The Project Gutenberg EBook of Liljecronas Heimat, by Selma Lagerlf

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Title: Liljecronas Heimat

Author: Selma Lagerlf

Release Date: January 31, 2010 [EBook #31145]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LILJECRONAS HEIMAT ***




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     Selma Lagerlf


     LILJECRONAS HEIMAT


     Roman


     bersetzung aus dem Schwedischen von Pauline Klaiber


     [Illustration: DBG-Verlags-Logo]

     Deutsche Buch-Gemeinschaft
     G. m. b. H.


     Berlin


     Copyright 1921 by Albert Langen, Munich.




Der Sturm


Am zweiten Weihnachtsfeiertag im Jahre 1800 brauste ein Sturm ber den
Lvseer Bezirk in Vrmland hin, da es zum Erbarmen war. Man konnte
nichts anderes mehr denken, als da alles, was auf der Erde war, mit
Stumpf und Stiel ausgerottet werden sollte.

Kommt nun nicht und sagt, es htten gewi frher schon und auch spter
ebenso heftige Strme gewtet, und jedenfalls sagt das nicht zu einem
alten Bewohner des Lvseer Bezirks, denn die haben von ihrer Kindheit an
immer gehrt, da man einen hnlichen Sturm berhaupt nicht mehr erleben
knnte.

Heute noch knnen sie alle die Zune aufzhlen, die umgeweht, und alle
die Strohdcher, die weggefegt wurden, sowie alle die eingestrzten
Viehstlle, unter deren Dachsthlen dann das Vieh mehrere Tage lang
begraben lag. Auch knnen sie dir alle die Orte zeigen, wo Feuer
ausbrach, dessen man in dem Sturm nicht Herr werden konnte, bis das
ganze Dorf abgebrannt war. Und sie sind auch auf allen den Hhen und
Berggipfeln gewesen, wo Baum an Baum herausgerissen am Boden lag, da es
dort seither gerade wie abrasiert aussieht.

Nun wei man ja wohl, da die Leute zu sagen pflegen: Das sei ein bser
Wind, der nicht wenigstens irgend jemand etwas Gutes bringe. Aber da
dieses auch von dem Sturm am zweiten Weihnachtsfeiertag gelten knnte,
das htte doch wirklich kein Mensch gedacht, denn er richtete ja nur ein
Unglck ums andere an.

Wer aber von allen Menschenkindern am wenigsten glauben wollte, da
dieser Sturm vielleicht auch etwas Gutes bringen knnte, war doch wohl
die Kleine vom Koltorpet. Nein, sie htte es nun und nimmer geglaubt,
als sie am Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertags dort am Waldrand stand
und sah, wie Schnee, Asche, Kehricht und alles, was der Wind mit
fortri, ber das Tal zu ihren Fen wie ein Rauch hinwogte.

Niemals, in ihrem ganzen Leben nicht, und sie war doch schon dreizehn
Jahre alt und ging ins vierzehnte, war ein solches Migeschick ber die
Kleine hereingebrochen.

Sonst gelang es ihr eigentlich immer, bei allem, was ihr widerfuhr,
mochte es noch so schwer sein, ihre gute Laune aufrechtzuerhalten; dies
aber war fast mehr, als sie ertragen konnte.

Ja, wahrhaftig, beinahe wren ihr die Trnen in die groen glnzenden
Augen getreten und ihr ber das blasse, magere Gesichtchen
herabgelaufen!

Das kleine Mdchen war ein wenig vor den Waldessaum herausgetreten, wie
um zu probieren, wie stark der Sturm sei; und sofort zerrte er an ihrem
Kopftuch, trommelte auf ihrer kurzen, weien Schafpelzjacke und wirbelte
ihr das eigengewobene Rckchen so fest um die Beine, da sie beinahe
umgefallen wre.

Sie war nicht allein; die Mutter und Bubi waren auch dabei. Alle beide
waren genau so gekleidet wie die Kleine, in kurzen Jacken aus weiem
Schaffell und in Rcken aus schwarzem steifen Fries. Und anders htten
sie auch gar nicht gekleidet sein knnen, denn die Kleine erbte alle
ihre Kleider von Mutter, und Bubi erbte sie von der Kleinen. Der einzige
Unterschied zwischen den dreien war, da die beiden andern, obgleich sie
ebenso warm angezogen waren wie die Kleine, nicht aus dem Wald
herausgetreten, sondern im Schutz der Bume stehengeblieben waren.

Die Mutter und Bubi hatten ebenso magere, abgezehrte Gesichter wie die
Kleine und auch ebenso klare, kluge Augen, und beide dachten auch
dasselbe wie sie: da dieser Sturm doch ein rechtes Migeschick sei.
Auch waren sie ebenso betrbt und htten am liebsten gleich zu weinen
angefangen.

Aber die beiden drinnen im Walde sahen lange nicht so verzweifelt aus
wie das kleine Mdchen.

Dieses stand gerade auf dem Berggipfel, ihr wit, dort ber dem Bckhof
im Broer Kirchspiel, und sie konnte mit den Augen den Weg verfolgen, der
sich in groen Windungen bis zur Broer Kirche hinunterschlngelt.

Aber was sah sie da? Die Bauersleute, die schon im Schlitten auf dem
Wege nach der Kirche waren, drehten um und fuhren wieder heimwrts. Mehr
brauchte die Kleine nicht zu sehen, um zu verstehen, da Mutter und Bubi
die zwei Meilen bis nach dem Nyhof im Svartsjer Bezirk, wohin sie zum
Weihnachtsschmaus eingeladen waren, ganz unmglich zu Fu zurcklegen
knnten.

Als die Kleine sich das klargemacht hatte, ballte sich ihre Hand in dem
Handschuh ganz unwillkrlich zu einer Faust.

Ach, wenn es nur drinnen im Walde, wo sie wohnten, nicht so ruhig und
still gewesen wre! Wenn sie nur htten ahnen knnen, was das fr ein
Wetter war, ehe sie bis hier an den Waldessaum gekommen waren! Dann
wren sie berhaupt nicht von Hause fortgegangen, und das wre ihr viel
lieber gewesen!

Denn ihr mt wissen, der Kleinen kam nichts erbrmlicher vor, als wenn
sie wieder umdrehen mute und nicht dahin kommen konnte, wohin sie
wollte.

Wenn sie nur wenigstens nicht das ganze Jahr hindurch immerfort an
diesen zweiten Weihnachtsfeiertag, wo sie nach Nyhof gehen durfte,
gedacht htte! Wenn nur nicht gerade in diesem Augenblick die groen
dampfenden Kessel, die langen Tische mit den weien, bis auf den Boden
herabhngenden Tischtchern und den groen Butterbrotbergen darauf vor
ihr aufgetaucht wren! Wenn nur nicht sie und Bubi jedesmal, sooft die
Mutter ihnen nichts zu essen geben konnte, zueinander gesagt htten:
Wenn wir beim Oheim auf dem Nyhof zum Weihnachtsschmaus sind, dann
wollen wir uns aber satt essen!

Ach, ach! Wenn sie daran dachte, da dort drunten jetzt se Suppe mit
Rosinen gekocht wurde, da es da Reisbrei und Kuchen gab und
Eingemachtes und Kaffee mit mrbem Backwerk, und da sie nichts davon
bekommen sollte!

Sie war ber die Maen zornig und wnschte geradezu, es mchte jemand in
der Nhe sein, an dem sie ihren Zorn auslassen knnte. Und sie dachte in
ihrem Herzen, der Sturm htte auch mehr Verstand haben knnen, als
gerade an diesem Tage zu kommen. Festtag war es, da brauchten sie nicht
die Mhle zu drehen, und Winter war es, da brauchten sie nicht auf dem
See zu helfen, sondern waren frei von aller Arbeit. Aber was konnte es
ntzen, wenn sie es auch dem Sturm zurief.

Die Strecke, die sie jetzt vor sich hatten, war die schwierigste vom
ganzen Wege. Von hier ging es abwrts an Helgester vorbei, dann ber
die Brobyer Hgel nach dem Lvsee und der Kirche und ber die groen
Felder des Pfarrhofs, weil dort offenes, unbewaldetes Land war, ber das
der Weg hinfhrte. Wenn sie nur erst dort vorbei waren und sich dann die
Hedebyhgel hinaufarbeiten konnten, dann hatte es keine Gefahr mehr,
denn von da an fhrte der Weg immer durch Wald.

Die Kleine meinte, es sehe doch gar nicht so furchtbar schlimm aus, und
sie mten wenigstens noch einen Versuch machen. Schlimmer als schlimm
knnte es jedenfalls nicht ausfallen.

Sie war sogar ganz befriedigt, solange Mutter dort drben stand und
berlegte. Da war es doch immerhin noch mglich, da sie sich zum
Weitergehen entschlo. Aber o weh! jetzt eben machte Mutter eine
Bewegung, wie um in den Wald zurckzugehen, und Bubi tat
selbstverstndlich ganz wie die Mutter.

Da ging die Kleine in der entgegengesetzten Richtung den Hgel hinunter.
Zuerst ganz langsam, dann aber immer schneller, denn der Wind kam von
hinten her und trieb sie eiligst vorwrts, sie mute geradezu laufen.
Sie htete sich wohl, zurckzusehen; denn sie frchtete, Mutter und Bubi
wrden ihr dann Zeichen machen, sie solle wieder umdrehen. Ja, sie war
fast sicher, da sie ihr jetzt eben riefen, um sie aufzuhalten. Aber
darum brauchte sie sich nicht zu kmmern, denn jetzt, wo sie so recht in
den Sturm hineingeraten war, lrmte und donnerte es um sie her, da sie
gar nichts hren konnte.

Es war nicht wahrscheinlich, da Mutter ihr nachlaufen und sie
festhalten wrde, denn Mutter mute ja Bubi an der Hand fhren, damit er
nicht umgeweht wurde, und so kam sie nicht rasch vorwrts.

Deshalb bekam indes das kleine Mdchen durchaus keine Lust, umzudrehen,
nein, durchaus nicht; aber sie mute sich jetzt doch gestehen, da das
Wetter viel schlimmer war, als sie geglaubt hatte.

ber ihrem Kopfe kamen groe schwarze Vgel mit flatternden Schwingen
dahergesaust, die der Wind vor sich her jagte und ganz zerfetzte;
schlielich hatten sie weder Federn noch Krper mehr. Die Kleine dachte,
so etwas Unheimliches habe sie noch nie gesehen, bis sie schlielich zu
ihrer Verwunderung erkannte, da es groe Strohbschel waren, die von
irgendeinem Dach losgerissen worden waren.

Sooft sie einen Schritt dem Winde entgegen machte, erhob sich dieser vor
ihr wie ein sich bumendes Pferd und wollte sie umwerfen; machte sie
aber einen Schritt mit dem Wind, so stie er sie vorwrts, und sie mute
mit krummen Knien und vorgebeugtem Rcken gehen, um ihm einigermaen
Widerstand leisten zu knnen. Dieses bestndige Ankmpfen machte sie
schrecklich mde, und schlielich hatte sie das Gefhl, als msse sie
einen vollbepackten Karren ziehen.

Und von Norden her kam der Wind und brachte eine Klte mit, als htte er
mit Leichen getanzt. Er war beraus scharf und heftig und drang durch
ihre Pelzjacke und den Friesrock mit Eisesklte in ihren Krper hinein.
Daraus machte sie sich zwar nicht viel; aber sie fhlte wohl, wie ihr
die Zehen in den mit Pechdraht genhten Stiefeln erstarrten, wie ihr die
Finger in den wollenen Fausthandschuhen klamm wurden, und wie ihr die
Ohren unter dem Kopftuch brannten; aber trotzdem ging sie weiter, bis
sie den ganzen langen Hgel hinuntergekommen war. Erst als sie in der
Talsenkung stand, hielt sie an und wartete auf die beiden andern.

Und als diese endlich auftauchten, ging sie ihnen entgegen.

Es wre wohl am besten, wenn wir wieder heimgingen, sagte sie. Denn
den Nyhof knnen wir ja doch nicht erreichen.

Aber nun war Mutter bse und Bubi auch, und sie sagten sich, dieses
kleine Mdchen solle sie nicht nur so regieren und sagen drfen, wenn
sie vorwrts gehen und wenn sie umdrehen sollten.

O nein, sagte die Mutter, wir drehen nicht um; nun sollst du
jedenfalls zum Weihnachtsschmaus kommen, da du sosehr erpicht darauf
bist.

Ja, du sollst so viel Wind zu schlucken bekommen, da du fr viele
Wochen genug hast, fgte Bubi hinzu.

Damit ging Mutter mit Bubi weiter, und die Kleine mute ihnen folgen, so
gut sie konnte.

Als sie den Uvhof erreicht hatten, begegnete ihnen die Wanderlotte und
der Betteljon. Und diese beiden, die sich Sonntags und Werktags in der
Gegend herumzutreiben pflegten und an jegliches Wetter gewhnt waren,
hielten die Hnde wie eine Trompete vor den Mund und riefen den drei
Daherkommenden zu, sie sollten eiligst nach Hause zurckkehren, denn
weiter drunten nach dem See zu sei es eisig kalt, sie wrden da
erfrieren.

Trotzdem gingen Mutter und Bubi weiter. Sie waren noch immer bse auf
die Kleine und wollten, sie solle so recht zu schmecken bekommen, was
fr ein schreckliches Wetter es war.

Jetzt kam ihnen das Pferd von Erik auf Falla entgegen. Es zog einen
leeren Schlitten hinter sich her, denn der Sturm hatte Erik auf Falla
den Hut vom Kopf gerissen; und whrend er um die Zune herumlief, ber
Hofmuerchen kletterte und in den Grben herumkroch, um seines Hutes
wieder habhaft zu werden, war das Pferd des Stillestehens berdrssig
geworden und hatte sich auf den Heimweg gemacht.

Aber Mutti und Bubi sahen aus, als komme ihnen das gar nicht merkwrdig
vor; sie gingen einfach weiter.

Sie hielten auch nicht an, bis sie oben auf den Brobyer Hgeln
angekommen waren. Aber da gerieten sie in einen groen Haufen von
Menschen, Pferden und Schlitten hinein, die hier hielten und nicht
weiter konnten. Denn siehe! die groe Brobyer Tanne, die so hoch gewesen
war, da man sie gerade wie den Gurlittagipfel aus weiter Ferne hatte
sehen knnen, war vom Sturm gefllt worden und lag quer ber den Weg. In
der naheliegenden Brobyer Kirche aber sollten Jan von Gullsa und Britta
von Kringsa getraut werden. Und der alte Jan Jansa von Gullsa und die
alte Mutter von Kringsa sowie die Nachbarn und Verwandten und der
Spielmann Jns und die schne Gunnar von Hgsj und viele andere, die
mit im Hochzeitszug gehen sollten, standen nun da und konnten nicht
weiter. Sie redeten eifrig durcheinander und erklrten, sie seien schon
zweimal von umgewehten Bumen aufgehalten worden; bisher htte man sie
wegschaffen knnen, bei dieser Tanne hier aber wten sie sich nicht zu
helfen.

Der alte Vater von Gullsa ging umher und bot den Leuten Branntwein an;
aber weiter konnten sie deshalb doch nicht. Die Braut war aus dem
Schlitten gestiegen und weinte, weil der ganze Weg zur Kirche so voller
Hindernisse war; und der Wind ri rote Tllrosen und grnseidene Bltter
aus den Borten ihres Kleides, da die Leute, die spter am Tage dieses
Weges durchs Kirchspiel gezogen kamen, nichts anderes glaubten, als der
Sturm habe einen wilden Rosenbusch in einem Zauberwald ausfindig
gemacht, dort die Blumen und Bltter mit fortgerissen und sie ber die
Hecken und Raine gestreut.

Aber Mutter und Bubi hielten nicht an, weil die Tanne quer ber dem Weg
lag; sie krochen unten durch und wanderten weiter, denn sie dachten, die
Kleine werde noch eine ganze Weile nicht genug vom Sturm haben.

Und sie kamen auch wirklich bis zum Kreuzweg und bis zum Brobyer
Gasthaus!

Da erblickten sie die Majorin Samzelius, die mit zwei Pferden in einem
bedeckten Schlitten dahergefahren kam. Und erst als sie sahen, da die
Majorin unter Dach sa, begriffen die beiden wohl ganz, wie schrecklich
das Wetter tatschlich war; denn die Majorin gehrte sonst nicht zu
denen, die sich vor etwas frchteten. Als die Majorin aber der beiden
ansichtig wurde, streckte sie die geballte Faust unter dem Schutzdach
hervor, drohte ihnen und rief ihnen mit einer Stimme, die man noch durch
das Brausen des Sturmes hindurch verstehen konnte, zu:

Mach', da du heimkommst, Marit von Koltorp! Bei so einem Wetter, wo
ich sogar im verdeckten Schlitten fahren mu, darfst du nicht mit deinen
Kindern drauen sein!

Aber Mutter und Bubi dachten, fr die Kleine werde es ganz gut sein,
wenn sie noch eine Weile mit dem Wind kmpfen msse.

Als sie jetzt die Brcke erreichten, die ber den schmalen Sund
zwischen dem oberen und dem mittleren Lvsee fhrte, muten sie ganz am
Brckengelnder hinkriechen. Hier brauste der Sturm schrecklicher denn
je zuvor, und sie wren gewi ins offene Wasser hineingetrieben worden,
wenn sie aufrecht zu gehen versucht htten.

Als sie die Brcke glcklich hinter sich hatten, waren sie halbwegs nach
dem Nyhof, und nun begann die Kleine zu glauben, da sie wirklich noch
zum Weihnachtsschmause recht kommen wrden.

Aber kaum hatte sie das gedacht, als sich auch schon ein neues Hindernis
einstellte. Wahrscheinlich war die heftige Klte auf der Brcke fr Bubi
zuviel gewesen; der arme Kerl war kalt wie ein Eiszapfen. Er warf sich
platt auf den Boden und wollte keinen Schritt mehr weiter. Die Mutter
hob ihn auf, schttele ihn und lief mit ihm ins nchste beste Haus
hinein.

Die Kleine erschrak sehr und lief eiligst hinter der Mutter her. Sie
wute nicht mehr, was sie tun sollte; denn wenn Bubi jetzt erfroren war,
dann war sie schuld daran. Wenn sie nicht gewesen wre, wrden Mutter
und Bubi sicher umgekehrt und nach Hause zurckgegangen sein.

Sie waren indes in ein Haus gekommen, wo unglaublich gute Leute
wohnten, die sogleich sagten, ehe der Sturm sich gelegt habe, drften
die Gste nicht vors Haus hinaus, da knne gar keine Rede davon sein.
Ja, und sie sagten auch, es sei ein wahres Glck, da sie bei ihnen
eingekehrt seien; wenn sie ihren Weg noch bis zur Propstei fortgesetzt
htten, wren sie sicher alle miteinander erfroren.

Es sah aus, als sei Mutter recht froh, da sie nun unter Dach und Fach
waren. Sie sa so befriedigt da, als wisse sie ganz und gar nichts
davon, da drunten auf dem Nyhof jetzt die Bratspiee gedreht und das
Fett von den groen Fleischkesseln abgeschpft wurde.

Nachdem die Hausbewohner ihnen so recht nach Herzenslust gesagt hatten,
wie gut es sei, da die Wanderer bei ihnen eingekehrt waren, fiel es
ihnen ein, zu fragen, warum sie sich denn eigentlich in dem Sturm
hinausgewagt htten, und ob sie vielleicht auf dem Weg zur Kirche
gewesen seien.

Da erzhlte ihnen die Mutter, warum sie unterwegs waren. Sie sagte, sie
htten zu Per Jansa auf Nyhof gewollt; der sei ihr Schwager, obgleich er
ebenso reich sei, wie ihr Mann arm gewesen sei. Am zweiten
Weihnachtsfeiertag halte er immer einen groen Weihnachtsschmaus, und zu
diesem sei sie als Schwgerin selbstverstndlich eingeladen. Sie habe
allerdings von Anfang an das Wetter fr recht schlecht gehalten, aber es
sei ja das einzige Festmahl im Jahre, bei dem sie dabeisein drften.

Als die guten Hausbewohner das hrten, fingen sie wieder zu jammern an
und sagten, die Mutter tue ihnen schrecklich leid, weil sie nun nicht
zum Festmahl bei Per Jansa kommen knnte, denn dort gehe es sicher recht
hoch her; aber in diesem Sturm noch einmal einen Versuch zu machen, das
sei unmglich, sie wrde geradezu ihr Leben aufs Spiel setzen.

Die Mutter stimmte mit ihnen berein, und sie sah aus, als sei es gar
keine Kunst fr sie, hier bei diesen armen Leuten ganz ruhig
sitzenzubleiben, whrend es doch soviel Gutes gab, das auf sie wartete.

Wenn Ihr die Kinder nicht bei Euch httet, knntet Ihr Euch vielleicht
schon bis zum Nyhof durcharbeiten, setzten die Hausbewohner hinzu.

Auch darin stimmte die Mutter mit den Leuten berein. Ja, sie knnte
schon noch zum Festmahl kommen, sagte sie, wenn sie die Kinder nicht bei
sich htte; diese aber wage sie bei diesem Wetter nicht mehr mit
hinauszunehmen.

Nein, nein, es war nichts zu machen; darin waren alle ganz einig, aber
die Mutter tat den Leuten eben doch schrecklich leid. Man sah ihnen
ordentlich an, wie bekmmert sie darber waren.

Da kam der Frau pltzlich ein guter Gedanke, ber den sie sehr froh
wurde.

Ei der Tausend! sagte sie. Wenn Ihr selbst Lust zum Gehen httet,
knntet Ihr ja die Kinder hier bei uns lassen.

Alle beide, die Frau und der Mann, waren ganz beglckt ber diesen
Einfall, und sie konnten gar nicht begreifen, warum sie nicht frher
darauf gekommen waren.

Die Mutter machte zuerst etwas Umstnde, gab aber bald nach. Und dann
wurde ausgemacht, die Kinder sollten den Tag ber und auch die Nacht
dableiben, wo sie waren, und die Mutter wrde dann am nchsten Tage
wiederkommen und sie abholen.

Darauf ging die Mutter, und da sa nun das kleine Mdchen.

Jetzt war also alle Hoffnung zu Ende, sie kam nicht zum
Weihnachtsschmaus, das sah sie wohl ein. Aber was htte es helfen
knnen, wenn sie auch gesagt htte, sie wollte mit der Mutter gehen?
Diese herzensguten Leute, bei denen sie Unterkunft gefunden hatten,
htten sie doch nicht fortgelassen, auch htte man ja Bubi nicht ganz
allein zurcklassen knnen.

Die Hausbewohner versuchten, die Kleine zu unterhalten und sie ein
bichen aufzumuntern; aber sie brachte kein Wort heraus, ja, sie drehte
ihnen den Rcken, stellte sich ans Fenster und richtete ihren Blick auf
zwei groe Birken, die da drauen im Sturme hin und her schwankten.

Gar viele Wnsche stiegen in ihrem Herzen auf, whrend sie da am Fenster
stand. Unter anderem wnschte sie, der Sturm sollte mit aller Gewalt auf
das Haus losfahren, damit es einfiele und sie herauskommen knnte.

Aber, aber -- das sah doch merkwrdig aus! Whrend sie so dastand und
die Birken betrachtete, schienen diese mit jedem Augenblick weniger
heftig hin und her zu schwanken, und zugleich war es auch, als nehme der
Lrm und das Getse ab, das mit dem Sturm daherkam, und als fliege jetzt
nichts mehr, weder Stecken noch Stroh, in der Luft umher.

Die Kleine wute kaum, ob sie ihren Augen trauen drfte; aber jetzt war
es wahrhaftig drauen so ruhig, da die langherabhngenden Birkenzweige
nur gerade noch ein wenig bebten.

Die Hausbewohner schkerten mit Bubi und merkten nichts, bis die Kleine
zu ihnen sagte, jetzt sei der Sturm vorber.

Sie waren ber die Maen erstaunt und sagten sogleich, es sei schade,
da er sich nicht ein wenig frher gelegt htte, dann htten die Kinder
ja auch noch zum Weihnachtsschmause kommen knnen. Wenn sie den ganzen
Tag hier bei ihnen sitzen mten, so sei das kein Vergngen, das wten
sie wohl.

Da sagte die Kleine, wenn man es ihr erlaubte, knnte sie sich jetzt gut
mit Bubi auf den Weg nach Nyhof machen. Es gehe ja immer auf der
Landstrae geradeaus, da knne sie durchaus nicht fehlgehen, und so
mitten am Tag werde ihnen ja sicher auch nichts Bses zustoen.

Diese Leute waren doch wirklich von Herzen gut. Sie wollten keinem
Menschen die Freude verderben, und so lieen sie die beiden Kinder
miteinander abziehen.

Jetzt war alles gut. Das Wetter war still und schn; es ging sich gar
leicht, und es war niemand da, der der Kleinen befohlen htte, im Zimmer
zu sitzen oder umzukehren, wenn sie weiter wollte.

Aber etwas beunruhigte die Kleine doch. Es kam ihr vor, als sinke die
Sonne gar so schnell dort auf der Sdseite gegen den Himmelsrand
herunter. Sie wute nicht, wieviel Uhr es war; aber wie, wenn es nun
schon so spt wre, da man auf dem Nyhof schon bei Tische sa! Und sie
hatten noch eine ganze Meile zu gehen. Wie, wenn sie nun nicht frher
hinkam, als bis es nur noch leere Schsseln und abgenagte Knochen gab?

Bubi war erst sieben Jahre alt und konnte nicht sehr schnell
marschieren. Auch war er nach allem, was er an diesem Tag schon
durchgemacht hatte, mutlos und verzagt.

Als die Kinder in der Talmulde am Fue des Hedebyhgels standen, hielt
die Kleine an und sah nach dem Lvsee hin, der, frisch gefroren, mit
hellem blanken Eis bedeckt vor ihr lag.

Sie fragte Bubi, an welchem Abend es doch gewesen sei, wo Mutter
heimgekommen war und gesagt hatte, der Lvsee sei zugefroren. Mutter sei
sehr berrascht gewesen, da der See schon vor Weihnachten zugefroren
war, und sie habe den ganzen Abend davon gesprochen.

Ja, das ist am Tag vor dem heiligen Abend gewesen, sagte Bubi. Ich
wei es ganz gewi.

Dann ist der See ja schon seit vier Tagen gefroren, entgegnete die
Kleine, da ist das Eis gewi stark genug, uns zu tragen.

Ha, nun kam neues Leben in den Jungen, sobald er begriffen hatte, da
die Schwester den Weg ber den See nehmen wollte!

Ja, ja, komm, wir schlittern bis zum Nyhof ber den See! rief er
vergngt.

Ja, es ist am einfachsten, wenn wir diesen Weg nehmen, da der Nyhof am
See liegt, sagte die Kleine.

Sie war indes doch etwas bedenklich; aber jetzt war Bubi der, der
darauf drang. Vom Weitergehen auf der Landstrae wollte er gar nichts
mehr wissen. Nein, nein, die Schwester sollte sofort mit an den See
hinunter!

Dann mut du zu Mutter sagen, du habest es gewollt, denn ber dich wird
sie nicht bse, sagte die Kleine.

Es war nicht weit zum See, und die beiden Kinder standen bald drauen
auf dem Eis, das glatt wie ein Aal und spiegelblank war, es htte gar
nicht blanker sein knnen. Die Kinder faten einander bei der Hand und
schlitterten nun quer ber den See.

Ei, das war besser als das Gehen auf der Landstrae! Auf diese Weise
kamen sie sicher nach Nyhof, ehe das Festmahl zu Ende war.

Aber dann hrte die Kleine pltzlich ein Brausen und ein Donnern hinter
sich, das sie nur zu leicht wiedererkannte. Sie brauchte sich gar nicht
erst umzudrehen, um zu sehen, was es war, sie fhlte es schon im Nacken.
Der Sturm war es, der sich wieder aufgemacht hatte.

Es war gerade, als htte er sich ruhig verhalten, nur um die Kinder aufs
Eis hinauszulocken; jetzt aber brauste er daher, fuhr auf sie los und
warf sie um.

Nein, es war unmglich, sie konnten auf dem Eise nicht weiter; seit der
Sturm wieder losgebrochen war, konnten sie sich nicht mehr aufrecht auf
den Fen halten, und so blieb ihnen nichts anderes brig, als ans Ufer
zurckzukriechen.

Jetzt htte man eigentlich glauben sollen, der Kleinen wre aller Mut
vergangen; sie war ja mit dem Brderchen in einer verzweifelten Lage.
Wie sollten sie nur wieder zu Menschen gelangen? Auf dem See konnten sie
nicht weiter, und da, wo sie jetzt an Land kamen, fand sich nur ein
steiler Berg und dichter Wald, aber kein Weg.

Ach! und Bubi war so mde und verdrielich ber alles, er weinte nur
noch.

Die Kleine blieb eine Weile am Ufer stehen und sah ganz ratlos aus.

Aber pltzlich fiel ihr ein, wie sie und Bubi daheim oben von ihrem
Berge herunterzufahren pflegten, wenn er ganz mit Eis bedeckt war, und
sofort begann sie Tannenzweige abzubrechen und sie auf zwei Haufen zu
schichten. Dann setzte sie Bubi auf den einen, lie sich selbst auf die
Knie nieder und schob nun Bubi mitsamt den beiden Haufen aufs Eis
hinaus.

Als sie da drauen so recht im strksten Blasewind drinnen waren, setzte
sie sich auf den anderen Tannenzweighaufen, jedes von den Kindern nahm
einen groen Tannenzweig in die Hand und hielt ihn gegen den Wind.

Und hui! sagte der Sturm, und hei! sagte der Sturm. Er schttelte sie
und stie sie auf die Seite, wie wenn er probieren wollte, was er mit
ihnen anfangen knnte.

Dann fate er hart zu, und sie fuhren davon. Und es ging, es ging! Ja,
hurtig wie der Wind ging es, und nun fhlten die Kinder den Sturm gar
nicht mehr. Wenn nicht die Ufer an ihnen vorbeigeflogen wren, htten
sie fast glauben knnen, sie sen ganz stille.

Bubi schrie aus vollem Halse vor lauter Vergngen; aber die Kleine sa
auf ihrem Haufen mit fest zusammengepreten Lippen und sphte eifrig
umher, ob nicht ein neues Hindernis daherkomme, das sich zwischen sie
und den Weihnachtsschmaus stellen wollte.

Das war die schnellste Fahrt, die die Kinder je in ihrem Leben gemacht
hatten. Es dauerte nicht viele Minuten, da hatten sie die Landspitze vor
sich, wo die groen Gebude des Nyhofs aufragten.

Auf dem Hofe wollte man sich eben zu Tische setzen, als die Kinder auf
dem Eise drauen auftauchten. Da liefen alle eiligst hinaus, um zu
sehen, was denn da Merkwrdiges ber den gefrorenen See dahergefahren
kam.

Und man kann sich wohl denken, wie sehr sich alle verwunderten, als sie
die Kinder erkannten. Ja, alle miteinander, Per Jansa und Per Jansas
Frau und der Pfarrer und alle anderen Gste verwunderten sich ber die
Maen.

Die einzige, die nicht gar sosehr berrascht aussah, war die Mutter.

Dieses Mdchen gibt nicht nach, bis es so geht, wie sie es haben will,
sagte sie. Ich hatte eigentlich schon die ganze Zeit erwartet, sie auf
einem Besenstiel durch die Luft daherreiten zu sehen.

Aber von wem die Leute den ganzen Abend sprachen, und wen sie lobten,
und zu wem sie sagten, es werde einmal eine tchtige Hausfrau aus ihr
werden, das war die Kleine.

Die Mutter mute sich eine ganze Weile neben die Pfarrfrau aufs Sofa
setzen und ihr von der Kleinen erzhlen.

Und die Mutter berichtete, so klein sie auch noch sei, so knne sie doch
schon ganz nett spinnen, und Wolle karden knne sie auch, und den ganzen
letzten Sommer hindurch habe sie Beeren gesammelt und nach Helgester
verkauft. Und der Kapitn habe ihr ein Abc-Buch geschenkt, eines von den
Frulein auf Helgester habe ihr dann etwas nachgeholfen, und nun knne
sie lesen und auch schreiben.

Der Pfarrer von Svartsj war viele Jahre lang Witwer gewesen, aber im
vergangenen Sommer hatte er wieder geheiratet. Die neue Pfarrfrau war
klein von Gestalt und hatte schlohweies Haar; aber ihr Gesicht war von
zarter Farbe und ganz ohne Runzeln, niemand htte ihr Alter
festzustellen gewagt. Sie stand in dem Ruf, eine unglaublich tchtige
Hausfrau zu sein; die Leute sagten auch von ihr, wenn sie einen Menschen
nur einmal sehe, wisse sie gleich, was er wert sei.

Diese neue Pfarrfrau sagte zu der Mutter, sie habe schon lnger die
Absicht, ein junges Mdchen ins Haus zu nehmen, die ihre Stieftochter
bedienen sollte, damit das Zimmermdchen mehr ans Weben komme, und dann
fragte sie, ob die Mutter etwas dagegen htte, wenn die Kleine im
nchsten Herbst ins Pfarrhaus kme.

Ob die Mutter etwas dagegen htte? War das eine Frage! Sie konnte sich
kein greres Glck fr ihre Kleine wnschen, als auf Lvdala in Dienst
zu kommen.

Den ganzen Abend hindurch folgte die Pfarrfrau der Kleinen mit den
Augen; es war, als knne sie an niemand anders mehr denken.

Und nach einer Weile rief sie die Mutter wieder zu sich.

Ist es wahr, da das Mdchen schreiben und lesen kann? fragte sie.

Und die Mutter versicherte hoch und teuer, ja, es sei ganz wahr.

Nun, dann machen wir aus, da sie gleich mit nach Lvdala kommt, sagte
die Pfarrfrau. Ihr knnt ja den Weg ber Lvdala nehmen, wenn ihr von
hier wieder heimgeht, und dann kann sie gleich dableiben.

Und so wurde es auch beschlossen.

Aber auch nachher beobachtete die Pfarrfrau die Kleine noch immer gerade
wie zuvor, wie wenn sie sich nicht satt an ihr sehen knnte. Und wieder
nach einer Weile wollte sie abermals mit Marit von Koltorp sprechen.

Wie heit denn deine Kleine? fragte sie.

Sie heit Eleonora, aber wir nennen sie nur Nora.

Und es ist wirklich wahr und nicht nur Grotuerei, da sie lesen und
schreiben kann? fragte die Pfarrfrau wieder.

Nein, nein, versicherte die Mutter, es ist die reine Wahrheit.

Ich habe mir berlegt, da sie gleich heute abend in unserem Schlitten
mit uns nach Lvdala fahren knnte, sagte nun die Pfarrfrau. Es fehlt
uns jetzt eben an einem kleinen Mgdlein, deshalb knnte sie ihren
Dienst ebensogut gleich antreten.

Und wie die Pfarrfrau es wnschte, so geschah's natrlich. Sie gehrte
zu den Menschen, denen man nicht gerne widerspricht.




Die Spinnrocken


Die groe Kastenuhr aus Dalarna, die in der Stube neben der Kche, der
sogenannten Kchenkammer, stand, schlug sechs Uhr mit einem Gerassel,
als wollten die schweren Gewichte bis in die Unterwelt hinunterstrzen.
Daran erwachte die Kleine, die da auf drei zusammengestellten Sthlen
schlief, einem sehr unsicheren Bett, das nach der Ankunft in spter
Nacht eiligst fr sie hergerichtet worden war.

Die Kleine sprang mit einem Schrei von ihrem Lager auf und hielt nicht
an, bis sie mitten im Zimmer stand. Es hatte ihr getrumt, sie liege in
einem Sarg und sollte begraben werden, und die Kirchenglocken luteten
ihr zu Grabe.

Aber als sie mit den Fen auf dem kalten Boden stand, wurde sie sofort
hell wach.

Hoffentlich hatte sie doch niemand schreien hren! Wenn nun jemand hier
im Zimmer mit ihr schliefe! Das wre schrecklich! Wie wrden die
Pfarrmgde sie auslachen, wenn sie erfhren, da sie sich vor der
Wanduhr gefrchtet hatte! Sie begriff gar nicht, warum sie eigentlich so
erschrocken war. Daheim in Koltorp hatten sie allerdings keine Uhr, aber
auf dem Nyhof waren groe Schlaguhren im Saal und auch in der kleinen
Wohnstube; die Kleine wute also wohl, wie es war, wenn eine Uhr schlug.

Es war nicht ganz dunkel in der Kchenkammer. Auf der Feuerstelle in der
Ecke brannten ein paar Holzscheite, bei deren Schein die Kleine sich
umschauen konnte. Nein, auer ihr war niemand im Zimmer. Das schmale
hlzerne Kanapee, wo die Pfarrerstochter, Mamsell Maja Lisa, gelegen
hatte, als die Kleine in der Nacht angekommen war, stand leer und war
berdies auch schon fr den Tag zurechtgemacht.

Aber wenn Mamsell Maja Lisa aufgestanden war, dann war es auch wohl fr
die Kleine Zeit, sich anzuziehen.

Sie wollte noch ein Scheit Holz aufs Feuer legen. Wenn sie bei dessen
Schein nur ihre Strmpfe und Schuhe und die andern Kleidungsstcke
finden konnte, wrde sie bald fertig sein.

Aber sonderbar war es doch! Hier war sie in der Kchenkammer des
Pfarrhauses und zog sich an, und zwar gerade in demselben Lvdaler
Pfarrhaus, wo ihre Mutter einst Kindermdchen gewesen war, ehe sie sich
mit Vater verheiratet hatte. Wrde sie, die Tochter, wohl ebenso gerne
hier sein wie einst die Mutter?

Auf der ganzen weiten Welt gab es nichts, Bubi ausgenommen natrlich,
was die Mutter so liebgehabt htte wie die Pfarrerstochter. Wenn sie von
dieser sprach, war es immer, als redete sie von einer Prinzessin.

Was hatte Mutter alles erzhlt! Die Pfarrerstochter war wunderschn;
wenn sie auf der Strae dahergefahren kam, liefen die Leute von ihrer
Arbeit weg und stellten sich an die Zune, nur um sie zu sehen.

Der Pfarrer hatte groe Macht im Kirchspiel; aber er pflegte zu sagen,
im Vergleich zu seiner Tochter fragten die Leute recht wenig nach ihm.
Er sei nur ein Dahergelaufener, sie aber stamme aus dem alten
Pfarrergeschlecht, das seit hundert Jahren im Kirchspiel ansssig sei,
und sie werde ja auch Lvdala und das ganze Kirchspiel erben.

Die Kleine war manchmal fast ein wenig rgerlich gewesen, weil sie immer
und immer von der Pfarrerstochter hatte reden hren, gerade wie wenn
andere Leute ganz und gar nicht mitzhlten, wenn von ihr die Rede war;
aber nun freute sie sich doch sehr darauf, diese Pfarrerstochter zu
sehen.

Wenn sie nur begreifen knnte, dachte sie, was das fr ein Getse war,
das, solange sie sich ankleidete, immerfort an ihr Ohr drang. Es konnte
doch wahrhaftig nicht der Sturm von gestern sein, der ihr noch in den
Ohren brauste! Oder vielleicht hatte es von neuem zu strmen angefangen?
Aber eigentlich klang das, was sie hrte, gar nicht so recht wie Sturm,
viel eher wie das gleichmige Tosen einer Mhle.

Endlich war sie angezogen, und nun machte sie die Kchentr auf.

Ja, da war es ihr nicht mehr verwunderlich, woher der Lrm kam. Die
ganze Kche war voller Spinnrocken und Spinnerinnen; ein Spinnrdchen
hinter dem andern, eine Spinnerin hinter der andern -- die Kleine konnte
das Ende der Reihe gar nicht absehen.

Sie mute auf der Schwelle stehenbleiben, denn es wurde ihr pltzlich
ganz schwindelig zumute. Drei Spinnrdchen in ein und demselben Raum im
Gang, das war das hchste, was sie bisher gesehen hatte. Aber wie viele
waren hier? Sie fragte sich unwillkrlich, ob sie wohl berhaupt so weit
zhlen knnte.

Es war ziemlich dunkel in der Kche, deshalb war es gar nicht leicht fr
die Kleine, sich zurechtzufinden. Auf einem Rost, der auf einer langen
eisernen Stange am Herd angebracht war, brannten ein paar harzreiche
Knorren von einem Wacholderstumpf; das war die ganze Beleuchtung. Aber
abgesehen von dieser drftigen Helle konnte man auch deshalb schlecht
sehen, weil die Spinnrdchen und Spinnerinnen in eine wahre Staubwolke
eingehllt waren, die vom Spinnen aufgewirbelt wurde.

Doch wie es auch sein mochte, so etwas hatte die Kleine jedenfalls noch
nie gesehen. Whrend sie da auf der Schwelle stand und nach den
Spinnrdchen, den Trittbrettern und Spindeln sowie auf die flinken Hnde
und Finger der Spinnerinnen sah, wurde ihr immer schwindeliger zumute.
Um nun ber den Schwindel Herr zu werden, fing sie an, sich selbst
Fragen vorzulegen; denn das solle man tun, hatte die Mutter gesagt.

Wie viele Strnge werden hier in der Kche nur an einem einzigen
Morgen gesponnen? Und wie viele Bndel Strnge mgen sie schon droben in
der Vorratskammer unter dem Dach hngen haben? Und wie viele Websthle
mssen sie im Frhjahr in Gang setzen, um all dieses Garn zu verweben?
Und wie viele Ballen Tuch mssen sie dann auf die Bleiche hinauslegen?
Und wie viele----

So, jetzt war der Schwindel vorber, und sie konnte sich zwischen die
Spinnrdchen hineinwagen. Es waren gar nicht so unbegreiflich viele, wie
sie zuerst gemeint hatte, aber doch auch nicht nur ein paar. In einer
langen gebogenen Reihe standen sie vom Herd an ganz bis zur Ausgangstr
hin.

Dicht beim Herd und beim Feuerschein sa die Pfarrfrau vor einem
gelbgebeizten Spinnrdchen und spann feine weie Baumwolle. Hinter der
Pfarrfrau kam, soweit die Kleine erraten konnte, die alte Haushlterin,
von der Mutter gesprochen hatte, und die spann Wolle an einem grn und
rot angestrichenen Rad. Hinter dieser saen fnf junge Mgde, die Kchin
und das Zimmermdchen, die Kleinmagd, die Wscherin und die Stallmagd,
und diese alle spannen feinen Flachs an gewhnlichen unangestrichenen
Rdchen. Noch weiter hinten sa eine alte bucklige Einliegerin[1] und
spann Werg an einem alten schlechten Rad. Und ganz zuletzt, dicht neben
der Kchentr, in dem kalten Zug vom Flur her und fast vollstndig im
Dunkeln, sa noch eine Person und spann. Sie hatte ein Spinnrad vor
sich, an dem drei Speichen ausgebrochen, die Treibschnur oft
zusammengeknpft und das Trittbrett ganz ausgeleiert waren, und spann
das ganz grobe Werg, das so klumpig und so voller Spelzen war, da man
sich anderswo nicht die Mhe gegeben htte, es noch auf einen Wocken zu
binden. Aber die Spinnerin, die an diesem Rad sa, schien das grobe Werg
ebenso leicht und gewandt zu spinnen, wie die andern den feinen Flachs
spannen.

[Funote 1: Gemeindearme. In frheren Zeiten, ehe man in Schweden die
groen Armenhuser hatte, die jetzt auf dem Lande ganz allgemein sind,
wurden die Armen einer Gemeinde den Hfen zugeteilt. Sie wohnten eine
bestimmte Anzahl von Wochen auf einem Hofe, dann auf einem zweiten und
so fort, bis sie wieder auf dem ersten ankamen. Wenn der Einlieger
oder die Einliegerin noch krftig genug waren, halfen sie bei der
Arbeit auf dem Hofe. Bisweilen wurden sie krank oder bettlgerig, wurden
aber trotzdem, wenn ihre Zeit um war, nach dem nchsten Hofe gefahren.]

Wer dies sein mochte, konnte sich die Kleine durchaus nicht denken,
schlielich meinte sie, es sei wohl ein Mdchen, das zum Spinnenlernen
im Pfarrhaus sei.

Du Arme, dachte sie. Dir geht es nicht gut. Du stehst offenbar bei
der Pfarrfrau nicht hoch in Gunst.

Auer diesen eben Aufgezhlten war niemand in der Kche, und jetzt wute
die Kleine gar nicht mehr, wie sie sich zuerst hatte einbilden knnen,
es seien so unendlich viele.

Alle miteinander spannen und spannen. Wenn Mutter spann, dann sang sie
dazu, oder sie erzhlte Geschichten, hier aber waren alle muschenstill.

Jetzt winkte die Pfarrfrau die Kleine zu sich heran. Sie sollte ihr aus
einem Korbe, der auf dem Boden stand, gekardete Baumwolle reichen, damit
sie sich nicht mehr zu bcken brauchte.

Damit mute die Kleine unendlich lang fortmachen; die Rder schnurrten
um sie her, die Trittbretter gingen auf und nieder, und die Spindeln
schwirrten im Kreise herum; es wurde der Kleinen allmhlich wieder
schwindelig, und um sich des Schwindelgefhls zu entschlagen, mute sie
sich wieder ntzliche Fragen stellen.

Wie viele Strnge Garn knnen hier an einem einzigen Morgen gesponnen
werden? Und wie viele Bndel Garnstrnge mgen sie schon droben hngen
haben--

Aber wie, sie hatte ja die Pfarrerstochter gar nicht gesehen! Diese
htte doch eigentlich ebensogut wie die Pfarrfrau hier sitzen und
spinnen sollen! Aber es war vielleicht dumm, wenn sie glaubte, Mamsell
Maja Lisa sitze hier und spinne mitten unter den Mgden; dazu war sie
natrlich zu vornehm. So ein kleines Prinzechen wie diese
Pfarrerstochter!

Sie sollte ja Lvdala und das ganze Kirchspiel erben. Ja, die sa wohl
auf dem Sofa in der guten Stube und stickte seidene Blumen auf
Seidenbrokat.

Aber was war denn das? Jetzt hatte sicher eine von den Spinnerinnen
etwas Ungeschicktes gemacht. Die Pfarrfrau drehte ein Mal ums andere den
Kopf nach der Tr.

Indessen war ziemlich viel Zeit vergangen, und der Tag begann zu
grauen. Ein blasses Morgenlicht drang durch die kleinen Fensterscheiben
herein. Sogar ganz drinnen in der Kche, da, wo die Kleine stand, konnte
man jetzt sehen, da die Spinnerin, die ganz auen an der Tr sa, zu
arbeiten aufgehrt hatte. Sie schlief nicht, sondern sa mit der Hand
auf dem Rad und starrte geradeaus; aber dabei war es doch, als she sie
von dem, was in der Kche war, gar nichts.

Und soviel war sicher, sie wute nicht, da die Pfarrfrau aufmerksam
darauf geworden war, da sie ihr Rdchen stillstehen lie.

Diese Spinnerin hatte ein besonders sanftes, liebes Gesicht und ein paar
groe ernste blaue Augen. Sie sah nicht aus, als htte sie aus
Nachlssigkeit in ihrer Arbeit innegehalten, sondern weil sie eine Weile
stillsitzen und nachdenken mute.

Aber mit jeder Minute, die so verging, kniff die Pfarrfrau die Lippen
fester zusammen. Sie sah allmhlich ganz hart aus, man konnte sich
ordentlich vor ihr frchten.

Jetzt hielt sie ihr Spinnrad an und stand auf. Die andere aber, die noch
immer still dasa, merkte gar nicht, da die Pfarrfrau zwischen den
Spinnrdern hindurch auf die Tr zukam. Sie rhrte sich nicht, bis die
Pfarrfrau vor ihr stand und ihr die Hand auf den Nacken gelegt hatte.

Da stie sie einen kleinen Schrei aus und versuchte sich mit der Hand
frei zu machen. Aber die Pfarrfrau hielt den schlanken Hals fest umfat;
mit der einen Hand hob sie der Spinnerin den Kopf auf, mit der andern
ri sie eine Handvoll Werg aus dem Wocken, drckte dieses auf das
Gesicht der Spinnerin und fuhr ihr damit rund im Gesicht herum, wieder
und wieder.

Arbeiten wir nicht etwa alle miteinander nur fr dich? sagte sie mit
rauher, harter Stimme. Und dann sitzest du hier und schlfst!

Beinahe htte die Kleine einen Schrei ausgestoen. Nein, nein, das war
unmglich! War das die Pfarrerstochter? Aber es konnte ja nicht anders
sein, fr jemand anders konnte hier doch nicht gearbeitet werden!

Schlielich schttelte sie die Pfarrfrau noch einmal heftig, warf dann
das Wergbndel auf den Boden und kehrte wieder an ihren Platz zurck.

Aber in diesem Augenblick stand die Haushlterin und mit ihr die fnf
Mgde und die Einliegerin von ihren Sthlen auf und schoben die
Spinnrder zurck.

Da wendete sich die Pfarrfrau an die alte Haushlterin und sah sie
verdutzt an.

Ich denke, die Frau Pfarrer wei, da das Gesinde whrend der
Weihnachtsfeiertage nicht zu spinnen pflegt, sagte die Haushlterin.
Da pflegen wir frei zu haben und drfen fr uns selbst arbeiten. Und
die Frau Pfarrer wei auch, wenn wir zum Herrn Pfarrer gehen und ihn
fragen, so sagt er, wir sollen es so haben, wie es frher gewesen ist.
Jetzt haben wir den ganzen Morgen gesponnen, weil Mamsell Maja Lisa uns
gebeten hatte, der Frau Pfarrer zu Willen zu sein; aber nun hren wir
auf, weil wir sehen, da die Frau Pfarrer trotzdem gerade wie sonst
gegen sie ist.

Als dies gesagt war, hoben die Haushlterin und alle fnf Mgde und die
Einliegerin ihre Spinnrocken auf, um sie aus der Kche hinauszutragen.

Aber die Pfarrfrau sprang auf und stellte sich vor die Kchentr.

Mit meinem Willen kommt kein einziges Spinnrad zur Kche hinaus, sagte
sie.

Doch die alte Haushlterin fhlte, da sie das Recht auf ihrer Seite
hatte; ohne Zgern trat sie auf die Pfarrfrau zu, und es sah aus, als
sollte sich im nchsten Augenblick etwas Schreckliches ereignen.

Aber siehe! statt dessen geschah etwas ganz Unerwartetes.

Die Pfarrfrau lie ihre Augen umherlaufen, wie um zu entdecken, ob ihr
jemand zu helfen gewillt sei, und da fiel ihr Blick auf die Kleine. Aber
als sie sah, da das Mdchen sie ganz entsetzt anstarrte, wie wenn sie
eine Hexe she, war sie pltzlich wie umgewandelt.

Sie trat von der Tr zurck, gerade in dem Augenblick, wo die
Haushlterin nur noch einen Schritt von ihr entfernt war.

Recht soll Recht bleiben, sagte sie. Wenn es so ist, wie Kajsa sagt,
und ihr an Weihnachten frei habt, dann soll es jetzt auch so sein. Aber
ihr httet wohl hbsch ordentlich mit mir reden knnen, anstatt so auf
euer Recht zu pochen.

Wir werden das nchste Mal daran denken, versetzte die Haushlterin
grimmig.

Aber es kam zu keinem Wortwechsel, denn in diesem Augenblick erklang
eine kleine Glocke aus den Zimmern heraus.

Da klingelt der Herr Pfarrer zum Morgensegen, sagte die Haushlterin;
wir mssen die Spinnrder bis nachher stehenlassen.

Das Gesinde ging auf den Flur hinaus; aber die Kleine blieb wie
angewurzelt stehen und rhrte sich nicht. Ja, war es denn mglich? Die
Spinnerin, die ganz dort hinten an der Tr sa und das grbste Werg
spann, die sollte die Pfarrerstochter sein! Das war ja ewig Snde und
Schande. Wenn das Mutter wte!

In einer langen Reihe verlie das Gesinde die Kche, und es ward leer in
dem groen Raum. Da streckte die Pfarrerstochter, die ganz zuletzt
hinausging, der Kleinen pltzlich die Hand hin und sagte:

Du kommst doch auch mit zum Morgensegen, nicht wahr?

Ach, wie freundlich war diese Stimme und wie fein und weich die Hand!
Die Kleine legte die ihrige zuerst ganz schchtern hinein; aber whrend
die beiden dann so durch den Flur gingen, schlangen sich die Finger des
kleinen Mdchens fester und fester um die Hand der Pfarrerstochter, und
als sie unter der Tr von des Pfarrers Studierzimmer standen, beugte
sich die Pfarrerstochter zu der Kleinen herunter und sagte:

Wie ich hre, bist du die Tochter von meinem alten Kindermdchen, der
Marit von Koltorp.

Ja, antwortete die Kleine, und ich bin gekommen, Euch zu helfen.

Da lchelte die Pfarrerstochter. O ja, ich brauche allerdings jemand,
der mir hilft, sagte sie.




Der Svartsj


Alle fnf Mgde saen, mit dem Nhring am Finger sowie Wachs und Nhgarn
neben sich, in der Kche und flickten ihre alten Kleider. Es ging ihnen
gewi wie den Schneidern, die gerne hoch sitzen, wenn sie nhen, denn
sie waren alle auf die hohe Tischbank hinaufgekrochen, nur die alte
Haushlterin sa auf einem Stuhl.

Die Kleine stand am Fenster und sah hinaus. Vor ihr lag ein weiter
Hofplatz mit gebahnten Wegen zwischen hohen Schneewllen. Ringsum
standen groe Gebude, und die Kleine versuchte sie nach der
Beschreibung, die ihre Mutter davon gemacht hatte, zu erkennen. Das
lange niedere Haus, dem Hauptgebude gerade gegenber, war wohl das
Wirtschaftsgebude, auf der Ostseite lagen die Stlle und das Waschhaus
mit der Braukammer auf der Westseite. Die Huser standen nicht alle
dicht beieinander; aber es lief ein Zaun dazwischen hin, so da man
nicht anders in den Hof hineinkommen konnte als durch enge Gattertren,
die jetzt im Winter offen standen. stlich von den Stllen konnte die
Kleine die Dcher und Giebel von einer ganzen Anzahl von Gebuden sehen,
die um einen noch greren Hofplatz her standen. Dort waren die
Schweine- und Schafstlle, das Vorratshaus und das Magazin; die
Kornspeicher, Scheunen und Tennen und Holzschuppen sowie das Gesindehaus
fr die Knechte und die Geschirrkammer. Mehrere von den Gebuden standen
auf Pfosten, andre hatten Treppen, die sich auen an der Giebelwand
hinaufschlngelten und zu niedrigen Bodenrumen fhrten. Wohin das
Mdchen sah, waren Anbaue und Verbindungsgnge, Bodenkammern mit kleinen
dunklen Fenstern und langen ringsherumlaufenden Altanen. Die meisten
dieser Gebude hatten dicke Stroh- oder Rasendcher, die aber jetzt hoch
mit Schnee bedeckt waren. ber dem Ganzen lag ein stiller Friede, als
lgen die alten Huser im Winterschlafe.

Eine der Mgde war erst vor kurzem eingetreten, und sie war berdies aus
einem andern Kirchspiel. Diese htte nun wohl gerne die ruhige Stunde
bentzt, um etwas ber die Herrschaft zu erfahren. Sie hatte eine Frage
um die andere ber die Pfarrerstochter und die Pfarrfrau und ber den
Pfarrer laut werden lassen, aber immer keine Antwort erhalten. Alle
andern nhten mit fest geschlossenen Lippen und taten, als wten sie
gar nichts.

Schlielich mute die neue Magd doch gemerkt haben, da sie nichts aus
ihnen herausbringen konnte, und so begann sie nach anderem zu fragen.

Warum denn das Kirchspiel Svartsj heie. Sie knne gar nicht
begreifen, wonach es so genannt worden sei. Svartsj komme doch von
einem See her, und sie habe gehrt, es gebe auer dem Lvsee noch drei
Seen in diesem Sprengel, aber keiner von ihnen heie Svartsee, soviel
wisse sie.

Na, diese Frage wre nicht gefhrlich zu beantworten gewesen, aber zum
Unstern hatte keine von den Mgden je gehrt, woher das Dorf seinen
Namen hatte, und es sah aus, als sollte die neue Magd auch hier nicht
mehr erfahren als bei ihren andern Fragen.

Doch nun legte die alte Haushlterin ihre Arbeit nieder und nahm die
Brille von der Nase.

Es ist gar nicht so sonderbar, wenn das Kirchspiel Svartsj heie,
sagte sie, denn es hat seinen Namen wirklich von einem See, der in
frheren Zeiten hier gewesen, jetzt aber ausgetrocknet ist.

Die neue Magd war gewi auerordentlich froh, da sie endlich eine
Antwort erhalten hatte. Und so fragte sie rasch, wo in dem Sprengel denn
der See gelegen habe.

Nun, gerade dort in der Talmulde vor Lvdala, antwortete die
Haushlterin, und dabei wendete sie sich gegen das nach Sden gehende
Fenster und deutete hinaus. Sie meinte auch, das Wasser sei bis zu dem
Hgel unterhalb des Waschhauses gegangen. Dort sei wenigstens so feiner
Sandboden, wie man ihn sonst nur an Seeufern finde.

Die neue Magd wendete den Kopf nun auch dem Fenster zu. Das Wohnhaus lag
auf einem so hohen Hgel, da die andern Gebude nicht alle Aussicht
verdeckten. ber das Scheunendach weg konnte man ein Tal sehen, das sich
meilenweit eben und flach hinzog.

Aber sie wollte nicht glauben, was die Haushlterin gesagt hatte.
Dieser ebene Boden sollte ein ausgetrockneter Seegrund sein? Wie
sonderbar! Sie habe doch immer gedacht, wo einmal ein See gewesen sei,
da msse es steil und tief hinuntergehen.

Die Haushlterin widersprach ihr nicht. Es war ihr einerlei, was das
Waschmdchen glaubte, und sie hatte ja nur gesagt, was sie wute.

Darauf setzte sich die Haushlterin die Brille wieder auf die Nase und
machte sich aufs neue an ihre Arbeit.

Die neue Magd lchelte verchtlich. Es war doch merkwrdig, da alte
Leute keinen Widerspruch vertragen konnten. Was ihnen gerade zu sagen
einfiel, das sollte man ihnen aufs Wort glauben.

Keines von den andern Mdchen sagte ein Wort, um der Haushlterin
beizustehen, und es war jetzt ganz still in der Kche. Die Kleine jedoch
hatte die grte Lust zu erzhlen, was sie von diesem Svartsee wute;
aber sie war nicht sicher, ob es passend wre, wenn sie sich in das
Gesprch mischte.

Da ging die Tre der Kchenkammer auf, und Mamsell Maja Lisa trat in die
Kche.

Zuerst sagte sie nichts, sondern betrachtete still die fleiigen Mgde.
Dann ging sie zu der Kleinen hin, die die ganze Zeit am Fenster
stehengeblieben war.

Du, Nora, begann sie, indem sie sich zugleich auf den hlzernen Stuhl
am Fenster niederlie und die Hand der Kleinen zwischen ihre beiden
nahm, sag' einmal, bist du weit herumgekommen, und hast du auer dem
Lvsee auch noch andere Seen gesehen?

Die Kleine wurde blutrot, weil die Pfarrerstochter sie anredete, und sie
vermochte nur gerade so laut zu sprechen, da man es in der Kche
vernehmen konnte, als sie antwortete: O ja, sie habe schon sehr viele
Seen gesehen, mehr als sie berhaupt zhlen knne.

Dann knntest du mir den Gefallen tun und an einen von ihnen denken,
sagte die Pfarrerstochter. Du darfst denken, an welchen du willst, nur
mu er lang und schmal sein und zwischen zwei langen bewaldeten
Bergrcken liegen.

Die Kleine drckte das Kinn auf die Brust und starrte auf den Boden.
Aber bald sah sie wieder auf; jetzt hatte sie sich einen gedacht.

Die Pfarrerstochter warf ihr einen schelmischen Blick zu, aber ihre
Stimme klang noch immer ungeheuer ernst.

Siehst du ihn auch richtig vor dir? fragte sie. Siehst du, wie ein
kleiner glnzender Bach von Norden herkommt und sich in den See
hineinstrzt, und wie sich dieser weit drunten nach Sden verengert, bis
schlielich nicht mehr davon brigbleibt als ein anderer kleiner Flu?

Ja, ja, die Kleine sah es.

Nun, wenn du so viel siehst, dann siehst du wohl auch, wie sich die
Ufer mit groen Buchten und Einschnitten hinziehen, fuhr die
Pfarrerstochter fort. Da und dort springen schmale, schne Landzungen
vor, wo Hngebirken stehen, die sich ber das Wasser neigen. Und drauen
im Wasser liegen kleine steinige Holme, die ganz mit Faulkirschenbumen
und Ebereschen bewachsen sind, die im Frhjahr immer ber und ber im
herrlichsten Bltenschmuck stehen, da sie aussehen wie junge Brute im
Festgewand.

Ja, ja, die Kleine sah alles, was die Pfarrerstochter von ihr verlangte.

Mamsell Maja Lisa warf einen Blick zum Fenster hinaus und ber das lange
Tal hin. Dann wendete sie sich wieder dem kleinen Mdchen zu und
lchelte; aber ihre Stimme hatte einen besonderen Nachdruck, als sie
wieder sprach, wie wenn die Kleine auf das, was sie jetzt sagte, ganz
besonders aufpassen sollte.

Wenn du das alles siehst, dann siehst du wohl auch, da auf der einen
Seite ein sandiges Ufer ist, wo sich viele Kinder tummeln, die den
ganzen Sommer lang dort baden, und da an einer andern Stelle eine hohe
Felsenwand aufragt, auf der groe dunkle Tannen wachsen mit mchtigen
dicken Wurzeln, die wie Schlangen umeinander geschlungen sind. Und
wieder an einer andern Stelle siehst du wohl auch ein Sumpfland, wo
dichtes Erlengebsch steht, durch das man kaum hindurchkommen kann, und
wieder hinter diesem liegen die schnen ebenen Wiesen, wo das Vieh
weidet.

Und die Kleine war nicht ungeschickt, sie sah alles miteinander.

Wenn du so viel siehst, fuhr die Pfarrerstochter weiter fort, dann
siehst du wohl auch die groen Klippen am Uferrand, wo die Leute sich an
den Sonntagen aufstellen und ihre Angeln auswerfen, um Barsche zu
fangen. Und ebenso wirst du die kleinen Einbume sehen, die am Ufer
angebunden liegen, und die kleinen Fischerhuschen, die alt und grau und
windschief drauen auf den Landspitzen stehen.

Ja, ja, sagte die Kleine eifrig; sie sah alles und noch mehr dazu.

Nun, wenn du so viel siehst, dann siehst du wohl auch, da rings um den
See her gleichsam ein ganzer Ring von Bauernhfen mit ckern und Wiesen
liegt; aber sie liegen nicht so nahe am See wie die Fischerhtten,
sondern ein gutes Stck weiter im Land drinnen. Und oberhalb der
Bauernhfe liegen Birkengehlze und abgeschwendetes Land; aber dann
setzen Tannenwlder ein, und diese klettern an den Bergen hinauf bis zu
den hchsten Gipfeln.

Jawohl, auch das sah die Kleine.

Jetzt wurde die Pfarrerstochter auf einmal nachdenklich; dann aber fuhr
sie fort:

Nun kommt das Schwierigste. Siehst du, wenn nun eines Tages dieser See,
an den du gedacht hast, austrocknen wrde, da sich auch nicht ein
Tropfen klares Wasser mehr darin fnde, wie wrde es dann da aussehen,
wo der See vorher war? Sag', wie denkst du dir das?

Darauf aber konnte die Kleine keine Antwort geben; sie sah nur die
Pfarrerstochter starr an.

Ja, ich wei es selbst auch nicht so genau, sagte diese. Aber ich
denke mir's so: Nachdem ein paar Jahre vergangen waren, wuchs allmhlich
Gras auf dem Seegrund, und dann nahmen die Menschen sich seiner an; sie
bebauten und verteilten ihn, und er wurde von Zunen und Wegen
durchkreuzt wie anderes Land auch. Im brigen aber blieb das meiste so
ziemlich, wie es war.

