Project Gutenberg's Die Nymphe des Brunnens, by Johann Karl August Musus

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Title: Die Nymphe des Brunnens

Author: Johann Karl August Musus

Editor: Hans Fraungruber

Illustrator: Ignaz Taschner

Release Date: May 19, 2008 [EBook #25530]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NYMPHE DES BRUNNENS ***




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                               Gerlach's
                            Jugendbcherei


            Die Nymphe des Brunnens. Nach J. K. A. Musus.

                      Bilder von Ignaz Taschner.

                 Text bearbeitet von Hans Fraungruber.

                    Verlag von Martin Gerlach & Co.

                           Wien und Leipzig.


              Druck von Christoph Reier's Shne Wien V.
                   Ausstattung gesetzlich geschtzt.




[Illustration]

Drei Meilen hinter Dinkelsbhl im Schwabenlande lag vorzeiten ein altes
Raubschlo, das einem mannfesten Ritter zugehrte, Wackermann Uhlfinger
genannt, die Blume der faust- und kolbengerechten Ritterschaft, der
Schrecken der schwbischen Bundesstdte, auch aller Reisenden und
Frachtfhrer, die keinen Geleitsbrief von ihm gelst hatten. Wenn
Wackermann seinen Kra und Helm angelegt, seine Lenden mit dem Schwert
umgrtet hatte und die goldenen Sporen an seinen Fersen klirrten, war er
nach der Sitte seiner Zeitgenossen ein roher, hartherziger Mann, der
Rauben und Plndern fr ein Vorrecht des Adels hielt, den Schwchern
befehdete und, weil er selbst mannhaft und rstig war, kein ander Gesetz
erkannte, als das Recht des Strkern. Wenn's hie, Uhlfinger ist im
Anzuge, Wackermann kommt, fiel Schrecken auf ganz Schwabenland; das
Volk flchtete in die festen Stdte und die Wchter auf den Zinnen der
Warten stieen ins Horn und verkndeten die nahe Gefahr.

Dieser gefrchtete Mann war aber daheim, wenn er seine Rstung abgelegt
hatte, fromm wie ein Lamm, gastfrei wie ein Araber, ein gutmtiger
Hausvater und ein zrtlicher Gatte. Seine Hausfrau war ein sanftes
liebevolles Weib, sittig und tugendsam und stund ihrem Hauswesen gar
fleiig vor. Zudem war sie Mutter von zwei Tchtern, die sie mit groer
Sorgfalt tugendsam und huslich auferzog. In dieser klsterlichen
Eingezogenheit strte nichts ihre Zufriedenheit als die Freibeuterei
ihres Gemahls, der sich mit ungerechtem Gut bereicherte. Sie mibilligte
diese Rubereien in ihrem Herzen und es machte ihr keine Freude, wenn er
ihr gleich die herrlichsten Stoffe, mit Gold und Silber durchwirkt, zu
reichen Kleidern schenkte. Was soll mir der Plunder, sprach sie oft zu
sich selbst, daran Seufzer und Trnen hangen? Sie warf mit geheimem
Widerwillen diese Geschenke in ihre Truhe und wrdigte sie weiter keines
Anblicks, bemitleidete die Unglcklichen, die in Wackermanns Haft
fielen, setzte sie oft durch ihre Frbitte in Freiheit und begabte sie
mit einem Zehrpfennig.

Am Fue des Schloberges verbarg sich tief im Gebsch eine ergiebige
Felsenquelle, welche in einer natrlichen Grotte entsprang, die nach
einer alten Volkssage von einer Brunnennymphe bewohnt sein sollte,
welche man die Nixe nannte, und die Rede ging, da sie sich bei
sonderbaren Ereignissen im Schlosse zuweilen sehen lie. Zu diesem
Brunnen lustwandelte die edle Frau oftmals ganz einsam, wenn sie whrend
der Abwesenheit ihres Gemahls auerhalb der dstern Burgmauern frische
Luft schpfen oder ohne Gerusch Werke der Wohlttigkeit im Verborgenen
ausben wollte.

Einstmals war Wackermann mit seinen Reisigen ausgezogen, den Kaufleuten
aufzulauern, die vom Augsburger Markte kamen, und verweilte lnger als
sein Verla war. Das bekmmerte die zarte Frau, sie whnte, ihrem Herrn
sei ein Unglck begegnet, er sei erschlagen oder in Feindes Gewalt. Es
war ihr so weh ums Herz, da sie nicht ruhen noch rasten konnte. Schon
mehrere Tage hatte sie sich zwischen Furcht und Hoffnung abgengstet,
und oft rief sie dem Zwerge zu, der auf dem Turm Wacht hielt:
Kleinhnsel, schau aus! Was rauscht durch den Wald? Was trappelt im
Tal? Wo wirbelt der Staub? Trabt Wackermann an? Aber Kleinhnsel
antwortete gar trbselig: Nichts regt sich im Wald, nichts reitet im
Tal, es wirbelt kein Staub, kein Federbusch weht. Das trieb sie so bis
in die Nacht, da der Abendstern heraufzog und der leuchtende Vollmond
ber die stlichen Gebirge blickte. Da konnte sie's nicht aushalten
zwischen den vier Wnden ihres Gemachs; sie warf ihr Regentuch ber,
stahl sich durchs Pfrtchen in den Buchenhain und wandelte zu ihrem
Lieblingspltzchen, dem Kristallbrunnen, um desto ungestrter ihren
kummervollen Gedanken nachzuhngen. Ihr Auge flo von Zhren, und ihr
sanfter Mund ffnete sich zu melodischen Wehklagen, die sich mit dem
Gerusch des Baches mischten, der vom Brunnen her durchs Gras lispelte.

[Illustration]

Indem sie sich der Grotte nahte, war's ihr, als ob ein leichter Schatten
um den Eingang schwebe; aber weil's in ihrem Herzen so arbeitete,
achtete sie wenig darauf und der erste Anblick schob ihr den flchtigen
Gedanken vor, da das einfallende Mondenlicht ihr eine Truggestalt
vorlge. Da sie nher kam, schien sich die weie Gestalt zu regen und
ihr mit der Hand zu winken. Darber kam ihr ein Grausen an, doch wich
sie nicht zurck; sie stund, um recht zu sehen, was es wre. Das Gercht
von dem Nixenbrunnen, das in der Gegend umlief, war ihr nicht unbewut.
Sie erkannte die weie Frau nun fr die Nymphe des Brunnens und diese
Erscheinung schien ihr eine wichtige Familienbegebenheit anzudeuten.
Welcher Gedanke konnte ihr jetzt nher liegen als der von ihrem Gemahl?
Sie zerraufte ihr schwarzgelocktes Haar und erhob eine laute Klage: Ach
des unglcklichen Tages! Wackermann! Wackermann! Du bist gefallen, bist
kalt und tot! Hast mich zur Wittib gemacht und deine Kinder zu Waisen!

Da sie so klagte und die Hnde rang, vernahm sie eine sanfte Stimme aus
der Grotte: Mathilde, sei ohne Furcht, ich verknde dir kein Unglck,
nahe dich getrost, ich bin deine Freundin und mich verlangt, mit dir zu
kosen. Die edle Frau fand so wenig Abschreckendes in der Gestalt und
Rede der Nixe, da sie den Mut hatte, die Einladung anzunehmen; sie ging
in die Grotte, die Bewohnerin bot ihr freundlich die Hand und kte sie
auf die Stirn, sa traulich zu ihr hin und nahm das Wort: Sei mir
gegrt in meiner Wohnung, du liebe Sterbliche, dein Herz ist rein und
lauter wie das Wasser meines Brunnens, darum sind dir die unsichtbaren
Mchte geneigt. Ich will dir das Schicksal deines Lebens erffnen, die
einzige Gunstbezeigung die ich dir gewhren kann. Dein Gemahl lebt, und
ehe der Hahn den Morgen auskrht, wird er wieder in deinen Armen sein.
Frchte nicht, ihn zu betrauern, der Quell deines Lebens wird frher
versiegen als der seine; vorher aber wirst du noch eine Tochter kssen,
die auf schwankender Wage des Schicksals Glck und Unglck dahin nimmt.
Die Sterne sind ihr nicht abhold; aber ein feindseliger Gegenschein
raubt der Verwaisten das Glck der mtterlichen Pflege.

[Illustration]

Das betrbte die edle Frau sehr, da sie hrte, da ihr Tchterlein der
treuen Mutterpflege entbehren sollte, und sie brach in laute Zhren aus.
Die Nymphe wurde dadurch gerhrt; weine nicht, sprach sie, ich will
bei deinem Kinde Mutterstelle vertreten, wann du es nicht beraten
kannst; doch unter dem Beding, da du mich zur Taufpate des zarten
Fruleins whlest, damit ich teil an ihr habe. Dabei sei eingedenk, da
das Kind, so du es meiner Sorge anvertrauen willst, mir den Waschpfennig
wiederbringe, den ich einbinden werde. Frau Mathilde willigte in dies
Begehr, darauf griff die Nixe nach einem glatten Bachkiesel und gab ihr
solchen mit dem Beifgen, denselben durch eine treue Magd zu rechter
Zeit und Stunde zum Zeichen der Einladung zur Gevatterschaft in den
Brunnen werfen zu lassen. Frau Mathilde verhie dem allen treulich
nachzukommen, verlor keins dieser Worte aus ihrem Herzen und begab sich
nach der Burg zurck; die Nymphe aber ging wieder in den Brunnen und
verschwand.

[Illustration]

Nicht lange hernach trompetete der Zwerg freudig vom Turm herab und
Wackermann ritt mit seinen Reisigen wohlgemut in den Hof ein, mit
reicher Beute beladen. Nach Verlauf eines Jahres fgte sich's, da
Wackermann einen Fehdebrief bekam von einem Ritter, den er beim Trunk
beleidigt hatte und der mit ihm anbinden wollte auf Tod und Leben. Er
rstete sich und seine Gewappneten fleiig zu, und als er im Begriff war
aufzusitzen und nach Gewohnheit von seiner Gemahlin sich verabschiedete,
forschte sie sorgsam nach seinem Vorhaben, drang in ihn wider
Gewohnheit, ihr zu sagen, gegen wen er ausziehe, und da er ihr diese
ungewhnliche Neubegier liebreich verwies, verhllte sie ihr Gesicht und
weinte bitterlich. Das ging dem edlen Ritter ans Herz, doch tat er
sich's nicht aus, sa auf und eilte zum Tummelplatz, traf mit seinem
Gegner hart zusammen, erlegte ihn nach einem wackern Rennen und kehrte
triumphierend heim.

