The Project Gutenberg eBook, Luthers Glaube, by Ricarda Octavia Huch


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Title: Luthers Glaube
       Briefe an einen Freund


Author: Ricarda Octavia Huch



Release Date: April 12, 2012  [eBook #39430]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LUTHERS GLAUBE***


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LUTHERS GLAUBE

Briefe an einen Freund

von

RICARDA HUCH

#Visibilia et Invisibilia#







Im Insel-Verlag zu Leipzig
1920

16.-19. Tausend




I


In seinen Kritischen Gngen macht F.Th. Vischer folgendermaen seiner
Begeisterung fr Luther Luft:

Goethes Epigramm gegen das Luthertum meint die Einseitigkeit, womit sich
Luther selbst und mit ihm seine Nation rein auf die inneren inhaltsvollen
Interessen des Geistes warf, allem schnen Schein, aller sanften,
menschlich schnen Bildung zunchst den Rcken kehrte, so da die bildende
Kunst, die Poesie stockte, die Grazien ausblieben und erst im Lauf der
Jahrhunderte eine sthetische Bildung eintrat, welche bei den romanischen
Vlkern in ununterbrochener Fortentwickelung mit oder nicht allzu spt nach
dem Abschlu des Mittelalters ihre Blte feierte. Und er vergit sich zu
fragen, ob er je einen Egmont, einen Faust, eine Iphigenie, ja, ob er je
eines seiner Worte, ob Schiller je eines seiner Werke geschrieben htte,
wenn nicht jene unsere derben Ahnen mitten durch die Welt des bestehenden
schnen Scheins mit grober deutscher Bauernfaust durchgeschlagen und so
eine Krisis der Zeiten herbeigefhrt htten, eine ethische Krisis, fr
welche nie und nimmer die sthetische Bildung ein Surrogat sein kann,
welche vielmehr einer echten, tiefen, wahren Kunst und Poesie, wie die
neuere es ist, vorausgehen mute. Wohl uns, da unsere Vorfahren berhaupt
gar die Versuchung nicht kannten, gegen das ethisch berlebte sich
sthetisch zu verblenden; da sie solche Tendenzbren waren, da der schne
Schein sie nicht bestechen, der Glanz der Belladonna sie nicht blenden
konnte; wohl uns, da sie nicht mit der Phantasie umfaten, was der grobe
Verstand, die Vernunft und der moralische Sinn zu entscheiden hat.

So spricht ein bekannter und geachteter Schriftsteller ber Luther, dessen
Lebenswerk darin bestanden hat, die Moral zu bekmpfen, der Poesie sprach,
wenn er den Mund auftat. Er nennt Luther einen Tendenzbren, ihn, der jede
Tendenz im Leben und in der Kunst als teuflisch entlarvt hat, ohne darum in
den Irrtum zu verfallen, als sei die Kunst oder sonst irgend etwas um
seiner selbst willen da, da nur Gott oder, wenn du lieber willst, das
Weltganze um seiner selbst willen da ist. Der Kampf gegen die Moral oder
Werkheiligkeit nmlich war der Ausgangspunkt und Mittelpunkt von Luthers
Lehre. Als ich diese Vischersche Predigt las, begriff ich, was fr ein
Zorn, ja was fr eine Raserei Luther manchmal ergreifen mute, wenn ihn
trotz seiner klaren und glhenden Worte niemand verstehen wollte oder
meinetwegen konnte. Er gab sich ganz hin, und ihm grinste immer nur
engherzige oder verstockte Persnlichkeit entgegen. Auch Goethe also, der
ohne Luther nicht zu denken wre, ein Sohn aus Luthers Geiste wie Lessing,
Schiller und berhaupt jeder groe Deutsche nach ihm, hat ihn verkannt und
verleugnet; wiewohl ich glauben will, da davon mangelhafte Kenntnis die
Ursache war.

Mein erster Gedanke war, wie dumm es ist, den Menschen Meinungen seines
Herzens mitzuteilen; denn kraftvoller, packender, reiner ausgeprgt sich
auszusprechen als Luther ist nicht mglich, und es ist doch nicht mglich,
noch grndlicher miverstanden zu werden, noch dazu von seinem eigenen
Volke. Im Grunde ist das noch schlimmer, als gekreuzigt und verbrannt zu
werden. Aber Luther streute den Samen seines Wortes trotz Ha und
Miverstndnis aus, denn er tat es ja nicht aus Tendenz, sondern weil er
mute, und deshalb ging der Samen auch auf und nhrte alle, selbst wider
Wissen und Wollen. Ich glaube, es gibt keinen Dichter, dem es weniger um
seinen Namen zu tun war, als Luther. Erinnerst du dich der schnen Worte
des Marquis Posa: ihn, den Knstler, wird man nicht gewahr; bescheiden
verhllt er sich in ewige Gesetze. Was fr ein Mensch war Luther, da man
auf ihn anwenden kann, was von Gott gesagt ist. Er wrde aus Vischerschen
und anderen Miverstndnissen jedenfalls nicht die Schlufolgerung ziehen,
da man sich schweigend in sich zurckziehen, und noch viel weniger die,
da man seine Person ins hellere Licht ziehen sollte, sondern da seine
Ideen wiederholt und verstndlicher gemacht werden mten.

Wenn ich sie gerade dir verstndlich zu machen suche, so ist das, weil ich
nun einmal so gern dir sage, was ich wei, wie wenn es dir gehrte. Nehmen
wir an, du seiest der Knig, in dessen Dienst ich stehe, und dem ich
deshalb meine Lieder, oder was es sonst ist, widmen mu. Ob das Sinn und
Berechtigung hat, zeigt sich vielleicht am Schlusse; einstweilen hoffe ich,
da du deiner Scheherazade ebensogern zuhrst, wie sie dir erzhlt, und
beschrnke meine Vorrede auf die Bitte, da du nicht ungeduldig wirst, wenn
ich etwas sage, was du schon weit. Es ist ein Unterschied, etwas zu wissen
und es von einem anderen, vielleicht in einem anderen Zusammenhange, zu
hren.

Ich will mit dem Begriff der Werkheiligkeit anfangen. Luther bemhte sich
im Kloster, vermittelst der Vorschriften des Mnchslebens die Seligkeit,
den inneren Frieden, zu erlangen, oder, wie er es oft nennt, einen gndigen
Gott zu bekommen. Diese Vorschriften bestanden in Gebeten, Nachtwachen,
Kasteiungen, kurz in allerlei bungen zum Zwecke der Selbstberwindung;
Luther fand aber, da er sich, je ernstlicher er in ihrer Ausfhrung war,
desto weiter von dem ersehnten Ziel entfernte. Je tadelloser, je heiliger
er am Mae der Werke gemessen wurde, desto dunkler, klter und leerer
fhlte er sein Inneres. Was er auch tat, um sich gewaltsam Gott zu nhern,
das Ergebnis war, da er ihm immer ferner rckte, bis an den Rand der
Hlle. Unter Verzweiflungsqualen machte er die Erfahrung, da man zugleich
in seinen Handlungen gut und in seinem Innern unselig sein kann; da
zwischen Handeln und Sein eine unberbrckbare Kluft besteht, solange die
Handlungen aus dem bewuten Willen flieen, da ein Zusammenhang zwischen
Handeln und Sein nur da ist, wenn die Handlungen aus dem unbewuten Herzen,
eben aus dem Sein entspringen, kurz, da nur die Taten der Seele zugute
kommen, die man tut, weil man mu. Alles Guthandeln, das nicht mit
Notwendigkeit aus dem Innern fliet, sondern das der bewute Wille macht,
rechnete Luther unter die Werkheiligkeit, eine Vollkommenheit, die nur
Schein ist, weil sie auf das Sein des Menschen gar keinen Bezug hat. Er
wies alle derartige Handlungen als ungttlich, d.h. nicht aus dem Sein
flieend, aus dem Gebiet der Religion in das Gebiet der Moral, womit nur
die Welt, aber nicht Gott zu tun habe; ja, er trennte nicht nur die Moral
vom Reiche Gottes ab, sondern behauptete und wies nach, da sie in einem
feindlichen Gegensatz zu Gott steht.

Da sogenannte Zeremonien, nmlich kirchliche Vorschriften, als Wachen,
Fasten, Beten, Kasteien und hnliches, die Seligkeit nicht geben knnen,
leuchtet den meisten Menschen ein; man knnte indes bezweifeln, ob
moralische Handlungen unter denselben Begriff gehren. Auch hat schon in
den ersten Jahrhunderten der Kirche ein kirchlicher Denker es bestritten;
aber Augustinus stellte fest, da Paulus durchaus nicht nur die Zeremonien,
sondern auch die moralischen Handlungen, diese sogar vor allen Dingen, zu
den Werken rechnete, die vor Gott nicht rechtfertigen oder gerecht machen.

Unter Guthandeln versteht jeder Mensch ein Handeln, welches das Wohl des
Nchsten, nicht das eigene Wohl bezweckt; gut ist gleichbedeutend mit
selbstlos, bse gleichbedeutend mit selbstschtig. Luther sagt nun, der
Wille des Menschen sei nicht imstande, von sich aus etwas anderes
anzustreben als das eigene Wohl, das Gute wirke nur Gott im Menschen; jeder
also, der seine Handlungen so einrichte, als ob er das Wohl des Nchsten
anstrebe, sei ein Heuchler und Gleisner. Er nahm damit den Kampf gegen die
Phariser wieder auf, den Christus gekmpft hat.

Es versteht sich, da es auch zu Luthers Zeit Phariser in Menge gab, die
sich ber seine Lehre moralisch entrsteten. Es entspann sich der berhmte
Streit um den freien Willen, von dem Luther, auf Augustinus und Paulus sich
sttzend, behauptete, da er der Snde oder dem Teufel verknechtet sei, und
aus dieser Knechtschaft nur durch die Gnade Gottes befreit werden knne. Es
ist hchst interessant nachzulesen, wie sich Luthers Gegner wanden und
drehten, um ihn in diesem Punkte zu bekmpfen. Auf dem Tridentiner Konzil
bemhte sich jeder, eine Formel zu finden, durch welche der freie Wille des
Menschen gerettet und doch Gott nicht zunahe getreten wrde. Denn man mute
zugeben, da Gott, wenn berhaupt Gott sei, allmchtig, allwissend,
allumfassend sein, da folglich jede menschliche Kraft von ihm ausgehen
msse; trotzdem glaubte man um jeden Preis an der freien Selbstbestimmung
des Menschen festhalten zu mssen, wenn man es auch nur so ausdrckte, da
der Mensch der gttlichen Gnade ein klein wenig entgegenkommen knne, ohne
da ihm das aber als Verdienst anzurechnen sei. Solche Ausflchte in Worten
waren Luthers Sache nicht, da er eine klare und unerschtterliche
berzeugung hatte. Seine Meinung war, da Gott, Teufel und Mensch im
tiefsten Grunde eins sind, Teufel und Mensch von Gott ausgehend, in Gott
wurzelnd, und so versteht es sich von selbst, da alles von Gott, dem
einzig wahrhaft Seienden, abhngt, und da, soweit der Mensch eine
Selbstttigkeit hat, auch diese von Gott verliehen sein mu und nur von
Gott wieder zurckgenommen werden kann. Luthers Gegner hingegen hatten die
dunkle Vorstellung, als wre der Mensch eine selbstndige Person, die von
zwei mchtigeren selbstndigen Personen, Gott und dem Teufel, vielmehr die
nur von einer mchtigeren Person, Gott, beeinflut oder beherrscht wrde;
denn an den Teufel glaubten die wenigsten so recht. Jetzt wrde vielleicht
mancher sagen, da das Sein des Menschen, im allgemeinen Sein wurzelnd,
verschiedene Entwickelungsphasen mit verschiedenen Bewutseinsgraden
durchluft; aber diese Begriffe fehlten Luther, obwohl er die Idee hatte.
brigens blieb er auch absichtlich bei den alten, gelufigen Symbolen und
mied die Begriffe, die sich so leicht verflchtigen, wie er von den
Scholastikern wute. Andererseits trennen sich die Symbole leicht von den
Ideen, die sie decken, und sinken zu Hlsen herab; darum ist es in unserer
Zeit, so scheint es mir, notwendig festzustellen, was wir uns eigentlich
bei Luthers Worten denken knnen und sollen.

Luther geht davon aus, ganz anders als Rousseau, da der natrliche Mensch
nur sich selbst und sein Wohl wollen kann, und da, wenn sein Handeln
andern zugute kommt, etwa sogar auf seine Kosten, seine Absicht dabei nur
auf den Erwerb einer Belohnung oder die Vermeidung einer Strafe gerichtet
ist. Ob er den Lohn und die Strafe von Gott in einem vermuteten jenseitigen
Leben erwartet, oder ob es ihm um das Ansehen in der Welt zu tun ist, oder
ob er die eigene Billigung und Mibilligung sucht und frchtet, das eigene
Selbst ist immer der Endzweck. Wir unterliegen, solange wir wollend sind,
einem inneren Gesetz der Schwere, und Luther gebraucht darum den Ausdruck,
da wir fallen, wie auch, da wir wohl nach unten, aber nicht nach oben
frei sind.

Du wirst sagen, da Luther demnach die Freiheit des Willens nicht berhaupt
leugne, und vermutlich, da diese seine Ansicht dadurch erst recht
unbegreiflich wrde. Nun also, da alles, was geschieht, notwendig
geschieht, ist selbstverstndlich, da ja alles geprgte Form ist, die sich
entwickelt; aber darum streitet Luther hier nicht. Es fragt sich, ob der
Mensch das Gute wollen kann, und dagegen behauptet Luther, da er wollend
stets nur alles auf sein Selbst beziehen knne, das Gute wolle er nur durch
Gnade, mit anderen Worten, das Gute wolle er nicht, sondern es werde in ihm
gewollt. Ein Ausspruch der Heiligen Schrift, den Luther fters anfhrt,
heit: Der Mensch ist wie ein Tier, Gott und Satan knnen ihn lenken.
Vielleicht klingt es dir verstndlicher oder sympathischer, wenn ich sage,
der Mensch sei Werkzeug in der Hand Gottes oder in der Hand des Teufels.
Nun gibt Luther zwar zu, da der Mensch auch selbst wollen knne, und er
grenzt dies Gebiet ab als das der Moral; aber er nennt es auch teuflisch,
obwohl es sich dem Teufel gewissermaen entgegensetzt. Da ja dies das
hchste Streben des freien Willens ist, in moralischer Gerechtigkeit und
Werken des Gesetzes sich zu ben, durch die seine eigene Blindheit und
Ohnmacht befrdert wird. Zunchst scheint es allerdings weit
verdienstlicher zu sein, das Gute zu tun, weil man will, als weil man mu;
ja, wenn man mu, so ist gar kein Verdienst dabei. Das soll es nach Paulus
und Luther aber auch nicht; Werke, Verdienste, eigenen Willen vor Gott zu
haben ist nach ihnen teuflisch. Was Gott nicht geboten hat, das ist
verdammt, heit es in der Bibel. Du sollst nicht tun, was dir recht
dnkt. Luther fhrt eine Geschichte aus dem Alten Testament an, wo einer
aus keinem anderen Grunde von Gott gestraft wird, als weil er etwas Gutes
getan hatte, was nicht von Gott geboten war. Das scheint absurd, wenn man
nicht bedenkt, da es sich nur um eine Strafbarkeit vor Gott handelt. Da
Werke und Verdienste vor der Welt ntzen, bestreitet Luther nicht; nur da
sie einen gndigen Gott machen.

Es hat etwas berraschendes, wenn Luther sagt, eine Jungfrau, die ehelos
bleibe in der Meinung, dadurch etwas Verdienstliches, Gottgeflliges,
Heiliges zu tun, sei teuflisch; wenn sie aber ledig bleibe, weil sie keine
Neigung zur Ehe habe, auch weil sie vielleicht durch die Pflichten der Ehe
von anderen Dingen abgehalten zu werden frchte, die ihr mehr am Herzen
lgen, so handle sie wie eine rechte, christliche Jungfrau. Die also,
welche ihre natrlichen Triebe mit groer Anstrengung berwinden, wird Gott
nicht nur nicht belohnen, sondern strafen. Und Matth.21, 31 spricht es
auch, da Huren und Buben werden eher ins Himmelreich kommen, denn die
Phariser und Schriftgelehrten, welche doch fromme, keusche, ehrliche Leute
waren. Aus dieser Stelle siehst du, da Luther unter Pharisern nicht nur
schlechte Menschen verstand, die sich verstellten, sondern fromme,
ehrliche, keusche Leute, deren Schuld nur darin bestand, da sie
absichtlich nicht sndigen wollten. Zu den Zllnern und Sndern ist, wie du
weit, Christus gekommen, sie nennt er sein teuer erarntes[1] Eigentum.
Besser sndigen als gut handeln weil man will, nicht weil man mu; denn das
heit eine Maske vorbinden, hinter welcher das lebendige Gesicht
verschwindet. Sei Snder und sndige krftig, schreibt Luther an den
werkheiligen Melanchthon, aber noch krftiger vertraue auf Christus und
freue dich seiner, der ein berwinder der Snde ist, des Todes und der
Welt: wir mssen sndigen, solange wir hier sind. Das bewundere ich
besonders an Luther, da er begriff, da der Teufel und die Snde zwar
nicht sein sollen, aber sein mssen, whrend die meisten Menschen nicht auf
die Idee des Guten kommen knnen, ohne da sie die Idee des Bsen aus der
Welt schaffen mchten. Es mu aber beides sein.

[1] mittelhochdeutscher Ausdruck fr erworbenes (erarnen= einernten,
erwerben).

Denke nicht, geliebter Freund, du wrest kein Werkheiliger, wenn du kein
Phariser, wenn du nicht tugendstolz bist. Du hast zu viel Geschmack, um
mit Tugenden zu prahlen, die du nicht besitzest; aber du bist zu stolz, um
von einem andern als dir selbst einen Tadel ertragen zu knnen. Dabei ist
doch eine verkappte Heuchelei, denn es erscheint nicht alles, was du bist,
wenn auch nichts erscheint, was du nicht bist. Du verstellst dich nicht,
aber du verbirgst dich. Diejenigen, die keine andere Belohnung suchen, als
sich selbst zu gengen, sind, gerade weil sie gotthnlich sein wollen und
sind, am allermeisten ungttlich; sie sind wie Luzifer, der schnste unter
den Engeln, der durch seine Schnheit zum obersten Teufel wurde. Gleichwie
vom Anbeginn aller Kreaturen, sagt Luther, das grte bel ist allezeit
gekommen von den Besten. Dein Unglck, du Liebster und Schnster unter den
Menschenkindern, scheint mir zu sein, da dir nichts und niemand schn
genug scheint, um dich zur Snde zu verfhren; darum betest du dich selbst
an und verfhrst, du, der selbst nicht sndigen will, andere dazu, die
Snde, dich anzubeten, mit dir zu teilen. Fast, fast httest du auch mich
dazu verfhrt; aber ich bin nun einmal in der Gnade und kann dich lieben,
ohne Schaden an der Seele zu nehmen, ja ich kann sogar mit dir schelten,
und du mut mir zuhren. Runzle nicht die Stirn und hebe nicht warnend den
Finger: ohnehin bricht der Morgenstern durch die erste Nacht und lchelt.




II


Darauf war ich vorbereitet, da du mit einer ablehnenden Gebrde, die alles
glatt vom Tisch streicht, was ich dir vorgelegt habe, antworten wrdest. Da
ich nun einmal deine Scheherazade oder dein Kanzler bin, mein Knig, finde
ich mich hinein, zuweilen auch einem ungndigen Herrn Vortrag halten zu
mssen, und hoffe, da diesmal entweder ich mich deutlicher ausdrcke oder
er mir ein geneigteres Ohr schenkt.

Du schreibst mir, das wissest du wohl, da ein guter Baum gute Frchte
trage und ein schlechter Baum schlechte, und da es am schnsten sei, wenn
einer das Gute tue, weil er msse; es htte dich interessiert zu erfahren,
wie aus einem schlechten Baum ein guter werden knne, und solange du kein
Mittel dafr wtest, zgest du gute Frchte, wenn auch durch Eigenwillen
hervorgebracht, schlechten vor. Auf die Gnade warten, die vielleicht nie
kme, sei im Grunde eine Schlamperei, und du hieltest dich einstweilen an
das Wort Goethes: Wer immer strebend sich bemht, den knnen wir erlsen.

Nebenbei bemerkt liebe ich es nicht, wenn man Goethe wie einen Wandschirm
bentzt, um sich dahinter zu verstecken; denn nicht alle Worte Goethes sind
Worte Gottes und an sich beweiskrftig. Mit diesem Ausspruch indessen
erklre ich mich einverstanden; denn die Engel sagen es von Faust, der
glubig war. Erinnere dich, da er Mephisto stets zur Seite hat, und wer an
den Teufel glaubt, der glaubt auch an Gott. Die ganze Faustdichtung ist
berhaupt auf Luthersche Lehre gegrndet, wenn auch im zweiten Teile
Absicht und Wollen zuweilen strend hervortritt. Gerade Faust sndigt ja
grndlich; aber er knnte mit den Worten der Bibel sagen: Wenn wir auch
sndigen, so sind wir doch die Deinen und wissen, da du gro bist. Sein
Streben nach dem Guten ist nicht moralisch, sondern aus dem Innern geboren
und ihm notwendig, und es macht sein Gesicht schn, anstatt ihm mit einer
Maske auszuhelfen. Faust mute zwar auch erst zum Sndigen aufgefordert
werden; aber es glckte doch ziemlich rasch, ja die Aufforderung ging
eigentlich von ihm selbst aus; unsere Zeit hingegen ist voll von
Melanchthons, die erst nicht sndigen wollen und es schlielich nicht mehr
knnen. Die meisten knnen es schon von Geburt an nicht mehr, sie
liebugeln nur mit der Snde; denke aber nicht, da ich dich zu diesen
kalten Koketten zhle. Immerhin bist du des Sndigens wohl so entwhnt, da
du es nicht ohne weiteres richtig anpacken wrdest, und da du auerdem die
Ordnung liebst und das letzte Warum von allen Dingen haben willst, so werde
ich mit einer Untersuchung der Snde anfangen.

Man sollte, um eine Idee recht zu verstehen, das Wort betrachten, in dem
sie sich ausprgt. #Res sociae verbis et verbis rebus#: die Substanz ist
dem Wort gesellt und das Wort der Substanz. Mir scheint es hier am besten,
die Dinge mit Substanz zu bersetzen. Die Sprache, sagt Luther, ist die
Scheide, darin das Messer des Geistes steckt. Nun kommt das Wort Snde von
Sondern, und im Begriff des Sonderns, der Absonderung, ist auch der Begriff
der Snde gegeben. Die erste Snde des Menschen ist die Absonderung von
Gott: anstatt im Gehorsam Gottes zu bleiben, sonderte er sich von Gott ab
und wollte selbst Gott sein; es ist die Erbsnde, die jedem Menschen
anhaftet und seinen Willen knechtet, so da er nur sich selbst wollen kann.
Der selbstische Mensch erkennt nicht, da er Teil eines Ganzen ist, sondern
er hlt sich selbst fr ein Ganzes und den Herrn oder Mittelpunkt seiner
Umwelt, die er fr sich ausntzt, anstatt dem All-Mittelpunkt, dem Ganzen
zu dienen. Die Erbsnde ist also zugleich eine Snde gegen Gott und gegen
die Menschen, was sich von selbst versteht, da Gott in der Menschheit sich
offenbart. Um die Erbsnde oder die Selbstsucht -- nimm auch das Wort Sucht
bitte in seiner eigentlichen Bedeutung, nmlich Seuche, Krankheit -- zu
bekmpfen, richtete Gott das Gesetz auf, und die Verfehlungen gegen das
Gesetz nennen wir im engeren Sinn Snde, sie sind gewissermaen die
angewandte Erbsnde.

Indessen habe ich mich unrichtig ausgedrckt, indem ich sagte, Gott habe
durch das Gesetz die Snde bekmpfen wollen; zunchst wenigstens gab er das
Gesetz, um die Snde zu mehren, damit die Snde berhandnehme, wie Paulus
sagt. Das Gesetz sollte den Menschen zeigen, was fr Snder sie sind, also
handeln sie der Absicht Gottes entgegen, wenn sie nicht sndigen. Gott ruft
uns im Gesetz zu: Zeige dich, wie du bist; aber der moralische und
luziferische Mensch verbirgt sich hinter dem Feigenblatt der guten Werke,
in der Meinung, Gott zu hintergehen. Wenn Luther jemand ermahnt zu
sndigen, so will er, da er sich so selbstschtig zeige, wie er ist;
ordentliche, krftige Snden, auf die kommt es an, offene und offenbare,
die der Welt und einem selbst unwiderleglich zeigen, da man ein Snder
ist. Ich denke, hier spenden die modernen Psychiater Gott, Luther und mir
Beifall und sagen: ja, die Snde mu geuert, nicht nach innen verdrngt,
sie mu begangen und bekannt werden, sonst vergiftet und zerfrit sie das
Innere. Es geht sonst wie Luther sagt: Auswendig hats eine gute Gestalt,
inwendig wirds voll Gift; und zuletzt hat es auch auswendig keine gute
Gestalt mehr. Nur ist dabei zu bemerken, da auch das Sndigen nicht hilft,
wenn es gewollt wird; es mu, wie das Gute, gemut werden, wenn es fruchten
soll.

Neben jener ersten Absonderung von Gott gibt es auch eine im
entgegengesetzten Sinne, also eine vom Selbst ab zu Gott zurck. Wie aber
jene erste Absonderung zugleich eine Snde gegen die Menschen war, so mu
auch die Wiedervereinigung mit Gott zugleich eine Vereinigung mit den
Menschen sein; wer sich mit Gott zu vereinigen glaubt, indem er sich von
den Menschen absondert, befindet sich auf einem Irrwege und versinkt
anstatt in Gott nur immer tiefer in sein Selbst. So jemand spricht: Ich
liebe Gott! und hasset seinen Bruder, der ist noch in der Finsternis. Dies
ist, was gerade dem hochstehenden Menschen am wenigsten eingeht, da er
Gott nicht nur, aber doch vorzglich in den Menschen lieben mu; denn
gerade Absonderung von den Menschen verlangt seine luziferische
Vorzglichkeit, weil es ihn vor ihrer Gemeinheit ekelte, veredelte er sich,
von ihnen abgewendet. Hte dich, da du nicht so rein seiest, da du von
nichts Unreinem berhrt sein willst, schrieb Luther einem seiner Freunde.
Die schon erwhnten Psychiater knnen dir besttigen, da es eine bekannte
Zwangsvorstellung Geisteskranker ist, berall Staub oder andere
Unreinlichkeit zu wittern, die ihnen Angst und Abscheu einflt. Dabei
fllt mir ein, da ich einen Menschen kenne, der am liebsten den ganzen Tag
an sich herumwaschen wrde, der einen sehr feinen Geruchssinn hat und unter
schlechten Gerchen und Schmutz besonders leidet; aber er wrde jede
menschliche Ekelhaftigkeit, Pest, Krebs, Seuche, Verbrechen anrhren, wenn
er den damit Behafteten helfen knnte, und zwar ohne da es ihn berwindung
kostete. Das ist aber auch ein Snder und Liebling Gottes. Der natrliche,
naiv egoistische Mensch sndigt gegen das Gesetz, und das ist leidlich; der
Werkheilige, sei er Phariser oder Luzifer, sndigt gegen die Liebe; das
ist die Snde, die Gott verdammt.

Luther unterschied nach den Entwickelungsstufen des Menschen -- denn ich
sagte dir ja schon, da er der Sache nach die Idee der Entwickelung schon
hatte -- drei Stufen der Snde. Der Teufel, sagt er, versucht den Menschen
dreifach, wie er auch Christus tat: durch das Fleisch, durch die Welt und
durch den Geist. Das Fleisch sucht Lust und Ruhe, die Welt sucht Gut,
Gunst, Gewalt und Ehre, der bse Geist sucht Hoffart, Ruhm, eigenes
Wohlgefallen und anderer Leute Verachtung. Die erste betrifft wesentlich
die Jugend, die zweite, die mit Reichtum, Ehre, Geltung unter den Menschen
lockt, das Mannesalter, die letzte erleiden die alternden, die reifen, die
hchstentwickelten Menschen, es ist die Versuchung des Luzifer zur
Selbstvergtterung. Wie die Entwickelung der einzelnen ist die der
Familien, der Vlker und der Menschheit: die Snde des Luzifer tritt in
Zeiten des Verfalls auf. Anfangs verleiht sie wohl eine Schnheit, deren
Wirkung sich niemand entzieht; aber allmhlich zeigen sich die Folgen des
inneren Giftes. Dann kommen die gott- und glaubenslosen Zeiten, wo die
Menschen das bichen Kraft, das ihnen geblieben ist, in sich selbst
zurckziehen, um mhsam eine edle Haltung und schne Gebrden zu tragieren.
Es ist eine Verengung, die auf eine starke Erweiterung folgt.

Es kommt dir vielleicht so vor, als zielte ich mit der Luzifer-Versuchung
auf dich; vielleicht sagst du auch, du httest smtliche Stufen der
Versuchung durchgemacht und machtest sie noch durch, und ich mte das
wissen; warum ich dir denn den Vorwurf machte, du sndigtest nicht? Weil
ich, geliebter Luzifer, noch nie eine rechte, ordentliche, greifbare Snde
von dir gesehen habe und auch bestreite, da du eine begangen hast.
Natrlich bist du unendlich selbstschtig, unendlich ehrgeizig, unendlich
stolz, unendlich begehrend. Du gehrst nicht zu den Guten, von denen die
Bibel sagt, da sie von sich selber gesttigt werden, sondern du zehrst
dich von Begierde zu Begierde und wirst durch alle verschlungene Beute nur
noch hungriger. Aber du verschlingst nur im Geiste, alle deine Snden gehen
nicht in Taten noch in Worten vor sich, du stehst still, um nicht
irrezugehen.

Treibt dich nun dein Herz nicht zu guten Handlungen, so sollte es dich
wenigstens zu bsen treiben, oder man mte schlieen, da du berhaupt
keins hast. Herrgott, eben berluft es mich ordentlich. Wenn es nun so
wre, und du httest kein Herz? Wenn du nicht, wie ich bisher angenommen
habe, deinen Willen zu sndigen unterdrckt httest, sondern wenn dieser
Wille nur eine Wallung oder Willenszuckung wre, weil dein Herz zu eng oder
zu schwach ist, um einen richtigen, zwingenden Trieb aufzubringen? Nicht
einmal zu Worten? Ich wei, du wrest zu stolz, um etwas zu tun oder zu
sprechen, was nicht aus dem Herzen kommt. Du machst nie Redensarten; aber
du schweigst auch. Du bist kein Lgner; aber ehrlich bist du auch nicht: du
schweigst. Es ist doch nicht mglich, da du gar nichts zu sagen httest!
Bist du ein lauer Neutralist, der ebensogut das eine wie das andere tun und
sagen knnte? Ich gebe zu, bei vielen Dingen, namentlich weltlichen Dingen,
ist das natrlich. Aber irgend etwas mu dir doch wichtig sein, wenn sonst
nichts, doch du! Gut, wenn du dann nur von dir sprchest, die
abscheulichsten, verdammenswertesten, von dir selbst verdammten Gedanken
und Wnsche aussprchest, das wre hunderttausendmal besser, als wenn gar
kein Ich da wre, oder nur so ein fades, schleichendes, trpfelndes.




III


Der Kanzler hlt heute seinen Vortrag mit dem frohen Bewutsein, da ihm
ein gndiger Knig zuhrt. Du willst wissen, und darin sehe ich das
Gndige, was du eigentlich bei dem Sndigen gewinnst; denn nur um zu
beweisen, da du ein Herz habest, lieest du dich auf eine so heikle und
dir ungewohnte Sache nicht ein. Du schreibst, ich msse doch zugeben, da
Snde an sich hlich sei, beflecke, entstelle; wenn nun ein Mensch aus
Stolz, um eines groen Namens willen, das Unreine von sich abwehre, warum
das Gott nicht sollte leiden wollen? Ob du dir Gott so eiferschtig
vorstellen mtest, da er allen Ruhm fr sich allein und den Menschen
nicht gestatten wollte, aus eigener Kraft gttlich zu werden? und ob es,
von Gott ganz abgesehen, nicht gro und schn sei, aus eigener Kraft etwas
Vollendetes in sich darzustellen?

Ja, eiferschtig ist Gott allerdings, wenn du zum Beispiel das eiferschtig
nennst, da der Mensch den Anspruch erhebt, die Organe seines Krpers
selbst zu regieren. Du mut doch immer daran denken, da wir Teile Gottes
oder in Gott sind. Sehen wir aber ganz von Gott ab, so drftest du immerhin
aus eigener Kraft gttlich oder vollendet werden, wenn du es knntest. Die
Frage ist eben, ob du es kannst, und damit komme ich wieder auf deine erste
Frage, was du gewinnst, wenn du sndigst, die zugleich einschliet, was du
verlierst, wenn du nicht sndigst.

Durch Sndigen gewinnst du Kraft, und durch gewaltsames Nichtsndigen
entkrftest du dich. Es ist eine Kraftfrage, wie berhaupt die Religion
eine Kraft- und Lebensangelegenheit ist, da Gottes Wesen in Kraft besteht.
Und Kraft zu gewinnen, das ist doch das erste Interesse der Menschen; denn
wer Kraft hat, hat alles. Die Alten drckten die Wahrheit, da man durch
Sndigen Kraft gewinnt, in der Sage vom Riesen Antus aus, der unbesiegbar
war, solange er, besiegt, vom Sieger auf die Erde geworfen wurde, denn aus
seiner Mutter Erde strmte stets neue Kraft in ihn ein; erst in die Luft
gehalten konnte er erwrgt werden. So verendet der Mensch, wenn er in einem
naturlos geistigen Klima existieren will, das ein Nichts ist. Nun sind wir
zwar nicht mehr in der Lage der Griechen, die Snde in unserem Sinn noch
gar nicht kannten, fr die Gott und Natur noch eins waren und die ihre
Kraft unmittelbar aus der Natur beziehen konnten; wir knnen es im
allgemeinen nur mittelbar durch den Glauben. Bestimmen wir also zuerst den
Begriff des Glaubens.

Schalte bitte aus deiner Vorstellung aus, was man gewhnlich unter Glauben
versteht, nmlich ein Frwahrhalten. Glauben ist nicht der menschliche
Wahn und Traum, den etliche fr Glauben halten ... Das macht, wenn sie das
Evangelium hren, so fallen sie daher und machen sich aus eigenen Krften
einen Gedanken im Herzen, der spricht: Ich glaube. Das halten sie dann fr
einen rechten Glauben. Aber wie es ein menschliches Gedicht und Gedanke
ist, den des Herzens Grund nimmer erfhrt: also tut er auch nichts und
folgt keine Besserung hernach. Und an anderer Stelle sagt Luther: Sie
heien das Glauben, das sie von Christo gehrt haben, und halten, es sei
dem wohl; wie denn die Teufel auch glauben und werden dennoch nicht fromm
dadurch.

Das Frwahrhalten ist eine Ttigkeit des selbstbewuten Geistes, deren der
Glaube nicht, die hchstens umgekehrt des Glaubens bedarf.

Man kann hufig Glauben und Wissen gegenbergestellt lesen, wie wenn das
eine das andere ausschlsse, und oft auch wie wenn das Glauben die Sache
der Kinder und Trumer, das Wissen die Sache vernnftiger Mnner wre. In
Wirklichkeit ist Glauben die Besttigung und Besiegelung des Wissens, nicht
umgekehrt. Was wir wissen, wird uns vermittelst unserer Sinne gelehrt: wir
wissen zum Beispiel, da dort ein Stuhl steht. Was hilft dir das aber, wenn
du es nicht glaubst? Deine Sinne knnen dich ja betrgen. Im Traume kommt
es dir oft so vor, als stnde da ein Stuhl, wo doch nichts ist. Bevor du
nicht glaubst, was du weit, bleibt dein Wissen unsicher. Gewi, fest,
unerschtterlich, ein Fels, der nicht wankt, ist nur was du glaubst. Mit
anderen Worten: das Wissen bezieht sich auf die Erscheinung, der Glaube auf
das Sein.

Luther pflegte den Begriff des Glaubens mit den Worten des Paulus aus dem
11. Kapitel des Briefes an die Ebrer zu erklren: Es ist aber der Glaube
eine gewisse Zuversicht des, das man hoffet, und nicht zweifelt an dem, das
man nicht siehet. Sage mir nun bitte nicht, da das Unsichtbare fr dich
nicht gelte, da das Hirngespinste wren, da du nur deinen Sinnen traust.
Das ist ja, wie schon gesagt, Selbsttuschung. Du traust deinen Sinnen,
weil sie sich auf bersinnliches beziehen. Was heit es zum Beispiel, wenn
du sagst, du glaubst an einen Menschen? Du deutest damit offenbar auf
etwas, was deine Sinne, deine Erfahrung dir nicht von ihm mitteilen knnen,
denn sonst wrdest du es ja wissen. Du willst damit sagen, da du im Wesen
dieses Menschen eine Kraft voraussetzest, zu der du dich alles Guten und
Groen versiehst. Da ja nun alle Kraft, alles Wesen und Sein, wie und wo es
auch erscheint, Gott ist, so bezieht sich der Ausdruck Glauben immer auf
Gott, wenn wir ihn auch auf Menschen anwenden.

Nun offenbart sich Gott niemals unmittelbar und kann also nur durch die
Sinne wahrgenommen werden, von dem naiven Menschen namentlich durch den
Gesichtssinn in der Schpfung. Der Glaube aber, heit es bei Paulus, kommt
durch das Gehr, das heit, das Gehr mu das Wort, das Gott von sich
redet, aufnehmen. Um nun Schall hren, wie um Licht sehen zu knnen, mu
etwas in uns sein, was der tnenden und leuchtenden Kraft entspricht, eine
Hrkraft und Sehkraft. Wr nicht das Auge sonnenhaft, sagt Goethe, die
Sonne knnt es nie erblicken. Du kannst, als moderner Mensch, statt Glauben
auch Vernunft setzen, die geistige Kraft im Menschen, die, weil sie Geist,
also Gott wesensgleich ist, Gott vernehmen kann.

Die Hrkraft und Sehkraft verhlt sich zu Schall und Licht wie das Passive
zum Aktiven, so da wir zunchst nicht von einer Kraft, sondern von
Schall- und Lichtempfnglichkeit reden sollten. Wie der Scho der Frau den
Samen des Mannes empfngt, so empfangen Auge und Ohr Licht und Schall und
bringen durch sie Gesichts- und Gehrsbilder hervor. Die Empfnglichkeit
beruht wieder auf der Empfindlichkeit fr die betreffende Kraft, sei es
Schall, Licht oder die gttliche Kraft selbst. Handelt es sich um diese,
mssen wir sagen, da wir gottempfindlich sein mssen, um Gottes Wort
empfangen zu knnen, und in diesem Sinne lt sich der Ausdruck Glauben mit
Gottempfindlichkeit, Gottempfnglichkeit, Gottverwandtschaft bersetzen.
Gott und Glaube gehren zu Haufe, sagt Luther. Sie gehren zusammen wie
Mann und Weib, und es hat sich deshalb unwillkrlich, um das Verhltnis
zwischen Gott und der glubigen Seele zu bezeichnen, das Bild von Brutigam
und Braut eingestellt.

Befragen wir die Sprache, so finden wir, da Glauben mit Geloben, Hren mit
Gehren und Gehorchen zusammenhngt. Darin vollendet sich der Glaube, da
man Gott, der uns durch sein Wort ruft, hrt und ihm gehorcht: Glaube ist
Hingebung und Gehorsam. Der Glubige hrt Gottes Stimme, wie das Schaf die
Stimme seines Hirten, wie der Liebende die Stimme der Geliebten hrt. Alle
Stellen in Luthers Werken, die vom Glauben handeln, sind Gedicht, ja
Liebesgedicht, wie im Grunde jedes echte Gedicht Liebesgedicht ist, handle
es sich nun um Liebe zu Gott oder zu den Menschen. Zwischen Glauben und
Liebe ist der Unterschied, da sich der Glaube auf das Unsichtbare, die
Liebe auf das Erscheinende bezieht; aber es ist ja keins ohne das andere.
An Gott glauben wir nicht nur, sondern wir lieben ihn in der Erscheinung,
und an alle Menschen, die wir wahrhaft lieben, glauben wir auch, d.h. wir
lieben ihre Idee oder Gott in ihnen.

Die meisten Menschen sind so geartet, da sie Gott selbst, ohne
Vermittlung, nicht gehorchen knnen, und Gott hat deshalb eine Vertretung
in der Welt eingesetzt: im Staate die Obrigkeit, in der Familie Eltern und
Ehemann. Wenn die Kinder ihren Eltern, die Frauen ihren Mnnern, die Mnner
ihren Vorgesetzten gehorchen, so gehorchen sie Gott, vorausgesetzt da die
Vorgesetzten Gott gehorchen. Der Glubige, der Gottes Stimme hrt und Gott
selbst gehorcht, ist von jedem Gehorsam in der Welt frei, jenseit von Gut
und Bse; aber er gehorcht auch den Menschen freiwillig, um sich nicht
abzusondern. Eine glaubenslose Zeit ist eine Zeit ohne Gehorsam, richtiger
gesagt eine Zeit, in der die Menschen nur sich selbst gehorchen wollen.

Whrend der Gehorsam der Welt erzwungen werden kann und mu, kann der
Glaube, dessen Quelle das Herz ist, nur freiwillig sein. Da Gott
erzwungene Dienste nicht gefallen, wird in der Bibel oft wiederholt. Du
kennst vielleicht die berhmte und wundervolle Stelle aus Luthers Schrift
von der Freiheit eines Christenmenschen, wo er vom Glauben als vom
Brautring der Liebenden spricht; ich fhre sie deshalb hier nicht an. Im
Sermon von den guten Werken heit es so: Wenn ein Mann oder Weib sich zum
anderen Liebe und Wohlgefallen versieht und dasselbe fest glaubt, wer lehrt
sie, wie sie sich stellen, was sie tun, lassen, sagen, schweigen, denken
sollen? Allein die Zuversicht lehrt sie das alles und mehr denn not ist. Da
ist ihnen kein Unterschied in Werken; sie tun das Groe, Lange, Viele so
gern als das Kleine, Kurze, Wenige, und dazu mit frhlichem, friedlichem
Herzen und sind ganz freie Gesellen. Wo aber ein Zweifel da ist, da sucht
jedes, welches am besten sei. Da beginnt es sich einen Unterschied der
Werke auszumalen, womit es Huld erwerben mge, und geht dennoch mit
schwerem Herzen und groer Unlust hinzu, ist gleich befangen, mehr denn
halb verzweifelt, und wird oft zum Narren darber. Dann geht es nach dem
Spruche Salomonis: Wir sind mde geworden in dem unrechten Wege und sind
schwere, saure Wege gewandelt, aber Gottes Weg haben wir nicht erkannt, und
die Sonne der Gerechtigkeit ist uns nicht aufgegangen. Im Gegensatz zu den
schweren, sauren Wegen der Werke spricht Luther von dem kniglichen Weg des
Glaubens.

Sobald der Glaube schwer und sauer fllt, ist es gar kein Glaube; Glaube
ist nur, was frei aus dem Herzen kommt. Etwas im Glauben tun heit etwas
tun, weil man nicht anders kann, und du begreifst nun, welchen lieblichen
Sinn die Worte des Paulus haben, da, was nicht im Glauben geschieht, Snde
ist. Allerdings der, dem nichts von Herzen kommt, der Unglubige, der kein
Herz hat, dem ist es leichter, Brandopfer als sein Herz darzubringen.

Um dem Begriff des Glaubens noch nher zu kommen, la uns auch seinen
Gegensatz, den Unglauben, ins Auge fassen. Luther sagt gelegentlich: der
Unglubige, der nur sich selbst anbetet; und das scheint mir das
deutlichste Licht auf das Wesen des Unglaubens zu werfen. Ferner: Gott ist
den Sndern nicht feind, nur den Unglubigen, das sind solche, die ihre
Snde nicht erkennen, klagen, noch Hilfe dafr bei Gott suchen, sondern
durch ihre eigene Vermessenheit sich selbst reinigen wollen. Und: Das mu
wohl folgen aus dem Unglauben, der da keinen Gott hat und will sich selbst
versorgen.

Der Unglubige ist also mein Freund Luzifer, der, weil er sich an Gottes
Stelle setzt, sich selbst lenkt, fr sich selbst sorgt, selbst Gesetze
gibt, denen seine passive, sinnliche Hlfte gehorchen soll. Natrlich mu
diese auch alle Kraft aus seinem Ich, seiner aktiven Hlfte, beziehen, die
aber beschrnkt, endlich ist, und wenn sie sich nicht aus Gott ersetzt,
sich bald erschpft. Bestndiges Selbstwollen mu zu vollstndiger
Entkrftung fhren, wenn es sich nicht im Zustande des Nichtwollens erholen
kann. Glauben ist Nichtselbstwollen, statt dessen Gott in sich wollen
lassen. Die berspannung der eigenen Kraft zeigt sich in unserer Zeit in
der groen Anzahl von Menschen mit berspanntem Nervensystem; sie gehen an
ihrer Eigenwilligkeit, an ihrer Unfhigkeit, durch vorbergehende
Selbstaufgabe Kraft zu schpfen, zugrunde. Es wre ja gegen den schnen
Luzifer nichts einzuwenden, wenn er glcklich wre; aber sein Selbst ist
ihm keine Freuden- und Kraftquelle, kein Herrscherthron, sondern ein
Marterpfahl, an den er gebunden ist. Die Frucht des Glaubens ist der
Friede, heit es im Evangelium des Johannes; daraus folgt, da die Frucht
des Unglaubens Unfriede ist, innere Zerrissenheit, Kraftlosigkeit. Die
Frage: Wie werde ich selig? Wie bekomme ich einen gndigen Gott? lt sich
auch so fassen: Was verschafft mir inneren Frieden und damit Kraft? Die
Antwort lautet: Aufgabe deines Selbst und Hingabe an Gott. Nicht nur
selbstbewut, sondern zugleich gottbewut oder unbewut leben.

Was der Mensch durch vollstndige Aufgabe des Selbstbewutseins vermag, das
hat die Hypnose gezeigt. In dem seines Selbstwollens beraubten Menschen
wirkt der Hypnotiseur Wunder: er verfgt ber seinen Krper nach Belieben,
ber das Vermgen des Selbstwollenden hinaus. Fast erschrak man ber diese
Entdeckung, weil man meinte, sie knne von bsen Menschen zu grlichen
Verbrechen benutzt werden. Aber erstens gibt es in unserer Zeit sehr viel
Nervse, und die Nervsen knnen ihr Selbst nicht hingeben und darum auch
nicht hypnotisiert werden; und dann gibt es ebensowenig Teufelsglubige,
also im Bsen kraftvolle Menschen, wie Gottglubige. In frheren Zeiten
wurde die Hypnose von Bsen und Guten als schwarze und weie Magie
ausgebt.

Im Hinblick auf die ihm durch den Glauben zu Gebote stehende Kraft war der
Christ fr Luther wesentlich der starke, freudige, trotzige Held. Ein
solcher Mann mu der Christ sein, der da knne verachten alles, was die
Welt beides, Gutes und Bses, hat, und alles, damit der Teufel reizen und
locken oder schrecken und drohen kann, und sich allein setzen gegen alle
ihre Gewalt, und ein solcher Ritter und Held werden, der da wider alles
siege und berwinde. Es ist der Ritter, den Drer gemalt hat, der
gelassen, des Sieges gewi, an Tod und Teufel vorberreitet. Luther
bersetzte das Wort Israel mit Herr Gottes: Das ist gar ein hoher,
heiliger Name und begreift in sich das groe Wunder, da ein Mensch durch
die gttliche Gnade gleich Gottes mchtig wurde, also da Gott tut, was
der Mensch will ... Da tut der Mensch, was Gott will, und wiederum Gott,
was der Mensch will; also da Israel ein gottfrmiger und gottmchtiger
Mensch ist, der in Gott, mit Gott und durch Gott ein Herr ist, alle Dinge
zu tun und vermgen.

Es war Luthers feste berzeugung, da der Mensch Berge wrde versetzen
knnen, da ihm nichts unmglich wre, wenn er nicht zu schwach im Glauben
wre. ber Schwche des Glaubens klagt er oft schmerzlich; er hatte Zeiten,
wo sein Selbst sich dafr rchte, da er meistens so gar nicht zu sich
selbst kam, wie man sehr richtig zu sagen pflegt. Wie er aber zuweilen
Gottes mchtig war, konnte er zeigen, als er den sterbenden Melanchthon ins
Leben zurckrief. Der unglubige, durch seine Zwitterstellung zwischen Gott
und Welt stets in Zwiespalt und Unwahrhaftigkeit verstrickte Melanchthon
starb, wie ein beleidigtes Kind sich vom Spiel in einen Winkel zurckzieht;
wie er dann das Wort des mchtigen Freundes zuerst widerwillig vernimmt,
dann doch sich beugt und im alten Gehorsam seine Kraft in sich berstrmen
lt, das stellt sich wie ein Abbild des Verkehrs der menschlichen Seele
mit Gott dar. Nicht Abbild, sondern die Sache selbst: denn Luther hatte
zuvor durch sein Gebet Kraft in sich gezogen, und diese Gotteskraft, nicht
Luthers bewutes Selbst war es, die den Sterbenden weckte.

Ich wei, du sagst jetzt, du habest keinen Glauben, aber berma von
Selbstwollen und Selbstvertrauen knne nicht daran schuld sein, denn das
habest du erst recht nicht. Dann hatten es deine Vorfahren; da es auf die
Dauer ohne Glauben schwinden msse, sagte ich ja. Es fllt mir aber ein,
da Luther berzeugt war, man knne mit seinem Glauben fr den fehlenden
oder schwachen Glauben anderer eintreten, und so werde ich einstweilen fr
dich glauben, an dich und fr dich.




IV


Du willst mir augenscheinlich dartun, da du wirklich kein Herz habest,
indem du mit vernichtender bergehung meines gefhlsbetonten Briefschlusses
tadelst, ich schriebe chaotisch, was du am allerwenigsten vertragen
knnest. Vollstndige Dunkelheit sei weniger schdlich als Zwielicht voll
undeutlich auftauchender Gestalten. Ich behandle, sagst du, Gott, Teufel
und hnliche Phnomene als selbstverstndliche Voraussetzung; das sei wohl
in religsen Zeiten unter religisen Menschen erlaubt, welchen diese Namen
etwas Bekanntes bezeichneten, jetzt seien sie aber leer und ich hantierte
damit herum wie jene listigen Betrger mit des Kaisers neuen Kleidern. Ich
sollte dir einmal schreiben, wie wenn du ein in der Wildnis aufgelesenes,
zwar sehr gescheites, aber ganz unwissendes Botokudenkind wrest. Du
wissest, da Gott sich nicht vorrechnen lasse wie ein Exempel, ich solle
auch nicht von ihm sprechen, wie einer von seinem Freund, dem Geheimen
Kommerzienrat Soundso, spreche; aber auf einen klaren, verstndlichen
Ausdruck msse etwas Seiendes sich bringen lassen, wenn auch nicht auf
einen erschpfenden.

Ich werde gehorsam versuchen, den Knig mit dem gescheiten Botokudenkinde
zu verschmelzen und meinen Vortrag danach einzurichten. Die Verbindung ist
auch gar nicht so paradox, wie es zuerst scheint. Das Kind sagt zu seiner
Mutter: Gib mir die Sterne! PhilippIII. befahl Spinola: Nimm Breda! Ich,
der Knig. Du schreibst: Erklre mir Gott! Es soll mich nicht abschrecken,
da Spinola, wenn eine dunkle historische Erinnerung mich nicht trgt, am
Gram ber die Ungnade seines Knigs gestorben ist.

Die Vlker haben nicht damit angefangen, an _einen_ Gott zu glauben; denn
der kindliche Geist nimmt die Welt nicht als Ganzes, sondern in
Einzeleindrcken auf. Man wei von einer ganzen Reihe von Vlkern, da sie,
auf den ersten Stufen der Entwickelung befindlich, alles als Gott
verehrten, was ihnen vorkam, was sie als auer sich seiend auffaten: nicht
nur Bume, Wiesen, Tiere, Sterne, sondern auch Ereignisse, Vorgnge,
Erwnschtes, Gefrchtetes. Alles, was sie von sich selbst und anderen
Menschen unterschieden, war ihnen Gott, so da es ihnen so viel Gtter gab,
wie sie Eindrcke empfingen. Sie nannten diese Gtter zunchst Dmonen, und
sie sind als Heilige, Engel und Teufel auch in der christlichen Kirche
erhalten geblieben. In der Wissenschaft hat man sie sehr gut
Augenblicksgtter genannt; es sind also Eindrcke von Einzelkrften.

Der menschliche Geist hat nun die Eigenart, da er die Eindrcke von
Einzelkrften fortwhrend verdichtet, genau so, wie die Krfte selbst sich
verdichten. Wie der rotierende Urnebel sich zu festen Kernen, den
Gestirnen, verdichtet, so verdichten sich im menschlichen Geiste die
Augenblicksgtter allmhlich zu sogenannten Sondergttern, diese allmhlich
zu persnlichen Gttern. So ist zum Beispiel dem kindlichen Menschen jede
Sonne, im Augenblick wo sie ihm aufgeht, etwas Glckbringendes oder
Verderbendrohendes; erst spter erfand er etwa die die Saat hervorlockende
Frhlingssonne als eine besondere Gottheit, und viele Vernderungen mssen
erst in seinem Geiste vorgehen, bevor sich die Kraft der Sonne berhaupt in
den persnlichen Gott Apollo verwandelt. Willst du ausfhrlichere Belehrung
darber haben, so empfehle ich dir ein vorzgliches Werk von Usener mit dem
Titel: Gtternamen. Aus unzhligen Augenblicksbildern entsteht ein Bild,
und aus Myriaden von Augenblicksgttern entstehen Sondergtter und endlich
persnliche Gtter.

Die vergleichende Sprachwissenschaft und Mythologie gibt darber Auskunft,
wie die uns bekannten griechischen Gtter die alten Augenblicksgtter an
sich gezogen, sich untergeordnet und verschlungen haben, obwohl sie zum
Teil, auf dem Lande, in dem noch unentwickelt gebliebenen menschlichen
Geiste, ein verborgenes Dasein weiter fristeten. Ihrerseits werden die
persnlichen Gtter nach und nach wiederum verschlungen von dem _einen_
Gott; der menschliche Geist wird allmhlich fhig, die Welt als Ganzes
aufzufassen, er erhebt sich zu der Einsicht, da es vielerlei Krfte gibt,
da aber nur _ein_ Geist ist, der da wirket alles in allem.

Der menschliche Geist erfat also zuerst lauter Einzeleindrcke, die sich
immer mehr verdichten, bis er zuletzt die Idee der _einen_ unendlichen Welt
und des _einen_ unendlichen Gottes erfat; er geht von der Vielheit zur
Einheit, und zwar im selben Mae, wie er sich selbst immer mehr als Einheit
erfat. Solange sein eigenes Ich eine Reihe von Einzelempfindungen fr ihn
ist, ist ihm die Welt eine Reihe von Einzeleindrcken; wie sein Selbst sich
verdichtet, verdichtet sich ihm die Welt und in ihr Gott.

Jeder Mensch, der sich seines Ich, seines Selbst, bewut ist, ist sich
eines Nicht-Ich bewut; denn er erfhrt sein Ich ja erst, indem er es vom
Nicht-Ich unterscheidet, und dies Nicht-Ich nennt er, soweit es nicht
seinesgleichen ist und soweit er sich davon abhngig fhlt, Gott. Ich
mchte den Satz aufstellen: Es gibt nichts auer der gttlichen Kraft und
der durch das Ich zugleich beschrnkten und geprgten Kraft. Luther sagte:
Denn auer der Kreatur gibt es nichts, denn die einige, einfltige Gottheit
selbst. Als zu sich, zu seinem Selbst gehrig empfindet der Mensch alles,
was von ihm abhngt, als zu Gott gehrig alles, was nicht von seiner
Willkr abhngt, wovon im Gegenteil er abhngt.

Es ist natrlich, da gerade der noch unkultivierte Mensch sich in der
Gewalt von Naturkrften fhlt; aber auch im Menschen selbst wirken Krfte,
die nicht von seinem Willen abhngen: sein Leben und Sterben, sein Lieben
und Hassen, seine Schaffenskraft und sein Unvermgen. Das Gemt ist dem
Menschen sein Dmon, hat schon Heraklit gesagt. Alle menschlichen Krfte,
die nicht von seinem Willen abhngen, empfand der Mensch ebensogut als
gttlich wie die auer ihm herrschenden. Man hat sie neuerdings wohl das
Unbewute genannt oder darunter mitbegriffen; das, was ich meine, sollte
man richtiger das Unwillkrliche nennen, das, was in uns wirkend doch nicht
von unserem Willen abhngt. Allerdings entsteht das, was von uns unabhngig
in uns gewirkt wird, nach antikem Sprachgebrauch das Dmonische, ohne unser
Wissen; erst das vollendete Ergebnis, sei es Idee, Gefhl, Gestalt, tritt
in unser Bewutsein, und insofern kann man vom Unbewuten sprechen. Alles
das, was uns nicht erst als fertiges Ergebnis ins Bewutsein tritt, sondern
was wir selbst machen, gehrt in das Gebiet des Selbstbewutseins. Stellt
man Selbstbewutes und Unbewutes einander gegenber, so sollte man im Sinn
haben, da im Unbewuten das Bewutsein des Nicht-Ich fr das Ich eintritt,
da man also ebensogut von Allbewutsein oder Gottbewutsein sprechen kann.
Volkstmlich ist der Unterschied stets empfunden worden und ganz richtig
als Unterschied von Kopf und Herz bezeichnet; nur fhrt dieser Ausdruck
leicht zu dem Miverstndnis, als handle es sich um einen Unterschied von
Gefhl und Gedanke, was durchaus falsch ist, da auch Gedanken aus dem
Herzen kommen: wir nennen sie Ideen oder Einflle. Wir sind Menschen,
soweit wir Kopf, wir sind Gott und Teufel, soweit wir Herz sind. Gewhnlich
sind wir nur bald das eine, bald das andere, ein Durcheinander von beidem;
unser Ziel ist, Gottmensch zu sein, das heit, die gesamte gttliche und
die gesamte menschliche Kraft in einer Person harmonisch zusammenzufassen.

Der bequemeren bersicht halber setze ich dir ein Schema her, wobei ich
davon ausgehe, da die gttlich-menschliche Kraft sich bildend, handelnd
und denkend uert.

  Herz                            Kopf
  Gott                            Mensch
  Mssen                          Wollen
  Bilden oder wachsen lassen      Machen
  Taten tun                       berlegt handeln
  Ideen haben                     Denken

Wenn du einmal fr den im Menschen sich offenbarenden Gott das Dmonische
setzest, welchen Wortes Bedeutung dir ja wohl ohnehin klar war, so werden
dir viele Aussprche aus der Bibel und von Luther sofort viel
verstndlicher sein und helleres Licht ausstrahlen. Nehmen wir den Spruch:
Wenn wir auch sndigen, so sind wir doch die Deinen und wissen, da du gro
bist. Das heit: Wir sndigen, unsere Leidenschaft reit uns hin, wir
bereuen es, aber unsere Reue macht uns nicht kraftlos und mutlos. Denn
gerade da wir taten, was wir muten, beweist uns, da wir Kraft haben;
diese Kraft wird uns wieder emporheben und uns groe oder gute Taten tun
lassen.

Wenn Luther sagt: Der Anfang aller Snde ist, von Gott weichen und ihm
nicht trauen, so heit das: wer sich nicht auf sein Herz, nur auf seinen
Kopf verlassen kann, der hat keinen inneren Frieden, keine Sicherheit und
keine Kraft.

Wenn Luther sagt, der Glaube verschlinge die Snde sofort auch ohne Reue,
so heit das wie oben: dmonische Menschen werden sndigen, aber auch
schaffen.

Wie befremdet zunchst das Wort: Was Gott nicht geboten hat, das ist
verdammt. Und es heit doch nur, was jedem unmittelbar einleuchtet: Wer
Ideen und Gefhle hat, so stark, da sie ihm zum Fhrer und Wegweiser
werden, der ist selig. #Quo dii vocant eundum# ist eine alte Devise, die
ich als Kind einmal las und mir zum Motto whlte, ohne ihren Sinn so
logisch zu verstehen, wie ich jetzt tue.

Ein Christ soll pochen nicht auf sich, noch auf Menschen, noch auf den
Mammon, sondern auf Gott! Das heit: Wir sollen uns nicht auf irgendeine
weltliche Macht, noch auf die Gedanken, berlegungen, Absichten verlassen,
die von uns selbst oder anderen ausgehen, sondern auf die gttliche Stimme
in uns, auf unser Gefhl und Gewissen. Alle Pflanzen, die mein himmlischer
Vater nicht gepflanzt hat, werden ausgereutet, Matth.15, das heit: Nicht
das Machwerk, sondern das Kunstwerk, das Gewordene, Gewachsene, nicht die
moralische Handlung, sondern die Tat aus dem Herzen lebt und zeugt Leben.

Ist es nicht eigentmlich, da es wahrscheinlich viele Menschen gibt, die
der Meinung sind, der Spruch bedeute, da jeder Mensch verworfen sei, der
nicht jeden Sonntag zur Kirche gehe, der nicht zu gegebener Zeit bete und
dergleichen; und da sein wahrer Sinn ungefhr auf das Gegenteil
hinausluft?

Am schrecklichsten zrnt Gott, sagt Luther einmal, wenn er schweigt, nach
seiner Drohung bei Jeremias: Mein Geist wird nicht mehr Richter sein auf
Erden. Dann tritt an die Stelle lebendigen Wachstums abschnurrende
Mechanik. Es ist merkwrdig, da ein Jahrhundert nach Luther der seltsame
Hang die Menschen ergriff, das #Perpetuum mobile# zu erfinden. Die
heimliche Lust am Automatischen und zugleich das Grauen davor gibt den
Werken E.T.A. Hoffmanns ihren grotesken Charakter, die Ahnung des
Verhngnisses seiner Zeit, mit der er zu seiner eigenen Verzweiflung selbst
verwachsen war.




V


Ein gewisses Brummen, das du hast ausgehen lassen, fasse ich als Zeichen
auf, da ich wie jene dir hoffentlich bekannte Brenbraut dich richtig
gekraut und gekrabbelt habe. Sogleich werde ich bermtig und gehe vom
antiken Gottesbegriff, der dir offenbar kongenialer ist, zum christlichen
ber. Insofern nun Gott nie etwas anderes sein kann als die _eine_ Kraft,
von der alle Krfte ausgehen und in die alle Krfte mnden, stimmen
natrlich die Gottesbegriffe aller reifen Vlker im wesentlichen berein.
Doch gibt es auch einen wesentlichen Unterschied zwischen antiker und
christlicher Gottesauffassung, der dir um so strender sein wird, als du
ihn vermutlich nur sprst und nie Lust gehabt hast, ihn genau zu
untersuchen. Wenn ich dir nun zum voraus schwre, da das Christentum trotz
des Unterschiedes doch die Erfllung der Sehnsucht der ausgehenden Antike
war, weswegen es ja auch bei den Griechen sich befestigte und nicht bei den
Juden, so wirst du mir von vornherein geneigter zuhren.

Der christliche Gott ist, wie du weit, ein offenbarter und ein dreieiniger
Gott, das heit: er offenbart sich dreifach. Schon die Alten wuten, da
Gott in seiner Majestt von den Menschen nicht ertragen werden kann: Semele
wurde von Zeus verzehrt, als sie ihn in seiner Gttlichkeit schauen wollte.
Das reine Sein, die Kraft an sich, ist den Sinnen nicht zugnglich. Wir
knnen auch nichts darber aussagen, denn es ist jenseit aller Gegenstze,
und Eigenschaften sind erst im Gegensatz wahrnehmbar. Eigenschaften gehren
einem Einzelnen zu eigen, Gott ist aber nichts Einzelnes, sondern das
Ganze. Insofern Gott nichts Einzelnes ist, ist er zugleich das Nichts, denn
nichts heit nicht etwas; das Nichts und das All ist also dasselbe. Ein
Gegensatz zu Gott wre demnach doch vorhanden, nmlich das Einzelsein oder
die Vielheit; aber dieser Gegensatz ist im Sein enthalten, wie die Heilige
Schrift sagt: in ihm leben, weben und sind wir.

Das indessen knnen wir doch vom Wesen Gottes aussagen, da er Geist ist;
denn Gott an sich ist unsichtbar. Ferner kann er nichts anderes sein als
Kraft; denn Gott kann nicht leidend sein; sein Wesen ist Wirken. Eine
Kraft, ein ewig Wirkendes, ist aber ohne einen Stoff, ein Passives, auf das
sie wirken kann, nicht zu denken; Gott und die Welt sind nur fr unser
Begriffsvermgen zu trennen, wir sind gezwungen, zeitlich und rumlich zu
denken und sagen also: Gott schuf die Welt, als ob die Kraft irgendwann
einmal ohne Stoff gewesen wre. Da das Sein wird, richtiger ausgedrckt,
da mit der werdenden Erscheinung ein unsichtbares Sein verbunden ist, von
welchem sie abhngt, ist ein Geheimnis, auf das man immer wieder stt,
wenn man sich mit den letzten Dingen beschftigt, und vor welchem es
geboten ist innezuhalten. Die Welt wre ein der Mechanismus, wenn dies
Geheimnis nicht wre.

Bei Gott ist alles auf einem Haufen, sagte Luther; das heit: er ist
jenseit von Zeit, Raum und Vielheit. Da wir hier aber an der Grenze der
gttlichen Majestt stehen, glaube ich den mythischen Ausdruck gebrauchen
zu drfen: Gott schuf die Kreatur. Luther sagte gewhnlich Kreatur, um die
gesamte Erscheinung, den gesamten Nicht-Gott zu bezeichnen; wir sind
gewohnt, von Stoff, Schpfung, Welt zu sprechen. Nehmen wir das Bewutsein
als Standpunkt, so sagen wir nicht, Gott schuf die Welt, um etwas zu haben,
worauf er wirken knne, sondern um sich zu erkennen, um seiner bewut zu
werden. Auch dies ist wieder mythisch ausgedrckt, da ja Gott natrlich
nichts fehlt, und wir ihn uns als von jeher so gut selbstbewut wie
unbewut vorstellen mssen. Wir knnen aber die Tatsache, da man zugleich
nichtbewut und selbstbewut sein kann, mit dem Verstande nicht fassen,
obwohl wir sie fhlen knnen, da wir sie an uns selbst erfahren. Und dabei
will ich gleich bemerken, da wir immer von uns auf Gott und von Gott auf
uns schlieen knnen, was mir, als ich zuerst darauf kam, einen
geheimnisvollen und fast schauerlichen Eindruck machte. Doch ist es
durchaus nicht merkwrdig, sondern folgt mit Notwendigkeit daraus, da Gott
uns zu seinem Bilde schuf, um sich in uns zu erkennen.

