The Project Gutenberg EBook of Der rote Komet, by Robert Heymann

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Title: Der rote Komet
       Wunder der Zukunft. Romane aus dem dritten Jahrtausend. Band 2

Author: Robert Heymann

Release Date: November 12, 2011 [EBook #37991]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Wunder der Zukunft
Romane aus dem dritten Jahrtausend
Band 2


Der rote Komet

von

Robert Heymann






Leipzig--Berlin

Julius Pttmann

1909



Uebersetzungsrecht fr alle Sprachen vorbehalten.

Copyright 1909 by Julius Pttmann, Leipzig




Band 2.
Der rote Komet.








I.


Siehst du die purpurne Rte, die in gerader Linie sich herab auf die Erde
senkt? fragte Romulus Futurus in grter Aufregung seinen Freund John
Crofton, den berhmten Berichterstatter des New York Herald in Berlin.
Bist du nun berzeugt, da ich die Wahrheit gesprochen habe? Noch kannst
du den roten Kometen nicht erkennen, und niemand wird imstande sein, ihn
mit bloem Auge zu sehen. Aber jetzt gibst du zu, da meine Diagnose
richtig war?

John Crofton, ein Mann von etwa sechsunddreiig Jahren, mit echt
amerikanischem Typus, beugte sich schweigend nieder und sah durch eines der
groen Riesenfernglser hinauf zum Horizont. Es war abends um 9 Uhr am 10.
Oktober des Jahres 2439.

Berlin steht augenblicklich in der Ekliptik des Steinbocks, des
Wassermanns, der Fische, des Widders, des Stieres und der
Zwillinge, fuhr der groe Astronom zu sprechen fort. Im Osten stehen
Castor und Pollux, die Zwillingssterne, die in letzter Zeit eine seltsame
Lichtflle verbreiten. Oestlich zwischen dem Horizont und dem Scheitelpunkt
erblickst du die Capella im Fuhrmann.

Ist das jener Doppelstern, von dem der eine strahlender erscheint als der
andere? fragte Crofton, immer noch durch das Fernrohr blickend.

Ganz recht. Schon die ltesten Astronomen schreiben der Capella das
Alter der Sonne zu. Diese beiden Sterne brauchen hundertundvier Tage, um
sich umeinander zu bewegen.

Wenn ich nicht irre, meinte John Crofton, so haben verschiedene Gelehrte
den Untergang der Welt durch einen Zusammensto mit der Capella
prophezeit?

Romulus Futurus lchelte. Das stand ihm wohl an; denn er war ein groer,
krftiger Mann mit schwarzem, leicht meliertem Vollbart und sinnenden
Augen.

Das kam daher, weil diese Zwillingssterne sich im Laufe der letzten
Jahrzehnte fast unmerklich der Erde genhert haben, allerdings um ein
Minimum, das nur die Mathematik der Astronomen hat feststellen knnen. Du
wirst dich erinnern, John, da man zuerst den roten Schimmer, der seit
einiger Zeit unsere Erde erfllt, der Capella zugeschrieben hat.

Bis du aufgetreten bist, Romulus, und mit Hilfe deiner neuen, fabelhaften
Erfindung, der lichtempfindlichsten photographischen Platte der Welt, dem
Lumen, nachwiesest, da ein neuer Komet, vorlufig unsichtbar durch einen
dichten Nebelmantel, der Erde sich nhere. Auf diese Entdeckung hin wurde
dir ja auch der Ehrenname >Futurus< verliehen.

John Crofton sprach die Wahrheit. Dieser Komet, der die beiden Mnner in
der Sternwarte beschftigte, war bis jetzt noch nicht sichtbar geworden.
Aber die Erde stand im Zeichen eines roten Schimmers seit mehr denn sieben
Monaten, umflossen von einem purpurnen Glanz, der sich wie ein fabelhafter
Regenbogen scharf vom Himmel abhob und alles mit einer aufregenden
Lichtflle bergo.

Einige Wochen hatte ein Taumel die Welt erfat, denn niemand hatte anders
geglaubt, als da der Weltuntergang schon hereinbreche. Das kam in der
Hauptsache wohl daher, weil man zuerst die Capella fr den
verhngnisvollen Kometen hielt, und weil die Astronomen berechnet hatten,
da, wenn sie der Erde berhaupt nur so nahe kommen wrde, wie die Sonne,
jedes Leben unten unmglich werden mte.

Fabelhaft! Einfach fabelhaft! begann John Crofton pltzlich, indem er den
Blick auf einen groen photographischen Apparat heftete, der mitten in der
Sternwarte stand. Da drinnen befindet sich also deine phnomenale
Erfindung, Romulus?

Der Astronom lchelte.

Ich habe bis jetzt nur gehrt, Romulus, da du imstande gewesen bist, den
roten Kometen zu photographieren, ehe ihn eines Menschen Auge berhaupt hat
wahrnehmen knnen; nicht einmal durch die grten und sichersten Fernrohre
war er zu sehen. Was ist das fr ein unglaubliches Ding, das um so vieles
lichtempfindlicher ist, als das menschliche Auge?

Das ist eine Platte, die ich dir gerne zeigen mchte, wenn sie nicht mit
dem Augenblick unbrauchbar werden wrde, da sie mit dem Lichte in engste
Berhrung kommt, entgegnete Romulus Futurus. Diese photographische Platte
ist von solcher Vollendung und Lichtempfindlichkeit, da die Dinge bei der
Aufnahme sich nicht so reproduzieren, wie man sie seit langen Zeiten kennt
und wie das menschliche Auge sie sieht.

Nein! fuhr Romulus Futurus in wachsender Begeisterung fort, whrend seine
Augen leuchteten. Wenn alle Sinne trgen, so spricht meine photographische
Platte die lauterste Wahrheit, denn sie zeigt alles so, wie es ist. Man
wird in unserem Jahrtausend erkennen mssen, da fast alles anders ist, als
man bislang angenommen hat; ja ich behaupte, da meine neueste Erfindung
die uersten Grundstze umstoen wird.

In der Tat, Romulus Futurus hatte recht. Das erkannte auch die deutsche
Nation, als sie ihn in Anerkennung seiner Verdienste und Fhigkeiten zum
Kultusminister machte. War doch das Ereignis auf die Prophezeiung erfolgt!
Whrend man erst nur einen dichten, grauen Nebel am Himmel gesehen hatte,
war pltzlich dieser rote Strahl auf die Erde geglitten, der von Woche zu
Woche, ja beinahe von Tag zu Tag sich verstrkte und die Menschen in einen
wahren Sinnestaumel versetzte. Schlielich hatte Romulus Futurus der
Akademie der Wissenschaften die Photographie des roten Kometen gezeigt,
desselben, den bis jetzt noch niemand hatte wahrnehmen knnen.

-- Bis dorthin hatte Romulus einen anderen Namen besessen; Futurus war
der Ehrenname, den ihm die Akademie auf die Entdeckung des Kometen hin
verlieh. Denn in damaliger Zeit fand man es geschmacklos, die wenigen
Grten der Erde auszurotten und durch Denkmler zu verunzieren, oder gar
Orden und Denkmnzen als Ehrenzeichen zu verteilen; man gab dem, den man
ber die anderen hervorheben wollte, das Recht, einen besonderen, auf seine
Fhigkeiten und Verdienste hinweisenden Namen zu tragen. --

Berlin stand also seit Monaten im Zeichen des roten Kometen. Nicht nur
Berlin! Ganz Deutschland, ganz Europa, die ganze Welt! Und die ganze Erde
war verwandelt! Von alters her wute jeder Psychiater, da die rote Farbe
eine aufreizende Wirkung auf die Sinne besitzt. Das Leuchten des neuen
Kometen aber war so intensiv, da sich kein Mensch auf der Erde seinem
Einflu entziehen konnte. Es trat ein pltzlicher Umschwung in den
Charakteren ein, der kaum zu beschreiben wre. Die Welt, die bis zu diesem
Zeitpunkte sich mehr und mehr von den Uebertreibungen des Mittelalters und
des Altertums in sinnlicher Beziehung entfernt hatte, kehrte zu den
ursprnglichen Leidenschaften zurck.

In den Palsten der Reichen jagten sich die Orgien. Das Verbrechen nahm in
furchtbarer Weise berhand und trat gerade da auf, wo man es bislang am
wenigsten vermutete. --

John Crofton hatte sich schweigend in einen Sessel geworfen und eine
Zigarette angezndet. Der Abend schritt vor.

Die beiden Mnner waren seit vielen Jahren Freunde, und dieses Band hatte
sich noch gefestigt durch ihre gegenseitige Stellung, denn John Crofton war
in seiner Position das, was in frheren Zeiten die Gesandten vorstellten.
Es gab keinen diplomatischen Austausch zwischen den Lndern mehr, sondern
die regierende Presse sandte ihre Vertreter in die einzelnen Staaten, und
in den Hnden dieser Mnner lagen alle die Rechte und Befugnisse, welche
ehedem die offiziellen Gesandten inne gehabt hatten.

Httest du nicht Lust, Romulus, uns heute abend Gesellschaft zu leisten?
fragte der Journalist pltzlich.

Futurus entgegnete lachend:

Ich habe fr heute nichts vor, John, und werde mich also freuen, mit
meiner Gemahlin zu dir zu kommen. Hast du ihr schon deine Aufwartung
gemacht?

Nein, ich will das nachholen, ehe ich dich verlasse, entgegnete John
Crofton mit einer gewissen Verlegenheit, die seinem Freunde entging.

Futurus fragte neuerdings:

Erwartest du auer uns noch weitere Gste?

Ja, mein Freund. Es haben sich angesagt: Mi Head, die berhmte Sngerin
der groen Oper, die brigens vor kurzer Zeit durch den Minister der
schnen Knste den Ehrennamen Divina, die Gttliche, erhielt; sodann
General Treufest, welcher vor einigen Monaten das Kommando der schweren
deutschen Kstenartillerie bernommen hat. In seiner Begleitung versprach
Ralph Jonathan Wieland zu kommen, derselbe, der die groen elektrischen
Kraftwerke der Nord- und Ostsee besitzt, also ein richtiger deutscher
Magnat des Goldes, nach neuester Schtzung der reichste, den wir berhaupt
besitzen. Gegen ihn waren die amerikanischen Kohlenbarone die reinsten
Waisenkinder!

Sonst kommt niemand?

Wenn wir Glck haben, so werden wir auch die junge Frstin Angelika bei
mir sehen, desgleichen Dr. Diabel den Hausarzt des Regenten. Er drfte in
Begleitung seines Famulus, des Studenten der Medizin Peter Cornelius,
erscheinen.

Also eine Gesellschaft, die interessant zu werden verspricht, entgegnete
Romulus Futurus.

John Crofton verabschiedete sich. Er schritt von der Sternwarte durch einen
schier endlosen Gang, der durch die Bibliothek und die kostbare
Gemldegalerie des berhmten Astronomen und Kultusministers fhrte, bis er
die Gemcher Frau Fabias, der Gattin des Romulus Futurus erreicht hatte.

Es war kein Geheimnis in Berlin, da der Astronom mit seiner Gattin nicht
gerade sehr gut lebte.

Nicht umsonst war es eine Liebesheirat, pflegte John Crofton zu witzeln,
wenn er sich im eingeweihten Freundeskreise befand.

Jetzt blieb er vor einem der riesengroen Venezianer stehen, richtete seine
nach neuester Mode gefrbte Krawatte und lie sich Frau Fabia melden.

Durch hallende Prunkgemcher hindurch fhrte ihn der Diener in das groe
Wohnzimmer der jungen Frau.

Sie sa nachlssig zurckgelehnt in einem byzantinischen Sessel und
beschftigte sich mit einer Stickerei. Um sie waren afrikanische
Sklavinnen, junge Negerinnen, welche aus den Kolonien nach Europa geschickt
worden waren, um die mangelnden Arbeitskrfte zu ersetzen.

Unruhig sah sie auf, als der Kammerdiener John Crofton meldete, gab aber
doch durch ein leichtes Kopfnicken ihre Zustimmung kund, ihn zu empfangen.

Der Besucher trat ein. Einige Sekunden blieb er stehen, ganz und gar in den
Anblick dieser wundervollen Frau versunken. Sie war auergewhnlich schn.
Gleich Romulus Futurus, ihrem Gatten, war sie gro, ein richtiges Kind
unverflschter Rasse, mit breiten Schultern, deren vornehme Rundung durch
ihre kraftvolle Gestaltung nicht beeintrchtigt wurde. Schwarzes Haar
umrahmte das edel geschnittene Gesicht mit den groen, dunklen Augen, in
denen der Glanz einer frhlichen Lebensauffassung lag. Die Miene, welche
John Crofton zur Schau trug, war eine ganz andere, als bei Romulus Futurus.
Auf seinem Gesicht spielte ein heimliches, sinnliches Lcheln, als er sich
Frau Fabia nherte, ihre weie, khle Hand an seine Lippen zog und sagte:

Wie befinden Sie sich, gndigste Frau?

Sie entgegnete lachend, das groe, schne Auge zu dem Besucher erhebend:

Gut, wie immer, mein Freund.

Sie sprach nicht die Wahrheit. Aber niemandem htte sie gestanden, da sie
Tage und Nchte durchweinte in der Einsamkeit; das Unglck ihrer Ehe war
nicht durch ihre Schuld hervorgerufen, sondern durch Romulus Futurus, der
ihre Nhe mied. Sie selbst liebte ihren Gatten mit einer an Wahnsinn
grenzenden Leidenschaftlichkeit, aber ihr Stolz verbot ihr, dies kundzutun.

John Crofton, der geschickte Weltmann, bemerkte sehr wohl, da sie log, und
flsterte:

Die Einsamkeit macht Sie noch schner, Frau Fabia. Unter allen Todsnden
ist wohl jene die grte, die Romulus an Ihnen begeht.

Sie zuckte leicht zusammen und sandte ihre Dienerinnen aus dem Zimmer. Dann
sagte sie, whrend ihre Stimme einen khlen Klang annahm:

Ich habe Ihnen kein Recht gegeben, Mr. Crofton, in dieser Weise von meinem
Gatten, von mir und unseren eigenen Angelegenheiten zu sprechen.

Zwischen seine Brauen grub sich eine Falte. Fast heftig entgegnete er:

Doch, Frau Fabia! Ich wei, da Sie vorbergehend eine Neigung fr mich
besaen, da Sie hofften, bei mir Trost zu finden!

Sie wurde tiefrot und entgegnete:

Es ist wahr. Es gab eine kurze Zeit, in der ich alles tat, um meinen
Gatten zu vergessen und wo ich glaubte, eine Neigung fr Sie zu empfinden.
Warum sollte ich es leugnen? Aber das ging schnell vorber, und ich kann
Sie versichern, Mr. Crofton, da ich Ihre Worte und die Art, wie Sie sich
heute bei mir einfhren, als Beleidigung empfinde!

Er entgegnete leidenschaftlich:

Die Liebe, die wahnsinnige Liebe, die ich fr Sie empfinde, Frau Fabia,
gibt mir ein Recht, anders zu Ihnen zu sprechen, als zu jeder andern Frau!

Sie erhob sich rasch. Er aber fate mit beiden Hnden nach ihrem weien,
hbschen, khlen Arm und drckte die schne Frau mit Gewalt in ihren Sessel
zurck. Ja, einige Augenblicke entspann sich ein Ringen zwischen diesen
beiden Menschen; die Beleidigung, die John Crofton der Gattin eines der
angesehensten Mnner in Berlin zufgte, war unerhrt. Aber alle Bande der
Sitte und jener Rcksichten, die die Menschen im eigensten Interesse zu
Gesetzen gemacht hatten, waren gerissen unter dem Einflu des rtlich
schimmernden Lichtes, das auch Frau Fabias Zimmer geheimnisvoll
durchflutete.

Sie mssen mich erhren! fuhr John Crofton mit einer Stimme fort, welche
die unglckliche Frau erschreckte und sie jedes weiteren Widerstandes
beraubte. Ja, ich liebe Sie, werde nie aufhren, Sie zu verehren, und Sie
werden mein werden, ich schwre es Ihnen, und wenn ich Berge niederreien
mte, Sie zu gewinnen!

Er hatte sich auf die Knie niedergelassen und seine Arme um den Leib der
Frau geschlungen, die die Gattin seines Freundes war, den er in diesem
Augenblick in der schmhlichsten Weise betrog. Frau Fabia aber sprang auf,
ri seine Arme von ihren Hften und schleuderte sie von sich, als seien sie
giftige Reptilien, vor denen sie sich entsetzte.

Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen, als das eine: Betreten Sie nie mehr
meine Gemcher ohne Begleitung meines Gatten!

John Crofton machte einen letzten Versuch, sich ihr zu nhern. Er strzte
noch einmal auf sie zu, ri sie an sich, ja, er verga in diesem
Augenblick, was er Frau Fabia als Weib schuldig war, und bog ihren Kopf
zurck, um seine Lippen auf die ihren zu pressen, sie aber ri sich los und
erreichte die elektrische Klingel, welche in das Dienerzimmer fhrte.

Da verlie der Amerikaner das Gemach. Drauen, als der Lakai ihm den Mantel
um die Schultern hing, knirschte er mit den Zhnen.

Du sollst es mir ben! Du sollst es furchtbar ben!

Damit verlie er des Romulus Futurus' Haus.




II.


Es war eine bizarre Idee des Astronomen, da er in den kleinen Kreis, den
er bei John Crofton traf, seinen photographischen Apparat mitnahm.
Vielleicht hatte der Journalist ihn auch darum gebeten; jedenfalls wurde
die photographische Platte, die in aller Welt bereits bekannt war, der
Beginn von Romulus Futurus Unglck und Untergang.

Der groe Gesellschaftssaal in dem Hause John Crofton war mit einer langen
Tafel versehen worden. Man hatte alle elektrischen Lichter perlscht und
lie nur dem purpurnen Lichte des Kometen Zutritt, das ganz Berlin erfllte
und die Menschen in einer ewig prickelnden Aufregung hielt.

Die kleine, gewhlte Gesellschaft unterhielt sich aufs beste. Schon die
Tatsache, da Divina, die Sngerin, in diesen vornehmen Kreis geladen
worden war, bewies, da man im dritten Jahrtausend alle lstigen Vorurteile
der frheren Zeiten beiseite lie.

Das Gesprch drehte sich natrlich um den roten Kometen, der seit Monaten
alle anderen Interessen in den Hintergrund gedrngt hatte. Zudem war
Romulus Futurus die einzige Autoritt, die ber den neuen Stern sachkundige
Aufklrungen geben konnte.

Nun, was meinen Sie, Herr Kultusminister, sagte Mi Head-Divina, indem
sie mit einer koketten Bewegung das feingeschliffene, biegsame Sektglas an
die rotleuchtenden Lippen hob und Romulus Futurus einen ihrer zndendsten
Blicke zuwarf: Wird der neue Komet zu uns kommen ober nicht?

Romulus Futurus nickte.

Er wird zu uns kommen, Mi Head-Divina, verlassen Sie sich darauf!

Sie legte den schnen Hals zurck und lachte, wurde aber pltzlich ernst
und beugte sich vor mit dunkel sprhenden Augen:

Ich erwarte ihn! Ich erwarte ihn voll Ungeduld! Ob Sie mir glauben oder
nicht, Herr Minister, ich vergehe frmlich vor tiefer, heier Sehnsucht
nach diesem Stern, den man ja bald zu sehen bekommen wird! Sein Licht ruft
in mir etwas wie eine stete Raserei hervor!

John Crofton, der bevorzugte Gnstling der schnen Amerikanerin, beugte
sich ber ihre weien Schultern und flsterte:

Ich werde eiferschtig werden, gttliche Happy, eiferschtig auf diesen
Kometen, der dich scheinbar mehr interessiert, als meine Liebe!

Sie warf ihm einen lchelnden Blick zu und sah dann zu Ralph Jonathan
Wieland hinber, dem Krsus, der mit gleichgltiger Miene sein Sektglas
hob. Und es wollte Romulus Futurus, dem Menschenkenner, scheinen, als ob in
dem nebenschlichen Blick der gttlichen Sngerin und der offen zur Schau
getragenen Gleichgltigkeit des Krsus ein geheimer Sinn lge.

Aber der Astronom war klug genug, zu schweigen, um so mehr, als ihm die
Leidenschaft fr eine Frau etwas Unverstndliches war. Er hatte nie in
seinem Leben geliebt, und der Rausch, den er einstmals fr seine Braut
Fabia empfunden, war eben nichts weiter gewesen als eine Aufwallung, die
sich rasch genug gelegt hatte. Das Weib erschien ihm als etwas durchaus
Minderwertiges, das kein Anrecht auf mnnliche Ehrerbietung besa, und
Romulus Futurus hatte aus diesen seinen Ansichten auch niemals ein Hehl
gemacht. Sein Benehmen gegen die Frau war, wenn auch durch weltmnnische
Gewandtheit verdeckt, stets von einer heimlichen Brutalitt geleitet.

