The Project Gutenberg eBook, Bjrnstjerne Bjrnson Gesammelte Werke in
Fnf Bnden; Erster Band, by Bjrnstjerne Bjrnson, Edited by Julius Elias


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Title: Bjrnstjerne Bjrnson Gesammelte Werke in Fnf Bnden; Erster Band

Author: Bjrnstjerne Bjrnson

Release Date: July 16, 2004  [eBook #12921]
[Updated July 18, 2004]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BJRNSTJERNE BJRNSON GESAMMELTE
WERKE IN FNF BNDEN; ERSTER BAND***


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Proofreaders



BJRNSTJERNE BJRNSON GESAMMELTE WERKE IN FNF BNDEN

EINZIGE AUTORISIERTE DEUTSCHE VOLKSAUSGABE

ERSTER BAND

GEDICHTE UND ERZHLUNGEN

HERAUSGEGEBEN VON JULIUS ELIAS

1911







INHALT


VORWORT

GEDICHTE[1]:

     [1] Die Gedichte mit B sind von _Max Bamberger_, die mit F sind von
     _Ludwig Fulda_, die mit Mj sind von _Clre Mjen_, die mit Mo sind
     von _Christian Morgenstern_ und die Gedichte ohne Zeichen sind von
     _Roman Woerner_ bersetzt.

  Nils Finn
  Lied der Jungfrauen (B)
  Die Taube (B)
  Vaterlandsweise (Mo)
  Ein Lied fr Norwegen (Mo)
  Norwegens Antwort auf die Reden im schwedischen Ritterhaus
  Johan Ludvig Heiberg (B)
  Das Meer
  Allein und in Reue
  Die Prinzessin
  Vom Monte Pincio (F)
  Ach, wtest du nur! (F)
  Die Engel des Schlafes (B)
  Das Mdchen am Strand (F)
  Heimliche Liebe (Mo)
  Olav Trygvason (Mo)
  Seufzer (F)
  An ein Patenkind
  Bergliot (Mj)
  An meine Frau (Mo)
  In einer schweren Stunde (F)
  Frida (Mo)
  An Bergen (Mo)
  P.A. Munch (Mj)
  Knig Friedrich der Siebente (B)
  Als Norwegen nicht helfen wollte (B)
  An den Danebrog (Mj)
  Der Norrnastamm (F)
  Gesang der Puritaner
  Jagdlied (B)
  Taylors Lied
  Hochzeitslied I. (F)
  Lektor Thsen
  Auf einer Reise durch Schweden (Mo)
  Stelldichein (F)
  Lied des Studentengesangvereins (Mj)
  An den Buchhndler Johann Dahl (Mj)
  Die Spinnerin (B)
  Die weie und die rote Rose
  In der Jugend (Mj)
  Das blonde Mdchen (Mo)
  Mein Monat (Mo)
  Hochzeitslied II. (F)
  Norwegisches Seemannslied (Mo)
  Halfdan Kjerulf (Mj)
  Vorwrts (Mo)
  Wie man sich fand (Mj)
  Norwegische Natur (F)
  Ich reiste vorber
  Mein Geleit (F)
  An meinen Vater (F)
  An Erika Lie (Mj)
  An Johan Sverdrup (Mj)
  Das Kind in unsrer Seele (F)
  Der alte Heltberg
  Fr die Verwundeten (Mj)
  Land in Sicht
  An H.C. Andersen
  Bei einer Ehefrau Tode (Mo)
  An der Bahre des Kirchensngers A. Reitan (Mj)
  Das Lied (F)
  Auf N.F.S. Grundtvigs Tod
  Aus der Kantate fr N.F.S. Grundtvig (Mj)
  Bei einem Fest fr Ludv. Kr. Daa (B)
  Nein, wo bleibst du doch?
  Weckruf an das Freiheitsvolk im Norden--Der "vereinigten Linken"
  Offne Wasser
  Freiheitslied--An "die vereinigte Linke" (B)
  An Molde (Mj)
  Die reine norwegische Flagge (Mj)
  An den Missionar Skrefsrud in Santalistan
  Post festum (B)
  Romsdalen (Mj)
  Holger Drachmann (F)
  Wiedersehen
  Des Dichters Sendung (B)
  Psalmen (F)
  Frage und Antwort
  Wecklied an die norwegische Schtzengilde (Mj)
  Arbeitermarsch (B)
  Der Zukunft Land (Mj)
  Ein junges Vlkchen kerngesund (Mj)
  Norge, Norge (F)
  Meistern oder gemeistert werden
  Im Walde (F)
  Der siebzehnte Mai (Mj)
  Frederik Hegel (Mj)
  Unsere Sprache (Mo)

In die Sammlung seiner "Gedichte" hat Bjrnson aus den Erzhlungen und
Dramen eine Reihe von Liedern bernommen, die hier mit den Stellen, wo
sie in der vorliegenden Ausgabe zu finden sind, verzeichnet werden
sollen:

  Synnves Lied (Mo)
  Der Fuchs und der Hase (F)
  Lied der Mutter (Mo)
  Das Bcklein (Mo)
  Das Lied vom Schneider Nils (Mo)
  Venevil (Mo)
  ber die hohen Berge (Mo)
  Der sonnige Tag (Mo)
  Ingerid Sletten (Mo)
  Der Baum (Mo)
  Der Ton (Mo)
  Lockruf (B)
  Abendstimmung (Mo)
  Marits Lied (B)
  Lieb' deinen Nchsten
  yvinds Lied (B)
  Liebeslied (F)
  Berglied (F)
  Die erste Begegnung (F)
  Morgengru
  Vaterlandsweise (Mo)
  Frederik Hegel (F), Band III.
  Wann wird es Morgen (Mj), Band III.
  Kres Lied (Mo) ("Sigurd Slembe"'2, A. III, 1. Sz.), Band IV.
  Ivar Ingemundsens Lied (ebda.'3 A. II, 1. Sz.), Band IV.
  Magnus der Blinde (B) (ebda.'3 A. III, 1. Sz.), Band IV.
  Snde, Tod (Mo) (ebda.'3 A. III, 4. Sz.), Band IV.
  Sie haben einander gefunden (F) (D. Knig, 3. Zwischenspiel), Band IV.

ERZHLUNGEN:

  Thrond (1856)
  Die gefhrliche Freite (1856)
  Synnve Solbakken (1857)
  Arne (1858)
  Ein frhlicher Bursch (1859)
  Der Vater (1859)
  Das Fischermdel (1868)

        *       *       *       *       *




VORWORT


Nicht erst Bjrnstjerne Bjrnsons Heimgang hat den Plan geformt und
gereift, sein Werk in gedrungener Ausgabe dem deutschen Volke
vorzulegen: vielmehr ist das Unternehmen einem seiner letzten und
eigensten Wnsche entsprungen. Am Entwurf noch hat er so eifrig und
entschieden mitgearbeitet, wie er alles ergriff, was der Besttigung
seiner feurigen Persnlichkeit dienen konnte. Bjrnsons Todestag (26.
April 1910) jhrt sich, da dieses Gegenstck der volksmigen
Ibsenausgabe ans Licht tritt, und der Herausgeber kann ein Gefhl der
Wehmut nicht unterdrcken, da der Dichter die Verwirklichung dessen
nicht mehr gesehen hat, was wir gemeinsam ersonnen haben.

Die "Gesammelten Werke" sollen nichts anderes als eine Auswahl,
allerdings im weitesten Wortsinne, bieten, eine Auswahl, die Bjrnsons
Lebensarbeit in ihren wesentlichen und bleibenden Bestandteilen
erschpfend zusammenfat. Hierdurch unterscheidet sie sich von der
bekannten Unternehmung des Langenschen Verlages, die, ohne sich als eine
eigentliche Gesamtausgabe zu charakterisieren, Dichtung an Dichtung,
Buch an Buch in Einzelbnden reiht. Der von Bjrnson befrwortete
Gesichtspunkt war: in eine Volksausgabe aus dem gewaltigen Korpus seiner
literarischen Wirksamkeit das aufzunehmen, was im knstlerischen und
geistigen Dasein seiner Nation wie der modernen Vlker berhaupt Epoche
gemacht hat, mit besonderer Bercksichtigung der Arbeiten, die in seinem
eigenen Leben Epoche machten, d.h. als Dokumente seiner menschlichen und
dichterischen Entwicklung gelten knnen. Ein zwiefacher Mastab also:
der kulturgeschichtliche und der autobiographische. So ergaben sich auf
natrliche Art drei Gruppen: die Sammlung der "Gedichte", die aus seinem
Gesamtwirken geschpften, unmittelbaren lyrischen Zeugnisse eines
Persnlichkeitswachstums; die groen und kleinen Erzhlungen, sowie die
beiden weltumspannenden Romane; zehn Schauspiele, die als die
wichtigsten Leistungen sowohl seiner romantisch-nationalen Dichtung als
auch seiner Gesellschaftsdramatik gelten knnen: sie fllen zwei Bnde
aus, whrend die Gedichte und Prosastcke in drei Bnden vereinigt
werden. Innerhalb dieser einzelnen Abteilungen herrscht eine
chronologische Ordnung, die nur einmal unterbrochen wird, um den dritten
Band, durch die Verkoppelung der voluminsen Romane, zum Schaden des
stofflichen Gleichgewichts, nicht allzusehr anschwellen zu lassen.

Die knstlerische Aufgabe, die dieses Werk darbot, htte ohne das
verstndnisvolle Entgegenkommen des Verlages A. Langen kaum erfllt
werden knnen; wir schulden seinen Vertretern nicht geringen Dank: sie
haben uns alles zur Verfgung gestellt, was den Wert und die Flle
dieser Ausgabe steigern konnte. Die Texte selbst waren den Grundstzen
der Interpretation unterworfen, die das Ibsenwerk als Mastab gesetzt
hat: einen ebenso formkrftigen, wie sprachlich reinen und alles
Charakteristische treu und doch frei wiedergebenden deutschen Ausdruck
anzustreben. Ob dies Ziel erreicht ist, unterliegt nicht unserer
Entscheidung. Die "Gedichte" gingen ohne wesentliche nderungen aus der
Langenschen Sammlung in unsere Ausgabe ber, nur mit dem Unterschied,
da einerseits eine, brigens kurze Reihe von Poesien ausgelassen ist,
die in engstem Sinne "Gelegenheitsdichtungen" sind, und andrerseits--um
doppelten Abdruck zu vermeiden--28 Lieder in der Sammlung selbst
unterdrckt wurden, weil sie spter in den Prosastcken und Dramen als
lyrische Intermezzi wiederkehren: nach dem bersichtlichen Tableau des
Inhaltsverzeichnisses zum ersten Bande sind sie unschwer aufzufinden.

Als magebender Originaltext wurde die elfbndige Volksausgabe "Samlede
Vaerker" (Kopenhagen, Gyldendal) bestimmt. Die bersetzungen der
Prosawerke sind durch eine grundlegende Revision und vielfache
stilistische Umformung der lteren Ausgaben entstanden; hier ist, unter
der rhrigen Mitwirkung von _Elsa Glawe_, _Gertrud J. Klett_ und _Max
Bamberger_ eine Arbeit geleistet worden, die als neu und selbstndig
anzusprechen ist. Damit wird das Verdienst zumal Clre Mjens, unserer
lyrischen Mitarbeiterin, die besonders fr die vier reichen Bnde der
"Gesammelten Erzhlungen" auf der ersten Etappe der deutschen
Bjrnsonpropaganda Wesentliches geleistet hat, durchaus nicht
beeintrchtigt. Von besonderer Bedeutung wurde es fr die Neugestaltung
der Texte, da _Ludwig Fulda_ seine feine und starke Verskunst in den
Dienst unserer Sache stellte. Von ihm stammen die lyrischen
Nachdichtungen in den Erzhlungen "Arne" und "Das Fischermdel", soweit
die Fassungen nicht durch die Sammlung der "Gedichte" vorgeschrieben
waren. Er hat hier und in vielen anderen Winkeln unseres verzweigten
Baus ein Interesse bezeugt, so hilfreich und tatkrftig, da wir uns ihm
zu dauernder Dankbarkeit verpflichtet fhlen.

Von _Ludwig Fulda_ stammt ebenfalls die deutsche Form der lyrischen
Zwischenspiele und eingestreuten Lieder im Drama "Der Knig", whrend
man _Roman Woerner_ fr die nachschaffende bertragung des Versstcks
"Sigurds erste Flucht" ("Sigurd Slembe", 1. Teil) verbunden ist.

Die neue und von allen Vorbildern unabhngige bersetzung der zehn
Prosadramen hat sich _der Herausgeber_ allein vorbehalten. Er trgt auch
die zusammenfassende Studie ber Bjrnson--das Werk und den
Menschen--bei, die im fnften Bande die Ausgabe abschliet.

Die "Gesammelten Werke" Bjrnsons sollen nicht in die Welt ziehen, ohne
da in dankbarer Gesinnung der wertvollen Untersttzung gedacht wre,
mit der _Halvdan Koht_, _Kr. Collin_, _W.P. Sommerfeldt_, _Max
Bernstein_, _Max Dreyer_ und die Universittsbibliothek zu Kristiania in
so mancherlei Beziehungen das Werk gefrdert haben. In der Frage des
Korrekturlesens erwies sich, wie so oft schon, _Theodor Poppe_ als
ttiger Freund.

Berlin, 13. Mrz 1911.

Julius Elias.

       *       *       *       *       *




GEDICHTE

       *       *       *       *       *




NILS FINN

(Aus dem Drama "Hinke-Hulda")


Und der kleine Nils Finn wollte flugs ber Land;
Doch sein Schneeschuh, der hielt nicht, so oft er ihn band.
--"Das ist schlimm!" sagt' es drunten.

Nils stie mit dem Fue: "Wo bist du denn--du?
Verdammter Kobold! nun la mich in Ruh'!"
--"Hi--ho--ha!" sagt' es drunten.

"Da siehst du ein Hexenstck!" schrie Nils und hob
Seinen Stab und schlug in den Schnee, da es stob.
--"Hit--li--hu!" sagt' es drunten.

Ein Fu stak im Schnee; mit krftigem Zug
Ri Nils daran, bis er hintber schlug.
--"Zieh doch fest!" sagt' es drunten.

Nils weinte und stampfte und stach und hieb--
Und sank immer tiefer, je toller er's trieb.
--"Das ging gut!" sagt' es drunten.

Und die Birken, die tanzten, es bogen sich krumm
Vor Lachen wohl hundert Tannen ringsum.
--"So bekannt?!" sagt' es drunten.

Und es lachte der Berg, da der Schnee nur so flog;
Nils ballte die Faust und schwor, da er log.
--"Nun gib acht!" sagt' es drunten.

Und der Schneehang ghnte, der Himmel fiel ein;
Nils dachte: nun schluckt er mich auch mit hinein.
--"Ist er weg?" sagt' es drunten.

Zwei Schneeschuhe ragten und sahen umher,
Aber sahen nicht viel; denn da war nichts mehr.
--"Wo ist Nils?" sagt' es drunten.




LIED DER JUNGFRAU

(Aus dem Drama "Hinke-Hulda")


Guten Morgen, Sonne in grnem Laub!
Jugend strahlst du dem Schluchtengrunde,
Lcheln seinem finstern Munde,
Himmelsgold dem Allweltenstaub!

Guten Morgen, Sonne auf ragendem Schlo!
Lockst seine Jungfraun aus den Hallen;
Leuchtsternlein znde den Herzen allen,--
Klre das Leid, das der Nacht entspro.

Guten Morgen, Sonne am Felsengrat!
Licht gib den Fluren, soweit sie sich strecken;
La deine Wrme sie baden, sich recken
Dem Tage entgegen, der dort naht!




DIE TAUBE

(Aus dem Drama "Hinke-Hulda")


Eine Taube sah ich zittern
In eines Sturmwirbels Toben;
Sie ward von Ungewittern
Jh ber die Hochflut gehoben.
Ich hrte sie nicht klagen,
Nicht sthnen und nicht flehen,--
Die Schwingen fhlt' sie versagen,
Da mute sie untergehen.




VATERLANDSWEISE

(1859)


Es reckt sich ein Land in den ewigen Schnee,
Von Sagen umrauscht wie vom Donner der See.
Wohl trgt es dem Landmann nur krglichen Lohn,
Doch ist es geliebt, wie die Mutter vom Sohn.

Sie nahm auf den Scho uns, dieweil wir noch klein,
Und weihte uns fromm in ihr Sagabuch ein.
Wir lasen--. Das Auge ward feucht und gro.
Die Alte sa lchelnd und nickte blo.

Wir sprangen zum Fjorde, wir schauten gebannt
Den Bautastein, der da seit Urzeiten stand;
Sie stand da, noch lter, und trumte stumm,
Und Steingrber lagen im Kreis ringsum.

Sie nahm bei der Hand uns und fhrt' uns gemach
Zum Steinkirchlein schlicht unters niedrige Dach,
Wo demtig beugten die Vter ihr Knie,
Und mtterlich sprach sie: tut ihr wie sie!

Sie deckte die bergschroffen Hnge mit Schnee,
Sie krauste mit Sturmfaust den Spiegel der See,
Sie gab ihren Shnen des Schneeschuhes Hast
Und rief ihre Shne zu Ruder und Mast.

Sie rief ihre Tchter in Reih' und in Glied
Und hie sie uns spornen mit Lcheln und Lied.
Sie selber hielt auf dem Sagathron Wacht
In ihrem Mantel aus Nordlichtpracht.

Da scholl ein Vorwrts durch Norwegen hin
In Vterzunge, mit Vtersinn!
Fr Freiheit und nordische Art hurra!
Und rings von den Bergen kam's wieder: hurra!

Da ging der Begeistrung Lawine zu Tal,
Da straffte sich jegliche Sehne zu Stahl,
Da stand ber Gipfeln ein flammendes Haupt,
Des Blick uns nun ewig die Ruhe raubt.




EIN LIED FR NORWEGEN

(1859)


Ja, wir lieben diese Feste,
Wie sie, flutbedrut,
Ihrer Berge Stamm und ste
Wind und Wolken beut.
Lieben ihre tausend Htten,
Ihres Meeres Zorn,
Und, den kein Meer kann verschtten,
Ihrer Saga Born.

Harald hat ihr Volk verflochten,
Da kein Feind sie zwang,
Hkon hat fr sie gefochten,
Whrend jvind sang.
Olav malt' auf ihre harte
Stirn ein Kreuz von Blut,
Sverre brach von ihrer Warte
Romas bermut.

Bauern ihre xte schliffen,
Wo ein Feind sich wies;
Tordenskjold mit seinen Schiffen
Ihn wie Spreu zerblies.
Weiber sah man khn sich einen
Mit der Mnner Hauf;
Andre konnten nichts als weinen;
Doch die Saat ging auf!

Waren unser auch nicht viele,
Waren doch genug,
Als das Land stand auf dem Spiele,
Da die Stunde schlug.
Lieber mocht's in Flammen stehen,
Eh' es kam zu Fall;
Denkt nur dessen, was geschehen
Einst in Fredrikshall!

Tragen galt es Not und Plage,
Gott verstie uns ganz;
Doch in schlimmster Drangsal Tage
Glomm der Freiheit Glanz.
Das gab Kraft fr alles Schwere,
Hunger, Krieg und Pest,
Gab dem Tod selbst seine Ehre--
Und dem Zwist den Rest.

Unser Feind zerbrach den Degen,
Auf fuhr das Visier:
Brder flogen sich entgegen;
Denn das waren wir!
Schamrot eilten wir hernieder
bern resund:
Und da schlossen wir, _drei Brder_,
Einen ewigen Bund.

Volk Norwegens, deinem Gotte
Dank' in Htt' und Haus!
Lie dich werden nicht zum Spotte,
Sah's auch dster aus.
Mttersorgen, Vterstreiten,
Durch Geschlechter hin,
Wut' Er still zum Ziel zu leiten:
Unsres Rechts Gewinn.

Ja, wir lieben diese Feste,
Wie sie, flutbedrut,
Ihrer Berge Stamm und ste
Wind und Wolken beut.
Und wie Vterkampf beschieden,
Freiheit ihr und Macht,
Ziehn auch wir fr ihren Frieden,
Wenn es gilt, auf Wacht.




NORWEGENS ANTWORT

(auf die Reden im schwedischen Ritterhaus 1860)


Hrst, jung Norge, du mit Schweigen,
Was der Schwede sagt?
Siehst du's aus der Tiefe steigen,
Wo der Grenzfels ragt?
Schatten sind's gefallner Ahnen,
Die da winken, die da mahnen,
Wenn der Hohn den Streit entfacht,
Die da fordern treue Wacht.

Hr' den Schweden, hr' ihn grollen:
Norges Flaggenrot,
Das aus Wunden reich gequollen
Einst bei Magnus' Tod;
Das ob Haldens Zinnen schwebte,
Adlers Kraft zum Sieg belebte,--
Durch dies Rot im Flaggenfeld
Sei sein Blau und Gelb entstellt.

Hr' den Schweden: nichtig seien
Norges Ruhm und Glanz;
Ehre sollten wir entleihen
Seinem Strahlenkranz.
Ruhmlos, eignen Herd zu schtzen!
Ziehn wir denn hinab nach Ltzen,
Schleppen auch im Wanderschritt
Urahns alten Armstuhl mit.

Lat ihn stehn. Der "drftige Krempel"
Wird von uns verehrt;
Seines Alters wrdiger Stempel
Macht ihn doppelt wert.
Drinnen sa durch lange Zeiten
Mancher, gro in Rat und Streiten,--
Sverre und sein Heldenschlag,--
Der wohl hier noch spuken mag.

Hrt den Schweden: nur _sein_ Ringen
Htte uns befreit,
Beien knnten Schwedenklingen
Noch in heutiger Zeit!
Dnkt uns das wohl sehr gefhrlich?
Vorsicht raten wir ihm ehrlich;
Will er sprengen unser Tor,
Fallen einige zuvor.

Hrt doch nur: wir waren Knaben,
Ihm gehorsam-still
Mit der Schleppe nachzutraben
Stets, wohin er will.
Hei, was sagten wohl dem Kecken
Christie und die alten Recken,
Stnden die, das Schwert gewetzt,
Noch beim Werk auf Ejdsvold jetzt?

Gro war Schweden oft im Prahlen,
Wir, wir waren klein;
Galt's mit Eisen zu bezahlen--
Nun, wir hieben drein.
Wessel und Norwegens Knaben,
In dem Kutter nur, die haben
Schwedens Flaggschiff unverzagt
bers Kattegatt gejagt.

Lat den Schwedenadel schwingen
Karls des Zwlften Hut!
Mit ihm raten, mit ihm ringen
Wir, ihm gleich an Mut.
  Will er Streit vom Zaune brechen,
  Wird ein Torgny fr uns sprechen--:
  Einst dann berm Norden loht
  Unsrer Flagge Freiheitsrot.




JOHAN LUDVIG HEIBERG

(1860)


Nun geleiten sie zum Grabe
Ihn, den alten, muntren Grtner;
Nun gehn Kinder mit der Gabe,
Die sein eigen Beet ihm zog.

Nun steht jener Garten offen,
Drin er unterm Baum gesessen;
Nun sucht unser Blick betroffen,
Ob er dort nicht frder sitzt.

Leer der Platz. Im schwarzen Kleide
Wandelt eine Frau jetzt einsam
Dort umher in stillem Leide,
Wo sein helles Lachen klang.

Die als Kind erstaunt, voll Sehnen
Durch das Gitter drauen blickte,
Dankt mit groen, schweren Trnen
Nun, da ihr der Einla ward:

Mrchen-, Saga-, Geistesflammen
Rauschten um ihn her im Laube;
Leise schwebt sie, sucht zusammen
Jeden Funken fr ihr Weh.

Einstmals drang er fern zur Weite,
Dieser alte Herr, der muntre;
Wer gelauscht an seiner Seite,
Hat so manches wohl gelernt.

Denn ihn fhrten Leben, Schriften
Auf zu dem, was wenige schauen;
Kaum ein Platz in Geistestriften,
Der nicht seine Spuren weist.

Schutz war er in Mannesjahren
Allem Groen, allem Schnen,
Und den stillen Sternenscharen
Folgt' er dann im Gang zu Gott.

Denkt ihr noch, die alt nun worden,
Wie die "Neujahrs"-Glocken drhnten?
Wie sie Kmpfer rings im Norden
Sammelten der groen Zeit?

Denkt ihr noch an ihn, der sprengte
Frisch voraus mit hellem Hornruf
Und das Niedre abseits drngte,
Da dem Groen frei die Bahn?

Kinder, Faunen als Begleiter,--
Lachen, Geistesspiel und Trnen,--
Hinter ihm der Freiheit Scheiter,
Langsam aus sich selbst entflammt.

Worten kam der Ruhe Segen,
Tnen kam der Herzensfrieden;
Mchtig fuhr es allerwegen
Durch das Land wie Ahnungschor.

Schutz war er in Mannesjahren
Allem Groen, allem Schnen,
Und den stillen Sternenscharen
Folgt' er dann im Gang zu Gott,

Oder ging in Nordens Garten,
Wie ein alter, muntrer Grtner,
Saat der Ewigkeit zu warten,
Die des Volkes Lenz ihm gab.

Bald voll Ernst und bald voll Laune,
Pflanzte er und rckte hher,--
Sa dann abends, wo die braune
Buche gab der Seele Licht.

Nun steht jener Garten offen,
Drin er unterm Baum gesessen,
Nun sucht unser Blick betroffen,
Ob er dort nicht frder sitzt.




DAS MEER

(Aus "Arnljot Gelline")


Meerwrts verlangt es mich, ja zum Meere,
Das fern dort ruhsam rollet in Hoheit.
Nebelgebirge, lastende, tragend,
Wandert es ewig sich selbst entgegen.
Lind senkt sich der Himmel, hell ruft die Kste,
Es kann nicht weilen, es kann nicht weichen.
Klagend wlzet es seine Sehnsucht
In Sommernchten, in Winterstrmen.

Zum Meere verlangt mich, ja zum Meere,
Das fern dort erhebet die kalte Stirne.
Siehe, die Welt wirft darauf ihren Schatten
Und spiegelt flsternd hinab ihren Jammer.
Aber warm und lichtsanft streichelt's die Sonne
Und spricht ihm munter von Lebensfreuden.
Eisig, schwermtig-ruhig doch immer
Versenkt es den Trost und versenkt es die Trauer.

Der Vollmond saugt--, der Sturm reit es an sich,
Doch kein Griff packt, und die Wasser strmen.
Hinabwirbelt Tiefland, Berge hinschmelzen:
Zeitlos besplt es der Ewigkeit Ufer.
Was es erfat, geht mit ihm die Wege;
Was einmal sinket, das steiget nimmer.

Kein Bote naht, kein Schrei wird vernommen,
Und der Wogen Sprache kann niemand deuten.
Zum Meer hinaus, weit hinaus zum Meere,
Das Vershnung nicht kennt eines Wellenschlags Dauer!

Allem, was seufzet, ist es Erlser,
Doch weiter schleppt es das eigne Rtsel.
Fhl' seinen seltsamen Pakt mit dem Tode:
Ihm alles zu geben--sich selbst nur nimmer.

Mich fhrt, o Meer, deine groe Schwermut
Und streift zu Boden die matten Plne
Und lt entfliegen die bangen Wnsche:
Dein kalter Atem khle die Brust mir!
Und der Tod mag folgen, auf Beute lauern:
Wir wrfeln ums Leben noch ein Weilchen!
Noch rei' ich Stunden weg deiner Raublust,
Unterm Drohblick des Zornes die Flut durchschneidend,
Du sollst nur bauschig fllen mein Segel
Mit deinen sausenden Todesorkanen,
Nur eilender trage der Woge Rasen
Mein kleines Fahrzeug zu stillen Wassern.
Ob einsam und dster auch am Steuer,
Verlassen von allen, gestundet vom Tode,
Wenn fremde Segel von ferne winken
Und andere nchtens vorbei mir streichen:
Den Unterton zu belauschen der Strmung
--Des Meeres Seufzer, wenn Atem es holet--
Und der Welle Kleingang gen das Geblke
--Des Meeres Zeitvertreib in der Schwermut.
Da splen die Wnsche langsam hinber
In der Allnatur meerestiefe Schmerzen,
Und der Nacht und des Wassers rauher Anhauch
Rstet frs Reich des Todes die Seele.

Dann kommt der Tag! Und in weiten Bogen
Aufspringt der Mut zum Lichte, zur Wlbung
Das Schifflein schnauft und legt seine Seite
Mit Wollust hinab in die kalten Wogen,
Und der Bursch erklettert den Mast mit Singen,
Das Segel zu richten, auf da es schwelle,
Und die Gedanken, wie mde Vgel,
Doch ruhlosen Fluges, umschwrmen die Raaen...

Ja, ja, zum Meere! Dahin zog Vikar!
Gleich ihm zu segeln, gleich ihm zu sinken
Im Vordersteven fr Knig Olav!
Mit dem Kiel zerteilen das kalte Bedenken,
Doch Hoffnung haschen vom leisesten Lftchen.
Mit des Todes Finger hinten am Steuer,
Mit des Himmels Klarheit vorn ber den Bahnen!

Und dann einmal, in der letzten Stunde,
Zu fhlen, die Ngel lsen sich langsam,
Und es drckt der Tod auf das Plankengefge,
Da vom Kiel die erlsende Flut heraufschwillt!
Dann hingestreckt in den feuchten Segeln
Und still hinber ins ewige Schweigen.--
In groen, mondscheinklaren Nchten
Strandwrts roll' meinen Namen die Woge!




ALLEIN UND IN REUE

(An einen abgeschiedenen Freund)


Ich hab' einen Freund, im Grauen der Nacht
Hr' ich oft seinen Gru: Gott mit dir!
Wenn die Lichter sterben, mein Sinn nur wacht,
Dann tritt er am liebsten zu mir.

Er hat kein Wort, das mich krnken will,
Denn er selbst kennt Snde und Leid.
Er heilt mit Blicken und wartet still,
Bis ich ausgekmpft meinen Streit.

Und schafft mir Kummer, was ich getan,
So bekennt er sich selbst dazu.
Er fat meinen Glauben so handweich an,
Und bringt den Schmerz zur Ruh.

Stieg jubelnd die Hoffnung--er folgte ihr,
Und verzagte nicht, wenn sie sank.
Jetzt wieder--mild steht er neben mir--:
Mein Aufschwung werde sein Dank!




DIE PRINZESSIN


Prinzechen sa hoch in der Jungfernbastei,
Ein Brschlein ging unten und blies die Schalmei.
"Du Kleiner, was blst du am Abend?--sei still!
Das hlt meine Seele, die fortfliegen will
Mit der Sonne dort."

Prinzechen sa hoch in der Jungfernbastei,
Das Brschlein blies lnger nicht auf der Schalmei.
"Du Kleiner, so blase, was schweigst du denn still?
Das trgt meine Seele, die fortfliegen will
Mit der Sonne dort."

Prinzechen sa hoch in der Jungfernbastei,
Das Brschlein nun wiederum blies die Schalmei.
Sie weint in den Abend und seufzet vor Qual:
"O sagt doch, was fehlt mir?--Mit einem Mal
Ist die Sonne fort."




VOM MONTE PINCIO


Der Abend bricht an, die Sonne steht rot,
Von Strahlen entlodert der Himmelsbogen;
Lichtsehnender Glanz in unendlichen Wogen
Verklrt das Gebirg' wie ein Antlitz im Tod.
Es flammen die Kuppeln; doch mehr im weiten
Die Nebel, die schwarzblaue Felder umbreiten,
Ruhn drber gleichwie das Vergessen zuvor:
Dies Tal deckt tausendjhriger Flor.
  Abend so rot und warm,
  Lrmenden Volkes Schwarm,
  Glutende Hornmusik,
  Blumen und Feuerblick!--
Rings stehen in stummen Marmor gebannte
Heroen der Vorzeit, kaum gekannte.

Wie Opferdampf in errtender Luft
Hat Vespergelut' die Schwingen entfaltet;
Die heilige Dmmrung der Kirchen waltet,
Gebete zittern in Wort und in Duft.
Hell glhn die Sabiner, die lichtumflirrten,
Es blitzt die Campagna von Feuern der Hirten,
Und Romas Lichter, sie glitzern sacht
Wie Sagen durch der Geschichte Nacht.
  In den Dmmerschein
  Steigen Raketen hinein;--
  Frhlicher Menschen viel
  Lachen beim Morraspiel,
Und jeder Gedanke versucht in Tnen
Und Farben sich mit dem All zu vershnen.

Das Licht unterlag in lautlosem Kampf;
Es wlbt sich der Himmel in stahlblauem Dunkel,
Entlockt seinen Tiefen der Sterne Gefunkel,
Die Erde versinkt in Nebel und Dampf.
Nun wendet sich stadtwrts der Augen Flug:
Dort naht mit Fackeln ein Leichenzug;
Er sucht die Nacht; doch der Lichtglanz mag
Ihm Hoffnungen zuwehn vom ewigen Tag.
  Zechen und Mnchsgesang,
  Tanz, Mandolinenklang
  Werden betubt zugleich
  Krftig vom Zapfenstreich;--
Durch pochender Trume lebendiges Schwanken
Mitschimmert das Taglicht im Gedanken.

Still wird es; der Himmel, noch dunkeler blau,
Lt unter seinen unendlichen Rumen
Sowohl von Vergangnem wie Knftigem trumen--
Unsicheres Blinken im brtenden Grau.
Doch geben wird Roma das Flammenzeichen,
Weit sichtbar rings in Italiens Reichen:
Mit Glockengelut' und Kanonengedrhn
Aufschwebt die Erinnrung zu neuen Hhn!--
  Kstlich tut Sngermund
  Hoffnung und Glauben kund,
  Bringt einem jungen Paar
  Stndchen zur Laute dar.
Die strkere Sehnsucht ruht s im Hafen;--
Die mindere lchelt und will nicht schlafen.




ACH, WSSTEST DU NUR!


Ich darf dich zu sprechen mich nimmer getraun,
Du wagst nicht, zu mir herunterzuschaun;
Doch seh' ich dich immer am Fenster stehen,
Mu immer dort auf und nieder gehen.
Dann schleicht mein Denken auf heimlicher Flur
Und wagt nicht zu folgen der eigenen Spur!
  Ach, wtest du nur!

Als festgewurzelt ich Wache hier stand,
Hast oft du sprde dich abgewandt;
Doch seit ich seltner den Weg genommen,
Nun dnkt mich, du wartest auf mein Kommen.
Zwei Augen, sie flechten die Angelschnur;
Weh dem, der ihren Zauber erfuhr!
  Ach, wtest du nur!

Ja, wenn du ahntest, du Engelsgesicht,
Da ich hier unten ersann ein Gedicht,
Das just auf Flgeln wollte gelangen
Dorthin, wo du stehst in lieblichem Prangen!
Doch hrst du ihn nie, den verstohlenen Schwur.
Leb' wohl; dir lchle des Glckes Azur!
  Ach, wtest du nur!




DIE ENGEL DES SCHLAFES


  Als rosig das Kind
  In Schlummer fiel,
  Nahten ihm Engel
  Mit Lachen und Spiel.
Und die Mutter stand vor ihm, als es erwachte:
"Wie schn mein Kleines im Schlafe lachte!".

Zu Gott ging sie bald,
  Weg gab man das Kind;
  Einschlief's in der Fremde,
  Vom Weinen schier blind;
Doch Kosen und Mutterwort hellten die Rume:
Denn die Engel lachten ihm kindliche Trume.

  Heran wchst das Kind,
  Die Trne erstarrt;
  Einschlft's mit Gedanken;
  Die lasten so hart!
Doch nicht weichen die Engel, sie scheuchen die Sorgen:
"Schlafe! Im Frieden des Schlafs geborgen!"




DAS MDCHEN AM STRAND


Sie ging am Strande so jung dahin,
Sie dachte an nichts in ihrem Sinn.
Da kam ein Maler geschritten heran,
  Der im Schatten sodann,
  In des Meeres Bann,
Den Strand und sie zu malen begann.

Langsamer im Kreise ging sie dahin;
Ein einziger Gedanke, der lag ihr im Sinn:
Sie dacht' an das Bild auf der Leinewand,
  Wo sie selber stand,
  Sie selber am Strand,
Und im Meer mit dem Himmel gespiegelt sich fand.

Es trieb, es zog ein Traum sie dahin;
Sie dachte an vieles in ihrem Sinn:
Weit, weit bers Meer und doch so nah
  Zum Strand, den sie sah,
  Zum Mann allda--
Ei, was fr ein sonniges Wunder geschah!




HEIMLICHE LIEBE


Er sa im Winkel allein;
Sie schwang sich lustig im Reihn.
Sie scherzte, sie lachte
Mit einem, mit zwein...
O, da sie ihm das tun mute!
Doch niemand war, der davon wute.

Sie hofft' auf den Abend ein Wort.
Er sagte Lebwohl und--ging fort.
Sie weinten, ein jedes,
Sie hier und er dort,
Ob eines Lebens Verluste.
Doch niemand war, der davon wute.

Er sah von der Erde ein Stck.
Doch Heimweh trieb ihn zurck.--
Sein Bild war geblieben
Ihr einziges Glck,
Bis da sie zu Gott gehen mute.
Doch niemand war, der davon wute.




OLAV TRYGVASON


Wei von Segeln die Nordsee blitzt;
Hoch am Steuer im Morgen sitzt
Erling Skjalgsson von Sole,--
Spht bers Meer gen Dnemark:
Wo bleibt Olav Trygvason?

Sechsundfnfzig fllten den Plan,
Harrende Drachen; gen Dnemark sahn
Sonnbraune Mannen;--da scholl es:
"Wollte der Orm nicht kommen?
Wo bleibt Olav Trygvason?"

Doch als beim nahenden Morgengraun
Noch kein Mast am Himmel zu schaun,
Schwoll der Ruf wie ein Sturm an:
"Wollte der Orm nicht kommen?
Wo bleibt Olav Trygvason?"

Stille, stille zur selben Stund
Alle standen: von Meeres Grund
Stieg's empor wie ein Seufzen:
"Lngst ist der Orm genommen,
Tot liegt Olav Trygvason."

Alle hundert Jahre seither
Raunt um Norwegens Schiffe das Meer
Dumpf in mondigen Nchten:
"Lngst ist der Orm genommen,
Tot liegt Olav Trygvason."




SEUFZER


Abendsonnenfunkeln
Nie durch meine Scheiben bricht,
Auch die Morgensonne nicht;--
Stets bin ich im Dunkeln.

Sonne, sprich, wann gleitet
In die Kammer mir dein Schein?
Fllt kein Strahl ins Herz hinein,
Das im Finstern streitet?

Meinem Kindersehnen,
Morgensonne, bist du gleich;
Wenn du spielst so rein und weich,
Quellen mir die Trnen.

Abendsonnenfrieden,
Ach, du gleichst des Weisen Ruh;
Meinem Fensterlein wirst du
Knftig sein beschieden.

Morgensonnenklingen,
Ach, du bist die Phantasie,
Die der Welt Verklrung lieh.
Knnt' ich dich erringen!

Abendsonnenmilde,
Du bist mehr als Weisheitsruh',
Christenglaube bist mir du:
Leucht' auf mein Gefilde!




AN EIN PATENKIND

(1861)

Mit einem Album von Bildnissen aller derer, die in seiner Geburtsstunde
die Gedanken formten in der Welt des Geistes und der Politik.


Hier beschau' dir die Konstellation im Bilde--
Unter ihr ist dein Lichtlein erglht!--
Die Sternenschar, die im Himmelsgefilde
Des Gedankens nun strahlet und sprht.
Was knden sie dir? Wir wissen es nicht.
Deinem Weg, dem noch dunklen, vorleuchtet ihr Licht,
Deiner harrend, ihr Geistesglanz nimmt dich in Pflicht.--

  Erst la sie dich fhren,
  Doch trenne dich dann,--
  Mut tasten und spren
  Dich selber voran.




BERGLIOT


(In der Herberge)

Nun wird Knig Harald
Wohl Tingfrieden geben;
Denn Ejnar sammelte
Fnfhundert Bauern.

Die Burg umschlieet
Ejndride, der Jngling,
Dieweil sein Vater
Redet zum Knig.

Nun hoffe ich, Harald
Bedenkt, da Ejnar
Zween Knige schon
Fr Norge gekret--

Und schenkt uns Vershnung
Auf Grund der Gesetze;
So war sein Gelbde,
Hei wnscht es das Volk.

Wie auf den Wegen
Sandwolken stieben,
Und Lrm wacht auf!--
Schau' nach, mein Knappe.

--Es war wohl der Wind nur!
Denn unwirtlich ist's hier
Am offnen Fjord
In den niedren Bergen.

Seit frher Kindheit
Kenn' ich die Sttte;
Der Wind hetzt die grimmen
Hunde hierher.

--Doch tausendstimmig
Entfacht sich Getse,
Durch Stahlklang wachsend
Zu kampfroter Flamme.

Ja, das ist Schildlrm!
Und sieh, welch Staubmeer,
Speerwogen turmhoch
Um Tambarskelve.

In Not ist Ejnar!--
Treuloser Harald.
Deinem Tingfried entsteigen
Die Totenvgel.

Fahrt zu mit dem Wagen.
Ich mu zum Kampfe,--
Jetzt mig sitzen,--
Nicht um das Leben!

(Auf dem Wege)

O Bauern, bergt ihn
In schirmendem Kreise!
Ejndride, nun schtze
Den alten Vater!

Baut ihm eine Schildburg
Und reicht ihm den Bogen;
Mit Ejnars Pfeilen
Pflgt ja der Tod!

Und du, Sankt Olav!
O denk deines Sohnes,
Und bitte fr Ejnar
In Gimles Hallen.

(Nher)

Kampflose Mengen-- ...
In wirrem Drngen...
Gleich Wellen,
Den schnellen,
Zum Strande nun fliehn
Mit bebenden Knien
Und starren zurck.
Verlie uns das Glck?
Mit trauernden Zeichen
Halten die Scharen;
Sie pflanzen die Lanzen
Im Kreis um zwei Leichen.
Und Harald darf fahren?
Welch dumpfes Gedrnge
Beim Tinghause dort!
Stumm wendet die Menge
Sich schaudernd fort.
_Wo ist Ejndride!_----
Angstvolle Blicke,
Wohin ich sehe,
Wollen mich meiden...
Nun wei ich's, wehe,
Tot sind die beiden.
----Platz. Ich mu sehen.
Weh mir, sie sind es.
Konnt' es geschehen?
Ja, sie sind es.

Gefallen ist Nordens
Herrlichster Helde,
Norriges bester
Bogen zerbarst.

Gefallen ist Ejnar
Tambarskelve,
Der Sohn ihm zur Seite,--
Ejndride.

Ermordet im Finstern,
Er, der dem Magnus
Mehr als ein Vater,
Knuds, des Reichen,
Shnen ein Freund.

Meuchlings ermordet
Der Schtze von Svolder,
Der springende Lwe
Der Lyrskogheide.

Tckisch geschlachtet
Der Bauern Huptling,
Der Trnder Heide
Tambarskelve.

Mit weien Haaren
Den Hunden zur Beute,--
Der Sohn ihm zur Seite,
Ejndride!

Auf, auf, ihr Bauern, er ist gefallen.
Doch er, der ihn fllte, er lebt.
Kennt ihr mich nicht? Bergliot,
Tochter des Hkon von Hjrungavaag:
Nun bin ich Tambarskelves Witwe.

Euch rufe ich an, Heerbauern,
Mein greiser Mann ist gefallen.
Seht, seht, hier ist Blut auf dem bleichen Haar.
Auf euer Haupt mg' es kommen,
Wenn es erkaltet, eh' ihr es rcht.

Auf, auf, Kriegsheer, es fiel euer Feldherr,
Euer Stolz, euer Vater, eurer Kinder Wonne,
Eurer Kinder Mrchen, eures Landes Held,--
Hier liegt er, gefallen. Und ihr wolltet ihn nicht rchen?

Meuchlings ermordet, im Knigshause,
Im Tinghaus, dem Hause des Rechtes ermordet,
Ermordet vom obersten Manne des Rechts!
Des Himmels Blitz zermalme das Land,
Lutert sich's nicht in der Lohe der Rache!

Stot die Langschiffe ab!
Ejnars neun Langschiffe liegen ja hier,
Lat sie die Rache zu Harald tragen.

O stndest du hier, Hkon Ivarson,
Stndest hier auf der Hhe, mein Blutsfreund,
Nicht erreichte den Fjord dann Ejnars Mrder,--
Nicht mt' zu euch, Feigen, ich flehn!

O Bauern, hrt mich, mein Mann ist gefallen,
Meines Denkens Hochsitz durch fnfzig Jahre!
Zermalmt, zerbrochen, und ihm zur Seite
Der einzige Sohn, ach! all unser Hoffen!

Leer ist es nun zwischen diesen zwei Armen--
Kann ich betend sie je noch erheben?
Wohin auf Erden soll ich mich wenden?
Zieh' ich von hinnen zu fremden Sttten,--
Sehn' ich mich heim, wo wir beide gewandelt.
Aber wende ich mich heimwrts,--
Ach! sie selbst vermisse ich dann.

Odin in Walhall darf ich nicht suchen;
Den verlie ich ja schon in der Kindheit.
Und der neue Gott in Gimle?----
Der hat mir ja alles genommen!

Rache?--Wer spricht von Rache?--
Kann Rache meine Toten erwecken?
Kann sie mich wrmen, wenn frstelnd ich bebe?
Gibt sie mir traulichen Witwensitz,
Trost einer Mutter ohne Kind?

Geht mit eurer Rache! Lat mich in Frieden!
Legt ihn auf den Wagen, ihn und den Sohn,
Kommt, wir geleiten sie heim.
Der neue Gott in Gimle, der frchterliche, der alles nahm,
Lat ihn auch Rache nehmen; denn die versteht er,
Fahrt langsam! Denn so fuhr auch Ejnar immer,--
Und wir kommen frh genug heim.

Nicht springen die Hunde heut freudig herbei,--
Sie winseln und heulen mit hngendem Schwanz.
Im Stalle spitzen die Pferde die Ohren,
Froh der Stalltr entgegenwiehernd,
Lauschend auf Ejndrides Stimme.

Doch nimmer ertnt sie mehr,--
Und nimmermehr Ejnars Schritt im Flur,
Der allen kndet: steht auf, ihr Leute,
Jetzt kommt euer Huptling!

Die groen Stuben will ich schlieen,
Fortschicken all unsre Leute;
Vieh und Pferde will ich verkaufen,
Von hinnen ziehn und einsam leben.
  Fahrt langsam!
Denn wir kommen frh genug heim.




AN MEINE FRAU

(Mit einem Satz rmischer Perlen)


Nimm diese Perlen!--als spten Reim
Auf die, so geschmckt einst mein Jugendheim!
Der tausend Stunden stilles Glck,
Da du drin geatmet, es blieb zurck
Ein Haufe Perlen schimmernd hell,
Die der junge Gesell
Um die Brust sich hing
Und ums Haupt sich band--
Da aller Welt zu lesen stand,
Von wem sein Herz und Geist erst rechte Zier empfing:
Von ihr, die ihre Liebe um sein Leben wand!




IN EINER SCHWEREN STUNDE


Wohl dem, der ernster Fhrnis
Dankt seiner Kraft Bewhrnis:
  Je ferner das Ziel,
  Desto schwerer das Spiel,
Doch herrlicher auch das Gelingen!
Zerbricht dein Stab in Stcke,
Und wird aus Freundschaft Tcke,
  Ei, das geschieht,
  Damit man sieht,
Du brauchest keine Krcke.
  Wen Gott auf Erden
  Allein gestellt,
Dem wird er selbst zur Sttze werden.




FRIDA [Symbol: gestorben]


Frida, ich wute, du wolltest nicht leben.
Bloen Gedanken schon war es gegeben,
Dich zu entgeistern, als wren in ihnen
Engel erschienen.

Wie deine Augen, die staunenden, klaren,
Fern dann und fremd allem Irdischen waren:
Da wuchs die Schwinge, die nach deinen Tagen
Fort dich getragen.

Sprachest du, fragtest du, ward mir oft bange;
War's doch, als ob Blick und Stimme verlange,
Dir einen Schatz der Erkenntnis zu zeigen,
Der mir nicht eigen.

Sprangst du, wie eben der Schulbank entronnen,
Flog dein Gelock wie ein wehender Bronnen;
Lachtest du, tat sich der Himmel auf, strahlend
ber dein Strahlen.

Oder wie konntest du bitter dich grmen!
Alles zerflo gleich zu Schatten und Schemen,
Chaos ward, wie vor des Ewigen Werde,
Himmel und Erde.

Da, o, da sah ich: dein Glck, deine Schmerzen
Fanden nicht Raum mehr im irdischen Herzen.
_Dort_ winkte Weite!--Doch _hier_ blieb ein Schweigen
Wunderlich eigen.




AN BERGEN


Wie du dasitzt stumm,
Hochgebirg ringsum,
Meer um deinen Fu und vor dir deine Schren,
Sinnest du wohl auf
Saga, deren Lauf
Noch einmal die Welt erstaunen soll!

Stadt, dir selber treu,
Bergen, "niemals neu",
Unverwstlich, echt, wie deines _Holberg_ Laune.
Vormals Knigswacht,
Spter Handelsmacht,
Sitz sodann des ersten Freiheittings!

Wie die Sonne oft
Hell und unverhofft
Deinen Dunst durchbrach und deine Regenschleier,
Kamst du uns mit Rat
Oder rascher Tat,
Wann uns Nacht am dunkelsten umfing.

Tief aus Volkesgrund,
Witzig, kerngesund,
Sproten da Gedanken, stand uns eine Kunst auf,
Trotzig, blaugeugt,
An der Brust gesugt
Deiner dstern, mchtigen Natur.

Deine Berge kahl
Malte unser _Dahl_,
Trumend wandelte an deinem Strand _Welhaven_,
Und auf deiner Flut
Kreuzte hochgemut
_Ole Bull_ vor Flaggen aller Welt.

Deine Nordsee wacht
Treulich deiner Macht,
Und durch deine blauen Fjorde, wie durch Adern,
Strmst du Glck in dein
Nordisch Land hinein,--
Stadt durch Vorzeit reich, an Zukunft reich!




P.A. MUNCH [Symbol: gestorben]

(1863)


Viele Formen hat das Groe.
Er, der von uns ging, er trug es,
Wie wir einen Zweifel tragen,
Der den Schlaf uns raubt, doch endlich
Offenbarung uns gewhret,--
Wie ein hheres Sehvermgen
Leidend ber Unsichtbares,--
Einen Flug durch schwere Arbeit
Vom Gedachten zum Gewissen,
Vom Gewissen zum Geahnten,
Der in ruhelosem Drngen,
Gotterfllt und ewig wechselnd
Unsre Welt im Sturm durchkreuzet,
Ihrer Zweifel und Gedanken
Last ihr von den Schultern nehmend,
Und sie abwirft, und sie aufhebt,
Nimmer matt--doch ewig rastlos.

  Still! Nur ein einziger Zufluchtsort
  Wute ihn sanft zu vershnen:
  Seiner Familie lichtmilder Hort,
  Schmeichelnd in Farben und Tnen.

  Spann ihn sein Weib mit dem Zauberspiel
  Unter der Birken Schleier
  Mitten in duftender Blumen Gewhl
  Ein in des Walddomes Feier,--

  Kamen die Tchter dann lieblich und leis
  In ihrer Unschuld Klarheit,
  Fchelten Khlung der Stirne hei,
  Sprachen von kindlicher Wahrheit,--

  War er bald mitten in Spiel und Lied
  Zrtlich von Tnen umfangen,
  Wolken zerrannen, und hoch im Zenit
  Jubelnd Millionen sangen.

Doch wie in des Herbstes stiller,
Traumhaft schwerer Abenddmmrung
Wetterleuchten die Gedanken
Schreckhaft auf Gewitter lenket,--
Oder wie ein Schlag im Boote,
Das in stiller zarter Mainacht
Schlfrig zwischen Felsen gleitet,--
Nur ein einziges leises Pltschern,--
Doch das Echo jagt es weiter,
Jagt's von Fels zu Fels, die Drossel
Flattert auf, es kreischt das Birkhuhn,
Lauschend hebt das Reh sein Kpfchen,
Steine rollen, wach wird alles:
Hunde heulen, Glocken gellen,
Weckend all des Tages Lrmen,--
Also knnt' ihm ein Erinnern,
Daunweich nur im Spiel gefallen,
Wecken der Gedanken Heerschar.

Und dann jagte es durchs Weltall,
Und dann flammt's in seiner Seele,
Doch es ward zu Licht fr andre.

Rassenursprung, Wortverzweigung,
Namenquell, Gesetzverwandtschaft,
Gro und Klein in gleichen Qualen,
Gleichen Zweifeln jagt zum Ziele.
Wo nur Steine andre sahen,
Sah er's glitzern, sah er's funkeln,
Sprengte er den Schacht zum Bergwerk.
Und wo andre vor dem sichern
Funde des Jahrhunderts standen,
Griff ihn Zweifel, und er whlte
Tag und Nchte bis zum Grunde,
Grub--und sah den Fund versinken.

Doch es lie sein rastlos Wollen,
Das so vielen Kraft gespendet,
Oftmals bers Ziel ihn schieen.
Klarheit, die er ndern schenkte,
Trog ihn selbst als neue Ahnung.

Darum: wo er schon gewesen,
Kehrte er nur ungern wieder.
Stoff so oft wie Arbeit wechselnd,
Floh er vor dem eignen Denken.
Das Gedachte aber hielt ihn,
Folgte, wuchs gleich einem Brande,
In Brasiliens Wald geschleudert,
Prasselnd vor der Windsbraut fliehend.
Wo kein Menschenfu gegangen,
Fra sich's Weg fr Millionen.

Nordens Reich streckt seinen Busen
In des Eismeers frostige Nebel,
Finsternis der Wintermonde
Lastet schwer auf Meer und Bergen.
Und den Landen gleich, erstreckt sich
Auch des Volkes tiefste Wurzel
Weit hinein in Nacht und Nebel.
Doch wie durch die Nacht ein Leuchtturm,
Doch wie Nordlicht durch Polarnacht
Blinkte leuchtend sein Gedanke.
Zrtlich wie nach seines Vaters
Angedenken frug er eifrig,
Forschend nach des Volkes Wegen.
Namen, Grber, rostige Waffen,
Steine brachten ihm die Antwort.
ber Asiens Urwaldberge,
Wstensand und de Steppen
Sah er Karawanenspuren
Unterm Moder von onen
Heimatsuchend nordwrts deuten.
Wie einst sie den Flssen folgten,
Folgte ihnen all sein Denken,
Das so reich ins Weltall strmte.--

Sieh, es war ja nur Vershnung,
Was sein rastlos Schaffen wollte,
Doch die fand er nicht;--statt dessen
Fand er neue Wunderdinge,
--Ganz wie jene Alchymisten,
Die im Suchen nach dem Golde
Zwar nicht Gold, doch Krfte fanden,
Die noch heut die Welt bewegen.

Tief im Grunde barg sein Wesen
Eine Kraft des Gegensatzes,
So da Tne, angeschlagen
Von des Nordens hehrer Saga,
Mild harmonisch weiterklangen
In der Sehnsucht nach dem _Sden_.
Und es war des Auges Flamme,
Des Gedankens Blitz verwandt dem
Feuer des Improvisators
In dem heien Land der Trauben.
Und sein leichter Stimmungswechsel
Und der Feuergeist, der Frondienst
Tat den lieben langen Winter,
Doch die Frucht oft spielend wegwarf,--
Jener unermessene Reichtum,
Drin Gedanken, Launen, Tne,
Leid und Wonne, Ernst und Frohsinn
Unaufhrlich glitzernd spielten,--
Das war wie ein Tag im Sden.

Eine Reise war sein Leben
Unaufhaltsam drum gen Sden,
Durch das Nebelland des Ahnens,
Aus dem Dunkeln in das Klare,
Aus dem Kalten in das Warme,--
Und sein Wirken war die Brcke
ber Berg und Meeresstrmung.

----O, und dann des Glckes Stunde,
Da mit Weib und Spielgefhrten,
Seinen kindlich frischen Tchtern,
Er dort stand, wo Abendsonne
Kapitol und Forum grte,--
Wo aus tiefem Grund der Weltstadt
Weisheit und Erkenntnis sprudeln;---
Wo jetzt Klarheit, therreine,
Die Jahrtausende erleuchtet,
Die zur Ruhe hier gegangen;--
Wo dem Forscher aus dem Norden
War, als sei er allzulange
Irr im Nebel nur gerudert
Auf den tiefen, breiten Fjorden;--
Stand, wo Tote ihre Grber
Sprengen und als Zeugen schreiten
In der schweren Marmortoga;
Wo die Gttinnen von Delos
In die Freskensle tanzen
Wie einst vor zweitausend Jahren;--
Wo der Erde wachsend Werden
Pantheon und Kolosseum
Stolz in ihrem Schoe bargen;--
Wo ein Hermes dort am Eckstein
Cato wrdig schreiten sah als
Pontifex im Priesterzuge,--
Nero als Apollon schaute,
Opferrauchumhllten Wahnes,--
Gregor schaute, zornig reitend
Als der Geisterscharen Herrscher
ber alle Erdenreiche,--
Cola di Rienzi schaute,
Huldigend der Freiheitsgttin
Bei des Rmervolkes Jauchzen,--
Sah der Kirche Geistesfrsten,
Leo, sich statt Christus whlen
Aristoteles und Plato;--
Sah dann die katholische Kirche
Strkre Zeiten neu errichten,
Bis der Franzmann sie zertrmmert,
Und _Natur_ zur Gottheit wurde,--
Sah aufs neu' die alten Frommen
Dann in Prozessionen wallen
Mit dem Lamm als Weltbeherrscher!--
All das sah der kleine Hermes
Dort am Eckstein hinterm Tempel,
Und es sah der nordische Weise
Ihn und seine Visionen.--

--Ja, als er in der Geschichte
Hehrer Klarheit Rom erblickte,
Und sein Auge sinnend streifte
Abendsonnumflammte Hhen,--
Flossen seiner Sehnsucht Strahlen
ber in entzckte Ahnung.
Und--er sah in eine Kirche,
Grer als der Dom des Weltalls,
Und ein Friede sank hernieder,
ber alles Jetzt erhaben.--

Und als er zum zweiten Male
Dorthin kam, durch langer Tage
Mh' und Flei--als glt's Erlsung,--
Da ging Gott ihm selbst entgegen,
Fhrte ihn hinauf und sagte:
"_Friede mit dir, du bist Sieger!_"

Doch zu uns, die klagen wollten,
Wandte Gott sich um und sagte:
"_Wenn ich rufe, wer darf sagen,_
_Der Berufne sei nicht fertig?_"

_Er, der stirbt, er war hier fertig!_
Sieh, das glauben wir im Schmerze.
Und da Er, der allen Forschern
Jene Ruhelosigkeit gegeben
(Die Kolumbus trieb und Newton),
Wei, wann Ruhe kommen soll.

Aber jenen Geistesscharen,
Die verklrt zur Heimat wallen,
Blicken starr wir nach und fragen:
Wer soll abermals sie sammeln?

Denn, wenn er den Kriegspfeil schnitzte,
Strmten sie von allen Lndern:
Schweden, Dnemark und England
Und von Frankreich her zusammen;
bers Meer die Schiffe flogen
Seinem Banner rasch entgegen.

Die gewaltige Knigsflotte
Lag vor Anker hier am Strande,
Und es ward uns zur Gewohnheit,
Sie zu sehn und zu befragen
Nach Eroberung und Fahrten.

Was sie uns gewann, bleibt ewig.
Doch sie selbst darf nun zur Heimat.
Fest vereint, sehn wir entschwinden
berm Meer das letzte Segel,
Wenden uns und fragen leise:
Wer wird abermals sie sammeln?




KOENIG FRIEDRICH DER SIEBENTE [Symbol: gestorben]

(1863)


Nun schied unserm Knig ein wahrer Freund!
    Und es senkt bei dem Schlag
Sein Banner der Norden und folgt vereint
    Am Begrbnistag.
Doch, Dnemark! dein sind die tiefsten Schmerzen:
Nun brach dir das wrmste, das grte der Herzen,
    Nun brach deine beste
    Landesfeste,
Nun dehnt sich ein Schrei ob des Knigs Tod
    Wie aus tiefster Not!

Ihn, der geboren zu Dnemarks Glck,
    Traf des Todes Los.
Jung stieen sie ihn vom Hofe zurck--
    In des Volkes Scho.
Da gedieh er gut und ward eins mit den Scharen
Der Bauern, Matrosen in Lust und Gefahren.
    Selbst hat ihm das Leben
    Die Schule gegeben--:
Als fertig die Schlinge fr Dnemark,--
    War er lebensstark.

Schnell zeigte sein Geist sich bauerndumm,
    Wo ein Kniff sich fand;
Der Verrter feinste List schlug um
    Vor dem schlichten Verstand.
Er kannte ja nur des Volkes Gedanken,
Drum gab er ihm Freiheit sonder Schranken;
    Dem Ganzen war hold er--
    Nicht teilen wollt' er,
Und hielt eine Rede, nur kurz, die hie:
    "Nicht geschehn wird dies!"

Ein Matrose am Steuer beim Ansturm vom Meer
    Standfest und klar!
Greres Lob war nicht sein Begehr.
    Wir bringen's ihm dar!
Stracks dreht' er das Schiff gen Nordensrunde,
Dem wahren, sicheren Ankergrunde;--
    Rings sprach im Reiche
    Bald jeder das gleiche:
"So dumm ist der wohl nimmer; seht,
    Wie trefflich es geht."

Auf Deck rief er eben die Mnner all:
    Sturmsegel gesetzt!
"Land", klang es vom Mast beim Wogenprall
    _Jetzt, eben jetzt_,--
Da entglitt das Steuer den treuen Hnden,
Tot sank er hin--das Schiff will wenden...
    Wenden? Nimmer!
    Sein Kurs bleibt immer;
Ihr kennt ihn, Dnen, Mann fr Mann,--
    Sein Kurs heit: Voran!

In Reih' und Glied allzeit bereit,
    Als Wahlspruch er kor.
Wie ragt' er in ehrlicher Tatkraft weit
    Den andern vor.
Sie ernten die Frucht: _gebte Soldaten_,
Stehn alle, so treu, so erprobt in Taten!
    Das Schiff _kann nicht_ schlingern:
    In vielen Fingern
Liegt fest das Steuer geborgen an Bord;
    Hurra gen Nord!

Nichts andres bleibt jetzt in der Zeiten Drang:
    Ausharren voll Pflicht,
Wachthalten im Dunkel, nicht bla, nicht bang,--
    Gott ist unser Licht!
Hier ist's dumpf, ist es still, drckt die Sehnsucht nieder,
Lauscht jeder halb atemlos wieder und wieder,--
    Hier sind Wartezeiten,----
    Bis die Himmelsweiten
Rosig erhellt uns knden: es naht
    Der Tag zur Tat!




ALS NORWEGEN NICHT HELFEN WOLLTE

(Osterabend 1864)


Und segelst im Kattegatt du umher
    Und durch den Belt,
Du findest die Dnenfregatte nicht mehr
    Mit rotweiem Feld;
Hrst nicht mehr Wessels Stimme beim Klang
    Vom Kommandowort,
Nicht hinter dem Danebrog mehr den Sang,
    Den frischen, an Bord,
Du hrst kein Lachen, du siehst keinen Tanz
    Unterm Segelwei,
Um Spiegel und Mast nicht den leuchtenden Kranz,
    Der Knste Preis.
Denn alles, was unser war, ertrank
    Auf dem Meeresgrund,
Jedwedes Erinnerungsbild versank
    Im nchtlichen Schlund,--
In der Winternacht, da bei Sturmeswut
    Unter Norwegens Strand
Notschsse krachten und brandende Flut
    Tang anwarf und Sand;
Ein Boot fuhr vom Hafen zur Hilfe aus,
    Doch wandt' es in Hast,--
Da trieb die Fregatte gen Deutschland hinaus
    Mit zertrmmertem Mast!
Da flog unsre Blutsverwandtschaft vom Bord,
    Mit Stumpf und Stiel,--
Gepackt, gewirbelt, trieb fluchend sie fort,
    Ein Wellenspiel!
Der nordische Leu am Gallion, durch Sturm,
    Durch Alter so grau,--
Er ward zerstckt; ein zerschossener Turm,
    Lag das Schiff zur Schau.

Sie flickten es wieder, sie machten es klar
    Am deutschen Strand;
Schwarzgelb war die Flagge, es spreizt sich ein Aar,
    Wo der Lwe stand.
Wir segeln im Kattegatt; wie leer,
    Wie still ist es nun!
Nur ein deutsches Schlachtschiff sahn wir im Meer
    Vor Schonen ruhn.




AN DEN DANEBROG

(als Dppel fiel)


Danebrog, in alten Tagen,
_Schneewei, rosenrot_
Sah man, Sohn des Lichts, dich ragen
ber Nacht und Not,
Reif wie schwere Fruchtgehnge,
Hehr wie Heldengrabgesnge,
Frei, mit Geistes Wandervgeln
Durch die Welt dich segeln.

Danebrog, ach, heute steigst du
_Todbleich, blutigrot_,
Wund wie eine Mwe neigst du
Dich, verletzt zu Tod.
Heiligen Blutes Purpurlache
Zeugt fr die gerechte Sache.
Fallend Volk, nun trag die schwere
Kreuzeslast der Ehre!




DER NORRNASTAMM

(4. November 1864)


Es zog Norrnas Shne
Zum freien Meergestad';
Ihr Ziel war Kampfgedrhne
Und hehre Mannestat.
Ihr Geist, in Surtrs Feuer
Sich senkend wurzelfest,
Trieb Schossen ungeheuer
Zu Ygdrasils Gest.

Ging zu der Brder Schaden
Oft jeder eigne Spur,
Gab's auf getrennten Pfaden
Doch _eine_ Ehre nur.
Die Zeit schuf Platz fr jeden:
Erst Norge, Dnemark;
Kam auch danach erst Schweden,
So wuchs es doppelt stark.

Vom Stern des dnischen Drachen
War Ost und West entbrannt;
Normannengeists Erwachen
Drang bis zum heiligen Land.
Sowie von Sveas Stamme
Die Polnacht ward erhellt,
Gibt Ltzens Siegesflamme
Noch Licht der halben Welt.

Es schweiten harte Tage
Norges und Dnmarks Band;
Den grern Sinn der Saga
Hat kleine Zeit verkannt.
Dann trat, sich zu verbinden,
Norge zu Schweden hin,
Und nie mehr soll verschwinden
Der Saga grrer Sinn.

Der Volksgeist birgt im Schoe
Weissagung wundersam:
Die Zukunftstat, die groe,
Eint den Norrnastamm.
Ein jedes Fest entfache
Des heiligen Schwures Klang:
Fr unsres Blutes Sache
Sieg und nicht Niedergang.




GESANG DER PURITANER

(Aus dem Drama "Maria Stuart")


Gib mir Strke, reich' mir Waffen,
Halt meinem Notschrei den Himmel offen!
Herre, ist sie dein, mein' Sach',
Schenk' ihr du den Siegestag!
Strz' deine Feinde!
  Strz' deine Feinde!
Roll' vor dein Zorngewlk, schmettre hinab sie,
In ihrer Snden Abgrund begrab' sie,
  Seng' ihre Saat,
  Zertritt ohne Gnad'!
Dann la auf schneeweien Taubenschwingen
Dem Glubigen Trstung herniederbringen,
Das lblatt des Friedens, der deinem Frommen
Nach der Strafen Sndflut dereinst wird kommen!




JAGDLIED

(Aus dem Drama "Maria Stuart")


Hinter uns steigt Heidedampf,
  Heidedampf,
Vor uns fliegt der Falk zum Kampf,
  Vor zum Kampf.

Birkenduft erfllt den Hang,
  Fllt den Hang,
Felswrts strmt der Hrnerklang,
  Hrnerklang.

Durch die klare Luft dahin!
  Durch! Dahin!
Voran eilt sie! Die Knigin!
  Knigin!

Jagt ihr nach! Hei, Jagd voll Glut!
  Jagd voll Glut!
Nach--bis in die Todesflut!
  Todesflut!




TAYLORS LIED

(Aus dem Drama "Maria Stuart")


Auf Erden jede Freudenstund
Bezahlest du mit Sorg',
Und wird dir mehr als eine, glaub',
Du hast sie nur auf Borg.
Bald fordert eine Schmerzenszeit
In Seufzern streng zurck
Fr jedes Lcheln Zinseszins,
Abschlag fr jedes Glck.
  Mary Anne, Mary Anne,
  Mary Anne, Mary Anne,
Du, htt' ich dich nicht lcheln sehn,
Mt' ich nicht weinend stehn.

Gott helfe dem, der's nicht vermag,
Zu geben halb sein Herz;
Es kommt die Zeit, sie kommt, da ganz
Er nehmen mu den Schmerz.
Gott helfe dem, der nicht vergit,
Da er so froh einst war;
Gott helfe dem, dem alles bricht,
Dem nur der Geist blieb klar.
  Mary Anne, Mary Anne,
  Mary Anne, Mary Anne,
All, was ich je gepflanzt, erfror,
Nun, da ich dich verlor.




HOCHZEITSLIED


Du standest vorm Altar in weiem Kleide,
Und Ewigkeiten lauschten deinem Eide;
  Dein banges Denken schwebte
  Um ihren tiefen Grund,
  Und was dein Herz durchbebte,
  Das betete dein Mund.
Da ward dein Blick von hellem Glanz umwoben,
Denn deine Mutter betete dort oben
  Mit dir zugleich.

Nun fhltest du, die Hand, die dir gegeben,
Festhalten werde sie frs ganze Leben;
  Dir wurde leichter, freier,
  Dein Herz schlug nicht mehr bang;
  Du sahst durch Trnenschleier
  Die Zukunft hell und lang!
Betaut von milden Liebestrnen deuchte
Das Leben dir ein Lenz, der ewig leuchte;
  Du fatest Mut.

Ihm, der die Eltern deinen Kindertagen
Ersetzte, galt es Lebewohl zu sagen.
  Sein Werk war nun geschehen:
  Du standest froh verklrt
  Und, wie's ersehnt sein Flehen,
  Warst deiner Mutter wert.
Er sah dein Aug' voll Dank emporgehoben,
Und Dank schien ihm zu tnen von dort oben,
  Dank fr sein Werk.

Von den Geschwistern, denen Kinderpflege,
Selbst Kind, du gnntest, scheiden deine Wege.
  Den besten Lohn von allen,
  Sie geben heut ihn drein;
  Einst in die Wage fallen
  Wird er am Tag der Pein!
Dank und Gebet ist deines Glcks Geleite,
Dank und Gebet sei stetig ihm zur Seite,
  Dank und Gebet!




LEKTOR THSEN [Symbol: gestorben]


Von einer Blume las ich einst, die stand,
Bebend und bleich, abseits vom Wegesrand;
Denn der Gebirgsnatur geringe Kraft
  Gab sparsam Saft
  Und kaum noch Farbe.

Ein Blumenfreund sah sie im Schatten stehn;
Froh brach er aus: du sollst nicht so vergehn!
In sonnenwarmem Grund sollst du hinfort
  Ein fruchtbar Lebenswort
  Fr viele werden!

Als er sie samt dem Erdreich hebt und hlt,
Blinkt's seltsam ihm entgegen,--denn ihm fllt
Goldstaub von ihrer Wurzel in die Hand:
  Die Blume stand
  Auf reichen Gruben.

Von ringsher eilt der Jugend rasche Schar
Zur Wundersttte--und sie wird gewahr:
Hier liegt des Landes Zukunftsschacht;
  Ein Blick in Nacht
  Von Gott war die Blume.

Ach, daran dacht' ich, als die Kunde kam--
Als ihn der Herr des Lebens snftlich nahm
Aus kaltem Felsgrund und des Winters Wehn,
  Dort aufzugehn
  In ewiger Wrme.

Denn wo sein Sehnen sich hinabgesenkt,
Da blinkt es! Diese Lebenswurzel lenkt
Dem Weisheitshort entgegen, der da reich,
  Goldadern gleich,
  Ruht in den Tiefen.

Nun, da er fort ist, wird ans Licht gebracht
Die Herrlichkeit, von ihm so treu bewacht.
Gedankenschatz der Vorzeit glnzt herauf,
  Und es blitzt auf
  Der Zukunft Reichtum.

Nach dem Metall, ihr Jungen, grabet jetzt,
Des Staub die Blume trug, von Gott versetzt.
--Euch gilt die Botschaft! Schrft es aus dem Grund!
  Ihm ward's nur kund
  In Sehnsuchtstrumen.




AUF EINER REISE DURCH SCHWEDEN


Von Kind auf war ich dir verschrieben,
Denn Gre lehrtest du mich lieben,--
Und rufe laut als Mann dir zu:
_Des Nordens Sache fhre du!_

So reich an Land und Gaben bist du,
Doch deines groen Ziels vergit du.
Eh' du den Norden nicht geeint,
_Bleibst du dir selber fremd und feind!_

Es webt ein Sehnen und ein Singen
Durch all dein Volk, doch ohne Schwingen.
Wohl stehst du da, vor vielen stark,
Doch deinen Taten fehlt das Mark.

Zu vieles wird von dir begonnen,
Zu viele Kraft zu Wind versponnen;--
An Herzensflle mangelt's nicht,
Doch Treue fehlt und Ernst der Pflicht.

Du kannst nicht ohne Kampf gedeihen,
Ein Sinn mu deine Tage weihen,
Ein heldisch Wollen, da die Welt
Vor Schwedens Namen inne hlt.

Aus Eignem wirst kein Glied du rhren,
Der Ehre Stern mu dich verfhren,
Aus Taten wird dir erst und Mhn
Die rechte Freudigkeit erblhn.

Denn deines groen Einst Versprechen
Sind allzu strahlend, sie zu brechen.
_So schmiede denn des Nordens Glck!_
_Er gibt es doppelt dir zurck!_

Du kannst kein grer Werk beginnen,
Kein heiliger Gebot ersinnen:
Dies Werk schliet deine Zukunft ein
Und macht dich aller Snden rein!

Du Volk von Schwrmern und Propheten,
Du Volk von Trumern und Poeten!
Der Unkraft lhmend Joch zerbrich!
_Des Nordens Fahne harrt auf dich!_




STELLDICHEIN


Still ist der Abend;
Selbst sich begrabend,
Rollen die Stunden und scheidet das Licht.
Nur die Gedanken
Lauschen und schwanken:
Ob sie heut kommt oder nicht?

Frostiges Dmmern;
Wolken gleich Lmmern
Ziehen vorber; der Sterne Heer
Zaubert im Glnzen
Liebe und Lenzen;
Kennt sie den Weg denn nicht mehr?

Sehnsuchtsleise
Unter dem Eise
Seufzt das Meer in wegmder Ruh.
Schiffe vor Anker--
Ach, und ein Kranker
Fragt: wo verweilest du?

Schneeflocken stieben,
Bergwrts getrieben,
Mrchenhaft wirbelnd zum dunkelen Hain;
Nachtvgel schwirren,
Schlagschatten irren;
War das ihr Schritt?--Ach nein!

Bist du so feige?
Sehnende Zweige
Starren von Reif; du wurdest verhext.
Doch ich bin strker,
Sprenge den Kerker,
Wo du dich trumend versteckst.




LIED DES STUDENTENGESANGVEREINS


Auf, Brder, stimmt an ein Lied!
Im Lichtgeleit dahin es zieht,
  Hell flammt es in Liebessonne,
  Voran eilt des Sieges Wonne,
Und ringsum trufelt Bltensaat
Auf junger Willenskrfte Pfad!

Weithin unser Sang schon fuhr,
Und ruhmreich leuchtet seine Spur
  In Fahnen und Freundschaftsspenden,
  In Krnzen aus Frauenhnden,
In Festen voller Jugendschaum,
In Volkes Vorzeit, Volkes Traum.

Nach _Halden_ ging unser Zug,
Die Fahne hing zerfetzt genug;
  Sie wehte durch unsre Snge,
  Sie mahnte durch Liederklnge,
Erglhend in dem mchtigen Brand
Des Heldentods frs Vaterland.

Gen _Arendal_ die Sommerfahrt
Zu "Macht und Ruhm", sei treu bewahrt.
  Inmitten der Flotte zogen
  Wir Snger auf blauen Wogen
Zu Norges Schiffs- und Handelsflor,--
Da sangen wir den Jubelchor.

In _Bergen_, am Meeresstrand,
Wo Altes sich mit Neuem band,
Von Lurklang die Berge hallen;
  Held _Sverre_ lebt noch bei allen;
Doch frisch und voll von Lebenslust
Entstieg das Lied der Volkesbrust.

_Upsala, Kopenhagen, Lund_,
Wie zndend klingt's aus Herz und Mund!
  Da banden wir in Akkorden
  Im Dreiklang den ganzen Norden.
In vollem Chor zum Himmel klang
_Norrnastammes Einheitssang_.

Frischauf in die Welt hinaus!
Wo's Echo gibt, sind wir zu Haus.
  Im Lied unsre Zukunft winket,
  Im Lied die Vorzeit nicht versinket,--
Wir wandern weiter Hand in Hand,
Und singen Sommer unserm Land.




AN DEN BUCHHNDLER JOHAN DAHL

(Zu seinem sechzigsten Geburtstag)


Herr Wirt, dir sei dies Hoch gebracht!
    --"Hurra!"
Doch whrend wir singen, so gebt fein acht!
    --"Ja ja!"
Zuerst mt von schrecklichen Leiden ihr wissen,
Als in unsern Wirrwarr sein Los ihn gerissen
  Zu Adlern und Schren,
  Zu Wergelands Bren,
    --Au ja!

Er kam als ein unschuldig Lmmelein,
    --O je,
So niedlich, appetitlich und sauber und rein
    Wie Schnee.
Das kstliche Fleisch lie zu Fllsel man hacken
Und spter in Teig von Herrn Wergeland backen
  Und munter zerbeien,
  Die Knochen verschleien
    Im Ramsch.

Doch hei! wie ein Bcklein des gttlichen Tor
    Er sprang,
Und stie ihnen krftiglich hinter das Ohr,--
    Das klang!
Da schmunzeln die Kerle in vollem Behagen:
"Jetzt hat der Gesell sich zum Bruder geschlagen,"
  Und balde war keiner
  Beliebter und feiner
    Als Dahl.

Das Licht aus der Bude dort konnt' wohl erhellen
    Das Land.
Dort hat sich gar mancher zum Spiegesellen
    Bekannt;
Dort machte man Mode und kritische Normen,
Und wollt' ein gut Stckchen Norwegen formen.
  Das wird die Geschichte
  Schon bringen zum Lichte
    Dereinst!

Fr das, was du littest, entflammtest und strebtest,
    Hab' Dank!
Fr alle die Kraft, die du freudig belebtest,
    Hab' Dank!
Fr all dein gutmtig Eifern und Zanken,
Dein goldnes Gemt, deine Freundschaft, wir danken,
  Du seltsamer Falter,
  Du Lieber, du Alter,
    Hab' Dank!




DIE SPINNERIN


Ach, was fragte er mich,
Eh' er jetzt vom Fenster schlich?
    "Du, ein Band, das knpf' ich still,
An den Tag soll's im April.
    Traust du dich?--dann gib mir dein
Gespinst hinein."

Wie soll ich's wohl verstehn?
Wer hat je ihn weben sehn?
    Und mein Gespinst so rein,
Will er in sein Band hinein?
    Und so eilig webt er's hin,--
Bis--Lenzbeginn?

Und wie lacht' er dabei!
Ach! Stets treibt er Narretei.
  Gebe mein Gespinst ich hin,
Ihm, der also leicht von Sinn?--
  Fge du es, Gottes Hand,
Fest zum Band!




DIE WEISSE UND DIE ROTE ROSE


Die weie und die rote Rose,
So hieen der Schwestern zwei--ja, so!
Die weie, die war stumm und still,
Die rote allzeit froh.
Doch umgekehrt ging's seither, ja,
Da kamen die Freier weit her, ja.
Die weie ward so rot, so rot,
Die rote ward so wei.

Der, den die rote liebte,
Den wollt' der Vater nicht han, nicht han.
Doch den die weie liebte,
Den nahm er glattweg an.
Die rote, ach, bleicht in Trnen, ja,
Vor Seufzen, Sorgen und Sehnen, ja.
Die weie ward so rot, so rot,
Die rote ward so wei.

Da, Wetter, wird dem Alten bang,
Er rckt heraus mit: ja doch--ja!
Und Hochzeit gab's mit Sang und Klang
Und Bllerschu, hurra!
Bald kamen auch Rschen nun, o ja,--
Rschen in Strmpfen und Schuhn, o ja.
Die der roten waren wei, doch--hm!--
Die der weien alle rot.




IN DER JUGEND


    Jugendmut,
    Jugendmut,
Wie der Falke khn und leicht
Hebt er sich im Blau und steigt,
Bis er alle Hhn erreicht.
    Jugendblut,
    Jugendblut,
Braust wie Dampf durch Meer und Nacht,
Sprengt das Stromeis, da es kracht,
Trotzt dem Sturm und jauchzt und lacht.
    Jugendtraum,
    Jugendtraum,
Schleicht sich wie ein Schelm hinein
In schn Mgdleins Kmmerlein;
Aller Duft und Glanz des Lenzen
Seine leichten Wellen krnzen.
    Jugendlust,
    Jugendlust,
Sprudelt aus der Felsenbrust,
Schleudert noch im Sturz zum Grabe
Lachend seine Strahlengabe.
    Jugendlust,
    Jugendtraum,
    Jugendblut,
    Jugendmut
Streun auf unsern Erdenwegen
Singend ihren goldnen Segen.




DAS BLONDE MDCHEN


Ich wei, sie wird sich von mir wenden,
So scheu, wie je ein Traum entwich--:
Und doch, ich kann nur immer enden:
Du blondes Kind, ich liebe dich!
  Ich liebe deiner Augen Trume:
  So weilt auf Schnee der Mondnacht Ruh
  Und tastet sich durch steile Bume
  Nur ihr verschlossnen Tiefen zu.

Ich liebe diese Stirn: ein Siegel
Der Reinheit, blickt sie sternenklar
In der Gedankenfluten Spiegel,
Der eignen Flle kaum gewahr.
  Ich liebe dieses Haar, sich drngend
  Aus seines Netzes strengem Band:
  Voll kleiner Liebesgtter hngend,
  Verlockt es Auge mir und Hand.

Ich liebe diese schlanken Glieder
Mit ihrem Rhythmus wie Gesang.
Hell klingt des Lebens Wonne wieder
Aus ihrer Pulse dunklem Drang.
  Ich liebe diesen Fu, dich tragend
  In deiner Herrlichkeit und Kraft,
  Durchs muntre Land der Jugend wagend
  Den Weg zur ersten Leidenschaft.

Ich liebe diese Lippen, Hnde,
In Amors eiferschtiger Pacht;
Des Wrdigsten als Siegesspende
Gewrtig und fr ihn bewacht.
  Ja, schrze nur die schnen Brauen
  Und wende dich zur Flucht und sprich:
  Kein Mdchen drfe Dichtern trauen.
  Ich liebe dich! Ich liebe dich!




MEIN MONAT


Ich lobe mir April,
In dem das Alte fllt,
Das Neue Kraft erhlt;
Wohl liebt er Friede selten,--
Doch soll wohl Friede gelten?
Nein: da man etwas will.
Ich lobe mir April,
Weil er, der Strmer, Feger,
Der Eis- und Herzbeweger,
Weil er, der Krftereger,
_Des Sommers Kommen will!_




HOCHZEITSLIED

(Zu Ditmar Meidells Hochzeit, den 21. Juli 1868)


Blick' auf, o Braut, er naht
An Freundeshand zum Buchtgestad',
Ein wenig kahl und trg',
Doch frisch und herzensreg'.
Hier kommt er treu und grad'--
Der alte braune Kreuzeraar,
Erprobt in Sturmgefahr,
Mit Augen kindlich klar.

Er war ein Bursch so keck,
Lag gern auf seines Boots Verdeck
Und lie vom Wogenschaum
Sich wiegen in den Traum.
Der Segel breite Last
Schlug sonnbeschienen an den Mast,
Und ohne Ruder glitt
Der Kiel im Strome mit.

Doch als er mig da
Sein Bild im tiefen Blau besah,
Getrieben ward sein Kahn
Zum offnen Ozean.

Hei, wie er munter sprang
Zum Steuer unter Flutgesang;
Die erste harte Not
War ihm wie Morgenrot.

Er kehrte nicht nach Haus,--
Fuhr in der Freiheit Reich hinaus,
Wo alles ringsumher
Unendlich wie das Meer.
Hinaus ins Flutgetos,--
Und ward das Boot auch steuerlos,
Hat khne Manneskraft
Ihm doch den Sieg verschafft!

Da drauen stand er frisch;
Ihm wuchs der Mut im Sturmgezisch.
Sein Deck zerbarst; doch ihn
Konnt' es nicht niederziehn.
Nach oben kam er leicht,
Wie bers Meer ein Vogel streicht,
Dieweil manch stolzes Schiff
Zertrmmert ward am Riff.

Sein Kahn schwamm flott dahin,
Weil ihn gebaut ein freudiger Sinn,--
Der Sturm blieb ohne Macht:
Denn Jugend war die Fracht.
Und ein unbndiger Klang
Von Schssen, Feuerwerk und Sang
War immerzu an Bord
Mit Echo ber Nord.

Ein wenig md' zuletzt,
Dacht' er der Kindheit sehnend jetzt,
Lag wieder friedlich-mild
Und sah sein Spiegelbild.
Er sah, der Schelm, er sah--
Sein eignes nicht, nein _ihres_ da,
Als seiner Sehnsucht Fund
Lchelnd im Wellengrund.

Zum zweiten Mal zieht aus
Sein Leben in den Wogenbraus,
Und Sturm soll seinem Kahn
Zum zweiten Male nahn!
Zum zweiten, zweiten Mal hinfort
Soll tnen Schu und Sang an Bord;
Denn diesmal mit ihm fhrt
Der Glaub' an Weibes Wert!




NORWEGISCHES SEEMANNSLIED

(Zu einem Fest norwegischer Seeleute in Stavanger 1868)


Norwegisch Seevolk ist
Ein derber Schlag voll Kraft und List;
Wo Schiffszeug schwimmen kann,
Da ist es vorne dran.
Auf Meerfahrt und zu Haus,
Im Sund und bei den Schren draus,
Vertraut es Gottes Schutz
Und beut den Wogen Trutz.

Hier mht ein Volk sich ab
Frs Leben ruhlos bis zum Grab,--
Des Todes Sense mht
Sich Opfer frh und spt.
Was Tag um Tag geschieht,
Bewahrt nur selten Wort und Lied,
Und von so manchem Stck
Kehrt keiner mehr zurck.

Ja, schlichter Fischer Kiel,
Von Mut und Witz gefhrt zum Ziel,
Hat Werke viel erschaut,
Die niemals wurden laut.
Und manches Seemanns Haupt
Ward feucht mit Schilf und Tang umlaubt,
Statt da ihn goldnes Reis
Gekrnzt im Heldenkreis.

Des Olavkreuzes Ruhm
Htt' manches Lotsen Heldentum
Verdient, der Schar um Schar
Gerettet aus Gefahr.
Und manchem Brschchen auch,
Das heimritt auf der Jolle Bauch,
Stand Vater hoch an Bord,
Gebhrte wohl ein Wort.

Doch Norges Kste ist
Des Landes Mutterbrust und mit
Ihm Nahrung zu, wenngleich
Oft Nahrung trnenreich.
Sie htet und bewacht,
Was ihre Shne je vollbracht,
Vom groen Hafurstag
Bis auf das letzte Wrack.

Das fhlte, wer sein Land
Nach langem Fernsein wiederfand;
Das fhlte, wer es lie,
Wann er vom Ufer stie.
Das fhlten, die weit fort:
Der Heimat Glck war mit an Bord:
_Der weien Segel Flei_
_Gewann uns Macht und Preis._

       *       *       *

Hurra, wer immer heut
Zur See sich unsrer Flagge freut!
Hurra, der Lotse brav,
Der sie zuerst heut traf!
Hurra, der Fischer, der
Sich rudernd wagt auf Fjord und Meer!
Hurra, im Schrenkranz
Die Kste unsres Lands!




HALFDAN KJERULF [Symbol: gestorben]

(1868)


Hart griff der Winter die jungfrohe Kraft,
Doch er griff fehl. Der lenzfrische Saft
Rettete sich in dem leidenden Stamme.
Hochsommer bracht' ihm der Bltezeit Flamme,
Sptherbst gab reifender Frchte Prangen,--
Wenige, doch s und mit rosigen Wangen.

Sein ward die Frucht--und wird ewig gest,
Da, wo man ewig im Sommer steht.
Er allein fand
Leidengebeugt sich an Todesstroms Rand.
Weiter kmpft' er mit Winter und Eis,
Kmpft' um den Sommer, des Sngers Preis,
Kmpfte im Sinken, noch demtig schn
In brnstigem Flehn.

Hat ihn der Sommer auch wirklich gefllt,--
Jetzt, da man's erntet, das goldene Korn,
Hat er gesiegt; unter Jagdruf und Horn,
Einzugsfeier er hlt.

Er ist der Dichtkunst mchtiges Bild.
Winterlich herb und doch sommerlich mild.
Gleichwie die Lfte in zitterndem Schein,
Rosige Gipfel und laubfrischer Hain,
Bche, die blumige Wiesen durchgleiten,
Klingen und spielen in Sonnenlichts Saiten,
So soll die Dichtkunst erstehen aufs neu',--
Bleibt sie, selbst fallend, der Sache nur treu,--
Mchtig sich dehnen,
_Bald ist hier Sommer mit Sommers Sehnen._




VORWRTS


    "Vorwrts! vorwrts!"
  Scholl der Ahnen Losungswort.
    "Vorwrts! vorwrts!"
  Pflanzen wir den Schlachtruf fort!
Was die Sinne flammen, die Herzen glauben heit,
  Auch uns, die Enkel, vorwrts reit
    In ihrem Geist.

    "Vorwrts! vorwrts!"
  Wer gern haust als freier Mann.
    "Vorwrts! vorwrts!"
  Freiheit ewiglich voran!
Was sie auch an Leiden und Opfern kosten mag,
  Wer wei noch vom empfangnen Schlag
    Am Siegestag?

    "Vorwrts! vorwrts!"
  Wer da traut des Volkes Kraft.
    "Vorwrts! vorwrts!"
  Wer am Werk der Vter schafft.
Schtze schlafen tief noch in nordischer Berge Scho:
  Die lege treuer Spatensto
    Von neuem blo!




WIE MAN SICH FAND

(Zum Studententag 1869)


Trume, die zu Trumen drngen,
Finden bald ihr Reich;
Herzen, die sich suchen, sprengen
Alles lenzstrahlgleich.
Und je tiefre Leiden binden
Ihren jungen Drang,
Desto heller beim Sichfinden
Braust der Jubelsang.

Jeder von den Hochgemuten
Spornt zwar hundert an,
Doch wenn tausend auch verbluten,
Wr's doch nicht getan.
Nein, erst wenn der Volkslenz brausend
Strmt durch Wald und Land,
Weckend all die Hunderttausend,--
Dann erst man sich fand.

Heil nun Norges jungem Tage,
Fern in Dunst versteckt.
Mit dem Dmmergrauen jage
Weg, was uns erschreckt.
Und des Schlachthorns hohle Lieder,
Trnen, Schmach und Blut,
Die beseelten immer wieder
Uns erst recht mit Mut.

Aus des Volkes Geist und Werken
Wchst er Tag fr Tag,
Niederlagen ihn nur strken
Zum Entscheidungsschlag.
Frhlingsahnen ist entglommen,
Spricht das Jubelwort
Von dem Lenz, der einst wird kommen,
Heil dir, Volk im Nord!




NORWEGISCHE NATUR

(Auf Ringerike whrend des Studententages 1869)


Wohlauf, ihr Wanderer, singt,
Von Norges Herrlichkeit umringt!
  Lat stille den Ton sich ranken,
  Wie Farben vorberschwanken
Zu Fjord und Strand, Gebirg und Flur
Und Wald im Borne der Natur.

Die Glut in des Volkes Drang,
Die tiefe Kraft in seinem Sang,
  Hier hebt sie zu dir die Augen,
  Um deine Schnheit zu saugen,
Und da du dich vor ihr enthllt,
Dankt dir ein Blick, von Lieb' erfllt.

Hier kam die Geschichte zur Welt,
Hier trumte Halvdan als ein Held.
  Er sah in Nebelgestalten
  Das ganze Reich sich entfalten,
Und _Nore_ stand und gab ihm Mut,
Und in die Weite wies die Flut.

Hier fhre des Liedes Chor
Der Heimat ganzes Bild uns vor!
  Es brause der Sturm in der Stille;
  Ins Milde soll dringen der Wille:
Wenn sich das Land zusammenschart,
Erkennt ein jeder unsre Art.

Was immer als erstes sie will,
Sind hundert Hfen im April.
  Da hebt sich das Herz zum Gotte,
  Wenn Anker lichtet die Flotte;
Norges Gebete segeln fort
Mit sechzigtausend Mann an Bord.

Schau'  felsigen Kstenhang
Mit Mwen, Walen, Platz zum Fang,
  Fahrzeugen im Inselschutze,
  Doch Boten im Wogentrutze
Und Garn im Fjord, Schleppnetz im Sund--
Von Rogen wei den ganzen Grund.

Im wilden Lofotenschwarm
Umschlingt den Fels der Meeresarm;
  Die Hhen hlt Nebel umzogen,
  Doch am Fue keuchen die Wogen,
Und alles dunkelt, schreckt und droht;
Jedoch im Strudel Boot an Boot.

Den Eismeerfahrer dort schau'
Hinziehn durch Schnee und Dmmergrau.
  Laut schallen Kommandoworte;
  Durchs Eis wird gebrochen die Pforte,
Und Schu auf Schu die Seehundsjagd,
Doch Leib und Seele unverzagt.

Dann kommen wird abends zu Gast,
Wo das Gebirgsvolk weilt zur Rast,
  Wo Khe man melkt auf den Matten
  In des druenden Felshangs Schatten,
Wo sehnsuchtsbangem Fragelaut
Natur die Antwort anvertraut.

Doch mssen wir weiter im Flug;
Denn unser wartet noch genug,--
  Das Bergwerk, drin Erze wuchten,
  Die Renntierjagd in den Schluchten,
Der schumend weie Strom, der stolz
Zu Tale trgt des Flers Holz.

Und weilen wir wieder hier,
Die breiten Drfer lieben wir,
  Wo Bauern in treuem Walten
  Hoch unsere Ehre halten;
Von ihrer Ahnen Glanz umloht
War unsres Aufgangs Morgenrot.

Wohlauf, ihr Wanderer, singt,
Von Norges Herrlichkeit umringt!
  Uns leiht unser Wirken Flgel,
  Es grt uns die Vorzeit vom Hgel,
Und unsre Zukunft werd' erbaut
So stark wie Gott, dem sie vertraut.




ICH REISTE VORBER


--Ich reiste vorber im Morgenrot:
Lautlos ein Hof noch im Lichte ruht,
Und wie die Scheiben brennen in Blut,
Loht auf in der Seele erloschene Glut:--
  In Frhjahrsstunden
  Dort war ich gebunden
  Von lchelnden Lippen und feinen Hnden,
  Und das Lcheln mute in Trnen enden.

Lang, bis der Hof meinem Blicke entschwand,
Schaut' ich hinber, unverwandt.
Alles Vergangne erglnzte rein,
Alles Vergessne ward wieder mein:--
  Gedanken wandern
  Nun auch zu andern
  Frhlingstagen, und Wonnen und Fehle
  Wogen vor und zurck in der Seele.

Freudvoll damals und freudvoll nun,
Schmerzen damals und Schmerzen nun.
Sonne im Tau: wie das funkelt und weint--
Trnen und Lcheln verklrt und vereint.
  Wenn Erinnerungswellen
  Flutend erst schwellen
  ber die Seele und ebben dann wieder,
  Grnt sie und sprengt die Knospen der Lieder.




MEIN GELEIT


Durch strahlende Wonnen fahr' ich heut
In Sonntagsstille mit Glockengelut.
Die Sonne, vom Saatfeld bis zu den Mcken,
Will alles alliebend, allsegnend beglcken.
Ich sehe das Volk in die Kirche wallen,
Hr' Psalmen aus offener Pforte hallen.--
Sei frhlich! Nicht mir nur galt dein Gru,
Wenngleich du's nicht merktest mit eiligem Fu.

Ich habe das herrlichste Reisegeleit--
Zwar birgt es sich listig von Zeit zu Zeit;
Doch sahst du mich Sonntagsfreude bekunden,
So war's, weil mehrere mit mir verbunden,
Und hrtest du meinen gedmpften Gesang,
Sie saen schaukelnd in jedem Klang.

Mir folgt eine Seele von solcher Macht,
Da alles sie mir zum Opfer gebracht;
Ja, sie, die lachte, wenn umschlug mein Nachen,
Die nicht gebebt vorm Gewitterkrachen,
In deren weien Arm ich geruht,
Erwrmt von des Lebens und Glaubens Glut.

