The Project Gutenberg EBook of Aufstze, by Robert Walser

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Title: Aufstze

Author: Robert Walser

Illustrator: Karl Walser

Release Date: September 30, 2011 [EBook #37579]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUFSTZE ***




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  Aufstze
  von
  Robert Walser


  Leipzig
  Kurt Wolff Verlag
  1913


  Einband und Vignetten zeichnete
  Karl Walser. Gedruckt bei Oscar
  Brandstetter, Leipzig. 25 Exemplare
  wurden auf Btten abgezogen
  und handschriftlich numeriert

  Copyright 1913 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig




Inhalt


                                               Seite

  Brief von Simon Tanner                           9

  An die Heimat                                   16

  Brief eines Mannes an einen Mann                17

  Eine Theatervorstellung                         20

  In der Provinz                                  29

  Frau und Schauspieler                           39

  Entwurf zu einem Vorspiel                       46

  Zwei kleine Mrchen                             49

  Vier Spe                                      52

  Tell in Prosa                                   57

  Berhmter Auftritt                              60

  Percy                                           63

  Gebirgshallen                                   67

  Auf Knien                                       70

  Guten Abend, Jungfer!                         73

  Portrtskizze                                   76

  Ein Genie                                       79

  Don Juan                                        82

  Kino                                            87

  Wanda                                           90

  Fanny                                           92

  Lebendes Bild                                   95

  Ovation                                        100

  Guten Tag, Riesin!                             103

  Aschinger                                      109

  Markt                                          114

  Dinerabend                                     118

  Friedrichstrae                                123

  Berlin W                                       128

  Ballonfahrt                                    132

  Tiergarten                                     137

  Die kleine Berlinerin                          142

  Brentano                                       157

  Aus Stendhal                                   165

  Kotzebue                                       168

  Bchners Flucht                                171

  Birch-Pfeiffer                                 173

  Lenz                                           176

  Germer                                         184

  Das Bebli                                     193

  Paganini                                       202

  Der Schriftsteller                             207

  Allerlei                                       215

  Der Wald                                       224

  Zwei sonderbare Geschichten vom Sterben        227

  Der fremde Geselle                             230

  Die Einsiedelei                                233

  Reigen                                         236




  Es kommt mich Lachen
  und Lcheln an.
  Was liegt daran!
  Das sind so Sachen...




Brief von Simon Tanner


Das alles, was ich jetzt hier schreibe, ist fr Sie, liebe Frau. Ich
sehe so viel Zeit vor mir, die ich zu nichts anderem als zu einer
knstlichen Spielerei verwenden kann, eine solche Menge, einen solchen
Haufen von Zeit, da ich nur von Herzen froh sein kann, diesen
Zeitvertreib gefunden zu haben. Man will und kann mich nicht
beschftigen, man braucht mich nicht, ich stehe vllig auerhalb jedes
Bedrfnisses, wohlan, so gebrauche ich mich eben selber, whle mir
selber den Zweck und halte mich fr gut genug, irgendein Werk, wre es
auch das sonderbarste und nutzloseste, zu vollfhren. Ich bin breit und
schwer und voll von Empfindungen. So klglich auch meine jetzige Lage
sein mag in dieser Spiegelgasse, so seltsam frei und mutig komme ich mir
vor, so leicht und erfinderisch in wohltuenden Gedanken ist mein Herz.
Nur ab und zu, um es offen herauszusagen, bin ich traurig und
hoffnungslos, denke an meine Zukunft als wie an etwas Verlorenes und
Dsteres, aber das sind Augenblicke, weiter nichts.

Ich schreibe an Sie, weil Sie eine schne und liebe Frau sind, weil ich
jemanden im Sinne tragen mu, um lebhaft und aufrichtig schreiben zu
knnen, weil ich auf Erden immer das Nchste liebgehabt habe, und weil
Sie mir die Nchste sind, Sie, von der ich nur durch eine dnne, dumme
Zimmerwand abgetrennt atme und lebe. Ich finde darin etwas Schnes, es
hat fr mich etwas Berauschendes und Geheimnisvolles und
Weithintragendes. Ich bin zu Ihnen gekommen an einem heien Tag, Sie
wissen es auch, wo die Sonne die Gasse verbrannte, durch Zufall und
Einfall, vielleicht auch durch Wunderlichkeit, weil ich dachte, da in
dieser Gasse die Zimmer besonders dunkel, sonnenlos, schattig, eng und
auch ... billig sein mten. Sie standen auf dem Treppenansatz und sahen
mich mit Ihren Augen ziemlich durchdringlich an, und ich mu gestehen,
ich zitterte ein wenig vor diesem Blick, denn ich kam mir so recht vor
wie ein Suchender, Bittender, auch hatte ich nur noch eine Kleinigkeit
von Geld in der Tasche und glaubte, Sie mten mir das ansehen. Bettler
betragen sich bekanntlich immer unsicher. Sie zeigten mir das Zimmer,
und ich drckte Ihnen, ich wei nicht mehr aus welchem Gefhl des
Stolztuns, meine letzten Geldmnzen in die Hand; Sie nickten befriedigt
und der Handel war abgeschlossen. Seitdem habe ich kein Wort mehr mit
Ihnen gesprochen, und doch ist beinahe ein Monat seither verflossen, und
ich nehme an, Sie halten mich fr einen stolzen Menschen. Es macht mir
Vergngen, dies annehmen zu drfen und zu denken, da Sie es gar nicht
wagen, mich mit einem Wort anzureden, der doch glcklich wre, wenn Sie
es tun wrden. Nun, ich bin auch so glcklich. Ich sehe, ich mache einen
gnstigen Eindruck auf Sie, mein Schweigen erzwingt sich Ihre Achtung,
denn gewhnlich sind Bettler geschwtzig. Sie halten mich fr einen
armen Menschen, Sie haben schon Mitleid mit mir und frchten sicher, da
ich nicht werde bezahlen knnen, wenn der Monat zu Ende geht, und doch
wagen Sie nicht die geringste Annherung, sagen kein Wort, machen immer
ein achtungsvoll freundliches Gesicht, wenn Sie mir begegnen, in dessen
Zgen ich den Wunsch, zu reden, lebhaft unterdrckt sehe. Whrend Sie
frchten mssen, von mir hintergangen zu werden, werden Sie immer
freundlicher zu mir, erweisen mir kleine Aufmerksamkeiten, die man
schtzt, weil sie schweigend geschehen, stellen mir einen Teppich und
einen Spiegel ins Zimmer und gestatten mir, Sie nachts, wenn Sie
schlafen, aus der Ruhe zu schrecken, um mich ins Haus einzulassen,
verzeihen mir das und verzeihen sogar, wenn ich nicht einmal dafr um
Entschuldigung bitte. Im ganzen genommen, Sie sehen etwas Besonderes an
mir, Sie meinen vielleicht, da ich ein guter Mensch bin, der etwas in
die Klemme geraten ist, Sie sind davon berzeugt, da meine Eltern
hochachtbare Menschen gewesen sind, oder noch sind, Sie schtzen mich
und wnschen, mich nicht zu krnken; nun, aus all diesen Grnden, die
ich mir zunutze machen will, und die ich deutlich klar sehe, will ich,
wenn der Monat zu Ende sein wird, vor Sie hintreten, kurz und rasch,
vielleicht mit etwas empfindlicher Rte im Gesicht, mit etwas
absichtlicher Wrme in der Stimme, und Ihnen offen bekennen, und Sie
dabei anblicken, wie, das wei ich noch nicht, aber jedenfalls
bezwingend, Ihnen einfach frech das Bekenntnis ablegen, da ich auer
der Lage sei, bezahlen zu knnen. Ich wei, da ich siegen werde und da
der Sieg nicht einmal ein unfreundlicher sein wird, Sie liebe Frau! Wie
ich Sie liebe, da ich dieses alles so genau wei. Sie kennen mich und
ich kenne Sie, ich finde das so wunderschn, so erwrmend. Es kann mir,
solange ich bei Ihnen bin, unmglich schlecht gehen. Nein, unmglich!

Habe ich es nicht zum voraus gesagt? Sie hatten nicht einmal Zeit, mich
zu beruhigen und mir die Versicherung zu geben, da ich mir doch
deswegen nicht die mindesten Gedanken zu machen brauche, so rasch
schnitt ich ab, indem ich einfach fortlief. Ich habe nur den Kopf und
ein Viertel des Leibes zur Tre ins Zimmer hineingestreckt und ziemlich
flieend und kalt mein Gestndnis vorgebracht und bin verschwunden, ohne
nur hren zu wollen, was Sie auch dazu sagen wrden. Sie saen, mit
einer Handarbeit beschftigt, auf dem Sofa und waren verwundert und
wiederum gar nicht im mindesten verwundert darber. Sie haben gelchelt,
und Sie scheinen ber diesen Punkt sorglos zu sein. Mein Betragen
scheint Ihnen, trotz seiner Kaltbltigkeit, oder vielleicht gerade
deshalb, gefallen zu haben. Es ist allerdings wahr, ich bin pnktlich
erschienen, absichtlich pnktlich, mit meiner Erffnung: ich bin Ihr
Schuldner; ich scheine also in Ihren Augen ein ordnungsliebender Mann zu
sein, einer, der genau wei, wann Termine ablaufen, einer, der den
Kalender mit seinen dreiig Tagen genau im Kopfe hat. Es hat also einen
guten Eindruck auf Sie gemacht, da ich so genau wute, wieviel und von
welchem Tage ab ich Ihnen schuldig bin, und ich bin Ihnen ganz gern
etwas schuldig und freue mich sehr, eines Tages vor Ihnen zu erscheinen,
ebenso rasch und achtlos, wie es diesmal geschah, um meine Schuld
abzubezahlen. Sie werden sich alsdann sehr wahrscheinlich frchterlich,
und in ganz berflssig groer Weise, bedanken, und das wird mich lachen
machen. Ich lache sehr gern ber solche Sachen, man kommt so am besten
darber hinweg. Jetzt verdiene ich etwas Geld, durch Aufstze, die ich
an eine christliche Zeitung einsende. Auerdem schreibe ich Adressen und
rechne Rechnungen durch, so da ich hoffen darf, Sie bald zu
befriedigen. Wenn Sie nur wten, wie sehr es mir Vergngen macht, fr
Sie zu sparen. Es ist doch ganz gut, da ich Sie nicht bezahlen konnte,
nun kann ich doch Ihretwegen etwas tun, Ihre Gestalt erscheint mir
freundlich, wenn ich arbeite, ich arbeite dann sozusagen fr Sie, wegen
Ihnen, unter Ihrem Eindruck. Nein, ganz sorglos mchte ich nie sein.
Sorgen haben mssen, das verfeinert das Leben und gibt dem Tag einen,
wenn auch engen und kleinen, so doch innigen Anstrich. Es ist doch ganz
gut so.




An die Heimat


Die Sonne scheint durch das kleine Loch in das kleine Zimmer, wo ich
sitze und trume, die Glocken der Heimat tnen. Es ist Sonntag, und im
Sonntag ist es Morgen, und im Morgen weht Wind, und im Wind fliegen alle
meine Sorgen wie scheue Vgel davon. Ich fhle zu sehr die wohlklingende
Nhe der Heimat, als da ich mit einer Sorge im Wettstreit grbeln
knnte. Ehemals weinte ich. Ich war so weit entfernt von meiner Heimat;
es lagen so viele Berge, Seen, Wlder, Flsse, Felder und Schluchten
zwischen mir und ihr, der Geliebten, der Bewunderten, der Angebeteten.
Heute morgen umarmt sie mich, und ich vergesse mich in ihrer ppigen
Umarmung. Keine Frau hat so weiche, so gebieterische Arme, keine Frau,
auch die schnste nicht, so gefhlvolle Lippen, keine Frau, auch die
gefhlvollste nicht, kt mit so unendlicher Inbrunst, wie meine Heimat
mich kt. Tnt Glocken, spiele Wind, braust Wlder, leuchtet Farben, es
ist doch alles in dem einzigen, sen Ku, welcher in diesem Augenblick
meine Sprache gefangen nimmt, in dem sen, unendlich kstlichen Ku der
Heimat, der Heimat enthalten.




Brief eines Mannes an einen Mann


Sie schreiben mir, da Sie sich ngstigen, weil Sie ohne Stelle sind,
und weil Sie frchten mten, lange ohne Verdienst zu bleiben. Ich bin
etwas lter als Sie und darf Ihnen aus der Erfahrung raten. Frchten Sie
sich doch ja nicht. Denken Sie weiter nichts. Wenn Sie Entbehrungen zu
tragen haben, so seien Sie stolz, sie ertragen zu drfen. Leben Sie so,
da Sie mit einer Suppe, einem Stck Brot und einem Glas Wein leben
knnen. Das kann man. Rauchen Sie nicht, denn das nimmt Ihnen die
wenigen krperlichen Strkungen, die Sie sich leisten knnen, weg. Sie
haben eine ungeheure Freiheit vor sich. Rund um Sie duftet die Erde,
Ihnen gehrt sie, will Ihnen gehren. Genieen Sie sie. Frchtlinge
genieen nichts. Also weg mit der Furcht. Seien Sie nicht grob, und
fluchen Sie keinem Menschen, auch dem Bsesten nicht. Versuchen Sie
lieber, zu lieben, wo ein anderer, weniger Besonnener und Starker,
hassen wrde. Glauben Sie mir dieses Wort: Der Ha zerstrt den Geist im
Menschen auf eine vernichtende Weise. Lieben Sie nur gleich alles. Es
schadet nichts, zu verschwenden. Stehen Sie am Morgen frh auf, sitzen
Sie wenig, schlafen Sie korrekt und schnell. Man kann das. Wenn Sie an
der Hitze leiden, so achten Sie nicht bermig viel darauf, sondern tun
Sie so, als ob Sie es nicht bemerkten. Wenn Sie an eine frische
Waldquelle kommen, so versumen Sie nicht, daraus zu trinken. Wenn man
Ihnen mit Anstand schenkt, nur genommen, aber, mit Anstand. Prfen Sie
sich jede Stunde, rechnen Sie mit sich, unterhalten Sie sich lieber mit
Ihrem eigenen Geist, als mit dem Verstand gelehrter Menschen. Meiden Sie
die Gelehrten, denn es sind, mit wenig Ausnahmen, herzlose Menschen.
Schaffen Sie sich fters Gelegenheit, zu lachen, zu tndeln. Die Folge
davon: Sie werden ein schner, ernsthafter Mensch. Seien Sie, wenn es
Ihnen auch oft schwer ankommt, in allem schn. Kleiden Sie sich elegant,
das verschafft Ihnen Achtung und Liebe. Es braucht kein Geld, nur die
Anstrengung der Sinne dazu. Was die Mdchen betrifft, so halten Sie sich
die meisten vom Halse. ben Sie sich im Verschmhen. Gewhnen Sie sich
daran, immer eine Leidenschaft zu haben, das kennzeichnet den schnen
Mann. Der Leidenschaftlichste ist der Beste: lernen Sie es. Man lernt
alles. Ich werde Ihnen ein anderes Mal schreiben.

Simon war ein zwanzigjhriger Mann. Er war arm, aber er tat nichts,
seine Lage zu verbessern.




Eine Theatervorstellung


Der Winternachthimmel war ganz mit Sternen gespickt, ich lief den
Schneeberg hinunter, in die Stadt, an die Kasse des Madretscher
Stadttheaters, lie mir eine Fahrkarte verabfolgen und fuhr wie ein
geistig nicht mehr Normaler die steinerne, uralte Wendeltreppe hinauf,
die ins Stehparterre fhrte. Das ganze Theater war dickvoll von
Menschen, eine schlechte Luft schlug mir unter die Nasenflgel, ich
erbebte und versteckte mich hinter einen Technikumsschler. Ich war ganz
atemlos und konnte nun ein wenig verschnaufen, bis der Vorhang in die
Hhe ging, das tat er nach etwa zehn Minuten, er erhob sich und lie in
ein Loch voll Feuer blicken. Die Gestalten bewegten sich alsobald,
riesige, plastische, bernatrlich scharf gezeichnete Gestalten, und
spielten Maria Stuart von Schiller. Knigin Maria sa im Kerker, und
ihre gute Kammerfrau stand daneben, und dann zeigte sich ein finster
aussehender, mit einer Rstung bedeckter Mann, die Knigin brach in
Trnen des Zornes und des Schmerzes aus. Wie wundervoll sich das ansah.
Meine Augen brannten. Ich hatte vorher stundenlang in den hellen,
weischimmernden Schnee gesehen und dann in das Dunkel der Logen, und
jetzt muten sie in eitel Feuer, Glut, Pracht und Glanz schauen. Wie
schn und gro das war. Wie das von den rtlichen Lippen taktmig
herabtnte, in Uhrmacher-, Techniker- und sonstige Ohren hinein, schne,
edel hin und her und auf und nieder tanzende, schwankende, tnende
Verse. Ah, das sind die Verse Schillers, so dachte wohl mancher.

Der junge, schlanke Mortimer, mit einem Busch heller, goldener Locken
auf dem Kopf, sprang aus der Szene in die offene Szene hinein und sprach
der Knigin, die lchelnd zuhrte, verfhrerische Worte vor. Er hatte
ein merkwrdig bla gefrbtes Gesicht, als sei ihm der ahnungsvolle
Schrecken darin gelegen, und schwarzumrnderte Augen, als habe er viele
vorangegangene Nchte hindurch, von Trumen hin- und hergeschleudert,
kein Auge zudrcken knnen. Er spielte meiner Meinung nach herrlich;
nicht so Maria, die ihre Rolle nicht auswendig wute, die sich eher wie
eine Kneipenkellnerin niederster Stufe benahm, als wie eine so vornehme
Frau, vornehm im zugespitzt kltesten Sinne: Knigin und dazu noch
Dulderin, wie man sich Maria Stuart denken mute. Aber sie rhrte
unendlich. Das Nichtsknnen rhrte in erster Linie und dann jener Mangel
an Hoheit. Der Mangel dessen, was sein sollte, erschtterte und blendete
und trieb mir das Wasser der Empfindung schamvoll zu den erregten Augen
heraus. O du Zauber der theatralischen Bhne. Ich dachte immer: Wie
schlecht sie doch spielt, diese Maria, und ward im selben Moment von
dem unmglichen Spiel an Leib und Seele hingerissen. Wenn sie etwas
Trauervolles sagte, lchelte sie verschmitzt und ganz unpassend dazu,
ich korrigierte in Gedanken an ihren Gesichtszgen, Tnen und Bewegungen
herum, und indem ich das tat, hatte ich den lebendigeren und
ergreifenderen Eindruck von ihrem fehlerhaften Spiel, als ich ihn vor
dem tadellosen htte haben knnen. Sie war mir so nah auf diese Weise,
es war, als wrde da oben eine Schwester, Cousine oder Freundin von mir
gespielt haben, um deren uerungen ich Ursache gehabt htte, ngstlich
zu zittern. Bisweilen stand sie ganz vergngt und ratlos, also ratlos
und doch nicht fassungslos da, sah in den dunkeln Zuschauerraum hinein,
zupfte an ihrem Schleier und lchelte ganz keck, lie das Spiel liegen,
whrend dieses von ihr eine bestimmte Haltung und Empfindung verlangte.
Und warum war sie trotzdem wundervoll?

In den Zwischenpausen bog ich meinen Kopf um und blickte in die Logen
hinein, in deren einer eine vornehme Dame sa, in ausgeschnittenem
Kleid, da die Brust und die Arme aus der dunkeln Umgebung nur so
herausschimmerten. In der behandschuhten Hand hielt sie ein Lorgnon mit
langem Stiel, das sie von Zeit zu Zeit an die Augen fhrte. Sie schien
eine alte, doch noch immer berckende Zauberin zu sein, so allein sa
sie dort hinten, abgesondert von den brigen Menschen. Sie wohnte, wei
der Teufel, vielleicht in einem jener grazis erbauten Huser aus der
Zeit Ludwigs von Frankreich, die man in Madretsch hufig hinter den
hohen Bumen alter, vertrumter Grten wei hervorglnzen sieht. In
einer andern Loge hockte der Prsident des Madretscher Gemeinderats und
Mitglied des Verwaltungsrats des Stadttheaters, so ein alter Bock, wie
man sich zuflsterte, der es als ein Vergngen empfand, den
Schauspielerinnen unter die Rcke zu greifen. Das lie sich ja
schlielich solch eine herumwandernde Maria Stuart noch ganz gerne
gefallen. So sah sie nmlich auch aus auf der Bhne, wie eine Dirne, und
nicht einmal wie eine gut-, sondern wie eine minderwertig geartete. Wie
kam es, da sie trotzdem so schn war?

Der Vorhang ging wieder auf. Ein breiter, weilicher Strom Parfm flo
aus dem offenen Loch in die Zuschauerdunkelkammer und beklemmte und
befreite die Nasen. Man war froh, wieder diesen holden Duft einzuziehen;
ich hinter meinem Technikumsschler war es wahrscheinlich ganz
besonders. Der Bhnenrachen fing wieder an zu reden, diesmal war die
Szene ein Zimmer im kniglichen Palast von England. Elisabeth sa auf
einem mit blauen Tchern behangenen Thron, einen Baldachin ber sich,
vor ihr die Groen des Hofes, Lester und jener andere mit der sanften
Denkermiene. Im Hintergrund standen dicke Weibsbilder als Pagen, nicht
etwa Knaben, nein, vierzigjhrige Weiber in Trikots. Das war schamlos
schn. Diese Pagen standen mit der barocken Schwere ihrer gedunsenen
Leiber in wahnsinnig kleinen, zierlichen Schuhen auf dem Boden wie
unbegreifliche, phantastische Traumfiguren, die ins Publikum
hineinlchelten. Es war, als htten sie sich ein wenig geniert, so
auffllig zu sein, aber dann war's wieder nichts mit diesem Genieren.
Die Sache verhielt sich so: wer sie ansah, der genierte sich. Ich zum
Beispiel genierte mich bis zur Glckseligkeit. Elisabeth stieg dann vom
Thron herab, jeder Zoll an ihr lieb und einfach, fast tantlich,
mtterlich, sie gab Zeichen von Ungnade, und die Szene verschwand.

Ein wenig spter gab es eine Parkszene mit grnem, verschwommenem
Waldhintergrund, Jagdhrner tnten in der Ferne in wundervoll fern
herklingendem Spiel. Ich glaubte mich augenblicklich in das Dickicht
eines Waldes versetzt; die Hnde liefen, Pferde strzten aus dem
Laubwerk hervor, schne, kostbar gekleidete Reiterinnen tragend, und
berall sprangen die Knechte und Falkoniere und Pagen, die Jger in den
knappen, grnen Trachten herum. Alles das spiegelte sich ganz natrlich
in den paar Fetzen von Dekorationen tnend und leuchtend wieder. Maria,
die Knigindirne, trat auf und sang, man kennt ja die Worte, nein, sie
sang nicht, aber es hrte sich ganz wie ein wehklagendes, sehnschtiges
Singen an. Die Frau schien eine Riesin geworden zu sein, so sehr
vergrerte sie ihr Seelenausbruch. Sie sprang wie irrsinnig vor Freude
und Herzensqual umher, und jammerte, als sie zu jubeln meinte. Auerdem
war sie ein bichen der Rolle wegen, die sie nicht studiert hatte, in
Verlegenheit, aber ich glaubte steif und fest, das sei der Wahnsinn des
Nicht-mehr-an-sich-halten-Knnens, die Qual der Freiheit, das Versagen
der ruhigeren Frauenvernunft. Als sie weinte, da schrie sie, denn weinen
wre ihr zu wenig gewesen. Fr nichts, was sie empfand, hatte sie einen
entsprechenden Ausdruck mehr. Das Empfinden peitschte seinen Ausdruck.
Im berma alles dessen, was sie war und sah und hrte und fhlte, warf
sie sich kpflings an die Erde, da trat Elisabeth auf.

Die Peitsche in der Hand, hinter ihr her die Trabanten. Die Frau ganz
anschlieend, anschmiegend in dunkelgrnen Samt gekleidet, der Rock
hinaufgerafft, da das mnnerhaft bestiefelte und bespornte Bein grell
sichtbar ist. Zorn, Hohn und Furcht im Gesicht. Auf dem Jagdhut eine
schwer herunterfallende Feder, deren Spitze bei jeder Bewegung des
Hauptes die Schulter berhrt. Und dann sprach sie, ah, sie spielte
meisterhaft. berdies war sie mir eine liebe Erscheinung. Nicht lange
ging es, so prallten sie aneinander und hauchten einander das Feuer des
Wehs in die Gesichter; beider Frauen Leiber zitterten wie vom Sturm
gepackte Baumstmme. Maria, die schlechte Schauspielerin, schlug der
guten eins ins Gesicht. Darob schmerzhaftes Frohlocken der einen und
jhe Flucht der andern. Die liebe Elisabeth mu fliehen, und die dumme
Maria mu jetzt in Verlegenheit sein, wie sie es angattern soll, in die
Ohnmacht befriedigten Rachegefhls zu sinken. Sie machte es schlecht,
aber in der Art und Weise, wie sie es verpfuschte, lag wiederum das
Grandiose. Das ganze Frauengeschlecht, das vergangene und gegenwrtige
und zuknftige, schien hinten ber, den Kopf seitwrts gesenkt, in
herrlich-ser Beugung und Empfindung umfallen zu wollen. So schn
machte sie's. Dem Verstand war's hurenhaft, dem Gefhl titanisch. Ich
wute nichts mehr, ich hatte genug, ich packte das Bild mit meinen
Augen, wie mit zwei wehrhaften Fusten, an und trug es ber die
steinerne Wendeltreppe hinunter, zum Theater hinaus, an die kalte,
winterliche Madretscher Luft hinaus, unter den eisig-schauerlichen
Sternenhimmel, in eine Kneipe von zweifelhafter Existenzberechtigung, um
es zu ersufen.




In der Provinz


Ja, in der Provinz, da kann es der Schauspieler etwa noch schn haben.
Dort, in den kleinen Landstdtchen, die noch von alten Ringmauern
trotzig umschlossen sind, gibt es keine Premieren und keine
fnfhundertste Auffhrung ein und desselben Salates. Die Stcke wechseln
mit den Tagen oder Wochen wie die blendenden Toiletten einer geborenen
Frstin, die zornig wrde, wenn einer ihr zumuten wollte, jahrelang
immer dasselbe Kleid zu tragen. Auch keine solche schnauzige Kritik gibt
es in der Provinz, wie dergleichen der Schauspieler in den Weltstdten
zu ertragen hat, wo es nichts mehr Ungewhnliches ist, mit anzusehen,
wie der Knstler von oben bis unten von grimmigen Witzen wie von
wtenden Hunden zerrissen wird. Nein, in der guten, ehrlichen Provinz
wohnt erstens der Mann mit der Maske vor dem Gesicht im Htel de Paris,
allwo es toll und urgemtlich zugeht, und zweitens ldt man ihn etwa
noch zu Abendgeselligkeiten ein, in feine, alte Huser, wo es ein ebenso
wohlschmeckendes Essen wie eine delikate Unterhaltung mit den ersten
Personen der Kleinstadt gibt. Zum Beispiel meine Tante in Madretsch, die
gab es nie und nimmermehr zu, da von den Komdianten in unziemlichem,
wegwerfendem Ton geredet wurde, im Gegenteil, nichts war ihr angenehmer
und erschien ihr passender, als zum Abendessen, dessen Zubereitung sie
selber beaufsichtigte, jede Woche einmal mindestens, so lange sie in der
Stadt spielten, diese umherziehenden Leute recht lustig und fidel bei
sich zu sehen. Meine Tante, die jetzt gestorben ist, war eine geradezu
schne Frau, auch noch zu einer Zeit, wo andere Frauen beginnen, ltlich
und runzelig zu werden. Mit ihren fnfzig Jahren schien sie noch eine
der allerjngsten zu sein, und whrend in ihrer Umgebung die Frauen
plumpe, mifrmige Figuren zur Schau trugen, zeichnete sie sich durch
eine feste, ppig-schlanke Krperform zu ihrem eigenen, sehr groen
Vorteil aus, da sie jedermann, der sie ansah, fr schn erklren mute.
Nie vergesse ich ihr helles, zartes Gelchter und nie den Mund, aus
dessen reizender ffnung das Lachen heraustnte. Sie wohnte in einem
seltsamen, alten Haus; wenn man die schwere Tr auftat und eintrat, in
den stets dunkeln Korridor, lispelte einem das Pltschern eines
unaufhrlich fallenden Brunnens entgegen, der kunstreich in die Mauer
eingefgt worden war. Die Treppen und deren Gelnder strotzten und
dufteten frmlich von Sauberkeit, und erst die Zimmer. Ich habe nie
nachher wieder solche Zimmer gesehen, solche heitere, polierte,
zimmerliche Zimmer. Ich glaube, wenn ich mich nicht irre, man sagt
Gemach, wenn man von einem Zimmer redet, das traulich und zugleich
uerst vornehm und etwas altertmlich ausgestattet ist. In einem
solchen Hause, bitte ich zu beachten, drfen also in der Provinz
Bhnenknstler aus- und eingehen, drfen solche Treppen mit ihren
wahrscheinlich manchmal ungeputzten Stiefeln berhren, solche Klinken,
messingene und rasend peinlich glnzende, mit ihren Hnden anfassen, um
in solche Gemcher hineinzutreten, und dann einer solchen Frau, wie
meiner Tante, ungezwungen Guten Abend zu sagen. Was tut der Schauspieler
in der Grostadt? Er schuftet, luft wie wahnsinnig in die Proben und
reibt sich auf, um es ja der suerlichen Kritik recht zu machen. So
etwas gibt es in der Umgegend von Madretsch nicht, meine Damen und
Herren. Von Kranksein und Aufreiben wird da kaum die Rede sein drfen,
vielmehr bummelt so ein Kerl, den Zylinder, den er wei der Himmel woher
hat, auf dem Kopf, die Hnde in womglich hellgelben Handschuhen, den
Stock in der Rechten, in einem tragischen Mantel, dessen Sche im Winde
flattern, so gegen elf Uhr vormittags oder halb zwlf, um nicht gelogen
zu haben, seelenheiter und von allen Passanten auf der Strae fr einen
illegitimen Frstensohn gehalten, angeblinzelt von Mdchenaugen, die
schne Promenade entlang, um vielleicht zum See hinauszugehen und dort
eine halbe Stunde lang, bis es Zeit zum Essen ist, in die Ferne zu
schauen. Das, meine Herren, verschafft Appetit, ist gesund und wohl etwa
noch zu ertragen. Wo gibt es in der Grostadt einen See, einen
Felssturz, dessen Gipfel von einem im griechischen Stil erbauten,
niedlichen Pavillon gekrnt wird, wo man in der hellen Vormittagssonne
mit einer Frau, die man eben hat kennen lernen und die, sagen wir mal,
dreiig Jahre alt ist, ein seelenvolles Gesprch fhren kann? Wo gibt es
ein Schulhaus in Weltstdten, in das der Herr jugendlicher Liebhaber,
Herr von Beck, so gegen drei Uhr, weil er gerade Lust zu einem solchen
Unternehmen hat, eintreten und den kleinen neun- bis zwlfjhrigen
Schulmdchen einen Schulbesuch abstatten kann? Es ist gerade
Religionsstunde, die Mdchen langweilen sich ein bichen, da tritt Beck
ein und frgt an, ob ihm wohl gestattet wre, dem ihn im hchsten Grade
interessierenden Unterricht beizuwohnen. Der Pfarrer, ein durchaus
weltmnnisch gebildeter, sympathischer Herr, errtet ber die Keckheit
und wei nicht recht, was er sagen soll, im ersten Augenblick nmlich,
wo ihm die Heldenmanieren eines von Beck den Verstand rauben. Aber schon
hat er sich gefat und schiebt den Darsteller des Ferdinand in Kabale
und Liebe sanft zur Tr hinaus, wohin er ja schlielich, wenn man die
Umstnde bedenkt, auch gehrt. Aber, Hand aufs Herz, ist das etwa nicht
reizend, und gibt's in Millionenstdten etwas Derartiges? Wie hbsch
dieser Herr Pfarrer gehandelt hat, Herrn Beck zu verbieten, in der edlen
Religionsstunde mit den Schlerinnen Allotria zu treiben. Aber wie
entzckend wiederum dieser Beck ist, der den Pfarrer zu dem
liebenswrdigen Benehmen veranlat hat; denn wenn es keine Becks gbe,
die die Unverschmtheit besitzen, den Schulaufsichtsrat zu spielen, am
hellen Tag, wo die Sonne berall scheint und es in ganz Madretsch nach
Ksekuchen duftet, so gbe es auch kein pfarrerlich-schnes Betragen,
wie denn Spitzbuben nicht fehlen drfen, wo man noch hoffen will,
Tugenden anzutreffen. Solche Dinge ergeben sich in einer Kleinstadt von
selber; das reizende Erlebnis nimmt dort noch gern plastische Gestalt
an, und wer eignet sich in der Provinz besser zu Erlebnissen aller Art
als die Lumpenkomdianten, denen der Ruf des Gefhrlichen, Schnen,
Geheimnisvollen und Abenteuerlichen immer vorangeht? Da sieht sie der
Bewohner von Bzingen oder Mett oder Madretsch in Gruppen vor dem
Rathause stehen, gestikulierend und in fremdartigen, eleganten Akzenten
sprechend, die Rollen, die sie abends spielen, in den blassen
durchgeistigten Hnden, so wildfremd, so sehr scheinbar aus
Knigsschlssern und Mtressenboudoirs herkommend, mit so schnen, hohen
Stirnen und mit wenn immer denkbar goldenen Haarlocken! Kann der
hauptstdtische oder gar reichshauptstdtische oder gar noch
literarische Schauspieler diese Genugtuung auch genieen, eine
wildfremde Figur auf Straen, Pltzen und Promenaden zu sein? Kann er
berhaupt auch nur noch tiefer und inniger interessieren, als was auf
fnf Spalten im Lokalanzeiger gedruckt pat? Und wenn er gar berhmt ist
und viel genannt wird, was ist das? Ich mu geradezu lcheln, daran zu
denken, wie oberflchlich das Interesse im Laufe der Jahre wird, das man
Berhmtheiten zollt. Nein und noch einmal nein. Wer gern mag, da ihm
eine rote, warme, saftvolle, gequetschte, spritzende, sprhende und
duftende Empfindung dargebracht wird, der werde so rasch wie mglich
Schmierenschauspieler. Das bichen finanzielle und konomische Elend,
das mit diesem Berufszweig ja allerdings immer verbunden sein wird, ist
zu ertragen. Ich mache gern noch auf ein paar Einzelheiten aufmerksam:
Schauspieler Beck wird eines Nachts von einem unkultivierten Burschen
einfach mir nichts dir nichts Hundsfott genannt. Das ist allerdings
starker Schnupftabak. Beck strzt vor, und beide, der lmmelhafte Sohn
des Uhrenfabrikanten und das zierliche Shnchen der dramatischen Kunst
packen einander am beiderseitigen Stehkragen, an den Haaren, beim
Genick, am Schopf, bei den Nasen, an den Lippen und Ohren, unterm Knie,
rund um die Leiber, um den Kampf zweier erzrnter Gottheiten
aufzufhren. Auch nicht denkbar in Reichsmetropolen, wo die Menschen
anfangen, so windig gesittet zu werden und ihren Zorn immer in die
Taschen stecken, wenn zu befrchten ist, da er losbrennen will. Im
Htel de Paris sind immerhin noch ganz andere Sachen mglich. Dort kt
man beispielsweise den Kellnerinnen die Hnde, so fein sind sie, und
plaudert englisch mit der Leiterin des Geschfts am Bufett, so lange,
bis einer kommt und einem von hinten her quer eins hinberhaut, bis man
genug hat. Und dann die Natur in Kleinstdten. Das ist nun geradezu die
Wunderquelle, in der sich Karl Moor bis zum Strotzen gesund baden kann,
denn berall lockt's ihn, in Schluchten zu gehen, in denen Wasserflle
schumend und zischend und khlend niederbrausen; ber ebene, weite
Felder bis an den Rand mchtig-hoher und grner Eichenwlder; ber
Waldhgel hinber, allwo er Blumen suchen und sie in seine
Botanisierbchse stecken kann, um sie zu Hause in ein Glas Wasser zu
tun; auf breite, tausend Meter hohe Berge, entweder zu Fu oder zu Ro,
wenn er eins auftreiben kann, oder per Drahtseilbahn, zu der entzckend
gelegenen Weide mit ihrer Blumen- und Grserpracht, bis er am Abend,
erschpft und erfllt von schnen, mden Empfindungen, unter einer
hundertjhrigen Tanne in die Matte sinkt, um den herrlichen
Sonnenuntergang zu betrachten. In Krchen und Schluchten liegt noch der
winterliche Schnee, obgleich es schon toller, ppiger Frhling ist. Oder
es lockt ihn, in eine leichte, schwankende Gondel zu steigen, die zu
haben ist bei Frau Hgli, Schiffsvermieterin, dicht am Ufer des Sees,
und aufs schne, spiegelglatte Wasser hinauszufahren, zwischen
knirschenden Schilfgewchsen hindurch, bis er in der Mitte des Sees
angelangt ist und, die Ruder fahren lassend, sieht, wie kstlich die
Rebberge und Landhuser und kleinen Jgerschlsser sich im tiefen Wasser
naturgetreu widerspiegeln. Und so noch vieles, und zu allen
Jahreszeiten, im Winter, Herbst, Sommer und Frhling. Die Natur ist
bekanntlich in allen ihren Verkleidungen erfrischend und bezaubernd und
immer des ganz und gar innigen Ansehens und Genusses wert. Geht in die
Provinz, in Kleinstdte; dort habt ihr noch Hoffnung, da man euch an
euerm Benefizabend einen Lorbeerkranz vor die Fe und Nase wirft, den
ihr dankend aufheben und freudig nach Hause tragen knnt. Den
schauspielenden Damen nicht minder als den Herren sind diese Stdte zu
empfehlen, auch sie werden sehr bald finden, da ich nicht unrecht
gehabt habe, ihnen anzuraten, es einmal wieder mit der Provinz zu
versuchen. Zu guter Letzt: Es wird gut gekocht an solchen Orten, und es
mu ratsam erscheinen, bald einmal hinzugehen und diese vortreffliche
Kost zu probieren. Schmackhaftes Essen ist nicht zu verachten.