Die Kleine starrte gerade vor sich hin; sie sah gewi ganz abwesend aus.

Du bist gewi schon in der guten Stube auf Helgester gewesen und hast
dort den groen goldenen Spiegel gesehen, der zwischen den Fenstern
hngt? Das Glas ist vor einigen Jahren in Stcke gegangen, und da der
Hauptmann kein Geld hatte, ein neues Spiegelglas einsetzen zu lassen,
hat er den Holzboden mit grnem Tuch berzogen, der goldene Rahmen aber
blieb wie vorher. Der einzige Unterschied ist, da jetzt kein Spiegel
mehr darin ist.

Die Kleine warf einen hastigen Blick auf die Pfarrerstochter; sie fing
an zu verstehen.

So war es wohl auch mit dem See, von dem wir gesprochen haben, fuhr
die Pfarrerstochter fort. Alles, was am Strand war, blieb ja da,
obgleich der Wasserspiegel, der in der Mitte lag, verschwunden war. Die
Hngebirken blieben auf den Landzungen, obgleich nichts mehr da war,
worin sie sich htten spiegeln knnen, das sandige Ufer blieb liegen, wo
es lag, obgleich niemand mehr hinkam, um in den Sommertagen da zu baden;
und die Steinblcke, auf denen die Angler ihre Pltze hatten, sind wohl
auch noch da, obgleich niemand mehr darauf steht und Fische herauszieht.
Die kleinen Ebereschenholme blieben auch, wo sie sind, obgleich
umgepflgte cker um sie her liegen, und alle Hfe rings um den See
herum stehen auch noch auf dem alten Platz, obgleich die Jugend, die
darin wohnt, an den schnen Sommerabenden nicht mehr aufs Wasser
hinausrudern kann.

Ja, auch darin konnte ihr die Kleine folgen.

Aber jetzt wendete sich die Pfarrerstochter rasch dem Fenster zu.

Sieh nun hinaus, Nora, und ihr andern auch, sagte sie, indem sie auf
das Tal hinaus deutete. Was meint ihr wohl, da das sei, was ihr da
unten seht?

Und siehe! als die Kleine jetzt hinausschaute, sah sie mit einem Blick
alles, was die Pfarrerstochter beschrieben hatte. Da lag der ebene
Seegrund und rings um ihn herum der alte Uferrand, der sich in langen
Buchten und Einschnitten hinein- und herauszog. Da waren die Landzungen
mit ihren Birken sowie die kleinen Gehlze, die in frheren Jahren Holme
gewesen waren, mitten zwischen den ckern, und da ragte auf der einen
Seite der steile Berg mit dem Tannenwalde auf und auf der andern die
dichten Erlengebsche. Auf halber Hhe des Berges sah die Kleine den
ganzen Kreis der Bauernhuser und den bewaldeten Bergrcken und die
abgeschwendeten Pltze -- kurz alles war da, nichts fehlte.

Die Mgde standen hinter der Kleinen und schauten auch hinaus, und auch
sie sahen alles genau ebenso.

Wie sonderbar, da sie vorher gar nicht acht darauf gegeben hatten!

Es war doch wohl wahr, da der Svartsee da gelegen hatte. Das war der
alte Seegrund, es war ganz deutlich.

Jawohl, das ist in der Tat der alte Seegrund, schlo die
Pfarrerstochter. Dies ist der Spiegel, der einstens hier unterhalb
Lvdala lag, und der sein Glas verloren hat. Viele, viele denken, es sei
sehr schade, da das Glas nicht mehr da ist, und da der Spiegel kein
Spiegel mehr ist.

Aber jetzt brannte die Kleine vor Begierde, erzhlen zu drfen, was sie
von dem See wute; sie konnte es nicht lnger zurckhalten.

Mutter sprach auch oft von dem See, der hier unterhalb Lvdala gelegen
haben soll, sagte sie.

Ach so, sagte die Pfarrerstochter. Ja, du hast wohl von deiner Mutter
viel von Lvdala gehrt.

Mutter sagte, fuhr die Kleine fort, und sie sprach sehr schnell, drei
Dinge habe der See damals, als er eintrocknete, zurckgelassen. Das eine
sei der kalte Zugwind, der da immer im Tal spiele, das zweite sei der
kalte Nebel, der im Herbst aufsteige, und das dritte sei--

Aber was das dritte war, durfte die Kleine nicht sagen, denn die
Pfarrerstochter unterbrach sie rasch.

Ach, wenn es weiter nichts ist, sagte sie, das wissen wir schon
vorher.




Schneewittchen


I

In der Kchenkammer zu Lvdala wurde so gekichert und geplaudert, da
die Kleine kein Auge schlieen und unmglich einschlafen konnte,
obgleich sie in dieser Nacht in einem richtigen kleinen Bett schlief,
das ihretwegen hereingestellt worden war.

Anna Brogren, Mamsell Maja Lisas Pflegeschwester, die den Propst
Lvstedt in Ranster geheiratet hatte, war auf Besuch gekommen und
wollte ber Nacht dableiben. Sie sollte eigentlich droben im
Giebelzimmer schlafen; aber kaum waren der Pfarrer und die Pfarrfrau
zur Ruhe gegangen, als sie auch schon in die Kchenkammer
heruntergeschlichen kam.

Sie hatte wohl allein mit Mamsell Maja Lisa plaudern wollen und war
hchst bestrzt, als sie die Kleine in der Kchenkammer in ihrem Bett
liegen sah.

Einmal ums andere kam sie herbei, um zu sehen, ob sie schlafe.
Schlielich schlo die Kleine die Augen und lag muschenstill, denn es
war ihr sehr zuwider, da sie den andern ein Hindernis sein sollte.

Jetzt schlft sie ganz bestimmt, sagte die Prpstin, indem sie wieder
das Licht ergriff und damit abermals an Noras Bett trat.

Nein, das tut sie nicht, versetzte die Pfarrerstochter. Wie kannst du
dir einbilden, sie habe einschlafen knnen, whrend wir immerfort
geschwatzt haben?

Es wre vielleicht am besten, wir verhielten uns eine Weile ganz
still, schlug Anna Brogren vor.

Nachdem sie dann kaum ein paar Minuten geschwiegen hatten, war Anna
Brogren ihrer Sache sicher. Sie behauptete, das Mdchen jetzt ganz
deutlich schlafen zu hren.

Und das ist gut, fuhr sie fort, denn ich reise nicht eher von Lvdala
weg, bis ich erfahren habe, wie hier alles steht und geht, und sollte
ich auch die ganze Nacht wach bleiben mssen.

Sie schlft nicht, dessen bin ich ganz sicher, sagte Mamsell Maja
Lisa. Aber wir knnen es auf andere Weise machen. Whrend wir warten,
erzhle ich dir ein Mrchen. Du wirst dich wohl noch an viele von den
Mrchen erinnern, die ich dir in frheren Zeiten erzhlt habe.

Ich frchte nur, da sie dann erst recht wach wird, erwiderte Anna
Brogren; aber mach' es nur, wie du willst. Was fr ein Mrchen soll es
denn sein?

Ich glaube, ich will dir das Mrchen vom Schneewittchen erzhlen.

Ach ja, erzhle mir das! rief die Prpstin, und sie sah durchaus nicht
unbefriedigt aus. Es ist lange, lange her, seit ich es zum letztenmal
gehrt habe.

Du weit, es war einmal eine Pfarrfrau, begann die Pfarrerstochter,
die war tiefbetrbt, weil sie keine Kinder hatte.

Nein, da tuschst du dich sicher, warf die Prpstin ein. Es war ja
eine Knigin.

Ich habe immer gehrt, es sei eine Pfarrfrau gewesen, und ich kann das
Mrchen nicht anders erzhlen, als es lautet, beteuerte Mamsell Maja
Lisa.

Und dann erzhlte sie weiter von der Pfarrfrau, die sich sosehr ein
Tchterchen gewnscht hatte, das rot wie Blut und wei wie Schnee sein
sollte, die aber dann starb, sobald ihr groer Herzenswunsch in
Erfllung gegangen war.

Ich meine aber doch, wir knnten von etwas Frhlicherem sprechen,
sagte die Pflegeschwester.

Ich nehme an, da dir das Mrchen wohl noch im Gedchtnis ist, deshalb
spreche ich nicht weiter davon, wie es Schneewittchen in ihrer Kindheit
gegangen ist. Du weit ja, da es ihr an nichts gebrach und sie keine
Not litt, obgleich ihre Mutter tot war, denn sie hatte eine gute Muhme,
die das Haus versorgte, und eine liebe Pflegeschwester und einen guten
Bruder, obgleich dieser zu der Zeit meist auswrts war und studierte,
und berdies auch eine liebe alte Gromutter. Wer aber am allergtigsten
gegen sie war, war ihr Herr Vater. Er war Schneewittchens zrtlichster
Spielkamerad, und ihm vertraute sie alle ihre Sorgen an. Er erlaubte
nicht, da sie wie andere Kinder unter strenger Aufsicht stand, sondern
sie durfte tun, was ihr beliebte. Die Leute meinten natrlich, er
verwhne das Kind, aber davon wollte er nichts hren.

Schneewittchen war vielleicht ein besonders artiges Kind, das gar nicht
verwhnt werden konnte, sagte die Prpstin, und ihre Stimme klang
jetzt auf einmal auerordentlich ernst.

Auf der ganzen Welt war niemand glcklicher als Schneewittchen, fuhr
die Pfarrerstochter fort. Ganz besonders befriedigt fhlte sie sich,
als sie, nachdem die Muhme weggezogen war, ganz allein die Wirtschaft
fhren und fr ihren geliebten Vater sorgen durfte. Ich glaube, sie
hatte mehrere Jahre lang keinen anderen Kummer als die Trennung von
ihrer Pflegeschwester, die sich verheiratete und in ein anderes
Kirchspiel zog. Und wenn ihr damals jemand gesagt htte, ihr Vater wrde
einmal sein Herz von ihr wenden, htte sie hell hinausgelacht. Wie
htten sie sich entzweien sollen, sie und der geliebte Vater? Nicht
einmal im Schlaf wre ihr ein so unsinniger Gedanke gekommen.

Und berdies htte auch niemand anders geglaubt, da es je so ginge,
versicherte Anna Brogren mit derselben ernsten Stimme wie zuvor.

Und niemals dachte Schneewittchen weniger daran, da ihr ein so groes
Unglck widerfahren knnte, als an einem schnen Sommermorgen im vorigen
Jahre, wo sie mit ihrem Herrn Vater zu den Mhern hinausging.

War das im vorigen Sommer? fiel Anna Brogren rasch ein. Ich glaubte,
Schneewittchen habe vor tausend Jahren gelebt.

Ich aber habe nie anders gehrt, als da Schneewittchen heute noch
lebt, erwiderte die Pfarrerstochter, und an jenem Tag, wo sie mit
ihrem Vater zur Heuernte hinausging, war sie eben neunzehn geworden;
ihr Vater aber war fnfzig Jahre alt, obgleich man ihm das kaum ansehen
konnte. Er trug eine Percke, ging aber ohne Hut, hatte eine weie
Hemdenbrust mit einer Busenkrause und groe Schnallen auf den Schuhen.
Schneewittchen dachte in ihrem Herzen, er sehe auerordentlich vornehm
aus. Sie selbst trug ein altes Kattunkleid und einen groen Schutenhut.
Neben ihrem Vater sah sie gar nichts gleich.

Ich habe jedoch immer gehrt, Schneewittchen sei schner gewesen als
alle andern im ganzen Land, warf die Prpstin ein.

Aber die Pfarrerstochter erzhlte weiter, ohne sich um die Unterbrechung
zu kmmern.

Der Schutenhut war jedenfalls recht am Platz, denn er verdeckte das
Gesicht. Sonst htte der Vater gesehen, da sie mivergngt aussah. Ach,
ach! Schneewittchen hatte wohl Grund, mivergngt zu sein, weil sie um
diese Zeit mit ihrem Vater spazierengehen sollte; wo sie doch viel
lieber an ihrem Webstuhl sitzengeblieben wre, um ihre Leinwand fertig
zu weben. Aber da ihr Vater selbst von auen ans Kchenkammerfenster
getreten war, geklopft und ihr gerufen hatte, war es ihr nicht mglich
gewesen, nein zu sagen.

Ich glaube, sie konnte ihrem Vater niemals etwas abschlagen, sagte die
Pflegeschwester.

Sie gingen an den Stllen und an der Viehweide vorber, denn sie
wollten nach dem sdlichen Anger, wo der lange Bengt und die beiden
Vettersbuben beim Mhen waren. Es war gerade kein weiter Weg, aber es
kostete doch immer viel Zeit, wenn Schneewittchen mit ihrem Vater
ausging.

Er blieb stehen und sah sich das Getreide an, und er blieb stehen und
unterhielt sich mit der Stallmagd. Als sie den Hgel mit dem
Birkengehlz erreicht hatten, hielt er wieder an, schaute zurck, um das
neue Wohnhaus zu betrachten, das er selbst hatte bauen lassen. Und noch
weiterhin gab es wieder einen neuen Aufenthalt, weil er eine junge Tanne
aufrichten mute, die umgestrzt am Wege lag.

Aber jetzt mu ich etwas einfgen; Schneewittchen konnte in Gesellschaft
ihres Vaters nie lange verdrielich sein, denn wenn sich ihr so seine
ganze Art und Weise offenbarte, wurde ihr Herz immer von Bewunderung fr
ihn erfllt.

Und ich meine auch, Schneewittchen habe ganz und gar nicht unrecht
gehabt, es schn und rhrend zu finden, da ihr guter Vater sein Leben
lang als Hilfsgeistlicher in einer kleinen armen Gemeinde weit droben im
Vrmland geblieben war. Er, der so hochgelehrt und von unwiderstehlicher
Beredsamkeit war und berdies so stattlich und liebenswrdig, wre gewi
Dompropst oder Bischof geworden, wenn er nur gewollt htte. Glaubst du
das nicht auch?

Fr mich ist es nicht leicht, etwas ber Schneewittchens Vater zu
sagen, antwortete die Prpstin; aber ich bin berzeugt, er htte alles
erreichen knnen, was er nur gewollt htte.

Ich kann es nicht so genau ausdrcken, wie Schneewittchen es fhlte.
Aber ich glaube, sie sagte in ihrem Herzen: 'Du, Schneewittchen, du bist
nichts und kannst nichts und hast nichts erlebt, schmst du dich nicht,
schlechter Laune zu sein? Denk an deinen guten Vater, der nie klagt und
sich nie etwas wnscht, und der der Welt immer ein freundliches Gesicht
zeigt!' -- Vor sich selbst entschuldigte sich Schneewittchen indes
damit, da sie eben gar zu gern die Leinwand am Webstuhl fertiggebracht
htte, ehe sie von Hause wegreiste; denn sie sollte mit der Gromutter
diesen Sommer nach Loko ins Bad gehen, das war fest ausgemacht.
Gromutter hatte im letzten Winter schrecklich an Gicht gelitten, diese
hatte ihr die Hnde zum Erbarmen zugerichtet. Nun hatte sie das ganze
Frhjahr hindurch versprochen, diese Reise zu machen; aber
Schneewittchen wute wohl, da die Gromutter nicht fort kam, wenn sie
nicht mitging.

Jetzt dachte sie daran, den Vater zu bitten, den Tag der Abreise zu
bestimmen. Aber wie merkwrdig, sie hatte gar nicht das Herz dazu!
Fhlte sie, wie schwer es ihrem Vater wrde, sein Kind sechs Wochen lang
entbehren zu mssen, und wollte er es deshalb soweit wie mglich
hinausschieben? Whrend sie nun so dahinwanderte, beschlo sie in ihrem
Herzen: Wenn das Gras auf dem sdlichen Anger so prchtig stand, da
Vater recht befriedigt war, dann wollte sie sich ein Herz fassen und von
der Reise anfangen.

Und wirklich, es sah nicht danach aus, als sollte sie nicht bald auf die
Reise drfen, denn als sie den sdlichen Anger erreichten, gab es da
eine ganz auerordentlich gute Heuernte. Schneewittchen merkte bald, wie
hochbefriedigt ihr Vater war, denn er neckte den langen Bengt, der der
grte Mann im ganzen Kirchspiel war, und sagte, er msse noch ein wenig
wachsen, er sei gar nicht gro, das Gras schlage ihm ja ber dem Kopf
zusammen.

Der lange Bengt war nicht faul zu antworten. Er sagte, wenn der Herr
Pfarrer seine Lnder noch weiter so gut bebaue, so werde er bald niemand
mehr bekommen, der ihm sein Heu mhe. Es sei eine wahre Not, bis man
sich durch solch einen Wall hindurchgeschafft habe. Und die beiden
Vettersbuben hielten es natrlich mit Bengt und versicherten auch,
lieber wollten sie es auf dem Brobyer Markt mit allen Westgten
aufnehmen als in einem andern Jahr wieder solches Gras mhen.

Darauf mute Vater natrlich eine ebenso hfliche Antwort geben; alle
standen schweigend um ihn her und warteten darauf. Ach! ich glaube,
Schneewittchen wird immer an ihren Vater denken, gerade wie er jetzt so
vergngt und freundlich mitten unter seinen Leuten stand und tat, als
sinniere er ber die Antwort nach, damit sie, wenn sie erfolgte, einen
um so greren Eindruck mache.

Aber wie es gehen kann! Diese Antwort bekamen sie niemals zu hren, denn
jetzt geschah etwas Unerwartetes, das aller Gedanken nach einer andern
Seite hinlenkte.

Wer war denn das, der da durch das hohe Gras auf sie zukam? Wer konnte
es sein, der nicht ging, sondern taumelte, und der nicht einen
Augenblick schwieg, sondern die ganze Zeit schrie und laut vor sich hin
redete?

Ich mu gestehen, Schneewittchen war nie Zeuge von etwas so Aufregendem
gewesen. Wie schrecklich, ein Frauenzimmer so furchtbar zugerichtet zu
sehen! Die Kleider hingen ihr na und lehmig um den Krper. Das Haar
hatte sich vom Kamm gelst und fiel ihr in Strhnen den Rcken hinab.
Aber am schrecklichsten war doch, da ihr Gesicht und ihre Hnde ganz
blutrnstig waren.

Der lange Bengt und die Knechte wendeten sich ab und spuckten dreimal
aus, als shen sie eine Hexe, und es fehlte wohl nicht viel, so htte
der Herr Vater dasselbe getan.

Aber pltzlich glaubte Schneewittchen zu erkennen, wer es war; sie eilte
zum Vater hin und flsterte ihm ins Ohr, es msse die Jungfer sein, die
der Grfin auf Borg die Wirtschaft fhrte.

Der Vater gab ihr recht in dieser Annahme. Er trat zu der Jungfer und
fragte sie, was ihr denn geschehen sei, da sie sich so frh am Morgen
nach seinem Haus auf den Weg gemacht habe. Aber sie war ganz verwirrt
und erkannte den Pfarrer gar nicht. Sie rief nur, sie knne es bei der
Grfin nicht mehr aushalten und sei auf dem Wege nach der Pfarrei, damit
man ihr helfe.

Da nahmen sie der Pfarrer und Schneewittchen mit nach Hause, und nach
einiger Zeit war sie wieder so weit vernnftig, da sie erzhlen konnte,
was ihr geschehen war. Sie war von der Grfin gehetzt und geplagt
worden, bis sie es nicht mehr aushalten konnte, und so war sie nachts
um zwei Uhr von Borg auf und davon gegangen. Sie war ganz verwirrt
gewesen und hatte noch gar nicht berlegen knnen, wohin sie sich wenden
wollte, als sie auch schon auf der Landstrae stand.

Da hatte sie gedacht, sie wolle nach der Pfarrei gehen, weil sie gehrt
hatte, wie barmherzig die Familie dort sei. Aber die rmste hatte den
Feldweg durch die Wiesen eingeschlagen und konnte nicht ber den Steg
wegkommen, sondern strzte in den Bach, stie mit dem Kopf an einen
Stein und zerri und beschmutzte sich ihre Kleider. Danach war sie wie
nicht recht bei sich gewesen, hatte den Weg nicht mehr finden knnen und
war dann den ganzen Morgen auf den Getreideckern und auf den Wiesen
umhergeirrt.

Nun bat sie flehentlich, man solle sie doch im Pfarrhaus behalten, bis
das Blut gestillt und ihre Kleider trocken seien und sie ein wenig
berlegt habe, wohin sie sich wenden wollte.

Natrlich hie es, sie solle nur dableiben. Ach, wer htte wohl das Herz
gehabt, eine so notleidende Person hinauszuweisen!

Aber wie emprt waren auch Schneewittchen und ihr Vater ber die Grfin!
Sie war so schn und heiter, und nun sollte sie so grausam gegen ihre
Untergebenen sein! Nicht zum ersten Male hrten sie so etwas ber sie.
Was soll ich sagen? Ja, es war gut fr die Grfin, da sie an diesem
Tage nicht mit Schneewittchen zusammenkam. Diese htte sie gestellt und
kein Blatt vor den Mund genommen. Diese Jungfer -- ja, wie soll ich sie
nun nennen?

Du kannst sie ja Vabitz nennen, schlug die Prpstin vor.

Gut, also diese Jungfer Vabitz war eine beraus wohlbeleumdete,
ausgezeichnete Person, und die Grfin htte wohl etwas Besseres tun
knnen, als sie zu plagen, bis sie den Verstand verlor.

Aber siehe! Noch am selben Tage kam Schneewittchen auf einen Gedanken,
der sie ganz beglckte. Sie wollte Jungfer Vabitz bitten, im Pfarrhaus
zu bleiben und fr den Vater zu sorgen, whrend sie selbst mit der
Gromutter im Bad war. Wenn sich das einrichten lie, konnte sie ruhig
fort sein, dann ging alles in schnster Ordnung und ebensogut, wie wenn
sie selbst zu Hause wre.

Ach du lieber Gott! rief die Pflegeschwester. Bist du es gewesen, die
-- -- das heit, ich meine, ob es Schneewittchen selbst gewesen?

Ja, ja, die selbst war's, niemand anders; und sie war beraus glcklich
ber diesen Einfall. Sie fragte gleich die Jungfer, ob sie bei ihnen
bleiben wolle. Die Jungfer zierte sich auch keinen Augenblick, sondern
sagte, jawohl, sie tue ihr gerne den Gefallen. Aber das wolle sie gleich
feststellen, wenn sie indessen eine Stelle bei einer Herrschaft finde,
dann reise sie sofort ab. Sie sei eine arme Person, die in erster Linie
an sich selbst denken msse.

Wer aber nur schwer zu berreden war, das war Schneewittchens Vater.
Sollte er die Jungfer volle sechs Wochen lang da haben und berdies
gezwungen sein, die Mahlzeiten mit ihr einzunehmen?

Du kannst dir nicht denken, wie schwer es war, bis Schneewittchen und
die Gromutter endlich fort kamen. Mit dem Vater und Jungfer Vabitz
wollte es absolut nicht gehen. Der Vater scherzte und neckte sich mit
allen Menschen; die Jungfer aber war streng und ernst und nur immer
darauf bedacht, ihre Wrde aufrechtzuerhalten.

Meistens gelang es Schneewittchen auch, es so einzurichten, da sie nur
bei den Mahlzeiten zusammentrafen; aber kaum hatte sich der Vater zu
Tische gesetzt, als er auch schon von etwas zu reden anfing, womit er,
wie er wute, bei der Jungfer Ansto erregte. Und am komischsten deuchte
es ihn, mit ihr von Liebe und Heirat zu sprechen.

Er sei sehr froh, da er die Jungfer ins Haus bekommen habe, denn jetzt
knne sie ihm einen guten Rat geben. Er habe schon lange daran gedacht,
sich wieder zu verheiraten. Was wrde sie wohl zur Grfin auf Borg
sagen?

Aber kaum hatte der Vater das gesagt, als die Jungfer ganz starr vor
Schrecken wurde. Sie legte Messer und Gabel nieder und sah ihn sprachlos
an.

Die Pflegeschwester lachte hell hinaus. Denk dir, wie lustig er es da
gehabt htte! sagte sie.

Ja, das ist klar, der Herr Vater fuhr ordentlich ins Zeug. Es passierte
ihm nicht alle Tage, da er mit jemand zusammen kam, der es nicht
verstand, wenn er scherzte. Jetzt erklrte er, er knne absolut nicht
begreifen, warum Jungfer Vabitz so erstaunt aussehe. Ob sie meine, die
Grfin werde ihn nicht haben wollen? Aber er wisse ganz bestimmt, da
ihn die Grfin fr einen schnen Mann halte. Solange sie auf Borg sei,
besuche sie die Kirche jeden Sonntag, und sie habe selbst einmal gesagt,
einen hlichen Pfarrer knnte sie nicht predigen hren.

Das war doch zu komisch! Als Schneewittchens Vater dieses sagte, zeigten
sich auf Jungfer Vabitz' Wangen zwei brennend rote Flecke. Sie hatte
gewi, solange als es ihr mglich war, geschwiegen, aber jetzt mute sie
ihrem Zorn Luft machen.

'Und das will ein Pfarrer und ein Diener Gottes sein!' brach sie los.

Aber die Jungfer hatte eine sehr scharfe, rauhe Stimme. Sie war klein
von Gestalt und hatte ein kleines feines Gesicht und ganz kreideweie
Haare, obgleich sie kaum in den Vierzigern war. Auch sah sie sanft wie
eine Taube aus. Aber gerade deshalb erschrak man, wenn sie zu sprechen
anfing.

Nachdem die Jungfer mit dieser tiefen Grabesstimme ihr Urteil ber den
Vater gefllt hatte, brach er in helles Lachen aus; da sprach die
Jungfer whrend des ganzen Essens kein einziges Wort mehr.

Die Pflegeschwester lachte auch; aber die Pfarrerstochter seufzte nur,
ehe sie fortfuhr.

Ich brauche wohl kaum zu sagen, wie sehr Schneewittchen ihren Vater
anflehte, das Necken zu lassen, und wie betrbt sie war, als alles
nichts half. Sie lebte in bestndiger Angst, die Jungfer werde aus dem
Pfarrhaus auf und davon gehen, wie sie von Borg auf und davon gegangen
war.

Oh, sie wird schon geblieben sein, sagte die Pflegeschwester.

Allerdings, sie blieb, und darber war Schneewittchen unbeschreiblich
froh. berdies machte sich die Jungfer nun auch im Haushalt ntzlich.
Sie wolle nicht da sein, ohne etwas zu arbeiten, erklrte sie. Hast du
je so was gehrt?

Ganz natrlicherweise begngte sich auch so eine wie diese Jungfer nicht
damit, die gewohnte einfache Hausmannskost zu kochen, sondern sie
richtete nach franzsischer Art an, wie es in einem Grafenhaus verlangt
wurde. Und der Vater, der mehrere Jahre Hauslehrer in vornehmen Familien
gewesen war, lebte wieder in seiner Jugendzeit, wo er Fleischfarcen und
Pasteten und gewrzte Soen zu essen bekommen hatte. Soviel war gewi,
whrend Schneewittchens Abwesenheit wrde er sicherlich keine Not
leiden. Auch war es der Tochter eine Beruhigung, als sie merkte, da ihr
Vater die Jungfer mit seinen Neckereien nicht so scharf aufs Korn nahm,
wenn sie ihm ein besonders gutes Gericht vorgesetzt hatte. Und etwas
anderes war noch befriedigender: der Vater und die Jungfer hatten
nmlich alle beide besonders groe Freude am Gartenbau. Der Vater
konnte, solange er wollte, ber die Archiater Linn und Hummarby und den
Botanischen Garten in Upsala reden, nie wurde es die Jungfer mde, ihn
anzuhren.

Der Gartenbau war es auch sicherlich, der den Vater mit dem Dableiben
der Jungfer ausshnte. Sonst wre es niemals gegangen. Diesem Umstand
hatte es Schneewittchen zu verdanken, da sie ohne Sorge abreisen
konnte. Nun hoffte sie fast sicher, Jungfer Vabitz und ihr Herr Vater
wrden es miteinander aushalten, bis sie wieder zurck kam.

Und doch! Obgleich sie jetzt wirklich beruhigt war, weilten ihre
Gedanken whrend der ganzen Zeit ihrer Abwesenheit doch alle Tage daheim
bei dem geliebten Vater, und sie fragte sich oftmals, ob er die arme
Vabitz nicht doch ab und zu mit seinen Neckereien plagte.

Als Schneewittchen vierzehn Tage abwesend war, erhielt sie von ihrem
Vater einen unbeschreiblich komischen Brief, der von Anfang bis zu Ende
davon handelte, wie es ihm und Jungfer Vabitz miteinander ging. Eines
Abends seien Leutnant Bergh und Patron Julius zu Besuch gekommen, da
htten sie Karten gespielt und Bellmansche Lieder gesungen. Und siehe!
am nchsten Tag habe die Jungfer gar nicht mit ihm sprechen wollen, und
die ganze Woche hindurch habe er nur Blutkle mit Speck oder
Meerrettich mit Hering zu Mittag bekommen. Gestern jedoch seien
Krustaden und gebratener Lachs aufspaziert, nun sei er also wieder zu
Gnaden angenommen.

Schneewittchen mute hell auflachen; das gute Vterchen war ganz
nrrisch. Doch beruhigte sie dieser Brief nicht vollstndig. Der nchste
dagegen klang besser. Da berichtete der Vater, der lange Bengt habe
erklrt, er wolle seine alte Liebste, die lustige Maja, heiraten. Und
wer habe ihn dazu gebracht? Niemand anders als Jungfer Vabitz; die htte
ihm vorgepredigt, wie unrecht es sei, da er ein Frauenzimmer vierzehn
Jahre lang auf sich warten lasse; und schlielich habe das gewirkt.

Schneewittchen konnte wohl merken, wie vergngt der Vater war. In diesem
Brief schrieb er auch nicht von der 'Vabitza', sondern von Jungfer
Vabitz. Das war ein sicheres Zeichen, da der gute Vater jetzt
herausgebracht hatte, welch vorzgliches Frauenzimmer sie war. Danach
bekam Schneewittchen keinen Brief mehr von ihrem Vater, sondern nur noch
kurze Billette, in denen er sagte, er habe sehr viel zu tun und deshalb
keine Zeit zum Briefschreiben. Von der Jungfer stand kein Wort mehr
darin. Er hatte sich also jetzt wohl an sie gewhnt und beschftigte
sich in seinen Gedanken mit ihr nicht mehr als mit den andern
Dienstboten.

Aber ein Rest von Besorgnis war doch immer noch vorhanden; und ich will
gar nicht erst versuchen, dir zu beschreiben, wie froh Schneewittchen
war, als sie sich endlich in den Wagen setzen und nach Hause reisen
durfte. Sie hatte rechtzeitig geschrieben, wann der Vater sie zu Hause
erwarten knnte, und in demselben Briefe hatte sie ihn auch gelobt, da
er es mit der Jungfer Vabitz solange ausgehalten habe. Von nun an werde
er sich indes nie wieder mit Fremden behelfen mssen, nun wrde ihn
seine Tochter nie mehr verlassen.

Ach so, das schrieb sie auch? fragte die Pflegeschwester. Es mu ihr
eine Befriedigung sein, wenn sie jetzt daran denkt.

O ja, vieles ist uerst komisch in dieser Geschichte, sagte die
Pfarrerstochter. Wenn man bedenkt, wie froh Schneewittchen war, als sie
endlich auf der Strae dahinfuhr, so ist das eigentlich auch zum Lachen.
Ja, sie war glckselig; alle Menschen, die ihr begegneten, leuchteten
bei ihrem Anblick ordentlich auf. So war es wenigstens im Anfang der
Reise. Als sie dann ihrem Heimatdorfe nher kam, wo die Leute schon von
weitem den Wagen und die darin sa erkannten, meinte sie freilich, es
sei fast, als falle allen, denen sie begegnete, pltzlich etwas
Trauriges ein, denn ihre Gesichter wurden auf einmal ganz lang und
ernst.

Ich mu sagen, Schneewittchen wurde es allmhlich ganz unbehaglich
zumute. Als sie an das letzte Gasthaus kam, wo sie mit den Wirtsleuten
bekannt war, fragte sie nach ihrem Vater. Sie antworteten, er sei gesund
und frisch wie bei ihrer Abreise. Schneewittchen hrte aber doch ihrer
Stimme an, da sie aus irgendeinem Grund doch nicht so recht mit der
Sprache heraus wollten. Fragen wollte sie indes nicht; es war wohl
irgend etwas Unangenehmes passiert, ja am Ende war die Jungfer doch auf
und davon gegangen. Jedenfalls aber wollte sich Schneewittchen die
Freude an ihrer Heimkehr nicht mit dem Gedanken an die Jungfer Vabitz
verderben.

Es wre rasend komisch, wenn es nur nicht so schrecklich betrbend
wre, warf die Pflegeschwester mit einem kurzen Auflachen ein.

Am letzten Halteplatz kam ihr der lange Bengt mit den Pferden des
Pfarrhauses entgegen. Und da konnte sie sich nicht tuschen, auch er
war sonderbar. Sonst mute man jedes Wort aus ihm herauspressen, jetzt
aber schwatzte er in einem fort. Und Schneewittchen merkte wohl, da er
von allem mglichen sprach, aber kein Wort von ihrem Vater und Jungfer
Vabitz. Und jetzt wagte sie nicht mehr zu fragen. Wenn irgend etwas
schief gegangen war, wrde sie es von ihrem Vater selbst hren.

Und so wute sie gar nichts, bis sie daheim ankam? rief die
Pflegeschwester.

Nein, sie wute nichts, gar nichts. Und nun will ich dir sagen, was ihr
am schwersten dabei war. Ach, das schwerste war, da ihr guter Vater
meinte, er habe unbeschreiblich verstndig gehandelt, und erwartete, sie
solle sich auch noch darber freuen.

Und er mute es ja auch glauben. Denn wer anders als Schneewittchen
hatte die Jungfer ber die Maen gelobt und zu ihm gesagt, er mte sich
glcklich preisen, eine so ausgezeichnete Person im Hause zu haben. Ach,
sie selbst war es vielleicht gewesen, die ihm den ersten Gedanken
eingegeben hatte, die Jungfer----

Du wirst vielleicht gar nicht verstehen, wie vergngt der Vater aussah,
als er auf der Freitreppe stand, um sie zu bewillkommnen, und wie
vergngt auch Jungfer Vabitz aussah, die da neben ihm stand. Der gute
Vater konnte es fast nicht mehr erwarten, die groe Neuigkeit
mitzuteilen.

Aber ihr Vater brauchte gar nichts zu sagen, denn Schneewittchen sah es
selbst. Sie wute es schon, ehe sie aus dem Wagen gestiegen war. Und nun
mu ich erzhlen, wie schlimm es ihr ging. Sie wurde so zornig, da sie
sich nicht beherrschen konnte. Noch nie in ihrem Leben war sie so
aufgeregt gewesen; sie fuhr zwar nicht auf die beiden los und schlug und
kratzte, aber in Wirklichkeit hatte sie die grte Lust dazu.

Ihre Zunge konnte sie indes doch nicht ganz beherrschen, und so sagte
sie das Schlimmste, was sie finden konnte. Nie, nie wrde sie die Vabitz
Mutter nennen, das war das erste; und das zweite war, da dies eine
hchst unpassende Heirat fr ihren Vater sei. Die Vabitz sei die Tochter
eines armen deutschen Trompeters, das wisse sie wohl, aber
Schneewittchens Vater htte die vornehmste Dame haben knnen, wenn er
nur gewollt htte. Und schlielich sagte sie auch noch, die beiden
fhlten wohl, da sie unrecht gehandelt htten, sonst htten sie nicht
so im geheimen geheiratet.

Aber jetzt trat die Gromutter dazwischen. Sie ergriff Schneewittchen
bei der Hand und befahl ihr in strengem Ton, mit ihr auf ihr Zimmer zu
kommen. Schneewittchen weigerte sich auch nicht, wendete sich aber
vorher noch einmal an die Vabitz und sagte, diese habe sich bei ihrem
Vater nur durch das gute Essen eingeschmeichelt, und er habe sie nur um
dieser feinen Gerichte willen geheiratet.

Dann erst ging sie mit der Gromutter.

Das war schade, sagte die Pflegeschwester. Man htte sie ruhig weiter
machen lassen sollen.

Nein, Gromutter fhrte sie fort, und sobald Schneewittchen in deren
Zimmer angekommen war, brach sie in Trnen aus. Das war wieder etwas
Neues. Noch nie hatte sie so bitterlich geweint. Sie weinte stundenlang
ununterbrochen fort, und die ganze Zeit hatte sie das Gefhl, als sei
etwas Fremdes, das sie in all den Jahren, die sie bisher gelebt hatte,
im tiefsten Herzen verborgen getragen, nun erwacht und habe Gewalt ber
sie bekommen. Ja, sie fhlte es ganz deutlich: tief in ihrem Herzen
wohnte ein alter Drache oder ein unheimliches Raubtier. Ach, ach! Sie
frchtete sich vor diesem Ungeheuer so sehr, da sie das andere Unglck
fast darber verga. Die Erkenntnis, da etwas so Ungezhmtes und
Gefhrliches in ihrem Herzen wohnte, jagte ihr einen furchtbaren
Schrecken ein; das heit, eigentlich konnte sie ja nichts dafr, da es
da war; sie durfte es nur nie, nie wieder zum Vorschein kommen lassen.

O du grundgtiger Himmel! rief die Pflegeschwester mit zrtlicher
Stimme. War denn das Schneewittchen noch nie zornig gewesen?

Schlielich sank sie in einen tiefen Schlaf, fuhr die Pfarrerstochter
fort, der ihr Vergessen brachte, und aus dem sie erst am nchsten
Morgen erwachte, als die Sonne hinter dem Berg aufging und ihr ins
Gesicht schien. Da fiel ihr das ganze Unglck wieder ein, und sie wute
nicht, was sie tun sollte.

Aber sie brauchte sich nicht lange zu besinnen, denn ein paar Minuten
spter trat das Zimmermdchen herein und richtete von der Frau Pfarrer
aus, das Frulein solle aufstehen und sich an den Webstuhl setzen.

Es war noch nicht einmal ganz vier Uhr, so frh war Schneewittchen sonst
nie aufgestanden. Sie hatte freilich frher auch gearbeitet, aber nur
nach ihrem eigenen Gutdnken, und wie es ihr selbst beliebte. Schon
wollte sie wieder zornig werden; aber dann mute sie an die Wildheit in
ihrem Herzen denken, und sie bekam Angst, diese knnte wieder
losbrechen.

Nachdem sie ein paar Stunden am Webstuhl gesessen hatte, verstand sie
besser, wie alles gekommen war. Nicht eingeschmeichelt hatte sich
Jungfer Vabitz bei ihrem Vater, sondern sie hatte ihm so lange die
Wahrheit gesagt, bis ihm die Augen dafr aufgegangen waren, welch eine
unschtzbare Sttze sie ihm und seiner Tochter sein wrde. Und da ihr
guter Vater nun hatte sehen mssen, wie wenig die Tochter sein kluges
Vorgehen zu schtzen gewut hatte, war er gewi jetzt sehr emprt ber
sie.

Als es sieben Uhr war, wurde Schneewittchen zu ihrem Herrn Vater
hineingerufen, um verwarnt und ermahnt zu werden; und etwas anderes
hatte sie ja auch nicht erwartet. Der gute Vater war indes schrecklich
unbehilflich, als er sie ermahnte, und so wre Schneewittchen fast aufs
neue zornig geworden. Sie lie es aber nicht soweit kommen, sondern bat
die beiden herzlich um Verzeihung und kte beiden, der Vabitz und dem
Vater, die Hand. Ach, sie sah wohl, wie leicht es dem Vater ums Herz
wurde, als dieses geordnet war und er wieder Frieden im Hause hatte!

Und so etwas kann geschehen, whrend andere Leute nur ein paar Meilen
entfernt sind und nichts davon wissen! rief die Pflegeschwester mit
trnenerstickter Stimme. Da htte ich dabei sein sollen!

Oh, es war recht gut, da niemand da war, der Schneewittchen
aufstachelte, versetzte die Pfarrerstochter.

Sie war recht froh, sich so vershnlich gezeigt zu haben, denn als sie
die beiden beisammen sah, wurde ihr bald klar, wer am meisten zu
bedauern war. Nein, nicht sie war am unglcklichsten dran, denn sie war
jung, sie konnte sich verheiraten und eine eigene Heimat bekommen; aber
bei dem Vater war das ganz anders, er konnte Jungfer Vabitz jetzt nie
wieder loswerden, sondern mute sie bis ans Ende seines Lebens behalten.
Das bedeutete so viel, als immerfort in grauem Winter ohne
Sommersonnenschein leben zu mssen. Ja, ihr Vater war zu bedauern, nicht
sie!

Aber so vershnlich sie auch sein wollte, so konnte sie doch wieder
nicht anders als sich ber ihren Vater rgern, als dieser nach einer
Weile ans Kchenkammerfenster kam und sie fragte, ob sie mit ihm
spazierengehen wolle. Sie antwortete, es sei ihr unmglich, weil die
Mutter befohlen habe, es mten vor dem Frhstck so und so viele Ellen
Tuch fertig gewoben sein.

Im ersten Augenblick wollte der Vater sagen, sie solle trotzdem nur
mitkommen. Aber dann berlegte er sich wohl, da es nicht anging, schon
am ersten Morgen die Befehle der Mutter umzustoen. Und so ging er vom
Fenster weg und lie Schneewittchen am Webstuhl sitzen. Das aber hatte
sie nie und nimmer erwartet! Ach, es war ihr, als mte ihr das Herz
aufhren zu schlagen! Nun hatte sie ihren Vater verloren, das fhlte sie
deutlich.

Hier wurde die Stimme der Pfarrerstochter von Trnen erstickt, und sie
verstummte. Auch Anna Brogren sagte nichts mehr, aber sie weinte ganz
vernehmlich. Und die Kleine htte auch geweint, wenn sie nicht so groe
Angst gehabt htte, die andern wrden es hren.


II

In der nchsten Nacht erging es der Kleinen kein bichen anders als in
der vorigen. Anna Brogren war nicht abgereist, wie es ihre Absicht
gewesen war, sondern hatte ihre Heimreise verschoben. Und kaum hatten
der Pfarrer und die Pfarrfrau am Abend gute Nacht gesagt, als Anna
Brogren auch schon aus dem Gastzimmer in die Kchenkammer
heruntergeschlichen kam, um mit ihrer Pflegeschwester zu plaudern.

Diesmal gaben sie sich gar nicht erst Mhe zu warten, bis die Kleine
eingeschlafen war. Die Prpstin sagte sofort, sie sei nur dageblieben,
um die Fortsetzung des schnen Mrchens vom Schneewittchen zu hren, das
Maja Lisa ihr in der vergangenen Nacht erzhlt habe. Und zugleich sagte
sie auch, Maja Lisa solle nur ohne Verzug anfangen, damit sie heute
nacht gewi fertig wrden, denn lnger als bis morgen knne sie durchaus
nicht dableiben.

Dann erzhlte die Pfarrerstochter weiter.

Wenn ich mich recht erinnere, sagte sie, so war Schneewittchen noch
nicht lnger als acht Tage wieder daheim, als der Kster Moreus und
seine Frau Ulla zu Besuch kamen. Ich kann gar nicht sagen, wie vergngt
Schneewittchen war, als sie ankamen. Es stand allerdings jetzt alles
wohl und gut zwischen ihr und der Stiefmutter, aber sie mute immerfort
arbeiten. Den ganzen Tag hindurch trat sie den Webstuhl und lie das
Schifflein an einem groben Drillgewebe hin und her fliegen, und wenn sie
sich am Abend zu Bett legte, tat ihr der Rcken bitter weh. Da war es
gut, wenn jemand zu Besuch kam, weil sie dann einige Stunden von der
Arbeit befreit war.

Ach, ach! Schneewittchen dachte im stillen, sie werde sicherlich niemals
solche Lust zum Arbeiten bekommen wie die Stiefmutter. Auch wrde sie
wohl nie so fingerfertig und geschickt werden wie diese. Die Stiefmutter
konnte wundervollen Damast weben mit einer Bordre, auf der die ganze
Arche Noah abgebildet war. Schneewittchen merkte wohl, da die
Stiefmutter sie fr eine rechte Stmperin hielt; aber sie hoffte
trotzdem, die Mutter werde verstehen, wie sehr sie sich Mhe gab, es ihr
recht zu machen.

Ulla Moreus kannte die Stiefmutter schon von der Zeit her, wo diese noch
Haushlterin auf Borg gewesen war, und die beiden verstanden sich gut
miteinander. Auerdem war Ulla mit ihrer Schwiegermutter vor ganz kurzem
zur Herbstbckerei auf Borg gewesen, da hatte sie viel von der gndigen
Frau Grfin zu berichten! Schneewittchen merkte auch wohl, wie sehr
sich die Stiefmutter freute, von allen den tollen Streichen zu hren,
die die Grfin wieder ausgeheckt hatte.

Wenn ich aber die Wahrheit sagen soll, so glaube ich: Wer am
vergngtesten ber den Besuch war, war doch ihr Herr Vater.
Schneewittchen sah mit Freude, wie er das wrdevolle Benehmen, das er
seit seiner Verheiratung angenommen hatte, abwarf und wieder ganz wie
frher wurde. Und sie sagte sich: 'Ich wei nicht, wo sich mein
Vterchen in der letzten Zeit aufgehalten hat, denn ich bin nicht mehr
mit ihm zusammen gewesen, seit wir miteinander nach dem sdlichen Anger
gingen, um nach den Mhern zu sehen.'

Ach, Schneewittchen wute es nur zu gut! Um ihretwillen wagte der Vater
nicht mehr zu lachen oder zu scherzen. Sein Gewissen machte ihm
Vorwrfe, weil er ihre Erziehung bisher so schlecht geleitet hatte.
Siehst du, er dachte, Schneewittchen wre bei ihrer Rckkehr niemals so
auf ihn und die Mutter losgefahren, wenn er sie nicht verwhnt gehabt
htte; darum sollte sie von jetzt an streng gehalten werden, das hatte
er sich fest vorgenommen, und es war ihm so bitter Ernst damit, da er,
wenn sich die Tochter jetzt im Zimmer befand, nie anders als streng und
ernsthaft zu sein wagte.

Noch vor wenigen Monaten dachte der Vater nicht anders, als seine
Tochter sei gerade so, wie sie sein sollte, jetzt aber taugte sie ganz
und gar nichts mehr, und der Vater wurde gewi nicht wieder wie frher,
bis sie ein ganz neues Wesen bekommen hatte.

Als nun Kster Moreus kam, verga der Vater seine schwere Last und war
ganz wie frher. Da stieg in Schneewittchen unwillkrlich der Gedanke
auf, der Vater msse sie doch recht liebhaben. Denn welchen Zwang legte
er sich ihretwegen alle Tage auf! Nein, sie war ihm gar nicht so
dankbar, wie sie es eigentlich htte sein sollen.

Die Stiefmutter wollte das Abendessen selbst kochen, denn sie wollte
Ulla Moreus zeigen, da man frher auf Lvdala nie so gut gespeist hatte
wie jetzt. Ulla war die geschickteste Kochfrau im ganzen Kirchspiel, das
wute die Pfarrfrau wohl. Und da Ulla berdies bestndig unterwegs war,
um bei Hochzeiten und Begrbnissen zu kochen, dachte die Mutter, es
lohne sich wohl, aufmerksam gegen Ulla zu sein. Whrend nun die
Pfarrfrau am Herd stand, schlug Ulla vor, sie und Schneewittchen knnten
indessen eine Weile zur Gromutter gehen.

Drben bei der Gromutter machte Ulla ein Paket auf, das sie mitgebracht
hatte, um den andern ein Vergngen zu bereiten. Es sei ein prachtvolles
Geschenk, das sie von der gndigen Frau Grfin erhalten habe, sagte sie.
Ach, nie mute man so herzlich lachen, als wenn Ulla erzhlte, wie wohl
angeschrieben sie bei der Grfin sei, und welche schnen Geschenke sie
von ihr erhalte. Einmal hatte sie ihr einen Schohund verehrt, der nur
mit Sahne ernhrt werden durfte. Ja, ja, das knnte man gutherzig
nennen, wenn man ein solches Tier einer Kstersfrau schenkte, die
gewilich nicht immer eine Kuh zum Melken hatte!

Ich wei nicht, ob es Ulla nicht geradezu leid getan htte, wenn ihr von
der Grfin einmal etwas Ntzliches geschenkt worden wre. Ach, wie
bermtig war sie, als sie das neue Geschenk auspackte!

'Da seht einmal her!' rief sie. 'So ausstaffiert werde ich knftig auf
die Bauernhfe kommen, wenn ich zur Hochzeit koche.'

Die Grfin dachte wohl, sie habe etwas ganz Besonderes getan, als sie
Ulla diesen Reitanzug schenkte. Es war der englische, den sie in den
letzten Jahren immer getragen hatte, ein langer schwarzer Rock, eine
enganliegende, mit Zobel verbrmte Jacke nebst einem kleinen
Zylinderhut. Der Anzug war aus ausgezeichnetem Stoff gearbeitet und
sicher noch nicht vertragen, aber es war doch ein ganz verrcktes
Geschenk. Der Rock war bermig lang, Ulla konnte keinen Schritt darin
machen, und in der roten Jacke sah sie rasend komisch aus. Doch nun
verlangte Ulla, Schneewittchen solle das Kleid jetzt auch anprobieren.
Und als sie es angezogen hatte, waren Gromutter und Ulla ganz entzckt.

'Ach, wie schade,' rief Ulla, 'da nicht du dieses groartige Geschenk
bekommen hast! Das Kleid sitzt dir ja wie angegossen, gerade als sei es
fr dich gemacht.'

Schneewittchen mute sich vor den Spiegel setzen, Ulla lockerte ihr das
Haar ein wenig und drckte ihr den Hut darauf.

'Seht sie nur an', sagte sie zur Gromutter. 'Sieht sie nicht ganz aus
wie eine kleine gndige Grfin? Habt Ihr sie je so niedlich gesehen?'

Aber nun sagte Ulla, Schneewittchen drfe das Reitkleid ja nicht wieder
ausziehen, bis sie ihr Vater und Moreus darin gesehen htten.

Und nun mu ich eins sagen: Schneewittchen htte sich nicht verkleiden
sollen; sie wurde jetzt gleich sehr ausgelassen und meinte, sie sei nun
jemand ganz anderes. Gromutter und Ulla lachten sich fast krank ber
sie, als sie vollends anfing, die gndige Grfin im Sprechen und im
Gehen nachzuahmen.

Ulla sagte noch einmal, sie wrde es ihr nie verzeihen, wenn ihr Mann
das Frulein nicht als Grfin sehen drfte, und sie bestand darauf,
Schneewittchen msse jetzt gleich ins Wohnhaus mit ihr hinbergehen.

Schneewittchen dachte wohl im stillen: 'Vielleicht hat Vater jetzt, wo
er so ernst geworden ist, keinen Gefallen daran, da ich mich verkleide.
Frher durfte ich es tun, sooft ich Lust dazu hatte, aber jetzt ist
alles anders geworden.'

Jedoch sie war mutig, weil Ulla dabei war, und so redete sie sich selbst
zu und sagte: 'Es geht doch wirklich nicht an, da du dich so ganz
unterdrcken lt. Heute ist ja der Herr Vater wieder ganz wie frher,
und er kann doch nichts Unpassendes darin finden, wenn du das Kleid der
Grfin angezogen hast.'

Auerdem hatte Schneewittchen noch einen weiteren Trost. Sie glaubte,
der Stiefmutter werde es nicht mifallen, wenn sie sich auf Kosten der
Grfin ein wenig ergtzten.

Als sie die Treppe hinuntergingen, kam Ulla ein neuer Gedanke. Sie nahm
Schneewittchen mit nach dem Stall und berredete da den langen Bengt,
den Rappen zu satteln. Der Rappe war ein dickes kleines Pferd, das den
groen Reitpferden auf Borg ganz und gar nicht glich; auch sahen die
Sttel des Pfarrhauses mit ihren gepolsterten Sitzen und Lehnen denen
der Grfin Mrta durchaus nicht hnlich.

Als der Rappe gesattelt und Schneewittchen aufgestiegen war, lief Ulla
voraus. Mit lauter Stimme rief sie zur Saal- und zur Kchentre hinein,
die Grfin Mrta komme durch die Allee dahergeritten.

Ei, ei, ei! Welcher Aufruhr entstand im Pfarrhaus! Die Pfarrfrau ri
sich die Kchenschrze so hastig vom Leib, da der Bund abri, und eilte
auf die Freitreppe hinaus. Der Pfarrer lief mit solcher Geschwindigkeit
herbei, da ihm die Percke ganz schief auf dem Kopf sa, und stellte
sich neben seine Frau. Ulla und der Kster Moreus pflanzten sich hinter
dem Pfarrpaar auf, und auf der untersten Stufe stand das Zimmermdchen
und knickste.

Nun hatte Schneewittchen allerdings eine Reitgerte in der Hand, und sie
gebrauchte sie auch tchtig; aber deshalb lie sich der Rappe doch nicht
aus seinem gemchlichen Schritt bringen, und Schneewittchen dachte, das
sei recht gut, denn dadurch wrden ja Vater und Mutter sofort erkennen,
wer dahergeritten kam.

Aber war es nicht zu komisch! Die Stiefmutter war wohl von dem roten
Leibrock, in dem die Grfin nun seit mehreren Jahren immer ausgeritten
war, ganz geblendet und merkte nichts. Kaum aber hatte Frulein
Schneewittchen mit der Reitgerte gegrt und gerufen: '#Bon jour,
monsieur le pasteur!#' wie die Grfin es zu tun pflegte, als die frhere
Jungfer Vabitz auch schon alle Stufen heruntereilte und eine Verbeugung
machte, als wollte sie in den Boden sinken.

Ach, wie soll ich alles beschreiben? Die Mutter war etwas kurzsichtig,
das wute Schneewittchen wohl; berdies war es auch Abend und ein wenig
dmmerig, aber das konnte sie sich doch unmglich denken, da sie nicht
erkannt worden sein sollte.

Da dachte sie: 'Der Stiefmutter gefllt es, da ich mich ber die Grfin
lustig mache', denn sie wute ja, wie erbost sie auf ihre frhere Herrin
war. Nie, nie, nicht mit einem Gedanken fiel es Schneewittchen ein, da
die Mutter sich vor ihr verneigen knnte. Und sie stand ja da und
strahlte mit dem ganzen Gesicht. So glcklich hatte sie noch niemals
ausgesehen.

Schneewittchen sprang ohne Hilfe aus dem Sattel, ganz wie die gndige
Grfin, und warf die Zgel dem langen Bengt zu. Dann wandte sie sich an
die Pfarrfrau, reichte ihr die Hand und sagte:

'#Eh bien#, Raclitz, wie geht es Ihr in der neuen Stellung?'

Aber denk' dir, kaum hatte Schneewittchen das gesagt, als sich die
Mutter auch schon niedergebeugt und ihr die Hand gekt hatte!

Da endlich begriff Schneewittchen! Die Mutter hatte sich tuschen lassen
und glaubte, die Grfin selbst sei gekommen, sie zu besuchen. Durch
diese Erkenntnis wurde Schneewittchen so bestrzt, da sie ausrief:
'Aber Frau Mutter, ich bin es ja nur!'

Da richtete sich die Mutter blitzschnell auf und schleuderte
Schneewittchens Hand weg. Noch einen einzigen Blick warf sie der
Stieftochter zu, dann wendete sie sich jh um, strmte die Treppe hinauf
und eilte in die Kche hinein.

Nun versammelten sich die andern, der Vater, der Kster Moreus und Ulla
um Schneewittchen, und alle lachten herzlich ber die Verkleidung. Ach,
ach! Ein kleines Weilchen noch mute sie ihre Rolle weiterspielen, weil
ihr guter Vater so erfreut aussah. Aber eigentlich war sie wie
versteinert; der Blick der Stiefmutter hatte ihr eine furchtbare Angst
eingejagt, und sie dachte: 'Nun habe ich mir die Mutter zum Feind
gemacht. Sie macht sich zwar nichts daraus, wenn man sie ein bichen
neckt, wenn sie aber jemand geradezu fr Narren hlt, wird sie es ihm
nie verzeihen.'

Hier machte die Pfarrerstochter eine Pause, wie um zu hren, was die
Pflegeschwester ber die Geschichte denke.

Eigentlich sollte man nur herzlich darber lachen, sagte Anna Brogren,
aber ich kann es doch nicht, es wird mir im Gegenteil angst und bang
dabei. Erzhle nur rasch weiter, damit ich erfahre, wie schlimm es dir
-- nein, ich meine, wie es Schneewittchen ergangen ist.

Und die Pfarrerstochter erzhlte weiter:

Ja, ich mu dir wirklich erzhlen, was sich Ende September Sonderbares
ereignete. Es ist zwar gar nichts Wichtiges, das wirst du gleich merken;
aber ich glaube, es hat Schneewittchen doch den Mut etwas gestrkt.
Sooft ihr nmlich dieses Erlebnis wieder in den Sinn kam, sagte sie
sich: 'Es ist doch gut, da noch jemand auf dem Hofe ist, der keine
Angst vor der Stiefmutter hat.'

Denn alle andern, ihr Herr Vater nicht ausgenommen, hatten ja Angst vor
ihr, das sah sie nur zu deutlich, und eins mute sie auch zugeben: Die
Stiefmutter war wirklich uerst besorgt um den Vater und bewachte ihn
so sehr, da er sich kaum noch zu rhren wagte. Aber ach, wie ngstlich
htete sich der gute Vater auch, nein zu sagen, wenn die Stiefmutter
etwas wollte.

Ja, das war alle Tage deutlich zu erkennen, aber nie deutlicher als
damals, wo er ihr die Erlaubnis zum Branntweinbrennen gab. Jedermann auf
dem Hofe sagte, wenn jemand anders als die Stiefmutter ihn darum
angegangen htte, wrde er niemals eingewilligt haben, denn er sei von
jeher dagegen gewesen. Wenn ihm in frherer Zeit jemand mit diesem
Vorschlag gekommen sei, habe er immer ganz verdrielich gesagt: 'In
einem Pfarrhaus solle man die Feldfrchte zum Brotbacken und
Grtzekochen verwenden, aber nicht zu diesem unglckseligen Getrnke,
das nur allen Menschen zum Verderben erfunden worden ist.'

Der gute Vater hatte sicher dasselbe auch zu der Pfarrfrau gesagt, sie
aber hatte sich nicht abschrecken lassen. Sie sagte, wenn der Pfarrer
den Branntweingenu in seinem Hause ein fr allemal abschaffen wollte,
dann wrde sie ihm gewi beistimmen, da er nun aber doch Branntwein im
Hause habe, sowohl fr die Gste als auch frs Gesinde, knnte man ihn
doch ebensowohl selbst herstellen, denn wenn man ihn zu Hause brenne,
koste er nur die Hlfte. So sprach sie, und sie quengelte so lange
darum, bis der Vater nachgab.

Als nun zum erstenmal Branntwein gebrannt werden sollte, entlehnte die
Pfarrfrau von einem Nachbarhof einen Kessel mitsamt Hut und Rohr, und
sobald er da war, machte sie sich an die Arbeit.

Whrend das Maischen und Gren im Gang war, lie sie der Braumagd keinen
Augenblick Ruhe, und als destilliert wurde, stand sie die ganze Zeit
selbst im Brauhaus drben. Nein, sicher htte ihr niemand vorwerfen
knnen, sie schone sich in irgendeiner Weise!

Der Vater dagegen sa die ganze Zeit, solange die Branntweinbrennerei
dauerte, in seinem Zimmer und tat seiner Frau nicht ein einziges Mal die
Ehre an, den Kopf zur Brauhaustr hineinzustecken und um eine Probe von
dem Getrnke zu bitten.

Daran merkte die Pfarrfrau wohl, da er noch immer gegen die Sache war.
Und ber etwas anderes war sie auch nicht im Zweifel: Sobald nur ein
einziger Mensch auf dem Hofe nur im geringsten beduselt wre, wrde er
sofort kommen und das ganze Verfahren einstellen und verbieten. Deshalb
wachte die Mutter mit Argusaugen darber, da keines von denen, die ihr
halfen, zu oft eine Kostprobe bekam; und da alle Leute einen
Riesenrespekt vor ihr hatten, gelang es ihr auch, die Ordnung die ganze
Zeit ber aufrechtzuerhalten.

Nur ein einziges kleines Migeschick ereignete sich.

Die Mutter war mit der Klrung schon ganz fertig und hatte nichts mehr
zu tun als den Branntwein in groe Flaschen und Krge zu fllen.
Auerdem wollte sie auch noch den 'Nachtropfen' versorgen; da er aber
noch warm war, fllte sie ihn in einen Eimer und stellte diesen zum
Abkhlen vor die Brauhaustre.

Gleich darauf kam der lange Bengt am Brauhaus vorber. Es zog ihn mit
aller Macht zu dem Eimer hin; aber sofort stand die Mutter unter der
Tr.

'Lieber Bengt', sagte sie. 'Ihr werdet doch davon nicht trinken wollen?
Das ist nicht fr Menschen, es ist nur das Splicht.'

Der lange Bengt machte ein einfltiges Gesicht und ging weiter, indem er
sagte, er sei eben auf dem Wege nach dem Stall, und es sei doch wohl
nichts Strafbares, wenn er am Brauhaus vorbeigehe.

Danach ging er auch richtig in den Stall und holte eine Heugabel, die
die Stallmagd von ihm entlehnt hatte. Diese Heugabel wollte er in die
Scheune zurcktragen. Als nun aber der lange Bengt das Gittertor zum
Wirtschaftshofe ffnete, traf er mit dem groen Bock zusammen, der, die
Nase zwischen den Gitterstben, nach dem Brauhaus hinber schnupperte.
Es war ein schner Tag, alle Ziegen waren im Freien, und die ganze
Schar hielt sich in der Nhe eines Reisighaufens auf, nur der groe Bock
stand an dem Gatter.

Aber es ist ein wahres Rtsel, wie der lange Bengt so ungeschickt sein
konnte! Er machte das Gittertor gerade so weit auf, da der groe Bock
sich neben ihm durchdrngen konnte, und danach gab er sich gar keine
Mhe, ihn wieder zurckzutreiben, was er doch eigentlich htte tun
mssen, sondern er sah nur nach, ob die andern Tren alle geschlossen
waren, damit der groe Bock nicht in Vaters Obstgarten und nicht auf der
Mutter Kohlbeete kommen knnte. Wahrscheinlich dachte er, es knnte
nichts schaden, wenn der Bock ein bichen auf dem Rasen im Hof weidete.

Und nun sollst du hren! Der groe Bock wrdigte das Gras nicht eines
einzigen Blickes, sondern sprang in kurzem Trab geradeswegs auf das
Brauhaus zu. Und er kam so leicht und elegant dahergetrippelt, da die
Mutter ihn gar nicht hrte, obgleich die Brauhaustr angelehnt war.

Dieser Bock war von jeher ein richtiger Schlauberger gewesen. Beim
Saufen schlapperte er weder wie ein Hund, noch schlrfte er wie ein
Pferd, sondern er trank so leise, da niemand merkte, was er tat. Auf
diese Weise hatte er manche Kanne Milch hinter dem Rcken der Viehmagd
ausgetrunken, und jetzt gelang es ihm, den ganzen 'Nachtropfen' in aller
Ruhe auszutrinken, ohne da die Pfarrfrau auch nur eine Ahnung davon
hatte, was geschah.

Als er jedoch den ganzen Eimer ausgetrunken hatte, fing er nach seiner
Gewohnheit zu meckern an; denn wenn er einen losen Streich ausgefhrt
hatte, dann wollte er auch sehen, wie rgerlich und aufgebracht die
andern ber das, was er angestellt hatte, waren, sonst machte es ihm
keine Freude. So meckerte er also lustig drauflos, und im nchsten
Augenblick stand die Mutter auf der Schwelle und sah, da der Eimer leer
war.