Gott schuf das Abbild seiner selbst, seinen Sohn, ihm zum Ebenbilde, sich
ganz gleich, Christus, den Erstling seiner Kreatur. Aber als er erschaffen
war, schlief er; er war ganz Stoff, ganz Passivitt, ganz unbewut. Wie
sollte sich Gott, die pure Kraft, im puren Stoff erkennen? Der Schlfer
mute die Augen ffnen, damit Gott hineinsehen knne. Um ihn sehend zu
machen, nahm Gott mit ihm dasselbe vor, was er mit sich vorgenommen hatte,
um selbst bewut zu werden: er spaltete ihn in zwei, das heit: er machte
aus dem ganzen Menschen, der Christus htte sein sollen, das Menschenpaar,
Adam und Eva, den aktiven Mann und das passive Weib. Mit dieser Teilung
oder Polarisierung, die durch die gesamte Schpfung geht, entstand noch
etwas, nmlich die Schlange oder der Teufel. Gott konnte sich nur in einer
Kraft selbst erkennen, das ist klar; denn die Kraft oder Aktivitt ist ja
sein Wesen; diese Kraft mute aber von ihm unterschieden sein, denn sonst
wre sie ja mit ihm selbst eins, und der Zweck des Sicherkennens knnte
nicht erzielt werden. Ein Sein oder eine Kraft aber, die nicht Gott ist
oder sein darf, mu Gott entgegengesetzt sein, sozusagen ein Gegengott;
denn er ist ja aus Gott, hat aber die Aufgabe, nicht Gott selbst zu sein.
Ich finde, man stellt sich das am besten vor, wenn man sich Gott als einen
Strahl denkt, der sich durch irgendeine Materie hemmt und spiegelt, gegen
sich selbst umbiegt; noch besser als Sonne, deren unendliche Strahlen vom
unendlichen Stoffe zurckgeworfen werden. Dieser abgeleitete oder
reflektierte Strahl ist Gott und Teufel, Gott insofern er aus Gott,
gttliche Kraft ist, Teufel insofern er sich fr Gott selbst hlt und
dadurch Usurpator, Rebell, Gegengott wird.

Die Selbstsucht im allereigentlichsten Sinn, die Sucht, alles auf sich zu
beziehen, sein Ich, das in Wirklichkeit nur Mittelpunkt einer Einzelheit
und Trabant des All-Mittelpunktes ist, fr einen selbstndigen Mittelpunkt
zu halten, diese Selbstsucht ist es, was in der Bibel und bei Luther der
Teufel oder das Bse genannt wird. Das Bse soll nicht sein, aber es mu
sein, damit Gott sich selbst erkennen, oder, wenn du lieber willst, damit
Leben sein kann. Gott ist ein Gott des Lebens, heit es in der Bibel, Gott
hat Lust zum Leben. Ohne Gegensatz aber, ohne die zwischen zwei
entgegengesetzten Polen entstehende Spannung ist kein Leben denkbar: ohne
das menschliche Ich wre nur Allsein, das gleichbedeutend mit Nichtsein
ist.

Du knntest die Notwendigkeit des Teufels oder des Bsen mythisch auch so
erklren: die pure Aktivitt mte notwendigerweise die pure Passivitt
zerstren; die Aktivitt mu sich also eine Hemmung, einen Widerstand
setzen, damit der Stoff, den sie braucht, um zu wirken, nicht verzehrt
wird. Diese Hemmung gibt sich Gott, indem er dem Stoff Odem einblst, ihm
einen Teil seines Wesens, seiner Kraft gibt, die er selbstndig fr sich
benutzen nicht nur darf, sondern sogar mu, damit Gott nicht nur eine
zerstrende, sondern zugleich eine schaffende Kraft ist. Wir haben also den
merkwrdigen Fall, da der Teufel, die menschliche Ichsucht, da sein mu,
damit Gott kein Teufel ist.

Miverstehe mich aber bitte nicht so, als htte ich gesagt, der Mensch,
oder die aktive Kraft des Menschen, und der Teufel wren ein und dasselbe.
Die Kraft ist ja ihrem Wesen nach gttlich; teuflisch ist nur der Irrtum
des Menschen, seine Einzelkraft fr Gott selbst zu halten. Gott liebt die
Welt, weil er wei, da sie aus ihm und in ihm ist: Liebe ist Bewutsein
der Zusammengehrigkeit. Solange der Mensch dies Bewutsein, da alle
erscheinenden Krfte Ausstrahlungen der gttlichen Kraft sind, nicht hat,
sondern seine Kraft fr den Mittelpunkt hlt, ist er dem Teufel
verknechtet. Der Teufel ist also nur etwas Negatives, ein Irrtum, ein
Mangel an Erkenntnis, und kann deshalb nicht selbst als Person im Fleisch
erscheinen. Er ist nur bei der Erschaffung der Welt mit entstanden, wie der
Schatten eine Begleiterscheinung von Licht und Krper ist.

Mit der Krperwelt, die ausgedehnt ist und im Raum erscheint, ist der Kampf
ums Dasein gegeben. Seiner gttlichen Art nach mu jedes Wesen berall und
immer sein wollen, was nur im Sein, nicht aber in der Auenwelt bei der
Undurchdringlichkeit der Krper sein kann. Leicht beieinander wohnen die
Gedanken, doch hart im Raume stoen sich die Sachen, heit es bei Schiller.
Durch die Undurchdringlichkeit der Krperwelt, dadurch, da sie das Licht
nicht durchlt, das heit eben dadurch, da sie auch Stoff und nicht nur
Kraft ist, entsteht der Schatten. Der Schatten steht zum Lichte in einem
gegenstzlichen Verhltnis, indem der Schatten wchst, wenn das Licht
abnimmt, und umgekehrt. Wre kein Schatten, wre lauter Licht, es wre dann
aber auch nichts Einzelnes, das heit nichts. Dasselbe lt sich vom Teufel
sagen: er ist nicht seiend und nicht erscheinend, er hat keinen Krper, ist
aber von der krperlichen Welt unzertrennlich. Luther nennt den Teufel
hufig den Affen Gottes, insofern alles, was der selbstbewute Mensch denkt
und tut, eine Nachahmung gttlichen Denkens und Tuns ist, oder insofern der
selbstbewut gewordene Mensch das mit Absicht ausfhrt, was der instinktive
Mensch unbewut tut.

Der wesentlich aktive, selbstische, alles auf sich beziehende Mensch ist
der Mann. Es wrde, da es unzhlig viele Ichs gibt, ein bestndiger Krieg
aller gegen alle herrschen, wenn der Mann nicht in sich und auer sich eine
passive Hlfte htte; die passive Hlfte, die er auer sich hat, ist das
Weib. Da das Weib, wesentlich Stoff, Gott zugehrt, ist schon daraus
ersichtlich, da er durch sie, ohne Mitbettigung ihres bewuten Willens,
Menschen schafft; das Weib gestaltet unwillkrlich im Stoffe. Aus der
Schpfungsgeschichte weit du, da die Schlange Eva, nicht Adam verfhrte;
denn sie, die mit Gott Verbundene, mute fallen, wenn Gott gestrzt werden
sollte, und ihre Schwche bot auch einen Angriffspunkt. Als Stoff gut,
selbstlos, deshalb aber auch unendlich verfhrbar, gab sich Eva wirklich
dem Gegengott hin, was die Fortpflanzung, die Entwickelung, das Leben erst
mglich machte. Das Weib liebt nicht Gott, die Gte, sondern den
Selbstschtigen, der sie leiden macht, weil er nur sich selbst lieben kann.
Durch das Leiden kommt sie, weil Leiden bewut macht, zur Erkenntnis ihres
Herrn und stellt die Verbindung zwischen der Welt und Gott wieder her. Die
Bestimmung der Frau ist, die selbstische, verteufelte Welt mit Gott zu
verbinden, der Genius und Schutzgeist des Mannes zu sein, wie auch in Sage
und Geschichte die Frau als diejenige auftritt, die den Mann zu groen
Taten anregt, ihm gegenber die gttlichen Gedanken vertritt. Oft
allerdings, wenn sie mehr ihm als Gott dient, vertritt sie auch seine
teuflischen Gedanken, wovon Lady Macbeth ein Beispiel ist. Heute ist die
Frau nicht mehr der Genius des Mannes, weder im Guten noch im Bsen, weil
keine Nachfrage mehr nach solchen Frauen ist. Der heutige Mann, ganz
weltlich, will nur ebensolche Frauen, oder, schwankend zwischen Welt und
Gott, will er sie entweder moralisch oder was man erotisch nennt; den
reinen Atem der gttlichen Natur fhlt er nicht oder er ist ihm zu stark,
der nur abwechselnd gereizt und in Ordnung gehalten werden will.

Nun aber hat der Mann auch eine passive Hlfte in sich, wie ihrerseits die
Frau auch eine aktive Seite hat. Der blo aktive Mann wre ein Teufel,
etwas nicht Existierendes, die blo passive Frau wre purer Stoff, was es
ebensowenig gibt. Ganz ohne inneren Gegensatz lebt nichts. Jeder Mann ist
auch durch sich selbst mit Gott verbunden, in sehr wechselnden Graden, jede
Frau ebenso durch sich selbst mit der Welt. Der Mann im eigentlichen Sinne
aber, seinem Wesen nach, ist aktiv, persnlich, selbstisch, teuflisch, wie
die Frau ihrem Wesen nach passiv, unpersnlich, unselbstndig, Gott
angehrig. Insofern jedoch steht der Mann seinem Wesen nach Gott nher, als
er Kraft ist. Es ist wohl eine Entschuldigung, zugleich aber das
Verdammungsurteil der Frau, da, wenn sie bse ist, die Ursache immer Liebe
zu einem Manne ist; denn das zeigt ihre stoffliche Natur an. Daraus ist zu
erklren, da alte Theologen der Frau die Fhigkeit absprachen, in den
Himmel zu kommen. Indessen sagte Luther, obwohl sonst so gut paulinisch:
Wenn aber kein Mann predigt, so wre vonnten, da die Weiber predigen.
Er fhlte, da Mann und Frau bestimmt sind, alle Stufen der Entwickelung
durchzumachen, in der Weise, da der Mann seine passive, die Frau ihre
aktive Seite auszubilden hat. Offenbar wird das der Frau sehr schwer, da
sie trotz der unsglichen Leiden, die aus ihrer Passivitt flieen, immer
wieder in dieselbe zurcksinkt.

Ich bewundere das an Luther, da er, der das Teuflische in sich und auer
sich so leidenschaftlich bekmpfte, doch die Notwendigkeit, ich mchte
sagen die Wrde des Teufels erkannte. Er sagt von sich selbst, da er ohne
den inneren Widersprecher, den Teufel, nie zu seiner Theologie gekommen
wre, und gelegentlich auch, da die Anfechtungen Gott lieb wren, wenn sie
zur wahren Erkenntnis fhrten. Es ist der Fehler vieler sogenannten
Frommen, da sie den Teufel aus der Welt schaffen wollen und von einem
Himmel trumen, wo lauter Gte und Frieden sein soll. Dadurch verleiden sie
Christentum, Religion und Frmmigkeit; denn jeder Mensch, wenigstens jeder
naive Mensch, hat den Instinkt, den ewigen Sonntag und Engelsgesang
unertrglich langweilig zu finden. Luther verga nie, da der Teufel ein
Frst und von Gott zugelassen, ja auch in Gott ist; seinen Gegnern
gegenber betont er und belegt mit biblischen Beweisstellen, da Gott auch
in der Hlle gegenwrtig zu denken ist. An diese Notwendigkeit des
Gegensatzes denken diejenigen von Luthers Anhngern nicht, die ihrer
Verehrung gelegentliche Worte des Bedauerns ber die vermeintlichen
Schattenseiten seines Charakters glauben hinzufgen zu mssen, ber seinen
Stolz, seine Heftigkeit, seine Kampflust, seinen Starrsinn. Ja, wre er ein
Engel im landlufigen Verstande gewesen, so wre er kein groer Mann
gewesen. Es gibt Menschen, die behaupten, eine ganz einfache Frau oder ein
Kind, womglich ein Negerkind, wre ein greres Genie als zum Beispiel
Beethoven -- Leute, die an Entkrftung leiden und sich darum nach der Gott
vermittelnden Passivitt zurcksehnen. Natrlich kann man niemand hindern,
bloen Instinkt Genie zu nennen, nur wird sich der Betreffende dann mit der
Mehrzahl der Menschen schwerlich verstndigen, die unter Genie wesentlich
die schaffende Kraft verstehen. Und dazu gehrt eben beides: auch maloses
Sichselbstwollen und Sichselbstbekennen, der Teufel. Luzifer, der erste
Rebell, war der schnste unter den Engeln; Adler und Lwen sind gttliche
Geschpfe, obwohl sie Lmmer zerreien, weie, unschuldige Tiere. Man kann
als psychologisches Axiom aufstellen, da ein Wesen desto grer ist, je
grere Gegenstze es umfat. Das gerade ist die unsgliche Herrlichkeit
Gottes, da er den Teufel in sich begreift. Er spaltete sich in positive
und negative Kraft, um in der berwindung der zwischen diesen
entgegengesetzten Krften entstehenden Spannung Leben zu schaffen.

Macht es dir als Mann Vergngen, da ich die Domne des Mannes feiere? Ach,
die modernen Mnner haben wenig Ursache, sich des Teufels zu rhmen: seine
Zeit ist um. Das Flmmchen, das unter seinen Fen knistert, langt gerade
noch, um ein Mdchenherz oder eine Zigarre damit zu entznden, die
Hauptmasse des Feuers treibt Fabriken. Ich wei nicht, wie weit das auf
dich pat; aber ich bilde mir ein, du habest auch lechzende Zungen
eingemauert. Wre nicht eine verheerende Feuersbrunst schner gewesen?

Die Leute haben sich stets am bel in der Welt gestoen, haben Gott gern
das Bse zum Vorwurf gemacht, haben gemeint, sie, als Gott, wrden eine
Welt ohne Teufel schaffen; nun werden ihnen alle diese Rtsel durch das
Aussterben des Teufels erklrt. Es wird ihnen klar werden, da, wenn der
Teufel stirbt, zugleich auch Gott stirbt, fr uns wenigstens, denen er sich
in der Welt offenbarte. Das Verschwinden der Schatten zeigt an, da die
Sonne untergegangen ist; sie ist nicht tot, aber wir sehen sie nicht mehr,
bei uns ist Nacht. Nun wrden wir sie auch mit den Fackeln des Nero licht
machen.

Ein Werk wie Burckhards Kultur der Renaissance und eine Erscheinung wie
Nietzsche sind der Schrei der Menschheit nach dem Teufel, der ebenso
berechtigt ist wie der Schrei nach dem Kinde. Nur lassen weder Kind noch
Teufel sich willkrlich hervorbringen, und wenn ich daran denke, wie viele
junge Leute sich bengalisch beleuchten, um den Anschein von Hlle zu
erzielen, so berluft mich ein Grauen vor mglichen Miverstndnissen. Es
gebrdeten sich ja zu Nietzsches Zeit viele als blonde Bestien, die nicht
Tierheit genug zu einem einfltigen Meerschweinchen in sich hatten. Aber
du, Geliebter, wirst keinen Verein fr Snder grnden, noch fr dich allein
Mustersnden im Treibhaus zchten, insofern kann ich mich auf dich
verlassen. Luzifer verachtet ja den dummen und den bsen Teufel, seine
Vorlufer; ich zrne ihm um so mehr, als er eben, unwillkommenes Licht
bringend, am Himmel aufgeht und die Nacht, wo du mir zuhrst, beendet.




VI


Geliebter Freund und gefrchteter vernnftiger Tadler, du sagst, ich htte
anstatt von Gott, vom Teufel gesprochen, und ich leugne das nicht, vielmehr
freue ich mich darber. Es kam zufllig und war tiefsinnig: das Wort Teufel
hat die Wurzel #dev#, was im englischen Worte #devil# noch deutlich zu
erkennen ist, und #dev# bezeichnet das Gttliche. Ich will nun aber zum
Anfang meines vorigen Briefes zurckkehren, wo ich sagte, da Gott in
seiner Majestt unzugnglich sei, da er sich aber nach christlicher Lehre
den Menschen offenbare, und zwar ganz und gar, nichts zurckbehaltend. #Non
est opertum quod non reveletur#: es ist nichts verborgen, das nicht
offenbart werde. Und zwar offenbart sich Gott dreifach.

Unpersnlich in der ganzen Schpfung als bildende Kraft oder Natur.

Persnlich in der Menschheit als ttige Kraft oder Liebe.

berpersnlich in der Menschheit als erkennende Kraft oder Geist.

Er offenbart sich auf diesem dreifachen Wege nicht nur nacheinander,
sondern auch nebeneinander, so da er immer und berall zugleich in der
Natur und in der Menschheit da ist.

Der Gott, der sich in der Schpfung als bildende Kraft offenbart, ist der
Gottvater unseres Katechismus. Er war in der Antike der Gott, der da
wachsen lt, eine Idee, die in der Sprachwurzel +phy+ ausgedrckt war,
von welcher das Wort Physis und eine Reihe bekannter Zusammensetzungen
stammen. Zunchst knnen wir sagen, da Gottvater alles hat wachsen lassen,
was des Menschen Hand nicht gemacht hat: Sterne, Berge, Menschen, Blumen,
die gesamte Schpfung oder Natur. Diesen Gottvater, den allmchtigen
Schpfer Himmels und der Erden, preist Luther in wundervoller
Bildersprache, die sich an die des Alten Testamentes anschliet. Er ist das
Allerinwendigste und Allerauswendigste von allem, was erscheint, das, was
unablssig wirkt im kleinsten Blatt am Baume wie in den Sternen uns zu
Hupten. Er ist der im Innern der Welt verborgene Knstler, der nach dem
schnen Ausdrucke Drers voller Figur ist.

In den Tischgesprchen trumt Luther einmal davon, da der Mensch nicht
eine einzige lebendige Rose selbst machen knne. Man htte darauf antworten
knnen, da sie sich selbst macht. Es ist niemand, der die Rose oder der
unseren Krper von auen machte, zusammensetzte, sondern sie wachsen von
innen. Insofern knnen wir sagen, da wir uns selbst machen, nur da wir es
nicht mit bewuten Willenskrften tun, sondern mit jener instinktiven
Kraft, die nicht von unserem Willen abhngt; diese nennen wir eben Gott.
Doch innen im Marke lebt die schaffende Gewalt, heit es bei Schiller.
Es ist der Geist, der sich den Krper baut. Es ist deshalb, nebenbei
bemerkt, nicht anders mglich, als da das uere das Innere offenbart.

Gottvater gestaltet nun aber nicht nur unmittelbar in uns, sondern auch
mittelbar durch die Kreatur. Er bildet Hhlen und Nester durch Tiere und
Kunstwerke durch die Hand des Knstlers. Nicht alle menschlichen Hnde
whlt er sich, es sind besondere, eben Knstlerhnde. Die Menschen der
Gestaltungskraft sind vorwiegend instinktiv, naiv, unbewut, Menschen der
ersten Stufe, wesentlich die vorchristliche Menschheit. Die vorchristliche
Menschheit war wesentlich voll Figur, plastisch, sie hat die Flle der
Formen geschaffen, mit denen wir jetzt noch hantieren. Die vorchristliche
Menschheit erinnert an die sogenannten vorsndflutlichen Tiere; neue Arten
sind nachher nicht mehr erschienen.

Auch in der nachchristlichen Menschheit wirkt der gestaltende Gott, aber im
Gegensatz zu der an sich positiven, aber in bezug auf ihn negativen
menschlichen Kraft, man kann der Krze halber auch sagen: im Gegensatz zum
Teufel. Zunchst ist es das Chaos, der formlose Stoff, die unterste Stufe
des Teuflischen, das sich dem Geformtwerden widersetzt. Den passiven Trieb
der Natur, sich der Form zu widersetzen, die Form aufzulsen, drckt Goethe
mit den Worten aus: Die Natur hngt immer zum Verwildern hin, den aktiven
Schiller: Die Elemente hassen das Gebild der Menschenhand. Der
Widerstand, den Chaos und Elemente fortwhrend dem gttlichen Bilden
entgegensetzen, lt die natrliche Form in der Kunst entstehen; die reine
gttliche Form macht der Mensch durch Abstraktion aus der Natur, sie ist
nirgends wirklich, so wenig wie Gott an sich oder Geist an sich wirklich
ist. Man hat die krumme Linie die Linie des Lebens genannt; sie entsteht
durch die Ablenkung, die die reine gttliche Linie durch den Widerstand des
chaotischen Triebes erfhrt, und man knnte sie besser die Linie der Natur
nennen. In der Kunst ist sie fr die instinktive, volkstmliche Kunst im
Gegensatz zur idealen, persnlichen charakteristisch. Man kann den Begriff
des instinktiven Schaffens bestimmen als ein solches, bei welchem dem
Bewutsein kein Bild vorschwebt, sondern das im Mae, wie es sich auswirkt,
als werdendes Bild erscheint. Die instinktiv geschaffenen Werke sind
deshalb auch als Fragmente ein Ganzes. Die instinktive Kunst feiert ihre
Triumphe in Werken, die von einer Gesamtheit ausgehen, in Stdten, Domen,
Epen zum Beispiel; wohl haften legendarische Namen an ihnen, aber sie
knnen sich nur unter Mitwirkung vieler und in lngerer Zeitdauer
entwickeln.

Je mehr das Selbstbewutsein des Menschen sich entwickelt, desto mehr nimmt
sein chaotischer Trieb ab; es setzt sich nun dem bildenden Gott die
geformte Persnlichkeit entgegen. Das selbstbewute knstlerische Schaffen
ist ein solches, bei welchem dem Schaffenden eine Idee vorschwebt, und
weil das so entstehende Werk seinem Wesen nach ein Ganzes ist, kann es auch
nur als Ganzes, als vollendete Erscheinung genossen werden. Das aus dem
Geiste einer Person geschaffene Kunstwerk ist ein in sich abgeschlossenes,
nicht fragmentarisches. Nur die geistvolle Persnlichkeit kann das Chaos
ersetzen.

Jede antikisierende Kunstrichtung in nachchristlicher Zeit beruht auf
erschlaffter Persnlichkeit und Ideenmangel. Mit antikisierender Richtung
meine ich aber nicht die italienische Renaissance; denn diese war ein
natrliches Wiederaufleben antiker Formen im selben oder nahverwandten
Volke.

Es ist unbegreiflich, wie man jemals verkennen konnte, da Luther zwar
nicht Gott und Natur gleichsetzte, aber klar erkannte, dass Gott sich in
der Natur offenbart. Luther war ein leidenschaftlicher Gegner des
Klosterlebens, darin mit den meisten seiner Zeitgenossen bereinstimmend.
Es ist charakteristisch fr ihn, da er es nicht wie diese in erster Linie
auf die Mngel in der Lebensfhrung der Mnche hin bekmpfte: er htte
wahrhaft aszetische Mnche mehr getadelt als unsittliche; sondern er ruhte
nicht, bis er den Widerspruch in der Wurzel ihres Wesens blogelegt hatte,
da nmlich das Klosterleben nicht von Gott eingesetzt, sondern von
Menschen erdacht ist, und deshalb nur in der Welt Wert haben knne, whrend
es doch gerade vor Gott Wert zu haben behauptete. Er wies im einzelnen
nach, da Gehorsam, Armut und Keuschheit ohnehin Gebote Gottes sind, und
da die Mnche sie als besondere Gebote nur deshalb errichtet haben, um die
gttlichen zu umgehen; denn sie gehorchen einem besonderen Oberen, um sich
dem allgemeinen Gehorsam zu entziehen, sie verzichten auf Einzelbesitz, um
als ein von der Allgemeinheit abgesonderter Krper zu besitzen, sie
geloben Keuschheit, um sich entweder ihren Begierden ungezgelt im
Verborgenen hinzugeben, oder um natrliche Begierden gewaltsam zu
unterdrcken. Er wies nach, da Paulus zwar den angeborenen Trieb zur
Keuschheit als eine gttliche, das heit geistige Gabe gerhmt hat, da die
Heilige Schrift aber niemandem unbedingte Enthaltsamkeit aufzwingen will,
nur Keuschheit innerhalb der Ehe.

Es ist die Bemerkung gemacht worden, der moderne Mensch erwarte, Luther
werde den Beweis, da Gott die Ehelosigkeit nicht geboten habe, aus der
Natur fhren, er habe aber, als ein Sohn seiner Zeit, das nicht getan,
sondern sich nur auf die Bibel berufen. Das ist in der Tat nicht so,
vielmehr sagt er: Weil Gott Mann und Weib hat geschaffen, da sie zusammen
sollen, soll ich mir nicht vornehmen einen anderen Stand, auer wenn, wie
schon gesagt, die natrliche Neigung zum ehelosen Leben vorhanden ist. Nur
wider eingesetzte Natur soll man nicht Jungfrau sein wollen. Also sage
ich auch hiervon, wir sind alle geschaffen, da wir tun wie unsere Eltern,
Kinder zeugen und nhren, das ist uns von Gott aufgelegt, geboten und
eingepflanzt. Das beweisen die Gliedmaen des Leibes und tgliches Fhlen
und aller Welt Exempel.

Im allgemeinen bezieht sich Luther immer auf die Natur, indem er als gut
und beglckend nur das will gelten lassen, was unser Herz, also die
Vertretung des Gttlichen in uns, fordert. Gott hat auch seine Richtschnur
und Kanones, sagt er in den Tischreden, die heien die zehen Gebote, die
stehen in unserm Fleisch und Blut, und ist die Summa davon das, was du
willst dir getan haben, das tue du einem andern auch. Man solle berhaupt
die zehn Gebote nicht deshalb halten, fhrt er an anderer Stelle aus, weil
Moses sie gegeben habe, denn der Christ sei frei vom Judentum, sondern
weil das natrliche Gesetz nirgends so fein und ordentlich verfat sei wie
bei Moses. Einen Gott haben, sei nicht Moses Gesetz allein, sondern auch
natrliches Gesetz, wie Paulus gesagt habe; auch die Heiden wten, da ein
Gott sei. Ebenso lehre auch das Naturgesetz das Gebot der Liebe, in welchem
alle Gebote des Moses aufgingen: Liebe deinen Nchsten als dich selbst.
Sonst, wo es nicht natrlich im Herzen geschrieben stnde, mte man lange
Gesetz lehren und predigen, ehe sichs das Gewissen annhme; es mu es auch
bei sich selbst also finden und fhlen, es wrde sonst niemand kein
Gewissen machen. Wiewohl der Teufel die Herzen so verblendet und besitzt,
da sie solch Gesetz nicht allzeit fhlen. Das natrliche Gesetz sei allen
gemeinsam; daneben knnten die Vlker ihre eigenen Ordnungen haben, wie die
Sachsen den Sachsenspiegel, die aber nur dem betreffenden Volke, nicht
allen Menschen verbindlich wren.

Da man den Sabbat oder Sonntag feiere, msse man nicht tun, weil es Moses
geboten habe, sondern weil die Natur lehre, da Mensch und Vieh sich
jezuweilen einen Tag erquicken mssen. In Krankheitsfllen rt er, entweder
natrliche Arznei zu gebrauchen oder aus tiefem Herzen zu Gott zu beten;
wieder das Natrliche dem Gttlichen gleichsetzend. Das Recht betreffend
sagt er, ein gutes Urteil knne nicht aus Bchern gesprochen werden,
sondern aus freiem Sinn daher, als wre kein Buch. Aber solch freies
Urteil gibt die Liebe und natrliches Recht, des alle Vernunft voll ist.
Es sei eine Schande, sagt er, als er zur Grndung von Schulen ermahnt, da
man sich reizen lassen msse, die Kinder und das Volk zu erziehen, da doch
die Natur selbst einen dazu antriebe. So bezieht sich Luther hufig auf
die Natur, als in der Gott sich offenbare, die aber vom Teufel verderbt
sei. Dieser Umstand, da die Natur und mit ihr das menschliche Herz, denn
das ist ja Natur, nicht nur Gott, sondern auch dem Teufel offen ist, wird
von den meisten Menschen nicht bedacht; gerade weil Luther so umfassend
blickte, wurde und wird er miverstanden. Es gibt viele, fr die alles
Natrliche schon gttlich und vorbildlich ist; andere, die das Natrliche
dem Guten schlechthin entgegensetzen und der Natur entraten zu knnen
glauben: Luther wollte sie gereinigt, aber als Gott zugehrig geschont
wissen. Durch das Wort erhalte die Natur, sagte er, keine neue Kraft,
sondern werde in ihrer alten besttigt; da demnach eine und dieselbe Kraft
im Menschen ist, aus welcher Kraft sollte er leben, wenn diese zerstrt
wre? Die selbsterwhlte Geistlichkeit und Unbarmherzigkeit ber den
eigenen Leib ist ihm verhat, da wir uns selbst also ums Leben bringen,
so doch Gott geboten hat, man sollte des Leibes pflegen und ihn nicht
tten. Kasteiung drfe nur getrieben werden zur Dmpfung der
Unkeuschheit, nicht bis zur Verderbung der Natur. Wo aber dies Ziel
bergangen wird, und die Fasten usw. hher getrieben sind, denn das Fleisch
leiden kann oder zur Ttung der Lust not ist und damit die Natur verdorben,
der Kopf zerbrochen wird, da halte ihm niemand vor, da er gute Werke getan
habe ... Er wird geachtet werden als einer, der sich selbst verwahrlost,
und so viel an ihm ist, ist er sein eigener Mrder geworden. Denn der Leib
ist nicht darum gegeben, ihm sein natrliches Leben oder Werk zu tten,
sondern allein seinen Mutwillen zu tten. Aus diesem Satze, da
Gerechtigkeit zwar geschehen msse, aber nur soweit die Natur dabei
erhalten bleiben knne, leitet Luther unter anderem ab, da Aneignen
fremden Gutes, um den Hunger zu stillen, nicht als Diebstahl betrachtet
werden drfe, wie in den Sprchen Salomonis steht: Wir sollen den Dieb
nicht verachten, wenn er stiehlt, auf da er satt werde, wenn ihn gehungert
hat, was auch nach unserem heutigen Gesetze Geltung hat. Gott hat seine
Gebote nicht gegeben, da der Leib, die Habe oder die Seele umkommen,
sondern da dies in seinen Geboten vor Schaden bewahrt werde. Darum sind
sie immer so zu verstehen, da du gleichzeitig nicht vergissest, da Gott
den Leib geschaffen habe, die Seele und den Geist, und da er will, du
sollst dich darum bekmmern, auf da, wenn eines davon in Gefahr kommt, du
nun wissest, da seine Gebote nicht mehr Gebote sind. Welche Khnheit in
diesen Gedanken, die ungeheure Folgerungen einschlieen! Luther deutet sie
selbst an in den Worten: In der Not sind alle Gter gemeinsam. Du weit,
mit welcher Hrte er den aufrhrerischen Bauern entgegentrat, und wie er
berhaupt jede gewaltsame Auflehnung gegen die Obrigkeit, sei sie auch noch
so ungerecht, verurteilte. Doch, sagte er, treibe sie es allzu arg, werde
Gott einschreiten. Es knnen Flle eintreten, wo Gottes Gebote nicht mehr
Gebote sind, wo Krieg oder Revolution notwendig werden; aber kein einzelner
darf das machen, kein Grund, den ein einzelner beibringen knnte, wrde es
rechtfertigen, sondern die Not mu es bringen, die Natur, durch die Gott
seinen allmchtigen, unwidersprechlichen Willen verkndigt, wenn der Mensch
entartet, vom gttlichen Geiste zu weit abgewichen ist. Es gibt
geschichtliche Ereignisse, die mit der Unabwendbarkeit von Naturereignissen
eintreten, weil die menschliche Willkr so berhandgenommen hat, da die
Natur unter Menschenwerk ersticken wrde, wenn sie es nicht verschlnge.
Solche geschichtlichen Naturereignisse nennen religise Menschen mit Recht
Strafgerichte Gottes; sie sind nicht an sich gut, aber infolge menschlicher
Verirrung notwendig, von Gott gewollt, um die Natur vor gnzlicher
Verderbung zu retten. Schiller vergleicht die Emprung der Natur mit dem
angeketteten Lwen, der des numidischen Walds pltzlich und schrecklich
gedenkt. Er hat diese Idee in seinem Tell ausgefhrt und insbesondere in
die bekannten Worte gefat: Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht und Gott
hilft nur dann, wenn Menschen nicht mehr helfen. Es ist durchaus
lutherisch gedacht, da die Revolution nicht von Tell, sondern vom Volke
ausgeht, dessen Gesamtwillen er nur in einer Tat vollzieht, die ihm die
Notwendigkeit im Verein mit dem Zufall, Gott in der Natur, aufzwingt.

Niemals erscheint Luther als grmlicher Gegner der Lebenslust, sondern er
ermuntert zur Freude. Er erinnert daran, da Christus selbst auf der
Hochzeit erschien und Wasser in Wein verwandelte, und er wiederholt die
schnen Worte des Predigers: Gehe hin frhlich, i und trink und wisse,
da dein Werk Gott wohlgefalle. Allezeit la dein Kleid wei sein und das
l deinem Haupte nimmer gebrechen. Geniee dein Leben mit dem Weibe, das du
lieb hast, an allen Tagen deiner unstetigen Zeit, die dir gegeben sind.
Das allerdings ist die Bedingung, zu wissen, da das Werk Gott wohlgefalle:
wer ohne inneren Frieden geniet, dem ist es Unrecht.

Was fr Beschimpfungen und Verdchtigungen hat Luther whrend seines Lebens
und nach seinem Tode ber sich ergehen lassen mssen, weil er die Natur
heilig hielt. Es ist eigentmlich, da den Menschen eine Art Wut innewohnt
gegen alle, die Gott und Natur in eins fassen; es ist doch wieder am
begreiflichsten, wenn man sagt, da es der Teufel ist, der die Natur Gott
entreien und fr sich haben will. Sollte einer, den Lorbeer krnt, auch
Rosen tragen drfen? Was wird aus den Festen der Welt, wenn die Magdalenen
zu Christus Fen liegen? Weil Luthers Lebenswandel keine Angriffspunkte im
Sinne der Welt bot, warf man ihm vor, da er seine Frau aus Liebe
geheiratet habe; andere wieder finden, es sei nicht friedlich und
salbungsvoll genug in seiner Ehe zugegangen; kurz, man rgert sich so
darber, da er von Fleisch und Blut war, wie die Zwinglianer sich
rgerten, da der Leib des Herrn im Brot und Wein sein sollte.




VII


Ich erhielt eine Karte, auf welcher nichts weiter stand als dies: Du mut
nicht immer alles auf einmal sagen wollen. Aus deiner Handschrift schliee
ich wohl nicht mit Unrecht auf dich als Urheber und antworte dir, da das
schwer zu vermeiden ist, wenn man vom All spricht. Die Leute, die immer nur
von Einzelheiten reden, haben es leicht. Ich wei, wie das ganze Mammut
aussehen mu; wenn es mit der Zusammensetzung der einzelnen Knochen hapert,
so hilf mir oder nimm es nicht so wichtig. Darin hast du freilich recht,
da es uns nicht eilt: die herbstlichen Nchte sind lang, und meinen Knig
schlfert nicht.

An Gott wolle jeder glauben, sagte Luther, auch die Heiden taten es; aber
das wollten sie nicht glauben, da Gott sich um die Menschen bekmmere. Da
der Denkende auf eine letzte Ursache aller Erscheinungen stt, so ist er
an Gott zu glauben sogar gezwungen, wie es in der Bibel heit: Die Toren
sprechen in ihrem Herzen: es ist kein Gott. Ein solcher Epikureer bist du
vermutlich auch, wie Luther diejenigen nannte, die den fleischgewordenen
Gott ablehnten. Da Gott Mensch wird, ist im Grunde kein anderes Problem,
als da das Sein berhaupt wird; und so mte der, welcher glaubt, da
Gott sich in der unbewuten Natur offenbart, auch glauben knnen, da er
Mensch wird. Wie dem aber auch sei, das Wunder der Menschwerdung Gottes ist
uns das Wunderbarste, und schon alte Kirchenlehrer meinten, es msse heien
#verbum caro facta est#, nicht #factum est#, da das Werden sich nur auf das
Fleisch, nicht auf das Wort beziehen knne.

Ich habe dir krzlich davon erzhlt, da der reifende Geist der Griechen
allmhlich anfing, die Welt als Einheit zu erfassen, und im Mae, wie er
das tat, erlosch der Glaube an die persnlichen Gtter. Schon ziemlich frh
taucht die Idee des Einen Gottes auf: so rief man zum Beispiel bei Gebeten
smtliche Gtter an und war sehr besorgt, keinen auszulassen; oder man
setzte mehreren Hauptgttern einen gemeinsamen Altar, ja man schmolz alle
Gtter schon in den einen Namen des Pantheos zusammen. Paulus fand in
Athen, wie er in seiner wundervollen Rede sagt, einen Altar, auf dem
geschrieben stand: Dem unbekannten Gotte. Nun verkndige ich euch
denselbigen, dem ihr unwissend Gottesdienst tut, sagte er zu den Griechen.
Es erscheint zuerst sonderbar, da der griechische Geist so weit kam, zu
erkennen, da Ein Gott sei, der da wirke alles in allem, da aber dieser
Eine Gott trotz aller Beschwrungen nicht erschien, sondern der Unbekannte
blieb. Es hatten sich einst unzhlige Augenblicksgtter zu persnlichen
Gttern verdichtet; man sollte meinen, einer derselben, Zeus etwa oder
Apollo, htte nun seinerseits alle andern besiegen und als der gesuchte
Eine Gott hervortreten knnen. Das ging indessen deshalb nicht, weil dies
nicht Augenblicksgtter, Begriffsgtter, sondern persnliche Gtter waren,
und das Persnliche ist unteilbar, kann nicht in einer anderen Person
aufgehen. Es mute ein anderer, Mchtigerer kommen, um die Olympier vom
Throne zu stoen. Jehova htte das nicht sein knnen, der nur ein
persnlicher Gott mehr in der Gtterrepublik war, und dasselbe war mit
jedem andern Gotte irgendeines andern Volkes der Fall. Man kann sagen, die
Idee des _einen_, unendlichen, allumfassenden Gottes sei zu ungeheuer
gewesen, um im menschlichen Geiste Person zu werden. Das Unlsbare wurde
gelst durch ein Wunder: die Idee personifizierte sich nicht im
menschlichen Geiste, sondern sie erschien im Fleisch als Jesus Christus. In
dem Gottmenschen konnten alle Gttervorstellungen aufgehen.

Was geschah, kann man auch so ausdrcken: Der menschliche Geist war zu der
Erkenntnis gereift, da das Herz der Menschheit zugleich das Herz Gottes
ist; da die Menschheit, die die ganze Natur vertritt und ihrerseits durch
Christus vertreten wird, Gott verwirklicht. Nachdem der menschliche Geist
lange Zeit Gtter hervorgebracht hatte, tat er nun den ungeheuren, den
letzten Schritt in seiner Entwickelung, sich selbst als Gott zu erkennen.
Diese Wahrheit wurde als frohe Botschaft verkndet und erfllte die
Verkndiger selbst mit berirdischer Seligkeit. Dies, da Gott Mensch
geworden, da ein Mensch Gott war. Da aber tatschlich gerade diese Lehre
so viel Widerstreben findet, hat meiner Ansicht nach folgende Grnde, die
Luther ohne weiteres und ganz richtig teuflisch nennen wrde, da es Grnde
der Selbst-Sucht sind. Wre Gott irgendein weltlicher Frst gewesen, so
wre das eine Gttlichkeit gewesen, nach der man htte streben knnen; aber
Christus bekehrte die Snder und heilte Kranke und erweckte die Toten; das
sind Gaben, die nur die Gnade verleihen kann. Ferner: jeder Mensch,
wenigstens jeder Mann, hat und mu die Neigung haben, sich selbst als Gott
zu setzen; es ist ihm deshalb unertrglich, da ein Mensch schon Gott ist,
und da er selbst Gott nur sein kann, soweit er sich mit diesem
Gottmenschen eins macht. Das bloe Dasein Christi, falls man ihn als Gott
anerkennt, macht von vornherein jeden selbstischen Entwurf des Gottseins
zur Lge, zum Irrtum; aus diesem Grunde fhlen sich viele Mnner instinktiv
im Widerspruch zu Christus.

Dazu kommt etwas anderes. Der menschliche Geist nimmt die Welt anfangs in
Einzelbildern auf, die sich allmhlich zu persnlichen Gttern verdichten.
Diese Gtter wohnen nicht im Fleisch auf der Erde, sondern im menschlichen
Geiste, welche unsichtbare Wohnung die Menschen selbst als Olymp, Walhalla,
Himmel bezeichnen. Da Gtter nicht im Fleisch auf Erden, sondern im Himmel
sind, hat sich dem menschlichen Bewutsein als Tatsache eingeprgt; die
meisten Menschen sind sich durchaus nicht bewut, da dieser Himmel ihr
eigener Geist ist, sondern verlegen ihn an irgendeinen unauffindbaren,
auerirdischen und sogar auerweltlichen Ort. Sie suchen ihn auf den
Sternen und ber den Sternen; da der geheimnisvolle Weg nach innen
fhrt, darauf kommen die wenigsten, noch wenigere aber knnen es fassen,
da der Weg auch nach auen geht, da die im Himmel Heimischen im Fleisch
auf Erden wandeln sollen. Der Mensch begreift nicht, da das Unsichtbare
mitten im Sichtbaren, da das Sichtbare ein Ausdruck des Unsichtbaren ist.
Da Ideen Marmor werden, begreift jeder; da Ideen Fleisch werden, erlebt
man tglich um sich her und glaubt es doch nicht. Da Kinder geboren
werden, sagt Luther, sei ein greres Wunder, als da Adam aus einem
Erdenklo erschaffen sei.

Bevor ich auf das Persnlichwerden Gottes eingehe, mchte ich dir meinen
Begriff der Person auseinandersetzen. Dabei kommt mir das ausgezeichnete
Werk von Usener, das ich schon anfhrte, sehr zustatten; es besttigt meine
Auffassung durch Tatsachen, wie ich es mir nicht besser wnschen konnte.
Ich sprach dir schon von den sogenannten Augenblicksgttern kindlicher
Vlker, die dadurch entstehen, da der Mensch die einzelnen Eindrcke, die
das im Sichtbaren wirkende unsichtbare Nicht-Ich ihm macht, als Dmon
erfat und benennt. Solange durch diese Namen die Idee noch durchscheint,
bleiben sie unpersnliche Idee. Denke dir zum Beispiel, es gbe
Augenblicksgtter, die Arbeitsamkeit oder berflu hieen: es ist
einleuchtend, da sie uns niemals persnliche Gtter werden knnten. Erst
wenn im Laufe der Zeit das Wort durch allerlei Wandlungen, die es
durchgemacht hat, unkenntlich geworden ist, so da seine Bedeutung nicht
mehr durchschimmert, kann es Eigenname werden, den ein einzelnes Ding fr
sich hat: dies Ding ist dann eine Person. Wenn du dich fr Beispiele aus
der Mythologie interessierst, verweise ich dich auf den schon genannten
Usener. brigens erinnere ich dich an die unwillkrliche Abneigung, die man
gegen Eigennamen hat, die etwas bedeuten, und an die Vorliebe fr Namen
fremder Sprache, bei denen die Bedeutung ganz ausgeschlossen ist. Die Namen
Benvenuto, Desiderata, Reine haben Reiz fr uns: Willkommen, Erwnschte,
Knigin wren unmglich. Auch bei Geschlechtsnamen ziehen wir die
bedeutungslosen den durchsichtigen wie Hinkefu, Butterfa, Rosenzweig usw.
vor, wenn auch sehr viel gebrauchte Namen der Art mit der Zeit einen Klang
fr sich bekommen, der die Bedeutung bertnt. Der Name macht zur Person,
vielmehr indem ein Ding einen Namen fr sich bekommt, ist es auch ein Ding
fr sich, eine Person. Das Tier bekommt nur als Familie, Gattung, Art
Namen, denn es ist keine Person; nur Tieren, die wir uns persnlich
aneignen, geben wir auch einen Eigennamen. Die Substanz tritt, wenn der
Eigenname oder die Person geworden ist, hinter dem Namen und der Person
zurck; man kann auch sagen, der Eigenname oder die Person bindet die Idee.
Wenn wir Flora oder Pomona sagen, so stellen wir uns zuerst Blumen oder
Obst vor, sagen wir Diana oder Hermes, so stehen bestimmte persnliche
Gestalten vor uns, die Ideen, die ihnen eigentlich den Ursprung gaben,
deren Verdichtung sie sind, werden nun durch die Person vertreten.

Diesem Vorgang der Verdichtung der Substanz im Geiste entsprechen genau
ebensolche Vorgnge in der Wirklichkeit: #nobis res sociae verbis et verba
rebus#, d.h. die Dinge sind den Worten gesellt und die Worte den Dingen.
Denke bitte an die Theorie von der Entstehung der Gestirne: die Substanz,
nenne sie nun ther oder Urweltsnebel, verdichtet sich an einigen Punkten,
es bilden sich Kerne, Mittelpunkte, um die herum die Substanz sich drehend
schwingt, es entstehen runde Krper, um die herum durch Erstarrung der
Substanz eine Kruste sich bildet; sie gehren nun nicht mehr der
allgemeinen Substanz an, sondern sind Personen, Dinge fr sich, Sterne mit
Namen. Auch den Proze der Bildung der persnlichen Gtter nennt Usener
einen Erstarrungsproze. Jede Personbildung, geschehe sie im Geiste oder in
der Wirklichkeit, ist eine Verdichtung und Erstarrung lebendiger Substanz.
Die von der All-Substanz abgesonderte Substanz aber mu allmhlich
versiegen, woraus folgt, da jede Person vergehen, sterben mu. Die
Absonderung, also die Snde, die der Person das Leben gibt, verurteilt sie
zugleich zum Tode. Man hat so viel Tod in sich, wie man persnliches Leben
in sich hat. Wie erschtternd klar wird von diesem Gesichtspunkt aus der
Name der Bibel, das Testament: Gott, das ewige Wesen, verkndet, da es
Person werden und als solche sterben mu.

Es ist nun selbstverstndlich, da im Laufe der Entwickelung einer Idee ein
Augenblick kommen mu, wo der Kern, die verdichtete Kraft, das
selbstbewute Ich des Menschen, gerade so viel lebendige Substanz gebunden
hat, da Selbst und Substanz miteinander im Gleichgewicht sind. Dies ist
offenbar der Hhepunkt der Person; im selben Augenblick, wo er erreicht
ist, beginnt der Kern sich aufzulsen, er kann die Substanz nicht mehr
binden, sie wird frei, und der Rckfall der Person an das All fngt an.
Nimmst du die Menschheit als Person, so ist Christus der Hhepunkt der
Menschheit; knntest du die Welt als Person nehmen, was du aber nicht
kannst, da sie unendlich ist, das heit nie erstarren und sterben kann, so
wre die Menschheit ihr Hhepunkt. Vielleicht darf man sagen, da die Welt
unendlich ist, ist auch ihr Hhepunkt, die Menschheit, unendlich, woraus
dann wieder folgte, da auch Christus unendlich wre, was er ja auch ist.
Der Mythus drckte den Vorgang der Persnlichkeitsbildung so aus, da er
erzhlt, Gott habe Adam seinen Odem eingeblasen; es ist das Teil gttliche
Kraft, das der Mensch fr sich bekommt, um damit auf seine Art gttlich zu
werden. Es ist wie ein Wettbewerb um die Gottheit: ein jeder soll, mit dem
Pfunde wuchernd, das er bekommen hat, einen Entwurf mit seinem Geprge,
seine Welt, vorlegen. Dabei aber entsteht ein Widerstreit: die Substanz hat
die Neigung, Gott zu spiegeln, sie ist das Weib im Menschen, das Ich will
sich selbst darstellen, das ist sein Wesen und seine Aufgabe. Die Heilige
Schrift nennt diese Ich-Sucht teuflisch, und sie ist es ja auch, insofern
sie eine Absonderung und die Ursache des Todes ist; aber, wie schon fters
gesagt, ist diese Snde zugleich die Ursache des Lebens und von Gott
gewollt, also in gewissem Sinne gttlich. Man kann diesen Widerstreit gut
verfolgen, wenn man die Christusbilder in der Malerei betrachtet.
Heutzutage gibt es Maler, die schlechtweg ihr Selbstbildnis als Christus
ausgeben. Kein Maler der Vergangenheit hat das getan: wir sehen da immer
ein Ringen der gttlichen und persnlichen Idee, und in einzelnen Fllen
ist eine Verschmelzung gelungen, die der Vollkommenheit nahekommt. Wenn ein
Ich von mglichst starker Eigenart, d.h. das sich von mglichst vielen
Menschen unterscheidet, so viel gttliche Substanz bindet, umfat, da
mglichst viele Menschen sich darin wiedererkennen, so nennen wir eine
solche Person ein Genie. Ein Genie ist ein Mensch, der zugleich unendlich
viel will und unendlich viel kann. Das Wesen des Ich ist unendliches
Wollen, das Wesen Gottes ist unendliches Knnen. Ein guter Maler, sagt
Drer, ist inwendig voller Figur, und obs mglich wre, da er ewiglich
lebte, so htte er aus den inneren Ideen allweg etwas Neues durch das Werk
auszugieen. Sein Ich bindet Ideen, prgt sie und macht sie dadurch zu
seinem Werk.

Eine Person entsteht also dadurch, da gttliche Kraft und Substanz durch
eine selbstbewute Einzelkraft gebunden und ihr zu eigen gemacht wird. Auch
in den Tieren ist gttliche Kraft; aber das einzelne Tier kann sie nicht an
sich binden, sondern es wird durch sie gebunden, sie geht durch das Tier
hindurch.

Man kann sich vorstellen, ein Vater gbe jedem seiner Kinder eine Handvoll
Wachs oder Lehm zum Spielen. Einige von den Kindern wnschten ihr Teil von
dem der andern zu unterscheiden und drckten ihm deshalb ein Zeichen auf,
woran sie es wiedererkennten. Durch dies Geprge erst wre das Geschenk
ihr Besitz, ihr Eigen geworden, mit ihnen zu einer Einheit verschmolzen.
Wendest du das auf das menschliche Selbst und die gttliche Kraft an, die
der Mensch in seinem Innern hat, so mute vorhergehen, da er die Kraft im
Gegensatz zu seinem Selbst fhlte. Das Ich und die Kraft mssen zuvor sich
voneinander entfernt haben und einander als zwei gegenberstehen, wenn das
Ich die Kraft soll prgen und binden knnen. Dieser Vorgang der inneren
Trennung und Wiedergewinnung war in Christus vollendet.

Insofern sagt Luther, da kein Heide so bse sein kann wie ein Christ,
denn es hat die Meinung mit uns, da uns der Teufel viel feinder ist und
hrter zusetzt denn sonst Unchristen und Heiden. Darum lt er sich nicht
daran gengen, da wir sind wie die anderen Heiden, geizig, neidisch,
untreu, sondern er will uns viel krftiger machen denn die Heiden. Gottes
Wort mag wohl wehren und davor behten, aber wenn ein Christ anhebt zu
geizen, so wird er zehnmal geiziger und rger denn ein Trke oder Heide. Wo
kommt es her? Vom Teufel. Der ist auf uns so erbittert: wenn er aus einem
Christen zehn Teufel machen knnte, so tt ers.

An der inneren Spaltung, an dem rebellischen Ich, das sein eigener Gott
sein will, ist der Christ zu erkennen. Erst der Christ ist wirklich ein
Herr, einer fr sich; wenn er sich dann vor Gott, dem Herrn der Welt,
beugt, kann er selbst zum Herrn der Welt werden.

Und blieb allein. Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenrte anbrach,

Und da er sahe, da er ihn nicht bermochte, rhrete er das Gelenk seiner
Hfte an, und das Gelenk seiner Hfte ward ber dem Ringen mit ihm
verrenkt.

Und er sprach: La mich gehen, denn die Morgenrte bricht an.

Aber er antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.

Er sprach: Wie heiest du? Er antwortete: Jakob.

Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heien, sondern Israel. Denn du hast
mit Gott und mit Menschen gekmpft und bist obgelegen.

Nichts ist so verkehrt, als unter einem Christen sich ein selbstloses,
nicht selbst denkendes und selbst wollendes Geschpf vorzustellen. Es ist
natrlich keine Snde, ein schwaches Selbst zu haben, das von Gott
verschlungen wird; ein eigenwilliges aber ohnmchtiges Selbst, das sich
Gott vergeblich widersetzt, ist jmmerlich; nur bei einem starken Selbst
ist die Mglichkeit, Gott ebenbrtig, wenn auch nie Gott selbst zu sein.
Einer, der selig werden will, soll also gesinnt sein, als sei kein Mensch
sonst auf Erden denn er allein, und da aller Trost und Zusagung Gottes hin
und wieder in der Heiligen Schrift ihn allein angehe.

Stell dir nun bitte vor, das Geprge, welches das Kind seinem Wachs
aufdrckte, enthalte eine tzende Sure, die allmhlich das Wachs aufzehre.
Es mu dahin kommen, da das Geprge, also die Persnlichkeit, die Substanz
berwiegt; whrend sie anfangs eine Auszeichnung war, wird sie zur Maske,
die das Schwinden der Kraft verdeckt. Indessen kann sie das nur eine
Zeitlang: der Augenblick mu kommen, wo das Wachs vollstndig verzehrt ist
und damit auch das Geprge, dessen Trger es war, sich auflst: der Mensch
stirbt. Es ist das tzende Geprge, das die Kraft zerstrte; das Selbstsein
bedingt den Tod, ja, je mehr Persnlichkeit, desto mehr Tod hat der Mensch
in sich. Luther hebt einmal hervor, da ein Kind von sieben Jahren noch
ganz ohne Todesfurcht sterbe; erst mit der Persnlichkeit entsteht und
wchst das Bewutsein und der Ha des Todes.

Jeder Mensch hat in seinem Leben einen Hhepunkt oder eine Bltezeit, jede
Familie hat die ihrige, jedes Volk die seinige; man kann ebensogut sagen,
da jeder Mensch seine geniale Zeit, jede Familie ihr Genie, jedes Volk
seine genialen Menschen hat. Es versteht sich von selbst, da jede Spitze
immer nur in bezug auf andere hoch ist, und da der Hhepunkt eines
Menschen oder einer Familie an sich betrachtet ziemlich niedrig sein kann.
Je mehr er sich dem gttlichen Richtepunkte nhert, desto mehr ist man
berechtigt, von Genialitt zu sprechen. La uns bitte irgendein Genie,
sagen wir Beethoven, im Verhltnis zu seiner Familie untersuchen.

Fr uns ist es kein Zweifel, da Beethoven die Spitze, der Hhepunkt seiner
Familie war; er war nicht das Ergebnis seiner Familie, sondern sie war da,
damit er sich in ihr entwickelte. Er war eine Idee, ein Urbild, vor dem
Erscheinen seiner Familie da; in ihr entwickelte sich das Urbild in Zeit
und Raum. Nehmen wir an, da die Idee Beethoven in einem winzigsten Keim
gefangen, in das irdische Leben gesenkt wurde. Wre uns die Geschichte der
Familie genau bekannt, so wrden wir die Idee Beethoven schon in ihren
Anfngen auftauchen sehen; die groe Gestalt, die wir kennen und verehren,
wrde uns nher und nher rcken, so wie der Wanderer, der durch einen
Nebel auf uns zukommt, immer grer und kenntlicher wird. Wie nun das Bild
sich verwirklicht, aus der Vergangenheit in die Gegenwart schreitet, rollt
es das auf, was vor ihm war, was es hervorgebracht zu haben scheint, und
nimmt es mit sich. Es ist ein Gesetz organischer Entwickelung, da jede
hhere Entwickelungsstufe die frhere, einfachere mitnimmt, so da durch
die hchste alle frheren gebunden sind und zu ihr gehren; das vollendete
Urbild verdichtet alle Stufen, durch die es hindurchgegangen ist, in seiner
Person. Die Vorfahren Beethovens sind in ihm enthalten, er vertritt sie vor
der Welt und vor Gott; es mag interessant fr uns sein, die Geschichte
seiner Vorfahren kennen zu lernen und zu sehen, wie sie ihm desto hnlicher
werden, je nher sie ihm zeitlich sind; aber wir knnen sicher sein, da
wir nichts in ihnen finden werden, was nicht in ihm Gestalt geworden wre.
Verdankt er das Persnliche, das, was ihn von der brigen Menschheit
unterscheidet, seinen mnnlichen Vorfahren, so hat er das Gttliche, das,
was ihn mit der Menschheit verbindet, von seiner Mutter; wir knnen auch
sagen, er hat es durch seine passive, weibliche Seite, welcher Gott oder
die Idee sich mitteilt. Seine gttlichen Ideen stehen mit seinem
leidenschaftlich sich selbst wollenden Ich im steten Kampfe; aber
wenigstens vorbergehend kann es sie binden, da sie mit ihm eins werden.
Das Genie ist androgyn, mnnlich und weiblich zugleich, wenn auch im
allgemeinen als Mann erscheinend, weil dem Manne vorzugsweise die bindende
Kraft des Selbstbewutseins eigen ist.

Im Hhepunkt eines Menschen bzw. einer Familie sind nicht nur die
vergangenen, sondern auch die zuknftigen Stufen seines Lebens gegenwrtig
geworden, das heit: nach dem Hhepunkte kann nichts Hheres und nichts
Neues mehr kommen, sonst wre es nicht der Hhepunkt gewesen. Nach dem
Hhepunkt mu die Abwrtsbewegung, nach der strksten Bindung und
Verdichtung mu die Auflsung kommen. Es ist bekannt, da der geniale
Mensch sich krperlich nicht fortpflanzt, oder da seine Nachkommen nicht
fortpflanzungsfhig sind; die Familie erlischt mit ihm, weil ihre Kraft
sich in ihm erschpft hat, weil ihr persnlicher Mittelpunkt die gttliche
Substanz nicht mehr binden kann. Es wre auch widersinnig, wenn sie noch
fortlebte, nachdem sie durch ihn endgltig vertreten ist, nachdem ihr
letztes Wort gesagt ist. Etwaige Tchter knnen in anderen Familien
aufgehen, bringen aber nicht mehr die lebendige Persnlichkeit ihrer
Vorfahren, sondern hchstens ihre Maske mit. Alles, was nach dem Genie der
Familie kommt, gleicht von innen erkaltenden Sternen mit undurchdringlicher
Kruste oder den Erlenmdchen hinten hohl des Andersenschen Mrchens.
Diese Verfassung, wo die nicht mehr gebundene Substanz entweicht und an die
Stelle der kraftvollen Persnlichkeit die Maske tritt, nennt man Dekadenz.

So wie Beethoven sich in seiner Familie entwickelte, so entwickelte
Christus sich in der Menschheit. Christus ist das Genie, die Spitze der
Menschheit; Luther nennt ihn deutlich das Haupt, zu welchem die Menschheit
hinzugehrt als der Krper. Deutlich spricht auch die Bezeichnung der
Bibel: des Menschen Sohn; er ist aus der Menschheit hervorgegangen als ihr
Erbe, ihr Vertreter, ihr Ziel. So wie Beethoven sich durch seine
persnlich-gttliche Seite von seinen Vorfahren unterscheidet,
unterscheidet sich Christus von der gesamten Menschheit dadurch, da er
Mensch und Gott ist: sein von allen verschiedenes, alle vertretendes Selbst
bindet das All, die Idee der Ideen. In dem grten menschlichen Genie ist
doch immer nur ein Teil der Menschheit vertreten, das grte menschliche
Genie ist doch nur auf Augenblicke und teilweise mit Gott eins; Christus
vertrat die ganze Menschheit und war ganz und gar mit Gott eins. Christus
umfat zugleich alles menschliche Wollen und alles gttliche Vermgen; wer
eine Formulierung wnscht, kann sagen: Christus ist die ganze durch einen
Mittelpunkt gebundene menschliche und gttliche Kraft.

Mir scheint es wichtig, zu betonen, da die Menschheit nicht deshalb Gott
ist, weil Gott sich in ihr entwickelt hat; in diesen Irrtum verfallen
nmlich die Menschen gern. Christus verhlt sich so zur Menschheit, wie der
Mensch zur Tierheit: das Bild des Menschen ging durch die Tierheit
hindurch, die Tierheit entwickelte sich auf den Menschen hin, im Menschen
sind alle Stufen der Tierheit enthalten; aber er ist doch kein Tier,
sondern durch sein Menschsein wesentlich von der Tierheit unterschieden,
wie Christus durch seine bermenschlichkeit, durch seine Gottheit von der
Menschheit. Den Menschen kann man ein bertier, das Tier eine berpflanze
nennen; aber ich erwhne das nur nebenbei, es ist berflssig, es weiter zu
verfolgen. Mir kommt es darauf an, zu zeigen, da die Heilige Schrift und
Luther Christus als die Spitze, den Hhepunkt, das Genie der Menschheit
auffassen, den bermenschen oder den Gottmenschen.

Findest du nicht, da sich auf diesem Punkte ein unendlicher Ausblick
ffnet? Auf alle diejenigen, die, nachdem der bermensch schon da war,
bermensch auer ihm sein wollen und deshalb in Wahnsinn verfallen mssen,
das heit eigentlich schon wahnsinnig sind?

Vielleicht sagst du, es ffne sich auf diesem Punkte kein unendlicher
Ausblick, vielmehr schliee sich alles zu, und es gbe nur noch Rckblick.

In gewisser Hinsicht ist das wahr. Zunchst betrifft das das jdische Volk,
in welchem Christus sich entwickelt hat. Die Juden sind das Volk der
Dekadenz +kat exochn+, und sie tragen die Dekadenz in alle Familien, mit
denen sie sich verbinden. Bedenke aber bitte, da unter Dekadenz durchaus
nicht schlechthin etwas Schlechtes oder Minderwertiges zu verstehen ist;
nur mssen die Dekadenten nicht etwas fr sich, etwas neben dem Genie oder
gegen das Genie sein wollen, das ihnen vorausging. Die Juden zum Beispiel
mssen an Christus glauben, ihr Schicksal ist, in der Zerstreuung zu leben,
in andern Vlkern aufzugehen.

Es ist, nebenbei bemerkt, ein sonderbarer Irrtum, da Menschen und Vlker
so gern aus einer groen Vergangenheit auf eine groe Zukunft schlieen. Es
ist sogar verdchtig, wenn wir anfangen, viel von dieser Vergangenheit zu
reden. Denn das sollt ihr wissen, sagt Luther, Gottes Wort und Gnade ist
ein fahrender Platzregen, der nicht wiederkommt, wo er einmal gewesen ist.
Er ist bei den Juden gewesen; aber hin ist hin, sie haben nun nichts.
Paulus brachte ihn in Griechenland: hin ist hin; nun haben sie den Trken.
Rom und lateinisch Land haben ihn auch gehabt: hin ist hin, sie haben nun
den Papst. Und ihr Deutschen drft nicht denken, da ihr ihn ewig haben
werdet.

Man bemerkt das Altern der Vlker, wie der Einzelnen, an einem Abnehmen der
Produktivitt und an der Zunahme der Kultur. Kultur kann man den Zustand
nennen, wo die innere Kraft als schne Maske nach auen tritt. Es mge
jedes kultivierte Volk auf seine Kultur und seine Vergangenheit stolz sein,
jedes barbarische auf seine Kraft und seine Zukunft.

In weiteren Grenzen ist die ganze Menschheit nach Christus dekadent, das
heit zeitlich nach dem Hhepunkt kommend. Aus der Auffassung Christi als
der Spitze der Menschheit erklrt sich, da Luther den Jngsten Tag oder
das Ende der Welt fr bevorstehend hielt; nach den historischen Kenntnissen
seiner Zeit konnte er die vor Christi Geburt verflossene Geschichte ganz
wohl auf etwa 1500 Jahre ansetzen. Indessen mu man sich doch Christus
nicht als Endpunkt einer Linie, sondern als Spitze und Mitte vorstellen; es
gibt dann allerdings ein fortwhrendes Von-ihm-Zurcksinken, aber
gleichzeitig ein fortwhrendes Zu-ihm-Hinstreben.

Einen wesentlichen Unterschied zwischen der vorchristlichen und
nachchristlichen Menschheit gibt es: sie hatte dadurch, da Christus sich
noch in ihr entwickelte, die gttliche Kraft; wir haben sie verloren, wenn
wir sie aber durch den Glauben zurckgewinnen, knnen wir sie prgen.

Die vorchristliche Menschheit war einheitlicher, harmonischer, da es fr
sie nur eine Welt gab, die sichtbare. Wir fhlen uns als Brger der
sichtbaren und der unsichtbaren Welt; gelingt es uns aber, diese beiden
Welten zusammenzufassen, so ist unsere Welt reicher und unser Selbst
strker und inniger. Die vorchristliche Menschheit ging magnetisch auf ihr
Ziel zu, im Knnen unbegrenzt, da Gott in ihr wirkte; wir haben ein
grenzenloses Wollen und sind dadurch entkrftet und ziellos, wenn wir nicht
durch den Glauben das Unsichtbare mit dem Sichtbaren vereinigen. Ich kann
auch sagen: die vorchristliche Menschheit hatte die Gestaltungskraft der
Natur, wir haben die Leuchtkraft des Geistes und die Bindekraft des
Herzens. Das allerverkehrteste ist, wenn der nachchristliche Mensch antik
sein will; nur der Christ kann, auf einem ganz anderen Wege, dem antiken
Menschen gleichkommen. Man hat viel vom Einflu Italiens und der Antike auf
Goethe gesprochen; mir scheint, sie haben berwiegend hemmend auf ihn
gewirkt, weil er sich nicht sicher genug in seiner christlichen Kraft
fhlte. Luthers und Drers Verhltnis zur Antike und zu Italien war viel
organischer und fruchtbarer, gerade weil sie durch den Gegensatz sich ihrer
Eigenart desto mehr bewut wurden; ihr eigenes Wesen erfuhr keine Hemmung,
sondern eine Erweiterung. Nur die Kraft der Persnlichkeit im Verein mit
der Trunkenheit des Glaubens kann das antike Erflltsein vom Gotte
ersetzen. Wenn Toga und Maske nicht ein leidenschaftliches Herz, ein im
sen Wahnsinn rollendes Auge verhllen, so erhalten wir nicht den
Eindruck strenger Glut, geformten Lebens, sondern hohler Feierlichkeit.

Gerade durch das, was der antike Mensch vor uns voraus hatte, durch die
Einheitlichkeit, bleibt er auch hinter uns zurck: das Auseinandertreten
der beiden Pole, des Menschlichen und Gttlichen, des Selbstbewutseins und
des Gottbewutseins, diese Zerrissenheit und Spannung, macht erst die
berwindung der Spannung durch das Genie mglich. Das persnliche Genie
gibt es erst seit Christus, dem Genie der Menschheit, und es wird immer ihm
dem Wesen nach gleich sein, wenn auch nicht nach der Person.

Wunderbar finde ich, im Grunde freilich ganz selbstverstndlich, da zu
Christus Zeit auch Satan Fleisch wurde, nmlich in den rmischen Kaisern.
Wohlverstanden kann Satan nur in der Vielheit erscheinen, da er ja nichts
Wesentliches ist; er kann nicht selbst in einem einzigen Menschen sich
verkrpern. In der Vielheit jedoch mute er zu der Zeit am mchtigsten
sein, wo Gott Fleisch wurde; denn am grten Gegensatz entzndet sich das
reichste Leben. Diese Bltezeit der Menschheit wiederholte sich, als in
Italien das Altertum, in Deutschland das Christentum neu auflebte. Auf
beiden Seiten waren gewaltige, satanische und gttliche Persnlichkeiten.
Renaissance und Reformation stehen in einem unzertrennlichen Zusammenhange;
aber er besteht nicht etwa darin, da Luther und Deutschland berhaupt
durch die Unsittlichkeit des rmischen Lebens zur Einsicht in die
Notwendigkeit einer Reform gebracht wren. Es ist ein unterirdischer
Zusammenhang zwischen Italien und Deutschland, wenigstens gab es einen
solchen, und es wre meiner Ansicht nach ein schlechtes Zeichen fr beide
Vlker, wenn dies Band zerrisse.




VIII


Du bist, geliebter Freund, auf den Inhalt meines letzten Briefes nicht
eingegangen, sondern wnschest ihn zunchst vervollstndigt. Du sagst,
damit Christus ganz fest auf der Erde stehe, msse seine physiologische
Seite erst errtert werden, kurz, du willst wissen, welche Rolle Joseph
nach Luthers Meinung bei der Geburt Christi gespielt habe.

