The Project Gutenberg EBook of Der Wahnsinnige, by Friedrich Gerstcker

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Title: Der Wahnsinnige
       Eine Erzhlung aus Sdamerika

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: June 27, 2010 [EBook #33003]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Der Wahnsinnige.

Eine Erzhlung aus Sdamerika


Friedrich Gerstcker.


Wittenberg.
Verlag von Franz Mohr.
1856.


Inhaltsverzeichni.

                                                  Seite.

   1) Das Irrenhaus zu Buenos-Ayres                  1
   2) Die Flucht                                    20
   3) Die Reise und ihre Abenteuer                  34
   4) Ankunft in Valparaiso. -- Hlfe in der Noth   47
   5) Die englische Familie                         59
   6) Don Gaspar                                    69
   7) Der Verdacht                                  89
   8) Die Entdeckung                               109
   9) Entschlsse und Plne                        120
  10) Don Manuel                                   134
  11) Der Spanier und das Mdchen                  146
  12) Der Ausbruch des Vulkans                     159
  13) Das Rendez-vous                              165
  14) Die Verfolgung -- Schlu                     173




1.

Das Irrenhaus zu Buenos-Ayres.


Ganz am uersten Ende der Strae Santa Rosa in Buenos-Ayres stand
ein breitschlchtiges niederes Gebude, aus rothdunklen verwitterten
Backsteinen errichtet; die schmalen und sparsam genug eingebrochenen
Fenster mit dicken eisernen Stben verwahrt, die schwere eichene Thr,
oder das Hauptthor eigentlich, mit massiven Balken verschlossen und von
der Strae selber aus mit keinem sichtbaren Eingang weiter. Dazu war es
eine Strecke in den Platz hineingebaut, auf dem es stand, und das ganze
Grundstck, das zu ihm gehren mochte, mit einer verwilderten, aber
deshalb um so dichteren Hecke von in einandergedrngten stachlichen
Kackteen eingeschlossen, die nur nothdrftig um den schmalen Eingang in
die Gehft, soweit gekappt waren, da man bei vorsichtigem Betreten des
ueren Raums nicht in den Dornen derselben hngen blieb.

So belebt die Strae Santa Rosa nun auch nach dem innern Theil der Stadt
zu sein mochte, so still und de war sie hier, und glich in der That
eher einer von traurigen Kacktushecken eingefaten Landstrae. An den
Seiten waren Grben angebracht, das Wasser abzuleiten; zu den Thren
der einzelnen Hofrume fhrten schmale, darbergelegte, oft schlpfrige
und wurmzerfressene Bretter und der Fahrweg bestand in der jetzigen
Regenzeit, dem sdamerikanischen Winter, aus einer schwer flssigen
Schlammmasse, durch die sich die unbehlflichen Karren der Pampas mit
ihren zwei Riesenrdern, von schlfrigen Stieren gezogen, langsam
hindurch wlzten, und selbst der flchtige Gaucho[1], der noch weiter
drauen, die Strae verschmhend oder eine neue bahnend, ber die
Flche dahin geflogen, zgelte hier seinen wilden Galopp und lie
sein ungeduldig schnaubendes, schumendes Thier langsamer durch die
schwimmende Masse hindurchschreiten.

  1: Gaucho's, die Bewohner der weiten Steppen oder Pampas des
     inneren Landes, aber nicht die Indianer.

Wenn es berhaupt Fugnger in der Argentinischen Republik gbe, wo
Alles zu Pferde sitzt, wre ihr Schuhwerk und ihre Geduld hier erprobt
worden, dieser obere Theil der Strae wurde aber fast schon, wie es
schien, zum Lande gerechnet, und wer selbst von hier aus irgend etwas
aus einem der weiten, dem Mittelpunkt der Stadt zu gelegenen Lden zu
holen oder Geschfte hatte, die ihn dort hin riefen, verschmhte es
wahrlich nicht, sein Pferd deshalb zu satteln.

Aber die Strae selber kmmert uns wenig, wir haben es mit dem alten
Hause zu thun, und ich wollte die erstere nur etwas genauer beschreiben,
dem Leser mehr die traurige, trostlose de des ganzen Platzes zu
versinnlichen, die sogar noch einen unheimlichen Charakter annahm,
wenn man die Bestimmung des alten wettergeschlagenen Gebudes kannte.

Es war ein Irrenhaus -- von Privatleuten angelegt und spter, als sich
diese nicht mehr im Stande fhlten, es fortzufhren, von der Regierung
bernommen, aber in der Aufregung der Zeit nur sprlich verwaltet.
Nichts desto weniger befanden sich gegenwrtig elf unglckliche Gste
in den Kammern oder Zellen des Gebudes -- einige in Ketten und Banden,
andere frei in ihrem Zimmer, nur wenigen aber verstattet, den inneren,
ebenfalls streng abgesperrten Hofraum zu betreten, dann und wann die
frische Gottesluft einzuathmen.

Angestellt waren dabei ein Hauptarzt, ein Argentiner oder eigentlich ein
geborener Spanier, denn wenn sich die Republik auch von der Regierung
des Mutterlandes losgerissen, konnte sie doch noch nicht aus eigenen
Krften die Wissenschaft ersetzen, die ihr von dort herber gekommen
-- und zwei Unterrzte, der obere von diesen ein geborener Argentiner
aus Cordoba, der andere ein junger Schwede, der von Rio-Grande aus
Brasilien, mit vielen Landsleuten und Deutschen herbergekommen war, dem
aufblhenden Argentinischen Staat seine Krfte zu weihen und sich hier
rascher und leichter eine Existenz zu grnden. Er hie Stierna und war
der spanischen Sprache vollkommen mchtig.

Diesem, als jngsten Arzt war auch die Behandlung der leichtesten
Kranken anvertraut, die in der That hie und da nur verlangten, da
man nach ihnen sah, damit nicht rauhes Betragen der rauhen Wrter
oder schlechtere Kost vielleicht sie unnthiger Weise errege und
ihre gehoffte Heilung erschwere.

Don Alvarado, der Oberarzt, kam selten, und bei sehr schlechtem Wetter
nie heraus; Don Pancho hatte indessen die Oberaufsicht, und einzelne der
Kranken waren es, die er ausschlielich behandelte, und zu denen er dem
jungen Schweden fast nie, selbst nur den Zutritt gestattete, und geschah
das wirklich, nur in seinem Beisein.

Zu diesen wenigen, die Don Pancho, und wie er behauptete, ebenfalls
Don Alvarado fr unheilbar erklrt hatte, gehrte auch ein Spanier,
von blassen, aber edlen Zgen, reinlich und geschmackvoll, ja elegant
gekleidet, und seine Toilette, auf die er mit grter Sorgfalt hielt,
selbst in diesem Aufenthalt des Jammers auch nicht eine Minute
vernachlssigend. Das schwarze glnzende Haar fiel ihm in reichen vollen
Locken ber die Stirn, den linken Zeigefinger schmckte ein kostbarer
Diamant und seine Wsche war vom feinsten Linnen und grter Sauberkeit.
Auch in seinem ganzen Betragen war er ernst und ruhig, ein vollkommener
Gentleman; und Stierna gab sich, whrend der zwei Male, die er den
Kranken in Don Panchos Gegenwart besuchen durfte, die grte Mhe,
irgend ein Symptom seines Leidens in einem uern Zeichen zu entdecken
-- vergebens, der Kranke war artig, wenn auch einsilbig, uerte nur ein
paar kleine Wnsche wegen eines Zeichnenapparates und mehrerer Bcher,
und der Schwede wrde nach den zwei Besuchen nie einen Wahnsinnigen in
ihm vermuthet haben -- htte er ihn eben an einem anderen Orte
getroffen.

Die Anstalt selbst schien aber ebenfalls grere Rcksicht auf ihn zu
nehmen, wie auf einen der anderen Kranken; sein Zimmer war mit einem
Teppich belegt, der den kalten Backsteinboden vollstndig bedeckte,
er konnte schreiben und zeichnen, eine kleine Bibliothek selbst
stand zu seiner Verfgung und er wurde in der That weit mehr wie ein
Staatsgefangener, als ein Geisteskranker behandelt, so da Stierna
jedesmal nach einem solchen Besuch mehr und mehr den Gedanken in sich
aufsteigen fhlte, es msse dem Schicksal dieses Unglcklichen irgend
ein tiefes und vielleicht gar dsteres Geheimni zu Grunde liegen. Ein
paar Mal versuchte er auch von seinem Collegen Aufschlu ber die
Verhltni zu bekommen, aber umsonst; so gesprchig Don Pancho in jedem
andern Fall auch sein mochte, hierber gab er dem Frager immer nur
kurze und stets ausweichende Antworten, bis diesem die ganze Sache zum
peinlichen Rthsel wurde, dem er nun, koste es was es wolle, auch zur
Wurzel nachspren msse.

Der Zufall war ihm hierbei gnstiger als er erwartet hatte; Don
Pancho nmlich wurde pltzlich so krank, da er seinem Amte, von einem
bsartigen Schleimfieber an sein Lager gefesselt, lngere Zeit nicht
mehr vorstehen konnte, und wenn sich auch Don Alvarado in den ersten
Tagen der Geschfte auergewhnlich lebhaft annahm und die Anstalt den
Tag ber fast gar nicht mehr verlie, hielt dieser vortreffliche Eifer
doch keineswegs so lange aus, wie das Schleimfieber seines Untergebenen,
und schon nach drei Wochen lie er Stierna zu sich rufen. Dort bertrug
er ihm die tgliche Aufsicht der brigen Kranken, zu seiner Hlfe ihm
noch einen jungen englischen Arzt erlaubend, der an den Gouverneur Rosas
von London selber empfohlen und von diesem augenblicklich eine, wenn
auch fr jetzt noch untergeordnete Stellung in dem Hospital erhalten
hatte, nur freilich whrend der Krankheit des einen Unterarztes, dem
aktiven Arzte mit beigegeben werden sollte.

Nach einer kurzen und allgemeinen bersicht ber die Kranken, kam
brigens Don Alvarado jetzt auch auf den wunderbaren Patienten, den
Spanier zu sprechen, und warnte Stierna besonders, sich nicht in zu
weitlufige Gesprche mit ihm einzulassen, da der Fall vorgekommen sei,
da er, nach einer sehr lebhaft gefhrten Unterhaltung einen frmlichen
Anfall von Raserei bekommen haben sollte, whrend er sonst harmlos und
still blieb, und selten nur den Dmon verrieth, der in ihm schlummerte.

Ich glaube gerade nicht, setzte der alte Herr hinzu, da Sie Don
Morelos, wie der spanische Cavallero heit, denn sein Familienname thut
hier Nichts zur Sache, mit seinen Phantasieen behelligen wird, wenn
Sie sich nur im Mindesten, wie Ihnen aufgetragen worden, von ihm
zurckhalten; er ist gerade in letzter Zeit ganz besonders schweigsam
gewesen. Um Sie aber auch auf die _Mglichkeit_ eines solchen Falles
vorzubereiten, wre es doch wohl gut, ja vielleicht nthig, da ich
Ihnen, wenn auch nur mit ganz kurzen Worten die Entstehung seiner
Krankheit mittheilte.

Mit einem sehr bedeutenden Vermgen kam er nach Buenos-Ayres und seine
weitere Geschichte, sein Aufenthalt in dieser Stadt berhrt uns nicht,
bis wir zu dem Moment kommen, da er als der anerkannte Brutigam
der Tochter eines unserer ersten Fderalisten eine Rolle in unserer
Gesellschaft zu spielen begann. Hier hatte er jedoch mit einem
Nebenbuhler zu thun und sein wunderliches abstoendes Wesen bewirkte
nach und nach, da er sich seiner Braut mehr und mehr entfremdete. Bei
dem hitzigen Charakter unserer Landeskinder konnte das nicht lange
ohne unruhige Folgen abgehn -- die beiden Nebenbuhler bekamen -- suchten
vielleicht Streit miteinander. Eine Ausforderung wurde angenommen,
Don Morelos aber, vielleicht schon damals in einem Anfall von Raserei,
erstach den Secundanten seines Gegners und verwundete diesen selber
ebenfalls so schwer, da er fr todt auf dem Platz blieb und erst nach
langwierigem Krankenlager wieder hergestellt werden konnte.

Die Polizei war damals auf seinen Fersen, und man sagt, da er der
Strafe nur durch die merkwrdige hnlichkeit eines anderen Mannes
entging, der an seiner Stelle von den Mashorqueros unseres glorreichen
Gouverneurs ermordet wurde. Als er nach langem Siechthum wieder erstand,
war er so verndert, da man ihn kaum wieder erkannte; aber obgleich man
ihn ruhig eine Zeit lang in der Stadt gewhren lie, hatte man doch noch
immer keine Ahnung davon, da er irrsinnig geworden sein knne, bis er
das alte Verhltni mit seiner frheren Braut, die jetzt aber schon
lange seinen frheren Nebenbuhler geheirathet, mit Gewalt fortsetzen
wollte und dabei erklrte und behauptete, Donna Constancia sei vor Gott
sein Weib, und ihr Gemahl, den er mit den entsetzlichsten Schimpfworten
belegte, habe sich heimlich und lgnerisch in ihre Gunst gestohlen.
Immer wildere Mhrchen setzte er sich dabei zusammen, und damals kam
man zuerst auf die Vermuthung, da er wahnsinnig geworden wre.

Eine genaue Beobachtung seines ganzen wunderlichen Lebens, denn er
hatte sich in einem kleinen rmlichen Huschen der Vorstadt eingemiethet,
setzte brigens die Thatsache seines Wahnsinnes bald auer allen Zweifel
er stie sogar in einem ffentlichen Kaffeehaus einst einen, ihm
wildfremden Menschen, mit dem er in ein immer hitziger werdendes
Gesprch gerieth, pltzlich nieder, weil er behauptete, jener habe vor
dreiundzwanzig Jahren seine Schwester ermordet -- und er selber kann
kaum siebenundzwanzig zhlen. Dadurch schien aber damals die wirkliche
Tollheit bei ihm ausgebrochen zu sein -- mit dem noch blutigen Messer
strmte er damals in das Haus der Donna Constancia, ihren Gatten, Don
Luis de Gomez, dem er die entsetzlichsten Dinge nachsagte -- ebenfalls
zu ermorden. Glcklicher Weise warf ihm die Polizei noch dicht vor
dessen Thr einen Lasso ber, und brachte ihn hierher.

Die ersten Wochen muten wir ihn brigens in einer der unteren festen
Zellen halten; er wthete und raste und verlangte frei gelassen zu
werden; nach und nach legte sich das aber wieder, ja, er wurde so
vernnftig, da man wirklich einmal den Versuch mit ihm machte, ihn
wieder, natrlich unter ihm unbewuter Aufsicht, aus der Anstalt zu
entlassen. Das wre aber beinahe schlimm abgelaufen, denn sein erster
Gang war in das Haus des Don Luis, und ehe man es verhindern konnte,
berfiel er den Seor und wrde ihn erwrgt haben, htte die Polizei
nicht noch gerade zur rechten Zeit einspringen knnen. Er behauptet seit
der Zeit, jene Dame sei seine eigene Frau, er aber habe einen Fremden
bei ihr ertappt und ermordet, und sei deshalb fr einen gewissen
Zeitraum von den Gerichten eingekerkert worden. Er betrgt sich nun
ruhig und ordentlich, und ich glaube, wir haben erst einen neuen
Ausbruch zu erwarten, wenn er seine Zeit fr abgelaufen halten wird
-- und mssen abwarten, wann das geschieht.

Sie wissen nun genug, setzte der alte Herr hinzu, Ihren Patienten zu
behandeln; wie gesagt, vermeiden Sie am Besten jede Unterhaltung mit
ihm. Sollte er aber doch, _wider_ Erwarten, gesprchig werden und neue
Thorheiten aushecken, so wnsche ich, da ich augenblicklich davon
unterrichtet werde.

Stierna empfahl sich, und sein erster Gang war nach der Strae Santa
Rosa zurck, die Zellen zu revidiren, und vor allen Dingen den jungen
Mann zu besuchen, fr den er, besonders nach der eben gehrten Erzhlung,
ein unbeschreibliches Interesse zu fhlen begann.

Der alte Don Alvarado hatte aber recht gehabt, Don Morelos begrte
allerdings seine neue Bekanntschaft, wie er ihn nannte, auf das
Artigste, schien aber nicht im Mindesten zu einer Unterhaltung
aufgelegt, und drei Besuche vergingen, ohne da der junge Arzt, der
vor Ungeduld brannte, sich den Charakter dieses wunderbaren Kranken
entwickeln zu sehen, mehr aus ihm herausgebracht htte, als die
gewhnlichsten und alltglichsten Begrungs- und Hflichkeitsphrasen.

Am vierten Tag schien der Kranke unruhiger als frher -- er war erregt
und sein Puls zeigte sogar ein leichtes Fieber. -- Stierna erkundigte
sich theilnehmend nach den einzelnen Symptomen, die ihm der Spanier
jedoch nur als in einer unbedeutenden Erkltung entspringend, angab.
Dadurch hatte sich aber zwischen beiden Mnnern eine Art Annherung
gebildet -- es war fast, als ob zwischen ihnen eine Schranke gefallen
sei, und der junge Spanier wurde, ehe ihn der Arzt wieder verlie, fast
heiter, scherzte und lachte, und erzhlte Anekdoten aus seinem frhern
Leben -- ohne jedoch die unmittelbar vor seiner Einkerkerung liegende
Periode auch nur mit einer Sylbe zu erwhnen.

Als Stierna am andern Morgen wieder in seine Zelle trat, war es fast,
als ob er einen alten Freund begrte, und doch hatte Don Morelos auch
im Anfang wieder etwas Zurckhaltendes -- es war, als ob ihm etwas auf
dem Herzen liege, dessen er sich zu entlasten wnsche, und doch den Muth
dazu nicht fassen knne. Stierna sah dies weniger, als da er es fhlte,
und mit der Berechtigung des Arztes, dem Kranken mit seinen Fragen
geradezu in das Herz des Leidens, an die Wurzel des bels zu gehen, nahm
er seine Hand, und bat ihn frei und offen, mit ihm wie mit einem Bruder
zu sprechen, wenn er irgend etwas fr ihn thun, ihn in irgend etwas
erleichtern knne.

Der junge Spanier sah ihn erst, wohl eine volle Minute, ernst und
schweigend an, dann aber schttelte er leise und wehmthig lchelnd mit
dem Kopf und sagte tief aufseufzend, und wie es schien mehr mit sich
selber als zu dem Arzte redend:

Es ist Alles vergebens -- Sie wrden mir doch nicht glauben, und -- ich
bin frher nach solchen Erklrungen nur hrter behandelt worden -- Rosas
ist zu mchtig.

Stierna sah ihn erstaunt an -- diese Worte, ruhig und ohne die geringste
Leidenschaft gesprochen, klangen gar nicht wie aus dem Munde eines
Wahnsinnigen, und doch, auf eine unendlich verschiedene Weise uert
sich die entsetzlichste der menschlichen Leiden -- der Irrsinn -- wenn
er das arme Hirn zerrttet und den verstmmelten Geist nur noch im
Krper gelassen zu haben scheint, die willenlose Maschine in toller
ungeregelter Bahn vorwrts zu treiben -- was Wunder, da sie manchmal
auf kurze Zeit der geraden ebenen Strae folgt, wer aber wei, wenn und
wie schnell sie wieder rechts oder links abstrmt in das Leere.

Der junge Spanier warf einen halb forschenden, halb schmerzlichen Blick
auf das Antlitz des jungen Arztes, und als ob er gelesen, was in dessen
Inneren vorgegangen, setzte er, mit dem Kopfe still vor sich hinnickend
und kaum hrbar hinzu:

Auch _er_!

Stierna fhlte sich in einer peinlichen Situation; das Gesprch war
pltzlich viel zu ernst geworden, ihn die Gefahr nicht einsehn zu
lassen, wenn er darauf einging, und wie konnte er jetzt am besten
wieder zurck? -- Das Einfachste schien, irgend ein anderes Gesprch zu
beginnen, ehe er aber dazu kommen konnte, stand Don Morelos pltzlich
auf, nickte finster lchelnd mit dem Kopf, und ein paar Mal im Zimmer
auf und ab gehend, sagte er endlich:

Ich sehe, Sie haben Ihnen schon dasselbe Mhrchen von mir erzhlt, wie
meinem frheren -- Wrter, ich bin Ihnen als ein Tollhusler geschildert,
der anderer Leute Frauen fr seine eigenen hlt und die Mnner deshalb
anfllt -- nicht wahr, ich habe recht?

Er blieb, whrend er diese Worte sprach, lchelnd und mit verschrnkten
Armen vor Stierna stehen, und es lag etwas Triumphirendes in seinen
Mienen, denn die berraschung des jungen Arztes war deutlich in dessen
Zgen ausgeprgt.

Und Sie _fhlen_, da dies nur eine Phantasie ist? frug der Schwede,
aber erst nach einer Pause, in der er wirklich seine Sinne diesem neuen
Eindruck sammeln mute. -- Sie sind berzeugt, da diese Ideen nicht
wieder kehren werden?

Lieber Freund, sagte der Spanier ernst, nur Gott kann hier fr
uns einstehen fr das was wir _werden_ sollen; nehmen Sie aber den
gesundesten Gaucho von der Strae herauf, sperren ihn in einen dieser
Rume -- schreien ihm in's Ohr, da er sich in einem Irrenhause befnde
und selber toll sei, und seine Sinneswerkzeuge mten von Stahl und
Eisen sein, wenn er es nicht wirklich auch am Ende wrde -- der Geist
hlt es nicht aus, gegen eine solche furchtbare Idee immer und immer
wieder vergebens anzukmpfen.

Aber wenn Sie _fhlen_, da Sie jene Idee abgeschttelt haben, so
werden sich diese Thore auch bald Ihnen ffnen -- ich will gleich heute
mit Don Alvarado --

Um Gottes Willen nicht! unterbrach ihn der Spanier rasch und
ngstlich, indem er seinen Arm ergriff; das einzige Resultat davon
wre, da man Sie nicht wieder zu mir liee, und ich -- _frchte_ jetzt
fast, Sie wieder zu verlieren.

Aber Sie glauben doch nicht, da man Sie hier zurckhalten wrde, wenn
nicht --

Wie lange sind Sie in der Argentinischen Republik? unterbrach ihn Don
Morelos finster.

Zehn Monate etwa, lautete die Antwort.

Ich dachte es, sagte der Spanier leise, da stehen Ihnen denn freilich
noch traurige Erfahrungen bevor. So wissen Sie denn, da ich ein Opfer
von Rosas furchtbarer, aber schlauer Politik geworden bin. Er htte mich
mit leichter Mhe tdten knnen -- er hat das Blut Tausender vergossen,
und das meinige wrde nicht viel schwerer auf seiner Seele gelastet
haben -- aber er braucht in spterer Zeit die _Beweise_ meines Lebens
-- es sind dies Familienverhltnisse, zu denen es Stunden bedrfen
wrde, sie Ihnen auseinander zu setzen -- und whrend er keine passende
Entschuldigung finden konnte, mich in einen Kerker zu werfen, wurde die
Strae Santa Rosa ein vortreffliches Asyl fr den armen _Geisteskranken_.

Aber Don Alvarado --

Darf nicht anders -- lieber Freund, wir hten uns zu tanzen, wenn wir
auf der dnnen Kruste eines Vulkans stehen. Don Alvarado wei recht gut,
da er dem Willen des Diktators nicht entgegenhandeln _darf_, und
da es selbst zu einem Verbrechen werden knnte, auch nur seinem
_Wunsche_ nicht zu begegnen; die Mashorqueros[2] sind vortreffliche
berzeugungsgrnde, und es erfordert starke Nerven, oder -- ein
schnelles Ro -- ihnen zu widerstreben.

  2: Die Henkersknechte des Diktators Rosas.

Aber jene Dame? -- sagte Stierna, noch immer zgernd und halb
unglubig, obgleich ihn das ruhige resignirte Benehmen des wahnsinnig
gesagten als fast zu starke Beweise fr dessen Behauptungen erwuchsen.

Die Dame? lchelte Don Morelos wehmthig, und barg fr wenige Sekunden
seine Augen in der deckenden Hand, dann sich aber emporrichtend sagte
er langsam und leise mit dem Kopf dazu nickend: --

Sie verstehen es -- sie verstehen es, die Teufel, Einem das Herz in der
Brust zu wenden nach eigenem Gutdnken, und wenn es blutet, schreien
sie _Mord_! er ist der Thter -- das ist Gottes Gericht. Nein, Seor,
wandte er sich dann lebendiger an den jungen Mann, lassen Sie nicht
auch das eigene Herz Zeuge gegen den Verstand eines Unglcklichen sein
-- behandeln Sie mich wenigstens nicht wie einen Tollen, und wenn Sie
mir auch nicht helfen knnen, lassen Sie mir wenigstens das Glck, _ein_
Wesen in meiner Nhe zu wissen, das nicht, mit den brigen im Bund, mich
nur dahin zu treiben sucht, wofr diese mich ausgeben.

Stierna fhlte sich, als er den Unglcklichen an diesem Tage verlie,
wie im Traum, und die widersprechensten Gefhle kmpften in seinem
Innern. Verhielt sich die Sache wirklich so, als sie ihm Don Morelos
erzhlt, und was auch seine Vernunft dazu sagen wollte, sein Herz
drngte ihn, es zu glauben -- so war er hier der Mitschuldige eines
furchtbaren Verbrechens, einer That, weit schlimmer als kaltbltiger
Mord, denn dieser tdtet nur den Leib, whrend jene darauf hin arbeitete,
die Seele eines Menschen langsam und teuflisch zu vernichten.

Am nchsten Morgen suchte er Don Alvarado auf, aber dessen mitrauischer
Blick nur, als er die erste, noch ganz gleichgltige Frage ber diesen
Kranken that, warnte ihn, weiter zu gehen, wenn er nicht allerdings
befrchten wollte, von jeder Verbindung mit ihm abgeschnitten zu werden.
Ebenso vergebens waren seine Nachforschungen in der Stadt, etwas
Nheres von _Unbetheiligten_ ber den Zustand des jungen Spaniers zu
hren. Man erinnerte sich allerdings noch eines hnlichen Vorfalls; die
letzten Jahre hatten aber so viel des Neuen und Entsetzlichen gebracht,
da einzelne Daten in dem allgemeinen Strom des Blutes, das durch die
Straen der Stadt, oft aus den treuesten Herzen geflossen, untergingen
und verschwanden. Niemand dachte mehr, wie es schien, an diesen
besonderen Fall, und nur ein einziger alter Spanier, der Don Morelos
auch wohl frher persnlich gekannt, uerte gegen den jungen Arzt, mehr
dabei als wohlmeinende Warnung, wie irgend eine Auskunft gebend -- es
sei vollkommen hinreichend, von dem Diktator fr wahnsinnig erkannt zu
sein -- um es wirklich zu werden.

Alles das diente nur dazu, dem exaltirten jungen Schweden mehr
und mehr die eigene Erklrung des angeblichen Kranken glaubhaft
erscheinen zu lassen, und so peinlich wurde ihm zuletzt das Gefhl,
der _Gefngniwrter_ eines unschuldig Eingekerkerten sein zu mssen,
da er Plne auf Plne entwarf, dem zu entgehen, oder ein Mittel
aufzufinden, dem Gefangenen zu helfen.

Don Pancho hatte sich indessen von seiner Krankheit erholt, und war
wenigstens so weit hergestellt worden, theilweise seinen frheren
Dienst wieder zu versehen; Stierna mute ihn allerdings noch sehr dabei
untersttzen, aber einige wenige Kranke, und unter diesen Don Morelos,
nahm er wieder unter seine eigene Aufsicht, und nur das schien der
Schwede durch die bisher ihm berlassene Behandlung gewonnen zu haben,
da er nicht mehr so streng von diesem entfernt gehalten wurde, und
wenigstens dann und wann Zutritt hatte.

Gerade dieser gewisse Zwang befrderte aber, ja beschleunigte, was
vielleicht monatelanges freies Aus- und Eingehen des jungen Arztes,
wenigstens nicht in _der_ Strke bewirkt haben wrde -- diese beiden
jungen Leute, der Arzt und sein Kranker, wurden innige Freunde, und
Stierna's einziges Streben war jetzt darauf gerichtet, ein Mittel
ausfindig zu machen, den Freund zu retten. Noch aber hatte er mit ihm
selber nicht ein Wort darber gesprochen, denn wenn er auch mit Freuden
seine ganze Stellung, wie die Gewiheit, hier einst eine sichere
Existenz fr sich zu grnden, von sich geworfen htte, fehlte es ihm
doch an den nthigen Mitteln, eine Flucht glcklich durchzufhren, die,
wenn vor der Zeit entdeckt, jedenfalls _sein_ Leben gekostet, und die
Lage des unglcklichen Gefangenen gewi um vieles verschlimmert haben
wrde.

Augenscheinlich war dabei, da der Gefangene selber zu viel Zartgefhl
besa, diesen Punkt zu berhren -- er mute ja recht gut wissen, was
davon fr seinen jungen Freund abhing, und berdie war eine Flucht aus
diesem Gebude, das mit einer Masse miger Wchter versehen, unter der
besonderen Aufsicht des Gouverneurs stand, auch gar nicht so leicht, und
der schwchliche Spanier durfte sich dabei nicht einmal auf seine eigene
Energie und Ausdauer verlassen. Stierna wurde sein Zustand aber trotzdem
zuletzt so peinlich, da er es nicht lnger ertragen konnte, und unter
jeder Bedingung beschlo, Don Morelos wenigsten von seiner eigenen
Absicht in Kenntni zu setzen, und ihm seine Hlfe anzubieten, wenn er
nur irgend einen haltbaren Plan wte, die Flucht nicht allein aus dem
Kerker, sondern auch auf Nachbargebiet nach Brasilien oder wenigstens
nach Monte-Video zu bewerkstelligen.

Hierzu fand sich bald eine gnstige Stunde; Don Pancho war eines
Nachmittags mit Don Alvarado zu dem Diktator selber geladen, vielleicht
einen Bericht ber ihre Kranken abzulegen, und Stierna sumte diesmal
nicht, den, vielleicht nicht sobald wiederkehrenden Augenblick zu
benutzen.

Merkwrdig und eigenthmlich war der Eindruck, den die Erklrung des
jungen Mannes auf den Gefangenen machte. -- Er wurde leichenbla, sah
den Freund wohl eine halbe Minute starr und regungslos an, und barg
dann das Antlitz in den Hnden, whrend sein Krper wie in furchtbarer
Aufregung arbeitete, und das Blut in den Adern seiner Schlfe aus der
bleichen Haut herauszuspritzen drohte. Auch erst nach langer Zeit gab
sich diese durch die pltzliche Freudenbotschaft vielleicht so gewaltsam
heraufbeschworene Leidenschaft, und als er die Hnde endlich wieder von
seinen Zgen entfernte, hatten diese ihre volle Ruhe zurckgenommen; nur
die Augen leuchteten noch in einem wilden, fast unheimlichen Feuer. Er
lauschte auch jetzt den Plnen und Vorschlgen des jungen Schweden mit
lautloser Ruhe, ja eigene Ideen schienen sich bei ihm in derselben
Zeit zu bilden, und als ihn Don Federigo (wie der junge Arzt, nach
der Sitte der Sdamerikaner die Leute mit ihren Vornamen zu belegen,
gewhnlich hier genannt wurde), endlich um seine Meinung frug, gab er
eine ganz verkehrte Antwort. Erst als Stierna als Haupt-, ja als einzige
Schwierigkeit des ganzen Gelingens den Mangel an baarem Geld erwhnte,
ohne das es fast eine Unmglichkeit sein wrde, zu entkommen, ergriff
er des Doktors Hand und sagte rasch und fast frhlich:

Wenn weiter keine Fessel meinen Fu hier bindet, so ist die bald
gehoben -- kennen Sie die Strae Piedras? -- die dritte von hier, die
nchste gleich nach Chacabuco? dort an der Ecke vom Commercio steht ein
kleines niederes Backsteinhaus -- hier ist die Adresse des Mannes an
der Plaza, der es zu vermiethen hat -- steht es leer, miethen Sie es um
jeden Preis, hat es einen Miethsmann, so bieten Sie dem Eigenthmer das
Doppelte, Dreifache -- Hundertfache -- Er besann sich pltzlich und
hielt sich seine Schlfe -- er war in furchtbarer Aufregung, aber die
Wichtigkeit des Moments entschuldigte das auch vollkommen in Stierna's
Augen, und nun seine Hand fassend, bat er ihn sich zu migen, da man
ihn nicht in den nchsten Zimmern hre, und einer der Wchter vielleicht
herbeigerufen wrde.

Don Morelos, der bei der ersten Berhrung frmlich zusammenzuckte,
erholte sich doch schnell wieder und einige Mal jetzt mit raschen
Schritten im Zimmer auf und ab gehend, schien er endlich in der
gewaltigen, freudigen Aufregung des Augenblicks seine Sinne soweit
gesammelt zu haben, die Gedanken auf den einen, fr sie jetzt
wichtigsten Punkt zu bringen. Er theilte nun dem aufmerksam lauschenden
Freunde mit, da er in dem Eckzimmer jenes kleinen Gebudes, in welchem
er mehrere Monate seines ersten Aufenthalts in Buenos-Ayres gewohnt,
unter ein paar genau bezeichneten Steinen einen Beutel mit Unzen
verborgen habe, die fr die nchste Zeit alle ihre Bedrfnisse reichlich
decken und ihre Passage nach irgend einem Theil der Welt bezahlt haben
wrde. Gelang es ihnen, sich, und sei es auch nur auf einen einzigen
Tag, in ungestrten Besitz des Zimmers zu setzen, so hatten sie was
sie brauchten, alle ihre Plne in Ausfhrung zu bringen, und Stierna
selbst, bis zu krankhafter Erregung getrieben, verlie den Spanier,
den erhaltenen Auftrag so rasch als mglich auszufhren.

Vorerst suchte er das bezeichnete Haus in der Calle Piedras auf, und
fand es zu seiner Freude unbewohnt; der Wirth, zugleich Eigenthmer
einer Pulperia oder Schenkwirthschaft, machte erst Schwierigkeiten, da
er schon in nchster Woche dort oben gleichfalls ein Schenkhaus fr
#agua ardiente# und #caa# anlegen wollte, als ihm aber Stierna selbst
fr die eine Woche einen guten Miethzins bot, indem er vorgab, die
gegenberliegenden Huser im Auftrag ihres Eigenthmers abzeichnen zu
wollen, verstand er sich dazu, und der junge Doktor schaffte noch an
demselben Abend eine Staffelei mit dem nthigen Zeichnen- und Malapparat
in die glcklich gewonnene Stube.




2.

Die Flucht.


Zwei Tage spter waren alle nthigen Vorbereitungen getroffen; Stierna
hatte das Gold gefunden und glcklicher Weise lag gerade ein deutsches
Fahrzeug im Hafen, das am nchsten Morgen, mit Tagesanbruch segeln
wollte. Es war nach Valparaiso bestimmt, wollte aber erst noch einmal
Monte-Video anlaufen, um dort einige Passagiere an's Land zu setzen, und
da Rosas Gewalt nicht bis zu diesem Orte reichte, ein Flchtling der
Argentinischen Republik jedoch mit offenen Armen dort empfangen wurde,
akkordirte er zwei Pltze nach dieser Stadt, und schaffte durch die
Geflligkeit des Capitains untersttzt, der ihm die eigenen Leute dazu
borgte, mit einbrechender Dunkelheit was er hatte aus seiner Wohnung
an die Landung, wo es von dem Kapitain selber in Empfang genommen,
fr seine eigenen Effekten ausgegeben, und an Bord gebracht wurde. Zu
gleicher Zeit hatte er sich eine kleine Strickleiter zu verschaffen
gewut, die der junge Spanier unter seine Matratze verbergen mute, die
Stbe waren ebenfalls bald durchgefeilt, und es galt jetzt nur noch,
nach zehn Uhr, wenn die Revision vorbei war, die beiden Schildwachen
vorn am Hause auf kurze Zeit zu beschftigen, wozu Stierna ebenfalls die
beste Gelegenheit hatte und benutzte.

Unten in der Wohnung, in einer der festen Zellen, lag ein Rasender an
Ketten, tobend, bis ihm die fast herkulischen Krfte versagten, und
schwach und lenksam wie ein Kind fr die kurze Zeit der Rast, bis die
erschpften Sehnen wieder neues Leben, und dadurch die in ihm ghrende
Wuth auch, wie es schien, neue Nahrung fand. Die Erinnerung an irgend
etwas Bestimmtes schien er verloren zu haben -- er ras'te eben blos, nur
_Rosas_ Name durfte nicht in seiner Gegenwart genannt werden, wenn man
nicht frchten wollte, da er selbst diese furchtbaren Banden zerri,
die ihn fast zu Boden drckten. -- Seine Zhne knirschten dann ber
einander, als ob sie zersplittern mten, der weie Schaum trat ihm auf
die Lippen, und die Augen quollen frmlich aus ihren Hhlen. Es ging
ein dumpfes Gercht im Haus, da dem Mann, durch die Mashorqueros des
Diktators vor seinen Augen und in wenigen Minuten fnf erwachsene Shne
abgeschlachtet wren, aber man murmelte das mehr als einen Vorwurf fr
den Alten, da er solch alltglichen Falles wegen den Verstand verloren,
da ihm Rosas noch dazu den Kopf dafr gelassen, -- gegen die That selber
wagte Niemand ein Wort zu uern.

Dieser Unglckliche hatte sich an dem einen Handgelenk wundgescheuert,
und Stierna, dem schon an diesem Morgen der Auftrag geworden, die Kette
abzunehmen und anders zu befestigen, verschob dies als eine, seinem
Plan vollkommen gnstige Gelegenheit bis zum Abend. Vor Dunkelwerden
mute er das allerdings vornehmen lassen, fand aber noch eine Ausrede in
dem ihm gefhrlich dnkenden Zustand des Alten, das Abnehmen der Ketten,
das ihn wieder aufregen konnte, hinauszuschieben, und rief nun, als
er die Zeit fr passend hielt und dem Freund das verabredete Zeichen
gegeben, die beiden Schildwachen nach vorn zum Haus, dort zur Hlfe
bereit zu sein, wenn der Unglckliche, mit dem sie es hier zu thun
hatten, vielleicht gerade dann einen seiner Wuthanflle bekommen sollte.
Smmtliche Wrter der Anstalt interessirten sich ebenfalls fr den
Alten, der im ganzen Haus nur den Namen #el bruto# fhrte, und wer
nicht um ihn wirklich beschftigt war, drngte sich doch in den Gang,
zu sehen, wie sich das Thier benehmen wrde.

Don Morelos lie inde die Zeit nicht unbenutzt vorbeigehen -- rasch
waren die, schon lange durchgefeilten Eisenstbe ausgebrochen, und
mit der Gewandtheit einer Katze glitt er an der schwanken Leiter
nieder, schlich zu dem Kaktuszaun, schnitt sich hier mit einem groen
Argentinischen Messer, das ihm Stierna ebenfalls verschafft hatte,
die Bahn ins Freie, und war wenige Minuten spter in der Dunkelheit
verschwunden.

Der Schwede hatte indessen die Kette von dem Arm des Unglcklichen
nehmen lassen, und die Wunde am Knchel verbunden, -- der Tolle sa auch
ruhig dabei, und lie Alles geduldig mit sich geschehen, neugierig nur
starrte er auf die Gesichter der Umstehenden, und es war fast, als ob er
in dem Chaos seiner Erinnerungen vergebens nach hnlichen Zgen suche.
Zwei Mnner hatten ihn, trotz dem Eisen an den Fen, halten sollen, da
er sich aber so ganz ruhig verhielt, ja so schwach schien, da er kaum
im Stande war, aufrecht zu sitzen, lieen sie die umklammerten Arme los
und lehnten seinen Oberkrper an ihre Knie.