Und was wird werden, wenn der Komet auf die Erde kommt? fragte Dr.
Diabel, indem er sein bleiches, von einem blauschwarzen Bart umrahmtes
Gesicht ber den Tisch neigte und gleichzeitig die groen, glnzenden Augen
auf die Frstin Angelika heftete, die am Ende der Tafel sa und keinen
Blick von Romulus Futurus wandte. Die junge Frstin war das Gegenteil von
Frau Fabia. Schlank, zierlich, dabei von seltener Schnheit, glich sie
einer jener Orchideen, die in den Treibhusern ihre schnsten Farben
entwickeln. Was wird geschehen, wenn der Komet auf die Erde kommt?
wiederholte Dr. Diabel seine Frage.

Da Romulus Futurus nicht sofort antwortete, so entgegnete General Treufest:

Darber kann ich Ihnen Auskunft geben. Auf alle Flle werden wir mit allen
Hilfsmitteln der Technik, die uns zur Verfgung stehen, versuchen, das
drohende Unheil abzuwenden. Sollte es aber etwa gar auf einen Eroberungszug
der mystischen Bewohner dieses Kometen abgesehen sein, so werden sie eine
fatale Bekanntschaft mit unseren groen Riesenkanonen machen mssen.

Es besteht sehr wenig Wahrscheinlichkeit, da dieser Komet bewohnt ist!
wandte Romulus Futurus ein. Die Tatsache, da er eine so phnomenale
Leuchtkraft besitzt, spricht dagegen. Dieses Purpurlicht, meine ich, ist
auch vorlufig fr uns eine grere Gefahr, als der Komet selbst, denn
unsere Zeitungen bringen tagtglich neue, frchterliche Berichte ber
Entartungen und Verbrechen, die im Zeichen des roten Kometen geschehen!

Zuerst wird wohl eine Revolution ausbrechen, wie die Erde keine zweite
gesehen hat! sagte pltzlich hastig Peter Cornelius, der junge Student,
indem er sich nervs durch das reiche, blonde Haar fuhr. Die Vlker werden
aufstehen und das Joch der Tyrannei abwerfen, unter dem sie lange genug
geschmachtet haben.

Whrend er das sagte, sah er mit brennenden Augen zu Mi Head-Divina
hinber. Die aber schenkte ihm keinen Blick. Sie hatte sich vorgebeugt und
flsterte dem General zu:

Ist es wahr, wovon man allgemein spricht? Wir werden einen Krieg mit
Frankreich und England bekommen?

Der General, der sich schon in vorgerckter Weinlaune befand, entgegnete:

Es ist richtig, da eine auergewhnliche Aufregung zwischen diesen drei
Lndern besteht und da im Kriegsministerium eifrig gerstet wird. Aber
woher wissen Sie davon? Bis jetzt wird alles geheim gehalten!

Woher sie davon wute? Natrlich von John Crofton, dem Bevollmchtigten
Amerikas, der besser orientiert war als General Treufest. Mi Head aber
versuchte, den General weiter auszuforschen.

Pltzlich kam John Crofton auf die bizarre Idee, Romulus Futurus mchte sie
doch alle zusammen photographieren.

Nachdem dein Apparat von einer so immensen Schrfe ist, Romulus, da er
selbst versteckte Kometen auf die Platte zaubert, so drften die Bilder,
die du von uns erhltst, sicherlich das Beste werden, was hervorgebracht
werden kann. Wir werden keine verschwommenen, oberflchlichen Zge tragen.
Wir mssen auf dem Bilde ganz so sein, wie wir in Wirklichkeit sind und wie
wir uns mit unseren schwachen Augen berhaupt nicht sehen. Happy, -- der
groe Journalist wandte sich an die Schauspielerin, die die Brauen
hochgezogen hatte und mit einer gewissen Unruhe diesem Vorschlage zuhrte.
-- Happy, nimm dich in acht! Die Entstehungsgeschichte deiner
Schnheitspflsterchen wird sicherlich auch auf diese mysterise Platte
gezaubert werden, und ich werde vielleicht, wenn ich dich im Bilde sehe,
finden, da du abscheulich bist!

Romulus Futurus widersprach lebhaft dem Wunsche des Freundes, ein
Experiment auszufhren, das der berhmte Astronom bis zu diesem Augenblick
noch nie versucht, denn er hatte seine Erfindung ganz und gar in den Dienst
der Wissenschaft gestellt.

Sein Freund John Crofton aber lie nicht nach mit Bitten, und schlielich
mute Romulus Futurus doch selbst zugeben, da er etwas Aehnliches im Sinne
gehabt, sonst htte er den Apparat ja gar nicht in die Wohnung seines
Freundes zu bringen brauchen. Oder war dies rein mechanisch geschehen,
unter dem Drucke jenes Unbewuten, das John Crofton das schwarze
Schicksal zu nennen pflegte? --

Genug -- Romulus Futurus entschlo sich, zum Andenken an diesen vergngten
Abend ein Gruppenbild herzustellen. Auch seine Gattin nahm an dem Tische
Platz, um den sich alle Anwesenden mit natrlicher Grazie gruppierten.
Romulus Futurus schob unter dem Schutze eines schwarzen Tuches die
lichtempfindliche Platte Lumen in den Apparat.

Eigentlich empfand er ein dunkles, geheimes Grauen gegen die Ausfhrung
seines Planes. Aber er scheute sich, es zu gestehen. Nachdem er also mit
seinen Vorbereitungen zu Ende war, exponierte er eine halbe Minute, nahm
dann die Lumen-Platte heraus und berzeugte sich, da die Aufnahme
gelungen war.

Ich werde jedem der Beteiligten morgen ein Bild senden, sagte er. -- Eine
leichte Blsse berzog sein Antlitz, nachdem er die Platte gegen das Licht
lngere Zeit beobachtet hatte. Es war nmlich eine Eigenheit derselben, da
sie sofort, ohne entwickelt und fixiert werden zu mssen, deutlich nach der
Aufnahme das Negativ dem Auge zeigte.

Spt des Nachts trennten sich die Gste. Intensiv und grell war das
purpurne Licht, das vom Himmel in die Fenster strmte.

Der Komet ist wieder um viele Tausend Kilometer nher gekommen, murmelte
Romulus Futurus und sah auf die Uhr.

In dem prachtvollen Flugcoup, das der Astronom besa, fuhr er mit seiner
Gattin Fabia, die den ganzen Abend ber schweigsam gewesen war, nach Hause.

Eine Viertelstunde spter sa er wieder in dem groen, khlen Raume der
astronomischen Sternwarte. Die fabelhaften Riesenglser glotzten ihn mit
ihren schwarzen, unheimlichen Augen an. Das Firmament schien ein
unendlicher Teppich von blauer Farbe zu sein, in den ungezhlte blitzende
Diamanten gewebt waren. Ueber alles spannte sich ein greller, roter Bogen.

Das war der Himmel.

Angesichts der gigantischen Unendlichkeit begann Romulus Futurus einen
Abzug von der Platte zu machen. Warum zitterte er? Warum nahm dieses
nebenschliche Geschft seine Aufmerksamkeit dermaen in Anspruch, da er
in jener Nacht sogar verga, seine gewhnlichen Beobachtungen zu machen und
zu registrieren, da der rote Komet sich der Erde wiederum ein
verhngnisvolles Stck genhert hatte? -- --

Es war etwa drei Uhr morgens, als Romulus Futurus den sprechenden Abzug vor
sich auf den Knien liegen hatte.

Da war er so bleich wie die weien Wnde des Sternwartensaales und seine
Augen glhten beinahe so rot wie der Komet. Auf dieser Platte stand ein
furchtbarer Roman, mit blutiger Tinte geschrieben, mit hlichen Wahrheiten
durchsetzt. Er bemerkte nicht, da Frau Fabia leise und unhrbar, das weie
Gewand gerafft, da es nicht rauschen konnte, in die Sternwarte getreten
war. Und wie sie nun einen Blick ber die Schultern ihres Gatten hinweg auf
das Bild geworfen hatte, schrie sie pltzlich auf und rang verzweifelt die
Hnde:

Ich bin unschuldig! Ich schwre dir, Romulus, ich bin unschuldig!

Er aber packte sie an ihren langen, wunderschnen schwarzen Haaren und
stie sie zu Boden, da sie beinahe die Besinnung verlor und
zusammengekauert liegen blieb, gleich einem verwundeten Reh. Romulus
Futurus aber rannte wie ein Rasender auf und nieder; indem er zu seiner
Gattin Fabia sprach, deutete er von Zeit zu Zeit auf das Bild, dann wieder
gestikulierte er mit den Hnden in der Luft.

Ich wute es ja! schrie er, ich wute es ja! Die Lumen-Platte ist so
empfindlich, da sie die schwchsten Reaktionen mit genauester Deutlichkeit
wiedergibt! Die Platte hat nicht nur die Gesichter all dieser Elenden
photographiert, sondern auch ihre heimlichsten, tiefsten und innerlichsten
Gedanken. Ha! Ich halte also jetzt den Schlssel zu einer neuen,
geheimnisvollen und furchtbaren Wissenschaft in Hnden! Ich werde imstande
sein, von heute ab zu wissen, was jeder Mensch denkt!

Selbstverstndlich hatten sich die Gedanken, von denen Romulus Futurus
sprach, nicht in Schriftzeichen auf der Photographie kopiert. Es ist eine
alte Weisheit, da jedes Ding auf Erden einen Reflex hinterlt, jede
Bewegung, jede Schall-, jede Lichtwelle. Ebenso gibt auch der menschliche
Gedanke, so schnell er immer gedacht sein mag, einen unwillkrlichen Reflex
in den menschlichen Mienen, so deutlich, da jedes Kind den Gedanken lesen
knnte, wenn sein Auge nur scharf genug wre, den Reflex zu sehen.

Romulus Futurus htte kein so groer Psychologe sein mssen, um nicht die
Empfindung, die sich in den Mienen des Einzelnen in dem Moment der
photographischen Aufnahme ausgeprgt hatte, lesen zu knnen.

Es ist ein Wunder! Ein unnennbares Wunder! murmelte Frau Fabia, die immer
noch nicht die Kraft besa, sich zu erheben, und mit einer Miene
wahnsinnigen Entsetzens auf ihren Gatten blickte. Ich habe deutlich
gesehen, da aller Augen auf den photographischen Apparat gerichtet waren.
Und doch blickt jetzt auf der entwickelten Photographie jeder nach einer
anderen Seite!

So gro ist die Beweglichkeit des menschlichen Auges, so enorm die
Verwandlungsmglichkeit der Iris! stie Romulus Futurus zwischen den
Zhnen hervor. Pltzlich beugte er sich zu Frau Fabia nieder.

Siehst du dein Gesicht? Siehst du deine Mienen? Siehst du, wie du zu John
Crofton hinberblickst? Ah, nicht genug, da ich nur einen einzigen Freund
besitze! Du willst ihn mir noch rauben! Der starre Blick, mit dem du ihn
betrachtest, beweist mir alles! Warum denkst du immer an ihn? Warum
beschftigten sich deine Gedanken in dem Augenblick, da ich die
photographische Aufnahme machte, einzig nur mit ihm?

Ich liebe ihn ja nicht, ich hasse und verabscheue ihn! rief Fabia
verzweifelt. Aber Romulus Futurus hrte nicht auf sie. Er fuhr fort, den
Blick in die Photographie frmlich vergrabend:

Mi Head-Divina sieht zu dem reichen Krsus hinber. Ihre Miene ist
schrecklich, halb Wahnsinn, halb diabolische Grausamkeit und
Schlechtigkeit. Wie sie Ralph Jonathan Wieland anblickt! Ihr Auge taucht
frmlich in das seine! Ihr Gesicht, das im Moment der Aufnahme ernst und
starr gewesen wie Stein, ihr Gesicht lchelt, und um ihre Mundwinkel
ringeln sich abscheuliche Schlangen. Soll ich dir sagen, was sie denkt?
Hier steht es geschrieben! Hier steht es! Seid ihr nicht alle gleich, ihr
Frauen?

Ja, ich bin geneigt, Ihren Antrag zu erhren, Ralph Jonathan Wieland,
sagt sie. Aber --

Siehst du, Fabia, wie sie sich zu gleicher Zeit halb zu meinem Freunde John
Crofton hinberwendet? Und da! Da! --

Romulus Futurus schttelte sich und heftete den Nagel des rechten
Zeigefingers auf das Gesicht Ralph Jonathan Wielands.

Siehst du die scheuliche Grimasse des Krsus? Siehst du, wie er meinen
Freund John Crofton anstarrt? Die Lippen Wielands sind halb geffnet. Ich
sehe frmlich die gefletschten Zhne! Die Nasenflgel sind hinaufgezogen,
wie man dies bei wilden Tieren im Augenblick des Angriffs bemerken kann.
Die Augen sind zusammengekniffen, und strahlenfrmig spannen sich die
Falten um seine Schlfen!

Romulus Futurus schwieg. Seine Augen ffneten sich unnatrlich weit, denn
er las, las deutlich auf diesem bis zur Scheulichkeit verzerrten Gesicht
den furchtbaren Gedanken, der Ralph Jonathan Wieland im Augenblick der
Aufnahme beherrschte.

Inzwischen blickte Frau Fabia mit nicht minder entsetzten Augen auf das
Gesicht der jungen Frstin Angelika, die Romulus Futurus ansah. Auch ihre
Gedanken waren mit unverkennbarer Deutlichkeit photographiert, und Frau
Fabia las, las mit blutendem Herzen die Gedanken der Frstin:

Romulus Futurus, ich liebe dich in Ewigkeit!

Und neben der Frstin sa Dr. Diabel und starrte sie an und dachte:

Ich werde dich zu Tode martern, wenn du mich nicht erhrst!

Romulus Futurus schrie pltzlich auf und starrte mit fiebernden Augen
hinaus in die Nacht.

Er will meinen Freund John Crofton tten! Jawohl, so ist es! In dieser
Nacht noch! Ralph Jonathan Wieland dachte darber nach, wie er John Crofton
aus dem Wege rumen konnte, um sich selbst in den Besitz seiner Geliebten,
der Schauspielerin Happy Head-Divina zu setzen!

Und in einer Anwandlung von Abscheu und Verzweiflung warf Romulus Futurus
die kostbare Platte zu Boden, zertrat sie mit den Fen und zerri die
Photographie in tausend Fetzen, so da er nicht mehr die Gedanken der
Frstin Angelika lesen konnte, nicht mehr das, was der Student dachte,
whrend Frau Fabia im letzten Augenblick noch deutlich von den Lippen Happy
Head-Divina den Gedanken abgeschaut hatte:

Ich mu versuchen, alles von dem General zu erfahren, denn die englische
Regierung verlangt die Plne des Kriegshafens von Kiel!

Wie gesagt, die Entdeckung, welche Frau Fabia gemacht hatte, kannte Romulus
Futurus nicht. Ihn beherrschte nicht nur die Erkenntnis, da Ralph Jonathan
Wieland in dieser Nacht seinen Freund John Crofton tten wollte; und
whrend er darber nachsann, wie er den Freund retten knnte, kam er auf
eine bizarre Idee.




III.


Die Sternwarte des Romulus Futurus lag gerade im Tiergarten, etwa dort, wo
vor einigen hundert Jahren der Groe Stern gewesen. Von hier aus
beherrschte die Sternwarte ganz Berlin. Die neue Stadt war nmlich in einem
groen Halbkreis gebaut worden und gruppierte sich, etwa von der ehemaligen
Jungfernheide angefangen, in einem Bogen, der allerdings viele, viele
Stunden weit ber den Gesundbrunnen, die Schnhauser Allee, Neu-Weiensee,
Rummelsburg, Stralau, Rixdorf, Schneberg und Wilmersdorf hinausreichte, um
den Tiergarten.

Von seiner Sternwarte aus konnte also Romulus Futurus ganz Berlin,
bersehen und beobachten. Ja, er konnte noch mehr! Er erinnerte sich, da
Ralph Jonathan Wieland in der ehemaligen Kniggrtzerstrae Wohnung
genommen hatte. Diese war die erste Strae, die, von der Sternwarte an
gerechnet, jenseits des Tiergartens berhaupt bewohnt werden durfte. Dort
standen denn auch die Palste der reichsten Millionre von Berlin, darunter
das Riesenhaus Ralph Jonathan Wielands.

Schon oft hatte Romulus Futurus nach jener Richtung geblickt und mit dem
Glase den Nabob beobachten knnen.

Ich habe keine Zeit zu verlieren! murmelte er.

Ohne sich um Frau Fabia zu bekmmern, die ihn mit vorgestrecktem Hals
beobachtete und pltzlich von dunklem, unbewutem Grauen ergriffen, aus der
Sternwarte floh, setzte Romulus Futurus den Riesenscheinwerfer in
Ttigkeit. Er schraubte die Linse so zu, da der Lichtschein keinen
greren Umfang hatte als hchstens 1 Meter. Diesen schmalen, spitzen
Lichtstrahl lie er geradeaus nach dem Schlafzimmer des Ralph Jonathan
Wieland gleiten.

Er selbst bewaffnete seine Augen mit einem scharfen Vergrerungsglas. Es
hatte die Form einer Automobilbrille. Die kleinen Glser saen auf hohen,
runden, schwarzen Einfassungen, die wieder hohl auf den Augen lagen. So
stellte er sich an das Fenster und beobachtete. In dem Bruchteil einer
Minute, bevor Ralph Jonathan Wieland auf die Strung durch den weien
Strahl aufmerksam gemacht wurde, sah Romulus Futurus durch das geffnete
Fenster, da der Krsus eben damit beschftigt war, eine kleine schwarze
Kugel mit Acetylen zu fllen. Er begriff sofort den schndlichen Mordplan
dieses von Leidenschaften ganz und gar irre gefhrten Millionrs.

Acetylen war nmlich das neueste, furchtbarste Sprengmittel, das man im
dritten Jahrtausend kannte und Acetylengranaten waren bereits bei allen
schweren Geschtzen eingefhrt. Diese Geschosse bestanden aus Holzbchsen
mit Eisenkern, die mit Calcium Carbid gefllt waren. Unter dem Calcium
Carbid lag eine Schicht Phosphatkalium, die, sobald Wasser eindrang,
Phosphorwasserstoff bildete, whrend das Calcium Carbid das Acetylen
entwickelte. Sowie der Phosphorwasserstoff mit Luft in Berhrung kam,
entzndete er sich von selbst und setzte das Acetylen in Brand, das eine
furchtbare Flamme entwickelte, da die grten Wassermassen nicht
hinreichen konnten, sie zu lschen.

Ohne Zweifel wollte Ralph Jonathan Wieland das Haus Croftons auf diese
Weise in Brand setzen und in die Luft sprengen. Ein teuflischer Plan, den
Romulus Futurus in jener Nacht zunichte machte.

Der Millionr drehte sich pltzlich um, erschreckt und verblfft durch die
schmale Lichtflut, die in sein Zimmer drang. Als er mit den Augen ihrer
Richtung folgte, da begriff er, da sie von der Sternwarte ausging.

Romulus Futurus! flsterte er in hchster Angst und versuchte, die
Acetylenbombe zu verstecken und das Zimmer zu verlassen.

Aber er konnte nicht. Grenzenloses Grauen packte ihn.

Ralph Jonathan Wieland sah diese Lichtflut wie ein weies Band, das
kerzengerade von dem Leuchtturm zu ihm herber glitt. Die Spitze des
Scheines bohrte sich in seine Brust und verursachte ihm einen wahnsinnigen
Schmerz.

Gerade ber dem weien Band aber, das die rot durchleuchtete Nacht wie ein
Dolch durchdrang, lagen die Augen des Erfinders, von schwarzen Rndern
umgeben, spitz, drohend, mit einem furchtbaren Glanz ausgestattet. Sie
machten den Eindruck von zwei quallenartigen, schlpfrigen Sternen, die
ber der milchigen Flssigkeit schimmerten.

Jonathan Wieland schttelte sich vor Grauen. Er machte die verzweifeltsten
Anstrengungen, sich von diesem furchtbaren Anblick loszureien. Aber er war
nicht imstande, auch nur die geringste Bewegung zu machen.

Inzwischen beobachtete ihn Romulus Futurus mit einem teuflischen Lcheln.
Er nahm seine ganze Willenskraft zusammen, legte sie in seine Augen und
fesselte Jonathan Wieland in seinen Bann.