Frau und Schauspieler


Mein Herr, ich bin gestern abend im Stadttheater gewesen und habe Sie
als Prinzen Max in der Hofgunst gesehen, und ich schreibe Ihnen jetzt.
Ich bin, damit Sie es gleich im voraus wissen, eine Frau von dreiig
Jahren, etwas darber, interessiert Sie das? Sie sind jung und hbsch,
machen eine gute Figur und sind wohl schon viel von Frauen angeschwrmt
worden. Apropos, rechnen Sie mich nicht zu den Frauen, die fr Sie
schwrmen, und doch, ich mu es Ihnen nur gleich gestehen, Sie gefallen
mir, und ich sehe mich gentigt, Ihnen zu sagen, warum. Dieser Brief
wird vielleicht etwas zu lang werden, glauben Sie? Als ich Sie gestern
spielen sah, ist es mir gleich vom ersten Moment an aufgefallen, wie
unschuldig Sie sind; jedenfalls haben Sie viel Kindliches an sich, und
Sie haben sich den ganzen Abend auf der Bhne so benommen, da ich mir
sagte, ich wrde Ihnen vielleicht einiges schreiben drfen. Ich tu es ja
jetzt; werde ich diesen Brief abschicken? Verzeihen Sie, oder so: Sie
sollen stolz sein, da man wegen Ihnen im Zweifel sein mu. Vielleicht
schicke ich diese Worte nicht ab, dann wissen Sie nichts und werden auch
keinen Grund haben, in ein unschnes Gelchter auszubrechen. Machen Sie
so etwas? Sehen Sie, ich vermute ein schnes, frisches, reines Herz in
Ihnen, aber Sie sind vielleicht noch zu jung, um wissen zu knnen, da
das wichtig ist. Wo verkehren Sie, sagen Sie mir das, wenn Sie mir
antworten, oder sagen Sie es mir mndlich, kommen Sie zu mir, morgen
nachmittag um fnf, ich erwarte Sie. Die meisten Menschen setzen ihren
ganzen Ehrgeiz in die unedle Unmglichkeit, einer Torheit fhig zu sein,
sie lieben den Anstand des Benehmens nicht, obwohl das so scheint. Die
Sitte liebt eines nur dann, wenn es sich um ihretwillen einiger Gefahr
unterziehen mag. Denn Gefahren erziehen, und ohne die bestndige Lust
mit sich zu tragen, auf lebendige Art ber wichtige Dinge belehrt zu
werden, ist man sittenlos. ngstlichkeit scheint oft die wahre Sitte zu
sein -- welch eine trge Gedankenlosigkeit! Hren Sie mir noch zu, und
tun Sie's auch aufrichtig? Oder sind Sie einer der leider vielen
Menschen, die glauben, alles, was ein wenig beschmend und anstrengend
ist, langweilig finden zu mssen? Spucken Sie auf dieses Schreiben und
zerreien Sie es, wenn es Sie langweilt, aber nicht wahr, es reizt Sie,
es kann Sie anregen, es ist nicht langweilig. Wie hbsch Sie sind, mein
Herr, mein Gott, und so jung, sicher kaum zwanzig. Ein bischen steif
habe ich Sie gestern abend gefunden und Ihre schne Stimme ein bischen
geschraubt. Entschuldigen Sie es, da ich so rede? Ich bin zehn Jahre
lter als Sie, und es tut mir so wohl, mit einem Menschen reden zu
drfen, der jung genug ist, da ich mich als zehn Jahre lter ihm
gegenber fhlen darf. Sie haben in Ihrem Benehmen etwas, was Sie noch
jnger erscheinen lt, als man Sie, wenn man mit dem Verstand
nachrechnet, schtzen mu; das ist das bischen Geschraubtheit. Gewhnen
Sie es sich, ich bitte Sie, noch nicht so rasch ab, es gefllt mir, es
wre schade um dieses Stck, ich mchte sagen, natrlicher
Unnatrlichkeit. Kinder sind so. Beleidige ich Sie? Ich bin so offen,
nicht wahr, aber Sie wissen gar nicht, welche Freude fr mich in der
Einbildung liegt, die mir zuflstert: er gestattet es, er liebt das. Wie
Ihnen die Offiziersuniform gut gestanden hat, die engen Stiefel, der
Rock, der Kragen, das Beinkleid, ich bin entzckt gewesen, und was fr
prinzliche Manieren Sie gehabt haben, was fr energische Bewegungen! Und
wie Sie gesprochen haben: so ganz berflssig heldenhaft, da ich mich
beinahe ein bischen vor mir, vor Ihnen, vor alle dem habe genieren
mssen. So laut und wichtig haben Sie im Salon Ihres oder Ihres Herrn
Vaters Schlosse gesprochen. Wie Ihre groen Augen manchmal hin und her
rollten, als wenn Sie jemanden aus dem Zuschauerraum htten aufessen
wollen, und so nah waren Sie. Einmal zuckte es mir im Arm, ich wollte
unwillkrlich die Hand ausstrecken, um Sie, wo Sie standen, anzurhren.
Ich sehe Sie so gro und laut vor mir. Werden Sie bei mir, wenn Sie
morgen zu mir kommen, auch so gewichtig auftreten? In meinem Zimmer,
mssen Sie wissen, ist alles so still und so einfach, ich habe noch nie
einen Offizier empfangen, und es hat noch nie eine Szene bei mir
gegeben. Wie werden Sie sich betragen? Aber das ganze, hochaufgepflanzte,
fahnenstangenhafte Wesen an Ihnen gefllt mir, es ist neu,
frisch, gut, edel und rein fr mich, ich mchte es kennen lernen,
weil, wie ich es empfinde, etwas Unschuldiges und Ungebrochenes in ihm
steckt. Zeigen Sie es mir, wie es ist, ich achte es im voraus und ich
glaube, ich liebe es. Sie kennen keinen Hochmut mit diesem Ihrem ganzen
scheinbar so hochmtigen Wesen. Sie sind keines Truges fhig, Sie sind
zu jung dazu und ich zu erfahren, um mich in Ihnen tuschen zu knnen,
und jetzt zweifle ich nicht mehr, da ich diesen Brief an Sie abschicken
werde, aber lassen Sie mich Ihnen noch einiges sagen. Sie kommen jetzt
also zu mir, es ist abgemacht. Putzen Sie dann zuerst Ihre Stiefel vor
der Treppe ab, bevor Sie ins Haus treten, ich werde am Fenster stehen
und Ihr Benehmen beobachten. Wie ich mich darauf freue, so dumm zu sein
und das zu tun. Sie sehen, wie ich mich freue. Vielleicht sind Sie ein
Unfltiger und werden mich dafr strafen, da ich es unternommen habe,
Zutrauen zu mir in Ihnen zu erwecken. Wenn Sie so sind, so kommen Sie,
machen Sie sich einen Spa, strafen Sie mich, ich habe es ja verdient.
Aber Sie sind jung, das ist ja das Gegenteil von unfltig, nicht wahr?
Wie deutlich ich Ihre Augen vor mir sehe, und ich will Ihnen etwas
sagen: fr gar so klug halte ich Sie nicht, aber fr recht, fr gerade,
das kann mehr sein als klug. Bin ich da auf einem Holzweg? Gehren Sie
zu den Raffinierten? Wenn das ist, mu ich in Zukunft allein und
verlassen in der Stube sitzen, denn dann verstehe ich die Menschen nicht
mehr. Ich werde am Fenster stehen und Ihnen dann die Tr auftun, Sie
brauchen dann vielleicht gar nicht erst noch lange zu klingeln, und dann
werden Sie mich sehen, so bald schon. Eigentlich wnschte ich -- nein,
ich will nicht so viel sagen. Lesen Sie noch? Ich bin ziemlich schn,
ich mu Sie auch darauf im voraus aufmerksam machen, damit Sie sich ein
wenig Mhe geben und Ihr Bestes und Gebrstetstes anziehen. Was wollen
Sie trinken? Sie werden es mir ungeniert sagen, ich habe Wein im Keller,
das Mdchen wird heraufholen, aber vielleicht ist es am besten, wir
trinken zuerst eine Tasse Tee, nicht? Wir werden allein sein, mein Mann
arbeitet zu dieser Zeit im Geschft, aber fassen Sie das nicht als eine
Aufforderung, unehrerbietig zu sein, auf, das mu Sie im Gegenteil
schchtern machen. So will ich Sie sehen, schchtern und schn, sonst
laufe ich dem Briefboten nach, der Ihnen diese Zeilen berbringen will,
schreie ihn an, nenne ihn einen Ruber und Mrder, begehe
Ungeheuerlichkeiten und komme ins Gefngnis. Wie mich danach verlangt,
Sie anzusehen, Sie in der Nhe zu haben; weil ich so mutig auf meiner
guten Meinung von Ihnen beharre, spreche ich so, und wenn Sie nach all
dem Gesagten kommen, so haben Sie Mut, und dann werden die anderthalb
Stunden, die wir miteinander verbringen, schn sein, und dann ist es
berflssig gewesen, zu zittern, wie ich jetzt tue, denn es ist dann
keine solche Tollkhnheit gewesen, Sie zu mir eingeladen zu haben. Sie
sind so schlank, ich werde Sie schon erkennen, wenn Sie noch unten auf
der Strae vor der Gartentre stehen werden. Was machen Sie jetzt? Was
meinen Sie, soll ich jetzt aufhren zu schreiben? Sie werden lachen,
wenn ich vor Sie hintrete und Ihnen vormache, wie Sie als Prinz Max
dagestanden haben. Ich beschwre Sie, verneigen Sie sich tief vor mir,
wenn Sie mich erblicken, und seien Sie steif und benehmen Sie sich
herkmmlich, gestatten Sie sich keine freie Bewegung, ich warne Sie, und
ich werde Ihnen dafr danken, da Sie mir gehorcht haben, wie man Ihnen
vielleicht nie in Ihrem Leben wieder danken wird.




Entwurf zu einem Vorspiel


Eine Bhne

Der Vorhang geht auf, man sieht in einen offenen Mund hinein, in eine
rtlich beleuchtete Kehle hinunter, daraus hervor eine groe, breite
Zunge leckt. Die Zhne, die den Bhnenmund umrahmen, sind spitz und
blendend wei, das Ganze sieht dem Rachen eines Ungetms hnlich, die
Lippen sind wie ungeheure menschliche Lippen, die Zunge bewegt sich nach
vorn, ber die Rampe hinaus und berhrt mit ihrer feurigen Spitze
beinahe die Kpfe der Zuschauer, dann geht sie wieder zurck, und ein
anderes Mal tritt sie wieder vor, ein schlafendes schnangekleidetes
Mdchen auf ihrer breiten, weichen Flche dahertragend. Die
golden-hellen Haare des Mdchens flieen wie eine Flssigkeit von ihrem
Kopf um ihr Kleid herum, in der Hand hlt sie einen glitzernden Stern,
hnlich einem groen, weichen, sonnigen Schneeflocken. Auf dem Haar
eingedrckt sitzt eine zierliche grne Krone, ihr Mund lchelt im
Schlaf, whrend sie so liegt, auf ihren Ellbogen gesttzt, auf der Zunge
wie in Bettkissen ruhend. Auf einmal ffnet sie ihre Augen, und das sind
Augen, wie man sie manchmal in Trumen sieht, wenn sie sich, von
irgendeinem bernatrlichen Licht umflossen, zu den unsern herabneigen.
Diese Augen haben einen wunderbar erfrischenden Glanz, und sie schauen
jetzt so nach allen Seiten herum, wie es Kinderaugen tun, die fragend
und suchend und schuldlos in die Welt blicken. Aus der feurig-schwrzlichen
Kehle klettert jetzt ein Mann hervor, angezogen mit fliegenden,
scheinbar von einem halbtollen Schneider entworfenen Tchern,
die wie Fetzen seine massiven Glieder umgeben, schreitet auf
der unter seinen Tritten zusammenzuckenden Zunge nach vorn, zu dem
Mdchen hin, beugt sich ber sie und kt sie. Im selben Augenblick
sprhen aus dem Schlund Feuerflammen und Funken hervor, die ber die
beiden, ohne sie im mindesten ngstlich zu machen, herabregnen. Der
schlanke Mann hebt die junge Dame in seinen Arm und trgt sie nach
rckwrts, die groe Zunge wirft sich, indem sie sich hoch aufbumt,
ber das Paar, um es im Rachen krachend und hinabpolternd zu
verschlingen. Der weie Stern des Mdchens blitzt vorn bei den Zhnen,
da schieen mit einem Male blaue, grne, gelbe, hochrote,
dunkelbluliche und schimmernd weie Sterne in einem feurig-farbigen
Sturzregenbogen aus der dunkeln Kehle hervor, Musik spielt dazu, und die
Sterne zerspringen immer in der Luft ins Nichts, endlich bewegen sich
die Lippen des groen Maules und sprechen das stille, aber deutlich und
warm hrbare Wort:

Das Stck beginnt.

Vorhang.




Zwei kleine Mrchen


1.

Es schneite in der Strae. Da kamen die Droschken und Autos vorgefahren,
setzten ihren Inhalt ab und fuhren wieder von dannen. Die Damen staken
alle in Pelzen. An der Garderobe wimmelte es von Leuten. In den Foyers
gab es ein Gren, Anlcheln und gegenseitiges Hndedrcken. Die Kerzen
schimmerten, die Roben rauschten, die Stiefelchen flsterten und
knarrten. Der Boden war ganz glatt gewichst und Diener standen da und
machten Handbewegungen, bald so, bald anders. Die Herren waren in Frcke
geschnrt, so ein Frack mu sitzen. Man verbeugte sich. Artigkeiten
flogen wie Tauben von Mund zu Mund, die Frauen strahlten, manche alte
auch noch. Alles stand aufrecht bei den Sitzpltzen, um Bekannte zu
sehen, nur wenige saen. Die Gesichter waren so nahe beisammen, der Atem
des einen berhrte die Nasenflgel des zunchst Stehenden. Die Kleider
der Frauen dufteten, die Scheitel der Herren waren glatt, die Augen
blitzten, die Hnde sagten: Na, auch wieder, du? Wo denn solange
gewesen? In der ersten Reihe saen die Kritiker wie Glubige in einer
hohen Kirche, so still, so andchtig. Der Vorhang bewegte sich ein
bischen, da ertnte das Zeichen zum Anfang, wer sich ruspern zu mssen
glaubte, tat es rasch, und da saen sie alle wie Kinder in der
Schulstube, gradausschauend, muschenstill, da erhob sich was und
spielte sich was.


2.

Der Vorhang ging in die Hhe, alles war gespannt, was es geben wrde, da
trat ein Knabe auf, und der fing an zu tanzen. In einer Loge im ersten
Rang sa die Knigin, umringt von den Hofdamen. Der Tanz gefiel ihr so
gut, da sie sich entschlo, auf die Bhne zu gehen, um dem Knaben etwas
Liebevolles zu sagen. Bald darauf erschien sie auf der Bhne, der Knabe
schaute sie mit seinen jungen, schnen Augen an. Er lchelte. Da
durchfuhr es die Knigin wie ein Blitz, an dem Lcheln erkannte sie
ihren eigenen Sohn, sie strzte zu Boden. Was hast du, fragte der Knabe.
Da erkannte sie ihn immer deutlicher, an der Stimme auch noch. Da war es
mit ihrer kniglichen Wrde vorbei. Sie warf die Hoheit beiseite und
schmte sich nicht, den Jungen fest an ihr Herz zu pressen. Ihre Brste
hoben und senkten sich, sie weinte vor Freude, du bist mein Sohn, sagte
sie. Das Publikum klatschte Beifall, aber was wollte der Beifall? Das
Glck dieser Frau war gewi ber allen Beifall erhaben, es wrde auch
ein Zischen haben ertragen knnen, der Kopf des Knaben wurde immer
wieder genommen und an den wogenden Busen gedrckt. Sie kte ihn, dann
kamen die Hofdamen und erinnerten ihre Gebieterin an die
Unschicklichkeit der Szene. Da lachte das Publikum, aber die Hofdamen
streuten Verachtung auf die vielkpfige Plebs herab. Sie zuckten mit dem
Mund, da zuckte der Vorhang und fiel herab.




Vier Spe


1.

Bei Wertheim, zu oberst, dort, wo man Kaffee trinkt, ist gegenwrtig
etwas Kstliches zu sehen, nmlich der dramatische Dichter Seltmann. Er
hockt auf einem kleinen Rohrstuhl auf erhhtem Gestell, allen Blicken
eine leichte Zielscheibe, hmmert und nagelt und klopft in einem fort
und schustert, wie es denen vorkommt, die ihn betrachten, Blankverse.
Das kleine, viereckige Gestell ist mit dunkelgrnen Tannenzweigen
geschmackvoll bekrnzt. Der Dichter ist anstndig angezogen worden,
Frack, Lackschuh und weie Binde, das alles ist da, und keiner wird sich
zu genieren haben, dem Mann seine Aufmerksamkeit zu schenken. Das
Wunderbare aber ist der rostgelbe, herrliche Haarsturz, der sich von
Seltmanns Kopf, ber die Schulter weg, mchtig bis an den Fuboden
niederwlbt. Er gleicht der Mhne eines Lwen. Wer ist Seltmann? Wird er
uns von der Schmach befreien, unser Theater etlichen Salpeterfabriken
ausgeliefert zu wissen? Wird er das nationale Schauspiel schreiben? Wird
er uns eines Tages als der Kerl erscheinen, nach dem wir uns jetzt alle
wieder mal so blutwrstig sehnen? Jedenfalls aber mu man der Leitung
des Warenhauses Wertheim fr die Ausstellung Seltmanns Dank wissen.


2.

Wie dem Theater allmhlich die besten und gediegensten Krfte
dahinschwinden, geht zu unserm groen Leidwesen aus einer Zuschrift
hervor, die Frau Gertrud Eysoldt an uns adressiert hat. Sie teilt uns
mit, da sie an der Kantstrae, Ecke Joachimsthaler Strae, nchstens
einen Korsettladen erffnen werde, um sich allda gnzlich als
Geschftsfrau zu etablieren. Welch sonderbarer Entschlu, und wie
schade! Auch Schauspieler Kayler will wegmachen, und zwar, wie wir
hren, aus der Empfindung heraus, da es sich in die Zeitlufe besser
schicke, hinter einem Schanktisch zu stehen, als Figurinen auf den
Brettern zu spielen. Er soll zum ersten Mai eine kleine Kneipe im Osten
bernommen haben, und er freut sich schon darauf, sagen einige, Bier
einzuschenken, Glser zu putzen, Butterbrote zu streichen, Bcklinge zu
servieren und nachts die Besoffenen zur Bude herauszustiefelwichsen. Ein
Jammer! Wir aber mssen aufs tiefste bedauern, zwei so sehr bewunderte
und wertgeschtzte Knstler ihrer Kunst untreu werden zu sehen, und wir
wollen hoffen, da solches nicht Mode werde.


3.

In den Kammerspielen ist noch kurz vor Toresschlu eine kleine nderung
getroffen worden. Die Direktion hat den Dramaturgen kleidsame hellblaue
Frcke bergeworfen, mit groen, silbernen Knpfen dran. Wir halten das
fr hbsch, denn wir halten's fr richtig. Die Theaterdiener sind
abgeschafft worden, und die Dramaturgen nehmen nun an den Spielabenden,
also zu einer Zeit, wo sie ja sowieso nichts zu tun haben, den Damen die
Mntel ab und weisen den theaterbesuchenden Herrschaften die Pltze an.
Auch ffnen sie Tren und geben allerhand kleine, aber notwendige
Ausknfte. An den Beinen tragen sie jetzt lange, dicke, ledergelbe,
kniehohe Getern, auch knnen sie einem schon ganz ausgezeichnet, unter
einer eleganten Verbeugung, Programme darreichen und Guckglser
anbieten. In der Provinz wrden sie auerdem noch Zettel vertragen; dies
ist aber hier in Berlin nicht ntig. Kurz und gut, kein Kritiker wird
nunmehr noch fragen drfen, was ein Dramaturg sei, und was er fr
Obliegenheiten zu erfllen habe. Sie tun jetzt ihr uerstes, und man
wird sie in Zukunft in Ruhe lassen mssen.


4.

Um endlich einmal dem ewigen Gejammer und den bestndigen Vorwrfen, er
gebe nur Ausstattungen, keine Stcke, energisch auszuweichen, ist
Direktor Reinhardt auf die Idee gekommen, zuknftig seine Stcke einfach
vor weier Wsche spielen zu lassen. Seine Dramaturgen haben natrlich
das Geheimnis bereits ausplaudern mssen, und er wird erstaunt, wenn
nicht entrstet sein, uns schon heut mit der Neuigkeit auftrompeten zu
sehen. Weie Wsche! Mu es denn gerade schneeweie sein? Kann sie nicht
von irgendeiner unbekannten Riesendame aus dem Panoptikum, sagen wir,
etwa anderthalb Tage lang getragen worden sein? Alsdann wrden die
Dekorationsstcke einen sicherlich bezaubernden Schenkelduft ausstrmen,
was den Herren Kritikern nur gut tun knnte, die dann vergen, wo sie
sen, und betubt wrden in ihren schrfern Sinnen. Ohne Spa.
Reinhardts Idee scheint uns entwicklungsfhig, also glnzend. Auf den
weien Tchern werden sich die Gesichter und Spukgestalten der Akteure
und Aktricen auerordentlich farbig abheben. Ob Reinhardt das aber auch
am Hoftheater durchsetzen wird?




Tell in Prosa


Hohlweg bei Knacht

=Tell= (tritt zwischen den Bschen hervor): Durch diese hohle Gasse,
glaube ich, mu er kommen. Wenn ich es recht berlege, fhrt kein andrer
Weg nach Knacht. Hier mu es sein. Es ist vielleicht ein Wahnsinn, zu
sagen: Hier mu es sein, aber die Tat, die ich vorhabe, bedarf des
Wahnsinns. Diese Armbrust ist bis jetzt nur auf Tiere gerichtet gewesen,
ich habe friedlich gelebt, ich habe gearbeitet, und wenn ich mde von
der Anstrengung des Tages gewesen bin, habe ich mich schlafen gelegt.
Wer hat ihm befohlen, mich zu stren, auf wessen Veranlassung hin hat er
mich drcken mssen? Seine bse Stellung im Land hat es ihm eingegeben.
(Er setzt sich auf einen Stein.) Tell lt sich beleidigen, aber nicht
am Hals wrgen. Er ist Herr, er darf meiner spotten, aber er hat mich an
Leib, Liebe und Gut angegriffen, er hat es zu weit getrieben. Heraus aus
dem Kcher! (Er nimmt einen Pfeil heraus.) Der Entschlu ist gefat, das
Schrecklichste ist getan, er ist schon erschossen durch den Gedanken.
Wie aber? Warum lege ich mich in den Hinterhalt? Wre es nicht besser,
vor ihn hinzutreten und ihn vor den Augen seiner Knechte vom Pferd
herunterzuschlagen? Nein, ich will ihn als das ahnungslose Wild
betrachten, mich als den Jger, das ist sicherer. (Er spannt den Bogen.)
Mit der friedlichen Welt ist es nun vorbei, ich habe auf das Haupt
meines Kindes zielen mssen, so ziele ich jetzt auf die Brust des
Wterichs. Es ist mir, als htte ich es bereits getan und knnte nach
Hause ziehen; was im Geist schon geschehen ist, tun die Hnde hinterher
nur noch mechanisch, ich kann den Entschlu verzgern, aber nicht
brechen, das mte Gott tun. Was hre ich. (Er horcht.) Kommt er schon?
Hat er es eilig? Ist er so ahnungslos? Das ist das Eigentmliche an
diesen Herren, da sie ruhigen Herzens Jammervolles begehen knnen. (Er
zittert.) Wenn ich jetzt den Schu verfehle, so mu ich hinabspringen
und das verfehlte Ziel zerreien. Tell, nimm dich zusammen, die kleinste
Ungeschicklichkeit macht dich zum wilden Tier. (Hornruf hinter der
Szene.) Wie frech er durch die Lnder, die er erniedrigt, blasen lt.
Er meint, herrisch zu sein, aber er ist nur ohne Ahnung. Er ist so
sorglos wie ein tanzendes Kind. Hundertfacher Ruber und Mrder. Er
ttet, wenn er tnzelt. Ein Ungeheuer mu in der Ahnungslosigkeit
sterben. (Er macht sich zum Schu bereit.) Jetzt bin ich ruhig. Ich
wrde beten, wenn ich weniger ruhig wre. Ruhige wie ich erledigen
Pflichten. (Der Landvogt mit Gefolge auf Pferden. Prachtvoller Auftritt.
Tell schiet.) Du kennst den Schtzen. Frei ist das Land von dir. (Ab.)




Berhmter Auftritt


Grfliches Zimmer. Der alte Moor ist gegangen.

=Franz= (allein): Du mein Gott, wie plump ich gewesen bin. Ich geniere
mich ordentlich. Ich habe ihm die Schurkerei wie ein belduftendes
Fressen aufgetischt, und er hat es bereitwillig eingenommen. Sei's. Wie
mde ich mich fhle, mich so schmutzig benommen zu haben. Ich hatte kaum
recht die Absicht, zu tten, da gelang's mir schon. Ich habe, glaube
ich, nur eine vorlufige Probe anstellen wollen, und da ist das
widerwrtige Meisterwerk schon fertig. Meinetwegen. Alter Schafskopf.
Was sind das fr lieblose Tne? (Er besieht sich im Spiegel.) Wie hbsch
ich aussehe. Eine vollkommen ruhige Miene. (Er lchelt.) Und dieses
Lcheln. Wie unboshaft. Ich htte nicht so rohe Mittel brauchen ins Werk
zu setzen, Schrecken zu verbreiten. Aber das ist es: das Unfeine
berzeugt am raschesten. Ich bin um eine Erfahrung reicher. Wie faul ich
bin. (Er streckt sich auf einem Ruhebett aus.) Ich wrde indischen Tabak
rauchen, wenn ich gerade welchen htte. Ich bin ein bischen angedet von
all dem Vorgefallenen. Ich habe zu schmierig gelogen, und es ist mir zu
brutal geglaubt worden. Das entkrftet. Mag's. Was soll ich jetzt tun?
Heda, Hermann! (Hermann tritt auf.) Geh wieder. Es war ein Traum, dich
zu rufen. Ich hasse Trume. (Hermann ab.) Ich will der Amalie einen
erneuten Liebesantrag machen. Ich glaube, ich habe Lust, beschimpft zu
werden. O, die Herrlichkeit der Beleidigung. Mich so zu verkennen, das
grenzt an Irrsinn. Ich habe ein zu zart entwickeltes Empfindungsvermgen,
und ich langweile mich ein wenig. Mich langweilt das Natrliche.
Mich entsetzt der Gedanke, ich knnte Erfolg in der Welt
haben. (Amalie tritt auf.) Ich habe soeben gelogen, ich habe deinen Karl
verdchtigt. Ich bitte dich, eile, sonst geschieht ein Unglck. Der alte
Moor ist daran, ihn zu verdammen. Aber ich lge. Dieses offene
Bekenntnis ist die Kaprize eines Nichtswrdigen. (Amalie geht
verchtlich lchelnd ab.) Sie glaubt es. Und so taucht langsam hervor,
Ungeheuerlichkeiten. Breite dich aus, Schauder. Furchtbarkeiten, tretet
heran, amsiert mich. (Er springt auf.) Ich habe der geordneten Natur
jetzt einen Futritt versetzt. Sie wird nie wieder gesunden. Ich
zitterte, aber vor Weh. Wenn es nicht mglich ist, zart zu sein, so ist
es erlaubt, zum Tier zu werden. (Er ghnt.) Ich glaube unerschtterlich
fest an den Segen des Furchtbaren. Ich will die Gte zur Welt
hinauspeitschen. (Er sieht ein Band am Boden.) Ich will sie zur Hure
machen, dafr, da ich ihr nicht habe begreiflich machen knnen, da ich
edlen und groen Herzens bin. Los. Vorwrts. Hermann! (Hermann
erscheint.) Mach' mich betrunken. Ich mu schlemmen. Ich mu die
Hllenkrfte, die in mir donnern, knstlich ersticken. Ich bilde mir
sonst ein, ich sei Gott und vernichte das Weltall. (Geht ab.)