Die Wunde war indessen ausgewaschen, fing aber wieder frisch zu bluten
an, und Stierna wickelte das mit einer khlenden Salbe bestrichene
Leinen darum, die Blutung zu stillen. Jenes furchtbare, nichtssagende
todte Lcheln schwebte dabei um die Lippen des Unglcklichen und zuckte
in seinen Wimpern, -- der Schmerz des Verbindens machte ihn zuerst
aufmerksam auf seinen Arm, und in dem nmlichen Moment fast quoll das
Blut durch die Leinwand und frbte diese.

Die Wirkung war entsetzlich, und ehe die hinter ihm Stehenden nur so
weit die verlorene Besinnung wieder gewannen, zuzugreifen, hatte sich
der, noch vor wenigen Minuten fast hlflose Greis emporgeschnellt, und
mit dem tollen Aufschrei Blut! -- Blut! -- Das war der erste! -- warf
er sich auf einen der Wrter, der die Lampe hielt und schlug ihm, wie
ein wildes Thier im Ansprung, die Zhne in die Brust.

Hlfe! schrie der Arme, lie die Lampe fallen und strzte rckwrts zu
Boden nieder -- Hlfe! Erbarmen! aber der Rasende hatte ihn zu fest
und sicher gepackt, und vergebens warfen sich die Wrter jetzt auf ihn,
ihn fortzureien, vergebens schlug ihn Einer derselben, als jede andere
angewandte Gewalt nutzlos blieb, mit seiner eigenen Kette auf die Stirn,
da er betubt zusammenbrach. Die Zhne lieen nicht los, bis sie das
Fleisch, das sie gefat, vom Krper trennten, und jetzt, an allen
Gliedern wieder gefesselt, wurde der noch immer Bewutlose, mit schnell
umgelegten Verbande, in seine Zelle zurckgeschleift.

Stierna mute jetzt erst noch den schwer verwundeten Wrter verbinden,
und dann dem finsteren Schreckenshaus, das noch in seiner letzten Scene
so furchtbare Erinnerung fr ihn bewahren sollte, ein leises, aber aus
innerster Brust kommendes Lebewohl zurufend, warf er sich auf sein
drauen angebunden stehendes Pferd, und trabte rasch die Strae hinab,
dem inneren Stadttheile zu, wo er seinen jungen Freund an einem, ihm
genau bezeichneten Ort schon zu finden hoffte.

       *       *       *       *       *

Whrend die Wrter in dem Irrenhaus mit dem Tollen rangen, sprang die
Strae hinunter, den Schlamm nicht achtend, der um sie her spritzte,
eine dunkle Gestalt mit bleichen, fast geisterhaften Zgen; der Strae
Santa Rosa folgend, bog sie erst in die von Santa Clara ein, und
vollkommen mit der Lokalitt des Platzes bekannt, wie es schien, migte
sie erst ihren Schritt, als sie sich einem groen dunklen Gebude
nherte, das die Ecke dieser und der Calle Lima bildeten. In den langen
Pancho gehllt, drckte sie sich, diesem gegenber, in den dunklen
Schatten eines anderen hohen Hauses, von den Vorbergehenden oft und
neugierig angestarrt, aber ohne ihrer zu achten, ja vielleicht ohne sie
zu bemerken, und blickte, das Antlitz jetzt total in dem weiten Tuche
versteckt, da die glhenden Augen nur eben darber sichtbar waren,
regungslos nach einem dicht verhangenen, und stark vergitterten
Fenster des unteren Stocks hinber, aus dem ein schwacher Lichtstrahl
vordmmerte. Aber die Thr ffnete sich nicht -- Niemand verlie das
Gebude, Niemand betrat es, und eben das einzelne Licht ausgenommen,
htte man die ganze dstere Steinmasse fr de und unbewohnt halten
knnen.

Es war nahe an zehn Uhr, nur noch einzelne Fugnger, die hier in dem
belebtesten Theil der Stadt, in dem selbst Trottoirs hergerichtet waren,
ihren eigenen Wohnungen zueilten, brachen manchmal die stille de der
Strae, diese aber wichen jetzt scheu der noch immer dort lehnenden
Gestalt aus, und beschrieben, selbst den Schlamm des Fahrwegs nicht
achtend, lieber einen Bogen um sie, oder kreuzten nach der anderen Seite
hinber. Alle Lden, alle Thren waren geschlossen, die meisten Lichter
sogar schon verlscht, nur das eine, in dem dunklen Haus warf noch
seinen matten Schein auf den Vorhang, der das Innere des Gemaches
vollstndig den Augen der Vorbergehenden verbarg.

Niemand war jetzt mehr auf der Strae zu hren, eine kleine Patrouille
Argentinischer Miliz bog um die nchste Ecke und marschirte, zur Ablsung
irgend eines Postens, die Strae hinab, dem Castell zu -- ihre Schritte
verhallten in der Ferne und deutlich tnte der scharfe eigenthmliche
Flgelschlag zahlreicher Zge von Wildenten, die von dem Strom nach den
zahlreichen Binnenwssern hinber oder zurckstrichen, durch die Nacht,
und unterbrach die sonst todtenhnliche Stille.

Der Mann in dem dunklen Pancho schritt jetzt rasch quer ber die Strae
hinber, horchte einen Augenblick an der Thr und lie dann zweimal
den Klopfer aufschlagen, da es durch das ganze Gebude hallte. Wenige
Sekunden spter ging drinnen eine Thr, ein schwerer Schritt klappte
durch das Haus, und eine Stimme von innen heraus frug wer da sei. --

#Viva la confederation!#[3] sagte der nchtliche Klopfer mit lauter,
ruhiger Stimme.

  3: Es lebe die Confderation.

#Mueran los salvajes Unitarios,#[4] antwortete der im Haus Befindliche,
und zwei zurckgeschobene Riegel kndeten gleich darauf, wie er das
Feldgeschrei seiner Parthei fr eine hinlngliche Brgschaft des guten
Charakters seines nchtlichen Besuches halte, ihm selbst in dieser
spten Stunde Einla zu gnnen. Gleich darauf wurde ein Schlssel im
Schlo umgedreht und die Thr ffnete sich nach Innen, whrend das
Licht der Lampe, die der Aufschlieende in der Hand hielt, voll auf
das Antlitz seines spten und ungekannten Besuchers fiel.

  4: Es sterben die wilden Unitarier. Beides das Motto der
     Argentinischen Republik unter Rosas.

#Ave Maria!# sagte der Alte aber fast unwillkrlich, als er das
todtenbleiche Gesicht und die dunkelglhenden Augen gewahrte, die auf
ihn geheftet waren -- was wnscht Ihr, Seor, zu so spter Zeit?

Der Fremde strich sich mit der Linken das feuchte rabenschwarze Haar aus
der Stirn und sagte dann mit ruhiger Stimme, die der unruhige Ausdruck
seiner Zge freilich Lgen strafte.

Ich mu um Entschuldigung bitten, Sie so spt zu stren, aber ein
wichtiger Auftrag zwang mich dazu -- ist Don Luis de Gomez noch zu
sprechen?

Don Luis ist nicht zu Hause, erwiderte der Alte, und musterte jetzt
zum ersten Mal, und wie es schien, etwas erstaunt den verstrten und
schlammbespritzten Anzug des Fremden, Ihr kommt wohl aus dem Inneren,
Seor? setzte er dann fragend hinzu. --

Nicht zu Hause? wiederholte aber der Fremde rasch und wie es schien
unglubig -- sagt ihm, guter Freund, da ich ihm wichtige Depeschen
bringe, deren Verschieben Unheil ber viele Menschen bringen knnte.

Aber Don Luis hat Buenos-Ayres schon vor drei Monaten verlassen,
bekrftigte der Alte seine frhere Aussage, und ist nach Valparaiso im
Auftrag Sr. Excellenz des Gouverneurs gegangen -- den Gott beschtzen
mge.

Nicht in Buenos-Ayres? rief der Fremde, erschreckt einen Schritt
zurcktretend -- nach Chile? -- und Donna Constancia? --

Ehe der Alte diese zweite Frage noch beantworten konnte, ffnete sich
die Seitenthr, und eine alte Dame, den Kopf sorgfltig in ihre Mantille
eingeschlagen, die sie unter dem Kinn durchgezogen und ber die linke
Schulter zurckgeworfen hatte, schaute heraus, hatte aber kaum das
bleiche Antlitz des Fremden erkannt, auf das in diesem Augenblick das
volle flackernde Licht der Lampe fiel und ihm einen noch viel wilderen
unheimlicheren Ausdruck gab, als sie einen gellenden Schreckens- und
Hlfeschrei ausstie und die Thre wieder ins Schlo werfend, vor der
sie ihren Gatten oder was er sonst sein mochte, total und unbekmmert
seinem Schicksal berlie, ri sie das Fenster ihrer Stube auf und rief
mit einer Stimme, die Todte htte erwecken knnen Hlfe und Mord in
die stille Nacht hinaus.

Der Alte erschrak natrlich nicht wenig ber den unerwarteten, und fr
jetzt allerdings noch total unbegrndeten Nothschrei, ri aber doch das
Messer, das er wie jeder Argentiner bei sich trug, aus der Scheide, und
sah den bleichen Fremden verdutzt und unentschlossen an. Dieser war
bei dem ersten Schrei der Frau wild emporgezuckt, und auch seine Hand
griff wohl unwillkrlich nach der, unter dem Pancho verborgenen Waffe,
wie er aber das Hlfegeschrei der Frau nach der Strae zu hrte, stutzte
und horchte er erst einige Secunden und stie dann pltzlich ein so
wildes frchterliches Gelchter aus, da der Alte entsetzt zurcktaumelte.
In dem nmlichen Augenblick war aber dieser wilde unheimliche Besuch
durch die noch offene Hausthr wieder hinaus auf die Strae geschlpft,
und whrend der Alte mit vor frmlicher Todesfurcht zitternden Hnden,
die Riegel wieder vorschob und seiner Frau, lange vergeblich durch die
verschlossene und von Innen frmlich verbarrikadirte Thr zurief, da
jede Gefahr -- wenn berhaupt irgend eine vorhanden gewesen, vorber
sei, floh Morelos mit lautem, schallendem Gelchter die menschenleere
Strae hinab und das Hlfegeschrei der alten Dame tnte gellend hinter
ihm drein.

Keine Thr, kein Fenster ffnete sich dabei. -- Anflle auf offener
Strae gehrten in gegenwrtiger Zeit, und unter Rosas strenger Polizei,
allerdings zu den Seltenheiten, fielen aber doch dann und wann vor, und
Privatleute hteten sich wohl, sich in derlei Streitigkeiten zu mischen;
ja wer sich gerade zufllig in der Nhe auf der Strae fand, floh, so
rasch er konnte, solcher Nachbarschaft zu entgehen, die oft in ihren
Folgen selbst fr die Zeugen lange Verhre und selbst fr Einkerkerungen
mit sich brachten -- hatte sich endlich die Polizei wirklich einmal in's
Mittel geschlagen.

Als der Lrm verhallt war, marschirte auch heute eine kleine
Militrpatrouille von sechs Negersoldaten und einem Mulatten als
Unterofficier, langsam durch die Strae -- an den Ecken hielt sie still,
die Strae auf und ab zu horchen, ob sich noch etwas vernehmen lasse,
und schickte hie und da einen Mann nach rechts oder links ab, zu sehen,
ob der dunkle Gegenstand an der anderen Seite der Strae vielleicht
die Leiche irgend eines Ermordeten wre, als sie aber nichts weiter
Verdchtiges fand, zog sie sich, sehr zufrieden mit dem Resultat, in
ihre Quartiere zurck.

       *       *       *       *       *

Am Ufer des La Plata und berhalb der sogenannten Bootlandung luft
eine einzelne Reihe von Ombubumen hinauf, die dort enden, wo die Stadt
eigentlich, trotz dem ausgelegten Plan noch nicht begonnen hat, und eine
hohe Plankenwand weiter keinen Zweck zu haben scheint, als das Ufer
gegen das Anstrmen der Wellen zu schtzen, die hier, bei einem tchtigen
Sdosten oft in rasender Gewalt gegen die Kste auftoben knnen, whrend
der fast seegleiche Strom mit jedem anderen Winde diese Bucht in
Spiegelgltte hlt.

Auf dem Platz lag Bauholz zerstreut umher, und unter dem letzten
Ombubaum, der mit seinen breiten, dichten sten seinen Stamm in vllige
Dunkelheit hllte, stand Stierna in peinlicher Ungeduld und harrte
Stunde nach Stunde vergebens des Freundes. Was war aus ihm geworden,
konnte ihm ein Unglck zugestoen -- konnte er erkannt und wieder
eingefangen sein? Das Herz schlug dem jungen Schweden in qulender
Angst um den Unglcklichen, denn nicht retten htte er ihn dann wieder
knnen, und er selber durfte sich, war ihm sein Leben lieb, wahrlich
nicht wieder in der Stadt zeigen, wo er, ein ffentlich Angestellter des
mchtigen Gouverneurs, diesem selbst in seinen Plnen entgegengewirkt.

Schon hatte er eine Zeit lang von den Thrmen zehn Uhr schlagen hren,
als sich pltzlich Schritte nahten -- es war das regelmige Auftreten
einer Wache, die den breiten Fahrweg niederkam und auch dicht an dem
Baum, an dessen Stamm geschmiegt der Doktor stand, vorbeimarschirte.

Bei dem Wetter soll man nun recognosciren, sagte der eine der
Soldaten, die sich hchst unbefangen mit einander unterhielten, zu dem
anderen -- und man wei gar nicht, wo der Lrm gewesen ist. --

Bei Don Gomez -- meint die eine Wache, erwiederte ein anderer, aber
noch ist nichts Bestimmtes bekannt -- wie wir vorbeimarschirten war ja
auch Alles still und ruhig dort. --

Die Worte verklangen in der Ferne, und Stierna zerbrach sich eben
den Kopf, was man mit dieser Patrouille hier eigentlich zu so
auergewhnlicher Zeit wollte, wenn nicht die Flucht des Gefangenen
schon bekannt geworden wre, als ihn pltzlich ein leiser Pfiff, dicht
von den Husern kommend, aufstrte, und freudig emporfahrend, erkannte
er eine dunkle Gestalt, die rasch ber die Strae glitt und in seine
ausgebreiteten Arme sank. Es war Don Morelos.

Aber wo um Gottes Willen sind Sie so lange geblieben? rief Stierna
ngstlich, seinen Arm ergreifend und haltend -- ich frchtete schon
--

Pst -- wir mssen fort, unterbrach ihn aber der junge Spanier -- die
Patrouillen scheinen schon mehr zu wissen, als uns gut sein mchte.
-- Wie aber kommen wir an Bord? --

Ein Canoe liegt hier zwischen den Felsen, das uns --

Gut, gut, fort nur, das Wetter ist herrlich -- hurrah, nach Chile, und
wie sie schauen werden, hahahahaha! --

Um Gottes Willen nicht so laut, bat ihn ngstlich der Schwede, die
Patrouille kann dort oben wahrscheinlich nicht hinaus, und mu hier bei
uns wieder vorbei -- wir drfen uns deshalb auch nicht auf's Wasser
wagen, bis sie passirt ist.

Das scharfe Ohr des Spaniers hatte indessen schon wieder die
rckkehrenden Schritte der Soldaten vernommen, und sich dicht an den
Stamm des Baumes schmiegend, dessen ungleiche und hohe Wurzeln ihnen
ungemein gnstig waren, drckten sie sich lautlos zwischen diese hinein,
bis die Gefahr vorber war. Die Patrouille zog indessen mrrisch und
schweigend vorbei; es regnete jetzt, was vom Himmel herunter wollte,
und die armen Teufel von Soldaten dachten in ihren dnnen nassen Jacken
an den feuchten, kalten Raum, der sie erwartete, wenn sie nach ihrer
Hauptwache jetzt zurckkehrten. Wer konnte in solcher Nacht hoffen,
irgend Jemanden einzufangen, dem nicht selber daran lag, arretirt zu
werden.

Eine Viertelstunde spter glitt das kleine Canoe, von Stiernas Hand
gerudert, und die Fahrzeuge der Binnenrhede vermeidend, auf die
Auenrhede hinaus. Vom Bug des kleinen Schuners Oporto hing eine
Laterne, deren Licht durch die geschliffenen Scheiben wie ein Stern
durch die Nacht funkelte. Zu Starboard vom Bord hing die Fallreepstreppe
nieder, und das Canoe treiben lassend, um morgen irgendwo am Ufer des
La Plata von einem Fischer aufgefangen zu werden, betraten sie das
Fahrzeug, das sie mit Tagesanbruch der gefhrlichen Nhe des Diktators
und seiner Hscher entfhren sollte.

Der Capitain selber hatte nicht die mindeste Lust in irgend eine
Schwierigkeit mit dem Gesetz zu gerathen, und mit einer ziemlich
gnstigen Brise lichtete er noch vor Tagesanbruch den Anker und ging
stromab. Selbst der Lootse erfuhr Nichts von der Anwesenheit der
beiden Passagiere, die bis Monte-Video im Logis vorn -- wie der
Aufenthaltsort der Matrosen an Bord eines Schiffes genannt wird
-- untergebracht wurden.

Schon am nchsten Morgen erreichten sie Monte-Video. Stierna erstaunte
aber hier nicht wenig, als Don Morelos ihm pltzlich erklrte, er wolle
mit dem Schiff nach Valparaiso gehn. Monte-Video sei allerdings sicher
genug fr ihn, aber das wenige Geld, was er jetzt noch sein eigen
nannte, konnte nicht ewig ausreichen, whrend er in Valparaiso, weit
eher Gelegenheit fand, auf seine Familie in Spanien zu ziehen. Stierna
konnte dagegen nicht gut etwas einwenden, auch er hatte in dem, berall
vom Feind bedrngten Monte-Video wenig Aussichten, sein Fortkommen
leicht zu grnden, whrend Valparaiso ihm einen weit freieren Spielraum
fr seine Thtigkeit bot, und ihn freute deshalb eher der Entschlu des
Geretteten.

Auffallend war ihm aber dennoch die schnelle Sinnesnderung Don Morelos,
der frher auch nicht eine Sylbe von Chile erwhnt hatte, ja in der That
ganz gleichgltig schien, wohin sie sich wenden wrden, nach Osten oder
Westen, nach Norden oder Sden, wenn er nur den Schauplatz seiner
Qualen fliehen konnte. Nichts destoweniger sprach er augenblicklich mit
dem Capitain, der sich auch gern bereit zeigte, sie mitzunehmen; ber
das Passagiergeld wurden sie bald einig, und da der Capitain selber die
noch immer gnstige Brise nicht versumen wollte, diesem, besonders in
Winterszeit gefhrlichen Wasser zu entgehen, wo die tckischen Strme
dieser Breite, die sogenannten Pamperos fast mit jedem Mondwechsel
mehr oder weniger stark einsetzen, beeilte er seine Geschfte in der
Hauptstadt der Unitarier so rasch ihm das irgend mglich war, und als
der nchste Pampero, einige Tage spter wirklich ber die weiten Steppen
des Binnenlandes daherwehte, schwammen sie schon drauen im freien Wasser
und hatten Seeraum genug und nicht mehr die niederen gefhrlichen Ufer
und Sandbnke des La Platastromes um sich her.

Jeder weiteren Gefahr entdeckt zu werden brigens auszuweichen, hatten
die beiden Freunde schon mit dem Betreten des Fahrzeugs und den
Seeleuten gegenber andere Namen angenommen, und Stierna nannte sich
_Leifeldt_ und gab sich fr einen _deutschen_ Arzt aus, da er diese
Sprache flssig redete, whrend Don Morelos den Namen Don Gaspar de
Monte Silva, einer Familie, mit der er nahe verwandt sein wollte,
angenommen hatte. Auf dem Schiff schon kannte man sie unter keiner
anderen Benennung.




3.

Die Reise und ihre Abenteuer.


Die Reise selber ging rasch und glcklich genug vorber, Cap Horn
doublirten sie, von einer herrlichen Brise begnstigt, mit Leichtigkeit,
und flogen mit schwellenden Segeln wieder einem milderen, freundlicheren
Klima entgegen.

Don Morelos war den ersten Theil der Reise sehr leidend; kaum aus der
Mndung des La Plata heraus und in offener See, bekamen sie einen
tchtigen Pampero, der ihn todtseekrank in seine Coje bannte, und
die am Cap Horn fast stets ziemlich hoch gehende See mit der kalten
unfreundlichen Witterung konnte nicht dazu dienen, ihn rasch wieder
herzustellen. Zu diesem Zustand gesellte sich noch ein ziemlich
bsartiges Fieber, das mehrere Tage lang sogar sein Leben bedrohte,
und Stierna wich in dieser Zeit nicht von seinem Lager.

Der Kranke lag indessen in den wildesten Phantasien, in denen die Namen
Constancia und Gomez einem festen Ideengang anzugehren schienen,
whrend sein oft dazwischen tnendes Lachen frmlich unheimlich klang.
Der Freund allein durfte in dieser Zeit an seiner Seite sein, und er
rief die Anderen, wenn sich Capitain oder Steuermann einmal nach ihm
erkundigen wollten, mit dem Namen seiner frheren Wrter oder Schlieer,
und drohte gegen sie anzuspringen.

Seine krftige Natur berwand aber auch diese Krisis -- wenn auch
langsam, erholte er sich doch allmhlig und noch ehe sie die warmen
Breiten der sdlichen Zone wieder erreichten, war er vollkommen
hergestellt, wieder im Stande an Deck zu sein und seinen Krper durch
die frische, balsamische Seeluft zu krftigen. Eigenthmlicher Weise
wute er dabei Alles, was whrend seiner Krankheit vorgefallen, was er
phantasirt und wie er sich betragen, entschuldigte sich auch gegen die
Seeleute auf das herzlichste, da er solch tolles ungereimtes Zeug gegen
sie ausgestoen und versicherte sie, er habe in demselben Augenblick
gefhlt, was er thue, und sei doch nicht im Stande gewesen, seine Zunge
zurckzuhalten. Viel wurde dabei ber die verschiedenen Namen gelacht,
die besonders der Steuermann abwechselnd erhalten hatte, und die kleine
Gesellschaft in der Cajte des Oporto amsirte sich vortrefflich.

In der Hhe von Chiloe bekamen sie pltzlich eine lngere Windstille,
die See lag still und regungslos, nur in ihren ewigen, nie unterbrochenen
Schwellungen, und die Segel flaggten schwerfllig gegen den Mast und das
stehende Takelwerk des Schiffes an. Die Seeleute sagen in solchem Fall
Reepschlger und Segelmacher (Reepschlger: der Seiler oder Taumacher)
prgeln sich und sind schrecklicher Laune, und so groe Erholung ein
solcher Zustand gewhnlich den frher von der Seekrankheit schwer
Heimgesuchten gewhren mag, so entsetzlich wird er auf die Lnge der
Zeit fr den Gesunden, der mit einer frmlich verzweifelten Sehnsucht
nach Ost und West, nach Nord und Sd ausschaut, nur von irgend einer
Seite her, gleichviel von welcher, das Wasser dunklen und die Brise
ankommen zu sehen. Selbst der schlechteste Wind wird in einer solchen
Zeit einer totalen Stille vorgezogen; man will nur _Bewegung_ im Wasser,
nur _Leben_ und gerade das Gefhl vielleicht, so ganz machtlos dem
schlfrigen Element zum Spiel zu dienen, sogar Nichts thun zu knnen,
einem derartigen Zustand zu entgehen, ist es, das den Krper zuletzt
frmlich aufreibt.

Es lt sich denken, da in einem solchen Fall auch das geringste
Auergewhnliche, was die traurige Monotonie der See unterbricht,
freudig bewillkommt wird -- der ferne Strahl eines Wallfisches wird ein
Moment, eine andere Art von Mve, Albatro oder Schwalbe sind froh
begrte Gste. -- Springer, jene groe Art von Fischen, die der
deutsche Matrose etwas prosaisch nach dem Schweine nennt, weil sie
einen hnlichen scharfen Rssel haben -- zeigen sich in weiter Ferne,
und selbst der Streifen wird betrachtet, den sie im Wasser ziehen
-- kruseln sie doch die Oberflche des Meeres und das Auge tuschte
sich sogern mit einer kommenden Brise.

Das wichtigste Ereigni in einer solchen Zeit ist aber das Erscheinen
eines Haifisches, dieses gefrigen Piraten der Tiefe, und der Mann am
Steuer, der schlfrig am Rade lehnt und das Ruder bald auf diese bald
auf jene Seite legt, das Schiff demselben gehorchen zu lassen und sich
dann zu rgern, wenn es sich nur faul und langsam eben um den ganzen
Kompa herum treibt, dreht fortwhrend den Kopf nach allen Richtungen
hin, und beobachtet die blanke Spiegelflche des Wassers, irgend einen
dunklen Punkt zu erkennen, der der Flosse eines anschwimmenden Haies
gleiche. Der Schatten irgend einer sich etwas hher hebenden Schwellung,
das Aufschlagen eines kleinen Fisches, ein mder Wasservogel, der seine
Schwingen auf der glatten Flche gefaltet hat, und mit dieser steigt und
sinkt, fat und hlt dabei der rasche Blick -- hher richtet er sich
auf, und die Augen mit dem ausgestreckten Arm gegen das blendende Licht
des blitzenden Strahles schtzend, den die Sonne auf die Silberhaut des
Meeres wirft, schaut er lange und forschend nach dem verdchtigen Punkt
hinber. Wieder und wieder getuscht, lt er endlich sogar sein Ruder
eine Weile im Stich -- bei Windstille kommt's nicht so genau darauf
an, und der Mann steht wirklich manchmal Tage lang nur zum Staat dabei
-- geht an den Heck und schaut, soweit er mglicher Weise sich kann
hinberbiegen, nach dem von crystallreinem Wasser umspielten Ruder, das
sich nach unten zum schnsten herrlichsten Dunkelblau schattirt, und
beobachtet kurze Zeit den deutlich sichtbaren Kiel des Schiffes, denn
der Hai treibt sich oft tief unter dem Schiff herum, auf Beute lauernd,
die vom Bord zu ihm herausfallen mchte. Das schwarzlackirte, von der
Sonne gedrrte Holz der Schanzkleidung, auf die er sich gelehnt, brennt
aber zu sehr -- er hlt es nicht lange aus und tritt wieder an sein
Ruder zurck -- ein frisches Priemchen seine einzige Erholung.

#Shark-oh#![5] ruft da eine Stimme von der Bramraae herunter; Einer
der Leute hatte etwas an dem oberen Tauwerk auszubessern gehabt und
sein Arm deutet, whrend er spricht, den zu ihm rasch Aufschauenden die
Richtung an, in der sich das Unthier faul und wohlgefllig in der warmen
Fluth wlzt und schaukelt.

  5: Hai-oh!

Im Nu ist die Lethargie der ganzen Mannschaft abgeschttelt, der Koch
bringt ein Stck gesalzenen Speck als Lockspeise fr den Raubfisch, der
Steuermann kommt mit dem wohleingelten und blankgehaltenen Haken, an
das der Erstere rasch den Speck befestigt -- der Wirbel am Haken mu
sich wohl drehen, denn wie ein Quirl schleudert sich das Unthier herum,
wenn es sich gefangen fhlt -- und das Eisen ber Bord geworfen, drngt
Alles nach hinten, die Bewegungen des Fisches, wie er sich nhert oder
theilnahmlos an dem fr ihn ausgehangenen Gericht vorbeitreibt, zu
beobachten.

Der Matrose hat nun berhaupt einen Hai; es ist die sein angeborener
erbarmungsloser Feind, der mit den kaltblitzenden grnen Katzenaugen
fortwhrend nach Beute ausschauend, fat, was er eben erreichen kann,
und mit dieser ewigen Raubgier Schnelle und furchtbare Strke verbindet.
Er beit auch weniger, als da er das mit den Zhnen erfate frmlich
_ausdreht_, wenn der Gegenstand zu gro ist, ihn gleich ganz zu
verschlingen, und wenn selbst nicht gleich getdtet, ist der unglckliche
Seemann, dem der Hai erst einmal Arm oder Bein gefat hat, auch meist
rettungslos verloren. Was Wunder also, da der Fang eines solchen
Ungethms stets mit Jubel, begrt wird, und selbst sonst ganz gutmthige
Seeleute die sich wenigstens nie dazu verstehn wrden, einen Hund oder
ein anderes Thier muthwillig zu qulen, mihandeln mit wahrer Wonne
einen gefangenen Hai oder schneiden ihm wohl auch gar den Schwanz ab,
und werfen ihn wieder ber Bord, wo er dann bald im Wasser elend
umkommen mu.

Die Seeleute haben Grund ihn zu hassen und thun es von ganzer Seele;
wunderbar aber war die Wuth, die der junge Spanier auf diese Fische
hatte; halbe Tage lang sa er im Mast, nach ihnen auszusphen, und
war der Fang endlich geglckt, die das Deck peitschende Bestie an
Bord gezogen und hielten sich die Leute noch scheu zurck, von dem
schlagenden Schwanz nicht getroffen zu werden, sprang er, der Erste
hinzu, ihm sein Messer in die Kiemen zu stoen, da er dann, trotz dem
wthenden Springen und Schnappen des gepeinigten Thieres, darin hin und
her whlte, bis der Fisch, durch Blutverlust und Anstrengung erschpft,
regungslos liegen blieb. Waren es junge Thiere, so wurden sie gewhnlich
spter gebraten, aber nie konnte Don Gaspar, wie wir ihn denn auch von
jetzt an nennen wollen, bewogen werden, das Fleisch auch nur zu kosten
-- und einen solchen Widerwillen fhlte er dagegen, da er nicht einmal
in der Kajte blieb, so lange es auf dem Tische stand.

In dieser Zeit war es, da ein ungewhnlich groer Hai von der Bramraae
angerufen wurde und nicht lange, so kam das Ungeheuer der Tiefe, ein
Bursche von fast achtzehn Fu Lnge und von ganz auergewhnlicher
Strke heran, den Haken einzuschnappen, den der Steuermann jetzt rasch
anfing einzuziehen, da gar keine Hoffnung da war, ein solch riesiges
Ungethm selbst mit drei solchen Haken nur zu halten, viel weniger
an Bord zu holen. Kaum aber sah der Fisch den weien Speck vor sich
hinschieen, den er jetzt wohl in der Eile fr einen flchtigen
Fisch halten mochte, als er einen Schlag in das Wasser that, mit
Pfeilschnelle hinter der vermeintlichen Beute herscho und sie
verschlang.

Jetzt begann ein toller wilder Jubel am Bord, der aber auch wieder von
Lachen und Verwnschungen unterbrochen wurde, denn wenn der Hai nur im
mindesten seine Kraft gegen das, was ihn hielt, gewandt htte, mute
Haken oder Tau brechen und reien; der gefangene Fisch begngte sich
aber, sich herumzuwirbeln und dadurch dem Eisen zu entgehen, das ihm
anfing, unbequem zu werden und mehr und mehr zogen sie ihn indessen
dem Heck des Schiffes nher, wo der Capitain schon eine Harpune bereit
hielt, ihn zu werfen und dadurch vielleicht zu sichern.

Don Gaspar war auer sich, er sprang und jubelte, kletterte an den
Besahnwanten[6] hinauf und wieder hinunter und flog nur manchmal mit an
das Tau, das die ganze Mannschaft fest gepackt hielt, um zu fhlen, ob
der Fisch noch sicher daran sei. Endlich brachten sie ihn glcklich
in Wurfsnhe der Harpune, der Capitain, ein alter Wallfischfnger,
schleuderte das Eisen mit Kraft und Sicherheit und die scharfen
Widerhaken drangen selbst durch die horngleiche Haut des Ungethms
tief in das Fleisch des Halses ein. Die nchsten Minuten hiernach war
Nichts zu sehn als Schaum, so peitschte das Ungethm die Wogen, und der
Schwanz stieg manchmal wie der Kopf einer riesigen Schlange empor, und
schmetterte dann mit furchtbarer Kraft in die kochende Wassermasse
zurck. Aber das Eisen hielt und nur durch die entsetzlichen Anstrengungen
des zur tollsten Wuth gereizten und vom Schmerz gepeinigten Thieres,
arbeitete sich die Wunde grer und grer, und als sich das Wasser
etwas beruhigte, rief der alte Steuermann, sie wrden ihn doch noch
verlieren, denn so bald er noch einmal anfange und htte keine Schlinge
um den Schwanz, msse er sich frei machen.

  6: Besahnwanten, das stehende Tauwerk des hinteren Mastes, das
     diesen hlt und zugleich zur Strickleiter dient.

Der Koch schlug jetzt, um das Tau der Harpune selber herum, eine
Schlinge, diese auf den Kopf des Haies niederfallen zu lassen, und um
ihn herum zu bekommen. Der gefangene Fisch fing aber aufs Neue an zu
schlagen -- und wenn auch die Schlinge dabei schon ber den Kiemen lag,
mute sie doch wieder abrutschen, sobald aufgeholt wurde.

Don Gaspar zitterte whrend der Zeit am ganzen Krper von innerer
Aufregung, er schrie und lachte, wenn der Fisch ruhig blieb und der
Koch mehr mit der Schlinge nach rckwrts kam, und tobte und wthete
frmlich, wenn das Unthier sich wieder zu befreien drohte. -- Alle
mglichen Anordnungen gab er dabei und der Koch, so vielen Respekt er
sonst vor dem Quarterdeck hatte, wurde endlich so rgerlich, da er
ausrief --

Das Schwatzen soll der Teufel holen, geht hinunter und schiebt das Tau
ber, und die Satansbestie soll bald hier oben liegen -- da -- da geht's
wieder an -- na, jetzt ist die Geschichte vorbei, diesmal haut er sich
frei.

Don Gaspar war auf den Rand der Brstung gesprungen und schaute lautlos
aber mit funkelnden, glhenden Augen in die Tiefe.

Nehmen Sie sich in Acht, Herr! rief ihm der Steuermann zu -- wenn Sie
hinabfallen, kommen Sie in einen heien Platz!

Der Spanier hrte ihn nicht. --

Lockert das Tau mit dem Haken, Leute! -- schrie da der Kapitain
-- verdamm es, Ihr zieht zu fest -- die Bestie bricht -- da -- da habt
Ihr's -- der Haken ist ausgerissen -- holla, was ist das -- Don Gaspar
-- was in des Teufels Namen!

Sein Ausruf erstarb in einem Schrei des Erstaunens der ganzen
Mannschaft, denn ehe Leifeldt, der auf der anderen Seite des Schiffes
stand, und ebenfalls mit gespannter Aufmerksamkeit die furchtbaren
Kraftanstrengungen des gefangenen und zur grimmigsten Wuth getriebenen
Fisches beobachtet hatte, es verhindern konnte, fate der junge Spanier,
den Hut zurck an Deck werfend, das Tau, an dem die Harpune befestigt
sa, und glitt an diesem nieder in die jetzt wieder aufkochende,
spritzende See, in der sich das tdtlich getroffene Unthier, nur noch
von der Harpune allein gehalten, wlzte. --

Halten Sie sich am Tau fest, -- um Gottes Willen nicht tiefer! -- er
schlgt Ihnen ein Bein entzwei -- biegen Sie sich das Tau unter den
Ellbogen! Das waren die Rufe oder Schreie vielmehr, die von allen
Seiten gleichzeitig ausbrachen, und Leifeldt selber rief entsetzt den
Tollkhnen bei Namen und beschwor ihn bei allem, was ihm heilig sei,
zurckzukehren. Hrte es aber schon nicht mehr, in der furchtbaren
Erregung des Augenblicks, was um ihn her vorging, oder wollte er den
Warnungsruf nicht beachten, denn ohne auch nur abzuwarten, bis sich das
Ungeheuer der Tiefe, jetzt dicht unter ihm, in etwas wieder beruhigt
htte, glitt er nieder, und verschwand im nchsten Augenblick fast unter
dem aufkochenden Schaum. --

Nieder mit dem Boot! bertnte des Kapitains ruhige Stimme in dem
Augenblick den Lrm -- nach vorn, Ihr Leute, nach vorn und hinunter mit
dem Boot, so rasch Ihr knnt -- halt, Koch, Ihr bleibt hier -- da, macht
eine andere Schlinge aus dem Bramfall dort -- vielleicht knnen wir ihn
hier wieder zu halten bekommen -- wenn ihn der Hai nicht mitnimmt, und
mit einem leise gemurmelten Fluch ber die kecke Tollheit eines solchen
Wagnisses, bog er sich wieder hinten ber, das Resultat desselben mit
anzusehen.

Don Gaspar war indessen einer solchen Gefahr keineswegs unbefhigt
in die Arme gesprungen; so exaltirt er sich oben an Deck gezeigt, so
ruhig und umsichtig bewies er sich hier unten, und whrend er fr einen
Augenblick festen Fu auf dem Fisch selber zu fassen suchte, lie er mit
der linken Hand das Harpunentau keineswegs los, das ihn auch, vorn am
Kopf des Haies hielt und vor den furchtbaren Schlgen des Schwanzes
sicherte. Trotzdem aber, da ihm die Fe abglitten auf dem schlpfrigen
Hals, schien er nur das eine Ziel im Auge zu haben, die Schlinge zu
festigen und unbekmmert um jede Folge, lie er sich vollkommen auf den
Hai hinunter, fate das Tau und unter dem Kopf der wthenden Bestie mit
der Hand niederfahrend, hatte er die Schlinge schon erreicht, als die
Harpune ausri und diese sich, von oben natrlich gehalten, pltzlich
anstraffte.

Die Mnner an Bord standen starr vor Schrecken, und wuten nicht, ob
sie anziehen oder loslassen sollten, denn jetzt hatten sie noch das
Unthier in ihrer Gewalt, glitt es aber aus dem Knoten heraus, so war
der tollkhne Passagier ihm rettungslos anheim gegeben.

Der Hai selber machte diesem peinlichen Moment ein Ende -- vorwrts
schieend, fhlte er sich durch das Tau gehemmt, das ihn auch um die
Kiemen prete, und whrend Don Gaspar, durch die rasche Bewegung das
Gleichgewicht verlierend, ihn mit beiden Armen umschlang, fuhr er
zurck, wirbelte sich ein paar Mal um sich selbst herum -- und war
_frei_.

Der Spanier wre jetzt verloren gewesen, denn das gereizte Thier scho,
den Druck auf sich noch immer fhlend, nach vorn, so da der kecke Jger
natrlich der gegen ihn anpressenden Wassermassen nicht widerstehen
konnte, loslassen mute. Im Anfang schien es auch, als ob es gegen
die Gewalt, die ihm geschehen, ankmpfen wollte, denn kaum von dem
Gewicht befreit, wandte es sich scharf gegen seinen vorherigen Reiter
um, ohne diesen aber auch nur im mindesten zu schrecken, oder seine
Geistesgegenwart zu berauben. -- Im Begriff, von dem Ungethm
fortzuschwimmen, wandte Don Gaspar nmlich den Kopf nach ihm um, und sah
kaum die drohende Bewegung, als er ebenfalls Front gegen den Hai machte,
das einzige zu versuchen, was ihm brig blieb -- drohend gegen den
Ankommenden anzuschlagen, und ihn so zurckzuschrecken. Zu seinem Glck
sollte er aber nicht zu einem solchen und in der That verzweifelten
Kampf gezwungen sein, denn den Hai selber verlieen die Krfte. Der Wurf
der Harpune war tdtlich gewesen, und pltzlich, als Alle an Bord auch
schon in peinlicher Angst und Spannung den ersten Anprall des Thieres
gegen sein Opfer zu sehn erwarteten, bog der Hai seitwrts ab, und fing
an, sich, ohne den Ort zu verlassen, auf dem er stand, wenige Minuten
frmlich im Kreis herumzudrehen. --

Zu derselben Zeit war das Boot auch endlich niedergelassen und scho,
von vier Riemen (Ruder) getrieben, rasch herbei. Don Gaspar aber,
anstatt ihm entgegenzuschwimmen und der furchtbaren Gefahr zu entgehen,
der er bis dahin ausgesetzt gewesen, strich aus und zwar gerade der
Stelle zu, wo der Hai blutige Kreise in der klaren blitzenden Fluth zog.
Zwei Lootsenfische, die sich bis jetzt, trotz des tollen Kampfes, in der
Nhe ihres frheren Beschtzers muthig gehalten, schossen vor und rasch
wieder zurck, einer Gefahr zu entgehen oder auch, wie man ja behaupten
will, dem Hai die Nhe leicht zu gewinnender Beute zu melden; aber
dieser fhlte und sah nicht mehr, was um ihn her vorging -- tiefer
und tiefer senkte er sich in seinem Ringen, immer langsamer wurde der
Flossenschlag, und als Don Gaspar, von dem Boot jetzt fast erreicht,
ber der Stelle hielt, und nieder schaute, sah er eben noch, wie sich
der weie Bauch des _todten_ Fisches aufdrehte und langsam, langsam in
blauer Tiefe verschwand.