Seine zchtige Hausfrau empfing ihn mit offenen Armen, liebkoste ihn
freundlich und lie nicht ab, mit glatten Worten und ser Schmeichelei
ihn auszuholen, was fr ein Abenteuer er bestanden habe. Er aber
verschlo flugs sein Herz, verwahrte alle Zugnge mit dem Riegel der
Unempfindsamkeit und offenbarte ihr nichts; vielmehr sprach er
spottweise: O Mutter Eva, deine Tchter sind noch nicht ausgeartet,
Neugier und Vorwitz ist der Weiber Erbteil bis auf diesen Tag. --
Verzeihet, lieber Gemahl, antwortete die kluge Frau, die Mnner haben
auch ihr bescheiden Teil aus Mutter Evens Erbschaft empfangen. Der
Unterschied ist nur, da eine gutmtige Frau fr ihren Mann kein
Geheimnis hat noch haben darf. Es stnde die Wette, wenn mein Herz Euch
was verhehlen knnte, da Ihr nicht ruhen noch rasten wrdet, bis Ihr
mir meine Heimlichkeit abgelockt httet. -- Und ich, versetzte er,
gebe Euch mein Wort, da mich Eure Heimlichkeit nichts kmmern wird; es
ist Euch vergnnt, die Probe zu machen. Da war's, wo Frau Mathilde
ihren Ehegemahl hinhaben wollte. Wohlan, sprach sie, lieber Herr, so
sei mir vergnnt, eine von den Gevattern zu erkiesen, die mein
neugebornes Kindlein aus der Taufe heben. Ich habe eine Freundin ins
Herz geschlossen, die Euch unbekannt ist; da ist nun mein Begehr, da
Ihr nie in mich dringen wollt, Euch zu sagen, wer sie sei, von wannen
sie kommt, noch wo sie hauset. Wann Ihr mir das bei Eurer ritterlichen
Ehre verheiet und Eurer Zusage Genge tut, will ich die Wette verloren
haben und frei bekennen, da der mnnliche Geist ber die weibliche
Schwachheit triumphiert. Wackermann leistete seiner Hausfrau das
Versprechen unweigerlich und sie erfreute sich des guten Erfolgs ihrer
schlauen List innigst.

[Illustration]

Wackermann ritt ganz wohlgemut zu seinen Nachbarn und Gefreunden, sie
zur Gevatterschaft zu laden. Sie fanden sich insgesamt an dem bestimmten
Tage ein, und da die Frau das Gerusch der Wagen, das Wiehern der Pferde
und das Getmmel des Hofgesindes vernahm, berief sie eine vertraute
Dirne zu sich und sprach: Nimm diesen Bachkiesel, wirf ihn
stillschweigend hinter dich in den Nixenbrunnen und spute dich
auszurichten, was dir befohlen ist. Die Dirne tat nach dem Befehl und
ehe sie wieder zurckkam, trat eine unbekannte Dame in das
Gesellschaftszimmer, neigte sich zchtig gegen die anwesenden Herren und
Frauen, und wie das Kindlein vorgetragen wurde und der Tufer zum Becken
trat, nahm sie ihre Stelle unter den Paten obenan. Jedermann machte ihr
ehrerbietig Platz als einer Fremden und sie hielt das Kind zuerst auf
dem Arm ber der Taufe. Aller Augen waren auf sie gerichtet. Sie war so
schn, so sittsam und dabei so herrlich gekleidet in ein fliegendes
Gewand von wasserblauer Seide und aufgeschlitzten rmeln, mit weiem
Atlas unterlegt; ber das war sie mit Juwelen und Perlenschmuck so
reichlich behangen, wie die heilige Jungfrau zu Loretto an einem
kirchlichen Galatage. Ein glnzender Saphir hielt den durchsichtigen
Schleier, der in dnnen Wolken von dem Wirbel des knstlich
geschlungenen Haares lngs den Schultern bis an die Fersen
herabschwebte; aber der Zipfel des Schleiers war na, als sei er durchs
Wasser gezogen.

Die unerwartete Erscheinung der fremden Dame hatte die smtliche
Mitgevatterschaft dergestalt in der Andacht gestrt, da sie vergaen,
dem Kinde einen Namen zu geben, darum taufte es der Priester Mathilde,
nach dem Namen der Mutter. Nach vollbrachter Taufhandlung wurde die
kleine Mathilde zu derselben zurckgebracht, und alle Paten folgten
nach, Glck zu wnschen und dem Patchen den Waschpfennig einzubinden.
Die Mutter schien bei dem Anblick der Unbekannten etwas betroffen,
vermutlich aus Verwunderung, da die Nixe so treulich Wort gehalten
hatte. Sie warf einen verstohlenen Blick auf ihren Gemahl, der mit einem
unausdeutbaren Lcheln antwortete und sich brigens das Ansehen gab, als
nehme er von der Fremden weiter keine Notiz. Das Patengeschenk gab jetzt
der Empfngerin andere Beschftigung, ein goldener Regen strmte aus
freigebigen Hnden auf den Tufling herab. Die Unbekannte nahte sich
zuletzt mit ihrer Patensteuer und tuschte die Erwartung aller
Mitgevattern. Sie vermuteten von der glanzreichen Dame ein Kleinod oder
einen Denkpfennig von groem Wert, besonders da sie ein seidenes
Taschentuch hervorzog und solches mit groer Bedchtlichkeit
voneinander schlug; aber Frau Pate hatte nichts drein gewickelt als
einen Bisamapfel aus Holz gedreht; sie legte diesen feierlich auf des
Kindes Wiege, kte die Mutter freundlich auf die Stirn und begab sich
aus dem Zimmer.

[Illustration]

ber dieses armselige Geschenk entstand ein heimliches Flstern unter
den Anwesenden, das bald in ein spttisches Gelchter ausbrach. Es
fehlte nicht an mancherlei boshaften Anmerkungen; da aber der Ritter und
seine Dame ein tiefes Stillschweigen beobachteten, so blieb den
Forschern und Schwtzerinnen nichts brig, als sich an leeren
Mutmaungen zu weiden. Die Unbekannte kam nicht wieder zum Vorschein,
und niemand wute zu sagen, wo sie hingeschwunden sei. Wackermann wurde
insgeheim allerdings von dem Verlangen geqult zu erforschen, wer die
Fremde gewesen sein mchte, die man, weil niemand ihren Namen wute, die
Dame mit dem nassen Schleier nannte; nur die Scheu, als ein mannlicher
Ritter einer Schwachheit sich schuldig zu machen und die
Unverbrchlichkeit seines gegebenen Wortes banden ihm die Zunge. Er
gedachte ihr das Geheimnis mit der Zeit dennoch abzulisten. Doch diesmal
irrte er in der Rechnung; Frau Mathilde wute ihre Zunge zu
beschwichtigen und bewahrte das unauflsliche Rtsel so sorgfltig im
Herzen, wie den Bisamapfel in ihrem Schatzkstlein.

[Illustration]

Ehe das Frulein dem Gngelbande entwuchs, wurde die Prophezeiung der
Nymphe an der guten Mutter erfllt; sie erkrankte pltzlich und starb,
ohne Zeit zu haben, an den Bisamapfel zu gedenken oder damit nach
Verfgung der Nixe zu gunsten der kleinen Mathilde zu verfahren. Ihr
Gemahl war eben abwesend, auf dem Turnier zu Augsburg und zog, mit einem
Ritterdank von Kaiser Friedrich gekrnt, wieder nach Hause. Wie der
Zwerg auf dem Turm seinen Herrn in der Ferne sah angeritten kommen,
stie er nach Gewohnheit ins Horn, dem Hofgesinde dessen Ankunft
kundzutun; aber er lie nicht wie sonst einen freudigen Ton erschallen,
sondern posaunte gar eine traurige Melodei. Das fuhr dem Ritter durchs
Herz und bekmmerte seine Seele. Was fr ein Schall, sprach er, gellt
mir ins Ohr? Hrt ihr's, ihr Knappen, ist das nicht Krhenruf und
Totensang? Kleinhnsel verkndet uns nichts Gutes. Und die Knappen
waren alle bestrzt, sahen ihren Herrn traurig an und einer unter ihnen
nahm das Wort und sprach: Das ist die Weise des Vogels Kreidewei, Gott
wende Unglck ab; 's ist eine Leiche im Hause! Da spornte Wackermann
seinen Hengst und ritt bers Blachfeld daher, da die Funken stoben. Die
Zugbrcke fiel, er sah gierig in den Schlohof und erblickte leider das
Leichenzeichen vor seiner Haustr ausgestellt, eine Laterne ohne Licht
mit einem wehenden Flor geschmckt, und alle Fensterlden verschlossen.
Dabei vernahm er von innen Schluchzen und Wehklagen des Gesindes, denn
Frau Mathilde war eben aufgebahrt. Zu Hupten des Sarges saen die
beiden grern Tchter, in Boy und Flor gehllt, und beweinten die
erbleichte Mutter mit zahllosen Trnen. Am Fue des Sarges sa die
kleine Lieblingstochter; noch unvermgend, ihren Verlust zu empfinden,
zerzupfte sie mit kindischer Gleichmtigkeit spielend die berbleibsel
der Blumen, womit die Leiche geschmckt war. Dieser wehmtige Anblick
berwltigte Wackermanns mnnliche Standhaftigkeit, er weinte und
jammerte laut, strzte ber den eiskalten Leichnam her, benetzte die
bleichen Wangen mit seinen Trnen, drckte mit zitterndem Munde die
erstorbenen Lippen und berlie sich ohne Scheu allen schmerzhaften
Gefhlen seines Herzens. Hernach hing er seine Waffen in die Rstkammer
auf, sa bedeckt mit einem abgekrempten Hut und einem schwarzen
Trauermantel beim Sarge, trug Leid um seine abgeschiedene Hausfrau und
erwies ihr die letzte Ehre durch ein feierliches Totengeprnge.