Da ergriff sie eine lange schwarze Backschaufel, die immer in der Ecke
hinter der Brauhaustr stand, und wollte den groen Bock damit
zchtigen. Aber nach der groartigen Bewirtung, die diesem zuteil
geworden war, meinte er gewi, die Mutter knnte nicht im Ernst bse
sein, und so stellte er sich auf die Hinterbeine vor ihr auf und begann
zu tanzen. Nun war ja der groe Bock ein altes groes Tier, und es war
nicht immer so angenehm, wenn man mit ihm zusammentraf. Die Mutter
schlug mit der Backschaufel nach ihm, und wer den groen Bock kannte,
mute nun glauben, die Sache wrde kein gutes Ende nehmen. Auch eilten
nun alle, der Vater und Schneewittchen mitsamt den Mgden, eiligst aus
dem Wohnhaus herbei, um der Pfarrfrau beizustehen. Der groe Bock tat
ihr indes nichts zuleide, sondern tanzte nur vor ihr auf und ab, und da
machte der Vater den andern ein Zeichen, sie sollten zurckbleiben und
sich nicht in das Spiel mischen.

Zugleich rief er der Mutter zu, sie solle sich rasch ins Brauhaus
zurckziehen, solange der Bock noch in seiner guten Laune sei.

Aber die Pfarrfrau kmmerte sich nicht um diese Warnung, und schlielich
gelang es ihr, dem Bock einen recht harten, empfindlichen Schlag zu
versetzen. Da lie er sich auf alle viere nieder; aber damit war nicht
viel gewonnen, denn im nchsten Augenblick sprang er mit einem Satz ins
Brauhaus hinein und bentzte da seine Hrner dazu, so viele von den mit
Branntwein gefllten Flaschen und Krgen umzustoen, als er nur
erreichen konnte. Und kaum war die Mutter hinter ihm hereingekommen, als
er auch schon wieder hinauswitschte.

Und der groe Bock war schlau! Er wute recht wohl, nun hatte die Mutter
mit dem Aufrichten aller der umgestoenen Gefe sehr viel zu tun, da
war er eine Weile sicher vor ihr und konnte in aller Ruhe seiner guten
Laune die Zgel schieen lassen. Zuerst blieb er vor der Brauhaustr ein
paar Sekunden lang ruhig stehen und schaute sich um, dann schritt er
langsam und ernst die Anhhe zum Wohnhaus hinauf.

Der groe Bock hatte meistens ein wrdiges und feierliches Benehmen, und
das kam ihm wohl zustatten, denn man htte von einem so stattlichen Tier
ja nie geglaubt, da es je daran dchte, einen losen Streich
auszuhecken. Aber noch nie hatte man ihn so groartig gesehen wie jetzt.
Er hob einen Fu um den andern langsam hoch auf, trug den Kopf stolz
zurckgelegt, streckte die Nase in die Luft und protzte gleichsam mit
seinem langen Bart und seinen groen Hrnern. Es blinkte allerdings
etwas unruhig in seinen Augen, und der hintere Teil seines Krpers
schlenkerte hin und her.

Der Vater glaubte, der Bock sei auf dem Wege zu seinen Ziegen im
Wirtschaftshof; deshalb rief er Schneewittchen und den andern
Frauenzimmern zu, sie sollten dem Bock aus dem Wege gehen und ihn nicht
scheuchen. Wenn aber der groe Bock diese Absicht gehabt hatte, dann
nderte er sie jedenfalls, denn als er an der Freitreppe des Wohnhauses
vorberkam, sah er, da der, der zuletzt herausgeeilt war, um ihn
fortzujagen, die Haustr offen stehen gelassen hatte. Und war er eben
noch ganz ernsthaft dahingeschritten, so machte er jetzt pltzlich einen
Satz und sprang die Stufen hinauf geradeswegs ins Haus hinein.

Sofort strzte die ganze Schar der Mgde hinter ihm drein, um ihn
hinauszujagen. Da floh der Bock die Bodentreppe hinauf; als sie ihn aber
auch auf den Bodenraum verfolgten, sprang er zum Bodenfenster hinaus.
Und als er diesen Sprung machte, gab er sich gar nicht erst Mhe, zu
sehen, wie weit es von da auf die Erde hinunterging.

Aber dieses Tier hatte immer Glck, und so war es auch gerade an das
Fenster gekommen, das direkt ber dem Dach des Hauseingangs war.

Es war ein kleines, steil abfallendes Dach mit einem ganz schmalen
Giebelspie in der Mitte, und auf diesen kam der Bock in seinem Sprung
zu stehen. Er konnte von da keinen Schritt machen, ohne
herunterzufallen, weder nach rechts noch nach links, und ebenso
unmglich schien es auch, da er wieder auf den Bodenraum zurckgelangen
knnte.

'Rasch hinein mit dir!' rief der Pfarrer und drohte ihm mit dem Stock.

Aber der Bock blieb da stehen, wo er stand. Die Mgde waren voller
Schrecken darber, wie es nun gehen wrde, wieder aus dem Haus
herausgelaufen. Aber der groe Bock sah ganz vergngt aus; er drehte nur
den Kopf und zwinkerte ihnen zu, und man konnte wohl sehen, wie sehr er
sich ber ihr Entsetzen freute.

Indessen hatte die Pfarrfrau ihre Flaschen wieder aufgerichtet und trat
nun, mit der Backschaufel in der Hand, heraus, um den Bock zu
vertreiben. Aber als dieser sie sah, zwinkerte er nur noch lustiger als
zuvor; in diesem Augenblick hatte er nicht den geringsten Respekt vor
ihr.

Sie aber schwang die Backschaufel noch einmal gegen den Bock; in
demselben Augenblick zog dieser die Beine an, flog wie ein Pfeil durch
die Luft und landete dicht vor der Pfarrfrau auf dem Boden.

Kaum war er unten angelangt, als er sich auch schon auf die Hinterbeine
aufrichtete und der Mutter einen Sto versetzte, da sie umfiel. Darauf
sprang er nach dem Wirtschaftshof davon, war mit einem Satz bers Gatter
weg und tanzte dann seinen Ziegen noch mehrere Minuten lang etwas vor.

Aber im ersten Augenblick dachte niemand mehr an den Bock. Alle rannten
herbei, der Mutter aufzuhelfen. Und wer von allen zuerst zur Stelle war,
das war Schneewittchen. Aber die Mutter stie sie heftig zurck und
rief:

'Verstelle dich nur nicht! Ich wei wohl, wie du gegen mich gesinnt
bist, denn ich sehe, da du dich ber meinen Unfall freust! Ja, lache
nur, solange du kannst, ich wei jemand, der dich zum Weinen bringen
wird!'

Und es ist allerdings wahr, Schneewittchen sah nicht so schrecklich
ngstlich aus. Sie hatte ja ber den Bock lachen mssen, und da war ihr
Gesicht noch nicht wieder ganz ernsthaft geworden.

Aber die Worte ihrer Stiefmutter gengten, sie fr den ganzen brigen
Tag betrbt zu machen.

Und du, meine liebe Pflegeschwester, wirst wohl verstehen, da dieses
dem Schneewittchen nicht gerade neuen Mut einflte. Nein, das tat ein
Traum, den sie in der folgenden Nacht hatte.

Da sah Schneewittchen wieder den Bock vor sich, wie er da droben auf dem
Dachfirst des Hauseingangs stand; aber jetzt war es kein wirklicher Bock
mehr, sondern alle Freudigkeit und aller Humor, die von jeher in diesem
Hause gewohnt hatten, waren da auf das Dach hinausgestiegen und machten
sich ber die Stiefmutter lustig. Und der Bock in Schneewittchens Traum
konnte sprechen, und er sagte zu der Stiefmutter, es werde ihr nicht
gelingen, dieses Haus zu einem kalten, harten Gefngnis zu machen, wie
sie es gerne mchte, denn es sei zuviel von dem alten Geiste da, der
leiste ihr Widerstand.

Und als Schneewittchen dann erwachte, dachte sie, das sei ganz wahr, und
nun war es ihr, als sei sie nicht mehr so ganz allein in ihrem Kampf
gegen die Stiefmutter.

Und du kannst dich darauf verlassen, sobald ich Schneewittchen wieder
besuche, werde ich dem groen Bock ein paar Brotlaibe mitbringen! sagte
Anna Brogren, als die Pfarrerstochter eine Pause machte.

Ach, ich frchte, dieser Schmaus kommt zu spt, versetzte die
Pfarrerstochter; denn im letzten Brief, den ich von Schneewittchen
bekam, berichtete sie gerade, die Stiefmutter habe den groen Bock
schlachten lassen.

Ei, sieh, ei, sieh! sagte die Prpstin nachdenklich. Aber tat denn
Schneewittchens Vater gar nichts dagegen und lie den Bock einfach
schlachten? Ich sage dir, jetzt bekomme ich wirklich Angst, diese
Stiefmutter werde Schneewittchen noch einmal etwas Bses antun.

Aber da entgegnete die Pfarrerstochter rasch: Ach nein, dem
Schneewittchen tut sie wohl nichts zuleid; sie meint im Gegenteil,
Schneewittchen denke an nichts anderes, als wie sie die Stiefmutter
recht rgern knnte.

Das mte sie doch besser wissen.

Ach, es trifft sich auch immer so schlimm fr Schneewittchen; und ich
will dir gleich noch eine Geschichte erzhlen, damit du siehst, wie
unglcklich es Schneewittchen immer geht.

Ja, ich will die Geschichte bis zu Ende hren, versetzte die Prpstin;
aber ich sehe eben doch, da Schneewittchen in Gefahr ist und nicht
ihre Stiefmutter.

Du weit doch, fuhr die Pfarrerstochter fort, da Schneewittchens
Vater selbst den ganzen Garten des Pfarrhofs angelegt hat. Ihm allein
hatte man die Stachelbeeren und Johannisbeeren und die herrlichen
Erdbeerlnder und die Gewrzbeete sowie auch den Rosengarten auf der
Westseite des Hauses zu verdanken.

Aber das prchtigste von allem waren doch die Apfelbume. Der Vater
hatte alle selbst gepflanzt und gepfropft, und weit und breit gab es
gewi keine so herrlichen pfel wie die des Pfarrgartens. Wenn
Schneewittchen von diesen pfeln a, meinte sie immer, sie seien aus
lauter Sonnenschein und Sommerwrme bereitet.

So schne pfel wie in diesem Sommer hatte Schneewittchen noch nie in
ihres Vaters Garten gesehen. Ach, die herrlichen Paradiespfel, die
Astrachaner und Goldparmnen, die Renetten und Winterpfel! Die Bume
hingen zwar vielleicht nicht ganz so voll wie sonst, aber die Frchte
waren darum um so schner. Nicht ein einziger Apfel war wurmig; alle
waren gleich gro und schn geformt. Alle Astrachaner leuchteten
durchsichtig hell, alle Goldparmnen glnzten goldgelb, alle
Paradiespfel schimmerten dunkel grnlichrot, und alle Winterpfel
hatten glhend rote Bckchen.

Ja, wirklich, die pfel waren so wundervoll, da man in der ganzen
Gegend davon sprach. Gro und schn glnzten sie bis auf die Strae
hinaus, und die Vorbergehenden kamen oft in den Hof herein und baten,
ob sie nicht in den Garten hineingehen und die pfel ansehen drften.

Aber nun mu ich etwas sagen. So schn und gut die pfel auch waren, so
hatten die Pfarrleute doch auch ihren rger damit, und in den andern
Jahren war immer eine groe Menge von den pfeln des Pfarrgartens
gestohlen worden. In diesem Jahr jedoch kam kaum ein einziger Apfel
weg, denn die Pfarrfrau hielt unermdlich Wache darber. Von Ende August
an, wo die pfel allmhlich reif wurden, war sie immer drauen im
Obstgarten, und sie wachte auch jede Nacht dort.

Ja, sie tat sogar noch mehr als das. Sie htete die pfel auch vor den
Hausbewohnern. Die Gattertren wurden mit Vorlegschlssern versehen, und
die Schlssel dazu verwahrte die Pfarrfrau in ihrer eigenen Tasche. Wenn
sie dann einen recht sen schimmernden Astrachaner fand, brach sie ihn
wohl fr den Vater; aber weder Gromutter Beata noch Schneewittchen
bekamen je auch nur einen einzigen Apfel zu kosten.

Ach, in den andern Jahren hatte man zwar keine so schnen pfel, aber
mehr Freude davon gehabt! Da war niemand auf den Hof gekommen, der seine
Lust nach einem Apfel nicht htte stillen drfen. Und man gab nicht nur
den eigenen Hausbewohnern, sondern wer nur zu Besuch kam, durfte die
pfel versuchen, und die meisten erhielten auch ein Bndelchen mit auf
den Weg.

Aber nicht einmal dann bekam irgend jemand einen davon zu essen, als die
pfel von den Bumen gebrochen wurden, denn diese Arbeit besorgte die
Pfarrfrau ganz allein. Sie zog Handschuhe an und brach jeden einzelnen
Apfel sehr frsorglich von seinem Ast, damit keiner angestoen oder
verletzt wurde.

Schneewittchen kam es freilich ein wenig bitter vor, da sie gar keine
von den pfeln bekam, whrend sie noch die erste Sommerse hatten; aber
sie trstete sich mit dem Gedanken, wie schn es dann sein wrde, wenn
sie im Sptjahr und den ganzen Winter hindurch pfel zu essen htten.
Die Stiefmutter verstand sie auch sicher so gut aufzubewahren, da sie
nicht faulten.

Aber die Mutter hatte andere Plne mit den pfeln, das mute
Schneewittchen bald merken. Nein, nicht im Pfarrhaus sollte all das
schne Obst gegessen werden, daran dachte die Pfarrfrau keinen
Augenblick.

Der Pfarrer htte gewi auch seine pfel gerne daheim behalten wie in
den andern Jahren. Aber die Pfarrfrau hatte ausgerechnet, da man Geld
damit verdienen knnte, und so wollte sie die ganze schne Obsternte auf
dem Brobyer Markt verkaufen.

Und es geschah, wie die Mutter es wollte. Mit zwei schwerbeladenen Wagen
voll pfel nebst einem Knecht und einer Magd, die ihr beim Verkauf
helfen sollten, fuhr sie zu Markte.

Als sie auf dem Marktplatz angekommen war, stellte sie einen Tisch auf,
ffnete die Kisten und Fsser und legte die pfel zum Verkauf aus. Nein,
sie frchtete sich wirklich vor keiner Arbeit! Grobe Handschuhe an den
Hnden und einen groen Schal umgebunden, stand sie hinter dem Tisch und
bot die pfel feil. Sie konnte sich einfach nicht dazu entschlieen,
jemand anders mit dieser Sache zu betrauen. Und ich mu sagen, die Ware
konnte sich sehen lassen, und die Pfarrfrau konnte stolz darauf sein.
Wundervoll im herrlichsten Rot und Grn und Gelb und Wei leuchtete es
von ihrem Stand, und die Leute strmten schon der Augenweide wegen
herbei. Auf den groen Brobyer Markt kamen immer die Grtner von den
srmlndischen Schlssern und von den groen Herrenhfen von Nsset;
aber keiner von allen konnte so schnes Obst auslegen wie die Pfarrfrau.

Sobald sie alles zum Verkauf bereit hatte, eilte auch gleich eine Menge
Leute herbei und fragte nach dem Preise der pfel. Aber da verlangte sie
einen so hohen Preis, da die Leute ganz bestrzt wurden und nicht
kaufen wollten.

Und siehe, schlielich mute die Pfarrfrau wirklich trotz ihrer
wundervollen Auslage sehen, wie die Marktbesucher ihre Einkufe bei
ihren Nachbarn machten! Aber sie gab nicht nach und setzte ihren Preis
nicht um einen einzigen Heller herunter, ja, sie verlangte gerade
doppelt soviel wie alle andern. Sie dachte wohl, spter am Tage, wenn
die Fremden ihr Obst verkauft htten, wrden ihre pfel schon an die
Reihe kommen.

Vielleicht rechnete sie auch noch mit etwas anderem. Sie wute wohl,
wieviel Branntwein immer auf dem Brobyer Markt getrunken wurde, und da
mittags um zwlf Uhr kaum noch ein nchterner Mann da zu finden war, und
so meinte sie, die Bauersleute wrden es am Nachmittag nicht mehr so
genau mit dem Gelde nehmen.

Und es sah auch aus, als sollte Schneewittchens Stiefmutter recht
behalten. Je spter es wurde, desto mehr Leute versammelten sich um
ihren Stand. In erster Linie alle Kinder, Jungen und Mdchen, die auf
dem Markt waren. Diese standen um den Tisch herum, mit einem Finger im
Mund, und schauten gar sehnschtig nach den pfeln hinber, es htte
einem wirklich das Herz rhren knnen. Die Kinder hatten natrlich
nichts, um zu kaufen, aber es standen auch Erwachsene herum, die ihre
Augen nicht von dem schnen Obst abwenden konnten.

Immer wieder trat der eine oder der andere nher und fragte nach dem
Preis. Aber die Pfarrfrau blieb dabei und verlangte ebensoviel wie am
Morgen. Jetzt, wo alle andern pfel verkauft waren, wollte sie nicht
abschlagen, denn sie war fest berzeugt, da sie nun doch noch an die
Reihe kme.

Schneewittchens Stiefmutter sah wohl, wie aller Gesichter um sie her vor
Verlangen nach den pfeln glhten, und jeden Augenblick dachte sie:
'Jetzt knnen sie nicht mehr widerstehen, es mu nur erst einer
anfangen.'

Aber es whrte lnger und immer lnger, und schlielich glaubte sie
selbst, sie msse am Ende mit ihren schnen pfeln wieder heimfahren.

Doch nun wollte sie einen letzten Versuch machen, und so trug sie der
Magd auf, Frulein Schneewittchen zu holen, die zwischen den Marktbuden
umherging, um fr alle daheim, die nicht mit auf den Jahrmarkt gedurft
hatten, kleine Geschenke einzukaufen.

Als Schneewittchen zu ihrer Stiefmutter hinkam, sagte diese,
Schneewittchen solle jetzt eine Weile ihre Stelle einnehmen und die
pfel verkaufen; sie habe nun solange auf einem Fleck gestanden und ganz
kalte Fe bekommen, sie msse sich deshalb ein wenig Bewegung machen.

Ach, Schneewittchen war es auerordentlich zuwider, da auf dem Brobyer
Markt verkaufen zu sollen! Aber sie wagte sich der Mutter nicht zu
widersetzen. So zog sie denn deren Handschuhe an, band sich den Schal um
und nahm den Platz hinter dem Tisch ein. Und nach vielen Ermahnungen,
sich streng an den festgesetzten Preis zu halten, durchaus nicht mit
sich handeln zu lassen und selbst keine pfel zu essen, ging die
Stiefmutter ihres Wegs.

Aber wenn die Mutter gedacht hatte, die Leute wrden von ihrer
Stieftochter eher kaufen als von ihr, dann hatte sie sich verrechnet.

Das Frulein mute hinter ihrem Tisch stehen und ihre pfel bewachen,
konnte jedoch nicht einen einzigen davon verkaufen. Es ging ihr genau
wie der Mutter; der dichte Kreis von groen und kleinen Leuten
verringerte sich zwar nicht, aber niemand kaufte.

Doch nun kamen zwei halbbetrunkene Bauernburschen mit ihren Mdchen am
Arm daher und drngten sich durch den Haufen der Herumstehenden vor. Es
war eine laute, ausgelassene Gesellschaft, die Burschen hatten Geld in
der Tasche, mit dem sie klimperten, und sie waren in der richtigen
Laune, etwas draufgehen zu lassen. Schneewittchen bekam zwar Angst vor
ihnen und wre am liebsten davongelaufen, blieb dann aber doch stehen,
in der Hoffnung, nun endlich etwas zu verkaufen.

Die jungen Leute drngten sich auch ganz bis zum Tisch hin, und der
vorderste fragte gar nicht nach dem Preis, sondern legte sofort seine
groe Faust auf einen Haufen der schnsten pfel. Zugleich sah er die
Pfarrerstochter an und versuchte so nchtern und bieder wie nur mglich
auszusehen.

'Woher sind denn diese pfel?' fragte er.

Und die Pfarrerstochter antwortete, sie seien aus ihres Vaters Garten.

'Ja, da bin ich schon oft gewesen, ich kenne Euren Vater und auch Euch
recht wohl. Das ist ein guter Mann, Euer Vater.'

Schneewittchen erwiderte einige freundliche Worte, denn es gefiel ihr,
da der Bursche so gut von ihrem Vater sprach.

'Ja, Ihr und Euer Vater seid alle beide gute Leute', fuhr der Bursche
fort. 'Ja, Ihr seid so gut, da Ihr es einem armen Burschen wohl gnnet,
Eure pfel zu versuchen, ohne dafr zu bezahlen.'

Und ehe Schneewittchen recht begriff, was er im Schilde fhrte, hatte er
eine Handvoll der schnen pfel ergriffen und war auf und davon
gelaufen.

Und das Mdchen, das er am Arm gehabt hatte, packte auch rasch ein paar
pfel und lief hinter ihm drein. Ganz ebenso machte es dann auch das
nchste Paar.

Aber Schneewittchen war auf so etwas natrlich gar nicht gefat gewesen.
Wie htte sie sich das denken knnen! Sie war ganz auer sich, als diese
Burschen und Mdel sich mit so vielen pfeln, fr die sie kein Geld
bekommen hatte, aus dem Staube machten. Im ersten Augenblick wollte sie
ihnen nachlaufen, um ihnen die pfel wieder abzujagen; sie wagte es aber
doch nicht, sondern schickte den Knecht und die Magd nach, die hinter
ihr standen. Zugleich aber sah sie, da der ganze Volkshaufen sich noch
nher an den Tisch herandrngte.

'Jetzt kaufen sie doch noch', dachte sie, und ihr gesunkener Mut hob
sich wieder.

Aber die und kaufen! Oh, kein Gedanke, sondern sie sprangen vor, packten
so viele pfel, als sie konnten, und riefen zugleich, sie und ihr Vater
seien ja so gut, da verlangten sie sicher nicht, da arme Leute so ein
paar pfel bezahlten. Und alle die kleinen Jungen, die sich den ganzen
Tag lang an den pfeln fast blind gesehen hatten, rissen ihre Mtzen
herunter und fllten sie sich; und alle die kleinen Mdchen, denen vor
lauter Begierde das Wasser im Munde zusammengelaufen war, strzten auch
vor und strichen sich die pfel ungezhlt in ihre Schrzen.

Schneewittchen legte sich weit ber die pfel vor, um sie mit ihrem
Krper zu beschtzen. Aber was half das? Sie weinte und bat und rief,
sie machten sie unglcklich. Aber wer fragte danach? Es waren nicht nur
kleine Buben und Mdel, die die pfel an sich rissen, sondern auch
Erwachsene, und alle lachten vergngt und hielten die ganze Sache nur
fr einen kleinen Jahrmarktsscherz. Und sooft wieder jemand einen Apfel
packte, rief er ihr zu, sie und ihr Vater seien ja so gute Leute, da
sie ihnen wohl ein paar pfel gnnten.

Schneewittchen schlug um sich, und Schneewittchen rief nach Hilfe, aber
die pfel waren verloren. Die Marktleute stlpten den Tisch um, wlzten
die Kisten und Fsser herbei und rissen die pfel an sich. Es waren auch
viele Raufbolde auf dem Markt, die sich nun mit in den Tumult mischten.
Da gab es Streit und eine wilde Schlgerei, und Schneewittchen mute
sich zurckziehen und ihre pfel im Stich lassen, sonst wre sie
zertreten worden.

Gerade da kam die Mutter zurck und fand die Stieftochter ausgeplndert,
verlassen und vor Zorn und Entsetzen laut weinend. Die Stiefmutter fate
sie am Arm und schttelte sie. 'Warte nur, bis wir heute abend nach
Hause kommen,' sagte sie, 'da werde ich dich lehren, meine pfel zu
verschenken!'

Und man konnte sich ja ber den rger der Stiefmutter nicht wundern;
aber Schneewittchen war es recht schwer, da die Mutter glaubte, sie
habe es mit Absicht getan.

Ach, war das eine schwere Heimfahrt vom Markte! Sie saen miteinander im
Wagen, der Vater, die Mutter und Schneewittchen. Im Anfang versuchte der
Vater, die andern wie sonst freundlich zu unterhalten. Aber die Mutter
sa stocksteif mit fest zusammengekniffenen Lippen in der Wagenecke und
erwiderte kein Wort. Schneewittchen aber weinte nur immerfort. Der gute
Vater konnte sich gar nicht einmal sosehr grmen; auch ergtzte er sich
wohl ein wenig darber, da die Leute gerufen hatten, er sei gar so gut
und gnne ihnen die pfel gewi auch ohne Bezahlung. Auerdem versuchte
er wohl auch, sich den Mut aufrechtzuerhalten, indem er alle Marktleute,
an denen sie vorberfuhren, anredete und sie fragte, ob sie ihre Khe
gut verkauft, was sie fr ihre Schafe bekommen und ob sie nicht auch
einige von seinen pfeln gesehen htten.

Aber nach einiger Zeit wurde Vater sonderbar still; er wendete sich
nach der Mutter um und sah sie lange unverwandt an. Dann starrte er
wieder lange vor sich hin, und da sah er pltzlich alt und mde aus.

Wieder nach einer Weile merkte ich, da Vater jetzt auch mich lange und
betrbt ansah. Es war, als wolle er mir ganz bis auf den Grund meines
Herzens sehen.

Dann sagte er pltzlich: 'Du wirst deiner Mutter sehr hnlich', und er
nahm meine Hand zwischen seine beiden und streichelte sie ganz sachte.

Es war, als wollte mich der gute Vater beruhigen und mich frhlich
machen. Und ich dachte: 'Der Herr Vater versteht, da ich es nicht mit
Absicht getan habe; er wei, da ich nicht so bin.'

Er behielt meine Hand in der seinigen, bis wir zu Hause ankamen. Aber er
beugte sich immer weiter vor, und als wir daheim waren, sank er ganz
zusammen und machte keinen Versuch, auszusteigen, als Mutter und ich
aufstanden. Ich glaubte, er sei tot.

Aber so schlimm war es doch nicht, obgleich es wohl nahe genug daran
gewesen war.

Hier machte die Pfarrerstochter eine Pause. Ihre Stimme bebte, und sie
brauchte Zeit, sich zu beruhigen, ehe sie weitersprechen konnte.

So, nun weit du, wie es mir hier geht, sagte sie dann. Die
Stiefmutter mag mit mir machen, was sie will, ich kann bei Vater nicht
klagen, denn ich frchte, der Schlag knnte ihn dann wieder treffen wie
damals, als er vom Brobyer Markt nach Hause fuhr und an unseren
Unfrieden dachte.

Aber sieht er es denn nicht selbst?

Das ist wohl mglich, aber er kann nichts mehr tun. Es sieht jetzt aus,
als sei er wieder gesund, aber ich wei wohl, wie schwach er ist.
Niemals kann Vater wieder so werden, wie er an jenem Morgen war, als wir
miteinander zu den Mhern auf den sdlichen Anger hinausgingen.




Der Pfarrer von Svartsj


Der Silvesterabend war herangekommen, und am Vormittag steckte der
Pfarrer den Kopf durch die Kchentre herein und fragte:

Was ist denn aus dem kleinen Sausewind geworden? Ich habe sie nicht auf
der Schlittenbahn gesehen. Sie wird doch nicht mit euch andern
Frauenzimmern vom Morgen bis Abend daheim sitzen sollen?

Nach der Kleinen fragte er. Gleich am ersten Tage nach ihrer Ankunft auf
Lvdala hatte er sie mit sich genommen und ihr in der Geschirrkammer
einen Schlitten hervorgesucht, und seither kam er jeden Vormittag und
ermahnte sie, doch hinauszugehen und Schlitten zu fahren.

Jetzt nahm er gleich auch die Gelegenheit wahr, die Haushlterin und die
Mgde ein wenig zu necken, indem er sagte, sie wollten offenbar am
liebsten den ganzen Tag in der Kche schmoren.

Da erhielt er zur Antwort, die Kleine wre sicherlich wie gewhnlich mit
dem Schlitten drauen, wenn nicht heute ihre Mutter gekommen wre, um zu
sehen, wie es ihr gehe. Marit sei hinber in den Stall zu den Khen
gegangen, und die Kleine habe sie begleitet.

Darauf zog sich der Pfarrer zurck und machte die Tre hinter sich zu.
Er berlegte ein paar Augenblicke, dann schlug er den Weg nach dem
Stalle ein.

Die in der Kche versammelten Mgde folgten ihm mit den Augen: seit
seiner Krankheit im Herbst sah er alt und schwach aus; aber so viel war
sicher, er mute mit jedem Menschen, der auf den Hof kam, ein bichen
plaudern.

Es dauerte indes eine gute Weile, bis der Pfarrer Marit von Koltorp
aufsuchen konnte. Denn zuerst kam der lange Bengt daher und rief ihm zu,
es sei ein Mann mit einem kranken Pferd da, der den Herrn Pfarrer fragen
wolle, ob er nicht helfen knne.

Und nachdem er sich mit dem kranken Pferd beschftigt hatte, kamen zwei
Bauern, die in Erbstreitigkeiten miteinander lagen und verlangten, der
Herr Pfarrer solle ihnen sagen, wieviel jeder von ihnen von Rechts wegen
bekomme, damit sie die Sache nicht vors Gericht bringen mten.

Es verging dann wenigstens eine Stunde, bis er die beiden endlich so
weit gebracht hatte, da er sie zum Friedensbecher einladen konnte.

Indessen sa die Kleine drben im Stalle in einem dunklen Winkel und
schwatzte mit ihrer Mutter. Jedes hatte sich auf einen Melkschemel
gesetzt, und Bubi sa auf dem Scho seiner Schwester. Er war glckselig
ber das Wiedersehen und wollte sie keinen Augenblick loslassen.

Mutter und Bubi waren bis heute bei dem Oheim auf dem Nyhof gewesen.
Jetzt gingen sie wieder heim, hatten aber den lngeren Weg ber Lvdala
genommen, um zu sehen, wie es der Kleinen ginge.

Die Kleine war gewi noch nie so froh gewesen, als da sie ihre Mutter in
die Kche hereinkommen sah. Sie kam gerade recht, um ihr in ihrem groen
Kummer beizustehen.

Als sie im Stall angekommen waren, hatte die Mutter ihr zuerst erklren
mssen, wie es sich denn mit dem neuen Mrchen vom Schneewittchen
verhalte, das die Kleine in zwei Nchten hintereinander mit angehrt
hatte, und sie fragte, ob es denn mglich sei, da die Pfarrerstochter
von sich selbst gesprochen habe.

Nachdem sie dann alles, so gut sie konnte, erzhlt hatte, schwieg die
Mutter zuerst eine gute Weile, schlielich sagte sie: Sie trauten dir
wohl nicht so viel Verstand zu, da du verstehen wrdest, was sie
sagten. Wenn du es nun aber doch begriffen hast, mut du deinen Verstand
auch dadurch beweisen, da du darber schweigst.

Aber dies war nicht alles, was die Kleine auf dem Herzen hatte.

Gestern vormittag war die Pfarrfrau zu ihr hergekommen. Sie hatte gar
sanft und freundlich ausgesehen und sie gefragt, wie es ihr hier
gefalle, und ob sie kein Heimweh habe.

Jawohl, es gefalle ihr hier, und es gehe ihr gut, und die Hhner habe
sie besonders gern.

Ach so, hatte die Pfarrfrau erwidert und ein wenig gelacht; und ist
sonst niemand auf dem Hofe, den du gern hast?

Doch, hatte sie gesagt, Mamsell Maja Lisa auch.

Da hatte die Pfarrfrau wieder ein wenig gelacht und gefragt, warum sie
denn gerade Mamsell Maja Lisa so gern habe.

Weil sie ihr soviel Schnes erzhle.

Ei, sieh, hatte die Pfarrfrau gesagt, und kannst du begreifen, woher
sie das alles wei, was sie dir erzhlt?

Es wird wohl in den Bchern stehen, die sie bei Nacht liest, hatte die
Kleine geantwortet.

Ach so, sitzt sie bei Nacht auf und liest? hatte die Pfarrfrau
entgegnen Dann zndet sie sich wohl einen Kienspan an?

Nein, nein, sie liest bei einer Kerze, das wei ich, lautete die
Antwort der Kleinen.

Als es nun Nacht wurde und die Pfarrerstochter und die Kleine wie
gewhnlich schlafen gegangen waren, war die Pfarrfrau, sobald sie in
ihren Betten lagen, wie gewhnlich hereingekommen und hatte das Licht
mitsamt dem Leuchter weggenommen.

Aber als es still im Hause geworden war, stand die Pfarrerstochter
wieder auf, holte ein Talglicht herbei, das sie unten in der groen
Kastenuhr verborgen hatte, schlich damit in die Kche hinaus, blies eine
Kohle auf dem Herd an, um ihr Licht anzuznden, und begann zu lesen. Die
Pfarrerstochter hatte einen Bruder in Upsala, der ihr fters Gedichte
machte und sie ihr schickte, weil er wute, da sie so etwas ber alle
Maen liebte. Und diese Gedichte lernte sie bei Nacht auswendig.

Es war wohl etwas sehr Schnes, was sie eben las, denn sie hrte nicht,
da die Saaltre aufgemacht wurde, und schaute nicht auf, bis die
Pfarrfrau vor ihr stand, eine Hand ausstreckte und das Licht aus dem
Leuchter nahm.

Du willst uns wohl alle miteinander an den Bettelstab bringen, grollte
die Pfarrfrau, da du hier aufbleibst und die ganze Nacht Licht
brennst. Woher hast du das Licht?

Es sind nicht deine Lichte, antwortete die Pfarrerstochter.

Ob sie mein sind oder nicht, so werde ich doch achtgeben, da du nicht
hier sitzst und uns alle an den Bettelstab bringst, entgegnete die
Stiefmutter. Ich werde dich lehren, die Kerzen zu verschwenden, ja, das
werde ich.

Darauf ging die Pfarrfrau hinaus, kam aber gleich wieder mit einem Stck
Leinwand zurck.

Da du nun doch einmal bei Nacht aufsitzen willst, so sollst du
wenigstens etwas Ntzliches tun, sagte sie. So, hier der Hohlsaum an
diesem Leintuch mu bis morgen frh fertig sein.

Dann ging sie, und Mamsell Maja Lisa mute die ganze Nacht an ihrer
Arbeit sitzen.

Wer aber kein Auge zutat, das war die Kleine. Ach, sie war tief
unglcklich, weil sie es gewesen war, die verraten hatte, da die
Pfarrerstochter bei Nacht zu lesen pflegte.

Und deshalb war sie so froh, als ihre Mutter kam.

Ach, wenn nun die Pfarrerstochter erfhre, was sie getan hatte! Etwas
Schrecklicheres konnte sie sich gar nicht denken, und so flehte sie die
Mutter an, sie doch mit nach Hause zu nehmen, sie wolle nicht im
Pfarrhaus bleiben.

Die Mutter redete ihr zu, so gut sie konnte; aber die Kleine nahm keine
Vernunft an und sagte nur immer wieder, es sei ihr einerlei, ob sie auch
hungern und frieren msse, wenn sie nur fortkomme, ehe die
Pfarrerstochter bse auf sie geworden sei.

Aber die Mutter blieb fest dabei, sie msse bleiben, wo sie sei. Und
ich sage dir, die Raclitza wird es auch nicht mehr lange so
weitertreiben. Ich selbst werde mit dem Pfarrer reden, denn mich kennt
er ja aus alter Zeit, und mir wird er wohl glauben.

In diesem Augenblick deutete Bubi nach der Stalltre. Dort drben steht
jemand, sagte er.

Mutter und die Kleine drehten sich zugleich um. Ja, dort im tiefen
Schatten stand der Pfarrer, nur ein paar Schritte von ihnen entfernt. Er
lehnte sich an die Wand und rhrte sich nicht.

Beide erschraken ber die Maen, und keines wagte aufzustehen, ihn zu
begren. Wann mochte er gekommen sein, und wieviel mochte er gehrt
haben?

Marit, bring mir deinen Melkschemel her, sagte er mit schwacher
Stimme.

Rasch eilte Marit mit dem niederen Sthlchen zu ihm hin, und er sank
schwer darauf nieder.

Ruf niemand herbei, sagte er. Es ist nur ein Schwindel. Du weit, ich
habe von jeher daran gelitten.

Marit und die Kleine standen ratlos vor ihm, und Marit verwunderte sich
sehr, wie alt er geworden war. Bei dem Weihnachtsessen auf dem Nyhof
hatte sie es nicht so gemerkt; aber jetzt fiel es ihr auf, wie mager und
zusammengefallen er war.

Nein, es ist nichts Gefhrliches, aber es berfllt mich jetzt recht
oft, sagte er. Es ist aus mit mir, Marit, verstehst du?

Doch schon nach einem ganz kleinen Weilchen stand er wieder auf.

Sag' drben nichts davon, gebot er; und dann ging er langsam und
gebckt zum Stalle hinaus.




Der Traumpfannenkuchen


Am Silvesterabend ging die Pfarrerstochter ganz spt die Anhhe
hinunter, die zum Brauhaus fhrte, wo die Gromutter, Frau Beata Spaak,
seit vielen Jahren wohnte. Maja Lisa fhrte die Kleine an der Hand, und
man konnte schon von weitem hren, da sie unterwegs waren, denn sooft
sie den Weg verfehlten und in den Schneewall einsanken, schrien sie laut
auf.

Es war neblig und stockdunkel, und am Himmel leuchtete weder Mond noch
Stern. Htte es nicht hinter der Gromutter Fensterlden hell
hervorgeschimmert, dann htten sich die beiden wohl kaum bis zum
Brauhaus zurechtfinden knnen.

In dieser Weihnachtszeit wurden unbeschreiblich viele Gesellschaften
gegeben, sowohl bei den Bauern als bei den Herrschaften, so viele, da
die Tage fast nicht ausreichten, und so war den Pfarrleuten schlielich
nichts anderes briggeblieben, als auch am Silvesterabend fortzufahren.
Aber Mamsell Maja Lisa war wie gewhnlich zu Hause gelassen worden. Es
hie, sie msse daheim bleiben und dafr sorgen, da das Gesinde eine
ordentliche Mahlzeit mit Fisch und Grtze ganz wie am heiligen Abend
bekomme. Als ob die alte Haushlterin das nicht ebensogut htte besorgen
knnen!

Aber die Pfarrerstochter war deshalb doch in ausgezeichneter Laune. Am
Vormittag hatte sie der Kleinen Mrchen erzhlt und Lieder vorgesungen,
und die Kleine war sicherlich noch niemals so vergngt gewesen.

Nach dem Abendbrot hatte Mamsell Maja Lisa erklrt, sie habe noch ganz
und gar keine Lust, schlafen zu gehen; heute am Silvesterabend wolle sie
wenigstens, ehe sie zu Bett gehe, einen Versuch machen, etwas von der
Zukunft zu erfahren. Und dann hatte sie die Kleine gefragt, ob sie einen
Traumpfannenkuchen mit ihr backen wolle.

Die Kleine wute absolut nicht, was ein Traumpfannenkuchen war, hatte
aber sofort ja gesagt; und sie wrde selbstverstndlich auch ja gesagt
haben, wenn Mamsell Maja Lisa gefragt htte, ob sie eine Suppe aus
Kreuzottern mit ihr kochen wolle.

Aber du darfst die ganze Zeit ber, whrend wir den Traumpfannenkuchen
machen, weder lachen noch sprechen, sagte die Pfarrerstochter. Und du
darfst auch nicht das kleinste bichen davon auf den Boden fallen
lassen, weder vom Wasser, noch vom Mehl, noch vom Salz.

Ach, wenn das alles sei, meinte die Kleine, sie knne schweigen und
ernsthaft sein, solange man es verlange.

Dann aber waren sie in groer Not gewesen. Denn der Traumpfannenkuchen
mute von drei Personen gemacht werden, sonst war es nichts, und die
Pfarrerstochter wute nicht, wo sie eine dritte Person dazu herbekommen
sollte.

Sie gingen in die Kche und fragten, ob eine von den Mgden einen
Traumpfannenkuchen mit ihnen backen wolle. Aber die Mgde schlugen nur
die Hnde ber dem Kopf zusammen und sagten rundweg nein, sobald sie
hrten, um was es sich handelte. Dieses Zeug htten sie frher schon
probiert; aber wenn man diesen Pfannenkuchen gegessen habe, knne man
weder schlafen noch trumen; niemand solle sie verfhren, ein solches
Gericht je wieder zu versuchen.

Die Pfarrerstochter berlegte erst eine Weile, dann sagte sie:

Wir mssen zur Gromutter hinber und sie bitten, uns zu helfen.

Und aus diesem Anla waren die beiden in der finstern Neujahrsnacht
drauen und suchten den durch die Schneewehen geschaufelten Weg zu
finden.

Die Pfarrerstochter meinte, diese Nacht sei gerade so, wie sie sein
solle; eine Neujahrsnacht msse dunkel und unergrndlich sein, sie sei
wie die Zukunft, in die man auch nicht hineinsehen knne.

Gromutter wohnte in einer Giebelstube oben im Brauhaus. Das
schwierigste fr die beiden war, sich die Treppe hinaufzutasten, die mit
schmalen, ausgetretenen, dichtbeschneiten Stufen in Abstzen auen an
der Mauer hinauffhrte; es war fast lebensgefhrlich.

Aber auf Lvdala mute man sich an das Gehen in der Dunkelheit gewhnen;
ausgenommen fr Stall und Scheune durften fr Laternen keine Kerzen von
der Pfarrfrau gefordert werden.

Gromutter mute indes die Gste gehrt haben; denn als diese die Treppe
halb droben waren, kam sie heraus und machte die Tre auf. Und drinnen
brannte der dreiarmige Leuchter auf dem Tisch vor dem Sofa, und im Ofen
flackerte ein lustiges Feuer.

Die Gromutter war gro und mager und sah gebrechlich aus. Die
Pfarrerstochter sah ihr gar nicht hnlich, und das war auch nicht
mglich, denn Gromutter war nur die Stiefmutter von Maja Lisas
verstorbener Mutter; aber sie htte die Pfarrerstochter nicht lieber
haben knnen, wenn sie ihr eigenes Fleisch und Blut gewesen wre.

Es war, als verstehe sich Frau Beata auf ganz besondere Knste, denn wie
es auch anderswo sein mochte, hier in ihrem Zimmer war es immer warm und
behaglich und immer wie ausgeblasen. Sie hatte nur ein Zimmer, in dem
sie schlief und auch kochte; aber ihr Bett mit dem weien Vorhang, der
von einer vergoldeten Stange herunterhing, war nur ein weiterer Schmuck
fr das Zimmer, und dasselbe konnte man auch von ihren glnzenden
Kupferkasserollen und Porzellantellern auf dem Geschirrbord sagen.

Und sie selbst sah auch zierlich und vornehm aus; aber ihre Hnde hatte
die Gicht arg mitgenommen, die Finger waren gekrmmt, und sie konnte sie
nicht biegen. Wenn man ihr die Hand reichte, war das eine schwierige
Sache, und man wute nicht recht, wie man es angreifen sollte.

Als die Pfarrerstochter ihr Anliegen vorbrachte, lachte die Gromutter
sie ein wenig aus, sagte aber doch gleich, ja, sie wolle mittun, sie
warte allerdings immer auf jemand und mchte wohl wissen, ob er in
diesem neuen Jahre komme.

Da war es natrlich am besten, sie blieben gleich bei der Gromutter und
backten da den Traumpfannenkuchen.

Zuerst nahmen sie von dem kleinen Bord hinter dem Herd eine Schssel
herunter; alle drei hielten die Schssel am Rand fest und stellten sie
so auf den kleinen Kchentisch.

Dann muten sie einen hlzernen Lffel haben; und alle drei gingen
miteinander an das Eckschrnkchen, das Gromutter als Speisekammer
diente, um den Lffel zu holen. Und alle drei hielten den Lffelstiel
fest, als sie ihn zum Tisch hintrugen und auf die Schssel legten.

Dann gossen sie drei Lffel Wasser in die Schssel; und alle drei holten
das Wasser aus Gromutters Kupfergelte, und keines sprach ein Wort,
keines lachte, whrend sie das taten.

Als dies getan war, schtteten sie drei Lffel voll Mehl in das Wasser;
dabei hielten alle drei den Lffel und steckten ihn miteinander in die
Mehltonne, alle drei hoben das Mehl heraus und schtteten es auch in das
Wasser. Keines lie den Lffel los, keines sprach, keines lachte, und
keines lie auch nur das kleinste Stubchen Mehl auf den Boden fallen.

Dann schpften sie drei Lffel voll Salz hinein.

Und auch jetzt sprach keines ein Wort, keines lachte, und keines
verstreute auch nur das kleinste Krnchen Salz.

Aber ist es zu glauben? Als sie soweit gekommen waren, fragte
Gromutter, ob man Schmalz in die Pfanne tun solle.

Im selben Augenblick jedoch, wo sie das sagte, schleuderte die
Pfarrerstochter den Lffel weg, warf sich auf einen Stuhl und brach in
lautes Lachen aus. Die Kleine hielt zwar den Lffel fest, bekam aber
einen so frchterlichen Lachkrampf, da sie nicht mehr stehen konnte,
sondern auf dem Boden kugelte und gar nicht wieder zu lachen aufhren
konnte.

Gromutter verzog nur den Mund ein wenig. Sie htte sich vielleicht
nicht zu versprechen brauchen; aber sie dachte an alte Zeiten und wute,
wenn beim Backen des Traumpfannenkuchen nicht irgendein kleines
Migeschick passierte, dann war kein Spa dabei.

Ach, und es war ihr so lieb, wenn die Pfarrerstochter ihren Kummer
verga und ein wenig lachte.

Als die beiden sich endlich gefat hatten, beschlossen sie, wieder von
vorne anzufangen; denn jetzt taugte das, was bisher geschehen war,
nichts mehr, und sie muten alles ganz von vorne an noch einmal machen.

Aber jetzt war es nicht mehr so leicht, denn nun waren sie schon in
lcherlicher Laune.

Zuerst gossen sie drei Lffel Wasser in die Schssel.

Weiter kamen sie nicht, schon muten sie wieder lachen. Und die
Pfarrerstochter war am schlimmsten; bei der Kleinen war es lange nicht
so gefhrlich wie bei Maja Lisa.

Gute fnf Minuten lang konnte sie sich gar nicht wieder fassen.

Doch dann sagte die Pfarrerstochter, jetzt mten sie aber ordentlich
sein, sonst wrden sie mit dem Pfannenkuchen vor Mitternacht nicht
fertig.

Oh, es wrde ganz gut gehen, wenn nur du ernsthaft sein knntest,
sagte die Gromutter.

Zuerst gossen sie das Wasser hinein, dann das Mehl, dann das Salz, und
dann rhrten sie alles gut durcheinander. Und alle drei hielten den
Lffel, als sie alles umrhrten, und keines lachte, keines sprach ein
Wort, keines verschttete das kleinste bichen auf den Boden.

Als nun der Teig gut verschafft war, legten sie ihn in die Bratpfanne.
Aber der Pfannenkuchen sah nicht appetitlicher aus als der Mischmasch,
den man den Hhnern und Schweinen zusammenrhrt. berdies war er ganz
steif und hart und glitzerte von dem vielen Salz, das darinnen war.

Nun stellten sie die Pfanne aufs Feuer und lieen den Pfannenkuchen auf
der einen Seite backen, dann wurde er umgedreht. Und immer hielten alle
miteinander den Lffel, alle drei halfen den Kuchen umwenden, und keines
lie den Lffel fallen.

Dann war der Traumpfannenkuchen fertig und sollte gegessen werden.

Jetzt waren die Pfarrerstochter und die Kleine im hchsten Eifer, und es
war keine Gefahr mehr, da sie losplatzen wrden. Sie dachten nur noch
daran, da sie vielleicht in die Zukunft sehen durften, und diese groe
Gelegenheit wollten sie gewi nicht verscherzen.

Der Traumpfannenkuchen glnzte vor lauter Salz, und es gehrte
ordentlich Mut dazu, hineinzubeien. Aber sie teilten ihn in drei Teile,
und dann aen sie, so gut es eben ging.

Die Kleine a ihren Teil auf, weil sie begriff, da es sein mute, und
sie alle Vorschriften genau befolgen wollte. Gromutter nahm nur ein
ganz kleines Stckchen, und es ist nicht sicher, ob sie selbst dieses
hinunterwrgte. Die Pfarrerstochter a einen Mund voll. Aber so gerne
sie auch die Zukunft sehen wollte, sie war nicht imstande, noch einen
einzigen weiteren Bissen hinunterzubringen.

Die beiden jungen Menschenkinder waren wie ein wenig enttuscht von dem
Traumpfannenkuchen, aber jedenfalls sprach keines ein Wort. Sie winkten
der Gromutter nur gute Nacht zu, und diese stand schweigend oben an der
Tr und leuchtete ihnen die Treppe hinunter.

Die paar Schritte ber den Hof liefen sie, so rasch sie konnten, denn
jetzt war es, als sei die Nacht gar nicht mehr so dunkel und
unergrndlich. Sie war bereit, ihren Vorhang wegzuziehen und ihnen ihre
Geheimnisse zu zeigen; aber sie wagten nicht, stehenzubleiben, um zu
sehen.

Als die beiden sich durch die Kche schlichen, waren die Mgde schon zu
Bett; aber selbstverstndlich riefen ihnen alle miteinander zu, wie es
gegangen sei: ob sie schon getrumt htten, und wer ihnen im Traum
erschienen sei. Aber sie brachten kein Wort aus ihnen heraus, weder aus
Mamsell Maja Lisa noch aus der Kleinen.

Die Kleine schlief ein, sobald sie den Kopf aufs Kissen legte, und
schlief bis zum nchsten Morgen. Als sie erwachte, hatte sie einen
scharfen Geschmack im Munde; aber so groe Mhe sie sich auch gab, sie
konnte sich doch nicht erinnern, ob sie etwas getrumt hatte.

Gromutter hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, war aber dann das
ganze Neujahrsfest hindurch still und schweigsam und wie in einem Traum
befangen; es war, als habe jedenfalls sie etwas erfahren.

Die Pfarrerstochter konnte lange nicht einschlafen, weil sie brennenden
Durst litt; aber etwas trinken, ehe man geschlafen hatte, das durfte man
doch beileibe nicht, sonst war alles umsonst gewesen.

Als sie am Morgen erwachte, konnte sie sich zuerst nicht klar darber
werden, ob ihr etwas getrumt hatte.

Aber spter am Tage ging sie zufllig einmal durch den Flur und trat auf
die Freitreppe hinaus.

Und da hielt sie pltzlich an; denn nun fiel ihr ein, da sie in der
Nacht im Traume ganz auf demselben Platz gestanden hatte. Und da waren
in ihrem Traume zwei Fremde, ein junger und ein alter, auf dem Sandweg
dahergekommen. Und der Alte hatte gesagt, er sei der Propst Liljecrona
und komme mit seinem Sohne, um sie zu fragen, ob sie durstig sei und
gerne einen Trunk Wasser wolle.

Und sofort war der junge Mann mit einem Glas hellem frischen Wasser in
der Hand vorgetreten und hatte es ihr angeboten.

Als aber die Pfarrerstochter sich daran erinnerte, erschrak sie, und sie
zitterte am ganzen Leibe.

Denn das ist sicher und gewi: Wer einem, nachdem man einen
Traumpfannenkuchen gebacken hat, im Traum ein Glas Wasser anbietet, den
heiratet man.




Der Brauttanz


Am Erscheinungsfest waren der Pfarrer und die Pfarrfrau in die Kirche
gefahren; jetzt nach Schlu des Gottesdienstes befanden sie sich auf dem
Heimweg. Die Pfarrfrau fror im Schlitten, nachdem sie zwei Stunden lang
ruhig in der kalten Kirche gesessen hatte, und mit Befriedigung dachte
sie daran, da sie nicht gleich bis Lvdala fahren muten, sondern die
Fahrt schon in Loby unterbrechen durften; denn dort sollten sie an einer
groen Bauernhochzeit teilnehmen, und sie hatten dadurch mindestens eine
Viertelmeile weniger vor sich.

Die Pfarrfrau mute immerfort daran denken, wie ungeschickt es doch war,
da das Pfarrhaus eine volle Meile von der Kirche entfernt ganz an der
Grenze des Kirchspiels lag. Die Kirche dagegen hatte eine sehr gute Lage
mitten im Dorfe, sie war von allen Seiten leicht zu erreichen. Beim
Pfarrhaus dagegen war es ganz anders; von den sdlichst gelegenen Hfen
hatte man wohl ein paar Meilen bis zum Pfarrhaus zu fahren.

Und wie schwer war es fr die Pfarrfrau, jeden Sonntag in die Kirche zu
kommen, wie es doch die gute Sitte verlangte. Vier Stunden gingen drauf,
bis man wieder daheim war, ja an dem Abendmahlsonntag zog sich die
Fahrt oft fnf bis sechs Stunden hinaus.

Wenn sie dann heimkam, hatte gewi die alte Haushlterin das Essen zu
frh gekocht, das dann schon mehrere Stunden gestanden hatte und ganz
trocken und verbrannt war.

Sooft die Pfarrfrau so frierend und hungrig von der Kirche heimfuhr, kam
sie immer wieder auf dieselben Gedanken: Wenn man doch irgendeine
Mglichkeit ausfindig machen knnte, den Weg nach der Kirche zu
verkrzen.

Auch wenn es sich nur darum gehandelt htte, die Dorfbewohner zu
berreden, den alten Pfarrhof zu verkaufen und einen neuen zu erwerben,
der etwas nher bei der Kirche lag, so wre das schon an und fr sich
recht schwierig gewesen; aber die Sache war noch viel verwickelter.

Liebster Himmel, wie verdrielich war es doch! Frs erste war Svartsj
nur ein Annex des groen Broer Pastorats. Schon von alten Zeiten her war
der Propst in Bro der erste Geistliche von Svartsj, und die halbe
Besoldung fiel von vornherein an ihn. Daran konnte natrlich nichts
gendert werden. Sonst htte man es ja nur recht und billig finden
knnen, da ihr Mann, der die ganze Arbeit versah, auch das ganze Gehalt
bekomme. Aber er war nur ein Hilfsgeistlicher und mute sich mit der
Besoldung begngen, die die Hilfsgeistlichen im allgemeinen bekamen.

berdies war es auch eine kleine und arme Gemeinde, und wenn der Pfarrer
nur von dem htte leben sollen, was er von der Gemeinde erhielt, wre er
lngst ein richtiger Herr von Habenichts geworden.

Nein, wenn der Pfarrer von Svartsj es ein wenig besser hatte als andere
Hilfsgeistliche, kam dies daher, da er auer seiner Amtswohnung noch
einen eigenen Hof besa, von dem er seinen Unterhalt bezog. Wenn er den
nicht gehabt htte, wre es lngst schief bei ihm gegangen.

Sie, die Pfarrfrau, mute natrlich sehr froh ber den Besitz von
Lvdala sein. Und sie war auch die letzte, die sich darber beklagte. Es
war ein prchtiger Hof mit einem schnen Haus und gutem Ackerboden. Das
einzige, was sie daran auszusetzen hatte, war eben der weite Weg zur
Kirche.

Aber einen anderen Fehler hatte Lvdala auerdem auch noch. Wer immer da
wohnte, hielt sich stets fr besser als andere Leute. Sie konnte
allerdings nur darber lachen, sie, die wirklich vornehme Huser gesehen
hatte! Aber hier im Kirchspiel hielt man es tatschlich fr vornehm,
wenn man auf Lvdala wohnte. Ja, sogar die Grflichen auf Borg standen
nicht in so hohem Ansehen wie die Pfarrleute.

Was sie, die Pfarrfrau selbst, betraf, so hatte sie nie begreifen
knnen, woher das kam. Noch vor hundert Jahren war ganz Lvdala nichts
anderes als ein Bauernhof gewesen, allerdings vielleicht ein recht
groer und reicher, denn die prchtigen Felder auf dem alten Seegrund
gehrten ja dazu; aber es war eben doch nur ein echter und gerechter
Bauernhof gewesen, und sie konnte ihn auch heutigestags kaum fr etwas
anderes erklren. Aber hier oben in Vrmland fand sich natrlich
niemand, der gewut htte, wie ein richtiger Herrenhof aussah.

Besonders merkwrdig war es auch nicht, da ein Bauernsohn aus diesem
reichen Hofe studiert hatte, da er dann ein rmliches Pfarrerexamen
machte und Hilfsgeistlicher in Svartsj wurde. Und wenn er schlielich
die Tochter eines Propstes geheiratet hatte, so war das wirklich noch
nichts so Unerhrtes, mit dem man sich so schrecklich zu haben brauchte.
Weiter als bis zum Hilfsgeistlichen in Svartsj hatte er es trotzdem
nicht gebracht, sondern er war seiner Lebtage dageblieben. Es hie zwar,
er sei ein tchtiger Mann gewesen, aber das konnte man nur schwer
begreifen.

Er hatte es allerdings gut gehabt, weil er Lvdala von seinen Eltern
geerbt hatte und da wohnen konnte. Da hatte er nicht den Bauern schntun
mssen, um seine Abgaben oder die opferwilligen Beitrge zu bekommen; er
sa auf seinem eigenen Hof, tat, was er wollte, und war so gut wie einer
von ihnen -- und gerade das hatte ihnen wohlgefallen, den Bauern und
ihm!

Zur Zeit des ersten Lvdaler Pfarrers hatte die Gemeinde wahrscheinlich
noch kein eigenes Pfarrhaus fr den Hilfsgeistlichen besessen; jetzt
aber war eines da, ein kleiner Hof, der dicht neben Lvdala lag.

Sie, die Pfarrfrau, dachte, die Bauern hatten so recht ihre bekannte
Bauernschlauheit bewiesen, als sie das Pfarrhaus da hingestellt hatten,
denn sie hatten ganz und gar nichts danach gefragt, wie weit der Pfarrer
da von der Kirche entfernt war. O nein, etwas ganz anderes hatten sie
dabei im Auge gehabt, und das war ihnen ja auch geglckt! Der zweite
Lvdaler Pfarrer hatte nmlich eine Tochter des ersten geheiratet,
dadurch Lvdala geerbt und dann da gewohnt. Auf diese Weise wurde auch
er ein Grobauer, der sein eigner Herr war und nicht nur ein rmlicher
Hilfsgeistlicher. Und auch dieser war sein Leben lang in Svartsj
geblieben. Er sollte indes ein auerordentlich guter Prediger gewesen
sein; aber auch das konnte sie, die Pfarrfrau, nicht glauben. Sie
dachte, nur weil er eine von ihren Pfarrerstchtern geheiratet und auf
Lvdala gewohnt hatte, behaupteten die Svartsjer, er habe ein groes
Talent zum Predigen gehabt.

Die Pfarrfrau hob den Muff in die Hhe und drckte ihn vors Gesicht. Der
Weg fhrte mitten durch den Seegrund, und der kalte Blasewind, der da
immer wehte, fegte ihr um die Ohren.

Aber dadurch kreisten ihre Gedanken nur noch schneller.

Ja, gerade das, da die Pfarrer in diesem Dorfe notwendigerweise auf
Lvdala wohnen muten, war der Grund, warum man unmglich einen krzeren
Weg zur Kirche bekommen konnte.

Der jetzige Pfarrer war nun in dieser Reihe der dritte, der da wohnte.
Er hatte es genau so gemacht wie seine Vorgnger, nmlich die
Pfarrerstochter geheiratet und dadurch den Hof geerbt. Auch dieser lie
sich auf Lvdala nieder; die Amtswohnung lag ja ganz in der Nhe, da
konnte er allen seinen Pflichten leicht nachkommen, und mit seinen
beiden Hfen war er ein reicher Mann. Dies war eine ausgezeichnete
Einrichtung, und im ganzen Dorfe gab es niemand, der nicht wnschte, da
es immer so bleibe, solange es einen Svartsjer Pfarrer und eine
Svartsjer Gemeinde gab.

Sie, die Pfarrfrau, wollte ja nicht leugnen, da es fr die andern
Pfarrer ganz gut so gewesen sein mochte, denn diese waren wohl nicht
mehr wert gewesen, als ihr Leben lang dazubleiben. Aber ewig schade war
es, da sich ihr eigener Mann in den Hof und die Gemeinde verliebt hatte
und dageblieben war. Denn darauf wollte sie ihren Kopf zum Pfande
setzen, ihrem Manne wre das grte Pastorat in der ganzen Dizese
sicher gewesen, sobald er nur gewollt htte.

Oh, sie wute wohl, warum es ihm hier gefiel! Nachdem ein und dasselbe
Pfarrersgeschlecht seit so vielen Jahren in demselben Dorfe war und die
Pfarrer sowie auch deren Frauen uerst beliebt gewesen waren, hatten
sie da groe Macht erlangt. Auch nicht das geringste wurde von den
Leuten allein getan oder beschlossen, immer muten sie vorher ins
Pfarrhaus laufen und fragen, was man dort darber dachte. Sie, die
Pfarrfrau, hatte schon einmal bei ihrem Manne darauf angespielt und
gesagt, er htte doch wohl auch eine grere Pfarrei bekommen knnen,
und da hatte er geantwortet, ja, das glaube er auch, aber dort htte er
dann vielleicht nicht soviel zu sagen gehabt, whrend er hier eigentlich
das ganze Dorf regiere.

Ja, das war sicher und gewi, leicht war es nicht, hier eine nderung
eintreten zu lassen. Fr einen jungen Pfarrer war es ja beraus
vorteilhaft, wenn er eine Pfarrerstochter von Lvdala heiratete. Da
bekam er gleich sein gutes Auskommen und eine leichte Pfarrei dazu, und
in Beziehung auf die Frau sagten ja alle wie aus einem Munde, die
Pfarrerstchter von Lvdala seien wunderschn und wrden ausgezeichnete
Hausfrauen, und wer eine von ihnen heirate, ziehe das groe Los.

Ja, von denen, die vor ihrer Zeit dagewesen waren, wollte es die
Pfarrfrau gerne glauben. Aber diese Maja Lisa, an der konnte sie gar
nichts Besonderes finden. Sie hielt sie nicht einmal fr schn mit ihrem
lnglichen Gesicht und konnte auch durchaus nicht von ihr sagen, da sie
irgend etwas leistete.

Jetzt war sie, die Pfarrfrau, wohl hinter ihr her und pate ihr auf;
aber niemand half ihr dabei, kaum der Vater, der doch wohl in erster
Linie den Wunsch haben sollte, da aus seiner Tochter ein gesetztes
Frauenzimmer wrde, die an anderes dachte, als allerlei Unsinn und
Kurzweil zu treiben. Aber sie wollte ihrer Pflicht trotzdem nachkommen;
es gab nicht viele, die es wagten, derjenigen, die Lvdala und das ganze
Dorf erben sollte, ordentlich Bescheid zu sagen.----

Heute tnte lautes Schellengeklingel durch die Luft. Von vier Seiten
kamen die Wagen dahergefahren und von allen Seiten auch Schlitten,
dichtbesetzt mit Gsten, die alle zu der Hochzeit geladen waren. Ja, es
wrde sicherlich eine groartige Hochzeit, das war nicht anders zu
erwarten. Welch ein Glck, da sie ihren Willen durchgesetzt hatte und
die Pfarrerstochter daheim hatte bleiben mssen! Gerade auf diesen alten
Bauernhfen machte man am meisten Wesens aus ihr.

Da war es gar kein Wunder, wenn das Mdchen faul und hoffrtig wurde und
meinte, sie drfe tun und lassen, was ihr beliebte. Oh, sie wute wohl,
was fr die Stieftochter am zutrglichsten wre, aber vorderhand wollte
sie es nicht einmal in Gedanken aussprechen!

Vielleicht konnte sie auch zwei Fliegen mit einem Schlag treffen.
Vielleicht konnte sie einen krzeren Kirchenweg herausschlagen und
zugleich der Stieftochter zeigen, da sie nicht eine Prinzessin war,
sondern nur eine simple Pfarrmamsell------

Na ja, das htte sie sich denken knnen, da sie das durchmachen mte!
Sie war noch nicht zur Tre hereingetreten, als auch schon alle Leute
anfingen zu fragen, ob denn die Pfarrerstochter nicht mitgekommen sei.

Ehe sie den Pelzmantel aufknpfen konnte, hatte sie schon zehnmal
erklren mssen, wie bedauerlich es sei, da Maja Lisa die alte
Gromutter nicht habe allein lassen wollen.

