinem Lehnstuhl um.

Die Worte schienen in ihm etwas geweckt zu haben; fr einen Augenblick
blitzte etwas wie Reue in seinem Gesicht auf; halb schchtern, halb
kindlich kaprizis zwinkerte er mit den uglein; er schien etwas sagen zu
wollen, aber getraute sich doch nicht; er dachte langsam ber etwas nach:
vielleicht darber -- wie seine Lebensgefhrtin ein Gestndnis von ihm
aufgenommen htte; sein Kopf senkte sich; er keuchte und blickte verstohlen
von unten herauf.

Aber die Anwandlung von Aufrichtigkeit verging bald; die Aufrichtigkeit
selbst fiel zurck auf den dunkeln Grund der Seele. Er wandte sich wieder
seinem Kartenspiel zu.

Hm, ja, ja . . . Zu der roten die schwarze . . . Und wo ist nun die Dame?
. . . hier ist die Dame . . . Jetzt kommt der Bub . . .

Pltzlich warf er Sofja Sacharowna einen prfenden, mitrauischen Blick zu;
seine kurzen, mit goldig glnzenden Haaren bedeckten Finger hoben die
Karten ab.

Das soll ein Spiel sein . . . murmelte er zornig und legte die Karten
reihenweise auf den Tisch.

Soja Sacharowna trug die saubergewischte Tasse zum Schrank, mit den
Pantoffeln schlrfend.

Und warum nur gleich bse sein?

Die Pantoffel schlrften weiter im Zimmer:

Ich bin gar nicht bse, Mtterchen -- und wieder warf er ihr einen
prfenden Blick zu; sie kreuzte die Arme ber dem Leib, der, vom Korsett
nicht beengt, sich behbig rundete; ihr herunterhngendes Doppelkinn wiegte
sich beim Gehen; sie nherte sich leise dem Sitzenden und berhrte sanft
seine Schulter:

Sie htten sich doch lieber erkundigen sollen, wieso ich darauf gekommen
bin, Sie auszufragen? . . . Weil ich eben selbst von anderen gefragt werde
. . . Die Leute zucken mit den Achseln . . . Da dacht ich mir, es ist doch
besser, ich wei alles . . .

Lipantschenko bi sich auf die Lippen und fuhr fort, mit unruhiger
Geschftigkeit die Karten in Reihen zu legen.

Lipantschenko wute, da der morgige Tag fr ihn von grter Wichtigkeit
ist; gelingt es ihm nicht, sich reinzuwaschen, gelingt es ihm nicht, die
Wucht der belastenden Dokumente irgendwie zu beseitigen -- dann hat er
ausgespielt: Er wute das alles und pfiff jetzt nur ein wenig durch die
Nase:

Hm: ja--ja . . . Hier ist noch ein freier Platz . . . Nichts zu machen:
der Knig mu hierher . . .

Aber er hielt es nicht aus:

Die Leute fragen Sie aus, sagen Sie?

Das drfen Sie mir schon glauben -- ja . . .

Kommen also Leute her, wenn ich nicht zu Hause bin? . . .

Freilich kommen sie und zucken mit den Achseln . . .

Lipantschenko warf die Karten von sich:

Es kommt doch heute nichts heraus!

Er war sichtlich aufgeregt.

Pltzlich kam ein klirrender Laut aus dem Nebenraum, in dem Lipantschenkos
Schlafzimmer war; als wre dort das Fenster aufgemacht worden. Beide
wandten die Kpfe in die Richtung des Schlafzimmers, beide schwiegen
vorsichtig: was mochte das sein?

Wahrscheinlich Tom, der Bernhardiner.

Aber begreifen Sie doch, komisches Frauenzimmer, da Ihre Fragen . . . --
er erhob sich chzend, sei's, um nach der Ursache des Lrms zu sehen,
sei's, um einer Antwort auszuweichen.

. . . da Ihre Fragen -- er trank einen Schluck ganz kalten Tee -- gegen
die -- Parteidisziplin verstoen . . . Er schritt gegen die offene Tre
des Nebenzimmers, in die Dunkelheit . . .

Aber was fr Disziplin -- mir gegenber, Kolenka! -- Soja Sacharowna
sttzte das Gesicht mit den Hnden und beugte den Kopf nach unten . . .
Bedenken Sie es doch . . .

Frher hatte es zwischen uns keine Geheimnisse gegeben . . .

Das sagte sie zu sich selbst, denn Lipantschenko befand sich im dunkeln
Schlafzimmer.

Aber bald erschien er wieder in der Tr und sie fuhr fort:

Das hatten Sie mir nie gesagt, da wir uns miteinander nicht unterhalten
drfen, da Sie vor mir Geheimnisse haben . . .

Nichts weiter: es ist niemand im Schlafzimmer, unterbrach er sie.

Ich werde belstigt: man kommt mir mit Fragen, mit Anspielungen . . . Und
diese Blicke oft . . .

Pause.

Sollte ich da nicht fragen? . . . Warum schrien Sie mich so an? Was hab'
ich gemacht, Kolenka? . . . Liebe ich Sie denn nicht? Respektiere ich Sie
denn nicht?

Sie schlang ihre Arme um seinen dicken Hals und schluchzte:

Ich bin ein treues Weib, ein ergebenes Weib . . .

Lassen Sie es nur . . . Lassen Sie es nur . . . Schon gut . . . Soja
Sacharowna, lassen Sie mich los . . . Sie wissen doch, da ich an Atemnot
leide . . .

Er umfate mit den Fingern ihre Hnde und entfernte sie vom Halse; dann
lie er sich in den Sessel nieder; er atmete schwer.

Sie wissen ja, da ich ein weicher und schwachnerviger Mensch bin . . .
Jetzt bin ich schon wieder . . .

Beide schwiegen.

In tiefem, schwerem Schweigen, das sich nach einem langen, erregenden
Gesprch einstellt, wenn alles gesagt ist, wenn die Angst vor Worten schon
erlebt war und nur noch dumpfe Resignation zurckblieb -- in diesem tiefen
Schweigen trocknete Sofja Sacharowna die Teetassen und die Lffel ab.

Er aber sa halb vom Tisch abgewandt und kehrte Sofja Sacharowna und dem
schmutzigen Samowar den viereckigen Rcken zu.

Zeit, was hast du gemacht?

Die hellgrauen Augen, die Augen voll Humor und schlauer Lustigkeit -- wie
hast du sie in den fnfundzwanzig Jahren in die Hhlen hineingedrckt, mit
einem gefhrlichen Schleier, mit einem Dunst allermglichen hlichen
Atmosphren berzogen . . . Fnfundzwanzig Jahre ist wohl eine lange Frist,
und doch: so zu verfallen, so zu verwelken . . . Diese dicken Scke unter
den Augen, dieses fleischige Doppelkinn? Die damals rosige Gesichtsfarbe --
gelb, lig, welk, mit der grauen Blsse einer Leiche; die Stirn mit Haaren
bewachsen, die Ohren -- selbst diese sind gewaltig gewachsen; gibt es doch
in der Welt einfache, anstndig aussehende alte Leute? Und er ist ja noch
nicht einmal ein alter Mann.

Was hast du gemacht, Zeit?

Der blonde zwanzigjhrige Student mit rosiger Gesichtsfarbe, Lipensky: --
gespensterisch aufquellend hatte er sich allmhlich in einen
fnfundvierzigjhrigen, unanstndigen Spinnenbauch verwandelt, der
Lipantschenko hie.


Das Schwanenlied

Der Busch kochte . . . Auf dem sandigen Strand krmmten sich da und dort
kleine Teiche mit salzigem Wasser.

Von der Bucht her flogen immerzu weimhnige Streifen; der Mond beschien
sie, einen Streifen nach dem anderen, die in der Ferne aufstiegen und
brodelten; dann flogen sie gegen den Strand und zerschellten hier in
gischtige Flocken; die von der Bucht kommenden Streifen breiteten sich
glatt auf dem flachen Strand -- resigniert, durchsichtig; sie leckten den
Sand, schnitten Stcke von ihm los: wurmten ihn; wie eine fein
geschliffene, glserne Sbelschneide glitt jeder von ihnen ber den Sand
hin; hie und da erreichte der glserne Streifen die salzigen Teiche, sie
mit salzgetrnktem Wasser fllend.

Und schon lief er zurck; ein neuer brodelnd gischtiger Streifen lste ihn
ab.

Der Busch kochte . . .

Hunderte von Struchern, hier -- dort; in einiger Entfernung vom Meer
streckten sie ihre knorrigen Arme vor; diese entbltterten Arme erhoben
sich wie Bewegungen Geistesgestrter in der Luft; eine kleine schwarze
Gestalt lief ngstlich hin und her zwischen den Struchern; im Sommer
strmten sie ein ses, leise raunendes Geflster aus; jetzt war das
Geflster vertrocknet, und nur ein Knirschen und chzen erhob sich von der
Stelle; Nebel stiegen da auf; Feuchtigkeiten stiegen da auf; die knorrigen
ste streckten sich aus dem Nebel und der Feuchtigkeit; neben der kleinen
Gestalt streckte sich so ein vertrockneter Arm vor, von dnnen Ruten wie
von Wolle berdeckt.

Die Gestalt neigte sich gegen einen Stamm, eingehllt in schwarze
Feuchtigkeit; sie versank in bittere Gedanken; und der widerspenstige Kopf
fiel auf die Hnde.

Du, meine Seele, -- stieg es aus dem Herzen auf -- du, meine Seele, du
hast mich verlassen . . . Gib mir Antwort, Seele: ich bin so arm . . .

Es stieg aus dem Herzen auf:

Vor dir kniet mein zerrissenes Leben . . . Gedenke meiner: ich bin so arm
. . .

Die Gestalt blieb stehen; sie streckte flehend die Hnde gegen die leeren
phosphoreszierenden Stellen zwischen den sten; sie streckte die Hnde
gegen das Licht, das dort aus dem Garten des kleinen Landhauses schimmerte:

Aber hre, hre: auf einen bloen Verdacht hin . . . Ohne seine Erklrung
abzuwarten . . .

Eine befehlende Hand zeigte gegen das erleuchtete Fenster hinter den
schwarzen, knirschenden Struchern.

Da schrie die schwrzliche Gestalt pltzlich auf und strmte vorwrts; und
hinter ihr her strzten die schwarzen Astgebilde, die zusammen mit dem
sandigen Strand ein seltsames Ganze bildeten, aus dem heraus schauerliche,
undefinierbare, nirgends vorhandene Bedeutungen entstanden; die
schwrzliche Gestalt rannte mit der Brust an das Gitter eines Gartens an;
sie kletterte ber das Gitter und glitt lautlos, mit den Stiefeln an den
bereiften Grsern hngen bleibend zum grauen Haus, wo sie erst vor kurzem
gewesen, wo aber jetzt alles fr sie -- ganz anders war.

Vorsichtig schlich sich die Gestalt bis zur Terrasse vor und drckte die
Hand an die Brust; mit zwei Sprngen war sie dann an der Glastr; der
Vorhang war nicht zugezogen; hinter dem Fenster breitete sich Licht.

Dort sah man . . . --

Auf dem Tisch stand der Samowar; daneben stand ein Teller mit dem Rest
eines Koteletts; man sah eine Frauennase und dazu ein unangenehmes, etwas
verlegenes, verstimmtes Gesicht. Mit einem Arm auf den Tisch gesttzt sa
dort Lipantschenko; der andere Arm hing frei vom Sessel herunter,
auffallend war die Breite der Handflche, die Krze der fnf Finger, die
wie abgehackt aussahen . . . --

In zwei Sprngen befand sich die schwarze Gestalt wieder in den Bschen;
sie wurde von unbeschreiblichem Mitleid erfat; der Wind seufzte in den
Zweigen; die Gestalt flsterte leidenschaftlich in den Busch:

Das geht doch nicht so einfach . . . Das geht doch nicht . . . Es ist ja
noch nichts bewiesen . . .

                                * * *

Lipantschenko wandte sich von der seufzenden Sofja Sacharowna ab und
streckte die Hand nach der -- denken Sie sich nur! -- an der Wand hngenden
Geige.

Man hat drauen allerlei Unannehmlichkeiten zu ertragen, nun kommt man
nach Hause und -- nein so was . . .

Er griff nach dem Stck Harz und begann wtend damit ber den Bogen zu
fahren; mit schchterner Grimasse, die seiner Stellung in der Partei
keinesfalls entsprach, begann er die Saiten zu probieren:

Da kommt man einem mit verweintem Gesicht entgegen . . .

Er drckte die Geige gegen den Leib und beugte sich ber sie, tief; das
breite Ende auf die Knie gesttzt hielt er das schmale mit dem Kinn fest
und zog an einer Saite:

Don! tnte es.

Sein Kopf neigte sich auf die Seite; mit fragendem, halb listigem, halb
wehmtigem Ausdruck sah er Sofja Sacharowna an und schnalzte mit der Zunge;
als ob er fragen wollte:

Haben Sie gehrt? Haben Sie gehrt?

Sie sa auf einem Stuhl; mit halb gerhrtem, halb verrgertem Gesicht sah
sie auf Lipantschenko und auf seine Finger, die die Saiten spannten.

So ist's besser!

Und er lchelte; beide lchelten; beide nickten einander zu; er mit
verjngtem Gesichtsausdruck; sie mit einer Verlegenheit, hinter der sich
Stolz und Verehrung verbarg.

Ach, was sind Sie doch fr ein unverbesserliches Kind!

Bei diesen Worten drehte Lipantschenko, trotzdem er einem Nashorn ungemein
hnlich sah, mit behender, rascher Bewegung der linken Hand seine Geige um,
drckte blitzschnell den breiten Geigenrand gegen die Schulter, auf die
sein dicker Kopf niederfiel; die Finger umklammerten die Geigensehnen:

Na also!

Die Hand mit dem Bogen machte eine schwungvolle Bewegung und blieb --
erstarb -- in der Luft; mit zartester Berhrung glitt dann der Bogen ber
die Saiten, ihm folgte die linke Hand, dann der ganze Arm; auch der Kopf
und schlielich der ganze Krper neigten sich auf die Seite, dem Bogen
nach.

Der Sessel unter Lipantschenko knirschte; dieser konzentrierte seine ganze
Kraft darauf, einen recht zarten Ton von sich zu geben; im Zimmer erklang
pltzlich seine heisere, aber nicht unangenehme Bastimme:

Laas aab von miir . . ., sang Lipantschenko.