Gleich darauf fate der Steuermann den Kragen des Spaniers und zog ihn
mit einem herzlichen Ich will verdammt sein, wenn mir so ein Mensch
schon vorgekommen ist, in das Boot hinein, rasch dann zum Schiff
zurckrudernd, als ob er wirklich frchtete, da ihm das tollkhne
Menschenkind noch einmal ber Bord springen knne.

Don Gaspar war zum Tode erschpft, als er das Schiff wieder erreichte,
und Leifeldt machte ihm wirklich ernstliche Vorwrfe, sein Leben in so
rasender, unberlegter Weise, einem Fisch gegenber, auf's Spiel gesetzt
zu haben, wo ihn wirklich nur ein Wunder erhalten haben mute. Don
Gaspar versicherte ihm aber so hoch und theuer, da er, in der Erregung
des Augenblicks wirklich gar nicht gewut habe, was er thue, und
versprach ihm so heilig, solche tolle Streiche nicht wieder zu machen,
da er sich endlich beruhigte und der Kapitain mit einer tchtigen Bowle
Grog den Frost des Gebadeten wie den Schreck der brigen vergessen
machte.

Den Abend schon erhob sich aber eine leichte Brise, die whrend der
Nacht schrfer und schrfer anwuchs und zuletzt in einen tchtigen
Sdosten ausartete, mit dem sie rasch ihrem Ziele entgegenhielten.




4.

Ankunft in Valparaiso. -- Hlfe in der Noth.


Der _Oporto_ erreichte am 42. Tag nach seiner Ausfahrt von
Buenos-Ayres den Hafen von Valparaiso und Leifeldt und Don Gaspar
mietheten sich im Hotel de Chile ein. Der Letztere hatte aber kaum seine
nthigen Einkufe an Kleidern und Wsche besorgt, da er sich bis dahin
nur mit dem Nothwendigsten begngen mute, das Leifeldt noch in der
letzten Zeit in Buenos-Ayres fr ihn eingekauft, als er auch ausging,
um, wie er sagte, ein paar Verwandte, ein paar Freunde aufzusuchen oder
ihnen wenigstens nachzuforschen, die sich vor Jahren nach Valparaiso
gewandt hatten und hier doch vielleicht noch aufzufinden waren. Der
junge Arzt blieb zurck, die eigene Wohnung ein wenig behaglich
einzurichten.

An dem nmlichen Morgen, etwa um elf Uhr, lie sich ein junger Mann
unter dem Namen de Monte Sylva bei dem Consul der Argentinischen
Republik anmelden, und wurde von diesem auf das Zuvorkommenste
empfangen.

Es ist ein Fest fr uns hier, sagte der Consul nach den einleitenden
Redensarten und Begrungen, mit einer freundlichen Verneigung gegen
seinen Besuch, wenn wir Buenos-Ayres-Leute an der Westseite der
Cordilleren im Winter einmal Nachricht vom Mutterlande bekommen. Der
Correo[7] wagt sich nur selten ber den Schnee, und mu diese Khnheit
noch dazu manchmal theuer genug ben, und Schiffe von dorther sind
auch in dieser letzten Zeit ziemlich selten gewesen; Buenos-Ayres bietet
wenig oder gar Nichts, was wir von dort hieher fhren knnten, die
Passage nach dem Norden ist auch schwach, und all die Wallfischfnger
die wir vom Atlantischen Meer herberkriegen, denken natrlich gar nicht
daran, Zeit und Schiff zu wagen, besonders in dieser Jahreszeit in den
von Sandbnken und Pamperos so sehr gefhrdeten La Plata einzulaufen.
Bringen Sie uns Neuigkeiten von Buenos-Ayres?

  7: #Correo#, der Postcourier.

Gar Nichts von Bedeutung erwiderte Don Gaspar de Monte Silva
achselzuckend. -- Se. Excellenz fhrt den trostlosen Krieg gegen
Monte-Video fort, nur, wie es scheint, die Einwohner jener Districkte in
Bewegung zu halten, -- Englnder und Franzosen protestiren fortwhrend,
und die Sache bleibt eben beim Alten. Man sprach allerdings in
Buenos-Ayres von einem erhofften Friedensabschlu, so viel ich aber habe
erfahren knnen, scheint mir die Sache noch in weitem Felde. -- Haben
Sie viele Bewohner von Buenos-Ayres hier?

Nein -- und doch ja, sie sind hie und da ziemlich durch die ganze Stadt
zerstreut, aber wenn nicht auf der Brse, bekommen wir einander wenig
genug zu sehen. -- Haben Sie Bekannte hier? --

Sehr wenige, -- lebt noch ein Kaufmann Don Rodriguez hier, der vor etwa
drei Jahren herber zog? --

Nein, erwiederte der Konsul, nach einigem Besinnen -- wenn ich nicht
irre, ist derselbe, aber schon vor lngerer Zeit, nach Lima gegangen
-- er soll dort in eine andere Geschftsverbindung getreten sein.

Vor kurzer Zeit ist ja wohl auch, im Auftrag der Fderation ein Seor
-- Seor -- wie war doch gleich sein Name? --

Don Luis de Gomez? sagte der Konsul, nicht wahr, Sie meinen Don Luis,
-- fehlt Ihnen etwas, Seor? unterbrach er sich pltzlich selbst und
sprang auf, denn das Antlitz des jungen Mannes berflog Leichenblsse.

Ich darf Sie wohl um ein Glas Wasser bitten, Seor, sagte Don
Gaspar, rasch aufstehend und zum Fenster tretend, es ist das eine Art
Herzbeklemmung bei mir, der ich allerdings manchmal unterworfen bin, die
aber auch so rasch vorber geht, wie sie gekommen.

Ist Ihnen nicht lieber ein Glas Wein gefllig? bat der Argentiner,
eine Caraffe und ein Glas von einem Ecktisch nehmend und rasch
einschenkend, es wird Ihnen weit besser bekommen. --

Don Gaspar leerte das ihm gebotene Glas mit einer dankenden Verbeugung
auf einen Zug, und sagte dann lchelnd:

Es ist schon vorber -- der rasche Wechsel von See- und Landluft
bringt bei mir sehr hufig solche Wirkung hervor, die sich sogar schon
einige Mal bis zur Ohnmacht gesteigert hat, ohne jedoch auch nur die
geringsten Nachwehen zu hinterlassen -- aber von was sprachen wir
doch? --

Ich wei es jetzt wahrhaftig selber nicht mehr, lachte der Konsul,
doch ja -- von unseren Landsleuten -- von Don Luis de Gomez -- kennen
Sie ihn? --

Nur oberflchlich, erwiederte Don Gaspar gleichgltig, aber die Hand,
mit der er seine Stuhllehne gefat hielt, wurde todtenwei. Er soll
hierher gegangen sein.

Allerdings, erwiederte der Konsul, wenn auch nicht fr den Augenblick
--

So ist er gegenwrtig nicht in Valparaiso? -- frug Don Gaspar rascher
und lebendiger als vorher.

Nein -- wnschten Sie ihn zu sprechen?

Das gerade nicht -- aber ich glaubte nur --

Er ist nach Lima gegangen, sagte der Konsul, aber ich erwarte ihn
fast mit jedem Schiff zurck, das von dort her kommt. Es war gar nicht
seine Absicht, so lange dortzubleiben, aber wenn ich nicht irre, war ihm
seine Frau dort erkrankt, was seine Abreise verzgerte. Sein letzter
Brief meldet ihn brigens bestimmt auf Mitte dieses Monats an.

Don Gaspar war ans Fenster gesprungen, nach einem rasch vorbei
galoppirenden Reiter zu sehen -- er fate die Fensterbrstung, sich
gewaltsam zu sammeln. --

Nicht wahr, die Namen der ankommenden Passagiere werden in den
Zeitungen verffentlicht? frug er nach einer kleinen Weile, indem er
seinen Hut ergriff, sich wieder zu empfehlen.

Allerdings, erwiederte der Konsul, wenn auch nicht gerade so ungemein
pnktlich, denn oft werden Namen ausgelassen, noch fter falsch
gedruckt -- aber wenn es Sie interessiren sollte --

Ich danke Ihnen herzlich, unterbrach ihn jedoch der junge Mann rasch;
es ist eigentlich bei mir nur Neugierde, oder vielleicht doch ein etwas
edleres Gefhl, das nmlich, sich in einer fremden Stadt, fern von der
eigenen Heimath, nach solchen zu sehnen, die einst in einem, jetzt
leider fern gelegenen Land dieselbe Luft mit uns geathmet haben.

So wiederholen Sie dann wenigstens bald Ihren Besuch, sagte der
Konsul, ihm freundlich die Hand reichend, Sie werden mir immer
willkommen sein, das schne Wetter jetzt bringt uns auch vielleicht den
Correo ber die Gebirge, und dann bekommen wir frische Nachrichten von
der Hauptstadt.

Don Gaspar dankte ihm herzlich, aber es war fast, als ob ihn eine
merkwrdige Unruhe erfat habe, er suchte augenscheinlich rasch ins
Freie zu kommen und hatte kaum die Thre hinter sich ins Schlo
gedrckt, als er auch die Strae schnell hinunterschritt und um die
erste Ecke rechts dem Wasser zu niederbiegend, den Weg hinaus, der zu
dem Leuchtthurm fhrte, und von wo man die See weit berschauen konnte,
mehr lief als ging. Der Konsul blieb aber, als jener die Stube schon
verlassen, noch eine ganze Weile im Zimmer stehen, und sah nachdenklich
vor sich nieder, endlich aber, den Kopf schttelnd und aus seiner Tasche
eine silberne Dose nehmend, setzte er sich lchelnd nieder an seinen
Schreibtisch, und murmelte nur leise vor sich hin:

Ein wunderlicher Kauz!

Don Gaspar nahm sich nicht einmal Zeit Athem zu schpfen, bis er die
Hhe erreicht hatte, auf welcher der Leuchtthurm stand, und von wo aus
man die weite See nach Norden, Westen und Sden trefflich berschauen
konnte. Hie und da waren einzelne Segel -- glnzend weie Punkte auf dem
dunkelblauen Grunde -- am Horizont sichtbar; eine Brigg arbeitete sich
aus dem Hafen heraus und suchte das Weite, und ein kleiner Schuner kam
mit geblhter Leinwand von Westen herber, wahrscheinlich von den Inseln
Cocosnul und Perlmutterschalen gegen Kattune, Messer, Beile und
Glaskorallen umzutauschen.

Der junge Spanier blieb wohl eine Stunde lang auf diesem, Nachmittags
von der schnen Welt Valparaisos so gern besuchten Ort, dann aber, als
ob dem ersten Drngen seines Herzens, das ihn hier hinauf trieb, nach
nahenden Segeln auszusphen, Genge geleistet wre, stieg er langsam die
nchste Quebrada oder Schlucht nach der Stadt zu wieder nieder. Durch
die Calle San Francisco die Marktstrae erreichend, wollte er dieser
aufwrts folgen, als er angerufen wurde und Leifeldt erkannte, der,
ebenfalls in der Stadt ohne besonderen Zweck herumschlendernd, ihn bat,
mit ihm die Almendral[8] nieder zu gehen, an deren unterem Ende ein erst
krzlich hier angekommener englischer Arzt wohnen solle, den er zu
sprechen wnschte.

  8: #Almendral#, ein bedeutender Stadttheil Valparaisos.

Die Hauptstrae der Stadt zieht sich hier dicht unter dem felsigen
Fu eines Hgels hin, auf dessen Kuppe der katholische Gottesacker
Valparaisos, Stadt und Hafen weit berschauend, liegt, und so schmal
fr die Passage dem Berge abgewonnen ist, da dem Strand gegenber nicht
einmal eine Reihe Huser oder Htten gebaut werden konnte, sondern der
nackte Fels den schmalen Fahrweg schroff und scharf begrenzte.

Es war indessen schon weit im Tag vorgerckt und Mittag lngst vorber;
die Strae hier belebte sich auch mehr und mehr; viele Reiter, mit
ihrem wunderlichen chilenischen Reitzeug, den kolossalen hlzernen
Steigbgeln, riesigen Sporen und hochaufgepolsterten Sattel, von blauen
und grnen Panchos umflattert, trabten daher, denn der Galopp ist in
der Stadt verboten, zweispnnige offene Droschken oder Fiakre, das eine
Pferd in der Gabel gehend, das andere am festgeschnrten Gurt befestigt,
rasselten vorber, und eine Menge Fugnger schlenderten langsam meist
alle dem Leuchtthurm-Plateau zu, dort einen Blick ber die See zu haben,
auch wohl kleine Picknicks zu arrangiren und mit der Abendkhle ihren
Husern wieder zuzuwandern.

Die beiden Freunde schritten langsam das Trottoir nieder, die
verschiedenen Gruppen beobachtend, die ihnen begegneten, und so finster
und selbst niedergeschlagen Don Gaspar im Anfang gewesen war, als ihn
Leifeldt zuerst traf, so schien der dstere Sinn in dem lebendigen
Treiben, das sie hier umgab, bald wie eine Sommerwolke an der Sonne
vorber von seiner Stirn zu fliehen.

Leifeldt hatte diesen raschen Wechsel seines Temperaments brigens schon
so hufig Gelegenheit gehabt zu beobachten, und selbst Don Gaspar,
darauf aufmerksam gemacht, gestand das ein, behauptete aber auch, der
Aufenthalt in seinem frheren Gefngnisse trage dabei viele, wenn
nicht die einzige Schuld; es berkomme ihn noch manchmal ein wildes,
bengstigendes Gefhl, das er nicht abzuschtteln vermge, wie mit einem
Centnergewicht lge es dann auf ihm, und er knne kaum athmen unter der
Last. Wie ein krftiger Windsto aber die dsteren Schranken der Gebirge
mit _einem_ krftigen Zuge aus den Schluchten drngt, und ber die Ebene
weht, so sei ein Sonnenblick, ein freundliches Gesicht, das frhliche
Lachen eines Menschen oft im Stande, all diese dstere Schwermuth zu
zerstreuen, und Tage lang fhle er sich dann so wohl, als ob er wieder
einmal von einer recht schweren Krankheit genesen wre.

Und wie gefllt Ihnen die schne Welt in Valparaiso, Gaspar? frug
Leifeldt den jungen Mann, als gerade ein ganzer Zug von Damen lachend
und scherzend an ihnen vorber schritt.

Gut! sagte der junge Mann freundlich, es sind liebe, gutmthige
Gesichter darunter, und das rege Feuer, das all unseren sdlichen
Stmmen eigen ist, verleiht ihnen noch einen weit besonderen Reiz.
-- Ich wei nicht, ich habe mich nie viel mit den kalten Nordlnderinnen
befreunden knnen; sie sind schn und tugendhaft, ich zweifle nicht
daran, aber mir scheint es fast, als ob ihnen ein Herz fehle, ihren
Augen Leben, ihren Lippen Farbe zu geben, und mir selber ist es, einer
der nordischen Schnheiten gegenber, fast stets zu Muthe, als ob ich
vor einer wundervollen Statue stehe, die mein Auge fesselt, mein Herz
aber kalt lt, wie der Marmor selber, aus der sie besteht.

Das aber drfen Sie nicht von _Allen_ sagen, lachte Leifeldt,
sehen Sie z. B. das reizende Wesen, das uns hier gerade mit dem
kleinen Knaben, vielleicht einem Bruder, entgegenkommt -- das mssen
Englnderinnen sein, aber ich habe wahrlich nie im Leben ein schneres
Mdchen gesehen.

Don Gaspar folgte mit seinen Augen der ihm von Leifeldt angegebenen
Richtung und sah ein wirklich reizendes junges Mdchen die Strae herauf
und ihnen entgegenkommen. Sie hatte eine alte, wie es schien krnkliche
Dame, die sie sorgsam leitete, am Arme, und ein kleiner, vielleicht
dreijhriger Knabe lief vor ihnen her.

Sieh, Jenny, liebe Hndchen da drben, sagte der Kleine pltzlich in
seinem noch halbgebrochenen Dialekt zu der Jungfrau, und zeigte mit dem
einen dicken Patschchen nach der Strae hinber, auf der ein schwarzes
Wachtelhndchen nach einem eben landenden Boot laut hinunterklffte und
sprang, und mit dem Schwanze wedelte -- das hol ich mir.

Die Freunde waren indessen bis dicht vor die beiden Damen gekommen, und
als sie, ihnen Raum machend, vorber schritten, sagte Jenny, wie sie von
dem kleinen Burschen angeredet worden, ermahnend:

La das Hndchen, Bill, es knnte Dich beien -- und Du darfst auch
nicht allein auf den Fahrweg gehen -- komm her zu mir.

Es ist unbestimmt, ob Bill die Warnung hrte, oder nicht, aber darauf
achten that er keineswegs, denn das Hndchen war gar zu lieb und herzig,
und Bill mochte das Langsamgehen hinter der alten, kranken Gromutter
her auch schon herzlich satt bekommen haben; so unter den Hnden fort,
mit den kleinen unbehlflichen Beinchen lief er hinaus, den lebhaften
schwarzen Burschen da vorn zu sich heran zu holen.

#Guardar se -- guardar se!#[9] schrie es in dem Augenblick die Strae
nieder und lautes Wagengerassel wurde hrbar.

  9: Vorsehen.

Bill! rief die Stimme des jungen Mdchens in Todesangst, als sich
dieses umschaute, und das Kind auf der Strae sah, ohne im Stande zu
sein die Mutter loszulassen, Bill, #for God's sake#.[10]

  10: Um Gottes Willen.

Leifeldt und Don Gaspar waren bei dem Schreckensruf rasch stehen
geblieben, und der letztere machte sich von Leifeldts Arme los, die
Strae freier berschauen zu knnen. Aber sie brauchten nicht lange
auf die Ursache des Tumultes zu warten, denn fast in dem nmlichen
Augenblick donnerte auch schon eine der gewhnlichen Droschken, von
den rasend gewordenen Pferden in vollem Carrire mit fortgerissen,
die Strae hinauf und Leifeldt erkannte mit Entsetzen, wie der nchste
Moment hier an dem engsten Pa des ganzen Weges, das Kind unter den Hufen
der wild aushauenden Renner zerschmettern msse. Ehe auch nur Jemand im
Stande gewesen wre, hinauszuspringen, das Kind der Gefahr zu entreien,
brausten die wthenden Thiere heran, und ein allgemeiner Schrei des
Entsetzens rang sich schon aus der Brust der zitternden Zuschauer,
die wirklich ganz die eigene Gefahr in dem gewi vorauszusehenden
Untergang des Kindes vergaen, als sich Don Gaspar, ohne Laut, ohne
Ruf, die Gefahr nicht kennend, der er sich aussetzte, oder sie total
verachtend, von dem Trottoir hinber und schrg an gegen den Kopf des
Sattelpferdes warf, da dieses im Ansprung hoch auffuhr und nach ihm
niederhieb. Hatte aber das andere Pferd den ausgestreckten linken Arm
des Anspringenden gesehen, oder fhlte es den pltzlichen Druck des
gegengeworfenen Gewichts, aber es fuhr rechts hinber, und whrend Don
Gaspar den Zgel des Thieres in der Aufregung des Moments viel zu fest
ergriffen hatte, so rasch wieder loslassen zu knnen, rissen ihn die
wthenden Thiere mit ber die niedere hlzerne Barrire hinber, die
vor ihrem Anprall zusammenbrach, der Wagen schmetterte und brckelte
hinterdrein, und whrend das wthende Gespann ber die rauhen, hier
aufgeworfenen Steinmassen setzte, und vergebens versuchte, das zwischen
den Steinen hngenbleibende Vordertheil des zerstckelten Wagens rasch
genug herumzubringen, dem jetzt so unverhofft vor ihnen ausdehnenden
Wasser zu entgehen, in das sie gleich darauf mehr hinein strzten, als
sprangen, sank auch Don Gaspar, blutend und ohnmchtig auf dem Damme
nieder, -- aber das Kind war gerettet.

So rasch war aber das Ganze, hier eben Beschriebene geschehen, so
pltzlich hatte das Einspringen des jungen Mannes die Tod drohenden
Thiere zur Seite geworfen, da die Gefahr schon lngst vorber war,
als noch die Zuschauer starr und ngstlich nach dem jetzt selbst
erschreckten Kind hinber schauten, und erst als Leifeldt zusprang, den
Knaben aufgriff und seiner jungen Schtzerin brachte, erst als diese,
neben der Mutter auf die Knie fiel, und den geretteten Liebling mit
einem heien Dankgebet an das Herz schlo, da erst war es, als ob sich
der Zauber lse, der wie ein entsetzlicher Bann auf der Menge gelegen,
und ein frmlicher Jubelschrei dankte der khnen That.

Whrend einzelne der Mnner jetzt hinber sprangen, den Verwundeten
aufzuheben, zu dem sich Leifeldt ebenfalls wenden wollte, wurde er durch
einen Ausruf der Angst, von der Jungfrau Lippen aufgehalten, und hatte
eben noch Zeit zuzuspringen, und mit dieser die alte Dame aufzufangen
und vor schwerem Fall zu bewahren, die, starr vor Schreck, als sie die
Gefahr des Enkels bemerkte, jetzt, als die furchtbare Erregung des
ersten Augenblicks vorber war, bewutlos zusammenbrach.

Der junge Arzt hob die Ohnmchtige leicht auf seinen Arm, stand aber
einen Augenblick wirklich unschlssig da, denn wie konnte er den Freund
hier, blutend und ohnmchtig zurcklassen, und was indessen mit der
alten Dame anfangen? --

Dort hinauf! flsterte da die leise, bittende Stimme des Mdchens,
nur wenige Huser von hier entfernt wohnen wir, und Ihr Freund, unser
Schutzengel, kann dort Pflege und Beistand finden.

Gott sei Dank, sagte Leifeldt wirklich aus tiefstem Herzen, und den
Peons[11], die den Ohnmchtigen aufgehoben hatten und ber die Strae
trugen, zurufend, ihm rasch damit zu folgen, eilte er, so schnell es
seine Last erlaubte, dem bezeichneten und gar nicht fernen Hause zu.

  11: Die niedere Klasse der Chilenischen Brger, die Arbeiter und
      Diener.




5.

Die Englische Familie.


Whrend der junge Arzt nun die alte Dame rasch die Treppe hinauftrug und
die nthigsten Anordnungen traf, sie wieder ins Leben zurckzurufen,
wurde der Verwundete unten im Haus, in ein kleines, freundliches
Stbchen gelegt, und die Ohnmchtige jetzt der Sorgfalt der Tochter und
einiger Dienstleute berlassend, eilte er wieder hinunter zu dem Freund,
nach dessen Wunden zu sehen.

Diese waren jedoch nicht im mindesten gefhrlich; nur ein Schlag des
Pferdes wahrscheinlich, hatte ihn am Kopf getroffen und betubt, und
einzelne andere, aber ebenfalls unbedeutende Quetschungen rhrten
jedenfalls von dem letzten Sturz auf die rauhen scharfkantigen Sandsteine
des Strandes her. Schon nach den einfachsten Belebungsversuchen schlug
auch Don Gaspar die Augen wieder auf, und schien nur im Anfang erstaunt
und berrascht, ja fast bestrzt von seiner Umgebung. Erst schlo er die
Augen wieder, dann aber, sich rasch emporrichtend, warf er den Blick
scheu und forschend im Zimmer umher, und lie ihn endlich mit einem
wilden, fast unheimlichen Ausdruck auf dem Fenster haften, das, nach
der gewhnlichen Art der spanischen Wohnungen, mit starken Eisengittern
versehen war, den Bewohnern der Parterrelokale in der heien Jahreszeit
besonders zu erlauben, auch die Nacht ber ihre Fenster offen zu halten,
ohne einen Einbruch frchten zu mssen.

Was ist dies fr ein Haus? -- was fr ein Zimmer? rief er endlich,
und prete seine Hnde gegen die Schlfe, -- bin ich denn nicht?
-- Stierna, Sie hier? -- wie ist mir denn, waren denn nicht die Pferde
mit uns durchgegangen, und jetzt -- hier wieder? --

Wo Sie sind? lachte aber Leifeldt, der des holden Kindes gedachte, das
er eben an der Mutter Bett verlassen -- in der Wohnung eines Engels und
aufgehoben wie in Abrahams Schoo -- aber das nehmen Sie mir nicht bel,
Gaspar, setzte er dann etwas ernster und mit freundlichem Vorwurf hinzu,
Sie gehen mit Ihrem Leben ungefhr gerade so um, als ob Sie jeden Monat
ein anderes bekommen knnten, und dieses schon drei Tage ber die Zeit
getragen htten. Wenn nicht Gottes Hand an diesem Nachmittag auf Ihnen
lag, so muten die wthenden Pferde heute ausfhren, wozu sich der Hai
neulich nicht mehr hergeben wollte.

Die Pferde -- ja, ja -- Sie haben recht -- Pferde waren es gewesen und
ein junges Mdchen glaub' ich -- oder ein Kind -- Pest noch einmal, mich
schmerzt die Stirn -- ich fange jetzt an, mich auf die ganze Geschichte
zu besinnen -- und ist das Kind gerettet? -- aber nehmen Sie mir doch
den Verband wieder ab -- ich kann doch nicht mit dem Tuch um den Kopf
ber die Strae gehen.

Das sollen Sie auch nicht, erwiederte Leifeldt, das Kind ist
allerdings gerettet, denn Ihr toller Sprung war wie der Arm eines
Engels, der den herzigen Knaben vom sicheren Abgrund fortri, aber jetzt
mssen Sie sich ebenfalls ein wenig schonen, wenigstens eine Zeit lang
Ruhe gnnen, so bleiben Sie deshalb nur ruhig auf dem Bette liegen,
es lt sich hier aushalten, und ich will indessen wieder einmal
hinaufgehen und nach der alten Dame sehen.

Ist noch Jemand beschdigt worden? frug Don Gaspar rasch.

Nein, sagte Leifeldt, nur ohnmchtig vom Schreck und der Aufregung
-- aber schlafen Sie selber ein wenig, es kann Ihnen nur gut thun, und in
einem kleinen Stndchen komme ich herein und wecke Sie. Fhlen Sie sich
dann stark genug, so knnen wir den Damen oben guten Abend sagen, und
gehen dann zusammen zu Hause -- sie werden es sicherlich nicht erwarten
knnen, dem Retter des Kindes selber zu danken. Ruhig -- keine Einrede,
sagte er lchelnd, als er sah, da Gaspar dagegen protestiren wollte,
ich bin jetzt Ihr Arzt und Sie mssen mir gehorchen, also folgen Sie
brav, und ich hoffe, da ich Sie morgen wieder in bester Ordnung auf
Ihren Fen habe.

Er nickte Don Gaspar noch freundlich zu und eilte, ohne weiter eine
Antwort von ihm abzuwarten, rasch die Treppe hinauf, nach seinem andern
Patienten zu sehen -- und das se Gift jener seelenvollen blauen Augen
einzusaugen, die ihn schon jetzt, nach kaum einer ersten, flchtigen
Bekanntschaft ahnen lieen, welche Seligkeit, aber auch welch tiefes
bitteres Weh das arme Menschenherz fhig sei in sich aufzunehmen -- je
nachdem nun gerade die Wrfel fielen, die das Loos uns armer Sterblichen
bestimmen.

Don Gaspar warf sich indessen auf sein Lager zurck, aber es lie ihm
dort nicht lange Ruhe, und wie von irgend einem peinlichen Gedanken
geqult, stand er auf, zog sich an, und ging mit raschen Schritten in
dem zwar etwas niedrigen, aber unendlich freundlichen Gemach auf und ab.
Mehrmals versuchte er es, sich wieder niederzusetzen, aber ein flchtig
aufgeschlagener Blick trieb ihn wieder empor, und nach und nach ward es
fast, als ob ihm das Zimmer hier zu enge werde, und die Brust nicht mehr
athmen knne in dem eingepreten Raum.

Das Gitter beunruhigte ihn.

Er sprang wieder auf und schritt, die Augen mit der Hand bedeckt, in dem
Gemach auf und ab, wie ein gefangener Panther den Kfig mit, der ihn
hlt; aber lange vermochte er nicht gegen die Gefhl anzukmpfen. Er
ging nach der Thr und drckte vorsichtig auf das Schlo, als ob er
frchte, da es verschlossen sein knne, und ein Ausdruck von wilder
Freude zuckte blitzschnell durch seine Zge, als das Schlo dem leisen
Drucke nachgab. Einen Augenblick horchte er hinaus auf den Gang -- es
lie sich Niemand hren -- die Leute waren alle oben beschftigt,
theils die nthige Hlfe zu leisten, theils herauszubekommen aus der
Herrschaft, wie denn die ganze Sache eigentlich gelaufen, damit sie
auch den Zusammenhang der Geschichte fnden -- dann griff er seinen
Hut vom Tisch auf, schlich hinaus und verlie das Haus, als ob er ein
Verbrechen begangen und nicht durch eine khne That eine ganze Familie
glcklich gemacht htte, die gerade in diesem lieben Kind fast die
einzige Freude fand, und durch den Verlust desselben, besonders in
solch furchtbarer Art, entsetzlich elend geworden wre.

Als Leifeldt schon nach Dunkelwerden das Zimmer wieder betrat, den
Schlummernden, den er nicht hatte frher stren wollen, zu wecken und
seinen neugewonnenen Freunden vorzustellen, fand er zu seinem Erstaunen
den Vogel ausgeflogen und das Nest kalt.

Wenn er nun auch dies wunderliche Betragen nicht begriff, entschuldigte
er doch oben den Freund, und versprach, ihn morgen frh, wenn er sich
von dem kleinen Unfall vollkommen erholt haben werde, mitzubringen. --

Aber weshalb war er nicht wenigstens einen Augenblick zu ihnen herauf
gekommen? -- selbst die alte Dame frug nach ihm und wnschte ihn kennen
zu lernen. Sie hatte sich vollkommen wieder erholt, hielt den Knaben auf
ihrem Knie, und weinte und lachte, wenn sie an die furchtbare Gefahr
dachte, der er, auf fast wunderbare Weise so glcklich entgangen.

Jedenfalls mochte er sich genirt haben, in dem Aufzug, mit durch den
Sturz vielleicht zerrissenen Kleidern, mit verbundenem Kopf, sich ihnen
zu zeigen -- aber war das recht? -- hatten sie nicht gerade das erste
Anrecht ihn so zu sehen, und hie das nicht die Bescheidenheit zu weit
getrieben?

Leifeldt, der von den guten Menschen schon fast wie zum Hause selber
gehrend, behandelt wurde, versprach ihn gleich nchsten Morgen
einzuliefern, damit er Abbitte thun knne, verabschiedete sich dann aber
auch selber, nach dem Freund, der jedenfalls zu Hause gegangen war, zu
sehen, ob er vielleicht noch irgend etwas heute Abend bedrfe.

Leifeldt wurde brigens keineswegs angenehm berrascht, als er in sein
Hotel zurckkehrte, und den Freund, vollkommen wider Erwarten, _nicht_
vorfand. Niemand hatte etwas von ihm gesehen -- Niemand wute von ihm,
und vergebens durchlief er, bis spt in die Nacht, alle Straen, die
jener mglicher Weise berhrt haben knnte, von den Wchtern vielleicht
hie oder da etwas zu erfahren, das ihn wenigstens auf die Spur fhren
konnte -- er blieb verschwunden -- und selbst der nchste Morgen, der
nchste Abend brachte den so rthselhaft Entwichenen nicht wieder
zurck. Was in aller Welt konnte ihn bewogen haben, sich gerade
heute, und in so wunderlicher Weise zu entfernen und war er nicht doch
vielleicht etwa, von der Aufregung der letzten Stunden betrbt, irgend
wo zusammengebrochen? --

Die Familie Newland, der Name der Frauen, denen die beiden Freunde am
vorigen Tag so wesentliche Dienste geleistet, fhlten sich besonders
gengstigt durch dies Verschwinden eines Mannes, dem sie so gern ihre
Dankbarkeit bezeugt htten, und Mr. Newland, ein Greis von einigen
siebzig Jahren, lie es sich nicht nehmen, selber auf die Polizei zu
gehen, und dort die genauesten Nachforschungen nach dem Fremden
anzustellen. Nichts destoweniger blieben alle derartige Versuche
erfolglos, und eine volle Woche war schon vergangen, ohne auch nur
eine Spur von Don Gaspar gebracht zu haben.

Leifeldt war indessen ein tglicher Besucher der Newland'schen Familie
geworden und dachte, von diesen selbst dazu aufgemuntert, ernstlich
daran, seinen bleibenden Wohnsitz in Valparaiso zu nehmen. Leifeldt
war ein vorzglicher Kinderarzt, und da ihn sein gutes Glck selbst in
diesen ersten Tagen zwei sehr schwierige und gefhrliche Flle unter
die Hnde brachte, denen er sich natrlich mit Aufopferung all seiner
Zeit und Krfte hingab und die Kleinen auch, trotzdem da sie von dem
spanischen Arzte schon aufgegeben worden, dem Leben erhielt, schien der
auf so eigenthmliche Weise eingefhrte deutsche Doctor einen
frmlichen Ruf zu bekommen.

Gegen das Ende der Woche erkrankte aber auch der kleine Bill, ein sonst
krftiger und derber Junge, und trotz jeder angewandten Vorsicht, artete
das erst leichte Unwohlsein bald in so ein bsartiges hitziges Fieber
aus, da es selbst Grund zu den schlimmsten Befrchtungen gab.

Leifeldt verlie jetzt fast das Haus nicht mehr; Morgens nur besuchte
er die wenigen Kranken, die sich ihm schon in der kurzen Zeit seines
Aufenthaltes anvertraut hatten und wachte dann selbst die Nchte an dem
Bett des armen kleinen Burschen, der in Fieberphantasien lag und die
Hndchen oft, wie Hlfe flehend, nach ihm ausstreckte. Jenny leistete
ihm hier fast ununterbrochen Gesellschaft, selbst die halben Nchte
wachte sie, mit einer alten Dienerin gemeinsam, neben dem Bett des
Lieblings und ach, welch' glckliche Zeit war das fr den jungen
Arzt, dem die Stunden da wie Minuten entflogen und dem hier, von der
gemeinsamen Sorge fr das arme kleine Wesen begnstigt, mehr Gelegenheit
ward, das gute Herz und tiefe Gemth der Jungfrau zu ergrnden, als er
durch Jahre lange einfache Bekanntschaft gewonnen haben wrde.

Bill war der Sohn ihres Bruders, eines Offiziers der chilenischen
Marine, die Mutter des Knaben aber, eine junge Chilenerin, bald nach
der Geburt des Kindes gestorben, das so, allein der Sorge des jungen
Mdchens bergeben und von diesem aufgezogen, auch mit unendlicher
Zrtlichkeit von ihm geliebt wurde. Der Vater des Kleinen war weit in
See und zu der Liebe fr das Kind selber steigerte sich jetzt die Angst,
dem theuren Bruder, bei dessen Rckkehr den Knaben nicht wieder, wie
frher, entgegenfhren zu knnen, und in dem einen, seligen Moment
Belohnung, o so reichliche Belohnung fr all diese Aufopferung und Liebe
zu finden.

In den ersten Tagen schien sie in der That nur von dem einen entsetzlichen
Gefhl der Angst fr das Leben des Kindes fast betubt, als aber die
Krisis glcklich berstanden, und der Kleine ihr in dem kurzen Raum
weniger Wochen gewissermaen zum zweiten Mal wiedergeschenkt war, da
kannte ihr Glck auch keine Grenzen, und Leifeldt las in den treublauen,
Freude und Seligkeit strahlenden Augen auch die se Hoffnung seines
eigenen Lebens.

Was fr frohe, lustige Plne das arme Menschenherz doch aufbaut in solch
schner Zeit; wie sich die Schlsser da blitzesschnell aus dem Boden
heben und freundlich lachende Gefilde das Glck zurckstrahlen, das
unsere eigenen glcklichen Trume ihm erst verliehen. Wo sind all die
dunklen Schatten, die noch vor so wenigen Monden unser ganzes Leben
umnachten wollten, wo die giftigen Schwaden der Sorge und des Leids, die
sich auf die Blthen unserer Jugend legten und ihre Keime zu ersticken
drohten? -- eine einzige Sonnenwolke hat sie -- nicht verscheucht, denn
der nchste Augenblick kann sie finsterer, vernichtender emporheben als
je vorher -- nur mit ihrem lichten, goldenen Schimmer berhaucht und
whrend unser schwaches Auge, das in eine Ewigkeit blicken will, und
nicht einmal im Stande ist, den dnnen Glanz dieses Schimmers zu
durchschauen, entzckt und selig an dem bunten Farbenschmelz hngt und
den glhenden Tinten mit seinen eigenen Bildern Leben giebt, zerstrt
ein Windhauch oft den ganzen trgerischen Bau, und das Herz mchte mit
seinen Schlssern zusammenbrechen und sterben, so weh ist ihm nachher.

Zehn Tage nach dem ersten Ausbruch der Krankheit des Kindes, war jede
Gefahr beseitigt, ja es bedurfte nur noch geringer Pflege, den kleinen,
aber sonst krftigen Krper vollkommen wieder herzustellen. So waren
denn die Wachen am Bett des leidenden Knaben natrlich eingestellt, aber
nichts destoweniger fand sich Leifeldt noch fast an jedem Abend, wie
frher, ein, und im Gesprch mit den wackeren alten Leuten, die nur von
einer kleinen Pension schlicht und einfach, mehr ihren Kindern und dem
kleinen Enkel zu leben schienen, der Jungfrau gegenber, die dann an
ihrer Arbeit sa und wie ein frohes Kind mit ihnen lachte und scherzte,
oder auch gar ernst und sittsam die Theemaschine berwachte, die auf dem
reinlich gedeckten Tisch brodelte, oder den Eltern das Brod rstete zu
dem frugalen Nachtmahl, vergingen ihm jene Abende wie im Flug, und er
mute sich wahrlich oft fragen, ob er das Glck, welches ihm jetzt
das ganze Herz fllte, nicht etwa nur trume, und ob das in der That
Wirklichkeit sei, welches ihm die Erde schon in diesem Leben zum
Himmel mache. O wie lieb, wie heilig sie aussah in diesem geschftigen
Stillleben zchtiger Huslichkeit, und das Herz wollte ihm manchmal
ordentlich verzagen, wenn er nur der Mglichkeit dachte, ein solches
Wesen einst sein zu nennen.

Jenny dagegen blieb sich immer gleich gegen den jungen Mann; sie war vom
ersten Augenblick an, als er sich der Mutter so annahm, so ungezwungen
freundlich gewesen, als ob sie sich von Kindheit auf schon gekannt,
und hier nicht fremd, im fremden Lande einander zufllig nur getroffen
htten; nach des Kindes Krankheit aber, in der sich der junge Fremde ihr
als ein wirklich treuer Freund bewhrt, hatte ihr Betragen gegen ihn
weit mehr Herzlichkeit gewonnen; wenn er kam, ging sie ihm bis zur Thr
entgegen, und reichte ihm die Hand, plauderte und lachte mit ihm, und
freute sich seiner wachsenden Aussichten in der Stadt, die ihnen ja auch
die Hoffnung lieen, da er in Valparaiso bleiben und ihnen nicht wieder
so bald genommen wrde. Er war ein wirklicher Freund der Familie
geworden.




