The Project Gutenberg EBook of Haschisch, by Oscar A. H. Schmitz

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Title: Haschisch
       Erzhlungen

Author: Oscar A. H. Schmitz

Illustrator: Alfred Kubin

Release Date: October 15, 2011 [EBook #37763]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HASCHISCH ***




Produced by Jens Sadowski





Haschisch

Erzhlungen von
Oscar A. H. Schmitz







Mit dreizehn Zeichnungen von Alfred Kubin
Mnchen und Leipzig bei Georg Mller MCMXIII














Gedruckt bei Imberg & Lefson G. m. b. H. in Berlin SW. 68.






Inhalt


Haschisch

   Der Haschischklub
   Die Geliebte des Teufels
   Eine Nacht des achtzehnten Jahrhunderts
   Karneval
   Die Snde wider den Heiligen Geist
   Die Botschaft

Der Schmugglersteig



Haschisch
      Oh! l l! que d'amours splendides
      j'ai rves! (Arthure Rimbaud).








Vorrede zur vierten Auflage


ICH wrde und knnte dieses 1897 und 1900 entstandene und 1902 zum ersten
Mal erschienene Buch -- also lange bevor der Satanismus und das groteske
Genre in Deutschland Mode waren -- heute nicht mehr schreiben, vielleicht
weil meine Phantasie in weniger bermtiger Flle blht, vielleicht weil
eine universellere Weltbetrachtung das rein sthetische Flattern von Reiz
zu Reiz etwas hemmt. Dennoch freue ich mich, dieses Buch als ein
Vierundzwanzigjhriger geschrieben zu haben. Man hat mir die Notwendigkeit
nahe gelegt, sein Neuerscheinen in Einklang zu bringen mit meinen in der
letzten Zeit gelegentlich geusserten und heftig angegriffenen Ansichten
ber die Grenzen zwischen Kunst, Sittlichkeit und Religion. Nun, ein
Kunstwerk kann, wie ja heute bis zum berdruss gepredigt wird, allerdings
in sich weder unsittlich noch irreligis sein. Vielmehr hat es als
Kunstwerk mit Sittlichkeit und Religion berhaupt nichts zu tun. Wohl aber
kann ein unsittlicher Gebrauch davon gemacht werden und beschrnkte Gemter
mgen in ihrem Glauben daran Anstoss nehmen. In diesem Buche nun unterfange
ich mich nicht, an den Grundlagen der Familie und Ehe zu rtteln, wenn ich
mir auch als Knstler herausnehme, meine Stoffe unter den Merkwrdigkeiten
zu suchen, die ausserhalb der Familie liegen. Ebensowenig drcke ich eine
Missachtung vor der Religion aus -- was ganz und gar meiner eigenen
religisen Gesinnung widersprechen wrde --, wenn ich zeige, wie eine
gotteslsterliche Schar verruchter junger Leute in dem Augenblick, wo sie
glaubt die Snde wider den Heiligen Geist zu begehen, vor der Allmacht
Gottes anbetend in die Knie sinkt. Ein Monsignore in Rom hat mir einmal
versichert, dass meine Darstellung, wenn sie auch den Teufel recht
eingehend konterfeit, in nichts gegen die katholischen Dogmen verstsst.
Ein Glubiger wird sogar von dem Gedanken erbaut sein, dass Gott die
grsste der Snden, die wider den Heiligen Geist, kaum zulsst. Immerhin
ist das Buch nur fr gebildete Erwachsene geschrieben. Sein usseres wird
es aus der Kinderstube fernhalten, sein Preis muss es fr die halbwchsige
Jugend unzugnglich machen, und sein Stil drfte kaum das Interesse der
Halbgebildeten erwecken. Damit ist den berechtigten Forderungen der
sozialen Sittlichkeit genug getan.

Ich wende mich zunchst an erfahrene Mnner. Wenn ihnen das Bchlein
solcher Ehre wrdig scheint, mgen sie es ihren Geliebten, die es doch in
dieser christlich-moralischen Welt nun einmal gibt, und deren Los ist,
ausserhalb der Schranken der gesellschaftlichen Moral in wilder Anmut zu
blhen, auf den Toilettentisch legen. Es jungen Schwestern und Tchtern zu
geben, die sich ihr Schicksal innerhalb dieser Schranken aufbauen sollen,
wre tadelnswert. Es seiner Frau zu schenken, ist meist berflssig, oft
gefhrlich, doch kommt es natrlich immer auf die Frau an.

Und dir, schne Mssiggngerin, die du zufllig durch diese Vorrede gerade
zur Lektre gelockt wirst, sage ich dies: wenn du nicht anders kannst, lies
es heimlich, so wie du dich einmal gelegentlich auf einen nicht ganz
einwandfreien Ball stehlen magst, wohin du nicht gehrst. Solange du selber
weisst, dass du nur eine Escapade begehst, deren man sich nicht rhmen
soll, um kein schlechtes Beispiel zu geben, magst du es in des Teufels
Namen lesen. Stellst du dich aber auf den Standpunkt heuchlerischer
Liederlichkeit, deren drittes Wort lautet: es ist ja nichts dabei, oder
aber, gehrst du zu jenen schwatzhaften Gnsen, die immer wieder betonen,
die Frau sei in erster Linie Mensch und von derselben sittlichen Natur wie
der Mann, dann haben wir beide uns nichts zu sagen.

Nach der Auffhrung eines Stckes von mir, welches das Don-Juan-Problem
behandelt, kam eine moderne Mutter auf mich zu und erzhlte mir, wie
entzckt ihr achtzehnjhriges Tchterchen aus der Vorstellung gekommen sei
und wie erregt man am Familientisch die von mir berhrten Fragen errtert
habe. Ich war ganz erschrocken, zumal sich mir nun das Kind selber nherte,
und warnte die gute Dame aufrichtig davor, meine Werke jungen Mdchen zu
geben. O wir sind vorurteilslos, erwiderte sie. Aber ich nicht, sagte
ich in peinlicher Verlegenheit, bitte, verhindern Sie Ihr Tchterchen, mit
mir ber mein Stck zu sprechen. Ich wsste kein Thema, das ich nicht mit
einer Frau behandeln knnte, aber zu sexueller Aufklrung fhle ich mich
nicht berufen.

Warum werden diese einfachen Fragen heute so verwirrt? Es geben auch in
einer gesund funktionierenden Gesellschaft eine Menge von Gesetzgebern und
Moralphilosophen unvorhergesehene Dinge vor. Gerade sie werden ihrer bunten
Abenteuerlichkeit wegen den Knstler besonders reizen. Sie verbieten ist
heuchlerisch, philisterhaft und ausserdem zwecklos. Darum sollen sie noch
lange nicht ffentlich ausgeschrien werden. Auch von dem Knstler ist daher
zu verlangen, dass die Form, in der er solche Stoffe behandelt, und von dem
Verleger, dass die Art, wie er sie auf den Markt bringt, die Distanzen zu
der herrschenden Sittlichkeit wahrt. Man erzhlt nicht am Familientisch,
dass man gestern mit einer interessanten Dame soupiert hat. So wird man
verhindern mssen, dass Bcher, die heikle Themen behandeln, in falsche
Hnde geraten. Ganz verkehrt, weil kunstmordend, ist das englische System,
das dem Knstler einfach die Darstellung solcher Dinge verbietet und dem
jungen Mdchen alles zu lesen und zu sehen erlaubt, statt dem Knstler die
Freiheit der Darstellung zu lassen, aber jungen Mdchen bisweilen den
Zugang zu verbieten. Die franzsische Gesellschaft war darum so frei und
geistreich, weil junge Mdchen streng ausgeschlossen wurden; die englische
ist deshalb so langweilig und monoton, weil die spinsters bei allem dabei
sein mssen.

Der Autor, der sich auf gewagte Pfade begibt, muss sich eines besonders
gepflegten Stils befleissigen und damit hat er die Pflichten der
Sittlichkeit und des Taktes erfllt. Das weitere ist Sorge der Verleger,
Buchhndler, Eltern und Vormnder.

Also, Ihr lachenden Curtisanen, Euch lege ich dieses Bchlein meiner Jugend
offen ans Herz, und Ihr, selbstsichere und kluge Damen, Euch stecke ich es
vielleicht heimlich unter das Kopfkissen!

FRANKFURT A. M., JANUAR 1913.

      O. A. H. S.




Der Haschischklub


AN einem Abend des Winters 189* befand ich mich in einem wenig besuchten
Pariser Speisehaus. Whrend ich, ohne meiner Umgebung zu achten,
ausschliesslich mit der Mahlzeit beschftigt war, hrte ich neben mir eine
halblaute Stimme, die sich an den Kellner wendete. Die trotz dem
fremdlndischen Akzent gewandte Ausdrucksweise, welche Vertrautheit mit den
Boulevards verriet, fesselte meine Aufmerksamkeit, und ich erkannte in dem
schlanken, diskret blonden, schon etwas alternden Dandy den Grafen Vittorio
Alta-Carrara. Ich beobachtete, whrend er, ohne mich zu sehen, sein Men
zusammenstellte, dass sich die vertikale Tendenz seiner Linien seit unserem
letzten Zusammentreffen noch verstrkt hatte und eine unbertreffliche
Kunst des Anzugs dieser Veranlagung durchaus gerecht wurde; die schmalen
langen Beine liess er in die schlanksten Stiefel auslaufen, whrend die
fast entfleischten Finger in spitzbogenfrmigen Ngeln endigten. Seine
dnnen Lippen, die keine Sinnlichkeit merken liessen, hatten neben dem
ennui eine gewisse Bitterkeit angenommen, die seine khle Persnlichkeit
fast menschlicher und etwas nahbarer erscheinen liess.

Ah, Sie sind in Paris, sagte der Graf und zeigte sich nur aus
Liebenswrdigkeit erstaunt, obgleich zwischen unserem letzten
Zusammentreffen und diesem Abend in Paris mehrere Jahre und Lnder lagen.

Wir hatten uns einmal in einem rmischen Salon kennen gelernt, wo wir eines
Abends nach dem Brauch des Landes, jeder mit einer Teetasse in der Hand,
zwischen seltenen Statuen eine Stunde lang nebeneinander standen. Spter
erfuhr ich, dass er einen kalabrischen Vater hatte, der ihn in einer
geheimnisvollen Schwrmerei fr die grossen, blondhaarigen Frauen des
Nordens mit einer ziemlich untergeordneten Norwegerin erzeugt hatte, die
immerhin blond und schlank genug war, um den phantastischen Sdlnder den
Duft der Freiapfel wenigstens von weitem wittern zu lassen. --

Ein anderes Mal sah ich den Grafen in einem abgelegenen niederlndischen
Museum, wo er nach den Fragmenten eines unbekannten Kupferstechers, Allaert
van Assen, suchte. Dieser Meister -- so versicherte er -- hatte in
Hllenszenen sehr sinnreiche Foltern dargestellt, die beweisen sollten,
dass der Schmerz eine gesteigerte Lust sei, dass nur trichte Menschen
nicht nach den Genssen einer ewigen Verdammnis lechzen knnten. Die
Inquisition hat diesen Satanisten, der sich nach Spanien verirrte, mit
Schneeumschlgen auf Herz und Hirn, wohlweislich und langsam verbrannt und
seine Werke vernichtet oder entstellt. -- Zum letzten Male hatte ich den
Grafen im Handschriftenkabinet einer kleinen deutschen Stadt gesehen, wo er
einen arabischen Kodex auszog, der, wie er schwur, die ganze erotische
Literatur der Europer berflssig machte.

Heute abend war Alta-Carrara wenig mitteilsam. Seine ganze Aufmerksamkeit
schien von den Speisen gefesselt zu sein, die ihn, nach seiner besonderen
Anweisung zubereitet, durchaus zu befriedigen schienen. Pltzlich
unterbrach er sich bei einer Kastaniensuppe, die ihm eine Erinnerung
wachzurufen schien:

Haben Sie nicht einmal einen Vers gemacht -- so etwas wie . . .

   . . . und eine Lust, gepflckt in tausend Lanzen,
   der sich die Seele wie aus frherm Sein
   entsinnt, verklrt mit gelbem Morgenschein
   die Tiefen, die das Leben schwarz umgrenzen . . .?

Sehen Sie, diese Lust aus tausend Lenzen, dieses Haschischparadies
darstellen, das wre grosse Kunst, aber wir alle reden nur davon, wir
schaffen es nicht. Die neue Kunst msste den Haschisch, das Opium
entthronen . . .!

Ich war berrascht. Niemals hatte ich diesen blassen Menschen so
eindringlich mit dem Ton unverkennbarer Aufrichtigkeit reden hren. Und das
geschah wegen einer Strophe, die ihn unbefriedigt liess. Ich war bisher
geneigt gewesen, ihn nur fr einen gebildeten sthetischen Dandy zu halten.
Nun aber kam es mir fast vor, von ihm einen Schrei nach der Unendlichkeit
zu hren aus jenem seltsamen Schmerz heraus, der heute manche Geister
verwirrt, die frher in gewissen feineren Richtungen des Christentums
Genugtuung fanden, vielleicht heute noch finden wrden, wenn nicht
bestimmte Kapellen (wer weiss auf wie lange) verschlossen wren. -- Ich
hatte an diesem Abend noch keine Gelegenheit gehabt, den Augen
Alta-Carraras zu begegnen und beobachtete erst jetzt jenes beinahe
angestrengte Starren, das aussermenschliche Horizonte zu berhren sich
abmht, Ausblicke in knstliche Paradiese sucht, zu denen nur die
satanischen Drogen, die der Graf bereits genannt, den bergang gestatten.
-- Wir hatten ungefhr gleichzeitig die Mahlzeit beendet, whrend der
Alta-Carrara wieder in die bewusste Zurckhaltung eines einsamen Menschen
getreten war, der glaubt sehr hflich gewesen zu sein, weil er ein paar
Worte gesprochen hat.

Ich werde diesen Abend mit Freunden verbringen, sagte er pltzlich.
Vielleicht haben Sie Lust und Zeit, an unserer Gesellschaft teilzunehmen?

Ich war wieder berrascht. Alta-Carrara kannte mich kaum. Er konnte von mir
nicht viel mehr mit Sicherheit beurteilen, als die Qualitten meines
Schneiders. Eine unberlegte Hflichkeit war diesem stets bewussten
Menschen nicht zuzutrauen. Ich musste also eine Beziehung annehmen zwischen
jener Strophe, die er vielleicht fr ein Pantakel meiner Persnlichkeit
hielt, und dem Charakter der Gesellschaft, in die er mich einfhren wollte.

Wir fuhren nach dem Viertel Batignolles. Unterwegs hoffte ich einige
vorbereitende Bemerkungen ber den Freundeskreis Alta-Carraras zu hren. Er
sprach indessen mit oberflchlicher, fast graziser Leichtheit ber die
verschiedensten Dinge, ohne gerade Dummheiten zu sagen. Ich fhlte, dass es
ihm nur darum zu tun war, ein neues Stillschweigen zu vermeiden. -- Nachdem
wir die sechs Treppen eines modernen Mietshauses erstiegen, wies man uns in
einen weiten, atelierartigen Raum. In dem dmmerigen Licht
rotverschleierter Kerzen gewahrte ich mehrere Mnner, die in bequemen, wie
mir schien, orientalischen Kleidern auf niedern Polstern lagen. Zwischen
den Ruhebetten standen Taburetts mit Nargilehs und dampfenden Duftschalen.
Ein sanfter Geruch brennender Harze vermengte sich mit dem Rauch leichter
englischer Zigaretten. An den dunkelroten Wnden hingen tiefschwarze
Radierungen und Stiche, deren kaum erkennbare Darstellungen wie die
Gesichte eines Alpdrucks auf uns niederstarrten. In den Ecken unterschied
ich zwischen fremdartigen Gewchsen altmodische musikalische Instrumente
wie seltsame Reptilien. Man bewegte sich kaum bei unserem Eintreten.
Leichte Grsse wurden getauscht. Alta-Carrara machte schweigend eine
Handbewegung, als stelle er mich vor. Dann liessen wir uns auf Kissen
nieder. Von einem zwischen uns stehenden Tischchen nahm der Graf einige
Haschischpillen und bot mir lchelnd die Schale.

Die Umherliegenden, erklrte er halblaut, befinden sich in einem Zustand
der Angeregtheit, den man nicht Rausch nennen kann. Sie haben nur ganz
geringe Dosen Haschisch geschluckt. Sie werden sie in logischen Wortfolgen
reden hren, nur vielfachere, seltsamere Zusammenhnge finden sehen, als
sie sich sonst erkennen lassen. Wenn wir Glck haben, knnen wir uns wie in
einer Versammlung pltzlich erleuchteter Knstler befinden, denen
fabelhafte Worte von den Lippen fliessen, von deren Glanz sie morgen kaum
selbst noch etwas ahnen. Andere verzichten auf den Genuss des Haschischs
und bewundern die Wirkung, die er in den brigen hervorbringt. Wer dazu
imstande ist, wird durch Musik oder seltsame Erzhlungen den Vorstellungen
der brigen besondere Richtungen zu geben suchen. Werfen Sie einmal einen
Blick durch diese offene Tr in die Nebenrume; dort befinden sich die,
welche ganz in die Abgrnde der Unbewusstheit versinken wollen.

Ich sah in der Dmmerung schlafende Menschen vor venetianischen Spiegeln
ausgestreckt.

Durch die bunten Glasblumen der Spiegel glauben sie in fabelhafte
Wasserteiche unterzutauchen, sagte der Graf. Die beiden auf Zehen
herumgehenden Mnner sind geschickte Diener, die sie gegen Klte und Durst
schtzen, da sie in ihrer Willenslhmung vorziehen wrden, die Lippen
verbrennen zu lassen, als das vor ihnen stehende Getrnk selbst an den Mund
zu fhren.

Ich beschloss gleich meinen Nachbarn durch eine leichte Haschischdosis nur
die Sinne zu verfeinern, die Hemmungsvorstellungen des oft ungerufen
ttigen Intellekts zu beseitigen, kurz, ein gesteigertes Leben zu
geniessen.

Es herrschte grosse Ruhe in dem Raum. Bisweilen fielen einzelne
franzsische Worte, deren Aussprache mir verriet, dass die Anwesenden teils
Fremde waren. Ich mochte eine halbe Stunde trumend gewartet haben, als in
einer Ecke auf einem Clavichord und einer Gambe ein altmodisches
italienisches Divertimento gespielt wurde. Ich fhlte mit besonderem
Behagen, wie diese Musik mich und die Gegenstnde rings durchdrang,
durchblutete, durchglomm. Es schien mir ganz selbstverstndlich, wie nun
alles aufglhte. Das war die eigentliche Farbe des Lebens. Vorher hatten
die Dinge geschlafen. Alles rings war leicht und vor allem sehr gtig. Die
Undurchsichtigkeit der Gegenstnde schien aufgehoben; alles war farbiges
Glas, hinter dem sich nichts mehr verbarg; die Wortfolgen, die ich hrte,
waren bestimmt und einfach, wie mathematische Stze, schienen in Zahlen
auflsbar. Mit einem Blick bersah ich Zusammenhnge, die sonst das
Ergebnis mhseliger berlegung sind; die Worte funkelten in den
verschiedenen Farben aller Sprachen. Die Silben Kirche klangen zugleich
gross und hell wie glise, misstrauisch-puritanisch wie church. Die
Buchstaben Wort enthielten gleichzeitig das talismanhnliche logos, das
runenhafte waurd, das spitze fliegende mot, die ein wenig gewichtig
aufgeputzte parole. Bei allen Silben klangen wie Untertne halbverwehte
Reime mit; ich roch, sah, schmeckte jedes Wort, ich fhlte es an wie Seide
oder Marmor; ich sah nicht mehr bloss Flchen, sondern ganze Krper von
allen Seiten zugleich. Und dieser pltzliche Reichtum der Wirklichkeit, aus
der ich keineswegs heraustrat, machte mich bersprudelnd glcklich und
dankbar, so dass ich gern anderen Leuten Gutes getan htte, gesetzt, dass
ich dabei auf der Ottomane ausgestreckt bleiben konnte. Ich war mir
brigens vollkommen bewusst, wo ich mich befand. Mir schien, ich htte eine
farbige Brille auf. Wenn ich wollte, konnte ich aber auch an den Glsern
vorbeischielen und sehen, wie unbestimmt, verwirrt und verstaubt das Leben
eigentlich ist. Ich war Herr meines Willens und konnte nach Laune die Dinge
wirklich und gefrbt betrachten.

Whrend die dunkelroten Tapeten wie Glaswnde erglhten, hinter denen
fabelhafte Sonnen in tollen Glutausbrchen versanken, erhob sich vor diesem
blendenden Hintergrund pltzlich ein Kopf, der sich so ungeheuer ausdehnte,
dass er mein ganzes Gesichtsfeld einnahm. Zwischen dem reichen rtlichen
Bart bemerkte ich feste, dnne Lippen. Das blasse Gesicht war fast starr,
und in der Erinnerung meine ich, es htte bisweilen leichenhaft grne und
violette Reflexe angenommen. Dieser Mann sagte, er sei in Deutschland
geboren, und so mge man ihm die unvollkommene Aussprache des Franzsischen
verzeihen. Seine klaren verstndlichen Worte erweckten meine Neugier.
Bewusst hielt ich mich wieder an der Wirklichkeit fest und beschloss, dem
Mann aufmerksam zuzuhren, in dem ich denselben erkannte, der vorher auf
einem Clavichord gespielt hatte. So leicht es mir auch wurde, im Geist
seinen Worten zu folgen, so froh war ich, dabei den Krper nicht bewegen zu
mssen. Er erzhlte eine Geschichte, aus der mir Bilder und Gesprche mit
einer Deutlichkeit im Gedchtnis geblieben sind, wie sie eigene Erlebnisse
selten behalten. Es ist mir gelungen, die Zusammenhnge dieser Einzelheiten
wieder zu finden:




Die Geliebte des Teufels


VOR fnfzehn Jahren trieb mich die Not, eine Kapellmeisterstelle in einer
britischen Provinzialstadt anzunehmen. Die verhltnismssig geringe Bosheit
der Menschen in meiner Vaterstadt hatte mir gestattet, ein ziemlich
zwangloses Leben mit dem Besuch der Salons zu verbinden; ja, ich durfte mir
erlauben, dorthin einen leichten Duft von draussen zu bringen und gewisse
Vorrechte eines verwhnten, unartigen Kindes zu beanspruchen. Das ist nun
ein halbes Menschenalter her. Aus dieser Umgebung sah ich mich pltzlich in
die brgerlichste englische Atmosphre versetzt, deren Charakter das Wort
respectability durchaus bezeichnet. Stellen Sie sich eine Stadt vor,
deren Huser mit einem rauchigen Schwarzrot bestrichen und durch winzige
Fenster von kmmerlicher Gotik erhellt sind. Zum ffnen werden die Scheiben
hinaufgeschoben, so dass der sich herausbeugende Kopf gewissermassen unter
einer Guillotine liegt; denken Sie sich Strassen von ungesunder, gleichsam
desinfizierter Sauberkeit, die an die kranke Fadheit gewisser nie
schweissabsondernder Hute erinnert, deren Poren gegen Ausdnstung
geschlossen sind. In diesen Strassen bewegt sich eine lautlose Bevlkerung.
Alle sind peinlich korrekt gekleidet. Die Mnner tragen Anzge von der
Farbe schmutziger oder vom Regen aufgeweichter Landstrassen. Die Gesichter
mssen einmal im Augenblick verzweifelter seelischer Stumpfheit, von einem
frchterlichen Ereignis entsetzt, stehen geblieben sein. berall glaubt man
Versteinerungen zu sehen. Keine Kaffee- und Speisehuser beleben die
Strassen, nur heftig riechende Whiskyausschnke. Meine Tage spielten sich
daher in einem boarding-house ab, an dessen Tafel sich eine Gesellschaft
sprlich blonder, lymphatischer Menschen versammelte; die roten Pusteln in
den wsserigen, bartlosen Gesichtern, die langen Gliedmassen, und besonders
die wie von einer Maschine hervorgebrachten wrmelosen Stimmen erweckten in
mir anfangs nur ein kaltes Starren. Fast den ganzen Tag wurden durch die in
ihrer Dsterkeit endlos scheinenden Gnge und Speiserume von
verschwiegenen Bedienten zugedeckte Schsseln und Platten mit riesenhaften
blutenden Braten getragen. Schon um neun Uhr morgens hatte man dicke
Ragouts und schwere Pasteten verzehrt, so dass ich mich schon frh in jenem
dumpfen Zustand befand, der einen nach zu reichlicher Mahlzeit berkommt.
Ein breidickes, schwarzes bitteres Bier lockt den gradlinig denkenwollenden
Geist in einen Sumpf. Das Blut verdickt sich bis zur Stagnation, man fhlt
das Gehirn wie eine warme schwere Masse im Kopfe lasten, in der ein
spitziges bses Ding fest steckt: der Spleen.