[Illustration]

Weil jedoch nach der Bemerkung eines groen Mannes die heftigsten
Schmerzen immer die krzesten sind, so verga der tiefgebeugte Witwer
bald seines Herzeleids und ersetzte darauf den erlittenen Verlust durch
eine zweite Gemahlin, die ganz das Gegenbild der frommen, sittsamen
Mathilde war. Das Hausregiment nahm folglich eine andere Gestalt an; die
junge Frau liebte Pracht und Verschwendung, gebrdete sich stolz und
gebieterisch gegen das Gesinde; des Schlemmens und Bankettierens war
kein Ende. Die kleine Mathilde kam unter Aufsicht einer Amme und wurde
in ein abgelegenes Stbchen versetzt, wo sie der eiteln Frau, die mit
Familiensorgen sich nicht gern befate, weit genug aus den Augen war.
Ihr verschwenderischer Aufwand mehrte sich also, da der Ertrag des
Faust- und Kolbenrechts, so unermdet der Ritter solchem oblag, nicht
mehr hinreichte, denselben zu bestreiten; sie sah sich oft gentigt, die
Verlassenschaft ihrer Vorweserin zu plndern, die reichen Stoffe zu
vermbeln oder Geld darauf zu leihen. Einstmals durchsuchte sie
Schubladen und Truhen, um etwas von Wert auszuwittern, da stie sie auf
ein geheimes Fach eines Putzschrankes und fand darin zu ihrer groen
Freude Frau Mathildens Schatzkstlein. Die funkelnden Juwelen der
Demantringe, Ohrenspangen, Armbnder, Schrzhaken und anderes Geschmeide
entzckten ihr gieriges Auge. Sie musterte alles genau durch, besah's
Stck fr Stck und berschlug in ihren Gedanken, welchen Gewinn dieser
herrliche Fund einbringen wrde. Unter diesen Kostbarkeiten fiel ihr
auch der hlzerne Bisamapfel in die Augen. Sie wute lange nicht, was
sie daraus machen sollte, sie versuchte es, ihn aufzuschrauben; aber er
war verquollen. Sie wog ihn in der Hand und befand ihn so leicht als
eine taube Nu; darum meinte sie, es sei irgend ein lediges
Ringfutteral, und weil sie damit nichts anzufangen wute, warf sie's als
ein Ding ohne allen Wert aus dem Fenster.

[Illustration]

Zuflligerweise sa die kleine Mathilde unten im Zwingergarten und
spielte mit ihrer Puppe. Wie sie die hlzerne Kugel auf dem Sande
daherrollen sah, warf sie die Puppe aus der Hand und griff mit
kindischer Begierde nach dem neuen Spielzeug, hatte auch ebensoviel
Freude ber diesen Fund als Mama an dem ihrigen. Sie ergtzte sich viele
Tage mit der Spielerei und lie sie nicht aus der Hand. An einem
schnen Sommertage lstete der Amme, mit ihrer Pflegetochter der
frischen Khlung am Felsenbrunnen zu genieen. Um Vesperzeit forderte
das Kind seine Honigsemmel, welche die Amme mitzunehmen vergessen hatte.
Sie hatte noch nicht Lust zurckzukehren; um nun die Kleine bei Gutem zu
erhalten, ging sie ins Gebsch, ihr eine Handvoll Himbeeren zu pflcken.
Das Kind spielte indes mit dem Bisamapfel, warf ihn hin und her wie
einen Fangeball, bis ein Wurf milang und die kindische Freude in
eigentlichem Verstande in den Brunnen fiel. Augenblicks stund eine junge
Dame da, schn wie ein Engel und freundlich wie eine Grazie. Das Kind,
bestrzt darber, glaubte ihre Stiefmutter vor sich zu sehen, die sie
immer schalt und schlug, wenn sie ihr unter die Augen kam. Die Nymphe
aber liebkoste ihr mit sanften Worten: Frchte nichts, liebe Kleine,
ich bin deine Pate, komm zu mir. Sieh, hier ist dein Spielzeug, das in
den Brunnen fiel. Dadurch lockte sie das Kind zu sich, nahm's auf den
Scho, drckte es zrtlich an den Busen, herzte und kte die kleine
Mathilde und benetzte ihr Angesicht mit Trnen. Arme Verwaiste,
sprach sie, ich hab's versprochen, Mutterstelle bei dir zu vertreten,
ich will's auch halten. Besuche mich oft, du wirst mich stets an dieser
Grotte finden, wenn du einen Stein in den Brunnen fallen lssest.
Bewahre diesen Bisamapfel sorgfltig und spiele nicht wieder damit, da
du ihn nicht verlierst, er wird dir einst drei Wnsche gewhren. Wenn du
heranwchst, will ich dir mehr sagen, jetzt kannst du's nicht fassen.
Sie gab ihr noch manche gute Vermahnung, die sich fr des Kindes Alter
schickte, und gebot ihr Stillschweigen; die Amme kam zurck und die
Nymphe verschwand.

[Illustration]

Die kleine Mathilde hatte so viel Besonnenheit, gegen die Amme nichts
von Frau Paten zu erwhnen, forderte bei ihrer Zuhausekunft Nhnadel und
Zwirn und vernhte damit sorgfltig den Bisamapfel in das Unterfutter
des Kleides. Ihr Sinn und Gedanken stunden nur nach dem Nixenbrunnen; so
oft es die Witterung erlaubte, schlug sie der Aufseherin einen
Spaziergang dahin vor, und weil diese dem schmeichelhaften Mdchen
nichts abschlagen konnte und diese Neigung ihr angeboren schien, indem
die Grotte der Lieblingsaufenthalt der Mutter gewesen war, gewhrte sie
der Kleinen diesen Wunsch desto leichter. Da wute diese nun immer einen
Vorwand zu finden, die Amme wegzuschicken, und sobald sie den Rcken
wendete, fiel der Stein ins Wasser und verschaffte dem klugen Mdchen
die Gesellschaft ihrer liebreizenden Pate. Nach einigen Jahren blhte
die kleine Waise zum jungfrulichen Alter heran; sie lebte unter dem
Gesinde versteckt, sa auf ihrer Kammer, beschftigte sich mit
huslicher Arbeit und fand nach vollendetem Tagewerke zur Abendzeit
reichen Ersatz fr die rauschenden Freuden, die sie entbehrte, in der
Gesellschaft der Nymphe am Brunnen. Diese war nicht nur ihre
Gesellschafterin und Freundin, sie war auch ihre Lehrmeisterin,
unterrichtete das Frulein in allen weiblichen Kunstfertigkeiten und
bildete sie ganz nach dem Beispiel ihrer tugendhaften Mutter.

[Illustration]

Eines Tages schien die Nymphe ihre Zrtlichkeit gegen die reizvolle
Mathilde zu verdoppeln; sie schlo sie in die Arme, lie das Haupt auf
ihre Schultern sinken und war so wehmutsvoll und traurig, da das
Frulein mit ihr einstimmte und sich nicht enthalten konnte, einige
Trnen auf die Hand ihrer Pate fallen zu lassen, die sie eben schweigend
an die Lippen drckte. Durch diese sanfte Mitempfindung wurde die Nymphe
noch wehmtiger; Kind, sprach sie mit trauriger Stimme, du weinst und
weit nicht warum; aber deine Trnen sind Vorgefhle deines Schicksals.
Dem Hause auf dem Berge steht eine groe Vernderung bevor; ehe der
Schnitter die Sense dengelt und der Wind ber die Stoppeln des
Weizenfeldes weht, wird's de und wst stehen. Wenn die Schlodirnen in
der Abenddmmerung herausgehen, des Wassers aus meinem Brunnen zu
schpfen und mit ledigem Eimer zurckkehren, so gedenke, da Unglck
kommt. Wahre den Bisamapfel, der dir drei Wnsche gewhren wird, und
gehe nicht verschwenderisch mit deinen Wnschen um! Gehab dich wohl, an
dieser Sttte sehen wir uns nicht wieder. Drauf lehrte sie dem
Frulein noch einige magische Eigenschaften des Apfels, um sich
derselben im Notfall zu bedienen, weinte und schluchzte beim
Hinscheiden, da ihr die Worte versagten und lie sich nicht mehr sehen.

[Illustration]

Um die Zeit der Weizenernte kamen eines Abends die Wassertrgerinnen mit
ledigen Krgen ins Schlo zurck, bleich und erschrocken, zitterten an
allen Gliedern, als schttle sie der Frost des Wechselfiebers,
verkndeten, die weie Frau sitze am Brunnen mit trauriger Gebrdung des
Hnderingens und Wehklagens, welches nichts Gutes bedeute. Des hatten
die Kriegsleute und Waffentrger ihren Spott, meinten, es sei Tuschung
und Weibergeschwtz. Einige trieb die Neugier hinaus, Grund und Ungrund
der Sache zu erforschen; sie sahen dieselbe Erscheinung, faten sich
dennoch ein Herz und gingen zum Brunnen. Wie sie hinkamen, war das
Gesicht verschwunden, und da gab's mancherlei Glossen und Auslegungen
darber; keiner riet jedoch auf die wahre Deutung, welche Frulein
Mathilde allein wute, ob sie es gleich nicht laut werden lie; denn die
Nymphe hatte ihr Stillschweigen geboten. Sie sa einsam und trbsinnig
auf ihrer Kammer unter Furcht und Erwartung der Dinge, die da kommen
sollten.

Wackermann Uhlfinger konnte seiner verschwenderischen Hausfrau nicht
satt rauben und plndern, und wenn er nicht auf Wegelagerung ausging,
bereitete sie ihm tagtglich ein Wohlleben, berief seine Zechbrder
zusammen, unterhielt ihn im Taumel der Lust und lie ihn nie daraus wach
werden, um den Verfall seines Hauswesens wahrzunehmen. Wenn's an
Barschaft oder Lebensmitteln gebrach, so gaben Jakob Fuggers Lastwagen
oder der Venediger reiche Speditionen immer neue Ausbeute. Dieser
Plackereien mde, beschlo der Generalkongre des Schwbischen Bundes,
weil Abmahnungen und Warnungen nichts fruchteten, Uhlfingers Untergang.
Ehe er dachte, da es so ernstlich gemeint sei, wehten die stdtischen
Bundesfahnen vor dem Tor seiner Bergfeste, und es blieb ihm nichts
brig, als der Entschlu, sein Leben teuer genug zu verkaufen. Die
Bombarden und Donnerbchsen erschtterten die Basteien und die
Armbrustschtzen taten auf beiden Seiten ihr Bestes; es hagelte Bolzen
und Pfeile und einer davon, in einer unglcklichen Stunde abgedrckt, wo
Wackermanns Schutzgeist von ihm gewichen war, fuhr durchs Visier seines
Helms ihm tief ins Hirn, da er alsbald im kalten Todesschlummer
dahintaumelte. Durch den Fall des Bannerherrn geriet das Kriegsvolk in
groe Bestrzung; einige Feigherzige steckten die weie Fahne aus, die
Mutigen rissen sie wieder herab vom Turm. Daraus merkte der Feind, da
innerhalb der Burg Unordnung und Verwirrung herrsche; die Belagerer
liefen Sturm, berstiegen die Mauern, gewannen das Tor, lieen die
Zugbrcke herab und schlugen alles mit der Schrfe des Schwertes, was
ihnen vorkam. Selbst die Unglcksstifterin, das verschwenderische Weib,
wurde mit all ihren Kindern von dem wtigen Kriegsvolke erschlagen, das
gegen den ruberischen Adel so erbittert war, als nachher die Aufrhrer
im schwbischen Bauernkriege. Das Schlo wurde rein ausgeplndert, in
Brand gesteckt und der Erde gleichgemacht.