Percy


Wenn man sagt, er sei ritterlich vom Scheitel bis zur Fuzehe, so ist
das noch lange keine Portrtskizze. Sein Gesicht ist nicht gerade schn.
Fast gar keine Nase. Die Nase ist in den Gesichtsball eingedrckt, als
wre sie in irgendeiner Stunde von einem unbarmherzigen Schwerthieb zur
Hlfte abrasiert worden. Ich sage absichtlich: wegrasiert. Die
Nichtachtung des Schicklichen pat zu dieser Manneserscheinung. Percy
hat die treffenden Worte, die Grazie, die Parfms. Die Zeichnung seines
Mundes drckt Wehmut und Zorn zugleich aus, aber in seine groen Augen
scheint sich das Entzcken von hundert blauen Himmeln ein fr allemal
verliebt zu haben. Wenn der Mann diese Augen schliet, erwarten die
Umstehenden etwas Furchtbares, die Gegend zuckt zusammen, die Welt wird
finster. Die Gestalt ist eher klein als gro, eher unscheinbar als
imponierend. Die Rstung ist einfach, aber die Haltung ergibt das
unsichtbar-sichtbare Bild des Kniglichen. Die Lippen sind unbeweglich,
sie lcheln wunderselten, und wenn sie es einmal tun, so schiet Hohn
zum Gesicht heraus. Spott bedeutet bei Percy, infolge der Rauheit, die
ihn beherrscht, die Spitze der Gutmtigkeit. Wen er verspottet, den
liebt er, und er kann lieben. Sein Krper macht nicht die geringste
berflssige Bewegung. Er hat das Schne, er bemht sich, eckig
aufzutreten. Was an ihm schn erscheint, ist unbewut. Wenn er wte,
wie hbsch er ist, zerrisse er sein eigenes goldenes Wesen, ja, er wrde
sich selber ins Gesicht spucken. Aber dazu mte er einen Spiegel haben,
und diesen Gebrauchsgegenstand kennt er gar nicht. Was er liebt,
verachtet er, was er bevorzugt, findet er langweilig, wovon er trumt,
das ist lebensgefhrlich. Wo das Leben nicht auf dem Spiel steht, mag er
nicht leben. Nie ist ein Ehemann von seiner Gattin so geliebt worden und
nie mit mehr Ursache. Percy kennt gar keine Tapferkeit. Man kennt nur,
was man studiert. Percys Khnheit ist Percy angeboren, er kann nichts
dafr, da er ein Held ist. Seine Leibfarbe ist grau, sein Schmuck grn,
der Federbusch rot. Einer seiner Diener stlpt ihm den Helm auf den
Kopf, gleichviel welchen; Percy ist geschmacklos. Er ist zu voll von
Ahnung, als da er in solchen Dingen eine Wahl treffen knnte. Er ist zu
frech zu irgendwelcher Bekleidungsfrage und zu zartfhlend zur
Farbenlehre. Seiner Frau ist er Gott, er wei das, und das plagt ihn,
wenn er frhstckt. Die Zrtlichkeit, die er empfindet, sobald er sein
Weib nur anschaut, will ihn jedesmal kaput machen. Hoffentlich sind
das seine eigenen Worte. Er macht dann Witze, sagt Adieu und reitet zum
Teufel. Die Manieren des Rittertums sind ihm viel zu fade, er benimmt
sich wie ein heutiger einfacher Arbeiter. Die Musik liebt er wie nicht
gescheit. Wenn sie ihm, abends, nach der Schlacht, wenn er sich ermdet
an einen Baum anlehnt, ertnt, will ihm das Herz, von Trnen getragen,
wegschwimmen. Er, der am Tag eine stattliche Sammlung von abgehauenen
Armen, Beinen, Kpfen und Hnden auf die blutiggefrbte Wiese
zusammengejhzornt hat, versteht es, unmittelbar nach Vollendung des
schrecklichen Werkes, aus der Natur schne und sonderbare Stimmungen zu
ziehen und sich denselben, wenn auch nur fr kurze Zeit, hinzugeben.
Seine Stimme, wenn sie genug geschrien und trompetengeblasen hat, will
sich zur Abwechslung auch mal die Wonne des Erzitterns gnnen. Zur
Religion steht er sich, na! Lieber nicht aussprechen. Ich glaube, sie
ist ihm mehr als gleichgltig. Sie ist ihm eine Krhe oder sonst was,
genug, er bedarf ihrer nicht. Er hat Hlle und Himmel auf Erden. Ideale
hat er keine, nicht einmal Ehrgefhl; es reit ihn zum Wagnis hin,
zufllig ist das gerade sein Ideal, er tobt und erwirbt Ehre. Er trumt
davon, den Prinzen von Wales kampfunfhig zu machen, dann zu lachen und
den berwundenen zu kssen. Bis dahin ttet er, was ihm unter das
Schwert luft, von da an wrde er mglicherweise ein gesitteter Mensch
werden, aber wahrscheinlich auch dann nicht, sein Trotz wrde es ihm
kaum gestatten. Er stirbt als Junge, aber man hat, wenn man ihn rcheln
und sterben sieht, das Gefhl, ein Riese hauche da seinen Atem aus.




Gebirgshallen


Kennen Sie die Gebirgshallen unter den Linden? Vielleicht probieren Sie
einmal einen Gang dorthin. Der Eintritt kostet nur dreiig Pfennige.
Wenn Sie die Kassiererin auch Brot oder Wurst essen sehen, so mssen Sie
nicht degoutiert umkehren, sondern sogleich bedenken, da es Abendbrot
ist, welches da verzehrt wird. Die Natur fordert berall ihre Rechte. Wo
Natur ist, da ist Bedeutung. Und nun werden Sie eintreten, ins Gebirge.
Und da wird Ihnen eine groe Figur, eine Art Rbezahl, begegnen, es ist
der Wirt des Lokals, und Sie werden gut tun, ihm durch Hutlften zu
salutieren. Er sieht das gern, und er wird Ihnen artig fr Ihre
Hflichkeit danken, dadurch, da er sich halb vom Stuhl, auf dem er
sitzt, hochhebt. In der Seele geschmeichelt, treten Sie nher an den
Gletscher heran, es ist dies die Bhne, eine geologische, geographische
und architektonische Merkwrdigkeit. Sowie Sie sich gesetzt haben,
bekommen Sie Trinkofferten von einer vielleicht leidlich hbschen
Kellnerin. Man mu vorlieb nehmen mit dem, was da ist. Es strotzt auch
an Kammerspielabenden vielleicht nicht einmal von fraulichen Finessen.
Geben Sie acht, da sich nicht allzu viele geschlagen und geworfen volle
Apfelweinglser um Ihre Zahlperson herum gruppieren. Die Mdchen machen
sich zu gern an solche Herren ran, die Mitleid mit ihnen haben. Mitleid
ist unschicklich bei Kunstgenssen. Haben Sie jetzt auf diese Tnzerin
acht gegeben? Kleist hat auch jahrelang auf Anerkennung lauern mssen.
Klatschen Sie nur tapfer in die Hnde, auch wenn es Ihnen beinahe
mifallen hat. Wo haben Sie Ihren Bergstock? Zu Hause gelassen? Das
nchste Mal mssen Sie wohl oder bel sportmig ausgerstet im Gebirge
erscheinen, fr alle Flle. Besser ist besser. Was trippelt da fr eine
reizende Sennhtten-Prinzessin auf Sie zu? Das ist die Kleine. Die will
ein geschmettert Volles fr fnfzig Pfennig von Ihnen. Werden Sie diesen
Lippen, diesen Augen, dieser sen, dummen Bitte widerstehen knnen? Sie
wren zu beklagen, wenn Sie das knnten. Nun ffnet sich Ihnen wieder
der Bhnen-Gletscherspalt, und eine dnische Liedersngerin wirft Sie
mit Tnen und Anmutsschneeflocken an. Sie nehmen gerade einen Schluck
von Ihrer kuhwarmen Gebirgsmilch. Der Wirt macht die aufpassende
Rausschmeirunde durch das Lokal. Er sorgt fr den Anstand und fr das
gute Betragen. Gehen Sie doch mal hin, ich kann Ihnen sagen, na!
Vielleicht treffen Sie dort auch mich wieder einmal an. Ich aber werde
Sie gar nicht kennen, ich pflege dort, von Zaubereien gebannt,
stillzusitzen. Ich lsche dort meine Drste, Melodien wiegen mich ein,
ich trume.




Auf Knien!


  Wo sind die schnen Zeiten hin,
  da es noch Kavaliere gab?

Kann es eine reizendere Liebhaberrolle geben als den jungen Rmer
Ventidius? Sonst knnen etwa Liebhaber auf die Nerven fallen,
anlangweilen, anden, dieser da in keinem Moment. Der Elegant aus dem
alten Rom vermeidet es, berflssige Worte zu machen, und doch fliet
ihm die Rede nur so sturzweise, nicht nur glas-, sondern
literflaschenweise zum Mund heraus.

  Vergib, erlauchte Frau, dem Freund des Hauses--

Glnzend versteht er es, Frauen den Hof zu machen. Er ist eher eine
liebe, als eine bedeutende Erscheinung, ein reizender Quatschkopf, ein
Gelegenheitsarbeiter, der in Schwung kommt, wo's was zu erschnappen
gibt. Seine gute Erziehung macht ihn poetisch, er ist durch und durch
Grostadtpflanze, er wrde mitleidig lcheln, wenn man ihm zumuten
wollte, tief zu empfinden.

  Wie selig bin ich, Knigin--

Seine Sprache atmet Aufrichtigkeit, und das ist er auch, er ist
aufrichtig, denn er ist jung, aber er ist zugleich ein Italiener, was
heien will: ein Abkmmling von Leuten, die das Talent hatten, die Welt
zu unterjochen. Er ist herrisch und zugleich grazis, was aber ist Anmut
anderes als Demut? Unser junger Mann mit der flehenden Bitte auf der
Lippe ist ein Lgner, ein Unterdrcker aus Gewohnheit, daher
interessiert er so lebhaft.

  Nicht eh'r, Vergtterte, als bis du meiner Brust--

Wie eitel er ist. Augenblickserfolgsmensch, was er ist, verwundet es ihn
tief, sich glauben machen zu sollen, da man ihn entbehren kann. Da man
ihn verchtlich finden kann, das kann er unter keinen Umstnden glauben.
Der Glaube an Siege war die Religion der Rmer.

  Und mt' ich so in Anbetung gestreckt--

Hier wird er zornig. Wenn er jetzt nicht entzckt, ist er lcherlich.
Der Schauspieler, der ihn spielt, mu Trnen gutgespielten Schmerzes zur
Verfgung haben. Auerdem mu er zu knien gelernt haben.
Leidenschaftlich wird hier, laut Kleistscher Textanmerkung gekniet.
Wie aber benimmt sich der Schauspieler bei Mondschein?

  Dies ist der stille Park, von Bergen eingeschlossen--

Eine Minute spter wird er von Bren zerrissen. Jetzt hat er die
Pflicht, eines elenden Todes zu sterben.




Guten Abend, Jungfer!


Wurm, Haussekretr des Prsidenten. Welch eine merkwrdige Figur. Dieser
groartig angelegte Schleicher. In seiner Seele hat einstmals
jugendliches Feuer gebrannt. Man mu sich einen Wurm als jung denken.
Damals hat er noch weinen, beben, beten und hell auflachen knnen. Es
ist mglich, da er sogar Gedichte geschrieben hat, und jetzt! Er mchte
gern etwas ganz Groes sein, er hat Phantasie, und er ist in den
Bezirken des Hohen und Guten wie zu Hause. Aber er hat es zu nichts
Hohem und Fertigem gebracht, zu nichts Befehlshaberischem. Da er sich
vor unfeinen, ja scheulichen Gewalten bcken mu, hat er sich auf die
betrende Grausamkeit verlegt, das zeigt unanfechtbar deutlich an, da
er die Hoheit des Schnen und Guten schauerlich empfindet. Er wre ein
guter Kerl, wenn ihm ein schner Mund zulcheln wollte. Da schleicht er
nun, wie so ein vollendeter Schleicher, das vollkommene Bild eines
lebenttenden und -vergiftenden Schurken, und hat doch eine krankhafte
Sehnsucht nach dem Lieblichen. Wie wnscht er, gut und rechtschaffen und
wohlwollend zu sein. Schon allein seine Klugheit wnscht das. O, er wei
in allen Herzenssachen so trefflich Bescheid, er kennt die Welt, und er
wei, da er das beste Weltgeschft verpat hat: Zndende Wrme und
Liebe. Und da geht er nun hin, eines Abends, es fngt schon zu dunkeln
an, zu Luise, die er anbetet, und will nun um sie werben, obschon er von
der Nutzlosigkeit seiner Absichten berzeugt ist. Und nun beginnt diese
furchtbare Folterung der liebenden Seelen. Unzweifelhaft ist Wurm ein
Schurke, es macht ihm Spa, zu qulen, aber ebenso gewi tut er sich
weh, er liebt, und das ist sehr wichtig. Denn nun tut sich vor unsern
Augen da eine wahre Seelenschmerzenhlle auf, es regnet in dieser
herrlichen Abendszene Qualen. Das Luisen-Zimmer ist gleichsam tapeziert
mit Bildern der unnennbarsten Pein. Rache und Zrtlichkeit, krperliche
Lust und Bosheit, Schurkerei und herrische Standhaftigkeit, wie wimmelt
das kra durcheinander. Wurm ist Weltmann, er besitzt die solide Bildung
eines Mannes mit guten Beziehungen, er ist genau informiert ber die
Charaktereigenschaften des Heldenmdchens. Er bewundert sie ohnegleichen
in dem Moment, wo sie sich seinen entsetzlichen Plnen berliefert. Er
fhlt die grenzenlose Verachtung, welcher er sich aussetzt, er hlt das
aus, ja, er bersteigt noch die Grenze, er zwingt sich zuletzt noch zu
Widerlichkeiten. Er steht unbedingt gro da, er ist Held. Inwiefern
Ferdinand Kavalier ist, kann er stolz sein, durch so khne Intrigen zu
fallen.




Portrtskizze


Es ist mir, als she ich ihn vor mir, den Prinzen von Homburg. Er ist in
das Kostm seiner Zeit gesteckt worden, und nun bildet er sich etwas ein
auf die Farben, die er trgt, ein scheinbar so eitler Fritze ist er.
brigens ist er ein Talent, er kann reden, und das ist wiederum etwas,
worauf er sich etwas einbildet. Er hat hohe, glnzend gewichste Stiefel
an den gespreizten Beinen und, Donnerwetter, ritterliche Handschuhe an
den Hnden, das hat nicht jeder, ein einfacher Bourgeois zum Beispiel
kann das nicht haben. Auf dem Kopf hat er eine Percke, sein Schnurrbart
ist fabelhaft geringelt, das allein brgt fr den knstlerischen Erfolg.
Er braucht jetzt nur noch rgerlich mit seinem Soldatenbein auf den
Boden zu stampfen, um alle belwollenden Kritiken wegzufegen, er tut's,
und von diesem Augenblick an ist dieser Herr Prinz von Homburg ein
gottbegnadeter Knstler. brigens hat er seine Rolle auswendig gelernt,
reiner berflu, sich die Stellen gemerkt, wo sein ganzes prinzlich
homburgisches Wesen zum Durchbruch kommen soll, absoluter Mangel an
Kunstunbewutheit. Er braucht nichts zu knnen, ja, es ist sogar gut,
wenn er nichts kann, der echte Schauspieler ist nicht frs Lernen, denn
er hat's von der Geburt her. Das ist es ja, was diesen hohen Beruf von
den brigen Erdenberufen rhmlich unterscheidet: Man stiefelt einfach in
Stiefeln hervor, rasselt mit dem Degen, macht eine Geste und heimst
Beifall ein. Das sind keine so einfachen Menschen, die sagen knnen:

  Nun denn auf deiner Kugel, Ungeheures--

So etwas kann ein Arzt, ein Techniker, ein Journalist, ein Buchbinder
oder ein Bergebesteiger nicht sagen, hat ja auch, Gott soll mich
strafen, keine Veranlassung dazu. Prinz von Homburgs Augen rollen
schrecklich, er spricht die Verse mehr mit seinem Augenrollen als mit
seinen Lippen. brigens spricht er die Verse schlecht, das beweist, da
er ein guter Mensch ist, da er Seele, Frau und Kind hat, Charakter hat,
und es beweist auch, ja, jetzt merke ich es endlich, da er tief, tief
ber seine Rolle nachgedacht hat. Dieser Prinz von Homburg ist von einer
bezaubernden Naturburschenhaftigkeit, wenn es gilt, zu sagen:

  Pah, eines Schuftes Fassung, keines Prinzen.
  Ich denk' mir eine andre Wendung aus.

Diese Worte brllt er womglich. Und jetzt gewrtigt er Beifall, aber
ber den Brger, dessen Beifall er will, fhlt er sich adlig erhaben.
Nun, er ist von Adel, er besitzt Gter am Rhein:

  Da will ich bauen, will ich niederreien.

Du liebe Zeit, er geht eben ganz in der Rolle auf. Talent hat der
Schuster gehabt, der ihm die Kanonenstiefel angemessen hat, nicht er,
das heit, ja, Talent schon, aber alles das geht ja den einfach
geborenen Brger nichts an.




Ein Genie


Ich bereite mich gegenwrtig darauf vor, Schauspieler zu werden. Mein
erstes Auftreten auf den Brettern ist nur noch die bliche Frage der
Zeit. Momentan lerne ich Rollen auswendig. Den ganzen Tag, trotz des
herrlichsten Wetters, sitze oder stehe ich aufrecht in meiner Bude und
deklamiere in allen Tonarten. Ich bin vollstndig vom Theaterteufel
verschlungen. Meine Nachbarschaft bringe ich durch mein Brllen zur
Verzweiflung. Was soll aus mir werden? Aber das hat so kommen mssen.
Ich erblicke in dem Mimenberuf die hchste und reinste Menschenaufgabe,
und ich glaube nicht, da ich mich tusche. Ich werde frs erste in das
Heldenfach eintreten, spter wird es sich dann zeigen, ob ich der Mann
dazu bin, in Charakterrollen hinberzuspringen. Ich bin, was meine ganze
Naturanlage betrifft, einer der slichsten Kerls in Europa, meine
Lippen sind Zuckerfabriken, und mein Benehmen ist ein total
schokoladenes. Dagegen gibt es in mir und an mir eine Art
Mnnlichkeitston, der reine Fels. Ich kann pltzlich, wenn ich es fr
gut finde, Stein sein, oder Holz; das wird den Liebhabern, die ich
spielen werde, notwendigerweise zu statten kommen. Von meiner Figur, die
eine sehr altbackene ist, wird Erschtterung ausgehen, meine Augen
werden faszinieren, mein Betragen wird blenden, denn es besteht aus
lauter Glhstrmpfen. Ich habe einen etwas krummen Rcken nebst einem
kleinern Buckel. Diese Verunstaltung meines Krpers wird hinreien, denn
ich gedenke sie vergessen zu machen durch die plastische Darstellung
meiner zahlreichen innern Vollkommenheiten. Man wird etwas Hliches und
zugleich etwas Schnes sehen, und das Schne wird den Sieg davontragen.
Mein Kopf ist mchtig gro, meine Lippen sind dick wie starke Folianten,
meine Hnde gleichen den Fen von Elefanten, und dazu besitze ich eine
furchtbar modulationsfhige Stimme. Wenn jener melancholische Knigssohn
sagen konnte, er habe Dolche geredet, so darf ich behaupten, und zwar
fglich, ich rede und schwatze Schwerter. Schon als Junge bin ich einmal
im dramatischen Verein Edelwei߫ aufgetreten, nmlich als Hausknecht,
ich spielte schlecht, denn ich fhlte mich zu Hherem berufen. Nunmehr
ist die Sache ja fr mich entschieden. Nchste Woche findet mein Debt
statt, das Stck heit: Du lachst dich kaput. Hoffentlich erscheinen
nun die billettlsenden Herrschaften recht zahlreich, wenn nicht, dann
eben nicht, umbringen wird mich die Gleichgltigkeit eines
verstndnislosen Publikums niemals.




Don Juan


Das Theater war voll besetzt. Das Zeichen zum Beginn der Vorstellung
ertnte. Der Vorhang ging in die Hhe. Nein, vorher tnte schon das
Orchester mit seiner Ouvertre, und jetzt erst ging der Vorhang in die
Hhe, und Don Juan, der Verfhrer der Frauen, trat auf, und gar nicht
lange dauerte es, und so zog er seinen Degen und rannte ihn dem
schwchlichen Gegner in den Leib. Dies war der arme alte Vater, worauf
nun, unter einem beraus melodisen Geschrei, das einem das Herz zerri,
die Tochter herbeieilte, um am Leichnam des Erschlagenen
niederzustrzen. Hierauf sang die verzweifelte Frau ein so schnes, in
die hchsten Schmerzen steigendes Klagelied, da den Hrern die Trnen
in die Augen treten muten. Und so wogte der Inhalt der Oper auf und ab,
und Lichter schossen aus der Finsternis blendend hervor, und Geister
tauchten, zum Entsetzen derer, die sie sahen, auf, und Augen wurden na,
und frevelhafte Worte wurden ausgesprochen, wobei die Musik bald zu
tnen aufhrte und bald wieder mit Gesang und Klang von neuem einsetzte,
um jedes Ohr zu bezaubern. Die Ohren, die das alles hrten, wurden von
der Musik verwundet, um gleich darauf wieder, nur von einem neuen Strom
von Musik, geheilt und erlst zu werden. So wechselten der Tod mit dem
Leben, die Erschpfung mit der Erquickung, die Verwundung mit der
Gesundung ab, und Bilder taten sich vor den Augen der Zuschauer auf, die
sie, so sagten sie sich, nie wieder wrden vergessen knnen. Die
wunderbare Musik trstete und beengte alle Seelen, betrte und beglckte
alle Herzen. Und der schne, edle, volltnende Gesang glich dem
glcklichen Kind, das getragen und gehoben wird von den Armen der
vielleicht noch viel glcklicheren Mutter. Und so strmte und loderte es
gleich einer beranmutvollen, schreckenerregenden Feuersbrunst, und
gleich einem in sich selber tosenden und in die Schlucht hinabstrzenden
und brllenden wilden Wasserfall. Dann wieder war es ein stilles, kaum
hrbares Seufzen. Einige Zeit lang glich es einem sen, liebevollen
Anmutgeriesel oder wohltuendem Schneegestber. Dann schien es zu sein,
als regne es leise auf Dcher herab, worauf wieder ein gereizter
gewaltiger Lwe zu brllen schien, so da Furcht und Schnheitsempfinden
miteinander kmpften. Und immer war es getaucht in silberne, milde
Mondesgroartigkeit, da man meinte, nicht ein Mensch, sondern ein
himmlischer, erdenunabhngiger Engel msse das alles erfunden und
gemacht haben. Man dachte berhaupt, weil das Ganze eine so schne
Schpfung war, nicht an eine Schpfung, denn man hatte zu viel mit dem
Bewutsein des Genusses zu tun. Jagdhrner, Waldhrner klangen zwischen
den Flten, Klarinetten und elegischen Geigen, da ganze rauschende,
uralte Eichen-, Buchen- und Tannenwlder sich vor der Seele und vor dem
musikdurchschauenden Auge auftaten. Und dann, was war dann? Dann, und so
kam ja die herrliche, gnaden- und tonberstrmte Verzeihungsszene, wo
die liebliche Zerline ihren Gatten um Verzeihung des Fehltrittes bittet,
die gewhrt wurde unter einem unsagbar schnen Gesang, wobei sie beide
singen, die Verzeihliche sowohl wie der liebe gute Verzeihende. So
vershnten und verziehen sie sich, und man wute gar nicht mehr, wo man
war vor lauter Schwelgen und Trumen in wehmutvoll-empfindungsvollen
Rtseln. In den Logen und Parketten schauten sich Gatte und Gattin,
Bruder und Schwester, Freund und Freundin, Sohn und Vater, Tochter und
Mutter in die Augen und nickten mit den gedankenvollen Kpfen. In einer
Loge, wie in einem Lusthaus oder wie in einem Tempel, sa eine schne
Frau mit groen, schwarzen, leidenschaftdurchglhten Augen, die sich
nicht verwinden konnte, eine Bewegung zu machen, als wolle und msse sie
an den sterblich schnen und sen Tnen kranken und sterben, um im
Schnheitsgenu zu endigen. Und so vielleicht noch allerlei andere,
weniger bedeutsame Personen. Oskar, der finstere Oskar, der Held der
Epoche, in der er lebte, lehnte an einer goldenen Sule, und er mute
schaudern vor den Gewinnschtigkeiten und Schlechtigkeiten des Lebens,
das er fhrte, da er so himmlisch Schnes und Wohllautendes hrte. Doch
er verzog keine Miene seines harten Gesichtes, und er rhrte kein Glied
seines schlanken, wie aus schmiegsamem Eisen gebauten Krpers. Komm auf
mein Schlo, mein Leben -- so sang der verwilderte Kerl mit dem
rabenschwarzen Bart im Wstlingsgesicht. Doch wir scheinen vergessen zu
haben, zu sagen, wie eine Dame, ganz in schwarz gekleidet, mit nicht
endenwollendem Gram- und Schmerzgesang aus dem Hintergrund der Welt an
das Licht hervortrat. Zuletzt, als alles nichts half bei dem Verworfenen
und Verderblichen, ffnete sich feurig rot der Hllenschlund und
verschlang den unverbesserlichen Bsewicht mit Gepolter, Gekrach und
Geknatter. Die Musik spielte noch einige nachtragende Tne, und auf
einmal war alles muschenstill, der Vorhang fiel nieder, und das
Publikum ging nach Hause. An diesem Abend machte Oskar die Bekanntschaft
der schnen Grfin von Erlach, die die Mnner liebte, um sie zu
vernichten. In der Folge wute er sich aber den schrecklichen Einflssen
dieser Frau zu entziehen, wozu ihm die nher mit den Dingen Vertrauten
gratulierten.




Kino


Graf und Grfin sitzen beim Frhstck. In der Tr erscheint der Diener
und berreicht seiner gndigen Herrschaft einen anscheinend gewichtigen
Brief, den der Graf erbricht und liest.

Inhalt des Briefes: Sehr geehrter, oder, wenn Sie lieber wollen,
hochwohlgeborener, nicht genug zu rhmender, guter Herr, hren Sie,
Ihnen ist eine Erbschaft zugefallen von rund zweimalhunderttausend Mark.
Staunen Sie und seien Sie glcklich. Sie knnen das Geld persnlich,
sobald es Ihnen beliebt, in Empfang nehmen.

Der Graf setzt seine Frau von dem Glck, das ihm in den Scho gefallen
ist, in Kenntnis, und die Grfin, die einige hnlichkeit mit einer
Kellnerin hat, umarmt den hchst unwahrscheinlichen Grafen. Die beiden
Leute begeben sich weg, lassen aber den Brief auf dem Tisch liegen. Der
Kammerdiener kommt und liest, unter einem teuflischen Mienenspiel, den
Brief. Er wei, was er zu tun hat, der Schurke.

Bier, wurstbelegte Brtchen, Schokolade, Salzstangen, Apfelsinen
gefllig, meine Herrschaften! ruft jetzt in der Zwischenpause der
Kellner.

Der Graf und der Kammerdiener, das ungetreue Scheusal, als welches er
sich nach und nach entwickelt, haben sich aufs Meerschiff begeben, und
jetzt sind sie in der Kajte. Der Diener zieht seinem Herrn die Stiefel
aus, und letzterer legt sich schlafen. Wie unvorsichtig das ist, soll
sich alsbald zeigen, denn nun entpuppt sich der Schurke, und ein
mrderischer Kammerdiener giet seinem Gebieter eine sinnberaubende
Flssigkeit in den Mund, den er gewaltsam aufreit. Im Nu sind dem Herrn
Hnde und Fe gefesselt, und im nchsten Augenblick hat der Ruber den
Geldbrief an sich gerissen, und der arme Herr wird in den Koffer
geworfen, worauf der Deckel zugeklappt wird.

Bier, Brause, Nustangen, Schokolade, belegte Brtchen gefllig, meine
Herrschaften, ruft wieder das Ungeheuer von Kellner. Einige der
anwesenden Vorortherrschaften genehmigen eine kleine Erfrischung.

Nun prunkt der verrterische Diener in den Anzgen des vergewaltigten
Grafen, der in dem Amerikakoffer schmachtet. Dmonisch sieht er aus, der
unvergleichliche Spitzbube.

Es rollen noch weitere Bilder auf. Zuletzt endet alles gut. Der Diener
wird von Detektivfusten gepackt, und der Graf kehrt mit seinen
zweimalhunderttausend Mark glcklich, obgleich unwahrscheinlich, wieder
nach Hause.

Nun folgt ein Klavierstck mit erneuertem Bier gefllig, meine
Herrschaften.




Wanda


Als ganz junger Mensch schon, zu der Zeit, da ich Volksbanklehrling war,
fhlte ich mich auf das entschiedenste als Dramatiker geboren. Was fr
einen wackern Schaffensdrang und -mut ich entwickelte, mag daraus
hervorgehen, da ich oben in einer staubigen Dachstube an einem Stehpult
stand, das meinem ltern Bruder, der Student war und der ebenfalls in
groen Linien drauflos dramatisierte, von einer Verehrerin und Gnnerin
zum Geschenk gemacht worden war. Mein Bruder wlzte sich an einem
historischen Stoff herum, der den Titel trug: Der Brgermeister von
Zrich. Ich aber, indem ich mich in das Polentum verliebte, hatte mich
in den polnischen Freiheitskampf geworfen, und der Gegenstand meiner
leidenschaftlichen dichterischen Bestrebungen hie: Wanda, die
Polenfrstin. O Gott, wie schwelgte ich am Genu dieses hochherzigen
Heldenkindes. Andrerseits aber trumten wir beide, mein produktiver
Bruder und ich, der ich mir nicht minder produktiv erschien, von
rauschendem Applaus, von Lorbeerkrnzen und von mehr-, ja, vielleicht
hundertfach wiederholten Auffhrungen, hervorgerufen durch allseitiges
strmisches Verlangen, unsre bezaubernden Werke immer von neuem wieder
zu sehen. Es war im Sommer, und in der Dichterdachkammer herrschte eine
versengende, brtende Hitze, und den beiden jungen hoffnungsvollen
Theatralikern lief der Schwei von den erfinderischen und schngeistigen
Stirnen herunter. Meine Polen schienen das Leben, das doch so amsant
sein kann, nicht sonderlich hochzuschtzen, sondern sie warfen es,
erfllt, wie sie waren, von glhender Vaterlandsliebe, weg, als tauge es
keinen Pfifferling, oder als tauge es nur angesichts des Todes etwas.
Ich erschrecke heute, wo aus mir ein Genling und Lstling geworden
ist, der die Teller leckt und den ppigen Frauen bereitwilligst den Hof
macht, ber den vormaligen dramatischen Heldenmut, womit ich umging, als
sei ich nicht meiner lieben Mutter, sondern einer Lwin Sohn, bestimmt
fr die Schlacht und fr den grausigen Kanonendonner. Wanda ist
indessen nie als Buch erschienen, und ebensowenig habe ich erfahren, da
dieses herrliche Stck je seine Auffhrung erlebte.




Fanny


Meine bescheidene Wenigkeit war im elterlichen Hause, als kleiner Junge,
der noch unglaublich grn und noch ziemlich na hinter den Ohren war,
der bevorzugte Inszeneur, Theaterspieler, Dramaturg, Regisseur und
Geschichtenmacher meiner jngern Schwester, der ich eine Zeitlang immer
Geschichten, nicht etwa nur erzhlen, nein, machen mute, wessen ich
mich heute glcklicherweise noch deutlich erinnere, da ich sonst diesen
interessanten Aufsatz ja gar nicht schreiben knnte. Fanny, so, meine
ich, hie die entsetzliche kindliche Tyrannin, die gebieterisch von mir
verlangte, ich solle ein dichterisches Genie sein, um sie mit Vorgngen
zu erbauen und mit Geschichten zu unterhalten, wobei sie mir stets, und
das war das Schreckliche, drohte, zu Mama zu gehen und mich als
Bsewicht zu verklagen, wenn ich mich von Zeit zu Zeit eines so
ermdenden und geistig so aufreibenden Geschftes, wie das edle
Dramatisieren ist, ein wenig entziehen wollte. Stundenlang dauerte das
Theater; und die Geschichten, die ich machte und in Szene setzte,
wollten schon, aber durften nicht enden, da sonst mein gestrenges
Publikum, das heit: meine liebe Schwester, indem sie eine mir nur zu
wohlbekannte zrnende Miene aufsetzte, sogleich sagte: Du scheinst
heute keine besondere Lust zu haben, mir eine Geschichte zu machen, an
welcher ich mich ergtzen knnte. Ich rate dir, habe nur Lust, sonst geh
ich zu Mama und sage ihr, da du mich immer rgerst, und dann bekommst
du Prgel, das weit du. Nimm nur deine Phantasie mit aller Kraft
zusammen und gib mir stets nur das Beste von deinem Knnen. Ich wei,
da du kannst, wenn du willst, und ich will keinerlei Entschuldigungen
anhren, wie die, da dir der Geist erlahme. Umsonst sind alle deine
Bemhungen, die du machst, um dich deiner Aufgabe, einer Aufgabe, zu
deren Lsung du verpflichtet bist, zu entziehen. Du mut, du mut
spielen. Sonst werde ich erbrmlich zu weinen anfangen, was Mama hat,
und was das fr unausbleibliche peinliche Folgen fr dich hat, das kann
dir dein Geschichtenmacherkopf erzhlen, den schon so mancher Schlag von
Mamas Hand getroffen hat. So oder hnlich redete eine schauderhafte
Unterdrckerin zum erbarmungswrdigen, armseligen Gedrckten, Gepreten,
Verkauften und Unterdrckten. Machte ich meine Sache gut und war
Schwesterchen zufrieden mit der Kunst, die ich ausbte, so belohnte ein
reizendes, gndiges, wenngleich etwas hhnisches Lcheln den
Angstschwei, mit dem ich gekmpft hatte. Wenn ich aber der Tyrannin
trotzte und mich den schwesterlichen Befehlen nicht fgen wollte, so kam
es heran, das Ungeheure, und ich erhielt Hiebe auf meinen phantasielosen
Schdel, eine Maregel, die ich natrlicherweise im hchsten Grade
verabscheute. Und da mir Mamas Zorn stets mindestens ebenso weh tat wie
die Ohrfeige, die sie mir versetzte, so suchte ich im allgemeinen meines
geehrten Publikums Gunst zu erwerben und Mifallen zu vermeiden, und
bald kam ja dann die Zeit, wo die lstige Geschichtenmacherei und
dramatische Kunst berhaupt aufhrte.