Seht, hierin bin ich von Schneckenart:
Ich nehme das Haus mit auf die Fahrt,
Und wer da glaubt, da die Brde mich drcke,
Der sollte nur wissen, wie hold es beglcke,
Ein Obdach zu finden, wo himmlisch klar
Sie steht unter lachender Kinderschar.

Kein Denken, kein Dichten hat je ersonnen
So hohe Wlbung, so tiefen Bronnen,
Wie von der himmlischen Liebe der Schein
Hinabdringt bis in die Wiege hinein.
Nie leuchtet und taut dir die Seele so lind,
Wie wenn mit Gebeten du wiegst dein Kind.

Wer nimmer die Liebe gekannt fr das Kleine,
Dem winkt nicht die groe, die allgemeine.
Wer nicht sein eigenes Haus kann baun,
Wird auch seine Trme zertrmmert einst schaun;
Und zwingt er ganz Europa ins Joch,
Stirbt einsam er auf Sankt Helena doch.

Erbau' dir nur selbst eine Zufluchtssttte;
Dann wei auch dein Nchster, wohin er sich rette.
Obwohl von Kindern und Frauen geschaffen,
Birgt diese Festung so starke Waffen,
Da heil sie bleibt in Kampf und Gefahr
Und Mut verleiht einer ganzen Schar.

Ein einzelnes Heim trug oft ein Land,
Wenn dessen Retter es ausgesandt,
Und wieder viel tausend Heime trug
Das Land erlst aus dem Kriegeszug;
So trgt es auch auf des Friedens Wegen
Den Pulsschlag des Heims in emsigem Regen.

Trotz all dem Feinen im fremden Duft,
Ganz lauter allein ist die Heimatluft.
Nur dort stellt kindliche Wahrheit sich ein
Und wird von der Stirn dir gekt der Schein.
Zur Heimat dort oben stehn offen die Tren;
Denn von dorten kam's, und dahin wird es fhren.

Du Kirchenpilger, drum freue dich;
Du betest fr deine, fr meine ich;
Denn das Gebet lt uns aufwrts wandern
Ein Stck von dem einen Heim zum andern.--
Ihr bieget hinein; im Weiterwallen
Hr' ich den Psalm aus der Pforte hallen.--
Sei frhlich! Nicht mir nur gilt dein Gru,
Wenngleich du's nicht merktest mit eiligem Fu.




AN MEINEN VATER

(Als er Abschied nahm)


Unser Geschlecht sah einstmals stolze Tage.
Noch in gerumigen Weilern und auf breiten
Gehften sitzt es; doch in harten Zeiten
Ward _unser_ Zweig gebeugt in andre Lage.
Nun reckt er wieder sich zum Licht empor,
Und frische Knospen sprieen draus hervor:
Du strktest ihn; dein Abend sieht aufs neue
Ihn blhn, gelabt vom Quickborn deiner Treue.

Wie das Geschlecht sich ausruht, um zu steigen
In seines Wesens Tiefe, still geschftig
Dort einzusaugen, was erlsungskrftig
Die reichen Gaben aufweckt, die sein eigen--
So konnt' ich fhlen noch in dir die Spur
Der dumpfen, ungezgelten Natur;
Sie war so stark, da ihre dunklen Mchte
Fortwirken bis zum sptesten Geschlechte.

Ein Funke fiel hinein vom warmen Herzen
Der Mutter, und der Bund, der euch beglckte,
Wird, wie er segnend euer Alter schmckte,
Noch leuchten nach dem Tod mit hellen Kerzen.
Wenn unser Volk einst recht versteht das Bild
Der Heimat, der mein ganzes Dichten gilt,
Des Glaubens und der Liebe stilles Walten,
Dann soll's auch euch fr immer lieb behalten.

Wird Norges Bauer, wie ich ihn beschrieben
Aus Sagas oder bei des Pfluges Lenken,
Genannt,--mu, Vater, man auch dein gedenken:
Ich ahnt' ihn nur, weil dich ich lieben durfte.
Und wenn das treue Weib, das ich gemalt,
Mit wackrem Mut, von Glaubensglanz umstrahlt,
Von Fraun genannt wird, mag es leicht geschehen,
Da meine gute Mutter sie ersphen.

Und nun in Abendrast mgt ihr verweilen
Nach schwerem Tagwerk und nach manchen Plagen,
Mgt euch erzhlen von entschwundnen Tagen,
Von manchem mden Schritt die tausend Meilen--
Wie ber Winterschnee der Sonnenschein
Blickt euch ins Fenster freudiger Dank herein,
Umwebend einstiges Leid mit goldner Hlle,
Und Leben quillt euch aus des Glaubens Flle.

Doch niemand ist, der wrmer fr euch betet
Als euer Sohn, den ihr in Angst und Beben
Gehegt vom ersten leisen Flgelheben,
Fr dessen Wohl zu Gott ihr tglich flehtet.
Wit, wenn das Blut zu wild mir scho durchs Hirn,
War mir, als rhrten Hnde meine Stirn;
Und pochte Reue still an meine Schlfen,
War mir, als ob wir uns beim Hchsten trfen.

Seht, deshalb bitt' ich Gott, mir Kraft zu senden
(Frs Leben werden wir uns neu begegnen,
Und Scherz wird Hoffnung und Erinnrung segnen),
Um einen heitern Abend euch zu spenden!
O la die Enkel, wenn dein Arm sie hlt,
Im Abend schaun die morgendliche Welt!
So wird einst trstlich ihnen noch im Sterben
Das Morgenrot die blassen Hupter frben.




AN ERIKA LIE


    Wer in Tne bnde
    Nordische Gelnde,
Zeigte nicht nur rauhe Bergeswnde,
    Nein, auch ebne Auen,
    Die gen Morgengrauen
Glitzerperlen frisch betauen.

    Wlder, traumumflogen,
    Die in schweren Bogen
Wie ein Meer das Glommental durchwogen,--
    Lieblich grne Weiten,
    Die von allen Seiten
Leicht und licht zusammengleiten.

    All den feinen, klaren
    Reiz uns offenbaren
--Nordlands sonnbeglnzte Vogelscharen.
    Und die Purpurspende
    Ferner Nordlichtbrnde--
Sieh, das mssen Mdchenhnde.

Deine Hnde schlagen
    Tne an und jagen
Bilder auf aus langentschwundnen Tagen,
    Die in Sehnsuchtstiefen
    Unsrer Dichtkunst schliefen,
Bis dann deine Hnde wach sie riefen.

    Bald in leichten Ringen
    Sehn wir blinkend schwingen
Funken, die aus Vaters Frohsinn springen;
    Bald erhabnes Schauern,
    Heiliges Bedauern
Aus der Mutter Wehmutsauge trauern.

    Kinderseele, klinge
    Reingestimmt und dringe
Glubig durch das Sein und alle Dinge,
    Rein wie Melodien,
    Festsaalharmonien
Dich, du Kind des Glommentals, umziehen.




AN JOHAN SVERDRUP


Nicht war's zu rauhem Kriegeswerke,
Da deines Namens Wunderstrke
Ich mir zum Losungswort erkor.
Kein Gassenkampf krnkt unser Ohr!
Soll denn der Dichtkunst Opferhain
Gefeit vor Meuchelmord nicht bleiben,--
Ist das das Neue, was sie treiben,
Dann mag ich nicht der ihre sein.
Dann sage ich, wie Ejnar sagte,
Als er um seinen Knig klagte
Und Harald mit Verheerung droht':
"Ich folge eher Magnus tot
Als Harald lebend;--" ja frwahr,
Dann mache ich mein Langschiff klar.
Auch darum senkte nicht vor dir
Mein Lied sein flatterndes Panier,
Weil ich bei dir Erlsung whnte
Fr alles, was mein Herz ersehnte.
Nein, wo die _grten_ Fragen brennen,
Da eben ist's, wo wir uns trennen--
Von des Gedankens Ursprung an,
Bis er sich formt zu Ziel und Plan.
Ich steh' auf Kinderglaubens Grund--
Er mu dem Volk die Freiheit geben,
Durch ihn kann es nach Gleichheit streben,
Nach freier Brdervlker Bund.
Wohl heiest du gleich mir ein _Christ_,
Doch ist die Kluft so tief geblieben,
So tief, wie wir _verschieden_ lieben
Dies Land, das uns _gleich_ teuer ist.
Heut mgen wir am Sieg uns freun,--
Das Morgen wird uns neu entzwein.
  Doch darum dich mein Sang erkor,
Weil eben das, was uns _jetzt_ gilt,
Von allen dich am strksten fllt,
Du hltst im Kampf es hoch empor.
Wenn graue Nebel uns umschlingen,
Nach Licht das trbe Auge lechzt,
Die Erde schlummermde chzt,
Und ngstlich wir nach Atem ringen,--
Dann weicht von dir die Erdenschwere,
Dann regt dein Geist die Donnerflgel,
Dann packt dein Blitz die Wolkenheere,
Und sonnenklar stehn Berg und Hgel.
Du bist der frische Regengu
In unsres Alltags trgem Mu;
Du bist die Salzflut, die so wild
In unsre schwlen Fjorde quillt.
Dein Wort bricht durch wie Bergmannsgnge,
Wo Erz erglnzt in Felsenenge;
In deines Seherauges Flammen
Schmilzt Einst und Jetzt in eins zusammen.
Solang' du Sverres Klinge schlgst,
Macht sie dein Schlachtenhorn erzittern;
Solang' wir dich als Fhrer wittern,
Du Sieg auf Sieg von hinnen trgst.
Sie weichen unter deinen Hieben,
Verkriechen sich in scheuer Kluft,
Doch frei in des Gedankens Luft
Ist unversehrt dein Haupt geblieben.
Wir lieben deinen Lwenmut,
Der vor der Fahne kmpft voll Glut,
Die Fhigkeit, die unverzagt
Den eignen Stahl zu schmieden wagt,
Die wachsame Verwegenheit
In Not, Verachtung, Krankheit, Leid.
Wir lieben dich, weil alles du
Hingabst fr uns--Ruhm, Zukunft, Ruh;
Wir lieben dich trotz Ha und Groll:
Du glaubtest an uns allezeit.
  Wer wagt's, noch rckwrts jetzt zu zeigen?
Nein, aufwrts Jahr fr Jahr wir steigen,
Aufwrts in Freiheit und in Sang
Und froh-norwegischem Eigenleben;
Wer wagt es noch, zu widerstreben
Befreitem hundertjhrigen Drang?
Kein Zwiespalt mehr um Recht und Macht;
Ob Kriegstumult, ob Friedensstille,
Nur _einer_ Freiheit Ehrenwacht,
_Ein Volk nur und ein einziger Wille._
  Der Geist, dem unsres Morgens Graun
Den Traum von freien Gttern brachte,
Der gro von allem Groen dachte,
Wird nimmer dem Unechten traun.
Der Geist, der Wikingschiffe baute,
Als er dem Knigswort mitraute,--
Der sich, bedroht, gen Island schwang
Auf Heldenruf und Heldensang,
Im Sturm dann Land und Zeiten nahm,--
_Den_ macht ihr nicht so leicht mehr zahm.
Der Geist, dem einst am Hjrungsunde
Schlug langersehnter Freiheit Stunde,
Der keines Knigs Macht gescheut,
Der selbst dem Papstspruch Trotz noch beut,
Der selbst in seiner Schwachheit Stunde
Frei sa auf freier Vter Grunde,
Und sich gewehrt mit Mund und Hand,
Wo fremdes Herrentum ihn band,--
Der Wessel fhrte Hand und Degen,
Der Holbergs Witz zu wetzen wagte
Und der Gedanken Funkenregen
Aus stillem Schlot gen Ejdsvold jagte,--
Der durch des Glaubens Machtgebot
Die Brcke _ber_ Odin spannte
Im Baldurmythus auf zu Gott,--
Der Geist, der sich aus tiefem Dunkel
Zu Gimles Klarheit durchgerungen,
Als Papstesspruch wie Mnchsgemunkel
Ihm allerwrts den Weg verrannte,--
Und abermals dann Brckenbogen
Zu sonnigen Freiheitshhn gezogen,
So da, als rings fr Luthers Lehre
Des Schlachtfelds Opfer blutig rauchte,
Im Norden, an der Freiheit Wehre,
Nur eine Wand zu fallen brauchte,--
Der Geist, der auch die finstern Stunden,
Da man den Glauben abgeschafft,
Durch Brun und Hauge berwunden,
Und der mit unbeirrter Kraft
In pietistischer Nebelnacht
Bei Kerzenschein am Altar wacht,----
Glaubt ihr, den bringt man in die Mode
Durch die neumodische Synode?
Der liee sich in Stcke feilen
Und in politische "Kammern" teilen,
Der liee sich wie Schmugglerwaren
ber die Grenze heimlich fahren?
  Und _eben jetzt_, da auf den Hhen
Die Feuerzeichen flammend rauchen,
Da Schulen fr das Volk erstehen
Und nicht um Platz zu kmpfen brauchen,
Wo Mut und Sinne sich verjngen,
Dieweil wir hren, glauben, singen;--
Jetzt, da mit dumpfen Wetters Macht
Sich Wellen aus der Tiefe heben,
Und drber hell wie Nordlichtpracht
Der Jugend Sehnsuchtrufe schweben,--
Jetzt, da der Geist allberall
Die alte, starre Form verschmhte,
Wo schmetternd mit der Kriegsdrommete
Der junge Wille strmt den Wall!

Kampfgroe Zeit! Und wir mittinnen!
Der Erde Grtes ist's: zu sein,
Wo Krfte grend sich befrein
Und Formen und Gestalt gewinnen;
Von eignen Feuers berflu
Zu opfern fr den groen Gu,
Den Abdruck seiner eignen Form
Zu sehn als der Geschlechter Norm,--
Zu hauchen in den Mund der Zeit
Den Geist, den Gott in uns geweiht.

       *       *       *

Das war's, was ich dir sagen mute,--
Just dir, der wach zu jeder Frist
Die Werkstatt seiner Zeit durchmit
Und stets, was kommen wrde, wute;
Dir, der des Volkes Herz geweiht
Zu diesem neuen Freiheitsleben,--
Und dem dies Volk dafr gegeben
Sein Schpfertum samt seinem Leid.




DAS KIND IN UNSRER SEELE


Zum Herrn im Himmelsraume
Blickt auf ein Knabe unschuldstraut,
Wie wenn zum Weihnachtsbaume,
Ins Mutteraug' er schaut.
Doch schon im Sturm der Jnglingsbahn
Trifft ihn der Edenschlange Zahn,
Und seines Glaubens Schranken,
Sie wanken.

Da winkt voll Sonnenschimmer
Sein Kindertraum im Myrtenkranz;
Im Liebesblick malt immer
Sich frommer Himmelsglanz.
Wie einst im Mutterarm so gern,
Preist wieder stammelnd er den Herrn
Und lst sein betend Sehnen
In Trnen.

Wenn dann zum Lebensstreite
Er zweifelnd eilt in jhem Lauf,
Steht lchelnd ihm zur Seite
Sein Kind und weist hinauf.
Mit Kindern wird er wieder Kind;
Wohin sein Herz auch trgt der Wind,
Gebet wird ihn vereinen
Den Seinen.

Der grte Mann auf Erden,
Das Kind in sich verlier' er nicht,
Und selbst in Sturmbeschwerden
Erlausch' er, was es spricht!
Oft, wenn ein Kmpe fiel mit Scham,
Das Kind war's, das als Retter kam;
Es lt von allen Wunden
Gesunden.

Was Groes ward ersonnen,
Ist Werk des Kinderfreudenstrahls;
Was Starkes ward gesponnen,
Das Kind in uns befahl's.
Was schnheitsvoll in Herzen fiel,
Lebt in des Kindes Unschuldspiel,
Und Klugheit vollgewichtig
Wird nichtig.

Wohl dem, der sich hienieden
Wert zeigt, im eignen Heim zu ruhn;
Denn dieses nur gibt Frieden
Des Kindes mildem Tun.
Uns alle, die des Lebens Schlacht
Verhrtet hat und md' gemacht,
Wird Kinderlachens Tnen
Vershnen.




DER ALTE HELTBERG


Ich besucht' eine Schule--klein, doch geziert
Mit allem, was Kirche und Staat approbiert.
Sie drehte sich fgsam und honett
In der Staatsmaschine, freilich mit Knarren,
Denn geschmiert wurde selten mit Geistesfett.
Jedoch eine andre gab's dort mit nichten:
Und so muten wir denn ins Geschirr vor den Karren,
Aber statt zu ziehn--las ich Snorres Geschichten.
Dieselben Bcher, dieselben Gedanken,
Die der Lehrer pflichtschuldigst jahraus, jahrein
In die Kpfe paukt ohne Wanken und Schwanken,
--Denn dies befohlne System allein
Bringt das Amt, nach dem Lehrer wie Schler nur zielen!--
Dieselben Bcher, dieselben Gedanken,
Die einen machen aus noch so vielen,
Der auf einem Bein seine Lektion absurrt,
Der Tausendsassa, wie ein Ankertau schnurrt!--
Dieselben Bcher, dieselben Gedanken
Von Mandal bis Hammerfest--(ja, wie mit Planken
Umschliet uns der Staatspferch, darin alle feinen,
Korrekten Leute dasselbe stets meinen!)Die
nmlichen Bcher, die gleichen Gedanken
Sollt' ich schlucken; doch mir widert' der Brei,
Ich trotzt' mit der Schssel und machte mich frei,
Froh berhpfend der Heimat Schranken.
Was mir drauen begegnet und was ich dachte,
Was die neue Sttte mir Neues brachte,
Wo die Zukunft lag,--darauf will ich verzichten,
Um von der "Studentenfabrik" zu berichten.

Brtige Gesellen, oft ber die Dreiig,
Auf jedes Wort hungrig, bffelten fleiig
Neben mausigen Brschlein von siebzehn Jahren,
Die sorglos nrrisch wie Spatzen waren;--
Teerjacken, einst ins Abenteuerland
Keck aus der Schule durchgebrannt,
Dann reuig wieder und sehr erpicht,
Die Welt nun zu sehen im Weisheitslicht;--
Fallierte Kaufleute, die hinterm Pult
Mit den Bchern liebelten, bis die Geduld
Ihrer Glubiger ri, und auf Pump jetzt studierten;--
Salonlwen, faule, die hier noch sich zierten!--
Junge, halb ausgebackne Juristen
Und predigtlsterne Seminaristen;--
Kadetten mit Schden an Arm oder Bein,
Bauern, denen 's Lernen fiel allzuspt ein:--
Was andre in fnf Jahren nicht verschlingen
An Latein, in knapp zweien wollten sie's zwingen.--
Sie hingen ber die Bnke, lehnten gegen die Wand,
Ein Paar hockt' in jedem Fenster, einer prfte just am Rand
Eines tintenklecksigen Pultes, ob denn sein Messer schneide.
So fllten sie die zwei Stuben, zum Brechen voll beide.

Lang und hager, im Halbtraum, auf der uersten Linie
Sa vor sich hinbrtend A.O. Vinje.
Angespannt und mager, die Gesichtsfarbe gipsen,
Hinterm kohlschwarz-unmenschlichen Bart Henrik Ibsen.
Ich, der jngste, war damals noch nicht von der Partie,
Bis ein neuer Schub einrckte mit Jonas Lie.

Doch der Alte, der wackre Chef in dem Loch,
Heltberg war von allen der schnurrigste doch!
In Pelzstiefeln stand er, in Hundefell dicht
Vermummt (denn es beugten ihn Asthma und Gicht,
Den Riesen), doch barg uns die Pelzmtze nicht
Seine Stirne, das klassische Adlergesicht.
Nun schmerzgekrmmt, nun besiegend, was widrig,
Warf er starke Gedanken--und er warf sie nicht niedrig.
Kam der Schmerz unbndig und stie zusammen
Mit dem starken Willen, der Sturm dann lief
Gen den Anfall, sahn wir sein Auge flammen
Und die Hnde sich ballen, als schmt' er sich tief
Jeder Schwachheit. Wie uns da entgegenschlug
Das Groe im Kampfe! Und jeder trug
Ein Bild mit sich fort jener strmischen Zeiten,
Da durchs Land gebraust Wergelands wilde Jagd,
Welch ein Spiel der Krfte im Toben und Streiten.
In der Kraft welch ein Wille unverzagt!
Nun stand er verlassen, der einzige noch,
Vergessen in seinem Winkel--und war ein Huptling doch!
Los sprengt' er den Gedanken aus der Schule Zwang und Zucht,
Sein Eigen war die Lehre, seine Fhrung Geistesflucht,
Persnlich all sein Wesen: hchst ungeniert-anarchisch
Risch rasch! ging's in den Text; doch absolut monarchisch
War sein Grimm ber Fehler;--zwar legte er sich bald
Oder stieg zu einem Pathos von edelster Gestalt,
Das in Selbstverhhnung sich lste wieder
Und als Spottregen prasselt' auf uns hernieder.--
So fhrt' er seine "Horde", so ward im Flug durchbraust
Das klassisch schne Land,--wo wir verdammt gehaust!
Entsetzt standen Cicero, Virgil und Sallust
Auf dem Forum und im Tempel, rasten wir Wilden just
Vorber: Hie Tor, hie Odin! ein zweiter Gotenzug,
Der Jupiters Lateiner und die ewige Roma schlug.
Und es war des Alten Grammatik ein Hammer von Zwergen geschweit,
Wenn er ihn schwang, da sprhte Flammen der nordische Geist.
Doch die neue Barbarenhorde, die hinter ihm jagte dahin,
In Rom sich niederzulassen, hatten sie nicht im Sinn.
Sie wurden nicht "Lateiner", nicht fremden Denkens Knecht,
Sie lernten sich selber kennen auf der Fahrt als Herrengeschlecht.
Des Denkens hohe Gesetze erwies er uns am Worte,
Zu Wundern und zu Taten erschlo er uns die Pforte
Und schrft' uns, zu erobern, zu strmen, den Mut,
Was unberhrt gestanden in altersheiliger Hut.
Als schauten wir Gesichte, in atemloser Haft
Hielt uns des Alten Lehre und mehrte unsre Kraft.
Seine Bilder gaben Nahrung dem jungen Schpferdrang,
Sein Witz war Strkeprobe und sthlte zum Waffengang;
Seine Macht war uns die Wage, die Kleines von Groem schied,
Sein Pathos zeugte vom Kampfe, der im Verborgnen glht!
Wie sehnte der kranke Kmpe sich aus dem Winkel vor,
Nur einmal der Welt zu zeigen, was sie an ihm verlor,
Wenn er von seinem Besten nur wenigen Schlern gab.
Tagtglich hit' er die Segel, doch niemals stie er ab.

Seine Grammatik erschien nicht! Er selbst ging in das Land,
Wo man des Denkens Gesetze nicht mehr in Bcher bannt.
Seine Grammatik erschien nicht! Aber ein Lebenswort,
Bedurft' es der Druckerschwrze? Es dauerte schaffend fort!
Aus seiner Seele strmt' es so mchtig, so warm,
Das Leben von tausend Bchern, wie scheint es dagegen arm!
In einer Schar von Mnnern, selbstndig und stark,
Lebt weiter, was ihrem Denken Halt verliehn und Mark.
In der Schule und in der Kirche entfalten sie ihr Wirken,
Im Tingsaal und vor den Schranken, in allen Geistesbezirken,--
Und immer behlt ihr Walten einen freien, starken Zug,
Seit Heltberg ihre Jugend in reinere Hhen trug.




FR DIE VERWUNDETEN

(1871)


Ein stiller Zug bewegt
Sich durch des Kampfs Getse,
Das Kreuz am Arm er trgt.
Sein Flehn in tausend Zungen klingt,
Und den gefallnen Kriegern
Er Friedenskunde bringt.

Nicht nur auf blutigem Feld
Des Kriegs ist er zu Hause,--
Nein, in der ganzen Welt.
Was in der Welt an Liebe glht
Aus edlen, guten Herzen,
Andchtig-still hier kniet.

Es ist der Arbeit Scheu
Vor Kriegesmord, die betet
Um Schutz vor Barbarei,
's sind alle, die das Leid durchwhlt,
Die ihrer Brder Qualen
Je seufzend mitgefhlt.

Es ist das Schmerzgesthn
Der Kranken und der Wunden,
Der Christen frommes Flehn,
Ist der Verlassnen bleiche Qual,
Ist der Bedrckten Klage,
Der Toten Hoffnungsstrahl;--

Der Wolken Nacht durchbricht
Als Friedensregenbogen
Des Heilands Glaubenslicht:
Da ber Leidenschaft und Streit
Die Liebe triumphiere,
So wie Er prophezeit.




LAND IN SICHT


Und das war Olav Trygvason,
  Den sein Kiel durch die Nordsee trug
  Heimwrts zu seinem jungen Reiche,
  Wo noch kein Herz fr ihn schlug.
  Scharf spht' er aus nach dem Lande:
  Dort--sind das Mauern am Meeresrande?

Und das war Olav Trygvason;
  Wallgleich hob es sich himmelan;
  All seine jungen Knigswnsche
  Wollten zerschellen daran,--
  Bis ein Skald, wo der Nebel braute,
  Trme und blasse Zinnen erschaute.

Und das war Olav Trygvason,
  Deucht' ihn nun selbst, dort stiegen auf
  Altersgrau ragende Tempelmauern,
  Schneeweie Kuppeln darauf.
  Sehnt' er sich, wie sie herber sehen,
  Mit seinem jungen Glauben darinnen zu stehen.




AN H.C. ANDERSEN

(Bei einem Sommerfeste zu seinen Ehren, Kristiania 1871)


Willkommen hier am lichten Sommertag,
Da Kindertrume heimisch uns geworden
Und blhen, singen, spiegeln, schweben, fliehn;
  Den sie umziehn,
Ein Mrchen ist nun unser hoher Norden
Und nimmt dich an sein Herz zum Weihebund,
Und danket, jubelt, flstert Mund zu Mund.
  Und Engelslaut
  Von Kinderherzen traut
Trgt dich empor fr kurze Frist,
Wo unsrer Trume Born und Ursprung ist.

Willkommen! Unser ganzes Volk ist jung
Und steht im Mrchenalter noch, dem schnen,
Das trumend eine Zukunft wirken kann.
  Der geht voran,
Der fgsam hrt den Ruf des Herrn ertnen.
Wer Kindes Sehnsucht so wie du verstand,
Botschaft vom Grten bringt er unserm Land:
  Der Zauberstab,
  Den Phantasie dir gab,
Hat spielend uns den Weg befreit,
Den wir entgegenwandeln groer Zeit.




BEI EINER EHEFRAU TODE


Sie kannte des Todes Auge seit jenem dunklen Tag,
Da ihr der Erstgeborne entseelt zu Fen lag;
Und als sie's rief zur Mutter, zur fernen, die verschied,
Da folgte ihr dies Auge mit unbewegtem Lid;
Ihr ahnte, als am Grabe sie stand im Trauerflor:
Jetzt trifft es mehr als Einen, jetzt, Leben, sieh dich vor!
Und als ihr Gatte umsank, der starke Mann, da sprach
Sie schmerzlich: O, ich wute, das Schwerste kme noch nach.
Sie dachte, ihn, ihn htte gewhlt des Schpfers Grimm,
Und stemmte ihre Hnde wider den Boten schlimm
Und wollte mit ihrem Leibe, schwach wie ein Birkenreis,
Ihn schirmen, ihren Helden--und gab sich selbst so preis.
Sie lchelte so selig: ihr Urteil war gefllt,
Ihr Opfer angenommen,--gerettet war ihr Held.
Bewundrung, Liebe wlbten ein strahlend Sternenzelt
Von Glck zu ihren Hupten in ihrer letzten Stund,
Bis schneewei sie entschwebte fort in der Engel Rund.
Es zieht solch eine Liebe wohl bis an Gottes Brust
Die Seelen mit sich, die sie umfngt voll Opferlust.




AN DER BAHRE DES KIRCHENSNGERS A. REITAN

(1872)


Sein lachend Auge durfte sich
An Land und Himmel weiden;
Denn beider Bildnis in ihm glich
Den ewigen Jubelfreuden.
  Als "Quellchen" sprang
  Sein Wort, sein Sang
Durch Tler grn und eng und lang,
Und fruchtbar spriet's am Rande.

Beim armen Volk im Winter dann
Da litt er und da fror er.
Und doch stieg als der frohste Mann
Zur Orgel dann empor er.
  "Die Achse, seht,
  Um die sich's dreht,
Auch durch das rmste Drflein geht."
So sang vom hohen Chor er.

Ach, und als Krankheit jahrelang
Kam, um sein Lied zu prfen,
Und all die Kleinen hilflos bang
Zutraulich nach ihm riefen,
  Mit leisem Klang
  Dem Staub entrang
Sich olsharfen gleich sein Sang
Den dumpfen Erdentiefen.

Sein Leben sagte uns voraus:
Wenn wir uns Gott ergeben,
Dann wird in Kirche, Schule, Haus
Das Volk im Liede leben:
  In Volksgesang,
  In Lustgesang,
Im Abglanz von des Herrn Gesang
Hoch berm Weltenweben.

Mein Land, o denk der Kleinen auch,
Die er ans Herz dir legte,
Und rmer, als ein Rosenstrauch,
Selbst noch im Sterben pflegte.--
  Ein Herz wie er
  Darf nimmermehr
Dies Land verlassen freudenleer,
Das er so treulich hegte.




DAS LIED


Das Lied hat Leuchtkraft; drum ber die grauen
Werktage giet es Verklrung hin.
Das Lied hat Wrme; drum lt es tauen
Den Frost und die Starrheit in deinem Sinn.
Das Lied hat Dauer; drum was vergangen
Und was zuknftig, es flicht's dir zum Kranz,
Entzndet in dir unendlich Verlangen
Und bildet ein Lichtmeer von Sehnsucht und Glanz.

Das Lied vereint; denn es lt entschwinden
Den Miton und Zweifel in strahlendem Gang;
Das Lied vereint; denn es wei zu verbinden
Kampflustige Krfte in friedlichem Drang:
Im Drang zur Schnheit, zur Tat, zum Reinen!
Es ldt uns, zu schreiten auf schimmerndem Steg
Stets hher und hher, empor zu dem Einen,
Das nur fr den Glubigen ffnet den Weg.

Die Sehnsucht der Vorzeit im Vorzeitsgesange
Glnzt wehmutsvoll wie der Abendflor;
Die Sehnsucht der Gegenwart halten im Klange
Wir fest fr der Zukunft lauschendes Ohr.
Es trifft sich im Liede der Lenz der Geschlechter
Und tummelt sein Leben im tnenden Wort;
Die Geister der Ahnen wie mahnende Wchter,
Sie rauschen heut festlich in jedem Akkord.




AUF N.F.S. GRUNDTVIGS TOD

(1872)


Gleichwie der Urzeit Wala hehr
Aufstieg ber den Wassern der Sagen,
Kndend, was Himmel verbarg und Meer,
Dann, wieder sinkend hinabgetragen,
Lie die Kunde zu Lehr' und Ehr'
Sptesten Tagen:

Also lie uns, der unser war,
Schwindend Gesichte, die nicht entschwanden,
Die noch schweben, leuchtend und klar,
Sonnenwolken ob Meer und Landen,
Unsern Ausblick auf tausend Jahr'
Hell zu umranden.




AUS DER KANTATE FR N.F.S. GRUNDTVIG

(1872)


Sein Lebenstag, der grte, den Norden je gekannt,
Der mitternchtigen Sonne war wunderbar verwandt.
Das Licht, in dem er wirkte, von "Gottes Frieden" war,
Das nimmer untersinket, nie neuen Tag gebar.

Im Licht von Gottes Frieden Geschichte er uns gab,
Als Geistesschritt auf Erden, hoch ber Zeit und Grab.
Im Licht von Gottes Frieden hat er der Vter Bahn,
Zur Warnung und als Beispiel, klar vor euch aufgetan.

Im Licht von Gottes Frieden folgt' er mit Wachsamkeit
Dem Volke, wo es baute, der groen Geister Streit.
Im Licht von Gottes Frieden Aufklrungsmacht er sah,--
Wo seinem Wort man glaubte, Volksschulen blhten da.

Im Licht von Gottes Frieden stand fr ganz Dnemark
Sein Trost, wie eine Schildburg hellschimmernd, trutzig-stark.
Im Licht von Gottes Frieden erobert werden soll
Verlornes und was brach liegt, mit tausendfachem Zoll.

Im Licht von Gottes Frieden steht heut sein Greisentum
Als Amen seines Lebens voll Manneskraft und Ruhm.
Im Licht von Gottes Frieden, wie strahlte er so rein,
Wenn am Altar er schenkte des Herrn Vershnungswein.

Im Licht von Gottes Frieden gehn ber Meer und Land
Die Worte und die Psalmen, die er uns hat gesandt.
Das Licht von Gottes Frieden, sein Sonnenstrahlenhort,
Umglnzte still sein Leben--: so lebt er in uns fort.




BEI EINEM FEST FR LUDV. KR. DAA


Junge Freunde im innigen Kreis,
Alte Feinde kommen;
Fhle dich sicher, denn freundschaftshei
Sind dir die Herzen entglommen.
Wieder gab's hier einen ernsten Tag,
Wieder schlugst du mit Reckenschlag:
Jeder bekam wie stets seinen Hieb,
Doch jetzt sei lieb!

Nicht mit Hallo und mit Handschuhen nicht,
Noch mit Sektglasklingen,--
"Alter Forscher", herzenschlicht
Wollen wir Dank dir bringen.
Ziehen die Wasser in stillem Lauf,
Steigt unser Lotse selten hinauf,
Trmt sie zu Wellen des Sturmes Braus,
Segelt er aus!

--Segelt er aus als Bergungspilot,
(Gekannt ist das Auge des Alten),
Lacht in den Bart, wenn ein Wetter droht
Und zagend die anderen halten.
Dank trug er nicht, das wei ich, nach Haus;
Denn er schimpfte die Schiffer aus,
Wandte den Rcken, ging heim voll Kraft,
Das Werk war geschafft!

Er hat erprobt, was es heit, zu gehn
Gehat, bis die Wahrheit am Tage;
Er hat erprobt, was es heit, zu stehn
Nach beiden Seiten dem Schlage.
Er hat erprobt, was es kostet an Leid,
Voranzuschreiten seiner Zeit,
Er, den so Hohes wir wirken sahn,
Ward in Bann getan!

Wirst du nicht, Norge, endlich ihr Recht
Jenen Helden gewhren,
Die mehr vollbrachten, als beim Gefecht
Nachzuhinken den Heeren?
Soll es denn immer so klglich gehn,
Wollen wir stets um das Kleine uns drehn,
Stilliegen, sphn, bis ein Fehler erkannt?--
Nein, Segel gespannt!

Segel zu grrer Fahrt gespannt,
Wozu uns die Krfte gegeben--
Leben, dem Alltag nur zugewandt,
Das ist nicht wert, es zu leben;
Leben, dem hheren Kampf geweiht,
In Gottvertrauen und Einigkeit,
Von Ehren und Sangesflagge umweht,--
Seht: das besteht!




NEIN, WO BLEIBST DU DOCH?

(1872)


Nein, wo bleibst du doch, du, der besitzet die Macht,
Zu zertreten dies Lgengezwerg,
Das mein Haus mir umlagert und tckisch bewacht
Jeden Weg, den zum Ziel ich mir ausgedacht,
Und bricht mir nun ein,
Zu belauern voll Ha
Meinen Sinn, zu entweihn
Mir jedes Gela
Meines traulichen Heims, wo so harmlos ich sa.

Nein, wo bleibst du doch! Jahrelang hat mich der Tro
Besudelt, dem Volk mich entstellt;
Lgennebel umhllt meiner Dichtung Schlo,
Als lag' da ein Sumpf, dem der Brodem entflo,
Und ein Halbtier, ein Faun
Bin ich selbst, den mit Graus
Die "Gebildeten" schaun--
Oder ziehn weidlich aus
Zur Hatz auf den Keiler, zum lustigen Strau.

Wenn ein Buch ich schreibe, "just sieht es mir gleich";
Wenn ich spreche--ist's Eitelkeit.
Wenn ich zimmre und baue frs Bhnenreich,
Mein Dnkel nur fhrt jeden Hammerstreich.
Und schlag' ich mich treu
Fr altheimische Art
Auf der Vter Bastei,
Umtobt und umschart,--
Kmpf' ich nur, weil mit Orden zu sehr man gespart.

Nein, wo bleibst du doch, du, der mit eins kann zerhaun
Dies umstrickende Lgengewirr--
Der verjagt aus den Kpfen dies krankhafte Graun
Vor enschlossenem Wollen, begeistertem Schaun--
Und hat Trost fr den Mut,
Der in Frost und in Nacht
Seine Waffenpflicht tut
Und die Runde macht,
Bis das Heer sich erhebt, wenn der Tag erwacht.

Komm, Volksgeist, du, gottgeboren--entstammt
Dem riesenbezwingenden Tor.
Fahr auf Donnern einher und von Blitzen umflammt,
Da die Furcht dies Gezchte zum Schweigen verdammt;
Du kannst wecken im Land
Die schlummernde Kraft,
Du kannst strken das Band,
Das in Blutsbrderschaft
Uns eint, wo dein Banner je flattert am Schaft.

Hab' Dank, unser Volksgeist!--denk' ich nur dein,
Wird alles zum Nichts, was ich litt.
Deinem Kommen nur weih' ich mich, dir allein,
Deinem Angesicht beug' ich mich, dein, nur dein,
Und erfleh' einen Sang,
Du liedreicher Mund,
Da in Not und Drang,
In entscheidender Stund'
Ich dir Kmpen erweck' auf der Vter Grund.




WECKRUF AN DAS FREIHEITSVOLK IM NORDEN

Der "vereinigten Linken"

(Tirol 1874)


Verachtet von den Groen, nur von den Kleinen geliebt,
Den Weg geht alles Neue,--sag', ob's einen andern gibt?
Von denen, die schtzen sollten, verraten und gehetzt,--
Sag', ob je eine Wahrheit sich anders durchgesetzt?

Anhebt es wie ein Sausen im Korn am Sommertag
Und wchst zu einem Brausen hin ber Wald und Hag,--
Bis es, vom Meer empfangen, in Donnern rollet fort
Und alles berdrhnet, dies Wort, dies Losungswort.

Im Gotenkampfe nordwrts verschlagen wurden wir;
"Leben in Freiheit und Glauben!" ist unser Volkspanier.
Der Gott, der Land und Sprache und alles hat verliehn:
In Werken, die er uns heischet, in Taten finden wir ihn!

Der Vielen und der Kleinen Pflichteifer soll er sehn,
Kampf gilt es gegen alle, die da nicht wollen verstehn.--
Anhebt es wie ein Sausen im Korn am Sommertag
Und geht nun schon als Brausen hin ber Wald und Hag.

Es wird zum Sturme wachsen, eh's einer noch erkannt,
Mit Donner in seiner Stimme weit ber Meer und Land.
Ein Volk, dem Ruf gehorsam, ist der Erde grte Kraft,
Hat je noch Hoch und Nieder geworfen und hingerafft.




OFFNE WASSER


Offne Wasser, offne Wasser!
Sehnsucht,--bange, winterlange,--
Wird nun gar zum heftigen Drange.
Blaut ein Streifchen kaum im Sunde,
Dehnt zum Monat sich die Stunde.

Offne Wasser, offne Wasser!
Sonne lchelt, nascht vom Eise
Schamlos bald nach Prasserweise.
Lt sie ab: zur Nacht geschwinde
Trotzig hrtet's neu die Rinde.

Offne Wasser, offne Wasser!
Sturm mu her!--er kommt, der Wandrer,
Bringt herauf vom Sommer andrer
Freie Wogen, starke Wellen,--
Krach folgt nach und Sturz und Schnellen.

Offne Wasser, offne Wasser!
Wieder Luft und Berg sich spiegelt,
Schiffen ist die Bahn entriegelt:
Botschaft braust herein von drauen--
Kampffroh steuern wir nach auen.

Offne Wasser, offne Wasser!
Sonnengluten, khlem Regen
Jauchzt die Erde nun entgegen:
Seele tnet mit und zittert--
Neugeschaffen, kraftumwittert.




FREIHEITSLIED

An "die vereinigte Linke"

(1877)


Freiheit! bist der Volkskraft Kind,
Zorn und Sang dir Mutter sind!
Kmpenstark als Junge schon
Rangst du frh um Kampfeslohn;
Warst umkreist allermeist
Von Gesang und Witz und Geist;
Freudig ist dein Tun, voll Macht
So beim Pflug wie in der Schlacht.

Feinde stets und berall
Lauerten auf deinen Fall;
Fanden dich zu grob bei Tag,
Fhrten, als du schliefst, den Schlag;
Banden sacht dich bei Nacht.
Du sprangst auf,--die Fessel kracht...
Weiter schrittst du froh und stark,
Du hast Schwung und du hast Mark!

Wo du wandelst, blht der Pfad,
Schwillt aus deinem Mut die Tat,
Facht Gedanken deine Glut:
Doppelst Kraft in Hirn und Blut.
Landesrecht ist dein Knecht;
Selber schufst du's, wahrst es echt.
Nicht durch "wenn" und "ach" beschrnkt,
Fllst du jeden, der es krnkt.

Freiheitsgott, bist Lichtesgott,--
Nicht der Knechte Schreckensgott,--
Liebe, Gleichheit, Vorwrtsdrang,
Frhlingsbotschaft st dein Sang.
Freiheitshort! Friedensport
Winkt den Vlkern durch dein Wort:
"Einer nur ist Herre hier;
Keine Gtter neben mir!"




AN MOLDE


  Molde, Molde,
  Treu wie ein Sang,
Wogende Rhythmen mit lieben Gedanken,
Farbige Bilder, die spielend sich ranken
Um meines Lebens Gang.
Nichts ist so schwarz, wie dein Fjord, wenn er fauchend
An dir vorbeifegt, meersalzig rauchend,
Nichts ist so sanft, wie dein Strand, deine Inseln,
Ja, deine Inseln!
Nichts ist so stark wie dein bergiger Kranz,
Nichts ist so zart wie der Sommernacht Glanz.
  Molde, Molde,
  Treu wie ein Sang
  Summst du auf meinem Gang.

  Molde, Molde,
  Blumiger Ort,
Huslein im Grtchen, Freunde dort weilen!
Bin ich auch ferne wohl hundert Meilen,
Steh' ich im Rosenschutz dort.
Hei brennt die Sonne auf Berglands Weite,
Fort mu der Mann zum ernsten Streite.
Sanft nur die Freunde entgegen mir gehen
Und mich verstehen--
Kampf schlichtet einzig der Tod allein,--
Hier sei dem Denken ein heiliger Hain!
  Molde, Molde,
  Blumiger Ort,
  Kindheiterinnerungs-Hort.

Und wenn einmal
Im letzten Kampf ich liege,
Mein Heimattal,
In deinem tiefen Abendrot
Lag meiner Gedanken Wiege,--
Dort nahe ihnen der Tod.




DIE REINE NORWEGISCHE FLAGGE


I


Dreifarbig reines Panier,
Norwegens schwer errungne Zier!
Tors Eisenhammer hlt
Im Bann das christlich weie Feld.
Und unser Herzensblut
Strmt hin als rote Flut.

Hoch ber der Erdenschwere
Du jubelst, in Sehnsucht, zum Meere;
Der Freiheit Lenzkraft gewhre
Dir Kraft, uns zu speisen Seele und Mund
Fahr hin bers Erdenrund!


II


"Die reine Flagge ist Torheit",
So raunen die "Weisen" allhier.
Nein, Poesie ist die Flagge,
Und die Toren, ihr Guten, seid ihr.
Es schwingt in der Poesie sich
Der Volksgeist himmelan,
Als Fhrer geht die Fahne
Ihm unsichtbar lenkend voran.
Und was er erkmpft und errungen,
Und was ihn an Sorgen bewegt,
Das tnt jetzt in ewigen Liedern,
Die Flagge den Takt dazu schlgt.
Wir halten sie hoch, umbrauset
Von Sehnsucht, meersturmgleich,
Von vollen Erinnerungschren,
Von Worten, so flsternd weich.
Sie kann nicht schwedisch plappern,
Wie ein zierlicher Schwadroneur,
Sie kann sich nicht sperren und spreizen,
Drum weg mit der fremden Couleur.


III


Die Snden, die wir begangen,
Die gab's in der Flagge nicht,
Denn die Flagge das Ideal ist
In ewig harmonischem Licht.
Die besten Taten der Vorzeit,
Der Gegenwart bestes Gebet
Umhllt sie und trgt sie weiter,
Da vom Vater zum Sohn es geht.
Trgt es rein und ehrlich
Und nicht mit Versuchers List,
Denn unserem jungen Willen
Sie Fhrer und Schirmer ist.


IV


"Den Brautring nehmt nicht aus der Flagge",
So rufen sie allerwrts,
Doch Norge hat nimmer versprochen
Einer andern Braut sein Herz.
Es teilt mit keinem sein Wohnhaus,
Sein Bett, seinen Tisch, seine Ehr',
Sein Brutigam ist sein Willen,
Selbst herrscht es auf Feld und Meer.

  Es ehrt unser Bruder im Osten
Die Kraft, die nach Freiheit ringt,
Er wei, da sie alleine
Uns Ruhmeskrnze erzwingt.
Er wei, warum unsrer Flagge
Der Pomp seiner Farben nicht steht:
Weil unsre eigene Ehre
Uns ber die seine geht.
Und niemand, der Ehre im Leib hat,
Nennt andre Freundschaft ein Glck.
Wir opfern ihm gern unser Leben,
Doch von unsrer Flagge kein Stck.


V

_An Schweden_

    Voll Ehrerbietung ich nahe,--
    Ich wei, du trgst hohen Sinn,--
    Und lege in schlichten Worten
    Vor dich meine Sache hin.


Wrst _du_ der Kleinere, Schweden,
Und jngst erst durch Freiheit beglckt,
Und trg' deine Flagge ein Zeichen,
Das dich tiefer und tiefer drckt,
Und behauptete, du seist der Kleine,
An des Greren Tisch gesetzt,
(Denn also deuten die Vlker
Dies Flaggenzeichen jetzt)--
Und wre deine Freiheit
Nicht alt,--nein--wie unsre jung,
Und hundertjhrige Ohnmacht
In deine Erinnerung
Mit frischen Furchen gegraben
Von altem Unrecht und Blut,
Von ziellosen Sehnsuchtsklagen,
--Ja wtest du, wie das tut,
Und solltest dein Volk erziehen
Zu neuer Freiheit Ehr',
Zu neuen Freiheitsgedanken,
Und die Flagge dein Dolmetsch wr',
Ob du dir wohl lieest rauben
Aus der Flagge das eine Feld?
Ob du wohl ertrgst das Zeichen,
Das die Freiheit dir vorenthlt?
Ob du dir nicht selber sagtest:
"Je lter des ndern Rang,
Je grer der Ruhm seiner Farben,
Um so lockender ist sein Sang.
Versuche nicht den, der gefallen
Und der jngst sich erst wieder befreit.
Mit reinen Zeichen deute.
Empor zur Unsterblichkeit."

So sprchest du, alter Recke,
Wenn du wohntest in _unserm_ Land,
Denn dir sind die Pfade der Ehre
Von altersher wohlbekannt.
Seit achtzehnhundertvierzehn
Und bis auf den heutigen Tag,
So oft unsre Freiheitssehnsucht
Qualvoll in Fesseln lag.
Gab es Mnner in deiner Mitte,
Die trotz deiner Halsstarrigkeit
Fr unsere Sache sprachen,
Wie Torgny in alter Zeit.


VI

_Antwort an den alten Ridderstad_


Im Kampf um die reine Flagge
Schwatzt du von "Ritterpflicht"?
Mein Bester, ich achte dich hchlich,
Doch wisse, _die_ schert dich nicht.
Denn grade weil uns Verleumdung
Bewirft mit Ru und Dreck,
Ist's "Ritterpflicht", aus unsrer Flagge
Zu wischen den Anfechtungsfleck.
Die _Gleichheit_, die dieser predigt,
Die lgt er mit frechem Gesicht;
Ein groskandinavisches Schweden,
Das nmlich mgen wir nicht.
Nein, "Ritterpflicht" ist's fr den Kleinen,
Zu sagen: "ich bin kein Teil,
Ich will das Selbstndigkeitszeichen
Ganz haben zu eignem Heil."
Und "Ritterpflicht" ist's fr den Groen,
Zu sagen: "der falsche Schein
Gereicht mir ja doch nicht zur Ehre,
Der soll meine Waffe nicht sein."
Und "Ritterpflicht" ist's fr beide,
In streitender Vlker Gemisch,
Zu sein mit gereinigtem Banner
Ein Beispiel, stolz, wacker und frisch.




AN DEN MISSIONAR SKREFSRUD IN SANTALISTAN


Ich ehre dich, weil du, verschmht, geschndet,
Der Stimme lauschend, doch den Sieg errafft,
Und neuer Lstrung Antwort nur gesendet
Mit Wundern deines Glaubens, deiner Kraft.

Ich ehre dich, weil du nur stets gedrstet
Nach Gottes Taten unter Not und Streit;
Du Sohn des Gudbrandstales, geistgefrstet,
Der Heimat bester Mann in deiner Zeit.

Ich teile nicht dein glaubensstarkes Trumen,
Das scheidet nicht, wo Geist zum Geist sich kehrt;
Was gro und edel strebt zu hhern Rumen,
Verehrt mein Sinn, dieweil er Gott verehrt.




POST FESTUM


Ein Mann, bedeckt mit Schnee und Eis,
Stand einstmals auf am Eismeerstrande,
Da schallte laut durch alle Lande
Des Riesenrecken Lob und Preis.

Ein Knig klomm zu ihm hinan
Und reicht' ihm gndig seinen Orden:
"Den tragen die, die gro geworden!"
"Stopp!" knurrte ihn der Recke an.

Der Knig wich verblfft, entsetzt
Zurck mit bnglichem Gesichte:
"Mein Orden wird nach der Geschichte
Verschmht von just den Grten jetzt.

"Nimm, nimm, mein Lieber; bitte schn,
La mich nicht in der Patsche stecken;
Du wirst mehr Gre ihm erwecken,
Uns, die ihn tragen, miterhhn!"

Zu gut war unser Eismeerheld,
Wie oftmals Recken, will mir scheinen;
Die Narren werden sie der Kleinen,--
Er nahm ihn,--Hohngelchter gellt.

Da krochen alle Knige hin
Mit ihren Orden, sie zu heben
Und ihnen neuen Glanz zu geben:
Fr arme Ritter zum Gewinn.

Honny soit ... et caetera--
Bespickt mit Orden stand er da;
Doch grer ward der Orden keiner,
Der Recke nur verteufelt kleiner.




ROMSDALEN


Komm auf das Deck, der Morgen bricht an,--
Ob ich das Land wohl erkennen kann?
Sieh, wie die Inseln die Kpfe recken,
Frischgrn und felsig; Salzfluten lecken,
Mutwillig pltschernd, den steinernen Fu.
Seevgel flattern mit kreischendem Gru,
Heben sich, senken sich, geistergleich.
Hier ist ein Reich
Voll Sturmeserinnrung,--ganz fr sich.

Wir sind auf Fischers gefahrvoller Bahn!
Drauen--erzhlt der Kapitn--am Riffe
Drngt sich der Heringsschwarm. Segelschiffe
Schwrmen just eben von dort herein;--
Der Fang war fein!

Wahrlich,--ich habe euch gleich erkannt,
Knorrige Leute von Romsdalland,--
Ja, ihr knnt segeln, wenn es gilt.

Doch halt! Fast entschwand mir das herrliche Bild!
------Beim ersten Blick
Wirft's Blitze zurck,
So mchtig war's in der Erinnerung nicht.

Wohin auch meine Augen wandern,
Ein Bergesriese ber dem andern,
Des einen Brust an des andern Lende,
Bis an des Himmels uerste Sume.
Wir harren auf Donner und Weltenende;
Die ewige Stille weitet die Rume.

Blau sind die einen, andere wei,
Mit ragenden, hitzigen, eifernden Zacken,
Andere packen
Fest sich beim Arm zu geschlossenem Kreis.
Den riesigen Berg dort heit man das "Hemd",
Ein Prediger ist er, in hehrer Gemeinde,
Von Gren der Urzeit, erhaben und fremd.
Was predigt er wohl? Dem Kindheitsfreunde
Tat oft ich die Frage, und immer wieder
Lauscht' ich, in Andacht versunken ganz.
Auf meine Lieder
Fllt majesttisch sein weier Glanz.

----Wie gro das ist! Ich werde nicht fertig.
Die grten Gedanken aus Leben und Sage
Strmen herbei, meines Winks gewrtig,
Mit all dem Groen sich eifrig zu messen,--
Dantes Hlle, indische Sagen,
Shakespearesche Dramen zum Himmel ragen,
schylos' Donnerwolken ziehen,
Beethovens mchtige Symphonien,--
Weiten sich, heben sich, dampfen, strahlen:
--Und schrumpfen zusammen zu Spatzengeschnack
Und Ameisenflei;--umsonst euer Plagen!
Es ist, als wollte ein Ballherr im Frack
Die Berge zum Tanze zu bitten wagen.
Versuche sie nicht! Nein, gib dich hin,
Dann wirst du spren,
Wie all die Groen zum Grern dich fhren.

Beug' dich in Demut; denn wer sie fragt,
Dem sagen sie: _eines_ ist doch das Grte.
Sieh, wie der Bach durch den Spalt sich nagt;
Und denke, wie einst er vom Urfels sich lste
Und sich durch Eis und Klippen bi,
Um den Riesenleib zu durchfeilen.
Anfangs ein Ganzes, mut' er sich teilen,
Als sich die Lenzfluten auf ihn ergossen;--
Doch Jahrmillionen verflossen,
Eh' der Gigant zerri.

Jetzt stampft der Fjord in die Bande hinein,
Lpft den Sdwester mit keckem Grue.
Wenn sie benebelt vom Kopf bis zum Fue,
Zwickt sie der Bursch an der Nase gar gern,--
Der Fjord gehrt nicht zu den hflichsten Herrn.

Ihm entgegen mit schaumweiem Ku
Eilen Quelle, Giebach und Flu,
Das Lrmen der Sippe will nicht enden.
Oftmals treibt's ihm die Bande zu bunt,
Sperrt ihm den Weg, da er halten mu.
Wie eine Muschel mit nassen Hnden
Nimmt er den ganzen zudringlichen Schwarm
Frisch an den Mund und blst darauf
Mit Westwindlungen--juchhei, pass' auf!
Dann heult es und tutet's, da Gott erbarm'.

--Schwarzgrau ein Fjord die Kste jetzt teilt,
Schnell unser Boot ihn durcheilt;
Giebche donnern zu beiden Seiten.
Am Bergeskamm
Dampfende Regenwolken gleiten,
Voll wie ein Schwamm.
Ob Sonne, ob Sturm--das urewige Streiten.

Das ist des Romsdals trutzig Land!
Jetzt bin ich daheim.

Hier liegt des Volkes tiefster Keim.
Hier hat es Stimme und Herz und Verstand.
Jedweden Mann ich _hier_ richtig deute:
Kennst du den Fjord, so kennst du die Leute.

Wild ist der Fjord in Sturm und Schlacht;
Ein _anderer_ ist er in Sommerpracht,
In Mittsommersonne,
Wenn still er trumt in seliger Wonne,--
Was er nur sieht,
Innig und warm an sein Herz er zieht,
Spiegelt es, schaukelt es,--
War' es so arm wie das Moos am Fels,
Flchtig wie Schaumesperlen des Quells.

Sieh, welch ein Glanz! So offen und minnig
Bittet er, bis man ihm gerne entschuldigt,
Was er verbrach und bereute so innig!
Allen den Bergen in Demut er huldigt,
Spiegelt so kosend
Wider im Spiel ihr erhabenes Bild.

--Denken die Alten: er ist doch nicht schlecht;
Frohsinn und Zorn sind sein altes Recht;
Ist reicher als andre, ist nimmer falsch,
Nur rcksichtslos, launisch und--eben "romsdalsch".
Berge! Ihr wit das. Ihr kennt das Geschlecht,
Ihr saht sich's plagen,
Kriechend am Felshang, das Wildheu zu schlagen.

Ihr saht es ringen
Beim Fischfang, in Sturmnot, mit wenig Gelingen,
Roden und hauen und pflgen und pflanzen,
In Moor und Gerll mit den Gulen schanzen;
Malos zu Zeiten,
Trunkene Flegel,
Sich raufen und streiten,
Doch nimmer weichen,--zu Topp die Segel!

Weiler wechseln; doch tief gekerbt
In euch liegt Sehnsucht, die quellenreiche,
Singende Tiefe--die wellengleiche:
Windboenfjord hat den Sinn euch gefrbt.

Wikinggeschlecht, ich gre dein Nest!
Tief liegt dein Grundstein, die Wlbung ist fest,
Sonnennebel erfllt deine Halle,
Gischtschaum vom brausenden Wasserfalle.
Wikinggeschlecht, so sei mir gegrt!

Wo uns so hohe Wlbung umschliet,
Kostet's zwar Kampf, sich den Thron zu erringen--
Nicht allen wollte das leider gelingen--
Kampf kostet's, das Erbgut des Fjords zu heben
Aus wollstigem Nichtstun zu fruchtbarem Streben,
Kampf kostet's;--doch der, der es wagt, wird Mann.
Ich wei, da er's kann.




HOLGER DRACHMANN


Lenzbote, sei gegrt! Kommst du vom Walde?
Denn du bist na im Haar, belaubt, bestaubt...
Hast an deine Kraft geglaubt?
Schlugst dich auf der Halde?
Der Lrm um dich von fesselloser Flut,
Die deiner Ferse folgt--sei auf der Hut:
Sie spritzt nach dir!--schlugst du dich seinetwegen?
Du warst da drinnen zwischen Stumpf und Knorren,
Wo diese Wintergreise lngst verdorren.
Sie geizten? Wollten dir den Weg verlegen?
Doch dir ward Kraft verliehn vom alten Pan!
Sie schrien wohl unheilkndend, wie besessen?
Sie nannten es wohl Raub, was du getan?
In jedem Lenz geschieht's, wird bald vergessen.

Du wirfst dich hin am Salzmeer; dir zur Labe
Hat sich's gelst, sucht kruselnd deine Gunst.
Du kennst den Takt; Pan wies dir seine Kunst
Zur Dmmerzeit an einem Wikinggrabe.

Doch von dem Arme der Natur umschlungen
Hrst du den feuchten Grund vom Kampftritt beben,
Siehst Dampfer mit der Freiheitsflagge streben
Nach Norden hin;--dein Name ist erklungen.

So zwischen zweien dich erschpfest du:
Den Freiheitskmpfern, stolz geschart zum Streite,
Der Sagenwelt in ihrer Traumesruh';
Die ersten mahnen, und es lockt die zweite.

Bald tnt dein Lied wie Hrnerklang vorm Feind,
Bald zrtlich wie durch Schilfrohr schwebt's heran.
Du bist Naturmacht halb und halb ein Mann,
Und noch hast du die Hlften nicht vereint.

Jedoch wie du auch spielst und selber seist
(Faunartige Liebe mit dem Kraftakkord
Des Wikings wechselnd), heil dir, Feuergeist--
Trgst du die Tr auch mit der Angel fort.

Das eben war's, wonach wir uns gesehnt:
Auf, auf, es gilt dem Lenz! Der ble Duft
Von Knigsweihrauch und von Mnchstabak,
Ja, diese Schwindsucht in romantischem Lack
Pret wie Moral die Lungen: frische Luft!

Weit lieber venetianischen Gesang,
Des Sdens ppigkeit und Farbenwunder,
Lieber "zwei Schsse" (machen sie auch bang),
Als all den marklos faden Bildungsplunder!

Gegrt, Lenzbote von dem schlanken Wald,
Vom Meeresrauschen und von Kampfgefahren!
Wenn oft dein Lied ein wenig lssig hallt--
Wo Reichtum ist, da braucht man nicht zu sparen.
Des Riesen Art weckt aller Zwerge Tadel,
Ich liebe dich; du bist von eignem Adel.




WIEDERSEHEN [Symbol: gestorben]


  ... Bergfrisch die Luft, Schneeflocken drin;
Gewundnen Weg rasch fuhr ich hin
Zwischen zarten Birken und Tannen.
Die Tannen grbelten einzeln; wei
Und frhlich lachte das Birkenreis:--
Ein Erinnern, ein Bild will mich bannen.

  Und die Luft so harsch und frei und leicht,
Weil alles Schwere aus ihr weicht,
Das fchelt der Schnee von hinnen;
Und lebhaft hinterm dnnen Flor
Schimmert die Landschaft, drber empor
Steigen beschneite Zinnen.

  Doch:--wie unter braunweiem Mtzenrand--
Wohin ich blicke--: unverwandt----
Wer ist's nur--wer schaut mir entgegen?
Flink starr' ich unter den Haubenschild--
In ein Schneegeflimmer, toll und wild;--
Ist jemand auf meinen Wegen?

  Ein Sternchen fiel auf den Handschuh ... da
Und da wieder ... jedes verschieden ja,...
Wollen die Rtsel spielen?
Und wie Lcheln durchglnzt es die Luft ringsum
Von guten Blicken ... ich seh' mich um...
Sind's Erinnrungen, die nach mir zielen?

  Dies Sterngespinst, dies Filigran--
Ob sich wohl ein Geist drin bergen kann?
Ich fhl's nach mir tasten und greifen...
Du feine Birke, du Luft so rein,
Du muntrer Schnee,--wer haucht euch ein
Sein Wesen, wer sammelt im Schweifen

  Sein Bild in den Zgen der Natur,
In diesem Behagen auf schneeiger Flur,
Im Flockenspiel, da er mich necke,--
In diesem weien, sanften Glanz,
In diesem schweigenden Rhythmentanz?
Nein, das bist du, Hans Brecke!




DES DICHTERS SENDUNG


Dem Dichter ward Prophetenamt;
Zumal in Not und Grungszeiten,
Wenn alle, die da leiden, streiten,
Sein Glauben strkt, erhebt, entflammt.
Ein auferstandner Vorzeitheld,
Fhrt neuen Heerbann er ins Feld,
  Und ihn umzieht
  In weitem Raum
  Mit Seherlied
  Der Zukunft Traum;
Des Volkes ewige Frhlingssfte
Macht frei das Lied durch seine Krfte.

Er straft das Volk um eitlen Wahn
Und Heidentum und Molochschrecken,
Sieht unter herbstlich grauen Decken
Der Gotterkenntnis Triebe nahn.
Befreit pflanzt sich ihr Bltenscho,
Gleich lichtem Kraft- und Liebesspro,
  Dem Volke ein,
  Erwrmt sein Herz,
  Trgt Heil hinein
  Und Zorn und Schmerz,
Lt Mut und Klarheit kund ihm geben:
Wit, Gott ist offenbart im _Leben_!

Den Knigsmantel reit er fort,
Um Volkesschultern ihn zu breiten,
Da blind sich dies nicht lasse leiten
Von fremder Hoheit Wink und Wort,
Da es als eigne Majestt
In eignen Amt und Wrden steht,
  Von Sagaruhm,
  Von Mut entflammt,
  Mit Heldentum
  Ihm selbst entstammt,
Mit ungebrochner Willensstrke,
Mannhaft beim Worte, wie beim Werke.

Er zwingt das Volk zur Bue hin,
Ein grimmer Lug- und Trugverhhner,
(Kein Sonntagsheld, ein Tagelhner,
Dem seine Khnheit kein Gewinn).
Aus trgem Frieden, Geistesnacht,
Aus Feigheit zwingt er's auf voll Macht;
  Nicht Volkessinn,
  Nicht Knigsdank
  Lenkt seinen Gang:
  Frei zieht er hin;
Und wankt er, Schmerzen fhlt er gren,
Sein Herz durch luternd Leid zu klren.

Er ist der Schwachen Hort und Held,
Kein Ritter dient den Frauen treuer.
Er fhrt des zagen Neulings Steuer,
Bis rechter Wind sein Segel schwellt.
Er wchst, halb wollend, halb verdammt,
Durch sein ihm auferlegtes Amt
  Und fleht am Ziel:
  "O Herr vergib!
  Ich war nicht viel.
  Ein bessrer Trieb
Aus reicherm Seelenfrhling mehre
Nach mir des Volks wie deine Ehre!"




PSALMEN


I


  Ich fhl' in mir
  Den Drang nach dir,
Du Harmonie, im All entfaltet.
  Bin ich verbannt?
  Hast du erkannt,
Da ich mein Eigen schlecht verwaltet?
  Denn ohne Kraft,
  Bald feig erschlafft,
Bald in Verzweiflung sieh mich beten,
  Da Trost und Gnad',
  Ein Ruf, ein Rat
Mich aufhebt, wo du mich zertreten.
  Gott, hr' mein Wort!
  Sto mich nicht fort
Vom Hoffen auf mein Ziel und Streben!
  Mein Stern lischt aus;--
  Von nchtigem Graus
Sind meine Schritte nun umgeben.
  Im den Sinn
  Wogt her und hin
Ein Schwarm von schreckensvollen Geistern.
  Ihr, oft verjagt,
  Was wollt ihr, sagt?
Nur heut kann ich sie nicht bemeistern.
  Ach, Friede, komm!
  La glaubensfromm
Des Lebens starkes Band mich tragen!
  La nicht nach mir
  Vergebens hier
Mich zweifelnd suchen, rufen, fragen!


II


Ehre dem ewigen Frhling im Leben,
  Der alles durchweht!
Kleinstem wird Auferstehung gegeben,
Die Form nur vergeht.
  Geschlecht auf Geschlecht
Mht sich empor zu schreiten;
  Art bringt Art hervor
In unendlichen Zeiten;
Welten gehn unter und steigen empor.

Nichts ist so klein, da nicht Kleinres bestnde
  Unsichtbar.
Nichts ist so gro, da nichts Grres bestnde
  Ferne von ihm.
  In der Erde der Wurm
Ist Berge zu bauen imstand'.
  Der Staub im Sturm
Oder der rinnende Sand,
Reiche hat er gegrndet einst.

Unendlich das All, und Groes und Kleines
  Verschmelzen darin.
Kein Auge wird schauen das Ende--keines
  Sah den Beginn.
  Der Ordnung Gebot
Hat lebenerhaltend das All beseelt;
  Furcht und Not
Zeugen einander; was uns qult,
Wird zum Born, der die Menschheit sthlt.

Ewigkeitssamen sind wir, die leben.
  Im Schpfungstage
Wurzeln unsre Gedanken; sie schweben,
  Antwort wie Frage,
  Saatenvoll,
ber dem ewigen Grunde;
  Frohlocken drum soll,
Wer in einer schwindenden Stunde
Mehrte die Erbschaft der Ewigkeit.

Tauch' in die Wonnen des Lebens, du Blte
  Im Frhlingsrain;
Geniee, preisend des Ewigen Gte,
Dein kurzes Sein.
  Fg' auch du
Schaffend dein Scherflein hinzu;
  Klein und zag,
Atme, soviel deine Kraft vermag,
Einen Zug in den ewigen Tag!


III


Chor

Wer bist du, von tausend Zeiten und Zungen
Mit tausend Namen genannt?
Du hieltst unsre Sehnsucht mit Armen umschlungen,
Warst Hoffnung den Vtern ins Joch gebannt;
Warst ngsten des Todes der nachtdunkle Gast,
Warst Lebensfesten der Sonnenglast.
Noch bilden wir alle verschieden dein Bild,
Noch nennen wir jedes Offenbarung,
Und jedem seins fr das wahre gilt--
Bis da es zerbricht in bittrer Erfahrung.


Solo

  Ach, wer du auch seist,
  In mir ist dein Geist;
Meiner Seele ewiger Ruf--das bist du!--
  Nach Licht und nach Recht,
  Nach Sieg im Gefecht
Fr den kommenden Tag, das bist du, das bist du!--
  Ein jedes Gebot,
  Das ins Aug' uns loht,
Oder das nie uns bewut, das bist du!--
  Mein Leben ruht
  In schirmender Hut,
Und es jubelt in mir: das bist du, das bist du!


Chor

Da nimmer wir knnen dein Wesen erreichen,
Erdachten wir uns Vermittler von dir;
Sie alle lie ein Jahrtausend erbleichen,
Und wieder stehen wir weglos hier.
Sind krank wir geworden und klammern uns an?
Wo winkt uns ein Trost fr den Traum, der zerrann?
Der Ewigkeitshoffnungen leuchtend Verlangen,
Das hoch uns erhob aus des Lebens Jammer,
Soll's weichen in schauderndem Todesbangen,
Sich wandeln zum Wurm in unserer Kammer?


Solo

  Er, der mich durchhaucht,
  Nein, nimmer er braucht
Den Mittler; ich hab' ihn in mir: das bist du!
  Ist mein Ewigkeitsflug
  Sein Wille, und trug
Mich zur Taufe sein Geist--bist es du, bist es du.--
  Werd' ich teilhaft, ich Nichts,
  Des ewigen Lichts?
In Demut mich beug' ich; denn ich wei, das bist du!
  Still wart' ich und fromm:
  Erwecker, o komm,
Wenn du willst, wie du willst--das bist du, das bist du!




FRAGE UND ANTWORT


_Das Kind_

Du, Vater! Ich sah mich im Walde um,
War alles stumm,
Kein einziger Vogel sang ringsum.


_Der Vater_

Er flog gen Sd bers Meer hinab,
Der Lieder uns gab;
Kann sein, er findet dort sein Grab.


_Das Kind_

Der Arme; warum denn blieb er nicht?


_Der Vater_

Er suchte mehr Wrme und mehr Licht.


_Das Kind_

Du, Vater, ist das auch recht getan?
Er denkt nicht dran,
Da wir andern hier bleiben und frieren dann.


_Der Vater_

Ein neuer Frhling will neuen Sang
Aus Herzensdrang;
Den bringt er uns mit, es whrt nicht lang.


_Das Kind_

Aber wenn er stirbt in den kalten Wellen?


_Der Vater_

So kommen wohl seine Weggesellen.




WECKLIED AN DIE NORWEGISCHE SCHTZENGILDE

(1881)


Zu den Fahnen, zu den Fahnen,
Junger Freiheit Chor!
Eure Fahnen, eure Fahnen,
Schtzen, hebt empor!
Hinterm Stutzenringe
Unsrer jungen Schar
Soll der Greis im Tinge
Reden fest und klar.
  In dem frischen
  Kugelzischen
Liegt ein muntrer Klang;
  Freiheitkndend,
  Fhrt er zndend
Uns zum Knigsrang.

In die Tingesrunde
Klingt aus Talesgrunde
Hell und freudig "ja" auf "ja",
Da aus Stutzenrhren
Wir das Echo hren
Als ein tausendfltiges Hurra.
  Hurra,
Hurra, hurra, hurra, hurra.

Mutter Norge lauscht so heiter
Auf des Widerhalles Tne,
Und durch ihre jungen Shne
Erbt das Freiheitsgut sich weiter.




ARBEITERMARSCH


Takt! Takt! Auf Takt habt acht!
Der ist mehr als halbe Macht.
Formt aus vielen, vielen Einen,
Hebt den Mut der bangen Kleinen,
Lt das Schwerste leicht erscheinen,
Zeigt die Ziele uns, die reinen,
Nher, schrfer ohne Schatten,
Als wir auf dem Korn sie hatten.

Takt! Takt! Auf Takt habt acht!
Das ist mehr als halbe Macht.
Nahn im Takt wir einige hundert,
Ist da keiner, der sich wundert;
Nahn im Takt wir einige tausend,
Wird sein Ohr schon mancher recken;
Nahn im Takt wir hunderttausend,--
Ja, dies Drhnen wird sie wecken!

Takt! Takt! Auf Takt habt acht!
Der ist mehr als halbe Macht.
Wenn in solchem Takt wir schreiten
Fest von Norges Uferweiten
Bis zum hchsten Katarakte,--
Kommen alle wir im Takte,--
Schwinden Herren, schwinden Knechte,
Helfen jedem wir zum Rechte!




DER ZUKUNFT LAND

(Herman und M. Anker zu ihrer silbernen Hochzeit. 15. September 1888,
zugeeignet)


  Zukunftsland!
Dahin sich all unsre Sehnsucht schwingt,--
All unser Seufzen, das ziellos verklingt,
Formt sich zu Bildern in Wolkenrot
  Jenseits der Not,--
Alles, was aus unserm Glauben spriet,
  Selig uns grt
  Im Zukunftsland.

  Zukunftsland!
All unsre Arbeit zu Nutzen und Frommen
Wchst in Geschlechtern, die nach uns kommen.
Sammelt fr sie in verjngendem Drang,
  Was _uns_ gelang;
Trgt voller Kraft unser Werk hinein,
  Unfehlbar hinein
  Ins Zukunftsland.

  Zukunftsland!
Trnen, vergossen um all das Schlechte,
Blutschwei vom Kampfe fr hhere Rechte
Salben die Kraft, die den Sieg verspricht.
  Uns es zwar bricht,
Schlechtes doch hindert es, Gutes es st,
  Das aufersteht
  Im Zukunftsland.

Zukunftsland!
Dmmert in Farben und Melodien,
Die uns wie Sonnengold glitzernd umziehen,
Schimmert im Auge des Kindes und weht
  Durch dein Gebet.
Siegen wir--und ist der Sieg gesund,
  Stehn wir zur Stund
  Im Zukunftsland.




EIN JUNGES VLKCHEN KERNGESUND


Ein junges Vlkchen kerngesund
Wchst berquellend frisch empor
In Spiel und Sang und Blumenflor
Auf unsres Vtererbes Grund;
Es trumt von dem, was schon errungen,
Sehnt sich nach dem, was nicht bezwungen.

Ein junges Vlkchen kerngesund,
Des ganzes Volkes Ehrenpreis,
Des Lebensfrhlings Edelreis,
Ein Osterfest auf Vtergrund
Fr alle Alter. Neu entfalten
Im Lenz der Jungen sich die Alten.

Ein junges Vlkchen kerngesund
Ist unser Knnen, doppelt stark,
Ist unsrer Hoffnung Lebensmark,--
Aus des Charakters tiefem Grund
Wchst unsrer Vter Geist auf Erden
Empor zu immer hherm Werden.




NORGE, NORGE


  Norge, Norge,
Blauend empor aus dem graugrnen Meer,
Inseln ringsum gleich Vogeljungen,
Fjorde in Zungen
Dorthin, wo Stille sich breitet umher.
Strme, Tler;
Felsen begleiten sie; Waldgipfel fern
Ragen dahinter. Wo Tore sie brechen,
Seen und Flchen,
Feiertagsfrieden und Tempel des Herrn.
  Norge, Norge,
Htten und Huser und keine Burgen,
  Hart oder weich,
Du bist unser, bist unser Reich,
Du bist der Zukunft Land.

  Norge, Norge,
Schneeschuhlaufes leuchtendes Land,
Teerjackenhafen und Fischgehege,
Des Flers Wege,
Bergecho der Hirten und Gletscherbrand.
  cker, Wiesen,
Runen im Waldboden, Klfte versprengt,
Stdte wie Blumen, Flsse verschumend,
Wo sich bumend
Aufblitzt das Meer, wo der Schwarm sich drngt!
  Norge, Norge,
Htten und Huser und keine Burgen,
  Hart oder weich,
Du bist unser, bist unser Reich,
Du bist der Zukunft Land.




MEISTERN ODER GEMEISTERT WERDEN


Dieses Land, das trotzig schaut,
Meerumbrandet, bergumbaut,
Winterkalt und sommerbleich,
Kurzes Lcheln, niemals weich,--
Ist der Riese, der, gemeistert,
Frdern soll, was uns begeistert.
Er soll hmmern, er soll tragen,
Er soll singen, er soll sagen,
Er soll malen Glanz und Gischt:--
Was da donnert, tost und zischt
Zwischen Fjord und Bergeswacht,
Schaff' uns eine Schnheitsmacht.




IM WALDE


Der Wald gibt sausenden sachten Bescheid;
Was immer er sah in den einsamen Stunden,
Was immer er litt, als man doch ihn gefunden,
Das klagt er dem Winde; der trgt es weit.




DER SIEBZEHNTE MAI

(1883)


Wergelands Denkmal am siebzehnten Mai
Grte der Festzug. Und als die letzten,
Mnner im Takt,
Frauen mit Blumen in ihrer Mitten,
Schritten die Bauern, die Bauern schritten.

sterdalswaldes mchtiger Huptling
Trug ihre Fahne. Als wir sie sahen,
ber dem Purpur
Sich ein Gedanke in Tausenden malte:
Das ist die Alte, das ist die Alte!

Noch trug nicht fremden Volks Krone der Lwe,
Danebrog hat noch das Tuch nicht gespalten,
Zukunft erschien mir,
Sah dort um Wergelands Denkmal in Mengen
Bauern sich drngen, Bauern sich drngen.

Von den vergangnen Verlusten das Meiste,
Von dem Errungenen, von dem Ersehnten,
Ja, meist von allem:
Pflichten der Vorzeit, der Zukunft Ehre
Tragen der Bauern, der Bauern Heere.

Bitter sie shnten, was einst gesndigt.
Doch sie erheben sich. Jngst erst im Tinge
Kmpften sie mannhaft.
Von Sd, West und Norden, aus Trondhjemer Landen
Alle die Bauern, die Bauern erstanden.

Halten die Beute, da weiter sie wollen;
Ganz sei uns eigen der Freiheitsgedanke!
Alle wir wissen's:
Wenn einstmals Wergelands Sommer entglommen,
Mit ihm die Bauern, die Bauern kommen.




FREDERIK HEGEL


Die Lfte liebe ich, die khlen,
  Erhaben rein,
  Im Hoheitsschein,
Die mich wie Freiheitsflut umsplen.

Im Walde mich's am liebsten leidet,
  Wenn Phantasie
  Mit Herbsts Genie
Ihn malt, nicht wenn ihn Grnschmuck kleidet.

Ich kannte einen: seine Reinheit
  War herbstlich mild,
  Sein Ebenbild
War Herbsteshimmels Farbenfeinheit.

Sein Bild ist wie--wenn in frostigem Tanz
  Des Winters Graus
  Umstrmt das Haus,--
Meines Herdes erster erwrmender Glanz.

Und wenn das Sehnen nimmt ein Ende,
  Wenn Sommers Lied
  Nach innen zieht,
Hat Freundschaft Tempelsonnenwende.




UNSERE SPRACHE

(1900)


Nordischer Berge Widerhall,
Wiegengesang am dnischen Sunde,
Feuerglocke bei Fredrikshall,
Lerchenjubel aus Kindermunde,--
  Du Herz der Herzen,
  Mein norwegisch Wort,
  Fr Freuden und Schmerzen
  Als Burg uns gebautes,
  Du Gott vertrautes,--
    Wir lieben dich!

Holbergs flsternder Geisterchor,
Heim den Dichter und morgenwrts ladend,
Schrfend das Schwert ihm, hebend empor
Schtze, in klingendem Lachen sie badend,--
  Du Heim der Bedrohten,
  Mein norwegisch Wort!
  Hier gren die Toten
  Die Lebensroten,
  Die Zukunftsboten,--
    Wir lieben dich!

Kierkegaard warst du ein tiefes Meer,
Da er die Segel nach Gott hin spannte.
Wergeland warst du ein Adler hehr,
Der sich vor vielen zur Sonne wandte.
  Du Herz der Herzen,
  Mein norwegisch Wort,
  Fr Freuden und Schmerzen
  Als Burg uns gebautes,
  Du Gott vertrautes,--
    Wir lieben dich!

Warst wie ein Maitag voll strahlender Zier
Fr den Frhling der Freiheit im Norden.
Durch deine Lieder ist unser Panier
Weit auf Erden Sieger geworden.
  Du Heim der Bedrohten,
  Mein norwegisch Wort!
  Hier gren die Toten
  Die Lebensroten,
  Die Zukunftsboten,--
    Wir lieben dich!

ber die Wogen rollst du als Weg
Deinen Blumenteppich, es schreiten
Freunde zu Freunden auf diesem Steg,
Fhlen Himmel und Glaube sich weiten.
  Du Herz der Herzen,
  Mein norwegisch Wort,
  Fr Freuden und Schmerzen
  Als Burg uns gebautes,
  Du Gott vertrautes,--
    Wir lieben dich!

Der beste Freund, den ich fand, warst du;
Im Aug' der Mutter harrtest du meiner.
Und wer mich am letzten verlt, bist du;
Denn du nur sahst mir ins Herz, sonst keiner!
  Du Heim der Bedrohten,
  Mein norwegisch Wort!
  Hier gren die Toten
  Die Lebensroten,
  Die Zukunftsboten,--
    Wir lieben dich!

       *       *       *       *       *




ERZHLUNGEN

       *       *       *       *       *




THROND


Es war ein Mann mit Namen Alf, in den seine Mitbrger groe Hoffnungen
setzten; denn er war den meisten an Klugheit und Tatkraft berlegen.
Doch als dieser Mann dreiig Jahr alt war, zog er hinauf ins Gebirge und
machte sich dort, zwei Meilen von allen Menschen entfernt, ein Stck
Land urbar. Manche wunderten sich, da er diese Nachbarschaft mit sich
selbst aushielt, aber sie wunderten sich noch mehr, als nach einigen
Jahren ein junges Mdchen aus dem Tal sie mit ihm teilen wollte, und
zwar gerade das Mdchen, das bei allen Festen und bei jedem Tanz die
Frhlichste gewesen war.

Man nannte sie die "Waldmenschen", und er war unter dem Namen "Alf vom
Walde" bekannt; die Leute drehten sich lange nach ihm um, wenn er sich
in der Kirche oder bei der Arbeit einfand; denn sie konnten nicht aus
ihm klug werden, und er schien kein Interesse daran zu haben, sich
auszusprechen. Die Frau war nur selten im Dorf gewesen, einmal aber, um
ein Kind ber die Taufe zu halten.

Dies Kind war ein Sohn, der Thrond getauft wurde. Als er heranwuchs,
sprachen sie des fteren davon, sie mten eine Hilfe haben, und da sie
nicht die Mittel hatten, sich eine erwachsene Magd zu halten, so nahmen
sie eine halbwchsige, wie sie sich ausdrckten, ins Haus: ein
vierzehnjhriges Mdchen, das auf den Jungen zu achten hatte, wenn die
Eltern auf dem Felde waren.

Sie war freilich ein bichen einfltig, und der Junge merkte bald, da
alles, was die Mutter ihm sagte, leicht zu begreifen war, whrend das,
was Ragnhild ihn lehrte, schwer war. Mit dem Vater sprach er nicht viel,
und er hatte auch Angst vor ihm, denn wenn er in der Stube war, mute
alles muschenstill sein.

Einmal an einem Weihnachtsabend--auf dem Tisch brannten zwei Lichte, und
der Vater trank aus einer weien Flasche--packte der Vater den Jungen,
nahm ihn auf den Scho, sah ihm streng in die Augen und rief: "Buh,
Junge!" Dann fgte er milder hinzu: "Du bist gar nicht so'n Angsthase;
mchtest Du ein Mrchen?" Der Junge antwortete nicht, sondern sah den
Vater gro an. Der aber erzhlte ihm von einem Mann aus Vaage, welcher
"der Blessommer" hie. Er war in Kopenhagen, dieser Mann, um des Knigs
Schiedsspruch einzuholen in einem Proze, den er fhrte, und das zog
sich so in die Lnge, da ihm der Weihnachtsabend ber den Hals kam; das
gefiel aber dem Blessommer durchaus nicht, und wie er so durch die
Straen schlenderte und nach Hause dachte, da sah er einen wuchtigen
Kerl in einem weien Mantel vor sich hergehen. "Du gehst ja so schnell",
sagte der Blessommer.--"Hab's weit bis nach Haus heut abend", sagte der
Mann.--"Wo willst Du hin?"--"Nach Vaage", sagte der Mann und schritt
aus.--"Das trifft sich aber fein," sagte der Blessommer, "dahin mchte
ich auch."--"Dann kannst Du hinten bei mir auf den Kufen stehen",
antwortete der Mann und bog in eine Querstrae ein, wo sein Schlitten
stand. Er schwang sich hinauf und sah sich nach dem Blessommer um, der
sich auf die Kufen stellte. "Du mut Dich festhalten", sagte er. Der
Blessommer tat es, und es war auch ntig; denn es ging nicht etwa immer
auf der glatten Erde hin. "Mir scheint, Du fhrst bers Wasser", sagte
der Blessommer.--"Das tu' ich", sagte der Mann, und der Gischt umstob
sie. Aber nach einer Weile kam es dem Blessommer vor, als fhren sie
nicht mehr bers Wasser. "Mir scheint, es geht durch die Luft", sagte
er.--"Ja, das tut es", antwortete der Mann. Aber als sie noch weiter
gefahren waren, kam dem Blessommer die Gegend, durch die sie fuhren, so
bekannt vor. "Mir scheint, das ist Vaage", sagte er.--"Ja, jetzt sind
wir da", antwortete der Mann, und der Blessommer fand, es sei recht
schnell gegangen. "Schnen Dank fr die Fahrt", sagte er.--"Gleichfalls!"
sagte der Mann und fgte hinzu, whrend er auf das Pferd einschlug:
"Jetzt sieh Dich lieber nicht weiter nach mir um!"--"Nein, nein", dachte
der Blessommer und trollte sich ber die Hhen heimwrts. Aber da erhob
sich hinter ihm ein Drhnen und Getse, als wolle der ganze Berg
einstrzen, und ein Leuchten ging ber das Land hin; er sah sich um, und
da sah er den Mann in dem weien Mantel durch krachende Feuersulen
hindurch in den offnen Berg einfahren, der sich wie ein Tor ber ihm
wlbte. Dem Blessommer wurde es etwas unbehaglich zumute bei der
Reisegesellschaft, die er gehabt hatte, und er wollte den Kopf wieder
umwenden; aber wie der Kopf sa, so blieb er sitzen, und der Blessommer
hat in seinem ganzen Leben den Kopf nicht mehr umdrehen knnen.

So etwas hatte der Bursch sein Lebtag nicht gehrt. Er getraute sich
nicht den Vater weiter zu fragen, aber am andern Morgen in aller Frhe
fragte er die Mutter, ob sie keine Mrchen wisse. Doch, sie wute
welche, aber die handelten meistens von Prinzessinnen, die sieben Jahre
lang gefangen saen, bis der rechte Prinz kam. Der Bursch dachte, alles,
was er hrte und las, lebe in seiner nchsten Nhe.

Er war etwa acht Jahr alt, als an einem Winterabend der erste fremde
Mensch bei ihnen durch die Tr trat. Er hatte schwarzes Haar, und das
hatte Thrond noch nie gesehen. Er sagte kurz "Guten Abend" und kam
herein; Thrond wurde die Sache ngstlich, und er setzte sich auf einen
Schemel am Herd. Die Mutter ntigte den Mann zum Sitzen; er tat es, und
da fate sie ihn genauer ins Auge: "Herrjeh, ist das nicht der
Fiedel-Knut?" sagte sie.--"Ja, freilich ist er das. Es ist lange her,
da ich auf Deiner Hochzeit spielte."--"Ach ja, das ist schon eine ganze
Weile. Kommst Du weit her?"--"Ich habe Weihnachten auf der andern Seite
des Berges gespielt. Aber mitten im Gebirge wurde mir schlecht; ich
mute hier einkehren, um mich auszuruhen."

Die Mutter brachte ihm Essen herein; er setzte sich an den Tisch, sagte
aber nicht "in Jesu Namen", wie der Junge es doch immer gehrt hatte.
Als er fertig war, stand er auf: "Nun ist mir wieder ganz gut", sagte
er; "lat mich jetzt ein klein bichen ruhen." Und er wurde zum
Ausruhen in Thronds Bett gesteckt.

Fr Thrond wurde eins auf dem Fuboden gemacht. Wie er so dalag, fror
ihn an der Seite, die dem Herd abgekehrt war, und das war die linke. Ihm
fiel ein, das komme daher, da die eine Seite in der nchtlichen Klte
blo lag; denn er lag ja mitten im Walde. Wie war er nur in den Wald
gekommen? Er richtete sich auf und blickte sich um, und das Feuer
brannte in weiter Ferne, und er lag wirklich allein im Walde; er wollte
nach Hause gehen zum Feuer, kam aber nicht von der Stelle. Da berfiel
ihn groe Angst; denn hier konnten Ungeheuer hausen und Hexen und
Gespenster; heim mute er zum Feuer, aber er kam nicht von der Stelle.
Da wuchs seine Furcht, er raffte seine ganze Kraft zusammen, schrie
"Mutter"--und wachte auf. "Mein Junge, Du trumst so schwer", sagte sie
und nahm ihn auf den Arm.

Ihn berlief ein Schauder, und er sah sich um. Der Fremde war fort, und
er wagte nicht nach ihm zu fragen. Die Mutter kam in ihrem schwarzen
Kleid herein und ging ins Dorf. Zurck kam sie mit zwei andern Fremden,
die auch schwarzes Haar und flache Hte hatten. Sie sagten auch nicht
"in Jesu Namen" vorm Essen, und sie sprachen leise mit dem Vater.
Nachher ging er mit ihnen in die Scheune und kam mit einem groen Kasten
wieder heraus, den sie zwischen sich trugen. Den setzten sie auf einen
Schlitten und verabschiedeten sich. Da sagte die Mutter: "Wartet einen
Augenblick und nehmt den kleinen Kasten mit, den er bei sich hatte." Und
sie ging ins Haus, um ihn zu holen. Einer der Mnner aber sagte: "Den
kann der kriegen", und zeigte auf Thrond. Der andere fgte hinzu:
"Brauch' sie ebensogut wie der Mann, der jetzt hier liegt", und er
deutete auf den groen Kasten. Da lachten beide und zogen von dannen.
Thrond besah sich den kleinen Kasten, den er auf diese Weise bekommen
hatte. "Was ist da drin?" fragte er. "Trag ihn hinein und sieh nach",
sagte die Mutter. Er tat es, und sie half ihm beim ffnen. Da strahlte
sein Gesicht vor Freude, denn er sah etwas Leichtes, Feines darin
liegen.--"Hol' es heraus!" sagte die Mutter. Er tippte nur mit einem
Finger darauf, aber voll Entsetzen zog er ihn wieder zurck. "Es weint!"
sagte er. "Nur Mut!" sagte die Mutter, sie griff mit der ganzen Hand zu
und nahm das Ding heraus. Er wog es und drehte es hin und her, er lachte
und streichelte es: "Mutter, was ist das?" fragte er, es war so leicht
wie ein Spielzeug. "Das ist eine Fiedel."

Auf die Art bekam Thrond Alfson seine erste Geige.

Der Vater konnte ein wenig spielen, und er brachte dem Jungen die ersten
Griffe bei. Die Mutter konnte Tanzweisen trllern von ihrer Tanzzeit
her, und die lernte er, machte aber bald selbst neue. Er spielte immer,
wenn er nicht lernte; er spielte so viel, da der Vater einmal sagte, er
werde ganz bla dabei. Alles, was der Knabe bis dahin gelesen und gehrt
hatte, ging in die Fiedel ber. Die weiche, feine Saite war die Mutter;
die Saite dicht daneben, die bestndig der Mutter folgte, war Ragnhild.
Die grobe Saite, die er seltener anrhrte, war der Vater. Die letzte,
feierliche Saite aber, vor der hatte er beinah Angst, und der gab er
keinen Namen. Wenn er auf der Quinte einen Fehlgriff tat, war es die
Katze, wenn er aber auf des Vaters Saite fehlgriff, so war das der
Ochse. Der Bogen war der Blessommer, der in einer Nacht von Kopenhagen
nach Vaage gefahren war. Auch jedes Lied war ein bestimmter Gegenstand.
Das Lied mit den langen, feierlichen Tnen war die Mutter in ihrem
schwarzen Kleide. Das zaghafte und hpfende war Moses, als er stammelte
und mit seinem Stab an den Felsen schlug. Das Lied mit der leisen
Melodie, wo der Bogen so leicht auf den Saiten lag, war die Hexe, die
die Herde im Nebel an sich lockt, wenn kein anderer es sieht.

Das Spiel aber trug ihn ber die Berge hinaus, und in ihm erwachte die
Sehnsucht. Als der Vater eines Tages erzhlte, auf dem Jahrmarkt habe
ein kleiner Junge gespielt und viel Geld verdient, lauerte er in der
Kche der Mutter auf und fragte sie leise, ob er nicht auch auf den
Jahrmarkt drfe und den Leuten etwas vorspielen. "Wie kommst Du auf so
was!" sagte die Mutter, sprach aber doch gleich mit dem Vater darber.
"Er kommt noch frh genug in die Welt", antwortete der Vater, und er
sagte es so entschieden, da die Mutter nicht weiter bat.

Bald darauf sprachen Vater und Mutter bei Tisch von einigen neuen
Landsassen, die krzlich ins Gebirge gekommen waren und sich verheiraten
wollten. Sie htten keinen Spielmann zur Hochzeit, sagte der Vater.
"Knnte ich nicht den Spielmann machen?" flsterte der Bursch, als die
Mutter wieder in der Kche stand.--"So klein, wie Du bist!" sagte sie;
aber sie ging doch hinaus in die Scheune, wo der Vater war, und sagte es
ihm. "Er ist noch nie im Dorf gewesen," fgte sie hinzu, "er hat nie
eine Kirche gesehen".--"Was bittest Du mich eigentlich", sagte Alf; aber
weiter sagte er auch nichts, und da nahm die Mutter an, sie drfe.
Deshalb ging sie hinber zu den neuen Landsassen und bot den Jungen an.
"So wie der spielt," sagte sie, "hat noch kein Kind gespielt", und--der
Bursch wurde angenommen.

Das gab aber eine Freude zu Hause! Von morgens bis abends spielte er und
bte neue Weisen ein, nachts trumte er von ihnen; sie trugen ihn ber
die Hhen in fremde Lande, als reite er auf segelnden Wolken. Die Mutter
nhte ihm einen neuen Anzug, der Vater aber wollte von der ganzen
Geschichte nichts wissen.

Die letzte Nacht schlief Thrond nicht, sondern ersann ein neues Lied
ber die Kirche, die er noch nicht gesehen hatte. Am Morgen war er frh
auf und die Mutter auch, um ihm Frhstck zu geben, aber er konnte
nichts essen. Er zog den neuen Anzug an und nahm die Fiedel in die Hand,
und da war's ihm, als flimmere es ihm vor den Augen. Die Mutter
begleitete ihn bis vor die Tr und sah ihm nach, wie er ber die Hnge
dahinschritt; es war das erstemal, da er von Hause fortzog.

Der Vater stieg leise aus dem Bett und ging ans Fenster; da stand er
und blickte dem Knaben nach, bis man die Mutter auf den Steinfliesen
hrte; da ging er wieder zu Bett und lag schon drin, als sie hereinkam.
Sie ging ruhelos in der Stube umher, als habe sie etwas auf dem Herzen.
Und schlielich kam sie mit der Sprache heraus: "Ich finde eigentlich,
ich mte hinunter in die Kirche und sehen, wie es geht." Er gab keine
Antwort, deshalb hielt sie die Sache fr abgemacht, zog sich an und
ging.

Es war ein herrlicher Sonnentag, an dem der Bursch ber die Hnge
dahinzog; er hrte den Vgeln zu und sah die Sonne auf den Blttern
glitzern, whrend er rasch vorwrtsschritt, die Fiedel unterm Arm. Und
als er an das Hochzeitshaus kam, sah er noch immer nichts anderes, als
was ihn vorher beschftigt hatte, sah weder Brautstaat noch
Hochzeitszug; er fragte nur, ob sie bald aufbrechen wollten; das wollten
sie. Er ging mit der Fiedel voran, jetzt spielte er die himmlische
Morgenstimmung ihnen in die Seele hinein, und es hallte zwischen den
Bumen. "Sehen wir die Kirche bald?" fragte er die hinter ihm
Schreitenden. Lange hie es nein; aber schlielich sagte einer: "Jetzt
blo noch um diese eine Felswand herum, dann siehst Du sie!" Er spielte
sein neuestes Lied auf der Fiedel, der Bogen tanzte, und er sphte nach
vorn. Da lag das Dorf dicht vor ihm!