Die meisten gaben sich ja mit diesem Bescheid zufrieden. Aber die
Familie der Braut beruhigte sich nicht damit und wollte genauere
Auskunft haben.

Der alte Bjrn Hindriksson und seine Frau hatten mehrere Jahre
gebraucht, bis sie endlich ihre jngste Enkelin, die den Hof erben
sollte, berreden konnten, den Mann zu heiraten, den sie fr sie
ausgewhlt hatten. Und zur Belohnung fr ihre Nachgiebigkeit wollten sie
ihr nun eine so prchtige Hochzeit ausrichten, wie es ihnen berhaupt
mglich war.

Bjrn Hindriksson war ein sehr alter Mann, der sich noch an Herrn
Olavus, den ersten Lvdaler Pfarrer, sowie an dessen Gattin Frau Katrina
Hesselgren erinnern konnte; und die groe Verehrung, die er fr sie
empfunden hatte, war nie aus seinem Herzen verschwunden. Solange ein
Nachkomme von Herrn Olavus im Dorfe war, mute er mit bei der Hochzeit
sein, sonst ging es nicht nach Bjrn Hindrikssons Wunsch und Willen.

Deshalb wollte er auch gar nicht als Grund gelten lassen, da die
Pfarrerstochter der Gromutter wegen daheimbleiben msse, und er fragte
sogleich, ob denn nicht an diesem Tag eine von den Mgden nach der
Gromutter htte sehen knnen.

Man konnte seiner Stimme anhren, da er wirklich betrbt war und seine
Worte nicht nur hfliche Redensarten waren. Er freute sich ja wohl, die
neue Pfarrfrau zu sehen, aber sie war eben nicht aus dem alten
Pfarrersgeschlecht, das lie sich nicht leugnen.

Die Pfarrfrau antwortete ihm, sie habe ganz dasselbe gedacht und es auch
ausgesprochen; aber Maja Lisa sei sosehr besorgt um die Gromutter, man
bringe sie nicht von ihr weg, sobald der alten Frau nur das
allergeringste fehle.

Jetzt hatte die Pfarrfrau ihren Pelz abgelegt, und sie war sich wohl
bewut, da sie nicht allein stattlich aussah, sondern auch vornehm
gekleidet war, und da man landauf und landab keine tchtigere Pfarrfrau
finden knnte, ob man noch solange suchte; aber es war, als shen die
Bauersleute einfach ber sie weg.

Bjrn Hindrikssons Frau fragte berdies, ob denn Frau Beate nicht selbst
gewollt htte, da die Enkelin zur Hochzeit komme. Die Gromutter wisse
doch wohl, wie es zu ihrer Zeit gewesen sei. Da sei keine Hochzeit auf
diesem Hofe gefeiert worden, ohne da jemand aus dem alten
Pfarrergeschlecht mit der Braut getanzt htte.

Da richtete sich die Pfarrfrau gerade auf, und ihre Stimme war rauh und
hart, als sie erwiderte, sie habe nicht gewut, da dies gar so wichtig
sei, sonst wre sie selbst zu Hause geblieben. Aber sie knne ja wieder
zurckfahren, jetzt gleich in der Minute, damit Maja Lisa noch zu
rechter Zeit da sein knne.

Mit diesen Worten gewann die Pfarrfrau die Oberhand. Die Bauersleute
gerieten in groe Verlegenheit, und schlielich baten sie die Pfarrfrau
instndig, doch ja dazubleiben.

Darauf ging die Pfarrfrau hinauf in den Festsaal. Aber auch da mute sie
immer wieder dieselben Fragen hren und dieselbe Antwort geben, whrend
sie herumging und die Gste begrte, die sich die Wnde entlang
aufgestellt hatten und auf die Trauung warteten.

Da wurde es ihr pltzlich sehr hei, nachdem sie den ganzen Tag gefroren
hatte. Erst als sie auf dem Sofa sa, bekam sie Ruhe vor allen den
Fragen nach Maja Lisa.

Zu ihrer Rechten und Linken saen die beiden vornehmsten Bauernfrauen
des Kirchspiels; aber beide verhielten sich muschenstill. Wenn man auf
etwas so Feierliches wie eine Trauung wartet, ist es nicht passend, sich
zu unterhalten, das wuten sie wohl.

Die Pfarrfrau fhlte, da ihr zwei rote Flecke auf den Wangen brannten.
War es nicht sonderbar? Alle hatten sich an sie gewendet, der Pfarrer
aber war mit allen diesen Fragen verschont geblieben. Meinten denn diese
Leute, er habe gar nichts mehr zu sagen?

Jetzt zeigte sich Ulla Moreus, die Frau des Ksters in der Tr. Sie trat
nher, um die Pfarrfrau zu begren. Na, nun kamen natrlich wieder
dieselben Fragen aufs Tapet, Ulla gehrte ja zu Maja Lisas besten
Freunden. Aber sie schien gar nicht an Maja Lisa zu denken, sondern
sagte, sie und ihre Schwiegermutter htten die Braut angekleidet. Jetzt
seien sie fertig, und sie mchten wissen -- -- ja, es wre ihnen eine
Beruhigung, wenn Frau Raclitz ins Giebelzimmer kommen wollte, um zu
sehen, ob der Brautstaat ganz in Ordnung sei.

Nun war der Pfarrfrau recht wohl bekannt, da in ganz Vrmland niemand
besser wute, wie eine Braut aus einem Bauernhofe gekleidet sein sollte,
als Ulla Moreus und ihre Schwiegermutter. Aber die Aufforderung, auch
noch ein Urteil abzugeben, war eine Artigkeit, die der Pfarrfrau erzeigt
wurde.

Sie ging also mit in das Zimmer, wo die Braut fertig angekleidet stand
und nur noch auf den Hochzeitszug wartete, der sie abholen sollte. Hier
dachte man nur an Schmucksachen und Blumen, und es war eine wahre
Erleichterung fr die Pfarrfrau, die Fragen, die hier an sie gestellt
wurden, zu beantworten. Ob die goldene Kette richtig sitze? Ob sie der
Braut noch mehr Perlenschnre umhngen sollten? Und ob die hohe
Brautkrone aus Pappe, derentwegen Ulla Moreus die ganze Nacht
aufgeblieben war, um sie mit rotem und grnem Seidenzeug und Goldpapier
zu berkleben, eine schne Form habe? Sie habe bis zuletzt geglaubt, sie
knnten die alte Krone noch bentzen; aber dann sei ihr gestern ganz
spt noch eingefallen, da dies doch die grte Hochzeit sei, die in
diesem Winter gefeiert werde, und so habe sie ein neues Gestell
ausgeschnitten und berzogen.

Die Pfarrfrau lobte sowohl die Krone als auch alles brige.

Aber die alte Mutter Moreus hatte einen bekmmerten Ausdruck, und nach
einer Weile vertraute sie der Pfarrfrau an, was sie bedrckte.

Sie sagte, es sei ja sehr schn, da sich die liebe Frau Raclitz mit der
Braut zufrieden zeige, sie selbst aber habe das Gefhl, es werde alles
miglcken, wenn man die Braut nicht dazu bringen knne, ein anderes
Gesicht aufzusetzen. Wenn die Braut aussehe, als msse sie zum Schaffot
schreiten, dann sei es wirklich keine Freude, sie zu putzen.

Da wandte sich die Braut heftig ab und sagte ein paar Worte, die man
kaum verstehen konnte. Aber sie lauteten: Wenn Mamsell Maja Lisa nicht
auch bei der Hochzeit sei, mache sie sich gar nichts aus all dem Putz,
den man ihr anziehe. Tausendmal habe Maja Lisa ihr versprochen, zur
Hochzeit zu kommen, um sie in ihrem Brautstaat zu sehen.

Jetzt mischte sich Ulla Moreus darein; sie hatte eine frohe, frische
Stimme, wie die Leute sie zu haben pflegen, die gerne eingreifen und
alles gutmachen wollen.

Sie sagte, Maja Lisa werde die Gromutter wohl eine Weile allein lassen
knnen, man knnte ja leicht einen Wagen nach ihr schicken, es sei gar
nicht so weit.

Ja, auch die alte Mutter Moreus legte ein bittendes Wort ein.

Maja Lisa und Britta sind miteinander in den Konfirmationsunterricht
gegangen und seither immer innig befreundet gewesen, sagte sie.

Die Antwort der Pfarrfrau fiel nicht allzu freundlich aus.

Na ja, meine Liebe, versetzte sie. Es gibt gewi im ganzen Kirchspiel
nicht ein einziges Mdchen, mit dem Maja Lisa nicht innig befreundet
wre.

Damit warf sie den Kopf in den Nacken und verlie die Giebelstube, und
die andern wagten nichts mehr zu sagen.

Der Pfarrfrau war das Blut wieder in den Kopf gestiegen. Diese Leute
sollten doch nicht glauben, sie habe nicht gemerkt, warum man sie in die
Giebelstube gelockt hatte! Aus keinem andern Grund, als um von Maja Lisa
anfangen zu knnen.----

Die Trauung war vorber, und es war alles gut gegangen. Die Braut aber
wute wohl, da jetzt alle Leute miteinander darber flsterten, wie sie
whrend der Trauung ausgesehen hatte, und jetzt htte sie sowohl ihrer
Eltern als auch der Groeltern wegen gewnscht, ihr Gesicht wre weniger
verweint gewesen.

Wenn Mamsell Maja Lisa zur Hochzeit gekommen wre, dann htte sie alles
mit einem frohen Gesicht durchgemacht. Die Pfarrerstochter hatte gar
sooft gesagt, wie sehr sie sich freue, sie als Braut sehen zu drfen.
Ach, vielleicht hatte sie es nur gesagt, um ihr ein wenig Mut zu machen!
Aber jetzt hatte sie das Gefhl, als sei ihr der einzige Grund zur
Freude, den sie gehabt hatte, entrissen worden.

Whrend der Trauung hatte sie mehrere Male den Kopf gewendet und nach
der Tr hingesehen. Sie hatte ja noch immer gehofft, Mamsell Maja Lisa
wrde sicher im letzten Augenblick noch erscheinen, und so hatte sie es
nicht lassen knnen, sich immer wieder nach ihr umzusehen.

Ach, da die Menschen so hart sein und ihr an einem solchen Tage das
einzige, was ihr Herz begehrte, verweigern konnten! Die Trnen traten
ihr in die Augen, sooft sie daran dachte.

Als der groe in Hufeisenform aufgestellte Tisch gedeckt war, nahmen die
Leute Platz und fingen an zu essen. Da entwickelte sich pltzlich eine
frohe, lustige Stimmung ringsumher. Alle tranken und scherzten
miteinander: nur die junge Braut fhlte immerfort dieselbe Beklemmung,
und es war ihr unmglich, auch nur einen Bissen hinunterzubringen.
Langsam zerschnitt sie ein paar Brotscheiben, um sich doch den Schein zu
geben, als esse sie.

Wenn Mamsell Maja Lisa nur heute gekommen wre, dachte sie, dann wre
alles ganz anders! Sie htte mir diesen Tag leicht gemacht.

Pltzlich warf sie einen verwirrten Blick auf ihren Brutigam an ihrer
Seite, und sie fragte sich, ob er am Ende etwas gehrt habe. Es war ihr,
wie wenn sie laut gedacht htte.

Und nach einer Weile ging es wieder geradeso. Sie merkte, da sie vor
sich hinmurmelte: Ach, ach, ach! Da Maja Lisa nicht zu meiner Hochzeit
kommen durfte!

Was sagst du denn vor dich hin? fragte jetzt der Brutigam.

Da wiederholte sie fast gegen ihren Willen.

Ach, ach, ach! Da Mamsell Maja Lisa nicht zu meiner Hochzeit kommen
durfte!

Der Brutigam wute wohl, wie sehr er hatte bitten und betteln mssen,
ehe die reiche Bauerntochter sich hatte entschlieen knnen, ihm ihr
Jawort zu geben.

Es war auch da und dort getuschelt worden, die Gromutter htte sie
schlielich gezwungen; und wenn sie jetzt mit diesem Gesicht an der
Hochzeitstafel sa, mute ja das Gercht wie ein Lauffeuer um sich
greifen.

So begann er denn, sie zu ermahnen, und sagte, es gehe doch wirklich
nicht an, da sie so verdrielich dasitze, sie knne ja an einem andern
Tag mit der Pfarrerstochter zusammen sein.

Aber die Braut hrte nicht auf ihn. Sie schnitt wieder an ihrem Stck
Brot herum, und nach einer Weile seufzte sie abermals: Ach, ach, ach!
Da mich Maja Lisa nicht als Braut sieht!

Noch einmal versuchte der Brutigam, sie zur Vernunft zu bringen.

Da du dich deswegen zum Gesptt der Leute machen willst! sagte er.
Meinst du denn, Mamsell Maja Lisa mache sich soviel aus dir? Man wei
doch, wie wenig die Herrschaften nach uns Bauern fragen.

Doch diesmal wendete sich die Braut hastig an ihren Brutigam.

So wrdest du nicht sprechen, wenn du etwas wtest. Du wrdest nicht
da sitzen, wo du jetzt sitzest, wenn die Pfarrerstochter nicht fr dich
eingetreten wre und gesagt htte, sie glaube, du werdest gut gegen mich
sein.

Jetzt schwieg der Brutigam, und zwar ganz beharrlich. Wenn die ihm
Gegenbersitzenden mit ihm reden wollten, muten sie laut rufen, bis er
sie hrte.

Das konnte von den Hochzeitsgsten nicht unbemerkt bleiben. Auch sie
wurden still und verschchtert und sahen nur noch verstohlen nach dem
Brautpaar hinber.

Aber gerade als alles am betrbtesten aussah, wendete sich der Brutigam
an die Braut.

Wenn du nur darber unglcklich bist, so kann abgeholfen werden, sagte
er. Mamsell Maja Lisa soll dich als Braut sehen, ich bin Manns genug,
das einzurichten.

Die Braut richtete ihre Augen erstaunt auf sein Gesicht, und da sah sie,
da es ihm Ernst war.

Das werde ich dir nie vergessen, sagte sie, du mut mich wirklich
liebhaben, wenn du mir in dieser Sache helfen willst.

In demselben Augenblick klrte sich auch ihr Gesicht auf, und sie war
ganz wie ausgetauscht.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Die Pfarrerstochter sa daheim auf Lvdala in der Kchenkammer und
weinte.

Die Trnen liefen ihr in Strmen die Wangen herab, und sie konnte sie
nicht zurckhalten. Sie gab sich zwar alle Mhe, denn es war ihr hchst
widerwrtig, zu denken, da die Dienstboten glauben knnten, sie weine
nur, weil sie allein daheim bleiben mute, whrend die Eltern auswrts
waren und sich vergngten.

Aber das war es nicht, was sie so unglcklich machte. Nein, was sie
sosehr bekmmerte, war, da sie Britta ihr Wort nicht halten konnte.
Wenn sie bedachte, wie oft sie miteinander von dieser groen Hochzeit
gesprochen hatten! Es war ihr ja nicht mglich gewesen, die Braut ganz
mit dem ihr vorgeschlagenen Brutigam auszushnen; aber es hatte sie
doch immer aufgemuntert, wenn Maja Lisa gesagt hatte, sie freue sich,
Britta im Hochzeitsstaat zu sehen.

Ja, Maja Lisa hatte Grund zu weinen, sie hatte Britta ihr Wort brechen
mssen; das war ihr zu schwer.

Pltzlich horchte sie auf! Wie sonderbar, es war ihr gewesen, als hre
sie Schellengeklingel! Ja und auch Geigenspiel! Sie konnte sich nicht
tuschen.

Deutlicher und deutlicher hrte sie es. So viel war sicher, irgend etwas
hrte sie. Aber woher in aller Welt mochte es kommen? Sie stand auf und
trat an das nach Osten gehende Fenster, wo sie auf die zum Pfarrhaus
fhrende Allee hinaussehen konnte.

Als sie vor etwa einer Stunde Feuer im Ofen angezndet hatte, war es
drauen schon dunkler Abend gewesen; jetzt war das Feuer niedergebrannt,
und es war dunkel in der Kammer, whrend es drauen heller geworden war.
Nun leuchtete eine klare, sternhelle Nacht drauen, der Schnee auf dem
Boden und der Rauhreif auf den Bumen hatten von selbst zu leuchten
angefangen, und als die Pfarrerstochter ans Fenster trat, war es gerade,
als schaue sie in einen hellerleuchteten Raum hinein.

Jetzt sah sie ganz deutlich, da ein Hochzeitszug durch die Allee und
zwischen den alten Wirtschaftsgebuden des Hinterhofs dahergefahren kam.
Im ersten Schlitten saen die Musikanten mit den Geigen unter dem Kinn
und fiedelten aus Leibeskrften auf den Saiten herum. Im nchsten saen
Braut und Brutigam; und die Braut hatte sich nicht einmal einen Schal
ber den Kopf geworfen, sondern lie die Krone im weien Schneelicht
schimmern. Darauf kam Schlitten um Schlitten mit Hochzeitsgsten. Maja
Lisa erkannte den Schimmel des Ksters Moreus, den roten Schlitten des
Kirchenvorstehers und----

Es schwindelte ihr vor den Augen, und sie mute sich auf einen Stuhl
neben dem Fenster niederlassen. Sie konnte nicht begreifen, was das
bedeuten sollte. Warum fuhr die Hochzeitsgesellschaft von Loby hierher
ins leere Pfarrhaus?

Aber vielleicht war es nur ein Wahngebilde, das vor ihr auftauchte, weil
sie den ganzen Tag hindurch mit allen ihren Gedanken bei der Hochzeit
gewesen war.

Jetzt hielt der Zug vor der Freitreppe; sie hrte es deutlich. Die
Haustre ging auf, und die ganze Gesellschaft drngte in den Flur
herein. Sie aber blieb unbeweglich sitzen.

Nicht etwa, weil sie sich gefrchtet htte! O nein, aber wie
jammerwrdig wre es, wenn sie nun hinausginge, die Gste zu begren,
und dann niemand drauen vorfnde!

Jetzt waren sie im Saal, und jetzt rissen sie die Kchenkammertre weit
auf.

Die Spielleute voran. Dann Kster Moreus mit seiner Ulla am Arm. Dann
Braut und Brutigam, von zwei Brautfhrern mit dreiarmigen Leuchtern
hell beleuchtet, und hinter diesen eine ganze Schar Jugend, Burschen und
Mdel.

Als alle hereingekommen waren, hrten Jan ster und sein Kamerad auf zu
geigen. Der Kster Moreus trat vor die Pfarrerstochter und hielt eine
kleine Rede. Er sagte, Britta von Loby habe ausdrcklich verlangt, da
die Pfarrerstochter sehe, wie schn sie als Braut sei; sie und ihr Mann
htten allein hierherfahren wollen, aber dann htte er und die andern
gedacht, die Freude sei nicht so gro fr Mamsell Maja Lisa, wenn sie
nur die Braut und nicht auch den brigen Hochzeitszug zu sehen bekme,
deshalb htten sich jetzt alle angeschlossen, die nach dem
Hochzeitsschmaus nicht zu schlfrig dazu gewesen wren.

Die Pfarrerstochter war, seit sie eine Stiefmutter hatte, immer rmlich
angezogen. Aber daran zu denken, vergaen sie und die Hochzeitsgste
vollstndig, denn die Freude ber dieses unerwartete Kommen hatte ihr
Gesicht so verklrt, da sie ganz unwiderstehlich liebreizend aussah.

Ja, es war ganz wahr, was man von den Pfarrerstchtern von Lvdala
sagte: sie seien imstande, alle Menschen zu bezaubern. Es war
unbegreiflich, wie sie es machte; aber als sie die Braut umarmte und
dann dem Brutigam und den andern die Hand drckte, da war es allen, als
sei jetzt erst die rechte Hochzeitsfreude angebrochen.

Ja, die Pfarrerstochter konnte ihre Sorgen ganz abwerfen und so froh
werden, da alle andern Menschen auch dachten: Es gibt doch nichts
Schneres als zu leben! Es ist nicht wahr, wenn es heit, das Leben sei
schwer und traurig. Nur schn ist es.

Die Pfarrerstochter brauchte die Braut nur anzusehen, ihre Brautkrone
und ihr Hochzeitskleid zu loben, da wurden aller Augen aufgetan. Vorher
hatten sie gar nicht gemerkt, wie schn sie in ihrem Staat war.

Als Maja Lisa sich dann auch an den Brutigam wendete und ihm dankte,
da er mit Britta gekommen sei, und ihm zugleich zu seiner Frau
beglckwnschte, da ging auch ihm gleichsam ein Licht auf, und nun
verstand er, da er nicht allein den grten Hof in Loby, sondern auch
die beste Bauerntochter geheiratet hatte.

Was sie zu Britta sagte, konnte niemand verstehen; aber man sah Britta
nachher an, da es gerade das gewesen war, was sie gebraucht hatte, um
den ganzen Tag froh und glcklich zu sein.

Sie hatten Hochzeitsversucher mitgebracht, die jetzt aufgedeckt
wurden, denn Maja Lisa mute auch das Hochzeitsessen versuchen. Und man
sah ihr wohl an, wie sehr ihr alles gefiel; aber sie durfte nicht essen,
ehe die andern wieder fortgefahren waren. Lange knnten sie nicht
wegbleiben, das werde sie verstehen, es sei merkwrdig, da sie
berhaupt fortgekommen wren.

Nun erzhlte Ulla Moreus, wie sie sich gleich nach dem Essen
davongeschlichen htten. Die Alten htten ein bichen ermattet
dagesessen und sich nach einem Mittagsschlfchen gesehnt. Sie htten
auch gar nichts von der ganzen Sache gemerkt, bis die Jugend auf und
davon gegangen war; aber sie mten natrlich gleich wieder
zurckfahren, sobald die Braut mit Maja Lisa getanzt htte.

Darauf gingen sie in den Saal hinaus, und die Leute stellten sich den
Wnden entlang auf, um dem Tanz zuzusehen. Der Spielmann Jan ster
stimmte eine Polka an, und die Braut tanzte mit der Pfarrerstochter im
Saal herum. Aber whrend die beiden noch zum ersten Male im Saal
herumtanzten, wurde die Pfarrerstochter ngstlich. Sie hatte vor lauter
Freude noch gar nicht an das bliche Tanzgeld gedacht. Am Hochzeitstag
muten alle Menschen, groe und kleine, mit der Braut tanzen, und wer
immer mit ihr tanzte, war verpflichtet, ihr das Tanzgeld zu geben.
Aber sie armes Mdchen besa nicht einmal eine einzige Scheidemnze!

Die Braut dagegen hatte nichts vergessen. Drben auf dem Tisch in der
Ecke des Saals stand die Flasche mit Riechwasser und der Brautschrein
mit Pastillen und Rosinen, die Brautgewrze, die die Braut nach dem
Tanze anbieten mute.

Ach, das war das schwerste, was Maja Lisa durchmachen mute! Die alten
Bruche durften nicht gebrochen werden. Die Leute htten geglaubt, das
bringe Unglck.

Britta mute indes ihre Angst geahnt haben, denn sie flsterte ihr
whrend des Tanzes zu, Mamsell Maja Lisa solle nur so tun, als lege sie
ihr etwas in die Hand. Wenn man sie so unerwartet berfalle, knne sie
selbstverstndlich kein Tanzgeld bereit haben.

Die Pfarrerstochter besa ein Paar goldene Ohrringe und eine goldene
Brosche, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Sie htte Britta gern
eines von diesen beiden Schmuckstcken gegeben, wute aber nicht, ob sie
durfte. Wie sollte es gehen, wenn es der Stiefmutter nachher zu Ohren
kam!

Es war nicht Sitte, mehr als einmal mit der Braut im Saal herumzutanzen,
aber die Pfarrerstochter machte, whrend sie so berlegte, zweimal, ja
dreimal die Runde durch den Saal. Eigentlich ist es indes unrichtig,
wenn man sagte, sie habe berlegt; sie war in zu groer Not, die
Gedanken wirbelten ihr nur so durch den Kopf.

Sie tanzte so langsam, als sie konnte, und jetzt dachte sie an einen
silbernen Lffel, den sie als Patengeschenk erhalten hatte. Aber wenn
sie so etwas Kostbares verschenkte, war Raclitza am Ende imstande, am
nchsten Tag ins Hochzeitshaus zu gehen und es zurckzufordern.

Es bleibt mir nichts anderes brig, als Britta zu sagen, sie werde ihr
Tanzgeld ein anderes Mal bekommen, dachte sie.

Aber pltzlich fuhr sie zusammen, und darauf tanzte sie das letzte Stck
rasch und vergngt. Irgend jemand hatte die Gelegenheit wahrgenommen,
als sie an ihm vorbergetanzt war und ihr ein Geldstck in die Hand
gedrckt.

Und siehe! Als sie zu tanzen aufhrte, konnte sie einen ganzen blanken
Speziestaler in Brittas Hand legen.

Die Braut war darber so verdutzt, da sie ganz und gar verga, ihr die
Brautgewrze anzubieten, und die Pfarrerstochter mute sie erst fragen,
ob sie nichts bekommen solle.

Whrend sie dann von dem Riechwasser nahm, lie sie rasch ihren Blick im
Saal umherschweifen, um herauszubringen, wer ihr den Speziestaler
zugesteckt hatte.

Sie wute, sie hatte ihn erhalten, als sie eben am Ofen vorbeigekommen
war; dann war es wohl der groe dunkle Mann, der dort drben zwischen
dem Ofen und dem Schrank stand, gewesen, der ihr geholfen hatte.

Jetzt beugte sie sich vor und nahm einige Pastillen aus der Lade.
Zugleich flsterte sie der Braut zu, sie habe geglaubt, sie kenne jeden
Menschen im Dorfe, aber an den Mann, der dort drben am Schranke stehe,
knne sie sich absolut nicht erinnern.

Die Braut antwortete halblaut, das sei nicht merkwrdig, denn dieser
Mann sei gar nicht aus dem Dorfe; es sei ein Schmied vom Henriksberger
Httenwerk in Vstmarken, der gerade heute nach Loby gekommen sei, um
von ihrem Grovater Heu zu kaufen. Sie wisse nicht, warum er mit
hierhergekommen sei, er gehre nicht zur Hochzeitsgesellschaft und sei
ja auch nicht im Hochzeitsstaat.

Und wirklich -- trug dieser Fremde nicht einen Rock aus schwarzem
Schaffell mit einem Ledergrtel um den Leib! Die Pfarrerstochter wute
nicht recht, ob sie zu ihm hingehen und sich bedanken sollte; aber
jedenfalls fand sie keine Gelegenheit mehr dazu, denn jetzt brach die
Gesellschaft auf und verabschiedete sich. Maja Lisa dankte allen fr ihr
Kommen, half ihnen in die Mntel hinein, ging mit ihnen hinaus und
winkte ihnen dann noch von der Freitreppe aus zu.

Als sie darauf wieder eintrat, erschrak sie doch ein wenig, als sie den
groen fremden Mann noch mitten im Saal stehen sah.

Aber sie fand bald eine Erklrung, warum er zurckgeblieben war. Er
wollte wohl wissen, wann er den Speziestaler, den er ihr geliehen hatte,
wiederbekommen knnte. Wer wei, vielleicht hatte er ihn von dem Gelde
genommen, das der Verwalter ihm zum Bezahlen des Heus mitgegeben hatte!

Offenbar htte er indes am liebsten ganz abgeleugnet, was er getan
hatte. Und als die Pfarrerstochter darauf bestand, uerte er, es sei
nicht der Mhe wert, davon zu reden.

Aber sie konnte doch wirklich nicht einen ganzen Speziestaler von einem
Fremden annehmen. Deshalb sagte sie, gleich morgen werde sie ihren Vater
um das Geld bitten und es nach dem Hochzeitshaus schicken, damit er das
Heu bezahlen knne.

Da flog ein gtiges Lcheln wie heller Sonnenschein ber sein Gesicht.

Er sagte, sie solle es nur ganz so einrichten, wie es ihr am besten
passe, er habe Geld genug und knne auch ohne den Speziestaler
auskommen.

Die Pfarrerstochter sah ihn fragend an.

Ach so, fuhr er fort, sie meine wohl, er sei wegen des Geldes
zurckgeblieben?

Ja, warum denn sonst?

Da strich er sich eine lange Haarlocke aus der Stirn und sah an ihr
vorbei nach der gegenberliegenden Wand.

Ach, ich wei es selbst nicht, sagte er. Vielleicht hab' ich noch
etwas sagen wollen.

Die Pfarrerstochter schwieg und machte einen Schritt nach der Tre; sie
wurde ungeduldig.

Jetzt sah sie der Fremde wieder mit seinem gtigen Lcheln an.

Ich kann die andern nicht begreifen, da sie von hier fortgekommen
sind, sagte er.

Bei diesem Wort errtete die Pfarrerstochter; sie machte noch einen
Schritt auf die Tre zu.

Sie htten Euch nicht hier allein lassen, sondern zum Tanze mitnehmen
sollen.

Seine Stimme hatte dabei einen so wohlwollenden Klang, da Maja Lisa
nicht rgerlich werden konnte, und so wendete sie sich ihm wieder zu und
lachte.

Ach, nun macht mir das Alleinsein nichts mehr aus, denn jetzt bin ich
glcklich. Gehet jetzt nur auch; ich bin so froh, da sich meinetwegen
niemand zu beunruhigen braucht.




Die Fuchsgrube


Am nchsten Morgen stand der lange Bengt schon in aller Frhe mit einer
Laterne vor der Fuchsgrube und leuchtete hinein. Das war doch
merkwrdig! In seinem ganzen Leben hatte er noch niemals eine Fuchsgrube
so zugerichtet gesehen.

Der lange Bengt wute, wenn er etwas auf der Welt konnte, so konnte er
eine Fuchsgrube herrichten. Und am gestrigen Abend hatte er diese nicht
weniger pnktlich angelegt als sonst auch.

Er hatte die obere ffnung der tiefen Grube mit einem so hinterlistigen
Dach aus Birkenruten, Stroh und Schnee versehen, da es nicht einmal die
verschlagenste Fchsin vom gewhnlichen Erdboden htte unterscheiden
knnen; und die Ente, die auf dem groen hohen Pfahl in der Mitte der
Grube sitzen mute, um den Fuchs herbeizulocken, war, mit einem Strick
um die Flgel, so fest auf den Pfahl gebunden gewesen, da sie sich
nicht rhren konnte. Es war die beste Ente auf dem Hof gewesen, die die
strkste Stimme von allen hatte. Der lange Bengt hatte sie in der Nacht
schreien hren, nachdem sie schon auf den Pfahl festgebunden war. Ihre
Jammerrufe hatten gellend und ohrenzerreiend durch die Winternacht
getnt.

Fr den, der die Fuchsgrube gerichtet hatte, war es eine groe Schande,
wenn die Ente so schlecht angebunden war, da sie der Fuchs mit
fortreien konnte; aber das war dem langen Bengt noch nie passiert. Ja,
und was auch der Fuchs tat: ob er mit der Ente in den Wald entfloh oder
sie mit in die Grube hinabri, die Schande war in beiden Fllen gleich
gro.

Die Stallmagd brachte die Ente immer nur sehr ungern herbei. Und das
wute Bengt genau: sollte je einmal eine verlorengehen, dann verspottete
sie ihn in alle Ewigkeit jeden Tag, weil er gemeint htte, er knne eine
Fuchsgrube herrichten.

Und nun war ihm dieses Migeschick passiert! Als er mit der Laterne vor
sich hinleuchtete, sah er, da keine Ente mehr auf dem Pfahl war und nur
noch die Strickenden daranhingen.

Vor lauter rger wollte Bengt schon kehrtmachen und seiner Wege gehen.

Aber wie, mglicherweise war der Fuchs doch gefangen worden! Wieder
leuchtete er mit der Laterne umher. An mehreren Stellen war das Dach
eingebrochen. Wenn er doch nur begreifen knnte, wie dieser Fuchs es
gemacht hatte, um soviel Stroh mit sich in die Tiefe zu reien!

Es gelang Bengt nicht, bis auf den Grund der Grube hinabzuleuchten,
soviel er auch die Laterne drehte und wendete. Da lie er den
Laternenschein auf den Schnee fallen, um nach Spuren zu sehen. Wenn zwei
Fchse in der Grube wren, dann knnte er besser verstehen, warum das
Dach so zerrissen war, und dann wre es auch keine so groe Schande, da
die Ente mitgerissen worden war.

Er fand auch wirklich Spuren im Schnee und hielt die Laterne dicht
darber. Dann bckte er sich, tiefer und tiefer. Schlielich nahm er die
Kerze aus der Laterne, lie sich auf die Knie nieder und leuchtete auf
dem Boden umher.

Als er sich wieder aufrichtete, fhlte er, da seine Knie zitterten.
Glcklicherweise sah ihn niemand in diesem Augenblick!

Nicht rasch genug konnte er in den Stall kommen, um ein Seil zu holen.
Als er damit zurckkam, band er die Laterne daran und senkte sie in die
Grube hinunter. Jetzt konnte er bis auf den Grund sehen, und pltzlich
ging ein Grinsen ber sein Gesicht. Seine Augen wurden ganz klein und
funkelten, und seine Zhne schimmerten zwischen den geffneten Lippen
hervor. Jetzt hatte er es nicht mehr eilig, er blieb im Gegenteil mit
hchst befriedigtem Gesicht ber die Grube gebeugt stehen.

Nach einer Weile richtete der lange Bengt seine Schritte nach dem
Wohnhaus.

Aber er nahm den Weg nicht durch die Kche, sondern stieg mit wuchtigen
Schritten die Freitreppe hinauf und ging in den Flur hinein. Es war kaum
fnf Uhr, und auer der alten Haushlterin war noch niemand auf. Sie
hrte jemand nach der Trklinke tasten und trat ngstlich nher, um zu
ffnen.

Was in aller Welt, der lange Bengt! Was ist denn mit dir los, da du
durch den Haupteingang hereinkommst?

Aber der lange Bengt schob sie auf die Seite, ohne sie eines Wortes zu
wrdigen, und steuerte geradeswegs auf die Schlafstube zu, wo der
Pfarrer und die Pfarrerin noch im besten Schlafe lagen, und machte die
Tre auf.

Was gibt's? Was gibt's? fragte der Pfarrer, indem er sich im Bette
aufrichtete.

Ich bin's, der lange Bengt. Herr Pfarrer, ich wollte nur sagen, da die
Ente heute Nacht von der Fuchsgrube verschwunden ist.

Das ist allerdings schlimm, Bengt. Aber deshalb httest du mich doch
nicht mitten in der Nacht--

Alle beide, der Fuchs und die Ente, sind in der Grube drunten.

Ich glaube, du bist verrckt, Bengt! Du weit doch, da ich erst vor
ganz kurzem von der Hochzeit zurckgekommen bin, und ich war eben erst
eingeschlafen.

Aber nachdem der lange Bengt eine passende Pause gemacht hatte, begann
er wieder:

Ein Wolf ging der Spur des Fuchses nach, und er ist auch in der Grube
drunten.

Jetzt erwiderte der Pfarrer rasch: Sag' in der Kche drauen, man solle
hier Licht machen, damit ich aufstehen kann.

Aber der lange Bengt blieb stehen, wie wenn er taub wre.

Ein zweiter Wolf ist der Spur des ersten Wolfs gefolgt, und der ist
auch in der Grube.

Sprach's, machte kehrt und ging geradeswegs zur Tr hinaus.

Als es ordentlich Tag geworden war, versammelten sich alle Bewohner des
Hofes um die Fuchsgrube. Alle waren da: der Pfarrer und die Pfarrfrau
und die Pfarrerstochter, die Haushlterin, die fnf Mgde, die
Einliegerin und die Kleine. Dann auch der lange Bengt und seine Mutter,
die alte Bengta, sowie Bengts Frau, die muntre Maja, ferner die beiden
Vettersbuben, der Spielmann Jns und der alte Backmann, ein Soldat, der
im Pfarrhaus auf Arbeit war.

Alle umstanden schweigend die Fuchsgrube, alle beugten sich vor, sahen
ein paar Augenblicke hinunter und traten dann wieder zurck.

Die Kleine war etwas auf die Seite gedrngt worden und hatte nicht bis
zum Grubenrand hingelangen knnen. Der Pfarrer bemerkte es und winkte
sie herbei. Sie sollte auch herankommen und hinuntersehen.

Vorher htte sie sich gerne durchgedrngt; aber jetzt konnte sie keinen
Schritt machen; ein kalter Schauder rieselte ihr durch den Krper, sie
wagte es nicht, die Wlfe anzusehen.

Das Kind hatte noch nie einen Wolf gesehen, aber es hatte sie im Walde
um Koltorp heulen hren, und sie wute, die Wlfe waren die
schrecklichsten Ungeheuer, sie waren viel schlimmer als Basilisken.

Der Pfarrer war an diesem Morgen frischer, als die Kleine ihn je vorher
gesehen hatte. Er packte sie am Kragen ihrer Pelzjacke und sagte:

So, nun halte ich dich fest, Nora Sausewind, damit du nicht
hineinfllst. Du mut in die Grube hinuntersehen, obgleich du nur ein
Kind bist, damit du, wenn du einmal alt bist, der Jugend erzhlen
kannst, da wir hier auf Lvdala in einer einzigen Nacht zwei Wlfe und
einen Fuchs in unserer Grube gefangen haben.

Jetzt stand sie am Rand der Grube und sah schlielich hinunter. Die
Grube war ein viereckiges, mit Brettern verkleidetes Loch, wie ein
Brunnen, nur viel weiter.

Die Kleine sah hinein nach den groen Ungeheuern mit dem frchterlichen
Rachen, in dem so ein kleines Mdchen wie sie auf einen Happ
verschwinden konnte. Aber sie konnte sie nicht entdecken; da wandte sie
den Kopf zurck und sah den Pfarrer an.

Sieh in die Ecken! sagte er.

Noch einmal beugte sie sich vor. Es war ziemlich dster in der Grube,
aber jetzt konnte sie etwas unterscheiden. Vier Tiere waren da drunten,
in jeder Ecke eines; alle saen regungslos da, nur ihre Augen, mit denen
sie zum Tageslicht und den Menschen hinaufschauten, funkelten.

In der Ecke gerade vor ihr lag der Fuchs; der war nicht grer als ein
Sofakissen. In der nchsten Ecke lag ein Tier so gro wie ein groer
struppiger Hund. In der dritten Ecke stand die Ente fest und gerade auf
ihren beiden breiten Fen, und in der vierten Ecke lag noch einer von
den groen struppigen Hunden.

Die vollkommene Stille da drunten war ganz sonderbar und unheimlich; und
die Kleine verhielt sich ebenso still wie alle andern, als sie vom
Grubenrand zurcktrat.

Als alle zur Genge hinuntergeschaut hatten, traten die Mnner zusammen,
um zu beraten. Die Wlfe muten ja gettet werden, aber sie wuten
nicht, wie sie es bewerkstelligen sollten.

Natrlich wre es ein leichtes gewesen, sie zu erschieen; aber wenn
Blut in die Grube flo, wurde diese unbrauchbar, dann konnte man nie
wieder ein Tier darin fangen.

Wenn es sich sonst nur um einen Fuchs handelte, sprang ein Mann in die
Grube hinein, versetzte dem Fuchs einen Schlag auf den Kopf, da er die
Besinnung verlor, legte ihm dann eine Schlinge um den Leib und lie ihn
hinaufziehen.

Wenn man zu einem Fuchs hineinsprang, war keine Gefahr dabei; wenn sich
aber zwei lebende Wlfe in der Grube befanden, war das eine ganz andere
Sache.

Der lange Bengt nahm den Knppel, dessen er sich bediente, wenn er dem
Fuchs den Schlag versetzte, mit dem er ihn bewutlos machte. Damit trat
er an den Grubenrand, sah hinunter, schttelte den Kopf und trat dann
wieder zu den andern.

Nun holte einer der Knechte ein Seil und knpfte eine Renntierschlinge.
Mit dieser stellte er sich an die Grube und lie die Schlinge dicht vor
dem einen Wolf hinunter. Wenn es ihm gelang, die Schlinge ber den Kopf
des Wolfes zu streifen, konnte dieser leicht heraufgezogen werden.

Die Schlinge senkte sich tiefer und tiefer hinab, ja sie kam bis auf die
Nase des Wolfs, ohne da sich dieser rhrte. Aber pltzlich fuhr er mit
dem Kopf vor, heulte einmal laut auf, zwei Zahnreihen schimmerten, und
die Schlinge fiel abgebissen auf den Boden der Grube.

Aller Herzen begannen ngstlich zu klopfen, als sie dies sahen. Nein, es
war kein Vergngen, sich mit einem Tier einzulassen, das ein Seil mit
einem Schnapper durchbeien konnte.

Es wird uns nichts anderes brigbleiben, als in die Grube
hineinzuschieen, sagte der Pfarrer. Wir mssen uns eben im nchsten
Winter eine neue graben.

Jetzt trat ein Mann an den Rand, der bis dahin etwas hinter den andern
gestanden hatte. Es war niemand anders als der Schmied von Henriksberg,
der am vorhergehenden Abend nach Loby gekommen war, um Heu zu kaufen.
Aber im Hochzeitshaus hatte man so viele Gste zu beherbergen gehabt,
da man ihm keine Lagerstatt mehr anbieten konnte, und da hatte Bjrn
Hindriksson Pfarrers gebeten, ihn aufzunehmen.

Nun, im Pfarrhaus stand ja die Gaststube auf dem Bodenraum immer bereit,
und da hatte er in der Nacht geschlafen. Aber jetzt am Morgen waren
aller Gedanken nur mit den Wlfen beschftigt gewesen, und so hatte kein
Mensch mehr an ihn gedacht.

Er sah in die Grube hinunter, nahm dann Bengts Knppel und wog ihn in
der Hand; aber niemand dachte, er tue es aus einem andern Grunde als
zum Zeitvertreib. Der Mann war sehr gro, aber auch sehr schlank und sah
nicht gerade riesenstark aus. Seine Hnde waren schmal und wei, ganz
und gar keine Schmiedsfuste. Nein, er sah nicht aus, als habe er
ordentlich Schneid. Wenn man ihn ansah, dachte man unwillkrlich, alles
Leid, das dieser Mensch je erfahren habe, sei ihm in die Augen
gestiegen, aber nie fortgeweint worden, und wenn er sich bewegte, hatte
man auch das Gefhl, als trge er eine Last, die ihn schwer bedrckte;
denn seine Bewegungen waren langsam und mde wie die eines erschpften
Menschen.

Eine Weile noch hrte er den Beratungen der andern zu; als er aber sah,
wie unschlssig und ratlos sie waren, trat er rasch wieder dicht an die
Grube und sprang geradeswegs zu den wilden Tieren hinunter.

Und ehe noch irgendeiner auch nur einen Gedanken fassen konnte, sauste
der Knppel -- ein dumpfer Schlag ertnte. Da hatte der eine Wolf seinen
betubenden Schlag auf die Hirnschale bekommen -- dann wieder ein Schlag
-- und dann noch einer.

Indessen hatte sich der andere Wolf aufgerichtet, und dieser bekam den
ersten Schlag aufs Rckgrat, da er zusammenbrach. Dann kam auch fr ihn
der tdliche Schlag auf die Hirnschale.

Jetzt das Seil! rief der Fremde den andern zu.

Der lange Bengt warf ihm das Seil mit der Schlinge zu. Der Fremde
streifte es zuerst dem einen Wolf ber den Kopf, dann dem andern, und
dann lie er beide miteinander hinaufziehen.

Der Fuchs war indessen lebendig geworden. Mit groen Stzen warf er sich
gegen die Grubenwand, aber der Fremde kmmerte sich nicht um ihn.

Lat jetzt die Leiter herunter! Der Knecht soll die beiden andern
versorgen.

Als der Fremde aus der Grube herausstieg, sah er wohl, wie bestrzt alle
miteinander waren, sowohl Mnner als Frauen. Niemand brachte ein Wort
heraus. Die Frauen besonders waren so erschrocken, als sie ihn in die
Grube hineinspringen sahen, da sie noch immer zitterten, und die Mnner
schmten sich ein wenig, weil sie sich nicht selbst hineingewagt hatten.

Die Pfarrerstochter aber trat mit strahlenden Augen auf den Fremden zu:

Jetzt hab' ich doch einmal einen Mann gesehen, sagte sie. Danach hab'
ich mich mein ganzes Leben lang gesehnt.

Er sah sie mit seinen schwermtigen Augen an.

Alles auf der Welt ist gering und wertlos, schienen sie zu sagen, und
ich bin am geringsten von allem.

Zugleich aber flog das gtige Lcheln wieder ber sein Gesicht.

Ich dachte, es wre schade, wenn man in die Grube hineinschieen mte
und sie dadurch unbrauchbar machte, sagte er.




Der Speziestaler


Man kann wohl sagen, das sei doch nicht der Mhe wert, sich so darber
zu grmen; aber da ging nun die Pfarrerstochter tatschlich vierzehn
Tage lang verzweifelt umher, weil sie nicht wute, wie sie sich einen
Speziestaler verschaffen sollte.

Wenn sie doch nur ihren Vater, wie es ihre Absicht gewesen war, gleich
am Morgen nach der Hochzeit darum gebeten htte! Aber da war sie von der
Stiefmutter fr das, was sie zu dem Schmied gesagt hatte, als er aus der
Fuchsgrube herausgestiegen war, hart gescholten worden. Und nicht allein
fr das, was sie gesagt hatte, sondern auch weil sie in so auffallender
Weise auf ihn zugeeilt war. Es habe ausgesehen, als wolle sie ihm an den
Hals fliegen. Wann wrde sie es endlich lernen, sich wie ein anstndiger
Mensch zu betragen und nicht wie ein zwlfjhriges Schulmdel?

Danach war ihr der Mut, um das Geld zu bitten, vollstndig vergangen.
Sie hatte auch ihren Vater durchaus nicht allein sprechen knnen, und
wenn sie es der Stiefmutter gesagt htte, so wre damit nur ein neues
Unwetter ber sie losgebrochen.

Jedenfalls war es hchst unangenehm, da sie ihr Vorhaben aufgeschoben
hatte, denn am nchsten Tag konnte keine Rede mehr davon sein, mit dem
Gestndnis herauszurcken.

Da erst hatte nmlich die Stiefmutter erfahren, da die Braut und der
Brutigam mit der Hochzeitsgesellschaft von Loby im Pfarrhaus gewesen
waren. Das hatte die Stiefmutter aufs hchste erregt, und sie wre
sicher noch aufgebrachter geworden, wenn sie erfahren htte, wie
verschwenderisch Maja Lisa gewesen war. Einen ganzen Speziestaler zu
verschenken, unerhrt!

Aber je lnger die Pfarrerstochter die Aussprache ber den entlehnten
Taler hinausschob, desto schwerer wurde es ihr, Vater und Mutter zu
bekennen, wieviel Geld sie schuldig war. Und schlielich mute sie sich
selbst sagen, sie werde wohl niemals den Mut haben, um das Geld zu
bitten. Nein, es blieb ihr nichts brig, als sich den Taler woanders her
zu verschaffen.

Sie sann und sann, dachte darber nach, wenn sie an ihrer Nharbeit sa,
und grbelte darber, wenn sie bei Nacht in ihrem Bette lag. Denn soviel
war sicher und gewi, der Schmied mute bezahlt werden. Diese Schmach
htte sie nicht ertragen knnen, da sie dem Mann, der ihr so gutherzig
zu Hilfe gekommen war, das Seine nicht wiedergegeben htte.

Wenn sie doch nur zu Anna Brogren htte reisen knnen! Aber daran war ja
gar nicht zu denken. Nie und nimmer wrde die Stiefmutter sie zu jemand
reisen lassen, der sie liebhatte.

Aber an wen sonst konnte sie sich denn wenden? Gromutter war ebenso arm
wie sie selbst und hatte nichts, als was sie von Vater erhielt. Und Ulla
Moreus hatte wohl berhaupt noch niemals einen Speziestaler in ihrer
Hand gehabt.

Ach, sie war wahrhaftig in groer Verlegenheit! Sie konnte doch wirklich
auch nicht zum nchsten besten hingehen und zu ihm sagen, sie habe den
Mut nicht, Vater und Mutter um einen Speziestaler zu bitten.

Als sie nun am allerratlosesten war, fiel ihr ein, da noch eine
Schwester ihrer Mutter lebte, und da diese ihr wohl helfen knnte. Aber
ach, sie konnte fast das Lachen nicht unterdrcken, als sie sich
ausmalte, welche Miene die Tante aufsetzen wrde, wenn sie ankme und um
Geld bitten wollte!

Und die Tante htte auch allen Grund, stutzig zu werden, denn die Nichte
war der Tante fremder als irgendein anderer Mensch auf der Welt. Ein
groer, weiter, unbersteiglicher Abgrund ghnte zwischen ihr und Maja
Lisa.

Nicht etwa, da sie in Feindschaft miteinander gelebt htten! Nein,
nein! Aber die Tante war in ihren jungen Jahren hingegangen und hatte
einen reichen Bauernsohn geheiratet, der es gewagt hatte, um sie zu
freien. Nach dem, was Maja Lisa darber gehrt hatte, waren die beiden
indes keineswegs aus Liebe ein Paar geworden. Er war ein hochmtiger
Mensch gewesen und hatte gedacht, es wre groartig, wenn er eine
Pfarrerstochter zur Frau bekme, und sie hatte gerade herausgesagt, sie
wolle lieber in einem reichen Bauernhof herrschen, als daheim sitzen
und auf einen armen Hilfspfarrer warten.

Seit die Tante auf den Bauernhof gezogen war, hatte sie sich freiwillig
von ihrer ganzen Verwandtschaft entfernt gehalten. Sie wollte ganz und
gar nichts mehr von ihrem frheren Leben wissen, und ganz besonders
pate sie auf, da ihr niemand von Lvdala nahe kam.

Sie wohnte nicht so sehr weit entfernt, sondern noch im Broer
Kirchspiel, kam aber niemals ins Pfarrhaus. Dafr fuhr entweder der
Pfarrer oder die Gromutter oder Maja Lisa jedes Jahr einmal nach
Svansskog und stattete ihr einen Besuch ab.

Ach, ach, Maja Lisa mute gestehen, da sie ber diese Besuche auf dem
Bauernhofe nie besonders erfreut gewesen war! Die Tante war im Lauf der
Jahre eine echte und rechte Bauernfrau geworden; aber das war es nicht,
was Maja Lisa die Besuche bei ihr verleidete, sondern eher das
eigentmliche Benehmen der Tante, wenn sie von Lvdala Besuch bekam. Sie
ging ihnen nicht auf die Freitreppe hinaus entgegen, um sie zu begren;
und wenn die Gste ins Haus traten, konnte sie die Bemerkung, sie
machten sich wirklich zuviel Mhe, indem sie auf einem Bauernhof zu
Besuch kmen, nie unterdrcken. Aber gleich nachher konnte sie ihnen
vorrechnen, wie lange es her war, seit sie zum letztenmal dagewesen
waren; doch sie sagte dies alles durchaus nicht in freundlicher Weise,
sondern so, da die Gste sich ganz unglcklich fhlten und nicht
wuten, ob sie recht getan hatten, zu kommen, oder ob sie besser zu
Hause geblieben wren.

Aber war es nicht zu dumm von Maja Lisa! Eines Morgens, als sie mit
Vater und Mutter am Frhstckstisch sa, lie sie ganz zufllig ein paar
Worte ber die Tante auf Svansskog fallen und sagte, man drfe sie doch
wohl nicht ganz vergessen.

Der Vater sah sofort von seinem Teller Grtze auf. Die Pfarrerstochter,
die eine Bauernfrau geworden war, hatte ihm von jeher leid getan, und er
war sehr darauf aus, sie immer wieder wissen zu lassen, da sie in ihrer
alten Heimat nicht vergessen war. Jetzt berlegte er, wann zum
letztenmal jemand auf Svansskog gewesen war. Ja, es sei wohl schon eine
gute Weile her, meinte er, und sie mten eigentlich wieder hinfahren
und einen Besuch dort machen.

Die Stiefmutter schwieg, weil sie von der Bauernfamilie nicht viel
wute, und so mute Maja Lisa antworten, da seit letzte Weihnachten
niemand mehr auf Svansskog gewesen sei. Und sie wagte sogar
hinzuzufgen, Tante wrde sich gewi am meisten freuen, wenn Vater und
Mutter selbst hinkmen.

Aber so leichten Kaufs kam Maja Lisa nicht weg, das merkte sie bald:
Vater lehnte sich in seinen Stuhl zurck und sah nicht sehr erfreut aus,
und er dachte wohl, auch die Verwandtenliebe habe ihre Grenzen.
Schlielich erklrte er, ihn habe die Tante oft genug gesehen, er
brauche nicht nach Svansskog zu fahren, um sich zu zeigen. Aber die
Mutter und Maja Lisa knnten noch am heutigen Tag hinfahren; es passe
auch ganz ausgezeichnet, da sowohl der lange Bengt als der Rappe frei
seien.

Da wurde der Besuch nun beim Kaffeetisch ausgemacht. Ach, Maja Lisa
htte sich am liebsten die Zunge ausgebissen! Warum hatte sie von
Svansskog angefangen? Wie schrecklich, mit der Mutter zwei Stunden lang
in ein und demselben Schlitten fahren zu mssen!

Aber nach dem Frhstck ging Mutter mit Vater ins Studierzimmer, und als
sie wieder herauskam, war alles umgestoen. Mutter sagte, es genge
vollstndig, wenn Maja Lisa allein nach Svansskog gehe. Man knne ihr
zwar wohl anmerken, da sie keine groe Lust dazu habe, aber es sei
ntzlich fr die Jugend, wenn sie das tun msse, was ihr zuwider sei.
Auch knne sie nicht fahren, sondern msse zu Fu gehen, weil sie selbst
heute den langen Bengt in der Kche beim Talghacken nicht entbehren
knne; er werde aber am nchsten Tage kommen und Maja Lisa abholen.

Nicht mit einer Miene wagte die Pfarrerstochter zu zeigen, ob ihr diese
Nachricht angenehm oder widerwrtig war. Aber in ihrem Herzen mute sie
sich sagen, wenn der Besuch auf Svansskog nun doch einmal nicht zu
umgehen sei, sei es ihr immerhin noch lieber, wenn sie allein hingehen
drfe, anstatt mit der Mutter fahren zu mssen.

Da sie nun aber solange fortbleiben sollte, fragte sie, ob die Kleine
dann nicht ab und zu bei Gromutter einsehen drfe, um zu fragen, ob sie
etwas brauche.

Aber die Stiefmutter konnte wohl nichts beistimmen, was Maja Lisa auch
immer vorschlagen mochte. Sie befahl nun sofort, die Kleine solle mit
nach Svansskog gehen; Maja Lisa werde doch wohl nicht denken, sie wisse
so wenig, was sich schicke, da sie Maja Lisa den weiten Weg allein
gehen lassen wrde. Und sie brauche sich auch wegen der Gromutter
durchaus nicht zu beunruhigen, es seien wirklich Frauenzimmer genug auf
dem Hofe, die nach ihr sehen knnten.

Jawohl, die Stiefmutter setzte ihren Willen durch, und schon nach einer
Stunde waren die beiden, die Pfarrerstochter und die Kleine, unterwegs.

In der Allee, und solange man ihnen von Lvdala aus nachsehen konnte,
gingen sie sehr ruhig und sittsam; aber bald kamen sie in ein
Tannengehlz, wo vom Pfarrhaus niemand mehr einen Schein von ihnen
entdecken konnte.

Ja, so viel ist sicher, die Pfarrerstochter hatte diesen Ausflug nach
Svansskog fr etwas recht Langweiliges und Unntiges gehalten; aber nun
war das herrlichste Winterwetter, das man sich nur denken konnte. Und
vor ihr ging es den Hgel hinab, einen langen steilen Weg. Und sie war
frei und vergngt wie seit Monaten nicht mehr, es war ihr, als sei sie
einem engen Kfig entflohen. Und die junge Siebzehnjhrige ergriff die
Hand der kleinen Dreizehnjhrigen, und dann liefen beide mit langen
Sprngen davon, bis sie in die groe Schneewehe am Fue des Hgels
hineingerieten, und da lagen sie und lachten aus vollem Halse.

Als sie in Svansskog ankamen, war es erst ein Uhr mittags. Sie hatten
auch recht Glck gehabt und nur die Hlfte des Weges zu Fu gehen
mssen; denn schon von Broby an lie sie ein Knecht von Svansskog
aufsitzen, der einen Fremden gefahren hatte und mit dem leeren
Schlitten heimkehrte.

Svansskog war zugleich Nachtherberge, obgleich sie lange nicht so
besucht war wie die auf Broby, wo die Leute bestndig kamen und gingen.
Nach Svansskog, das ganz im Norden des Kirchspiels lag, kam hchstens
ein Reisender am Tag, und oft konnte gewi eine ganze Woche vergehen,
ohne da jemand einen Wagen verlangte.

Hier auf Svansskog war alles unverndert. Weder die Tante noch eine
ihrer Mgde erschien, um der Pfarrerstochter und der Kleinen aus dem
Schlitten herauszuhelfen.

Ach, ach! es wurde Maja Lisa so bang zumute, die Angst schnrte ihr die
Brust so zusammen, da das Herz fast keinen Raum mehr zum Klopfen hatte.
Unterwegs war sie hoffnungsvoller gewesen; aber als sie jetzt aus dem
Schlitten stieg, hatte sie das bestimmte Gefhl, da die Tante ihr nicht
helfen werde.

Svansskog war ein groes Gebude mit dem Eingang mitten auf der
Langseite und nicht in der einen Ecke, wie das sonst bei den
Bauernhusern der Fall war. Vor der Haustr war auch eine kleine
berdeckte Freitreppe mit einer Veranda, die zwar nicht ganz so gro war
wie die auf Lvdala, aber ihr sonst durchaus hnlich sah und auch ganz
dasselbe Dach und ganz dieselbe Art von Pfeilern hatte.

Ja, es war wirklich sonderbar! Nun war die Pfarrerstochter schon sooft
hier gewesen, aber noch nie war ihr diese Veranda mit der Freitreppe
davor aufgefallen. Sie mute erst ein Weilchen stehenbleiben, um sie zu
betrachten. Ja, und auch noch anderes fiel ihr auf. Das Wohnhaus war
alt, aber es war zu der Tante Zeiten renoviert und verndert worden, und
da hatte sicher die Kinderheimat als Muster gedient. Es waren hier
ebenso viele und ebenso groe Glasscheiben in den Fenstern wie dort, und
die halbrunden Bodenfensterchen htte man ganz gut von dem einen Dach
aufs andere hinbersetzen knnen, ohne da jemand einen Unterschied
gemerkt htte.

Da war es Maja Lisa gleich ein wenig leichter ums Herz. Vielleicht war
es schlielich doch keine so groe Dummheit, da sie hierhergekommen
war! Vielleicht war die ursprngliche Pfarrerstochter doch nicht so ganz
verschwunden, wie sie sich selbst und anderen weismachen wollte!

Der Flur war hier kleiner als auf Lvdala. Wie dort fanden sich auch
hier halbrunde Eckschrnke, die Wnde waren auch grau angestrichen und
mit schwarzen und weien lfarbenpunkten berst. Das Treppenhaus hatte
grobe Balkenwnde gerade wie daheim, und die Bodentreppe fhrte
gefhrlich steil aufwrts mit kleinen schmalen Stufen. Hier konnte man
sicher ebensogut wie auf Lvdala das Gelnder hinabrutschen, ohne mit
den Fen nachhelfen zu mssen.

Dem Eingang gegenber, in der Mitte des Flurs, war eine Tr, die in ein
groes Zimmer fhrte, das stets fr die Reisenden bereitstand. Dort traf
man niemals jemand von der Familie; aber die Pfarrerstochter drehte
doch den Schlssel um und warf einen Blick hinein. Ja, es war ganz so,
wie sie erwartet hatte. Sthle aus gelbem Birkenholz und ein weier
Klapptisch, genau wie in dem Saal auf Lvdala, nicht einmal die groe
Kalla fehlte an dem einen Fenster.

Eines jedoch war verschieden. Wohl waren auch hier blaue Bodenlufer,
aber die hatten nicht dasselbe Muster wie daheim. Als Maja Lisa jedoch
darber nachdachte, fiel ihr ein, da das nicht der Fehler der Tante
war; sie hatte nach den alten Bodenlufern gewoben, die in ihrer Jugend
auf Lvdala gewesen waren; dort aber hatte man das karierte Muster
verndert.

Die Pfarrerstochter schlo die Tre wieder zu und blieb dann noch einen
Augenblick im Flur stehen. Die Trnen waren ihr in die Augen getreten;
aber sie dachte, die Tante werde sicher keine Freude an irgendeiner Art
von Empfindsamkeit haben, und so wollte sie mit einem ruhigen,
frhlichen Gesicht bei ihr eintreten.

Ach, auch hier verfolgte sie ihr gewhnliches Glck! Als sie die
Wohnstubentre ffnete, sah sie, da die Tante mitten in einer groen
Wsche war. Auf dem Feuer brodelte ein mchtiger Waschkessel, und der
ganz mit Wsche gefllte Waschzuber, aus dem die Brhe langsam auf den
Boden heraussickerte, stand mitten in der Stube. Ach, nun war die Tante
gewi noch bellauniger als sonst, wenn Gste kamen! Es war viel Wasser
auf dem Boden verschttet, und auf einer langen Bank lagen frisch
gewaschene, grobe Wschestcke. Ja, Maja Lisa mute zugeben, niemand
wrde erfreut sein, wenn er in einem Zimmer, das in solcher Unordnung
war, Gste empfangen mte.

In diesem Zimmer erinnerte nichts an Lvdala, es war eine ganz
gewhnliche Bauernstube. Maja Lisa hatte aber doch immer gedacht, es sei
ein schnes, ehrwrdiges Gemach, mit seinen groen deckenhohen
Schrnken, dem gewaltigen Himmelbett und den langen, an den Wnden
festgemachten Bnken. Aber jetzt hatte die Wsche alles Behagliche
verscheucht.

Die Tante stand mit dem Rcken gegen die Tre und rieb und knetete aus
Leibeskrften. Maja Lisa war oft erzhlt worden, ihre Mutter und deren
Schwestern seien ebenso gro und schlank gewesen wie sie selbst, aber
die Tante war jetzt breit und untersetzt und sah durchaus nicht zart
aus. Sie trug einen schwarzen Friesrock und ein rotes Leibchen mit dem
dazugehrigen weien Hemd. Die kurze weie Schafpelzjacke, die auch zu
der Tracht gehrte, hatte sie whrend der Arbeit ausgezogen.

Die Tante wendete sich nicht der Tre zu, als Maja Lisa diese ffnete,
und sie sagte auch kein Wort. Ach, soviel war sicher, Maja Lisa wnschte
sich hundert Meilen weg!

Aber es half alles nichts, sie mute zu der Tante hingehen und ihr die
Hand geben, um sie zu begren.

Die Tante hatte beide Hnde im Wasser drinnen. Sie zog die eine heraus,
und ohne sich erst die Mhe zu nehmen, sie abzutrocknen, legte sie den
Rcken ihrer Hand in die der Nichte.

Also diesmal hat man dich schlielich geschickt, sagte sie. Die neue
Pfarrfrau ist wohl zu vornehm, um uns Bauersleuten einen Besuch zu
machen?

Sie sagte wirklich nichts weiter als das und sprach auch nicht
unfreundlicher als sonst, aber Maja Lisa konnte diesmal wohl nicht so
geduldig sein, sondern brach in Trnen aus. Vielleicht nahm sie es sich
auch nur deshalb sosehr zu Herzen, weil sie doch auf einem Bittgang war,
und nun war es ihr, als knnte sie ihre Bitte niemals vorbringen.

Aber als sie die Trnen nicht mehr zurckhalten konnte, war sie erst
recht unglcklich. Ach, ach, da sie sich selbst auf diese Weise vor
dieser Tante, die doch kein Herz fr sie hatte, preisgab! Ach, und nicht
ein paar Trnen drngten sich aus ihren Augen, die leicht weggewischt
werden konnten! O nein, in richtigen kleinen Bchlein liefen sie ihr die
Wangen herunter, und der Hals war ihr wie zugeschnrt, sie konnte kein
Wort herausbringen.