Meine Ttigkeit bestand in der Leitung eines nach deutschem Muster
begrndeten musikalischen Klubs, in dem sich die Gesellschaft von H.
angeblich zur Pflege klassischer Komponisten versammelte. Die eigentliche
Ursache der Zusammenknfte war jener geistlose Flirt, den das provinziale
englische Brgertum so ber alles liebt, worin es bestndig die Instinkte
verflchtigt, ohne nach strkeren Entladungen zu verlangen. Die hartnckige
Weigerung, sonst an der Geselligkeit teilzunehmen, meine ziemlich
extravaganten Halsbinden und Westen setzten bald die zweifelhaftesten
Gerchte ber mich in Umlauf. Obwohl mir, dem interessanten Fremden, alle
Huser dieser vor Neugier und Langeweile vergehenden Stadt offenstanden,
fhlte ich mich nur zu einem Kreis ein wenig hingezogen, der fr die
Gesellschaft berhaupt nicht da war, da ihm die verachtetsten Menschen
angehrten. In einem Keller der belsten Vorstadt versammelten sich nachts
die Mitglieder einer kleinen hungrigen Schauspielertruppe, deren groteske,
oft recht abgeschmackte Sitten mich immer noch mehr anzogen, als die
abgezirkelten jener blutlosen Gesellschaft. Diese Schauspieler, zum Teil
verkommene Talente, hatten sich der einzigen Panazee ergeben, die gegen den
Jammer des englischen Lebens besteht: dem Whisky. Ich verbrachte mit ihnen,
meist nchterner als sie, in dem rauchigen trben Keller eine Reihe von
Winternchten, die mich vielleicht sonst zum Selbstmord getrieben htten,
und nicht eher verliess ich die hagern, pathetischen Zecher, als bis ich
sie mit verzerrten Gesichtern in der Emphase der Betrunkenheit ihre
Lieblingsrollen durcheinander schreien hrte. Wenn ich dann, von Mdigkeit
bermannt, diese Stimmen nicht mehr ertrug, stieg ich in die reine
Winternacht empor und unterschied noch in dem ferndumpfen Geheul unter dem
harten Schnee Verse aus Hamlet und Knig Lear. Oft beklagte ich selbst
diese Ausschweifungen, die mich halbe Tage verschlafen liessen. Aber immer
wieder floh ich zu den Schauspielern; denn wenn der Abend kam, jener
feuchte neblige Abend, mit seinen Schauern der Klte und des Schreckens,
dann trat in mein Zimmer das dmmste der Gespenster, dessen Namen wir uns
schmen einzugestehen, das es besonders auf die germanischen Rassen
abgesehen zu haben scheint: die Sentimentalitt. Wie oft hatte ich die
Nachmittage ber einem Buche verbracht, das mich weit von der Wirklichkeit
entfernte, aber leise, wenn die Dmmerung kam, fhlte ich, wie sich die
feucht-kalten Hnde des Gespenstes, die zu liebkosen scheinen mchten, um
meine Stirn, ber die Augen legten und mich am Weiterlesen hinderten. Ein
Wort hatte vielleicht begehrliche Schwchen in mir erweckt und nun war ich
fr den Abend der grausamen Macht verfallen. Oder zwischen mein
Klavierspiel tnte eine gleichgltige Stimme vom Vorplatz herein, oder ich
atmete den Duft des Tees, einer Zigarette, und ich war ein Sklave der nie
in ihrer Entsetzlichkeit genannten Gewalt, denn man begngt sich vor ihr
wie ber eine ssse Torheit zu lcheln. Ich aber behaupte, dass uns dieser
hinterlistige Feind in den Rausch stsst, wenn wir gern nchtern blieben,
dass er Angst vor uns selbst, vor dem Alleinsein erweckt, denn wir wissen,
dass er dort auf den Mbeln liegt, Dfte aus gottlob vergessenen Stunden
erweckt, alberne Melodien aus dem Flgel lockt und auf den Blumen der
Tapeten Gestalten schaukeln lsst, die uns zurufen, und zwar mitleidig,
dass wir das Leben versumt haben. Wir halten das nicht aus, wir rennen
davon und alles, was uns der Zufall entgegenwirft, ist uns recht, um ber
einige Stunden hinwegzukommen. Und dieses unsinnige Wesen daheim tut dann
beleidigt, ja als verletzten wir unser Bestes, und aus Widerspruch gegen
dieses altjngferliche Gespenst Sentimentalitt besudeln wir uns nach
Krften.

Tglich wartete ich auf einen Umschwung in meinem Leben, denn ich konnte
mir nicht denken, dass diese ernsthaften, vorsichtigen Hndlerfamilien ihre
musikalischen Bedrfnisse lange Zeit durch ein so zweifelhaftes Wesen, wie
ich war, befriedigen wrden.

Eines Morgens unterbrach ein ausserordentliches Ereignis diesen Winter. Ich
erhielt einen Brief mit dem Poststempel der Stadt. Die Schrift war offenbar
verstellt. Unter der blichen steifen Korrektheit der englischen
Kalligraphie beobachtete ich eine auffallende Beweglichkeit der Zge,
phantastisch angelegte Majuskeln, die mich berraschten. Ich suchte
vergeblich nach einer Unterschrift. Das Schreiben lautete:

Zweifellos, mein Herr, sind Sie der bemerkenswerteste Mensch in H., was
brigens nicht viel heissen will. Seit voriger Woche bin ich von einer
Reise zurck und beobachte berall, dass sich die Einbildungskraft dieser
Stadt fast ausschliesslich mit Ihnen befasst. Ich habe Sie nicht gesehen,
aber man sagt mir, dass Sie totenhaft hsslich sind. Ich mchte Sie kennen
lernen. Da mich das ussere eines Menschen -- besonders der nicht
angelschsischen Rassen -- sehr leicht abschreckt, mchte ich mich mit
Ihnen unterhalten ohne Sie zu sehen; wie, das lassen Sie meine Sorge sein.
Vorlufig schreiben Sie mir nur, ob es Ihnen der Mhe wert scheint, die
Bekanntschaft einer Persnlichkeit zu machen, die Ihnen nichts anderes
verrt, als dass sie eine Dame ist. Es scheint mir der Mhe wert,
schrieb ich ohne Zgern, denn selbst ein schlechter Scherz htte meinem
Leben Abwechslung gebracht. Ich brauchte nicht lange nach der Baumhhle im
James Park zu suchen, wo ich meine Antwort niederlegen sollte.


Ich halte Sie fr klug genug, so endete der Brief, den Reiz dieses
Abenteuers nicht durch Belauern des Abholers zu stren. Sollten Sie die
Geschichte durch eine Unklugheit verderben, so htte ich eine missglckte
Unterhaltung zu bedauern.

Am nchsten Tag erhielt ich folgende Einladung: Montag nachmittag sechs
Uhr erwartet Sie Ecke Pier Road und King Street ein Coup, das Ihnen der
Kutscher auf die Parole >Miramare< ffnen wird.

In der Tat fand ich dort an dem bestimmten Tag in der Dunkelheit des frhen
Winterabends unter einem Gasarm ein Coup. Der Kutscher starrte, einer
gyptischen Basaltgottheit hnlich, regungslos vor sich hin. Auf den Ruf
Miramare sah ich ihn eine kurze automatische Handbewegung machen. Der
Wagen ffnete sich von selbst. Das elektrisch beleuchtete Innere war in
Resedafarbe gepolstert und strmte einen leichten Verbenengeruch aus.
Sofort schloss sich hinter mir die Tr und der Wagen setzte sich in
Bewegung. Auf einem Eckbrett fand ich Zigaretten. Ich wollte auf den Weg
achten, doch als ich die Vorhnge zurckschlug, bemerkte ich, dass statt
der Fenster hell polierte Holzplatten in die Wagenschlge eingelassen
waren. Zum ffnen der Tren gab es keinerlei Handhaben. Ich war also ein
Gefangener, bis es dem basaltnen Kutscher einfiele, auf den Knopf zu
drcken. Nur ein undurchsichtiger Ventilationsapparat an der Decke verband
mich mit der Aussenwelt. Die fast lautlose Bewegung der Gummirder machte
mir unmglich zu unterscheiden, ob ich ber Pflaster fuhr oder ob wir die
Stadt etwa verlassen htten. Die Fahrt dauerte erheblich lnger als eine
einfache Strecke in der kleinen Stadt; doch der Kutscher konnte ja den
Auftrag haben, durch Umwege meine Vermutungen irre zu leiten. Mein
Aufenthalt in der duftenden Helle dieses rollenden Boudoirs war indessen
durchaus ertrglich. Ich versuchte die Zigaretten, deren auserlesene
Qualitt ich feststellte. Pltzlich hielt der Wagen an. Whrend ich
draussen Stimmen vernahm, erlosch die elektrische Birne. Der Schlag ffnete
sich. Ich sah ein verschneites Gehlz, ein Stck Nachthimmel und ein
anderes Coup. In wenigen Sekunden glitt geschmeidig wie ein
fremdlndisches Tier eine schwarzgekleidete Gestalt herein, die so dicht
verschleiert war, dass ich weder Alter noch Statur erkennen konnte. Sofort
schloss sich der Schlag hinter ihr, der Wagen fuhr weiter. Das Wesen hatte
sich in der Finsternis neben mir niedergelassen. Ich beschloss, sie zuerst
reden zu lassen. Vorlufig war nichts wahrzunehmen, als das Knistern und
der Duft schwerer Seide. Dann sagte eine sichere ziemlich tiefe
Frauenstimme:

Geben Sie mir bitte Ihre Streichhlzer.

Ich fhlte ihre Hand an meinem Arm. Sie verbarg meine Zndhlzer, wie mir
schien, in ihrem Kleid.

Geben Sie mir Ihren Revolver! sagte sie darauf kurz und bestimmt.

Ihren Revolver, drngte sie.

Ich versicherte ihr, dass ich nie einen Revolver bei mir fhre, da ich mir
bei meiner Erregbarkeit mehr Unheil als Schutz damit schaffen wrde.

Ausser heute, bemerkte sie halb ironisch.

Ich hatte schlimmstenfalls einen boshaften Scherz zu erwarten, erklrte
ich, dazu htte mir dieser Stock gengt; mit Vergngen liefere ich ihn
aus.

Danke, vor einem Stock habe ich keine Angst.

Aber vor einem Revolver?

Solch ein Instrument, erwiderte sie rasch, gibt einem Abenteuer so
leicht den Anstrich von faits divers fr die Morgenzeitung.

In diesem Augenblick bemerkte ich, wie sie etwas Hartes auf das Wandbrett
legte. Leise erhob ich die Hand, um den Gegenstand zu befhlen und machte
dabei unvorsichtigerweise ein Gerusch.

Was tun Sie? fragte sie.

Ich suche meine Handschuhe.

Sofort bereute ich diese dumme Ausflucht.

Ich htte Lust, Licht zu machen, rief sie lachend, um zu sehen, ob Sie
jetzt errten. Ich kam mir vor wie ein Schulknabe.

Ich gestehe, mir eine Blsse gegeben zu haben, sagte ich, aber verrt es
nicht auch eine Schwche, dass Sie es fr ntig hielten, einen Revolver
mitzubringen, whrend ich waffenlos kam?

Insofern haben Sie sogar schon einen Sieg zu verzeichnen, antwortete sie,
als Sie mein Vertrauen besitzen. Ich glaube Ihnen nmlich, dass Sie
waffenlos sind.

Darf ich Ihnen die Hand drcken?

Damit Sie mich mit einem Mal durchschauen? Nun, ich habe Pelzhandschuhe
an. Hier haben Sie eine maskierte Hand, deren Gestalt nichts verrt.

Ich konnte bereits merken, dass ich es mit keiner Bovary zu tun hatte,
sondern mit einer ganz bewusst handelnden Frau von abgefeimter
Spitzfindigkeit. Manchmal schwieg ich minutenlang; das machte sie nervs.

Sie haben wohl heute einen schlechten Tag? fragte sie.

Im Gegenteil, den besten, seit ich in H. lebe. Und Sie?

Ich langweile mich ein wenig.

Zu Ihrer Erheiterung will ich Ihnen verraten, dass Sie in diesem
Augenblick genau dasselbe erleben, was der Mann so oft vor Frauen
empfindet. Aus Scheu vor der Banalitt frchten Sie, die notwendigen ersten
Worte auszusprechen. Ich weiss, Frauen amsiert diese Angst der Mnner
sehr, denn sie merken, dass man sie zu ernst nimmt. Sie wrden ja gar nicht
nachdenken, ob es banal ist, wenn man ber das Wetter sprche. Ich will nun
auch einmal kritiklos sein, wie eine Frau. Fragen Sie mich doch einfach,
wie es mir in H. gefllt, ob es in Deutschland ebenso schn ist . . .?

Aber Sie knnen das alles doch auch ungefragt sagen, erwiderte sie
verblfft, fast gekrnkt.

Mir kommt es ja gar nicht darauf an, zu reden, sagte ich lachend. Es
langweilt mich nicht im geringsten mit einer Unbekannten, unter der ich mir
nach Belieben eine Semiramis oder die Otro vorstellen kann, schweigend
durch unbekannte Gegenden zu rollen und ihr zu berlassen, mir die
ausserordentlichsten berraschungen zu verschaffen. Aber wenn Sie sprechen
wollen, stehe ich gerne zur Verfgung.

Ist das eigentlich eine Unhflichkeit? fragte sie naiv. Da ich Sie
selbst noch nicht kenne, finde ich es interessanter, an Cleopatra zu
denken, als an eine Gouvernante aus den Romanen von Mrs. Bradford.

Nun will ich Ihnen freiwillig die Hand geben, sagte sie pltzlich, ich
glaube, mir von dem Abenteuer etwas versprechen zu drfen.

Langsam schoben sich khle, trockene Finger auf die meinen. Ich, fhlte
eine jener schlanken, fast etwas zu knochigen Hnde mit langen, an den
Gelenken etwas ausbuchtenden Fingern, deren zitternde Beweglichkeit stets
andere Formen hervorzubringen scheint.

Glauben Sie, dass ich schn bin? fragte sie, whrend ich im Dunkeln mit
ihrer Hand spielte, die sich langsam in der meinen erwrmte.

Nein, erwiderte ich, aber Ihre Hand verrt eine Seele, die das Schnsein
berflssig macht.

Ah, rief sie, wie es schien, entrstet, berrascht und verlegen zugleich.
Sie rckte weg. Da ich mich gleich ihr schweigend in die Ecke lehnte,
begann sie wieder nervs:

Warum, glauben Sie, habe ich diese ganze Geschichte eingeleitet?

Vermutlich aus Neugier?

Vermutlich? Halten Sie mich denn fr ganz temperamentlos?

Statt einer Antwort schlang ich heftig die Arme um sie; whrend sie sich
wehrte, bahnte ich mir den Weg zu ihrem verschleierten Antlitz und drckte
meine Lippen auf die ihren. Der Widerstand wurde immer schwcher unter
einem Kuss, whrenddessen ich den Pudergeruch von nicht mehr in allererster
Jugend blhenden Wangen einsog. Ihr dnner feiner Mund jedoch hatte etwas
so naiv Anschmiegendes, dass ich den -- vielleicht irrigen -- Eindruck
empfing, als entdeckte sie zum erstenmal die Wonnen eines Kusses. Pltzlich
stiess sie mich von sich, als htte ich sie durch irgend etwas verletzt.

Sie gefallen mir nicht mehr, sagte sie kurz.

Weil Ihre Neugier sich nicht so schnell befriedigen lsst, als Sie
glaubten?

Und Sie? Sind Sie denn zufrieden?

Noch lange nicht! erwiderte ich khl.

Und das sagen Sie so ruhig?

Durchaus, weil ich der Befriedigung gewiss bin.

Das ist stark.

Finden Sie?

Ich presste sie wieder in die Arme. Sie suchte sich los zu machen.

Lassen Sie mich oder ich schelle dem Kutscher.

Schellen Sie!

Ohne dass ich eine Bewegung von ihr wahrgenommen, hielt der Wagen. Im
selben Augenblick ffnete sich der Schlag, um sie hinauszulassen und
schloss sich wieder. Die elektrische Birne erglhte, der Wagen setzte sich
in schnelle Bewegung. Ich befand mich wieder als einsamer Gefangener in der
duftenden Helle des Boudoirs. Sollte ich mir durch zu schnelles Vorgehen
das Abenteuer verdorben haben, whrenddessen ich vielleicht das Idol meiner
Trume umarmte oder eine antike Kurtisane zu mir herabgestiegen war? Am
meisten neigte ich jedoch dazu, mir eine grnugige Perverse mit kleinen
Katzenzhnen vorzustellen. Pltzlich unterbrach das Anhalten des Wagens
meine Gedanken. Der Schlag ffnete sich, ich stieg aus und befand mich an
der bekannten Strassenecke. Noch ehe ich Zeit gefunden, dem Kutscher eine
Mnze zu geben, fuhr der Wagen davon. Ich stand am Weg wie ein Bettelknabe,
der, aus einem Mrchentraum erwacht, sich in der Wirklichkeit noch nicht
wieder zurechtzufinden weiss.

Eine Woche lang mochte ich ber das Abenteuer gegrbelt haben, als mir
eines Morgens wieder ein Brief der Unbekannten gebracht wurde. In einem von
dem vorigen weit entfernten Stadtviertel wrde mich ihr Coup am nchsten
Abend um dieselbe Stunde erwarten.

Wieder war ich whrend einer halben Stunde ein Gefangener in dem hellen
rollenden Boudoir. Als der Wagen anhielt, erwartete ich eine Wiederholung
der Vorgnge des letzten Zusammentreffens. Statt dessen befand ich mich in
dem Hof eines palasthnlichen Gebudes. Vor mir stieg eine Freitreppe, die
von zwei Kandelabern erleuchtet wurde, zum Hochparterre hinauf. Oben
erwarteten mich zwei Diener, die stumm ein Glasportal ffneten, durch das
ich in ein helles, durchwrmtes Treppenhaus trat. Man schob mich
gewissermassen durch eine Flgeltr in ein dunkles Zimmer. Meine Fsse
fhlten einen dichten Teppich. Ich atmete jenen seltsamen Duft von feinem
Holz und schweren Seidenstoffen, der in ppigen, wenig betretenen Rumen
herrscht. Langsam tastete ich mich bis zu einem Sessel. Dann hrte ich, wie
an einer entfernten Wand eine Tr auf- und zugeschoben wurde.

Wo sind Sie, mein Freund? fragte die mir bekannte tiefe Stimme mit einem
Ton von Vertraulichkeit, der mich nach unserem letzten Abschied berraschen
musste. Bleiben Sie, ich werde Sie finden.

Ich vernahm, wie sie ber den Teppich herankam, dann fhlte ich ihre Hnde
in meinem Haar.

Folgen Sie mir! flsterte sie.

Wieder umschloss ich jene magere Hand, die mich fhrte. Ich atmete die laue
vertrauliche Atmosphre, die Frauen ausstrmen, welche ganze Wintertage
unter leichten Gewndern in ihren warmen parfmierten Gemchern geblieben
sind. Wir traten in ein anstossendes, sehr heisses Zimmer, worin feuchte
tropische Pflanzen leben mussten. Sie zog mich auf einen Divan. Das Dunkel
war so undurchdringlich, dass ich nicht einmal vermuten konnte, auf welcher
Seite sich die Fenster befanden.

Ich habe Sie nun gesehen, begann sie, man hat Sie mir gezeigt.

Das ist ein Kompliment, erwiderte ich.

Wieso?

Dass Sie dennoch das Abenteuer fortsetzen.

Ich finde Sie in der Tat totenhaft hsslich. Aber das ist Ihre Chance bei
mir.

Dann sind Sie ja lasterhaft.

Und das Laster, Sie zu lieben, heisst Satanismus, sagte sie leise
lachend.

Ich frchte, Ihre Lasterhaftigkeit ist nur literarisch, erwiderte ich
pltzlich skeptisch.

Das verstehe ich nicht.

Sie haben vielleicht in London oder in Paris in literarischen Kreisen
gelebt, wo es noch vor kurzem fr sehr elegant galt, seltenen Lastern zu
frnen.

Niemals. Nur Finanzleute und bestenfalls Seeoffiziere sind in meine Nhe
gekommen. Einen Teil meines Lebens habe ich in Amerika zugebracht. In Paris
war ich nie, mchte auch gar nicht hin; ich stelle es mir zu albern vor; in
London hielt ich mich nur vorbergehend auf. Mein Vermgen hat mir ein paar
Exzentrizitten gestattet, aber ich habe bis jetzt noch nicht erfahren, was
literarische Lasterhaftigkeit ist.

Um so besser, erwiderte ich, aber woher wissen Sie etwas von Satanismus?
Das Wort gehrt doch nicht in das Vokabularium amerikanischer Salons?

Es macht mir Spass, Ihnen das zu erzhlen, begann sie behaglich. Schon
als Kind reizte mich die Phantastik des Katholizismus, aber glauben Sie
mir, es ist nicht mehr, als ein Sport fr mich -- ich gebe im Grund keinen
Penny dafr -- ich bin Protestantin, und zwar aus berzeugung; spter
kaufte ich mir aufs Geratewohl katholische Schriften mit
vielversprechenden, beinahe indezenten Titeln, die mich dann freilich meist
enttuschten. Das reizte mich um so mehr. Es rgerte mich, dass diese
Autoren die Geheimnisse, welche sie zu wissen vorgeben, von denen der
Protestantismus nichts sagt, fr sich zu behalten schienen. Wahrscheinlich
ist das alles Gerede, sagte ich mir oft, aber ich wollte durchaus hinter
die Schliche dieser Leute kommen. So fiel mir ein Buch ber Dmonialitt
von dem Pater Sinistrari d'Ameno in die Hnde . . .

Den kennen Sie? unterbrach ich berrascht.

Da fand ich die Beschreibung geheimer Zusammenknfte von Frauen mit sehr
sinnenstarken Wesen, genannt Inkubus; niemals hatte ich etwas gehrt, was
meine Einbildungskraft mehr entflammte. Irgendwo ausserhalb der
Gesellschaft einen bersinnlichen Verkehr zu haben, der mit keinem
menschlichen Mass zu messen ist, der darum auch keine menschlichen
Sittengesetze verletzen, noch eine Dame gesellschaftlich kompromittieren
kann, -- denn was der katholische Verfasser da von Todsnde spricht, gilt
ja nicht fr uns Protestanten -- das schien mir eine so unerhrt geniale
Idee, eines wirklich vollkommenen Gottes wrdig, um besonders intelligente
Glubige zu belohnen, die ihre Handlungen vor der ffentlichkeit zu
verbergen lieben. Mein Leben hatte von jetzt an nur noch den Zweck, dieses
ausserirdische Glck zu kosten. Jahrelang lauschte ich auf alles
Aussergewhnliche, das in meine Kreise drang, bis mir vor einiger Zeit eine
Chiromantin weissagte, das ausserordentlichste Ereignis meines Lebens wrde
in diesem Jahre eintreten. Ich begab mich auf Reisen, um dem Wunderbaren zu
begegnen. Ermattet und enttuscht kam ich jngst zurck.

Was mgen Sie auf dieser Reise alles angestellt haben! warf ich belustigt
ein.

Unterbrechen Sie mich nicht. Aufgeregt fuhr sie fort: Wo ich hier in H.
erschien, hrte ich von Ihnen. Es war bengstigend, Ihr Name verfolgte
mich, wenn ich allein war. Ich war berzeugt, Sie mssten mit dem erhofften
Ereignis in Verbindung sein. Unter allen Umstnden sollten Sie mir Rede
stehen. Vielleicht wren Sie bestimmt, mein Werkzeug zu sein; vielleicht
redete der Pater Sinistrari nur symbolisch. Man knnte ja in eine beinahe
bersinnliche Beziehung auch zu einem lebendigen Wesen treten, indem man,
um den Enttuschungen und Gefahren der Sinnenwelt zu entgehen, einfach die
Augen zumacht. Meinen Sie nicht?