Das Kind entwickelt sich aus dem im Schoe der Mutter gehegten Ei, genhrt
von ihrem Fleisch und Blut. Der Anteil des Vaters besteht nur darin, da er
den Entwickelungsproze einleitet; die Natur, in welcher Gott, die positive
Kraft, wirkt, wird angeregt, das Kind hervorzubringen. Die ganze Natur
weist darauf hin, da das Kind der Mutter gehrt, und Gebrauch und Gesetz
haben grausame Folgerungen daraus gezogen. Das Recht des Vaters am Kinde
entsteht erst durch Vertrag; viele Vter verzichten auf ihr Recht, um die
damit zusammenhngende Pflicht loszuwerden, und sie werden von der Welt
deswegen weder bestraft noch verachtet. Eine Mutter dagegen, die ihr Kind
verlt, wird allgemein verurteilt; man fhlt, da sie gegen Gott, gegen
das Naturgesetz sndigt. Deshalb ist die Mutter mit dem Kinde ein ewiger
Gegenstand der Kunst, nicht der Vater mit dem Kinde, und zwar die Mutter
mit dem Sohne, weil der Sohn sie ergnzt, ganz macht, ihr Gottesbewutsein
mit seinem Selbstbewutsein vor der Welt vertritt.

Kaum habe ich den Satz geschrieben, so sehe ich, da ich das Beste
vergessen habe: der Mann hlt sozusagen dem Weibe seine Persnlichkeit vor,
damit sie sie dem Kinde einprge. Der Vater gibt dem Kinde sein Bild, sein
Selbst, also den abgeleiteten, abgesonderten Strahl der gttlichen Kraft;
die Mutter gibt ihm die gttliche Kraft, den gttlichen Geist selbst,
welchen sie durch den Glauben zu empfangen imstande ist. Das
Ewig-Weibliche zieht uns hinan. Der Vater gibt das Frsichsein, die
Persnlichkeit, die Mutter das Allsein.

Insofern aber, als Gott dem Kinde seinen Geist gibt, ist Gott der Vater
aller Menschen. Denn wer da bekennt, heit es bei Luther, da eine
Mutter ein Kind gebiert, das Leib und Seele hat, der soll sagen und halten,
da die Mutter das ganze Kind geboren und des Kindes rechte Mutter ist, ob
sie gleich der Seele Mutter nicht wre; sonst wrde daraus folgen, da
keine Frau eines Kindes Mutter wre. Dein Sohn, sagt Luther, sind ja nicht
zwei Shne, obwohl er zwei Naturen hat, den Leib von dir, die Seele von
Gott allein. Kann man deutlicher sagen, da nach Luthers Ansicht jede
Mutter den Heiligen Geist empfngt, und da jeder Mensch gttlich und
menschlich ist wie Christus, wenn auch nicht, wie Christus, Gott selbst?
Lat uns Redefiguren mit den Manichern erdichten, sagt Luther an anderer
Stelle ironisch, auf da Christus nicht wahrer Mensch sei, sondern eine
Scheingestalt, die durch die Jungfrau, wie der Sonnenstrahl durch das Glas,
hindurchgegangen und gekreuzigt ist. So werden wir die Schriften fein
behandeln! Noch eine sehr deutliche Stelle aus Luther mchte ich dir
anfhren: Da Maria, die Jungfrau, Christus empfing und gebar, da war
Christus ein leiblicher Mensch und nicht allein ein geistliches Wesen.
Dennoch empfing und gebar sie ihn auch geistlich. Wieso? Sie glaubte das
Wort des Engels. Mit dem willigen Glauben an des Engels Wort empfing und
gebar sie im Herzen Christus geistlich zugleich.

Was die Jungfrulichkeit der Maria bedeutet, wird klar durch die Bedeutung
des Sndenfalls der Eva. Eva wurde Gott untreu, indem sie den selbstischen
Mann liebte und ihm gehorchte. Sie hrte nicht mehr vornehmlich die Stimme
Gottes, sondern die des Mannes, sie war nicht mehr ganz von Gott erfllt.
Maria liebt ihren Mann nur, weil Gott ihn ihr gegeben und es ihr befohlen
hat, sie liebt ihn in Gott oder weil sie Gott liebt. Joseph wird von den
Malern als lterer Mann dargestellt und etwas in den Schatten gerckt; das
bedeutet, da wir die Persnlichkeit des Herrn, die er vom leiblichen Vater
empfing, als solche nicht kennen lernen sollen, sondern nur die zur
Gottheit erweiterte Persnlichkeit. Wir erfahren, da Christus vom Teufel
versucht wurde und ihn berwand; aber nichts von der Art und vom Verlauf
dieser Kmpfe. In bezug auf Maria bedeutet es, da Joseph von ihr nicht
fordert, sie solle in ihm aufgehen, sondern da sie ihm als Werkzeug Gottes
heilig ist. Eva gibt dem Manne nur vorbergehend Befriedigung; denn gerade
weil sie sich bis zur Selbstaufgabe hingibt, sich in ihm verliert, kann sie
ihm keine dauernde Kraftquelle sein.

Es ist lngst aufgefallen, da der geniale Mann seine Begabung von der
Mutter, nicht vom Vater ererbt, was vom Sohne selbst auch lebhaft empfunden
wird. Man hat sich in manchen Fllen gewundert, da bei der betreffenden
Mutter keine besonderen Zeugnisse geistiger Begabung vorlagen; aber gewi
hat man wenigstens das von ihnen gesagt, da sie fromm waren, und darauf
kommt es ja einzig an. Mit Frmmigkeit bezeichnet man den Glauben, die
Fhigkeit also, des Engels Stimme zu hren; man kann auch ein anderes Wort
whlen, das manchem vielleicht mehr sagt, nmlich Phantasie. Glaube ist
Phantasie, die Fhigkeit, sich das Unsichtbare einzubilden, daher
Einbildungskraft. Eva wollte Erkenntnis, weil sie nicht glauben konnte;
Maria braucht nicht zu wissen, denn sie hat alles berflssig durch die
Phantasie. Manche Menschen verstehen unter Phantasie eine Fhigkeit, sich
allerlei auszudenken; aber es ist vielmehr die Kraft, das Seiende, das, was
unsichtbar, aber gerade darum allgegenwrtig ist, aufzunehmen. Weil sie
Phantasie hat, vermag Maria dem Sohne das Gttliche einzubilden, weil sie
geistvoll ist, gibt sie ihm Geist; durch sie ist er aus Gott geboren und
hrt wie sie Gottes Stimme. Wie man von seinen Werken auf die Phantasie des
Knstlers, so kann man von ihren Kindern auf die Phantasie der Mutter
schlieen. Auch Menschen kann man, wie Kunstwerken, anmerken, ob sie aus
dem Vollen geschpft oder drftig zusammengekratzt sind. Es ist nicht
sinnlos, da man schwangeren Frauen rt, schne Bilder anzusehen und den
Anblick des Hlichen zu vermeiden; allein die Frau, wie sie sein sollte,
hat derartige Nachhilfe nicht ntig, denn sie sieht Schnes, das ist
Gttliches, berall, weil sie im Sichtbaren zugleich das Unsichtbare sieht.

Von den Eltern der Genies wird man nie hren, weder da sie sich
leidenschaftlich liebten, noch da sie eine geradezu unglckliche Ehe
fhrten, sondern sie lebten in einer Ehe, die ich Sakramentsehe nennen
mchte, insofern sie auf gttlichem Gebote beruht. Die Frau achtet im Manne
seine berlegenheit in allen weltlichen Angelegenheiten, vermge welcher er
sie vor der Welt vertritt, und in allen diesen Angelegenheiten gehorcht sie
ihm; der Mann verehrt das Gttliche in ihr und lt sie in allem, was Gott
betrifft, schalten. Er vernimmt Gottes Stimme durch sie.

Wohl dem, der seiner Vter gern gedenkt, sagt Goethe. Diejenigen Shne,
deren Vter so weltlich waren, da sie das Gttliche in der Frau berhaupt
nicht erkannten oder es unterdrckten, oder deren Mtter Gott an den Mann
verrieten, sich ihm zuliebe verweltlichten, gedenken ihrer Eltern nicht
gern, ja, sie hassen denjenigen, der sie um ihr bestes Erbteil betrog. Am
wenigsten verzeihen es Kinder der Mutter, wenn sie einen anderen Mann als
den Vater liebt. Die gute Mutter ist diejenige, die, wenn sie Kinder hat,
vorzugsweise ihnen lebt, ohne noch von Mnnerliebe berhrt zu werden; so
waren die Frauen und Mtter bei den Griechen, die fr die Liebe eine
besondere Klasse von Frauen hielten. Diese Einteilung, die der Genialitt
eines Volkes so sehr zugute kommt, macht sich bis zu einem gewissen Grade
immer wieder von selbst, weil sie Gott oder der Natur entspricht; da sie
aber der Moral widerspricht, nimmt sie bei den moralischen Vlkern -- und
das sind jetzt alle -- Formen an, die ihr Gutes und Schnes aufheben und
sie ins Widerwrtige verzerren. So wie diese Einrichtung bei den
nachchristlichen Vlkern ist, kommt sie nur der Welt, dem Teufel, nicht
Gott zugute. Das Schlimme ist, da der heutige Mann keine Marienfrau mehr
heiratet; ihr kindliches In-sich-selbst-Ruhen, ihre strahlende Heiterkeit,
ihre reine Schnheit reizen ihn nicht, im besten Falle erregen sie in ihm
ein Gefhl von Scheu und Ehrfurcht, das ihn fernhlt. So stehen denn gerade
diese Frauen, ohne Organe fr die Welt, verlassen in ihr; aber unter dem
Schutze Gottes.

Die verhngnisvolle Verwechselung der Religion mit der Moral, an der
wahrhaftig Luther keine Schuld trug, hat gemacht, da man sich unter Maria,
der Kindlichen, Phantasievollen, Strahlenden, und unter Christus, dem Genie
der Genies, etwas tugendhaft Langweiliges vorstellt. Luther dachte sich
Maria als ein feines, tapferes Mdchen, die Holdselige voller Gnaden,
Christus als den Helden, den Mann der Liebe und des Hasses, voll
freundlichen Ernstes und ernster Freundlichkeit. Du kennst den Vers von
Goethe:

    Volk und Knecht und berwinder,
    Sie gestehn zu jeder Zeit:
    Hchstes Glck der Erdenkinder
    Sei nur die Persnlichkeit.

Es ist selbstverstndlich, da wir uns den Gottmenschen nicht ohne dies
hchste Glck des Frsichseins vorstellen drfen. Daraus, da er vom Teufel
dreifach versucht wurde, geht allein schon deutlich hervor, da er
Selbstbewutsein hatte, und mehr jedenfalls als irgendein Mensch. Wie htte
es der Mensch nicht haben sollen, der sich als das Ebenbild Gottes
erkannte? Aber Christus war nicht nur ganz voll Selbstbewutsein, sondern
auch ganz voll Gottbewutsein. Der hchste Grad des Selbstgenusses ist in
dem Augenblick erreicht, wo das Selbst in einem hheren aufgeht; diesen
Augenblick der hchsten Qual und Seligkeit erlebte Christus, als er sagte:
Nicht wie ich will, sondern wie du willst. Seine Selbstform ging damit in
die gttliche Form ber; es war nicht Entpersnlichung, sondern Erweiterung
der Einzelpersnlichkeit zur Allpersnlichkeit. Seine Persnlichkeit deckte
sich vollkommen mit der Idee des Menschen, die zugleich die Idee Gottes
ist. Dieser Augenblick hchster Seligkeit ist dem Teufel nicht zugnglich,
weil er vom Anderssein als Gott lebt wie der Schatten vom Nicht-Lichtsein.
Man kann umgekehrt auch sagen: Wer nicht fhig ist, in einem Hheren
aufzugehen, ist in der Hlle.

Aus der Tatsache, da Christus Mensch war, natrlicher Mensch wie wir alle,
liegt zu folgern nahe, da wir auch Gtter, wenigstens werdende Gtter,
mgliche Gtter oder Gottmenschen sind. Diese Folgerung hat Luther auch
gezogen der Heiligen Schrift gem, die klar sagt, da Gott durch Christus,
unseren Bruder, unser Vater geworden ist; diese vernderte Stellung des
Menschen zu Gott gehrt zum wesentlichen Inhalt des Neuen Testaments.
Luther erinnert unter anderm an den 82.Psalm, in welchem es heit: Ihr
seid Gtter und allesamt Kinder des Allerhchsten, und da Christus selbst
im Johannesevangelium diese Stelle so auslegt, da diejenigen Gtter sind,
zu denen das Wort Gottes geschieht. Sehr charakteristisch finde ich eine
Meinungsuerung Luthers ber einen gewissen Hans Mohr, der Zwinglis
Richtung folgte und Luther vorwarf, er mache aus der Kreatur den Schpfer.
In bezug darauf schreibt Luther: Und wenn man gleich sprche, Kreatur ist
Schpfer worden (wie wir in diesem Artikel nicht tun), so wre es dennoch
nicht allerdings falsch, denn wir glauben ja und sagen alle, da Gott
Mensch und Mensch Gott sei in Christo, so da Mensch Kreatur und Gott
Schpfer ist. Darnach solches bei den Christen nicht so greulich ist, wie
sie lstern, und damit hinaus wollen, da zuletzt auch falsch soll werden,
da Gott Mensch sei. Man sieht, in welches Gestrpp von Miverstndnissen
Luther verstrickt war. Zwingli sagte, er wolle bei der alten Theologie
bleiben, wonach die beiden Naturen nicht vermischt werden drften. Er ahnte
wohl selbst nicht, was er der Menschheit damit antat. Htte er sich
klargemacht, da Gott der Geist ist, so wrde er wohl nichts daran
auszusetzen gefunden haben, da der Mensch Gott-Mensch, das heit
Geist-Mensch werden kann. An Christus glauben heit, an das Gttliche im
Menschen glauben, glauben, da der Mensch Geist hat.

So wie ich dich kenne, denke ich mir, da du noch nicht ganz befriedigt
bist, sondern noch etwas ber Christus' Leistungen hren willst, worauf du
so viel zu geben pflegst, natrlich mit Recht; denn wo Kraft ist, da sind
auch Leistungen. Vielleicht findest du, da man, wenn Christus das Genie
der Menschheit ist, knstlerische Leistungen von ihm erwarten drfte.

In der Tat bte Christus eine Kunst aus, nmlich die Heilkunst; er war der
Heiland der Welt, das heit, da heil ganz bedeutet, der Ganzmacher der von
Gott abgesonderten Menschen. Luther nennt ihn deshalb den Knig der Snder,
und die Bibel sagt hufig, da er zu den Sndern gekommen sei. Und zwar
machte er die Zerrissenen ganz durch die Liebe, die das Band der
Vollkommenheit ist, indem sie das Getrennte im Bewutsein der
Zusammengehrigkeit bindet. Viele haben die Vorstellung, als sei Christus
ein humaner Wohltter, ein Sozialist, Reformator oder dergleichen gewesen;
aber wo steht das? Er bekehrte Snder, trstete Traurige, heilte Kranke
durch Wort und Berhrung und erweckte Tote. Was das heit, Tote lebendig
machen, wird klar, wenn man daran denkt, da Gott die Welt durch sein Wort
schuf, da er den Dingen Namen gibt und das, was nicht ist, ruft, da es
sei. Die Dinge sind dadurch, da sie dem Geiste bewut werden: Christus
machte der Menschheit ihr Fhlen und Ahnen bewut durch sein Wort. Er
lehrte die Wahrheit, Ideen strmten unerschpflich in Bildern von seinen
Lippen, insofern war er der grte Dichter der Menschheit. Es ist wahr, da
er seine Ideen nicht gestaltete; aber er brauchte das nicht, weil er
selbst, wie es heit, voll gttlicher Gestalt war.

Durch das Heraustreten Christi aus der Menschheit zerfiel sie in ihre
Bestandteile: Kraft und Stoff, Unsichtbares und Sichtbares, Sein und
Erscheinen. Er zerri sie, aber er, der Heiland, Gott, der sich als Person
offenbart, machte sie auch wieder ganz, und zwar durch die Tat. Das
selbstbewute, verantwortliche Ich ist der Punkt, in welchem das Sichtbare
und das Unsichtbare eins werden. Dies Ich, die Person, kann sich nur bilden
durch die Tat, wie umgekehrt eine Tat auch nur getan werden kann durch ein
verantwortliches Ich. Das Ich und die Tat hngen unzertrennlich zusammen,
es gibt keine Person ohne Tat und keine Tat ohne Person. Solange das Ich
betrachtend zwischen dem Sichtbaren und Unsichtbaren schwebt, bleibt es
selbst vereinzelt und die Welt ihm Stckwerk. Der Mensch, der sich blo
erkennend verhlt, kommt nie zur Einheit, weil es nur unendliche
Mglichkeiten fr ihn gibt; erst handelnd begrenzt er sich und wird dadurch
ein einheitliches Selbst. Im Inneren des blo erkennenden Menschen ist ein
Abgrund, der ihn verschlingt, handelnd schliet er den Ri, der durch sein
Inneres und zugleich durch seine Welt geht. Der Christ ist der Mensch, der
nach vorausgegangener Spaltung wieder einheitlich geworden ist durch aus
dem Herzen entspringendes und im Selbstbewutsein besttigtes, zugleich
gemutes und gewolltes Handeln.

Luther hat nachdrcklich betont, wenn er zwischen Christi Leben und seinem
Wort zu whlen htte, wrde er ohne Zgern sein Wort whlen; denn Christus
sei in seinem Wort. Das erklrt sich aus Luthers Besorgnis, die Menschen
mchten whnen, sie wrden dadurch Christen, da sie nach Mglichkeit die
Handlungen des Herrn nachahmten, wovon dann eine Veruerlichung oder
Moralisierung die Folge wre. Deshalb verwirft er die Art und Weise, wie
Christus gewhnlich gelehrt und gepredigt werde. Man erzhle von ihm, um
Mitleid zu erregen und als Kehrseite davon Ha auf seine Mrder, andere
stellten ihn als Beispiel auf und predigten die Nachfolge. Dagegen sagt
Luther, es stehe geschrieben, da man Christus anziehen solle, und Christus
anziehen heie nicht Christus nachfolgen, sondern bevor man ihm nachfolgen
knne, msse man ihn angezogen haben. Einem Freunde erklrte er einmal, er
fasse den Glauben oder die Liebe nicht auf als eine Eigenschaft im Herzen,
sondern er setze Christus selbst an diese Stelle; denn Christus habe nicht
gesagt, er gebe uns den Weg, die Wahrheit und das Leben, sondern er sei das
alles, er wolle in uns sein, nicht auer uns.

Wir sollen uns in Christus verwandeln, Tatmenschen sein, und zwar Taten aus
dem Herzen tun. Man kann beobachten, da die Menschen im allgemeinen sich
blindlings, mit einer gewissen Lust, einem Tyrannen, wie zum Beispiel
NapoleonI. war, unterwerfen und aufopfern, wie sie es einem Edlen oder
Weisen nicht tun wrden. Sie spren die starke Persnlichkeit, das
selbstbewute Ich, den mystischen Punkt, in dem Gott Person werden kann.
Das teuflische Ich kann sich jeden Augenblick in Christus verwandeln, ja es
ist Christus auf der Stufe der Versuchung durch den Teufel. Vielleicht
unterliegt er; aber er kann siegen, wenn auch nicht so ganz wie Christus
siegte. Sowie das Ich seinen Eigenwillen dem gttlichen Willen aufzuopfern
beginnt, fngt die Wiedergeburt, der Lebenslauf des Christen an.

    Und solang du das nicht hast,
    Dieses: Stirb und werde!
    Bist du nur ein trber Gast
    Auf der dunklen Erde.

Da aber dem Sterben das Werden folgen mu, unterscheidet das Christentum
von jeder das Leben verneinenden Weltanschauung. Wir sollen die
Persnlichkeit nicht dadurch berwinden, da wir sie unterdrcken, sondern
da wir sie erweitern und in unserem Ich mglichst viele Menschen
vertreten. Obwohl Christus unerreichbar ber allen Menschen ist, findet
sich doch jeder in ihm wieder.

Was Christus vor seinem ffentlichen Auftreten getan hat, danach sollen wir
nicht fragen; denn er soll fr uns weniger der historische Mensch sein als
der Mensch, der Idealmensch, der Gottmensch. Die genialen Menschen haben
das auch stets gefhlt, wie man an Hand der Kunst nachweisen kann. Es
tauchten wohl in den ersten Jahrhunderten christlicher Zeitrechnung einige
Bildnisse mit dem Anspruch auf, den historischen Christus darzustellen, und
diese mgen bei der Entstehung des Christustypus ein wenig mitgewirkt
haben; im allgemeinen aber haben alle groen Maler und Bildhauer in
Christus den Idealmenschen darzustellen gesucht, die Romanen mit berwiegen
der gttlichen Form, die Germanen mit berwiegen der persnlichen. Sie
idealisierten in Christus sich selbst, ihr Volk, die Menschheit. Wenn einer
schlechtweg sich selbst als Christus darstellt, wie das neuerdings einige
Maler unreligis und unknstlerisch genug waren zu tun, so kann man
darunter schreiben: Wenn er lgt, so redet er aus seinem Eigenen. Die
Verschmelzung der All-Idee mit der Einzel-Idee erst gibt den Gottmenschen.

Mir scheint, da die groen Maler recht hatten, die Christus schn
darstellten, und da es ein Miverstndnis ist, ihn hlich zu denken.
Hlich kommt von Ha und bedeutet Ha der gttlichen Form. Die
Sklavenvlker und Barbarenvlker sind deshalb immer hlich gemalt worden,
weil sie Ha gegen das Geformtwerden berhaupt haben, und ebenso drckt
sich der Ha der teuflischen Persnlichkeit gegen die gttliche Idee als
Hlichkeit aus. Nun ist es ja wahr, da jedes Genie Chaos, etwas
Ungeformtes, in sich haben mu; denn darin liegt ein Teil seiner Kraft; wie
auch besonders, da jedes menschliche Genie stark persnlich sein mu.
Darum sind die Frauen das schne Geschlecht, weil sie unpersnlicher,
weniger teuflisch sind als der Mann. Luther hatte sicherlich recht, wenn er
sich Paulus nicht als schlechtweg schn vorstellte: irgendwie mu sich das
malos Leidenschaftliche, das Gegenstzliche in seiner Natur uerlich
ausgeprgt haben, wie das auch bei Luther der Fall war; aber zwischen allen
Menschen und dem einen Christus besteht doch der Unterschied, da Christus
das Persnliche hatte und doch zugleich nicht hatte, berwunden hatte. Er
mu deshalb ebenso persnlich schn wie gttlich schn gedacht werden.
Rembrandt scheint mir der einzige Maler zu sein, der Christus auch unschn
malen durfte; denn bei Rembrandts Christus sieht man nicht, da er diesen
oder jenen Umri, diese oder jene Form hat, sondern nur, da er leuchtet.
Die Erscheinung strmt in das Sein ber.




IX


Ich erwhnte schon, Geliebter, da Christus der Menschheit zum Ersatz fr
sein Scheiden einen Trster versprochen habe. Wenn der Trster kommt,
welchen ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom
Vater ausgeht, der wird zeugen von mir. Es ist der Heilige Geist, der zu
Pfingsten ber die Jnger ausgegossen wurde, die Gabe, das Wort Gottes, die
Wahrheit, da Christus Gott ist, zu verknden.

Ich setze voraus, da du meine Annahme, die Bildung und Auflsung der
Person gehe in Wirklichkeit so vor sich, wie wir an Hand der Sprache die
Bildung und Auflsung der persnlichen Gtter im Geiste verfolgt haben,
gelten lt. Nimm nun bitte die Menschheit als Person. Mit dem Erscheinen
Christi hat sie ihren Hhepunkt erreicht, in seiner Person war der gesamte
Geist gebunden; denn du weit ja, da Gottvater sich in Christus ganz und
gar ergossen und nichts zurckbehalten hat, wie Christus sagt: Wer mich
sieht, sieht den Vater. Im Augenblick seines Sterbens ist der Hhepunkt
berschritten, und der gesamte, durch die vor ihm dagewesene und in ihm
vertretene Menschheit gebundene Geist wird frei. Dies ist die Ausgieung
des Heiligen Geistes, wie du siehst, ganz wrtlich zu verstehen. Die
Menschheit, die bisher voll Geist, von Gott erfllt war, hat nun den Geist
oder wenigstens sie kann ihn haben, da er im Wort verdichtet von ihr
losgelst ist. Sie kann ihn haben durch den Glauben, der durch das Gehr
kommt. Ich bitte dich, zu beachten, da Luther niemals vom bersinnlichen
spricht, sondern vom Unsichtbaren, welches aber hrbar ist. Durch das Wort
und das Gehr gesellt sich der sichtbaren Welt die unsichtbare, die Welt
des Geistes oder das Reich Gottes. Da ich den Geist nicht sehen und nicht
betasten kann, nur hren, mu ich ihm glauben, ihn haben durch die
Religion, welches Wort von #ligare#, binden, kommt; da Gott nicht mehr
unbewut in der Menschheit ist, mu er durch Religion, Glauben, Phantasie
an sie gebunden werden. Diese Kraft des Bindens hat die Seele, das
selbstbewute Ich.

Das erste, was aus dem Herzen bricht und sich ergiet, ist das Wort, sagt
Luther. Damit, da der Mensch spricht, beginnt sein Selbstbewutsein und
zugleich sein Gottbewutsein; es kann ja eins ohne das andere nicht sein,
da das Ich nur am Nicht-Ich zum Bewutsein seiner selbst kommen kann. Das
Wort unterscheidet den Menschen vom Tier; es hat wohl Selbstgefhl und
Menschengefhl, aber nicht Selbstbewutsein und Gottbewutsein. In Christus
war das Selbstbewutsein der Menschheit und zugleich das Gottbewutsein
vollendet in dem Augenblick, wo er sich als Gott erkannte und damit
Selbst- und Gottbewutsein zusammenflo. Mythisch sagten wir, da Gott die
Welt erschaffen habe, um sich seiner selbst bewut zu werden, um sich zu
erkennen: dies Ziel war in Christus erreicht, Gott, der Geist, erkannte
sich selbst in ihm. Ich finde, man ist nie genug davon berwltigt; und
doch sieht man bestndig, wie stark der Trieb der Menschheit ist, Gott
auer sich zu suchen.

Gott verdichtete sich zuerst als Form, und wir nennen ihn dann Kraft; dann
als Tat, und wir nennen ihn dann Liebe; dann als Wort, und wir nennen ihn
Geist. Der Geist ist im Wort; ich fhrte schon den Ausspruch an: #res
sociae verbis et verba rebus#, was Luther ungleich bildkrftiger ausdrckt:
Die Sprache ist die Scheide, in der das Messer des Geistes steckt. Im
Evangelium des Johannes heit es: Im Anfang war das Wort, und das Wort war
bei Gott, und Gott war das Wort. Anders ausgedrckt: Gott ist Geist, und
Geist ist im Selbstbewutsein, und mit dem Selbstbewutsein erscheint die
Sprache. Natrlich hatte es Wort schon vor der Ausgieung des Heiligen
Geistes gegeben; aber es war dunkel, weil der Geist gebunden war. Erinnere
dich bitte, da der persnliche Gott, indem er sich auflst, durchsichtig
wird; die Idee schimmert durch den dnn gewordenen Eigennamen. Das bedeuten
die wundervollen Worte des Paulus: Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in
einem dunklen Wort, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Der Dichter redet
verhllte Wahrheit in Bildern; der Denker sieht die Wahrheit nackt.

Gott wirkte zuerst gestaltend durch die Hand des Menschen und redend durch
seinen Mund: durch den Knstler und den Dichter. Du weit, da Drer gesagt
hat: Denn der alleredelste Sinn des Menschen ist Sehen. Dagegen steht
Luthers Ausspruch: Und kein krftigeres noch edleres Werk am Menschen ist,
denn Reden. Der eine geht von der Erscheinung, vom ueren aus, dessen
Sinn das Auge ist, der andere vom Geist, vom Inneren, dessen Sinn das Gehr
ist. Ich bin aber berzeugt, Drer, der Luther so sehr verehrte, wrde
ihm, mindestens gegen das Ende seines Lebens, recht gegeben haben; denn er
war ja ein Genie, welches sich vom bloen Knstler dadurch unterscheidet,
da es nicht nur Gestalt, sondern das Wort auch hat. Das Wort, als die
strkste Verdichtung des Geistes, kommt zuletzt; der Dichter ist das
eigentliche Genie, das Genie +kat exochn+, weil er die vorangegangenen
Stufen umfat. Der Geist denkt in Bildern, wie das der Traum zeigt; der
Dichter ist dadurch Maler, und Luther nennt Paulus einmal in bezug auf
seine eindrucksvolle Bildersprache einen groen Maler. Natrlich spreche
ich nicht vom bloen Wortknstler, sondern vom Dichter, der Phantasie hat.
Die Phantasie, die Einbildungskraft, ersetzt die Gestaltungskraft, die man
auch plastische, gestaltende Phantasie nennt; sie hat Bilder im Inneren, im
Geiste. Genie nennen wir denjenigen Knstler, der auch Denker und Dichter
ist, wie Drer und alle groen Knstler der Vergangenheit waren. Jetzt gibt
es keine Genies mehr, ja, die Knstler setzen ihren Stolz hinein, keine zu
sein; die Maler wollen nur Maler, die Dichter wollen nur Wortknstler usw.,
und in erster Linie wollen alle Weltmenschen sein; was sie auch sind.

Homer, der Dichter, war blind, so erzhlt die Sage. Das Auge des Dichters
ist von dem des Malers ganz verschieden: das des Malers liegt tief, wie
wenn das Organ, welches die Erscheinung aufnimmt, geschtzt sein sollte;
das des Dichters tritt dagegen mehr oder weniger hervor. Auch hat es einen
ganz anderen Blick als das des Malers, der die Erscheinung in sich
hineinzieht; das des Dichters geht ber die Erscheinung hinweg oder durch
die Erscheinung hindurch in das unsichtbare Innere. Der Knstler erfat die
Welt vom ueren aus, der Dichter vom Innern aus, und insofern ist der
letztere wirklich blind. Man hat von schnen Bildern Homers nie den
Eindruck, da er blind ist, sondern da er nach innen schaut und dort die
Welt schner wiederfindet. Nun ist es ja selbstverstndlich, da jeder
groe Dichter und Knstler beides, das uere und Innere, haben mu. Ich
finde es sehr interessant, da das hervortretende Auge zu den sogenannten
Degenerationsmerkmalen gehrt, das heit, es erscheint auf einer hohen
Entwickelungsstufe, woraus natrlich nicht folgt, da daraus immer auf
reiches Geistesleben geschlossen werden knne. Ohnehin htte ich eher
bedenken sollen, da ich nicht zu viel auf einmal sagen soll; aber ich sehe
dich so gern den Finger heben: Gefahren machen das Leben reizend.

La mich bitte darauf zurckkommen, da in Christus Gottbewutsein und
Selbstbewutsein eins wurde, zugleich aber mit seinem Sterben wieder
auseinanderfiel; es wieder zu vereinigen liegt jedem einzelnen ob. Seit
Christus steht sich Gottbewutsein und Selbstbewutsein getrennt gegenber;
du hast wohl nichts dagegen, da ich jenes als positiv, dies als negativ
bezeichne. Da das Selbst, die Person, die Verneinung oder Hemmung Gottes
ist, darber waren wir uns ja schon einig. Die Hemmung der formenden Kraft
ist die Unform und die Eigenform; die Hemmung der Tatkraft die Unttigkeit
oder die Missetat, die Hemmung der Wahrheit, des Sinns, ist Unsinn und
Lge; sowohl das Passive wie das Negative hemmt. Viele Menschen bestreiten,
da es eine Wahrheit, wie da es eine Schnheit, wie da es ein Gutsein
gibt; sie behaupten, fr den einen sei dies, fr den andern jenes wahr, gut
und schn. Der Christ ist anderer Meinung, weil er an das Gttliche im
Menschen glaubt; fr ihn ist Gott der ewige Richtpunkt, der Weltenrichter
mit dem Schwerte, das Gut und Bse, Schn und Hlich, Wahrheit und Lge
scheidet. Es ist ein tiefsinniger Zug im Evangelium, da Pilatus zu dem
verklagten Christus sagte: Was ist Wahrheit? Sie stand vor ihm, und er
fhlte sie ahnend; aber er erkannte sie nicht. Eine andere Frage ist, woran
man die Wahrheit erkennen kann. Die aus der Wahrheit sind, sagt Christus,
die hren meine Stimme, und an anderer Stelle heit es: die aus Gott
geboren sind, hren Gottes Stimme; man mu gtterhaft sein, um Gott zu
ergreifen. Einer von den Schwrmern zu Luthers Zeit sagte einmal, wenn Gott
sich den Menschen durch die Schrift htte offenbaren wollen, so htte er
eine Bibel vom Himmel fallen lassen. Darin liegt eben die Schwierigkeit,
da das Wort sich durch Menschen offenbart, die doch auch ihre eigenen
Worte haben; wie soll man Worte Gottes von Menschenworten unterscheiden, da
der selbstbewute Mensch als der Affe Gottes sich derselben Sprache bedient
wie Gott? Soviel ist sicher, da unsere Zeit es nicht kann, da sie
berhaupt an Gott nicht glaubt; es ist noch viel, wenn sie das Menschenwort
ausdrcklich vorzieht und dadurch ihre Theophobie, Angst vor dem
Gttlichen, zeigt.

#Verbum Dei manet in aeternum#, das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit. Unter
diesem stolzen und demtigen Spruch, dessen Anfangsbuchstaben der Kurfrst
von Sachsen seiner Dienerschaft auf die rmel sticken lie, und das so viel
miverstanden ist, forderte der deutsche Prophet die Welt in die Schranken
und hatte natrlich alle gegen sich, die auf ihre eigenen Worte eitel
waren. Luther hat bekanntlich die Bibel fr die Richtschnur erklrt, an
welcher alle Menschenmeinung mte gemessen werden; aber er hielt nicht
jedes Wort, das in der Bibel steht, fr Wahrheit. Bekanntlich hat er an
einige Bcher der Bibel scharfe Kritik angelegt. Noch weniger glaubte er,
da nur die Bibel Wahrheit enthalte, vielmehr sagt er ausdrcklich, da
Gott sich jederzeit den Menschen offenbart habe und es jederzeit tun
werde. Nur davon war er berzeugt, da das Wesen Gottes durch groe
Dichter, Menschen von schaffender Phantasie, in der Bibel in ewig gltigen
Bildern erschpfend offenbart sei, so da jede andere Offenbarung der
Wahrheit notwendig mit der in der Bibel verkndeten bereinstimmen msse.
Wirklich, vergleichst du Plato, Kant, Schopenhauer, Nietzsche, alle groen
Dichter und Denker aller Zeit mit der Bibel, so wirst du finden, da sie in
der Wahrheit bereinstimmen; was sie lgen, das reden sie aus ihrem
Eigenen. Was den Menschen zum Lgner macht, ist die Beziehung aller seiner
Wahrnehmungen auf sein Selbst. Du erinnerst dich vielleicht der uerungen
Vischers ber Luther, die unseren Briefwechsel veranlaten; sofern man
Wechselgesprch nennen kann, wenn der eine viel redet und der andere von
Zeit zu Zeit mifllig oder beifllig brummt. Je mehr der Mensch imstande
ist, von seinem Selbst abzusehen, die Dinge so aufzufassen, nicht oder
nicht nur wie sie ihm erscheinen, sondern wie sie sind, desto weniger lgt
er: es ist die vielgerhmte Objektivitt des Knstlers und Dichters, die
aber durchaus nicht Selbstlosigkeit, sondern vorbergehende Vereinigung von
Selbstbewutsein und Gottbewutsein, also Subjektivitt in der Objektivitt
ist. Das Selbstbewutsein und somit das Menschenwort verdrngt das
Gottbewutsein und das Gotteswort; sie stehen in einem Verhltnis wie zwei
Eimer, von denen der eine steigt, wenn der andere sinkt und umgekehrt.

Luther erzhlte dem Barbier, Meister Peter, der ihn um Belehrung bat, wie
man beten solle, da er selbst sich nicht an bestimmte Worte binde, wiewohl
er mit dem Vaterunser anzufangen pflege. Darber komme er oft, wie er sich
ausdrckt, in reiche Gedanken spazieren: Und wenn auch solche reiche gute
Gedanken kommen, so soll man die anderen Gebete fahren lassen und solchen
Gedanken Raum geben und mit Stille zuhren und beileibe nicht hindern: denn
da predigt der Heilige Geist selber. Und seiner Predigt ein Wort ist viel
besser denn unserer Gebete tausend. Und ich habe auch also oft mehr gelernt
in einem Gebet, als ich aus viel Lesen und Dichten htte kriegen knnen.
Anderswo sagt er ber das Gebet, es msse frei aus dem Herzen gehn ohne
alle gemachten und vorgeschriebenen Worte und mu selbst Worte machen,
darnach das Herz brennt. In den Psalmen heit es: #Audiam quid loquatur in
me Deus#; ich werde hren, was Gott in mir redet. Es gibt keine bessere
Vorschrift fr einen Dichter.

Vorhin erwhnte ich den Ausspruch Luthers: Das erste, was aus dem Herzen
bricht und sich ergiet, ist das Wort. Aus dem Herzen strmt Geist, und in
dem Augenblick, wo er auf die Lippen und zugleich auf die Schwelle des
Bewutseins tritt, wird er Wort. Alle Worte, die das Herz zum Ursprung
haben, die Quell- oder Urworte, sind deshalb Zauberworte, weil sie
verdichteter Gott, also verdichtete Kraft sind.

Zu allen Zeiten hat das Wort zum wirksamen Zauber gehrt, das wirst du aus
Mrchen und Sagen wissen; aber es mu das rechte Wort, das Herzenswort
sein, und die meisten Menschen vergessen es. Nur reine Jnglinge und
Jungfrauen, das heit Gottangehrige, wissen es und knnen damit erlsen.
Mit solchem Wort hat Gott die Welt geschaffen. Er schafft ja nicht als
durch sein Wort, sagt Luther, und Paulus: Gott ruft oder nennt das da
nicht ist, da es sei. Indem die Idee der Welt auf die Schwelle des
gttlichen Bewutseins tritt, ist die Welt da. Man mchte rasend werden,
da Menschen darber nachgrbeln, ob die Schpfung der Welt, wie die Bibel
sie erzhlt, mit den Ergebnissen der Wissenschaft bereinstimmt. Uns ist
sie da, wenn sie uns ins Bewutsein tritt; aus dem Chaos des Herzens steigt
sie jeden Morgen, perlend neu, wenn wir sie sehen und nennen. Wer das nicht
erlebt, der wird nie begreifen, da mit dem Zauberworte Gottes: Es werde
Licht! die Welt da war.

Das Herz ist das Sprachrohr, der Mund Gottes; umgekehrt ist unser Mund der
Brunnenrand des Herzens oder sollte es wenigstens sein. #Abundantia cordis
os loquitur#, aus der Flle des Herzens spricht der Mund. Luther bersetzte
bekanntlich: Wes das Herz voll ist, fliet der Mund ber; es ist
bildkrftiger gesagt, indem es uns Herz und Mund als einen Becher, dessen
Rand der Mund ist, vor Augen stellt. Ein geistvolles Herz mu zuerst da
sein, damit der Mund gttliche Worte, Zauberworte, Dichterworte, sprechen
kann: Groe Gedanken und ein reines Herz, das ist's, was wir uns von Gott
erbitten sollten.

Du magst meinetwegen sagen, das Meer, aus welchem das Herz gespeist werde,
sei das Gedchtnis der Menschheit. So wie der einzelne Mensch etwas in sich
aufnehme und es vergesse, bis es gelegentlich aus dem Unbewuten wieder
auftauche, so habe die gesamte Menschheit ein Gesamtgedchtnis, an dem
jeder einzelne teilhabe, und aus diesem Brunnen stiegen die Ideen, die
wahren und ewigen Worte. So lt die griechische Mythe Mnemosyne, die
Erinnerung, die die Welt erinnert, ins Innere aufnimmt, die Mutter der
Musen sein. Da Gott sich in der Menschheit entwickelt hat, mu das
Gedchtnis der Menschheit wohl die Ideen Gottes enthalten; es kommt also
auf dasselbe heraus, ob du von Gott oder dem Unbewuten oder dem
Gesamtgedchtnis der Menschheit sprichst. Wenn du nur den Unterschied
zwischen Gemachtem oder Gewordenem anerkennst.

Die Geschichte jedes Genies ist die Geschichte vom Kampf des gttlichen
Wortes oder der Idee mit dem Menschenworte. Gewohnheit, Nutzen und Zweck,
die in der Welt herrschen, mssen sich ihrer Art nach dem himmlischen
Fremdling widersetzen.

Der Kampf Luthers mit der katholischen Kirche drehte sich darum, da der
Papst ber der Heiligen Schrift stehen, Luther dagegen in Glaubenssachen
keine Menschenmeinung anerkennen wollte, die nicht mit der Heiligen Schrift
bereinstimmte. Die Katholiken beriefen sich auf einen Ausspruch des
heiligen Augustinus, er wrde dem Evangelium nicht glauben, wenn er nicht
der Kirche glaubte; Luther sagte, das Wort mache die Kirche, nicht
umgekehrt. Nur das Vermgen, Menschenwort von Gotteswort zu unterscheiden,
schrieb er der Kirche zu; also ein kritisches, das schpferische sprach er
ihr wie allen Menschen ab, das heit den Menschen, wenn sie aus ihrem
Eigenen reden. Aber auch er mute klagen ber die Blinden, die nicht
knnen so viel Unterschieds haben, da ein ander Ding ist, wenn der Mensch
selbst oder wenn Gott durch den Menschen redet -- #o furor et amentia his
saeculis digna!#

Es ist in der Tat ein Zeichen uerster Entfernung von Gott, wenn der
Mensch nicht einmal mehr kritisieren, das heit Echtes vom Unechten, das
Gewordene vom Gemachten unterscheiden kann. Natrlich kann es der
Unglubige nicht, fr den es berhaupt nur Menschliches gibt; und da im
Gleichartigen kein Unterschied ist, frit der unglubige Kritiker sich
selbst auf. Luther spricht einmal davon, da die Kirche, weil aus der
freien Forschung in der Schrift verschiedene miteinander streitende
Auffassungen und Irrlehren entstanden seien, das Studium der Bibel
berhaupt verboten habe; um Einheit des Glaubens, Wahrheit, zu erzielen,
habe sie, eine hchst merkwrdige Verirrung, den Quell der Wahrheit
versiegelt. Dasselbe geschieht, wenn die Wissenschaft, aus Angst vor
Hirngespinsten und um nicht aus ihren ausgetretenen Geleisen geworfen zu
werden, alle Ideen ablehnt; aus Ideenscheu begngt sie sich mit
Einzelbeobachtungen und Experimenten und schliet sich in die Mauer
sinnlicher Erfahrung ein, hinter der aus Luftmangel das Leben ersticken
mu. Nicht nur Kunst und Wissenschaft, die ganze Welt lebt von Ideen; der
Mensch, sagt Christus, lebt von einem jeglichen Wort, das durch den Mund
Gottes geht.

Die Zwietracht zwischen Kopf und Herz oder dem unbewuten und bewuten, ich
sage lieber dem gottbewuten und selbstbewuten Wort ist von jeher
aufgefallen. Man bemerkte, da Kinder, Narren und Betrunkene die Wahrheit
sagen, man betubte die delphischen Priesterinnen, zu denen man ohnedies
einfache Bauernmdchen, nicht Gelehrte whlte. Viele Menschen werden
erfahren haben, da ihnen etwas nicht einfllt, wenn sie sich darauf
besinnen, sondern erst, wenn sie nicht mehr daran denken; auf Fragen, die
das wache Selbstdenken nicht lsen kann, taucht oft die fertige Antwort des
Morgens aus dem Schlafe. #Spirat ubi vult#, der Geist weht, wo er will. Die
Zwietracht unter der Schrift und Menschenlehre, sagt Luther, knne man
nicht eins machen: Sintemal sie nicht mgen eins werden und natrlich
mssen untereinander sein, wie Wasser und Feuer, wie Himmel und Erde, wie
Jesaias davon redet, Kap. 55.8,9: >Wie der Himmel von der Erde erhht
ist, so sind meine Wege erhaben von euren Wegen.<

Mir scheint das wiederum das Grte an Luther, da er sich trotz der
Erkenntnis dieser Zwietracht nicht darin verrannte, nur das Gotteswort
gelten lassen zu wollen. Viele, die das genannte Wechselverhltnis zwischen
Menschen-und Gotteswort bemerkt haben, suchen sich dadurch genial, das
heit schaffend, zu machen, da sie den Verstand ganz unterdrcken,
womglich nichts lernen und ber nichts nachdenken; was aber tatschlich
nicht dem Geist, sondern dem Fleisch zugute kommt. Luther sagte: Wenn die
Vernunft vom Heiligen Geist erleuchtet ist, so hilft sie judizieren und
urteilen die Heilige Schrift ... Also dient die Vernunft dem Glauben auch,
da sie einem Ding nachdenkt, wenn sie erleuchtet ist. Die Wahrheit
bewhrt sich zwar, aber sie kann sich nicht beweisen, beweisen mu das
Menschenwort durch die Logik; darum sagt Luther, da das Gotteswort an
einem dnnen Faden, das Menschenwort an einer eisernen Kette hnge. Diese
Kette mu das Wort Gottes binden, um es uns zu erhalten; aber es lt sich
nur binden, wenn es geglaubt wird. Gott der Geist selbst, sein Dasein, kann
niemals bewiesen, er mu geglaubt werden; glaubt man ihn aber, so offenbart
er sich in Werk und Wort, das sich beweisen lt und bewiesen werden soll.
Weit entfernt, der Bettigung des menschlichen Eigengeistes entgegen zu
sein, tat Luther den Ausspruch: Schulen erhalten die Kirche. Es war ihm
aufgefallen, da der Erneuerung des Evangeliums das Wiederaufblhen der
Sprachen in Italien vorausgegangen war, und er begriff den Zusammenhang.
Wenn er sagt, der Heilige Geist habe die Sprachen vom Himmel gebracht, und
das Nichtverstehen der Bibelworte komme vom mangelnden Verstndnis der
Sprache, so heit das, da die Sprache der unmittelbare Ausdruck des
Geistes ist, und da man den Geist in den Sprachen msse ergrnden knnen,
sowie man sie nur bis in die Wurzeln verfolge. Gott gibt niemandem seine
Gnade oder seinen Geist, sagt er, ohne durch oder mit dem vorgehenden
uerlichen Wort. Das uerliche Wort aber ist dem menschlichen
Selbstdenken zugnglich.

Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht der Brief des Apostels Paulus an die
Korinther ber den Unterschied zwischen Reden mit Zungen und Weissagen.
Unter dem Zungenreden verstand er Worte, die sich nur an das Gefhl, nicht
zugleich auch an den Verstand wenden, die einer also, nach seiner
Ausdrucksweise, nur sich selbst und Gott redet, nicht den Menschen.
Hingegen soll man auch den anderen Menschen verstndlich sein und das mit
Zungen Geredete auslegen, das heit das Gotteswort dem menschlichen
Begriffsvermgen anpassen. Wie soll es aber denn sein? Nmlich also: ich
will beten mit dem Geist und will beten auch mit dem Sinn; ich will Psalmen
singen im Geist und will auch Psalmen beten mit dem Sinn. Wir wrden etwa
sagen: Was wir im Rausche empfangen haben, sollen wir in Besonnenheit
ordnen. Luther fhrt als Beispiel den Knaben David an, der den Riesen
berwand: er vertraut auf Gott, da er ihm den Sieg geben wird, aber er
gebraucht nichtsdestoweniger seine Waffen. So sollen wir unsern
menschlichen Verstand dem Geiste mitwirken lassen, der sich uns ohne unser
Zutun gibt.

Aber nicht nur das Gotteswort zu beweisen, soll das Menschenwort dienen,
sondern ohne die persnliche Wahrheit wre die gttliche gar nicht da. Das
ist ja gerade der Grund, warum das Weib nicht selbst Genie ist, sondern ihr
Sohn, dessen Selbst das Gotteswort, das sie ihm bertrgt, binden kann. Nur
dem Widersprecher offenbart das gttliche Wort sich ganz; andererseits hat
er nur als Widersprecher Wert. Sowie das Menschenwort das gttliche Wort
verdrngt, sich an seine Stelle setzt, verliert es auch die eigene Kraft
und den eigenen Wert. Der Teufel, sagte Luther, achtet meinen Geist
nicht so sehr als meine Sprache und Feder in der Schrift. Denn mein Geist
nimmt ihm nichts denn mich allein; aber die Heilige Schrift und Sprache
machen ihm die Welt zu eng und tun ihm Schaden in seinem Reich.

Beide zusammen machen es aus: die Schrift und seine Sprache und Feder in
der Schrift, die gttliche Offenbarung, und der persnliche Geist, der die
Offenbarung vernimmt.

Wenn man formulieren will, kann man sagen: das Wort ist die gewordene
Kraft, die Christus der Menschheit gab, um ihr die werdende zu ersetzen,
die sie mit seinem Erscheinen verloren hatte. Sie ist wissend geworden;
aber wenn auch die Krone im Lichte steht, mu doch die Wurzel in der
fruchtbaren Dunkelheit der Erde bleiben und der Samen aus der Frucht dort
hineinfallen.

Du wirst es deiner Scheherazade verzeihen, wenn sie dem Wort einen berflu
an Worten gewidmet hat. Ich liebe das Wort, wenn es glitzernd und
zwitschernd ber bewegliche Lippen pltschert, und ich liebe es, wenn es
als ein schner Fremdling auf einen stolzen und scheuen Mund tritt. Ich
liebe es, obwohl es zweischneidig ist wie das Schwert und wie das Licht.
Ein Lichtbringer ist es, wie der schnste und unseligste der Engel, wie der
unbarmherzig-gndige Morgenstern. Vielleicht bist du diesmal dem silbernen
Hahn nicht bse, der uns auseinanderkrht und mich verhindert, ber die
Doppelzngigkeit des erleuchtenden Wortes noch mehr Worte zu verschwenden.




X


La diese dunkelwolkige Nacht dem schnen Feinde Luzifer gewidmet sein;
doch mu ich, meiner Grndlichkeit gem, mit dem Teufel beginnen, was
nicht ganz dasselbe ist. Bei dieser Gelegenheit komme ich wieder einmal auf
gewisse lutherische Theologen, die ihren Helden zuweilen so schrecklich
miverstehen und dadurch sein Bild in den Dreck der Dummheit und
Lcherlichkeit gezogen haben. Du kannst in allen, wenigstens in vielen --
denn ich kenne lngst nicht alle -- Lutherbiographien gnnerhafte Klagen
darber hren, da er so aberglubisch und mystisch, wie sie es nennen,
gewesen sei, da er an den Teufel und an Zauberei geglaubt habe, weswegen
man ihm jedoch nicht zrnen solle, denn es sei ja nun einmal so, da jeder
groe Mann seine Schwchen haben msse. Sie denken allen Ernstes, Luther
habe an einen gefleckten Mann mit Hrnern und Schwanz geglaubt, der in den
Straen herumhinke mit einem Blasebalg, wie man es auf alten Bildern sieht,
und den Leuten teuflische Gedanken durchs Ohr ins Herz blase. Sie halten
ihn fr pueril, wie kolampad tat, als Luther die Allgegenwart Gottes an
dem Bilde der menschlichen Seele klarzumachen versuchte, die, obwohl eine
Einheit, doch in jedem kleinsten Teile des Krpers gegenwrtig sei. Sie
wissen nicht, da, wo kein Teufel, da auch kein Gott ist, und da, die
nicht an den Teufel glauben, dadurch deutlich bezeugen, da sie auch an
Gott nicht glauben. Sie stellen sich, was sie auch sagen mgen, Gott als
einen alten Mann mit weiem Bart vor, aus welchem Grunde sie ja auch im
tiefsten Herzen gar nicht an ihn glauben; denn wenn sie das nicht tten,
wrden sie nicht als selbstverstndlich voraussetzen, da fr den
Teufelsglubigen der Teufel ein Mann mit Bocksfu und Hrnern sein msse.
Luther wute, da Gott Kraft und der Teufel von Gott abgelenkte oder sich
Gott widersetzende Kraft ist; da er also, soweit er ist, Gott selbst ist,
und sein Sein nur im Begriff des Sichwidersetzens liegt, weshalb er ihn
oft mit einem gewissen Hohn bloen Geist, ohne Erscheinung, nennt. In einer
berhmten Lutherbiographie kannst du lesen: Ein wissenschaftlicher Streit
war mit Luther nicht zu fhren, da er jeden Widerspruch gegen seinen
Glauben vom Teufel herleitete; Zwingli dagegen glaubte an das Recht der
Vernunft und den Segen der Logik. Wenn Luther seine zwinglianischen Gegner
als teuflisch betrachtete, so wollte er damit sagen, es sei ihnen nicht um
die Wahrheit, sondern um das Durchsetzen eigener Gedanken zu tun oder auch
nur, in bezug auf Karlstadt zum Beispiel, um das eigene Ansehen. brigens
waren die Grnde, die Zwingli, kolampad und Karlstadt gegen Luthers
Abendmahlslehre vorbrachten, so kindisch, da ein Kind sie widerlegen
knnte, Luther dagegen hat nie geruht, bis er mit unerbittlicher Logik
bewiesen hatte, was berhaupt beweisbar ist; Gott selbst, das eine und
unteilbare Sein, lt sich natrlich nicht beweisen, sondern wird geglaubt,
wenn es im eigenen Ich gewut wird.

Luther hat sich ber Aberglauben, Zauberei und dergleichen so deutlich
ausgesprochen, da die Menschen ihn nicht miverstehen knnten, wenn der
Teufel sie nicht verblendete, das heit, wenn sie nicht alles durch das
gefrbte Glas ihrer eigenen Persnlichkeit shen. Man liest gewhnlich nur,
was man schon vorher wute. Er war der Ansicht, da der, welcher an das
Bse glaubt, geradeso gut Berge versetzen kann wie der, welcher an Gott
glaubt; denn Glaube ist Glaube und Kraft ist Kraft, und man kann genau so
viel, wie man glaubt. Warum sollte es aberglubisch sein, zu glauben, da
Hexen und Zauberer den Menschen Bses anwnschen knnen, und nicht
aberglubisch, zu glauben, da Christus Kranke heilen und Tote lebendig
machen konnte?

Luther glaubte nichts anderes, als da Kraft Kraft anzieht, und da Kraft
auf Stoff wirkt, und da der Mensch Kraft aus seinem Herzen schpfen kann,
gttliche aus einem reinen, teuflische aus einem bsen Herzen.

Denn diese schwarze Kunst hat ihr verborgenes Geheimnis und geschieht, was
sie machen, wenn sie Glauben daran haben! Nicht glauben tat Luther, da
Hexen auf einem Besen reiten, da sie sich in Katzen verwandeln, kurz
nichts, was gegen die Naturgesetze ginge. Das sind ihm lauter
Teufelsgespenster und Verblendungen und ist nicht die Sache selber. Es
mge wohl sein, schreibt er, da Hexen im Schlafe oder in der Verzckung
whnten, sie liefen oder tten dies und das, whrend sie tatschlich im
Bette lgen. Und wer mag doch alle leichtfertigen, lcherlichen, falschen,
nrrischen, aberglubischen Dinge erzhlen, so die Weiber treiben, damit
sie der Teufel bald betrogen hat. Das ist ihnen von ihrer Mutter Eva
angeboren, da sie sich also ffen und betrgen lassen.

Ebenso nachdrcklich, wie er vor Verblendung warnt, betont er aber die
Mglichkeit vom Einflusse bsen Wollens auf andere Willenskraft oder auf
Stoffliches. Aber ach, da Gott erbarme! wie sind wir doch heutigen Tages
so gar sicher allzumal, beide, gro und klein, Gelehrte und Ungelehrte;
tun, als ob der Teufel gestorben wre, und ist nun dahin mit uns gekommen,
da wir auch, unser Ding zu erhalten, des wir uns nrrisch eingebildet, die
blutigsten Kriege fhren und hadern ohne Aufhren.

Wenn Luther das Tintenfa nach dem Teufel geworfen hat, so beweist das
nicht, da er den Teufel leibhaftig vor sich zu sehen glaubte, sondern da
er sich aus einer Selbsttuschung herausreien wollte. Einmal entstand in
einer Kirche, whrend er predigte, Aufregung, weil man glaubte, die Gerste
strzten ein; er schnitt die entstehende Panik damit ab, da er zu der
Gemeinde sagte, sie sollten ruhig bleiben, es sei nichts, das tue der
Teufel. Das heit: eure Furchtsamkeit verblendet euch und lt euch
wahrnehmen, was nicht ist. Gott, sagte er, besttigt wohl sein Wort mit
einem nachfolgenden Zeichen, aber er macht es niemals umgekehrt, und wer
Zeichen zu sehen glaube, ohne da das Wort vorausgegangen ist, befindet
sich in einer Selbsttuschung. Zeichen, die durch vorausgehendes Wort
verkndet werden, sind ja nicht Wunder, sondern von wenigen, vielleicht nur
von einem erkannte Wahrheiten. Der gebildete Europer kann den Wilden
Sonnenfinsternisse voraussagen und sich dadurch als Wundertter darstellen;
es ist wesentlich nichts anderes, wenn die Propheten das knftige
Erscheinen Christi weissagten.

Whrend der unglubige Melanchthon sich in die Astrologie versenkte, sagte
Luther: Wir sind Herren der Sterne. Er war so vollstndig von Aberglauben
frei, wie nur der Gottglubige oder der durchaus Weltglubige sein kann;
der eine hat eine exakte, auf die Wahrheit gerichtete Phantasie, der andere
hat gar keine. Der Unglubige hat eine lgnerische, die ihm vorspiegelt,
was er hofft oder frchtet, was aber nicht ist.

Ich sagte, glaube ich, schon einmal, da Luther drei Stufen der Versuchung
unterschied: die erste durch Trgheit und Sinnlichkeit, die den Menschen in
der Jugend befllt; die zweite durch den Ehrgeiz, das Streben nach Macht,
Ruhm und Ansehen in der Welt, die Versuchung des Mannesalters; schlielich
die dritte und letzte, wo der Mensch, alle anderen verachtend, sich selbst
vergttert, sich an Gottes Stelle setzen will. Man kann nach diesen Stufen
den dummen Teufel, den bsen Teufel und den stolzen Teufel, Luzifer,
unterscheiden.

Den Teufel lie Luther, wie du weit, gelten, er glaubte an ihn. Gott und
der Teufel sind ihm zwei Frsten, die sich gegenseitig bekmpfen. Christus
hat zum Teufel gesprochen: Regiere du die Welt; also ist er legitimer Frst
der Welt, wie Gott im Reiche Gottes Herr ist. Es ist selbstverstndlich,
da Gott auch der Welt Herr ist; aber er hat sie sich nach einem Ausdruck
Luthers an die linke Hand getraut und lt zu, da sie dem Teufel dient.
Luther, der die Welt durch und durch kannte, hate sie dementsprechend. Er
wute, da das Gesetz des Kampfes ums Dasein in ihr herrscht; da in der
Welt, so drckte er es aus, der Strkere den Schwcheren in den Sack
steckt. Es war fr ihn das Reich der Tiere, aus denen das Gesetz erst
Menschen machen mu. Sein ganzes Leben war ein leidenschaftlicher Kampf
gegen die Welt; dennoch dachte er nie daran, sie an sich zu verneinen. Er
nannte den Teufel den Affen Gottes, und in diesem Sinne muten ihm die
sichtbare Kirche, Akademien, Universitten Affen der unsichtbaren Kirche,
mute ihm die Ehe der Affe der Liebe sein; trotzdem hat er weder die
Kirche, noch die Universitten, noch die Ehe abschaffen wollen. Das
Christentum ist durchaus paradox, indem es etwas als durchaus verwerflich,
zugleich aber als notwendig, und insofern knnte man sagen, als gut
hinstellt. Einer von Luthers Gegnern stellte einmal alle Widersprche in
Luthers Lehre in einem Buche zusammen. In bezug darauf schrieb Luther an
Melanchthon: Wie knnen diese Esel ber Widersprche in unserer Lehre
urteilen, die keinen Teil des einander Widersprechenden verstehen? Was kann
unsere Lehre in den Augen der Unglubigen anders sein als bloer
Widerspruch, da sie die Werke zugleich fordert und verurteilt, die
Gebruche zugleich aufhebt und wieder einsetzt, die Obrigkeit zugleich
verehrt und anschuldigt, die Snde zugleich behauptet und leugnet? Wie
sehr versteht man, da Luther sich oft Gewalt antun mute, um seine Gegner
nicht schweigend zu verachten, sondern zu bekmpfen!

Whrend Luther den Teufel als einen Feind hate, den man doch anerkennt, ja
sogar bewundern kann, hate er Luzifer schlechthin. Von der Versuchung des
Luzifer, der er selbst unterworfen war, sprach er nicht ohne Furcht und
Grauen. Den gemeinen Teufel nannte er den inkarnierten, den
eingefleischten, weil er durch das eigene Fleisch oder in Gestalt anderer
Menschen einen angreift, und er beneidete seine Freunde, die nur ihn
kannten, nicht den Teufel in seiner Majestt, den Teufel im Geiste, eben
Luzifer. Dieser nmlich ist vom Teufel wesentlich verschieden, er hat einen
anderen Ursprung und andere Wirkungen. Der bse Teufel kommt aus dem
Herzen, wie es in der Bibel heit: Aus dem Herzen kommen bse Gedanken; und
diese gemeinsame Wurzel beweist seine Gottverwandtschaft. Kme das Bse
nicht aus dem Herzen, so knnte es keine schwarze Magie geben, da es sonst
keine Kraft htte. Selbstliebe ist so gut Kraft wie gttliche Liebe, es ist
dieselbe Kraft, nur auf verschiedene Punkte bezogen; der bse, grausame,
tyrannische Mensch kann in jedem Augenblick zum verschwenderisch gtigen
werden, wenn seine Liebeskraft von seinem Selbst auf Gott umspringt.
Scheinbar kann man sich besser auf den Kopf verlassen als auf das Herz,
weil man da auf festem Boden steht; aber was gibt mir dieser Bretterboden
oder Steinboden? Ich verlasse mich nur auf ein Herz, obwohl es ein
bewegliches, bodenloses, ewig wechselndes Meer ist.

Luzifer hat keinen Sinn fr die wilde, zufllige Schnheit; er will
vollkommen und Gott gleich sein, nmlich dem abstrahierten Gott, den er
sich ausgedacht hat. Er lt Hrner und Pferdefu nicht mehr sehen, sondern
verstellt sich in einen Engel des Lichts, an den alten Teufel erinnert
nichts mehr; sein eigentliches Wesen, seine Selbstliebe verlarvt er. Da ist
nun der Punkt, weswegen er so gefhrlich ist: er ist nicht wie der gemeine
Teufel eine Hemmung der Kraft, die die Kraft erst hervortreten lt,
sondern er ist eine Hemmung der Hemmung und hebt dadurch das Spiel des
Lebens auf. Die Form des Lebens ist nicht der Kreis mit einem Mittelpunkte,
sondern die Ellipse. So wie der moralische Mensch seine natrliche
Selbstsucht erstickt, um eine erdachte Vollkommenheit zu erreichen,
vertreibt er auch das Gttliche: er kann, mit anderen Worten, die Ttigkeit
des Herzens nicht hemmen, ohne das ganze Herz zu lhmen. An die Stelle der
heien Hlle tritt die kalte oder das Nichts. Sobald der Kopf das Herz
verdrngen und ersetzen will, ist der Mensch dem Tode geweiht, wird er aus
einem lebendigen Organismus zu einem Automaten. Insofern die aus Gott
abgeleitete, aber sich Gott widersetzende Kraft ihrem Wesen nach der Mann
ist, kann man die luziferische Hemmung auch eine Selbstentmannung nennen,
deren Folge Unproduktivitt ist. berwiegend moralische Menschen, Vlker
und Zeiten sind unproduktiv.

Das bestndige Wirken der eigenen Kraft, der Selbstttigkeit, verdrngt
Gott, die nicht von unserer Willkr abhngende Kraft, das ist die
Liebeskraft oder Schaffenskraft. Im einzelnen uert sich das als Mangel an
Gestaltungskraft, plastischer und dichterischer Phantasie, Mangel an
Tatkraft und Ideenlosigkeit. Der moralische und der edle Mensch sind
phantasielos, tatenlos und ideenlos. Der Welt kann nun allerdings die Moral
zugute kommen, wovon England ein sehr deutliches Beispiel ist; aber mit der
Zeit mu infolge des Mangels an lebendiger Kraft doch ein Absterben
eintreten. Manchmal geschieht es, da das hinter der moralischen Larve fast
erstickte Feuer sich emprt und die Kruste zerreit, was dann einen
vollstndigen inneren Zusammenbruch bedeutet. Davon gibt die Geschichte
Nietzsches ein tragisches Beispiel. Er lebte in einer durchaus moralischen
Zeit und stammte aus einer berwiegend moralischen Familie. Seine Briefe
sind unertrglich trocken und drftig, es fehlt ihnen ganz das, was
Wlfflin so schn den Zauber des Zuflligen nennt, das Freie,
berraschende, der gttliche Hauch. Er schlo sich eng an Schopenhauer, der
die Wahrheit ahnte, aber niemals aus der moralischen Verlarvung, die er
doch hate, herauszukommen vermochte; ebenso war es mit Wagner. Von diesen
beiden bezog er seine Ideen; eigene hatte er zunchst nicht.
Bezeichnenderweise fhlte er sich besonders zu Burckhardt hingezogen. Jeder
genial begabte Schweizer mu, bevor er schaffen kann, eine auergewhnlich
starke Kruste von Moralitt und Eigenheit abschmelzen. Dieser Aufwand von
Glut und diese dicke Kruste machen, da nur wenig Frchte gezeitigt werden,
da sich diese aber durch Reife und Sigkeit auszeichnen. Die
schweizerische Kunst ist kein Brot des Lebens fr die Menschheit, sondern
ein Leckerbissen fr eine erlesene Tafel. Was aber bei Burckhardt organisch
war, war bei Nietzsche krankhaft; denn die Schweizer bleiben geduldig in
ihrem Gehuse, das ihnen im Grunde bequem ist, und glhen es nur
stellenweise etwas an. Nietzsche dagegen strebte jh heraus und ruhte
nicht, bis die Kruste zerrissen war, hnlich wie Kleist; das Leben
wechselte bei ihnen zwischen Erstarrung und vulkanischen Ausbrchen.
Nietzsche wollte sich von der Moralitt durch Immoralitt befreien, den
Teufel durch Beelzebub austreiben; die hhere Einheit, unter der er den
Widerstreit htte vereinigen knnen, fand er nicht. Er hatte, anders
ausgedrckt, ein berma von Negation in sich, womit er sich nicht abfinden
und das er doch nicht aufwiegen konnte. Htte er sich begngt, ein paar
reife, se Frchte zu tragen, das wre mglich gewesen, und er hat es ja
auch getan; aber als Deutscher mute er Brot des Lebens allen Menschen
geben wollen, und dazu war er zu verselbstet.

Nicht die Negativitt, das Frsichsein und Frsichwollen ist verderblich,
es ist vielmehr erforderlich; nur dann ist es absolut zu verdammen, wenn es
das Gttliche verdrngt, und dahin gerade strebt es mit Notwendigkeit. Es
liegt im Wesen des Menschen, der Person, alles fr sich zu wollen, also
Gott sein zu wollen; im Augenblick, wo er alles erreicht zu haben glaubt,
hat er alles verloren.