[Illustration]

Whrend des kriegerischen Tumults hielt sich Frulein Mathilde im
Dachstbchen ganz ruhig und hatte die Tr verschlossen. Als sie aber
merkte, da drauen alles bunt ber ging und Schlo und Riegel ihr keine
Sicherheit weiter geben wrde, warf sie ihren Schleier ber, drehte
den Bisamapfel dreimal in der Hand und trat khnlich heraus, nachdem sie
das Sprchlein ausgesprochen, welches ihr die Nixe gelehrt hatte:

    Hinter mir Nacht, vor mir Tag,
    Da mich niemand sehen mag;

und so wandelte sie unbemerkt mitten durch das feindliche Kriegsvolk aus
der vterlichen Burg, wiewohl mit hochbetrbtem Herzen und ohne zu
wissen, wohin sie ihren Weg nehmen sollte. Solange ihre zarten Fe ihr
nicht den Dienst versagten, eilte sie, von dem Schauplatz des Greuels
und der Verwstung sich zu entfernen, bis sie, von Nacht und Mdigkeit
befallen, unter einem wilden Birnbaum im freien Felde zu herbergen
beschlo. Sie setzte sich auf den khlen Rasen und lie den Trnen
freien Lauf.

[Illustration]

Noch einmal schaute sie nach der Gegend um und wollte sie segnen, wo sie
die Jahre der Kindheit verlebt hatte; wie sie die Augen aufhob, sah sie
ein blutrotes Feuerzeichen am Himmel stehen, woraus sie urteilte, da
das Stammhaus ihrer Voreltern ein Raub der Flammen worden sei. Sie
wendete ihre Augen von diesem grausenvollen Anblick weg und wnschte mit
Sehnsucht, da die funkelnden Sterne erbleichen und die Morgenrte aus
Osten hervorschimmern mchte.

[Illustration]

Ehe es noch tagte und der Morgentau auf dem Grase sich in kleine Tropfen
sammelte, setzte sie die ungewisse Pilgerreise fort und gelangte bald in
ein Dorf, wo sie von einer gutherzigen Buerin aufgenommen und mit
einem Bissen Brot und einer Schale Milch erquickt wurde. Von dieser Frau
tauschte sie buerische Kleider und gesellte sich zu einer Karawane
Frachtfhrer, die sie gen Augsburg geleiteten. In diesem trbseligen,
verlassenen Zustande blieb ihr keine Wahl, als sich fr ein
Dienstmdchen zu vermieten; weil's aber auer der Zeit war, konnte sie
lange keine Herrschaft finden.

Graf Konrad von Schwabeck, ein deutscher Kreuzherr, auch Kastenvogt und
Schirmherr des Bistums Augsburg, besa daselbst einen Komterhof, wo er
sich im Winter aufzuhalten pflegte. In seiner Abwesenheit wohnte eine
Schlieerin darin, Frau Gertrud genannt, die das Hauswesen regierte.
Diese Frau war in der ganzen Stadt fr eine Megre ausgeschrien; kein
Gesinde konnt's bei ihr aushalten, sie lrmte und tobte im Hause umher
wie ein Poltergeist. Das Rasseln ihrer Schlsseln frchteten die Dirnen,
wie die Kinder den Ruprecht; das kleinste Versehen oder auch nur ihre
bsen Launen muten Kpfe und Tpfe entgelten; kurz, wenn man ein bses
Weib beschreiben wollte, so hie es, sie sei so arg als Frau Trude im
Komterhofe. Eines Tages hatte sie das Strafamt so gewaltsam ausgebt,
da alles Gesinde entlief; da kam die sanfte Mathilde und bot ihre
Dienste an. Um ihren edlen Wuchs zu verhehlen, hatte sie eine Schulter
gepolstert, als sei sie verwachsen; ihr blondes, seidenes Haar verbarg
ein breites Kopftuch; Angesicht und Hnde hatte sie mit Ru bestrichen,
um eine zigeunermige Haut dadurch zu erknsteln. Wie sie sich
anmeldete und die Schelle an der Tr zog, steckte Frau Gertrud den Kopf
aus dem Fenster; da sie nun die seltsame Figur gewahr wurde, meinte sie,
es sei eine Bettlerin und rief herab: Hier ist kein Almosenamt, geht in
die Fuggerei, dort spendet man Heller aus! und schlug das Fenster
hastig zu. Frulein Mathilde lie sich dadurch nicht abschrecken, sie
schellte so lange, bis die Ausgeberin in der Absicht wieder zum
Vorschein kam, diese Zudringlichkeit mit einer Lage Scheltworten zu
erwidern. Ehe sie aber ihren zahnlosen Mund erffnete, verstndigte sie
das Frulein, was ihr Begehr sei. Wer bist du, fragte Gertrud, und
was kannst du? Die verstellte Dirne antwortete:

    Ich bin eine Waise,
    Mathilde ich heie,
    Kann pltten,
    Kann gltten,
    Kann nhen und spinnen,
    Auch sticken
    Und stricken,
    Kann hacken und pochen,
    Auch braten und kochen,
    Bin kunstreicher Hand
    Und flink und gewandt.

[Illustration]

Als die Wirtschafterin dieses Sprchlein hrte und vernahm, da das
nubraune Mdchen so viel gute Talente besa, tat sie die Tr auf, gab
ihr den Mietgroschen und nahm sie in die Kche. Sie stand ihren
Geschften so treulich vor, da Frau Gertrud ganz aus der bung kam,
Tpfe nach dem Ziel zu werfen. Ob sie gleich immer streng und mrrisch
blieb, alles tadelte und besser wissen wollte, so hielt ihr doch das
Dienstmdchen nie Widerpart und wehrte durch Sanftmut und Duldung den
Ergieungen ihrer schwarzen Galle ab. Sie wurde leidlicher und besser
als seit vielen Jahren, zum Beweis, da fromm Gesinde auch gut Regiment,
gut Wetter, fromme und getreue Oberherren macht.

Um die Zeit des ersten Schnees lie die Hausmutter das ganze Haus fegen
und reinigen, die Fenster waschen, Vorhnge aufziehen und alles zum
Empfang ihres Herrn zubereiten, der, mit dem bunten Gefolge seiner
Diener umgeben, nebst einem groen Schwall von Pferden und Jagdhunden zu
Winters Anfang eintraf. Mathilde kmmerte sich wenig um die Ankunft des
Kreuzherrn; ihre Kchenarbeit hatte sich so gemehrt, da sie sich nicht
Zeit nahm, nach ihm auszusehen. Zuflligerweise begegnete er ihr, indem
sie eines Morgens Wasser schpfte, auf dem Hofe. Sein glnzendes Auge,
die heitere Miene, das Geprge des Wohlbehagens und berflusses, das
wellenfrmige, leicht gelockte Haar, das sich halb unter die
beschattenden Straufedern des mnnlich ins Gesicht gedrckten Hutes
versteckte, der feste Gang und edle Anstand des Mannes gefielen ihr gar
wohl. Zum erstenmal empfand sie jetzt den groen Abstand des Standes, in
welchen ein unglcklich Verhngnis sie versetzt hatte von dem, in
welchem sie geboren war, und diese Empfindung drckte sie mehr als der
schwere Wassereimer. Sie ging tiefsinnig in die Kche zurck und
versalzte zum erstenmal alle Brhen, welches ihr von der Wirtschafterin
einen harten Verweis zuzog.

Graf Konrad schien blo fr das Vergngen zu leben; er verabsumte keine
Lustbarkeit und kein Freudengelag' in der reichen Stadt, die der Verkehr
mit den Venedigern ppig gemacht hatte. Bald gab es ein Ringelrennen,
bald ein Stechen auf der Rennbahn, bald ein Ratswechsel oder sonst eine
glnzende Feierlichkeit; auch fehlte es nicht an ffentlichen
Reihentnzen auf dem Rathause oder auf dem Markte und durch alle
Straen, wo die Edelleute den Brgerstchtern goldene Fingerreife und
seidene Tcher verehrten und gute Schwnke trieben. Als die
Fastnachtsmummereien begannen, schien der Freudentaumel aufs hchste
gestiegen zu sein. Frulein Mathilde hatte an dem allen keinen Teil, sa
in der rauchenden Kche und weinte schier die schmachtenden Augen wund,
klagte ber den Eigensinn des Glcks, das seine Gnstlinge mit den
Freuden des Lebens stromweise berschttet und dem Unbegnstigten jeden
frohen Augenblick abgeizet.

Sie hatte den Bisamapfel der Pate Nixe, der ihr drei Wnsche gewhren
sollte, noch im Besitz. Nie hatte sie Verlangen getragen, ihn zu ffnen
und sein inneres Talent zu erproben; jetzt kam ihr ein, den ersten
Versuch damit zu machen. Die Augsburger hatten bei Prinz Maxens Geburt
Kaiser Friedrichen zu Ehren ein herrlich Bankett angestellt, das drei
Tage dauern sollte, zu welchem sie viel Prlaten, Grafen und Herren aus
der Nachbarschaft eingeladen hatten. Dabei wurde jeden Tag um einen
ausgesetzten Preis gestochen, und zur Abendzeit wurden die schnsten
Jungfrauen zu Rathaus aufgeholt, um mit der edlen Ritterschaft zu
tanzen, und das dauerte bis an den lichten Morgen. Ritter Konrad
ermangelte nicht, diesem Feste beizuwohnen.

Mathilde hatte den Entschlu gefat, bei dieser Gelegenheit ein
Abenteuer zu bestehen. Nachdem sie die Kche beschickt hatte und alles
im Hause ruhig war, ging sie auf ihre Kammer, wusch mit feiner Seife die
ruige Schminke von der Haut und lie Lilien und Rosen darauf
hervorblhen. Hernach nahm sie den Bisamapfel zur Hand und wnschte sich
ein neues Kleid, so herrlich und prchtig es nur sein knnte, mit allem
Zubehr. Sie ffnete den Deckel, da quoll hervor ein Stck seidenen
Stoffs, das dehnte und breitete sich und rauschte wie ein Wasserstrom
herab auf ihren Scho; und als sie's recht besah, war's ein vlliger
Anzug mit allem dazugehrigen kleinen Putz, und das Kleid pate ihr auf
den Leib wie angegossen. Darber empfand sie innige Herzensfreude,
drehte den magischen Apfel dreimal in der Hand herum und sprach:

    Die Augen zu,
    Bleibt alle in Ruh'!

Alsbald fiel ein tiefer Schlaf auf das gesamte Hausgesinde, von der
wachsamen Wirtschafterin an bis auf den Trhter. Husch war Frulein
Mathilde zur Tr hinaus, wandelte ungesehen durch die Straen und trat
mit dem Anstande einer Grazie in den Tanzsaal ein. Es wunderte sich
mnniglich ber die Gestalt der holdseligen Jungfrau, und auf dem hohen
Sller, der rings um den Saal lief, entstund ein flsterndes Gerusch,
wie wenn der Prediger auf der Kanzel Amen sagt. Einige bewunderten an
der Unbekannten die Schnheit der Gestalt, andere den Geschmack der
Kleidung, noch andere verlangten zu wissen, wer sie sei und von wannen
sie kme, wiewohl kein Seitennachbar dem andern ber diese Frage
Auskunft geben konnte.