Das erste, was er sah, war ein zarter, leichter Nebel, der wie ein Rauch
vor der jenseitigen Bergwand lag. Er lie das Auge zurckschweifen ber
grne Wiesen und groe Huser mit Fenstern, in denen die Sonne brannte;
das glitzerte fast wie ein Eisgletscher am Wintertag. Die Huser wurden
immer grer und immer mehr Fenster kamen zum Vorschein, und hier an der
einen Seite lagen ungeheuer groe, rote Huser, vor denen Pferde
angebunden standen; geputzte kleine Kinder spielten auf einem Hgel,
Hunde saen dabei und sahen zu. Aber ber allen den Menschen und Dingen
schwebte ein langer, dunkler Ton, der ihn erschtterte, da alles, was
er sah, sich im Takt nach diesem Ton zu bewegen schien. Da sah er
pltzlich ein groes, schlankes Haus, das geradenwegs in den Himmel
hinein strebte mit einer hohen blinkenden Stange. Und weiter unten
funkelten hundert Fenster in der Sonne, da das Haus wie in einer Lohe
stand. Das mu die Kirche sein, dachte der Bursch, und daher mu der Ton
kommen! Rings um die Kirche stand eine ungeheure Menge Menschen, und
alle sahen sie ganz gleich aus! Er brachte sie sofort mit der Kirche in
Verbindung und fhlte daher vor dem kleinsten Kinde eine mit Furcht
gemischte Achtung. Jetzt mu ich spielen, dachte Thrond und setzte den
Bogen an. Aber was war das? Die Fiedel tnte ja nicht mehr.--Da mu an
den Saiten etwas entzwei sein; er untersuchte sie, fand aber nichts.
"Dann mu es daran liegen, da ich nicht fest genug aufdrcke", und er
drckte auf, aber die Fiedel war wie zersprungen. Er nahm fr das Lied,
das die Kirche bedeuten sollte, ein anderes, aber es ging ganz ebenso
schief. Kein Ton, nur ein Gequietsch und Gejammer. Er fhlte, wie ihm
der kalte Schwei bers Gesicht perlte; er dachte an die vielen klugen
Menschen, die hier standen und ihn vielleicht auslachten, ihn, der doch
zu Hause so schn spielen konnte, hier aber keinen einzigen Ton
hervorbrachte. "Gott sei Dank, da Mutter nicht hier ist und meine
Schande mit ansieht", sagte er vor sich hin, whrend er mitten unter den
Menschen zu spielen versuchte,--aber da--da stand sie ja in dem
schwarzen Kleid und zog sich mehr und mehr zurck. Im selben Augenblick
sah er hoch oben auf der Turmspitze den schwarzhaarigen Mann sitzen, der
ihm die Fiedel geschenkt hatte. "Gib wieder her!" rief er, lachte und
streckte die Arme aus, und die Turmspitze ging auf und nieder mit ihm,
auf und nieder. Der Bursch aber nahm die Fiedel unter den Arm: "Du
kriegst sie nicht!" rief er, drehte sich um und lief davon, weg von der
Menschenschar, von den Husern fort, ber Wiesen und Felder hin, bis er
nicht mehr konnte und umsank.

Da lag er lange, das Gesicht auf der Erde; und als er sich endlich
umdrehte, hrte und sah er blo Gottes unendlichen Himmel, der ber ihm
stand mit seinem ewigen Gebraus. Das war ihm so entsetzlich, da er sich
wieder zur Erde umdrehen mute. Als er abermals den Kopf hob, fiel sein
Blick auf die Fiedel, die neben ihm lag. "Du hast die ganze Schuld!"
rief der Bursch und hob sie auf, um sie zu zerschlagen, hielt aber inne
und sah sie an.--"Wir haben viel frohe Stunden zusammen gehabt", sagte
er zu sich selbst und schwieg. Aber gleich darauf meinte er: "Die Saiten
mssen herunter, die taugen nichts." Und er holte ein Messer aus der
Tasche und schnitt zu. "Au!" sagte die Quinte kurz und schmerzlich. Der
Bursch schnitt weiter. "Au!" sagte die nchste Saite; der Bursch aber
schnitt weiter. "Au!" sagte die dritte dster,--und nun kam die vierte
an die Reihe. Ein tiefes Weh fate ihn; die vierte Saite,--die Saite,
der er nie einen Namen zu geben gewagt hatte, die schnitt er nicht
durch. Jetzt hatte er auch die Empfindung, es sei nicht allein die
Schuld der Saiten, wenn er nicht hatte spielen knnen. Da kam die Mutter
langsam zu ihm hinaufgestiegen, um ihn mit nach Hause zu nehmen. Aber
nur noch grere Furcht packte ihn. Er hielt die Fiedel an den
zerschnittenen Saiten in die Hhe, stand auf und rief zu ihr hinunter:
"Nein, Mutter! nach Hause komme ich nicht eher wieder, als bis ich das
spielen kann, was ich heut gesehen habe."

       *       *       *       *       *




DIE GEFHRLICHE FREITE


Seit Aslaug erwachsen war, hatte man auf Huseby nicht mehr viel Frieden:
denn dort rauften und prgelten sich Nacht fr Nacht die stattlichsten
Burschen des Dorfs. Am schlimmsten war's in der Samstagnacht; aber dann
legte sich der alte Knut Huseby auch nie ins Bett ohne seine Lederhosen
und ohne einen Birkenknttel.--"Hab' ich nun schon mal eine Tochter, so
will ich sie auch behten", sagte der Husebyer.

Tore Naesset war nur ein Huslersohn; und doch gab es Leute, die
behaupteten, er komme am hufigsten zu der Bauerntochter von Huseby. Dem
alten Knut pate das nicht; er sagte auch, es sei nicht wahr, "denn er
habe ihn noch nie dort gesehen". Aber die andern lachten sich ins
Fustchen und meinten, htte er nur alle Ecken gut abgesucht, statt sich
mit den Kerlen zu beschftigen, die auf dem Hof und auf der Diele
herumkrakeelten, so htte er Tore schon gefunden.

Der Frhling ging ins Land, und Aslaug zog mit dem Vieh auf die Alm.
Wenn dann der Tag hei auf dem Tal lastete, und die Berge sich khl ber
dem Sonnendunst erhoben, wenn die Glocken klangen und der Schferhund
bellte, und Aslaug oben auf den Halden jodelte und das Alphorn
blies,--dann wurde den Burschen, die unten auf den Feldern arbeiteten,
das Herz schwer. Und den nchsten Samstagabend liefen sie um die Wette
hinauf. Aber noch schneller kamen sie wieder herunter; denn oben auf der
Alm stand ein Bursch hinter der Tr und nahm alle Besucher in Empfang
und verwichste sie so grndlich, da sie nachher immer an die Worte
dachten, womit er sie begrt hatte: "Wenn Du 'n andermal
wiederkommst--kriegst Du noch mehr."

Soviel sie wuten, war im ganzen Gau nur einer, der solche Fuste hatte,
und das mute Tore Naesset sein. Und die reichen Bauernshne fanden, es
gehe doch ber den Spa, da solch ein Huslerbock dort oben auf der
Huseby-Alm so um sich stoen drfe.

Dasselbe fand auch der alte Knut, als er hiervon hrte, und er fgte
hinzu: wenn kein anderer den Kerl unterkriegen knnte, dann wollten er
und seine Shne es versuchen. Knut kam freilich schon in die Jahre, aber
trotz seiner sechzig wagte er doch mit seinem ltesten Sohn bisweilen
eine kleine Boxerei, wenn es bei einem frhlichen Gelage gar zu still
wurde.

Zur Huseby-Alm hinauf fhrte nur ein Weg, und der ging direkt ber den
Hof. Am nchsten Samstagabend wollte Tore zur Alm hinauf und schlich
ber den Hof; leichten Fues und ahnungslos war er schon glcklich bis
zur Scheune gekommen, als ihm ein Kerl an die Gurgel fuhr. "Was willst
Du von mir?" sagte Tore und schlug ihn zu Boden, da es nur so krachte.
"Das wirst Du schon merken", sagte ein anderer hinter ihm und packte ihn
am Nacken, das war der Bruder. "Hier kommt der dritte", sagte Knut und
ging ihm zu Leibe.

Tores Kraft wuchs in der Gefahr; er war geschmeidig wie eine Weidengerte
und teilte Hiebe aus, da es nur so sauste; er duckte sich und wand
sich; wo die Schlge fielen, war er nicht; wenn sie keine erwarteten,
kriegten sie welche. Seine Prgel freilich bekam er schlielich auch,
und das grndlich, aber der alte Knut sagte spter oft, mit einem
handfesteren Kerl sei er nie aneinandergeraten. Sie hielten stand, bis
Blut flo; da aber sagte der Husebyer: "Halt!" und fgte hinzu: "Kommst
Du nchsten Samstag dem Husebyer Wolf und seinen Jungens aus, dann soll
das Mdchen Dein sein!"

Tore schleppte sich, so gut er konnte, heimwrts, und als er zu Hause
war, legte er sich zu Bett. Es wurde viel ber die Prgelei auf Huseby
gesprochen, aber jeder fragte: "Was wollte er da?"--Eine gab's, die das
nicht sagte, das war Aslaug. Sie hatte jenen Samstagabend ihn so
sehnlich erwartet, und als sie jetzt erfuhr, was fr eine Geschichte
sich zwischen ihm und ihrem Vater zugetragen hatte, da setzte sie sich
hin und weinte und sprach zu sich selbst: "Kriege ich Tore nicht, dann
habe ich keinen frohen Tag mehr auf der Welt."

Tore blieb den Sonntag ber liegen, und am Montag merkte er, da er noch
lnger liegen msse. Der Dienstag kam, und das war ein gar herrlicher
Tag. Es hatte in der Nacht geregnet, die Berge waren feucht und grn,
das Fenster stand offen, Laubduft zog herein, die Glocken klangen von
den Bergen hernieder und irgendwer jodelte dort oben;--htte die Mutter
nicht in der Stube gesessen, er htte heulen knnen vor Ungeduld.

Der Mittwoch kam, und noch immer lag er zu Bett; Donnerstag war er
wirklich neugierig, ob er nicht doch Samstag wieder gesund sein werde;
am Freitag stand er auf. Er hatte die Worte, die der Vater gesagt hatte,
gut in Erinnerung: "Kommst Du nchsten Samstag dem Husebyer Wolf und
seinen Jungens aus, so ist das Mdel Dein." Er schaute einmal ums andere
nach Huseby hinber.--"Ich bekomme da doch blo meine Prgel", dachte
Tore.

Zur Huseby-Alm hinauf fhrte, wie schon gesagt, nur ein Weg; aber ein
tchtiger Kerl mute doch da hinaufkommen, wenn er auch nicht gerade den
richtigen Weg ging. Wenn er hinausruderte, um die Landzunge herum, und
dann an der andern Seite des Bergs anlegte, konnte er auf jeden Fall
hinaufkraxeln; freilich war es dort so steil, da die Gei nur mit
knapper Not weiden konnte, und die pflegt doch im Gebirge nicht gerade
ngstlich zu sein.

Der Samstag erschien, und Tore lief den ganzen Tag drauen herum;--die
Sonne lachte, da es in den Bschen sprote, und in einem fort jodelte
und lockte es von den Bergen her. Er sa noch vor der Tr, als es auf
den Abend ging und ein dampfender Nebel an den Hngen emporkroch. Er
blickte nach oben,--dort war es still; er blickte nach Huseby
hinber,--und dann stie er sein Boot ab und ruderte um die Landzunge
herum.

Auf der Alm sa Aslaug, fertig mit ihrem Tagewerk. Sie dachte, Tore
knne diesen Abend gewi nicht kommen; statt seiner werde aber wohl
manch anderer sich einfinden. Da machte sie den Schferhund los und
sagte niemand, wohin sie gehe. Sie setzte sich so, da sie das Tal
berschauen konnte, doch da stieg der Nebel auf; und sie getraute sich
auch nicht, hinunterzusehen; denn alles rief Erinnerungen in ihr wach.
Sie ging also weiter, und ehe sie sich's versah, war sie auf der andern
Seite des Bergs. Dort setzte sie sich nieder und blickte auf die See
hinaus. Der senkte ihr Frieden ins Herz, dieser weite Blick auf die See
hinaus. Da kam ihr die Lust, zu singen; sie whlte ein Lied mit lang
schwingenden Tnen, und der Klang ging weit in die stille Nacht hinaus.
Es machte ihr selbst Vergngen, und deshalb sang sie noch einen Vers.
Aber da war's ihr, als antworte jemand aus der Tiefe her. "Herrjeh, was
kann das sein?" dachte Aslaug; sie ging bis an den Abhang und schlang
die Arme um eine schwanke Birke, die sich zitternd nach unten neigte.
Sie blickte hinunter, aber sie sah nichts. Der Fjord lag still da und
ruhte; kein Vogel strich darber hin. Aslaug setzte sich wieder und sang
weiter; da kam wirklich eine Antwort, in demselben Ton, nher als das
erstemal. "Da mu doch was los sein"! Aslaug sprang auf und beugte sich
hinber. Und da sah sie unten an der Bergwand ein Boot, das hier
angelegt hatte; und so tief unten lag es, da es aussah wie eine kleine
Muschel. Ihre Augen suchten die Stelle ab und ersphten eine rote Mtze
und darunter einen Burschen, der die fast senkrechte Bergwand
hinaufklomm. "Herrjeh, wer kann das sein?" dachte Aslaug, lie die Birke
los und lief weit nach hinten. Sie wagte nicht, die eigene Frage zu
beantworten, denn sie wute ja, wer es war. Sie warf sich nieder auf die
Halde und packte das Gras mit beiden Hnden, als sei sie Tore und drfe
nicht loslassen. Aber die Graswurzeln lsten sich aus dem Erdboden,--sie
schrie laut auf und flehte zu Gott dem Allmchtigen, Tore zu helfen.
Aber da scho ihr der Gedanke durch den Kopf, Tore versuche Gott mit
seinem Tun, und deshalb knne er keine Hilfe erwarten. "Nur dies eine
Mal", betete sie, und sie fate den Hund um, als sei es Tore, den sie
festhalten msse; sie rollte mit ihm ber die Halde hin, und die Zeit
schien ihr endlos. Aber da ri sich der Hund los. "Wau, wau!" klffte er
den Berg hinunter und wedelte mit dem Schwanz. "Wau, wau!" sagte er zu
Aslaug und sprang mit den Vorderpfoten an ihr hinauf. "Wau, wau!" wieder
den Berg hinunter--und da tauchte eine rote Mtze ber dem Bergrand auf,
und Tore lag an ihrer Brust. Da blieb er viele Minuten liegen, ohne ein
Wort ber seine Lippen zu bringen, und das, was er schlielich sagte,
hatte nicht Sinn noch Verstand.

Doch als der alte Knut Huseby dies hrte, da sagte er etwas, das Sinn
und Verstand hatte; er sagte nmlich: "Der Bursch hat sie verdient; der
soll das Mdel haben."

       *       *       *       *       *




SYNNVE SOLBAKKEN




Erstes Kapitel


In unsern weiten Tlern ragt wohl manchmal eine grere Anhhe empor,
die nach allen Seiten freiliegt und von der Sonne den lieben langen Tag
ber bestrahlt wird. Leute, die dichter am Fu der Felsen und auf
sonnenrmeren Pltzen wohnen, nennen solche Anhhe: Solbakken, d.h.
Sonnenhgel. Das Mdel, von dem hier die Rede sein soll, wohnte auf
solchem Sonnenhgel, und von ihm hatte ihr Heimatshof den Namen; dort
blieb der Schnee im Herbst am sptesten liegen und schmolz im Frhling
am zeitigsten.

Die Besitzer des Hofes waren Haugianer und wurden "Leser" genannt, weil
sie sich mehr als alle ihre Nachbarn befleiigten, die Bibel zu lesen.
Der Mann hie Guttorm, die Frau Karen. Sie hatten einen Sohn, aber der
starb ihnen, und nun gingen sie drei Jahre lang nicht auf die Ostseite
der Kirche. Als die drei Jahre um waren, bekamen sie eine Tochter, die
sie gern nach dem toten Knaben nennen wollten. Er hatte Syvert geheien,
und sie wurde Synnv getauft, weil sie nichts hnlicher Klingendes
finden konnten. Aber die Mutter sagte immer "Synnve": sie hatte
nmlich, als das Kind noch klein war, die Gewohnheit, seinem Namen am
Ende ein "mein" hinzuzufgen, und das ging ihr nach dem "e" leichter von
der Zunge, gleichviel--als das Mdchen grer wurde, hie sie bei allen
so wie bei ihrer Mutter: Synnve. Und es gab nur _eine_ Stimme; seit
Menschengedenken war im ganzen Kreise kein so anmutiges Mdchen
aufgewachsen, wie Synnve Solbakken. Schon in ihrem zartesten Alter
nahmen die Eltern sie an jedem Sonntag, an dem eine Predigt war, mit in
die Kirche, obgleich Synnve zunchst nicht mehr verstand, als da der
Pastor auf den Zuchthaus-Bent schimpfte, den sie unten vor der Kanzel
sitzen sah. Doch der Vater wollte sie mit haben,--"damit sie sich daran
gewhne", sagte er; und die Mutter wollte es, "weil keiner wissen knne,
wie auf das Kind unterdessen zu Hause aufgepat wrde". Fing auf dem
Hofe ein Lamm, eine kleine Ziege oder ein Ferkel zu verkmmern an,
erkrankte eine Kuh, dann wurde das Tier sofort Synnve geschenkt, und
von der Stunde an, meinte die Mutter, erholte es sich. Der Vater glaubte
nicht recht daran, aber, "jedenfalls war es ja gleichgltig, wem es
gehrte wenn es nur gedieh".

Auf der anderen Seite des Tales, dicht an den hohen Felsen, lag ein Hof,
der Granliden, d.i. Tannwald, hie, weil er mitten in einem groen
Tannenforst, dem einzigen in weitem Umkreis, lag. Der Urgrovater des
jetzigen Besitzers hatte sich seinerzeit mit unter der Mannschaft
befunden, die nach Holstein gezogen war, um dort den Russen zu erwarten,
und hatte von dieser Kriegsfahrt eine Menge fremder und merkwrdiger
Samensorten mitgebracht. Die pflanzte er rings um sein Haus; aber im
Lauf der Zeit war ein Keim nach dem anderen eingegangen; nur aus den
Tannpfeln, die wunderlicherweise zwischen den Samen geraten waren,
erstand ein dichter Wald, der das Haus jetzt von allen Seiten
beschattete. "Der Holsteinfahrer" hatte Thorbjrn nach seinem Grovater
geheien, und sein ltester Sohn wieder nach seinem Grovater: Smund,
und in der Folge trugen die Hofbesitzer immer abwechselnd die Namen:
Thorbjrn und Smund--seit schier undenklichen Zeiten. Aber es ging die
Sage, nur immer der in der Reihenfolge zweite Mann habe auf Granliden
Glck, und zwar kein "Thorbjrn". Als dem jetzigen Besitzer Smund ein
Sohn geboren wurde, kam ihm das wohl in den Sinn; er hatte aber nicht
den Mut, sich gegen den Familienbrauch aufzulehnen, und nannte das Kind
wieder Thorbjrn. Er sann, ob der Junge nicht so erzogen werden knne,
da er um den Stein des Anstoes, den ihm das Gerede in den Weg gelegt
hatte, glatt herumkomme. Ganz sicher war er nicht, aber er glaubte zu
bemerken, da der Bengel ein Hitzkopf sei. "Das wollen wir ihm schon
austreiben", sagte Smund zu seiner Frau, und als Thorbjrn drei Jahr
alt war, sa sein Vater manchmal mit der Rute in der Hand bei ihm und
zwang ihn, die zerstreuten Holzspne auf ihren richtigen Platz zu
tragen, den Tassenkopf, den er heruntergeworfen, aufzuheben, die Katze,
die er gekniffen hatte, zu streicheln. Whrenddessen ging die Mutter
meistens aus der Stube.

Smund wunderte sich sehr, da er immer mehr an dem Jungen zu verbessern
fand, je grer der Bengel wurde. Er hielt ihn zeitig zum Lesen an und
nahm ihn mit auf das Feld, um ein Auge auf ihn zu haben. Die Mutter
hatte ein groes Hauswesen und kleine Kinder zu besorgen; sie konnte
nicht mehr tun, als den Jungen jeden Morgen beim Anziehen zu streicheln
und zu ermahnen und seinetwegen mit dem Vater an den Feiertagen, da sie
Zeit fr einander hatten, eindringlich zu reden. Thorbjrn aber dachte
sich, wenn er Prgel kriegte, weil a-b ab und nicht ba lautet, oder wenn
ihm nicht erlaubt wurde, die kleine Ingrid mit derselben Rute zu hauen,
womit ihn sein Vater schlug: "Es ist doch merkwrdig, da ich es so
schlecht haben soll und meine kleinen Geschwister so gut!"

Da er meistens mit seinem Vater zusammen war und nicht viel mit ihm
reden durfte, wurde er wortkarg, doch er dachte sich sein Teil. Einmal,
als sie gerade mit dem nassen Heu beschftigt waren, entfuhr ihm doch
eine Frage: "Warum ist in Solbakken das ganze Heu schon trocken und
eingebracht, wenn es bei uns noch na drauen liegt?"--"Weil sie dort
mehr Sonne haben als wir."--Da merkte er zum ersten Male, da der
Sonnenglanz, an dem er sich oft erfreut hatte, fr die drben sei, und
er eigentlich benachteiligt war. Fortan sah er hufiger als frher nach
Solbakken hinber. "Sitz nicht so da und reie den Mund auf," sagte der
Vater und versetzte ihm einen Puff; "hier mssen alle rackern, die
Groen wie die Kleinen, um etwas ins Haus zu kriegen."

Als Thorbjrn sieben oder acht Jahr alt war, nahm Smund einen neuen
Jungknecht an; er hie Aslak und hatte sich, trotz seiner Jugend, schon
weit in der Welt herumgetrieben. Am Abend, da er zuzog, lagen die Kinder
schon im Bett, aber wie Thorbjrn am nchsten Morgen am Tisch vor seinem
Lesebuch sa, schlug einer die Stubentr mit einem Futritt auf, wie ihn
Thorbjrn noch nie gehrt hatte--und das war Aslak, der nun mit einem
groen Haufen Brennholz hereintrampelte und die Scheitern mit einem
Schwung auf die Diele warf, da sie nur so herumflogen. Dann hopste er
in die Hhe, um den Schnee abzuschtteln, und rief bei jedem Hopser:
"Kalt ist es, sagte die Trollbraut, als sie bis zum Grtel im Eis
steckte!" Der Vater war nicht da, die Mutter fegte den Schnee zusammen
und trug ihn, ohne ein Wort zu sagen, hinaus.--"Nach was glotzt Du
denn?" fragte Aslak den Thorbjrn. "Nach nichts", sagte der Junge, denn
er hatte Angst. "Hast Du schon den Hahn dahinten in Deinem Lesebuch
gesehen?"--"Ja."--"Wenn's Buch zu ist, sind auch 'ne Menge Hhner um ihn
herum,--hast Du das auch schon gesehen?"--"Nein."--"Na, dann sieh mal
nach."--Der Junge tat's.--"Schafskopf!" sagte Aslak zu ihm.--Aber von
dieser Stunde an hatte keiner soviel Macht ber ihn wie Aslak.

"Du kannst gar nichts", sagte eines Tages Aslak zu Thorbjrn, als der
wie gewhnlich hinter ihm herstapfte.--"Ja, ich kann schon alles bis zur
vierten Seite."--"Das ist was Rechtes! Du hast noch nicht mal was vom
Troll gehrt, der mit dem Mdchen solange tanzte, bis die Sonne aufging,
und dann platzte, wie ein Kalb, das saure Milch gesoffen hat!" So groe
Kenntnisse hatte Thorbjrn noch nie auf einmal gehrt. "Wo war das?"
fragte er.--"Wo das war? Das war dort drben in Solbakken."--"Hast Du
denn schon von dem Mann gehrt, der sich dem Teufel fr ein paar alte
Stiefel verschrieben hat?"--Thorbjrn erstaunte dermaen, da er verga
zu antworten.--"Du denkst wohl wieder, wo das war? Das war auch in
Solbakken, dort dicht neben dem Bach, siehst Du? Herrgott, mit der
Christenlehre hapert's noch recht sehr bei Dir. Du hast wohl noch nicht
mal von Kari Baumrock gehrt?"--"Nein"; von der hatte er noch nicht
gehrt. Und whrend Aslak nun arbeitete, erzhlte er immer schneller von
Kari Baumrock, von der Mhle, die Salz auf dem Meeresgrunde mahlte, vom
Teufel mit den Holzpantinen, vom Troll, der mit dem Bart im Baumstamm
festsa, von den sieben grnen Jungfrauen, die aus Schtzenpeters Wade
die Haare zupften, whrend er schlief und gar nicht aufwachen
konnte,--und das war alles in Solbakken passiert.--"Lieber Gott, was ist
denn heute in den Jungen gefahren?" sagte die Mutter am nchsten Tage,
"er kniet schon seit heute morgen dort auf der Bank und sieht nach
Solbakken 'rber."--"Ja, heute strengt er sich an", sagte der Vater, der
seine Glieder reckte und sich den ganzen Sonntag ber ausruhte. "Er hat
sich mit Synnve Solbakken versprochen, erzhlen die Leute," meinte
Aslak,--"die Leute erzhlen ja soviel", setzte er hinzu. Thorbjrn
verstand das nicht recht, bekam aber doch einen feuerroten Kopf. Als
Aslak darauf aufmerksam machte, kroch der Junge herunter von der Bank,
nahm seinen Katechismus vor und fing an, darin zu lesen. "Trste Dich
nur mit Gottes Wort," sagte Aslak, "Du kriegst sie ja doch nicht."

Gegen Ende der Woche dachte Thorbjrn: nun haben die anderen die Sache
vergessen,--und so fragte er seine Mutter ganz leise (denn er schmte
sich ein bichen): "Du, wer ist denn Synnve Solbakken?"--"Ein kleines
Mdchen, dem mal Solbakken gehren wird."--"Hat sie auch einen Baumrock
an?" Die Mutter sah erstaunt auf den Jungen. "Was sagst Du da?" Er
merkte, da er eine Dummheit gesagt hatte, und schwieg. "Ein hbscheres
Kind hat noch keiner gesehen," fgte die Mutter hinzu, "und die
Hbschheit hat ihr unser Herrgott zum Lohn beschert, weil sie immer
artig und brav ist und sehr fleiig beim Lernen." Nun wute er's und
konnt' es beherzigen.

Smund hatte einmal mit Aslak im Feld zusammen gearbeitet; am Abend
desselben Tages sagte er zu Thorbjrn: "Da Du mir nicht mehr mit dem
Knecht zusammensteckst!" Aber Thorbjrn achtete nicht darauf. Einige
Zeit darauf hie es wieder: "Find' ich Dich noch mal bei ihm, dann
geht's Dir schlecht!"--Da schlich der Junge Aslak nach, wenn es der
Vater nicht sah. Der berraschte sie, als sie wieder beisammensaen und
plauderten; Thorbjrn bekam Prgel und wurde in die Stube gejagt. Spter
wartete er auf die Gelegenheit, wenn sein Vater im Felde zu tun hatte.

An einem Sonntag, da der Vater in der Kirche war, machte Thorbjrn zu
Hause dumme Streiche. Aslak und er warfen sich mit Schneebllen. "Nein,
Du tust mir weh,--wir wollen nach was anderem werfen", bat Thorbjrn.
Aslak war sofort bereit, und so warfen sie zuerst nach der dnnen Tanne
beim Vorratsschuppen, dann nach dem Schuppentor und endlich nach dem
Fenster.--"Nicht nach den Scheiben, sondern nach dem Rahmen", sagte
Aslak. Aber Thorbjrn traf eine Scheibe; er wurde ganz bla. "Schadet
nichts, wer hat's denn gesehen? wirf nochmal und besser!" Thorbjrn traf
wieder eine Scheibe. "Jetzt will ich nicht mehr." Im selben Augenblick
trat seine lteste Schwester, die kleine Ingrid aus dem Hause. "Du, wirf
nach der mal!" Und Thorbjrn tat, wie ihm geheien; das Mdchen weinte,
die Mutter kam heraus und sagte dem Jungen, er solle aufhren. "Wirf,
wirf", flsterte Aslak. Thorbjrn--aufgeregt und in Hitze--warf.--"Du
bist wohl nicht mehr richtig im Kopf", sagte die Mutter und lief auf ihn
zu. Da rannte er fort, sie hinterdrein; Aslak lachte, die Mutter drohte;
endlich fate sie den Jungen vor einem Schneehaufen und hob schon die
Hnde, um ihn ordentlich durchzubluen.--"Ich haue wieder," rief er,
"das ist hier so Sitte." Die Mutter lie ganz betroffen die Hnde sinken
und sah ihn an. "Das hast Du von einem andern", sagte sie darauf, nahm
ihn still bei der Hand und fhrte ihn in die Stube. Sie sprach kein Wort
mehr mit ihm, beschftigte sich mit seinen kleinen Geschwistern und
erzhlte ihnen, Vater komme bald aus der Kirche nach Hause. Da begann es
tchtig hei in der Stube zu werden. Aslak bat um Erlaubnis, einen
Verwandten zu besuchen, und durfte gleich gehen; aber Thorbjrn wurde
viel kleiner, als Aslak gegangen war. Er hatte schauderhaftes
Magendrcken und so feuchte Hnde, da er damit Flecke in sein Buch
machte. Wenn Mutter nur Vater nichts sagen wollte, wenn er kme; aber
sie darum zu bitten, das kriegte er nicht fertig. Es wurde ihm ganz grn
vor den Augen--und die Uhr an der Wand sagte: "Klaps, klaps". Er mute
zum Fenster hin und nach Solbakken sehen. Das lag still wie immer und
verschneit da und glnzte wie perlenbedeckt in der Sonne: das Haus
lachte aus allen Fensterscheiben, und von denen war gewi keine entzwei;
der Rauch zog hchst vergngt aus dem Schornstein und sagte Thorbjrn,
da auch dort fr die Kirchgnger gekocht wurde; Synnve sah bestimmt
nach ihrem Vater aus und wrde nicht ein bichen Prgel kriegen. Der
Junge wute nicht mehr recht, was er anfangen sollte, und wurde mit
einemmal schrecklich zrtlich mit seinen Schwestern. Gegen Ingrid war er
besonders gut und schenkte ihr sogar einen blanken Knopf, den er von
Aslak bekommen hatte. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals, und er
umarmte sie auch. "Liebes Ingridchen, bist Du mir bse?"--"Nein, liebes
Thorbjrnchen, Du kannst mich soviel schneeballen, wie Du willst." Aber
da schttelte sich jemand mit Auftrampeln drauen auf dem Flur den
Schnee ab. Und richtig,--das war Vater. Er schien in sanfter und guter
Stimmung zu sein; und das war noch schlimmer. "Na", sagte er und sah
sich um;--es war merkwrdig, da die Wanduhr nicht auf die Diele
rasselte. Die Mutter brachte das Essen. "Wie geht's, wie steht's?"
fragte der Vater, setzte sich hin und nahm seinen Lffel. Thorbjrn sah
seine Mutter an; die Trnen kamen ihm dabei in die Augen. "So lala",
sagte sie unglaublich langsam, und er merkte wohl, da sie noch mehr
sagen wollte. "Ich habe Aslak erlaubt, auszugehen", sagte sie.--"Fr
diesmal bin ich durch", dachte Thorbjrn--und fing mit Ingrid zu spielen
an, als ob nichts andres seine Gedanken beschftige. So lange hatte
Vater sich noch nie beim Essen aufgehalten, und Thorbjrn suchte ihm
jeden Bissen nachzuzhlen, aber als er bis zum vierten gekommen war,
wollte er ausprobieren, wie weit er zwischen dem vierten und fnften
zhlen knne, und da geriet er ganz aus der Ordnung. Endlich stand der
Vater auf und ging hinaus. Die Scheiben, die Scheiben klirrten in des
Jungen Ohren, und er sah nach, ob sie ganz seien, die in der Stube. Ja,
die waren alle ganz. Aber jetzt ging Mutter dem Vater nach. Thorbjrn
nahm die kleine Ingrid auf den Scho und sagte so sanft, da sie ihn
ganz erstaunt ansah: "Wollen wir nicht beide 'Goldknigin auf der Wiese'
spielen, Du und ich?" Ja, das wollte sie gern. Und nun sang er, whrend
die Beine unter ihm zitterten:

    Feine Blume,
    Wiesenblume,
    Hre mir jetzt zu!
    Und willst Du meine Liebste sein,
    Dann kriegst Du einen Mantel fein,
    Mit Gold in Hauf
    Und Perlen darauf;
    Bimmel, Bammel, Bimmel,
    Wie lacht die Sonne vom Himmel!

Da antwortete sie:

    Goldknigin,
    Perlenknigin,
    Hre mir jetzt zu:
    Mag nicht Deine Liebste sein,
    Mag nicht Deinen Mantel fein,
    Mit Gold in Hauf
    Und Perlen darauf;
    Bimmel, Bammel, Bimmel,
    Wie lacht die Sonne vom Himmel!

Doch als das Spiel im besten Gange war, trat der Vater wieder in die
Stube und sah Thorbjrn gro an. Der drckte sich fester an Ingrid und
fiel nicht mal vom Stuhl herunter. Der Vater drehte sich um und sagte
nichts; eine halbe Stunde verging, und er hatte immer noch nichts
gesagt,--und der Junge war schon fast beruhigt und wre beinahe vergngt
geworden; aber das traute er sich doch nicht. Er wute gar nicht mehr,
was er denken sollte, als ihm der Vater selbst beim Ausziehen half; er
fing wieder an, etwas zu zittern; da ttschelte ihm der Vater den Kopf
und streichelte ihm die Backen; das war Thorbjrn nicht passiert, so
lange er denken konnte, und deshalb wurde ihm so warm um das Herz und im
ganzen Krper, da seine Furcht zerrann, wie Eis im Sonnenstrahl. Er
wute nicht, wie er in das Bett kam, und da er weder singen noch laut
reden durfte, faltete er still die Hnde, betete ganz leise sechsmal das
Vaterunser vorwrts und rckwrts und fhlte, whrend er einschlief, da
er doch niemand auf Gottes grner Erde so lieb habe wie seinen Vater.

Als er am nchsten Morgen im Halbschlaf dalag, empfand er einen
schrecklichen Angstdruck: er sollte Prgel kriegen, wollte schreien,
konnte aber nicht. Da er die Augen aufschlug, merkte er zu seiner groen
Erleichterung, da er nur getrumt, aber er merkte auch bald, da ein
anderer Prgel kriegen sollte, nmlich Aslak. Smund ging in der Stube
auf und ab--und was solcher Gang zu bedeuten hatte, das wute Thorbjrn
genau. Der etwas kleine, doch stmmige Mann sah unter den buschigen
Augenbrauen manchmal derart Aslak an, da der hinlnglich sprte, was in
der Luft lag; Aslak selbst sa auf dem Bodenrand einer umgekippten
groen Tonne und lie seine Beine herunterbaumeln oder zog sie ber
Kreuz in die Hhe. Er hatte wie gewhnlich die Hnde in die Hosentaschen
gesteckt und die Mtze auf dem Kopf leicht hintenber gedrckt, so da
das schwarze Haar in vollen Bscheln unter dem Schirm hervorquoll. Sein
etwas schiefer Mund war noch schiefer gezogen, den Kopf hielt er halb
schrg und blickte durch seine halbgeschlossenen Augenlider von der
Seite nach Smund hin. "Ja, Dein Junge ist verrckt," sagte er, "aber
schlimmer ist, da Dein Pferd den Teufel im Leibe hat." Smund blieb
stehen: "Du bist ein Flaps", sagte er so, da die Stube drhnte, und
Aslak die Lider noch dichter schlo. Smund nahm seinen Gang wieder auf;
Aslak sa eine Weile still da. "Ja, richtig den Teufel im Leibe",
wiederholte er und schielte nach seinem Herrn, um zu sehen, was fr eine
Wirkung seine Worte htten. "Waldscheu ist der Gaul", rief Smund im
Gehen, "einen Baum hast Du ber ihm gefllt und jetzt will er nicht mehr
ruhig an den Bumen vorbei." Aslak hrte das mit an und erwiderte nach
einer kurzen Pause: "Du kannst ja glauben, was Du willst; Glauben macht
selig; aber da Du damit Dein Pferd wieder gesund machst, das glaube ich
nicht"--im selben Augenblick jedoch drckte er sich tiefer in die
Tonne und deckte sein Gesicht mit der Hand. Smund war fest auf ihn
zugegangen und sagte halblaut, aber in recht unheimlichem Ton: "Du
niedertrchtiger..." "Smund", erklang eine Stimme vom Herde. Ingebjrg,
seine Frau war es, die rief und ihn beruhigen wollte, wie sie ihr
Jngstes beruhigte, das auf ihrem Scho sa, bange war und schreien
wollte. Zuerst wurde das Kind still, dann schwieg auch Smund, aber er
hielt die fr einen so stmmigen Mann etwas kleine Faust Aslak dicht
unter die Nase, whrend er sich vor ihm aufpflanzte und ihm mit
lodernden Blicken frmlich das Gesicht zu versengen suchte. Dann ging
er, wie vorher, auf und ab, sah ihn aber wiederholt hastig an. Aslak
war ganz bla, lachte jedoch mit dem halben Gesicht Thorbjrn zu,
whrend die andere, Smund zugewandte Hlfte ganz stramm blieb. "Schenk'
uns Geduld, lieber Gott im Himmel", sagte er nach kurzer Stille, machte
aber flugs den Ellbogen krumm, wie, um einen Schlag abzuwehren. Smund
war ihm gegenber stehen geblieben, stampfte nun mit dem Fu auf den
Boden und schrie dabei mit aller Kraft: "Lstre seinen Namen nicht,
Du--" Ingebjrg sprang auf, kam mit dem Sugling heran und legte sanft
die eine Hand auf den erhobenen Arm ihres Mannes. Er sah sie nicht an,
lie aber den Arm sinken. Sie setzte sich, er ging wieder auf und ab;
keiner sprach ein Wort. Nach einiger Zeit lie es Aslak keine Ruhe: "Ja,
der dort oben hat 'ne Menge zu tun in Granliden." "Smund, Smund", rief
Ingebjrg leise und ngstlich, aber bevor er es noch gehrt hatte, war
er zu Aslak hingerast. Der streckte seinen Fu vor; diesen beiseite
schlagen, am Fu und am Kragen den Burschen packen, ihn hochheben und
gegen die geschlossene Tr schleudern, da die Fllung in Stcke ging
und der ganze Kerl kopfber hinausflog, war fr Smund das Werk weniger
Augenblicke. Seine Frau, Thorbjrn, alle Kinder, schrien und baten; das
ganze Haus war ein Jammer. Aber Smund dem Aslak nach; ohne die Tr
richtig aufzumachen, nur die Holzstcke und Splitter fortstoend, packte
er den Knecht zum zweiten Male, trug ihn durch den Flur, hinaus in den
Hof, hob ihn wieder hoch und warf ihn mit aller Macht zu Boden. Und als
er merkte, da zu viel Schnee dalag, um den Fall wuchtig genug zu
machen, kniete er auf die Brust Aslaks hin, schlug ihm in das Gesicht,
hob ihn zum dritten Male hoch, trug ihn zu einer schneefreieren Stelle
wie der Wolf einen erjagten, zerfleischten Hund, warf ihn wieder hin,
kniete wieder auf ihm--und, wer wei, welches Ende es genommen htte,
wenn sich nicht Ingebjrg, den Sugling auf dem Arm, zwischen die beiden
geworfen htte.--"Mach' uns nicht unglcklich!" schrie sie.

Eine Weile darauf sa Ingebjrg in der Stube; Thorbjrn zog sich an,
der Vater ging auf und ab und trank hin und wieder einen Schluck Wasser;
aber die Hand zitterte ihm so dabei, da das Wasser manchmal ber den
Tassenrand auf die Diele spritzte. Aslak kam nicht herein, und Ingebjrg
machte kurz darauf Miene, hinauszugehen. "Bleib", sagte Smund, mit
einem Ton, als wenn er gar nicht zu ihr sprche; und sie blieb. Bald
jedoch ging er selbst. Er kam nicht wieder. Thorbjrn las fortwhrend,
ohne aufzublicken, obgleich er nicht imstande war, den kleinsten Satz
zusammenzubringen.

Weiterhin am Vormittag war das Haus in gewohnter Ordnung, obgleich allen
zumute war, wie nach dem Besuche eines noch nie dagewesenen Fremden.
Thorbjrn wagte endlich auf den Hof zu gehen, und der erste, den er dort
traf, war Aslak, der alle seine Habseligkeiten auf einen
Schlitten--Thorbjrns Schlitten--geladen hatte. Thorbjrn starrte ihn
an, er sah grlich aus. Sein Gesicht war mit Blut beklebt und
beschmiert; er hustete und fate sich oft an seine Brust. Erst blickte
er den Jungen stumm an und stie darauf hart die Worte hervor: "Ich kann
Deine Augen nicht leiden, Bengel"; dann setzte er sich mit gespreizten
Beinen auf den Schlitten und fuhr bergab. "Du kannst zusehen, wie Du
Deinen Schlitten wiederkriegst", rief er, whrend er sich noch einmal
umdrehte und lang die Zunge herausstreckte. Dann zog er weiter. In der
nchsten Woche kam der Gerichtsdiener nach Granliden; der Vater ging
fter fort; die Mutter weinte und war auch ein paarmal fort. "Wo geht
Ihr denn immer hin?" "Ach, Aslak hat uns was Tchtiges eingebrockt."

Einige Tage darauf wurde die kleine Ingrid ertappt, wie sie sang:

    "O Du holdselige Erden
    Kannst mir gestohlen werden;
    Das Mdel reckt und streckt sich weit;
    Der Junge ist nicht recht gescheit;
    Die Wirtin kocht nur Sudelbrei,
    Der Wirt ist faul und sauft dabei;
    Die Katze ist die einzig kluge,
    Sie leckt den Milchrahm aus dem Kruge."

Da fragten die Eltern, von wem sie das schne Lied gelernt habe. "Ja,
von Thorbjrn." Der Junge bekam einen groen Schreck und stotterte, da
er es von Aslak habe. Nun wurde ihm unter Androhung gehriger Prgel
verboten, je wieder solche Lieder zu singen oder sie Ingrid zu lehren.
Kurz darauf fluchte die kleine Ingrid. Thorbjrn mute wieder vor das
Gericht, und Smund meinte, das beste sei, wenn er als Anstifter gleich
die Rute kriege; aber er weinte und gab das hochheilige Versprechen, es
nie wieder tun zu wollen; so kam er fr diesmal noch davon.

Am Sonntag darauf sagte der Vater zu ihm: "Damit Du zu Hause keine
dummen Streiche machst, sollst Du heute mit mir in die Kirche."




Zweites Kapitel


Die Kirche stellt der Bauer in seinen Gedanken auf einen hohen Platz,
auf einen Platz fr sie allein; er sieht sie in Heiligkeit, umgeben vom
feierlichen Ernst der Grber, erfllt von der frischen Lebenskraft des
Gottesdienstes. Sie ist das einzige Haus, bei dessen Bau er Pracht
entfaltet hat, und deshalb ragt ihre Turmspitze fr seine Anschauung
weit hher, als sie in der Tat ist. Ihre Glocken gren ihn am klaren
Sonntagsmorgen den ganzen Weg entlang auf dem Gange zu ihr, und er zieht
immer den Hut vor ihnen ab, als wollte er sagen: "Dank fr das vorige
Mal!" Es ist ein geheimes Band zwischen ihm und den Glocken. In den
frhesten Lebensjahren stand er wohl im offenen Haustor und lauschte
ihrem Klang, whrend unten auf dem Wege die Kirchgnger still
vorbeizogen; Vater schlo sich an, er selbst war noch zu klein. Damals
verband er so manche verschiedenartige Vorstellungen mit diesem
schweren, starken Schall, der ein oder zwei Stunden zwischen den Felsen
drhnte und sich von einem zum andern schwang; aber eine Vorstellung war
ihm unzertrennbar davon: saubere Rcke und Hosen, Frauen in ihrem besten
Schmuck und Staat, geputzte Pferde mit blankem Geschirr.

Und wenn dann die Glocken sein eigenes Glck einluten, wenn er selbst
im funkelnagelneuen, aber etwas fr ihn zu groen Anzug wichtig an
Vaters Seite zur Kirche geht,--welcher Jubel tnt da aus ihrem Klang! Da
knnen sie wohl alle Tore sprengen zu dem, was er schauen soll! Und wenn
sie dann auf dem Rckweg ber seinem Kopf lrmen, der noch schwer, noch
von den Gesngen, Gebeten, Pastorsworten, die sich darin wiegen und
kreuzen, wirr ist, wenn alle die frher nie gesehenen Bilder:
Altargemlde, Trachten, Personen, vor seinen Augen auf- und
abjagen--dann wlbt auch ihr Gelute fr immer das Dach ber die
gesammelten Eindrcke und weiht die kleine Kirche ein, die er fortan im
Herzen trgt.

Ist er etwas lter geworden, dann mu er zu Berg und das Vieh hten;
aber wenn er an einem schnen, taufrischen Sonntagsmorgen auf einem
Stein zwischen seiner Herde sitzt, und die Kirchenglocken die Schellen
der Tiere bertnen, dann wird er schwermtig. Denn aus den Glockentnen
klingt etwas Lustiges, Leichtes, Lockendes von dort unten herauf; sie
wecken die Erinnerung an Bekannte vor und in der Kirche, an die Freude,
dort zu sein, an die vielleicht noch grere, dort gewesen zu sein, zu
Hause gutes Essen, die Eltern, die Geschwister zu finden,--sie erzhlen
vom Spiel auf den Grasflecken am vergnglichen Sonntagsabend,--und dann
gert das kleine Herz des Jungen in Aufruhr. Aber schlielich: es sind
doch die Kirchenglocken, die erklingen; und so sucht und findet er doch
in seinem Kopf das Bruchstck eines Gesangbuchliedes, das er zur Not
auswendig wei, und er singt es mit gefalteten Hnden und blickt weit
dabei ins Tal hinunter, spricht ein kurzes Gebet, springt auf und stt
in sein Hirtenhorn, da die Tne gegen die Bergwnde schmettern.

Hier in den stillen Felsentlern hat die Kirche noch fr jedes
Lebensalter ihre besondere Sprache, fr jedes Auge ihr besonderes
Aussehen. Erwachsen und fertig steht sie vor dem Konfirmanden,--mit
aufwrts gerecktem Finger, halb drohend, halb winkend, vor dem Jngling,
der seine Wahl getroffen hat,--breitschultrig und stark vor dem
sorgenden Mann,--gerumig und mild vor dem mden Greise. Mitten im
Gottesdienst werden die jngst geborenen Kinder hereingetragen und
getauft und, wie bekannt, ist whrend dieser Feier die Andacht am
grten.

Man kann deshalb nie ein richtiges Bild von den norwegischen Bauern, von
verderbten oder unverdorbenen, wiedergeben, ohne an irgendeiner Stelle
die Kirche als Hintergrund heranzuziehen. Dadurch entsteht eine gewisse
Einfrmigkeit; aber das ist nicht das Schlimmste. Dies sei hier ein fr
allemal hervorgehoben, und nicht nur mit Bezug auf den Kirchgang, von
dem jetzt berichtet werden soll.

Thorbjrn war sehr vergngt ber den Gang und alles Neue; merkwrdig
viele Farben spielten in sein Auge drauen vor der Kirche; in ihrem
Inneren fhlte er den Druck der Stille, der auf allen und allem schon
vor Beginn des Gottesdienstes lag; und obgleich er beim Vorlesen des
Gebetes vergessen hatte, den Kopf zu senken, war es ihm doch, als beuge
der Anblick von den mehreren hundert gesenkten Kpfen auch den seinen.
Der Gesang setzte ein; alle um ihn her sangen mit einemmal; ihm wurde
fast ngstlich zumute. So versunken sa er da, da er wie aus einem
Traum auffuhr, als die Tr sacht geffnet wurde und ein Mann neben
Vaters Sitz trat. Wie das Lied zu Ende war, gab Vater dem
Hereingekommenen die Hand und fragte: "Wie geht's in Solbakken?"

Thorbjrn schlug die Augen auf, aber so genau er hinsah und suchte,
eine Verbindung zwischen dem Mann und Trollen oder irgend welcher
Hexerei konnte er nicht finden. Der Mann hatte ein sanftes Gesicht,
blondes Haar, groe blaue Augen unter einer hohen Stirn und eine
stattliche Figur; er lchelte, wenn jemand mit ihm sprach, und sagte auf
alle Worte Smunds "Ja", sonst redete er wenig.--"Jetzt will ich Dir
auch Synnve zeigen", meinte der Vater und wies nach dem Frauenplatz
gerade gegenber. Dort kniete ein kleines Mdchen oben auf der Bank und
sah ber den Rand der Brstung; es war noch blonder als der Mann, so
blond, wie er noch keins gesehen hatte. Rote Bnder flatterten von ihrem
Hut ber dem Flachshaar, und sie lachte ihm zu, so da er eine ganze
Weile auf nichts anderes blicken konnte als auf ihre weien Zhne. In
der einen Hand hielt sie ein blinkendes Gesangbuch, in der anderen ein
zusammengefaltetes, rotgelbes seidnes Taschentuch, und sie machte sich
den Spa, mit dem Taschentuch auf das Gesangbuch zu schlagen. Je mehr er
sie anstarrte, desto mehr lachte sie; und nun wollte er auch auf die
Bank hinauf, ebenso hoch wie sie. Da nickte sie ihm zu. Er sah sie ein
paar Minuten ernst an, dann nickte er. Sie lachte und nickte wieder, und
noch einmal, und noch einmal. Dann lachte sie; nickte aber nicht
mehr,--nach kurzer Zeit, als er nicht mehr daran dachte, nickte sie.

"Ich will auch sehen", hrte er eine Stimme hinter sich, und im selben
Augenblick wurde er am Bein gepackt und heruntergezerrt, so da er
beinahe hingefallen wre. Das hatte ein kleiner Bengel zuwege gebracht,
der sich jetzt tapfer auf Thorbjrns Platz hinaufarbeitete. Aslak hatte
Thorbjrn grndlich belehrt, wie er mit bsen Buben in der Schule oder
Kirche verfahren sollte, deshalb kniff er den Jungen in sein Hinterteil,
so da der fast geschrien htte; aber er nahm sich zusammen, krabbelte
schnell herunter und fate Thorbjrn bei beiden Ohren. Thorbjrn packte
ihn beim Schopf und warf ihn hin; noch schrie der kleine Kerl nicht,
aber er bi seinen Gegner ins Bein. Thorbjrn zog es zurck und drckte
das Gesicht des andern fest auf den Boden, da wurde er selbst beim
Kragen genommen und wie ein Strohsack hochgehoben,--von seinem Vater,
der ihn vor sich auf das Knie setzte. "Wenn wir jetzt nicht in der
Kirche wren, dann kriegtest Du gleich Deine Prgel", flsterte er ihm
ins Ohr und packte ihn so fest bei der Hand, da es Thorbjrn bis zu den
Sohlen prickelte und stach. Dann erinnerte Thorbjrn sich wieder an
Synnve und sah zu ihr hinber; sie war noch auf ihrem frheren Platz;
aber starrte ganz betroffen und ngstlich vor sich hin. Da fing es in
ihm zu dmmern an; was er getan hatte, mute wohl ganz toll und schlimm
gewesen sein! Sowie sie merkte, da er sie ansah, kroch sie von der Bank
herunter und lie sich nicht wieder blicken.

Der Kster, der Pastor trat vor; wohl hrte er und sah er hin auf
beide--und wieder kam der Kster und wieder der Pastor--aber er sa
immer noch auf dem Knie seines Vaters und hatte eigentlich nur den einen
Gedanken: wird sie bald wieder hersehen? Der Bengel, der ihn von der
Bank heruntergezogen hatte, hockte weiter hinten auf einem Schemel und
bekam jedesmal, wenn er aufstehen wollte, einen Puff in den Rcken von
der Hand eines Alten, der auf seinem Stuhl im Halbschlaf nickte, aber
regelmig aufwachte, wenn der Junge Miene machte, hochzukommen. "Wird
sie nicht bald wieder hersehen?" dachte Thorbjrn; und jedes rote Band,
das sich in seiner Umgebung bewegte, erinnerte ihn an Synnves; und
jedes alte Bild an der Kirchenwand war ebenso gro oder kleiner als sie.
Ja, jetzt streckte sie den Kopf hoch; aber sobald sie Thorbjrn sah,
duckte sie sich wieder.--Der Kster trat noch einmal vor, und auch der
Pastor; dann lutete es, und die Gemeinde stand auf. Der Vater sprach
wieder mit dem blonden Mann; sie gingen zusammen zu den Frauenpltzen
hinber, wo auch schon alles aufgestanden war. Die erste, die herauskam,
war eine blonde Frau; sie lchelte, aber nicht so ausgesprochen, wie
der Mann, war sehr klein und bla und hielt Synnve an der Hand.
Thorbjrn ging gleich auf das Kind zu, aber es lief weg und versteckte
sich hinter seiner Mutter: "Ich will nicht", rief es. "Er ist wohl noch
nie in der Kirche gewesen", sagte die Frau und legte die Hand auf des
Knaben Schulter. "Nein," antwortete Smund, "sonst htte er sich heute
nicht geprgelt." Thorbjrn sah ganz beschmt sie und dann Synnve an,
die ihm noch viel ernster schien. Sie gingen alle aus der Kirche--die
lteren im Gesprch, Thorbjrn hinter Synnve; die drngte sich immer
dicht an ihre Mutter, sobald er ihr nherkam. Den anderen Jungen sah er
nicht mehr. Drauen blieb die ganze Gesellschaft stehen und fing eine
lngere Unterhaltung an. Thorbjrn hrte mehrmals den Namen "Aslak"
heraus, und da er bange war, da sie auch ber ihn selbst reden knnten,
blieb er einige Schritte zurck. "Du brauchst das nicht mit anzuhren,"
sagte die Mutter zu Synnve, "geh ein bichen weiter, mein liebes Kind;
geh, sag' ich." Synnve trat widerwillig zurck. Thorbjrn ging auf sie
zu und sah sie an; und sie sah ihn an; und so standen sie ein Weilchen
und sahen sich an. Endlich sagte sie: "Pfui!"--"Warum sagst Du Pfui!"
fragte er.--"Pfui!" sagte sie noch einmal, "Pfui, Du solltest Dich
lieber was schmen", setzte sie hinzu.--"Was habe ich denn
getan?"--"Geprgelt hast Du Dich, whrend der Pastor dastand und
Gottesdienst hielt,--Pfui!"--"Ja, das ist doch aber schon so lange
her."--Das leuchtete ihr ein, und sie fragte kurz darauf: "Bist Du
Thorbjrn Granliden?"--"Ja, und bist Du Synnve Solbakken?"--"Ja, ich
habe immer gehrt, da Du so'n artiger Junge bist."--"Nein, das ist
nicht wahr; ich bin zu Hause der allerschlimmste", sagte
Thorbjrn.--"Hr' mal einer an!" sagte Synnve und schlug ihre beiden
kleinen Hnde zusammen: "Mutter, Mutter, er sagt--"--"Sei still und geh
fort", rief die Mutter und die Kleine machte Halt, ging wieder langsam
und rckwrtsschreitend nach hinten, heftete aber dabei die groen,
blauen Augen stetig auf ihre Mutter.--"Ich habe immer gedacht, Du bist
so artig!"--"Ja, manchmal, wenn ich in der Bibel gelesen habe",
antwortete sie.--"Sag' mal, ist es wahr, dass da drben bei Euch alles
dick voll von Kobolden und Trollen und anderen Hexenkram steckt?" fragte
er und stemmte die eine Hand in die Seite, setzte den einen Fu vor und
sttzte sich auf den andern--genau wie Aslak.--"Mutter, Mutter, weit
Du, was er gesagt hat..."--"La mich doch zufrieden, hrst Du nicht!
Und komm nicht her, wenn Du nicht gerufen wirst!"--Synnve musste wieder
langsam nach hinten; sie steckte dabei einen Zipfel vom Taschentuch
zwischen die Zhne, biss ihn fest und zog daran.--"Ist das also nicht
wahr, dass bei Euch das Hgelvolk jede Nacht unten Musik
macht?"--"Nein!"--"Dann hast Du wohl noch nie bei Euch einen Troll
gesehen?"--"Nein!"--"Aber Jesus soll mir bei..."--"Pfui, so was
darfst Du nicht sagen!"--"Ach was, das schadet nichts", sagte er und
spuckte durch die Zhne, um ihr zu zeigen, wie weit er spucken
knne.--"Doch," sagte sie, "dann kommst Du in die Hlle."--"Meinst Du?"
fragte er bedeutend kleinlauter; denn er dachte, er knne hchstens
Prgel dafr kriegen, und sein Vater stand ja jetzt weit weg.--"Wer ist
denn bei Euch zu Hause der Strkste?" fuhr er nach einer Weile fort und
rckte seine Mtze mehr nach einer Seite.--"Das wei ich nicht."--"Bei
uns ist es Vater; ja, der ist so stark, da er Aslak verhauen hat, und
Aslak ist stark, das kannst Du glauben."--"Na ja--"--"Er hat mal ein
Pferd hochgehoben."--"Ein wirkliches Pferd?"--"Ja, das ist wahr, ganz
gewiss wahr--er hat's mir selber erzhlt."--Daraufhin durfte sie nicht
lnger daran zweifeln.--"Wer ist denn Aslak?" fragte sie.--"Du, das ist
ein ganz Schlimmer, weit Du; aber Vater hat ihn verhauen; ich sage Dir,
noch nie hat einer soviel Prgel gekriegt."--"Prgelt Ihr Euch denn zu
Hause?"--"Ja, manchmal, Ihr nicht?"--"Nein, nie."--"Na, was macht Ihr
denn eigentlich?"--"Mutter sorgt frs Essen und strickt und nht. Das
tut Kari auch, aber lange nicht so gut wie Mutter, weil sie faul ist;
Randi besorgt die Khe; und Vater und die Knechte arbeiten auf dem Feld
oder auch zu Hause."--Diese Erklrung befriedigte ihn.--"Abends lesen
wir in der Bibel und singen," fuhr sie fort, "und Sonntags auch."--"Du,
das mu aber langweilig sein."--"Langweilig? Mutter, er sagt..." aber
dann erinnerte sie sich, da sie das Gesprch der Alten nicht stren
durfte.--"Ich habe eine Menge Schafe", sagte sie.--"So?"--"Ja, drei
gehen mit Winterlmmern und das eine, glaube ich, wirft bestimmt
zweie."--"Schafe hast Du?"--"Ja, auch Khe und Ferkel, hast Du
keine?"--"Nein."--"Wenn Du zu uns kommst, dann gebe ich Dir ein Lamm ab;
und, pa mal auf, davon bekommst Du wieder Kleine."--"Das wr' aber ein
Spa!"--Ein Weilchen blieben sie still.--"Kann Ingrid nicht auch ein
Lamm kriegen?" fragte er.--"Wer ist denn Ingrid?"--"Na, Ingrid,
Ingridchen."--Sie kannte doch aber Ingrid gar nicht.--"Ist sie kleiner
als wie Du?"--"Gewi doch, ungefhr so gro wie Du."--"Ach, die mut Du
mitbringen, hrst Du?"--Ja, das wollte er.--"Aber", sagte sie, "wenn Du
ein Lamm bekommst, kann sie ein Ferkel bekommen."--Das fand er auch viel
netter, und nun erzhlten sie sich etwas von gemeinschaftlichen
Bekannten, von denen sie nicht arg viel hatten. Dann war die
Unterhaltung der Eltern zu Ende, und sie muten nach Hause gehen.

Nachts trumte er von Solbakken; er meinte dort lauter weie Lmmer zu
sehen und zwischen ihnen ein kleines Mdchen mit blondem Haar und roten
Bndern;--Ingrid und er sprachen alle Tage davon. Sie hatten schon im
voraus soviel Lmmer und Ferkel zu besorgen, da sie es gar nicht
schaffen konnten; aber sie wunderten sich sehr, da sie nicht sofort zu
Synnve durften. "Auf die Einladung von dem Kind?" sagte die Mutter,
"nein, das pat sich nicht."--"Warte bis Sonntag," sagte Thorbjrn,
"dann werden wir ja sehen."

Der Sonntag kam. "Du sollst so sehr prahlen und lgen und fluchen,"
sagte Synnve zu ihm, "und da darfst Du nicht zu uns kommen, bis Du das
nie wieder tust."--"Wer hat das gesagt?" fragte Thorbjrn
erstaunt.--"Mutter."

Ingrid erwartete ihn schon sehr gespannt zu Hause. Als er wiederkam,
erzhlte er, wie es ihm ergangen war. "Da hast Du's", sagte die Mutter.
Aber von dieser Stunde erinnerten sie ihn jedesmal daran, wenn er
fluchte oder prahlte. Dabei kam es einmal zwischen ihm und Ingrid bis
zur Prgelei, weil sie nicht einig darber wurden, ob "mich soll gleich
der Hund beien" als Fluch gelten drfe oder nicht. Ingrid bekam Schlge
von ihm, und nun gebrauchte er die Redensart den ganzen Tag. Doch abends
hrte sie der Vater. "Gleich wird er Dich beien", sagte er, und nahm
sich Thorbjrn so vor, da dieser hinpurzelte. Da schmte er sich, und
am meisten vor Ingrid; aber kurz darauf ging sie zu ihm und streichelte
ihn.

Endlich, nach ein paar Monaten, durften sie hinber nach Solbakken; dann
kam Synnve zu ihnen, sie beide wieder zu ihr, und so verkehrten sie die
ganzen folgenden Jahre zusammen. Thorbjrn und Synnve wetteiferten beim
Lernen miteinander; sie gingen in dieselbe Klasse, und zuletzt berholte
er sie; er wurde ein so tchtiger Schler, da der Pastor sich seiner
ganz besonders annahm. Ingrid kam nicht recht mit, und die beiden halfen
ihr; sie und Synnve wurden unzertrennlich, die Leute nannten sie
"Schneehhner", weil sie beide immer zusammen ausflogen und so hell
aussahen.

Aber mitten drin wurde Synnve oft mit Thorbjrn bse, weil er so wild
war und immer in Hndel geriet. Dann vershnte Ingrid sie, und sie
lebten wieder als gute Freunde wie zuvor. Doch hrte Synnves Mutter von
einer seiner Schlgereien, so erlaubte sie nicht, da er in derselben
Woche, kaum in der nchsten, nach Solbakken kam. Smund durfte nichts
davon erfahren; er geht so hart mit dem Jungen um, sagte seine Frau und
verbot, davon zu reden.

Als sie heranwuchsen, waren alle drei fein anzusehen; jedes hatte seinen
besonderen Vorzug. Synnve wurde gro und schlank, bekam goldblondes
Haar und ein zartes, leuchtendes Gesicht mit stillen, blauen Augen. Beim
Sprechen lchelte sie, und bald hie es bei den Leuten: "Zum Segen wird
es jedem, den Synnves Lcheln trifft." Ingrid war untersetzter und
dicker; sie hatte noch blonderes Haar als Synnve und ein ganz kleines
rundes Gesicht mit weichen Zgen. Thorbjrn war mittelgro, besonders
gut gewachsen, hatte schwarze Haare, dunkelblaue Augen, einen
scharfgeschnittenen Kopf und starke Gliedmaen. Geriet er in Hitze, dann
sagte er gewhnlich, er knnte ebenso gut lesen und schreiben wie der
Lehrer und frchte keinen Menschen im ganzen Tal;--bis auf seinen Vater,
dachte er, aber das sprach er nicht aus.

Er wollte schon frh konfirmiert werden; aber daraus wurde nichts.
"Solange Du noch nicht konfirmiert bist, giltst Du noch als Junge, und
ich habe Dich mehr in meiner Gewalt", sagte sein Vater; infolgedessen
ging er erst zur selben Zeit wie Synnve und Ingrid zum Pastor. Auch
Synnve hatte lange warten mssen, fast bis zu ihrem sechzehnten
Lebensjahr. "Man kann nie genug wissen, wenn man sein Bekenntnis vor
Gott ablegen soll", hatte die Mutter gesagt, und der Vater, Guttorm
Solbakken, hatte zugestimmt. Daher war es nicht eben unerklrlich, da
sich schon zwei Freier meldeten: der eine der Sohn eines besseren
Mannes, der andere ein reicher Nachbar. "Da hrt doch alles auf,--sie
ist ja noch nicht mal konfirmiert."--"Dann wollen wir sie konfirmieren
lassen", sagte der Vater. Aber davon erfuhr Synnve nichts.

Der Frau und den Tchtern des Pastors gefiel sie so gut, da sie von
ihnen zu einem Gesprch in das Haus gerufen wurde. Ingrid und Thorbjrn
standen unterdessen mit den anderen Konfirmanden drauen, und als einer
von den Burschen zu ihm sagte: "Du darfst nicht mit 'rein? Pa' auf, die
schnappen sie Dir bestimmt fort", da brachten ihm diese Worte ein blaues
Auge ein. Seitdem machten sich seine Kameraden immer ein Vergngen
daraus, Thorbjrn mit Synnve zu necken, weil sie genau wuten, da
nichts anderes ihn so rgern und in Wut versetzen konnte. Schlielich
kam es, nach vorheriger Verabredung, in einem Walde beim Pfarrhof
deswegen zu einer tchtigen Rauferei, die sich so zuspitzte, da
Thorbjrn es mit einem ganzen Haufen Angreifer auf einmal zu tun
kriegte. Die Mdchen waren schon vorausgegangen, und daher niemand da,
der dazwischen treten und die Burschen trennen konnte; immer hitziger
und hitziger wurden die Gemter. Thorbjrn wollte auch der bermacht
gegenber nicht klein beigeben und war nicht whlerisch in der Art
seiner Verteidigung; dabei hagelte es Hiebe, die spter selber den
Vorfall kundtaten. Nun kam auch die Veranlassung heraus und wurde
berall viel besprochen.

Am nchsten Sonntag wollte Thorbjrn nicht in die Kirche, und als er am
folgenden Tage in die Pastorstunde sollte, stellte er sich krank;
deshalb ging Ingrid allein. Bei ihrer Rckkehr fragte er sie, was
Synnve gesagt habe. "Nichts."

Als er nun wieder mitging, glaubte er zu bemerken, da alle Leute ihn
anshen und die Konfirmanden grinsten und kicherten. Synnve kam spter
als die andern und war nachher viel im Pastorhause. Er frchtete vom
Pastor ausgescholten zu werden, aber er entdeckte schnell, da nur zwei
nichts von der Rauferei wuten, sein Vater und der Pastor. Das war ja
soweit ganz gut; aber wie er mit Synnve wieder in ein Gesprch kommen
knne, das wute er nicht; denn es genierte ihn zum erstenmal, Ingrid um
Hilfe zu bitten. Nach Schlu des Unterrichts ging Synnve wieder zu
Pastors; er wartete, solange noch andere dablieben, mute aber dann auch
fort. Ingrid war schon weit voraus.

Das nchste Mal war Synnve frher als alle brigen gekommen und
spazierte mit einer der Pastorstchter und einem jungen Herrn im Garten
umher. Das Frulein zog Blumen mit der Wurzel heraus und gab sie
Synnve; der Herr half dabei; und Thorbjrn stand mit den andern drauen
und sah zu. Da drin sehr laut gesprochen wurde, hrten sie, wie man
Synnve erklrte, in welcher Weise diese Blumen eingesetzt werden
mten, und wie sie versprach, das selbst zu tun, damit es sorgfltig
gemacht wrde. "Das kannst Du ja gar nicht allein," sagte der Herr; und
das gab Thorbjrn zu denken.--Als Synnve zu den andern herauskam, wurde
sie von ihnen mit noch grerer Achtung wie gewhnlich begrt; sie
schritt aber direkt auf Ingrid zu, sagte ihr guten Tag und bat sie, mit
ihr auf die Wiese zu gehen. Dort setzten sie sich hin; sie hatten sich
ja lange nicht richtig ausgesprochen. Thorbjrn stand wieder bei den
andern und sah nach Synnves feinen, auslndischen Blumen.

An diesem Tage ging Synnve zu derselben Zeit wie die brigen nach
Hause. "Darf ich Dir vielleicht die Blumen tragen?" fragte
Thorbjrn.--"Bitte", antwortete sie sanft, doch ohne ihn anzusehen,
fate Ingrid bei der Hand und schritt mit ihr voran. Am Wege nach
Solbakken blieb sie stehen und nahm von Ingrid Abschied. "Das Stckchen
kann ich sie schon selbst tragen", sagte sie und hob den Korb auf, den
Thorbjrn hingesetzt hatte. Bei jedem Schritt bis hierher war es
eigentlich seine Absicht gewesen, ihr anzubieten, die Blumen fr sie
einzupflanzen, aber nun brachte er es nicht mehr bers Herz, weil sie
sich zu schnell umdrehte. Doch konnte er an nichts anderes denken, als
da er ihr eigentlich dabei helfen mte. "Wovon sprecht Ihr denn?"
fragte er Ingrid. "Von nichts."

Als er alle im Bett wute, zog er sich wieder an und verlie den Hof.
Der Abend war schn, war mild und still, der Himmel von dnnen,
blaugrauen Wolken berzogen; ihr Flor hatte sich hier und dort gelst,
und nun sah es aus, als ob blaue Augen von oben Umschau hielten. Keine
Menschenseele lie sich bei den Hfen und weiter drauen blicken, doch
berall im Grase zirpten die Heuschrecken; rechts lockte eine Wachtel,
links antwortete eine zweite, und nun erhob sich auf allen Seiten ein
Singen, so da ihm, dem Dahinschreitenden, zumute war, als ob er in
groer Begleitschaft ginge, wenngleich er nicht das Geringste davon
sehen konnte. Der Wald zog sich blau, dann dunkler und dunkler die
Bschungen entlang und nahm sich zuletzt wie ein groes Nebelmeer aus;
aber durch den wogenden Schleier hrte er den Auerhahn sich melden und
laut werden, eine einzelne Eule schrie und der Wasserfall sang seine
alten, harten Reime strker als je;--jetzt, da sich alles niedergelassen
hatte, um sie anzuhren. Thorbjrn sah nach Solbakken hinber und
schritt weiter. Er bog vom gewhnlichen Wege ab, kam schnell vorwrts
und bald stand er in dem kleinen Garten, der Synnve gehrte und
unterhalb eines Bodenfensters lag, gerade des Fensters, hinter dem sie
schlief. Er lauschte und lugte, alles war leer und still, dann sah er
sich im Garten nach Arbeitsgerten um und fand richtig sowohl Spaten wie
Harke. Der Anfang zu einem Beet war schon versucht worden; aber nur ein
kleiner Streifen fertig; zwei Blumen hatte jemand bereits eingesetzt,
vermutlich um zu probieren, wie es aussehe. "Die rmste ist mde
geworden und wieder weggegangen", dachte er; "hier mu ein Mann 'ran",
dachte er weiter, und machte sich an das Werk. Er versprte nicht die
geringste Lust zum Schlaf; ja, nie schien ihm eine Arbeit leichter von
der Hand gegangen zu sein. Er erinnerte sich, wie die Blumen eingesetzt
werden mten, erinnerte sich, wie sie im Pfarrhof standen, und
beachtete beides gewissenhaft dabei. So verging die Nacht, er merkte
nichts davon; er gnnte sich kaum ein Weilchen zum Ausruhen, grub das
ganze Beet um, pflanzte die Blumen ein, versetzte eine oder die andere,
damit es noch schner aussehe, und guckte ab und zu nach dem
Bodenfenster, ob er doch vielleicht bemerkt wurde. Weder dort noch
anderswo war jemand zu sehen; er hrte nicht einmal einen Hund bellen,
bevor der Hahn krhte und die Vgel im Walde erwachten, sich,--jetzt
dieser, jetzt jener,--aufsetzten, um "Guten Morgen" zu singen. Whrend
er rings um das Beet die Erde mit dem Spaten festschlug, fielen ihm die
Mrchen von Aslak ein, und er erinnerte sich, wie er damals geglaubt
hatte, in Solbakken wchsen Trolle und Kobolde aus der Erde. Da sah er
zum Bodenfenster hinauf und lchelte: Was wird sich wohl Synnve denken,
wenn sie herunterkommt? Es wurde ganz hell; die Vgel vollfhrten schon
einen schauderhaften Spektakel; schnell sprang er ber den Zaun und
machte, da er nach Hause kam. So! Nun sollte mal einer beweisen, da er
Synnves Blumen eingepflanzt habe.




Drittes Kapitel


Bald wurde ringsum im ganzen Kirchspiel allerhand ber die beiden
geredet; aber etwas Sicheres wute keiner zu sagen. Nie wurde Thorbjrn
nach der Konfirmation in Solbakken gesehen; und das konnten die Leute
gar nicht begreifen. Ingrid kam oft hinunter, und dann machten sie und
Synnve gern einen Spaziergang in den Wald.--"Bleib nicht zu lange",
rief Synnves Mutter der Tochter nach.--"Nein", antwortete sie--und kam
erst abends nach Hause. Die beiden Freier stellten sich wieder ein. "Sie
soll selbst darber bestimmen", sagte die Mutter, und der Vater meinte
dasselbe; als sie nun Synnve beiseite nahmen, gab sie ihnen fr die
Bewerber einen Korb. Es meldeten sich mehr; aber niemand hrte, da
einer mit seinem Antrag in Solbakken Glck gehabt hatte. Eines Tages
scheuerten Mutter und Tochter zusammen Milchkbel, und da fragte die
Mutter, wer ihr eigentlich in Gedanken liege; das kam dem Mdchen so
unerwartet, da es ganz rot wurde. "Hast Du Dich schon einem
versprochen?" fragte die Mutter weiter und sah sie fest dabei an.
"Nein", antwortete Synnve schnell. Seitdem wurde von dergleichen nicht
mehr geredet.

Da sie weit und breit fr die beste Partie galt, folgten ihr lange
Blicke, wenn sie zur Kirche ging, der einzigen Sttte, wo sie auer dem
Hause zu sehen war; sie beteiligte sich nmlich nicht am Tanz oder
sonstigen lauten Festlichkeiten, weil ihre Eltern zu den Haugianern
gehrten. Thorbjrn sa ihr im Kirchstuhl gerade gegenber; aber sie
sprachen, soweit es zu bemerken war, nie zusammen. Soviel meinten alle
zu wissen, da etwas mit den beiden sein mute, und da sie nicht in
derselben Weise wie andere Liebesprchen miteinander verkehrten, wurde
desto mehr ber sie gesprochen. Thorbjrn war nicht sehr beliebt. Das
empfand er selbst; denn er stellte sich besonders ungeschlacht an, wenn
er unter die Leute kam, wie beim Tanz oder auf Hochzeiten, und dadurch
passierte es ihm wiederholt, da er in eine Rauferei verwickelt wurde.
Das lie aber nach, als er einigen beigebracht hatte, wie stark er war;
und dadurch wieder gewhnte er sich, auf seinem Weg keinen andern zu
dulden.--"Nun hast Du freie Hand ber Dich," sagte sein Vater Smund,
"aber denke dran, da meine vielleicht doch noch strker ist als Deine."

Der Herbst, der Winter verging, der Frhling kam heran, und noch immer
hatten die Leute nichts Gewisses heraus. Die Krbe, die Synnve
ausgeteilt hatte, und das Gerede darber bewirkten, da sie sich fast
allein berlassen blieb. Nur Ingrid leistete ihr Gesellschaft; sie
sollten auch zusammen auf die Alm in diesem Jahr, da die Solbakkener
einen Anteil an der Granlidener Weide oben gekauft hatten. Thorbjrn
richtete mancherlei fr sie, und man hrte ihn dabei laut von der Hhe
heruntersingen.

Einmal als er kurz vor der Abenddmmerung mit seiner Arbeit fertig war,
setzte er sich hin und dachte ber alles mgliche nach; doch
hauptschlich ber die Redereien der Leute. Er streckte sich in das
rotbraune Heidekraut, legte die Hnde unter den Kopf und starrte zum
Himmel, der sich ber den dichten Baumkronen blau und leuchtend hinzog;
die grnen Bltter und Nadeln flossen wie ein zitternder Strom hinein
und die dunklen Zweige zeichneten seltsame, wilde Figuren darauf. Der
Himmel selbst war nur dann genau dort zu sehen, wenn ein Blatt beiseite
flatterte; weiter oben zwischen den Kronen, die einander nicht nahe
kamen, brach er wie eine breite Bergflut hervor und lief in lustigen
Schwingungen ber ihnen hin. Dadurch kam Thorbjrn in eine eigene
Stimmung, und seine Gedanken beschftigten sich weiter mit dem, was er
sah.----

----Die Birke lachte wieder mit tausend Augen zur Tanne auf; die Kiefer
starrte voll stummer Verachtung mit ihren Nadeln nach allen Seiten; denn
jedesmal, wenn die Lfte weicher wurden, schossen mehr und mehr
Siechlinge auf, rannten ihr in den Weg und steckten ihr das frische Laub
gerade unter die Nase. "Ihr Bande, wo wart Ihr denn im Winter?" fragte
die Kiefer, fchelte sich und schwitzte Harz bei der unertrglichen
Hitze. "Das ist beinah zu toll--so hoch im Norden--pfui!"

Aber da war noch eine,--eine alte, kahle Kiefer, die ber alle brigen
Bume hinwegsah, und doch einen fingerreichen Zweig fast lotrecht
niederbeugen und einen dreisten Ahorn ganz oben am Schopf nehmen konnte,
so da ihm die Knie zitterten. Dieser klafterdicken Kiefer hatten die
Menschen nach der Spitze zu immer mehr und mehr Zweige abgeholzt, bis
ihr einmal die Geschichte zu bunt wurde und sie derart seitwrts scho,
da die dnne Fichte neben ihr einen Schreck kriegte und sie fragte, ob
sie nicht an die Winterstrme denke. "Na und ob!" sagte die Kiefer und
klatschte ihr mit Hilfe des Nordwinds so heftig eins um die Ohren, da
sie fast ihre Haltung und Wrde dabei verlor; und das war recht schlimm.
Die gliederstarke, finstere Kiefer hatte nun mit einem mchtigen Fu
Boden gefat; sechs Ellen hoch ragten die Zehen aus der Erde; und da
sie dicker waren als an ihrer dicksten Stelle die Weide, hatte die Weide
selbst eines Abends verschmt dem Hopfen zugeflstert, als er sie
verliebt umspannte. Ihrer Kraft war sich die brtige Kiefer voll bewut;
Zweig an Zweig jagte sie hoch ber der Menschen Machtbereich in die
wilde Luft, und rief dabei den Menschen zu: "Nun, holt sie Euch!"

"Nein, die knnen sie Dir nicht fortholen", sagte der Adler, lie sich
gndig auf der Kiefer nieder, schlug die Flgel mit Anstand zusammen und
wischte sich einige hliche Flecke Viehblut vom Gefieder.--"Ich meine,
ich knnte die Knigin bitten, hier ihren Aufenthalt zu whlen;--sie ist
trchtig mit mehreren Eiern; sie wird bald legen", fgte er leiser hinzu
und senkte den Blick auf seine kahlen Fe; er schmte sich, da ihn
holde Erinnerungen an jene frhesten Lenztage berkamen, da die erste
Sonnenwrme halbtoll macht. Bald hob er die Augen wieder und sah starr
unter den buschigen Brauen auf zu den schwarzen Felsrcken, ob nicht die
eierschwere, krnkelnde Knigin von dort herniedersegele. Er flog auf,
und schon konnte die Kiefer das Paar in der klaren, blauen Luft
erkennen, wie es in gleicher Linie mit dem hchsten Felsgipfel
dahinstrich und ber seine huslichen Angelegenheiten verhandelte. Sie
war nicht frei von einer gewissen Unruhe; denn so vornehm sie sich auch
schon dnkte, so mute sie doch noch vornehmer werden, wenn sie ein
Adlerpaar wiegte. Es kam herab, kam direkt auf sie zu; ohne einen Ton
von sich zu geben, begann es eifrig Reisig heranzuschaffen. Die Kiefer
machte sich, wenn mglich, noch breiter,--daran konnte sie keiner
hindern.

Aber im ganzen Wald erhob sich ein eifriges Geraune, als alles sah, was
fr eine Ehre der Riesenkiefer erwiesen wurde. Da war unter anderen auch
eine kleine, nette Birke, die sich in einem Weiher spiegelte und sich
ein gewisses Anrecht auf die Liebe eines Hnflings einredete, der auf
ihr gewhnlich seinen Mittagsschlaf hielt. Sie hatte ihm ihren Duft in
den Schnabel gehaucht, Fliegen und Mcken auf ihre Bltter festgeklebt,
so da sie leicht genug zu fangen waren, ja, zuletzt hatte sie in der
Hitze ein dichtes Huschen von Zweigen gebaut und mit Blttern gedeckt,
so da der Hnfling wirklich im Begriff war, es als Sommerwohnung zu
benutzen. Jetzt aber: der Adler hatte sich in der Riesenkiefer
festgesetzt, und fort mute der Hnfling. Ach, die Trauer! Er trillerte
noch ein Abschiedslied; aber nur ganz leise, damit es der Adler nicht
hre.

Nicht besser erging es einigen kleinen Sperlingen im Elsenstrauch. Sie
hatten dort ein so sndiges Leben gefhrt, da die Drossel, nebenan in
der Esche, nie zur gehrigen Zeit schlafen konnte, oft ganz auer sich
wurde und schimpfte. Das hatte einen ernsten Schwarzspecht derart zum
Lachen gebracht, da er beinah vom Ast gepurzelt wre. Nun sahen sie den
Adler auf der Riesenkiefer; und Drossel, Sperlinge, Schwarzspecht und
alles, was fliegen konnte, mute ber Hals und Kopf fort, ber und unter
die Zweige. Die Drossel versicherte auffliegend mit einem Fluch, da sie
nie mehr eine Wohnung nehmen werde, in deren Nachbarschaft Sperlinge
hausten.

So stand der Wald in weitem Umkreis verlassen und nachdenklich im
heiteren Sonnenschein. Er sollte Freude an der Kiefer haben; aber die
Freude war recht mig. Kam der Nordwind, dann bog er sich bange, dann
peitschte die Riesenkiefer mit ihren mchtigen Zweigen die Lfte,--ruhig
und bedachtsam umflog sie der Adler, als ob ihn nur ein schwacher
Windsto streifte und etwas kmmerlichen Weihrauch vom Wald zu ihm
hinauftrge. Aber die ganze Kiefernfamilie war froh und stolz. Keins
ihrer Mitglieder dachte daran, da es selbst in diesem Jahr gar nichts
wiegte. "Weg damit", sagten sie, "wir gehren zu einem vornehmen Stamm."

"------Woran denkst Du denn?" fragte Ingrid, die pltzlich lchelnd
hinter ihm zwischen Strauchwerk stand, das sie zur Seite gebogen hatte.
Nun trat sie vor. Thorbjrn stand auf. "Na, es kann einem wohl manches
durch den Kopf gehen", sagte er und sah mit trotzigem Gesichtsausdruck
ber die Bume hin.--"Das Gerede und Geklatsche da unten wird mir
schlielich zu arg", fgte er hinzu und klopfte sich etwas Erde
ab.--"Warum bekmmerst Du Dich immer darum; la doch die Leute
reden."--"Ich wei nicht recht;--aber--sie haben noch nie etwas gesagt,
was ich nicht dachte, wenn ich's auch nicht getan habe."--"Du, das
klingt hlich."--"Das tut's auch", sagte er und fuhr nach kurzer Pause
fort: "Aber wahr ist's." Sie setzte sich in das Gras; er blieb stehen
und blickte zu Boden. "Ich knnte leicht so werden, wie sie mich haben
wollen; sie sollten mich so lassen, wie ich bin."--"Am Ende ist es aber
doch Deine Schuld."--"Wohl mglich, aber die andern haben auch Schuld;
sie sollen mich zufrieden lassen", schrie er fast und sah zu dem Adler
hinauf. "Aber, Thorbjrn", flsterte Ingrid. Er drehte sich zu ihr hin
und lachte: "Schon gut, schon gut, wie gesagt, es kann einem wohl
manches durch den Kopf gehen--hast Du heute mit Synnve
gesprochen?"--"Ja, sie ist schon auf die Alm
gezogen."--"Heute?"--"Ja."--"Mit dem Solbakkener
Vieh?"--"Ja."--"Trallala!"

    Auf den Baum die Sonne herniedersah:
    Trallalirum!
    Mein Schatz, wie stehst Du so leuchtend da?
    Trallali, trallala!
    Der Vogel erwachte, er piept:
    Was gibts? Was ist los? Was gibts?--

"Morgen ziehen wir auch hinauf", sagte Ingrid, um ihn auf andere Gedanken
zu bringen. "Ich gehe mit als Treiber", sagte Thorbjrn.--"Nein",
antwortete sie, "Vater will selbst mit."--"Ja so", meinte er und
schwieg. "Er hat heute nach Dir gefragt", fuhr sie fort. "Wirklich?"
sagte Thorbjrn, schnitt mit seinem Taschenmesser einen Zweig ab und
begann ihn abzuschlen. "Du mut fter mit Vater reden," sagte sie
sanft, "er hat Dich sehr lieb," setzte sie hinzu. "Wohl mglich",
meinte er. "Er spricht oft von Dir, wenn Du fort bist!"--"Desto
seltener, wenn ich zu Hause bin."--"Das ist Deine Schuld."--"Wohl
mglich."--"Rede nicht so, Thorbjrn, Du weit, was zwischen Euch
liegt."--"Was denn?"--"Brauche ich Dir das erst zu sagen?"--"Das kommt
auf eins 'raus, Ingrid; Du weit ja, was ich wei."--"Jawohl, Du gehst
zu sehr auf eigene Faust los, und Du weit, das kann er nicht
leiden."--"Natrlich, er will mich noch beim Arm halten."--"Ja,
besonders wenn Du raufst."--"Drfen denn die Leute alles sagen und tun,
was sie wollen?"--"Nein, aber Du kannst ihnen auch mehr aus dem Wege
gehen; das hat Vater immer getan und ist dabei ein geachteter Mann
geworden."--"Sie haben ihn auch nicht soviel wie mich gereizt und
gergert."--Ingrid schwieg eine Weile, sah sich um und sagte dann: "Das
ntzt ja nichts, wenn wir immer wieder davon reden; aber trotzdem--wenn
Du weit, da die Leute irgendwo etwas gegen Dich haben, brauchst Du
nicht gerade dorthin zu gehen."--"Ja, gerade dorthin! Ich heie nicht
umsonst Thorbjrn Granliden!"--Er hatte den Bast vom Zweige abgeschlt
und schnitt nun den Zweig mitten durch. Ingrid sah ihn an und fragte
etwas gedehnt: "Willst Du Sonntag nach Nordhoug?"--"Ja."--Sie blieb eine
Weile stumm, dann fragte sie, ohne ihn anzusehen: "Weit Du, da Knud
Nordhoug zur Hochzeit seiner Schwester nach Hause gekommen
ist?"--"Ja."--Nun sah sie ihn an: "Thorbjrn! Thorbjrn!"--"Darf er
jetzt mehr als frher wagen, sich zwischen mich und andere zu
stellen?"--"Das tut er nicht; nicht mehr, als die anderen
wollen."--"Keiner wei, was sie wollen!"--"Du weit es ganz gut."--"Sie
selber sagt keinesfalls was."--"Ach, was redest Du da zusammen!" sagte
Ingrid und warf einen Blick rckwrts. Er schmi die Zweigstcke fort,
steckte sein Messer in die Scheide und wandte sich der Schwester zu.
"Hr' mal, ich habe es oft recht satt. Die Leute schneiden mir und ihr
die Ehre ab, weil nichts offenkundig zugeht; und andererseits--ich komme
ja nicht einmal nach Solbakken hinber, die Eltern knnen mich nicht
leiden, sagt sie. Ich darf sie nicht besuchen, wie andere Burschen ihre
Mdchen, weil sie eine Heilige ist--na, Du weit ja."--"Thorbjrn",
sagte Ingrid und wurde immer unruhiger, als er fortfuhr: "Vater will
kein gutes Wort fr mich einlegen; verdienst Du sie, dann kriegst Du
sie, sagt er. Geschwtz, Geschwtz auf der einen Seite und nichts, was
dafr entschdigt auf der andern--ja, ich wei noch nicht mal recht, ob
sie--" Ingrid sprang auf, schlo ihm mit der einen Hand den Mund und
blickte dabei rckwrts. Da wurde das Strauchwerk wieder beiseite
gebogen, ein hohes, schlankes Mdchen mit errtendem Gesicht trat daraus
hervor; es war Synnve.

"Guten Abend", sagte sie. Ingrid sah Thorbjrn an, als wollte sie sagen:
"Jetzt sieh mal!"--Thorbjrn sah Ingrid an, als wollte er sagen: "Das
httest Du lieber nicht tun sollen." Keines von beiden sah Synnve an.
"Ich darf mich wohl etwas hinsetzen; ich bin heut schon soviel
gegangen." Und sie setzte sich, Thorbjrn beugte den Kopf, um zu
untersuchen, ob ihr Sitzplatz auch nicht feucht sei. Ingrid hatte
schnell fort und nach Granliden hinuntergeblickt; nun rief sie
pltzlich: "Ach nein! Ach nein! Fagerlin hat sich losgerissen und
trampelt auf der jungen Saat herum! Das Scheusal! Und Kelleros auch! Das
ist ja nicht mehr auszuhalten! Hchste Zeit, da wir auf die Alm
kommen!" und weg war sie, ohne auch nur Adieu gesagt zu haben. Synnve
stand sofort auf. "Gehst Du schon?" fragte Thorbjrn. "Ja", sagte sie,
blieb aber stehen.

"Mchtest Du nicht noch ein bichen bleiben?" brachte er hervor, ohne
sie anzusehen. "Ein andermal", lautete die Antwort. "Das knnte lange
dauern." Sie blickte auf; er blickte jetzt auch sie an; aber es verging
eine Weile, bis sie wieder sprachen. "Setz' Dich doch wieder", sagte er
etwas verlegen. "Nein", antwortete sie und blieb stehen. Er fhlte, wie
in ihm der Trotz aufstieg; aber da passierte etwas, was er nicht
erwartet hatte; sie tat einen Schritt vorwrts, beugte sich zu ihm hin,
sah ihm in die Augen und sagte lchelnd: "Bist Du mir bse?" Und als er
sie anblickte, sah er, da sie weinte. "Nein", entgegnete er und wurde
feuerrot.

Er streckte ihr die Hand hin; aber da ihre Augen voll Trnen waren,
bemerkte sie es nicht, und so zog er die Hand wieder zurck. Endlich
sagte er: "Du hast alles mit angehrt?"--"Ja", antwortete sie, sah auf
und lachte, aber da ihr immer noch mehr Trnen in die Augen traten,
wute er gar nicht, was er tun oder sagen sollte. Da entfuhren ihm die
Worte: "Ich habe es doch vielleicht zu arg getrieben." Das kam sehr
sanft heraus; sie blickte zu Boden und wandte sich halb ab: "Du sollst
nicht richten ber Dinge, so Du nicht kennst." Das wurde mit gepreter
Stimme gesagt, und ihm wurde ganz schlimm dabei; er kam sich wie ein
kleiner Junge vor und wute deshalb auch im Augenblick nichts anderes zu
sagen als: "Ich bitte Dich um Verzeihung." Aber nun strmten ihre Trnen
heftig und heftiger. Das konnte er nicht mit ansehen, er ging hin zu
ihr, umfate sie und beugte sich ber sie: "Liebst Du mich wirklich,
Synnve?"--"Ja", schluchzte sie. "Aber macht Dich das auch glcklich?"
Sie antwortete nicht. "Macht Dich das auch glcklich?" wiederholte er.
Sie weinte heier als zuvor und wollte sich ihm entziehen.

"Synnve, wir wollen ein bichen miteinander reden", sagte er und half
ihr sich in das Heidekraut setzen; er setzte sich neben sie. Sie wischte
sich die Trnen ab und machte einen Versuch zu lcheln; aber es gelang
nicht. Er hielt die eine von ihren Hnden fest und blickte ihr in das
Gesicht. "Liebste, warum darf ich nicht nach Solbakken kommen?" Sie
schwieg. "Hast Du Deine Eltern nie darum gebeten?" Sie schwieg. "Warum
nicht?" fragte er und zog ihre Hand nher an sich. "Ich habe mich nicht
getraut", sagte sie ganz leise.

Seine Miene wurde finster; er hob und bog den einen Fu leicht, lehnte
den Ellbogen auf das Knie und sttzte seinen Kopf auf die Hand. "Auf die
Art werde ich wohl nie hinberkommen", sagte er. Statt zu antworten,
rupfte sie Heidekraut aus. "Nun ja, ich habe wohl manches getan, was ich
lieber htte sollen bleiben lassen,----aber etwas Nachsicht htten sie
doch haben knnen. Ich bin nicht schlecht," (hier hielt er einen
Augenblick inne) "bin auch noch jung--etwas ber zwanzig Jahre bin
ich"--er konnte nicht gleich weiter reden. "Aber wer mich richtig
liebt," sagte er wieder, "der mute doch----" und nun verstummte er
ganz. Da klang es gedmpft von der Seite her ihm ins Ohr: "Rede nicht
so,----Du weit nicht, wie schwer,--ich darf es ja nicht einmal Ingrid
sagen--(und nun unter starken Trnen): ich habe so schwer--zu leiden."
Er umschlang sie und zog sie dichter an sich. "Sprich mit Deinen
Eltern," flsterte er, "und Du wirst sehen, alles wird gut."--"Es wird,
wie Du willst", flsterte sie. "Wie ich will?" Da neigte sich Synnve zu
ihm und legte den Arm um seinen Hals. "Liebst Du mich, so wie ich Dich?"
sagte sie sehr herzlich und mit einem Versuch zu lcheln. "Etwa nicht?"
entgegnete er sanft und leise. "Nein, nein, Du nimmst auf mich keine
Rcksicht; Du weit, was uns zusammenbringen kann, tust es aber nicht.
Warum tust Du es nicht?" Und da sie gerade im besten Zuge war, fuhr sie
eifrig fort: "Lieber Gott, wenn Du wtest, wie ich auf den Tag geharrt
und gehofft habe, da ich Dich in Solbakken sehen knnte. Aber wenn man
immer von etwas hren mu, was nicht ist, wie es sein soll, und wenn es
die eigenen Eltern sind, die einem damit in den Ohren liegen." Da kam es
wie eine Erleuchtung ber ihn; er sah sie in Solbakken herumgehen und
auf eine kurze friedliche Stunde warten, in der sie ihn sanft ihren
Eltern zufhren knnte; aber nie bescherte er ihr eine solche Stunde.

"Das httest Du mir frher sagen sollen, Synnve."--"Hab' ich das nicht
getan?"--"Nein, nicht so."--Er dachte ein Weilchen nach, dann sagte
sie, whrend sie ihre Schrzenzipfel in kleine Falten legte: "Dann habe
ich es nicht getan, weil--ich mich nicht traute." Da wurde er bei dem
Gedanken, sie habe Furcht vor ihm, so gerhrt, da er ihr zum erstenmal
in seinem Leben einen Ku gab.

Vor Verwunderung hielt sie pltzlich mit ihrem Weinen inne; ihre Augen
flackerten, sie versuchte zu lcheln, sah zu Boden, sah endlich
Thorbjrn an, und nun lchelte sie wirklich. Sie sprachen nicht mehr;
aber ihre Hnde fanden sich wieder, doch die des andern zu drcken, das
traute sich keins von beiden. Dann entzog sie sich ihm sacht, trocknete
Augen und Gesicht und strich ihr in Unordnung geratenes Haar wieder
glatt. Er sa da, sah sie an und dachte mit beruhigter Seele: "Hat sie
mehr Schamhaftigkeit als die andern Mdchen hier, und will danach
behandelt werden, so soll keiner was dagegen sagen."

Er begleitete sie zu ihrer Alm, die nicht weit entfernt lag. Er wollte
gern Hand in Hand mit ihr gehen, aber er fhlte eine gewisse Scheu, die
ihm kaum erlaubte, sie zu berhren; es kam ihm schon merkwrdig vor, da
er neben ihr gehen durfte. Beim Abschied sagte er daher auch:

"Das soll lange dauern, bis Du wieder einen tollen Streich von mir zu
hren bekommst."

Im Hause fand er seinen Vater bei der Arbeit, Korn vom Schuppen zur
Mhle zu tragen, denn alle Besitzer ringsum mahlten auf der Granlidener
Mhle, wenn ihre Bche kein Wasser mehr hatten; der Granlidener Bach
bekam immer neuen Zuflu von den Bergen. Viele Scke waren
hinunterzutragen, manche recht groe, manche riesig groe darunter. Die
Frauen standen unweit davon, hielten Wsche und wrangen aus. Thorbjrn
ging zu seinem Vater hin und packte einen Sack. "Kann ich Dir vielleicht
helfen?"--"Das schaffe ich schon allein", sagte Smund, nahm schnell
einen Sack auf seinen Rcken und trug ihn zur Mhle. "Hier sind noch
eine ganze Menge", sagte Thorbjrn, packte zwei groe, stemmte den
Rcken dagegen, griff ber die Schultern, fate mit jeder Hand einen und
sttzte ihn seitlich mit dem Ellbogen. Auf halbem Wege traf er Smund,
der zurckkam, um mehr zu holen; rasch sah er Thorbjrn an, sagte aber
nichts. Als Thorbjrn zum Schuppen zurckging, traf er Smund mit noch
zwei greren Scken auf dem Rcken. Diesmal nahm Thorbjrn einen ganz
kleinen und zog damit ab; als Smund ihn traf, sah er ihn an, aber
lnger als das vorige Mal. Da geschah es, da sie einmal zu gleicher
Zeit vor dem Schuppen waren. "Eine Einladung von Nordhoug ist gekommen,"
sagte Smund, "Du sollst Sonntag hin zur Hochzeit." Ingrid sah ihren
Bruder bittend an; auch die Mutter sah hin. "Ja so", sagte er trocken,
nahm aber diesmal die zwei grten Scke, die er finden konnte. "Gehst
Du hin?" fragte Smund und runzelte die Stirn.--"Nein."