Dieser stand in der Mitte seines Zimmers, die furchtbare Bombe in Hnden,
die durch die geringste ungeschickte Bewegung allein schon zur Entzndung
gebracht werden konnte, grn vor Entsetzen, whrend der schmale
Lichtstreifen sich immer tiefer in seinen Krper bohrte und die Schmerzen
immer gewaltiger wurden.

Und Romulus Futurus sagte in seiner Sternwarte laut, whrend er den Kopf
zwischen die Schultern steckte und die furchtbaren Augen immer noch
unbeweglich ber der Lichtflut glitzern lie:

Ich will, da du die Acetylen-Bombe zu Boden fallen lassest!

Nicht sofort wirkte der auf diese Weise bertragene Wille. Obgleich
Jonathan Wieland sich ganz und gar im Banne der Hypnose befand, besa er
doch selbst so viel gesunde Kraft, da er sich zu wehren vermochte, da er
dem furchtbaren Willen seines entfernten Feindes Wiederstand entgegen
setzen konnte.

Der aber lie nicht nach.

Ich will, da du die Acetylen-Bombe zu Boden fallen lassest! wiederholte
er noch einmal eintnig, bi die Zhne aufeinander und bohrte seine Augen
in die des Jonathan Wieland. Jener begann zu zittern, whrend diese
furchtbaren schwarzen Quallen ber der Lichtflut, vergrert durch die
Glser, seine Blicke frmlich in sich einsogen, whrend diese
entsetzlichen, gierigen Spinnenaugen des Romulus Futurus den letzten Willen
aus dem Krper Wielands bannten und seine letzten Krfte fraen.

Und pltzlich stie der Millionr einen furchtbaren, gellenden Schrei aus
und lie die Bombe fallen.

Die Folge war schrecklich. Das Haus des Krsus strzte ein und begrub ihn
und seine zahlreiche Dienerschaft unter seinen Trmmern. Eine ungeheure
Flammensule scho augenblicklich in die Hhe und htte vielleicht halb
Berlin eingeschert, wrde nicht das Tekton, ein unverbrennbarer Baustoff,
mit dem fast alle Huser berzogen waren, selbst diesen furchtbaren Flammen
einen energischen Widerstand entgegengesetzt haben.

Es gelang der rasch herbeigeeilten Feuerwehr, nach unendlichen
Anstrengungen, den Brand zu lschen und die brigen Huser vor der
Vernichtung zu bewahren.

Von Ralph Jonathan Wieland wurde nichts, aber auch nichts mehr gefunden.
Sein Krper war dermaen zu Asche verbrannt, da auch nicht die Knochen
eines Gliedes brig geblieben waren.

Und niemals erfuhr man, auf welche Weise dieses entsetzliche Unglck
zustande gekommen war.

Die Aufmerksamkeit der Berliner wurde brigens rasch wieder durch den roten
Kometen abgelenkt. Dieser hatte sich nmlich jetzt der Erde soweit
genhert, da man deutlich seine Form und Gestaltung erkennen konnte.

Die Deutschen aber hatten kaum mehr Zeit, sich mit dem neuen Gestirn zu
beschftigen; denn der Krieg zwischen der deutschen Nation einerseits und
den Englndern und Franzosen andererseits stand bevor. Eifrig wurde
gerstet. Und ungeheure Mengen von Munition wurden an den groen
Kriegshfen Wilhelmshafen und Kiel aufgestapelt.

Die Armee trat unter Waffen.

Romulus Futurus nahm an diesen Vorgngen wenig Anteil. Er erkannte sehr
richtig, da die pltzliche Kriegsleidenschaft zwischen den Nationen
ebenfalls nichts weiter als eine Folge des roten Lichtes war, das dieser
Unglckskomet ausstrahlte. Und doch wollte es Romulus Futurus scheinen, als
ob die Schnelligkeit, mit der der Komet sich bisher der Erde genhert
hatte, abnahm. So arbeitete der groe Astronom in aller Ruhe an seinen
Problemen weiter. Er empfand nicht die geringsten Gewissensbisse ber sein
nchtliches Verbrechen und kam mit Frau Fabia kaum mehr in Berhrung. Und
doch war es eigentlich nur der rote Komet, der das Schicksal des Romulus
Futurus in die seltsamsten Bahnen trieb.

In sein Leben trat nmlich ein neues, merkwrdiges Ereignis. In dem Hause
befand sich ein groer Saal, in dem die Bilder seiner Ahnen hingen. Dieser
Raum, der mit einer riesigen Bibliothek in Verbindung stand, war der
Lieblingsaufenthalt des Astronomen; hier hing auch in der Mitte der Wand in
goldenem Rahmen sein Jugendbildnis. Das ihn als dreiigjhrigen Mann
darstellte, als er Fabia zur Gattin genommen hatte.

Das lag acht Jahre zurck. Oftmals dachte Romulus Futurus, der ein
Philosoph war, darber nach, ob es wohl Liebe gewesen, was ihn damals zu
Fabia getrieben; um sich darber Aufklrung zu verschaffen, kam er auf die
phantastische Idee, durch die Lumen-Platte sein eigenes Bild aus
damaliger Zeit zu photographieren.

Zu diesem Zwecke also stellte er, um ein mglichst genaues Bildnis zu
erhalten, den Apparat nachts in dem groen Ahnensaale auf, gerade seinem
Bilde gegenber, und entfernte am nchsten Morgen die Platte, um sie zu
entwickeln.

Da wischte er sich mit der Hand ber die Augen, fuhr sich von neuem ber
die Stirn, als wollte er die Gedanken verscheuchen; ja, er nahm einen
Spiegel und hielt ihn ber die Photographie, um sich zu berzeugen, ob die
Augen ihn nicht trogen.

Aber auch der zeigte dasselbe:

Sein Bild. Es sah nicht viel anders aus, wie das Portrait an der Wand; denn
Romulus Futurus hatte damals wirklich einen vornehmen Charakter besessen
und keine Hintergedanken gehabt. Doch sein Bild interessierte ihn jetzt
nicht weiter. Was ihn zu gleicher Zeit erschreckte und in grenzenloses
Erstaunen versetzte, war ein ganz anderer Umstand:

_Vor dem Bildnis stand nmlich eine Gestalt._

Es wre schwer gewesen, sie zu beschreiben, berhaupt genauer anzugeben,
wer sie war, wie sie aussah, was sie trug.

Es war ein Weib, das stand fest. Vielleicht sah man es nicht. Aber Romulus
Futurus fhlte es. Ihre Gestalt kam nicht ber eine nebelhafte Unsicherheit
hinaus, und es wre ein Ding der Unmglichkeit gewesen, mehr ber die Zge
dieser Erscheinung zu sagen. Und doch war sie da, hatte unzweifelhaft lange
Zeit vor dem Bildnis Romulus Futurus' gestanden und mit einer gewissen
Andacht zu ihm emporgeblickt.

Der Astronom wute nicht, was er davon denken und halten sollte.
Schlielich schrieb er das Ganze seiner berhitzten Phantasie zu,
vielleicht auch einem Fehler der Platte selbst, die vorher nicht gengend
gegen das Licht geschtzt worden war. Um sich Sicherheit zu verschaffen,
lie er es in der zweiten Nacht auf einen neuen Versuch ankommen. Als er
aber am Morgen die Platte entwickelte, da zeigte sich das gleiche Phnomen:
eine weibliche Gestalt, etwas strker ausgeprgt, als am Tage vorher, eine
Frau von wundervoller Reinheit, mit einem Antlitz von auerordentlicher
Schnheit, das Ganze so durchsichtig wie Kristall, unfabar,
unbeschreiblich.

Romulus Futurus wurde nun von einer qulenden Unruhe erfat, die ihn nicht
mehr verlie. Da er in seinen Freund John Crofton vollstes Vertrauen
setzte, um so mehr, als dieser ihm die Rettung seines Lebens verdankte, so
rief er ihn zu sich, bat ihn hinauf in die Sternwarte und zeigte ihm das
Bild. Dann weihte er ihn in die Vorgeschichte ein.

John Crofton blickte die Photographie lange an.

Siehst du dasselbe wie ich? fragte Romulus Futurus.

Ohne Zweifel, mein Freund! Ich sehe eine lichte Gestalt vor deinem Bilde!

Ist das nicht sonderbar? Ist das nicht, um verrckt zu werden? Eine
Gestalt, die man mit bloem Auge nicht erkennen kann?

John Crofton lchelte.

Die Erklrung, meine ich, ist sehr einfach, Romulus. Diese Gestalt ist
kein gewhnliches Lebewesen, das steht fest. Sonst wrde es ihr nicht
mglich sein, durch verschlossene Tren und Fenster in den Ahnensaal
einzudringen. Ebenso sicher ist es aber, da sie eine besondere Vorliebe
fr dich besitzt, sonst wrde sie nicht die Nchte vor deinem Bilde
zubringen.

Romulus Futurus, durch diese Auskunft, die seine eigenen Empfindungen und
Hoffnungen besttigte, aufs hchste erregt, ging mit groen Schritten in
dem Raume auf und nieder.

Aber, was ist da zu tun? rief er, verzweifelt die Hnde ringend.

Was ist da zu tun, John? Diese Erscheinung erschreckt mich im hchsten
Grade, whrend sie zugleich in den Tiefen meiner Seele etwas aufwhlt, das
mich in die grte Unruhe versetzt. Ich mu dieses Phnomen sehen! Willst
du mir behilflich sein, John, da ich einen Zeugen habe und meinen eigenen
Augen nicht mitrauen mu?

Der Freund nickte.

Mit Vergngen, Romulus!

Die beiden verabredeten also, da sie in der nchsten Nacht in dem groen
Ahnensaale wachen wollten, whrend Romulus Futurus zu gleicher Zeit wieder
seine lichtempfindliche Platte in dem Apparat dem Bilde gegenber in
Bereitschaft setzte.

Sie warteten die ganze Nacht hinter einem schweren Brokatvorhang. Smtliche
Eichentren waren verschlossen worden. Alle Fenster waren zu; nur das rote
Licht des Kometen verbreitete eine traumhafte Helligkeit in dem Saale.
Romulus Futurus und sein Freund John Crofton warteten die ganze Nacht bis
zum Morgen. Sie sahen nichts, hrten nichts und bemerkten nichts; und
Romulus Futurus meinte seufzend:

Sicherlich haben wir sie durch unsere Gegenwart vertrieben. Dann besah er
die photographische Platte, whrend seine Hnde in fieberhafter Ungeduld
zitterten.

Das Bild zeigte die gleiche Erscheinung wie am vergangenen Tage, nur noch
ausgeprgter, so da man selbst das lange, flieende Haar, das bis auf die
Hften wallte, die feinen Linien des Krpers, der in ein durchsichtiges
Gewand gehllt war, erkennen konnte.

Der Astronom rannte in dem astronomischen Saale auf und nieder.

Ich mu sie kennen lernen! rief er ein ber das andere Mal. Ich mu!
Diese Erscheinung gewinnt, ich gestehe es, von Tag zu Tag einen greren
Einflu auf mich, und ich mchte beinahe behaupten, ich sei von einer
rasenden, leidenschaftlichen, entsetzlichen Liebe zu ihr erfllt!

John Crofton, der das heimliche Schaudern, das ihm dieses Phnomen
verursachte, hinter Frivolitten zu verbergen suchte, entgegnete:

Nun, bei einem Manne, der gegen Fleisch und Blut so unempfindlich ist wie
du, ist's nichts Wundersames, wenn er sich in Geister verliebt!

Das Wort fesselte Romulus Futurus Aufmerksamkeit.

Geister . . . wiederholte er. Das ist sicherlich nicht das richtige
Wort, John. Es handelt sich um keinen Geist, und ich glaube auch nicht, da
die Seelen Verstorbener sich uns auf diese Weise bemerkbar machen knnen.

Wie willst du es dann erklren? entgegnete John Crofton verwundert. Auf
alle Flle ist das eine Erscheinung, die ohne Materie, das heit ohne
Fleisch und Blut ist, sonst mten wir sie doch mit unseren Augen erkennen.
Nur die fabelhaft empfindliche Platte war imstande, das Unsichtbare
sichtbar zu machen.

Das war eine Erklrung, die Romulus Futurus weder befriedigen noch
beruhigen konnte.

Auf diese Weise kommen wir zu keinem Resultate! rief er. Ich will aber
wissen, John, wer sie ist! Gib mir einen Rat. Du weit nicht, welches groe
Opfer ich fr dich gebracht, da ich dir sogar das Leben gerettet habe. Du
staunst? Nun, nimm es an! Jetzt ist der Augenblick gekommen, wo ich von dir
einen Gegendienst verlange! Ja, ich bin verliebt! Das ist nicht das rechte
Wort! Ich habe ein rasendes, wildes Verlangen nach jenem Wesen, das Nacht
fr Nacht sich vor meinem Bilde zeigt. Ich mu sie besitzen! Also gib mir
ein Mittel! Ein Mittel, John Crofton! Und der sonst so vernnftige,
ruhige, khle und gemessene Mann rannte in der Sternwarte auf und nieder,
packte seinen Freund Crofton und schttelte ihn, als wollte er ihn tten.

La mir einige Augenblicke Zeit! murmelte John Crofton und lie sich in
einen Sessel nieder. Ihm war ein elender Gedanke gekommen. -- --

Seitdem Frau Fabia seine Liebeswerbung so schnell abgewiesen, hatte er
einen tiefen und unauslschlichen Ha gegen die schne Frau mit sich herum
getragen. Von Natur aus ein schlechter, verdorbener Charakter, war seine
Leidenschaft fr das schne Weib zu teuflischer Bosheit geworden, und Tag
und Nacht dachte er darber nach, wie er ihr Furchtbares antun knnte.

Aber er frchtete Romulus Futurus zu gleicher Zeit! Er frchtete diesen
mchtigen, in seinen Leidenschaften unberechenbaren Mann und hatte bislang
nicht gewagt, irgend etwas gegen sein Weib zu unternehmen.

Und jetzt gab sich Romulus Futurus in seine Hnde! Jetzt verlangte er ein
Mittel von ihm, das ihm kein Mensch verraten konnte! John Crofton verga
vollstndig, da sowohl er wie Romulus Futurus vor einem phnomenalen
Rtsel standen. Er dachte nur mehr an Frau Fabia, an seinen Ha, an die
Mglichkeit, sich zu rchen, ohne sich selbst strafbar zu machen. Und er
hob das bleiche Gesicht mit den dunkel umrnderten Augen zu Romulus
Futurus, der ihn erwartungsvoll ansah, und sagte:

Ich wte wohl ein Mittel!

Der Astronom war Feuer und Flamme.

So sprich denn! Sprich! Mein Gehirn ist zu verwirrt, um selbst einen
klaren Gedanken zu fassen. Was ist zu tun?

John Crofton lie sich drngen. Er wiegte den Kopf hin und her und tat, als
getraue er sich nicht, zu sprechen. Bis Romulus Futurus ihn beschwor, bis
er ihm zusicherte, da er jede Verantwortung tragen wrde.

Dann begann John Crofton:

So viel steht fest: die Platte, die an und fr sich eine wunderbare
Erfindung bedeutet, hat dir und der ganzen Menschheit neue Wege gewiesen;
ungeheuerliche Entdeckungen werden gemacht werden. Nun, diese Gestalt vor
deinem Bilde existiert, das ist sicher. Und ohne Zweifel ist es die Seele,
der Geist, das vom Krper losgelste Wesen eines jungen Weibes, das dich
leidenschaftlich liebt. Willst du sie gewinnen und besitzen, so mut du
dieses Wesen in einen neuen Krper bannen. Ob das Experiment gelingen wird,
wei ich nicht. Aber es sollte glcken! Du verfgst ber fabelhafte Krfte!
Dein Wille ist unermelich! Versuche, sage ich!

Futurus stand von seinem Sessel auf und rannte hin und her.

Ja, das ist eine Idee! Das ist glnzend! Das ist groartig!

Pltzlich brach er ab. Er begriff, da der Vorschlag John Croftons
scheinbar unberwindliche Schwierigkeiten aufwies.

Aber woher diesen Krper bekommen, John? Was meine Gewalt ber dieses
Wesen anbetrifft, verzweifle ich nicht. Es wird mir gelingen, die
Unsichtbare zum Gehorsam zu bringen! Aber in welchen Krper soll ich sie
bannen? Es mu der Leib eines Weibes sein, dessen uerliche Schnheit mit
diesem Wesen harmonieren wrde! Ein Weib, das ich anbeten, vor dem ich mich
auf die Knie werfen knnte --

Er brach erschpft ab. Und John Crofton sagte so ruhig, als handle es sich
um, die einfachste Sache der Welt, whrend in seine Augen ein furchtbarer
Schimmer trat:

Deine Frau!

Romulus Futurus blieb wie zur Statue erstarrt stehen, seine Augen weiteten
sich, seine Lippen bebten.

Meine Frau . . . wiederholte er tonlos.

Natrlich! fuhr John Crofton fort, indem er mit einem eisernen Willen
sofort auf das eine Ziel losging, Frau Fabia zu vernichten; denn er glaubte
in Wirklichkeit nicht daran, da Romulus Futurus, den er fr einen Narren
hielt, in Wahrheit ein so ungeheuerliches Werk vollbringen konnte.
Natrlich deine Frau! Kein anderer Mensch auf Erden wrde sich fr dieses
Experiment eignen! Du liebst sie nicht -- du hast es mir ja selbst bereits
gestanden, hast oftmals mir dein Leid geklagt! Du fliehst sie und sie grmt
sich darber! Tte sie und banne dieses Wesen in ihren Leib, so wirst du
sie lieben knnen, wie nie ein Weib von einem Manne geliebt wurde!

Romulus Futurus sprach lange Zeit kein Wort. Er ging auf und nieder, von
Zeit zu Zeit vor dem Freunde stehen bleibend und ihn mit furchtbaren
Blicken messend. Es dmmerte noch, und der purpurne Schimmer des Kometen
flutete durch die Sternwarte.

Und warum sollte ich es nicht tun? schrie der Gelehrte pltzlich hinaus,
sich selbst die schreckliche Frage beantwortend. Sage selbst, warum nicht?
Es ist kein Verbrechen! Fabia ist unglcklich, sagst du? Ja, ja, sie ist
es! Ich wei es, ich habe es unzhlige Male gefhlt! Ich liebe sie nicht!
Aber ich liebe dieses Weib, das ich nicht kenne, das ich nur fhle, bis zum
Wahnsinn! Und ich werde Fabia bis zur Raserei verehren, wenn dieses Wesen
in ihrem Leibe wohnt!

Also! entgegnete John Crofton und warf seine Cigarette weg, whrend seine
Augen vor Mordlust glhten . . . . .

Romulus Futurus streckte sich in einen Sessel. Er kreuzte die Beine
bereinander, vergrub die Hnde in die Taschen und zog den Kopf zwischen
die Schultern, whrend ein feiger Zug sein mnnlich schnes Gesicht
entstellte.

Ich kann es aber nicht tun! flsterte er.

Was, Romulus?

Ich kann sie nicht tten! Denn es ist klar, da ich sie erwrgen mu, wenn
ich die wesenlose Gestalt in ihren Krper bannen will!

Freilich! entgegnete John Crofton brutal. Du wirst sie tten mssen!

Nein, nein! wehrte Romulus Futurus ngstlich ab. Ich kann es nicht! Ich
bringe es nicht ber mich! Aber vielleicht -- knntest du --

John Crofton stand auf. Ueber sein Gesicht huschte ein phosphoreszierendes
Leuchten. Seine Augen sanken frmlich in die Hhlen zurck, und seine
Lippen bebten vor verhaltener Freude.

Was meinst du, Romulus?

Romulus Futurus packte ihn am Arm, zog ihn ganz nahe an sich heran und
flsterte ihm ins Ohr:

Vielleicht knntest du -- sie tten!

John Crofton ri sich los und tat ber die Maen erstaunt.

Ich, wo denkst du hin? Ich soll sie tten? Dein Weib? Damit du mir im
nchsten Augenblick selbst die Pistole auf die Brust setzest und mich
ttest?

Romulus Futurus wandte jetzt alle seine Ueberredungskunst auf. Er machte
John Crofton begreiflich, da er ihm den grten Dienst seines Lebens
erweisen knne. Er bat, flehte, weinte schlielich wie ein Kind. So gro
war die eingebildete Macht des unbekannten Wesens ber ihn.

Und doch war alles nur die Wirkung des roten Kometen . . . .

Endlich gab John Crofton nach und die beiden Freunde verabredeten, da sie
sich in der kommenden Nacht in der Sternwarte treffen wollten. -- --




IV.


Es war Nacht.