Ich denke mir, du bist unzufrieden, da ich die Moralischen und die Edlen
und Stolzen zusammenwerfe, whrend doch die letzteren viel hher stehen.
Also will ich den Unterschied noch einmal betonen, der darin besteht, da
die Moralischen irgendeine Belohnung auer sich, die Stolzen nur die eigene
Zufriedenheit suchen. Die Worte Adel und Edel haben dieselbe Wurzel, und
Adel ist seinem Wesen nach Selbstanbetung und infolgedessen Absonderung
durch Inzucht. Die Folge der Inzucht ist zuerst Steigerung des erlangten
Typus durch Hufung seiner Merkmale, dann Verkmmerung und Absterben durch
Mangel an Gegensatz. Dem Adel in seiner Blte, wenn er die Macht an sich
reit, ist es nur um diese zu tun, Reinheit des Blutes und auch seine
Titel, soweit sie nicht Privilegien einschlieen, sind ihm noch nicht sehr
wichtig; erst auf dem Hhepunkte seiner Macht schliet er sich ab. Mit dem
Eroberertypus, dem, der die Macht erlangt hat, ist die Kraft erschpft;
sein Nachfolger, der Knigstypus, erbt nur des Ahnherrn groe Zge,
nicht mehr als Ausdruck des Innern, sondern als Maske. Die Kraft aber, die
sein Ich nicht mehr binden kann, umgibt ihn als ein schtzender Mantel und
hlt das Volk in Ehrfurcht von ihm fern, das, wenn es ihn berhrte und
gewahr wrde, da er innen hohl und unendlich viel schwcher ist als
jeder einzelne von ihnen, ihn vernichten wrde.

Den Adel der Selbstanbetung kann jeder Mensch, jeder Stand, jedes Volk
erreichen. Den adligsten Adel fand ich in der Schweiz; das ganze Volk
leidet ja an Selbstanbetung und Absonderung durch Inzucht. Die
Ausgeglichenheit und berlegenheit, die Kultur, die in gewissen Schweizer
Stdten und Familien vorhanden ist, verhltnismig auch auf dem Lande, hat
etwas unwiderstehlich Einnehmendes und Imponierendes; aber der damit
verbundene Mangel an Herzhaftigkeit entfremdet auch wieder. Mangel an
Phantasie, Mangel an Taten und Ideen sind die verhngnisvollste Folge der
Selbstanbetung und Absonderung.

Es ist gefhrlich, wenn der Mensch in dem Augenblicke, wo er in den Spiegel
des Sichselbsterkennens sieht, zu schn ist; je geringer der Unterschied
zwischen ihm und der gttlichen Vollkommenheit ist, desto eher kann er sich
selbst mit Gott verwechseln. Der Selbstgenu der eigenen Schnheit ist ein
Fluch, wie schon das Mrchen von Narkissos lehrte, und sondert vom Leben
ab. Deswegen will ich aber der Schnheit ihre Schnheit nicht abstreiten;
ja, ich leugne nicht, da der veredelte Mensch, Luzifer, der Rebell, der
aus eigener Kraft gotthnlich werden will, einen gefhrlichen Zauber auf
mich ausbt. Es ist eine Schnheit, die durch das tragische Siegel des
Todes geweiht ist.

Luther sagte einmal: Gott hat in tausend Jahren keinem Bischof so groe
Gaben gegeben als mir, denn Gottes Gaben soll man sich rhmen. Ich bin
zornig auf mich selbst, da ich mich ihrer nicht von Herzen freuen noch
danken kann. hnlich sagte Gustav Adolf, der fest glaubte, er sei von Gott
verordnet, das Wort Gottes zu schtzen, wenn er falle, so liege daran
nichts; denn Gott knne wohl einen anderen Kavalier erwecken, der die
Kirche noch besser verteidigte, als er getan habe. Das Geheimnis, da das
Genie sich seiner Gre bewut und doch nicht eitel ist, liegt darin, da
sie aus dem Herzen kommt, das dem Menschen gehrt, dem aber auch der Mensch
gehrt.




XI


Ich will die Lehre von der Dreieinigkeit noch einmal zusammenfassen: Gott
ist schaffende Liebe; er uert sich dreifach als Gott-Natur, Gott-Mensch
und Gott-Geist. In Gottes Ebenbilde, dem Menschen, uert sich die
gttliche Kraft entsprechend als Gestaltungskraft, Tatkraft und
Glaubenskraft oder Vernunft. Auf der ersten Stufe des Geistes, der der
Phantasie, erfat der Mensch die Welt als unendlich viele Einzelheiten, die
ihm alle gttlich sind, so da die ganze Welt ihm gttlich ist, aber
unbewut; auf der Stufe der Tatkraft erfat er die Welt als Gegensatz
zwischen dem Einen persnlichen Gott und dem teuflischen Gegengott, dem
menschlichen Selbst; zuletzt glaubt er an eine gttliche Welt, deren
Inneres mit seinem Inneren zusammenfllt. Seit die Menschheit die Welt als
unendlich ansieht, drfen wir ganz wohl Welt, im Sinne von Kosmos natrlich
hier, statt Gott setzen, und da die drei Offenbarungen der gttlichen Kraft
sowohl nebeneinander wie nacheinander erscheinen, drfen wir sagen, da die
Welt sich stufenweise entwickelt. Danach lautet der wesentliche Inhalt von
Luthers Glaubensbekenntnis, in die Sprache unserer Zeit bersetzt: Wir
glauben an die Welt als an eine sich entwickelnde, endlose und grenzenlose
Einheit, deren Mittelpunkt der Mensch ist. Dies Glaubensbekenntnis ist
geozentrisch, wie mir scheint, mit Recht; denn Gott, der Geist, der sich im
Menschen offenbart, schafft die Welt, folglich mu der Mensch und mit ihm
die Erde der Mittelpunkt der Welt sein.

Die Dreieinigkeit drcke sich auch in der allergeringsten Kreatur ab, sagt
Luther, insbesondere natrlich im Menschen. Das antike Wort, da der Mensch
die Welt im kleinen, das Ma aller Dinge sei, heit beim Christen, er sei
das Ebenbild Gottes. Die drei Einheiten, die den Menschen bilden, nennt
Luther, sich auf Paulus beziehend, Geist, Seele und Leib. Die betreffende
Stelle kommt im ersten Brief an die Thessalonicher vor und heit: Gott, der
ein Gott des Friedens ist, der mache euch heilig durch und durch, also da
euer ganzer Geist und Seele und Leib unstrflich erhalten werde auf die
Zukunft unseres Herrn Jesu Christi.

Den Geist beschreibt Luther als den hchsten, tiefsten, edelsten Teil des
Menschen, damit er geschickt ist, unbegreifliche, unmittelbare, ewige Dinge
zu fassen und ist krzlich das Haus, da der Glaube und Gottes Wort
innewohnt. Die Seele sei derselbe Geist nach der Natur, aber doch in einem
anderen Werke, nmlich in dem, da er den Leib lebendig mache und durch ihn
wirke. Durch die Seele also wirkt der Geist auf den Krper. Die Art der
Seele sei, nicht die unbegreiflichen Dinge zu fassen, sondern was die
Vernunft (wir wrden sagen der Verstand) erkennen und ermessen knne, und
die Vernunft sei das Licht in diesem Hause. Sowohl die Erkenntnis wie die
Affekte schreibt er, im Einklange mit der Heiligen Schrift, der Seele zu.
Um diese menschliche Dreieinigkeit deutlich zu machen, fgt Luther noch ein
Bild hinzu; er vergleicht sie nmlich mit dem von Moses beschriebenen
Tabernakel. Das Allerheiligste, in dem Gott wohne und in dem kein Licht
sei, stellt er dem Geiste gleich, das Sanktum mit dem siebenarmigen
Leuchter der Seele, das Atrium, den jedermann zugnglichen Vorhof, dem
Krper.

Mir stellt sich das unwillkrlich krperlich vor, nmlich als drei
ineinander schwebende Sphren, von denen die innere der Geist, das
Allerheiligste ist, die uere der Krper und die mittlere, welche Geist
und Krper verbindet, die Seele. bertrgst du diese Form des Mikrokosmos
auf den Makrokosmos, so ergibt sich, da die Menschheit die Seele der Welt
ist; im Selbstbewutsein der Menschheit wird das Sichtbare und das
Unsichtbare, Stoff und Kraft, zur Einheit. Ohne die Menschheit wre die
Welt seelenlos, ja, sie wre nicht, denn es wre nur Chaos. Das Wort der
zum Selbstbewutsein erwachenden Menschheit lt die Welt aus dem Nichts
hervortreten.

Vom Allerheiligsten, dem Geiste, sagt Luther, da es dunkel bleiben soll,
und zwar damit das Licht Gottes darin scheinen knne: das Licht scheinet in
der Finsternis. Von dem gegenstzlichen Verhltnis zwischen
Selbstbewutsein und Gottbewutsein war schon die Rede, da nmlich das
eine auf Kosten des anderen wchst und schwindet. Wir sollen Gott in allen
seinen uerungen Raum lassen. Wie wir das Kind im Schoe der Mutter
verborgen wachsen lassen mssen, wie wir Knospen nicht gewaltsam ffnen
drfen, so sollen wir auch Gott in unserem Geiste reifen lassen, ohne das
geheimnisvolle Werk voreilig zu stren. Dauernder Betrieb, hastige
Geschftigkeit verscheucht den Gott der Tat: Tell taucht aus dem Dunkel
auf zur groen Erlsertat, um dann wieder zu versinken. Ebenso wchst das
Wort der Wahrheit im Schweigen und Hren. Du kennst das Gleichnis von
Martha, die sich viel zu schaffen machte, whrend ihre Schwester Maria zu
Jesu Fen sa und seinen Worten zuhrte. Martha, Martha, du machst dir
viel Sorge und Mhe, sagte er, aber eins ist not. Dies, was not ist, ist
der Glauben, das Stillesein vor Gott, damit er in uns wirke, ein
vorbergehendes Zurcktreten, Auslschen also des Selbstbewutseins. Ich
habe dabei das geometrische Bild vor Augen und sehe, wie die dunkle Sphre
des Geistes zurckgedrngt wird, wenn die erleuchtete Sphre der Seele zu
stark anschwillt; das eine lebt auf Kosten des anderen, sowie die
Persnlichkeit ein gewisses Ma bersteigt, leidet Gott. Fllt die Seele
das Allerheiligste ganz aus, so mu, wie das Bild unwiderleglich zeigt,
frher oder spter ein vlliges Versiegen folgen, da ja der Seele ihr
Inhalt aus der innersten Sphre zustrmt, die mit Gott eins ist.

Ohne irgendeinen berauschenden Lethe ertrge der Mensch das Leben nicht,
und es strmen ihm zwei Brunnen des Selbstvergessens im Schlaf und in der
Liebe. Es hat mir eine hohe Meinung von Keplers Seelenkenntnis gegeben, da
er an Wallenstein die allzeit wachen Gedanken, das emsige, unruhige Gemt
als etwas nicht Geheures hervorhebt; diese bestndige Wachsamkeit, die uns
als strafbare Neugier oft in Sagen begegnet, die Unfhigkeit, sich von dem
stets regen Selbst abzulsen, verzehrt die Kraft des Menschen, wie das
Licht die Kerze verzehrt. Die Nacht, aus der er gekommen ist, mu auch im
Leben ihren Anteil an ihm behalten; Entziehung des Schlafes ttet, und
Lieblosigkeit ist schon der Tod. Da Gott die Welt aus Nichts geschaffen
hat, mu man tiefer fassen, als gewhnlich geschieht; er, der nie einen
Augenblick zu schaffen aufhrt, lt sie in jedem Augenblick aus dem Chaos
aufsteigen, und es mu umgekehrt Chaos da sein, damit geschaffen werden
kann.

Vollkommene Unpersnlichkeit und deshalb vollkommenes Unbewutsein finden
wir beim Kinde; denn es hat sich noch nicht zum Selbst entwickelt. Es ist
das Nichts-von-sich-wissen und Nichts-fr-sich-wollen, was den Erwachsenen
am Kinde entzckt, das gttliche Dunkel des verlorenen Paradieses. Kindes
Hand ist leicht zu fllen, sagt das Sprichwort; es greift nach einem
Sonnenstrahl, den es nicht halten kann, ja, nur im Anschauen leuchtet es
vor Glck. Es ist ganz und gar aufnehmend, im Nicht-Ich aufgehend, ein
klarer Spiegel der Welt. Jesus sagte: Lasset die Kindlein zu mir kommen
und wehret ihnen nicht; denn solcher ist das Reich Gottes. Wahrlich, ich
sage euch: wer nicht das Reich Gottes nimmt als ein Kind, der wird nicht
hineinkommen. Gott herrscht in dem reinen Herzen, das nichts von sich
wei; es ist also unmglich, da ein Mensch gttliche Kraft habe, der sich
das reine Herz, das Unbewutsein des Kindes nicht trotz des
Selbstbewutseins, durch das jeder hindurch mu, bewahrt.

Da es mglich ist, Person und doch Kind, selbstbewut und zugleich
gott- oder unbewut zu sein, beweist jedes Genie und Luther selbst vor
allen. In den Tischgesprchen, wo er sich ganz unbefangen uert, spricht
sein kindliches Herz am klarsten; vernehmbar ist es aber in jedem
seiner Werke, ja, ich mchte sagen: in jedem seiner Worte. In fast
bermenschlicher Liebesttigkeit verga er immer wieder sein Selbst; dies
Selbst, diese gewaltige Persnlichkeit, welche sich oft dagegen wehrte in
Qualen, die ihn an den Rand des Todes brachten; aber immer wieder ging das
gereinigte Herz siegreich hervor und mit ihm die frisch betaute Welt.

Als ein Mittel, das ihm in diesen Kmpfen geholfen habe, fhrt Luther die
Beichte an; ohne sie, meint er, wrde der Teufel ihn berwunden haben. Die
Zwangsbeichte der katholischen Kirche allerdings verwarf er; nur die
Beichte, die freiwillig aus dem Herzen fliet, hielt er fr ntzlich. Der
freiwillig Beichtende nmlich uert so viel von sich, wie schon in seiner
Seele, in seinem Selbstbewutsein ist, und er denkt, wenn er davon befreit
ist, nicht weiter ber sich nach, wodurch er der Gefahr der
Selbstzergliederung entgeht; bei der erzwungenen Beichte dagegen wird man
zur Selbsterforschung angeleitet. Kein Priester soll sich anmaen, die
Heimlichkeit des Herzens zu erforschen; denn ber das Herz hat kein
Mensch Gewalt, als den edelsten Teil des Menschen hat Gott es sich
vorbehalten, das heit: es soll nur freiwillig sich ffnen und geben. Die
Reue, die man zubereitet durch Erforschen, Betrachtung und Ha der Snden,
wenn ein Snder mit Bitterkeit des Herzens seine Zeit bedenkt, der Snde
Gre, Menge und Unflat bewegt, dazu den Verlust ewiger Seligkeit und
Gewinn ewiger Verdammnis, die macht nur Heuchler und grere Snder. Auch
vor anderen und vor sich selbst mu der Mensch Ehrfurcht haben, denn im
Menschen offenbart sich Gott; es ist Schamlosigkeit, einem anderen, aber
auch sich selbst die letzten Geheimnisse des Herzens zu erpressen, und eine
gewisse ngstliche Verlegenheit verrt diejenigen, die diese von Gott
gezogene Grenze berschritten haben. Es verrt sie auch ihre Ohnmacht; denn
Selbstbetrachtung macht unfruchtbar. Dadurch, da man sich nach auen
ausstrmt, rettet man sich vor der Selbstentweihung, die zugleich
Entweihung Gottes ist. Vielleicht erinnerst du dich, da wir den
Unglubigen als denjenigen bestimmten, der sich selbst anbetet, und
Selbstbetrachtung ist ja Selbstanbetung. Von solchen Menschen sagt Paulus,
da sie immerzu lernen und nimmermehr zur Wahrheit kommen. Es sind
Menschen, die haben einen verrckten Sinn, untchtig zum Glauben. Aber sie
werden fortan nichts mehr schaffen.

Beilufig bemerkt, halte ich es fr einen Erziehungsfehler, wenn man den
Kindern als ungehrig verweist, von sich selbst zu sprechen; wenigstens
sollte man es nur tun, wenn man ihnen zugleich ein solches Interesse fr
das Nicht-Ich erwecken kann, da sie sich selbst darber vergessen. Die
meisten Menschen denken desto mehr an sich, je weniger sie von sich
sprechen. Jeder sollte einen Freund haben, dem gegenber er sich gehen
lassen und sich aussprechen kann; und wer gar keinen hat, ist wohl durch
Selbstanbetung unlsbar an sich gekettet. Wohl demjenigen, dem ein Gott
gab, zu sagen, was er leidet; in diesem Sinne nennt Luther einmal die
Psalmen das wahre +gnthi sauton+.

Fr mein Gefhl ist es der Mangel an Naivitt in den heutigen Menschen, der
den Umgang so schwer macht und bewirkt, da man fast am liebsten mit
Menschen aus dem Volke verkehrt. Der siebenarmige Leuchter der Seele hat
begonnen, alle Winkel des Allerheiligsten hell zu machen; man it, trinkt,
geht, atmet bewut, man zerrt und nagt an jeder Knospe. Etwas wesentlich
Unwillkrliches und Unbewutes ist der Tanz; aber heute macht man ein
schweres Studium daraus. Dahin gehrt auch die heutige Mode, wonach Frauen
sich ganz oder fast ganz unbekleidet ffentlich sehen lassen unter dem
Vorwande, das Anschauen des nackten menschlichen Krpers gehre zur
knstlerischen Bildung. Nach meiner Meinung gehrt die Nacktheit zu den
Mysterien; es ist ein Sakrileg, sie ffentlich in irgendeiner bewuten
Absicht zur Schau zu stellen, sei sie auch moralisch oder edel. Alle
wahrhaft schnen Darstellungen nackter Frauen in der Kunst sind sicherlich
dadurch entstanden, da ein Knstler seine Geliebte malte. Wie ein Dichter
nur einen Menschen, braucht ein Knstler nur einen Krper ganz zu kennen;
aber diesen mu er lieben. Der Krper braucht nicht vollendet schn zu
sein, die Liebe ersetzt, was fehlt. Das Studium des Nackten kann vor der
Welt ntzlich sein, und es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn man es
studiert; aber das Beseligende der nackten Schnheit kann nur von dem
Liebenden genossen werden, dem sie sich aus Liebe enthllt. Sie gehrt
nicht in einen knstlich beleuchteten Saal vor das Publikum. Ebenso mag es
fr die Welt ntzlich sein, wenn man die Jugend ber die Mysterien der
Liebe aufklrt; aber die Liebe mu sterben, wenn man sie aus ihrem
gttlichen Dunkel reit.

Es ist selbstverstndlich, da man nicht davor zurckschrecken wird, auch
die Kindlichkeit knstlich herzustellen, und vielleicht wird man sich zum
Zwecke der Unbewutheit Freunde halten und ihnen sein Herz ausschtten,
lebhafte Liebesttigkeit entfalten oder Schlafmittel nehmen und dadurch nur
immer bewuter werden. Alles, was aus dem Herzen kommt, gibt nur die Gnade;
Vorlufer der Gnade sind aber das Gesetz und die Not, und so mu man wohl
auf diese hoffen.




XII


Als ich dieser Tage in Schopenhauer bltterte, fand ich, da er als
krperliche Grundlage des Genies ein stark entwickeltes Gehirn betrachtet;
indessen, fgte er hinzu, mache weder das allein noch auch ein feines
Nervensystem das Genie vollstndig, sondern es msse ein
leidenschaftliches Temperament dazukommen, krperlich sich darstellend als
ungewhnliche Energie des Herzens und folglich des Blutumlaufs, zumal nach
dem Kopfe hin. Denn hiedurch wird zunchst jene dem Gehirn eigene
Turgeszenz vermehrt, vermge deren es gegen seine Wnde drckt, daher es
aus jeder durch Verletzung entstandenen ffnung in diesen hervorquillt;
zweitens erhlt durch die gehrige Kraft des Herzens das Gehirn diejenige
innere, von seiner bestndigen Hebung und Senkung bei jedem Atemzuge noch
verschiedene Bewegung, welche in einer Erschtterung seiner ganzen Masse
bei jedem Pulsschlage der vier Zerebralarterien besteht, und deren Energie
seiner hier vermehrten Quantitt entsprechen mu, wie denn diese Bewegung
berhaupt eine unerlliche Bedingung seiner Ttigkeit ist. Dieser ist eben
daher auch eine kleine Statur und besonders ein kurzer Hals gnstig, weil
auf dem krzern Wege das Blut mit mehr Energie zum Gehirn gelangt; deshalb
sind die groen Geister selten von groem Krper.

Du erinnerst dich vielleicht, da Luther mit Paulus den Menschen als eine
Dreieinigkeit von Geist, Seele und Leib darstellt, und da ich dich bat,
dir diese Dreieinigkeit als eine Kugel vorzustellen, deren innerste Sphre
der Geist sei. Der krperliche Ausdruck des Geistes ist das Herz, so da du
Geist fr Herz setzen kannst, und da Geist Gott ist, knntest du auch Gott
fr Herz setzen, mit der selbstverstndlichen Einschrnkung, da deshalb
Gott und das einzelne Herz sich nicht decken. Das Herz ist wie eine Bucht,
in die das Meer einstrmt, und die das in ihr gesammelte Meer einem
bestimmten Lande zuteilt. Man kann dabei an das in der Gebrmutter
wachsende Kind denken, und wie das mtterliche Blut in es hineinfliet.
Wenn du dir vorstellst, da man, dieser bertragung folgend, das Blut vom
Kind zur Mutter zurck und immer weiter zurck bis zu einer angenommenen
Urmutter verfolgen kann, so gibt das ein Bild von der Verknpfung des
einzelnen mit der Unendlichkeit durch das Herzblut.

Da nach der Auffassung der Bibel und Luthers Gott durch das Herz mit dem
Menschen verbunden ist, habe ich schon mehrmals erwhnt; du dachtest dabei
aber wohl nicht an das krperliche Herz und nahmst es mehr fr einen
bildlichen Ausdruck. Die Liebe Gottes, heit es in den Rmerbriefen, ist
ausgegossen in unser Herz durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben
ist. Die Wiedergeburt bestehe darin, sagt Luther, da man ein neues Herz
und neuen Mut gewinne. Niemals werden die gttlichen Dinge in Verbindung
mit der Seele, dem Sitz der menschlichen Vernunft, gebracht, nur insofern,
als die Seele vom Geist erleuchtet werden kann. Ich betone das deshalb,
weil die meisten Menschen jetzt, wenn sie von Geist sprechen, einen
Menschen geistvoll nennen, dabei an etwas Abstraktes, Begriffliches,
Anstrengendes denken, eine dunkle Vorstellung von Blaustrmpfen und
Gelehrten haben. In Wirklichkeit hat aber der Geist nichts mit dem Kopf zu
tun, sondern er offenbart sich dem Herzen, unserem unwillkrlichen Organ,
das nicht von uns abhngt, von dem vielmehr wir abhngen. Die geistvollste
Frau war jedenfalls Maria, die Mutter des Herrn, ohne Schulbildung, aber
voll Liebe, voll Phantasie, voll Heiterkeit, voll von Einfllen, durch
welche die Wahrheit hindurchstrahlte. Des Heiligen Geistes Amt ist nicht
Bcher schreiben noch Gesetze machen, heit es bei Luther, sondern da er
ein solcher Geist ist, der in das Herz schreibt und schafft einen neuen
Mut.

Alle genialen Menschen haben dieselbe Ansicht geuert. Der Kopf fat
kein Kunstprodukt als nur in Gesellschaft mit dem Herzen. Der Betrachtende
mu sich produktiv verhalten, wenn er an irgendeiner Produktion teilnehmen
will. Dieser Ausspruch ist von Goethe; ich glaube, es ist berflssig,
andere aufzuzhlen. Alles Begriffliche, Abstrakte kommt aus dem Kopfe; die
Gedanken, die aus dem Herzen kommen, sind daran zu erkennen, da sie nicht
abstrakt, sondern sinnlich, bildlich sind. Das Herz denkt in Bildern; man
kann auch sagen, es trumt. Bei Gelegenheit seines Kampfes gegen die
Bilderstrmer bemerkte Luther, wenn von einem Kruzifix gesprochen werde, so
entwerfe sich in seinem Herzen das Bild eines gekreuzigten Mannes, ob er
wolle oder nicht. Wenn Goethe sagt: Groe Gedanken und ein reines Herz,
das ist's, was wir uns von Gott erbitten sollten, so meint er sicherlich
eben solche Gedanken, die aus dem Herzen kommen, Ideen oder Urbilder,
gttliche, nicht Menschengedanken.

Durch die Welt, die Gott sich erschuf, wie wir mythisch sagten, geht die
Spaltung in aktive Kraft und passiven Stoff, in zeugende Mnnlichkeit und
empfangende Weiblichkeit. Das Aktive, an sich positiv, verhlt sich
gegenstzlich zu Gott, zu der Kraft, aus der es abgeleitet ist; das
Passive, an sich negativ, wird positiv durch die gttliche Kraft, wenn es
sich ihr hingibt. Sowohl das Fortpflanzungsorgan wie das Gehirn sind in
eine aktive und eine passive Hlfte geteilt; das Herz dagegen ist ganz und
gar aktiv seiner Welt gegenber als ihr Gott; nur Gott gegenber, dem
Meere, das es speist, ist es passiv.

Auch das Herz hat seine Geschichte und sein Schicksal; das Sein wird. Die
einzelligen Geschpfe, aus welchen wir erwachsen, Urzelle jedes einzelnen
organischen Wesens und zugleich Urzelle der ganzen unendlichen Reihe,
bestehen aus Protoplasma, der sogenannten lebendigen Substanz, in welcher
ein Kern zu unterscheiden ist. Dieser Kern ist nicht das Herz, sondern die
Keimzelle, das Fortpflanzungsorgan, die krperliche Darstellung des
tierischen Selbst; es ist, soweit es mehr aktiv als passiv ist, die
Hemmung, die Gott sich gesetzt hat, der Teufel. Das Herz mit dem Blutumlauf
ist angedeutet durch eine Anzahl von Hohlrumen, die sich zusammenziehen
und die uns die Kraft im Stoffe zeigen. Allmhlich erst sammelt sich das
eine, monarchische Herz, das Aristoteles das #punctum saliens# und das Tier
im Tiere nannte. Dieser Ausdruck, der ganz falsch wre, wenn er das ganze
Wesen des Herzens erschpfen sollte, ist aus dem richtigen Gefhl
entstanden, da das Herz ein Lebendiges, Aktives in dem gleichfalls
lebendigen Krper ist. Richtiger wre es, die Ernhrungs- und
Fortpflanzungsorgane Tiere im Menschen zu nennen. Wir sind Mineral, soweit
wir Skelett sind, wir sind Pflanzen, soweit wir atmen und wachsen, wir sind
Tiere, soweit wir uns ernhren und fortpflanzen, Menschen, soweit wir
denken, Gtter, soweit wir liebend und schaffend dies alles zugleich sind.
Die Ernhrungs- und Fortpflanzungsorgane, frher als das Gehirn entwickelt,
sind die alten titanischen Gtter, die das neue Regiment nach furchtbarem
Kampf entthronte. So sagt die heidnische Mythologie; wir knnen sagen, es
seien die Organe, durch welche Gottvater im Stoff bildet. Durch das Gehirn
bildet er im Geiste; aber er wirkt in diesen Organen nicht unmittelbar,
sondern mittelbar durch das Herz. Die plastischen Organe sind die
Mittelpunkte des Tieres, das Gehirn ist der Mittelpunkt des Menschen, das
Herz der gttliche Mittelpunkt. Geschlecht und Gehirn sind die Brennpunkte
der Ellipse, das Herz ist der Mittelpunkt des Kreises, welcher aber, als
die vollkommene Form, nicht Erscheinung werden kann und soll.

Das Herz, dies wundervolle Organ, allgegenwrtig, allwissend und
allmchtig in seiner Welt, erhlt sie ganz, ist immer ttig und gebend,
auch dann noch ttig, wenn es vom Krper losgelst ist. Den Krper berall
mit dem Netz seiner Adern berhrend, ist es doch nicht durch ihn gefesselt;
es regiert sich durch seine eigenen Nerven, selbstgengsam, der Himmel, die
Heimat Gottes.

Das Herz ist der Gott im Menschen: #est deus in nobis, agitante calescimus
illo#. Allein die Herrscherstellung des Herzens ist, wie schon gesagt, nur
theoretisch: der Himmel ist nicht ohne Erde wirklich, Gott nicht ohne die
Welt, das Herz nicht ohne den Krper, auf den es wirkt, und den es erhlt,
indem es von ihm erhalten wird.

Die natrliche Einheit ist im Kinde vorhanden, dessen Herz kleiner ist als
das des Erwachsenen, aber den aktiven Widerstand im Brennpunkte des Krpers
und Gehirns noch nicht zu berwinden hat. Mit dem zunehmenden Widerstande
entwickelt sich das Herz, das im reifen Mannesalter seine hchste Kraft
erreicht hat; spter nimmt es wieder ab, aber da im gleichen Mae die
Aktivitt der Geschlechtsorgane abnimmt, stellt sich ein hnliches
Verhltnis her wie im Kindesalter. Ebenso ist das Herz der Frau schwcher
als das des Mannes, hat aber weniger Widerstnde zu besiegen, aus welchem
Grunde die Frau harmonischer ist als der Mann, nicht so zerrissen, aber
andererseits nicht so genial.

Vergegenwrtige dir bitte den Menschen durch folgenden Grundri:

         Gehirn

  a[Symbol] [Symbol]p
         \   /
          \ /
        [Symbol] Herz
          / \
         /   \
  a[Symbol] [Symbol]p

        Geschlecht

Hier wird deutlich, da die Aktivitten die Brennpunkte sein mssen, damit
Funken berspringen knnen und der ganze Organismus lebt. Ferner siehst du,
da, wenn die Aktivitt des Geschlechts berhandnhme, das Herz vollstndig
durch das Geschlecht gebunden wre: ein tierhnlicher Zustand. Das Herz mu
deshalb, im Verein mit dem Gehirn, der Aktivitt des Geschlechtes Herr
werden, wohlverstanden aber ohne sie ganz zu tten; denn geschhe das, so
wre das Herz ganz auf das Gehirn beschrnkt. Das Gehirn hat die Neigung,
das Herz ganz fr sich in Beschlag zu nehmen, es vom Krper abzusondern.
Der nachchristliche Mensch, dessen Gehirn eine grere Aktivitt hat als
der vorchristliche, ist immer in Gefahr, seinen eigenen Krper zu tten,
indem er ihn vom Herzen absondert. Er entgeht dieser Gefahr nur durch
Bewegung, welche den Blutstrom aus dem Herzen auf den ganzen Krper
verteilt. Man hat in neuester Zeit das bel bemerkt und ihm durch allerhand
gymnastische bungen abhelfen wollen; aber das ist nur eine knstliche
Aushilfe, durch die der Zweck niemals erreicht werden, die vielmehr schaden
kann, da sie den Organismus von auen in eine Ttigkeit versetzt, der die
innere Kraft nicht entspricht. Die Bewegung mu zugleich eine innere sein,
nur eine aus dem Herzen entspringende Ttigkeit, ein berwinden innerer und
uerer Widerstnde kann das Herz ben und krftigen. Ttigkeit, die Seele
des Menschen, macht das Herz so stark, da es die inneren Widerstnde
berwindet, ohne sie zu tten. Seid getrost, spricht der Herr, ich habe
diese Welt berwunden. Niemals hat Christus gesagt, er wolle die Welt
tten, er, der die Ehebrecherin beschtzte, weil sie viel geliebt hatte;
das Herz mu strker als die Welt sein, das ist das Geheimnis des Sieges.
Das Herz, um die Einheit in der Ellipse herzustellen, mu strker sein als
ihre Brennpunkte. Mit Christus, der das Selbstbewutsein vollendete, der
sich selbst als Gott, als Geist erkannte, war die Aktivitt des Gehirns so
stark geworden, da die kindliche Einheit des Kreises auf immer zerstrt
war. Zugleich indessen brachte er die Erlsung, indem er durch persnliches
Handeln, durch eine strkere Bewegung des Herzens, die Einheit als
Dreieinigkeit wiederherstellte. Er gebot den Menschen zu handeln und zu
glauben, beides zugleich, da eins ohne das andere nicht sein kann. Wer
persnlich handelt, mu glauben, da er sonst die Last der Verantwortung
nicht ertragen knnte. Als der Mensch aufhrte glubig zu sein und dafr
moralisch wurde, die Verantwortung auf sich selbst lud, hrte er auch auf
zu handeln. Dadurch sonderte er die Sinnlichkeit von dem durch das Gehirn
usurpierten Herzen ab und zerfiel in zwei Hlften, einen entgeisteten, also
leblosen Krper und ein entkrpertes, verteufeltes Herz, die sich
unvershnt gegenberstehen. Nur Menschen von solcher Verfassung knnen sich
einbilden, da sie den zrnenden Gott durch bloe Gymnastik mit der
entfremdeten Welt vershnen knnen.

Das Herz an sich ist jenseit von Gut und Bse, wie es jenseit von Zeit und
Raum ist; es ist an sich blind. Sehend und wissend wird es dadurch, da es
in Berhrung mit unendlich vielen anderen Herzen gert, die es als ebenso
viele gttliche Ausstrahlungen begreifen lernt, und die es dadurch zur
Einsicht seines eigenen Wesens fhren. Durch die Berhrung und den Kampf
mit der Auenwelt also, mit dem Nicht-Ich, kann das Herz umgekehrt werden;
das Wasser der Bucht ebbt durch den Anprall von auen in das Meer zurck,
das es verschlingt und aus sich selbst erneuert mit der Flut wieder ins
Land wirft. Die Berhrung mit der Auenwelt wird durch die Sinnesorgane
vermittelt; sie haben die Aufgabe, das Ich, den persnlichen Gott, von dem
Dasein anderer persnlicher Gtter zu berzeugen und durch sie und sich
hindurch von dem Dasein des All-Gottes, der einen Strahlenquelle. Die erste
Aufgabe des Herzens ist, sich seiner Gttlichkeit bewut zu werden; die
zweite, sie ber die anderer zu vergessen.

Sehr aktive, also sehr teuflische Herzen, wenn du den Ausdruck nicht
miverstehen willst, mssen ihrer Natur nach zunchst das Nicht-Ich heftig
zurckstoen, weil sie sich das Gefhl der Einzigkeit nicht beeintrchtigen
lassen wollen; andererseits sind gerade diese die wahrhaft religisen
Herzen und durch ihre Energie zu Vertretern Gottes auf Erden berufen; sie
struben sich gerade deswegen so sehr, das Nicht-Ich aufzunehmen, weil sie
ahnen, da sie sich ihm opfern werden.

Man hat nicht mit Unrecht die Entstehung der Liebe im hchsten Sinne, auf
lateinisch #caritas# oder #dilectio#, an die Mutterliebe geknpft; die
Geschlechtsorgane, durch welche die Menschheit sich von Gott absonderte,
fhren auch wieder zu Gott zurck. Nicht fr sich allein, denn zunchst ist
die Mutterliebe ein selbstisches Gefhl und kann sogar als solches
abstoend wirken, wenn es das Herz nicht gegen alle Schwachen und Hilflosen
ffnet und sie zu eigenen Kindern macht. In der Heiligen Schrift heit es,
da die Gnade durch das Wort bewirkt werde; das Wort nmlich ffnet das
Herz und verbindet Menschen mit Menschen, den einzelnen mit vielen.

In Gemeinschaft mit den Geschlechtsorganen verwirklicht das Herz seine
Ideen krperlich, in Gemeinschaft mit dem Gehirn geistig. Beider bedarf das
Herz, um seinen Verkehr mit der Auenwelt herzustellen; ohne das Gehirn
wrde das Herz nicht zu sich selbst kommen, wrde die Welt ein Chaos
bleiben, whrend sie ohne die Sinnlichkeit ein Begriff wrde.

Sind die plastischen Organe die ltesten, so ist das Gehirn, das erkennende
Organ, das jngste; nach der Schrift geht der Heilige Geist vom Vater und
vom Sohn aus. Das Gehirn begleitet das Herz wie der Snger den Helden, der
durch die Verklrung des Wortes seine Taten verewigt und der Welt zu eigen
macht. Besinnst du dich auf die schne Stelle in der Odyssee, wo Odysseus,
da der Snger von seinen Irrfahrten singt, das Gesicht im Mantel verbirgt
und weint? So erzittert unser Herz, wenn ihm erinnernd bewut wird, was es
getan und erlitten hat. Aus dem Herzen strmt der Geist, im Gehirn wird er
befestigt; es ist wie eine photographische Platte, auf welche das Licht
Bilder malt. Die Urbilder dazu sind im Herzen, dem seligen Hain, wo reine
Gestalten auf Asphodeloswiesen wandeln; Leben bekommen sie aber erst
drauen im Lichte der Sonne, nachdem sie das Blut der Tat getrunken haben.
Was ist Wahrheit? Das Leben, das die Wahrheit verwirklicht. Wahrheit ist
eine lebendige Seele, ein Mensch in Fleisch und Blut.

Nun aber ist das Gehirn nicht nur begleitend, dienend, weiblich, sondern
auch mnnlich und willkrlich; die Sonne erleuchtet nicht nur, sondern
verbrennt auch. Der krperliche Ausdruck des willkrlichen Gehirns wird in
der Grohirnrinde gesucht; ich bin, wie du dir denken kannst, nicht
imstande, darber zu urteilen, ob es sich so verhlt, mir kommt es nur
darauf an, da diese willkrliche Kraft da ist. Von hier geht die schwerste
Versuchung des Menschen aus, die des Teufels in seiner Majestt, die nur
die hochentwickelte Menschheit betrifft; hier ist der Luzifer, der sich an
Gottes Stelle setzen, das Wort des Herzens verdrngen und durch sein
eigenes ersetzen will. Durch die Gnade des Herzens in seine Zauber
eingeweiht, kann Luzifer sich in einen Engel des Lichts verstellen, mit den
von seinem Herrn erlernten Sprchen bannt er ihn und zaubert auf eigene
Hand. Nachdem er seine Gotthnlichkeit entdeckt hat, meint er, die Welt, in
der bisher das Herz herrschte, und die ihm sndig und mngelvoll erscheint,
dadurch vollkommen machen zu knnen, da er die Moral einfhrt, und er
beginnt damit, die Trgheit, Sinnlichkeit und Herrschsucht, den dummen und
den bsen Teufel, zu unterdrcken. Er hemmt die Hemmung, die Gott sich
gesetzt hatte, um mit ihr das Leben zu erzeugen.

Aristoteles hat die hnlichkeit zwischen dem Herzen mit seinen Adern und
dem Gehirn mit seinen Nerven bemerkt und allerlei Schlsse daraus gezogen,
auf die es mir hier nicht ankommt. Aber die hnlichkeit mu auffallen, wenn
man eine bildliche Darstellung des Herzens und Blutkreislaufes und des
Gehirns und Nervensystems vor Augen hat; es sieht fast so aus, als ob das
Gehirn der Schatten des Herzens wre. Es scheint, da das Herz das Gehirn
durch die Schilddrse, wie die Geschlechtsorgane durch die Geschlechtsdrse
beherrscht, deren Ttigkeit sich gleichsam in den betreffenden Organen
spiegelt. Wie schlagend ist von diesem Gesichtspunkt aus der Ausdruck
Luthers, der Teufel sei der Affe Gottes, natrlich nur auf das willkrliche
Gehirn zu beziehen.

Man hat frher gemeint, das Herz hnge vom Zentralnervensystem im Gehirn
ab; indessen ist es festgestellt, da das Gehirn nur einen regelnden
Einflu auf das Herz ausben kann, nmlich einen hemmenden und
beschleunigenden. Der #nervus vagus# und der #nervus depressor# sind
hemmende Nerven; ausgezeichnet weist der Name #depressor# auf die
Depressionen hin, die durch die Hemmung des Lebensstromes entstehen. Sowie
aus dem leuchtenden Luzifer ein verbrennender wird, sowie das Gehirn
befehlen, das Herz in die Zwangsjacke der Moral stecken und dadurch seine
Kraft unterbinden will, wird sein Einflu schdlich. Der Sieg des Teufels
ist krperlich dadurch ausgedrckt, da das Blut entweder in der Region der
Geschlechtsorgane oder im Gehirn sich sammelt und diese Organe erhitzt,
anstatt da es immer zum Herzen, der Quelle, zurckkehrt und den ganzen
Krper durchblutet, beseelt, zu einer Einheit macht.

Das Eigenmchtigwerden des Gehirns, die neue und furchtbarste Hemmung, die
dem Herzen erwchst, machte sich schon vor Christus bemerkbar. Das antike
Drama hatte den Riesenkampf zwischen Gttern und Menschen zum Gegenstande,
der immer mit dem grausamen Siege der Gtter endete. Besonders merkwrdig
scheinen mir die Bakchen des Euripides zu sein, wo sich so deutlich das
trunken schpferische Herz und der zweifelnd kritisierende Gedanke
gegenberstehen. Christus, der Gottmensch, verband Herz und Kopf in seiner
Person zur Einheit. Er berwindet den Teufel durch die aus dem Herzen
entspringende Tat, die den einzelnen mit den vielen verbindet. Da das
Christentum die Erkenntnis gebracht hatte, da Gott in der Menschheit,
nicht auer ihr ist, verlegte das nachchristliche Drama den Kampf zwischen
Herz und Kopf, Gott und Mensch, in das Innere des Menschen. Vieles und
Schnes ist darber in Schillers Wallenstein gesagt: In deiner Brust sind
deines Schicksals Sterne, Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme,
besonders aber die Worte Wallensteins: Recht stets behlt das Schicksal;
denn das Herz in uns ist sein gebietrischer Vollzieher. Nun siegt nicht
mehr das grausame Herz ber den zerissenen Rebellen sondern durch den
berschu seiner Kraft, die Seele, schmilzt das geniale Herz die
Entzweiten gewaltig zusammen.

Man hat in unserer Zeit eine ungemein interessante Tatsache festgestellt,
da nmlich die lebendige Substanz, das einzellige Lebewesen, die Ambe,
unsterblich ist. Sie vermehrt sich durch Teilung, und diese Teilung kann
ins Unendliche fortgesetzt werden, ohne da ein Teilwesen verginge.
Allerdings tritt auch hier ein Punkt des Alterns oder der Depression ein,
wo die Stoffwechselprodukte nicht mehr ausgeschieden werden knnen; aber
dieser tote Punkt kann durch Herstellung gnstiger Bedingungen berwunden
werden. Sie bestehen darin, da der alternden Substanz durch Kopulation
oder durch einen sonstigen neuen chemischen oder mechanischen Reiz neues
Leben zugefhrt wird. Die Kopulation, die Verschmelzung mit einem anderen
Lebewesen, wirkt verjngend, wenn sie vorgenommen wird, bevor die
Erscheinung des Alterns den Organismus ergriffen hat. Ich htte #a priori#
vorausgesetzt, da fr die lebendige Substanz, fr das einzellige Wesen,
dieselben Grundgesetze gelten wie fr den Menschen, wie fr die Familie und
das Volk; es ist nur um so eindrucksvoller, wenn die Tatsachen dies
besttigen. Das einzellige Wesen hat wie der Mensch sein gefhrliches
Alter, wo er aus eigener Kraft nicht weiterleben kann, wo ihm Kraft aus dem
Nicht-Ich zustrmen kann. Wlfflin sagt von Drer, da er mit dem
50.Lebensjahr in seine letzte grte Epoche tritt, die bedingt ist durch
die Erfrischung seiner groen Reise; und er setzt diese Verjngung
derjenigen gleich, die Rubens durch seine Heirat mit einer zweiten jungen,
geliebten Frau zuteil wurde. Eine Kopulation, geistig oder krperlich, oder
sonst ein starker, neuer Reiz, mssen es tun, ein Zustrmen gttlicher
Kraft in das ermdete oder erstarrte Herz.

Das Herz nmlich ist dasjenige Organ, welches den Menschen regiert: wir
leben vom Herzen aus und sterben vom Herzen aus. Sei es, da wir aus
Altersschwche oder an einer Krankheit oder woran immer sterben, das
Versagen des berlasteten Herzens ist es immer, das den Tod herbeifhrt.
Da die Nervenzellen, welche der Herzttigkeit vorstehen, sterben, ist die
Folge von einer Vergiftung durch die Schlacken des Stoffwechsels, welche
nicht ausgestoen werden knnen: wir sterben an Ermdung des Herzens, die
durch Selbstvergiftung entsteht. Der doppelten Aufgabe, den Krper zu
ernhren und zu entgiften, seine Hemmungen zu berwinden, kann nur ein
starkes Herz gengen: es handelt sich also im gefhrlichen Alter, wie bei
jeder Stockung des Lebens, um eine Anregung, eine Verstrkung des Herzens.
Es gibt eine Anekdote von Luthers Frau; sie habe, als Luther einmal in eine
schwere Melancholie verfallen sei, Trauerkleider angelegt und auf die
erschrockene Frage des Heimkehrenden, ob eines der Kinder gestorben sei,
geantwortet, der Herrgott sei tot, um ihn trage sie Trauer. Derselbe
Instinkt leitete Charlotte Stieglitz, die sich bekanntlich das Leben nahm,
um ihren Mann durch den Schmerz ber den Verlust schaffenskrftig zu
machen. Das Opfer war vergebens gebracht, Herr Stieglitz hatte offenbar
berhaupt kein Herz oder keins fr seine Gattin. berhaupt knnen Willkr
und Absicht nicht helfen, nur verderben: sie verdrngen ja gerade das Herz,
dem Raum gemacht werden soll. Die Gott liebt, leitet er selbst zur rechten
Zeit zur rechten Stelle. Wie knnte Einsicht den richtigen Zeitpunkt
herausfinden, auf den alles ankommt? Ist dieser versumt, so zerdrckt die
einstrmende Kraft den mrben Organismus und ttet anstatt zu beleben.

Hier zeigt sich nun, warum es fr Vlker notwendig ist, Grostaaten zu
werden. Das Leben beruht auf der Mglichkeit von Gegenwirkungen. Der
abgeschlossene Kleinstaat kann das gefhrliche Alter nicht berwinden: das
enge verkalkte Herz erlaubt das Zustrmen fremder Kraft nicht, und es wird
zuletzt in seiner Kruste verkmmern mssen. Ich las neulich, da die Tiere,
die auf Inseln leben, die Tendenz haben, zu verzwergen. Absonderung ist
Snde; im Kampf mit Gegenstzen, in der Verbindung mit dem Ganzen liegt das
Leben.

Diese Verkmmerung und Verzwergung erfahren alle Personen, Stnde,
Familien, Staaten, die sich absondern und dadurch das Einstrmen fremder
Kraft unmglich machen. Der Adel hat seine Bltezeit, solange er sich
seines Adels kaum recht bewut ist; sowie er sich abschliet, verwelkt er
im gleichen Mae, wie sein Selbstbewutsein, seine Selbstvergtterung
steigt.

Man kann den Vorgang der Absonderung nach erreichter Blte und der dann
eintretenden Verkmmerung am besten an der Geschichte Spaniens studieren;
ich widerstehe der Verfhrung, darauf einzugehen, um dich nicht zu
langweilen. Die Schweiz, die durch Snde, nmlich durch Absonderung von
Deutschland, entstanden ist, hatte den Vorzug des Gegensatzes von Stadt und
Land und des Gegensatzes der drei Nationen; diese Gegenstze haben sie so
lange lebendig erhalten. Mehr und mehr machen sich jetzt gewisse Symptome
beginnender Selbstvergtterung bemerkbar und andererseits ein verhaltenes
Bedrfnis nach Erfrischung. Weniger glcklich ist Holland daran, seit es
von dem gegenstzlichen Belgien getrennt ist. Auf diese Trennung folgte
zuerst fr beide Lnder eine schnelle, wundervolle Blte; nachher wre wohl
Vereinigung Belgiens mit Frankreich und Hollands mit Deutschland
frderlicher gewesen. Die Lage der kleinen Inselstaaten zwischen groen
Lndern, die durch sie die gegenseitige Reibung abschwchen wollen, ist
immer bedenklich. Aber nicht nur Holland und die Schweiz, ganz Europa
befindet sich augenscheinlich im gefhrlichen Alter und strebt
leidenschaftlich nach Erweiterung und Aufnahme neuer Kraft. Wenn einmal
alle Nationen der Erde einen Einheitsstaat bilden, ist der Jngste Tag
gekommen, weil dann keine Kopulation mehr mglich ist.

Der Einheitsstaat ist der moderne Staat. Als ich eben von der Notwendigkeit
des Anschlusses kleiner Staaten an den Grostaat sprach, dachte ich nicht
an moderne Verhltnisse. Der moderne Staat, weil er nicht von innen wchst,
sondern von auen zusammengesetzt wird, ist seiner Art nach grenzenlos; was
natrlich wchst, nach einem inneren Urbilde sich gestaltet, ist begrenzt.
Die modernen Staaten mssen sich gegenseitig verschlingen, weil sie ihrem
Wesen nach unendlich sind, und der Augenblick mu kommen, wo die Erde ihnen
zu klein wird. Der natrliche Staat, der aus der Familie und natrlich sich
bildenden Gruppen herauswchst, der germanisch-romanisch-slawische,
christliche Staat des Mittelalters, erweiterte sich nicht nur, sondern zog
sich auch zusammen, wie das gesunde Herz tut. Jede Zelle seines Krpers war
durchblutet, selbstttig. Unsere alten Kaiser nannten sich zwar allzeit
Mehrer des Reichs, aber sie vermehrten, indem sie Lebendiges an Lebendiges
angliederten. Sie waren wie weise, sorglose, glubige Vter, die ihre
Kinder wild aufwachsen lassen und nur zuweilen strafend dazwischenfahren,
wenn jene es allzu bunt machen. Einem solchen Staat wird die Zeit nie zu
lang, der Raum nie zu eng, weil er sich immer aus sich selbst erneuern
kann. Der blo denkende Mensch hat bald die ganze Welt durchmessen, dem
ttigen Mann kann sein Dorf zur Welt werden.

Ich glaube, es mte sich feststellen lassen, da die Nervenzellen der
Westeuroper mit Stoffwechselprodukten berladen sind, und zwar namentlich
diejenigen Nervenzellen, die der Herzttigkeit vorstehen. Daher schreibt
sich der Mangel an Genie bei berwiegendem Verstande. Es ist wahr, da wir
unabhngig von der Natur, das heit von Gott, werden; unsere Lebensweise
wird besser geregelt, und unsere Lebensdauer verlngert sich; aber was
hlfe uns selbst die Ewigkeit ohne Leben? Gott hat sich das Herz
vorbehalten: er will, da wir es ihm opfern, und gibt es uns verjngt
zurck. Die dem Herrn vertrauen, kriegen neue Kraft, da sie auffahren wie
Adler. Es gehrt allerdings zum Gottvertrauen, da man Gott kein Ziel
setzt. Man kann sehr vorsichtig leben, Kampf, Erregung, Schmerz vermeiden
und damit auch das Sterben hinausschieben; aber das ist dann schon das
Fr-sich-selbst-sorgen-wollen, das Luther so sehr verdammt, ein Symptom des
Alterns. Gott gibt nur Leben und Tod, beides gemeinsam, der Mensch gibt
Ordnung und lange Dauer oder, wenn man so will, langes Leben; aber was fr
ein Leben! Wer wei, was Leben heit, findet den Preis des Todes nicht zu
hoch, obwohl er den Tod am glhendsten hat.

Engherzigkeit ist das Merkmal der westeuropischen Vlker. Das volle Herz
beflgelt, und da sie das nicht haben, kriechen sie an der Erde, auch wenn
sie mit Schiffen die Luft durchfliegen. Alles, was ihr tut, sagt der
Apostel Paulus, das tut von Herzen, als dem Herrn, und nicht den Menschen.
Aus der Flle des Herzens leben ist das Geheimnis des Genies; ein volles
Herz ist die Voraussetzung dazu.

Erinnere dich bitte, da Luther lehrt, der Glaube komme durchs Gehr
vermittelst der Predigt des Wortes. Mit dem Wort nimmt Gott die Herzen.
Das Gehr ist der Weg, der das Wort zum Herzen leitet; wer
musikempfindlich ist, wei ohne weiteres, da das Ohr im Herzen mndet. In
gttlichen Worten, in Dichter- oder Zauberworten, ist das Herz der
Menschheit gebunden, es ist also selbstverstndlich, da das einzelne Herz
mit ihnen verbunden sein mu. Alle Dichterworte der Menschheit sind das
Geistesmeer, das die Herzen speist, und Ohr und Mund sind die Mndungen des
Meeres. Ich glaube, darum rede ich, heit es in der Bibel. Das Gehr
nimmt glubig auf, und liebend gibt der Mund es weiter. Da der Geist sich
den Krper baut, und da Ohr und Mund Aus- und Eingang des Herzens sind,
werden Ohr und Mund durch ihre Gestalt und Bewegung uns die Art des Herzens
am unmittelbarsten verraten.

Dem Ohr mu man ansehen knnen, ob es mehr weltliches oder mehr gttliches
Wort auffngt oder beides. In der Tat kann es nicht schwer sein, den Typus
der schnen weiblichen, den der mnnlich-weltlichen und den beides
vereinenden festzustellen, innerhalb welcher es natrlich eine unendliche
Menge persnlicher Abweichungen gibt. Man liebt die Ohrmuschel rosig, das
heit, da das Herz sich schon in der Pforte spiegelt; das findet man kaum
auer bei Kindern und Frauen. Das entartete Ohr zeigt das Zurckfallen in
die Tierheit an, die Unfhigkeit, das Wort von Gott berhaupt noch zu
vernehmen.

Entsprechend dieser Einteilung gibt es verschieden Mnder, verschiedene
Rnder des Rubinkelches, den wir Herz nennen. Einen Mund kannte ich einmal,
den ich am allerliebsten ansah, wenn er, was sein Besitzer mit Vorliebe
tat, frivole, unanstndige oder gottlose Geschichten erzhlte. Ich hrte
nur halb nach dem Inhalt der Worte hin und betrachtete verzaubert den Mund,
der sich mit unbeschreiblicher Anmut wie ein Quellwasser spielend und
zwitschernd bewegte. Er war wie von Asbest und blieb vollkommen lauter,
whrend die schmutzigen Geschichten ber ihn hinstrmten, da es mir wie
ein Wunder zu sehen war. Wenn er mit einem gewissen Triumph Gott lsterte,
mute ich an einen mutwilligen kleinen Engel denken, der sich vorgenommen
hat, whrend des Lobgesanges einen entsetzlichen Fluch auszustoen; aber
weil er im Himmel und dicht bei Gott ist, kommt immer nur das Heilig,
Heilig von seinen Lippen, die so abscheuliche Worte ausstoen. Dies ist der
Kindermund, der jenseit von Gut und Bse ist. Es springen Perlen und
Edelsteine von ihm, was immer er auch sagt; denn ihm unbewut ist er ein
Brunnen Gottes. Der Mund, den ich dir eben beschrieb, gleicht dem
Shakespeares, wie ich auf einer Abbildung seiner Totenmaske sah.

Dann gibt es den Mund, der gekmpft hat, bis er vermochte, die Tiefe des
Herzens auszusprechen, und dann den, der berhaupt nicht mehr aus dem
Herzen sprechen kann. Vielleicht ist es ein Papageienmund, der
nachplappert, oder er ist zu stolz, das zu tun, und schweigt. Vielleicht
ist dann der unterirdische Gang vom Herzen zum Munde nur verschttet und
kann durchbrochen werden. Ist aber die Verbindung auf immer abgebrochen, so
entsteht der Habsburger Mund, ein Brunnen, aus dem kein lebendiges Wasser
mehr fliet. Er klafft auseinander, wie der Mund der Toten tut. ber die
Progenie, die Erscheinung, da die Zhne des Unterkiefers die des
Oberkiefers in frontaler Richtung berragen, sind wertvolle Studien gemacht
worden, und man hat bereits bemerkt, da diese Erscheinung stets mit
gewissen anderen Merkmalen zusammenhngt, und geahnt, da sie alle auf eine
biologische Ursache zurckzufhren sind. Gerade im Anschlu an das
Habsburger Gesicht ist man schon darauf gekommen, in diesen Erscheinungen
Degenerationsmerkmale zu sehen, und wenn man sich gewundert hat, da auch
hervorragende Individuen diese Merkmale fhren, und deshalb die Auffassung
ablehnen zu mssen meinte, so scheint mir das nur zu beweisen, da man sich
ber den Begriff der Entartung noch nicht ganz klar ist. Mit dem Abnormen
beginnt ja erst die Mglichkeit der Gre; allerdings nur die Mglichkeit,
nicht die Notwendigkeit. Es sind viele berufen, aber wenige sind
auserwhlt.




XIII


In den Tischreden sagt Luther: Menschen sind dreierlei Art. Die ersten
sind der groe Haufe, der sicher dahinlebt, ohne Gewissen, erkennet seine
verderbte Art und Natur nicht, fhlet Gottes Zorn nicht wider die Snde,
fraget nicht darnach. Der andere Haufe ist derer, die durchs Gesetz
erschreckt sind, fhlen Gottes Zorn und fliehen vor ihm, kmpfen und ringen
mit Verzweiflung wie Saul. Der dritte Haufe ist derer, die ihre Snde und
Gottes Zorn erkennen und fhlen, da sie in Snden empfangen und geboren
und derhalben ewig verdammt und verloren mten sein, hren aber die
Predigt des Evangelii, da Gott die Snde vergibt aus Gnaden um Christus
willen, der fr uns dem Vater dafr genug getan hat, nehmens an und
glaubens, werden also gerecht und selig vor Gott. Darnach beweisen sie
ihren Glauben auch mit allerlei guten Werken als Frchten, die Gott
befohlen hat. Die andern zween Haufen gehen dahin.

Der groe Haufe sind die Normalen oder die Weltmenschen, die, welche
Nietzsche die Vielzuvielen nannte; aus diesem grten Haufen wird ein
anderer berufen, der von der Norm abweicht, also abnorm ist und die
Mglichkeit hat, ber den groen Haufen hinauszuwachsen, der aber auch
Gefahr luft, unter ihn hinabzusinken. Von diesem sind einige auserwhlt,
das zu erreichen, wozu sie berufen sind, Frchte zu tragen, die allen
brigen Leben geben: es sind die Schaffenden oder die Genialen; der Stamm
+gen+ bedeutet ja Zeugen, Schaffen. Paulus nennt sie die Auserwhlten,
Luther auch schlechtweg Christen; man kann sie in der Sprache der Heiligen
Schrift auch Gottmenschen oder Geistmenschen nennen.

Man kann auch sagen: die Normalen sind diejenigen, deren Mittelpunkt die
Ernhrungs- und Fortpflanzungsorgane sind. Der zweite Haufe sind
diejenigen, die angefangen haben, auf ihr Gewissen, die Stimme ihres
Herzens, zu hren und nun zwischen der Welt und dem Reich Gottes schwanken.
Die Geistmenschen sind diejenigen, die aus dem Herzen leben, und zwar so,
da das Herz einen berschu ber das Gehirn hat.

Es hat mir groen Eindruck gemacht, zu sehen, wie durchaus aristokratisch
das Christentum ist. Man hat so viel von dem Volksmann Luther, von dem
demokratischen, ja wohl kommunistischen Prinzip des Christentums gehrt,
da der Blick sich erst freie Bahn machen mu fr die Wahrheit; so
wenigstens ging es mir. Allerdings ist Luther jedenfalls selbst von der
naiven Annahme ausgegangen, alle Menschen seien in der Hauptsache so wie
er; jeder Schaffende tut das, sonst wrden ihm Mut und Lust fehlen, sein
Herz reden zu lassen. Erst allmhlich kam er zu der Einsicht, da, wie er
sich ausdrckte, Christi Regiment nicht ber alle Menschen geht, sondern
der Christen allezeit am wenigsten sind. Und kehre dich nicht an die Menge
und gemeinen Brauch, sagte er dann, denn es sind wenig Christen auf
Erden, da zweifle du nicht an, dazu so ist Gottes Wort etwas anderes denn
gemeiner Brauch. Er erinnerte an Tertullians Worte, da Christus nicht
gesagt habe, ich bin die Gewohnheit, sondern ich bin die Wahrheit. Whrend
ihn anfangs der allgemein gegen ihn erhobene Vorwurf, da er als Einzelner
der groen katholischen Kirche gegenber recht haben wolle, die so lange
bestehe und in der so viele gelehrte und weise Mnner gelehrt htten, sagte
er nun: Frwahr eine kstliche Ursache, die man nimmt von der Gre und
Menge wider das klare und lautere Gottes Wort. So kam er zu derselben
Erkenntnis, die Goethe den Seufzer erprete: Ach, da ich irrte, hatt ich
viel Gespielen, Da ich dich kenne, bin ich fast allein. Unter die
Frevelartikel, vor denen man sich hten msse, zhlte Luther die, da
jeder Mensch den Heiligen Geist habe, da jeglicher Mensch glaube, da
jegliche Seele das ewige Leben haben werde.

Es ist merkwrdig, da man bei den meisten Menschen anstt, wenn man von
einem groen Manne sagt, er sei abnorm oder degeneriert, gerade so, als ob
es normal wre, genial zu sein. Jeder groe Mann ist von der Art
abgewichen, also entartet; allerdings ist er ber die Art emporgestiegen,
und es wre insofern richtiger, zu sagen, er sei berartig. Legt man
indessen den Mastab des normalen Menschen an ihn, so mu man ihn als krank
bezeichnen; vor der Welt ist er minderwertig, weil er weniger tchtig ist,
Geld zu verdienen und normale Kinder zu erzeugen.

Die normalen Menschen werden wissenschaftlich erklrt als diejenigen, die
am besten geeignet sind, sich und die Art zu erhalten. Sie sind noch
ungebrochen; ihr Bewutsein ist noch nicht zum Selbst- und Gottbewutsein
entwickelt, nur ein blinder Instinkt, der sie hnlich den Tieren zu den
erwhnten Zwecken leitet. Unempfnglich fr geistige Gensse, wollen sie
nichts anderes, als was fr ihr Gedeihen und ihre Fortpflanzung dienlich
ist, und darin erschpft sich ihr Leben. Sie haben ihren Lohn dahin, sagt
Christus, und Luther: Sie gehen dahin. Anders ausgedrckt: Sie stellen
eine frhe Entwickelungsstufe dar, die von einer hheren aufgerollt,
mitgenommen und vertreten wird.

Von diesem groen Haufen sondern sich diejenigen Individuen ab, die nicht
mehr vorwiegend tchtig zu ihrer Erhaltung und zur Erhaltung ihrer Art
sind. Ihr Selbst-und Gottbewutsein hat sich so weit entwickelt, da sie
eine innere Sonderung und zugleich eine Sonderung von der Welt fhlen. Sie
haben nun zwei Seelen in sich, eine gttliche und eine tierische, in der
Bibel gewhnlich Geist und Fleisch genannt; sie haben vom Apfel der
Erkenntnis gegessen und unterscheiden Gut und Bse. Die Kluft zwischen
Wollen und Vollbringen, die so im Menschen entstanden ist und ihn
eigentlich in zwei Stcke reit, macht ihn fr seine nchstliegenden
Aufgaben untchtig; er wendet seine Kraft auf, die Kluft zu berbrcken
oder zu maskieren. Der Welt, dem groen Haufen gegenber ist er der
Schwchere geworden und hat und frchtet ihn; zugleich verachtet er ihn,
weil er ihn an Einsicht und jenseit der Welt liegenden Mglichkeiten
berragt. Es hat sich ihm innerhalb der Welt der Erscheinung das Reich des
Unsichtbaren aufgetan, das Reich des Geistes oder Gottes, und er ist
reicher um die Anwartschaft darauf, rmer um die feste, gesicherte Stellung
in der Welt. Zu diesen Zerrissenen, Gesonderten ist Christus gekommen, um
sie wieder ganz zu machen, indem er sie lehrt, auf die Welt zu verzichten,
um im Reiche des Geistes zu herrschen und von dort aus die Welt zu
berwinden. Nicht die Snder sind gemeint, die gegen das Gesetz gesndigt
haben und weltlicher Strafe verfallen, sondern die, welche das
Sndenbewutsein haben und sich nach Erlsung sehnen, nach Erlsung von der
Welt durch den Geist. Da Luther als Vertreter des zweiten Haufens Saul
nennt, den kniglichen Erstling der Melancholischen, zeigt seine Meinung
klar. Es sind die Interessanten; das Wort kommt nmlich von zwischen
Sein, zwischen dem unbewuten und bewuten Sein, die im bergang
Begriffenen, um welche Gott und der Teufel sich streiten.
Selbstverstndlich sind alle Menschen werdend; aber es kann auch ein
bergewicht nach unten oder nach oben geben, whrend bei diesen sich noch
nichts entschieden hat. Ihre Aufgabe ist, von der sichtbaren Welt eine
Brcke zur unsichtbaren zu schlagen, nicht um die sichtbare zu verlassen,
sondern um beide Welten zu verbinden. Die Verbindung ist Religion; das Wort
kommt von #ligare#, binden. Um den Vorgang mglichst zu verdeutlichen,
mchte ich den Sprung hinber und das zur Welt zurckgeworfene Band
unterscheiden. Der Sprung von der sicheren Kste der Welt ins Unsichtbare
ist der Glaube; handelt es sich dann um die berwindung der Welt von dem
gewonnenen Himmel aus, der neuen Heimat des Inneren, so ist zwar nicht die
Kraft selbst gendert, aber doch ihre Richtung, und sie heit nun Liebe. Je
nachdem der Mensch wesentlich kindlich, unbewut, gestaltungskrftig ist,
oder wesentlich persnlich und handelnd, oder wesentlich berpersnlich
oder gottbewut, geistig, berwindet er die Welt als Knstler durch
Kunstwerke, oder als Held und Heiliger durch Taten, oder als Dichter und
Weiser durch die Wahrheit. Knstlerisches, ttiges und dichterisches
Schaffen sind verschiedene Ausprgungen des menschlichen Geistes auf
verschiedenen Entwickelungsstufen. Das Genie oder der vollkommene Christ
umfat sie alle; wie er Mann und Weib zugleich ist, ist er auch Kind, Mann
und Greis zugleich. Bei weitem die meisten unter den Berufenen wagen den
Sprung in das schne Wunderland nicht: Genies sind selten. Es gibt ja
kein Schaffen, ohne da beides vorhanden wre, Gottbewutsein und
Weltbewutsein, Sinnlichkeit und Geistigkeit, und es gehrt eine
auerordentlich starke Gtterhaftigkeit dazu, den durstig im schnen Schein
Schwelgenden aus dieser glcklichen Umarmung zu reien. Die meisten
zweifeln zwischen den beiden Welten und gehen beider verlustig; nur wer
sich fr den Gttertisch entscheidet, kann Ambrosia genieen und zugleich
am Tische der Welt Gast sein. Der Christenmensch, sagt Luther, ist ein
allmchtiger Herr aller Dinge, der alle Dinge besitzt gnzlich ohne alle
Snde. Er besitzt sie nmlich im Geiste und durch den Geist. Beethoven war
die Welt der Tne, in der er Herrscher war, sinnlich entzogen; aber wer
bezweifelt, da er in seinem Geiste eine schnere Musik vernahm als
irgendein Sterblicher mit gesundem Gehr?