Mir war ganz und gar nicht zumute wie jemand, der zu einer Schferstunde
gekommen ist. Diese Mischung kalter berechnender Lasterhaftigkeit mit
kasuistischer Spekulation und protestantisch-brgerlicher Beschrnktheit
konnten einen wirklich aus dem Gleichgewicht bringen; dazu das unbehagliche
Gefhl, als Werkzeug zu dienen, gewissermassen herbefohlen zu sein. Um ein
peinliches Stillschweigen zu vermeiden, sagte ich:

Sie haben sich leider alle Mglichkeit zur Befriedigung Ihrer Phantasie
geraubt, indem Sie meinen Anblick gesucht haben.

Wie htte ich Sie denn in mein Haus lassen knnen, rief sie ganz
verwundert, ohne zu wissen, dass Sie ein Gentleman sind?

Ich konnte kaum das Lachen unterdrcken. Bis in die vierte Dimension trug
diese Angelschsin die Vorurteile ihrer Klasse.

Und nun haben Sie diese berzeugung gewonnen?

Nicht nur die, flsterte sie, pltzlich wieder erregt; ich fhlte, wie
sie mir in der Dunkelheit ganz nahe war. Ich weiss nun auch, dass Sie
wirklich der Erwhlte fr mein Erlebnis sind. Ich habe die Lichter
gelscht, damit Sie sich vorstellen knnen, Ihr Idol zu umarmen -- nicht
eine Frau, an der Sie tausend Kleinigkeiten stren wrden; und diese
Urliebkosungen, die sich an keiner Wirklichkeit abnutzen, will ich mir
stehlen -- ein Diebstahl! Ich habe Sie gesehen, so wie Sie sind, habe ich
mir den Satan gedacht!

Sie war atemlos. Ich schlug heftig die Arme um sie und war pltzlich ganz
von der namenlosen Begier erfllt, mich mit geschlossenen Augen in den vor
mir ghnenden Abgrund zu strzen.

Still . . . kein Wort mehr . . . sthnte ich wie in dunkeler Angst vor
dem Erwachen -- zerstre das nicht . . .! Und ich presste ihr die Lippen
zusammen. Widerstandslos, schweigend gehrte sie mir. Ich fhlte mich in
undurchdringlicher Nacht, hinter der ich phantastische traumhafte
Landschaften vermuten konnte. Zum erstenmal hielt ich das Weib im Arm,
dieses dunkle grosse ferne Ewige, das eine Frau niemals ganz verkrpern
kann. Alles glhte auf, was sonst ohnmchtige Trume und enttuschende
Wirklichkeiten in mir verschttet hatten. Ich habe mich niemals so sinnlos
bis zum Gefhl der Auflsung verschwendet, als an diesem mageren,
geschmeidigen, fremdartigen Leib, der fr mich keine Persnlichkeit
enthielt, der wirklich das Idol war. Wie sie spter behauptete, soll ich
bisweilen laut fremdartige barbarische Worte gerufen haben, hnlich den
Naturlauten, die sie von wilden Vlkern bei ihren bewusstlosen heiligen
Tnzen gehrt hatte, ein unwillkrliches Klangwerden hchster Erregungen
der Seele, die in das Geheimnisvollste tastet. Sie hatte diese Laute
vergessen; sie mssten ihr aber, meinte sie, wieder einfallen, wenn sie den
Geschmack gewisser Gifte auf der Zunge sprte, so wie manche Erinnerungen
mit Melodien oder Gerchen verknpft seien. Ich selbst kann meine Gefhle
nur mit denen vergleichen, die ich einmal hatte, als ich in den Alpen mit
den Fingerspitzen ber einem Abgrund hing und angesichts des Todes mein
ganzes Leben, von rckwrts beginnend, in einem Augenblick an mir
vorberziehen sah. So kamen in dieser Umarmung alle Frauen an mir vorbei,
die ich gekannt, und ich hatte das Gefhl, alle, alle zu besitzen. Erlebte
Umarmungen wiederholten sich in vollkommeneren Vereinigungen, missglckte
Abenteuer gestalteten sich neu; einst begehrte unnahbare Kniginnen sanken
in meine Arme und zum Schluss kamen wundervolle, verschleierte, traumhafte
Frauen. Das waren die Geliebten meiner Knabentrume, denen ich frher und
glhender gehuldigt, als jenen Lebendigen. Nur wer als Kind solche
phantastischen Sehnschte gekannt, der mag die Erfllungen dieser Stunde an
der Strke seiner damaligen, alle wirkliche Liebessehnsucht bersteigenden
Wnsche messen.

Ich weiss nicht wie und in was fr Augenblicken ich in den Armen dieser
Frau entschlummerte; pltzlich erwachte ich; noch eben hatte ich heisse
hohe Wohlgerche gesprt; nun vernahm ich ein Rauschen von Gewndern, das
Schieben einer Tr; um mich erglhten zahllose Lampen. Ich erschrak, als
ich mich auf einmal in einem engen, grell erleuchteten Raum befand, wo mich
von allen Seiten scheussliche Larven angrinsten, die ihre braunen behaarten
Gesichter zwischen riesenhaften Schiessbogen, bunten Federbschen und
anderen phantastischen Gerten wilder Volksstmme herausstreckten. Das war
das Boudoir meiner Freundin. Ich trat in das Nachbarzimmer zurck und
befand mich in einem hellen, wenig eigenartigen Salon Louis XV. in
Erdbeerfarbe. Ein Diener trat ein und sagte:

Madame ist leidend. Sie bedauert heute nicht empfangen zu knnen.

Ich folgte ihm in den Hof, wo mich das Coup erwartete. Der Kutscher
brachte mich wieder an die Strassenecke zurck.

Alle vier bis fnf Tage erhielt ich nun hnliche Einladungen nach den
verschiedensten Vierteln, aber stets brachte mich das Coup an dasselbe
Ziel. Wir sprachen immer weniger zusammen. Was htten sich auch zwei
Menschen sagen sollen, die sich nur ihrer gegenseitigen Krper bedienten
zum Vorwand fr die Orgien der Phantasie. Nicht mich, sondern den Satan
liebte diese Frau. Und wenn sie in der Dunkelheit vor mir lag und
schweigend litt, wie ich ihre Linien mit der Hand suchte, wenn mir war, als
htte ich im Gras des Gartens eine umgestrzte Statue gefunden, die unter
meiner Berhrung lebendig ward, dann liebte ich Lais, dann loderten Stdte
um mich auf, in die auf den Wink dieser Frau Brandfackeln geflogen waren,
wie in meine Seele und nichts war mir ferner, als der Wunsch, sie selbst
einmal zu besitzen.

Vor allem schaffte sie mir zum erstenmal im Leben die Befriedigung meiner
qulenden Einbildungskraft. Die Liebesrusche der Vergangenheit und der
Dichtung, die mir immer unerhrter, geheimnisvoller erschienen waren, als
die meinen, brauchte ich nun nicht mehr als schwchlicher Sptgeborener zu
beneiden, ich wusste sie neu zu leben. Warte bis heute abend, sagte ich
mir, wenn sich die Phantasie in mssigen Bildern verschwendete, und es
kamen Nchte, wo ich die Adria an die Marmorpalste schlagen hrte, wo ich
dichten Samt neben ihrer Haut fhlte, prunkenden Samt, unter dem ihre
Glieder anzuschwellen schienen; eine bs-schne Dogaressa spielte mit mir
und freute sich, dass ich um ihretwillen den Tod verachtete, den ihre Liebe
kosten kann. -- Oder aus ihrem Haar stieg der Duft der frnkischen Wlder,
ihre Linien wurden weich wie die Lieder, die einst deutsche Mdchen abends
am Brunnen sangen . . . Mdchen, die ihre Liebe scheu der Muttergottes
_abbetteln_ mssen, dann _einmal alles_ vergessen knnen, sogar die
heimliche Kapelle ihrer Kindergebete, und doch froh sind zu wissen, dass
dort die Madonna lchelt, auch dann noch, wenn sie spt zu ihr zurckkommen
werden, wenn _er_ draussen in der Fremde ist und blendendere Frauen liebt.
-- Und launenhafte Stunden kamen; da rief das spitze kleine Gelchter
meiner Geliebten kecke Herzoginnen der Rgence hervor; ein fast herb
duftender Puder gab ihrer Haut eine kranke Gltte. Und mir war, als sei das
Gemach um uns hell und eng, eine Nuss, in der wir auf irgendeinem nicht
ganz echten, jedenfalls sehr wenig wilden Meere schwammen. Und unsere
Umarmung war wie von dnnen Goldfden durchwirkt und umsponnen mit kleinen
Schnrkeln, welche die Form von Mandeln hatten. Und an solchen Tagen war
meine Geliebte sehr kitzlich.


Diese Erlebnisse wren nicht mglich gewesen, htte sie nicht eine
Eigenschaft besessen, die man sonst einer Frau nicht leicht verzeiht. In
Wirklichkeit war sie nmlich selbst gar nicht fhlbar; keine Laune, kein
Scherz, kein Einfall, keine Wnsche, nichts Unvorhergesehenes. Das, was sie
brauchte, schien sie zu finden, ohne mein Zutun. Etwas musste mich aber
doch verstimmen: Wenn ich sie auch als mein Werkzeug betrachtete, so war
ich noch mehr das ihre. Winkte sie, so kam ich; war sie meiner mde, so
entliess sie mich. Erschien ich einmal aus Laune nicht, dann verlor sie
darber kein Wort. Nach einigen Tagen kam immer eine neue Einladung. Dieser
Gleichmut rgerte mich, ich beschloss, sie zu reizen, sie wtend zu machen,
indem ich alberne Grnde fr mein Wegbleiben erfand. Aber wenn dann ihr
Haar duftete, als msse es in der Sonne rot leuchten, wenn mich ihre hagern
Formen in nervser Hast umkrampften, dass ich nicht wusste, ob sie hchste
Qual oder Lust empfand, ob sie mich liebte oder zchtigen wollte, dann
vergass ich allen rger, alle Absichten; dann fhlte ich mich als der
Beichtvater, der die Zelle einer jungen Hexe betritt, die morgen brennen
muss und heute noch einmal von der Wollust in sich hineinschlingen will,
was sie nur noch fassen kann, die noch schnell so viel fremde Kraft
aufzusaugen, zu zerstren begierig ist, als ihr irgend mglich. -- Mein
berlegenheitsdnkel verstummte, wenn ich sie trge und regungslos fand,
wie eine Bajadere, die sich eines heissen Morgens im Schatten bizarrer
Gewchse gewlzt und gedankenlos zu viele fadssse Frchte verschlungen
hat. Dann roch sie nach indischen Blumen, sie wusste seltsame
Bauchbewegungen, so dass sie mir fast zu ppig vorkam. So vergass ich gern,
dass mich vielleicht eine nichtige Dame zum besten hielt. Sie existierte ja
gar nicht. Manchmal kam mir der Gedanke, sie zu gewissen erregenden Worten
in ihr fremden oder in toten Sprachen abzurichten. Aber ich merkte
rechtzeitig, dass dadurch die Lebendigkeit meiner Idole Literatur, Theater
geworden wre, ein kleiner Scherz, den jede Dirne htte erlernen knnen. --
Natrlich machte ich mir eine bestimmte Vorstellung von ihr, aber ich kann
gar nicht sagen, ob ich sie mir schner oder hsslicher dachte, als die mir
begegnenden Frauen, hinter denen ich sie bisweilen vermutete. Die
Ausserordentlichkeit meiner Freuden war gar nicht an einem wirklichen
Niveau zu messen.

Obwohl also alle Berhrungen mit dem Alltag fern lagen, in denen die
Todeskeime der menschlichen Beziehungen liegen, nahm diese
ausserordentlichste aller Liebesgeschichten ein so dummes triviales Ende
wie eine Sergeantenliebschaft. Die Dame wurde eiferschtig, allerdings auf
meine Idole. Eines Tages fragte sie mich wie eine kleine Nherin, ob ich
sie liebe. Und damit ist die Geschichte eigentlich zu Ende. Sie hatte
herausbekommen, dass meine Freuden doch glhender und mannigfaltiger waren
als die ihren. Durch ihre vorzeitige Neugier waren ihre Sinne nun einmal an
meine Gestalt gebunden. Sie war es mde, immer dasselbe Wesen zu kssen,
wenn sie es auch in den Flitterwochen Satan genannt hatte. Ich war boshaft
genug, sie merken zu lassen, dass sie ohne ihre >ladylike< Vorsicht und
Neugier gleich mir ber ein Serail verfgen knnte, dass sie dann heute
einen delikaten Georges Brummel, morgen einen rmischen Gladiator umarmt
htte. Solche Worte trieben sie in ohnmchtige Wut.

Sie sollen mich nun doch auch kennen lernen, sagte sie einmal emprt,
und wir wollen sehen, ob Sie dann noch Ihre Idole vorziehen.

Ich erriet, dass sie das Licht aufdrehen wollte.

Bitte nicht! rief ich, ich laufe fort.

Sie wollen mich nicht sehen?

Sie knnen unmglich so schn sein, als ich glauben mchte.

Das ist unerhrt.

Sie wollten doch den Weihrauch eines Idols empfangen.

Nun hatte sie doch wohl Angst, mich zu enttuschen. Ohne zu reden verliess
sie mich.

Ich erhielt nun keine Einladung mehr. Wochen vergingen, und ich fhlte eine
grosse Lcke in meinem Leben, das in ununterbrochener Trostlosigkeit
weiterging. Ich war traurig, als sei mir eine gute Geliebte gestorben; aber
sobald ich an diese Frau dachte, verging mir alle Sehnsucht. Ich fhlte
etwas wie leisen Hohn, eine Art Verachtung fr allzu grosse Unterlegenheit,
an die zu denken kaum der Mhe wert ist.

Eines Abends war ich allein in dem einzigen Restaurant der Stadt, wo man
nach dem Theater speisen konnte. An einem Tisch hinter mir sassen Leute,
die bei meinem Kommen noch nicht dagewesen waren: zwei Herren in korrekter
schwarzer Abendkleidung; einer hatte einen fast weissen Bart mit
ausrasiertem Kinn, der andere war ein blonder junger Mensch mit frischem,
sehr englischem Knabengesicht. Zwischen ihnen sass eine blasse Frau von
etwa fnfunddreissig Jahren. Sie hatte dunkles Haar, das geradlinig in
regelmssigen Lckchen die Stirn abschloss, ein mageres Gesicht von
keltischem Typus mit stillen, fast starren braunen Augen. Eine
ausserordentliche Distinguiertheit lag ber ihr. Den fast zu langen
schmalen Mund schmckten sehr weisse, auffallend kleine Zhne -- ein
Gesicht, von dem man meinen knnte, es sei einmal schn gewesen; denn
irgend etwas fehlt und das schreibt man den Jahren zu; wahrscheinlich aber
fehlte es immer. Die Hnde waren gross, doch schlank und mit mehreren
Opalen geschmckt. Diese drei Menschen hatten eine selbstverstndliche
anspruchslose Vornehmheit ohne aufdringende Eigenart, wie man es bei
Nachbarn im Theater oder an der Table d'hte gern hat, die durch nichts
stren, nicht einmal Interesse erwecken. Dennoch fhlte ich einen Zwang,
mich nach ihnen umzudrehen. Ich glaubte zu bemerken, dass mich die Dame
gleichfalls beobachtete. Vielleicht ist es die Unbekannte, dachte ich
gleichgltig, aber dieser Gedanke kam mir natrlich bei sehr vielen Frauen.
Ich bestellte Kaffee und benutzte die Gelegenheit, whrend der Kellner
abdeckte, meinen Platz zu wechseln, so dass ich die Fremden vor Augen
hatte. Ich bemerkte, wie die Dame unruhig wurde und mit pltzlichem Eifer
zu dem alten Herrn sprach. Dieser beglich die Rechnung, die drei verliessen
das Restaurant.

Am folgenden Tage erhielt ich zwei Briefe. Die Komdie ist aus, lautete
der eine in der gewohnten Schrift, ich fhle mich erkannt, lassen wir die
Masken fallen. Der andere trug hnliche, doch natrlichere, offenbar
unverstellte Zge. Er enthielt eine frmliche Einladung zum Ball bei einer
mir vllig unbekannten Dame. Auf unsere phantastischen Orgien schien diese
Frau willens, einen unvermeidlichen Flirt zu setzen oder vielleicht
wirklich gar eine Liebschaft. Ich aber zog vor, meine phantastische
Geliebte nicht aus dem Grab zu erwecken. Helena war in die Immaterialitt
zurckgekehrt. Um den angebotenen Ersatz anzunehmen, war ich im Augenblick
doch zu verwhnt. Bald verliess ich H. Ich habe die Dame nie wieder
gesehen.

                                * * *

Der Erzhler schwieg. Ich hatte das trostlose Gefhl, dass nun etwas
fertig, unwiederbringlich vorbei sei. Ein Leben hrte auf, ohne dass ich
tot war. Die anderen schienen hnliches zu empfinden.

Eine neue Geschichte, rief jemand, diese Leere ist ja unertrglich!

Wir lagen wie blind in einer dunklen Hhle, hungrig nach der menschlichen
Stimme. Unser Leben, unser Wille war erstarrt. Nur die Einbildungskraft
wachte und verlangte -- selbst unfruchtbar --, dass ein anderer, Strkerer,
Nchterner sie mit Vorstellungen fllen solle.




Eine Nacht des achtzehnten Jahrhunderts


UND irgendeiner kam und liess eine helle heitere Musik ber uns ergehen,
lustig wie eine Gavotte oder eine Passacaglia des achtzehnten Jahrhunderts.
Um uns erstand eine helle Kirche, berall schwebten gutgenhrte Amoretten,
die Fruchtschnre von Loge zu Loge trugen: gewundene goldgezierte Sulen
umgaben ein blau und rosa Altarbild. Und wie lustig die Herzoginnen davor
knieten! Wie das nach Puder roch; und alle lachten ber den famosen
Priester, der sie mit richtigen Taschenspieler-Kunststcken unterhielt. Ich
bat den Sakristan, der an mir vorber wollte, um Erklrung. Liebenswrdig
wie ein weltgewandter Jesuit nannte er mir die Namen aller Anwesenden. Der
Priester war der berhmte Graf von Saint-Germain, die am prchtigsten
gekleidete Dame die Herzogin von Chartres. Wie war ich nur hierher gekommen
und was sollte ich an einem Orte tun, wo ich keinen Menschen kannte? (ob
ich mich gleich deutlich erinnerte, den Grafen schon einmal auf einem
Kupferstich gesehen zu haben). Da fiel mir ein, dass ich ja noch heute mit
ihm gespeist hatte, dass er mich irgendwohin mitnehmen wollte, zu Freunden.
Ich rgerte mich, dass er mich nun allein liess.

Alta-Carrara! rief ich gereizt.

Pst, pst, flsterte der Sakristan begtigend, verraten Sie ihn doch
nicht, warum denn immer gleich Namen nennen? Hier heisst er Graf von
Saint-Germain. Sie mssen ihn im neunzehnten Jahrhundert getroffen haben.
Dort nennt er sich Alta-Carrara. Neulich war eine Dame aus dem vierzehnten
Jahrhundert hier, die nannte ihn Buonaccorso Pitti, Sie sehen, alles ist
relativ, sagte er pfiffig.

Und du, unausstehlicher Schwtzer, fragte ich, welchem Jahrhundert
bildest du dir denn ein, anzugehren?

Ich? fragte er stolz, natrlich dem achtzehnten, Sie hingegen sind so
unhflich, dass Sie nur in das neunzehnte passen. Ich schreibe heute -- mit
Vergunst -- den 15. September 1768.

Mit einer beraus gezierten Bewegung verliess er mich. Ich hatte eine
unbezwingliche Wut auf Alta-Carrara, der noch immer seine Kunststcke vor
dem Altare machte. Ich beschloss, einen gnstigen Augenblick abzuwarten, um
ihn zur Rede zu stellen. Einstweilen zog ich einen langen gewundenen
Schnrkel von einer Sule, machte eine Schlinge daraus und stellte mich an
der Kirchentr auf. Es dauerte nicht lange, bis der Graf mit einer
Verbeugung seinen Zuschauerinnen anzeigte, dass die Vorstellung zu Ende
sei. Mit selbstzufriedenem Lcheln durchschritt er die Kirche, von den
bewundernden Blicken der Herzoginnen verfolgt. Eben wollte er auf die
Strasse treten, als ich ihm meine Schlinge ber den Kopf warf. Er wusste
nicht recht, was mit ihm vorging, aber als Mann von Welt lchelte er und
sagte mit Ironie:

Ihrer hbschen Tracht nach mssen Sie aus dem neunzehnten Jahrhundert
sein. Kann ich Ihnen mit etwas dienen?

Tun Sie nicht, als ob Sie mich nicht kennen, erwiderte ich rgerlich,
Sie versprachen mir . . . .

Oh verzeihen Sie, diese Damen hielten mich ein wenig auf. Nun bin ich
wieder ganz der Ihre. Wir haben brigens noch viel Zeit vor uns -- dabei
zog er seine Uhr aus der Tasche -- es sind noch ber zwanzig Jahre bis zur
Revolution. Wir knnen uns noch lange unterhalten.

Mein rger wurde pltzlich durch ein rasendes Bedrfnis nach
ausgelassenster Lustigkeit abgelst.

Ich will lachen, schreien, purpurne Visionen haben, bemerkte ich
aufgeregt. Der Graf erschrak ein wenig.

Wir werden ja sehen, begtigte er.

Wir stiegen in ein Kabriolett, um nach dem Marais zu fahren. Es war Nacht,
aber ungemein belebt in den Strassen. Es musste wohl Karneval sein. Bunte
Masken begegneten uns und warfen Blumen in den Wagen. berall herrschte
ausgelassenes trunkenes Geschrei.

Die Leute wissen, dass es nur noch zwanzig Jahre dauert, sagte
Saint-Germain. Aber sie stellen es sich schlimmer vor, als es wirklich
werden wird. Ich habe ihnen nmlich vorgeschwindelt, die Jakobiner wrden
ganz Paris niederbrennen und alle, die fortlaufen wollten, erschlagen.

Saint-Germain konnte sich vor Lachen ber diesen Spass kaum halten.

Warum haben Sie denn das getan? fragte ich verstndnislos.

Ganz einfach, um ihre Lustigkeit ins masslose zu steigern. Solche kleine
weltgeschichtliche Schauspiele sind das einzige Amsement meines Lebens.
Glauben Sie, ich wolle mich langweilen wie der kleinbrgerliche Ahasver?
Das hbscheste, was ich mir leistete, war doch die Geschichte mit den
Albigensern. Denen habe ich nmlich eingeredet, sie mssten die Snde durch
die Snde heilen. Im neunzehnten Jahrhundert nennen sie das -- glaube ich
-- Homopathie, similia similibus. Die guten Leute bildeten sich in der Tat
ein, sie mssten alles Bse mit Gewalt aus sich heraussndigen. Nun, Sie
knnen sich denken, was das fr Szenen gab. Aber ich will Sie nicht mit
Beschreibungen ermden, denn Sie sollen heute etwas hnliches in
Wirklichkeit sehen.

Halten Sie nur Wort! erwiderte ich etwas unglubig.

Ich habe nmlich eine kleine auserlesene Gesellschaft zu einem Fest bei
dem Grafen Gilles de Laval eingeladen, den Sie in Deutschland -- so viel
ich weiss -- Ritter Blaubart nennen, aber die Gste wissen selbst nicht, wo
sie sich befinden. Man ahnt nur, dass es einen Hauptspass geben wird;
verraten Sie also nichts, denn mein Freund Gilles mchte, als
Kapuzinermnch verkleidet, unbekannt bleiben. Er liebt das achtzehnte
Jahrhundert nicht sehr.

Unter solchen Gesprchen kamen wir auf der Place des Vosges an. Wir trieben
uns einige Zeit, ohne Aufmerksamkeit zu erwecken, unter den Arkaden umher
und liessen uns dann in einer Snfte an das Guisenpalais im Marais tragen.
Nachdem wir uns berzeugt hatten, dass die Trger weit entfernt waren,
schlpften wir in eine kleine Gasse, an deren Ende sich ein sehr armseliges
Holzpfrtchen befand. Der Graf schlug an die Tr. Ein scheussliches altes
Weib ffnete. Wir standen in einem feuchtkalten dunklen Vorraum: ich folgte
Saint-Germain durch einige schlecht beleuchtete, unangenehme Gnge, bis er
stehen blieb, seinen Mantel abwarf und in reicher Hoftracht dastand. Er
strich sich das gepuderte Haar zurecht, betrachtete unter einer Kerze in
einem Handspiegel sein Gesicht, das er wie ein seidenes Tuch
zusammenzufalten und wieder aufzurollen schien, bis ihm eine Lage gefiel.
Ich wurde vor Ungeduld ganz nervs. Schliesslich ffnete er eine Tr. Wir
traten in einen gelb und silbernen Vorraum. Vor ungeheueren,
kerzenlichtberstrmten Spiegeln bewegten sich reichgekleidete Damen und
Kavaliere. Eine breite Treppe fhrte nach einer an die Decke stossenden
Flgeltr hinauf; alle schauten gespannt nach dieser Tr. Mein Bedrfnis
nach Lustigkeit wich einem faszinierten Starren vor den Lichtfluten, die
mich umwogten, vor den bunten kostbaren Gewndern und den heftigen
Blumengerchen. Gebannt liess ich alles ber meine Sinne ergehen. Pltzlich
trat ein Auvergnat aus der Tr.