Ach, sie hatte bitterlich Mitleid mit sich selbst!

Jetzt weinte sie darber, da sie berhaupt weinte; und das wei man ja,
wenn es erst so weit ist, dann kann man nicht mehr aufhren.

Am liebsten wre sie auf und davon gegangen und geradeswegs wieder nach
Hause gelaufen. Sie ging auch bis an die Tre; aber als sie diese
erreicht hatte, versagten ihr die Knie. Dicht bei der Tre stand ein
niederes Bnkchen, auf dieses sank sie nieder, und da blieb sie sitzen.

Und dabei konnte sie sich so gut vorstellen, was die Tante ber diese
Nichte dachte, die nur hereinkam, um gleich zu weinen, und sie mitten in
der Wsche strte. Das heit, die Tante sah gar nicht aus, als sei sie
sosehr aufgeregt. Sie hrte auf zu waschen, nahm sich aber ruhig Zeit,
noch eine Schpfkelle heies Wasser in den Zuber zu gieen, und sie
legte auch noch ein Scheit Holz aufs Feuer, ehe sie zu der weinenden
Nichte an der Tre trat.

Du wirst doch keine Angst vor mir haben, sagte sie; ich bin
vielleicht gar nicht so schlimm, wie ich aussehe.

Aber wenn die Tante gemeint hatte, sie werde die Pfarrerstochter mit
diesen Worten trsten und den Trnenstrom zum Versiegen bringen, dann
hatte sie sich verrechnet. Diese Trnen kamen aus einer so tiefen,
reichen Kummerquelle, die, nachdem sie nun einmal bergeflossen war,
stundenlang fortflieen mute.

Auch jetzt noch konnte Maja Lisa kein Wort herausbringen, obgleich sie
sich sagte, der Tante werde die Geduld ausgehen, und sie drfe ihre
Wsche nicht zu lange im Stich lassen. Aber die Tante wute sich zu
helfen, sie wendete sich einfach an die Kleine, die sich die ganze Zeit
dicht neben der Pfarrerstochter gehalten hatte und nun ganz erschrocken
sachte deren Hand streichelte.

Vielleicht weit du, warum Maja Lisa weint? fragte sie. Sie kann
sich's doch wohl nicht so zu Herzen genommen haben, da ich nicht gleich
Zeit hatte, sie ordentlich zu begren.

Man konnte ihrer Stimme anhren, da sie am liebsten darber gelacht
htte, und das mute die Kleine verstanden haben, denn diese wurde
pltzlich ganz wtend.

Soll sie nicht weinen, wenn Ihr Euch so gegen sie benehmt? rief sie.
Da kommt sie zur leiblichen Schwester ihrer Mutter, um sie um Hilfe zu
bitten, und dann sagt diese nicht ein einziges freundliches Wort zu
ihr.

Maja Lisa legte der Kleinen eiligst die Hand auf den Mund; aber das half
nichts, denn die Kleine konnte es nicht ertragen, Mamsell Maja Lisa
weinen zu sehen, und nun war sie in der richtigen desperaten Laune,
gerade wie damals in dem Sturm.

Die Tante lie sich nichts anmerken, ob sie ber die Kleine rgerlich
wurde, aber sie sprach jetzt in breiterem Bauerndialekt als vorher, und
was sie sagte, kam ngstlich und langsam heraus.

Womit sie wohl Maja Lisa helfen knnte? Maja Lisa gehe es doch wohl
ausgezeichnet auf Lvdala, und sie brauche sicherlich keine Hilfe von
einer armen Bauernfrau?

Etwas Besseres htte sie nicht sagen knnen, um die Zunge der Kleinen
recht in Gang zu bringen.

Ihr seid gewi aus demselben Holz geschnitten wie Mamsell Maja Lisas
Stiefmutter, sagte sie. Im brigen aber kann ich Euch etwas sagen; sie
ist hierhergekommen, Euch zu bitten, ihr einen...

Aber da packte die Pfarrerstochter die Kleine so fest beim Arm, da
diese verstummte. Die Tante schien indes die Unterbrechung gar nicht zu
bemerken, sondern fuhr fort:

Ist es denn wirklich so schwer fr Maja Lisa, da sie eine Stiefmutter
bekommen hat? Es heit zwar, wer eine Stiefmutter bekommt, bekommt auch
einen Stiefvater, aber so ist es ihr doch sicher nicht gegangen. Sollte
es irgend etwas geben, das sie sich wnschte und nicht bekme? Das ist
doch wohl unmglich?

Die Pfarrerstochter machte der Kleinen alle mglichen Zeichen; aber was
half das, wenn die Tante sie auf diese Weise reizte?

Oh, Ihr knntet recht wohl selbst sehen, wie es ihr geht, fuhr die
Kleine fort, wenn Ihr nur die Augen aufmachen wolltet. Sie ist ja nicht
besser angezogen als ich und ist nur noch Haut und Knochen. Es heit
freilich, Blut sei dicker als Wasser, aber das ist bei Euch wohl nicht
so? Euch ist es einerlei, ob die Stiefmutter sie zu Tode plagt.

All dies war sehr peinlich fr die Pfarrerstochter. Es war schon schlimm
genug, da sie ihrer Trnen nicht Herr werden konnte; aber da die Tante
alles mgliche aus der Kleinen herauslockte, war noch viel schlimmer.
Wer konnte wissen, wie die Tante es aufnahm! Vielleicht nhrte sie einen
geheimen Groll gegen die Tochter ihrer Schwester in ihrem Herzen und
freute sich nur, wenn sie das alles zu wissen bekam.

Nein, Maja Lisa konnte es nicht lnger aushalten! Deshalb stand sie auf
und tastete nach der Tre. Aber als sie die Klinke aufmachen wollte, war
irgend etwas daran nicht in Ordnung, Maja Lisa konnte sie nicht gleich
aufbringen, sondern zog und rttelte -- und sank pltzlich zusammen --
und fiel zu Boden----

Als sie wieder zu sich kam, lag sie in dem Zimmer mit den blau
karierten Bodenlufern im Bett. Sie ruhte auf so weichen Kissen und so
feinen Laken, wie sich auf Lvdala kaum welche fanden. Neben dem Bett
stand ein Tisch und auf dem Tisch ein Kaffeebrett und auf dem Brett eine
Schale, die mit einem Tuch zugedeckt war.

Ja, Maja Lisa versprte ein wenig Hunger, und rasch nahm sie das Tuch
von der Schale. Aber nichts Ebares lag darunter, nichts als ein groer,
glnzender, prchtiger Speziestaler!

Zuerst konnte sie nicht begreifen, wie alles zusammenhing. Aber dann
ging ihr ein Licht auf. Die Tante hatte natrlich die Wahrheit aus der
Kleinen herausgelockt! Ach, Maja Lisa fhlte sich so gerhrt und
beglckt, da sie wieder weinen mute, und nachdem sie eine Weile
geweint hatte, schlief sie ein.

Sie schlief ununterbrochen, bis die Wanduhr in der Wohnstube drei Uhr
schlug. Als sie jetzt aufschaute, war der Speziestaler verschwunden;
aber dafr stand eine Menge guter Sachen zum Essen neben ihrem Bett.
Zuerst erschrak sie ein wenig, weil das Geldstck verschwunden war; aber
dann dachte sie, sie sei jetzt sicher in guten Hnden. Damit beruhigte
sie sich, und dann a sie.

Als sie sich satt gegessen hatte, wurde sie ber diese Beweise von Gte
wieder so gerhrt, da sie abermals weinen mute, und whrend sie noch
weinte, schlief sie aufs neue ein.

Als sie das nchste Mal erwachte, war es dunkler Abend. Im Ofen
flackerte ein lustiges Feuer; die Tante aber stand vor ihrem Bett und
betrachtete sie.

Das erste, was sie sagte, war, Maja Lisa solle entschuldigen, aber sie
habe sich die Freiheit genommen, den Speziestaler dem Manne zu schicken,
von dem er entlehnt worden sei. Es sei jetzt am Abend ein Wagen nach
Henriksberg geschickt worden, und da habe sie dem Knecht den Taler
gegeben mit dem Auftrag, sich zu erkundigen, welcher von den Schmieden
um Weihnachten das Heu in Loby gekauft habe. Diesem solle er das
Geldstck mit einem Gru von der Pfarrerstochter bergeben. Sie habe es
so frs beste gehalten; denn Maja Lisa htte wahrscheinlich von Svartsj
aus nicht so leicht einen Boten nach Henriksberg schicken knnen.

Abermals war die Pfarrerstochter tiefgerhrt, sie konnte kaum antworten.
Aber die Tante lie es nicht wieder zum Weinen bei ihr kommen, sondern
fing nun an, sie ber Lvdala auszufragen. Sie erwhnte die Stiefmutter
oder irgend etwas anderes Unangenehmes gar nicht, sondern fragte nur
nach Sachen, die Maja Lisa keinen Kummer machten. Wie es der Gromutter
gehe? Ob ihre Stube im Brauhaus noch immer so blitzblank sei? Wie es bei
der alten Bengta im Gesindehaus aussehe. Wohl noch ebenso schmutzig wie
frher? Ob das Kuzchen noch auf dem Boden hause? Ob die Drossel noch in
dem Tannenwipfel ber dem Ruhestein sitze und an den Frhlingsabenden so
herrlich zwitschere? Ob es auch in den letzten Jahren noch Maiblumen in
dem Birkengehlz hinter dem Obstgarten gegeben habe? Ob das alte, auf
Pfosten errichtete Vorratshaus noch stehe? Und ob das neue Pfarrhaus,
das Maja Lisas Vater hatte bauen lassen, ganz so wie das alte sei? Und
ob in dem alten dsteren Schafstall auch jetzt noch Schafe seien?

Voller Verwunderung hrte die Pfarrerstochter zu. Nach allem fragte die
Tante, nichts, nichts verga sie.

Zum Schlu sprach sie auch noch ein wenig von sich selbst.

Siehst du, Maja Lisa, in der ersten Zeit nach meiner Verheiratung ging
ich heim nach Lvdala, sooft ich nur konnte. Ich sah wohl, da das den
Leuten hier auf Svansskog nicht angenehm war; aber ich ging trotzdem,
denn ich hatte Heimweh, und im Anfang war ich gar nicht glcklich hier.
Es war nicht so leicht fr mich, das kann ich dir sagen. Ich hatte hier
eine Schwiegermutter, die gerade so gegen mich war, wie deine
Stiefmutter gegen dich ist. Und noch ein anderer war auch sehr streng
und hart. Wir waren damals keine so guten Freunde, wie wir spter
geworden sind, und das, das war das Schlimmste fr mich.

Aber dann wurde mir eines klar: Sooft ich wieder nach Lvdala ging,
wurde mir die Rckkehr immer schwerer. Und schlielich konnte ich nicht
mehr anders, ich mute mit mir selbst ins Gericht gehen und mich fragen,
wie ich es eigentlich haben wollte. Diesen Ort hier hatte ich mir zur
Heimat erwhlt, und hier mute ich leben, und da war es doch wohl dumm,
wenn ich mein Leben mit dem Heimweh nach dem, was ich verlassen hatte,
vertrdelte. Da fate ich meinen Entschlu: Nie wieder wollte ich nach
Lvdala gehen, und nichts mehr wollte ich mit den Leuten auf Lvdala zu
tun haben, ganz und gar wollte ich vom Alten wegkommen. Und das war das
Richtige fr mich. Von da an wurde ich selbst ruhiger; und als die
anderen begriffen, da ich ihnen im Ernst angehren wollte, nderten sie
ihr Benehmen gegen mich; sie beobachteten mich scharf, wenn ihr mich
besuchtet, aber sie sahen und verstanden, da ich mir alle Mhe gab,
mich auch gegen euch fremd zu stellen.

Ja, ich hatte eine dicke, feste Mauer zwischen mir und euch aufgerichtet
und meinte, nichts auf der Welt knnte sie je wieder einreien. Aber das
hatte ich allerdings nicht mit in Rechnung genommen, da jemals eine
Pfarrerstochter von Lvdala, ebenso klein und zart wie ich in ihrem
Alter auch gewesen war, zu mir kommen und mich um Hilfe bitten wrde.
Siehst du, da war es zu Ende mit aller meiner Kraft.

Aber glaube ja nicht, ich werde deshalb irgendwelche Unannehmlichkeiten
hier haben. Weit du, was ich vorhin, als du schliefst, getan habe? Oh,
da zog ich meinen Mann am rmel, nahm ihn mit hierher an die Tre und
lie ihn durch einen Spalt einen Blick auf dich hineinwerfen. Und dann
erzhlte ich ihm, wie alles zusammenhing, und fragte ihn, ob er etwas
dagegen htte, wenn ich dir helfe. Aber nun sollst du hren, was er
darauf sagte.

Das sagte er: 'Die, die da drinnen liegt, sieht ganz genau so aus, wie
du selbst ausgesehen hast, als du zuerst zu mir kamst; und das sage ich
dir, wer der da drinnen nicht hilft und beisteht, der bekommt es mit mir
zu tun.'




Der Finnenpfarrer


Es war wie verhext, Maja Lisa mute immerfort an die Stiefmutter denken.
Den ganzen Morgen war diese ihr nicht aus den Gedanken gekommen, und
obgleich sie wute, da auf Lvdala das Lichterziehen in vollem Gange
war, fuhr sie doch jedesmal unwillkrlich zusammen, wenn jemand die Tre
ffnete, in heller Angst, die Stiefmutter knnte eintreten und sehen,
wie schlecht sie sich benahm.

Denn ach, wenn Mutter wte, da sie bis acht Uhr morgens geschlafen
hatte! Ja, und noch mehr; die Tante war so gut gegen sie gewesen und
hatte ihr selbst Kaffee ans Bett gebracht, obgleich alles Kaffeetrinken
von Seiner Majestt dem Knig verboten war. O weh, die Stiefmutter, die
so streng darauf hielt, da allen Verordnungen aufs genaueste
nachgekommen wurde, die wre sicher ber die Maen emprt gewesen, und
die beiden roten Flecke htten auf ihren Wangen gebrannt!

Oder gar, wenn Mutter gesehen htte, wie die Tante an diesem Tag alle
Arbeit liegen und stehen lie, nur um mit Maja Lisa auf der Bank
zwischen dem Fenster und dem breiten Wohnzimmertisch plaudern zu knnen!
Ja, oder wenn sie die Tante lachen gehrt htte, als die Nichte von der
Stiefmutter und allen ihren Taten erzhlte!

Denn jetzt, wo Maja Lisa ausgeruht hatte, war sie gar keine Trnenliese
mehr, sondern lachte nur ber alle ihre Widerwrtigkeiten. Die
Stiefmutter hatte wohl gedacht, die Tante werde gegen Maja Lisa geradeso
sein wie sie, und sie wre sicherlich sehr rgerlich gewesen, wenn sie
dahintergekommen wre, wie sehr sie sich getuscht hatte.

Aber wenn sie nun gekommen wre und dann Maja Lisa allein mit der Tante
angetroffen htte, wre das erst nicht so gefhrlich gewesen. O nein,
wre sie spter am Tag gekommen, dann htte es schlimmer ausfallen
knnen!

Im Lauf des Vormittags fuhr pltzlich ein Reisender an der Herberge vor.
Rasch wendete sich Maja Lisa dem Fenster zu, und da sah sie einen groen
schnen Mann aus einem kleinen grn angestrichenen Schlitten steigen. Er
trug einen Anzug aus eigengewobenem Fries, der ganz hell, ja fast wei
war; er hatte keinen Pelzrock an, aber an der freimtigen Art, mit der
er dem Hausherrn die Hand schttelte, konnte man gleich sehen, da er
ein Herr von Stand war.

Die Tante war so an die Ankunft von Reisenden gewhnt, da sie sich
nicht einmal die Mhe nahm, zum Fenster hinauszusehen. Maja Lisa mute
sie erst auffordern, sich doch umzudrehen und ihr zu sagen, wer der
schne Herr sei.

Und die Tante konnte auch wirklich Auskunft geben. Der da drauen stand,
das sei ja wahrhaftig der Pfarrer von Finnerud, Pastor Liljecrona!

Ja, nun htte die Stiefmutter dasein sollen, um zu sehen, wie Maja Lisa
bei Nennung dieses Namens zusammenfuhr! Die Tante merkte es auch gleich
und wurde neugierig. Aber das tat nichts, denn ihr konnte Maja Lisa ohne
Scheu die Geschichte von dem Traumpfannenkuchen und dem Traum erzhlen,
whrend sie sie der Stiefmutter niemals htte anvertrauen knnen; diese
htte ja doch nur ber alles miteinander verchtlich den Kopf in den
Nacken geworfen.

Die Tante dagegen nahm die Sache vollstndig ernst.

Das wre nicht das schlimmste, wenn du ihn bekommen knntest, sagte
sie. Er ist nicht allein ein schner Mann, sondern auch ein wirklich
prchtiger Mensch.

Maja Lisa verwunderte sich hchlich. Die Tante konnte doch wohl nicht
meinen, sie solle den Pfarrer von Finnerud heiraten. Dieser Ort lag ja
weit droben im Norden, noch viel weiter entfernt als Vstmarken. Und es
wohnten auch nur Finnen dort, die vor zweihundert Jahren hingezogen
waren, aber seither noch nicht einmal Schwedisch gelernt hatten. Fr
Maja Lisa war Finnerud ein so unbekannter Ort, wie wenn er ganz droben
in Lappland gelegen htte.

Aber die Tante beruhigte sie. Sie solle keine Angst haben, in Finnerud
brauchte sie nicht zu wohnen. Pastor Liljecrona sei schon seit elf
Jahren Pfarrer dort und werde nun wahrscheinlich wegziehen, um Propst
in Sjskoga zu werden.

Da begann Maja Lisa zu verstehen, warum die Tante so eifrig geworden
war. Sie, die ursprngliche Pfarrerstochter, wute wohl, da Sjskoga
das beste Pastorat im ganzen Sprengel war.

Aber Maja Lisa sagte, sie kmmere sich eigentlich weder um Finnerud noch
um Sjskoga; ihr Mann msse Pfarrer in Svartsj sein und auf Lvdala
wohnen.

Ja, so sagst du jetzt, meinte die Tante, aber warte nur, bis der
Rechte kommt, dann fragst du weder nach Hof noch Kirchspiel.

Die Tante sprach mit so groem Ernst, da sich Maja Lisa noch einmal dem
Fenster zuwenden und hinaussehen mute. Der Pfarrer war wirklich ein
schner Mann mit seiner stattlichen Figur und seinen leuchtenden blauen
Augen, und er hatte eine laute, frhliche Stimme, die bis ins Zimmer
hereindrang. Der Hausherr hrte ihm mit erfreuter Miene zu, und aus
Stall und Scheune eilten die Knechte herbei, das Pferd auszuspannen.

Sieh, wie sie von allen Seiten dahergelaufen kommen, man merkt, da der
Pfarrer von Finnerud angekommen ist, alle haben ihn gern. Ich denke, er
wird nicht gleich wieder wegfahren, sondern eine Weile hierbleiben, da
kannst du gleich ein paar Worte mit ihm wechseln.

Kaum hatte die Tante diese Worte gesagt, als auch schon die Tr aufging
und der Pfarrer eintrat.

Schon von der Schwelle aus rief er der Tante zu, ihr Mann habe ihn in
den schnen Saal hineinfhren wollen, aber er wolle dort nicht ganz
allein sitzen, Mutter Margreta werde wohl nichts dagegen haben, wenn er
zu ihr in die Wohnstube komme, denn er msse vielleicht eine gute Weile
hier warten. Sein Bruder, der Verwalter von Henriksberg, habe ihn
hierherbestellt, sei aber bis jetzt noch nicht gekommen. Er wisse nicht,
was eigentlich los sei; ein Skilufer habe ihm sehr spt in der Nacht
die Nachricht gebracht, und er sei in aller Frhe aufgebrochen, der
Httenwerkverwalter htte eigentlich vor ihm hier sein sollen.

Gleich einem Wasserschwall strmten ihm die Worte vom Munde. Tante
Margreta ging ihm entgegen, ihn zu begren, und Maja Lisa dachte, sie
sei mindestens ebenso erfreut wie die Knechte drauen. Schlielich bekam
doch auch die Tante das Wort, und sie sagte, er drfe im Wohnzimmer
bleiben, solange er wolle. Er werde ohnedies nicht mehr oft dieses Weges
kommen. Sie mte ihm ja zu dem groen Amte, das er erhalten habe, Glck
wnschen, obgleich sie ihn sehr vermissen werde, wenn er nicht mehr hier
einkehre.

Der Pfarrer machte eine ungeduldige Bewegung.

Ach, ich wei nicht, was ich tun soll, Mutter Margreta, sagte er. Am
liebsten wrde ich ganz und gar zurcktreten. -- Aber zum Kuckuck...
nein, ich will nicht fluchen, bin ja ein Pfarrer!

Der Ausruf war ihm wegen nichts anderem entschlpft, als weil sein Blick
auf die Pfarrerstochter gefallen war. Sie war bis jetzt ganz ruhig auf
der Fensterbank sitzengeblieben, und er hatte sie vorher nicht bemerkt
gehabt.

Maja Lisa geriet ordentlich in Verlegenheit, als er nun mit lauter
Stimme fragte: Was ist denn das fr ein Schtzchen, das ihr hier im
Hause habt, Mutter Margreta?

Die Tante sagte ihm, wer Maja Lisa war; aber deshalb fhrte er sich
nicht ein bichen passender auf als vorher.

Ei ja, das wolle er gleich glauben, da sie eine von den schnen
Pfarrerstchtern von Lvdala sei. Es sei nur gut, da er sie endlich zu
Gesicht bekomme. Wie oft habe er Mutter Margreta schon gebeten, ihn mit
der Nichte zusammen einzuladen, damit er selbst sehen knne, ob das, was
die Leute von ihr sagten, wahr sei.

Maja Lisa wurde nicht allein verlegen, sondern sie erschrak auch bis ins
Herz hinein. So etwas durfte sie gar nicht anhren, das schickte sich
nicht. Die Stiefmutter -- ach richtig, Mutter, war ja beim Lichterziehen
auf Lvdala!

Die Tante sah wohl, da sie ngstlich wurde, und so versuchte sie, den
Pfarrer davon abzubringen, Maja Lisa immerfort anzustarren.

Das sei doch wohl unmglich, da er die Absicht habe, von der Bewerbung
um Sjskoga zurckzutreten? begann sie. Er mte ja hochbeglckt sein,
wenn er ein so schnes Pastorat in so jungen Jahren bekomme! Soviel sie
gehrt habe, seien bis jetzt immer nur ltere, gesetzte Mnner zu diesem
fetten Bissen gekommen.

Liljecrona zuckte die Achseln. Er habe ja nie die Absicht gehabt, dahin
zu streben. Das Glck sei ihm gar zu hold gewesen. Er selbst sei mit
seiner bisherigen Lage ganz zufrieden gewesen.

Aber er habe sich doch gemeldet, warf die Tante ein.

O ja, weil ihm die Verwandten gar keine Ruhe gelassen htten.

Jetzt hatte er Maja Lisa so vollstndig vergessen, als sei sie berhaupt
nicht da. Er dachte nur noch an seine eigenen Angelegenheiten, whrend
er mit gefurchter Stirne und heftigen Bewegungen im Zimmer hin und her
wanderte. Eine lange Locke hing ihm ber die Stirne herein; er ergriff
sie, drehte sie nach oben, stellte sie auf und lie sie dann wieder
herunterfallen. Offenbar war es ihm ganz gleichgltig, wie er aussah;
aber Maja Lisa dachte unwillkrlich, er sei ein so schner Mann, da
sich bei ihm alles gut ausnehme. Endlich blieb er dicht vor der Tante
stehen und fragte, ob er sie um einen guten Rat bitten drfte, er habe
jetzt schon soviel hin und her berlegt und wisse nicht mehr aus noch
ein.

Bei diesen Worten stand Maja Lisa auf. Sie meinte, sie drfe nun nicht
lnger hier sitzenbleiben und seine Geheimnisse mit anhren. Aber er
gehrte zu denen, die auch hinten Augen zu haben scheinen. Sobald er
merkte, da sie sich bewegte, sagte er, sie solle nur sitzenbleiben, es
sei ihm eine wahre Freude, etwas Hbsches zum Ansehen zu haben.

Wie sonderbar, nun hatte sie sich schon so an ihn gewhnt, da sie nicht
einmal errtete! Aber sie brauchte auch wirklich gar nicht verlegen
darber zu werden, denn das merkte sie nur zu gut, er betrachtete sie
ganz so wie eine schne Puppe. Es fiel ihm gewi nicht einen Augenblick
ein, da diese Puppe sehen und auch hren konnte.

Als er jetzt mit der Tante redete, setzte er sich mit dem Rcken gegen
die Pfarrerstochter auf den breiten Tisch. Maja Lisa glaubte, er habe
sie ganz vergessen. Aber mittendrin setzte er sich rittlings auf einen
Stuhl und starrte ihr wieder gerade ins Gesicht.

Nun also, zum ersten wolle er fragen, ob Mutter Margreta gehrt habe,
wieviel Kummer er den Leuten in Finnerud von der ersten Zeit seines
Aufenthaltes an gemacht habe? Ob sie wisse, da schon bei seiner ersten
Predigt in der Finneruder Kapelle die Finnenmnner und die Finnenweiber
sich hchst verwundert gefragt hatten, was er wohl Bses getan habe,
dessentwegen er zu ihnen heraufgeschickt worden sei?

Die Tante wollte antworten, aber er lie ihr keine Zeit dazu. Ja, wahr
und wahrhaftig, gerade darber htten sie sich gewundert, und sie htten
vielleicht auch Grund dazu gehabt! Sie wuten ja wohl, welche Art
Wohnung sie ihrem Pfarrer zu bieten hatten, und welche Besoldung er bei
ihnen bekam, und da sie deshalb nur Pfarrer bekamen, die keine andere
Gemeinde haben wollte. Wenn sie nun also ihn bekommen hatten, so...

Der stattliche Mann hielt inne und wute nicht, wie er weitermachen
sollte, aber die Tante vollendete den Satz:

Sie dachten wohl, der Herr Pfarrer sei zu jung und zu schn, um zu
ihnen dahinauf zu kommen.

Nun redete der Pfarrer rasch weiter. Na ja, sie sahen ja, da er noch
nicht uralt war, und obgleich sie nicht verstanden, was er in seiner
Predigt sagte, weil er schwedisch predigte, hrten sie doch, da er
vortragen und auch singen konnte. Und so kamen sie, Mnner und Frauen,
miteinander berein, er sei ein Mann, der in einem Pfarrhaus mit hohen
Zimmern und groen Glasfenstern wohnen sollte, und er wre nie und
nimmer zu ihnen heraufgezogen, wenn es nicht irgendeinen Haken mit ihm
htte.

Es wre ihnen auch wohl nicht leicht gefallen, irgend etwas anderes zu
denken, warf die Tante ein.

Ja, ja, es mute einen Haken haben. Und sobald einer von ihnen in den
schwedischen Bezirk hinunterfuhr, um seine Brenhute und Schafpelze zu
verkaufen, gaben sie ihm den Auftrag, sich zu erkundigen, was es mit dem
Pfarrer fr eine Bewandtnis habe.

Bei diesen Worten sprang der Pfarrer von seinem Stuhl auf und wanderte
wieder im Zimmer hin und her. Er war gewi bis auf den heutigen Tag noch
emprt darber. Tante Margreta aber lachte nur und fragte, ob die
Abgesandten irgend etwas erfahren htten.

Ach, was htten sie denn erfahren sollen? Sicherlich konnten sie bei
ihrer Rckkehr nichts weiter berichten, als da ihr Pfarrer auf seinen
eigenen Wunsch nach Finnerud geschickt worden war.

Die Finnenmnner und die Finnenweiber waren also nachher so klug wie
vorher! Natrlich konnte sich nun und nimmer auch nur einer denken, der
Pfarrer sei zu ihnen gekommen, weil sie ein verlassenes, verwahrlostes
und von ihrem eigenen Volk geschiedenes Huflein waren. Nein, nein, es
mute sich anders verhalten.

Ach, die sind eben gar so klug da droben, Herr Pfarrer. Da darf man
nicht so genau mit ihnen ins Gericht gehen.

Nachdem sie nun aus ganz sicherer Quelle erfahren hatten, da er nichts
Bses getan hatte, muten sie es ja glauben; aber sie gaben sich nicht
zufrieden, bis sie sich eine Erklrung nach ihrem eigenen Kopfe
zurechtgemacht hatten. Er sei wohl nur deshalb zu ihnen heraufgekommen,
um sich an das Amt zu gewhnen und sich darin zu ben; und sobald er
sich auf einer Kanzel daheim fhle, werde er sicher auf und davon
gehen.

Und auch darin bekamen sie nicht recht?

Nein, auch darin bekamen sie nicht recht. Jetzt bin ich seit elf Jahren
dort, rief der Pfarrer mit einem unwilligen Auflachen, aber
heutigestags noch knnen sie es nicht lassen, ber mich nachzugrbeln.
Im ganzen Dorfe gibt es nicht einen einzigen Mann von Stande, und wenn
ich mich nun ber meine Einsamkeit beklagt htte, dann htten sie mich
verstanden. Und wenn ich mich mit meinen Bchern als einzige
Gesellschaft in mein Pfarrhaus eingeschlossen htte, so wrden sie auch
das verstanden haben. Aber ein Pfarrer, der spt und frh drauen war,
und der sich an dem Umgang mit Finnenbauern gengen lie! Einer, der
wissen wollte, wie das Moorheu gemht und versorgt und wie das Land
abgeschwendet wurde, und der mit ihnen auf die Jagd ging, nein, aus
einem solchen Pfarrer konnten sie nicht klug werden!

Liljecrona setzte sich jetzt wieder rittlings auf den Stuhl und drehte
sich mit ihm herum, da er Maja Lisa Auge in Auge gegenbersa. Aber er
sprach fortgesetzt mit der Tante.

Nachdem ich ein paar Jahre in Finnerud gewesen war, erzhlte er
weiter, habe ich eines Sonntags auf Finnisch zu predigen versucht. Da
haben sie in der Kirche geweint, alle miteinander ohne Ausnahme, so
berwltigt waren sie. Und solange der Gottesdienst dauerte, ist es auch
gewi nicht einem einzigen eingefallen, ber mich nachzugrbeln. Nein,
aber kaum waren sie aus der Kirche heraus, als sie auch schon in der
alten Weise fortmachten. Was konnte doch der Pfarrer fr eine Absicht
dabei haben, ihnen jetzt finnisch zu predigen? Sie gingen dann zu Pekka,
dem Knecht im Pfarrhaus, und fragten ihn, wie es denn sei, ob sich der
Herr Pfarrer ein neues Pfarrhaus wnsche? Aber Pekka sagte, er habe
nichts anderes gemerkt, als da der Pfarrer mit der einfachen
Finnenhtte, die nur eine Stube und keinen Schornstein hatte, so da man
eine Luke ffnen mute, um den Rauch abziehen zu lassen, ganz zufrieden
sei. Und so muten sie wieder fortgehen und waren abermals nicht klger
als vorher.

Ach, Herr Pfarrer, bedenken Sie, wir Ansssigen hier sind nicht immer
gut gegen die Fremden gewesen, warf die Tante ein.

Keiner von allen konnte etwas so Einfaches wie das, da man ihnen
wohlwollte, begreifen. Sie wren wirklich erfreut gewesen, wenn ich eine
betrbte Miene aufgesetzt und wenn ich mich darber gegrmt htte, meine
Jugend unter armen Finnenbauern vertrdeln zu mssen. Aber weil ich
froh und zufrieden aussah, das regte sie auf.

In einem der Jahre hatte ich einigen Finnenkindern zugeredet, zu mir zu
kommen; ich sagte, ich wolle sie Schwedisch lehren, damit sie beim Thing
und bei den Jahrmrkten im schwedischen Bezirk drunten nicht so hilflos
seien wie ihre Eltern. Aber als die Finnenmnner und Finnenweiber die
Kinder schwedisch sprechen hrten, erwachte die alte Unruhe in ihren
Herzen. Und sofort gingen sie zu Pekka. Der Herr Pfarrer mchte
vielleicht eine grere Besoldung haben? Aber Pekka lie sie wissen, er
habe nie anderes gehrt, als da der Pfarrer mit seiner Besoldung, die
nicht grer war, als was ein Knecht bei einem schwedischen Bauern
bekommt, zufrieden sei. Pekka war der einzige da droben, der ein bichen
Verstand hatte.

Ganz das gleiche wiederholte sich, als ich die Finnenweiber Flachsbauen
lehrte. Ich war mit ihnen aufs Feld hinausgegangen, hatte ihnen alles
gezeigt, hatte selbst gest, gehechelt und gebrochen. Aber als sie nun
schlielich in den Finnenhtten eigenen Flachs zu spinnen hatten, da
erwachte auch das alte Mitrauen in ihren Herzen. Warum hatte der
Pfarrer sie gelehrt, Flachs zu bauen? Das war absolut nicht zu
verstehen. Und wieder muten sie ihre Zuflucht zu Pekka nehmen. Der Herr
Pfarrer werde doch wohl keinen neuen Weg nach dem Pfarrhaus angelegt
haben wollen? Pekka antwortete, sein Herr sei zufrieden mit dem Weg, den
er habe, obgleich er so uneben und ausgefahren sei, da man auer zur
Winterszeit mit einem Pferd fast nicht durchkommen knne.-- Ja, so
etwas war sehr rgerlich, das begriff Mutter Margreta recht wohl, und
sie sagte, vielleicht habe er sich deshalb von dort weggemeldet?

Ja, das hat auch dazu beigetragen. Ich habe es sehr bitter empfunden,
da ich mir ihr Vertrauen niemals erwerben konnte. Aber hauptschlich
habe ich es doch getan, weil mir meine Mutter, ja, und auch die ganze
Verwandtschaft, immer mit Bitten in den Ohren gelegen haben. Sie sind
ebenso unverstndig gewesen wie meine Finnenbauern. Unaufhrlich haben
sie mir geschrieben, ich verspiele mein Leben da droben. Immer hatten
sie mich verlocken wollen, mich zu melden, sobald nur ein einigermaen
anstndiges, sdlicher gelegenes Pastorat aufging. Es ist mir zwar immer
widerwrtig gewesen; aber frher habe ich nichts danach gefragt, denn
ich wollte meinen Beruf nach Krften erfllen. Als dann aber
Sjskoga--

Hier brach der Pfarrer ab, er stellte sich gerade vor die
Pfarrerstochter hin und sah sie an.

So eine, wie diese da, sagte er nachdenklich knnte ich natrlich nie
bekommen, wenn ich in Finnerud bliebe.

Es war ganz deutlich, er fand sie schn. Aber weiter auch nichts. Er sah
sie nur an wie ein lebloses Bild. Nicht einmal die Stiefmutter htte die
geringste Spur von Zrtlichkeit in seinem Blick, der solange auf ihr
ruhte, entdecken knnen.

Gleich darauf sprach er auch schon wieder von seinen Sorgen und
Kmmernissen.

Als der alte verwitwete Propst Cameen in Sjskoga im letzten Sommer
starb und das Pastorat frei wurde, fiel mir ein, ich knnte mich ja
darum bewerben. Ich dachte, ich knnte meiner Mutter die Freude machen,
mich zu melden, denn es war absolut keine Gefahr da, da ich die Stelle
bekommen wrde. Sjskoga ist von jeher immer einem alten Professor oder
einem alten Schulrat, der sich direkt an den Knig wendete, gegeben
worden, und auerdem htte ich auch gerne gewut, was meine Bauern in
Finnerud fr Gesichter machen wrden. Aber jedenfalls reiste ich
hauptschlich aus Mutwillen mit meinen Papieren hinunter nach Karlstadt.

Whrend der Fahrt wurde ich immer unschlssiger. Ach, die Leute wrden
mich vielleicht auslachen und sagen, es sei doch zu unverschmt von
einem Finnenkaplan, sich fr diese groe Pfarrei zu melden! Aber dann
dachte ich, da ich nun doch schon unterwegs sei, knne ich ebenso gut
vollends nach Karlstadt reisen. Ich wollte auch meine Papiere gar nicht
herausholen, bis ich erfahren htte, wer sich sonst noch gemeldet hatte.

Die Reise dauerte lnger, als ich angenommen hatte, und ich erreichte
die Stadt gerade nur eine Stunde vor dem Ablaufen des Meldungstermins.
Ich hatte eben noch Zeit, das Pferd unterzubringen, dann mute ich
eiligst aufs Konsistorium. Auf der Treppe, die zur Kanzlei hinauffhrte,
bereute ich die ganze Sache abermals und wollte lieber noch warten.

Aber der Konsistorialsekretr war ja mein guter Freund, und da ich nun
doch einmal da war, wollte ich ihn auch begren. Sjskoga aber wollte
ich gar nicht erwhnen. Ich konnte ja sagen, ich sei nach Karlstadt
gekommen, um mit meiner Mutter zusammenzutreffen.

Doch kaum hatte ich den Kopf zur Tr hereingesteckt, als der
Konsistorialsekretr mir auch schon entgegenrief: 'Da kommt doch endlich
einer, der sich um Sjskoga bewerben will! Whrend der ganzen
Meldungszeit habe ich auf dich gewartet.'

Zuerst war ich der Meinung, der andere mache sich einen Scherz mit mir,
und ich sagte, ich sei nur meiner Mutter wegen in die Stadt gekommen.
Wie er denn darauf komme, ich wolle mich um Sjskoga bewerben? So auf
den Kopf gefallen sei ich doch nicht, und ich wisse recht wohl, da
Seine Majestt Sjskoga nur einer alten Leuchte der Wissenschaft von
Upsala oder Lund geben werde.

'Das mgt ihr euch alle miteinander einbilden', versetzte der
Konsistorialsekretr. 'Ihr seid so mutlos, da sich keiner zu melden
wagt. Aber jetzt ist eine andere Zeit als zu Lebzeiten des vorigen
Knigs. Ich war so froh, als ich dich sah, denn ich habe bis jetzt nur
zwei Meldungen bekommen, und drei mssen wir doch mindestens haben.
Rck' jetzt nur mit deinen Papieren heraus.'

Seht, auf diese Weise bin ich zu meiner Meldung verfhrt worden. Als ich
dann wieder daheim war, fragte ich mich in den ersten Tagen fters, ob
ich wohl Aussicht htte. Aber schon nach kurzer Zeit war ich wieder bei
meinen gewohnten Beschftigungen und hatte alles andere vergessen. Da,
eines schnen Tages erhalte ich ein Schreiben vom Konsistorium. Ich war
der dritte im Vorschlag, und in einigen Wochen sollte ich nach Sjskoga
fahren, meine Probepredigt zu halten.

Ich habe mich nicht darber gefreut, nein, keinen Augenblick. Am
liebsten htte ich meine Meldung zurckgezogen, tat es dann aber doch
nicht, weil ich mir nicht nachsagen lassen wollte, ich frchte mich vor
der Probepredigt in einer Gemeinde, wo so viele Grobauern und
Herrschaften wohnten. Mutter Margreta, Ihr wit ja, da ich aus einem
alten Pfarrergeschlecht stamme, und da wollte ich nicht fr geringer
gelten als mein Vater und mein Grovater. Ich fuhr also hin und
predigte, und die Zuhrer saen auch recht andchtig in der Kirche; aber
niemand konnte wissen, was sie dachten, und als ich wieder heimwrts
fuhr, war ich sehr vergngt. Jetzt war diese Geschichte doch zu Ende.
Aber siehe da, gerade vor Weihnachten erhielt ich die Nachricht, da die
Wahl stattgefunden habe und alle Stimmen auf mich gefallen seien.

Dies sagte der Pfarrer mit so betrbter Miene, da Mutter Margreta hell
auflachen mute.

Nun, wenn er durchaus nicht wolle, knne er ja noch zurcktreten, sagte
sie.

Ja, das habe ich auch getan; aber dann kam ein Brief vom Bischof
selbst, in dem er mich aufforderte, bei meiner Meldung zu bleiben. Ich
htte alle Hoffnung, gewhlt zu werden. Und meine Mutter hatte auch Wind
von der Sache bekommen, und sie flehte und bat, ich solle doch mein
Glck nicht von mir werfen. Ach, und nicht allein meine Mutter, nein,
auch die Brder und Schwestern und Vettern und Basen! Ich habe
wahrhaftig frher gar nicht gewut, da ich eine so groe Verwandtschaft
habe.

Die haben ja auch ganz recht, sagte Mutter Margreta. Sie knnten doch
auch nicht ewig...

Aber Liljecrona unterbrach sie schnell. Er lief nun beinahe im Zimmer
hin und her und drckte sich die geballten Fuste mit einer Art
tragikomischer Verzweiflung auf die Stirne.

Aber meine lieben Finnenbauern, Mutter Margreta! Wit Ihr, was sie
taten, als sie erfuhren, da ich fortziehen wrde? Bume haben sie im
Walde gefllt und mir vor die Haustr gefahren zu einem neuen Pfarrhaus!
Meine Besoldung haben sie nicht erhht, aber sie haben sie auf die eine
oder andere Art zu bessern gesucht. Eines Tages lag eine neue Elchhaut
in meinem Schlitten, und an einem andern Tag fand ich einen Kbel Butter
vor meiner Tr. Sie sagten nicht viel, wenn ich mit ihnen zusammentraf;
aber wenn ich auf der Kanzel stand, waren aller Blicke, die der Groen
und die der Kleinen, unverwandt auf mich gerichtet, und da verstand ich,
was sie dachten. So dachten sie: 'Du kannst uns nicht verlassen wollen.
Dann wre es besser gewesen, du wrest gar nicht gekommen.' Nun wute
ich also endlich, da sie mich gerne behalten wollten.

Er trat zu Mutter Margreta, setzte sich neben sie und nahm eine ihrer
harten verarbeiteten Hnde in die seinige.

Denkt Euch einmal, Mutter Margreta, sagte er so schn und innig, da
der Tante und Maja Lisa die Trnen in die Augen traten, es wrde
jemand daherkommen und sagen, Ihr drftet auf einen Herrenhof ziehen,
aber Ihr mtet den Hof hier und alles, womit Ihr Euch Euer ganzes Leben
lang beschftigt habt, dahinten lassen. Was wrdet Ihr tun?

Aber was die Tante hatte antworten wollen, bekam niemand zu wissen, denn
jetzt konnte sich Maja Lisa unmglich mehr still verhalten. Mit
glhenden Wangen und einer vor Eifer zitternden Stimme rief sie, er
solle doch ganz gewi in Finnerud bleiben. Warum er denn nach Sjskoga
ziehen wolle? Dort knnte man gut ohne ihn zurechtkommen. Nun habe er
soviel fr seine Finnenbauern getan, wie er da nur daran denken knnte,
von ihnen fortzugehen?

Sie htte noch lange weitergeredet, wenn nicht in diesem Augenblick
jemand nach der Trklinke gegriffen htte. Da verlor sie den Faden, und
obgleich es nicht die Stiefmutter war, sondern nur eine der Mgde, blieb
sie doch ganz verwirrt stehen und konnte nicht weiterreden.

Aber der junge Pfarrer hatte sie verstanden. Er sprang auf, trat auf sie
zu und streckte ihr die Arme entgegen. Es sah aus, als wolle er sie an
sein Herz drcken, er fate dann aber doch nur ihre beiden Hnde und
drckte sie zwischen den seinigen.

Mamsell Maja Lisa, liebste Mamsell Maja Lisa! sagte er mit groer
Wrme. Ihr seid die erste von meinem eigenen Stand, die glaubt, ich sei
denen dort droben von Nutzen, und ich danke Euch von ganzem Herzen.
Gewi, gewi, ich werde----

Doch in dem Augenblick, wo er das Versprechen geben wollte, brach er jh
ab. Die Stimme blieb ihm im Halse stecken, seine Hnde zuckten, und als
die Pfarrerstochter verwundert ihre Augen auf sein Gesicht richtete, sah
sie, da alle seine Zge in heftiger Leidenschaft bebten. Er wandte sich
ab, ging einmal durchs Zimmer, trat wieder zu ihr, beugte sich zu ihr
nieder und sagte mit einer Stimme, die durch die groe Erregung
undeutlich war: Ich werde zurcktreten, wenn ich es vermag. Und wenn
ich es nicht vermag, dann ist Frulein Maja Lisa daran schuld.




Der Schmied von Henriksberg


Ein einziges kleines Weilchen lang an diesem Tag dachte Maja Lisa nicht
an die Stiefmutter, nmlich am Abend, als sie mit Pastor Liljecrona und
allen den andern Hausbewohnern vor einem hellen Holzfeuer in der
Wohnstube saen und dem groen dunklen Schmied von Henriksberg zuhrten,
der an einem der hohen Schrnke lehnte und auf der Geige des Hausherrn
spielte.

Es war sehr gemtlich hier, und Maja Lisa fing an zu verstehen, da die
Tante sich als Bauernfrau glcklich fhlen konnte. Wie auerordentlich
behaglich war es, abends mit Mann und Gesinde ums Feuer zu sitzen, jedes
mit seiner Arbeit beschftigt und alle vergngt und zum Plaudern
aufgelegt! Hier redeten Knecht und Hausherr und Hausfrau und Magd
miteinander, als gbe es keinen Unterschied zwischen ihnen. Ach, es war
vielleicht gar kein Glck, wenn man sich als Herrschaft hochmtig ber
die Untergebenen zu erheben suchte! Erntete man jemals etwas anderes als
Einsamkeit und Widerwrtigkeiten?

Wo fand sich sonst eine solche Sicherheit und Geborgenheit als in einem
alten Bauernhof? Maja Lisa htte gern gesagt, man sei da der Erde nher
als anderswo, man wohne da auf einem sicheren Grund und sei nicht so
vielen Umwlzungen ausgesetzt.

Ach, wie viele Vernderungen, wie viele Gefahren gab es drauen in der
Welt! Jetzt, whrend der dunkle Schmied spielte, fiel ihr wieder ein,
was sie eben heute ber den Verwalter auf Henriksberg gehrt hatte,
diesen Verwalter, der frher ein so groer Geigenknstler gewesen war.

Pastor Liljecrona hatte ihr alles von seinem Bruder erzhlt. Er hatte ja
den ganzen Tag in Svansskog auf ihn gewartet, und deshalb hatten sie
wohl soviel von ihm gesprochen.

Maja Lisa hatte die Genugtuung gehabt, da der schne Pfarrer, der sie
zuerst nur wie eine Puppe betrachtete, von dem Augenblick an, wo sie ihn
sozusagen berfallen und zu ihm gesagt hatte, er msse in Finnerud
bleiben und drfe gar nicht an Sjskoga denken, mit den andern kaum noch
ein Wort gesprochen hatte.

Er mute doch wohl gemerkt haben, da sie auch ein Mensch war. Von da an
hatte er sich nicht mehr die Mhe genommen, sie starr anzusehen; statt
dessen hatte er den ganzen Nachmittag mit ihr gesprochen, und das war
ein groer Genu fr sie gewesen. Der Pfarrer von Finnerud war ein
liebenswrdiger, natrlicher und offenherziger Mensch. Sie hatte sich
ebenso leicht mit ihm unterhalten knnen wie mit ihrem Vater daheim. Am
Nachmittag war er mit ihr ins Freie gegangen, denn er konnte nicht
stundenlang ununterbrochen im Zimmer sitzen. Sie waren dann auf der
Landstrae hin und her gewandert und hatten von seinem Bruder
gesprochen, bis die Dmmerung hereinbrach.

Die Liljecronas stammten gerade wie Maja Lisa aus einem alten
Pfarrergeschlecht. Gerade wie Maja Lisa sich rhmen konnte, da ihre
Mutter, Gromutter und Urgromutter in derselben Gemeinde Pfarrfrauen
gewesen waren, so konnte er sich rhmen, da sein Vater, Grovater und
Urgrovater in ein und derselben Gemeinde als Prpste einander gefolgt
waren.

Wenn der Vater dieser Brder lnger am Leben geblieben wre, htte wohl
Sven, der jngste von ihnen, auch wie die andern studieren drfen. Aber
als die Mutter Witwe geworden war und eine Menge Kinder zu versorgen
hatte, konnte sie die Studienkosten nicht aufbringen. Dagegen hatte ein
alter Freund des Propstes Liljecrona, der Httenbesitzer Altringer auf
Ekeby, angeboten, sich des Jungen anzunehmen unter der Bedingung, da er
ihn fr das Httenwerk erziehen drfe. Fr dieses Anerbieten war die
Mutter auerordentlich dankbar gewesen, und als Sven vierzehn Jahre alt
war, wurde er nach Henriksberg geschickt, dem Httenwerk, das Altringer
damals eben gekauft hatte. Auf Altringers Wunsch sollte der Junge den
Httenbetrieb ganz von unten auf lernen, und der Anfang davon war, da
er das Kontor auskehren, Kohlen herbeischleppen und den Pudel fr alle
Leute machen mute.

Dies ging ununterbrochen so fort, bis er siebzehn Jahre alt war. Aber da
geschah es eines Tages, da einer der Hammerschmiede erkrankte. Man
schickte nach dem Httenverwalter. Dieser begab sich ins Httenwerk
hinber, stellte sich an die Tr des kranken Schmieds, sah ihn eine
Weile an und ging dann geradeswegs ins Kontor, wo der Inspektor an
seinem Pult sa und schrieb.

Sie mssen die Verwaltung ein paar Tage bernehmen, Herr Inspektor,
sagte der Verwalter. Ich mu hinauf in den Finnenbezirk und Kohlen
einkaufen.

Er machte sich gleich auf den Weg; der Inspektor aber dehnte sich
behaglich auf dem Kontorsofa und dachte, es sei doch recht schn, fr
eine Weile der Herr im Haus zu sein. Aber es whrte nicht lange, da
wurde auch er ins Httenwerk gerufen. Jetzt war einer der Kleinschmiede
in derselben Weise wie der Hammerschmied erkrankt. Der Inspektor begab
sich sofort ins Hammerwerk, um nach dem Kranken zu sehen. Er stellte
sich an dessen Tr, sah ihn eine Weile an und ging dann schnurstracks
nach dem Wasserfall, wo der Lehrling meistens sa und Unkelejen fischte.

Er traf richtig Sven und sagte, er solle gleich mit ihm aufs Kontor
kommen.

Hr, Liljecrona, sagte er da, der Verwalter ist fort, und ich bin
nach Bjrnidet eingeladen. Du mut das Httenwerk ein paar Tage
versehen. Hier hast du die Schlssel, und hier ist die Kasse. Du hast
nichts weiter zu tun als aufzupassen, da die Leute wie gewhnlich
arbeiten.

Damit stand er auf; der Lehrling aber setzte sich auf den Kontorstuhl,
und es kam ihm groartig vor, da er jetzt Herr auf Henriksberg sei.

Aber er hatte noch nicht lange so dagesessen, als ein Bote vom
Httenwerk kam und meldete, den Kranken gehe es schlechter. Sven eilte
ins Httenwerk hinunter und ging gleich in die Wohnung des
Hammerschmieds; aber er blieb nicht an der Tr stehen wie die beiden
andern, sondern trat zu dem Kranken, der ganz rot und aufgeschwollen
dalag und schrecklich anzusehen war.

Wit Ihr, was Ihr fr eine Krankheit habt? fragte er den Schmied.

Die Pocken sind's, antwortete dieser. Geh nur gleich an den Schrank
im Kontor, wo der Verwalter die Arzneimittel aufhebt, und gib uns
Kampfer und saure Tropfen, wenn du berhaupt dazubleiben wagst und nicht
eiligst auf und davon gehen willst wie die andern.

Aber Sven war geblieben, obgleich schlielich fast alle Leute im
Httenwerk erkrankten. Verwalter und Inspektor lieen nichts von sich
hren, im Umkreis von zehn Meilen war kein Arzt aufzutreiben. Sven und
eine alte Haushlterin gingen umher und gossen den Kranken alle die
Arzneien ein, die sie zur Hand hatten. Einige starben und einige
genasen; aber die Seuche konnte ja nicht ewig andauern, schlielich
hrte sie von selbst auf. Und dann kam alles wieder ins alte Geleise.
Der Inspektor blieb fnf Monate fort und lie sich's wohl sein. Der
Verwalter kaufte ein halbes Jahr lang Kohlen auf, dann hielt er seinen
Einzug im Httenwerk. Und nun durfte der Lehrling wieder das Kontor
auskehren und Unkelejen in der Stromschnelle fischen, gerade wie vorher.

Aber wenn auch das Henriksberger Httenwerk noch so weltverlassen in
der Wildnis lag, so wurde die Geschichte doch ruchbar und weitum
bekannt. Und eines Tages kam Httenbesitzer Altringer angefahren. Er
sagte kein Wort ber die Sache, weder zum Verwalter noch zum Inspektor,
sondern fragte nur, wie sich der junge Liljecrona anlasse. Der
Httenverwalter stellte ihm ein ziemlich gutes Zeugnis aus und meinte,
der Junge knnte mit der Zeit recht tchtig im Httenberuf werden, wenn
er nur mehr Interesse dafr zeigte. Er sei durchaus nicht unbrauchbar,
aber ein Trumer, und er gehe oft umher, als ginge ihn der ganze
Httenbetrieb gar nichts an.

Altringer verlangte nun Liljecrona selbst zu sprechen und sagte, er
solle ins Kontor gerufen werden. Als Sven kam, stellte Altringer ihn vor
sich hin, sah ihm fest in die Augen und fragte ihn, warum er nicht wie
die andern davongegangen sei, solange die Pockenseuche wtete.

Sven gab keine Antwort, wurde aber dunkelrot, wie wenn dies die
schlimmste Frage wre, die an ihn gestellt werden knnte.

Hatte Er denn keine Angst?

Doch.

Meinte Er, Er habe die Verantwortung fr das Httenwerk?

Ach nein!

Aber schlielich brachte Altringer die Wahrheit doch aus ihm heraus.
Sven war dageblieben, weil des Verwalters Geige im Kontor an der Wand
hing. Da hatte er, solange er allein war, jeden Tag darauf spielen
knnen.

Ach so, Er geigt also gern? fragte Altringer. Komm Er, wir wollen den
Verwalter bitten, Ihm seine Geige noch einmal zu leihen, dann spielt Er
mir etwas vor.

Oh, davor hatte Sven keine Angst! Er stimmte die Saiten und geigte ein
altes Liedchen, das er von den Schmieden gelernt hatte.

Altringer lachte zuerst, aber bald wurde er ernsthaft. Er fhlte, der
Junge legte etwas in die Musik hinein, davon der alte Gassenhauer in
einer ganz neuen Weise erklang.

Hr' Er, sagte Altringer, Er soll morgen mit mir kommen. Er soll nach
Stockholm und Geigenspielen lernen.

Maja Lisa fand die Geschichte wunderschn. Aber eines konnte sie nicht
verstehen; und so fragte sie, ob es ihm denn in Stockholm nicht gefallen
habe? Warum er denn jetzt wieder auf Henriksberg sei?

Doch, es sei ihm sehr gut dort gegangen, erwiderte Pastor Liljecrona.
Fnf Jahre lang habe er in Stockholm studieren drfen, dann sei er aber
auch ein ganzer Knstler gewesen, wenigstens insofern, als ihn im
Vaterlande niemand mehr etwas lehren konnte. Altringer sei zufrieden mit
ihm gewesen und habe schon gedacht, er wolle ihn ins Ausland schicken,
damit er spter vor keinem andern zurckzustehen brauchte.

Aber vor drei Jahren sei Sven eines Tages ganz unerwartet nach Ekeby
gekommen und habe Altringer gefragt, ob nicht auf einem seiner
Httenwerke eine Inspektorstelle frei sei.

Doch, das ist nicht unmglich, sagte Altringer. Hat Er einen guten
Freund, fr den Er sie gern haben mchte?

Nein, Sven wollte fr sich selbst darum bitten. Er sei ja jahrelang im
Httenbetrieb gewesen und meine eine Inspektorstelle ausfllen zu
knnen.

Na, und die Musik? fragte Altringer.

Mit der Musik sei es aus und vorbei. Er glaube nicht, da er je wieder
einen Bogen fhren knne.

Nun sah sich Altringer den jungen Mann genauer an. Sven hatte immer
etwas Trauriges in seinem Blick gehabt, aber jetzt war der ganze Mensch
die verkrperte Melancholie.

Ich sehe, da Ihm etwas Trauriges widerfahren ist, sagte Altringer.
Sag' Er mir, was es ist. Ich mu Ihm nmlich sagen, eben vorhin, als Er
bei mir eintrat, hatte ich ausgerechnet, ob ich Ihn zu seiner weiteren
Ausbildung ins Ausland schicken knnte.

Sven konnte kaum mit der Sprache heraus. Er bi sich auf die Lippe,
whrend er sich alle Mhe gab, seine Stimme fest zu machen.

Hat der Herr Altringer nicht gehrt, wie es mir gegangen ist?

Nein, antwortete Altringer, er habe nichts gehrt, und Sven solle ihm
erzhlen, was geschehen sei.

Da erzhlte Sven seine Geschichte: Auf einem groen Hof in Nset drunten
war Tanzgesellschaft gewesen, und Sven war auch dabei. Aber es wurde
nur auf einem sehr alten, verstimmten Klavier aufgespielt, und so kam
kein rechtes Leben in den Tanz. Da nahm Sven seine Geige zur Hand, und
dann wurde es bald anders. Die Jungen und die Alten tanzten nach
Herzenslust, und so oft Sven aufhren wollte, klatschten sie in die
Hnde, stampften auf den Boden und riefen ihm zu, er msse wieder
anfangen. Aber es nahm ein schreckliches Ende. Eine von den Tchtern des
Hauses hatte zu eifrig getanzt. Mitten im wildesten Tanz wurde sie
pltzlich ganz schwer im Arm ihres Tnzers, und dann sank sie zu Boden
und war tot.

Altringer sagte, er begreife wohl, da dies schwer fr Sven war, meinte
aber doch, darum brauchte die Laufbahn eines jungen Mannes nicht zu Ende
sein.

Er mu darber wegkommen, Sven, sagte er. Meiner Ansicht nach hat
der, der mit ihr tanzte, die meiste Schuld.

Ach nein, entgegnete Sven, ich, ich hab' sie zum Tanzen gezwungen.
Den ganzen Abend hab' ich nur fr sie gespielt. Es war gar so schn,
wenn sie tanzte. Sie war lebhaft und leicht wie eine Feuerflamme. Und
sie tanzte nur fr mich, wie ich auch nur fr sie spielte.

Altringer zuckte die Achseln.

Das sind nur Grillen, versteht Er. Es ist vielleicht nicht
verwunderlich, da Er jetzt, gleich nachher, so denkt, aber in der
nchsten Woche schicke ich Ihn ins Ausland, dann wird es schon
vorbergehen.

Nein, Herr Altringer, es geht nicht vorber. Wohin mich der Herr
Httenbesitzer auch schicken mag, nie werde ich vergessen knnen, da
ich mit meinem Spiel einen Menschen in den Tod geschickt habe.

Altringer sah Sven noch einmal fest an und fragte: Hat Er sie
liebgehabt?

Ja, antwortete Sven; ich hatte an demselben Abend um sie gefreit.

Nun sagte Altringer kein Wort mehr davon, da Sven ins Ausland reisen
solle.

Er soll jetzt so lange Verwalter auf Henriksberg bleiben, bis dies
vergessen ist, entschied er. Zwar glaube ich nicht, da Er alles kann,
was ntig ist, um die Stelle auszufllen, aber Er wird es wohl lernen
knnen, und berdies wei ich ja, da ich mich auf Ihn verlassen kann.

Auf diese Weise war es also zugegangen, da Sven Liljecrona sein
Geigenspiel aufgegeben und dafr Httenverwalter geworden war.

Maja Lisa hatte schweigend zugehrt, ohne den Pfarrer ein einziges Mal
zu unterbrechen. Ach, es kam ihr ganz merkwrdig vor, da sie nun den
bald sehen sollte, der so Trauriges erlebt hatte und der eine so tiefe
Liebe dauernd bewahren konnte!

Eine ganze Weile brachte sie kein Wort heraus; dann aber wendete sie
sich pltzlich an Pastor Liljecrona und fragte, ob sein Bruder dunkel
sei.

Ja, gewi, schwarz wie die Nacht.

Gleich nachher fiel ihr ein, da dies eine recht dumme Frage gewesen
war. Aber whrend Pastor Liljecrona von seinem Bruder sprach, hatte sie
sich immerfort gefragt, ob er nicht vielleicht wie der groe dunkle
Schmied von Henriksberg aussehe? Hatte nicht dieser ebenso tieftraurige
Augen gehabt? Sie konnte nicht sagen, warum, aber die beiden waren in
ihren Gedanken zu einer Person zusammengeschmolzen.

Und auch jetzt, whrend der Schmied dort drben am Schrank stand und
eine lustige Polka spielte, wurde es ihr schwer, sich von dem Gedanken
frei zu machen, da er nicht der sei, der alles, was ihr vorhin
mitgeteilt worden war, durchgemacht hatte.

Er war an ihnen vorbeigefahren, als sie mit Pastor Liljecrona auf der
Strae drauen spazierenging, gerade als die Dmmerung richtig
hereinbrach und sie vom Hineingehen gesprochen hatten. Der Schlitten war
so rasch an ihnen vorbergeeilt, da sie nicht erkennen konnten, wer
darin sa. Pastor Liljecrona hatte geglaubt, es sei sein Bruder von
Henriksberg, der sich endlich einstellte. Maja Lisa aber hatte gemeint,
der schwarze Schmied sitze im Schlitten; sie hatte aber nichts gesagt.

Und ganz richtig! Als sie auf den Hof zurckkamen, stand der Hausherr
auf der Treppe und berichtete, es sei ein Mann von Henriksberg gekommen
mit dem Bescheid, der Verwalter knne seinen Bruder heute nicht mehr in
Svansskog treffen. Statt dessen bringe er einen Brief. Ja, der Mann sei
eben mit dem Pferd im Stall drben, falls der Herr Pfarrer mit ihm
sprechen wolle.

Pastor Liljecrona begab sich gleich nach dem Stall, und Maja Lisa ging
zur Tante in die Wohnstube. Diese sa schon mit ihren Mgden vor einem
groen Holzfeuer an ihrem Spinnrdchen. Maja Lisa setzte sich neben die
Tante und reichte ihr die Wollkmme. Gleich darauf kamen der Hausherr
und die Knechte mit ihren Arbeiten, und der Kreis ums Feuer erweiterte
sich. Ganz zuletzt trat Pastor Liljecrona herein und mit ihm der
Schmied. Sie wollten noch an diesem Abend miteinander nach Henriksberg
fahren, aber das Pferd mute erst ausruhen. Der schne Pfarrer setzte
sich so dicht neben Maja Lisa, als es anging, der Schmied aber lie sich
im dunkelsten Winkel, mglichst weit entfernt von den andern, nieder.
Und nun ging die Unterhaltung lebhaft im Kreise; das Lachen und
Schwatzen und Geschichtenerzhlen nahm kein Ende, bis Tante Margreta
sich an den Schmied wendete und ihn fragte, ob er ihnen nicht ein paar
von seinen Liedern spielen wolle. Sie habe gehrt, er knne gut geigen.

Er hatte sich nicht sehr lange gestrubt. Der Hausherr hatte ihm seine
schrille Geige gegeben, und nun stand er dort drben und spielte Polkas
und alte Reigen, weder besser noch schlechter als ein gewhnlicher
Spielmann vom Lande.

Maja Lisa konnte sich nicht helfen, sie fhlte sich etwas enttuscht.
Das kam daher, da sie von einem Traum befangen war und Einbildung von
der Wirklichkeit nicht recht unterscheiden konnte. Den ganzen Abend
mute sie immerfort an den denken, der seine Braut vom Leben zum Tod
gespielt hatte, und immer tauchte er in der Gestalt des Schmieds vor ihr
auf. Und so hatte sie ganz sicher erwartet, auch dieser werde eine so
groe gefhrliche Macht in seinem Bogen haben, da er die Menschen aus
dem Leben in den Tod geigen knnte.

Nein, sie konnte sich nicht von dem Traum frei machen; wieder und wieder
ertappte sie sich darauf, da sie nach dem Schmied hinberschaute und
sich fragte, ob er nie und nimmer an jemand anders denke, als nur an sie
allein, die er verloren hatte.