Viertes Kapitel


Die Granlidener Alm war schn gelegen; von ihr konnte man das ganze
Kirchspiel berschauen--zuerst und am deutlichsten Solbakken inmitten
seines vielfarbigen Waldes; dann die andern Hfe in ihrem Ring von
Wldern; wie Friedenssttten, die mit aller Macht und Kraft dem wilden
Boden abgewonnen waren, erschienen die grnen Grasflchen mit den
Husern darauf. Vierzehn Hfe konnten von der Alm aus gezhlt werden;
von dem Granlidener waren nur die Dcher sichtbar; und auch sie nur vom
hchsten Punkt aus. Nichtsdestoweniger setzten sich die Mdchen fter
hin, um nach dem Rauch zu blicken, der dort unten aus den Schornsteinen
aufstieg. "Jetzt kocht Mutter das Mittagessen," sagte Ingrid, "heute
gibt's Pkelfleisch und Speck."--"Hrst Du, jetzt werden die Mnner
gerufen," sagte Synnve, "wo arbeiten sie denn heut?" und die Augen der
beiden verfolgten den Rauch, der wild und wirbelnd in die klare,
sonnenheitre Luft emportrieb, aber bald langsamer wurde, sich's
berlegte--und dann breit ber den Wald hinflo, immer dnner und
dnner, zuletzt nur wie ein fchelnder Flor und dann kaum mehr zu
erkennen. So mancher Gedanke wurde bei diesem Anblick in ihnen wach und
umkreiste das Kirchspiel. Heute waren sie in Nordhoug beisammen. Die
eigentliche Hochzeit war schon ein paar Tage vorbei; aber da die
Nachfeier eine Woche dauerte, klangen noch immer Schsse und allerlei
derbe Rufe zu ihnen herauf. "Die sind aber vergngt", sagte
Ingrid.--"Ich beneide sie nicht darum", sagte Synnve und nahm ihr
Strickzeug. "Da mchte man mit dabei sein", sagte Ingrid, die sich
hingekauert hatte, um nach dem Hofe zu blicken, wo die Menschen zwischen
den Husern hin- und hergingen--einige zum Schuppen, vor dem wohl die
gedeckten Tische standen, andere paarweise in vertraulichem Gesprch
etwas weiter. "Ich wei nicht recht, was einen dahin ziehen sollte",
sagte Synnve. "Ich wei das auch kaum," antwortete Ingrid, die immer
noch dasa; "vielleicht der Tanz." Synnve entgegnete nichts. "Hast Du
noch nie getanzt?" fragte Ingrid. "Nein!"--"Hltst Du Tanzen fr eine
Snde?"--"Das wei ich nicht recht." Ingrid mochte im Augenblick nicht
weiter davon reden; denn es fiel ihr ein, da der Tanz bei den
Haugianern streng verboten war, und sie wollte Synnves Verhltnis zu
ihren Eltern in diesem Fall nicht nher berhren. Aber da ihr nun mal
der Gedanke kam, sagte sie nach einer Weile: "Einen bessern Tnzer als
Thorbjrn habe ich noch nie gesehen." Synnve blieb ein Weilchen still,
dann sagte sie: "Ja, er soll gut tanzen."--"Du mtest ihn einmal tanzen
sehen", rief Ingrid lebhaft und wandte sich ihr zu. Aber schnell
entgegnete Synnve: "Nein, das mchte ich nicht."

Ingrid war einigermaen betroffen; Synnve beugte sich ber ihr
Strickzeug und zhlte die Maschen; pltzlich lie sie die Arbeit in den
Scho fallen, sah vor sich hin und sagte: "So herzlich vergngt wie
heute bin ich lange nicht gewesen."--"Warum?" fragte Ingrid. "Weil er
heute nicht in Nordhoug mittanzt." Ingrid hing ihren eigenen Gedanken
nach. "Ja, es sollen Mdchen dort sein, die ihn gern haben mchten",
sagte sie. Synnve ffnete den Mund, als ob sie reden wollte, schwieg
aber und zog eine Nadel heraus und eine andere ein. "Thorbjrn mchte
wohl selbst gern dort sein, ja, das glaube ich gewi", fuhr Ingrid fort.
Aber kaum hatte sie das ausgesprochen, da fiel ihr ein, was sie damit
gesagt hatte; sie sah Synnve an; die war feuerrot geworden und strickte
eifrig. Nun wurde Ingrid mit einem Male alles in ihrem Zwiegesprch
klar; sie klatschte in die Hnde, kam schnell angelaufen, kniete im
Heidekraut dicht vor Synnve nieder und sah ihr fest in die
Augen--Synnve strickte eifrig. "So, jetzt wei ich, da Du mir manchen
lieben Tag etwas verheimlicht hast", sagte Ingrid. "Was meinst Du denn?"
fragte Synnve und warf ihr einen unsicheren Blick zu. "Du bist nicht
bse, weil Thorbjrn tanzt", antwortete Ingrid--die Freundin entgegnete
nichts. Ingrid lachte mit dem ganzen Gesicht, schlang die Arme um
Synnves Hals und flsterte ihr in das Ohr: "Nein, Du bist bse, weil er
mit einer andern tanzt."

"Wie kannst Du nur solchen Unsinn reden", sagte Synnve, ri sich los
und stand auf. Ingrid stand gleichfalls auf und ging ihr nach. "Snde
ist es, da Du nicht tanzen kannst," sagte sie und lachte, "eine wahre
Snde! Komm her, ich will's Dir gleich beibringen", und sie legte ihren
Arm um Synnves Hfte. "Was willst Du?" fragte Synnve. "Dir's Tanzen
beibringen, Dir den Kummer vertreiben, da er mit einer andern als mit
Dir tanzt!" Nun mute Synnve auch lachen, oder wenigstens so tun. "Hier
knnen wir gesehen werden", sagte sie. "Gott segne Dich fr die Antwort,
wenn sie auch herzlich dumm war", rief Ingrid, fing darauf an zu
trllern und Synnve im Takt herumzufhren. "Nein, nein, das geht ja
nicht!"--"Du hast ja selbst vorhin gesagt, Du bist lange nicht so
vergngt gewesen wie heute."--"Ach, wenn es nur ginge!"--"Probier' es
nur, dann wirst Du schon sehen, da es geht."--"Du bist auer Rand und
Band, Ingrid."--"Ja, so sagte auch die Katze zum Sperling, als er nicht
stillhalten und sich fangen lassen wollte; komm nur."--"Ich htte schon
Lust; aber--"--"Jetzt bin ich Thorbjrn und Du bist seine junge Frau,
die nicht will, da er mit einer andern als mit ihr tanzen
soll."--"Aber--" Ingrid trllerte, "aber", entgegnete Synnve noch; doch
sie tanzte schon. Es war ein Springtanz. Ingrid ging mit groen
Schritten und Armbewegungen wie ein Mann voraus; Synnve folgte mit
kleinen Schritten und niedergeschlagenen Augen. Ingrid sang:

    Und der Fuchs unter Wurzeln der Birke lag,
    Abseits vom Heidekraut,
    Und der Hase sprang lustig im grnen Hag,
    ber das Heidekraut.
    Die Sonne giet Licht aus ppigem Born,
    Und glitzert hinten und glitzert vorn,
    ber dem Heidekraut.

    Und es lacht der Fuchs im Wurzelversteck,
    Abseits vom Heidekraut,
    Und der Hase sprang unbndig keck
    ber das Heidekraut.
    Mir ist heut gar so frhlich zumut,
    Juchhei, mein Hslein, wie springst Du gut
    ber das Heidekraut.

    Und es lauert der Fuchs im Wurzelversteck,
    Abseits vom Heidekraut,
    Und der Hase hpft just zum gleichen Fleck,
    ber das Heidekraut.
    Da Gott sich erbarme, Du bist hier?
    Ei, Freundchen, wer heit Dich tanzen vor mir,
    ber dem Heidekraut?

"Na, ging's nicht schn?" fragte Ingrid, als sie stehen blieben, um
Atem zu schpfen.

Synnve lachte und sagte, sie mchte lieber Walzer tanzen. "Ja, warum
denn nicht?" meinte Ingrid, und sie setzten sich gleich in Positur;
Ingrid erklrte ihr, wie sie die Fe stellen msse. "Pass' auf, der
Walzer ist schwer, sehr schwer ist er."--"Ach, es wird schon gehen, wenn
wir erst in Takt kommen." Nun sollte gleich die Probe gemacht werden.
Ingrid sang und Synnve sang mit, anfangs leise vor sich hin, dann
lauter und lauter. Aber pltzlich hielt Ingrid inne, lie ihre Gefhrtin
los, klatschte erstaunt in die Hnde: "Du kannst ja schon Walzer
tanzen!" rief sie.

"Still, nicht sprechen!" sagte Synnve und fate Ingrid um die Taille,
"wir wollen weitertanzen."--"Aber wo hast Du das gelernt--?"--"Tralla,
tralla"--und Synnve schwang Ingrid im Kreis; die tanzte jetzt nach
Herzenslust und sang dabei:

    Schau', die Sonne tanzt auf dem Hankelidfjell,
    Tanz', meine Liebste, der Abend naht schnell;
    Schau', der Bergbach hpft zum Meere fort,
    Hopp, wilder Gesell, dein Grab wartet dort,
    Schau', die Birke schwingt sich beim Windesspiel,
    Schwing dich, Dirnlein!--Was brach dort, was fiel?
    Schau',----

"Was singst Du immer fr merkwrdige Lieder?" sagte Synnve und hrte
auf zu tanzen. "Ich wei gar nicht, was ich singe", antwortete Ingrid,
"Thorbjrn hat's mal gesungen."--"Das ist eins von Zuchthaus-Bents
Liedern; die kenn' ich."--"Zuchthaus-Bent?" fragte Ingrid und genierte
sich etwas. Sie sprach nicht mehr und blickte vor sich hin in die Ferne;
pltzlich gewahrte sie ein Gespann unten auf dem Wege. "Du, dort fhrt
einer von Granliden herunter und lenkt in die Gemeindestrae
ein."--Synnve sah auch hin. "Ist er es?" fragte sie. "Ja, das ist
Thorbjrn, er will in die Stadt."----

----Es war Thorbjrn und er fuhr in die Stadt. Sie lag ziemlich
entfernt, die Last war schwer und er fuhr deshalb langsam den staubigen
Weg hin. Von oben konnte man ein Stck der Fahrstrae bersehen, und als
er nun von den Bergen herunter jodeln hrte, dachte er sich gleich, von
wem das wohl kme, kletterte auf die Ladung und jodelte wieder, so da
es zwischen den Felsen schallte. Nun wurde oben auf dem Horn geblasen;
er lauschte, und als die Tne verklangen, richtete er sich wieder auf
und jodelte. Dann fuhr er wohlgemut weiter; er sah nach Solbakken
hinber und meinte es bisher niemals in so hellem Sonnenglanz gesehen zu
haben. Aber whrenddessen hatte er gar nicht mehr an sein Pferd gedacht;
das ging, wie es wollte. Da fuhr er pltzlich auf, der Gaul hatte einen
scharfen Seitensprung gemacht, so da die eine Deichselstange brach, und
nun raste das Tier in wildem Trab vom Weg herunter ber das Nordhouger
Feld. Thorbjrn sprang auf und suchte es zu halten; es kam zu einem
richtigen Kampf zwischen beiden; das Pferd wollte ber einen Abhang, er
ri es mit den Zgeln zurck; endlich zwang er es, sich zu bumen,
sprang ab, schlang die Leine um einen Baum, und nun mute es stehen. Die
Ladung war teilweise herausgeschleudert, die eine Deichselstange
zerbrochen und der Gaul stand da und zitterte. Thorbjrn ging hin, fate
ihn am Zaum und redete ihm gut zu; dann wendete er das Pferd, da es mit
dem Rcken gegen den Abhang stand und nicht ber ihn hinunter konnte;
aber das Tier war zu scheu, um still stehen zu bleiben,--er mute ihm
sprungweise folgen, und so kam er wieder bis zur Strae. Dabei fuhr er
an der heruntergefallenen Ladung vorbei; Tpfe und Krge waren entzwei,
der Inhalt grtenteils verdorben. Bisher waren Thorbjrns Gedanken nur
auf die Fahrt gerichtet gewesen; jetzt dachte er an die Folgen und wurde
wtend; soviel stand fest: zur Stadt konnte er nicht; und je klarer ihm
das wurde, um so wtender war er. Als er auf den Weg gekommen, scheute
das Pferd noch einmal, und versuchte wieder einen Seitensprung, um sich
loszureien, und nun brach Thorbjrns Wut los. Mit der linken Hand hielt
er es an Zaum und Gebi fest, mit der rechten versetzte er ihm
Peitschenhieb auf Peitschenhieb ber die Lenden, so da es rasend wurde
und mit den Vorderhufen nach Thorbjrns Brust schlug. Aber Thorbjrn
wich ihm aus und hieb nun rger als zuvor--aus Leibeskrften--mit dem
Peitschenstiel. "Ich werde Dir's schon beibringen, Du niedertrchtiges
Vieh", und er hieb zu. Das Pferd wieherte, schrie,--er hieb zu. "Jetzt
sollst Du einen kennen lernen, der strker ist als Du", und er hieb. Das
Pferd schnaubte, so da der Schaum Thorbjrns ganze Hand bespritzte;
aber er schlug weiter: "Das soll das erste und letzte Mal sein, Du
Schinder; da! da! und noch einen! Du sollst parieren lernen, Du Luder!"
und er hieb. Inzwischen hatten sie sich vllig umgedreht; das Pferd
wagte keinen Widerstand mehr, zitterte und bebte bei jedem Hieb und bog
sich wiehernd zur Seite, sobald die Peitsche durch die Luft schwirrte.
Da schmte sich Thorbjrn ein bichen; er hielt inne. Im selben
Augenblick bemerkte er einen Mann, der auf dem Grabenrand sa, sich auf
den Ellbogen sttzte und ihn anlachte; er wute nicht warum, aber ihm
wurde fast schwarz vor den Augen und, das Pferd am Zaum haltend, ging er
auf den Mann mit erhobener Peitsche zu: "Jetzt sollst Du mal lachen!"
Der Schlag fiel, traf aber nur halb, da sich der Mann mit einem
Aufschrei in den Graben hinunterwlzte; dort blieb er auf allen Vieren
liegen, richtete jedoch den Kopf hoch und schielte nach Thorbjrn. Dabei
zog er den Mund schief zum Lachen, aber zu hren war kein Lachen.
Thorbjrn wurde betroffen; eine Erinnerung durchzuckte ihn. Jawohl, es
war Aslak.

Thorbjrn berlief es kalt.

"Du hast gewi beidemal das Pferd scheu gemacht", sagte er. "Ich habe ja
nur hier gelegen und geschlafen," antwortete Aslak, "und Du hast mich
geweckt, wie Du Dein Pferd verrckt gemacht hast."--"Du bist es
gewesen,--vor Dir haben alle Tiere Angst." Und er streichelte den Gaul,
von dem der Schwei herabrann. "Dein Tier hat wohl mehr Angst vor Dir
als vor mir;--so bin ich noch mit keinem Pferd umgegangen", sagte Aslak,
jetzt kniete er im Graben. "Halt Dein groes Maul", erwiderte Thorbjrn,
und drohte mit der Peitsche. Da stand Aslak auf und krabbelte aus dem
Graben. "Ich ein groes Maul!? Fllt mir ja gar nicht ein--wo willst Du
denn so schnell hin?" sagte er freundlich und kam nher; aber er wankte
beim Gehen--er war betrunken. "Mit dem Weiterwollen ist es heut nichts",
meinte Thorbjrn und spannte das Pferd aus. "Das ist aber recht
rgerlich", sagte der andere, kam noch nher und nahm den Hut ab.

"Herrjeh, was bist Du fr ein groer und hbscher Bursche geworden,
seitdem ich Dich nicht gesehen habe." Er hatte beide Hnde in die
Taschen gesteckt, stand so fest, wie er konnte, auf den Beinen und
betrachtete Thorbjrn, der das Pferd nicht von den Wagentrmmern
losbekommen konnte. Thorbjrn brauchte Hilfe; aber Aslak darum zu
bitten, das mochte er denn doch nicht. Der sah zu eklig aus. Auf seinem
Anzug lag der Grabenschmutz, sein Haar hing wirr unter einem blanken,
betrchtlich alten Hut hervor; sein Gesicht war zwar noch teilweise das
frhere, wohlbekannte; aber jetzt immer zum Lachen verzogen, die Augen
schienen noch geschlossener, so da er sich hintenber beugen mute und
der Mund etwas offen stand, wenn er jemand ansah; alle Zge waren
schlaff, der ganze Ausdruck stier--denn Aslak trank. Thorbjrn hatte ihn
schon vorher ein paarmal gesehen, aber Aslak tat, als wte er das
nicht, er hatte sich im ganzen Kreis als Hausierer herumgetrieben und
war am liebsten dort eingekehrt, wo es laut und lustig zuging. Dort trug
er seine Lieder vor, erzhlte seine Schnurren und bekam zum Lohn
Branntwein. Darum war er auch auf der Hochzeit in Nordhoug gewesen;
jetzt aber fr einige Zeit wohlweislich verduftet, weil er, wie
Thorbjrn spter erfuhr, nach seiner gewohnten Art die Leute solange
zusammengehetzt hatte, bis, eine Rauferei entstanden war, und da hatte
er Angst bekommen, selbst verprgelt zu werden. "Binde das Pferd lieber
an, das ist besser, als wenn Du's ausspannst," sagte er, "Du mut doch
nach Nordhoug und Dir Hilfe holen." Thorbjrn hatte schon selbst daran
gedacht, aber der Gedanke war ihm unangenehm. "Dort ist ja heut eine
groe Hochzeit", meinte er. "Auch eine groe Menge Leute, die helfen
knnen", antwortete Aslak. Thorbjrn berlegte; aber ohne Hilfe konnte
er weder vorwrts noch zurck, und so war es doch schlielich das beste,
nach dem Hof zu gehen. Er band also das Pferd am Wagen fest und ging.
Aslak folgte, Thorbjrn sah sich nicht nach ihm um. "Jetzt habe ich eine
gute Begleitung fr den Rckweg", sagte Aslak und lachte. Thorbjrn
antwortete nicht, sondern schritt schnell aus. Aslak sang hinter ihm
her. "Da ziehen zwei Bauern zum Hochzeitshaus" usw., ein altes, berall
bekanntes Lied. "Du gehst schnell," sagte er nach einer Weile, "Du
kommst noch frh genug hin." Thorbjrn antwortete nicht. Bald hrten sie
den Lrm von Tanz und das Geigenspiel; Kpfe erschienen in den offenen
Fenstern des groen, zweistckigen Hauses; Gruppen versammelten sich im
Garten. Thorbjrn merkte, da die Leute dort besprachen, wer wohl kme,
zugleich, da mancher ihn erkannte, auch wie kurz nachher das Pferd und
die verstreute Ladung entdeckt wurden. Der Tanz brach ab und ein ganzer
Menschenstrom wlzte sich aus dem Hause und ihnen entgegen. "Hier kommen
Hochzeitsgste wider Willen", rief Aslak, als sie sich beide der
Gesellschaft nherten. Thorbjrn wurde begrt, und ein Kreis von
Menschen umringte ihn. "Gott segne das Fest, das gute Bier auf dem
Tisch, die hbschen Frauensleute auf dem Tanzboden und den wackern
Spielmann auf dem Schemel!" rief Aslak und drngte sich schnell in die
Menge. Einige lachten, andere blieben ernst, einer sagte:
"Hausierer-Aslak ist immer gut aufgelegt." Thorbjrn traf gleich
Bekannte, denen er von seiner verunglckten Fahrt erzhlen mute; sie
litten nicht, da er selbst zu dem Pferd und den Sachen zurckging, und
schickten andere hin. Der Brutigam, ein junger Mann und frherer
Schulkamerad von Thorbjrn, lud ihn ein, das Hochzeitsbru zu kosten,
und nun zog der ganze Haufen wieder in die Stube. Ein Teil, besonders
Frauen und Mdchen, wollte wieder tanzen, ein anderer lieber ein
Stndchen trinken, und Aslak, da er nun doch mal wieder da war, sollte
etwas erzhlen. "Aber sei vorsichtiger als vorhin", fgte einer hinzu.
Thorbjrn fragte, wo die brigen Gste seien. "Es ging ein bichen laut
und derb hier zu," wurde ihm geantwortet, "da haben sich ein paar
hingelegt und ruhen sich aus; wieder welche sitzen in der Scheune und
spielen Karten, und welche sitzen mit Knud Nordhoug zusammen". Thorbjrn
erkundigte sich nicht, wo Knud zu finden sei.

Der Vater des Brutigams, ein alter Mann, der auf einer Bank sa, aus
einer Pfeife rauchte und trank, sagte jetzt: "'raus mit Deiner
Geschichte, Aslak, einmal kann man sich sowas schon gefallen lassen."

"Bitten noch mehr darum?" fragte Aslak, der sich auf einen Schemel
gesetzt hatte, etwas abseits von dem Tisch, um den die andern saen.
"Jawohl," sagte der Brutigam und gab ihm ein Glas Branntwein, "ich
bitte Dich auch darum."--"Bitten mich noch mehr auf die Art?" fragte
Aslak wieder. "Ja, das tun sie", sagte eine junge Frau auf einer
Seitenbank und reichte einen Becher Wein hin; es war die Braut, ein
Frauenzimmer von zwanzig Jahren, blond, mager, mit groen, schwarzen
Augen und einem strengen Zug um den Mund.--"Ich hre Deine Geschichten
gern", setzte sie hinzu. Der Brutigam sah sie, sein Vater sah ihn an.
"Ja, die Nordhouger haben immer gern meine Geschichten gehrt,"
antwortete Aslak, "auf Ihr Wohl!" und er leerte sein Glas, das ihm ein
Brautfhrer gebracht hatte. "Vorwrts, los!" riefen mehrere. "Von
Sigrid, der Herumtreiberin", schrie einer. "Nein, das ist eine zu
eklige Geschichte", entgegneten andere, hauptschlich Frauen. "Von der
Lierer Schlacht", bat Svend Tambour. "Lieber was Lustiges", sagte ein
schlanker Bursche, der die Jacke ausgezogen hatte, sich an die Wand
lehnte, und dabei immer mit der rechten Hand ein paar jungen Mdchen,
die vor ihm saen, in die Haare fuhr. Die Mdchen schimpften, aber
dachten nicht daran, fortzulaufen.

"Jetzt erzhle ich, was mir pat", sagte Aslak. "Schwerenot", murmelte
ein lterer Mann, der auf dem Bette lag, rauchte, sein eines Bein
herunterbaumeln lie und mit dem andern wiederholt gegen eine
Sonntagsjacke stie, die ber dem Bettpfosten hing. "Weg mit Deinem Bein
von meiner Jacke!" rief der Bursche an der Wand. "Weg mit Deiner Hand
von meinen Tchtern", rief der Alte. Da liefen die Mdchen fort. "Ja,
ich erzhle, was mir pat," sagte Aslak wieder, "Branntwein ist gut, der
schiet ins Blut!" Und er schlug klatschend die flachen Hnde zusammen.

"Du sollst erzhlen, was uns pat," wiederholte der Mann im Bett; "der
Branntwein kommt von uns."--"Was meinst Du damit?" fragte Aslak und ri
die Augen weit auf. "Das Jungschwein, das wir fett machen, schlachten
wir auch," sagte der Mann und baumelte mit dem Bein. Aslak schlo die
Augen wieder; aber hielt den Kopf noch hoch; dann lie er ihn sinken und
antwortete nichts. Verschiedene redeten ihn an; aber er hrte es gar
nicht. "Der Branntwein hat ihn untergekriegt", sagte der Mann im Bett.
Da sah Aslak auf und fing wieder an, das Gesicht zum Lachen zu
verziehen. "Ja, jetzt sollt Ihr ein lustiges Stckchen hren," sagte er,
"Herrgott, ist das lustig!" setzte er hinzu und lachte mit weit
geffnetem Munde, aber hren konnte keiner irgend welches Lachen. "Er
hat heute seinen guten Tag", sagte der Vater des Brutigams. "Hat er
auch," entgegnete Aslak, "doch erst einen Schluck auf den Weg!" und er
streckte die Hand hin. Er bekam ein Glas Branntwein, trank es langsam
hinunter, bog den Kopf zurck, kostete den letzten Tropfen aus und
wandte sich zu dem Mann im Bett: "So, jetzt bin ich Euer Schwein", und
er lachte wieder unhrbar wie vorher. Dann legte er seine Hnde um das
eine Knie, hob den Fu auf und nieder, schaukelte den Oberkrper dabei
hin und her--und dann fing er an:

"Ja, es war einmal ein Mdchen da drben in einem Tal. Wie das Tal hie,
geht Euch nichts an, und auch nicht, wie das Mdchen hie. Aber hbsch
war die Dirne, und das fand auch der Besitzer des Hofs--psst, keinen
Namen!--und bei dem diente sie. Sie kriegte guten Lohn, und sie kriegte
mehr als sie kriegen sollte, nmlich ein Kind. Die Leute sagten, es sei
von ihrem Herrn, aber er sagte das nicht; denn er war ein verheirateter
Mann; und sie sagte es auch nicht; denn sie war stolz, die arme Trude.
So logen sie denn was bei der Taufe zusammen--es war ja ein Elend fr
den Jungen, da sie ihn geboren hatte,--da war's auch gleich, ob er mit
'ner Lge getauft wurde. Sie kriegte einen Unterschlupf dicht beim Hof,
und das pate der Besitzersfrau natrlich nicht. Kam das Mdchen ihr mal
nahe, dann spuckte sie es an, und kam der kleine Junge auf den Hof und
wollte mit ihrem Jungen spielen, dann lie die den Hurenbengel
fortjagen: 'Besseres ist er nicht wert', sagte sie.

Tag und Nacht lag sie ihrem Mann in den Ohren, er solle das Bettelvolk
hinausschmeien. Der Mann strubte sich dagegen, solange er Mann war--;
aber dann verlegte er sich aufs Saufen, und da kriegte das Weib die
Oberhand. Das war ein Elend fr die arme Person. Von Jahr zu Jahr ging
es mit ihr zurck, und zuletzt war sie mit ihrem Jungen dicht am
Verhungern; aber der wollte nicht fort von seiner Mutter, der kleine
Junge.

So vergingen allmhlich acht Jahre; sie waren vergangen, und noch immer
sa sie auf ihrer Stelle, obgleich sie immer weg sollte.------Und
schlielich kam sie weg!----Vorher aber stand der Hof in lustigen,
hellen Flammen und der Mann verbrannte, weil er besoffen war--das Weib
rettete sich mit ihren Kindern und sagte aus, die Dirne, die dicht beim
Hofe wohnte, habe den Brand angelegt. Das war wohl mglich.----Aber es
war auch was anderes mglich.----Sie hatte so 'nen wunderlichen kleinen
Kerl von Jungen. Acht Jahre mute der sehen, wie sich seine Mutter
abrackerte, und er wute auch, wer schuld daran war; denn seine Mutter
sagte es ihm oft, wenn er fragte, warum sie immerzu weine. Das tat sie
auch an dem Tage, bevor sie ausziehen sollten, und darum war er fort in
der Nacht.--Aber sie mute auf Lebenszeit ins Zuchthaus, denn sie hatte
selbst vor dem Gerichtsschreiber gesagt, da sie das lustige Feuer auf
dem Hofe angesteckt habe. Der Junge zog im Kirchspiel herum und alle
untersttzten ihn, weil er so 'ne schlechte Mutter hatte.--Dann zog er
weiter, weiter in eine ganz andere Gegend, da wurde er nicht mehr
untersttzt; da wute ja keiner, wie schlecht seine Mutter war. Ich
glaube nicht, da er selbst darber sprach.--Zuletzt hrte ich, da er
besoffen war, und die Leute sagen, er sei zuletzt gar nicht mehr aus dem
Suff herausgekommen; ob das wirklich richtig ist, soll ungesagt bleiben;
aber richtig ist, da ich nicht wei, was er Besseres htte tun knnen.
Er ist ein schlechter, gemeiner Kerl; er kann die Menschen nicht leiden,
besonders nicht die, die gut zueinander sind; und die gut zu ihm sind,
die erst recht nicht. Und er mchte, da die andern gerade so sind wie
er selbst; das sagt er aber blo, wenn er besoffen ist; und dann weint
er, weint er, da es Trnen hagelt, und ber rein nichts;--denn worber
htte er denn zu weinen? Er hat keinem einen Pfennig gestohlen oder, wie
andere, was Bses angestellt,--also warum weint er? Und doch weint er,
weint er, da es Trnen hagelt. Und wenn Ihr das mal sehen solltet, dann
glaubt ihm nicht, denn er tut's blo, wenn er besoffen ist, und da ist
er nicht zurechnungsfhig."--Und mit dem letzten Worte fiel Aslak
rckwrts vom Schemel und weinte heftig los; aber das ging schnell
vorber; denn er schlief ein.--"Jetzt ist das Schwein voll," sagte der
Mann im Bett, "dann heult er sich immer in den Schlaf."--"Das war eine
hliche Geschichte", sagten die Frauen und standen auf, um aus der
Stube zu kommen. "Ich habe ihn noch nie eine andere erzhlen hren, wenn
er sie selbst aussuchen durfte", sagte ein alter Mann, der von seinem
Platz an der Tr aufgestanden war: "Gott wei, warum ihm die Leute so
gern zuhren", fgte er hinzu und sah dabei die Braut an.




Fnftes Kapitel


Einige gingen heraus, andere suchten den Spielmann, um wieder zu tanzen;
aber der war in einem Winkel des Flurs eingeschlafen, und da baten
einige, man mge ihn in Ruhe lassen: "seitdem sein Kamerad Lars hier
zuschanden geschlagen worden ist, hat Ole die ganze Zeit ber aushalten
mssen." Unterdes war Thorbjrns Pferd angelangt; es wurde vor einen
andern Wagen gespannt, da er trotz allen Zuredens weiter wollte.
Besonders der Brutigam gab sich alle Mhe, ihn zurckzuhalten: "Hier
ist nicht soviel Freude fr mich, wie mancher glaubt", meinte er; und
das brachte Thorbjrn auf eigene Gedanken; aber fort wollte er doch noch
vor Abend. Als die anderen sahen, da er darauf bestand, lieen sie ihn
nach und nach allein; es waren viele Menschen da; aber es ging recht
still zu, und das Ganze machte gar nicht den Eindruck einer richtigen
Hochzeit. Thorbjrn brauchte einen Pflock fr sein Pferdegeschirr, und
suchte danach; auf dem Hof war nichts Rechtes zu finden, so ging er
weiter, kam zu einem Holzschuppen und trat dort ein--langsam und
nachdenklich; die Worte des Brutigams klangen ihm noch immer in den
Ohren. Er fand, was er suchte, und setzte sich ganz zufllig, mit Messer
und Pflock in Hnden, an die Wand. Da hrte er neben sich ein Sthnen;
das mute von der Innenseite der dnnen Wand kommen, hinter der die
Wagen standen; Thorbjrn lauschte. "Du bist es?--Du?" brachte mit langen
Zwischenrumen und mhsam eine Stimme heraus; eine Mnnerstimme. Darauf
vernahm er, wie jemand weinte; aber das konnte kein Mann sein.--"Warum
mutest Du auch noch herkommen?" wurde gefragt; und jedenfalls von der
Person, die weinte; denn Trnen klangen aus den Worten.--"Hm--zu welcher
Hochzeit sollte ich denn aufspielen, wenn nicht zu Deiner?" sprach die
erste Stimme. Das kann kein andrer wie Lars, der Spielmann, sein, dachte
Thorbjrn.--Lars war ein ansehnlicher, hbscher Gesell, dessen alte
Mutter in einer Kate unweit vom Gutshof zur Miete wohnte. Aber die
andere Stimme, das mute die Braut sein!--"Warum hast Du nie
gesprochen?" sagte sie gedmpft, aber so gedehnt, als ob sie sehr bewegt
sei. "Ich glaubte, das sei zwischen uns beiden nicht ntig", lautete die
kurze Antwort. Einige Augenblicke blieb es still, dann sagte sie wieder:
"Du wutest aber doch, da er meinetwegen herkam,"--"Ich habe Dich fr
strker gehalten."--Dann hrte Thorbjrn nur, da sie weinte; endlich
stie sie die Worte hervor: "Warum hast Du nicht gesprochen?"

"Es htte wohl dem Sohn der alten Birthe viel gentzt, wenn er mit der
Tochter von Nordhoug gesprochen htte", erwiderte er nach einer Pause,
in der er schwer Atem geholt und oft gesthnt hatte. Die Antwort lie
auf sich warten;--"wir haben doch so manches Jahr ein Auge aufeinander
gehabt", klang es endlich.

--"Du warst so stolz, man konnte gar nicht richtig mit Dir
reden."----"Es war doch nichts auf der Welt, was ich lieber gewollt
htte.--Ich wartete jeden Tag darauf;--wo wir uns trafen--mir kam es
fast vor, als drngte ich mich Dir auf. Da dachte ich, Du machtest Dir
nichts aus mir."--Es wurde wieder ganz still; Thorbjrn hrte weder eine
Antwort, noch weinen; er hrte nicht einmal den Kranken Atem holen.

Thorbjrn dachte an den Brutigam; er hielt ihn fr einen braven Mann,
und er tat ihm leid; und im selben Augenblick sagte auch sie:

"Ich frchte, er wird wenig Freude an mir haben,--er, der--"

"Er ist ein braver Mann", erwiderte der Kranke, und dann fing er an,
unruhig zu werden, da ihm die Brust schmerzte. Es war, als ob sie die
Schmerzen mitfhlte, denn sie sagte: "Mir ist schwer ums Herz
Deinetwegen,--aber--wir htten uns wohl nie ausgesprochen, wenn das
nicht dazwischen gekommen wre. Erst als Du Dich mit Knud gerauft hast,
habe ich alles begriffen."--"Ich konnte es nicht lnger ertragen",
antwortete er, und einen Augenblick darauf: "Knud ist ein schlechter
Kerl."--"Ja, gut ist er nicht", sagte sie, Knuds Schwester.

Sie blieben eine Weile stumm, dann sprach er: "Ich bin gespannt, ob ich
wieder mal aufkomme; ach, das ist auch jetzt ganz einerlei."--"Geht's
Dir schlecht, so geht's mir schlechter," darauf lautes Weinen. "Willst
Du fort?" fragte er.--"Ja, ach, Du lieber Gott,--Du lieber Gott, was
wird das fr ein Leben werden!"--"Weine nicht so," sagte er, "unser
Herrgott macht hoffentlich bald ein Ende mit mir, und dann, wirst Du
sehen, geht es auch Dir besser."--"Jesus, Jesus, wenn Du nur gesprochen
httest!" rief sie mit verhaltener Stimme und schien die Hnde zu
ringen; Thorbjrn meinte, sie sei fortgegangen, oder nicht mehr
imstande, weiter zu sprechen; er hrte eine ganze Zeitlang nichts mehr,
und ging dann selber.

Den ersten, besten, den er im Garten traf, fragte er: "Warum sind denn
Spielmann Lars und Knud Nordhoug aneinander geraten?"--"Warum, ja--"
sagte Per Hausmann und zog sein Gesicht in Falten, als ob er was drin
verstecken wollte; "danach kannst Du wohl fragen, denn es war nur um
eine Kleinigkeit; Knud fragte Lars, ob seine Fiedel bei der Hochzeit
hier auch gut gestimmt sei." In demselben Augenblick ging die Braut
vorbei; sie hatte erst ihr Gesicht seitwrts gewendet; aber als sie den
Namen Lars hrte, drehte sie es ihnen zu, und da zeigte es sich, da
ihre groen Augen ganz rot waren und flackerten; aber ihre Zge
erschienen kalt, so kalt, da Thorbjrn nichts von ihren frheren Worten
mehr herauslesen konnte; da wurde ihm manches noch klarer.

Weiter vorn im Hof stand sein Pferd fertig zur Abfahrt; er schlug den
Pflock ein und schaute nach dem Brutigam, um Abschied zu nehmen. Er
hatte keine Lust, ihn aufzusuchen; es war ihm fast lieber, da der
Brutigam unsichtbar blieb, und so setzte er sich auf den Wagen. Da
entstand mit einem Mal ein groer Lrm links von ihm, bei der Scheune;
er hrte rufen, ein Menschenhaufen kam herangezogen, ein groer Mann,
der voranging, schrie: "Wo ist er?--Hat er sich versteckt?--Wo ist er
denn?"--"Dort, dort", riefen ein paar Stimmen. "Lat ihn nicht hin,"
riefen wieder andere, "sonst gibt's ein Unglck."--"Ist das Knud?"
fragte Thorbjrn einen kleinen Jungen neben seinem Wagen. "Ja, er ist
betrunken, und dann will er immer raufen." Thorbjrn hatte sich schon
zurechtgesetzt und trieb sein Pferd an.--"Halt! Halt! Kamerad!" rief es
hinter ihm; er zog die Leine an, aber da das Pferd im Trab blieb, lie
er es gehen. "Hast Du Angst, Thorbjrn Granliden?" schrie es unweit; da
hielt er an, sah aber nicht hinter sich.

"Steig ab, hier triffst Du gute Gesellschaft!" rief einer. Thorbjrn
drehte sich um. "Danke, ich mu nach Hause", sagte er. Wie sie ein
bichen hin- und herredeten, war der ganze Haufen herangekommen; Knud
ging auf das Pferd zu, streichelte es und fate es beim Zaum, um es
anzusehen. Er war gro, hatte blondes, aber struppiges Haar und eine
Stumpfnase, breite, dicke Lippen und milchblaue Augen, doch einen
frechen Blick. Seiner Schwester hnelte er wenig, nur etwas in einem Zug
um den Mund; er hatte auch die gleiche gerade Stirn, aber nicht so eine
hohe wie sie; alle ihre feinen Zge waren bei ihm vergrbert. "Was
willst Du fr Deine Schindmhre haben?" fragte Knud. "Mein Pferd ist
nicht zu verkaufen", antwortete Thorbjrn. "Du meinst wohl, ich kann's
nicht bezahlen?" sagte Knud.--"Ich wei nicht, was Du kannst oder nicht
kannst."--"So,--also Du meinst: nein,--Du! Nimm Dich in acht", sagte
Knud. Der Bursche, der vorhin in der Stube an der Wand gestanden hatte
und den Mdchen ins Haar gefahren war, uerte jetzt zu einem Nachbar:
"Diesmal hat Knud keine rechte Schneid."

Das hrte Knud.

"Keine Schneid? Wer sagt das? Ich keine Schneid?" schrie er. Mehr und
mehr Menschen kamen heran.

"Aus dem Weg! Achtung, das Pferd", rief Thorbjrn und trieb seinen Gaul
an; er wollte fort.--"Hast Du zu mir aus dem Weg gesagt?" fragte Knud.
"Ich habe nur zum Pferd gesprochen, ich mu fort", antwortete Thorbjrn,
bog aber nicht aus. "Warum fhrst Du gerade auf mich los?" fragte Knud.
"Weg da!"--und das Pferd reckte sich in die Hhe, sonst htte es mit dem
Kopf Knud vor die Brust gestoen. Da packte Knud es am Zaum und Gebi,
und das Pferd, das diesen Griff noch frisch im Gedchtnis hatte, fing an
zu zittern. Das wirkte auf Thorbjrn; das mahnte ihn daran, was er
selbst dem Pferde angetan hatte; den rger ber sich bertrug er auf
Knud. Nun sprang er auf und zog mit der Peitsche diesem eins ber den
Kopf. "Du schlgst?" schrie Knud und kam auf ihn zu. Thorbjrn sprang
ab. "Du bist ein schlechter Kerl", sagte er und wurde dabei totenbla;
die Zgel gab er dem Barschen aus der Stube, der herangetreten war und
sich angeboten hatte. Aber der alte Mann, der nach Aslaks Erzhlung von
seinem Platz an der Tr aufgestanden war, ging nun auf Thorbjrn zu und
zog ihn am Arm. "Smund Granliden ist ein zu braver Mann, als da sich
sein Sohn mit solchem Raufbold abgeben sollte." Das besnftigte
Thorbjrn; Knud aber schrie: "Ich ein Raufbold? Das ist er gerade so gut
wie ich, und mein Vater ist gerade so gut wie seiner. Komm 'ran! Dumm
genug, da die Leute nicht wissen, wer von uns der Strkere ist", fgte
er hinzu und legte sein Halstuch ab. "Die Probe darauf machen wir noch
immer frh genug", sagte Thorbjrn. Da meinte der Mann, der vorhin im
Bette gelegen hatte: "Sie sind wie zwei Katzen, erst mssen sie sich
anprusten beide." Thorbjrn hrte das wohl, aber antwortete nicht.
Einige lachten; andere sagten wiederum, das sei doch zu toll mit den
vielen Raufereien auf dieser Hochzeit; sie sollten doch einen Fremden in
Frieden lassen, der ruhig seiner Wege ziehen wollte. Thorbjrn sah sich
nach seinem Pferd um, es war seine feste Absicht, weiter zu fahren; aber
der Bursche, der es ihm abgenommen, hatte es eine ganze Strecke beiseite
gefhrt und stand selbst wieder dicht bei Thorbjrn. "Was siehst Du Dich
um?" fragte Knud, "Synnve ist weit fort."--"Was geht Dich Synnve
an?"--"Nein, so'ne scheinheiligen Frauenzimmer gehen mich gar nichts
an," sagte Knud, "aber vielleicht benimmt sie Dir den Mut!" Das war fr
Thorbjrn denn doch zu viel; die Umstehenden merkten, da er das Terrain
fr den Kampf untersuchte. Nun traten wieder ltere Mnner dazwischen
und meinten, Knud habe bei dem Fest schon genug auf dem Gewissen. "Mir
soll er nichts anhaben!" sagte Thorbjrn und darauf verstummten sie.
"Lat sie doch raufen," sagten andere, "dann werden sie gute Freunde;
sie haben sich lange genug mit bsen Blicken verfolgt."--"Ja," setzte
einer hinzu, "jeder von beiden will der Strkere sein; jetzt wird sich's
ja zeigen."--"Habt Ihr nicht das Brschchen Thorbjrn Granliden irgendwo
gesehen?" fragte Knud laut, "eben war er doch noch hier."--"Hier ist
er", sagte Thorbjrn, und in demselben Augenblick bekam Knud einen Hieb
ber das rechte Ohr, da er nahestehenden Mnnern in die Arme purzelte.
Nun wurde es still in der Runde. Knud sprang auf--und vorwrts, ohne
einen Laut von sich zu geben; Thorbjrn setzte sich zur Gegenwehr. Ein
langer Faustkampf entspann sich; beide wollten einander zu Leibe; aber
beide waren gebt und jeder hielt sich den andern vom Leibe. Thorbjrns
Hiebe fielen dicht und, wie einige sagten, auch recht wuchtig. "Da ist
Knud mal an den Richtigen gekommen," sagte der Bursche, der sich des
Pferdes angenommen hatte, "macht Platz!" Die Frauen rissen aus, nur eine
blieb oben auf der Treppe stehen, um besser sehen zu knnen; das war die
Braut. Zufllig streifte Thorbjrns Blick sie; er zauderte einen Moment,
da sah er ein Messer in Knuds Hand, erinnerte sich ihrer Worte: "Gut ist
er nicht", und traf mit einem wohlgezielten Hieb Knuds Arm so ber dem
Handgelenk, da das Messer auf die Erde fiel, und der Arm kraftlos sank.
"Au--das war ein Hieb!" rief Knud. "Sprst Du's?", fragte Thorbjrn und
strzte auf ihn los. Knud war durch den gelhmten Arm in starkem
Nachteil; er wurde hochgehoben, weitergeschleppt, aber es dauerte eine
ganze Weile, bis er geworfen war. Mehrmals wurde er so hingeschleudert,
da jeder andere mehr wie genug gehabt htte; aber sein Rckgrat vertrug
viel; Thorbjrn zog mit ihm herum, berall wichen die Leute
zurck,--aber Thorbjrn schritt immer weiter mit ihm--er trug ihn um den
ganzen Hof herum, bis sie vor die Treppe gelangten, dort schwang er ihn
noch einmal hoch in die Luft und drckte ihn dann zu Boden; da gaben
Knuds Knie nach, und er strzte auf die Steinflieen, so lang wie er
war, und es sang ihm und es klang ihm in den Ohren. Regungslos blieb er
liegen, sthnte tief und schlo die Augen. Thorbjrn richtete sich auf,
sein Blick fiel gerade auf die Braut, die noch immer starr dastand und
zusah. "Legt ihm etwas unter den Kopf", sagte sie, drehte sich um und
ging ins Haus.

Zwei alte Frauen kamen vorbei; die eine sagte zu der andern: "Herrgott!
Da liegt schon wieder einer; wer ist denn das?" Ein Mann antwortete:
"Er--der Knud Nordhoug." Da meinte die zweite Frau: "Dann werden wohl
die ewigen Raufereien mal ein Ende nehmen--die Menschen knnen doch ihre
Krfte zu was Besserem brauchen."--"Da hast Du ein wahres Wort
gesprochen, Randi," meinte die erste; "unser Herrgott helfe ihnen, da
sie lernen, weniger an sich als an Besseres zu denken."

Das traf Thorbjrn und ergriff ihn tief; bisher hatte er kein Wort
hervorgebracht; er stand nur da und sah den Leuten zu, die fr Knud
sorgten; einige sprachen ihn an, doch er antwortete nicht. Er wandte
sich fort und berlie sich seinen Gedanken. Synnve kam ihm vor allem
in den Sinn, und er schmte sich frchterlich; er berlegte, wie er ihr
die Sache erklren knne, und es fiel ihm aufs Herz, da er doch sein
Leben nicht so leicht zu ndern vermochte, wie er geglaubt hatte. Im
selben Nu rief es hinter ihm: "Pa auf, Thorbjrn!" und noch ehe er sich
umdrehen konnte, wurde er von hinten an den Schultern gepackt und zu
Boden geworfen; dann fhlte er nur noch einen stechenden Schmerz; aber
er wute nicht, an welcher Stelle. Er hrte Stimmen rings um sich her;
es war ihm, als ob er weggefahren wrde, manchmal glaubte er selbst die
Zgel zu fhren; aber bestimmt wute er das nicht.

So ging es eine lange Zeit fort; ihm wurde kalt, dann wieder warm, und
dann mit einem Male ganz leicht; so leicht, da er zu schweben meinte,
und nun begriff er: Baumkronen trugen ihn, eine zur andern, endlich
hinauf zum Hgel; und wieder hher--zur Alm, und noch hher--hoch auf
die hchste Felsenspitze, und Synnve beugte sich ber ihn und weinte
und fragte: warum er nicht gesprochen habe? Sie weinte heftig und sagte
dann, er habe doch gesehen, wie ihm Knud in den Weg getreten sei, und
jetzt habe sie doch Knud nehmen mssen. Und dann streichelte sie ihn
sanft auf der einen Seite, so da er dort ganz warm wurde, und weinte
so, da sein Hemde ganz feucht wurde. Aber Aslak kauerte hoch oben auf
einem groen, spitzen Stein und zndete die Baumkronen ringsum an; sie
zuckten, sie zischten, Zweige flogen um ihn her, Aslak aber lachte mit
weit aufgerissenem Mund: "Ich bin's nicht gewesen, meine Mutter hat's
getan!" Und auf der andern Seite stand Vater Smund und warf Kornscke
hoch, so hoch, da die Wolken sie auffingen und das Korn wie Nebel
verstreuten, und Thorbjrn wunderte sich, da das Korn ber den ganzen
Himmel hinfliegen konnte. Und wie er wieder herunterblickte, war Smund
mit einem Male ganz klein geworden, so klein wie ein Punkt; aber er warf
noch immer die Scke, hher und hher und rief: Das mach' mir mal nach!
Hoch, hoch oben in den Wolken stand die Kirche, und auf ihrer Turmspitze
die blonde Frau aus Solbakken, die schwenkte in der einen Hand ein rotes
Taschentuch, in der anderen ein Gesangbuch und sagte: "Hierher kommst Du
mir nicht, solange Du noch raufst und fluchst!"--und als er schrfer
hinsah, war es gar nicht die Kirche,--nein, es war Solbakken, und die
Sonne strahlte so hell auf all die hundert Fensterscheiben, da ihm die
Augen davon weh taten und er sie schlieen mute.

"Vorsichtig, vorsichtig, Smund!" hrte er mit einem Male rufen; er
erwachte wie aus dem Schlummer, wie wenn er fortgetragen wrde, und er
sah sich um. Er war zu Hause in der Stube von Granliden; ein tchtiges
Feuer brannte im Herde; er erblickte neben sich die Mutter; sie weinte,
der Vater wollte ihn eben aufnehmen--um ihn in eine Seitenkammer zu
bringen, da lie er ihn sacht wieder nieder: "Es ist noch Leben in ihm",
sagte er mit bebender Stimme und wandte sich zur Mutter; die schrie:
"Lieber, lieber Gott, er schlgt die Augen auf! Thorbjrn, Thorbjrn,
barmherziger Himmel, was haben sie mit Dir gemacht!" und sie beugte sich
ber ihn, streichelte ihm die Backen, und ihre Trnen fielen dabei warm
auf sein Gesicht. Smund wischte sich mit dem einen rmel die Augen,
schob die Mutter sacht beiseite: "Ich mchte ihn doch jetzt gleich
'rbertragen", sagte er, und legte die eine Hand vorsichtig unter
Thorbjrns Schultern, die andere unter das Rckgrat. "Sttz' ihm den
Kopf, Mutter, wenn er ihn nicht hochhalten kann." Sie ging voran und
sttzte den Kopf, Smund suchte gleichen Schritt mit ihr zu halten, und
bald war Thorbjrn umquartiert. Nachdem sie ihn gut gebettet und
ordentlich zugedeckt hatten, fragte Smund, ob der Knecht schon
fortgefahren sei. "Da kannst Du ihn noch sehen", sagte die Mutter und
zeigte nach dem Hof hinaus; Smund machte das Fenster auf und rief:
"Wenn Du es in einer Stunde schaffst, kriegst Du doppelten
Jahreslohn--und sollte das Pferd auch dabei drauf gehen!"

Er trat wieder ans Bett; Thorbjrn sah ihn mit groen, klaren Augen an;
des Vaters Augen waren immer wieder auf den Sohn gerichtet und wurden
feucht. "Ich wute, es wrde solches Ende mit ihm nehmen", sagte er,
drehte sich um und ging hinaus. Die Mutter setzte sich auf einen Schemel
zu Fen Thorbjrns und weinte, sprach aber nicht. Thorbjrn wollte
sprechen, fhlte jedoch, da es ihm zu schwer fiel, und schwieg darum.
Aber bestndig sah er seine Mutter an, und sie hatte frher nie einen
solchen Glanz in seinen Augen bemerkt, noch empfunden, da sie so schn
wie jetzt waren, und das nahm sie fr ein schlechtes Zeichen. "Gott der
Herr steh' Dir bei," stie sie hervor, "ich wei, es ist Smunds Tod,
wenn Du von uns gehst." Thorbjrn sah sie an; seine Augen, sein Gesicht
waren starr. Sein Blick drang ihr tief in die Seele, und sie begann das
Vaterunser fr ihn zu beten; denn sie hielt seine Stunden fr gezhlt.
Und als sie so bei ihm sa, ging es ihr durch den Sinn, wie beraus lieb
sie alle gerade ihn hatten; und jetzt war nicht eins von seinen
Geschwistern zu Hause. Da schickte sie zur Alm, um Ingrid und den
jngern Bruder zu holen; dann setzte sie sich wieder an das Bett. Er sah
sie unverwandt an; und sein Blick wirkte auf sie wie ein Gesangbuchlied,
das sie sanft auf zu Hherem fhrte; und die alte Ingebjrg wurde
andchtiglich ergriffen, nahm die Bibel und sagte: "Jetzt will ich laut
zu Deinem Frommen lesen, auf da es Dir gut ergehe." Da sie ihre Brille
nicht bei der Hand hatte, schlug sie eine Stelle auf, die sie von ihrer
Kinderzeit noch so ungefhr auswendig konnte, und die Stelle war aus
dem Evangelium Johannis. Sie konnte nicht wissen, ob er es hre, denn er
lag nach wie vor starr da,--aber sie las,--wenn nicht fr ihn, so fr
sich selbst.

Bald kam Ingrid nach Hause, um die Mutter abzulsen; aber da schlief
Thorbjrn gerade. Sie weinte unaufhrlich; sie hatte schon geweint, ehe
sie von der Alm fortging; denn sie dachte an Synnve, die ohne Nachricht
blieb.--Dann kam der Doktor und untersuchte. Thorbjrn hatte einen
Messerstich in die Seite bekommen und noch andere Verletzungen, aber der
Doktor sagte nichts, und es fragte ihn keiner. Smund begleitete ihn in
die Krankenstube, stellte sich neben ihn und blickte ihm bestndig ins
Gesicht, ging mit hinaus, da der Doktor ging, half ihm hinauf auf seinen
zweirdrigen Wagen und nahm den Hut ab, als der Doktor sagte, er werde
am nchsten Tage wiederkommen. Dann drehte er sich zu seiner Frau um,
die neben ihm stand: "Wenn der Mann nichts sagt, steht es schlecht",
seine Lippen zitterten, er drehte sich auf den Hacken um und ging
querfeldein.

Niemand wute, wo er steckte, er kam weder am selben Abend, noch in der
Nacht, sondern erst den nchsten Morgen nach Hause, und da sah er so
finster aus, da sich keiner zu fragen getraute. Er selbst sagte nur:
"Na?"--"Er hat geschlafen," sagte Ingrid, "aber er ist so von Krften,
da er nicht die Hand heben kann." Smund wollte in die Krankenstube,
aber dicht vor der Tr machte er Kehrt.

Der Doktor kam am nchsten Tage wieder und auch die folgenden Tage.
Thorbjrn konnte sprechen, aber er durfte sich nicht bewegen. Ingrid sa
am meisten bei ihm, auch die Mutter oft und sein jngerer Bruder; aber
er richtete keine Frage an sie und sie nicht an ihn. Der Vater war
niemals in der Stube. Die anderen sahen, da der Kranke das merkte; er
blickte gespannt hin, sobald die Tr aufging; jedenfalls doch, weil er
den Vater erwartete. Schlielich fragte ihn Ingrid, wen er wohl
auerdem noch gern sehen mchte? "Ach, mich will ja keiner sehen",
antwortete er. Das wurde Smund wiedererzhlt; der entgegnete im
Augenblick nichts, und als an diesem Tage der Doktor kam, war er nicht
zu Hause. Aber ein Stck Weges vom Hofe erwartete er ihn bei der
Rckfahrt; er hatte auf dem Grabenrand gesessen, stand auf, als der
Wagen vorbeifuhr, grte und fragte nach dem Zustand seines Sohnes. "Sie
haben ihm bse mitgespielt", lautete kurz die Antwort. "Wird er
durchkommen?" fragte Smund und bastelte am Bauchgurt des Pferdes.
"Danke, der Gurt sitzt ja gut", sagte der Doktor. "Nicht stramm genug",
antwortete Smund. Dann waren beide eine Zeitlang stumm; der Doktor sah
ihn an; Smund arbeitete eifrig an dem Gurt herum, blickte aber nicht
auf. "Du hast gefragt, ob er durchkommen wird; ja, das glaube ich wohl",
sagte der Doktor langsam; Smund blickte schnell auf. "Dann ist keine
Lebensgefahr mehr?" fragte er. "Seit ein paar Tagen nicht mehr",
antwortete der Doktor. Da rollten Trnen aus Smunds Augen; er wischte
sie ab, aber sie kamen wieder, "'s ist 'ne reine Schande, wie lieb ich
den Jungen habe," schluchzte er, "aber einen prchtigem Burschen hat's
im ganzen Gau noch nicht gegeben." Der Doktor wurde gerhrt: "Warum hast
Du nicht schon frher gefragt?"--"Ich htt' es nicht hren knnen",
antwortete Smund und wollte die Trnen herunterschlucken; aber es
gelang ihm nicht; "und dann waren die Frauensleute dabei," fuhr er fort,
"die sahen immer hin, ob ich Dich nicht fragen wolle, und da kriegte
ich's nicht fertig." Der Doktor lie ihm Zeit, wieder ordentlich zu sich
zu kommen, und nun blickte Smund ihn fest an: "Wird er wieder ganz
gesund?" fragte er pltzlich. "Soweit es mglich ist; brigens lt sich
darber mit Sicherheit nichts sagen." Da wurde Smund ruhig und
nachdenklich. "Soweit es mglich ist", murmelte er und blickte zu Boden.
Der Doktor wollte ihn nicht stren; es war etwas in dem Mann vor ihm,
das es ihm verbot. Pltzlich hob Smund den Kopf: "Ich danke fr die
Auskunft", sagte er, reichte dem Doktor die Hand und ging nach Hause.

Whrenddessen sa Ingrid bei dem Kranken. "Wenn Du es hren kannst, will
ich Dir etwas vom Vater erzhlen", sagte sie. "Erzhle", antwortete er.
"An dem Abend, als der Doktor zum ersten Male hier war, war Vater
pltzlich weg, und niemand wute, wo er war. Da war er zum
Hochzeitshause gegangen; den Leuten wurde schlecht zumute, als er
eintrat. Er setzte sich an den Tisch und trank mit den andern; und der
Brutigam hat spter erzhlt, er habe geglaubt, Vater sei ins Taumeln
gekommen. Aber dann erst hub er an, nach der Rauferei zu fragen, und
erhielt auch genauen Bericht. Nun kam Knud; Vater wnschte, Knud solle
erzhlen, und ging auf den Hof zu der Stelle hin, wo Ihr gerauft hattet.
Die ganze Gesellschaft ging mit. Knud erzhlte, wie Du mit ihm
umgesprungen seist, nachdem Du ihm die Hand lahm geschlagen hattest;
aber als er nun nicht weiter mit der Sprache heraus wollte, richtete
Vater sich hoch auf und fragte: ob das vielleicht dann so zugegangen
wre--und im selben Augenblick hatte er schon Knud vorn an der Brust
gepackt, dann hob er ihn hoch und warf ihn auf die Steinflieen, wo noch
Blut von Dir klebte; mit der linken Hand drckte er ihn nieder, mit der
Rechten zog er sein Messer; Knud wechselte die Farbe und alle Gste
standen stumm dabei. Einige hatten gesehen, da Vater geweint hat; aber
getan hat er Knud nichts. Der lag da und rhrte sich nicht. Vater ri
ihn wieder hoch, warf ihn eine Weile darauf wieder zu Boden. 'Es fllt
einem recht schwer, Dich entwischen zu lassen', sagte er und nahm ihn
scharf aufs Korn, indem er ihn festhielt.

Zwei alte Frauen gingen vorbei und die eine sagte: 'Denk an Deine
Kinder, Smund Granliden', und sofort, so erzhlen die Leute, hat Vater
den Knud losgelassen, und bald darauf war er herunter vom Hof; aber
Knud drckte sich zwischen den Husern fort von der Hochzeit und wurde
nicht mehr gesehen."

Kaum war Ingrid mit ihrer Erzhlung fertig, da ffnete sich die Tr;
jemand sah hinein, und das war der Vater. Sie ging gleich aus der Stube;
Smund trat ein. Wovon Vater und Sohn miteinander gesprochen haben, das
hat niemand erfahren; die Mutter, die an der Tr stand und lauschte,
glaubte doch einmal verstanden zu haben, da sie darber redeten, ob
Thorbjrn wieder ganz gesund werden knne oder nicht. Aber sie war ihrer
Sache nicht sicher, und hineingehen wollte sie nicht, solange Smund
drin war. Als er herauskam, waren seine Zge sehr sanft, seine Augen
etwas gertet. "Wir werden ihn wohl behalten," sagte er im Vorbeigehen
zu Ingebjrg, "aber unser Herrgott wei, ob er wieder ganz gesund wird."
Ingebjrg fing zu weinen an und ging ihrem Manne nach; auf der Treppe
zum Schuppen setzten sie sich nebeneinander, und sie besprachen
mancherlei.

Als aber Ingrid leise wieder zu Thorbjrn hineinkam, lag er da mit einem
Zettel in der Hand und sagte ruhig und langsam: "Den Zettel gib Synnve,
sobald Du sie triffst." Als Ingrid gelesen hatte, was darauf stand,
wandte sie sich ab und weinte, denn auf dem Zettel stand:

"An die hochgeschtzte Jungfrau Synnve, Tochter des Guttorm Solbakken.

Wenn Du diese Zeilen gelesen hast, so soll es aus sein zwischen uns
beiden. Denn ich bin nicht der Mann, der fr Dich bestimmt ist. Unser
Herrgott sei mit uns beiden.

Thorbjrn, Sohn des Smund Granliden."




Sechstes Kapitel


Synnve hatte an dem Tage, nachdem Thorbjrn auf der Hochzeit gewesen,
von dem Vorfall erfahren. Sein jngerer Bruder war mit der Nachricht
auf die Alm gekommen; aber Ingrid hatte ihn auf dem Flur abgefat und
ihm eingeschrft, wie weit er erzhlen solle. Synnve wute also nicht
mehr, als da Thorbjrn mit Wagen und Ladung umgekippt, dann nach
Nordhoug um Hilfe gegangen und dabei mit Knud in Streit geraten war; er
habe etwas abgekriegt, liege auch zu Bett; aber es sei nicht gefhrlich.
Eine Geschichte, die Synnve mehr bse als traurig stimmte; und je mehr
sie darber nachdachte, desto mutloser wurde sie. Wie fest hatte er ihr
versprochen, sich so zu benehmen, da ihre Eltern nichts gegen ihn sagen
konnten! Aber auseinanderbringen sollte das ihn und sie doch nicht!

Die Verbindung zwischen Tal und Alm war sprlich, und die Zeit dehnte
sich, bis Synnve weitere Nachricht bekam. Die Ungewiheit drckte sie
schwer; Ingrid wollte auch nicht wiederkommen,--es mute also etwas
besonderes vorgehen. Sie war abends nicht mehr in der Stimmung zu
singen, um das Vieh nach Hause zu locken, und schlief nachts nicht gut,
weil ihr Ingrid fehlte. Dadurch war sie am Tage mde, und somit wieder
ihr Herz nicht gerade leichter. Sie ging umher und wirtschaftete,
scheuerte Kbel und Tpfe, machte Kse, setzte Milch an, aber ohne
rechte Freude an der Arbeit, und Thorbjrns jngerer Bruder, sowie der
andere Junge, die zusammen hteten, hielten es nun fr ausgemacht, da
mit ihr und Thorbjrn etwas los sein msse, und das gab ihnen oben auf
der Weide Stoff fr vieles Gerede.

Am Nachmittag des achten Tages, seit Ingrid nach Hause gerufen worden,
versprte Synnve strkere Herzbeklemmung denn je. Nun war schon soviel
Zeit vergangen, und sie hatte noch immer keine genaue Nachricht. Sie
lie ihre Arbeit liegen und setzte sich hin, um auf das Kirchspiel
hinunterzuschauen; das gab ihr etwas wie einen Zusammenhang mit denen
unten, und ganz allein mit sich mochte sie nicht sein. Dabei wurde sie
mde, legte den Kopf auf den Arm und schlief sofort ein; aber die Sonne
stach und ihr Schlaf war sehr unruhig. Sie glaubte sich zu Solbakken in
der Bodenkammer, wo ihre Sachen standen und sie gewhnlich schlief; die
Blumen dufteten so schn zu ihr hinauf; aber nicht mit dem Duft wie
sonst; mehr wie Heidekraut. Woher mag das wohl kommen? dachte sie und
sah durch das offene Fenster. Ja, da stand Thorbjrn unten im Garten und
pflanzte Heidekraut ein. "Aber, Liebster, warum tust Du das?" fragte
sie. "Die Blumen wollen nicht wachsen", sagte er und lie sich nicht
stren. Da tat es ihr um die Blumen leid, und sie bat ihn schlielich,
sie ihr herauf zubringen. "Ja, gern", antwortete er, sammelte die
herausgezogenen Blumen und machte sich auf den Weg; aber nun sa sie gar
nicht mehr in der Bodenkammer, denn er konnte sofort zu ihr. In
demselben Augenblick kam ihre Mutter dazu. "In Jesu Namen, will der Ekel
von Junge zu Dir?" rief sie, sprang dazwischen und stellte sich vor ihn
hin. Das wollte er sich nicht gefallen lassen, und nun fingen die beiden
an, zu ringen. "Mutter, Mutter, er will mir ja nur meine Blumen
bringen", bat Synnve und weinte. "Das hilft nichts", sagte die Mutter
und ging ihm strker zuleibe. Synnve wurde ngstlich, so ngstlich; sie
wute nicht, wem von den beiden sie den glcklichen Ausgang des Ringens
wnschen sollte; verlieren aber sollte keiner. "Seht Euch mit den Blumen
vor", rief sie; doch sie rangen immer heftiger und heftiger, und die
schnen Blumen wurden dabei berall umhergestreut, von der Mutter
zertreten, von Thorbjrn zertreten; Synnve weinte. Als Thorbjrn aber
die Blumen hingeworfen hatte, wurde er mit einem Male furchtbar hlich,
ganz widerlich; das Haar auf seinem Kopfe wuchs, sein Gesicht
verlngerte sich, die Augen bekamen einen wilden Ausdruck und mit
spitzen Klauen griff er nach der Mutter. "Nimm Dich in acht, Mutter;
siehst Du nicht, das ist nicht er, das ist ein andrer--nimm Dich in
acht!" schrie sie und wollte hin und der Mutter helfen, konnte sich aber
nicht vom Fleck rhren.--Da hrte sie ihren Namen rufen; dann noch
einmal. Und im Nu verschwand Thorbjrn und auch die Mutter. "Ja",
antwortete Synnve und erwachte. "Synnve!" klang es von neuem. "Ja",
rief sie und blickte auf. "Wo bist Du denn?" Das ist Mutter, dachte
Synnve, stand auf und ging auf den Platz zu, wo die Mutter mit einem
Ekorb in der Hand stand, sich mit der anderen die Augen beschattete und
nach ihr ausschaute.

"Hier liegst Du und schlfst auf der kalten Erde?" sagte die
Mutter. "Ich war so mde," antwortete Synnve, "und hatte mich nur
einen Augenblick hingelegt, und da bin ich mit einemmal fest
eingeschlafen."--"Davor mut Du Dich hten, mein Kind----Hier in dem
Korb habe ich Dir etwas mitgebracht; ich habe gestern gebacken, weil
Vater eine lngere Reise machen will." Aber Synnve fhlte, etwas
anderes msse die Mutter hergefhrt haben, und sie meinte nicht ohne
Grund von ihr getrumt zu haben. Karen--so hie ihre Mutter--war, wie
gesagt, klein und schmchtig von Gestalt, hatte blondes Haar, und blaue
Augen, die rastlos umherblickten. Sie lchelte ein wenig, wenn sie
sprach; aber nur wenn sie mit Fremden sprach. Ihr Gesichtsausdruck war
sehr scharf geworden; sie war hastig in ihren Bewegungen und machte sich
immer etwas zu tun.--Synnve bedankte sich fr das Mitgebrachte, nahm
den Deckel vom Korb und wollte nachsehen, was darin war. "Das kannst Du
spter tun", sagte die Mutter; "ich habe wohl bemerkt, da Du Tpfe und
Kbel noch nicht abgewaschen hast; das mut Du immer besorgen, mein
Kind, ehe Du schlafen gehst."--"Ja, das war auch nur heute."--"Komm
jetzt, ich will Dir helfen, da ich doch nun mal hier bin," fuhr Karen
fort, und schrzte sich auf. "Du mut Dich an Ordnung gewhnen, ob ich
Dich nun unter Augen habe oder nicht." Sie ging in die Milchkammer, und
Synnve folgte ihr langsam. Nun nahmen sie die Gefe herunter und
wuschen auf; die Mutter untersuchte, wie die Wirtschaft imstande sei,
fand es nicht schlecht, gab eifrig Anweisungen und half auch Synnve
beim Ausfegen. Und damit vergingen ein oder zwei Stunden. Whrend der
Arbeit hatte sie der Tochter erzhlt, was sie zu Hause gemacht hatten
und wie sie durch die Vorbereitungen fr Vaters Reise in Anspruch
genommen war. Dann fragte sie Synnve, ob sie auch nicht vergessen habe
jeden Abend, vor dem Schlafengehen, in Gottes Wort zu lesen. "Denn das
darf man niemals unterlassen, sonst ist es mit der Arbeit am anderen
Tage schlecht bestellt."

Als sie nun fertig waren, gingen sie hinaus und setzten sich, um auf die
Khe zu warten; und als sie dasaen, fragte die Mutter nach Ingrid; sie
wollte wissen, ob sie nicht bald wieder heraufkomme. Synnve wute nicht
mehr darber als die Mutter. "Ja, so kann es einem Menschen ergehen",
sagte die Mutter und Synnve begriff sofort, da sich das nicht auf
Ingrid bezog; sie wollte gern einem weiteren Gesprch ber diesen
Gegenstand vorbeugen, fand aber nicht den Mut. "Wer unseren Herrgott
nicht im Herzen trgt, der wird an ihn erinnert, wenn er's am wenigsten
erwartet", sagte die Mutter. Synnve erwiderte kein Wort. "Ich habe
immer gesagt: aus dem Burschen wird nichts.--Ist das ein Benehmen?
Pfui!"--Sie hatten sich beide hingekauert und blickten vor sich hin;
aber keine sah die andere an. "Hast Du gehrt, wie es ihm geht?" fragte
die Mutter, und warf ihr einen kurzen Blick zu. "Nein", antwortete
Synnve.--"Es soll schlecht um ihn stehen", sagte die Mutter. Ein Druck
legte sich auf Synnves Brust. "Ist es gefhrlich?" fragte sie. "Ja, der
Messerstich in der Seite;--und dann soll er noch am ganzen Leibe
zerschlagen sein." Synnve fhlte, wie ihr das Blut in das Gesicht
scho; schnell drehte sie sich zur Seite, damit die Mutter es nicht
sehen sollte. "Ja, aber es hat wohl im ganzen nicht viel zu sagen?"
fragte sie so ruhig, wie sie vermochte; doch der Mutter war es
aufgefallen, da Synnves Atem heftig ging, und darum entgegnete sie:
"Ach nein, das wohl nicht." Da dmmerte es Synnve auf, da etwas sehr
Schlimmes passiert war. "Liegt er zu Bett?" fragte sie.--"Ja, natrlich.
Wie mu das seine Eltern treffen,--solch brave Leute. Gut erzogen haben
sie ihn ja auch, so da unser Herrgott nicht mit ihnen darber in das
Gericht gehen kann." Synnve wurde so beklommen zumut, da sie sich kaum
noch fassen konnte. Da fuhr die Mutter fort: "Nun zeigt es sich, wie gut
es war, da sich niemand an ihn gebunden hat. Unser Herrgott lenkt alles
zum besten." Vor Synnves Augen schien sich alles zu drehen; sie glaubte
vom Berg herunterzustrzen.

"Ich habe immer zu Vater gesagt: Gott schtze uns; wir haben nur die
eine Tochter, und fr die mssen wir sorgen. Vater ist ja etwas weich,
so brav er sonst ist; aber da ist es gut, da er sich dort Rat holt, wo
er ihn findet; und das ist in Gottes Wort." Als nun Synnve noch bei all
ihrem Kummer daran denken mute, wie liebevoll ihr Vater immer gegen sie
war, da wurde es ihr immer schwerer, die Trnen hinunterzuwrgen; aber
es ntzte nichts--sie fing zu weinen an.--"Du weinst?" fragte die Mutter
und sah sie an; aber Synnve lie sich nicht richtig ansehen. "Ja, ich
mute an ihn denken, an Vater, und da----", und nun strmten die
Trnen.--"Was hast Du denn nur, mein liebes Kind?"--"Ach, ich wei
selbst nicht recht ... das ist so pltzlich ber mich gekommen ...
vielleicht hat er Unglck auf der Reise", schluchzte Synnve.--"Wie
kannst Du solchen Unsinn reden," sagte die Mutter, "warum soll nicht
alles gut abgehen?--Nach der Stadt und auf ebenen, breiten
Fahrwegen."--"Ja, denke nur ... wie es ihm gegangen ist ... dem andern",
schluchzte Synnve.--"Ja, dem!--Aber Dein Vater fhrt doch nicht wie
toll darauf los, sollt' ich meinen. Der kommt sicher ohne Unfall nach
Hause,--sofern unser Herrgott seine Hand ber ihn hlt."

Die Mutter machte sich ber Synnves Trnen, die gar nicht aufhren
wollten, allmhlich Gedanken. "Es gibt vieles auf der Welt, das schwer
genug zu ertragen ist; aber da mu man sich damit trsten, da noch
Schwereres htte kommen knnen", meinte sie. "Der Trost ist recht
schwach", sagte Synnve und weinte heftig. Die Mutter konnte es nicht
ber das Herz bringen, ihr das zu antworten, was sie dachte; sie sagte
nur: "Unser Herrgott verhngt so manches ber uns auf sichtbare
Weise,--das hat er wohl auch diesmal getan"; dann stand sie auf, denn
die Khe brllten schon auf dem Hang; das Gelut erklang, die Jungen
jodelten, und langsam kam der Zug heran, weil das Vieh satt und ruhig
war. Da bat die Mutter Synnve, ihm mit ihr entgegen zu gehen; Synnve
stand auf und folgte ihrer Mutter; aber sehr langsam.

Karen begrte nun eifrig die Herde;--da kam eine Kuh nach der andern;
die Khe erkannten sie wieder und brllten;--sie streichelte Tier fr
Tier, und freute sich, da sie sich so herausgemacht hatten. "Ja", sagte
sie, "unser Herrgott ist dem nahe, der ihm nah ist." Sie half nun die
Khe hineinbringen; denn es wollte heut mit Synnve gar nicht flecken;
Karen sagte weiter nichts und half ihr auch noch beim Melken, obgleich
sie nun lnger oben bleiben mute, als sie sich vorgenommen hatte. Als
dann noch die Milch durchgeseiht war, machte sie sich fertig, nach Hause
zu gehen; Synnve wollte sie begleiten. "Nein," sagte die Mutter, "Du
bist mde, die Ruhe wird Dir gut tun." Dann ergriff sie den leeren Korb,
gab ihrer Tochter die Hand, blickte sie fest an und sagte dabei: "Ich
komme bald wieder, um zu sehen, wie es Dir geht----halt Dich zu uns und
denke nicht an andere."

Kaum war die Mutter auer Sehweite, da berlegte Synnve, woher sie am
schnellsten einen Boten nach Granliden bekommen knne; sie rief
Thorbjrns jngeren Bruder, um ihn hinunterzuschicken; aber als er kam,
meinte sie, da es doch zu heikel sei, sich ihm anzuvertrauen, und
sagte: "La nur, Du kannst wieder gehen." Sie wollte selbst hinunter;
Gewiheit mute sie haben; es war eine Snde von Ingrid, da sie ihr
gar keine Nachricht zukommen lie. Die Nacht war hell, der Granlidener
Hof nicht so entfernt, da sie den Weg nicht machen konnte, wenn ihr
Herz sie trieb. Whrend sie nun noch dasa und darber nachsann, fate
sie in Gedanken alles zusammen, was ihr die Mutter gesagt hatte, und
fing wieder an zu weinen; aber jetzt zauderte sie nicht mehr, wie sie es
den ganzen Tag ber getan hatte, band sich ein Tuch um und stahl sich
ber einen Schleichweg hinunter, damit es die Jungen nicht merkten.

Je weiter sie kam, desto mehr eilte sie; zuletzt sprang sie den Fusteig
hinab; dabei lsten sich kleine Steine und rollten hinunter. Sie
erschrak. Obgleich sie wute, da das Gerusch nur von den rollenden
Steinen kam, war es ihr doch, als befinde irgendein Wesen sich in der
Nhe; sie mute stehen bleiben und lauschen. Es war aber nichts;
schneller sprang sie talwrts; ihr Fu stie nun gegen einen groen
Stein, der mit dem einen Ende aus dem Wege hervorstak, herausgedrngt
wurde und hinunterflog. Das gab ein Getse, es prasselte in den Bschen;
ihr wurde bange, und um so mehr, als sie nun genau wahrnahm, da etwas
unten auf dem Wege sich aufrichtete und bewegte. Zuerst glaubte sie an
ein Raubtier; sie blieb mit verhaltenem Atem stehen; die Gestalt dort
unten stand gleichfalls still. "Hoi--ho!" hrte sie rufen. Ihre Mutter!
Das erste, was Synnve tat, war, sich schleunigst zu verstecken. Sie
wartete dann eine ganze Zeit, um sich zu vergewissern, ob die Mutter sie
auch nicht erkannt habe und zurckkomme; aber das war nicht der Fall.
Dann wartete sie noch lnger, um die Mutter recht weit voraus zu lassen;
als sie sich nun wieder auf den Weg machte, ging sie vorsichtig, und
bald nherte sie sich dem Hof.

Ihr wurde wieder etwas beklommen ums Herz, als sie ihn erblickte, und
das nahm mehr und mehr zu, je nher sie kam. Der Hof lag in tiefer
Stille; die Arbeitsgerte standen an die Wnde gelehnt, Holz lag
gehauen und aufgestapelt, und die Axt war in den Hackeklotz getrieben.
Sie ging vorbei und hin bis zur Tr; dort machte sie noch einmal Halt,
sah sich um und lauschte; nichts rhrte sich. Und als sie noch dastand
und sich berlegte, ob sie in die Bodenkammer zu Ingrid hinaufgehen
solle oder nicht, da mute sie daran denken, da in ebensolcher Nacht
Thorbjrn vor einigen Jahren in Solbakken gewesen war und ihr die Blumen
eingepflanzt hatte. Hastig zog sie die Schuhe aus und schlich die Treppe
hinauf.

Ingrid bekam einen groen Schreck, als sie erwachte und sah, da es
Synnve war, die sie geweckt hatte.--"Wie geht es ihm?" flsterte
Synnve. Da wurde Ingrid ganz wach, erinnerte sich an alles und wollte
sich erst anziehen, um nicht sofort antworten zu mssen. Aber Synnve
setzte sich auf die Bettkante, bat liegen zu bleiben und wiederholte
ihre Frage.

"Jetzt geht's besser," antwortete Ingrid im Flsterton, "ich komme bald
nach oben zu Dir."--"Liebe Ingrid, Du mut mir nichts verhehlen; Du
kannst mir nichts so Schlimmes erzhlen, das ich mir nicht schon
schlimmer vorgestellt habe." Ingrid versuchte noch sie zu schonen; aber
die Furcht ihrer Freundin zwang ihr die Worte heraus und lie keine Zeit
zu Ausflchten. Geflsterte Fragen, geflsterte Antworten; die tiefe
Stille ringsumher machte beides noch ernster; die Zeit der Unterredung
wurde zu einer feierlichen, zu einer Weihestunde, in der man auch der
herbsten Wirklichkeit gerade in das Auge zu sehen wagt. Doch beide waren
berzeugt, da Thorbjrns Schuld diesmal gering war, und da er nichts
begangen hatte, das sich zwischen ihn und ihr Mitgefhl stellen konnte.
Da weinten sich beide frei aus, aber leise,--und Synnve weinte am
strksten; sie sa ganz zusammengekauert auf der Bettkante. Ingrid
suchte sie durch Erinnerungen aufzuheitern: wie froh und vergngt waren
sie alle drei so manchesmal gewesen! Aber nun passierte es wie so oft,
da jede winzige Erinnerung an Tage voll Sonnenschein in Kummer und
Trnen zerrann.

"Hat er nach mir gefragt?" flsterte Synnve.--"Er hat fast gar nicht
gesprochen."--Pltzlich erinnerte sich Ingrid des Zettels, und das fiel
ihr arg auf die Seele.--"Fllt's ihm zu schwer, zu sprechen?"--"Das wei
ich nicht--er denkt wohl desto mehr."--"Liest er in der Bibel?"--"Mutter
liest ihm vor; jetzt mu sie es alle Tage tun."--"Was sagt er
dann?"--"Er spricht fast gar nicht, hab' ich Dir ja gesagt; er liegt
still da und sieht vor sich hin."--"Liegt er in der bunten
Stube?"--"Ja."--"Mit dem Kopf zum Fenster?"--"Ja." Sie blieben eine
Weile stumm; dann sagte Ingrid: "Das kleine Sankthans-Spiel, das Du ihm
geschenkt hast, hngt am Fenster und dreht sich."

"Jetzt ist mir alles ganz gleich," sagte Synnve pltzlich und
entschieden; "nichts auf der Welt soll mich von ihm trennen; es mag
kommen, wie es will." Ingrid war sehr befangen. "Der Doktor wei noch
nicht, ob er wieder ganz gesund wird", flsterte sie.

Da hob Synnve ihren Kopf und sah Ingrid mit verhaltenem Weinen und
stumm an; dann lie sie ihn wieder sinken und sa in tiefen Gedanken da;
die letzten Trnen rannen ber ihr Gesicht; es folgten keine mehr, sie
faltete die Hnde, verharrte aber sonst regungslos; sie schien einen
groen Entschlu zu fassen. Mit einemmal stand sie auf, lchelte, beugte
sich ber Ingrid und gab ihr einen langen, heien Ku. "Bleibt er siech,
so werde ich ihn pflegen. Jetzt rede ich mit meinen Eltern."

Das rhrte Ingrid tief, aber bevor sie sprechen konnte, fhlte sie, wie
ihre Hand erfat wurde: "Leb' wohl, Ingrid, ich gehe nun wieder allein
zurck."--Und Synnve wandte sich schnell der Tr zu.

"Der Zettel!" flsterte Ingrid ihr nach.--"Was fr ein Zettel?" fragte
Synnve. Ingrid war schon aufgestanden, suchte ihn hervor und brachte
ihn der Freundin; aber whrend sie ihn mit der linken Hand ihr unter
das Brusttuch schob, umschlang sie den Hals Synnves mit der rechten,
gab ihr den Ku wieder, und ihre groen warmen Trnen fielen auf das
Gesicht der Wartenden. Dann drngte Ingrid sie sanft hinaus und schlo
die Tr; sie hatte nicht den Mut, das weitere zu sehen.

Synnve ging langsam die Treppen hinunter, aber da sie zu sehr mit ihren
Gedanken beschftigt war, machte sie unvorsichtigerweise ein lautes
Gerusch dabei, erschrak, lief durch den Flur, griff nach ihren Schuhen
und eilte, den Zettel in der Hand, an den Husern vorbei, ber den
Hofraum und direkt zum Gitter; dort blieb sie stehen, begann den Hang
hinan zu steigen schnell und schneller, denn ihr Blut war in Wallung
geraten. So schritt sie aus, sang leise vor sich hin, lief immer
ungestmer, bis sie zuletzt mde war und sich hinsetzen mute. Da
erinnerte sie sich des Zettels.----

Als die Schferhunde am nchsten Morgen laut wurden, die Hirtenjungen
erwachten und die Khe gemolken und dann herausgelassen werden sollten,
war Synnve noch nicht zurck.

Als die Jungen sich darber wunderten und einander fragten, wo sie wohl
sein knne, und entdeckten, da sie nachts gar nicht in ihrem Bett
gewesen war,--da kam Synnve. Sie war sehr bleich und still. Ohne ein
Wort zu reden, schickte sie sich an, das Frhstck fr die Jungen zu
bereiten, legte ihnen den Vorrat zurecht, den sie fr den Tag mitnehmen
sollten, und half spter beim Melken.

Der Nebel drckte noch auf die niedriger liegenden Hnge, der Tau
glitzerte vom Heidekraut ber die braunrote Felsflche; es war etwas
kalt, und wenn der Hund bellte, erklang ringsherum Antwort. Die Herde
wurde hinausgelassen; die Khe brllten in die frische Luft und Tier auf
Tier zog den Viehsteig hinab; aber dort sa schon der Hund, erwartete
sie und hielt sie solange zurck, bis alle zur Stelle waren; dann lie
er sie weiter ziehen; die Herdenschellen luteten ber die Hnge, der
Hund klffte, so da es widerhallte, und die Jungen wetteiferten im
Jodeln. Aus all diesem Wirrwarr von Tnen ging Synnve fort und hin zu
dem Platz, wo sie und Ingrid frher immer gesessen hatten. Sie weinte
nicht, sondern sa still da, blickte starr vor sich hin und versprte
nur ab und zu etwas von dem vergnglichen Lrm, der sich weit und weiter
entfernte und mit der greren Entfernung besser ineinanderflo. Dabei
fing sie an leise zu singen, dann immer lauter und zuletzt sang sie mit
klarer voller Stimme ein Lied, das sie nach einem anderen, ihr aus der
Kinderzeit bekannten, umgedichtet hatte:

    Hab Dank fr alles, was da geschehn,
    Seit wir als Kinder im Walde spielten.
    Ich dachte, das Spiel sollte weiter gehn,
    Bis wir am Himmelstor hielten.

    Ich dachte das Spiel sollte weitergehn
    Von dort, wo die Birken uns Obdach boten,
    Bis hin, wo die Solbakkenhuser stehn
    Und zu dem Kirchlein, dem roten.

    Ich harrte so manchen Abend hell
    Und lie den Blick an den Tannen hangen;
    Doch Schatten warf das dunkelnde Fjell,
    Und Du, Du kamst nicht gegangen.

    Ich harrte, harrte------die Welt entschlief.
    Ich lauschte, sphte, wieder und wieder,
    Doch die Leuchte schwelte und brannte tief
    Und die Sonne ging auf--und ging nieder.

    Die armen Augen sphten zu viel,
    Sie taten nur immer nach einem schauen,
    Nun wissen sie lngst kein ander Ziel,
    Und brennen unter den Brauen.

    Sie sagen, mir knnte viel Trost geschehen
    Im Kirchlein hinter der Fagerleite;
    Doch bittet mich nicht dorthin zu gehen!
    Er se mir dort zur Seite.

    Doch gut, so wei ich doch, wer es war,
    Der die Hfe tat geneinander legen
    Und junge Augen schuf warm und klar
    Und Wlder durchzog mit Wegen.

    Doch gut, so wei ich doch, wer es war,
    Der jene Kirche dort schuf zum Beten
    Und machte, da sie dort Paar um Paar
    Vor seinen Altar treten.




Siebentes Kapitel


Gute Zeit darauf saen Guttorm und Karen in der groen, hellen Stube in
Solbakken zusammen und lasen sich aus neuen Bchern vor, die sie aus der
Stadt bekommen hatten. Vormittags waren sie in der Kirche gewesen; denn
es war Sonntag,--dann hatten sie einen kleinen Rundgang durch die Felder
gemacht, um zu sehen, wie Saaten und Frchte standen, und um zu
berlegen, was Acker und was Brache im nchsten Jahr werden solle. So
waren sie langsam von einem Stck Land zum andern gewandert, und sie
fanden, da in ihrer Zeit das Gut sich recht gehoben habe. "Gott wei,
was einmal draus wird, wenn wir nicht mehr sind", hatte Karen gesagt;
darauf hatte Guttorm sie aufgefordert, mit ihm nach Hause zu gehen, um
in den neuen Bchern zu lesen: "Denn man tut gut, sich Gedanken, wie Du
sie ausgesprochen hast, fernzuhalten."

Nun hatten sie ein Buch beendet, und Karen war der Ansicht, da die
alten besser seien: "Die neuen sind ja nur aus den alten
abgeschrieben."--"Daran mag etwas Wahres sein; Smund hat heut in der
Kirche zu mir gesagt, da die Kinder auch nur wieder wie die Eltern
sind."--"Ja, Du und Smund, Ihr habt lange genug heute miteinander
geredet."--"Smund ist ein verstndiger Mann."--"Aber ich frchte, er
ist wenig unserm Herrn und Heiland ergeben."--Hierauf antwortete
Guttorm nichts.----"Wo mag denn Synnve jetzt sein?" fragte die
Mutter.--"Oben in ihrer Kammer", antwortete er.--"Du hast ja selbst
vorhin bei ihr gesessen; wie war sie denn?"--"Ach--"--"Du solltest sie
nicht soviel allein lassen."--"Da kam jemand."--Die Frau blieb einen
Augenblick still.--"Wer war's?"--"Ingrid Granliden."--"Ich dachte, sie
ist noch auf der Alm."--"Sie ist heute nach Hause gekommen, weil ihre
Mutter in die Kirche wollte."--"Ja, die hat sich ja auch heute dort mal
sehen lassen."--"Sie hat viel zu tun."--"Das haben andre auch, aber
wohin es einen zieht, dahin kommt er doch."--Guttorm antwortete nicht.
Nach einer Weile sagte Karen: "Auer Ingrid waren heute alle Granlidener
in der Kirche."--"Ja, wohl, um Thorbjrn wieder zum erstenmal
hinzubegleiten."--"Er sah schlecht aus."--"Nicht besser, als zu erwarten
war. Ich habe mich gewundert, da er sich schon soweit erholt
hat."--"Ja, er hat sich mit seiner Torheit viel zugezogen."--Guttorm
blickte vor sich hin: "Er ist doch noch jung."--"Es ist kein fester Kern
in ihm, kein Verla."

Guttorm hatte die Ellbogen auf den Tisch gesttzt, drehte ein Buch in
der Hand, ffnete es, tat, als wenn er darin lese, und lie die Worte
dabei fallen: "Er soll bestimmt wieder ganz gesund werden."--Die Mutter
nahm auch ein Buch zur Hand: "Das wre dem hbschen Burschen wirklich zu
wnschen," sagte sie; "unser Herrgott stehe ihm bei, da er dann bessern
Gebrauch davon macht."--Nun lasen alle beide, dann sprach Guttorm beim
Umblttern: "Er hat sie heut den ganzen Tag nicht angesehen."--"Ja, das
hab' ich auch bemerkt; er blieb still auf seinem Platz, bis sie fort
war." Eine Weile darauf uerte Guttorm: "Glaubst Du, da er sie
vergessen wird?"--"Das wre jedenfalls das Beste."

Guttorm las weiter, seine Frau bltterte.

"Es ist mir weiter nicht angenehm, da Ingrid immer bei ihr sitzt",
sagte sie.--"Synnve hat ja fast keine Menschenseele, mit der sie reden
kann."--"Sie hat uns."--Da blickte Vater Guttorm sie an: "Wir wollen
doch nicht zu streng sein." Seine Frau schwieg; nach einer Weile
erwiderte sie: "Ich habe es ja auch nicht verboten." Der Vater legte das
Buch fort, stand auf und sah aus dem Fenster. "Dort geht Ingrid", sagte
er. Kaum hatte die Mutter das gehrt, so stand sie gleichfalls auf und
lief schnell aus der Stube. Der Vater blieb noch lange am Fenster, dann
drehte er sich um und ging auf und ab; bald kam Karen wieder und stellte
sich vor ihn hin: "Ja, das hab' ich mir gleich gedacht", sagte sie,
"Synnve sitzt oben und weint; aber sowie ich komme, dann kramt sie
unten in ihrer Truhe"; und sie fuhr fort und schttelte den Kopf: "Nein,
es tut nicht gut, da Ingrid bei ihr sitzt."--Dann machte sie sich mit
dem Abendessen zu schaffen und ging hufig durch die Tr aus und ein.
Einmal, als sie gerade drauen war, kam Synnve still und mit etwas
gerteten Augen in die Stube; sie schlpfte leicht an ihrem Vater, dem
sie in das Gesicht sah, vorber und hin zum Tisch, setzte sich und nahm
ein Buch vor. Nach einem Weilchen legte sie es wieder fort und fragte
ihre Mutter, ob sie ihr helfen knne. "Ja, das tu nur," antwortete
Karen, "Arbeit ist fr alles gut."

Synnve bernahm den Tisch zu decken; der stand unweit vom Fenster. Der
Vater, der bisher auf- und abgegangen war, kam nun dorthin und sah
hinaus. "Die Gerste, die der Regen 'runtergedrckt hat, kommt, glaub'
ich, wieder hoch", sagte er. Da stellte sich Synnve neben ihn und sah
mit hinaus. Er wandte sich zu ihr,--seine Frau war gerade in der
Stube--und so strich er nur mit der einen Hand ber Synnves Hinterkopf;
dann nahm er seinen Gang wieder auf.

Sie aen; aber in tiefer Stille; die Mutter sprach an diesem Tage das
Gebet sowohl vor wie nach Tisch; und als alle aufgestanden waren,
wnschte sie, sie sollten nun in der Bibel lesen und zusammen singen:
"Gottes Wort gibt Frieden, und das ist doch im Hause der grte Segen."
Dabei sah sie Synnve an, die mit niedergeschlagenen Augen dastand.
"Jetzt will ich Euch eine Geschichte erzhlen," sprach die Mutter
weiter, "von der jedes Wort wahr ist, und ganz gut fr den, der darber
nachdenken will."----

Und sie erzhlte: "In meiner Jugend lebte in Houg ein Mdchen, die
Enkeltochter eines alten, schriftgelehrten Amtmanns. Er hatte sie, als
sie ganz jung war, zu sich genommen, um in seinem Alter Freude an ihr zu
haben, und so lernte sie natrlich Gottes Wort und gutes Benehmen und
Sitte. Sie fate schnell auf, kam gut vorwrts und berholte im Lauf der
Zeit uns alle; sie konnte schreiben, konnte rechnen, konnte ihre
Schulbcher und fnfundzwanzig Kapitel der Bibel auswendig, als sie
fnfzehn Jahr alt war; dessen erinnere ich mich, als wenn es heute wre.
Sie hielt mehr vom Lernen als vom Tanzen, und war darum selten bei
lauten Festlichkeiten, doch hufiger oben in ihres Grovaters Stube bei
den vielen Bchern zu sehen. Jedesmal, wenn wir mit ihr zusammenkamen,
stand sie da, als wenn sie mit ihren Gedanken gar nicht zu uns gehrte,
und wir sagten uns: 'Wenn wir doch nur so klug wren, wie Karen Hougen!'
Sie sollte den Alten spter beerben, und viele gute Burschen boten sich
an, mit ihr mal auf Teilung zu gehen; aber alle bekamen Krbe. Zur
selben Zeit kam der Pastorssohn aus dem Seminar nach Hause; er hatte
dort nicht gut getan, immer nur Sinn fr wilde Streiche gehabt und mehr
bse Geschichten wie gute im Kopf; jetzt trank er sogar. 'Nimm Dich vor
ihm in acht', sagte der Grovater, 'ich bin viel mit den Vornehmen
zusammen gewesen, und nach meiner Erfahrung ist ihnen weniger zu trauen
als den Bauern.'--Karen hrte immer mehr auf ihn als auf alle
andern--und als sie spter den Pastorssohn traf, ging sie ihm aus dem
Wege; denn er hatte es auf sie abgesehen. Nirgends konnte sie mehr hin,
ohne ihm zu begegnen. 'Geh weg,' sagte sie, 'es hilft Dir doch nichts.'
Aber er lief ihr immer wieder nach, und so geschah es, da sie zuletzt
doch mal stillstehn und ihn anhren mute. Hbsch genug war er; als er
aber zu ihr sagte, da er nicht ohne sie leben knne, da trieb er sie
damit weg. Nun lauerte er ihr auf; fortwhrend umkreiste er ihr Haus,
aber sie kam nicht vor die Tr; nachts stand er unter ihrem Fenster;
aber sie lie sich nicht blicken; er sagte, er werde sich ein Leid
antun; aber Karen wute, was sie wute. Da fing er wieder an, mehr zu
trinken.--'Nimm Dich in acht,' sagte der Alte, 'das ist alles
Teufelslist.'

Eines Tages, als Karen in ihrer Stube war, stand pltzlich, ohne da
man wute, wie er hereingekommen war, der Pastorssohn vor ihr. 'Jetzt
tte ich Dich', sagte er. 'Ja, wenn Du Dich getraust!' antwortete sie.
Da fing er zu weinen an und sagte, da es in ihrer Macht stehe, einen
ordentlichen Menschen aus ihm zu machen. 'Kannst Du ein halbes Jahr das
Trinken lassen?' sagte sie. Und er lie es ein halbes Jahr. 'Glaubst Du
mir jetzt?' fragte er. 'Nicht bis Du Dich ein halbes Jahr allen lauten
Vergngungen fern gehalten hast.' Das tat er. 'Glaubst Du mir jetzt?'
fragte er. 'Nicht, wenn Du jetzt nicht fortreist und Dein Examen
machst.' Auch das tat er, und nach einem Jahr kam er als richtiger
Pastor zurck. 'Glaubst Du mir jetzt?' fragte er und hatte noch dabei
Pastorenmantel und Kragen angelegt. Jetzt will ich Dich ein paarmal
Gottes Wort verkndigen hren.'