Es ist umsonst, fielen die zarten, leise seufzenden Saiten ein.

. . . aab von miir, sang mit auf die Seite geneigtem Krper
Lipantschenko, der in dem unstillbaren Bestreben aufzugehen schien: einen
recht zarten Ton von sich zu geben.

In ihrer Jugend hatten sie oft zusammen diese Romanze gesungen, die man
jetzt nicht mehr singt.

                                * * *

Tsss!

Hrst du?

Das Fenster?

Ich will nachsehen, was das war.

                                * * *

Der Busch kochte. Ein runder, stirnloser Knorren streckte sich gegen den
Mond, vom einzigen Streben erfllt: begreifen, um jeden Preis begreifen;
begreifen oder in Stcke zerfallen; vom astreichen Stamm erhob sich dieser
alte, stirnlose Knorren, von Moos und krustiger Rinde berwuchert; er
streckte sich gegen den Wind; er flehte um Schonung -- um Schonung, sei was
will. Vom stigen Stamm lste sich wieder die kleine Gestalt; sie schlich
sich zum Fenster; jetzt war ihr der Rckzug abgeschnitten; es blieb ihr
nichts weiter brig als: das Begonnene zu vollenden. Jetzt befand sie sich
. . . in Lipantschenkos Schlafzimmer. Voll Ungeduld erwartete sie sein
Hereintreten.

                                * * *

Auch Schufte haben das Bedrfnis, sich ein Schwanenlied zu singen.

Die Ve--erlok--kungen-- frheerer Taa--ge, sie sind deem Ent--tuschten
freemd . . . Ich glau--beee den Schw--reen niicht mehr . . .

Ich glau--be--der--Liiebe nicht meeehr . . .

Wute er, was er sang? Und was er spielte? -- Und warum er so traurig war?
Warum seine Kehle sich schmerzhaft zusammenzog? . . . Lipantschenko
verstand das ebensowenig, wie er die sanften Tne nicht verstand, die er
aus der Geige hervorbrachte . . . Nein, sein Stirnknochen konnte es nicht
verstehen: seine Stirn war schmal, mit Querfalten bedeckt: sie schien zu
weinen.

So hat Lipantschenko an einem oktoberlichen Abend sein Schwanenlied
gesungen.

                                * * *

Und? . . .

So!

Nun war er mit dem Singen und Spielen fertig; er legte die Geige auf den
Tisch, wischte sich den Schwei vom Gesicht; langsam wiegte sich sein
unanstndiger, spinnenartiger, fnfundvierzigjhriger Bauch; endlich nahm
er ein Licht und begab sich in sein Schlafgemach; auf der Schwelle drehte
er sich noch einmal um, seufzte und berlegte sich etwas; Lipantschenkos
ganze Gestalt sprach eine dumpfe, heimliche Trauer.

Und -- er versank in Dunkelheit.

Die Kerzenflamme zerschnitt die vollstndige Dunkelheit des Zimmers; das
rotgelbe Licht verteilte sich in der hllischen Finsternis; und wie Radien
um ein tanzendes Lichtzentrum bewegten sich Teile der Dunkelheit als
Schatten der hier befindlichen Gegenstnde; und hinter den dunklen,
langgezogenen Dreiecken und den Schatten der Gegenstnde erhob sich, von
den Fen Lipantschenkos jh hervorgekrochen, die dicke Schattengestalt und
begann sich geschftig rasch im Kreise zu bewegen.

ber den Tisch und den Stuhl schwang sich die stumme, hliche
Schattengestalt auf die Wandflche, in schrge Dreiecke zerteilt, qualvoll
zerrissen, als ertrge sie jetzt schon alle Qualen der Vorhlle.

So wird die Seele, den Krper wie einen unntigen Ballast von sich
abwerfend, von seelischen Wirbelstrmen erfat: die Wirbelstrme jagen den
Seelenraum. Unser Krper ist nur ein Schifflein; und er rast durch den
Seelenozean vom geistigen Festland zum -- geistigen Festland.

So . . . --

Denken Sie sich ein unendlich langes Seil; und denken Sie sich Ihren Krper
in der Mitte an das Seil festgebunden; dann wird das Seil um sich selbst
gedreht -- mit rasender, unbeschreiblicher, fabelhafter Geschwindigkeit;
losgelassen beginnen Sie dann in immer sich erweiternden Kreisen, den Kopf
nach unten, durch den Raum zu fliegen; Spiralen bildend fliegen Sie immer
weiter bis zu den luftleeren Atmosphren; und Sie werden dann, ein
Erdentrabant, sich immer weiter von der Erde entfernen und in die
kosmischen Unermelichkeiten fliegen, den kosmischen Raum im Nu berwindend
und zu diesem Raum selbst werdend.

Von so einem Wirbelsturm werden Sie erfat, wenn Ihre Seele den Krper als
unntigen Ballast von sich geworfen hat.

Dann: stellen Sie sich noch vor, da jeder einzelne Punkt Ihres Krpers den
wahnsinnigen Trieb bekommt, sich auszubreiten, sich malos grauenhaft
auszubreiten (z. B. den Platz der Saturnbahn im Durchmesser einzunehmen);
und denken Sie sich, da sie dabei nicht einen Punkt Ihres Krpers, sondern
alle zugleich empfinden, die aber bis zu solchem Grade erhitzt, verdnnt
sind, da Sonne und Planeten ganz frei zwischen den Moleklen Ihres Krpers
hindurchgehen; denken Sie sich auch noch, da Sie Ihre zentripetale Kraft
vllig verloren haben und Ihr Krper in seinem Ausbreitungsbestreben in
Teile zerrissen wird, einheitlich aber dabei nur das Bewutsein bleibt: das
Bewutsein der zerrissenen Empfindungen.

Wie wren dann Ihre Empfindungen?

Wenn Sie sich diese Empfindungen krperlich vorstellen knnten, dann htten
Sie ein Bild von dem Leben der Seele bekommen, in ihrem ersten Stadium,
nachdem sie sich vom Krper befreit . . .

                                * * *

Lipantschenko blieb in der Mitte des tanzenden Zimmers mit der flackernden
Kerze in der Hand stehen; der massige Schattenkrper, Lipantschenkos Seele,
hing mit dem Kopfe an der Zimmerdecke; Lipantschenko hatte weder fr seinen
Schatten noch fr die Schatten der Gegenstnde irgendwelches Interesse. Ihn
interessierte vielmehr ein bekanntes und gar nicht geheimnisvolles
Gerusch.

Er empfand einen besonderen Ekel vor Schaben; und jetzt sah er Dutzende
dieser Geschpfe; vom Licht berrascht huschten sie eilig in ihre Lcher
zurck; und -- Lipantschenko rgerte sich:

Ihr Verfluchten! . . .

Er holte aus der Ecke einen Besen mit langem Stiel, den er dort stehen
hatte.

Na, wartet nur! . . .

Er stellte die Kerze auf den Fuboden; mit dem Besen bewaffnet, erkletterte
er einen Stuhl; der schwere, keuchende Krper streckte sich jetzt nach
oben; die Blutgefe schwollen ihm vor Anstrengung an, die Muskeln wurden
ordentlich dick; er jagte mit dem Besen wie besessen hinter dem Haufen
davoneilender Schaben her; eins -- zwei -- drei! -- und es knackte unter
dem Besen: knack, knack, an den Wnden, an der Zimmerdecke, in der Ecke,
da, wo die Etagere stand.

Acht . . . zehn . . . elf . . . hrte man ein Flstern; und nach jedem
Knacken fielen schwarze Flecke auf den Boden.

Jeden Abend vor dem Schlafengehen vernichtete er gewohnheitsmig einen
Haufen Schaben; dann erst begab er sich zu Bett.

Ehe er sich zu entkleiden begann, leuchtete er mit der Kerze unter das Bett
(seit einiger Zeit war ihm das zur Gewohnheit geworden).

Jetzt sa er auf dem Bett mit auseinandergehaltenen Beinen, haarig und
nackt; deutlich zeichneten sich auf seiner Brust die weiblich runden
Formen.

Lipantschenko schlief nackt.

Der Kerze schrg gegenber, zwischen der Fensterecke und dem Schrank, trat
aus dem Dunkel der Nische eine sonderbare Figur hervor: die eine dort
hngende Hose bildete; immer nahm sie die Gestalt -- des sie Anblickenden
an; wiederholt hatte Lipantschenko den Platz fr seine Hose gewechselt;
doch kam immer dasselbe heraus: immer nahm sie die Gestalt des sie
Anblickenden an.

Das erblickte er auch jetzt.

Und als er seine Kerze ausgelscht hatte, bewegte sich die Gestalt und
zeichnete sich noch deutlicher vor ihm; er streckte die Hand nach dem
Vorhang aus; kupfergrnes Licht ergo sich ins Zimmer, von dort her, aus
der Ferne, aus dem weien Blei der Wlkchen strzte die flammende Scheibe
ins Zimmer herein; und . . .

Dort, vor der kupfergrnen Wand -- dort! -- stand die kleine Gestalt, mit
kreidigem, totem Gesicht: wie ein -- Clown; und lchelte mit weien Lippen.
Mit nackten Fen eilte Lipantschenko zur Tr; er verga, da er dieselbe
geschlossen hatte, und stie mit Brust und Bauch gegen sie an; da aber
wurde er pltzlich zurckgerissen; ein siedend heier Strahl bergo seinen
nackten Rcken vom Schulterblatt bis unten; er fiel aufs Bett, und es wurde
ihm klar, da ihm der Rcken durchschnitten wurde; so wird die weie glatte
Haut eines Ferkels durchschnitten; kaum hatte er begriffen, was mit ihm
geschehen war, als er denselben siedenden Strahl -- unter dem Nabel fhlte.

Und etwas zischte dort spttisch hervor; irgendwo tauchte in ihm der
Gedanke auf, da es Gase wren, da ja sein Bauch aufgeschlitzt war; den
Kopf ber den unsinnig vorstehenden Bauch gebeugt, sank er schlfrig in
sich zusammen und fuhr mit der Hand ber die klebrige Flssigkeit -- auf
seinem Bauch und auf dem Bettuch.

Das war Lipantschenkos letzter, bewuter Eindruck von der banalen
Wirklichkeit; jetzt entstrmte allmhlich das Bewutsein; seine ungeheure
Peripherie sog in sich die Planeten ein; und empfand sie -- als ihm
gehrige, voneinander getrennte Organe; in den Erweiterungen des Herzens
schwamm die Sonne; die Wirbelsule glhte von der Berhrung der
Saturnmassen; im Bauch ffnete sich ein Vulkan.

Whrenddessen sa der Krper mit sinnlos auf die Brust heruntergesunkenem
Kopf, die Pupillen auf den eigenen, geschlitzten Bauch gerichtet; pltzlich
fiel er um, mit dem Bauch gegen das Bettuch; der herunterhngende Arm
berhrte den mit Blut bedeckten Bettvorleger; der Kopf mit abstehendem
Kiefer drehte sich seitwrts gegen die Wand und starrte mit unbeweglichen
Pupillen die Tr an; die haarlosen Brauenbogen schimmerten in fettigem
Glanz; auf dem Bettuch zeichneten sich die Spuren von fnf blutigen
Fingern; irgendwo heraus ragte eine dicke Ferse.

                                * * *

Der Busch kochte; weimhnige Streifen flogen von der Bucht her; sie
erreichten das Ufer als bauschige Gischt; sie leckten den Sand; wie fein
geschliffene, glserne Messerschneiden glitten sie ber den Sand; sie
erreichten die kleinen, salzigen Teiche, fllten sie mit gelstem Salz und
liefen zurck. Durch das Astwerk des Busches sah man ein Fahrzeug auf den
Wellen schaukeln -- trkisblau, gespensterisch; seine spitzflgeligen Segel
schnitten dnne Schichten von der Luft ab; der neblige Dunst schien auf der
Oberflche der Segel verdickt.

                                * * *

Als man am Morgen eintrat, gab es keinen Lipantschenko mehr, es gab nur --
eine Blutlache, eine Leiche; dann fand man hier eine mnnliche Gestalt mit
lchelndem, weiem Gesicht; diese Gestalt hatte ein kleines
Schnurrbrtchen; das war nach oben gedreht; ganz seltsam: der Mann sa
rittlings auf dem Toten; er hielt in der Hand eine Schere; diese Hand
streckte er vor, von der Nase her ber die Lippen kroch ihm eine Schabe.

Er schien geistesgestrt zu sein.

Ende des siebenten Kapitels.




Achtes und letztes Kapitel


Erst aber . . .

Anna Petrowna!

Wir gedachten ihrer gar nicht mehr; sie war ja aber zurckgekehrt; und
jetzt erwartete sie . . . Erst aber . . . --

-- diese vierundzwanzig Stunden! --

-- diese vierundzwanzig Stunden hatten sich in unserer Erzhlung durch die
Seelenrume ausgebreitet wie ein hlicher Traum; und sie hatten unseren
Gesichtskreis eingeengt; in diesen Seelenrumen hatte sich das Auge des
Autors verloren; es hatte sich fr alles andere geschlossen.

So war auch Anna Petrowna verschwunden.

Wie eine schwere, bleierne Wolke zog sich das bleierne Hirnspiel durch den
engen, von uns selbst begrenzten Gesichtskreis -- durch die vierundzwanzig
Stunden -- hoffnungslos, trostlos, de! . . .

Doch war die Nachricht von Anna Petrownas Rckkehr in den rauh
dahinflutenden, jeden Heils entbehrenden Geschehnissen wie der Schein eines
milden Lichtes von irgendwoher aufgetaucht. Wir waren da von trauriger
Nachdenklichkeit erfat worden -- fr einen kurzen Augenblick; dann
vergaen wir es wieder; wir htten aber daran denken sollen . . . da Anna
Petrowna -- zurckgekehrt war.

Diese vierundzwanzig Stunden! --

-- von denen jeder Augenblick in unserer Erzhlung voll war von
Geschehnissen.

Doch war die Rckkehr Anna Petrownas eine Tatsache; und sogar eine sehr
wichtige Tatsache; allerdings nicht von der furchtbaren Bedeutung wie die
anderen von uns mitgeteilten Tatsachen.