Unter den edlen Rittern und Herren, die sich herzudrngten, die fremde
Jungfrau zu beugeln, war der Kreuzherr nicht der letzte. Er nahte sich
ihr und zog sie zum Tanze auf; sie bot ihm bescheiden die Hand und
tanzte zur Bewunderung schn. Ihr leichter Fu schien kaum die Erde zu
berhren; die Bewegung des Krpers aber war so edel und ungezwungen, da
sie jedes Auge entzckte. Ritter Konrad kam ihr nicht mehr von der Seite
und sagte ihr viel Schnes vor; es lag ihm sehr daran zu wissen, wer die
Unbekannte sei und wo sie hause, um sie zu verfolgen. Doch hier war
alles Forschen vergebens; sie wich allen Fragen aus, und mit vieler Mhe
erhielt er nur von ihr die Zusage, den folgenden Tag nochmals den Tanz
zu besuchen. Er gedachte sie zu berlisten, wenn sie allenfalls nicht
Wort halten sollte, und stellte alle Bedienten auf die Lauer, ihre
Wohnung auszukundschaften, denn er hielt sie fr eine Augsburgerin; die
Tanzgesellschaft aber meinte, sie gehrte zur Freundschaft des Grafen.

Der Morgen war schon angebrochen, ehe sie Gelegenheit fand, dem Ritter
zu entwischen und den Tanzplatz zu verlassen. Sobald sie aus dem Saal
trat, drehte sie den Bisamapfel dreimal in der Hand um und sagte dazu
ihr Sprchlein:

    Hinter mir Nacht, vor mir Tag,
    Da mich niemand sehen mag;

und so gelangte sie in ihre Kammer, ohne da die Dmmerungsvgel des
Grafen, die in allen Straen auf- und abflatterten, sie wahrnahmen. Bei
ihrer Zuhausekunft schlo sie das seidene Kleid in die Lade, zog wieder
die schmutzigen Kchenkleider an und gab sich an ihr Geschft, war
frher auf als das brige Gesinde, welches Frau Gertrude mit dem Bund
Schlssel aus den Betten klingelte, und erntete von der Wirtschafterin
ein kleines Lob.

Noch nie war dem Ritter ein Tag so lang worden als der nach dem Ball;
jede Stunde dnkte ihn ein Jahr. Um Vesperzeit rstete er sich zum Ball,
kleidete sich sorgfltiger als tags vorher, und die drei goldenen Ringe,
das alte Abzeichen des Adels, funkelten diesmal mit Diamanten besetzt am
Saume seiner Halskrause. Er war der erste auf dem Tummelplatze der
Freude, musterte alle Kommenden mit dem Scharfblick des Adlerauges und
harrte mit Ungeduld der Erscheinung seiner Ballknigin entgegen. Der
Abendstern war schon hoch am Horizont heraufgerckt, ehe das Frulein
Zeit gewann, auf ihre Kammer zu gehen. Sie wnschte sich ein anderes
Kleid, von Rosaatlas nebst einem Juwelenschmuck, so schn und prchtig,
als ihn die Knigstchter zu tragen pflegen. Der gutwillige Bisamapfel
gab her, was in seinem Vermgen war, und der Anzug bertraf ihre eigene
Erwartung. Sie machte wohlgemut ihre Toilette, und mit Hilfe des
Talismans gelangte sie, von keinem sterblichen Auge bemerkt, dahin, wo
sie so sehnlich erwartet wurde. Sie war schner als tags vorher, und da
sie der Kreuzherr erblickte, zog er sie wieder zum Tanze auf und alle
Partien traten ab, das herrliche Paar walzen zu sehen.

[Illustration]

Nach vollendetem Tanze fhrte Graf Konrad die ermdete Tnzerin unter
dem Vorwand, Erfrischung zu suchen, in ein Seitengemach, sagte ihr in
der Sprache eines feinen Hofmannes wie tags zuvor viel Schmeichelhaftes,
wie ein Freier zu reden pflegt, der um eine Braut wirbt. Das Frulein
hrte mit verschmter Freude den Ritter an, dann redete sie gar
zchtiglich also: Was Ihr mir, edler Ritter, heute und gestern
vorgesagt habt, gefllt meinem Herzen wohl; denn ich glaube nicht, da
Ihr mit trglichen Worten zu mir redet. Aber wie kann ich Eure Gemahlin
werden, da Ihr ein Kreuzherr seid und das Gelbde getan habt, ehelos zu
bleiben Euer Leben lang? Der Ritter antwortete ernsthaft und bieder:
Ihr redet als eine tugendliche und kluge Jungfrau, darum will ich auf
Eure ehrliche Frage Euch jetzt Bescheid geben und Euren Zweifel lsen.
Zur Zeit, als ich in den Kreuzorden aufgenommen wurde, war mein Bruder
Wilhelm, der Stammerbe, noch am Leben; seit der aber erbleicht ist, habe
ich Dispensation erlangt, als der Letzte meines Stammes ehelich zu
werden und dem Orden zu entsagen, so mir's gefllt. Ich vertraue fest
darauf, da Ihr und keine andere vom Himmel mir zum ehelichen Gemahl
beschieden seid. So Ihr mir nun Eure Hand nicht weigert, soll unser
Bndnis nichts scheiden als der bittere Tod. -- Bedenket Euch wohl,
versetzte Mathilde, da Euch nicht die Reue ankomme; vorgetan und
nachbedacht, hat in die Welt viel Unheil bracht. Ich bin Euch fremd, Ihr
wisset nicht, wes Standes und Wrden ich sei, ob ich Euch an Geburt und
Vermgen gleiche, oder ob ein erborgter Schimmer nur Eure Augen blendet.
Einem Manne Eures Standes steht an, nichts leichtsinnig zu verheien,
aber auch seine Zusage nach Adelsbrauch unverbrchlich zu erfllen.
Ritter Konrad ergriff hastig ihre Hand, drckte sie fest ans Herz und
sprach mit warmer Liebe: Das verspreche ich bei Seel' und Seligkeit!
Wenn Ihr, fuhr er fort, des geringsten Mannes Kind wret, so will ich
Euch ehrlich halten als mein Gemahl und Euch zu hohen Ehren bringen.
Drauf zog er einen Demantring von groem Werte vom Finger, gab ihr den
zum Pfand der Treue an ihre Hand und sprach weiter: Damit Ihr kein
Mitrauen in meine Zusage setzet, so lade ich Euch ber drei Tage in
mein Haus, wo ich meine Freunde des Prlaten- und Herrenstandes, auch
andere ehrenfeste Mnner bescheiden will, unserer Ehestiftung
beizuwohnen. Mathilde weigerte sich des aus allen Krften, weil sie die
Beharrlichkeit seiner Gesinnungen zuvor erst prfen wollte. Er lie sich
gleichwohl nicht abwendig machen, ihre Einwilligung zu begehren, und sie
sagte weder ja noch nein dazu. Wie tags zuvor, schied die Gesellschaft
bei Anbruch der Morgenrte auseinander, Mathilde verschwand, und der
Ritter, dem kein Schlaf in die Augen kam, berief in aller Frhe die
wache Wirtschafterin und gab ihr Befehl zur Zurichtung eines prchtigen
Gastmahls.

[Illustration]

[Illustration]

[Illustration]

Wie Freund Hein, das Furchtgerippe mit der Sense, Palste und
Strohhtten durchwandert und alles, was ihm begegnet, unerbittlich mht
und wrgt, so durchzog am Vorabend des Gastmahls Frau Gertrud, die
unerbittliche Faust mit dem Schlachtmesser bewaffnet, Hhner- und
Entenstlle und trug als die Parze des Hausgeflgels Leben und Tod in
ihrer Hand. Von ihrem blanken Wrgestahl fielen die unbesorgten Bewohner
bei Dutzenden, schlugen zum letztenmal ngstlich die Flgel, und Hhner
und Tauben und dmische Kapaunen bluteten neben dem verbuhlten Puterhahn
ihr Leben aus. Frulein Mathilde bekam so viel zu rupfen, zu brhen und
aufzuzumen, da sie die ganze Nacht den goldenen Schlaf entbehren
mute; doch achtete sie all der Mhe nicht, weil sie wute, da der
Hochschmaus um ihrentwillen angerichtet wurde. Das Gastmahl begann, der
frhliche Wirt flog den Kommenden entgegen, und wenn der Trhter
schellte, whnte er immer, die unbekannte Braut sei an der Tr; wurde
sie aber geffnet, so trat ein Prlat, eine feierliche Matrone oder ein
ehrwrdig Amtsgesicht herein. Die Gste waren lange beisammen und der
Truchse zgerte gleichwohl, die Speisen aufzutragen. Ritter Konrad
harrte noch immer auf die schne Braut; als sie aber zu lange weilte,
winkte er dem Truchse mit geheimem Verdru, die Tafel zu beschicken.
Man setzte sich und befand, da ein Gedeck zu viel war; niemand aber
konnte erraten, wer die Einladung des Gastgebotes verschmht hatte. Von
Augenblick zu Augenblick verminderte sich die Frhlichkeit des
Gastgebers sichtbar, es war nicht mehr in seiner Gewalt, den Trbsinn
von seiner Stirn zu bannen, so sehr er sich auch angelegen sein lie,
durch erzwungene Heiterkeit die Gste bei Laune zu erhalten. Sauerteig
suerte gar bald den Steig der geselligen Freude, drum ging es im
Tafelgemache bald so still und ernsthaft her wie bei einem Leichenessen.
Die Geigen, die abends zum Tanz aufspielen sollten, wurden
fortgeschickt, und so endete diesmal das Fest im Komterhof ohne Sang und
Klang.

Die mimutigen Gste verloren sich frher als gewhnlich und den Ritter
verlangte nach der Einsamkeit seines Gemachs. Er warf sich auf dem Bette
unruhig hin und her und konnte mit seinen Sinnen nicht ausdenken, welche
Deutung er der milungenen Hoffnung geben sollte. Der Morgen kam, ehe er
ein Auge geschlossen hatte, die Diener traten herein, fanden ihren Herrn
mit wilden Phantasien kmpfen, dem Anschein nach von einem heftigen
Fieber befallen. Darber geriet das ganze Haus in Bestrzung, die rzte
rennten treppauf, treppnieder, schrieben ellenlange Rezepte, und in der
Apotheke waren alle Mrser im Gange, als ob sie zur Frhmetten luten
sollten.