Und das tat er klar und rein, wie es einem Pastor ziemt; er redete
ber seine eigene Niedrigkeit, und wie leicht der Sieg sei, wenn man
ernstlich kmpfe, und von der Bedeutung der Worte Gottes, wenn man erst
hin zu ihnen gefunden habe. Dann ging er wieder zu Karen. 'Ja, jetzt
glaube ich, da Du nach der wahren Erkenntnis lebst,' sagte Karen, 'und
nun will ich Dir erzhlen, da ich schon drei Jahre mit meinem Vetter
Andreas Hougen verlobt bin, und am nchsten Sonntag sollst Du uns in der
Kirche aufbieten.'----"

Damit schlo die Mutter. Synnve hatte anfangs gar nicht auf die
Geschichte geachtet; dann aber strker und strker und zuletzt hing sie
frmlich an jedem Wort. "Folgt nichts weiter?" fragte sie sehr bange.
"Nein," antwortete die Mutter. Der Vater sah die Mutter an; da blickte
die Mutter etwas unsicher zur Seite, dann sagte sie nach kurzem
Nachdenken, und fuhr dabei mit den Fingern ber die Tischplatte: "Es mag
wohl noch etwas folgen;----aber das ist ja gleich."--"Folgt noch etwas?"
fragte Synnve und wandte sich zu ihrem Vater, der ihr davon zu wissen
schien.--"Oh--ja; aber wie Mutter sagt: das ist ja gleich."--"Wie erging
es ihm?" fragte Synnve. "Ja, darum handelt sich's ja gerade",
antwortete der Vater und sah die Mutter an; die hatte sich mit ihren
Schultern an die Wand gelehnt und sah beide an.--"Wurde er unglcklich?"
fragte Synnve leise. "Wir machen den Schlu dort, wo er gemacht werden
soll", sagte die Mutter und stand auf; der Vater ebenfalls; Synnve
etwas spter.




Achtes Kapitel


Wieder vergingen einige Wochen, da schickte sich eines Morgens zu frher
Stunde alles in Solbakken zum Kirchgang an; es sollte heute Konfirmation
sein,--in diesem Jahre etwas zeitiger als gewhnlich,--und wie immer bei
solcher Gelegenheit wurden die Huser zugeschlossen; denn alle gingen
mit. Fahren wollten sie nicht; das Wetter war klar, wenn auch in der
Frhe etwas winterlich kalt und rauh; der Tag schien recht schn zu
werden. Der Weg zog sich rund um das Kirchspiel und an Granliden vorbei,
lie den Hof links in kurzer Entfernung liegen und erreichte nach einer
Viertelmeile die Kirche. Das meiste Korn war schon geschnitten und in
Haufen geschichtet; die meisten Khe waren von der Alm getrieben und
gingen kauend an Stricken auf Stoppeln und Gras; die Felder hatten sich
zum zweitenmal begrnt oder schimmerten weigrau; ringsherum dehnte
sich der Wald in seiner Farbenbuntheit; die Birke schon kahler, die Espe
blagoldig, die Eberesche mit vertrockneten, runzligen Blttern, doch
voll roter Beeren. Es hatte einige Tage stark geregnet; das niedre
Gestrpp, das sich an den Wegkanten hoch arbeitete oder im Wegsande
stand und nieste, erschien reingewaschen und frisch. Aber die Felsen
fingen an sich schwerer ber das Land zu neigen, je rger sie der
beutegierige Herbst entkleidete und ihnen ein ernstes Aussehen gab;
wogegen die Felsbche, die im Sommer manchmal nur ein Scheindasein
fhrten, sich wild tummelten und mit groem Lrm herunterfuhren;
besonders wuchtig und prasselnd tat das der Granlidener, und namentlich
unten im Gerll, wo der Fels nicht lnger mit wollte, sondern sich nach
innen zurckzog. Dort nahm der Bach auf dem Gestein einen tchtigen
Anlauf und sprang mit derartigem Jauchzen herunter, da der Fels
erbebte. Gewaschen wurde der fr seine Verrterei, denn der Wasserfall
schickte ihm seine kribblichsten Strahlen gerade ins Gesicht. Einige
neugierige Eisenbsche, die sich dem Abhang genhert hatten und beinahe
fortgeschwemmt wren, schlucksten jetzt krampfhaft im Wassersbade, denn
der Giebach war heut nicht eben sparsam.

Thorbjrn ging mit seinen Eltern, seinen beiden Geschwistern und den
brigen Hausleuten gerade daran vorbei und sah es sich mit ihnen an; er
war wieder ganz zu Krften gekommen und hatte sich schon ebenso tchtig
wie frher an der Arbeit seines Vaters beteiligt; die zwei waren fast
unzertrennlich; so auch heut.--"Ich glaube, hinter uns kommen die
Solbakkener", sagte der Vater. Thorbjrn blickte sich nicht um; aber die
Mutter setzte hinzu: "Jawohl, das sind sie;----aber ich sehe
nicht------sie sind ja auch noch so weit." Entweder gingen nun die
Granlidener schneller, oder die Solbakkener langsamer, denn der Abstand
wurde immer grer und grer; zuletzt verloren sie sich ganz aus den
Augen. Es schienen heut viele Menschen zur Kirche zu wollen; der lange
Weg war ganz schwarz von Fugngern, Fahrenden und Reitern; die Pferde
waren jetzt im Herbst mutig und wenig daran gewhnt, mit anderen
zusammen zu sein; sie wieherten unaufhrlich, und es steckte eine Unruhe
in ihnen, die das Fahren gefhrlich, aber sehr vergnglich machte.

Je mehr sie sich der Kirche nherten, desto greren Lrm machten die
Pferde; jedes, das ankam, wieherte zu den schon dort stehenden hinber;
und diese zerrten am Halfter, trampelten mit den Hinterbeinen und
antworteten den Ankmmlingen. Alle Hunde aus dem Kirchspiel, die in der
Woche aus weiter Ferne auf einander gelauscht, sich gereizt und
angeklfft hatten, trafen sich jetzt vor der Kirche und strzten sich
paarweise oder rudelweise Hals ber Kopf auf die Felder zu einer
gehrigen Balgerei. Die Menschen standen lngs der Kirchenmauer und den
Husern, fhrten Gesprche im Flsterton und sahen sich nur von der
Seite an. Der Weg vor der Mauer war nicht breit, die Huser lagen unweit
von ihr auf der Seite gegenber; und gern standen die Frauen und Mdchen
an der Mauer, die Mnner und Burschen vor den Husern. Erst spter
fanden sie den Mut, zueinander hinberzugehen. Sahen sich Bekannte auf
geringen Abstand, dann taten sie, als shen sie sich nicht, bis nach
altem Brauch die Zeit gekommen war;--es konnte ja passieren, da ein
Ausweichen nicht mglich gewesen, da sie sich begren muten; aber
dann geschah es mit halb abgewandtem Gesicht und knappen Worten; worauf
sich beide Teile mit Vorliebe nach ihren verschiedenen Richtungen
zurckzogen. Als die Granlidener herankamen, wurde es fast noch stiller
wie bisher; Smund hatte nicht viele zu begren, und so ging es schnell
durch die Reihen; aber die Frauen blieben gleich bei den Vordersten
stehen. Deshalb muten die Mnner, als sie zur Kirche wollten, erst
wieder den Weg zurck und zu den Frauen hinber; in demselben Augenblick
fuhren drei Wagen hintereinander, schrfer als alle frher gekommenen,
heran und verlangsamten nicht einmal ihre und Fahrt, als sie in die
Menge einbogen. Smund und Thorbjrn, die beinahe berfahren wurden,
blickten zu gleicher Zeit auf; im ersten Wagen saen Knud Nordhoug und
ein alter Mann; im zweiten seine Schwester und ihr Mann; im dritten die
Eltern, die sich des Hofes begeben hatten. Vater und Sohn sahen sich an.
In Smunds Gesicht vernderte sich kein Zug; Thorbjrn wurde ganz bla;
schnell blickten beide wieder weg und geradeaus; dabei wurden sie die
Solbakkener gewahr, die direkt vor ihnen Halt gemacht hatten, um
Ingebjrg und Ingrid zu begren. Die Ankunft der Wagen hatte ihr
Gesprch abgeschnitten, sie verfolgten mit den Augen die Fahrenden, und
es verging eine Weile, bis sie von ihnen ablassen konnten. Als sie
allmhlich die berraschung verschmerzt hatten und nach einem bergang
suchten, stieen ihre Blicke auf Smund und Thorbjrn, die dastanden und
hinstarrten. Guttorm drehte sich um; aber seine Frau richtete sofort
ihre Augen auf Thorbjrn; Synnve, die fhlte, da er sie ansah, wendete
sich Ingrid zu und nahm sie bei der Hand, um sie zu begren, obgleich
sie es schon einmal getan hatte. Aber alle merkten zu gleicher Zeit, da
ihre Dienstboten und ihre Bekannten ohne Ausnahme sie beobachteten, und
nun schritt Smund direkt hinber und gab Guttorm mit abgewandtem
Gesicht die Hand: "Dank fr das vorige Mal!"--"Dir selber Dank fr das
vorige Mal."--Ebenso sagte seine Frau: "Dank fr das vorige Mal!"--"Dir
selber Dank fr das vorige Mal"; aber sie blickte gar nicht dabei auf.
Thorbjrn ging seinem Vater nach und tat wie er; Smund kam zu Synnve;
sie war die erste, die er ansah; sie sah auch ihn an, verga aber dabei
zu sagen: "Dank fr das vorige Mal"; nun kam Thorbjrn; er sagte nichts;
sie sagte nichts; sie gaben sich die Hand; aber nur ganz lose; keins von
beiden schlug die Augen auf, keins konnte den Fu von der Stelle
bewegen.--"Das wird sicher prchtiges Wetter heut", sagte Karen
Solbakken und behielt rastlos die beiden im Auge. Smund war der erste,
der ihr antwortete: "Jawohl, der Wind treibt die Regenwolken weg."--"Das
ist gut frs Getreide, das noch drauen steht und trockenes Wetter
braucht", sagte Ingrid Granliden und fing an mit den Fingern auf Smunds
Rock herumzubrsten, vermutlich, weil sie glaubte, da er staubig
sei.--"Unser Herrgott hat uns ein gutes Jahr beschert; aber ob alles
richtig unter Dach kommt, das ist noch ungewi", sagte Karen Solbakken
wieder und sah bestndig auf die beiden, die noch immer regungslos
dastanden. "Das kommt auf die Zahl der Arbeitskrfte an", sagte Smund
und stellte sich vor sie hin, da sie nicht dorthin sehen konnte, wohin
sie gern wollte, "ich habe mir gedacht, wenn sich ein paar Hfe
zusammentten, wrd' es besser gehen."--"Sie wollen aber vielleicht das
trockene Wetter zu derselben Zeit ausnutzen", sagte Karen und trat einen
Schritt zur Seite.--"Na ja," sagte Ingebjrg und stellte sich neben
ihren Mann, so da Karen gar nicht dorthin sehen konnte, wohin sie gern
wollte; "aber auf manchen Feldern ist das Korn frher reif als auf
anderen; Solbakken ist uns oft vierzehn Tage voraus."--"Da knnten wir
einander ja gut aushelfen", sagte Guttorm langsam, und nherte sich
einen Schritt. Karen warf ihm einen schnellen Blick zu.--"Es knnte
jedoch auch vielerlei dazwischen kommen", fgte er hinzu.--"So ist es",
sagte Karen und machte einen Schritt nach der einen, dann einen Schritt
nach der anderen Seite, dann noch einen und endlich einen zurck.--"Ja,
oft steht einem vielerlei im Wege", sagte Guttorm nicht ohne seinen Mund
ein klein wenig zum Lachen zu verziehen.--"Wenn das so ist...", sagte
Guttorm; aber seine Frau warf schnell dazwischen: "Menschenkraft reicht
nicht weit; Gottes Kraft ist die grte, sollte ich glauben, und auf ihn
kommt es an."--"Er wird wohl nichts besonderes einzuwenden haben, wenn
wir uns in Solbakken und Granliden bei der Ernte helfen?" sagte Smund.
"Nein," versetzte Guttorm, "dagegen kann er nichts einwenden"; und er
blickte ernst seine Frau an. Die suchte dem Gesprch eine andere Wendung
zu geben. "Heut ist lebhafter Kirchgang," sagte sie; "es tut einem wohl,
die Menschen zu sehen, die zum Gotteshause streben." Keiner schien ihr
antworten zu wollen,--da sprach Guttorm: "Ich glaube wohl, die
Gottesfurcht nimmt zu; jetzt kommen mehr in die Kirche als in der Zeit,
da ich jung war."--"Ja, ja,--das Volk vermehrt sich", sagte Smund.--"Es
sind wohl viele darunter--vielleicht der grte Teil,--die nur die
Gewohnheit hertreibt", erwiderte Karen Solbakken.--"Vielleicht die
jngeren", sagte Ingebjrg; und Smund darauf: "Die wollen sich wohl
gern hier treffen."--"Habt Ihr gehrt, da sich der Pastor um eine
andere Pfarre beworben hat?" sagte Karen und suchte dem Gesprch
abermals eine Wendung zu geben. "Das wre schlimm," versetzte Ingebjrg,
"er hat alle meine Kinder getauft und auch konfirmiert."--"Nun soll er
sie wohl auch noch erst trauen?" fragte Smund und bi auf einen Span,
den er gefunden hatte.--"Ich wundere mich,--der Gottesdienst mu doch
bald anfangen", sagte Karen und sah nach der Kirchentr.--"Ja, hier
drauen ist es heut hei", antwortete Smund.--"Komm, Synnve, wir
wollen jetzt hineingehen."--Synnve fuhr zusammen; denn sie hatte gerade
mit Thorbjrn gesprochen.--"Willst Du nicht warten, bis es lutet?"
sagte Ingrid und schielte verstohlen nach Synnve; "dann knnen wir alle
zusammengehen", setzte sie zu. Synnve wute nicht, was sie antworten
sollte. Smund drehte sich um und sah sie an. "Wart's ab, dann lutet es
bald--fr Dich", sagte er. Synnve wurde ganz rot; ihre Mutter sandte
Smund einen bsen Blick; aber der lchelte ihr zu: "Das wird so, wie
unser Herrgott will; hast Du das nicht vorhin selbst gesagt?"--Und dann
schlenderte er voraus, auf die Kirche zu; die anderen folgten ihm.

Vor der Kirchentr entstand ein Gedrnge und bei nherer Untersuchung
fand es sich, da sie noch gar nicht offen war. Gerade als einige
fortgingen, um nach dem Grund zu fragen, wurde sie aufgemacht, und die
Menschen strmten hinein; aber etliche gingen wieder zurck, wodurch die
Herankommenden voneinander getrennt wurden. Oben an der ueren Wand der
Kirche standen zwei Mnner im Gesprch; der eine von ihnen,--gro und
derb, mit blondem, aber struppigem Haar und einer Stumpfnase,--das war
Knud Nordhoug; als er die Granlidener unweit vor sich sah, brach er das
Gesprch ab; es wurde ihm etwas wunderlich zumut,--aber er blieb stehen.
Smund mute gerade an ihm vorbei, und tat's nicht, ohne ihm einige
Blicke zuzuwerfen; Knud schlug die Augen nicht nieder; aber sie
flackerten doch etwas. Dann kam Synnve; und sobald sie unerwartet Knud
vor sich sah, wurde sie leichenbla. Da schlug Knud die Augen nieder und
trat von der Wand zurck, um fortzugehen. Er hatte kaum ein paar
Schritte gemacht, da sah er vier Gesichter, deren Augen auf ihn
gerichtet waren; Guttorm und seine Frau, Ingrid und Thorbjrn. Verwirrt
wie er war, ging er direkt auf sie zu, so da er bald wider Wissen und
Willen fast Kopf an Kopf mit Thorbjrn stand; erst schien er sich
beiseite drcken zu wollen; aber der Menschen wegen, die kamen und
gingen, machte sich das nicht so leicht. Ihre Begegnung erfolgte gerade
auf den Steinflieen vor dem Kircheneingang; oben auf der Schwelle der
Vorhalle war Synnve stehen geblieben; Smund etwas hinter ihr; sie
konnten von ihrem hheren Platz aus deutlich von allen drauen gesehen
werden und alle sehen. Fr Synnve war alles andere versunken; sie
starrte nur auf Thorbjrn; ebenso Smund, seine Frau, das Ehepaar aus
Solbakken und Ingrid. Das merkte und fhlte Thorbjrn; er stand wie
festgenagelt; aber Knud dachte, da er jetzt etwas tun msse, und darum
streckte er die eine Hand etwas vor, aber er sagte nichts. Auch
Thorbjrn streckte eine Hand vor; aber nicht soweit, da sich die Hnde
beider fassen konnten. "Dank fr..." fing Knud an, besann sich jedoch
schnell, da dieser Gru nicht recht hierher pate, und trat einen
Schritt zurck. Thorbjrn sah hoch, sein Blick traf Synnve, die wei
wie Schnee war. Er tat einen tchtigen Schritt vorwrts, ergriff krftig
Knuds Hand und sagte, soda es die Nchsten hren konnten: "Dank fr das
vorige Mal--das kann uns beiden eine gute Lehre gewesen sein."

Knud gab einen Laut, ungefhr wie einen Schluckser, von sich und
versuchte zwei- oder dreimal etwas zu sagen; aber es gelang ihm nicht.
Thorbjrn hatte nichts mehr zu sagen und wartete--er sah nicht auf; er
wartete nur. So fiel kein Wort mehr zwischen beiden, doch wie Thorbjrn
noch immer dastand und dabei sein Gesangbuch in den Hnden herumdrehte,
fiel es zur Erde. Sofort bckte sich Knud, hob es auf und reichte es
ihm. "Ich danke Dir", sagte Thorbjrn, der sich gleichfalls gebckt
hatte; er blickte auf, aber da Knud wieder zu Boden schaute, dachte
Thorbjrn: das beste ist, ich gehe jetzt. Und dann ging er.

Die anderen gingen ebenfalls, und als sich Thorbjrn hingesetzt hatte
und eine Weile darauf zu den Frauen hinbersah, traf sein Blick
Ingebjrg, die ihm mtterlich zulchelte, und Karen Solbakken, die
sicher darauf gewartet hatte, er mge hinbersehen; denn sobald er sie
ansah, nickte sie ihm dreimal zu; und als ihn dies stutzig machte,
nickte sie wieder dreimal, und noch freundlicher als zuvor.--Vater
Smund flsterte ihm in das Ohr: "Das habe ich mir gleich gedacht." Das
Einleitungsgebet war gesprochen, das erste Lied aus dem Gesangbuch
gesungen, schon stellten sich die Konfirmanden auf, da erst flsterte
Smund wieder: "Aber dem Knud wird's nicht leicht, gut zu sein; lasse es
immer recht weit von Granliden nach Nordhoug bleiben."

Die Konfirmation begann; der Pastor trat hervor, und die Kinder stimmten
das Einsegnungslied von Kingo an. Wenn nun dieser Kinderchor und nur
dieser Kinderchor so voll Vertrauen und so hell singt, dann werden die
lteren Leute sehr gerhrt, und besonders diejenigen, die ihre eigene
Konfirmation noch frischer im Gedchtnis haben. Wenn dann tiefe Stille
eintritt, und der Pastor, seit mehr als zwanzig Jahren derselbe, der fr
jeden einzelnen immer eine schne Stunde brig gehabt hatte, da er ihn
auf ein Hheres hingewiesen,--wenn dieser Pastor die Hnde faltet und zu
reden anhebt, dann wchst die Rhrung in der Gemeinde. Und den Kindern
kommen die Trnen, wenn er sich an die Eltern wendet und sie auffordert,
fr ihre Kinder zum lieben Gott zu beten. Thorbjrn, der vor kurzem dem
Tode nahe gewesen und unlngst noch geglaubt hatte, er werde sein
Lebenlang siech bleiben, weinte heftig, besonders als die Kinder ihr
Gelbde ablegten, und alle in der tiefsten berzeugung, da sie es auch
halten knnten. Er sah nicht ein einzigesmal zu den Frauen hinber; aber
nach dem Gottesdienst ging er zu Ingrid und flsterte ihr etwas ins Ohr;
dann ging er schnell durch das Gedrnge hinaus. Einige wollten wissen,
da er ber den Hgel dem Walde zu statt auf der Fahrstrae geschritten
sei; aber sicher wuten sie es auch nicht. Smund suchte ihn, gab es
aber auf, als er entdeckte, da Ingrid ebenfalls fort war; dann suchte
er die Solbakkener; Guttorm und Karen liefen berall herum und fragten
jeden nach Synnve; aber zufllig hatte keiner sie gesehen. Da zogen sie
nach Hause, jedes Ehepaar fr sich, doch ohne ihre Kinder.

Doch weit vorn auf der Strae gingen Synnve wie auch Ingrid. "Fast tut
es mir leid, da ich mitgekommen bin", sagte jene.--"Jetzt ist es nicht
mehr so gefhrlich; Vater wei es ja", antwortete die andere.--"Aber er
ist doch nicht mein Vater", sagte Synnve. "Wer wei?" entgegnete
Ingrid--und dann sprachen sie nicht mehr darber.--"Hier sollten wir ja
warten", sagte Ingrid, als sie bei einer scharfen Wegkante an einen
dichten Wald kamen.--"Er hat einen weiten Umweg zu machen", versetzte
Synnve.--"Er ist aber schon da", fgte Thorbjrn hinzu, der hinter
einem groen Stein gestanden hatte und nun hervortrat.

Er hatte sich alles, was er sagen wollte, fix und fertig im Kopf zurecht
gelegt, und er hatte nicht wenig zu sagen. Aber heut sollte es auch
frisch heraus, weil sein Vater es wute und damit einverstanden war; das
glaubte Thorbjrn nach den Vorgngen heute bei und in der Kirche
bestimmt annehmen zu knnen. Den ganzen Sommer hatte er sich nach einer
Aussprache gesehnt, und da mute er doch heute freier reden knnen als
frher!

"Am besten gehen wir wohl auf dem Waldweg," sagte er, "da kommen wir
rascher vorwrts." Die beiden Mdchen sagten nichts, aber folgten ihm.
Eigentlich hatte er sofort mit Synnve reden wollen; aber dann wollte er
doch lieber bis jenseits des Hgels warten, und dann, bis sie den Sumpf
hinter sich hatten; dort aber meinte er, sie mten erst weiter in den
Wald hineinkommen. Ingrid, die recht gut merkte, da die entscheidenden
Worte zwischen den beiden nicht flott in Flu gerieten, verlangsamte
ihre Schritte, und blieb mehr und mehr zurck, bis sie schlielich nicht
mehr zu sehen war. Synnve tat, als merke sie das nicht, bckte sich
hier und da nach einer Beere am Wegsaum, und pflckte sie.

"Das mte doch merkwrdig zugehen, wenn ich nicht mit der Sprache
heraus knnte," dachte Thorbjrn, und so sagte er: "Schnes Wetter
heute."--"Recht schnes Wetter", antwortete Synnve. Sie schritten ein
Stckchen weiter, sie suchte Beeren--und er, er ging daneben.--"Das war
hbsch von Dir, da Du mitgekommen bist", sagte er dann; sie entgegnete
nichts.--"Wir haben einen sehr langen Sommer gehabt", fing er wieder an;
aber darauf antwortete sie gar nichts.--Nein, solange wir gehen, dachte
Thorbjrn, kommen wir nicht ordentlich zum Reden. "Wollen wir nicht auf
Ingrid warten?" fragte er.--"Ja, das wollen wir", entgegnete Synnve und
blieb stehen. Hier gab es keine Beeren, und so konnte sie sich auch
nicht danach bcken; das hatte Thorbjrn ganz gut gesehen; aber Synnve
pflckte einen langen Grashalm, und nun stand sie da und zog die Beeren
auf dem Halm auf.

"Heute mute ich immer an die Zeit denken, wie wir zusammen zur
Konfirmation gegangen sind", sagte er. "Daran mute ich auch immer
denken", erwiderte sie.--"Seitdem ist eine Menge passiert"--und da sie
still blieb, fuhr er fort: "aber meistens Geschichten, die wir nicht
erwartet haben." Synnve hatte viel mit Halm und Beeren zu tun und mute
den Kopf dabei senken; er trat einen Schritt vor sie hin, um ihr in das
Gesicht zu sehen; doch als ob sie's merke, vernderte sie ihre Stellung
so, da er gezwungen wurde, sich wieder anders zu drehen. Da bekam er
fast Angst, da er seine Angelegenheit nicht vorwrts bringe. "Synnve,
Du hast mir doch etwas zu sagen?" Sie sah auf und lachte. "Was soll ich
Dir zu sagen haben?" Er gewann seinen alten Mut wieder und wollte sie
umfassen; aber als er ihr nahe kam, traute er sich nicht recht und
fragte nur ganz geduckt: "Ingrid hat doch mit Dir geredet?"--"Ja",
antwortete sie. "Dann mut Du auch etwas wissen", sprach er weiter. Sie
schwieg. "Dann mut Du auch etwas wissen", wiederholte er, und trat noch
einmal auf sie zu. "Du mut wohl auch etwas wissen", entgegnete
sie;--ihr Gesicht konnte er nicht sehen. "Ja", sagte er, und wollte ihre
eine Hand fassen; aber sie war gerade zu sehr mit dem Halm beschftigt.
"Dumme Geschichte das," sagte er, "Du machst mich immer
kleinmtig."--Weil er nicht bemerken konnte, da sie darber lchelte,
wute er nicht, wie er fortfahren sollte. "Kurz und gut," stie er
pltzlich mit starker, aber doch etwas unsicherer Stimme vor: "Was hast
Du mit dem Zettel gemacht?" Sie antwortete nicht; wandte sich aber ab.
Er folgte ihrer Bewegung, legte die eine Hand auf ihre Schulter und
neigte sich ihr zu: "Antworte mir", flsterte er.----"Ich hab' ihn
verbrannt."----

Er nahm sie und drehte sie zu sich hin, aber als er sah, da ihr die
Trnen in die Augen traten, da blieb ihm nichts anderes brig als sie
loszulassen;--das ist doch rgerlich, da ihr die Trnen so locker
sitzen, dachte er. Mit einem Mal sagte sie;--jedoch ganz leise: "Warum
hast Du den Zettel geschrieben?"--"Das hat Ingrid Dir ja gesagt."--"Ja
wohl; aber--sehr bse und hart war's von Dir."--"Vater hat's
gewollt."--"Trotzdem--"--"Er hat geglaubt, ich wrde mein ganzes Leben
lang ein kranker Mensch bleiben; aber jetzt bin ich soweit, da ich fr
Dich sorgen kann", sagte er.

Ingrid erschien unten am Hgel, und da machten sich die beiden wieder
auf den Weg.

"Damals, als ich glaubte, ich knnte Dich nicht mehr kriegen, warst Du
mir am nchsten", sprach er.--"Wenn man allein ist, geht man prfend in
sich", erwiderte sie.--"Ja, da zeigt sich's am besten, wer die grte
Macht ber uns hat", sagte Thorbjrn und schritt ernst neben ihr her.

Jetzt pflckte sie keine Beeren mehr. "Willst Du ein paar haben?" fragte
sie und reichte ihm den Halm hin. "Danke", antwortete er und hielt ihre
Hand fest. "Dann ist es wohl besser, es bleibt beim alten", brachte er
mit etwas schwankender Stimme hervor.--"Ja", flsterte sie unhrbar, und
wandte den Kopf ab; nun gingen sie weiter, und solange sie schwieg,
traute er sich nicht, sie zu berhren oder mit ihr zu sprechen; aber
sein ganzer Krper wurde mit einemmal so leicht, so leicht--und beinahe
wre er hingepurzelt. Vor seinen Augen flimmerte und brannte es; und da
Synnve und er nun auf einen Hgel kamen, von dem sie Solbakken gut
bersehen konnten, war es ihm, als sei er sein ganzes Leben dort drben
zu Hause gewesen, und habe Heimweh dahin gehabt. "Ich gehe gleich mit
ihr hinber," dachte er, schritt aus, und schpfte sich aus dem Bilde,
das sich ihm bot, immer neuen Mut, so da sein Vorsatz sich mit jedem
Schritt befestigte. "Vater hilft mir," dachte er; "ich ertrag's nicht
lnger", und er ging schnell und schneller, immer geradeaus. Kirchspiel
und Hof lagen in hellem Licht. "Ja, heute! Nicht eine Stunde wart' ich
lnger," und er fhlte sich so stark, da er im Augenblick nicht wute,
wie er das bettigen solle.

"Du reit mir ja beinah aus," hrte er eine sanfte Stimme hinter sich
rufen. Es war Synnve; vergebens hatte sie versucht, ihm nachzukommen,
und mute es jetzt aufgeben. Er schmte sich recht, kehrte um, ging mit
ausgestreckten Armen auf sie zu und dachte: jetzt will ich sie mal
gleich hoch in die Luft schwenken; aber als er bei ihr war, lie er es
lieber bleiben. "Ich gehe zu schnell", sagte er. "Ja, viel zu schnell",
antwortete sie.

Nun waren sie der Landstrae nahe; Ingrid, die in der ganzen Zeit
unsichtbar geblieben, war auf einmal dicht hinter ihnen. "Nun drft Ihr
nicht lnger zusammengehen", sagte sie. Das war Thorbjrn etwas zu frh,
er erschrak; auch Synnve wurde etwas beklommen. "Ich habe Dir noch so
viel zu sagen", flsterte er. Sie konnte ein leichtes Lcheln nicht
unterdrcken. "Ja, ja," sagte er, "das nchste Mal"--und ergriff ihre
Hand.

Mit klarem, vollem Blick sah sie zu ihm auf; ihm wurde ganz warm, und
wieder scho ihm der Gedanke durch den Kopf: "Ich gehe gleich mit ihr."
Da zog sie behutsam ihre Hand zurck, wandte sich ruhig zu Ingrid, sagte
ihr Lebewohl und schritt langsam zur Strae hin. Und er, er blieb, wo er
war.

Die Geschwister gingen durch den Wald nach Hause. "Habt Ihr Euch
ausgesprochen?" fragte Ingrid.--"Nein, der Weg war zu kurz", antwortete
er; aber ging so schnell, als ob er nichts mehr hren wolle.

"Na?" sagte Smund und sah vom Mittagessen auf, als die Geschwister in
die Stube traten. Thorbjrn antwortete nicht; er ging zu der Bank der
gegenberliegenden Wand, vermutlich, um seinen Rock auszuziehen; Ingrid
ging ihm nach und kicherte. Smund fing wieder an zu essen, blickte
dann und wann auf Thorbjrn, tat dabei, als sei er mit dem Essen sehr
beschftigt, lachte leise vor sich hin und a weiter. "Komm her und i,"
rief er, "sonst wird das Essen kalt."--"Danke, ich habe keinen Hunger",
antwortete Thorbjrn und setzte sich. "So?"--und Smund a. Nach einem
Weilchen sagte er: "Ihr wart ja heut mit einemmal aus der Kirche."--"Wir
hatten mit jemand zu reden", erwiderte Thorbjrn und hockte mit krummem
Buckel.--"Na, habt Ihr denn mit ihm geredet?"--"Das wei ich fast selber
nicht", versetzte Thorbjrn.--"Den Teufel auch", brummte Smund und a.
Es dauerte nicht lange mehr, da war er fertig und stand auf; er ging zum
Fenster, blieb stehen und sah hinaus; bald darauf drehte er sich um:
"Du, komm, wir wollen ein bichen aus und uns die Felder besehen."
Thorbjrn stand auf. "Nein, zieh Dir erst den Rock an." Thorbjrn, der
in Hemdsrmeln dagesessen hatte, nahm einen alten Arbeitsrock, der
hinter ihm hing.--"Siehst Du nicht, da ich den guten anhabe?" rief
Smund. Nun zog Thorbjrn auch seinen Sonntagsrock an. Dann gingen sie
fort; Smund voran, Thorbjrn hinterher.

Sie nahmen die Richtung der Fahrstrae. "Wollen wir nicht zur Gerste?"
fragte Thorbjrn. "Nein, zum Weizen", antwortete Smund. Gerade als sie
auf die Strae kamen, fuhr ein Wagen langsam auf sie zu. "Der Wagen ist
aus Nordhoug", sagte Smund.--"Das Jungvolk von Nordhoug sitzt drin",
fgte Thorbjrn hinzu; Jungvolk bedeutet nmlich das junge Paar.

Der Wagen hielt, als die Granlidener herankamen. "Wirklich ein Staat von
Frauenzimmer ist die Marit Nordhoug", flsterte Smund, und wandte kein
Auge von ihr; sie sa etwas zurckgelehnt im Wagen und hatte ein Tuch
lose um den Kopf, ein andres um den Nacken und die Brust geschlungen;
sie blickte steif vor sich hin und auf die beiden Fugnger. Der Mann
sah sehr bla und mager und noch sanfter als frher aus, etwa wie
einer, der Kummer hat und sich ihn nicht vom Herzen reden kann.

"Ihr seid wohl aus, um nach dem Korn zu sehen?" fragte er.--"Das will
ich meinen", antwortete Smund.--"Gut steht's dies Jahr."--"Hat schon
schlechter gestanden."--"Ihr kommt heute spt zurck", sagte
Thorbjrn.--"Hatte zu vielen Adieu zu sagen."--"Was?--willst Du denn
verreisen?" fragte Smund.--"Ja, das will ich, ja."--"Weit?"--"Ach,
ja."--"Wie weit denn?"--"Nach Amerika."--"Nach Amerika?" riefen die
beiden Granlidener auf einmal. "Ein Mann, der sich eben erst verheiratet
hat!" setzte Smund hinzu. Der Mann lchelte. "Ich glaube, ich bleibe
von wegen meinem Fu hier, sprach der Fuchs, da sa er im Eisen fest."
Marit sah ihn und darauf die anderen an; eine leichte Rte flog ber ihr
Gesicht; aber kein Zug vernderte sich.--"Die Frau geht wohl mit?"
fragte Smund.--"Nein, das tut sie nicht."--"In Amerika soll man's
leicht zu was bringen", sagte Thorbjrn,--er hatte die Empfindung, das
Gesprch drfe nicht stocken.--"Na, ja", sagte der Mann.--"Aber Nordhoug
hat doch guten Boden und ist gro", versetzte Smund.--"Es sind zu viele
drauf", antwortete der Mann; seine Frau sah ihn wieder an. "Der eine
steht dem andern im Wege", fgte er hinzu.

"Glckliche Reise!" sagte Smund und gab ihm die Hand. "Gott lasse Dich
finden, was Du suchst."

Thorbjrn blickte seinem Schulkameraden lange und fest in die Augen:
"Ich mchte spter noch mit Dir reden", sagte er.--"Es tut einem gut,
wenn man mit jemand reden kann", antwortete der Mann und schrapte mit
dem Peitschenstiel auf dem Boden des Wagens.

"Komm doch mal zu uns", sagte Marit; und Thorbjrn und Smund sahen fast
verdutzt die Frau an; es war ihnen immer wieder etwas Neues, da sie
eine so sanfte Stimme hatte.

Das Paar fuhr weiter; langsam rollte der Wagen dahin; eine kleine
Staubwolke umkreiste ihn, die Abendsonne senkte ihre Strahlen gerade
auf ihn herunter; vom dunklen Friesrock des Mannes hoben sich flimmernd
und schimmernd die seidenen Tcher der Frau ab;--ein Hgel kam; der
Wagen verschwand.

----Lange schritten Vater und Sohn nebeneinander her, bis einer ein Wort
sprach. "Ich glaube, ich irre mich nicht; es wird lange dauern, bis der
wiederkommt", meinte Thorbjrn, und Smund antwortete: "Ist auch das
beste, wenn einer sein Glck nicht im Lande gefunden hat."--Und sie
schritten wieder stumm weiter. "Du gehst ja am Weizen vorbei", rief
Thorbjrn. "Den besehen wir uns auf dem Rckweg";--und sie schritten
weiter. Thorbjrn mochte nicht recht fragen wohin; denn die Granlidener
Feldmark lieen sie hinter sich.




Neuntes Kapitel


Als Synnve rot im Gesicht und atemlos eintrat, waren Guttorm und Karen
Solbakken schon mit dem Essen fertig. "Aber liebes Kind, wo bist Du denn
gewesen?" fragte die Mutter.--"Ich bin mit Ingrid etwas
zurckgeblieben", antwortete Synnve, und knpfte sich gemach ein paar
Tcher ab; der Vater suchte im Schrank nach einem Buch. "Was habt Ihr
denn solange zu reden gehabt?"--"Ach, nichts besonderes."--"Dann war' es
besser gewesen, Du httest auf dem Kirchgang keinen Umweg gemacht."--Sie
stand auf und stellte der Tochter zu essen hin. Nachdem Synnve sich an
den Tisch gesetzt hatte, fragte die Mutter, die ihren Platz ihr
gegenber wieder eingenommen hatte: "Hast Du vielleicht noch mit andern
geredet?"--"Ja, noch mit manchem", antwortete Synnve.--"Das Kind mu
doch mit Leuten reden", sagte Guttorm. "Gewi mu sie das," versetzte
die Mutter etwas sanfter; "aber sie htte doch mit ihren Eltern gehen
knnen."--Darauf bekam sie keine Antwort.

"Das war ein herrlicher Kirchgang heut," fing sie wieder an, "die
Jugend in der Kirche tut einem gut."--"Man denkt an seine eignen
Kinder", setzte Guttorm hinzu.--"Da hast Du recht," sagte die Mutter,
und seufzte; "keiner wei, wie es ihnen mal gehen wird." Guttorm sprach
lange kein Wort. "Wir haben Gott herzlich dafr zu danken," sagte er
endlich, "da er uns eines gelassen hat." Die Mutter wischte mit den
Fingern ber den Tisch und blickte nicht auf; "sie ist doch unsere
grte Freude", sprach sie leise; "sie ist auch nicht aus der Art
geschlagen", fgte sie noch leiser hinzu. Es entstand eine lange Pause.
"Ja, sie hat uns immer groe Freude gemacht," sagte Guttorm, und etwas
spter mit weicher Stimme: "Gott schenke ihr Glck!"--Die Mutter wischte
mit den Fingern ber den Tisch; eine Trne fiel darauf, und sie wischte
sie weg.--"Warum it Du denn nicht?" fragte Guttorm, als er nach einem
Weilchen aufblickte.--"Danke, ich bin satt", antwortete Synnve. "Aber
Du hast ja noch gar nichts gegessen," sagte nun auch die Mutter, "und Du
hast einen so weiten Weg gemacht."--"Ich kann nicht", entgegnete Synnve
und zupfte eifrig am Zipfel ihres Brusttuchs.--"I, mein Kind",
wiederholte der Vater.--"Ich kann nicht", sagte Synnve abermals und
fing zu weinen an.--"Aber, liebes Kind, warum weinst Du denn?"--"Ich
wei nicht", und sie schluchzte. "Sie weint so leicht", sagte die
Mutter, der Vater stand auf und ging an das Fenster. "Dort kommen zwei
Mnner auf den Hof zu", sagte er. "Was? jetzt am spten Nachmittag?"
fragte die Mutter und ging auch an das Fenster. Sie sahen lange hinaus.
"Wer kann denn das blo sein?" sprach sie, aber nicht gerade, als ob sie
fragen wollte. "Ich wei nicht", versetzte Guttorm, und sie sahen und
sahen. "Das verstehe ich nicht recht", sagte sie.--"Ich auch nicht",
sagte er.--"Aber sie mssen es doch sein", sagte sie endlich.
"Allerdings", bekrftigte Guttorm. Die Mnner kamen nher und nher; der
ltere blieb stehen und blickte zurck; der jngere gleichfalls; dann
schritten sie weiter.

"Verstehst Du, was sie wollen?" fing Karen wieder an, in demselben Ton
wie vorhin. "Nein, das versteh' ich nicht", versetzte Guttorm. Die
Mutter drehte sich um, ging zum Tisch, nahm das Geschirr ab und rumte
etwas auf. "Du mut Deine Tcher wieder umbinden," sprach sie zu
Synnve; "es kommt Besuch."

Kaum hatte sie zu Ende gesprochen, da ffnete Smund die Tr und trat
ein; Thorbjrn hinter ihm. "Gesegnete Mahlzeit", sagte Smund, blieb
einen Augenblick an der Tr stehen und trat dann langsam ein, um jeden
einzelnen zu begren; Thorbjrn folgte. Sie kamen zuletzt zu Synnve,
die noch in einer Ecke mit dem Tuch in der Hand stand, nicht wute, ob
sie es umbinden sollte, ja, kaum wute, ob sie es in der Hand hielt.
"Nehmt Platz, wo Ihr wollt", sagte die Frau. "Danke, der Weg hier
herber ist nicht weit gewesen", antwortete Smund, setzte sich aber
doch; Thorbjrn neben ihn. "Ihr wart ja heut nach der Kirche mit
einemmal fort", sagte Karen. "Wir haben Euch gesucht", antwortete
Smund. "Heut waren viele Menschen da", sagte Guttorm. "Sehr viele
Menschen," wiederholte Smund, "es war ein schner Kirchtag."--"Ja, wir
haben eben davon gesprochen", sagte Karen.--"Es ist einem bei solcher
Konfirmation so wunderlich zumute, wenn man selber Kinder hat", fgte
Guttorm hinzu. Seine Frau rckte auf der Bank etwas ab. "Ja, freilich,"
sagte Smund, "da denkt man ernstlich ber sie nach,--und deshalb habe
ich mich hierher auf den Weg gemacht", sprach er weiter, sah sich fest
und sicher um, nahm den Kautabak aus dem Mund, schob ein anderes Stck
hinein, und legte das alte behutsam in eine Messingdose. Guttorm, Karen
und Thorbjrn sahen unruhig hierhin und dorthin.--"Ich dachte mir, ich
mte mit Thorbjrn mal hergehen," begann Smund langsam; "allein htte
er es wohl sobald nicht fertig gekriegt und htte sich auch allein nicht
gut Bescheid holen knnen", dabei blinzelte er zu Synnve hinber, die
das merkte. "Die Sache liegt nun so, da er seinen Sinn auf sie
gerichtet hat, auf sie, die Synnve, seit der Zeit, da er Verstand
genug fr so etwas hatte; und es liegt wohl ebenfalls einigermaen so,
da sie auch ihren Sinn auf ihn gerichtet hat. Und da meine ich, ist es
das beste, wenn die beiden fr immer zusammenkommen. Damals, als ich
sah, da er sich selber nicht im Zaum halten konnte, geschweige denn
andere, da war ich wenig dafr. Aber jetzt glaube ich, ich kann fr ihn
brgen; und kann ich's nicht, so kann sie's; denn sie hat die grte
Macht ber ihn.--Was meint Ihr also dazu? Wollen wir sie zusammentun?
Das hat ja weiter keine groe Eile, aber ich wei auch nicht, warum wir
noch damit warten wollen. Du, Guttorm, bist ein Mann mit Vermgen; meins
ist kleiner und geht mal spter in mehrere Teile; aber ich denke, die
Sache lt sich doch machen. Jetzt sagt also Eure Meinung frei heraus;
das Mdchen frage ich zuletzt, denn ich glaube, ich wei, was sie will!"

Also sprach Smund. Guttorm sa krumm auf der Bank, legte abwechselnd
eine Hand ber die andere und machte mehrmals Miene, sich aufzurichten,
indem er jedesmal strker Atem holte; aber erst nach dem vierten- und
fnftenmal bekam er den Rcken gerade, strich mit der Hand ber das
Knie, und sah seine Frau an, streifte aber gleichzeitig Synnve mit den
Blicken. Karen sa am Tisch und wischte mit den Fingern darber hin.
"Nun ja--das ist ein schner Antrag", sagte sie. "Ja, ich meine, wir
sollen ihn mit Dank annehmen", sagte Guttorm laut, und seiner Stimme war
eine betrchtliche Erleichterung anzuhren; dann sah er von seiner Frau
fort und auf Smund, der die Arme gekreuzt und den Rcken an die Wand
gelehnt hatte. "Wir haben nur die eine Tochter," sagte Karen, "wir
mssen's uns erst berlegen."--"Dem steht weiter nichts im Wege,"
erwiderte Smund, "aber ich wei nicht, warum Ihr nicht gleich antworten
knnt, brummte der Br, als er den Bauern gefragt hatte, ob er nicht
seine Kuh kriegen knne."--"Gewi knnen wir gleich antworten",
versetzte Guttorm und sah seine Frau an. "Thorbjrn kann aber manchmal
so wild sein", sagte sie, blickte jedoch nicht auf. "Das hat sich
gebessert," erwiderte Guttorm; "Du weit, was Du heut selber gesagt
hast!"----Das Ehepaar sah sich abwechselnd an; das dauerte eine volle
Minute. "Knnten wir uns auf ihn verlassen", sagte die Frau. "Ja,"
ergriff nun Smund wieder das Wort, "was das betrifft, kann ich nur
sagen, was ich vorhin gesagt habe; mit der Fahrt geht's gut, wenn sie
die Zgel hlt. Sie hat eine Macht ber ihn, wie man sich's kaum
vorstellen kann. Das ist mir damals klar geworden, als er zu Hause bei
mir krank lag und noch nicht wute, was mit ihm wrde, ob er wieder
aufkomme oder nicht."--"Du mut nicht so hartnckig sein," sagte
Guttorm, "Du weit doch, was sie selber will, und wir leben doch nur fr
sie." Da blickte Synnve zum erstenmal auf und sah ihren Vater gro und
dankbar an. "Ach ja," begann Karen, nachdem es eine Weile still gewesen,
und wischte mit den Fingern ber den Tisch; "wenn ich solange dagegen
war, dann habe ich's nicht schlecht gemeint.--Ich war wohl nicht so
hart, wie sich's anhrte"; sie blickte auf und lachte; aber es wollten
ihr Trnen kommen. Da stand Guttorm auf. "So ist denn in Gottes Namen
das eingetroffen, was ich am meisten auf der Welt gewnscht habe", sagte
er und ging auf Synnve zu. "Ich habe gar keine Angst deswegen gehabt,"
sagte Smund und stand ebenfalls auf; "was zusammen soll, das kommt
zusammen." Und er ging auf Synnve zu. "Na, was meinst Du dazu, mein
Kind?" sagte die Mutter, und ging nun auch auf Synnve zu.

Die sa immer noch da; alle umstanden sie mit Ausnahme von Thorbjrn,
der dort sa, wo er sich zuerst hingesetzt hatte. "Du mut aufstehen,
mein Kind", flsterte die Mutter ihr zu; sie stand auf und lchelte,
wandte sich ab und weinte.--"Unser Herrgott sei Dein Geleit jetzt wie
alle Zeit", sagte die Mutter, umarmte sie und weinte mit ihr zusammen.
Die beiden Mnner traten zurck; jeder ging zu seinem alten Platz.

"Du mut zu ihm hingehen", sagte die Mutter immer noch unter Trnen,
lie sie los und schob sie sanft vorwrts. Synnve tat einen Schritt;
aber blieb stehen, weil sie nicht weiter konnte; Thorbjrn sprang auf,
ging auf sie zu, ergriff ihre Hand, wute nicht, wie er sich benehmen
sollte, und blieb Hand in Hand mit ihr stehen, bis sie ihre sacht
zurckzog. Dann standen sie schweigend nebeneinander.

Lautlos ffnete sich die Tr, und ein Kopf erschien im Rahmen. "Ist
Synnve hier?" fragte jemand bedchtig. Es war Ingrid Granliden.
"Jawohl, hier ist sie, komm nur herein", antwortete ihr Vater. Ingrid
zauderte. "Komm nur; hier steht alles ganz gut", fgte er hinzu. Alle
sahen sie an. Sie schien etwas verlegen; "ich bin aber nicht allein
hier", sagte sie. "Wer ist denn noch da?" fragte Guttorm. "Mutter!"
erwiderte sie leise. "Immer herein mit ihr!" riefen alle vier in der
Stube auf einmal. Und die Hausfrau ging ihr entgegen, whrend die
anderen sich freudestrahlend ansahen.--"Komm nur, Mutter, Du kannst gern
herein", hrten sie Ingrid sagen.--Und herein kam Ingebjrg mit ihrer
weien Haube. "Ich hab's wohl gemerkt," sagte sie, "wenn Smund seinen
Mund auch nicht auftun kann; und da hielten die Ingrid und ich es nicht
lnger aus--wir muten her."--"Und hier stehen die Dinge so, wie Du's
wnschst", sagte Smund und machte Platz, damit sie besser
heranknne.--"Gott segne Dich, mein Kind, dafr, da Du ihn an Dich
geknpft hast," sprach sie zu Synnve, und umarmte und streichelte sie;
"Du hast solange, solange fest zu ihm gehalten, und jetzt ist alles
gekommen, wie Du es gewollt hast." Und sie streichelte ihr die Backen
und das Haar, und ber ihr eigenes Gesicht rannen Trnen, aber sie
beachtete sie nicht; sie trocknete nur Synnve die Trnen ab. "Ja, er
ist ein lieber, ein tchtiger Junge," sagte sie, "und jetzt bin ich auch
seinetwegen ganz sicher"; und sie zog die neue Tochter inniger in ihre
Arme. "Mutter wei mehr in ihrer Kche," sagte Smund, "als wir, die in
der Sache drinstehen."

Die Trnen und die Rhrung lieen allmhlich nach; die Hausfrau begann
an das Abendessen zu denken, und forderte Ingridchen auf, ihr zu helfen,
"denn Synnve ist heute abend zu nichts zu gebrauchen." Und so gingen
die beiden an die Arbeit und kochten Rahmgrtze. Die Mnner gerieten in
ein Gesprch ber die Ernte und dergleichen. Thorbjrn hatte sich an das
Fenster gesetzt; Synnve schlich zu ihm hin und legte die Hand auf seine
Schulter. "Wonach siehst Du?" fragte sie.

Da wendete er ihr seinen Kopf zu, sah sie lange und mit sanfter
Zrtlichkeit an, dann blickte er wieder hinaus: "Ich sehe nach Granliden
hinber," sagte er, "es ist so wunderlich, Granliden von hier aus zu
sehen."

       *       *       *       *       *




ARNE




Erstes Kapitel


Dort unten zwischen zwei Felsen war eine tiefe Schlucht; durch diese
Schlucht wand sich schwerfllig ber Gerll und Steine ein wasserreicher
Flu. Hoch und steil stieg es zu beiden Seiten an, und die eine Felswand
war ganz nackt; unten aber, so nahe am Flu, da im Frhling und im
Herbst das Wasser ihn benetzte, drngte sich ein prchtiger Wald
zusammen, schaute in die Hhe und schaute vor sich und konnte weder
hierhin, noch dahin.

"Wie wr's, wenn wir den Felsen bekleideten?" sagte eines Tages der
Wacholder zu einer fremdlndischen Eiche, der er nher stand als allen
andern. Die Eiche blickte nach unten, um dahinterzukommen, wer da
eigentlich spreche; dann sah sie wieder empor und schwieg. Der Flu ging
so schwer, da er schumte; der Nordwind fegte durch die Schlucht und
heulte in den Klften; der nackte Felsen neigte sich schwer nach vorn
und fror;--"wie wr's, wenn wir den Felsen bekleideten?" sagte der
Wacholder zu der Fichte an seiner andern Seite. "Wenn einer es tun soll,
mten wir es wohl sein", sagte die Fichte; sie fate sich in den Bart
und sah zu der Birke hinber; "was meinst Du dazu?"--Die Birke aber
lugte bedchtig zu dem Felsen empor; so schwer neigte er sich ber sie,
da sie kaum atmen zu knnen meinte; "wir wollen uns in Gottes Namen ans
Werk machen", sagte die Birke, und wenn sie auch nicht mehr als drei
waren, so bernahmen sie doch die Aufgabe, den Felsen zu bekleiden. Der
Wacholder ging voran.

Als sie ein Stck gegangen waren, begegneten sie dem Heidekraut. Der
Wacholder wollte gerade dran vorbei. "Nein, la das Heidekraut
mitgehen", sagte die Fichte. Und das Heidekraut voran. Bald fing der
Wacholder an abzurutschen. "Halt Dich an mir fest", sagte das
Heidekraut. Das tat der Wacholder, und wo nur ein winziger Ri war,
steckte das Heidekraut den Finger hinein, und wo es erst den Finger fest
hatte, bekam der Wacholder die ganze Hand hinein. So krochen und
krabbelten sie hinan, die Fichte mhselig hinterher, und die Birke auch.
"Es ist ein herrliches Werk", sagte die Birke.

Der Felsen aber begann zu berlegen, was das wohl fr Kruppzeug sein
mochte, das an ihm in die Hhe kletterte. Und als er ein paar hundert
Jahre darber nachgedacht hatte, schickte er einen kleinen Bach
hinunter, der es sich ansehen sollte. Es war noch im Vorfrhling und der
Bach noch schmal, als er an das Heidekraut kam. "Liebes gutes
Heidekraut, willst Du mich nicht durchlassen; ich bin so klein", sagte
der Bach. Das Heidekraut hatte es sehr eilig, hob sich nur ein bichen
und arbeitete weiter. Der Bach drunter durch und vorwrts. "Lieber guter
Wacholder, willst Du mich nicht durchlassen? Ich bin so klein." Der
Wacholder sah ihn scharf an, aber wenn das Heidekraut ihn durchgelassen
hatte, konnte er es ja auch tun. Der Bach drunter durch und vorwrts; er
kam jetzt an die Stelle, wo die Fichte schnaufend die Hhe hinanstieg.
"Liebe gute Fichte, willst Du mich nicht durchlassen? Ich bin so klein",
sagte der Bach, kte der Fichte die Fe und schmeichelte sich bei ihr
ein. Da wurde die Fichte verlegen und lie ihn durch. Die Birke aber
machte Platz, noch ehe der Bach etwas sagte. "Hihihi", kicherte der Bach
und schwoll an. "Hahaha", lachte der Bach und schwoll noch mehr an.
"Hohoho", brllte der Bach und warf Heidekraut und Wacholder und Fichte
und Birke auf die Nase und trug sie auf seinem Rcken durch die hohen
Berge. Der Felsen stand viel hundert Jahre und dachte nach, ob er an
diesem Tage wohl gelchelt hatte.

Es war klar: der Felsen wollte nicht bekleidet sein. Das Heidekraut
rgerte sich so, da es ganz grn wurde, und dann zog es von dannen.
"Nur guten Mut!" sagte das Heidekraut.

Der Wacholder kauerte an der Erde und sah auf das Heidekraut; und er
kauerte so lange da, bis er ganz aufrecht sa. Er kraute sich die Haare,
machte sich auf den Weg und bi sich so fest, da er meinte, der Felsen
msse es fhlen. "Willst Du mich nicht, so will ich Dich." Die Fichte
krmmte ihre Zehen, um zu fhlen, ob sie wohl heil seien, dann hob sie
den einen Fu hoch, der war heil, besah dann den andern, der war auch
heil, dann alle beide. Sie untersuchte erst, wo sie gegangen war, dann
wo sie gelegen hatte, und schlielich wo sie jetzt gehen mute. Dann
schlenderte sie los und tat, als wre sie ihr Lebtag nicht gefallen. Die
Birke hatte sich grlich schmutzig gemacht; sie stand jetzt auf und
putzte sich. Und dann ging's weiter, schneller und schneller, vorwrts
und seitwrts, in Sonnenschein und Regenwetter. "Was ist denn da nur
los?" sagte der Felsen, wenn die Sommersonne ihn beschien, wenn der Tau
glitzerte und die Vgel sangen, wenn die Waldmaus piepte und der Hase
sprang und das Wiesel sich kreischend versteckte.

Dann kam der Tag, da das Heidekraut mit einem Auge ber den Bergrand
sehen konnte. "Aber nein, nein, nein!" sagte das Heidekraut,--und weg
war es. "Meine Gte, was mag das Heidekraut blo sehen?" sagte der
Wacholder und kam so weit heran, da er hinberschauen konnte. "Aber
nein, nein!" rief er und war weg. "Was hat denn der Wacholder heute?"
sagte die Fichte und machte ganz lange Schritte in der Sonnenhitze. Bald
konnte sie sich denn auch auf die Zehen stellen und hinberlugen. "Nein,
so was!" Zweige und Nadeln strubten sich ihr vor Verwunderung. Sie
kletterte weiter, kam oben an und weg war sie. "Was mgen all die andern
da sehen, blo ich nicht?" sagte die Birke, hob ihr Kleid sorglich hoch
und trippelte hinterher. Sie tauchte gleich mit dem ganzen Kopf ber dem
Bergrand auf. "A--a--ah!--da steht ja wohl ein ganzer Wald von Fichten
und Heidekraut und Wacholder und Birken oben auf der Hhe und wartet
auf uns", sagte die Birke, und ihre Bltter zitterten im Sonnenschein,
da der Tau sprhte. "Ja, so geht's, wenn man ans Ziel kommt", sagte der
Wacholder.




Zweites Kapitel


Oben in Kampen wurde Arne geboren. Seine Mutter hie Margit und war das
einzige Kind auf dem Pachthof Kampen. In ihrem achtzehnten Jahr blieb
sie einmal auf einem Tanz zurck; ihre Begleiter waren schon fort, und
da dachte Margit, der Nachhauseweg wrde nicht lnger werden, wenn sie
noch einen Tanz abwarte. Und so geschah es, da Margit so lange dablieb,
bis der Spielmann, Schneider Nils, pltzlich die Geige weglegte, wie er
immer tat, wenn er betrunken war, die andern trllern lie, sich das
schnste Mdel holte, die Fe so sicher aufsetzte wie die Takte in
einem Lied, und mit dem Stiefelabsatz dem Lngsten, der da war, den Hut
vom Kopf herunterholte.--"Ho!" schrie er dabei.--

Als Margit an diesem Abend nach Hause ging, spielte der Mond so
wunderbar schn auf dem Schnee. Als sie in die Kammer kam, wo sie
schlief, mute sie noch einmal aus dem Fenster sehen. Sie zog das Mieder
aus und blieb noch eine Weile so stehen. Da merkte sie, da sie fror,
zog sich schnell aus und kroch tief unter ihre Felldecke. In dieser
Nacht trumte Margit von einer groen roten Kuh, die sich auf ihr Feld
verlaufen hatte. Sie sollte sie hinausjagen, aber wie sie sich auch
abmhte, sie konnte nicht vom Fleck kommen. Die Kuh stand ganz ruhig da
und fra so lange, bis sie satt und rund war, und inzwischen schaute sie
immer einmal aus groen, schweren Augen zu ihr hin.

Als das nchste Mal wieder Tanz im Dorf war, war auch Margit wieder da.
Sie mochte den Abend nicht tanzen; sie sa also und lauschte dem Spiel,
und es schien ihr ganz merkwrdig, da auch die andern nicht mehr Lust
dazu hatten. Aber als es spter wurde, stand der Spielmann auf, um zu
tanzen. Er ging pltzlich geradenwegs auf Margit Kampen zu. Sie wute
kaum, wie ihr geschah, aber sie tanzte mit Schneider Nils.

Bald wurde das Wetter wrmer, und man tanzte nicht mehr. In diesem
Frhjahr nahm Margit sich so sehr eines kleinen Lammes an, das ihnen
krank geworden war, da die Mutter es beinahe bertrieben fand. "Es ist
doch blo ein Lamm", sagte die Mutter. "Ja, aber es ist krank", sagte
Margit.

Sie war lange nicht in der Kirche gewesen; sie gnne es lieber der
Mutter, sagte sie, und einer msse doch zu Hause bleiben. Eines Sonntags
im Sommer, als das Wetter so schn war, da das Heu sehr gut einen Tag
drauen bleiben konnte, sagte die Mutter, jetzt knnten sie ruhig beide
gehen. Margit konnte nicht viel darauf sagen und zog sich an, aber als
sie so weit kamen, da sie die Kirchenglocken hren konnten, fing sie zu
weinen an. Die Mutter wurde leichenbla; sie gingen weiter, die Mutter
voran, sie hinterher, hrten die Predigt, sangen die Chorle bis zu Ende
mit, hrten das Gebet mit an und lieen es ausluten, bis sie gingen.
Aber als sie wieder zu Hause waren, nahm die Mutter Margits Kopf
zwischen beide Hnde und sagte: "Verbirg mir nichts, mein Kind!"

Wieder kam der Winter, und Margit tanzte nicht. Aber Schneider Nils
spielte auf, trank mehr als je und schwenkte immer zum Schlu das
schnste Mdel in der Runde. Es wurde als Tatsache erzhlt, da er
kriegen knne, welche er wolle von den stattlichsten Bauerntchtern im
Kirchspiel; einige fgten hinzu, Eli Ben habe selbst den Freiwerber fr
ihre Tochter Birgit gemacht, die sich in Liebe zu ihm verzehrte.

Eben zu dieser Zeit war's, als die Hausmannstochter von Kampen ein Kind
ber die Taufe hob; es bekam den Namen Arne, Schneider Nils aber sollte
der Vater sein.

Am Abend dieses selben Tages war Nils auf einer groen Hochzeit; da
trank er sich voll. Er weigerte sich, zu spielen, und tanzte immerzu
und litt beinahe keinen andern auf dem Tanzboden. Als er aber zu Birgit
Ben trat und sie aufforderte, schlug sie es ihm ab. Er lachte kurz auf,
drehte sich auf dem Absatz herum und bekam die erste beste zu packen.
Sie strubte sich. Er blickte zu ihr hinunter; es war eine kleine
Dunkle, die lange dagesessen und zu ihm hingeglotzt hatte und jetzt ganz
bla war. Er bog sich ein wenig zu ihr hinunter und flsterte: "Magst Du
mit mir nicht tanzen, Karen?" Sie antwortete nicht. Er fragte noch
einmal. Da antwortete sie ebenso leise, wie er fragte: "Der Tanz knnte
weiter gehen, als mir lieb wre."--Er trat langsam von ihr zurck, aber
als er mitten im Saal stand, machte er einen Luftsprung und tanzte
allein den Halling. Keiner auer ihm tanzte; alle standen schweigend da
und sahen zu.

Dann ging er hinaus auf die Scheunendiele, warf sich auf die Erde und
weinte.

Margit sa mit ihrem kleinen Jungen zu Hause. Sie hrte von Nils, er
jage von Tanz zu Tanz, schaute den Jungen an und weinte, schaute ihn
wieder an und war froh. Das erste, was sie dem Knaben beibrachte, war
Papa zu sagen; aber das sagte sie nur, wenn die Mutter, oder vielmehr
die Gromutter, wie sie fortan hie, nicht in der Nhe war. Die Folge
davon war, da das Kind zu seiner Gromutter Papa sagte. Es kostete
Margit viel Mhe, ihm das wieder abzugewhnen, und sie trug hierdurch
dazu bei, frhzeitig sein Begriffsvermgen zu bilden. Er war noch
ziemlich klein, als er schon wute, da Schneider Nils sein Vater
sei,--und als er in das Alter kam, wo alles Abenteuerliche einen Reiz
hat, erfuhr er auch, was fr ein Kerl Schneider Nils eigentlich sei. Die
Gromutter hatte streng verboten, auch nur seinen Namen zu nennen; ihr
Hauptehrgeiz war, aus Kampen einen Bauernhof zu machen, damit die
Tochter und der Junge keine Sorgen htten. Sie nutzte die bedrngte Lage
des Besitzers aus, erwarb die Wirtschaft, bezahlte jedes Jahr ab und
stand der Arbeit wie ein Mann vor, war sie doch seit vierzehn Jahren
Witwe. Kampen war ein groer Hof und wurde noch immer erweitert, so da
er jetzt schon vier Khe und sechzehn Schafe ernhrte und halben Anteil
an einem Pferd hatte.

Schneider Nils trieb sich unterdes in der Gegend herum; seine Einnahmen
hatten abgenommen, teils weil er weniger darauf ausging, teils auch,
weil er nicht mehr so war wie frher. Er legte sich immer mehr aufs
Geigenspiel, und die Gelage und damit die Schlgereien und schlimmen
Tage wurden hufiger. Es gab Leute, die ihn klagen gehrt haben wollten.

Arne war vielleicht sechs Jahr alt, als er eines Tags im Winter im Bett
herumrutschte; die Bettdecke war das Segel, und er steuerte mit einer
groen Kelle. Die Gromutter sa in der Stube und spann, hatte so ihre
Gedanken und nickte manchmal vor sich hin, als stnde das fest, was sie
dachte. Da merkte der Junge, da er unbeobachtet war, und da sang er die
Weise vom Schneider Nils, so wie er sie gelernt hatte, in ihrer ganzen
Roheit und Wildheit:

    So du nicht gestern erst kommen bist,
    Hast du vom Schneider Nils wohl gehrt, und wie stark er ist.

    So du nicht blo ber Nacht her verschlagen,
    Ward dir wohl kund, wie er warf den Knut Storedragen.

    Den Ola-Per hat er auf sein Scheundach gehoben,--
    "'s nchste Mal bleibst du drei Wochen droben!"

    Hans Bugge war ein Mann, von Ansehn nicht gering,
    Land und Strand war nicht sicher, wo sein Fu ging.

    "Hallo, Schneider Nils, wo pflgst du gern der Ruh?
    So spuck' ich auf den Fleck und leg' dich selber dazu!"

    "Du komm nur erst heran, so werd' ich dir's sagen!
    Meinst, es langt schon dein Maul, einen Mann zu erschlagen!"

    Beim ersten Gang war noch nichts gebrochen.
    Beide Kerle standen noch fest in den Knochen.

    Beim zweiten Gang strauchelte Bugge-Hans.
    "Wirst md', Bugge? He, 's ist ein harter Tanz!"

    Beim dritten Gang strzt' er, spie Blut auf die Diel'--
    "Hast wacker gespuckt, Kerl!"--"Verdammt! Wie ich fiel!"

Weiter sang der Junge nicht; es gab noch zwei Verse, die die Mutter ihn
wohl nicht gelehrt hatte:

    Sahst du je eines Baums Schatten auf jungem Schnee?
    Sahst du je, wie Nils eine Jungfrau anlacht, he?

    Hast du je Schneider Nils den Halling tanzen sehn?
    Bist du ein Mdel, so geh;--sonst ist's um dich geschehn.

Diese beiden Verse kannte aber die Gromutter und sie fielen ihr ein,
zumal weil sie nicht gesungen wurden. Zu dem Knaben sagte sie nichts,
zur Mutter aber sagte sie: "Bringe dem Jungen Deine eigene Schande nur
gut bei,--vergi die beiden letzten Verse nicht!"--

Schneider Nils war durch das Trinken so heruntergekommen, da er nicht
mehr der alte war. Die Leute meinten, es gehe mit ihm zu Ende.

Da geschah es, da zwei Amerikaner ins Dorf kamen, und als sie hrten,
in der Nhe sei eine Hochzeit, da wollten sie gleich hin, um Sitten und
Gebruche kennen zu lernen. Hier spielte Nils. Sie gaben jeder einen
Taler fr die Spielkasse und baten um den Halling. Niemand wollte den
tanzen, so sehr auch darum gebeten wurde. Jeder einzelne bat Nils, ihn
selbst zu tanzen; "er knne es doch am besten." Er weigerte sich, aber
nur um so hartnckiger wurde die Aufforderung, zuletzt wurde sie
einstimmig, und das gerade hatte er gewollt. Er gab die Fiedel einem
andern, zog den Rock aus, nahm die Mtze ab, trat in den Kreis und
lchelte. Jetzt folgte ihm die alte Aufmerksamkeit, und das gab ihm auch
die alte Kraft. Die Zuschauer drngten sich so dicht wie mglich
zusammen, die hintersten kletterten auf Tische und Bnke, ein paar
Mdchen standen hher als alle andern,--und die vorderste von
ihnen,--die Groe mit dem hellen, brunlichschimmernden Haar und den
blauen, tiefliegenden Augen unter der krftigen Stirn und mit einem
breiten Munde, der oft lchelte und sich dann immer nach einer Seite
verzog,--war Birgit Ben. Nils gewahrte sie, als er zu den Deckenbalken
emporsah. Die Geige setzte ein, tiefe Stille entstand, und er trat zum
Tanz an. Er warf sich auf den Boden, schob sich im Takt der Musik halb
auf der Seite an der Erde hin, schlenkerte mit den Beinen, warf sie ab
und zu kreuzweis unter sich, sprang wieder auf, stellte sich wie zum
Wurf bereit und ging dann wieder schrg wie vorhin. Die Fiedel wurde von
tchtiger Hand gestrichen. Die Weise wurde immer feuriger. Nils bog den
Kopf immer weiter zurck, und pltzlich lag der Stiefelabsatz am
Deckenbalken, da der Staub herunterrieselte. Alle lachten und
kreischten um ihn herum, die Mdchen hielten den Atem an. Die Melodie
jauchzte dazwischen und trieb zu immer tolleren Sprngen an. Er
widerstand ihr auch nicht, bog den Krper vornber, hpfte im Takt,
richtete sich wie zum Wurf auf, hielt sie aber nur zum Narren, kam
wieder ins Schlendern, und wie es aussah, als denke er gar nicht an
Springen, da donnerte sein Stiefelabsatz gegen den Deckenbalken, und
noch einmal, dann ein Purzelbaum vornber, hintenber--und immer stand
er wieder kerzengrade auf den Fen. Jetzt mochte er nicht mehr. Die
Fiedel machte ein paar kecke Lufe, ging in einen tieferen Ton ber, in
dem sie zitternd verhallte, und erstarb in einem einzelnen langen Strich
auf der Basaite. Die Gruppen zerstreuten sich; lebhaftes Gesprch, in
das sich Rufe und Gekreisch mischten, lste die Stille ab. Nils lehnte
sich gegen die Wand; da kamen die Amerikaner mit ihrem Dolmetscher hin
zu ihm und gaben ihm jeder fnf Taler. Wieder Stille.

Die Amerikaner sprachen ein paar Worte mit ihrem Dolmetscher; darauf
fragte dieser, ob Nils als ihr Diener mit ihnen gehen wolle; er solle
bekommen, was er verlange. "Wohin?" fragte Nils; die andern drngten
sich so nahe wie mglich heran. "Hinaus in die Welt", war die Antwort.
"Wann?" fragte Nils, blickte mit strahlendem Gesicht umher, begegnete
Birgit Bens Augen und lie sie nicht mehr los.--"In einer Woche, wenn
wir zurckkommen", war die Antwort.--"Es kann schon sein, da ich bis
dahin bereit bin", sagte Nils und wog seine beiden Fnftalerstcke in
der Hand.--Er hatte einen Arm auf die Schulter eines Mannes gesttzt,
der neben ihm stand, und er zitterte so, da der Mann ihn auf die Bank
setzen wollte.

"Es hat nichts auf sich", sagte Nils, machte ein paar unsichere Schritte
ber die Diele, trat dann fest auf, drehte sich um und bestellte einen
Hoppser.

Die Mdchen standen vorn, er schaute sich lange und prfend um, und ging
dann geradenwegs auf Eine im dunklen Rock zu, und das war Birgit Ben.
Er streckte ihr die Hand hin und sie gab ihm beide; da lachte er, wich
zurck, nahm Eine neben ihr und tanzte bermtig mit der davon. Das Blut
scho Birgit in Hals und Gesicht. Ein groer Mann mit einem gtigen
Gesicht stand hinter ihr; er nahm sie bei der Hand und tanzte mit
ihr--dicht hinter Nils her. Der sah es, und es geschah vielleicht aus
Versehen, da er so heftig gegen sie antanzte, da der Mann und Birgit
mit groem Gepolter zu Fall kamen. Gelchter und Gejohle erhob sich
ringsum. Birgit stand mhsam auf, ging beiseite und weinte bitterlich.

Der Mann mit dem gutmtigen Gesicht kam langsamer in die Hhe, ging aber
dann gleich auf Nils zu, der immer noch tanzte. "Hr' mal einen
Augenblick auf", sagte der Mann. Nils achtete dessen nicht, und da
packte ihn der Mann am Arm. Nils ri sich los und sah ihn gro an. "Ich
kenne Dich nicht", sagte er lchelnd. "Nein, aber jetzt wirst Du mich
kennen lernen", sagte der Mann mit dem gtigen Gesicht und versetzte
ihm einen Schlag gegen das eine Auge. Nils, der darauf nicht gefat
gewesen war, strzte mit hartem, schwerem Fall gerade auf die scharfe
Kante vom Feuerherd; er wollte sich gleich wieder aufrichten, vermochte
es aber nicht; ihm war das Rckgrat gebrochen.

Auf Kampen war eine groe Vernderung vor sich gegangen. Die Gromutter
hatte in der letzten Zeit gekrnkelt; als das anfing, hatte sie emsiger
als je gespart, um den Hof von Schulden frei zu machen. "Dann hast Du
und der Junge soviel, wie Ihr braucht. Und lt Du einen herein, der es
Euch durchbringt, dann drehe ich mich im Grabe um." Gegen den Herbst zu
hatte sie auch die Freude, da sie mit dem letzten Rest der Schuld zum
ehemaligen Haupthof hinaufhumpeln konnte, und froh war sie, als sie
wieder daheim auf der Bank sa und sagen konnte: "Jetzt hab' ich's
erreicht." Aber in der gleichen Stunde kam auch die Krankheit bei ihr
zum Ausbruch; sie mute ins Bett und stand nicht mehr auf. Ihre Tochter
lie sie an einem freien Platz auf dem Kirchhof begraben; sie bekam
einen schnen Grabstein, auf dem ihr Name und ihr Alter standen und ein
Gesangbuchvers aus dem Kingo. Zwei Wochen, nachdem sie unter der Erde
lag, war aus ihrem schwarzen Sonntagskleid ein Anzug fr den Knaben
gemacht, und als er den anhatte, wurde ihm so feierlich zumut, als wre
die Gromutter wiedergekommen. Aus eigenem Antrieb setzte er sich vor
das grogedruckte Gesangbuch, aus dem die Gromutter jeden Sonntag
vorgelesen und gesungen hatte; er schlug es auf; ihre Brille lag darin.
Die hatte der Junge zu ihren Lebzeiten nie anrhren drfen; jetzt nahm
er sie ngstlich in die Hand, setzte sie sich auf die Nase und sah
wieder ins Buch. Es war ihm wie Nebel vor den Augen. Das ist doch
merkwrdig, dachte der Junge; damit konnte die Gromutter Gottes Wort
lesen. Er hielt sie hoch gegen das Licht, um zu sehen, woran es liegen
knne, und--da lag die Brille in Scherben auf der Erde!

Ihm wurde angst und bange, und als im selben Augenblick die Tr
aufging, meinte er, nun werde die Gromutter hereinkommen; es war aber
seine Mutter, und hinter ihr her kamen sechs Mnner, die unter groem
Lrm und Getrampel eine Tragbahre trugen und sie mitten im Zimmer auf
den Boden hinsetzten. Die Tr blieb weit hinter ihnen offen stehen, so
da es kalt in der Stube wurde.

Auf der Bahre lag ein Mann mit dunklem Haar und bleichem Gesicht; die
Mutter ging weinend umher. "Legt ihn behutsam aufs Bett", bat sie und
griff selbst mit zu. Wie aber die Mnner ihn hineintrugen, knirschte
etwas unter ihren Fen. "Ach, das ist blo Gromutters Brille", dachte
der Junge, sagte es aber nicht.




Drittes Kapitel


Das war, wie gesagt, im Herbst. Acht Tage, nachdem Schneider Nils zu
Margit Kampen gebracht war, kam von den Amerikanern die Nachricht, er
mge sich bereit halten. Er wand sich gerade in furchtbaren Schmerzen
und schrie, indem er die Zhne zusammenbi: "La sie zur Hlle fahren!"
Margit stand, als habe sie keine Antwort bekommen. Er bemerkte das, und
nach einer Weile wiederholte er langsam und matt: "La sie--reisen!"

Zum Winter war er so weit, da er aufrecht sitzen konnte, wenn auch
seine Gesundheit fr immer zerrttet war. Als er das erstemal auf war,
holte er seine Geige hervor und stimmte sie, wurde aber so aufgeregt,
da er wieder ins Bett mute. Er war sehr wortkarg, doch umgnglich, und
nach einiger Zeit fing er an, den Knaben zu unterrichten und Arbeit ins
Haus zu nehmen. Hinaus kam er nicht, und mit denen, die ihn besuchten,
sprach er nicht. In der ersten Zeit trug Margit ihm die Dorfneuigkeiten
zu, aber er war immer verstimmt hinterher; da lie sie es sein.

Gegen den Frhling saen er und Margit lnger als gewhnlich nach dem
Abendbrot zusammen und besprachen etwas. Der Junge wurde ins Bett
geschickt. Anfang des Frhlings wurden sie von der Kanzel aufgeboten und
dann in aller Stille getraut.

Er arbeitete auf dem Felde mit und machte alles verstndig und
ordentlich. Margit sagte zu dem Jungen: "Wir haben Nutzen von ihm und
Freude. Nun mut Du aber auch artig und gehorsam sein und ihm alles zu
Liebe tun."

Margit war bei ihrem Kummer doch immer recht blhend gewesen; sie hatte
ein rosiges Gesicht und sehr groe Augen, die noch grer aussahen, weil
sie in einem dunklen Ringe lagen. Sie hatte volle Lippen, ein rundliches
Gesicht und sah frisch und stark aus, obwohl sie gar nicht so groe
Krfte hatte. In dieser Zeit sah sie hbscher aus als je und sang nach
ihrer Art in einemfort bei der Arbeit.

Da kam ein Sonntagnachmittag, an dem Vater und Sohn fortgingen, um zu
sehen, wie dies Jahr die cker stnden. Arne sprang um seinen Vater
herum und scho mit einem Flitzbogen; Nils hatte ihn dem Jungen selbst
gemacht. So ging es bergan auf den Weg zu, der von Kirche und Pfarrhaus
in das sogenannte Breite Dorf hinunterfhrte. Nils setzte sich auf einen
Stein am Wegrand und versank in Gedanken, sein Junge scho den Weg
entlang und sprang dem Pfeil nach, in der Richtung auf die Kirche zu.
"Nicht zu weit", sagte der Vater. Wie der Knabe mitten im besten Spiel
war, blieb er lauschend stehen. "Vater, ich hre Musik." Der lauschte
auch; man hrte Geigenklnge, zuweilen bertnt von Rufen und wildem
Lrm, dabei bestndig Wagengerassel und Hufschlag; es war ein Brautzug,
der von der Kirche heimkehrte. "Komm her, Junge", rief der Vater, und
Arne hrte am Ton, da er schnell kommen msse. Der Vater war eilig
aufgestanden und versteckte sich hinter einem dicken Baum. Der Junge
hinterher;--"nicht hierher, dahin!" Der Junge hinter einen
Erlenbusch.--Schon bog die Wagenreihe um den Birkenwald, sie kamen in
rasender Fahrt, die Pferde schumten, die betrunkenen Menschen
kreischten und johlten. Vater und Sohn zhlten die Wagen; es waren im
ganzen vierzehn. Im ersten saen zwei Spielleute, und der Brautmarsch
klang durch die klare Luft; ein Bursch stand hinten und lenkte die
Pferde. Dann kam die Braut mit der hohen Krone, die in der Sonne
schimmerte; sie lchelte, und dabei verzog sich der Mund nach der einen
Seite; neben ihr sa ein Mann im blauen Anzug mit einem gtigen Gesicht.
Dann kam das Gefolge, die Mnner saen den Frauen auf dem Scho,
hintenauf saen Kinder, Betrunkene fuhren zu Sechsen in einem
Einspnner, der Marketender sa im letzten Wagen und hatte ein Fa mit
Branntwein auf dem Scho. Sie zogen unter Gesang und Gejohle vorbei und
jagten in gewaltiger Eile die Anhhe hinunter; das Geigenspiel, das
Gekreisch und das Wagengerassel klang aus der Staubwolke hinter ihnen
heraus; dann trug der Wind einen vereinzelten Aufschrei herber, dann
nur noch ein dumpfes Drhnen und dann nichts mehr. Nils stand noch immer
unbeweglich; der Junge kam zuerst wieder zum Vorschein.

"Wer war das, Vater?" Aber der Junge fuhr zusammen, denn sein Vater
machte ein so bses Gesicht. Arne stand ganz still und wartete auf die
Antwort; dann stand er immer noch still, weil er keine bekam.
Schlielich, schlielich wurde ihm die Zeit lang, und er wagte ein:
"Wollen wir jetzt gehen?" Nils stand noch immer, als blicke er dem
Brautzuge nach, raffte sich jetzt zusammen und ging; Arne hinterher. Er
legte einen Pfeil auf den Bogen, scho ihn ab und lief hinterdrein.
"Tritt das Gras nicht 'runter", sagte Nils kurz. Der Junge lie den
Pfeil liegen und kehrte um. Nach einer Weile hatte er das wieder
vergessen, und als sein Vater einmal still stand, legte er sich hin und
schlug Rad. "Tritt mir das Gras nicht 'runter, hab' ich gesagt"; dabei
wurde er am Arm gepackt und in die Hhe gerissen, als solle der Arm aus
dem Gelenk gehen. Fortan ging er ganz still hinterher.

In der Tr wartete Margit auf sie; sie kam gerade aus dem Kuhstall, wo
sie tchtige Arbeit gehabt haben mute, denn ihr Haar war zerzaust, ihr
Hemd nicht sauber und ihr Kleid auch nicht; aber sie stand in der Tr
und lachte: "Ein paar Khe hatten sich losgerissen und trieben allerhand
Unfug; jetzt sind sie wieder fest."--"Du knntest Dich Sonntags auch
wohl ein bichen ordentlich anziehen", sagte Nils, indem er an ihr
vorbei in die Stube ging. "Ja, jetzt habe ich Zeit, mich anzuziehen, wo
meine Arbeit getan ist", sagte Margit und ging hinterher. Sie fing auch
gleich damit an und sang, whrend sie sich putzte. Nun sang Margit recht
hbsch, aber bisweilen war ihre Stimme ein bichen hart. "Hr' mit dem
Gegrhle auf", sagte Nils; er hatte sich der Lnge nach aufs Bett
geworfen. Margit hielt inne. Da kam der Junge hereingestrmt: "Hier ist
ein groer schwarzer Hund auf dem Hof, ein hlicher Kter--!"--"Halt's
Maul, Junge", sagte Nils vom Bett her und streckte einen Fu hervor, um
damit auf den Boden zu stampfen: "Den Bengel mu der Teufel reiten",
brummte er dann und zog den Fu wieder in die Hhe. Die Mutter drohte
dem Knaben. "Du siehst doch, da Vater nicht gut aufgelegt ist", meinte
sie. "Mchtest Du etwas starken Kaffee mit Sirup haben?" fragte sie; sie
wollte ihn gern wieder vershnen. Das war ein Getrnk, das die
Gromutter sehr geliebt hatte und die andern auch. Nils mochte es gar
nicht, aber er hatte es doch getrunken, weil die andern es auch taten.
"Mchtest Du nicht etwas starken Kaffee mit Sirup haben?" wiederholte
Margit, weil er das erstemal nicht geantwortet hatte. Nils sttzte sich
auf die Ellbogen und brllte: "Meinst Du, ich will dies Gemantsch
hinunterwrgen?"--Margit war hchlichst erstaunt, nahm ihren Jungen mit
und ging hinaus.

Sie hatten verschiedenes drauen zu tun und kamen erst zum Abendbrot
wieder hinein. Da war Nils verschwunden. Arne wurde aufs Feld geschickt,
um ihn zu rufen, fand ihn aber nirgends. Sie warteten, bis das Essen
beinahe kalt geworden war, aen dann, und noch immer war Nils nicht da.
Margit wurde unruhig, schickte den Jungen ins Bett und wartete. Kurz
nach Mitternacht kam Nils. "Wo bist Du denn gewesen, Schatz?" fragte
sie. "Was geht Dich das an?" antwortete er und lie sich langsam auf der
Bank nieder. Er war betrunken.

In der nchsten Zeit war Nils oft im Dorf, und bestndig kam er bezecht
heim. "Ich halt' es hier zu Hause bei Dir nicht aus", sagte er einmal,
als er kam. Sie versuchte, sich mit Sanftheit zu verteidigen; da
stampfte er mit den Fen auf und hie sie schweigen; wenn er betrunken
sei, so sei es ihre Schuld; wenn er schlecht sei, so sei es auch ihre
Schuld; wenn er fr sein ganzes Leben ein Krppel und ein unglcklicher
Mensch sei, so sei auch das ihre Schuld, ihre und ihres verfluchten
Bengels Schuld. "Warum bist Du mir bestndig nachgelaufen?" sagte er
schluchzend. "Was hatte ich Dir getan, da Du mich nicht in Frieden
lassen konntest?"--"Gott soll mich behten und bewahren," sagte Margit,
"ich wre Dir nachgelaufen?"--"Ja, das bist Du!" schrie er und stand
auf, und weinend fuhr er fort: "Jetzt hast Du es ja, wie Du es haben
wolltest. Ich wanke jetzt hier von Baum zu Baum und sehe Tag fr Tag
mein eigen Grab vor Augen. Aber ich htte in Herrlichkeit und Freuden
mit der schnsten Bauerntochter im ganzen Dorf leben knnen; ich htte
reisen knnen, soweit die Sonne reicht,--httest Du mit Deinem
verdammten Bengel mir nicht den Weg versperrt." Sie versuchte wieder,
sich zu verteidigen; "es sei doch auf keinen Fall die Schuld des
Jungen." "Bist Du nicht still, dann kriegst Du eins!" und er schlug sie.

Wenn er am andern Tage seinen Rausch ausgeschlafen hatte, schmte er
sich und war, besonders zu dem Jungen, sehr freundlich. Aber bald war er
von neuem betrunken, und dann schlug er sie wieder; schlielich schlug
er die Mutter beinahe jedesmal, wenn er betrunken war; der Junge weinte
und jammerte, da schlug er ihn auch. Zuweilen wurde seine Reue so gro,
da er aus dem Hause mute. In dieser Zeit lockte ihn das Tanzen wieder;
wie frher spielte er dazu auf und nahm den Jungen mit, da er ihm den
Kasten trage. Da sah der Junge mancherlei. Die Mutter weinte, da er mit
mute, wagte es aber nicht zum Vater zu sagen. "Denk an den lieben Gott
und lerne nichts Schlechtes", flehte sie und liebkoste ihn. Beim Tanz
aber war es sehr lustig, und zu Haus bei der Mutter war es gar nicht
lustig. Er wandte sich immer mehr von ihr ab und dem Vater zu. Sie sah
es und schwieg. Beim Tanz lernte er manche Weise, und die sang er
nachher dem Vater vor. Dem machte es Spa, und zuweilen brachte der
Junge ihn zum Lachen. Das schmeichelte dem Jungen so, da er sich fortan
Mhe gab, soviele Lieder wie mglich zu lernen; bald merkte er sich
auch, welche Art von Liedern der Vater am liebsten mochte, und bei
welchen Stellen er lachte. Wenn so etwas nicht in den Liedern war, dann
legte der Junge es, so gut er konnte, hinein; das gab ihm frhzeitig
bung, Worte nach einer Melodie zusammenzusetzen. Spottlieder und
hliche Dinge ber Leute, die zu Ansehen und Wohlstand gekommen, waren
dem Vater die liebsten, und der Junge sang sie.

Die Mutter wollte ihn abends immer gern mit in den Kuhstall nehmen;
allerhand Vorwnde fand er, um dem zu entgehen; wenn aber alles nichts
ntzte und er mit mute, dann sprach sie gar erbaulich mit ihm von Gott
und allem Guten und schlo meistens damit, da sie ihn unter heien
Trnen in die Arme nahm und ihn bat, ihn anflehte, kein schlechter
Mensch zu werden.

Die Mutter unterrichtete ihn, und der Junge war auerordentlich
gelehrig. Sein Vater war ungeheuer stolz darauf und sagte ihm--besonders
wenn er betrunken war--, er habe seinen Kopf.

Beim Tanz pflegte nun der Vater, wenn der Rausch ihn unterkriegte, Arne
aufzufordern, den Leuten etwas vorzusingen. Er tat es und sang, unter
Gelchter und Beifall, ein Lied nach dem andern; der Beifall machte dem
Sohn beinahe noch mehr Spa als dem Vater, und schlielich wollten die
Lieder, die er singen konnte, gar kein Ende mehr nehmen. Besorgte
Mtter, die es mitanhrten, gingen selbst zu seiner Mutter und sprachen
mit ihr darber, weil der Inhalt der Lieder nicht so war, wie er sein
sollte. Die Mutter nahm sich ihren Jungen vor und verbot ihm bei Gott
und allem Guten, solche Lieder zu singen, und da war es dem Jungen, als
ob alles, was ihm Spa mache, der Mutter nicht recht sei. Er erzhlte
zum erstenmal seinem Vater, was die Mutter gesagt hatte. Das mute sie
schwer ben, als der Vater wieder einmal betrunken war; er sparte immer
alles bis dahin auf. Da aber wurde es dem Knaben klar, was er getan
hatte, und in seiner Seele bat er Gott und sie um Verzeihung, da er sich
nicht berwinden konnte, es offenkundig zu tun. Die Mutter war gtig wie
immer gegen ihn, und das schnitt ihm ins Herz.

Einmal verga er es aber. Er hatte die Gabe, alle Leute nachmachen zu
knnen; besonders konnte er ihre Sprache und ihren Gesang nachmachen.
Die Mutter kam eines Abends in die Stube, als der Junge seinen Vater
damit unterhielt, und als sie wieder drauen war, kam der Vater auf
den Einfall, er solle den Gesang der Mutter nachmachen. Er weigerte sich
anfangs; sein Vater aber, der im Bett lag und sich vor Lachen
schttelte, bestand darauf, da er auch nachmachen sollte, wie die
Mutter sang. "Sie ist ja nicht da," dachte der Junge, "und kann es nicht
hren", und er machte ihr nach, wie ihre Stimme manchmal klang, wenn sie
heiser und trnenerstickt war. Der Vater lachte, da es dem Jungen fast
unheimlich wurde, und er hrte von selbst auf. Da kam die Mutter von der
Kche herein, sah den Jungen lange und traurig an, holte eine
Milchschssel vom Brett und trug sie hinaus.

Ihn berlief es siedend hei; sie hatte alles gehrt. Er sprang vom
Tisch, auf dem er gesessen hatte, herunter, ging hinaus, warf sich auf
die Erde und htte sich am liebsten darin begraben. Es lie ihm keine
Ruh, er stand auf und wollte weiter fort. Er ging an der Scheune vorbei,
und dahinter sa die Mutter und nhte gerade an einem schnen neuen Hemd
fr ihn. Sie pflegte sonst, wenn sie so dasa, ein Kirchenlied bei der
Arbeit zu singen; jetzt aber sang sie nicht. Sie weinte auch nicht, sie
sa nur und nhte. Da konnte Arne es nicht lnger aushalten; er warf
sich vor ihr ins Gras nieder, blickte zu ihr auf und schluchzte, da er
am ganzen Krper bebte. Die Mutter lie die Arbeit sinken und nahm
seinen Kopf zwischen ihre Hnde. "Armer Arne", sagte sie und legte ihren
Kopf an seinen. Er machte nicht den Versuch, ein Wort zu sagen, sondern
weinte, wie er nie zuvor geweint hatte. "Ich wute ja, Du bist im Grunde
gut", sagte seine Mutter und strich ihm bers Haar. "Mutter, Du darfst
nicht nein sagen, wenn ich Dich um etwas bitte", war das erste, was er
sagen konnte. "Du weit, das tue ich auch nicht", antwortete sie. Er
versuchte, seiner Trnen Herr zu werden und dann stie er, den Kopf in
ihrem Scho, heraus: "Mutter--sing mir etwas vor!"--"Ich kann ja nicht,
mein Junge", sagte sie leise.--"Mutter, sing' mir etwas vor," flehte der
Junge, "oder ich glaube, ich darf Dir nie mehr in die Augen sehen." Sie
strich ihm bers Haar, schwieg aber. "Mutter, sing doch, sing, hrst Du!
Sing doch!" bettelte er, "oder ich gehe so weit weg, da ich nie mehr
nach Hause kommen kann." Und whrend der groe vierzehnjhrige Junge so
dalag, den Kopf in der Mutter Scho, fing sie, ber ihn gebeugt, zu
singen an:

    Der du, Herr, um mein Sorgen weit,
    Schtze mir meinen Jungen!
    Schick ihm deinen Heiligen Geist,
    Kommt er zum Strande gesprungen!
    Glatt ist der Sand, das Wasser bewegt;
    Aber wenn er den Arm um ihn legt,
    Tut ihm die Welle nicht Schaden,
    Bis du ihn rettest voll Gnaden.
    Bange sitzt die Mutter zu Haus:
    Ob ihm ein Unglck geschehen?
    Tritt in die Tre, ruft hinaus...
    Nichts ist zu hren, zu sehen.
    Trstet sich endlich: ob hier, ob da
    Du und er, ihr seid ihm ja nah;
    Jesulein, ihm zur Seiten,
    Wird ihn nach Haus geleiten.

Sie sang mehrere Verse; Arne lag ganz still; ein wohltuender Frieden kam
ber ihn, und er fhlte eine erquickende Mdigkeit. Das letzte, was er
deutlich hrte, war von Jesus; da tat sich eine helle Welt vor ihm auf,
und ihm war, als singe da ein Chor von zwlf oder dreizehn Stimmen; die
Stimme seiner Mutter hrte er aber aus allen heraus. Schnere Tne hatte
er nie gehrt; er bat, man solle ihn so singen lehren. Er meinte es zu
knnen, wenn er ganz leise singe, und so sang er denn ganz leise, sang
noch einmal ganz leise und immer noch leiser, und es klang schon ganz
holdselig, als er vor Freude darber mit krftiger Stimme einsetzte, und
weg war es. Er wachte auf, sah sich um und lauschte, hrte aber nichts
als das ewige Rauschen des Wassers und den kleinen Bach, der mit leisem
stetigen Pltschern dicht an der Scheune vorbeiflo. Die Mutter war
fort; sie hatte das halbfertige Hemd und ihre Jacke ihm unter den Kopf
geschoben.




Viertes Kapitel


Als nun die Zeit gekommen war, da das Vieh in den Wald auf die Weide
getrieben werden sollte, wollte er es hten. Sein Vater war dagegen; er
habe bis jetzt doch noch nie das Vieh gehtet und sei jetzt schon im
fnfzehnten Jahr. Er wute aber so schn zu bitten, da er zuletzt
seinen Willen bekam, und den ganzen Frhling, Sommer und Herbst ber war
er nur zum Schlafen zu Hause, sonst aber den lieben langen Tag allein im
Walde.

In seine Einsamkeit da oben nahm er seine Bcher mit; er las und
schnitt Buchstaben in die Baumrinden; er ging sinnend und sehnschtig
einher und sang; aber wenn er abends nach Hause kam, war der Vater
hufig betrunken, mihandelte die Mutter, verwnschte sie und das ganze
Dorf, und sprach davon, da er einmal die weite, weite Welt htte sehen
knnen. Da kam auch ber den Jungen die Sehnsucht, in die Welt zu
ziehen. Zu Hause war es schrecklich, und seine Bcher lockten ihn
hinaus, und manchmal war's ihm, als locke ihn auch die Luft ber den
hohen Bergen.

Da geschah es, da er im Mittsommer mit Kristian, dem ltesten Sohn des
Kapitns zusammentraf, der mit dem Knecht in den Wald gekommen war, um
die Pferde nach Hause zu reiten. Er war ein paar Jahr lter als Arne,
leichtherzig und lustig, unbestndig in seinen Gedanken, aber trotz
allem stark an Willen. Er sprach hastig und abgerissen, am liebsten von
zwei Dingen zu gleicher Zeit, ritt ungesattelte Pferde, scho die Vgel
im Fluge, fischte mit Fliegen und kam Arne wie der Inbegriff aller
Vollkommenheit vor. Er hatte auch die Wanderlust und erzhlte Arne von
fremden Lndern, da ringsum alles Glanz war; er bemerkte Arnes Freude
am Lesen, und da brachte er ihm die Bcher mit, die er selbst gelesen
hatte; wenn Arne sie aus hatte, bekam er neue; des Sonntags sa er
selbst neben ihm und zeigte ihm, wie er Erdkunde und Landkarten zu
studieren habe, und den ganzen Sommer und Herbst lernte Arne soviel, da
er ganz bla und mager wurde.

Im Winter durfte er zu Hause weiter lernen, weil er im nchsten Jahr
konfirmiert werden sollte, auerdem aber auch mit dem Vater gut
umzugehen verstand. Er ging jetzt wohl in die Schule, aber in der Schule
machte er am liebsten die Augen zu und trumte sich nach Hause zu seinen
Bchern; er hatte ja auch unter den Bauernjungen keinen Kameraden mehr.

Mit den Jahren schlug der Vater die Mutter immer mehr, und auch seine
Trunksucht und seine krperlichen Schmerzen nahmen zu. Und weil Arne
trotzdem bei ihm sitzen und ihn unterhalten mute, um der Mutter fr
eine Stunde Frieden zu schaffen, und oft Dinge sagen mute, die er jetzt
aus tiefstem Herzen verabscheute, so bekam er einen Ha auf seinen
Vater. Den verschlo er ebenso tief in sich wie die Liebe zu seiner
Mutter. Kam er mit Kristian zusammen, so war viel von groen Reisen und
von den Bchern die Rede; selbst dem Freunde verschwieg er, wie es bei
ihm zu Hause zuging. Aber manches Mal, wenn er von diesen weitgreifenden
Gesprchen allein heimwrts zog und daran dachte, was ihm nun wieder
bevorstehen mochte, weinte er und betete zu dem Gott ber den Sternen,
er mge es fgen, da er bald in die Ferne ziehen drfe.

Im Sommer wurden Kristian und er konfirmiert. Kurz darauf setzte
Kristian seinen Plan durch. Sein Vater mute ihn fortlassen, damit er
Seemann werden konnte; er schenkte Arne seine Bcher, versprach fleiig
zu schreiben--und reiste ab.

Nun stand Arne allein.

In dieser Zeit bekam er wieder Lust, Verse zu machen. Er flickte nicht
mehr an alten herum, er machte neue und legte all sein Leid hinein.