Lebendes Bild


Ein grostdtischer Hof, vom Mond beleuchtet. Mitten im Hof eine eiserne
Kiste. Eine Partie Gesang von innen her in den Zuschauerraum tnend. Ein
Lwe an einer Kette angebunden. Ein Schwert neben der Kiste. Eine
dunkle, unerkennbare Gestalt etwas weiter davon entfernt. Der Gesang,
das heit, eine junge, schne Frau, beugt sich oben zu einem
lampenerhellten Fenster hinaus, immer weiter singend. Es scheint
entweder eine gefangen gehaltene Prinzessin kniglichen Ursprungs oder
eine Opernsngerin zu sein. Zuerst ist der Gesang wie eine schlichte,
ziemlich schlerhafte Gesangsbung gewesen, aber nach und nach erweitert
und verbreitert er sich zu was Groem, zu was Menschlichem, er ist
hinreiend, er klagt, dann wieder scheint er sich im eigenen Schmerz zu
gefallen. Dieser Gesang reit das Fenster auseinander und gibt der Luft
eine schngebaute Treppe zum Hinuntersteigen. Die Frau kommt hinunter,
aber immer noch singend. Aus der eisernen oder sthlernen Kiste taucht
jetzt ein Mannskopf hervor, furchtbar bla und von schwarzen, wilden
Haaren umrahmt. Die Augen des Mannes reden die stumme Sprache der
Verzweiflung, der breite, man darf wohl sagen: volkstmliche Mund
lchelt, aber was ist das fr ein schreckliches Lcheln? Der Zorn und
der Gram scheinen es in jahrelanger bung still zusammengebaut zu haben.
Die Wangen sind eingefallen, aber das ganze Gesicht drckt
unaussprechliche Gte aus, nicht solche, der es leicht geht, sondern
solche, die das Schwerste erfahren hat. Die Sngerin setzt sich unter
einer unnachahmlichen Bewegung auf den Rand der Kiste, die Hand legt sie
wie liebkosend auf den Kopf des Eingeschlossenen. Der Lwe rasselt mit
der Kette. Ist hier alles, alles gefangen? La sehen. Wirklich, auch das
Schwert am Boden rhrt sich in keiner Weise, aber es lebt, denn es gibt
jetzt einen kurzen Ton von sich, es seufzt. Was ist das fr ein
Zeitalter, das Knstlerinnen zu Lwen wirft, neben eine klirrende Kette,
vor ein seufzendes Schwert, an die Seite von Leuten, die die sonderbare
Laune haben, in eisernen Kasten zu wohnen? Pltzlich strzt der Mond von
seiner unermelichen Hhe in den Hof hinab, der Frau vor die Fe. Diese
setzt den Fu auf die blasse, schimmernde Kugel und bewegt sich
solchermaen rund um die Kiste herum. Da zerteilt und zerlegt sich der
Mond in ein weites Gewand, oder in eine Art Teppich, oder in eine
Schicht weilichen Nebel, die Huser, die den Hof bilden, verschwinden,
blendend weie Alpengipfel steigen aus dem Abgrund der Bhne langsam in
die Hhe, der Nebel legt sich den Alpen zu Fen, ein rtlicher Stern
schiet aus der blulich-schwrzlichen Luft herab in die Haartracht der
Sngerin. Dieser Schmuck ist blendend, aber in diesem Moment entsteigt
der Kiste eine hohe, dunkelgrne Tanne, und der Mann steht, mit einer
prachtvollen Rstung bedeckt, unter den sten dieser Tanne, aber noch
mehr: da, wo ein Lwe an der Kette gerissen hat, steht jetzt ein
zierlicher Tempel von altgriechischer Bauart. Das Schwert hat, wie es
scheint, Bewegung gefunden, denn es befindet sich wunderbarerweise jetzt
in den Hnden des Mannes, und dieser Mann! Worte wagen sich nicht an die
Beschreibung seiner krftestrotzenden Erscheinung heran. Er singt, oder
irgend etwas um ihn herum scheint zu erbeben unter Klngen. Hinter den
Bergen luten die Glocken. Ein ferner, blauer See spiegelt sich in der
Luft ber den Huptern der Darsteller formvollendet, aber verkleinert
ab. Dem Bhnenboden entsprieen Grser, Kruter und Blumen, wir befinden
uns, glauben wir, auf der ppigen Matte eines breiten Vorberges. Da
kommt auch noch eine Kuh mit bim bam und bum bum und weidet friedlich.
Ein Summen umhllt alles. Aber wo ist die Sonne. Ei, unter dem Sonnigen
vergit man eben die Gegenwart der Sonne. Aber pltzlich legt sich eine
schwarze, ungeheuerlich groe Hand breitfingrig ber das alles und
erdrckt es. Hinab! donnert eine hllische Stimme, und wieder taucht der
schwrzliche Hof auf, der Lwe brllt, die Zeit steht etwas abseits von
dem Gebrll an einen Pfahl angelehnt, unerkennbar und totenstill, der
Kopf des Mannes ragt zur Kiste heraus, er murmelt jetzt etwas, und der
knstlerische Schmerz singt wieder zum Fenster hinaus. Dazwischen hrt
man das ferne, ferne Gezwitscher eines Vogels, wobei man an den See
denken mu, der in der losen Luft gehangen ist. Das Schwert schlgt
dumpf zu Boden. Und nun sinkt der Gesang der Frau zu der anfnglichen
Gesangschule herab, der Mann duckt sich eilig und verschwindet
vollstndig in seiner eisernen oder gueisernen Umgebung. Die dunkle
Gestalt raucht eine Zigarette, als wollte sie sagen: das ist mein
Kennzeichen. Sie gibt dadurch tatschlich dem Bild eine andre Wendung,
denn nach einer momentanen Dunkelheit blicken die Zuschauer in ein
modern ausgestattetes Kaffeehaus, worin einzelne Leute gierig Zeitungen
lesen. Sie tippen mit den Fingern auf Gedrucktes, lcheln fein und
farblos dazu und rufen dann: Bitte zahlen, Ober! Der Lwe spaziert
manierlich herein, hinter ihm die vermeintliche Prinzessin, auch der
Mann kommt, eine interessante Erscheinung, dann das hbsch frisierte
Schwert, dann der blauugige See in ganz neuem Anzug, und bestellen alle
hintereinander eine Tasse Kaffee und schwatzen miteinander.




Ovation


Stelle dir, lieber Leser, vor, wie schn, wie zauberhaft das ist, wenn
eine Schauspielerin, Sngerin oder Tnzerin durch ihr Knnen und durch
die Wirkung desselben ein ganzes Theaterpublikum zu strmischem Jubel
hinreit, da alle Hnde in Bewegung gesetzt werden und der schnste
Beifall durch das Haus braust. Stelle dir vor, da du selber mit
hingerissen seiest, der Glanzleistung deine Huldigung darzubringen. Von
der umdunkelten, dichtbevlkerten Galerie herab hallen, Hagelschauern
hnlich, Beifallskundgebungen herab, und gleich dem rieselnden Regen
regnet es Blumen ber die Kpfe der Leute auf die Bhne, von denen
einige von der Knstlerin aufgehoben und, glcklich lchelnd, an die
Lippen gedrckt werden. Die beglckte, vom Beifall wie von einer Wolke
in die Hhe gehobene Knstlerin wirft dem Publikum, als wenn es ein
kleines, liebes, artiges Kind sei, Kuhand und Dankesgeste zu, und das
groe und doch kleine Kind freut sich ber diese se Gebrde, wie eben
nur immer Kinder wieder sich freuen knnen. Das Rauschen bricht bald in
Toben aus, welches sich wieder ein wenig zur Ruhe legt, um gleich darauf
von neuem wieder auszubrechen. Stelle dir die goldene, wenn nicht
diamantene Jubelstimmung vor, die wie ein sichtbarer gttlicher
Nebelhauch den Raum erfllt. Krnze werden geworfen, Buketts; und ein
schwrmerischer Baron ist vielleicht da, der ganz dicht am Rand der
Bhne steht, den Schwrmerkopf bei der Knstlerin kleinen, kostbaren
Fen. Nun, und dieser adlige Begeisterungsfhige legt vielleicht dem
umschwrmten und umjubelten Kinde eine Tausendmarknote unter das
bestrickende Fchen. Du Einfaltspinsel, der du bist, behalte du doch
deine Reichtmer. Mit solchem Wort bckt sich das Mdchen, nimmt die
Banknote und wirft sie verchtlich lchelnd dem Geber wieder zurck, den
die Scham beinahe erdrckt. Stelle dir das und andres recht lebhaft vor,
unter anderm die Klnge des Orchesters, lieber Leser, und du wirst
gestehen mssen, da eine Ovation etwas Herrliches ist. Die Wangen
glhen, die Augen leuchten, die Herzen zittern, und die Seelen fliegen
in ser Freiheit, als Duft, im Zuschauerraum umher, und immer wieder
mu der Vorhangmann fleiig den Vorhang hinaufziehen und herunterfallen
lassen, und immer wieder mu sie hervortreten, die Frau, die es
verstanden hat, das ganze Haus im Sturm fr sich zu gewinnen. Endlich
tritt Stille ein, und das Stck kann zu Ende gespielt werden.




Guten Tag, Riesin!


Es ist einem, als schttle da eine Riesin ihre Locken und strecke ein
Bein zum Bett heraus, wenn man am frhen Morgen, noch ehe die
Elektrischen fahren, von irgendeiner Pflicht angetrieben, in die
Weltstadt hineingeht. Kalt und wei liegen die Straen wie ausgestreckte
Menschenarme da; man luft, reibt sich die Hnde und sieht, wie zu den
Toren und Tren der Huser Menschen heraustreten, als speie ein
ungeduldiges Ungeheuer seinen warmen, flammenden Speichel aus. Augen
begegnen dir, wenn du so dahergehst, Mdchen- und Mnneraugen, trbe und
frohmtige; Beine laufen hinter und vor dir, und du selber beinelst
auch, was du nur kannst und schaust mit deinen eigenen Augen, mit
denselben Blicken, wie alle blicken. Und die Brste tragen alle
irgendein verschlafenes Geheimnis, und in den Kpfen allen spukt
irgendein wehmtiger oder anspornender Gedanke. Herrlich, herrlich. Da
ist es also kalter, halb sonniger, halb trber Morgen, viele, viele
Menschen liegen noch in ihren Betten, Schwrmer, die die Nacht und den
halben Morgen durchgelebt und -geabenteuert haben, Vornehme, zu deren
Lebensgewohnheiten es gehrt, spt aufzustehen, faule Hunde, die
zwanzigmal erwachen, ghnen und wieder einschnarchen, Greise und Kranke,
die sich berhaupt nicht mehr, oder nur mhsam erheben knnen, Frauen,
die geliebt haben, Knstler, die sich sagen: a was, quatsch, frh
aufstehen, Kinder von reichen, schnen Eltern, fabelhaft gepflegte und
behtete Wesen, die in ihren eigenen Stuben, hinter schneeweien
Fensterumhngen, das Mndchen offen, mrchenhaft trumend, bis neun,
zehn oder elf Uhr schlafen. Was zu solch frher Morgenstunde aus den
wild ineinander verschlungenen Straen gramselt und ameiselt, das sind,
wenn nicht Dekorationsmaler, so doch vielleicht Tapezierer,
Adressenschreiber, kleine, lausichte Agenten, Menschen auch, die einen
frhen Eisenbahnzug nach Wien, Mnchen, Paris oder Hamburg erreichen
wollen, kleine Menschen in der Regel, Mdchen von allen mglichen
Erwerbszweigen, Erwerbende also. Einer, der dem Rummel zusieht, mu das
notwendigerweise einzig finden. Er geht dann so und meint beinahe, auch
rennen, atempusten und seine Arme hin und her schwenken zu mssen; das
Treiben und Emsigtun ist ja so ansteckend, wie etwa ein schnes Lcheln
ansteckend sein kann. Nein, nicht so. Der frhe Morgen ist noch etwas
ganz anderes. Er schleudert aus Kneipen etwa noch ein paar schmierig
gekleidete Nachtgestalten mit ekelhaft rotbemalten Gesichtern auf die
blendend-staubig-weie Strae hinaus, wo sie eine gute Weile, den
Hakenstock an der Schulter tragend, bldsinnig stehen bleiben, um
Vorbergehende anzuden. Wie ihnen die trunkene Nacht zu den schmutzigen
Augen hinausblendet! Weiter, weiter. Bei Besoffenen hlt sich das
blauugige Wunder, der frhe Morgen, nicht auf. Er hat tausend
schimmernde Fden, womit er dich weiterzieht, er schiebt dich von hinten
und lockt und lchelt dich von vorne an, du siehst hinauf, wo ein
weilich verschleierter Himmel ein paar zerrissene Stcke Blau
hervorlt; hinter dich, um einem Menschen, der dich interessiert,
nachzuschauen, neben dich, an ein reiches Portal, hinter dem ein
frstliches Palais verdrossen und vornehm emporragt. Statuen winken dir
aus Grten und Parkanlagen entgegen; immer gehst du und hast flchtige
Blicke fr alles, fr Bewegliches und Feststehendes, fr Droschken, die
trge fortrumpeln, fr die Elektrische, die jetzt zu fahren beginnt, von
der herab Menschenaugen dich ansehen, fr den stupiden Helm eines
Schutzmannes, fr einen Menschen mit zerrissenen Schuhen und Hosen, fr
einen zweifellos ehemals Gutsituierten, der im Pelzmantel und Zylinder
die Strae fegt, fr alles, wie du selber fr alles ein flchtiges
Augenmerk bist. Das ist das Wunder der Stadt, da eines jeden Haltung
und Benehmen untertaucht in all diesen tausend Arten, da das Betrachten
ein flchtiges, das Urteil ein schnelles und das Vergessen ein
selbstverstndliches ist. Vorber. Was ist vorber? Eine Fassade aus der
Empirezeit? Wo? Da hinten? Ob sich da einer wohl entschlieen kann, sich
nochmals umzudrehen, um der alten Baukunst einen Extrablick zu schenken?
I woher. Weiter, weiter. Die Brust dehnt sich, die Riesin Weltstadt hat
jetzt in aller ppigen Gemchlichkeit ihr schimmernd-durchsonntes Hemd
angezogen. So eine Riesin kleidet sich eben ein bichen langsam an;
dafr aber duftet und dampft und pocht und lutet jede ihrer schnen,
groen Bewegungen. Droschken mit Amerikakoffern obenauf poltern und
radebrechen vorbei, du gehst jetzt im Park; die stillen Kanle sind noch
mit grauem Eis bedeckt, die Matten frieren dich an, die schlanken,
dnnen, kahlen Bume jagen dich mit ihrem zitternd-frrlichen Aussehen
flugs weiter; Karren werden geschoben, zwei herrschaftliche Fuhrwerke
aus der Remise irgendeines Menschen von offiziellem Geprge, jedes zwei
Kutscher und einen Lakaien tragend, jagen vorber; immer ist etwas, und
jedesmal ist das Etwas, wenn man es nher betrachten will, verschwunden.
Natrlich hast du eine Unmenge Gedanken whrend deines einstndigen
Marsches, du bist Dichter und kannst dazu ruhig deine Hnde in den
Taschen deines hoffentlich anstndigen berziehers behalten, du bist
Maler und hast vielleicht bereits whrend deines Morgenspazierganges
fnf Bilder fix und fertig gemacht. Du bist Aristokrat, Held,
Lwenbndiger, Sozialist, Afrikaforscher, Tnzer, Turner oder
Kneipenwirt gewesen, hast flchtig getrumt, eben jetzt dem Kaiser
vorgestellt worden zu sein. Er ist vom Thron herniedergestiegen und hat
dich in ein halbstndiges, vertrauliches Gesprch, an welchem sich auch
die Frau Kaiserin drfte beteiligt haben, gezogen. Du bist in Gedanken
Stadtbahn gefahren, hast Dernburg seinen Lorbeerkranz vom Haupte
gerissen, geheiratet und dich in einer Ortschaft in der Schweiz heimisch
niedergelassen, ein bhnenfhiges Drama geschaffen -- lustig, lustig,
weiter, he da, was? Sollte das? Ja, da ist dir dein Kollege Kitsch
begegnet, und da seid ihr zusammen nach Hause gegangen und habt
Schokolade getrunken.




Aschinger


Ein Helles bitte! Der Biereingieer kennt mich schon seit geraumer Zeit.
Ich schaue das gefllte Glas einen Moment an, nehme es mit zwei Fingern
an seinem Henkel und trage es nachlssig zu einem der runden Tische, die
mit Gabeln, Messern, Brtchen, Essig und l versehen sind. Ich stelle
das nssende Glas ordnungsgem auf den Filzuntersatz und berlege, ob
ich mir etwas zu essen holen soll, oder nicht. Der Egedanke treibt mich
zu dem blauwei gestreiften Schnittwaren-Frulein. Von dieser Dame lasse
ich mir eine Auswahl Belegtes auf einem Teller verabreichen, derart
bereichert trabe ich ordentlich trge an meinen Platz zurck. Ich
gebrauche weder Gabel noch Messer, nur das Senflffelchen, mit dem ich
meine Schnitten braun anstreiche, worauf ich dieselben gemtvoll in den
Mund hineinschiebe, da es die Seelenruhe selber ist, die mir jetzt
unter Umstnden zuschauen darf. Bitte, noch ein Helles. Bei Aschinger
gewhnt man sich rasch einen E- und Trink-Vertraulichkeitston an, man
spricht dort nach einiger Zeit fast nur noch wie Wamann im deutschen
Theater. Mit dem zweiten oder dritten Glas Hellem in der Faust treibt's
einen dann gewhnlich an, allerlei Beobachtungen zu machen. Man will
gern recht exakt notiert haben, wie die Berliner essen. Sie stehen
dabei, aber sie nehmen sich ganz nett Zeit dazu. Es ist ein Mrchen, zu
glauben, in Berlin haste, zische oder trabe man nur. Man versteht hier
geradezu drollig, Zeit dahinflieen zu lassen, man ist eben auch Mensch.
Es ist eine innige Freude, zu sehen, wie hier nach Wurstbrtchen und
italienischen Salaten geangelt wird. Die Gelder werden meistens aus
Westentaschen hervorgezogen, es handelt sich ja doch beinahe regelmig
nur um einen Groschen. Jetzt habe ich mir eine Zigarette gedreht und
nehme am Selbstbrenner, der unter grnem Glas steckt, Feuer. Wie gut ich
dieses Glas kenne und die Messingkette zum Anziehen. Immer wimmelt es
ein und aus von elustigen und satten Menschen. Die Unbefriedigten
finden rasch an der Bierquelle und am warmen Wurstturm Befriedigung, und
die Satten springen wieder an die Geschftsluft hinaus, gewhnlich eine
Mappe unter dem Arm, einen Brief in der Tasche, einen Auftrag im Gehirn,
einen festen Plan im Schdel, eine Uhr in der offenen Hand, die sagt,
da es jetzt Zeit ist. Im runden Turm in der Mitte des Gemaches thront
eine junge Knigin, es ist die Beherrscherin der Wrste und des
Kartoffelsalates, sie langweilt sich ein wenig in ihrer kcherlichen
Umgebung. Eine feine Dame tritt ein und spiet ein Kaviarbrtchen an
zwei Fingern auf, sofort mache ich mich ihr bemerkbar, aber so, als ob
mir das Bemerktwerden Wurst wre. Ich habe inzwischen Zeit gefunden,
mich an einem neuen Hellen festzuhalten. Die feine Frau geniert sich ein
bischen, in die Kaviarherrlichkeit hineinzubeien, ich bilde mir
natrlich sogleich ein, das sei ich und kein anderer, wegen dem sie
ihrer Zubeiesinne nicht so ganz vllig mchtig wre. Man tuscht sich
so leicht und so gern. Drauen auf dem Platz ist ein Lrm, den man
eigentlich gar nicht hrt, ein Durcheinander von Wagen, Menschen, Autos,
Zeitungsverkufern, Elektrischen, Handwagen und Fahrrdern, das man
eigentlich auch gar nicht mal sieht. Es ist beinahe unpassend, zu
denken, man wolle das hren und sehen, man ist doch kein Zugereister.
Die elegant-geschweifte Taille, die soeben noch Brot geknuspert hat,
verlt jetzt Aschinger. Wie lange habe eigentlich denn ich im Sinn,
dazubleiben? Die Bierburschen haben momentan ein wenig Ruhe, aber nicht
lange, denn es wlzt sich wieder von drauen herein und wirft sich
durstig an die sprudelnde Quelle. Menschen, die essen, betrachten
andere, die ebenfalls mit den Zhnen arbeiten. Wenn einer den Mund
gerade voll hat, so sehen zu gleicher Zeit seine Augen einen, der mit
Hereinschieben bettigt ist, an. Und die Leute lachen nicht einmal, auch
ich nicht. Seit ich in Berlin bin, habe ich mir abgewhnt, das
Menschheitliche lcherlich zu finden. brigens lasse ich mir in diesem
Augenblick selber ein neues Ezauberstck geben, es ist dies ein
Brotbrett mit einer schlafenden Sardine darauf, sie liegt auf einem
Butterlaken, dies gewhrt einen so reizenden Anblick, da ich das ganze
Schauspiel beinahe auf einen Ruck in den offenen Drehbhnen-Rachen
hinunterwerfe. Ist so etwas lcherlich? Keineswegs. Nun also. Was an mir
nicht lcherlich ist, kann es an den andern noch weniger sein, denn man
hat die Pflicht, andere unter allen Umstnden hher zu achten, als sich
selber, eine Weltanschauung, die zu dem Ernst, mit dem ich jetzt an den
ruckweisen Untergang meines Sardinennachtlagers denke, prchtig pat.
Einige von den Menschen, die mich umgeben, unterhalten sich essend. Die
Gewichtigkeit, mit der sie solches tun, ist ansprechend. Wenn man schon
dabei ist, etwas zu unternehmen, unternehme man es wrdig und sachlich.
Wrde und Selbstbewutsein wirken behaglich, auf mich wenigstens, und
deshalb stehe ich so gern in irgendeinem von unsern Aschingerhusern, wo
die Menschen zu gleicher Zeit trinken, essen, reden und denken. Wie
viele Geschfte sind hier schon ersonnen worden. Und das Schnste ist:
man kann stundenlang am Fleck stehen, das verletzt niemanden, das findet
kein einziger von all denen, die kommen und gehen, auffllig. Wer hier
an der Bescheidenheit Geschmack findet, der kann auskommen, er kann
leben, es hindert ihn niemand. Wer keine gar so besondere Herzlichkeit
beansprucht, der darf ein Herz haben, man erlaubt ihm das.




Markt


Ein Wochenmarkt ist etwas Helles, Lebendiges, Reichliches und Lustiges.
Durch die breite, sonst so stille Strae ziehen sich zwei lange, von
Lcken unterbrochene Reihen Warenstnde, belegt und behngt mit allem,
was Haushaltungen und Familien tagtglich ntig haben. Die Sonne, die
sonst hier herum herrisch und trge liegen kann, hat heute zu springen
und zu blitzen, sozusagen zu fuchteln, denn jedes bewegliche Ding, das
hier herumrhrt, jeder Gegenstand, jeder Hut, jede Schrze, jeder Topf,
jede Wurst, alles will angeblendet sein. Wrste in Sonnenschein gebadet
sehen prchtig aus. Das Fleisch prahlt und prunkt von den Haken, an
denen es hngt, stolz und purpurrot herunter. Das Gemse grnt und
lacht, Apfelsinen scherzen in prachtvoll gelben Mengen, Fische schwimmen
in breiten wassergefllten Kbeln. Man steht so, und dann tut man einen
Schritt. Man tut. Es kommt so genau nicht darauf an, ob der geplante,
probierte und ausgefhrte Schritt wirklich ein wahrhaftiger Schritt ist.
Dieses frhliche, einfache Leben, wie es bescheiden anzieht, wie es
einen kleinbrgerlich und huslich anlacht. Dazu ist der Himmel von
einem allererstklassigen Blau. Erstklassig! Man will sich nicht zu dem
Wort s߫ versteigen. Wo man Poesie empfindet, bedarf's keinerlei
poetischer Anwandlungen. Drei Abbelsinen for'n Jroschen. Wie oft,
Mann, hast du das eigentlich schon bald mal gesagt? Welche Auswahl
prchtiger, dicker Weiber. Unfeine Menschenfiguren mahnen so recht an
die Erde, an das Landweben und -leben, den Gott selbst, der sicher auch
keinen gar so bertrieben schnen Leib hat. Gott ist das Gegenteil von
Rodin. Wie entzckend ist das: an etwas Burischem ein wenig, wenn auch
nur fr einen Jroschen Geschmack empfinden zu drfen. Frische Eier,
Landschinken, Land- und Stadtleberwrste! Ich mu es heraussagen: ich
stehe und taugenichtse gern in der Nhe von lockenden Ewaren umher.
Wieder erinnert's ans lebhaft Vergngliche, und das Lebendige ist mir
lieber als das Unsterbliche. Hier sind Blumen, dort Kachelgeschirre,
nebenan Kse, Schweizer, Tilsiter, Hollnder, Harzer, und entsprechender
Geruch dazu. Wenn man nun in die Ferne schaut, so wimmelt es von
Landschaftsmalmotiven, schaut man zur Erde, so entdeckt man Schalen von
pfeln und Nssen, Fleischabflle, Papierreste, halbe und ganze
Weltbltter, einen Hosenknopf, ein Strumpfband. Blickt man hoch auf, so
ist es ein Himmel, blickt man gerade vor sich, so ist es ein
Durchschnittsmenschengesicht, von Durchschnittstagen und -nchten redet
man nicht, von einer Durchschnittsnatur auch nicht. Ist denn nicht das
Durchschnittliche das Festeste und Beste? Ich bedanke mich fr Genietage
und -wochen, oder fr einen auergewhnlichen Herrgott. Das Bewegliche
ist stets das Gerechteste. -- Und wie zierlich knnen einen Bauernweiber
angucken. Mit welch seltsamen leisen Gebrden sich hin und her drehen.
Der Markt lt immer ein Stck Landahnung im Stadtviertel zurck,
gleichsam, um es aus seinem monotonen Hochmut aufzurtteln. Wie hbsch
ist das, da alle diese Kaufgegenstnde in der freien, frischen Luft
liegen. Jungens kaufen sich warme Wrste, sie lassen sich dieselben der
ganzen saftigen Lnge nach an- und abstreichen, damit sie sie gleich
kunstgerecht verzehren knnen. Essen pat so gut unter den blauen, hohen
Himmel. Wie reizend sehen mir da die ppigen Blumenkohlbschel aus. Ich
vergleiche sie (nicht ganz gern) mit weiblichen straffen Brsten. Der
Vergleich ist impertinent, wenn er nicht klappt. Wieviel Frauen da um
einen herum sind. Aber der Markt geht, sehe ich, zu Ende. Die Zeit des
Abrstens ist da. Obst wird in Krbe zusammengescharrt. Bcklinge und
Sprotten werden eingepackt, Buden abgeschlagen. Das Gewimmel hat sich
verzogen. Nach kurzer Zeit wird die Strae wieder ihr vorheriges
Aussehen zurckerwischt haben. Adieu Farben. Adieu vielerlei. Adieu
Gesprenkel von Lauten, Dften, Bewegungen, Schritten und Lichtern.
brigens habe ich ein Pfund Wallnsse eingehandelt. So kann ich nun nach
Hause traben, in meine Wi-wi- und W-w-Kindergeschrei-Wohnung. Ich esse
so ziemlich alles gern, aber wenn ich Nu esse, bin ich direkt
glcklich.




Dinerabend


O, in Gesellschaft zu gehen, das ist gar nicht so ohne. Man zieht sich
so hbsch an, wie es einem die Verhltnisse, in denen man vegetiert,
gestatten, und begibt sich an Ort und Stelle. Der Diener ffnet die
gastliche Pforte. Gastliche Pforte? Ein etwas feuilletonistischer
Ausdruck, aber ich liebe es, mich im Stil kleiner Tagesware zu bewegen.
Ich gebe mit so viel Manier, als ich kann, Hut und Mantel ab, streiche
mein ohnehin glattes Haar vor dem Spiegel noch ein wenig gltter, trete
ein, strze mich dicht vor die Herrin des Hauses, mchte ihr die Hand
gleich kssen, gebe indessen diesen Gedanken auf und begnge mich damit,
eine vollendete (?) Verbeugung vor ihr zu machen. Vollendet oder nicht,
vom geselligen Zug hingerissen, entfalte ich jetzt eine Menge Schwung
und be mich in den Tnen und Sitten, die zu den Lichtern und Blumen am
besten zu passen scheinen. Zum Essen, Kinder, ruft die Hausfrau aus.
Schon will ich rennen, ich erinnere mich aber rasch, da man so etwas
nicht tun soll, und ich zwinge mich zu einer langsamen, ruhigen,
stolzen, bescheidenen, gelassenen, geduldigen, lchelnden, flsternden
und schicklichen Gangart. Es geht vortrefflich. Entzckend sieht mir da
wieder einmal die Tafel aus. Man setzt sich, mit und ohne Dame. Ich
prfe das Arrangement und nenne es im stillen ein schnes. Wre noch
schner, wenn einer wie ich irgend was an der Dekoration auszusetzen
htte. Gottlob, ich bin bescheiden, ich danke, indem ich jetzt zugreife,
zugable und messere und lffle und esse. Wunderbar schmecken einem
gesunden Menschen solch zartsinnig zubereitete Speisen, und das Besteck,
wie es glnzt, die Glser, wie sie beinahe duften, die Blumen, wie sie
freundlich gren und lispeln. Und jetzt lispelt auch schon meinerseits
eine ziemlich ungenierte Unterhaltung. Nimmt mich bald einmal selber
wunder, wo und wie ich's hernehme, dieses Weltbetragen, derart Essen zum
Mund fhren, und dazwischen parlieren zu knnen. Wie doch die Gesichter
purpurn anlaufen, je mehr Speisen und Weine dahergetragen werden. Schon
knnte man satt sein, wenn man wollte, aber man will nicht, und zwar in
erster Linie aus Schicklichkeitsgrnden. Man hat weiter zu danken und
weiter zu essen. Appetitlosigkeit ist eine Snde an so reichbesetzten
Tischen. Ich giee immer mehr flssige und leuchtende Laune in die
allezeit, wie es scheint, durstige Kehle hinunter. Wie das anhumort.
Jetzt schenkt der Diener auch noch aus dicken Flaschen schumende
Begeisterung ein, in Glser, breitgeformte, in denen das holde Wasser
wie in schnen Seebecken ruhen und glnzen kann. Und nun prosten alle,
Damen und Herren, einander zu, ich mache es nach, ich geborner
Nachahmer. Aber sttzt sich denn nicht alles, was in der Gesellschaft
taktvoll und lieblich ist, auf die fortlaufende Nachahmung? Nachahmer
sind in der Regel glckliche Kerls, so ich. Ich bin in der Tat ganz
glcklich, schicklich und unauffllig sein zu drfen. Und jetzt erhebt
sich der leichte Witz, die Zunge wird lose, das lachende Wort will
jedesmal an die sorglose, se Ungezogenheit streifen. Es lebe, es lebe!
Wie dumm! Aber das Schne und Reiche ist immer ein ganz klein wenig
dumm. Es gibt Menschen, die pltzlich lachen mssen beim Kssen. Das
Glck ist ein Kind, das heute wieder gottlob einmal nicht zur Schule
zu gehen braucht. Immer wieder wird eingeschenkt, und das wie von
unsichtbarer Geisterhand Eingegossene wird hinuntergeschttet. Ich
schtte geradezu unedel hinunter. Aber die silbernen Flgel hbschen
Anstandes rauschen um mich und zwicken mich fters mahnend an die
Wangen. Hinwiederum verpflichten die Weine und die Schnheit der Frauen
zu leisen, feinen Unverschmtheiten. Die Verzeihung dazu ist der
Kirschkuchen, der jetzt galant serviert wird. O, ich freue mich ber das
alles, ich Proletarier, was ich bin. Mein Gesicht ist ein wahres,
hochrotes Egesicht, aber essen Aristokraten etwa nicht auch? Es ist
dumm, allzufein sein zu wollen. Die E- und Trinklust hat vielleicht
einen ganz aparten feinen Ton des Umganges. Das Wohlbefinden bewegt sich
mglicherweise noch am zartesten. Das sage ich so. Was? Auch noch Kse?
Und noch Obst und jetzt noch einmal einen See voll Sekt? Und nun steht
man auf, um vorsichtig nach Zigarren angeln zu gehen. Man spaziert durch
die Rume. Welche Weltsicherheit. In reizenden kleinen Nischen setzt man
sich ungezwungen und eng neben die Damen nieder. Alsdann, um es nicht
ganz zu verlernen, schritthpft man zu den Likrtischen, um sich in
Wolken von Genssen von neuem einzuhllen. Der Herr des Hauses scheint
frhlich. Das gengt, um sich wie sonnenbeschienen vorzukommen. Lssig
und witzig redet man zum weiblichen Geschlecht, wenn man kann. Immer
zndet man sich neue Zigarettenstangen an. Das Vergngen, einen neuen
Menschen kennen zu lernen, tippt einen an die Stirne, kurz, es ist ein
bestndiges, gutes, dummes, behagliches Lachen um einen herum. Nichts
kann mehr aufregend sein. Gewhnt an das Schwelgen, bewegt man sich mit
einer behbigen Sicherheit und mit dem Mindestma an Formen im Glanz und
im Menschenkranz einher, da man leise und glcklich staunen mu, es im
Leben so weit gebracht zu haben. Spt sagt man gute Nacht, und dem
Diener drckt man mit Gewicht sein in mancherlei Beziehung redlich
verdientes Trinkgeld in die Hand.