6.

Don Gaspar.


Und was konnte indessen mit Don Gaspar, dem Verschwundenen geschehen
sein? -- Umsonst waren bis dahin Leifeldt's smmtliche Anstrengungen
gewesen, auch nur seine Spur zu finden; -- wie von der Erde fort, blieb
ihnen schon fast nichts brig, als zu glauben, die gierige Fluth, die
auf dieser stillen Bai schon so manches Opfer gefordert, habe ihn
verschlungen. Leifeldt selbst, der bis dahin viel auf sein berhaupt
etwas excentrisches Wesen gebaut und immer noch gehofft hatte, pltzlich
einmal aus irgend einer anderen Provinz einen Brief von ihm zu bekommen
und dann auch die Ursache zu erfahren, weshalb er ihn, den Freund, so
rasch und heimlich verlassen habe, fing an, diese Hoffnung aufzugeben
und an den Tod des unglcklichen Freundes zu glauben, als er eines Tages
von San Jago und zwar von einem jungen Manne Nachricht erhielt, den er
hier in Valparaiso hatte kennen lernen. Dieser versicherte ihn, es
lebe dort ein junger Spanier, der seiner Beschreibung fast vollstndig
entsprche, still und zurckgezogen in einem ganz abgelegenen Theile
der Stadt und verkehre fast mit Niemandem. Leifeldt setzte sich
augenblicklich auf die Post, die zwischen Valparaiso und der Hauptstadt
Chile's luft, suchte und fand die bezeichnete Gegend, das ihm genau
beschriebene Haus und lag, wenige Minuten spter in den Armen des
Wiedergefundenen, der bei seinem Anblick zuerst fast eine Bewegung
machte, als ob er wieder fliehen wolle, dann aber sich an die Brust des
Freundes warf und dort weinte, als ob er vergehen wolle vor innerem
Schmerz und Weh.

Trotzdem weigerte er sich im Anfang entschieden, wieder mit ihm nach
Valparaiso zurckzukehren, jede Ausflucht suchte er vor, die ihn
dabei entschuldigen konnte, und war doch auch nicht zu bewegen, einen
wirklichen Grund anzugeben. Leifeldt glaubte diesen endlich in einem zu
groen Zartgefhl des jungen Spaniers zu finden, der sich vielleicht
hier in seinen Erwartungen, Geld zu erheben, getuscht sah, und nun ihm,
der seinetwegen die sichere Stellung aufgegeben, die kleine noch brige
Summe unverkmmert lassen wollte. Froh in dem Gefhl, ihn hierber
wenigstens beruhigen zu knnen, versicherte er dem Freund, wie er, ganz
wider Erwarten, in Valparaiso, in der kurzen Zeit seines Aufenthaltes
sich schon ein frmliches kleines Capital verdient habe, und nicht
allein einer sorgenfreien, sondern auch frohen Zukunft entgegenzugehen
hoffe -- Gaspar werde dem _Freund_ nicht versagen, das mit ihm zu
theilen, bis er selber seine eigenen Hoffnungen realisirt habe.

Don Gaspar mute zuletzt wohl oder bel nachgeben, aber so herzlich er
dem treuen Freunde dankte, so froh er sich selber zu zeigen suchte, war
es doch augenscheinlich, da noch irgend ein schwerer Schmerz auf ihm
lasten mute, den er, trotz allen Bitten Leifeldts, nur in seinem
eigenen inneren Herzen barg.

Fast mit Gewalt bewog ihn Leifeldt endlich, seine wenigen Sachen
zusammen zu packen und mit ihm, noch an dem nmlichen Abend nach
Valparaiso zurck, aufzubrechen; er that es endlich, und Leifeldt
verga dann bald in seinem eigenen Glck die gefurchte Stirn des
Freundes, dem er jetzt einen getreuen Bericht der vergangenen Tage,
seit dieser Flucht, zu geben anfing, und nicht aufhren konnte, die
Liebenswrdigkeit der kleinen Familie zu rhmen, in die ihn sein gutes
Glck gefhrt, oder in die er eigentlich besser durch Don Gaspars tollen
Sprung frmlich hineingeworfen worden.

Don Gaspar hrte ihm dabei lchelnd zu und strich sich wohl manchmal,
wenn jener immer wieder auf seine frohen Hoffnungen und Aussichten
zurckkam, leicht aufseufzend, mit der flachen Hand ber die Stirn. Erst
als sie am anderen Tag die letzten Hgel erreichten, die nach der Stadt
hinunterfhrten, und wieder in Sicht des Meeres kamen, war es auch fast,
als ob ein neuer Geist in dem jungen Spanier erwache. Er richtete sich
hoch in dem Wagen auf und mit leuchtenden Blicken nach den einzelnen
schneeigen Segeln deutend, die hie und da von dem dunklen Hintergrund
des Meeres herberblitzten, rief er aus:

Das Meer! -- das weite frhliche Meer -- sieh wie es da liegt und wogt
und brandet und sich einwhlt in seine eigenen Arme. -- Wie ein Becher
schumenden Weines breitet sich's aus -- und oh, wer doch, eine Perle in
seinem Grunde lge.

Unsinn, lachte aber Leifeldt, jetzt mit der Stadt vor sich ausgebreitet,
die Alles in sich barg, was ihm lieb und theuer auf dieser Welt war, in
aufsprudelnder Lust -- wie eine Perle? -- sag lieber wie eine todte
Fliege, wenn Du das Meer denn doch mit einem Glase vergleichst -- eine
Fliege, Freund, die an's Ufer treibt und wieder ausgeschieden wird.
Nein, fort mit den traurigen Gedanken -- sieh, Dein Auge hat sich schon
ordentlich belebt, und Du fngst an, wieder wie ein vernnftiger Mensch
auszusehn. Jetzt wei ich auch, was Dir bis dahin in den Knochen gelegen
-- die engen Hgel waren es, die Dich umschlossen, die schwere Luft, die
in das schmale Thal herniederprete -- hier ist der Himmel frei, hier
dehnt sich die See wieder in unbegrenzter Breite vor uns aus, und das
Herz wird weit und athmet voll, und es ist ordentlich, als ob das Blut
in unseren Adern flssiger, lebendiger geworden wre. Ich mchte nicht
mehr im inneren Lande leben, seit ich erst einmal Seeluft gekostet, und
ich kann mir wahrlich nicht denken, da man sich wieder da wohl fhlen
knne, wo man schon einmal den vollen Genu eines solchen Anblicks, wie
wir ihn jetzt feiern, kennen gelernt und mit der Zeit unentbehrlich
gefunden hat.

Und wenn Deine Jenny nun nach San Jago zge? sagte Don Gaspar,
lchelnd zu ihm aufschauend, wie wr es dann mit der See?

Leifeldt scho das Blut wie mit einem pltzlichen Strahl in die Schlfe,
und er erwiederte, aber mit etwas gezwungener Gleichgltigkeit. Unsinn,
Gaspar -- wenn mir das Mdchen wirklich nicht gleichgltig wre, wie
drfte ich jetzt auch nur daran denken, um sie zu werben, wo ich eben
erst angefangen habe, festen Fu zu fassen. Valparaiso ist ein theurer
Ort, und wer hier eine Familie haben und sie anstndig durchbringen
will, darf eben nicht nur ein junger Arzt und Anfnger sein -- und in
spteren Jahren -- lieber Gott, wir wissen nicht, was die nchste Stunde
bringt, wr' es nicht Thorheit, wollten wir uns Plne auf lange Jahre
hinaus machen.

Und vielleicht helf ich Dir doch, sagte freundlich Don Gaspar, ihm die
Hand hinber reichend -- hier in Valparaiso bin ich allerdings nicht im
Stande gewesen, Geld zu erheben, auf das ich bestimmt gerechnet hatte,
aber ich habe mit der letzten Post nach Madrid geschrieben, und kann
schon etwa die Tage berechnen, wo ich nicht mehr der arme Don Gaspar
sein werde, wegen dem der Freund Existenz und Brod verlt, ja seine
Freiheit und sein Leben auf's Spiel setzt, ihn zu retten.

Unsinn, Unsinn, lachte Leifeldt, Don Gaspar hatte aber seine Hand
ergriffen, schaute ihm ein paar Sekunden, nur gewaltsam eine innere
Aufregung bekmpfend, ins Auge und fuhr dann mit leiserer aber fester
Stimme fort:

Es knnte sein, Federigo, da ich -- wir sind Alle Menschen und wissen
nicht, wann uns Gott abruft -- da ich pltzlich sterben knnte -- ich
habe deshalb den erwarteten Wechsel an Dich adressirt, und ich mchte
Dich bitten --

Gaspar! rief aber Leifeldt bittend, und jetzt wirklich beunruhigt,
was zum Henker giebst Du Dich pltzlich so trben Gedanken hin. -- Wir
sind allerdings sterblich, und jeder Moment kann unserer Laufbahn ein
rasches, gewaltsames Ziel stecken, Du vor allen Anderen darfst aber
nicht frchten, da Dich das Schicksal einem schnellen Tode bestimmt
habe, denn wahrhaftig, Du hast ihm Gelegenheit genug gegeben, in
solchem Fall zuzulangen. Aber allerdings mchte ich nicht fr Dich
einstehn, wenn Du so fortfhrst, Dein Leben wirklich zum Fenster
hinauszuwerfen -- einmal findest Du es doch nicht wieder. Mensch,
wenn ich nur an die beiden Flle zurckdenke, wie Du auf den Hai
hinuntersprangst, oder Dich den herandonnernden Pferden entgegenwarfst,
so wei ich wahrlich jetzt selber nicht, wie es berhaupt mglich war,
nicht einer Gefahr -- denn das kann man schon nicht einmal mehr Gefahr
nennen -- sondern dem wirklichen Tode so durch ein Wunder zwei mal zu
entgehen. Die Gtter droben knnen Dich also jedenfalls noch nicht
gebrauchen, und Du magst vllig ruhig und unbekmmert in die Zukunft
blicken.

Und es ist merkwrdig, sagte Don Gaspar kopfschttelnd, ich kann mich
auf die Einzelheiten der beiden Flle gar nicht mehr besinnen -- aber
sieh da, unterbrach er sich pltzlich, als der Wagen, von den raschen
Pferden wie im Fluge dahin gefhrt, die uerste Grenze der Vorstadt
berhrte -- wir sind an Ort und Stelle, wie es scheint, und die Pferde
wittern den Stall. -- Wetter noch einmal, wie sie ausgreifen, und dort
-- Leifeldt machte pltzlich eine Bewegung, als ob er hinausspringen
wollte, und mehrere Damen gingen, ohne jedoch nach dem Wagen selber
herberzusehen, auf den Trottoirs der Strae hin, Don Gaspar ergriff
aber seinen Arm und sagte lachend:

Halt, Seor -- machst Du _mir_ Vorwrfe, da ich mein Leben thrichter
Weise auf's Spiel setze und willst gleich hinterher Deine eigenen
Gliedmaen in Gefahr bringen? War das Deine Dulcinea, wie ich keinen
Augenblick mehr zweifle, so werden wir sie heute Abend schon auf eine
weniger halsbrecherische Weise zu sehn bekommen, und jetzt vorwrts
Kutscher, vorwrts, was zgelst Du die Pferde ein, wir sind noch lange
nicht am Ziel!

Darf hier nicht galoppiren mit den Thieren, Seor, erwiederte aber
dieser -- Polizei will's nicht haben. --

Ja so, die Polizei will's nicht haben, sagte Don Gaspar pltzlich ganz
ruhig, und whrend sich Leifeldt so weit er konnte aus dem Wagen bog,
den Damen nachzuschauen, lehnte sich der junge Spanier in die Ecke
zurck, und schaute still vor sich nieder.

Im Hotel wieder angekommen, wo Leifeldt, unntzen Fragen zu begegnen,
das anscheinende Verschwinden des Freundes einem von diesem abgesandten,
aber verloren gegangenen Brief zuschrieb, machte sich der junge Deutsche
vor allen Dingen auf, Mr. Newland zu besuchen und der Familie die
frhliche Nachricht von dem Wiederauffinden und Zurckkehren des
Freundes zu bringen, um diesen dann, wie ihn auch die alten Leute
dringend baten, heute Abend noch dort einfhren zu knnen.

Don Gaspar war an diesem Abend so heiter, wie ihn Leifeldt noch nie
gesehen -- er schien sich selber auf den Besuch zu freuen, kleidete sich
mit besonderer Sorgfalt und erkundigte sich, was er bis dahin noch nicht
gethan, genau nach den verschiedenen Gliedern der Familie; ihrem Alter,
ihren Beschftigungen, selbst ihrem ueren, und Leifeldt wurde nicht
mde, ihm zu erzhlen.

Der Empfang, der ihm dort wurde, war auch so herzlich, als ob er ein
eigener Sohn der alten Leute gewesen wre; der Greis nur machte ihm
Vorwrfe, da er sich ihrem Dank so lange entzogen und Leifeldts Hand
ebenfalls ergreifend, sagte er mit vor innerer Rhrung tief bewegter
Stimme:

Mir und uns Allen hier gewi zum Heil, hat Sie Gott Beide an diese
entlegene Kste gefhrt, denn Ihnen Beiden danken wir das liebe Kind
hier, das -- ich darf den Gedanken gar nicht ausdenken -- auf wie
furchtbare Weise ohne Sie htte umkommen oder an langwieriger Krankheit
vielleicht dahin siechen mssen. Betrachten Sie sich aber auch Beide
deshalb wie mit zur Familie gehrig und mehr noch wird Ihnen mein Sohn
fr diesen, besonders ihm erwiesenen Liebesdienst dankbar sein, denn mit
Gottes Hlfe hoffe ich sein Fahrzeug doch in den nchsten Tagen wieder
hier einlaufen zu sehn. -- Aber Jenny, Kind, was stehst Du da in der
Ecke, hast unserem lieben Gast noch nicht einmal guten Abend gesagt, und
Dich doch so darauf gefreut, ihn begren zu knnen. Es ist wahr, Don
Gaspar, Sie haben uns das Vergngen recht, recht lang entzogen, und Sie
werden _sehr_ oft kommen mssen, nur einen Theil davon wieder gut machen
zu knnen.

Don Gaspar wandte sich, die Jungfrau ebenfalls zu begren, und Jenny
trat in diesem Augenblick auf ihn zu, reichte ihm, wie einem alten
Freund, die Hand und sagte herzlich:

Sie sind willkommen, Don Gaspar, wie die Blumen im Mai, und es hat uns
nur Allen so leid gethan, Ihnen das nicht frher sagen zu knnen -- doch
es war Ihre eigene Schuld -- kommen Sie jetzt nur recht oft, und Sie
werden sich wohl bei uns fhlen. -- Aber hier, Bill -- wandte sie sich
dann pltzlich zu dem kleinen Burschen, der schchtern hinter ihr stand
und an ihrem Kleide zupfte hier, Bill, das ist der Gentleman, der Bill
damals gerettet hat, als #little boy# so sehr unartig war und auf die
Strae hinaus lief, da #grandmama# krank wurde und nicht mehr gehen
konnte -- weit Du das noch -- und giebst Du ihm kein Hndchen?

Bill, die kleinen Finger seiner linken Hand, die ihm Jenny drei- oder
viermal herunter bog, immer unverdrossen wieder in das rosige Mndchen
schiebend, kam langsam, das Kpfchen niedergedrckt und nur schchtern
zu dem Fremden hinaufschielend, nher, und reichte ihm verschmt das
rechte Hndchen hin.

Wunderbar war der Eindruck, den Jennys Anblick auf den jungen Spanier
machte, und Leifeldt lchelte mit einer Art freudigen Stolz sogar,
als er sah, wie sich der Freund dem holden lieblichen Kinde gegenber
frmlich befangen fhlte.

Don Gaspar stand in der That im ersten Moment da, als ob er eine
Erscheinung gesehen, und nur wie bewutlos ergriff er die dargebotene
Hand in seinen beiden Hnden, und hielt sie sogar noch fest geschlossen,
als Jenny sich schon leise von ihm losmachen wollte, ihm den Knaben
zuzufhren. Erst dann, als er fhlte, da sich ihm die Jungfrau zu
entziehen suchte, lie er sie erschrocken frei, und das Kind aufnehmend,
das ihn im Augenblick vertraut, mit den groen hellblauen Augen
freundlich anlachte, und in seinem krauen Bart spielte, kte er
den Kleinen auf Wangen und Mund und nannte ihn einen braven kleinen
Burschen, der nicht wieder auf die Strae hinauslaufen und seiner guten
Gromutter und Schwester Schmerz bereiten wrde.

An dem Abend war Don Gaspar ein ganz anderer Mensch geworden; es schien
ordentlich, als ob die sonst manchmal eisige Rinde seines Herzens
aufthaue in der Gesellschaft der lieben Menschen. Besonders wurde es
Jennys lebendige Unterhaltung, die ihn anzog, Geist und Gemth fanden
dabei gleiche Nahrung, und fortgerissen von dem lieblichen Feuer des
schnen Mdchens, verga er bald seine ganze Umgebung, und lie sich
mehr und mehr hinreien in bunter und glhender werdenden Schilderungen
und Bildern. Die Pyrenen und Felsengebirge, der Amazonenstrom wie der
Ganges waren, so jung er noch schien, schon der Schauplatz seiner Thaten
gewesen -- auf der Jagd bald, bald im Kampf mit den Eingeborenen,
hatte es den Knaben fast von Land zu Land getrieben. Nach Spanien
zurckgekehrt, fand der thtige Geist keine Nahrung fr sein Streben,
seine Plne, und der Krieg der Argentinischen Republik mit Monte-Video,
schon die Schilderung jener wilden Reiter der Pampas lie ihm bald
daheim den Boden unter den Fen brennen. Noch ein Jngling fast, hatte
er schon die Thaten und Erfahrungen eines Menschenalters auf sein Haupt
gesammelt, und er konnte nicht still stehn an der Grenze des Begonnenen.

Mehr aber fast noch als der Drang, dieses neue wilde Treiben mit
eigenen Augen zu schauen -- fuhr er endlich in der Schilderung seines
eigenen Lebens, in die er wie unbewut hinein gerathen war, und der
Alle, besonders Leifeldt, mit gespannter Aufmerksamkeit folgten, fort
-- zog mich die Sehnsucht herber, einen Bruder hier zu finden -- einen
_Zwillings_bruder, den ich seit meinem zwlften Jahre nicht gesehen und
an dem mein Herz mit all jener fast wunderbaren, geheimen Sympathie
hing, die das Herz zweier solcher Wesen bis zum -- -- ja vielleicht
noch _nach_ dem Tode umschlingt. Leider wute ich nur, da er seinen
letzten Aufenthalt in Buenos-Ayres selber gehabt, und konnte keine
nhere Adresse von ihm bekommen, dort angelangt, blieben auch eine
Zeit lang alle meine Nachforschungen nach ihm vergeblich, und whrend
Einzelne den Namen wollten in Monte-Video gehrt haben, behaupteten
Andere, er sei in eigenen oder Regierungsangelegenheiten nach Mendoza,
der fernen Grenzstadt der Republik gesandt worden. Nach allen diesen
Orten schickte ich jetzt Briefe aus, in der Hoffnung, da einer von
ihnen den Bruder doch erreichen und ihm meine Nhe melden mge -- und
-- hahaha -- es ist eigentlich zu komisch, wenn man bedenkt, wie das
Schicksal die Leute manchmal zusammenwrfelt, und welch entsetzliche
frchterliche Folgen aus einer einzigen Idee, einem Wunsch, einem Brief
-- einem _Wort_ entstehen knnen.

Don Gaspar lachte halb, als er die Worte sprach, aber die Todtenblsse,
die jetzt seine Zge bedeckte, der starre, kalte Blick, die zitternden
Lippen straften sein Lachen gar furchtbar Lgen. Er hatte auch, wie es
schien, ganz seine Umgebung vergessen, und die Stirn jetzt eine ganze
Weile in den Hnden bergend, preten sich einzelne klare perlende
Tropfen zwischen den fast mdchenhaft zarten Fingern durch.

Die kleine Gesellschaft sa inde in schmerzlicher, fast peinlicher
Spannung, und Leifeldt besonders, denn selbst ihm hatte der Freund bis
dahin hartnckig die frhere Geschichte seines Lebens verschlossen
gehalten, empfand eine unnennbare, ihm selbst unerklrliche Angst, die
Schicksale des Unglcklichen zu hren, die wirklich furchtbarer Art
sein muten, wenn nur die Erinnerung daran das sonst so eiserne,
unerschrockene Herz des Mannes in solcher Art zu erschttern vermochte.
Keiner wagte ihn inde zu stren, und selbst Bill schmiegte sich,
die groen, blauen Augen ngstlich und bestrzt auf den fremden Mann
geheftet, an das Knie der Tante, und sein kleines Herz schlug schneller
in dem Mitgefhl um die fallenden Thrnen.

Endlich, wohl nach fnf Minuten, in denen nur das monotone Ticken der
groen Wanduhr die fast feierliche Stille unterbrochen, fuhr der
Erzhler, die Hnde langsam senkend und stier dabei vor sich nieder
sehend, mit leiserer Stimme, die aber in der Erzhlung selber bald
wieder zu der frhern Lebendigkeit anwuchs, fort:

Drei Monate spter erhielt ich endlich Antwort auf eines meiner
Schreiben, und zwar von Cordova aus, wohin der nach Mendoza von mir
gesandte Brief befrdert worden war. -- Felipe hatte in einem Jubel
an mich geschrieben, da wir uns endlich wieder sehen sollten. Er war
glcklich -- in Cordova war ihm Alles geworden, was das Herz nur an
diese Erde zu fesseln vermag: ein treues Weib, ein liebes Kind, und
nicht Worte konnte er finden, mir die Seligkeit zu schildern, in der er
lebe. Nichts destoweniger wollte er Alles dort verlassen, was ihm lieb
und theuer war, den Bruder nach so langen Jahren der Trennung wieder an
sein Herz zu drcken, und den Tag hatte er mir schon bestimmt, an dem er
in Buenos-Ayres eintreffen wrde.

-- Auch ich hatte indessen, fuhr Don Gaspar nach einer lngeren Pause,
in der er seine innere Bewegung gewaltsam niederkmpfte, fort: ein
Wesen gefunden, dessen Besitz mich, wie ich damals glaubte, zum
Glcklichsten der Sterblichen machen mute. -- Der Tag des Wiedersehns
mit meinem Bruder sollte auch am Altar _ihre_ Hand in die meine legen
-- der Tag kam -- aber wie sollte er enden.

Schon in der letzten Zeit hatte ich in dem Hause meiner knftigen
Schwiegereltern einen Cavallero aus- und eingehen sehen, dessen Betragen
gegen meine Braut mir nicht gefiel -- mich selber behandelte er dabei
ganz mit dem Eigendnkel der sdamerikanischen Rae dem spanischen Blut
gegenber, und nur die Gegenwart meiner Schwiegereltern hatte schon
zweimal verhindert, da es zu harten Worten und vielleicht hrteren
Thaten zwischen uns gekommen.

So brach der Morgen vor meinem Hochzeittag an, und mancherlei
Geschfte, die mich an dem Tag auf der Strae hielten, Einkufe und
Besorgungen, veranlaten mich, in eine Pulperia[12] zu treten, und ein
Glas Wein zu trinken -- ich wollte eine Erfrischung finden -- und fand
den Tod.

  12: Schenkwirthschaft.

In der Pulperia stand, ohne da ich ihn anfangs bemerkte, ich htte ihn
sonst an _diesem_ Tage vermieden, jener Argentiner im eifrigen Gesprch
mit einem anderen -- einem anerkannt schlechten Subjekt, das als
Werkzeug schon zu manchem schlechten Streich sollte benutzt sein. Was
der Inhalt ihres Gesprchs gewesen, wei ich nicht, soviel ist gewi,
ich hatte kaum Platz an einem der Tische genommen, als sich ihre
Aufmerksamkeit auf mich lenkte und sie mit meinen nchsten Nachbarn ein
lautgefhrtes Gesprch begannen, das mich nicht gleichgltig lassen
_konnte_. Es galt mein _Vaterland_, und so fest ich auch gewillt war,
gleich im Anfang, als ich den ziemlich grob angelegten Plan, mich zu
reizen, errieth, den Saal zu verlassen, fielen doch bald uerungen,
die es mir unmglich machten, sie unerwiedert zu lassen. Die beiden
Argentiner besonders, beides wenigstens uerlich fanatische Anhnger
des Diktators, schmhten meine Nation auf eine so nichtswrdige und
perfide Weise, da ich endlich gar nicht mehr umhin konnte, ihnen zu
antworten -- ich htte Fischblut in den Adern haben mssen. Ein Wort
aber gab das andere, im vollsten bermuth trieben es meine Gegner mit
Gewalt zum uersten, und der nchste Morgen -- mein Hochzeittag
-- wurde dazu bestimmt, unseren Streit auszugleichen. Noch an dem
nmlichen Nachmittag aber berfielen mich die beiden Schurken
meuchlerischer Weise, und nur meinem guten Glck hatte ich es zu danken,
da der erste nach mir gefhrte und jedenfalls tdtlich gewesene Sto an
meiner Uhr abglitt, whrend der Mrder von meiner Hand fiel. Der andere,
der mich rasch wieder gerstet und seinen teuflischen Plan vereitelt
sah, wollte jetzt entfliehen -- aber ich war flchtiger als er. Das Blut
zum Sieden getrieben -- die blanke Waffe in der Faust, verfolgte ich ihn
durch mehrere Straen, mehr und mehr ihm nahekommend. -- Vergebens war
sein Hlferuf, die Leute wagten nicht, dem bewaffneten Verfolger in den
Weg zu treten, und in demselben Augenblick, als er an der einen Ecke
erschpft und matt zusammensank -- Don Gaspar schwieg einen Augenblick,
und setzte dann tonlos hinzu -- traf mein Stahl sein Herz!

Erst als ich ihn blutend vor mir liegen sah, wute ich, was ich gethan,
begriff aber auch zugleich die Gefahr, in die ich mich selber dadurch
gebracht; die Henkersknechte des Diktators waren schnell in der
Vollziehung rascher gegebener Urtheile, und nicht eine Stunde durfte ich
mich lnger sicher whnen, denn ich war in der Verfolgung sowohl, wie
in der That selber erkannt und auch schon umstellt worden. Meine Waffe
brach mir aber auch hier Bahn, und in und durch ein mir bekanntes Haus
flchtend, brachte ich meine Verfolger auf die falsche Fhrte.

Die bald einbrechende Nacht konnte mich dabei leicht aus dem Bereich
jeder Gefahr bringen; oben in der Boca[13] lag ein kleiner Nachen -- ich
kannte die Stelle genau, und auf der Auenrhede ankerte ein spanisches
Kriegsschiff -- einmal dort an Bord, und Rosas smmtliche Macht htte
mir kein Haar meines Hauptes krmmen knnen. Vorher aber mute ich
meinem Bruder Nachricht von mir geben; was kmmerte mich die Gefahr,
der ich mich dabei aussetzte, und meinen Versteck wieder verlassend,
wanderte ich, in meinen Pancho dicht eingehllt, langsam, um keinen
Verdacht zu erregen, dem Mittelpunkte der Stadt zu, wo man mich jetzt,
da ich vor mehreren Stunden gerade in einer entgegengesetzten Richtung
geflohen, auch schwerlich vermuthen durfte. Nichts destoweniger waren
die Straen heut Abend belebter, als ich sie noch je gesehen, irgend
etwas Besonderes schien hier vorgefallen, und um die eine Ecke biegend,
hrte ich, wie ein Gaucho zum anderen lachend sagte:

  13: Ein kleiner Flu, der in den La Plata dicht unter Buenos-Ayres
      mndet.

Sie haben ihn, #amigo# -- #caramba#, er wollte sich noch verantworten,
aber die gndigen Mashorqueros lassen sich nicht auf Erklrungen ein --
er sieht jetzt aus, als ob er sich beim Rasiren geschnitten htte.

Mir stockte das Blut in den Adern, ich wute nicht weshalb, aber wie
ein elektrischer Schlag rhrte mich das flchtige Wort, und anstatt
jeder Beobachtung so rasch als mglich zu entgehn, und das nur kaum noch
fnfzig Schritt entfernte Haus, durch dessen Hinterpforte ich leicht
wieder einen Ausgang finden konnte, zu erreichen, frug ich, mein Gesicht
nur soviel als thunlich mit dem Pancho und breitrandigem Hut verdeckt,
den mir nchsten Burschen, _wen_ sie gefangen und ermordet htten?

Wen? -- #caracho#, sagte der grimmige Gaucho lachend, wen anders, als
den Hund von Spanier, der heute Morgen zwei wackere Mnner der Fderation
meuchlings berfallen und ermordet oder doch bs getroffen hat. -- Und
sein Name? -- mein eigener donnerte mir ins Ohr, und whrend sich
die Strae mit mir zu drehen begann, wei ich nur, da ich dem Orte
zustrmte, wo die Leiche lag.

Und dort? -- frugen die Zuhrer in tdtlichster Spannung wie aus einem
Munde -- denn der Erzhler sa mit stieren Blicken, den rechten Arm
vorgestreckt, als ob er das Schreckensbild aus dem Boden steigen she,
regungslos da, und die Augen gewannen einen wilden, fast unheimlichen
Glanz. Pltzlich aber, als ob er fhle, da aller Augen angst- und
erwartungsvoll auf ihn gerichtet seien, fuhr er empor, und den Blick
rasch und forschend im Kreis umherwerfend, haftete dieser auf dem
Thrnenglanz in der Jungfrau Auge, die ihm mit bleichen Wangen und
hochklopfendem Herzen gegenber sa und jedes Wort von seinen Lippen
in peinlicher Spannung aufgesogen hatte. Erst seinem Blick begegnend,
senkte sie den ihren, und Don Gaspar, der jetzt eine ganze Zeit lang
wie trumend zu ihr hinberschaute, strich sich pltzlich die schwarzen
krausen Locken von der Stirn, und hochaufathmend war es fast, als ob er
ein schweres, furchtbares Gewicht von seiner Brust gewlzt htte.

Und dort? -- wen fanden Sie dort? rief aber jetzt noch einmal die
alte Mrs. Newland und auch Leifeldt, der hinzutrat und die Hand auf des
Freundes Schulter legte, wiederholte leise die Frage.

Dort? lachte aber Don Gaspar, dem in diesem Moment schon wieder der
alte kecke bermuth aus den Augen blitzte, dort? -- wie mir scheint
htte ich Schauspieler werden sollen -- hahaha -- habe ich mir doch nie
im Leben solch ein Talent zum Erzhlen zugetraut -- wahrhaftig, Seora,
Sie sind ja ganz davon ergriffen, und die Seorita hat Thrnen in den
Augen.

Er sprang auf und Mrs. Jennys Hand ergreifend, sagte er mit leiserem,
fast bittendem Ton:

Zrnen Sie mir nicht, Seorita, ich wollte weder Sie noch die lieben
Ihrigen betrben -- nur zerstreuen, habe es aber, wie ich sehe, ganz
falsch angefangen. Nicht wahr, ich wre alt genug, vernnftig zu
sein, und doch plagt mich ein kleiner Teufel, den ich, zu grerer
Bequemlichkeit mit mir herumtrage, manchmal wahrhaftig bis aufs Blut
solch nrrische Streiche zu spielen -- aber ich mu nachher dafr ben,
wenn ich sehe, welch Unheil ich angerichtet habe -- setzte er weicher
hinzu.

Jenny war so vollkommen durch diese Wendung des Ganzen berrascht, da
sie im ersten Moment in der That gar nicht wute, ob sie weinen oder
lachen solle, ein Blick in die Augen des Fremden aber machte sie auch
wieder stutzen -- dort lag mehr als ein einfach kecker Leichtsinn,
grliche Geschichten zu erzhlen und das Blut seiner Hrer erstarren zu
machen -- ein furchtbares Geheimni schlummerte hinter diesen dunklen
Sternen, und welchen gewaltigen Kampf mute es ihm kosten, das jetzt mit
solcher Macht und Ruhe niederzuhalten.

Das schne Mdchen lie ihre Hand in der des Bittenden lnger, als sie
selbst wohl wute, und als sie ihm dieselbe endlich, und nur langsam
entzog, begegnete Don Gaspar dem Blick des Freundes, der halb forschend,
halb zweifelnd auf ihm haftete. Er wich dem Blick aus, lchelte aber,
als er ihm, mit abgewandtem Antlitz die Hand reichte und fest drckte.

Nein, so 'was! rief aber jetzt die alte Dame in grtem Erstaunen,
-- segne meine Seele Herr -- und das war eine bloe _Geschichte_, und
so natrlich, da Einem das Herz ordentlich zu klopfen aufhrte und der
Athem still stand in der Brust -- aber Mr. Gaspar, das mssen Sie uns
knftig vorher sagen, da Sie's nicht so ernsthaft meinen; man wei ja
wahrhaftig sonst gar nicht mehr, woran man ist.

Don Gaspar hielt indessen noch immer Leifeldts rechte Hand mit seiner
linken, und dessen Arm mit seiner rechten Hand gefat -- es war fast,
als ob er ihm noch etwas sagen wollte vor allen Andern -- als ob er
sich gerade bei ihm rechtfertigen msse, aber er machte sich auch von
ihm endlich los, und sich rasch zu dem alten Herrn wendend, der ihm
entgegentrat, schttelte er ihm herzlich die Hand und sagte, leicht mit
dem einen Auge dabei blinzend: -- nicht wahr, Sir, Sie wuten, wo ich
hinaus wollte.

#I'll be damned if I did,#[14] rief aber der alte Herr treuherzig, die
ihm dargebotene Hand aus Leibeskrften schttelnd -- nicht die Probe
davon, so wahr mein Name Newland ist -- hielt die ganze Geschichte fr
baare Mnze und meine Seele dachte nicht daran, da Sie Spa machen
knnten -- haben aber ein famoses Talent, und wenn Sie das so auf dem
Theater von sich geben knnten wie hier, Sie mten reich dabei werden.

  14: Will verdammt sein, wenn ich's gethan habe.

Ach, das ist ja gerade unser Unglck auf dieser Erde, lachte Don
Gaspar dagegen, da wir eben in der Jugend noch nicht selbststndig
handeln knnen, oder _wenn_ wir es knnten, doch nicht im Stande
wren, der Bahn mit den Blicken zu folgen, die anscheinend glatt und
weitdehnend vor uns ausgebreitet liegt -- hat aber die _Erfahrung_ erst
ihre Furchen in unsere Stirn gegraben, dann ist es gewhnlich zu spt,
noch einen neuen Lebensweg zu whlen, und wir mhen uns verstimmt und
unmuthig auf der, freilich selbst betretenen, breiten und staubigen
Heerstrae hin, whrend links und rechts abzweigend, und doch alle
demselben Ziel entgegenfhrend, die schattigsten, blumenreichsten Gnge
und Pfade liegen -- wenn die Chausseegrben nur nicht so verwnscht
breit wren.

Mit rascher Wendung fhrte er seine ihn noch immer halberstaunt halb
mitrauisch betrachtenden Zuhrer wieder auf das erste Feld der
Unterhaltung zurck; kleine interessante Zge aus seinem Leben, mit
einer ganz eigenthmlichen Mischung von Humor und Ernst vorgetragen,
weckten dabei bald wieder hnliche Erinnerungen bei den Freunden, und
ehe eine halbe Stunde verflossen, war das Gesprch wieder allgemein und
lebendig geworden, und man lachte und erzhlte sich noch bis spt in die
Nacht hinein.

Auf dem Heimweg suchte nun zwar Leifeldt den Freund wieder auf die
Geschichte seines Lebens zurckzubringen, aber der hielt ihm nicht
Stand, sprang rechts und links ab, und war gerade heute so voll von
tollen, lustigen Einfllen, da es unmglich schien, noch ein ernstes
Wort mit ihm zu reden.




7.

Der Verdacht.


Die nchsten drei Tage war Don Gaspar brigens nicht zu bewegen, seinen
Besuch bei Newlands zu wiederholen, trotzdem sogar, da ihm Leifeldt
eine frmliche Einladung dorthin brachte -- er entschuldigte sich mit
einem peinlichen Kopfschmerz und trieb sich fast den ganzen Tag am
Seestrand herum, einkommende Schiffe zu beobachten. Er war auch still
und schweigsam dabei, und es schien fast, als ob nach einer zu starken
Aufregung jenes Abends eine Abspannung gefolgt sei, die er sich nicht
einmal die Mhe geben wollte, von sich abzuschtteln. Bei Newlands
dagegen, bildete er fast den einzigen Punkt, um den sich die Unterhaltung
drehte, und mochte das Gesprch, nach welcher Richtung es wollte, sich
gewandt haben, der erste Schritt im Hause unten, das zufllige ffnen
oder Schlieen einer Thr, brachte fast stets die Worte: Sollte das Don
Gaspar sein? -- Leifeldt war auch schon mehrfach gefragt worden, wie
und wo er den Freund kennen gelernt habe, wute aber die Frage immer
zu umgehen und suchte nun auch seinerseits die alten Leute darin zu
bestrken, Don Gaspar habe sich an jenem Abend mit der grlichen
Geschichte -- wo sie ja nicht anders denken konnten, als sein
Zwillingsbruder sei fr ihn erschlagen worden -- einen freilich etwas
entsetzlichen Spa gemacht, whrend Jenny dagegen eben so bestimmt
behauptete -- und Leifeldt pflichtete ihr im Herzen schon fast bei
-- der Schlu des _wahren_ Vorfalls sei ihm selber so furchtbar
vorgekommen, da er sich gescheut habe, sie mehr zu ngstigen, und
lieber Alles das gewaltsam niederkmpfte, was ihm in dem Augenblicke
sicher drohte die Brust zu zersprengen. -- Der arme Mann, was mute er
seit der Zeit heimlich gelitten und mit sich herum getragen haben.

Erst am dritten Abend betrat Don Gaspar wieder das Haus der Newlandschen
Familie, und diemal bat er sich Leifeldt selber zur Begleitung an.
Wenn die alten Leute aber auch oft und oft versuchten, wieder auf
seine frhere Erzhlung -- bei der sie ihn versicherten, wie sie ihn
vertheidigt htten, zurckkamen, wute er ihnen doch immer geschickt
auszuweichen, und es war so augenscheinlich, da ihm selbst eine
Berhrung jenes Abends wehe that, und Leifeldt wie Jenny suchten
daher das Gesprch in anderer Richtung zu leiten und zu halten.

Von da an war Don Gaspar ein tglicher Gast in Newlands Haus, und
whrend Leifeldt jetzt mehr und mehr Beschftigung bekam, wie das
Zutrauen in der Stadt zu ihm wuchs und seine Kenntnisse sich entwickeln
und Bahn brechen konnten, sa er oft stundenlang mit Jenny am Schachbret,
las irgend ein Buch mit ihr, oder erzhlte den alten Leuten Abentheuer
und Scenen aus seinem wunderbar bewegten Leben.