Die Berufung geschieht durch Leiden, wie die Briefe des Neuen Testaments
vielfach ausfhren. Wir wissen aber, so unser irdisches Haus dieser Htte
zerbrochen wird, da wir einen Bau haben von Gott erbaut, ein Haus, nicht
mit Hnden gemacht, das ewig ist, im Himmel. Dieser ewige Himmel ist in
unserem Herzen, der Geist; wir knnen aber nicht Geistmensch werden, bevor
nicht unser irdisches Haus, das normale, der Knochen- und Muskelmensch
gebrochen, irgendwie erschttert ist. Wir knnen, sagt Luther, den
glorifizierten Christus nicht sehen, bevor wir nicht den gekreuzigten
gesehen haben. Das tgliche Sterben und Auferstehen, wovon in den Episteln
so oft gesprochen wird, ist durchaus nicht bildlich zu verstehen; wirklich
schwindet der Knochen- und Muskelmensch im Mae wie der Nervenmensch und
endlich der Geistmensch entsteht, es ist ein allmhliches Verwandeln, bei
dem es keinen Leichnam gibt, weil die sterbende Form fortwhrend in einer
hheren aufgeht oder aufersteht. Dies kann ohne Leiden nicht vor sich
gehen, obwohl es nicht notwendigerweise durch Krankheit vor sich gehen mu.
Gott entziehe seinen Heiligen, sagt Luther einmal, die Gter dieser Welt
nicht immer in der Tat, dann aber im Geiste, so also, da sie sie zwar
besen, aber kein Gengen mehr in ihnen fnden. Wre ein Berufener zum
Beispiel tatschlich nicht arm, so wre er doch geistig arm oder arm im
Geiste; sei es, da sein Mitgefhl mit den Armen ihn seines Reichtums nicht
froh werden liee, oder da Krankheit ihn am Genu desselben hinderte, oder
da nichts von allem dem, was man sich durch Reichtum verschaffen kann, ihn
befriedigte. Das Entscheidende ist, da einem die Welt entzogen wird, und
da dadurch ein innerer Gegensatz entsteht, eine Kluft zwischen Wollen und
Knnen: man hat die Organe fr die Welt nicht mehr und will die Welt doch
nicht loslassen, weil man die Organe fr das Reich des Geistes noch nicht
in der Gewalt hat.

Das erste Kapitel des ersten Briefes von Paulus an die Korinther handelt
ausfhrlich von der Art der Berufenen, da sie vor der Welt schwach und
niedrig sind. Denn es stehet geschrieben: ich will zunichte machen die
Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verstndigen will ich verwerfen.
Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weltweisen?
Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Torheit gemacht?... Denen aber,
die berufen sind, beides, Juden und Griechen, predigen wir Christum,
gttliche Kraft und gttliche Weisheit. Denn die gttliche Torheit ist
weiser, denn die Menschen sind; und die gttliche Schwachheit ist strker,
denn die Menschen sind. Sehet an, liebe Brder, euren Beruf; nicht viel
Weise nach dem Fleisch, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind
berufen. Es ist falsch, diese Worte so aufzufassen, als wren nur
schwachkpfige oder wenigstens einfltige Sklaven und Frauen Auserwhlte.
Paulus selbst war ein hochgebildeter Mann; das zeigt jedes Wort an, das von
ihm erhalten ist, auch htte er sonst die Griechen und Rmer nicht so
packen knnen durch seine Reden. Er stellt nur die gttliche Weisheit, die
Genialitt, der bloen Schulweisheit und Bchergelehrsamkeit oder der
weltlichen Macht und dem weltlichen Ansehen gegenber. Da die genialen
Menschen aller Vlker und Zeiten nicht aus den herrschenden Stnden,
sondern im Durchschnitt aus dem sogenannten Mittelstande hervorgegangen
sind, ist bekannt. Fast alle waren arm, und die meisten sind es geblieben;
ebensowenig wie reich und mchtig waren sie gesund. Ich entsinne mich einer
Anekdote des magenleidenden Manzoni, der einmal, als er Gelegenheit hatte,
die gesunde rote Zunge eines jungen Anverwandten zu sehen, zwischen Neid
und Verachtung ausrief: #Lengua d'un can!#

Luther hebt gelegentlich den Gegensatz zwischen heidnischer und
christlicher Weltanschauung hervor, indem er dem Ausspruch des Juvenal:
#Orandum est ut sit mens sana in corpore sano# den des heiligen Augustinus
gegenberstellt: Wenn wir gesund sind, so wtet in uns am meisten die bse
Begierde.

Jedes Leiden besteht in einem Angriff auf die Integritt unseres Ich; um an
das heranzugelangen, mu Gott zuerst eine Bresche in den Krper schlagen,
in den Vorhof, der zur Seele fhrt. Es ist bekannt, da in einer gewissen
Weichheit der Knochen die Mglichkeit zur Entwickelung eines gerumigen
Schdels gegeben ist, in welchem ein groes Gehirn Raum hat; woraus
natrlich nicht folgt, da jeder groe Schdel und jedes groe Gehirn
Brgschaft fr geistige Gre gibt. Jedenfalls wirkt das groe Gehirn als
Magnet auf das Herz und zieht es von seinen brigen Ttigkeitsgebieten ab,
so da der Krper nicht mehr so gleichmig wie sonst ernhrt wird. Auch
eine gewisse Entartung der Geschlechtsdrse mu beim genialen Menschen
vorliegen, nicht so, da ihre Ttigkeit aufgehoben, sondern da sie mehr
dem Herzen unterstellt ist. Es beruht darauf die Kindlichkeit oder
Weiblichkeit des Genies, dessen Liebesangelegenheiten immer zugleich
Herzensangelegenheiten sind, wie man das in Goethes Leben sehen kann. Der
mnnlichere Schiller litt unter rein krperlichen Trieben, die er heroisch
berwand; sein Genie beruhte auf strkerer Spannung, das Goethes mehr auf
natrlicher Harmonie.

Durch die vernderte Richtung oder Verteilung des Blutstromes ist das
Gleichgewicht im Organismus gestrt, der berttigkeit auf der einen Seite
steht Unttigkeit und Erschlaffung auf der anderen gegenber. Man kann den
Krper als eine Mauer betrachten, die das Herz zugleich mit der Welt
verbindet und vor ihr schtzt. Wenn dieser Krper morsch wird, ist das Herz
feindlichen Angriffen mehr ausgesetzt und wird zu strkerer Ttigkeit
gereizt. Das Genie ist also eine Alterserscheinung, nicht in dem Sinne
natrlich, da der einzelne alt wre, sondern da seine Familie es ist; er
ist das Ende einer Entwickelungsreihe. Doch ist es nicht so, da die
Auflsung bereits eingetreten wre, sondern er gibt nur das Zeichen zu ihr;
der blitzartige Punkt zwischen dem letzten Augenblick des gesunden Lebens
und dem ersten des hereinbrechenden Todes ist der glcklichste.

Nach der Hochflut des Genies kommt die Ebbe der Dekadenz. Wenn ich bei dem
photographischen Bilde bleiben darf, mchte ich sagen, da bei sehr
scharfem Licht die Platte des Gehirns zwar von Momentaufnahmen voll wird,
da diese aber, da keine Urbilder aus dem Herzen mehr dazukommen, nie ein
lebendiges Ganzes werden knnen. Manche Menschen scheinen allwissend zur
Welt zu kommen und sind mit fnfzig Jahren kaum reifer als mit fnfzehn;
sie haben einen vollen Speicher in ihrem Gehirn, aber er belastet sie mehr,
als da sie ihn ntzen knnten. Die Bausteine sind da, aber die Melodie der
Seele nicht, die sie zusammenzauberte. Je mder das Herz wird, desto
frostiger raschelt der Gehirnstrohsack; man fhlt, da da kein Wort hilft,
sondern nur das Zustrmen frischen, feurigen Blutes. Christus erkannte sich
selbst als Gottes Sohn und starb den Opfertod; nach dem Augenblicke, wo
Selbst- und Gotteserkenntnis eins wird, mu das Ende kommen, denn die Zeit
ist mit ihm erfllt. Der Gottmensch opfert sich entweder, von seinem
Spiegelbilde sich losreiend, oder er bleibt in Selbstanbetung daran
gebannt und wird, vom Strome des Lebens abgesondert, zur Mumie. Dem Tode
ist der Gottmensch geweiht; es fragt sich nur, ob er sich selbst oder
anderen sterben wird. Dies eben ist die Frage, die die Gtter dem Achilles
vorlegten, ob er ein langes und bequemes, aber ruhmloses Leben wolle, oder
Kampf und Mhsal und frhen Tod, aber unsterblichen Ruhm; es war sein Herz,
das die Antwort gab. Von der Groherzigkeit und Engherzigkeit des Menschen
hngt seine Entscheidung ab.

Langlebigkeit und Gesundheit beruht auf Sparen mit dem Herzen; darin liegt,
da geniale Menschen im allgemeinen nicht lange leben und nicht durchaus
gesund sein knnen. Irgendwie mu sich ein Rckschlag des gesteigerten
Lebens zeigen. Judas, wer liebt, verschwendet alle Zeit. Eines der
schnsten Gedichte von Goethe, das von einem starken Baume handelt, der
seine Kraft hingibt, um einen ihn umklammernden Efeu zu ernhren, schliet
mit den Worten: S ist jede Verschwendung; o la mich der schnsten
genieen! Wer sich der Liebe vertraut, hlt er sein Leben zu Rat?

Wre eine derartige Verschwendung allgemein, so wrde das menschliche
Geschlecht bald ausgestorben sein; es ist deshalb notwendig, da der groe
Haufe sich von der Selbstsucht leiten lt.

Goethe wird deswegen so sehr bewundert, weil bei seinem Genie Gott- und
Weltbewutsein so sehr im Gleichgewicht war. Er hat dadurch das Genie
eigentlich weltfhig gemacht, und wenn Christus die Menschen zu Gttern
machte, kann man von Goethe sagen, da er sich den Menschen zuliebe
verweltlichte. Als Sohn eines durchaus weltlichen, engherzigen Vaters fing
er frh an mit der Neigung zu sparen und glich dann einem Ofen, der sein
Feuer Tage unterhielt, an dem man sich aber nicht gerade wrmen konnte. Er
hat sein volles Herz gewahrt, geschont, und es ist dieser Umstand, der
gerade den alten Goethe zum Liebling unserer gebildeten, wesentlich
herzschwachen Mnner macht. Luthers mchtiges, malos beranstrengtes Herz
erlahmte verhltnismig frh, und die schmerzliche Ahnung seiner Jugend
wurde wahr: die letzte Anfechtung wird sein, da ich mir selbst zur Last
fallen werde. Whrend seines ganzen Lebens hatten Perioden gnzlicher
Erschpfung, wo er sich lebend tot fhlte, mit den Perioden
bermenschlicher Schaffenskraft gewechselt, berttigkeit des Herzens mit
Versagen des Herzens.

Die Meinung, da die Heiden die Lehre von der Berufung durch Leiden nicht
gekannt oder gar verabscheut htten, ist brigens ganz falsch, wenigstens
was die Griechen betrifft, deren Weltanschauung vielmehr ganz in die
christliche einmndete. Eine Stelle bei schylus lautet:

    Weise macht den Erdensohn
    Gottes Fhrung und Gebot:
    Leiden soll dir Lehre sein.
    Mahnend sinkt im Schlaf der Nacht die Qual
    Alter Schuld
    Ihm aufs Herz:
    Ungewollt
    Kommt die Weisheit ber ihn.
    Strenge Wege geht mit uns die Gnade,
    Die am Weltensteuer sitzt.

Es ist dieselbe Lehre von der Snde, vom Leiden und der Gnade, die wir im
Neuen Testamente finden. Die Sagen von Eros und Psyche und von Prometheus
scheinen mir keinen anderen Sinn haben zu knnen, als da das Leben im
Geiste, symbolisiert durch Feuer und das Erschauen der Gtter, nicht
geraubt werden, sondern durch Leiden erworben werden mu. Das arbeitvolle
Leben des Herkules, seinen Feuertod und seine Verklrung hat man lngst mit
dem Leben Christus' verglichen, und schlielich erlebte ja das ungemein
geniale Volk der Griechen seinen hchsten und letzten Augenblick, als es in
Christus den unbekannten Gott erkannte.

Die meisten Berufenen scheitern daran, da sie nicht kmpfen und leiden
wollen. Sie mchten wohl Auserwhlte sein, aber, wie Papageno, nicht durch
Feuer und Wasser gehen, und gleichen Frauen, die sich nach Kindern sehnen,
aber die Qual, sie zu tragen und hervorzubringen, nicht auf sich nehmen
mgen. Es gibt Menschen, die dem Leiden ausweichen, und es gibt Menschen,
die das Leiden suchen und denen das Leiden ausweicht; wen Gott auserwhlt
hat, dem zwingt er das Leiden auf. Und zwar zwingt er es ihm auf durch das
Mittel, durch welches er berhaupt im Menschen wirkt, nmlich durch das
Herz; insofern nun jedem sein Herz selbst angehrt, macht jeder sich sein
Schicksal selbst.

Diejenigen erringen die Krone des Lebens nicht, die nicht getreu sind,
sondern begehrlich nach den Kronen der Welt blicken. Sie bleiben entweder
unfruchtbar und voller Unruhe zwischen den beiden Welten hangen, oder sie
werden in der strkeren Welt, in die sie sich ohne den Harnisch des Geistes
zurckwagen, zertreten. Gott ist #consumens et abbrevians#, aufzehrend und
abkrzend: auf Unzhlige, die dahingehen, kommen einzelne Lebendige. Das
Ziel, welches diese erreichen, zugleich Sieg und Krone, ist die
Schaffenskraft. Die Auserwhlten sind, wie schon gesagt, die Genies oder
die Schaffenden; denn sie sind ja Ebenbilder Gottes, und Gottes Wesen ist
Schaffen. Luthers qulende Frage: Wie bekomme ich einen gndigen Gott? lt
sich in die Worte fassen: Wie werde ich ein Schaffender? Im Schaffen wird
das Leiden berwunden, und wenn das Leiden das Siegel der Berufung ist, so
siegelt der berwinder mit Werk, Tat und Wort. Das ist aber nicht so zu
verstehen, als ob nur groe Knstler, Helden oder Dichter und Weise selig
werden knnten: jedes volle Herz ist ttig, arbeitet, und ist arbeitend
selig. Das Genie im engeren Sinne aber lebt nicht nur, sondern erlebt,
erinnert sein Leben im Spiegel des Gehirns und verdoppelt es in Form, Tat
oder Wort. Diese Verdoppelung des Lebens, die nur durch verdoppelte
Herzttigkeit mglich wird, nennt man Schaffen; aber selig macht auch das
einfache Leben, das im Wirken besteht.

Eines der grten Genies der Welt war jedenfalls Paulus. Der Rmer Festus
begriff gut, mit wem er es zu tun hatte, da er zu ihm sagte: Paule, du
rasest; deine groe Kunst macht dich rasend. Es erinnert an Shakespeares
Wort vom Auge des Dichters, das im sen Wahnsinn rollt. Auffallend finde
ich, nebenbei bemerkt, wieviel unwillkrliche Sympathie und Hochachtung
gerade einzelne Rmer fr Christus wie fr Paulus zeigten. Als dem
hnliches erscheint mir die gute Aufnahme, die England den auslndischen
Genies zu bereiten pflegte: das Herrschervolk huldigt den Herrschern im
Reiche des Geistes, das es ihnen gnnt. Die hufigen Schilderungen von der
Seligkeit des geistig Schaffenden rauschen mit strmender Gewalt durch die
Bcher des Neuen Testaments wie die von der Kraft der Glubigen durch die
des Alten. Im Alten Testamente schafft Gott in dem passiv hingegebenen
Menschen, im Neuen ist der Mensch selbst Gott geworden. Das kein Auge
gesehen hat und kein Ohr gehret hat und in keines Menschen Herz gekommen
ist, das hat Gott bereitet denen, die ihn lieben; diese berschwengliche
Herrlichkeit, sollte sie einem tugendhaften Brger, einem katholischen oder
protestantischen Pfarrer als solchem gegeben sein? Es sind vielmehr die
Verfhrer und doch wahrhaftig; die Unbekannten und doch bekannt; die
Sterbenden, und siehe, sie leben; die Gezchtigten und doch nicht erttet;
die Traurigen, aber allezeit frhlich; die Armen, aber die doch viele reich
machen; die nichts innehaben und doch alles haben. Die ewige und ber
alle Maen wichtige Herrlichkeit gehrt denen, die nicht sehen auf das
Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare, nmlich auf den Geist.
Schulgeznke solcher Menschen, die zerrttete Sinne haben und der Wahrheit
beraubt sind, die da meinen, Gottseligkeit sei ein Gewerbe, das verschafft
wohl Zutritt zur sichtbaren, nicht aber zur unsichtbaren Kirche.

Wenn man nicht das Wort geistlich beibehalten htte, das Luther fr
geistig gebrauchte, wrde sich vielleicht der mit etwas Selbstgeflligkeit,
Salbung und Tugendseligkeit so schdlich verquickte Begriff des
Geistlichen gar nicht herausgebildet haben. Wenn Luther geistlich
sagte oder schrieb, schwebte ihm sicherlich nichts anderes vor, als was wir
bei dem Worte geistig denken und empfinden. Diejenigen, die den
geistigen, den innerlichen, unverweslichen Leib in dem natrlichen,
verweslichen tragen, die knnen wie Paulus in das Paradies entrckt werden
und unaussprechliche Worte hren, die kein Mensch sagen kann.

Fr unsere Zeit ist es charakteristisch, da es keine Genies gibt. Sowohl
die amtlichen Vertreter unseres Geisteslebens wie die nichtamtlichen, die
sichtbare Kirche nicht nur, sondern auch die unsichtbare, wollen entweder
abgesonderte Winkelprediger oder Weltmenschen sein. Es ist so weit gekommen
und wirkt beinahe komisch, da sie mit einer Art Entrstung, als wre es
etwas Schimpfliches, die Genialitt ablehnen, weil sie an die Mglichkeit
einer echten nicht glauben. Vor allen Dingen wollen sie gut leben und
Ansehen in der Welt haben, was ihnen denn auch zuteil wird und womit sie
ihren Lohn dahin haben. Der Krieg ist wohl als eine groe Berufung
anzusehen; ich zweifle, ob sie jetzt schon laut genug ist, da die der
gttlichen Stimmen ungewohnten Ohren sie vernehmen knnen.

Wenn ich von deiner schwermtigen Schnheit wegblicke zum Fenster, so sehe
ich das durchsichtige Gewimmel der Sterne, das unsere Erde wie eine
Gloriole umgibt. Die Erde kommt mir vor wie die Menschheit selbst, an ihrem
uersten Rande in leuchtende Krper aufgelst, die in goldenen Ringen
tiefer und tiefer in den unendlichen Raum dringen, eine Brcke der
Glubigen vom Sichtbaren ins Unsichtbare.




XIV


Solltest du, liebster Freund, jemals Ursache haben, an der Menschheit zu
zweifeln oder zu verzweifeln, so studiere Luthers Streit mit Zwingli ber
das Abendmahl und trste dich mit ihm. Luther hat ja bei Lebzeiten und nach
seinem Tode begeisterte Anhnger gefunden; aber wo er am glhendsten
fhlte, am tiefsten dachte, am grten handelte, da hat ihn niemand
verstanden. Man begriff, da Zeremonien ohne Glauben keinen Wert vor Gott
haben; aber da Handeln, auch das edelste, ohne Glauben auch ungttlich
ist, das begriff man nicht. Man wollte wohl eine sichtbare Kirche, aber
einen Kult wollte man nicht, auer einem solchen, der mit dem Verstande zu
begreifen wre, mit Gott also gar nichts zu tun htte. Luther wollte jeden
Kult abschaffen, den Gott nicht geboten hatte; einen solchen nannte er
Zeremonien, Menschengebote, Menschenlehre, und verdammte ihn heftig;
denjenigen wollte er heilig bewahrt wissen, den Gott geboten hat, oder, was
dasselbe ist, der mit Notwendigkeit aus Gottes Wesen fliet. Die Richtung
des sechzehnten Jahrhunderts ging auf Ausbildung des Selbstbewutseins, des
Verstandes, der ueren Welt; man wollte durchaus keinen Gott haben, der,
in der ueren Erscheinung heimisch, das Begreifen der Welt von zwei Seiten
her gefordert htte. Als Luther denjenigen Kult einfhren wollte, den Gott
geboten hat und der aus dem Wesen Gottes mit Notwendigkeit sich ergibt,
bewunderten sie nicht seine Folgerichtigkeit, sondern sie nahmen rgernis
daran, da er, wie sie es nur auffassen konnten, sich pltzlich als
Mystiker verriet. Der aus Herz, Kopf und Sinnen lebende Mensch wird stets
von denen verkannt und gehat werden, die nur aus Kopf und Sinnen leben.

Luther verstand unter dem Unsichtbaren das, was ist, was unsere Augen aber
nicht wahrnehmen; die Gegner verstanden unter dem Unsichtbaren das, was
nicht ist, wovon aber unklare Mystiker trumen. Sie verbannten das
Unsichtbare in einen sogenannten Himmel, der jenseit, das heit eigentlich
nirgendwo, ein harmloses Dasein fristen durfte, obwohl Christus
unmiverstndlich gelehrt hat, da der Himmel in unserem Inneren, da er
menschlicher Geist ist. Indem Gott seinen eingeborenen Sohn gab, sagte
Luther, machte er aus Himmel und Welt ein Ding; in der Person des
Gottmenschen sind Sein und Erscheinung eins geworden. Dieser monistischen
Weltanschauung war die Zeit Luthers nicht zugnglich, die, nachdem in einem
genialen Augenblick Spiritualismus und Materialismus verschmolzen waren,
bermchtig zum Materialismus hindrngte. Der Standpunkt Zwinglis, da man,
wie er sich ausdrckte, die beiden Naturen, nmlich Geist und Stoff, nicht
vermischen drfe, wurde auch von den Katholiken geteilt, nur da sie sich
nicht, wie die Reformation, auf den bloen Geist, sondern auf den bloen
Stoff sttzten. Sie waren Heiden ohne die kindliche Blindheit der
vorchristlichen Heiden. Auch die heutigen lutherischen Theologen sprechen
von Luthers Mystik wie von einer Ausschweifung seines Verstandes, einer
liebenswrdigen Schwche, die man einem brigens vernnftigen Menschen
hingehen lt. Da Gott der Geist wirklich ist, das Unsichtbare vereint mit
dem Sichtbaren, scheinen sie so wenig zu glauben wie die Zwinglianer und
Katholiken des sechzehnten Jahrhunderts.

Als kultliche Handlungen, die von Gott geboten sind, bezeichnet Luther die
Taufe und das Abendmahl. Die Taufe bedeutet das Sterben des Naturmenschen
und Auferstehen des Gott- oder Geistmenschen, die zweite Geburt des
Menschen, die sein Leben lang whren und mit seinem Tode vollendet sein
soll. Die Taufe soll aber durchaus nicht nur eine bildliche Handlung sein,
sondern sie soll diesen Werdegang der Wiedergeburt im Geiste tatschlich
einleiten, indem in das Herz des Kindes zum erstenmal das Samenkorn des
gttlichen Wortes fllt. Das Wort ist, wie du weit, die hchste
Verdichtung des Geistes und bindet den verweslichen Menschen an das
Unverwesliche, oder es heiligt ihn; mit den Worten der Taufe nimmt die
Heiligung ihren Anfang. Sie setzt sich fort im Leben durch die Taufe
#flaminis et sanguinis#, die Taufe in Feuer und Blut. Zufolge eines
begreiflichen Trugschlusses des Verstandes verlangten die Wiedertufer, da
die Taufe an Erwachsenen sollte vollzogen werden, da das neugeborene Kind
das Wort noch nicht vernehmen knne; ein Irrtum, den Luther selbst
durchgekmpft hat. Er wandte dagegen anfangs ein, da der Glaube der
erwachsenen Paten fr den noch unentwickelten Glauben des Kindes eintreten
knne; spter erst ging ihm die groartige Erkenntnis des unbewuten
Glaubens auf, wie er es nannte. Er begriff, da der Glaube ein Nichtwollen,
ein Sichpassivverhalten des Menschen Gott gegenber ist, und da gerade das
unbewute Kind geeignet sein mu, von Gott ergriffen zu werden.

Neuerdings hat man Beobachtungen darber angestellt, da Worte, die in
Gegenwart von fest schlafenden Kindern gesprochen werden, obwohl nicht mit
Bewutsein, doch von ihnen aufgenommen werden und in ihnen wirken knnen;
gehorcht doch auch der Hypnotisierte den Worten dessen, der ihn
hypnotisiert, obwohl er sie nicht mit Bewutsein hrt. Ich habe an mir
selbst erfahren, da in der Kindheit vernommene Worte, die ich nicht
verstand, die mich nur durch ihren Rhythmus ergriffen, sich in mir
festsetzten und in mir fortwirkten; und es wird jeder Mensch Beispiele
dafr in seinem Leben finden. Worte sind Samen, der bewut gest und
unbewut empfangen wird; sie schlummern im Stoffe, aus dem das Herz sie
hervorglhen kann, damit sie Frucht tragen. Auf der Annahme, da Kraft
auch da wirken kann, wo sie unbewut empfangen wird, beruht der Segen, den
Eltern auch ganz kleinen oder schlafenden Kindern erteilen; Worte sind die
strkste Kraft, die es gibt.

Luther bemerkte gelegentlich, es sei dem Sakrament der Taufe zugute
gekommen, da es mit unbewuten Kindern umgehe, deshalb lasse man es so
ziemlich undisputiert. In der Tat kam wohl Zwingli gar nicht darauf, da
die Taufe anders knnte aufgefat werden als eine symbolische Handlung, sah
deshalb keinen Grund ein, sie abzundern, und bewirkte, da die
Wiedertufer in Zrich mit dem Tode bestraft wurden. Luther, der Irrende
nur durch das Wort bekmpft wissen wollte, begngte sich damit, sie
auszuweisen.

Ganz anders verhlt es sich mit dem Abendmahl, das im Mittelpunkte des
Kults steht und den Erwachsenen dargeboten wird. Da im Stoff Geist, da
der Stoff geistvoll sei, hatten schon die Propheten des Alten Testamentes
gelehrt, indem sie sagten, Gott erflle Himmel und Erde; Christus setzte
hinzu, da der Himmel das Herz des Menschen sei. Anders ausgedrckt: die
Propheten lehrten, da Gott das Herz der Welt sei, Christus, da das Herz
der Welt zugleich das Herz der Menschheit sei, die Einheit der Welt im
Selbstbewutsein des Menschen. Der Name Testament schon deutet an, da es
sich um eine Vergabung handelt: der Gottmensch, dessen Seele sterben wird,
teilt sein Fleisch und Blut denen aus, die ihn lieben, deren Herzen ihm
geffnet sind, um sein Wort zu empfangen. Die Zauberworte der Einsetzung
sind: Nehmet, esset, das ist mein Leib. Trinket alle daraus, das ist mein
Blut, welches vergossen wird fr viele zur Vergebung der Snden.
Vorbereitet hatte Christus selbst das Testament durch seine Erklrung im
6.Kapitel des Johannes-Evangeliums, da er das Brot des Lebens sei,
welches er ausdrcklich als Himmelsbrot, also eine geistige Speise, der
vergnglichen Speise gegenberstellte.

Hieronymus hat das Abendmahl #invisibilis gratiae visibilis forma# genannt,
die sichtbare Form der unsichtbaren Gnade, das ist also der im Stoff
erscheinende Geist. Der heilige Augustinus erklrte es mit den Worten:
#Accedit verbum ad elementum et fit sacramentum#, Das Wort zum Element oder
Geist zur Natur, und das Wunder geschieht. Wenn ich Wunder bersetze, so
ist es ntig zu betonen, da statt Sakrament im Griechischen +mystrion+,
Geheimnis steht. Wunder in unserem Sinne gibt es nicht, nur Geheimnisse.
Hier handelt es sich um das letzte Geheimnis, da in der Seele, im Ich, der
Stoff zugleich Geist ist, und weil wir dies Geheimnis nur erleben, nicht
machen knnen, scheint mir richtig, es Wunder zu nennen. Mit dem Tode wird
unser Krper wieder eins mit der ewigen Substanz, unser Geist, sei es in
Form, Tat oder Wort oder im Blute, geht in die Herzen ein. Brot und Wein
sind Stoff: wenn der Blitz des Wortes sie entzndet, erglhen sie zu Geist.
Da Christus das Brot whlte, geschah, weil das Samenkorn die strkste
Verdichtung des Stoffes ist wie das Wort die strkste Verdichtung des
Geistes; Brot ist die natrliche Speise des Menschen. Ebenso ist Wein das
Getrnk, das am strksten ins Blut geht, wie man volkstmlich sagt; das
Feuerwasser, wie der Wilde es nennt, ist das gegebene Bild fr das
Feuerwasser, das aus dem Herzen des Menschen quillt. Auch unser Fleisch und
Blut lebte nicht, wenn die Seele sie nicht mischte, gren und glhen
machte; das Erlschen der Seele ist der Tod. Wer sich dessen bewut ist,
dem kann jede Speise eine Geistesspeise sein; davon aber unterscheidet
sich das Abendmahl dadurch, da es von der glubigen Gemeinde genommen
wird. Luther beantwortete deshalb alle an ihn gerichteten Anfragen, ob
einer sich das Abendmahl unter Umstnden allein drfe reichen lassen,
abschlgig; Gott ist ja Person nur im Menschen, und die Verbindung mit Gott
mu durch die Verbindung mit der Menschheit geschehen. Absonderung von den
Menschen wre zugleich Absonderung von Gott, also wre das Abendmahl von
einem Einzelnen genommen ein Widerspruch in sich selbst und eigentlich
ungttlich. Dem Wissenden fr sich allein ist ja selbstverstndlich das
Abendmahl nicht notwendig; ist er an seinem Gebrauch verhindert, so tritt
das Wort des Augustinus in Kraft: #crede et manducasti#, glaube, so hast du
gegessen; als gemeinsames Mahl macht es die durch den Krper Gesonderten im
Geiste eins.

Zwingli hatte vom Wesen des Abendmahls keine Ahnung: er dachte, Christus,
ein edler, vorbildlicher Mensch, habe seine Jnger ermahnt, seiner nach
seinem Tode zu gedenken, und ebenso sollten es knftig die Glubigen
halten, wenn sie die Handlung des Abendmahls symbolisch wiederholten. Die
katholische Kirche wollte im Sakrament den Opfertod Christi wiederholen und
sich durch den richtigen Vollzug desselben Verdienste erwerben; sie, ebenso
wie Zwingli, machte ein Werk, eine Selbstttigkeit des Menschen daraus.
Luther verstand die Sakramentshandlungen als Austeilungen gttlicher Kraft,
bei denen die Menschen die Empfangenden sind.

Eines der hauptschlichen Argumente Zwinglis gegen Luthers Auffassung,
Christi Fleisch und Blut sei im Brot und Wein, war, da Christus zur
rechten Hand Gottes sitze, also nicht im Brot und Wein sein knne. Man
sollte meinen, eine so grobe Unfhigkeit, das Gttliche zu erfassen,
springe jedem in die Augen. Sie veranlate Luther zu einer hinreienden
Schrift ber die Allgegenwrtigkeit Gottes, die, von gttlichem Geist
durchdrungen, dem milden Tadel der lutherischen Theologen nie entgeht. Die
meisten wnschen, er mchte sie lieber nicht geschrieben haben, obwohl sie
recht hbsche Bilder enthalte. Wer, auer etwa Shakespeare oder Dante, hat
solche Bilder schaffen knnen? Luther sagt selbst einmal, man hasse ihn,
weil er nicht nur die Wahrheit sagte, sondern auch sagte, da er sie sagte.
Htte er sich Dichter genannt, so htte man ihn vergttert.

Begreiflicherweise mute Luther ber Zwinglis Gaukelhimmel lachen, darin
ein goldener Stuhl stehe und Christus neben dem Vater sitze in einer
Chorkappe und goldenen Krone, gleichwie es die Maler malen. Daneben aber
bemhte er sich ernstlich zu erklren, da die allmchtige Gewalt Gottes
zugleich nirgends und an allen Orten sein msse; da alles, was an einem
Orte sei, an diesem Orte beschlossen sein msse, welcher rtlichen
Gebundenheit Gott doch nicht unterliegen knne, der vielmehr ber Raum und
Zeit sein msse. Doch mu er an allen Orten wesentlich und gegenwrtig
sein, auch in dem geringsten Baumblatt. Darum mu er ja in einer
jeglichen Kreatur in ihrem Allerinnersten, Auswendigsten, um und um, durch
und durch, unten und oben, vorn und hinten selbst da sein, da nichts
Gegenwrtigeres noch Innerlicheres sein kann in allen Kreaturen, denn Gott
selbst mit seiner Gewalt. Er fhrt die majesttischen Bibelworte an: Bin
ich nicht ein Gott, der nahe ist, und nicht ein Gott, der ferne ist?
Erflle ich nicht Himmel und Erde? Er macht klar, da Gott unbeweglich und
unvernderlich ist, da er nicht hin und her fahre wie die Kreatur, da er
deshalb an allen Orten bereits da ist, also auch im Brot und Wein, und da
es sich nur ums Offenbaren handelt. Das freilich ist nicht jedem gegeben.
Es ist ein Unterschied unter seiner Gegenwrtigkeit und deinem Greifen, er
ist frei und ungebunden allenthalben, wo er ist, und mu nicht da stehen
als ein Bube am Pranger. Um die #penetratio corporum# verstndlich zu
machen, da ein Leib in einem anderen sein knne, gebraucht Luther das
schne Bild vom Eisen, das vom Feuer durchglht wird; so durchglht Gott
Brot und Wein, wenn wir es glaubend empfangen.

bereinstimmend mit der Auffassung von Christus, der im Himmel zur Rechten
Gottes sitzt, fanden die Zwinglianer, man setze Gott herab, wenn man
glaube, er werde mit den Zhnen zerbissen und vom Bauche verdaut. Sie
blickten hochmtig auf Luther herab, der nicht imstande sei, Gott im Geist
und in der Wahrheit anzubeten. Wieder stellte Luther vor, da Christi
Fleisch nicht Rindfleisch, sondern Gottesfleisch, Geistfleisch sei. Wird
Christi Fleisch gegessen, so wird nichts denn Geist daraus. Denn es ist ein
geistliches Fleisch und lt sich nicht verwandeln, sondern verwandelt und
gibt den Geist dem, der es it. Fr Luther, der wute, da Gott lauter
Aktivitt und Produktivitt ist, war die Vorstellung, da er mit den Zhnen
knnte zerbissen werden, etwas Ungeheuerliches. Eine noch grere Probe von
naiv-weltlicher Gesinnung gab kolampad, indem er fragte, was Christi Leib
im Abendmahl, falls er darin sein knnte, ntze sei? Es war nicht allzu
groe Leidenschaftlichkeit oder Stolz, wenn Luther auf solche Fragen harte
Antworten gab, es war vielmehr berflssige Gte, da er sich auf einen
aussichtslosen Kampf mit Gegnern einlie, die das Problem nicht einmal
richtig stellen konnten, um das gestritten wurde.

Zwingli sagte, man msse bei der alten rechten Theologie bleiben, wonach
die beiden Naturen -- nmlich die gttliche und menschliche in Christus --
nicht vermischt werden drfen. Demnach glaubte Zwingli gar nicht, da
Christus Gottmensch war, da Gott Fleisch geworden ist, und war gar kein
Christ, sondern ein Schler des Aristoteles, der wohl an einen Gott
glaubte, aber an einen Gott auerhalb der Menschheit.

Zwingli war, was Luther nicht war, aber nach weitverbreiteter Meinung sein
soll, ein Bauer, besser gesagt, ein einfacher Weltmensch. Er war noch
ungebrochen, es war noch keine Spaltung in seinem Inneren zwischen seinem
Selbstbewutsein und seinem Weltbewutsein, zwischen Wollen und Knnen, und
weil noch keine Spaltung da war, konnte auch noch keine Religion, kein
Band, da sein. Ich las neulich einen schnen Vers von Dehmel auf dem
Kalender:

    Immer wieder, wenn wir sinnen,
    Strzt die Welt in wilde Stcke,
    Immer wieder, still von innen,
    Fgen wir die schne Brcke.

Zwingli war seine uere Welt noch nicht in Stcke geschlagen, und so war
auch noch kein Anla gewesen, die schne Brcke des Glaubens ber die Kluft
zu werfen. Blindlings auf seine eigene Kraft vertrauend und voller
Grundstze, war er moralisch und hielt seine Moral fr die einzig mgliche,
wahre Religion. Er war Gegner der katholischen Kirche als gegen die Maske
der Religion und Gegner der lutherischen Lehre als gegen das Wesen der
Religion; die Katholiken hielt er fr ganze Heuchler, Luther fr einen
halben, und auf beide sah er von der Hhe seines gnzlichen Nichtverstehens
herab. Fr ihn gab es keinen Gott, der im Blatt, im Tier, im Wein und Brot
ist, sondern nur einen in Gedanken von der Summe aller Erscheinungen
abstrahierten Gesamtbegriff. Als Paulus den Athenern das Wesen Gottes
erklren wollte, erinnerte er sie daran, da einer ihrer Dichter gesagt
habe: Wir sind seines Geschlechts. Jene Sptgriechen konnten das verstehen;
Zwingli stand noch auf einer frheren Stufe der Entwickelung, wo er Gott
noch nicht erlebt hatte. Indessen scheint es fast, als habe er die ersten
tragischen Schritte auf dem groen Wege noch getan. Er wird als ein
frischer, freundlicher, tatkrftiger, zugreifender Mensch geschildert; so
fate auch Luther ihn auf; aber doch so gar verdstert und traurig danach
geworden. Da die Ereignisse ihm zeigten, da er nicht alles konnte, was er
wollte, begann seine Weltanschauung sich zu ndern. Ein Wort von ihm
wenigstens ist sicherlich aus der Tiefe seines Herzens gebrochen: Herr,
nun heb den Wagen selbst, der Anfang seines bekannten Gedichtes. Es ist
der Aufschrei eines Menschen, der stets selbst gestrebt und gesorgt hat,
ohne gttliche Kraft aufzunehmen, und der endlich zusammenbrechend erkennt,
da er ber seine Kraft gelebt hat. Sein Wollen war noch grodeutsch, wenn
ich diesen Ausdruck fr jene Zeit gebrauchen darf; sein Knnen war schon
schweizerisch beengt. Das Schicksal seines Volkes ist in dem seinigen
vorgedeutet: da sie ihre menschliche Kraft auf Kosten der gttlichen
ausbildeten. Mehr und mehr vervollkommneten sie sich in ihrem Frsichsein,
in ihrer Persnlichkeit; die Kraft mute in ihrem von einem greren Ganzen
abgesonderten Dasein schwinden. So wenig sich der Deutsche mit der
eindrucksvollen, selbstbewuten Persnlichkeit, der Sittlichkeit und
Selbstbeherrschung des Schweizers messen kann, so sehr steht die Schweiz an
Ideenflle, an schpferischer Kraft Deutschland nach. Die groen
schweizerischen Knstler haben deshalb ihre Kraft in einem Vaterlande
ihrer Wahl bettigt; die Schweiz ist fr die besten ihrer Shne da, um,
wenn die schpferische Kraft versiegt, sich zur Ruhe zu setzen.

Luther hat sich aufs uerste bemht, Zwingli die Wahrheit zu erklren;
aber da Luther von gttlichen, Zwingli von weltlichen Dingen redete, konnte
Luther wohl Zwinglis Irrtum begreifen, Zwingli aber nicht Luthers hheren
Standpunkt. Sie standen auf verschiedenen Entwickelungsstufen. brigens hat
Luther Zwingli so weit beeinflut, vielleicht im Verein mit seiner
Persnlichkeit, da er zugab, das Abendmahl sei nicht nur eine
Gedchtnisfeier, sondern Christi Leib sei wesentlich im Abendmahl anwesend,
nur formulierte er, der Leib sei nicht Brot und Wein, sondern werde dabei
genommen. Spter erneuerte sich der Streit, indem die Anhnger des
verstorbenen Zwingli sagten, der Leib sei nur fr den Glubigen, nicht fr
den Unglubigen da. Hier widerstrebte Luther, weil so leicht das ohnehin
naheliegende Miverstndnis entstehen konnte, als hnge der Geist vom
Glauben ab, als mache ihn der Glaube, whrend doch umgekehrt Gott den
Glauben gibt; indessen einigte man sich durch Luthers Nachgiebigkeit auf
eine beiden Teilen gengende Formel, obwohl der prophetische Mann wohl
erkannte, da die anderen im Grunde nur um Begriffe, nicht um ein
Wesentliches stritten.

Es ist nach meiner Ansicht einer der grten Augenblicke in der Geschichte
der Entwickelung des menschlichen Geistes, als Luther in Marburg vor dem
Tisch sa, auf den er mit Kreide die Worte geschrieben hatte: Dies ist;
allein mit Gott gegen die Hupter der Welt und der sichtbaren Kirche. Einer
seiner Biographen meint, er habe die umstrittene Formel nur aus Langeweile
hingemalt. O Himmel! Seine schne kindliche Sinnlichkeit hatte das
Bedrfnis, das Wort, das ihn leitete und von dem man ihn losreien wollte,
wie einen Stern mit Augen vor sich zu sehen; es war so vieles, was ihm das
Festhalten erschwerte. Die politische Rcksicht auf den hessischen
Landgrafen, den fr sich zu gewinnen nicht unwichtig war, kam doch erst in
zweiter Linie; aber sein liebevolles Herz drngte zu einer Verstndigung
mit Zwingli, sowie er bei persnlicher Begegnung seine Aufrichtigkeit und
Tchtigkeit fhlte. Der furchtbare Kampf, den es ihn kostete, treu bei der
Wahrheit zu stehen, machte ihn krank; ebensowohl allerdings sicherlich das
unberwindliche Nichtverstehen der Gegner. Es wre anders gewesen, wenn es
sich um etwas Nebenschliches gehandelt htte; aber da Mnner, die sich
Fhrer der Christen nannten, nicht ahnten, was den Kern des Christentums
ausmacht, und dabei auf ihn, den Glubigen und Wissenden, bald hochmtig
herabsahen, bald mit liebevollem Vorwurf eindrangen, das mu unendlich
schwer zu ertragen gewesen sein.

Ehrfurcht und Mitleid erregt der Mann, der den furchtbaren Ri, welcher
durch die Welt und auch durch ihn ging, noch einmal heilend verbinden, sich
und die Welt noch einmal ganz machen wollte!




XV


In allen guten Knsten und Kreaturen findet und sieht man abgedruckt fein
die heilige gttliche Dreifaltigkeit. Jedes Kunstwerk mu wie jeder
lebendige Mensch die drei Wesensteile: Geist, Seele und Leib aufweisen, das
gilt wenigstens fr die nachchristliche Zeit; an den dreieinigen Gott
glauben wir erst seit Christus. In der antiken Kunst wurde die Kraft
unmittelbar Form, Gestalt, und zwar gilt das fr die bildende Kunst sowohl
wie fr die Dichtung. In der nachchristlichen Kunst wird die Kraft Geist,
und das kann nur mittelbar geschehen durch die Persnlichkeit. Sie hat
Natur und Geist gespalten und mu sie wieder vereinigen; die Persnlichkeit
prgt den Geist der Erscheinung ein, indem sie sie vergeistigt, macht sie
sie persnlich. Die Auszeichnung des modernen Kunstwerks besteht darin, da
es in jedem Atom durchgeistigt, persnlich geworden ist. Mit unbefangener
Frhlichkeit stellte Luther fest, da keines seiner Worte zu verkennen sei,
da man jedem unwidersprechlich anmerke: das ist der Luther. So gibt es
auch Bilder und Pinselstriche, die vernehmlich ausstrahlen: das ist der
Rubens, das ist der Rembrandt. Deshalb kommt es in der nachchristlichen
Kunst nicht nur auf die Kraft an, die natrlich vorhanden sein mu, sondern
ebensosehr auf die Persnlichkeit, die die Kraft der Erscheinung einprgt.
Die Persnlichkeit mu von hervorstechender Eigenart, zugleich aber
mglichst umfassend sein, und das ist sie, je mehr Kraft sie vertritt. Es
ist die merkwrdigste Sache von der Welt, da die heutigen Knstler sich
plagen, nicht um sich mglichst vielen verstndlich, sondern um sich
mglichst vielen unverstndlich zu machen. Ein Verleger zeigte neulich ein
Buch an, das seiner Art nach nicht fr eine allgemeine Verbreitung bestimmt
sei, dessen Verbreitung auch vom Verfasser nicht gewnscht werde. Gut, aber
warum behlt er es dann nicht ganz fr sich oder liest es vielleicht
einigen Freunden vor? Was sein sollte, ist eine eigenartige Person, die
sich fr viele ausdrckt; dagegen leben die Knstler, die sich bemhen, fr
wenige verstndlich zu sein, in der Hoffnung, dadurch eine Persnlichkeit
zu werden. Die Absonderung geschieht von selbst, das heit: die Natur
verdichtet Individuen durch Auslese zu Personen; der Wille sollte nur auf
Erweiterung gerichtet sein. Weil keine Persnlichkeit mehr den Wunsch hat,
Millionen zu umschlingen, kommt auch kein millionenfaches Echo;
allerdings, wre Kraft vorhanden, wrde auch der Wunsch nicht fehlen.

Luther lobte einen jngeren Kollegen wegen seiner Gelehrsamkeit, Bildung
und was wei ich sonst fr Vorzge; predigen aber, setzte er hinzu, knne
er, Luther, doch besser. Der jngere Verehrer beeilte sich zu erwidern, da
dies selbstverstndlich sei, worauf Luther entgegnete, er meine es
vielleicht in einem anderen Sinne als jener; er predige nmlich deshalb
besser, weil er verstndlich fr das Volk spreche. Mehrmals hat er betont,
da er bei ffentlichen Reden die Anwesenheit seiner gelehrten Freunde und
Kollegen sich aus dem Sinne schlage, um nur an die Ungelehrten und
Allereinfltigsten zu denken. An Drer rhmte er die Einfachheit und
Schlichtheit seiner Bilder. Fr Klarheit mu man selbst sorgen, Tiefe und
Eigenart verleiht die Natur durch die Persnlichkeit.

Unpersnliche Werke sind der Jugend eines Knstlers angemessen; Knstler,
die frh schon sehr persnlich, sehr beseelt oder vergeistigt wirken, sind
verdchtig; sie werden frh ganz weltlich oder welk und hohl werden.
Knstler, die auch in reiferen Jahren unpersnlich bleiben, verdecken
unwillkrlich diesen Mangel hinter der Antike entlehnten Formen; da sie
aber die Antike niemals erreichen, nur sie abschwchen knnen, sind sie
eigentlich berflssig.

Was Luther vom Dichter unterscheidet, ist nur das, da er niemals
absichtlich gestaltet, es kam ihm nur auf Wahrheit, nie auf Schnheit an.
Zwar sind seine Werke berreich an Schnheit, aber nur an zuflliger; er
schttet Edelsteine, Gold und Perlen aus unerschpflichem Fllhorn, aber
ein Geschmeide macht er nicht daraus. Luther war ganz und gar christlich
insofern, als er Dichter, nicht Knstler, da er Genie war; so wie
umgekehrt manche Knstler nur Knstler, nicht auch Dichter und darum keine
Genies sind. Das Gestalten macht den Knstler; im allereigentlichsten Sinn
gibt es deshalb nach Christus berhaupt keine Kunst mehr; denn in allem,
was Form, Gestalt betrifft, sind die nachchristlichen Menschen Schler der
Alten, und zwar Schler, die ihr Vorbild nicht erreichen. Die Beseelung der
Form durch die Persnlichkeit ist unser hchstes Ziel und das, was wir an
Luther bewundern. Er war eine Persnlichkeit aus lebendiger Kraft, die
Spitze einer breiten Pyramide, die Krone eines festwurzelnden Stammes.
Daher kommt es, da man ihn oft burisch, derb, primitiv genannt hat; wir
kennen ja kaum andere Persnlichkeiten, als die auf Kosten verbrauchter
Kraft entstanden sind, schmarotzende Gehirne, die an vampirartig
ausgesogenen Bumen kleben. Geist zu sein und doch Chaos in sich zu haben,
das ist eben das Geheimnis des Genies.

Auch bei der bildenden Kunst ist das Letzte, das Entscheidende in aller
Wirkung der Rhythmus. Diesen Ausspruch von Heinrich Wlfflin fhre ich dir
an als einen Beweis von bereinstimmung mit meiner Ansicht, da Kunst und
Poesie aus dem Herzen kommen. Rhythmus ist nmlich nichts anderes als
Herzschlag, und der mangelnde oder vorhandene Herzschlag ist ein Prfstein,
um Machwerk und Kunstwerk zu unterscheiden.

Indessen das Herz des nachchristlichen Menschen, das nicht mehr
natrlicherweise mit dem Fleisch eins ist, das durch das Gehirn vereinsamte
Herz, hat einen allzu regelmigen, langweiligen, eintnigen Rhythmus; es
mu berschssige Kraft haben, um die Verbindung mit der Sinnlichkeit
wiederherzustellen, dann wird sein Rhythmus beseelt, persnlich, kurz:
lebendig. Leider ist aber gerade das Herz die schwache Seite des modernen
Menschen.

Du kennst gewi das Gedicht von Schiller Die Teilung der Erde und den
Vers: Willst du in meinem Himmel mit mir leben, sooft du kommst, er soll
dir offen sein. Derselbe Gedanke ist in dem Schriftwort ausgesprochen:
Seid willkommen, ihr Gesegneten, in den Wohnungen meines Vaters, die euch
von Anfang bereitet sind. Wie matt, von der Blsse des Gedankens
angekrnkelt, sind Schillers Worte gegen diese, in denen das Herz noch
klopft, das Blut noch glht; sie verraten durch den Rhythmus ihren Ursprung
aus einem vollen, ttigen Herzen. Alles, was aus Fleisch und Blut gewachsen
ist, hat lebendigen Rhythmus, das Machwerk ist schal. Das Gehirn ist der
Schatten des Herzens, und Schatten ist alles, was das durch den Gedanken
vom Krper abgesonderte Herz hervorbringt.

Ich erwhnte gelegentlich, da man den Entwickelungsgang des inneren Lebens
als eine fortdauernde Verdichtung auffassen mu. Diesem Gesetz unterliegen
auch alle Knste, als uerungen des menschlichen Geistes, die die Stufen
seiner Entwickelung bezeichnen. Die Verdichtung der Kraft ist am geringsten
auf dem Gebiete der Baukunst und am strksten auf dem der Dichtkunst, wo
der Geist sich seiner und Gottes bewut wird. Von dieser Verdichtung zum
Bewutsein hat die Dichtkunst den Namen. Solange die Kraft im Herzen ist,
nennen wir sie Gefhl; indem sie auf die Lippe tritt, wird sie Wort, und
ist das Wort von der Lippe abgelst, so fristet es ein selbstndiges Dasein
weiter als Gedanke.

Verdichtung entsteht durch Druck. Die Verdichtung des unbewuten Geistes
oder Gefhls zum bewuten Geist geschieht durch verstrkten Blutdruck
infolge auergewhnlich verstrkter Herzttigkeit. Dies erklrt die von
Lombroso beobachtete Tatsache, da alle produktiven Menschen ein
gesteigertes Wrmebedrfnis haben, und da fast alle genialen Geisteswerke
in der warmen Jahreszeit entstanden sind. Jeder hat wohl schon an sich
selbst erfahren, da sich ihm im Gehen und namentlich im Steigen die
Gefhle leichter zu Worten verdichten, das Unbewute leichter bewut wird.

Die Alten glaubten, wenn das Lebende den Styx berschritten htte, wrde es
zum Schatten. Der Christ st den Samen des Wortes vertrauend in das
Erdreich des Gehirns, weil er wei, da es das Grab sprengen wird, wenn die
Posaune des Herzens tnt, um mit verklrtem Leibe in das ewige Licht zu
schweben. Mit der Gegen- und Mitwirkung des Gehirns beginnt die persnliche
Kunst, die im Gegensatz zur Volkskunst an den groen Namen gebunden ist.
Von Person sprechen wir, wenn das Herz so stark geworden ist, da es
Sinnlichkeit und Geist erst trennen und dann zu einer lebendigen Einheit
zusammenbinden kann. Das ist der geheimnisvolle Augenblick des heiligen
Abendmahls, den die Katholiken als Verwandlung auffassen, wir als die
#Penetratio corporum#, die Durchdringung des Verweslichen und
Unverweslichen, das Einswerden von Sinnlichkeit und Geist im
Selbstbewutsein. Gottfried Keller bestimmte das Wesen der Schnheit als
die in der Flle vorgetragene Wahrheit; es ist ein anderer Ausdruck fr das
Fleischwerden des Gttlichen, und auf dasselbe kommen fast alle Erklrungen
heraus, die Knstler gegeben haben. Die notwendige Voraussetzung dazu ist
die Person; nur in der Person kann die gttliche Kraft Fleisch werden.
Wieviel Sinnlichkeit ein Herz binden und im Gehirn befestigen kann, das ist
fr die nachchristliche Zeit ausschlaggebend, der Umweg ber das Gehirn ist
nicht auszuschalten. Ohne diesen bleibt die Kunst bei uns im Kindlichen und
Volksmigen stecken, wie sie ohne das sinnliche Herz akademisch und
schablonenhaft wird. Ehe wir das Wort hatten, konnte jede uerung des
Herzens unmittelbar Gestalt werden; jetzt mu es zuvor dem ganzen
Totenvolke der Gedanken Blut zu trinken geben. Das strkere Herz, das das
bewute Geistesleben erfordert, macht die Persnlichkeit; Israel sein,
ebensosehr Werkzeug Gottes wie Herr Gottes. Eitelkeit und Empfindlichkeit
fhrt Luther als Kennzeichen des nichtgttlichen Knstlers an; weil seine
Person allein Urheber seines Werks ist, fhlt er durch jede Kritik seines
Werks sich selbst angegriffen. Luther hatte die Spitze, wo man beides,
Werkzeug und Herr ist, annhernd erreicht; wirklich ist persnliche
Empfindlichkeit und persnlicher Ha, wie leidenschaftlich er auch hate,
kaum an ihm zu bemerken. In seinen Werken fehlt dem strmischen Hauche der
Eingebung und der sinnlichen Flle nie die persnliche Bndigung und
Beseelung.

Eine merkwrdige Erscheinung der neuen Zeit sind Dichter, die, wie Fontane
und C.F. Meyer, erst anfangen zu schaffen, wenn der Mensch sonst
aufzuhren pflegt, so um das fnfzigste Jahr herum. Das kommt, wenn das
Herz nicht stark genug ist, Gehirn und Sinnlichkeit zu binden, so da das
Ich, nach dem Ausdruck der Bibel, sich erkennt, gleichwie es erkannt ist.
Durch die Beobachtung und Erfahrung eines Lebens fand Fontane den Anschlu
an das Allgemeine, den er unmittelbar nicht hatte, die Beobachtung ersetzte
ihm die Wahrheit, die dem groen Dichter das Herz eingibt. Aus seinen
Werken spricht ein alter Mann, ja, eigentlich eine feine, alte Dame, die
aus stillem Hafen auf das Leben zurckblickt, nicht ein Kmpfer, der es
lebt und bndigt. Da weht nirgends ein elementarischer Hauch, vor dem das
Tote zu Asche zerfiele, nirgends bebt die Erde unter den Fen; man wird
durch keine Geschmacklosigkeit gestrt, aber auch von keiner tdlichen
Wahrheit durchbohrt, durch kein Wunder geheilt. Bei C.F. Meyer liegt das
Verhltnis anders; er hat sich nicht in die Welt hineingelebt wie Fontane,
seine Prosawerke sind uerlich geblieben; dafr hat sein Herz in
Augenblicken der Gnade die Gedichte ganz und gar durchbluten, mit Worten
gestalten und beseelen knnen.

Da der groe Haufe irgendwelche weltlichen Machwerke echter Kunst
vorzieht, ist nicht verwunderlich; merkwrdig und traurig ist es nur, da
auch unsere edleren Geister das Fehlen des Herzschlags nicht vermissen, im
Gegenteil sich nur jenseit des goldenen Stromes wohl fhlen. Die schwachen
Herzen schrecken furchtsam vor der Erschtterung zurck, die ihre Gefe
zerreien knnte; andererseits hat das plumpe Pathos, das den Herzschlag
nachzuahmen suchte, gerade die Menschen von Wahrheit und Geschmack
argwhnisch gemacht. Man glaubt nicht mehr an Groherzigkeit, und es gehrt
die Schamlosigkeit des Komdianten oder der Mut eben der Groherzigkeit
dazu. Ist aber einmal sinnliches Herz da, so fehlt gewi die
Persnlichkeit, die den Stoff vergeistigt; und das Fehlen der
Persnlichkeit wird von denen nicht vermit, die fr das sinnliche Herz
empfnglich sind.

Man sollte meinen, in einer Zeit berwiegenden Verstandes mte es
wenigstens gute Kritiker geben; aber der Kritiker soll ja Menschenwerk von
Gotteswerk unterscheiden; und wie soll er das knnen, wenn er nicht an Gott
glaubt? Der heutige Kritiker ist um so mehr befriedigt, je klarer ihm alles
ist, was er sieht oder hrt, je fester er berzeugt ist, da er das alles
gerade so gemacht htte. Da erst jenseit seines Begreifens das Reich der
Kunst anfngt, scheint er nicht zu ahnen. Lies aufs Geratewohl einen Vers
aus der Bibel. Das Verderben ist dein, Israel, von mir allein kommt dein
Heil. Du verstehst das nicht gleich, aber du unterwirfst dich sofort; denn
das Herz versteht unmittelbar. Luther sagt einmal ungefhr so: Da spricht
kein Kaiser oder Frst, sondern die gttliche Majestt, vor der alle
Kreaturen sich niederwerfen und ja sagen. So ist es mit der Kunst: zu
allererst mu das Herz sich hingeben und ja sagen, dann mag der
kritisierende Verstand bis an die Grenze des Allerheiligsten nachgehen.

Nachahmen und tun, was man von einem andern sieht, ohne Beruf, ist ein
menschlich und teuflisch Ding, heit es in den Tischreden, darum ist es
stracks unntz und schdlich. Also ahmen nach die Ketzer Gottes Wort,
fhren dasselbe traun auch auf der Zunge; die Heuchler den Werken des
Glaubens, die tun sie auch uerlich; die Abgttischen den Zeremonien, die
halten sie auch; die Dummkhnen und Wagehlse folgen dem Kriege, wollen
auch Kriegsleute sein; die Narren und Klglinge dem Regiment, wollen auch
regieren; die Hmpeler und Strer den Handwerken, wollen auch kunstreiche
Meister sein; die Eselskpfe ahmen nach guten Knsten, wollen traun auch
gelehrt sein, wie Musedreck sich unter den Pfeffer menget.

Darum, wenn Gott sein Wort, Werk und Knste gibt, so tut er nichts, denn
da er Affen reizet und macht, und der groe Haufe folgt den Affen nach.
Gott aber behlt das brige von dem ersten Contrafeit. Also ist die Welt
von Anfang gewesen.

Indessen ist das nicht so zu verstehen, als msse nicht jeder lernen und
insofern auch nachahmen. Nachahmen mu jeder, aber nur die Antike und die
Natur, also die unpersnliche Form. Wer das Persnliche nachahmt, stiehlt
und lgt. Nicht wegen der Moral ist das zu tadeln, da dieser Standpunkt in
der Kunst wegfllt, sondern weil man nichts damit erreicht. Das
Persnliche ist unnachahmlich, es ist der geheimnisvolle bergangspunkt des
Geistes zum Fleisch, die unsichtbare Einheit, die einen jeden sprechen
lt: dies bin ich, und die noch heute, nach Jahrhunderten, aus jedem Werke
Luthers ruft: dies ist der Luther.




XVI


Ich fand krzlich bei Schopenhauer folgende interessante Ideen ber das
Wesen des Wahnsinns.

Die im Texte gegebene Darstellung der Entstehung des Wahnsinns wird
falicher werden, wenn man sich erinnert, wie ungern wir an Dinge denken,
welche unser Interesse, unsern Stolz oder unsere Wnsche stark verletzen,
wie schwer wir uns entschlieen, dergleichen dem eigenen Intellekt zu
genauer und ernster Untersuchung vorzulegen, wie leicht wir dagegen
unbewut davon wieder abspringen oder abschleichen, wie hingegen angenehme
Angelegenheiten ganz von selbst uns in den Sinn kommen, und, wenn
verscheucht, uns stets wieder beschleichen, daher wir ihnen stundenlang
nachhngen. In jenem Widerstreben des Willens, das ihm Widrige in die
Beleuchtung des Intellekts kommen zu lassen, liegt die Stelle, an welcher
der Wahnsinn auf den Geist einbrechen kann. Jeder widrige neue Vorfall
nmlich mu vom Intellekt assimiliert werden, das heit im System der sich
auf unsern Willen und sein Interesse beziehenden Wahrheiten eine Stelle
erhalten, was immer Befriedigenderes er auch zu verdrngen haben mag.
Sobald dies geschehen ist, schmerzt er schon viel weniger, aber diese
Operation selbst ist oft sehr schmerzlich, geht auch meistens nur langsam
und mit Widerstreben vonstatten. Inzwischen kann nur, sofern sie jedesmal
richtig vollzogen worden, die Gesundheit des Geistes bestehen. Erreicht
hingegen, in einem einzelnen Fall, das Widerstreben und Struben des
Willens wider die Aufnahme einer Erkenntnis den Grad, da jene Operation
nicht rein durchgefhrt wird, werden demnach dem Intellekt gewisse Vorflle
oder Umstnde vllig unterschlagen, weil der Wille ihren Anblick nicht
ertragen kann, wird alsdann, des notwendigen Zusammenhangs wegen, die
dadurch entstandene Lcke beliebig ausgefllt, so ist der Wahnsinn da ...
Der obigen Darstellung zufolge kann man also den Ursprung des Wahnsinns
ansehen als ein gewaltsames >Sich-aus-dem-Sinn-schlagen< irgendeiner Sache,
welches jedoch nur mglich ist mittelst des >Sich-in-den-Kopf-setzen<
irgendeiner andern. Seltener ist der umgekehrte Hergang, da nmlich das
>Sich-in-den-Kopf-setzen< das erste und das >Sich-aus-dem-Sinn-schlagen<
das zweite ist. Einen Lethe unertrglicher Leiden, das letzte Hilfsmittel
der gengstigten Natur, nennt Schopenhauer den so entstandenen Wahnsinn;
das Verdrngen einer unleidlichen Wahrheit durch Lge knnte man auch
sagen. Es ist die Negation des Schwcheren, wie denn auch dieser Wahnsinn
in der Jugend auszubrechen pflegt: das Herz ist der Aufgabe der geistigen
Entgiftung nicht gewachsen.

Dieser uerung Schopenhauers mchte ich eine Luthers folgen lassen, die
einem Brief an Link entnommen ist: ber die Wahnsinnigen ist meine Meinung
die: jeder Narr und wer des Gebrauchs des Verstandes beraubt wird, ist von
Teufeln geplagt oder besessen, nicht weil er von Gott dazu verdammt ist,
sondern weil der Satan die Menschen auf mancherlei Art versucht, die einen
schwer, die anderen leicht, die einen auf kurze und die anderen auf lange
Zeit. Denn wenn die rzte solche Leiden oft natrlichen Ursachen
zuschreiben und durch Heilmittel lindern wollen, so geschieht das blo,
weil sie die gewaltige Macht und Kraft der Dmonen nicht kennen. Christus
nennt das krumme Weib im Evangelium unbedenklich >von Satanas gebunden<.
Und Petrus sagt in der Apostelgeschichte 10,38: da alle, die Christus
gesund gemacht hat, vom Teufel berwltigt waren. So mu ich also auch
denken, da Stumme, Taube und Lahme der Tcke des Satans ihr Leiden
verdanken ... Daher glaube ich also, da die Wahnsinnigen, von denen ihr
schreibt, zeitlich vom Satan versucht werden. Denn sollte Satanas nicht
auch den Verstand nehmen, wo er es doch ist, der die Herzen mit Hurerei,
Mord, Raub und allen Lsten erfllt? Summa, er ist nher, als ein Mensch
denken kann, und den Heiligsten am nchsten, und so schlgt er selbst
Paulus mit Fusten und greift Christus an nach Belieben Matth.4. Diese
und hnliche uerungen Luthers hat man im allgemeinen damit abgetan, da
er unbegreiflicherweise und bedauerlicherweise dem Aberglauben seiner Zeit
unterworfen gewesen sei, wie er ja auch die Gegner seiner Lehre als vom
Teufel besessen betrachtet habe. Nun ist es ja aber durchaus nicht so, wie
man sich das vorstellt, als habe Luther alles Feindliche und Unerklrliche
auf einen in einer irgendwo verborgenen Hlle wohnhaften #diabolus ex
machina# geschoben; sondern der Teufel ist nach Luther der Widersprecher,
den Gott sich selbst gegeben hat, und der sich ihm auf den drei Stufen
seiner Offenbarung widersetzt, elementar als Sinnlichkeit, als Herrschsucht
oder Stolz und Lge oder eigener Gedanke. Auf dem untersten,
elementarischen Zustande uert sich das Besessensein vom Teufel in
krperlichen Zustnden, Krmpfen u.dgl., auf der geistigen Stufe als
Besessensein von willkrlichen Vorstellungen. Die Quelle von allem ist
Eigenliebe: es kann keine Geisteskrankheit geben ohne Eitelkeit und
Selbstsucht, wie sehr auch Heuchelei sie zu maskieren suchen mag, und
obwohl ihr aus tiefem Bewutsein mangelnder Kraft Verzweiflung am Selbst
gegenberstehen mu.

Wenn Luther den Wahnsinn charakterisiert als berhandnehmen der Hemmungen
der unwillkrlichen Krfte des Menschen durch die willkrlichen, so
bedeutet das dasselbe wie Schopenhauers Erklrung, er bestehe in
willkrlicher Verleugnung und endlich gnzlicher Verdrngung der Wahrheit.
Eine Selbstentzweiung im Inneren, infolge welcher die Bindung zwischen
Herz, Gehirn und Sinnlichkeit, die Seele, nicht zustande kommt, so da der
betreffende Mensch nur noch Maske, nicht mehr Person ist. Es ist die
vollstndigste Absonderung von Gott und der Menschheit, die man sich denken
kann: der Mensch ist ein isoliertes Selbst, das immer mehr verzwergen und
endlich ganz verschwinden mu. Der Wahnsinnige ist demnach der grte
Snder.

Vielleicht hast du auch schon ber die Snde wider den Heiligen Geist
nachgedacht, die einzige, die, wie die Schrift lehrt, nicht vergeben werden
kann. Nun heit ja Sndenvergebung nichts anderes als Gewinnung des inneren
Friedens, innerer bereinstimmung. Jede Snde und jeder Irrtum kann dadurch
aufgehoben werden, da der Snder und der Irrende sein Unrecht und die
Wahrheit einsieht; sieht er aber die Wahrheit ein und lehnt sie doch ab, so
befindet er sich in einem inneren Widerstreit, der so lange dauert, wie der
Widerspruch gegen die Wahrheit dauert. Da es eine Snde gibt, die nicht
vergeben werden kann, heit eigentlich, da es unheilbaren Wahnsinn gibt.
Die Sage erzhlt, da der Adler, das einzige Geschpf, das in die Sonne
sehen kann, die echte Art seiner Jungen dadurch erprobt, da er ihre Augen
dem Sonnenlicht aussetzt; knnen sie es nicht ertragen, so ttet er sie.
Der blendende Strahl der gttlichen Wahrheit erleuchtet den gtterhaften
Menschen; dem gottlosen geht er tdlich durchs Herz.

Am deutlichsten wird Luthers Auffassung, wenn man zusieht, wie er praktisch
verfuhr, wenn er mit Geisteskranken zu tun hatte. Erfahrung hatte er genug
an sich selbst gewonnen; du wirst wissen, da er zeitlebens an Melancholie
und Anfechtungen, wie er es nannte, litt. Die Krankheit der Melancholie kam
im Zeitalter Luthers hufig vor, so da man sie fr seine und die
nachfolgende Zeit geradezu charakteristisch nennen kann. Sie wurde
aufgefat als ein Kampf zwischen Gott und dem Teufel, der sich auf dem
Schlachtfelde des menschlichen Inneren entspinnt. Er beginnt mit Zweifel,
einer leisen, tastenden Hemmung, und endet, falls der Teufel siegt, mit
Verzweiflung. Die Auffassung des Selbstmrders als eines von Gott
abgefallenen Menschen hat sich bis in unsere Zeit hinein erhalten. Diesen
Kampf, der unter vlligem Bewutsein des Menschen vor sich geht, nannte
Luther Anfechtungen; unter Melancholie verstand er eigentlich jenen Zustand
des weitesten Auseinandertretens der kmpfenden Krfte, der jede Entladung
der Kraft unmglich macht: ein Zustand gnzlicher Unproduktivtt, den man
lebendigen Tod nennen kann.