Aber immerhin . . . --

Anna Petrowna war zurckgekehrt; von all den geschilderten Ereignissen
wute sie nichts, ahnte nichts von ihnen; es gab nur ein Geschehnis, das
sie in Aufregung hielt: ihre Rckkehr; das mte auch die geschilderten
Personen in Aufregung versetzen; diese Personen mten sofort auf das
Geschehnis reagieren; sie mit Zetteln und Briefen berschtten, mit Freude-
oder Zornuerungen; aber die erwarteten Briefe und Boten blieben aus; von
dem wichtigen Geschehnis nahm niemand Notiz, weder Nikolai Apollonowitsch,
noch Apollon Apollonowitsch.

Anna Petrowna war traurig.

                                * * *

Sie ging nirgends aus; in einem Hotel von feinstem Genre bewohnte sie ein
ganz kleines Zimmer; und Anna Petrowna sa stundenlang auf dem einzigen
Stuhl, der sich hier befand; und Anna Petrowna sa stundenlang, die Augen
auf die Tapete gerichtet; diese Tapete zog immer wieder ihren Blick an; sie
bertrug den Blick auf das Fenster; aber vor dem Fenster erhob sich frech
eine Mauer, die alle mglichen Tne der Olivenfarbe aufwies; an Stelle des
Himmels war gelber Rauch . . .

Kein Brief, kein Besuch: weder vom Gatten, noch vom Sohn.

Von Zeit zu Zeit klingelte sie; es erschien eine leichtfige Person mit
einer Schmetterlingshaube auf den Haaren.

Anna Petrowna bestellte -- zum wievieltenmal schon!

Bitte Th complet, in mein Zimmer.

Dann erschien ein Diener im Frack mit gestrkter Hemdbrust und glnzend
frischer Halsbinde; das Riesentablett balancierte er, besonders betonend,
auf den fnf Fingerspitzen; er warf einen verchtlichen Blick auf das
kleine Zimmer, auf das wenig schicke Kleid seiner Insassin, auf die bunten
spanischen Fetzen, die unordentlich auf dem breiten Doppelbett herumlagen,
auf den etwas abgetragenen Reisekoffer; wenig ehrerbietig, doch geruschlos
stellte er das Riesentablett ab; und geruschlos fiel auf den Tisch der Th
complet nieder. Geruschlos entfernte sich der Diener.

Niemand, nichts; immer dieselbe Tapete; dasselbe Lachen aus dem
Nachbarzimmer; die Unterhaltung der zwei Zimmermdchen im Korridor;
irgendwo unten -- Klavierspiel (einer zugereisten Pianistin, die fr ihr
Konzert heftig bte); der Blick streifte wieder -- wie oft schon -- das
Fenster, aber hinter dem Fenster starrte eine freche Mauer in
olivenfarbigen Tnen; statt der Sonne gelber Rauch . . .

Pltzlich klopfte es; aus Anna Petrownas Tasse ergo sich der Tee auf die
schneeweie Serviette des Tabletts.

Das Zimmermdchen, eine Visitenkarte in der Hand, flog in das Zimmer
herein; Anna Petrowna wurde glhend rot; geruschvoll erhob sie sich; mit
rascher Bewegung strich sie sich die Haare zurecht: eine Geste, die sie von
ihrer Jugend her beibehalten hatte.

Wo ist der Herr?

Der Herr wartet im Korridor.

Ich lasse bitten.

Sie atmete rasch und wurde wieder rot.

Man hrte Lachen und Gerusch aus dem Nebenzimmer, die Unterhaltung zweier
Zimmermdchen im Korridor, Klavierspiel, irgendwo im unteren Stockwerk; man
hrte eilige, rasche, sich dem Zimmer nhernde Schrittchen; die Tr ffnete
sich: Apollon Apollonowitsch Ableuchow stand an der Schwelle.

                                * * *

Das erste, was ihm auffiel, war die rmlichkeit des Zimmers, so ein Zimmer
in einem erstklassigen Hotel! Na, darber braucht man sich nicht zu
wundern: solche Zimmer gibt es in allen erstklassigen Hotels der
erstklassigen Hauptstdte, in jedem etwa eins oder hchstens zwei; sie
werden aber in allen Fhrern annonciert. So lesen Sie z. B. in so einem
Fhrer: Savoy. Premier ordre. Chambres depuis 3 fr. Das bedeutet aber,
da hier ein ertrgliches Zimmer unter fnfzehn Franken nicht zu bekommen
ist. Anstandshalber finden Sie aber hier ein regelmig unbewohntes
unsauberes Dachzimmer, das mit dem depuis trois francs gemeint war. Wehe,
wenn Sie sich entschlieen, dieses halbdunkle, schlecht gelftete, staubige
Zimmer zu nehmen; die Verachtung des ganzen Hotels, der zahlreichen
Zimmermdchen, Lakaien und bedienenden Knaben ist Ihnen gewi.

Sie bersiedeln dann in ein nicht erstklassiges Hotel, wo sie fr sieben
bis acht Franken Ruhe, Behaglichkeit und Hochachtung genieen.

Premier ordre -- depuis trois francs -- Gott schtze Sie davor!

Bett, Tisch und Stuhl; auf dem Bette, unordentlich hingeworfen, ein
Handtschchen, Gepckriemen, ein schwarzer Spitzenfcher, eine kleine
venetianische Vase, ber die ein -- denken Sie sich nur! -- ein Strumpf
(aus reinster Seide) geworfen ist, ein Hufchen zitronengelber, schreiend
greller Seidenfetzen; das alles drfte, wie Apollon Apollonowitsch bei sich
dachte, das Reisegepck Anna Petrownas mit Souvenieren aus Granada, Toledo
sein; diese Souveniere mochten frher einmal vielleicht teuer gewesen sein,
jetzt aber haben sie ihren Glanz und Wert durchaus eingebt . . .

Die ihr vor kurzem nach Toledo gesandten dreitausend Silberrubel scheinen
sie nicht erreicht zu haben.

In jedem Fall stand es einer Dame von ihrer gesellschaftlichen Stellung
nicht an, mit solchen Fetzen im Gepck herumzureisen; und -- ihm krampfte
sich das Herz zusammen.

Dann erblickte er den Tisch mit dem glnzenden Th complet, und zwei
schneeweien Servietten, die, zum Bereich des Hotels gehrend, zufllig
(vielleicht aus Versehen) hierhergebracht wurden. Aus dem Schatten aber
trat eine Silhouette hervor -- und zum zweitenmal krampfte sich ihm das
Herz zusammen; denn auf dem Stuhl -- nein, nicht auf dem Stuhl! -- vor dem
Stuhl erblickte er die sich erhobene -- war sie es wirklich? -- Anna
Petrowna.

      -- Er erblickte Anna Petrowna; bedeutend behbiger,
      dicker und -- mit auffallend vielen Graufden
      im Haar. Eine betrbende Tatsache fiel ihm zu allererst
      auf: Nach dem zweieinhalbjhrigen Aufenthalt
      in Spanien (und -- wo noch, wo?) hatte sich ihr
      Doppelkinn erheblich vergrert und hing jetzt ber
      den Stehkragen herunter; ebenso vermochte das
      Korsett die merkliche Rundung des Leibes nicht zu
      verbergen; nur das Himmelblau der Augen in dem
      frher herrlichen, spter noch immer schnen Gesichtchen
      hatte seinen Glanz nicht verloren; in ihren Tiefen
      spiegelten sich jetzt die kompliziertesten Gefhle:
      Schchternheit, Zorn, Mitgefhl, Stolz, Verlegenheit
      (wegen der rmlichkeit des Zimmers), verborgene
      Bitterkeit und . . . Angst.

Apollon Apollonowitsch konnte diesen Blick nicht vertragen, er senkte die
Augen und drehte den Hut in den Hnden. Ja, ihre mit dem italienischen
Schauspieler verlebten Jahre hatten sie sehr, sehr verndert; wo ist ihre
Strenge, die angeborene, ihr eigene Wrde und Ordnungsliebe; Apollon
Apollonowitsch durchstreifte wieder das Zimmer mit dem Blick; unordentlich
lagen da zerstreut: Tschchen, Tragriemen, ein schwarzer Spitzenfcher, ein
Seidenstrumpf und einige zitronengelbe Lappen, wahrscheinlich spanische.

                                * * *

Vor Anna Petrowna stand . . . -- war er es wirklich? Auch ihn hatten die
zweieinhalb Jahre verndert; vor zweieinhalb Jahren sah sie zum letztenmal
vor sich ein scharf gemeieltes Gesicht aus grauem Stein, das sie kalt
ansah, dort neben dem mit Perlmutter inkrustierten Tischchen (bei ihrer
letzten Auseinandersetzung); jeder Zug dieses Gesichts blieb in ihr als
eisiger Frost eingeprgt; dieses Gesicht aber, das sie jetzt vor sich sah,
hatte berhaupt keine Zge mehr.

(Unsererseits fgen wir hinzu: diese Zge waren noch vor kurzem vorhanden;
am Anfang unserer Erzhlung hatten wir sie beschrieben.)

Vor zweieinhalb Jahren war Apollon Apollonowitsch wohl schon ein alter
Mann, aber . . . in ihm war etwas . . . Unzeitliches; er war noch immer --
ein _Mann_; wo war aber jetzt der Staatsmann? Wo war der eiserne Wille,
jener steinerne Blick, aus dem Wirbelstrme, kalte, dem Gehirn (nicht dem
Gefhl) entsprungene, strmten? Wo war der Stein des Blickes? Alles wich
vor der einzigen Tatsache des vorgerckten Alters; der Greis berwog alles
andere; gesellschaftliche Stellung, Willen; auffallend war seine Magerkeit;
auffallend war die Gebeugtheit des Rckens; auffallend war das Zittern des
Unterkiefers und das fast tppische Zittern der Finger; und hauptschlich
-- die Farbe des Mantels: nie, solange sie mit ihm war, hatte er sich
Kleider von solcher Farbe bestellt.

So standen sie einander gegenber: Apollon Apollonowitsch noch immer an der
Schwelle, Anna Petrowna vor dem Tischchen, in der Hand die zitternde
Teetasse, aus der sich die dunkle Flssigkeit auf die Tischdecke ergo.

Endlich wandte Apollon Apollonowitsch ihr seinen Kopf zu; er kaute einen
Augenblick mit den Lippen und stotterte dann:

Anna Petrowna!

Jetzt sah er sie deutlich (die Augen hatten sich an das Halbdunkel
gewhnt), und er sah: ihre Zge wurden, fr einen Augenblick, wunderbar
erhellt; aber dann verbargen sie sich wieder hinter Fltchen, Verdickungen,
Fettplsterchen; die klare Schnheit der Kindlichkeit in den Zgen hat der
Vergrberung des Alters nicht standgehalten; fr einen Augenblick aber
wurde ihr Gesicht wunderschn; nmlich, als sie mit scharfer Bewegung das
Teetablett von sich schob und ihm, dem Senator, mit einem unmerklichen Ruck
gleichsam entgegenflog; und doch: sie rhrte sich nicht vom Platz; von
ihrem Platz warf sie dem Greis, der dort stand und mit den Lippen kaute,
nur das eine zu:

Apollon Apollonowitsch!

Apollon Apollonowitsch lief ihr entgegen (so war er auch vor zwei Jahren
ihr immer entgegengelaufen, um ihr zwei Finger zu reichen, und, sie rasch
zurckziehend, sie mit Klte zu bergieen); er lief zu ihr durch das
Zimmer, so wie er gestanden war, im Mantel, mit dem Hut in der Hand; ihr
Gesicht neigte sich gegen die Glatze; der groe, wie ein Knie nackte
Schdel und die zwei abstehenden Ohren riefen in ihr eine Erinnerung an
etwas wach, und als die kalten Lippen ihre, vom verschtteten Tee nasse
Hand berhrten, wich alles Komplizierte aus ihren Zgen dem eindeutigen
Ausdruck der Zufriedenheit: denken Sie sich -- etwas Kindliches hpfte
spielend in ihren noch schimmernden Augen auf und verbarg sich wieder in
ihnen.

Als er nun gerade vor ihr stand, trat seine Gestalt mit ausgesprochener
Deutlichkeit hervor; ein lose am Krper hngendes Hschen, ein Mntelchen
von frher nie getragener Farbe, eine Menge neuer Fltchen im Gesicht, von
denen zwei das ganze Gesicht durchquerten, und neue, unbekannte Blicke;
doch erschienen ihr diese Augen jetzt nicht mehr wie zwei durchsichtige
Steine; es lag in ihnen eine ihr unbekannte Kraft und Unbeugsamkeit.

Und diese Augen senkten sich; Apollon Apollonowitsch suchte nach Worten:

Ich kam, um -- er hielt einen Augenblick inne --

-- ?

. . . Ihnen meine Aufwartung zu machen . . .

. . . und Sie zu Ihrer Rckkehr zu beglckwnschen . . .

Anna Petrowna fing einen verlegenen, etwas erstaunten Blick auf, einen
einfach weichen, mitleidigen Blick von kornblumenblauer Farbe, in dem wie
ein Hauch etwas von Frhlingsluft lag.

Aus dem Nebenzimmer hrte man Lachen und Gerusch; hinter der Tr
unterhielten sich noch immer die zwei Zimmermdchen miteinander; unten
klang Klavierspiel; unordentlich lagen zerstreut: Gepckriemen,
Handtschchen, ein schwarzer Spitzenfcher, eine kleine venezianische Vase
und ein Stck Seidenstoff von schreiend zitronengelber Farbe, der sich als
eine Bluse entpuppte; hinter dem Fenster war statt des Himmels gelber
Rauch, und in diesem gelben Rauch lag Petersburg: Straen und Prospekte;
Trottoire und Dcher; das Blech vor dem Fenster war mit gefrorenem Reif
bedeckt; ein kalter Wasserstrahl rieselte aus der Dachrinne.

Und bei uns . . .

Darf ich Ihnen Tee anbieten? . . .

Bei uns steht ein Generalstreik bevor . . .


Das Spielzeug

Die Tr ging auf.

Nikolai Apollonowitsch trat in das Vestibl, dessen Wnde mit alten Waffen
geschmckt waren; Nikolai Apollonowitsch sah hchst desperat aus; er ri
sich seinen breiten italienischen Hut vom Kopfe; die Flle flachsweier
Haare gab dem Gesicht mit dem kalten, ja rauhen Ausdruck, in dem sich
angeborener Starrsinn ausprgte, einen etwas milderen Schimmer (selten
begegnet man solchen Haaren bei Erwachsenen; diese Nance findet man nur
bei Bauernkindern, besonders in Weiruland); kalt, trocken, deutlich
zeichneten sich die Linien des weien Gesichtes, als er nachdenklich einen
Moment lang vor sich hinsah, und es hnelte den Gesichtern auf den
Heiligenbildern.