Die roten Strahlen des Kometen wogten hin und her wie hunderttausend
elektrische Lichtzungen. Berlin glich einer Mrchenstadt. Himmelhoch ragten
die riesigen Huser empor, mitten hinein in das Meer von Purpur, das das
Blut aufregte und die Sinne verwirrte.

Die Stadt war ziemlich leer von Menschen. Der Krieg war ausgebrochen, und
die Armeen standen im Felde. In der Nhe von Wilhelmshaven tobte die erste
Seeschlacht und bei Bitsch waren die deutschen und franzsischen
Heeresmassen gegeneinander geprallt. Immerhin waren in Berlin noch genug
Menschen zurckgeblieben, um jene heimliche, hin und her surrende und
summende Aufregung zu verursachen, die sich allen Ohren aufdrngte. Es
waren junge und ltere Leute, die da und dort auf ffentlichen Pltzen sich
sammelten, die flsterten, sich heimliche Zeichen gaben und wieder
verschwanden . . . .

Man munkelte von einer Revolution. --

Nie war Romulus Futurus liebenswrdiger gegen seine Gattin gewesen, als am
verflossenen Tage. Frau Fabia war glcklich wie nicht mehr seit den ersten
Tagen ihrer Ehe.

Willst du den roten Kometen sehen, Fabia? fragte Romulus Futurus abends
gegen elf Uhr. Und Frau Fabia antwortete lchelnd:

Wenn du ihn mir zeigen willst, mein Freund, so werde ich glcklich sein!

Und sie folgte ihm hinauf in die Sternwarte. Dort herrschte magisches
Licht. Romulus Futurus streckte den Arm aus und wies empor zu dem
rotschimmernden Ball, der am kaltgrauen Himmel mit schrecklicher
Deutlichkeit stand, so gro, so nahe, so drohend, da man die Empfindung
hatte, als msse er jeden Augenblick herabstrzen, alles unter sich
begrabend.

Frau Fabia schauderte.

Und doch, heute mchte ich sterben! flsterte sie. Ich habe das grte
Glck meines Lebens genossen, denn ich empfand, da du mich immer noch
liebst!

Romulus Futurus wandte sich betreten ab, gepeinigt von seinem Gewissen. Da
ging die Tre im rckwrtigen Raume auf und eine Gestalt trat ein.

John Crofton hatte nicht den Mut gefunden, Frau Fabia so gegenberzutreten,
wie er war. Er trug eine schwarze Maske vor dem Gesicht und einen
purpurroten Mantel ber den Schultern. Frau Fabia, deren Sinne wirr waren
unter dem direkten Einflu des roten Lichtes, das sie umgab, schmiegte sich
ngstlich an ihren Gatten und flsterte.

Sage mir, Romulus, wer ist das?

Romulus Futurus lste ihre Arme fast mit Gewalt von seinem Krper und stie
sie dem entgegen, der eingetreten war. Frau Fabia sah die weien,
gepflegten Hnde Croftons, der sich bereit machte, auf sie zuzugehen. Und
von unbestimmter Furcht ergriffen, flchtete sie nach dem anderen Ende der
Sternwarte und schrie:

Rette mich, Romulus, ich frchte mich.

Der aber brachte noch mehr Zwischenraum zwischen sich und seine Gattin. Er
schlich sich zurck bis zu der kleinen Tr, die der Eingetretene offen
gelassen hatte, und huschte hinaus, ohne den Mut zu finden, auch nur einen
Blick zurckzuwerfen.

John Crofton war allein mit Frau Fabia. Und nun konnte er ein Schauspiel
genieen, auf das sich seine entarteten Nerven bis zu dieser Stunde
vorbereitet hatten.

Frau Fabia floh vor ihm wie das gengstigte Tier vor dem Jger. Sie ma ihn
mit scheuen, verwirrten Blicken, whrend er ihr rund um die Sternwarte
herum folgte, angesichts des Kometen, angesichts des Himmels, der dieses
schndliche Verbrechen nicht hinderte . . . .

Schlielich, als sie kaum mehr die Kraft fand, sich auf ihren zitternden
Fen zu halten, ri John Crofton die Maske vom Gesicht, warf den Mantel ab
und rief mit diabolischem Gelchter:

Erkennst du mich, geliebte Fabia? Die Stunde der Abrechnung ist gekommen!

Sie fuhr zurck. Sie klammerte sich an die Wand. Sie schrie mit wahnsinnig
klingender Stimme nach Romulus, ihrem geliebten Gatten! Sie schrie um
Hilfe; aber niemand half ihr.

Sie strzte auf die Knie nieder und flehte diesen Schurken um ihr Leben an,
aber er drstete nach ihrem Blute.

Sie sprang noch einmal auf, floh rund um den Raum, streckte wie
hilfesuchend ihre Arme nach dem Gestirne aus -- in diesem Augenblick hatte
John Crofton sie erreicht und die letzten Worte der Unglcklichen erstarben
in der Anrufung des roten Kometen, von dem sie Hilfe, von dem sie
Vergeltung forderte.

John Crofton hatte sich auf sie geworfen und seine Finger in ihren Hals
gekrallt. Er lie sie nicht mehr los, bis das letzte Leben aus ihr
entflohen war.

Dann wandte er sich, halb von Schauder, halb von Freude berwltigt, ab,
taumelte zur Tr und rief nach Romulus Futurus. Der kam. Er warf nur einen
entsetzten Blick auf die Leiche. Dann hob er sie mit Hilfe John Croftons
auf.

Und die beiden Verbrecher trugen den entseelten Krper nach der Galerie.

Von den Straen herauf tnte jenes eigentmliche, surrende Gerusch, das
das Zusammenstrmen groer Volksmassen verkndet. Dann und wann hrte man
den verlorenen Ton einer lauten schreienden Stimme. Dazwischen Johlen,
Hndeklatschen und Pfeifen.

In der Ferne ein Trommelwirbel.

Ganz Berlin befand sich in Aufruhr; aber die beiden Mnner, die zwischen
sich den entseelten Krper der Frau Fabia trugen, achteten auf nichts.
Romulus Futurus befahl seinem Freund, den Leib Fabias gerade unter sein
Bild zu legen.

Er hatte sich eine kunstreiche Konstruktion erdacht, um die geheimnisvolle
Gestalt in dem Augenblicke sehen zu knnen, da sie sich auf der
Lumen-Platte abbildete. Whrend er nmlich unter seinem Bild einen
starken Reflektor anbrachte, wartete er, indes er einerseits zu dem
Spiegel, andererseits zu dem photographischen Apparat in einem rechten
Winkel stand. Gleichzeitig legte er sich zwei uerst lichtempfindliche
Glser, die alles in riesiger Vergrerung spiegelten, ber die Augen.

So verharrte er regungslos, whrend das Toben auf den Straen allmhlich
verstummte; denn man hrte weit in der Ferne den Schritt der herannahenden
Bataillone.

Whrend der Gelehrte also halb ngstlich, halb voll wahnwitzigen Hoffens
seine Augen fieberhaft auf den Reflektor heftete, der die Gestalt in dem
Augenblick spiegeln sollte, da sie auf der lichtempfindlichen Platte
erschien -- Romulus Futurus konnte also ganz einfach die Platte in dem
Spiegel erblicken; denn das Wesen selbst war ja fr das Auge nicht sichtbar
-- whrend er beide Hnde gegen das wildpochende Herz prete, um es
gewaltsam zur Ruhe zu zwingen, hatte sich John Crofton mit einem hmischen
Lcheln in einen Sessel geworfen.

Zu dumm, dachte er. Dieser Narr glaubt, er knne das Unmglichste
vollbringen! Sind die Menschen nicht wirkliche Hampelmnner, die sich an
den Schnren unseres Willens bewegen und drehen, wie wir es wollen, wenn
wir nur erst die Kraft dazu haben?

Romulus hat mir das Henkergeschft ber sein Weib bertragen; er wird nie
das Recht und die Fhigkeit besitzen, mich zu bestrafen.

Inzwischen aber wurden die Gedanken John Croftons abgelenkt. Er sah in der
grellroten Helle, die durch das Fenster drang, wie Romulus Futurus
pltzlich in ungeheure Aufregung geriet. Er sah es an dem Spiele der
Gesichtsmuskeln. Drauen stand, riesengro, eine gewaltige Kugel, der
Komet.

Romulus Futurus hatte die Gestalt erblickt. In dem Augenblick, da sie unter
sein Bild getreten war, hatte die lichtempfindliche Platte sie
festgehalten, und diese spiegelte sich nun in dem Reflektor, der das Bild
in die Augen des Astronomen zurckwarf.

Futurus richtete sich hoch auf. Ohne ein Wort zu sprechen, zog er seinen
ganzen Willen, all seine Energie und innere Macht in seine Augen und
blickte das schemenhafte Wesen an.

Da wandte dieses sich um und drehte ihm das durchsichtige Gesicht zu,
dieses wunderschne Antlitz, das er nur fhlte, aber nicht sehen konnte.

Und sagte, whrend seine Stimme dumpf klang, als kme sie aus weiter Ferne:

Wer du auch sein mgest, ich befehle dir, mir zu gehorchen! Er bemerkte
deutlich, da etwas wie Schrecken die Gestalt erfate. Sie sah ihn starr
an, offenbar unfhig, den Blick von ihm zu wenden, ohne da Romulus Futurus
eigentlich ihre Augen sehen konnte, und er fuhr fort, triumphierend ber
den schnellen Sieg, den er errungen hatte.

Ich befehle dir, in diesem Leib Wohnung zu nehmen!

Mit diesen Worten deutete Romulus Futurus halb auf den Leichnam seiner
Gattin Fabia, halb hob er beschwrend die Hnde und beschrieb die magischen
Zeichen ber der seltsamen Gestalt.

Sie gehorchte nicht sofort. Es war wie ein stummer Widerstand, den sie dem
gigantischen Willen des Gelehrten gegenbersetzte. Aber der lie nicht
nach.

In dem Augenblick, da er das schemenhafte Wesen wieder erblickt, war auch
seine namenlose Leidenschaft gewachsen, und mit einem Willen, der strker
war als alles Menschliche, wiederholte er noch einmal den Befehl, whrend
die Gestalt, von unwiderstehlicher Macht angezogen, sich immer mehr dem
Krper der Frau Fabia nherte. Und schlielich gab sie den Widerstand auf.
Aber es war Romulus Futurus, als ob das geisterhafte Wesen eine unendliche
Traurigkeit zeigte -- im nchsten Augenblick war es zerflossen wie nichts,
und der Astronom sah nur mehr einen schwachen Nebel, der in der purpurroten
Nacht verschwand.

Gleichzeitig sank er selbst erschpft, mit hmmernden Pulsen in einen
Sessel zurck.

In groen Tropfen stand der Schwei auf seiner Stirn.

John Crofton aber, der alles gehrt, doch nichts gesehen hatte, war halb
von seinem Sitze aufgestanden, streckte den Kopf vor und lauschte mit
zitterndem Atem.

Pltzlich regte sich Frau Fabias Krper.

John Crofton ri die Augen weit auf. Er wollte, er konnte es nicht glauben!
Namenloses Entsetzen erfate ihn. Hatte er sie denn nicht mit eigenen
Hnden erwrgt? War es mglich, da noch Leben in ihr war? Stehen denn die
Toten auf, um sich an den Lebenden zu rchen?

Indem er die Beine an sich zog und sich zitternd in dem Sessel barg,
starrte er zu Frau Fabia hinber.

Sie erhob sich langsam von der Erde, mit jener mden Bewegung, die die
zeigen, welche eine lange Reise gemacht haben, glttete das seidene Kleid
und sagte, unfhig, im ersten Augenblicke die zwei Mnner zu erkennen, die
tief im Schatten saen:

Wo bin ich?

Pltzlich aber schien ihr eine unbestimmte Erinnerung zu kommen, eine
Erinnerung, die wenig mit der Wahrheit zu tun hatte und die sich nur dem
Augenblicke anpate.

Ganz recht! murmelte sie lchelnd, indem sie die schweren, dunklen
Haarstrhnen aus der Stirne strich. Ganz recht! Ich bin in den Ahnensaal
getreten und habe vermutlich dein Bild betrachtet, Romulus; dabei hat mich
der Schlaf bermannt. Wie lcherlich das ist!

Und sie ging auf Romulus Futurus zu, der sie im ersten Augenblick wie etwas
Furchtbares anstarrte. Dann aber sprang er auf, eilte ihr entgegen, schlo
sie in seine Arme und prete sie an sich.

Nicht war, du liebst mich? Du liebst mich rasend, wie immer? Du wirst nie
von mir gehen? Wir werden ewig in die Sonne unserer Liebe wandeln?

Sie schlang die weien Arme um seinen Hals und flsterte:

Habe ich dich nicht immer geliebt? Wohl ist es mir, als ob wir uns heute
zum erstenmal shen. Aber dein Bild war immer bei mir!

Romulus Futurus bedeckte dieses Antlitz mit Kssen, das ihm vor kurzem so
gleichgltig, beinahe hassenswert erschienen war. Er kte Frau Fabia so
lange, bis er endlich wahrnahm, da er vergeblich die Zge jenes seltsamen
Wesens in dem Antlitz seiner Gattin suchte.

Da erfate ihn etwas wie eine lhmende, dunkle Traurigkeit.

John Crofton aber war ruckweise, Schritt fr Schritt nher getreten und
starrte Frau Fabia an.

An ihrem Halse zeichneten sich drei Finger ab, links ein Daumen, rechts der
Zeige- und der Mittelfinger. --

Jetzt wandte Frau Fabia den Kopf und erblickte John Crofton . . . Diesem
war es, als ob der Blitz ihn treffen mte. Er ri einen Teppich von der
Erde auf und hielt ihn vor das Gesicht, dieses mit dem halbausgestreckten
Arme deckend. So stand er da, das personifizierte bse Gewissen, und
zitterte.

Frau Fabia sah verwundert diese Bewegung und fragte ihren Gatten:

Wer ist dieser Mann?

Romulus Futurus lchelte dster.

Das ist mein Freund, John Crofton. Solltest du ihn nicht kennen?

John Crofton? wiederholte sie, whrend ihr Antlitz einen gequlten
Ausdruck annahm. Offenbar suchte sie in der Erinnerung nach dem Namen
dieses Mannes, und sicherlich war etwas Schattenartiges da, das sie nicht
fassen konnte. Sie schttelte den Kopf und sagte:

Ich kenne ihn nicht!

John Crofton holte tief Atem. Er lie die Decke sinken und starrte der
schnen Frau ins Gesicht. War es mglich, da sie noch reizender geworden?
Hatten Frau Fabias Augen erst den Glanz matt schimmernder Perlen gehabt, so
leuchteten sie jetzt wie Sterne in einem tiefen, unbeschreiblichen Glanze.
Auch ihre Bewegungen waren noch mehr dazu angetan, das Verlangen John
Croftons zu wecken, der in diesem Augenblick von neuem von jener rasenden,
teuflischen Leidenschaft erfat wurde, die ihn schlielich zum Mrder hatte
werden lassen.

Aber er verbarg seine Empfindungen ngstlich ebenso vor Frau Fabia als vor
dem Freunde. Er beugte sich nieder, fhrte die Hand der schnen Frau galant
an seine Lippen und drckte dann schweigend Romulus Futurus die Rechte.

Es ist geglckt, mein Freund! Ich gratuliere dir!

Romulus Futurus hob die beiden Arme wie beschwrend zur Decke empor und
flsterte:

Ich bin von heute ab der glcklichste aller Menschen, John Crofton! Hast
du nicht bemerkt, da selbst ihre Stimme sich verndert hat? Sie spricht
ganz anders und ich erkenne in jeder Bewegung, in allem instinktiv jenes
Wesen wieder, das ich vor meinem Bilde zum ersten Mal gesehen habe.

Darber, wer jenes Wesen sein knnte, dachte weder Romulus noch Crofton
nach. Die Wnsche der beiden Mnner trafen sich zunchst nur in dem
rasenden Verlangen, Frau Fabia zu besitzen. Wie ein Trunkener ging John
Crofton nach Hause, auf neue Mittel sinnend, dieses Weib zu gewinnen, das
er in der vergangenen Nacht mit eigenen Hnden gettet hatte. --




V.


Der Taumel, in dem Berlin seit Monaten dahingelebt, hatte seinen Hhepunkt
erreicht. Der Komet stand jetzt so nahe der Erde, da man lngst keines
Fernrohres mehr bedurfte, ihn zu sehen. Man erblickte ihn allerdings nur
des Nachts; allein nun gesellte sich zu dem intensiven roten Licht eine
Hitze, die von Tag zu Tag grer wurde. Whrend das fabelhafte Licht die
Nerven der Menschen immer mehr erregt hatte, da berhaupt keine Norm mehr
gegeben war fr den Charakter, und alle sich in einem Zustand der Raserei
befanden, brachte die intensive Wrme, welche von dem neuen Kometen
ausstrahlte, das Blut zum Sieden und erweckte in allen Lebewesen neue
Begierden, Leidenschaften und Laster.

Und doch behauptete Romulus Futurus, da der rote Komet noch durch einen
unendlichen Raum von der Erde getrennt sei.

Es ist eine neue Sonne! sagte er, ein gewaltiger Krper, der lange Zeit
hindurch, vielleicht ungezhlte Jahrmillionen und abermals Jahrmillionen am
Ende des Weltalls gestanden hat!

Bald aber zeigten sich neue Rtsel. Romulus Futurus mute zugeben, da der
rote Komet der Erde nahe genug stand, da seine Wrme den Zwischenraum bis
zur Erde lngst durchmessen haben mute. In diesem Falle aber wre bereits
jetzt die ganze Erde in Flammen aufgegangen. Vorlufig jedoch hatte das
Nahen des Kometen keine andere Folge, als da mitten im Winter die
Schneemassen schmolzen, so da die Provinzen unter ungeheuren
Ueberschwemmungen litten. In den sddeutschen Staaten z. B. wurden ganze
Stdte unter Wasser gesetzt. Durch Austreten des Walchensees wurde die
Stadt Mnchen an einem einzigen Tage vernichtet und die riesige bayrische
Hochebene verwandelte sich in einen See, in ein neues Meer.

Das waren nun Angelegenheiten, die die Berliner nicht allzusehr aufregten.
Dagegen sahen sie nicht ohne groe Besorgnis nach der Nord- und Ostsee;
denn Ausmessungen hatten ergeben, da auch diese bedeutend gestiegen waren.

Man kannte keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht als den, da die Farbe
des Lichtes wechselte. Am Tage regierte noch immer noch der weiglhende
Krper der Sonne. Sie sandte ihr Licht ber die Stadt, ein Licht, das die
Augen kaum mehr vertrugen, so da ihr Schein eine Reihe von Erblindungen
hervorrief. So sehr hatten sich die Blicke an das Glhen des roten Kometen
gewhnt. Das Auge war nmlich ganz auerordentlich empfindsam gerade fr
das Purpurlicht, und es gab Menschen, die viele Stunden oft mit brennenden
Blicken hinaufsahen zu dem roten Kometen, indem sie sein Leuchten frmlich
in sich einsogen, um schlielich davonzustrzen wie wilde Tiere, irgendeine
Schandtat zu begehen. Selbstverstndlich traf die Regierung in Berlin die
umfassendsten Manahmen, um dem Ueberhandnehmen der Verbrechen zu begegnen.
Da die vorhandenen Polizeibehrden nicht mehr ausreichten, so zog man neue
Beamte in den Dienst.

Die erste Macht wurde nun dem Kultusminister Romulus Futurus bertragen,
weil die Regierung sehr richtig von der Ueberzeugung ausging, da das
Ressort dieses Ministers sehr enge mit den ffentlichen Sitten, dem
ffentlichen Wohle und der ffentlichen Sicherheit verwandt war.

Langsam kehrten die deutschen Heere aus dem Kriege zurck. Zwar war die
deutsche Flotte im Kattegatt von der Uebermacht der englischen
Riesenschiffe dezimiert worden. Die deutsche Landarmee aber war in einem
unaufhaltsamen Ansturm in Frankreich eingedrungen, hatte die festen Pltze
mit ihren furchtbaren Geschtzen fast ohne Widerstand genommen und eine
Schlacht geliefert, die sowohl in ihren Einzelheiten wie in ihrem Ausgang
einzig in der Geschichte dastand.

In Pean war durch den deutschen Oberbefehlshaber der Friede diktiert
worden. Inzwischen hatte General Treufest durch eine ausgezeichnete
Verteidigungstaktik den Angriff englischer Kriegsschiffe in Kiel und
Wilhelmshaven mit groem Erfolge zurckgewiesen, so da die englische
Flotte einen Viertteil ihrer Schiffe durch gewaltige Sprengminen verlor. --

Allein -- obgleich in dieser Weise die deutschen Angelegenheiten aufs beste
standen -- mehrten sich doch die Stimmen derer, die eine furchtbare
Katastrophe vorhersagten, und wirklich lag etwas wie ngstliche Beklemmung,
wie ein dsterer Bann ber Berlin.