Der Schmied hatte den steifen, dicht anliegenden Fuhrmannspelz
abgeworfen, um die Arme besser bewegen zu knnen, und jetzt, bei einem
von diesen kurzen Blicken, die Maja Lisa auf ihn warf, sah sie, da an
seiner Uhrkette, die ihm aus der Tasche heraushing, eine groe glnzende
Silbermnze befestigt war.

Maja Lisa fuhr leicht zusammen. War dies der Speziestaler, den sie ihm
geschickt hatte? Ein Schmied war doch meistens arm. Wie kam es denn, da
dieser eine Uhr besa? Hatte vielleicht der Verwalter sie ihm geschenkt?
Und selbst wenn es so war, wie konnte er einen Speziestaler ganz nutzlos
an seiner Uhrkette baumeln lassen? Er war doch wohl kein----

Maja Lisa erstaunte ber sich selbst, ja sie wunderte sich, da sie
ruhig sitzenblieb und nicht aufsprang und laut verkndigte, nun verstehe
sie pltzlich, wie alles zusammenhnge.

Er war es selbst! Sven Liljecrona war's! Er, der seiner Liebsten jenen
Todestanz gespielt hatte, er stand dort drben! In einem einzigen
Augenblick ward sie ihrer Sache so ganz und gar gewi, da sie gleich zu
ihm htte treten und sagen knnen, er solle sich nicht lnger
verstellen, sie wisse, wer er sei.

Aber warum war er vor ein paar Wochen in der einfachen Tracht eines
Vorarbeiters vom Httenwerk nach Loby gekommen? Darber konnte sie sich
nicht recht klar werden. Vielleicht weil ihn diese Kleidung am
bequemsten dnkte, wenn er auf einen Bauernhof fuhr! Und da ihn niemand
erkannte, sondern alle ihn fr einen Schmied hielten, hatte er sie eben
auf dem Glauben gelassen; vielleicht hatte er sich auch gescheut, ihnen
zu sagen, wer er sei, als er da mitten in die Hochzeitsfeier
hineingeraten war.

Maja Lisa hrte auf, der Tante die Wollkmme zu reichen, und bedeckte
die Augen mit der Hand. Warum hatte er sich auch heute so verkleidet?

Sie brauchte nicht lange zu grbeln. Gleich stand alles deutlich vor
ihr. Jetzt wollte er etwas. Diesmal hatte er eine bestimmte Absicht. Er
wnschte, da sie und sein Bruder----

Ach, das war gar so schn, und es war hchst wundersam! Nun begriff sie:
er hatte gewollt, sie und Pastor Liljecrona sollten sich sehen und
sprechen. Ja, so mute es sein! Als ihm gestern abend der Speziestaler
von ihr gegeben worden war, hatte er den Skilufer zu seinem Bruder
geschickt, um ihn nach Svansskog zu locken. Hier hatte er ihn dann den
ganzen Tag auf sich warten lassen, und als er am spten Abend eintraf,
kam er in dieser Tracht. Er wollte nichts vorstellen. Nein, sie sollte
an niemand denken als an den Bruder.

Und jetzt stand er dort drben und spielte Bauerntnze auf Bauernweise,
um die Bauersleute zu erfreuen. Er hatte ja einst gesagt, er knne nie
wieder einen Bogen fhren, aber dies betrachtete er natrlich gar nicht
als Geigenspiel.

Es war nicht der Verstand, der Maja Lisa dies alles sagte. Nein, das
Gefhl war's, mit diesem konnte sie alle seine Gedanken erraten. Und sie
wute nicht, ob sie ber ihn lachen oder weinen sollte.

Eines war sicher, sie mute ihm gefallen haben, wenn er diese
Zusammenkunft mit seinem Bruder ins Werk gesetzt hatte. Oder hatte sie
ihm nur leid getan, weil es ihr daheim so schlecht ging? Hatte er ihr
einen guten, klugen Freund verschaffen wollen, der sie von aller
Bedrngnis fortfhren knnte?

Ja, ja, er selbst hatte seinen groen Kummer. Den konnte er nie
berwinden. Seine Liebste war tot, und er wrde sie nie vergessen. Maja
Lisa war fr ihn nur ein armes Mdchen, die, als er mit ihr
zusammengetroffen war, im Ofenwinkel gesessen und geweint hatte, und der
er nun zu Ehre und Glck verhelfen wollte.

Maja Lisa mute den Kopf aufrichten und die andern ansehen. Denn
wirklich, war sie nicht auf dem Punkt, in Trnen auszubrechen, als sie
bedachte, da er fr sich selbst gar nichts mehr vom Leben verlangte!

Aber gerade da, als sie die Augen aufschlug, als ihre Gedanken am
eifrigsten arbeiteten und ihr Herz von Schmerz und Freude zugleich
erfllt war, als sie weit, weit weg war von allem, was ihr an andern
Tagen Not bereitete, wurde wieder nach der Klinke gefat, und jemand
steckte den Kopf zur Tr herein.

Maja Lisa starrte der Eintretenden entgegen, als sei es eine ganz
unbekannte Person, und sie ging auch nicht auf sie zu. Tante Margreta
schob den Spinnrocken zurck und stand auf, aber Maja Lisa blieb
unbeweglich sitzen und konnte nicht aus ihren Trumen erwachen. Sie
begriff auch kaum, wer eigentlich gekommen war, als sie den Gast mit
rauher Stimme sagen hrte, sie habe den langen Bengt begleitet, Maja
Lisa abzuholen, und als die Tante antwortete, die Frau Pfarrer werde es
doch nicht so eilig haben, da sie nicht ablegen und zu Abend mit ihnen
essen knnte, ehe sie wieder heimfahre.




Der Fhnrich


Die neue Pfarrfrau auf Lvdala hatte die Gewohnheit, durch alle Leute
Botensendungen und kleine Auftrge besorgen zu lassen. Wenn irgend
jemand am Pfarrhaus vorberkam, einerlei ob Bauer oder Herr, stets stand
die Pfarrfrau auf der Kchentreppe und winkte und rief, bis er anhielt.
Dann mute Maja Lisa oder die Kleine eiligst auf die Strae hinauslaufen
und die Vorberfahrenden bitten, doch so freundlich zu sein, ein Pfund
Butter mitzunehmen, das Frau Raclitz dem Hauptmann auf Berga verkaufen
wollte, oder einen Weberkamm, den sie von der alten Frau Moreus entlehnt
hatte.

Bisweilen gab sie ihnen sogar Sachen mit, die schwer und gro und
umstndlich zu besorgen waren, und bald waren die Leute in steter Angst,
wenn ihr Weg sie an Lvdala vorbeifhrte. Es war ihnen unangenehm, der
Pfarrfrau ihre Bitte abzuschlagen, aber ganz unmglich war es,
vorbeizukommen, ohne da sie einen sah.

Nun, jedenfalls hatte sie ein ganz besonderes Talent, die Leute dazu zu
bringen, Besorgungen fr sie zu machen.

Ja selbst ein solcher Tunichtgut wie der schne rneclou mute ihr
notgedrungen einmal einen Gefallen tun.

Es sah indes zuerst nicht danach aus, als sollte zwischen dem Fhnrich
und der Pfarrfrau groe Freundschaft entstehen, als er in der letzten
Januarwoche auf Lvdala eintraf. Er pflegte immer um diese Zeit zu
kommen und dann acht bis vierzehn Tage zu bleiben. Aber gleich bei
seiner Ankunft sagte die Pfarrfrau, sie werde es schon so einrichten,
da dieser Tagedieb nicht alt auf dem Hofe werde. Er war gerade in die
strengen Arbeitstage nach den vielen Weihnachtsfestlichkeiten
hineingekommen, und jetzt wollte sie keinen Gast im Hause haben, den man
bedienen mute.

Und dann mute man ja nicht rneclou allein aufnehmen, sondern auch noch
sein Pferd; denn so arm er auch war, mit einem eigenen Pferd kam er doch
angefahren. Und das Pferd mute sein Futter und seine Wartung haben,
gerade wie sein Herr.

Die Pfarrfrau tat alles, was sie konnte, um es rneclou recht
ungemtlich zu machen. Zum ersten lie sie das Zimmermdchen den
schweren Reisesack, worin er seine Brennscheren und Percken verwahrte,
in das geringere Gastzimmer tragen. rneclou war gewhnt, in dem guten
Gastzimmer zu wohnen, wo es eine Feuerstelle und ein Himmelbett mit
feinen Daunenkissen und Federpolstern gab; aber er hatte niemals so
befriedigt ausgesehen, wenn er dort eingetreten war, als jetzt, wo er
nur in das geringere gefhrt wurde.

Ei, hier habe er von jeher schlafen wollen! sagte er. Dies sei ja das
Zimmer, das man im Pfarrhaus das Nachtquartier nenne, weil jeder
beliebige Mensch, der daherkomme und um ein Nachtlager bitte, darin
aufgenommen werde. Hier knne er fast sicher sein, in spter Nacht noch
Gesellschaft zu bekommen, er schlafe ohnedies schlecht, da brauche er
jemand, mit dem er sich unterhalten knne. Und in dem groen Himmelbett
im Gastzimmer sei es immer gleich so dumpfig, da liege er viel lieber
hier in der schmalen Bettstelle auf Stroh.

Das allerbeste sei aber doch, da weder Feuerstelle noch Ofen vorhanden
sei, sondern da das Zimmer seine Wrme von dem groen Kamin bekomme,
der von der Kche herauffhre und beinahe die halbe Stube einnehme. Wie
schn: kein Rauch und kein Ru, nur eine gleichmige, behagliche Wrme
den ganzen Tag hindurch!

Und eine solide, prchtige Einrichtung habe er hier auch mit dem
unangestrichenen Tisch und den ungepolsterten Sthlen. Da knne er
durchaus nichts verderben, wenn er seine Percke brenne oder sich den
Schnurrbart frbe.

In dieser Weise fuhr er fort, solange sich das Zimmermdchen in der
Stube befand. Welches Gesicht er aber machte, als sie gegangen war, das
kann niemand wissen. Es war ein kalter Tag, und es war gewi nicht sehr
warm in dem ungeheizten Zimmer, whrend er sich umzog und sich fein
machte. Aber seine Wangen schimmerten im schnsten Rosenrot, und seine
Augenbrauen waren prchtig gemalt, als er zum Mittagessen herunterkam;
kein Mensch konnte sehen, da er das Kunstwerk mit vor Klte steifen
Fingern hatte ausfhren mssen.

Die Pfarrfrau wute eines recht gut: es gab keinen greren
Feinschmecker als rneclou. Nicht genug damit, da er immer etwas Gutes
essen wollte, nein, er legte auch groen Wert darauf, das Essen in einem
schnen Zimmer einzunehmen und es auf feinem Damast und blankem Silber
zu bekommen.

In frheren Zeiten, darber hegte die Pfarrfrau durchaus keinen Zweifel,
war whrend seiner Anwesenheit im Saal gegessen worden, und man hatte
ihm aufgetischt, was das Haus vermochte; aber jetzt, wo sie seinem
Besuch so bald ein Ende machen wollte, deckte sie in der Kchenkammer
auf richtige Werktagsweise und bot ihm nichts als Blutkle und
Kohlsuppe an.

rneclou war in seiner allerliebenswrdigsten Laune und sagte dem
Pfarrer eine Schmeichelei um die andere darber, da er so klug gewesen
sei, sich wieder zu verheiraten. Wenn man bedenke, wie gut es der alte
Propst in Sjskoga, der so viele Jahre lang Witwer gewesen war, htte
haben knnen! Als er, der Fhnrich, ihn zum letztenmal besuchte, sei im
Ezimmer der Boden nicht gefegt gewesen, und sie hatten in einem der
Schlafzimmer essen mssen. Kein einziges reines Tischtuch habe es
gegeben, sondern alle voller Flecken, und die Mgde seien zu faul
gewesen, jeden Tag zu kochen; die Kohlsuppe vom Sonntag sei jeden Tag
wieder aufmarschiert, und sie htten noch froh sein mssen, wenn sie
recht lange reichte.

Da habe es sich sein alter Freund und Bruder auf Lvdala ganz anders gut
eingerichtet. Eine so tchtige Hausfrau, wie seine Gattin, knnte man
weit suchen. berall habe man ihm ihr Lob gesungen, und er sei mit
groen Erwartungen aller der Leckerbissen, die er diesmal zu schmecken
bekommen werde, hergereist. Und auerdem, wie gut sei es doch fr Maja
Lisa, da sie nun lernen knne, wie ein Tisch gedeckt und wie die
Speisen angerichtet und aufgetragen werden sollten, und zwar von jemand,
der so gut wisse, wie es in feinen Husern zugehe.

Der schne rneclou hatte ein besonderes Talent, Bosheiten zu sagen, und
sie trafen meist auch ins Schwarze; aber Anna Maria Raclitz gehrte
nicht zu denen, die sich ein paar Stichelreden zu Herzen nahmen, sondern
sie sagte mit ihrer rauhen Stimme:

Wenn es dem Herrn Fhnrich bei diesem Witwer nicht gefallen habe, dann
htte er ja leicht abreisen knnen.

Da merkte rneclou, da er, wenn er nicht eine andere Taktik einschlug,
weder im Saal speisen noch in dem guten Gastzimmer schlafen durfte.

Am liebsten wre er gleich wieder abgereist; aber da war noch etwas
anderes im Spiel! Ein Frauenzimmer wollte ihn verjagen, das war doch
merkwrdig! In seinem ganzen Leben war ihm das noch nicht vorgekommen,
und darein konnte er sich nun und nimmer finden!

Er war allerdings bald mitten in den Vierzigern, aber doch immer noch
ein schner Mann, dem bis jetzt kein weibliches Wesen hatte widerstehen
knnen.

Und der Fhnrich blieb da. Ein paar Stunden sa er mit dem Pfarrer am
Brettspiel, und als dieser in der Dmmerung hinausging, um mit dem
langen Bengt etwas Landwirtschaftliches zu besprechen, ging der
Fhnrich in den Saal und unterhielt sich mit der Pfarrfrau.

Frau Raclitz sa kerzengerade auf einem Stuhl am Fenster und bentzte
das letzte Restchen Tageslicht, ein paar Strmpfe fertig zu stopfen.

rneclou machte nun einen Versuch, die Festung zu strmen. Er sagte, er
fhle, da er alt werde, aber mit den Jahren sei er doch allmhlich
klger geworden. Die jungen Mdchen seien alle miteinander unbestndig
und flatterhaft. Er wolle nun mit diesem Schmetterlingsgegaukel
aufhren, und deshalb mchte er die Frau Base fragen -- er hoffe doch,
er drfe als alter Freund Base zu ihr sagen --, ob sie wohl eine etwas
ltere Dame kenne, ja natrlich zu alt sollte sie auch nicht sein, aber
doch einige zwanzig, die gesetzt und huslich wre und sich um so einen
armen Kerl, wie er einer sei, annehmen wrde?

Die Pfarrfrau sa unbeweglich da. In dem trben Dmmerlicht war nicht zu
erkennen, was fr ein Gesicht sie machte. Aber rneclou glaubte doch zu
bemerken, da sich ihre schmalen Lippen ein wenig verzogen. Sollte sie
sich am Ende ber ihn lustig machen?

Ei, das war ja eine ganz gefhrliche Person, die Lyselius da geheiratet
hatte! rneclou wute doch bestimmt, wenn man eine ltere Dame fr sich
einnehmen wollte, gab es kein sichereres Mittel, als da man sie fr
seine Heiratsplne zu interessieren suchte.

Noch nie in seinem Leben hatte rneclou mit einem Frauenzimmer von
anderem gesprochen als von Liebe und Heirat. Es fiel ihm absolut nichts
anderes ein, wovon er mit ihnen reden knnte. Deshalb fing er nun noch
einmal von derselben Sache an, nur da er jetzt gerade das Gegenteil von
dem sagte, was er vorher vorgebracht hatte.

Ich sehe schon, fuhr er fort, Ihr, liebe Frau Base, habt so viel von
mir gehrt, da Ihr nicht glaubt, ich werde mit einer Gattin zufrieden
sein, die nicht schn und auch nicht mehr ganz jung wre.

Aber das drft Ihr mir doch zutrauen, da ich mchte, sie solle neben
diesen anderen guten Qualitten auch klug und verstndig sein. Und ich
denke, Maja Lisa Lyselius wre jetzt, seit sie unter der Leitung der
Frau Base steht...

Hier hielt rneclou vorsichtigerweise inne, um herauszubringen, ob er
weitergehen drfe, oder ob er etwas Ungeschicktes gesagt habe. Die
Dmmerung senkte sich immer tiefer herab, und es fiel ihm immer
schwerer, die Gesichtszge der ungeselligen Person, die da vor ihm sa,
zu unterscheiden.

Aber eigentlich sah es aus, als ob die Pfarrfrau verstohlen lchelte.

Ich wei wohl, Maja Lisa soll natrlich einen Pfarrer heiraten und hier
auf Lvdala wohnen und regieren, fuhr rneclou fort. Und dafr spricht
ja auch vieles. Lyselius wird ihr schon einen frischen, prchtigen Mann
aussuchen, der mehr versteht, als auf einer Kanzel zu stehen, und der
die Landwirtschaft ebensogut betreiben kann wie er selbst. So einer wie
ich wrde alle Augenblicke seine Schwiegermutter um Hilfe bitten
mssen, und das wrde ihr wohl beschwerlich sein.

Ihr, Frau Base, mchtet wohl am liebsten, wenn Ihr Witwe werdet -- und
es ist ja betrblich, in Parenthese gesagt, wie Lyselius im letzten Jahr
abgenommen hat --, wie Frau Beata Spaak ruhig in Eurem Stbchen sitzen
und Euch um nichts mehr kmmern.

Die Pfarrfrau sa noch wie vorher bolzgerade da und zog die Nadel heraus
und hinein. Aber jetzt wendete sie sich dem Fenster zu, um besser zu
sehen, und da sah rneclou, da sie tatschlich lachte.

Nun fing er an zu glauben, sie sei gegen jeden Angriff gefeit. Er stand
auf, um in sein Zimmer hinaufzugehen und seine Percken zu locken oder
seine Busenkrause zu tollen, was er meistens tat, wenn er schlechter
Laune war.

Doch jetzt wendete sich die Pfarrfrau an ihn und stellte ihm auch eine
Frage.

Da Ihr, Herr Fhnrich, berall herumkommt, kennt Ihr wohl auch diesen
Liljecrona, der Pfarrer in Finnerud ist?

Der Fhnrich erschrak. Was er vorhin vom Heiraten gesagt hatte, schien
doch Eindruck auf sie gemacht zu haben. Vielleicht war Liljecrona als
Schwiegersohn ausersehen, und jetzt hatten am Ende seine Worte den
Gedanken in ihr erweckt, er sei nicht so ganz geeignet dazu.

Olle Liljecrona! sagte er. Gewi kenne ich ihn. Ich bin sogar
wiederholt bei ihm in Finnmarken gewesen. Das ist wirklich ein
prchtiger Mensch, der alles versteht. Er hat ja sogar die Mnner und
Weiber da droben in allen mglichen ntzlichen Beschftigungen
unterrichtet.

Ich mchte sehr gerne wissen, ob er nicht ein Auge auf unsere Maja Lisa
geworfen hat, fuhr die Pfarrfrau ganz offenherzig fort, und man hrt
ja auch nichts als Gutes ber ihn.

Sie tat nur mtterlich interessiert; aber rneclou meinte doch aus ihrem
Tone etwas herauszuhren, das darauf deutete, da sie nichts dagegen
htte, wenn sie irgendeine Klatscherei ber den Freier erfahren knnte.

Ach, Ihr, Frau Base, seid doch wohl verstndig genug, Nachsicht mit der
Jugend zu haben, sagte rneclou. Man mu bedenken, wie einsam er es da
droben unter den Finnen hat. Ich selbst bin immer der letzte, der in
solchen Fllen einen Stein aufhebt. Aber leugnen lt es sich allerdings
nicht, da Liljecrona seit Jahren ein Verhltnis in Finnerud hat. Doch
kann das sehr leicht in Ordnung gebracht werden, ohne da Maja Lisa auch
nur das geringste davon erfhrt.

Die Dunkelheit hatte die Pfarrfrau endlich gezwungen, das Stopfen
aufzugeben. Aber sie zndete deshalb kein Licht an, sondern griff nach
einem Strickzeug, an dem sie, auch ohne die Augen zu gebrauchen,
weiterarbeiten konnte. Die Nadeln bewegten sich still und gleichmig,
aber als der junge rneclou sagte, der Pfarrer habe ein Verhltnis, da
klirrten sie in ihren Hnden.

Und die Stimme der Pfarrfrau klang auch ganz verndert, als sie
entgegnete:

Was sagt Ihr da, Fhnrich? Es ist doch wohl nicht mglich, da ein
Pfarrer... Wie kann der Bischof...

Ach, Frau Base, Ihr wit nicht, wie entlegen Finnerud ist. Und ich
glaube sicher, da auer mir niemand irgend etwas von der Sache wei,
nicht einmal seine nchsten Verwandten. Ich selbst bin auch nur durch
einen reinen Zufall der Sache auf die Spur gekommen. Auch habe ich
selbstverstndlich gegen jedermann darber geschwiegen und htte auch
jetzt nichts gesagt, wenn ich es nicht fr meine Pflicht hielte, einer
zrtlichen, frsorglichen Mutter meine Bedenken mitzuteilen.

Wieder klirrten die Stricknadeln heftig gegeneinander, und die Pfarrfrau
sagte: Es ist vielleicht gar nicht wahr. Heutigestags werden alle
Menschen verleumdet.

rneclou rusperte sich, und dann begann er:

Ihr zwingt mich, Euch mehr zu verraten, als ich mchte. Aber wie
gesagt, ich halte es fr meine Pflicht, der Frau Base einen klaren
Einblick in die Sache zu geben. Ich versichere Euch, bis zu meinem
letzten Besuch vor Weihnachten hatte ich keine Ahnung, wie es bei
Liljecrona bestellt war. Er war nicht daheim, als ich ankam, aber seine
Haushlterin empfing mich aufs beste und bat mich, die Heimkehr des
Hausherrn abzuwarten. Na, es dauerte recht lange, bis er kam, und
unterdessen lie ich mich mit der Frau in ein Gesprch ein. Wit Ihr,
sie ist in ihrer Art eine vortreffliche Person. Nicht von finnischer
Herkunft, sondern aus dem Schwedengau, wie sie da droben sagen, und
wirklich berraschend tchtig. Voller Bewunderung habe ich den
unermdlichen Eifer gesehen, mit dem sie dem armen Liljecrona das Leben
in dem Finnendorf ertrglich gemacht hat.

Nun, wir sitzen also beisammen und reden von dem und jenem. Nicht wahr,
Ihr versteht, sie kommt nicht von besseren Leuten, ist eigentlich nur
ein Bauernmdchen, aber doch recht verstndig in allem, was sie sagt.
Wir haben indes noch nicht viele Worte gewechselt, als ich merke, da
sie etwas bedrckt. Ich spreche ihr freundlich zu -- Ihr wit, ich
verstehe mich ein wenig auf Frauenzimmer --, sie fat Vertrauen zu mir.
Da fragt sie mich geradeheraus, ob ich meine, da Liljecrona das groe
Pastorat bekommen werde. Er htte ihr versprochen, ja schon vor acht
Jahren, als er zuerst da hinaufkam, sie zu heiraten, sobald er eine
bessere Stelle erhalte. Nun aber habe sie groe Angst, weil dieses
Sjskoga gar so groartig sei. Wenn jetzt nur Liljecrona nicht denke,
sie sei zur Prpstin nicht fein genug.

Ihr versteht, sie war ganz verzweifelt. Ich gab mir alle Mhe, sie zu
beruhigen, so gut ich konnte, und versprach ihr auch, Liljecrona
betreffs seiner Plne auf den Zahn zu fhlen. Am nchsten Tag sagte ich
Liljecrona geradeheraus, da ich das Verhltnis durchschaut htte, und
fragte ihn, warum er denn eigentlich die Verbindung nicht rechtskrftig
mache. Da sagte er ganz offen, dazu sei er zu arm. Wenn er seine Magd,
wie er sich ausdrckte, heirate, dann werde sie ja die Frau, und dann
msse er sich zu ihrer Bedienung eine andere Magd halten. 'Denn dessen
kannst du versichert sein,' sagte er, 'dann melkt sie keine Khe mehr
und hilft auch Pekka nicht mehr auf dem Acker. Selbstverstndlich werde
ich sie heiraten, sobald ich die Mittel dazu habe.' Ich erwiderte: wenn
er nun nach Sjskoga komme... 'Ach, Sjskoga,' versetzte er, 'das will
ich gar nicht haben. Ich habe im Sinn, zurckzutreten.'

rneclou schwieg. Er konnte die Pfarrfrau in der Dunkelheit kaum noch
unterscheiden und hrte auch die Stricknadeln nicht mehr klirren. Es
wurde ihm beinahe unheimlich zumut. Vielleicht hatte er sich hier, wenn
auch nicht ein Verbrechen, doch immerhin eine sehr groe
Unvorsichtigkeit zuschulden kommen lassen.

Jetzt habe ich der Frau Base alles gesagt, was ich wei߫, begann er
wieder. Und ich mchte Euch bitten, Euch nicht allzu viele Gedanken
darber zu machen. Es gibt jedenfalls im ganzen Sprengel keinen
ausgezeichneteren jungen Geistlichen als Liljecrona. Bedenket, was das
heien will, sich in dem Mae fr arme Finnenbauern aufzuopfern! Mit
seinen Gaben volle elf Jahre in einer Armut zu leben, wie er es getan
hat! Ich mchte sagen, er ist ein Held, gerade wie der Korsikaner, von
dem man in jetziger Zeit so viel Wesens macht.

Das Schweigen dauerte weiter, und dem Fhnrich wurde es immer
unbehaglicher zumut. Schon fing er wieder an, Liljecronas Lob zu singen,
als die Pfarrfrau von ihrem Platz aufstand und mit einer Stimme, die
einen ganz anderen Klang hatte, als whrend des vorausgegangenen
Gesprchs, sagte:

Ich hre Lyselius kommen. Geht nun zu ihm hinein, rneclou, und
unterhaltet Euch mit ihm, anstatt hier bei mir in der Dunkelheit zu
sitzen. Er freut sich sicher auf ein Plauderstndchen unter vier Augen
mit einem so guten alten Freund, wie Ihr seid.

Und von da an war die Pfarrfrau wie ein umgewendeter Handschuh. rneclou
durfte im Saal essen, er durfte im besten Gastzimmer schlafen, und es
wurden ihm so gute Gerichte aufgetischt, wie bisher nicht einmal der
Pfarrer bekommen hatte.

rneclou war indes gar nicht sosehr berrascht. Er wute ja von alters
her, da ihm kein Frauenzimmer widerstehen konnte, wenn er sich so viele
Mhe gab, wie er bei der alten Raclitz aufgewendet hatte. Aber so ganz
verstndlich war ihm die Sache doch nicht, und es war immer noch etwas
Sonderbares daran, bis er sich schlielich herausgeklgelt hatte, da
sie sich sicherlich seinen Antrag berlegt und nun die Absicht hatte,
ihn zum Schwiegersohn zu erwhlen.

Na ja, rneclou hatte sich nicht soviel bei dieser Freierei gedacht.
Aber warum nicht? Es wre gar nicht so bel, wenn er Maja Lisa bekme.
Und da er sie bekommen konnte, war klar wie der Tag. Die
Schwiegermutter war auerordentlich freundlich gegen ihn und wute gar
nicht, was sie ihm alles zulieb tun sollte.

Aber ehe er sich ernstlich band, wollte er doch noch eine Reise durch
Vrmland machen und alle die guten alten Pltze aufsuchen, wo er seither
Gastfreundschaft genossen hatte. Wenn er einmal verheiratet war und Frau
und Hof hatte, mute er natrlich daheim bleiben. Er konnte sich deshalb
auch diesmal gar nicht so lange in Lvdala aufhalten, wie er sonst zu
tun pflegte, sondern mute abreisen, je frher desto besser. Natrlich
nur, um desto schneller wieder zurckzukehren.

Als er darum an einem der nchsten Morgen erklrte, er msse abreisen,
sah er der Pfarrfrau und auch der Pfarrerstochter wohl an, wie leid es
ihnen tat. Sie wollten ihn zum Bleiben berreden, aber er war
unerschtterlich. Vor Abend msse er ganz notwendig in Karlstadt sein.

Natrlich sagte er nicht geradeheraus, da er nur abreise, um bald
wiederzukommen und der Herr auf dem Hofe zu werden; aber dies lag alles
unter der Decke. Die Pfarrfrau, die offenbar ein ganz ungewhnliches
Frauenzimmer war, verstand sicher, was es bedeutete.

Und schon ehe er abgefahren war, fhlte er das Heimweh in sein Herz
hineinschleichen. Ja, hier wrde er gewi glcklich sein!

Als er eben dabei war, seinen Pelzmantel anzuziehen, trat die Pfarrfrau
zu ihm und fragte, ob er ihr wohl einen Gefallen tun wrde. Die gndige
Frau auf Lkene htte einen Hahn bei ihr bestellt, und nun mchte sie
fragen, ob es ihm nicht zuviel sei, wenn sie ihm das Tier mitgebe? Wenn
er doch nach Karlstadt fahre, komme er ja direkt an Lkene vorbei.

Der Fhnrich willigte gleich mit Freuden ein. Zum ersten konnte er der
knftigen Schwiegermutter einen Gefallen tun. Und zum zweiten bekam er
dadurch Gelegenheit, sich in Lkene zu zeigen und sich dort an einer
Mahlzeit gtlich zu tun.

Aber als der Fhnrich einwilligte, wute er natrlich nicht, da der
Hahn, den er mitnehmen sollte, lebend war.

Und da der Fhnrich in einem erbrmlichen kleinen Schlitten fuhr, so
konnte er es nicht anders einrichten, als die Kiste mit dem Hahn auf den
Sitz zu stellen und sich selbst hinten auf den kleinen Bock zu setzen.

Aber er behielt bis zuletzt seine gute Miene bei. Es galt ja, der alten
Raclitz zu zeigen, da sie keinen artigeren und nachgiebigeren
Schwiegersohn bekommen knnte.

Als der Fhnrich abfuhr, herrschte wunderschnes helles Januarwetter.
Die Sonne schien so warm wie sonst Ende Mrz, und von Klte war gar
keine Rede.

rneclou hatte das Gefhl, als sei er seit seiner Ankunft am gestrigen
Tage ein ganz anderer Mensch geworden. Lvdala und Maja Lisa! Besitzen
und regieren! Ein eigenes Heim haben und seine Freunde bei sich sehen,
sooft er nur wollte! Das war etwas anderes, als das ganze Jahr hindurch
von Hof zu Hof zu reisen und nie sicher zu sein, wie man aufgenommen
wurde, wenn man an der Freitreppe eines Herrenhofs vorfuhr!

Der Weg war gut; es ging rasch vorwrts, und rneclou war bald in Loby.
Hier kam ihm ein alter Bauer mit einem Heuwagen entgegen. Das war gewi
Bjrn Hindriksson selbst.

Dieser Bjrn Hindriksson ist sicher ein prchtiger Mensch, sagte
rneclou vor sich hin, indem er das Pferd anhielt, um ein paar Worte mit
ihm zu reden. Bjrn Hindriksson war ja der Nachbar von Lvdala, und
wenn rneclou nun doch bald der Herr dort wurde, lohnte es sich, ihn zum
Freund zu haben.

Aber zum Kuckuck! Was krhte ihm denn da in die Ohren, gerade als er
anhielt? Beinahe wre er vor Schrecken von dem schmalen Kutschersitz
heruntergefallen. Den Hahn hatte er ja ganz und gar vergessen gehabt!

rneclous Fingal machte keine Bewegung. Der war bei so vielem
dabeigewesen, da ihn nichts mehr erschrecken konnte. Aber Bjrn
Hindrikssons Brauner war gegen berraschungen nicht so abgehrtet. Er
ging durch, der Wagen fiel um, und die ganze Heulast lag in dem
Straengraben.

Das war wahrlich nicht die richtige Art, eine freundliche Nachbarschaft
einzuweihen. In seinem rger knallte rneclou seinem Fingal die Peitsche
um die Ohren, und sobald der Schlitten wieder in Gang kam, verstummte
der Hahn.

Wieder ging es rasch den Weg entlang, und wieder beschftigten sich
rneclous Gedanken mit Maja Lisa. Sie war schn, sie war erst siebzehn
Jahre alt, und halb Lvdala war ihr Eigentum! Ja, so einer wie er,
rneclou, gehrte her, um noch ein so groes Glck zu gewinnen, jetzt,
wo er nicht mehr in seiner ersten Jugend stand!

Nun tauchte in der Ferne wieder etwas vor ihm auf. Diesmal ein Herr und
eine Dame zu Pferd. Das konnte wohl kaum jemand anders sein als die
Grfin Dohna, die einen Ausritt machte.

Eine groartige Dame, diese Wittib auf Borg! Es war immer ein Vergngen,
einer Reiterin zu begegnen, die so gut zu Pferd sa. Nur schade, da sie
bestndig diesen kleinen schwarzbraunen Emigranten mit sich fhrte, den
sie jetzt unter ihren Schutz genommen hatte.

rneclou hielt an, stieg vom Bock herunter und nahm, die Mtze in der
Hand, eine bewundernde Stellung ein. Da krhte der Hahn. Die Grfin zog
die Zgel an und sah sich verwundert um. Woher kam denn der
Hahnenschrei? Wie war es nur mglich, da sich ein Hahn so weit von
jeglichem Hof entfernt hier auf der Landstrae befand?

Sie htte vielleicht nichts gemerkt, wenn der Hahn nicht gleich noch
einmal gekrht htte. Aber da begriff sie. Und da sie eine etwas
schadenfrohe Dame war, lie sie sich mit rneclou in ein Gesprch ein
und zwang ihn so, volle drei Minuten lang mitten auf der Landstrae zu
halten.

Und der Hahn krhte in einem fort, krhte zwischen jedem Wort, das sie
sagten.

Das mute der schne rneclou aushalten! Der eleganteste Kavalier in
Vrmland mute es ertragen, da sie ihn auf diese Weise zum Gesptt
machte!

Die Grfin sa ruhig auf ihrem Pferd, unterhielt sich mit ihm und tat,
als merkte sie gar nichts von dem Hahn. Sie schien absolut nicht zu
hren, da jedes zweite Wort durch einen Hahnenschrei unverstndlich
wurde.

Aber rneclou stand wie auf Kohlen, und der Angstschwei brach ihm auf
der Stirne aus. Schlielich konnte er es nicht lnger aushalten. Er
warf sich auf den Bock und fuhr eiligst davon.

Da verstummte der Hahn, dafr aber hrte rneclou sogleich der Grfin
helles, perlendes Lachen hinter sich. Es verfolgte ihn bis an die
Dorfgrenze, es verfolgte ihn auf der ganzen Reise, ja es verfolgte ihn
sein ganzes Leben lang.

Am liebsten htte er den Kistendeckel aufgemacht und den Hahn fliegen
lassen. Aber rneclou dachte an Maja Lisa und an Lvdala, und so
beschlo er, der Versuchung zu widerstehen und auszuhalten. Bei der
Schwiegermutter durfte er beileibe nicht in Ungnade fallen! Und wenn er
jetzt nur erst an der Svartssjer Kirche vorbei war, dann fhrte der Weg
durch eine einsame Waldgegend, da wrde ihm sicher niemand mehr
begegnen.

Aber unglcklicherweise war das Wetter gar zu schn. Gerade an diesem
Tage wollten offenbar alle Menschen Ausflge machen. Es dauerte gar
nicht lange, da kam dem Fhnrich sein Regimentschef entgegen. rneclou
war ja lngst nicht mehr im Dienst; aber trotzdem er seinen Abschied
hatte, setzte er seine Ehre darein, immer mit der Noblesse und der Wrde
aufzutreten, die dem ansteht, der einstmals ber das Feld der Ehre
geschritten ist.

Aber in demselben Augenblick, wo rneclou sich zu einem strammen Gru
aufrichtete, krhte der Hahn.

Nein, das konnte einen Menschen doch wirklich in Verzweiflung bringen!
Die eine unglckliche Begegnung folgte der andern auf dem Fu nach.
Nichts als Unglck auf dem ganzen Wege!

Schlielich, weit drauen auf den Sundgrdsbergen, begegnete er dem
neuen Gutsbesitzer von Bjrne, Melchior Sinclaire.

Das war das einzige, was noch gefehlt hatte! Das war das schlimmste von
allem! Die Leute hatten Sinclaire den Spitznamen der Gockelhahn
gegeben, weil er so hochmtig und laut und immer zum Streiten und Raufen
bereit war.

Sinclaire kannte seinen Spitznamen und war durchaus nicht entzckt
davon. In seiner Gegenwart wagte man kaum noch Worte wie Hhner und Eier
in den Mund zu nehmen.

In dieser seiner Not beschlo nun rneclou, bei Sinclaire nicht
anzuhalten, um ihn zu begren, sondern so schnell, wie Fingal zu laufen
vermochte, an ihm vorberzufahren.

Aber es fiel schlimm aus, wie er es auch machte. Der Gutsherr kam eben
aus Karlstadt zurck, wo er sich ein neues Schlittengelute gekauft
hatte, und dieses klingelte nun so prachtvoll, da der Hahn doppelt
ausgelassen wurde und im Vorbeifahren gerade recht laut krhte.

rneclou richtete sich auf, um Fingal mit der Peitsche zu erreichen, und
versetzte ihm einen scharfen Schlag ber die Lenden. Jetzt galt es, so
rasch wie mglich weiterzukommen.

Aber es sollte ihm nicht so leicht fallen, sich aus der Schlinge zu
ziehen. Melchior Sinclaire wurde wtend. Bis jetzt hatte er die vor
rneclou stehende Kiste mit dem Hahn noch gar nicht zu Gesicht bekommen,
aber rneclou hatte er sofort erkannt, und er glaubte, der Fhnrich
habe im Vorbeifahren wie ein Hahn gekrht, um ihn zu rgern.

Rasch drehte er sein Pferd um und jagte nun hinter rneclou drein, um
ihm eine Lektion zuteil werden zu lassen.

Der Fhnrich hrte ihn hinter sich und dachte, es wre wohl am besten,
wenn er ihm die Sache erklrte. Da krhte der Hahn abermals so laut, da
es im Walde widerhallte. Und der groe Gutsherr, der meinte, es sei der
Fhnrich, wurde so rasend, da er wie ein wildes Tier brllte. Da wagte
es rneclou nicht mehr, auf ihn zu warten, sondern er fuhr eiligst
davon.

Nun ging es ein paar Minuten lang in wilder Jagd ber die Sundgrdsberge
hin. Aber der Gutsherr hatte einen flotten Traber, rneclous Fingal
dagegen war alt und verbraucht, und so war es selbstverstndlich, da er
bald eingeholt wurde. Als rneclou sich umschaute, sah er den Gutsherrn
mit hocherhobenem Peitschenstiel, der nun bald auf ihn, den armen
rneclou, niedersausen wrde.

Da sagte rneclou seinen Hoffnungen auf Maja Lisa und Lvdala Lebewohl.
Er beugte sich vor, ergriff die Kiste mit dem Hahn und schleuderte sie
Melchior Sinclaire mitten in den Weg.

Auf diese Weise entkam er. Sonst htte ihn der groe Gutsherr sicherlich
totgeschlagen; denn wenn er zornig war, gehrte er nicht zu denen, die
sich auf Erklrungen einlassen und Grnde anhren.

Als der Fhnrich das Ilberger Gasthaus erreichte, war er vollstndig
erschpft, und er dachte, von dieser Fahrt werde er sich wohl nie wieder
ganz erholen.

Er lebte danach noch viele Jahre; aber so alt er auch wurde, fluchte er
immer wie ein Wachtmeister, wenn er auf dieses Ereignis zu sprechen kam.

Auf Lvdala lie er sich nie wieder sehen. Denn dies war das
widerwrtigste Abenteuer, das er je in seinem Leben zu bestehen gehabt
hatte, und er konnte es nicht ertragen, daran erinnert zu werden.




Am Werktage


Ja, nun war die Arbeit auf Lvdala in vollem Gang, und morgens und
abends ertnte das Schnurren der neuen Spinnrdchen so laut wie das
Klappern einer Mhle. Und whrend der Stunden, wo heller Tag war, durfte
man auch dem lieben Gott die Zeit nicht stehlen, sondern mute jede
Minute aufs Nhen und Weben verwenden.

Eine Zeitlang hatte es ausgesehen, als htte die Pfarrfrau die
Anwesenheit der Kleinen ganz vergessen. Sie hatte ihr keine Arbeit
aufgetragen und ihr nichts weiter befohlen, als in der Kchenkammer rein
zu machen und das Feuer zu unterhalten. Aber an demselben Tag, an dem
der Fhnrich abreiste, erschien sie an der Kchenkammertr, winkte der
Kleinen und sagte, sie solle eine Weile mit ihr in den Saal kommen.

Die Kleine stand sogleich auf, aber sie frchtete sich unbeschreiblich
vor einem Alleinsein mit der Pfarrfrau. Sie mochte sie nicht nur so im
allgemeinen nicht, wie man eben einmal jemand nicht gut leiden kann;
nein, wenn die Kleine sie nur sah, lief ihr ein kalter Schauer um den
andern ber den Rcken.

Noch nie in ihrem Leben hatte sich die Kleine vor irgendeinem Menschen
so gefrchtet, und sie hatte auch ihre eigenen Gedanken darber, womit
das wohl zusammenhngen konnte. Denn so viel war sicher, etwas war mit
der Pfarrfrau nicht recht geheuer. Kein anderer Mensch hatte so weies
Haar und ein so junges Gesicht dazu, und es war doch auch gar nicht
natrlich, da eine Frauensperson mit einer Stimme sprach, die wie ein
Wasserfall donnerte. Und ebensowenig htte ein einziges gewhnliches
Menschenkind so viel Widerwrtiges und Unangenehmes anrichten knnen.

Immerfort mute sie an etwas denken, was Mutter ihr einmal von dem
Svartsj und den Dreien gesagt hatte, die zurckgeblieben seien, als der
See ausgetrocknet war. Mamsell Maja Lisa wollte nichts davon hren; aber
die Kleine wute wohl, wer diese Dritte war, und da man auf Lvdala
mehr als einmal ein Abenteuer mit ihr zu bestehen gehabt hatte.

Und wenn die Pfarrerstochter von so etwas nicht reden wollte, dann gab
es andere Leute auf dem Hof, die es gerne wollten und es auch konnten.
Die Kleine brauchte sich nur am Abend einmal ins Gesindehaus
hinberzuschleichen, wo der lange Bengt und seine Mutter, die alte
Bengta, sowie seine Frau, die muntere Maja, um den Herd saen und
miteinander schwatzten.

Da pflegte dann der lange Bengt zu erzhlen, da die alte Wasserfrau,
die im Svartsj gewohnt hatte, sich heimatlos fhle, seit dieser
ausgetrocknet sei -- denn das knne doch kein Mensch verlangen, da so
eine vornehme Frau in dem rmlichen Svartsjbache, der jetzt noch durch
den frheren Seegrund ziehe, befriedigt sein knne --, und da sie
immer wieder versuche, sich in einen Hof einzuschleichen. Sie habe sich
schon da und dort eingenistet; aber an den anderen Orten habe man
beizeiten herausgebracht, wer sie war, und so habe man sie fortgejagt,
ehe sie etwas Bses anstellen konnte.

Die muntere Maja wute auch eine Geschichte von dem Sohn des Herrn
Olavus, dem frheren Svartsjer Pfarrer, der in einer Frhlingsnacht an
den Svartsjbach hinuntergegangen und dort ertrunken war. Daraus gehe
doch etwas deutlich hervor: die Wasserfrau, die hatte ihn bezaubert
gehabt, sonst wre es ihm ja gar nicht mglich gewesen, in so einem Bach
zu ertrinken.

Der lange Bengt sprach von jenem Morgen, wo er und die Vettersbuben auf
dem sdlichen Anger das Heu gemht hatten. Die beiden Buben und er
htten auch sofort gesehen, wer da durchs Gras daherkam. Sie sei ja so
na gewesen, da ihre Kleider trieften. Das sei doch wohl ein gengend
deutliches Zeichen dafr, was fr eine sie war. Und wie irr und wirr
ihre Augen ausgesehen htten, wahrhaftig nicht wie bei einem
Christenmenschen!

Keines von den dreien hegte den geringsten Zweifel, wer die jetzige
Pfarrfrau in Svartsj war, und darber waren auch alle einig, da sie
nicht wieder fortgehe, ehe sie den ganzen Hof ins Verderben gebracht
habe.

Die Kleine glaubte ganz dasselbe, besonders abends und in der
Dunkelheit. Bei Tag fiel es ihr schwer zu glauben, da die heimatlose
Wasserfrau aus dem Svartsj auf Lvdala umhergehe und spinne und webe.
Aber auch da war das Mitrauen in der Kleinen noch so lebendig, da sie
zusammenfuhr, wenn sie die Pfarrfrau nur sah.

Als aber die Pfarrfrau nun an der Kchentr erschien und ihr winkte,
blieb ihr jedenfalls nichts anderes brig, als mit ihr durch die
Kchenkammer zu gehen, wo Mamsell Maja Lisa einen Hohlsaum an einem
Laken nhte, und in den Saal hinein, einem schnen groen Zimmer mit
Mbeln aus gelbgebeiztem Birkenholz und blaugewrfelten Bodenlufern.
Das Zimmer hatte zwei Fenster. An dem einen stand eine hohe grne
Kallapflanze, vor dem andern ein kleiner Nhtisch. Die Platte war
zurckgeschlagen, und man konnte die vielen kleinen Fcher sehen, die
mit Zwirnstrngen und Seidenknueln, Wachs und Nadelbchern,
Namentchern und Bandrollen, Haken und sen und vielem andern, was
sinnreich und bequem war, gefllt waren.

Die Pfarrfrau zeigte der Kleinen alles, was in den Fchern war, und lie
sie erraten, wozu die einzelnen Gegenstnde gebraucht wurden. Sie war so
freundlich gegen das Kind, da sie sogar zu lachen versuchte, wenn die
Kleine falsch riet, obgleich ihr das so ungewohnt war, da sich ihre
Mundwinkel frmlich dagegen strubten.

Je freundlicher sie wurde, desto fester prete die Kleine den Mund
zusammen, und desto aufmerksamer wurde der Blick ihrer glnzenden Augen.
Wenn nur die Pfarrfrau sie nicht verfhren wollte, etwas zu sagen, was
der Pfarrerstochter Schaden bringen konnte!

Aber diesmal schien von einem Hinterhalt nicht die Rede zu sein. Die
Pfarrfrau setzte sich an den Nhtisch, die Kleine mute neben ihr Platz
nehmen; nun sollte sie nhen lernen, denn die Pfarrfrau htte ihrer
Mutter versprochen, ihr eine gute Erziehung zuteil werden zu lassen.

Zuerst zeigte ihr die Pfarrfrau, wie man eine Nadel einfdelte.

Dies pflegt ja eine schwere Aufgabe fr kleine Leute zu sein; aber die
Kleine zog den Faden gleich beim ersten Versuch durchs Nadelhr.

Die Pfarrfrau verwunderte sich hchlich. Sie sagte, das habe sie sehr
gut gemacht. Wenn ihr alles ebenso leicht von der Hand gehe, knne eine
Meisterin im Nhen aus ihr werden.

Dann gab ihr die Pfarrfrau ein kleines Stck Leinwand, an dem sie sich
ben knnte. Sie zeigte ihr, wie man einen Knoten macht, wie man die
Nadel in den Stoff hineinsteckt und wieder herauszieht.

Schweigend lie sich die Kleine belehren. Dann nahm sie den
Leinwandfleck in die Hand, legte ihn ber den linken Zeigefinger und
machte Stich um Stich, als sei das absolut nichts Schwieriges.

Ei du lieber Himmel! Wie sehr verwunderte sich doch die Pfarrfrau. Das
sei das Merkwrdigste, das ihr je vorgekommen war!

Da konnte die Kleine nicht lnger ernsthaft bleiben, sie fing an zu
lachen.

Nun glaubte die Pfarrfrau endlich zu merken, wie die Sache zusammenhing,
und sie fragte, ob die Kleine denn schon, ehe sie nach Lvdala gekommen
sei, das Nhen versucht habe.

Nein, antwortete diese. Ich habe noch nie einen Stich gemacht, ehe
ich hierhergekommen bin.

Ei so! Nun dann habe sie vielleicht hier jemand das Nhen gelehrt?
Vielleicht Mamsell Maja Lisa?

Die Kleine erschrak, sobald die Pfarrfrau die Stieftochter nur erwhnte,
und sie antwortete rasch, nein, aber die alte Frau Beata im Waschhaus
drben habe ihr Unterricht gegeben.

Das zu hren freut mich sehr, sagte da die Pfarrfrau. Wie merkwrdig,
da Frau Beata mit ihren gichtischen Hnden nhen kann!

Und ob sie nhen kann! rief die Kleine. Auf dem ganzen Hofe kann
gewi niemand so schn nhen wie Frau Beata.

Dann will ich dir sagen, was wir jetzt tun wollen, sagte die
Pfarrfrau. Gleich jetzt gehen wir hinber zu Frau Beata und bedanken
uns bei ihr, da sie dir einen so guten Unterricht gegeben hat.

Damit nahm sie die Kleine mit sich; aber sie ging nicht den geraden Weg
nach dem Waschhausflgel, sondern machte einen weiten Bogen um den Stall
und die Scheunen herum. Frau Beata pflegte den ganzen Tag an einem
Fenster zu sitzen, von wo sie alle Leute, die vom Wohnhaus zu ihr
herber kamen, sehen konnte, aber sie hatte keine Aussicht nach der
Seite, wo die Wirtschaftsgebude lagen.

Als die Pfarrfrau und die Kleine vor der schwierigen Treppe standen, die
im Zickzack zum Giebel hinauffhrte, sagte die Pfarrfrau, die Kleine
solle vorausgehen. Wer jung sei, laufe rasch und leicht hinauf, sie
wrde dann nachkommen, so gut es eben gehe. Nun, die Kleine lief laut
polternd die Treppe hinauf, und da konnte niemand merken, da jemand
hinter ihr herschlich.

Frau Beata sa immer mit den gefalteten Hnden im Scho da, wenn die
Pfarrfrau zu ihr kam. Und immer sprach sie davon, wie schwer es ihr
werde, da sie nichts mehr nutz sei. Auch sie sei frher ein sehr
ttiger Mensch gewesen, obgleich nicht ganz so tchtig wie Anna Maria
Raclitz.

Die Pfarrfrau hatte die rmste wirklich bedauert. Wie schrecklich, wenn
man den ganzen Tag hindurch immer stillsitzen mute und kein bichen
etwas tun konnte!

Aber als die Pfarrfrau an diesem Tag bei ihr eintrat, hatte Gromutter
ein Laken in der Hand und stickte an einem Hohlsaum, und ihr Arm ging
dabei so schnell auf und ab wie die Flgel einer Lerche.

Als aber Frau Beata die Pfarrfrau erblickte, machte sie eine Bewegung,
wie wenn sie die Arbeit verstecken wollte. Aber als sie merkte, da die
andere sie schon gesehen hatte, nhte sie ruhig weiter.

Die Pfarrfrau trat zu ihr und sprach ihre groe Freude darber aus, Frau
Beata am Nhtisch zu finden. Das sei doch sehr schn, da die Gicht sich
so gebessert habe und sie nun etwas arbeiten knne. Sie solle ihr doch
zeigen, woran sie eben sei, denn sie habe gehrt, Frau Beata Spaak
knne wunderschn nhen, und ihre Stiche lgen wie Perlen einer neben
dem andern.

Aber das ist sonderbar, fuhr die Pfarrfrau fort, indem sie sich immer
tiefer ber Frau Beatas Arbeit beugte, dieses Laken meine ich doch zu
kennen. Es ist eines von dem Paar, das ich Maja Lisa fr diesen Morgen
zum Nhen gegeben habe. Vielleicht helft Ihr ihr bei dem einen. Ja, ich
habe nichts dagegen, nein, nicht das geringste; aber ich meine, Ihr
httet es mir sagen sollen, damit ich Maja Lisa gengend mit Arbeit
versehe. Denn wenn sie nur ein Laken vom Paar nht, so ist es ja die
reine Faulenzerei.

Frau Beata hielt die Arbeit noch in der Hand. Sie konnte nichts
erwidern, denn ihr Unterkiefer und ihr ganzer Kopf zitterte, wie wenn
jemand hinter ihr stnde und sie schttelte.

Nun wendete sich die Pfarrfrau wieder der Tr zu, um zu gehen. Sie sehe
ja, wie eilig es die Gromutter habe, deshalb wolle sie nicht lnger
stren. Frau Beata brauche jetzt gewi auch nicht mehr so viel
Gesellschaft, da sie wieder arbeiten knne.

Frau Beata stotterte etwas hervor, das wie bermenschliche Arbeit fr
die Jugend klang, und es knne Leben und Gesundheit kosten.

Aber die Pfarrfrau erwiderte: Oh, Ihr wit wohl, da es Maja Lisa nicht
schlimm geht, da sie noch imstand ist, die halbe Nacht aufzusitzen und
zu lesen. Ich glaube auch nicht, da Arbeit einem jungen Menschen
schadet. Nein, aber lgen und heucheln und krumme Wege gehen, das ist
schdlich.

Damit ging sie, und Frau Beata hatte noch nicht ein verstndliches Wort
zu ihrer Verteidigung herausbringen knnen, als die Tr auch schon
hinter ihr ins Schlo fiel. Aber die Treppe, die die Pfarrfrau nun
hinuntergehen mute, war schmal und steil, und so kam sie nur langsam
vorwrts. Indessen konnte sich Frau Beata aufraffen, und gerade, als die
Pfarrfrau die unterste Stufe erreicht hatte, ri die alte Frau oben ihre
Tr auf.

Stiefmutter! rief sie ihr nach, und zwar so laut, da man es auf dem
ganzen Hofe hrte. Eine Antwort wartete sie nicht ab, sondern ging rasch
wieder hinein und schob den Riegel vor, damit sie nicht aufs neue
berrascht wrde.

Man konnte der Pfarrfrau nicht anmerken, ob sie sich etwas aus Frau
Beatas Rede machte. Sie war noch immer in ausgezeichneter Laune, und
whrend sie mit der Kleinen ins Wohnhaus zurckging, sagte sie ganz
ruhig zu ihr, sie solle jetzt in den Saal gehen und ein wenig nhen, sie
werde gleich selbst nachkommen, sie wolle nur vorher noch ein paar Worte
mit Mamsell Maja Lisa sprechen.

Die Kleine kniff die Lippen zusammen und erwiderte nichts; aber ihr
Gesicht hatte ungefhr denselben Ausdruck wie an dem Weihnachtsfeiertag,
wo sie mit dem Sturm kmpfte.

Als sie in dem Flur angekommen waren, ging sie nicht in den Saal, wie
ihr befohlen war, sondern wendete sich der Kchentr zu.

Die Pfarrfrau fragte sofort, wohin sie wolle. Ob sie nicht gehrt habe,
da sie in den Saal gehen und nhen solle?

Da antwortete die Kleine mit leiser Stimme, sie meine, das sei jetzt
unntig.

Warum denn unntig? Meinst du, du kannst jetzt schon ausgezeichnet
nhen und brauchst nichts mehr zu lernen?

Nein, das meine sie durchaus nicht. Aber sie brauche nicht mehr zu
lernen, als sie schon knne, weil sie jetzt wieder heim nach Koltorp
gehe.

Zugleich trat sie auf die Pfarrfrau zu, reichte ihr die Hand und sagte,
sie knne sich auch ebensogut gleich verabschieden.

Aber liebes Kind! rief die Pfarrfrau. Ich verstehe dich absolut
nicht. Warum willst du denn auf und davon gehen?

Die Kleine trat ein paar Schritte zurck, wie um auerhalb greifbarer
Nhe zu sein, ehe sie ihre Erklrung gab.

Mutter ist Kindermdchen hier auf Lvdala gewesen, und Mutter hat die
Pfarrerstochter lieb. Und als Mutter an Weihnachten hier war, hat sie zu
mir gesagt, wenn Mamsell Maja Lisa meinetwegen noch weitere
Unannehmlichkeiten bekomme, solle ich nicht hierbleiben, sondern
heimkommen.

Als die Kleine das gesagt hatte, schob sie sich an der Wand weiter, bis
sie die Ecke neben der Kchentr erreicht hatte. Da blieb sie stehen und
wartete auf das, was kommen wrde.

Die roten Flecke brannten auf Frau Raclitzas Wangen, und sie ging mit
erhobener Hand auf die Kleine zu. Diese aber duckte sich nicht, und ihre
Augen sahen die Pfarrfrau kalt an. Sie wute, da sie jetzt Schlge
bekommen wrde; aber sie war so von Ha erfllt, da sie keine Angst
fhlte, sondern eher froh darber war, da es jetzt zum offenen Streit
kam.

Aber nun geschah etwas, was sich die Kleine nie und nimmer htte trumen
lassen. Die Pfarrfrau gab ihr nicht einmal eine Ohrfeige, sie bezwang
sich vielmehr im letzten Augenblick und versuchte zu lcheln.

Liebes Kind, du siehst ja aus wie eine Katze, die auf einen Hund
losfauchen will. Aber sei ganz ruhig, ich werde dich gewi nicht
schlagen, weil du gegen die, der du dienst, treu bist. Gerade das
gefllt mir, und deshalb verspreche ich dir, Maja Lisa soll nicht ein
einziges Wort von mir ber das hren, was ich heute entdeckt habe. Und
jetzt gehen wir miteinander in den Saal und denken nie wieder an diese
Sache.

Die Kleine fhlte sich ganz verwirrt. Hinter diesem allem lag etwas, was
sie nicht verstand. Aber sie war nur zu froh, da sie im Pfarrhaus
bleiben durfte, und so gab sie sich keine weitere Mhe, das Rtsel zu
lsen.

Als sie nun wieder an dem Nhtisch saen, war indes vom Nhen keine Rede
mehr, sondern die Pfarrfrau ffnete ein Fach, das unter den andern
verborgen war. Diesem entnahm sie zuerst ein Abc-Buch, dann Papier und
einen Gnsekiel sowie ein Flschchen Tinte.

Die Kleine glaubte, die Pfarrfrau wolle sie nun im Lesen und Schreiben
prfen; aber das war nicht deren Absicht, sondern sie sagte, sie habe
als Kind ihrer Mutter immer bei der Pflege der kleinen Geschwister
helfen mssen, und so habe sie nie lesen und schreiben gelernt. Aber
seit sie Pfarrfrau geworden sei, sei es ihr uerst unangenehm, da sie
es nicht knne. Nun solle die Kleine ihr Lehrmeister werden. Sie habe
gleich daran gedacht, als sie sie an Weihnachten nach Lvdala kommen
lie, aber bis jetzt nur keine Zeit dazu gehabt.

Die Kleine war hchlich erfreut und sagte sofort, sie wolle der
Pfarrfrau gerne helfen, so gut sie es vermge.

Nun, das sei also ausgemacht, sagte die Pfarrfrau. Aber, fuhr sie fort,
die Kleine solle niemand sagen, da sie sie lesen lehre. Sie habe Angst,
die Leute wrden sie auslachen. Es solle so aussehen, als lehre die
Pfarrfrau sie nhen und verbringe deshalb jeden Vormittag eine Stunde
mit ihr im Saal.

Ja, da knne ja nichts Bses dabei sein, meinte die Kleine.

Die Pfarrfrau sagte, sie freue sich aufrichtig ber dieses
bereinkommen. Die Kleine werde wohl begreifen, wie schwer es fr eine
Pfarrfrau sei, wenn sie nicht schreiben knne. Heute zum Beispiel htte
sie so gerne einen Brief abgeschickt, wenn sie ihn nur zustande brchte.
Sie habe sich schon wiederholt gefragt... ob die Kleine wohl so
gewandt im Schreiben sei, da sie die Worte aufs Papier setzen knne,
wenn sie ihr diktiere?

O ja, das getraue sie sich gut, rief die Kleine. Sie schlug auch gleich
eine Klappe an einem der Tische auf, legte das Papier zurecht, zog den
Stpsel aus dem Tintenflschchen und begann zu schreiben, was ihr die
Pfarrfrau diktierte.




Ein Frhlingsabend


An einem schnen Frhlingsabend war die Pfarrerstochter mit der Kleinen
im Freien. Sie war es von jeher gewohnt gewesen, sich am Abend eine
Weile drauen zu ergehen, und die Stiefmutter hatte sich dem nicht
widersetzt, sondern ihr nur befohlen, die Kleine mitzunehmen, weil es
sich fr ein siebzehnjhriges Mdchen nicht schicke, allein auf der
Landstrae zu sein.

Wie immer ging sie auch jetzt in sdlicher Richtung, denn da war der
beste Weg. Sie wanderte langsam dahin, und die Kleine konnte sich diesem
langsamen Tempo nur schwer anpassen. Bald lief sie voraus, bald blieb
sie eine groe Strecke zurck, nur um sich wieder auer Atem laufen zu
knnen, bis sie die Pfarrerstochter einholte.

Der Weg fhrte den Waldhgel entlang, der die Grenze von Lvdala
bildete, und whrend nun die Pfarrerstochter so dahinwanderte, kam es
ihr ganz sonderbar vor, da die Kleine auf der kurzen Wegstrecke, die
sie Abend um Abend hin und her wanderten, so viel Vergngliches finden
konnte.

Da war zuerst das Echo. Die Kleine lief eiligst durch die Allee voraus,
um es hervorzulocken. Sie wute, wo es sich fand. Ein kleines Stck auf
dem Weg drauen, gerade vor der Lvdaler Roggenscheune. Da blieb sie
stehen, drehte sich der Scheunenwand zu und begann zu rufen.

     Echo, Echo, sag' mir wahr!
     Sag' mir wahr! das Echo klang.
     Heirat ich in diesem Jahr?
     Diesem Jahr! das Echo klang.
     Ist mein Schatz ein schner Mann?
     Schner Mann! das Echo klang.
     Kommt mit vielen Gold er an?
     Gold er an! das Echo klang.
     Sprichst du Wahrheit? Lg' nicht an!
     Lg' nicht an! das Echo klang.

Die Pfarrerstochter selbst hatte vor ein paar Monaten die Kleine diese
Reime gelehrt; aber damals war eben alles ganz anders gewesen als heute.
Jetzt hatte sie keine Kraft, mit dem Echo zu scherzen.

Die Kleine blieb ihr nun an der Seite, bis sie eine Kiesgrube
erreichten, die links vom Wege dicht unter dem Bergabhang lag. Aber hier
verlie die Kleine die Pfarrerstochter und sprang in die Grube hinunter,
wo sie dann zwischen den heruntergefallenen Steinen eifrig nach
Katzengold suchte. Erst als sie die Pfarrerstochter an der Wegbiegung
aus den Augen verlor, jagte sie wieder hinter ihr her.

Dann gingen sie miteinander bis an den Bach. Der Kleinen war es ganz und
gar unbegreiflich, da Mamsell Maja Lisa an dem Bach vorbergehen
konnte, ohne stehenzubleiben, ja ohne auch nur einen Blick auf ihn zu
werfen. Wildschumend brauste er von der bewaldeten Hhe herab und
bildete einen Wasserfall um den andern, den einen immer groartiger als
den andern, bis er unten beim Wege angelangt war. Wenn er sich dann aber
brausend und schumend unter der Brcke durchgezwngt hatte, wollte er
nicht mehr in dem alten Bett bleiben, sondern ri sich los und trat ber
seine Ufer. Aber das konnte die Kleine nicht leiden. Sie eilte an den
Wegrand hin und begann zu graben und einzudmmen, um das Wasser in sein
altes Bett zurckzuzwingen.

Sie wre sehr dankbar gewesen, wenn die Pfarrerstochter angehalten
htte, um ihr zu helfen. Aber ach, die Pfarrerstochter konnte mit
knapper Not auf dem ebenen Weg weiterkommen! Sie hatte das Gefhl, als
schleppe sie sich nur noch dahin. In andern Jahren hatte sie auch beim
Eindmmen des Baches mitgeholfen, aber da war sie ja noch ein Kind
gewesen.