Auf einmal bergo es sich mit Rte; und er flog rasch, ein wenig hinkend,
den nassen zerdrckten berwurf ber den Schultern, die teppichbelegten
Stufen hinauf. Er hstelte; er -- keuchte; er zitterte, als htte er
Fieber: gewi, man steht nicht ungestraft stundenlang im Regen; seltsam
genug sah er aus: hinkend, mit gekrmmtem Rcken und in einem Rock, dessen
eine Schohlfte fehlte.

Er schlpfte durch die Tr mit dem fein geschliffenen Glasgriff; und die
glnzend lackierten Zimmer, an denen er vorbeilief, schienen ihm nur eine
Halluzination, die spurlos zerrann, indem sie hinter der Grenze seines
Bewutseins neblige Flchen breitete; und als seine Schuhe im Korridor laut
zu tnen begannen, schien es ihm, als klopften seine Adern laut an die
Schlfen; das rasche Pulsieren dieser Adern sprach deutlich von
frhzeitiger Sklerose.

Innerlich ganz aufgewhlt, trat er in sein buntes Zimmer ein; die kleinen
grnen Papageie im Kfig erhoben ein wildes Kreischen und begannen mit den
Flgeln zu schlagen; das hemmte seinen eiligen Schritt; er blieb stehen und
sah um sich; er erblickte den bunten Leoparden, der mit weitaufgerissenem
Rachen zu seinen Fen lag; dann aber -- begann er in seinen Taschen
herumzusuchen (er suchte den Schreibtischschlssel).

Ha? . . .

Aber zum Teufel . . .

Verloren?

Dagelassen? . . .

Ist's mglich! . . .

Er rannte hilflos durchs Zimmer hin und her und suchte den vergessenen
Schlssel, er untersuchte die fr diesen Zweck unpassendsten Gegenstnde,
hob den schweren Rauchapparat, die goldene Kugel mit dem Halbmond oben, vom
Platz, und redete dabei immerzu mit sich selbst. Ganz erschrocken lief er
in das zweite Zimmer -- an den Schreibtisch; unterwegs warf er das
arabische, mit Elfenbein eingelegte Taburett um; mit lautem Krachen stie
es auf den Boden; erstaunt sah er, da der Schreibtisch gar nicht
abgesperrt war; die verrterische Schublade stand zur Hlfte offen; ihm
blieb das Herz stehen: wie hatte er es nur unterlassen knnen, die
Schublade abzusperren? Er zog sie weiter heraus . . . und -- und -- und
. . .

Sie war nicht da! Nein, sie war nicht da!

In der Schublade war alles durcheinandergeworfen; die groe Photographie,
die sich darin befunden hatte, lag achtlos hingeworfen auf der Tischplatte;
und . . . die Sardinenbchse war -- verschwunden; wtend, erschreckt, mit
dem Ausdruck der Verzweiflung wiegte sich ber der Schublade das
rotglhende Gesicht mit den von dunklem Blau umrahmten, groen Augen, die
pltzlich schwarz wurden; schwarz -- durch die erweiterten Pupillen; so
stand er zwischen dem Lehnstuhl und der Bste: des Kant natrlich.

Er lief an den zweiten Tisch; ffnete auch da die Schubladen, doch hier lag
alles in bester Ordnung: Briefe, Papiere; er schleuderte alles heraus auf
den Tisch, doch die Sardinenbchse . . . die war nicht da . . . Seine Beine
begannen zu zittern; er kniete nieder, und sein heier Kopf fiel auf seine
kalten, vom Regen noch feuchten Hnde; so erstarb er fr einen Augenblick;
die flachsweien Haare hoben sich wie ein toter, gelber Fleck ab von dem
grnen Fond des Mbelstoffes, im Halbdunkel der Dmmerung.

Er sprang auf! Im Nu war er beim Schrank! Der Schrank wurde aufgerissen;
ein Gegenstand nach dem anderen flog auf den Teppich; aber auch da befand
sich die -- Sardinenbchse nicht; wie ein Wirbelwind fuhr er im Zimmer
umher; durch die Heftigkeit seiner Bewegungen, (hnlich denen seines
exzellenten Vaters) und die Kleinheit seines Wuchses erinnerte er sehr an
einen flinken Affen. In der Tat: das Schicksal hat ihm einen bsen Streich
gespielt; er rannte aus einem Zimmer in das andere; vom Bett (wo er unter
den Kissen, unter der Decke, unter der Matratze suchte) lief er zum Kamin:
hier beschmierte er sich die Hnde mit Asche; vom Kamin eilte er wieder zu
den Bcherregalen (mit leichtem Knistern glitten die seidenen Vorhnge auf
ihren kleinen Messingringen zur Seite); er untersuchte die Bcherreihen und
mancher Band, flog mit rasselndem Gepolter zu Boden.

Doch die Sardinenbchse war nirgends zu finden, nirgends.

Bald sa er kauernd, das Gesicht mit Asche und Staub bedeckt, vor einem auf
dem Boden aufgestapelten Haufen aller mglicher Gegenstnde, die er mit
seinen langen, schlanken, spinnenfhlerhnlichen Fingern nacheinander
berhrte.

In dieser Pose wurde er vom hereingestrmten Ssemjonytsch berrascht:

Nikolai Apollonowitsch! . . . Gndiger junger Herr! . . .

Nikolai Apollonowitsch wandte sich um, noch immer kauernd; mit
unwillkrlicher Bewegung breitete er beim Eintritt des Dieners seinen
italienischen berwurf ber den Haufen und sah aus wie eine auf den Eiern
sitzende Henne: seltsam tot und unbeweglich hoben sich die flachsweien
Haare, wie ein gelber Fleck vom Halbdunkel der Umgebung ab.

Was ist?

Ich gestatte mir . . .

Lassen Sie mich, Sie sehen, da ich beschftigt bin . . .

Mit dem weitausgezogenen Mund hnelte er dem Leoparden, der mit offenem
Rachen bewegungslos auf dem Boden lag.

Ich mu meine Bcher ordnen . . .

Doch Ssemjonytsch lie sich nicht abschrecken:

Sie werden gebeten . . . Sie werden in den Salon gerufen . . .

-- ?

Eine Familienfreude: Unsere gndige Frau, Mtterchen Anna Petrowna,
geruhte selbst zu erscheinen.

Nikolai Apollonowitsch erhob sich mechanisch; auf seinem mit Staub und
Asche bedeckten Gesicht entzndete sich blitzartig schnell eine Rte; er
begann pltzlich zu husten, und heiser durch das Husten rief er:

Was, Mama? Anna Petrowna?

Mit Apollon Apollonowitsch geruht sie dort im Salon zu sitzen . . . Gerade
sind sie . . .

Wurde ich gerufen?

Apollon Apollonowitsch lt bitten . . .

Sofort . . . Ich komme sofort . . . Nur noch das hier . . .

Kaum war Ssemjonytsch aus der Tr, da erhob sich Nikolai Apollonowitsch vom
Boden, holte mit ein paar behenden Sprngen den Alten ein und erfate
seinen rmel:

Tsss! . . . Ssemjonytsch -- hren Sie mal -- Nikolai Apollonowitsch hielt
den alten Diener beim rmel fest:

Haben Sie nicht . . . Ja, es handelt sich darum . . . er wurde verwirrt
und zog, den Alten nher in das Zimmer, Haben Sie nicht so einen
Gegenstand hier gesehen? Hier im Zimmer . . . So einen Gegenstand -- ein
Spielzeug . . .

Ein Spielzeug? . . .

Ein Kinderspielzeug . . . Eine Sardinenbchse . . .

Eine Sardinenbchse?

Ja, ein Spielzeug, das wie eine Sardinenbchse aussah -- schwer, mit einem
Uhrwerk: es tickte noch so darin . . . Ich habe es, das Spielzeug, in die
Lade . . .

Ssemjonytsch drehte sich langsam um, befreite seinen rmel von den sich
darin eingehakten Fingern, sah einen Augenblick lang starr die
gegenberliegende Wand an, dachte nach und stie dann etwas unehrerbietig
schroff hervor:

Nein!

Einfach nein! -- . . .

Und ich hatte gedacht . . .

Sehe mal einer her: so ein Ereignis, eine Freude; selbst der gndige Herr,
der Minister, leuchtet vor Freude . . . Und der da: eine Sardinenbchse
. . . mit Uhrwerk . . . ein Spielzeug! Selbst mit abgerissenem Rockscho
. . .

Soll ich also melden'?

Ich komme sofort, sofort . . .

Nikolai Apollonowitsch schlo die Tr und stand da, ohne zu wissen wo er
sich befand.

Ebenso ohne zu wissen was er tat, zog er den verrterischen Rock aus und
vertauschte ihn mit einem anderen, ganz neuen; vorher wusch er sich den
Staub und die Asche von Gesicht und Hnden. Whrend er sich wusch und
ankleidete dachte er immerzu:

Was ist das nun, was ist das nun . . . Wohin konnte ich sie nur verlegt
haben . . .

Nikolai Apollonowitsch war sich noch nicht ganz bewut, welchen Schrecken
das pltzliche Verschwinden der Sardinenbchse eigentlich in sich barg; es
war ihm bisher noch nicht eingefallen, da -- whrend seiner Abwesenheit
jemand in seinem Zimmer gewesen sein, die Sardinenbchse entdeckt und sie
vorsorglich mitgenommen haben konnte.


Die Diener wunderten sich

Dieselben Huser standen da in Reihen, dieselben grauen Menschenstrme
zogen dahin, derselbe grngelbe Nebel hllte alles ein; in sich versunken
liefen Gestalten vorbei; die Trottoirs flsterten und scharrten unten zu
den Fen der Huserriesen; ihnen entgegen flog ein Prospekt nach dem
anderen; und die sphrische Oberflche des Planets schien von den
schwrzlichgrauen Huserkuben wie von Schlangenringen eingefat; das Netz
paraller Prospekte, durchschnitten von einem Netz paraller Prospekte,
dehnte sich mit seinen Quadratflchen bis zu kosmischen Abgrnden . . .

Doch Apollon Apollonowitsch schenkte diesmal seiner Lieblingsfigur, dem
Quadrat keine Beachtung; versank nicht gedankenlos in die Betrachtung der
steinernen Parallelepipeda und Kuben; auf die weichen Kissen des gemieteten
Droschkenwagens gelehnt, blickte er von Zeit zu Zeit erregt auf Anna
Petrowna, die er -- er selbst, jetzt in das lackierte Haus zurckfhrte;
was sie dort beim Tee im Hotelzimmer miteinander gesprochen hatten -- das
blieb fr immer ein undurchdringliches Geheimnis; nach diesem Gesprch
wurde aber beschlossen: Anna Petrowna wrde morgen schon in das Haus auf
dem Kai bersiedeln; jetzt aber fuhr sie, um den Sohn zu sehen.

Anna Petrowna war verlegen.

Im Wagen sprachen sie nichts miteinander; Anna Petrowna blickte aus dem
Fenster; zweiundeinhalb Jahre hatte sie diese grauen Prospekte nicht
gesehen: sie sah die Kette der Husernummern; dort zirkulierte etwas
ununterbrochen; dort glnzte an hellen Tagen aus weit-weiter Ferne die
goldene Spitze, die Wolken, der glutrote Sonnenuntergang; und dort sah man
an nebligen Tagen -- nichts, niemand.

Mit unverhlltem Vergngen lehnte sich Apollon Apollonowitsch gegen die
weichen Wagenpolster, von dem Schmutz der Strae durch den geschlossenen
Kubus getrennt; hier blieb er fern den dahinstrmenden Menschenmassen, den
ihn andenden, regennassen, roten Umschlgen, die dort an der Straenecke
verkauft wurden; er hpfte mit den Blicken; hie und da fing Anna Petrowna
auf: einen verlorenen, staunenden und -- denken Sie sich nur -- einen
einfach warmen, blau-blauen, kindlichen, ja gedankenleeren Blick. (War er
nicht schon vielleicht ein wenig in Kindlichkeit verfallen?)

Ich hrte, Apollon Apollonowitsch, Sie seien fr den Ministerposten
ausersehen?

Apollon Apollonowitsch aber unterbrach sie:

Von wo kommen Sie jetzt eigentlich, Anna Petrowna?

Ich komme direkt aus Granada . . .

So--o, so--o, so--o . . . -- und nachdem er sich geschneuzt hatte: Ja,
wissen Sie: es gibt allerlei dienstliche Unannehmlichkeiten . . .

Und pltzlich, was ist das?: Er fhlte eine warme Hand auf seiner Hand,
seine Hand wurde gestreichelt . . . Hm, hm, hm: Apollon Apollonowitsch
wurde verlegen; er wurde verlegen, ja er erschrak sogar; es wurde ihm
beinahe ein wenig unbehaglich . . . Hm, hm: es werden schon an die
anderthalb Jahrzehnte sein, da man mit ihm nicht so umgegangen war . . .
Sie hat ihn tatschlich gestreichelt. . . . Das hatte er wahrlich von
dieser . . . Person nicht erwartet. . . Hm, hm . . . (Apollon
Apollonowitsch hatte ja in diesen zweieinhalb Jahren diese Person fr eine
. . . leichtsinnige Person gehalten . . .)

Ich bin eben im Begriff, meinen Abschied zu nehmen . . .

Durch das Fenster des Wagens drang das mattgrne Tageslicht ein; dort
ergossen sich wie eine Flut die Menschenwellen bereinander; und diese
Menschenflut war eine donnernde Flut.

Hier, an dieser Stelle, hatte er neulich jenen Mann unbestimmter Herkunft
erblickt; die Augen dieses Mannes von unbestimmter Herkunft hatten geglnzt
und sie hatten ihn erkannt: das war vor etwa zehn Tagen (ja, vor nur zehn
Tagen war es: in diesen zehn Tagen hat sich alles verndert; und verndert
hat sich auch Ruland!) . . .

                                * * *

In der Tat, wie wunderten sich die Diener!

So erzhlte spter der Junge Grischka, der gerade in dieser Stunde den
Dienst im Vorzimmer versehen hatte:

Ich sitze so da und zhle an den Fingern, wie viele Wochen noch bis zum
Heiligen Nikolaus, dem, der in den Winter fllt . . .