Die Siege Deutschlands hatten nmlich die Revolution, die schon
verschiedene Male ihr Haupt erhoben, nicht zur Ruhe bringen knnen. Wohl
hatten bereits dreimal durch die Straen der Welthauptstadt die Kanonen
gedonnert, und die Fackel des Brgerkrieges war entzndet worden.

Was aber jetzt kam, bertraf alle Befrchtungen.

Die Prophezeiungen, die man an den roten Kometen geknpft hatte, erfllten
sich.

Die Nachrichten, die aus Paris einliefen, waren grauenvoll; die
franzsische Hauptstadt schwamm im Blute ihrer Brger, denn auf die
Niederlagen hin, die die franzsische Armee erlitten, war dort wieder das
Standrecht der Kommune erklrt worden. In England war ein
Unabhngigkeitskrieg zwischen Irland und Grobritannien ausgebrochen, in
Amerika wtete schon seit Wochen ein wahnwitziger Kampf zwischen der weien
und schwarzen Rasse, der mit unerhrter Brutalitt gefhrt wurde, und von
Osten her wlzte sich die gelbe Gefahr heran.

Der Stein kam in Berlin folgendermaen ins Rollen:

Groe Feste waren angesagt worden, um den Sieg der deutschen Truppen wrdig
zu feiern. Diese standen noch auerhalb der deutschen Grenze, denn der
Mangel an Lebensmitteln machte sich sehr bedenklich bemerkbar, so da man
es den Besiegten berlie, teilweise die Verpflegung der deutschen Truppen
zu tragen.

Inzwischen erlitt die franzsische Volksverteidigung ihre letzten
Niederlagen und der Friede sollte festgesetzt werden.

Die franzsischen Diplomaten wuten eigentlich nicht recht, woran sie
waren, denn sie kannten weder die Stellung Amerikas, noch die speziellen
Absichten Deutschlands und Englands.

Ein Mensch kannte sie, und in seiner Hand liefen die geheimnisvollen Fden
der in Aussicht genommenen europischen Alliancen zusammen: Dieser Mann war
der Bevollmchtigte des mchtigsten Staates der Erde, Amerika: John
Crofton.

Er kam in das phantastisch eingerichtete gemeinsame Wohnzimmer seines
Freundes Romulus Futurus und seiner Gattin.

Hast du etwas vor fr heute abend, Romulus? fragte er, seine dunkel
umrnderten Augen zu Frau Fabia erhebend, die ihn keines Blickes wrdigte.
Sie ging ganz auf in der Liebe zu ihrem Gatten, und dieser erwiderte ihre
Zuneigung mit noch grerer Leidenschaft, ein Umstand, der bereits seit
Wochen Berlin mit witzigen Gesprchen versorgte, denn man hatte vorher nur
zu genau gewut, wie es um die Ehe des Kultusministers stand.

Ich habe nichts vor, entgegnete Romulus Futurus. Wenn meine Gattin
einverstanden ist, so wollen wir eine kleine Spazierfahrt im Flugschiff
unternehmen, und zwar dem roten Kometen entgegen, den ich mir gern einmal
nher ansehen wrde.

Frau Fabia klatschte in die Hnde.

Das ist eine Idee, Romulus, sagte sie und trat ans Fenster. Dort hob sie
sehnschtig die weien Arme dem Riesenstern entgegen, der purpurleuchtend
am Himmel stand.

Ich fhle Sehnsucht, unstillbare Sehnsucht, murmelte sie, und wei doch
nicht wonach, warum! Mir ist als mte ich wandern, nach irgend einem Orte,
der meine Bestimmung einschliet!

John Crofton fand eine Spazierfahrt gegen den roten Kometen nicht nach
seinem Geschmack.

Man gibt heute abend den Tannhuser, meinte er. Happy Head-Divina singt
die Elisabeth. Ihrer persnlichen Liebenswrdigkeit habe ich drei Pltze zu
verdanken, denn die Oper ist ausverkauft, wie immer. Ich hatte sicher
darauf gerechnet, da ihr mitkommen wrdet!

Frau Fabia war eine groe Musikfreundin. Sie nderte daher sofort ihren
Plan und gab ihre Zustimmung, die Oper zu besuchen. Eine halbe Stunde
spter fuhren die beiden Herren mit der Dame in die groe Oper . . .

Die Vorstellung begann pnktlich. Frau Fabia verga alles um sich her,
whrend sie der Musik Richard Wagners lauschte, der im dritten Jahrtausend
wieder Mode geworden war, nachdem man diese Liebhaberei Jahrhunderte
begraben gehabt.

Romulus Futurus aber konnte den Blick nicht von seiner Gattin wenden. Etwas
Gequltes lag in seinen Mienen, denn zu seinem eigenen Entsetzen mute er
bemerken, da die rasende Liebe, die er fr sie empfunden, immer mehr
nachlie, in dem Bewutsein, da er wiederum nicht das gefunden hatte, was
er suchte. Inzwischen verlie John Crofton die Loge und begab sich hinter
die Kulissen.

Happy Head-Divina hatte gerade nichts zu tun. Sie war bezaubernd schn in
dem weien Gewande der Elisabeth, das ihrem Antlitz einen gttlichen
Schimmer verlieh und ihre Gestalt wie in flssiges Silber tauchte.

Sie haben mich rufen lassen, Happy, begann John Crofton und trat in ihren
Ankleideraum, der aus zwei luxeris eingerichteten Zimmern bestand. Auf
einen Wink von ihr entfernte sich schweigend die Kammerzofe und der kleine
schwarze Groom.

Ich wollte gern wieder einmal ein paar Augenblicke mit dir verplaudern,
entgegnete die Sngerin. Du machst dich so selten bei mir, und man spricht
in unseren Kreisen davon, deine Liebe fr Frau Fabia habe immer noch nicht
nachgelassen!

Sie lachte dabei spttisch und bog den schnen Hals zurck. John Crofton
entgegnete rgerlich:

Mag sein! Was gehen andere Leute meine Interessen an?

Mein Gott, man spricht darber! Du bist doch immerhin eine interessante
Figur, nachdem ganz Berlin wei, da Frau Fabia dich nie erhren wird!

Er kniff die Lippen zusammen und zwischen seine Brauen grub sich eine
Falte.

Das kommt darauf an! murmelte er.

Die Sngerin trat auf ihn zu, schlang ihre Arme, die nach feinem Puder
dufteten, um seinen Hals und flsterte:

Und fr mich, John, hast du gar nichts mehr brig? Liebst du mich wirklich
nicht mehr? Hast du mich ganz vergessen?

John Crofton log nicht, als er sie auf seine Knie niederzog und mit
verschleierter Stimme entgegnete:

Nein, nein! Gewi nicht! Ich liebe dich immer noch so wie frher! Aber die
Leidenschaft fr Frau Fabia hat mich, ich will es nicht leugnen, ganz
verwirrt. Ich liebe dich anders als jene, und es wird die Stunde kommen, wo
ich wieder ganz und gar zu dir zurckkehre!

Mi Happy Head-Divina bedeckte sein Antlitz mit glhenden Kssen, dann
drckte sie auf die elektrische Klingel und befahl, Sekt zu bringen . . .

Whrend der Inspizient verzweifelt auf dem Gange hin und her lief, voll
Befrchtung, die Sngerin mchte im nchsten Auftritt versagen, wenn sie
sich whrend der Vorstellung einem Gelage hingab, soupierte Happy
Head-Divina mit ihrem Freunde.

Sie selbst nippte nur von dem Sekt, whrend sie John Crofton immer von
neuem einschenkte. Und der trank. In ihm war ein glhendes Feuer, das er
lschen mute. Und so go er ein Glas nach dem andern hinunter und bemerkte
nicht, wie seine schne Freundin pltzlich aus einem kleinen Flschchen
einige Tropfen in sein Glas gleiten lie. --

Wie steht es denn eigentlich mit dem Friedensschlu? fragte sie pltzlich
scheinbar gleichgltig, eine Zigarette anzndend; der Rauch ringelte sich
zur Decke empor.

John Crofton, seiner Stimme kaum mehr mchtig, entgegnete:

Der Friede steht bevor, kleine Katze! Die Franzosen werden allerdings bel
abschneiden. Ja, wenn sie wten, da Deutschland von Amerika vollstndig
im Stich gelassen wird! Wenn sie wten, da Deutschland finanziell und
konomisch durch diesen Krieg vollstndig ruiniert ist, so wrden sie
allerdings kaum die Bedingungen eingehen, die man ihnen gemacht hat!

Die Sache steht also fr Frankreich weit besser, als man annimmt?
entgegnete Happy Head-Divina hastig, indem sie ihrem Freunde von neuem das
Sektglas fllte. Der Inhalt sah diesmal etwas trber aus als sonst. --

So ist es! Auch Englands Chancen sind weit grer, als die Briten
annehmen!

Und du kennst bereits alle nheren Plne?

Er lachte.

Ich habe die Entwrfe in meiner Tasche, gttliche Happy! Sprach ich doch
erst heute in langer Audienz mit dem deutschen Minister des Auswrtigen!
Ja, wenn man es so nimmt -- das Schicksal Frankreichs liegt jetzt
eigentlich ebenso in meiner Hand wie das der Briten!

Er sah nicht, da die Augen der Sngerin sich geweitet hatten. Sah nicht,
da sie ihn mit den Blicken frmlich verschlang! Er setzte das Sektglas an
die Lippen und trank es aus auf einen einzigen Zug . . .

Mi Happy begann ein anderes Thema. Sie sprach von dem und jenem, bis John
Crofton sich endlich erheben wollte. Aber es ging nicht. Seine Glieder
waren wie Blei, sein Atem ging schwer, und so krampfhaft er auch die Augen
zu ffnen versuchte, ebenso unwiderstehlich fielen sie ihm zu.

Also du trgst die Entwrfe bei dir! meinte Mi Happy pltzlich, indem
sie wieder auf das alte Thema zurckkam. Mit einem Blick, in dem sich nicht
die geringste Teilnahme spiegelte, der so kalt war wie Eis, beobachtete sie
die vergeblichen Anstrengungen ihres Freundes, der Betubung zu entgehen.

Die Worte der Sngerin drangen wie aus weiter Ferne an sein Ohr. Ohne bei
klarer Besinnung zu sein, entgegnete er dumpf:

Ja, ja, so ist es! Aber ich mchte mich jetzt -- ich mchte mich --
entfern --

Er konnte das Wort nicht aussprechen. Die Hnde, die sich gegen einen Stuhl
gesttzt hatten, fielen schlaff herab, und John sank in das groe
Eisbrenfell.

In diesem Augenblick tnte hastiges Klopfen an der Tr. Der Inspizient
steckte den Kopf herein und rief:

Schnell, es ist die hchste Zeit, Mi Head-Divina! Ihr Stichwort fllt in
einer Minute!

Sie nickte lchelnd und drckte auf eine zweite Klingel. Augenblicklich
strzte der Groom herbei.

Laufe in die Kanzlei, mein Junge, und benachrichtige Dr. Diabel, der sich
zufllig dort aufhlt. Sage ihm, er mchte auf der Stelle kommen. Sir
Crofton wurde von einem Unwohlsein befallen und liegt in meiner Garderobe.

Dann ging sie hinaus, betrat im nchsten Augenblick die Bhne und sang ihre
Partie mit so bezaubernden Wohlklang, mit solcher Kraft und Frische, da
mitten in die Szene hinein ein Beifallssturm des Publikums brauste. -- --

Der Groom hatte inzwischen den Befehl der Herrin ausgerichtet. Er traf Dr.
Diabel tatschlich in der Kanzlei, wo er mit dem Direktor des Theaters
gerade eine Unterredung hatte, und fhrte ihn, der bei der Nachricht nicht
sonderlich erstaunt gewesen war, in die Garderobe seiner Herrin.

Dr. Diabel trat ein.

Du kannst gehen, wandte er sich an den Groom. La mich allein!

Der Schwarze kreuzte die Arme ber der Brust, verneigte sich und verlie
die Garderobe.

Dr. Diabel war allein mit dem bewutlosen John Crofton, dessen Antlitz gelb
war wie die Schale einer Zitrone. Das Gesicht des Arztes erschien in diesem
Augenblick noch unsympathischer, als es sonst schon wirkte. Die bleichen
Zge waren frmlich durchsichtig geworden; die groen, dunklen Augen lagen
tief in den Hhlen, und schwarze Schatten ringelten sich um seine Schlfen,
whrend das Gesicht ganz zurcktrat in den spitz zulaufenden Rahmen des
Bartes.

Dr. Diabel drehte zunchst das elektrische Licht aus, da durch den
Reflektor, der an der Decke angebracht war, nur mehr das Purpurlicht des
roten Kometen Zutritt in das Zimmer hatte. Dann schritt er auf den Tisch zu
und go das Glas John Croftons aus, in dem sich der Rest des
Betubungsmittels befand, das die Schauspielerin ihm gereicht hatte. Darauf
ri er den Bewutlosen brutal in die Hhe, warf ihn ber einen Sessel, da
auf der einen Seite die Fe, auf der anderen der Kopf und die Schultern
hinabhingen, und durchsuchte in fiebernder Eile seine Taschen.

Endlich schien er das Richtige gefunden zu haben. Im Scheine des roten
Lichts entfaltete er ein Dokument, das eine Reihe von Korrekturen aufwies
und teils in Hand-, teils in Maschinenschrift ausgefertigt war. Er lie das
Dokument in der Brusttasche verschwinden und go dann auf einen kleinen
Lffel einige Tropfen aus einem Flschchen, das er in der Westentasche
getragen hatte. Diese Flssigkeit lie er zwischen die Zhne des
Bewutlosen gleiten. Es dauerte keine drei Minuten, da schlug John Crofton
die Augen auf und sah sich mit einem mden Blicke um.

Sein Auge fiel auf Dr. Diabel.

Wo bin ich? Was ist geschehen? fragte er hastig, indem er sich
aufrichtete. Dr. Diabel mute ihn aber halten, sonst wre er zu Boden
gestrzt.

Sie leiden an Schwindelanfllen, mein Freund, meinte der Arzt. Ich wurde
eben gerufen, denn Sie sind in der Garderobe unserer gttlichen Happy
bewutlos zusammengestrzt!

Bei diesen Worten kehrte John Crofton die Erinnerung zurck. Er begriff,
was geschehen war, glttete seinen Frack und reichte Dr. Diabel die Hand.

Ich danke Ihnen! flsterte er. Ich werde mich bei Mi Head-Divina noch
persnlich entschuldigen. Und er eilte hinaus in die Loge seines Freundes
Romulus Futurus, dem er in wenigen Worten sein Abenteuer erzhlte, um sich
wegen seines langen Ausbleibens zu entschuldigen.

Gleichzeitig fiel der groe Vorhang auf der Bhne, denn die Oper war zu
Ende.

Romulus Futurus hatte kein Wort auf die Erzhlung seines Freundes erwidert.
Als sie in seiner Wohnung angelangt waren und Frau Fabia sich
zurckgezogen, sagte der Kultusminister:

Sieh einmal nach, John, ob du den Entwurf der Alliance-Plne noch in
deiner Tasche hast!

John Crofton erbleichte. Ja, er zitterte wie Espenlaub im Winde, so
furchtbar hatte ihn die Mglichkeit getroffen, die Romulus Futurus
andeutete. Hing doch nicht nur seine Stellung und seine Zukunft, sondern
sogar seine Freiheit von diesem Schriftstck ab. Die amerikanischen
Zeitungen pflegten kurzen Proze mit ihren auswrtigen Vertretern zu
machen, wenn diese sich ein Vergehen zuschulden kommen lieen. Sie wurden
ganz einfach entlassen und nie wieder eingestellt; da smtliche Zeitungen
Amerikas einen groen Ring bildeten und eigentlich nur mehr ein Trust
waren, so konnte der betreffende Journalist nie wieder hoffen, in irgend
einem amerikanischen Blatte Unterschlupf zu finden.

Die Regierung aber pflegte Leute, die ihre Interessen im Auslande nicht
gengend gewahrt hatten, obendrein noch auf einige Jahre ins Gefngnis zu
schicken. Wenn nun John Crofton gar das wichtigste Dokument, das einem
Vertreter seit Jahrzehnten anvertraut gewesen war, preisgegeben hatte, so
wre sein Schicksal wahrlich ein wenig beneidenswertes gewesen.

Darum war er so furchtbar erschrocken und kramte nun fieberhaft in allen
Taschen. Sein Gesicht berzog eine wchserne Farbe.

Romulus Futurus hatte die Brauen in die Hhe gezogen und sah ihm schweigend
zu.

Du bist sicher, John, da du den Entwurf bei dir gehabt hast, nicht wahr?

Aber ja! Ganz gewi! Ich habe mit dir doch noch in der Loge davon
gesprochen!

So hat man ihn dir gestohlen, wie ich sofort vermutet habe! Ich kenne
deine Natur, John! Dein pltzliches Unwohlsein ist verdchtig!

Nun fielen auch John Crofton alle Einzelheiten mit klarer Deutlichkeit
wieder ein und der Verdacht, da er das Opfer eines schndlichen Komplotts
geworden sei, stieg in ihm auf. Er erinnerte sich, da Dr. Diabel der
letzte war, der ihn untersucht hatte. Rasend vor Wut, ergriff er Hut und
Mantel und beschlo, sofort zu ihm zu eilen und ihn zur Rechenschaft zu
ziehen.

Aber Romulus Futurus hielt ihn zurck.

Das ist eine ffentliche Angelegenheit, mein Freund! sagte er ruhig. Ich
werde Dr. Diabel verhaften lassen!

Damit begab sich der Kultusminister ans Telephon und setzte sich mit der
Polizeizentrale in Verbindung. Dort erfuhr er, da Dr. Diabel gerade am
Krankenbett der Frstin Angelika weile, die bereits seit Wochen an einer
schweren Krankheit daniederlag. Romulus Futurus gab den Auftrag, den
Leibarzt der Frstin und des Regenten in Haft zu nehmen.

Sein Einflu war so gro, da die Polizeibehrde nicht den geringsten
Widerspruch wagte, und eine halbe Stunde spter befand sich Dr. Diabel in
dem groen Untersuchungsgefngnis am Spittelmarkt.

Der Untersuchungsrichter lie den berhmten Arzt, der eine groe Rolle in
der Gesellschaft spielte, nach Mitternacht noch vorfhren und unterzog ihn
einem langen, eingehenden und scharfen Verhr. Jedes einzelne Wort, das der
Untersuchungsrichter sprach, jede Antwort, die der Gefangene gab, wurde von
einem Phonographen selbstttig aufgenommen und durch einen eigenen Stift
auf ein Blatt Papier bertragen. So war jedes Protokoll berflssig, und
der Gefangene konnte sich nie mehr beklagen, da seine Antworten von dem
Untersuchungsrichter falsch aufgefat worden seien und sich mit dem
Protokoll nicht deckten.

Bereits um vier Uhr morgens berbrachte ein Bote das Protokoll. John
Crofton rang verzweifelt die Hnde, als er es gelesen.

Ich bin verloren! Verloren, Romulus! rief er. Dr. Diabel leugnet
hartnckig und weder die krperliche, noch die Hausdurchsuchung hat irgend
etwas ergeben, was zu seinen Ungunsten gesprochen htte!

Inzwischen hatte Romulus Futurus auch bei der Schauspielerin eine
Haussuchung vornehmen lassen, aber auch dort war der Vertrag nicht gefunden
worden. Die Situation war ernst, denn wenn es inzwischen gelang, den Inhalt
des Vertrages auf elektrischem Wege nach Paris und London zu bermitteln,
so befand sich Deutschland in einer sehr schwierigen Situation und John
Crofton konnte darauf rechnen, als Verrter nach Amerika zurckgeschickt zu
werden. Vor diesem Schicksal htte ihn auch Romulus Futurus nicht bewahren
knnen.

Der Kultusminister gab also Befehl, da alle elektrischen Stationen
gesperrt wrden und drei Tage lang unter persnlicher Kontrolle des
Ministers stnden.

Aber John Crofton war dadurch nicht mehr getrstet. Er begriff sehr wohl,
da, wenn wirklich Dr. Diabel den Vertrag besa, er oder seine
Helfershelfer schon Mittel und Wege finden wrden, ihn nach Paris zu
bermitteln. Da Mi Happy Head-Divina die Komplicin des Doktor Diabel war,
wollte John Crofton nicht glauben.