    Zum Beginnen, zum Vollenden
    Zirkel, Blei und Winkelwage;
    Alles stockt und starrt in Hnden,
    Leuchtet nicht der Stern dem Tage.

Dieser Vers Goethes klingt wie eine, wenn auch etwas schwchliche
Unterschrift zu Drers Melancholie: das Werkzeug, das unwillkrliche
Gehirn, ist da, aber der Geist ergreift es nicht. Das ngstliche Harren der
Kreatur wartet auf den Herzschlag, der den gebannten Sphren das Zeichen
zum rhythmischen Umschwung geben soll.

Der volkstmliche Ausdruck fr verrckte Menschen, da sie vom Teufel
geritten werden, erinnert an das Bild der Bibel, das den Menschen einem
Tiere vergleicht, das entweder von Gott oder dem Teufel getrieben werde;
auch hier wird die Geisteskrankheit unmittelbar als ein berhandnehmen der
negativen Krfte betrachtet. Es leuchtet ein, da die Kinder und Frauen,
die vorwiegend passiv sind, der Melancholie und den Anfechtungen gar nicht
oder weniger ausgesetzt sind, ausgenommen in Zeiten der Dekadenz, wo die
Frauen aktiver werden. Sehr ausgesetzt dagegen sind der Melancholie und den
Anfechtungen geniale Menschen, die reich an positiven und negativen Krften
sind; zum Kampfe berufen, sind sie aber auch auserwhlt zum Siege. Die
Verwandtschaft von Genie und Wahnsinn beruht auf der gleichen Strke oder
Menge der vorhandenen Hemmungen; im Genie ist gleichzeitig positive Kraft
genug, um die Hemmungen zu berwinden.

Luthers Leben bietet das Beispiel eines groartigen Kampfes gewaltiger
Dmonen, die ihre Fesseln zu zerreien suchen, gegen ein immer wieder
siegendes, gtterhaftes Herz, das seinen Sieg mit dem Leben bezahlte. Der
Teufel msse vorausgesehen haben, da er viel an ihm, Luther, zu leiden
haben werde, sagt er einmal; denn er habe ihn von seiner Jugend auf
geqult. Wenn es eine apostolische Gabe sei, mit Dmonen zu kmpfen und
hufig im Tode zu sein, so sei er in dem Falle des Petrus oder Paulus.

Es setzte sich in Luther offenbar der Kampf fort, der durch das Erbe seiner
Eltern gegeben war: er besa sowohl das leidenschaftliche, jhzornige,
herrschschtige Wesen des Vaters, wie die Hingebungsfhigkeit der Mutter,
die sich, wie es scheint, ihrem Manne auch in den Stcken unterwarf, wo sie
htte widersprechen sollen. Der Sohn, als Vertreter der Mutter, trieb
durch sein Wort die Teufel aus, die das vterliche Herz besessen hatten,
bis es von Banden frei und glorreich in ihm auferstand.

Aus Luthers Kindheit werden uns berwiegend Zge von Sanftmut, liebevoller
Hingebung, weitgehender Schchternheit berichtet. Allmhlich jedoch tauchte
die mnnliche Wesenshlfte in ihm auf, die selbstbewut herrschschtige,
die den Schatz seiner glubigen Seele verneinte. Wohlan, ich kann es nicht
leugnen, sagt er einmal von sich, die alte Schlange, der Teufel, hat mich
bel gebissen und greulich vergiftet. Wie er oft und oft erzhlt, hat er
die hchste Versuchung, die des Luzifer, durch den Geist, schrecklich an
sich selbst erfahren, die, welche den Menschen dazu treibt, sich Gott
gleichzusetzen. Vom leisesten Zweifel an Gott bis zur Gottesleugnung und
zum Gottesha, gleichbedeutend mit Menschenverleugnung und Menschenha, hat
er alle Regungen des menschlichen Selbstgefhls durchgemacht. Er war in
allen Angriffen gewiegt, die ihm jemals religise Gegner machen konnten.
Deshalb scheint es einem, wenn er vom Teufel spricht, als habe er ihn
persnlich gekannt, und so war es ja auch; was die Selbstanbetung dem
Menschen eingeben kann an Selbstdenken, Selbstwollen, Selbstherrschen, das
wute er. Es ist charakteristisch, da der Ausbruch der Melancholie mit dem
Eintritt ins Kloster, einer Absonderung, begann. Er schien zu fhlen, da
er in der Einsamkeit mit seinem Selbst ins reine kommen msse. In der Lage
eines Kranken war er, der im Vorgefhl eines herannahenden epileptischen
Krampfes sich auf das Bett wirft, um ihn dort austoben zu lassen. Was die
Kirche ihm an Heilungsmglichkeiten gewhrte: Kasteiungen, Beichte,
vorschriftsmiges Gebet und dergleichen, machte ihn nur noch krnker.
Seine glubige, Gott zugewandte Seele suchte erfolgreicher Trost in der
Bibel, und vor allen Dingen hilfreich wurden ihm diejenigen Personen im
Kloster, von denen etwas Positives, Wohlwollen, Nachsicht, Verstndnis,
Geduld ausstrmte; es zeigte sich, wie der menschliche Geist aus der
umgebenden Welt Kraft anziehen und aufnehmen kann. Die strkste Kraftquelle
fand Luther in Staupitz; an diesen Sttzpunkt sich klammernd, vermochte er
den selbstbejahenden und gottverneinenden Krften seines Innern besser zu
widerstehen. Die kurze Andeutung, die Staupitz ihm gab, da Gottes Wesen
die Liebe sei, und der Umstand, da diese Liebe nun auch zugleich
sinnenfllig in Staupitz vertreten wurde, ri ihn von seinem Selbst los und
bereitete die Richtungsnderung, die +metanoia+, in ihm vor. Bedenke bitte
immer, da Gott sich persnlich nur in der Menschheit offenbart, da es
also darauf ankommt, die Menschen zu lieben, und da dem Gottes- oder
Menschenhasser jeder Mensch zum Erlser wird, den er lieben kann und mu
und der ihn dadurch mit der Menschheit, zugleich mit Gott, verbindet. Es
gibt Menschen, die der Wahnidee, als sei ihr Selbst der Mittelpunkt der
Welt und ihr eigener einziger, in sich ruhender Mittelpunkt, nicht
gengenden Widerstand entgegensetzen, da sie nicht assimilieren knnen. Wie
sich diese Wahnidee nun uert, ob in der platten Ausprgung, da einer
sich fr Gott oder fr Christus oder fr irgendeine berhmte, angesehene
Persnlichkeit hlt, ob in Schuld- und Angstgefhlen, ob im Aufsuchen der
Einsamkeit oder gnzlichem Sich-ins-Innere-Zurckziehen, ihr Wesen ist
Unfhigkeit der Selbstaufgabe, Mangel an Passivitt. Zuweilen geschah es,
wenn der Kampf, der sich in Luthers Seele abspielte, die Grenze dessen
berschritt, was sein Bewutsein erfassen konnte, da er auf das Unbewute
berging. Seine Angstzustnde fhrten dann zu vlliger Bewutlosigkeit.
Als er das erstemal die Messe zelebrierte, ein anderes Mal, als er neben
Staupitz in einer Prozession ging, konnte er sich nur mit Anstrengung
aufrechthalten; aber es kamen auch Zuflle vor, die seine Feinde nach der
Schilderung als epileptische ansehen wollen. Dafr spricht auch die
wohlttige Wirkung, die die Musik in solchen Fllen auf ihn ausbte. Nach
der mittelalterlichen Medizin, die sich auf Hippokrates und Galen sttzte,
wurde Musik als Heilmittel fr Epileptische angewandt, und zwar sanfte,
leise, nicht lrmende Musik.

Da von allen Knsten Musik die strkste Heilkraft hat, kommt wohl daher,
da sie der unmittelbare Ausdruck des Herzens ist. Sie wirkt berauschend
wie alle Kunst, wie der Glaube und die Liebe, nmlich die negativen,
willkrlichen Krfte lhmend.

Wie aber die strksten Arzneien zugleich Gift sind, so ist es mit der Liebe
und der Musik: nur die gttliche, die aus reinem Herzen kommt, ist heilsam,
die irdische wirkt tdlich auf den kranken Geist. Endgltig vollzog sich
die Heilung Luthers erst dann, als er auf den Wunsch Staupitzens Professor
und Prediger wurde und im Wirken auf andere und fr andere sich selbst
verga. In der Sprache der Aufklrung wrde man sagen, er habe seine
ungeheure persnliche Kraft in den Dienst einer guten Sache gestellt und
sie dadurch unschdlich gemacht. Interessant ist, da er seinem Vater
Bericht ber den Gang seiner Entwickelung erstattete und ihm zugleich
erklrte, da Gottes Gewalt noch ber seine Gewalt gehe; der befreite Geist
der Mutter stellte gleichsam fest, da sie zu ihrem wahren Herrn
zurckgekehrt sei.

Obwohl im wesentlichen und fr immer gerettet, hrte Luther doch nicht auf,
schwere Anflle von Melancholie zu erleiden; er htte ja sonst aufgehrt,
Werke und Taten zu schaffen, die das Ergebnis innerer Spannung sind. Nicht
nur die gttliche Kraft, sondern auch der Widersprecher, wie Luther es
ausdrckte, ist ntig, wo Ideen hervorgebracht werden sollen. Es fiel
Luther auf, wie die Menge des Negativen in oder auer ihm der Menge des
Produktiven stets die Wage hielt, so da er zu sagen pflegte, der Teufel
rgere sich, da er ihm durch seine Lehre so viel Schaden tue, und wolle
sich dafr rchen. Man wird im Leben aller genial begabten Menschen finden,
da sich ihr grtes Schaffen einer dunklen, feindseligen Gegenwirkung zum
Trotze erhebt, gehe es vom ueren oder vom Inneren, vom Krper oder vom
Geiste aus.

In der Zeit nach seiner Verheiratung setzten sehr starke Anfechtungen ein;
vielleicht wurde durch das heftiger erregte Geschlechtsleben das Blut vom
Herzen abgezogen, das Herz gleichsam aus seiner Mittelpunktstellung
gerissen und der Ablauf des ganzen Sonnensystems dadurch gestrt. Ich war
mehr als eine Woche in Tod und Hlle geworfen, so da ich noch jetzt am
ganzen Krper verletzt in den Gliedern zittere. Ich hatte Christus fast
ganz verloren und wurde umhergetrieben auf den Wellen und Strmen der
Verzweiflung und Blasphemie Gottes. Aber durch die Frbitte der Heiligen
bewegt, hat Gott angefangen, sich meiner zu erbarmen, und hat meine Seele
aus der untersten Hlle gehoben. Einige Zeit spter: Satan selbst wtet
gegen mich mit seiner ganzen Kraft, und Gott setzt mich wie einen anderen
Hiob ihm zur Zielscheibe und versucht mich durch eine wunderbare Schwche
des Geistes; aber durch die Frbitte der Heiligen werde ich nicht in seinen
Hnden gelassen, obwohl die Wunden des Herzens, die ich empfangen habe, nur
schwer heilen werden. Er werde zwischen den beiden frstlichen Gegnern hin
und her geworfen, schreibt er. Mit Christus sei er durch einen schwachen
Faden verbunden, Satan hingegen hnge mit mchtigen Seilen an ihm und ziehe
ihn zur Tiefe. Aber der kranke Christus siegt bis jetzt durch eure Gebete
und kmpft wenigstens tapfer. Diese Schilderungen malen anschaulich, wie
das erschpfte Herz sich vergebens gegen das im Geschlechtssystem
verkrperte teuflische Selbst wehrt, und wie die Seele das Sterben der
Blutleere erleidet. Luther selbst gab zuweilen krperliche Vorgnge als
Ursache seiner seelischen Leiden an, nmlich Blutstockungen am Herzen, und
gebrauchte auch Mittel dagegen. Er wute ja, da alles Geistige zugleich
ein Krperliches ist.

Die letzte Anfechtung wird sein, da ich mir selbst zur Last werde,
schrieb Luther in seinen jngeren Jahren. Er sah eine Stufe seines Lebens
voraus, wo die gttliche Sonnenkraft seines Herzens fr immer erschpft
sein, nicht wieder morgendlich verjngt aufgehen werde. Allerdings bten
damit die teuflischen Mchte in ihm zugleich ihre Kraft ein; die
zermalmenden Kmpfe hrten auf, die er doch lieber ertragen htte, als die
dauernde Melancholie, die an ihre Stelle trat. Er wurde nun nie mehr von
einem berirdischen Sturme getrieben, fhlte sich nie mehr als auserwhltes
Werkzeug in der allmchtigen Hand Gottes. Allein geblieben mit seiner
begrenzten menschlichen Willkr, sprach er zuweilen mit trumerischer
Verwunderung von den gewaltigen Taten seiner Jugend; Gott knne einen wohl
so toll machen, meinte er, als er sich seines Auftretens in Worms vor
Kaiser und Reich erinnerte.

Getreulich tat er weiter, was er fr seine Pflicht hielt; aber, wie er
selbst so unermdlich gelehrt hatte, selig macht die Erfllung der Pflicht
nicht, selig macht nur, was im Glauben getan wird. Die Sonne brannte nicht
mehr, die einen Goldglanz ber die Welt warf; sie erschien ihm so hlich,
da es ihn ekelte. Die rohe Liederlichkeit der Wittenberger, denen seine
Liebe und Sorgfalt sein Leben lang vorzglich gegolten hatte, stie ihn so
ab, da er einmal die Stadt verlie, um nicht zurckzukommen. Sein Herz sei
gegen sie erkaltet, sagte er ergreifend schn und wahr. Auch von
Melanchthon sah er nicht mehr das Urbild, sondern die mngelvolle, drftige
Erscheinung, wenn er auch noch Liebe genug in sich hatte, um die Erinnerung
der Vergangenheit heilig zu halten. Er stand ernchtert in einer grauen
Welt, die ihm einst im gttlichen Rausch der Liebe und des Hasses erglht
war. Wie grausam von Gott, knnte man sagen, da er seinen Auserwhlten
sich berleben lie; was aber doch sehr kurzsichtig gesprochen wre. Die
Herrlichkeit des Lebens ist nun einmal an den Tod gebunden; so verschieden
die Verteilung auch ist, kann man doch gewi sein, da, knnte man
schlielich Leben und Tod jedes fr sich zusammenrechnen, das Ergebnis auf
beiden Seiten gleich sein wrde.

Da Luther die Krankheit der Melancholie selbst durchgemacht und berwunden
hatte, fhlte er sich berufen, Leidenden der Art mit Rat und Tat
beizustehen. berhaupt war er durch die groe ihm innewohnende Lebenskraft
zum Naturarzt bestimmt. Als der geistige Vater seiner Gemeinde besuchte er
stets die Kranken, und es ist uns geschildert, wie er sich dabei zu
benehmen pflegte. Er setzte sich auf das Bett der Kranken und erkundigte
sich zunchst nach den Verordnungen des Arztes; whrend er ihnen dann Trost
zusprach, beugte er sich mit ganzem Leibe ber sie, eine instinktive
Gebrde des Kraftvollen, der von seiner Kraft in den Entkrfteten mchte
berstrmen lassen. fters nahm er Kranke in sein Haus auf ohne Furcht vor
Ansteckung, vor welcher er sich eben durch seine Furchtlosigkeit gesichert
hielt; sein besonderes Feld aber waren die Melancholie und die
Anfechtungen. Solche Kranke hat er oft auch brieflich behandelt, wodurch
uns ein genauer Einblick in seine Heilmethode gegeben ist. Sie beruhte auf
dem Streben, einerseits Kraft zu geben und zu wecken, andererseits
Hemmungen aufzuheben; also in dem groen Kampfe um die Seele des
Betreffenden Gott zu untersttzen, den Teufel zu bekmpfen.

Die erste praktische Vorschrift, die er gab, war, die Einsamkeit zu meiden.
Einsamkeit nennt er ein Gift fr die Menschen; in der Wste habe der Teufel
Christus versucht, Eva, als sie allein gewesen sei, berredet. Man solle
sich nicht allein mit dem Teufel herumschlagen, sondern die bsen Gedanken
einem anderen, zu dem man Vertrauen habe, mitteilen. Er selbst wrde vom
Teufel verschlungen worden sein, wenn die Beichte ihn nicht gerettet htte.
Habe man sich nun aber einen Beichtvater erwhlt, so solle man dessen
Zuspruch auch annehmen, als ob er von Gott selbst kme. Er erzhlt von
sich, da manches Wort des Bugenhagen, dem er zu beichten pflegte, ihm
rettend, wie von Gott selbst gesprochen, aufgegangen sei. Das Gebet aller
Freunde hielt er fr heilsam, eine Quelle lebendiger Kraft, wenn es aus dem
Herzen kam. Das im Bewutsein angesammelte Gift sollte in der Beichte,
berhaupt in der Mitteilung an Freunde, ausstrmen. Aus demselben Grunde
empfahl er das Sichgehenlassen im Freundeskreise. Darum wollte ich Ew.
Frstl. Gnaden als einem jungen Mann lieber vermahnen, immer frhlich zu
sein, zu reiten, jagen und anderer guter Gesellschaft sich fleiigen, so
schrieb er dem schwermtigen Prinzen Joachim von Anhalt, die sich gttlich
und ehrlich mit Ew. Frstl. Gnaden freuen knnen ... So hat auch Gott
geboten, da man solle frhlich vor ihm sein und will kein trauriges Opfer
haben ... Es glaubt niemand, was Schaden es tut, einem jungen Menschen
Freude wehren und zur Einsamkeit und Schwermut weisen ... Denn ich denke
frwahr, Ew. Frstl. Gnaden mchten zu blde sein, frhlich sich zu halten,
als wre es Snde ... Wahr ists, Freude in Snden ist der Teufel, aber
Freude mit guten, frommen Leuten in Gottesfurcht, Zucht und Ehren, obgleich
ein Wort oder Ztlein zu viel ist, gefllt Gott wohl. Ew. Frstl. Gnaden
seien nur immer frhlich, beides, inwendig in Christi selbst, und auswendig
in seinen Gaben und Gtern; er wills so haben, ist drum da und gibt darum
uns seine Gter, sie zu gebrauchen.

Lies bitte den folgenden Brief Luthers an Hieronymus Weller, den jungen
Hauslehrer seiner Kinder; der wird dir seine ganze Weisheit und Liebe
zeigen: Mein liebster Hieronymus, du mut einsehen, da diese deine
Versuchung vom Teufel kommt, und da du deswegen so von ihm geqult wirst,
weil du an Christus glaubst; sieh doch, wie sicher und froh er die rgsten
Feinde des Evangeliums lt, Eck, Zwingli und andere. Wir mssen den Teufel
zum Gegner und Feind haben, wir, die wir Christen sind, wie Petrus sagt:
Euer Feind, der Teufel, geht umher usw. Bester Hieronymus, freue dich
dieser Versuchung des Teufels, die ein sicheres Zeichen ist, da du einen
gndigen Gott hast. Du sagst, die Versuchung sei schwerer, als du tragen
kannst, und du frchtest, sie werde dich so erdrcken, da du in
Verzweiflung und Gotteslsterung fallest. Ich kenne diesen Kniff des
Teufels: wenn er einen nicht mit dem ersten Anfall der Versuchung zermalmen
kann, versucht er ihn durch Ausdauer zu ermden und zu schwchen, bis er
fllt und gesteht, da er besiegt ist. Deswegen, wenn immer die Anfechtung
kommt, hte dich, dich in einen Streit mit dem Teufel einzulassen und
diesen tdlichen Gedanken nachzuhngen. Das ist nmlich nichts anderes, als
an den Teufel glauben und ihm unterliegen. Gib dir vielmehr Mhe, die vom
Teufel gesandten Gedanken zu verachten ... Fliehe durchaus die Einsamkeit,
denn er stellt dir am meisten nach, wenn du allein bist. Durch Spiel und
Verachtung wird dieser Teufel besiegt, nicht durch Widerstand und Streit.
Vergnge dich und scherze darum mit meiner Frau und den anderen, wodurch du
die teuflischen Anfechtungen betrgst, und sei gutes Mutes, mein
Hieronymus. Diese Anfechtung ist dir notwendiger als Trank und Speise. Ich
will dir erzhlen, wie es mir ergangen ist, als ich ungefhr in deinem
Alter war. Als ich zuerst im Kloster war, ging ich immer betrbt und
traurig einher und konnte die Traurigkeit durchaus nicht loswerden.
Deswegen besprach ich mich mit Dr.Staupitz, einem Manne, von dem ich gern
spreche, und erffnete ihm, was fr entsetzliche Gedanken ich htte. Darauf
sagte er: Du weit nicht, Martin, wie ntzlich und notwendig dir diese
Anfechtung ist. Es ist nicht zufllig, da Gott dich versucht, sondern du
wirst sehen, zu was fr groen Dingen er dich brauchen will. Und so ist es
gekommen. Denn ich bin ein groer Doktor geworden (das darf ich mit Recht
von mir sagen), was ich nie fr mglich gehalten htte zu der Zeit, wo ich
unter den Anfechtungen litt. Ohne Zweifel wird es dir auch so gehen. Du
wirst noch ein groer Mann werden. Sieh nur zu, da du inzwischen guten und
tapferen Mut hast, und glaube mir, da solche Stimmen, wie sie besonders an
groe und gelehrte Mnner ergehen, von Gott eingegeben und weissagend sind.
Ich erinnere mich, da einmal ein Mann, den ich trstete, weil er ein Kind
verloren hatte, zu mir sagte: Martin, du wirst sehen, da du ein groer
Mann werden wirst. An diesen Ausspruch habe ich oft gedacht: wie ich dir
gesagt habe, solche Stimmen haben etwas Prophetisches. Sei deshalb gutes
Mutes und wirf die leeren Anfechtungen von dir. Immer wenn der Teufel dich
mit Gedanken qult, suche den Umgang mit Menschen, oder trinke etwas
reichlicher, vergnge dich, scherze, tu etwas Lustiges. Man mu zuweilen
etwas mehr trinken, spielen, scherzen und zum Ha und zur Verachtung des
Teufels sndigen, damit wir ihm nicht Ursache geben, uns ein Gewissen aus
leichten Dingen zu machen oder uns dadurch zu besiegen, da wir uns
allzusehr qulen, damit wir nicht sndigen. Wenn dir der Teufel sagt, du
sollst nicht trinken, erwidere ihm, grade deswegen, weil du es mir
verbietest, will ich um so mehr im Namen Jesu Christi trinken. Tu immer das
Gegenteil von dem, was der Teufel will ... Knnte ich nur eine ordentliche
Snde begehen, nur um den Teufel zu berwinden, damit er einsieht, da ich
keine Snde anerkenne und mir keiner Snde bewut bin. Wir mssen dann die
ganzen Zehn Gebote uns aus dem Sinn schlagen, wir, sage ich, die so vom
Teufel geqult werden. Und wenn der Teufel uns unsere Snden vorwirft und
uns des Todes und der Hlle schuldig spricht, dann mssen wir antworten:
Gut, ich gestehe, da ich des Todes und der Hlle schuldig bin, und was
weiter? Werde ich deswegen auf ewig verdammt sein? Nicht im geringsten; ich
wei, da _einer_ fr mich gelitten und genug getan hat, der heit Jesus
Christus, der Sohn Gottes. Wo er bleibt, da werde ich bleiben.

Das heit: Wer ein starkes Selbst ist, der mu zunchst alles hassen, was
nicht dies Selbst ist und durch sein Dasein dies Selbst einschrnken will.
Wer aber ein starkes Selbst ist, kann auch etwas Groes und Gttliches
werden, sowie er erkennt, da sein Selbst nichts Vereinzeltes, sondern in
Gott, in der Hingabe an Menschen ist. Welche Khnheit aber, dies zu sagen,
und welche Weisheit, es in Bildern zu sagen, wodurch das Selbst von sich
selbst befreit und entlastet wird.

Jeder Arzt kann erfahren, wie leicht gerade der Kranke, der sich als
wehrlose Beute von Gedanken fhlt, die ihn elend machen und die er doch
nicht loswerden kann, begreift, da sie von einer teuflischen Macht
ausgehen, die sich seiner bemchtigen will. Man gewinnt einen festeren
Standpunkt, sowie man sich einem persnlichen, auer einem selbst
befindlichen Feind gegenber wei.

Es wird an diesem Punkte deutlich, was der Menschheit mit der Erkenntnis,
da Gott in ihr, nicht auer ihr ist, zugemutet ist. Gegen einen ueren
Feind ist es leichter, als gegen sich selbst zu kmpfen. Es ist nicht
erwiesen, ob Luther das Tintenfa gegen den Teufel geworfen hat; aber gewi
ist, da es seinem Wesen und seinen berzeugungen durchaus entsprochen
htte. Sei der du bist! pflegte er laut zu rufen, wenn er irgendwie die
Macht des Bsen sprte; das heit: der du kein Sein hast, sondern Blendwerk
bist, verschwinde! Andererseits riet er Kranken von einem angestrengten
Kampfe gegen den Teufel ab; lieber solle er sein Wten ber sich ergehen
lassen und warten, bis Gottes Gnade ihn erlse, die vielleicht schon ganz
nahe sei. Er wollte es vermeiden, das willkrliche Selbst anzuregen, dessen
berma der Krankheit Ursache ist.

Darauf gingen ja berhaupt, allen Menschen gegenber, seine vorbeugenden
Warnungen, die eigene Kraft nicht zu berspannen; lieber zeitweise unttig
zu bleiben, sich gehen zu lassen, als Taten und Werke zu erzwingen.

Es mu jedem auffallen, wie vielfach Luthers Art der Behandlung von
Geisteskranken mit der moderner Seelenrzte bereinstimmt. Auch sie lassen
den Kranken beichten, raten ihm, sich gehen zu lassen, erkennen, da
Neigung zur Snde, die unterdrckt und gleichsam nach innen gebogen wird,
das Innere vergiftet. Auch sie sorgen mglichst fr ablenkende Ttigkeit,
und auch in ihrer Behandlung spielt die Liebe eine bedeutende Rolle; aber
gerade hier zeigt sich auch ein wesentlicher Unterschied.

Das Wesen der Geisteskrankheit besteht in einer Schwche oder Krankheit des
Herzens, der positiven und aktiven Kraft im Menschen, infolge welcher die
negativen, teuflischen Krfte die berhand gewinnen und eine Anarchie und
Verwirrung entsteht, dann aber, da alle anderen Organe Kreaturen und
Untertanen des Herzens sind und ihre Kraft von ihm empfangen, eine
allgemeine Erschpfung. Es handelt sich also um eine Krftigung des
Herzens. Ein leicht erklrlicher Irrtum hat zu der Annahme verfhrt, man
knne dem Herzen durch Unterdrckung der negativen Krfte zu Hilfe kommen.
Indessen whrend ein starkes Herz diese Bndigung mit Nutzen selbst
vornehmen kann und soll, so wird ein schwaches und krankes dadurch nicht
strker, da seine Untertanen, gleichsam sein Reich, auch geschwcht
werden; die Zerstrung wird dadurch nur weiter ausgedehnt.

Die Krftigung des Herzens kann auf geistigem Wege nur durch das Wesen des
Herzens selbst geschehen, also durch Liebe und Wahrheit, und es ist ein
groes Verdienst der modernen Seelenheilkunde, dies eingesehen zu haben.
Nun setzte aber der Teufel, der Affe Gottes, neben die gttliche Liebe die
teuflische, die nicht wie die gttliche Liebe auf berflu und Glauben
beruht, sondern auf Mangel und Mitrauen und demzufolge nicht Verschwendung
und Empfangen, sondern nie gesttigtes Begehren und Verzehren ist.
Demnach, wenn der Seelenarzt sich mit irdischer Liebe von den Kranken
lieben lt, so entzieht er ihnen Kraft, anstatt ihnen zu geben, und mstet
sich auf Kosten der Bedrftigen, die er speisen sollte. Ein Herz voll
gttlicher Liebe lenkt unwillkrlich von der irdischen, fr Kranke
gefhrlichen Liebe ab; wer das nicht tut, strkt unwillkrlich das, was
berwunden werden sollte. Neben der unwillkrlichen Wirkung des Herzens mu
die bewute durch das Wort hergehen: der Arzt sollte deshalb nicht nur ein
starkes Herz, sondern auch ein reines Herz voll groer Gedanken haben. Nur
das Wort der Wahrheit, die richtige Selbst- und Gotteserkenntnis kann den
Kranken selbstndig machen; ohne sie wrde er nie auf eigenen Fen stehen
knnen, sondern immer vom Arzte abhngig bleiben. Dem Kranken die Ursache
seiner Leiden zum Bewutsein zu bringen schadet nur, auer wenn man zur
letzten, innersten Ursache vordringt, deren Wesen stets in einer
Verdrngung der gttlichen Kraft durch Vordrngen der selbstischen
Einzelkrfte bestehen mu. Schlielich wrde eine bestndige Zufuhr von
Kraft den Kranken berladen und schwchen, wenn er sie nicht in der
Berhrung und im Kampfe mit den Menschen wieder ausgbe. Die von den
Menschen ausgehende Gegenwirkung erzielt dann den Reiz, der wiederum Kraft
erregt, so da allmhlich das Spiel des Lebens sich durch sich selbst
erhlt. Die Erkenntnis, da Gott als Person sich nur in der Menschheit
offenbart, mu den neuen Mut zum Kampfe des Lebens geben, der ein Zeichen
der Wiedergeburt ist.

Indessen wie ich schlieen will, fhle ich, wieviel Unklarheit noch
zurckbleibt, und sehe ich ein, da ich mich ber die Physiologie des
Teufels noch nicht deutlich genug ausgedrckt habe.

Unter Teufel ist zu verstehen dasjenige Ma von Aktivitt, das ist Geist
oder Kraft, welche ber das Ma von Aktivitt hinausgeht, das durch
entsprechende Passivitt, also durch Stoff, gebunden werden kann. Dies Mehr
von Aktivitt ist der Widersprecher, den Gott sich gesetzt hat, damit Leben
sei. Hieraus wird klar, warum in allen Mythologien das Feuer zugleich das
Abzeichen des guten Gottes und des Gegengottes ist, er heie Loki, Luzifer,
Prometheus oder wie immer. Das reine Feuer, der Gott in seiner Majestt,
verzehrt die Sterblichen zu Asche; das durch den Stoff, nmlich Wasser,
Erde und Luft sowohl im Makrokosmos wie im Mikrokosmos gebundene Feuer, der
geoffenbarte Gott, ist der Gott, den wir anbeten. Beim Menschen ist der
Geist im Blute, vermutlich als eine der Elektrizitt verwandte Kraft. Das
Fleisch und Blut Christi, das wir im Abendmahl nehmen, ist eben wirklich
Stoff und Geist. Jedes willkrliche Hervorbrechen und berhandnehmen des
Feuers verzehrt den Stoff, womit denn aus dem Gttlichen das Teuflische
wird: das Genie grenzt an den Wahnsinn. Lat dicke Menschen um mich sein
und die gut schlafen; das natrliche Gefhl empfindet das Dicke richtig
als das Beruhigende, welches das teuflische Feuer dmpft, allerdings auch
das Grab des gttlichen werden kann. Gott offenbart sich nur im Stoff, im
Fleisch, nur in Verbindung mit dem Stoffe wird das Feuer produktiv; aber
schlielich lscht der Stoff die Kraft aus oder verzehrt umgekehrt die
Kraft den Stoff.

Auf eine richtige Verteilung des Blutes im Krper kommt also alles an; bei
allen Kranken mu dafr gesorgt werden, da das Blut dem ganzen Organismus
zugute kommt. Christus, der gttliche Ganzmacher, hat uns gelehrt, da nur
die von Herzen kommende Tat den in unserem Blute vorhandenen Geist zur
richtigen Wirksamkeit bringt, so da er unseren ganzen Krper vergeistigt.
Das berma von Aktivitt, welches entweder den Menschen selbst oder
andere, seine Opfer, verzehrt, nach der von Christus gegebenen Lehre in die
richtige Bahn zu lenken, ist die Aufgabe jedes Arztes und des Seelenarztes
insbesondere.




XVII


Als einem geborenen Antisemiten ist es dir peinlich, da Christus ein Jude
war, und du verargst es Gott ein wenig, da er gerade die Juden
auserwhlte, um unter ihnen Fleisch zu werden. Gott wute indessen wohl,
was er tat, was du glauben wirst, wenn du berhaupt an Gott glaubst: die
Juden waren das Volk, das ihm am meisten glich, insofern es die strksten
Gegenstze umfate. Sie umfaten in sich das Gttliche und das Teuflische,
die hchste Liebesfhigkeit, den unbedingtesten Glauben, hingebende
Opferwilligkeit und teuflische Grausamkeit, Tcke, Hochmut und Unglauben.
Ihrer Habsucht und Geldgier stand groartigste Uneigenntzigkeit gegenber,
glhender Sinnlichkeit engelgleiche Reinheit. Diese Gegenstze wurden
zusammengefat durch Persnlichkeiten von noch nie dagewesener Verdichtung
und Bindekraft, die die ungeheure Idee des _einen_ Weltgottes erst fassen
konnten. Ihre gigantische Phantasie stellte die Gestalt Luzifers, des
Rebellen, neben Gott und weissagte den Hlle und Tod berwindenden Erlser.

Die tiefe Spaltung in den durchgehenden Gegensatz von Selbstbewutsein und
Gottbewutsein mute der bewuten Zusammenfassung dieser Gegenstze
vorangehen; jeder Monismus ist auf einen Dualismus gegrndet, der das
natrliche Gefhl abstt, sowie die zusammenfassende Kraft fehlt. Bei
keinem Volke der Erde war die Spaltung so tief gegangen; darum konnte aus
den Herzen, die sie berwanden, zuerst das Wort von Gott flieen, so stark
und rein, da es seitdem alle leidenden Herzen berzeugt, erhoben,
getrstet und begeistert hat. Dies erst, da das menschliche Selbst sagte:
Ich bin! bewog Gott, das Dunkel zu durchbrechen und zu sagen: Ich bin der
Herr, dein Gott. Da die Juden das erste monotheistische Volk waren, da
alle Vlker ihnen insofern viel verdanken, steht in allen Geschichtsbchern
zu lesen. Da Christus Jude war, gesteht man schon weniger gern zu. Luther
nahm es als Tatsache an, und es war Grund fr ihn, mit den Juden zu
sympathisieren, obwohl sie doch Christus auch gekreuzigt haben. Aber
welches Volk htte das tun knnen auer dem, in dem er erschienen war? Aus
dem Volke der grten Gegenstze sind die Mutter und die Mrder des
Erlsers hervorgegangen. brigens hat die Unbelehrbarkeit der Juden, mit
denen er sich anfangs gern in Dispute einlie, ihn mehr und mehr gegen sie
erkltet und schlielich erbittert.

Denn das sah er ja ein, da den Juden nichts anderes brigbliebe, als an
Christus zu glauben und in anderen Vlkern aufzugehen. Sie sind in der Lage
der Nachkommen eines groen Mannes: sie knnen nur in ihm und durch ihn
etwas sein; wollen sie neben ihm oder sogar gegen ihn etwas sein, so mssen
sie zugrunde gehen. Das Schicksal der Zerstreuung mute sie betreffen, und
sie werden sich ihm nicht durch Begrndung eines eigenen Vaterlandes
entziehen knnen, weil ihnen dazu die Kraft, der Glaube an sich selbst
fehlt. Sich zu berpersnlichen, das heit zu sterben, in anderen, noch
lebensvolleren Einheiten aufzugehen, ist die letzte Bestimmung der Vlker
wie der einzelnen.

Was eine jdische Partei vor Jahrhunderten veranlate, Christus zu
kreuzigen, war ihre Sinnlichkeit, ihre Herrschsucht, ihre Eitelkeit und
Unglubigkeit, der Teufel in allen drei Gestalten. Sie wollten einen
Messias, der ihnen weltliche Herrschaft und weltliche Gensse verschaffte;
sie wollten weder die berlegenheit seiner Person noch die Wahrheit seiner
Lehre anerkennen. Dieselben Eigenschaften sind es jetzt noch, die uns die
Juden entfremden: Sinnlichkeit und Geist, die nicht mehr durch starke
Persnlichkeiten zusammengefat werden. Was wir als jdisch empfinden, ohne
da alle Juden es haben mssen, ist etwas Immerwaches, Neugieriges,
Lsternes, kurz ein Selbstbewutsein, mit dem uns nur eine starke positive
Kraft vershnen wrde, die nun aber erschpft ist. Wir nennen jdisch
ferner das korrekte Pharisertum, das aus eigener Kraft vollkommen sein zu
knnen glaubt, und durch das Gebundensein, nicht an das lebendige Gesetz
des Herzens, sondern an das starre der Moral, der inneren Freiheit und
Unschuld entbehrt.

Das Umherirren des Ewigen Juden ist jedenfalls der Wille Gottes, das heit
notwendig, und zwar wird es deswegen gewesen sein, damit die Juden Tropfen
ihres Blutes den anderen Vlkern der Erde mitteilen. Es ist eben dennoch
Gtterblut, wenn auch die Neige; so wie Gifte zugleich tdlich und heilsam,
auflsend und ganzmachend. Man hat lngst beobachtet, da die Vermischung
mit jdischem Blut die Familien interessanter, bedeutender macht, gleichsam
farbiger und ausdrucksvoller. Es wirkt zersetzend, Gegenstze hervorrufend
oder verschrfend und insofern zur Reife bringend; die Farbigkeit ist die
des Herbstes, der zugleich Frchte bringt und dem Winter annhert.

Die aus dem Herzen kommende gttliche Liebe findet sich bei den Deutschen
unserer Zeit selten; wo sie erscheint, ist sie hufig auf jdisches Blut
zurckzufhren. Auch der kritische Verstand kann Gutes wirken in Familien,
wo er noch nicht entwickelt war; anderen mte der Zuschu verderblich
werden. Mit Giften mu man eben sehr vorsichtig sein, und sie drfen nur in
kleinsten Dosen gegeben werden. Die Vlker werden im allgemeinen wohl den
richtigen Instinkt haben, wieviel Beimischung jdischen Blutes sie bedrfen
und ertragen knnen.

Zunchst wrde man denken, primitive Vlker oder Schichten mten Neigung
zur Vermischung mit Juden haben; aber dies ist nicht der Fall; Bauern
lehnen das Jdische ab. Ich habe diese Rassefragen nicht studiert, denke
mir aber, da eine zu groe Gegenstzlichkeit ungnstig ist, und da erst
bei einer gewissen Verwandtschaft Liebe von Vlkern und Individuen
fruchtbar werden kann. Nicht das Volk heischt Juden, viel eher der Adel,
was nicht durch die ueren Grnde allein zu erklren ist. Und nun denke an
die merkwrdige Tatsache, die beobachtet worden ist, da altadlige Familien
oft den jdischen Typus bekommen; nicht solche, in denen jdisches Blut
fliet, sondern gerade die mit reinem Stammbaum. Diese Tatsache scheint mir
anzuzeigen, da das Judentum ein Alters- und Entwickelungsgrad ist, den
auch Vlker und Familien ganz anderen Stammes durchmachen knnen. So
betrachtet wre das Judentum das Stadium der Selbstanbetung, in das ein
Volk eintritt, wenn es sich seiner durch Inzucht ausgebildeten Eigenart und
erreichten Hhe bewut geworden ist und sich infolgedessen von allen
anderen absondert.

Es fllt mir dabei ein, da mir jemand erzhlte, er wute selbst nicht, ob
es Wahrheit oder Anekdote war, eine von den alten Baseler Familien sei
jdischen Ursprungs, und durch diese sei ganz Basel mit jdischem Blute
durchsetzt. Es liegt darin jedenfalls ausgedrckt, da ein lange von
fremdem Zuflu abgesondertes, auf sich selbst beschrnktes Gemeinwesen
jdisch wird, hnlichkeit mit dem Volke der Selbstanbetung und Dekadenz
+kat exochn+ bekommt. Es hat sein Wort gesprochen, seinen Typus zu
hchster Schnheit verdichtet und enthlt sich, um ihn rein zu bewahren,
jeder Vermischung mit anderen, wobei es sich endlich selbst verlieren mu.
Man kann diesem tragischen Typus, der auch im Christustypus anklingt, immer
begegnen, wo eine Familie oder ein Volk sich eben von der Spitze abwrts
neigt. Es wird oft beklagt, da Menschen und Vlker sich berleben, da
Gott seine Kreatur nicht auf ihrem Hhepunkte zerstrt; aber man hat
unrecht, denn nicht Gott tut das. Er ist der schaffende Knstler, der den
Stoff, sowie er ihn ganz mit Form durchdrungen hat, wegwirft, gleichgltig
gegen das Vollendete. Das Formlose hat Zukunft, das Schne, das Vollendete
ist dem Tode geweiht, Gott wirkt nicht mehr darin und berlt es sich
selbst. Nicht Gott, sondern der Teufel ist jener Goldschmied Cardillac, der
das eben abgelieferte Geschmeide dem Kufer hinterrcks entreit, um es
heimlich im Winkel, mit bsem Gewissen, blitzen zu lassen.

Ich glaube, es besteht eine Wesensverwandtschaft zwischen den
vorchristlichen Juden und den Germanen, und werde versuchen, dir zu
erklren, wie ich das meine.

Ich unterschied, wie du weit, zwischen gttlicher und menschlicher Kraft,
und schlug vor, jene die geniale, unwillkrliche, schaffende, diese die
selbstbewute, willkrliche, ordnende Kraft zu nennen. Dementsprechend kann
man auch zwischen gttlichen und menschlichen oder gottbewuten und
selbstbewuten oder genialen, schaffenden und ordnenden Vlkern
unterscheiden. Die genialen herrschen im Reiche Gottes, die selbstbewuten
in der Welt. Sie haben auch ihre Genialitt, das ist die Kraft des
Organisierens, vermittelst welcher sie die gttlichen Ideen verweltlichen,
in die Welt einordnen. Obwohl sie insofern von den genialen Vlkern
abhngen, weil sie selbst keine gttlichen Ideen hervorbringen, so
herrschen sie doch in der Welt, welche das Reich der selbstbewuten Kraft
ist. Wie das einzelne Genie, so wird auch das geniale Volk gekreuzigt und
verbrannt; es ist in der Welt vorzugsweise leidend, denn es knnte nicht
genial sein, das heit nicht Gott empfangen, wenn es nicht passiv sein
knnte.

Die genialen Vlker des Altertums waren die Juden und die Griechen, das
herrschende, das politische Volk des Altertums waren die Rmer; ihnen
entsprechen in der nachchristlichen Zeit einerseits die Deutschen und
Italiener, andererseits die Englnder. Die Juden, Griechen, Italiener und
Deutschen hatten und haben das Gemeinsame, da sie von den weltlichen,
politischen Vlkern teils gehat, teils verachtet wurden; verachtet,
solange sie in der Welt schlechtweg die Unterliegenden waren, gehat, wenn
sie auch in der Welt eine Rolle spielen wollten. Die politischen Vlker
spren in den genialen Vlkern eine berlegenheit, die sie doch in der Welt
nicht zur Geltung bringen knnen, und die deshalb in ihnen, den
politischen, keine Furcht erregt.

Was wre die Welt ohne die Bibel und ohne die Geisteswerke der Griechen?
Und wir drfen wohl hinzusetzen, was wre sie ohne die Kunst, Dichtung,
Musik und Religion der Italiener und der Deutschen? Die herrschenden Vlker
beziehen ihr geistiges Leben zum groen Teil von den genialen; aber da sie
sie nicht zu frchten brauchen, gestehen sie es nicht zu und sind nicht
dankbar dafr, sondern verleugnen sie und beschimpfen sie noch dazu. Die
genialen Vlker haben im Kampfe mit politischen Vlkern nur Gott; verlassen
sie aber Gott, um sich auf sich selbst zu sttzen, so geraten sie in die
grte Gefahr, da sie auf diesem Gebiete den politischen Vlkern doch nicht
gewachsen sind. In der Bibel hren wir nur von Gottvertrauen, niemals ein
Wort von Selbstvertrauen; dieses Sichstarkwissen in Gott rauscht wie
Adlerflug durch die Seiten der Schrift. Mit diesem Gottvertrauen waren die
Juden unbesiegbar; nachdem sie Gott gekreuzigt hatten, wurden sie
zertreten.

Man sollte nun denken, da zwischen den genialen Vlkern Einigkeit
herrsche; aber zwischen ihnen besteht ein Unterschied, der sie ebenso
voneinander trennt, wie sie von den politischen Vlkern getrennt sind,
nmlich der Unterschied von Natur und Geist.

Gott offenbart sich dreifach, nacheinander und nebeneinander auf drei
Stufen. Er offenbart sich als Form schaffend in der Natur, als Taten
schaffend im Leben oder in der Geschichte, als Ideen schaffend im
menschlichen Geiste; diesen Stufen entsprechend ist der geniale Mensch
vorzugsweise Knstler, Dichter, Held oder Weiser.

Danach sind unter den genialen Vlkern die gestaltenden und die dichtenden
zu unterscheiden: jene gehen von der Erscheinung aus, die etwas Begrenztes
und Vielfaches ist, diese vom Inneren, vom Geist, der einfach und unendlich
ist. Der dichterische Genius, der im Nacheinander eine hhere Stufe
bezeichnet, versteht und liebt die zurckliegende Stufe; der bildende, der
die hhere Stufe noch nicht erreicht hat, steht ihr mitrauisch gegenber.
Im Altertum waren die Griechen das vorzugsweise, auch in der Dichtkunst,
gestaltende Volk, wie es in der nachchristlichen Zeit die Italiener sind.
Die Deutschen unterscheiden sich dadurch von den Juden, da sie auch
Gestaltungskraft haben, die jenen ganz abging; aber als geniales
Geistesvolk haben sie auch als bildende Knstler immer eine dichterische
Phantasie, wodurch ihre Kunst sich wesentlich von der der Griechen und
Italiener unterscheidet. In ihren hchsten Spitzen berhrt sich zwar die
griechische und italienische Kunst mit der deutschen; aber fr jene
bedeutet berreife und Beginn der Abwrtsentwickelung, was die Blte, das
Natrliche der deutschen Kunst ist. Die griechische und italienische Kunst
hat vorzugsweise die gttliche Einzelerscheinung zum Gegenstande, die
deutsche das krperlich erscheinende Unendliche. Aus diesem Grunde kann die
italienische Kunst leer werden, aber niemals so abstrus wie die deutsche.

Ich wei nun deinen Einwand schon, da doch nicht jedes Phnomen in diese
Einteilung hineinpat; aber das ist ja selbstverstndlich, und das ganz
gemeine Sprichwort sagt schon, da keine Regel ohne Ausnahme ist, zugleich
aber auch, da die Ausnahme die Regel besttigt. Die Einteilungen macht ja
der Mensch, nicht Gott, Gott erlaubt sich vielmehr, sie zu durchbrechen;
aber uns dienen sie doch zur bersicht und zum Begreifen. Es gibt nicht nur
ein Nacheinander, sondern auch ein Nebeneinander, und wie Gott selbst
zugleich Knstler, Held, Dichter ist und selbst dem Teufel die Kraft gibt,
so sind auch im Menschen alle diese Einzelkrfte zugleich ttig; nur pflegt
ihm, da er nicht Gott ist, eine wesentlich zu sein. Je mehr ein Mensch sich
Gott nhert, desto strker umfat er alle Krfte. Auch die politischen
Vlker bringen groe Dichter und Knstler hervor; aber das ist nicht ihr
Wesentliches, und sie werden den genialen Vlkern bedeutungsvoller als
ihnen selbst. Religionsstifter, also die allerumfassendsten Dichter, haben
nur die Juden und die Deutschen hervorgebracht -- ich spreche von den
europischen Vlkern, zu denen die Juden jetzt auch zu zhlen sind.

Im Grunde gibt es jetzt keine Juden mehr, so wenig wie es Griechen mehr
gibt: was an ihnen lebendig war, ist in anderen Vlkern aufgegangen.

Wie das Herz einer Frau durch eine Geburt geschwcht werden kann, so ist
das Herz des jdischen Volkes erschpft, als Christus daraus hervorgegangen
war.

Ein geniales Volk kann niemals ein Volk von hoher Kultur sein, wenn man
Kultur ein Ausgeglichensein der Gegenstze nennt. Jedes geniale Volk wird
namentlich den Gegensatz einer zum Gehorsam geneigten, weiblich passiven,
unselbstndigen Masse und einer herrschschtigen, hochmtigen Oberklasse
aufweisen; eine gttlich-teuflische Kraft und einen formlosen Stoff, in dem
sie sich offenbart. Diese formlose, glubige Masse, diese chaotische, die
immer zum Verwildern neigt, lt die Deutschen als ein im ganzen unschnes,
unkultiviertes, knechtisches, unklar grendes Volk erscheinen, aus dem sich
im schroffen und geschmacklosen Gegensatz eine hochmtig beschrnkte,
herrschende Klasse erhebt; aber zwischen diesen entgegengesetzten Polen
flammt der Feuerfunke des Genies auf. Eine verhltnismig sehr groe
Anzahl genialer Persnlichkeiten pflegte im Deutschen Reiche zwischen den
Herren und den Sklaven zu stehen und ein Gleichmachen zu verhindern, das
das Ziel despotischer Herren gegenber einer sklavischen Menge zu sein
pflegt. Die Zentralisierung ist ein Zeichen entwickelten Menschentums,
Abbild des Zentralnervensystems im Gehirn. Einheit in der Mannigfaltigkeit
ist das schne, farbige, verschwenderische Gesetz des gttlichen Lebens,
das aus dem Herzen kommt; die Einheit, die der Mensch aus seiner Willkr
schafft, erttet Leben und Schaffenskraft. Deutschland und Italien umfassen
die Mannigfaltigkeit sehr verschieden gearteter Einzelstaaten und den
groen Dualismus eines geistigeren Nordens und eines sinnlicheren Sdens,
die in einer besonders produktiven geographischen Mitte zusammenstoen.
Auch Griechenland und Israel zerfielen in eine Menge nie ganz vereinbarter
Stmme.

Zu Luthers Zeit war die Unausgeglichenheit und das starke Einzelleben im
Deutschen Reiche noch auerordentlich gro. Luther selbst spricht von den
Deutschen stets als von einem wilden, rohen, rauflustigen Volke, das bei
jedermann die deutsche Bestie heien msse, mit Recht. In allen Stnden
fand er zgellose Sinnlichkeit, Eigenwilligkeit und bermut. Er liebte und
hate dieses Volk zugleich, ein kochendes Chaos, aus dem gttliche
Gestalten, Taten und Worte stiegen.

Deutschland und Italien, das ist nicht zu leugnen, haben sich seit Luthers
Zeit sehr verndert. Die musterhafte Organisation Englands und Frankreichs
wurde ihr Ideal, dem sie auf anderen Wegen als den bisherigen nachstrebten:
sie wollen aus genialen politische Vlker werden. Der Krieg wird vermutlich
darber entscheiden, ob das mglich ist. Die Unzerstrbarkeit des
persnlichen Charakters, dessen Wurzel ja aus Gott kommt, scheint dagegen
zu sprechen; andererseits geht jede Nation, als Person, durch verschiedene
Entwickelungsstadien hindurch und lst sich schlielich auf, wenn auch
nicht so, da es eine Leiche gibt, sondern indem sie sich mit anderen
Nationen mischt und dadurch verndert. Seit Jahrhunderten sind in
Deutschland die mehr weltlichen als genialen Preuen aufgekommen und mehr
und mehr tonangebend geworden; sie konnten das, weil das alte Deutschland,
das lange schaffenskrftig gewesen war, zu erschlaffen begann. Wird das
alte Deutschland ganz in Preuen aufgehen, oder wird das alte, das geniale
Deutschland auferstehen? Ruland ist jetzt das am meisten passive und
gottvertrauende und zugleich das am meisten teuflische Volk, also das am
meisten jdische Volk; aber an Erscheinungen wie Tolstoi und Dostojewski
sieht man auch die zunehmende Kraft des Herzens und des Wortes, die die
Gegenstze bindet. Wer will weissagen, ob Ruland jemals oder gar schon
bald die Rolle des alten Deutschlands bernehmen wird? Gott hat lange
zrnend geschwiegen: er wird sich das Herz irgendeines Volkes erwhlen, um
durch dasselbe wieder zur Menschheit zu reden. Das ist aber gewi, da
dieses Volk nicht zugleich ein politisch herrschendes sein kann; es wird
leiden und entbehren mssen; dafr wird es in die Wohnungen des himmlischen
Vaters einziehen, die ihm von Anfang bereitet sind. Aber, so wrde Luther
warnen, man mu auch das Gttliche nicht erstreben ohne Gottes Willen:
jedes Volk mu kmpfen, um zu siegen, und schlielich Sieg oder Niederlage
aus Gottes Hand hinnehmen.




XVIII


Nun ist auch irrig, da die Zeremonialwerke nach dem Tode Christi
todbringend sind. Sie rechtfertigen, nur nicht vor Gott. Diese Worte
Luthers fhre ich dir deswegen an, weil du mir neulich schriebest, das
einseitige Betonen des Unwillkrlichen, Unbewuten oder Gottbewuten sei
dir zuwider; der Mensch sei doch auch Mensch, ja eigentlich wesentlich
Mensch, also selbstdenkend, selbsthandelnd, selbstbewut,
selbstverantwortlich; erst wenn er das ganz sei, komme das Gttliche an die
Reihe. Ob du diese Einseitigkeit deshalb so stark empfindest, weil du
gerade mehr gttlich als menschlich bist und als ein ritterlicher Mann auch
dem Gegner gerecht werden willst? Oder weil du im Grunde weltlich bist? Was
Luther betrifft, so war er sehr stark selbstbewut -- die alte Schlange
hatte ihn greulich vergiftet, wie er sagt -- und seine Zeitgenossen waren
es berwiegend; aus diesem Grunde hat er den Ton auf das Gttliche gelegt,
da das andere sich von selbst verstand. Die angefhrten Worte beziehen sich
zunchst nur auf kirchliche Gebruche, deren der Christ nicht bedarf; die
er aber nach Belieben beobachten kann, wenn er sich nur darber klar ist,
da Zeremonien uns nicht den inneren Frieden, die bereinstimmung mit uns
selbst und Schaffenskraft geben knnen.

hnlich sprach sich Luther auch ber die guten Werke, also ber die
brgerliche Moral aus, da sie nicht an sich zu verdammen sei, nur vor Gott
nicht rechtfertige. Nun ist wahr, sagt er, wie ich immerdar gelehrt
habe, da Gott ja will fromme Leute haben, in einem fein uerlichen Leben
und Wandel vor der Welt, heilig und unstrflich; aber es soll und kann vor
Gott keinen Christen machen, das ist das ewige Leben schaffen noch bringen.
Zu diesen Ehren lassen wir kein menschliches Leben noch Heiligkeit kommen,
sondern es soll hoch und weit ber alle Werke und schnes, herrliches Leben
schweben. Unsere Werke und Leben la hienieden in diesem Regiment bleiben
und eine irdische Frmmigkeit heien, welche Gott auch von uns fordert und
lt sie ihn gefallen, so sie im Glauben geht, und beide, hier und dort,
belohnen will: dies aber, wovon wir hier reden, ist eine himmlische und
gttliche Frmmigkeit, die ein ewiges Leben schafft.

Du siehst, es kam Luther darauf an, den Unterschied zwischen der Moral zu
zeigen, die von menschlicher Willkr abhngt, und von dem Glauben, der aus
gttlicher Gnade, aus dem Herzen fliet, und zu erklren, was vom einen und
was vom anderen zu erwarten ist.

Leute, die die Reformation mit Jubel begrten, haben sich spter angeekelt
von ihr abgewandt, wie zum Beispiel der Nrnberger Patrizier Pirkheimer,
weil sie wahrzunehmen glaubten, da auf evangelischer Seite die
Sittenverschlechterung mit einem groen Nachdruck und bermut einreie.
Luther selbst erschrak ber diese unvorhergesehene Folge seines Werkes und
sagte: sie nehmens fleischlich auf. Da dies geschehen konnte, liegt auf
der Hand: Luther predigte gegen die Moral und gegen das Streben nach
Vollkommenheit, vielmehr solle man sich gehen lassen und auch sndigen.
Wir sehen im Evangelium, schreibt er, den Zllner Christo nher sein als
den Phariser; wenn sie auch nach menschlichem Urteil rger sind, so stellt
sie doch das Evangelium gewilich als seliger dar, so da es sicherer
erscheint, ffentlich gefallen zu sein, denn im verborgenen gottlos
dazustehen. Aber deswegen raten wir jenen nicht, zu fallen. Wir berlassen
Gott seine verborgenen und zu frchtenden Urteile.

Luther hatte tiefe Einsicht in die Gefahr der Selbstberspannung auf der
einen Seite; aber auch in die Gefahren, die dessen warten, der sich dem
Herzen und seiner elementarischen Unberechenbarkeit berlt. Seine Lehre
bedurfte deswegen einer Ergnzung, die er ihr auch gab, nmlich indem er
das durch die Obrigkeit vertretene Gesetz strkte.

Luther verstand unter Welt mit dem Evangelisten Johannes die noch nicht zum
Geist hinbergefhrte Menschheit, anders ausgedrckt: die Gesamtheit aller
von den Menschen willkrlich gemachten, nicht gewachsenen Organisationen
und der ihnen dienenden, sie bedienenden Menschen. Die genialen Menschen
und die Snder und Verbrecher haben das Gemeinsame, da sie auerhalb
dieses Mechanismus stehen, mit dem Unterschied aber, da die Auserwhlten,
die wahren Christen, sich ihm freiwillig fgen oder ihn ignorieren oder, je
nachdem, ihn durch Worte bekmpfen, whrend diese, die Snder und
Verbrecher, ihn hinterrcks oder offen gewaltsam zu zerstren suchen. Vor
allem aber ist der Grund des Gegensatzes zur Welt beim Christen und beim
Verbrecher ein anderer: der Verbrecher fhlt seine Selbstsucht durch die
Welt gehemmt, der Christ seine Gttlichkeit. Da jedoch Selbstsucht wie
Gttlichkeit aus derselben Quelle flieen, nmlich aus dem Herzen, so ist
zwischen beiden ein Verstndnis mglich. Man kann sagen, da Gott und Tier
sich unmittelbar leichter verstehen als Gott und Mensch: sie beide leben
aus dem Herzen, der Mensch aus dem Kopfe.

Luther hatte vom natrlichen Menschen die Meinung, da er dem Teufel und
der Snde verknechtet sei, da er also nur sich selbst wollen knne;
infolgedessen herrsche unter den natrlichen Menschen das Recht des
Strkeren, wer den anderen bermge, stecke ihn in den Sack. Damit nun der
Strkere den Schwcheren nicht erdrcken knne, msse das Gesetz sein, das
die Aufgabe habe, aus Tieren Menschen zu machen. Luther hat bewut fr die
Verstrkung der obrigkeitlichen Gewalt gesorgt, die in der Tat eine
notwendige Ergnzung seiner Lehre ist: nur dann knnen sich die Menschen
ihrem Herzen berlassen, wenn die bergriffe der selbstischen, bsen, noch
tierischen Herzen durch das Gesetz gehemmt werden. Das Gesetz berhebt den
Menschen, diese Hemmung selbst durch die Moral auszuben, was er nicht tun
kann, ohne seine Herzkraft dadurch zu lhmen. Es ist Verleumdung, wenn man
Luther nachsagt, er habe den Frsten geschmeichelt, sei es auch nur, damit
sie seine Ideen sttzten. Die Verstrkung der obrigkeitlichen Gewalt
gehrte vielmehr durchaus zu seinen Ideen; er tadelte an dem Kurfrsten
Friedrich die Scheu, streng zu strafen, die vermutlich dem Adel zugute kam.
Die in der Welt herrschende und auch in den Gesetzen sich ausprgende
Gesinnung, nicht den Schwachen, sondern den Starken auf Kosten des
Schwachen zu schtzen, kannte Luther sehr wohl und gab sich selbst
furchtlos preis, um mit seiner Person etwaige Schden der Gesetzgebung in
dieser Hinsicht zu decken; dennoch hielt er die Herrschaft selbst
ungerechter Gesetze fr besser als Gesetzlosigkeit. Was er anstrebte, war
strenges Gesetz, dessen Handhabung durch groherzige Menschen besorgt
wrde. Dies Verhltnis bestand bis zu einem ungewhnlich hohen Grade in
Sachsen, solange Luther lebte; tatschlich regierten sein reines Herz und
seine groen Gedanken, nur selten wurden die Frsten, die sich
vertrauensvoll von ihrem Propheten leiten lieen, durch die Selbstsucht
ihres Adels abgelenkt. Luthers Herz schlug ebenso stark in die Welt hinaus,
wie in sein Inneres hinein; nach seinem Tode war das Stck Welt, das er
dadurch beherrscht hatte, wieder sich selbst berlassen.

Die Erkenntnis, da, wenn das Gesetz in der Hand von Persnlichkeiten ruht,
mit dem Ausscheiden derselben pltzlich Schwankungen und Strungen
eintreten knnen, hat die Menschen veranlat, die Gesetze von der
Handhabung durch einzelne unabhngig zu machen, da der geschriebene
Buchstabe verllicher zu sein scheint als der vernderliche Mensch. Sowie
aber der menschliche Verstand denkt, irrt er auch; es ist nmlich wohl
richtig, da geschriebene Gesetze nicht sterben, aber sie tun es deswegen
nicht, weil sie nicht lebendig sind, und infolgedessen decken sie sich
nicht mit den Erscheinungen des Lebens und knnen das Leben nicht
regulieren, ohne es zu schdigen. Soviel ich wei, ist man jetzt zu dem
Grundsatz zurckgekehrt, die Gesetze so grozgig anzulegen, da Raum fr
persnliche Auslegung und Anwendung bleibt. Woran es fehlt, sind die
herzhaften Menschen, die salomonische Urteile fllen knnen. Alle die
Urteile zu sammeln und herauszugeben, die Luther in den vielen ihm zur
Entscheidung vorgelegten Sachen fllte, wrde sehr verdienstlich sein und
einen berraschenden Einblick in seine grndliche Kenntnis weltlicher
Angelegenheiten und in die Weisheit seines Herzens gewhren. Htte das Volk
immer Zutrauen zu der Weisheit der richterlichen Herzen haben knnen, wren
sicherlich keine Geschworenengerichte entstanden. Wenn in den rcklufigen
Zeiten die Kraft abnimmt, versucht man durch Summierung von Menschen die
Unkraft des einzelnen zu ersetzen, ohne zu bedenken, da Millionen
schwacher Herzen nicht ein einziges starkes ausmachen. Nach dem Gesetz, da
Organe, die sich nicht ben, immer schwcher werden, muten die
Einrichtungen, die zum Ersatz der mangelnden Kraft getroffen wurden, die
Herzen immer mehr entkrften.

Luthers Ideal war, da die Welt, in der das Gesetz herrscht, sofort
abgelst wird durch das Reich Gottes, in dem die Liebe und infolgedessen
die Freiheit herrscht. In ihm herrscht durchaus nicht ein unbedingtes
Sichgehenlassen, sondern ein steter Kampf gegen das herrschschtige Ich; da
aber dieser Kampf eine innere Notwendigkeit ist, vom glubigen und
liebenden Herzen selbst verlangt, so ist er doch gewissermaen ein
Sichgehenlassen und nicht schdlich, sondern heilsam.

Da nun aber auer der Welt und dem Reich Gottes noch das Zwischenreich des
zweiten Haufens besteht, der zwischen Welt und Geist schwankt, so scheint
mir die Moral fr dieses brig zu bleiben. Zu stolz, um sich dem Gesetz des
groen Haufens unterworfen zu fhlen, nicht stark genug, um sich dem
eigenen Herzen zu vertrauen, mssen sie sich einstweilen mit der Moral
rsten. Diese Rstung -- wer wollte das verkennen -- kann sehr blank und
ritterlich sein, und Luzifer kann mit ihr dermaen strahlen, da man ihn
fast mit der Sonne verwechseln knnte. Nur das ist gegen sie einzuwenden,
da das gttliche Feuer hinter ihr ersticken kann; deshalb mu sie abgetan
werden, wenn noch Glut genug da ist, um in der Luft zur schaffenden Flamme
zu werden.

Es ist fr Luther, den Deutschen, und fr Luther, das Genie,
charakteristisch, da er bei seiner Einteilung der Menschen in die drei
Haufen eigentlich nur die Entwickelung des natrlichen Menschen zum
geistigen im Auge gehabt hat. Diese geschieht im Gegensatz zur Welt; aber
es gibt auch eine innerhalb der Welt vom passiven, wesentlich dienenden
Menschen zum aktiven, herrschenden. Solche finden sich auf den
verschiedensten Stufen, vom Werkmeister, Schauspieldirektor, Unternehmer,
General bis zu den Frsten, von denen Luther sagte, da sie gemeiniglich
die rgsten Buben oder grten Narren wren. Luther hatte nichts gegen sie;
sagte er doch von Pilatus nicht ohne Wohlwollen, da er ein frommer
Weltmann gewesen sei; er wollte nur feststellen, da auch ihre allergrte
Macht nicht imstande sei, ihnen die berschwengliche Herrlichkeit der
Auserwhlten zu verschaffen. Ich erwhnte schon, da die Rmer, im
Gegensatz zu den Juden, Christus und Paulus sympathisch gegenberstanden.
Drum soll der Snger mit dem Knig gehen; sie beide wohnen auf der
Menschheit Hhen. Sie sind die Spitzen zweier in entgegengesetzter
Richtung nach oben fhrender Linien, als Herrscher einander verwandt, als
Herrscher sich ausschlieender Reiche einander feind.

Zwischen beiden Punkten jedoch ist bestndiges Flieen und bergehen. So
senkte sich die Linie der Kurfrsten von Sachsen seit Friedrich dem Weisen
in der Welt abwrts, um im Reiche Gottes aufwrts zu steigen, so haben
alle Nationen ihre geistigen und ihre weltlichen Zeiten. Den Geist Gottes
verglich Luther einem Platzregen und betonte, da er nicht erblich sei.
Talent vererbt sich, nicht das Genie; denn es ist ein Hhepunkt und kann
seiner Natur nach nicht zugleich Ebene sein.

Die Menschen aus dem Zwischenreiche hassen die Welt und ihre Ordnung; die
genialen Menschen, die im Reiche Gottes Befestigten, hassen das Bse in der
Welt und haben Sympathie fr diejenigen, die Ordnung schaffen, wenn sie es
auch nur aus Herrschsucht tun. Alle genialen Menschen lieben die
Persnlichkeit, wie sie sich auch darstelle, weil sie gttlicher Natur ist,
Sonnenstrahl aus dem unsichtbaren Strahlenmittelpunkte; Herrscher in der
Welt und Herrscher im Geistesreiche mssen sich zueinander hingezogen
fhlen, so wenig sie sich jemals ganz verstndigen knnen. Sowie die
Weltherrscher die Geistesherrscher binden wollen, zeigt sich ihre hhere
Art: fesseln lt der Geist sich nicht; aber auch die Weltherrscher wollen
sich nicht in jenes Reich verklren lassen, zu welchem man nur durch das
Tor der Schmerzen eingeht. So mssen die beiden Frsten, obwohl sie sich
anerkennen, im ewigen Kampfe liegen, eben wie Gott und der Teufel.