Aber geh du mit deinem Nikolaus! So erzhl' doch einmal!

Jawohl, ja: der Heilige Nikolaus ist bei uns im Dorfe ein groer
kirchlicher Feiertag . . . Ich sitze also nun so und rechne nach . . . Auf
einmal: ein Wagen, direkt vor unsere Tr; ich springe auf; mache also die
Tr auf -- und: alle Heiligen! -- der gndige Herr, er selbst -- in einem
Droschkenwagen! (und ein Wagen, sag ich euch!) Und mit ihm eine Dame, schon
eine ltere, in einem ganz billigen Redingote.

Was -- Redingote, Bursche! Redingote werden jetzt nicht mehr getragen.

Unterbrechen Sie ihn nicht; der wei auch so schon nicht, wo ihm der Kopf
steht.

Kurzum: in einem Mantel. Der gndige Herr -- so flink, flink aus der
Droschke -- na, Teufel, wollte sagen: aus dem Wagen -- hpf! zu der Dame,
den Arm so und lchelt: na, wie der reinste Kavalier! In jeder Weise
behilflich! . . .

Hr mal einer . . .

So was . . .

Das lt sich auch denken: zwei Jahre haben sich die Leute nicht gesehen,
ertnten ein paar Stimmen zugleich.

Also: die Gndige steigt aus dem Wagen; aber verlegen war sie, das sah ich
ihr schon gleich an; lchelt so; streicht sich bers Kinn, der Courage
wegen; aber arm gekleidet, sag' ich euch: die Handschuh sicher gestopft
. . .

Schon gut: was also weiter?

Der gndige Herr also, Apollon Apollonowitsch -- gar nicht so stolz wie
immer; steht da im Regen (es hat ja so geregnet -- hu--u!), steht so und
wartet, bis die Gndige das Trittbrett . . . Sie ist ja so, hat schon ihr
Gewicht . . . Wie sie sich auf den Arm vom gndigen Herrn sttzte, mit
ganzer Schwere, da hab' ich mir gedacht: da er's aushalten kann, eine
solche Last . . .

Plappere doch nicht, erzhl'!

Ich plappere nicht, ich erzhle so schon; aber was: hier kann euch Mitrij
Ssemjonytsch weitererzhlen: er hat ja die Herrschaften im Vorzimmer
empfangen . . . Was soll ich weitererzhlen? Der gndige Herr hat der
Gndigen nur gesagt: >Bitte<, hat er gesagt, >willkommen, Anna Petrowna<
. . . Da erst hab ich die gndige Frau erkannt . . .

Na, und wie . . .

Alt, sag' ich euch, ist sie geworden . . . Ich erkannte sie erst gar
nicht, aber dann . . . Sie hat mir ja oft eigenhndig Sigkeiten geschenkt
. . .

So redeten spter die Diener.

                                * * *

Wirklich!

Eine unerwartete, unvorhergesehene Tatsache: vor zweieinhalb Jahren hatte
Anna Petrowna ihren Gatten verlassen und war mit einem italienischen
Schauspieler fortgezogen; von dem Schauspieler im Stich gelassen, verlie
sie die herrlichen Palste Spaniens und eilte ber die Pyrenen, die Alpen,
Tirol, mit dem Exprezug zurck; was aber am wunderlichsten war:
zweieinhalb Jahre durfte der Name Anna Petrowna in Anwesenheit des Senators
nicht genannt werden, ja, noch vor zweieinhalb Tagen war er durchaus
verpnt; zweieinhalb Jahre vermied der Senator jeden Gedanken an Anna
Petrowna (trotzdem dachte er wohl an sie), und selbst bei einem zuflligen
Zusammentreffen dieser Lautverbindung zog er verchtlich die Lippen
zusammen. Warum war aber bei der Nachricht von ihrer Rckkehr an Stelle des
verchtlichen Zuckens ein erregt zorniges Zittern des Kiefers getreten?
Warum schlief er diese Nacht nicht? Warum war der Zorn im Laufe der zwlf
Stunden allmhlich gewichen und statt seiner stellte sich eine unruhevolle
Sehnsucht ein? Warum hielt er es nicht aus und fuhr selbst ins Hotel;
berredete sie, brachte sie selbst nach Hause? Was war dort im Hotelzimmer
vorgefallen? -- Auch Anna Petrowna hat ihr Vorhaben vergessen; das
Vorhaben, das sich ihr gestern beim Besuch im lackierten Haus wieder fest
eingeprgt hatte.

Sie hat ihr Vorhaben aufgegeben und ist zurckgekehrt.

Beide waren durch die Auseinandersetzung im Hotel erregt und verlegen;
deswegen verzichteten beide auf irgendwelche Gefhlsuerungen beim
Eintritt in das lackierte Haus; Anna Petrowna sah von der Seite ihren
Gatten an: Apollon Apollonowitsch schneuzte sich, dann rusperte er sich
ein wenig. Anna Petrowna dankte herablassend auf die ehrfurchtsvollen Gre
der Dienerschaft; sie verhielt sich sehr reserviert; nur den alten
Ssemjonytsch umarmte sie und -- es sah aus, als mchte sie an seiner
Schulter weinen; aber sie warf einen verlegenen, erschreckten Blick auf
Apollon Apollonowitsch und berwand sich: sie griff nach dem Handtschchen,
doch holte sie das Taschentuch nicht vor.

Apollon Apollonowitsch, seiner Gattin ein paar Stufen voraus, warf den
Lakaien strenge, befehlende Blicke zu; solche Blicke hatte er nur in
Augenblicken der Verlegenheit; gewhnlich benahm sich Apollon
Apollonowitsch gegen die Dienerschaft mit verletzend ausgesuchter
Hflichkeit und Khle (die bekannten Scherze ausgenommen). Er behielt vor
der Dienerschaft den Ton der Gleichgltigkeit: nichts ist geschehen, die
gndige Frau hat sich aus Gesundheitsgrnden im Auslande aufgehalten, jetzt
ist sie zurckgekehrt -- nichts weiter . . . Also was ist dabei? Es ist
alles in schnster Ordnung! . . .

brigens, einen Diener gab es (alle frheren auer Ssemjonytsch und dem
Knaben Grischka sind inzwischen aus dem Hause fortgekommen), -- dieser
Diener erinnerte sich ganz genau, wie die gndige Frau damals ins Ausland
gereist war: der Dienerschaft war nichts gesagt worden; das ganze Gepck
hatte aus einer Handtasche bestanden (und das fr die Zeit von zweieinhalb
Jahren!); den Tag vor der Abreise hatte die Gndige sich in ihren Gemchern
eingesperrt gehalten; die vorherigen Tage aber war bei ihr immer der
Schwarze mit dem Schnurrbart gesessen: wie hatte er nur geheien --
Mindalini (er hie in Wirklichkeit Mantalini), -- der immer die
nichtrussischen Lieder gesungen hatte: Tra--la--la . . . Tra--la--la
. . . Und der nie Trinkgeld gegeben hatte.

Dieser Lakai, der das alles in seiner Erinnerung hatte, kte besonders
ehrfurchtsvoll das erlauchte Hndchen; sein Gewissen war durch die Schuld
belastet, nicht die Einzelheiten der Flucht -- d. h. der Abreise -- aus
seinem Gedchtnis weggewischt zu haben; er hatte die begrndete Angst, da
mit dem Erscheinen der erlauchten Gndigen seine Tage im lackierten Haus
gezhlt seien.

Sie sind im groen Salon; wie Spiegel blitzen die Quadrate des Parketts:
whrend dieser zwei Jahre war hier nur selten geheizt worden; von der
kalten Zimmerflucht ging immer eine undefinierbare Traurigkeit aus; Apollon
Apollonowitsch war stets in seinem Zimmer hinter abgesperrter Tr gesessen;
es hatte ihm immer geschienen, aus der Zimmerflucht wrde ein Bekannter,
ein Trauriger zu ihm hereinstrzen; jetzt stand er da und dachte: nun ist
er nicht mehr allein; er wird nicht mehr allein ber die Quadrate des
Parketts schreiten, sondern mit . . . Anna Petrowna.

Er bot galant der Angekommenen den Arm und fhrte sie durch den groen
Saal; Anna Petrowna blieb vor einer blatnigen Malerei stehen, wandte sich
Apollon Apollonowitsch zu und lchelte:

Ach das da . . . Erinnern Sie sich, Apollon Apollonowitsch?

Sie schielte ein klein, klein wenig, wurde ein klein, klein wenig rot; zwei
kornblumenblaue Augen versanken da in zwei andere, von Himmelsblau
erfllte; und -- der Blick, der Blick; etwas Liebes, Gewesenes, Altes, --
etwas, was die Menschen vergessen haben, was aber die Menschen seinerseits
nie verga, was immer vor jeder Tr steht, dieses Etwas stellte sich
pltzlich zwischen ihre Blicke; es war nicht in ihnen; es erwachte nicht in
ihnen: es stand zwischen ihnen -- als wre es vom Frhlingswind
hereingeweht worden. Der Leser verzeihe mir: ich will den Sinn dieser
Blicke mit dem ganz banalen Wort bezeichnen: es war -- _Liebe_.

Erinnern Sie sich?

Gewi doch . . .

Wo?

In Venedig . . .

Es sind dreiig Jahre seither vergangen! . . .

Die Erinnerung an einen im Nebel schimmernden Kanal tauchte in ihm auf, an
eine Arie, die seufzend aus der Ferne klang: dreiig Jahre sind seither
vergangen. Auch sie wurde von der Erinnerung an Venedig erfat; diese
Erinnerung spaltete sich aber: vor dreiig Jahren und -- vor zweieinhalb
Jahren; sie errtete: sie hatte ja diese Erinnerung zu verdrngen gesucht;
nun trat eine andere auf: Kolenka. Sie hatte in den letzten zwei Stunden
nicht an Kolenka gedacht; das Gesprch mit dem Senator hatte alles andere
fr einige Zeit beiseite geschoben; vor diesen letzten zwei Stunden hatte
sie doch nur an Kolenka gedacht, voll Zrtlichkeit, voll Zrtlichkeit und
Krnkung: Kolenka hatte nichts von sich hren lassen, keine Nachricht
gegeben.

Kolenka . . .

Sie traten in den Salon ein: berall Nippessachen, Metall- und
Perlmutterinkrustationen, Bronzen.

Kolenka geht es gut, Anna Petrowna . . . er befindet sich ganz wohl
. . . Der Senator machte ein paar eilige Schritte seitwrts.

Ist er zu Hause?

Apollon Apollonowitsch, der sich gerade in einen Empiresessel
niedergelassen hatte, erhob sich etwas widerwillig und drckte den Knopf
der elektrischen Glocke.

Warum kam er nicht zu mir?

Er ist, Anna Petrowna . . . mm--mm . . . Er war . . . sehr . . . -- der
Senator wurde seltsam verworren, dann zog er sein Taschentuch hervor,
schneuzte sich lange mit sonderbaren Trompetenlauten; dann rusperte er
sich ein wenig und steckte sehr langsam das Taschentuch wieder in die
Tasche:

Ja, er hatte sich sehr gefreut . . .

Schweigen trat ein. Der kahle Kopf neigte sich ber einer kalten,
langbeinigen Bronze; der Lampenschirm, mit feinster Malerei bedeckt,
glnzte nicht mit seinen violetten Tnen: verloren hat das neunzehnte
Jahrhundert das Geheimnis dieser Farbe; das Glas war abgedunkelt von der
Zeit; und auch die feine Malerei war abgedunkelt von der Zeit.

Auf das Luten trat Ssemjonytsch herein:

Ist Nikolai Apollonowitsch zu Hause?

Jawohl, gndiger Herr.

Mm . . . hren Sie mal: sagen Sie ihm . . . Anna Petrowna sei hier und
liee ihn bitten . . .

Vielleicht gehen wir selbst zu ihm, sagte erregt Anna Petrowna und erhob
sich lebhaft aus dem Lehnstuhl; aber der Senator unterbrach sie mit
scharfer Wendung gegen Ssemjonytsch:

M -- mm . . . Ssemjonytsch: also sagen Sie: . . .

Zu Befehl . . .

                                * * *

Ich bin mit Kolenka, Anna Petrowna, nicht ganz zufrieden . . .

Was sagen Sie . . .

Kolenka benimmt sich schon seit geraumer Zeit -- regen Sie sich nicht auf
-- er benimmt sich einfach -- aber regen Sie sich nicht auf -- einfach
sonderbar . . .

-- ?

Die goldeingerahmten Trumeaus verschlangen mit ihrem grnlichen Glas den
Salon.

Kolenka wurde etwas verschlossen . . . Kche -- kche -- nach dem
Hustenanfall begann er mit den Fingern aufs Tischchen zu trommeln; es fiel
ihm etwas -- etwas Persnliches -- ein, er zog die Augenbrauen zusammen,
rieb sich an der Nasenwurzel; doch er fate sich bald und rief mit fast
bermiger Lustigkeit:

brigens: nein, es ist weiter nichts dabei . . . Gar nichts . . .

Zwischen den Trumeaus glitzerten berall Perlmuttertischchen.


Eine einzige Sinnlosigkeit

Den Schmerz im Knie berwindend (der Fall in Lichutins Zimmer machte sich
immerhin bemerkbar), ein wenig hinkend, lief Nikolai Apollonowitsch durch
den Korridor.

Ein Wiedersehen mit der Mutter!

Ein Wirbel von Gedanken und Vorstellungen rauschte durch seinen Kopf; oder
nein: es waren keine Gedanken, und es gab nirgends einen Sinn -- es war ein
Wirbel von Sinnlosigkeiten.

Welche Gedanken waren es?

Erstens der Gedanke an den Schrecken seiner Lage; der Schrecken seiner Lage
ergab sich durch das Verschwinden der Sardinenbchse; die Sardinenbchse,
d. h. die Bombe, ist verschwunden; es war klar, da jemand die Bombe
weggeschafft hat; wer aber, wer? Einer von den Dienern; dann ist also die
Bombe in die Hnde der Polizei gekommen; und er wird -- verhaftet; das wre
nicht das Schlimmste; das Schlimmste ist: Apollon Apollonowitsch selbst hat
die Bombe gefunden und hat sie mitgenommen und wei jetzt: wei jetzt
alles.

Was -- _alles_? Es war ja nichts gewesen; Ermordungsplan? Es gab ja keinen
Ermordungsplan; er, Nikolai Apollonowitsch, bestreitet einen solchen Plan
auf das entschiedenste: es ist eine niedere Verleumdung -- wenn behauptet
wird, ein solcher Plan habe existiert.