Ah Castel-Bajac, rief man.


Alles ist bereit, sagte Castel-Bajac mit dem pfiffigen Gesicht eines
Kochs, der einen neuen Leckerbissen erfunden hat. Er ffnete die beiden
Flgel nach der Galerie eines grossen Saales. In hchster Aufregung stiegen
nun alle diese eleganten Leute die Treppe hinauf und traten durch die Tr.
Ich mischte mich unter sie. Wir nahmen auf der Galerie Platz und blickten
in den leeren Saal hinab. Whrend oben alles um uns her in dem hellen
prunkenden Gold- und Spiegelgeschmack des achtzehnten Jahrhunderts gehalten
war, dem auch die lustigen reichen Gewnder entsprachen, schien der Saal
selbst einen Ausblick in fremde dstere Vergangenheit zu gewhren, in eine
ausschweifende sinnlose Gotik voll zitternder wilder Schlinggewchse und
Schlangen um die spitzbogigen Fenster, in die finstere unbndige Phantastik
des sterbenden Mittelalters voll wster, henkerhafter Lustigkeit. Der Saal,
in dem zahllose lange Kirchenkerzen ein unbestimmtes gelbes Licht
verbreiteten, war ganz menschenleer. In der Mitte stand eine lange reiche
Tafel, deren Goldgeschirr aus der Kirche genommen schien. Die
verblffendsten Glserformen ragten zwischen seltenen traumhaften Pflanzen
heraus. Ich war erstaunt, dass meine erlauchte Umgebung nicht unten an der
Tafel Platz nahm, sondern sie nur von der hellen Galerie aus betrachtete.
Pltzlich hrte man draussen Stimmen, die sich dem Saale zu nhern
schienen. Zwei weite Tren taten sich auseinander und eine Schar
auvergnatischer Bauern in steifem Sonntagsstaat trat schchtern und
verwundert unter der Fhrung Castel-Bajacs herein. Sie liessen sich mit
ihren Weibern um die prachtvollen Tafeln Pltze anweisen und wagten kaum zu
reden, whrend sie bisweilen schchterne Blicke auf die Galerie warfen, wo
man aufgeregt ihnen vertraulich und ermutigend zuwinkte. Man schien ein
Hauptvergngen von ihnen zu erwarten. Es war in der Tat sehr unterhaltend,
wie diese steifen Menschen, teils ernste wrdige Gestalten, teils plumpe
ungeschlachte Lmmel allmhlich unbefangener und khner wurden, je mehr
Nahrung sie in sich aufnahmen. Diener reichten ihnen schweigend und
wrdevoll die Speisen umher und bald schien es ihnen gar nicht mehr seltsam
vorzukommen, dass sie sich hier befanden. Jeder hielt sich in seinem Innern
von Rechts wegen zu dem Leben eines Grandseigneur bestimmt.

Sie sind entzckend, diese Leute . . . sagte eine kleine Marquise.

Wenn man bedenkt, dass uns ihre Kinder in zwanzig Jahren alle totschlagen
werden, fgte Saint-Germain hinzu.

   Demain donnons au diable
   un monde turbulent

trllerte die Marquise nervs. Die Leute auf der Galerie wurden ungeduldig.
Man schien auf etwas zu warten, was zu lange ausblieb. Die Bauern
berliessen sich indes einer derben aber unterdrckten, pfiffigen
Heiterkeit. Da traten sechs Diener in den Saal und brachten in schmalen,
sehr langen Karaffen einen dunklen Wein, der als Lieblingsgetrnk des
schwelgerischen Knigs Karls VII. angekndigt wurde. In diesem Augenblick
verstummten alle die nervsen, ungeduldigen, witzelnden Bemerkungen auf der
Galerie. Es bemchtigte sich aller eine grenzenlose Erregung. Sie blickten
sich wie in geheimem Einverstndnis an. Die Augen, besonders die der
Frauen, schienen ekstatisch zu glnzen. Es war, als ob alle von einer mir
unsichtbaren Vision geblendet wurden. berall um mich her stumme wogende
Erregung. Wenn diese Menschen, die irgend etwas Scheussliches verabredet
haben mussten, jetzt mit Dolchen bereinander hergefallen wren, htte ich
es noch nicht fr das schlimmste gehalten. Es mussten sich viel
frchterlichere Dinge vorbereiten. Diese durch das Vergngen abgestumpften
Leute schienen zu wissen, dass nun etwas selbst fr ihre Sinne Unerhrtes
kommen wrde. Nur der Graf von Saint-Germain hatte seine Ruhe bewahrt.
Lchelnd trat er an mich heran.

Was geht hier vor? fragte ich, wohin haben Sie mich gefhrt? Ist es
schon die Revolution?

Noch lange nicht, sagte er milde, man gibt den guten Leuten nur ein
wenig Aroph zu trinken.

Indessen war unten im Saal das schwarze Getrnk in Glser gegossen worden.
Einige der Bauern hatten schon getrunken. Ihre Augen begannen zu blitzen.
Sie schauten sich anfangs etwas unsicher an, als glaubten sie ihren eigenen
Empfindungen nicht. Dann schienen sie sich gegenseitig zu irgend etwas zu
ermutigen. Man zgerte noch, aber in jedem Augenblick konnte die Wut
ausbrechen.

Das ist die Revolution! rief ich entsetzt. Diese Bauern werden uns
tten. Saint-Germain macht sich ber uns lustig, er will uns alle auf der
Guillotine sehen.

Emprt und mit unsglicher Verachtung blickte man sich nach mir um, wie
nach einem, der die erregende Vorstellung einer Tragdie durch Nsseknacken
strt.

Das ist die Revolution! rief ich wiederholt.

Und wenn auch, sagte die Marquise, der mein Geschrei nun doch zu viel
wurde.

Damit machen Sie ihnen keine Angst, bemerkte der Graf, brigens ist es
nicht die Revolution.

Pltzlich packte einer der Bauern seinen Nachbar am Arm, der in ein lautes
sinnliches Gelchter ausbrach. Auf dieses Zeichen schienen alle gewartet zu
haben. Die vorsichtigen, plumpen Leute schlugen ein brllendes, johlendes
Lachen an. Man schien zu merken, dass sich bisher jeder im geheimen allein
fr die niedrigste Bestie gehalten und nun freudig berrascht war, die
andern genau ebenso zu finden. Jeder trug pltzlich zum grssten Erstaunen
seiner Nachbarn die wohlbekannten, von der Kirche verbotenen Begierden auf
der Stirn geschrieben. Sie schienen sich auf einmal gegenseitig in ihrer
Tierheit zu entdecken. Einer drckte sich gierig an den andern, wobei
vorlufig das Geschlecht gar keine Rolle spielte.

Du Mordskerl . . . . Du Luder . . . . riefen sie und schlugen sich
gegenseitig auf den Bauch.

Sie sehen, dass das fr uns ganz ungefhrlich ist, flsterte mir der Graf
lchelnd zu.

Ich muss mich entblssen, rief ein junges Bauernweib.

Viele Mnnerhnde streckten sich nach ihr und entrissen ihr die Kleider.

Ich auch . . . mir auch! riefen sie durcheinander.

Alle verliessen ihre Pltze, die Sthle fielen um, das Tafelgert flog
umher, ein irrsinniges Geschrei erhob sich aus dem Menschengewhl. Auf der
Galerie konnte man sich vor Entzcken nicht mehr halten. Die Damen riefen
erregt zu den Mnnern hinunter, so wie man Stierkmpfer in der Arena zu
ermutigen pflegt. Einige von den Kavalieren auf der Galerie hatten ihre
Degen gezogen und warfen sie unter dem Ruf Blut . . . Blut hinab. Mitten
in diese allgemeine Erregung der Galerie drngte sich pltzlich ein
schwarzbrtiger Kapuzinermnch, der sich atemlos bis an die Brstung Bahn
brach.

O das Leben, das prchtige Leben! rief er wie verzckt, ich will baden
im Leben!

Mit diesen Worten riss er sein braunes hrenes Kleid ab. Einen Augenblick
sah man auf der Balustrade seine nackte, nervige Gestalt, die sich mit
schnellem Schwung hinab in das Gewhl schwang. Eine namenlose Wut hatte
sich der Bauern bemchtigt. Nur noch Fetzen von Kleidern hingen um die
blutenden Krper; die Adern der Mnner waren gereckt, die Frauen, die dem
Ansturm erlagen, krallten unersttlich die Finger in die neben ihnen
liegenden Krper. Manche heulten nach dem Tod, der sie von ihrer
unstillbaren Raserei heilen sollte; sie griffen nach den Scherben von Glas
und Porzellan, um sich oder andere in wahnsinnigem Lachen zu blenden oder
zu tten. Auf der Galerie wusste man vor Vergngen nicht mehr, was man
erfinden sollte: man warf hinunter, was erreichbar war, Wandspiegel,
Champagnerglser, Sthle, man riss sogar Portieren herab, schleuderte
brennende Kerzen. Nur der Graf von Saint-Germain stand heiter lchelnd
dazwischen. Manchmal wollte er reden:

In London habe ich im vierzehnten Jahrhundert viel amsantere Sachen
gesehen.

Aber niemand hrte ihm zu.

Wer hat den Mut, mich hinabzuschleudern? rief die kleine Marquise, meine
Liebe dem, der es wagt!

Keiner der Kavaliere schien das fr ernst zu nehmen. Pltzlich erhoben sich
aus dem Gewoge des Saales die Arme des Kapuziners.

Kommen Sie, kleine Marquise, Ihre Urahnin war meine erste Geliebte . . .

Gilles de Laval, rief die Marquise ausser sich. Ich erkenne dich . . .
ganz das abscheuliche Portrt . . .

Sie riss sich die Kleider ab, sprang hinunter und verschwand mit Gilles de
Laval wie unter den Wellen des Meeres.

Gilles de Laval . . .! Der Name wirkte faszinierend auf die Frauen.
Pltzlich wollten es alle der Marquise gleichtun und schrien, man solle sie
hinunterwerfen. Wie von fremder Gewalt getrieben, ergriff einer nach dem
andern fast feierlich seine Nachbarin und schleuderte sie ber die
Brstung; wenige Sekunden lang konnte man Herzoginnen und Marquisen, die
Trgerinnen der schnsten Namen Frankreichs, nackt durch die Luft fliegen
sehen.

Mit zerschlagenen Gliedern kamen die Damen unten an. Schwindlig suchten sie
sich zu erheben und hinkten ein wenig umher. Ringsum schien indessen das
Feuer wie erloschen zu sein. Ein wenig verlegen blickten sie ber die
Haufen von Gliedmassen und zerschlagenen Gerten. Sie wussten gar nichts
damit anzufangen. Und eben hatte man doch noch so ein mutiges Gefhl
gehabt. Es ging doch etwas ganz Tolles vor, wo man sich hatte hineinstrzen
wollen; und nun, als man unten ankam, war alles aus. Wie gern htten diese
Damen einige kleine Freuden der Grausamkeit genossen! Der Mut war ihnen
aber wohl zu spt gekommen. Manchmal krallte sich oder stach noch eine Hand
im Todeskrampf nach diesen zarten weissen Krpern, die wie Miniaturwalkren
auf dem Schlachtfeld umherwandelten. Bisweilen brachte ihnen sogar ein
Finger noch eine mittelmssige Wunde bei und da stiessen sie nette, kleine,
verzckte Schreie aus, wie gut gezogene Kinder, die mit kaltem Wasser
gewaschen werden und schlotternd rufen: Hu . . . wie warm. Die Damen
sahen traurig ein, dass sie zu spt gekommen waren, und nun traten gar
schon Diener mit Schaufeln in den Saal. Die nackten Marquisen drckten sich
verschmt in die Ecken und hielten die Hnde ber Brust und Schoss. Die
Diener ffneten die Fenster und schaufelten die berreste dieser
Feierlichkeit hinaus. Unten im Hofe sah man im ersten Morgenlicht bleiches
Menschengebein, das von frheren ausgelassenen Stunden des Grafen Gilles de
Laval zeugte. Die Marquisen aber schlichen betrbt und verschmt durch ein
Seitenpfrtchen hinaus. Sie bereuten, sich ungeschickt benommen zu haben.
Die armen Damen hatten sich umsonst entblsst.

Auf der Galerie waren die Zurckgebliebenen in ermattetes Schweigen
versunken. Man kam langsam wieder zu Atem. Einige mahnten zum Aufbruch und
erhoben sich, Hndedrcke wurden getauscht, Verabredungen fr den folgenden
Tag gemacht. Einige Unermdliche wollten noch soupieren gehen. Der Graf von
Saint-Germain, den man unter keinen Umstnden losgeben wollte,
entschuldigte sich lchelnd. Er msse nach Hause fahren, da er noch in
dieser Nacht einige Kapitel aus dem Akshara Para Brahma Yog bersetzen
wolle. Gegen solche Grnde des gelehrten Grafen pflegte man niemals
Einwnde zu machen und so verabschiedeten wir uns von diesen hflichen
Leuten.


Haben Sie etwas bemerkt? fragte mich der Graf, als wir auf der Strasse
waren.

Sehr viel, erwiderte ich.

Ich meine, haben Sie bemerkt, dass ich selbst Gilles de Laval bin? So
heisse ich im fnfzehnten Jahrhundert. Triumphierend blickte er mich an.

Unmglich; Sie waren doch die ganze Zeit auf der Galerie, Sie sprachen von
London . . .

Einen Augenblick allerdings; knnen Sie sich aber erinnern, Gilles und
mich nur eine Sekunde lang gleichzeitig gesehen zu haben?

Das nicht, aber . . .

Nun sehen Sie. Nchstens lade ich Sie zu einem Flagellantenzug nach
Italien ein.

Er half mir in einen Wagen, wo ich sofort einschlief.

                                * * *

Als ich wieder erwachte, -- ich glaubte lnger geschlafen zu haben, als
vorher mein ganzes Leben gedauert hatte -- stand eine Schale mit Frchten
vor mir, die ich usserst heftig begehrte, ohne die Kraft zu finden, danach
zu greifen. Trnen traten mir in die Augen. Ich fhlte Abscheu vor meinem
eigenen Leben, dessen trost- und gedankenlosem Wirbel ich wie durch ein
Wunder entronnen zu sein geglaubt hatte. Diese unerreichbaren Frchte
wrden mir Gesundung bringen, reine, leicht zu erfllende Wnsche an Stelle
fieberhafter Gelste. Es hatte mich jemand wohlmeinend, aber etwas derb von
einem Abgrund gerissen, vor dem ich nichtsahnend stand.

Wissen Sie nun, wo Sie sind? fragte lchelnd Alta-Carrara, der mir
gegenber gleich wie ich auf einem Diwan lag.

In dem Zimmer unterhielten sich mehrere Herren. Einige fragten nach meinem
Befinden und gaben mir Ratschlge.

Sie waren dabei, dachte ich, als ich mein Leben zwecklos in knstlichen
Sensationen vergeudete. Dennoch freute ich mich, ganz unbekannte Gefhle
in mir zu entdecken, etwas wie Reue. Ich fhlte einen bitteren Geschmack,
wenn ich an mein Leben dachte, das sich auf eine glhende Einbildungskraft
und einen fieberhaft zerlegenden Verstand gegrndet hatte.

Es musste jemand meinen Wunsch erraten haben, denn ich fhlte die khle
Herbheit eines Apfels dicht an meinen Lippen. Ich biss hinein und mir war,
als witterte ich junge Morgenwinde um mich her. Ich erkannte die
Notwendigkeit eines neuen Lebens -- ohne den verhassten Rausch, der noch in
mir war. Ich verlangte schwere Aufgaben; Leiden msste ich erdulden, sie
unumwunden vom Schicksal fordern, das mich dadurch um das Beste im Leben
betrogen hatte, dass es mir keine Leiden sandte. Ich schmte mich fast. Und
doch freute ich mich ber die Seltenheit einer solchen Empfindung in einer
Seele wie der meinigen.

Alta-Carrara aber begann mit halblauter Stimme zu erzhlen:




Karneval


Vor dreissig Jahren, als ich noch die ersten Lektionen in der Schule des
Vergngens empfing, versuchten einmal einige venezianische Nobili eine
hbsche Karnevalssitte des achtzehnten Jahrhunderts wieder aufzufrischen.
Man versammelte sich in der letzten Nachtstunde, als schon die ersten
hellen Schimmer ber den Lagunen erschienen, auf der Erberia, und es galt
fr sehr elegant, mglichst verwstet auszusehen. Man kam in zerrissenem
Maskenkostm, schlaffe Blumen hingen in dem losen Haar der Frauen; die
bleichen Wangen, die flackernden Augen, sollten den Mitmenschen von
phantastischen, noch vor einer Viertelstunde genossenen Ruschen erzhlen.
Man liebte es, die Eifersucht und Mutmassungen der anderen zu erwecken und
ihnen zu zeigen, dass man darber zu lachen verstand. Es braucht dem Kenner
des menschlichen Herzens kaum betont zu werden, dass viele der Ankommenden
weder aus dem Ballsaal, noch vom Spieltisch, noch aus verschwiegenen
kleinen Kabinetten kamen, sondern dass sie sich soeben aus dem Bett
erhoben, sorgfltig ihre nachlssige Toilette vorbereitet hatten und der
Mode ihren Morgenschlaf opferten. Ich hatte die Nacht in der Sala del
Ridotto verbracht, viel getanzt, gespielt und getrunken. Meine Huldigungen
galten besonders einer gelbseidenen Maske. Ihre Stimme hatte einen
wundervollen warmen Flsterton, Sie wusste sich weich anzuschmiegen und
liess unter der Spitze der Maske grosse weisse Zhne glnzen. Ich war
achtzehn Jahre alt und hielt sie mindestens fr eine verkleidete Herzogin.

Fhr mich zur Erberia, bat sie mich gegen Morgen und ich berschritt mit
ihr die leere dunkle Piazza. Wir mischten uns unter die lachenden Paare,
die am Ufer des Kanals bei der Erberia auf und nieder wandelten.

Marchesina, ich kenne dich. rief eine Maske im Vorbeigehen meiner Dame zu

Doch nur eine Marchesina, dachte ich.

Wo ist Ersilia? fragte im Vorbeistreifen eine Pierrette.

Krank, sehr krank, erwiderte meine Begleiterin.

Es legten viele Khne an der Erberia an, die Nahrungsmittel fr den Markt
brachten. Eine lachende Kurtisane kaufte einer Buerin aus Chioggia fr ein
Goldstck ihre rauchende Morgenkohlsuppe ab, deren Duft alle Umstehenden
lstern einsogen.

Mich friert, sagte meine Freundin Dolcisa, komm mit mir nach Hause! Du
gefllst mir.

Wer bist du? fragte ich fast sprachlos vor berraschung, denn bis dahin
hatte ich allen Grund gehabt, in meiner Begleiterin eine etwas ausgelassene
Dame der Gesellschaft zu vermuten.

Du bist dumm, sagte sie. Ihre dunklen Augen blitzten unter der Maske. Sie
zog mich in eine Seitengasse.

Bist du wirklich eine Marchesina? fragte ich verlegen.

Lcherlich, ein Spitzname.

Wer ist Ersilia? forschte ich nach einer Pause.

Ach, die arme Schwester Ersilia! seufzte sie, doch nicht sehr ergriffen,
sie muss sterben, sie flstert mit ihrer Heiligen und sieht nicht, was wir
tun.

Ich erschrak, ohne nachzudenken, warum.

Ich bin ein gutes Mdchen, fuhr sie fort, ich schenke nicht allen meine
Liebe, aber ich bin arm.

Nun glaubte ich zu wissen, woran ich mich halten konnte. Ihre weiche offene
Harmlosigkeit entzckte mich.

Khle feuchte Morgenluft umwehte uns. Wir gingen schweigend durch die
finsteren Gassen und berschritten zahllose schmale Kanle. Dolcisa wollte
um keinen Preis eine Gondel nehmen. Niemand begegnete uns.



Schliesslich traten wir wie in eine Lichtung auf einen kleinen Platz. In
der Ecke starrte ein finsterer alter Palazzo. Dolcisa schloss ein wild
verschnrkeltes Seitenpfrtchen auf und schob mich hinein. Um uns war
stickiges Dunkel. Wir gingen ber viele krachende ausgetretene Stufen. Vor
einer Tr standen wir still.

Erwarte mich hier, flsterte sie, lass mich zuerst in die Kammer gehn
und die Kleider wechseln.

Sie ksste mich im Dunkeln und trat in die Tr. Ich ging an ein
Gitterfenster, durch das die erste Dmmerung in den engen Treppenraum
drang. Mein Blick fiel in einen zerfallenen, ehemals gewiss sehr prchtigen
Palasthof. Sollte sie doch eine Dame sein, die heimlich einmal ein
Karnevalabenteuer haben wollte? Aber diese alten zerfallenen Palste werden
ja oft zu Spottpreisen an alle Welt vermietet. Dolcisa liess mich lange
warten. Vielleicht hat sie nicht den Mut, mich hereinzurufen, dachte ich
und trat leise in das Gemach. Es war dunkel wie draussen. Aus der Ecke
vernahm ich leises Seufzen, und mir war, als wlze sich jemand auf einem
Lager.

Sie wartet auf mich, sagte ich mir, es ist galant, ihr die Lage so
leicht als mglich zu machen.

Ich ging vorwrts, bis ich an die Kante des Lagers stiess, wo das Weib lag.
Unter meinen Kssen sthnte sie auf, krallte sich um mich und rief zur
Madonna. Mich erschreckte diese entsetzliche Erregung.

Sie ist vielleicht aus Neapel, reimte ich mir zusammen; ich wusste
bereits, dass die Frauen Venedigs anders lieben, ruhig die Ksse schlrfen.
Wie es so oft bei diesen schnellen Abenteuern geschieht, berkam mich --
ich will nicht sagen -- Widerwille, aber vollkommene Sattheit im Augenblick
nach dem Genuss. Ein unbezwinglicher Trieb nach Alleinsein, nach meinen
eigenen Zimmern erfasste mich und mir schien, als sei dieses ganz
gewhnliche Gefhl heute masslos gesteigert, wie bei einem Verbrecher, der
vor dem Schauplatz seiner Tat ein Grausen empfindet. Ich sprang auf, sie
hielt mich nicht zurck. Durch die Art unserer Zusammenkunft glaubte ich
mich berechtigt, ihr ein paar Goldstcke in die Hand zu drcken, die sich
krampfhaft schloss. Dann eilte ich hinaus. Auf der Treppe vernahm ich
Schritte hinter mir.

Komm doch, mein Lieber, rief Dolcisa, warum gehst du denn fort?

Zwei nackte Arme umschlangen mich. Eine weiche Wange lehnte sich in der
Finsternis an die meine; junger heisser Odem umquoll mein Gesicht.
Willenlos liess ich mich wieder die Treppen hinaufziehen. Dolcisa fhrte
mich durch das Gemach, wo ich vorher gewesen, in eine anstossende kleine
Kammer. Durch ein Dachfenster floss ganz dnne Dmmerung herein. Auf einem
Stuhle hingen schwarze Gewnder und zwei dicke strohgelbe Kerzen lagen
darauf.

Das ist fr Ersilia, wenn sie tot ist, erklrte Dolcisa; ihr weisses Hemd
triefte von gespenstischer Helle.

Mach doch Licht, sagte ich ein wenig gedrckt.

Nein, nein; es ist alles so einfach und rmlich. Wir mssen hier oben
wohnen, denn die grossen Sle sind im Winter so kalt; sie sollen auch erst
hergerichtet werden. Aber wir haben unser Geld verloren.

Bist du eine Marchesina? fragte ich wieder erstaunt.

Das kann dir doch gleich sein. Du bist noch ein rechtes Kind.