Sieh, der Herold der Sonne setzt die beflgelte Silbersohle auf den
Wolkenrcken jenseit jener Dcher und winkt zum Abschied. Von Sternen zu
Sternen und Sonnen steigt die unsichtbare Leiter; der Ku des Abschieds
verschmilzt in dem des Wiedersehens, ist doch der Ku selbst nur eine
Begegnung. Ein zgernder Flor deckt die furchtlose Lampe noch einmal zu und
vergnnt mir, noch einen Augenblick bei dir zu sumen, den Fu schon im
Eimer, der aufwrts an die Kste des Tages fhrt. Lebewohl fr eine
Tageslnge; er wchst schon, flutet nach allen Seiten, und die Nchte, die
uns vereinen, werden frhlingshaft gedrngt. Bald wei ich auch nichts
mehr, nichts wenigstens, was sich sagen liee, und wenn die krzeste Nacht
kommt, werde ich ausgeredet haben. Lebewohl.




XIX


Vor Jahren lernte ich ein paar junge Japaner kennen, die sich zu
Studienzwecken in Europa aufhielten. Sie fhrten ein sehr ordentliches und
ehrbares Leben, sie tranken nichts Alkoholisches, schweiften nach keiner
Richtung aus und hielten sich im Grunde fr viel kultivierter als uns
Europer. Sie mibilligten, da man sich bei uns ksse, berhaupt im
Ausdruck der Gefhle gehen lasse; einer erzhlte, wenn er nach jahrelanger
Abwesenheit heimkme, wrde er die Seinigen, die ihn am Landungsplatze des
Schiffes abholten, mit einer Verbeugung, hchstens mit einem Hndedruck
begren. Selbstbeherrschung werde bei ihnen vom Menschen verlangt.

Mir hat das einen befremdenden und unauslschlichen Eindruck gemacht, den
ich damals nicht weiter auslegte und verfolgte; ich fand, da die
einwandfreien Japaner eher knstlichen Affen als Menschen glichen, von
schnen, liebenswerten Menschen ganz zu schweigen. Es kam mir komisch vor,
da sie sich fr Menschen hielten und mit Selbstbeherrschung protzten,
obwohl gar nichts zu beherrschen da war, hchstens da irgendein Rdchen
htte kaputt gehen knnen. Als Menschen genommen flten sie mir Ekel ein.

Wie anders die Griechen, die wie Lwen brllten, wenn sie verwundet waren,
die wie Kinder weinten, wenn ihnen etwas nicht nach Wunsch ging, und sich
wie Straenjungen beschimpften, wenn sie wtend aufeinander waren. Luther,
den man so oft zur Renaissance in Gegensatz stellt, war vielleicht unter
seinen deutschen Zeitgenossen am meisten Grieche. Was hatte der trockene,
klgelnde Erasmus mit Griechenland zu tun, und was die meisten der
fleiigen, strebsamen Humanisten? Wenn Luther einen groen Schmerz erfuhr,
wie zum Beispiel durch den Tod seines Vaters, zog er sich zurck und
betete, das heit, er raste sich aus. In seinen Gebeten sprach er mit Gott,
hielt ihm sein Unrecht vor, schrie ihm seinen Zorn ins Gesicht und machte
dann seinen Frieden. Seine Heftigkeit im Verkehr mit seinen Gegnern ist
bekannt, auch seine Freunde machten ihm einen Vorwurf daraus; er gab ihnen
recht, blieb aber dabei. Sicherlich hat er nicht gedacht, da er seine
Naturkraft schonen wolle, sondern sie war da und behauptete sich siegreich
allem Besserwissen anderer und allen etwaigen guten Vorstzen, die er
selbst fate, zum Trotz; es gehrte zu seinem Genie. Die Stoiker, die
Stockheiligen, die nicht weinen, sich der Natur gar nichts annehmen, es
geschehe, was da wolle, verurteilte er; denn es sei im Grunde eine
gemachte Tugend und erdichtete Strke, die Gott nicht geschaffen hat, ihm
auch gar nichts gefllt. Denn Gott hat den Menschen nicht also geschaffen,
da er Stein oder Holz sein sollte.

Luthers Ideal konnte in seiner Zeit nicht verstanden werden, weil es eine
Zeit versiegender Natur war. Er und einige seiner Zeitgenossen, zum
Beispiel Drer, waren noch durchdrungen von ihrer Heiligkeit und hielten
sie fest; dann fing man an sie zu verachten, ja, man kannte sie kaum noch.
Der vornehme Mensch bildete sich aus, der seinen Stolz darein setzte, nicht
Tier mehr, nur noch Mensch sein zu wollen, und ihm folgte der moralische
und tugendhafte Mensch, der sich nur noch im Gehege der brgerlichen
Ordnung bewegen konnte. Immer fader und flacher wird alles, was getan und
gemacht wird; man wundert sich zuweilen, wie die Menschheit ohne Hunger und
Liebe sich erhielt und fortpflanzte. Es lockert sich wohl alles wieder in
der Weimarischen Epoche, aber ich empfinde doch immer, als habe auf dem
Boden der Bildung, Wohlanstndigkeit und Kleinbrgerlichkeit das ungezhmte
Element nie losbrechen knnen.

Das deutsche Volk ist im allgemeinen durchaus kein vornehmes Volk, wie zum
Beispiel das spanische, und zwar aus einem sehr erfreulichen Grunde, weil
das Chaotische und Elementare, das der Form sich Widersetzende, in den
Deutschen noch stark ist. Wo noch viel zu formen ist, hat Gott noch viel zu
tun, es ist noch viel Zukunft und Leben da; um den Preis darf ein Volk auf
die Zier der Vornehmheit wohl verzichten. Indessen ist etwas anderes da,
was dieser instinktiven Kraft zu widersprechen und sie zu bedrohen scheint,
nmlich das System.

Vergleicht man etwa den Dreiigjhrigen Krieg mit dem heutigen, so springt
jedem ein wesentlicher Unterschied in die Augen. Dort, im 17.Jahrhundert,
eine lcherliche Umstndlichkeit, Ahnungslosigkeit, Ziellosigkeit, dabei
eine unbersehbare Flle der Erscheinung. Etwas berschwengliches, zugleich
Entsetzliches und Schnes stellt sich unserem inneren Auge vor, wenn wir
daran denken. Dagegen jetzt eine Zielsicherheit, ein schnelles und sicheres
Funktionieren, das jeden in Erstaunen setzt; das System bewhrt sich ber
alle Erwartung. Es geschehen bekanntlich auch bei uns Greuel, und man
vergleicht sogar hier und da mit dem Dreiigjhrigen Kriege; aber in
Wahrheit besteht vielleicht nur auf russischer Seite eine wirkliche
hnlichkeit. Ich las die Schilderung eines Pfarrers in Ostpreuen, wie ein
russischer hoher Offizier die ganze Einwohnerschaft eines Dorfes tten zu
lassen drohte, sich an ihrer Angst weidete und besonders den Geistlichen
zur Zielscheibe seiner Grausamkeit machte; wie dann aber pltzlich das Herz
dieses Teufels sich wendete, und er mit einer wahrhaft gromtigen Wallung
alle begnadigte. Das war ganz und gar ein Auftritt aus dem Dreiigjhrigen
Kriege.

Diese Unberechenbarkeit deutet auf Gott; das System arbeitet folgerichtig,
von Gott heit es #spirat ubi vult#. Luther sagte einmal, als eine Stadt
mit irgendwelchen derzeitig neuen Kanonen beschossen wurde, da diese
Maschinen wahrhaft eine Erfindung des Teufels zu nennen wren; denn dadurch
wrde die Tugend, durch die auch ein Kriegsmann sich hervortun knne, die
persnliche Tapferkeit, ihm genommen. Du mut nicht denken, ich wolle die
Tapferkeit und Opferwilligkeit unserer Soldaten herabsetzen, zweifelsohne
sind sie im Gegenteil bedeutend selbstloser als die Soldaten des 16. und
17.Jahrhunderts, denen es in allen Schichten hauptschlich um Beute zu tun
war; aber das ist nicht zu leugnen, da der Krieg fortwhrend mehr
systematisiert und mechanisiert wird, das heit, da der Ausgang weniger
von lebendiger persnlicher Kraft abhngt als davon, da jeder einzelne an
seinem Orte pnktlich die ihm vorgeschriebene Pflicht tut. Wenn jeder
Arbeiter im richtigen Augenblicke sein kleines Rdchen dreht oder auf sein
kleines Knpfchen drckt, so geht die Maschine und arbeitet mit soundsoviel
Pferdekrften. Im Dreiigjhrigen Kriege sprachen die grten Feldherren
immer von der launischen Fortuna und dem Umschwunge des Glcksrades; es lag
alles, wie in den Kriegen des Alten Testamentes, weniger in der Hand der
Menschen als in der Hand Gottes. Es ist selbstverstndlich, da die Welt
dabei gewonnen hat; das Reich Gottes hat dabei verloren.

Ebenso verhlt es sich mit der heutigen Wohlttigkeit. Frher fanden die
von den Strkeren zertretenen Schwachen Zuflucht bei der erbarmenden Liebe
einzelner, auch konnte der Unterdrcker selbst sich pltzlich in einen
Gromtigen verwandeln; kurz, ber dem Armen waltete lebendige Kraft und
darum unendliche Hoffnung beim Elend. Der wohlttige Betrieb ersetzt nicht
nur die erbarmende Liebe des einzelnen, er merzt sie sogar aus. Man mu den
Bettler von der Tr weisen und ihn mit Suppenkarten erquicken, etwaiges
Mitleid darf sich nur bessernd uern. Unter Ausschaltung des einzelnen
bernimmt es das System, die Almosen gerecht zu verteilen, gute Lehren
beizufgen, fr richtige Verwendung des Gegebenen zu sorgen. Der Empfnger
soll um keinen Preis durch die Gabe beglckt werden, sondern soll sie so
anwenden, da die allgemeine Ordnung dadurch gehoben wird. Da die
Privatpersonen nach Ma ihres Besitzes zur Erhaltung der
Wohlttigkeitsmaschine beigesteuert haben, lassen sie die Menschenliebe
nachher brachliegen; die an der Maschine Arbeitenden sind im besten Falle
wohlwollende Geschftsleute. Da unter den Privatpersonen wie beim
Betriebspersonal auch solche sind, die von Liebe fr die Leidenden bewogen
werden, ist selbstverstndlich; im allgemeinen kommt auch auf diesem
Gebiete das System der Welt zugute und engt das Reich Gottes ein. Dies
wurde natrlich auch schon bemerkt, und die merkwrdigsten Vorschlge
wurden gemacht, um eine nderung herbeizufhren. Einmal las ich, es sollte
in jedem Herrschaftshause unter dem Dache eine arme Familie einquartiert
werden, welche die betreffenden Herrschaften in Obhut nehmen sollten; so
dachte man das System durch ein besonders feines System aufzuheben.

Das System ist das, was am Preuentum gehat und gefrchtet wird. Die
Abneigung dagegen ist instinktiv und unausrottbar und lt sich nicht
dadurch widerlegen, da das System es gut meint, korrekt und lblich ist
und sehr viel leistet, natrlich in der Welt. Jedes organische Wesen, je
lebendiger es ist, wird abgestoen durch die Kennzeichen des Systems: die
schnurgerade Linie, die Starrheit und bersehbarkeit; denn alles Lebendige,
wie berzeugend es auch dasteht und atmet, ist ein Geheimnis. Nun hat zwar
seit dem siebzehnten Jahrhundert in ganz Europa das System Triumphe
gefeiert durch den Jesuitismus, den Militarismus und den Sozialismus,
nirgends aber so wie in Deutschland. Da das gerade in diesem kindlichen,
phantasievollen Volke mglich war, ist merkwrdig; ich erklre es mir
folgendermaen.

Wie ich dir schon sagte, halte ich die Gabe des Organisierens fr das Genie
der politischen oder weltlichen Vlker. Sie organisieren die Gesellschaft,
wie Frauen, Kinder und Genies ihre Taten und Werke. Herrische Menschen
pflegen mit einer Leidenschaftlichkeit, wie von einem inneren Sturm
getrieben, zu organisieren, so wie ein Knstler sich auf sein Werk strzt;
ist die Einrichtung fertig, so ergreifen sie eine andere. Dieser
Bearbeitung, diesem Druck setzt ein einigermaen selbstbewutes Volk einen
Gegendruck entgegen, der der Organisation ebenso zugute kommt, wie dem
Kunstwerk eine Hemmung. Bei dem deutschen Volke nun, dieser sehr passiven,
zum Gehorsam neigenden Masse, ist dieser Widerstand gering; der starken
Persnlichkeiten, die frher zwischen dem Volke und den Herrschenden
standen, sind immer weniger geworden, und so gelingt es dem knetenden
Willen, den unfrmigen Teig einfrmig zu machen. Ein geniales Volk in
seiner Bltezeit widersteht der Organisierung ganz und gar: es entzckt
durch die Flle seiner ppig wachsenden Formen, whrend wir an England die
logische Entwickelung seiner Staatsform bewundern. Hier sind alle Vorzge
der Welt zu finden: Macht und Reichtum, gutes Funktionieren der Maschine,
Freiheit und Gerechtigkeit, Gesundheit und Schnheit; dort ist Leben,
Geist, Genie, Liebe bei ueren Verhltnissen, die einem Weltmenschen als
chaotische Unordnung erscheinen mssen. Das Organisieren mchte ich als
eine natrliche Gabe betrachten, aus der Natur politischer Vlker
hervorgehend; das System verdeckt den Mangel an weltlicher Begabung. Wer
nicht organisieren kann, verfllt auf das Mechanisieren.

Man hat Luther nachgesagt, da er kein Organisator gewesen sei, aber das
ist ganz unrichtig. Er hatte genug von einem Herrscher in sich, um
organisieren zu knnen; aber er war zugleich ein Genie und hate alles
Mechanische, so wollte er keine Einrichtung schaffen, die nicht nach allen
Richtungen frei beweglich und entwickelungsfhig wre, damit nicht aus dem
Organismus ein Mechanismus wrde.

Der Organisator hemmt die Menschen in dem, worin er selbst sein hchstes
Glck findet: im Handeln. Er will das Handeln an sich allein reien, fr
alle handeln, wie die Kirche fr alle denken wollte. Christus hat nie
organisiert, nur Leben geweckt, wohin er kam; ich mchte mit Absicht den
entwerteten Ausdruck anwenden: er lebte und lie leben. Whrend Zwingli und
Calvin vorzugsweise Organisatoren, also Weltmenschen waren, organisierte
Luther nur der Welt zuliebe, nicht ohne das Gefhl, sich dadurch tragisch
zu verstricken, obwohl er das Erdenkliche tat, um der Erstarrung
vorzubeugen.

Sein Wirken auf kirchlichem, politischem, sozialem und juristischem Gebiete
ist in dieser Hinsicht staunenswert weise, oder sogar durch und durch
genial; er entschied immer nach dem einzelnen Fall, immer unter
Miteinrechnung der jeweiligen Mglichkeiten, immer mit ebensoviel Freiheit
und Liebe wie Gerechtigkeit. Beim Festsetzen von Glaubensartikeln wie bei
der Einfhrung von Zeremonien steckte er immer die Grenzen weit und machte
sie beweglich und vermied jede Willkr. Er organisierte wie die Natur, das
heit wie Gott schafft. Traf er irgendeine Anordnung, so fgte er
nachdrcklich bei, da es durchaus nicht berall und nicht immer ebenso
gehalten werden msse. Am Schlusse seiner Deutschen Messe und Ordnung des
Gottesdienstes sagt er: Summa, dieser und aller Ordnung ist also zu
gebrauchen, da, wo ein Mibrauch daraus wird, da man sie flugs abtue und
eine andere mache; gleichwie der Knig Ezechias die eherne Schlange, die
doch Gott selbst befohlen hatte zu machen, darum zerbrach und abtat, da
die Kinder Israel derselbigen mibrauchten. Denn die Ordnungen sollen zur
Frderung des Glaubens und der Liebe dienen und nicht zu Nachteil des
Glaubens. Wenn sie nun das nicht mehr tun, so sind sie schon tot und ab und
gelten nichts mehr; gleich als wenn eine gute Mnze verflscht, um des
Mibrauchs willen aufgehoben und gendert wird, oder als wenn die neuen
Schuhe alt werden und drcken, nicht mehr getragen, sondern weggeworfen und
andere gekauft werden. Ordnung ist ein uerliches Ding; sie sei wie gut
sie will, so kann sie in Mibrauch geraten. Dann aber ists nicht mehr eine
Ordnung, sondern eine Unordnung. Darum steht und gilt keine Ordnung von ihr
selbst etwas, wie bisher die ppstlichen Ordnungen geachtet gewesen sind;
sondern aller Ordnung Leben, Wrde, Kraft und Tugend ist der rechte Brauch;
sonst gilt sie und taugt sie gar nichts.

Die Kirche, die Luther vorschwebte, war ein dreigliedriger Bau unter einer
Kuppel, entsprechend den drei Haufen, in welche die Menschheit, ein Abbild
der Heiligen Dreifaltigkeit, sich gliedert. Sie sollte einschlieen einen
Bau fr den groen Haufen der Normalen, denen das Gesetz gepredigt werden
mu; einen anderen Bau fr die zwischen der Welt und dem Reiche Gottes
Schwankenden, denen die Verheiung des Evangeliums offenbart wird, damit
sie um der Herrlichkeit der Auserwhlten willen den Flug in das Geistesland
wagen; den dritten Bau fr diese, die wahren Christen, die freiwillig mit
den anderen in der Kirche anbeten, obwohl ihnen die ganze Welt heilig ist.
Diese gigantisch gedachte Kathedrale blieb unvollendet, wie die Dome des
Mittelalters, weil Luther keine wahren Christen fand. Welche Tragik des
genialen Einsamen! In dieser Spitze sollten die Bauglieder der Kirche
mnden, diese wren das Herz gewesen, das sie mit stets frischem Blut
versorgt und vor der Erstarrung bewahrt htte. Ich wei keine Tragdie, die
mich mehr erschtterte als diese; der von Christus im Wesen gleich, als er
seine Jnger auf dem lberge schlafend fand.

Es scheint eine Binsenweisheit zu sein, da die Menschen die Einrichtungen
machen, und zwar fr sich; tatschlich verschwinden aber bei uns die
Menschen hinter den Einrichtungen, in die das Leben bergeht. Es kann in
der Welt nur gut werden durch die Guten, das ist, glaube ich, ein Wort der
Knigin Luise. Luther sagte: Darum ist dem Staate mehr dafr zu sorgen,
da gute und verstndige Mnner an der Spitze stehen, als da Gesetze
gegeben werden. Wenn die Wut nachlt, Verordnungen, Plne, Organisationen
zu machen und Maschinen zu msten, werden wir auch wieder mehr
Persnlichkeiten haben, deren gerade wir bedrfen, weil wir im ganzen ein
unpersnliches Volk sind.

Mit dem Verschwinden einzelner Organisationen freilich ist es nicht getan:
der moderne Staat ist das System, das keine Persnlichkeit duldet; denn er
ist ja die Maschine, die schwcher werdende Persnlichkeiten sich zum
Ersatz fr ihre versiegende Kraft gemacht haben. Wie sie aus Mangel an
bung schwcher und schwcher wurden, so knnte die bung sie auch wieder
krftiger machen. Das mittelalterliche Feudalsystem, das System der
persnlichen Beziehungen, der Selbstverwaltung kleiner Gruppen, die sich
schlielich zu greren zusammengliedern, war der Ausflu persnlicher
Kraft und knnte auch wieder zur Schule persnlicher Kraft werden. Handeln
ist die unmittelbare persnliche Wirkung von Mensch auf Mensch, und nur
handelnd bildet sich das selbstbewute, selbstttige Ich, der Mann.

Unser Druck- und Zeitungswesen ist auch ein Symptom fr das Aufhren des
unmittelbaren gegenseitigen Aufeinanderwirkens. Man sagt seine Meinung in
Bchern und Aufstzen, man widerspricht ebenso, zu einer eigentlichen
Berhrung kommt es nicht, und schlielich bleibt jeder bei seinen
taubstummen Ideen. Es gibt jetzt wohl auch etwas den alten ffentlichen
Disputationen hnliches; aber im Grunde vermeidet man doch das
Aufeinanderplatzen der Geister, weil jeder sich zu schwach zum Kampfe
fhlt. Wir leben wie die fensterlosen Leibnizischen Monaden.

So wird es begreiflich, wie ein Fontane der Schriftsteller unserer Zeit
werden konnte, gerade von Mnnern gern gelesen. Fontane hatte sich durch
fnfzigjhrige Beobachtung eine Ansicht von der Welt gewonnen und stellte
sie dar, lauter Ausschnitte, die aber, da sie mit dem von den anderen auch
Eingeheimsten bereinstimmten, als vollgltige Bilder angenommen und
begrt wurden. Die Ideen des Herzens, die nur in der Bewegung des Kampfes,
im Leben, Eigentum der Seele, bewut werden, und durch welche die
Ausschnitte aus der Auenseite der Welt erst zum Bilde ergnzt werden,
fehlen ganz; aber gerade in dem verstndigen Gerste fhlt der moderne
Mensch sich heimisch. Andere Dichter und Knstler geben nur ihre
Traumbilder, und auch diese finden ihr Publikum, bei anderen stehen die
Visionen hart neben den Ausschnitten; im ttigen Ich wrden sie zum
lebendigen Ganzen verschmelzen.

Es gab Zeiten, wo aus Jnglingen, die verantwortlich ins Leben
hineingestellt wurden, zur rechten Zeit Mnner wurden, denen eine
religise, das heit einheitliche Weltanschauung, die sie trug und hob, von
selbst erwuchs. Die Jnglinge der neuen Zeit knnen nicht Mnner werden,
weil sie nicht verantwortlich, schaffend ttig sind, und es kommt nicht
selten vor, da das Ich um das fnfzigste Lebensjahr herum, zu einer Zeit,
wo es sich allmhlich auflsen sollte, sich noch gar nicht gebildet hat.
Diese stehengebliebene Jugend ist nichts Erfreuliches, sondern etwas
Tieftrauriges. Zuweilen kommt, wie bei Fontane, noch eine ohne Sonne
reifgewordene Frucht zustande; aber im Grunde bleibt es doch zwischen
Jnglingshaftem und Greisenhaftem unbeglckend schwanken. Vielen ergeht es
wie jenem sagenhaften Mnch, der sich trumend im Walde verlor, und als er
nach einem verpaten Leben, das ihm zeitlos verlaufen war -- denn Zeit und
Raum entstehen nur dem selbstbewuten, selbstttigen Ich, nicht dem Trumer
-- zu den Menschen zurckkam, von dem starken Anhauch des Lebens in Asche
fiel.

Ich las neulich eine kleine Schrift, die mir sehr deutsch und sehr
belustigend vorkam, mit dem Titel: Unabhngigkeit von der Natur. Der Titel
bezieht sich auf die knstliche Erzeugung von Nhrstoffen, Farbstoffen,
Heilstoffen und anderen Naturprodukten, wodurch die Natur dem Menschen
entbehrlich werde. Es wurde darin erzhlt, wie schbig der Purpur der Alten
in der Tat gewesen sei, wenn man ihn mit unseren knstlich hergestellten
Farben vergleiche, und es knnte vielleicht, wurde hinzugefgt, mit manchem
Glanze der Antike so gehen, wenn er mittels hnlicher exakter Methoden, wie
sie die Chemie besitzt, neu vor uns erstehen knne. Und doch, dachte ich,
hat die Glut dieses schbigen Purpurs ber Jahrhunderte weg die Phantasie
der Menschen entzndet, da sie ihre imperatorischen Trume, ihre
herrlichsten Gesichte dahinein hllten. Was hlfe uns die kniglichste
Farbe, wenn kein Held mehr da wre, dessen Schultern sie trgen? Jetzt gib
mir einen Menschen, gute Vorsicht! lt Schiller seinen Knig Philipp
flehen, der die Natur zu einem toten Rderwerk hat erstarren lassen. Der
Menschen scheinen auch wir um so mehr zu bedrfen, je imposanter unsere
naturfreien Purpurfarben werden. Ich wei wohl, da es nicht an solchen
fehlt, die in der Welt, und solchen, die im Reiche des Geistes etwas
bedeuten; aber es kommt auf solche an, die beide Welten zusammenfassen. Man
kann nicht Gott dienen und dem Mammon; aber man kann mit Gott den Mammon
beherrschen. Marquis Posa war Gott zu treu, um Frstendiener sein zu
knnen; den klgsten und mchtigsten Frsten seiner Zeit durch Gott zu
regieren traute er sich zu, ja er liebte ihn, weil er das Elend seiner
Gottesferne durchschaute. Solche Menschen brauchen wir, die zugleich
Mittelpunkt und Peripherie, zugleich der Eine und das All, zugleich
lichtbringendes Wort und Chaos sind.

Das Licht ist ein Strahl, und der Strahl ist ein Schwert; das Licht
erschafft die Welt, indem es die Finsternis von ihr abtrennt. Aber alle
Lichter steigen auf aus Nacht und gehen in Nacht unter; das Feuer in
seiner Majestt vernichtet. Aus den Mythologien wissen wir, da die
Feuergtter zweischneidig sind, bse und gut, ttend und lebendigmachend
zugleich. Hast du nicht Ursache mir zu zrnen, da ich dich mit Worten um
den schwarzen Wein der Nacht bringe? Was mich entschuldigt, ist nur, da es
Worte aus dem Herzen, und da sie also doch vielleicht etwas alkoholisch
waren.




XX


Du sagst, geliebter Freund, mit dem Augenblick, wo Luther klar geworden
wre, da er seine Kirche nicht fertig bauen konnte, weil er die wahren
Christen nicht fand, die ihre Spitze htten bilden sollen, htte er den
Kampf gegen die katholische Kirche aufgeben mssen. Es htte ihm bewut
werden mssen, da es der Natur der unsichtbaren Kirche widerspreche,
sichtbar zu werden, da also jede sichtbare Kirche zur unsichtbaren Kirche
in dem Gegensatz stehen msse, den das Sichtbare zum Unsichtbaren bilde. Er
htte doch auch den Zeremoniendienst der katholischen Kirche billigen
mssen, insofern er der Entwickelung der Moral entgegenstehe und die Natur
schtze.

Darauf erwidere ich, da das Sichtbare dem Unsichtbaren nicht nur
entgegengesetzt, sondern auch mit ihm verbunden ist; Luther wollte eine
solche Kirche grnden, die aus dem Sichtbaren ins Unsichtbare hinberfhrt,
die sichtbar und zugleich unsichtbar ist, und ich glaube, da er das getan
hat, soweit es damals mglich war.

In der vorchristlichen Zeit vertrat der Hohepriester die Gemeinde vor Gott.
Nur er konnte mit Gott verkehren, er htete die heiligen rter, vollzog die
Opfer und betete fr alle. Jede heilige, das heit Gott zugeordnete
Handlung war ein #opus operatum#, das heit ein Werk, das durch seinen
richtigen Vollzug wirksam war, also ein Zauber; derjenige, der das Werk
vollziehen konnte, der Priester, war ein Zauberer. Die Mglichkeit des
Zaubers, das heit die Wirksamkeit richtig vollzogener Werke oder die
Wirksamkeit bestimmter rter, beruht auf dem, was wir jetzt Aberglauben
nennen, was aber der Glaube der vorchristlichen Zeit war, auf dem Glauben
an durch die Mittlerschaft des Priesters Gott geweihte Zeichen oder Werke.
Mit dem Erscheinen Christi trat ein wesentlicher Unterschied ein, indem nun
Christus die ganze Menschheit vertrat und dadurch das Priesteramt aufhob,
wie das im Ebrerbriefe tiefsinnig und klar zugleich dargestellt ist.

Danach besteht der Unterschied des Neuen Bundes gegenber dem alten darin,
da Gott nunmehr seine Gesetze in den Sinn und das Herz der Menschen
schreiben will, und da niemand mehr seinem Nchsten die Erkenntnis des
Herrn lehren soll: Denn sie sollen mich alle erkennen, von dem Kleinsten
an bis zu den Gresten. Es soll auch nach Christus nicht mehr geopfert
werden, da Christus einmal sein eigenes Blut geopfert und damit fr ewige
Zeit alle Opfer aufgehoben hat. Kurz: vor Christus suchte die Menschheit
die Gottheit auer sich und glaubte an den Priester, von welchem sie
voraussetzte, da er die Gottheit kenne und den rechten Verkehr mit ihr
wisse; Christus offenbarte, da die Gottheit in uns selbst ist, und da wir
infolgedessen selbst mit Gott verkehren knnen, ja, mehr, da nur jeder
selbst glauben kann, nicht ein anderer fr uns. Priester im alten Sinne
brauchten demnach nur diejenigen, die nichts von Christus wuten oder nicht
an ihn glaubten.

Der lutherische Geistliche soll nichts weiter als Diener am Wort sein, die
Heilige Schrift erklren und das Sakrament austeilen. Sie haben kein Werk
zu vollziehen und zaubern nicht das Brot zu Gott; sondern den Zauber ben
die Empfangenden durch den Glauben oder, insofern Gott den Glauben gibt,
Gott selbst. Das Erscheinen Christi bedeutet demnach eine
Mndigkeitserklrung der Menschen: vorher vermochten sie nur Sichtbares zu
ergreifen, nun aber auch das Unsichtbare. Solange Sichtbares und
Unsichtbares, Wort und Zeichen berhaupt nicht geschieden waren, war es
durchaus nicht aberglubisch, an uerliches zu glauben; der Zustand der
katholischen Kirche zu Luthers Zeit bewies aber, da der Zeremonien- und
Werkdienst Aberglauben geworden war.

Ich glaube, du stimmst mir darin bei, da die Priesterkirche fr diejenigen
berflssig, ja verdammlich ist, die an Christus glauben. Luther durfte die
Katholiken in diesem Sinne, wie er oft tat, die Synagoge oder die Juden zu
Rom nennen, indem sie wie diese Christus nicht als einzigen und ewigen
Hohepriester anerkannten. Allein Gott offenbart sich nicht nur
nacheinander, sondern auch nebeneinander, und infolgedessen gibt es jetzt
noch eine vorchristliche Menschheit; fr diese mu die Priesterkirche da
sein. Diejenigen, welche nicht glauben knnen, mu, wie einst, der
Priester, an den sie glauben, weil sie ihn sehen, vor Gott vertreten.

Die sogenannten Gebildeten zu Luthers Zeit glaubten tatschlich alle nicht
mehr an den Priester und das #opus operatum#; ber diese Stufe waren sie
hinaus. Luther wurde deshalb in diesem Punkte, im Kampfe gegen die
Zeremonien, sehr gut verstanden; die Kirche selbst machte sich schleunig
seine Gedanken ber die Werke zu eigen. Im Gegensatz zu den Zeremonien
empfahl Luther damals Werke der christlichen Liebe: man diene Gott, sagte
er, wenn man mit dem bisher durch allerhand Werke verschlungenen Gelde den
Armen beistehe oder seine Familie versorge. Er betonte damals, da jeder
Christ ein Heiliger sei, das heit ein Gott geweihter Mensch, und da man
Gott mehr diene, wenn man den lebenden Heiligen in der Not helfe, als wenn
man den toten Heiligen opfere. Dies leuchtete der damaligen, besonders der
nordischen, auf das Weltliche und Moralische gerichteten Menschheit sehr
ein, und Luther bemerkte bald, da die guten Werke blieben, nur da die
gottesdienstlichen durch die weltdienstlichen oder brgerlichen ersetzt
wurden. Wenn er selbst den Armen half, so geschah es im Glauben, das
heit sein Herz trieb ihn dazu; aber die anderen bten die Werke der Liebe
um irgendeines weltlichen Zweckes willen, sei es der brgerlichen Ordnung
wegen, oder um ihr Gewissen zu beschwichtigen, oder um fr mildttig
gehalten zu werden oder was sonst immer. Nur betonte Luther, da unter den
zu verdammenden guten Werken durchaus nicht nur die Zeremonien, sondern
ebensowohl die moralischen Handlungen zu verstehen seien; und du weit ja,
da dieser verzweifelte Kampf gegen die Moral dann sein Leben ausfllte,
ohne Ergebnis und ohne Verstndnis seiner Anhnger. Trotzdem verfiel er nie
in den Irrtum, nun etwa doch zu den Zeremonien zurckzukehren, wie so viele
andere getan htten; man kann immer nur wieder das Allumfassende und
Unbestechliche an Luthers Geist bestaunen. Waren deshalb die Zeremonien
besser, weil die Moral noch gefhrlicher war? Die Prfungen, die der
Auserwhlte zu bestehen hat, werden immer schwerer, wie in der Zauberflte.
Die Versuchungen des Teufels durch das Fleisch erscheinen dem fast
kindlich, den der Teufel in seiner Majestt, als Luzifer, im Geiste
versucht. Auf die Versuchung der Moral folgt die, ohne Gottes Beistand
vollkommen zu werden, das heit edel. Das alles sah Luther; indessen
dachte er nie daran, das Rad der Zeit aufzuhalten, er warnte nur.
Betrachtet man den Lauf der Geschichte, so sieht man, da Gott durchaus
nicht mehr bei den Menschen des Zeremoniendienstes als bei denen der
Werkheiligkeit war.

Auer denjenigen, die ihrer Natur nach nicht glauben knnen, weil sie auf
einer vorchristlichen Stufe stehen geblieben sind, nimmt die Priesterkirche
auch diejenigen auf, die durch eine Schwche des Geistes daran gehindert
sind, die Allzupersnlichen, deren groes Wollen durch keine Kraft des
Vollbringens gesttzt wird. Es ist Luthers zweiter Haufen, soweit er sein
Ziel, das Reich des Geistes, nicht erreichen kann. Diese Gescheiterten, die
den naiven Zusammenhang mit der Welt verloren, aber den Mut nicht fanden,
sie entschieden von sich zu stoen und endlich zu berwinden, retten sich
in den Hafen der Weltkirche, die ihnen die Selbsttuschung gewhrt, als
wren sie mitten in der Welt bei Gott. Die zu hochmtig waren, sich vor
einer Person zu demtigen, die vor Gott flohen, der das Opfer des Herzens
fordert, unterwerfen sich dem unpersnlichen Stellvertreter Gottes, der,
mit uerlichen Opfern zufrieden, weltliche Gaben dafr gibt, die aber in
der Welt als gttlich kursieren. Es gibt Menschen, die nicht zum groen
Haufen zhlen, sondern Auserwhlte sein wollen, aber ohne den Preis dafr
zu zahlen; die Priesterkirche ist fr sie wie eine Universitt, die den
Doktortitel ohne Arbeit verleiht, oder wie ein frstlicher Hof, der
unbegabte Eitle zu Hofpoeten macht. Hufig ist das Katholischwerden fr die
Interessanten der hchste und letzte Augenblick ihres Lebens, dessen Wesen
Genu ihres Werdezustandes ist. Gehren zur katholischen Kirche alle
Weltleute, diejenigen also, die einer sichtbaren Mittlerschaft bedrfen,
um das Unsichtbare zu ergreifen, so will die lutherische Kirche durch
Gesetz und Evangelium zum Glauben anleiten. Sie sammelt diejenigen, die fr
das ewige Licht empfnglich sind und sich von strkeren Brdern allmhlich
von einer Klarheit zur anderen fhren lassen wollen. Wenn diese
Strkeren, die wahren Christen, der Kirche auch nicht frmlich einverleibt
sind, so wie Luther sich das ursprnglich dachte, so da sie ein Recht der
Aufsicht ber die Schwcheren htten, strmt doch ihr Geist fortwhrend den
unteren Kreisen zu, wenigstens kann er es tun. Die Spitze der lutherischen
Kirche wird sich immer in den Wolken verlieren; das aber ist kein Mangel,
sondern ihr eigenstes Wesen, in dem Sichtbares und Unsichtbares eins
werden. Sowie die Auserwhlten sich zu einer sichtbaren Kirche formten,
wren sie die Auserwhlten nicht mehr; der Geist Gottes weht, wo er will,
und lt sich nicht binden. Nach Luther haben immer wieder hochgesinnte
Geistliche versucht, wahre Christen zu finden und zur Hebung des
ffentlichen Geistes zu vereinigen, woraus die Rosenkreuzer und hnliche
Verbindungen entstanden; aber das hat zu keinem Ziele gefhrt, whrend
Goethe und Schiller, und natrlich nicht nur sie, mit ihren Werken dem
Glauben zugute gekommen sind, ja gerade lutherischen Geist ausgeteilt
haben. Der erste Teil von Goethes Faust ist eine dichterische Gestaltung
der wesentlichen Ideen Luthers.

Luther wute genau, was fr ein Segen ihm der Kampf gegen die
Priesterkirche sei. Es beglckte ihn, als er zu der Einsicht gekommen war,
da der Papst der in der Schrift geweissagte Antichrist sei. Als ein Teil
seiner Anhnger, namentlich Melanchthon, die Wiedervereinigung mit der
Kirche wnschte, sagte er zwar, da man den Papst anerkennen knne, wenn er
das Evangelium freiliee und darauf verzichtete, Stellvertreter Gottes auf
Erden sein zu wollen; aber er setzte hinzu, da der Papst das nicht knnte,
selbst wenn er es wollte, da die Welt ihn so haben wollte. Wer recht hat,
mu wnschen, das Gehate zu vernichten; aber irgendwie wird er doch
fhlen, da das Gehate dennoch zu seinem Leben gehrt, ja, er wrde es
sonst arg nicht hassen. Es hat Maler angezogen, Cromwell vor der Leiche des
von ihm getteten Knigs zu malen: in jenem Augenblick mu ihm die
Notwendigkeit des eigenen Unterganges bewut geworden sein. Eine hnliche
dunkle Ahnung mag Wallenstein bewegt haben, als man ihm den blutigen Koller
Gustav Adolfs brachte.

Luther hat fters den Wunsch ausgesprochen, sein Tod solle dem Papsttum Tod
bringen; und wirklich hat die Kirche allmhlich ihren mittelalterlichen
Charakter abgetan, aufgehrt Ketzer zu verbrennen. Ich bin zu
selbstschtig, um zu wnschen, sie mchten wieder damit anfangen; das
glaube ich aber, da eine Erneuerung der Religion auch eine Erneuerung der
religisen Gegenstze mit sich bringen wrde.

Gibt es nicht eine andere Mglichkeit? Ja, wenn das Unmgliche wirklich
wrde, und der Papst darauf verzichtete, Stellvertreter Gottes sein zu
wollen, damit Christus selbst das Haupt der Kirche wrde. Es bleibt uns
nichts, als dieses Urteil Luthers zu wiederholen, der ja keine neue Kirche
grnden, sondern die alte erneuern wollte. Noch im siebzehnten Jahrhundert
betonten die Evangelischen, da sie die eigentlichen Katholiken wren, die
Glieder der urchristlichen Kirche. Vielleicht wird einmal noch die Idee des
Mittelalters verwirklicht: ein Kaiserreich des Sichtbaren, begeistert und
beseelt durch das in ihm wirkende Reich des Unsichtbaren, die Kirche.




XXI


Luther datierte seine endgltige Erlsung von der Melancholie nicht von dem
Augenblick, wo er durch Staupitzens Vermittelung das Wesen Gottes erkannte,
sondern von dem, wo er auf Staupitzens Befehl Professor und Prediger wurde.
Dieser erste Schritt ri ihn gttlich zwingend auf seine gewaltige
Laufbahn. Seine bewute Seele kmpfte fortwhrend gegen die hohe Berufung,
wie die Propheten des Alten Bundes sich unter Qualen gegen Gottes Wort
wehrten. Denn es ist so, da Gott die am meisten Abgesonderten, die grten
Snder, zu seinem Werkzeug whlt; die Sterbenwollenden zwingt er zum Leben,
weil er ein Gott des Lebens ist und den Tod hat. Luthers persnliche
Sehnsucht ging in den khlen Tempel seines Innern, und wen rhrte nicht der
Schmelz seiner Stimme, wenn er dort kniet und anbetet. Die Sigkeit dieser
Stimme stand aber in Wechselbeziehung zu ihrer donnernden Kraft im Kampfe
gegen die Welt. Einen Gegensatz zur Welt bedingt das Christentum; ist
dieser Gegensatz einmal da, die Wendung nach dem Unsichtbaren hin
vollzogen, so folgt natrlich die Neigung, sich ganz von der Welt abzulsen
und in Gott zu versenken. Dies ist der Punkt, an dem viele, die berufen
sind, scheitern: sie wissen nicht oder wollen nicht wissen, da Gott zwar
der Unsichtbare ist, aber im Sichtbaren erscheint; da er das Zeichen zum
Wort gesetzt hat. Gott, die Liebe, hat sich als Form, als Tat, als Wahrheit
geuert; daraus folgt, da auch wir uns uern und bettigen sollen. Das
Reich Gottes besteht nicht in Worten, sondern in der Kraft. Gott sollen
wir nicht nur im Herzen erkennen, sondern auch ffentlich bekennen.
Christus war die Liebe, die Tat wurde, und Liebe, die nicht Tat wird, ist
keine Liebe. Das enge Herz, das nur die eigene Welt erhlt, ist
menschlich; das gttliche hat einen berflu, der in die Welt hinaus wirkt.

Das Problem der Beziehungen des Menschen zu Gott und den Menschen wurde zu
Luthers Zeit als das Verhltnis von Glaube und Liebe verhandelt; ob der
Glaube der Liebe vorangehen msse oder umgekehrt, und welches von beiden
grer sei. Da Luther damit begann, die guten Werke zu bekmpfen, war es
natrlich, da er zuerst die Notwendigkeit des Glaubens, der gttlichen
Gesinnung, betonte, die Bettigung derselben nicht oder weniger erwhnend,
hauptschlich auch deshalb, weil sie ihm, seiner Natur nach,
selbstverstndlich war; indessen fgte er doch stets hinzu, da aus dem
Glauben an Gott die Liebe zu den Menschen von selbst folge, ja er sagte
einmal, da Glaube und Liebe berhaupt zusammenfielen, in der Weise, da
man ein und dieselbe Kraft in bezug auf Gott Glaube, in bezug auf die
Menschen Liebe nennte. Bekanntlich hat Paulus in seinem Hoheliede der Liebe
gesagt: Und wenn ich allen Glauben htte, also da ich Berge versetzte,
und htte der Liebe nicht, so wre ich nichts. Luther mibilligte das
insofern, als es keinen Glauben, das heit natrlich keinen Glauben an
Gott, ohne Bettigung in der Liebe zu den Menschen gebe. Gott liebt die
Menschen, weil sie seines Geschlechts sind; Liebe ist das Bewutsein der
Zusammengehrigkeit. Wer die Zusammengehrigkeit der Menschen nicht erkannt
hat, hat auch Gott nicht erkannt, von dem alle Menschen ausgehen und in den
alle mnden. #Plenitudo legis est dilectio#, die Liebe ist des Gesetzes
Erfllung. Wer die Menschen liebt, ist glubig und Gottes Kind, wenn er es
auch selbst nicht wte, ja mit Worten bestritte; wer die Menschen nicht
liebt, ist unglubig, wenn er auch sein Leben mit der Betrachtung Gottes
und Beobachtung gttlicher Gebote zubrchte. Und wenn ich alle meine Habe
den Armen gbe und liee meinen Leib brennen, und htte der Liebe nicht, so
wre mirs nichts ntze. Wie aber aus dem Glauben an Gott mit Notwendigkeit
die Liebe des Gttlichen in der Menschheit fliet, so der Ha des
Ungttlichen in Form, Tat und Wort.

Wenn man die Darstellungen Christi in der bildenden Kunst betrachtet, so
sieht man, wieviel besser die Menschen den liebenden und verzeihenden
Christus als den zrnenden begreifen; da es keine Liebe des Guten ohne Ha
des Bsen und Kampf gegen das Bse gibt, mchten sie sich gern verhehlen.
Dennoch schildert die Heilige Schrift Christus deutlich als den kmpfenden
und triumphierenden Helden, den allerdings im Gefhl seiner Liebe, im
Bewutsein seines Rechtes, seines notwendigen Unterganges in der Welt und
seines Sieges im Geist auch im glhendsten Zorne eine groherzige
Gelassenheit, eine strenge Sammlung nie verlt. Christus ist zu einem
Zeichen gesetzt, dem widersprochen werden soll, sagt Luther einmal, und
viele werden sich an ihm stoen, fallen und sterben. Alles Streiten und
Krieg des Alten Testaments sind Figur gewesen der Predigt des Evangelii,
das mu und soll Streit, Uneinigkeit, Hader und Rumor anrichten. Da
Christus selbst gesagt hat, er sei nicht gekommen, den Frieden zu bringen,
sondern das Schwert, wirst du wissen. Sowie Christus das Boot betrete, sagt
Luther, erhebe sich Sturm, und ein anderes Mal: Denn wo der Mann kommt und
sich sehen lt, da hebt sich bald ein Rumor und Fallen an. Widerspruch
erregt und berwindet Christus durch die Liebe und die Wahrheit, die er
vertritt, gegenber der Selbstsucht und der Lge, die in der Welt
herrschen. Mitten in den Kampf ums Dasein hinein verkndet er das Recht
der Liebe; der Lge und Selbsttuschung der Welt, da sie, die Scheinende,
Gott sei, stellt er die Wahrheit entgegen, da er, der Unsichtbare, Gott
ist. Den einzelnen, der sich an Gottes Stelle setzt, wirft er vom
angematen Throne und ruft ihm zu, da Gott im Ganzen ist, whrend der
einzelne vergeht. Darum kann es nicht anders sein, als da die wahren
Christen um Christi willen werden Verfolgung leiden. Kein Volk auf Erden
mu solchen bitteren Ha leiden, sie mssen Ketzer, Buben, Teufel und die
schdlichsten Leute auf Erden heien. Ja, man erkennt die Auserwhlten
daran, da sie von der Welt gehat werden. Da Luther die Werke, durch die
der Glaube sich bettigt, den Kampf gegen das Bse auer uns, sowie den
Kampf gegen das Bse in uns, diesen allerbittersten und allerschwersten
verhltnismig viel weniger als den Glauben betonte, ist aus seiner Furcht
zu erklren, die Menschen wrden diese unwillkrlichen Werke, die der
Glaube von selbst mit sich bringt, mit den willkrlichen Werken der Moral
verwechseln. Dazu kommt, da derjenige, der wirklich Glauben und Liebe hat
und sie mit Notwendigkeit bettigt, vergit, davon zu sprechen. Luthers
Leben war ein fortwhrendes Ausben der Liebe, ein bestndiges Sichopfern
fr die Menschen. Er wandte sich nicht mit vornehmer Verachtung von der
Welt ab, sondern warf sich mitten in sie hinein, so da er kaum noch, wie
man sinnvoll sagt, zu sich selbst kam. Das ist es eben, was den Christen
macht: Der sinnliche Mensch bejaht die Welt und geniet sie, der Buddhist
oder Mystiker verneint sie und entsagt ihr, der Christ bejaht und verneint
sie zugleich, das heit er berwindet sie. Gewi hat Luther die Hlfte
seines kstlichen Lebens damit zugebracht, Mansfeldische Suhndel zu
schlichten, vom selben Wert wie jener letzte von allen, nach dessen
Beilegung er starb. Er war der Beschtzer aller Schwachen und Unterdrckten
ohne eine Spur von Menschenfurcht. Was menschliche Gre ist, kann man aus
Luthers Briefen an die Frsten, mit denen er zu tun hatte, ersehen, vor
allem an seine kurschsischen Oberherren. Es ist, als hre man Gott selbst
sprechen: gtig, langmtig, wahr, die Herzen kennend und fhrend, zuweilen
streng und blitzend, immer weit, himmelweit berlegen. Die gegnerischen
Frsten donnert er zusammen, da man meint, es bleibe kein Stck von ihnen
brig; aber bei alledem ist es Donner, der aus einem Himmel
unerschpflicher Liebe kommt. Man begreift nicht, wie er die ungeheure
Arbeit, die ihm durch die Sorge fr andere Menschen auferlegt wurde,
bewltigte; in der Tat htte menschliche Kraft dazu nicht ausgereicht.
Solche Menschen pflegen nicht viel von Liebe zu reden; tat Luther es
einmal, so wurde allen anderen bange, weil sie merkten, da das, was sie
Liebe oder Mitleid nannten, gar nicht Liebe war. Sein Wirken ging immer
gleichzeitig nach drei Seiten: liebend gegen die Hilfsbedrftigen, hassend
gegen die Bsen, mahnend gegen die Gleichgltigen. Der schwerste Kampf ist
eigentlich gar nicht der gegen das Bse; sondern der gegen die menschliche
Trgheit, die unter der Maske der Nachgiebigkeit, Vershnlichkeit und Milde
das Bse und Unwahre vertuscht und sich dem Kampfe entziehen will. Wenn du
ber das Evangelium richtig denkst, kann seine Sache nicht ohne Aufruhr,
Skandal, Unruhe gefhrt werden. Du wirst aus dem Schwert keine Feder, aus
dem Kriege keinen Frieden machen: das Wort Gottes ist Schwert, ist Krieg,
ist Verderben, ist rgernis, ist Gift und wie ein Br auf der Strae und
ein Lwe im Walde. So schrieb er an seinen Freund Spalatin, den Hofkaplan
des Kurfrsten, der die Gegenstze wohl sah, aber nach weltlicher Art
umgehen wollte. Hte dich zu glauben, schrieb er demselben, du knntest
Christus in der Welt frdern mit Frieden und Sanftmut, der mit eigenem
Blute gekmpft hat wie nach ihm alle Mrtyrer. Die Welt zieht deshalb den
stets zum Vertuschen neigenden Melanchthon dem nie die Wahrheit
verleugnenden, kmpfenden Luther vor. Auf Melanchthon allein gestellt,
wrde das von Luther neu aufgerichtete Evangelium kaum eine Spur
hinterlassen haben; auch so verflachte es bald nach Luthers Tode. Das
Grte ist, mit seiner Person fr sein Wort eintreten, das ist, es mit
seiner Person wie mit einem Schilde decken; aber es gehrt dazu ein
trefflicher Mann, der ein Lwenherz habe, unerschrocken die Wahrheit zu
sagen. Die meisten Kmpfer unterscheiden sich von Luther dadurch, da sie
nicht aus Liebe Gottes und Ha des Teufels, sondern aus Eitelkeit, Neid und
persnlichem Ha kmpfen; Luther hatte nur wenig redliche Gegner und keinen
von gttlicher Liebe in den Kampf getriebenen. Viele unter seinen Feinden
waren Neider und Nebenbuhler, denen seine Gre keine Ruhe lie; nachdem er
das Tor der Erkenntnis aufgebrochen hatte, drngten sie nach und wollten
die vordersten sein. Anderen war es um ihre weltlichen Vorteile zu tun,
andere wollten nur Aufsehen erregen. Luther durchschaute seine Gegner, und
es war nicht anders mglich, als da sie ihm widerwrtig waren, denen es
immer in erster Linie um sich selbst, nicht um die Wahrheit zu tun war;
aber selbst Karlstadt, der ihm mit seiner Eitelkeit das Leben so sauer
gemacht hat, nahm er liebevoll auf, als derselbe sich im Elend an ihn
wandte, und wurde sein Frbitter beim Kurfrsten. Was fr gromtige Liebe
bricht aus seinen Worten ber kolampad mitten im Abendmahlstreit: Welchem
Gott viel Gaben geschenkt hat vor viel anderen und mir ja herzlich fr den
Mann leid ist. Wer in solchen Worten den Rhythmus des Herzens nicht
fhlt, dem hat es selbst nie geschlagen. Kein einziger von Luthers Gegnern,
wie bedeutend er auch sein mge, hat wie er Worte der Liebe; wie auch
keiner wie er Worte des Zornes und Hasses hat.

Gegen die Mystiker aller Art verhielt sich Luther deshalb streng ablehnend,
weit mehr als gegen schlechtweg weltliche, religis gleichgltige Leute. Er
nannte sie Enthusiasten, Schwrmer und Flattergeister, insofern sie Gott
nicht in der sinnlichen Erscheinung suchen, wo sie ihren Glauben irgendwie
bettigen mten, sondern im Geist, der eigentlich nirgends ist, und wo sie
deshalb nur zu schwrmen und zu flattern brauchen. Ich hasse die
Flattergeister und liebe dein Gesetz, sagte Luther mit David, das
gttliche Gesetz, das Gehorsam und ein bestimmtes Tun verlangt, der
unfruchtbaren Gefhlsschwelgerei des Mystikers entgegenstellend. Alles
Frommtun im Winkel, das Pochen auf gttliche Eingebung auerhalb der Bibel,
die Heiligkeit und Rhrseligkeit gewisser Wanderprediger, jede Absonderung
vom allgemeinen und ffentlichen Gottesdienst, wie sich das bei Waldensern
und hnlichen Sekten fand, flte Luther Abneigung und Mitrauen ein, auch
wenn es zunchst sittlich makellos erschien. Zahlreiche Beispiele bewiesen,
wie leicht die bersinnliche Geistigkeit in ungeistige Sinnlichkeit, in
Zgellosigkeit nach jeder Richtung umschlgt. Aber auch die Mystik feiner,
gutgesinnter Menschen bekmpfte er, zum Beispiel an Staupitz, den er wohl
von allen Menschen am meisten geliebt hat. Ohne da er darin je
nachgelassen htte, forderte er doch auch von ihm lautes Bekennen und
Eintreten fr seinen Glauben.

    Selig, wer sich vor der Welt
    Ohne Ha verschliet.

Empfunden hat das Luther auch; viel mehr als Goethe, da er sich der Welt
weit mehr in Liebe und Ha opferte und deshalb mehr unter ihr litt. Gegen
das Ende seines Lebens verlie er einmal Wittenberg, um nie mehr
zurckzukehren, so widerte ihn die zunehmende Gottlosigkeit seiner Umgebung
an; aber die Bitten seines Frsten bewogen ihn, das Joch wieder auf sich zu
nehmen. Der gemarterte Prophet sehnte sich bitterlich nach Ruhe; aber der
Gott des Lebens hie ihn bis zum letzten Atemzuge leben. Leben ist die
Aufgabe des Menschen und der Lohn des Heiligen, Tod ist das Ziel des
Sichabsondernden und seine Strafe.

Da Tolstois Kampf, der mit so groer Gebrde der Welt den Handschuh
hinwarf, doch verhltnismig wenig fruchtete, lag, wie mir scheint, an
einer gewissen persnlichen Verschrobenheit und Schrullenhaftigkeit, die
nun einmal den heutigen Menschen anhngt. Wir sind allzu persnlich
geworden; unsere Verschiedenheit von den anderen, unser Frsichsein, sollte
das Geprge sein, das das Allgemeine, das Gttliche, uns zueignet; aber es
ist eine Maske geworden, unter der das Allgemeine geschwunden ist. Unsere
Herzen sind teils zu enge, teils zu weit; sie haben den rhythmischen
Wechsel von Flut und Ebbe nicht mehr. Alle die einzelnen, um die sich in
Deutschland Gemeinden sammeln, haben weit mehr als Tolstoi etwas
Gewaltsames, Groteskes, Winkelpredigerhaftes, Lcherliches. Die meisten von
ihnen sind durch die Worte des Paulus gerichtet: Und wenn ich mit
Menschen- und mit Engelzungen redete, und htte der Liebe nicht, so wre
ich ein klingendes Erz und eine tnende Schelle. Sie wren wohl auch
niemals auf den Markt getreten, wenn sie des Weihrauchs entbehren knnten,
und mit Recht: ihr bichen Gotthnlichkeit kann sich unserem glaubenslosen
Klima nicht aussetzen.

An die Stelle von Ha und Liebe, von Kampf und Opfer tritt bei den allzu
persnlichen, unglubigen Menschen unserer Zeit, bei den Heuchlern und
Gleisnern die Medisance. Man lt sich gefallen, was einem zuwider ist,
und es ist einem alles zuwider auer man selbst; aber man rcht sich daran
durch einen Spott, der zu hflich ist, um eine Herausforderung zu sein, und
witzig genug, um sich ntigenfalls fr einen Spa auszugeben. Die
Duldsamkeit ist nicht auf Gromut gegrndet, sondern auf Gleichgltigkeit
oder Angst vor dem Kampfe.

Luther war allerdings der erste, der in religisen Dingen den Grundsatz der
Toleranz aufstellte; aber nur insoweit er es fr unsinnig erklrte, Irrende
dadurch berzeugen zu wollen, da man sie verbrennte. Mit dem Wort aber
solle man sich befehden, und er selbst vergleicht sich mit dem Propheten,
der in einer Hand die Kelle fhrte und baute, in der anderen das Schwert,
um sein Werk gegen die Feinde zu verteidigen. In einem brieflichen
Gutachten an seinen kurfrstlichen Herrn schrieb er die berhmten Worte:
Man lasse sie nur getrost und frisch predigen, was sie knnten, und wider
was sie wllen; denn wie ich gesagt habe, es mssen Secten seyen
(1.Kor.11,19), und das Wort Gottes mu zu Felde liegen und kmpfen,
daher auch die Evangelisten heien Heerscharen und Christus ein Heerknig
ist der Propheten. Ist der Geist recht, so wird er sich vor uns nicht
furchten und wohl bleiben. Ist unser recht, so wird er sich vor ihnen auch
nicht, noch vor jemand furchten. Man lasse die Geister aufeinander platzen
und treffen. Werden etliche indes verfhrt, wohlan, so gehts nach rechtem
Kriegslauf; wo ein Streit und Schlacht ist, da mssen etliche fallen und
wund werden; wer aber redlich ficht, wird gekrnt werden.

Fr Luther war der Christ wesentlich der Ritter, wie spter fr Gustav
Adolf der Kavalier, der fr Gottes Wort kmpft. Ein Christenleben soll ein
Krieg sein, und die das Wort haben, sollen vorhergehen in der Heerspitzen,
das Schwert in der Faust haben und den Haufen hinter sich herziehen,
gerstet sein und allerwege auf die Puffe warten, wie in einer rechten
Schlacht; sonst liegen wir bald darnieder.

Dickens, auch ein Genie der Liebe, pflegte whrend seines Aufenthaltes in
Lausanne eine Blindenanstalt zu besuchen und beobachtete dort ein
zehnjhriges Mdchen, das taub, stumm und blind geboren war und bisher ganz
ununterrichtet im Hause seiner Eltern gelebt hatte. Sowie man dies Kind
sich selbst berlie, das heit, es nicht anrhrte, kauerte es sich mit an
die Ohren hinaufgezogenen Hnden nieder, genau in der Haltung eines Kindes
vor seiner Geburt, und blieb so. Es fiel Dickens auf, da dies auch die
Haltung der Wilden ist, wie verschiedene Reisende sie beschrieben haben,
unter anderem Defoe: Ihre Haltung bestand gewhnlich darin, da sie auf
der Erde saen, die Knie an den Mund hinaufgezogen und den Kopf zwischen
beiden Hnden auf die Knie herabgeneigt; und er erkannte es als die
embryonische Haltung der noch unentwickelten Seele. In der Anstalt
versuchte man nun eine Verbindung des Kindes mit der Auenwelt
herzustellen. Der Direktor gab ihr zwei glatte runde Steine, die sie
zwischen den Hnden hin und her rollte: Sie scheint zu denken, da dies zu
etwas fhren soll, erkennt deutlich die Hand, welche ihr die Steine gibt,
als eine freundliche und schtzende, und sitzt stundenlang ganz geschftig
da. Man gewhnte ihr die seltsame kauernde Haltung ab, erweckte in ihr das
Vergngen an der Geselligkeit, und sie begann zu lachen und in die Hnde zu
klatschen. Ich habe nie in meinem Leben etwas in seiner Art
Ergreifenderes gesehen, erzhlt Dickens, als da man sie neulich in die
Mitte einer Gruppe blinder Kinder stellte, die zur Klavierbegleitung im
Chore sangen, und ihre Hand mit dem Instrument in Zusammenhang setzte und
hielt. Ein Schauer durchdrang ihr ganzes Wesen, ihr Atem wurde schneller,
ihr Gesicht rtete sich, und ich kann es mit nichts anderem vergleichen,
als mit der Wiederbelebung eines beinah toten Menschen. Es war wahrhaft
erschtternd, zu sehen, wie die Empfindung der Musik die in ihr
verschlossene Seele erregte und aufscheuchte. Ich mute an das Bild
denken, wie Gott mit seinem Finger den noch in seiner bewutlosen Dumpfheit
daliegenden Menschen anrhrt und durch das berstrmen seiner Kraft das
schlafende Herz weckt. Die Stellung, die Dickens beschreibt, ist die des
ganz einsamen Ich, des noch nicht mit der Auenwelt verbundenen Ich, das
eigentlich noch gar keins ist, weil es seiner noch nicht bewut geworden
ist; es ist die Stellung der Seele des an Dementia, an Geistesabwesenheit
Kranken, des sich selbst anbetenden Unglubigen, des hochmtig und
furchtsam zugleich vor dem Kampfe des Lebens sich Verkriechenden. Man kann
auch sagen, es ist die Haltung der Seele des Nichtchristen und des modernen
Menschen. Und wie erschtternd, da Dickens durch jenes Schauspiel so
erschttert wurde, der Mensch mit dem zarten, scheuen Kinderherzen, dennoch
in einem bestndigen qualvollen Kampfe den Abgrund berwand, der ihn von
den anderen Menschen trennte, um sich ihnen hinzugeben und sie an sich zu
reien. In ganz anderen Formen sich darstellend, ist es doch dem Gehalte
nach das Leben Luthers.

Es ist auffallend, wie die Menschen der neuen Zeit zur indischen
Philosophie hinneigen, sei es, da sie indische Ideen in die christliche
Religion hineinlegen oder geradezu die indische Philosophie ber die
christliche Religion erheben. Religion ist nur das Christentum, ja,
Christentum und Religion ist gleichbedeutend, denn es ist die Verbindung
der Menschheit zu einem Ganzen. Der Christ ist der, dem die Tat und das
Wort gegeben sind, die die Menschen zu Brdern und zu Gottesshnen macht.
Der Christ wei, da der Geist im Blute ist, ausgegossen zugleich mit dem
vergossenen Blute Christi, und da wir nur, wenn wir auch unser Blut
vergieen, zu Gottmenschen werden. Die Frau vergiet ihr Blut, indem sie
Kinder hervorbringt und alle Liebebedrftigen als ihre Kinder liebt, der
Mann, indem er nicht nur fr die Seinigen, sondern, soweit sein Einflu
reicht, fr alle Hilfsbedrftigen kmpft. Du verstehst wohl, ohne da ich
es ausdrcklich bemerke, da ich nicht an Krieg und Schwert denke, obwohl
ja auch das in Betracht kommen kann; Liebe ist tatschlich ein
Blutvergieen, die starke Bewegung eines Herzens, das sein Blut durch den
ganzen Krper hinstrmt und ihn dadurch vergeistigt.

Die Seele ist das im Gehirn sich spiegelnde Herz, das bewut gewordene Ich.
Setzt das Blut sich im Gehirn fest, so wird es dem Herzen entzogen, das
Dunkel des Allerheiligsten wird allmhlich hell gemacht, die Kraft in
Wissen verwandelt, der Mensch entherzt, entgeistet, entgttert. Es ist ein
groer Augenblick, wenn das Ich sich erkennt; reit es sich aber nicht
rechtzeitig vom Spiegel los, so ist es wie Narzi verzaubert und verloren.
Hier mu sich der Christ seines Herrn erinnern, der sich als Gottes Sohn
erkannte, aber, wie es in der Bibel so schn heit, seine Gottheit nicht
fr einen Raub hielt, nicht fr sich behielt, sondern seinen geringeren
Brdern opferte. Je hher wir zu stehen glauben, desto mehr sollten wir uns
getrieben fhlen, uns anderen hinzugeben. Nicht da wir, wie Don
Quichotte, der Welt unsere Ritterdienste aufzwingen sollen; das mchten die
modernen Menschen wohl auch, ruhmvolle Taten tun, unerhrte Opfer bringen,
zu denen durchaus keine Gelegenheit ist. Auch da kann man wieder von Luther
lernen, da es darauf ankommt, das Nchstliegende zu tun, da wir uns nicht
mit selbstausgedachten, wunderlichen Geboten qulen sollen, whrend wir
nicht imstande sind, die einfachen, von Gott gegebenen zu erfllen.




XXII


Einer von den neuen Bibelbersetzern hat herausgefunden, da Luther den
Spruch, es werde eher ein Kamel durch ein Nadelhr gehen, als da ein
Reicher in das Reich Gottes eingehen werde, falsch bersetzt habe, indem
das betreffende Wort nicht Nadelhr, sondern eine besondere Tr, ich glaube
eine niedrige Stalltr heie, durch welche ein Kamel allenfalls, wenn auch
mit Mhe, sich zwngen knne. Dies erzhlte jemand in einer Gesellschaft
nicht ohne Genugtuung und mit einer gewissen Schadenfreude, da
seinesgleichen durchaus nicht vom Himmel ausgeschlossen sei, wenn er etwa
hinein wolle. Ich finde, man knnte immerhin beim Nadelhr bleiben, das am
anschaulichsten ausdrckt, was die Meinung der Heiligen Schrift und Luthers
war, da es nicht unmglich, aber doch einem Wunder gleichzuachten sei,
wenn ein Reicher in das Reich Gottes eingehe. Man mu nur bedenken, da das
Reich Gottes das Reich des Geistes, das innere Reich ist, das zum Reiche
der Welt, dem ueren Reiche, im Gegensatz steht, ebenso wie ueres und
Inneres einander entgegengesetzt sind. Im Gelde ist die Welt verdichtet,
insofern man fr Geld die ueren Gter haben kann, und Geld ist also schon
ein Ausdruck dafr, da jemand in der Welt heimisch ist; Reichtum ist ein
Ergebnis, ein Aushngeschild der Welt, das beweist und nicht erst noch
bewiesen zu werden braucht. Es beweist, da, wenn nicht der Reiche selbst,
so doch seine Eltern oder entferntere Vorfahren Weltmenschen waren, und da
seine eigene Neigung zum Geistes- oder Herzensleben nicht so stark ist, da
seine weltliche Erbschaft dadurch beeintrchtigt wrde. Letzteres ist auch
aus folgendem Grunde schwierig: Reichtum wird auf einem Hhepunkte der
Kraft erworben, die bei den Erben schon nachzulassen anfngt; es kann
demnach in der Regel nur ein geringes Ma von Kraft auf die Erwerbung der
geistigen Gter verwendet werden. Auch vererbt sich die weltliche Begabung,
welche den Vorfahren zu Erfolgen in der Welt verhalf, wenn auch nur in dem
negativen Sinne, da die Flgel, deren der Geistesmensch bedarf, durch
langen Nichtgebrauch lahm geworden sind.

Niemand wickelt sich in weltliche Geschfte, der gttlicher Ritterschaft
warten will, sagte Paulus. Es ist unmglich, da jemand, der stark im
Geiste lebt, im Kampfe um uere Gter siegreich sein, berhaupt sich in
ihn ernstlich einlassen wird. Und wo Christus ist, da ist auch Armut,
sagt Luther. Verdient ein Auserwhlter etwa auch Geld, so wird er es doch
nicht festhalten knnen, da er zum Geben, Mitteilen und Verschwenden
berhaupt geneigt sein wird. Wer liebt, verschwendet allezeit. Es wird
aber auch schwerlich ein Genie viel verdienen; denn die Welt bezahlt nur,
was ihr ntzt, die Wahrheit ntzt ihr aber durchaus nicht, steht eher im
Gegensatz zu ihr oder geht sie nichts an. Erst wenn das Gttliche
verweltlicht ist, wenn die Idee irgendwie fr weltliche Zwecke ausgebeutet
werden kann, wird es bezahlt; dann aber pflegt derjenige nicht mehr zu
leben, durch den es offenbart wurde. Erschiene Christus jetzt ohne
Ausweis, der seine Identitt feststellte, so wrde er wieder gekreuzigt in
irgendeiner Form, obwohl die Welt sich nach seinem Namen nennt.