Es bleibt aber die Tatsache der gefundenen Bombe bestehen.

Wenn ihn der Vater ruft, wenn seine Mutter -- nein, er kann's nicht wissen:
er hat die Bombe nicht aus dem Zimmer fortgetragen. Auch die Diener . . .
Diesen htte man es gleich angemerkt. Doch niemand zeigte was. Nein, sie
wissen nichts von der Bombe. Aber wo ist sie, wo? Hat er sie wirklich im
Schreibtisch versteckt; hat er sie nicht irgendwo unter dem Teppich
verborgen, zufllig, mechanisch: so was passierte ihm manchmal.

In einer Woche wird sich alles von selbst aufklren . . . Doch nein; die
Bombe wird ihre Anwesenheit schon heute anzeigen -- durch ein furchtbares
Gepolter (das Poltern konnten die Ableuchows absolut nicht vertragen).

Ihre Anwesenheit -- unter dem Teppich, in irgendeinem Schrank, unter einem
Kissen -- sie wird sie anzeigen; sie wird zu poltern beginnen und wird dann
platzen; er msse die Bombe finden; nun habe er jetzt aber keine Zeit dazu:
die Mutter ist da.

Und dann ein weiterer Gedanke: man hat ihn beleidigt; das war sein zweiter
Gedanke; und der dritte: ja, dieses widerliche kleine Mnnchen, Pawel
Jakowlewitsch! Er glaube ihn jetzt wieder, gerade wie er nach Hause fuhr,
gesehen zu haben; und schlielich -- Pepp Peppowitsch Pepp: Pepp, das ist
die furchtbare Ausbreitung des Krpers, das Sichdehnen der Adern, das
Sieden im Kopf . . .

Ach: nun ist alles durcheinandergeraten; der Wirbel der Gedanken flog mit
unmenschlicher Schnelligkeit durch den Kopf und rauschte in den Ohren, so
da es gar keine Gedanken waren: es war eine einzige Sinnlosigkeit.


Mama

Er ffnete die Salontr.

Das erste, was er erblickte, war . . . war . . . Na ja: er erblickte das
Gesicht seiner Mutter und zwei Hnde, die sich ihm aus dem Lehnstuhl
entgegenstreckten: das Gesicht war gealtert und die Hnde zitterten im
durchbrochenen Goldlicht der Laternen, die gerade drauen hinter den
Fenstern angezndet wurden.

Und er hrte eine Stimme:

Kolenka, mein geliebter, mein teuerer!

Er verlor die Fassung, sein ganzes Wesen flog ihr entgegen.

Bist du's, mein Junge . . .

Nein, er konnte sich nicht mehr halten: er kniete vor ihr nieder, er
umschlang krampfhaft ihre Taille: er drckte sein Gesicht in ihren Scho
und brach in Weinen aus; er weinte -- wei Gott warum: ohne sich darber
Rechenschaft zu geben, unaufhaltsam, schamlos weinte er, und seine breiten
Schultern bebten (bedenken wir doch, da Nikolai Apollonowitsch in den
letzten drei Jahren keine Liebkosung kannte).

Mama, Mama . . .

Auch sie weinte.

Apollon Apollonowitsch stand abseits, in der Dmmerung der Fensternische;
er berhrte mit der Hand den Kopf einer chinesischen Porzellanpuppe: der
Chinesenkopf wiegte sich: Apollon Apollonowitsch trat aus der Dmmerung der
Nische heraus; er hstelte leise; mit kleinen Schrittchen nherte er sich
dem weinenden Paar, und pltzlich trompetete er neben dem Lehnstuhl heraus:

Beruhigt euch, meine Lieben!

Er hatte eigentlich solche Gefhle bei seinem Sohne nicht vermutet, bei dem
kalten, in sich verschlossenen Sohne, an dessen Gesicht er in diesen
zweieinhalb Jahren nie was anderes als Grimassen gesehen hatte; einen bis
zu den Ohren breitgezogenen Mund, nach unten blickende Augen; dann drehte
sich Apollon Apollonowitsch um und lief aus dem Zimmer -- um etwas zu
holen.

Mama . . . Mama . . .

Die Angst, die Demtigungen der letzten vierundzwanzig Stunden, das
Verschwinden der Sardinenbchse, das Gefhl der vlligen eigenen
Unzulnglichkeit, all das flatterte in verworrenen Augenblicksgedanken
durch sein Hirn; alles versank in dem warmen Dunst des Wiedersehens:

Mein Knabe, mein geliebter . . .

                                * * *

Die eisige Berhrung von Fingern an seiner Hand brachte ihn zu sich:

Da, Kolenka, nimm einen Schluck Wasser.

Als er sein verweintes Gesicht vom Scho der Mutter hob, sah er vor sich
die Kleinkinderaugen eines achtundsechzigjhrigen Greises: der kleine
Apollon Apollonowitsch stand da mit einem Glas Wasser in der Hand; seine
Finger tanzten; er ttschelte, vielmehr er versuchte, Nikolai
Apollonowitsch ber Rcken, Wange und Schulter zu ttscheln; pltzlich
strich er mit der Hand ber die flachsweien Haare. Anna Petrowna lachte;
ganz unntigerweise richtete sie ihren Kragen am Halse zurecht; ihre
glckberauschten Blicke bertrug sie von Nikolenka auf Apollon
Apollonowitsch; und umgekehrt: von ihm auf Nikolenka.

Nikolai Apollonowitsch erhob sich langsam von den Knien:

Verzeihen Sie, Mama: das war nur so . . .

Es war nur die berraschung . . .

Ich . . . es ist nichts weiter dabei . . . Danke, Papa . . .

Und er schluckte ein wenig Wasser herunter.

Apollon Apollonowitsch stellte das Glas auf das Perlmuttertischchen; und
pltzlich begann er -- zu lachen, wie Knaben zu den Scherzen des lustigen
Onkels lachen und sich gegenseitig mit den Ellbogen anstoen; zwei
altbekannte, liebe Gesichter!

Soo . . .

Soo . . .

Sooo . . .

Nikolai Apollonowitsch stand neben dem Trumeau, das von einem goldbackigen
Amor oben gekrnt war; unter dem Amor wanden sich Lorbeer- und Rosengewinde
durch Fackelflammen; pltzlich flog wie ein Blitz durch sein Gehirn: die
Sardinenbchse! . . .

Was ist nun damit? Wie ist es nun? Seine Gefhlswallung wurde jh
abgebrochen.

Ich mu einen Augenblick . . . Ich komme gleich wieder.

Was hast du, Liebling?

Das macht nichts . . . Lassen Sie ihn, Anna Petrowna . . . Ich rate dir,
Kolenka, einen Augenblick mit dir allein zu bleiben . . . fnf Minuten
. . . Ja, weit du . . . Und dann -- komm wieder . . .

Den Gefhlsausbruch noch weiter ein wenig simulierend, wackelte Nikolai
Apollonowitsch leicht, lie theatralisch das Gesicht in die Hnde fallen:
wie etwas Totes schimmerten die flachsweien Haare in der Dmmerung des
Zimmers. Wackelnd ging er hinaus.

Verwundert sah der Vater die glckliche Mutter an.

                                * * *

Wahrhaftig, ich erkannte ihn nicht . . . Diese, diese . . . diese Gefhle
-- Apollon Apollonowitsch lief vom Spiegel zum Fenster . . . Diese, diese
. . . Gefhle -- er streichelte sich ber den kleinen Backenbart.

Sie zeugen -- er machte eine scharfe Wendung, hob die Fuspitzen ein
wenig vom Fuboden, balancierte einen Moment lang auf den Abstzen und
machte dann mit dem ganzen Krper einen Ruck nach vorne, den den Fuboden
berhrenden Fuspitzen nach --

Sie zeugen -- er kreuzte die Hnde auf dem Rcken und lief auf und ab
durch den Salon:

Sie zeugen von natrlichen Gefhlen und sozusagen -- er zuckte mit den
Achseln -- von guten Charaktereigenschaften . . .

Ich habe es keinesfalls erwartet . . .

Eine auf dem Tisch stehende Tabakdose zog die Aufmerksamkeit des
Staatsmannes auf sich; von dem Wunsch erfat, sie in symetrische Lage zu
dem danebenstehenden chinesischen Tablettchen zu bringen, lief er pltzlich
mit rasch-raschen Schrittchen dem Tische zu und langte . . . nach einer auf
dem Tablettchen liegenden Visitenkarte, die er ziellos zwischen den Fingern
zu drehen begann. Seine Zerstreutheit kam daher weil in ihm im selben
Augenblick ein tiefer Gedanke auftauchte, der sich im Nu zu einem Labyrint
weitverzweigter, gedanklicher Entdeckungen ausgedehnt hat. Doch Anna
Petrowna, die in wonniger Selbstverlorenheit im Lehnstuhl sa, bemerkte mit
berzeugung:

Ich habe immer gesagt . . .

Ja, weit du . . .

Apollon Apollonowitsch erhob sich auf die Fuspitzen, dann lief er vom
Tisch zum Fenster:

. . . Wissen Sie . . .

Apollon Apollonowitsch lief vom Fenster in die Ecke:

Kolenka hat mich in Verwunderung versetzt: und aufrichtig gesagt -- mich
hat sein Benehmen -- beruhigt -- er zog die Stirn in Falten -- in bezug
auf . . . in bezug auf -- er nahm die Hand vom Rcken und trommelte ber
das Tischchen:

Mja! . . .

Pltzlich unterbrach er sich scharf:

Macht nichts!

Und er wurde nachdenklich; er sah Anna Petrowna an; ihre Blicke begegneten
sich; sie lchelten einander zu.

                                * * *

Nikolai Apollonowitsch trat in sein Zimmer; er betrachtete mit starrem
Blick das arabische Taburett: das inkrustierte Muster aus Elfenbein und
Perlmutter. Langsam schritt er zum Fenster: dort zog sich der Flu hin; ein
Kahn schaukelte auf den Wellen; die Wellen schlugen leicht auf den Granit;
die Stille des Zimmers wurde pltzlich von Klavierklngen erhellt, die aus
der Ferne, aus dem Salon, hereinbrachen; so pflegte sie auch frher zu
spielen, unter diesen Klngen pflegte er ber den Bchern einzuschlafen.

Nikolai Apollonowitsch blieb vor dem Haufen hingeworfener Gegenstnde
stehen und dachte qualvoll nach:

Was bedeutet das . . . Wie ist das mglich . . . Wo konnte ich sie
hingetan haben? . . .

Und -- ihm fiel nichts ein.

Schatten, Schatten und Schatten: die Ledersessel grnten hinter den
Schatten; eine Bste -- Kants natrlich -- trat aus den Schatten hervor.

Pltzlich bemerkte er auf dem Schreibtisch einen Briefbogen, der doppelt
gefaltet dalag: solche doppelt gefaltete Zettel pflegen Besucher, die den
Wirt nicht antrafen, etwas aber mitzuteilen hatten, liegenzulassen;
mechanisch griff er nach dem Bogen, mechanisch blickte er auf die ihm
bekannte Lichutinsche Schrift. Ja, wahrhaftig: er hatte ganz vergessen, da
Lichutin in seiner Abwesenheit am Vormittag hier gewesen war, alles
durchsucht, in den Sachen herumgestbert hatte. (Lichutin hat es ihm ja
selbst bei ihrem peinlichen Zusammentreffen mitgeteilt). . .

Ja, ja, ja: Lichutin hatte das Zimmer durchsucht.

Nikolai Apollonowitsch atmete erleichtert auf. Nun ist alles auf einmal
klar geworden: Lichutin! Natrlich, natrlich; hier war er und hat berall
herumgestbert; er hat nach der Bombe gesucht, sie gefunden und
mitgenommen; es war kein Zweifel: der Offizier hat die Sardinenbchse
mitgenommen.

Erleichtert lie er sich in den Sessel nieder; wieder wurde die Stille von
Chopinklngen durchzogen; so war es auch frher: immer wurde die Stille
durch Chopinklnge durchzogen -- vor neun, vor zehn Jahren -- immer hatte
Anna Petrowna Chopin gespielt (nicht Schumann). Und es schien ihm jetzt,
als htte es gar keine Ereignisse gegeben: alles hat sich ja so einfach
aufgeklrt: die Sardinenbchse wurde von Lichutin fortgetragen (von wem
denn sonst? Auer, er nhme an . . . -- aber wozu eine solche Annahme!);
nein, es hatte keine Ereignisse gegeben.

Jenseits der Newagewsser erhoben sich Riesen -- als Schattenrisse der
Inseln, der Huser, und blickten in den Nebel mit bernsteinglnzenden
Augen, als -- weinten sie. Die Laternenschnur lngs dem User lie feurige
Trnen in die Newa fallen: kochender Glanz sprudelte auf ihrer Oberflche.


Die Melone -- ein Gemse

Nach zweieinhalb Jahren saen sie wieder zu dreien beim Mittagessen.

Der Kuckuck in der Wanduhr rief, und in demselben Augenblick erschien der
Lakai mit der dampfenden Suppenterrine; Anna Petrowna strahlte vor
Zufriedenheit; Apollon Apollonowitsch . . . --  propos: wer am Morgen den
gebrechlichen Greis gesehen hatte, wrde ihn in dem Mann, der jetzt am
Tisch sa, nicht wiedererkannt haben; er sah auf einmal gekrftigt aus,
verlor jedes Alter, sa stramm auf seinem Platz und ergriff mit federnder
Bewegung die Serviette; sie hatten bereits ihre Suppe zu essen begonnen,
als die Seitentr aufging: Nikolai Apollonowitsch, leicht gepudert, rasiert
und sauber, in bis oben geschlossenem Studentenrock, mit ungemein hohem
Kragen (wie man sie in der vorhergegangenen Alexandrowschen Epoche getragen
hatte) trat herein und nherte sich, ein wenig humpelnd, dem Etisch.

Was hast du, mon cher -- Anna Petrowna fhrte etwas affektiert das
Lorgnon an die Augen du hinkst ja, wie ich merke?

Ha? -- Apollon Apollonowitsch warf einen Blick auf Kolenka und ergriff
das Pfefferfchen, In der Tat . . .

Mit einer etwas jugendhaften Bewegung streute er viel zuviel Pfeffer in
seine Suppe.

Es ist nichts, maman: ich bin ausgeglitten . . . mein Knie schmerzt ein
wenig . . .