Friedrichstrae


Oben ist ein schmaler Streifen Himmel, unten der glatte, schwrzliche,
gleichsam von Schicksalen polierte Boden. Die Huser zu beiden Seiten
ragen khn, zierlich und phantastisch in die architektonische Hhe. Die
Luft bebt und erschrickt von Weltleben. Bis zu den Dchern hinauf und
ber die Dcher noch hinaus schweben und kleben Reklamen. Groe
Buchstaben fallen in die Augen. Und immer gehen hier Menschen. Noch nie,
seit sie ist, hat in dieser Strae das Leben aufgehrt zu leben. Hier
ist das Herz, die unaufhrlich atmende Brust des grostdtischen Lebens.
Hier atmet es hoch auf und tief nieder, als wenn das Leben selber ber
seinem Schritt und Tritt unangenehm beengt wre. Hier ist die Quelle,
der Bach, der Flu, der Strom und das Meer der Bewegungen. Niemals
sterben hier die Bewegungen und die Erregungen ganz aus, und wenn das
Leben am obern Ende der Strae beinahe aufhren will, so fngt es am
untern Ende von neuem an. Arbeit und Vergngen, Laster und guter Trieb,
Streben und Miggang, Edelsinn und Niedertracht, Liebe und Ha,
feuriges und hhnisches Wesen, Buntheit und Einfachheit, Armut und
Reichtum schimmern, glitzern, blden, trumen, eilen und stolpern hier
wild und zugleich ohnmchtig durcheinander. Eine Fessel ohnegleichen
bndigt und snftigt hier die Leidenschaften, und Verlockungen ohne Zahl
fhren zugleich in die begehrlichen Versuchungen, derart, da die
Entsagung mit dem Rockrmel den Rcken der befriedigten Begierde
streifen, da die Unersttlichkeit mit den lodernden Augen in den weisen
Frieden der Augen des Durch-sich-selbst-gesttigten schauen mu. Hier
klaffen Abgrnde, hier herrschen und gebieten bis zum offenen Unanstand,
durch den sich kein vernnftiger Mensch verletzen lt, Gegenstze, die
unbeschreiblich sind. Wagen fahren immer an Menschenleibern, -kpfen und
-hnden dicht vorber, und auf den Verdecken und im hohlen Innern der
Wagen sitzen, dicht aneinandergepret und geknechtet, Menschen, die aus
irgendwelchen Grnden hier drinnen sitzen, hier oben sitzen, sich
drngen und pressen und fahren lassen. Fr jede Dummheit gibt es hier
unsagbar rasch rechtfertigende, gute, kluge Grnde. Jede Torheit ist
hier durch die offenbare Schwierigkeit des Lebens geadelt und geheiligt.
Jede Bewegung hat Sinn, jeder Ton hat hier praktische Ursache, und aus
jedem Lcheln, jeder Geste, jedem Wort strahlt eine sonderbar anmutige
Gesetztheit und Korrektheit billigend hervor. Hier billigt man alles,
weil jeder einzelne, durch den Zwang des zusammengeknebelten Verkehrs
gentigt, ohne Zaudern alles, was er hrt und sieht, billigen mu. Zu
Mibilligungen scheint niemand Lust, zu Abneinungen niemand Zeit und zu
Unlust niemand ein Recht zu haben, denn hier, und das ist das
Groartige, fhlen sich alle auf leichte, vorwrtshelfende Manier,
gleichsam suberlich, verpflichtet. Jeder Bettler, Gauner, Unhold usw.
ist hier Mitmensch und mu einstweilen, weil alles schiebt, stt und
drngt, als etwas Mithinzugehriges geduldet werden. Ah, hier ist die
Heimat der Nichtswrdigen, der Kleinen, nein, der ganz Kleinen, der
irgendwo und wann schon einmal Entehrten, hier, hier herrscht Duldung,
und zwar deshalb, weil sich niemand mit Ungeduld und Unfrieden aufhalten
und abgeben will. Hier wird im Sonnenschein friedlich spaziert, wie auf
einer entlegenen stillen Bergesmatte, und im Laternenschimmer elegant
gebummelt wie in einem Feenmrchen voller Zauberknste und -worte.
Wunderbar ist, wie der zweiteilige Menschenstrom auf den Trottoirs
unaufhaltbar und unaufhrlich ist, gleich einem dickflssigen,
schimmernden, vielbedeutenden Wasser, und herrlich ist, wie hier die
Qualen gemeistert, die Wunden verschwiegen, die Trume gefesselt, die
Brnste gebndigt, die Freuden unterdrckt und die Begierden gemigt
werden, weil alles Rcksicht, Rcksicht und nochmals liebende und
achtende Rcksicht nehmen mu. Wo der Mensch so nah am Menschen ist, da
erhlt der Begriff Nebenmensch eine tatschlich gebte, begriffene und
rasch verstandene Bedeutung, und es darf da niemandem mehr einfallen,
berlaut zu lachen, bereifrig sich seinen persnlichen Bedrngnissen
hinzugeben oder berhastig Geschfte machen zu wollen, und doch, welch
eine hinreiende betrende Hast ist in all der scheinbaren Gedrngtheit
und Besonnenheit. Die Sonne scheint hier in einer Stunde auf unzhlige
Kpfe, der Regen netzt und nt hier einen Boden, der gesalbt ist
gleichsam von Lustspielen und Tragdien, und abends, ah, wenn es beginnt
zu dunkeln und wenn die Lichter angezndet werden, tut sich ein Vorhang
langsam auf, um in ein Stck ppig voll immer derselben Gewohnheiten,
Lsternheiten und Begebenheiten schauen zu lassen. Die Sirene Vergngen
fngt dann an in himmlisch lockenden und anmutenden Tnen zu singen, und
Seelen werden dann zerrissen von den vibrierenden Wnschen und
Nichtbefriedigungen, und ein Geldauswerfen beginnt dann, wie es der
bescheidene kluge Begriff nicht kennt, wie es sich kaum eine
dichterische Phantasie mhselig vorstellen kann. Ein wollstig auf und
nieder atmender Krpertraum sinkt dann auf die Strae herab, und alles
luft, luft und luft diesem vorherrschenden Traum mit ungewissen
Schritten nach.




Berlin W


Es scheint hier jedermann zu wissen, was sich schickt, und das erzeugt
eine gewisse Klte, und es scheint ferner, da hier jedermann sich durch
sich selbst behauptet, und dies ruft die Ungestrtheit hervor, die der
Neuling hier bewundert. Die Armut scheint hinausgeschoben in die
Viertel, die an die offenen Felder streifen oder nach innen ins Dster
und Dunkel der Hinterhuser gedrngt, die von den herrschaftlichen
Vorderhusern verdeckt werden wie von mchtigen Krpern. Es scheint, als
habe hier die Menschheit aufgehrt zu seufzen und angefangen, ihres
Lebens und Daseins endgltig froh zu sein. Doch der Schein trgt, und
die Pracht und Eleganz sind nur ein Traum. Aber auch das Elend ist
vielleicht nur eine Einbildung. Was die Eleganz des Westens von Berlin
betrifft, so scheint sie ausgezeichnet durch Lebhaftigkeit und zugleich
ein wenig verdorben durch die Unmglichkeit, sie ruhig zu entfalten. Es
steckt hier brigens alles in einer fortlaufenden Entfaltung und
Vernderung. Die Mnner sind ebenso bescheiden wie unritterlich, und man
kann sehr glcklich darber sein, denn die Ritterlichkeit ist stets zu
drei Vierteln unpassend. Die Galanterie ist etwas auerordentlich Dummes
und Vorlautes. Es gibt hier demnach wenig gefhlvolle Auftritte, und wo
sich irgendein feinsinniges Abenteuer entspinnt, merkt man es gar nicht,
das ist doch immerhin sehr fein. Die Herrenwelt ist heute eine
Geschftswelt, und wer Geld verdienen mu, hat keine oder wenig Zeit,
sich auffallend schn zu benehmen. Daher eine gewisse rauhe abfertigende
Tonart. Im allgemeinen gibt es viel Amsantes im Westen; die
Lcherlichkeiten leben so reizend und hbsch, wie man es sich nur
trumen kann, weiter. Da ist die Emporkmmlingin, eine Gewaltsdame, naiv
wie ein kleines Kind. Ich persnlich schtze sie sehr, weil sie so ppig
und zugleich so drollig ist. Da ist die Kleine vom Kurfrstendamm. Sie
gleicht einer Gemse, und es ist viel Braves und Liebes an ihr. Da ist
der Lebegreis. Es spazieren nur noch sehr wenige Exemplare dieses
Kalibers in der Welt, die zu leben wei, herum. Die Sorte ist im
Aussterben begriffen, und ich finde, da das sehr schade ist. Ich sah
neulich einen solchen Herrn, er kam mir wie eine Erscheinung aus
verschwundenen Zeiten vor. Da haben wir wieder etwas anderes, den
reichgewordenen lndlichen Ansiedler. Er hat sich noch nicht abgewhnt,
Augen zu machen, wie wenn er ber sich selbst und ber das Glck, in dem
er sitzt, staune. Er benimmt sich viel zu sittsam, so, als frchte er,
zu offenbaren, woher er stamme. Da haben wir wieder die ganz, ganz
gestrenge Gndige aus der Bismarckzeit. Ich bin ein Bewunderer von
strengen Gesichtern und von ins Wesen des Menschen bergegangenen guten
Manieren. Mich rhrt ja berhaupt das Alte, sowohl an Bauten wie an
Menschengestalten; deswegen erquickt mich aber das Frische, Neue und
Junge nicht weniger; und jung ist's hier, und gesund scheint mir der
Westen zu sein. Sollte eine gewisse Portion Gesundheit eine gewisse
Portion Schnheit verdrngen? Mitnichten. Das Lebhafte ist zuletzt das
Schnste. Nun ja, vielleicht wedle und scharwenzle und schmeichle ich
jetzt ein bichen; wie z.B. durch folgenden Satz: Die hiesigen Frauen
sind schn und anmutig! Die Grten sind sauber, die Architektur ist
vielleicht ein wenig drastisch, was kann das mich kmmern. Es ist heute
ja jedermann berzeugt, da wir Stmper sind im Groen, Stilvollen und
Monumentalen und wahrscheinlich deshalb, weil in uns zu sehr der Wunsch
lebt, Stil, Gre und Monumentalitt zu besitzen oder zu erzeugen.
Wnsche sind schlimme Dinge. Unser Zeitalter ist entschieden das
Zeitalter der Empfindlichkeit und Rechtlichkeit, und das ist doch sehr
hbsch von uns. Wir haben Frsorgeanstalten, Krankenhuser,
Suglingsheime, und ich bilde mir gerne ein, das sei doch auch etwas.
Wozu alles wollen? Man denke an die Schauder der alten Fritzen-Kriege
und an sein -- Sanssouci. Wir haben wenig Gegenstze; das beweist, da
wir uns danach sehnen, ein gutes Gewissen zu haben. Aber wie schwenke
ich da nur ab. Darf man das? Es gibt einen sogenannten alten Westen,
einen neueren Westen (rund um die Gedchtniskirche) und einen ganz neuen
Westen. Der mittlere ist vielleicht der netteste. Ganz bestimmt trifft
man in der Tauenzienstrae die hchste und meiste Eleganz an; der
Kurfrstendamm ist reizend mit seinen Bumen und seinen Kaleschen. Ich
sehe mich mit groem Bedauern schon an den Rahmen meines Aufsatzes
anstoen, in der fatalen berzeugung, da ich vieles, was ich unbedingt
habe sagen wollen, gar nicht gesagt habe.




Ballonfahrt


Die drei Menschen, der Kapitn, ein Herr und ein junges Mdchen, steigen
in den Korb ein, die befestigenden Stricke werden losgeknpft, und das
seltsame Haus fliegt langsam, als ob es sich erst noch auf irgend etwas
besnne, in die Hhe; gute Reise!, rufen die versammelten Menschen von
unten her, hte- und taschentuchschwenkend, nach. Es ist zehn Uhr abends
im Sommer. Der Kapitn zieht eine Landkarte zu einer Tasche heraus und
bittet den Herrn, sich mit Kartenlesen beschftigen zu wollen. Man kann
lesen und vergleichen, alles Sichtbare ist hell. Es hat alles eine
beinahe brunliche Helle. Die schne Mondnacht scheint den prachtvollen
Ballon in unsichtbare Arme zu nehmen, sanft und still fliegt der
rundliche Krper zur Hhe, und nun wird er, kaum, da man es bemerkt,
von feinen Winden nrdlich getrieben. Der kartenstudierende Herr wirft
von Zeit zu Zeit auf Anleitung des Fhrers eine Hand voll Ballast in die
Tiefe hinunter. Es befinden sich fnf Scke voll Sand an Bord, und es
mu sparsam damit umgegangen werden. Wie schn ist die runde, blasse,
dunkle Tiefe. Das liebe, bedeutsame Mondlicht macht die Flsse silbern
kenntlich. Man sieht Huser da unten, so klein, dem unschuldigen
Spielzeug hnlich. Die Wlder scheinen dunkle, uralte Lieder zu singen,
aber dieser Gesang mutet eher wie eine edle, stumme Wissenschaft an. Das
Bild der Erde sieht den Zgen eines schlafenden, groen Mannes hnlich,
wenigstens trumt so das jugendliche Mdchen, es lt seine bezaubernde
Hand trge ber den Rand des Korbes herabhngen. Einer Kaprice zufolge
ist der Kopf des Kavaliers mit einem ritterlichen Federhut bedeckt, im
brigen ist er modern gekleidet. Wie still die Erde ist. Man sieht alles
deutlich, die einzelnen Menschen in den Dorfgassen, die Kirchspitzen,
den Knecht, wie er, vom langen Tagwerk ermdet, schwerfllig ber den
Hof schreitet, die geisterhafte, vorbeisausende Eisenbahn, die
blendendweie lange Landstrae. Bekanntes und unbekanntes Menschenleid
scheint von unten heraufzumurmeln. Die Einsamkeit verlorner Gegenden hat
ihren besondern Ton, und man meint, dieses Besondere, dieses
Unverstndliche verstehen, ja sogar sehen zu sollen. Wundervoll blendet
jetzt die drei Menschen der herrlich gefrbte und beleuchtete Lauf der
Elbe an. Der nchtliche Strom entreit dem Mdchen einen leisen
Sehnsuchtsschrei. An was mag sie denken? Sie nimmt von einem Bukett, das
sie mitgenommen hat, eine dunkle, prangende Rose und wirft sie ins
glitzernde Wasser. Wie ihre Augen traurig dabei blitzen. Es ist, als
wenn die junge Frau jetzt qualvollen Lebenskampf hinuntergeworfen htte,
fr immer. Es ist ein groer Schmerz, von einer Qual Abschied nehmen zu
mssen. Und wie lautlos die ganze Welt ist. In der Ferne glitzern die
Lichter eines Hauptortes, der Kapitn nennt sachkundig den Namen der
Stadt. Schne, verlockende Tiefe! Man hat schon unzhlige Stcke Wlder
und Felder hinter sich, es ist jetzt Mitternacht. Jetzt schleicht auf
der festen Erde irgendwo ein beutelauernder Dieb, Einbruch geschieht,
und alle diese Menschen in ihren Betten da unten, dieser groe Schlaf,
geschlafen von Millionen. Eine ganze Erde trumt jetzt, und ein Volk
ruht von Mhsalen aus. Das Mdchen lchelt. Und wie es warm ist, es ist,
als se man in einer heimatanmutenden Stube, bei Mutter, Tante,
Schwester, Bruder, oder bei dem Geliebten, bei der friedlichen Lampe und
lse in einer schnen, aber etwas eintnigen, langen, langen Geschichte.
Das Mdchen will einschlafen, sie ist jetzt etwas ermdet vom Schauen.
Die beiden im Korb stehenden Mnner blicken schweigend aber fest in die
Nacht hinaus. Merkwrdige weie, gleichsam blank geputzte Ebenen
wechseln mit Grten und kleinen Buschwildnissen ab. Man sieht in
Gegenden hinunter, in die einen der Fu nie, nie hintrge, weil man in
gewissen, ja, in den meisten Gegenden nie etwas Zweckvolles zu suchen
hat. Wie gro und wie unbekannt uns die Erde ist!, denkt der
federhutbedeckte Herr. Ja, das eigene Vaterland wird hier oben, Blicke
hinunterwerfend, endlich zum Teil verstndlich. Man empfindet, wie
unerforscht und wie kraftvoll es ist. Zwei Provinzen sind durchwandert,
als es beginnt zu tagen. Unten in den Siedelungen erwacht schon wieder
das menschliche Leben. Wie heit dieser Ort? schreit der Fhrer
hinunter. Eine helle Jungenstimme antwortet. Und immer noch schauen die
drei Menschen; auch das Mdchen ist jetzt wieder erwacht. Es zeigen sich
jetzt Farben, und die Dinge werden bestimmter. Man sieht Seen in ihren
zeichnerischen Umrissen, wundervoll zwischen Wldern verborgen, man
erblickt Ruinen alter Festungen zwischen altem Laubwerk hochaufragen;
Hgel erheben sich fast spurlos, Schwne sieht man weilich im Gewsser
zittern, und Stimmen des menschlichen Lebens werden sympathisch laut,
und man fliegt immer weiter, und endlich zeigt sich die herrliche Sonne,
und von diesem stolzen Gestirn angezogen schiet der Ballon in
zauberische, schwindelerregende Hhe. Das Mdchen stt einen
Schreckensschrei aus. Die Mnner lachen.




Tiergarten


Vom Zoologischen Garten her tnt Regimentsmusik. Man geht so, ganz
gemchlich. Ist es denn nicht Sonntag? Wie warm es ist. Jedermann
scheint erstaunt darber zu sein, da es jetzt, wie auf Zauberschlag, so
leicht, so hell, so warm ist. Wrme allein gibt schon Farbe. Die Umwelt
ist wie ein Lcheln, und es wird einem ganz weiblich zumut. Wie gern
mchte ich jetzt (beinahe) ein Kind auf dem Arm tragen und treubesorgtes
Dienstmdchen spielen. Wie stimmt der beginnende, herzbetrende Frhling
zrtlich. Ich knnte, bilde ich mir ein, geradezu Mutter sein. Im
Frhling, so scheint es, werden Mnner und Mannestaten pltzlich so
berflssig, so dumm. Nur keine Tat jetzt. Horchen, bleiben, am Fleck
stehen. Gttlich durch ganz weniges berhrt sein. In dieses wonnense
kindheitartige Grn schauen. Ach, ist doch Berlin und sein Tiergarten
jetzt schn. Es wimmelt von Menschen. Die Menschen sind starke,
bewegliche Flecke im zarten, verlornen Sonnenschimmer. Oben ist der
lichtblaue Himmel, der wie ein Traum das untenliegende Grn berhrt. Die
Leute gehen leicht und bequem, so, als frchteten sie, in
Marschierschritt und in grobes Gebrden zu verfallen. Es soll Leute
geben, die nie daran denken, oder die sich zieren, sich am Sonntag auf
eine Tiergartenbank zu setzen. Wie doch solche Leute sich des
reizendsten Vergngens berauben. Ich selbst finde das Sonntagspublikum
in seiner offensichtlichen harmlosen Sonntagslust bedeutender als alles
Kairo- und Rivierareisen. Da wird das Harte gefllig, das Starre
lieblich, und alle Linien und Gewhnlichkeiten gehen traumhaft
ineinander ber. Unnennbar zart ist solch ein allgemeines Spazieren. Die
Spaziergnger verlieren sich bald einzeln, bald in anmutigen dichten
Gruppen oder Haufen zwischen den Bumen, die hoch oben noch luftig-kahl
sind, und zwischen dem niedrigen Gestruch, das ein Hauch von jungem,
sem Grn ist. Es zittert und bebt in der weichen Luft von Knospen, die
zu singen, zu tanzen, zu schweben scheinen. Das ganze Tiergartenbild ist
wie ein gemaltes Bild, dann wie ein Traum, dann wie ein weitschweifiger
angenehmer Ku. berall ist leichte, verstndliche Lockung zum lange
Hinschauen. Auf einer Bank am Schiffahrtskanal sitzen zwei Ammen im
schneeweien imposanten Kopfputz, weier Schrze und knallroten Rcken.
Indem man geht, ist man befriedigt; indem man sitzt, ist man ganz ruhig
und schaut gelassen in die Augen der vorbergehenden Gestalten. Diese
sind Kinder, an Leinen gefhrte Hunde, Soldaten mit dem Mdel im Arm,
schne Frauen, kokette Damen, alleinstehende, -tretende und -gehende
Herren, ganze Familien, schchterne Liebespaare. Schleier wehen, grne
und blaue und gelbliche. Dunkle und helle Kleider wechseln ab. Die
Herren tragen meistens die unvermeidlichen trockenen halbhohen steifen
Hgelhte auf den Kegelkpfen. Man mchte lachen und zugleich ernst
sein. Es ist alles zugleich lustig und heilig, und man ist sehr ernst
dabei, wie alle. Alle zeigen denselben schicklichen leichten Ernst. Ist
nicht so auch der Himmel, der auch so ein Gesicht macht, als spreche er:
Wie wunderbar ist mir? Jetzt huschen, freundlichen Schemen hnlich,
windhnliche Schatten durch die Bume, ber die hellen weien Wege,
wohin? Man wei es nicht. Kaum sieht man es, so zart ist es. Maler
machen auf solche Delikatessen aufmerksam. In einiger sanfter Entfernung
rollen rotrdrige Droschken durch das milde grne Gewebe, als gleite ein
rotes Band durch ein Stck zartes Frauenhaar. Alles atmet Fraulichkeit,
alles ist Helle und Milde, alles ist so weit, so durchsichtig, so rund,
nach allen Seiten dreht man den Sonntagskopf, um die Sonntagswelt hbsch
zu genieen. Menschen machen das Ganze eigentlich. Ohne die Menschen
wrde man die Schnheit des Tiergartens nicht sehen, nicht merken, nicht
empfinden. Wie das Publikum ist? Na, gemischt, alles durcheinander,
Elegantes und Einfaches, Stolzes und Demtiges, Frhliches und
Besorgtes. Ich selbst sorge mit meiner eigenen Person ebenfalls fr
Buntheit und trage mit zur Gemischtheit bei. Ich bin gemischt genug.
Doch wo ist der Traum? La uns ihn doch noch rasch einmal betrachten.
Auf einer rundgebogenen Brcke stehen viele Leute. Man steht selbst da,
lehnt sich leicht und voll guter Manier an das Gelnder und schaut hinab
in das zrtlich-blulich glimmende, warme Wasser, wo Boote und Khne,
menschenbesetzt und fhnchengeschmckt, leise, wie von guten Ahnungen
gezogen, umherfahren. Die Schiffe und Gondeln schimmern in der Sonne. Da
bricht ein Stck dunkles Samtgrn aus der Lichtheit hervor, es ist eine
Bluse. Enten mit farbigen Kpfen schaukeln auf dem Gekrusel und
Gezitter des Wassers, das manchmal schimmert wie Bronze oder wie
Emaille. Herrlich ist es, wie das Feld des Wassers so eng und so klein
ist und doch so vollbesetzt mit gleitenden Lustkhnen und
Freudenfarben-Hten. berall, wohin man blickt, glnzt und bricht der
Damenhut mit rot, blau und andern Augengenssen aus dem Gebsch hervor.
Wie ist alles so einfach. Wohin geht man jetzt? In ein Kaffeehaus?
Wirklich? Ist man jetzt so barbarisch? Jawohl, man tut's. Was tut man
nicht alles? Wie schn ist es, zu tun, was ein anderer ebenfalls tut.
Wie ist er nur schn, der Tiergarten. Welcher Einwohner von Berlin
liebte ihn nicht?




Die kleine Berlinerin


Heute hat mir Papa eine Ohrfeige gegeben, natrlich eine echt
vterliche, eine zrtliche. Ich gebrauchte die Redensart: Vater, du
hast wohl einen Knall. Das war allerdings ein wenig unvorsichtig.
Damen sollen sich einer gewhlten Sprache bedienen, sagt unsere
Deutschlehrerin. Sie ist entsetzlich. Aber Papa will nicht haben, da
ich diese Person lcherlich finde, und vielleicht hat er recht. Man geht
schlielich zur Schule, um einen gewissen Lerneifer und einen gewissen
Respekt an den Tag zu legen. brigens ist es billig und unedel, an den
Mitmenschen Komisches zu entdecken und darber zu lachen. Junge Damen
sollen sich an das Feine und Edle gewhnen, das sehe ich sehr gut ein.
Man verlangt keine Arbeit von mir, man wird nie eine solche von mir
fordern, dafr aber wird man vornehmes Wesen bei mir voraussetzen. Werde
ich im spteren Leben irgendwelchen Beruf ausben? Nicht doch. Ich werde
eine junge feine Frau sein, ich werde mich verheiraten. Es ist mglich,
da ich meinen Mann qulen werde. Doch das wre frchterlich. Man
verachtet sich immer selbst, sobald man einen andern glaubt verachten zu
sollen. Ich bin zwlf Jahre alt. Ich mu geistig sehr entwickelt sein,
sonst wrde ich niemals an so etwas denken. Werde ich Kinder haben? Und
wie wird das zugehen? Wenn mein zuknftiger Mann kein verachtungswrdiger
Mensch sein wird, dann, ja dann, das glaube ich bestimmt,
werde ich ein Kind haben. Dann werde ich dieses Kind erziehen.
Aber ich bedarf ja selber noch der Erziehung. Wie man nur so dummes Zeug
denken kann.

Berlin ist die schnste, die bildungsreichste Stadt der Welt. Ich wre
abscheulich, wenn ich hiervon nicht felsenfest berzeugt wre. Lebt
nicht hier der Kaiser? Wrde er hier zu wohnen ntig haben, wenn es ihm
hier nicht am besten gefiele? Neulich sah ich Kronprinzens im offenen
Wagen. Sie sind entzckend. Der Kronprinz sieht wie ein junger, heiterer
Gott aus, und wie schn erschien mir die hohe Frau an seiner Seite. Sie
war ganz in duftende Pelze gehllt. Es schien Blten aus dem blauen
Himmel auf das Paar herabzuregnen. Der Tiergarten ist herrlich. Ich gehe
beinahe jeden Tag mit unserem Frulein, der Erzieherin, darin spazieren.
Man kann stundenlang, auf geraden und krummen Wegen, unter dem Grn
gehen. Auch Vater, der sich doch eigentlich nicht zu begeistern
brauchte, begeistert sich fr den Tiergarten. Vater ist ein gebildeter
Mensch. Ich glaube, er liebt mich rasend. Schrecklich, wenn er dies
lse, aber ich werde das Geschriebene zerreien. Im Grunde schickt es
sich ja gar nicht, zugleich noch so dumm und so unreif zu sein wie ich
und schon ein Tagebuch fhren zu wollen. Aber manchmal langweilt man
sich ein wenig, und dann lt man sich sehr leicht zu Unpassendem
hinreien. Das Frulein ist sehr nett. Nun ja, im allgemeinen. Sie ist
treu, und sie liebt mich. Auerdem hat sie wirklichen Respekt vor Papa,
das ist die Hauptsache. Sie ist dnn von Figur. Unsere frhere
Erzieherin war dick wie ein Frosch. Sie schien immer zu platzen. Sie war
Englnderin. Sie ist gewi auch heute noch eine Englnderin, aber sie
ging uns von dem Augenblick an, wo sie sich Frechheiten erlaubte, nichts
mehr an. Vater hat sie fortgejagt.

Wir beide, Papa und ich, werden bald reisen. Es ist jetzt ja die Zeit,
wo honette Leute einfach reisen mssen. Ist der nicht verdchtig, der zu
solch einer grnenden und blhenden Zeit nicht reist? Papa zieht an den
Meeresstrand, und er wird dort offenbar tagelang im Sand liegen und sich
von der Sommersonne dunkelbraun braten lassen. Er sieht im September
immer am gesndesten aus. Seinem Gesicht steht die Blsse der
Abgespanntheit nicht gut. brigens liebe ich persnlich das
Sonnverbrannte im Gesicht eines Mannes. Es ist dann, wie wenn er aus dem
Krieg kme. Sind das nicht echte Kinderdummheiten? Ja, gewi bin ich
noch ein Kind. Was mich angeht, so reise ich nach dem Sden. Zuerst ein
wenig nach Mnchen, dann nach Venedig, wo ein Mensch wohnt, der mir
unsagbar nah steht, Mama. Meine Eltern leben aus Ursachen, deren Tiefe
ich nicht zu verstehen, also nicht zu wrdigen imstande bin, getrennt.
Ich lebe die meiste Zeit bei Vati. Aber Mama hat natrlich auch das
Recht, mich wenigstens fr eine Zeitlang zu besitzen. Ich freue mich
mchtig auf die bevorstehende Reise. Ich reise gern, und ich glaube, da
fast alle Menschen gern reisen. Man steigt ein, der Zug fhrt ab, und
nun geht es ins Weite. Man sitzt und wird in ungewisse Ferne getragen.
Wie gut ich es doch eigentlich habe. Wei ich, was Not, was Armut ist?
Keine Spur. Ich finde, es ist auch gar nicht notwendig, da ich so
nichtswrdige Erfahrungen mache. Aber die armen Kinder dauern mich. Ich
wrde zum Fenster hinausspringen in solchen Verhltnissen.

Ich und Papa wohnen im vornehmsten Viertel. Viertel, die still, peinlich
sauber und von einer gewissen lte sind, sind vornehm. Das ganz Neue?
Ich mchte nicht in einem ganz neuen Haus wohnen. Am Neuen ist stets
irgend etwas nicht ganz in Ordnung. Man sieht fast gar keine armen
Leute, z.B. Arbeiter, in unserer Gegend, wo die Huser ihre Grten
haben. Es wohnen Fabrikbesitzer, Bankiers und reiche Leute, deren Beruf
der Reichtum ist, in unserer Nhe. Nun, da mu also Papa zum mindesten
sehr wohlhabend sein. Arme und rmere Leute knnen hier herum einfach
gar nicht wohnen, weil die Rumlichkeiten viel zu teuer sind. Papa sagt,
die Klasse, in welcher das Elend herrscht, lebe im Norden der Stadt.
Welch eine Stadt. Was ist das: der Norden? Ich kenne Moskau besser als
den Norden unserer Stadt. Von Moskau, Petersburg, Wladiwostok und aus
Yokohama sind mir zahlreiche Ansichtspostkarten geschickt worden. Ich
kenne den belgischen und hollndischen Strand, ich kenne das Engadin mit
seinen himmelhohen Bergen und grnen Matten, aber die eigene Stadt?
Berlin ist vielleicht vielen, vielen Menschen, die es bewohnen, ein
Rtsel. Papa untersttzt die Kunst und die Knstler. Es ist Handel, was
er treibt. Nun, Frsten treiben ebenfalls oft Handel, und dann sind die
Geschfte Papas von einer absoluten Vornehmheit. Er kauft und verkauft
Gemlde. Es hngen sehr schne Gemlde in unserer Wohnung. Die Sache mit
Vaters Geschften, glaube ich, ist so: die Knstler verstehen in der
Regel nichts von Geschften, oder sie drfen aus irgendwelchen Grnden
nichts davon verstehen. Oder es ist so: die Welt ist gro und
kaltherzig. Die Welt denkt nie an die Existenz von Knstlern. Da tritt
nun mein Vater auf, der Weltmanieren besitzt und allerhand
bedeutungsreiche Beziehungen hat und macht diese im Grunde vielleicht
ganz kunstunbedrftige Welt auf die Kunst und auf die Knstler, die
darben, auf schickliche und kluge Art aufmerksam. Papa verachtet oft
seine Kufer. Aber er verachtet oft auch die Knstler. Es kommt da ganz
darauf an.

Nein, ich mchte nirgends anderswo fest wohnen als in Berlin. Leben die
Kinder der Kleinstdte, solcher Stdte, die ganz alt und morsch sind,
schner? Gewi gibt's dort manches, was es bei uns nicht gibt. Romantik?
Ich glaube, ich irre mich nicht, wenn ich etwas, was nur noch halb lebt,
fr romantisch halte. Das Defekte, Zerbrckelte, Kranke, z.B. eine
uralte Stadtmauer. Das, was zu nichts ntzt, was auf geheimnisvolle Art
schn ist, das ist romantisch. Ich trume gern von derartigen Dingen,
und wie ich empfinde, gengt es, davon zu trumen. Schlielich ist das
Romantischste, was es gibt, das Herz, und jeder fhlende Mensch trgt
alte Stdte, die von uralten Mauern umschlossen sind, in sich. Unser
Berlin platzt bald berhaupt von Neuheit. Vater sagt, alles historisch
Denkwrdige werde hier verschwinden, das alte Berlin kenne kein Mensch
mehr. Vater wei alles oder wenigstens fast alles. Nun, davon profitiert
natrlich seine Tochter. Ja, kleine, mitten in der Landschaft gelegene
Stdte mgen schon auch schn sein. Es wird da reizende verborgene
Schlupfwinkel zum Spielen geben, Hhlen, in die man hineinkriechen kann,
Wiesen, Felder und nur ein paar Schritte weit entfernt der Wald. Solche
Ortschaften sind ganz wie von Grn umkrnzt, aber Berlin hat einen
Eispalast, wo die Menschen mitten im heiesten Sommer Schlittschuh
fahren. Berlin ist allen brigen deutschen Stdten eben einmal voran, in
allen Dingen. Es ist die sauberste, modernste Stadt der Welt. Wer sagt
das? Nun, natrlich Papa. Wie gut er eigentlich ist. Ja, ich kann viel
von ihm lernen. Unsere Berliner Straen haben alles Schmutzige und
Holprige berwunden. Sie sind so glatt wie Eisflchen, und sie schimmern
wie peinlich polierte Fubden. Gegenwrtig sieht man einzelne Menschen
Rollschuh laufen. Wer wei, vielleicht werde ich das auch eines Tages
tun, wenn es nicht vorher schon wieder auer Mode geraten ist. Es gibt
hier Moden, die kaum Zeit haben, recht aufzutreten. Voriges Jahr haben
alle Kinder, auch viele Erwachsene, Diabolo gespielt. Nun, dieses Spiel
ist aus der Mode, man mag es nicht mehr spielen. So wechselt alles ab.
Berlin gibt immer den Ton an. Es ist niemand zur Nachahmung
verpflichtet, und doch ist die Frau Nachahmung die groe und erhabene
Gebieterin dieses Lebens. Jedermann ahmt nach.

Papa kann reizend sein, er ist eigentlich immer nett, aber zuweilen wird
er wtend, ber was, das kann man nicht wissen, und dann ist er hlich.
Ja, ich merke es an ihm, wie die heimliche Wut, wie der Mimut den
Menschen hlich macht. Ist Papa nicht gut aufgelegt, so fhle ich mich
unwillkrlich als geprgelter Hund; und deshalb sollte Papa vermeiden,
seiner Umgebung, auch wenn sie nur aus einer Tochter besteht, seine
Unplichkeit und seine innere Unzufriedenheit zu zeigen. Vter begehen
da, gerade da, Snden. Das empfinde ich lebhaft. Aber wer hat keine
Schwchen, keine, gar keine Fehler? Wer ist ohne Snde? Eltern, die es
nicht fr ntig erachten, ihren Kindern ihre persnlichen Strme
vorzuenthalten, wrdigen dieselben im Nu zu Sklaven herab. Bse
Stimmungen soll ein Vater im stillen besiegen (aber wie schwer ist das!)
oder er soll sie zu fremden Leuten tragen. Eine Tochter ist eine junge
Dame, und in jedem gebildeten Erzeuger soll ein Kavalier lebendig sein.
Ich sage ausdrcklich: ich befinde mich bei Vater berhaupt wie im
Paradies, und wenn ich Mngel an ihm entdecke, so ist es die ohne
Zweifel von ihm auf mich bergegangene, also seine, nicht meine
Klugheit, die ihn scharf beobachtet. Papa mag nur fglich seinen Zorn an
Leuten auslassen, die von ihm in gewisser Beziehung abhngig sind. Es
umflattern ihn genug solche Leute.