Pltzlich blieb sie stehen, denn auf einmal begriff sie, was ihr
widerfahren war: Ach, alt war sie geworden, die Jugend und die
Jugendlust waren von ihr genommen!

Die Pfarrerstochter wanderte langsam immer weiter, und schlielich mute
die Kleine den Bach im Stich lassen und ihr folgen. Aber sie hielt sich
nicht lange auf dem geraden Wege.

Jetzt kamen sie an ein Gatter, das auf einen eingefriedigten Weideplatz
fhrte, wo man immer die ersten Anemonen fand. Sie waren noch nicht
aufgeblht, aber jetzt war der Frhling so weit vorgeschritten, da man
sie jeden Tag erwarten konnte. Die Kleine machte das Gatter auf, um ein
bichen hineinzulugen. Sie hatte sich fest vorgenommen, die zu sein, die
in diesem Jahre die erste Anemone nach Hause brachte.

Aber die Pfarrerstochter ging weiter wie eine alte, alte Frau und zeigte
nicht die geringste Lust, Frhlingsblumen zu suchen.

Etwas weiterhin hatte die Kleine einen alten Freund, den sie nie zu
begren verga. Das war ein Kuzchen, das in der groen hohlen Birke,
dem grten Baum auf ganz Lvdala, wohnte. Die Kleine nahm ein Hlzchen
und steckte es in die Behausung des Kuzchens hinein; sogleich streckte
der Vogel einen Fu heraus und versuchte das Hlzchen hinauszuschieben.
Noch nie hatte die Kleine mehr von dem Kuzchen zu sehen bekommen als
diese groen Klauen. Das wute die Pfarrerstochter wohl, denn sie war
frher auch bei dem Kuzchen stehengeblieben, um es zu necken. Jetzt
konnte sie nicht begreifen, da ihr das je Vergngen hatte machen
knnen.

Sobald sie an der Birke mit dem Kuzchen vorbei waren, kam die Kleine
eilig dahergelaufen, und nun, das wute die Pfarrerstochter recht gut,
wrde ihr das Mdchen eine Weile nicht von der Seite weichen. Denn nun
muten sie an dem alten moosbewachsenen Feldmuerchen vorber, in dessen
Nhe es nicht ganz geheuer war. Ach, die Pfarrerstochter sehnte sich in
die Zeit zurck, wo auch sie sich vor dem schauerlichen Pfarrer ohne
Kopf gefrchtet hatte, der einem gerade hier bei dem Feldmuerchen
begegnen konnte.

Es ging jetzt bergauf; und die Pfarrerstochter merkte, da sie nicht nur
wie eine Schnecke dahinschlich, nein, es war ihr, als knne sie den
Gipfel des Hgels nie und nimmer erreichen.

Weiter als bis auf den Gipfel dieses Hgels pflegte sie nie zu gehen. Da
droben lag dicht am Wegrand ein groer Felsblock, und auf diesen setzte
sie sich dann eine Weile. Auf der Vorderseite des Felsens war ein
kleiner Sitzplatz ausgehauen, gerade gro genug, da sie und die Kleine
zur Not darauf Platz hatten. Maja Lisa schlo die Augen und fhlte sich
so mde, da sie nichts sagen konnte, und die Kleine verhielt sich auch
ganz still. Einmal ffnete die Pfarrerstochter die Augen und schaute
sich um, weil sie geglaubt hatte, die Kleine sei aufs neue
ausgeschwrmt. Aber sie sa noch neben ihr und strich sachte mit der
Hand ber einen Zipfel von Mamsell Maja Lisas Kleid, der zufllig auf
ihrem Knie liegengeblieben war.

Ach, alles war so betrbt fr die Pfarrerstochter, fr sie, die Lvdala
und das ganze Kirchspiel htte erben sollen! Es kam ihr vor, als sei
dieses Kind hier jetzt der einzige Mensch, der sie nicht verlassen
hatte.

Ja, gerade deshalb fhlte sie sich alt und schwach, weil sie von allen
verlassen worden war. Sie war ebenso einsam wie jemand, dem alle seine
Freunde gestorben und ins Grab gesenkt worden sind.

Seit jenem Tage in Svansskog war sie mit niemand mehr zusammengetroffen,
der ihr wohlwollte und sich ihrer annahm. Nachdem sie wieder daheim war,
hatte sie zuerst jeden Tag erwartet, es werde jemand kommen, der sie
von aller ihrer Not und Drangsal befreite. Sie wute nicht, wer kommen
sollte, und wute auch nicht, wie er es anstellen sollte, ihr zu helfen;
aber sie meinte, in jenen beiden Tagen habe sich soviel Merkwrdiges
zugetragen, und wenn es so gut angefangen hatte, mte es auch so
weitergehen.

Aber seither war ein Tag um den andern vergangen, ohne da sich irgend
etwas ereignet hatte. Woche folgte auf Woche, und eine war der andern so
hnlich gewesen, da Maja Lisa sie in ihrer Erinnerung nicht
auseinanderhalten konnte.

Ja, unbegreiflich und sonderbar war es, da alles so ruhig um sie her
verblieb. Manchmal bildete sie sich ein, es mten weit drauen in der
Welt Dinge geschehen, die sie angingen. Bisweilen fhlte sie sich von
Stimmen umgeben, die mit ihr sprachen, bisweilen auch berkam sie Angst,
weil sich niemand nach ihr sehnte und ihr zu Hilfe kam. Aber der ganze
Februar, der ganze Mrz und fast der ganze April waren jetzt vergangen,
und bis zum heutigen Tag war weder Botschaft noch Brief zu ihr gedrungen
von denen, die frei waren, die sich bewegen konnten, wie sie wollten,
und die nicht in einem eisernen Kfig eingesperrt waren.

Nun wurde ihr allmhlich klar: -- niemand wrde kommen. Sie mute ihren
Kampf allein auskmpfen, ohne irgendwelche Hilfe. Aber ach, es war so
schwer, alle Hoffnung aufzugeben! Nun hatte sie gemeint, recht starke
und gute Freunde gefunden zu haben, und sie konnte es noch nicht
fassen, da sie sich gar nicht um sie kmmerten.

Der alte Felsblock, auf dem sie sa, sollte schon zu der Zeit hier am
Wegrand gelegen haben, als Lvdala nur eine Sennerei mitten im wilden
Walde gewesen war, zu der die Sennerinnen jeden Sommer mit ihren Khen
und Geien zogen. Da habe einmal ein junger Bursche einen Sitzplatz in
den Felsen gehauen, damit sein Schatz ein Pltzchen zum Ausruhen htte.
Hier vom Gipfel des Berges, auf dem der Felsblock lag, konnte man bis
zum Lvsee und zur Kirche hinsehen, und sicher hatte von denen, die die
Herde hier weideten, gar oft ein Mdchen hier gesessen und nach jemand
ausgeschaut, der sie abholen und aus der Einde zu den Menschen
zurckfhren wrde. Ja, Maja Lisa fhlte, wenn sie hier sa, ganz
deutlich, da an diesem Platz oft mit bitterem Heimweh gekmpft worden
war.

Die Pfarrerstochter sttzte den Kopf in die Hand und seufzte. Wer ihr
helfen wollte, mute bald kommen, denn lange konnte sie es jetzt nicht
mehr aushalten. Sie litt zwar an keiner eigentlichen Krankheit, aber sie
siechte vor Kummer und Verlassenheit dahin.

Und nicht ihr allein tat Hilfe und Rettung not, nein, ganz Lvdala war
in Gefahr. Diese ihre Heimat, wo sie jeden Stein liebte, war dem
Verderben geweiht.

Es war jetzt erst Ende April, und man fror beim Stillsitzen auf dem
kalten Stein. Sie machte sich langsam auf den Heimweg. Dabei dachte sie
aber nicht mehr an sich selbst, sondern nur noch an Lvdala.

Eines Sonntags, es war Ende Mrz gewesen, war der Vater mit der
Nachricht von der Kirche heimgekommen, Pastor Liljecrona habe bei dem
Knig um die Erlaubnis nachgesucht, seine Bewerbung um die Propstei in
Sjskoga zurckziehen zu drfen.

Der Vater hatte beim Mittagessen davon gesprochen, und Maja Lisa war
sehr rot und erregt geworden. Sie hatte den Vater sofort gefragt, warum
Pastor Liljecrona denn die groe Pfarrei nicht angenommen habe. Aber
darauf hatte der Vater keine Antwort geben knnen. Er wute nur, da
Pastor Liljecrona auerordentlich viel fr seine Gemeindeglieder tue,
und sagte dann, Liljecrona msse ein besonders edler Mann sein, wenn er
auf Wohlstand und eine hohe Stellung verzichten knne, um bei denen zu
bleiben, die ihn brauchten.

Auch die Stiefmutter hatte sich ganz auffallend fr Vaters Neuigkeit
interessiert. Sie fragte, ob es denn auch wirklich wahr sei, da
Liljecrona Sjskoga ganz aufgegeben habe? Und als Vater ihr dies
bestimmt versicherte, war die Mutter in ihrer rcksichtslosen Weise
vorgegangen und hatte gesagt, sie meine, nun sollte sich Vater darum
melden.

Der gute Vater war gewi nicht oft in seinem Leben sprachlos gewesen,
aber jetzt blieb er stumm und still sitzen und starrte die Mutter nur
an. Er sah fast entsetzt aus, wie wenn er es geradezu fr ein Unglck
hielte, da Mutter diesen Gedanken gefat hatte. Ach, er war wohl nicht
mehr recht sicher, ob er die Kraft htte, ihr eine abschlgige Antwort
zu geben.

Auch Maja Lisa war ganz bestrzt. Fast htte sie geglaubt, die
Stiefmutter scherze; aber dazu war diese nicht angetan. Es war auch gar
nicht so tricht gedacht -- Maja Lisa hatte selbst oft gemeint, ihr
Vater sollte von Rechts wegen mindestens Bischof werden --, aber seit er
den Schlaganfall gehabt hatte, wre es ja das grte Unrecht, wenn man
ihn anspornen wollte, sich um ein groes, geschftsvolles Amt zu
bewerben. Der Vater war allerdings in der letzten Zeit viel frischer und
jetzt wieder fast ganz wie frher, aber Mutter wute doch recht gut, da
er nicht mehr bei seiner vollen Kraft war.

Maja Lisa hatte sich gezwungen, zu schweigen. Wenn sie sich mit ihren
Einwendungen hervorgewagt htte, wre die Stiefmutter erst recht in
Eifer geraten. Als die Mutter dann weder von dem einen noch von dem
andern eine Antwort erhielt, hatte sie weiter ber die Sache geredet.

Wenn man zu lange auf einer Stelle sitzenbleibt, sagte sie, wird man
vor der Zeit alt. Nichts trgt sosehr dazu bei, die Bequemlichkeit
abzuschtteln, als in eine neue Arbeit hineinzukommen.

Maja Lisa hatte gedacht, Vater sei schon zu weit in den Jahren
fortgeschritten, als da er durch vermehrte Arbeit wieder frisch gemacht
werden knnte; aber immer noch gelang es ihr, zu schweigen. Darauf hatte
die Stiefmutter weitergesprochen, als ob es schon beschlossene Sache
sei, da Vater auf ihren Vorschlag eingehe: Natrlich werde ja die ganze
Wahl noch einmal vorgenommen, und jedenfalls msse Vater morgen nach
Karlstadt fahren, um sich danach zu erkundigen; ja, das beste wre, er
fhre gleich nach Stockholm und meldete sich persnlich bei Seiner
Majestt. Sie wisse, wie gelehrt Vater sei und wie leicht er gute
Empfehlungen bekommen knne, weil er ja mehrere Jahre bei den hohen
Herren, die jetzt an der Spitze standen, Hauslehrer gewesen sei.

Bis jetzt hatte sich Maja Lisa nur fr den Vater gengstigt; aber nun
fiel ihr noch etwas anderes ein, und da konnte sie sich nicht lnger
beherrschen, sondern sie unterbrach die Mutter und sagte:

Wenn Vater nach Sjskoga zieht, kann er ja Lvdala nicht behalten.

Darauf hatte sich die Stiefmutter an Maja Lisa gewandt, und zugleich
hatten sich ihre Finger so gekrmmt, da sie wie Krallen aussahen, und
mit ihrer rauhen Stimme, die durch den Ha und Widerwillen, den sie
gegen Maja Lisa hegte, fast undeutlich klang, erwiderte sie:

Dein Vater ist doch nicht verpflichtet, sein Leben lang hier zu sitzen
und Lvdala fr dich zu hten. Lvdala knnte er leicht loswerden, dann
wre er ein freier Mann und knnte eine Stellung einnehmen, die passend
fr ihn ist.

Der Vater war nun fertig mit essen, und so stand er rasch vom Tische
auf. Er war nur zu froh, diese Unterhaltung abbrechen zu knnen.

Aber jetzt wute Maja Lisa, was die Stiefmutter damals gemeint hatte,
als sie sagte, sie wolle Maja Lisa schon noch weinen lehren. Der Vater
mute sich um Sjskoga bewerben, nur weil die Mutter wute, da Maja
Lisa ihre Heimat ber alle Maen liebte und da ihr nichts ein so
unheilbares Herzeleid zufgen wrde als der Verlust ihrer Kinderheimat.

Eine ganze Woche ungefhr mute die Mutter den guten Vater bearbeiten,
ehe sie ihn einigermaen gefgig gemacht hatte. Dann hatte aber auch die
Stiefmutter jeden Tag bitten und drohen und ihren ganzen Willen
einsetzen mssen, da Vater wenigstens nach Karlstadt fahren sollte, um
sich nach der Lage der Dinge zu erkundigen. Aber bis zuletzt hatte es
ausgesehen, als sollte es ihr nicht gelingen, und sie htte den Versuch
schlielich doch noch aufgeben mssen, wenn ihr nicht etwas zu Hilfe
gekommen wre.

Der gute Vater war jetzt schon zwanzig Jahre Pfarrer in Svartsj, und in
dieser ganzen Zeit hatte er viele Sorgen und vielen schweren Kummer
gehabt. Zuerst hatte die Kirche neugebaut werden mssen. Die alte war
nmlich abgebrannt, und da mute er ja fr die Wiederaufrichtung sorgen.
Der Vater hatte nicht allein beim Knig um Untersttzung bitten, sondern
auch die Hilfe vieler hoher Herren in Anspruch nehmen mssen, und er war
berdies von Kirchspiel zu Kirchspiel gereist, um Beitrge zu sammeln.

Als die Kirche endlich fertig dastand, war sie auch in erster Linie
Vaters Werk, und seine Gemeinde hatte ihm viel Dank und Ehre dafr
zuteil werden lassen.

Aber in der letzten Zeit war es Vater sicher aufgefallen, da sich seine
Gemeindeglieder allmhlich von ihm zurckzogen. Sie kamen nicht mehr
wie frher, ihn in allen Angelegenheiten zu Rate zu ziehen. Oh, Maja
Lisa wute wohl, woher es kam! Die Leute glaubten, die Stiefmutter
diktiere jetzt Vaters Ratschlge; aber das wute der gute Vater nicht,
er fhlte sich nur zurckgesetzt.

Und gerade wie mit der Gemeinde ging es mit dem eigenen Gesinde. Das
Lvdaler Wohnhaus war ja zu Vaters Zeiten damals mit der Kirche
abgebrannt, und er hatte schwere Sorgen und groe Ausgaben gehabt, bis
es wieder aufgebaut war. Alle Leute auf dem Hofe, die schon lange vor
Vaters Zeiten da dienten, hatten sich von Herzen ber alles gefreut, was
Vater als Baumeister und Landwirt zustande gebracht hatte, und wohin er
kam, begegnete er immer freundlichen Gesichtern. In der letzten Zeit
jedoch war das anders geworden. Vater sah mrrische Gesichter, sowohl im
Gesindehaus als in der Kche, und er wollte es durchaus nicht der zur
Last legen, die allein schuld daran war, sondern fragte sich nur immer,
warum sich denn die alten guten Dienstboten so undankbar und
unfreundlich zeigten?

Dies alles half der Stiefmutter in hohem Grad, als sie Vater wegen der
Meldung um Sjskoga bearbeitete. Aber es wre ihr sicher trotz allem
nicht geglckt, wenn nicht auch noch die rgerliche Geschichte mit dem
Ktner Vetter dazugekommen wre.

Die Pfarrerstochter fhlte sich so mde und matt, da sie sich nicht
recht erinnern konnte, wann das eigentlich gewesen war. Aber sie meinte,
es sei wohl Mitte Mrz gewesen, als die Stiefmutter sich vor Angst fast
nicht mehr lassen konnte -- weil Vetter aus dem Gefngnis entlassen
wieder heimkam.

Vetter wohnte in einer kleinen Kate, eine Strecke nrdlich von Lvdala,
und eigentlich htten alle erschrecken mssen, als es ruchbar wurde, da
er wieder da sei, denn Vetter war ein Erzdieb. Aber nun war er schon
seit vielen Jahren der Nachbar von Lvdala, und so dachte man nicht
weiter darber nach, ob er daheim war oder nicht, insbesondere nicht,
weil man wute, da er klug genug war, bei seinen nchsten Nachbarn
keinen Einbruch zu verben.

Sooft Vetter aus dem Gefngnis entlassen wurde, gelobte er sich, nun
ordentlich daheim zu bleiben; aber er vermochte eben sein Gelbde doch
nicht zu halten. Er hatte Freude an seinem Handwerk und war ebenso stolz
auf seine Geschicklichkeit im Stehlen wie die Stiefmutter auf ihre
Kochkunst. Die Folge davon aber war, da Vetter den grten Teil seines
Lebens im Gefngnis sa. Als Vater und Mutter heirateten, sa er eben
auch wieder hinter Schlo und Riegel, und die Stiefmutter hatte deshalb
keine Ahnung davon gehabt, da ihr nchster Nachbar ein berchtigter
Dieb war.

Jetzt aber wurde die Stiefmutter von einer bermigen Angst befallen,
die ihr fast den Verstand raubte. Sie glaubte ohnedies, alle Menschen,
Vater kaum ausgenommen, seien Diebe, und lebte in bestndiger Angst um
ihr Eigentum. Whrend der vielen Jahre, die sie als Haushlterin in
vornehmen Husern verbracht hatte, waren ihr eine Menge Silbersachen
geschenkt worden, und sie verwahrte diese in einem Schrein, den sie
jede Nacht unter ihr Bett stellte. Dieses Silber war ihr das Liebste,
was sie besa, und jetzt, wo sich ein so berchtigter Dieb in der Nhe
aufhielt, war sie der festen berzeugung, es zu verlieren.

Die Stiefmutter hatte zwar ihre Schrnke und Truhen schon vorher so gut
verschlossen und verriegelt wie nur immer mglich; aber seit Vetter
zurck war, hatte sie kaum noch fr etwas anderes Zeit, als die
Schlssel an ihrem Schlsselbund zu zhlen. Abends holte sie eine groe
Axt aus der Geschirrkammer und lehnte sie an ihr Bett, auch lie sie
Vater keine Ruhe, bis er eine geladene Flinte ber seinem Bett
aufhngte.

Vater versuchte sie zu beruhigen und sie zu berzeugen, da Vetter bei
seinen Nachbarn niemals etwas stehle; aber auch er konnte ihr die
unvernnftige Angst nicht austreiben.

Nachdem Vetter indes ein paar Tage daheim war, machte er wie gewhnlich
einen Besuch auf Lvdala. Mutter stand eben in der Kche, sah ihn am
Fenster vorbeigehen und fragte gleich, wer das sei.

Das ist ja der Vetter, sagte die Haushlterin, ohne eine Spur von
Verwunderung. Er kommt natrlich, um dem Herrn Pfarrer seine Rckkehr
zu melden.

Das hatte die Stiefmutter nicht erwartet, denn der Mann, der da in die
Studierstube hineingegangen war, hatte ja ganz wie ein ehrbarer,
biederer Bauersmann ausgesehen. Ihre Beine versagten ihr den Dienst, und
sie sank entsetzt auf einen Stuhl nieder.

So rasch sie es vermochte, raffte sie sich wieder auf, eilte ins Zimmer
hinein, ergriff ihren Silberkasten, setzte sich damit auf das Kanapee im
Saal und hielt ihn, solange Vetter beim Pfarrer drinnen war, fest
umschlungen.

Aber Mutter durfte recht lange mit ihrem Silberkasten im Arm da
sitzenbleiben, denn Vater hatte von jeher eine gewisse Schwche fr
Vetter gehabt und lie ihn nicht gehen, bis er ihm alle seine Streiche
berichtet hatte. Und dann mute ihn ja Vater auch noch ein wenig
ermahnen, damit es nicht aussah, als habe er Vetter nur zu seinem
Vergngen schwatzen lassen.

Danach hatte sich Mutter wegen der Sachen, die sich im Wohnhaus
befanden, doch etwas beruhigt. Um so grere Angst hatte sie aber um
ihre Kisten in den Nebengebuden und noch am allermeisten um das
Vorratshaus. Dieses hatte nur ein altes, schlechtes Schlo; wer nur
immer wollte, konnte es aufmachen. Wenn man den Schlssel nicht bei sich
hatte, lie es sich ganz leicht mit einem Hlzchen ffnen.

In derselben Woche nun, wo so viel ber Sjskoga verhandelt wurde, lie
Mutter den Schmied Olaus kommen, der besonders geschickt in seinem
Handwerk war, und bestellte ein neues Schlo bei ihm, das so kunstreich
sein sollte, da es jedem Dieb Widerstand leisten wrde.

Und vier volle Tage hindurch stand Olaus in seiner Schmiede; aber dann
hatte er auch ein so groes und hartes Schlo hergestellt, da selbst
Mutter den Schlssel kaum umzudrehen vermochte.

Als dieses Schlo dann glcklich in der Tr des Vorratshauses sa, war
die Mutter ganz glcklich. Sie schlo es am Abend selbst zu, nahm den
Schlssel mit in ihr Schlafzimmer und sagte, in dieser Nacht werde sie
ruhiger schlafen als seit vielen Tagen.

Am nchsten Morgen, als Mutter erwachte, lag der groe Schlssel
unberhrt unter ihrem Kopfkissen; aber das hatte nicht verhindert, da
im Vorratshaus etwas hchst Absonderliches vorgefallen war.

Dort war zwar die Tr ebenso fest verschlossen wie am vorhergehenden
Abend, aber nichtsdestoweniger waren alle beweglichen Gegenstnde, die
darin gewesen waren -- Fleischbottiche und Bretter voll gebackenem Brot,
Schinken und Wrste, Mae und Gewichte, Kbel und Scke --,
hinausgetragen und auf den Stufen des Vorratshauses in Reih' und Glied
aufgestellt.

Wie gesagt, alles miteinander war herausgetragen, aber nichts gestohlen;
und als man alles da vor der wohlverschlossenen Tr stehen sah, mute
man sich wohl verwundert fragen, wie denn das zugegangen war.

Die Mutter dachte natrlich sofort -- und das dachten alle andern auch
--, Vetter sei da am Werk gewesen. Aber als sie nachsah und nachzhlte
und fand, da auch nicht ein einziges Stckchen Brot fehlte, konnte sie
diesen Dieb einfach nicht begreifen.

Als Vater spter seinen Morgenspaziergang machte, begegnete er indes dem
Vetter, und da erhielt er die Erklrung.

Vetter, Vetter! sagte Vater. Was hat Er da gemacht? Ist Er heute
nacht in meinem Vorratshaus gewesen?

Vetter sah ganz gekrnkt aus, und er antwortete: Der Herr Pfarrer kann
die Frau Pfarrer von mir gren und sagen, ich stehle nie bei
Herrschaften. Aber sie solle doch ja nicht meinen, weil sie so gute
Schlsser habe, knnte ich mir das nicht holen, was ich haben mchte.

Ach, ach! Wenn der gute Vater noch wie frher gewesen wre, htte er
sich lange Zeit an diesem Ausspruch ergtzt; jetzt aber nahm er rgernis
daran. Der Vater wute wohl, da diese Geschichte im ganzen Kirchspiel
bekannt wurde, und da seine Frau, ja vielleicht auch er selbst, von
jedermann darber ausgelacht wrde.

Vater hatte Vetter offenbar kein Wort erwidert. Ach, in seinem Herzen
stieg wohl das Gefhl auf, er werde von allen hintergangen und habe
keinen Freund mehr in seiner Gemeinde. Und da dachte er, es wre gewi
am besten, wenn er von Svartsj wegginge.

Als er auf den Hof zurckkam, sagte er zu Mutter, er wolle am nchsten
Tag nach Karlstadt fahren, um sich wegen Sjskoga zu erkundigen.

Er war dann auch dort gewesen und wieder zurckgekommen, und es hatte
wirklich ausgesehen, als sollte die Stiefmutter recht behalten, denn bei
seiner Rckkehr war er ganz aufgerumt. Er war nicht allein in
Karlstadt, sondern auch in Stockholm gewesen, wo man ihm alle Hoffnung
gemacht hatte, und nun zweifelte er gar nicht daran, da er von Svartsj
fortkommen werde.

Eine sonderbare Neuigkeit hatte Vater indes auf dieser Reise auch
gehrt; Pastor Liljecrona in Finnerud hatte sich im Frhling
verheiratet. Es sollte eine ganz geringe Person sein, durchaus keine
gute Partie. Vater hatte auch gehrt, dies sei die Veranlassung gewesen,
warum er in Finnerud geblieben war.

Maja Lisa hatte den Vater nicht genauer darber auszufragen gewagt, weil
der Mutter Augen die ganze Zeit durchdringend auf sie gerichtet waren.
Aber nun hatte sie jedenfalls erfahren, warum ihre erhofften Nothelfer
nichts von sich hren lieen. Und diese Nachricht war der hauptschliche
Grund, warum sie so mutlos geworden und alle Hoffnung verloren hatte.
Pastor Liljecrona war ihr damals kampftchtig und entschlossen
vorgekommen; sie hatte sich auf ihn verlassen wie auf einen Bruder, und
bis dahin hatte sie auch immer erwartet gehabt, er werde in seiner
ganzen strmischen Jugendkraft eines Tages angefahren kommen und alles
fr sie recht und gut machen.




Die Anklage


Alle Leute auf Lvdala waren so neugierig, da sie es kaum aushalten
konnten. Konnte man sich aber auch so etwas denken! Der Verwalter von
Henriksberg war in Gesellschaft einer Frau angekommen, die kein Mensch
kannte; und die beiden waren nicht in den Saal hineingegangen, wie die
Leute, die zu Besuch kamen, doch sonst immer taten, sondern hatten den
Herrn Pfarrer in seinem Zimmer aufgesucht und verhandelten nun da schon
mehrere Stunden lang mit ihm.

Weder die Pfarrfrau noch die Pfarrerstochter, noch die Haushlterin,
noch irgendeine von den Mgden konnte sich denken, welche Angelegenheit
die beiden hergefhrt haben mochte. Das Zimmermdchen, das ihnen beim
Aussteigen behilflich gewesen war, sagte, sie htten ernst und traurig
ausgesehen; aber das war auch alles, was sie berichten konnte.

Die Pfarrfrau machte den Versuch, sich mit ihrer Arbeit in die gute
Stube zu setzen, die Wand an Wand mit dem Studierzimmer war, und wenn
sie da htte bleiben drfen, wre sie wohl auch dahintergekommen,
welches Anliegen die Fremden hergefhrt hatte. Aber sie war noch keine
zwei Minuten da drinnen gewesen, als der Pfarrer zur Tr hereinschaute
und sie bat, sich in ein anderes Zimmer zu begeben. Sie werde das, was
hier in seiner Stube verhandelt werde, spter von ihm selbst erfahren.

Die beiden Gste waren frh am Nachmittag angekommen, und so war die
Pfarrfrau in Sorge, sie htten am Ende noch nicht zu Mittag gegessen.
Sie schickte also das Zimmermdchen hinein und lie den Pfarrer fragen,
ob sie die Gste zu Tisch erwarten drfe; aber das Zimmermdchen brachte
den Bescheid, sie dankten, nein, sie wollten nichts haben.

Solange das Mdchen im Zimmer war, hatte keines von den dreien ein Wort
gesprochen. Das einzige, was sie, als sie wieder herauskam, berichten
konnte, war, da die fremde Frau sich die Augen abgewischt habe, wie
wenn sie geweint htte.

Der Knecht, der sie hergefahren hatte, wurde in die Kche geladen, um da
etwas zu essen. Er erzhlte auch gerne alles, was er wute, aber es war
nicht viel. Die Frau habe er noch nie gesehen. Sie sei gestern zu Fu
nach Henriksberg gekommen und habe den Verwalter zu sprechen verlangt.
Heute in aller Frhe sei der Verwalter selbst im Stall erschienen und
habe einen Wagen nach Lvdala bestellt. Der Verwalter gehe auch sonst
wochenlang schweigend umher, und heute habe er auf der ganzen Fahrt
nicht ein einziges Wort gesprochen.

Die Pfarrfrau hatte seit der Ankunft dieser Gste keine Ruhe mehr; sie
konnte bei keiner Arbeit sitzenbleiben, sondern wanderte nur immer von
Zimmer zu Zimmer. Einmal nahm sie die Kleine mit in den Saal und fragte
sie, ob sie irgend jemand gesagt habe, da sie ihr im Lesen und
Schreiben Unterricht gebe.

Es wre ja gar nicht schlimm, wenn sie davon gesprochen htte, fuhr die
Pfarrfrau fort. Aber sie habe eben gedacht, es wre so schn, wenn sie
selbst eines Tages zum Herrn Pfarrer sagen knnte, sie sei jetzt
imstand, in seinen Bchern zu lesen, und deshalb solle die Kleine noch
eine Weile darber schweigen.

Die Kleine konnte sie beruhigen, nein, sie hatte mit niemand darber
gesprochen. Im stillen dachte sie, sie habe ohnedies niemals die
geringste Lust versprt, etwas von diesen Schreibbungen zu sagen, weder
zum Herrn Pfarrer noch zu sonst jemand. Es gab anderes genug, ber das
zu schweigen ihr weit schwerer fiel. Sie konnte absolut nicht verstehen,
warum Mamsell Maja Lisa ihr aufs strengste befohlen hatte, ihrem Vater
nichts davon zu sagen, wie die Stiefmutter gegen sie war. Was htte es
denn geschadet, wenn der Herr Pfarrer erfahren htte, was er fr eine
bse Hexe zur Frau hatte?

Maja Lisa zeigte sich am wenigsten neugierig von allen. In der letzten
Zeit war ihre Seele wie gelhmt. Sie konnte sich jetzt weder freuen noch
traurig sein und kmmerte sich nicht mehr darum, wie es ihr ging. Sie
war berzeugt, die Stiefmutter wrde sie so lange qulen, bis sie
schlielich schwer krank wrde. Aber auch das tat jetzt nicht mehr viel.
Vor dem Tode frchtete sie sich am allerwenigsten. Es dnkte sie nur
schn und gut, erlst zu sein und ruhen zu drfen.

Sie hatte am Webstuhl gesessen, als die Kleine zu ihr gekommen war und
ihr mitteilte, der Verwalter von Henriksberg sei nach Lvdala gekommen;
aber sie hatte nur einen Augenblick im Weben innegehalten. Der Verwalter
von Henriksberg -- das klang ihr ganz fremd in den Ohren. Warum sollte
sein Kommen etwas fr sie zu bedeuten haben? Ja, wenn es im Winter
gewesen wre, da htte sie alles mgliche von seiner Ankunft erwartet,
aber jetzt...

Um fnf Uhr klingelte der Pfarrer und befahl, ein Brett mit Butter und
Brot und drei Glser Milch in die gute Stube zu stellen.

Da er ausdrcklich drei Glser gesagt hatte, merkte die Pfarrfrau, da
sie ihnen nicht dabei Gesellschaft leisten sollte; sie blieb also an
ihrer Nharbeit im Saal sitzen und wartete, bis sie die Gste in der
guten Stube wute. Da legte sie ihre Arbeit zusammen und ging in die
Kche.

Komm mit mir, sagte sie zu der Kleinen. Ich mu des Herrn Pfarrers
Sonntagsanzug haben, da er ausgebrstet wird, denn morgen ist ja
Sonntag; bis jetzt habe ich nicht in sein Zimmer hineingehen knnen,
aber nun sind sie im Wohnzimmer, und solange sie zu Abend essen, wollen
wir einen Versuch machen.

Sie gingen miteinander auf den Zehen durch den Flur, und die Pfarrfrau
ffnete die Tr zum Studierzimmer so leise, da es die drei in der guten
Stube unmglich hren konnten. Und ebenso vorsichtig ffnete sie auch
die Tr des Kleiderschranks.

Steig einmal hinein! flsterte sie der Kleinen zu. Aber leise, ganz
leise!

Die Kleine stieg in den Schrank, und sofort machte die Pfarrfrau die
Tre zu.

Sie kommen, du mut jetzt einstweilen drinbleiben! flsterte sie noch
durch den Trspalt. Dann hrte die Kleine, wie sie davonschlich.

Die Kleine blieb natrlich unbeweglich stehen, obgleich es noch eine
gute Weile dauerte, bis sie die andern wieder hereinkommen hrte.

Wenn aber die Pfarrfrau die Kleine in den Schrank sperrte, um zu
erfahren, welches Anliegen die Fremden hergefhrt hatte, dann hatte sie
sich unntige Mhe gegeben. Denn jetzt lie der Pfarrer sie und Mamsell
Maja Lisa ins Zimmer hereinrufen und berdies auch noch die alte Frau
Beata aus dem Brauhausflgel herberbitten.

Als sie eintraten, stand der Verwalter von Henriksberg mit ber der
Brust gekreuzten Armen da und lehnte sich gegen das Bcherregal, die
Frau aber, die mit ihm gekommen war, sa auf dem kleinen Ecksofa. Sie
war nicht wie ein Dienstbote gekleidet, hatte aber zu groe und zu grobe
Hnde, um dem besseren Stand anzugehren. Doch war sie noch jung und
wre auch hbsch gewesen, wenn sie nicht so furchtbar verweint
ausgesehen htte.

Sooft eines von den Herbeigerufenen eintrat, stand der Pfarrer auf und
stellte die Gste vor.

Dies hier, sagte er, ist die Frau Pfarrer Liljecrona, die Frau des
Pfarrers von Finnerud. Und dies hier ist ihr Schwager, Httenverwalter
Liljecrona von Henriksberg.

Mehr wurde nicht gesagt, bis die Pfarrfrau und Frau Beata sich in den
beiden groen Lehnsthlen niedergelassen hatten und die Pfarrerstochter
sich auf eine Fubank gesetzt, wo sie frher, solange sie noch bestndig
bei ihrem geliebten Herrn Vater drinnen war, immer gesessen hatte.

Alle fhlten, da ein Gewitter im Anzug war; aber keines wute, ber wen
es losbrechen wrde, bis der Pfarrer sich jetzt direkt an Maja Lisa
wendete.

Du weit wohl schon alles von der Frau Pastor Liljecrona, die hier
sitzt? sagte er.

Maja Lisa sa mit niedergeschlagenen Augen da. Sie wagte nicht ihren
Vater anzusehen. Gleich als sie ins Zimmer trat, sah sie, da ihm etwas
Furchtbares widerfahren sein mute.

Jetzt ist das eingetroffen, was Vater den Todessto versetzt, dachte
sie; denn sein Gesicht war aschgrau, und er atmete schwer zwischen jedem
Wort, das er sagte. Da erschrak Maja Lisa bis ins tiefste Herz hinein,
und die Erschlaffung und Gleichgltigkeit waren mit einem Schlag
verschwunden. Ihre Hnde begannen zu zittern, und sie mute sie fest
zusammenpressen, da sie nicht hrbar gegeneinander schlugen. Sie
erwartete jeden Augenblick, Vater werde, vom Schlag getroffen, vor ihren
Augen tot niederfallen.

Aber der Pfarrer verlangte eine Antwort, und endlich wurde sie so weit
Herr ihrer selbst, da sie mit ziemlich ruhiger Stimme sagen konnte:

Lieber Herr Vater, ich habe Frau Pastor Liljecrona noch nie gesehen und
verstehe nicht, was Ihr meinet.

Der Vater zuckte die Achseln und sagte, sie verstehe ihn vielleicht
besser, wenn er ihr sage, da dies die Frau Pfarrer sei, die vorher
viele Jahre lang Haushlterin bei Pastor Liljecrona gewesen war.

Vaters Stimme hatte dabei einen sonderbaren, ja verchtlichen, zornigen
Klang. Maja Lisa zwang sich aufzusehen. Vaters Stirne war finster
zusammengezogen, und er wurde abwechslungsweise bla und rot. Da sah
Maja Lisa, da ihr Vater ber irgend etwas nicht allein tief
unglcklich, sondern auch ber die Maen emprt war. Und obgleich sie
durchaus nicht begreifen konnte, wie das mglich war, mute sie sich
sagen, da er ber sie selbst bse sei.

Da stand sie unwillkrlich von dem Fubnkchen auf und stellte sich
schlank und aufrecht vor ihren Vater hin, wie um sich besser verteidigen
zu knnen.

Der Herr Vater sieht doch wohl, da ich jetzt nicht klger bin als
vorher, sagte sie.

Der Vater sah aus, als htte er eine solche Widerspenstigkeit nicht
erwartet, und erwiderte: Er wisse zwar, da sie die Geschichte kenne,
aber da sie sie noch einmal hren wolle, knne er sie ihr ja ebensogut
auch auf seine Weise erzhlen. Tante Margareta in Svansskog habe ihr
vielleicht keine ganz richtige Schilderung gegeben.

Hier erkhnte sich Maja Lisa, den Vater zu unterbrechen, indem sie
sagte, die Tante in Svansskog habe ihr zwar viel von Pastor Liljecrona
erzhlt, die Haushlterin aber mit keinem Wort erwhnt.

Der Vater machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. Es sei auch
einerlei, ob ihr die Tante oder jemand anders den Klatsch zugetragen
habe. Jedenfalls sei es ein Frauenzimmer gewesen, denn die Frauen seien
allemal am schlimmsten gegeneinander. Wenn ein Mann von der Sache
gesprochen htte, wrde er zugleich auch darauf hingewiesen haben, da
man sich in die Lage eines andern versetzen msse, ehe man ihn
verurteile. Wie viele von denen, die froh gewesen waren, da es Pastor
Liljecrona so lange unter den Finnen ausgehalten und dort an ihrer
Aufklrung gearbeitet hatte, htten sich wohl Gedanken darber gemacht,
wie es ihm da droben ging? Er selbst habe erst heute erfahren, da jener
in einer Finnenhtte wohnte, die nur eine einzige Stube hatte, und sich
mit einer Besoldung begngte, die nicht ber hundert Taler im Jahre
betrug. Welche ungeheure Arbeit also fr die Person, die seinem Haus
vorstehen und die rgste Not abwehren sollte! Sie habe nicht allein die
Kleider gewoben, sondern sie berdies auch genht. Sie habe die Khe und
die Schafe in den Wald auf die Weide gefhrt und da gehtet; und whrend
all der Jahre, die sie in seinem Dienst gestanden, sei sie ihm von viel
grerem Nutzen gewesen, als die verwhnte Tochter eines Herrenhofs sich
vorstellen knnte. Und der Frau Pfarrer sei es gewissermaen zu
verdanken, da Pastor Liljecrona sein gutes Werk da droben habe
vollbringen knnen.

Jetzt fhlte sich die Pfarrerstochter auch etwas gereizt. Warum war der
Vater so aufgebracht? Meinte er, sie habe Pastor Liljecrona damals in
Svansskog an sich zu locken gesucht? Mit ihm zu sprechen, war doch wohl
nicht verboten gewesen?

Aber sie berwand sich und bat den Vater, ihr doch zu glauben, da sie
von alledem nie ein Wort gehrt habe.

Des Vaters Finger spielten ungeduldig mit einem zusammengerollten
Briefchen, das vor ihm auf dem Schreibtisch lag.

Ja, es sei ihm auch hchst merkwrdig, gab er zu, wie sie das
Verhltnis, in dem Pastor Liljecrona zu seiner Haushlterin stand,
erfahren hatte, da er es doch bis jetzt nach der Hochzeit sogar vor
seinem Bruder habe geheimhalten knnen. Aber auf irgendeine Weise msse
sie es eben doch erfahren haben, und wie sie es dann bers Herz gebracht
habe, so rasch abzuurteilen, das sei ihm unerklrlich; ob sie denn gar
nicht begriffen habe, da die andere die heiligsten Rechte hatte? Selbst
wenn sie nicht die rechtmige Gattin gewesen, ja selbst wenn sie von
niederer Herkunft war, htte eine so lange Treue, eine so groe
Aufopferung auch bei dem Hartherzigsten auf Erbarmen rechnen knnen.

Noch einmal mute die Pfarrerstochter ihren Vater bitten, zu
entschuldigen, aber sie wisse immer noch nicht, was sie Bses getan
habe.

Dem Vater war es auerordentlich widerwrtig, so viele Erklrungen geben
zu mssen, das war nur zu deutlich; groe Schweitropfen perlten ihm
auf der Stirn.

Nun, wenn es eine Neuigkeit fr sie sei, so wolle er ihr sagen, da
Pastor Liljecrona vor vielen Jahren versprochen habe, die Frau, die
jetzt seine Gattin sei, zu heiraten. Es sei beschlossen gewesen, da die
Hochzeit stattfinde, sobald er eine Stelle habe, auf der er eine Frau
versorgen knne, damit diese nicht mehr die Magd machen msse. Sie habe
auch bis letzte Weihnachten nicht die allergeringste Angst gehabt, er
werde sein Wort nicht halten. Aber da hatte Pastor Liljecrona eine
kleine Reise gemacht -- vorgeblich, um mit seinem Bruder
zusammenzutreffen. Er war aber nur bis zur Svansskoger Herberge
gefahren, und nach seiner Rckkehr war er vollstndig verndert,
trbsinnig und aufgeregt und von der Hochzeit war nie mehr die Rede
gewesen. Da hatte sich die Haushlterin erkundigt, mit wem er denn in
Svansskog zusammengetroffen sei.

Jetzt wendete sich der Pfarrer direkt an Maja Lisa. Du weit am Ende
nicht einmal, wen er da getroffen hat?

Doch, Herr Vater, das wei ich, mich hat er dort getroffen. Und Pastor
Liljecrona hat den ganzen Tag sehr einfach und natrlich ganz wie ein
guter Bruder mit mir gesprochen.

Wieder machte der Vater eine Bewegung, als sei er ber ihre
Halsstarrigkeit ganz verzweifelt.

Es kann ja sein, da Pastor Liljecrona an jenem Tag nicht um dich
anhielt; aber du scheinst ber seine Gefhle nicht im Zweifel gewesen
zu sein. Sonst httest du doch keinen solchen Brief schreiben...

Aber hier unterbrach Maja Lisa ihren Vater ohne alle Umstnde.

Herr Vater, sagte sie, ich habe nicht an Pastor Liljecrona
geschrieben. Wenn die Frau Pastor das sagt...

Von einem Brief an Pastor Liljecrona ist durchaus nicht die Rede,
sondern von dem Billett an seine Haushlterin.

Ach so, an die Haushlterin! entgegnete Maja Lisa, und ihre Stimme
klang jetzt ebenso zornig und verchtlich wie die ihres Vaters. Ach so,
der Herr Vater hat erfahren, da ich an sie geschrieben habe! Dann habe
ich sie wohl gebeten, mir Pastor Liljecrona abzutreten?

Der Vater sah sie kalt an. Du weit also doch, was du geschrieben
hast, sagte er.

Aber jetzt war die Pfarrerstochter ernstlich bse. Sie dachte nicht mehr
daran, den Vater zu schonen, sondern nur noch, wie sie sich selbst
rechtfertigen knnte, und nun mute sie wissen, wie alles zusammenhing.

Saget, Herr Vater, steht mein Name unter dem Brief? fragte sie.

Nein, es steht kein Name unter dem Brief, aber er ist von deiner Tante
in Svansskog nach Finnerud geschickt worden, mit dem Bescheid, er sei
von Lvdala gekommen und solle Pastor Liljecronas Haushlterin
zugestellt werden.

Der Vater war gewi berrascht, da Maja Lisa nach diesem schlagenden
Beweis nicht nachgab, sondern nur weiter fragte:

Bitte, Herr Vater, erzhlet mir noch weiter, was ich getan habe. Es ist
so lustig anzuhren. Ich kann nicht alles erraten.

Was du weiter getan hast? Der Vater schlug mit der Faust auf den
Tisch. Ist es nicht genug, da du den Brief geschrieben hast? Da du
dir einen Mann aneignen wolltest, der einer andern gehrt? Da du ein
Weib beleidigt hast, das nur aus Liebe gesndigt hat? Was du getan hast?
Du hast dieses andere Weib so zur Verzweiflung gebracht, da sie in
ihrer Desperation die wahnsinnigste Torheit begeht. Sie wandert nmlich
nach Karlstadt, sucht den Bischof auf, erzhlt ihm alles und bittet um
Hilfe. Darauf nimmt sich der Bischof ihrer Sache an und schreibt an
Liljecrona, da er jetzt im Begriff stehe, eine groe Pfarrei anzutreten,
msse er grere Anforderungen an sich selbst stellen. Er gibt ihm zu
verstehen, da er nicht zum Propst ernannt werden knne, ehe er seine
eigenen Angelegenheiten in zufriedenstellender Weise geordnet habe. Der
Bischof hat gewi so freundlich und klug wie mglich geschrieben, aber
Pastor Liljecrona ist ein stolzer, heftiger Mann. Er hat sich
auerordentlich beschmt gefhlt und ist aufs tiefste verletzt gewesen.
Es ist anzunehmen, da sein gutes Herz schlielich gesiegt htte, wenn
nichts in der Sache geschehen wre. Er wrde die zufllige Leidenschaft,
die ihn ergriffen hatte, berwunden und freiwillig dem Gebot der Pflicht
gehorcht haben. Jetzt aber fhlt er sich gezwungen, er gert in
Verzweiflung, und es bemchtigt sich seiner ein unauslschlicher Ha
gerade gegen die, die so groes Recht auf seine zrtliche Frsorge hat.
Im Anfang lt er indes nichts von diesem seinem Hasse merken, und
ebensowenig erwhnt er das Schreiben des Bischofs. Aber eines Tages,
ungefhr einen Monat, nachdem er das Schreiben empfangen hat, geht er in
den Stall, spannt sein Pferd ein, fhrt an seiner Tr vor und fragt, ob
die Haushlterin ein Stck mitfahren wolle. Dies wird von ihr als eine
groe Freundlichkeit aufgefat, an die sie nicht mehr gewhnt ist. Sie
springt auf, nimmt rasch ein Kopftuch und setzt sich in der kurzen
Werktagspelzjacke und in den derben Stiefeln, gerade wie sie geht und
steht, in den Schlitten, der sogleich abfhrt. Sie kommen an ein paar
greren Hfen vorbei. Es sind allerdings nur Finnenhtten; aber sie
gert doch wegen des Werktagskleides in Verlegenheit und will aussteigen
und heimgehen. Doch nein, der Pfarrer will nicht halten. So gibt sie
sich zufrieden; es geht in einen den Wald hinein, die Fahrt wird immer
toller. Sie beginnt sich zu frchten und bittet aufs neue, aussteigen zu
drfen. Da wird ihr mit harter Stimme und zornigen Blicken erklrt, da
sie sich auf der Hochzeitsfahrt befinde; sie sei auf dem Weg nach dem
Pfarrhof in Westmarken, um da getraut zu werden. Sie glaubt, es sei ein
Scherz, und bleibt eine Zeitlang sitzen, dann bittet sie noch einmal,
den Schlitten verlassen und heimgehen zu drfen. Da wird das Pferd mit
einem Ruck angehalten, und sie erfhrt, da es ihr freistehe, den
Schlitten zu verlassen, wenn sie es durchaus wolle; tue sie es aber, so
verliere sie damit alle Aussicht, jemals getraut zu werden. Er habe
jetzt die Absicht, nach Westmarken zu reisen und sich mit ihr trauen zu
lassen, wenn sie aber diese Gelegenheit nicht bentze, werde sich eine
solche nicht zum zweitenmal bieten. Sie wendet ein, die Trauung sei ja
unmglich, da noch kein Aufgebot stattgefunden habe. Da teilt er ihr
mit, da dies ohne ihr Wissen in ihrer Heimatgemeinde geschehen sei, und
sein Gesicht hat dabei einen so erschreckenden Ausdruck, da sie nahe
daran ist, auszusteigen. Aber da fllt ihr ein, da sie damit ihrem
ganzen Lebensglck entsagen mte, und so bleibt sie sitzen. Whrend der
ganzen weiteren Fahrt ist sie voller Zweifel; sie begreift, wie verhat
sie ihm sein mu, wenn sie auf diese Weise gezwungen wird, sich ohne ein
anstndiges Hochzeitskleid trauen zu lassen. Noch vor dem Altar ist sie
auf dem Punkt, nein zu sagen; aber sie tut es doch nicht. Sie will den
Geliebten nicht der andern berlassen, ihr, die den Brief, jene
abscheulichen Zeilen, die das ganze Unglck verursacht haben,
geschrieben hat. Sie hofft wohl auch, den Ha mit der Zeit mildern,
hofft, zurckerobern und vershnen zu knnen. Aber in dieser Beziehung
verrechnet sie sich; sie ist ihm wirklich so verhat, da sie sich
entsetzt. Es wird ihr mitgeteilt, da der Mann die groe Pfarrei ganz
entschieden abgelehnt hat, und sie fhlt, da er es getan hat, damit sie
sich weiter in der Armut wie ein Sklave abschinden soll. Geordnete
Verhltnisse und eine angesehene Stellung werden ihr nicht gegnnt. Doch
nicht genug damit. Sie entdeckt bald etwas noch viel Schlimmeres,
nmlich, da er sich auf jede Weise zu schaden sucht; sie entdeckt, da
er ohne Ma, ohne Beherrschung zu trinken anfngt. Sie bittet und
bettelt, aber es hilft nichts. Sie kann es sich nicht verhehlen, da er
keine Freude mehr am Leben hat. Er fragt nicht einmal mehr nach seiner
armen Gemeinde; er will sich zugrunde richten, will untergehen. -- So
also ist eine prchtige Laufbahn abgebrochen, ein vortrefflicher Mann
ist in ein Ungeheuer verwandelt worden. Und alles infolge der
Unbedachtsamkeit eines unvernnftigen jungen Mdchens! Ob du jetzt wohl
begreifst, was du getan hast? Ob du vor allen Dingen verstehst, da du
am besten daran ttest, zu gestehen, da du das Briefchen in einer
flchtigen Leidenschaft geschrieben hast? Denn wenn es nicht so wre,
wrdest du deinen Vater zwingen, zu glauben, da du den Brief aus
teuflischer Berechnung geschrieben hast, um Liljecrona zu beseitigen,
damit sein Platz in Sjskoga von einem andern, der dir etwa noch nher
steht, eingenommen werden knnte. Doch dann knnte dir nicht verziehen
werden -- da knnte ich dich nicht mehr meine Tochter nennen.

Whrend dieser ganzen Rede hatte Maja Lisa immerfort berlegt, wie sie
den Vater berzeugen knnte, da sie das Briefchen nicht geschrieben
habe. Ach, wenn ihr bei einer andern Gelegenheit diese Geschichte mit so
groer Beredsamkeit vorgetragen worden wre, wie gerhrt wre sie da
gewesen! Jetzt aber drehten sich alle ihre Gedanken nur um die
Ungerechtigkeit, die ihr widerfuhr, und zwar nicht nur von ihrem Vater.
Sie dachte dabei nicht an die arme Frau, sondern an den Mann, der sie
hierher begleitet hatte, um sie anzuklagen. Er glaubte also die
Beschuldigung auch, glaubte, da sie geschrieben habe, um sich einen
Mann zu erbetteln, der einer andern gehrte!

Da wendete sie sich pltzlich von dem Vater ab und sah Liljecrona an.

Seine Augen waren nicht auf sie gerichtet; trotzdem zuckte er zusammen,
als habe er ihren Blick gesprt. Er sah tief bekmmert aus; aber jetzt
flog mit einemmal das gtige Lcheln ber sein Gesicht. Er warf ihr
einen beruhigenden Blick zu, gerade wie einem Kinde, das eine Torheit
begangen hat, und schien sie bitten zu wollen, gefat zu sein, es sei
keine groe Gefahr vorhanden. Darauf sah er gleich wieder weg.

Ungeduldig wendete sich Maja Lisa von ihm ab; und whrend ihr Vater noch
weitersprach, richteten sich ihre Augen auf die Gromutter.

Gromutters Blick begegnete den ihrigen mit tiefem Ernst und hatte
beinahe denselben Ausdruck wie Liljecronas.

Offenbar dachte Gromutter ganz wie er: Hab' keine Angst, sondern fasse
dich! Und auch Gromutter sah gleich darauf nach einer andern Seite,
nach derselben wie Liljecrona.

Da schaute auch Maja Lisa dorthin, und da sah sie, wen die beiden
anderen betrachteten -- die Stiefmutter.

Diese schien merkwrdig erregt zu sein. Sie war totenbla, und ihre
Augen schauten ganz irr und wirr, ungefhr wie an jenem Morgen, wo Maja
Lisa ihr zum erstenmal begegnet war. Man sah deutlich, Mutter war von
einem groen Schrecken erfllt.

Einen Augenblick berlegte Maja Lisa, ob am Ende die Stiefmutter das
Briefchen geschrieben habe; aber sie verwarf den Gedanken wieder, da die
Mutter ja in der Schreibkunst nicht bewandert war. berdies war es kein
Wunder, wenn Mutter Angst hatte, denn der Vater war jetzt unnatrlich
aufgeregt. Sie hatte alle Ursache, unruhig zu sein, wie das enden werde.

Was fr ein Glck, da Maja Lisa Mutter angesehen hatte! Dadurch war ihr
wieder eingefallen, da sie sich hten mute, ihren Vater zu erzrnen.
Sie hrte ihm also ganz still bis zum Schlusse zu, und als er ausrief,
da er sie nicht mehr seine Tochter nennen wolle, sagte sie ganz
demtig: So tue der Herr Vater mit mir, wie er will. Wenn ich nicht
mehr unter seinem Dach leben darf, mu ich wohl...

Hier wurde sie von Pfarrer Liljecronas Frau unterbrochen, die jetzt
rasch auf sie zutrat.

Jetzt msse es aber genug sein, rief sie, indem sie angstvoll nach Maja
Lisas Hand griff. Es habe weder in ihrer, noch in des Verwalters Absicht
gelegen, da von diesem Briefe weiter die Rede sein solle. Sie htten
ihn dem Pfarrer nur vorgelegt, um ihn zu berzeugen, da seine Tochter
Liljecrona gern habe. Sie selbst habe sich gestern nach Henriksberg
begeben, weil sie ganz auer sich gewesen sei. Denn sie wolle nicht, da
Pastor Liljecrona ihretwegen zugrunde gehe. Sie habe auch den Verwalter
nur fragen wollen, ob es denn keine Mglichkeit gebe, ihren Mann von
ihr zu befreien? Sie wolle ihm die Scheidung anbieten, wolle ihm nie
mehr unter die Augen treten, wenn sie nur die Gewiheit erhielte, da er
dann die bekme, die er liebte. Und nur um darber zu sprechen, seien
sie und der Verwalter hierhergekommen. Sie htten Maja Lisa nichts Bses
antun wollen, nein, sie wollten nur, sie solle ihnen helfen, den zu
retten, der im Begriffe stehe, sich zu verderben.

Die Pfarrerstochter sah diese einfache Frau an. Und mit einem Male wurde
ihr klar, was fr ein prchtiger junger Mann Pfarrer Liljecrona gewesen
war, und sie begriff, wie entsetzlich unglcklich sich seine Frau fhlen
mute. Da gewannen bei Maja Lisa die gewohnte Freundlichkeit und
Teilnahme wieder die Oberhand, und sie erwiderte mit bebender Stimme:

Ach, ich kann es nicht! Gewi wrde ich ihm helfen, wenn ich es
vermchte; aber heiraten kann ich ihn niemals, denn er ist nicht der,
den ich liebe.

Sie fhlte, wie ihr bei diesem Gestndnis eine heie Rte Hals und
Gesicht berflutete. Fast htte sie geradezu den Namen dessen genannt,
den sie liebhatte.

Doch der Vater machte wieder eine ungeduldige Bewegung, als wolle er all
dies beiseiteschieben. Du hast noch nicht...

Aber jetzt wurde der Pfarrer unterbrochen, und zwar von Gromutter
Beata, die von ihrem Lehnstuhl aus das Wort ergriff.

Lieber Sohn! sagte sie. Mein lieber Sohn verfhrt heute abend recht
hart mit Maja Lisa. Er wei doch, da eine Siebzehnjhrige gewi nie
zugeben wird, jemand liebzuhaben, am allerwenigsten im Beisein von so
vielen Leuten. Htte mein lieber Sohn allein mit Maja Lisa gesprochen,
so wrde sie sich wohl kaum geweigert haben zu sagen, wie alles
zusammenhngt!

Maja Lisa richtete unwillkrlich ihren Blick auf Gromutter. Es klang
eine bestimmte Absicht aus ihrer Stimme, und es war ihr auch, als
blinzle ihr Gromutter ganz verstohlen zu.

Mein lieber Sohn nimmt diese Sache so heftig, fuhr Gromutter fort,
weil er glaubt, er knne mit in sie hineingezogen werden; aber er soll
sich nicht einbilden, da irgend jemand den Verdacht hege, er knne
seine Hand mit im Spiele haben. Jedermann wei, da mein lieber Sohn
nichts getan hat, um Pfarrer Liljecrona anzuschwrzen und ihn dadurch
zum Rcktritt zu zwingen, damit er selbst die groe Pfarrei bekommen
knnte.

Ringsumher blieb es still; keines wute, was es antworten sollte.

Ich denke, fuhr die Gromutter fort, Maja Lisa kann es ruhig auf sich
nehmen, den Brief geschrieben zu haben, und mein lieber Sohn kann ihr
ruhig verzeihen. Jedermann wird verstehen, da sie aus jugendlichem
Unverstand so gehandelt hat. Da es so schlimm ausfallen wrde, konnte
sie sich doch nicht denken.

Maja Lisa sah, da ihr die Gromutter zublinzelte, sie solle die Schuld
auf sich nehmen; aber sie begriff nicht, warum Gromutter das wnschte.
Da machte die Alte endlich eine schwache Handbewegung und deutete auf
die Stiefmutter.

Diese sa noch ebenso von Schrecken erfllt da wie vorher, und nun
verstand Maja Lisa Gromutters Gedanken. Gromutter glaubte, Mutter habe
das Briefchen abgeschickt, und da hielt sie es in Anbetracht des Vaters
fr besser, wenn sich Maja Lisa, die es ja aus Liebe und Unvernunft
getan haben konnte, schuldig bekannte, als da er erfhre, da die
Gattin, die doch nur die grte Bosheit dazu getrieben haben konnte, die
Schuldige war.

Ach, Maja Lisa kam dieses Verlangen zu schwer vor! In ihrer
Unentschlossenheit wendete sie sich um und warf einen verstohlenen Blick
auf den, der auch jetzt noch ganz still an dem Bcherregal stand. Ihr
war, als erwidere er ihren Blick liebevoll und teilnehmend; aber das war
wohl ein Irrtum, er mute sie ja hassen.

Lieber Herr Vater! sagte dann Maja Lisa. Verzeiht mir, da ich
geleugnet habe. Aber der Herr Vater hat mir so groe Angst...

Doch als sie fortfahren wollte, kam es ihr zum Bewutsein, da das, was
sie auf sich zu nehmen im Begriff stand, so gemein und erniedrigend, ja
ein zu groes Unrecht gegen sich selbst war. Sie brach in Trnen aus,
warf sich in die Arme der Gromutter und schluchzte:

Es ist zu schwer! Ich kann nicht!

Gewi ist es schwer, ich begreife es gut, sagte Gromutter. Aber nun
ist es ja gesagt. Jetzt kommst du hinber zu mir, damit du dich
ausweinen kannst.

Zugleich legte die Gromutter den Arm um sie, und whrend sie noch immer
schluchzte und versicherte, sie knne es nicht tun, fhrte Gromutter
sie nach der Tr.

Du brauchst nichts mehr zu sagen, trstete sie. Der Herr Vater
versteht alles. Du bist ja noch ein Kind.

Da, als sie schon auf der Trschwelle standen, kam endlich Leben in
Liljecrona.

Er trat vor und machte Gromutter die Tr auf, und als er sah, da die
Haustr auch eingeklinkt war, ging er mit hinaus und machte auch diese
auf.

Als er dann sah, da die Stufen vor dem Hause steil und fr einen alten
Menschen beschwerlich waren, und da es berdies auch nach dem Brauhaus
ziemlich steil abwrts fhrte, ging er noch weiter mit und sttzte die
Gromutter auf dem ganzen Wege. Dann kam noch die schwierige Treppe zu
Gromutters Zimmer hinauf. Da konnte er nicht umkehren, sondern
geleitete sie auch noch da hinauf.

Aber als sie dann in Gromutters Zimmer angelangt waren, schlang er
pltzlich, ohne ein Wort zu sagen, beide Arme um Gromutters Hals und
kte sie auf die Wange. Und dann machte er es bei Maja Lisa geradeso.
Er zog sie in seine Arme und kte sie.

Und ohne ein einziges Wort zu sagen, war er dann verschwunden.

Aber alles, was dieser Mensch tat, kam pltzlich und berraschend,
gerade wenn man es am wenigsten erwartete, so da man nicht sich dagegen
wehren konnte----

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Schlielich war es dann die Kleine und niemand anders, die die Sache zu
Ende fhrte.

Gleich nachdem Mamsell Maja Lisa die Gromutter in die Brauhauskammer
hinunterbegleitet hatte, verabschiedeten sich auch die Fremden und
fuhren sofort ab. Dem Pfarrer aber mute es nicht ganz wohl sein, denn
er blieb in seinem Stuhl sitzen und begleitete sie nicht einmal auf die
Treppe hinaus. Sobald die Fremden fort waren, kam die Pfarrfrau zu ihm
herein und sagte, sie habe im Saal ein kleines Abendbrot hergerichtet.
Nach alledem, was er heute durchgemacht habe, msse er sich ein wenig
strken. Aber er sagte nur, man solle ihn jetzt in Frieden lassen. Es
sei Samstagabend, und er msse seine Predigt noch fertigmachen.

Er nahm auch seine Papiere aus der Schreibtischschublade heraus und
kritzelte ein paar Zeilen nieder. Aber mehr wurde nicht daraus, und er
warf die Feder wieder weg.

Dann schob er den Stuhl zurck, ging eine Zeitlang im Zimmer hin und
her, und schlielich legte er sich auf das Ecksofa.

Nun war es ganz still geworden, so still, da die Kleine sich fragte, ob
er am Ende eingeschlafen sei. Durch einen Spalt in der Schranktr konnte
sie sehen, da er auf dem Sofa lag; aber es gelang ihr nicht,
herauszubringen, ob er die Augen geschlossen hatte.

Wenn sie ganz sicher sein drfte, da er schliefe, wollte sie jetzt den
Versuch machen, sich davonzuschleichen. Sie war unbeschreiblich mde von
dem langen Stehen in dem engen Schrank. Und dabei war es doch so
notwendig, da sie herauskam, damit sie mit der Pfarrerstochter und Frau
Beata sprechen konnte! Sie, sie konnte ihnen ja etwas mitteilen, ber
das sie sich sehr freuen wrden.

Jetzt hatte der Pfarrer so lange stillgelegen, da es gar nicht anders
mglich war, er mute eingeschlafen sein. Sie meinte, sie drfe die
Schranktr wohl ein klein wenig zurckschieben, um zu erfahren, wie es
stehe. Ganz leise ging die Tr auf; aber der Pfarrer schlief nicht,
sondern starrte regungslos auf die gegenberliegende Wand. Gerade als
die Kleine die Tr wieder zuziehen wollte, sah er auf und erblickte sie.

Er richtete sich auf und ging auf den Schrank zu. Da blieb der Kleinen
nichts anderes brig, als die Tr aufzustoen und herauszusteigen.