Sollte man nicht kalte Umschlge machen?

In der Tat, Kolenka -- Apollon Apollonowitsch fhrte den Lffel zum Mund
und sah zugleich zum Sohn hinber -- wenn man sich am Knie gestoen hat --
damit ist nicht zu spaen: das kann unangenehm werden . . .

Und -- er schluckte die Suppe herunter.

Nikolai Apollonowitsch lchelte entzckend und begann seinerseits die Suppe
zu pfeffern.

Sonderbar ist doch das Muttergefhl -- Anna Petrowna legte ihren Lffel
in den Teller, blickte mit groen, kindlichen Augen, den Kopf in den Hals
gedrckt (so da ihr Doppelkinn aus dem Stehkragen hervorquoll). Ist er
auch schon erwachsen, ich bin aber um ihn besorgt, wie in frheren Zeiten
. . .

Sie verga vollstndig, da es durch zweieinhalb Jahre jemand anderes war,
um den sie sich gesorgt hatte: Kolenka war von einem anderen verdrngt
gewesen, von einem Fremden, mit schwarzem, ppigem Schnurrbart, mit Augen
wie zwei Kirschen; sie verga vollstndig, da sie diesem fremden Mann
durch mehr als zwei Jahre tglich die Krawatte gebunden hatte; aus
violetter Seide; und jeden Morgen ein Glas -- Guniadi Janos zum Abfhren
gereicht hatte.

Ja, das Muttergefhl: erinnerst du dich -- als du deine Dysenterie hattest
. . .

Sie meinen das mit den Brotscheibchen? Gewi, ich erinnere mich sehr gut.

Ja, eben . . .

An den Folgen der Dysenterie, brummte Apollon Apollonowitsch ber dem
Teller, leidest du, glaube ich, auch jetzt noch, mein Lieber.

Und er schluckte seine Suppe herunter.

Der junge Herr darf . . . auch jetzt noch . . . keine Erdbeeren essen,
ertnte neben der Tr die zufriedene Stimme des alten Ssemjonytsch, der vor
der Tr stand und durch die offene Spalte hereinlugte (bei Tisch bediente
ein anderer).

Erdbeeren, Erdbeeren! sagte in gedehntem Baton Apollon Apollonowitsch
und drehte sich pltzlich gegen die Tr, wo Ssemjonytsch stand.

Erdbeeren -- er begann mit dem leeren Mund zu kauen.

Der am Tisch bedienende Lakai (nicht Ssemjonytsch) lchelte, und sein
Gesichtsausdruck sollte den Anwesenden sagen:

Ich wei schon, was jetzt kommt!

Der Senator platzte heraus:

Was meinen Sie, Ssemjonytsch: ist die Melone eine Beere?

Anna Petrowna wandte sich blo mit den Augen zu Nikolenka: sie unterdrckte
ein herablassend kluges Lcheln; dann bertrug sie den Blick auf den
Senator, der wie versteinert in die Richtung der Tr blickte und ganz in
Erwartung einer Antwort auf seine alberne Frage aufgegangen zu sein schien;
ihre Augen sagten:

Treibt er es noch immer so?

Nikolai Apollonowitsch griff verlegen bald nach dem Messer, bald nach der
Gabel, whrend eine unerschtterliche klare Stimme, die keinesfalls ber
die Frage verwundert zu sein schien, aus der halboffenen Tr erklang:

Die Melone, Exzellenz, ist keine Beere, sondern eine Gemsefrucht.

Apollon Apollonowitsch machte mit dem ganzen Krper eine rasche drehende
Bewegung, und flugs war auch schon der erwartete Witz -- ei--ei--ei! -- da:

   Richtig, stimmt, Ssemjonytsch,
   Alter Kuchentopf --
   Er hat schlau geurteilt
   Der kluge kahle Kopf.

Anna Petrowna und Nikolai erhoben ihre Augen nicht von den Tellern: kurz,
es war wie in frheren Zeiten!

                                * * *

Apollon Apollonowitsch war offensichtlich bemht, den Seinigen zu zeigen:
nun ist alles ins alte Geleise gekommen; er a wie sonst mit gutem Appetit,
machte Scherze und hrte aufmerksam den Schilderungen von Spaniens
Schnheiten zu; Nikolai Apollonowitsch sprte, wie sich eine eigentmliche
Traurigkeit in seinem Herzen regte; als existiere keine Zeit mehr; als wre
es erst gestern gewesen: er als Fnfjhriger hrt zu, wie seine Mutter mit
der Gouvernante spricht (die, die Apollon Apollonowitsch dann aus dem Hause
gejagt hat); Anna Petrowna erzhlt mit Begeisterung:

Ich gehe mit Sisi und hinter uns her -- zwei _Schwnze_; wir treten in die
Ausstellung ein; die _Schwnze_ ebenfalls . . .

Nein, diese Frechheit!

Kolenka sieht sich in einem gewaltigen Raum; eine Menge von Menschen;
Damenkleider rauschen (er war einmal in eine Ausstellung mitgenommen
worden); in der Ferne sieht er, wie sich ber der Menge in der Luft
riesengroe, schwarzbraune Schwnze erheben; er bekommt Angst: Nikolai
Apollonowitsch wute damals als Kind noch nicht, da die Grfin Sisi mit
dem Wort Schwnze ihre Verehrer zu bezeichnen pflegte.

Diese Erinnerung an die Angst vor den in der Luft baumelnden Schwnzen ruft
jetzt in ihm ein unterdrcktes Gefhl von Unruhe wieder wach; eigentlich
sollte er doch Lichutin aufsuchen und sich -- berzeugen . . .

Von was -- _berzeugen_?

Er hrte das fortwhrende Ticken einer Uhr: tick tack, tick tack; im Kreise
lief die Spiralfeder; natrlich nicht hier in den glnzenden Zimmern (etwa
unter einem Teppich, wo jeden Augenblick irgend jemand auf die Stelle
treten konnte . . .), nein, die Haarfeder lief irgendwo in einer Mistgrube,
im Feld, in der Newa: dort irgendwo liegt dieses Ticktackwerk; die Feder
luft im Kreise bis die verhngnisvolle Stunde herannaht . . .

Welcher Unsinn!

Das alles war die Folge des furchtbaren Senatorwitzes, des wahrhaftig
grandiosen . . . in seiner Geschmacklosigkeit; davon kam alles: die
Erinnerung an die durch die Luft schwebenden Schwnze; und -- die
Erinnerung an die Bombe.

Was hast du, Kolenka? Du bist so zerstreut und it keine Crme? . . .

Ach, ja . . .

                                * * *

Nach dem Mittagessen spazierte er auf und ab im unbeleuchteten Saal; der
nur ein ganz klein wenig erhellt war: vom Mond und von dem durchbrechenden
Licht der drauen brennenden Laterne; Apollon Apollonowitsch durchma mit
ruhigem Schritt die Quadrate des Parkettbodens, und neben ihm ging --
Nikolai Apollonowitsch; sie schritten aus dem Schatten in das durchbrochene
Laternenlicht; sie schritten aus dem durchbrochen-hellen Fleck in den
Schatten. Mit ungewohnter vertraulicher Weichheit sprach Apollon
Apollonowitsch, den Kopf tief nach unten geneigt, und es war schwer zu
bestimmen: sprach er zum Sohne oder zu sich selbst.

Wissen Sie -- weit du, schwer ist die Lage eines Staatsmannes.

Sie kehrten um.

Ich habe immer schon den Leuten gesagt: die Einfuhr amerikanischer
Dreschmaschinen zu frdern -- das ist eine sehr wichtige Aufgabe; darin ist
mehr Humanittsarbeit als in all den langen ffentlichen Reden . . . Die
Staatswissenschaften lehren uns . . .

Sie kehrten um und durchmaen die kleinen Quadrate des Parkettbodens; sie
schritten aus dem Schatten in die mondbeschienenen Dreiecke.

Humanitre Bettigung tut uns not; die Humanitt ist eine groe Sache, fr
die groe Geister gelitten haben, wie ein Giordano Bruno, wie . . .

Lange spazierten sie so, auf und ab.

Apollon Apollonowitsch sprach mit etwas gebrochener Stimme; er fate
manchmal mit zwei Fingern den Rockknopf seines Begleiters, nherte sich mit
dem Mund direkt dessen Ohr.

Schwtzer sind sie alle, Kolenka: Humanitt, Humanitt! . . . In
Dreschmaschinen liegt aber mehr Humanitt als in allem anderen,
Dreschmaschinen brauchen wir! . . .

Er umfate mit der freien Hand die Taille des Sohnes und zog ihn zum
Fenster, in die Ecke; er murmelte etwas und wiegte den Kopf: umgangen wurde
er, sie brauchten ihn nicht mehr.

Weit du: sie haben mich beiseitegeschoben . . .

Nikolai Apollonowitsch wagte kaum zu glauben; wie einfach das kam -- ohne
jede Auseinandersetzung, ohne Szenen, ohne Beichten: dieses vertrauliche
Flstern, diese vterliche Liebkosung.

Warum war es dann all diese Jahre . . . --?

So, Kolenka, mein Lieber, wir wollen miteinander offener sein . . .

Was sagtest du? Ich hrte nicht . . .

An den Fenstern vorbei zog, wahnsinnig schrill pfeifend, ein kleiner
Dampfer; die grelle kleine Laterne am Heck durchschnitt in seltsamer
schrger Linie den Nebel; die rubinroten Kreise wurden immer grer. Mit
vertraulicher Wrme, den Kopf tief nach unten geneigt, sprach Apollon
Apollonowitsch -- man wei nicht, ob zu sich selbst oder zu seinem Sohn.
Sie schritten aus dem Schatten in das durchbrochene Laternenlicht; sie
schritten -- aus dem helldurchbrochenen Fleck in den Schatten.

                                * * *

Apollon Apollonowitsch -- klein, kahl und alt -- begann, vom letzten
Auflodern der Kaminkohlen beschienen, auf dem Perlmuttertischchen die
Karten fr ein Patiencespiel zu mischen; zweieinhalb Jahre hatte er sich
nicht dem Patiencespiel zugewendet; vor zweieinhalb Jahren war es, als Anna
Petrowna das letzte entscheidende Gesprch mit ihm hatte; damals war er vor
demselben Tischchen gesessen, und Patience wurde gespielt; so hatte ihn
auch Anna Petrowna noch in der Erinnerung behalten.

Herz Zehn . . .

Nein, mein Lieber, diese Karte ist drauen . . .

Was meinen Sie, Anna Petrowna: wollen wir nicht im Frhjahr nach
Proljotnoje bersiedeln? Proljotnoje war das Stammgut der Ableuchows:
Apollon Apollonowitsch hatte Proljotnoje seit zwanzig Jahren nicht besucht.

Dort im Wald, in Schnee und Eis, war er einst -- vor etwa fnfzig Jahren --
beinahe erfroren; eines dummen Zufalls wegen; in jener Stunde des einsamen
Erfrierens war sein Herz wie von kalten Fingern gestreichelt worden; eine
eisige Hand hatte ihm zugewinkt; hinter ihm liefen die Jahrhunderte zurck
in die Unermelichkeit; vor sich sah er die eisige Hand in
Unermelichkeiten winkend, Unermelichkeiten liefen ihm entgegen.

Die eisige Hand!

Und -- nun: sie begann aufzutauen.

Zum erstenmal tauchten sie jetzt wieder vor ihm auf, jene fernen,
verwaisten Gegenden; der aufsteigende Rauch aus den Dorfhtten und die --
Dohlen; in ihm erwachte der Wunsch, den Rauch der Dorfhtten wiederzusehen;
und dann -- die Dohlen.

Ja, wir knnen nach Proljotnoje ziehen: dort gibt es soviel Blumen.

Und Anna Petrowna begann wieder aufgeregt von den Schnheiten der
Alhambraschlsser zu erzhlen; in ihrer Begeisterung merkte sie nicht, da
sie immerzu statt ich -- _wir_ sagte: d. h. sie und Mantalini.

_Wir_ kamen am Morgen an, in einem wundervollen kleinen Wagen, der von
Eseln gezogen wurde; das Geschirrzeug war mit _so_ groen Quasten verziert;
und wissen Sie, Apollon Apollonowitsch, wir gewhnten uns . . .

Endlich sagte er weinerlich:

Ich bin aber mde . . .

Und er erhob sich aus dem Lehnsessel und setzte sich in den Schaukelstuhl.

                                * * *

Nikolai Apollonowitsch bernahm es, seine Mutter ins Hotel zu bringen; beim
Verlassen des Salons drehte er sich noch einmal um und sah seinen Vater an;
er begegnete einem auf ihn gerichteten -- oder schien es ihm nur so? --
traurigen Blick; Apollon Apollonowitsch sa im Schaukelstuhl und wiegte
diesen leise durch bloe Bewegung des Kopfes wie der Fe; das war des
Sohnes letzter Eindruck; eigentlich hat er den Vater nie mehr gesehen; auf
dem Lande und auf der See, in den Bergen und in den Stdten, in den
glnzenden Slen der groen europischen Museen -- berall hatte er spter
diesen Blick gesehen, und ihm schien: Apollon Apollonowitsch hatte damals
fr immer Abschied von ihm genommen -- durch jene leichte Verneigung des
Kopfes und durch Bewegen des Fues; das alte Gesicht, das leise Knarren des
Schaukelstuhls und -- dieser Blick, dieser Blick!


Die kleine Uhr

Nikolai Apollonowitsch begleitete seine Mutter zum Hotel und ging dann --
auf die Moika; kein Licht in den Fenstern: die Lichutins waren also nicht
zu Hause; es war nichts zu machen, so ging er also seiner Wohnung zu.

Humpelnd erreichte er sein Schlafzimmer; da blieb er im vlligen Dunkel
stehen: Schatten, Schatten, Schatten; das Licht der Laterne spannte ein
Schleiernetz aus hellen Flecken auf die Zimmerdecke; mechanisch zndete er
eine Kerze an; dann nahm er seine Uhr aus der Tasche; zerstreut sah er auf
sie hin: es war drei Uhr.

Jetzt erhob sich in ihm alles von neuem.

Er fhlte: er hat seine Angst nicht berwunden; die Sicherheit, die ihn den
ganzen Abend aufrechterhalten hatte, schwand pltzlich; alles begann zu
schwanken; er wollte Brom einnehmen; doch war keins da; er wollte die
Offenbarungen lesen; das Buch war weg; in diesem Augenblick vernahm sein
Ohr deutlich einen beunruhigenden Laut: Tick tack, tick tack . . . Leise
tnte es. Die Sardinenbchse?