Hatte ich sie verletzt? Sie trat an die Wand, wo ein buntes Wachsbild der
Muttergottes hing. Davor zngelte hinter rotem Glas ein lflmmlein, dessen
Schein das Bild rosig benetzte. Dolcisa blies nach der Flamme.

Was machst du? fragte ich unruhig.

So sieht die Madonna nicht, was wir tun.

Dann kam sie zu mir; wir sanken auf ein Lager und dieses Mal genoss ich die
sanfte, schwere, fast etwas trge Umarmung einer Venezianerin.

Dolcisa erhob sich zuerst. Nackt ging sie in das andere Gemach, in das nun
auch die Dmmerung drang. Sie nherte sich dem Lager, wo ich vorher gelegen
und schob die Hand unter die Laken.

Tot! rief sie pltzlich mit leichtem Schrecken. Willenlos sank sie vor
dem Bett auf die Knie. Das nackte Weib betete im Dmmerlicht.

Erschrocken sprang ich auf; ich zndete eine der strohgelben Kerzen an. Das
Licht hochhaltend, trat ich in das Nebenzimmer. Wie erstarrt blieb ich an
der Tr stehen, als der flackernde Schein das Bett erhellte. Dort lag mit
glasig blickenden Augen ein wundervolles junges Weib, dem wie eine
geheimnisvolle Wolke reiches dunkles Haar um den Kopf wallte. Sie war ganz
blass, von unnahbarer weihevoller Schnheit, wie eine antike Gtterstatue.
Dolcisa kniete vor ihr in hastigen, sich bereilenden Gebeten.

Sie ist tot! rief sie, sich umwendend, und etwas wie ein wirklicher
Schmerz lag in der trnengedmpften Stimme. Sie war keine Snderin wie
ich, sie ist als Jungfrau gestorben.

Zitternd trat ich nher. Dolcisa liess den Blick ber die Leiche gleiten,
deren prachtvolle weisse Formen halb entblsst vor uns lagen.

Sie war viel schner als ich, seufzte sie und es schien, als wolle sie
durch dieses pltzliche Gestndnis bei der Toten irgend etwas zu ihren
Lebzeiten Versumtes wieder gut machen. Sie drckte der Schwester die Augen
zu und wollte die abstarrenden Arme an den Leib legen. Da bemerkte sie, wie
es zwischen den zusammengekrampften Fingern funkelte. Sie entdeckte die
Goldstcke. Ich konnte mich kaum aufrecht halten; doch Dolcisa stiess einen
Freudenschrei aus:

Die Madonna war gndig, rief sie, sie hat mein Gebet erhrt, nun kann
ich der Schwester ein wrdiges Begrbnis schaffen.

Dankbar fiel sie wieder in ihr Gebet zurck.

Es war hell geworden. Ratlos stand ich vor der Gruppe. Ich fragte Dolcisa,
oh ich ihr irgendwie dienen knne. Aber sie verneinte und sank sofort
wieder in inbrnstiges Gebet. Ich verliess sie.

Zwei Tage ging ich wie verstrt umher. Weder in meiner Wohnung, noch in den
Strassen fand ich Ruhe vor dem Gedanken, dass ich den Tod umarmt hatte. Am
dritten Tag fasste mich eine unbezwingliche Neugier. Ich suchte das Viertel
wieder auf, um etwas ber die Bewohnerinnen des alten Palazzo zu erfahren.
Als ich den kleinen Platz betrat, sah ich eine Menschenmenge, die sich um
das weit geffnete Hauptportal des Palastes geschart hatte. Ein Priester
mit zwei Chorknaben trat auf die Strasse. Dann wurde ein schwarzer Sarg
herausgetragen, der, mit verschnrkelten Silberblumen verziert, einen
Eindruck von Grossartigkeit machen sollte. Man lud ihn in eine gemietete
Gondel und breitete die wenigen Krnze mglichst darber aus. Dolcisa
folgte schluchzend in drftigem, doch aufgeputztem Trauergewand. Sie
bestieg eine zweite Gondel, begleitet von einem uralten, gebrechlichen
Herrn in altmodischer Eleganz, der sich sehr unbehaglich zu fhlen schien.
Einige Personen bestiegen eine dritte Gondel und still schlich der
Leichenzug durch die Lagunen. Ich hatte fast besinnungslos zugeschaut.

Der Flsterton der Umstehenden erhob sich nun zu lebhaftem Plaudern.


Die armen Marchesinen, sagte eine Alte . . . und frher welch' ein
glnzendes Leben in dem Palazzo, als der alte Marchese noch lebte . . .
Sie waren liederlich, sagte eine dicke Bckersfrau, keiner wollte mehr
mit ihnen zu tun haben . . . Gegen Ersilia kann niemand etwas sagen,
meinte ein junger Mann, sie war tugendhaft. Dann gingen viele Stimmen
durcheinander: . . . Schwindsucht, langsames Hinsterben . . . die arme
einsame Dolcisa . . . noch so jung . . . aber sie hat den alten Oheim
. . . sie wird sich ein glnzenderes Schicksal suchen, als ihn zu Tode zu
pflegen . . .

                                * * *

Alta-Carraras Erzhlung war zu Ende. Um mich her sah und roch ich altes
geschnitztes wurmstichiges Holz; ich hrte, wie langsam morsche,
jahrhundertealte Marmorpalste zerbrckelten, an denen Moos wuchs. berall
lag Moderduft; es war zum Ersticken. Man hrte durch die Zeit hindurch die
Werke der Menschen faulen. Ringsum rauschten die Jahrhunderte in trben
Dmpfen empor. Alles schien vom Kuss des Todes berhrt und war zum
Niedergang bestimmt. Ich hatte das dumpfe Gefhl, als trge ich selbst mit
die Schuld, dass die Welt sterben sollte. Ach, ich hatte meine Tage
schlecht benutzt. Es htte anders werden knnen, wenn ich gewollt. Wie
freute ich mich ber die Zchtigung, die mir ward. Die Leiden, auf die ich
gewartet, begannen. Mir war, als strzte mitten in der zerbrckelnden Welt
etwas klirrend zusammen, was mich in hohem Masse betraf. Es sah zwar, als
ich hinblickte, nur aus wie eine Messbude, so eine purpurrot tapezierte mit
vergoldeten Spiegeln, vor denen Lampen brennen; darin aber konnte man durch
Gucklcher die Haupthandlungen meines Lebens sehen. Und es war mir hchst
fatal, dass so viele Leute hineingeschaut hatten. Das wunderte mich selbst,
denn ich war frher stolz gewesen auf mein reiches, buntes Leben.

Weiter . . . weiter . . . rief ich, mehr von dieser bittersssen
Weisheit. Und wie aus einem Abgrund tauchte ein krftiger Mann. Er hatte
einen blauschwarzen viereckig geschnittenen Bart, wie ein assyrischer
Magier und war von violettem Samt umwogt, den er wie eine geliebte Katze
streichelte. Er sprach gleichgltig, in fast verchtlichem Ton, der sich
aber spter zu heftiger Erregung steigerte. Er erzhlte:




Die Snde wider den Heiligen Geist


IN Spanien gab es einmal ein paar junge Leute, die sich einen wirklichen
Spass machen wollten. Alles, was an Wahnsinn oder an das Hospital
erinnerte, lag ihnen fern. Sie verschmhten auch, berauschende Drogen
einzunehmen. Diese hchst schwchlichen Notbehelfe waren der damaligen Zeit
nicht gemss. Man wusste auch nichts vom Spiritismus, dieser Kloake der
Mystik, noch von der Hypnose, mit der in unserer wunderlosen Zeit die
exakte Wissenschaft nachgehinkt kommt. Es sollten einfach aus der Kraft des
Willens heraus, mit Hilfe von Witz, Phantasie, Mut und Gewandtheit
unerhrte seelische Schauspiele in andern Personen hervorgerufen werden.
Schauspiele, die womglich ihre Schatten bis ins Jenseits werfen wrden --
eine Art Fopperei mit Perspektiven in die Ewigkeit. Die Reihe der Todsnden
wird leider fast tglich in unserer Nhe erschpft. Hier erschlgt einer im
Jhzorn die Geliebte, einem andern erweckt eine klgliche Wissenschaft den
Hochmut der Gotthnlichkeit, ein dritter berfrisst sich und wie die
Missetaten phantasieloser Leute nur immer heissen mgen. Nur einen Frevel
gibt es, dem die Kirche schon dadurch eine Sonderstellung anweist, dass sie
erklrt, er knne nie vergeben werden; die Priester behaupten sogar, Gott
lasse ihn kaum zu: die Snde wider den heiligen Geist. Die jungen Leute,
von denen ich erzhlen wollte, konnten sich daher gar nichts
Geheimnisvolleres, Sehenswerteres vorstellen, als das Geschehen dieser
unerhrten Snde. Sie wollten vor allem wissen, ob sie berhaupt mglich
sei, wie sie sich vollziehen wrde, ob Gott dazwischen trte, ob der
Weltlauf stillstnde, oder ob sich vielleicht gar nichts ereignete.

Die Snde wider den Heiligen Geist besteht einfach darin, dass man ihn
beleidigt, das Heiligste lstert. Dazu gehren drei Bedingungen: der Wille,
das Bewusstsein und die Kraft des Lsterers. Er muss den hchstmglichen
Frevel begehen _wollen_, muss _wissen_, wen er beleidigt und was er damit
wagt, also den _Glauben_ haben, er muss durch die _Kraft_ seines Willens,
seiner Werke imstande sein, Gott berhaupt zu treffen. Seine Schmhungen
drfen nicht wie das Gebell eines bsen kleinen Hundes abprallen. Ausser
von Satan selbst, der, wie man weiss, frher der schnste der Engel war und
sich jetzt in bestndiger Emprung gegen den Heiligen Geist befindet, kann
die Snde eigentlich nur von einem Heiligen begangen werden, der die im
Dienste Gottes erworbene Kraft des Gebetes, des Glaubens, der Berge
versetzt, pltzlich gegen Gott selbst wendet.

Man suchte zunchst nach einem geeigneten Opfer. Es fnden sich eine Anzahl
Jungfrauen, deren Reinheit sogar Wunder hervorbrachte. Aber es erwies sich,
dass ihre Tugend, ihr Glaube doch nicht viel mehr war, als der Mangel an
Gelegenheit zum Fall. Wenn sie auch Gott lebendig in sich fhlten, so waren
ihnen die Kniffe und Schliche Satans fast ganz unbekannt.

Schliesslich dachte man an die vierzehnjhrige Teresa Alicocca, die Tochter
einer Kurtisane. Ihre Mutter hatte seit der Geburt des Kindes keine
peinigendere Sorge gehabt, als dass es einen hnlichen Weg wie sie gehen
wrde, und wenn auch an ihr selbst nichts mehr zu verderben war, so bergab
sie doch die Tochter der strengsten Erziehung in einem Kloster der
Karmeliterinnen. Man htte von ihr nicht mehr erfahren als von den anderen
Zglingen, wenn sie nicht schon in so frhem Alter bestndig von den
Priestern als leuchtendes Beispiel fr das Wunder der _Substitution_
gepriesen worden wre, worin sich ja auch Teresas namensverwandte
Schutzpatronin bekanntlich ausgezeichnet hat. Mit Gebeten und Kasteiungen
war es ihr nmlich -- durch Vermittlung der heiligen Teresa -- gelungen,
dem Bsen gegenber an Stelle ihrer Mutter zu treten, sich ihr zu
_substituieren_: sie ging freiwillig den Dmonen der Wollust und der
Geldgier entgegen, die es eigentlich auf die Mutter abgesehen hatten.
Whrend diese fortgesetzt, trotz ihrem Glauben, den satanischen Strmungen
erlag und sich mitreissen liess, wusste Teresa solche Ausflsse der Hlle
von nun an auf sich zu lenken und sie zu berwinden. Die Folge davon war,
dass die Mutter -- zu ihrer eigenen Verwunderung -- auf einmal imstande
war, die Versprechungen zu halten, die sie immer wieder im Beichtstuhl
machte. Sie begann ein bussfertiges Leben zu fhren und dankte dem Himmel,
der ihr von der Frucht ihrer Snde selbst die Gnade hatte kommen lassen.

Niemand konnte den jungen Leuten zu ihrem Vorhaben geeigneter erscheinen
als Teresa Alicocca. Sie fhlte und sah nicht nur Gott, sondern auch die
Fallen Satans waren ihr, die nie gesndigt hatte, bekannt. Die Kraft zu der
grossen Snde besass sie zweifellos; wenn man sie ohne Berauschung dazu
bringen knnte, wrde sie auch das Bewusstsein haben. Es handelte sich also
darum, die dritte Bedingung in ihr zu schaffen, den Willen, den Heiligen
Geist zu lstern.

Den jungen Leuten wurde es nicht sehr schwer, sich Teresa zu nhern, da
sich unter ihnen ein Priester befand, Fray Toms de Leon, der im geheimen
dem Satanismus ergeben war. Durch ihn hatten sie berhaupt genaueres ber
Teresa erfahren. Der Geruch der Frmmigkeit, in dem er stand, verbunden mit
einem ungemeinen Scharfblick in die menschliche Seele, hatte die
Karmeliterinnen veranlasst, ihn zu ihrem Beichtvater zu erwhlen.

Er wusste, dass Menschen wie Teresa nie mit sich zufrieden sind, dass sich
immer wieder Falten ihres Bewusstseins ffnen, in denen kleine Vorwrfe,
Zweifel, Mahnungen an Unterlassenes liegen. Kluge, wohlwollende Priester
pflegen daher solchen Beichtkindern die eingehende Gewissensprfung
zeitweise zu verbieten. Fray Toms dagegen verstrkte diese
selbstqulerischen Stimmen, indem er fragte, ob sich Teresa denn auch ganz
frei von der Todsnde des Hochmuts fhle, ob sie sich nicht bisweilen fr
eine Heilige halte, da sie sogar die Missetaten anderer auf sich nehme. Die
Substitution sei zwar eines der gottgeflligsten Werke; war aber Teresa
wirklich rein und demtig genug? Indem der Priester tglich den Finger in
die zuerst leichte Wunde legte, gelang es ihm, in Teresa eine unsgliche
Verwirrung zu schaffen.

Ob denn nicht die Bekehrung der Mutter als Beweis fr die Reinheit ihrer
Gebete gehalten werden knne? wagte sie schchtern einzuwenden. Das knne
Teufelswerk sein. Was verschlge es dem Bsen, dass eine Hure, der er
sicher war, einige Zeit zchtig lebte, wenn er dafr eine Jungfrau durch
die Todsnde des Hochmuts fangen knne?

Teresa wurde nun so unsicher, dass sie tagelang die Substitution nicht
wagte; sie bat sogar Gott, nicht mehr Anfechtungen ber sie ergehen zu
lassen, als er ihr in seinem gerechten Zorne zugedacht hatte. Als der
Priester so ihre Kraft gebrochen sah, fragte er sie, ob sie jetzt nicht in
den entgegengesetzten Fehler verfallen sei? Ob sie, die vielleicht doch
eine Erwhlte war, nicht aus Kleinmut und Trgheit auf das Wunder
verzichte, sie, die schon aus blosser Kindesliebe alles tun msse, um die
Seele der Mutter zu retten. Teresa wollte von neuem die Substitution
versuchen, aber wenn sie vor dem Heiland kniete, fhlte sie, dass ihre
ngstlichen, zerrissenen Gebete keine Kraft mehr hatten. Eine wahnsinnige
Angst vor dem Teufel erfasste sie und, von ihren eigenen Snden gepeinigt,
vermochte sie das Wunder nicht mehr zu erfllen. Ihre Unreinheit wurde ihr
immer mehr bewusst. Hatte sie nicht manchmal gejauchzt, ein Weib zu sein,
weil sie darum den Heiland viel inniger lieben konnte? Sie war ja eine
schlimmere Dirne, als die Mutter, die der Schwachheit des Fleisches
unterlag und dann reuig zur Madonna floh; sie aber trug die Gemeinheit
ihres Geschlechts an den Altar, sie vermengte ihre Wollust mit den Gebeten.
Ihre Ekstasen, die sie fr ein Vorgefhl der ewigen Seligkeit gehalten,
erwiesen sich als Schndungen Gottes; die Stimmen der Heiligen, die sie zu
vernehmen glaubte, waren die Schmeichellaute der schwelgenden Sinne. Sie
hatte wider den Heiligen Geist gesndigt. Diesen Seelenzustand beichtete
sie dem Priester, der sich jedoch mit dem Erfolg noch keineswegs zufrieden
gab. Er sah, dass die Snde wider den Heiligen Geist vorlufig nur in
Teresas gequlter Einbildungskraft bestand. Zunchst bestrkte er sie in
ihrem Irrtum.


Diese fehlerhaften besudelten Gebete, erklrte er, sind freilich
schlimmer, als die eingestandene Gottlosigkeit. Der offene Unglaube ist
unfruchtbar, dumm, ohnmchtig. Aber solche fiebernde Gebete erhalten durch
die brnstig erregte Seele immerhin eine gewisse Macht. Sie sind zwar nicht
lauter und krftig genug -- wie das reine Flehen der unbefleckten Herzen
--, sich mit dem ewig aufsteigenden Gebetsstrom der Christenheit zu
vereinen und so den Beter unaufhrlich mit der allgemeinen unsichtbaren
Kirche zu verketten, die ihn trgt und schtzt, in deren Schoss ihn die
Anfechtungen Satans unbekmmert lassen. Solche Gebete haben aber wohl die
Macht, Sonderstrme zu schaffen, die, von dem Hauptgebetsstrom abgestossen,
wieder zu dem Beter zurckkehren, ihn mit ihrer Unreinigkeit wie mit
heissen Hnden umschlingen, seine Zelle wie mit Spinnweben verdunkeln, ihn
unter den Larven seiner eigenen unheiligen Gedanken erdrcken, bis er in
seiner Sndigkeit erstickt.

Fray Toms erreichte durch diese Erklrung, dass Teresa die Einsamkeit
ihrer Zelle nicht mehr ertrug. In der Luft schienen die flchtigen
Spiegelbilder ihrer Snden zu schwirren. Ihr war, als sei das Gewebe, das
der Bse um sie geschlungen, schon so dicht, dass ihre aufrichtigsten
Gebete nicht mehr herauszudringen vermochten. Sie fhlte sich wie
abgetrennt von der allgemeinen unsichtbaren Kirche. Diesen Zustand benutzte
der Priester, um Teresa zu bestimmen, ihre Zelle zu verlassen. Auf die
Klster habe es ja Satan ganz besonders abgesehen, und zumal die, wo die
Substitution gebt werde, seien wahre Magnete fr die satanische
Ausstrahlung. Eine schwache Natur, wie Teresa, sei daher berall besser
aufgehoben als in einer einsamen Klosterzelle. Als Beichtvater wusste er
ihr klarzumachen, dass es ihre Pflicht sei, einen so aussergewhnlichen,
beunruhigenden Fall, wie den ihren, dem sanften, heiteren Gemt der Oberin
zu verschweigen, die dadurch nur in die hchste Verwirrung geraten wrde.

Eines Nachts verliess Teresa Alicocca das Kloster durch ein
Gartenpfrtchen. Fray Toms brachte sie in einem Kahn zu dem halb blinden,
halb tauben Kster einer abgelegenen, wenig besuchten Kirche. Dort sollte
sie eine Zeitlang die gefhrliche Beschaulichkeit ihres bisherigen Lebens
durch die niederen Handreichungen in einem rmlichen Hauswesen ersetzen.
Nichts schien ihr einleuchtender, als durch ermdende, demtige Arbeit ihre
verwirrte Seele allmhlich wieder zur Ruhe kommen zu lassen. Fray Toms
besuchte sie tglich. Er erzhlte, Teresas Mutter sei wieder in das alte
Sndenleben zurckgefallen. Die frheren Versuchungen, vor denen die
Tochter sie geschtzt, seien nun von neuem an sie selbst herangetreten und
besonders habe sie sich, der Verzweiflung ber das Verschwinden der Tochter
nachgebend, zu den schimpflichsten Gotteslsterungen hinreissen lassen.
Tglich brachte Fray Toms hnliche Nachrichten. Teresa wre am liebsten
sofort zur Mutter geeilt, aber der Priester verstand es, sie
zurckzuhalten. Man wrde sie entdecken und in das Kloster zurckliefern.
Was konnte sie auch der Mutter durch ihre Gegenwart eigentlich ntzen? Sie
solle lieber durch Kasteiung und Gebete ihre frhere Reinheit
zurckgewinnen und -- die geziemende Demut vorausgesetzt -- von neuem das
Wunder der Substitution versuchen. Einmal rief sie aus:

Wenn schon ein Opfer Satans fallen muss, warum kann ich es denn nicht
sein? Ich bin ja viel schlechter als die Mutter.

Der Priester sah sie lange forschend an. Der Gedanke, den er ihr allmhlich
eingeben wollte, war von selbst in ihr erwacht.

Was du verlangst, meine Tochter, sagte er ruhig, ist mglich. Wenn du
dich dem Bsen als Pfand geben willst, um die Mutter zu retten, so nimmt er
es an.

Ich will, erwiderte sie tonlos; und Fray Toms de Leon fiel vor ihr auf
die Knie und ksste den Boden.

Gebenedeite unter den Weibern, rief er aus. Tochter Gottes, Schwester
des Heilands. Weh mir Blindem, der ich dich fr eine Snderin hielt, da du
_freiwillig_ den _Schein_ der grssten Missetat auf dich nahmst; aber
zweifelte nicht auch Nikodemus zuerst an der Gottheit des Herrn, weil er
irdischen Leib trug? Siehe, ich bin der erste, der vor dir niederfllt,
nicht wert, die Riemen deiner Schuhe zu lsen. Vergib mir, wenn ich dich
nicht erkannt.

In hchster Verwirrung hatte Teresa Alicocca zugehrt.

Steh auf, rief sie zitternd, was verlangst du von mir? Willst du mich
versuchen, willst du in mir den Teufel des Hochmuts von neuem erwecken?

Fray Toms stand auf:

Siehe, ich bin berufen, dir eine letzte erschtternde Prophezeiung zu
enthllen, welche die Kirche bisher als tiefstes Geheimnis hielt[*]. Jesus
Christus ist Mensch geworden; ber die Welt bis in das Fegefeuer reichte
sein rettender Arm, doch seine Gttlichkeit stand still vor den Pforten der
Verdammnis; unerlst blieben die Kinder der Hlle; denn dorthin fhrt nur
die Snde wider den Heiligen Geist, die der Gottessohn nicht begehen kann.
In den sptesten Zeiten aber -- so heisst es -- soll ein Weib geboren
werden. Freiwillig wird sie die Tore der Hlle durchschreiten. Ihrem
sndigen Menschentum werden sie sich nicht verschliessen. Aus freier Wahl
wird sie die grsste Snde begehen, um die Fesseln derer zu lsen, die an
die Ewigkeit ihrer Qual geglaubt. Das ist die letzte Vollendung der Gte
des Herrn. Dann aber wird sie umkehren und gen Himmel fahren; sprengen muss
sie die Dreieinigkeit, die nunmehr erfllt ist, und sie wird thronen zu
Hupten Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, reitend
auf der Taube, in ewiger Viereinigkeit.

Wieder fiel Fray Toms auf die Knie.

Steh auf, steh auf, rief Teresa, ich darf dir nicht glauben -- ich
zittere, eine Erwhlte zu sein -- eine andere wird kommen; nur sage mir --
ich beschwre dich -- was kann ich tun, um die Mutter vor der Verdammnis zu
schtzen?

Der Priester erhob sich.

Wie Christus eine Spanne Zeit auf Erden wandelte, so wirst du in der Hlle
eine Frist der Verdammnis erfllen und mit den verstocktesten Sndern dich
und die Mutter erlsen.

Was kann ich dazu tun? fragte Teresa zitternd.

Und unerbittlich fuhr Fray Toms fort:

Nur wer von einem Weibe geboren wird, kann einen irdischen Leib erlangen;
nur wer die grosse Snde begeht, die nie vergeben werden kann, wird zur
Hlle fahren.

Die Snde wider . . .? stotterte Teresa.

So ist's, die Snde, die Christus nicht begehen konnte, vor dessen
Gttlichkeit sich darum die Hlle verschloss. Glaubst du, dass er
berlegte, als er Mensch wurde, ob er seine Gttlichkeit einbssen msse?
Und du setzest nur dein Menschentum aufs Spiel. So wie die Unreinheit der
Empfngnis von Maria genommen wurde, so sollst auch du von deiner
freiwilligen Snde nicht befleckt werden.