Er war von der Zeit an fast ein anderer Mensch geworden. -- Ruhe und
Friede schien in sein Herz eingekehrt, und was er auch frher gelitten
und ertragen haben mochte, eine freundliche Gegenwart glttete
die schmerzgefurchte Stirn, und das Auge lachte wieder, nicht in
erknsteltem, sondern in wirklichem Glck. Er zeichnete dabei kein
einziges Glied des kleinen Familienkreises aus -- fand er den alten
Herrn allein, so sa er stundenlang mit ihm da und plauderte von Jagd
und Ackerbau, von Viehzucht und Weinbau, fr den sich der alte Gentleman
besonders interessirte, und von der See und der fernen Heimath, -- war
die alte Dame gut aufgelegt dazu, und das geschah oft, so ging er eben
so gern auf all die wunderlichen Kapitel ein, die sie, nach alter
Gewohnheit, vor ihm herauf zu beschwren wute, -- dann erzog er mit ihr
Kinder und mstete Gnse, legte einen Garten an, oder diskutirte die
Vorzglichkeit des javanischen vor dem brasilianischen Kaffee. -- Mit
Jenny war er derselbe, ihre Nhe schien aber einen besonders wohlthtigen
Einflu auf ihn auszuben, kein wildes, aufloderndes Wort kam ber seine
Lippen, wenn er sich gerade allein mit ihr befand, was ihm sonst doch
sogar in Gegenwart der alten Dame manchmal passirte, die aber ihre
Freude daran hatte und dann immer meinte, es thte ihrem alten Herzen
ordentlich wohl, noch Feuer und Leben in der Jugend zu sehn und ihren
Geist daran zu erwrmen. Aber auch selbst Jenny verga er manchmal, wenn
ihm gerade die Lust anwandelte, mit dem Kinde zu spielen und er nun mit
Bill in ausgelassener Frhlichkeit in Haus und Garten herumtollte, da
selbst das Kind ihn manchmal ganz ehrbar bat, nicht einen solchen
Spektakel zu machen, sondern ihm lieber eine kleine Geschichte, oder
ein Mrchen zu erzhlen, wie er sie zu hunderten zu ersinnen und
auszuspinnen wute.

Anders war es aber mit der Familie selber, so herzlich Don Gaspar
von _Allen_ aufgenommen wurde, so erkannte das scharfe, so leicht
mitrauische Auge der Eifersucht bald einen Vorzug, den ihm die Jungfrau
selbst vor den brigen einrumte. Ein wilder Schmerz durchzuckte
Leifeldts Herz, als dort zum ersten Male der Gedanke an eine solche
Mglichkeit aufstieg. Er war allein mit Jenny gewesen, und neben ihr
sitzend hatte er angefangen von seinen Plnen und Hoffnungen zu
plaudern, wie ihn das Glck hier in Valparaiso so weit ber Erwarten
begnstige, und wie er nun fast schon die Zeit berechnen knne, in der
es ihm mglich sein wrde, einen _eigenen Heerd_ zu grnden. Das Herz
lag ihm heute auf der Zunge, und der Muth fehlte ihm nur noch, dem
holden Mdchen seine Liebe zu gestehen, und sie -- nicht um ihre Hand
zu bitten -- der unbemittelte, junge Arzt durfte noch nicht wagen, das
Geschick eines so lieben zarten Wesens an das seine zu knpfen, ehe
er ihm mehr als die Aussicht eines sorgenfreien Lebens bieten konnte
-- aber sie zu fragen, ob sie glaube, sich einst an seiner Seite
glcklich fhlen zu knnen, und dann, mit solcher Gewiheit im Herzen,
neuen Anstrengungen und Arbeiten in dem sen, beseeligenden Gefhl
entgegen zu gehen, das Ziel zu kennen, dem er zustrebe, und in ihm
gerade sein ganzes Glck und Heil zu finden.

Ob Jenny fhlte, da der bisherige _Freund_ einer anderen Gestaltung
ihres Verhltnisses entgegendrnge, -- ob sie diese Erklrung frchtete,
oder ihr nur ausweichen wollte in mdchenhafter Schchternheit, aber
sie war unruhig und befangen, stand oft auf, unbedeutende Sachen zu
besorgen, und suchte wieder und immer wieder dem Gesprch eine andere,
gleichgltigere Wendung zu geben, als pltzlich der Klopfer unten an
ihrer Thre ertnte, und gleich darauf des Spaniers rasche Schritte auf
der Treppe gehrt wurden.

Don Gaspar, rief Jenny, freudig berrascht von ihrem Stuhle
aufspringend, zugleich aber dem Blick des jungen Schweden begegnend, war
sie Weib genug, zu fhlen, wie wehe sie dem in diesem Augenblick gethan.
-- Das Blut scho ihr in die Schlfe, und langsam den eben so rasch
verlassenen Sitz wieder einnehmend, setzte sie leiser hinzu: Er wird
sich freuen, Sie hier zu finden. --

Don Gaspar betrat gleich darauf das Zimmer, und das Gesprch drehte sich
um gleichgltige Gegenstnde; von dem Augenblicke an aber war der Same
des Mitrauens, der Eifersucht in das sonst so treue, ehrliche Herz des
jungen Schweden gefallen, und schlug seine breiten Wurzeln da und whlte
und nagte in all seiner wachsenden Strke und Furchtbarkeit.

Von dem Tage an war es um Leifeldts Frieden geschehen -- je
freundlicher, je herzlicher Jenny gegen ihn wurde, desto mehr zog er
sich vorsichtig in die innersten Vesten seiner eigenen Brust zurck,
denn was bis dahin seinem wachenden, sehenden Auge total entgangen,
erschlo sich pltzlich dem von Argwohn bewaffneten Blick mit tdtlicher
Schrfe. -- Er sah, Jenny liebte den Freund, und das war der Todessto
all seiner sen, so heimlich und treu gepflegten Hoffnungen und Trume
-- das der Sturz seiner liebsten, seligsten Plne.

Sonderbarer Weise blieb sich Don Gaspars Benehmen, der Jungfrau wie
dem Freund gegenber, vollkommen gleich; oft sahen sie ihn zwei oder
drei Tage nicht, die er in der Nhe Valparaisos verbrachte -- sein
Lieblingsplatz war dann die Seekste, von wo aus er halbe Tage lang
kommenden Segeln entgegenschaute, und kehrte er endlich zurck, so
betrug er sich gerade, als ob er nicht einen Augenblick abwesend gewesen
wre und irgend vermit sein knnte.

Nicht so Jenny; -- wie unbewut sie sich auch bis dahin ihrem Herzen
berlassen, so war sie seit jenem Abend, wo der erste mitrauische
Blick des jungen Arztes ihrer eigenen Seele Licht gegeben, ihr selbst
gewissermaen die eigene Brust erschlossen hatte, ganz still und
schchtern geworden, und eine fast krankhafte Erregung schien ihr sonst
so heiteres, krftiges Gemth umhllen -- ertdten zu wollen. Das
Mutterauge entdeckte auch bald die, wirklich auffallende Vernderung
selbst in ihrem Aussehen, Jenny leugnete aber, sich anders, als
vollkommen wohl zu befinden, und der deshalb von der alten Dame befragte
Leifeldt erklrte ebenfalls die Blsse der Wangen, den fehlenden Glanz
der Augen fr ein leichtes Unwohlsein, das die nchsten Tage wieder
heben knnten. Ach, ihm schnitten diese eingesunkenen Augen tief, tief
ins Herz, und durfte er sagen, was sie verursacht hatte? -- mute er
nicht dem eigenen, hoffnungslosen Schmerz da ebenfalls die Worte geben?
-- Und Jenny reichte ihm diesmal, als er von ihr ging, die Hand, und
prete sie leise -- sie sprach kein Wort, aber dieser einzige Hndedruck
kndete ihm sein Loos deutlicher, als es Worte je im Stand gewesen
-- sie _dankte_ ihm fr sein rcksichtsvolles Schweigen -- und er htte
vergehen mgen vor bitterem Weh.

So waren noch zwei Tage verflossen, und Leifeldt rang in dieser Zeit
mit sich, ob er offen zu dem Freunde reden, oder dem Schicksal seinen
ungestrten Lauf lassen solle. Mit seinem ganzen ehrlichen, offenen
Wesen trieb es ihn, diesem ersten Gefhl zu folgen, immer aber warf
er sich selber wieder ein, da der Spanier die Liebe des jungen,
engelschnen Mdchens noch gar nicht einmal zu ahnen scheine, und sollte
_er_ es sein, der da mit eigener Hand den Funken in die Pulverkammer
schleuderte? -- Er konnte sich, so oft er sich auch dazu berreden
wollte, es sei das Beste, ja das Einzige, was ihm zuletzt zu thun brig
bliebe, doch immer und immer wieder nicht dazu entschlieen, und zgerte
damit so lange, bis er sich am Ende selbst wieder einredete, er habe
sich doch vielleicht getuscht, und noch liege die Mglichkeit vor ihm,
die Geliebte seines Herzens einst auch die Seine nennen zu knnen.

So kam Jenny's Geburtstag heran, und Mr. Newland hatte in seinem Hause,
diesen Tag zu feiern, eine kleine Festlichkeit angeordnet, zu der,
auer mehreren anderen Bekannten, auch unsere beiden Freunde, wie der
Buenos-Ayres Konsul, Don Guzman de Ribera, geladen waren.

Dieser begrte Don Gaspar wie einen alten Bekannten, -- er wute ja,
der junge Mann war von Buenos-Ayres herbergekommen, und er selber, dort
geboren, hatte noch zu viel Anhnglichkeit an die Stadt, nicht fr
jedes ein Interesse zu empfinden, das mit derselben, wenn auch in der
entferntesten Berhrung stand. Es war das eine Art Heimweh -- wenn
er sich des Gefhles selber auch kaum bewut sein mag -- wie es den
Kamtschadalen an seine Eisfelder, den Sohn der Wsten an die den
Sandflchen seines Vaterlandes bindet, und Don Guzman war noch dazu ein
gar eifriger Anhnger des Diktators, und freute sich der Erfolge, die
dieser errungen, mit sichtlichem Stolz.

Don Gaspar schien heute besonders guter Laune zu sein, und so viel
Mal auch Don Guzman versuchte, seiner habhaft zu werden, ihm die
allerneuesten Nachrichten von der anderen Seite der Cordilleren
mittheilen zu knnen, wute er ihm doch immer wieder zu entgehen,
und dem Gesprch eine andere, allgemeinere Richtung zu geben.

Leifeldt dagegen zeigte sich still und zurckgezogen, der Freund hatte
Jenny's Seite noch kaum verlassen, seit sie das Zimmer betreten hatten,
und der junge Schwede versuchte umsonst der Gedanken ledig zu werden,
die ihm mit immer herberer Pein das Herz durchzogen.

Aber Seor Federigo ist heute Abend so migestimmt, sagte endlich die
alte Mrs. Newland, die sich bis dahin fast nur mit Don Gaspar und ihrer
Tochter unterhalten hatte, und den jungen Arzt eigentlich erst jetzt
in ihrem Gesprch vermite -- segne meine Seele, ich wei mich noch
wahrlich nicht eines Wortes zu erinnern, das Sie heute den ganzen Abend
gesprochen htten -- fehlt Ihnen etwas? --

Nicht das Mindeste, lchelte Leifeldt, etwas verlegen aufstehend und
sich ihr nhernd -- aber Sie waren Alle dort so gar lebhaft im Gesprch
begriffen. --

Und dazu gehren Sie eben so gut, Mr. Leifeldt, sagte Jenny,
freundlich ihm die Hand reichend -- wir sprachen eben davon, wie
glcklich wir uns schtzen drfen, in einem fremden Lande so viele treue
und liebe Freunde gefunden zu haben, und wie dankbar wir dafr unserem
Schicksal sein mssen.

Das Wort _Freundschaft_ ist ein wilder Begriff, Seorita, erwiederte
aber Don Gaspar rasch -- und unsere Sprache ist arm, da wir nicht im
Stande sind, die wunderlichste aller Gefhle in seine verschiedenen
Klassen einzutheilen.

Und haben _Sie_ verschiedene Klassen fr Ihre Freundschaft, Don
Gaspar? frug ihn das schne Mdchen lchelnd.

Allerdings, sagte der Spanier rasch -- und so streng geschieden von
einander, wie sie das wunderlichste Gef im menschlichen Krper -- das
Herz -- zu scheiden vermag -- Freunde, die ihr Leben fr mich lassen
wrden -- und er reichte, whrend er sprach, dem jungen Schweden die
Hand -- und Freunde, die mich verfolgen mit -- mit ihrer Liebe und mich
gern unter die Erde drcken mchten vor lauter Herzlichkeit -- Freunde,
deren Lcheln schon das Blut in froher Brust durch meine Adern jagt, und
Freunde, deren Ku und Schwur es erstarren machen wrde.

Und zu welchen drfen wir uns da zhlen? frug Jenny leicht errthend.

Ich brauche Ihnen das nicht mehr mit Worten auszudrcken, sagte Don
Gaspar mit dem herzlichsten Tone seiner Stimme, und whrend er die
Hand des Mdchens ergriff, bemerkte Leifeldt mit tiefem Schmerz,
wie es die ganze Gestalt der Jungfrau, einem elektrischen Schlage
gleich durchzuckte; Sie haben mich hier Alle mit so unendlicher
Freundlichkeit behandelt -- fuhr der Spanier dabei fort -- ich
mte ein Herz von Stein in der Brust haben, knnte es anders fr Sie
schlagen, als es thut -- aber unser Gesprch wird zu ernst, brach er
dann rasch und pltzlich ab, und Jenny's Hand loslassend und die der
Matrone ergreifend, setzte er lachend hinzu -- da, Mama hat schon
Thrnen in den Augen, und der drfen wir doch wahrlich den heutigen,
frhlichen Abend nicht verderben.

In diesem Augenblick wurde zu Tische gerufen, und Jenny trat
fast unbewut einen kleinen Schritt zurck, als ob sie sich der
Aufmerksamkeit der brigen entziehen wollte, bis -- Leifeldt wagte den
Gedanken nicht auszudenken und wollte eben an die alte Dame hinantreten,
dieser seinen Arm anzubieten, als Don Gaspar schon die Hand der Mrs.
Newland in seinen Arm zog, Mr. Newland mit Don Guzman im eifrigen
Gesprch langsam dem Speisezimmer zuschlenderte, und der junge Mann
jetzt nicht umhin konnte, Mi Newland zu geleiten. Jenny wollte etwas
sagen, als er sich ihr zgernd nherte, aber, ob sie frchtete, ihm wehe
zu thun, oder nicht das rechte Wort fand zu beginnen, sie schwieg, und
lie sich von ihm zur Tafel geleiten.

Aber Don Gaspar, begann hier Don Guzman, der dem Spanier gerade
gegenber seinen Platz hatte, wie sie kaum ihre Sitze eingenommen
-- ich habe Ihnen noch gar nicht erzhlen knnen, da der chilenische
Correo glcklich ber die Berge von Mendoza herbergekommen ist, und
die Post von ein paar Monaten mitgebracht hat; elf Tage war er in der
dritten Casucha[15] drben im Schnee verschlossen, und ihr Chargue[16]
mute er mit seinen Leuten zuletzt trocken kauen, sich nur am Leben zu
erhalten -- sie wren beinahe verhungert, und der Temporale[17] soll
furchtbar gewthet haben.

  15: Die kleinen Steinhtten in den Cordilleren, zum Schutz der
      Reisenden errichtet.

  16: Getrocknetes Fleisch, ziemlich der einzige leicht tragbare
      Proviant unterwegs.

  17: Schneesturm.

Die armen Menschen, sagte Jenny mitleidig -- es ist doch ein
entsetzliches Brod, sein Leben auf jedem solchen Marsch tollkhn auf's
Spiel zu setzen. Wie Viele sind schon dabei umgekommen, und immer und
immer wieder giebt es Andere, die der wenigen Unzen wegen die Glieder
dem Frost und Hungertode Preis geben.

Und Monte-Video ist immer noch nicht ber? sagte Leifeldt, dem es
wohlthat, gerade in diesem Augenblicke mit dem Fremden ein Gesprch zu
beginnen.

Noch nicht, aber es kann sich keinesfalls lange mehr halten,
erwiederte Don Guzman zuversichtlich -- man spricht zwar von einem
Waffenstillstand, ich glaube jedoch, da ihn die Unitarier nur
verlangen, zu kapituliren.

Und giebt es sonst nichts Neues in Buenos-Ayres? frug Mr. Newland
dazwischen, den Argentiner auf ein anderes Kapitel zu bringen, und nicht
etwa genthigt zu sein, die fremde Intervention mit ihm zu errtern
-- keine neue Revolution, keinen berfall von Indianern?

Nichts derartiges, lachte Don Guzman, Se. Excellenz, der Gouverneur,
hlt die Zgel der Regierung zu straff fr dergleichen Versuche.

Aber die Indianer haben sich doch schon einige Mal gegen ihn in das
Feld geworfen, warf Leifeldt ein -- die einzelnen Gaucho-Htten
berfallen, ja selbst die Stdte bedroht und sogar der Argentinischen
Cavallerie Stand gehalten.

Ist allerdings vorgefallen, meinte achselzuckend der Konsul, jetzt
aber sind sie ruhig, und die Grenzbewohner werden wohl nicht wieder von
ihnen beunruhigt werden. Nein, aber etwas anderes hatte die Stadt in
jener Zeit aufgeregt, und es scheint wirklich seit lange Nichts die
Bewohner von Buenos-Ayres in solch Erstaunen versetzt zu haben, als die
Flucht eines Tollen aus einer Irrenanstalt -- die Bltter sprechen fast
von nichts Anderem.

Die Flucht eines Tollen? riefen fast Alle wie aus einem Munde, und
Leifeldt, dessen Blick wie unwillkrlich Don Gaspar suchte, sah, wie
dieser in vlligstem Gleichmuth ruhig, aber kaum bemerkbar vor sich hin
lchelte, und mit der Gabel spielte.

Und hat man ihn nicht wieder bekommen? frug ngstlich Jenny.

Don Gaspar bi sich auf die Lippen.

Nein, versicherte Don Guzman -- merkwrdiger Weise ist er mit seinem
Arzte, einem Schweden, Namens Stierna, entwichen, und obgleich man
Anfangs alle Ursache hatte, zu vermuthen, Beide wren an Bord eines
Schiffes gegangen, tauchte doch auch zu gleicher Zeit ein Gercht auf,
sie wren eine Strecke weit im Innern gesehen worden, und die Behrden,
dadurch irre geleitet, scheinen ihre Spur bis jetzt noch nicht wieder
aufgefunden zu haben.

Heiliger Gott, sagte Jenny schaudernd und deckte sich dabei ihre Augen
mit beiden Hnden -- ich glaube, ich wrde selber wahnsinnig, wenn ich
einem solchen entflohenen Tollen einmal pltzlich begegnete und ihm
nicht mehr entfliehen knnte.

Haben Sie noch nie einen Wahnsinnigen gesehen? frug Don Guzman.

Nie -- und Gott bewahre mich auch dafr, erwiederte das Mdchen, schon
in dem Gedanken an solchen Fall zusammenbebend.

Aber, liebes Kind, sagte die Mutter -- es giebt auch viele Leute mit
einem stillen Wahnsinn, denen man es gar nicht so sehr ansehen kann,
und die haben gar nichts Frchterliches -- nur manchmal werden sie
gefhrlich, wenn ihnen der Rappel kommt. Bei uns im Haus wohnte einmal
ein solcher, aber Du warst noch klein und kannst Dich wohl nicht mehr
auf ihn besinnen -- er sprang spter einmal aus dem Fenster und brach
den Hals.

Es giebt berhaupt wohl keine Krankheit, die in so verschiedenen
Gestaltungen und Variationen auftritt, als gerade der Wahnsinn, nahm
hier Mr. Newland das Wort, und Leifeldt hob den Blick fast unwillkrlich
zu dem Freund auf, der jedoch vollkommen ruhig, ja fast gleichgltig zu
dem Sprechenden hinberschaute -- von dem Rasenden, fuhr Mr. Newland
fort, der in seine Ketten beit und schumt, knnen wir die Grade
hinunterfhren bis zu dem Misanthropen, und whrend der Eine selbst dem
unerschrockensten Menschen, dem, der jeder anderen Gefahr lachend und
muthig entgegen gehen wrde, mit unnennbarem, unlschbarem Entsetzen
erfllt, treffen wir den Andern gar nicht so selten in unserer eigenen
Mitte und die Krankheit, die ein Zufall vielleicht zum hellen Ausbruch
gefhrt, schlft in ihm, nur ihm selber fhlbar, bis zu seinem Tode.
Ich bin berzeugt, wir kommen mit hunderten dieser Art zusammen, ohne
den Wurm zu ahnen, der in ihnen schlummert und vielleicht nur eines
zuflligen Funkens bedurft htte, zu lichter Lohe emporzubrennen.

Um Gottes Willen, Vterchen, bat da das schne Mdchen -- sage doch
nicht so Entsetzliches -- es wre ja grlich, in jedem stillen Menschen
einen angehenden Wahnsinnigen frchten zu mssen -- lachen Sie doch Don
Gaspar, lachen Sie doch Doktor, mir luft es wahrhaftig schon jetzt
eiskalt ber den Krper, wenn ich Sie Alle so _still_ und ernsthaft da
sitzen sehe.

Seor Newland macht sich ber uns lustig, sagte aber der Spanier
lchelnd, indem er sich zu der Jungfrau hinber bog, er will mich von
neulich in meiner eigenen Mnze bezahlen -- es hat berhaupt einen
eigenen Reiz, sich vor etwas zu frchten, und von dem Kind an verlt
uns das Gefhl nicht, bis zum Greisenalter; aber Don Guzman erzhlt uns
vielleicht ein wenig ausfhrlicher, wie es mit der Flucht des Verrckten
zugegangen -- hahaha, ich fange wahrhaftig selber an, mich fr den Mann
zu interessiren -- und hat den eigenen Arzt mitgenommen, he? --

Den Arzt der Anstalt selber, besttigte der Argentiner -- man
begreift eigentlich gar nicht, wie es mglich war, aber der Tolle mu
ihm jedenfalls Versprechungen gemacht haben, und der Doktor ist noch
toller gewesen, sie ihm zu glauben.

Don Gaspar lachte laut auf, und Leifeldt schaute einen Moment etwas
verlegen vor sich nieder -- es war ihm nicht lieb, da Don Gaspar so
gewissermaen muthwillig die Gefahr, verrathen zu werden, herausforderte.
Niemand konnte allerdings in diesem Augenblick einen Verdacht haben,
da sie selber die Flchtigen wren, und sogar im schlimmsten Fall
ihrer Entdeckung reichte doch Rosas Arm nicht bis hier herber, seinen
Gefangenen zurckzufordern; nichts desto weniger brachte es sie in ein
schlechtes Licht und -- die Hauptsache -- in das Gerede der Migen,
weshalb also einen solchen Fall noch herausfordern.

Aber in was bestand seine Tollheit? frug jetzt der Spanier wieder,
ohne den Blick des Freundes zu verstehen oder zu beachten, der ihn
warnen wollte, zu weit zu gehen -- hat man nicht erfahren knnen, in
welcher Art sie sich zeigte, da selbst der Arzt darauf einging oder
getuscht werden konnte? und _war_ der Mann berhaupt wahnsinnig? -- Er
bog sich pltzlich vor und schaute den Konsul mit seinen groen dunklen
Augen erwartungsvoll an -- man hat Beispiele, da gesunde Menschen,
ihrer etwas unbequemen Gegenwart enthoben zu sein, in solcher Art
eingekerkert wurden und langsam und elend vergehen und verderben
muten.

Nein, nein, rief Don Guzman rasch, die Beweise lagen hier wohl zu
klar auf der Hand. Vorher scheint irgend eine lange Geschichte gegangen
zu sein, aus der man aber, den Zeitungen nach, nicht klug wird, nur so
viel ist gewi, da der Kranke irgend einer hochgestellten Person -- es
ist nicht gesagt weshalb -- nach dem Leben trachtete, auch schon in
seiner Raserei viel Blut vergossen haben soll, so da man allerdings
nicht ohne Besorgnisse war, der Entflohene wrde jenen wieder
aufzufinden wissen.

Und diese hochgestellte Person? frug Don Gaspar lauernd.

Wurde nicht genannt, erwiederte Don Guzman, Sie wissen, da die
Zeitungen in Buenos-Ayres unter einer ziemlich strengen Censur stehen,
und die Redakteure befassen sich nicht gern unnthiger Weise mit
wirklichen Namen, ber die sie vielleicht einmal spter knnten
aufgefordert werden, Rechenschaft zu geben. Der des Entsprungenen soll
_Morelos_ gewesen sein.

Aber ich werde nun ernstlich bse, wenn Sie nicht die entsetzliche
Unterhaltung schlieen, rief da endlich Jenny -- ist das ein Gesprch
fr ein Familienfest und wollen Sie mir denn mit Gewalt den Abend
verderben?

Aber mein Frulein --

Keine Einwendungen, Don Gaspar, rief jedoch die junge Dame in
halb scherzhaftem, aber auch entschiedenem Tone -- ich will gern
eingestehen, da ich eine furchtbare, vielleicht kindliche Angst vor
einem Wesen habe, das ohne Geist -- eine wandernde Leiche -- umhergeht,
ich kann nun einmal diesen Gedanken nicht los werden, und wer mir jetzt
eine rechte Freude erweisen will, erzhlt eine hbsche und _muntere_
Geschichte, da wir die trben Schatten verscheuchen, die wirklich schon
anfangen sich um uns zu sammeln.

Muntre Geschichten? rief da Don Gaspar, rasch emporspringend, da bin
ich Ihr Mann -- hol der Bse das Grillenfangen -- wenn nicht der Humor
manchmal dem Menschen zu Hlfe kme, es sh' schlecht in der Welt aus.
-- Aber der Ernst ist uns trotzdem dabei oft nher als wir denken, und
der Tod schaut ins Fenster, wenn wir glauben die Sonne sei es. --

Aber Don Gaspar --

Ich kannte einen alten Musikus in Madrid -- hahaha, ich mu jetzt noch
lachen, wenn ich an den alten Burschen denke, und es sind lange, lange
Jahre verflossen, seit sie ihn in sein letztes Bett hinaustrugen -- der
hatte einen unverwstlichen Humor und eine Gabe zu erzhlen, und das
Erzhlte mit Akkorden und kurzen Stzen, Prludien und Nachspielen
seiner Geige zu begleiten, da man manchmal wahrhaftig gar nicht mehr
wute, ob er spielte oder erzhlte, die Tne schienen mit zu sprechen,
die Worte zu tnen und eine eigene barocke Manier, die er sich angewhnt
und mit der er das Producirte gewissermaen von sich abstie, ri seine
Zuhrer, in ihrem wunderlichen Effekt nicht selten zum strmischen Jubel
hin. Als ich ihn das letzte Mal hrte, hatte er uns gerade eine Skizze
seines eigenen Lebens erzhlt, und whrend uns die Thrnen aus den
Augen liefen, denn er hatte genug erduldet fr einen einzelnen
Menschen, schrieen wir auch wieder vor Lachen; und wie er zuletzt mit
dahineingreifenden tollen Akkorden schlo und dazwischen schrie und
spielte, bertubte das folgende Gelchter endlich jeden seiner Laute
dermaen, da er wirklich stillschweigen mute und eine Zeit lang ruhig
sitzen blieb. -- Als wir endlich wieder zu uns kamen und ihn bitten
wollten, fortzufahren -- war er todt. -- Nein, Seorita -- verlassen Sie
uns nicht! -- rief er pltzlich, als Jenny eine Bewegung machte, als
ob sie vom Tisch aufstehen wollte -- ich mache wieder gut, was ich
gefehlt -- und aufspringend setzt er sich an das offene Clavier, auf
dem er mit einem weichen Andante begann, die Tne aber mehr und mehr
anschwellen lie und endlich in einem wilden Allegro all die neckischen,
englischen und irischen Melodien einflocht, die sie frher so oft
mitsammen gebt und gesungen hatten.

Von dem Augenblick an war es auch, als ob ein ganz anderer Geist ber
die kleine Gesellschaft komme, Don Guzman, der noch einmal von dem
entsprungenen Tollhusler anfangen wollte, wurde gleich unterbrochen und
in den Strudel eines anderen Gesprchs hineingerissen und vor Allen Don
Gaspar hatte sich noch nie so liebenswrdig, ja frmlich ausgelassen
gezeigt, als an diesem Abend. Er war unerschpflich im Erfinden und
Erzhlen, und Jenny lachte und jubelte bald mit den brigen.

Es wurde spt und Don Gaspar selber mahnte mehrmals an den Aufbruch,
Jenny aber bat immer wieder, nur noch ein ganz klein wenig zu bleiben,
und des Spaniers Herz htte mssen von Eisen sein, wenn er solcher Bitte
widerstehen gekonnt.

Eigenthmlich war dabei das Benehmen Don Guzmans, der anfnglich, und
zwar schon den ganzen Abend hindurch, Don Gaspar stets, wenn er sich
besonders unbemerkt glaubte, aufmerksam fixirte und vorzglich Leifeldt
dadurch beunruhigte, der nicht mit Unrecht frchtete, der Argentiner
habe einen, wenn auch vielleicht noch vollkommen unbestimmten Verdacht
gefat, der wohl noch durch das anfnglich wunderliche Betragen Don
Gaspars verstrkt werden mochte. Wie aber die Laune desselben sich mehr
und mehr den Abend hindurch entwickelte, schwand auch augenscheinlich
dieses Gefhl, der sonst ziemlich ernste Argentiner wurde freundlich
und zutraulich, und als der Wein erst die Kpfe ein wenig erwrmt hatte,
war er mit dem Spanier so befreundet worden, da er sich zu ihm setzte,
und die beiden Mnner lachten zusammen, da ihnen die Thrnen aus den
Augen liefen.

Leifeldt wurde allerdings von der lebendiger werdenden Unterhaltung
unwillkrlich mit fortgerissen, aber der einmal gefate Verdacht, da
Jenny nicht ihn selber, sondern den Freund liebe, verbitterte ihm
nicht allein den Abend, sondern fllte sein Herz auch mit recht tiefem,
schmerzlichem Weh. Er wute es wohl, er hatte es sich schon in den
letzten Wochen nicht mehr gut fortleugnen knnen, aber immer noch schien
eine schwache Hoffnung ihn ber Wasser gehalten zu haben, heute aber
schwand auch diese, und Jennys ganzes Benehmen, jeder schchterne Blick,
wenn sie sich unbeobachtet glaubte -- ihr Errthen, ihr Erblassen in den
Erzhlungen seines eigenen Lebens, warfen ein furchtbares, aber nur zu
treues Licht in seine Seele.

Mit diesem Bewutsein fate er nun aber auch den festen Entschlu,
zu dem Freund zu sprechen -- er wollte wissen, was der Spanier zu
thun beabsichtige -- er wollte seine Plane hren, denn nicht an ein
leichtsinnig Spiel dieses Mannes sollte das Herz, das einstige Glck
dieses Mdchens gebunden werden. Erst dieser Entschlu brachte aber
auch seiner Seele wieder die volle Ruhe und jede Schwche von sich
abschttelnd, fhlte er, wie er das schne Mdchen wirklich aufrichtig
genug liebe, ihr freudig das eigene Glck zum Opfer zu bringen und ber
ihr knftiges Leben mit treuer Freundes Sorgfalt zu wachen. So in sich
selbst erstarkt, nahm er mehr und mehr an dem Gesprche Theil, und
die alte Mrs. Newland, die ihn besonders in ihr Herz geschlossen,
versicherte ihm noch, bevor sie Abschied nahmen, da es ihrer Seele
wohl thte, den guten Doktor auch einmal wieder so frisch und frhlich
bei sich zu sehen; -- der Don Gaspar, setzte sie dann in ihrer
Gutmthigkeit hinzu -- ist doch ein herrlicher Mensch, er bringt
Leben und Bewegung in eine ganze Gesellschaft, nur ein Bischen zu toll
treibt er's manchmal, und heute Abend besonders macht er doch die
ausgelassensten Streiche -- segne seine Augen, ich bin ihm ordentlich
gut.

Don Guzman mahnte endlich zum Aufbruch -- es war Mitternacht schon
vorber, und da die drei Mnner ziemlich einen Weg hatten, verlieen
sie zusammen Mr. Newlands gastliches Dach und wanderten die stille,
menschenleere Strae noch lachend und erzhlend hinauf, whrend hinter
ihnen die Wchter ihren scharfen Pfiff ertnen lieen[18] und die
einsamen, stillen Huserreihen allein den Ausbruch ihrer lauten
Frhlichkeit wiedertnten.

  18: Die Nachtwchter Valparaisos geben einen gellenden Pfiff,
      wenn Nachts irgend ein Mann an ihnen vorbergeht; dadurch wird
      der nchste Nachtwchter darauf aufmerksam gemacht, da noch
      Jemand auf ist, der eigentlich ins Bett gehrte, erwartet den
      Wandernden und giebt dasselbe Zeichen, wenn er an ihm vorber
      gegangen ist.




8.

Die Entdeckung.


Aber wissen Sie, liebster Don Gaspar, sagte endlich der Argentiner,
als sie an einer der Querstraen-Ecken, wo dieser von ihnen Abschied
nehmen mute, stehn geblieben waren, das begonnene Gesprch erst zu
beenden -- wissen Sie, fr was ich Sie heute Abend einmal eine ganze
Weile gehalten habe? --

Nun, Seor? lachte der Spanier -- doch nicht etwa fr den Bsen
selber, der sich in Menschengestalt einen kleinen Spa mache und nach
Seelen angele, doch nicht fr den Feind? --

Nein, sagte Don Guzman lachend. --

Oder fr einen spanischen Spion, der vom Mutterlande herber geschickt
wre, sich der Colonien wieder zu versichern?

Auch nicht, lautete die Antwort, noch schlimmer --

Noch schlimmer als Teufel oder Spion? lachte Don Gaspar, das ist
schmeichelhaft -- und fr was sonst noch?

Fr den entsprungenen Tollen! rief Don Guzman, und Alles, was er noch
weiter sagen wollte, erstarb in dem schallenden, drhnenden Gelchter
des Spaniers, der sich gar nicht wieder zufrieden geben konnte. --

Aber ich versichere Sie, bester Don Gaspar! --

Hahahahaha! -- donnerte das drhnende Lachen dazwischen.

Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, da ich --

Hahahahaha! --

Der Argentiner mute zuletzt selber mit in das Lachen einstimmen, und
anstatt dem Spanier den Grund solchen Verdachtes anzugeben, wie er es im
Anfang beabsichtigt, jetzt nur auf seine Vertheidigung sinnen und sich
entschuldigen, einen solchen Fehlgriff begangen zu haben. Eine kurze
Weile plauderten dann die Mnner noch mit einander, und wnschten sich
dann eine gute Nacht, vorher aber lud Don Guzman die beiden Freunde noch
auf das Herzlichste ein, ihn recht bald einmal ebenfalls zu besuchen,
was sie ihm auch fest versprachen.

Don Guzman betrat gleich darauf sein Haus und Don Gaspar und Leifeldt
wanderten dem ihrigen, beide jetzt still und schweigend, zu.

Leifeldt hatte berhaupt whrend der ganzen letzten, so laut und munter
gefhrten Unterhaltung, nicht ein Wort gesprochen -- es fing ihm an
peinlich zu werden, ihre Flucht von Buenos-Ayres erwhnen zu hren,
und wenn er auch fr sich selber nicht die geringsten bsen Folgen
zu frchten brauchte, htte er sich hier, in der Stadt zu jenem Fall
bekannt, war ihm doch die ganze Sache fatal, und er begriff Don Gaspars
Leichtsinn und Frhlichkeit in dieser Hinsicht nicht. Auch sein falscher
Name fing ihm an drckend zu werden und er wute nur nicht jetzt, wie
ihn abzuschtteln, ohne denen, an deren Meinung ihm etwas gelegen, in
einem falschen Lichte zu erscheinen.

Zu diesem kam noch der Entschlu, der in seiner Seele kmpfte, Licht und
Erklrung selber von dem Freund, die Geliebte betreffend, zu erhalten,
ein Entschlu, gegen den er noch immer in seinem Innern ankmpfte,
der sich ihm aber mit jeder Minute auch als immer dringender werdende
Nothwendigkeit aufdrngte.

So erreichten sie ihre Wohnung, Jeder in seinen Gedanken vertieft und
ohne auch nur eine Silbe weiter mit einander zu wechseln, und whrend
Leifeldt mit untergeschlagenen Armen rasch in dem kleinen Gemach auf- und
abging, hatte sich Don Gaspar in die eine Ecke des Sophas geworfen und
starrte mit zusammengezogenen Brauen vor sich nieder.

Pltzlich blieb der junge Schwede vor dem Spanier stehen und sagte mit
leiser, aber fester und entschiedener Stimme:

Gaspar, ich habe etwas auf dem Herzen, das ich nicht lnger mehr allein
zu ertragen vermag, und es ist nthig, da wir uns darber verstndigen,
oder ich gehe in der steten Aufreibung meiner Krfte und Gedanken vllig
zu Grunde.

Don Gaspar erwiederte kein Wort, sondern schlug nur die groen dunklen
Augen staunend und erwartungsvoll zu ihm auf und blieb ruhig und
regungslos in seiner Stellung.

Wie stehst Du zu Mi Newland? fuhr da der Schwede noch leiser fast
fort, und man sah, es hatte ihm schwere berwindung gekostet, den Namen
endlich auszusprechen.

Mi Newland? sagte aber Don Gaspar erstaunt, und ein eigenthmliches
Lcheln zuckte und blitzte ber seine, heute Abend ungewhnlich bleichen
Zge -- wie soll ich zu Mi Newland stehn? -- hchst freundschaftlich,
hoff' ich doch.

Eine Umgehung meiner Frage hilft Dir nichts mehr, rief aber Leifeldt,
durch die, wie er glaubte, angenommene und verstellte Gleichgltigkeit
des Freundes mehr gereizt und in seinem Entschlu bestrkt, Du kannst
mich nicht glauben machen, da Dir das schne Mdchen gleichgltig sei
-- es ist nicht mglich, da Du blind gegen die Neigung wrest, die
_sie_ fr Dich empfindet.

Neigung _fr mich_? rief aber jetzt der Spanier mit wirklichem
Erstaunen und richtete sich auf seinem Sitz empor, wie kommst Du zu dem
tollen, abenteuerlichen Gedanken? -- Wie kann das Mdchen eine Neigung
fr mich empfinden -- -- was kann sie _mir_ sein? --

Was sie _Dir_ sein kann, Mensch? -- rief aber der Schwede jetzt durch
die fast wegwerfenden Worte auf das tiefste erschttert und emprt, was
sie _Dir_ sein kann? -- Heiliger Gott im Himmel, mir hat es Herz und
Seele zerrissen, nur den Gedanken zu fassen, sie aufzugeben, und doch
wrfe ich meiner Seele Heil selbst freudig in die Schaale, sie nur
glcklich zu wissen, und Du, Du knntest sie darum an Dich gezogen
haben, nur um sie gleichgltig wieder wie ein Spielwerk, das dem Kinde
gengt, wie eine welke Blume bei Seite zu werfen, ja ohne vielleicht
einmal Freude, ohne eine einzige Regung des Herzens bei der Tndelei
gefhlt zu haben? --

Aber Federigo, Du faselst, sagte der Spanier, und ein eignes
eigenthmliches Lcheln zuckte pltzlich ber seine Zge, -- oder ich
verstehe Dich auch falsch -- Du meinst doch nicht, da mich das Mdchen
liebt, und da ich sie heirathen soll? --

Allerdings mein' ich das, erwiederte der junge Schwede mit ernster,
fast tonloser Stimme.

Und soll ich mich hier hngen oder in's Zuchthaus sperren lassen? frug
Don Gaspar laut auflachend.

Wie soll ich das verstehn? -- weshalb? --

Aus sehr einfachem Grunde -- wie viel Frauen kann ein Mann in diesen
Sdamerikanischen Republiken nehmen? frug Don Gaspar und stellte sich,
die Arme auf der Brust in einander geschlagen, den Kopf auf die linke
Seite geneigt, mit einem komischen Spotte in den Zgen vor dem Schweden
hin.

Wie viel Frauen? -- natrlich nur _eine_ -- _bist_ Du denn aber schon
verheirathet? rief der Schwede in unverhehltem Erstaunen.