Sieben Tage lang hatte sich Graf Konrad so durch geheimen Kummer
abgezehrt, da die Rosen seiner Wangen dahinwelkten, das Feuer der Augen
verlosch und Leben und Odem ihm nur noch zwischen den Lippen schwebte
wie ein leichter Morgennebel im Tal, der auf den kleinsten Windsto
wartet, ihn ganz zu verwehen. Frulein Mathilde hatte genaue Kundschaft
von allem, was im Hause vorging. Es war nicht Eigensinn, da sie die
Einladung nicht angenommen hatte. Teils wollte sie die Standhaftigkeit
des Ritters prfen, teils fand sie Bedenken, dem Bisamapfel den letzten
Wunsch abzuntigen; denn als Braut meinte sie, zieme ihr ein neuer
Anzug, und Frau Pate hatte ihr empfohlen, mit ihren Wnschen rtlich
umzugehen. Indessen war ihr am Tage des Gastmahls gar weh ums Herz, sie
setzte sich in einen Winkel und weinte bitterlich. Die Krankheit des
Ritters beunruhigte sie noch mehr, und wie sie die Gefahr vernahm, in
welcher er sich befand, war sie untrstbar.

[Illustration]

Der siebente Tag sollte nach dem Spruch der rzte Leben oder Tod
entscheiden. Mathilde ging ihrer Gewohnheit nach bei frhem Morgen zur
Wirtschafterin, mit ihr ber den Kchenzettel Rat zu halten; aber Frau
Gertrud war so auer der Fassung, da sie sich auf die gemeinsten Dinge
nicht besinnen, noch die Wahl der Speisen ordnen konnte; groe Trnen
wie die Tropfen einer Dachtraufe rollten ber die ledernen Wangen: Ach
Mathilde! schluchzte sie, wir werden hier bald ausgewirtschaftet
haben, unser guter Herr wird den Tag nicht berleben. Das war eine gar
traurige Botschaft! das Frulein gedachte umzusinken vor Schrecken; doch
fate sie bald wieder Mut und sprach: Verzaget nicht an dem Leben
unsers Herrn, er wird nicht sterben, sondern gesund werden; ich habe
heut' nacht einen guten Traum gehabt. Die Alte war ein lebendiges
Traumbuch, machte Jagd auf jeden Traum des Hausgesindes, und wo sie
einen habhaft werden konnte, legte sie ihn immer so aus, da die
Erfllung bei ihr stund; denn die anmutigsten Trume zielten bei ihr auf
Hader, Zank und Scheltworte. Sag an deinen Traum, sprach sie, da ich
ihn ausdeute. Mir war, gegenredete Mathilde, als sei ich noch daheim
bei meinem Mtterlein; die nahm mich beiseits und lehrte mich das
Spplein von neunerlei Krutern kochen; das hilft fr alle Krankheit,
so jemand nur drei Lffel davon geniet. 'Bereite dies deinem Herrn,'
sprach sie, 'und er wird nicht sterben, sondern von Stund' an gesund
werden.' Frau Gertrud verwunderte sich hchlich ber diesen Traum,
enthielt sich diesmals aller sinnbildlichen Deutung: Dein Traum ist
sonderbar, sprach sie, und nicht von ungefhr. Richte flugs dein
Spplein zu zum Frhstck, ich will sehen, ob ich's ber unsern Herrn
vermag, da er davon geniet. Ritter Konrad lag im stillen Hinbrten,
matt und kraftlos, schickte sich zu seiner Heimfahrt und begehrte, das
Sakrament der letzten lung zu empfahen; da trat Frau Gertrud zu ihm
hin, ri ihn durch ihre gelufige Zunge aus der Betrachtung der vier
letzten Dinge und qulte ihn mit gutgemeinter Geschwtzigkeit dermaen,
da er, um ihrer los zu werden, verhie, was sie begehrte. Indessen
bereitete Mathilde eine herrliche Kraftbrhe, tat darein allerlei
Kchenkruter und kstliche Wrze, und als sie anrichtete, legte sie den
Demantring, welchen ihr der Ritter zum Pfande der Treue gegeben hatte,
in die Schale und hie den Diener auftragen.

[Illustration]

[Illustration]

Der Kranke frchtete die laute Beredsamkeit der Wirtschafterin, die ihm
noch in den Ohren gellte, so sehr, da er sich zwang, einen Lffel Suppe
zu nehmen. Als er zu Boden fuhr, bemerkte er einen Krper, den er
herausfischte und zu seinem Erstaunen den Demantring fand. Sogleich
glnzte sein Auge wieder voll Leben und Jugendfeuer und er leerte mit
sichtbarer Elust die ganze Schale aus, zu groer Freude der Frau
Gertrud und des aufwartenden Gesindes. Alle schrieben der Suppe die
auerordentliche Heilkraft zu, den Ring hatte der Ritter keinen der
Umstehenden bemerken lassen. Drauf wendete er sich zu Frau Gertrud und
sprach: Wer hat diese Kost zugerichtet, die mir wohltut, meine Krfte
belebt und mich wieder ins Leben ruft? Die sorgsame Alte wnschte, da
der auflebende Kranke sich jetzt ruhig halten und nicht zu viel sprechen
mchte, darum sprach sie: Lat Euch nicht kmmern, gestrenger Junker,
wer das Spplein zugerichtet hat; wohl Euch und uns, da es die heilsame
Wirkung hervorgebracht hat, die wir davon hofften. Durch diese Antwort
geschah aber dem Ritter kein Gengen; er bestund mit Ernst auf der
Beantwortung seiner Frage, auf welche die Ausgeberin diesen Bescheid
gab: Es dienet eine junge Dirne in der Kche, genannt die Zigeunerin,
aller Krfte der Kruter und Pflanzen kundig, die hat das Spplein
zugerichtet, das Euch so wohl tut. -- Fhrt sie alsbald zu mir, sagte
der Ritter, da ich ihr danke fr diese Panazee des Lebens. --
Verzeihet, erwiderte die Haushlterin, ihr Anblick wrde Euch Unlust
machen; sie gleicht an Gestalt einer Schleiereule, hat einen Hcker auf
dem Rcken, ist mit schmutzigen Kleidern angetan und ihr Angesicht und
Hnde sind mit Ru und Asche bedeckt. -- Tut nach meinem Befehl,
beschlo der Graf, und zgert keinen Augenblick. Frau Gertrud
gehorchte, berief eilig Mathilden aus der Kche zu sich, warf ihr ein
Regentuch ber, das sie zu tragen pflegte, wenn sie zur Messe ging und
fhrte sie in diesem Aufputz in das Krankenzimmer ein. Der Ritter
begehrte, da sich jedermann entfernen sollte, und als er die Tr hatte
heien zutun, sprach er: Mgdlein, bekenne mir frei, wie bist du zu dem
Ringe gelangt, den ich gefunden habe in der Schale, darein du mir das
Frhstck zugerichtet hast? -- Edler Ritter, antwortete das Frulein
zchtig und sittsam, den Ring habe ich von Euch; Ihr begabtet mich
damit am zweiten Abend des Freudenreihens; sehet nun zu, ob meine
Gestalt und Herkunft verdient, da Ihr Euch so abgehrmt habt, als
wolltet Ihr ins Grab sinken. Euer Zustand jammerte mich, darum habe ich
nicht lnger verweilt, Euch aus dem Irrtum zu ziehen.

[Illustration]

[Illustration]

Einer solchen berraschung hatte sich Graf Konrad nicht versehen; er war
bestrzt und schwieg einige Augenblicke. Aber die Gestalt der schnen
Tnzerin schwebte ihm bald wieder vor und er verfiel auf den Gedanken,
da man ihn durch einen frommen Betrug von seiner Absicht heilen wollte;
doch der wahre Ring, den er zurckempfangen hatte, lie vermuten, da
die Unbekannte auf irgend eine Weise mit im Spiel sein mte; also legte
er's darauf an, die Dirne auszuforschen und in der Rede zu fangen. Seid
Ihr die holde Jungfrau, sprach er, welcher ich meine Hand gelobet
habe, so zweifelt nicht, da ich meine Zusage treulich erfllen werde;
aber htet Euch, mich zu betrgen. Knnet Ihr die Gestalt wieder
annehmen, die Ihr mir vorloget zwei Nchte hintereinander auf dem
Tanzplatz, knnet Ihr Euern Leib schlank und eben machen wie eine junge
Tanne, knnet Ihr die schabige Haut abstreifen wie die Schlange und Eure
Farbe wechseln wie das Chamleon, so soll das Wort, welches ich
aussprach, als ich diesen Ring von mir gab, Ja und Amen sein. Knnet Ihr
aber diesen Bedingungen nicht Genge leisten, so will ich Euch als eine
Betrgerin strafen lassen, bis Ihr mir saget, wie Euch dieser Ring ist
zuhanden kommen.

Hierauf schellte der Kreuzherr der Wirtschafterin und erteilte ihr den
Befehl: Geleitet dieses Mdchen auf ihre Kammer, da sie sich reinlich
kleide, harret an der Tr, bis sie heraustritt; ich erwarte euer im
Sprachgemach. Frau Gertrud nahm ihre Gefangene in genaue Aufsicht, ohne
eigentlich zu wissen, wohin der Befehl ihres Herrn gemeint sei. Im
Hinaufsteigen fragte sie: Hast du Kleider, dich zu schmcken, warum
hast du mir's verschwiegen? Gebricht dir's aber daran, so folge mir auf
meine Kammer, ich will dir leihen, soviel du bedarfst. Hierauf
beschrieb sie ihre altmodische Garderobe, worin sie vor einem halben
Jahrhundert Eroberungen gemacht hatte, Stck bei Stck mit froher
Zurckerinnerung an die vormaligen Zeiten. Mathilde hatte darauf wenig
acht, begehrte nur ein Stcklein Seife und eine Handvoll Weizenkleien,
nahm ein Waschbecken voll Wasser, ging auf ihre Kammer und tat die Tr
hinter sich zu; Frau Gertrud aber bewachte solche von auen mit groer
Sorgfalt, wie ihr befohlen war. Der Kreuzherr, voller Erwartung, welchen
Ausgang das Abenteuer seiner Liebe nehmen werde, verlie sein Lager,
kleidete sich aufs zierlichste und begab sich in sein Prunkgemach, mute
sich lange gedulden, ehe er aus der Ungewiheit gezogen wurde, und
wandelte mit geschwinden Schritten unruhig auf und ab. Doch als der
welsche Zeiger am Augsburger Rathaus in der Mittagsstunde auf achtzehn
Uhr wies, flogen urpltzlich die Flgeltren auf, es rauschte durchs
Vorgemach der Schweif eines seidenen Gewandes, Mathilde trat herein mit
Anstand und Wrde und geschmckt wie sie auf dem Feste erschienen war.
Ihr sehet mich hier, sprach sie, in meiner wahren Gestalt. Ich bin
Wackermann Uhlfingers, des ehrenfesten Ritters, Tochter, dessen
unglckliches Geschick Euch sonder Zweifel nicht verborgen ist, bin
kmmerlich dem Einsturz des vterlichen Hauses entronnen und habe in
Eurer Wohnung, wiewohl in armseliger Gestalt, Schutz und Sicherheit
gefunden. Hierauf erzhlte sie ihm ihre Geschichte und verschwieg ihm
auch die Heimlichkeit mit dem Bisamapfel nicht. Graf Konrad war
hocherfreut und dachte nicht mehr daran, da er zum Sterben krank
gewesen war; er lud auf den folgenden Tag alle die Gste wieder, die
zuvor sein Trbsinn so frh auseinandergescheucht hatte, hielt
ffentliche Verlobung mit seiner Braut, und als der Truchse aufgetragen
hatte und nun herumzhlte, fand er, da kein Gedeck zu viel war. Drauf
trat der Ritter aus dem Orden, verlie den Komterhof und vollzog die
Hochzeit mit groer Pracht. Bei dieser merkwrdigen Hausvernderung
bewies sich die geschftige Martha, Frau Gertrud, ganz unttig; als sie
Frulein Mathildens Kammertr bewachte und bei Erffnung derselben eine
stattlich gekleidete Dame zum Vorschein kam, war ihr Erstaunen so gro,
da sie rcklings vom Sessel fiel, einen Schenkel ausrenkte und
lendenlahm blieb ihr Leben lang.