Auf alle Flle leugneten beide standhaft.

So vergingen kostbare Stunden, und das Schicksal John Croftons schien
besiegelt.

Er, der gegen seinen Freund so schmhlich gehandelt hatte, scheute sich
nicht, ihn jetzt beinahe auf den Knien zu bitten, alles zu tun, um ihn zu
retten.

Romulus Futurus verlor keinen Augenblick seine Sicherheit.

In einer Stunde werden wir wissen, wer den Vertrag gestohlen hat und wo er
sich befindet! sagte er ruhig.

John Crofton hob den Kopf.

Wie willst du das machen? Es gibt keine Folter mehr, durch die du Dr.
Diabel sein Geheimnis entreien knntest!

Ich brauche keine Folter! Merke dir, mein Freund: von jetzt ab wird es
keinen Verbrecher mehr auf Erden geben, der imstande ist, zu leugnen. Von
jetzt ab werden alle Untersuchungsrichter der Welt berflssig sein, es
wird keine Ungerechtigkeit mehr geben und jedes Verbrechen wird nach seinen
Ursachen, nicht nach seinen Wirkungen bestraft werden!

Ich verstehe dich nicht! entgegnete John Crofton.

Romulus Futurus aber befahl seinem Diener, den photographischen Apparat in
sein Coup zu bringen, fuhr mit John Crofton in das Untersuchungsgefngnis.

Die Zelle, in der man Dr. Diabel untergebracht hatte, war gro und gerumig
und besa zwei Fenster: eines, das auf die Strae zeigte, und eines, das
einen andern kleinen Raum von seiner Zelle abschlo.

Hier hinein traten John Crofton und Romulus Futurus. Letzterer stellte dort
seinen photographischen Apparat auf und schob die empfindliche
Lumen-Platte ein.

Dann setzte er den Verschlu in Ttigkeit.

Der Gelehrte hatte nmlich in den letzten Wochen seine Erfindung noch
vervollstndigt, und zwar in einer Weise, die niemand ahnte und die ohne
Zweifel einschneidend in das Rechts- und Kulturleben aller Vlker wirken
mute.

Nachdem er sich berzeugt, da die Lumen-Platte die menschlichen
Physiognomien so photographierte, wie sie waren, und nicht, wie sie
schienen, hatte er seinen Apparat kinematographisch eingerichtet und so
vervollstndigt, da er in einer Sekunde mindestens zwanzig Aufnahmen
bewerkstelligte. Auf diese Weise war die Lumen-Platte noch zwanzigmal
verfeinert worden, denn die menschlichen Physiognomien zeigten sich jetzt
nicht nur in einem bestimmten Augenblick, wie sie waren, sondern sie
zeigten sich in diesem Augenblick zwanzigmal vervielfltigt, in ihren
geheimsten Regungen, und damit war eine tatschliche Gedankenphotographie
geschaffen worden. Man brauchte sich nur wenig Mhe zu geben, nur die
einzelnen Mienenbewegungen zu studieren. Romulus Futurus hatte hierfr
bereits einen Schlssel entworfen, denn auch die Bewegungen des
menschlichen Gesichts sind bestimmten Gesetzen unterworfen. Es gibt eben
auch da nur eine bestimmte Anzahl von Vernderungen, von denen jede einen
bestimmten Gedanken ausprgt.

Nachdem also Romulus Futurus seinen Apparat in Bewegung gesetzt, trat er
mit John Crofton in die Zelle des Dr. Diabel ein; der hatte
selbstverstndlich die Vorbereitungen beobachtet, welche gemacht worden
waren, und sah so deutlich den Apparat, dessen weies Auge vom Fenster auf
ihn gerichtet war.

Er lachte, als die beiden Mnner eintraten.

Ihr werdet euch tuschen, dachte er: Von mir werdet ihr nichts
erfahren! Zu gleicher Zeit berlegte er sich, da er nun auf keinen Fall
an Mi Happy Head-Divina denken durfte, denn die Eigenschaften der
Lumen-Platte waren ihm natrlich lngst bekannt.

Ich werde weder an Mi Happy denken, noch daran, da der Vertrag sich in
ihren Hnden befindet und da sie ihn unter dem Sitzleder eines
Plschsessels in ihrem Saale verborgen hlt, dachte er. Und wirklich gab
er seinen Gedanken eine ganz andere Richtung, als die beiden Mnner
eingetreten waren und Romulus Futurus, in seiner Eigenschaft als oberster
Polizeibeamter, ihn einem eingehenden Verhr unterzog.

Dieses verlief ebenso ergebnislos wie das durch den Untersuchungsrichter
vorgenommene, und Romulus verlie mit seinem Freunde Crofton die Zelle,
whrend ein geheimnisvolles Lcheln auf den Lippen des groen
Menschenkenners lag.

Hinter ihnen gellte das Lachen des Dr. Diabel.

Ihr werdet euch tuschen, dachte der Arzt. Ihr werdet euch tuschen! Ich
habe weder an Mi Happy noch an die Plne, noch an alles andere gedacht,
und deine Maschine, Romulus Futurus, wird nichts wissen!

Romulus Futurus nahm ruhig die Lumen-Platte aus dem Apparat, nachdem er
diesen abgestellt hatte, und fuhr mit John Crofton nach Hause.

Aber ungeahnte Hindernisse stellten sich den beiden Mnnern in den Weg. Sie
brauchten nicht weniger als sieben Stunden, um in ihre Wohnung
zurckzugelangen. Inzwischen war es wieder Nacht geworden, denn die Tage
wurden immer krzer und dauerten seit einiger Zeit nur noch sieben Stunden.

In den Straen nmlich sammelten sich ungeheure Menschenmengen. Das Volk,
das zusammenlief, mit elektrischen Gewehren bewaffnet, wute eigentlich
nicht, was es wollte. Man war unzufrieden mit dem System, mit der
Regierung, mit allem. --

Aber man wute nicht, warum. -- --

Man hatte im Laufe der Jahrhunderte gelernt, da Revolutionen nichts
ndern, da alles seinen gleichen Gang weiter geht und da immer dasselbe
kommt und niemals etwas anderes.

Und doch wollte das Volk die Revolution, aufgestachelt durch das
rotglhende Licht des Kometen, dessen entsetzliches Antlitz sich frmlich
hohnlachend ber die Erde neigte.

Blut -- hie die Losung! Blut wollten sie alle! Blut sollte flieen!

Und da die Volksmassen sich selbst nicht morden wollten, so richteten sie
ihr Augenmerk auf die, welche der Pbel immer hat, auf die Reichen, auf
die Regierenden.

Htten sich Romulus Futurus und John Crofton nicht in ein Flugcoup
gerettet, so wren sie beide verloren gewesen, denn alle elektrischen
Coups auf den Straen wurden angehalten, zertrmmert und die Insassen
ermordet.

Der Augenblick fr das Losbrechen der Revolution war gnstig gewhlt
worden, denn das Militr war noch nicht da und die Truppen, die sich in
Berlin befanden, reichten nicht hin, die Aufstndischen zu zgeln, die mit
jeder Minute zahlreicher wurden.

Der im Jahre 1908 gebaute Eispalast war als Standquartier der Revolutionre
eingerichtet worden. Dort weilten die Anfhrer, unter denen sich einer
befand, der ganz besonderes Ansehen geno: Peter Cornelius, der Student.

Endlich aber gelang es Romulus Futurus doch, in seine Wohnung zu kommen. Er
entwickelte sofort die Platte und lie die Photographien
kinematographenartig ablaufen.

John Crofton beobachtete staunend die Manahmen seines Freundes, und zum
ersten Male begriff er ganz und gar dessen gigantische Gre, die
fabelhaften Vorteile, die diese Erfindung der deutschen Nation sicherte.

Folgendes erfuhr Romulus Futurus aus dem Apparat:

Ihr werdet euch tuschen! Von mir werdet ihr nichts erfahren! Ich werde
weder an Mi Happy Head-Divina denken, noch daran, da sich der Vertrag in
ihren Hnden befindet und da sie ihn unter dem Sitzleder eines
Plschsessels in ihrem Salon verborgen hlt! Ihr werdet euch tuschen! Ich
habe weder an Mi Happy, noch an die Plne, noch an alles andere gedacht,
und deine Maschine, Romulus Futurus, wird nichts wissen!

Nun wissen wir ja alles, was wir wissen wollten! sagte Romulus Futurus
lchelnd, drckte auf eine elektrische Klingel und setzte sich wieder mit
der Polizeizentrale in Verbindung.

Die Schauspielerin Mi Happy Head-Divina ist zu verhaften! befahl er.
Gleichzeitig gab er Auftrag, da ein hoher Polizeibeamter sich in die
Wohnung der Schauspielerin begeben sollte, um das Dokument in Besitz zu
nehmen und es John Crofton zurckzugeben. Inzwischen war Frau Fabia,
erschreckt durch das lange Ausbleiben ihres Gatten, in das Turmzimmer der
Sternwarte gekommen. Sie warf zufllig einen Blick auf die vielen
Photographien, die in kurzer Zeit von Dr. Diabel aufgenommen worden waren.
Kaum aber hatte sie hingesehen, da stie sie einen wahnsinnigen
Entsetzensschrei aus.

Er ist es! rief sie. Er ist ein Verbrecher! Er hat mich gettet! Dann
sank sie in Ohnmacht.

John Crofton und Romulus Futurus sahen sich entsetzt an.

Was bedeutet das? fragte John Crofton.

Wir werden es wohl bald erfahren, sagte Romulus Futurus nachdenklich.




VI.


Die Revolution hatte diesmal in Berlin mit einer solchen Heftigkeit
eingesetzt, da die Regierung wie von einem Lavastrom hinweggefegt wurde,
der sich pltzlich ber alles Leben ergiet, alles verschlingt und jeden
Widerstand verbrennt, zermalmt.

In den Straen tobte ein wahnwitziger Kampf. Es war keine Schlacht mehr, es
war ein Schlachten. Ueber allem stand der rote Komet und beleuchtete mit
seinem diabolischen Lichte diese furchtbaren Greuelszenen, die Berlin seit
seinem Bestehen noch nicht gesehen hatte.

Die erste Heldentat der Aufstndischen, die in groen Scharen die Straen
durchzogen und mit den Truppen der Regierung auf allen Pltzen ins Gefecht
kamen, bestand in der Erstrmung des groen Untersuchungsgefngnisses am
Spittelmarkt.

Nach kurzem Widerstand der Besatzung ergo sich die Flut der Revolutionre
in die dunklen, finsteren Gnge; da und dort lag die Leiche eines
ermordeten Aufsehers. Einige Minuten spter aber strmte die Schar der
Eingekerkerten hinaus, die Brder umarmend, die ihnen, den Verbrechern, die
Freiheit wiedergegeben hatten.

Auch Dr. Diabel befand sich unter ihnen. Nachdem er dem Fhrer des Trupps
die Hand gedrckt, eilte er, ohne sich einen Augenblick aufzuhalten, in das
Gemach der kranken Frstin Angelika und nahm dort seinen Platz als Arzt und
Wchter wieder ein.

Berlin glich in wenigen Stunden einer belagerten Festung. Die Straen waren
rter noch von Blut, als von dem Lichte des Kometen. Die Brger hatten ihre
Huser versperrt, aber die Aufstndischen schlugen die Tren mit Aexten
ein, zerrten die Frauen auf die Straen, warfen die Kinder in die
aufgepflanzten Bajonette und mordeten die Mnner.

Die, welche auf den ersten Alarmruf hin teils unter die Fahnen der
Regierung, teils unter das Banner des Aufstandes geeilt waren, kmpften mit
einer Erbitterung, die unbeschreiblich war. Durch die Friedrichstrae zogen
etwa dreitausend Revolutionre unter der Fhrung Peter Cornelius, des
Studenten.

Er war einer der Ueberzeugtesten, einer von denen, die bestimmt wuten, da
die Natur sich ndert, wenn man Blut vergiet, da die ganze Welt sich in
ihrem Laufe umdreht und verkehrt um die Sonne gehen wird, wenn man die
Reichen beseitigt und an Stelle derer, die bisher regiert haben, andere
setzt. -- --

In den Augen des Peter Cornelius glhte ein verhngnisvoller Wahnsinn.
Trunken von einem Rausche, der weder durch den Alkohol, noch durch das
Blut, sondern einzig und allein durch die Purpurfluten des roten Kometen
hervorgerufen war, schwankten seine Genossen durch die Straen, mordeten,
schndeten, begingen Exzesse der Tollheit und riefen die Freiheit aus.

Da begegnete ihnen ein starker Trupp von Soldaten. Diese waren bedeutend in
der Ueberzahl, und die Revolutionre verlangten von ihrem Fhrer, da er
sie zurckfhre, denn ein Kampf mute zu Ungunsten der Revolutionre enden,
da die Bewaffnung des Militrs eine weitaus bessere war.

Auf einem elektrischen Karren, den die Soldaten in der Mitte mit sich
fhrten, stand mit gefesselten Hnden ein Weib.

Ihre Arme lagen auf dem Rcken; das schwere goldene Haar hatte sich gelst
und flo in langen Wellen ber ihre Schultern, von denen das weiseidene
Kleid teilweise in Fetzen herabhing. Ihre Lippen glhten wie Purpur, und
ein hhnisches Lcheln leuchtete aus ihren Augen.

Als die Soldaten und die Revolutionre einander so nahe gekommen waren, da
sie sich verstndigen konnten, blieb Peter Cornelius pltzlich wie
angewurzelt stehen.

Er hatte die Gefangene erkannt. Noch war nmlich der Sieg der Revolutionre
lange nicht entschieden und man war bemht, die Verbrecher, deren man
habhaft werden konnte, unter starker Militreskorte wieder in das Gefngnis
zurckzufhren.

Happy Divina! murmelte der Student, zu den Waffen greifend.

Auch sie hatte ihn gesehen und erkannt, und whrend die beiden feindlichen
Trupps einander zornglhend gegenberstanden, whrend das Entbrennen des
Kampfes und Mordens nur noch von Sekunden abhing, rief Happy Divina:

Ei, sieh an! Peter Cornelius, der Held! Habt Ihr Euch endlich aufgerafft?
Habt Ihr diese Barbaren niedergeworfen? Da seht her, was sie mit mir
gemacht haben!

Und sie, die Tausende und Abertausende von Menschen durch ihre Stimme in
einen Rausch der Begeisterung versetzt hatte, hob ihre Arme etwas vom
Rcken ab, und man sah die weien, leuchtenden Hnde zwischen dicken
Stricken.

Dieser Appell entflammte Peter Cornelius zu wahnsinniger Wut gegen die,
welche dieses schne Weib brutal ins Gefngnis fhren wollten. Liebte er
doch Happy Divina seit langer, langer Zeit! Aber wie htte Peter Cornelius
es jemals wagen drfen, sich der Sngerin, die von den hchsten
Wrdentrgern das Reiches verehrt wurde, zu nhern? Er, der arme Student,
der seinen ersten Studien bei Dr. Diabel oblag!

Die stolze Sngerin, die gefeiert wurde gleich einer Knigin, wrde nicht
wenig gelacht haben ber den armen Studiosus, htte er ihr seine Liebe
erklrt. Aber jetzt, in diesem Augenblick, da die Welt unterzugehen drohte,
jetzt war alles anders geworden! Die Ersten waren die Letzten und die
Letzten waren die Ersten geworden! Hier stand Peter Cornelius an der Spitze
seiner todesmutigen Schar, die bereit war, ihr Leben in die Schanze zu
schlagen.

Und pltzlich war fr Peter Cornelius die Devise gegeben:

Die Freiheit, fr die er sein Leben aufs Spiel setzte und hundert andere
nach sich zog, erschien ihm leibhaftig in der Gestalt dieser Verbrecherin,
die seit langer Zeit im Dienste auswrtiger Staaten als Spionin stand, da
ihre groen Einnahmen nicht hinreichten, ihr wahnsinniges Bedrfnis nach
Luxus und Reichtum zu befriedigen.

Peter Cornelius entri dem Arbeiter, der neben ihm ging, die Fahne und
strzte sich mit dem Rufe:

Fr Happy Divina und die Freiheit! mitten in die feindlichen Soldaten.
Von Begeisterung trunken, folgte ihm der Schwarm, und in einem einzigen
Anprall wahnsinniger Wut hatten sie eine Bresche in die Reihen der Soldaten
geschlagen und waren bis zu dem Wagen vorgedrungen, auf dem die Gefangene
gefesselt stand.

Peter Cornelius schlug mit einem elektrischen Sbel nicht weniger als vier
Soldaten nacheinander nieder, zerri die Fesseln, welche die schnen Hnde
der gttlichen Sngerin zusammenhielten, hob sie vom Wagen und schleppte
sie, ihren Leib mit dem linken Arme umfassend, mit dem rechten kmpfend,
aus der Reihe der Soldaten . . .

Die waren zuerst unter dem wtenden Anprall der Revolutionre
zurckgewichen. Dann aber hatten sie sich rasch gesammelt, und whrend die
vordersten sich niederwarfen und eine furchtbare Salve gegen die Feinde
abgaben, ffnete sich zu gleicher Zeit die Mitte ihrer Reihen; Geschtze
wurden aufgefahren, deren erste Schsse allein etwa fnfzig der Feinde
niederrissen.

So gro zuerst der Todesmut der Revolutionre gewesen war, ebenso gro war
die Panik, die diese fhrerlosen Menschen ergriff, als sie anstatt Brot
Bleikugeln erhielten. Whrend jeder Fhrer der Revolutionre seine eigenen
Zwecke verfolgte, der eine Macht, der andere Ehre, der dritte Ruhm, der
vierte persnliche Interessen, whrend der fnfte hoffte, durch den
Aufstand Gold zu sammeln, und whrend der sechste einer Verbrecherin wegen
dreitausend Menschen in den Tod fhrte, dachte die groe Masse nur an das
eine Ideal, das sie mit der Freiheit verwechselte: Brot!

Sie fluteten vor dem furchtbaren Gegenangriff der Soldaten zurck, wurden
zersprengt, niedergeschossen, zertreten, dezimiert, und hchstens
dreihundert waren es, die Peter Cornelius folgten, der in seinem linken Arm
immer noch gleich einer weien Fahne den schlanken Leib der Sngerin trug.

Die Strae war von Soldaten abgesperrt. Aber sie fanden einen neuen Ausweg,
ber den sie auf vielen Umwegen in die Potsdamerstrae gelangten.

Dort hatten die Revolutionre Barrikaden gebaut, und ein furchtbarer Kampf
um die Oberherrschaft in Berlin war entbrannt.

Inzwischen war die Farbe des Kometen dunkelrot geworden wie Burgunder. Die
Nacht war erfllt von einer unertrglichen Hitze, die von Stunde zu Stunde
zunahm und den Wahnsinn der Menschen erhhte.

Peter Cornelius hatte die Gerettete hinter einen Steinhaufen gezogen. Da
augenblickliche Ruhe eingetreten war, fand er Zeit, sich mit ihr zu
verstndigen.

Sie sah ihn lchelnd an, ihre Lippen schimmerten wie Blut. Sie reichte dem
Studenten die Hand und sagte:

Wie soll ich Ihnen danken, da Sie sich meinetwegen solchen Gefahren
aussetzten!

Peter Cornelius schaute lange in ihre Augen und hielt ihre Finger
umschlossen.

Wre es Ihnen nicht mglich, mich in meine Wohnung zu bringen? flsterte
sie.

Er schttelte den Kopf.

Das ist unmglich, Mi Head-Divina! Das ist ganz unmglich! Sie mssen
hier bleiben und jetzt mit uns fr die Freiheit und fr eine goldene
Zukunft kmpfen!

Die Sngerin schnitt eine Grimasse.

Was soll ich tun? Sie werden doch nicht denken, da ich einen von euren
schmutzigen Sbeln angreife oder gar ein Gewehr abschiee? Warum denn?
Wegen eurer Dummheiten?

Cornelius sah sie mit groen, flammenden Augen an.

Unsere Dummheit hat Sie gerettet! sagte er zornig. Sie zuckte die
Achseln, lchelte und entgegnete:

Sie irren, Peter Cornelius! Ihre Sinnlichkeit war es, die Sie Ihr Leben in
die Schanze schlagen lie!

Gut, nennen Sie es Sinnlichkeit! schrie er, trunken vor Wut und vor
Leidenschaft. Ich liebe Sie! Ich liebe Sie so rasend, wie nie ein Weib
geliebt wurde, und ich verlange, da Sie mein werden!

Dabei schlang er seine Arme um ihre weie, feine Gestalt und versuchte,
seine Lippen auf die ihrigen zu pressen.