Ich habe meine eigene Stube, meine Mbel, meinen Luxus, meine Bcher
usw. Gott, ich bin eigentlich sehr reich ausgestattet. Bin ich Papa
dankbar dafr? Welch eine geschmacklose Frage. Ich bin ihm gehorsam, und
dann bin ich doch sein Besitz, und er darf schlielich doch stolz auf
mich sein. Ich mache ihm Gedanken, ich bin seine husliche Sorge, er
darf mich anschnauzen, und ich sehe es immer als eine Art von
feinsinniger Pflicht an, ihn auszulachen, wenn er mich anschnauzt. Papa
schnauzt gern an, er hat Humor und ist zugleich temperamentvoll.
Weihnachten berhuft er mich mit Geschenken. brigens sind meine Mbel
von einem gewi nicht unberhmten Knstler entworfen. Papa verkehrt fast
nur mit Leuten, die irgendeinen Namen haben. Er verkehrt mit Namen.
Steckt in solch einem Namen etwa auch noch ein Mensch, um so besser. Wie
grlich mu es sein, zu wissen, da man berhmt ist und zu fhlen, da
man das gar nicht verdient. Ich stelle mir viele solcher Berhmtheiten
vor. Ist solch ein Ruhm nicht wie eine unheilbare Krankheit? Wie ich
mich nur ausdrcke. Meine Mbel sind wei lackiert und von einer
kunstverstndigen Hand mit Blumen und Frchten bemalt. Die sehen reizend
aus, und der sie bemalt hat, ist ein ausgezeichneter Mensch, der von
Vater sehr geschtzt wird. Wen Vater schtzt, der soll sich aber auch
geschmeichelt fhlen. Ich meine, es bedeutet etwas, wenn Papa
wohlwollend zu jemandem ist, und diejenigen, die das nicht empfinden und
tun, als wenn es ihnen pipe sei, die schaden sich natrlich. Die blicken
zu wenig hell in die Welt. Ich halte meinen Vater fr einen durchaus
seltenen Menschen; da er in der Welt Einflu ausbt, liegt klar auf der
Hand. -- Viele meiner Bcher langweilen mich. Nun, dann sind es eben
nicht die rechten, wie z.B. sogenannte Bcher fr das Kind. Solche
Bcher sind eine Unverschmtheit. Wie? Man erkhnt sich, Kindern Bcher
zum Lesen zu geben, die nicht ber ihren Horizont hinausgehen? Zu
Kindern soll man nicht kindlich reden, das ist kindisch. Ich, die ich
doch auch ein Kind bin, hasse das Kindische.

Wann werde ich aufhren, mich mit Spielsachen abzugeben? Nein.
Spielsachen sind s, und ich spiele mit der Puppe noch lang, das wei
ich, aber ich spiele bewut. Ich wei, da es dumm ist, aber wie schn
ist das Dumme und Nutzlose. So, denke ich mir, empfinden
Knstlernaturen. Zu uns, d.h. zu Papa, kommen fters verschiedene
jngere Knstler essen. Nun, sie werden eingeladen, und dann erscheinen
sie. Oft schreibe die Einladungen ich, oft das Frulein, und es herrscht
dann eine groe, amsante Munterkeit an unserm Etisch, der natrlich,
ohne zu prahlen oder geflissentlich zu prunken, wie der gedeckte Tisch
eines feinen Hauses aussieht. Papa umgibt sich scheinbar sehr gern mit
jungen Leuten, mit Leuten, die jnger sind als er, und doch ist er
eigentlich immer der Lebhafteste und Jngste. Man hrt die meiste Zeit
ihn reden; die brigen horchen, oder sie erlauben sich kleine
Bemerkungen, was oft sehr drollig ist. Vater berragt sie alle an
Bildung und Schwung der Weltauffassung, und alle diese Leute lernen von
ihm, das sehe ich deutlich. Oft mu ich lachen bei Tisch, dann kriege
ich eine sanfte oder unsanfte Zurechtweisung. Ja, und nach dem Essen
wird bei uns gefaulenzt. Papa legt sich aufs Ledersofa und fngt an zu
schnarchen, was eigentlich recht schlechter Ton ist. Aber in Papas
Benehmen bin ich verliebt. Mir gefllt auch seine aufrichtige
Schnarcherei. Will man, oder kann man denn immer Unterhaltung machen?

Vater gibt sicher viel Geld aus. Er hat Einnahmen und Ausgaben, er lebt,
er erzielt Gewinne, und er lt leben. Er sieht sogar ein wenig nach
Vergeudung und Verschwendung aus. Er ist stets in Bewegung. Ganz
offenbar gehrt er zu den Menschen, fr die es ein Genu, ja eine
Notwendigkeit ist, immer irgend etwas zu riskieren. Es ist bei uns viel
von Erfolg und Mierfolg die Rede. Wer bei uns it und mit uns verkehrt,
der hat irgendwelche kleinere oder grere Erfolge in der Welt erzielt.
Was ist Welt? Ein Gercht, ein Gerede? Mein Vater steht jedenfalls
mitten drin, in diesem Gerede. Vielleicht dirigiert er es sogar bis zu
gewissen Grenzen. Papas Ziel ist auf alle Flle, Macht auszuben. Er
sucht sich und diejenigen, fr die er sich interessiert, zu entfalten,
zu behaupten. Sein Grundsatz ist: fr wen ich mich nicht interessiere,
der schadet sich. Infolge dieser Auffassung ist Papa immer von seinem
gesunden Menschenwert durchdrungen und kann fest und sicher auftreten,
und das schickt sich. Wer sich keine Bedeutung zumutet, dem macht es
nichts, Schlechtigkeiten zu verben. Wie rede ich? Habe ich das von
Vater?

Geniee ich eine gute Erziehung? Ich verzichte darauf, das zu
bezweifeln. Man erzieht mich, wie eine Grostdterin erzogen werden
soll, mit Vertraulichkeit und zugleich mit einer gewissen gemessenen
Strenge, die mir erlaubt und zugleich gebietet, mich an Takt zu
gewhnen. Der Mann, der mich heiraten wird, mu reich sein oder er mu
begrndete Aussichten auf einen festen Wohlstand besitzen. Arm? Ich kann
nicht arm sein. Mir und Geschpfen, die mir gleichen, ist es unmglich,
pekunire Not zu leiden. Das sind Dummheiten. Im brigen werde ich ganz
bestimmt die Einfachheit der Lebensfhrung bevorzugen. Ich mag uern
Prunk nicht leiden. Die Schlichtheit mu ein Luxus sein. Schimmern mu
es von Propperkeit in jeder Beziehung, und solche bis ins Letzte
geforderte Lebensreinlichkeit kostet Geld. Die Annehmlichkeiten sind
teuer. Wie energisch ich da rede. Ist das nicht ein bichen
unvorsichtig? Werde ich lieben? Was ist Liebe? Was fr Seltsamkeiten und
Herrlichkeiten mssen mir noch bevorstehen, da ich mir noch so unwissend
vorkomme in Dingen, fr deren Kenntnis ich noch zu jung bin. Was werde
ich erleben?




Brentano


Er sah keine Zukunft mehr vor sich, und die Vergangenheit glich, wie
sehr er sich auch bemhte, sie erklrlich zu finden, etwas
Unverstndlichem. Die Rechtfertigungen zerstoben, und das Gefhl der
Wollust schien immer mehr zu verschwinden. Reisen und Wanderungen,
ehemals seine geheimnisvolle Freude, waren ihm seltsam zuwider geworden;
er frchtete sich, einen Schritt zu tun, und er erbebte wie vor etwas
Ungeheuerlichem vor dem Wechsel des Aufenthaltsortes. Er war weder
ehrlich heimatlos noch auch redlich und natrlich irgendwo in der Welt
zu Hause. Er htte so gern ein Orgelmann oder ein Bettler oder ein
Krppel sein mgen, damit er Ursache htte, um das Mitleid und um das
Almosen der Menschen zu flehen, aber noch inbrnstiger wnschte er zu
sterben. Er war nicht tot und doch tot, nicht bettelarm und doch solch
ein Bettler, aber er bettelte nicht, er trug sich auch jetzt noch
elegant, machte auch jetzt noch, hnlich einer langweiligen Maschine,
seine Verbeugungen und machte Phrasen und entrstete und entsetzte sich
darber. Wie qualvoll kam ihm sein eigenes Leben vor, wie lgenhaft
seine Seele, wie tot sein elender Krper, wie fremd die Welt, wie leer
die Bewegungen, Dinge und Geschehnisse, die ihn umgaben. Er htte sich
in einen Abgrund hinunterstrzen mgen, er htte einen Glasberg
hinanklimmen mgen, er htte sich auf die Folter spannen lassen mgen,
und mit Wollust wrde er sich als ein Ketzer haben mgen langsam
verbrennen lassen. Die Natur glich einer Gemldeausstellung, durch deren
Rumlichkeiten er mit geschlossenen Augen wanderte, ohne sich gelockt zu
fhlen, die Augen zu ffnen, da er doch alles mit den Augen schon lngst
durchschaut hatte. Es war ihm, als she er den Menschen durch die Krper
mitten durch die elendiglichen Eingeweide, es war ihm, als hre er sie
denken und wissen, als she er sie Irrtmer und Albernheiten begehen,
als knne er es einatmen, wie unzuverlssig, dumm, feig und treulos sie
seien, und es war ihm zu guter Letzt, als sei er selber das
Unzuverlssigste, Lsternste und Treuloseste, was es gebe auf der Erde,
und er htte laut aufschreien, laut um Hilfe rufen, in die Knie sinken
und laut weinen, tage-, wochenlang schluchzen mgen. Dessen aber war er
nicht fhig, er war leer, hart und frostig, und vor der Hrte, die ihn
erfllte, schauderte es ihn. Wo waren die Schmelzungen, die
Bezauberungen, die er empfand, wo die Liebe, die ihn beseligte, die
Gte, die ihn durchglhte, das endlose meergleiche Vertrauen, an das er
glaubte, der Gott, der ihn durchentzckte, das Leben, das er umarmte,
die Wonnen und die Verherrlichungen, die ihn umarmten, die Wlder, die
er durchwandert, das Grn, das sein Auge erfrischte, der Himmel, in
dessen Anblick er sich verloren? Er wute es nicht, so wenig wie er noch
wute, was er sollte und wohinaus es mit ihm mute. O, seine Person.
Abreien von seinem Wesen, das noch immer gut war, htte er sie mgen.
Die eine Hlfte des Selbst tten, damit die andere nicht zugrunde gehe,
damit der Mensch nicht zugrunde gehe, damit der Gott in ihm nicht vllig
sich verlre. Es war ihm alles noch schn und doch zugleich so
furchtbar, noch so lieb und gut und doch so zerrissen, und nchtlich war
alles, und wst und er selber war seine eigene Wste. Oftmals, beim
Anhren eines Tones meinte er zurcksterben zu knnen in die vorigen
heien, empfindungsvollen Sicherheiten, in die bewegliche reiche warme
Strke von frher. Wie gespiet auf einen Eisberggipfel kam er sich vor,
schrecklich, schrecklich.------

Beim Gehen schwankte er wie ein Fiebernder oder wie ein Betrunkener, und
er hatte das Gefhl, als mten die Huser ber ihn umstrzen. Die
Grten, so gepflegt sie auch sein mochten, schienen ihm traurig und
unordentlich dazuliegen, er glaubte an keinen Stolz, an keine Ehre, an
kein Vergngen, an keinen wahren, echten Jammer und an keine wahre,
echte Freude mehr. Wie ein Kartenhaus erschien ihm das bisher feste
ppige Weltgebude: nur ein Hauch, ein Schritt, eine leichte Rhrung
oder Bewegung, und es bricht in dnne papierne Platten zusammen. Wie
dumm, und wie frchterlich----

In die Gesellschaft der Menschen wagte er nicht zu gehen, aus
panikartiger Furcht, man knnte merken, wie schlimm, wie trostlos es mit
ihm stand; zu Freunden zu gehen und sich auszusprechen: dieser bloe
Gedanke peinigte ihn aufs rgste. Kleist war unzugnglich, ein elender
grandioser Glcklicher, aus dem kein Wort mehr herauszubringen war. Der
glich einem Maulwurf, einem Lebendigbegrabenen. Die andern waren ihm so
schrecklich, so greulich zuversichtlich, und die Frauen? Brentano
lchelte. Es war ein Gemisch von Kinderlcheln und Teufelslcheln. Und
er machte eine abwehrende furchtsame Handbewegung. Und dann seine
vielen, vielen Erinnerungen, wie sie ihn tteten, wie sie ihn marterten.
Die Abende voller Melodien, die Morgen mit dem Blau und Tau, die heien,
tollen, schwlen, wunderbaren Mittagsstunden, der Winter, den er ber
alles liebte, der Herbst ---- nur nicht denken. Es soll alles
auseinandergehen, wie gelbe Bltter. Nichts soll stehen, nichts soll
einen Wert haben, nichts, nichts soll bleiben.

Ein Mdchen aus guten Kreisen, das ebenso klar-vernnftig wie schn
dachte, sagte ihm eines Tages folgendes: Brentano, sagen Sie, frchten
Sie sich denn nicht vor sich selber, so ohne einen hheren Wert und so
ohne Inhalt Ihr Leben dahinzuleben? Mute es mit einem Menschen, den man
lieben, ehren und bewundern mchte, so weit kommen, da man ihn beinahe
verabscheuen mchte? Kann ein Mensch, der so viel und so schn fhlt,
zugleich so gefhlsarm sein, kann es Sie denn wirklich immer, immer
wieder hinreien, sich zu zerstreuen und Ihre Krfte zu zersplittern?
Fangen, fesseln Sie sich doch. Sie sagen, da Sie mich lieben? Und da
Sie durch mich glcklich und wahr und aufrichtig wrden? Ich aber, o des
Grauens, Brentano, kann nicht glauben an das, was Sie sagen. Sie sind
ein Unmensch, Sie sind ein lieber Mensch, und doch ein Unmensch, Sie
sollten sich hassen, und ich wei, da Sie das tun, ich wei, da Sie
sich hassen. Sonst verschwendete ich kein so warmes Wort an Sie. Bitte,
verlassen Sie mich.

Er geht und kommt wieder, er schttet ihr sein Herz aus, er fhlt etwas
Wunderbares in ihrer Nhe in sich aufquellen, er spricht ihr immer
wieder von seiner Verlassenheit und von seiner Liebe, sie aber bleibt
stark und starr und erklrt ihm, da sie seine Freundin sei, da es aber
dabei bleibe, und da sie nie seine Frau werden kann noch will noch darf
und ersucht ihn, aufzuhren zu hoffen, da das je geschehen knne. Er
verzweifelt, sie aber glaubt nicht an die Tiefe und an die
Wahrhaftigkeit seiner Verzweiflung. Sie bittet ihn eines Abends in einer
Gesellschaft von sehr vielen feinen und angesehenen Leuten, er mchte
ein paar seiner schnen Gedichte vortragen, er tut es und erntet groen
Beifall. Jedermann ist entzckt ber den Wohllaut und ber die
berquellende Lebendigkeit dieser Poesien.

Ein Jahr oder auch zwei Jahre vergehen. Er mag nicht mehr leben, und so
entschliet er sich denn, sich selber gleichsam das Leben, das ihm
lstig ist, zu nehmen, und er begibt sich dorthin, wo er wei, da sich
eine tiefe Hhle befindet. Freilich schaudert er davor zurck,
hinunterzugehen, aber er besinnt sich mit einer Art von Entzcken, da
er nichts mehr zu hoffen hat, und da es fr ihn keinen Besitz und keine
Sehnsucht, etwas zu besitzen, mehr gibt, und er tritt durch das finstere
groe Tor und steigt Stufe um Stufe hinunter, immer tiefer, ihm ist nach
den ersten Schritten, als wandere er schon tagelang, und kommt endlich
unten, ganz zu unterst, in der stillen khlen tiefverborgenen Gruft an.
Eine Lampe brennt hier, und Brentano klopft an eine Tre. Hier mu er
lange, lange warten, bis endlich, nach so langer, langer Zeit des
Harrens und Bangens, ihm der Bescheid und der grausige Befehl erteilt
wird, einzutreten, und er tritt mit einer Schchternheit, die ihn an
seine Kindheit erinnert, ein, und da steht er vor einem Mann, und dieser
Mann, dessen Gesicht mit einer Maske verhllt ist, ersucht ihn schroff,
ihm zu folgen. Du willst ein Diener der katholischen Kirche werden?
Hier durch geht es. So spricht die dstere Gestalt. Und von da an wei
man nichts mehr von Brentano.




Aus Stendhal


Stendhal erzhlt in seinem schnen Buch von der Liebe eine ebenso
einfache wie schauervolle und tragische Geschichte, die von einer Grfin
und von einem jungen Pagen handelt, die sich lieben, weil sie ein ses
Gefallen aneinander finden. Der Graf ist eine finstere,
schrecknisversprechende Figur. Die Liebesgeschichte spielt in
Sdfrankreich. Ich stelle mir Sdfrankreich reich an mittelalterlichen
Burgen, Kastellen und Schlssern vor, und die Luft trumt und lispelt
dort von holder, heimlicher, schwermtiger Liebe. Es ist ziemlich lange
her, da ich die Geschichte gelesen habe, die in einem sonderbaren
altmodischen naiven Franzsisch geschrieben ist, welches rauh und
lieblich zugleich klingt. Auch die Sitten mssen damals rauh und dennoch
schn gewesen sein. Da sehen sie sich also an, die Frau und der
Edelknabe, und so gewhnen sich ihre Augen aneinander. Sie lcheln, wenn
sich ihre Blicke begegnen, und doch kennen beide wohl die grausame
barbarische Gefahr, in die sie sich begeben, wenn sie glcklich sind im
gegenseitigen Wohlgefallen. Der junge Mann singt so schn, da bittet sie
ihn, etwas zu singen, und er tut es, er greift zum Instrument, das er
mit Grazie zu handhaben wei, und singt ein Liebeslied dazu, und sie
lauscht ihm, sie lauscht seinen Tnen. Ihr Gatte ist ein Liebhaber der
Jagd und der wilden Raufereien. Hndel und Krieg interessieren ihn mehr
als die Lippen der Frau, die der milden wonnigen Mainacht an Schnheit
gleicht. So begegnen sich denn eines Tages, zu gegebener Stunde, die
Lippen des jungen Edelknechtes und der schnen Frau, und das Ergebnis
dieser reizenden Begegnung ist ein langer, heier, wilder, ser,
herrlicher Ku, an dessen Wonne die beiden zu sterben wnschen. Das
Gesicht der Grfin ist mit einer heiligen, entsetzlichen Blsse bedeckt,
und in ihren groen dunklen Augen flammt und lodert ein verzehrendes
Feuer, das mit dem Himmel und mit der Hlle verwandt ist. Doch sie
lchelt ein seliges, berglckliches Lcheln, das einer duftenden,
trumerischen Blte gleicht. Zu bedenken ist, da diese Frau, indem sie
am Kusse hngt, zum Tode entschlossen ist, da der Graf, ihr Gemahl, ein
schrecklicher Mann ist, von dem sie wei, da er ttet, wenn er in Zorn
gert. Auf wie hohe Art liebt sie, wenn sie liebt, wo sie wei, da die
Liebe ihr das Leben kostet, wenn es auskommt, was nicht auskommen soll,
was aber so leicht auskommen kann. Auch das Leben des Geliebten hngt an
einem Haar, wo er sich dem Vergngen des Kusses hingibt, woraus
notwendig folgt, da es ein Vergngen hoher Art ist, das er kostet. Der
Liebende und die Liebende sind beide gleich khn, gleich entschlossen
zum uersten, aber sie genieen dafr auch das Hchste. Sie erleben den
Gipfel des Lebens, da sie spielen mit ihrem Leben, und nur so ist es
mglich, den Gipfel zu erreichen. Wo das Leben nie in Gefahr ist, gibt
es nie eine Beseligung eben dieses Lebens.




Kotzebue


Eigentlich kann man nicht sagen, da Kotzebue Unvergngliches geschaffen
hat, obgleich man doch seinen kotzebutzlichen katzlichen Namen auch
heute noch hin und wieder nennt. Es ist mit Berhmtheiten, vielmehr
Unsterblichkeiten, wie Kotzebue eine ist, ein seltsames Ding. Ich
persnlich, das heit: still fr mich, stelle mir vor, da Kotzebue
entsetzlich gewesen ist. Er bestand nicht aus Knochen und anliegendem
zhen oder weichlichem Fleisch, nein, er war Asche. So blies man zum
Beispiel: und weg war Kotzebue. Kotzebue hat einer stets dankbaren und
freundlich-anhnglichen Nachwelt seine massiven, smtlichen, gepreten,
gedruckten, in Kalbsleder gebundenen, gekotzten und gebutzten Werke
hinterlassen, und dennoch, so darf man sich wohl erdreisten, zu sagen,
wird er kaum noch je wieder gelesen. Die ihn lesen, mssen erblassen,
und die ihn nicht lesen, scheinen nicht viel zu verlieren, indem sie ihn
ignorieren. Immerhin ist er ein Biedermann. Sein Gesicht war ganz
verkrochen und verborgen in einem ungeheuerlich groen und khnen
Rockkragen. Einen Hals hatte Kotzebue gar nicht. Seine Nase war lang,
und was seine Augen betrifft, so glotzten sie. Er hat zahlreiche
Lustspiele geschrieben, die mit glnzendem Kassensturzerfolg whrend der
Zeit, da Kleist verzweifelte, aufgefhrt worden sind. Im allgemeinen,
das mu man ihm lassen, hat er saubere Arbeit geliefert. Wenn man in
Kotzebues Nhe trat, so kutzelte und kotzelte es ganz bedenklich, und
diejenigen Mitmenschen und Zeitgenossen, die mit ihm zu tun hatten,
schmten sich unwillkrlich, da sie lebten. So und nicht anders war es
rund um Kotzebue, der denn auch, wie wir hoffen, zu den Heroen der
deutschen Geisteswelt gerechnet werden darf, wie so mancher andere, der
ein ebenso seltsamer Kotzebukauz war wie er. Wenn ich nicht ganz vom
Irrtum befangen bin, war er in Weimar ttig. Wo er aber erzogen worden
ist, und wer ihm sein bischen Bildung eingeimpft hat, das wissen die
Gtter. Die Gtter wissen alles. Die Groherzigen, die Gtigen! Sie
wissen sogar ber einen Kotzebue Bescheid. Kotzebue hat die Gtter in
jeder Beziehung beleidigt, und zwar durch nichts andres als einzig und
allein schon dadurch, da er sich einbildete, er habe die Pflicht, sich
fr was Bedeutendes zu halten. Ein dummer Mensch, der Sand hie, glaubte
in seiner Blindheit, die Welt von Kotzebue befreien zu sollen und scho
ihm eine Kugel durch den Schdel. So endete Kotzebue.




Bchners Flucht


In der und der geheimnisvollen Nacht, durchzuckt von der hlichen und
entsetzlichen Furcht, durch die Hscher der Polizei arretiert zu werden,
entwischte Georg Bchner, der hellblitzende jugendliche Stern am Himmel
der deutschen Dichtkunst, den Roheiten, Dummheiten und Gewaltttigkeiten
des politischen Gaukelspiels. In der nervsen Eile, die ihn beseelte, um
schleunigst fortzukommen, steckte er das Manuskript von Dantons Tod in
die Tasche seines weitschweifigen, khn geschnittenen Studentenrockes,
aus welcher es weilich hervorblitzte. Sturm und Drang fluteten, einem
breiten kniglichen Strom hnlich, durch seine Seele; und eine vorher
nie gekannte und geahnte Freude bemchtigte sich seines Wesens, als er,
indem er mit raschen und groen Schritten auf der mondbeglnzten
Landstrae dahinschritt, das weite Land offen vor sich daliegen sah, das
die Mitternacht mit ihren groherzigen, wollstigen Armen umarmte.
Deutschland lag sinnlich und natrlich vor ihm, und es fielen dem edlen
Jngling unwillkrlich einige alte schne Volkslieder ein, deren
Wortlaut und Melodie er laut vor sich hersang, als sei er ein
unbefangener, munterer Schneider- oder Schustergeselle, befindlich auf
nchtlicher Handwerkswanderung. Von Zeit zu Zeit griff er mit der
schlanken feinen Hand nach dem dramatischen, nachmals berhmt gewordenen
Kunstwerk in der Tasche, um sich zu berzeugen, da es noch da sei. Und
es war noch da, und ein frhliches, lustsprudelndes Gewaltiges berkam
und berrieselte ihn, da er sich in der Freiheit befand, eben da er in
das Kerkerloch des Tyrannen hatte wandern sollen. Schwarze, groe,
wildzerrissene Wolken verdeckten oft den Mond, als wollten sie ihn
einkerkern, oder als wollten sie ihn erdrosseln, aber stets wieder trat
er, gleich einem schnen Kind mit neugierigen Augen, aus der
Umfinsterung an die Hoheit und an die Freiheit hervor, Strahlen auf die
stille Welt niederwerfend. Bchner htte sich vor lauter wilder, ser
Flchtlingslust auf die Knie an die Erde werfen und zu Gott beten mgen,
doch er tat das in seinen Gedanken ab, und so schnell er laufen konnte,
lief er vorwrts, hinter sich das erlebte Gewaltige und vor sich das
unbekannte, noch unerlebte Gewaltige, das ihm zu erleben bevorstand. So
lief er, und Wind wehte ihm in das schne Gesicht.




Birch-Pfeiffer


Wenn jemals jemand, so kalkuliere ich, Talent besessen hat, so war es
die berhmte Birch-Pfeiffer. Sie hat in dem idyllisch gelegenen Zrich
gewohnt und nannte sich Grfin. Dick und zugleich gewissermaen schlank
von Figur, war sie eine imponierende, ja, man darf sagen, berckende und
bezaubernde Erscheinung. Alles huldigte ihr, alles und jedes kniete vor
ihr nieder. Sie hat sowohl als Mensch wie als Dichterin die ppigsten
Erfolge errungen. Sie erschwang sich, indem sie ihre breiten Rcke
raffte, mit einem prachtvollen Schwung die Bhne, und von da an
beherrschte sie sie. Sie war eine Begnadete, und sie selbst teilte in
Hlle und Flle Gnaden, Gensse und Entzckungen aus. Noch heute, nach
so vielen Jahren, werden ihre Bonbons, das heit: Stcke gegeben. Sie
hat so s und so liebreizend gedichtet, da alle diejenigen Leute, die
ins Theater liefen, um sich ihr Stck anzusehen, vor Rhrung und
Seelenbeklemmung weinen muten. Sie hat einer liebelechzenden Welt das
Rhrstck, das stets auch zugleich Zugstck war, vor die Nase geworfen,
und die gerhrte und erschtterte Welt dankte ihr, indem sie sie hochhob
und im Triumph auf der Achsel herumfhrte. Eins ihrer am hufigsten
gegebenen Stcke heit: Das Lorle oder Dorf und Stadt, Schauspiel in
fnf Ab- und Aufzgen. Whrend ein Bchner, der zu gleicher Zeit lebte
wie die Birch-Pfeiffer, so gut wie verschollen und unbekannt blieb,
schrie man nach ihr, und wenn sie vor dem Vorhang, breit und gro, wie
sie war, erschien, so wollte der Jubel kein Ende nehmen. Noch einige
Merkwrdigkeiten, die die groe Frau an sich hatte, wollen wir uns
erlauben zum besten zu geben: O, da wir strben am Andenken an die
Unvergleichliche und Unvergeliche. Die Se, sie hatte einen so starken
Busen, da, wer sie zu Gesicht bekam, umfiel, als wre er von einer
Kanonenkugel getroffen worden. Gleich einem beweglichen Hektoliterfa
strmte sie daher, und ihre Adlernase konnte niemand anschauen, ohne
aufs tiefste von dem edlen Anblick betroffen zu sein. Sie trug, so heit
es in den Annalen, mit Vorliebe grellgelbe Strmpfe mit
getrocknet-schwarzen Strumpfbndern. Ihre Taille war mchtig, und ihr
Rcken stemmte sich hinten hoch zu Berg, als wenn er zersprengen wollte.
Ihre gewitterdunklen Augen blickten stets strafend, und ihr Mund war
zugebissen. So, das sind einige der markantesten Zge. Es bliebe noch
manches zu sagen -- aber wir wollen lieber schweigen und ... ehren!




Lenz


Sesenheim. Stube

=Friederike=: Warum sind Sie traurig, lieber Herr Lenz? Machen Sie doch
eine muntere Miene. Sehen Sie: ich bin so frhlich. Kann ich denn etwas
dafr, da ich guter Laune bin? Nehmen Sie mir das bel? Nehmen Sie mir
bel, da ich nicht trb und migestimmt sein mag? Wie kommt mir nur
heute die Welt so schn vor. Ihnen nicht?

=Lenz=: Ich kann es nicht mehr aushalten. Ich mu hinaus. Schnell. Sie
sind glcklich, Sie sind gttlich. Um so elender bin ich. Wenn ich Sie
so schn sehe, mu ich Sie beim Kopf nehmen und kssen, und das wollen
Sie nicht, das werden Sie nie wollen, nie wnschen. Wir sind nicht fr
einander. Ich bin fr nichts auf der Welt.

=Friederike=: Warum nur gleich so den ganzen Mut sinken lassen. Sie
knnen mir recht weh tun. Sie knnten mir eine wahre Lust schenken, wenn
Sie sich ein wenig wohlbefinden wollten, aber das wollen Sie nicht.

=Lenz=: Ich kann nicht.

=Friederike=: Ja, gehen Sie. Gehen Sie hinaus. Lassen Sie mich. Es ist
besser.

=Lenz=: Wissen Sie, wie ich Sie liebe? Wie ich Sie vergttere?

=Friederike=: Das htten Sie nicht ntig gehabt zu sagen. Hier kommt
Goethe. Wei Gott, es nimmt mich, es reit mich, wie ich diesen lieben
Menschen sehe.


Friederikens Kammer. Dmmerung

=Lenz=: Leise, leise. Da nur ja kein Mensch mich sieht. Wie bin ich
abscheulich. Aber es ist besser, abscheulich und hlich sein als so
trostlos. Mag denn ein Elender auch seine Freude haben. Warum mu einem
Menschen gar nichts, gar nichts und einem andern alles, was es Schnes
gibt, gegnnt sein? Lieber verworfen sein als gar nichts sein. O Natur.
Wie himmlisch bist du. Selbst denen, die dich entstellen, wirfst du
Wonnen und Seligkeiten vor die Seele. Hier sind ihre Strmpfe. (Kt
sie.) Ich bin wahnsinnig. Wie ich zittre. So zittert der Verbrecher. Wie
heilig mir diese Gegenstnde sind. Wie's mir ber den Kopf kommt. Wenn
jemand kme. Fort. Ich wre auf immer zuschanden.


Straburg. Auf dem Mnster

=Goethe=: Wie herrlich dieser Blick ist. Studium und Genu sind nie
besser verbunden als an einem solchen erhabenen Ort. Indem man Lust hat,
immer weiter mit dem Auge zu schweifen, wird die schne weite Aussicht
immer lehrreicher. Dort der Flu im breiten, wohlwollenden Land, wie er
schimmert. Wie eine Sage, wie eine alte, gute Wahrheit schlngelt er
sich durch die ausgedehnte Ebene. Dort hinten in der Ferne die Berge.
Man kann alles auf einmal sehen und sich doch nicht satt sehen. Unser
Auge ist eine seltsame Maschine. Es greift und lt alles wieder fahren.
Da unten in den alten, lieben Gassen: wie sie treten, gehen und
tagewerken, die traumhaft befangenen Menschen. Man kann von hier oben
herab so recht sehen, wie wohlttig und wie rechtschaffen wir sind
ergriffen von der gesunden tglichen Gewohnheit. Ist nicht Ordnung immer
wieder das Schne?

=Lenz=: In unsere deutsche Literatur mu der Sturm fahren, da das alte,
morsche Haus in seinen Gebalken, Wnden und Gliedern zittert. Wenn die
Kerls doch einmal natrlich von der Leber weg reden wollten. Mein
Hofmeister soll sie in eine gelinde Angst jagen. Jagen, strmen. Man
mu klettern. Man mu wagen. In der Natur ist es wie in Rauschen und
Flstern von Blut. Blut mu sie in ihre aschgrauen, blassen, alten
Backen bekommen, die schne Literatur. Was: schn. Schn ist nur das
Wogende, das Frische. Ah, ich wollte Hmmer nehmen und drauflos hmmern.
Der Funke, Goethe, der Funke. Die Soldaten, bilde ich mir ein, mssen
so etwas wie ein Blitz werden, da es zndet.

=Goethe= (schaut ihn an, lchelt).


Gasse. Es regnet

=Lenz=: Es wird mir hier alles barbarisch. Ich verkomme. Kein
Fingerzeig. Die Illusionen schwinden. Kein Traum mehr. Und wie tot, wie
schwl ist alles. Mu es denn gerade jetzt regnen? Wozu ist berhaupt
der Regen? Der Regen ist dazu da, da es Regenschirme und nasse Straen
in der Welt gibt. Unter meinen Augen ist es mir siedend hei. Am
liebsten mchte ich jetzt kriechen. Dieses ewige Gehen. Was man sich
doch fr dumme Mhe macht...


Weimar. Saal im Schlo

=Die Herzogin=: Also so sehen Sie aus? Treten Sie ungescheut nher. Wie
man Sie willkommen heit, drfen Sie auch ein Zutrauen haben. Ihre
dramatischen Arbeiten sehen Ihnen hnlich. Es ist etwas Schchternes und
etwas Wildes an beiden. Legen Sie beides ein wenig ab, so werden Sie
mehr Genu an Ihrem Dichterfeuer und an Ihnen selbst haben. Es freut
mich aber wirklich sehr, da Sie Neigung gefunden haben, zu uns zu
kommen, und hoffentlich wird es Ihnen bald auch bei uns einigermaen
behagen. Das Leben will eine gewisse behagliche Wrme und auch eine
gewisse schickliche Breite haben. Doch ich tu' ja, als wenn ich Ihnen
einen Vortrag halten wollte. Das will ich und soll ich nicht; ich soll
mich nur sehr von Herzen freuen, da Sie hier sind, und das tu' ich,
glauben Sie es mir. Haben Sie auch schon eine gnstige Wohnung gefunden?
Ja? Das ist gut. Unser Weimar kann Ihnen sicher heimisch werden, es
bietet mancherlei. Nur mssen Sie es eben, wie es ist, auch zu nehmen
und zu genieen wissen. Sieht man Sie so, so glaubt man, Sie ein bischen
schulmeistern zu drfen. Verbeln Sie, da ich warm mit Ihnen rede?
Nicht? Um so besser. Aber ich schwatze, und der Herzog wartet auf mich.

=Lenz= (errtend; sehr unsicher, will etwas sagen).

=Herzogin=: Ach, nur keine sonderlichen Danksagungen. Sagen Sie sie mir
ein andres Mal. Oder lieber gar nicht. Ihr Gesicht gefllt mir. Das
gengt. Es hat alle Artigkeiten und Hflichkeiten schon lngst
ausgesprochen. Ich werde sorgen, da wir uns wiedersehen. (Ab.)

=Lenz=: Schweb' ich? Wo bin ich?