[Illustration]

[Illustration]

Die Neuvermhlten verlebten das erste Jahr zu Augsburg. Eines Tages, als
sie in frohen Gesprchen am offenen Fenster saen, sagte die junge
Grfin: Mein herzgeliebter Herr, mir ist nun kein Wunsch mehr brig,
ich erlasse meinem Bisamapfel die Erfllung des dritten Wunsches mit
Freuden. Habt Ihr aber irgend ein verborgenes Anliegen in Eurem Herzen,
so tut mir's kund, ich will es zu dem meinigen machen und zur Stunde
soll es Euch gewhrt sein. Graf Konrad schlo sein trautes Weib in die
Arme und beteuerte ihr hoch, da auer der Fortdauer seines Glckes fr
ihn nichts wnschenswerter auf Erden sei. Also verlor der Bisamapfel in
den Augen seiner Besitzerin allen Wert und sie behielt ihn nur zum
dankbaren Andenken der Pate Nixe.

[Illustration]

Graf Konrad hatte noch eine Mutter am Leben, die auf ihrem Wittum zu
Schwabeck wohnte. Ihr in Kindesliebe die Hand zu kssen, trug die fromme
Schwiegertochter gro Verlangen; doch der Graf lehnte immer die
Wallfahrt zur Mutter unter scheinbarem Vorwand ab und brachte dagegen
eine Lustreise auf ein ihm unlngst heimgefallenes Lehen in Vorschlag,
unfern von Wackermanns zerstrter Burg gelegen; Mathilde willigte gern
darein, um die Gegend wieder zu besuchen, wo sie ihre erste Jugend
verlebt hatte. Sie besuchte die Trmmer der vterlichen Wohnung,
beweinte die Asche ihrer Eltern, ging zum Nixenbrunnen und hoffte, da
ihre Gegenwart die Nymphe einladen wrde, sich ihr zu versichtbaren.
Mancher Stein fiel in den Brunnen ohne die gehoffte Wirkung, selbst der
Bisamapfel schwamm als eine leichte Wasserblase obenauf, und sie mute
sich die Mhe nehmen, ihn selbst wieder herauszufischen. Die Nymphe kam
nicht mehr zum Vorschein. Heimgekehrt, bekam Frau Mathilde einen Sohn,
schn wie ein Gtterknabe, und die Freude der Eltern war so gro, da
sie ihn schier aus heier Liebe erdrckten; die Mutter lie ihn nicht
aus ihren Armen und sphte jeden Atemzug des kleinen unschuldigen
Engels, obgleich der Graf eine weise Amme gedungen hatte, die des
Kindleins pflegen sollte. Aber in der dritten Nacht, da alles im Schlo
vom Taumel eines Freudenfestes in tiefem Schlaf begraben lag, wandelte
die Mutter auch ein sanfter Schlummer an, und als sie erwachte, war das
Kind aus ihren Armen weg! Bestrzt rief die erschrockene Grfin: Amme,
wo habt Ihr mein Kindlein hingelegt? Die Amme antwortete: Edle Frau,
das zarte Herrlein ist in Euren Armen. Bett und Zimmer wurden ngstlich
durchsucht, aber nichts gefunden auer einigen Blutstrpflein auf dem
Fuboden des Gemachs. Wie das die Amme inne ward, erhob sie gro
Geschrei: Ach, da es Gott und alle Heiligen erbarme! Der Werwolf ist
dagewesen und hat das Kindlein davongetragen. Die Grfin grmte sich
ber den Verlust des holden Knaben bleich und mager und der Vater war
untrstbar. Obgleich der Werwolfsglaube in seinem Herzen kein Senfkorn
aufwog, so lie er sich doch von dem Geschwtz, da er sich die Sache auf
keine Weise zu erklren wute, bertuben, trstete seine trostlose
Gemahlin, die aus Geflligkeit fr ihn, der alle Traurigkeit hate, sich
zwang, eine heitere Miene anzunehmen.

[Illustration]

Die Schmerzenstilgerin, die wohlttige Zeit, heilte endlich die
mtterliche Herzwunde, als der Verlust durch einen zweiten Sohn ersetzt
wurde. Grenzenlos war die Freude ber den schnen Stammerben im
grflichen Palast, der Graf bankettierte frohen Muts mit seinen Nachbarn
eine Tagereise ringsumher, der Freudenbecher ging ohne Unterla aus Hand
in Hand, von Wirt und Gsten bis zum Trhter herum, auf die Gesundheit
des Neugebornen. Die besorgte Mutter lie das Kindlein nicht von sich,
erwehrte sich des sen Schlafes, solange es ihre Krfte erlaubten; da
sie aber endlich den Forderungen der Natur nachgeben mute, nahm sie die
goldene Kette vom Hals, umschlang damit des Knbleins Leib und
befestigte das andere Ende davon an ihrem Arm, segnete sich und das Kind
mit dem heiligen Kreuz, auf da der Werwolf keine Macht noch Gewalt
daran finden mchte, und bald darauf berfiel sie ein unwiderstehlicher
Schlaf. Als sie der erste Morgenstrahl erweckte, o Jammer! da war der
se Knabe aus ihren Armen verschwunden. Im ersten Schrecken rief sie
wie vormals: Amme, wo habt Ihr mein Kindlein hingelegt? und die Amme
antwortete wiederum: Edle Frau, das zarte Herrlein ist in Euren Armen.
Alsbald sah sie nach dem goldnen Kettlein, das sie um den Arm
geschlungen hatte, befand, da ein Gelenk mit einer scharfen sthlernen
Schere mitten entzweigeschnitten war, und sank in Ohnmacht vor Entsetzen
hin. Die Amme machte Lrm im Hause, das Gesinde eilte voller Bestrzung
herbei, und da Graf Konrad hrte, was sich zugetragen hatte, entbrannte
sein Herz von Wut und Eifer, er zckte sein ritterliches Schwert,
Sinnes, der Amme das Haupt zu spalten.

Verruchtes Weib! donnerte er mit furchtbarer Stimme, gab ich dir
nicht geheimen Befehl, wach zu bleiben die ganze Nacht und kein Auge von
dem Knaben zu verwenden, damit, wenn das Ungetm kme, ihn der
schlafenden Mutter wegzurauben, du durch dein Geschrei das Haus rege
machtest, damit wir den Werwolf vertrieben? Schlaf nun, du Schlferin,
den langen Todesschlaf! Das Weib fiel auf die Kniee vor ihm nieder.
Gestrenger Herr, sprach sie, bei Gottes Barmherzigkeit beschwre ich
Euch, erwrget mich augenblicks, damit ich die Schandtat mit ins Grab
nehme, die meine Augen gesehen haben und die mir weder Gehei noch Lohn
abdringen soll, wofern sie nicht die Folter herauspret. Der Graf
staunte; welche Schandtat, fragte er, hast du mit Augen gesehen, die
so schwarz ist, da deine Zunge sich weigert, sie auszureden? Lieber
bekenne mir ohne Folter, was dir kund worden ist, als eine treue Magd.
Herr, erseufzte die Dirne, was treibt Euch, Euer Unglck zu erfahren?
Besser ist's, da das schreckliche Geheimnis zugleich mit meinem
Leichnam verscharret werde in das khle Grab. Durch diese Rede wurde
Graf Konrad nur noch begieriger, das Geheimnis zu erfahren; er nahm das
Weib beiseits in sein heimliches Zimmer, und durch Drohungen und
Verheiungen bewogen, erffnete sie ihm, was er zu wissen gern wre
berhoben gewesen. Eure Gemahlin, sprach sie, sollt Ihr wissen, Herr,
ist eine schndliche Zauberin; aber sie liebt Euch unermelich und ihre
Liebe geht so weit, da sie auch ihres eignen Kindes nicht verschonet,
um daraus ein Mittel zu bereiten, ihre Schnheit unwandelbar zu
erhalten. In der Nacht, als alles in groer Sicherheit schlief, stellte
sie sich, als sei sie eingeschlummert, ich tat das Nmliche, wei nicht
warum. Bald darauf rief sie mich beim Namen; aber ich achtete nicht
darauf und fing an zu rcheln und zu schnarchen. Da sie nun vermeinte,
ich sei fest eingeschlafen, sa sie rasch im Bette auf, nahm das
Kindlein, drckte es an den Busen, kte es inniglich und lispelte dazu
diese Worte, die ich deutlich vernahm: 'Sohn der Liebe, werde ein
Mittel, mir deines Vaters Liebe zu erhalten, gehe jetzt zu deinem
Brderlein, du kleine Unschuld, da ich aus neunerlei Krutern und
deinen Knchlein einen krftigen Trank bereite, der meine Schnheit mir
bewahre.' Als sie das gesagt hatte, zog sie eine Demantnadel, scharf wie
ein Dolch, aus den Haaren, stie solche dem Kindlein flugs durchs Herz,
lie es ein wenig ausbluten, und da es nicht mehr zappelte, legte sie's
vor sich hin, nahm den Bisamapfel, murmelte dazu einige Worte, und da
sie den Deckel abhob, loderte daraus empor eine lichte Feuerflamme, wie
aus einer Pechtonne, welche den Leichnam in wenig Augenblicken
verzehrte. Die Asche und Knchlein sammelte sie sorgfltig in eine
Schachtel und schob sie unter die Bettlade. Drauf rief sie mit
ngstlicher Stimme, als fhre sie pltzlich aus dem Schlafe auf: 'Amme,
wo habt Ihr mein Kindlein hingelegt?' Und ich antwortete mit Furcht und
Grausen, ihre Zauberei frchtend: 'Edle Frau, das zarte Herrlein ist in
Euren Armen.' Darber fing sie an, sich ganz trostlos zu gebrden und
ich lief aus dem Zimmer unter dem Schein, Hilfe zu rufen. Sehet,
gestrenger Herr, das ist der Verlauf der schndlichen Tat, die Euch zu
offenbaren Ihr mich gedrungen habt. Bin erbtig, die Wahrheit meiner
Aussage durch einen glhenden Stab Eisen zu erhrten, den ich mit bloen
Hnden tragen will dreimal den Schlohof auf und nieder.