Happy Head-Divina empfand einen furchtbaren Ekel. Sie stemmte die beiden
kleinen Fuste gegen die Brust des Studenten und stie ihn zurck.

Sind Sie wahnsinnig? Ich mag Sie nicht! Ich hasse Sie!

Peter Cornelius taumelte zurck, whrend um ihn und die Sngerin wieder die
ersten Flintenschsse krachten.

Sie lieben mich nicht? Sie hassen mich? Aber ich liebe Sie! Und eher werde
ich Sie tten, ehe ich erlaube, da Sie einem andern angehren!

Sie sind ein Narr! entgegnete die Sngerin nun ernstlich bse, indem sie
sich mit unruhigen Augen umsah; denn eben strzte neben ihr ein
Revolutionr zu Tode getroffen nieder und krampfte die Hnde im letzten
Todeszucken.

Sie sind ein Narr, Peter Cornelius! Fhren Sie mich sofort hinweg!

Er lachte

Es gibt keinen Ausweg mehr, und wenn Sie etwas retten kann, so ist es nur
meine Liebe!

Damit hielt er sie mit dem linken Arm fest und scho mit dem rechten das
Gewehr auf einen Soldaten ab, dessen Helm ber der Spitze der Barrikade
sichtbar wurde.

Die Sngerin, erschreckt ber die Leidenschaft des Studenten, ri sich los
und kletterte mit auerordentlicher Leichtigkeit und Behendigkeit ber die
Trmmer der Barrikade, entschlossen, zu den Soldaten hinabzuspringen und
dort Hilfe zu suchen.

Sekundenlang sah ihr Peter Cornelius nach. Seine Augen waren
blutunterlaufen, auf seinen Lippen stand Schaum.

Da, als sie gerade den Kamm der Steinburg erreicht hatte, als sie gerade
die Arme ausbreitete, um zu den Soldaten hinabzuspringen, ri er sein
Gewehr an die Wange und scho sie durch dem Rcken.

Sie warf die Arme in die Luft, und whrend ber ihre Lippen und ber das
Kinn Blut rann, fiel sie rckwrts hinab und blieb verblutend liegen
. . . .

Peter Cornelius aber strzte sich wie ein Tier in den Kampf und focht so
lange, bis er, von Stichen und Kugeln durchbohrt, sterbend ber die letzten
Steine sank, die von der Barrikade brig blieben, indes die Soldaten die
Revolutionre zurcktrieben. So tobte und wtete in allen Straen und
berall der Kampf. Immer unertrglicher wurde die Gluthitze, die sich ber
Berlin verbreitete, und schlielich begriffen alle, was da und dort ein
verzweifelter Mund ausschrie:

Wir stoen mit dem roten Kometen zusammen! Die Welt geht unter!

Mit derselben Schnelligkeit, mit der der brudermordende Kampf begonnen
hatte, wurde er beendet. Die Panik, die der rote Komet pltzlich
hervorrief, in dessen purpurnes Glutauge man jetzt blicken konnte,
vershnte die Menschen, die sich eben noch bekmpft hatten, wie die Tiere.

Soldaten und Revolutionre, Frauen und Kinder, hohe Staatsbeamte und
Arbeiter, kurzum alles, was in Berlin lebte, wlzte sich als ein groer,
dunkler Haufen der Sternwarte des Romulus Futurus entgegen, von dem man
halb drohend, halb bittend Rettung vor dem roten Kometen forderte.

Romulus Futurus stand auf seinem Turm und beobachtete das Herannahen des
verhngnisvoll Sternes. Er sah die Menschenmassen, die sich der Sternwarte
nherten, er wute, was sie forderten und verlangten, aber er beachtete sie
kaum.

Wir werden noch zehn Stunden Zeit haben, bis der Zusammensto erfolgt!
sagte er zu sich selbst. Noch ist es nicht sicher, ob berhaupt die
Katastrophe hereinbricht; denn nach meiner Berechnung gleitet der Komet
augenblicklich neben uns. Es ist, als sei er von der Geschwindigkeit der
Erdumdrehungen erfat und mitgerissen. Vielleicht ist die Anziehungskraft
der Erde nicht stark genug, vielleicht geht das Letzte vorber!

Und er berechnete weiter, da dieser rote Komet unmglich die Kraft einer
Sonne haben knnte, denn sonst wre lngst die ganze Erde geborsten.

Die furchtbare Hitze, die sich ber Berlin ausbreitete, stand gleichwohl
nicht im Verhltnis zu der Gre des Kometen. Romulus Futurus berechnete
weiter, da der Komet selbst vielleicht kalt war, da sich auf ihm
ungeheure Eiswsten befanden. Aber er schien umgeben zu sein von einem
Riesengrtel von Elektrizitt, die diese furchtbare Hitze und das rote
Purpurlicht hervorrief.

Rot ist die Farbe, deren Strahlen unter allen Lichtstrahlen am schwchsten
gebrochen werden, sagte er zu seinem Freunde John Crofton, der bald zagend
und angstvoll zu dem roten Kometen emporblickte, bald auf die Straen
hinabsah, die von dem Lrm und von dem Geschrei der Menschen erfllt waren.

Die Lnge der Wellen, die die roten Strahlen verursachen, ist grer als
die aller brigen Strahlen; die Anzahl der Schwingungen, welche sie in
einer Sekunde vollbringen, ist dagegen die kleinste, etwa vierhundert
Billionen in der Sekunde. Dadurch ist die intensive Kraft gerade der roten
Farbe erklrt. Ich glaube, da das Purpurlicht durch Elektrizitt
hervorgerufen wird, die den roten Kometen umgibt. Wir haben jedenfalls eine
ganz hnliche Erscheinung vor uns, wie bei dem Polarlicht, das in der Hhe
nach Breiten abfliet, um sich schlielich allmhlich dort auszugleichen,
wo die Luft trockner wird. Dieselbe Erscheinung haben wir in tieferen
Breiten, nur zeigen sich die elektrischen Wellen dort nicht als Licht,
sondern als Gewitter.

Denke dir das Polarlicht billionenmale vergrert, in seiner Kraft, dazu
weit intensiver leuchtend durch den elektrischen Strom, welcher rund um den
Kometen herumluft, und du hast eine sichere Erklrung fr das rote Licht
dieses Sternes.

Romulus Futurus wurde in seinen Ausfhrungen durch die Volksmenge
unterbrochen, die strmisch Schutzmaregeln gegen den roten Kometen von ihm
verlangte.

Der Kultusminister erklrte, er werde alles tun, um Berlin vor dem
Untergange zu retten.

Und er gab einen seltsamen Befehl. --

In der Mitte der Stadt, wo das Schlo und alle die vornehmen Gebude lagen,
drngte sich das Volk zusammen. Dort wurde auf den Befehl des Romulus
Futurus alles zusammengetragen, was Berlin an Gummi und hnlichen Stoffen
besa. Aus diesen Materialien wurden Schutzwnde gebildet, an denen die
elektrischen Wellen des roten Kometen, die sich als rote Lichtflut dem Auge
zeigten, abprallen sollten.

In der Tat zeigte sich, da die Wirkung des Lichtes da sofort aufhrte, wo
die Menschen sich hinter solchen Gummiwnden verbargen, denn die
Elektrizitt prallte wirkungslos an diesen Schutzvorrichtungen ab.

Was aber halfen diese Maregeln, die den Anstrengungen eines Ameisenhaufens
gegen einen Taifun gleichkamen, gegen die furchtbaren Stunden, die jetzt
folgten!

Der rote Komet prete sich frmlich an die Erde heran, und jede Stunde,
jeden Augenblick erwartete man den Zusammenprall.

Mit dem herannahenden Untergang der Welt zeigten die Menschen sich
pltzlich so wie sie waren. Die einen, die bisher unter der Maske der
Tapferkeit paradierten, wurden feige wie Hynen, andere, die nie aus dem
Dunkel ihrer Bescheidenheit hervorgetreten waren, verrichteten Wunder des
Mutes und der Arbeit. Alles, was lebensfhig war, das Militr, die
Arbeiter, die eben noch gegen die Obrigkeit gefochten, die hchsten
Staatsbeamten und die niedersten Bewohner Berlins schafften fieberhaft an
der Gummimauer, welche sie vor dem letzten Untergang retten sollte. Aber
die Manahmen des Kultusministers erwiesen sich gleichfalls als vollstndig
unzulnglich, denn bald schmolz der Gummi unter der fabelhaften Hitze, die
von Stunde zu Stunde wuchs. Die Nacht hatte sich zum Tage gewandelt und der
ganze westliche Himmel schwamm in einem Meer von purpurnem Feuer. Myriaden
von den verschiedensten Farbentnen, angefangen vom blassesten Rosa bis
hinauf zum tiefsten Burgunder, schwammen am Himmel. Schlielich glitten sie
zusammen, zerschmolzen, vereinigten sich, und das ganze Firmament war ein
einziges Chaos von Blut und Flammen.

Der Schrecken, der die Menschen ergriffen hatte, war unbeschreiblich.
Hunderte und Tausende flchteten sich in die Kirchen. Der Dom im Lustgarten
war besetzt von Verzweifelten. In der franzsischen Kirche am
Gendarmenmarkt wurde ein Tedeum abgehalten. Hunderte wieder wurden in ihrer
Angst auf die Friedhfe getrieben, als knnten sie Trost oder Hilfe bei den
Verstorbenen finden. Auf dem Luisen- und dem alten Sophienkirchhof drngten
sich die von wilder Panik Erfaten ebenso wie auf dem neuen Gottesacker,
der sich bis Freienwalde ausdehnte. Die wenigsten fanden den Mut, in den
groen Bauten, die bisher weltlichen Zwecken gedient, Zuflucht zu suchen.
Und doch war es das klgste, und die, welche im kniglichen Schauspielhaus
Zuflucht gesucht hatten, waren wenigstens in den khlen Hallen halbwegs
geschtzt gegen die hllische Hitze, die in den Straen brtete. Viele
strzten in die Keller, um dort fr kurze Zeit Khlung zu finden. Die
meisten aber mieden, aus Furcht vor einem Erdbeben, die Huser und tobten
durch die Straen.

Pltzlich schrie die Menge auf.

Auf dem kniglichen Schlosse, das von Tausenden umlagert war, stieg
pltzlich eine Feuersule kerzengerade zum Himmel empor, oder besser, sie
war von dort gekommen und stand nun drohend und purpurrot auf dem Dache. Zu
gleicher Zeit strzten mehrere Soldaten tdlich getroffen zu Boden. Im
ersten Moment hatte niemand begriffen, was geschehen war, als sich aber die
Erscheinung wiederholte, da wuten die Ingenieure sofort Bescheid.

Ein Haus ging sogar in Flammen auf. In ein zweites fuhr der Strahl und
ttete beinahe alle Bewohner, whrend zu gleicher Zeit die Flammen aus den
Fenstern schlugen.

Auf dem Schlosse war es eine Kupferstange gewesen, die den elektrischen
Blitz angezogen hatte. Die Helme der Soldaten boten gleichfalls fr die
elektrischen Strme, welche die Atmosphre erfllten, einen willkommenen
Sttzpunkt, bis das Militr verzweifelt die Kopfbedeckungen abri und von
sich warf, die Gewehre und Sbel zerbrach und auf die Strae schleuderte.

Pltzlich hrte man die Signale der Feuerwehr. Nicht weniger als zehn
Huser brannten im Zentrum der Stadt. Die Soldaten muten Hilfe leisten,
und alle anderen Menschen legten Hand an, um wenigstens fr den Augenblick
die furchtbare Situation zu vergessen.

Alles ging in Flammen auf, was von einem der elektrischen Funken ergriffen
wurde, die wie Glhwrmer die in Purpur getauchte Nacht durchschwirrten.

Im Westen zog sich ein Streifen von so intensivem Rot, da man im ersten
Augenblick glaubte, dort stnde schon die ganze Welt in Flammen. Es sah
nicht anders aus, als sei die Erde dort, wo sie endete, in Blut getaucht,
oder als schwimme sie in einem Meer von Glut.

Die Huser erhitzten sich, und die Menschen sprangen laut schreiend auf die
Strae hinaus, whrend die Fenster barsten und die groen Auslagen der
Lden splitternd und krachend zusammenfielen.

Gebete, in wahnsinniger Angst hinausgeschrien, stiegen zu dem roten Kometen
empor. Furchtbare Flche wurden gegen diese neue, gigantische rote Sonne
ausgestoen, die drohend und schrecklich ber der Erde stand.

Pltzlich strzten mehrere Huser ein. Sie begruben Hunderte von Menschen
unter sich, denn zu damaliger Zeit waren die Gebude in Berlin nach
amerikanischer Art teilweise zu einen Hhe von zwanzig Stockwerken
ausgebaut. Ihre Gerippe bildeten groe Eisengerste, die sich unter der
Glut, die auf den Husern lag, erhitzten, die Holzverkleidungen der Gebude
selbst in Brand setzten und sich teilweise zusammenbogen wie Weidenruten.

Die Straen waren erfllt von tausendstimmigem Wehgeschrei, Klagen und
Rufen. Sterbende chzten, Verwundete sthnten und wimmerten, und die jeder
Vernunft baren Menschenstrme wlzten sich ber Tote und Verwundete hinweg,
zerstampften sie, zertraten sie, flchteten hierhin, dorthin, und konnten
doch dem Verderben nicht entrinnen, das von dem Kometen auf die Erde
niederkam.

Zwischen dieses Chaos von Verwstung und Irrsinn hinein drang das
Geschmetter der Militrmusik; die Soldaten wurden durch die eiserne
Disziplin ihrer Offiziere zusammengehalten und versuchten, so gut es ging,
die Ordnung aufrecht zu erhalten. Schaurig schollen die Signale der
Feuerwehr, die mit verzweifelter Energie kmpfte, den Untergang Berlins zu
verhten.

Eine dicke Ru- und Rauchwolke lagerte sich ber die Stadt. In manchen
Straen war es so arg, da die Menschen nicht mehr atmen konnten und
Hunderte erstickten, ehe sie einen rettenden Ausweg fanden.

Flimmernd lag der rote Rauch in der Luft; die Atmosphre erhitzte sich
immer mehr und mehr. Ueber der Spree lagerte die Wolke am dichtesten, denn
die hlzernen Schiffe hatten Feuer gefangen, und brennende Khne trugen die
Flammen den Flu entlang.

Der ganze Westen war eine einzige helle Glut. Die Straen waren gefllt mit
Toten, die regungslos auf dem erhitzten Pflaster lagen.

Um das Unglck noch grer zu machen, erhob sich ein frchterlicher Sturm.
Rot und blulich gefrbte Wolken, mit Phosphor gefllt, trieb der Wind am
Himmel umher. Sie ballten sich zusammen zu einer dicken, schwarzen Masse,
durch die, kaum sichtbar, noch der rote Komet hindurchschimmerte. Die
Spreewasser wurden aufgepeitscht von dem Sturm, der mit Brausen, Tosen und
Zischen ber Berlin hinwegfuhr. Nebel schienen sich auf die Stadt
herabzusenken, ein roter, glhender Schleier, der die Lungen versengte und
das Atmen immer schwerer machte.

General Treufest, welcher derzeit Stadtkommandant von Berlin war, lie alle
schweren Geschtze zusammenfahren und erffnete eine furchtbare Kanonade
gegen den Rauch, gegen die Wolken und gegen den roten Kometen. Er gab sich
der vagen Hoffnung hin, durch den groen Luftdruck der Geschosse die
Atmosphre zu subern; in der Hauptsache aber war der Befehl wohl auch
kopflos gegeben, hervorgerufen durch starres Entsetzen und jene Panik, die
die klgsten Kpfe vllig besinnungslos machte.

Die Kanonade, welche in der Stadt anhob, erhhte nur das Grauen, ohne die
Kraft der Elemente eindmmen zu knnen. Die Menschen, die nicht sofort die
Ursache der Erderschtterung und des schrecklichen Getses kannten,
glaubten, ein Erdbeben sei gekommen und versuchten nun, aus den Straen
hinauszuflchten, sprangen bereinander, traten sich gegenseitig nieder,
zerfleischten sich und bildeten einen groen Knuel, ein blutiges,
schreckliches Chaos.

Mit unheimlichen Getse und furchtbarem Krachen fielen die Huser zusammen.
Ganze Stockwerke, von der Hitze beinahe geschmolzen, senkten sich auf die
unteren herab, gehalten von schweren Eisensulen, so da die entsetzten
Menschen in Wahrheit zwischen Ruinen wandelten.

Pltzlich setzte ein Regen ein, und schon wurden Stimmen der Hoffnung laut,
als die Unglcklichen erkannten, da die Tropfen, die zischend auf das
heie Pflaster fielen, selbst erhitzt waren, da die Wolken lediglich
Strme von Dampf, Glut und Gischt auf die Erde niedersandten. Durch die
Wolke von Rauch hindurch sah man blutrote Nebel, und zwischen ihnen rannten
die Menschen schreiend und keuchend hin und her, mit verglasten Augen, von
Fieber und Todesangst geschttelt.

Unter der groen Menge hatten sich auch Romulus Futurus, seine Gattin Fabia
und sein Freund John Crofton befunden. Es gab keinen Unterschied mehr
zwischen den Menschen. Die Karossen und elektrischen Equipagen lagen
zertrmmert und verbrannt in den Gassen. Die Luftschiffe, welche zuerst
versucht hatten, das Geheimnis des roten Kometen zu ergrnden, waren auch
zunchst von der furchtbaren Hitze ergriffen worden. Die Glut hatte die
Gashllen gesprengt und in Flammen gesetzt. Die Aluminiumgerippe waren
zerbrochen wie Glas und Tausende von groen Schiffen waren wie
Sternschnuppen niedergefahren, brennende, leuchtende Klumpen, von denen
sich Stoff-Fetzen und tote Menschenleiber ablsten.

Die drei gingen durch die Wilhelmstrae. Dort, wo in frheren Jahren das
Kultusministerium gestanden, erhob sich jetzt ein groes, prachtvolles
Palais, das mit vielen anderen Husern den Gefahren bis dahin entgangen
war. Die groen Tektonwnde, in die es eingefat war, hatten den
umherfliegenden Feuerfunken widerstanden.

Zwar waren alle Fenster gesprungen, aber nichts deutete darauf hin, da die
Bewohner von dem gleichen panischen Schrecken ergriffen worden waren wie
alle anderen Menschen.

Oder stand das Haus leer?

Frau Fabia, die der furchtbaren Verwstung in den Straen und der
grenzenlosen Katastrophe bis jetzt mit grtem Seelengleichmut begegnet
war, whrend John Crofton mehr tot als lebendig neben dem finsteren Romulus
Futurus herwankte, wurde pltzlich von einer seltsamen Unruhe ergriffen,
als sie dieses Haus erblickte, in dessen Nhe sie bis jetzt noch nie
gekommen war.

Sie klammerte sich mit beiden Armen an ihren Gatten und stie hastig
hervor:

Was ist das, Romulus? Was ist das fr ein Haus?

Romulus Futurus lie seinen Blick ber das Gebude gleiten.

Es ist der Palast der Frstin Angelika, erwiderte er gleichmtig und
wollte seinen Weg fortsetzen. Aber Frau Fabia hielt ihn zurck.

Angelika murmelte sie, Angelika . . . Der Name ist mir so bekannt.

Die Frstin wurde dir doch damals vorgestellt, als wir mit Doktor Diabel
und den andern in seinem Hause soupierten.

Sie schttelte den Kopf.

Davon wei ich nichts!

Romulus Futurus machte eine Handbewegung.

Verzeih', ich verga, da dir die Erinnerung an alles, was in der
Vergangenheit liegt, geschwunden ist.

Er sprach gleichgltig, als rede er mit einem vllig fremden Menschen, denn
er liebte Frau Fabia schon lange nicht mehr. Sein Wunsch stand auf etwas
anderes, auf ein Wesen, auf ein Idol gerichtet, das er nicht nennen konnte,
das ihm nur vorschwebte, auf die schemenhafte Erscheinung, die er unter
seinem Bilde kennen gelernt und die nun doch -- das stand auer Zweifel --
im Krper seiner Gattin Fabia wohnte.

Sie lie sich von dem Hause nicht fortbringen.

Es kommt mir so seltsam bekannt vor, flsterte sie unaufhrlich, whrend
ihr Blick einen eigentmlichen Schimmer annahm. Aber das ist ja mein Haus!
Das ist ja mein Palais! rief sie pltzlich, sich an Romulus Futurus
klammernd. Im nchsten Moment stie sie einen gellenden Schrei aus, sank in
die Arme ihres Gatten und deutete zitternd, whrend ihre Zhne wie im Frost
aufeinanderschlugen, zum Fensterkreuz des ersten Stockes empor.