Terrasse. Ausblick in den Park

=Lenz=: Ich dichte, schaffe nichts. Dieses ewige Knixen und Schntun.
Dieser Frost, diese nichtssagenden Frmlichkeiten. Bin ich noch ein
Mensch? Warum bin ich enttuscht? Warum will ich mich nur gar nirgends
in der Welt anschmiegen? Da war's doch in Straburg anders. War's denn
etwa dort besser? Ich wei nicht. Kann ich nirgends Fu fassen? Kann ich
mich nirgends behaupten? Ich frchte mich. Ich bin grauenhaft.


Nacht. Zimmer der Hofdame Grfin so und so

=Grfin=: Was soll das heien?

=Lenz=: Lassen, lassen Sie mich. Vergnnen Sie mir den Genu, zu Ihren
Fen liegen zu drfen. Wie schn, wie trostreich fr die verdurstende,
schrecklich gepeinigte Seele ist dieser Moment. O, klingeln Sie nicht,
rufen Sie nicht Ihre Leute. Bin ich denn ein Ruber, ein Einbrecher?
Freilich bin ich unangemeldet hergestrzt. Wo man liebt: soll man sich
da erst noch lange um die hergebrachte Sitte kmmern mssen? Wie sind
Sie schn, und wie bin ich glcklich, und wie feurig, wie innig wnsche
ich, nicht Ihr Mifallen zu erregen. Knnen Worte, die aus der Brust
eines Menschen kommen, der Sie anbetet, Sie beleidigen? Gewi ist das ja
mglich, gewi, gewi. Ich Sie beleidigen, ich Sie auch nur mit einem
Hauch beunruhigen? Wie wre das mglich? Schauen, schauen Sie mich nicht
so hart an. Ihre Augen, die so schn sind, haben nicht verdient, da sie
so kalt, so unfreundlich, so ungtig blicken mssen. Retten Sie mich.
Ich bin dem Verderben preisgegeben, wenn Sie kein Gefhl fr mich haben.
Haben Sie kein Gefhl? Drfen Sie keins haben? Bin ich denn jetzt
zerschmettert? Bin ich verloren mit allen meinen himmlisch-schnen
Trumen? Wissen Sie, wie s, wie schn ich trumte? Doch ich wei nicht
mehr, was ich sagen soll. Ich soll schweigen, ich soll jetzt wohl
einsehen, da ich die hchste aller Unziemlichkeiten begangen habe, ich
soll fhlen, da alles kalt ist, und da alles zu Ende ist.

=Grfin=: Ich bin sprachlos.

=Lenz=: Wie schn du bist. Dieser Busen, diese Arme, dieser Krper.
Knnen so viele Herrlichkeiten sich anders als sanft gebrden?

=Grfin=: Entfernen Sie sich auf der Stelle. Soll ich Ihnen erst noch
sagen, da Sie bewiesen haben, wie verzweifelt und wie unmglich Sie
sind. Sind Sie um die gesunde Vernunft gekommen? Ich mu es glauben.


Arbeitskabinett des Herzogs

=Goethe=: Er ist ein Esel.

=Herzog=: Ein unglckliches Kind. Was er getan hat, wre sonst
unbegreiflich. Man schaffe ihn auf eine sanfte Manier fort. Mein Hof
kann dergleichen nicht dulden.




Germer


Ein Lebensposten ist gar nicht so ohne. Ganz gewi nicht. Jedermann
sieht gern ein, da mit einer Weltposition hundert kleine Schnheiten,
Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten verbunden sein knnen, so zum
Beispiel die reizende, ruhige Mitgliedschaft zum literarischen
Lesezirkel. Wer eine Existenz hat, darf sich gemtliche Bockbierabende
erlauben. Das regelmige Einkommen sitzt abends im Konzert oder im
Theater. Der gute Monatslohn macht mit Schwung und Selbstbewutsein
Maskenblle mit. Und doch hngt an der Lebenspostenexistenz manches, was
nicht fein ist, unter anderem die Unterminierung der krperlichen und
geistigen Gesundheit. Hier sei schchtern an das menschliche
Nervensystem erinnert.

Germer, langjhriger Inhaber eines schwierigen Wechselportfeuillepostens,
kann den Atem und die leibliche Bildung seiner Herren Kollegen
nicht mehr ertragen. Wer gesund und robust ist, der macht
gern Witze, die Meier vom Landgut und Stadthaus zum Beispiel.
Diese beiden sind Witzbolde ersten Ranges. Germer ist ungeduldig. Wer
ungeduldig ist, hat das gemtliche Bockwurstwitzwesen. Auerdem hat ihn
die Langjhrigkeit seines Postens krank im Geist gemacht. Er macht zwar
noch immer sein Pflichtchen, freilich, aber mit permanenter
Zusammenraffung seiner letzten Geniekrfte. Ja, ja, so ein Weltposten.

Fast tglich gibt es in der hochberhmten Bankkomptabilitt, so gegen
halb zwei Uhr mittags, gratis Volksschauspiele. Zugelassen werden
natrlich nur die Herren Angestellten und Maschinenrechner, aber das ist
schon ein ganz artiges Theaterpublikum. Vollzhlig sind sie da, die
Senn, die Glauser, die Tanner, die Helbling, die Schrch, die Meier von
da und dort, die Binz und die Wunderli. Sitz- und Stehpltze werden
nonchalant, den Zigarrenstumpen im Mund, eingenommen. Duft und Stimmung,
Wesen und Privatabsicht, Spezielles und Allgemeingltiges, und drauen
scheint die Sonne. Herr Germer! sagt einer. Dieser eine geht langsam
zu Germer hin und stellt sich dicht neben ihm auf. Lassen Sie mich!
Weg! sagt Germer, indem er mit der grlich flachen Hand wegwischt.
Alles schmettert und schnattert vor Lachen. Ja, ja, so eine duftvolle
Mittagspause.

Was gesund, rotwangig und robust ist, das mu etwas zum Spielen,
Unterhalten und Peinigen haben. Schon die lieben Kinder gehen da mit
einem selten guten Beispiel voran. Wie kstlich macht sich das, und
solch ein tnendes Lachen, wie ist das gttlich! Das heilige Lachen! Die
Gtter im Olymp sind auch Angestellte. Auch sie langweilen sich
wahrscheinlich zuzeiten ziemlich stark, und auch sie begren daher
Gratisvolksschauspiele und -auftritte mit dankbar schallendem Vergngen.
Sicher ist die gepriesene Gtterwohnung auch nur eine Art Komptabilitt,
gerade wie die unsere, und die Gtter und Gttinnen schreiben und
rechnen und korrespondieren vielleicht auch an solchen schmalen
Pultreihen, angeschmiedet, gerade wie wir's hier so furchtbar deutlich
schauen, an den Lebensposten.

Jedes Ding auf dieser Erde hat seine trivialen zwei Seiten, eine
schattige dstere und eine fidele helle. Wem das saure tgliche Brot nur
so auf den Monatssalrtisch fllt, der mu sich verpflichtet fhlen,
nach und nach zur kontraktlich regelmigen Maschine zu werden. Im
Ernst: dies ist erste und letzte Aufgabe. Germer ist eine schlechte
Maschine, er beherrscht seine Empfindungen nicht, er tobt, er brllt, er
pfeift, er wischt ab, er knirscht mit den Zhnen, er macht grozgige
Arm- und Handbewegungen, er schreitet einher wie ein Knig der Bretter,
die die Welt bedeuten sollen, er ist krank. Es gibt ja Krankheiten, die
zu Lebensstellungen noch ganz gut passen. Germers Krankheit aber ist der
scheinbar persnliche und berzeugte Feind seines krftefordernden
Postens. Schickt sich das? Wer einen Posten besetzt, der mu alles
Unpostengeme wegwischen. Unser Mann aber wischt mit der Hand seinen
Posten weg. Das ist dumm, weil es unmglich ist. Niemand kann Existenzen
abwischen. Germer sagt immer: Weg! Lassen Sie mich in Ruhe! Ja, ja, so
eine defekte Maschine.

Ein Herr Kollege soll auch kollegialisch empfinden. Das Prinzip der
Kollegialitt ist ein herrisches und ein nur zu tief begrndetes. Das
ist so gewesen und wird sicher so bleiben. Ein hungernder Vagabund hat
nicht ntig, Rcksicht zu nehmen, dafr hungert er aber auch. Germer
aber hat jeden Tag sein Essen, Trinken, Schlafen, Wohnen, Spazieren und
Stumpenrauchen, diese wie vom Himmel auf seine Person heruntergefallenen
Tischlein-deck-dich-Sachen kommen von der weltgebietenden
Kollegenschaft. Darf er das hintansetzen? Darf er dem Herrn Buchhalter
Binz die Zunge ausstrecken, darf er Affen! zu den Korrespondenten
sagen? Ganz gewi nicht, und doch tut er's, aber nicht er tut's
eigentlich, seine Krankheit begeht diese Snden, also ist Germers
Krankheit ein Feind des mchtigen Kollegengedankens. Meier vom Land, der
wei, wie schn es auf dem Land ist, hat schon mehrmals der Idee
Ausdruck verliehen, da Germer aufs Land gehre. Diese Idee wird von
Kollege Helbling, zur Abwechslung scheinbar, wieder einmal, von Mann zu
Mann im ganzen Bureau herumgetragen: Es wre bald besser, man tte den
Germer aufs Land. Chef Hasler, der stets Umsichtige, macht der
Verbreitung guter Literatur in die breiten Volksschichten ein rasches,
stirnrunzelndes Ende: Es ist mir lieber, Sie arbeiten, Helbling.

Die Landidee ist aber nicht mehr auszurotten. Binz, der Buchhalter im
Profil, gibt ihr weiteren Ausdruck: Da htte er's doch verflucht gut.
Die Landluft knnte ihn am Ende wieder vllig gesund machen. Hier wird
er von Tag zu Tag dmmer. Es ist bald eine Schande, so einen Menschen
berhaupt nur anzusehen. Es ekelt einen ja bald einmal. Auf dem Land
wrde er Sonnenschein und eine leichte Beschftigung haben. Den halben
Tag knnte er unter einem Baume im Gras liegen und 'Weg von mir!' sagen.
Die Mcken und Fliegen wrden es ihm beim Eid nicht belnehmen. Man
geniert sich bald. Und mit dem Helbling mte man eigentlich auch bald
endlich einmal kurzen Proze machen. Wenn ich Chef wre, ich wrde hier
herum allweg bald besser Ordnung machen. Wenn ich Chef wre! Herr Binz
im Quadrat mchte gern Chef der gesamten Abteilung sein. Seiner Nase nach
steht es schlimm mit der Zucht und Wrde in den Buchhaltungsrumlichkeiten.
An seine dicken tglichen Folianten gedrckt, trumt er
von eisernen Reformen und von sich als von dem gestrengen
Vollstrecker derselben. Ja, ja, die Untergebenen.

Es wird auch nicht schlecht ber die vermutlichen und vermeintlichen
Ursachen von Germers geistiger Verwilderung hin und her gesprochen. Der
Posten ist schuld. Der Posten ist zu aufreibend. Lngst gehrte Germer
vom Posten weg. Jeder andere wrde an solch einem Posten ebenfalls
verrckt. Und dann wird geflstert, Regg sei schuld, Herr Regg, der
Unterchef. Dieser habe den Germer mit kalter Berechnung in den Wahnsinn
gehetzt. Kein anderer als Regg trgt Schuld. Das sei ein Schikaneur von
der durchtriebensten Sorte. Neben diesem Satan zu arbeiten, das sei eine
Qual. Erstens das teuflische Portefeuille, zweitens Regg, der
figrliche Teufel. Der Germer sei zu bedauern. Warum sich das Kalb habe
abhetzen lassen? Jedenfalls msse er vom Posten weg. Helbling unternimmt
es bereitwilligst, im ganzen Bureau herum die Qualen des Germerschen
Postens zu schildern, er malt mit den absichtlich schwrzesten und
zeitraubendsten Malmitteln. Er schildert wieder einmal Zeit tot. Aber
Chef Hasler, kunstfeindlich wie immer, zerstrt das Wandgemlde.

Herr Germer, Sie mssen exakter arbeiten, sagt Regg, der Chef des
Portefeuilles, ein lteres, stilles, bebrilltes, schmchtiges,
monotones, graues, bebartetes, bleiches Herrchen mit schmachtender,
bohrender Stimme. Herr Regg, lassen Sie mich in Frieden. Verstanden!
Weg! sagt Germer. Nun sind das ja keineswegs Untergebenenworte, noch
viel weniger Tgliche-Brots-Worte, und noch weniger Worte eines
Menschen, der frchten mu, vom Posten weggewischt zu werden. Aber was
kann man dafr, wenn es in Gottes Namen aus einem heraussprudelt. O wie
Regg Germer hat, aber noch schrecklicher ist es, wie Germer Regg
hat, und am frchterlichsten ist es, wie beide einander in den Tod sich
hassen. Und doch mssen sie zusammen arbeiten, eng verschlungen wie die
geschmeidig sein sollenden Bestandteile einer schnurrenden Maschine. Des
einen Ttigkeit ist futsch ohne die bereitwillige Ttigkeit des andern.
Macht einer Fehler, so mssen drei drunter leiden, und Germer macht
immer Fehler, aber er glaubt steif und fest, er arbeite nur deshalb
schlecht, weil Reggs Bosheit ihn kaput macht. Regg dagegen ist ein
feiner, geschmackvoller Mensch, er beteiligt sich nie an den
Volksschauspielen, er behandelt Germer als einen vllig Normalen, und
das gerade reizt den Kranken: Weg! Sagt Hebel _A_ zu Hebel _B_ solche
Worte? Ja, ja, so ein Bestandteil.

Und jahrelang haben die beiden Hebel _A_ und _B_ zusammen das Rad der
Arbeit mhsam geschwungen. Unter: Sie mssen besser arbeiten! und:
Gehen Sie mir weg! Unter heimlich fressendem rger. Regg hat den
Germer immer unter der Brille schrg hinauf angeschaut. Vielleicht haben
diese Blicke das Ungestm in Germers Wesen heraufbeschworen. Wer kann
einer Seele sagen, woran sie erkrankt. berlassen wir die zeitgeme
Beantwortung dieser Frage unsern Herren der Wissenschaft. Die haben's
Patent drauf. Wenn so eine fleiige, emsige Stille im Saal herrscht,
pfeift einer pltzlich, und wer ist es? Germer. Auch laut lachen kann er
pltzlich. Und immer wischt er mit der schrecklich groen und flachen
Hand etwas aus der Luft weg. Armer Germer.

Ja, ja, das Leben ist hart, Helbling wei auch ein Lied davon zu singen.
Man sagt, die eintnigen Lieder seien die rhrendsten. Germer ist
verheiratet, er hat Frau und zwei Kinder, Mdchen, die jetzt anfangen
zur Schule zu gehen. Alle sechs bis acht Wochen besucht Frau Germer den
Direktor der Bank, um diesen hochachtbaren Mann weinend zu bitten, er
mge das Ntige tun und veranlassen, da man ihren Mann mglichst schone
und in Ruhe lasse. Es ist der Kollegenschaft bedeutet worden, die
Veranstaltung von Extravorstellungen zu unterlassen. Besser wre, man
tte ihn aufs Land, meint Meier vom Land.




Das Bebli


Er ist Bankkommis und ein kleiner Kerl, Subbli von seinen Kollegen
genannt, eine Benennung, die er mit scheinbarer Gleichgltigkeit
ertrgt. Etwas Geringfgiges schwebt um seine Gestalt, und eigentlich
ist er nur eine Figur, keine Gestalt, nur ein menschliches Etwas, keine
Erscheinung. Ein bichen lndlich betrgt er sich, und er stammt in der
Tat auch vom Land, sein Vater vertrgt in dem Dorf, wo er her ist, die
Briefe. Es soll also wohl oder bel auch etwas Pstliches an ihm sein,
ja, beinahe, aber dies kommt ungefhr so schwach zum Ausdruck, wie die
Mienen an den Personen eines schlechtgeschriebenen Romanes, oder wie das
Lcheln eines jener geriebenen Menschen, die nicht mit den Lippen,
sondern mit den Ohrlappen zu lcheln pflegen. Im brigen heit unser
Statist Glauser, Fritz mit Vornamen. Er nimmt Fechtstunden, so ein
Drckbrschli. Seine Krperhaltung ist infolgedessen eine recht gute,
die Haltung schulmeistert bestndig das, vermge dessen sie da ist, den
Krper, und der kleine, gute Glauser-Krper lt sich ruhig und ergeben
von der unzufriedenen Geist-Haltung kommandieren. An der Haltung merkt
man etwas, und am Krper belchelt man etwas, und an Glauser will man
immer etwas auszusetzen haben.

So zum Beispiel sagt man, er sei ein Streber, was ja nun allerdings ein
wenig wahr ist, aber sein Strebertum ist ein feines und bewutes, es
korrespondiert mit den Fechtstunden. Er strebt danach, seinen Herren
Abteilungschefs und Meistern Vorgesetzten zu gefallen. Keine ble Idee,
aber in den Augen des Kollegen Senn, des aufrhrischen Vasallen, ist
das gemein. Den suerlich dampfenden und kochenden Atem seines Meisters
Hasler vertrgt Glauser, wenn derselbe unvermutet hinter ihm steht, mit
Bravour, ja sogar mit Liebe, denn er sagt sich: Anstandshalber habe ich
gegen solcherlei Atembungen nichts einzuwenden. Ein besserer Duft wre
mir lieber. Aber wenn Chefs so atmen, so nehme ich 's hin.

Er ist klug, und er hat Charakter, er kennt keine Torheiten. Seinen
weiteren Kollegen Helbling verachtet er, aber vorsichtig, und seinen
noch weiteren Kollegen Tanner hlt er fr einen netten Kerl, aber fr
prinzipienlos. Helbling will nicht arbeiten, Tanner bezweckt nichts mit
der Arbeit, aber Glauser arbeitet an seiner persnlichen
Weiterentwicklung, er fhlt sich berufen, Groes zu erreichen, er macht
im Geist Karriere.

Er spart auch, er it fr vierzig oder fr dreiig Rappen zu Mittag,
eine Ausgabe, die ihm imponiert, weil sie zu seinen Plnen pat. Zu
rauchen gestattet er sich nicht, obwohl er es gern tte, dafr aber
trgt er Handschuhe und einen gewichtigen Spazierstock mit silbernem
Knopf. Es ist dies ein Luxus, aber erstens nur ein einmaliger, und
zweitens gibt der Mensch, der etwas erstrebt, gerne zu merken, da es
ihm eine Unmglichkeit ist, sich zu unterschtzen.

Ich bin vom Land, denkt fters Glauser, und habe aus diesem Umstand
heraus die Verpflichtung, es den Stdtern zu zeigen, was ein fester
Willen vermag. Er bentzt und besucht die Lesehallen, er ist im
hchsten Grade bildungsbedrftig, und er wei sich die Vorteile, die die
Stadt bietet, zu Nutzen zu machen. Er sagt sich: Diese Stdter! Da
schwrmen sie fr die Landschaft. Ihre Bibliotheken vernachlssigen sie.
Gut, dann bernehmen eben die Shne vom Land ihre Errungenschaften.

Glauser hat scheinbar ein Verhltnis mit der Kellnerin des Ochsen.
Dort pflegt er zu Abend zu essen, das ist etwas teurer als im
Volkswohlttigkeitshaus, man trinkt Bier zu einer Portion saurer Lebern,
aber es gehrt sich, infolgedessen tut er's. Die Verbindung mit dem
Mdchen kostet nichts, denn sie liebt ihn. Das Subbli ist also
irgendwo Hahn im Korb, hat irgendwo einen Stein im Brett, das wirkt
wohltuend, das erhebt, das macht, da man sich seiner Vorteile bestndig
bewut bleibt. Da kann man die andern reden lassen.

Sein Gehalt ist ein geringer, aber Glauser verbietet sich auf das
strengste, von einem hheren Salr zu trumen. So etwas reibt auf und
ist inkorrekt, denn es lenkt von den Obliegenheiten des Tages ab, und
das verhindert ein Mensch, der wei, was Pflicht und Schuldigkeit sind.
Das ist helblingisch, denkt er und ist stolz und froh, sich derart
bemeistern zu knnen. Absichtlich macht er Fehler, um ab und zu einen
Verweis zu hren, aus Diplomatie, damit es nicht in der hintersten Ecke
heit: Dieser kleine Luscheib von Streber! -- Jeder will gern ein
bischen populr sein, am liebsten die zuknftigen Herrscher.

An Gehaltszahltagen freuen sich die meisten Angestellten kindlich. Der
Klang des klimpernden Goldes erinnert an schne Naturmomente, an
Gensse, an das Verhalten-Menschliche. Es spricht eben zu den Herzen und
zu den Einbildungskrften. Nicht so Glauser. Der begegnet der fein
lchelnden Angestelltin, die gewhnlich auszahlt, kalt und gebrdet
sich, whrend die liebliche Zahlerin ihres Amtes bei ihm waltet,
folgendermaen: Dummkpfin! Mach's rasch! -- Es pat ihm nicht, sich
zu freuen, seine Lste sind tieferer und bewuterer Art.

An gemeinschaftlichen Sonntagsvergngungen nimmt er indessen teil, aus
Politik, aber auch aus Anstandsgefhl, da er nicht ein versteckter
Einsamer sein will. So etwas gehrt sich, Grund genug, mit dabei zu
sein. Das Tanzbein schwingt er trocken, aber er schwingt es wenigstens.
Das Tanzen gehrt im Vergleich zum Saufen noch in den schnen Kreis
des Geistigen, demnach hat man sich's in keinerlei Weise zu verbieten.
Daneben kann Glauser sich ja noch ruhig ber die Sache erhaben fhlen,
sowohl als ber den armen Helbling, der dem Vergngen leidenschaftlich
ergeben ist, und der sich von der Sache hinreien lt.

Glauser liest Nietzsche, er liest ihn, aber er lt sich durch diesen
Autor nur zeitweise fesseln, niemals bestrmen, auch nicht irgendwelche
Muster vorschreiben. Er hat seine ganz eigenen Gedanken, ihm imponiert
so leicht keiner. Die Geschichte Napoleons aber hat es ihm angetan,
diesen Mann nimmt er zum Vorbild. Daneben ist es eine englische
Grammatik, der er vorzugsweise seine Nebenstunden widmet. Er ist
Mitglied des Kaufmnnischen Vereines, aber ein laxes, die
Verbandsinteressen berhren ihn wenig, brigens ist er erst zwanzig und
ein halbes Jahr alt.

Gesundheitshalber begibt sich das kleine Glauserli fast jeden Mittag,
whrend der Bureaupause, zum See hinaus, in die dortigen, hbschen
Quaianlagen, um sich auf eine Bank zu setzen. Der Schatten ist ihm
ebenso lieb wie die Sonne, aber um kein Haar lieber. Der Wind ist ihm
angenehm, aber nicht s wie diesem Poeten Tanner. Die Natur ist
ntzlich und gut, keineswegs entzckend. Auf der Bank liest er ein Buch.
Drum herum ist Natur, aber eben, das ist es, die Natur ist gut zum
Drumherumliegen, das Buch ist die Hauptsache. Die Natur wrmt und
freundet sich an: von selber: eine Art Dienstbotin, eine stumme,
gutmtige Pflegerin. Man nutzt das aus, denn das lohnt sich.

Schritt fr Schritt schreitet unser Held vorwrts, und das heit soviel
als, er macht immer seine Sache ordentlich. Nie versptet er sich. Sein
Anzug ist ebenso sauber wie seine Arbeiten, die er abliefert, sein
Auftreten aber entspricht seinen Plnen, das heit, es ist bescheiden,
hohe Plne schreiben das vor. Whrend er arbeitet, scheint er
verschwunden zu sein, er ist gar nicht mehr auf der Welt, er lebt in den
unsichtbaren und unsichtbarmachenden Regionen der Pflichterfllung.
Meine Arbeit ist zu geistlos fr mich, denkt er, aber es gengt ihm,
da er diesen Einfall gehabt hat, er macht kein Drama daraus. Er
arbeitet langsam, Zahl fr Zahl, Buchstabe fr Buchstabe, richtig,
gesetzt, leidenschaftslos, wie es sich schickt vor einer Leistung, die
keine Anforderungen an die Begabung stellt. Das freut ihn kalt, da es
so ist. Glauser, das Lusbbli, ist von einer durchtriebenen
Zufriedenheit beseelt, und das ist es, was andern in die Augen sticht,
denn dahinter steckt etwas!--

Eines Tages, denkt 'd chli Hagel', werde ich ihr Chef sein. Die
werden sich wundern. Er hat sich im stillen lngst vorgenommen, nie
Stellung zu wechseln, eigenmchtig, sondern sich langsam an immer
bessere Posten versetzen zu lassen. Er wei, da es jahrelang dauert,
ehe er avancieren kann, aber das schreckt ihn nicht, im Gegenteil, er
hat eine diabolische Genugtuung, empfinden zu drfen, da man ihm
reichlich Gelegenheit zum hartnckig Ausharren geben wird. Er wei sich
im Besitz der hierzu erforderlichen Tugenden, und er lacht auf den
Stockzhnen hinten. Er hat Geduld wie eine Bahnbergangsbarriere. Er
sieht ja tglich das Muster der natrlichen Ungeduld vor sich, den
Helbling, der mit den Uhren kokettiert. Von diesem denkt er: Der
macht's nicht mehr lange.

Tanner macht's auch nicht mehr lange. Der arbeitet um des Arbeitens
willen. Das ist so eine Art zweckloser Knstlernatur! Das still
beobachtende Bbli ist seiner Sache sehr sicher. Nach kurzer Zeit
fliegen die beiden hinaus, Helbling auf dem Wege des Schassens und
Tanner aus eigenem Drang. Der eine geht zwecklos und der andere mit
Schand und Spott. Glauser aber stickt und zeichnet an dem fein erdachten
Gewebe seines Berufsprogrammes ruhig weiter.

Er hlt das Ding aus, und weit mehr: Die Bureausystemseele ist wie seine
eigene, das heit, keine Verdchtigungen! Er meistert eben seine Seele.
Er sieht: aha, hier geht es so zu, und da geht es sofort in ihm selber
hnlich zu. Seine Energie lt kein Unwohlbefinden aufkommen. So eine
Seele ist weich, und wozu? Zum Daraufdrcken! Eine Seele ist nach
Glausers Prinzipien zum Zermalmen da.

O er bringt es weit, aber noch lange nicht. Es geht langsam, aber dann,
nachdem es ein Leben gedauert hat, wird er konstatieren knnen, da er
es weit gebracht hat. Und wenn er's zu nichts bringt, so hat er doch
reich gelebt: er hat gewollt!--




Paganini


Obwohl dieses Spiel fr immer dahin ist, und obwohl meine Ohren es
niemals vernommen haben, so kann ich doch trumen davon, dichten und
phantasieren und kann mir vorstellen und ausmalen, wie s es geklungen
haben mu, wie herrlich es geklagt, wie wunderbar es gejubelt und wie
betrend es geschluchzt haben mu. Wo der Name Paganini ausgesprochen
wird, hrt man noch heute die Tonwellen auf und nieder rauschen, sieht
man heute noch eine gespenstisch dnne und schlanke weie Hand den
Zauberbogen fhren, glaubt man heute noch sein himmlisches Konzert zu
hren. Dmonisch soll er gespielt haben auf seinem Seeleninstrument, auf
der Herzengeige, und ich glaube es. Er gibt Dinge, an die man mit aller
Gewalt glaubt, an die man glauben ---- will, und so glaube ich denn,
da Paganini zaubervoll spielte und da er mit seinem Bogen umging, wie
Napoleon mit seinen Armeen. Gewi, eine khne Vergleichung. Doch lassen
wir das. Er spielte so schn, da die Frauen ihre geheimsten Trume von
den Herrlichkeiten der Liebe in Erfllung gehen sahen, indem sie sich
von den liebsten und schnsten Lippen gekt, und zwar mit einer so
groen Gewalt gekt fhlten, da sie vergehen zu mssen meinten. Es war
nicht, als wenn Hnde, nein, es war, als wenn die Liebe selber spielte;
es war weniger der Gipfel der Geigenspielerkunst, obgleich es ein
vlliger Gipfel war, als vielmehr die bloe, groe Seele, die ja aller
und jeder Kunst erst die Weihe, den Klang und den Inhalt gibt. Dadurch,
da er spielte, als wenn er lachte, redete und weinte, kte und
mordete, eine Schlacht mitkmpfte und in der Schlacht verwundet wurde,
ein Pferd bestieg und auf und davon jagte, oder als wenn er in
unendlicher, unsagbarer Einsamkeit schwermtigen Gedanken nachhinge,
oder als wenn er auf strmischer See Schiffbruch litte, oder als wenn er
zittere im Genu eines wilden, unverhofften Glckes -- war er dmonisch.
Weil er einfach war, war er gro. Gtiger Leser, lchle, ich bitte dich,
ber alle diese, wie du sagen wirst, berreizten Einbildungen, doch hre
weiter, wie er spielte, wie Paganini spielte. Mir ist es, als hrte ich
ihn in diesem Augenblick toben, wten, zrnen, schwelgen und spielen. Er
spielte sein Spiel so herunter, da die Hrer glaubten, er zerrisse die
Tonwelt mit dem Bogen, um sie wieder zusammensetzen zu knnen, sich
verlierend in Harmonien. Nachtigallen, arabische Feenschlsser, Nchte,
von denen die trumerische Liebe trumt, Treue, Gte und engelgleiche
Zrtlichkeiten wurden wahr durch seines Spieles mondscheinmilden Zauber,
und das Spiel selber, welchem Frsten mit Vergngen lauschten, flo
dahin, wie zerrinnender, unter dem Ku der Sonne sich langsam, langsam
auflsender Schnee, flo dahin wie ein musikalischer Honigstrom, sich
verliebend in die eigene Hoheit, Schnheit und Flssigkeit. So spielte
er. Aber er spielte noch viel schner, er spielte so, da der Ha sich
in Liebe, die Treulosigkeit sich in Treue, der bermut sich in Wehmut,
der Mimut sich in Wonne, die Hlichkeit sich in Schnheit und die
Hartnckigkeit sich in se, purpurn strahlende Freudigkeit,
Freundlichkeit, Vershnlichkeit und Willigkeit verwandelte. Goethe
lauschte seinem mrchenhaften Spiel, das ihn entzndete und bis tief in
die groe Seele entzckte. Je grer der war, der ihm zuhrte, um so
hher und grer war auch der Genu. Es ist dies ja das Geheimnis des
Kunstgenusses berhaupt. Paganini wute im voraus nie genau, wie und was
er spielen wollte und wrde; er lie sich von den Tnen zu den Tnen,
von den Stufen zu den Stufen, von den Wellen zu den Wellen, von den
Unbewutheiten zu den goldenen Bewutheiten hinreien, derart, da ihm
das Geigenspiel wie eine stolze Palme aus dem Boden des Beginnens
emporwuchs und grer und grer, schner und schner wurde wie ein
breites, gedankenvolles, wollstiges Meer. hnlich geht der Mensch durch
das Leben, nicht wissend, was aus ihm wird, keimend oder fallend, je
nachdem das Schicksal es will. So war sein Spiel ein schicksalhaftes,
zwischen Wollen und Sollen schwebendes menschliches Spiel, das darum
auch alle Herzen gefangen nahm, alle Ohren bezauberte und alle Seelen
berschwemmte mit seiner Bedeutung. Napoleon hrte ihm zu, zwei volle
Stunden lang, wiewohl ich mir das vielleicht nur einbilde, wozu ich ein
gewisses Recht habe, da doch dieser ganze Aufsatz nur auf der Einbildung
und auf der Erhebung beruht. Strengglubige Leute, Katholiken wie
Protestanten, lauschten ihm mit Freuden, denn es strmte Religion, wie
liebliche nahrhafte Milch, aus seinem Bogen. Seine Kunst glich einem
Regen, einem Segen, einem Sonntag, einer wundervollen hinreienden
Predigt. Der Krieger lauschte ihm, alles, alles lauschte ihm, ganz
Aufmerksamkeit, ganz nur Ohr.