Eine wunderbare Vernderung ging bei dieser Frage in den Zgen des
Spaniers vor -- zuerst scho ihm das Blut in Wange und Stirn, als ob es
die Adern zu durchbrechen drohte, und im nchsten Augenblick lie es ihm
das Antlitz so wei und kalt, da die schwarzen groen Augen unheimlich
und wild unter der todtenbleichen Stirn hervorglhten; dann strich er
sich ein paar Mal mit der flachen Hand ber die Stirn, und es war fast,
als ob er gegen ein in ihm erwachendes, aufdrngendes Gefhl stark und
gewaltsam anzukmpfen suchte, -- er schien auch des Freundes Frage ganz
berhrt zu haben, gab wenigstens keine Antwort, und erst, als dieser
dieselbe wiederholte, lachte er pltzlich still vor sich hin und sagte,
die Hand auf des Arztes Schulter legend, leise und zutraulich --

Versteht sich, Freundchen, versteht sich -- aber -- man spricht nicht
gern davon. Eine Frau ist ein liebenswrdiger Gegenstand zu Hause, doch
hchst unbequem auf der Reise, und -- man lt sie deshalb lieber, wo
sie am liebsten ist.

Aber wie ist mir denn, in des Himmels Namen, rief der junge Arzt
verstrt, hast Du mir denn nicht frher gesagt --?

Pst, Freund, flsterte der Spanier und lauschte nach dem Nachbarzimmer
hinber, als ob er frchte, von dort behorcht zu werden, ich will Dir
die ganze Geschichte mit wenigen Worten erzhlen, -- es ist freilich
schon spt, aber wir sind Beide jetzt zu aufgeregt, schlafen zu knnen
und -- heute ist so gut eine Zeit dafr, wie jede andere. -- Und seine
Hand ergreifend, fhrte er ihn zum Sopha und begann, sich an seiner
Seite niederlassend, auch rasch und ohne weitere Vorrede dem staunenden
Freund sein bisher so sorgfltig verschlossen gehaltenes Innere zu
ffnen.

Wenn ich nicht irre, sagte er, und strich sich dabei sinnend mit der
linken Hand die Stirn, -- habe ich schon frher einmal angefangen, Dir
einen Theil meiner Lebensgeschichte zu erzhlen -- wir wurden damals
unterbrochen, ich habe vergessen durch was, -- Du weit jedenfalls,
da mein Bruder damals statt meiner von Rosas Henkern ermordet oder
gerichtet wurde. --

Dein Bruder? -- also doch? -- rief der Arzt schaudernd.

Also doch? wiederholte Don Gaspar, allerdings; Du httest dabei sein
sollen, fuhr er pltzlich lebhafter fort, und die Hand deutete, dem
stieren Blick folgend, in die Ecke des Zimmers -- Du httest dabei sein
sollen, wie sie den Mantel zurckschlugen, unter dem die Leiche lag, und
ich in den starren, blutigen Zgen den _Bruder_ erkannte, den ich seit
meinem zwlften Jahre nicht gesehen, und jetzt _so_ -- _so_ -- fr
_mich_ geschlachtet, wiederfinden sollte. -- Du httest dabei sein
sollen, wie sie aufschrieen, als sie dasselbe Gesicht _lebend_ zwischen
sich sahen, das entstellt, entseelt vor ihnen im Schmutz der Strae lag
-- hahahaha, ich mte jetzt noch lachen, wenn mir nicht eben das Blut
in den Adern erstarrte. --

Er schwieg erschpft still, sttzte die Stirn viele Minuten lang in
beide Hnde, und fuhr dann, whrend ihn Leifeldt mit ernstem,
mitleidigem Blick betrachtete, leiser noch und langsamer fort:

So lag ich -- ich wei nicht wie lange, auf der Strae, unter dem
blutigen Tuch, und erst gegen Abend trugen sie mich hinaus und begruben
mich -- ich glaube aus besonderer Rcksicht -- unter einem alten
Ombubaum an der Boka. --

_Dich_? rief Leifeldt berrascht -- Deinen Bruder!

Mein Bruder? -- ja ich wei nicht, was mit dem gleich wurde -- ich hatte
damals zu viel fr mich selbst zu denken, murmelte der Unglckliche mit
halblauter Stimme und fast nur wie mit sich selber redend -- aber
da ich die beiden Argentiner ermordet hatte (und wir Beiden uns so
entsetzlich hnlich sahen), doch aber nun leider einmal todt war, so
begruben sie mich auch eben, und das Einzige, was ich mir bis jetzt noch
immer nicht so recht erklren kann, fuhr er, den Finger wie berlegend
an die Nase bringend, fort -- ist, da ich nachher -- aber ich wei
nicht mehr wie lange -- Trauer anlegte in der Stadt und zu meinen
Schwiegereltern ging, ihnen die schmerzliche Nachricht von dem Tod
meines Bruders, der sich thrichter Weise in ein Duell mit zwei
Argentinern eingeladen, mitzutheilen. Ich erinnere mich noch -- setzte
er unheimlich lchelnd hinzu, -- wie toll sich meine Frau damals
gebehrdete -- wie sie mich von sich stie und ein alter Mann mir den
Eingang verwehren wollte -- ich warf den alten Mann damals aus dem
Fenster und ich glaube, er hat den Hals gebrochen, ich habe ihn
wenigstens niemals wiedergesehn, aber auch einen Fremden fand ich bei
ihr im Hause -- wahrhaftig, einen der Burschen, die ich auf der Strae
todtgestochen -- und die _Teufel_ schrien mir zu, das sei ihr Mann. --
Ich wollte ihm um den Hals fallen -- hahahahaha -- aber sie litten es
nicht -- eine Menge Menschen kamen dazwischen, und ich glaube -- ich
glaube, ich ging wieder nachher hinaus unter den Ombubaum, aber das
Alles liegt mir jetzt nur noch, einem Chaos gleich, im Gedchtni.

Die Bilder davon schwimmen zusammen, steigen oft zu riesigen
Bergmassen auf, da ich frchten mu, sie wrden mich unter ihrer Last
zusammenpressen, und schwinden dann wieder zusammen, da das Auge den
winzigen, blitzschnell kreisenden, schwingenden Dingen kaum zu folgen
vermag.

Er schwieg einen Augenblick und die Stirn in den, auf den Tisch
gesttzten Arm werfend, lehnte er wohl eine halbe Minute regungslos
da und schien die wild heraufbeschworenen Bilder seiner Phantasie
zurckdrngen zu wollen in ihr altes, ruhiges Bett. Leifeldt aber sa
mit strubendem Haar und peinvoll schlagendem Herzen neben dem Freund
-- das Blut schien seine Adern, das Leben seine Glieder verlassen zu
haben, und nur den stieren Blick auf die zusammengebrochene Gestalt
des Unglcklichen gebannt, hellte sich zum ersten Mal seinem Auge
der wirkliche Zustand des Mannes, den er selber wieder in das Leben
eingefhrt, und die furchtbare Gewiheit, einem _Wahnsinnigen_ gegenber
zu stehen, trieb ihm das Blut in rasenden Schlgen zum schreckerfllten
Herz zurck.

Don Gaspar sah aber nicht den auf ihm haftenden Blick des Entsetzens, ja
er schien die Nhe einer anderen Person fast ganz vergessen zu haben und
fuhr nur, wie zu sich selber sprechend, leise fort:

Es war nicht hbsch von Constancia -- ein falscher -- falscher Name
-- es war nicht hbsch von ihr, mich so bald zu vergessen, aber wart
Bursche, wart -- Du hast ihr trgerische Geschichten in's Ohr geraunt,
meine Briefe unterschlagen, meine Existenz verleugnet -- hast sie
fortgeschleppt in die Fremde und mich selber in Ketten und Banden
geworfen und Dein alter Name, Don Luis de Gomez schtzte Dich in der
Zeit in Deiner Verrtherei, aber jetzt -- hahahaha -- bin ich frei,
frei, frei -- und er sprang empor bei den Worten und seine Augen
blitzten und funkelten in wildem wahnsinnigen Feuer -- frei wie der
Tiger, der in dem dunklen Waldesschatten seiner Beute geduldig, aber mit
wilder Gier entgegenharrt -- frei wie der -- er schwieg pltzlich, denn
sein Blick fiel in dem Moment auf das stiere, blaue Auge des jungen
Schweden, das ihn fest und entsetzt fixirte, und als ob der Blick eine
frmlich magische Gewalt ber ihn ausgebt habe, sank er still wieder in
sich selbst zusammen und schaute erst vor sich nieder und dann empor und
umher, wie ein Mann, der pltzlich aus einem schweren Traum erwacht,
und sich wachend mht, die eben geschauten Bilder zu halten und dem
lebendig gewordenen Auge zu bewahren.

Ich darf keinen Wein mehr Abends trinken, sagte er pltzlich
aufstehend, und mit beiden Hnden gegen seine Schlfe gepret, im Zimmer
auf- und abgehend -- er bekommt mir nicht, und macht mir das Blut
schwer und unbndig -- nicht wahr, es ist spt, Federigo? --

Er hatte diese Worte gesprochen, ohne dem Blick des Freundes auch nur
in einem Moment wieder zu begegnen, und das Auge des Arztes war ihm in
stummen Staunen durch den Raum auf und ab gefolgt; aber zu pltzlich, zu
unerwartet kam diese nderung des eben noch so furchtbaren Zustandes
-- der bergang fehlte zwischen den beiden Extremen und Leifeldt, sich
selber kaum bewut, was er sagte, flsterte nur halblaut:

Constancia!

Der Name wirkte mit Blitzesschnelle auf den Spanier -- er blieb stehn,
sah den Freund rasch und forschend an, und sagte dann lchelnd:

Constancia? -- wie kommst Du auf _den_ Namen?

Und nanntest Du ihn nicht selber? frug der Schwede.

Ich? -- rief Don Gaspar, jedenfalls mehr erschreckt als erstaunt,
_ich_ htte den Namen genannt? -- und doch, ja -- es ist mglich; --
das sind ja die alten wunderlichen Ideen, die sie mir in Buenos-Ayres
andichten wollten, und so lange haben sie mir den Unsinn vorerzhlt, bis
ich beinah dazu getrieben gewesen wre, jene Wahnsinn herausfordernden
Gedanken auch selber zu glauben. -- Aber es ist spt, Federigo, wir
wollen morgen wieder frh aufstehn, und da taugt das lange Schwrmen
nichts gute Nacht, Federigo, gute Nacht, -- und das eine Licht, das
noch unangezndet auf dem Tische stand, an dem anderen entzndend,
reichte er dem Freunde, wie er das alle Abend that, die Hand, und
verlie dann langsam das Zimmer -- aber er vermied seinen Blick -- er
wandte den Kopf nicht wieder um, als er ging.




9.

Entschlsse und Plne.


Der junge Arzt stand wie in den Boden gewurzelt, den stieren Blick noch
immer auf die Thr geheftet, als schon jener das Zimmer lange, lange
verlassen, und es bedurfte einer geraumen Zeit, ehe er sich nur selbst
genug zu fassen wute, alles das zu _begreifen_, was in der letzten
Stunde mit ihm vorgegangen; erst dann aber war es, da er das ganze
Entsetzliche seiner Lage begriff, und sich, vernichtet, in einen Stuhl
werfend, barg er das Antlitz in den Hnden und schluchzte laut.

Was ihm, ein dunkler, furchtbarer Verdacht, nur manchmal wie das kalte
Wetterleuchten einer Schneenacht durch die Seele gezuckt -- was ihm
selbst dann, wo er den Gedanken von sich warf in wilder Hast, in den
wenigen Momenten das Herz mit Furcht und Entsetzen erfllte -- es war
Wahrheit geworden, und mit flammenden Buchstaben stand es vor seinem
inneren Auge, was er mit leichtglubigem, thrichtem Herzen gethan.

Einem Wahnsinnigen hatte er zur Flucht aus dem Krankenhaus geholfen
-- einen Wahnsinnigen eingefhrt in den stillen Familienkreis der
Freunde, und Jenny -- heiliger Gott und Erbarmer -- Jenny war elend
geworden durch ihn, durch ihn, der sein Leben mit Freuden hinausgeworfen
htte, ihr eines Jahres Glck dafr zu kaufen.

       *       *       *       *       *

Er verbrachte die ganze Nacht damit, im Zimmer auf und ab zu gehen und
Plne zu ersinnen, all dem Unheil vorzubeugen, das er selber muthwillig
heraufbeschworen -- Plne, die er wieder verwarf, wie sie kaum in
ihm aufgestiegen und er frchtete selbst den anbrechenden Tag, der
vielleicht schon die Entwickelung des Entsetzlichen mit sich bringen
konnte.

       *       *       *       *       *

Was sollte er thun, wie dem tdtlichen Pfeile wehren, der, einmal der
Sehne entflogen, in wilder Flucht seinem Ziele entgegenstrebte? -- Sich
selber den Gerichten entdecken? bekennen, was er mitleidigen und selbst
getuschten Herzens gethan und den Wahnsinnigen wieder in die Gewalt
einer Anstalt liefern? es war das Einzige, was ihm, so viel er sinnen
mochte, vernnftiger Weise zu thun brig blieb, und doch strubte sich
immer und immer wieder sein Herz gegen solche Maaregel der Gewalt, die
den Unglcklichen, mit dem er nun einmal Freud und Leid so lange Monate
getheilt, auf's Neue in die Mauern eines Kerkers, vielleicht in die
alten Rume zurckwerfen mute, und hatte er da nicht die Gewiheit, das
endlich im furchtbarsten Maae zu werden, was jetzt doch noch mglicher
Weise durch treue Freundeshand geheilt, oder wenigstens gemildert werden
konnte? --

Und Jenny -- mute ihr nicht das Herz brechen, wenn sie den Geliebten
-- _Geliebten_? einen Wahnsinnigen -- arme, arme Jenny.

Er wollte fliehen, aber war nicht gerade jetzt seine Gegenwart es
allein, die noch vielleicht Unglck und Verderben von bedrohten,
_lieben_ Husern abwehren konnte? er wollte hin zu Newlands, und sie von
dem Schrecklichen in Kenntni setzen, und frchtete doch auch wieder den
Augenblick, wo er dem Mdchen gegenber die Schreckensworte aussprechen
sollte.

Ihm schwindelte zuletzt von all den Gedanken; die ihm Hirn und Seele
folterten, und zum Tode erschpft, warf er sich endlich auf sein Lager
-- seine Angst, sein Weh fortzutrumen in tollen Bildern.

Als er am nchsten Morgen erwachte, stand Don Gaspar an seinem Bett,
und noch ehe er sich die Vorgnge des letzten Abends ins Gedchtni
zurckrufen konnte -- und nur die dunkle Erinnerung daran lag noch,
eine Last, auf seiner Seele -- bat ihn der Spanier mit vollkommen
unbefangener, ruhiger Stimme, aufzustehen und sich anzuziehen -- das
Wetter sei wundervoll und sie wollten einen Spatziergang mitsammen
machen. Fast mechanisch gehorchte er, so oft er aber auch versuchte
dem Blick des Unglcklichen zu begegnen, so oft milang ihm das, und
Don Gaspar trat zuletzt an das Fenster, und schaute, an den Scheiben
trommelnd, hinaus, bis jener seine Toilette beendet hatte und ihm auf
die Strae folgen konnte.

Auch dort waren sie schon eine lange Strecke neben einander hingeschritten,
ehe Einer von ihnen auch nur ein Wort gesprochen htte -- sie schienen
sich Beide vor einem Beginn zu frchten, und so stutzig Leifeldt im
Anfang ber das vollkommen gefate, stille Benehmen des Mannes gewesen
sein mochte, bei dem er die Raserei wieder voll ausgebrochen glaubte,
so blieb es doch auch keinem Zweifel unterworfen, da der Spanier sich
dessen, was er gestern getrieben, wenigstens halb bewut sein mute.
Sein ganzes, scheues Benehmen sprach ihn schuldig und Leifeldt wute nur
nicht, ob ihm der ganze vergangene Abend klar im Gedchtni liege, mit
all den Einzelheiten dessen, was er gethan und gesprochen, oder ob nur
eine wilde, unbestimmte Ahnung begonnenen Unheils in ihm ghre und
arbeite, und er jetzt darauf hoffe, durch den Freund von selbst und ohne
weiter darauf einzugehen, die nthige Aufklrung und Beruhigung; oder
-- Besttigung des unbestimmt Gefrchteten -- zu bekommen.

Leifeldt schwieg aber ebenfalls; er konnte sich nicht dazu zwingen,
jetzt, mit all dem Vergangenen noch frisch, als sei es vor wenigen
Minuten geschehen, im Gedchtni, eine gleichgltige Unterhaltung zu
beginnen, und er _frchtete_ den offenen Schaden zu berhren, der im
Bereiche seiner Hand lag.

Don Gaspar konnte endlich dies peinlich werdende Schweigen nicht lnger
ertragen und sagte, ohne jedoch zu seinem Begleiter aufzuschauen, mit
leiser, kaum hrbarer Stimme:

Ich darf keinen Wein mehr Abends trinken, Federigo -- er bekommt mir
jedesmal schlecht, und ich fhle mich aufgeregt und erhitzt nach dem
Genu.

Hast Du gestern so viel Wein getrunken? frug Leifeldt rasch zu ihm
aufschauend -- eine neue Hoffnung ffnete ihm hier die Bahn -- htte der
Wein allein die Schuld getragen, und war es mglich, da wirklich das
starke, ungewohnte Getrnk eine solche Aufregung hervorgerufen?

Viel gerade nicht, entgegnete der Spanier unruhig, aber der Wein, den
diese Englnder trinken, ist schwer und feurig, er wird in den Adern zu
glhender Lava, und treibt das Blut kochend in das Hirn hinauf -- ich
darf keinen Wein wieder trinken.

Er hat Dich sehr angegriffen, sagte Leifeldt.

Don Gaspar warf ihm einen scheuen Seitenblick zu, und erwiederte mit
einem verlegenen Lcheln:

Es ist das mein alter Fehler, und diente einst zum Vorwand fr meine
Argentinischen Feinde, mich in Banden zu legen; aber die ganze spanische
Nation ist mig -- Du wirst selten, oder nie einen Betrunkenen unter
ihnen sehen, und kleine Quantitten bewirken dann auch oft bei dem sonst
Nchternen, was zehnfache Massen nicht bei mehr abgehrteten Naturen zu
Stande brchten.

Und _weit_ Du, was Du gestern Abend gesprochen und getrieben? sagte
Leifeldt, stehen bleibend und ihn aufmerksam betrachtend.

Unsinn, wahrscheinlich, lchelte der Spanier, indem er langsam weiter
schritt -- blanken Unsinn, wie ich es oft und oft in fieberhafter
Aufregung gethan; ein Wunder wr's nicht, wenn ich zuletzt die tollen
Mrchen selber glaubte, die sie mir wieder und immer wieder vorerzhlt,
und mich haben zwingen wollen, dem beizustimmen -- mit einiger Ausdauer
knnte man, glaub ich, dem besten Menschen zuletzt einreden, er habe
seine eigene Mutter erschlagen -- was habe ich denn gesprochen?

Die letzten Worte klangen wieder so leise und lauernd, da Leifeldt
auf's Neue stutzig wurde, und den Freund mitrauisch betrachtete, es lag
mehr wie eine unschuldig hingeworfene Erkundigung in der Frage, und er
konnte sich nicht helfen, der Verdacht hatte einmal Wurzel geschlagen,
er war nicht mehr im Stande ihn so rasch wieder aus dem Herzen zu
reien. Den Kranken deshalb nicht noch mehr zu beunruhigen, oder gar
mitrauisch zu machen, ehe er sich wirklich von dem Gegrndetsein seines
Verdachtes berzeugt habe, sagte er gleichgltig -- und er mute sich
gar gewaltsam zusammen nehmen, seine Fassung zu behaupten: --

O, nichts Besonderes -- die alte Geschichte, nur mit so furchtbarer
Wahrheit erzhlt, da dem Hrer das Mark in den Rhren schauderte
-- Gaspar, Du wrest im Stande, Einen selbst zum Wahnsinn zu treiben.

Don Gaspar seufzte hoch auf und meinte lchelnd, whrend er des Freundes
Arm ergriff und mit ihm nach dem Inneren der Stadt zurckdrehte: --

Tolle Geschichten -- tolle Geschichten, und Gott sei Dank, da ich
wieder des Himmels freie Luft athme, hier hat das keine Gefahr, da
solche Gedanken berhand nehmen und uns verderben, aber in dem engen
Gemuer fallen sie wie Tropfen hlichen Giftes ins Ohr und tdten
unsere Gedanken im Keime -- freie Luft -- freie Luft!

Mit einem inneren Schauder kmpfend, der ihn wohl in der Erinnerung an
das Ertragene beschleichen mochte, schritt er rasch neben dem Freunde
her, und erst in der Stadt selber schien sich die Wolke zu verziehen,
die vor seiner Seele gelagert. Er wurde gesprchiger, heiterer, und ehe
eine halbe Stunde vergangen, lachte und erzhlte er wieder wie frher.

Anders war es mit dem jungen Schweden. Im Anfang -- von den Gruelthaten
umgeben, die Rosas wirklich verbte oder deren er wenigstens beschuldigt
wurde -- durch sein gutes Herz getuscht, konnte er in dem angekndigten
Kranken, in dem er selber nie auffallende Zeichen wirklicher
Geisteszerrttung beobachtet, wohl einen unschuldig Eingekerkerten
glauben, und einmal auf diese Spur gebracht, ist es erklrlich, da er
trotz den oft wilden excentrischen Streichen des Freundes so wenig daran
dachte, in ihm einen Tollen zu sehen, als wir bei den Menschen, mit
denen wir tglich verkehren, sie mgen sich so wunderlich betragen wie
sie wollen, gleich so Entsetzliches vermuthen. Einmal aber solcher Art
der Verdacht geweckt, und jede Bewegung des jetzt sorgfltig, wenn auch
heimlich Beobachteten, gab Stoff zu neuen Besttigungen.

So sehr er sich aber nun auch frchtete, Newlands die furchtbare
Nachricht zu bringen, so wute er doch nur zu gut, da sie von
der Gefahr benachrichtigt werden muten; nur er selber wollte der
berbringer solcher Botschaft nicht sein, und nach einigem Zgern
entschlo er sich, den Argentinischen Konsul aufzusuchen, und diesem die
ganze Thatsache, unbeschnigt, unverndert mitzutheilen. Er war sich
keiner unedlen Handlung dabei bewut, und besser jetzt aufrichtig den
Fehler gestanden, und den Rath eines erfahrenen Mannes dabei zur Seite
gehabt, als dann die furchtbaren Folgen thrichten Schweigens _zu spt_
zu bereuen.

Unter dem Vorwand, einige Patienten besuchen zu mssen, machte er sich
von Don Gaspar los, und ging langsam die Almendral hinauf. Der Kopf war
ihm wst, das Herz schwer -- er fhlte sich recht, recht unglcklich.
Manchmal zwar tauchte auch der Gedanke in ihm auf, jetzt ja den
Nebenbuhler zu verlieren, und der kleine Teufel, der in unser Aller
Seelen wohnt und whlt und arbeitet, und dem Herzen des Menschen die
Ruhe nimmt, wollte ihm lockende Bilder vormalen, da ihm nun bald kein
Hinderni mehr im Wege stehen, ja da Jenny ihm den Frieden ihres Lebens
danken wrde, wenn er sie von der furchtbaren Gefahr befreie, der sie
fast als Opfer gefallen. Aber solche Trume dauerten nicht lange, der
Versucher wich, die kalte Vernunft errang sich nur zu bald wieder den
Sieg, und er fhlte dann, da er Jenny wohl vor der Gefahr warnen und
bewahren, ihr Herz aber ihm nie und nimmer zuwenden knne -- diese
Entdeckung vermochte nie ihn glcklich, aber Jenny wohl recht bald
elend zu machen.

Wenn Leifeldt brigens glaubte, den Kranken durch seinen Vorwand,
Patienten besuchen zu mssen, getuscht zu haben, so hatte er sich
weit geirrt. Mitrauisch, wie alle derartige Kranke sind, und mit
einer gewissen Schlauheit, die berhaupt den Zustand des Spaniers
charakterisirte, hatte Don Gaspar schon an dem Morgen, durch das ganze
Betragen Leifeldts nur noch mehr und mehr darin bestrkt, Verdacht
geschpft, der Arzt _ahne_ seinen wirklichen Zustand, und mit dem
Verdacht wuchs natrlich auch die Furcht, da er ihn verrathen, und an
seine Feinde wieder ausliefern wrde -- eine Furcht, die zur Gewiheit
wurde, als er den Schweden seine Richtung gerade zu nach der Wohnung
des Argentinischen Konsuls nehmen sah, wohin er ihm vorsichtig in der
Entfernung gefolgt war.

Das Herz schlug ihm wild und strmisch in der Brust, und unter seinem
Poncho das Heft des Messers ergreifend, das er heute zum ersten Mal
wieder zu sich gesteckt, schien der erste in ihm aufsteigende Gedanke,
dem er auch augenblicklich nachgab, _der_ zu sein, dem Verrther zu
folgen und beide Mitwissende seines furchtbaren Geheimnisses unschdlich
zu machen. --

Die Hausthr fand er noch angelehnt, und statt zu pochen, wie es in den
sdlichen Lndern, selbst an den offenen Thren Sitte ist, trat er rasch
hinein und wollte eben die Treppe hinauf springen, als er von oben nieder
fremde Stimmen hrte, und dem ersten Impuls folgend in ein offen stehendes
Seitenzimmer, dessen Thr er rasch hinter sich anzog, hineinglitt.

Die Unterhaltung der Heruntersteigenden wurde laut gefhrt und Don
Gaspar schien ungeduldig ihre Entfernung zu erwarten, als pltzlich ein
Name drauen wie ein jher Schlag durch seine Glieder zuckte, und er in
gespanntester Aufmerksamkeit, alles Andere um sich her vergessend, an
der Thre lauschte, kein Wort von dem drauen gesprochenen zu verlieren.

Don Luis de Gomez, sagte die eine Stimme, die einem lteren Manne
anzugehren schien, hat sonst weiter keine Befehle hinterlassen,
Amigo?

Keine da ich wte, entgegnete die andere -- sorgt nur dafr, da
seine Zimmer in Guillota bereit sind, denn ich glaube kaum, da er sich
lnger als zwei Tage in Valparaiso aufhalten wird.

Die beiden Mnner standen jetzt unten vor der Thr, hinter welcher der
Spanier, sein Ohr gegen das dnne Holz gepret, lauerte, und der erstere
meinte wieder: --

Die Seora wird wohl nicht so rasch wieder fort wollen -- Reisen greift
an und ein paar Rasttage sind manchmal nthig.

Das wei ich nicht und geht mich nichts an, brummte der Andere
-- Weiberlaunen sind wunderliche Dinge und wenn's ihr in den Kopf
kommt, bleibt sie vielleicht den ganzen Sommer hier, mag Don Gomez
dagegen sagen was er will. -- Wer war denn der junge Mann, der eben
zu Don Guzman ging? -- Den habe ich doch noch nicht hier gesehen.

Ein deutscher Doktor, glaub' ich, der sich hier aufhlt, lautete die
Antwort -- aber ich wollte, wir knnten gehen, wehalb mgen wir denn
hier noch warten sollen?

Blitz noch einmal, wie der Seor erschrak, als er Don Luis Namen
hrte, sagte der Jngere wieder, und hast Du nicht bemerkt, wie er
meinem Herrn etwas ins Ohr flsterte? -- ich glaube wahrhaftig, es ist
dehalb, da wir warten mssen, denn da wird schon wieder geklingelt
oben -- bleibe einen Augenblick, Compaero, ich bin gleich wieder bei
Dir -- und mit flchtigen Stzen sprang er die Treppe hinauf, dem Ruf
Folge zu leisten, whrend der Alte, die Hnde auf dem Rcken unter
seinem kurzen blauen Poncho gekreuzt, auf- und abging und ungeduldig die
Rckkehr des Kameraden zu erwarten schien.

Es dauerte etwa fnf Minuten, bis dessen Schritte wieder auf der Treppe
gehrt wurden -- dem Lauschenden dnkte die Zeit indessen eine Ewigkeit
-- als er aber wieder herunter kam, flsterte er rasch und heimlich dem
Andern zu:

Hallo, Compaero -- was Neues im Wind -- die Seora wird gar nicht in
der Stadt bleiben, sondern gleich durch, nach Guillota fahren -- der
deutsche Doktor hatte unendlich viel zu erzhlen.

#Caramba#, was ist da wieder passirt! rief der Alte, woher denn
wieder die Gegenordre?

Soll mich ein Norder mit meinem Boot in der Bai erwischen, wenn ich
daraus klug werde, brummte der Erste -- der Doktor steckt brigens
dahinter, so viel ist sicher, nur konnte ich nicht herausbekommen, _was_
sie eigentlich mit einander hatten. -- Aber komm, wir haben wahrhaftig
keine Zeit zu verlieren, denn wenn die Herrschaften heute Morgen noch
wirklich eintreffen, mchten wir wenig Stunden zu Vorbereitungen brig
behalten. -- So viel ist brigens gewi, Amigo -- und die Stimmen
wurden hier undeutlich, als die beiden Mnner vor die Thr traten, und
diese hinter sich in das Schlo drckten.

Wenige Minuten spter stand Don Gaspar auf der Stelle, die jene eben
verlassen, und fr Momente schien er unschlssig, wohin er sich wenden
solle, die Treppe hinauf, seinem ersten Plan zu folgen, oder das Haus
verlassen, dem nach zu handeln, was er eben gehrt. Das Letztere schien
zuletzt den Sieg davon zu tragen -- er horchte noch einen Augenblick
gegen die Treppe hin, ob er keine Stimmen unterscheiden konnte, als sich
aber dort gleich darauf eine Thr ffnete und irgend eine fremde Stimme
laut wurde, ffnete er rasch von innen die Hausthr und verschwand
gleich darauf ins Freie und in der belebten Strae.

Leifeldt indessen, der keine Ahnung davon hatte, da gerade Don Gaspar,
der entsprungene Wahnsinnige, ihm gefolgt war und auf ihn gelauert
habe, ja da dieser nur vermuthen konnte, welchen Weg er eingeschlagen,
nannte kaum den wirklichen Namen des Spaniers, als Don Guzman auch
entsetzt von seinem Stuhle aufsprang und mit wahrhaft peinlicher
Spannung der kurz gefaten Erzhlung des jungen Schweden lauschte.
Rasch theilte er diesem nun auch die baldige Ankunft Don Luis de Gomez
mit, der, wie die Sache jetzt stand, in der That der grten Gefahr
ausgesetzt war, von dem Unglcklichen angefallen zu werden, und rieth
-- nachdem er den Diener wieder heraufgerufen und seine Befehle dahin
gendert hatte, die Seora selber wenigstens jeder Unannehmlichkeit aus
dem Wege zu fhren -- dem jungen Arzt, augenblicklich mit ihm auf die
Polizei zu gehen, und dort Hlfe zu bekommen, sich des Wahnsinnigen
wieder zu bemchtigen, den man ja dann, um wo mglich jedes Aufsehen zu
vermeiden, einfach auf seinem Zimmer berraschen und gefangen nehmen
konnte.

Dagegen strubte sich Leifeldt aber auf das Entschiedenste, denn er
selber wollte nicht an dem Mann, den er einmal aus seinem Kerker
geholfen und dessen Freund er geworden, zum Verrther werden, nur Hlfe
verlangte er, bei wirklich wieder ausbrechender Raserei -- denn es war
ja doch mglich, da die ganze Krankheit des Unglcklichen einfach und
allein in eine harmlose Schwermuth ausgeartet sei -- jedes Unglck zu
vermeiden, und die nahe Ankunft des einzigen Menschen, der auf den
Kranken einen wirklich gefhrlichen Einflu auszuben schien, mute
jedenfalls diese Katastrophe beschleunigen. Erwachte dann in dem Hirn
des Spaniers der alte wilde Grimm auf's Neue, brach sich die Krankheit
wieder Luft, dann erbot sich Leifeldt selber mit Hand anzulegen, sich
des Unglcklichen wieder zu bemchtigen -- nur bis dahin verlangte er
Nachsicht, und ersuchte zu dem Zweck Don Guzman, ihm einen passenden
Mann zu empfehlen, den er mglicher Weise Don Gaspar als seinen Freund
vorstellen und in seiner Nhe halten konnte, im entscheidenden
Augenblick krftige Hlfe zu haben.

Don Guzman war mit dem Plan gar nicht einverstanden, erklrte auch dem
jungen Arzte rund heraus, er knne sein Betragen, der Argentinischen
Regierung gegenber, als deren Konsul, keineswegs billigen, und nur der
Name seines Freundes, Don Luis de Gomez, halte ihn zurck, die ganze
Sache ohne Weiteres den chilenischen Gerichten zu bergeben, er frchte
aber dadurch mehr Aufsehen zu erregen, als Don Luis vielleicht lieb sein
wrde, aber es verstehe sich von selbst, da jener gefhrliche Mensch,
dessen getheilte Flucht dem Arzt selber noch theuer zu stehen kommen
knne, wenn er jetzt nicht auch aus allen Krften dazu beitrage, den
Fehler wieder gut zu machen, ohne weiteres wieder eingezogen und
unschdlich gemacht werden mte.

Seor, sagte Leifeldt da ruhig -- ich habe Sie aufgesucht und
vertrauensvoll zum Mitwisser meines Geheimnisses gemacht, dem
Unglcklichen noch die _Mglichkeit_ zu geben, seine Freiheit zu
behalten, wenn es sich wirklich ausweist, da er nicht gefhrlich ist;
im anderen Fall htt' ich mich gleich an die Polizei selber gewandt.
-- _Versagen_ Sie mir die Hlfe, dann bedauere ich aber auch, Sie
umsonst bemht zu haben, denn seien Sie versichert, da Sie in dem Fall,
in Zeit einer Stunde weder mich noch Don Gaspar mehr in Valparaiso
finden werden, und alle Folgen kommen ber Ihr Haupt.

Don Guzman war in peinlicher Verlegenheit, und ging wohl zehn Minuten
mit untergeschlagenen Armen und raschen Schritten im Zimmer auf und
nieder; ber die Scrupel einer vertraulichen Mittheilung htte er sich
schon hinweggesetzt, mute er nicht frchten, da der Schwede seine
Drohung wahr mache, und dem Spanier zum zweiten Mal zur Flucht
behlflich wre. List allein konnte ihm hier helfen.

Gut, Seor, sagte er nach einer ziemlich langen Pause, nach der er
mit verschrnkten Armen vor dem jungen Arzte stehen blieb -- ich gehe
auf Ihren Vorschlag ein, und habe auch einen passenden Mann, einen
wirklichen Caballero von Riesenstrke und mir eng befreundet, der mir
zu Liebe die allerdings schwierige, ja vielleicht gefhrliche Stellung
bernehmen wird; ich hoffe aber, da Sie _bald_ -- sehr bald zu einem
entscheidenden Resultat auf eine oder die andere Weise kommen, denn Sie
knnen sich denken, da ich Don Luis nicht der Gefahr aussetzen mag,
meiner eigenen und hier allerdings sehr unzeitigen Gutmthigkeit als
Opfer zu fallen.

Leifeldt versprach Alles, so lange er nur nicht unnthiger Weise an
dem Freund zum Verrther zu werden brauchte; ja nahm sogar gern das
Anerbieten Don Guzmans, der ihn nicht aus den Augen lassen wollte,
an, ihn zu der Wohnung dieses neuen Agenten zu begleiten, von dem der
Argentiner so krftigen Schutz und Beistand hoffte, und die beiden
Mnner machten sich dorthin ungesumt auf den Weg.




10.

Don Manuel.


Don Manuel, den sie glcklicher Weise zu Haus und eben beschftigt
trafen, in aller Gemthsruhe seinen Mat[19] aus einer dnnen silbernen
Bombille oder Rhre zu ziehen, war eine kleine behbige aber korpulente,
krftige Gestalt, mit dem gutmthigsten Gesicht von der Welt, das nur
ein paar schmale, schwarze, lebendige Augen, die gar vergngt aus der
Fettmasse herausblitzten, Lgen straften. Er empfing die Mnner auf das
Freundlichste, und wenn sich auch Leifeldt eine solche Hlfe allerdings
anders gedacht hatte, lie ihn Don Guzman doch gar nicht zu Worte
kommen, sondern machte den neuen Theilnehmer ihres Plans ohne Weiteres
mit dem bekannt, was sie zu ihm gefhrt hatte, und worin sie seinen
Beistand in Anspruch zu nehmen wnschten.

  19: Der Mat oder Mateh ist ein vegetabilischer Stoff, von der Rinde
      und den Zweigen gewisser Bume in Brasilien und Paraguay gewonnen,
      der von den Sdamerikanern, besonders von denen an der stlichen
      Seite der Cordilleren, aus einem kleinen Flaschenkrbis oder
      #gourd#, mit einer dnnen silbernen oder blechernen Rhre
      getrunken, das heit ausgeschlrft wird, wobei sich der nicht
      Eingeweihte rettungslos zuerst die Finger, und dann, genau so wie
      bei uns bei heier Bouillon, die Lippen verbrennt.

Don Manuel schnitt allerdings im Anfang ein etwas bedenkliches Gesicht,
und schien sich einer solchen Mission gerade nicht sehr zu freuen, ja
weigerte sich sogar, etwas derartiges allein zu unternehmen; Don Guzman
zog ihn aber in eine Fensterbrstung, und nachdem er sich dort eine
ziemlich geraume Zeit gar eifrig mit ihm unterhalten, erklrte sich der
kleine Chilene bereitwillig, jedoch nur unter der Bedingung, da der
also zu Beaufsichtigende nicht etwa gefhrliche Waffen an sich herum
trage.

Alles Weitere besprachen sie unterwegs, denn Leifeldt wnschte so rasch
als mglich zu dem Kranken zurckzukehren, ehe ihn die Nachricht von der
Ankunft Don Luis erreichen konnte.

Sie fanden ihn langsam im Zimmer auf- und abgehend, und er grte den
Fremden, der ihm als ein hiesiger Kaufmann Don Manuel vorgestellt wurde,
auf das Freundlichste, ja es schien sogar, als ob er gerade heute seine
rosigste Laune habe, und wie er mit dem kleinen dicken Mann erst nur ein
wenig bekannt war, lachten und erzhlten die beiden miteinander, als ob
sie seit Jahren die besten Freunde gewesen wren.

Don Manuel nahm Leifeldts, schon vorher verabredete Einladung zu Tisch
an, und dort war es, wo der Chilene zuerst den Namen Don Luis de Gomez
-- anscheinend leicht hingeworfen -- erwhnte, die Wirkung zu beobachten,
die sie auf den Spanier haben wrde; Don Gaspar war aber den Morgen
hindurch so auf diesen Namen vorbereitet, da seine Bewegung, die er
dennoch nicht ganz unterdrcken konnte, keinesfalls von den beiden
Mnnern bemerkt worden wre, htten ihn diese nicht eben so scharf im
Auge behalten. Das Gefhl, sich bewacht zu wissen, half dazu, und das
Blut scho ihm im frmlichen Strom in die Schlfe, Don Manuel hatte aber
das Gesprch schon wieder nach anderer Richtung gelenkt, und erzhlte
jetzt dem jungen Arzt von einer Schlgerei, die an dem Morgen zwischen
englischen und chilenischen Matrosen statt gefunden, in so komischer
Weise, da bald alle anderen Gedanken in einem schallenden Gelchter Don
Gaspars untergingen.

Nach Tisch schlug Don Manuel den beiden Freunden einen Spatziergang vor,
und das Gesprch dabei auf die alten spanischen Kriege bringend, in
denen die Chilenen, von dem argentinischen General San Martin wacker
untersttzt, die Macht ihrer bisherigen Herren brachen und sie zum
Lande hinausjagten, schlug er ihnen vor, eine der alten nothdrftigen
Befestigungen zu besuchen, die sich, wenn auch nicht mehr benutzt, doch
bis zu dem heutigen Tag erhalten htten, und jedenfalls von historischem
Interesse wren.