Ohne auf Antwort zu warten, ging Fray Toms von dannen. Teresa lag die
ganze Nacht in Trnen auf den Steinfliesen der Kirche und flehte um
Erleuchtung. War es Mangel an Demut, wenn sie manchmal jubeln wollte,
vielleicht doch die Erwhlte zu sein?

Am nchsten Tag brachte Fray Toms die Nachricht, Teresas Mutter sei von
einer Gesellschaft junger Schwelger durch Gold bewogen worden, in einer der
kommenden Nchte nackt, nur mit masslosem Schmuck bedeckt, vor ihnen als
Salome zu tanzen. Man wollte ihr aus Wachs einen Johanneskopf anfertigen
lassen; sie selbst aber, die sich seit einer Woche vor Gotteslsterungen
nicht zu halten wisse, habe im geheimen den Auftrag gegeben, man solle
nicht das Johannesantlitz in Wachs giessen, sondern die wohlbekannten Zge
des dornengekrnten Christus in der Kapelle der heiligen Ignazia. Warum
habe ihr Gott die Tochter mit ihren krftigen Gebeten entrissen, soll sie
gerufen haben, nun sei es _seine_ Schuld, wenn sie sich dem Satan ergebe.
-- Zweifellos -- meinte der Priester -- habe sie eine entsetzliche
Schndung des Jesushauptes vor, die Snde wider den Heiligen Geist.

Teresa fiel kraftlos zu Boden.

Erkennst du den Fingerzeig Gottes, meine Tochter? sagte Fray Toms;
mahnt er dich nicht selbst, dass jetzt die Stunde gekommen ist, wo du
freiwillig der Mutter Snde auf dich nehmen sollst, die dir allein die
Hlle ffnet, auf dass sie nimmer geschlossen werde, nachdem du alle
Verdammten erlst hast?

Ich verstehe dich nicht.

Glaubst du, dass Gott oft diese Snde erlaubt? Heute, im Augenblick, wo du
deine Berufung erfllen sollst, will er sie zulassen in deiner nchsten
Nhe, an deiner Mutter, die du ohnehin vor dem Bsen zu vertreten gewohnt
bist? Sollen mehr Fden in einem Knoten zusammentreffen? Das Laster der
Mutter, deine Sehnsucht, sie zu retten, waren nur Fingerzeige fr dein
hohes Werk. Selten enthllt sich Gottes Wille so klar. Mit einem Trank will
ich deine Mutter an dem verfnglichen Abend in Schlaf versenken. Du aber
wirst, angetan mit dem Schmuck, den die reichsten Jnglinge der Stadt
zusammentragen, den Tanz vollfhren. _Du wirst die Snden der Verdammnis
tanzen:_ den Hochmut, die Trunkenheit, die Wollust an der Kreatur, du, die
du demtig, nchtern und keusch bist. Freiwillig wirst du Gott verfluchen,
das Christushaupt bespeien und den Satan brnstig lachend um die Lust der
ewigen Verdammnis anflehen, auf dass sich die Tore der Hlle vor dir ffnen
und du alle Verdammten -- unter ihnen aber deine Mutter -- zum Himmel
fhrest.

Teresa wand sich verzweifelt am Boden, whrend den Priester das Vorgefhl
dieses Schauspiels bis zum Taumel erregte.

So nimmst du alle Snden der Zukunft vorweg durch die grsste, die je
begangen werden kann. Im Augenblick aber, wo der Satan lstern den Arm nach
dir streckt, um dich zur Knigin der Hlle zu erheben, wird er im eigenen
Lager geschlagen, gefangen in seinem Netz; denn durch deinen menschlichen
Leib wird dann Gott ein schreckliches Mal geruht haben, sich des Betrugs zu
bedienen, dessen Verkrperung Satan ist; so wird -- als letztes Mysterium!
-- der Teufel durch sich selbst vernichtet, der Betrger betrogen, die
Snde ist fr immer tot. Das aber wird das Werk der heiligen Teresa
Alicocca sein, und die himmlischen Heerscharen, die sie aufwrts tragen,
werden singen:

Gloria patri et filiae!

Fray Toms bekreuzte sich und liess sie allein. Er wusste sie nun
vorbereitet genug, um sie im letzten Augenblick berrumpeln zu knnen.

In einer der folgenden Nchte lag Teresa Alicocca nach ihrer Gewohnheit vor
dem Altar der dunkeln kleinen Kirche flehend ausgestreckt. Ihr lautes
Schluchzen durch die Finsternis wurde pltzlich unterbrochen, indem die
Orgel wie unter Geisterhnden leise zu spielen begann, und zwei
zerbrechliche Kinderstimmen sangen hell und zart:

Gloria patri et filiae.

Ein heftiges Beben berkam Teresa. Sie glaubte an ein Wunder der
Erleuchtung und heisse Dankgebete strmten von ihren Lippen. Da trat mit
einer Kerze in der Hand Fray Toms de Leon hinter dem Altar hervor. Er war
silberweiss gekleidet. Unter dem Arm trug er einen Schrein.

Steh auf, Gebenedeite! rief er ihr zu, lass den niedrigsten der Diener
deinen Leib zum Opfer schmcken!

Und die hellen Kinderstimmen tnten licht und wie durchsichtig durch das
Gewlbe.

Steh auf Tochter Gottes, Schwester Jesu!

Willenlos, geblendet von der Helle, die den Priester umfloss, erhob sie
sich. Mit sanften, gewandten Hnden half er ihr das armselige Klostergewand
zu ffnen, Es sank um sie herab, wie die irdische Hlle einer Verklrten.
Die Augen mit Heftigkeit auf den Christ gerichtet, suchte sie ihre Scham
wie einen Schmerz zu verbeissen. Die letzten Gewnder fielen nieder; sanft
zog ihr der Priester das rauhe Hemd ab und legte segnend die Hnde ber das
nackte Weib. Dann ffnete er den Schrein und nahm funkelnde Geschmeide
heraus . . .

Trage die sndenschwangere Schwle der mattgrauen Wolkentage, die Last
unserer trgerischen Sehnsucht!

Er legte blasse, siebenfache Perlenschnre um ihren Hals.

Lass dich umwinden vom gold-durchfunkelten Blau der Himmel, vom Jauchzen
der Kreatur, die den Menschen aufregt zum farbigen Baalstanz seiner
gtzendienerischen Kunst.

Der Priester wand ein hellblaues Atlasband mit masslosen sonnigen Topasen
unter ihre Brste, die spitz und starr heraustraten.

Lass dich lstern streifen von lauen Wldern, den Unterschlupfen der
Wollust, von den grenden Wassern im Regenbogenglanz, wo Tiere dmmern,
Geschwister der schwlsten Begierden!

Wie Bltter des Waldlaubs streute er tannengrn-tiefen Smaragd, sanften
Beryll, birkenblasse Chrysoprase; moosiger Nephrit und verfnglich
schillernde Opale lagen um ihre Lenden.

Beuge dich dem zehrenden Feuer, das den Bauch der Erde zersprengt, den
Aufruhr entzndet im Schosse der Vlker!

In fesselloser Verschwendungsgier umschloss er sie mit Spangen von
glhendem Rubin und weichrotem Karneol; Granaten, Almandinen und Korallen
sanken wie Blutstropfen auf den Schoss der Jungfrau.

Whle auf deine Locken, den Ozean, den Duftausbruch des verworrenen
Verlangens, trage darin das Irrlicht der Erkenntnis, das schaukelt ber den
Smpfen der Sinne, die ewige Lampe des Hochmuts der Wissenden!

Fray Toms lste mit wildem Griff das wogende Haar und drckte eine
Diamantenkrone hinein. Trunken vor seinem funkelnden Werke sagte er:

Nackt prunke, leuchte, singe dein Leib unter der Pracht und den Snden
hervor, auf dass dich Satan zeichnen mge! Doch, wie in pltzlicher,
verzweifelnder Entsagung fuhr er fort: Deine Schritte beschwere der
finstere Fluch unserer purpurnen whlenden Nchte, da uns die Atemzge der
Hlle glhend ins Antlitz fauchen, das da funkelt in steter Emprung und
Wollust, im Schrei nach endlichem Licht!

Und Fray Toms de Leon legte ihr trben Amethyst, nchtigen Saphir und
Aquamarin in finster-blulichen Schnren von dem Lendengurt bis zu den
Kncheln wie durchsichtige orientalische Beinhllen.

Beladen mit aller Herrlichkeit, mit allen Freveln der Erde starrte die
Vierzehnjhrige auf den Christ ber dem Altar und wusste nicht, wie ihr
geschah. Auf einer goldenen Schale reichte ihr Fray Toms das grnlich
schimmernde Wachshaupt Jesu. Dann ergriff er sie an der Hand und wandte sie
gegen die Kirche, die indessen in berhellem Kerzenschein erstrahlt war.
Auf den Fliesen lag ein weisser Teppich ausgestreckt, an dessen Ecken
Fackeln brannten und Myrrhenbecken dampften. Fray Toms fhrte die Zagende
mitten auf den Teppich.

Tanze, Tochter des Himmels, tanze den Tanz der Erlsung und erflle in
prahlender Unzucht in dieser einen Stunde alle die Frevel, die der Satan
noch von der Menschheit zu fordern hat!

Pltzlich fiel die Orgel in wilden Rhythmen ein. In den halbdunklen Ecken
der Kirche schlugen vermummte Mnner heilige Gefsse wie Becken und Zimbeln
aneinander. In entsetzlichem Gemisch mit der Feierlichkeit ertnte das
barbarische Gerusch von Tamburinen; trunkene Weiberschreie drangen hinter
den geblhten Vorhngen der Beichtsthle hervor.

Tanze, tanze! schrie der Priester voll Ungeduld und schien die Zgernde,
die sich unter der Last der Geschmeide kaum zu bewegen wagte, durch
springende Schritte ermutigen zu wollen. Und langsamen, schchternen
Ganges, beladen mit den Freveln der Welt, bewegte sich Teresa Alicocca ber
den Teppich, den Kopf des Heilands auf einer Schale tragend. Aus den Ecken,
wo sich Mnner und Frauen schaugierig drngten, sprangen nun pltzlich die
jungen Leute, des Priesters Freunde, hervor; mit Fackeln und blossen
Schwertern im Arm tanzten sie jauchzend um den Teppich.

Wilder, toller! riefen sie der ngstlichen zu. Du musst uns alle
erlsen; aber unsere Snden sind noch brennender, emprender, ruberischer,
als dein Tanz. Du musst verruchter tanzen, als unsere Missetaten sind, die
gen Himmel schreien. Nur so kannst du uns zum Heile sein!

Whrend die Wut der Orgel niederdonnerte, liess sich Teresa zu immer
wilderem Tanze treiben. Sie warf die Schale mit dem Haupte von sich und
fand in pltzlicher Erleuchtung die versonnensten Gliederkrmmungen der
asiatischen Tnzerinnen. Sie bot ihren Schoss offen der Kerzenhelle dar und
entriss ihm mit gewaltiger Gebrde die Blume ihres Jungfrauentums, so dass
ihr weisser Krper ber die roten Rubinen blutete.

Eine blutende Hostie des Satans! rief Fray Toms verzckt. Sie aber
heulte auf vor Schmerz und strzte sich auf das wchserne Haupt vor ihren
Fssen, umschlang es, wie den Kopf eines Tnzers, krallte die Zhne hinein,
ihre Qual zu verbeissen.

_Und sie tanzte die Snden der Hlle!_

Kss ihn, rief ihr der Priester zu; willenlos tat sie nun alles, was er
befahl. Verspott ihn, spei ihn an, wirf ihn hin, tanze drber weg,
zertritt ihn, zermalm ihn -- lstere die Dreieinigkeit -- rufe zu Satan!

Und gebeugt von der Last der Snden der Verdammnis schrie Teresa Alicocca:

Satan, Lucifer, Adonai!

Was willst du? rief eine dumpfe Stimme aus der Krypta.

Nimm mich in die ewige Qual! sthnte Teresa.



Und Gott? -- Glaubst du an ihn?

Ich glaub' an ihn, ich fhle seine Majestt, aber dennoch schreie ich mich
von ihm los, -- _dein_ will ich sein --!

Bist du willens, den Heiligen Geist zu schmhen?

Tat ich's nicht schon? rief sie atemlos.

Willst du Lucifers Beischlferin sein, der Gott kennt und ihn darum
hasst?

Ich sehe Gott, rief Teresa ekstastisch, und will doch deine Dirne sein,
Satan!

In diesem Augenblick sprangen die jungen Leute mit Dolchen bewaffnet auf
den Teppich.

Schnell . . . schnell . . . rief Fray Toms, ehe sie bereuen kann, ehe
sie das grosse Werk zerstrt!

Und im Nu strzten sie auf das verzckt dahintanzende Weib ein. Sechs
Dolche staken in Teresas Leib -- im Herzen, im Nacken, im Bauch, in den
Lenden, in der Scham -- _aber keiner schien sie verwunden zu knnen._
Gefhllos tanzte sie weiter, wie eine Nachtwandlerin. Sechs Dolche
umstarrten sie, als gehrten sie zu ihrem masslosen Schmuck.

Sie fhlt nichts mehr, rief einer erschrocken. Mit einem Messer schnitt
er in den Arm der Tanzenden, ohne dass Blut floss. Langsam fielen die
Dolche wie reife Frchte von ihr ab.

Das Leben schien still zu stehen im Augenblick fessellosester Entladung.
Die Flle des Rausches war pltzlich aus den Seelen geschnellt. Leer --
gebrechlich -- standen die Ernchterten da und wussten kaum im pltzlich
erstarrten Geist die Zge des entflohenen Phantoms, das ihnen Leben
geschienen, zurckzuhalten. Sie schmten sich zu reden; sie fhlten, wie
klglich ihre Stimmen jetzt klingen mussten.

Sthnen, Heulen riss sie aus ihrer Erstarrung. Entsetzt sahen sie, wie sich
Fray Toms de Leon am Boden wand. Er bohrte die Blicke, klammerte seine
Hnde an ein Kruzifix und schrie. Man beschwor ihn um Erklrung. Er aber
wagte nicht emporzublicken, die Augen abzuwenden vom Gekreuzigten. Mit der
Hand nach der Decke deutend brllte er wie ein zu Boden geschlagenes Vieh:

Gott . . . Gott . . .!

Er bellte den Namen Gottes durch das Gewlbe.

_Gott lsst die Snde wider den Heiligen Geist nicht geschehen!_

Derweil ihr Leib das Gefss unseres Unrats war, hielt der Ewige ihre Seele
fest und machte ihr Leben unverwundbar . . .!

Den jungen Leuten war, als peitsche ihnen einer in die Kniekehlen und
zwnge sie nieder. Am Boden liegend wimmerten sie klgliche Gebete. Teresa
taumelte immer langsamer, das Haupt fiel ihr vornber, die Arme
erschlafften und sie sank zusammen wie die Flammen der Kerzen, die rings
niedergebrannt waren. Aus den Ecken der dunklen Kirche aber, hinter den
Vorhngen der Beichtsthle, von dem weissen Teppich stieg verzweifeltes
Sthnen und Beten der Reue empor.

                                * * *

Der Abgrund meines Lebens hatte sich so weit geffnet, dass es mir mglich
war, bis auf den Boden zu blicken. Ich sah eine Grenze, wo ich
Unendlichkeit vermutet hatte. Die menschliche Einbildungskraft, das Spiel
des Verstandes zeigte sich erschpft, es konnte nicht weiter getrieben
werden. Mir war, als sei ich auf dem Weg der Erkenntnis mit der Stirn an
eine dunkle Wand gestossen, die nicht weichen wollte, wie sehr ich mich
dagegen stemmte. Konnte ich einen deutlicheren Beweis verlangen, dass ich
auf dem Irrweg war, dass ich mich verlaufen hatte? Und ich kehrte um.

[Funote *: Ist es ntig zu erklren, dass die Kirche niemals etwas
hnliches anerkannte!]





Die Botschaft


ICH ging in den Strassen der Stadt, wo ich wohnte. Es war mir bewusst, dass
ich mich meiner Wohnung nherte . . . Ja so, ich hatte Haschisch genommen.
Wo war denn eigentlich mein Rausch hingekommen? Ich fhlte mich ruhig und
zufrieden. Nun ging ich nach Hause. Dort wrde ich nie Haschisch oder Opium
geniessen; man kann ja nicht wissen, was von den Phantasien an den Mbeln
hngen bleibt. Meine Zimmer mussten rein sein. Da empfing ich eine Frau,
die ich liebte, da arbeitete ich, manchmal kamen Freunde; alles war dort
nach meinem Geschmack; jeden Gegenstand hatte ich mit Bewusstsein irgendwo
gekauft . . . oder er war ein Geschenk . . . . oder ein Erbstck . . .
meine ganze Lebensgeschichte hing an diesen Mbeln, meine Reisen . . . eine
Art Tagebuch: mit einem Wiegenbett fing es an, darin lagen einst meine
Spielsachen dann kam ein alter Sessel, auf dem frher abends mein Vater
sass und erzhlte . . . so ging es weiter. Da war eine Lampe, bei deren
Schein ich mich auf eine Prfung vorbereitet hatte, und nun gar die
Photographien und Bilder! Dann ein altes chinesisches Tintenfass, das meine
erste Geliebte in entzckender Wut zerbrochen, und spter einmal ein
geschickter Knabe wieder zusammengesetzt hatte. Alles war lebendig in
dieser Wohnung. Und dorthin sollte ich regellose Haschischphantasien
dringen lassen? Oft hatte ich mich geweigert, spiritistische Sitzungen
darin abzuhalten. Nichts Fremdes ber meine Schwelle! Ich war eigentlich
ganz glcklich, dass ich solch ein Asyl mitten in dem unsauberen Leben des
Jahrhunderts hatte.

Eben wollte ich eine Strasse berschreiten, als ich mich von einer Dirne in
geradezu roher Art angestossen fhlte. Sie sah ltlich und fett aus. Ihre
Lippen waren in jenem Lcheln erstarrt, das wie die Versteinerung einer von
Anfang an geheuchelten Empfindung scheint. Whrend andere ihresgleichen mit
einem gewissen Kennerblick sofort den fr ihre Absichten Ungeeigneten
unterscheiden und seines Weges ziehen lassen, wollte mich diese ganz und
gar nicht freigeben. Sie drngte sich trotz meiner heftigen Abwehr
fortgesetzt an mich heran und sprach auf mich ein. Ihre schlaffen Wangen
waren mit Schminke geradezu berladen. Es fiel mir auf, dass das lange
Elend diesem puppenhaften Gesicht nicht den geringsten Ausdruck zu
verleihen imstand war, nicht einmal einen besonders bsartigen oder
lasterhaften. Ohne zu antworten, ging ich weiter, aber meine Gedanken
konnten nicht von ihr loskommen. Was fr Mnner mgen ihr wohl folgen?
Dieses Nichts hatte ja nicht einmal die Anziehungskraft des Schmutzes, der
Gemeinheit. Was fr eine Sinnlosigkeit -- einem das anzubieten! Auf welche
Art sollte wohl jemand dazu kommen, sich mit ihr zu befassen? Aus Zufall
musste sie Dirne geworden sein, ohne Abscheu, ohne Neigung, so wie die
meisten Menschen ihren Beruf whlen, eine Spiessbrgerin der Halbwelt, ein
Leib, der mechanisch als Weib funktionierte.

Das ist ja der Tod, dachte ich, und unwillkrlich beschleunigte ich den
Schritt, um nach Hause zukommen. Das Wesen war verschwunden oder mir schien
vielmehr, es habe sich in die Luft aufgelst und erflle nun alle Strassen,
liege ber den Husern, ber den Bumen, ber den paar Menschen, die mir in
der ersten Morgendmmerung begegneten. Die Pariser Strassen, deren
selbstverstndliche, einfache Eleganz ich sonst so gern hatte, kamen mir
pltzlich so gleichgltig, so dumm vor. Die Menschen, die mir begegneten,
schienen geradezu sinnlos: alle blass und bermdet; weshalb? fr ein
Vergngen etwa? So sahen sie gar nicht aus. Sie gehen nun einmal erst
morgens zu Bett, haben Maitressen, die sie nicht lieben, und bezahlen fr
alles mehr, als es wert ist, werden krank, wahnsinnig, verarmen. Warum?
Keiner weiss es, sie selbst wissen es am wenigsten. Viele Dirnen huschten
trbselig an mir vorbei. Sie waren bernchtig, blickten sich kaum um. Da
fiel mir wieder die erste ein, die mich angesprochen hatte. Sie war die
verkrperte Zwecklosigkeit, die Bldsinnigkeit dieses ganzen dummen
Stadtlebens. Ich war wenigstens mde und freute mich auf den Schlaf. So kam
ich vor mein Haus. Im Augenblick, wo ich die Haustr zuwerfen wollte,
schlpfte jemand hinter mir herein.

Inkubus, murmelte eine Stimme. Von diesem Augenblick an fhlte ich mich
nicht mehr selbsthandelnd. Ich wurde von aussen gedrngt. Eine Lhmung, wie
sie uns im Traum berkommt, hinderte mich, den Eindringling hinauszuweisen
oder dem Hausmeister zu rufen. Von rckwrts wurde ich die Treppe
hinaufgeschoben, bis ich vor der Tr meines Arbeitszimmers stand. Wie jede
Nacht zndete ich mechanisch die Lampe an. Dann sank ich erschpft auf die
Chaiselongue. Das Wesen setzte sich mir gegenber. Ich erkannte dieselbe
Dirne, die mir zuerst auf der Strasse den Weg versperrt hatte. Das sinnlose
Elend, das sich mir draussen ber die Nerven gelegt, war in mein Zimmer
getreten.

Sie suchte mich mit vielen Grnden zu berzeugen, dass sie dableiben und
ich ihr ein gutes Geschenk machen msse. Ich weiss nicht, ob ich berhaupt
antwortete. Sie schalt, nicht sehr erregt, meine niedrige Gesinnungsweise
und suchte dann wieder durch alberne Schmeichelworte meine Geneigtheit.

. . . stelle dich nicht wie ein Kind, sagte sie, das weisst du doch,
alle Menschen mssen solche Beziehungen zum Tod unterhalten. Der Willenlose
hat dort einen gewaltttigen Herrn, der Ehrgeizige neidische Nebenbuhler,
der Egoist bsartige Kinder. Du sollst nur eine Geliebte haben, die du mit
deinem Blute wrmen musst. Jeder nach seinem Temperament oder nach seinen
Snden, wenn ich mich ein wenig altmodisch ausdrcken darf. Denke doch an
die Freunde, mit denen du den Abend verbracht hast. Glaubst du, dass sie
keinen ungeladenen Gast daheim finden, der von ihnen Rechenschaft,
Versprechungen, Verzichtleistungen -- weiss der Teufel, was -- verlangt.
Dich hat man bisher unbegreiflicherweise vergessen. Nun komme ich, die
Steuer an inneren Leiden zu fordern, die du dem Tod dafr schuldest, dass
er dich noch leben lsst. Um dich nicht zu erschrecken, nherte ich mich
dir draussen. Du siehst, wie ich dir die Pille verssse. Du httest mich,
wenn ich gewollt, ebensogut auf deinem Bette sitzend finden knnen. Denke
dir einmal, wie du da berrascht gewesen wrest. Sie lachte heiser. Du
siehst, ich bin ganz bequem zu ertragen; auch Eifersucht ist mir fremd.
Weisst du, eigentlich bist du noch ein Kind, da du heute zum erstenmal
bewusst solch einen Besuch empfngst. Morgen wirst du kein Kind mehr sein;
gib nur acht, wie anders, wie viel verwandter dir morgen die Menschen
vorkommen werden. Die Hlfte deines Hochmuts wird verschwunden sein. Und
sie werden dir mehr trauen, denn bisher haben sie gefhlt, dass du nichts
vom Tod wusstest. Ist es nicht so? Das wird sich nun ndern. Nun hast du
wenigstens etwas mit ihnen gemein. Sie schaute im Zimmer umher. brigens,
ohne dass du sie erkanntest, mssen doch schon viele Boten des Todes gleich
mir hier durchgekommen sein, um diesen durchdringenden Leichengeruch
hervorzurufen.

Keine, verfluchtes Tier! schrie ich ihr entgegen. Du bist die erste, die
diese Rume besudelt.

Aber die blecherne Stimme klirrte unaufhaltsam weiter. Meine einzige
Hoffnung war, dass alles nur ein Traum sei.