Sowohl Romulus Futurus als auch John Crofton waren ihr mit den Augen
gefolgt.

Dort oben stand Doktor Diabel und sah hohnlachend herab. Sein Gesicht hatte
wahrhaftig die Fratze eines Teufels angenommen.

Die Welt und ihre Interessen hatten sich in den Stunden so gendert, da
John Crofton lngst nicht mehr an sein Dokument dachte. Und Romulus Futurus
wunderte sich nicht, den Gefangenen hier zu sehen, denn es war ja bekannt,
da die Revolutionre alle Gefngnisse gestrmt hatten.

Obwohl das alles nur um Stunden zurcklag, schien es doch jedem, als ob
Jahre, dazwischen liegen mten. So furchtbar waren die letzten Erlebnisse.

Pltzlich erfllte ein furchtbarer Donnerschlag die Luft. Der Himmel
glhte, ein Regen von feurigem Dampf und siedendem Wasser spritzte vom
Firmament auf die Erde nieder, und die Atmosphre war frmlich geschwngert
von Glut.

Es war unmglich, sich noch lnger auf der Strae zu halten, und Romulus
Futurus, seine Gattin Fabia und John Crofton flchteten sich in den Palast
der Frstin Angelika, der ihnen am nchsten lag, um dem Glutregen zu
entkommen.

Groe Lufthydranten fllten den Palast der Frstin Angelika mit Sauerstoff.
Romulus Futurus und John Crofton wollten sich im Vestibl aufhalten, aber
Frau Fabia drngte auf die Treppe zu.

Was willst du? fragte ihr Gatte zornig. Sollen wir uns aus dem Hause
weisen lassen? Willst du die Frstin beleidigen?

Aber Frau Fabia schien pltzlich den Verstand verloren zu haben.

Von welcher Frstin sprichst du? fragte sie mit irren, lohenden Blicken.

Von der Frstin Angelika.

Die Frstin Angelika bin ich selbst!

Romulus Futurus und John Crofton sahen sich an. John Crofton, der Frau
Fabia immer noch mit gleicher Glut liebte, dachte nicht anders, als sie
habe ber all diesen Schrecken den Verstand verloren. Das wre nichts
Besonderes gewesen an diesem Tage, wo Tausende von Irrsinnigen durch die
Straen hetzten. Romulus Futurus aber ffnete pltzlich weit die Augen und
sah seine Gattin mit einem seltsamen Blick an.

Wenn das mglich wre -- murmelte er; und um John Crofton eine Erklrung
zu geben, sagte er, von einem entsetzlichen Fieber gepackt, das hektisch
auf seinen Wangen glhte: Gehe voraus, Fabia!

Auch ohne die Erlaubnis ihres Gatten hatte Frau Fabia bereits den Fu auf
die Treppe gesetzt und eilte nun mit leichten Schritten ber die
teppichbelegten Stufen empor. Im ersten Stockwerk angekommen, stie sie die
Tr eines Zimmers auf. Von neuem aber lie sie jenen Schrei hren, den
Romulus Futurus und John Crofton bereits zweimal schon von ihr gehrt. Sie
lehnte sich zitternd in die Ecke des Zimmers, streckte beide Arme halb
abwehrend, halb beschwrend von sich und regte sich nicht; nur in den
groen Augen lag ein Grauen, das wie Irrsinn funkelte . . .

Inzwischen waren Romulus Futurus und John Crofton ihr gefolgt. Der erste
Mensch, den sie erblickten, war Doktor Diabel, der sich am Fenster
umgewandt hatte und ihnen nun mit verschrnkten Armen entgegensah, whrend
Blitze aus seinen Augen schossen.

Was wollen Sie hier? schrie er. Wie knnen Sie es wagen, in dieses Haus
einzudringen? Ich verlange Achtung vor der Frstin Angelika, vor ihrer
schweren Krankheit! Sie ringt mit dem Tode!

Romulus Futurus hatte die Brauen zusammengezogen, da sie eine einzige
dunkle Linie ber den Augen bildeten.

Es ist unntig, da Sie uns Verhaltungsmaregeln geben, entgegnete er.
Noch bin ich Kultusminister und oberster Polizeibeamter von Berlin! Noch
steht mir der Eintritt in jedes Haus frei! Die Frstin Angelika scheint mir
jedenfalls am schlechtesten aufgehoben zu sein unter Ihrer Pflege.

Doktor Diabel strzte Romulus Futurus entgegen und hob den Arm, als wolle
er sich an ihm vergreifen. Der aber packte die erhobene Hand und prete sie
mit solcher Kraft nieder, da Doktor Diabel ein leises Sthnen entfloh.

Dann wandten sich Romulus Futurus und John Crofton nach der Seite, wo ein
groes Himmelbett stand. Ein blauseidener Baldachin spannte sich darber.
Es erweckte gerade jetzt, da die Purpurglut mit furchtbarer Kraft durch die
Fenster hereinflutete, in den Mnnern ein eigentmlich frommes Gefhl, da
ihre Blicke sich an diesem blauen Atlas weiden konnten, der die ehemalige
Farbe des Himmels hatte.

Unter diesem Baldachin lag in weien Kissen eine abgezehrte, bleiche
Gestalt. Man sah, da sie schon Monate hier ruhte. Und in der Tat lag die
Frstin Angelika seit dieser Zeit in einem todeshnlichen Schlaf, aus dem
sie nicht ein einziges Mal erwacht war.

Sie bildete ein Phnomen fr die Wissenschaft, die sie nicht zu erwecken
vermochte, obwohl die Verwandten riesige Summen aufgeboten. Die Frstin
Angelika war nicht gestorben. Sie schien aber auch nicht mehr zu leben. Sie
lag regungslos da, bleich wie ein Wachsbild. Aber diese mysterise
Krankheit hatte ihre Schnheit trotz allem nicht tten knnen. Im
Gegenteil: dieser Krper schien nichts Irdisches mehr an sich zu haben. Er
glich dem eines Engels, und wenn es eine Aehnlichkeit zwischen Seele und
Krper gibt, so htte man in diesem Augenblick sicher beide nicht
unterscheiden knnen, denn die schlafende Frstin sah aus wie ein
berirdisches Wesen.

Romulus Futurus hatte kaum einen Blick auf das Lager geworfen, hatte kaum
mit den Augen die Gestalt dieses Engels umfat, als seine Brust in tiefen
Atemzgen sich hob und senkte. Seine Fuste ballten sich zusammen und die
Ngel der Finger fuhren in sein Fleisch, seine Augen rollten. Er wurde so
bleich wie das Marmorsims des Kamins; selbst John Crofton wechselte die
Farbe und starrte entsetzt bald auf Romulus Futurus, bald auf die Frstin
Angelika.

Sie ist es, sie ist es! stie der Gelehrte endlich zwischen den Zhnen
hervor. Allmchtiger, sie ist die Erscheinung aus meiner Galerie, sie ist
das Wesen, das mich in seinem Bann hlt seit vier Monden!

Und wie ein gefllter Baum strzte er an dem Bett der Frstin Angelika
nieder, umschlang den Krper mit seinen starken Armen und bedeckte, einem
Wahnsinnigen gleich, die kalten, bleichen Lippen mit rasenden Kssen.

Doktor Diabel schien nicht zu begreifen, was sich hier abspielte. Er selbst
war so verblfft, da er nicht den Mut fand, ein Wort zu sprechen, whrend
Frau Fabia, die von einem unnatrlichen Schrecken vor Doktor Diabel
ergriffen zu sein schien, immer noch in die Ecke gekauert lag und nur von
Zeit zu Zeit flchtig, wie ein scheuer Vogel, den Blick zu dem Arzte
hinberflattern lie.

Ein einziger von den Menschen, die sich in dem Zimmer befanden, begriff
auer Romulus Futurus, was hier vorging: John Crofton.

Auch er hatte auf den ersten Blick erkannt, da zwischen der Frstin
Angelika, die hier im tiefen Schlafe lag, und jener nebelhaften
Erscheinung, die die lichtempfindliche Platte in der Galerie festgehalten
hatte, eine solche Aehnlichkeit herrschte, da man beide fr ein und
dieselbe Person halten mute.

Er verstand allerdings nicht, wie dieses Rtsel sich lsen sollte, bis
Romulus Futurus, der vergeblich versucht hatte, den Krper der Frstin zum
Leben zu erwecken, pltzlich aufsprang.

Sie ist kalt, eiskalt! schrie er wie ein Rasender Und Doktor Diabel, der
es nicht glauben wollte, strzte herbei, betastete ihre Hnde, ihre Arme,
ihr Gesicht, sprang dann zum Fenster zurck und begann, ohne auf die
anderen zu achten, eine Beschwrung, die hchst merkwrdig war.

Er beschrieb ber dem Kopfe der Leblosen magische Zeichen. Man sah, wie er
seinen ganzen Willen konzentrierte. Er schrumpfte zusammen vor ungeheurer
Aufregung, seine Augen wurden starr wie schwarze Perlen; mit gepreter
Stimme sagte er:

Ich befehle dir, Angelika, zu erwachen! Du sollst erwachen! Du mut
erwachen!

Das wiederholte er in einem fort wie ein Verrckter, whrend seine Augen
irr an der Leblosen hingen. Pltzlich stie er einen Schrei aus, fiel, von
der bermenschlichen Anstrengung erschpft, zu Boden und schrie:

Es ist zu spt, zu spt! Die Seele kehrt nicht mehr in den Krper zurck!

Jetzt schien Romulus Futurus zu fassen, was hier vorgefallen war. Halb
vornbergebeugt, wie ein Riese, die Arme vorgestreckt, die Fuste geballt
nherte er sich Doktor Diabel, packte ihn mit beiden Hnden an der Brust,
schleuderte ihn hin und her und schrie:

Du hast sie hypnotisiert, Elender, gestehe! -- --

Du hast vor vier Monaten diese Unglckliche in einen magnetischen Schlaf
versetzt und hast sie nicht mehr daraus erweckt! Schurke, Hund, Scheusal,
gestehe! Gestehe, oder ich zerquetsche dich unter meinen Fusten!

Dieses Toben eines Mannes, der bis zur Stunde nie seine berlegene Ruhe
verloren hatte, gewhrte einen schrecklichen Anblick. Unter diesen Fusten,
kraftlos gemacht durch die Hitze und Flammen, die den Horizont erfllten,
sank Doktor Diabel in die Knie. Kalter Schwei stand auf seiner Stirn, und
schlotternd, im Zerrbild von Angst und Feigheit, gestand er:

Ja, ja, es ist wahr! Ich habe sie in magnetischen Schlaf versetzt, ich
habe ihr befohlen, zu schlafen, immer zu schlafen und nichts mehr zu
wissen, und nun -- nun ist es zu spt -- ich habe den rechten Augenblick
versumt -- sie ist tot, tot!

Romulus Futurus schttelte den Schwchling, da sein Kopf hin und her gegen
die Wand schlug.

Warum? schrie er mit furchtbarer Stimme, whrend der Wahnsinn aus seinen
eigenen Augen brach, warum?

Weil ich sie liebte, und weil sie gestand, da ihr Herz einem anderen
gehrte, an den sie immerfort dchte, da sie nur einen lieben knne, nur
einen . . .

Wen? Wen? Sprich!

Sie sprach von Romulus Futurus, chzte Doktor Diabel.

Romulus Futurus reckte und dehnte sich wie ein Gigant. Er war furchtbar
anzusehen, und John Crofton erkannte mit Angst und Schrecken, da sein
Freund irrsinnig geworden war.

Mich hat sie geliebt! Mich! Verstehst du, John? Crofton? Begreifst du
alles? Dieser Schurke hat die Frstin in einen magnetischen Schlaf
versetzt, und ihre Seele wandelte frei umher und flchtete zu dem, den sie
liebte, whrend der Krper hier in den Fesseln des Magnetismus lag. Ihre
Seele habe ich gesehen, und so habe ich mich in sie verliebt! Ich kann
nicht mehr leben ohne sie!

Er wandte sich um. Mit seinem breiten Krper versperrte er den Ausgang.
Dann ri er den Leichnam der Frstin Angelika aus den Kissen, hob sie in
die Luft, da das weie, seidene Nachtkleid an ihrem Krper auf den Teppich
niederflo, und rief:

Du sollst erwachen, du sollst erwachen! Ich liebe dich ja! Ich liebe dich
bis zum Wahnsinn!

Aber die Frstin Angelika erwachte nicht mehr. Zu lange hatte die Seele
gezgert, wieder in den Krper zurckzukehren. Jetzt, da die Frstin
entschlafen war, da der Krper seine Beziehungen zur Seele verloren hatte
und verfiel, jetzt gehorchte jene der magnetischen Gewalt des Doktor Diabel
nicht mehr, und der Tod des Leibes war damit unwiderruflich besiegelt.

Romulus Futurus hie den leblosen Krper in die Kissen zurckgleiten,
stellte sich breit hin und heftete sein von Wahnsinn erflltes Auge auf
Frau Fabia, die, von Furcht geknebelt, mit halb geffneten Lippen all
diesen Vorgngen gelauscht hatte.

Was gebe ich mich der Verzweiflung hin? murmelte er, whrend die
Gluthitze des roten Kometen das Zimmer durchsengte, whrend das
Todesgeschrei der Menschen von den Straen herauftnte und Beten, Flche
und Verwnschungen durch die Luft hallten.

Was zgere ich noch? Du -- du, er wandte sich an Frau Fabia, -- du bist
es und bist es nicht! In deinem Krper lebt die Seele Angelikas, und darum
kann sie nicht zurckkehren in den Leib, den ich anbete! -- -- --

Er richtete sich hher auf, erfate mit seinen starken Fusten Frau Fabia,
die leise, verzweifelte Angstrufe hren lie, schleifte sie zu sich hin und
schrie:

Gib die Seele zurck, die nicht dir gehrt! Angelika soll leben! Ich will
es! Hrst du?

Und als ihm nichts antwortete als das stumme Entsetzen der Menschen, die
sich in dem Zimmer befanden, lie er Frau Fabia pltzlich los, strzte sich
von neuem auf Doktor Diabel, zerrte ihn zu ihr hin und schrie:

Tte sie, tte sie, da ihre Seele in den Krper Angelikas zurckkehren
kann!

Doktor Diabel sank unter der furchtbaren Faust, die ihn zu Boden drckte,
in die Knie. Er htte nicht die Kraft gefunden, einen Arm zu erheben,
geschweige denn, den entsetzlichen Befehl des Romulus Futurus auszufhren.

Der aber, von wahnwitziger Wut gepackt, weil Dr. Diabel nicht sofort seinem
Befehl folgte, ri ihn in die Hhe, hielt ihn einige Augenblicke in der
Luft und schleuderte ihn mit so entsetzlicher Kraft gegen die Wand, da der
Kopf des Arztes zerschellte.

John Crofton wurde von namenlosem Grauen ergriffen. Er versuchte
vergeblich, die Tr frei zu machen. Romulus Futurus hatte seine Absicht
erkannt und fllte den Ausgang wieder mit seinem gigantischen Krper aus.

Habe ich nicht recht, John? rief er mit schauerlichem Lachen. Habe ich
nicht recht? Endlich, endlich bin ich am Ziele.

Und er beugte sich blitzschnell nieder, ergriff die Unglckliche, die vor
Entsetzen und Todesgrauen die Besinnung verloren hatte, und prete mit
seinen Fingern ihren Hals zusammen.

Das war zu viel fr John Crofton, in dem lngst aller Ha gegen Frau Fabia
gestorben, in dem die alte Liebe mit neuer Kraft emporgeloht war. Das
konnte er nicht mit ansehen. Er wurde von rasender Wut gegen Romulus
Futurus gepackt; brllend warf er sich auf den Freund, entri ihm die
Ohnmchtige und schlug ihm mit der geballten Faust ins Gesicht.

Aber strkere Mnner als John Crofton htten diesen Rasenden nicht mehr
bndigen knnen. Er griff nun den Freund an, warf ihn zurck, packte ihn
von neuem, und zwischen den beiden Mnnern entspann sich ein Ringen auf
Leben und Tod, ein qualvoller, entsetzlicher Kampf, der das ganze Zimmer
erfllte, der nahezu zehn Minuten whrte, bis Romulus Futurus den Gegner
endlich niedergezwungen hatte, bis es ihm glckte, das Messer aus der
Tasche zu ziehen.

Er stie es wohl ein dutzendmal dem Erschpften in die Brust, bis dieser
die Glieder streckte und regungslos lag in einer Lache von Blut.

Einem Tiere gleich, warf sich darauf Romulus Futurus von neuem auf Frau
Fabia und ttete sie mit eigener Hand.

So stand er stieren Blicks zwischen den beiden Leichnamen und befahl mit
lallender Stimme, da die Seele Angelikas wieder in den Krper zurckkehre.

Aber diesmal glckte das Experiment nicht.

Dieses therische Wesen, von dem man bis zu den Tagen des Romulus Futurus
nur einen unbestimmten Begriff gehabt hatte, konnte nicht in einen toten
Krper bergehen, nachdem er schon einmal in eine fremde Materie gebannt
worden war.

Die Frstin Angelika blieb tot, und Romulus Futurus stand mit gebeugten
Schultern zwischen vier Leichnamen. Inzwischen brtete drauen auf den
Straen der Tod. Purpurne Blitze zuckten nieder, die Donner rollten ber
den einstrzenden Husern, die Luft war erfllt von dem Todesgeschrei
Tausender von Menschen, bis die Nacht vorberging und der Tag anbrach. Da
lie die Hitze nach, und von Stunde zu Stunde wurde es khler in den
Straen. Hinter fahlen Nebeln verschwand der Komet mehr und mehr, und die,
welche nach jener entsetzlichen Nacht noch am Leben geblieben waren,
erkannten, da der Zusammensto zwischen dem Gestirn und der Erde nicht
erfolgt war.

Der furchtbare Stern war vorbergeglitten, vielleicht nur durch einige
Millionen von Kilometern noch von der Erde getrennt, und nun setzte er
seine Bahn fort, weiter in den unendlichen Weltenraum.

Die Erde war gerettet. Mit der Stunde, da die Gefahr vorber war, da die
Hitze nachlie und die zurckgebliebenen Menschen sich mehr auf sich selbst
besannen, mit diesem Augenblick wurden sie wieder ruhig, selbstbewut, und
erinnerten sich ihrer Zivilisation und Kultur.

Der rote Komet war erloschen fr immer. Die Menschen machten sich daran,
die Folgen dieser entsetzlichen Katastrophe zu beseitigen.

Soldaten und Feuerwehrleute eilten durch die Straen, sammelten die
Leichen, packten sie in Srge und Tcher und beerdigten sie. Man drang in
die Huser, rettete die, welche noch zu retten waren, und suberte die
Gebude von Leichen.

Das Leben begann wieder seinen gewohnten Gang zu nehmen, der Pulsschlag der
Arbeit hmmerte wieder in dem Krper Berlins. Da drangen Soldaten und
Offiziere auch in das Palais der Frstin Angelika ein und fanden die Opfer
der entsetzlichen Katastrophe, die sich dort abgespielt hatte.

Sie fanden einen Wahnsinnigen zwischen vier Leichen. Als sie in das Zimmer
traten, da wies er mit der Hand zur Decke empor: Seht ihr die kleine rote
Flamme, die gerade ber meinem Haupte steht und flackert? Seht ihr sie?

Niemand sah sie. Romulus Futurus aber erblickte sie, dieses kleine,
purpurrote Flmmchen, das gerade ber ihm stand, und er wute, da das die
Seele der Frstin Angelika war. -- Die andern aber sahen es nicht. Sie
fhrten den Wahnsinnigen gefesselt durch die Straen und brachten ihn in
eine kleine, einsame Zelle. Dort brtete der ehemalige berhmte Astronom
mehrere Tage schweigend vor sich hin. Von Zeit zu Zeit sprang er auf und
versuchte, das kleine, rote Flmmchen, das niemand sah auer ihm,
einzufangen . . .

Wenn ihm dies nicht gelang, dann warf er sich auf den Boden hin und
schluchzte und tobte, bis die Wrter kamen und ihn in Fesseln legten.

Er sieht eben immer noch die Purpurfarbe des roten Kometen, meinte der
Oberarzt der Irrenanstalt. Was ist da zu machen? Er wird nie mehr gesund
werden.

So war es auch. Romulus Futurus kam nicht mehr zu sich; vier Wochen spter
trug man ihn zu Grabe, als letztes Opfer des roten Kometen, dessen
Erscheinen er als Erster verkndet hatte. --







End of the Project Gutenberg EBook of Der rote Komet, by Robert Heymann

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROTE KOMET ***

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work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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