Aber ihm war schlielich das Herz zu schwer, und der Kummer verleidete
ihm die Lieder. In langen schlaflosen Nchten wurde es ihm jetzt zur
Gewiheit, da er es nicht lnger ertragen konnte, sondern weit, weit
fort wandern wollte und Kristian suchen--und keinem Menschen ein Wort
davon sagen. Er dachte an die Mutter und was aus ihr werden wrde, und
er konnte ihr kaum in die Augen sehen.

Da sa er eines Abends spt auf und las. Wenn es ihm wie ein Alb auf der
Brust lag, nahm er seine Zuflucht zu den Bchern und merkte nicht, da
sie das Gift noch schrfer machten. Der Vater war auf einer Hochzeit,
wurde aber noch diesen Abend zurckerwartet; die Mutter war mde und
hatte Angst vor ihm, deshalb hatte sie sich schlafen gelegt. Arne fuhr
bei einem schweren Fall auf der Diele und bei dem Gepolter von etwas
Hartem an der Tr zusammen. Da kam sein Vater nach Hause.

Arne machte die Tr auf und sah ihn an. "Du bist es, mein kluger Junge!
Komm, hilf Deinem Vater auf!" Arne hob ihn auf und fhrte ihn zur Bank.
Er nahm den Geigenkasten, trug ihn auch hinein und machte die Tr zu.
"Ja, schau' mich nur an, Du kluger Junge; schn sehe ich jetzt nicht
aus; das ist Schneider Nils nicht mehr. Das sag'--ich Dir,--damit
Du--nie Schnaps trinkst; das ist--der Satan, die Welt und unser eigen
Fleisch----, er widersteht den Hoffrtigen, den Demtigen aber schenkt
er Gnade.----O je, o je!--Wie weit ist es mit mir gekommen!"

Er sa eine Weile ganz still, dann sang er schluchzend:

    "Herr, mein Erlser, Jesus Christ,
    Hilf mir, wenn mir zu helfen ist;
    Lieg' ich auch tief im Sndenschlamm,
    Bin ich Dein Kind doch, Du Gotteslamm!"

"Herr, ich bin nicht wert, da Du unter mein Dach kommst, aber sprich
nur ein Wort."--Er warf sich vornber, verbarg das Gesicht in den Hnden
und weinte wie im Krampf. Lange lag er so, und dann sagte er wortgetreu
aus der Bibel her, wie er es vor mehr als zwanzig Jahren gelernt hatte:
"Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir!--Er
aber antwortete und sprach: 'Es ist nicht recht, da man den Kindern das
Brot nehme und werfe es vor die Hunde.'--Sie aber sprach: 'Ja Herr,
essen doch aber die Hndlein von den Brosamen, die von ihres Herrn
Tische fallen.'"

Er schwieg, doch sein Weinen war jetzt befreiter und ruhiger.

Die Mutter war schon lange wach geworden, hatte aber nicht hinzusehen
gewagt. Jetzt, da er wie ein Erlster weinte, sttzte sie sich auf die
Ellbogen und sah ihn an.

Kaum aber wurde Nils sie gewahr, als er ihr zubrllte: "Na, was guckst
Du?--Du willst wohl sehen, was Du aus mir gemacht hast. Ja, so sehe ich
jetzt aus, so und nicht anders!"--Er stand auf, und sie kroch unter die
Decke. "Na, kriech nur nicht weg, ich finde Dich doch", sagte er und
hielt die rechte Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger tastend vor
sich.--"Kille, kille!" sagte er, zog ihr die Decke weg und drckte ihr
den Zeigefinger auf die Gurgel.

"Vater!" sagte Arne.

"Nein, wie verschrumpft und klapprig Du geworden bist. Da ist nicht viel
dran. Kille, kille!" Die Mutter umspannte mit ihren beiden Hnden
krampfhaft seine, konnte sich nicht losmachen und krmmte sich in einen
Knuel zusammen.

"Vater!" sagte Arne.

"Na, jetzt kommt Leben in Dich. Wie sie sich windet, das alte Gespenst!
Kille, kille!"

"Vater!" sagte Arne, und die Stube fing an, sich um ihn zu drehen.

"Kille, kille, sag' ich!"--Sie lie seine Hnde los und ergab sich.

"Vater!" rief Arne. Er rannte in die Ecke, wo eine Axt stand.

"Du schreist wohl aus Trotz nicht? Nimm Dich aber in acht; ich hab'
solche schreckliche Lust bekommen. Kille, kille!"

"Vater!" schrie Arne und packte die Axt, blieb aber wie angewurzelt
stehen; denn in demselben Augenblick richtete der Vater sich auf, stie
einen gellenden Schrei aus, griff sich nach der Brust und sank um;
"Jesus Christus!" sagte er und lag ganz still.

Arne wute nicht mehr, wo er eigentlich war; er erwartete, die Stube
msse auseinanderbersten und ein helles Licht irgendwo hineinfallen. Die
Mutter atmete schwer, als wlzte sie eine Last von sich ab. Schlielich
richtete sie sich halb auf und sah den Vater lang ausgestreckt auf dem
Fuboden liegen und den Sohn mit einer Axt daneben stehen.

"Gott Du Barmherziger, was hast Du getan?"--schrie sie und sprang aus
dem Bett, warf sich einen Rock ber und kam heran. Da war ihm, als lste
sich seine Zunge. "Er ist von selbst umgefallen", sagte er
leise.--"Arne, Arne, das glaube ich Dir nicht," sagte die Mutter laut
und strafend, "jetzt sei Gott mit Dir!" und sie warf sich jammernd ber
die Leiche. Der Junge aber erwachte aus seiner Betubung und fiel auch
auf die Knie: "So wahr ich der Gnade Gottes teilhaftig werden will, er
ist auf der Stelle umgefallen."----"So ist Gott der Herr selbst hier
gewesen", sagte sie leise, kauerte sich zusammen und starrte vor sich
hin.

Nils lag noch unverndert und steif da; Mund und Augen waren offen. Die
Hnde hatten sich einander genhert, als wollten sie sich falten, waren
aber dazu nicht mehr imstande gewesen. "Fa Deinen Vater an, Du bist
krftig; hilf mir ihn aufs Bett legen." Und sie nahmen ihn und betteten
ihn; sie drckte ihm Augen und Mund zu, streckte ihn aus und faltete ihm
die Hnde.

Dann standen sie beide da und schauten ihn an. Nichts von dem, was sie
bis jetzt erlebt hatten, war so bedeutungsvoll und so inhaltsschwer wie
diese Stunde. Wenn der Bse leibhaftig da gewesen war, so hatte doch
auch Gott der Herr hier gestanden; es war nur eine kurze Begegnung
gewesen. Alles Vorangegangene war nun abgetan.

Es war kurz nach Mitternacht, und sie wollten bei dem Toten wachen, bis
der Tag kam. Arne zndete auf dem Herde ein helles Feuer an, die Mutter
setzte sich daneben. Und wie sie so dasa, ging ihr durch den Sinn,
wieviele bse Tage sie mit Nils gehabt hatte, und da dankte sie Gott in
heiem, inbrnstigem Gebet fr das, was er getan. "Ich habe doch aber
auch manchen guten Tag gehabt", sagte sie und weinte, als bereue sie ihr
Dankgebet, und schlielich war sie so weit, die grte Schuld auf sich
zu nehmen, die sie aus Liebe zu dem Toten gegen Gottes Gebot gehandelt
hatte, ihrer Mutter ungehorsam gewesen und deshalb durch diese ihre
sndige Liebe gestraft worden war.

Arne setzte sich ihr gegenber. Die Mutter blickte zum Bett
hinber:--"Arne, Du darfst nicht vergessen, da ich um Deinetwillen das
alles erduldet habe", schluchzte sie und hungerte nach einem lieben
Wort, das ihr in ihren Selbstanklagen Sttze und ein Trost in der
kommenden Zeit sein sollte. Der Junge bebte und konnte nicht antworten.
"Du darfst mich nie verlassen", schluchzte sie.--Da wurde ihm mit einem
Male klar, was sie in dieser ganzen Zeit des Jammers gewesen war, und
wie grenzenlos verlassen sie wre, wenn er zum Lohn fr ihre groe Treue
jetzt von ihr ginge. "Nie, nie", flsterte er und wollte hin zu ihr,
hatte aber nicht die Kraft dazu. So saen sie, und ihr heftiges Weinen
flo ineinander. Sie betete laut, bald fr den Toten, bald fr sich und
den Jungen, und sie weinten, und sie betete wieder, und dann weinten sie
wieder. Dann sagte sie: "Arne, Du hast solch schne Stimme; setz' Dich
zu Deinem Vater und sing ihm was vor."

Und es war, als komme neue Kraft ber ihn. Er stand auf und holte das
Gesangbuch, zndete einen Kienspan an und setzte sich, den Span in der
einen Hand, das Gesangbuch in der andern, ans Kopfende des Bettes und
sang mit klarer Stimme den 127. Choral des Kingo:

    "Herr, o la deinen Zorn jetzt fahren,
    Wolle die blutige Zuchtrute sparen,
    Die deines Grimmes Wucht uns kndigt,
    Weil wir gesndigt!"




Fnftes Kapitel


Arne wurde wortkarg und menschenscheu; er htete das Vieh und machte
Verse. Er ging ins zwanzigste Jahr, und noch immer htete er das Vieh.
Er lieh sich vom Pfarrer Bcher und las; aber das war auch das einzige,
was er tat.

Der Pfarrer lie ihn auffordern, die Lehrerstelle anzunehmen, "denn das
Kirchspiel msse Nutzen aus seinen Fhigkeiten und Kenntnissen ziehen".
Arne antwortete nicht; am andern Tage aber, whrend er die Schafherde
vor sich her trieb, machte er ein Lied:

    Bcklein junges, Lmmlein mein,
    Geht's auch oft ber Stock und Stein
    Hoch auf schroffe Fjelle,--
    Folg' du nur brav deiner Schelle!

    Bcklein junges, Lmmlein mein,
    Halt dein Fell mir hell und rein!
    Mutter will vom Bcklein,
    Wenn es schneit, sein Rcklein.

    Bcklein junges, Lmmlein mein,
    Pfleg' mir auch dein Buchlein fein!
    Siehst nicht, kleiner Tffel,
    Mutters Suppenlffel?

In seinem zwanzigsten Jahr wurde er eines Tages zufllig Zeuge eines
Gesprchs zwischen seiner Mutter und der Frau des frheren Hofbesitzers;
sie waren im Streit ber das Pferd, das ihnen gemeinsam gehrte. "Ich
will abwarten, was Arne dazu sagt", meinte seine Mutter. "Ach, der
Faulpelz," antwortete die andre, "der mchte wohl, das Pferd triebe sich
im Walde 'rum, gerade wie er." Da schwieg die Mutter, so beredt sie
vorhin gewesen war.

Arne wurde feuerrot. Da die Mutter um seinetwillen spttische Worte
hren mute, hatte er noch nie bedacht, und vielleicht hatte sie schon
gar viele hren mssen. Warum hatte sie ihm das nicht gesagt?

Er dachte lange darber nach, und da fiel ihm ein, da die Mutter fast
nie mit ihm sprach; er aber auch nicht mit ihr. Mit wem sprach er
berhaupt?

An manchem Sonntag, wenn er still zu Hause sa, htte er gern seiner
Mutter die Predigt vorgelesen, weil ihre Augen nicht mehr gut waren; sie
hatte all ihr Lebtag zu viel geweint. Aber es war nichts draus geworden.
Manch liebes Mal hatte er ihr aus seinen eigenen Bchern vorlesen
wollen, wenn es so still im Hause war, und er dachte, sie msse sich
langweilen. Aber es war nichts draus geworden.

"Ja, dann ist's nicht anders. Ich lasse das Hten sein und gehe zu
Mutter hinunter." Er wartete ein paar Tage und befestigte sich in seinem
Entschlu; die Herde lie er weit in den Wald hineingehen und dichtete
ein Lied:

    Im Dorfe, da ist Unruh, im Walde lt sich's ruhn,
    Es pfndet hier kein Amtmann, dort pfnden zweie nun.
    Hier dreht nicht um die Kirche wie dort sich steter Zwist;
    Doch kommt's vielleicht daher, da hier noch keine Kirche ist.

    Wie ruhig ist's im Walde; nur grndlich rupft allhier
    Der Habicht einen Spatzen aus reiner Wibegier,
    Und nur der Adler wrgt hier ein arm Geschpf zu Tod,
    Weil arge Langeweile sonst ihn umzubringen droht.

    Ein Baum wird umgehauen, beim andern fault der Stamm;
    Dem Rotfuchs fiel gen Abend anheim das weie Lamm.
    Der ward vom Wolf zerrissen, und beide wurden zahm;
    Denn Arne scho das Wlflein tot, bevor der Morgen kam.

    Soviel kann sich ereignen im Wald und auf der Au;
    Da gilt's nur aufzupassen, da man nichts Falsches schau'.
    'nen Burschen, der den Vater erschlug, sah ich im Traum;
    Ich wei nicht wo, doch denk' ich mir, es war im Hllenraum.

Er kam nach Hause und sagte seiner Mutter, sie mge sich im Dorf nach
einem andern Htejungen umsehn; er selbst wolle sich jetzt lieber um
den Hof bekmmern. So geschah es; aber seine Mutter kam immer mit
Ermahnungen; er solle sich nicht bei der Arbeit beranstrengen. Sie
setzte ihm in dieser Zeit auch so gutes Essen vor, da er oft ganz
beschmt war; aber er sagte nichts.

Er trug sich mit einem Liede, dessen Kehrreim war: "ber die hohen
Berge." Er wurde aber nie damit fertig, und das lag hauptschlich daran,
da er den Kehrreim in jeder zweiten Zeile haben wollte; zuletzt gab er
es auf.

Mehrere der Lieder aber, die er gedichtet hatte, kamen unter die Leute
und fanden Beifall; manche htten gern mit ihm geredet, zumal sie ihn
noch als Knaben gekannt hatten. Arne aber hatte Angst vor allen, die er
nicht kannte, und dachte schlecht von ihnen, vor allem weil er glaubte,
sie dchten schlecht von ihm.

Bei allen Feldarbeiten stand ihm ein Mann in mittleren Jahren zur Seite,
Knut vom Oberland, der die Angewohnheit hatte, mitunter zu singen, aber
immer dasselbe Lied. Als das ein paar Monate so fortgegangen war, dachte
Arne, er msse ihn doch mal fragen, ob er nicht noch andere Weisen
knne. "Nein", sagte der Mann. So gingen einige Tage hin, und als der
Mann wieder einmal sein Lied sang, fragte Arne: "Wie ist es gekommen,
da Du dies eine gelernt hast?"--"Ach, das kam so", sagte der Mann.

Gleich darauf ging Arne ins Haus; da aber sa die Mutter und weinte, was
er seit des Vaters Tode nicht mehr gesehen hatte. Er tat, als bemerke
er's nicht, und ging wieder auf die Tr zu; aber er fhlte, wie die
Mutter ihm schwermtig nachsah, und mute stehen bleiben.--"Warum weinst
Du, Mutter?"--fr eine Weile blieben seine Worte der einzige Laut in der
Stube, und deshalb stellte sich die Frage ihm immer wieder, so da er
schlielich fhlte, sie habe nicht zart genug geklungen. Er fragte also
noch einmal: "Warum weinst Du, Mutter?"

"Ach, ich wei auch nicht"; aber nun weinte sie noch mehr. Er stand
eine ganze Zeit da, und dann sagte er so mutig, wie er konnte: "Du
weinst ber was Bestimmtes." Wieder blieb es still. Er fhlte sich sehr
schuldig, obwohl sie nichts gesagt hatte und er nichts Bestimmtes wute.
"Es kam so ber mich", sagte die Mutter. Nach einer Weile fgte sie
hinzu: "Ich bin ja im Grunde so glcklich", und dann weinte sie wieder.

Arne aber ging schnell hinaus; es zog ihn zu der Felswand hin. Er setzte
sich so, da er hinunterschauen konnte, und wie er dasa, kamen ihm auch
die Trnen. "Wenn ich nur wte, worber ich weine", sagte Arne.

ber ihm auf dem umgepflgten Acker aber sa Knut und sang sein Lied:

    "Ingerid Sletten von Sillegjord
    Hatte weder Silber noch Gold,
    Nur ein bunt Hubchen, drin brutlich hold
    Einst Mutter zur Kirche fuhr.

    Nur dies Vermchtnis von Elternhand,--
    Hatte sonst nichts in Keller noch Schrein;
    Doch ihr arm Hubchen vom Mtterlein
    Wog schwerer als aller Tand.

    Sie barg es zwanzig Jahre fromm
    Vor Licht und Tageslaut.
    --Ich trag' es wohl noch einmal als Braut
    Wann ich zum Herrgott komm'!

    Sie barg es dreiig Jahre lang
    Im Truhendmmer traut.
    --Ich trag' es doch noch als frohe Braut,
    Auf meinem Ehrengang.

    Und vierzig Jahre gingen ins Land,
    Sie hat noch der Mutter gedacht.
    --Mein Hubchen alt, nun glaub' ich sacht,
    Die Zeit fr uns entschwand.

    Sie geht es holen, dem Tode nah,
    Ihr Herz schlug so stark dazu;
    Sie hastet sich hin nach der alten Truh',--
    Da war kein Fdchen mehr da."

Arne sa, als kmen die Tne fern von den Halden her. Er stieg zu Knut
hinauf. "Hast Du noch eine Mutter?" fragte er.--"Nein."--"Hast Du noch
einen Vater?"--"Ach nein, keinen Vater."--"Sind sie schon lange
tot?"--"O ja, schon lange."

"Du hast wohl nicht viele, die Dich lieb haben?"--"O nein, nicht
viele."--"Hast Du hier jemand?"--"Nein, hier nicht."--"Aber fern in
Deiner Heimat?"--"O nein, dort auch nicht."--"Hast Du denn gar keinen,
der Dich lieb hat?"--"Nein, keinen."

Aber Arne verlie ihn, und so lieb hatte er seine Mutter, als solle ihm
das Herz springen, und er hatte das Gefhl, als werde es hell ber ihm.
Himmlischer Vater, dachte er, Du hast mir sie gegeben und durch sie so
unsglich viel Liebe, und ich gehe achtlos an ihr vorber--und wenn ich
sie einmal haben mchte, dann ist sie vielleicht nicht mehr da. Er
wollte hin zu ihr, blo um sie zu sehen. Unterwegs aber fiel ihm
pltzlich ein: "Weil Du sie gering geachtet hast, wirst Du vielleicht
bald damit gestraft weiden, da Du sie verlierst!"--Er blieb auf dem
Fleck stehen. "Allmchtiger Gott, was soll dann aus mir werden?"

Ihm war's, als geschehe jetzt ein Unglck zu Haus; er setzte in groen
Sprngen auf das Haus zu, der kalte Schwei stand ihm auf der Stirn, und
die Fe berhrten kaum die Erde. Er ri die Stubentr auf. Die Mutter
hatte sich schlafen gelegt, der Mond fiel ihr gerade auf das Gesicht;
sie lag und schlummerte wie ein Kind.




Sechstes Kapitel


Einige Tage darauf beschlossen Mutter und Sohn, die sich seitdem inniger
aneinander angeschlossen hatten, bei Verwandten auf einem Nachbarhof
eine Hochzeit mitzumachen. Die Mutter war seit ihrer Mdchenzeit auf
keinem Fest mehr gewesen.

Die beiden kannten fast alle Gste nur dem Namen nach, und Arne kam es
besonders sehr merkwrdig vor, da ihn alle ansahen, wo er sich blicken
lie.

Auf der Diele fiel hinter ihm ein Wort,--bestimmt wute er es nicht,
aber er glaubte es gehrt zu haben, und jeder Blutstropfen siedete in
ihm, wenn er daran dachte.

Dem Mann, der es gesagt hatte, ging er nun unaufhrlich nach und
schlielich setzte er sich neben ihn. Aber als er an den Tisch trat,
schien es ihm, als nehme das Gesprch schnell eine andere Wendung.

"Na, jetzt will ich mal 'ne Geschichte erzhlen, an der man sieht, da
nichts so fein gesponnen ist, es kommt schlielich doch an die Sonnen",
sagte der Mann, und Arne hatte das Gefhl, er sehe ihn dabei an. Es war
ein hlicher Mensch mit dnnem roten Haar ber einer hohen runden
Stirn. Darunter lagen ein Paar sehr kleine Augen und eine kleine
Kartoffelnase; der Mund aber war sehr gro und hatte wulstige Lippen von
weilicher Farbe. Wenn er lachte, sah man die beiden Gaumen. Seine Hnde
lagen auf dem Tisch: sie waren sehr grob und plump, das Handgelenk aber
war dnn. Er hatte einen stechenden Blick und sprach schnell, aber es
kostete ihn Anstrengung. Man nannte ihn den Maulhelden, und Arne wute,
da Schneider Nils ihm in alten Tagen bel mitgespielt hatte.

"Ja, es gibt viel Snde in dieser Welt; sie ist uns nher, als wir
glauben----. Aber das ist gleich. Jetzt sollt Ihr etwas sehr Hliches
hren. Die lteren unter Euch werden sich wohl noch an Alf, an den
Ranzen-Alf erinnern. 'Werd' schon wiederkommen!' sagt Alf; die Redensart
stammt von ihm; denn wenn er einen Handel abgeschlossen hatte--und
handeln konnte der Kerl!--dann schwang er seinen Ranzen auf den Rcken;
'werd' schon wiederkommen!' sagt Alf. Teufel, war das ein Kerl, ein
Prachtkerl, ein Hauptkerl war der Alf, der Ranzen-Alf!----Ja, und dann
kam die Sache mit ihm und dem groen Faulpelz. Der Faulpelz,--ja, Ihr
kennt den Faulpelz doch?--gro war er, und faul war er auch. Er
vergaffte sich in ein rabenschwarzes Pferd, mit dem der Ranzen-Alf
einherkam und das wie ein Frosch hpfte. Und eh' es dem Faulpelz noch
recht zum Bewutsein kam, hatte er fnfzig Taler fr die Mhre bezahlt.
Der Faulpelz, so lang wie er war, auf einen Wagen 'rauf, um mit dem
Fnfzigtalerpferd Parade zu fahren; aber er mochte peitschen und
fluchen, da der Hof in einer Staubwolke lag,--das Pferd lief
seelenruhig auf jede Tr und jede Mauer los, die irgend da war;--denn es
hatte den Star.--Von Stund an lagen sich diese beiden berall in den
Haaren wie zwei Kampfhhne. Der Faulpelz wollte sein Geld wieder haben;
aber keinen roten Heller bekam er. Der Ranzen-Alf prgelte ihn durch,
da die Borsten stoben. 'Werd' schon wiederkommen', sagte Alf. Teufel,
war das ein Kerl, ein Prachtkerl, ein Hauptkerl war der Alf, der
Ranzen-Alf.--Na, dann gingen ein paar Jahre hin, wo er sich nicht mehr
sehen lie.--Es mochte wohl so zehn Jahre spter sein, als er auf dem
Kirchberg ausgerufen wurde, weil ihm eine groe Erbschaft zugefallen
war. Der Faulpelz hrte es mit an. 'Das konnte ich mir denken,' sagte
er, 'da das Geld den Ranzen-Alf suche und nicht die Leute.'--Nun sprach
man hin und her ber Alf; und soviel wurde geschwatzt, da man
schlielich heraus hatte, er wre zuletzt diesseits des Rrenbergs
gewesen, aber nicht drben. Ja, Ihr kennt doch den Weg ber den Rren
noch, den alten Weg?

"Der Faulpelz aber war seit einiger Zeit zu groer Macht und
Herrlichkeit gelangt sowohl was seinen Hof betraf, wie berhaupt.
Auerdem hatte er sich auf die Frmmigkeit verlegt, und alle waren
berzeugt, er werde nicht auf einmal um nichts und wieder nichts
fromm,--frommer als die andern. Man fing an, allerlei ber ihn zu
munkeln.--Es war zu der Zeit, als die Strae ber den Rren verlegt
werden sollte; die Alten hatten immer geradeaus gewollt, deshalb fhrte
der Weg direkt ber den Rren; wir dagegen wollen alles hbsch eben
haben, und deshalb geht jetzt der Weg unten am Flu entlang. Da gab es
eine Sprengerei und eine Wirtschaft, da man meinte, der ganze Rren
fiele herunter. Allerhand Wegebaumeister kamen, am hufigsten aber der
Amtmann, weil er ja doppelte Freifahrt hat. Und als sie nun eines Tages
da in dem Gerll schaufelten, wollte einer einen Stein wegnehmen, bekam
aber statt dessen eine Hand zu fassen, die aus dem Steinhaufen
heraussah, und so stark war diese Hand, da der, der sie gefat hatte,
mit ihr zurcktaumelte. Der sie aber gefat hatte, war der
Faulpelz.--Der Amtsvorsteher war in der Nhe; er wurde geholt, und dann
grub man die ganzen Gebeine eines Menschen aus. Ein Arzt wurde auch
geholt! Der setzte alles so kunstgerecht zusammen, da blo noch das
Fleisch fehlte. Die Leute behaupteten aber, das Gerippe msse genau so
gro sein wie der Ranzen-Alf. 'Ich werd' schon wiederkommen', sagt Alf.
Jedwedem einzelnen kam es merkwrdig vor, da eine tote Hand einen Kerl
wie den Faulpelz so einfach umwerfen konnte, wo sie gar nicht einmal
ausschlug. Der Amts Vorsteher sagte ihm das auf den Kopf zu,--natrlich
da keiner es hrte. Da fing aber der Faulpelz zu fluchen an, da es dem
Amtsvorsteher ganz schwarz vor den Augen wurde. 'Ja, ja', sagte der
Amtsvorsteher, 'wenn Du es nicht gewesen bist, so bist Du wohl der
rechte Mann, heute nacht bei dem Gerippe zu schlafen, ja?'--'Das will
ich meinen', antwortete der Faulpelz. Und nun band der Doktor das
Gerippe in den Gelenken zusammen und legte es auf das eine Bett in der
Baracke. In das andere sollte sich der Faulpelz legen; der Amtsvorsteher
aber lag, in seinen Mantel gehllt, drauen dicht an der Wand.--Als es
dunkel wurde und der Faulpelz zu seinem Schlafkameraden hineinmute, war
es gerade, als wenn die Tr sich von selbst hinter ihm schlsse, und er
stand im Dunkeln. Da fing der Faulpelz an, Chorle zu singen, denn er
hatte eine mchtige Stimme. 'Warum singst Du Chorle?' fragte der
Amtsvorsteher drauen an der Wand. 'Wer wei, ob fr ihn gelutet worden
ist, antwortete der Faulpelz. Dann fing er zu beten an, so laut er
konnte. 'Warum betest Du?' fragte der Amtsvorsteher drauen an der Wand.
'Er ist doch sicher ein groer Snder gewesen', antwortete der Faulpelz.
Dann blieb es eine lange Zeit still, und der Amtsvorsteher war nahe am
Einschlafen. Da brllte es drinnen, da die Htte bebte: 'Ich werd'
schon wiederkommen!'--Ein Hllenlrm erhob sich; 'her mit meinen fnfzig
Talern', brllte der Faulpelz, dann ein Aufschrei und ein Gekrach; der
Amtsvorsteher hin zur Tr, die Leute kamen mit Stangen und Fackeln, und
da lag der Faulpelz mitten auf dem Boden, und das Gerippe lag ber
ihm--."

Es war totenstill am Tisch. Schlielich sagte einer, indem er sich seine
Wasserpfeife ansteckte: "Er ist ja wohl an dem Tage verrckt
geworden."--"Ja, das stimmt."

Arne fhlte, da alle ihn ansahen, und deshalb konnte er die Augen nicht
aufschlagen. "Wie ich gesagt habe," warf der erste hin, "es ist nichts
so fein gesponnen, es kommt doch an die Sonnen."--"Na, jetzt will ich
mal von einem erzhlen, der seinen eignen Vater schlug", sagte ein
blonder, dicker Mann mit einem runden Gesicht. Arne wute kaum noch, wo
er hinsollte.

"Es war einmal in einer angesehenen Familie in Hardanger ein Raufbold;
der hatte schon manchen untergekriegt. Sein Vater und er waren uneins
ber das Altenteil, und es kam so weit, da der Mann in seinem Hause und
auerhalb keinen Frieden mehr hatte.--Dadurch wurde er immer schlimmer,
und sein Vater berwachte ihn. 'Ich lasse mir von keinem was sagen',
sagte der Sohn. 'Aber von mir, so lange ich lebe', sagte der
Vater.--'Bist Du nicht gleich still, dann schlag' ich Dich', sagte der
Sohn und stand auf.--'Ja, wag' es nur, und es wird Dir nie gut gehen in
der Welt', antwortete der Vater und stand auch auf.--'Meinst Du?'--und
der Sohn drang auf ihn ein und schlug ihn nieder. Der Vater aber wehrte
sich nicht, verschrnkte die Arme und lie ihn machen, was er
wollte.--Der Sohn mihandelte ihn, packte ihn und schleppte ihn zur Tr:
'Ich will Frieden im Hause haben!'--Aber als sie an die Tr kamen,
richtete der Vater sich auf. 'Nicht weiter als bis zur Tr,' sagte er,
'so weit habe ich meinen Vater auch geschleppt.' Der Sohn achtete nicht
darauf, sondern zerrte den Kopf ber die Trschwelle. 'Nicht weiter als
bis zur Tr, sag' ich!' Der Alte sprang auf, warf den Sohn vor seine
Fe und zchtigte ihn wie ein Kind."--"Das war hlich", sagten
Verschiedene. "Seinen eignen Vater schlgt man doch nicht!" glaubte Arne
einen sagen zu hren, aber er wute es nicht genau.

"Jetzt will ich Euch etwas erzhlen", sagte Arne; er stand mit
leichenblassem Gesicht auf und wute noch nicht, was er sagen wollte. Er
sah nur die Worte wie groe Schneeflocken um sich herum stieben; "es
geht aufs Geratewohl!" und er fing an.

"Ein Zwerg begegnete einmal einem Burschen, der weinend seines Weges
ging. 'Vor wem hast Du am meisten Angst,' fragte der Zwerg, 'vor Dir
selbst oder vor andern?' Der Bursch aber weinte, weil ihm in der Nacht
getrumt hatte, er habe seinen bsen Vater erschlagen mssen, und
deshalb antwortete er: 'Ich habe am meisten Angst vor mir selbst.'--'So
sollst Du vor Dir selbst Ruhe haben und nie mehr weinen, denn fortan
sollst Du nur mit den andern im Krieg liegen.' Und der Zwerg ging seines
Weges. Der erste aber, den der Bursch traf, lachte ihn aus, und deshalb
mute der Bursch ihn wieder auslachen. Der zweite, den er traf, schlug
ihn; der Bursch mute sich verteidigen und schlug ihn wieder. Der
dritte, den er traf, wollte ihn tten, und deshalb mute er ihn selbst
umbringen. Alle Leute aber redeten Bses von ihm, darum konnte er von
allen Menschen auch nur Bses reden. Sie riegelten Schrnke und Tren
vor ihm zu, so da er sich stehlen mute, was er brauchte, sogar seine
Nachtruhe mute er sich stehlen. Weil er nun nie etwas Gutes tun konnte,
mute er eben Bses tun. Da sagte das ganze Dorf: 'Den Burschen mssen
wir uns vom Halse schaffen; er ist zu schlecht', und eines schnen Tags
schafften sie ihn aus dem Wege. Der Bursch wute aber gar nicht, da er
etwas Bses getan hatte; deshalb kam er nach seinem Tode geradenwegs zum
lieben Gott. Da sa auf einer Bank sein Vater, den er gar nicht
totgeschlagen hatte, und gegenber auf einer andern Bank saen alle, die
ihn gezwungen hatten, Bses zu tun. 'Vor welcher Bank hast Du Angst?'
fragte der liebe Gott, und der Bursch zeigte auf die lange. 'So setz'
Dich neben Deinen Vater', sagte der liebe Gott, und der Bursch wollte es
tun. Da strzte sein Vater von der Bank herunter und hatte eine
klaffende Wunde im Nacken. Auf seinem Platz aber stand ein Phantom des
Burschen selbst, nur mit leichenblassem Gesicht und von Reue verzerrten
Mienen; und ein anderes mit dem Gesicht eines Sufers und schlotternden
Gliedern, und noch eins mit irren Augen, zerrissenen Kleidern und einem
grauenvollen Lachen. 'So htte es Dir auch gehen knnen', sagte der
liebe Gott.--'Ja, wre das mglich?' sagte der Bursch und griff nach dem
Saum von Gottes Gewand. Da fielen beide Bnke vom Himmel hinunter, und
der Bursch stand vor dem lieben Gott und lachte. 'Denke dran, wenn Du
aufwachst', sagte der liebe Gott,--und im selben Augenblick wachte der
Bursch auf. Der Bursch aber, der all das getrumt hat, bin ich, und die
ihn in Versuchung fhren, weil sie schlecht von ihm denken, seid Ihr.
Vor mir selbst habe ich keine Angst mehr; aber ich habe vor Euch Angst.
Hetzt nicht das Bse in meine Seele, denn ich wei nicht, ob auch ich
einst den Saum von Gottes Gewand fassen kann."

Er strzte hinaus, und die Mnner blickten einander an.




Siebentes Kapitel


Es war am nchsten Tag auf demselben Hof in der Scheune; Arne hatte sich
zum erstenmal in seinem Leben betrunken, war krank davon geworden und
hatte nun bald vierundzwanzig Stunden in der Scheune gelegen. Jetzt
richtete er sich empor, sttzte sich auf die Ellbogen und hielt ein
Selbstgesprch: "----Alles, was ich anfasse, wird Feigheit. Da ich als
Junge nicht davonlief, war Feigheit; da ich auf den Vater mehr hrte
als auf die Mutter, war Feigheit; da ich ihm die hlichen Lieder
vorsang, war Feigheit. Ich fing das Viehhten an; aus Feigheit;--und das
Lesen--nun ja, auch aus Feigheit: ich wollte mich nur vor mir selber
verstecken. Als erwachsener Bursch stand ich der Mutter nicht gegen den
Vater bei--Feigheit; da ich ihn in jener Nacht nicht--hu!--Feigheit!
Ich htte wohl gewartet, bis sie tot gewesen wre;----ich konnte es
hinterher zu Hause nicht aushalten--Feigheit; ich zog aber auch nicht
meiner Wege--Feigheit; ich tat nichts, ich htete das Vieh,--Feigheit.
Ich hatte freilich der Mutter versprochen, zu bleiben, aber ich wre
schon feig genug gewesen, den Schwur zu brechen, wenn ich nicht Angst
gehabt htte, unter fremde Menschen zu mssen. Denn ich habe Angst vor
den Menschen, hauptschlich wohl, weil ich glaube, sie sehen, wie
garstig ich bin. Weil ich aber Angst vor ihnen habe, rede ich Bses von
ihnen--verfluchte Feigheit! Ich mache Verse aus Feigheit. Ich wage nicht
ber meine eigenen Angelegenheiten nachzudenken und mische mich deshalb
in die Sachen andrer Leute,--und das nennt man Dichten!--Ich htte mich
hinsetzen sollen und weinen, da die Berge zu Wasser werden, ja, das
htte ich; aber ich sage nur: Seht, seht! und wiege mich in Nichtstun
ein. Und selbst meine Lieder sind feig; denn wren sie mutig, so wrden
sie besser sein. Ich habe Angst vor starken Gedanken wie vor allem
Starken berhaupt; schwinge ich mich einmal dazu auf, so ist es aus
Wut, und Wut ist Feigheit. Ich bin klger, tchtiger, belesener, als ich
aussehe; ich bin besser als mein Geschwtz; aber aus Feigheit wage ich
mich nicht so zu geben wie ich bin. Pfui, sogar Schnaps habe ich aus
Feigheit getrunken; ich wollte den Schmerz betuben! Pfui, es schmeckte
schrecklich, aber ich trank doch, trank doch; trank meines Vaters
Herzblut, und doch trank ich! Meine Feigheit hat keine Grenzen; das
allerfeigste aber ist doch, da ich hier sitze und mir selbst das alles
sagen kann.-- ... Mich tten? Prost Mahlzeit! Dazu bin ich zu feig. Und
dann glaube ich doch auch an Gott,--ja, ich glaube an Gott. Ich mchte
gern hin zu ihm; aber die Feigheit hlt mich von ihm zurck. Eine groe
Vernderung, die scheut ein Feigling. Aber wenn ich's versuchte, so gut
ich's vermag? Allmchtiger Gott! Wenn ich's versuchte? Mte mich
kurieren, so gut mein Milchsuppenleben es vertrge; denn Knochen habe
ich ja nicht mehr im Leibe, nicht mal Knorpeln, blo etwas Flssiges,
Weichliches.--Wenn ich es versuchte--mit guten, milden Bchern,--hab'
Angst vor den starken--; mit schnen Mrchen und Sagen und allem, was
sanft ist,--und dann jeden Sonntag eine Predigt und jeden Abend ein
Gebet. Und tchtige Arbeit, damit die Religion Ackerland hat; in die
Trgheit kann man nichts sen. Wenn ich's versuchte; Du lieber, guter
Gott meiner Kindheit, wenn ich's versuchte!"

Da ffnete jemand die Scheunentr, strzte auf die Diele mit
leichenblassem Gesicht, obwohl ihr der Schwei heruntertropfte,--es war
seine Mutter. Schon den zweiten Tag suchte sie ihren Sohn. Sie rief
seinen Namen, stand aber nicht still um zu lauschen, sondern rief nur
und lief in alle Ecken, bis er hinten von dem Heuschober her, wo er lag,
Antwort gab. Da stie sie einen lauten Schrei aus, sprang leichtfiger
als ein Junge in den Heuhaufen hinein und beugte sich ber ihn:--"Arne,
Arne, bist Du hier! So hab' ich Dich doch gefunden; ich hab' seit
gestern gesucht; ich hab' die ganze Nacht durch gesucht! Armer lieber
Arne! Ich hab' gesehen, da sie Dir weh getan haben! Ich htte so gern
mit Dir gesprochen und Dich getrstet; aber ich darf ja nie mit Dir
sprechen!----Arne, ich sah, da Du trankst! Ach, Du allmchtiger Gott!
La mich das nie wieder sehen!"--Es dauerte eine ganze Weile, bis sie
weiterreden konnte. "Gott schtze Dich, mein Kind, ich habe gesehen, da
Du getrunken hast!--Pltzlich warst Du mir weg, betrunken und so
vernichtet vom Schmerz,--und ich rannte in alle Huser; ich war weit
drauen auf dem Felde; ich fand Dich nicht; ich habe in jedem Gebsch
gesucht; ich habe alle Leute gefragt; hier bin ich auch gewesen, aber Du
hast mir nicht geantwortet----Arne, Arne! Ich ging am Flu entlang, aber
er schien mir nirgends tief genug--" sie schmiegte sich enger an
ihn.--"Da wurde es mir so leicht ums Herz: Du wrest sicher nach Hause
gegangen, und ich brauchte kaum eine Viertelstunde zu dem Weg; ich
machte die Tr auf und suchte in jedem Raum, und dann erst fiel mir ein,
da ich ja selbst den Schlssel hatte; Du konntest ja nicht
hineingeschlpft sein.--Arne! heut nacht habe ich den ganzen Weg an
beiden Seiten abgesucht; bis zur Kampenschlucht wagte ich gar nicht zu
gehen!--Wie ich hierhergekommen bin, wei ich nicht; keiner hat mir's
gesagt, aber der liebe Gott hat mir eingegeben, Du mtest hier sein!"

Er versuchte sie zu beruhigen. "Arne, Du wirst doch nie wieder Schnaps
trinken?"--"Nein, da kannst Du ganz ruhig sein."--"Sie sind wohl
schlecht zu Dir gewesen? Waren sie schlecht zu Dir?"--"Ach nein,
nur--ich war so feig." Er legte einen Nachdruck auf dies Wort.--"Ich
kann das gar nicht verstehen, da sie schlecht zu Dir waren. Aber was
haben sie Dir denn getan? Du sagst mir nie etwas", und sie fing wieder
zu weinen an.--"Du sagst mir ja auch nie etwas", sagte Arne
sanft.--"Daran bist Du schuld, Arne. Ich bin von Deinem Vater das
Stillschweigen so gewohnt gewesen,--Du httest mir ein bichen auf den
Weg helfen mssen!--Herrgott, wir haben doch weiter nichts als uns; und
wir haben soviel zusammen ausgestanden."--"Wir wollen versuchen, ob es
nicht besser werden kann", flsterte der Bursch.------"Nchsten Sonntag
will ich Dir die Predigt vorlesen."--"Da segne Dich Gott fr!"

"Du, Arne!"--"Ja?"--"Ich mu Dir etwas sagen."--"Sag' es, Mutter."--"Ich
habe gesndigt an Dir; ich habe etwas Unrechtes getan."--"Du, Mutter?"
und es rhrte ihn so, da seine seelensgute, geduldige Mutter sich
anklagte, sie habe gesndigt an ihm, der nie etwas wirklich Gutes fr
sie getan hatte, da er den Arm um sie legte, sie streichelte und in
Trnen ausbrach.--"Ja, ganz bestimmt, aber ich konnte eben nicht
anders."--"Ach, Du hast mir nie ein Unrecht getan."--"O doch;--aber Gott
wei: ich tat es nur aus Liebe zu Dir. Aber Du wirst es mir verzeihen,
ja?"--"Ja, ich werde es Dir verzeihen."--"So will ich es Dir ein
andermal erzhlen;--aber Du mut es mir verzeihen!"--"Ja, ja,
Mutter!"--"Siehst Du, daher kam es wohl, da es mir so schwer wurde, mit
Dir zu reden; ich hatte gesndigt an Dir."--"Herrgott, sprich nicht so,
Mutter!"--"Ich bin froh, da ich wenigstens soviel gesagt habe."--"Wir
beiden wollen mehr zusammen reden, Mutter!"--"Ja, das wollen wir,--und
dann liest Du mir doch auch die Predigt vor?"--"Ja, das tue
ich."--"Armer Arne! Gott segne Dich!"--"Ich glaube, das beste ist, wir
gehen nach Hause."--"Ja, gehen wir nach Hause."--"Du siehst Dich ja so
um, Mutter."--"Ja, in dieser selben Scheune hat Dein Vater auch gelegen
und hat geweint."--"Der Vater?" fragte Arne und wurde ganz bla.--"Der
arme Nils! Es war an dem Tage, als Deine Taufe war.----

Du siehst Dich ja so um, Arne."




Achtes Kapitel


Von dem Tag an, da Arne sich aufrichtigen Herzens bemhte, inniger mit
seiner Mutter zu verkehren, wurde auch sein Verhltnis zu den andern
Menschen besser. Er sah sie mehr mit den sanften Augen seiner Mutter an.
Aber es wurde ihm oft schwer, seinem Vorsatz treu zu bleiben; denn seine
tiefsten Gedanken verstand die Mutter nicht immer,--hier ist ein Lied
aus jener Zeit:

    "Es war ein so schner, sonniger Tag,
    Es litt mich nicht lnger drinnen;
    Ich schlenderte waldwrts und lag und lag
    Und lie die Gedanken spinnen.
    Doch die Emse kroch und die Mcke stach
    Und die Brems' und die Wespe taten's ihr nach."

"Lieber Junge, willst Du denn bei dem Prachtwetter nicht drauen
bleiben?"--sagte Mutter, sa dabei auf dem Altan und sang:

    "Es war ein so schner, sonniger Tag,
    Es litt mich nicht lange drinnen;
    Ich ging auf die Wiese und lag und lag
    Und summte so recht in Sinnen.
    Da kamen Nattern, drei Ellen lang,
    Und wollten sich sonnen--doch ich entsprang."

"Bei solch einem Gotteswetter knnen wir barfu laufen",--sagte Mutter
und zog die Socken aus.

    "Es war ein so schner, sonniger Tag,
    Es litt mich nicht lange drinnen;
    Ich sprang in ein Boot und lag und lag
    Und lauschte dem Raunen und Rinnen.
    Da hat mir die Sonne die Nase zerbrannt.
    Immer alles mit Ma! Und ich ging an Land."

"Jetzt werden wir 's Heu wohl trocken hereinbringen",--sagte Mutter und
warf's mit dem Rechen durcheinander.

    "Es war ein so schner, sonniger Tag,
    Es litt mich nicht lange drinnen;
    Ich klomm auf 'nen Baum; potz Donnerschlag,
    Hier treibt ihr mich nicht von hinnen!
    Da rutscht' eine Raupe mir vorn in die Brust,--
    Ich hpfte und schrie; das war eine Lust!"

"Na, wenn die Kuh heut den Koller nicht kriegt, so kriegt sie ihn nie",
sagte Mutter und blinzelte hinauf in die Glut.

    "Es war ein so schner, sonniger Tag,
    Es litt mich nun einmal nicht drinnen;
    So ruht' ich nicht, bis ich im Wasserfall lag:
    Da war wohl nun Ruh zu gewinnen.
    Die Sonne schien weiter, indes ich versank,--
    Und ist dies Lied deines,--bist du's, der ertrank."

"Blo drei solche sonnige Tage, und alles ist unter Dach",--sagte Mutter
und ging mein Bett machen.

Trotzdem wurde das Zusammenleben mit der Mutter mit jedem Tage ein
greres Glck fr ihn. Was sie nicht verstand, schlug ebensogut eine
Brcke zu ihm wie das, was sie verstand. Denn ber alles, was sie nicht
verstand, dachte er nur um so eingehender nach, und sie wurde ihm nur
lieber dadurch, da er nach allen Seiten die Grenzen in ihr erkannte.
Ja, sie wurde ihm unendlich teuer!

Arne hatte sich als Kind nichts aus Mrchen gemacht. Jetzt als
erwachsener Mensch bekam er Sehnsucht nach Mrchen, und sie hatten
Volkssagen und Heldenlieder im Gefolge. In sein Herz kam eine seltsame
Sehnsucht; er ging viel allein, und manches, worauf er zuvor gar nicht
geachtet hatte, erschien ihm wunderbar schn. Zu der Zeit, als er mit
seinen Altersgenossen zum Konfirmandenunterricht gegangen war, hatten
sie hufig an einem groen See vor dem Pfarrhaus gespielt, dem
sogenannten schwarzen See, weil er gar so tief und schwarz dalag. Dieser
See kam ihm jetzt in den Sinn, und eines Abends stieg er da hinauf.

Er setzte sich unter einen Busch dicht neben dem Pfarrhof; der lag an
einem sehr steilen Abhang, der schlielich zu einer hohen Felswand
anstieg; genau so war es am andern Ufer, so da von beiden Seiten lange
Schlagschatten ber den See fielen: in der Mitte aber war ein schner
silbriger Wasserstreifen geblieben. Alles lag in tiefer Ruhe; die Sonne
war im Sinken; leises Glockenluten klang vom andern Ufer
herber,--sonst aber war es ganz still. Arne schaute nicht geradeaus,
sondern hinunter auf den Grund des Sees, weil die Sonne vorm Untergehen
eine zittrige Rte drber hinausgesandt hatte. Unten traten die Felsen
etwas zur Seite, so da ein langgestrecktes, niederes Tal entstand,
gegen das das Wasser schlug. Aber es sah aus, als neigten sich die
Felsen langsam zueinander, um das zwischen ihnen liegende Tal
gewissermaen zu schaukeln. Ein Gehft lag in dem Tal neben dem andern;
Rauchwlkchen stiegen empor und verteilten sich; die grnen Felder
dampften; Boote, mit Heu beladen, kamen an Land. Er sah viele Menschen
hin und her gehen, hrte aber kein Gerusch. Seine Augen wandten sich
von diesem Bilde zum Strand hinber, wo nur Gottes dsterer Wald sich
erhob. Durch den Wald und am See entlang hatten die Menschen sich wie
mit einem Finger einen Weg gemacht, denn man sah einen Staubstreifen
sich gleichmig hindurchschlngeln. Den verfolgte er mit den Augen bis
genau der Stelle gegenber, wo er sa; da hrte der Wald auf; die Felsen
traten mehr zurck, und gleich lag wieder ein Gehft neben dem andern.
Da standen noch grere Huser als unten im Grunde, rot angestrichen,
mit greren Fenstern, die in der Sonne brannten. Helles Sonnenlicht lag
auf den Hhen; auch das kleinste Kind, das da spielte, war deutlich zu
sehen; blendend weier Sand lag hart am See; da sprangen Kinder mit ein
paar Hunden herum. Aber auf einmal war alles sonnenverlassen und schwer,
die Huser waren dunkelrot, die Wiese schwarzgrn, der Sand grauwei,
die Kinder wie kleine Klmpchen; eine Nebelwand war ber den Bergen
aufgestiegen und hatte die Sonne verdeckt. Arnes Auge flchtete aufs
neue zum Wasser hinunter; da aber fand er das Ganze wieder. Die Felder
wogten, der Wald zog sich schweigend hin, hoch oben lagen die Huser und
schauten hernieder, die Tren standen offen, und die Kinder liefen aus
und ein. Mrchen und Kindertrume kamen wie kleine Fische nach der
Angel, stoben auseinander, kamen wieder, spielten herum, bissen aber
nicht an.

"Wir wollen uns hier hinsetzen, bis Deine Mutter nachkommt; die Frau
Pfarrer wird ja auch mal fertig werden."--Arne schrak zusammen; es hatte
sich jemand dicht hinter ihn gesetzt. "Aber ich knnte doch ganz gut
blo noch diese eine Nacht hier bleiben", sagte flehend eine
trnenerstickte Stimme; sie mochte einem nicht ganz erwachsenen Mdchen
gehren. "Hr' jetzt auf zu weinen; es ist recht hlich, da Du weinst,
weil Du nach Hause zu Deiner Mutter sollst." Es war eine sanfte Stimme,
die langsam sprach und einem Manne gehrte. "Darber weine ich ja
nicht."--"Worber weinst Du denn sonst?"--"Weil ich nicht mehr mit
Mathilde zusammen sein kann."

So hie die einzige Tochter des Pfarrers, und es fiel Arne ein, da ein
Bauernmdchen mit ihr zusammen erzogen war. "Das konnte ja doch nicht
ewig dauern."--"Ja, aber einen Tag doch noch, Vater!" und sie schluchzte
bitterlich.--"Es ist das beste, Du fhrst gleich mit nach
Hause;--vielleicht ist es schon zu spt."--"Zu spt? Warum? Wie meinst
Du das?"--"Du bist als Bauernmdchen geboren, und ein Bauernmdchen
sollst Du bleiben; 'ne Zierpuppe knnen wir uns nicht leisten."--"Ich
knnte doch auch ein Bauernmdchen sein, wenn ich hier bliebe."--"Das
verstehst Du nicht."--"Ich habe doch immer Bauerntracht angehabt."--"Das
allein macht's nicht."--"Ich habe doch auch gesponnen und gewebt und
kochen gelernt."--"Das ist es auch nicht."--"Ich kann doch genau so
sprechen wie Du und die Mutter."--"Auch das ist's nicht."--"Ja, dann
wei ich nicht, was es sein kann", sagte das Mdchen und lachte.--"Das
wird sich ja herausstellen;--ich habe blo Angst, Du denkst jetzt schon
zuviel."--"Denkst, denkst! Das sagst Du immer; ich denke berhaupt
nicht", sie fing wieder zu weinen an.--"Ach, Du bist ein
Windbeutel!"--"Das hat der Herr Pfarrer nie zu mir gesagt."--"Nein, aber
ich sage es jetzt."--"Windbeutel? Ist so was erhrt? Ich will aber kein
Windbeutel sein!"--"Was willst Du denn sonst sein?"--"Was ich sein
mchte? Ist so 'was erhrt? Nichts mchte ich sein."--"Nun, so sei doch
ein Nichts!" Da lachte das Mdchen. Nach einer Weile sagte sie
ernsthaft: "Es ist grlich von Dir, da Du sagst, ich bin ein
Nichts."--"Herrgott, wenn Du es doch selbst sein mchtest!"--"Nein, ich
mchte kein Nichts sein."--"Gut, so sei alles!"--Das Mdchen lachte.
Nach einer Weile sagte sie mit betrbter Stimme: "So hat mich der Herr
Pfarrer nie zum Narren gehabt."--"Nein, er hat blo einen Narren aus Dir
gemacht."--"Der Herr Pfarrer? So nett bist Du nie zu mir gewesen wie der
Herr Pfarrer."--"Das wre ja auch noch schner."--"Saure Milch kann nie
s werden."--"Doch, wenn man Kse davon macht."--Da lachte das Mdchen
laut auf. "Da kommt Deine Mutter!" Gleich wurde sie wieder ernst.

"So ein redseliges Frauenzimmer wie die Frau Pfarrer hab' ich mein
Lebtag nicht gesehen", gellte jetzt eine scharfe, hastige Stimme
dazwischen. "Schnell, Baard, steh auf und mach' das Boot klar! Wir
kommen sonst heut abend nicht mehr nach Hause.--Die Frau hat gesagt, ich
soll aufpassen, da Eli immer trockne Fe hat. Mut schon selbst drauf
passen! Und jeden Morgen spazieren laufen wegen der Bleichsucht!
Bleichsucht hin, Bleichsucht her!--Steh doch auf, Baard, und mach' das
Boot klar; ich mu heut abend noch den Teig anrhren!"--"Der Koffer ist
noch nicht da", sagte er und blieb ruhig liegen. "Der Koffer soll auch
gar nicht mit; der soll bis zum nchsten Sonntag hier bleiben. Hrst
Du, Eli, steh auf; nimm Dein Bndel und komm! Steh doch auf,
Baard!"--Sie fort, das Mdchen hinter ihr her. "Komm doch; aber so komm
doch!" klang es von unten herauf. "Hast Du nachgesehen, ob der Zapfen im
Boot steckt?" fragte Baard und blieb ruhig liegen. "Ja, der steckt
drin", und Arne hrte, wie sie ihn mit einer Schpfkelle festklopfte.
"Aber so steh doch auf, Baard! Wir knnen doch nicht die Nacht ber hier
liegen bleiben?"--"Ich warte auf den Koffer."--"Aber Du meine Gte, ich
habe Dir doch gesagt, er soll bis zum nchsten Sonntag hier
bleiben."--"Da kommt er schon", sagte Baard. Und sie hrten
Wagengerassel. "Aber ich habe doch gesagt, er soll bis zum nchsten
Sonntag hier bleiben."--"Ich habe aber gesagt, er soll gleich
mit."--Ohne weiteres lief die Frau nun zum Wagen und trug Bndel, Korb
und sonst ein paar Kleinigkeiten ins Boot hinunter. Da erhob Baard sich
auch, stieg hinauf und lud sich den Koffer auf.

Hinter dem Wagen aber kam ein Mdel hergelaufen im Strohhut und mit
flatternden Haaren; das war das Pfarrerstchterlein. "Eli, Eli!" rief
sie schon von weitem. "Mathilde, Mathilde!" antwortete ihr die andere,
lief hinauf und ihr entgegen. Sie trafen oben auf dem Hgel zusammen,
fielen sich in die Arme und weinten. Dann nahm Mathilde etwas auf, was
sie so lange ins Gras gesetzt hatte; es war ein Vogelbauer. "Du sollst
den Narrifas haben, wirklich, Mutter will's auch. Du sollst jetzt den
Narrifas haben, ja, wirklich--und: denk auch mal an mich--und komm ...
komm ... komm oft herbergerudert zu mir"; und sie weinten beide
bitterlich. "Eli! komm doch, Eli! Du kannst da doch nicht stehen
bleiben!" klang es von unten herauf.--"Aber ich will mit," sagte
Mathilde, "ich will mit Dir hinber und heut nacht bei Dir
schlafen!"--"Ja, ja, ja!"--und eng umschlungen liefen sie an die
Landungsstelle hinunter. Nach einer Weile gewahrte Arne das Boot auf dem
See; Eli stand mit dem Vogelbauer aufrecht hinten am Steuer und winkte;
Mathilde sa am Steg und weinte.

Da blieb sie sitzen, solange das Boot auf dem Wasser war; bis zu den
roten Husern war's, wie gesagt, nicht weit, und Arne blieb auch sitzen.
Auch er verfolgte das Boot mit den Augen. Es kam bald in den Schatten
hinein, und er wartete, bis es anlegte; dann sah er sie im Wasser, und
hier folgte er ihnen zu den Husern hin, bis zu dem allerschnsten. Er
sah die Mutter zuerst hineingehen, sah den Vater mit dem Koffer und
schlielich die Tochter, soweit er sie an der Gre unterscheiden
konnte. Nach einer Weile kam die Tochter wieder heraus und setzte sich
vor die Tr, wahrscheinlich um in dem letzten Sonnenstrahl noch einmal
herberzuschauen. Das Pfarrerstchterlein aber war schon fort, und nur
er sa noch und sah ihr Bild im Wasser. "Ob sie mich wohl sieht?"----

Er stand auf und ging; die Sonne war hinunter, der Himmel aber war so
hell und klarblau, wie er in Sommernchten ist. Von Wasser und Land
stieg der Dunst zu beiden Seiten an den Felsen hoch; die Gipfel aber
blieben frei und schauten zueinander hinber. Er klomm hher hinauf; das
Wasser wurde schwrzer und tiefer und gewissermaen dichter. Das Tal
unten im Grunde wurde krzer und schob sich weiter ans Wasser heran; die
Felsen rckten dem Auge nher und verschwammen in einen Klumpen, denn
das Sonnenlicht zieht Grenzen. Selbst der Himmel kam tiefer hernieder,
und alles wurde freundlich und traulich.




Neuntes Kapitel


Liebe und Frauen begannen in seinen Gedanken eine Rolle zu spielen; die
Heldenlieder und die alten Geschichten lieen sie ihm in einem
Zauberspiegel sehen--wie das Bild des Mdchens im Wasser. Er starrte
bestndig hinein, und nach jenem Abend kam die Lust ber ihn, es zu
besingen; denn es war ihm nher gerckt. Aber der Gedanke entschlpfte
ihm und kam zurck mit einem Liede, von dem er selbst nichts wute; es
war, als habe ein anderer es fr ihn gedichtet:

    Jung Venevil hpfte auf leichtem Schuh
      Ihrem Liebsten zu.
    Da klang's ihr entgegen wie Lerchenschlag:
      "Guten Tag! guten Tag!"

    Und all die kleinen Vglein sangen lustig mit im Hag:
      "Zum Fest Sankt Johanns
      Da gibt's Lachen und Tanz;
    Doch nicht aus jedem Krnzlein wird ein hochzeitlicher Kranz!"

    Sie flocht ihm eins aus den Veiglein der Au:
      "Meine uglein blau!"
    Hoch warf er's empor in den Lenzsonnenschein:
      "Leb' wohl, Freundin mein!"
    Und jubelte und strmte wie ein Fllen feldein:
      "Zum Fest Sankt Johanns..."

    Sie flocht ihm eines aus ihrem hellen Haar:
      "Du nimmst es, nicht wahr?"
    Sie flocht, sie bot ihm zum seligen Bund
      Ihren roten Mund:
    Er nahm und bekam ihn--und ihr Herz in Flammen stund.

    Sie flocht eines wei in ein Lilienband:
      "Meine rechte Hand."
    Und eines, zu dem sie Blutrosen schnitt:
      "Meine linke mit."
    Er nahm sie alle beide,--doch sein Blick zur Seite glitt.

    Sie flocht eins aus Blumen berallher:
      "Ich fand nicht mehr!"
    Sank weinend zu Boden, flocht weiter ohne Ruh:
      "Nimm die, alle, du!"
    Er sagte nichts und nahm sie nur--und floh den Bergen zu.

    Sie flocht ihm eins ohne Farben ganz:
      "Meinen Hochzeitskranz!"
    Sie flocht, bis sie nichts mehr vor Trnen sah:
      "Setz' dir den auf, ja?"
    Doch da sie sich tat wenden, stand niemand mehr da.

    Und weiter flocht sie, versunken ganz
      An dem Hochzeitskranz.
    Doch jetzt war es lngst bers Fest Sankt Johanns,
      Weit der Lenz und sein Glanz:
    Noch aus Eisblumen flocht sie--doch im Flechten zerrann's...
      "Zum Fest Sankt Johanns--
      Da gibt's Lachen und Tanz;
    Doch nicht aus jedem Krnzlein wird ein hochzeitlicher Kranz!"

Es war die Wehmut in ihm, die auf das erste Liebesbild, das durch seine
Seele zog, ihre tiefen Schatten warf. Eine doppelte Sehnsucht: jemanden
lieb zu haben und etwas Groes zu werden, die beiden Wnsche
verschmolzen in eins. In dieser Zeit arbeitete er wieder an dem Gedicht
"ber die hohen Berge", nderte dran herum, sang und dachte bei sich
selbst: "Es wird schon noch glcken; ich singe solange, bis ich den Mut
finde." Er verga die Mutter in diesen seinen Wandergedanken nicht; er
trstete sich nmlich mit dem Vorsatz: sobald er festen Fu in der
Fremde gefat habe, wrde er sie holen und ihr ein Los bereiten, wie er
es daheim nimmermehr sich oder ihr schaffen knne. Mitten in diese groe
Sehnsucht hinein aber stahl sich etwas Stilles, Frisches, Feines,
huschte weg und kam wieder, tauchte auf und verschwand, und da er zum
Trumer geworden war, hatten diese unwillkrlichen Gedanken weit mehr
Macht ber ihn, als ihm selber bewut war.

Im Dorf lebte ein vergnglicher alter Mann, Ejnar Aasen mit Namen. Als
Zwanzigjhriger hatte er sich das Bein gebrochen; seit der Zeit ging er
am Stock; aber wo er mit seinem Stock angehumpelt kam, ging es lustig
zu. Der Mann war reich; ein groes Gehlz von Nustruchern lag auf
seinem Grund und Boden, und an einem recht schnen, sonnigen Tag im
Herbst pflegte eine ganze Schar frhlicher Mdchen bei ihm zum
Nupflcken versammelt zu sein. Tags war groe Bewirtung und abends
Tanz. Bei den meisten Mdchen hatte er Gevatter gestanden; denn er stand
beim halben Dorf Gevatter; alle Kinder nannten ihn Pate, und alt und
jung sprach es nach.

Der Pate war mit Arne sehr gut bekannt und mochte ihn um seiner Lieder
willen gern leiden. Jetzt lud er ihn zur Nuernte ein. Arne errtete und
machte Ausflchte; er sei es nicht gewhnt, mit Frauenzimmern zusammen
zu sein, sagte er. "So mut Du Dich dran gewhnen", antwortete der Pate.

Arne konnte nachts bei dem Gedanken nicht schlafen; Furcht und Sehnsucht
stritten in ihm: aber das Ende vom Lied war: er ging hin und war der
einzige Bursch unter all den Frauenzimmern. Er konnte sich eine
Enttuschung nicht verhehlen; das waren nicht solche, wie er sie
besungen hatte, auch nicht solche, vor denen er Angst gehabt hatte. Sie
machten eine Wirtschaft, wie er sein Lebtag nicht gesehen hatte, und am
meisten wunderte er sich darber, da sie ber nichts und wieder nichts
lachen konnten; und wenn drei lachten, dann lachten die andern fnf
auch, blo weil die drei lachten. Alle benahmen sich, als lebten sie Tag
fr Tag zusammen, und viele hatten sich bis jetzt noch nie gesehen. Wenn
sie den Zweig erhaschten, nach dem sie in die Hhe sprangen, lachten sie
drber, und wenn sie ihn nicht erhaschten, lachten sie auch. Sie balgten
sich um den Nuhaken; die ihn eroberten, lachten, und die ihn nicht
eroberten, lachten auch. Der Pate humpelte am Stock hinter ihnen her und
trieb allen mglichen Schabernack mit ihnen. Die er haschte, lachten,
weil er sie haschte; und die er nicht haschte, lachten, weil er sie
nicht haschte. Alle miteinander aber lachten sie ber Arne, weil er
solch ein ernstes Gesicht machte, und als er dann lachen mute, lachten
sie, weil er endlich lachte.

Schlielich setzten sie sich auf eine Anhhe, der Pate in die Mitte und
die Mdchen alle um ihn herum. Da hatte man einen weiten Blick; die
Sonne stach, aber sie kmmerten sich nicht drum, bewarfen sich mit den
Nuschalen und den Hlsen und gaben dem Paten die Kerne. Der Pate
versuchte sie zum Schweigen zu bringen und schlug mit seinem Stock um
sich, soweit er reichte, denn er wnschte, jetzt solle etwas erzhlt
werden, etwas recht Lustiges. Aber sie zum Geschichtenerzhlen zu
bewegen, schien schwieriger zu sein, als einen bergab sausenden Wagen
aufzuhalten. Der Pate fing an; manche wollten nichts hren, denn seine
Geschichten kannten sie schon; aber schlielich hrte doch alles zu. Und
ehe sie sich's versahen, waren sie mitten drin im besten Erzhlen. Da
wunderte sich Arne wieder ber eins: so lebhaft sie vorhin gewesen
waren, so ernst waren jetzt ihre Geschichten. Sie handelten meistens von
Liebe.

"Aber Du, Aase, kennst eine hbsche; das wei ich noch vom vorigen
Jahr", sagte der Pate und wandte sich an ein stattliches Mdel mit einem
gutmtigen, rundlichen Gesicht; sie sa und flocht ihrer jngeren
Schwester, die den Kopf in ihren Scho gelegt hatte, das Haar. "Die
kennen aber wohl viele", antwortete sie. "Erzhl' sie doch", baten alle.
"Ich will mich nicht lange ntigen lassen", sagte sie und erzhlte und
sang, whrend sie immer weiter flocht:

"Es war einmal ein Bursch, der htete das Vieh, und er trieb die Herde
am liebsten an einem breiten Flu entlang. Wenn er hher hinaufkam, war
da ein Felsen, der soweit in den Flu hinausragte, da der Bursch nach
der andern Seite hinberrufen konnte. Denn drben auf der andern Seite
war ein Hirtenmdchen, das er den ganzen Tag ber vor Augen hatte, ohne
zu ihr kommen zu knnen.

    Dei' Blas'n, des geht mir
    Ganz sakrisch in's Bluet.
    Geh, Deandl, wie hoat denn?
    Du g'fallst mer so guet!

Ein paar Tage lang wiederholte er dieselbe Frage und schlielich bekam
er Antwort:

    Mit der Liab' in dein' Herz'n
    Und dein' Bockshuet a'm Kopf--
    Schwimm 'rber, wenns d'Schneid hast,
    Du damischer Tropf!

Da war der Bursch so klug wie vorher und nahm sich vor, sich nicht
weiter um sie zu kmmern. Das ging aber nicht so einfach; denn er mochte
die Herde treiben, wohin er wollte, immer zog es ihn wieder zum Felsen
hin. Da wurde dem Burschen bange, und er rief:

    Wo hat denn dei' Vota
    Sei' Htt'n hi'baut,
    Da koaner am Kirchgang
    Di nie net derschaut?

Der Bursch glaubte nmlich halb und halb, sie msse eine Waldhexe sein.

    Mei' Vota is tot
    Und die Htt'n verbrennt--
    I hab' no' mei' Lebtag
    Koan' Pfarrer net 'kennt.

Hieraus wurde der Bursch ebensowenig klug. Den Tag ber war er auf dem
Felsen; des Nachts trumte er, sie tanze um ihn herum, und jedes Mal,
wenn er sie haschen wollte, schlage sie mit einem langen Kuhschweif nach
ihm. Er fand kaum noch Schlaf; arbeiten konnte er auch nicht mehr, und
es war um den Burschen bel bestellt.

    Wenns d'a Trud bist, na mog i
    Nix wissn vo' dir,
    Aber bist nur a Deandl,
    Na ko'st red'n mit mir.

Aber es kam keine Antwort, und da stand es bei ihm fest, sie msse eine
Waldhexe sein. Er gab das Viehhten auf, aber da wurde es auch nicht
besser; denn wo er ging und stand, und was er auch tat, immer dachte er
an die schne Waldhexe, die das Horn blies.

Als er eines Tages stand und Holz hackte, kam ein Mdchen ber den Hof
gegangen, das leibhaftig wie die Waldhexe aussah. Aber als sie nher
herankam, war sie es doch nicht. Das ging ihm im Kopf herum; da kam das
Mdchen zurck, und von weitem war es die Waldhexe, und er lief ihr
entgegen. Aber sowie sie nher herankam, war sie es doch nicht.

Fortan mochte der Bursch sein, wo er wollte, in der Kirche, beim Tanz
oder bei andrer Geselligkeit,--das Mdchen war auch da; von weitem sah
sie aus wie die Waldhexe, in der Nhe war sie eine andere; er fragte sie
dann, ob sie es sei oder ob sie es nicht sei; sie aber lachte ihn aus.
Man kann gerade so gut hineinspringen wie hineinkriechen, dachte der
Bursch, und also heiratete er das Mdchen.

Als das aber geschehen war, mochte er das Mdel nicht mehr leiden. War
er fern von ihr, so sehnte er sich nach ihr; war er bei ihr, so sehnte
er sich nach einer, die er nicht sah. Deshalb behandelte der Bursch
seine Frau schlecht; sie ertrug es und schwieg.

Eines Tages aber, als er die Pferde holen wollte, kam der Bursch an den
Felsen, setzte sich nieder und rief:

    Der Mond und die Sterndln
    Und 's Wasser derzua--
    Es rihrt si weitum nix--
    Nur i hob koan Ruah.

Es tat dem Burschen wohl, da zu sitzen, und von nun an ging er immer
hin, wenn es ihm zu Haus nicht gefiel. Seine Frau weinte, wenn er fort
war.

Eines Tages aber, als er so dasa, da sa auch die Waldhexe leibhaftig
am andern Ufer und blies ihr Horn!

    Da bist ja, da hockst ja
    Und blas't wie net g'scheit!
    Und i mue grod woana--
    Tuet jed's, wos eahm g'freit.

Da antwortete sie:

    Deine ugerln mach zue,
    ber d' Ohr'n ziag dein' Huet!
    Schau mi net an, hr' mi net an--
    'S tuet d'r net guet!

Da wurde aber dem Burschen bange, und er ging wieder nach Hause. Doch es
dauerte nicht lange, da war er seiner Frau so berdrssig, da er wieder
in den Wald zu seinem Platz am Felsen mute. Da klang es ihm entgegen:

    Mir hat's alleweil traamt:
    Es fangt mi no wer!--
    Ja, Gernhab'n is leicht,
    Aber Fanga is schwer...

Der Bursch fuhr in die Hhe und schaute sich um, und da schlpfte ein
grner Rock zwischen den Bschen hin. Er hinterher. Nun ging die Jagd
durch den ganzen Wald. So leichtfig, wie die Waldhexe war, konnte kein
Menschenkind sein; er warf einmal ums andere die Schlinge nach ihr; sie
lief immer gleich schnell weiter. Aber endlich begann sie mde zu
werden, das sah der Bursch an den Fuspuren; doch er sah auch an ihrer
ganzen Gestalt, da sie wirklich die Waldhexe war und keine andere.
Jetzt hab' ich Dich', dachte der Bursch, und strzte mit einem Mal so
ungestm auf sie zu, da er und die Waldhexe ein ganzes Stck den Abhang
hinunterkugelten, bis sie liegen blieben. Da lachte die Waldhexe, da es
in den Bergen klang, wie dem Burschen schien; er nahm sie auf den Scho,
und sie war genau so schn, wie er sich seine eigne Frau gewnscht
hatte. 'O sag', wer bist Du nur, Du Se?' fragte der Bursch und
streichelte sie, und ihr glhten die Backen. 'Aber mein Gott, ich bin
doch Deine eigene Frau', sagte sie."

Die Mdchen lachten und machten sich ber den Burschen lustig. Der Pate
aber fragte Arne, ob er auch gut zugehrt habe.

----"Na, jetzt will ich mal was erzhlen", sagte eine Kleine mit einem
runden Gesichtchen und einer winzig kleinen Nase.

"Es war einmal ein sehr kleiner Bursch; der wollte gern ein kleines
Mdel heiraten. Erwachsen waren sie alle beide, aber sie waren gar klein
von Gestalt. Und der Bursch konnte mit der Werbung nicht ins reine
kommen. Er war in der Kirche an ihrer Seite, aber dann wurde immer vom
Wetter gesprochen; er war beim Tanz mit ihr zusammen und tanzte sie fast
kaputt; aber sagen tat er nichts. 'Du mut schreiben lernen, dann geht's
leichter', sagte er sich,--und der Bursch machte sich ans Schreiben; er
dachte immer, es sei nicht schn genug, und deshalb bte er ein halbes
Jahr, bis er an einen Brief denken konnte. Nun galt es, ihn ihr so
zuzustecken, da keiner es sah, und einmal hinter der Kirche traf es
sich so, da sie allein standen. 'Ich hab' einen Brief fr Dich', sagte
der Bursch. 'Aber ich kann kein Geschriebenes lesen', antwortete das
Mdchen.--Na, da stand der Bursch da.--Er zog nun bei dem Vater des
Mdchens in Dienst und wich ihr den lieben langen Tag nicht von der
Seite. Einmal war er nahe daran zu reden; er tat schon den Mund auf,
aber da flog ihm eine groe Fliege hinein.--'Wenn blo keiner kommt und
sie mir wegschnappt', dachte der Bursch. Aber es kam keiner und
schnappte sie ihm weg, denn sie war gar so klein.--Aber schlielich kam
doch einer; denn der war auch nur so klein. Der Bursch merkte recht gut,
was er wollte, und als die beiden zusammen auf die Altane gingen, setzte
der Bursch sich vors Schlsselloch. Jetzt warb der da drinnen um sie.
'Herrjeh, ich Dummkopf, da ich mich nicht beeilt habe!' dachte der
Bursch. Der da drinnen kte das Mdel mitten auf den Mund.--'Das
schmeckt gewi gut', dachte der Bursch. Der da drinnen aber nahm das
Mdel auf den Scho. 'Ist das 'ne Welt!' sagte der Bursch und fing zu
weinen an. Das hrte das Mdchen und ging an die Tr: 'Was willst Du
eigentlich von mir, Du dummer Bengel; kannst Du mich nicht in Ruh
lassen'--'Ich?--ich mchte blo bitten, da ich Dein Brautfhrer sein
darf.'--'Nein, das sollen meine Brder sein', antwortete das Mdchen und
warf die Tr zu.--Na, da hatte der Bursch das Nachsehen"

Die Mdchen lachten sehr ber diese Geschichte und warfen sich dann
wieder mit Nuschalen.

Der Pate wnschte, Eli Ben solle etwas erzhlen. Was denn aber?! Ja,
sie solle erzhlen, was sie ihm auf der Anhhe erzhlt hatte, als er das
letztemal bei ihnen war, damals als sie ihm die neuen Strumpfbnder
geschenkt hatte. Es dauerte eine Weile, bis Eli sich entschlo, denn sie
lachte frchterlich; aber dann erzhlte sie:

"Ein Mdchen und ein Bursch gingen zusammen spazieren. 'O sieh blo die
Drossel, die hinter uns herfliegt', sagte das Mdchen. 'Die fliegt
hinter mir her', sagte der Bursch.--'Kann ebensogut hinter mir sein',
antwortete das Mdchen.--'Das werden wir bald sehen', meinte der Bursch;
Jetzt gehst Du den unteren Weg und ich den oberen, und da hinten treffen
wir wieder zusammen.' Das taten sie. 'Ist sie etwa nicht mit mir
geflogen?' fragte der Bursch, als sie wieder zusammenkamen. 'Nein, sie
ist ja hinter mir hergeflogen', antwortete das Mdchen.--'Dann mssen
hier zwei sein.' Sie gingen zusammen ein Stck weiter; aber es war doch
blo eine; der Bursch behauptete, sie fliege auf seiner Seite, das
Mdchen dagegen behauptete, sie fliege auf ihrer. 'Ich schere mich den
Teufel um die Drossel', sagte der Bursch. 'Na, ich auch', antwortete das
Mdchen.--Sowie sie das aber gesagt hatten, war auch die Drossel
verschwunden. 'Das war auf Deiner Seite', sagte der Bursch. 'Na, ich
danke schn! ich hab' genau gesehen, da es auf Deiner war.----Aber
da!--da ist sie ja wieder!' rief das Mdchen. 'Ja, auf meiner Seite!'
rief der Bursch. Nun wurde aber das Mdchen bse. 'Ich verdiente ja den
Strick, wenn ich noch weiter mit Dir ginge!' und damit ging sie ihren
eignen Weg.--Da verlie die Drossel den Burschen, und es wurde ihm so
langweilig, da er zu rufen anfing. Sie antwortete. 'Ist die Drossel bei
Dir?' rief der Bursch. 'Nein, aber ist sie bei Dir?'--'Ach nein! Du mut
wieder herkommen, dann fliegt sie vielleicht auch wieder mit,' Und das
Mdchen kam. Sie faten sich an der Hand und gingen zusammen weiter.
'Kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt!' klang es neben dem Mdchen. 'Kiwitt,
kiwitt, kiwitt, kiwitt!' klang es neben dem Burschen. 'Kiwitt, kiwitt,
kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt', rief es an allen
Seiten, und als sie hinsahen, flogen hunderttausend Millionen Drosseln
um sie herum. 'Nein, wie seltsam!' sagte das Mdchen und blickte zu dem
Burschen auf. 'Gott schtze Dich!' sagte der Bursch und strich dem
Mdchen ber die Wange."

Diese Geschichte fanden alle Mdchen sehr schn.

Dann schlug der Pate vor, sie sollten erzhlen, was sie diese Nacht
getrumt htten, und dann wollte er entscheiden, wer den schnsten Traum
gehabt habe. Nein, erzhlen zu sollen, was sie getrumt hatten! Nein, so
was! Und es entstand ein Gelchter und Getuschle ohne Ende. Dann aber
sagte eine nach der andern, sie habe solchen schnen Traum heut nacht
gehabt; so schn wie der, den sie gehabt htten, knnt' er aber auf
keinen Fall gewesen sein, sagten wieder andere. Und schlielich wollten
sie alle gern ihre Trume erzhlen. Aber es durfte nicht laut sein; nur
einer sollte es hren, aber nicht der Pate. Arne sa still ein Stckchen
abseits,--dem konnte man sie erzhlen.

Arne setzte sich unter eine Hasel, und dann kam die zu ihm hin, die
zuerst erzhlt hatte. Sie besann sich eine ganze Zeit, dann aber
erzhlte sie: "Mir trumte, ich stnde an einem groen Wasser. Da sah
ich einen ber das Wasser gehen; wer's war, sag' ich nicht. Er setzte
sich in eine groe Seerose hinein und sang. Ich aber stieg auf eins der
groen Bltter, die die Seerose hat, und die auf dem Wasser schwimmen;
auf dem wollte ich zu ihm hinberrudern. Aber kaum stand ich auf dem
Blatt, als es mit mir zu sinken begann, so da ich Angst bekam und
weinte. Da ruderte er in der Seerose heran, zog mich zu sich in die
Blume hinein und fuhr mit mir ber das ganze Wasser.--War das nicht ein
schner Traum?"

Nun kam die Kleine, die vorhin die Geschichte von den Kleinen erzhlt
hatte: "Mir trumte, ich htte einen kleinen Vogel gefangen, und ich
freute mich so, und wollte ihn auch nicht loslassen, bis ich zu Haus in
der Stube sei. Aber da konnte ich ihn nicht los lassen, weil sonst die
Eltern mir gesagt htten, ich solle ihn wieder hinausbringen. So ging
ich mit ihm auf den Boden; aber da schlich lauernd die Katze umher, und
so konnte ich ihn hier doch auch nicht loslassen. Da wute ich meiner
Seele keinen Rat und ging in die Scheune. Gott, da waren so viele
Ritzen, wie leicht htte er durchschlpfen knnen. Na, da ging ich
wieder auf den Hof hinunter, und da stand einer, wer, sag' ich nicht. Er
spielte mit einem ganz groen Hund. 'Ich mchte lieber mit Deinem Vogel
spielen', sagte er und kam ganz nahe heran. Ich lief fort, und er und
der groe Hund hinterher, und ich lief ber den ganzen Hof; da aber
machte Mutter die Tr auf, zog mich hinein und warf die Tr zu. Drauen
aber stand der Bursch mit dem Gesicht an den Scheiben und lachte.
'Guck', hier ist der Vogel!' sagte er--und denk nur, da hatte er den
Vogel.--War das nicht ein hbscher Traum?"

Dann kam die, die von den Drosseln erzhlt hatte. Eli hatten sie zu ihr
gesagt. Das war dieselbe Eli, die er an jenem Abend im Boot und im
Wasser gesehen hatte. Es war dieselbe und auch wieder nicht dieselbe; so
gro und schn sa sie da mit dem feinen Gesicht und der schlanken
Gestalt. Sie wollte sich halb totlachen, und so dauerte es eine ganze
Zeit, bis sie soweit war; dann aber erzhlte sie: "Ich hatte mich so
sehr drauf gefreut, heute ins Nuholz zu kommen, und da trumte mir heut
nacht, ich se hier auf dem Hgel. Die Sonne schien, und ich hatte den
ganzen Scho voll Nsse. Aber da war auf einmal ein kleines Eichhrnchen
mitten unter den Nssen; es hockte auf meinem Scho und a die ganzen
Nsse auf.--War das nicht ein komischer Traum?"

Und noch mehr Trume wurden ihm erzhlt; dann aber sollte er sagen,
welcher der schnste sei. Er bat sich Bedenkzeit aus, und unterdes zog
der Pate mit der ganzen Schar zum Gehft hinunter, und Arne sollte
nachkommen. Sie sprangen die Anhhe hinab, stellten sich, als sie in die
Ebene gekommen waren, in Reihen auf und wanderten singend heimwrts.

Er sa allein und lauschte dem Gesang; die Sonne fiel gerade auf die
Mdchenschar, so da ihre weien Hemdrmel schimmerten. Dann und wann
fate die eine die andre um; sie tanzten ber die Wiese hin, der Pate
mit dem Stock hinterher, weil sie ihm das Grummet niedertraten. Arne
dachte nicht mehr an die Trume; er sah bald berhaupt nicht mehr zu den
Mdchen hin; seine Gedanken zogen sich wie feine Sonnenfden ber das
Tal, und er sa allein auf dem Hgel und spann. Ehe er's recht wute,
war er mitten in einem dichten Gewebe von Schwermut; er sehnte sich
hinaus in die Welt, wie noch nie. Er nahm sich das feste Versprechen ab,
sowie er nach Hause komme, mit der Mutter drber zu reden; es mochte
gehen, wie es wolle.

Seine Gedanken wurden immer mchtiger und strmten in das Lied aus:
"ber die hohen Berge." So schnell waren ihm nie die Worte gekommen und
nie hatten sie sich so sicher aneinandergefgt; sie waren fast wie die
Mdchen, die im Kreise auf dem Hgel saen. Er hatte ein Stck Papier
bei sich und schrieb auf seinen Knien, und als er das Lied zu Ende
geschrieben hatte, stand er wie erlst auf, mochte nicht unter Menschen,
sondern ging den Waldweg heimwrts, obschon er wute, er werde dann die
Nacht mit zu Hilfe nehmen mssen. Als er unterwegs zum erstenmal Rast
machte, wollte er das Lied herausholen und es weithin schmettern; aber
da hatte er es liegen lassen, wo er es gemacht hatte.

--Eins der Mdchen suchte ihn auf dem Hgel und fand ihn nicht, wohl
aber das Lied.




Zehntes Kapitel


Mit der Mutter zu reden, war leichter gedacht als getan. Er machte
Anspielungen auf Kristian und die Briefe, die nicht kamen; aber die
Mutter wandte ihm den Rcken, und tagelang hinterher war ihm, als habe
sie rotgeweinte Augen. Er hatte auch noch ein anderes Merkmal dafr, wie
es stand,--nmlich, da er besonders gutes Essen bekam.

Eines Tages mute er hinauf in den Wald und Holz holen. Der Weg fhrte
mitten durch den Forst, und gerade an der Stelle, wo er Holz fllen
wollte, wurden im Herbst immer Preielbeeren gepflckt. Arne hatte die
Axt aus der Hand gelegt, um die Jacke auszuziehen, und wollte gerade an
die Arbeit gehen, als zwei Mdchen mit ihren Beerentpfen des Wegs
kamen. Er versteckte sich lieber, als mit Mdchen zusammenzutreffen, und
das tat er jetzt auch.

"Nein, aber nein, die vielen Beeren! Eli, Eli!"--"Ja, ja, ich
sehe schon!"--"Aber so geh doch nicht weiter! hier sind ja
Eimervoll!"--"Raschelt es da nicht im Busch?"--"Ach, wirklich!" und die
Mdchen drngten sich aneinander und faten sich um. Sie standen eine
lange Zeit so still, da sie kaum atmeten. "Es ist doch wohl nichts; wir
wollen ruhig pflcken."--"Ja, ich glaub' auch, wir pflcken ruhig."--Und
nun pflckten sie.--"Es war nett von Dir, Eli, da Du heut ins Pfarrhaus
kamst.--Hast Du mir denn auch was zu erzhlen?"--"Ich bin bei dem Paten
gewesen."----"Ja, das hast Du mir gesagt;--aber hast Du mir nichts von
dem Bewuten zu erzhlen?"--"O doch!"--"Ach wirklich? Eli, ist das wahr?
Schnell, so erzhl' doch!"--"Er ist wieder bei uns gewesen!"--"Ist nicht
mglich!"--"Doch, ganz gewi; die Eltern taten, als shen sie es nicht;
ich aber lief auf den Boden und versteckte mich."--"Weiter, weiter! Kam
er dann nach?"--"Ich glaube, Vater hatte ihm gesagt, wo ich war; Vater
ist doch immer so!"--"Und dann kam er? Setz' Dich, setz' Dich hier zu
mir!--Also, dann kam er?"--"Ja, aber gesagt hat er nicht viel; er war so
schchtern."--"Jedes Wort mu ich wissen, hrst Du, jedes Wort!"--"Hast
Du Angst vor mir?" sagte er. "Warum sollt' ich Angst haben?" sagte ich.
"Du weit, was ich von Dir will", sagte er und setzte sich neben mich
auf die Truhe.--"Neben Dich!"--"Und dann fate er mich um die
Taille."--"Um die Taille, ist's mglich?"--"Ich wollte mich gern wieder
frei machen, aber er wollte mich nicht loslassen. Liebe Eli, sagte
er--", sie lachte und die andere lachte auch.--"Nun? Nun?"--"Willst Du
meine Frau sein?"--"Ha, ha, ha!"--"Ha, ha, ha."--Und dann beide: "Ha,
ha, ha, ha, ha, ha, ha!--"

Endlich mute das Lachen doch ein Ende nehmen, und dann blieb es lange
still; da fragte die erste ganz leise: "Du,--war das nicht komisch, als
er Dich um die Taille fate?"

Entweder antwortete die andere hierauf nicht oder doch so leise, da man
es nicht hren konnte, vielleicht auch nur mit einem Lcheln. Nach einer
Weile fragte die erste: "Haben Deine Eltern nachher was gesagt?"--"Vater
kam herauf und sah mich an, aber ich verkroch mich immer; denn er
lachte, wenn er mich ansah."--"Aber Deine Mutter?"--"Nein, die sagte
nichts; aber sie war nicht so streng wie sonst."--"Ja, Du hast ihn also
ausgeschlagen?"--"Natrlich."--Dann blieb es wieder lange still.

"Du?"--"Ja--?"--"Glaubst Du, zu mir kommt auch mal so einer?"--"Ja,
natrlich!"--"Wr's mglich!--Haha!--Du, Eli!--Und wenn der mich nun um
die Taille fate?"--Sie steckte den Kopf weg.

Da gab es ein Lachen und Flstern und Tuscheln.

Bald brachen die Mdchen auf; sie hatten weder Arne, noch die Axt, noch
die Jacke gesehen, und er war recht froh darber.

Einige Tage darauf nahm er Knut als Pchter zu sich nach Kampen. "Du
sollst nicht mehr so allein sein", sagte Arne.

Arne selbst hatte seinen festen Plan. Er hatte frh mit der Sge
umgehen gelernt; denn er hatte manches bei sich zu Hause gezimmert. Nun
wollte er dies Handwerk betreiben; denn er hatte das Gefhl, es sei gut,
eine bestimmte Arbeit zu haben. Es war auch gut fr ihn, da er unter
Leute kam, und er vernderte sich allmhlich so, da ihn Sehnsucht
danach fate, wenn er einmal eine Stunde allein war. Es machte sich, da
er den Winter ber in der Pfarre zu tischlern bekam, und dort waren die
beiden Mdchen oft zusammen. Wenn er sie sah, berlegte Arne, wer es
wohl sein mge, der um Eli Ben warb.

Es traf sich, da er einmal die Pfarrerstochter und Eli spazieren fahren
mute; er hatte gute Ohren, konnte aber doch nicht hren, worber sie
sprachen; ab und zu redete Mathilde mit ihm; dann lachte Eli und steckte
den Kopf weg. Schlielich fragte Mathilde, ob es wahr sei, da er
dichten knne. "Nein", sagte er schnell; da lachten die beiden,
schwatzten und lachten wieder. Fortan war er nicht mehr gut auf sie zu
sprechen und tat, als seien sie Luft.

Einmal sa er in der Gesindestube, wo die Leute tanzten; Mathilde und
Eli kamen beide, um zuzusehen. In ihrer Ecke, wo sie standen, stritten
sie sich ber irgend etwas; Eli wollte nicht, Mathilde wollte aber, und
sie siegte. Da kamen sie beide auf ihn zu, verbeugten sich und fragten,
ob er tanzen knne. Er sagte nein, und da drehten sie sich um, lachten
und liefen weg. Dies ewige Gelache, dachte Arne und wurde ganz ernst.
Aber der Pfarrer hatte einen kleinen Pflegesohn von zehn, zwlf Jahren,
den Arne sehr gern hatte; bei dem Jungen lernte Arne tanzen, wenn's
keiner sah.

Eli hatte einen kleinen Bruder im selben Alter wie der Pflegesohn des
Pfarrers. Die beiden waren Spielkameraden, und Arne machte ihnen
Schlitten und Schneeschuhe und Schlingen, und sprach viel mit ihnen von
ihren Schwestern, besonders von Eli. Eines Tages richtete ihm Elis
Bruder aus, er solle sein Haar nicht so lottrig tragen. "Wer hat das
gesagt?"--"Das hat Eli gesagt; aber ich soll nicht sagen, da sie's
gesagt hat."--Kurze Zeit drauf lie er bestellen, Eli mge ein bichen
weniger lachen. Der Junge kam zurck mit der Bestellung, Arne mge
endlich ein bichen mehr lachen.

Einmal wollte der Junge etwas haben, was Arne geschrieben hatte. Arne
lie es ihm und dachte nicht weiter an die Sache. Nach einiger Zeit
wollte der Junge Arne mit der Nachricht erfreuen, die beiden Mdchen
fnden seine Schrift sehr schn. "Haben sie sie denn gesehen?"--"Ja, ich
habe doch fr sie drum gebeten."--Arne ersuchte die Jungens, ihm etwas
zu bringen, was ihre Schwestern geschrieben hatten; sie taten es auch;
Arne strich alle Schreibfehler mit einem Zimmermannsbleistift an und bat
die Jungens, es so hinzulegen, da es leicht zu finden sei. Nachher fand
er das Papier in seiner Rocktasche wieder; darunter aber stand:
"Verbessert von einem eingebildeten Gecken."

Tags drauf war Arnes Arbeit in der Pfarre zu Ende, und er begab sich
nach Hause. So sanft wie diesen Winter hatte die Mutter ihn seit jener
traurigen Zeit kurz nach dem Tode des Vaters nicht mehr gesehen. Er las
ihr die Predigt vor, ging mit ihr in die Kirche und war sehr gut gegen
sie. Aber sie wute recht wohl, es geschah hauptschlich, um ihre
Zustimmung zu erlangen, da er im Frhling auf Reisen gehen drfe. Da
kam eines Tages von Ben ein Bote mit der Anfrage, ob er nicht zum
Tischlern hinkommen knne.

Arne wurde ganz beklommen zumut, und er sagte ja, als ob er sich es
nicht weiter berlege. Sowie der Bote fort war, sagte die Mutter: "Du
kannst Dich freilich wundern! Von Ben!"--"Ist denn das so merkwrdig?"
fragte Arne, sah sie aber nicht an. "Von Ben!" rief die Mutter noch
einmal.--"Na, warum nicht daher gerade so gut wie von einem andern Hof?"
Er blickte ein wenig auf.--"Von Ben und Birgit Ben!--Wo doch Baard um
Birgits willen Deinen Vater zum Krppel geschlagen hat!"---"Was sagst
Du?" rief jetzt der Bursch. "Das war Baard Ben?"

Mutter und Sohn standen da und sahen sich an. Ein ganzes Leben zog an
ihnen vorber, und einen Augenblick lang sahen sie den schwarzen Faden,
der sich durch alle Ereignisse hindurchzog. Nachher erzhlten sie sich
von jener Glanzzeit des Vaters, da die alte Eli Ben selbst um ihn fr
ihre Tochter Birgit geworben und einen Korb bekommen hatte; sie
vergegenwrtigten sich alles bis zu dem Augenblick, da Nils
zusammenbrach, und sie fanden beide, Baards Schuld sei die kleinere
gewesen. Aber der den Vater zum Krppel geschlagen hatte, war eben doch
er gewesen.

"Bin ich noch immer mit dem Vater nicht fertig?" dachte Arne da und
beschlo, sofort hinzugehen.

Als Arne mit der Handsge auf der Schulter ber das Eis auf Ben zuging,
fand er das Gehft sehr schn. Das Haus sah immer aus, als sei es
neugestrichen; ihn fror ein bichen, und deshalb kam das Haus ihm wohl
so traulich vor. Er trat nicht gleich ein, sondern ging oben herum, wo
der Kuhstall lag; da stand eine Schar langhaariger Ziegen im Schnee und
knabberte die Rinde von Tannenzweigen; ein Schferhund lief auf der
Scheunenbrcke hin und her und bellte, als kme der Bse auf den Hof,
aber sowie Arne stillstand, wedelte er mit dem Schwanz und lie sich
streicheln. Die Kchentr an der hinteren Seite des Hauses ging hufig
auf, und Arne schaute jedesmal hin; aber entweder war es die Kuhmagd mit
ihren Eimern oder die Schaffnerin, die den Ziegen etwas hinwarf. Drinnen
in der Scheune wurde emsig gedroschen, und vorm Holzschauer zur Linken
stand ein Knecht und hackte Holz; hinter ihm waren viele Haufen
aufgeschichtet.--Arne stellte seine Sge hin und ging in die Kche;
weier Sand lag auf dem Fuboden und feinzerpflckter Wacholder war
darber gestreut; an den Wnden blitzten die Kupferkessel, und allerhand
Krge standen in Reih und Glied. Das Mittagessen wurde gekocht, und er
fragte, ob Baard zu sprechen sei. "Geh nur in die Stube!" sagte eine
Magd und wies nach der Tr; er ging; an der Tr war keine Klinke,
sondern ein Messinggriff; drinnen war es hell und freundlich, die Decke
mit vielen Rosen bemalt, die Schrnke rot, mit dem Namen des Besitzers
in schwarz darauf, das Bett genau so, nur mit blauen Streifen am Rande.
Hinten am Ofen sa ein breitschultriger Mann mit einem gtigen Gesicht
und langem gelben Haar und legte Reifen um einige Eimer; an dem langen
Tisch sa eine Frau mit einer Haube auf dem Kopf, in einem
enganschlieenden Kleid, hoch und schlank. Sie teilte einen Haufen Korn
in zwei Hlften. Sonst war weiter niemand in der Stube.

"Guten Tag und gute Verrichtung!" sagte Arne und nahm die Mtze ab.
Beide blickten auf; der Mann lchelte und fragte, wer er sei. "Der hier
tischlern soll."--Der Mann lchelte weiter und sagte, indem er den Kopf
senkte und seine Arbeit wieder aufnahm: "Ach, Arne Kampen."--"Arne
Kampen?" rief die Frau und starrte ihn an. Der Mann blickte kurz auf und
lchelte wieder: "Der Sohn von Schneider Nils"; damit machte er sich
wieder an die Arbeit.

Eine Weile drauf stand die Frau auf, ging an das Gesims, drehte sich um,
ging an den Schrank, kehrte wieder um, und whrend sie im Tischkasten
kramte, fragte sie ohne aufzusehen: "Soll der hier arbeiten?"--"Ja, das
soll er", sagte der Mann, auch ohne aufzusehen. "Dir bietet wohl keiner
einen Stuhl an", wandte er sich zu Arne. Der setzte sich dicht an die
Tr; die Frau ging hinaus, der Mann arbeitete; deshalb fragte Arne, ob
er auch anfangen knne. "Wir wollen erst Mittag essen."

Die Frau kam nicht wieder herein; aber als wieder die Kchentr aufging,
kam Eli. Sie tat erst, als she sie ihn nicht; als er aufstand und auf
sie zugehen wollte, blieb sie stehen und drehte sich um, um ihm die Hand
zu geben; aber sie sah ihn dabei nicht an. Sie wechselten ein paar
Worte; der Vater arbeitete.--Sie trug das Haar in Flechten, hatte ein
Kleid mit engen rmeln an, war zierlich und schlank mit runden
Handgelenken und kleinen Hnden. Sie deckte den Tisch; das Gesinde a in
der andern Stube, Arne mit der Familie in dieser Stube; zufllig wurde
heute getrennt gegessen, sonst aen alle in der groen hellen Kche am
selben Tisch.--"Kommt Mutter nicht?" fragte der Mann.--"Nein, sie ist
auf dem Boden und wiegt Wolle."--"Hast Du sie gerufen?"--"Ja, aber sie
sagt, sie mag nicht essen."--Eine Weile war's still. "Es ist doch kalt
auf dem Boden."--"Sie wollte nicht, da ich einheize."