Luther sagte nun allerdings, es knne wohl auch ein Reicher ins Himmelreich
kommen, wenn er nmlich geistig arm sei, das soll heien, wenn er seinen
Reichtum so habe, als habe er ihn nicht, als knne er ihn jeden Augenblick
verlieren, ohne in seinem Inneren dadurch beeintrchtigt zu werden. In den
Hnden solle das Gut sein, nicht im Herzen, sagte er an anderer Stelle. Ist
es aber nicht im Herzen, so wird es auch leicht aus den Hnden flieen. Und
wie sollte jemand, der die Mglichkeit hat, die Welt zu genieen, nicht
dazu verlockt werden, es zu tun? Das wrde auf einen Mangel an Kraft und
Genufhigkeit oder an ein berwiegen der Moral, also auch wieder auf eine
geistige Hemmung deuten. Geniet einer aber die Welt, so wird er dadurch
allzu leicht vom Reiche des Geistes abgezogen. Ganz besonders wird einem
gttlichen Herzen durch die Hilfsbedrftigkeit derer, die kein Geld haben,
berflssige Gelegenheit gegeben, das seinige loszuwerden.

Es emprt mich, wenn man mit einer gewissen hochmtigen Nachsicht ber die
Unordnung urteilt, die in den Finanzen des alternden Rembrandt herrschte.
Es geht gegen die gttliche Logik, da ein Genie ein guter Haushalter ist;
ist es doch einer, so gehrt das zu den Freiheiten, die Gott sich seinen
Gesetzen gegenber herausnimmt. Goethe wird deswegen von allen Weltmenschen
auf den Schild gehoben, weil er zu beweisen scheint, da man Weltmann und
Genie zugleich sein knne; und es ist gewi, da er einer von den
hochgeistlichen Menschen war, wie Luther es ausdrckte, die sich tief in
die Welt verwickeln knnen, ohne ihren gttlichen Geist dabei einzuben.
Andererseits beruht dies Phnomen wie Goethes Langlebigkeit doch auf einer
Selbstbeschrnkung, auf einem Sparen mit Herzkraft; das ermglichte die
Erscheinung eines vollstndig abgerollten, auf allen seinen Stufen
mustergltigen Lebens, das bewundernswert ist, aber nicht bewundernswerter
als ein krzer zusammengedrngtes und schneller verschwendetes wie das von
Shakespeare, Beethoven oder Luther. Es ist wahr, da man auch in weltlichen
Dingen, ich meine in weltlich frdernden Dingen, von Goethe lernen kann;
aber braucht man ein Genie dazu? Wenn nur das Gttliche mit ihm erscheint,
das niemand lernen kann, das aber berspringt und zndet wie der Funke von
der Flamme.

Luther htte sehr reich werden knnen, mir scheint, einer der reichsten
Deutschen in damaliger Zeit; denn es gibt doch keinen Schriftsteller, der
so gelesen worden wre. Er hielt aber daran fest, kein Geld fr seine
Bcher zu nehmen, und lebte von einem drftigen Professorengehalte. Einmal
hatte er sogar, wie die Theologen nicht ohne Grauen bekennen, Schulden. Er
nahm alle Zufluchtsuchenden bei sich auf, beschenkte alle Armen und
Bettler, wenn er sonst nichts hatte, gab er die silbernen Becher weg, die
ihm zuweilen verehrt wurden. Denke aber nicht, er sei ja ein Bauer gewesen
und habe keine Bedrfnisse gehabt. Jeder geniale Mensch hat eine starke
Sinnlichkeit, sieht gern Schnes, liebt Wohllaut, se Gerche und
Wohlschmeckendes. Die Frmmler, die nur von Gott dem Geist etwas wissen
wollten, machten es Luther zum Vorwurf, da er die Laute spiele, Hemden mit
bunten Bndern trage, Bilder in seinem Zimmer hngen habe und gern guten
Wein trinke. Er hatte sogar zur Leipziger Disputation einen Blumenstrau
mitgenommen und zuweilen daran gerochen. Dennoch war er fr seine Person
anspruchslos und konnte mit dem Apostel Paulus sagen: Ich kann niedrig
sein und kann hoch sein; ich bin in allen Dingen und bei allen geschickt,
beides, satt sein und hungern, beides, brig haben und Mangel leiden.

Mir scheint, es wre nicht so durchaus zu beklagen, wenn der Krieg zu einer
Verarmung Europas fhrte; vielmehr ist vielleicht gerade das mit der Zweck
des Krieges, aber nicht nur eine Verarmung, sondern auf der anderen Seite
eine Bereicherung. Man hat viel von der Verarmung Deutschlands durch den
Dreiigjhrigen, den verheerendsten aller Kriege, gesprochen; in
Wirklichkeit hat er nur die Armen ganz arm, die Reichen hat er reicher
gemacht. Auf dem Lande namentlich und auch in den Stdten war Drftigkeit,
an den Hfen war berflu sondergleichen; Reichtum und Armut waren also
sehr scharf voneinander geschieden und bildeten einen starken Gegensatz.
Auf der einen Seite war uerste Selbstsucht und Genufhigkeit, auf der
anderen Seite Kampf und Not; aber aus den furchtlosen Herzen der Gequlten
wuchs die Musik Bachs, ein Baum des Lebens, tropfend in allen Zweigen von
Unsterblichkeit. Gott ist #consumens et abbrevians#: es wird unendlich viel
Stoff verzehrt, aber er wird vertreten durch die Schnheit und Wahrheit, in
die er sich verwandelt. Anstatt des Genusses hatten die Armen den Glauben.
Wie mochte jenen evangelischen Pfarrern zumute sein, die, um ihre Gemeinde
zu schtzen, sich den Soldatenhorden entgegenwarfen und niedergestochen
wurden und mitten im Sterben beteten: Ich werde nicht sterben, sondern
leben! Die Unglubigen verlachten das, da sie von dem Leben, das jene
empfanden, nichts wuten. Armut ist nur unertrglich fr Gottlose und in
gottlosen Zeiten. Dementsprechend entstehen in gottlosen Zeiten die
Wohlttigkeitsbestrebungen der Heuchler und Gleisner, die die Armen nicht
wahrhaft beglcken knnen, was auch gar nicht ihr eigentlicher Zweck ist;
sondern der ist, das eigene Gewissen zu befriedigen und die eigenen Gensse
dadurch von jeder Einschrnkung zu befreien. Die wohleingerichteten
Arbeiterheime und dergleichen muten an wie Friedhfe, wo das Lebendige
vermodert; ausgepumpte, luftleere Rume, wo die Menschen zu Mumien werden.
Wenn ganz Europa so aussieht, ist wohl kein anderer Ausweg, als da der
Krieg es wieder zum Chaos stampft.

Ich brauche, denke ich, nicht zu erwhnen, da Luther weit entfernt war,
den Miggang zu loben. Seine eigene Ttigkeit schildert er in einem Briefe
einmal so: Ich brauche beinah zwei Schreiber oder Kanzler und tue fast
nichts den Tag ber als Briefe schreiben; ich bin Klosterprediger, ich bin
Prediger bei Tisch, man begehrt mich tglich zum Predigen in der
Pfarrkirche; ich bin Leiter des Klosterstudiums, ich bin Ordensvikar, das
ist soviel wie ein elffacher Prior, ich bin gesetzt ber den Leitzkauer
Fischteich, ich bin Sachwalter der Herzberger Mnche zu Torgau, ich lese
ber Paulus, ich trage die Psaltervorlesung zusammen; dazu kommt das
Briefschreiben; selten habe ich die Zeit, meine Gebetsstunden ordentlich zu
feiern, neben den mir eigenen Anfechtungen durch Fleisch, Welt und Teufel;
sieh, was ich fr ein miger Mensch bin.

Wovon er abmahnte und was er als Merkmal des rgsten Unglaubens
bezeichnete, ist das Sorgen und Geizen, allerdings ein Beweis des
Mitrauens in Gottes Kraft oder Milde. Das Erwerben des Geldes ist eine
Form, in der die Sucht der Menschen nach Macht sich ausspricht; im Sparen
und Geizen uert sich mehr die Sucht nach Ruhe, die Angst vor Widerstnden
und dem Kampfe dagegen. berwiegende Sehnsucht nach Ruhe ist aber Instinkt
zum Tode, wenigstens zum geistigen Tode: wer sich gnzlich dem Kampf
entzieht, entzieht sich dem Leben; alle solche Flle pflegte Luther mit den
Worten abzutun: lasset die Toten ihre Toten begraben. Armut ist eine uere
Hemmung, die nicht weggenommen werden kann, ohne da innere, viel
gefhrlichere Hemmungen eintreten, deren letzte der Tod ist.

Es liegt tiefe Weisheit und Liebe in dem Gebote Gottes, da der Mensch im
Schweie seines Angesichts sein Brot verdienen soll. Mit Hinblick auf dies
Gebot bekmpfte Luther unter anderem das Mnchsleben, wo der einzelne zwar
Armut gelobt, aber nur, um sich ihr im ganzen zu entziehen. In den
Tischreden sagt er: Am sichersten ists, da einer in einem gemeinen Stande
sei und lebe, wie auch Christus unter dem Volk, wie sonst ein anderer
gemeiner Mann, gelebt und kein sonderliches Leben gefhrt hat. Nicht in
Winkeln und Kammern. Das wiederholt er an anderer Stelle und gebraucht
dabei den Ausdruck, Christus habe nicht wie ein Unhold gelebt.

Wie Unholde in Winkeln leben viele, die sich jetzt fr Auserwhlte halten,
vom Leben in eine knstliche Feierlichkeit zurckgezogen. Sie heiraten
nicht, wenn sie arm sind, um nicht von den kleinen Widerwrtigkeiten des
Lebens, Kindergeschrei, Geldmangel, Lrm und Enge, angegriffen zu werden,
sie sehnen sich nach der Pracht oder khlen Stille von Schlssern und
Klstern. Ein Herz mu sehr eng und schwach sein, das solche
Schdlichkeiten nicht verzehren kann, nicht vielmehr durch sie angeregt
wird.

Im Grunde kann sich jeder glcklich schtzen, dem im Mangel eine uere
Hemmung gesetzt ist, die leichter zu berwinden ist als diejenige, die der
berflu ins Innere treibt. Vielleicht berwindet man sie noch am ehesten,
wenn man sie ganz wegwirft, wie Franz von Assisi tat; das wre aber nicht
eigentlich Luthers Ideal, der sich die hhere Aufgabe stellte, die Welt
ganz zu erleben und dennoch zu bndigen.

Es ist natrlich ebenso wie mit den einzelnen mit den Vlkern: sie haben
ihre geniale Zeit, wenn sie arm sind, sowie sie reich werden, werden sie
auch weltlich. Beides ist berechtigt; nur mu man nicht glauben, da man
beides zugleich sein knne.

Dein Brief berhrte mich wehmtig, in dem du schriebst, es sei gewi wahr,
da das Leben nicht im Denken oder Trumen, sondern im Wirken sei, und es
sei sonderbar, da die Menschen sich trotzdem stets nach Ruhe sehnten,
unter der sie doch litten, und da sie etwas Gutes zu tun glaubten, wenn
sie ihren Kindern so viel Geld hinterlieen, da sie dadurch des Kampfes
ums Dasein berhoben wren.

Ja, als die verhngnisvolle Sehnsucht nach Ruhe, die Todessehnsucht, sich
der Menschen bemchtigte, organisierten sie den Maschinenstaat und die
Geldwirtschaft. Wenn die aus dem Herzen kommenden Worte von der Lippe
abgelst werden, sind sie nicht mehr Fleisch und Blut, sondern werden sie
Schatten, Begriffe, etwas Unendliches und Unfruchtbares. Ebenso geht es mit
dem Gelde, wenn es von dem Gegenstande, dessen Wert es vertritt, abgelst
wird. Mit dem wissenschaftlichen Denken zugleich entstand die
Geldwirtschaft. Beides war der Ausdruck der Auflsung des kraftvollen,
arbeitenden und Werte schaffenden Menschen und hat die Auflsung mehr und
mehr befrdert, hat die Toten begraben und haspelt ber ihrem Grabe weiter.
Nicht der Sozialismus kann uns vom Kapitalismus erretten, er fhrt nur die
materielle Weltanschauung und die Geldwirtschaft #ad absurdum#; ein
verjngtes Leben, dessen Wesen schpferische Arbeit ist, mu irgendwie auf
Naturalwirtschaft begrndet sein.

Als wir alt und lahm wurden, machten wir uns goldene Flgel; aber sie
tragen nicht, sie ziehen nur in den Staub. Erst wenn wir sie abgeworfen
haben, werden wir wieder fliegen knnen.




XXIII


Als von dem Kampfe zwischen Menschenwort und Gotteswort die Rede war,
erwhnte ich, glaube ich, da man beobachtet hat, wie es die
unwillkrlichen Vorgnge im Menschen strt, wenn man die Aufmerksamkeit
darauf lenkt. Das geht so weit, da die Wnsche erst dann in Erfllung zu
gehen pflegen, wenn man aufgehrt hat zu wnschen, wie das Sprichwort wohl
wei: Was man in der Jugend wnscht, hat man im Alter die Flle. Nietzsche
bemerkte sehr gut und richtig, denn er hatte es wohl an sich selbst
erfahren, da eine gewisse feurige Pressiertheit dem Erfolge im Wege
stehe. Das mag daher kommen, da der Wille sich besonders nachdrcklich auf
die Stellen wirft, die er im tiefsten Grunde als schwach erkannt hat: wer
zutiefst wei, da ihm der Ruhm versagt ist, sucht heftig den Ruhm, ein
anderer ebenso die Liebe, ein anderer anderes, das ihm nicht werden kann.
Wie dem auch sei, man mu Gott Raum lassen, man mu berhaupt die
selbstttigen Krfte zuweilen von sich werfen, damit sie einen nicht
auffressen. Man mu in der Formlosigkeit, in der Bewutlosigkeit, im
Schweigen, im Gehorchen, im Nichtstun, in der Willenlosigkeit sich zuweilen
von aller Selbstttigkeit erholen, sonst wrde sie eines Tages ganz
abgentzt sein. Es ist eine Weisheit von der Gasse, da nur wer gehorchen
gelernt hat, befehlen kann, und wer nicht im Nichtstun versinken kann, wird
keine Taten tun. Das ist ja eben der Glaube, die Passivitt im Menschen,
die uns fast ganz, ja sogar den Frauen abhanden gekommen ist; nicht die
Ruhe der Erschpfung, sondern lebendiges Ruhen, Aufnehmen Gottes. Das
kstlichste und unentbehrlichste Verjngungsbad des Menschen ist der
Schlaf: trnke er nicht den Lethe aus dieser Schale, wrde er nicht tglich
neu erleben knnen. Der Schlaf ist dem Tagesleben gegenber gttlich, und
so ist es der Tod dem ganzen Leben gegenber: er ist der tiefste Brunnen
der Vergessenheit, aus dem der berauschte Schlfer dereinst ganz neu und
jung auftauchen wird. Allerdings ist dieser letzte Schlaf unendlich viel
tiefer als der zwischen einer unter- und aufgehenden Sonne, und er wird
tiefer auflsen, tiefer verwandeln.

Erinnerst du dich, da ich erwhnte, man habe die Entdeckung von der
Unsterblichkeit der Ambe, des einzelligen Lebewesens oder der lebendigen
Substanz, gemacht? Diese Amben pflanzen sich durch Teilung fort und knnen
das, bei richtiger Behandlung, ins Unendliche fortsetzen; aber sie sind
auch keine Personen, sie sind und haben nichts fr sich. Wenn eine Ambe
sich teilt, so ist es unmglich, zu sagen, welche die Mutter und welche die
Tochter sei: es ist immer nur lebendige Substanz. Im Mae, wie die Substanz
selbstttig, also geschlechtlich gespalten wird, entwickelt sich die
Notwendigkeit des Sterbens. Das einzellige Wesen hat es noch leicht, seine
Schlacken abzusondern; dem vielzelligen wird das immer schwerer und
schwerer gemacht: wir sterben, weil wir ein Selbst, weil wir Person sind.
Unsterblichkeit ist dem Menschen in der Heiligen Schrift auch niemals
zugesprochen; im Gegenteil, es heit von Gott: #Qui solus habet
immortalitatem# -- Der allein Unsterblichkeit hat.

Die Tatsache, da die lebendige Substanz unsterblich ist, war Luther wohl
bekannt; er drckte sie mit den Worten aus: Gott in seiner Natur kann nicht
sterben. Ebenso hat die Bibel das Gesetz von der Erhaltung der Kraft
gepredigt, da Gott in seinem Wesen nicht sterben kann, welches die Kraft
ist. Nur in seiner Person mu er sterben; das ist die groe Tragdie des
Menschen, auf welche das Alte Testament hinweist, und die im Neuen
Testament unter Teilnahme der erbebenden Natur sich vollzieht.

Da der Mensch sterben mu, obwohl gttlichen Geschlechts, und da nur die
gttliche Kraft bleibt, die sich in ihm offenbarte, das ist in der
Geschichte vom Kreuzestode des Herrn das Herz zerreiend unauslschlich
dargestellt. Alles, was man als heidnische Sinnenfreude rhmt, kann doch
die Herrlichkeit des persnlichen Lebens nicht inbrnstiger ausdrcken, als
diese Stunde des ewigen Abschieds. Allerdings ist es ja gerade die
Schnheit des verhltnismig unbewuten und unpersnlichen Lebens, die wir
heidnisch nennen und die uns zum Heidentum hinzieht; erst mit Christus
konnte die ganze Furchtbarkeit des persnlichen Todes Erlebnis werden.

Luther sagt in seinen Tischreden, Gott hasse den Tod so, da er nicht
einmal seinen Namen genannt habe, sondern er habe zu Adam gesagt: von Erde
bist du genommen und sollst wieder Erde werden. Ach, wenn Adams Fall nicht
alles verderbt htte, wie eine schne, herrliche Kreatur Gottes wre doch
der Mensch, gezieret mit allerlei Erkenntnis und Weisheit! Wie seliglich
htte er gelebt ohne alle Mhe, Unglck, Krankheit, und wre danach ohne
alles Fhlen des Todes verwandelt worden, htte dies zeitliche Leben
abgelegt, an allen Kreaturen seine Lust und Freude gehabt und wre eine
feine, lustige Vernderung und Verwechselung aller Dinge gewesen. Wie in
diesem elenden Leben Gott in vielen Kreaturen die Auferstehung der Toten
entworfen und abgemalet hat.

Ja, wenn wir kein Selbstbewutsein htten, wrden wir nicht sterben; aber
gerade um Erhaltung unseres Selbst, das des Sterbens Ursache ist, ist es
uns zu tun. Der dringende Wunsch, unser persnliches Selbst erhalten zu
wissen, ist jedenfalls die Ursache, da viele Menschen aus der Bibel und
der christlichen Lehre die Verheiung eines Himmels herauslesen, in welchem
sie persnlich weiterleben drfen.

Himmel, Hlle, Reich Gottes sind fr Luther innerliche Zustnde. Schon in
den Thesen, die Herold seines Lebenswerkes waren, stellte er folgende Stze
auf: Ist ein Sterbender von Snden nur unvollkommen genesen oder ist seine
Liebe nur unvollkommen, so empfindet er notwendigerweise groe Furcht, und
zwar um so grere, je geringer jene ist. Diese Furcht und dies Grauen sind
an sich selbst hinreichend, um die Pein des Fegefeuers zu bereiten, da sie
dem Grauen der Verzweiflung ganz nahe kommen. Wie mich dnkt, unterscheiden
sich Hlle, Fegefeuer, Himmel genau so wie Verzweifeln, beinahe Verzweifeln
und des Heils gewi sein. Augenscheinlich bedrfen die Seelen im Fegefeuer
Milderung des Grauens und Mehrung der Liebe.

Ebenso deutlich spricht sich Luther in seinem Trostschreiben an den
sterbenskranken Kurfrsten Friedrich aus: Denn wenn der Mensch sein
[inneres] bel empfnde, so wrde er die Hlle empfinden; denn er hat die
Hlle in sich selbst. Dementsprechend ber den Himmel: Alle diese Gter
sind leibliche Gter und allen Menschen gemein. Aber ein Christenmensch hat
viel bessere und vortrefflichere Gter inwendig in sich; das ist, er hat in
sich den Glauben an Christum ... Denn wenn ein Christenmensch dasselbige
Gut sichtbar empfnde, so wre er bereits im Himmel; denn das Himmelreich,
wie Christus sagt, ist in uns selbst. Denn wer den Glauben hat, hat die
Wahrheit und das Wort Gottes, wer das Wort Gottes hat, hat Gott, den
Schpfer aller Dinge. Und wenn der Seele offenbar wrde, was das fr groe
Gter wren, so wrde sie im Augenblick von dem Leibe abgesondert vor
berschwenglicher Gnadenflle.

Die vielen Worte Christi ber das Wesen des Reiches Gottes, da es nicht in
uerlichen Gebrden stehe, da es inwendig in uns sei, sind bekannt; und
wie er den Juden vorwarf, da sie einen Weltknig wollten, der uerliche
Gter bringe, nicht einen Erlser, der die Herrlichkeit des Inneren auftut.
Dies ist so klar und oft betont, da die Menschen, die sich ein Studium aus
Gott und den gttlichen Dingen gemacht haben, es notwendigerweise
eingesehen haben mssen; trotzdem schleicht sich offenbar wider besseres
Wissen immer die Vorstellung ein, als handle es sich um etwas teils mit den
Sinnen Ergreifbares, teils auer der Erscheinungswelt Bestehendes. So hat
man zum Beispiel es Zwingli hoch angerechnet, als ein Zeichen seines
umfassenden, vorurteilsfreien Geistes, da er den groen Mnnern des
Altertums einen Platz im Himmel einrumte, was Luther nicht tat. Und doch
hat gerade Luther immer hervorgehoben, da die Alten in weltlichen Dingen,
die Sittlichkeit inbegriffen, den Christen weit berlegen waren, in allem,
was Staat, Vaterland, Schule, Bildung, Kunst, wir wrden sagen, was Kultur
betrifft. Diesen Vorzug in der Kultur rumte er ihnen unbedingt ein; was er
ihnen absprach, war die Kraft des Glaubens, alles, was mit dem strkeren
Persnlichkeitsbewutsein, den inneren Spaltungen und der berwindenden
Liebe zusammenhngt. Zwingli stellte sich unter Himmel etwas wie eine
verklrte Wiese oder Wandelhalle vor, wo sich groe Mnner und edle Frauen
im Gesprch ergingen, und er mochte unter ihnen die ihm aus der Geschichte
vertrauten Helden und Philosophen des Altertums nicht missen. Davon
abgesehen sprach er ber die vorchristlichen Menschen ein Werturteil aus,
welches sie von den Christen nicht wesentlich unterschied, whrend Luther
einen wesentlichen Unterschied sah. Luther fragte zum Beispiel: Ist die
Seligkeit des unbewut Schaffenden so gro wie die dessen, der zwar auch
unbewut, zugleich aber unter Mitwirkung und im Gegensatz zu seinem
bewuten Selbst schafft? Kann das Gefhl des naiven Menschen so innig sein,
wie das dessen, der durch alle Kmpfe des Selbstseins und Selbstwollens
hindurchgegangen ist? Kennt einer den Himmel, der ihn nicht der Hlle
abgerungen hat? Hat man die Welt, wenn man sie nur von auen sieht, nicht
auch in ihr Inneres eingedrungen ist? Antike Helden nahmen unerhrte Qualen
auf sich, um das Vaterland zu retten oder ein gegebenes Wort nicht zu
brechen, also um der Ehre willen; empfanden sie aber eine solche Seligkeit
wie der christliche Mrtyrer, der, whrend sein Krper brannte, ber sich
den Himmel offen sah? Hier entschied Luther, die Harmonie der hheren
Kultur der Antike willig zugestehend, zugunsten des modernen persnlichen,
des aus Liebe sich opfernden Menschen. Von jener berschwenglichen
Gnadenflle, die den Menschen tten wrde, wenn er sie ganz erfate, ahnte
Zwingli nichts und begriff infolgedessen auch nicht, was fr Probleme
Luther stellte.

Denkt man daran, wie deutlich in der Bibel das Himmelreich als im Inneren
des Menschen liegend gekennzeichnet ist, wie deutlich ferner fters gesagt
wird, da Gott die Person nicht ansehe, so scheint es fast unbegreiflich,
da doch vielfach ein persnliches Weiterleben nach dem Tode als Lehre der
Bibel angenommen wird. Dies liegt nun zum Teil daran, da die Menschen
geneigt sind, zu glauben, was sie wnschen, da sie durch das gefrbte Glas
der Persnlichkeit sehen, die ihr eigenes Weiterleben natrlich zumeist
wnscht; daneben aber auch an der Bildersprache der groen Dichter, denen
wir die Heilige Schrift verdanken. In bezug auf die Schilderung der
Auferstehung der Toten im Thessalonicherbriefe sagte Luther, da das eitel
#verba allegorica# wren. Das geht auf das Blasen der Posaune und das
Hinaufgercktwerden der Toten in die Wolken, dem Herrn entgegen. Etwas
anderes ist es mit der Lehre des Paulus vom unverweslichen Fleische, die
natrlich wrtlich und nicht bildlich zu nehmen ist. Luther sagte, man
wrde sich richtiger ausdrcken, wenn man von der Auferstehung des Leibes
und nicht von der Auferstehung des Fleisches sprche; woraus hervorgeht,
da es sich fr ihn nur um die Dauer der Form oder der Idee des Menschen
handelte. Er gebrauchte fr Form in der Regel das Wort Gestalt, wie zum
Beispiel an der Stelle im Evangelium, da Christus, obwohl er voll
gttlicher Gestalt gewesen sei, doch Knechtsgestalt angenommen habe. Er
war, heit das, das vollendete Ebenbild Gottes im Fleische oder die
vollendete Idee des Gottmenschen. Im Anfange seiner Laufbahn disputierte
Luther einmal ber Platos Ideenlehre, deren Verwandtschaft mit der
christlichen er jedenfalls erkannte; er gab aber seine ursprngliche
Absicht, die Lehre des Christentums philosophisch zu begrnden, aus
Instinkt vielleicht mehr als aus bewuten Grnden gnzlich auf. Doch
spricht er in den Tischreden mit vieler Liebe und Bewunderung von Cicero,
und wie ihm das Argument zu Herzen gegangen sei: Da er aus dem, da die
lebendigen Kreaturen, Vieh und Menschen, eins das andere, das ihm hnlich
und gleich ist, zeuget und gebieret, beweiset, da ein Gott sei. Gott ist
die Einheit in der Vielheit, das Bleibende im Wandel. Ich bin, der sich
nicht verndert.

Nach christlicher Lehre nun offenbart sich Gott ganz und gar im Stoffe,
ohne etwas zurckzubehalten, die bloe Majestt auer der Erscheinung, das
Ding an sich, ist ein bloer, vom Verstande ausgesparter Begriff. So weit
wir auch die Erscheinung zerkleinern und teilen, um zur Idee zu gelangen,
sie bleibt immer krperlich, wenn auch, wie Paulus es unvergleichlich klar
und schn auseinandersetzt, in einer anderen Krperlichkeit, als die
unseren Sinnen vertraut ist. Unverwesliches Fleisch nennt er eine letzte
Einheit des Stoffes, die unser Verstand annimmt, von der wir uns aber keine
Vorstellung machen knnen. Soweit der Mensch schon whrend seines
persnlichen Lebens gttlich, also unvergnglich und unwandelbar ist,
soweit bleibt er auch in jener therischen Krperlichkeit, ber deren Natur
wir nichts aussagen knnen. Diese Auffassung hat mit Spiritismus natrlich
nichts zu tun; denn der Geisterglaube beruht ja gerade auf der Annahme
persnlicher Fortdauer, whrend der Christ glaubt, da nur die Substanz
unsterblich ist. Luther lehnte den in seiner Zeit verbreiteten Glauben an
die Mglichkeit des Wiedererscheinens Verstorbener scharf ab und sah nichts
als Teufelwerk darin; das heit, er hielt alle Geistererscheinungen, auch
wenn er selbst sie sah, fr absichtliche Tuschung oder Selbsttuschung.

Denke dir bitte Gott als einen Knstler, der die Idee eines Bildes hat,
seines Ebenbildes; denn welcher Knstler schfe im Grunde jemals etwas
anderes als sein Ebenbild, wenn auch in unendlich vielen, immer neuen
Gestaltungen. In einer einzigen Gestalt, nmlich in Christus, spiegelte
Gott sich ganz, er fate oder band die gttliche Idee ganz und gar;
trotzdem er, soweit er historisch war, an einem gewissen Orte und zu einer
gewissen Zeit erschien, unterstand er auch dem Gesetze der Vielheit und ist
mit der Menschheit verbunden als ihr Haupt, ohne sie kein ganzer Krper,
wie sie ohne ihn ein toter Rumpf wre. Da sich Christus bewut war, Gott
zu verkrpern, das macht seine Unsterblichkeit, seine Himmelfahrt aus;
soweit wir Christus anziehen, das heit sein Gottesbewutsein teilen
knnen, teilen wir auch seine Unsterblichkeit. Ein Bild besteht aus
zahllosen Farbentupfen, die fr sich nichts sind, da nur das Bild etwas ist
und sie, soweit sie im Bilde sind. Wren die einzelnen Farbentupfen
lebendig, so knnten sie, je mehr das Bild sich der Vollendung nherte,
desto mehr sich des ganzen Bildes bewut werden, vollstndig aber erst
knnte es der letzte, mit dem das Bild fertig wre. In ihm lebte die Idee
des Bildes und durch ihn knnten alle anderen an der ewigen Idee teilhaben,
wenn sie sich mit ihm identifizierten. Es fhrt niemand gen Himmel, denn
der herabgefahren ist, Jesus Christus. Die Idee allein ist ewig, wir
knnen nur ewig sein, soweit wir uns mit der Idee identifizieren. Darum
wird gesagt, da wir Christus anziehen mssen, wenn wir das ewige Leben
haben wollen, und da das ewige Leben bereits in diesem Leben beginnen mu.
Nicht da wir Christus nachfolgen, seine Werke tun, ist das wichtigste,
wenigstens nicht das erste; das erste ist, da wir selbst Christen werden,
denn dadurch werden wir Mitgenossen der gttlichen Natur. Diese
Identifikation der Menschen mit Christus liegt nun einerseits darin, da
Christus sich in der Menschheit entwickelt hat, andererseits darin, da sie
an ihn glauben, was die Bibel so ausdrckt, da Christus der Menschheit
Haupt sei. Insofern, sagt Luther, da Christi Auferstehung tglich sich
vollende, wenn wir hernach kmen. Denn Christi Auferstehung und unsere mu
man zusammenbinden und aneinanderhngen als fr eine, weil er unser Haupt
ist. Er ist der Erstling der Kreatur und der Erstling derer, die schlafen:
die Menschheit ist in ihm verewigt.

Summa, der tolle Geist geht mit Kindergedanken um, als fahre Christus auf
und nieder, sagte Luther einmal. Der Geist bewegt sich nicht von einem
Orte zum anderen, wie Menschen tun, denn er ist ja schon berall
gegenwrtig. Das Auffahren Christi gen Himmel ist ein Bild, welches
ausdrckt, da sein persnliches Dasein aufgehrt hat, da er aber nie
aufhrt, im Geiste zu sein. Da dies Bild des Auffahrens nach oben sich
unwillkrlich einstellt, kommt daher, da der Mensch das Ma aller Dinge
ist, und da das Gehirn, das Organ, durch welches der Heilige Geist sich
offenbart, das Organ des bewuten Geisteslebens, der Erinnerung, in unserem
Krper oben liegt.

Viele Menschen werden sagen, das wre eine windige Unsterblichkeit, und ich
gebe zu, uns eingefleischte Menschen kann nichts ber den Verlust des
Persnlichen trsten. Luther selbst, als mchtige Person, erklrte den Tod
fr die grte Anfechtung des Menschen. Bei der Strke und Durchsichtigkeit
seiner uerungen sieht man ihn oft mit dem Tode ringen, ihn herausfordern
und verachten, dann wieder mit wunderschnen Phantomen ihn beschwren, wie
man Schlangen tut mit Musik.

Ich sagte gelegentlich, Gott, die pure Aktivitt, htte die Welt vernichten
mssen, wenn sie nur leidend gewesen wre; er habe deswegen eine Aktivitt
in sie gesetzt, die seine eigene hemmte, und habe sich dadurch ermglicht,
trotz bestndigen Vernichtens schaffend zu bleiben. Ein Tun, bei welchem
ebensoviel vernichtet wie geschaffen wird, nennt man verwandeln. Ich sage
euch ein Geheimnis, sagt Paulus, wir werden nicht ganz entschlafen,
sondern wir werden verwandelt werden. Dies Geheimnis erffnet eine
fabelhafte Aussicht.

Ich bitte dich, dir Gott jetzt wieder als den Knstler zu denken, der
inwendig voller Figur ist, und weil er ewiglich lebt, ewig etwas Neues
ausgiet aus den Ideen durch das Werk. Er wird nie ruhen, sein Wesen ist ja
Schaffen, und im selben Augenblick, wo er sein Bild, Christus, vollendet
hat, beginnt er es von neuem. Christus ist immer da, sei es im Fleisch
persnlich erscheinend, sei es im Fleisch sich entwickelnd. Ich bin bei
euch bis an das Ende der Tage. Insofern hatte Nietzsche recht mit der
Mahnung, wir sollten den Alp von uns werfen, als wren wir Epigonen. Die
Menschheit ist immer zugleich nachchristlich und vorchristlich, wie
Christus immer zugleich knftig und vergangen. Zwar gibt es immer irgendwo
Epigonen, aber auch immer irgendwo Vorlufer. Da Christus wiederkommen
werde, ist in der Heiligen Schrift ausdrcklich gesagt; nur hebt das den
Christus, den wir aus der Schrift kennen, nicht auf.

Was Nietzsche die Ewige Wiederkunft nannte, ist dasselbe wie die
christliche Lehre von der Restitution aller Dinge. Es ist sehr wohl
mglich, da Nietzsche darin nicht von Luther beeinflut war, denn Ideen
offenbaren sich nicht nur einmal, sondern immer wieder; jedenfalls haben
seine schnen darauf bezglichen Phantasien dem Wesen nach groe
hnlichkeit mit denen Luthers in den Tischreden. Dieser Finger, daran
dieser Ring steckt, mu mein wieder werden, sagt er da. Und die Erde werde
nicht leer, wste und eindig sein, sondern alles werde da sein, was dazu
gehrt, Schafe, Ochsen, Vieh, Fische, ohne welche die Erde und Himmel oder
Luft nicht sein kann. Indessen nahm Luther bei der Restitution der Dinge
doch eine Vernderung an, wie er denn sagt, auf dieser neuen Erde werde
Gott Hndlein schaffen, deren Haut werde golden sein und ihre Haare oder
Locken von Edelstein. Das Wesen der Vernderung soll aber nach seiner
Auffassung offenbar im Menschen liegen. Denn ein Herz, das voll Freuden
ist, was es siehet, das ist ihm alles frhlich; aber ein traurig Herz, dem
ist alles traurig, was es siehet. nderung des Herzens ist eine groe
nderung. Er pflegte oft zu klagen, da er schwach im Glauben sei und
darum so wenig vermchte, whrend der wahre Christ in Gott allmchtig sein
sollte. In einer Vermehrung der Kraft sollte wesentlich die Seligkeit
bestehen. Wenn ich werde zum Ziegelstein sagen, da er ein Smaragd werde,
so wirds von Stund an geschehen. Luther hatte viele Augenblicke im Leben,
wo er aus Ziegelsteinen Smaragden machte, so wie die Griechen aus ihrem
schbigen Purpur die Gtterfarbe machten. nderung des Herzens ist eine
groe nderung. In einer Krftigung des Herzens liegt jede Vergttlichung,
und wenn Luther sagt, Gott werde einen neuen Himmel und eine neue Erde
schaffen, viel weiter und breiter als heute, so wird er das auch nur durch
Erneuerung des Herzens tun.

Ich erwhnte vorhin, da Luther den Heiden die Seligkeit absprach. Doch
uert er sich gelegentlich auch anders, so in den Tischreden ber Cicero:
Cicero, ein weiser und fleiiger Mann, hat viel gelitten und getan. Ich
hoffe, unser Herrgott werde ihm und seinesgleichen gndig sein. Wiewohl uns
nicht gebhrt, das gewi zu sagen noch zu definieren und schlieen, sondern
sollen bei dem Wort, das uns offenbart ist, bleiben: >Wer glaubet und
getauft wird, der wird selig<; da aber Gott nicht knnte dispensieren und
einen Unterschied halten unter anderen Heiden und Vlkern; da gebhret uns
nicht zu wissen Zeit und Mae. Denn es wird ein neuer Himmel und eine neue
Erde werden, viel weiter und breiter, denn sie jetzt ist. Er kann wohl
einem jeglichen geben nach seinem Gefallen.

Das sind Phantasien ber die Einheit des Menschengeschlechtes, wie Luther
auch gern ber die Zugehrigkeit des Tierreichs zu den Menschen, ja, ber
die Einheit der ganzen Schpfung phantasierte.

Gewi ist eins: das dereinstige Ende unserer Erde im Feuer. Der Herr unser
Gott ist ein verzehrendes Feuer. Das Feuer, Gott in seiner Majestt, wird
am Jngsten Tage alle seine Offenbarungen wieder zu sich nehmen; aber er
wird sie auch wiederbringen, der ewig Schaffende, nie Ruhende, der zugleich
Feuer und Geist ist, lebendige Kraft. Wird er alles wiederbringen so wie es
war? Gibt es ewige Hllenstrafen? ewige Vernichtung dessen, was einmal war?
Das sind Fragen, ber denen Luther wohl einmal trumte, um sich schlielich
doch glubig der allmchtigen Gotteshand anzuvertrauen. Er hatte ein
bewundernswert feines Gefhl fr die Grenze des Allerheiligsten, jenseit
welcher das heilige Dunkel herrschen soll; Scheu und Ehrfurcht hielten ihn
dort zurck, und er verbot eindringlich, darber zu grbeln, was Gott mit
den Menschen nach ihrem Tode tun werde. Deutlich sagte er hingegen, was er
nicht glaubte, nmlich eine Fortdauer der Person; ist doch Erweiterung, das
ist berwindung des Persnlichen, unsere irdische Aufgabe. Wenn er trotzdem
sagt, da dieser selbe Finger ihm wieder werden msse, so ist das wohl
nicht so aufzufassen, als werde er wissen, da dies der Finger Martin
Luthers sei; sondern es bedeutet, da alles, was erschienen ist, stets
wieder erscheinen msse, als ewige Spiegelung des Seienden, der Idee, im
Werdenden. Jedenfalls gibt es kein grberes Miverstndnis, als wenn jemand
sich einbildete, er wre der wiedererschienene Martin Luther oder der
wiedererschienene Christus. Fr uns kann es keinen anderen Martin Luther
geben als den historischen und keinen anderen Christus als den
historischen; fhlen doch auch wir, wenn anders wir eine Person sind, da
die Wurzel unseres Selbst zwar jenseit unseres stetig sich verndernden
Krpers, da es aber doch unzertrennlich mit ihm verbunden ist.

Der Schauder der Frhe berluft die Erde schon; doch bitte ich dich, mir
noch ein Weilchen zuzuhren: es ist s, den Abschied hinauszuschieben,
indem man vom Abschied plaudert.

Die Kraft, Gott, das ewig wirkende Feuer, verdichtet sich zum Stoffe und im
Stoffe zur Person, damit dieser Kern seine Strahlen zurckwerfen kann,
damit Gott seiner bewut wird, sich in seinem Ebenbild erkennt. Der Kern
mu sich vom Ganzen absondern, sonst wre er ja Gott selbst und knnte Gott
sich nicht in ihm spiegeln: er hllt sich in eine Kruste oder Haut, die ihn
vom Nicht-Ich abschliet, zugleich aber mit dem Nicht-Ich verbindet. Die
Haut ist reizbar, empfindlich; als ein Teil der Einheit, die in der
Vielheit erscheint, ist das Einzelwesen berhrbar durch die Kraft, die in
zahllosen anderen Einzelwesen sich offenbart. Die Sinnlichkeit, durch
welche die Haut den einzelnen mit der Welt verbindet, verteilt sich
allmhlich auf verschiedene Zonen: der Mensch empfindet die Auenwelt nicht
nur mehr als Ganzes, sondern er sieht, er hrt sie, er schmeckt, riecht und
fhlt sie. Mit der Zeit aber, im Mae, wie das gttliche Feuer, welches das
Einzelwesen fr sich von der feurigen Gottheit zugeteilt bekam, verbraucht
und verwandelt wird, erstarrt die Kruste und wird mrbe; die Haut wird
runzlig, der Krper zerfllt. Wenn das Gehuse, durch welches wir von Gott,
dem Ganzen, dem Unsichtbaren, abgesondert und mit der erscheinenden Welt
verbunden waren, zerbricht, so ist unsere Verbindung mit der erscheinenden
Welt abgerissen, wir sind wieder eins mit der unsichtbaren Kraft. Wir sind
wie Prinzen, die aus ihrem Knigreich verbannt wurden. Damit man nicht
erkennt, welchen Geblts sie sind, tragen sie eine schtzende Maske, bald
diese, bald jene, und es kann vorkommen, da sie in einem Kostm heimisch
werden und die Krone und den Purpur, der ihnen gebhrte, fast vergessen.
Sollten sie aber in dem Augenblick, wo sie jenes abwerfen drfen, um ihre
knigliche Herrlichkeit anzulegen, um die bunte Maske traurig sein, die sie
in der Verbannung vermummte? Ach, ich gestehe dir, ich kenne Masken, die so
schn sind, da der Gedanke an ihre Vergnglichkeit mir das Herz zerreit.
Aber kommt das vielleicht daher, da ich diese durchsichtigen Verkleidungen
liebe, durch welche der Stern, der die gttliche Abkunft verrt,
verhngnisvoll hindurchscheint? Schon erfat sein strenges Feuer das
farbenselige Gewand, das im Staube der Verbannung schleppte; das, was
unerreichbar ber allem Irdischen steht, wird gegenwrtig. Das Vollendete
macht glcklich und traurig zugleich; trotz der morgendlichen Helle kann
ich dich nicht sehen vor Trnen.




XXIV


Du hast mir strenger geschrieben, als ich ertragen kann, und ich glaube
auch, als ich verdiene. Du sagst, ich htte mit unheiligen Hnden das
Heilige zerfleischt, ich htte getan wie ein Kind, das sein Spielzeug
entzwei macht, um zu sehn, wie es inwendig aussieht; dann starrt es
entsetzt auf seine leeren Hnde und die Fetzen. Ja, es ist wahr, ich habe
hliche Verstandesarbeit getan; aber ich tat sie doch fr dich. Erinnere
dich, da du mir schriebest, ich solle dir Gott beweisen; du tatest es wohl
nur so leichthin, und doch knnen wir uns nicht verhehlen, da wir beide an
der Krankheit unseres Zeitalters teilhaben, und selbst wenn wir unserem
Herzen trauen -- was die allerwenigsten tun--, denken wollen, was wir
glauben. Gott ist ja auch kein Spielzeug, berhaupt kein Ding, dem ich
etwas anhaben knnte; habe ich das je vergessen? Zurck knnen wir nicht;
da wir einmal angefangen haben, das Wort von der Lippe abzulsen und
Menschenworte, grundlose, unfruchtbare, in der Luft schwebende und darum
endlose Gedanken daraus zu machen, mssen wir bis zur Verzweiflung
weiterdenken: darin waren sich alle Reformatoren einig, da der Glaube
beginnt, wenn wir an uns selbst verzweifeln. Ich meine, die Verzweiflung
durchbricht schon das laute Pochen auf die eigene Kraft. Jetzt mte ein
Johannes kommen, der predigte: Tut Bue, denn das Himmelreich ist nahe
herbeigekommen! Wie schn ist dieses denn! Wre das Himmelreich nicht
nah, so verzweifelten wir auch nicht, die Gnade begegnet schon der Bue.

Auch Luther wirfst du eine gewisse Zweideutigkeit vor; er habe einem den
alten, weihnachtlichen Gottvater im Himmel geraubt, zugleich aber geahnt,
was er den Menschen damit nehme, und darum das letzte Wort zurckbehalten.
Mir scheint, er war nicht zweideutig, sondern zweiseitig: er stand auf
einer schmalen Grenzscheide zwischen dem Reich der Phantasie und des
Glaubens und dem der Wissenschaft und des Denkens, in das seine
Zeitgenossen sich begierig ergossen. Er fate das Unsichtbare und das
Sichtbare noch einmal gewaltig zusammen; das aber konnte er freilich nicht
ndern, da es eine natrliche Einheit fr ihn auch nicht mehr war. Er
konnte und mute denken wie alle Gebildeten seiner Zeit; aber er konnte
auch glauben und lieben und aus Liebe handeln, was die andern nicht
konnten. Da hier und da eine Ritze klaffte, das ihm vorzuwerfen, sollte
die Ehrfurcht vor seiner Gre und Gte verbieten.

Im Anfange seiner Laufbahn disputierte Luther einmal ber Stze der
Platonischen Philosophie und gab sich auch Mhe, die Heilige Schrift mit
der scholastischen Philosophie in Einklang zu bringen. Nach seiner eigenen
Aussage gab er es auf, weil es zu schwer sei, die mehr als tartarische
Verwirrung zu lsen, die daraus hervorgeht, da gleiche Ausdrcke fr ganz
verschiedene Begriffe gebraucht werden. Die Neigung, den Ideengehalt der
Religion wissenschaftlich zu begrnden, das Sein zu beweisen, welches doch
eine bloe Fiktion des Gedankens ist, blieb trotzdem mchtig in ihm und
tobte sich in Anfechtungen aus, da er sie mglichst unterdrckte. Mit Bezug
auf seine gelegentlichen Versuche, von gttlichen Dingen wissenschaftlich
zu reden, haben ihm sogar begeisterte Anhnger vorgeworfen, er tue zuweilen
dasselbe, wofr er die Scholastiker gescholten habe, da sie von Gott
sprchen wie der Schuster vom Leder.

Wie htte er das aber ndern knnen? Seine Gemeinde bestand aus rohen
Bauern und einfltiger Jugend und Mnnern, die berwiegend mit Verstand
begabt waren, Verstand, der nur trennen und deshalb Gott, der gerade im
Zusammenhang ist, gar nicht begreifen kann. Er kannte die Zudringlichkeit
und Indiskretion solcher Menschen, die erst das Geistige, das Hrbare, vom
Sichtbaren trennen, und es dann, weil es unsichtbar ist, fr ein Loch
halten, durch das sie eindringen und alles zerstren und zerkleinern zu
knnen meinen, was sich ihrer Fassungskraft entzieht. Darum war er
ngstlich, das Denken an die gttlichen Dinge herankommen zu lassen, und
beim Abendmahlstreit brach es aus ihm heraus: Das wei Gott, ich schreibe
solche hohe Dinge sehr ungern, weil es mu unter solche Hunde und Sue
kommen.

Hast du die Erfahrung nicht auch schon gemacht, da die Kritik sich am
dreistesten an die hchsten Dinge macht, weil sie ja sie am wenigsten
versteht und deswegen am meisten hat?

Da Luther Deutschland vom Papste losri und das Recht der freien Forschung
verkndete, das begriffen seine Zeitgenossen, und Theologen, Soziologen,
Juristen und Politiker zogen ihre Folgerungen daraus; da er die Hand auf
die Bibel legte, um die zentrifugalen Krfte durch das geoffenbarte Wort an
den Mittelpunkt zu binden, das bersahen sie geflissentlich oder legten es
buchstblich aus. In seiner liebevollen Sorge um die Menschen, als deren
Genius er sich fhlte, entrollte er sein groes Gttergemlde wie einen
Vorhang, der nicht Gott vor ihrer Dreistigkeit, aber sie vor dem Schicksal
derer behten sollte, die sich erkhnen, die Majestt mit unheiligen
Fingern zu berhren.

Auf die Ausbildung einer Art Geheimlehre gnzlich verzichtend, erklrte
sich Luther einverstanden mit der Art der Behandlung des Christentums, die
Melanchthon in seinen #loci communes# ausarbeitete: danach sollte ber die
gttliche Majestt, Dreieinigkeit, Schpfung, Menschwerdung nicht
spekuliert werden, sondern man sollte sich an Christus allein halten und
mit den Forderungen des Gesetzes und Verheiungen des Evangeliums begngen.
Luther, der Glubige und Wissende, konnte das tun; fr die Menge aber hie
das, aus dem Gttlichen eine Historie machen; man schnitt Christus und sein
Wort ab von seiner mystischen Verbindung mit dem Unsichtbaren, wodurch er
immer blutleerer, flacher und fader wurde. Es htte nicht aus der Religion
Moral werden knnen, wenn man das Geheimnis nicht zugedeckt htte. Das
Evangelium, der Ausdruck des Gottbewutseins, rauschte nicht mehr wie ein
Strom durch die Welt, sondern lag wie ein erratischer Block darin,
losgelst von Gott, und der Welt nicht einverleibt. Nicht Luthers Schuld
war das, sondern die seiner Zeitgenossen, die, wie Zwingli, es fr geboten
hielten, die beiden Naturen, die gttliche und menschliche, zu trennen, und
damit Gott aus der Welt schafften.

Diese Trennung zu vermeiden, gebot Luther, man solle Gott nur in seinem
Wort und Werk suchen. Gott ist entweder sichtlich oder unsichtlich.
Sichtlich ist er in seinem Wort und Werk; wo aber sein Wort und Werk nicht
ist, da soll man ihn nicht haben wollen, denn er lt sich anderswo nicht
finden, denn wie er sich offenbart hat. Sie aber wollen Gott mit ihrem
Spekulieren ergreifen, da wird nichts aus; ergreifen den leidigen Teufel
dafr, der will auch Gott sein.

Hier sehe ich einen einzigen Fehler darin, da Luther htte sagen mssen:
sichtlich ist er in seinem Werk und unsichtlich in seinem Wort.

Unter Spekulieren verstand Luther die Beschftigung mit einem von der
Erscheinung losgelsten Gott, dem Ding an sich, ein Hantieren mit Begriffen
oder ein angebliches Philosophieren, das nichts als ein Ausspinnen eigener,
willkrlicher Gedanken ist. Da er gegen ein vernunftmiges, das heit mit
der Idee zusammenhngendes Denken nichts hatte, geht unter anderem aus
folgender Briefstelle hervor; sie ist der Antwort auf die Frage eines
adligen Herrn entnommen, ob der Mensch auch ohne Glauben selig werden
knne.

Denn da mu der Natur Auge ganz ausgerissen sein und lauter Glaube da
sein. Es gehet sonst ohne gruliche fhrliche rgernis nicht ab, und wo
hierein fallen (wie denn gemeiniglich geschieht, da jedermann am hchsten
will anfahen), die noch jung und ungebt im Glauben sind und mit der Natur
Licht dies ansehn wollen, die stehen gar nahe dabei, da sie einen groen
Sturz und Fall nehmen, und in heimlich Widerwillen und Ha auf Gott
geraten, dem darnach schwerlich zu raten ist. Deshalb ihnen zu raten ist,
da sie mit Gottes Gerichten unverworren bleiben, bis sie ba im Glauben
erwachsen, und dieweil, wie S.Petrus sagt, der Milch sich nhren und
soliden, starken Wein sparen, sich in den Leiden und der Menschheit Christi
ben, und sein leiblich Leben und Wandel ansehn; sonst wird ihnen geschehen
nach dem Spruch Salomonis: #Quis scrutator est Majestatis opprimetur a
gloria.# Wer nach der Majestt forschet, den wird die Herrlichkeit
verdrucken. Sind es Naturvernnftige, hohe, verstndige Leute, so meiden
sie nur bald diese Frage; sind es aber einfltige, tiefe, geistliche und
versuchte Menschen im Glauben, mit denen kann man nichts Ntzlichers denn
solichs handeln. Denn wie der stark Wein den Kindern der Tod ist, also ist
er der Alten Erquickung des Lebens. -- Wer nicht glaubt, der ist schon
gericht.

Du siehst, unter naturvernnftigen, hohen, verstndigen Leuten versteht
Luther solche, die nur kritisch denken und infolgedessen nur einzelnes
erfassen knnen; einfltige, tiefe, geistliche, im Glauben versuchte
Menschen sind ihm die, welche das Ganze ergreifen und in der Erscheinung
das ewige Sein sehen knnen. Jene knnen sich nur einen auerweltlichen
Gott denken, also etwas, was eigentlich gar nicht ist, etwas Erdichtetes,
womit sie sich gegenseitig tuschen; diese, da Gott lebt, und Leben ist
Wirken, Wirken der Kraft auf den Stoff, also gerade die Einheit von beidem.
Der kritische Verstand betritt den heiligen Bezirk Gottes ohne Nutzen,
hchstens zu seinem Schaden; aber der Geist erforschet alle Dinge, auch
die Tiefen der Gottheit, wie es in den Korintherbriefen heit. Der
natrliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit
und kann es nicht erkennen, denn es mu geistig gerichtet sein. Der
geistige aber richtet alles und wird von niemand gerichtet.

Wovor Luther besonders warnte, war das Spekulieren ber die Absichten
Gottes in der Fhrung der Menschen; warum es einem Guten schlecht ginge,
warum einem Bsen gut, warum berhaupt der Mensch so viel leiden msse,
warum der eine die Gnade habe, der andere nicht. Man sieht aus der
Hufigkeit derartiger Fragestellungen, wie weit entfernt die Zeitgenossen
Luthers davon waren, was Gott berhaupt sei, zu begreifen. Sie sahen im
Grunde doch alle einen gutbrgerlichen Vater in ihm, der die Pflicht hat,
fr ein standesgemes, das heit wohlhabendes Auftreten seiner Kinder zu
sorgen und ihnen ein reichliche Zinsen abwerfendes Vermgen zu
hinterlassen. Er war der Gott des groen Haufens, der fr Erhaltung jedes
einzelnen und Erhaltung der Art aufzukommen hat. Es ist rhrend, zu sehen,
wie Luther diese einseitige Auffassung zu berichtigen suchte voll
Besorgnis, sie knnten dann von Gott gar nichts mehr wissen wollen. Es war
ihm lcherlich, da die Leute Gott und den Heiligen bestndig mit den
allerweltlichsten Gebeten in den Ohren lagen, und er stellte ihnen vor, da
ihm diese Angelegenheiten unmglich so wichtig sein knnten; aber er
unterlie nicht, freundlich hinzuzufgen, da er das alles wohl auch noch
berflssig dazu gebe. Er erinnerte daran, da schon Sokrates, der Heide,
gesagt habe, man solle die Gottheit nicht um bestimmte Dinge bitten,
sondern da sie einem das gebe, wovon sie wisse, da es einem gut und
dienlich sei; aber er wute, da die verkehrte Art Wunder und Zeichen
verlangte, durch die Gott seine Gottheit beweise, und, wenn er sagte, da
der Allwissende schon alles zuvor versehen habe, einwandten, Gott msse
doch den Weltlauf ndern knnen, wenn er allmchtig sei. Er erklrte, wenn
geschrieben stehe, da Gott die Niedrigen erhebe, sei das nicht so zu
verstehen, als ob er die Hoffrtigen absetze und die Niedrigen auf ihre
Pltze stelle; sondern es sei ein Erheben in Gott gemeint, wodurch sie
innerlich und im Geiste ber die Hohen der Welt erhoben wrden. Er suchte
stets die Logik des Geschehens nachzuweisen, durch die Gott sich dartue;
aber zugleich glaubte er und wollte geglaubt haben, da das Folgerichtige
gut sei. Er wich deshalb niemals davon ab, von Gott als von einer
persnlich menschlichen Kraft zu sprechen, nicht etwa vom Schicksal oder
von der Weltseele, nicht einmal von der Vorsehung. Davon war die Folge bei
anderen eine Vermenschlichung der Idee Gottes, die ihn selbst immer wieder
in Staunen und Schrecken setzte. Darum, sagte er, wenn wir der Gottheit
gedenken, so mssen wir Ort und Zeit aus den Augen tun, denn unser Herrgott
und Schpfer mu etwas Hheres sein denn Ort, Zeit und Raum. Immer wieder
stie er sich an seinen Zeitgenossen, die Gott entweder grobsinnlich sich
vorstellten oder ihn in leere Begriffe auflsten.

Gott als Person erfassen kann nur ein phantasievolles Kind oder ein Mann,
in dessen kraftvollem Ich das gttliche Ich sich spiegelt. Deshalb ist in
kraftvollen Zeiten, wo der Mann mnnlich und deshalb die Frau weiblich und
das Kind kindlich ist, der Glaube an Gott selbstverstndlich: der Mann
erkennt ihn in seinem eigenen Selbst, Frauen und Kinder ergreifen ihn mit
der Phantasie. Das ndert sich in den Zeiten des Alterns, wo die Kraft
sich in Denken auflst. Wenn Luther sagte, da Gott in jedem Menschen sei,
so erregte das grobe Miverstndnisse, und man warf ihm vor, er wolle, wie
man sich ausdrckte, die Kreatur zum Schpfer machen. Die Verbindung des
einzelnen mit Gott fhlt der, den sie betrifft; mit Gottlosen davon zu
sprechen ist gefhrlich.

Erst unsere Klassiker haben das inzwischen vorgerckte Weltbewutsein
wieder mit dem Gottesbewutsein zu vereinigen gesucht; aber, besonders
Schiller, doch im Geiste ihrer Zeit vom Gedanken ausgehend. Schiller sagte:
Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, die du mir nennst. -- Und
warum keine? Aus Religion. Goethe empfand zwar viel einheitlicher, doch
war auch seine berzeugung: Wer darf ihn nennen? Und wer bekennen: ich
glaub ihn? Gefhl ist alles; Name ist Schall und Rauch, umnebelnd
Himmelsglut. Das ist durch und durch antilutherisch. Wenn das Brot
berkommt das Nennen von Gott, dann wird es der Leib Christi. Dadurch, da
Gott die Welt nannte, ward sie. Ich hasse die Flattergeister, sagte Luther
mit David, und liebe deine Gesetze. Gott ist nicht im Unsichtbaren und
nicht im Sichtbaren, sondern in der Wirkung des Unsichtbaren auf das
Sichtbare, woraus Form, Tat oder Wort entsteht. Was nicht Form, Tat oder
Wort geworden ist, das ist im Werden, aber nicht im Sein. In der bildenden
Kunst mu die Kraft Form werden, in der Liebe Tat, in der Erkenntnis Wort,
in der Religion Kult. Luther wute, da dem wahren Christen jeder Tag und
jede Erscheinung gttlich und darum heilig ist; trotzdem wollte er den
Glauben an das Abendmahl gebunden haben, weil Gott sein Wort eben mit
diesem Zeichen verbunden hatte. Der einzelne kann Gott immer und berall
anbeten; aber die Gemeinde soll es in dem von Gott gestifteten Kult tun,
und jeder einzelne ist ein Teil der Gemeinde.

brigens hat Goethe, dessen Wesensart Luther von den Spteren doch am
nchsten stand, das Fehlen einer Kirche begriffen und tief beklagt. In
seinem Mrchen hat er von den drei Bildern der Weisheit, der Schnheit und
der Kraft gesprochen, die aus der Liebe hervorgehen: der gttlichen
Dreieinigkeit, die in der Liebe eins ist. Ach! warum steht der Tempel
nicht am Flusse! Wenn es aber an der Zeit ist, wird er aus der Tiefe an
das Licht des Tages auftauchen.

Ich habe vorhin eins nicht erwhnt, was es Luther erschwerte, das Innere am
ueren zu demonstrieren; das war nmlich die geringe Kenntnis der Natur zu
seiner Zeit. Die einseitige Richtung auf das uere, die den Glauben
aufhob, mag notwendig gewesen sein, damit der Glauben ins Schauen bergehen
knnte. Die Idee, Gott in seiner Majestt, wird immer im heiligen Dunkel
bleiben; aber die Schpfung, in der die Idee sich offenbart, ihr
mannigfaches Kleid, das ist der Forschung zugnglich, und je besser man das
erkennt, desto besser erkennt man Gott, der es trgt. Da die Form, in der
eine Idee sich ausprgt, diese Idee selbst ist, nur von auen gesehen, so
mu man durch die Form die Idee selbst erkennen, und zwar ohne sie zu
betasten und zu entweihen. Durch die Erkenntnis der Natur nhert man sich
Gott mit dem Verstande und den Sinnen, den Luther fast nur intuitiv durch
das Herz und die Sinne begreifen konnte; insofern haben vielleicht die
Jahrhunderte der Naturwissenschaft der tieferen Gottesverehrung den Weg
bereitet.

Wenn ich sagte tiefere Gottesverehrung, so meinte ich das nicht in bezug
auf Luther. Ein genialer Mensch, ein solcher, dessen groes Herz Geist und
Natur zusammenbinden kann, hat immer das allertiefste Gottesbewutsein,
weil Gott in ihm ist; er erkennt unmittelbar und wei, da der mittelbare
Zusammenhang da ist. Fr die Allgemeinheit mute die Mglichkeit dieses
mittelbaren Zusammenhanges erst erobert werden, bevor sie sich dem Glauben
wieder hingeben konnte. Die Menschen scheinen jetzt aus dem unterirdischen
Gange, den sie sich gegraben haben, wieder ans Licht zu wollen; vom
umgekehrten Standpunkte aus gesehen, sehnen sie sich aus dem Vorhofe wieder
ins Dunkel des Allerheiligsten. Wer wohl, wenn die Kirche neu, siebenmal
geglht aus der feurigen Tiefe steigt, Haushalter ber den gttlichen
Geheimnissen, Diener am Wort und Sakrament sein wird? Kein Geistlicher,
sondern ein Geistmensch.

Die Kirche als Gebude hat sich vom Dunkel zur Helligkeit entwickelt: in
dem vorchristlichen Tempel verhllte Finsternis die Gtterbilder, und die
altchristliche Kirche war im Innern der Erde, woran die Krypta der
romanischen Kirche noch erinnerte. Noch in der gotischen Kathedrale, wenn
sie auch farbig gebrochenes Licht durch hohe Fenster einlie, die ihre
Mauern auflsten, wogte es chaotisch; erst die Kirchen der Renaissance, des
Barock und Rokoko lieen das Licht ganz einstrmen und das Allerheiligste
in einen Festsaal verwandeln. Wo die sinnliche Schnheit fehlte, wie in der
reformierten Kirche, herrschte statt der Weltfreudigkeit die schamlose
Nchternheit des bloen Verstandes. Nun gibt es nur zwei Wege, die zum
Berge der Seligkeiten, wo der Herr die Freiheit der Liebe verkndete, das
ist auerhalb der sichtbaren Kirche, oder zurck in das Dunkel heiliger
Mauern. Man mu sich klar sein, da nicht beides zusammenfallen kann, da
die wahren Gttershne unter den Sternen anbeten, da die sichtbare
Kirche begrenzt ist. Was hatte Luther im tiefsten Grunde mit Konfessionen
zu tun! Er schrieb einmal einen wundervollen Brief an den bayrischen
Hofmusiker Ludwig Senfel, in dem er um die Komposition des Psalms bat, den
er vor allen liebte. Obwohl mein Name verhat ist, so da ich frchten
mu, da dieser Brief, den ich dir schreibe, liebster Ludwig, nicht sicher
von dir empfangen und gelesen werden kann, so hat doch meine Liebe zur
Musik, mit der ich dich von meinem Gott begabt und geschmckt sehe, diese
Furcht berwunden. Diese Liebe gibt mir auch Hoffnung, da dir dieser Brief
nicht Gefahr bringt: denn wer auer in der Trkei wrde es tadeln, wenn
einer die Kunst liebt und den Knstler rhmt? Lobe ich doch auch deine
bayrischen Herzge sehr, obwohl sie mir gar nicht gndig sind, und verehre
sie vor andern, weil sie die Musik so schtzen und ehren. Denn es ist kein
Zweifel, da viel Samen des Guten in den Gemtern ist, die die Musik
lieben; die sie aber nicht lieben, halte ich Stmpfen und Steinen fr
hnlich. So dachte und sprach Luther in seiner unsichtbaren Kirche, da, wo
er heimisch war. Das Reich des Geistes ist jenseit von Katholizismus und
Protestantismus; aber gerade weil es unsichtbar ist, kann es in der Welt
nie verkrpert und umgrenzt sein. In jeder sichtbaren Kirche oder Akademie
oder was fr eine Korporation es sonst sei, wird der Geist immer nur Gast
sein, die schwebende Taube, das Feuer, das in Flocken tropft wann und wohin
es will.

Folgt aber daraus, da keine sichtbare Kirche sein knnte? Mir scheint, nur
das, da die eine, allgemeine, sichtbare Kirche sich mchtig auf die Erde
grnden, mit der Spitze aber in den Himmel ragen sollte, Menschen ihre
Diener, Christus ihr Haupt.

Eben fllt aus dem Allerheiligsten der Nacht von dem Gtterbild, das sie
verbirgt, ein Glnzen in den erschaudernden Raum. Der Augenblick der
Schpfung ist bald da, der zugleich ein Augenblick des Scheidens ist. Es
bleibt noch so viel Zeit brig, auf die letzte und heikelste Bemerkung zu
antworten, die du mir in deinem Briefe machtest. Du schreibst, die
Nutzanwendung meiner Fabeln lasse sich in dem Verse Goethes zusammenfassen:

    Nur wo du bist, sei alles, immer kindlich,
    So bist du alles, bist unberwindlich.

Nun htte ich aber selbst gesagt, nichts schlage so sehr in ein hliches
Gegenteil um, wenn man es bewut sein oder ausben wolle, als Kindlichkeit,
Naivitt. Ich mte, wenn ich folgerichtig wre, eher dazu tun, da alles
geschriebene und gedruckte Wort verbrannt wrde, als seine Masse vermehren.
Das wre wohl richtig, wenn meine Worte etwas anderes sein wollten, als
Wegweiser zum Worte von Gott. An dich richtete ich berhaupt nur die
Fabeln, nicht die Nutzanwendung, da ich nicht denke, da du ihrer bedarfst;
ich schreibe an einen Wissenden, sie sollten dir nicht mehr als ein Spiegel
sein, in dem man sich zur Kurzweil einmal betrachtet. Lse sie sonst
jemand, sollten sie ihm nur Mut machen, den Adlerweg des Glaubens zu
betreten, der, pfeilerlos und gelnderlos, doch der sicherste zum Ziel ist.

In meiner Ausgabe der Mrchen von Tausendundeine Nacht gibt es ein
Titelbild, wo zu sehen ist, wie der Sultan der vor ihm knienden
Scheherazade verzeiht. Darber mute ich immer lachen, denn es schien mir,
als htte er ihr vielmehr fr die schnen Geschichten zu danken, die sie
ihm erzhlt hatte. Mrchen indessen haben immer recht, und so bittet denn
auch dich, nun der unerbittliche Luzifer, mit dem Schwerte trennend, ihr
den redseligen Mund endgltig schliet, Scheherazade um Verzeihung. Es ist
die Flutzeit des Lichtes, schon donnert es an den Strand der Erde, und die
summenden Sterne verlieren sich; nun rede du, nein, vielmehr nun handle du!




      *      *      *      *      *




Anmerkungen zur Transkription

  Seite 12: Math. 21, 31 wurde gendert in Matth. 21, 31
  Seite 48: Jede antikisiernde Kunstrichtung wurde gendert in
            Jede antikisierende Kunstrichtung
  Seite 51: Diesen Umstand, da die Natur wurde gendert in
            Dieser Umstand, da die Natur
  Seite 141: nie ein lebendiges Ganze werden knnen wurde gendert in
             nie ein lebendiges Ganzes werden knnen
  Seite 144: consumans et abbrevians wurde gendert in
             consumens et abbrevians
  Seite 160: um nur an die Ungegelehrten wurde gendert in
             um nur an die Ungelehrten
  Seite 182: Da heit wurde gendert in Das heit
  Seite 186: sowohl im Makrokosmus wie im Mikrokosmus wurde gendert in
             sowohl im Makrokosmos wie im Mikrokosmos
  Seite 214: das keine Persnlichket duldet wurde gendert in
             das keine Persnlichkeit duldet
  Seite 240: consummans et abbrevians wurde gendert in
             consumens et abbrevians



***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LUTHERS GLAUBE***


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