Deine Verbrechen sind ja eigentlich ziemlich harmlos, ich brauche sie dir
wohl nicht erst zu nennen . . . Kindereien! Dafr bleiben dir auch die viel
schrecklicheren Besuche erspart, die nachts den duckmuserischen Brger,
den satten Berufs- und Geldmenschen qulen. Was die nachts erleben, das
werde ich dir gelegentlich einmal erzhlen. berhaupt, weisst du, wir
knnen ganz behaglich zusammen plaudern. Deinesgleichen ist wirklich die
amsanteste Art zugefallen, mit dem Tod in Beziehung zu treten. brigens
noch eins, dass ich es nicht vergesse: du brauchst deshalb noch lange nicht
zu sterben, mein Besuch hat damit nicht das geringste zu tun. Ich bringe
nur die Botschaft, dass die allererste, gedankenlose Jugend fr dich
verrauscht ist.

Ihre Stimme war allmhlich ein wenig wrmer geworden. Sie schien Mitleid
mit mir zu haben.

. . . Hast du immer noch Angst vor mir? Weisst du denn, wer die andern
waren, von denen du nicht das geringste wusstest, die du einst um
Mitternacht in dein Haus brachtest und neben dich legtest, wie eine gute
alte Geliebte? Wusstest du vielleicht, woher die kamen und wohin sie
gingen? Wusstest du, welcher Sarg tagsber ihre Wohnung war, ehe sie zu dir
kamen und nachdem sie dich verliessen? Bist du ihnen morgens je einmal
gefolgt? Nichts wusstest du von ihnen, und doch hattest du keine Furcht.
Und nun erschrickst du vor mir? Was bin ich denn anders, als jene? Weisst
du weniger Gutes oder mehr Bses von mir?

Ich sage dir, dass noch keine diese Schwelle betrat.

Sie brach in ein furchtbares, gar nicht einmal sehr lautes hlzernes Lachen
aus.

Du bist ein Kasuist, mein Freund, du weisst wohl, dass ich nicht von
Fleisch und Blut rede . . . denke doch bitte einmal an deine Phantasien, an
deine geheimsten Gedanken; wie Spinnweben hngen die hier an allen Mbeln
herum. Es ist lcherlich, mir etwas vorlgen zu wollen. Ich weiss, mit wem
du dich schlafen legst, mit wem du dich ganze Nachmittage hier unterhltst.
Willst du dir etwa das Vergngen machen, dich von mir wie ein Knabe
verfhren zu lassen? Dazu bist du zu alt und ich zu klug. Ich denke, wir
machen das lieber wie gute alte Freunde, ohne uns gegenseitig etwas
vorzulgen.

Ich sah wie sie aufstand und Holz in den Kamin legte, als ob es ihr eigener
Herd wre. Am Feuer entkleidete sie sich und warf ihre zerschlissenen
Kleider an den Boden. Ich schloss die Augen, als ich den schwammigen
schlaffen Krper sah. Dann muss ich wohl eingeschlafen sein.

Als ich aufwachte, schien der blasse Wintermorgen in mein Zimmer. Ich war
berrascht, mich im Anzug auf der Chaiselongue meines Arbeitszimmers zu
befinden. Die umherliegenden schmutzigen Frauenkleider riefen mir pltzlich
das Geschehnis der Nacht in die Erinnerung zurck. Ich sprang auf und eilte
nach der Tr des anstossenden Schlafzimmers. Da lag das fette, aschfahle
Weib in meinem Bett. Ein nackter Arm hing wie tot auf den Boden herab, der
geffnete Mund rchelte. Eine unaussprechliche Wut wallte in mir auf. Ich
zerrte sie aus dem Schlummer. Schlaftrunken rief sie mir ein Wort der
Strasse zu und brummte, weil ich sie schon weckte.

Hinaus . . . fort . . . schrie ich.

Halb erzrnt, halb erstaunt kleidete sie sich in trger Bosheit an, indem
sie meinem Drngen fortwhrend mit groben, gereizten Ausdrcken antwortete.
Es ward mir fast wohl, als ich sie so schimpfen hrte; das war doch
wenigstens begreiflich: ich riss sie aus dem Schlaf und sie schimpfte; gut,
das liess man sich gefallen, das war logisch; aber sonst, das andere war ja
ganz unfassbar, dass sie hier war, in meinem Bett lag.

Schliesslich wollte ich sie zur Tr hinausschieben; aber da htte man sehen
sollen: im Tiefinnersten verletzt und geradezu entseelt vor versteinerndem
Staunen, rief sie aus:


Und die zwanzig Francs . . . wie? . . . Hast du mir nicht versprochen?
. . . du Schmutzkerl . . . glaubst du vielleicht, dass mir deine Nase so
gut gefallen hat . . .?

Kaum hatte sie das Geldstck in der Hand, als sie schmeichelnd einlenkte:
Sei nicht bse, mein Wlfchen, ich wusste ja nicht . . .

Sie ging. Halb ohnmchtig fiel ich nieder.

Ich besann mich, wo und in welcher Zeit ich mich eigentlich befand.

Ich trat vor den grossen Spiegel ber dem Kamin; das ganze Zimmer spiegelte
sich darin, aber ich sah mich nicht. Ich klopfte an das Glas, ich betastete
meinen Kopf, meine Glieder, sie fhlten sich an wie sonst. Aber ihr
sinnlicher Schein war fort.

Das Frauenzimmer hat ihn mitgenommen, sie hat mich gestohlen, rief ich
aus, das ist ja zum Tollwerden. In was fr Lchern mag die mich nun
herumschleppen!

Pltzlich wurde ich ruhiger, denn mir fiel ein, dass dieser Spiegel noch
aus dem Jahr 189* war, seitdem doch schon viele Jahre vergangen sein
mussten. Was hatte ich indessen alles erlebt! Kein Wunder, dass ich mich
nicht darin sah. Doch da kam ein neuer qulender Gedanke. Ich kannte ja
niemand in der neuen Zeit. Pltzlich fiel mir der Graf von Saint-Germain
ein, der lebte ja in allen Zeiten zugleich. Der war berhaupt an allem
schuld. Er hatte brigens gesagt, ich sollte ihn besuchen. Vom Fenster aus
pfiff ich einem Kutscher, um zu dem Grafen zu fahren. Ich eilte die Treppe
hinunter.

Ich fuhr und fuhr, unaufhaltsam, Tage, Wochen, Jahre.

Im bois de Boulogne stieg ich aus. Als ob es so sein msste, ging ich nach
einer Bank, auf der ich frher oft in stillen Stunden geruht, die bisweilen
mein unruhiges Dasein kurz unterbrachen. Eine sanfte Wintersonne schien
durch das kahle Gehlz. Ich weiss nicht, wie lange ich trumend da gesessen
habe. ber den nchtlichen Besuch hatte ich mich langsam beruhigt. Es war
ja erklrlich, dass ich dieses Wesen im Haschischrausch eingelassen hatte.
Aber ich empfand einen heftigen Unwillen bei dem Gedanken, meine Wohnung
wieder betreten zu mssen. Es war dort etwas, womit ich durchaus nichts
mehr zu tun haben wollte. In dieser Nacht waren mir sonderbare Erkenntnisse
gekommen. Wo sollte ich nun hin? Fort von Paris, am liebsten fort aus
Europa in irgendeine Farm auf jungfrulichem Boden. Dann fand ich es
merkwrdig, dass ich -- gerade ich -- so etwas empfand. Fast war mir, als
wre das alles gar kein Rausch gewesen; die krperlose Geliebte, die kein
Weib ist, sondern der Vorwand unserer Trume -- das Bachanal der wtendsten
Selbstvernichtung -- die Umarmung des Todes -- das lsterne Betasten und
Belauern des Heiligen -- hatte ich das wirklich nur getrumt? Irgendwo
hatte ich hnliches selbst erlebt, selbst getan. Wo aber? Wann geschah es?
Ich fhlte, dass ich darber noch lange nachzudenken htte. Eines nur war
mir gewiss: Ich war von einer schrecklichen Krankheit genesen, die mich
schon dem Tod hatte ins Gesicht schauen lassen. Was aber nun mit der neuen
Gesundheit beginnen?




Der Schmugglersteig


.sub Eine vormrzliche Begebenheit aus den privaten Aufzeichnungen eines
Journalisten.

EIN halbes Jahrhundert habe ich ber mich selbst geschwiegen, ich war ein
Sprachrohr der andern. Heute bin ich fnfundsiebzig Jahre alt. Es ist daher
hchste Zeit, ein Erlebnis zu berichten, wenn es berhaupt noch berichtet
werden soll.

Zweimal bin ich um die Welt gereist, dreimal habe ich die Mitternachtssonne
gesehen, in Amerika war ich viermal auf Segelschiffen, sechzehnmal auf
Dampfern, die Eisenbahnen haben mich umsonst vom Kap Finisterre bis zum
Gelben Meere gebracht, mit zwei Kaisern, elf Knigen, vier Huptlingen,
einem Hetman, einem Begler-Beg, einem Gross-Chan und 214 Ministern habe ich
gespeist, der Bey von Tunis hat mir seinen Sonnenorden verliehen, aber mein
Souvern erlaubte mir nicht, ihn zu tragen, denn mit seinen Sternen und
Bndern bedeckt er mehr als dreiviertel einer mittelgrossen Personnage,
bezaubert daher Unwissende strker als der Schwarze Adlerorden, und das ist
nicht gut; Heinrich Heine hat mir persnlich gttliche Grobheiten gesagt,
Fanny Elsler htte mich fast geliebt, Napoleon III. hrte mit gndigem
Lcheln meine Finanzplne zur Rettung Frankreichs an; bei 113 Hinrichtungen
war ich Zeuge (die letzte war eine elektrische); mehr als 200
erwerbsbedrftigen Mttern habe ich die Doppelkpfigkeit, unmssige
Behaarung oder die wissenschaftliche Bedeutung ihrer Missgeburten
ffentlich bezeugt; ich habe betrunkene Knige, ehrliche Dirnen und
bescheidene Tenre gekannt, in Louisiana sollte ich skalpiert, in Tibet
geschunden werden, aber mein gewandtes Auftreten rettete mich; ich kann
keine Sprache ganz, sechsunddreissig dreiviertel oder halb, in allen habe
ich eine vortreffliche Aussprache. Mit einem Wort, ich gleiche dem
nordischen Gotte Heimdall, der von neun Mttern geboren war (also
neunfachen Mutterwitz haben musste), weniger Schlaf brauchte als ein Vogel,
bei Nacht hundert Meilen weit sah wie bei Tag, und das Gras auf der Erde,
die Wolle auf den Schafen wachsen hrte.

Aber von alledem will ich heute nichts erzhlen, ihr Damen der Provinz, die
ihr mich fr einen interessanten Mann haltet. Ich will vielmehr berichten,
was mir in der letzten Nacht begegnete, ehe dieses bewegte halbe
Jahrhundert begann, und schlage darum die holzpapiernen Bltter meines
Lebensbuches zurck.

Ich besass die kmmerliche Monatsrente von fnfzig Gulden (spter gab es
Monate, in denen ich bei Gott -- 5000 anzubringen verstand). Dies und ein
unheilvolles Rumoren in meinem Kopf bestimmten mich zum Dichter. Wie es
sich fr diesen Beruf geziemt, bewohnte ich eine Dachkammer mit Aussicht
auf einen altertmlichen Hof und zahllose Giebeldcher, auf denen im
Mondschein Katzen und Kater tanzten, whrend in den dunklen Ecken des
morschen Baus die Mdchen des Hauses verfngliche Gesprche mit ihren
Liebsten hielten. Die Mondstrahlen aber waren wie Saiten in den Rahmen
meines Fensters gespannt und mein berquellendes Herz harfte seine
Sehnsucht gen Himmel. Bisweilen besuchte mich ein Mdchen. Es war nicht
schn (die Geliebten der Dichter sind nie schn, denn wessen
Einbildungskraft aus blondem Haar goldene Kronen schmiedet, muss so viel
Wirklichkeit bersehen, dass es auf ein paar Extrahsslichkeiten, wie etwa
Struppigkeit, nicht ankommt, und wer den Sprung von Augen zu Sternen macht,
braucht nicht viel weiter zu springen, ob die Augen schielen oder nicht).
Ach, Manolitha, die Marie hiess, hatte etwas struppiges Haar, ohne dass ich
es merkte, und ihre Augen schielten ein wenig. Aber auch sie war ein Weib,
ihre krperlichen Merkmale waren feminini generis, wie bei Venus und Maria.
Meine Phantasie besass an ihr ein Sprungbrett in das Mysterium der stets
streitenden und stets sich ergnzenden Hlften der Welt, des ewig
Mnnlichen und des ewig Weiblichen. Dazu gengte Manolitha, wie meine
Dachkammer fr meine Poesie. Das arme Kind wusste nicht wie ihm geschah.
Sie musste wohl meinen: So sind die Mnner.

Die Stadt, in der ich wohnte, lag unweit der Grenze. Die ber einem See
aufsteigende Felsenstrasse -- im letzten Haus diente Manolitha -- fhrte in
das Nachbarland. In einer Mondnacht -- mir ist, als wren in jener Zeit
alle Nchte Mondnchte gewesen -- hatte ich Manolitha an ihre Tre
gebracht. Ich stand allein, hoch ber dem See. Fern glitzerten die Lichter
der Stadt. Lngs der Strasse zog sich die Felswand hin, zerklftet und oft
von lrmenden Giessbchen zerrissen. Auf dem fast taghell beschienenen See
irrten formlose dunkle Wolkenschatten. Hie und da schwamm ein Fischerboot
auf der Flche, dessen Insasse bei einer Laterne sein schweigsames Gewerbe
trieb. Auf meinen Lippen brannten noch die Ksse der Geliebten, die mir
jetzt in der Erinnerung wirklich ein wenig zu drftig vorkommt. (Bei
Heimdall, dem Journalistengott, spter habe ich wahrhaftig andere Frauen
geliebt!) Ich eilte vorwrts auf der Felsenstrasse, vorwrts in die Ferne,
nach Sden, in dumpfem Drang, aus den silbernen Armen dieser Jugendnacht,
den Gedanken, das Wort zu empfangen, das mich unsterblich machen sollte.
Halb trunken wanderte ich immer weiter. Nach kurzer Zeit bog die
Felsenstrasse rechts ab in das Geklft. Nur ein kaum fussbreiter Weg war in
die Wand gehauen, die ber dem See emporragte: der Schmugglersteig. Mir
war, als stnde ich vor einer wichtigen Entscheidung meines Lebens. Rechts
ging es in die felsumschlossene Fichtennacht der geheimnisvollen
Wasserflle, links fhrte der halsbrecherische Steig im Mondlicht hoch ber
der unten ausgedehnten Flut. Ihn beschloss ich zu gehen, und wie auf dnnem
Seil glaubte ich frei ins Licht zu wandeln, whrend ich, der Gefahr
spottend, ber dem Abgrund mhselig einherkroch. Der Gedanke belustigte
mich, es knnte mir ein hochbepackter Schmuggler auf dem engen Pfad
entgegenkommen und ich war neugierig, was sich dann ereignen wrde. Einer
htte umkehren oder in die Tiefe strzen mssen. Es kam mir vor, als ziehe
sich der Pfad unendlich in die Lnge. Da ich infolge der Krmmungen den
Ausgangspunkt lngst nicht mehr sah und hinter jeder Felsennase, die sich
vor mir breit machte, irgendein Ziel erhoffte, ging ich weiter mit jener
fast unheimlichen Pedanterie, die uns oft vorwrts zwingt, damit wir nur
nicht auf denselben Weg zurck mssen, und ginge es in den Tod.
Krperlicher Anstrengungen ungewohnt, fhlte ich bald eine kaum noch
ertrgliche Mdigkeit, die Hnde schmerzten bei jeder Berhrung mit dem
Felsen, ich fhlte meine Selbstbeherrschung nachlassen, ein Zittern in den
Unterschenkeln kndete einen nahenden Schwindelanfall an. Fast weiss lag
der See unter mir, ein unwahrscheinliches knstliches Licht durchzitterte
die Luft . . . . . . Des folgenden Zeitabschnitts vermag ich mich durchaus
nicht mehr zu entsinnen. Bin ich in die Tiefe gestrzt und unter der Flut
in ein Feenreich geraten, wo man als Maskerade zum Spass unsere Welt
nachahmt, und befinde ich mich heute noch bei diesem Mummenschanz? Oder bin
ich mit bernatrlicher Anspannung meiner Krfte weitergegangen, so dass
fr die Ttigkeit des Bewusstseins nichts mehr brig blieb? Kurz, ich fhle
meine Erinnerungen an dieser Stelle wie in zwei Leben zerbrochen, eine
Leere, ein Loch trennt diesseits und jenseits. Ich stelle mir vor, dass
viele Menschen so eine Lcke in ihrem Dasein haben, die sie vergeblich
auszufllen suchen. Entweder nehmen sie diesen Mangel ernst, lassen in
Gedanken nicht davon ab und werden verrckt, oder sie betuben sich, wie
ich mit Arbeit, Vergngen und hnlichen narkotischen Mitteln, dass heisst,
sie machen einen Umweg um ihr eigenes Leben.

Meine Erinnerung beginnt wieder bei folgender Situation: ich sitze in einem
allseitig geschlossenen Raum am Boden, mit Fellen und Tchern bedeckt, vor
mir brennt ein Reisigfeuer, das seinen Schein auf einen Kreis wildbrtiger
Mnner wirft. An ihren Grteln sehe ich reich besetzte Dolche funkeln, ihre
rauhen, ungepflegten Glieder sind halb in Lumpen, halb in kstliche,
orientalische Decken gehllt, Offenbar sind es Schmuggler. -- Als ich den
Blick aufwrts wendete, sah ich den gestirnten Himmel ber mir. Wir
befanden uns in einer dachlosen Stube, deren Wnde Felsen bildeten. In den
Ecken schienen dunkle Stollen in den viereckigen Raum zu mnden. Vor jedem,
auch vor mir, waren kostbare, aber teils zerbrochene Teller und Glser
aufgestellt mit Speisen und Getrnken, die appetitlicher aussahen, als der
Ort erhoffen liess. Man hatte offenbar auf mein Erwachen gewartet, um mit
der Mahlzeit zu beginnen. Ich war sehr hungrig und griff zu. Man ermunterte
mich besonders zum Trinken, war berhaupt sehr hflich und zuvorkommend.
Ein altes Weib, das nicht anders als Skelett angeredet wurde, bediente
uns mit dem, was es selbst gekocht zu haben schien. Ich htte allzu gerne
gewusst, wie ich hierher gekommen und wer diese Menschen waren, aber ich
frchtete, mir eine Blsse zu geben, wenn ich fragte. (Um brigens keinen
unberechtigten Hoffnungen im Leser Raum zu geben, bemerke ich gleich, dass
ich es niemals erfahren habe.) Ich suchte meine lange Geistesabwesenheit
nach Krften zu verheimlichen. Nachdem wir gespeist, und ich mich, ohne
betrunken zu sein, in jener gehobenen Nachtischstimmung befand, schlugen
meine Wirte vor, mir ihre Wohnung zu zeigen, in der, wie sie sagten, von
den Schtzen der Erde das Beste und Kurioseste aufgestapelt sei. Wir traten
mit Fackeln in einen der Stollen, dessen beide Wnde von eisernen Tren
durchbrochen waren.


Wir knnen Ihnen unmglich alles zeigen, sagte einer, aber Sie werden
sich immerhin einen Begriff von unsern Sammlungen machen knnen.

Man ffnete die erste Pforte. Ich will nicht mit der Beschreibung der
kostbaren und seltsamen Dinge in den Felsenkammern ermden. Die Aufstze,
die ich in den folgenden fnfzig Jahren aus allen Teilen der Welt an die
*** Zeitung schickte, geben deutliches Zeugnis davon. Nur kurz einiges
allgemeine: ich sah die abendliche Pracht der Wste, das starre Trandasein
der Eskimos, ich sah Bayreuth mit den wieder lebendig gewordenen nordischen
Gttern, um die sich der Reichtum beider Welten schart. (Ich muss bemerken,
dass dies in den vierziger Jahren geschah, als noch kein Mensch an Bayreuth
dachte). Ich sah die Schlachtfelder des Deutsch-Franzsischen Kriegs, aber
ich entdeckte noch mehr: leibhaftige Gedanken, die in zeitweiligen oder
lebenslnglichen Ruhestand versetzt, auf kstlichen Polstern lagen,
menschheitbeglckende und weltzerstrende Ideen; kommunistische Systeme
sassen liebenswert um Teetische, Revolutionen wlzten sich knurrend an der
Kette; Dichtertrume gingen in fabelhafter Nacktheit -- ich muss gestehen
etwas dreist -- zwischen anstndig, wenn auch drftig gekleideten
bureaukratischen Schrullen umher; Hoffnungen, die stets in der Hoffnung
waren, schrien nach Wchnerinnen, die man ihnen versagte; einige neue
Laster machten sich von weitem angenehm bemerkbar, rochen aber in der Nhe
schlecht, weshalb ich nicht dazukam, mir ihre Gestalt ordentlich
einzuprgen. Lues, eine Schne, grmte sich, weil man sie nicht zu den
assyrischen Lasterknigen liess, aber das Schicksal, vor dem die Schmuggler
ungeheuren Respekt zu haben schienen, wollte es nicht so, wie man mir
versicherte. Auch fixe Ideen drngten unverschmt heran. Nur diesen
gegenber musste ich mich unhflicher Worte, einer, die einen Lorbeerkranz
trug, sogar meiner Fuste bedienen, sonst benahmen sich selbst die
Leidenschaften und die Todsnden recht gut, wenn auch etwas verlegen, wie
derbe Leute, die sich einmal in den Zwang eines Salons fgen, um sich
spter anderwrts schadlos zu halten.

Man kann sich denken, mit welchem Staunen ich zwischen all' diesen
Kuriositten umherging, aber meine Verwunderung wuchs, als mich einer
meiner Begleiter, geschmeichelt durch das Gefallen, das ich an den
Sammlungen fand, hflich aufforderte, ich solle mir von dem Gesehenen
einiges aussuchen, was mir besonders gefiele. Da liess ich denn die Blicke
unentschlossen umherschweifen. Wieder drngten sich die fixen Ideen
ungezogen heran. Aber ich brach mir Bahn nach einem halb offenstehenden
rotschimmernden Gemach, in dem -- obwohl es gar nicht gross war --
fnfhundert (so sagte man mir) wundervolle, nackte Frauen lagerten, die
still vor sich hin lchelten, als wollten sie sagen: wir brauchen uns nicht
vorzudrngen, man kommt zu uns. Ich war von dem weissen Schimmer der Leiber
geblendet; solche Formen hatte ich bisher nur in Gips gesehen, ich meinte,
die wirklichen Frauen seien nun einmal immer hsslich, aber wer ein rechter
Dichter sei, der setze sich darber hinweg. Die Schmuggler freuten sich
offenbar an meiner Verwirrung, in die mich besonders die zunchst liegende
durch ihre brennenden Blicke versetzte.

Die will ich haben . . . alle 500, rief ich gierig und wurde gleich sehr
verlegen.

Nichts sei leichter als das, antwortete man mir vergngt, ich solle noch
einmal whlen. Man ffnete vor mir eine andere Tr, durch die ein heftiges
gelbes Licht herausfiel, das mir in den Augen weh tat. Als ich mich daran
gewhnt hatte, sah ich, dass Wnde, Boden und Decke des geffneten Gemaches
mit geprgten Goldstcken gepflastert waren. Ich wollte weiter gehen.

Es ist rund eine Million, sagte man mir.

So? erwiderte ich gleichgltig und blickte bald lstern zurck in das
Gemach zu den 500 Frauen, bald schweifte mein Blick suchend ber den andern
Kostbarkeiten umher.

Es ist eine Million, wiederholte der Schmuggler erstaunt, wollen Sie die
nicht . . .?

Ach nein, geben Sie mir lieber die Wste mit den Kamelen und Oasen oder
sonst etwas Romantisches . . .

Sie sind ein Narr, mein Herr. Erst lassen Sie sich 500 Weiber schenken und
nun verschmhen Sie das lumpige Millinchen. Was wollen Sie denn ohne Geld
mit Ihren Weibern anfangen? Glauben Sie, die werden Ihnen Ruhe lassen?
Dieses Volk will beschenkt sein mit Schmuck und Kleidern . . . Aber nackt
gefallen sie mir viel besser.

Das ist den Weibern gleich; wenn Sie ihnen nichts geben, werden sie sich
schon von andern etwas schenken lassen.