Nach dem Mittagessen arbeitete Arne; am Abend war er wieder bei ihnen in
der Stube. Jetzt war die Frau auch da. Die Frauen nhten; der Mann
bastelte an allerlei kleineren Sachen herum; Arne half ihm; es blieb
stundenlang still, denn Eli, die sonst wohl das Wort fhrte, sagte jetzt
auch nichts. Mit Entsetzen dachte Arne, so sei es auch wohl oft zu Hause
bei ihm; aber es war, als komme ihm das jetzt erst zum Bewutsein. Eli
seufzte einmal tief auf, als habe sie es jetzt lange genug ausgehalten,
und dann fing sie zu lachen an. Da lachte der Vater auch, und Arne fand
es ebenfalls komisch und stimmte mit ein; fortan sprachen sie allerhand;
schlielich blo er und Eli, und der Vater warf ab und zu ein Wort
dazwischen. Als aber Arne einmal eine ganze Zeitlang geredet hatte,
blickte er zufllig auf; da begegnete er Mutter Birgits Augen; sie hatte
die Arbeit sinken lassen und sa und stierte ihn an. Jetzt nahm sie die
Arbeit schnell auf, aber beim ersten Wort, das er sagte, blickte sie
wieder in die Luft.

Es wurde Schlafenszeit, und jeder begab sich in seine Kammer. Arne
wollte sich den Traum merken, den er die erste Nacht auf einer neuen
Stelle htte; aber es war kein Sinn darin. Tagsber hatte er wenig oder
nichts mit dem Bauer selbst gesprochen; in der Nacht aber trumte er
einzig und allein von ihm. Das letzte war, da Baard am Tisch sa und
mit Schneider Nils Karten spielte. Der machte ein wtendes Gesicht und
war ganz bla; Baard aber lchelte und zog die Karten zu sich herber.

Arne war nun mehrere Tage da, whrend deren so gut wie nichts
gesprochen, wohl aber sehr viel gearbeitet wurde. Nicht blo in der
Wohnstube war es still, auch das Gesinde und die Tagelhner, sogar die
Mgde sagten nichts. Auf dem Hof war ein alter Hund, der bellte
jedesmal, wenn Fremde kamen; nie aber hrten die Leute den Hund bellen,
ohne da einer sagte: "Kusch!" und dann schlich er knurrend beiseite und
legte sich wieder hin. Daheim in Kampen war eine groe Wetterfahne auf
dem Dach, die sich im Winde drehte; hier war eine noch grere Fahne,
die Arne auffiel, weil sie sich nicht drehte. Wenn nun der Wind heftig
wehte, mhte sich die Fahne loszukommen, und Arne sah solange hin, bis
es ihn aufs Dach trieb, die Fahne loszumachen. Sie war nicht
festgefroren, wie er dachte, aber ein Pflock war eingeschlagen, da die
Fahne stillstehen sollte; den zog Arne heraus und warf ihn hinunter. Der
Pflock traf Baard, der gerade des Wegs kam. Er blickte nach oben. "Was
machst Du da?"--"Ich mache die Fahne los."--"Tu's nicht; sie kreischt,
wenn sie geht." Arne sa rittlings auf dem Dachfirst: "Das ist doch
besser, als wenn sie stillschweigt." Baard sah zu Arne hinauf und Arne
zu Baard hinunter; da lchelte Baard: "Wer kreischen mu, wenn er
sprechen will, tut doch wohl besser zu schweigen, mein' ich."

Nun kann es vorkommen, da irgend ein Wort lange, nachdem es gesprochen
ist, noch nachhallt, zumal wenn es das letzte war. Dies Wort folgte
Arne, wie er in der Klte vom Dach herunterkletterte, und es war ihm
noch gegenwrtig, als er abends in die Stube trat. Da stand Eli im
Abenddmmer am Fenster und schaute ber das Eis hin, das im Mondschein
blinkte. Er ging an das andre Fenster und schaute gleich ihr hinaus.
Drinnen war es warm und still, drauen war es kalt; ein scharfer
Abendwind strich durch das Tal und rttelte an den Bumen, da die
Schatten, die sie im Mondschein warfen, nicht still lagen, sondern auf
dem Schnee hin- und herhuschten und schlichen. Vom Pfarrhaus herber
drang ein Lichtschein, glomm auf und verwehte oder nahm mancherlei
Gestalten und Farben an, wie es einem immer vorkommt, wenn man zu lange
hinstarrt. Darber stand der Felsen, an seinem Grunde finster und
geheimnisvoll, mondhell aber auf den hheren Schneefeldern. Der Himmel
oben war ausgestirnt und fern an einer Seite ein zittriges Nordlicht,
das sich aber nicht vorwagte. Ein Stck vom Fenster entfernt, unten am
Wasser, standen Bume, und ihre Schatten stahlen sich zueinander hin;
eine groe Esche aber stand einsam und zeichnete Figuren auf den Schnee.

Es war sehr still; nur manchmal inzwischen kreischte und heulte es in
langgezogenen klagenden Lauten. "Was ist das?" fragte Arne.--"Das ist
die Wetterfahne", sagte Eli, und dann fgte sie leise wie fr sich
selbst hinzu: "Sie mu losgegangen sein." Arne aber war wie einer, der
etwas sagen wollte und es doch nicht konnte. Jetzt sagte er: "Weit Du
noch das Mrchen von den Drosseln, die sangen?"--"Ja."--"Ach,
richtig--Du hast es ja selbst erzhlt.----Es war ein schnes
Mrchen."--Sie sagte mit so sanfter Stimme, da er sie gewissermaen zum
erstenmal zu hren meinte: "Mir ist so oft, als singt etwas, wenn es
ganz still ist."--"Das ist das Gute in uns." Sie blickte ihn an, als
liege ein Zuviel in der Antwort; sie schwiegen hinterher auch beide.
Dann fragte sie, whrend sie mit dem Finger auf den Scheiben malte:
"Hast Du krzlich ein Gedicht gemacht?" Da wurde er rot, das sah sie
aber nicht. Deshalb fragte sie noch einmal: "Wie machst Du es, wenn Du
dichtest?"--"Mchtest Du es gern wissen?"--"O ja."--"Ich achte auf die
Gedanken, die die andern sich entschlpfen lassen", antwortete er
ausweichend.--Sie schwieg lange, denn sie machte wohl die Probe auf
dieses Lied oder jenes, ob sie den Gedanken gehabt und sich hatte
entschlpfen lassen.--"Das ist doch seltsam", sagte sie wie zu sich
selbst und fing wieder an, auf den Scheiben zu malen.--"Ich habe ein
Gedicht gemacht, als ich Dich zum erstenmal sah".--"Wo war
das?"--"Drben beim Pfarrhof an dem Abend, als Du den Hof
verlieest;--ich hab' Dich im Wasser gesehen."--Sie lachte und stand
eine Weile still: "La mich das Lied hren."--Arne hatte nie zuvor so
etwas getan; jetzt aber versuchte er, ihr das Lied vorzusingen.

    "Jung Venevil hpfte auf leichtem Schuh
    Ihrem Liebsten zu" usw.

Eli war ganz Ohr; sie stand noch so, als es schon lange zu Ende war.
Schlielich rief sie: "Nein, wie schade um sie!"--"Mir ist beinahe, als
htt' ich es gar nicht selbst gemacht", sagte er: denn er war nun
verlegen, weil er es hergesagt hatte. Er konnte auch nicht begreifen,
wie er auf den Gedanken gekommen war. Er stand und sann dem Liede nach.
Da sagte sie: "Aber mir soll's doch wohl nicht so gehen?"--"Nein, nein,
nein;--ich habe eigentlich an mich selbst dabei gedacht."--"Soll es Dir
denn so ergehen?"--"Ich wei nicht;--aber damals empfand ich so;--ja,
ich begreife es gar nicht; aber mir war damals so schwer ums
Herz."--"Das ist doch seltsam"; sie malte wieder auf den Scheiben.

Das nchste Mal, als Arne zum Mittagessen erschien, ging er zuerst ans
Fenster. Drauen war es grau und trb, drinnen warm und gut; an die
Scheibe aber war mit dem Finger geschrieben: "Arne, Arne, Arne" und
immerzu "Arne"; das war das Fenster, wo Eli am Abend vorher gestanden
hatte.

Am Tage darauf aber kam Eli nicht hinunter; sie war krank. Sie war
berhaupt die ganze Zeit ber nicht recht munter; sie sagte es selbst,
und man konnte es ihr auch ansehen.




Elftes Kapitel


Den nchsten Tag kam Arne herein und erzhlte, was er eben auf dem Hof
erfahren hatte: nmlich da Mathilde, die Tochter des Pfarrers, in die
Stadt gefahren sei; sie selbst glaube, nur fr ein paar
Tage,--tatschlich aber solle sie ein Jahr oder zwei dort bleiben. Eli
hatte bis jetzt keine Ahnung davon; sie wurde ohnmchtig und sank um.

Arne hatte so etwas nie vorher gesehen, und geriet in groe Angst; er
rannte nach den Mgden, die nach den Eltern, und die aus dem Hause; der
ganze Hof geriet in Aufregung; der Schferhund klffte auf der
Scheunenbrcke. Als Arne spter wieder hineinkam, lag die Mutter vorm
Bett auf den Knien; der Vater sttzte der Kranken den Kopf. Die Mgde
liefen hin und her, eine nach Wasser, eine andere nach Tropfen, die im
Schrank standen, eine dritte knpfte der Kranken die Jacke am Hals auf.
"Gott sei Dir gndig!" sagte die Mutter; "es war doch nicht richtig, da
wir nichts gesagt haben Du wolltest es ja so haben, Baard. O, Gott sei
Dir gndig!" Baard antwortete nicht. "Ich hab' es ja gleich gesagt, aber
nichts geschieht nach meinem Willen. Gott helfe Dir! Immer bist Du so
hlich zu ihr, Baard. Du weit eben nicht, wie ihr zumut ist; Du weit
ja nicht, wie's ist, wenn man einen lieb hat!" Baard antwortete nicht.
"Sie ist nicht so wie die andern, die einen Kummer schon vertragen
knnen; sie wirft er um, die rmste, so schmchtig wie sie ist. Und
berhaupt jetzt, da sie sowieso schon nicht ganz gesund ist. Wach' doch
auf, mein Kind, wir wollen auch immer gut zu Dir sein! Wach' doch auf,
Eli, mein Kind und mach uns nicht solche Sorge!" Da sagte Baard:
"Entweder schweigst Du zuviel oder Du redest zuviel"; er sah zu Arne
hin, als mchte er nicht, da der alles mitanhre, und als solle er
lieber gehen. Weil aber die Mgde in der Stube blieben, so blieb Arne
auch da, doch er ging ans Fenster. Jetzt kam die Kranke soweit zu sich,
da sie um sich schauen konnte und die Anwesenden erkannte; aber da kam
ihr auch die Erinnerung wieder, und sie schrie auf: "Mathilde!" und
brach in ein krampfhaftes Weinen und Schluchzen aus, da es schrecklich
mitanzuhren war. Da suchte die Mutter sie zu beruhigen; der Vater
stellte sich so, da sie ihn sehen konnte, aber die Kranke stie sie
weg. "Weg!" rief sie; "ich habe Euch nicht lieb, weg!"--"Jesus Christus,
Du hast Deine Eltern nicht lieb?" sagte die Mutter.--"Nein! Ihr seid
hart gegen mich und nehmt mir die einzige Freude, die ich habe!"--"Eli,
Eli! sei nicht so heftig", bat die Mutter herzlich.--"Doch, Mutter!"
schrie sie, "einmal mu ich es sagen! Doch, Mutter! Ihr wollt mich mit
dem schrecklichen Menschen verheiraten, und ich will ihn nicht. Ihr
sperrt mich hier ein, wo ich jedes Mal froh bin, wenn ich herauskann.
Und Ihr nehmt mir Mathilde, die einzige auf der Welt, die ich lieb habe,
und nach der ich mich sehne. O Gott, was soll aus mir werden, wenn
Mathilde nicht mehr hier ist,--besonders jetzt, da ich soviel, soviel
auf dem Herzen habe, da ich mir keinen Rat wei, wenn ich nicht mit
einem darber reden kann!"--"Aber Du warst ja doch jetzt seltner bei
ihr", sagte Baard.--"Was tut das, wenn ich sie drben am Fenster wei!"
erwiderte die Kranke und weinte wie ein Kind, so da es Arne war, als
habe er bis zu diesem Tage noch keinen Menschen weinen hren.--"Du
konntest sie aber doch von hier aus nicht sehen", sagte Baard.--"Ich sah
aber das Haus", sagte sie, und die Mutter fgte erregt hinzu: "So was
verstehst Du eben nicht." Da sagte Baard nichts mehr. "Jetzt kann ich
nie mehr ans Fenster!" sagte Eli. "Morgens, wenn ich aufstand, ging ich
hin; abends sa ich da im Mondschein, und dahin ging ich, wenn ich
weiter keinen hatte, zu dem ich gehen konnte. Mathilde, Mathilde!" Sie
wand sich im Bett und bekam wieder einen Weinkrampf. Baard setzte sich
auf einen Schemel und blickte sie an.

Eli wurde aber nicht so schnell besser, wie man wohl angenommen hatte.
Gegen Abend gewahrten sie erst, da eine langwierige Krankheit im Anzug
war, die ihr sicher schon lange in den Gliedern gelegen hatte, und Arne
wurde hereingerufen, um sie in ihre Kammer tragen zu helfen. Sie war
ohne Bewutsein, war sehr bleich und lag ganz still; die Mutter setzte
sich zu ihr, der Vater stand am Fuende des Bettes und sah sie lange an;
nachher ging er hinunter an seine Arbeit. Arne ging auch; aber abends
beim Schlafengehen betete er fr sie, betete, da sie, die so jung und
schn war, es gut im Leben haben, und da keiner sie um ihr Glck
bringen mge.

Tags drauf saen die Eltern beisammen und besprachen etwas, als Arne
hineinkam; die Mutter hatte geweint. Arne fragte, wie es gehe; beide
dachten, der andere werde antworten, und deshalb dauerte es eine ganze
Zeit, bis Antwort kam; schlielich aber sagte der Vater: "Es geht recht
schlecht."--Spter erfuhr Arne, Eli sei die ganze Nacht ohne Bewutsein
gewesen oder habe dummes Zeug geredet, wie der Vater sagte. Jetzt lag
sie in heftigem Fieber, erkannte niemand, wollte keine Speise zu sich
nehmen und die Eltern saen eben und berieten, ob sie den Doktor holen
sollten. Als sie nachher nach oben gingen und bei der Kranken blieben
und Arne wieder allein war, hatte er die Empfindung, da oben sei Leben
und Tod zugleich; er aber sei ausgeschlossen.

Nach einigen Tagen wurde es etwas besser. Als der Vater einmal bei ihr
wachte, hatte sie den Einfall: Narrifas, der Vogel, den Mathilde ihr
geschenkt hatte, solle bei ihr vorm Bett stehen. Da sagte Baard der
Wahrheit gem, in all dem Wirrwarr habe man den Vogel vergessen, und er
sei gestorben. Die Mutter kam gerade in die Tr, als Baard das erzhlte,
und sie schrie auf: "Herrjeh, was bist Du fr ein rcksichtsloser
Mensch, Baard, dem kranken Kind so was zu erzhlen! Siehst Du, da wird
sie uns wieder ohnmchtig; Gott verzeih Dir die Snde!" Immer, wenn die
Kranke zu sich kam, rief sie nach dem Vogel, sagte, es knne Mathilde
unmglich gut gehen, da der Vogel gestorben sei, wollte hin zu ihr und
fiel von neuem in Ohnmacht. Baard stand da und sah es mit an, bis es ihm
zu bunt wurde. Da wollte er auch helfen; die Mutter aber schob ihn
beiseite und sagte, sie werde schon allein auf die Kranke acht geben. Da
sah Baard sie beide lang an, schob dann mit beiden Hnden seine Mtze
zurecht, drehte sich um und ging.

Spter kamen der Pfarrer und seine Frau herber, denn die Krankheit
hatte Eli mit neuer Macht gepackt, und es wurde so schlimm, da keiner
wute, ob es zum Leben oder zum Tode gehe.

Der Pfarrer wie auch seine Frau machten Baard Vorwrfe, er sei zu hart
gegen das Kind; sie erfuhren die Geschichte mit dem Vogel, und da sagte
ihm der Pfarrer rund heraus, das sei eine Roheit; er wolle das Kind zu
sich ins Haus nehmen, sagte er, sobald sie hinbergeschafft werden
knne; die Frau Pfarrer wollte ihn zuletzt gar nicht mehr sehen, sie
weinte und sa bei der Kranken, lie den Doktor holen, nahm selbst seine
Anordnungen entgegen und kam dann tglich einigemal herber, um Eli
vorschriftsgem zu pflegen. Baard ging drauen auf dem Hof von einer
Stelle zur andern, am liebsten so, da er allein war, stand oft lange,
lange auf einem Fleck, schob dann mit beiden Hnden seine Mtze zurecht
und nahm irgend eine Arbeit vor.

Die Mutter sprach nicht mehr mit ihm. Sie sahen sich kaum. Ein paarmal
am Tage ging er zu der Kranken hinauf; dann zog er unten auf der Treppe
die Schuhe aus, legte die Mtze drauen hin und ffnete behutsam die
Tr. Sowie er hereinkam, drehte Birgit sich um, als habe sie ihn nicht
gesehen, sa zusammengekauert da, den Kopf in die Hnde gesttzt und
starrte vor sich hin auf die Kranke. Die lag still und bleich und wute
nicht, was um sie her vorging. Baard stand eine Weile am Fuende des
Bettes, sah sie beide an und sagte nichts. Wenn die Kranke sich einmal
bewegte, als wolle sie aufwachen, dann stahl er sich ebenso leise,
wieder aus der Stube, wie er gekommen war.

Oft dachte Arne, wie jetzt zwischen Mann und Frau und zwischen Kind und
Eltern Worte gefallen seien, die lange sich angesammelt hatten und
schwer wieder vergessen werden konnten. Er sehnte sich fort von hier,
obwohl er gern vorher gewut htte, wie es Eli gehe. Das werde er ja
aber auch wohl erfahren, dachte er, ging also zu Baard und sagte, er
wolle nach Hause. Die Arbeit, um derentwillen er gekommen war, sei
fertig. Baard sa drauen auf dem Hauklotz, als Arne kam und ihm das
sagte. Er sa da, ganz gebckt, und scharrte mit einem Pflock im Schnee;
den Pflock kannte Arne; es war derselbe, der die Wetterfahne gehemmt
hatte. Baard blickte nicht auf; er sagte: "Es ist hier wohl
augenblicklich nicht gut sein,--aber mir ist, als mcht' ich Dich nicht
fortlassen." Weiter sagte Baard nichts, und Arne auch nicht. Er blieb
eine Weile stehen, ging dann weg und nahm eine Arbeit vor, als sei es
abgemacht, da er bleiben solle.

Spter, als Arne zum Essen hineingerufen wurde, sa Baard noch immer auf
dem Hauklotz. Da ging Arne zu ihm und fragte, wie es Eli heut gehe. "Es
ist wohl heute sehr schlimm," sagte Baard, "ich sah, da ihre Mutter
weint." Arne war's, als heie ihn einer sich hinsetzen, und er setzte
sich Baard gegenber auf einen Baumstamm. "Ich habe in diesen Tagen viel
an Deinen Vater gedacht", sagte Baard so unvermittelt, da Arne nichts
darauf erwidern konnte. "Du weit wohl, was zwischen uns vorgefallen
ist?"--"Ich wei es."--"Ja, Du weit aber vermutlich nur die eine Hlfte
und schreibst mir die ganze Schuld zu." Arne antwortete nach einer
Weile: "Du hast doch gewi Deinem Gott Rechenschaft darber gegeben, wie
mein Vater jetzt auch."--"Ach ja, wie man's nehmen will", versetzte
Baard. "Als ich vorhin diesen Pflock wiederfand, kam es mir so
merkwrdig vor, da Du hierherkommen mutest und die Fahne losmachen. Je
eher, je besser, dachte ich." Er hatte die Mtze abgenommen und sa und
sah in sie hinein.

Arne begriff noch nicht, da er hiermit meinte, er wolle jetzt mit ihm
ber seinen Vater reden. Ja, er begriff es auch noch nicht, als Baard
schon im besten Zuge war, so wenig sah das Baard hnlich. Aber was in
seinem Herzen voraufgegangen sein mochte, merkte er, je weiter die
Erzhlung vorschritt, und hatte er vorher vor diesem schwerflligen,
aber grundehrlichen Menschen Achtung gehabt, so wurde sie nicht kleiner
hierdurch.

"Ich mochte wohl so vierzehn Jahr sein", sagte Baard und hielt inne, wie
bei der ganzen Erzhlung ab und zu, sagte ein paar Worte, hielt wieder
inne, aber so, da seine Erzhlung ein Geprge bekam, als sei jedes Wort
wohlerwogen. "Ich mochte wohl so vierzehn Jahr sein, als ich Deinen
Vater, der im selben Alter war, kennen lernte.--Er war sehr wild und
duldete keinen ber sich. Und er hat es mir nie vergessen knnen, da
ich bei der Konfirmation der erste war und er der zweite.--Oft wollte er
mit mir anbinden, aber es kam nie soweit, wahrscheinlich war keiner von
uns seiner selbst sicher.--Aber merkwrdig ist, da er jeden Tag eine
Prgelei hatte und nie ein Unglck daraus entstand; nur das eine Mal, wo
ich dazwischen kommen mute, ging es so schlimm ab, wie es nur gehen
konnte;--aber freilich: ich hatte auch sehr lange gewartet.----

Nils lief allen Mdchen nach und sie ihm. Eine blo wollte ich haben,
aber die nahm er mir bei jedem Tanz weg, bei jeder Hochzeit, bei jedem
Fest; das war die, mit der ich jetzt verheiratet bin.------Mich packte
oft die Lust, wenn ich so dasa, mich um dieser Sache willen mit ihm zu
messen; aber ich hatte Angst, ich knne verlieren, und wute, da ich
damit auch sie verlieren wrde. Wenn alle andern fort waren, machte ich
dieselben Kraftproben, die er gemacht hatte, schnellte gegen den Balken,
gegen den er geschnellt war; aber wenn er das nchste Mal mir das
Mdchen wieder vor der Nase wegschnappte, wagte ich mich doch nicht mit
ihm einzulassen,--obgleich--einmal geschah es doch, als er nmlich
gerade vor meinen Augen mit dem Mdchen schn tat--da nahm ich einen
ausgewachsenen Burschen und legte ihn, als sei's Kinderspiel, ber den
Dachbalken. Damals ist er auch ganz bla geworden------

Wenn er noch gut zu ihr gewesen wre; aber er betrog sie, und das Abend
fr Abend. Ich glaube, sie hatte ihn nach jedem Mal blo noch
lieber.--So stand es, als das letzte geschah. Ich dachte, jetzt mag es
biegen oder brechen. Unser Herrgott hat wohl nicht gewollt, da er es so
weitertreiben sollte, deshalb fiel er hrter, als ich gewollt
hatte.--Ich habe ihn nachher nie wiedergesehen."

Sie schwiegen eine ganze Zeit, schlielich fuhr Baard fort:

"Ich warb wieder um sie. Sie sagte nicht ja, nicht nein, und da dachte
ich, es wrde spter besser werden. Wir heirateten uns; die Hochzeit war
unten im Tal bei einer Base, die sie beerbte. Wir fingen gro an, und
unser Hab und Gut hat sich noch weiter vermehrt. Unsere Hfe lagen
nebeneinander, und nun wurden sie vereinigt, wie es von klein auf mein
Wunsch gewesen war.--Aber vieles andere ging nicht nach meinem
Wunsch."--Er sa lange wortlos da; Arne dachte eine Weile, er weine; das
war aber nicht der Fall. Nur seine Stimme war noch sanfter denn
gewhnlich, als er nun fortfuhr:

"Anfangs war sie still und sehr traurig. Ich konnte ihr nichts zum
Troste sagen, und so schwieg ich. Spter nahm sie manchmal dies unstete
Wesen an, das Du vielleicht auch bemerkt hast; es war doch wenigstens
eine Vernderung, und so schwieg ich auch dazu.--Aber einen wirklich
frohen Tag habe ich nicht gehabt, seit ich verheiratet bin, und das sind
jetzt an die zwanzig Jahre."------

Hier brach er den Pflock in zwei Stcke; dann sa er eine ganze Zeit und
sah die Stcke an.

"----Als Eli heranwuchs, dachte ich, sie habe mehr Freude als hier, wenn
sie unter Fremden wre. Ich habe nur selten etwas gewollt; das meiste
ist aber schief gegangen,--und dies auch. Die Mutter sa und sehnte sich
nach dem Kinde, wenn auch nur das bichen Wasser zwischen ihnen lag,
und schlielich merkte ich: da drben die Pfarre ist auch nicht das
richtige, denn die Pfarrersleute sind so recht gutmtige Hanswurste;
aber ich merkte es zu spt. Sie ist jetzt wohl weder Vater noch Mutter
zugetan!"

Die Mtze hatte er wieder abgenommen; jetzt fielen ihm die langen Haare
in die Augen; er strich sie weg und setzte sich mit beiden Hnden die
Mtze auf, als wolle er gehen; aber als er sich zum Haus umwandte, um
aufzustehen, blieb er noch und fgte mit einem Blick nach dem Fenster
der Bodenkammer hinzu:

"Ich hielt es fr das beste, Mathilde und sie nhmen nicht Abschied
voneinander;--aber das war verkehrt. Ich sagte ihr, der kleine Vogel sei
tot, denn meine Schuld war es doch, und da hielt ich es fr richtiger,
es einzugestehen; aber das war auch verkehrt. Und so ist es mit allem.
Ich habe immer das beste gewollt, aber immer ist es zum Unsegen
geworden, und jetzt ist es soweit gekommen, da Frau und Tochter
schlecht von mir reden und ich hier allein und verlassen herumlaufe."

Eine Magd rief zu ihnen hinauf, das Essen werde kalt. Baard stand auf.
"Ich hre die Pferde wiehern", sagte er; "sie mssen wohl vergessen
sein"; damit ging er in den Stall, um ihnen Heu zu geben.




Zwlftes Kapitel


Eli war sehr schwach nach ihrer Krankheit; die Mutter sa Tag und Nacht
bei ihr und kam niemals nach unten; der Vater machte oben seine
gewohnten Besuche auf Socken und legte die Mtze drauen vor der Tr ab.
Arne war noch immer auf dem Hof; er und der Vater saen abends zusammen;
er hatte Baard sehr liebgewonnen; Baard war ein belesener, scharf
denkender Mensch, hatte aber sozusagen Angst vor dem, was er wute. Wenn
nun Arne ihm zurechthalf und ihm manches erzhlte, was er noch nicht
gewut hatte, dann war Baard sehr dankbar.

Eli durfte nun schon zuweilen auf sein, und je mehr es mit ihr vorwrts
ging, desto mehr Einfalle hatte sie. So auch eines Abends, als Arne in
der Stube unter Elis Kammer sa und mit lauter Stimme sang: da kam die
Mutter hinunter und bestellte von Eli, er mge doch hinauf kommen und
singen, damit sie die Worte besser verstehen knne. Arne hatte
vielleicht schon hier unten Eli zuliebe gesungen, denn als die Mutter
dies sagte, wurde er rot und stand auf, als wolle er sein Tun ableugnen,
wiewohl keiner es behauptet hatte. Er fate sich aber schnell und sagte
ausweichend, er knne nur so wenig singen. Die Mutter aber meinte, wenn
er allein sei, schiene das gar nicht der Fall zu sein.

Arne gab nach und ging. Er hatte Eli seit dem Tage nicht gesehen, da er
sie hatte hinauftragen helfen; er dachte, sie msse sich jetzt sehr
verndert haben, und das machte ihn ein bichen ngstlich. Aber als er
leise die Tr ffnete und eintrat, war es stockfinster im Zimmer, und er
konnte nichts sehen. Er blieb an der Tr stehen. "Wer ist da?" fragte
Eli leise und deutlich. "Arne Kampen", entgegnete er behutsam, damit die
Worte recht weich klngen.--"Es ist nett, da Du kommst."--"Wie geht es
Dir, Eli?"--"Danke, jetzt geht es besser."

"Setz' Dich doch, Arne", sagte sie eine Weile drauf, und Arne tastete
sich zu einem Stuhl hin, der am Fuende des Bettes stand. "Es tat mir
wohl, Dich singen zu hren, Du mut mir hier oben etwas
vorsingen."--"Wenn ich nur etwas knnte, was hierherpate."--Es blieb
eine Zeitlang still; dann sagte sie: "Sing einen Choral!" und das tat
er, und zwar ein Stck aus einem Konfirmationslied. Als er zu Ende war,
hrte er sie weinen, und deshalb wagte er nicht weiter zu singen; nach
einer Weile aber sagte sie: "Sing' noch so eins", und er sang noch eins,
diesmal ein sehr bekanntes Kirchenlied. "ber wievieles hab' ich nicht
nachgedacht, als ich hier so lag", sagte Eli. Er wute nicht, was er
darauf sagen solle, und hrte ihr leises Weinen in der Dunkelheit. Eine
Uhr tickte hinten an der Wand, holte zum Schlage aus und schlug dann.
Eli atmete ein paarmal tief auf, als wolle sie ihre Brust erleichtern,
und dann sagte sie: "Man wei so wenig, kennt weder Vater noch
Mutter.--Ich bin nicht lieb zu ihnen gewesen,--und deshalb war's mir so
eigen, jetzt das Konfirmationslied zu hren."

Wenn man im Dunkeln miteinander redet, ist man viel aufrichtiger, als
wenn einer des andern Gesicht sieht; man sagt auch wohl mehr.

"Das war ein gutes Wort", sagte Arne; er mute daran denken, was sie
damals gesagt hatte, als sie krank wurde. Das wute sie, und deshalb
sagte sie: "Wre dies alles mir nun nicht geschehen, so htt' es Gott wei
wie lange gedauert, bis ich mich zu Mutter hingefunden htte."--"Sie
hat jetzt mit Dir gesprochen?"--"Jeden Tag; weiter hat sie nichts
getan."--"Da hast Du wohl manches gehrt."--"Das kannst Du glauben."--"Sie
hat wohl auch von meinem Vater gesprochen."--"Ja."----"Denkt sie noch an
ihn?"--"Sie denkt an ihn."--"Er ist nicht gut zu ihr gewesen."--"Arme
Mutter!"--"Aber am schlechtesten war er gegen sich selbst."

Jeder dachte etwas, was er dem andern nicht sagen mochte. Eli fand
zuerst Worte: "Du sollst Deinem Vater gleichen."--"Man sagt es",
antwortete er ausweichend; ihr fiel der Ton nicht auf, und deshalb fing
sie nach einer Weile wieder an: "Konnte er auch dichten?"--"Nein."

"Sing mir ein Lied,----eins, das Du selbst gemacht hast." Aber Arne
pflegte nicht gern zuzugeben, da die Lieder, die er sang, von ihm
selbst waren. "Ich habe keins", sagte er. "Doch hast Du das, und Du
singst mir auch eins vor, wenn ich Dich drum bitte."--Was er fr keinen
andern je getan htte, das tat er nun fr sie. Er sang nmlich folgendes
Lied:

    Mit Blatt und Knospen stand fertig der Baum.
    "Soll ich--?" blies der Frhfrost aus dem eisigen Raum.
      "Nein, Liebster, sei lind,
      Bis wir Blten worden sind!"
    So baten die Knospen tief in ihrem Traum.

    Der Baum trug Blten, die Nachtigall sang,
    "Soll ich--?" rief der Wind und schttelte sie lang'.
      "Nein, la, lieber Wind,
      Bis wir Frchte worden sind!"
    So baten all die Blten und zitterten bang.

    Und der Baum reifte Frchte in der Sommersonnenglut.
    "Soll ich----?" fragte lchelnd das junge schne Blut.
      "Ja, du darfst, lieb Kind!
      Nimm so viele, wie da sind!"
    Sprach der Baum und beugte sein schwellendes Gut.

Das Lied benahm ihr fast den Atem. Er sa nachher auch da, als habe er
mehr gesungen, als er eigentlich wahr haben wollte.

Das Dunkel liegt schwer ber denen, die beisammen sitzen und nicht
sprechen mgen; sie sind sich niemals nher als gerade dann. Er hrte
es, wenn sie sich nur regte, wenn sie nur mit der Hand ber die Decke
strich, wenn sie nur einmal etwas tiefer atmete als gewhnlich.

"Arne--, knntest Du mich nicht dichten lehren?"--"Hast Du es nie
versucht?"--"Doch, jetzt in den letzten Tagen; aber ich bringe kein Lied
zustande."--"Was hast Du denn darin sagen wollen?"--"Etwas von Mutter,
die Deinen Vater so lieb hatte."--"Das ist ein schwieriger Stoff."--"Mir
sind auch darber die Trnen gekommen."--"Du mut nicht nach Stoffen
suchen; sie kommen von selbst."--"Wie denn?"--"Wie alles Liebe: wenn Du
es am wenigsten erwartest."--Sie schwiegen beide. "Mich wundert, Arne,
da Du Dich von hier fortsehnst, wo Du doch soviel Schnes in Dir
hast."--"Weit Du denn, da ich mich fortsehne?"--Sie antwortete nicht;
sie lag ganz still wie in Gedanken. "Arne, Du darfst nicht fort!" sagte
sie, und das ging ihm warm zu Herzen.--"Manchmal hab' ich auch weniger
Lust dazu."--"Deine Mutter mu Dich sehr lieb haben. Ich mchte Deine
Mutter einmal sehen!"--"Komm doch mal nach Kampen, wenn Du erst wieder
gesund bist." Und da stellte er sie sich auf einmal vor, wie sie in
Kampen in der hellen Stube sa und auf die Berge schaute; sein Herz fing
zu klopfen an, und das Blut scho ihm ins Gesicht. "Es ist warm hier
drinnen", sagte er und stand auf.

Sie hrte es. "Willst Du schon gehen?" sagte sie, und er setzte sich
wieder.

"----Du mut fter zu uns kommen;--Mutter hat Dich so lieb."--"Ich
selbst mchte auch gern;--aber ich mu doch ein Gewerbe treiben."--Eli
schwieg eine Weile, als denke sie nach. "Ich glaube," sagte sie, "Mutter
wollte Dich um etwas bitten----"

Er hrte, wie sie sich im Bett aufrichtete. Kein Laut war in der Kammer
zu hren und auch unten nicht, auer der Uhr, die an der Wand tickte. Da
stie sie heraus:

"Wollte Gott, es wre Sommer!"

"Es wre Sommer!" Und vor seiner Phantasie erstanden Bilder von feuchtem
Laub und Herdengelut, von Jodeln auf Bergeshhen und Gesang in den
Tlern. Der Schwarze See lag und schimmerte in der Sonne und die Gehfte
wiegten sich drin. Eli kam heraus und setzte sich drauen hin wie an
jenem Abend. "Wenn es Sommer wre," sagte sie, "und ich auf dem Hgel
se, glaube ich ganz bestimmt, ich knnte ein Lied dichten!"

Er lachte und fragte: "Wovon sollte es denn handeln?"--"Von etwas
Leichtem, von--ja, ich wei selbst nicht."

"Sag' es, Eli!" er stand vor Freude auf, berlegte aber und setzte sich
wieder.

"Das sag' ich Dir um keinen Preis der Welt!"--lachte sie.--"Ich habe Dir
doch was vorgesungen, als Du mich drum batest."--"Das ist wahr;--aber
nein, nein!"--"Eli, glaubst Du, ich mache mich ber den kleinen Vers
lustig, den Du gedichtet hast?"--"Nein, das glaube ich nicht, Arne;
aber ich hab' ihn nicht selbst gemacht."--"Ist er von einem
andern?"--"Ja, es ist mir so zugeweht."--"So kannst Du es mir doch
sagen."--"Nein, nein, so ist es ja auch nicht, Arne; qul' mich nicht
lnger." Sie barg wohl den Kopf im Kissen, denn das letzte war kaum zu
hren. "Eli, jetzt bist Du nicht so nett zu mir, wie ich zu Dir gewesen
bin!" er stand auf. "Arne, das ist doch etwas ganz anderes!--Du
verstehst mich nicht!--aber es war--ich wei selbst nicht--ein
andermal--sei mir nicht bse, Arne! geh nicht fort!" sie fing zu weinen
an.

"Eli, was ist Dir?" er lauschte. "Bist Du krank?" das glaubte er selbst
nicht. Sie weinte noch immer; ihm war, er msse jetzt entweder vorwrts
oder zurck. "Eli!"--"Ja"; sie flsterten beide. "Gib mir die Hand!" Sie
antwortete nicht; er lauschte angestrengt, gespannt,--tastete ber die
Decke und fate eine kleine, warme Hand, die frei lag.

Da knarrte die Treppe, und sie lieen sich los. Es war die Mutter mit
Licht. "Ihr sitzt auch zu lange im Dunkeln", sagte sie und stellte den
Leuchter auf den Tisch. Aber weder Eli noch er konnten das Licht
vertragen; sie vergrub das Gesicht in den Kissen, er hielt sich die Hand
vor die Augen. "Ach ja, es tut zuerst ein bichen weh", sagte die
Mutter, "aber das geht vorber."

Arne suchte auf dem Fuboden nach seiner Mtze, die er gar nicht bei
sich gehabt hatte, und dann ging er.

Tags darauf hrte er, Eli werde am Nachmittag ein bichen
herunterkommen. Er packte sein Handwerkszeug zusammen und verabschiedete
sich. Als sie nach unten kam, war er fort.




Dreizehntes Kapitel


Spt kommt der Frhling in die Berge. Die Post, die den Winter dreimal
in der Woche den Knigsweg entlang fhrt, geht schon im April nur noch
einmal, und dann fhlen die Bergbewohner, da drauen der Schnee fort
und das Eis gebrochen ist, da die Dampfer verkehren und der Pflug die
Erde aufwhlt. Hier liegt der Schnee noch drei Ellen hoch; das Vieh
brllt in den Stllen, und die Vgel kommen geflogen, verkriechen sich
aber und frieren. Ab und zu erzhlt ein Wanderer, er habe seinen Wagen
unten im Tal gelassen, und er hat Blumen mit und zeigt sie; die hat er
am Wegrand gepflckt. Da fhrt eine Unruhe in die Leute dort oben; sie
gehen umher und plaudern, schauen nach der Sonne aus und ber das Land
hin, wieviel sie wohl tglich schaffe. Sie streuen Asche auf den Schnee
und denken an die Menschen, die jetzt Blumen pflcken.

In solcher Zeit war's, als die alte Margit Kampen zur Pfarre gegangen
kam und den Herrn Pfarrer sprechen wollte. Und sie wurde in sein
Arbeitszimmer hinaufgefhrt, wo der Pfarrer, ein schmchtiger,
hellblonder Mann, die groen Augen hinter einer Brille, sie freundlich
empfing, sie gleich erkannte und sie bat, Platz zu nehmen. "Ist es
wieder was mit Arne?" fragte er, als htten sie schon hufiger ber
diesen Fall gesprochen. "Ja, Gott helfe mir," sagte Margit, "ich kann ja
nie was andres als gutes von ihm sagen, und doch ist es so schwer"; sie
sah sehr sorgenvoll aus. "Ist denn wieder die alte Sehnsucht ber ihn
gekommen?" fragte der Pfarrer. "Schlimmer als je", sagte die Mutter.
"Ich glaube nimmer, da er bei mir bleibt, wenn der Frhling
kommt."--"Er hat doch versprochen, Dich nie zu verlassen."--"Freilich;
aber Herrgott,--er wei sich ja selbst keinen Rat; wenn ihm der Sinn in
die Welt steht, mu er eben gehen. Was soll dann aber aus mir werden?"

"Ich glaube, schlielich wird er Dich doch nicht allein lassen", sagte
der Pfarrer. "Nein, natrlich; aber wenn er es nun zu Hause nicht
aushalten kann? Soll ich es da auf mein Gewissen laden, ihm im Wege zu
stehen; manchmal denke ich, ich msse ihn selbst bitten zu reisen."

"Woher weit Du, da er jetzt noch grere Sehnsucht hat als
frher?"--"Ach,--aus vielen Dingen. Seit dem Mittwinter hat er keinen
einzigen Tag mehr im Dorf gearbeitet. Dagegen ist er dreimal nach der
Stadt gefahren und jedesmal lange weggeblieben. Er spricht fast nie,
wenn er arbeitet, und das hat er doch sonst oft getan. Er kann
stundenlang allein oben an dem kleinen Bodenfenster sitzen und nach den
Bergen schauen, dorthin, wo die Kampenschlucht ist; da kann er Sonntags
den ganzen Nachmittag sitzen, und oft, wenn es mondhell ist, bleibt er
dort bis tief in die Nacht hinein."--"Liest er Dir nie etwas
vor?"--"Natrlich, jeden Sonntag liest er mir vor und singt, aber immer
so ein bichen in Eile, auer wenn er beinahe zu viel des Guten
tut."--"Spricht er dann nie mit Dir?"--"Oft macht er so lange Pausen,
da ich heimlich vor mich hinweine. Das sieht er dann und fngt zu reden
an, aber immer von den leichten Dingen, nie von den schwereren." Der
Pfarrer ging auf und ab, dann blieb er stehen und fragte: "Warum sagst
Du ihm das nicht?"--Es dauerte lange, bis sie hierauf etwas antwortete;
sie seufzte ein paarmal, schaute zu Boden und zur Seite und faltete ihr
Taschentuch zusammen. "Ich bin heute hergekommen, um mit dem Herrn
Pfarrer ber etwas zu reden, was mir schwer auf der Seele
liegt."--"Sprich frei heraus; es wird Dich erleichtern."--"Ja, es wird
mich erleichtern; denn ich habe es jetzt viele Jahre lang allein mit mir
herumgeschleppt, und es wird mit jedem Jahre schwerer."--"Was ist es,
liebe Frau?"--Sie zgerte eine Weile, dann sagte sie: "Ich habe eine
groe Snde an meinem Sohn begangen", sie fing zu weinen an. Der Pfarrer
trat dicht vor sie hin: "Gesteh' sie mir, dann wollen wir zusammen zu
Gott beten, da sie Dir vergeben werde."

Margit schluchzte und wischte sich die Trnen ab, sie fing aber wieder
zu weinen an, als sie sprechen wollte, und so geschah es noch ein
paarmal. Der Pfarrer trstete sie und sagte, es knne doch gewi keine
so groe Schuld sein, sie sei wohl zu streng gegen sich usw. Margit
aber weinte und hatte nicht den Mut, zu beginnen, bis der Pfarrer sich
neben sie setzte und ihr gut zuredete. Da kam es denn allmhlich aus ihr
heraus: "Der Junge hat es als Kind schlecht gehabt, und da hat er die
Wanderlust bekommen. Dann kam er mit Kristian zusammen, mit dem, der
jetzt drben beim Goldgraben schwer reich geworden ist. Kristian gab
Arne so viele Bcher, da er anders wurde als wir; sie saen nchtelang
zusammen, und als Kristian fortging, wollte der Junge ihm nach. Zu der
Zeit aber kam sein Vater ums Leben, und der Junge versprach, mich nie zu
verlassen. Mir war zumut wie einer Henne, die ein Entenei ausgebrtet
hat; als das Junge Luft gekriegt hatte, wollte es fort aufs groe
Wasser, und ich lief schreiend am Ufer hin und her. Konnte er auch
selbst nicht fort, so konnten es doch seine Lieder, so da ich jeden
Morgen glaubte, sein Bett msse leer sein.

Da geschah es, da ein Brief aus sehr weiter Ferne fr ihn eintraf, und
der mute von Kristian sein. Gott verzeihe mir, da ich ihn an mich nahm
und ihn versteckte. Ich dachte, hiermit habe es sein Bewenden, aber da
kam noch einer, und hatte ich den ersten versteckt, so mute ich auch
den andern verstecken. Aber war es nicht, als wollten die Briefe ein
Loch in die Truhe brennen, in der sie lagen,--denn denken mute ich
dran, sowie ich die Augen aufschlug, bis ich sie wieder zumachte. Was
Verkehrteres gab es auf der Welt nicht wieder,--es kam noch ein dritter!
Den habe ich wohl eine Viertelstunde in der Hand gehalten; ich trug ihn
drei Tage lang auf der Brust und berlegte hin und her, ob ich ihm wohl
den Brief geben oder ob ich ihn zu den andern legen solle; aber
vielleicht war er mchtig genug, den Jungen von mir fortzulocken,----ich
konnte nichts dafr, aber ich legte ihn zu den andern. Jetzt ging ich
tglich angstvoll um die Truhe herum und dachte an die Briefe, die noch
kommen konnten. Vor jedem Menschen, der auf den Hof kam, hatte ich
Angst; saen wir in der Stube, und einer fate an die Trklinke, dann
zitterte ich; denn es konnte doch ein Brief sein, und dann wrde er ihn
bekommen. Wenn er im Dorf war, lief ich zu Hause herum und dachte, jetzt
kriegt er da drauen vielleicht einen Brief, und darin steht von denen,
die schon vorher angelangt sind! Wenn er nach Hause kam, forschte ich
schon von weitem in seinem Gesicht, und Herrgott, wie war ich froh, wenn
er lchelte, weil er ja dann nichts bekommen hatte! Er war jetzt auch so
hbsch geworden wie sein Vater, nur blonder und sanfter. Und dann hatte
er eine so schne Stimme;--wenn er drauen vor der Tr in der Abendsonne
sa, zu den Halden hinaufsang und auf die Antwort lauschte, dann fhlte
ich, da ich ihn nicht entbehren konnte!--Wenn ich ihn blo sah oder
doch wute, er war irgendwo in der Nhe und freute sich ber irgend
etwas, und er hatte nur manchmal inzwischen ein gutes Wort fr mich,
dann wnschte ich mir nichts mehr auf der Welt und ich bereute keine
Trne, die ich geweint hatte.

Aber gerade als es schien, er fhlte sich wohler und ginge lieber unter
Menschen, da kam ein Bote von der Posthalterei, jetzt sei der vierte
Brief gekommen, und darin seien zweihundert Taler!--Ich dachte, ich
sollte auf der Stelle umsinken: Was sollte ich jetzt tun? Den Brief
konnte ich ja beiseite schaffen, aber das Geld? Ich fand ein paar Nchte
keinen Schlaf wegen dieses Geldes; ich hatte es manchmal auf dem Boden,
manchmal im Keller hinter einer Tonne, und einmal war ich so
verzweifelt, da ich es vors Fenster legte, wo er es finden konnte. Als
ich ihn kommen hrte, nahm ich es doch wieder fort. Schlielich aber
fand ich einen Ausweg: ich gab ihm das Geld und sagte, es habe von
Mutters Lebzeiten her noch ausgestanden. Er vergrub es in die Erde, wie
ich mir gedacht hatte, und da kam es nicht weg. Aber dann mute es
geschehen, da er gerade in dem Herbst eines Abends dasa und sich
wunderte, da Kristian ihn so ganz vergessen habe!

Da brach die Wunde wieder auf, und das Geld brannte mir auf der Seele;
Snde war es, und gentzt hatte die Snde nichts!

Eine Mutter, die sich an ihrem Kind versndigt, ist die unglcklichste
aller Mtter;--und doch hab' ich es nur aus Liebe getan.--So soll ich
wohl auch damit gestraft werden, da ich mein Liebstes verliere. Denn
seit dem Mittwinter hat er die Weise wiedergefunden, die er singt, wenn
er sich hinaussehnt; die hat er von Kind an gesungen, und ich kann sie
nicht hren, ohne zu erbleichen. Dann bin ich zu allem mglichen
imstande, und hier sollst Du sehen,"--sie holte ein Stck Papier aus
ihrem Mieder, faltete es auseinander und gab es dem Pfarrer, "hier ist
etwas, woran er zuweilen schreibt; das geht gewi nach der Melodie. Ich
habe es mitgebracht, weil ich solch feine Schrift nicht lesen kann; sieh
doch zu, ob da etwas vom Wandern drin steht.--"

Es stand nur eine Strophe auf dem Papier. Von der zweiten Strophe hier
eine ganze und dort eine halbe Zeile, als sei es eine Weise, die er
vergessen hatte, und die ihm jetzt Vers fr Vers wieder einfiel. Der
erste Vers aber lautete:

    Knnt', o knnt' ich hinber schaun
      ber die hohen Berge!
    Seh' nur immer den Gletscher blaun,
    Rings die Wlder empor sich baun.
      Ob sie die Gipfel strmen,
      Die sich wie Burgen trmen?

"Steht was vom Wandern drin?" fragte Margit und hing an den Augen des
Pfarrers. "Ja, vom Wandern ist es", antwortete er und lie das Blatt
sinken. "Wut' ich's doch! O Gott, ich kannte die Melodie ja!" Mit
gefalteten Hnden sa sie da und schaute den Pfarrer an, bang und
gespannt, whrend eine Trne nach der andern ihr ber die Backen lief.

Aber hier wute der Pfarrer ebensowenig Rat wie sie. "Das mu der
Bursch mit sich allein abmachen", sagte er. "Das Leben wird um
seinetwillen nicht anders; es kommt nur darauf an, ob er selbst einmal
mehr darin sehen kann. Jetzt scheint er es drauen erjagen zu
wollen."--"Aber, Herr Pfarrer, das ist ja gerade wie mit der Frau",
sagte Margit.--"Mit welcher Frau?" fragte der Pfarrer.--"Ja, die sich
den Sonnenschein einfangen wollte, statt sich ein Fenster in die Wand zu
machen."--Der Pfarrer war erstaunt ber ihren Scharfsinn; aber es war
nicht das erstemal, wenn sie auf diesen Gegenstand kam. Margit hatte ja
sieben, acht Jahre lang an weiter nichts gedacht. "Meinst Du, da er
fortgeht? Was soll ich tun? Und das Geld? Und die Briefe?" Das alles
strmte zu gleicher Zeit auf sie ein. "Ja, die Sache mit den Briefen war
nicht recht. Da Du ihm etwas vorenthalten hast, was ihm gehrt, ist
schwer zu entschuldigen. Schlimmer aber ist noch, da Du einen
Mitchristen Deinem Sohn gegenber in ein schlechtes Licht gesetzt hast,
einen, der es nicht verdient hat, und besonders einen, den er sehr lieb
hatte, und der ihm auch herzlich zugetan war. Wir wollen Gott bitten,
da er Dir verzeiht; wir wollen ihn beide bitten." Margit senkte den
Kopf; sie hatte noch immer die Hnde gefaltet: "Wie wollte ich ihn um
Verzeihung bitten, wenn ich nur erst wte, ob er bleibt!"--Sie
verwechselte wohl den lieben Gott mit Arne. Der Pfarrer tat, als merke
er es nicht. "Mchtest Du es ihm jetzt gleich eingestehen?" fragte er.
Sie schaute unverwandt zu Boden und sagte leise: "Wenn ich noch ein
wenig warten knnte, tte ich es gern." Sie sah nicht, wie der Pfarrer
lchelte; er fragte: "Glaubst Du nicht, Deine Snde wird grer, je
lnger Du mit dem Eingestndnis zgerst?"--Sie hatte mit beiden Hnden
an ihrem Taschentuch zu tun, legte es in ein ganz kleines Viereck
zusammen und versuchte, es noch kleiner zu machen; aber es wollte nicht
gehen: "Ich habe Angst, wenn ich die Geschichte mit den Briefen
eingestehe, dann zieht er fort."--"Du vertraust also nicht auf
Gott?"--"Doch, natrlich", sagte sie schnell; dann fgte sie leise
hinzu: "Aber wenn er mich nun doch verliee?"--"Du hast also mehr Angst
davor, da er fortgeht, als davor, in Deiner Snde zu verharren?" Margit
hatte ihr Taschentuch wieder auseinandergenommen; sie fhrte es jetzt an
die Augen, denn ihr kamen die Trnen. Der Pfarrer aber sa eine Weile
und betrachtete sie; dann sprach er weiter: "Warum hast Du mir denn die
ganze Geschichte erzhlt, wenn Du nicht irgendeinen Zweck damit
verbinden wolltest?" Er wartete eine ziemliche Weile, aber sie
antwortete nicht. "Hattest Du vielleicht geglaubt, Deine Snde wrde
kleiner, nachdem Du sie gebeichtet?"--"Das glaubte ich", sagte sie
leise, den Kopf noch tiefer auf die Brust gesenkt. Der Pfarrer lchelte
und stand auf. "Ja, ja, meine gute Margit, Du mut so handeln, da Du
auf Deine alten Tage Freude davon hast."--"Knnte ich nur die Freude
behalten, die ich habe", sagte sie, und der Pfarrer dachte, sie knne
sich kein greres Glck denken, als in dieser bestndigen Angst zu
leben. Er lchelte, whrend er sich seine Pfeife stopfte. "Wenn hier
doch ein kleines Mdchen wre, das sich ihn eroberte; dann solltest Du
sehen, er bliebe!"--Sie sah rasch auf und folgte dem Pfarrer mit den
Augen, bis er vor ihr stehen blieb: "Eli Ben--? Was?" Sie wurde rot und
blickte wieder zu Boden; aber sie antwortete nicht. Der Pfarrer stand da
und wartete und sagte schlielich, diesmal aber ganz leise: "Wenn wir es
so einrichteten, da sie fter hier im Pfarrhaus zusammenkmen?" Sie
blinzelte zu dem Pfarrer hinauf, um zu sehen, ob es ihm auch voller
Ernst sei. Aber sie wagte nicht so recht, daran zu glauben. Der Pfarrer
setzte sich wieder in Bewegung, stand dann aber still: "Hr' mal,
Margit! Wenn man's bei Licht besieht, war das am Ende Dein ganzes
Anliegen heute?"--Sie sah zu Boden, steckte ein paar Finger in das
zusammengefaltete Taschentuch und holte einen Zipfel hervor: "Nun ja,
Gott verzeih mir's: das wollte ich ja gerade."--Der Pfarrer brach in ein
herzliches Lachen aus und rieb sich die Hnde: "Vielleicht wolltest Du
das schon, als Du das letztemal hier warst?"--Sie zog den Zipfel weiter
heraus, zerrte und zupfte daran: "Da Du es nun doch mal sagst,--ja, das
war es."--"Haha, haha! O Margit, Margit!----Na, wir wollen sehen, was
sich machen lt; denn, da ich's nur gestehe, meine Frau und meine
Tochter haben schon lngst denselben Gedanken gehabt wie Du."--"Ist es
mglich?" Sie blickte so glcklich und so verschmt zugleich auf, da
der Pfarrer so recht seine Freude an ihrem offnen, hbschen Gesicht
hatte, auf dem sich in allem Leid und aller Angst das Kind erhalten
hatte. "Ja, ja, Margit, Dir, die soviel Liebe in sich hat, wird auch von
Deinem Gott und Deinem Sohn um Deiner Liebe willen vergeben werden, was
Du getan hast. Du bist ja auch genug gestraft durch die stndige groe
Angst, in der Du gelebt hast; wir werden jetzt sehen, ob Gott ihr ein
schnelles Ende bereiten will, denn will er das, dann hilft er uns jetzt
auch ein wenig." Sie stie einen langen Seufzer aus und noch einen und
noch einen, bedankte sich, knixte und ging und knixte an der Tr noch
einmal. Aber sie war kaum drauen, als sie ganz verndert war. Sie sah
mit einem schnellen, vor Dankbarkeit strahlenden Blick zum Himmel auf
und stieg eilig die Treppe hinunter; immer mehr beeilte sie sich, je
weiter sie sich von den Menschen entfernte, und so leichtfig, wie sie
an diesem Tage auf Kampen zuschritt, war sie seit vielen, vielen Jahren
den Weg nicht mehr gegangen. Als sie so nahe gekommen war, da sie sehen
konnte, wie der Rauch dicht und lustig aus dem Schornstein aufstieg,
segnete sie das Haus und den ganzen Hof und den Pfarrer und Arne, und
dann fiel ihr ein, da es ja Rauchfleisch zu Mittag gab, ihr
Lieblingsessen.




Vierzehntes Kapitel


Kampen war ein schner Hof; er lag mitten in der Ebene, die unten von
der Kampenschlucht, oben von der Dorfstrae begrenzt wurde; jenseits vom
Wege war dichter Wald, weiter oben erhob sich die Bergwand, und
dahinter standen schneebedeckt die blauen Hhen. Auf der andern Seite
der Kampenschlucht war ebenfalls ein breiter Hhenzug, der im Anfang
sich um den ganzen Schwarzen See an der Seite hinzog, wo Ben lag, nach
Kampen zu hher wurde, aber gleichzeitig beiseite trat vor der breiten
Talsenkung, dem Niederdorf, das hier unten anfing; denn Kampen war der
letzte Hof im Oberdorf.

Die Haupttr des Wohnhauses ging auf den Weg hinaus; von ihr bis zur
Strae mochten ein paar tausend Schritt sein; ein Fusteig mit dichten
Birken zu beiden Seiten fhrte hinauf. Rechts und links von dem Rodeland
lag Wald; cker und Wiesen des Hofes konnten nach Belieben vergrert
werden; es war in jeder Hinsicht eine vorzgliche Ackerwirtschaft. Vorm
Hause lag ein kleiner Garten. Arne bestellte ihn nach der Anleitung
seiner Bcher; links vom Hause befanden sich die Viehstlle und die
andern Wirtschaftsgebude; sie waren fast alle neu errichtet und
bildeten mit dem Wohnhaus ein Viereck. Das Wohnhaus war rotgestrichen,
mit weien Fensterrahmen und Tren, hatte zwei Stockwerke, war mit Torf
gedeckt, und auf dem Dach wuchs allerlei Buschwerk; der eine Giebel trug
eine Stange, auf der sich ein eiserner Hahn mit hohem Schweif drehte.

Der Frhling war in die Gebirgsdrfer gekommen; es war ein
Sonntagmorgen, die Luft etwas trb, aber ruhig und nicht kalt; der Nebel
hing dicht ber dem Walde, aber Margit meinte, er werde sich im Lauf des
Tages lichten. Arne hatte seiner Mutter die Predigt vorgelesen und
Chorle gesungen, und das hatte ihm gut getan; jetzt war er in vollem
Staat, um nach dem Pfarrhaus hinaufzugehen. Er machte die Tr auf, der
frische Laubgeruch schlug ihm entgegen, der Garten war taufrisch und
beugte sich unter dem Morgennebel, von der Kampenschlucht her aber
brauste es mit starkem, stoweisem Donnern, da einem Hren und Sehen
verging.

Arne schritt bergan. Je weiter er sich vom Wasserfall entfernte, desto
mehr verlor das Gedrhn alles Grauen und legte sich zuletzt wie ein
tiefer Orgelton ber die ganze Landschaft.

"Gott sei mit ihm auf allen Wegen!" sagte die Mutter, sie ffnete das
Fenster und sah ihm nach, bis die Bsche ihn verdeckten. Der Nebel
lichtete sich immer mehr, die Sonne brach durch, auf den Feldern und im
Garten wurde es lebendig; dort sprote Arnes Werk in frischem Wachstum
und trug der Mutter Duft und Freude zu. Der Frhling ist schn fr
einen, der einen langen Winter gehabt hat.

Arne hatte nichts Bestimmtes in der Pfarre zu tun; er wollte nur nach
den Zeitungen fragen, die er mit dem Pfarrer zusammen hielt. Krzlich
hatte er die Namen einiger Norweger gelesen, die es durch Goldgraben in
Amerika zu etwas gebracht hatten, und unter diesen war auch Kristian
gewesen. Jetzt war zu Arne das Gercht gedrungen, Kristian werde zu
Hause erwartet. Hierber wrde er auch wohl oben in der Pfarre Sicheres
erfahren,--und verhielt es sich wirklich so, da Kristian schon jetzt in
der Stadt war, dann wollte Arne in der Zeit zwischen der
Frhjahrsbestellung und der Heuernte zu ihm hin. Daran mute er denken,
bis er an die Stelle gekommen war, wo er den Schwarzen See und drben am
andern Ufer Ben berblicken konnte. Auch da lichtete sich der Nebel,
die Sonne spielte auf den Hngen, die Berge hatten helle Spitzen, trugen
aber den Nebel noch in ihrem Scho; an der rechten Seite verdunkelte der
Wald das Wasser, vor den Husern aber war es etwas seichter, und da
schimmerte der weie Sand in der Sonne. Mit einem Schlage waren seine
Gedanken in dem rotgetnchten Hause mit den weien Tren und
Fensterrahmen, wonach er sein eigenes gestrichen hatte. Er dachte nicht
an die ersten schweren Tage, die er dort gehabt, er dachte blo an den
Sommer, den sie beide vor sich gesehen hatten, er und Eli, dort oben an
ihrem Krankenbett. Seitdem war er nicht wieder dagewesen seitdem wollte
er auch nicht mehr hin, um alles in der Welt nicht. Wenn seine Gedanken
nur dran rhrten, wurde er rot und verlegen, und doch geschah das jeden
einzigen Tag und viele Male am Tage, und wenn ihn etwas aus dem Dorf
vertreiben konnte, so war es gerade dies.

Er ging sehr schnell, als wolle er die Sttte weit hinter sich lassen;
aber je weiter er ging, desto nher hatte er Ben vor sich, und desto
hufiger sah er auch hinber. Der Nebel war ganz verschwunden, der
Himmel klar von einer Bergkette zur andern, Vgel schwebten in der
sonnenfrohen Luft und riefen sich zu, die Felder antworteten mit
Millionen von Blumen; kein Wasserfall zwang die Freude aufs Knie wie zu
andchtiger Unterwerfung, nein, lebensfroh, hingerissen sang, blinkte
und jubelte sie himmelwrts ohn' Ende!

Arne hatte sich glhendhei gelaufen; er warf sich am Fu einer Anhhe
ins Gras, blickte nach Ben hinber und drehte sich auf die Seite, um
nicht lnger dahinzusehen. Da hrte er ber sich singen, so rein, wie er
nie zuvor hatte singen hren; es jauchzte hin ber die Wiese durch das
Vogelgezwitscher, und ehe er noch die Melodie recht erkannte, verstand
er schon die Worte; denn das war die Melodie, die ihm die liebste war,
und auch die Worte waren es, die er von Kind an in sich getragen
hatte,--und die er am selben Tage verga, als er sie endlich geformt
hatte! Er sprang auf, als wolle er sie haschen, blieb aber stehen und
lauschte; der erste Vers, der zweite, der dritte, der vierte von seinem
eigenen vergessenen Liede schwebte zu ihm hernieder:

    Knnt', o knnt' ich hinber schaun
      ber die hohen Berge!
    Seh' nur immer den Gletscher blaun,
    Rings die Wlder empor sich baun.
      Ob sie die Gipfel strmen,
      Die sich wie Burgen trmen?

    Adler schweben mit starkem Schlag
      ber die hohen Berge,
    Rudern im jungen, kraftvollen Tag,
    Senken zu Tal sich, wo jeder mag,
      Stillen ihr schweifend Gelste,
      Sphn nach der fremdesten Kste.

    Laubschwerer Apfelbaum, den nichts zieht
      ber die hohen Berge,--
    Der da blht, wenn der Winter flieht,
    Der es trgt, wenn der Sommer schied;--
      Was deine Vgel singen,
      Bleibt dir ein taubes Klingen.

    Wer sich seit zwanzig Jahren gesehnt
      ber die hohen Berge,
    Wer die Arme sich wund gedehnt,
    Fruchtlos immer sich aufgelehnt,
      Hrt, was die Vgel singen,
      Die deine Zweige tragen.

    Trichte Schwtzer, was kamt ihr hierher
      ber die hohen Berge,
    Liet eure Nester da drauen leer,
    Flhet von Sonne, Menschen, Meer,--
      Nur da ihr einen verlachtet,
      Der hier schwingenlos schmachtet?

    Soll ich denn niemals, niemals fort
      ber die hohen Berge,--
    Bis mich entseelt dieser Schreckensort,
    Bis er vereist mir mein letztes Wort?
      Bis sie nach Hangen und Harren
      Mich hier im Keller verscharren!

    Lat mich hinaus! o weit, weit, weit
      ber die hohen Berge!
    Hier tropft trge wie Blei die Zeit,
    Und mein Mut so nach Leben schreit,--
      Lat ihn zur Sonne, zum Hellen,
      Nicht an der Felswand zerschellen!

    _Einmal_, das wei ich, da reicht es hinaus
      ber die hohen Berge.
    Wartest du, Herr, schon im Himmelshaus?
    Hast schon dein Wort fr mein Trachten kraus?
      Doch--wenn das Tor noch nicht offen,
      La mich ein Weilchen noch hoffen!

Arne stand, bis der letzte Vers, das letzte Wort verklungen war. Wieder
hrte er die Vgel schkern und lachen, doch er wagte sich nicht zu
rhren. Wissen, wer es war, mute er aber; er hob den Fu und schlich so
behutsam, da nicht einmal das Gras raschelte. Ein kleiner Schmetterling
setzte sich gerade vor seinem Fu auf eine Blume, flatterte in die Hhe,
flog ein kleines Stck weiter, flatterte wieder in die Hhe, flog wieder
ein kleines Stck und flatterte wieder hoch und so ging es den ganzen
Abhang, den er hinaufklomm. Dann kam ein dichtes Gebsch, und er wollte
nicht weiter, denn jetzt konnte er alles sehen; ein Vogel flog
aufgeschreckt aus dem Busch auf, kreischte und schwebte ber den Abhang
weg; da blickte das Mdchen auf, das dort sa; er duckte sich tief zur
Erde und hielt den Atem an, das Herz klopfte ihm, er hrte jeden Schlag,
er lauschte und wagte kein Blatt anzurhren; denn das war sie ja,--war
Eli!--Nach langer, langer Zeit sah er ein klein wenig in die Hhe und
wre gar zu gern einen Schritt nher gegangen; aber der Vogel konnte
unter dem Busch sein Nest haben, und das durfte er nicht zertreten. Er
lugte also durch die Bltter, je nachdem sie zur Seite wehten oder sich
zusammenschlossen. Die Sonne fiel voll auf Eli; sie sa da in einem
schwarzen, rmellosen Kleid und hatte einen Strohhut auf dem Kopf, der
einem Jungen gehren mute; er sa nicht fest und rutschte immer nach
einer Seite. Auf dem Scho hatte sie ein Buch, auerdem aber einen
groen Haufen Feldblumen; ihre rechte Hand spielte wie in Gedanken
damit, die linke hatte sie aufs Knie gesttzt, und ihr Kopf ruhte darin.
Sie blickte nach der Richtung, wohin der Vogel geflogen war, und es war
ungewi, ob sie geweint hatte.

Etwas Schneres hatte Arne sein Lebtag weder gesehen, noch ertrumt; die
Sonne warf aber auch all ihr Gold ber sie und ber die Sttte, wo sie
sa, und das Lied umschwebte sie, wiewohl es lngst ausgesungen war, so
da seine Gedanken und sein Atem, ja, sogar sein Herzschlag im Takte
danach gingen.

Sie nahm das Buch und schlug es auf, machte es aber schnell wieder zu
und sa wie zuvor, whrend sie anfing, leise vor sich hinzusummen. Es
war das Lied: "Mit Blatt und Knospen stand fertig der Baum"--er hrte
es, obwohl sie weder die Worte, noch die Melodie genau behalten hatte
und sich oftmals irrte. Den letzten Vers konnte sie noch am besten,
deshalb fing sie ihn immer wieder von vorn an; aber sie sang ihn so:

    Und der Baum trug Frchte, reif schimmernd wie Gold.
    Sie seufzte: "Die mcht' ich!" Sie war just so hold.
      "Die alle, o ja,
      Fr dich sind sie da!"
    Sprach der Baum--trala, la, la, hold!--

Und dann pltzlich sprang sie auf, schttete alle Blumen hin, juchzte,
da der Klang durch die Luft schmetterte und bis Ben dringen mochte.
Und dann lief sie davon!----Sollte er rufen? Nein!--Da sprang sie schon
singend und trllernd den Hgel hinunter; ihr fiel der Hut ab, sie nahm
ihn wieder auf, jetzt stand sie mitten im hohen Grase.--"Soll ich rufen?
Sie sieht sich um!"----Er duckte sich tiefer. Lange dauerte es, bis er
wieder hinzuschauen wagte, und dann hob er auch blo den Kopf, sah sie
aber nicht,--richtete sich auf den Knien auf, sah sie noch
nicht;----stand ganz auf,--ja, sie war verschwunden!----

Er mochte nicht mehr ins Pfarrhaus. Er mochte berhaupt nichts
mehr!--Darauf setzte er sich hin, wo sie gesessen hatte, und sa noch
da, als die Sonne gegen Mittag stand. Auf dem See regte sich keine
einzige Welle, ber den Hfen zitterte schon der Rauch in der Luft, die
Wachteln verstummten eine nach der andern, die kleinen Vgel schkerten
wohl noch, zogen sich aber doch allmhlich in den Wald zurck, der Tau
war fort, so da das Gras gar wrdig dastand, kein Lftchen bewegte
sich, und die Bltter hingen still herab, die Sonne mute in einer
Stunde auf der Mittagshhe sein. Er wute gar nicht, wie es kam, da er
da pltzlich sa und ber ein kleines Gedicht nachsann; ein holder Ton
kam und bot sich ihm dar fr sein Lied; das Herz war ihm wunderlich von
Weichheit voll, und der Ton kam und ging so lange, bis er ein ganzes
Bild erschuf.

In der Stille, wie er es gemacht hatte, sang Arne es auch:

    Im Walde klang es den ganzen Tag,
      Den ganzen Tag.
    Klein Knabe, hrst du das Tnen, sag',
      Das Tnen, sag'?

    Der Knabe schnitt sich eine Schalmei,
      Eine Schalmei,
    Und blies,--ob der Ton wohl darinnen sei,
      Darinnen sei.

    Der Ton, der meldete sich wie ein Hauch,
      Wie ein Hauch,
    Doch wie er gekommen, entschwand er auch,
      Entschwand er auch.

    Oft, wenn er schlief, er zu ihm schlich,
      Er zu ihm schlich,
    Und ber die Stirn ihm voll Liebe strich,
      Voll Liebe strich.

    Doch wollt' er ihn greifen, jhlings erwacht,
      Jhlings erwacht,
    Versank der Ton in der bleichen Nacht,
      Der bleichen Nacht.

    "Herr, mein Gott, nimm mich dahin,
      Nimm mich dahin!
    Der Ton nahm ein meinen ganzen Sinn,
      Meinen ganzen Sinn."

    Der Herr gab zur Antwort: "Dein Freund ist er,
      Dein Freund ist er!
    Doch freilich--dein eigen,--das nimmermehr,
      Das nimmermehr."

    Was sind all die andern wohl gegen sie,
      Wohl gegen sie,
    Die immer du suchst und findest sie nie,
      Findest sie nie!




Fnfzehntes Kapitel


Es war ein Sonntagabend Anfang des Sommers; der Pfarrer war aus der
Kirche nach Hause gekommen, und Margit hatte bis gegen sieben Uhr bei
ihm gesessen. Da verabschiedete sie sich und eilte die Treppe hinunter
auf den Hof hinaus, denn dort war eben Eli Ben in Sicht gekommen, die
solange mit dem Sohn des Pfarrers und ihrem eignen Bruder gespielt
hatte.

"Guten Abend!" sagte Margit, indem sie stehen blieb, "und Gr
Gott!"--"Guten Abend!" sagte Eli, sie war feuerrot und wollte das Spiel
einstellen, obwohl die Jungens sie bestrmten; aber sie bat sehr
herzlich und war fr diesen Abend entlassen.--"Mir ist, ich mte Dich
kennen", sagte Margit.--"Das ist wohl mglich", sagte die andre.--"Du
kannst doch nicht die Eli Ben sein?"--Doch, die sei sie.--"Nein, aber
so was!--Also die Eli Ben bist Du! Ja, jetzt sehe ich es auch,--Du bist
Deiner Mutter hnlich." Elis rtlichbraunes Haar war aufgegangen, da es
lang und lose herunterhing; ihr Gesicht war so hei und rot wie eine
Erdbeere, ihre Brust hob und senkte sich, sie konnte kaum sprechen und
lachte, weil sie so auer Atem war.--"Ach ja, das gehrt zur
Jugend",--Margit freute sich an ihr. "Du kennst mich wohl nicht?" Eli
hatte schon fragen wollen, hatte sich aber nicht getraut, weil die
andere lter war; jetzt sagte sie, sie knne sich nicht erinnern, sie
schon gesehen zu haben.----"O nein, das ist auch sehr unwahrscheinlich;
alte Leute kommen selten aus ihrem Bau.--Vielleicht kennst Du aber
meinen Sohn, den Arne Kampen; ich bin seine Mutter", sie schaute Eli an,
die auf einmal ganz verndert war.--"Ich glaub' beinah, er hat einmal in
Ben gearbeitet?"--Ja, das habe er.--"Es ist solch schnes Wetter heut
abend; wir haben den Tag ber geheut und eingefahren, bis ich
weggegangen bin; es ist ein gottgesegnetes Wetter."--"Es gibt sicher ein
gutes Heujahr", meinte Eli.--"Ja, das darf man wohl sagen;--in Ben ist
es auch wohl gut?"--"Da ist schon alles fertig."--"Natrlich, ja; viel
Hilfe und tchtige Leute.--Mut Du heut abend nach Hause?"--Nein, sie
brauche nicht. Sie sprachen ber dies und jenes und wurden schlielich
so bekannt, da Margit die Frage wagen konnte, ob Eli ein Stck mitgehen
wolle. "Knntest Du mich wohl ein paar Schritte begleiten?" sagte sie;
"ich treffe so selten jemand, mit dem ich ein Wort reden kann, und Dir
geht es wohl ebenso?"--Eli entschuldigte sich, sie habe keine Jacke
an.--"Na ja, ich sollte mich auch schmen, einen Menschen drum zu
bitten, den ich zum erstenmal sehe; aber mit alten Leuten mu man es
nicht so genau nehmen."--Eli sagte, sie wrde gern mitkommen, aber sie
msse sich erst ihre Jacke holen. Es war eine enganschlieende Jacke.
Wenn sie zugehakt war, sah sie wie ein Leibchen aus; jetzt machte sie
aber blo die beiden untersten Haken zu; ihr war so warm. Das feine
Leinenhemd hatte einen kleinen, berfallenden Kragen, der am Halse von
einem silbernen Knopf in Gestalt eines Vogels mit ausgebreiteten
Schwingen zusammengehalten wurde. So einen hatte Schneider Nils
getragen, als Margit zum erstenmal mit ihm getanzt hatte.--"Ein schner
Knopf", sagte sie und besah ihn.--"Ich habe ihn von Mutter", sagte
Eli.--"Das hast Du wohl", und sie half ihr beim Anziehen.

Jetzt schritten sie den Weg entlang. Das Heu war gemht und stand in
Hocken, Margit griff in die Hocken hinein, roch dran und fand, es sei
schnes Heu. Sie fragte nach dem Vieh hier auf dem Hof, dann nach dem in
Ben und erzhlte schlielich, wieviel sie auf Kampen htten. "Die
Wirtschaft ist in den letzten Jahren tchtig vorwrts gekommen, und sie
lt sich vergrern, soviel man will. Sie ernhrt jetzt zwlf Milchkhe
und knnte noch mehr ernhren; aber Arne hat soviel Bcher, in denen er
liest, und nach denen er alles einrichtet, darum will er sie so
groartig gefttert haben." Eli sagte, wie zu erwarten war, zu all dem
nichts; Margit aber fragte sie, wie alt sie sei. Sie sei neunzehn Jahr.
"Legst Du manchmal im Hause mit Hand an? Du siehst so fein aus, damit
ist's wohl nicht viel geworden."--O doch, sie habe bei mancherlei
geholfen, besonders in letzter Zeit.--"Ja, es ist gut, wenn einer an
alles gewhnt ist; wenn man selbst mal eine groe Wirtschaft bekommt,
tut's not. Aber natrlich, wenn einer tchtige Hilfe hat, ist's nicht so
schlimm."--Eli wollte umkehren, denn sie waren lngst am Pfarracker
vorbei. "Es ist noch lange hin, bis die Sonne untergeht;--es wre nett
von Dir, wenn Du noch ein bichen mit mir plaudern wolltest",--und Eli
ging mit.

Nun fing Margit von Arne zu reden an. "Ich wei nicht, ob Du ihn genauer
kennst. Der kann Dir ber alles Bescheid sagen; Herrgott, was hat der
nicht alles gelesen!" Eli gab zu, sie wisse, da er viel gelesen habe.
"Na ja, aber das ist noch das wenigste; doch wie er sein ganzes Leben
lang zu seiner Mutter gewesen ist, das ist mehr. Wenn es wahr ist, was
das Sprichwort sagt, da einer, der gut zu seiner Mutter war, auch gut
zu seiner Frau ist, dann wird die, die er erwhlt, sich nicht zu
beklagen haben.--Wonach siehst Du, Kind?"--"Mir ist blo ein kleiner
Zweig weg, den ich in der Hand hatte."--Sie verstummten beide und
gingen weiter, ohne sich anzusehen. "Er ist so eigentmlich", sagte die
Mutter wieder; "er ist als Kind so eingeschchtert worden, und da hat er
sich dran gewhnt, alles mit sich allein abzumachen, und die Art Leute
knnen sich nicht so frei geben."--Jetzt wollte Eli wirklich umkehren,
aber Margit meinte, es sei nur noch ein kleines Stck bis Kampen, und
Kampen msse sie sehen, wo sie nun doch einmal hier sei. Eli aber sagte,
es sei heute schon zu spt. "Es ist immer jemand da, der Dich nach Hause
begleitet", sagte Margit. "Nein, nein", antwortete Eli rasch und wollte
weg. "Der Arne freilich ist nicht zu Hause," sagte Margit, "er kann's
also nicht; aber es sind genug andere da", und Eli hatte jetzt weniger
dagegen; sie wollte doch Kampen gern sehen, "wenn es blo nicht zu spt
wird."--"Ja, wenn wir hier lange stehen und drber reden, dann mag es
wohl zu spt werden",--und sie gingen. "Du hast auch wohl viel gelernt,
wo Du doch beim Herrn Pfarrer aufgewachsen bist?" Ja, das habe sie. "Das
wird Dir gut zustatten kommen," meinte Margit, "wenn Du mal einen
bekommst, der weniger kann."--Nein, meinte Eli, solchen mchte sie
nicht. "Nun ja, es ist ja auch vielleicht nicht das beste, aber hier im
Dorf haben die Leute wenig Bildung."--Eli fragte, was da hinten im Walde
rauche. "Das kommt von dem neuen Pchterhaus, das zu Kampen gehrt. Da
wohnt der Knut vom Oberland. Er war immer so allein, und da hat Arne ihm
den Platz gegeben, da er ihn urbar mache. Er wei, was es heit, allein
zu sein, der arme Arne." Nach einer Weile waren sie hoch genug, um das
Gehft sehen zu knnen. Die Sonne schien ihnen gerade ins Gesicht; sie
beschatteten die Augen und schauten hin. Mitten drin lag das
rotgestrichene Haus mit den weien Fensterrahmen; ringsum die Wiesen
waren gemht, hier und da stand das Heu noch in Hocken; die cker
standen grn und ppig mitten in der hellen Wiese; bei den Stllen war
groes Leben: Khe, Schafe und Ziegen kamen gerade nach Hause, ihre
Glocken bimmelten, die Hunde bellten, die Kuhmagd rief; alles aber
bertnte mit seinem furchtbaren Getse der Wasserfall am Kampenschlund.
Je lnger Eli hinschaute, desto mehr hrte sie blo diesen Ton, und er
wurde ihr schlielich so grauenvoll, da sie Herzklopfen bekam; in ihrem
Kopf sauste und brauste es,--es wurde ihr ganz wirr und doch wieder so
weich und warm, da sie unwillkrlich behutsam auftrat und kleine
Schritte machte; Margit mute sie bitten, ein bichen schneller zu
gehen. Sie schrak zusammen; "ich habe noch nie etwas hnliches gehrt
wie diesen Wasserfall", sagte sie; "ich bekomme beinah Angst."--"Daran
gewhnst Du Dich schnell," sagte die Mutter, "schlielich wrde er Dir
sogar fehlen."--"Meinst Du wirklich?" fragte Eli.--"Ja, das sollst Du
sehen", sagte Margit und lchelte.

"Komm, jetzt wollen wir uns erst das Vieh ansehen", sagte sie, whrend
sie vom Weg abbog; "diese Bume hier zu beiden Seiten hat Nils
gepflanzt.--Nils wollte gern alles recht schn haben;--Arne auch; Du
sollst mal den Garten sehen, den er angelegt hat."--"Nein, wie schn!"
rief Eli und lief an den Zaun. Sie hatte Kampen schon fter gesehen,
aber nie so in der Nhe, und daher auch noch nie den Garten.--"Den
wollen wir uns nachher ansehen", sagte Margit.--Eli blickte flchtig
durch die Scheiben, als sie am Hause vorbeigingen; es war niemand drin.

Sie stellten sich nun beide auf die Scheunenbrcke und besahen die Khe,
wie sie brllend an ihnen vorbei in den Stall zogen. Margit nannte Eli
die Namen alle, erzhlte ihr, wieviel Milch jede gebe, welche trchtig
seien und welche nicht. Die Schafe wurden gezhlt und in den Stall
gelassen; es war eine groe fremde Rasse; Arne hatte sich zwei Lmmer
aus dem Sden kommen lassen. "Mit all so was beschftigt er sich, wenn
man es ihm auch gar nicht zutraut."--Sie gingen jetzt in die Scheune,
besahen das eingefahrene Heu, und Eli mute daran riechen,--"denn
solches Heu gibt es nicht berall". Sie zeigte durch die Scheunenluke
hinaus auf die cker und erklrte, was auf jedem stand, und wieviel von
jeder Sorte gest war.--Sie gingen hinaus und auf das Haus zu; aber Eli,
die auf all das andre nicht geantwortet hatte, bat jetzt, als sie an dem
Garten vorbeigingen, ob sie nicht hinein drfe. Und als ihr das erlaubt
war, bat sie, eine Blume oder zwei pflcken zu drfen. Hinten in der
Ecke stand eine kleine Bank: auf die setzte sie sich, wie um sie
auszuprobieren, denn sie stand gleich wieder auf.

"Wir mssen uns jetzt beeilen, wenn es nicht zu spt werden soll", sagte
Margit, die in der Pforte stand. Und nun gingen sie ins Haus. Margit
fragte, ob sie ihr nicht etwas anbieten drfe, wo sie zum erstenmal da
sei; Eli aber wurde rot und sagte kurz: danke. Sie schaute sich nun nach
allen Seiten um; die Fenster gingen auf den Weg hinaus; hier hielten sie
sich den Tag ber auf; die Stube war nicht gro, aber gemtlich, mit
Wanduhr und Kachelofen. Dort hing Nils' Geige, alt und dunkel, aber mit
neuen Saiten. Hier hingen ein paar Flinten, die Arne gehrten, englische
Angelruten und andre seltsame Sachen, die die Mutter herunterholte und
zeigte; Eli besah und befhlte sie. Die Stube war nicht gemalt, denn das
mochte Arne nicht, auch die andere Stube nicht, die auf die
Kampenschlucht mit den frischgrnen Bergen geradeber und den blauen
Hhen im Hintergrunde hinausging; diese Stube, die wie die eine ganze
Hlfte des Hauses spter angebaut war, war grer und schner; die
beiden kleineren Stuben in dem Flgel aber hatten Malerei, denn da
sollte die Mutter wohnen, wenn sie alt wrde,--und er eine Frau im Hause
habe. Sie gingen in die Kche, in die Vorratskammer, in den
Holzschuppen; Eli sagte kein Wort,--sie besah sich alles gewissermaen
aus der Entfernung; nur wenn Margit ihr irgend etwas hinhielt, fate sie
es an, aber auch nur ganz zaghaft. Margit, die in einemfort schwatzte,
fhrte sie jetzt wieder auf die Diele; sie wollten nach oben und den
Boden besichtigen.

Auch hier waren gut eingerichtete Zimmer, die den Stuben im unteren
Stockwerk entsprachen, aber sie waren neu und noch nicht in Benutzung
genommen auer einem, das auf die Kampenschlucht hinausging. In diesen
Zimmern hing und stand aller mglicher Hausrat, der in der tglichen
Wirtschaft nicht gebraucht wurde. Hier hingen ein gut Teil fertig
genhter Felldecken sowie anderes Bettzeug; die Mutter befhlte sie und
hob sie hoch, Eli mute es manchmal auch tun; es war aber, als habe sie
jetzt etwas mehr Mut bekommen, vielleicht hatte sie auch mehr Freude an
diesen Dingen; denn auf einzelne Sachen kam sie zurck, fragte und wurde
immer vergngter. Da sagte die Mutter: "Jetzt, zuletzt wollen wir in
Arnes Zimmer", und sie gingen in das Zimmer, das nach der Kampenschlucht
hinauslag. Das frchterliche Getse des Wasserfalls schlug ihnen wieder
entgegen, denn das Fenster war offen. Hier stand man hher, hier konnte
man den Gischt des Wasserfalls zwischen den Felsen aufsprhen sehen,
nicht aber den Wasserfall selbst, oder doch nur weiter oben, wo ein
Felsblock abgestrzt war, gerade an der Stelle, wo er mit aller Macht
sich zu dem letzten Sprung in die Tiefe anschickte. Frischer Rasen
deckte die obere Flche des Felsblockes, ein paar Kieferzapfen hatten
sich hineingebohrt und in den Felsritzen Wurzel gefat. Der Wind hatte
die Bume gerttelt und geschttelt, der Wasserfall hatte sie besplt,
so da vier Ellen hoch von der Wurzel keine Zweige waren, sie waren aufs
Knie gesunken, und ihre ste krmmten sich, aber sie standen fest und
schossen hoch auf zwischen den Felswnden. Das war das erste, was Eli
vom Fenster aus sah, und dann die blendend weien Schneefirnen hoch ber
dem Grn. Ihre Augen schweiften hinunter: auf den Feldern war Frieden
und Fruchtbarkeit, und jetzt endlich sah sie sich in dem Zimmer um, wo
sie stand; der Wasserfall hatte es bisher nicht zugelassen.

Wie war es hier still und fein gegen drauen! Sie sah keine
Einzelheiten, weil eins sich in das andere einfgte und das meiste ihr
neu war; denn Arne hatte seine ganze Liebe auf dieses Zimmer verwandt,
und so drftig es war, auch in den kleinsten Dingen zeigte sich
Kunstverstndnis. Ihr war's, als klngen seine Lieder um sie her oder
als lchele er selbst sie aus jedem Gegenstand an. Das erste, was sie
fesselte, war ein groes, breites, schn geschnitztes Bcherbrett. Da
standen soviele Bcher, da der Herr Pfarrer selbst ja wohl nicht mehr
haben konnte. Das nchste war ein schner Schrank. Darin habe er viele
schne Sachen, sagte die Mutter; da habe er auch sein Geld drin, fgte
sie flsternd hinzu. Zweimal htten sie geerbt, sagte sie nachher; sie
wrden noch einmal etwas erben, wenn alles nach Wunsch ginge. "Aber Geld
ist nicht das beste auf der Welt; er kann etwas kriegen, was noch besser
ist."--Es waren gar manche Kleinigkeiten in dem Zimmer, die ergtzlich
anzuschauen waren, und Eli besah sie sich alle wie ein frhliches Kind.
Margit klopfte ihr auf die Schulter: "Ich sehe Dich heute zum erstenmal,
Kind, aber ich habe Dich schon so liebgewonnen", sagte sie und sah ihr
treuherzig in die Augen. Ehe Eli noch Zeit hatte, verlegen zu werden,
zupfte Margit sie am Kleid und sagte ganz leise: "Siehst Du die kleine
rote Truhe da?--da ist was Feines drin, kannst Du glauben."----Eli sah
hin, es war eine kleine, viereckige Truhe, die sie fr ihr Leben gern
htte haben mgen. "Ich darf eigentlich nicht wissen, was in der Truhe
ist," flsterte die Mutter, "und er zieht jedesmal den Schlssel ab";
sie ging nach der Wand, wo einige Kleidungsstcke hingen, nahm eine
Samtweste herunter, suchte in der Uhrtasche und fand wirklich den
Schlssel. "Jetzt sollst Du mal sehen", flsterte sie. Eli fand es nicht
ganz recht, was die Mutter da tat; aber Frauen sind Frauen, und beide
gingen ganz leise auf die Truhe zu und knieten davor nieder. Als die
Mutter den Deckel aufklappte, schlug ihnen ein Duft daraus entgegen, da
Eli die Hnde zusammenschlug, noch ehe sie ein Stck gesehen hatte. Oben
drber war ein Taschentuch gebreitet, das nahm die Mutter weg; "nun
sollst Du mal sehen!" flsterte sie und holte ein schnes,
schwarzseidenes Tuch heraus, so eins, wie Mnner nicht tragen. "Das ist
wie fr ein Mdchen gemacht", sagte die Mutter. "Hier ist noch eins",
sagte sie dann; Eli befhlte es, sie konnte es nicht lassen; die Mutter
wollte es ihr aber auch noch umlegen, obwohl Eli es nicht mochte und den
Kopf abwandte. Die Mutter legte es sorglich wieder zusammen. "Jetzt
sollst Du mal sehen", sagte sie dann und holte ein paar schne
Atlasbnder heraus; "alles ist doch wie fr ein Mdchen." Eli wurde
feuerrot, gab aber keinen Laut von sich; ihr Busen wogte, und ihre Augen
gingen scheu zur Seite; sonst rhrte sie sich nicht. "Hier ist noch
mehr!" Die Mutter holte schnen schwarzen Kleiderstoff heraus;--"der ist
aber fein", sagte sie und hielt ihn gegen das Licht. Eli zitterte die
Hand ein bichen, als die Mutter sie bat, ihn mal anzufhlen; sie
merkte, wie ihr das Blut zu Kopf stieg, sie htte sich gern abgewandt,
aber es ging nicht an. "Er hat jedesmal in der Stadt etwas gekauft",
sagte die Mutter. Eli konnte sich kaum noch halten; ihre Augen
schweiften von einem Stck in der Truhe zum andern und dann wieder
zurck auf den Kleiderstoff; im Grunde sah sie berhaupt nichts mehr.
Die Mutter aber lie nicht nach, und der letzte Gegenstand, den sie
herausholte, war in Papier gewickelt; sie wickelte einen Bogen nach dem
andern aus; das war nun wieder spannend; und Eli wurde sehr neugierig;
es waren ein Paar kleine Schuhe. Etwas so Hbsches hatten sie beide ihr
Lebtag nicht gesehen; die Mutter meinte, so etwas knne doch gar nicht
gemacht werden, Eli sagte kein Wort; aber als sie die Schuhe anfate,
drckten sich ihre fnf Finger darauf ab; sie wurde so verlegen, da sie
dem Weinen nahe war; sie wre am liebsten gegangen; aber sie wagte nicht
zu sprechen, wagte auch nicht die Mutter anzusehen. Die hatte aber genug
mit sich zu tun. "Sieht es nicht genau aus, als habe er das alles nach
und nach fr eine gekauft, der er sich's nicht zu geben getraut hat?"
sagte sie und packte alles genau so wieder ein, wie es gelegen hatte;
sie mute schon bung darin haben. "Jetzt wollen wir mal sehen, was hier
in der Schublade ist!" Sie ffnete sie so behutsam, als wrden sie etwas
besonders Schnes zu sehen bekommen. Da lag eine breite Schnalle wie fr
einen Grtel; die zeigte sie Eli zuerst; dann zeigte sie ihr ein paar
zusammengebundene goldene Ringe, und dann sah sie ein Gesangbuch mit
silberbeschlagenem Samtdeckel, aber dann sah sie auch gar nichts mehr,
denn auf dem Silberbeschlag des Gesangbuchs war mit feiner Schrift
eingraviert: "Eli, Tochter von Baard Ben."----Die Mutter wollte gern,
da sie es she, bekam aber keine Antwort und sah nur eine Trne nach
der andern auf das Seidenzeug fallen und darber hinrinnen. Schnell
legte die Mutter die Brosche hin, die sie in der Hand hatte, machte die
Schublade zu und zog Eli in ihre Arme. Da weinte die Tochter an ihrem
Herzen, und die Mutter weinte mit ihr, ohne da einer von ihnen noch ein
Wort gesprochen htte.

       *       *       *       *       *

Eine Weile drauf ging Eli allein in den Garten; die Mutter mute in die
Kche, um etwas Gutes herzurichten, denn jetzt kam Arne bald. Spter
ging sie hinaus und sah sich im Garten nach Eli um; die kauerte da am
Boden und schrieb in den Sand. Sie wischte es aus, als Margit kam,
blickte auf und lchelte; sie hatte geweint.--"Dabei ist nichts zu
weinen, Kind", sagte Margit und streichelte sie. Sie sahen oben am Wege
etwas Schwarzes hinter den Bschen. Eli schlich sich ins Haus, die
Mutter hinterher. Drinnen war gewaltig aufgetischt: Rahmbrei,
Rauchfleisch und Kringel; Eli sah aber gar nicht hin; sie setzte sich
dicht an die Wand auf einen Stuhl in der Ecke neben der Uhr und
zitterte, sowie sich nur eine Katze rhrte. Die Mutter stand am Tisch.
Feste Schritte ertnten auf den Steinfliesen, ein kurzer, leichter auf
der Diele, leise wurde die Tr aufgemacht und Arne trat ein. Das erste,
was er sah, war Eli in der Ecke neben der Uhr; er lie die Tr los und
blieb stehen. Das machte Eli noch verlegener; sie stand auf, bereute es
aber gleich und drehte sich nach der Wand um.--"Du bist hier?" sagte
Arne leise und wurde glhend rot bei dieser Frage.--Sie hob die Hand
hoch und hielt sie sich vor die Augen, als wenn die Sonne zu grell
hineinfllt. "Wie--?" er sprach nicht zu Ende, sondern trat einen
Schritt oder auch zwei auf sie zu; da lie sie die Hand wieder sinken
und wandte sich ihm zu, neigte aber den Kopf und brach in Trnen
aus.--"Gott segne Dich, Eli!" sagte er und umschlang sie; sie lehnte
sich an ihn. Er flsterte etwas zu ihr hinunter, sie antwortete nicht,
legte aber beide Arme um seinen Hals.

Lange standen sie so; kein Laut war zu hren auer der ewigen Mahnung
des Wasserfalls. Da klang ein Schluchzen vom Tisch her, Arne blickte
auf, es war die Mutter; er hatte sie bis dahin nicht gesehen. "Jetzt bin
ich unbesorgt, da Du mich nicht verlt, Arne", sagte sie und kam auf
ihn zu. Sie weinte sehr, aber es tue ihr gut, sagte sie.

       *       *       *       *       *

Als sie in der hellen Sommernacht nach Hause gingen, konnten sie in
ihrer jungen Seligkeit nicht viel sprechen. Sie lieen die Natur fr
sich reden, wie sie still und licht und gro vor ihnen lag. Auf dem
Heimweg aber von dieser ersten Sommernachtwanderung, der erwachenden
Sonne entgegen, ging er und legte den Grund zu einem Liede, das zu
formen er jetzt freilich nicht die Mue hatte, das aber spter, als es
fertig war, auf lange Zeit sein Lieblingslied wurde. Es lautete so:

    Ich dachte, was Groes wrd' ich einmal;
    Ich dachte, das kam', wenn ich fort aus dem Tal.
    Hab' mich und alles vergessen,--
    Aufs Wandern nur war ich versessen.
      Da sah mir ein Mdchen ins Auge hinein,
      Und lie mir die Ferne verschwinden:
      Jetzt schien mir des Lebens Krone zu sein,
      Mit ihr den Frieden zu finden.

    Ich dachte, was Groes wrd' ich einmal;
    Ich dachte, das kam', wenn ich fort aus dem Tal.
    Mich trieb's, in der Geister Sphren
    Die junge Kraft zu bewhren.
      Sie lehrte mich, eh noch ein Wort ihr entfiel,
      Es sei das Hchste auf Erden,
      Nicht Ruhm und Gre zu suchen als Ziel,
      Nein, richtig ein Mensch zu werden.

    Ich dachte, was Groes wrd' ich einmal;
    Ich dachte, das km', wenn ich fort aus dem Tal.
    Ich fror in der Heimat, ich dachte,
    Da man mich verkenn' und verachte.
      Als _sie_ mir genaht, da schien mir, es ward
      Mir rings mit Liebe begegnet;
      Ich war es allein, auf den sie geharrt,
      Und neu war das Leben gesegnet.

Noch manche Sommernachtwanderung folgte und manches Lied hinterher. Eins
davon mag noch aufgezeichnet werden:

    Wie all das gekommen, mir sagt's kein Vermuten;
    Es war kein Strmen, kein berfluten,
    Im Innern ein spielender, blinkender Bach
    Ergo in den Strom sich allgemach,
    Der mchtig, so mchtig wallet zum Meere.