Ritter Konrad stund wie versteint, konnte lange Zeit kein Wort
vorbringen. Nachdem er sich wieder gesammelt hatte, sprach er: Was
bedarf's der Feuerprobe, Euren Worten ist der Stempel der Wahrheit
aufgedrckt, ich fhl's und glaub's, da alles so ist, wie Ihr saget.
Behaltet das grliche Geheimnis in Eurem Herzen fest verschlossen und
vertrauet es keinem Menschen, auch nicht, wenn ihr beichtet; ich will
Euch einen Ablabrief vom Bischof von Augsburg lsen, da Euch diese
Snde nicht soll zugerechnet werden, weder in dieser noch in jener Welt.
Jetzt will ich mit verstelltem Angesicht zu der Natter hineintreten, da
habt wohl acht, da Ihr, wenn ich sie umarme und ihr Trost einspreche,
die Schachtel mit den Totengebeinen unter der Bettlade hervorziehet und
unbemerkt mir solche berantwortet.

[Illustration]

Mit leicht umwlkter Stirn und dem Blick eines gerhrten, aber noch
standhaften Mannes, trat er in das Gemach seiner Gemahlin, die ihren
Herrn mit schuldlosem Auge, wiewohl mit hochbetrbter Seele, schweigend
empfing. Ihr Angesicht glich eines Engels Angesichte und dieser Anblick
lschte Wut und Grimm, davon sein Herz entbrannt war, pltzlich aus. Den
Geist der Rache milderte Mitleid und Bedauernis, er drckte die
unglckliche Frau an sich und sie berstrmte sein Gewand mit
wehmutsvollen Trnen. Er trstete sie, koste freundlich mit ihr und
sputete sich, den Schauplatz des Grausens und Entsetzens bald wieder zu
verlassen. Die Amme hatte indes ausgerichtet, was ihr befohlen war, und
berlieferte dem Grafen insgeheim das schauderhafte Knochenbehltnis. Es
kostete einen schweren Kampf in seinem Herzen, ehe er einen Entschlu
fate, was er mit der vermeinten Zauberin tun sollte. Endlich wurde er
Rats, ohne Spuk und Aufsehen sich ihrer zu entledigen. Er sa auf und
ritt gen Augsburg, vorher aber tat er dem Hausmeister Befehl: Wenn die
Grfin nach neun Tagen hervorgehet aus ihrem Gemach, um nach Gewohnheit
zu baden, so lasset die Badestube wohl heizen und verriegelt auswendig
die Tr, da sie im Bade verschmachte vor groer Hitze und nicht bei
Leben bleibe. Der Hausmeister vernahm diesen Befehl mit groer
Betrbnis und Wehmut, denn alles Hausgesinde liebte die Grfin Mathilde
als eine sanfte und gutmtige Gebieterin; doch wagte er nicht gegen den
Ritter den Mund aufzutun, weil er dessen groen Ernst und Eifer
wahrnahm. Am neunten Tage befahl Mathilde, das Bad zu heizen. Als sie in
das Gemach hineintrat, zitterte die Luft um sie her vor groer Hitze;
sie wollte zurcktreten, aber ein starker Arm stie sie mit Gewalt in
die Badestube hinab und sogleich wurde auch die Tr von auen verriegelt
und verschlossen. Sie rief vergebens um Hilfe; niemand hrte, das Feuer
wurde nur heftiger angeschrt, da der Ofen hochrot glhte wie ein
Tpferofen.

[Illustration]

Aus diesen Umstnden erriet die Grfin leicht, was hier vorgehe, sie
ergab sich darein zu sterben, nur der schndliche Verdacht, den sie
ahnte, marterte ihre Seele mehr als der schmhliche Tod. Sie ntzte die
letzten Augenblicke der Besinnung, zog eine silberne Nadel aus den
Haaren und schrieb damit an die weie Wand des Gemachs diese Worte:
Gehab dich wohl, Konrad, ich sterbe auf deinen Befehl willig, aber
schuldlos. Drauf warf sie sich auf ein Ruhebettlein nieder, ihren
Todeskampf zu beginnen. Aber unwillkrlich strebt die Natur, zu der
Zeit, wenn das bse Stndlein kommt, ihrer Zerstrung vorzubeugen. In
dem Angstgefhl der erstickenden Hitze warf sich die unglckliche
Sterbende hin und her, da entfiel ihr der Bisamapfel, den sie stets bei
sich trug, zur Erde. Augenblicklich ergriff sie ihn und rief: O Pate
Nixe, steht es in deiner Macht, so befreie mich von einem schandbaren
Tode und rette meine Unschuld! Sie schrob hastig den Deckel auf, da
stieg aus dem Bisamapfel hervor ein dichter Nebel, der sich ber das
ganze Gemach ausbreitete und der Grfin angenehme Khlung gewhrte, da
sie keine Angst und Hitze mehr empfand. Die Dunstwolke sammelte sich in
eine Gestalt, und Mathilde, die jetzt nicht mehr zu sterben gedachte,
erblickte mit unaussprechlicher Wonne die liebevolle Nymphe vor sich, in
ihrem Arm den zarten Sugling mit einem Westerhemdlein angetan, und an
der Hand das ltere Herrlein, im weien Flgelkleide mit rosenfarbenen
Bandschleifen.

Willkommen, geliebte Mathilde! redete die Nymphe sie an. Wohl dir,
da du den dritten Wunsch, den dir der Bisamapfel gewhren sollte, nicht
so leichtsinnig wie die beiden ersten verschwendet hast! Hier sind die
zwei lebendigen Zeugen deiner Unschuld, welche dich ber die schwarze
Verleumdung, unter welcher du schier erlagtest, werden triumphieren
lassen. Der Unstern deines Lebens hat sich zum Untergange geneigt,
hinfort wird dir der Bisamapfel keinen Wunsch mehr gewhren, denn von
nun an bleibt dir nichts mehr zu wnschen brig. Aber das Rtsel deines
traurigen Geschicks will ich dir lsen. Wisse, da die Mutter deines
Gemahls die Stifterin alles Unglcks ist. Dieser stolzen Frau war die
Vermhlung ihres Sohnes ein Dolchstich ins Herz; sie wute nicht anders,
als Graf Konrad habe den Adel seines Hauses durch eine niedrige Ehe
geschndet; sie stie Fluch und Verwnschung gegen ihn aus und erkannte
ihn nicht mehr fr ihren Sohn. All ihr Sinnen und Dichten war darauf
gestellt, dich zu verderben, wiewohl die Wachsamkeit deines Gemahls
diesem boshaften Vornehmen immer gesteuert hat. Dennoch ist es ihr
gelungen, auch diese durch eine gleisnerische Amme zu hintergehen. Durch
groe Verheiung hat sie dies Weib dahin vermocht, deinen erstgebornen
Sohn im Schlafe dir aus den Armen zu reien und ihn wie ein Hndlein ins
Wasser zu werfen. Glcklicherweise whlte sie den Brunnen meiner
Felsenquelle zu dieser Schandtat, ich empfing den Knaben mit liebevollen
Armen und pflegte sein als eine Mutter. Ebenso vertraute sie mir auch
den zweiten Sohn meiner geliebten Mathilde. Diese trugvolle Amme wurde
deine Anklgerin, sie berredete den Grafen, du seist eine Zauberin;
eine Flamme aus dem Bisamapfel, dessen Geheimnis du sorgsamer httest
bewahren sollen, habe die Knaben verzehrt, um aus ihrer Asche einen
Zaubertrank zu bereiten. Sie schob deinem Gemahl ein Gef, mit
Tauben- und Hhnerknochen gefllt, in die Hand, die er fr die
berbleibsel seiner Kinder erkannte und Befehl gab, dich in seiner
Abwesenheit im Bade zu ersticken. Voll Reue und Verlangen, diesen
grausamen Befehl womglich noch zurckzunehmen, eilt er jetzt von
Augsburg her, ob er dich gleich noch fr schuldig hlt. In wenig Stunden
wirst du gerechtfertigt sein. Nachdem die Nymphe ausgeredet hatte, bog
sie sich ber das Angesicht der Grfin, kte sie auf die Stirn, und
ohne eine Antwort zu erwarten, hllte sie sich in ihren dichten
Dunstschleier und verschwand.

Die Diener des Grafen waren indessen geschftig, das erloschene Feuer
wieder anzufachen. Es dnkte sie immer, als hrten sie inwendig
Menschenstimmen, woraus sie urteilten, da die Grfin noch am Leben sei.
Aber all ihre Mhe und Geblse war vergebens, das Holz fing so wenig
Feuer, als wenn der Ofen mit Schneeballen wre geheizt worden. Bald
darauf kam Graf Konrad angeritten und frug ngstlich, wie es um seine
Gemahlin stehe. Die Diener erstatteten Bericht, wie sie das Bad wohl
gehitzt htten, da aber das Feuer pltzlich erloschen sei und aller
Vermutung nach die Grfin noch lebe. Das erfreute sein Herz gar
hchlich, er trat an die Tr und rief durchs Schlsselloch: Lebst du,
Mathilde? Und die Grfin vernahm die Stimme ihres Gemahls und
antwortete: Geliebter Herr, ich lebe und meine Kindlein leben!
Entzckt von dieser Rede lie der ungeduldige Graf, da die Schlssel
nicht gleich bei Handen waren, die Tr einschlagen, strzte ins
Badegemach zu den Fen seiner frommen Gemahlin und benetzte ihre
unbefleckten Hnde mit tausend reuigen Trnen, brachte sie und die
holden Kleinen unter Jubel und Frohlocken des ganzen Hauses aus der
frchterlichen Sterbekammer in ihr Gemach zurck und vernahm aus ihrem
Munde den ganzen Verlauf der schndlichen Verleumdung und des
Kinderraubes. Alsbald gab er Befehl, die bbische Amme zu greifen und in
die Badestube zu sperren. Da fing das Feuer im Ofen lustig an zu
brennen, die Flammen wirbelten hoch empor und das teuflische Weib
schwitzte ohne Verzug ihre schwarze Seele aus.

[Illustration]





End of the Project Gutenberg EBook of Die Nymphe des Brunnens, by 
Johann Karl August Musus

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE NYMPHE DES BRUNNENS ***

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Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
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