Was soll das heien? sagte der Pfarrer. Was hast du in meinem Schrank
zu tun?

Er sah so streng aus, da das arme Ding Angst bekam. Aber der Pfarrer
und sie waren immer gute Freunde gewesen; sie hatte ihn am liebsten von
allen auf dem Hofe, nach seiner Tochter natrlich. Und da sie nicht
wollte, da er etwas Schlechtes von ihr denken solle, beeilte sie sich,
zu erzhlen, da die Pfarrfrau sie hier in dem Schrank zurckgelassen
habe, whrend er und die Fremden im Wohnzimmer gewesen seien. Sie seien
nur hereingekommen, des Herrn Pfarrers Sonntagsanzug zu holen.

Der Pfarrer blieb nachdenklich stehen. Dann sagte er: Du kannst ruhig
die Wahrheit sagen, denn schlimmer als es ist, kann es nicht mehr
werden. Nicht meine Frau, sondern Maja Lisa ist es wohl gewesen, die
dich hier in den Schrank gesperrt hat?

Die Kleine war so auer sich, da sie kaum die Worte herausbringen
konnte.

Die Pfarrerstochter! rief sie. Sie sollte mich in einen Schrank
einsperren, um da zu horchen? Da ist sie sich wirklich zu gut dazu.

Der Pfarrer seufzte. Es gibt wohl nicht viel, fr das sie sich zu gut
ist, sagte er. Glaube ja nicht, ich werde noch rgerlicher ber dich
werden, wenn du gestehst, da dich Maja Lisa hier hineingestellt hat. Du
sollst weder wegen des einen noch wegen des andern gescholten werden,
wenn du nur die Wahrheit sagst.

Die Kleine wute ganz bestimmt, da sie, seitdem sie nach Lvdala
gekommen war, auch nicht ein unwahres Wort gesprochen hatte, und das
sagte sie dem Herrn Pfarrer auch.

Aber das war dem Pfarrer jetzt hchst gleichgltig. Ich begreife ja,
da Maja Lisa allen Grund hatte, Angst zu haben, sagte er. Und deshalb
begreife ich auch, da sie dich gebeten hat, hier hereinzugehen, um zu
erlauschen, was wir hier sprachen. Die Frau Pfarrer aber hat ja mit der
Sache gar nichts zu tun.

Die Kleine stand still da und erwiderte kein Wort. Sie wute nicht, was
sie sagen durfte. Von der Pfarrerstochter war ihr streng verboten, dem
Pfarrer irgendeine Klatscherei ber die Pfarrfrau zu hinterbringen, und
ihre eigene Mutter hatte dasselbe gesagt. Es war hier nicht wie in
Svansskog; dort hatte sie alles, was es auch sein mochte, erzhlen
drfen.

Als sie schwieg, schien der Pfarrer bestimmt anzunehmen, da alles sei,
wie er glaubte, und er gebot ihr, sich zu entfernen.

Sie kam auch bis zur Tr; aber da rief er sie zurck. Es war ihm noch
etwas in den Sinn gekommen, worber er sie befragen wollte.

Hr' einmal! begann er. Da du solche Auftrge fr Maja Lisa besorgt
hast, bist du vielleicht auch die, die ihr beim Schreiben dieses Briefes
geholfen hat? Denn er ist mit einer Kinderschrift geschrieben, und du
kannst ja lesen und schreiben.

Fr Mamsell Maja Lisa habe ich nie einen Brief geschrieben, sagte die
Kleine. Aber fr die Frau Pfarrer habe ich einmal einen geschrieben.

Ach so, du hast nur fr die Frau Pfarrer geschrieben, sagte der
Pfarrer, aber fr Maja Lisa nicht? Man konnte es seinem Ton wohl
anmerken, da er auch jetzt nicht glaubte, sie sage die Wahrheit.
Vielleicht kannst du dich noch darauf besinnen, wovon der Brief
handelte, den du fr die Frau Pfarrer geschrieben hast?

Die Kleine erwiderte, sie knne ihn, wenn es der Herr Pfarrer wnsche,
Wort fr Wort hersagen; und da befahl er ihr, es zu versuchen.

Eigentlich bin ich des Schreibens nicht recht fhig, fing nun die
Kleine an aufzusagen, und so bitte ich, da die geschtzte Jungfer
selbst nachdenken mge. Pfarrer Liljecrona hat jetzt eine gefunden, die
ihn glcklich machen wrde, wenn Ihr nicht im Wege stndet. Wenn die
Jungfer gutwillig fortginge, so drfte sie einer nie aufhrenden
Dankbarkeit gewi sein, und fr die Zukunft wrde gesorgt werden.
Auerdem mge die Jungfer auch bedenken, da man in der neuen Gemeinde
eine Pfarrfrau von unbescholtenem Lebenswandel verlangen wrde...

Der Pfarrer winkte mit der Hand ab. Das gengt, sagte er, und dann sah
er die Kleine lange und prfend an. Und das soll in dem Brief gestanden
haben, den du fr die Frau Pfarrer geschrieben hast?

Ohne zu zgern, bejahte es die Kleine. Die Pfarrfrau habe ihr zwar
verboten, davon zu sprechen, da sie lesen und schreiben bei ihr lernte,
aber von diesem Brief habe sie nie etwas gesagt.

Der Pfarrer zuckte nur die Achseln. Jetzt siehst du selbst, wie du
lgst, sagte er mden Tones. Denn da du die ganze Zeit ber in dem
Schrank dort gestanden hast, mut du auch gehrt haben, da Maja Lisa
eingestanden hat, den Brief geschrieben zu haben.

Die Kleine fhlte, da sie rot wurde. Das konnte sie doch wirklich nicht
auf sich sitzenlassen. Es war zu schrecklich, da der Herr Pfarrer
glaubte, sie lge.

Du kannst jetzt gehen, sagte der Pfarrer. Zuerst konnte ich nicht
begreifen, wie es gekommen sein knnte, da der Brief nicht von Maja
Lisas Hand geschrieben war. Aber jetzt ist mir auch das klar. Du kannst
zu ihr gehen und ihr das sagen.

Aber die Kleine ging nicht. Es ist die Frau Pfarrer gewesen, die mich
den Brief hat schreiben lassen, sagte sie. Und sie ist es auch
gewesen, die mich in den Schrank eingesperrt hat.

Ihr beide, du und Maja Lisa, habt wohl miteinander ausgemacht, da ihr
so sagen wollt?

Der Pfarrer sah allmhlich ernstlich bse aus, und die Kleine begriff,
da sie fortgeschickt wurde, wenn sie ihn jetzt nicht durch irgend etwas
berzeugen konnte. Ratlos blickte sie sich nach allen Seiten um. Da fiel
ihr Blick auf die alte Einliegerin, die gerade am Fenster vorberging.

Sehet, Herr Pfarrer, da geht die vorbei, die mit dem Brief nach
Svansskog geschickt worden ist, sagte sie, und die knnte man gut
fragen, ob es die Pfarrerstochter oder die Pfarrfrau war, die sie damit
hingeschickt hat.

Schon wollte der Pfarrer antworten, er wolle jetzt nichts mehr von der
Sache hren; aber in der Hartnckigkeit der Kleinen lag etwas, was ihn
bezwang. Er stand auf und schritt auf die Tr zu. Als er diese dann aber
rasch ffnete, stie er gegen jemand, der dicht, ganz dicht
davorgestanden hatte. Es war die Pfarrfrau.

Er warf einen Blick auf sie, blieb stehen und sah sie noch einmal an,
wie um sich zu vergewissern, da sie es auch wirklich sei; darauf trat
er auf die Treppe hinaus und richtete ein paar Fragen an die Alte. Als
er zurckkehrte, war die Pfarrfrau verschwunden.

Nachdem er sich wieder auf seinen Stuhl am Schreibtisch niedergelassen
hatte, rief er die Kleine zu sich her. Nun sollst du mir noch
erzhlen, wie es zuging als du den Brief schriebst, sagte er.

Und das Kind gab ihm so genaue Auskunft, da ihm auch nicht der leiseste
Zweifel mehr blieb.

Ich sehe, ich habe dir unrecht getan, Nora Sausewind, sagte er dann.
Zur Belohnung dafr darfst du jetzt zu Maja Lisa hinuntergehen und ihr
alles erzhlen.

Das brauchte er der Kleinen nicht zweimal zu sagen. Im nchsten
Augenblick schon war sie drben in der Stube des Brauhauses, wo noch
groer Jammer herrschte, und erzhlte alles, was vorgefallen war. Die
Pfarrerstochter hrte im Anfang kaum auf das, was sie sagte; aber
schlielich begriff sie doch, da der geliebte Vater jetzt die Wahrheit
wute, und da sprang sie auf und rief: Gromutter, Gromutter! Ich mu
jetzt gleich zum Herrn Vater hinber und sehen, wie es ihm geht!

Aber im selben Augenblick ging die Tr auf, und der geliebte Vater stand
selbst auf der Schwelle.

Und es war nicht der Vater von gestern und heute, sondern vor ihr stand
der Vater der vergangenen Jahre, ein guter, liebevoller, treuer Vater,
der die Arme nach ihr ausbreitete!




Der Ruhestein


Ein paar Tage nach der groen Entdeckung war Maja Lisa zur gewohnten
Zeit drauen und ging mit der Kleinen auf der Landstrae spazieren.

Aber an diesem Abend wandelte sie nicht mutlos und schwach mit mden
Schritten dahin, sondern jetzt waren es zwei, die das Echo hervorriefen,
zwei, die in der Sandgrube nach Katzengold suchten, zwei, die den Bach
eindmmten, und zwei, die auf der Weide Anemonen pflckten!

Zu einer Neckerei mit dem Kuzchen aber hatte Maja Lisa doch keine Lust,
und so lie sie die Kleine bei der groen Birke und ging allein den
Hgel zum Ruhestein hinauf. brigens mute das Kuzchen heute geselliger
als gewhnlich sein, denn die Kleine gesellte sich weder bei dem
Gespenstermuerchen noch spter zu ihr.

Als Maja Lisa so weit gekommen war, da sie den Ruhestein sehen konnte,
blieb sie pltzlich stehen. Dort oben, nicht auf dem schmalen
ausgehauenen Sitz, sondern auf dem Felsblock selbst, wurde sie eines
Menschen gewahr. Er kauerte auf dem Stein und sttzte das Kinn in die
Hnde. Sein Blick aber haftete nicht am Boden, sondern war auf die
Baumwipfel gerichtet, und er war eifrig beschftigt, einer Drossel zu
pfeifen, die auf einer groen Tanne jenseits des Weges sa; er ahmte den
Drosselschlag nach und brachte den Vogel so in Eifer, da diesem fast
die Kehle zersprang.

Beide, die Drossel und der Mann, waren so in ihr Spiel vertieft, da sie
Maja Lisas Kommen nicht bemerkten. Sie blieb eine Weile regungslos
stehen und hrte zu, whrend sie den Mann hchst verwundert betrachtete.
Sooft sie ihn vorher getroffen hatte, mute er immer von einem schweren
Kummer bedrckt gewesen sein. Und deshalb htte sie bis zum heutigen
Abend nie geglaubt, da er erst fnfundzwanzig Jahre sein knnte. Jetzt
sah er wie ein richtiger Junge aus, und sie war ber diese Entdeckung so
verdutzt, da sie unwillkrlich hell auflachte.

Er wandte den Kopf ein wenig, um zu lauschen, whrend sich sein Blick
gleichzeitig auf einen andern Baumwipfel richtete, als meinte er, der
Ton sei von dorther gekommen.

Da brach Maja Lisa aufs neue in helles Lachen aus. Und jetzt hrte er,
was es war. Rasch sprang er von dem Felsblock herunter und eilte auf sie
zu. Gerade auf sie habe er hier gewartet, sagte er. Er sei bei ihrer
Freundin Britta in Loby gewesen, um sich zu erkundigen, wie er es
anstellen msse, Mamsell Maja Lisa allein zu treffen. Und Britta habe
ihm gesagt, sie pflege jeden Abend bis zum Ruhestein spazierenzugehen.

Maja Lisas Herz begann heftig zu schlagen, als habe es eine groe Freude
erwartet. Ach, ach, wie konnte es nur so unvernnftig sein! Es mute
doch nachgerade wissen, da er mit keiner angenehmen Botschaft kommen
wrde. Wahrscheinlich wollte er wegen seines Bruders mit ihr sprechen,
wollte sicher den Vorschlag der Schwgerin unter ruhigeren Verhltnissen
noch einmal vorbringen.

Und es war so, wie sie gedacht hatte. Er geleitete sie beraus hflich,
fast etwas umstndlich, zu dem Ruhestein hin, half ihr auf den Felsblock
hinauf, wo er eben gesessen hatte, blieb aber selbst auf dem Wege
stehen. Dann begann er sie ganz feierlich zu fragen, ob es sich wirklich
so verhalte, da sie eine Neigung zu seinem Bruder habe.

Und dann war er gerade wieder so wie in Svansskog. Sie wute nicht,
warum sie auf einmal rgerlich und gerhrt zugleich war, auch nicht,
warum der rger die Oberhand bekam, und ziemlich gereizt erwiderte sie,
sie begreife nicht, warum er sich berhaupt die Mhe mache, zu fragen.
Er meine wohl, sie knne mit seinem Bruder nicht ein paar Stunden
zusammengewesen sein, ohne sich gleich in ihn verliebt zu haben.

Aber er lie sich nicht anmerken, ob ihn ihr unfreundlicher Ton gekrnkt
hatte. Sie konnte berhaupt fast nicht glauben, da dies derselbe Mensch
sein sollte, der vorhin hier gesessen und der Drossel gepfiffen hatte.
Er war jetzt so abgemessen, als handle es sich um eine Geschftssache,
und als habe er sich jedes Wort, das dabei gesprochen wurde, vorher
genau berlegt. Ganz so sah er gewi aus, wenn er Eisen verkaufte oder
einen Kontrakt mit den Kohlenfuhrleuten abschlo.

Er bat, Maja Lisa solle ihn doch nicht fr aufdringlich halten; er habe
nur gefragt, weil er sich, ehe er fortfahre, vergewissern msse, ob ihr
Herz noch frei sei.

Aber in Maja Lisa erwachte eine unwiderstehliche Lust, ihn zu reizen und
ihn aus seiner groen Sicherheit etwas aufzurtteln.

Das ist noch nicht so ganz selbstverstndlich, da mein Herz frei ist,
weil ich Pastor Liljecrona nicht liebe, warf sie ein. Vielleicht gibt
es andere...

Er verneigte sich ein wenig verchtlich. Das ist durchaus richtig,
sagte er. Und wenn Ihr nur die geringste Aussicht habt, da der, an den
Ihr denkt, um Eure Hand anhalten wird, dann werde ich nichts mehr
sagen.

Das Blut scho ihr in die Wangen; aber sie sah ihm fest in die traurigen
Augen, als sie antwortete: Nein, ich habe ganz und gar keine Aussicht
dazu.

Nun, dann mchte ich Euch um einen Rat bitten, sagte er, indem er sein
Taschentuch herauszog und ihm einen fest zusammengefalteten,
versiegelten Brief entnahm, den er aber in der Hand behielt, ohne sie
die Adresse sehen zu lassen. Vielleicht seid Ihr so freundlich, mir zu
sagen, ob ich dieses Schreiben abschicken oder zerreien soll?

Maja Lisa erwiderte nichts. Sie mute unwillkrlich an jenen Morgen
denken, wo er in die Fuchsgrube hinabgesprungen war. Damals ging es:
hier ein Schlag und da ein Schlag, und in einem Nu war alles geschehen.
Warum kann er jetzt nicht einen raschen Sprung machen und zuschlagen,
da ich erfahre, was er eigentlich meint? dachte sie. Woher kommt es,
da er jetzt so umstndlich vorgeht?

Diesen Brief hier, Mamsell Maja Lisa, fuhr er fort, und seine Stimme
klang, wenn mglich, noch khler und geschftsmiger als vorher,
diesen Brief hat ein junger Mann geschrieben, der vor ein paar Jahren
an dem Grab seiner Braut stand und dort das Gelbde ablegte, sein ganzes
Leben einsam zu bleiben, um nur immer an sie denken zu knnen. Seither
hat der junge Mann nie einen Augenblick daran gedacht, sein Gelbde zu
brechen, ja, er hat sich nicht einmal je dazu versucht gefhlt. Er hat
sein Herz mit der Geliebten ins Grab hinabgesenkt, und es kann nicht
wieder lebendig werden. Aber, Mamsell Maja Lisa, dieser junge Mann traf
vor ein paar Monaten mit einem armen, einsamen und verlassenen Kind
zusammen. Er las in dessen Augen die holdeste Vereinigung von
Freundlichkeit und Demut, noch mehr aber berraschte ihn eine wunderbare
hnlichkeit mit der Geliebten. Sofort empfand er die grte Sympathie
fr sie. Es war ihm, als flstere ihm die Verstorbene zu, er msse
dieser jungen Einsamen, die ihr Ebenbild sei, zu helfen suchen. Da
machte der junge Mann einen Versuch, sie mit dem edelsten Mann, den er
kannte, mit seinem eigenen Bruder, zusammenzubringen. Er sah sie
beieinander, sah sie vor dem Herde Seite an Seite sitzen und trumte
schon von einem groen Glck fr beide; aber dann schoben die
widerlichsten Umstnde sich dazwischen. Dieses Vorgehen des jungen
Mannes brachte Unglck ber die beiden, deren Glck er hatte begrnden
wollen. Der geliebte Bruder geriet zuerst in das grlichste Elend, und
bei dem Versuch, der zu seiner Rettung unternommen wurde, wurde auch das
junge Mdchen vllig unverdient in die schwierigste Lage versetzt. Nun
aber glaubte der junge Mann Tag um Tag die Stimme seiner Verlobten zu
hren, die ihm aus dem Grabe zurief, dem jungen Mdchen wenigstens bei
sich ein Heim anzubieten, wo er dann mit der zrtlichsten Frsorge
versuchen knnte, sie glcklich zu machen, und wo sie in sicherem Schutz
vor der harten Hand wre, die jetzt ber sie herrsche. So lagen die
Dinge, liebste Mamsell Maja Lisa, als der junge Mann diesen Brief
schrieb. Er hatte die Absicht, ihn diesen Morgen abzuschicken; aber dann
wurde er wieder unschlssig, und er hielt es fr notwendig, erst Euch,
Mamsell Maja Lisa, zu Rate zu ziehen.

Er schwieg, und ohne noch etwas hinzuzufgen, lie er den Brief in ihren
Scho niedergleiten. Sie las die Adresse. Der Brief war an den
hochgelehrten Herrn Hilfsprediger Erik Lyselius gerichtet, also an ihren
Vater.

Nie, niemals in ihrem ganzen Leben, hatte sich Maja Lisa so gekrnkt
gefhlt. Wenn er jetzt das tat, was sie nie erwartet hatte, wenn er
jetzt um sie freite, warum mute es auf diese Weise sein? Nur weil sie
ihm leid tat! Ihr erster Gedanke war, aufzuspringen, den Brief zu
zerreien und ihm die einzelnen Stcke ins Gesicht zu werfen. Sie war
jetzt aufgebrachter ber ihn als ber ihren Vater, da dieser die Raclitz
geheiratet hatte. Und sie dachte: Ach, lieber Gott, es kommt mir vor,
als knnte ich nur auf die Leute richtig bse sein, die ich liebhabe!

Aber Maja Lisa hatte seit jenem Tage, wo sie sich dem Vater und der
Raclitz gegenber nicht hatte beherrschen knnen, viel erlebt, und sie
hatte sich jetzt ganz anders in der Gewalt. Sie glitt nur von dem Stein
herab, lie den Brief auf den Weg fallen und begann, ohne ein Wort zu
sagen, den Hgel hinunterzugehen.

Und sie durfte eine tchtige Strecke, ganz bis zum Steinmuerchen,
hingehen, ohne da ihr jemand nachkam.

Whrend sie so bergab schritt, merkte sie erst, wie schn der Abend war.
In den Bumen zwitscherten die Vgel, in der Luft tanzten die Mcken,
auf dem jungen Grn der Bltter spielte die Frhlingssonne, das Bchlein
pltscherte lustig im Graben, berall keimten und sprossen Pflanzen und
junge Triebe hervor, ja es war fast, als knne man das Gras wachsen
hren.

Aber wie merkwrdig! Gerade das vergrerte ihren Zorn. Er htte doch
begreifen mssen, da man an einem solchen Abend, wenn man berhaupt
kommen wollte, nur in der richtigen Weise kommen durfte. Ach, wenn er
doch so klug gewesen wre, es bleibenzulassen! Sie wre nicht so
unglcklich gewesen, wenn sie nur ganz im stillen von ihm getrumt
htte.

Auerdem htte er sich klugerweise auch erst darber Gewiheit
verschaffen mssen, wie es ihr ging, ehe er sich aufmachte und ihr diese
groe Demtigung zufgte. Htte er gewut, da sie mit ihrem Vater
vershnt war, und da die Stiefmutter am selben Abend noch, wo er mit
seiner Schwgerin auf Lvdala gewesen war, fortgelaufen, ja auf und
davon gegangen war, ohne irgendeinem Menschen auch nur ein Wort davon zu
sagen, und da sie auch bis jetzt noch nicht zurckgekommen war, dann
htte er sie mit diesem Beweis seines Erbarmens verschonen knnen.

An der Sache selbst htte es freilich nichts gendert. Und wenn sie sich
in der allergrten Not befunden htte, sie wre ebenso bse auf ihn
geworden, weil er nur aus Mitleid um sie warb. Auf einen andern wre sie
nicht so aufgebracht geworden, auch nicht auf seinen Bruder, wenn es
dieser ebenso gemacht htte.

Pltzlich blieb sie stehen. Warum war sie denn gerade ber ihn so
erregt? Die Antwort brach wie eine Offenbarung ber sie herein. Weil --
weil sie ihn liebte!

Ja, ach ja! Dies war die Liebe! Die Liebe! Sie hatte in den Bchern von
ihr gelesen, hatte in Liedern von ihr gesungen, aber im eigenen Herzen
hatte sie sie bisher noch nie versprt gehabt. Nun aber hatte es den
ganzen Frhling hindurch wie ein schwaches Feuer in ihr geglimmt, sie
aber hatte das Gefhl nicht mit Namen nennen knnen. Doch jetzt schlug
die Liebe in ihr empor wie ein loderndes Feuer, und sie verwunderte sich
fast, da die Flammen nicht aus ihr herausschlugen.

Da wandte sich Maja Lisa um. Alles war auf einmal ganz anders geworden.
In ihrem Herzen brannte die Liebe. Seit dieses groe Wunder geschehen
war, war sie nicht mehr dieselbe. Sie konnte dem, der schuld daran war,
da sie die Liebe kennengelernt hatte, nicht mehr bse sein.

Er war ihr nachgegangen und hatte sie beinahe eingeholt. Als sie sich
nun so pltzlich umdrehte, standen sie einander Auge in Auge gegenber.

Wahrhaftig, mute nicht eine solche Flammenglut wie die, die jetzt in
ihr brannte, auf den andern berspringen? In seinen Augen flammte ein
Widerschein auf, oder war es vielleicht nicht nur ein Widerschein? Sie
schienen ihr zu stark zu glnzen, diese Augen! Maja Lisa wute ja noch
so wenig von der Liebe, die Leidenschaft aber, mit der er sie jetzt an
sein Herz drckte, schien dieselbe heie Sehnsucht auszudrcken, die sie
zu ihm hinzog.

Ihr Erstaunen war unbeschreiblich. Sie wute nicht, ob sie ihren Sinnen
trauen drfte. Aber die Worte, die er jetzt in kurzen Ausrufen
hervorstie, diese beglckenden Fragen, ob sie ihn liebe, dieses feurige
Bekenntnis, da er sie vom ersten Augenblick an geliebt, sich aber
seiner Schwachheit geschmt habe, diese schmerzliche Reue darber, da
er sich selbst etwas vorzulgen gesucht und sich vor seiner Liebe
versteckt hatte, diese trotzige Rede, da er jetzt weder nach Lebenden
noch nach Toten frage, wenn nur sie ihn liebe -- konnte es anders sein,
als da sein Herz in derselben verzehrenden Liebe fr sie glhte wie das
ihre fr ihn?




Die Erdgeister auf Lvdala


Phylax stand auf der Freitreppe und bellte und heulte die ganze Nacht.
Die Kleine hatte ihn noch nie so frchterlich heulen hren, sie konnte
unmglich einschlafen. Mamsell Maja Lisa wachte sicher auch und konnte
kein Auge schlieen, und sie htte doch den Schlaf in ihrem
angegriffenen Zustand so ntig gehabt. Nein, es ging nicht anders, die
Kleine mute einen Versuch machen, den Hund zum Schweigen zu bringen.

Sie warf sich Rock und Jacke ber und schlich durch die Kche in den
Flur hinaus. Ehe sie indes die vielen Schlsser und Riegel an der
Haustr aufgebracht hatte, war der Hund still geworden; aber sie ging
doch fr alle Flle auf die Veranda hinaus, um ihn hereinzulocken.

Aber wie merkwrdig! Sie konnte ihn nirgends sehen. Sie wute bestimmt,
da er die ganze Nacht auf der Veranda gestanden hatte; jetzt aber, wo
sie sich die Mhe gemacht hatte aufzustehen, war er natrlich
verschwunden. Sie ging sogar bis auf die Freitreppe vor und rief und
lockte ihn; aber der Hund war nirgends zu sehen.

Es war eine herrliche Nacht. Der Himmel war mit kleinen weien Wolken
bedeckt, die sich zu Krnzen und Ringen ineinandergeschoben hatten, als
wollten sie nun, wo sie niemand sah, allerlei knstliche Spiele
vornehmen. Die Sonne war noch nicht hinter dem Berge aufgegangen, aber
trotzdem war es taghell. Dabei war es nicht im geringsten kalt, sondern
so lau und mild, da die Kleine kein bichen fror, obwohl sie mit bloen
Fen herausgetrippelt war.

Die sechs groen Ebereschen, die in einer Reihe vor der Scheune standen
und mit ihren breiten Wipfeln wie eine grne Mauer aussahen, entfalteten
schon ihre Blten. Die groen weien Bltendolden leuchteten hell aus
dem dunklen Grn hervor. Das war ebenso schn wie die glnzenden
Sternenlichter an einem dunklen Nachthimmel.

Ob es nun der Gegensatz zwischen dem frischen Grn war, das jetzt im
Frhling berall hervorleuchtete -- der Kleinen kamen alle die Gebude,
die rings um den Hof standen, pltzlich so alt und so baufllig vor. Sie
betrachtete den Altan ber dem Stall und die halbrunden Scheunenfenster,
die unter dem schwarz gewordenen Strohdach hervorschauten, sowie die
schiefe Tr des Brauhauses -- alles sah in dieser Frhlingsnacht gar so
betrbt aus und seufzte ber sein Alter. Sie betrachtete auch das
Gesindehaus, das ein steinernes Erdgescho hatte, sowie das Vorratshaus,
das auf Pfosten stand. Dann schweifte ihr Blick ber die vielen
Gattertren hin, die jetzt im Frhjahr wieder in die Zune eingesetzt
waren, sowie ber die langen Reihen von Pfhlen, die die Zune bildeten.
Alles war so alt, da es krumm, schief und verfallen aussah. Die
Dachfirste waren eingesunken, die Wnde waren grau geworden, und
zwischen dem Geblk wucherte grnes Moos hervor.

Dies war das erstemal, da der Kleinen der Gedanke kam, der ganze Hof
sei allmhlich zu alt geworden und bedrfe berall der Erneuerung. Aber
so etwas denkt man auch nur im Frhling, wenn man sieht, wie sich die
Bume, die Strucher und die Felder schmcken und in ihren schnsten
Staat kleiden.

Vielleicht, dachte die Kleine, gibt es auch fr die Hfe etwas hnliches
wie Sommer und Winter, obgleich fr sie wohl lngere Zeiten
dazwischenliegen als fr Bume und Strucher.

Frhling war es auf einem Hofe, wenn ein junges Paar hinkam, das Neues
aufbaute und das, was zu alt war, wegri. Und Winter war es, wenn diese
jungen Leute alt geworden waren, wenn das, was sie aufgebaut hatten, dem
Einsturz nahe war und sich nach frischen Krften sehnte, die wiederum
neu bauen und Ordnung schaffen sollten.

Die Kleine dnkte es ganz sonderbar, da sie auf solche Gedanken
gekommen war. Aber das war auch eine ganz merkwrdige Nacht, so warm und
schwl und geheimnisvoll! Das Kind wurde ngstlich und wollte rasch ins
Haus zurck; aber da fiel ihr der Hund wieder ein.

Als sie sich jetzt nach allen Seiten umsah, um herauszufinden, wohin der
Hund wohl gegangen war, schien es ihr, als rhre sich etwas auf dem
Rasen unter den Ebereschen.

Die Kleine hatte weit drinnen im dunklen Wald gewohnt, und sie hatte
frh und spt fr die Mutter Botengnge machen mssen; aber niemals
hatte sie etwas bernatrliches gesehen, und sie hatte auch niemals
geglaubt, da sie so etwas sehen werde. Mutter hatte immer gesagt, sie
brauche sich nicht zu frchten; sie habe keine Anlage dazu,
Wichtelmnnchen oder Hexen zu begegnen.

Aber dort drben sah sie jetzt wirklich etwas hchst Merkwrdiges,
darber bestand kein Zweifel. Sie war ein wenig bestrzt; aber
eigentliche Angst bekam sie nicht so leicht. Und es war auch nicht zum
Erschrecken -- dort drben tanzten nur ein paar Wichtelchen.

Ja, zwei waren es, ein Herr und eine Dame, die so gro waren wie
sechsjhrige Kinder, aber viel schlanker und feiner gebaut. Beide waren
wie die vornehmsten Edelleute gekleidet, in schwarzen Samt mit Spitzen
und Tressen. Der Herr hatte einen Dreispitz auf dem Kopf, einen Degen an
der Seite, einen mit seidenen Blumen gestickten Leibrock und Schnallen
auf den Schuhen. Die Dame trug kurze, sehr weite Rcke, rote Strmpfe,
einen groen Federhut und in der Hand einen Fcher.

Sie tanzten ununterbrochen. Er fate sie bei der Hand, und mit erhobenen
Armen trippelten sie eine Strecke vorwrts, dann wechselten sie und
trippelten wieder zurck. Sie trennten sich, gingen aufeinander zu,
verbeugten sich, schlielich umschlangen sie einander um die Mitte und
schwangen sich im Kreise.

Nein, in ihrem ganzen Leben hatte die Kleine noch nie etwas so Schnes
gesehen, das war sicher und gewi! Die Bewegungen der beiden waren
leicht und anmutig, sie flogen nur so bers Gras hin. So konnten keine
Menschen tanzen, diese beiden dort waren wie aus Luft gemacht. Sie
hatten Gesichter wie das allerfeinste Porzellan und sehr kleine Hnde
und Fe. Ach du lieber Gott, wer doch auch so klein und niedlich wre!

Die Kleine konnte sich nicht losreien, solange die dort drben tanzten.
Sie stand unbeweglich und fragte sich, warum die beiden wohl so froh und
vergngt waren und gerade in dieser Nacht tanzten? Na, das war nicht
schwer zu verstehen. Die beiden dort waren gewi die echten Hausgeister
von Lvdala, und sie waren wohl glcklich, da jetzt, wo die Raclitza
verschwunden war, wieder alles ins rechte Geleise kam.

Whrend die Kleine so dem Tanze zusah, fhlte sie sich noch geneigter
als bisher, das zu glauben, was der lange Bengt behauptete. Er war der
letzte, der die Raclitza gesehen hatte, und er war ihr am Samstagabend
ganz spt drunten auf den Svartsjer Wiesen begegnet. Sie habe ganz irr
und wirr ausgesehen, genau wie an jenem Tage, wo sie sich zum erstenmal
gezeigt hatte, und er behauptete aufs bestimmteste, ja, er wollte gleich
darauf schwren, er habe sie in den Svartsjbach hineinsteigen sehen.

Vielleicht, dachte die Kleine, waren nun die richtigen Hausgeister froh,
da die kalte, falsche Wasserfrau keine Macht mehr ber Lvdala hatte.

Nein, wie wundervoll sie tanzten! Warum lag man nur drinnen in den
Stuben und verschlief die hellen Nchte? Warum tanzte man nicht auch
auf dem grnen Rasen? Warum war man nicht selbst so leicht und lustig,
warum hatte man so viel Kummer, den man nie abwerfen konnte?

Da pltzlich hrte die Kleine im Hause drinnen ein dumpfes Gerusch wie
von einem schweren Fall, und eilig lief sie in den Flur zurck.

Sie lauschte, vernahm aber nichts mehr. Doch war sie ganz sicher, da
das Gerusch aus dem westlichen Zimmer, dem Zimmer des Pfarrers,
gekommen war.

So rasch sie konnte, lief sie zu Mamsell Maja Lisa hinein und sagte, sie
solle doch aufstehen, dem Herrn Pfarrer msse etwas geschehen sein.

Die Pfarrerstochter warf hastig ein paar Kleidungsstcke ber und fragte
whrenddessen, was denn geschehen sei. Die Kleine berichtete mit
fliegendem Atem, sie habe von der Freitreppe aus zwei kleine Gestalten
tanzen sehen, und dann habe sie pltzlich droben im Zimmer des Herrn
Pfarrers einen dumpfen Fall gehrt.

Da wurde die Pfarrerstochter todesbla.

Diese beiden zeigen sich nur, wenn Lvdala einen neuen Herrn bekommen
soll, sagte sie; aber ich glaube, bis jetzt hat sie noch kein Mensch
jemals tanzen sehen.

Sie hatte erst einen Schuh angezogen; aber sie dachte jetzt nicht an
ihre Kleidung, sondern eilte hinauf in die westliche Stube.

Hier lag der Pfarrer auf dem Boden ausgestreckt und rhrte sich nicht.

Was ist Euch, Herr Vater, was ist Euch? rief Maja Lisa, indem sie sich
ber ihn beugte.

Gleich darauf hob sie den Kopf wieder und sah die Kleine an, die ihr
gefolgt war.

Der Herr Vater ist tot, sagte sie. Komm, wir wollen ihm noch fr
alles danken; er ist uns vielleicht noch so nahe, da er uns noch hren
kann.

Sie nahm seine Hand, kte sie innig und zrtlich und flsterte ihm ein
paar Worte ins Ohr. Dann durfte ihm auch die Kleine noch die Hand
kssen.

Alsdann stand die Pfarrerstochter auf und sah sich im Zimmer um, wie um
zu erfahren, wie es zuletzt gewesen war. Der Vater hatte am Schreibtisch
gesessen und geschrieben, in seinem Federkiel war die Tinte noch na.
Whrend er schrieb, hatte er sich wohl pltzlich unwohl gefhlt; da war
er aufgestanden, um mit seiner Glocke zu luten und Hilfe herbeizurufen,
und da war er zu Boden gesunken.

Auf dem Tisch lag die halbfertige Predigt. Die letzten Zeilen liefen mit
kritzeligen ungleichen Buchstaben schrg ber die Seite herab. Der
Arbeiter, der sein Werk vollendet hat, sehnt sich nach Ruhe und freut
sich, da ein besserer an seine Stelle tritt.

Da strzten Maja Lisa die Trnen aus den Augen. Jetzt verstehe ich,
warum die beiden gerade fr Vater tanzten. Sie wuten, da er fort
wollte. Sie wuten, da er frei werden wrde.




Die Heimat


Die Pfarrerstochter sa in der Kchenkammer, hatte Bibel und Gesangbuch
vor sich und las Gottes Wort zum Trost in ihrem groen Leid.

Es war noch frh am Morgen, und gerade vierundzwanzig Stunden waren
vergangen, seit sie den geliebten Vater tot auf dem Boden gefunden
hatte. Den ganzen Tag hindurch hatte sie so viel zu besorgen gehabt, da
sie gar nicht an ihren groen Verlust hatte denken knnen. Aber in der
Nacht war der Schmerz in seiner ganzen Gre ber sie hereingebrochen,
und sie hatte nicht schlafen knnen. So war sie aufgestanden, ehe noch
irgend jemand im Hause wach war, hatte die beiden Bcher vorgenommen und
las nun darin.

Aber schon nach ganz kurzer Zeit machte sie die Bcher zu, faltete die
Hnde und dankte nun Gott von Herzensgrund, da sie jetzt nicht allein
und verlassen war, sondern einen treuen, zuverlssigen Freund zu eigen
hatte, der ihr helfen und sie beschtzen konnte. Denn jetzt wrde wohl
die Stiefmutter zurckkommen, um die Herrschaft ber den Hof an sich zu
reien, und wenn Maja Lisa dann den Freund nicht gehabt htte, wre sie
ganz in der Stiefmutter Gewalt gewesen. Und dann htte sie nicht allein
ber den Verlust ihres guten Vaters, sondern auch ber ihr eigenes
Schicksal weinen mssen.

Kaum hatte Maja Lisa dies gedacht, als drauen vor dem Fenster, das nach
dem Garten hinausging, herrliche, gedmpfte Geigentne erklangen.

Maja Lisa wute wohl, wer spielte; sie selbst hatte gestern nach ihm
geschickt.

Einen Augenblick stieg der Gedanke in ihr auf, es schicke sich wohl
nicht, da er vor einem Trauerhaus spiele; aber sie verwarf ihn sofort
wieder. Ihrem Freund fiel es schwer, in Worten auszudrcken, was er ihr
sagen wollte, deshalb hatte er die Geige mitgebracht. Es war durchaus
nicht unpassender, wenn er ihr auf diese Weise sagte, wie sehr er teil
an ihrem Schmerz nahm, als wenn er es ihr mit Worten ausgedrckt htte.

Sie sa mit dem Rcken gegen das Fenster und konnte ihn nicht sehen;
aber sie wagte sich nicht umzudrehen. Sie hrte ihn zum ersten Male
spielen, denn jenes Aufspielen auf Svansskog konnte nicht gerechnet
werden. Und sie konnte nichts dafr, aber mitten in ihrem tiefen Leid
bereitete es ihr eine innige Freude, da er wieder nach dem Bogen
gegriffen hatte. Ja, ja, seine groe Liebe zu ihr, sie war es, die ihn
instand gesetzt hatte, ihn wieder zu fhren.

Ach, da man einer Geige solche Tne zu entlocken vermochte! Da der
Bogen und die Saiten so hinschmelzend hold erklingen konnten!

Was er spielte, klang so traurig, so traurig! Maja Lisa liefen groe
Trnen die Wangen herab.

Aber allmhlich vernderte sich sein Spiel. Jetzt war es nicht mehr
ruhig und trstend. Sie wute zwar nicht, ob sie es richtig deuten
konnte, aber es kam ihr auf einmal wild und erschreckend dster vor.

Sie verwunderte sich mehr und mehr. Das war kein Spiel, das fr den
Vater pate! Der gute Vater war immer glcklich gewesen und hatte auch
andere glcklich zu machen gesucht. Nie hatte er etwas von Kummer und
Angst wissen wollen. Als er gefunden hatte, da das Leben schwer und
verworren wurde, war er dahingegangen. Ja gewi wrde sie um den
geliebten Vater trauern und sich von ganzem Herzen nach ihm sehnen. Aber
doch war die Erinnerung an ihn hell und licht.

Nein, jetzt konnte sie nicht mehr glauben, da er da drauen sie mit
seinem Spiel trsten wollte. Aus einem anderen Grunde fhrte er den
Bogen. Eines andern Menschen Not und Verzweiflung klang aus den Saiten,
die er rhrte.

Ja, sie hatten recht, sie, die ihn einen Meister nannten! Sowenig
ausgebildet Maja Lisa auch in der Musik war, sie verstand ihn, wie wenn
er mit ihr redete.

Er klagte so jammervoll! Jemand war in den schwrzesten Abgrund
versunken, jemand war in Ketten geschlagen, jemand brannte im
verzehrendsten Feuer!

Und niemand, niemand konnte ihn ans Licht heraufbringen, niemand konnte
ihm die Freiheit schenken, niemand die Glut lschen, die ihn marterte!

Maja Lisa wurde das Herz so schwer, so schwer! Es war wie
zusammengepret, wie wenn es zermalmt werden sollte. Wenn ein groer
Snder, der in der tiefsten Hlle schmachtet, eine Geige in die Hnde
bekme, dann knnte er vielleicht in solchem Spiel seiner ganzen Qual
Ausdruck verleihen.

Aber er da drauen, wessen Unglck drckte er in seinem Spiel aus? War
es seine eigene Qual, oder war es die eines andern?

Maja Lisa erwartete, da das Spiel sich wieder verndern, da er auf
etwas anderes bergehen werde. Aber das war eine eitle Hoffnung. Nichts
anderes konnte er spielen als zunehmende Angst. Jetzt war es nicht mehr
schn anzuhren, es klang schrill und gellend.

Sie konnte nicht lnger ruhig zuhren. Ein furchtbares Unglck mute ihn
betroffen haben, es war nicht anders mglich. Sie mute ein Fenster
aufmachen und ihn fragen.

Als er sie sah, brach er mitten drin mit einem Ton ab, der ihr wilder in
den Ohren gellte als irgendeiner vorher. Der Hut war ihm whrend des
aufgeregten Spiels vom Kopf gefallen, und das Haar lag wirr auf seiner
Stirn. Er war bla wie ein Kranker, und alle seine Gesichtszge waren
von Schmerz verzerrt.

Du hast gesagt, du mchtest mich spielen hren, prete er hervor.
Jetzt hast du deinen Willen, nun weit du, wie es klingt.

Ach, seine Stimme war so scharf und seine Worte so heftig, da Maja Lisa
glauben mute, er sei ber sie aufgebracht! Sie erschrak und wagte
nicht, den Mund aufzumachen, um zu fragen, was ihm geschehen sei.

Da sagte er mit derselben Leidenschaft: Du hast mich noch nie spielen
hren. Du hast vielleicht nicht einmal gewut, da ich es war, der hier
spielte.

Da fiel ihr ein zu sagen: Ich glaubte, es sei der Nck.

Hast du ihn denn gehrt?

Er soll ja spielen wie einer, der sich nach der Seligkeit sehnt und
doch wei, da er sie niemals gewinnen kann.

Bei diesen Worten trat er weiter vor. Er stand ihr jetzt so nahe, da
sie ihm gut die Haarlocke aus der Stirne htte streichen knnen; sie
wagte es aber nicht.

Ja, ganz recht, so ist es, sagte er. Ich bin auch einer, dem der
Himmel verschlossen ist.

Zugleich schlug er die Hnde vors Gesicht und schluchzte laut.

Es war herzzerreiend; und Maja Lisa htte gern ihr Leben hingegeben, um
die Qual, die ihn marterte, zu lindern.

Was ist dir? Was ist dir? fragte sie. Hast du etwas Bses getan? Hast
du ohne deine Absicht jemand umgebracht?

Sie verstummte jh. Dies war ja das Schlimmste, was sie htte sagen
knnen!

Er nahm die Hnde vom Gesicht und streckte die geballten Fuste aus.

Ich bin ein Mrder, ich wei es. Eine Zeitlang hab' ich es jede Nacht
aufs neue durchgemacht. Ich spielte ihr den Todestanz, und sie tanzte,
bis sie tot umfiel. Man sieht es mir wohl an, was ich fr einer bin.

Maja Lisa konnte nichts entgegnen; es war gewi am besten, sie lie ihn
ausreden, nachdem er nun im Zug war.

Im letzten Winter hab' ich ihr nicht mehr vorgespielt. Deshalb hab' ich
es gewagt, um dich zu freien, Maja Lisa. Ich glaubte, _sie_ wolle es. Aber
sie war es nicht, die es wollte, nein, nur _ich_ selbst hab' es gewollt.

Zu sprechen wagte Maja Lisa nicht; aber sie streckte die Hand aus, um
sie ihm auf die Stirne zu legen und ihn zu beruhigen. Er aber fuhr
zurck, bis er auer dem Bereich ihrer Hand war.

Du httest mich nicht bitten sollen, zu spielen, nie, nie! Die Saiten
an meiner Geige httest du zerschneiden sollen, sobald du mich spielen
hrtest. Das Geigenspiel hat alles wieder ins Leben zurckgerufen.

Er lachte unbeschreiblich wild und unheimlich auf.

Ich bin hierhergeeilt, sobald ich deine Botschaft bekommen hatte, und
ich nahm meine Geige mit, weil ich dachte, sie knne dich besser trsten
als ich. Aber als die Saiten einmal gerhrt waren, da wachte alles,
alles wieder auf. Ich sah das groe Zimmer vor mir, wo sich die
stampfenden, erhitzten Paare hurtig im Kreise drehten, und zwischen
ihnen sah ich eine, die so leicht und fein dahinschwebte, als gehrte
sie gar nicht zu den andern. Und da spielte ich nur noch fr sie, ganz
allein fr sie. Und da jagte ich sie in den Tod.

Er rang die Hnde, da sie knackten.

Und ich glaubte, ich knnte das vergessen! Knnte den Gewissensqualen
entgehen und glcklich werden! Knnte von dem Gelbde frei werden, das
ich an ihrem Grabe abgelegt habe! Ich war wie verzaubert, hatte alles
vergessen, bis mich die Geige wieder zu mir selbst brachte.

Maja Lisa war es, als sei sie gar nicht mehr fr ihn vorhanden; aber sie
wollte trotzdem noch einen Versuch machen, sich und ihr Recht zu
behaupten.

Denkst du gar nicht mehr an mich? fragte sie. Auch mir hast du dein
Wort gegeben.

Ja, ich hab' es dir gegeben, weil ich glaubte, _sie_ wolle es. Aber jetzt
wei ich es besser. Sie will mich ganz allein haben, verstehst du? Du
mut mich freigeben.

Ach, Liebster, wie knnte ich dich freigeben? Ich habe ja niemand als
dich. Wenn es sich um eine Lebende handelte, die ein Recht auf dich
htte, dann mte es wohl sein. Aber ich sehe nicht ein, warum ich dich
einer Toten abtreten soll.

In Maja Lisas Stimme mute etwas gelegen haben, das ihn rhrte. Er sah
zu ihr auf, und dabei verschwand der dstere, erschreckende Ausdruck aus
seinem Gesicht. Er hielt noch immer die Geige und den Bogen in der Hand,
und pltzlich kam es ihm beschwerlich vor, sie noch lnger halten zu
mssen; aber er wollte sie nicht auf die Erde legen, und so reichte er
sie Maja Lisa zum Fenster hinein. Maja Lisa nahm sie schweigend in
Empfang und legte sie auf einen Tisch im Zimmer.

Als sie darauf wieder ans Fenster trat, griff er nach ihren beiden
Hnden. Er drckte sie gegen seine Stirne und hielt sie so eine Weile
ganz still fest, wohl damit sie fhlen sollte, wie hei und verwirrt
seine Gedanken da drinnen durcheinanderwogten. Darauf begann er mit
unsglich trauriger Stimme und mit vielen Unterbrechungen, aber doch so,
da sie ihn wiedererkennen konnte, zu reden.

Nein, Maja Lisa, du darfst nicht glauben, da ich es so meine, wie ich
vorhin gesagt habe. Nicht meinetwegen bitte ich dich, mich freizugeben,
nein, durchaus nicht. Aber ich kann nicht so gewissenlos sein, dich mit
in mein Unglck hineinziehen zu wollen. Jetzt hast du gesehen, wie ich
bin, wenn die Schwermut mich berkommt. Nun kannst du nicht mehr
wnschen, mit mir vereinigt zu werden.

Er schwieg, wie um eine Antwort abzuwarten; aber Maja Lisa war so
betrbt und erschrocken, da sie nichts zu sagen wute, und so fuhr er
fort:

Ich wei ja recht wohl, wie es dir geht; und jetzt, wo du deinen Vater
verloren hast, mchte ich nichts lieber tun, als dir zur Seite stehen
und dir helfen. Aber bedenke: was du auch Schweres von deiner
Stiefmutter erleiden magst, kann in keiner Weise mit dem Elend
verglichen werden, das dich erwartet, wenn du mit mir vereinigt wirst.
Ich mu dir bekennen, ich kann nicht anders. Es kann mich zuzeiten eine
so tiefe Schwermut berkommen, da ich es nicht mehr daheim aushalte,
sondern in die Wildnis hinauswandere und dort, ohne mit einem Menschen
zu verkehren, oft wochenlang umherstreife, ja und bisweilen strze ich
mich auch in das wildeste Leben hinein, nur um Vergessen zu finden.
Ach, aber das verstehst du doch wohl, Maja Lisa, da ich dich zu
liebhabe, um dich in dieses hineinziehen zu wollen. Ich htte mich dir
nie nhern sollen, und ich wrde es auch nicht getan haben, wenn ich
nicht geglaubt htte, ich sei geheilt.

Wieder hielt er inne; da Maja Lisa aber ihre Antwort noch nicht fertig
hatte, fuhr er fort:

Vorhin fhlte ich fast Zorn gegen dich in meinem Herzen aufsteigen,
weil ich deinetwegen wieder gespielt hatte; denn gerade das Spiel hat
mir gezeigt, da das Schwere und Dstere noch immer in meinem Herzen
wohnt. Und da hab' ich gewnscht, diese Gefahr wre mir gar nicht zum
Bewutsein gekommen, und wir htten geheiratet, whrend ich noch
glaubte, alles stehe gut. Aber das wirst du doch verstehen, da ich nur
einen einzigen Augenblick so dachte. Ich habe dich zu lieb, Maja Lisa,
ja, ja, zu lieb, um zu wnschen, da du meine Frau werden sollst.

Whrend er all dies sagte, sah ihn Maja Lisa unverwandt an. Sie begriff,
er sprach die Wahrheit, wenn er sagte, er leide an tiefer Schwermut, und
es war wohl mglich, da sie, wenn sie ihn heiratete, noch unglcklicher
wurde, als wenn sie wieder unter die Herrschaft der Stiefmutter kam.
Aber sie konnte an nichts anderes denken, als da sie ihm zur Seite
stehen und ihm helfen wollte.

Ach, sagte sie, das weit du doch wohl, da ich lieber Sorgen und
Unglck mit dir teile, als mit einem andern lauter frohe Tage verleben
mchte. Wenn es wahr ist, da du mich lieb hast, dann sollst du nicht
von mir gehen. Wie knnte ich----

Sie verstummte pltzlich, denn sie sah ja, da das, was sie sagte, keine
Macht ber ihn hatte.

Ach, dachte sie, wie kann ich ihn doch zu der Einsicht bringen, da
es das grte Unglck fr mich ist, wenn ich nicht bei ihm sein und ihm
nicht in seiner Not beistehen darf!

Das ganze Jahr hindurch, dachte sie weiter, habe ich immerfort in
Sorge und Angst gelebt. Nun sollte ich doch etwas gelernt haben. Ich bin
jetzt kein solches Kind mehr wie damals, wo ich meinen guten Vater
verloren habe, und ich will ber das alles, was ich zu erdulden hatte,
nicht klagen, wenn ich nur dadurch an Verstand so zugenommen habe, da
ich jetzt den, den ich liebe, festzuhalten vermag.

Sie schlug die Augen auf und sah ber den Garten hin, wie wenn sie
jemand suchte, der ihr helfen knnte. Und da war sie ganz berrascht.
Wohl mglich, da sie gestern kein Auge fr so etwas gehabt hatte,
mglich auch, da es erst ber Nacht so geworden war. Jedenfalls hatte
sie vor diesem Augenblick nicht bemerkt gehabt, da in Vaters Obstgarten
alle Apfelbume in voller Blte standen. Es war, als dehne sich ein
groes wei und rosa schimmerndes Dach vom Wohnhaus bis hinber zu dem
Birkengehlz, das den Garten gegen den Nordwind beschtzte. Alle Zweige
waren mit Blten bedeckt, ja, Maja Lisa war es, als entfalteten sie
sich, whrend ihr Blick auf ihnen ruhte. Eine groe Menge Bienen und
Hummeln schwirrten und summten um die duftenden, schimmernden Blten.
Die Sonne war ber den Berggipfel emporgestiegen, ihre Strahlen lagen
auf den Baumwipfeln des Gehlzes, sie glitten und tanzten ber die
Ackerfelder hin, als htten sie groe Eile, zu den glnzenden
Apfelblten hinzugelangen, um ihnen noch mehr Glanz und Schimmer zu
verleihen, als sie schon vorher hatten.

Als Maja Lisa dies sah, war es ihr, als mte ihr das Herz vor Mitleid
brechen.

Der rmste, der rmste! dachte sie. Ist es verwunderlich, da er
schwermtig ist? Seit seinem vierzehnten Jahre hat er keine Heimat mehr
gehabt. Das wrde anders werden, wenn ich ihn hier auf Lvdala htte.
Welch eine gute Heimat knnte ich ihm bereiten! Ich wei, wie schn ich
es bis zum letzten Jahre immer gehabt habe. Schlielich wrde er hier
unter den Apfelbumen ebenso glcklich umherwandeln wie einst mein guter
Vater. Ach, wenn ich doch nur fr ihn sorgen drfte!

Sie wurde ganz rot vor Eifer, und ihre Augen glnzten. Wenn es ihr doch
nur gelnge, so von Lvdala mit ihm zu reden, da er verstand, wie
herrlich es hier war und da ihm eine solche gute Heimat gerade fehlte!

Sie erwachte aus ihren Gedanken, als Liljecrona ihre Hnde, die er noch
immer festgehalten hatte, loslie.

Gib mir meine Geige wieder, damit ich gehen kann, sagte er. Ich sehe,
du begreifst, da mir keine andere Wahl bleibt.

Sie konnte sich nicht darber verwundern, da er glaubte, sie wolle ihn
gehen lassen. Da stand sie ja noch immer und suchte nach den richtigen
Worten, die ihn zurckhalten sollten, fand sie aber nicht.

Liebster, sagte sie nun hastig, du brauchst doch wohl nicht so rasch
zu gehen. Willst du dich nicht wenigstens erst auf Lvdala etwas
umsehen? Ist es nicht wunderschn hier mit all den herrlichen Blten?
Siehst du den Sonnenschein, der wie Gold auf dem Grase liegt? Mchtest
du denn nicht----

Sie kam nicht weiter, wieder fehlten ihr die Worte. Ach, sie htte so
gerne von der guten Heimat mit ihm gesprochen, die sie und er hier auf
Lvdala miteinander bauen wrden; aber es war ihr, als sei das nichts,
was einen Wert in seinen Augen htte. Eine gute Heimat bedeutete fr ihn
durchaus nicht dasselbe wie fr sie.

Wieder bat er sie um die Geige. Danach, sagte er, werde er ihren Weg nie
mehr kreuzen.

Sie legte die Hand aufs Herz und atmete schwer. Nun wrde er gehen und
nie wiederkommen. Und sie konnte und konnte die Worte nicht finden, die
Macht ber ihn haben wrden; sie konnte ihn nicht zurckhalten.

Nein, sie wute keinen Ausweg, sie mute ihm nachgeben. So trat sie vom
Fenster zurck, um die Geige zu holen und sie ihm auszuhndigen.

Aber als sie die Geige in der Hand hielt, blieb sie unbeweglich stehen;
hchst wunderliche Gedanken stiegen in ihrem Herzen auf.

Jetzt hielt sie das in der Hand, was die grte Macht ber ihn gehabt
hatte. Diese Geige war in frheren Tagen seine Strke und sein Trost
gewesen.

Sie begriff, sie begriff! Diese Geige war es, die Musik, die er auf ihr
spielte, sie war fr ihn das, was fr sie selbst Lvdala war. Die Musik,
sie war seine Heimat. Sie, sie konnte ihm Ruhe, Sicherheit und
Erquickung bringen. Wenn er spielte, spannten die Tne ein Dach ber
seinem Haupte aus, das strahlender war als Apfelblten und Sonnenschein.
Dann trat er ein in seine wahre Heimat, sie, die whrend seiner ganzen
einsamen Jugendzeit seine Zuflucht gewesen war.

In frheren Zeiten hatte er schwere Tage aushalten knnen, ohne zu
erliegen, nur weil er seine Geige gehabt hatte. Da hatte er nur den
Bogen in die Hand zu nehmen brauchen, um sich eine Welt zu erschlieen,
in der er sich glcklich fhlte. Jetzt aber hatte die Schwermut die
Oberhand bekommen, weil er whrend der letzten Jahre nicht mehr hatte
spielen knnen.

Ach, wie unglcklich wrde sie sich fhlen, wenn sie nicht auf Lvdala
bleiben drfte! Wie verloren, wie einsam wrde sie in der Fremde sein!
Und so war es wohl auch bei ihm; er konnte sich da nicht zurechtfinden,
wute nicht mehr, wo er sich Ruhe und Erquickung holen sollte.

Und pltzlich fhlte sich Maja Lisa ihrer selbst ganz sicher. Nun kannte
sie ja seine Krankheit, nun wute sie auch, wie das Heilmittel hie.
Wenn sie nur diese, seine richtige Heimat wieder fr ihn ffnen konnte,
dann wurde er wieder wie frher und konnte das berwinden, was ihn
jetzt qulte.

Sie trat wieder ans Fenster, behielt aber die Geige in der Hand.

Liebster, sagte sie, darf ich dich um eins bitten, ehe du gehst?
Hier, nimm die Geige und spiele noch einmal. Es wre ja mglich, da es
dir vorhin so schwer wurde, weil es das erstemal war, seit das Unglck
geschehen ist. Aber ich kann nicht glauben, da es immer so bleiben
wird. Willst du nicht noch einen Versuch machen, damit ich dich doch
schlielich einmal richtig geigen hre? Du wirst dich doch wohl
berwinden und mir zuliebe spielen knnen? Vorhin hast du ja gesagt, du
habest den ganzen Winter hindurch nicht an dieser Schwermut gelitten,
weil du glaubtest, du seiest geheilt. Vielleicht ist es auch so; das
Bse ist gewi nicht tatschlich zurckgekehrt, ich kann es nicht
glauben. Du wirst sehen, wenn du es jetzt noch einmal wagst...

Er zuckte die Schultern. Es ist unmglich, sagte er; es wird nur
siebenmal schlimmer.

Aber sie bestand darauf, und sie bat:

Du brauchst nie mehr etwas fr mich zu tun, da wirst du mir doch diese
eine Bitte nicht abschlagen, jetzt wo wir voneinander scheiden? Wenn du
von mir gehst, ohne gespielt zu haben, wird es dich nachher reuen, da
du mir das letzte, um das ich dich gebeten hatte, versagt hast.

Er sah noch immer gleich bedrckt aus, aber er gab doch nach.

Ich wei, wie es gehen wird, sagte er, und du weit es auch. Aber ich
will dir trotzdem deinen Wunsch erfllen.

Maja Lisa strich mit der Hand leicht ber die Geige hin. Liebe, liebe
Geige, flsterte sie, hilf mir, ach, hilf mir!

Als Liljecrona die Geige in die Hand nahm, lag schon eine dstere
unheilverkndende Wolke auf seiner Stirne. Und als er die ersten
Bogenstriche machte, klangen die Tne ebenso verwirrt und unharmonisch
wie am Schlusse des ersten Mals.

Er warf Maja Lisa einen Blick zu, wie um ihr Vorwrfe zu machen, da sie
ihn in dieses neue Elend hinein gelockt hatte.

Maja Lisas Herz klopfte zum Zerspringen; aber sie wollte keine Angst
zeigen. Sie blieb am Fenster stehen, ja sie zwang sogar ein
hoffnungsvolles Lcheln auf ihre Lippen.

Und siehe! jetzt klang das Spiel schon etwas weniger angstvoll und
verzweifelt. Jetzt drang Licht durch die Wolken -- jetzt strzte die
Mauer des Gefngnisses ein -- jetzt zersprangen die Fesseln, die die
Seele gefangenhielten.

Jetzt ging es aufwrts mit Blitzesschnelle -- aber es sank wieder
zurck. Ein harter Kampf entspann sich. Jetzt war das Spiel in der
tiefsten Tiefe, es schien fast unglaublich, da es je wieder in die Hhe
kommen knnte. Aber dann rang es sich doch wieder empor. Es stieg und
sank, stieg und sank. Aber dann pltzlich schwang es sich hinauf,
hinauf wie auf Engelsflgeln! Es flog zum Himmel empor, voller Jubel und
Freude, hher, hher als irdische Stimmen und irdische Gedanken reichen
-- jetzt war es droben im klarsten therraum! Der Himmel ffnete sich,
und es versuchte, dessen Seligkeit auszudrcken...

Pltzlich senkte Liljecrona den Bogen. Es war, als sei er auf dem
hchsten Punkt seines Vermgens angekommen, noch mehr konnte er nicht
vollbringen. Sein Spiel war so hoch hinaufgestiegen, da es ihm vor
lauter Licht und Pracht und Herrlichkeit schwindelte.

Er sah Maja Lisa an. Groe, schwere Trnen standen in ihren Augen, und
sie hatte die Hnde gefaltet. Ihr ganzes Gesicht leuchtete verklrt. Sie
war nicht mehr auf der Erde; sie war mit ihm zum Himmel aufgefahren.

Ihr Atem ging schwer. Nein, sie hatte ihn nicht nur begleitet, sie war
ihm vorausgeschwebt! Niemals hatte ihn sein Spiel so hoch hinaufgefhrt.
Ihre Liebe war es, die ihn aus der Finsternis emporgetragen hatte.

Nun war es ihr, als knnte sie ihn ber alle Dunkelheit des Lebens
hinaufheben. Sie fhlte, ihre Liebe konnte alle Angst, alle Verzweiflung
berwinden.

Er zog ihre Hnde an sich und kte sie.

Bist du nun in deiner rechten Heimat gewesen? flsterte sie.

Maja Lisa, Liebste, Geliebte, so hab' ich noch nie gespielt! Du warst
es, deine Liebe war es, die gespielt hat -- ich, ich war es nicht.

Mag es nun zu deinem Unglck oder zu deinem Glck sein -- ich mu hier
bleiben. Du, du sollst mir helfen, und du mut mich hier festhalten.

       *       *       *       *       *

Es war ganz still im Garten, wo sich die blhenden Apfelbume wie eine
Kirche ber dem jungen Menschenpaar wlbten.



       *       *       *       *       *


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     ist eine Verffentlichung der
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   Jedermann wird durch Beitritt zur Deutschen Buch-Gemeinschaft die
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   Bcherverzeichnis und ausfhrliche Werbeschrift wird auf Wunsch
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Anmerkungen zur Transkription:

Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise
ansonsten aber wie im Original belassen.

Auflistung aller gegenber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:

     Seite 36: Ja, antwortete die Kleine, und ich bin gekommen, Euch zu
     helfen. --> Anfhrungszeichen vor 'und' ergnzt.

     Seite 59: 'Und das will ein Pfarrer und ein Diener Gottes sein!' -->
     einfaches Anfhrungszeichen vor 'Und' ergnzt.

     Seite 78: 'Ja, ich mu dir wirklich --> Ja, ich mu dir wirklich
     einfaches Anfhrungszeichen durch doppeltes Anfhrungszeichen ersetzt.

     Seite 87: wie unglcklich es Schneewitt-wittchen --> Schneewittchen
     ('witt' entfernt)

     Seite 95: und ihr gesun-sunkener --> gesunkener ('sun' entfernt)

     Seite 214: Und die Stimme der Pfarrfrau klang auch ganz verndert, als
     sie entgegnete. --> entgegnete: (Punkt durch Doppelpunkt ersetzt)

     Seite 240: Wie immer ging sie auch setzt --> 'jetzt' in sdlicher
     Richtung ('setzt' durch 'jetzt' ersetzt)

     Seite 285: Zur Belohnung dafr darfst du jetzt zu Maja Lisa
     hinuntergehen und ihr alles erzhlen. --> erzhlen. (schlieendes
     Anfhrungszeichen ergnzt.)


Auflistung mglicher Druckfehler, die wie im Original belassen wurden:

     Seite 135: dann htte ( --> 'htten'?) er und die andern gedacht.

     Seite 136: Als Maja Lisa sich dann auch an den Brutigam wendete und
     ihm dankte, da er mit Britta gekommen sei, und ihm (--> 'ihn'?)
     zugleich zu seiner Frau beglckwnschte

     Seite 241: Kommt mit vielen (--> 'vielem'?) Gold er an?


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gesetzt. Textauszeichnungen
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809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     https://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