Leifeldt wute dabei nicht, wie er sich das Betragen seines neugewonnenen
Bundesgenossen erklren sollte, denn statt einem bestimmten Resultat,
zur wirklichen Ergrndung der Krankheit Don Gaspars zuzustreben und
gerade mit Don Luis de Gomez Namen den Unglcklichen zu sondiren, wich
dieser jedem solchen weiteren Gesprch geflissentlich aus, und nherte
sich der junge Arzt nur im Entferntesten wieder diesem gefhrlichen
Thema, das er nicht selber direkt beginnen durfte, so hatte gerade Don
Manuel sicher tausend Scherze bereit, auf die Don Gaspar, in heute
wirklich muthwilliger Laune, mit Freuden einging.

So waren sie von der Plaza del Victoria aus zu einer kleinen Gasse
gekommen, deren Huser an die stattliche Kirche des Platzes stieen, und
von denen das nchste auch wohl mit dieser noch in Verbindung stand,
denn es schien unbewohnt, und die Auenseite der Gebude zeigte, auer
einem einzelnen starkvergitterten Fenster im unteren Stock, nur die
hohe, kahle Mauer. Schon unterwegs hatte ihnen Don Manuel die Geschichte
dieses kleinen, unscheinbaren, aber jedenfalls merkwrdigen Gebudes
erzhlt, und durch eine Sage besonders, nach der noch in heutigen Tagen
oder vielmehr Nchten, die Geister dreier erschlagener Spanier dort
umgingen, sogar ihre Neugierde rege gemacht.

Don Gaspar selber bat im Anfang Don Manuel, sie zu dem Schauplatz all
dieser wunderlichen Dinge hinzufhren, als sie aber den Platz erreichten,
und er das dstere, niedere, unheimliche Gebude, die stark vergitterten
Fenster sah, schien er zum ersten Mal Verdacht zu schpfen und blieb,
einen raschen, mitrauischen Blick umherwerfend, stehen, als ob er das
Terrain, dem er sich jetzt anvertrauen sollte, vorher erst untersuchen
wolle.

Oben an einem der Fenster waren zwei paar Augen sichtbar geworden, die
neugierig den Kommenden entgegengeschaut, sich aber rasch und scheu
zurckzogen, als sie den Blick des Spaniers nach sich aufschweifen
sahen.

Nicht wahr, das alte Haus sieht dster genug fr eine Gespenstergeschichte
aus, sagte Don Manuel, dem vielleicht jene zwei paar Augen entgangen
waren, lachend, als er das Zgern seines Schutzbefohlenen bemerkte und
neben ihm stehen blieb: wr' ich Prsident, ich liee es einreien, ich
mchte wenigstens nicht einmal in der Nhe wohnen.

Don Gaspar zgerte noch einen Augenblick, dann aber, wie zufrieden
gestellt von dem ueren und ohne etwas auf seines Begleiters Bemerkung
zu erwiedern, schritt er langsam gegen die offene Thr zu, die er jedoch
nicht eher betrat, bis Don Manuel vor ihm eingetreten war. Der kleine
Mann wollte ihm allerdings den Vorrang lassen, Don Gaspar nthigte ihn
aber mit so zuvorkommender, aber auch zugleich kalter Hflichkeit, da
er nicht umhin konnte, nachzugeben. Die Thr blieb hinter ihnen offen.

Der innere Raum sah wste und de aus -- zuerst betraten sie einen
kleinen, schmalen Hof, in dem das Gras lustig emporwucherte. In der
Mitte desselben befand sich ein alter verfallener Brunnen, und an den
Seiten stand aufgeschichtetes, halb vermodertes Bauholz und lagen alte,
eiserne Klammern und Bolzen. Aber auch hier im Inneren waren die meisten
Fenster, einige wenige ausgenommen, deren Gewnde schon eingebrochen,
den Zahn der Zeit oder die rauhe Hand des Menschen verriethen, mit
starken eisernen Gittern versehen; Don Manuel aber, wie schon bekannt in
diesen Rumen, wandte sich jetzt gleich links, einer schmalen Treppe zu,
die in das Innere hinauffhrte.

Halt, Seor, halt! rief da Don Gaspar, -- nicht so schnell, erst
erklren Sie uns diesen Hof, Sie haben uns genug schon davon erzhlt,
und der Schauplatz der meisten Gruelthaten war ja gerade hier. Wo hat
der Galgen damals gestanden?

Wir kommen nachher wieder hierher zurck, erwiederte der Chilene, sich
halb dabei nach dem Frager umwendend, zuerst wollen wir nur erst die
oberen Gemcher und besonders das Zimmer besuchen, wo die drei Spanier
ermordet wurden und jetzt allnchtlich ihre Zusammenkunft halten
sollen.

Und wohnt jetzt weiter Niemand hier im Haus? frug Don Gaspar, noch
immer ohne von der Stelle zu gehn, und auch Leifeldt schien unschlssig
zu werden, ob er Don Gaspar zureden solle, zu folgen oder ihn zurckhalten,
denn er fing selber an, mitrauisch gegen die Bewegungen ihres Fhrers
zu werden.

Keine Seele -- schon seit der Revolution, rief der Chilene zurck, und
stieg langsam die Treppe hinauf, ber des Spaniers Zge aber zuckte ein
hhnisches, fast triumphirendes Lcheln, und dem jungen Arzt auf die
Schulter klopfend, rief er laut und lustig:

#Bueno, vamos compaero#[20] und mit einigen raschen Stzen, whrend
Leifeldt nur halb zufrieden den Beiden folgte, hatte er den Chilenen
wieder eingeholt, der an dem oberen Treppenabsatz stehen blieb, sich
noch einmal nach unten umsah, und dann Don Gaspar bat, ihm zu folgen.
Der Blick jedoch, mit dem er die that, mute bei dem wachsamen Kranken
Verdacht erregt haben -- er zgerte einen Moment, trat dann ein paar
Schritt von der Treppe fort, und als er wieder nach unten schaute, sah
er zwei Mnner, die sich an die Treppe postirten und hrte Leifeldts
Stimme, der sie frug, was sie da wollten.

  20: Wohlan, so komm, Kamerad.

Sehn Sie, Don Gaspar! rief in diesem Augenblick Don Manuel, mit
vielleicht absichtlich etwas lauter Stimme, hier ist das eine Zimmer,
von dem ich Ihnen sagte -- bitte, kommen Sie hierher -- dort drben
knnen Sie noch das Blut erkennen.

Don Gaspar lachte laut auf und langsam auf den Chilenen zuschreitend,
sagte er, sich auf dessen Schulter mit seinem linken Ellbogen sttzend:

Wir haben Besuch da unten bekommen -- noch ein paar Herren, die
wahrscheinlich auch die Merkwrdigkeiten dieser alten Revolutionsveste
anzuschauen wnschen, aber Don Federigo, hahaha, Don Federigo will sie
nicht herauf lassen.

Don Manuel machte ein etwas verdutztes Gesicht, und schien sich in dem
Augenblick so in der unmittelbaren und fast etwas zu vertraulichen Nhe
des jungen Mannes nicht besonders wohl zu fhlen, auerdem mute ihm die
Unterhaltung unten ebensowenig angenehm sein, und er machte auch schon
eine Bewegung, als ob er nach der Treppe zurckgehen wollte, besann sich
aber wieder und sagte dann gleichgltig:

Besucher? -- wohl schwerlich, Don Gaspar, miges Gesindel, das sich
auf den Straen herumtreibt und bettelt, Don Federigo wird sie schon
abfertigen, bitte, kommen Sie.

Don Gaspar hatte indessen seine Stellung nicht verndert und das
Lcheln, das um seine Mundwinkel zuckte, gefiel dem scheu zu ihm
aufschielenden Chilenen nicht; dieser machte sich auch von dem Arm des
ihn ruhig gewhren lassenden Spaniers los und trat auf die Schwelle der
nchsten Thr.

Aber wollen wir nicht warten, bis sich Don Federigo uns anschliet,
Seor? sagte der Spanier, ohne den Platz zu verlassen, auf dem
er stand, und wo er aus dem schmalen Gang durch ein offenes und
gitterfreies halbverfallenes Fenster eine kleine Beistrae berschauen
konnte -- Wetter noch einmal, die mu frher wirklich eine Art von
Gefngni gewesen sein, sehn Sie nur, Don Manuel, was fr schwere Thren
und an einigen wirklich noch starke Riegel -- das Schlo, was dort
liegt, scheint man total vergessen zu haben -- puh, wie dumpfig die
Rume hier sind, setzte er schaudernd und fast wie mit sich selbst
redend hinzu -- wie dumpfig und schwl gegen die freie, herrliche Natur
da drauen.

Er schritt langsam in dem Gang hin und blieb neben Don Manuel stehn,
der wieder, ohne sich irre machen zu lassen, seine Erklrung des
entsetzlichen Mordes begann.

Und ich werde es unter keiner Bedingung zugeben, tnte in diesem
Augenblick die Stimme des jungen Arztes klar und deutlich zu ihnen
herauf, ich habe selber mit -- und die Worte wurden hier leiser und
undeutlich.

Es scheint doch ein Besuch zu sein, meinte Don Gaspar lauernd; Don
Manuel aber, der zuerst seine Unterlippe zwischen die Zhne und die
Brauen zusammenzog, gewann bald seine Ruhe wieder und sagte lachend:

Unser junger Freund htte die guten Leute auch knnen herauf kommen
lassen, sie wrden uns nicht genirt haben; doch wie dem auch sei, sehn
Sie, Don Gaspar -- dort in jener Ecke knnen Sie noch die Spuren der
schon erwhnten That erkennen. Ich freue mich, wie irgend einer meiner
Landsleute der gewonnenen Freiheiten unseres schnen Vaterlandes,
aber ich bedauere jene furchtbaren und leider oft unntz gewesenen
Grausamkeiten, durch die sie theilweis mit erkauft werden muten.

In diesem Augenblick ffnete sich dicht neben ihnen leise und
geruschlos eine Thr, und ein Kopf schaute heraus, fuhr aber schnell
wieder zurck, als er noch eine Gestalt auf der Schwelle der Thre
bemerkte, Don Gaspar hatte jedenfalls nur den flchtigen Schein
desselben bekommen, aber er blieb regungslos in seiner Stellung und
wieder nur spielte das Lcheln um seine Lippen. Es war kein Zweifel, er
kannte die Gefahr, in der er sich befand, zu ihrer vollsten Gre, aber
gerade _das_ schien ihn zu reizen, wie er sich dem Hai entgegen und
unter die Hufen der wthenden Rosse geworfen hatte, so spielte er damit,
den Augenblick mit wahrer und wilder Schadenfreude, erwartend, wo sie in
ihrer Macht ber ihn hereinbrechen wrde -- was wute er von _Furcht_?

Und doch wohnen hier noch Menschen oder hausen hier wenigstens zu
Zeiten, bemerkte der Spanier, auf fnf oder sechs erst krzlich
weggeworfene Stmpfe von Cigarillos[21] deutend, die nicht weit von der
Thr am Boden lagen.

  21: Papiercigarren.

Besucher jedenfalls, die sich den alten Platz anschauen, erwiederte
der Chilene, die Regierung soll es aber, wie ich krzlich gehrt
habe, nicht gern sehn, wenn besonders Fremde hierher kommen; solche
Grausamkeiten machen immer bses Blut, und man vermeidet gern, jetzt,
wo berdie die Zeit auch schon so lange vorber ist, jede Erinnerung
daran.

_Diesem_ Princip nach scheint Don Federigo ebenfalls zu handeln,
lchelte Don Gaspar, nach dem niederen gegenber liegenden vergitterten
Fenster deutend, das den inneren Hof berschaute. Dort wurden eben die
beiden Mnner sichtbar, die ber den Hof schritten und diesen, allem
Anschein nach, verlassen wollten, als Don Manuel auch, wie sie schon
fast die Thr erreicht hatten, an das kleine Fenster sprang, hinaus rief
und sie bat, zurck zu kommen.

Es sind Bekannte von mir, Seor, sagte er dabei, sich wieder zu diesem
wendend, brach aber in der fast entschuldigend gehaltenen Rede kurz ab
und sprang nach der Thr, denn er sah nur eben noch, wie Don Gaspar
durch dieselbe verschwand und sie hinter sich zudrckte. Zu spt
warf er sich aber mit all seiner Kraft dagegen, der rasch von auen
vorgeschobene Riegel war bestimmt gewesen, einen _Wahnsinnigen_ zu
halten, und spottete all seiner Anstrengungen.

Im Nu hatte aber auch der wachsame Spanier die zweite Thr, aus der er
vorher lauschend den Kopf gesehn und ohne weiter zu untersuchen, wer
oder was darinnen sei, ebenfalls verriegelt, und laut auf lachte er in
triumphirendem Spott, als auch hier von innen sich Jemand gegen die
Pforte warf und deren Verschlieen freilich vergeblich, zu verhindern
suchte.

Zwei Vgel mit einem Schlag fest, rief er dabei hhnisch Don Manuel
zu, als er an diese Thr auch noch rasch das Vorlegeschlo hing und
eindrckte und dann der Treppe zuschritt -- aber ich sah _noch_
mehr Augen. _So_, Compaero, setzte er dann hinzu, fest und
richtig verwahrt, o armer Don Manuel, allein und einsam jetzt in
der entsetzlichen Schauerkammer, und von einem _Tollen_ berlistet,
hahahaha!

Machen Sie auf, Don Gaspar, machen Sie auf, das ist schlechter Spa
-- Don Federigo -- Pedro -- Fernando! schrie der Gefangene.

Hahahaha! lachte Don Gaspar, aber seine Hand lag an dem Griff des
langen Messers, das er vorsichtig und versteckt unter der Weste an
seiner linken Seite trug, denn die Treppe herauf klangen rasche,
elastische Schritte. Es war Leifeldt, und der Spanier, die Hand
zurckziehend, begegnete dem _Freund_ an dem oberen Treppensims.

Was haben Sie gemacht, Don Gaspar, was geht hier vor? rief dieser, mit
dem Arm den Gang hinabdeutend, von woher die lauten, fast ngstlichen
Laute der Chilenen tnten.

Komm, Federigo, entgegnete ihm aber der Spanier, zugleich seine Hand
ergreifend und ihn mit sich die Treppe hinabfhrend, komm, wir wollen
den Seor Don Manuel de San Jos oder wie er sonst heien mag, ruhig der
Bewunderung seiner spanischen Erinnerungen berlassen -- er hat auch
noch Gesellschaft dort oben, aber in einer Viertelstunde -- setzte er
dann rascher und bedeutungsvoller hinzu, erwarte mich in unserem Hotel
auf meinem Zimmer, lieber frher als spter, ich habe Dir _Wichtiges_ zu
entdecken -- wirst Du kommen?

Gewi, aber --

Kein _aber_ jetzt, Amigo -- jener Bursche hatte Arges mit mir im Sinn
-- beruhige Dich, ich wei Alles, und die kleine Lehre wird ihm gut
thun, la mich nur nicht zu lange warten. Du wirst dort ber Manches
Aufklrung bekommen, so sume nicht und berla den Seor da oben seinem
Schicksal, ein wenig Angst mag ihm die Probe dessen sein, was er mir fr
eine Lebenszeit zugedacht.

Sie hatten indessen den Fu der Treppe erreicht und begegneten hier den
beiden Peons, die allerdings etwas berrascht stehen blieben, als sie
den in so ruhigem Gesprch die Treppe herabkommen sahen, der, ihrer
Meinung nach, eben da oben eingesperrt, solchen Lrm vollfhrt hatte,
Don Gaspars fast wunderbare Ruhe sollte sie noch mehr verwirren, denn
dem ersten freundlich auf die Schulter klopfend, sagte er lachend:

Wir haben ihn, Amigo, das war schlau angestellt und gut ausgefhrt
-- da, verzehrt das in der nchsten Pulperia. Dem ersten einen Dollar
in die Hand drckend, nickte er freundlich dem jungen Arzt zu und rasch
ber den Hof der Thre zuschreitend, blieb er nur einen Moment noch an
der Pforte stehn, zurckzuschauen, warf dem jetzt wthend in den Hof
hinab tobenden Don Manuel einen lchelnden Ku mit den Fingerspitzen
zu, und war wenige Sekunden spter in dem schmalen dunklen Ausgang
verschwunden.




11.

Der Spanier und das Mdchen.


Eine merkwrdige Ruhe, nur manchmal von einem eigenthmlichen kecken
Humor durchblitzt, hatte das Betragen des Spaniers die ganze Zeit, und
zwar von dem Augenblick an charakterisirt, wo er das ihm verdchtige
Gebude in der Gesellschaft der beiden Mnner betreten, bis zu da, wo
er dessen Schwelle -- allein -- wieder berschritt, wie verwandelt aber
schien er selbst in dem Moment, als er die dunkle, finstere Mauer,
als er die Gefahr damit, hinter sich lie. Wie nach jeder bergroen,
bernatrlichen Anspannung und berreizung der Sehnen, stellte sich
eine um so gewaltigere Erschlaffung ein, da sie so pltzlich war -- der
Schwei trat ihm in groen Tropfen auf die Stirn und frmlich gewaltsam
mute er sich aufraffen, noch Kraft genug zu behalten, in flchtigen
Stzen die Strae hinab zu fliehn.

Dort passirte gerade in dem Moment einer der gewhnlichen Wagen mit
zwei Pferden, das eine in der Gabel, das andere am Gurt befestigt, den
Kutscher halb schlafend auf dem Bock.

#Ahi, amigo!# rief er dem mechanisch bei dem Ruf in die Zgel
greifenden zu und schwang sich, ohne die Thre zu ffnen, in das Innere
-- kennst Du die Wohnung des alten englischen Seors, Don Guillelmo
Nulando?

#Si, Seor!#

Brav, mein Bursche, rasch denn dort hin, ein gutes Trinkgeld ist Dein.

Der Kutscher berhrte seine Thiere mit der schwanken Peitsche, und der
Wagen klapperte in scharfem Trab die Almendral hinauf, der Wohnung Mr.
Newlands zu, den Passagier kaum zehn Minuten spter, vor dessen Thre
abzusetzen.

Don Gaspar klopfte und folgte der alten Magd, die ihm ffnete, die
Treppe hinauf. Mr. Newland war auf der Brse, das Dampfschiff ankommen
zu sehn, was diesen Morgen signalisirt worden, und durfte wohl kaum vor
Abend zurck erwartet werden; Mistre war ebenfalls ausgegangen und Mi
Jenny allein oben im Parlour -- der junge Mann hatte sie ja schon so oft
besucht, Mi Jenny wrde sich gewi freuen, ihn zu sehn, sie brauchte
ihn gar nicht mehr zu melden.

Don Gaspar war schon lange, ehe die geschwtzige Alte nur die Hlfte
ihrer Rede vollendet hatte, oben an der Treppe und im Vorsaal. Was er
hier wollte, schien er selber nicht recht zu wissen -- Abschied nehmen?
-- sich rechtfertigen? -- das Mdchen noch einmal sehen, von dem ihm der
Freund gesagt, da ihre Seele an ihm hinge in heier Liebe? -- Es waren
das dunkle Bilder, die ihm wohl vorschwebten und, einer Art von Ziel
entgegentrieben, ohne da er sich jedoch feste Rechenschaft davon zu
geben gewut htte. Er fhlte mehr den Augenblick nahen, der sein
Schicksal berhaupt entscheiden sollte, und -- er mute der Stelle noch
ein Lebewohl sagen, wo er seit langen, langen Jahren wieder die ersten
Stunden heiteren stillen Glcks verlebt. War es aber das Haus allein,
das ihn gefesselt, mit dem gastlichen Willkommen, der ihm geboten
worden, der derbe Hndedruck des biederen alten Mannes, das geschwtzige,
aber so herzliche Wesen der Matrone, das frohe Lachen des Kindes, das
ihm sonst halbe Straen lang entgegen lief und an seinem Hals hing -- er
htte keins von alle diesem missen mgen -- oder _Jenny_? Seine Hand
hielt schon die Klinke erfat, und zgernd noch stand er und starrte vor
sich nieder -- und Jenny? hatte sich denn durch das Wort des Freundes
eine ganz neue fremde Welt so pltzlich ihm erschlossen? Er wute gar
nicht, wie ihm eigentlich geschah, alte wirre Bilder tanzten vor seinem
Hirn, wilde entsetzliche Gestalten drngten aus ihrem blutigen Hintergrund
und wetterschwangere Wolken lagerten an dem Saum des noch vor Sekunden
so sonnigen Himmels. Dort, dort vor ihm lag eine Heimath, spielende
Kinder jagten sich auf dem grnenden Rasen, der alte Feigenbaum, der vor
der Thr stand, warf seinen freundlichen Schatten auf ein glckliches
Paar, dessen Zge er kannte. War das Blut, was dort auf dem grnen,
sonnigen Rasen so rthlich blitzte und funkelte, warmes verstrmtes
Blut? -- Nein, die Sonne hatte den Thau noch nicht weggekt von den
Halmen, sie spiegelte sich jedoch selber so gern in der blitzenden,
strahlenden Herrlichkeit. Aber das Paar dort -- es waren Jennys Zge,
und der Mann? das war er _selber_ -- nein, das Haar schimmerte licht und
golden in den einzelnen Strahlen, die sich durch das dicht verschlungene,
zitternde Laub des Baumes stahlen -- das war _Stierna_. Was sollte auch
_ihm_ eine Heimath, ein Heerd, ein Weib, ein Kind, _ihm_, dem Verlassenen,
Verstoenen.

Er barg das Antlitz wie krampfhaft in der linken Hand, und vor den
zusammengepreten Pupillen tanzten die Bilder toller und wilder und
schmiegten sich rasch und gefgig in wunderliche Form und Gestalt
-- _Heimath_? dort stand eine kleine, trauliche Heimath, ein niederes,
des Gebude, von breiten, zackigen Kacktushecken umgeben, die
schmutzigrothen Backsteinmauern nur von engen, dsteren, vergitterten
Fenstern unterbrochen, kein lebendes Wesen in der Nhe, kein Mensch
-- ja doch, da oben an dem einen Fenster, hinter dem starken Gitter,
die Stirn, die heie pochende Stirn an das kalte Eisen gepret, stand
ein Mann -- es war wunderbar, wie genau er ihn erkennen konnte, mit
den bleichen Wangen und den schwarzen, tief liegenden Augen -- das
war er selber -- und die Welt lag vor ihm, _frei, frei_ im glhenden,
jubelnden Sonnenlicht. Die Schwalben strichen um das Dach, die Sperlinge
zwitscherten vom First nieder oder suchten zwischen den stachlichen
Kacktusarmen _frei_ ihr Futter; drben ber den Husern konnte er die
grasenden Heerden erkennen, die Mve kreiste ber den blutgetrnkten
Feldern der nchsten Saladeros[22], dort jene Reiter galoppirten _frei_,
_frei_ ber die weite, grnende Steppe, und nur _er_ -- nur _er_
-- -- Wer war der Mann, der da dicht an der Kacktushecke vor dem Haus
stehen blieb und so freundlich hinaufgrte? die Gestalt so bekannt, so
verhat, in dem weiten Poncho und dem flatternden Haar -- jetzt wandte
sie sich nach ihm her --

  22: Schlachtbnke.

Don Luis! schrie er, und die Thrklinke, die er noch immer gefat
gehalten in dem wachenden Traum, brach fast vor der furchtbaren Kraft,
mit der sich die Hand auf ihr schlo in krampfhafter Wuth -- Don Luis!
-- ihm unbewut ffnete sich dabei die Thr und der Aufschrei des zum
Tod erschreckten Mdchens rief ihn zum ersten Mal wieder, fast seit er
den Wagen verlassen, zu sich selbst zurck.

Aber, Don Gaspar, wie Sie mich erschreckt haben, sagte Jenny, die sich
zuerst wieder gesammelt, mit leisem Vorwurf im Ton, doch was ist Ihnen,
Sie schauen todtenbleich aus, setzte sie rasch und besorgt hinzu, sind
Sie krank? ist Ihnen etwas geschehn? um Gottes Willen, was stieren Sie
mich so an? Don Gaspar?

Entschuldigen Sie, Seorita -- entschuldigen Sie, stammelte
der Spanier, der sich gewaltsam zusammenraffte, seine Gedanken
zurckzuzwingen in die alte Bahn -- die Aufregung heute, mit einem
leichten Fieber und Unwohlsein, das mich schon einige Tage geplagt
-- der Schmerz der Trennung.

Trennung? Sie wollen fort? -- rief das Mdchen rasch und augenscheinlich
erschreckt, denn ihre Wangen verlie jetzt das Blut, nach wenigen Sekunden
mit so viel mchtigerer Fluth dorthin zurckzustrmen -- und wohin?
weshalb? --

Wohin? -- weshalb? -- wiederholte der Gefragte, kaum bewut, da
er die Worte noch sprach, die Blicke aber fest und forschend auf die
zitternde Gestalt geheftet, die vor ihm stand, und sich kaum aufrecht zu
halten vermochte -- und schmerzt es Sie, da ich gehe, Jenny? setzte
er pltzlich weicher hinzu, indem er ihre Hand ergriff, die sie ihm
willenlos zu nehmen gestattete, werden Sie den Fernen -- _Fremden_
nicht vergessen haben, wenn der letzte Staub verflogen ist, den die
Hufe seiner Rosse aus den Nachbarhgeln Valparaisos geschlagen?

Er hrte nicht das leise, kaum gehauchte Nein, das von den Lippen
der Jungfrau floh, die Hand, welche die ihre hielt, mit dieser sinken
lassend, starrte er wehmthig lchelnd vor sich nieder und fuhr mit
halblauter Stimme fort, mehr mit sich selber, als zu dem schnen Mdchen
redend, das zitternd neben ihm stand und an seine Brust gesunken wre,
htte sein Arm sich nach ihr ausgestreckt.

O, es ist ein schmerzliches Gefhl, so weit, weit drauen in der Ferne
umherzuschweifen und Niemanden zu wissen in der weiten Gotteswelt.
Niemand in diesem All des Hasses und der Liebe, der sich freut, wenn wir
kommen, dessen Auge sich nt, wenn wir gehn; es ist ein trauriges Loos,
den kalten Willkommen des Fremden zu hren, und sich dabei noch bewut
zu sein, in dem eigenen Herzen einen so reichen Schatz von alle dem zu
tragen, was den eigenen Heerd zu einem Paradiese schaffen knnte. Jeder
in der Abendluft kruselnde Rauch, der die kleine Familie zu traulichem
Kreis um das knisternde Kamin sammelt, ist ein schneidender Vorwurf in
das arme Herz. Jedes blhende Kindergesicht, das ihm halb keck, halb
herzig in die Augen schaut, schnrt ihm die Brust mit einem tiefen,
schwer auszudrckenden, aber deshalb auch um so mchtigeren Weh zusammen,
und die beiden Worte _allein_ -- allein und _heimathlos_ wren
schon in sich selbst genug, ein unglckseliges Menschenkind, das ihnen
erlegen, zu Boden zu schmettern, kme nicht auch noch auerdem von den
Eltern auf das -- aber halt -- was ich gleich sagen wollte, unterbrach
er sich da pltzlich mit ganz verndertem Ton und Ausdruck, whrend
seine Hand fester die der Jungfrau umschlo, so fest, da sie der Druck
zu schmerzen begann, und sein Blick wie neugierig forschend, den ihren
suchte, wie ist mir denn, frchteten Sie sich nicht vor einem -- vor
einem _Wahnsinnigen_?

Wie kommen Sie _jetzt_ zu der Frage? hauchte das Mdchen, das Haupt
erbleichend von ihm abwendend.

Ich glaube, wir sprachen einst davon in Ihrem Hause, und ich sah heute
--

O, um Gotteswillen, reden Sie nicht von so Entsetzlichem, fiel ihm
die Jungfrau rasch und bittend in's Wort, mir gerinnt das Blut in den
Adern, nur bei dem eigenen Gedanken daran, und fremde Worte knnten
die Bilder heraufbeschwren, die es Monate brauchen wrde, wieder zu
verwischen.

Und doch ist der Wahnsinn gar nichts so Entsetzliches, sagte der
Spanier, ihre Hand loslassend und sich das feuchte lange Haar aus der
Stirn streichend.

O, Don Gaspar, bat das Mdchen.

Frchten Sie Nichts. Seorita, beruhigte sie aber dieser mit leisem
Kopfschtteln, ich bin weit davon entfernt, Sie ngstigen oder qulen
zu wollen mit thrichten Schaudergeschichten, wie sie das tolle Volk im
Munde trgt; nein, ein Vorurtheil wnschte ich bei Ihnen zu besiegen,
das Ihnen ber kurz oder lang doch vielleicht einmal vielen Schmerz
machen drfte. -- Mein _Vater_ war wahnsinnig.

Aber, Seor.

Der Spanier lachte und nahm schmeichelnd wieder ihre Hand. Er _war_ es
ja nur, habe ich Ihnen gesagt, und zwar auf eine wunderliche Art -- er
glaubte, meine Mutter liebe ihn, und habe ihn deshalb geheirathet, und
Jemanden, der ihm den tollen Wahn benehmen wollte -- rannte er den Degen
durch den Leib -- wie es ein neckischer Zufall gerade wollte, traf es
sich, da das sein -- eigener Bruder war. --

Don Gaspar, wenn Ihnen die Ruhe meiner Nchte, meines Lebens nur das
Geringste gilt, so hren Sie auf, bat aber jetzt in wirklich tdtlicher
Angst das Mdchen und suchte sich von der Hand loszumachen, die sie
jetzt wieder wie mit eisernem Griff umschlossen hielt. -- Ich begreife
Sie nicht; was um des Himmels Willen ist mit Ihnen vorgegangen? und
sehen Sie nur, wie entsetzlich Sie mich gedrckt haben, setzte sie dann
hinzu und hielt ihm die eben befreite, ganz dunkelroth geprete kleine
Hand halb scheu noch, halb lachend entgegen.

Schelten Sie mich -- schelten Sie mich _recht_ aus, Seorita, rief da
der Spanier, sich rasch von ihr abdrehend, ich bin ein arger Thor, ja
ich bin boshaft genug, mich gerade daran zu freuen, wenn ich die -- die
mir die _liebsten_ sind, rgern und qulen kann -- und zuletzt habe ich
doch nur mich selber geschlagen, wie ein thrichtes Kind. -- Aber ich mu
wahrlich fort, setzte er dann rascher hinzu, und in der Scheidestunde
ist das Herz ja doch stets trb und traurig und beschwrt die Bilder
herauf, die ihm die schmerzlichsten sind in der weiten Welt.

Aber weshalb wollen Sie fort? -- was treibt Sie -- was treibt Sie so
pltzlich aus unserer Mitte, aus einem Kreis von Freunden, der Ihnen
-- zu Dank verpflichtet -- so gern noch beweisen mchte, wie -- wie
werth Sie ihm sind -- sagte die Jungfrau schchtern und zuletzt mit
leiser bewegter Stimme hinzu.

Weshalb? wiederholte Don Gaspar tonlos, und schaute rasch und
forschend zu dem Mdchen auf -- weshalb? -- ja, wie war mir denn,
weshalb kam ich doch -- ach -- Ihr Vater -- ja doch -- ist Mr. Newland
nicht zu Hause? -- _er_ wird mir die Auskunft geben knnen.

Weshalb Sie fort von uns mssen, sagte Jenny wehmthig lchelnd und
den Kopf schttelnd, o Sie wunderlicher Mann, wie lge das in seinen
Krften, und wird's ihn nicht selber schmerzen, wenn er Sie missen soll,
der Sie ihm zuletzt ein wirklich fast unentbehrlicher Freund geworden?
--

Don Gaspar schttelte traurig mit dem Kopf.

Glauben Sie das nicht, Seorita -- was htte Don Guillelmo an dem
wilden, launischen Gesellen, der unstt wie ein Frhlingstag, bald seine
Nachsicht, bald sein Mitleiden in Anspruch nahm, oder ihn rgerte und
reizte in heftiger, unerquicklicher Debatte. Nein, nein, er wird den
Fremdling bald vergessen, den einst die gtige Vorsehung wohl einmal
benutzte, einen ihrer kleinen Lieblinge noch lnger auf dieser Erde zu
halten, den Seinen zum Trost, zur Lust, der aber jetzt schon weit, o,
recht weit von hier fort sein sollte -- und es auch wre -- hielten ihn
nicht Banden -- heilige, feste Banden. --

Heilige Banden? rief Jenny rasch und erschreckt emporfahrend, und
den Blick mit durchbohrender Schrfe auf ihn heftend -- feste Banden?
-- Sie? --

_Banden?_ wiederholte der Spanier und sein Geist sprang augenscheinlich
auf dem Wort ab, nach anderer Richtung hin -- mich? -- nein -- noch
nicht, hahaha -- sie waren nicht schlau genug dazu.

Ich verstehe Sie nicht, sagte das Mdchen, und das Blut scho ihr in
Strmen in die Schlfe, und frbte ihr Wangen und Nacken.

Don Gaspar schwieg erschreckt -- fast instinktartig fhlte er, da er
wildes, tolles Zeug gesprochen, aber er frchtete fast eben so, es zu
widerrufen. Schweigend stand er dem holden Mdchen einige Sekunden
gegenber, jetzt zum ersten Mal, seit er das Gemach betreten, haftete
sein Blick voll und ruhig auf den lieben, bewegten Zgen, und er sah,
wie an den langen, seidenen, niedergeschlagenen Wimpern zwei groe,
schwere Thrnen zitterten und langsam niedertropften.

Jenny, sagte er da weich und leise, und ihr nher tretend, ergriff er
wieder ihre Hand -- ich habe Sie wohl recht gekrnkt mit meinen harten,
ungestmen Worten -- und -- ich war doch hergekommen aus einem ganz,
ganz anderen Grunde -- weshalb? wei ich mir eigentlich selber keine
Rechenschaft zu geben; ich verlasse heute die Stadt noch nicht, aber mir
war, als ob ich _vor_ der nchsten Zeit, die in grimmer, unerbittlicher
Entscheidung mein wartet, _Ihr_ holdes Antlitz noch einmal sehen, den
Blick dieser sanften Augen noch einmal in meine Seele prgen _msse_,
sollte ich im Stande sein, zu ertragen, was -- was nun eben der
wunderliche Herr Gott da droben ber mich auszuschtteln im Begriff ist,
und dann -- er hob langsam ihre Hand an seine Lippen und drckte einen
leisen, leisen Ku darauf -- mit leichtem Muth der nchsten Zeit zu
begegnen. Ich glaubte mich _durch_ diesen Augenblick gegen Alles
gewappnet, und -- finde nun, da ich mich bs, o, bs geirrt. --

Halloh, Kinder! rief in diesem Augenblick eine frhliche Stimme, und
der alte Mr. Newland stand in der geffneten Thr, die traurige Gruppe
der Beiden, die ihn gar nicht kommen gehrt, halb erstaunt, halb lachend
betrachtend.

Jenny schrak zusammen, als ob sie auf einer bsen That betroffen worden,
und wurde todtenbleich, Don Gaspar dagegen hob langsam den Kopf, und dem
alten Herrn ruhig die Hand entgegenstreckend, sagte er freundlich:

Sie kommen wie gerufen, lieber Seor, mir liegt etwas auf dem Herzen,
da ich nicht lnger allein tragen kann und will, und Sie gerade sind
der Mann --

Segne meine Seele! unterbrach ihn aber der Alte mit lautem Lachen,
wenn der nicht mit Leesegeln an beiden Seiten vor dem Winde, zehn
Knoten die Stunde geht, offene See und keine Leekste, o! -- aber darauf
kommen wir nachher zurck, jetzt erst, Kinder, eine frhliche Botschaft,
da ich die los werde, und nicht auseinanderspringe vor lauter Vergngen
-- Bill kommt.

Bill? rief Jenny aus ihren nur halb getrockneten Thrnen hervorlchelnd,
aber wenn, Papa, wenn?

bermorgen, morgen vielleicht schon! rief der alte Mann frhlich, der
Dampfer hat das Schiff an der Kste, gar nicht weit vom Hafen mehr
getroffen, und wenn der Wind nur noch ein wenig aufrumt, knnen sie
vielleicht morgen schon ihren Anker hier bei uns niederrasseln lassen.
-- Nun kommt auch der Vater des kleinen Burschen, Seor, den Sie
retteten, und einen warmen, dankbaren Freund werden Sie an dem finden.

Zwei Reiter galoppirten die Strae hinab -- es war Polizei, und Don
Gaspar schaute ihnen lchelnd nach -- er hrte gar nicht, was der alte
Herr in seiner Herzensfreude zu ihm gesagt hatte.

Und du warst am Bord des Dampfers, Vterchen? frug die Jungfrau, froh,
einem Gesprch enthoben zu sein, das ihr das Herz zusammen zu schnren
gedroht -- hatten sie Bills Schiff signalisirt?

Doch wohl, Kind, doch wohl, sagte der Greis, sie an sich heranziehend
und ihre Stirn kssend -- aber an Bord war ich nicht, sondern traf eben
bei dem Argentinischen Konsul einen alten Freund, der mir die frhliche
Botschaft gab. -- Segne meine Seele, ich habe ihm nicht einmal Adieu
gesagt, in solcher Eile war ich, Dir die Nachricht zu bringen -- den
Konsul wollte ich mit hierherschleppen, der hatte aber den Kopf voll und
mute auf die Polizei, und Don Luis de Gomez --

Ein wilder, fast nicht mehr irdisch klingender Schrei unterbrach ihn
hier, und als sich Beide rasch und erschreckt der Richtung zuwandten,
von der jener unheimliche Laut ertnte, sahen sie den Spanier mit
todtenbleichem, leidenschaftlich aufgeregtem, fast verzerrtem Antlitz,
die weit geffneten Augen starr und aus ihren Hhlen drngend auf den
Erzhler geheftet, die Arme vorgestreckt, und das schwarze krause Haar
in ungeregelten, fast emporstrubenden Locken ber die marmorblasse
Stirn geworfen, mitten im Zimmer stehen. Eben hatte er dessen letztes
Wort, den Namen, aufgefangen, und die wenigen Sylben schienen einer
Zauberformel gleich auf den Unglcklichen zu wirken.

Don Gaspar -- was um des Himmels Willen ist Ihnen geschehen, riefen
Vater und Tochter fast zu gleicher Zeit.

Don Luis de Gomez! war aber Alles, was der Spanier nur in bleicher
zitternder Wuth, jede Muskel seines Krpers bebend in der furchtbaren
Aufregung, auszustoen vermochte -- Don Luis de Gomez! und Alles was
er an Ha, Wuth und Rache kannte, hufte sich in dem einen Namen des
Feindes. Die geballten Fuste schlug er dabei zusammen, und der halb
geffnete Mund zeigte die beiden Reihen perlenweier, aber fest
zusammengebissener Zhne, hinter denen vor die Laute zischten.




12.

Der Ausbruch des Vulkans.


Leifeldt stand noch wie in einem Traume, als ihn Don Gaspar schon
mehrere Minuten verlassen hatte, und nur erst der Lrm, den der in
seiner eigenen Falle gefangene Don Manuel oben machte, brachte ihn
wieder zu sich selber.