Ich erschrak sehr bei diesen Worten und liess mir nun ruhig die Million
versprechen. Die Schmuggler waren sehr zufrieden und sagten, nun drfe ich
noch ein letztes Mal whlen. Dieses Mal wolle man mich nicht beeinflussen,
aber sie mssten mir doch vorher noch etwas zeigen, was mir gewiss ganz
besonders gefallen wrde. Sie schoben eine Tapetentr auf, die sich ohne
Schlssel ffnen liess, whrend alle andern Pforten von Eisen waren und
schwere Schlsser hatten. Dafr war diese Tr so kunstvoll verborgen, dass
sie nur ein Eingeweihter finden konnte. Wir traten in ein Zimmer, in dem
offenbar niemals aufgerumt wurde. Ein Haufe Metaphern, Anaphern, Symbole,
Allegorien, geprgte Redensarten, Zitate, Sprichwrter, in Fulnis
bergegangene Witze lagen wie Kraut und Rben durcheinander. An den Mauern
hingen ohne Ordnung poetische Bilder und Vergleiche in festen Rahmen,
Tropen und Metonymien blickten verwirrend dazwischen hervor. Um die vier
Wnde des Zimmers ging nahe der Decke ein Wandbrett, auf dem zwischen
Windfchen, Kolben, Retorten und anderen Apparaten der Schwarzkunst hohe
Glser voll Flssigkeit standen; darin lagen, wie Tiere in Spiritus,
Gedanken, ganz gute Gedanken, die sich im Zustand langsamer Auflsung
befanden, manche waren noch deutlich erkennbar und hatten die umgebende
Flssigkeit nur leise gefrbt, andere waren bereits formlos, gallertartig
geworden, whrend die Flssigkeit immer trber schien; in einzelnen Glsern
befand sich nichts als ein formloser, missfarbiger Brei.

Auf meine Frage, was diese Gedankenverdnnung bedeute, wollten mir die
Schmuggler keine rechte Auskunft geben; ich wrde das schon eines Tages
begreifen; wenn nicht, so wre mir nur um so wohler. Ich muss gestehen,
dass mir das verdchtig vorkam. Ich wurde unwillkrlich an die
Wirtshauskche erinnert, wo aus ein paar Pfund Fleisch soviel Brhe
gewonnen werden kann, als -- Wasser da ist. Es wurden hier offenbar
Flschungen vorgenommen. Und woher bezogen die Leute die zur Verdnnung
benutzten Gedanken? Ich schwur mir, ihnen beileibe keine von meinen Versen
vorzulegen, was mir sonst gar leicht passieren konnte. Vielleicht wrden
sie daraus eine Wassersuppe kochen. -- Indessen schweiften meine Blicke
wieder ber die Merkwrdigkeiten am Boden und an den Wnden; mein Herz ging
auf, als ich darunter zwischen vielem Unrat reine Dichterworte, tiefsinnige
Symbole, erhabene Weisheitssprche hervorschimmern sah.

Wer dahinein Ordnung brchte! rief ich begeistert aus, wrde das Zeug zu
der wundervollsten Dichtung finden, schenken Sie mir das Germpel, mich
soll die Mhe nicht verdriessen!

Die Schmuggler erklrten sich gerne bereit.

Indessen waren wir wieder hungrig geworden. Wir speisten zusammen in dem
Felsenviereck. Bei Tisch erfuhr ich bemerkenswerte Einzelheiten ber das
Dasein dieser Menschen. Sie lebten vom Tauschhandel. Klein hatten sie
angefangen; einige ihrer Kostbarkeiten wollten sie am Weg gefunden haben.
Sie vermehrten ihren Besitz durch vorteilhafte Tauschgeschfte. Ich gewann
immer mehr den Eindruck, als ob das alles nicht immer redlich zuginge.

Sie werden uns doch auch etwas als Entgelt fr unsere Gaben zurcklassen?
fragte man mich.

Ich erschrak, denn ich hatte nichts bei mir als eine recht miserable
deutsche Dichterzigarre.

Beunruhigen Sie sich nicht; Sie lassen uns drei Ihrer Trume ab und wir
sind zufrieden.

Trume? rief ich aufatmend, davon habe ich genug; wenn Sie ein Mittel
wissen, mich schmerzlos von einigen zu befreien . . .

Wir kamen dann auf andere Gesprchsthemen, auf Politik, auf die damals
herrschende Unzufriedenheit der Vlker mit ihren Herrschern. Die Schmuggler
taten so, als htten sie dabei irgendwie die Hand im Spiel.

Nein, nein, rief einer aus, die echte Revolution geben wir so bald nicht
wieder her. Wir haben sie nur mhsam zurckbekommen gegen die Heuchelei,
die doch sonst so hoch im Preise stand. Aus Frankreich erhalten wir fast
tglich Briefe, wir mchten sie wieder hergeben, sie wollen uns dafr die
Glorie Bonapartes ungeschmlert ausliefern. Aber wir tun es nicht. Sie
bekommen hchstens ein paar Barrikadenkmpfe. (Ich bemerke, dass das Jahr
48 vor der Tr stand.)

Ein ber alle Massen widerliches, trockenes Lachen tnte aus der Ecke. Es
war ein Heiterkeitsausbruch des Skeletts.

Grossmuler Ihr, rief die Alte, Ihr msst sie ja doch hergeben, wenn die
Dame Schicksal kommt und es verlangt. Hi . . . hi . . . Gut, dass die Euch
ein wenig berwacht, sonst wrdet Ihr die ganze Welt auf den Kopf stellen.
Hi . . . hi . . .

Der Schmuggler, der vorher gesprochen hatte, fasste schweigend die Alte an
einem Strick, den sie stets um den linken Knchel trug und hngte sie
damit, den Kopf nach unten, an einen Nagel, der hoch aus der Felswand
ragte. Sie wimmerte ein wenig, schien aber an diese wohlverdiente
Zchtigungsart gewohnt. Die 500 Frauen, zu denen die Pforte noch offen
stand, jauchzten, die zunchst liegende sagte mit etwas fremdlndischem
Akzent, sie wrde sich so etwas nicht bieten lassen. Mit ihr htte es aber
wohl kaum einer versucht. Sie hatte knigliche Formen.

Meine ble Meinung von diesen Leuten besttigte sich immer mehr. Sie
schienen Kenner der Echtheit zu sein, in deren Besitz sie sich zu setzen
wussten, um sie zu entwrdigen. Natrlich machten sie glnzende Geschfte,
wenn sie die grosse Revolution in zahllose Barrikadenkmpfe verzettelten,
die sie einzeln feilboten. Ich konnte mir vorstellen, wie viel besonnene
Gedanken und ehrwrdige Empfindungen sie sich fr solche Nichtigkeiten
bezahlen liessen, und es dmmerte mir, auf welchen unlauteren Kniffen das
Geschft dieser Menschen beruhte. Ein unheimlicher Gedanke stieg in mir
auf: wenn sie noch eine Zeitlang so weiter wirtschafteten, wrden sie
schliesslich alles Wertvolle aus der Welt herausgezogen und ihre
Scheinwerte und Verdnnungen hineingeschmuggelt haben. Mir graute vor der
Feigheit, Heuchelei, Unwahrheit, Bedrckung, die dann zur Herrschaft kmen,
whrend die Freiheit, die Schnheit, die Erkenntnis in Felsenkammern als
Kuriositten moderten oder alchimistisch entstellt wrden. Es war nur gut,
dass sie wenigstens vor dem Schicksal Angst hatten, vielleicht weil es das
einzige auf der Welt ist, womit man nicht Handel treiben kann.

Man muss mir etwas Einschlferndes in das Getrnk gegossen haben, denn nur
mit Mhe bemerkte ich noch, wie das Skelett wieder abgehngt wurde, einen
berkochenden Kessel aus einem Stollen holen und in die Mitte rcken musste
und unter Hllenlrm der ganzen Schmugglerbande darin herumquirlte; man
warf mir unerkennbare Gegenstnde hinein, Flaschen wurden darber
ausgegossen; wenn der Kessel zu voll war, stellte man ihn einfach schrg,
bis ein Teil der Flssigkeit berlief, die sich wie kriechendes Gewrm
lautlos und dick in die Stollen verteilte. Dann wurde weiter gepantscht.
Zuletzt klebte die Alte auf einer Etikette das Datum des folgenden Tages an
den Kessel, den mehrere Schmuggler verschlossen. Man schob ihn bis vor eine
eiserne Tr. Durch den geffneten Flgel sah ich nichts als den gestirnten
Himmel. Ich merkte, dass wir uns sehr hoch befinden mussten. Der Kessel
wurde bis auf die Schwelle geschoben, das Skelett gab ihm einen Tritt und
nun rollte er auf einer Art Rutschbahn ins Tal. Die ganze Schmugglerbande
heulte ihm die grbsten Ausdrcke nach, spie hinunter und verunreinigte
berhaupt die Rutschbahn aufs unfltigste.

Er ist geplatzt, rief einer entzckt, und ich stellte mir lebhaft vor,
wie dieses elende Gebru die Welt am folgenden Morgen berschwemmen wrde.
Offenbar gab es jeden Tag solch eine Portion.

Nun schien der Zweck erreicht zu sein, man schloss die Tr. Ich aber tat
als ob ich schlief, denn ich verhehlte mir nicht, dass ich in einen
ungewhnlichen Kreis geraten war, dessen Tun und Treiben ich weiter
beobachten wollte. Bald aber geriet ich, wie sehr ich auch dagegen kmpfte,
in Halbschlummer. Ich trumte lebhaft, doch ich wusste, dass es Trume
waren.

Zuerst sah ich Manolitha, gttlich schn, wie sie in meiner Phantasie
lebte, mit ihrer Krone goldener Haare und den Sternen im Antlitz. Ich
wusste, dass es ein Traumbild war, aber ich freute mich daran; doch da kam
einer der Schmuggler, suchte mit den Hnden etwas ber dem Haupte
Manolithas, rollte behutsam das ganze Bild zusammen und reichte es der
Alten, die es in einen der Stollen trug. An Stelle des Bildes sah ich eine
merkwrdige Haustr mit grnen Jalousien. Darber hing eine transparent
erleuchtete Hausnummer in der Grsse einer Fensterscheibe. Daneben stand
zwischen zwei ordinren Amoretten auf einem Schild:

         Nachtschelle fr
         Mlle Rose, Modes.

Ich war so keck, auf die Klingel zu drcken; da sah ich hinter den
Jalousien zwei sphende Augen. Ein Spalt der Tr wurde geffnet und ein
recht anstndig gekleidetes Mdchen mit etwas pockennarbigem Gesicht
flsterte:

Sie sind doch empfohlen . . . durch Dr. M., nicht? . . . Sie wissen, nur
auf Empfehlungen lassen wir . . .

Ich nickte bloss und trat ein. Am Ende des Korridors sah ich wieder in das
halboffene rote Gemach, in dem die 500 nackten Frauen lagerten, die nun mir
gehrten. Aber die Tr flog gleich zu.

Das anstndige Mdchen schob mich auf eine breite verschnrkelte
Holztreppe, wie sie in alten Brgerhusern sind. Ich ging hinauf. Es roch
nach samstglicher Putzerei. Im vierten Stock war eine Glastr, vor der auf
einem Schildchen mein Name stand. Ich ffnete mit meinem Hausschlssel, der
genau in das Schloss passte. Im Zimmer war ein Kaffeetisch gedeckt, beim
Schein einer geblmten Petroleumlampe strikte Manolitha Socken. Hinter dem
Tisch stand ein Ledersofa mit einem gehkelten, kranzfrmigen Pfhl;
darber hingen Familienportrts in ovalen Rahmen. Manolitha stand auf; sie
nahm sich als Hausfrau ganz gut aus.

Alter, sagte sie, es ist gut, dass du kommst; schon dreimal war der
Metzger mit der Rechnung . . .

Ich wollte auf sie zugehen und ihr schlicht gescheiteltes Haar kssen, aber
da kam wieder der Schmuggler, machte sich ber Manolithas Kopf zu schaffen
und rollte das ganze Traumbild auf, das die Alte wieder in den Stollen
trug. Statt in dem altmodischen Zimmer mit dem Kaffeegeruch befand ich mich
in einem kleinen Gemach voll orientalischer Teppiche am Boden und an den
Wnden. Ein Diener erwartete mich mit Tee. Neben meiner Tasse lag ein
Haufen eingelaufener Briefe und Telegramme, nach denen ich griff, whrend
der Diener mir die Stiefel auszog. Im Nebenzimmer brannten zahllose Kerzen
vor Spiegeln. In der Mitte war ein Tisch mit reichem Silber und Porzellan
gedeckt, seltene Blumen dufteten in bunten Vasen. Der Diener bemerkte
bescheiden, alles sei fr das Diner angeordnet, wie ich es befohlen htte.
In diesem Augenblick schellte es; ich wurde ans Telephon gerufen.

Als ich aber die Hrmuschel ans Ohr legte, bemerkte ich, dass ich einen
Guckkasten vor mir hatte. Ich sah darin ein wundervolles Bild. Tief im
Abgrund wand sich ein Fluss zwischen sdlndisch ppig bewachsenen Ufern,
an denen ein fast schwarzer Lorbeerhain zwischen hellerem Grn hervorstach.
Aus diesem Hain erhob sich eine Gestalt, die immer hher schwebte, bis sie
ganz dicht vor mir war. Ich erkannte Manolithas Zge, schn wie sie in mir
lebten. Sie trug ein antikes Gewand. Gemessen schritt sie auf mich zu, hob
ihre beiden Arme und wollte mir einen Lorbeerkranz auf die Schlfen
drcken, aber zum dritten Male erschien der Schmuggler, rollte das Bild
auf, gab es dem Skelett, das damit in dem Stollen verschwand. In dem
Guckkasten aber gewahrte ich ein anderes Schauspiel. Ein Herr, der meinem
Vater hnlich sah, nur viel vornehmer erschien, sprach von einer
Rednerbhne herab zu einer festlichen Versammlung. Man jubelte ihm zu, er
schien seine Rede gerade beendet zu haben. Ich hrte noch, wie er die Worte
sagte:

Und fr diese Broschre, in der ich sein Land in den wahrsten und hellsten
Farben zugleich geschildert, geruhten Seine Hoheit der Bey von Tunis mir
seinen Sonnenorden zu verleihen. Mein Souvern -- Gott erhalte ihn --
konnte mir aus geheimen Grnden der Staatsrson das Tragen dieser
Auszeichnung nicht gestatten, und so bin ich gentigt, diesen Beweis seiner
Gunst dem hohen Bey -- auch ihn erhalte Gott -- zurckzusenden. Vorher aber
kann ich mir die Genugtuung nicht versagen, Ihnen, verehrte Zuhrer, und --
wie ich mir wohl schmeicheln darf -- Freunde, dieses Kleinod zu zeigen!

In diesen Worten ffnete der vornehme Mann eine Kiste, die ihm derselbe
Diener brachte, der mich vorher mit Tee bedient und mir die Stiefel
ausgezogen hatte, und entnahm daraus goldene Sterne und seidene Schleifen,
die er der laut jubelnden Menge zeigte; ja er konnte sich nicht enthalten,
sie einen Augenblick anzulegen.

In diesem Augenblick klingelte es wieder am Telephon. Jemand rief:
Schluss! Ich hngte die Hrmuschel an, und als ich mich umsah, war es
heller Morgen. Die Schmuggler sassen beim Mahl in ihrer Felsenstube.

Man wnschte mir einen guten Tag, das Skelett brachte einen ganz
ertrglichen Morgenkaffee an mein Lager. Ich erfuhr, dass die Schmuggler
nach dem Frhstck an ihr Tagewerk zu gehen beabsichtigten, d. h. einige
Streifzge in der Umgegend machen wollten, weil heute der Frst Metternich,
auf einer Italienreise begriffen, durchkommen msse und sie ihm einige
freiheitliche Ideen aufschwindeln wollten. Sie hofften durch derartige
Manipulationen die Revolution nicht hergeben zu brauchen. Man brach auf,
und mir blieb nichts anderes brig als mitzugehen. Die Schmuggler bemerkten
meine enttuschte Miene.

Ach so, die Geschenke, sagte einer, Sie mssen wissen, dass Sie das
nicht alles auf einmal erhalten, es wird auf Ihr ganzes Leben verteilt
werden. Aber Sie werden noch heute spren, dass wir Wort halten.

Ich glaubte natrlich kein Wort und war berzeugt, dass man mich betrogen
hatte.

Wir gingen durch einen endlos scheinenden Stollen, der uns schlielich an
eine Stelle des Sees fhrte, wo zwischen Wasser und Felsen kein Pfad ging.
Ein breites Warenboot, wie es die Schiffer benutzen, lag in einer kleinen
natrlichen Bucht. Ich wurde eine halbe Stunde weit gerudert und dann an
der mir bekannten Uferstrasse abgesetzt. Die Schmuggler hielten sich keine
volle Minute auf, sondern fuhren mit unbegreiflicher Geschwindigkeit
zurck.

Ohne im geringsten Klarheit ber das Erlebnis zu finden, ging ich der Stadt
zu. Von weitem sah ich Manolitha, die vom Markt kam, wo sie Fische gekauft
hatte. Sie trug sie in einem Korb. Pfui! wie hsslich sie war, sie schien
mir krankhaft mager, und wie mussten erst ihre Hnde nach Fischen riechen!
Glcklicherweise fhrte der Weg ber eine Brcke, unter die ich leicht
durch einen Graben neben der Strasse gelangen konnte. Dort verbarg ich
mich, bis Manolitha vorbei war. Ich habe sie niemals wieder gesehen.

Als ich auf den Marktplatz der Stadt kam, fand ich vor dem vornehmsten
Gasthaus ein grosses Gedrnge, das von galonierten Bedienten zurckgehalten
wurde. Ich glaubte unter denen, die aus dem Haus kamen, einen der
Schmuggler zu gewahren, der sofort in der Menge verschwand. Auf meine
Erkundigung erfuhr ich von meinem Nachbar, es sei eine hohe Persnlichkeit
auf der Durchreise nach Italien angekommen, man wisse aber nicht wer, da
die Personnage unerkannt bleiben wolle. Ich wusste sofort, dass es niemand
anders als Frst Metternich sein konnte. Mit einer mir sonst gar nicht
eigenen Gewandtheit verstand ich mich durch den Garten von hinten ins Haus
zu schleichen. Vor einer Tapetentr im ersten Stock blieb ich, der sonst
eher schchtern war, so ungeniert stehen, dass alle Vorbergehenden meinen
mussten, ich gehrte dahin. Durch die Tr aber vernahm ich die Stimme des
Frsten im Gesprch mit dem Brgermeister der Stadt. Ich verstand nur
abgerissene Stze. Vor allem wnschte er ganz unerkannt durchzureisen, da
er leidend war, im brigen sei er der Stadt sehr gewogen; er habe nichts
einzuwenden gegen die Ernennung des beliebten X. zum Oberpostmeister,
obgleich der Mann im Geruche des Liberalismus stehe; man solle berhaupt
ihn (den Frsten) doch ja nicht fr einen Whrwolf halten, er beabsichtige
auch im Lauf der Jahre die Zensur und die Pressgesetze, selbst in den
Grenzdistrikten, etwas milder zu handhaben etc. etc.


Als ich hrte, dass der Brgermeister verabschiedet wurde, eilte ich fort,
um nicht entdeckt zu werden. Mein Weg ging geradeaus auf die Redaktion der
ersten Zeitung, wo ich meine ganze Wissenschaft verriet.

Metternich hier? rief der Redakteur, wenn Sie sich nur nicht tuschen
. . .

Aber Herr Redakteur, erwiderte ich, was glauben Sie von mir, ich kenne
Frst Metternichs Stimme wie die meines Vaters.

Ich erschrak ber diese mir selbst unbegreifliche Frechheit, denn ich hatte
Metternich nie gesehen, noch frher je sprechen gehrt.

Nun, so schreiben Sie einmal alles auf, was Sie wissen, erwiderte der
Redakteur, durch meine Sicherheit berzeugt. Hier ist ein Pult, Tinte und
Feder . . .

Whrend ich schrieb, flossen mir -- ich wusste nicht wie -- Bilder und
Sprachwendungen zu, die ich in dem Gemach der Schmuggler bemerkt hatte. In
einer Viertelstunde waren zwei Spalten geschrieben in einem, wie ich selbst
fand, usserst brillanten Stil. Mit grossem Selbstbewusstsein berreichte
ich dem Redakteur die Bltter, der sie berflog und erstaunt rief:

Sie sind der geborene Journalist, junger Mann . . . Ihre Findigkeit ist
nichts gegen Ihren Stil, und alles beides verschwindet wieder vor Ihrer
Schnelligkeit. Seit wann sind Sie bei der Presse?

Das ist mein erster Versuch, erwiderte ich etwas schchtern.

Was waren Sie denn frher? Jeder Journalist war frher etwas anders.

Dichter, sagte ich beschmt.

Na, das haben Sie sich glcklich abgewhnt. Ich habe Beschftigung fr
Sie. Heute abend singt die Rubini die Cenerontola. Gehen Sie in die Oper
und bringen Sie mir nachts noch die Kritik.

Aber Herr Redakteur, ich bin ja ganz unmusikalisch.

Unsinn, antwortete er grob, solche Bedenken gewhnen Sie sich nur ja ab,
mit Ihrem Stil ist man musikalisch, agronomisch, geographisch, theosophisch
. . . was verlangt wird . . . verstehen Sie? Ich sehe brigens, dass Sie,
um in die Oper zu gehen, Ihre Toilette etwas vervollstndigen mssen. Hier
haben Sie hundert Gulden Vorschuss und unterschreiben Sie dieses Blatt.

Er reichte mir einen Zettel, den ich unterschrieb, ohne zu beachten, was
darauf stand. Ich empfahl mich und ging in die Modemagazine, wo ich mich
vllig ausrstete. Als Stutzer kam ich nach Hause. Vor meiner Zimmertr
stand eine pompse, bermssig elegant gekleidete Dame.

O . . . Sie kommen endlich . . . rief sie in einem gebrochenen Deutsch.
Ich bin Rubini . . ., Carlotta Rubini . . . ich hre, dass Sie heute abend
die Kritik schreiben.

Ich geriet etwas in Verlegenheit.

Verzeihen Sie . . . Signora . . . stammelte ich . . . ich wohne nur
vorbergehend in dieser Hhle . . . bis ich eine Wohnung nach meinem
Geschmack finde.

O ich begreife . . . ich begreife . . . sagte die Rubini und trat ein.

Sie nahm ihren Schleier ab und ich erkannte in ihr diejenige von den 500
Frauen, die mir in der Schmugglerhhle zunchst gelegen hatte.

Ach . . . ich hin so mde . . . sagte sie . . . darf ich ein wenig
ausruhen . . . seit einer halben Stunde stehe ich auf der Treppe.

Gewiss . . . gewiss . . . Signora, wenn ich Ihnen nur etwas anbieten
knnte . . .

Ach ja, mein Herr . . . bieten Sie mir etwas an . . . lassen Sie etwas
holen.

Ich ging hinaus und gab einem Jungen, der nebenan bei einem Schuster
arbeitete, den Rest meines Geldes und beauftragte ihn, aus dem Kaffeehaus
Champagner heraufzubringen. Wie recht gab ich jetzt den Schmugglern, die
ihr Versprechen hielten, und mir zu den 500 Frauen nach und nach die so
unentbehrliche Million zukommen lassen wrden.

Als ich wieder in die Kammer trat, hatte sich's die Rubini sehr bequem
gemacht. Es war ihr so heiss. Und als der Champagner kam, hielt ich bereits
besorgt ihre Hand, denn sie hatte einen bermssig starken Pulsschlag
. . .

         -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Aber sie war nur ein Przedenzfall. Ich knnte noch 499 Geschichten
erzhlen, wenn nicht die hohe Geburt, der europische Name und der Reichtum
meiner Heldinnen zu besonderer Diskretion verpflichteten. Aber aus rein
psychologischem Interesse werde ich vielleicht doch einmal indiskret sein;
nur muss ich vorher das Aussterben einiger Herrscherhuser abwarten.








Dieses Buch wurde im Auftrage von Georg Mller
Verlag in Mnchen in einer Auflage von 800
Exemplaren bei der Buchdruckerei Imberg & Lefson
in Berlin hergestellt und nach den Entwrfen von
Paul Renner bei Hbel & Denck in Leipzig gebunden.
Ausserdem wurden 50 Exemplare auf van
Geldern abgezogen und in Ganzleder gebunden.

Dieses Exemplar trgt die Nr. 551






End of the Project Gutenberg EBook of Haschisch, by Oscar A. H. Schmitz

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http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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