Dieser Gedanke befestigte sich in ihm immer mehr.

Pepp Peppowitsch Pepp . . . Pepp . . .

Um Nikolai Apollonowitsch wurde es immer klter; kalte Winde wehten ihm in
die Stirn; gleich wird die gewaltige, rasch wachsende Kugel zerspringen und
dann -- wird alles ganz einfach sein.

Die kleine Uhr aber tickte weiter.

Nikolai Apollonowitsch horchte angestrengt: der Laut verfolgte ihn; er
suchte nach der Stelle, von der er herkam; leise auftretend -- nur die
Schuhsohlen knarrten -- nherte er sich dem Tisch; das Ticken wurde
deutlicher; als er aber dicht an den Tisch herankam, verstummte der Laut
pltzlich.

Tick tack -- kam es jetzt leise aus der entlegenen Schattenecke; er
schlich sich nun vom Tisch in die Ecke; Schatten, Schatten, Schatten;
Grabesstille . . .

Nikolai Apollonowitsch rannte keuchend hin und her zwischen den tanzenden
Schatten, sich bemhend, den neckisch ausweichenden Laut zu erhaschen (so
haschen Kinder mit Fangnetzen nach gelben Schmetterlingen).

Jetzt hat er's: dort ist die Stelle, von der der sonderbare Laut kam; ganz
deutlich wird das Ticken; noch einen Augenblick und er hat's.

Wo aber? wo, wo?

Pltzlich fand er den Punkt, von dem aus sich der Laut ausbreitete: dieser
Punkt war sein eigener Bauch.

Erst jetzt bemerkte Nikolai Apollonowitsch, da er vor dem Nachttischchen
stand, auf dem, gerade auf der Hhe seines Bauches, seine Taschenuhr lag
. . . Zerstreut sah er auf sie hin: sie zeigte die vierte Nachtstunde.

Nun kehrte er wieder in seinen Rahmen zurck: Leutnant Lichutin hatte die
verfluchte Bombe weggetragen; das Deliriumgefhl verlor sich, rasch warf er
den Salonanzug von sich ab; mit wonnigem Gefhl befreite er sich aus der
Strke der Wsche: ri Kragen und Hemd herunter; dann zog er die Unterhose
aus: das Bein zeigte neben dem Knie eine blutunterlaufene Stelle; das Knie
war ein wenig geschwollen; endlich steckten auch die Beine unter der weien
Decke; sinnend lag er, den Kopf auf den Arm gesttzt; das weie
Mrtyrergesicht zeichnete sich deutlich auf dem weien Linnen.

Und dann erlosch das Licht.

Die Uhr tickte; ihn umfing vollstndige Dunkelheit; im Dunkeln begann das
Ticken wie ein von einer Blume losgelster Falter durchs Zimmer zu hpfen:
bald war es da, bald dort; und seine Gedanken tickten mit; an verschiedenen
Stellen des entzndeten Krpers pulsierten die Gedanken: am Hals, in der
Kehle, in den Armen, im Kopf.

Einander berholend rasten die Pulse durch den Krper. Es waren Schwrme
sich selbst denkender Gedanken.

Und es tickt doch, es tickt . . .

Ein anderer folgte . . .

Der freie Gedanke klammerte sich an etwas, was das Hirn bewut verwahrt:
die Sardinenbchse ist hier, die Sardinenbchse ist hier; in ihr bewegt
sich kreisend der kleine Zeiger; der Zeiger wird mde: er nhert sich dem
verhngnisvollen Punkt (dieser Punkt ist schon nahe). . .

      und ein Donnern ertnt, das du vielleicht nicht einmal
      hren wirst; denn ehe es das Trommelfell deines
      Ohrs erreicht, wird dein Trommelfell zerrissen sein
      (und manches andere auch) --

-- Mit Wahnsinnsbewegung sprang da Nikolai Apollonowitsch aus dem Bette:
die Pulse bertnten die selbstdenkenden Gedanken; die Pulse hpften nicht
mehr, sie schlugen wild: in den Schlfen, am Hals, in der Kehle, in den
Hnden und . . . berall auerhalb dieser Organe.

Barfig patschte er durchs Zimmer, doch statt zur Tr geriet er in die
Ecke.

Der Morgen wartete, grau.

Er schlpfte rasch in die Unterhose und schlich in den dunkeln Korridor:
warum, warum? Ach, ganz einfach, er frchtete sich . . . Er wurde von
tierischer Angst fr sein eigenes, kostbares Leben erfat; aus dem Korridor
ins Zimmer zurck konnte er nicht mehr; wieder in sein Zimmer
hineinzugehen, dazu fehlte ihm -- der Mut; nach der Bombe zu suchen hatte
er weder Zeit noch Kraft; in seinem Kopf hatte sich alles verwirrt, er
konnte sich nicht mehr genau der Stunde erinnern, wann die Frist abluft:
jeder Augenblick konnte der verhngnisvolle sein. Es blieb ihm nichts
anderes brig, als bis zum Tagesanbruch hier im Korridor, zitternd, zu
kauern.

Er nherte sich einer Ecke und hockte sich nieder.

Die Augenblicke rannen langsam; Minuten schienen ihm Stunden; und viele
Hunderte von Stunden flossen da hin; der Korridor wurde blulich; der
Korridor wurde grau: der helle Tag begann.

Nikolai Apollonowitsch berzeugte sich immer mehr von der Unsinnigkeit der
selbstdenkenden Gedanken; diese Gedanken hatten jetzt pltzlich ihren Sitz
in seinem Gehirn und das Gehirn verarbeitete sie; als er sich sagte, die
Frist sei nun schon lngst abgelaufen, stellte sich von selbst die Version
ein: Lichutin habe die Sardinenbchse weggetragen, und dies umgab ihn mit
dem Duft wonnigster Bilder; und Nikolai Apollonowitsch, im Korridor
kauernd, verfiel -- sei's aus dem Gefhl der Sicherheit, sei's aus
Mdigkeit -- in sanften -- Schlummer.

Die Berhrung von etwas Feuchtem an seiner Stirn brachte ihn wieder zu
sich; er schlug die Augen auf und erblickte -- die speichelbedeckte
Schnauze der Bulldogge; schnaufend und wedelnd stand die Bulldogge vor ihm;
gleichgltig stie er den Hund von sich; von neuem in das Frhere
verfallend war er daran, das unbestimmte Etwas fortzuspinnen, mit Spiralen
und Kreisen zu spielen, in der Erwartung da es ihm dabei gelnge,
irgendeine Entdeckung zu machen. Pltzlich kam ihm deutlich zum Bewutsein:
wieso ist er hier?

Wieso ist er im Korridor?

Im Halbschlaf schleppte er sich in sein Zimmer zurck, und whrend er sich
seinem Bette nherte, beschftigten sich seine halb vom Schlaf umfangenen
Gedanken noch immer mit den Kreisen und Spiralen . . .

Da krachte es: er begriff alles.

                                * * *

-- Spter.

-- An langen Winterabenden erinnerte sich Nikolai Apollonowitsch oft an
dieses grauenhafte Krachen; es war etwas ganz Besonderes in ihm, mit nichts
Vergleichbares; betubend, und doch nicht allzu laut; betubend und --
dumpf: mit metallischer, tiefer, dunkler Note; dann war es totenstill.

                                * * *

Bald darauf ertnten Stimmen; unregelmige Schritte nackter Fe wurden
hrbar und das leise Heulen der Bulldogge; die Telephonglocke schrillte;
Nikolai Apollonowitsch entschlo sich endlich, die Tr seines Zimmers zu
ffnen; ein kalter Luftstrom schlug ihm gegen die Brust; sein Zimmer war
erfllt mit zitronengelbem Rauch; er schritt weiter durch den Rauch und
pltzlich stolperte er an einem Stck Holz; eher das Gefhl als der
Verstand sagte ihm, da es ein abgespaltetes Stck von einer Tr war.

Hier ein Haufen Mauersteine; da Schatten von Menschen, die durch den Rauch
rennen; angebrannte Fetzen von einem Teppich . . . Wie kommen die her?
Einer der Schatten, aus dem Rauchvorhang vortretend, brllte ihn an:

He, was stehst du da herum: siehst du nicht, was fr ein Unglck im Hause
passiert ist?

Eine zweite Stimme rief:

Diese Schufte sollte man! . . .

Das bin ich . . . versuchte er zu sagen.

Er wurde unterbrochen.

Eine Bombe! . . .

Ooh . . .

Jawohl, eine richtige . . . geplatzt ist sie . . .

-- ?

Im Zimmer von Apollon Apollonowitsch . . .

-- ?

Ist Gott sei Dank -- unverletzt geblieben . . .

Wir erinnern unseren Leser: Apollon Apollonowitsch hatte ja die
Sardinenbchse, ohne ihr besondere Beachtung zu schenken, aus dem Zimmer
des Sohnes in das seine getragen; dann hatte er sie vllig vergessen; er
ahnte selbstverstndlich nicht, welchen Inhalt sie barg.

Nikolai Apollonowitsch eilte zu der Stelle, wo soeben noch eine Tr, jetzt
aber nur eine mchtige ffnung war, aus der sich Rauchknule wlzten
. . .

                                * * *

Ohne zu wissen warum, lief Nikolai Apollonowitsch von der ghnenden ffnung
zurck und sah sich -- er wute nicht, wo . . . --

      Auf dem schneeweien Bett (direkt auf dem Kopfkissen!)
      hockte Apollon Apollonowitsch, die nackten
      Beine an die haarige Brust gedrckt; er war nur mit
      dem Nachthemd bekleidet; er hielt mit den Armen die
      Knie umklammert und -- weinte, nein, heulte herzzerbrechend;
      in der Verwirrung wurde er vllig vergessen;
      keiner der Diener war bei ihm, nicht einmal
      Ssemjonytsch; niemand war da, um ihn zu beruhigen;
      ganz allein, mutterseelenallein sa er da und . . . seine
      Stimme klang schon ganz heiser . . . --

      Nikolai Apollonowitsch sprang zu dem hilflosen Krper
      hinzu, wie die Amme zu der hingefallenen ihr anvertrauten
      Dreijhrigen hinzuspringt, die sie unbeachtet
      mitten auf der Landstrae sitzengelassen hatte;
      doch beim Herannahen des Sohnes machte der
      kleine hilflose Krper einen jhen Sprung auf seinem
      Kissen und begann mit den Armen zu fuchteln: mit
      einem unbeschreiblichen Grauen und unkindlicher
      Heftigkeit.

Und mit einem einzigen flinken Satz war er bei der Tr und verschwand.

Nikolai Apollonowitsch ihm nach; mit dem Ruf Halt, halt! jagte er hinter
der kleinen wahnsinnig gewordenen Gestalt her (brigens: wer von ihnen war
der Wahnsinnige?). Beide liefen sie durch den Rauch, an verbrannten Fetzen
und gestikulierenden Menschen vorbei, den Korridor entlang; das Nachthemd
des Laufenden flatterte in der Luft; die Fersen schimmerten wei; Nikolai
Apollonowitsch hielt mit einer Hand seine Unterhose fest und bemhte sich
mit der anderen, den flatternden Rand des vterlichen Nachthemdes zu
erhaschen.

Im Laufen rief er:

So warten Sie doch . . .

Wohin, wohin?

Aber bleiben Sie doch stehen . . .

Als Apollon Apollonowitsch die Tr des mit nichts vergleichbaren Raumes
erreicht hatte, ri er sie mit unglaublicher Behendigkeit auf und schlpfte
berraschend schnell hinein, in das Innere.

Nikolai Apollonowitsch sprang unwillkrlich erst einen Schritt zurck; vor
ihm schwebten: die scharfe Kopfbewegung, die schweibedeckte Stirn, die
Lippen, die Augen, die wie geschmolzener Stein glnzten; aber die Tr wurde
zugeschlagen, der Riegel innen vorgeschoben: der Alte hat sich in das
unvergleichliche rtchen geflchtet.

Nikolai Apollonowitsch begann mit aller Wucht an die Tre zu hmmern, er
bat, flehte bis zur Heiserkeit:

Machen Sie doch auf . . .

ffnen Sie doch . . .

Aaa . . . Aaa . . . Aaa . . .

Erschpft sank er auf den Boden hin.

Der Kopf fiel ihm auf die schlaff ber den Knien hngenden Arme, er verlor
das Bewutsein; die Diener fanden ihn und brachten ihn in sein Zimmer.

Hier setzen wir einen Punkt.

Wir verzichten auf die Beschreibung, wie der Brand gelscht wurde, wie der
Senator whrend des polizeilichen Vernehmens einen schweren Herzkrampf
bekam; ein gleich darauf einberufenes rztekonsilium stellte eine
Erweiterung der Aorta fest. Ein paar Leute wurden verhaftet, doch wegen
Mangels an Beweismaterial nach einiger Zeit wieder freigelassen. Die
weitere Untersuchung wurde auf Betreiben des Senators eingestellt und die
Sache vertuscht. Whrend all dieser Zeit lag der Sohn, Nikolai
Apollonowitsch, an einem Nervenfieber bewutlos danieder; als er endlich zu
sich kam, sah er sich mit seiner Mutter allein; Apollon Apollonowitsch
hatte das lackierte Haus verlassen; er hatte Urlaub genommen und sich auf
sein Erbgut zurckgezogen, wo er ohne Unterbrechung den ganzen Winter,
hinter den Schneefeldern begraben, zubrachte. Nach Ablauf seines Urlaubs
quittierte er definitiv den Dienst. Ehe er die Residenz verlie, hatte er
fr den Sohn einen Auslandspa sowie eine betrchtliche Geldsumme
zurechtgelegt. Sofja Petrowna Ableuchow begleitete Nikolenka ins Ausland;
im Sptsommer erst kehrte sie allein zurck; Nikolai Apollonowitsch ist bis
zum Tode seines Vater nicht mehr nach Ruland zurckgekehrt.










Dieses Buch wurde im Auftrag des Verlags Georg Mller,
Mnchen, in einer Auflage von 4000 Exemplaren in der
Spamerschen Buchdruckerei zu Leipzig hergestellt. Einbnde
von der Leipziger Buchbinderei-A.-G. vormals
Gustav Fritzsche, nach dem Entwurfe von Paul Renner.






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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

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