Der Schriftsteller


Der Schriftsteller besitzt in der Regel zwei Anzge, einen fr die
Strae und zum Besuche machen und einen fr die Arbeit. Er ist ein
ordentlicher Mensch; das Sitzen am engen Schreibtisch hat ihn bescheiden
gemacht, er verzichtet auf die heitern Gensse des Lebens, und wenn er
von irgendeinem ntzlichen Ausgang nach Hause kommt, so zieht er seinen
guten Anzug rasch vom Leib, hngt Hose und Rock, wie es sich gehrt,
suberlich in den Kleiderschrank, wirft sich in seine Arbeiterbluse und
Hausschuhe, geht in die Kche, macht Tee zurecht und begibt sich zur
gewohnten Arbeit. Er trinkt nmlich immer Tee whrend des Schaffens, das
behagt ihm sehr, es erhlt ihn gesund, und seiner Meinung nach ersetzt
ihm das alle brigen weltlichen Gensse. Verheiratet ist er nicht, denn
er hat nicht die Khnheit gehabt, sich zu verlieben, weil er allen ihm
zu Gebote stehenden Mut dazu hat anwenden mssen, seiner knstlerischen
Pflicht gegenber, die, wie es vielleicht bekannt ist, eine sehr harte
sein kann, treu zu bleiben. Er hauswirtschaftet in der Regel gnzlich
allein, es sei denn, eine Freundin helfe ihm beim Ausruhen und ein
unsichtbarer Schutzgeist beim Arbeiten. Seiner innersten berzeugung
nach ist sein Leben weder besonders freudig noch gar sehr trbe, weder
leicht noch schwer, weder eintnig noch abwechslungsreich, weder eine
fortdauernde noch eine oft unterbrochene Lustbarkeit, weder ein Schrei
noch ein anhaltendes, munteres Lcheln: er schafft, das ist sein Leben.
Er versucht in einem fort, sich in alles und jedes hineinzuleben, darin
besteht sein Schaffen, und wenn er von seiner Arbeit einen Augenblick
aufsteht, um sich eine neue Zigarette zu drehen, einen Schluck Tee zu
trinken, ein Wort zur Katze zu sagen, jemandem die Tr zu ffnen oder
rasch aus dem Fenster zu schauen, so sind das nicht wesentliche
Unterbrechungen, sondern gewissermaen nur Kunstpausen oder Atembungen.
Manchmal turnt er ein bischen im Zimmer, oder es fllt ihm ein, ein
wenig zu jonglieren; auch bungen im Gesang oder in der tnenden
Deklamation sind ihm willkommen. Diese kleinen Dinge tut er, damit er
beim Schreiben nicht ganz und gar, wie er sonst leicht befrchten mte,
zum Narren wird. Er ist ein exakter Mensch; sein Beruf hat ihn dazu
gezwungen, denn was sollten Liederlichkeit oder Unordentlichkeit
tagelang am Schreibtisch zu suchen haben? Der Wunsch und die
Leidenschaft, das Leben in Worten zu zeichnen, entstammen schlielich
nur einer gewissen Genauigkeit und schnen Pedanterie der Seele, der es
Schmerz bereitet, beobachten zu mssen, wie so viel Schnes, Lebendiges,
Eilendes und Flchtiges in der Welt davonfliegt, ohne da man es hat ins
Notizbuch bannen knnen. Welche ewige Sorge! Der Mann mit der Feder in
der Hand ist quasi ein Held im Halbdunkel, dessen Betragen nur deshalb
kein heroisches und edles ist, weil es der Welt nicht zu Gesicht kommen
kann. Man spricht nicht umsonst von Helden der Feder. Vielleicht ist
das nur ein trivialer Ausdruck fr eine ebenso triviale Sache, aber ein
Feuerwehrsmann ist auch etwas Triviales, obschon nicht ausgeschlossen
ist, da er gesetzten Falls ein Held und ein Lebensretter sein kann.
Wenn es bisweilen einem Mutigen gelingt, ein Kind, oder was es sei, mit
Lebensgefahr aus dem strmenden Wasser zu retten, so drfte es
vielleicht des ftern der Kunst und dem aufopfernden Bemhen eines
Schriftstellers vorbehalten bleiben, dem achtlos und gedankenlos
dahinflutenden Strom des Lebens Schnheitswerte, die eben am Ertrinken
und Untergehen sind, mit Gefahr seiner Gesundheit zu entreien, denn
gesund ist es nicht, zehn bis dreizehn Stunden hintereinander am
Romanen- oder Novellentisch zu sitzen. Er kann also wohl zu den mutigen,
khnen Naturen gerechnet werden. In der Gesellschaft, wo es immer so
glnzend und glatt zugeht, benimmt er sich mitunter steif aus
Schchternheit, rauh aus Gutmtigkeit und holperig aus Mangel an
Schliff. Aber man unternehme es doch, ihn in ein Gesprch zu ziehen oder
ins Netz einer herzlichen Unterhaltung einzufdeln, und man wird ihn
alsobald sein linkisches Wesen abwerfen sehen; seine Zunge wird sprechen
wie jede beliebige andre Zunge, seine Hnde bekommen die
allernatrlichsten Bewegungen, und in seinen Augen wird gewi ebensoviel
Feuer schimmern, als in den Augen irgendeines Staats-, Industrie- oder
Marinemenschen. Er ist gesellig, wie nur irgendeiner. Er erlebt
vielleicht einmal whrend eines ganzen Jahres nichts Neues, da er sich
immer mit Satz- und Tonreihen abgegeben hat und mit der Vollendung
seines Werkes, aber, ich bitte, hat er dafr nicht Phantasie? Schtzt
man die gar nicht mehr heutzutage? Er ist fhig, mit seinen Einfllen
eine Gesellschaft von, sagen wir, zwanzig Menschen sich beinahe kaput
lachen zu machen, oder er kann Staunen erwecken, und zwar im
Handumdrehen, oder er kann Trnen entlocken, indem er einfach ein
Gedicht, das er gemacht hat, vorliest. Und dann, wenn seine Bcher auf
dem Markt erscheinen! Alle Welt, bildet er sich in seiner dachstubigten
Verlassenheit ein, springt danach und reit sich um die hbsch
eingebundenen oder sogar in braunes Leder gepreten Exemplare. Auf dem
Titelblatt steht sein Name, ein Umstand, der seiner naiven Meinung nach
gengt, ihn berall in der runden, weiten Welt bekannt zu machen.
Alsdann kommen die Enttuschungen, die Zurechtweisungen in den Blttern,
das Zischen zu Tode, das Verschweigen ins Grab hinein; unser Mann
ertrgt es eben. Er geht nach Hause, vernichtet alle seine Papiere,
versetzt dem Schreibtisch einen furchtbaren Sto, da er umfliegt,
zerreit einen angefangenen Roman, zerfetzt die Schreibunterlage, wirft
den Vorrat an Schreibfedern zum offenen Fenster hinaus, schreibt seinem
Verleger: Sehr geehrter Herr, ich bitte Sie, aufzuhren, an mich zu
glauben, und segelt auf Wanderschaften. Sein Zorn und seine Scham
kommen ihm brigens nach kurzer Zeit lcherlich vor, und er sagt sich,
da es seine Pflicht und Schuldigkeit sei, von neuem mit seiner Arbeit
zu beginnen. So macht's der eine, der andre macht's vielleicht um eine
Schattierung anders. Nie verliert ein zum Schriftstellern geborener
Schriftsteller den Mut; er hat ein beinahe ununterbrochenes Vertrauen
zur Welt und zu den tausend neuen Mglichkeiten, die sie ihm jeden neuen
Morgen bietet. Er kennt jede Art Verzweiflung, aber auch jede Art
Glcksgefhl. Das Sonderbare ist, da ihn eher die Erfolge als die
Mierfolge mitrauisch gegen sich machen; das kommt aber vielleicht nur
daher, weil die Maschine seines Denkens fortgesetzt in Bewegung ist. Hin
und wieder macht der Schriftsteller Vermgen, aber er geniert sich
beinahe, Haufen Geldes erworben zu haben, und er macht sich in solchen
Fllen absichtlich klein, um den vergifteten Pfeilen des Neides und der
Spottsucht mglichst auszuweichen. Ein ganz natrliches Verhalten! Wie
aber, wenn er arm und verachtet dahinlebt, in feuchten, kalten Stuben,
an Tischen, ber deren Platten ihm das Ungeziefer kriecht, in Betten aus
Stroh, in Husern voll wsten Gelrms und Geschreis, auf ganz und gar
einsamen Wegen, in der Nsse des herabstrmenden Regens, auf der Suche
nach Lebensunterhalt, den ihm, weil er vielleicht eine dumme Figur
macht, kein vernnftiger Mensch gewhren will, unter der Glut der
hauptstdtischen Sonne, in Herbergen voll Ungemach, in Gegenden voll
Sturm oder in Asylen ohne die Freundlichkeit und Heimatlichkeit, die in
dem Namen so schn enthalten ist? Ist ein derartiges Unglck
ausgeschlossen? Nun also: auch Gefahren kann der Schriftsteller
durchmachen, und von seinem Genie, sich in alle blen Umstnde zu
schicken, wird es abhngen, wie er sie durchmacht. Der Schriftsteller
liebt die Welt, denn er fhlt, da er aufhrt, ihr Kind zu sein, wenn er
sie nicht mehr lieben kann. In diesem Fall ist er ja auch meist nur noch
ein mittelmiger Schriftsteller, das empfindet er deutlich, und deshalb
vermeidet er es, dem Leben ein mimutiges Gesicht zu zeigen.
Infolgedessen kommt es auch oft vor, da man ihn fr einen urteilslosen,
beschrnkten Schwrmer ansieht, whrend man doch gar nicht bedenkt, da
er ein Mensch ist, der sich weder den Spott, noch den Ha gestatten
darf, weil ihm diese Empfindungen zu leicht die Lust am Schaffen rauben.




Allerlei


Das Sittsame frdert; das Rcksichtvolle scheint es zu etwas zu bringen.
Der, der die Zeit niemals mit irgend etwas Ablenkendem verlieren will,
trocknet und rostet ein. Es scheint, da es unklug und bsartig ist,
immer energisch zu sein. Mangel an Zuversicht gebrdet sich gern
konstant energisch. Nun ist ja das alles so wunderbar. Fallen und seinen
Posten verlieren, heit oft: einen neuen unter die Fe bekommen.
Triumphieren ist oft nichts anderes als Versinken in den Wellen der
Anmaung; und doch triumphiert man so gern. Immer und immer gesetzt,
gerecht und gefat sein, ist hart und streift ans Unmenschliche, whrend
doch menschlich sein unser unabnderliches Los ist. Schn und
vortrefflich ist nur das Menschliche. Gewisse Tugenden sind ein Laster
oder die Blte eines solchen. Das Laster scheint eine Hhle voll Unrat
und Unverstndnis zu sein, aber aus dem Laster hervortreten, mit Reue in
der Seele, ist schner als niemals sndigen. Sind denn nicht vielfach
die Fehler der Anla zu den Entzckungen und Rhrungen? Wie willkommen
ist dem alten Vater der verlorene Sohn; wie herrlich, wie herrlich ist
es, Gnade und Erbarmen zu finden. Die Tugend beit sich in die Lippen
und kehrt dem liebevollen Schauspiel schamhaft und boshaft den Rcken,
schauervoll fhlend, wie hlich es ist, nie fehlzugehen. Das Sittsame,
das Kmpfe duldet und bersteht, ist das Wundervolle. Der wirkliche
Weltmann, zum Beispiel, ist sittsam; er ist fromm und duldet.

                   *       *       *       *       *

Die Wortkargheit kann in eine Schwche ausarten; genau wie das
Gegenteil. Das Schweigen beherrscht uns oft, wie uns die Sucht, alles
auszuplaudern, beherrschen kann. Man soll nicht schweigen, wo es uns
schicklich scheint, den Mund aufzutun; nur mssen wir freilich ungefhr
wissen, was schicklich ist: und das wei der Seelenvolle. Kann man nicht
auch durch das Schweigen verleumden? Jedenfalls sehr unangenehm kann man
sein. Man soll stets ein wenig lgen, das, was man nicht sagen darf, so
sagen knnen, da es wie eine einfache Unterhaltung klingt. Das Gehrte
dem, den es angeht, genau so wiedersagen, wie es uns gesagt wurde, ist
taktlos und mu verletzen. Aus Rcksicht ein wenig die Wahrheit
entstellen, heit sie vertiefen und verfeinern. Die Liebe versteht zu
lgen, die Liebe versteht zu reden, die Liebe allein versteht, auf
schne Art zu schweigen. brigens sind das alles Schwankungen. Es kommt
da auf die Flle an und auf die Personen. Zu gewissen Menschen steht man
so, da ich und der andere es fhlen, wie unmglich es ist, da wir
einander verkennen oder miverstehen knnen. Beleidigungen, zum
Beispiel, liegen nie im Ausdruck, sondern immer in den besonderen
Umstnden. Pltzlich habe ich irgendwen tief verletzt und ich wei es
gar nicht. Dich liebt jemand: und du drehst dieser Person im Weltleben
den Rcken. Du liebst dann wieder dort, wo du miverstanden und verkannt
wirst.

                   *       *       *       *       *

Der groe Dienst, den wir einer Frau erweisen, strzt uns in die Gefahr,
von ihr fr einen Dummkopf gehalten zu werden. Man mu ihr dann grausam
hart begegnen, um sie zu berzeugen, da sie es mit einem Menschen von
Selbstbewutsein zu tun hatte. Nichts verachten und verschmhen echte
weibliche Naturen so sehr wie Gte so ins Blaue hinein. Die Frauen
erziehen den anwachsenden Mann zur Schtzung und Wertung seiner selber.
Vielleicht geht im Meer dieser Erziehung manche feine, gute und tchtige
Mannesgesinnung fr immer unter, denn edel und hochherzig ist man nicht
gern zum zweitenmal, wo man das erstemal ausgelacht worden ist. Doch wer
knnte edel von Natur sein und nicht fr immer?

                   *       *       *       *       *

Das Schweizerland, wie khn und klein steht es da, umarmt von den
Staaten! Was ist es als Land allein fr eine zugleich hehre und anmutige
Erscheinung! Europas schneeige Pelzboa knnte man es nennen. Wundervoll
wie seine Geschichte ist seine Natur. Merkwrdig wie sein Volk ist sein
Bestand. Es ist, als ducke es sich. Doch scheint es auch nicht ein
Panther, denn es hat keine Grenzenbeute zu machen. Seine Enthaltsamkeit
ist seine Festigkeit, seine Bescheidenheit ist seine Schnheit, seine
Beschrnkung sein unvergleichliches Ideal. Wie ein politischer Felsen
steht es da, umbrllt von den politischen Wogen. So lange es bleibt, was
es ist, schadet ihm, scheint es, nichts. Inwiefern es sich klein fhlt,
darf es sich stark und eigen und unabhngig fhlen, abhngig nur von der
Besonnenheit und Unerschrockenheit. Seine Wrde ist seine Grenze; und
solange es diese in ihrer Art unbersehbare Grenze zu bewahren wei, ist
es in seiner Art ein bedeutendes und groes Land, gro als Gedanke. Wie
reizend und wie gefhrlich ist seine Lage. Seine Menschen, wie
heimatlich wissen sie, das Altertum bekrftigend, zu leben. Sein Handel
geht hoch, seine Wissenschaften blhen. Doch wozu ihm schmeicheln? Da
es sein Eigen ist, schmeichelt ihm am tiefsten. Man will sie grob nennen
im Ausland, die Schweizer. Das ist so, als nennte man den Franzosen
unzuverlssig, den Deutschen anmaend, den Trken unsauber, den Russen
rckstndig. Wie verpesten Redensarten die Erde! Wie vergiften gewisse
Gerchte das Leben!

                   *       *       *       *       *

Reisen, im Eisenbahnwagen sitzen, erster Klasse natrlich. Man ist
eingestiegen und immer fhrt man ins unbekannte, fremde Weite. Das ist
reizend. Man beherrscht so ein bischen alle Sprachen. Kauderwelschen:
Das ist so nett. Attachiert ist man als richtiger Reisender. S,
einfach gttlich. Und nun sitzt man; drauen ist Winternacht, es
schneit. Von der Wagendecke lchelt das Lmpchen wie ein unaufgeklrtes
tiefes Menschenbrust-Geheimnis dich an. Trnen treten dir pltzlich in
die Augen. Wie ist dir, du attachierter perfekter Reisender? Empfindest
du Schmerzliches? Ja, ich bin versunken in ein Meer von wehmutvollen
Erinnerungen. Ich werde in die fernen Lnder davongetragen. brigens
lese ich ja jetzt die Zeitung. Pltzlich ist mir vollkommenem
Weltreisenden, als fahre ich zurck in die freudenberstrmte, liebe
Kindheit. Die Eltern tauchen vor mir auf; und da schaue ich namentlich
Mama tief in die Augen. Welch eine Wonne, welch ein Glck ist es, klein
zu sein! Mir ist, als mchte ich gerade jetzt von Papa verprgelt
werden. Doch weiter fhrt es, weiter, weiter. Reisender sein: ach ja;
und drauen der Mitternachtschnee. Ach ja, Reisender sein, ist hbsch.
Aber richtiger attachierter Reisender mu man sein.

                   *       *       *       *       *

Das alles ist nicht so schlimm: finde ich hbsch gesagt. Mein lieber
Bruder Hans sagte das immer. Er ist ein goldener Mensch, golden durch
Treue. Ja, wenn es bei uns zu Haus oft schlimm aussah, sagte Hans: Das
alles ist nicht so schlimm. Es sieht nur so schlimm aus. Mir scheint,
Ehre und Liebe reden so. Tragisch die Dinge nehmen, ist ja plump. Wenn
du keinen Erfolg in der Welt hast, so ist das gar nicht so schlimm. Der
Humor ist die unbertreffliche Knigin des Weltlebens. Hier wre wieder
ein Wrtchen vom Wesen des wahren Weltmannes zu sagen. Doch man mu sich
diese Schreibfreude leider versagen; und das ist gar nicht so schlimm.
Einen Hieb bekommen, ist gar nicht so schlimm. Verachtung wecken, wo man
meinte, es recht getan zu haben, ist auch nicht so schlimm. Was ist
schlimm? Mutlos und freudlos sein? Ist das wirklich so schlimm? Ja: das,
das ist schlimm. Wenn ich falle und dazu lache, ist das gar nicht so
schlimm. Wenn ich mich aber ber die Niederlage rgere, dann ist es
schlimm. Doch ich habe noch allerlei anderes zu sagen. Das Leben enthlt
nicht nur einerlei, sondern gar mancherlei. Also auf ins Allerlei!

                   *       *       *       *       *

Wenn ich eine Weile nicht habe denken drfen, sondern habe wirken
mssen, wie sehne ich mich da wieder nach dem Leben in den Gedanken!
Wenn es mir schlecht in der Welt geht, wie wnsche ich da wieder,
geachtet, ausgezeichnet, gestreichelt, verwhnt und geliebt zu werden!
Wenn ich lange Zeit mit gewhnlichen Menschen zu tun gehabt habe, wie
schwebt mir da der Umgang mit feinen, ungewhnlichen Menschen
paradiesgartenhnlich wieder vor! Und wenn ich dahingesunken bin in den
Abgrund der Verwilderung, ach, wie so gern betrage ich mich nachher
wieder gesetzt und gesittet! Mu alles so sein Gegengewicht haben? Soll
man immer und immer wieder durch die Schrfe der Gegenstze gerttelt
und geschttelt werden? So scheint es; und so mache du dich nur stets
auf Schwankungen, Unklarheiten und Unordnungen gefat. Trage es immer
wieder, das Schwere, dulde es immer wieder, das Unangenehme, finde es
immer wieder beherzigenswert und liebenswert, das Vielerlei. Pnktliche
Ordnung schaffst du nie rund um dich und in dir. Deshalb sei doch ja
nicht versessen auf die Ordentlichkeit. Dies strt, macht feig und
blendet.

                   *       *       *       *       *

Wir stecken immer noch sehr im Mittelalter, und diejenigen, die ber die
Neuzeit murren, weil sie seelenarm sei, im Vergleich mit der Vorwelt,
irren arg. Abschaffen ist der Lauf der Welt? Wie? Wenn alles so leer, so
leicht wrde, da man an gar nichts mehr zu denken brauchte? Anzeichen,
da die Menschen der Kultur und ihrer Peinlichkeiten berdrssig werden,
sind vorhanden. Eine Welt glatt wie Glas, ein Leben sauber wie eine
Stube am Sonntag. Keine Kirchen und keine Gedanken mehr. Puh, mich
friert. Es sollte doch wohl immer noch allerlei in der Welt geben. Mich
wrde nichts bewegen, wenn nicht allerlei mich bewegte.




Der Wald


Von allerlei seltsamen Empfindungen durchdrungen, ging ich langsam auf
dem felsigen Weg in den Wald hinauf, der mir wie ein dunkelgrnes
undurchdringliches Rtsel entgegentrat. Er war still, und doch schien es
mir, als bewege er sich und trete mir mit allen seinen Schnheiten
entgegen. Es war Abend, und soviel ich mich erinnere, war die Luft von
ser melodischer Khle erfllt. Der Himmel warf goldene Gluten in das
Dickicht hinein, und die Grser und Kruter dufteten so sonderbar. Der
Duft der Walderde bezauberte mir die Seele, und ich vermochte, benommen
und beklommen wie ich war, nur langsamen, ganz langsamen Schrittes
vorwrtszugehen. Da tauchte aus dem niedrigen Eichengebsch, zwischen
Tannenstmmen, eine wilde, groe, schne fremde Frau hervor, angetan mit
wenigen Kleidern und den Kopf bedeckt mit einem kleinen Strohhut, von
dem ein Band aufs schwarze Haar herabfiel. Es war eine Waldfrau. Sie
nickte und winkte mir mit ihrer Hand zu und kam mir langsam entgegen.
Der Abend war schon so schn, die Vgel, die unsichtbaren, sangen schon
so s, und nun noch diese schne Frau, die mir wie der Traum einer
Frau, wie die bloe Vorstellung dessen, was sie war, erschien. Wir
traten uns nher und begrten uns. Sie lchelte, und ich, ich mute
ebenfalls lcheln, bezwungen von ihrem Lcheln und gefangen genommen von
der herrlichen, tannengleichen Gestalt, die sie hatte. Ihr Gesicht war
bla. Der Mond trat nun auch zwischen den sten hervor und schaute uns
beide mit gedankenvollem Ernst an, und da setzten wir uns nebeneinander
ins feuchte, weiche, sduftende Moos und schauten uns zufrieden in die
Augen. O, was hatte sie fr schne, groe, wehmutsvolle Augen. Eine Welt
schien in ihnen zu liegen. Ich fate sie um den groen weichen Leib und
bat sie, mit so viel Schmeichelei in der Stimme, als ich hineinzulegen
vermochte (und das war nicht schwer), mir ihre Beine zu zeigen; und sie
nahm den Rock von den Beinen weg, und da schimmerte mir durch das Dunkel
des Waldes sanft das himmlisch schne weie Elfenbein entgegen. Ich
neigte mich und kte beide Beine, und ein freundlicher willkommener
Strom strmte mir durch den beseligten Krper, und ich kte nun ihren
Mund, der die schwellende nachgiebige Gte und Liebe selber war, und wir
umarmten uns und hielten uns lange, lange, zu unserem gegenseitigen
stillen Entzcken, umschlungen. Ach, wie mich der Duft der Waldnacht
entzckte, wie mich aber auch der Duft entzckte, der dem Krper der
Frau entstrmte. Wir lagerten auf dem Moos wie in einem kostbaren,
reichgeschmckten Bett, Stille und Finsternis und Frieden um uns her,
ber uns die tanzenden und blitzenden Sterne und der gute, sorglose,
liebe, groe, gttliche Mond.




Zwei sonderbare Geschichten vom Sterben


=Die Magd=. Eine reiche Dame hatte eine Magd, die mute das Kind hten.
Das Kind war so zart wie Mondstrahlen, so rein wie frisch gefallener
Schnee und so lieb wie die Sonne. Die Magd hatte es lieb wie Mond, wie
Sonne, fast wie ihren lieben Gott selbst. Aber da ging das Kind einmal
verloren, man wute nicht wie, und da suchte es die Magd, suchte es in
der ganzen Welt, in allen Stdten und Lndern, sogar in Persien. Dort in
Persien kam die Magd eines Nachts vor einen finstern, hohen Turm, der
stand an einem breiten, dunklen Strom. Hoch oben aber im Turm brannte
ein rotes Licht, und dieses Licht fragte die treue Magd: Kannst du mir
nicht sagen, wo mein Kind ist? es ist verloren gegangen, ich suche es
nun schon zehn Jahre! -- So suche noch weitere zehn Jahre! antwortete
das Licht und erlosch. Da suchte die Magd weitere zehn Jahre lang nach
dem Kind, in allen Gegenden und Umgegenden der Erde, sogar in
Frankreich. In Frankreich ist eine groe, prchtige Stadt, die heit
Paris, zu der kam sie. Da stand sie eines Abends vor einem schnen
Garten, weinte, da sie das Kind nicht zu finden vermochte und nahm ihr
rotes Schnupftuch hervor, um ihre Augen damit abzuwischen. Da ging der
Garten pltzlich auf, und ihr Kind trat heraus. Da sah sie es, und da
starb sie vor Freude. Warum starb sie? Hat das denn etwas gentzt? Sie
war aber schon alt und konnte nicht mehr soviel vertragen. Das Kind ist
jetzt eine groe, schne Dame. Wenn du ihr begegnest, so gre sie doch
von mir.

                   *       *       *       *       *

=Der Mann mit dem Krbiskopf=. Es war einmal ein Mann, der hatte statt
eines Kopfes einen hohlen Krbis auf den Schultern. Damit konnte er
nicht weit kommen. Und doch wollte er der Vorderste sein! So einer! --
Als Zunge hatte er ein Eichblatt aus dem Munde hngen, und die Zhne
waren nur mit dem Messer ausgeschnitzt. Statt der Augen hatte er blo
zwei runde Lcher. Hinter den Lchern flackten zwei Kerzenstmpchen. Das
waren die Augen. Damit konnte er nicht weit sehen. Und doch sagte er, er
habe die besten Augen, der Prahler! -- Auf dem Kopf hatte er einen hohen
Hut; den zog er ab, wenn jemand zu ihm redete, so hflich war er. Da
ging der Mann einmal spazieren. Doch der Wind blies so heftig, da die
Augen ausloschen. Da wollte er sie wieder anznden; aber er hatte keine
Zndhlzchen. Er fing an zu weinen mit seinen Kerzenrestchen, weil er
den Weg nach Hause nicht mehr finden konnte. Da sa er nun, nahm den
Krbiskopf zwischen seine beiden Hnde und wnschte zu sterben. Aber das
Sterben ging ihm nicht so leicht. Es kam vorher noch ein Maikfer und
fra ihm das Eichblatt vom Munde weg. Es kam vorher noch ein Vogel, und
pickte ein Loch in seinen Krbisschdel. Es kam vorher noch ein Kind und
nahm ihm beide Kerzenstmpchen weg. Da konnte er sterben. Noch frit der
Kfer am Blatt, noch pickt der Vogel, und das Kind spielt mit den
Kerzchen.




Der fremde Geselle


Das sind groe Unterlassungssnden. Ich bin ein bedeutender Schurke
gegen mich selber. An mir sehe ich, wie die Menschen durch Trgheit
sndigen. Ich warte immer auf etwas, das mir entgegenzutreten habe. Wie
nun, wenn alle Menschen das tun; wenn jeder so wartet auf das, was da
kommen soll? Es kommt nie etwas. Es kommt demnach fr niemand das
betreffende Etwas. Was einer so erwartet und erwartet, kommt nie. Was
also alle erwarten, erscheint allen nie. Hier ist die groe Snde.
Anstatt da ich gehe und jemand entgegengehe, warte ich, bis jemand mir
gefllig entgegentritt, das ist die rechte Trgheit, der rechte
ungerechtfertigte Stolz. Gestern abend schaute ein sonderbarer
wildfremder Geselle, der irgend etwas zu suchen schien, zu mir hinauf.
Ich stand am offenen Fenster. Ich schaute ihn an, der zu mir
hinaufschaute, so, als sei er eines kleinen Zeichens gewrtig. Ich htte
nur zu nicken brauchen mit dem Kopf, und eine seltsame, ungewhnliche
Menschenverbindung wre vielleicht schon angebahnt gewesen. Vielleicht
auch nicht. Wer vermag es zu wissen. Etwas Ungewisses vermag man nicht
zu wissen, aber gleichviel. Ich htte der dunklen, ungewissen, vom
zauberischen Abendlicht umflossenen Menschengestalt ein Zeichen geben
sollen. Es sah aus, als sei der fremde Mensch einsam, arm und einsam.
Doch sah es zur selben Zeit aus, als wisse er viel und vermge manches,
das wert sei, vernommen zu werden, zu erzhlen, als sei alles das, was
er zu sagen habe, angetan, zu Herzen genommen zu werden. Und warum bin
ich ihm nun gar nicht entgegengekommen? Ich begreife mein Benehmen kaum;
auf solche Art und Weise kommen sich Menschen in die Nhe und gehen,
ohne Spuren zu hinterlassen, wieder voneinander weg. Das ist nicht gut.
Das ist eigentlich recht schlecht. Es ist eine rechte Snde. Nun will
ich natrlich eine Ausrede suchen und mir vorsagen, da an dem Fremdling
mglicherweise nichts gelegen sei. Mglicherweise? Da bin ich schon
gefangen; denn ich gebe ja zu, da, auf der andern Seite, d.h. bei
anderem Licht besehen, irgend etwas ist an ihm. Ich bin demnach also
keineswegs zu entschuldigen. Kalt habe ich den Gesellen, der mir
vielleicht ein Freund htte werden, und dem auch ich ein Freund htte
werden knnen, abziehen lassen. Seltsam, seltsam. Ich bin erstaunt,
nein, ich bin mehr als erstaunt, ich bin ergriffen, und Trauer schleicht
sich mir in das Herz.

Ich komme mir ganz unverantwortlich vor, und ich knnte sagen, da ich
unglcklich sei. Doch ich liebe die Worte Glck und Unglck nicht; sie
sagen nicht das Rechte. Ich habe bereits dem unbekannten Menschen, der
zu mir hinaufgeschaut hat, einen Namen gegeben. Ich nenne ihn, wenn ich
an ihn denke, Tobold. Mir ist dieser Name zwischen Schlafen und Wachen
eingefallen. Wo ist er jetzt, und an was denkt er? Ob es mir wohl
mglich sein wird, seine Gedanken zu denken, zu erraten, was er denkt,
und das gleiche, wie er, zu denken? Meine Gedanken sind bei ihm, der
mich suchte. Offenbar hat er mich gesucht, und ich habe ihn nicht
eingeladen, zu mir zu kommen, und er ist dann wieder gegangen. An der
Ecke des Hauses hat er sich nochmals umgedreht, dann verschwand er. Ist
er nun fr immer verschwunden?




Die Einsiedelei


Irgendwo in der Schweiz, in bergiger Gegend, findet sich, zwischen
Felsen eingeklemmt und von Tannenwald umgeben, eine Einsiedelei, die so
schn ist, da man, wenn man sie erblickt, nicht an Wirklichkeit glaubt,
sondern da man sie fr die zarte und trumerische Phantasie eines
Dichters hlt. Wie aus einem anmutigen Gedicht gesprungen, sitzt und
liegt und steht das kleine, gartenumsumte, friedliche Huschen da, mit
dem Kreuz Christi davor, und mit all dem holden, lieben Duft der
Frmmigkeit umschlungen, der nicht auszusprechen ist in Worten, den man
nur empfinden, sinnen, fhlen und singen kann. Hoffentlich steht das
liebliche, kleine Bauwerk noch heute. Ich sah es vor ein paar Jahren,
und ich mte weinen bei dem Gedanken, da es verschwunden sei, was ich
nicht fr mglich halten mag. Es wohnt ein Einsiedler dort. Schner,
feiner und besser kann man nicht wohnen. Gleicht das Haus, das er
bewohnt, einem Bild, so ist auch das Leben, das er lebt, einem Bilde
hnlich. Wortlos und einflulos lebt er seinen Tag dahin. Tag und Nacht
sind in der stillen Einsiedelei wie Bruder und Schwester. Die Woche
fliet dahin wie ein stiller, kleiner, tiefer Bach, die Monate kennen
und gren und lieben einander wie alte, gute Freunde, und das Jahr ist
ein langer und ein kurzer Traum. O wie beneidenswert, wie schn, wie
reich ist dieses einsamen Mannes Leben, der sein Gebet und seine
tgliche, gesunde Arbeit gleich schn und ruhig verrichtet. Wenn er am
frhen Morgen erwacht, so schmettert das heilige und frhliche Konzert,
das die Waldvgel unaufgefordert anstimmen, in sein Ohr, und die ersten,
sen Sonnenstrahlen hpfen in sein Zimmer. Beglckter Mann. Sein
bedchtiger Schritt ist sein gutes Recht, und Natur umgibt ihn, wohin er
mit den Augen schauen mag. Ein Millionr mit all dem Aufwand, den er
treibt, erscheint wie ein Bettler, verglichen mit dem Bewohner dieser
Lieblichkeit und Heimlichkeit. Jede Bewegung ist hier ein Gedanke, und
jede Verrichtung umkleidet die Hoheit; doch der Einsiedler braucht an
nichts zu denken, denn der, zu dem er betet, denkt fr ihn. Wie aus
weiter Ferne Knigsshne geheimnisvoll und grazis daherkommen, so
kommen, um dem lieben Tag einen Ku zu geben und ihn einzuschlfern, die
Abende heran, und ihnen nach folgen, mit Schleier und Sternen und
wundersamer Dunkelheit, die Nchte. Wie gerne mchte ich der Einsiedler
sein und in der Einsiedelei leben.




Reigen


Pltzlich, ehe es die andern alle nur wissen, ist einer als gro und
bedeutend erklrt. Wer zuerst die Erklrung gegeben hat, das wei spter
niemand unter der Schar ganz genau. Das Leben und das Spiel des Lebens
scheinen auf einer Flle von erhitzenden und erregenden Ungenauigkeiten
zu beruhen, und es fhlen es alle, da die Besonnenheit nicht das Hohe
erreicht. Es sind aber auch welche da, die mit Migem erstaunlich
zufrieden sind, und so erstaunlich ist das wohl gar nicht. Die Wnsche
und Begierden harmonieren letzten Endes immer mit den Fhigkeiten, und
es vergeht kein Jahr, so empfindet der Mensch, was er ungefhr vermag.
Im rundlichen Kreis des Spiels befindet sich eine Einsame, die weint.
Nun benehmen sich die brigen so, als bemerkten sie das nicht, und das
ist doch immerhin schicklich. Wen ich bemitleide, zu dem soll ich auch
hintreten und ihn umhalsen und ihm das Leben weihen, und davor scheut
man denn doch ein wenig zurck. Wie tief und wie sehr mssen sie alle
sich selbst schtzen und lieben. So lautet das Naturgesetz. Die Liebe
spielt eine eigentmliche Rolle auf dem grnen Rasen des Lebens. Es
lieben sich zwei, aber sie vermgen nicht einander auch zu ehren. Hier
verachten sich zwei, und knnen doch sehr gut miteinander fr den
tglichen Verkehr auskommen. Liebe ist unergrndlich und ein Ziel fr
Irrtmer. Da ist einer, der gern ein Gewaltiger wre, aber man merkt es
ihm schon an, da er niemals Gelegenheit haben wird, zu herrschen und
anzuordnen. Ein andrer mchte Bevormundeter sein und mu bevormunden.
Seltsames Spiel des Lebens. Man sieht schneeweie Schmetterlinge
umherflattern: das sind Gedanken, deren Los das Flattern, Ermden und
Strzen ist. Die Luft ist voll unsagbarer Sehnsucht, hei von Entsagung.
An einem entfernten Ort steht der Vater, und wenn eins der
Menschenkinder zu ihm hinspringt, um eine Klage vorzubringen, lchelt er
und bittet es, in den spielerischen Kreis zurckzutreten. Wenn ein Kind
stirbt, hat es ausgespielt. Die andern aber spielen fort und fort
weiter.




  [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
    jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
    steht.

  was aber so leicht auskommen kann. Auch das Leben der Geliebten hngt an
  was aber so leicht auskommen kann. Auch das Leben des Geliebten hngt an

  ergriffen von der gesunden tglichen Gewohnheit, Ist nicht Ordnung immer
  ergriffen von der gesunden tglichen Gewohnheit. Ist nicht Ordnung immer

  nicht ntig, Rcksich zu nehmen, dafr hungert er aber auch. Germer
  nicht ntig, Rcksicht zu nehmen, dafr hungert er aber auch. Germer

  ]





End of the Project Gutenberg EBook of Aufstze, by Robert Walser

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