Die beiden Peons unten ebenfalls wuten nicht, was sie von dem Allen
denken sollten. Ihrer Meinung nach hatte es ihnen kaum anders mglich
geschienen, als da der, der sie da eben so ruhig und gleichgltig
verlassen, der Bezeichnete sein msse, den festzunehmen sie heimlich
heute Nachmittag durch Don Guzman de Ribera hierher bestellt waren, und
gleichwohl sa der Andere jetzt oben fest, und dieser ging ruhig und
ungehindert von dannen. Und Don Manuel? -- dem zu gehorchen waren sie
doch herbeordert; konnte es mglich sein, da er selber der Tolle
gewesen wre? --

Der junge Arzt stand inde noch unschlssig an der Treppe. Er konnte
Don Manuel hier nicht gut hinter Schlo und Riegel sitzen lassen, und
gleichwohl hatte er eine kleine Strafe fr sein doppelgngiges Wesen
verdient; Leifeldt freute sich ordentlich, da Don Gaspar die Falle
gemerkt und auf die Hupter seiner eigenen Verfolger geleitet habe.
Langsam schritt er den Gang entlang und der Thre zu, hinter der dieser
schrie und tobte und herausgelassen zu werden verlangte, und seine Wuth
wurde noch durch die beiden Peons vermehrt, die unten im Hof jetzt
mit offenem Munde standen, zu ihm hinaufschauten und eben durch sein
furchtbares Wthen mehr und mehr darin bestrkt wurden, da doch
wirklich Don Manuel und niemand anders der pltzlich toll gewordene sei,
und jetzt hier zu der Stadt Besten im Allgemeinen, und seinem eigenen
insbesondere, hinter Schlo und Riegel verwahrt werden sollte. All seine
Ausrufungen und Befehle, die er mit vor Zorn halb erstickter Stimme den
unten Gaffenden hinunterschrie, konnten dabei nicht dazu dienen, sie vom
Gegentheil zu berzeugen, und endlich, der Sache auch eine spahafte
Seite abfindend, stieen sie sich unter einander mit den Ellenbogen,
und sahen sich an und platzten dann gerade heraus in ein nicht enden
wollendes Gelchter.

Wie lang diese Scene gedauert haben wrde, ist unbestimmt, Don Manuel
war aber durch das, was er Spott glaubte, der beiden von ihm selbst
besoldeten Mnner so in wirkliche Wuth gerathen, da er schon die
Stbe seines Kerkers gefat hatte und in blinder Wuth daran ri und
schttelte, als der junge Arzt seine Thre erreichte, die beiden von
auen vorgeschobenen Riegel zurcktrieb und das Schlo ebenfalls zu
ffnen versuchte; das aber widerstand allen seinen Bemhungen und
whrend der Gefangene, der jetzt Jemanden an seiner Thr hrte, dieser
zusprang und von innen dagegen schlug und donnerte, anstatt ruhig zu
warten bis sie geffnet sein wrde, benahm er Leifeldt vollkommen die
Mglichkeit, ihm verstndlich zu machen, wie er gerade im Begriff sei
ihn wieder in Freiheit zu setzen. Dieser war zuletzt genthigt, zurck
in den Hof zu gehen und einen der Peons zu rufen, ihm zu helfen. Eine
der alten eisernen, dort herumliegenden Klammern mit hinaufnehmend,
gelang es ihm endlich mit des Peons Beistand, das massive Schlo
aufzudrehen und den Gefangenen zu befreien.

Der Peon mute brigens, wie sich Don Manuel nur erst einmal vor der
Thr und ihm gegenber sah, machen, da er die Treppe hinunterkam, denn
der gereizte Chilene warf sich in frmlichem Grimm auf den armen Teufel
und schien wirklich im ersten Augenblick kaum seiner Sinne mchtig.
-- Die nchsten heraussprudelnden Fragen war Leifeldt auch gar nicht
im Stande so rasch zu beantworten, wie sie sich Luft machten von des
zornigen Mannes Lippen, und als auch der Schwede endlich, gereizt von
den scharfen zornigen Worten, kurz und trotzig erwiederte, strmte der
Erbitterte fort mit Flchen und Verwnschungen zwischen den Zhnen,
Genugthuung zu holen auf der Polizei fr den erlittenen Schimpf.

Es thun das viele Menschen.

Leifeldt sah ihm lchelnd nach, dann aber der Worte gedenkend, die ihm
Don Gaspar noch zugerufen, und der eigenthmlichen Aufregung, in der
er ihn heute gesehen, entlie er die Peons (der dritte, ebenfalls oben
Eingesperrte hatte schon einen anderen Ausgang durch eine Nachbarzelle
gefunden) und eilte mit schnellen Schritten zu seinem Hotel zurck, die
erwartete Aufklrung des Freundes dort zu finden.

Don Gaspar war noch nicht da, und unruhig durchschritt er den kleinen
Raum von dessen Gemach hin und her, Viertelstunde nach Viertelstunde.
Bald trat er an das Fenster, hinauszuschauen, bald an die Thr zu
horchen, ob sich nicht die raschen Schritte des Erwarteten hren lieen.
-- Niemand kam, und wie ihm endlich die feste berzeugung schwand, mit
der er bis jetzt den Freund erwartet hatte, tauchte Besorgni in ihm
auf, wohin dieser in seinem berreizten Zustand geeilt sein, was er
angerichtet haben knnte. Jetzt zum ersten Mal, obgleich sein Herz
kaum an etwas anderes gedacht den ganzen Morgen, als Jennys Schicksal
-- zuckte ihm auch, wie ein wilder Schmerz, der Gedanke durchs Hirn, Don
Gaspar knne dorthin geeilt sein, und was dann waren die Folgen, wenn
der Teufel, der in ihm schlummerte, die Lavagluth, auf deren dsteres,
furchtbares Leuchten er nur erst einen einzigen entsetzten Blick
geworfen, zum Ausbruch kme.

Rasch, und jetzt selber in fieberhafter Aufregung, durchschritt er das
Gemach wohl noch zehn Minuten in immer steigender Unruhe, dann aber
hielt er es auch nicht mehr aus -- es litt ihn nicht lnger in dem
leeren Raum, und hinaus strmte er, Newlands selber aufzusuchen und sich
zu berzeugen, ob seine Befrchtungen Wahrheit gewesen wren oder nicht.

Laute, ungewohnte Stimmen, und wildes Lachen schallten zu ihm nieder,
wie er nur das Haus betrat.

Um Gottes Willen, was geht hier vor? rief er der alten Magd entsetzt
entgegen, die ihm mit zitternden Hnden die Thre ffnete.

Don Gaspar, war Alles, was diese erwiedern konnte, als er auch schon
mit flchtigen Stzen die Treppe hinaufflog und die Thr aufri. --

Ein einziger Blick hier besttigte aber nicht allein seine schlimmste
bisher gefate Befrchtung, sondern zeigte ihm auch, in welche Gefahr
er die ihm liebsten Menschen durch sein unschlssiges Zaudern gebracht.

Mitten im Zimmer, dicht neben dem groen, runden Tisch, auf den er sich
mit der linken Hand sttzte, stand der Greis, den rechten Arm um die
Tochter geschlungen, die sich halb bestrzt, halb erschreckt an ihn
schmiegte und Beide starrten in sprachlosen ja besorgten Staunen nach
dem Spanier hinber, der lachend und stampfend, mit blitzenden Augen und
gestrubtem Haar ihnen gegenber stand.

Keiner von ihnen gewahrte das ffnen der Thr, den eintretenden jungen
Mann, aber die so lang eingehemmte und zurckgehaltene Wuth des Tollen,
die jetzt Monde lang unter der ueren Schaale seines festen eisernen
Willens gearbeitet und gegohren hatte, wie ein mchtiger Vulkan seine
Gluthen wieder unter der Rinde sammelt, die er sich von seinem letzten
Ausbruch selbst geschmiedet, schlug hier zum ersten Mal wieder in wilder
Lohe ins Freie.

Don Luis de Gomez! schrie er mehr, als er es rief, Don Luis, er ist
hier -- er ist hier! Teufel, wenn ich Dich fasse, wenn ich Dich halte
-- hier -- hier zwischen den zusammengeballten Fusten -- hier zwischen
den Zhnen und Armen -- huih! -- und das Zimmer drhnte von dem
gellenden Aufkreisch des Rasenden. -- Und _das_ Dein Weib? -- mit
dem marmorbleichen Angesicht? -- _das_ die blhende, liebeglhende
Constancia? fuhr er pltzlich fort, den Arm gegen das zusammenzuckende
Mdchen ausstreckend -- _das_ die Schlange, die mich nicht einmal im
Grabe ruhen lie mit ihren zaubertollen Reizen -- _das die Braut_
-- und zum Sprung, die Schultern zurckgedrngt, die Augen in wildem
unheimlichem Feuer glhend, die Arme angezogen, bog er sich nieder, als
Leifeldt dazwischen sprang und drohend die Hand gegen den Wthenden
gehoben, ausrief:

_Morelos!_

Wahnsinnig! hauchte Jenny, ihr Antlitz in den Hnden bergend, und
brach in sich selbst zusammen. Hoch empor aber zuckte der Kranke, und
seine Augen flogen wie irre Pfeile von Leifeldts ihm muthig begegnender
Gestalt zu dem bleichen, am Boden hingestreckten Mdchenbild, ber das
der Vater getreten war, mit dem jungen Arzt jede Gefahr von der
Geliebten abzuwenden.

Aber diese schien fr den Augenblick vorber, wenigstens von ihnen hier
abgelenkt. Des Freundes Anblick ri den Wthenden in etwas zu der ihn
umgebenden Wirklichkeit zurck.

Leifeldt -- Stierna! rief er, mit der linken Hand rasch und heftig das
wirre Haar aus seiner Stirn streichend, und _hier_? -- _hier_? -- nein,
nicht hier -- er ist dort, bei _ihm_, bei _ihm_ -- und ehe Jemand
seine Bewegung htte hindern, ja nur ahnen knnen, was er beabsichtigte,
legte er die Hand auf das Sims des offenen Fensters und war mit _einem_
tollkhnen Satz auf der Strae unten.




13.

Das Rendez-vous.


Die Hhe, von der der Wahnsinnige niedersprang, war ber achtzehn Fu,
aber wie ein Federball schnellte er wieder vom Boden empor, und floh mit
flchtigen Stzen die Strae hinab, dem Hause des Argentinischen Konsuls
zu. Wohl stutzten ein paar Vorbergehende, die den waghalsigen Sprung
gesehen, und auch wohl erst die lauten Stimmen oben im Hause gehrt;
Streitigkeiten sind aber nichts seltenes bei dem heien Blut des
Sdlnders, das Messer trgt er dabei nur gar locker im Grtel, und
rasche Flucht wird oft nthig, dem Gesetz und vielleicht fatalen Folgen
zu entgehen. Zufllig Gegenwrtige vermeiden aber in einem solchen Fall
nichts sorgfltiger, als Zeugen solcher That zu sein. -- Die Gerichte
waren in Chile so weitlufig, wie in der Argentinischen Republik und man
hlt sich gern fern von ihrer kostspieligen Nhe.

So bog Don Gaspar, oder wie wir ihn jetzt lieber wieder bei seinem
rechten Namen nennen wollen, _Morelos_, ungehindert, unbelstigt in die
nchste Strae ein, und stand wenige Minuten spter an der Thre des
Argentinischen Konsuls, die er verschlossen fand.

Den rasch gefhrten Schlgen des Klopfers ffnete ein junger Bursche in
einem Peruanischen Poncho.

Don Guzman ist nicht zu Hause! sagte der Knabe, die Frage nach dem
Konsul beantwortend, wird auch vor Abend schwerlich zurckkommen.

Und der Fremde?

Don Luis de Gomez?

Morelos fate krampfhaft in seine eigene Seite, die Spuren der Ngel
dort zurcklassend, und die Muskeln seines Gesichts zuckten wie unter
dem Schmerz des Scalpells. --

Weshalb lachen Sie, Seor? frug der Knabe erstaunt.

Wo ist Dein Herr? frug der Kranke, sich gewaltsam zusammennehmend.
-- Wie der Schwimmer, mit sinkenden Krften dem rettenden Ufer nah,
noch einmal die Nerven anspannt zum letzten entscheidenden Moment, noch
einmal hineingreift in die Fluth und ausstreicht, und die Zhne fest,
fest aufeinander beit, so fhlte er, da der Augenblick, nach dem sein
ganzes Leben gedrngt, ja dem der Geist, selbst krank und bewutlos,
entgegenstrebt, nahe sei, und nur wenige Minuten Fassung _jetzt_, ihn
siegen lassen mssten.

Oben in seiner Stube im ersten Stock! sagte der junge Bursche, durch
die ruhige Frage wieder getuscht, von dem glhenden, aber ernsten Blick
doch auch zugleich eingeschchtert. -- Gleich rechts die zweite Thr,
rief er dem schon treppauf Springenden noch nach; das Vorzimmer ist
offen!

Der Spanier _fhlte_ mehr die letzten Worte, als da er sie hrte; mit
wenigen Stzen war er oben -- das Vorzimmer stand nur angelehnt, er
ffnete es, drckte es hinter sich ins Schlo und schob den Nachtriegel
vor, und wenige Sekunden spter lag seine Hand auf dem Schlo der
anderen Thre, die in das Zimmer seines Todfeindes fhrte.

Das Herz schlug ihm hrbar in der Brust, aber kein Nerv seines Krpers
bebte, wie das Metall selber so kalt und ruhig, hielt die Hand den
Griff, nur das Auge blitzte in wildem, unheimlichem Feuer und ein
kaltes, fast teuflisches Lcheln zuckte jetzt um seine Lippen.

Leise klopfte er an die Thr, und das laute #entra# von innen warf nur
tiefere Gluth in seine Augen, ohne an seiner Stellung auch nur die
Bewegung einer Muskel zu verndern.

_Er spielte mit seinem Opfer._

Noch einmal berhrte sein gebogener Finger die Thr, und lauter und
ungeduldiger tnte das scharfe Herein des Bedrohten.

Dem Laut nach befand er sich in dem entferntesten Theile des Zimmers,
wie aber statt dem ffnen der Thr zum dritten Mal das Klopfen, nur
etwas lauter als vorher ertnte, schallten rasche Schritte von innen,
doch ehe sie sich vollkommen der Thre nhern konnten, ri sie Morelos
auf und stand im nchsten Moment dicht vor dem, mit einem jhen Ausruf
des Schrecks zurckspringenden Argentiner.

Er wollte schreien, aber das lange, haarscharfe Messer des Feindes
blitzte in dessen Hand und die nchste Sekunde, schien es, sollte
sein Schicksal entscheiden. Doch ber den wunderlich tollen Geist
des Wahnsinnigen war ein anderer Schatten gezogen, oder hatte die
_Gewiheit_ seiner Rache, das _Bewutsein_, den Feind nun endlich im
Bereich seines Messers zu haben, der wild ausbrechenden Wuth, die ihn
sonst nur bei Nennung des bloen Namens befiel, die volle Schrfe
genommen? Ja, er _letzte_ sich jetzt selber an diesem Gefhl und wenn
auch Mord und Blut nur sein erster Gedanke gewesen, als er die Schwelle
betrat, so schien es ihn jetzt zu reuen, gleich mit _einem_ Schlag den
Jahre und Jahre lang aufgebauten Plan seiner Rache zu zerstren.

Bst! sagte er, mit dem warnend emporgehobenen Zeigefinger der linken
Hand -- bst -- Kamerad -- kein Geschrei, die Nachbarn sind munter und
du knntest die Polizei im Schlafe stren -- siehst Du den Gru hier?
und er hielt ihm die blanke Klinge lachend entgegen, vor der der
Unglckliche scheu und entsetzt zurcktrat -- frchte Dich nicht,
Schatz, es thut nicht sehr weh -- den hat mir Felipe fr Dich
aufgetragen.

Was wollen Sie von mir, Unglckseliger? rief jetzt Don Luis in wilder
Angst, denn in den Augen des Wahnsinnigen lag der Tod -- nennen Sie
Ihre Wnsche, und bei der reinen Mutter Gottes, ich will sie erfllen
und kostete es mein halbes Vermgen.

Bst, bst, Kamerad, sprichst zu laut, viel zu laut, flsterte
kopfschttelnd, einen Blick nach der Thre werfend, der Spanier, aber
eine Frage htte ich doch an Dich -- wo ist Constancia? -- und seine
Augen leuchteten und funkelten, als er den Namen aussprach und die Hand
umspannte krampfhaft den Griff des Messers.

Don Luis rang augenscheinlich mit sich selbst, aber die Gefahr war zu
dringend mit seinem Leben zu spielen und er sagte rasch, die einzige
vielleicht mgliche Gelegenheit ergreifend, sich zu retten: --

Wnschen Sie Donna Constancia zu sehen?

Zu _sehen_? rief der Spanier schnell und zornig, nur zu _sehen_?
-- wo ist sie? -- rasch -- unsere Augenblicke sind kostbar.

So will ich Sie zu ihr fhren, sagte Don Luis, zum Tisch tretend und
seinen Hut ergreifend, wir brauchen das Haus nicht zu verlassen.

Bst, bst, Kamerad, lautete aber wieder die Antwort seines wachsamen
Hters, nicht hinaus, mein Bursche, den Weg _dort_ find' ich schon
nachher allein -- wir haben _hier_ noch Wichtigeres mitsammen zu
besprechen. Nicht wahr, das gefiele Dir, aus dem Thor hinaus hier durch
den Hof und in die menschengefllte Strae mit dem Alarmschrei: ein
toller Hund! hinauszuspringen? Eine Frage mut Du mir erst beantworten,
Seor -- eine Frage, die mir in blutigen Zgen die langen Jahre hindurch
im Hirn geschrieben stand und mich, wie die Leute in Buenos-Ayres
behaupteten -- wahnsinnig gemacht hat -- was wurde aus meinem _Bruder_
-- aus meinem _Weib_? --

Don Morelos! rief der Argentiner entsetzt, denn die Blicke des Feindes
sprhten Feuer und es war augenscheinlich, wie er sich nur mit grter
Mhe selber noch zurckhielt auf sein Opfer zu springen. -- Doch halt!
rief da der Unglckliche in seiner Todesnoth, denn ein einziger Gedanke
an Rettung durchblitzte noch seine Seele, Sie wollen Nachricht von
Ihrem _Bruder_ -- _die_ kann ich Ihnen geben.

_Du_? rief der Spanier berrascht, und die Ruhe der Verzweiflung, die
in des Gegners Blicken lag, tuschte den sonst so Schlauen.

Wollen Sie einen Brief von ihm sehen? frug Don Luis.

Einen Brief? -- wiederholte Morelos und strich sich wie trumend mit
den Fingern ber die Stirn -- einen Brief? -- wie ist mir denn -- einen
Brief -- von -- dem -- _Bruder_?

Sie knnen sich berzeugen, sagte Don Luis ruhig, er liegt in jenem
Pult, und wenn ich Sie tusche, mgen Sie thun mit mir, was Ihnen
beliebt.

Er nahm einen kleinen Schlssel von dem Tisch, neben dem er stand, und
schritt langsam an Morelos dicht vorbei, dem Pulte zu, als drauen an
der Vorsaalthr zwei Mal stark geklopft wurde. Don Luis zuckte zusammen,
Morelos lachte.

Gehen Sie an die Thr, Don Luis, sagte er zu diesem, und rufen Sie
hinaus, da Sie beschftigt sind -- der geringste andere Laut, die erste
Bewegung zur Flucht aber -- doch ich brauche Sie nicht zu warnen.

Don Luis schritt in furchtbarer Aufregung zur Thr, gehorsam wie ein
Kind, und diese halb ffnend -- und der Wahnsinnige stand mit der
blanken Waffe dicht an seiner Seite -- rief er laut, wer da drauen sei.

Ich bin es, Seor, rief eine, Morelos wohlbekannte Stimme, ich, Don
Manuel -- ich habe Polizei bei mir und wnschte Sie nur auf wenige
Sekunden zu sprechen. --

ber Morelos Gesicht zuckte ein spttisches Lcheln, aber Don Luis
zgerte -- dort drauen, wenige Schritt von ihm entfernt stand Hlfe,
und er, er mute hier mit einer Lge dem Feind sich selber rettungslos
in die Hnde geben. --

Bitte, Seor, sagte der Spanier, mit kalter Hflichkeit, aber
jubelndem Triumph im Blick.

Ich komme gleich -- warten Sie drauen auf mich, rief der Gefolterte
und trat von der Thr zurck, die er offen lie, Morelos drckte sie
wieder ins Schlo und schob den Riegel vor.

_Den Brief_, sagte er eintnig.

Don Luis wute, es war ihm jeder andere Ausweg abgeschnitten, und
schritt zum Pult. Dieses ffnete er und zog mit beiden Hnden Gefache
auf, in die er hineinschaute -- er nahm mehrere Briefe heraus und sah
ihre Adresse -- Morelos stand dicht neben ihm, und beobachtete jede
seiner Bewegungen.

Hier ist er, sagte er pltzlich, dem Spanier einen derselben
hinberreichend, wie dieser aber mit scheuem Blick die Adresse
berflog, griff des Argentiners Hand tiefer in das Gefach und ein
Pistol herausreiend, das er im Rckspringen spannte und dem Feind
entgegenhielt, schrie er mit der Kraft, die ihm Todesangst und
Verzweiflung gegeben, laut um Hlfe!

Lgner und Narr! rief Morelos, als er den Brief mit wildem Lachen zu
Boden warf und mit dem Fu stampfte -- bete -- denn Deine Seele steht
in wenigen Sekunden vor Gott!

Hlfe! tnte des Unglcklichen Stimme und mit dem Ruf zugleich
schmetterte der Schu dem Angreifer entgegen. Die Kugel traf ihn in die
Schulter, aber was achtete der Tolle einer solchen Waffe. Drauen brach
die Thr zusammen unter dem Andrang der Polizeisoldaten, die den Ruf
gehrt, aber er hrte das Prasseln und antwortete ihnen mit einem
gellenden Triumphschrei, denn unter seiner Hand lag und wand sich das
Opfer und sein Messer whlte in dessen Herzen.

Wenige Sekunden spter warfen sich die Diener des Gesetzes gegen die
innere Thr, die jedoch, strker als die vorige, ihrem ersten Anprall
krftigen Widerstand leistete.

Seid Ihr da? lachte Morelos, sich emporrichtend dem geglaubten Angriff
zu begegnen, aha, meine Burschen, lt Euch das Eichenholz nicht herein?

ffnet, Don Luis -- ffnet, Seor -- im Namen des Gesetzes.

Hahahaha! lachte der Tolle, ffnet Euch selber und holt Euch Don
Luis de Gomez! und das Fenster ffnend, das auf die, rings den Hof
umziehende Veranda fhrte, sprang er auf diese hinaus und floh, das
blutige Messer wieder in seiner Scheide bergend, darauf hin, durch eins
der anderen Fenster vielleicht einen Ausgang zu entdecken.




14.

Die Verfolgung. -- Schlu.


Seine Verfolger waren indessen aber auch nicht mig gewesen. Der
Konsul selber, eben von der Polizei zurckgekehrt, wo er sich
schon einen Verhaftsbefehl und Hlfe verschafft hatte, hrte kaum die
Schreckensbotschaft, da der Wahnsinnige zu seinem Opfer eingedrungen
sei und wahrscheinlich schon sein Schlimmstes gethan habe, sandte
augenblicklich einen Theil der Mannschaft in den Hof, ihn in Empfang zu
nehmen, wenn er dort hinunterspringen sollte, und lie durch eine andere
kleine Abtheilung die Hinterthr besetzen, zu der eine schmale Treppe
von der Veranda niederfhrte.

Don Manuel war beordert, dieselbe anzufhren, und ihm ebenfalls der
Schlssel zu dieser Pforte, die gewhnlich offen stand, anvertraut
worden. Seine Ordre war, diese Thr so rasch als mglich zu verschlieen
und dann das weitere zu erwarten. Don Guzman lie unterdessen Don Luis
Thr sprengen, von wo aus sie den Flchtigen, blieb er nun auf der
Veranda oder zog er sich in eines der Zimmer zurck, leicht erreichen
konnten.

Don Manuel sumte auch nicht, solchem Befehle nachzukommen; galt es ja
noch auerdem die Scharte auszuwetzen von heut Nachmittag, wo ihn der
Tolle berlistet, trotz all seiner Schlauheit; rasch deshalb ber den
Hof eilend, und die Pforte, durch die er dorthin gelangt, ebenfalls
von auen verriegelnd, postirte er seine Leute vor die Hinterthr des
Hauses, ohne weitere Ordre, da er sich ihnen augenblicklich wieder
anschlieen wollte, und er selber lief die Treppe hinauf, die Verandathr
zu schlieen, als er sich in demselben Moment nicht allein in der Nhe,
sondern auch in der Gewalt des Flchtigen fand, der, die Thr bemerkend,
sie gerade aufri, als Don Manuel den Schlssel gehoben hatte, ihn in
das Schlsselloch zu schieben.

Der Chilene stand da wie vom Schlag gerhrt, und die berraschung lhmte
ihm wirklich im ersten Augenblick alle Glieder. Nicht so Morelos, dessen
tollkhner Muth im Nu die sich ihm bietende Gelegenheit ergriff, den
wrdigen Caballero selber, der zu seinem Verderben hierher beordert
worden, zu seiner Flucht zu benutzen.

Ha, Gott zu Gru, Compaero, rief er lachend, indem er mit der Rechten
sein Messer halb aus der Scheide ziehend, dem zum Tod Erschrockenen mit
der Linken auf die Schulter klopfte; schon fertig mit der Besichtigung
jener alten Zimmer? hahaha, Kamerad, es freut mich, Dich gerade jetzt
hier zu finden, ich habe Lust zu einer Spazierfahrt, und _Du_ sollst
mich begleiten -- Ruhe, Bursche, Ruhe! zischte er drohend zwischen den
Zhnen durch, als er sah, wie des Mannes Hand langsam nach dem Grtel
zu schleichen suchte, die erste verdchtige Bewegung, und Du bist ein
Kind des Todes -- _so_ und nun fort.

Und damit den Schlssel aus der widerstandslosen Hand nehmend, ohne
diesen jedoch aus dem Bereich seines Armes zu lassen, schlo er rasch
die Thr hinter ihnen und schritt, seine Hand auf Don Manuels Schulter
haltend, die steile Treppe nieder, die sie bald zur Auenthr brachte.

Die dort postirten Wachen staunten nicht wenig, ihren Fhrer in solcher
Begleitung zurckkomme zu sehen, Morelos war aber nicht der Mann, einem
gewonnenen Vortheil auch einen Moment nur zu entsagen.

Zurck, Caballeros! rief er barsch, als die beiden Wchter nach innen,
jedoch wie im Zweifel, zuspringen wollten, und das Messer schaute
drohend wieder aus seinem Versteck, zurck, oder dieser Herr da ist
eine Leiche -- freiwillig werde ich mich dem Gericht berliefern, und
Don Manuel wird mich begleiten -- Sie aber gehen zurck und sagen das
dem Herrn des Hauses -- wenn er mich zu sprechen wnscht, werde ich auf
dem Polizeigebude zu finden sein. -- Kommen Sie, Don Manuel, und
den Arm des also berraschten ergreifend, der gar nicht wute, ob der
entsetzliche Mensch Ernst mache mit seiner Betheuerung, schritt er mit
ihm die Strae hinunter, whrend die Diener der Gerechtigkeit, vollkommen
verdutzt durch das ernste, zuversichtliche Benehmen des Mannes -- dem sie
berdie nur zu gern aus dem Weg gingen, zurckblieben.

Rasch schritten inde die beiden Mnner die kleine Strae nieder, die
nach der Hauptstrae der Stadt zu fhrte, als sie eine der dort berall
haltenden Droschken berholten.

Halt an, Kamerad! rief Morelos, dem Kutscher winckend, fnf Dollar,
wenn Du mich, so rasch Deine Pferde laufen, die Almendral hinunterfhrst
-- hier, Dein Geld! --

Darf nicht galoppiren, Seor, sagte der Mann.

Trabe dann.

Die Almendral hinunter? frug Don Manuel erschreckt, dorthin lag nicht
das Polizeigebude, ein Blick seines Begleiters aber und ein leises
Drcken von dessen Arm berzeugte ihn bald, wie er willenlos nur zu
gehorchen habe. -- Sie stiegen ein, Don Manuel voran, aber ehe ihm
Morelos folgte, hielt er sich einen Augenblick an dem Schlag des Wagens
fest, er sah todtenbleich aus und es war augenscheinlich, wie er mit
einem furchtbaren Schmerz rang.

Caracho, Seor! rief der Kutscher, der sich nach ihm umschaute, Sie
sind verwundet. --

Ich will eben zum Doktor, Amigo, lchelte der Kranke, und sich
gewaltsam zusammenraffend, hob er sich in den Wagen an Don Manuels
Seite.

Fort, mein Bursche, fort -- und was die Pferde laufen knnen.

Der Kutscher hieb auf die Thiere und im scharfen Trab rasselten
sie eben um die nchste Ecke, als von des Konsuls Haus die Verfolger
niedersprangen.

Schneller -- schneller, Amigo.

Ich darf nicht galoppiren, Seor.

Ich zahle die Strafe, Freund -- Du weit, rzte und Polizei drfen,
und Kranke werden dasselbe Recht haben.[23]

  23: Es ist in Valparaiso nur der Polizei und den rzten erlaubt,
      in der Stadt zu galoppiren.

Der Peon hieb in die Pferde und die Thiere, selber gereizt durch das
stete Strafen der Peitsche, griffen aus in vollem Carrire die Strae
hinunter.

Halt an, Compaero, schrie ein an der nchsten Ecke ihnen begegnender
Polizist entgegen, und versuchte dem Wagen vorzuspringen, aber das
Handpferd bi nach ihm und er fuhr zurck, whrend der leichte Wagen
vorbeistob, als ob ihn die Winde fhrten.

Wo ist das Haus, Seor, die Almendral ist beinah zu Ende, frug der
Kutscher, die Zgel fest in der Hand, den Kopf halb herumwendend.

Weiter! war die einzige Antwort, die er erhielt, und donnernde
Hufschlge wurden schon hinter ihnen laut.

Jetzt hatten sie das Ende der Stadt erreicht und ber eine kleine Brcke
hin donnerte der Wagen den letzten Husern entgegen.

Ist es hier? frug der Kutscher noch einmal, und wandte sich seinem
wunderlichen Passagiere zu.

_Weiter!_ tnte die monotone Antwort -- aber die Worte klangen hohl
und unheimlich.

_Weiter?_ -- ich fahre nicht weiter! rief der Kutscher erstaunt, hier
ist meine Grenze.

Du fhrst, sagte Morelos eintnig, und er htte das Messer nicht
gebraucht, das er aus der Scheide zog; der Blick, mit dem er dem
entsetzten Rosselenker ins Auge schaute, trieb diesem das Blut als
Eis ins Herz zurck.

Wilder hieb er in die Pferde, den schrgen Hgel hinauf keuchten die
Thiere, mit Schaum bedeckt, schnaubend und in die Zgel knirschend.
-- Don Manuel sah sich um -- zehn oder zwlf Reiter waren in kaum
hundert Schritt Entfernung hinter ihnen und ein rascher Satz aus dem
Wagen konnte ihn jetzt aus dem Bereich seines Feindes bringen. Aber
dessen Hand lag auf seinem Arm und ein eignes, unheimliches Lcheln
spielte um seine Lippen.

Die Pferde keuchten und schnoben den Berg hinan -- jetzt hatten sie den
Gipfel erreicht, aber nur einen scheuen Blick warf der Peon zurck und
hieb mit neuer Kraft auf die armen, schon zum Tod erschpften Thiere.

Halt -- Caracho, verdammter! schrie die Stimme eines der vordersten
der Verfolger in wildem Grimm, halt, oder ich reie Dich mit dem Lasso
vom Wagen herunter.

Ein Schlag mit der Peitsche auf die eigenen Thiere war die Antwort
-- das blanke Messer lag neben dem armen Teufel von Peon und er
frchtete weniger die Drohung des Reiters, als den kalten, drohenden
Stahl des entsetzlichen Fremden.

Wieder zog sich der Weg eine kleine Erhhung hinan, und der Kutscher
hieb aufs Neue in seine Thiere, aber deren Krfte waren erschpft.
Das Sattelpferd, mit dem kurzen Lasso am Gurt befestigt, wollte
dem geschwungenen Arm entgehen -- noch einmal warf es sich mit der
Anstrengung aller Sehnen vorwrts, aber die Glieder versagten ihm den
Dienst, und wie es strzte, war es nicht mehr im Stand, sich wieder zu
erheben.

In demselben Moment fast hielten die ersten Reiter neben dem Wagen, und
zwei davon, mit geschwungenem Lasso heranreitend, wandten sich gegen
den entflohenen Mrder.

Im Namen des Gesetzes! rief der Erste, Ihr seid mein Gefangener,
Seor Morelos!

Don Manuel blickte scheu zu ihm auf -- noch immer ruhte seine Hand auf
seinem Arm, und dasselbe kalte Lcheln spielte um die bleichen Lippen
und stieren Augen -- er war _todt_.

Die eigenen Pferde vor den Wagen spannend, und es dem Kutscher
berlassend, seine abgehetzten und fast aufgeriebenen Thiere
nachzubringen, sprengten die Polizeidiener mit der Leiche in die
Stadt zurck.

       *       *       *       *       *

Sechs Monate waren seit jenem Tag verflossen -- es war Frhling in
Valparaiso. -- Die Pfirsichen blhten und der Feigenbaum scho seine
saftigen Bltter; die Natur, durch eine lange Regenzeit wieder frisch
gekrftigt, trieb und keimte in lustigen Knospen und Blumen, und die
Vgel bauten ihre Nester der herrlichen Jahreszeit zu Ehren, und das
groe Fest einer neuen Auferstehung mit zu feiern in Liedern und Liebe.
Warm und sonnig lag der junge Morgen auf der thaubedeckten Flur, und ein
frischer Nachtregen hatte den Staub fortgewaschen von den Grsern, die
jetzt blitzten und funkelten in dem goldenen Licht.

In der von Schiffen berstreuten Bai regte es sich ebenfalls von gar
geschftigem Leben. -- Boote und kleine Fahrzeuge schossen herber und
hinber und besonders um ein mchtiges Schiff drngte die kleine Flotte
bunt bemalter Nachen, Frchte und Provisionen an Bord zu schaffen fr
eine lange Reise.

Von der Gaffel des nach London bestimmten Fahrzeugs flatterte lustig die
englische Flagge; das Vormarssegel war schon gelst, der zweite Anker
schon driftig geworden und die Raaen flogen herum, die Schothrner der
gelsten Segel wurden ausgezogen unter dem frhlichen, jubelnden Singen
der Matrosen, die ja _heimwrts_ gingen.

Auf dem Quarterdeck des Packetschiffs standen alte, liebe Bekannte von
uns, aber der Tod hatte eine tiefe Wunde in die Familienbande der armen
Leute gerissen, und sie zogen heim, um zu versuchen ob vaterlndische
Luft den Schlag vernarben knne, der hier wieder und immer wieder
aufbrach in bitterem Weh.

Es waren Newlands, und vor zwei Monaten hatten sie ihr Tchterlein
hinaufgetragen auf den stillen Gottesacker, zwischen die hohen
beengenden Mauern, die den Schlummer der Todten bewachten.

Bills Vater war wieder in See gegangen und sie nahmen den Kleinen mit
nach England, ihn dort zu einem braven und wackeren Mann heranzuziehen
-- bis sie selber der Todesengel abrufen wrde.

Heute Morgen noch hatten sie von dem blumengeschmckten Grab ihrer Jenny
Abschied genommen und jetzt drckten sie dem letzten Freund die Hand,
der in den letzten schweren Monaten nicht von ihrer Seite gewichen und
Schmerz und Leid redlich mit ihnen, und oft, ach fast noch schwerer als
sie selbst getragen hatte. -- Es war Stierna, der junge Schwede. Bill
wollte den jungen Mann gar nicht von sich lassen, und die alte Dame
hatte seine Hand gefat und flsterte leise.

Und _ihr_ Grab?

Ich kann ihm nicht den heimathlichen Boden geben, sagte der junge Arzt
mit halb abgewandtem Antlitz -- er wollte das Herz der alten Frau nicht
noch schwerer machen als es war -- aber ich will ihr hier eine Heimath
von Blumen bauen, in der fremden Erde -- im _Tode_ wenigstens -- da es
die _Lebende_ dem Freund verweigerte.

Der alte Mr. Newland drckte dem jungen Mann schweigend und tief
ergriffen die Hand.

Seor, es ist Zeit, sagte da der Bootsmann, den Stierna mit
herausgenommen hatte in den Hafen, ihn zurckzubringen ans Land, wenn
das Schiff unterwegs sein sollte -- die Segel waren geblht und mit
einer leichten, aber gnstigen Brise stand das wackere Fahrzeug dem
schmalen Eingang der Bai entgegen, den es in wenigen Minuten erreichen
mute.

Stierna griff noch einmal den Knaben auf und kte seine Stirn, seine
kleinen, schwellenden Lippen, und das Herz wollte ihm fast brechen, wenn
er in _die_ Augen schaute -- noch einmal drckte er die Hnde derer, die
ihm Vater und Mutter geworden waren in der fremden Welt, und wenige
Minuten spter scho der stolze Bau, von den schwellenden Segeln
gefhrt, hinaus in die freie, wogende, offene See -- im Heck des kleinen
Bootes aber, die Augen in den fest dagegen gepreten Hnden bergend, sa
der junge Arzt und weinte wie ein Kind.

_Altenburg_, Druck der Hofbuchdruckerei.




TRANSCRIBER'S NOTE

The table of contents has been moved to the beginning. The spelling
of names has been regularised and missing punctuation added. Obvious
misspellings have been corrected. A few words appear in two different
spellings; these have been retained. Some words now used with the
accusative case were combined with the dative case in Gerstcker's time;
period usage has been retained where contemporary reference books show
this to have been the case.

The following additional changes were made; the original appears in the
first line, the altered version in the second.


ANMERKUNGEN

Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang gesetzt. Namen wurden
vereinheitlicht und fehlende Zeichensetzung ergnzt. Offenkundige
orthografische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Manche Wrter
treten in zweierlei Schreibungen auf und wurden so belassen. In einigen
Fllen treten Wrter heute mit dem Akkusativ auf, wurden zu Gerstckers
Zeiten aber mit dem Dativ verbunden. Wo sich das nachweisen lie, wurde
der damalige Usus beibehalten.

Folgende zustzliche nderungen wurden vorgenommen; das Original ist
jeweils in der ersten, die genderte Fassung in der zweiten Zeile zu
lesen:

 breitschlchtiges
   breitschlchtiges

 die schon lange durgefeilten Eisenstbe
   die schon lange durchgefeilten Eisenstbe

 diesem selbst in seinen Plnen entgegenwirkt
   diesem selbst in seinen Plnen entgegengewirkt

 gegen die Gewalt, die gegen ihm geschehen,
   gegen die Gewalt, die ihm geschehen

 Zwei Lootenfische
   Zwei Lootsenfische

 tiefer und tiefer senkte er sich in seinen Ringen
   tiefer und tiefer senkte er sich in seinem Ringen

 Sr. Excellenz fhrt den trostlosen Krieg
   Se. Excellenz fhrt den trostlosen Krieg

 auf der ein schwarzes Wachtelhndchen (...) hinunterklaffte
   auf der ein schwarzes Wachtelhndchen (...) hinunterklffte

 das monotone Picken der groen Wanduhr
   das monotone Ticken der groen Wanduhr

 Ill' be damned if I did
   I'll be damned if I did

 auf ihn auszuber
   auf ihn auszuben

 Sr. Excellenz, der Gouverneur
   Se. Excellenz, der Gouverneur

 das Erzhlte mit Akkorden (...) seine Geige zu begleiten
   das Erzhlte mit Akkorden (...) seiner Geige zu begleiten

 er htte keins von alle diesem wissen mgen
   er htte keins von alle diesem missen mgen

 ungewohnte Stimmen, und wildes Lachen schalten zu ihm nieder
   ungewohnte Stimmen, und wildes Lachen schallten zu ihm nieder

 ihrem ersten Aprall krftigen Widerstand leistete
   ihrem ersten Anprall krftigen Widerstand leistete

 und den Arm des also berraschten, der gar nicht wute (...)
   und den Arm des also berraschten ergreifend, der gar nicht wute (...)





End of the Project Gutenberg EBook of Der Wahnsinnige, by Friedrich Gerstcker

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WAHNSINNIGE ***

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work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
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Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
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Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


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works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


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editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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