    Mich dnkt, ein Etwas in diesem Leben
    Dringt rufend ans Herz, dem die Sehnsucht gegeben,
    Die lockende Macht, die zrtliche Brust,
    Den Leid und Scheu und Wanderlust
    In Frieden als Brautgabe knnen umfangen.

    Entsandt das Leben mir solch einen frommen
    Glcksboten wie den, dessen Ruf ich vernommen,
    So fhl' ich das Walten der Gottheit bezeugt,
    Die alles lebendigen Ordnungen beugt,--
    Still werd' ich zum ewig Guten getragen.

Aber keins gab wohl sein Dankgefhl so wieder wie das folgende:

    Die Macht, die mir gab mein schlichter Gesang,
    Bewirkte, da Lebens Leid und Wonne
    Glckselig fielen wie Tau und Sonne
    Auf der Seele wogenden Frhlingsdrang,
      Da kein Geschehen
      Sie niederbricht,--
      Im Lied erstehen
      Ihr Liebe und Licht.

    Die Macht, die mir gab mein schlichter Gesang,
    Verbndet mich allen, die Sehnsucht empfinden;
    Drum konnte mir nichts die Seele binden,
    Nie dauernd mich hemmen ein selbstischer Zwang;
      Fortstrmend bangt' ich
      Vor Mhsal nicht,---
      Und heimwrts gelangt' ich
      Zu Liebe und Licht.

    Die Macht, die mir gab mein schlichter Gesang,
    Die gibt mir vielleicht auch Macht ber andre,
    So da ich vom Weg aus, den ich wandre,
    Sie manchmal erfreue durch freundlichen Klang.
      Dies will mir erscheinen
      Als schnstes Gedicht,
      Wenn Lieder uns einen
      In Liebe und Licht.




Sechzehntes Kapitel


Es ging auf den Herbst, die Bauern waren beim Einfahren. Ein klarer Tag
war es; in der Nacht und am Morgen hatte es geregnet, daher war die Luft
milde wie im Sommer. Es war ein Sonnabend, trotzdem aber steuerten
viele Boote ber den Schwarzen See auf die Kirche zu, die Mnner saen
in Hemdsrmeln und ruderten, die Frauen mit hellen Kopftchern saen
vorn im Boot. Aber noch mehr Boote steuerten nach Ben hinber, um
nachher von dort aus in langem Zuge abzufahren, denn heut richtete Baard
Ben fr seine Tochter Eli und Arne Nilsson Kampen die Hochzeit aus.

Alle Tren waren offen, viele Leute gingen aus und ein, die Kinder
standen, Kuchen in den Hnden, drauen auf dem Hof, voll Angst um ihre
neuen Kleider und blickten sich fremd an; eine alte Frau sa ganz allein
oben auf der Treppe zum Vorratsschuppen: das war Margit Kampen. Sie trug
einen breiten, silbernen Ring, an dessen oberer Platte mehrere kleine
Ringe befestigt waren; zuweilen schaute sie ihn an; sie hatte ihn von
Nils bekommen, an dem Tag, als sie mit ihm vor dem Altar stand, und
hatte ihn seitdem nie wieder getragen.

In den zwei, drei Stuben liefen der Tafelmeister und die beiden jungen
Brautfhrer, der Sohn des Pfarrers und Elis Bruder, hin und her und
schenkten den Gsten ein, die sich nach und nach zu der groen Hochzeit
einfanden. Oben in Elis Gemach sa die Braut mit der Frau Pfarrer und
Mathilde, die eigens aus der Stadt gekommen war, um die Braut schmcken
zu helfen: das hatten sie sich von klein auf versprochen.--Arne im
Tuchanzug mit rundgeschnittener, enganschlieender Jacke und einem
Kragen, den Eli ihm genht hatte, stand unten in einer Stube an dem
Fenster, an das Eli damals "Arne" geschrieben hatte. Es stand offen, er
lehnte im Rahmen und schaute ber den stillen See nach der Kirche neben
dem Pfarrhof hinber.

Drauen auf der Diele trafen sich zwei, die beide von ihrer Hantierung
kamen, der eine vom Landungssteg, wo er die Boote zur Fahrt in die
Kirche hatte ordnen helfen; er hatte eine schwarze, rundgeschnittene
Tuchjacke an, aber Hosen aus blauem Fries, die abfrben muten, denn er
hatte ganz blaue Hnde; der weie Kragen stand gut zu seinem blassen
Gesicht und dem langen blonden Haar; glatt war die hohe Stirn, und um
den Mund lag ein Lcheln. Es war Baard; er traf im Flur auf eine Frau,
die gerade aus der Kche kam. Sie hatte sich schon fr die Fahrt zur
Kirche geschmckt, trat hoch und schlank und sicher aus der Tr und
hatte es sehr eilig. Als sie Baard begegnete, blieb sie stehen, und ihr
Mund verzog sich ein wenig nach der Seite. Das war Birgit, seine Frau.
Beide hatten etwas auf dem Herzen, aber es kam nur darin zum Ausdruck,
da sie stehen blieben. Baard war noch befangener als sie; er lchelte
mehr und mehr, aber gerade seine groe Verlegenheit kam ihm zu Hilfe,
indem er nmlich ohne weiteres sich anschickte, die Treppe
hinaufzusteigen. "Du kommst wohl nach", sagte er. Und sie ging
hinterdrein. Oben auf dem Boden waren sie ganz allein; aber Baard machte
doch die Tr hinter ihnen zu und lie sich gute Zeit dabei. Als er sich
endlich umdrehte, stand Birgit am Fenster und schaute hinaus, weil sie
hinein nicht sehen mochte. Baard holte eine kleine Flasche aus der
Brusttasche und einen kleinen silbernen Becher. Er wollte seiner Frau
einschenken. Aber sie mochte nicht, obwohl er beteuerte, der Wein sei
von der Pfarre herbergeschickt. Da trank er ihn selbst aus, bot ihr
aber noch ein paarmal an, whrend er trank. Dann korkte er die Flasche
zu, steckte sie mit dem silbernen Becher zusammen wieder in die
Brusttasche und setzte sich auf eine Truhe. Es tat ihm sichtlich wehe,
da seine Frau nicht mittrinken wollte.

Ein paarmal holte er tief Atem. Birgit sttzte sich mit einer Hand aufs
Fensterbrett; Baard hatte etwas auf dem Herzen, aber jetzt ging es noch
schwerer. "Birgit", sagte er, "Du denkst heute wohl an dasselbe wie
ich."--Nun hrte er sie, denn sie ging von der einen Seite des Fensters
zur andern und sttzte sich wieder auf ihren Arm. "Na--Du weit ja, wen
ich meine.----Der hat zwischen uns beiden gestanden;------ich dachte,
das wrde nur bis zur Hochzeit dauern, aber es hat lnger gewhrt." Er
hrte, wie sie atmete, sah, wie sie wieder ihre Stellung vernderte,
aber ihr Gesicht konnte er nicht sehen. Ihm selbst wurde es so sauer,
da er sich mit dem Jackenrmel den Schwei abwischen mute. Nach langem
Kampf fing er wieder an: "Heute wird sein Sohn, schmuck und gescheit,
bei uns aufgenommen, und wir haben ihm unsere einzige Tochter
gegeben.------Was meinst Du, Birgit,--wollen wir beide nicht auch heut
Hochzeit halten?"--Seine Stimme bebte, und er rusperte sich. Birgit,
die sich bewegt hatte, legte den Kopf wieder auf den Arm, sagte aber
nichts. Baard wartete lange, aber er bekam keine Antwort,--und er selbst
hatte auch nichts mehr zu sagen. Er blickte auf und wurde sehr bla,
denn sie hatte nicht einmal den Kopf umgewandt. Da stand er auf. Im
selben Augenblick klopfte es leise an die Tr, und eine weiche Stimme
fragte: "Kommst Du jetzt, Mutter?"--es war Eli. Es lag ein etwas in der
Stimme, so da Baard unwillkrlich stehen blieb und ebenso unwillkrlich
Birgit ansehen mute. Auch Birgit hob den Kopf; sie sah nach der Tr und
begegnete Baards blassem Gesicht. "Kommst Du jetzt, Mutter?" fragte es
drauen noch einmal. "Ja, jetzt komme ich!" sagte Birgit mit gebrochener
Stimme, indem sie fest und stolz auf Baard zuging, ihm die Hand gab und
in heftiges Weinen ausbrach. Ihre Hnde umklammerten sich; wohl waren
sie jetzt abgenutzt, aber sie hielten sich so fest, als htten sie
zwanzig Jahre lang einander gesucht. Beide hielten sich noch an der
Hand, als sie auf die Tr zugingen; und als nach einer Weile der
Brautzug sich zum Landungssteg begab und Arne seiner Eli die Hand
reichte, um mit ihr voranzugehen, und Baard das sah, da nahm er gegen
alle Sitte und Gewohnheit seine Frau bei der Hand und ging strahlend
hinterher, dann aber kam Margit Kampen, allein, wie sie es gewohnt war.
Baard war ganz ausgelassen den Tag: er sa und schwatzte mit den
Bootsknechten. Einer davon blickte die Bergwand hinter ihnen hinauf und
sagte, es sei doch seltsam, da selbst so steile Felsen sich mit Grn
bekleiden knnten. "Was kommen soll, kommt doch,--es mag wollen oder
nicht", sagte Baard und sah ber den ganzen Zug hin, bis seine Augen an
dem Brautpaar und seiner Frau hngen blieben: "Das htte mal einer vor
zwanzig Jahren sagen sollen", meinte er.

       *       *       *       *       *




EIN FRHLICHER BURSCH




Erstes Kapitel


yvind hie er, und als er geboren wurde, schrie er. Aber als er erst
aufrecht auf Mutters Scho sa, lachte er, und wenn abends Licht
angesteckt wurde, lachte er, da es schallte; doch wenn er nicht
herandurfte, weinte er. "Aus dem Jungen wird sicher was Besonderes",
sagte seine Mutter.

ber das Haus, worin er geboren wurde, neigte sich die kahle Bergwand;
aber sie war nicht sehr hoch. Fichten und Birken schauten hernieder, und
die Vogelkirsche streute ihre Blten aufs Dach. Oben auf dem Dache aber
sprang ein Bckchen, das yvind gehrte; es mute da oben weiden, wo es
sich nicht verlaufen konnte, und yvind brachte ihm Laub und Gras. Eines
schnen Tages sprang das Bckchen zur Bergwand hinber; es kletterte
hinauf, weit hinauf, wo es noch nie gewesen war. yvind sah das Bckchen
nicht, als er nach der Vesper hinauskam, und gleich dachte er an den
Fuchs. Ihm wurde ganz hei bei dem Gedanken; er sah sich um und
lauschte: "Meck--meck--meck--mecke--Bckchen!"--"M---h", schrie der
Bock oben auf der Bergwand, bog den Kopf zur Seite und guckte herunter.

Neben dem Bock aber lag ein kleines Mdchen auf den Knien. "Ist das Dein
Bock?" fragte sie. yvind ri Mund und Augen auf und steckte beide Hnde
in die Hosentaschen. "Wer bist Du?" fragte er.--"Ich bin doch die
Margit, Mutters Kleine und Vaters Fiedel, der Kobold im Haus, das
Grokind von Ola Nordistuen auf dem Heidehof; im Herbst werde ich vier
Jahre, zwei Tage nach den Frostnchten--ja!"--"Also die bist Du", sagte
er und holte Luft, denn er hatte, whrend sie sprach, nicht zu atmen
gewagt.

"Ist der Bock Dein?" fragte das Mdchen noch einmal.--"Jaha", sagte er
und sah hinauf. "Mir gefllt der Bock so gut;--Du, willst ihn mir nicht
schenken?"--"Nein, das will ich nicht."

Sie lag und strampelte mit den Beinen und sah zu ihm hinunter, und
schlielich sagte sie: "Und wenn ich Dir einen Butterkringel dafr gebe,
kann ich den Bock dann kriegen?" yvind war armer Leute Kind; er hatte
Butterkringel erst einmal in seinem Leben gegessen; damals, als sein
Grovater zu Besuch gekommen war. So was Schnes hatte er sein Lebtag
nicht gegessen. Er sah zu dem Mdchen hinauf; "zeig' mir den Kringel
erst", sagte er. Sie bedachte sich nicht lang und hielt ihm den groen
Kringel hin, den sie in der Hand hatte. "Da hast ihn", sagte sie und
warf ihm den Kringel zu. "Au, er ist kaputt gegangen", sagte der Junge
und sammelte sorglich jedes Stckchen auf; das allerkleinste mute er
doch mal kosten, und das schmeckte so gut, da er noch eins kosten
mute, und ehe er sich's versah, hatte er den ganzen Kringel
aufgegessen.

"Jetzt ist der Bock mein", rief das Mdchen. Dem Jungen blieb der letzte
Bissen im Munde stecken; das Mdel lag und lachte, und der Bock mit der
weien Brust und dem brunlich-schwarzen Fell stand daneben und guckte
mit schiefem Kopf hinunter.

"Kannst Du ihn mir nicht noch ein bichen lassen?" bettelte der Bub, und
sein Herz fing zu klopfen an. Da lachte das Mdel noch mehr und richtete
sich schnell auf. "Nein, der Bock ist mein", sagte sie, schlang die Arme
dem Tier um den Hals, machte ihr Strumpfband los und band es ihm um.
yvind sah zu. Nun stand sie auf und versuchte den Bock mit wegzuzerren.
Der wollte aber nicht und reckte den Hals nach yvind hinunter.
"M---h!" schrie er. Sie aber fate mit einer Hand seine Mhne, mit
der andern das Band und sagte liebkosend: "Komm, Bckchen, Du kommst
auch mit in die Stube und darfst aus Mutters Schssel essen und aus
meiner Schrze", und dann sang sie:

    Komm, Bock, zu dem Knaben.
    Komm, Kalb, zu der Kuh,
    Kommt, miauende Katzen,
    Auf schneeweiem Schuh;
    Komm, Entengehecke,
    Aus deinem Verstecke,
    Kommt, Kchlein, ihr kleinen,
    Fllt's schwer auch den Beinen.
    Mit feinen Hauben
    Kommt, ihr meine Tauben!
    Ist's feucht noch, wie gut
    Die Sonne doch tut.
    Ja, Sommer, Sommer ist uns schon nah,
    Doch rufst du den Herbst, ist er da!

       *       *       *       *       *

Da stand der Junge nun.

Mit dem Bock hatte er seit dem Winter, wo er geboren war, gespielt und
hatte nie gedacht, er msse ihn einmal hergeben; und nun war es so ganz
pltzlich geschehen, und er wrde den Bock nie mehr wiedersehen.

Die Mutter kam, ein Liedchen summend, vom Strande herauf mit ihren
hlzernen Kbeln, die sie gescheuert hatte. Sie sah ihren Jungen mit
gekreuzten Beinen im Grase sitzen und weinen und ging hin zu ihm. "Warum
weinst Du?"--"Ach, der Bock, der Bock!"--"Ja, wo ist denn der Bock?"
fragte seine Mutter und sah zum Dach hinauf.--"Der kommt nie mehr
wieder", sagte der Junge.--"Aber Kind, wie sollte das wohl zugehen?"--Er
mochte es nicht gleich sagen. "Hat der Fuchs ihn geholt?"--"Ach, ich
wollt', es war' der Fuchs gewesen!"--"Bist Du nicht bei Trost," sagte
die Mutter, "was ist mit dem Bock geschehen?"--"A-a-ach, ich hab'
ihn--verkauft fr einen--Kringel."

Kaum hatte er das Wort ausgesprochen, da begriff er erst, was es heit,
den Bock fr einen Kringel zu verkaufen; daran hatte er vorher gar nicht
gedacht. Seine Mutter sagte: "Was, meinst Du wohl, mag der Bock von Dir
denken, da Du ihn fr einen Kringel verkaufen konntest?"

Daran dachte der Junge ja schon selber, und ihm wurde klar, da er hier
in dieser Welt nie wieder frhlich werden knne,--"und im Himmel auch
wohl nicht mehr", fiel ihm hinterher ein.

Sein Kummer war so gro, da er sich fest vornahm, nie wieder einen
dummen Streich zu machen, nie mehr den Faden vom Spinnrocken
abzuschneiden oder die Schafe herauszulassen oder allein ans Wasser zu
gehen. Dabei schlief er ein, und er trumte, der Bock sei ins
Himmelreich gekommen; der liebe Gott sa da mit einem langen Bart genau
wie im Katechismus, und der Bock fra von einem schimmernden Busch die
Bltter ab. yvind aber sa ganz allein auf dem Dach und konnte nicht
hinauf.

Da kam ihm etwas Feuchtes ans Ohr, und er fuhr in die Hhe. "M---h!"
sagte es, und sein Bock war wieder da!

"Herrjeh, Du bist wieder da?" Er sprang auf, fate den Bock an beiden
Vorderbeinen und tanzte mit ihm, als sei's sein Bruder, und zupfte ihn
am Bart und wollte gerade mit ihm zur Mutter laufen, da hrte er ein
Gerusch und sah das kleine Mdchen dicht hinter sich auf der grnen
Wiese sitzen. Nun wurde ihm alles klar; er lie den Bock los. "Bist Du
mit ihm hergekommen?" Sie sa da und ri mit den Hnden Grasbschel aus
und sagte: "Ich darf ihn nicht behalten. Grovater sitzt oben und
wartet." Wie der Junge noch da stand und sie ansah, hrte er eine
scharfe Stimme oben vom Wege her: "Na, wird's bald?"--Da wute sie, was
sie zu tun hatte. Sie stand auf, ging auf yvind zu, schob ihre erdige
kleine Hand in seine, blickte zur Seite und sagte: "Sei nicht bs!"
Damit war es aber auch mit ihrem Mut zu Ende, sie warf sich ber den
Bock und fing zu weinen an.

"Meinetwegen kannst Du den Bock behalten", sagte yvind und sah weg.

"Beeil' Dich 'n bichen!" rief der Grovater von der Hhe. Und Margit
stand auf und stieg langsam den Berg hinan. "Du hast ja Dein Strumpfband
verloren!" rief yvind ihr nach. Da drehte sie sich um und sah erst das
Band und dann den Jungen an. Schlielich fate sie einen groen
Entschlu und sagte mit erstickter Stimme: "Das kannst Du behalten." Er
lief ihr nach und gab ihr die Hand: "Ich dank' auch schn!" sagte er.
"Ach, wofr denn?" sagte sie, stie einen unendlich langen Seufzer aus
und ging weiter.

Er setzte sich wieder ins Gras, der Bock weidete neben ihm; aber der
Junge hatte nicht mehr soviel Freude dran wie sonst.




Zweites Kapitel


Der Bock war am Haus angebunden, yvind aber schaute zu den Bergen
hinauf. Die Mutter kam heraus zu ihm und setzte sich neben ihn; er
wollte Mrchen aus ferner Zeit hren, denn jetzt gengte ihm der Bock
nicht mehr. Und da erfuhr er denn, da frher einmal alle Dinge reden
konnten; der Berg sprach mit dem Bach und der Bach mit dem Flu und der
Flu mit dem Meer und das Meer mit dem Himmel; und dann fragte er, ob
denn der Himmel mit niemand spreche. Doch, der Himmel sprach mit den
Wolken, die Wolken aber mit den Bumen, die Bume aber mit dem Grase,
das Gras aber mit den Fliegen, die Fliegen aber mit den Tieren, die
Tiere aber mit den Kindern, die Kinder aber mit den Groen. Und so ging
es immer weiter, bis die Reihe herum war, und keiner wute, wer
eigentlich den Anfang gemacht hatte. yvind schaute Berge und Bume und
Meer und Himmel an; er hatte das alles eigentlich noch nie richtig
gesehen. Da kam gerade die Katze aus dem Hause und legte sich auf die
Steinfliesen in die Sonne. "Was sagt denn die Katze?" fragte yvind und
zeigte auf sie. Die Mutter sang:

    Die Abendsonne liegt auf den Wiesen,
    Die Katze dehnt sich faul auf den Fliesen.
      "Zwei Muslein fett,
      Rahm vom Kchenbrett,
      Vier Stck Fisch
      Stahl ich hinterm Tisch,
      Und bin so wonnig satt
      Und bin so wohlig matt!"
      Sagt die Katze.

Und nun kam der Hahn mit all den Hennen. "Was sagt denn der Hahn?"
fragte yvind und klatschte in die Hnde. Die Mutter sang:

    Die Henne gluckt ihrer kleinen Gemeine,
    Der Hahn steht wrdig auf einem Beine.
      "Die Gans da, ei seht,
      Wie wichtig sie geht!
      Doch sie wei nicht, gebt acht,
      Wie man Kratzfe macht!
    Hhner, Hhner, ins Haus hinein,
    Der Tag mag fr heute beurlaubt sein!"
    Sagt der Hahn.

Zwei kleine Vgel aber saen oben auf dem Dachfirst und sangen. "Was
sagen denn die Vgel?" fragte yvind und lachte.

    "Das ist ein Leben, mu ich sagen,
    Braucht man um nichts sich zu plagen!"
    Sagt der Vogel.

Und er erfuhr, was ein jedes sagte bis hinunter zu der Ameise, die im
Moose krabbelte, und dem Wurm, der in der Borke nagte.

In diesem Sommer unterwies ihn seine Mutter auch im Lesen. Bcher hatte
er schon lngst gehabt und oft drber nachgedacht, wie das wohl zugehen
mge, wenn auch die zu sprechen anfingen. Da wurden die Buchstaben zu
Tieren, zu Vgeln und zu allem Mglichen; aber es dauerte nicht lange,
da gingen sie immer zu zweien miteinander; das A blieb stehen und machte
unter einem Baume Rast, der B hie, dann kam das C und machte es auch
so. Als sie aber zu dreien und vieren beisammen waren, da schien es, als
knnten sie sich nicht vertragen; es wollte nicht recht gehen. Und je
weiter er kam, desto mehr verga er, was sie bedeuteten; am lngsten
blieb das A in seinem Gedchtnis haften; das A gefiel ihm am besten. Das
war ein kleines schwarzes Lamm und war mit allen gut Freund. Aber bald
verga er auch das A, denn in dem Buche standen keine Mrchen, da
standen nur Aufgaben.

Da eines Tages kam die Mutter herein und sagte: "Morgen fngt die Schule
wieder an, Du sollst mit mir hin." yvind hatte gehrt, die Schule sei
ein Ort, wo viele Knaben zusammen spielten, und dagegen hatte er
durchaus nichts. Er freute sich sehr darauf; auf dem Gehft war er schon
oft gewesen, aber nie zur Schulzeit, und er lief schneller als seine
Mutter die Hgel hinauf, denn er konnte es kaum erwarten. Sie kamen an
das Altenteilhuschen; ein frchterliches Gesumme wie in der Mhle zu
Haus schlug ihnen entgegen, und er fragte seine Mutter, was das sei. "Da
lesen die Kinder", sagte sie, und das freute ihn sehr, denn so hatte er
auch lesen knnen, als er die Buchstaben noch nicht gekannt hatte. Als
er hineinkam, sah er um einen Tisch soviele Kinder sitzen, da sicher in
der Kirche auch nicht mehr sein konnten; andere saen auf ihren Ekobern
an der Wand, wieder andere standen in kleinen Gruppen um eine Tafel
herum; der Schulmeister, ein alter grauhaariger Mann, sa am Herd auf
einem Schemel und stopfte seine Pfeife. Als yvind und seine Mutter
hereinkamen, blickten alle auf, und die summende Mhle stand still, als
sei die Schleuse gesperrt. Alle blickten auf die Eintretenden; die
Mutter begrte den Schulmeister und er sie.

"Hier bringe ich einen kleinen Jungen, der lesen lernen mchte", sagte
die Mutter. "Wie heit das Kerlchen?" fragte der Schulmeister und whlte
in seinem Lederbeutel nach Tabak.

"yvind", sagte die Mutter; "er kann schon die Buchstaben und kann auch
rechnen." "Sieh einer an," sagte der Schulmeister, "komm mal her, Du
Weikopf!" yvind ging zu ihm hin; der Schulmeister setzte ihn auf
seinen Scho und nahm ihm die Mtze ab. "'n hbscher kleiner Bursch",
sagte er und strich ihm bers Haar. yvind sah ihm in die Augen und
lachte. "Lachst Du etwa ber mich?" Er runzelte die Brauen. "Ja,
natrlich", sagte yvind und lachte aus Leibeskrften. Da mute der
Schulmeister auch lachen, die Mutter lachte, und als die Kinder merkten,
da sie es durften, lachten sie alle zusammen.

Somit war yvind in die Schule aufgenommen.

Als er sich setzen mute, wollten ihm alle Platz machen. Er sah sich
auch lange um; sie tuschelten und zeigten auf ihn. Er drehte sich nach
allen Seiten, die Mtze in der Hand und das Buch unterm Arm. "Na, was
wird das werden?" fragte der Schulmeister, der schon wieder mit seiner
Pfeife zu tun hatte. Als der Junge sich eben nach dem Schulmeister
umwenden will, sieht er dicht neben dem Herd auf einem rotbemalten
Ekober Margit mit den vielen Namen sitzen; sie hatte das Gesicht in den
Hnden versteckt und lugte zu ihm hin. "Hier will ich sitzen", sagte
yvind schnell, nahm sich einen Kober und setzte sich neben sie. Jetzt
hob sie den einen Arm ein bichen und sah ihn unterm Ellbogen an; da
versteckte er auch schnell sein Gesicht in beiden Hnden und sah unterm
Ellbogen zu ihr hin. So saen sie beide da und neckten sich, bis sie
lachte; nun lachte er auch, und die andern Kinder hatten es gesehen und
lachten mit. Da fuhr eine entsetzlich laute Stimme, die aber bei jedem
Worte milder wurde, dazwischen. "Ruhe, Ihr Bande, Ihr Kroppzeug, Ihr
Nichtsnutze! Ruhe! Und seid mal hbsch artig, Ihr Zuckerschweinchen!"
Das war der Schulmeister; er hatte es so an sich, leicht aufzubrausen,
aber ehe er noch zu Ende geredet hatte, pflegte er schon wieder gut zu
sein. Es wurde augenblicklich still in der Klasse, bis die Pfeffermhlen
wieder in Gang kamen; jedes las laut aus seinem Buch, manche im
feinsten Diskant, die grberen Stimmen trompeteten lauter und lauter, um
die andern zu berschreien, und ab und zu johlte einer dazwischen.
yvind hatte sein Lebtag noch nicht solchen Spa gehabt.

"Ist das hier immer so?" flsterte er Margit zu. "Ja immer", sagte sie.

Nachher muten sie vortreten und lesen; dann wurde ein anderer Junge
beauftragt, sie lesen zu lassen, und schlielich waren sie erlst,
konnten sich wieder auf ihren Platz setzen und brauchten nichts zu tun.

"Jetzt habe ich auch ein Bckchen", sagte Margit.--"Wirklich?"--"Ja,
aber es ist nicht so schn wie Deins!"--"Warum bist Du nicht
fter auf den Berg gekommen?"--"Grovater hat Angst, ich knnte
hinunterfallen."--"Es ist doch gar nicht so hoch."--"Grovater will's
aber nicht."

"Meine Mutter wei soviele Lieder", sagte er.--"Na, mein Grovater
auch--das kannst Du glauben."--"Ja, aber nicht solche wie meine
Mutter."--"Aber mein Grovater kann eins vom Tanzen.--Soll ich's mal
sagen?"--"Ja, bitte."--"Aber dann mut Du nher herankommen, sonst
merkt's der Schulmeister." Er rckte nher, und dann sagte sie ihm ein
paar Strophen vor,--vier, fnfmal, bis er sie konnte, und das war das
erste, was er in der Schule lernte.

    "Tanz!" rief die Fiedel
    Mit schnarrender Saite,
    Der Bauer, der Breite,
    Spreizte sich: "Ha!"
    "Holla", rief Ola
    Und bracht' ihn zu Falle,--
    Wie lachten alle
    Die Jngferchen da!

    "Hopp", sagte Erik,
    Und klomm zur Decke,--
    Da krachten Ecke
    Und Wnde im Haus.
    "Stopp", sagte Elling,
    Und trug ihn am Kragen
    Hinaus ohne Zagen:
    "Hier tobe dich aus!"

    "Hei", sagte Rasmus,
    "Her mit dem Munde,
    Randi, du runde!
    Schnell, mach' dich bereit."
    "Ei", sagte Randi;
    Gab ihm eine Schelle,--
    Wie rieb er die Stelle,--
    "Da hast du Bescheid!"

"Aufstehn, Kinder!" rief der Schulmeister. "Heut am ersten Tag sollt Ihr
frh nach Hause gehen; aber erst wollen wir noch beten und singen." Da
gab es ein Leben in der Schulstube; sie sprangen von den Bnken auf,
rannten durch die Stube und schwatzten durcheinander. "Ruhe, Ihr
Strolche, Ihr Hallunken, Ihr Banditen!--Ruhe! Und hbsch leise
auftreten, Kinderchen!" sagte der Schulmeister, und sie stellten sich
ruhig in Reih und Glied, worauf der Schulmeister vor sie hintrat und ein
kurzes Gebet sprach. Dann sangen sie. Der Schulmeister stimmte mit
seinem krftigen Ba an, alle Kinder standen mit gefalteten Hnden da
und sangen mit. yvind stand mit Margit dicht an der Tr und sah zu; sie
hatten auch die Hnde gefaltet, aber mitsingen konnten sie nicht.

Das war der erste Schultag.




Drittes Kapitel


yvind wuchs heran und wurde ein prchtiger Bursche; in der Schule sa
er immer oben und zu Hause war er anstellig bei jeder Arbeit. Das kam
daher, da er daheim seine Mutter lieb hatte und in der Schule seinen
Lehrer. Den Vater sah er nur selten; der war entweder auf Fischfang,
oder er hatte in der Mhle zu tun, wo das halbe Dorf mahlen lie.

Was in diesen Jahren auf sein Gemt am meisten wirkte, das war die
Geschichte des Schulmeisters, die Mutter ihm eines Abends, als sie am
Herde saen, erzhlte. Sie wob sich in seine Bcher hinein, sie legte
sich in jedes Wort, das der Schulmeister sagte, und huschte durch die
Schulstube, wenn alles still war. Sie machte ihn gehorsam und demtig
und lie ihn gewissermaen alles leichter verstehen, was gelehrt wurde.
Diese Geschichte war folgendermaen:

Baard hie der Schulmeister, und er hatte einen Bruder, der hie Anders.
Sie hatten sich beide gern, lieen sich miteinander anwerben, lebten
zusammen in der Stadt, machten den Krieg mit, wobei sie beide zu
Korporalen befrdert wurden, und standen bei derselben Kompagnie. Als
sie nach dem Kriege wieder nach Hause kamen, fanden alle, es seien zwei
Staatskerle. Da starb ihr Vater; er hatte viele Besitztmer gehabt, die
schwer zu teilen waren, deshalb vereinbarten sie, sie wollten sich
lieber nicht deswegen veruneinigen, sondern wollten alles versteigern
lassen, so da jeder kaufen knne, was er wolle; der Erls aber solle
geteilt werden. Gesagt, getan. Nun hatte aber der Vater eine groe
goldene Uhr besessen, die weit und breit berhmt war; denn es war die
einzige goldene Uhr, die die Leute in dieser Gegend je gesehen hatten,
und als diese Uhr zur Versteigerung kam, wollten viele reiche Mnner sie
haben; als aber auch die beiden Brder zu bieten begannen, traten die
andern zurck. Nun erwartete Baard von Anders, er werde ihm die Uhr
lassen, und Anders erwartete das gleiche von Baard. Jeder gab sein Gebot
ab, um den andern auf die Probe zu stellen, und beim Bieten blickte
einer auf den andern. Als die Uhr bis auf zwanzig Taler gekommen war,
fand Baard, das sei gar nicht nett von seinem Bruder gehandelt, und er
bot weiter, bis dreiig Taler; als Anders auch da noch nicht nachgab,
dachte Baard, Anders habe wohl ganz vergessen, wie gut er immer zu ihm
gewesen sei, und auerdem war er doch der ltere, und er bot mehr als
dreiig Taler. Anders tat immer noch mit. Da brachte Baard mit einem
Schlage die Uhr auf vierzig Taler und sah seinen Bruder nicht mehr dabei
an; es war sehr still in dem Zimmer, wo die Auktion stattfand, nur der
Vogt wiederholte ruhig den Preis. Anders stand da und dachte sich: knne
Baard vierzig Taler geben, so knne er es auch, und wenn ihm Baard die
Uhr nicht gnne, so wrde er sie sich eben nehmen; er bot also mehr. Das
erschien Baard als die grte Schmach, die ihm je widerfahren war; er
bot ganz leise fnfzig Taler. Viele Leute standen ringsum, und Anders
dachte, so drfe sein Bruder ihn doch nicht vor aller Ohren verspotten,
und bot mehr. Da lachte Baard: "Hundert Taler und meine Bruderliebe in
Kauf", sagte er, drehte sich um und ging aus der Stube. Nach einer Weile
kam ihm einer nach, als er schon im Begriff war, sein Pferd zu satteln,
das er kurz zuvor gekauft hatte. "Du kriegst die Uhr," sagte der Mann,
"Anders hat's aufgegeben." Als Baard das hrte, durchfuhr es ihn wie
Reue; er dachte an seinen Bruder und nicht an die Uhr. Der Sattel war
aufgelegt, aber er hatte die Hand noch auf dem Rcken des Pferdes und
wute nicht, ob er reiten solle. Da kam eine Menge Menschen heraus,
Anders war auch darunter, und als er seinen Bruder neben dem gesattelten
Pferd stehen sah, wute er nicht, was fr Gedanken Baard in diesem
Augenblick bewegten, sondern schrie ihm zu: "Schnen Dank fr die Uhr,
Baard! Die Stunde, da Dein Bruder wieder Deinen Weg kreuzt, wird sie Dir
nicht anzeigen."--"Und auch nicht die Stunde, da ich auf diesen Hof
zurckreite!" erwiderte Baard mit bleichem Gesicht und schwang sich auf
sein Pferd. Das Haus, in dem sie beide zusammen mit ihrem Vater gelebt
hatten, betrat keiner von ihnen mehr.

Bald darauf heiratete Anders in eine Ktnerwirtschaft ein, lud aber
Baard nicht zur Hochzeit; Baard war auch nicht mal in der Kirche. Im
ersten Jahr, als Anders verheiratet war, fand man die einzige Kuh, die
er besa, tot an der nrdlichen Seite des Hauses, wo sie angebunden war,
und keiner konnte begreifen, woran sie gestorben war; anderes
Migeschick kam hinzu, und es ging abwrts mit ihm; am schlimmsten aber
wurde es, als mitten im Winter seine Scheune abbrannte mit allem, was
darin war; keiner wute, wie das Feuer aufgekommen war. "Das hat einer
angelegt, der mir nichts Gutes gnnt", sagte Anders, und in dieser Nacht
weinte er. Er war ein armer Mann geworden und hatte keine Lust zur
Arbeit mehr.

Da stand am andern Abend pltzlich Baard in seiner Stube. Anders lag auf
dem Bett, als der andere eintrat, aber er sprang auf. "Was willst Du
hier?" fragte er, schwieg dann aber und sah seinen Bruder unverwandt an.
Baard zgerte einen Augenblick, bis er antwortete: "Ich mchte Dir
helfen, Anders, Dir geht es nicht gut."--"Mir geht es so, wie Du es mir
gnnst, Baard! Geh lieber, denn ich wei nicht, ob ich mich beherrschen
kann!"--"Du irrst, Anders; es tut mir leid--"--"Geh, Baard, oder Gott
gnade uns beiden!"--Baard trat ein paar Schritte zurck; mit zitternder
Stimme sagte er: "Wenn Du die Uhr haben willst, so kannst Du sie
bekommen!"--"Geh, Baard!" schrie der andere; da mochte Baard nicht
lnger bleiben und ging.

Mit Baard war das aber so zugegangen: als er hrte, da es seinem Bruder
schlecht gehe, taute sein Herz auf, aber sein Stolz hielt ihn zurck. Er
fhlte das Bedrfnis, in die Kirche zu gehen, und dort fate er allerlei
gute Vorstze, doch er konnte sie nicht ausfhren. Manchmal ging er so
weit, bis er das Haus sehen konnte, aber dann kam gerade einer aus der
Tr, oder es war Besuch da, oder Anders stand drauen und hackte
Holz,--kurz, es kam immer etwas dazwischen. Eines Sonntags aber gegen
Ende des Winters war er wieder in der Kirche, und Anders war auch da.
Baard sah, wie bleich und mager er geworden war, und er trug noch
dieselben Kleider wie damals, als sie zusammen waren, doch jetzt waren
sie alt und geflickt. Whrend der Predigt blickte er zum Pfarrer auf,
und es kam Baard vor, als sehe sein Bruder gut und mild aus; er dachte
an ihre Kinderjahre, und was fr ein gutes Kind er gewesen war. Baard
ging an diesem Tage zum Abendmahl, und gelobte Gott feierlich, er wolle
sich mit seinem Bruder vershnen, komme, was da wolle. Dieser Vorsatz
erfllte seine Seele, als er aus dem Kelche trank, und als er sich
erhob, wollte er gleich auf ihn zugehen und sich neben ihn setzen; aber
der Platz war besetzt, und sein Bruder sah nicht auf. Nach der Predigt
kam auch wieder etwas dazwischen; es waren soviele Leute da, seine Frau
ging neben ihm, und die kannte er doch nicht; er dachte, das beste sei,
er gehe hin zu ihm und rede vernnftig mit ihm. Als es Abend wurde,
fhrte er das aus. Er ging bis an die Stubentr und lauschte; und da
hrte er seinen eigenen Namen; es war die Stimme der Frau. "Er ist heut
zum Abendmahl gegangen," sagte sie, "da hat er gewi an Dich
gedacht."--"Nein, der hat nicht an mich gedacht," sagte Anders, "der
denkt blo an sich selbst."

Dann sagte lange Zeit keiner etwas; Baard stand der Schwei auf der
Stirn, obschon es ein kalter Abend war. Die Frau drinnen klapperte mit
den Tpfen, auf dem Herde knisterte und knackte es, ein kleines Kind
schrie dazwischen, und Anders wiegte es in Schlaf. Schlielich sagte die
Frau: "Ich glaube, Ihr denkt beide aneinander und wollt es nur nicht
zugeben."--"Wir wollen von was anderm reden", sagte Anders. Nach einer
Weile stand er auf und nherte sich der Tr. Baard mute sich im
Holzschuppen verstecken; gerade dahin kam aber Anders, um sich einen Arm
voll Holz zu holen. Baard stand in der Ecke und sah ihn ganz genau; er
hatte seinen schbigen Sonntagsrock ausgezogen und war in der Uniform,
die er, gerade wie Baard auch, aus dem Kriege mit heimgebracht hatte,
und er hatte dem Bruder versprochen, sie nie zu tragen, sondern sie auf
die Nachkommen zu vererben, und Baard hatte ihm das gleiche Versprechen
gegeben. Die von Anders war jetzt geflickt und schbig, seine krftige,
gutgewachsene Gestalt steckte wie in einem Bndel Lumpen, und dabei
hrte Baard, wie bei ihm selber die goldene Uhr in der Tasche tickte.
Anders ging auf den Reisighaufen zu, aber statt sich zu bcken und einen
Arm voll aufzuraffen, blieb er stehen, lehnte sich an einen Holzsto und
sah zu dem leuchtend klaren Sternenhimmel auf. Dann seufzte er tief und
sagte: "Ach--ja--ja--ja; o mein Gott, mein Gott!"

Solange Baard lebte, klang ihm das in den Ohren. Er wollte vor ihn
hintreten, aber da hustete sein Bruder, und das klang so furchtbar
trocken; das gengte schon, um ihn wieder zurckzuhalten. Anders nahm
seine Tracht Holz und ging so dicht an Baard vorbei, da die Zweige ihm
ins Gesicht schlugen.

Wohl zehn Minuten stand Baard auf demselben Fleck, und wer wei, wann er
gegangen wre, wenn er nicht von der groen Aufregung einen
Schttelfrost bekommen htte, da er am ganzen Leibe zitterte. Da ging
er hinaus; er gestand sich offen ein, da er zu feige war,
hineinzugehen, deshalb hatte er sich jetzt einen andern Plan ausgedacht.
Aus einem Ascheimer, der in der Ecke neben ihm stand, nahm er ein paar
Kohlenstcke, suchte sich einen Kienspan, ging in die Scheune, machte
die Tr hinter sich zu und schlug Feuer. Als er den Span in Brand hatte,
leuchtete er damit nach dem Haken, an den Anders seine Laterne hngte,
wenn er frh morgens zum Dreschen kam. Baard holte seine goldene Uhr
heraus und hngte sie an den Haken, lschte dann seinen Span aus und
ging, und jetzt war ihm so leicht ums Herz, da er wie ein Jngling
durch den Schnee lief.

Tags darauf hrte er, die Scheune sei in der Nacht niedergebrannt.
Vermutlich waren von dem Span, mit dem er sich geleuchtet hatte, als er
die Uhr aufhing, Funken heruntergefallen.

Das erschtterte ihn so, da er den ganzen Tag wie ein Kranker dasa;
er nahm sein Gesangbuch und sang, und die Leute bei ihm im Hause
dachten, irgend was mte da nicht seine Richtigkeit haben. Abends aber
ging er fort; es war heller Mondschein; er ging nach dem Gehft seines
Bruders, grub auf der Brandsttte nach und fand wirklich ein
zusammengeschmolzenes Klmpchen Gold; das war die Uhr.

Mit dem Gold in der Hand war er am selben Abend zu seinem Bruder
hineingegangen, hatte um Frieden gebeten und alles aufklren wollen.
Aber wie es ihm da erging, ist ja schon erzhlt.

Ein kleines Mdchen hatte ihn an der Brandstelle graben sehen, ein paar
Burschen, die zum Tanz gegangen waren, hatten ihn am Sonntagabend auf
das Gehft zuschreiten sehen, die Leute bei ihm im Hause erzhlten, wie
wunderlich er am Montag gewesen war, und weil ja alle wuten, da er mit
seinem Bruder verfeindet war, so wurde Anzeige erstattet und eine
Untersuchung angeordnet.

Keiner konnte ihm etwas beweisen, aber der Verdacht blieb an ihm hngen;
weniger als je konnte er sich jetzt seinem Bruder nhern.

Anders hatte sofort an Baard gedacht, als die Scheune in Flammen stand,
aber er hatte es keinem gesagt. Als er ihn am Abend darauf bleich und
verstrt in seine Stube kommen sah, durchzuckte ihn der Gedanke: jetzt
hat ihn die Reue gepackt, aber eine so schndliche Handlungsweise dem
eigenen Bruder gegenber ist unverzeihlich. Spter hrte er dann von den
Leuten, da sie ihn an dem Abend, da das Feuer auskam, auf das Haus
hatten zugehen sehen, und obwohl durch das Verhr nichts Gewisses
festgestellt wurde, glaubte er steif und fest, Baard sei der Tter. Sie
trafen sich beim Verhr, Baard in seinen guten Kleidern, Anders in
seinen geflickten; Baard sah, als er hereinkam, mit einem so flehenden
Blick zu ihm hin, da es Anders durch und durch ging. Er will, ich soll
nichts sagen, dachte Anders, und als er gefragt wurde, ob er seinem
Bruder die Tat zutraue, sagte er laut und bestimmt: "Nein."

Doch von diesem Tage an ergab sich Anders dem Trunk, und es ging ihm
erbrmlich schlecht. Noch viel schlimmer aber stand es um Baard, obschon
der nicht trank; aber er war kaum wiederzuerkennen.

Da kam eines Abends spt eine rmliche Frau in die kleine Kammer, die
Baard sich gemietet hatte, und bat ihn, mitzukommen. Er kannte sie; es
war die Frau seines Bruders. Baard ahnte gleich, was fr ein Anliegen
sie hatte; er wurde leichenbla, zog sich an und ging mit ihr, ohne ein
Wort zu sagen. Ein schwacher Lichtschein kam aus Anders' Fenster,
blitzte auf und verschwand wieder, und sie gingen dem Scheine nach, denn
durch den Schnee fhrte kein Pfad. Als Baard wieder auf der Diele stand,
schlug ihm ein eigentmlicher Geruch entgegen, da ihm ganz bel wurde.
Sie gingen hinein. Ein kleines Kind sa am Herd und knabberte an den
Kohlen, es war ganz schwarz im Gesicht, aber es blickte auf und lachte
mit weien Zhnchen; das war das Kind seines Bruders. Im Bett aber, mit
allen mglichen Kleidungsstcken zugedeckt, lag Anders, abgemagert, mit
klarer, hoher Stirn und schaute seinen Bruder aus hohlen Augen an. Baard
zitterten die Knie, er setzte sich ans Fuende des Bettes und brach in
heftiges Weinen aus. Der Kranke sah ihn unverwandt an und schwieg.
Schlielich bat er seine Frau, hinauszugehen; aber Baard winkte ihr, sie
mge bleiben,--und dann sprachen sich die Brder aus. Sie sprachen ber
alles von dem Tage an, da sie auf die Uhr geboten hatten, bis zu der
Stunde, da sie hier zusammentrafen. Baard holte schlielich den
Goldklumpen heraus, den er immer bei sich trug, und nun sahen die Brder
ein, da sie sich in all den Jahren nicht einen einzigen Tag glcklich
gefhlt hatten.

Anders sagte nicht viel, dazu war er zu schwach; aber Baard blieb am
Bett sitzen, solange Anders krank war. "Jetzt bin ich wieder ganz
gesund," sagte Anders eines Morgens, als er aufwachte, "jetzt wollen
wir noch lange zusammenleben, mein Herzensbruder, und nie mehr
auseinandergehen, ganz wie damals." An dem Tage aber starb er.

Frau und Kind nahm Baard zu sich, und sie hatten es fortan gut. Was aber
die Brder am Krankenbett zusammen gesprochen hatten, das drang hinaus
durch die Wnde und durch die Nacht und alle Leute im Dorf erfuhren es,
und Baard kam hoch zu Ansehen. Alle grten ihn wie einen Mann, der
schweres Leid gehabt hat, und dem dann ein Glck widerfahren ist, oder
wie einen, der sehr lange fortgewesen ist. Baard richtete sich an dieser
allgemeinen Freundlichkeit auf, er wurde ein frommer Mensch, und da er
etwas schaffen wollte, wie er sagte, so machte der alte Korporal einen
Schulmeister aus sich. Was er den Kindern als erstes und letztes
einprgte, war Liebe, und auch sich selbst wnschte er, da ihn die
Kinder wie einen guten Kameraden und wie einen Vater lieb haben sollten.

Das war die Geschichte, die von dem alten Schulmeister erzhlt wurde,
und in yvinds Herzen schlug sie so fest Wurzel, da sie fr ihn
Religion und Erzieher zugleich wurde. Der Schulmeister war fr ihn fast
ein bermenschliches Wesen geworden, obgleich er so umgnglich zwischen
ihnen sa und so gemtlich vor sich hinbrummte. Da er je seine Aufgaben
nicht htte wissen sollen, war ganz undenkbar, und lchelte ihm der
Schulmeister zu oder strich er ihm gar bers Haar, wenn er seine Lektion
hergesagt hatte, so war ihm den ganzen Tag lang froh und warm ums Herz.

Den grten Eindruck auf die Kinder machte es immer, wenn der
Schulmeister vor dem Singen eine kleine Ansprache an sie hielt und
ihnen, mindestens einmal jede Woche, ein paar Strophen vorlas, die von
der Nchstenliebe handelten. Wenn er den ersten Vers vorlas, bebte seine
Stimme, ob er ihn nun auch schon an die dreiig Jahre gelesen hatte; der
Vers lautete:

    Lieb' deinen Nchsten nach Christenpflicht,
    Unter dem Absatz zertritt ihn nicht,
    Liegt er auch schon im Staube;
    Alles, was lebet, ist Untertan--
    Alles der Liebe, die neuschaffen kann:
    Trau' du ihr nur und glaube!

Wenn aber das Lied zu Ende war, und er noch eine Weile schweigend
dagestanden hatte, dann sah er sie an und zwinkerte mit den Augen:
"Vorwrts, kleines Gesindel, geht hbsch brav nach Hause und macht nicht
solchen Lrm,--seid hbsch artig, da ich immer blo Gutes von Euch
hre, Ihr kleinen Dachse!" Und wenn sie dann beim Zusammenpacken der
Bcher und Ekober einen Hllenspektakel machten, dann klang seine
Stimme durch das Getse: "Kommt morgen wieder, sowie es Tag wird, sonst
sollt Ihr mich kennen lernen!--Kommt ja rechtzeitig, Kinderchen, dann
wollen wir sehr fleiig sein."




Viertes Kapitel


Von yvinds Weiterentwicklung bis zu dem Jahr vor seiner Konfirmation
ist nicht viel zu erzhlen. Morgens lernte er, tags arbeitete er, und
abends spielte er.

Weil er gar so einen frhlichen Sinn hatte, dauerte es nicht lange, bis
die Kinder aus der Nachbarschaft sich in den Freistunden dort einfanden,
wo er war. Von seinem Hause fiel ein hoher Abhang zur Bucht ab, der, wie
schon erwhnt, an einer Seite von der Bergwand, an der andern vom Wald
begrenzt war, und hier veranstaltete die Dorfjugend an jedem schnen
Abend und auch Sonntags Schlittenfahrten. yvind konnte es am besten; er
hatte zwei Schlitten, "Scharftraber" und "Kratzer" hieen sie; diesen
lieh er den andern Kindern, jenen aber steuerte er selbst und hatte
Margit auf dem Scho.

Wenn yvind aufwachte, war in dieser Zeit sein erstes, aus dem Fenster
zu schauen, ob's Tauwetter sei, und sah er, da es grau ber den Bschen
jenseits der Bucht hing, oder hrte er es vom Dach tropfen, so ging es
so langsam mit dem Anziehen, als sei mit dem Tag rein gar nichts
anzufangen. Wachte er aber zu knisternder Klte und klarem Himmel auf
und war's noch dazu Sonntag, wo es den guten Anzug und keine Arbeit gab,
blo berhren und vormittags Kirchgang und dann den ganzen Nachmittag
und Abend frei,--hei! da war der Bursch mit einem Satz aus dem Bett, zog
sich an, als brenne es, und konnte vor Aufregung kaum essen. Sowie es
Nachmittag war, und der erste Junge auf Schneeschuhen den Weg entlang
kam, den Stab ber dem Kopf schwang und juchzte, da es von den Hhen
wiedertnte,--und dann einer auf dem Schlitten daherkam und noch einer
und noch einer,--dann strmte der Bursch mit seinem "Scharftraber" auf
und davon, rannte den Hgel hinauf und machte bei den Zuletztgekommenen
halt mit einem langen schmetternden Jodler, der an der Bucht von Berg zu
Berg klang und weit, weit hinten erstarb.

Er schaute dann wohl nach Margit aus, aber wenn sie erst da war,
kmmerte er sich nicht mehr recht um sie.

Dann aber kam Weihnachten, wo der Bursch und das Mdel beide ins
siebzehnte Jahr gingen und im Frhjahr konfirmiert werden sollten. Am
vierten Weihnachtstage sollte auf dem oberen Heidehof bei Margits
Groeltern, bei denen sie aufgewachsen war, eine groe Festlichkeit
stattfinden; sie hatten ihr das schon seit drei Jahren versprochen und
muten es jetzt endlich wahr machen. Hierzu wurde yvind eingeladen.

Es war ein halbklarer, nicht kalter Abend; Sterne waren nicht zu sehen,
und am andern Tage wrde es wohl Regen geben. Ein schlfriger Wind
strich ber den Schnee, der hier und da von der weien Heide fortgeweht
war und sich an anderen Stellen zu Schneewehen angesammelt hatte. Wo
nicht gerade Schnee lag, war der ganze Weg mit Eis bedeckt, das
blauschwarz zwischen dem Schnee und dem nackten Felde schimmerte und
sich in blanken Streifen hinzog, soweit das Auge reichte. Die Berge
herab waren Schneestrze gekommen; dster und kahl war ihr Bett, und nur
zu beiden Seiten lag noch der helle Schnee, wo nicht gerade der
Birkenwald sich zusammenschob und Dunkelheit schuf. Wasser war nicht zu
sehen, nur halbnackte Sandflchen und Moore umsumten schwer und
strichweise die Berge. Die Gehfte lagen in dichten Gruppen mitten im
Felde; sie sahen im Dunkel des Winterabends wie schwarze Klumpen aus,
aus denen Licht ber das Land hinstrahlt, bald aus diesem Fenster, bald
aus jenem; an dem Lichtschein sah man, da es drinnen geschftig
herging. Die ganze Jugend, Groe und Halberwachsene strmten von
verschiedenen Seiten zusammen; die wenigsten blieben auf dem Wege; zum
mindesten verlieen sie ihn und stahlen sich beiseite, sobald sie an das
Gehft kamen; einer kroch hinter den Kuhstall, ein paar unter den
Vorratschuppen, andere jagten um die Scheune und heulten wie Fchse,
wieder andere antworteten aus der Ferne mit Katzenstimmen, einer stand
hinterm Backofen und bellte wie ein alter bissiger Kter, dem die Stimme
eingerostet ist, bis von allen Seiten Jagd auf ihn gemacht wurde. Die
Mdchen kamen scharenweise und hatten ein paar Burschen, meistens
halbwchsige, bei sich, die sich unterwegs in einemfort prgelten, weil
sie ein bichen erwachsener aussehen wollten. Wenn ein solcher
Mdchenschwarm in den Hof kam, und einer oder der andere von den
Burschen ihn gewahrte, dann stoben die Mdchen auseinander, liefen auf
den Hausflur oder in den Garten und muten eine nach der andern wieder
hervor und in die Stube hineingezogen werden. Ein paar waren so blde,
da Margit erst kommen und sie hineinkomplimentieren mute. Zuweilen war
auch eine dabei, die eigentlich gar nicht eingeladen war und deshalb
auch beileibe nicht hineinwollte, blo ein bichen zusehen, bis es sich
dann doch so fgte, da sie wenigstens _einen_ Tanz mittanzen mute. Wen
Margit gut leiden konnte, den ntigte sie zu den Groeltern hinein in
eine kleine Stube, wo der Alte sa und rauchte und die Gromutter
geschftig hin und her ging. Da wurden sie bewirtet und freundlich
begrt. yvind war nicht darunter, und das kam ihm ein bichen
sonderbar vor.

Der Hauptmusikant des Gaus konnte erst spter kommen; bis dahin muten
sie sich mit dem alten begngen, einem Husler; Grauknut hie er. Er
konnte vier Tnze, zwei Hoppser, einen Halling und den alten sogenannten
Napoleonwalzer; allein im Laufe der Zeit hatte er den Halling in einen
Schottischen umgewandelt, indem er den Takt vernderte, und ein Hoppser
war auf dieselbe Weise zu einer Polka-Mazurka geworden. Er spielte also
los, und der Tanz begann. yvind wagte nicht gleich mit anzufangen, weil
hier so viele Groe waren; aber die Halbwchsigen taten sich flink
zusammen, pufften sich gegenseitig vorwrts, tranken sich in starkem
Bier ein bichen Mut an, und da tat denn auch yvind mit. Hei war es in
der Stube; die Frhlichkeit und das Bier stiegen ihnen zu Kopf. Margit
tanzte am meisten den Abend, wohl weil ihre Groeltern das Fest gaben,
und deshalb sah sich auch yvind oft nach ihr um; aber immer tanzte sie
mit andern. Er wollte auch gern mal mit ihr tanzen; deshalb sa er einen
Tanz ber, um, sowie er zu Ende war, gleich auf sie zustrmen zu knnen,
und das tat er auch, aber ein groer, sonngebrunter Mensch mit vollem
Haar schob ihn beiseite. "Weg da, Bengel!" rief er und gab yvind einen
Puff, da er fast der Lnge nach ber Margit gefallen wre. So etwas war
ihm noch nie passiert, nie waren die Leute anders als nett zu ihm
gewesen, und nie hatte ihn einer "Bengel" genannt, wenn er mittun
wollte; er wurde feuerrot, sagte aber kein Wort und zog sich zurck,
dahin, wo der neue Musikant, der eben gekommen war, sa und sein
Instrument stimmte. Alle waren still geworden und warteten auf den
ersten, krftigen Ton von "dem Richtigen". Er probierte und stimmte, es
dauerte lange, aber endlich legte er mit einem Hoppser los; die Burschen
kreischten auf und schwenkten ihre Mdel im Kreise. yvind blickte
Margit nach, wie sie mit dem haarbuschigen Menschen tanzte; sie lachte
ber seine Schulter hinweg, da man ihre weien Zhne sah, und yvind
fhlte zum erstenmal in seinem Leben einen wunderlich stechenden Schmerz
in der Brust.

Er sah immer eifriger zu ihr hin, und je mehr er sie betrachtete, desto
mehr kam es ihm vor, als sei Margit schon ganz erwachsen; das kann ja
nicht sein, dachte er, denn sie fhrt doch immer noch mit Schlitten.
Aber erwachsen war sie doch, und der haarbuschige Mann zog sie, als der
Tanz zu Ende war, auf seinen Scho; sie machte sich los, blieb aber doch
neben ihm sitzen.

yvind sah sich den Mann an; er hatte einen feinen blauen Tuchanzug an,
ein blaukariertes Hemd und ein seidenes Halstuch; dazu ein schmales
Gesicht, blaue, energische Augen, und einen lachenden, trotzigen Mund.
Es war ein hbscher Mensch. yvind sah ihn sich ganz genau an, und dann
beschaute er sich selbst; er hatte ein Paar neue Hosen zu Weihnachten
bekommen und hatte sich sehr darber gefreut; jetzt sah er aber, da sie
blo aus grauem Fries waren; die Jacke war aus demselben Stoff, aber sie
war alt und schbig, und die Weste, aus gewrfeltem, durchgewebtem
Stoff, war auch alt und hatte zwei blanke Knpfe und einen schwarzen. Er
sah umher und fand, wenige nur seien so drftig gekleidet wie er. Margit
hatte ein schwarzes Kleid aus feinem Stoff an, im Brusttuch steckte eine
Brosche und in der Hand hatte sie ein seidenes Taschentuch. Auf dem Kopf
trug sie ein kleines schwarzseidenes Hubchen, das mit breitem
gestreiftem Atlasband unterm Kinn zusammengebunden war. Sie hatte rote
Backen und lachte; der Mann plauderte mit ihr und lachte auch. Wieder
wurde aufgespielt, und der Tanz fing von neuem an. Ein Schulkamerad kam
und setzte sich neben ihn. "Warum tanzst Du nicht, yvind?" fragte er
freundlich.--"Ach nein," sagte yvind, "ich sehe nicht danach
aus."--"Siehst nicht danach aus?" fragte der andere; aber ehe er
weitersprechen konnte, sagte yvind: "Wer ist das mit dem blauen
Tuchanzug, der mit Margit tanzt?"--"Das ist doch Jon Hatlen; er ist auf
der Ackerbauschule gewesen und will jetzt den Hof bernehmen."--Im
selben Augenblick setzten Margit und Jon sich hin. "Was ist das fr ein
Junge mit dem hellen Haar, der da neben dem Musikanten sitzt und mich
fortwhrend anglotzt?" fragte Jon. Da lachte Margit und sagte: "Das ist
der Huslerjunge von Pladsen."

yvind hatte freilich immer gewut, da er ein Huslerjunge war, aber
bis jetzt hatte er das nie weiter empfunden. Er kam sich mit einem Mal
so klein vor, kleiner als alle andern; um sich einen Halt zu geben,
versuchte er, an all das zu denken, was ihn bis zu dieser Stunde froh
und stolz gemacht hatte--vom Schlittenfahren angefangen bis zu den
einzelnen uerungen. Als er auch an Vater und Mutter dachte, die zu
Haus saen und sich vorstellten, wie gut er es jetzt haben mochte,
konnte er die Trnen kaum zurckhalten. Um ihn lachten und scherzten die
andern, die Fiedel schrillte ihm gerade in die Ohren, und einen
Augenblick war's, als wolle etwas Finsteres in ihm aufsteigen, dann aber
fiel ihm die Schule ein und die Kameraden und der Schulmeister, wie er
ihn streichelte, und der Herr Pfarrer, der ihm bei der letzten Prfung
ein Buch geschenkt und gesagt hatte, er sei ein fleiiger Junge; sein
Vater hatte dabei gesessen und es mitangehrt und ihm zugenickt. "Sei
brav, yvind", meinte er den Schulmeister sagen zu hren, indem er ihn
auf den Scho nahm wie damals, als er klein war. "Du lieber Gott, das
alles hat ja so wenig zu sagen, und im Grunde sind alle Menschen gut; es
sieht blo manchmal so aus, als seien sie es nicht. Aus uns beiden soll
schon was Tchtiges werden, yvind, ebensoviel wie aus Jon Hatlen;
werden schon auch feine Kleider kriegen und mit Margit in der hellen
Stube tanzen, wo Hunderte von Menschen dabei sind, und wir lachen und
plaudern zusammen; Brautpaar und Pfarrer, und ich auf dem Chor lchle
Dir zu, und die Mutter daheim, und ein groer Hof mit zwanzig Khen und
drei Pferden, und Margit ist so lieb und gut wie einst in der
Schule----"

Der Tanz war zu Ende; yvind sah Margit vor sich auf der Bank sitzen
und Jon daneben, den Kopf dicht an ihrem; wieder fuhr ihm ein scharfer,
stechender Schmerz durch die Brust, und es war, als sage er zu sich
selbst: Ach, stimmt ja, ich hab's ja so schlecht.

Im selben Augenblick stand Margit auf und kam gerade auf ihn zu. Sie
beugte sich zu ihm hinunter. "Du darfst nicht so dasitzen und mich
immerfort anstarren", sagte sie; "Du kannst Dir doch denken, da es
auffllt; hol' Dir doch eine und tanz' mit ihr."

Er antwortete nicht, er sah nur auf zu ihr, und--er konnte nicht dafr:
seine Augen fllten sich mit Trnen. Sie hatte sich schon aufgerichtet
und wollte gehen, da sah sie es und stand still; sie wurde pltzlich
feuerrot, drehte sich um und ging auf ihren Platz zurck; da aber machte
sie wieder Kehrt und setzte sich anderswohin. Jon ging schnell ihr nach.

yvind stand von der Bank auf, drngte sich zwischen die Menschen
hindurch, ging auf den Hof hinaus, setzte sich in eine der Auengalerien
und wute doch nicht, was er da eigentlich wollte; er stand also auf,
setzte sich aber wieder hin, denn er sa hier ja ebensogut wie irgendwo
anders. Nach Haus gehen mochte er nicht, wieder hinein erst recht nicht;
das kam alles auf eins heraus. Er war nicht imstande, sich klar
vorzustellen, was eigentlich geschehen war; er wollte gar nicht daran
denken; an die Zukunft wollte er auch lieber nicht denken, denn es gab
ja nichts, wonach er sich htte sehnen knnen.

"Aber woran denke ich denn blo?" fragte er sich halblaut, und als er
seine eigene Stimme hrte, dachte er: sprechen kannst Du also noch.
Kannst Du auch noch lachen? Und er probierte es: ja, er konnte noch
lachen, und so lachte er denn ganz laut, immer lauter, und pltzlich kam
es ihm sehr drollig vor, da er da sa und so ganz fr seinen eigenen
Schatten lachte,--und da mute er noch mehr lachen. Hans aber, sein
Schulkamerad, der neben ihm gesessen hatte, kam ihm nach. "Um
Gotteswillen, worber lachst Du?" fragte er und blieb am Eingang
stehen. Da hielt yvind inne.

Hans stand und wartete ab, was sich nun begeben wrde. yvind erhob
sich, sah sich vorsichtig um und sagte dann leise: "Jetzt will ich Dir
sagen, Hans, warum ich immer so vergngt gewesen bin; darum, weil ich
niemand so richtig lieb gehabt habe; von dem Augenblick an, da man einen
Menschen lieb hat, kann man nicht mehr frhlich sein", und er brach in
Trnen aus.

"yvind!" flsterte es drauen auf dem Hof; "yvind!" Er hielt inne und
lauschte. Das mute die sein, an die er dachte. "Ja", antwortete er
ebenfalls flsternd, trocknete schnell seine Trnen ab und trat heraus.
Da huschte eine Mdchengestalt ber den Hof. "Bist Du da?" fragte sie.
"Ja", antwortete er und stand still.--"Wer ist noch da?"--"Nur
Hans."--Hans wollte gehen. "Nein, nein!" bat yvind. Sie kam jetzt
langsam dicht an die beiden heran; es war wirklich Margit. "Du warst ja
pltzlich weg!" sagte sie zu yvind. Er wute nicht, was er darauf
antworten solle. Da wurde sie auch verlegen, und alle drei schwiegen.
Hans aber stahl sich allmhlich bei Seite. Die beiden standen einander
gegenber, sahen sich nicht an und rhrten sich auch nicht. Schlielich
sagte sie flsternd: "Ich hab' schon den ganzen Abend ein bichen
Weihnachtliches fr Dich in der Tasche, yvind, aber ich konnte es Dir
nicht eher geben." Sie holte ein paar pfel heraus, ein Stck Kuchen und
ein Flschchen, steckte es ihm zu und sagte, das knne er behalten.

yvind nahm es, sagte "danke" und gab ihr die Hand; ihre war warm, und
er lie sie schnell los, als habe er sich verbrannt. "Du hast heut abend
viel getanzt."--"Das habe ich," sagte sie, "aber Du gerade nicht", fgte
sie hinzu.--"Nein, ich nicht", antwortete er.--"Warum denn
nicht?"--"Ach--"

"yvind!"--"Ja?"--"Warum hast Du mich immerzu so angesehen?"--"Ach--"

"Margit!"--"Ja?"--"Warum wolltest Du nicht angesehen sein?"--"Es waren
doch soviele Menschen da."

"Du hast heut abend viel mit Jon Hatlen getanzt."--"Ach ja."--"Er kann
gut tanzen."--"Findest Du?"--"Findest Du nicht?"--"Ach ja."

"Ich wei nicht, wie es kommt, aber ich kann es heut abend nicht sehen,
da Du mit ihm tanzst." Er wandte sich ab; es hatte ihn berwindung
gekostet, das zu sagen. "Ich versteh' Dich nicht, yvind."--"Ich
versteh' es ja auch nicht; es ist so dumm von mir.--Adieu, Margit, jetzt
will ich gehen." Er tat einen Schritt, ohne sich umzusehen. Da rief sie
ihm nach: "Das ist ganz falsch, was Du gesehen hast, yvind." Er blieb
stehen. "Da Du ein erwachsenes Mdchen bist, ist nicht falsch."--Er
sagte nicht das, was sie erwartet hatte, deshalb schwieg sie; aber mit
einem Mal sah sie nicht weit von sich eine Pfeife aufglimmen; das war
ihr Grovater, der gerade um die Ecke bog und vorberkam. Er blieb
stehen. "Hier bist Du, Margit?"--"Ja."--"Mit wem sprichst Du denn
da?"--"Mit yvind."--"Mit wem, sagst Du?"--"Mit yvind Pladsen!"--"So,
mit dem Huslerjungen von Pladsen;--gleich kommst Du mit hinein."




Fnftes Kapitel


Als yvind am andern Morgen die Augen aufmachte, hatte er fest und
erquickend geschlafen und wunderschn getrumt Margit hatte oben auf dem
Berg gelegen und ihn mit Blttern beworfen; er hatte sie aufgefangen und
wieder hinauf geworfen. Tausendfarbig und -gestaltig war es hinauf und
hinabgeflattert. Die Sonne schien hell, und der ganze Berg leuchtete vom
Gipfel bis zum Fu. Als er aufwachte, sah er um sich und suchte das, was
er getrumt; da fiel ihm der gestrige Abend ein, und gleich war der
stechende, wehe Schmerz in der Brust wieder da. "Den werde ich wohl nie
mehr los", dachte er und fhlte sich so schlaff, als sei ihm seine ganze
Zukunft entwichen.

"Du hast aber lange geschlafen", sagte seine Mutter, die am Bett sa
und spann. "Jetzt flink auf und i! Dein Vater ist schon im Wald und
haut Holz."--Es war, als tue diese Stimme ihm gut. Er stand mit ein
bichen mehr Mut auf. Die Mutter dachte wohl an ihre eigenen Tanzjahre,
denn sie trllerte ein Lied vor sich hin, wie sie am Rocken sa, whrend
er sich anzog und a. Deshalb mute er vom Tisch aufstehen und ans
Fenster treten; wieder befiel ihn diese Bangigkeit und Unlust; er mute
sich zusammennehmen und an die Arbeit denken. Das Wetter war
umgeschlagen, die Luft war etwas klter geworden, so da statt des
Regens, der gestern gedroht hatte, heute ein feuchter Schnee fiel. Er
zog sich Gamaschen an, holte seine Pelzmtze, die Seemannsjacke und die
Fausthandschuhe hervor, sagte adieu und ging mit der Axt ber die
Schulter fort.

Der Schnee fiel langsam in groen, nassen Flocken. yvind klomm mhsam
die Schlittenbahn hinauf, um zur Linken in den Wald einzubiegen;
nie--weder im Winter, noch im Sommer--war er sonst hier entlang
gegangen, ohne an irgend etwas zu denken, was ihn frhlich gemacht
hatte, oder was er sich wnschte. Jetzt war es ein toter, beschwerlicher
Weg fr ihn; er glitt in dem feuchten Schnee aus, und die Knie waren ihm
steif, vielleicht vom Tanzen gestern, vielleicht auch von der Unlust.
Jetzt fhlte er: es war vorbei mit dem Schlittenfahren fr dieses Jahr
und damit fr immer. Etwas anderes war's, wonach er sich sehnte, wie er
durch den lautlos fallenden Schnee zwischen den Stmmen dahinschritt.
Ein aufgescheuchtes Schneehuhn kreischte und flatterte ein Stckchen
weiter; sonst stand alles da, als sei es eines Worts gewrtig, das nie
gesprochen wurde. Was es war, wonach er sich sehnte, das wute er selbst
nicht recht; nur nach der Heimat nicht und auch nicht nach der Fremde,
nach Frhlichkeit nicht und auch nicht nach Arbeit; es stieg hoch in die
Lfte empor wie ein Lied, allmhlich aber verdichtete es sich zu einem
ganz bestimmten Wunsch,--dem Wunsch, zu Ostern konfirmiert zu werden
und dabei Nummer Eins zu sein. Er bekam Herzklopfen, wie er daran
dachte, und ehe er noch die Axtschlge seines Vaters in den schwachen
Bumchen hren konnte, hatte dieser Wunsch strkere Gewalt ber ihn als
irgend etwas bisher in seinem Leben.

Wie gewhnlich redete sein Vater nicht viel; sie hieben beide drauf los
und schichteten die Stmmchen auf. Ab und zu kamen sie dabei zusammen,
und bei einer solchen Begegnung sagte yvind schwermtig: "Ein Husler
mu sich doch recht plagen!"--"Wie jeder andere auch!" sagte sein Vater,
spuckte in seine Hand und fate die Axt. Als der Baum gefllt war und
sein Vater ihn auf den Haufen schleppte, sagte yvind: "Wenn Du Bauer
wrst, brauchtest Du nicht so zu schleppen!"--"Na, dann wrde mich eben
was anderes drcken!" und dabei packte er mit beiden Hnden zu. Die
Mutter brachte ihnen das Mittagessen herauf, und sie setzten sich hin.
Sie war sehr lustig, trllerte ein Lied und schlug die Fe im Takt
aneinander. "Was willst Du denn eigentlich werden, wenn Du gro bist,
yvind?" fragte sie pltzlich.--"Fr einen Huslerjungen gibt es nicht
viele Mglichkeiten", sagte er.--"Der Schulmeister meint, Du mtest
aufs Seminar", sagte sie. "Kann man da umsonst hin?" fragte yvind. "Das
bezahlt die Schulkasse", antwortete sein Vater und a weiter.--"Hast Du
denn Lust?" fragte seine Mutter.--"Ich habe Lust, was zu lernen, aber
nicht Schulmeister zu werden."--Die drei schwiegen eine Zeitlang; die
Frau summte vor sich hin und sah geradeaus. yvind aber stand auf und
setzte sich etwas abseits.

"Wir haben's doch eigentlich nicht ntig, uns an die Schule zu wenden",
sagte seine Mutter, als er fort war. Der Mann sah sie an: "Arme Leute
wie wir?"--"Ich mag nicht, Tore, da Du Dich immer fr arm ausgibst, wo
Du es nicht bist."--Sie sahen beide verstohlen nach dem Jungen hin, ob
er es auch nicht hren konnte. Dann sagte der Vater barsch zu seiner
Frau: "Du red'st, wie Du's verstehst." Sie lachte; "auf die Weise soll
man auch gerade nicht Gott dafr danken, da es einem gut gegangen ist",
sagte sie und machte ein ernstes Gesicht. "Man kann ihm auch wohl ohne
silberne Knpfe danken", sagte der Vater.--"Ja, aber yvind zum Tanz
gehen lassen wie gestern, das ist auch kein Dank."--"yvind ist ein
Huslerjunge."--"Deshalb kann er doch ordentlich gekleidet gehen, wenn
wir es dazu haben."--"Nu schrei noch so, da er's hrt!"--"Er hrt's
schon nicht, brigens schadete das ja auch nicht", sagte sie und sah
tapfer ihren Mann an, der mit finsterem Gesicht den Lffel beiseite
legte und seine Pfeife herausholte. "Wo wir solche elende Wirtschaft
haben", sagte er. "Ich finde es lcherlich, da Du immer von der
Wirtschaft redest; warum sprichst Du nie von der Mhle?"--"Ach, Du und
Deine Mhle! Du kannst wohl nicht vertragen, wenn sie geht?"--"Oh ja,
Gott sei Dank! Wenn sie nur Tag und Nacht gehen wollte."--"Jetzt steht
sie schon seit vor Weihnachten."--"In den Weihnachtstagen mahlen die
Leute doch nicht."--"Sie mahlen, wenn Wasser da ist; aber seit in
Nystrm die neue Mhle steht, geht's mit unsrer recht jmmerlich."

"Der Schulmeister hat heute was andres gesagt."--"Ich mu wohl unser
Geld lieber von einem weniger schwatzhaften Kerl verwalten lassen, als
der Schulmeister ist."--"Ja, vor allem darf er mit Deiner eigenen Frau
nicht drber reden."--Tore antwortete hierauf nicht; er hatte gerade
seine Pfeife in Brand gesetzt und lehnte sich gegen einen Reisighaufen;
seine Augen wichen dem Blick seiner Frau und dann seinem Sohn aus und
blieben schlielich an einem alten Krhennest haften, das halb zerfetzt
von einem Fichtenzweige herunterhing.

yvind sa allein und sah seine Zukunft vor sich wie eine weite, blanke
Eisflche, und er sauste zum erstenmal von einem Ufer zum andern ber
sie hin. Da die Armut bei jedem Schritt hemmte, fhlte er, aber gerade
deshalb war das Ziel aller seiner Gedanken, sie zu berwinden. Von
Margit hatte sie ihn wohl fr immer getrennt; sie sah er schon halbwegs
als Jon Hatlens Braut, aber wenigstens wollte er sein Leben lang mit den
beiden gleichen Schritt halten. Beiseite stoen wie gestern wrde er
sich nicht mehr lassen, sondern sich fernhalten, bis er etwas geworden
war, und da er mit Gottes gtiger Hilfe etwas werden wrde, das war
sein Wunsch, und er zweifelte keinen Augenblick, da ihm das gelingen
wrde. Er hatte das unbestimmte Gefhl, durch Lernen werde es ihm am
besten glcken; zu welchem Ziel das fhren knne, das mute er sich
berlegen.

Abends war Schlittenbahn, die Kinder kamen alle auf den Hgel, nur
yvind nicht. Am Herde sa er und lernte und hatte keine Zeit zum
Spielen. Die Kinder warteten lange auf ihn, schlielich wurde einigen
die Zeit zu lang, sie kamen herauf, drckten das Gesicht an die Scheiben
und riefen ihn. Aber er tat, als hre er nicht. Es kamen mehr Kinder,
und Abend fr Abend; sie liefen in heller Verwunderung drauen auf und
ab, er aber drehte ihnen den Rcken zu und las und mhte sich redlich,
den Sinn zu erfassen. Spter hrte er, Margit komme auch nicht mehr. Er
lernte mit einem Eifer, den selbst sein Vater bertrieben fand. Er wurde
sehr still; sein Gesicht, das so rund und weich gewesen war, wurde
magerer und schrfer, und die Augen wurden hrter; selten nur noch sang
er, nie spielte er, es schien, als reiche die Zeit nicht mehr dazu. Wenn
die Versuchung an ihn herantrat, war's ihm, als flstere einer: "Spter,
spter!" und immer wieder: "Spter."--Die Kinder sprangen, jauchzten und
lachten eine Zeitlang wie sonst, aber weil sie ihn weder durch ihre
helle Lust, noch durch die Rufe am Fenster zu sich herauslocken konnten,
blieben sie schlielich fort; sie fanden andere Pltze zum Spielen, und
der Hgel blieb leer.

Der Schulmeister merkte bald, da das nicht der alte yvind war, der
lernte, weil es doch mal so sein mute, und spielte, weil das ntig war.
Er sprach oft mit ihm und forschte und drang in ihn, aber es wollte ihm
nicht gelingen, das Vertrauen des Knaben so schnell zu gewinnen wie in
alten Tagen. Er sprach auch mit den Eltern ber ihn, und in
bereinstimmung mit ihnen kam er Ende des Winters an einem Sonntag abend
zu ihnen und sagte, als er eine Zeitlang gesessen hatte: "Komm mit,
yvind, wir wollen ein Stck gehen, ich habe mit Dir zu reden."--yvind
machte sich fertig und kam mit. Sie wanderten in der Richtung der
Heidehfe und sprachen lebhaft miteinander, wenn auch ber nichts
Wichtiges. Als sie sich den Gehften nherten, bog der Schulmeister nach
dem mittleren ab, und als sie weitergingen, hrten sie drinnen frhliche
Stimmen. "Was ist hier los?" fragte yvind. "Hier wird getanzt", sagte
der Schulmeister; "wollen wir nicht hineingehen?"--"Nein."--"Magst Du
denn nicht tanzen, Junge?"--"Nein, noch nicht."--"Noch nicht? Wann
denn?"--Er antwortete nicht.--"Was meinst Du mit dem noch nicht?"--Als
der Bursch nicht antwortete, sagte der Schulmeister: "Komm, mach' keine
Redensarten."--"Nein, ich gehe nicht mit!"--Er sprach sehr bestimmt und
schien aufgeregt zu sein. "Soll denn Dein eigener Lehrer hier stehen und
Dich bitten, zum Tanz zu gehen!"--Ein langes Schweigen entstand. "Ist da
drin jemand, vor dem Du Angst hast?"--"Ich kann doch nicht wissen, wer
hier ist."--"Aber knnte denn einer da sein?"--yvind schwieg. Da trat
der Schulmeister auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter.
"Frchtest Du, Margit zu treffen?" yvind sah zu Boden, sein Atem ging
schwer und stoweise. "Sag's mir, yvind."--yvind schwieg. "Du schmst
Dich vielleicht, es einzugestehen, weil Du noch nicht mal konfirmiert
bist; aber mir kannst Du es sagen, yvind, es soll Dich nicht
gereuen,"--yvind blickte auf, aber er konnte kein Wort herausbringen
und wandte die Augen zur Seite. "Du bist in letzter Zeit auch gar nicht
mehr frhlich; hat sie andere lieber als Dich?" yvind schwieg
beharrlich, der Schulmeister fhlte sich etwas verletzt und lie ihn
stehen; sie gingen zurck.

Als sie eine lange Strecke gegangen waren, wartete der Schulmeister,
bis yvind ihn eingeholt hatte. "Du sehnst Dich wohl danach, konfirmiert
zu werden?" fragte er.--"Ja."--"Was willst Du denn nachher
anfangen?"--"Ich mchte gern aufs Seminar."--"Und Schulmeister
werden?"--"Nein."--"Das ist Dir wohl nicht fein genug?"--yvind schwieg.
Wieder gingen sie eine lange Strecke. "Wenn Du mit dem Seminar fertig
bist, was willst Du dann?"--"Das habe ich mir noch nicht ordentlich
berlegt."--"Wenn Du Geld httest, wrdest Du Dir wohl einen Hof kaufen,
nicht?"--"Ja, aber die Mhle behalten."--"Dann ist's am besten, Du gehst
auf die Ackerbauschule."--"Lernt man da ebensoviel wie auf dem
Seminar?"--"Ach nein, aber man lernt das, was man spter
braucht."--"Bekommt man da auch Nummern?"--"Warum fragst Du
danach?"--"Ich mchte gern sehr tchtig werden."--"Das kannst Du auch
ohne Nummern."--Sie gingen schweigend weiter, bis Pladsen in Sicht kam;
ein heller Lichtschein drang aus dem Hause, der Berg neigte sich an
diesem Winterabend schwarz darber, drunten lag der Fjord mit der
blanken, schimmernden Eisdecke. Der Wald rahmte die stille Bucht ein, es
lag kein Schnee, der Mond stand am Himmel und spiegelte den Wald im
Eise. "Es ist schn hier in Pladsen", sagte der Schulmeister. yvind
konnte zu Zeiten die Gegend noch mit denselben Augen anschauen wie
damals, als seine Mutter ihm Mrchen erzhlte, und mit dem Gesicht,
womit er so oft auf den Hgel gelaufen war; jetzt hatte er dies Gesicht:
alles lag so klar und erhaben vor ihm. "Ja, hier ist es schn", sagte
er, aber er seufzte dabei.--"Dein Vater hat sein gutes Brot hier gehabt;
Du knntest hier auch wohl zufrieden sein."--Mit einem Schlage hatte die
Gegend ihr frohes Gesicht verloren. Der Schulmeister blieb stehen, als
erwarte er eine Antwort; als keine kam, schttelte er den Kopf und ging
mit hinein. Eine Weile noch blieb er bei ihnen, aber er schwieg mehr,
als er sprach, so da auch die andern verstummten. Als er sich
verabschiedete, begleiteten ihn Mann und Frau vor die Tr; sie schienen
beide darauf zu warten, da er etwas sage. Inzwischen standen sie und
sahen in den Abend hinaus. "Hier ist es so merkwrdig still geworden,"
sagte die Mutter, "seit die Kinder hier nicht mehr spielen."--"Ihr habt
eben jetzt keine Kinder mehr im Hause", sagte der Schulmeister; die
Mutter verstand, was er damit sagen wollte. "yvind ist in der letzten
Zeit gar nicht mehr recht frhlich."--"Nein, nein, wer ehrgeizig ist,
der ist nie frhlich"; und er blickte mit der Ruhe des Greises zu Gottes
stillem Himmel auf.




Sechstes Kapitel


Ein halbes Jahr spter, im Herbst (die Konfirmation war bis dahin
verschoben worden), saen die Konfirmanden der Gemeinde bei dem Pfarrer
in der Leutestube und sollten ihre Nummern bekommen; yvind Pladsen und
Margit vom Heidehof waren auch dabei. Margit war gerade vom Herrn
Pfarrer heruntergekommen, der ihr ein schnes Buch geschenkt und sie
sehr gelobt hatte. Sie lachte und schwatzte mit ihren Freundinnen und
sphte zu den Burschen hinber. Margit war jetzt erwachsen, hatte ein
geflliges, sicheres Benehmen, und Burschen und Mdchen wuten, da der
stattlichste Junggesell im ganzen Gau, Jon Hatlen, um sie freie. Ja, die
konnte sich freuen! Dicht an der Tr standen ein paar Knaben und
Mdchen, die bei der Prfung durchgefallen waren; sie weinten, whrend
Margit und ihre Freundinnen lachten; bei ihnen stand auch ein kleiner
Bursch, der hatte seines Vaters Stiefeln an und das Sonntagstaschentuch
von seiner Mutter in der Hand. "O Gott, o Gott," schluchzte er, "ich
darf ja nicht nach Hause kommen." Da ergriff alle, die noch nicht oben
gewesen waren, die Macht des Zusammengehrigkeitsgefhls; eine
allgemeine Stille entstand. Die Angst sa ihnen im Hals und in den
Augen, sie konnten nicht ordentlich sehen und nicht schlucken, wozu sie
fortwhrend das Bedrfnis hatten. Einer sa da und berlegte sich, was
er alles konnte, und obwohl er vor ein paar Stunden noch gedacht hatte,
er wisse alles, wurde ihm nun ohne Zweifel klar, da er gar nichts
konnte, nicht einmal lesen. Ein anderer stellte sein Sndenregister
zusammen von dem Tag, seit er denken konnte bis zu dem Augenblick, wo er
hier sa, und er fand es gar nicht merkwrdig, wenn der liebe Gott ihn
noch nicht haben wollte. Ein dritter sa und legte sich alle mglichen
uerlichen Zeichen zurecht; wenn die Uhr, die gleich schlagen mute,
erst anfing, wenn er bis zwanzig gezhlt habe, dann wrde er
durchkommen. Wenn der, der drauen ber die Diele ging, Lars, der
Hofknecht sei, dann komme er durch; wenn der groe Regentropfen, der
sich an der Fensterscheibe hinunterarbeitete, bis zur Holzleiste
gelange, dann wrde er durchkommen. Die letzte und entscheidende Probe
sollte sein, ob er den rechten Fu um den linken schlagen knne, und das
wollte ihm durchaus nicht gelingen. Ein Vierter war fest berzeugt: wenn
er in der Biblischen Geschichte nach Joseph gefragt wrde, im
Katechismus nach der Heiligen Taufe, oder nach Saul oder nach der
Haustafel, oder nach Jesus, oder nach den zehn Geboten, oder--er war
noch mitten im Aufzhlen, als er aufgerufen wurde. Ein Fnfter hatte
eine seltsame Vorliebe fr die Bergpredigt gefat; ihm hatte von der
Bergpredigt getrumt, und er glaubte steif und fest, er wrde nach der
Bergpredigt gefragt werden, und er sagte fortwhrend die Bergpredigt
auf; er ging sogar vor die Haustr, um sie schnell noch einmal
durchzulesen,--da wurde er hineingerufen und wurde in den groen und
kleinen Propheten geprft. Ein Sechster dachte, der Herr Pfarrer sei ein
so seelensguter Mann und kenne seinen Vater so gut, und er dachte auch
an den Schulmeister mit dem freundlichen Gesicht, und an Gott, der so
gut war und schon so vielen geholfen hatte, Jacob und Joseph zum
Beispiel, und dann fiel ihm ein, da Mutter und Geschwister zu Haus
saen und fr ihn beteten, und das wrde wohl helfen. Der Siebente sa
da und schlo mit allem ab, was er hier in dieser Welt hatte werden
wollen. Zuerst hatte er geglaubt, er werde es bis zum Knig bringen,
dann bis zum General oder zum Pfarrer; das war lange vorbei; aber noch
als er hergekommen war, hatte er bei sich gedacht, er wollte zur See
gehen und Kapitn werden oder auch Seeruber und ungeheure Reichtmer
erwerben; jetzt verzichtete er auf Reichtum, auf Seeraub, auf Kapitn,
auf Steuermann,--er wollte sich mit dem Matrosen begngen, und
vielleicht wurde er dann gar Bootsmann, aber es war auch mglich, da er
berhaupt nicht zur See ging, sondern bei seinem Vater auf dem Hof
blieb. Der Achte war seiner Sache etwas sicherer, wenn auch nicht ganz;
auch der fleiigste war nicht ganz sicher. Er dachte an seinen
Konfirmationsanzug, und wozu der wohl gebraucht wrde, wenn er nicht
durchkomme. Kam er aber durch, dann ginge er in die Stadt und trge nur
noch Tuchanzge, und wenn er wiederkomme, dann wrde er in der
Weihnachtszeit tanzen, da die Burschen sich rgerten und die Mdels
staunten. Der Neunte rechnete anders: er hatte fr unsern Herrgott ein
kleines Kontobuch angelegt; auf der einen Seite stand als Debet "Wenn er
mich durchkommen lt," und auf der andern als Kredit "so will ich auch
nie wieder lgen, nie wieder petzen, jeden Sonntag in die Kirche gehen,
die Mdchen in Ruh lassen und mir das Fluchen abgewhnen." Der Zehnte
aber dachte, wenn Ole Hansen voriges Jahr durchgekommen sei, so wre es
mehr als ungerecht, wenn er dies Jahr nicht durchkomme, denn er war in
der Schule viel besser gewesen und war auch besserer Leute Kind. Neben
ihm sa der Elfte, der sich mit den frchterlichsten Racheplnen trug,
falls er nicht durchkommen sollte: er wollte die Schule in Brand stecken
oder ausreien und wiederkommen zu furchtbarem Gericht ber Pfarrer und
Schulkommission; aber gromtig wrde er schlielich Gnade fr Recht
ergehen lassen. Zunchst wollte er im benachbarten Kirchspiel zu dem
Pfarrer in Dienst ziehen, und im nchsten Jahr da zu oberst stehen und
Antworten geben, da die ganze Kirche staunen sollte. Der Zwlfte aber
sa ganz allein unter der Klingel, hatte die Hnde in die Taschen
gesteckt und sah wehmtig ber die andern hin. Keiner von denen da
wute, was fr eine Last auf ihm lag, was fr eine Verantwortung er
hatte. Zu Hause war eine, die wute es; das war seine Braut. Eine groe,
langbeinige Spinne kroch ber den Fuboden und kam an seinen Fu heran;
sonst pflegte er das ekelhafte Gewrm tot zu treten, heute aber hob er
sorglich den Fu hoch, damit sie ungestrt ihres Wegs gehen konnte. Er
sprach so mild wie ein Kollektensammler; in seinen Augen stand der
unerschtterliche Glaube, da alle Menschen gut sind; seine Hand fhrte
er mit einer demtigen Bewegung aus der Tasche zum Haar, um es glatter
zu streichen. Wenn er blo glimpflich durch dies gefhrliche Nadelhr
hindurchkomme, dann wollte er schon wieder anders werden und Tabak
kauen, und seine Verlobung ffentlich machen. Auf einem niederen Schemel
aber sa mit eingezogenen Beinen unruhig der Dreizehnte. Seine kleinen
blanken Augen wanderten dreimal in der Sekunde durch die ganze Stube,
und unter dem dichten, struppigen Haar wlzten sich die Gedanken der
andern Zwlf in bunter Unordnung, von den stolzesten Hoffnungen zum
niederschmetterndsten Zweifel, von den demtigsten Vorstzen zu den
vernichtendsten Racheplnen gegen das ganze Dorf, und whrenddessen
hatte er von seinem rechten Daumen schon alles berflssige Fleisch
abgeknabbert, machte sich jetzt an die Ngel und spuckte sie in groen
Stcken auf den Fuboden.

yvind sa am Fenster; er war schon oben gewesen und hatte alles gewut,
was er gefragt worden war; und doch hatte der Herr Pfarrer kein Wort
gesagt, und der Schulmeister auch nicht; ber ein halbes Jahr hatte er
sich ausgemalt, was die beiden sagen wrden, wenn sie merkten, wie er
gearbeitet hatte, und er war jetzt sehr enttuscht und gekrnkt. Da sa
Margit und hatte fr viel weniger Mhe und weniger Wissen Lob und eine
Belohnung bekommen; gerade, um vor ihr gro dazustehen, hatte er
gearbeitet, und jetzt hatte sie lachend erreicht, was er unter so viel
Entsagung sich hatte erarbeiten wollen. Ihr Lachen und Scherzen schnitt
ihm in die Seele; die Freiheit, mit der sie sich gab, tat ihm weh. Er
hatte seit jenem Abend peinlich vermieden, mit ihr zu sprechen; es
mssen erst Jahre darber hingehen, dachte er; aber ihr Anblick, wie sie
so frhlich und berlegen dasa, drckte ihn zu Boden, und all seine
stolzen Vorstze hingen wie welkes Laub im Winde.

Er versuchte jedoch nach und nach dieser Niedergeschlagenheit Herr zu
werden; es kam darauf an, ob er heute Nummer eins wrde, und das wollte
er abwarten. Der Schulmeister pflegte immer noch eine Weile beim Herrn
Pfarrer zu bleiben, um die Rangordnung festzustellen, und dann
herunterzukommen und den Kindern das Ergebnis mitzuteilen. Es war ja
noch nicht die endgltige Entscheidung, aber doch der Beschlu, zu dem
der Herr Pfarrer und er einstweilen gelangt waren. Die Unterhaltung in
der Stube wurde lebhafter, je mehr geprft und durchgekommen waren;
jetzt aber sonderten sich die Ehrgeizigen von den Frhlichen; diese
gingen, sobald sie Gesellschaft fanden, fort, um den Eltern ihr Glck zu
verknden, oder sie warteten auf andere, die noch nicht fertig waren.
Jene dagegen wurden immer stiller, und die Augen blickten gespannt nach
der Tr.

Endlich war die Prfung zu Ende, der letzte war heruntergekommen, und
jetzt sprach der Schulmeister also mit dem Herrn Pfarrer, yvind sah
Margit an; sie war so vergngt, und doch blieb sie hier--ob in ihrem
eigenen oder in anderer Interesse, wute er nicht. Wie schn Margit
geworden war! Blendend wei die Haut, wie er es noch nie gesehen hatte;
die Nase strebte ein bichen nach oben, der Mund lchelte. Die Augen
waren halbgeschlossen, wenn sie nicht gerade jemanden ansah; hob sie
aber den Blick, so hatte er eine berraschende Macht,--und als wolle sie
selbst betonen, da sie sich gar nichts dabei denke, lchelte sie
zugleich ein bichen. Ihr Haar war eher dunkel als hell, aber es war
kraus und lag in tiefen Scheiteln um das Gesicht, so da es ihr,
zusammen mit den halbgeschlossenen Augen, etwas Geheimnisvolles gab, das
man nie entrtseln konnte. Man wute nie ganz genau, wen sie eigentlich
ansah, wenn sie allein oder im Kreise der andern sa, auch nicht, was
sie eigentlich dachte, wenn sie sich irgendeinem zuwandte und mit ihm
sprach, denn sie nahm gewissermaen sofort alles wieder zurck, was sie
gab. "Und hinter all dem steckt wohl eigentlich Jon Hatlen", dachte
yvind,--trotzdem sah er fortwhrend zu ihr hinber. Da kam der
Schulmeister. Alle strmten von ihren Pltzen und umringten ihn. "Welche
Nummer habe ich?"--"Und ich?"--"Und ich? Ich?"--"Schscht! Ihr Bande,
keinen Spektakel!--Ruhig, Ihr sollt's erfahren, Kinder!" Er sah sich
bedchtig um. "Du bist Nummer 2", sagte er zu einem Jungen mit blauen
Augen, der ihn bittend ansah, und der Junge tanzte aus dem Kreise
heraus. "Du bist Nummer 3",--er schlug einem rothaarigen flinken Knirps,
der ihn am Rockscho zupfte, auf die Finger. "Du bist Nummer 5, Du
Nummer 8", und so weiter. Da fiel sein Blick auf Margit: "Du bist Nummer
1 von den Mdchen"; sie wurde glhend rot bers ganze Gesicht und
versuchte zu lcheln. "Du Nummer 12, bist 'n Faulpelz gewesen und ein
rechter Herumtreiber; Du Nummer 11, war nicht anders zu erwarten, mein
Junge; Du Nummer 13, mut tchtig lesen und recht oft zum berhren
kommen, sonst geht's Dir schlecht!"--yvind konnte es nicht lnger
aushalten; Nummer 1 war freilich noch nicht genannt, aber er hatte die
ganze Zeit ber so gestanden, da der Schulmeister ihn hatte sehen
knnen. "Herr Lehrer!"--er hrte nicht. "Herr Lehrer!" Dreimal mute er
rufen, bis er hrte. Da endlich sah der Schulmeister ihn an; "Nummer 9
oder 10, ich wei nicht genau", sagte er und wandte sich zu einem
andern. "Wer ist denn Nummer 1?" fragte Hans, yvinds bester Freund. "Du
nicht, Du Krauskopf!" sagte der Schulmeister und schlug ihm mit einer
Papierrolle auf die Hand. "Wer denn?" fragten ein paar andere. "Ja, wer?
wer ist das?"--"Das wird der erfahren, der die Nummer hat", antwortete
der Schulmeister streng, weil er keine weiteren Fragen haben
wollte.--"Geht jetzt hbsch nach Hause, Kinder, dankt dem lieben Gott
und macht Euren Eltern Freude. Bedankt Euch auch bei Eurem alten Lehrer;
Ihr wret gewi so dumm wie Bohnenstroh geblieben, wenn er nicht gewesen
wre."--Sie bedankten sich bei ihm und lachten und zogen jubelnd von
dannen, denn in diesem Augenblick, wo es nach Haus zu den Eltern ging,
waren alle vergngt. Blo einer konnte seine Bcher nicht gleich finden,
und als er sie zusammengesucht hatte, da setzte er sich hin, als wolle
er wieder von vorn zu lernen anfangen.

Der Schulmeister trat zu ihm hin: "Nun, yvind, willst Du nicht mit den
andern gehen?"--Keine Antwort. "Weshalb schlgst Du Deine Bcher
auf?"--"Ich will nachsehen, was ich heute falsch geantwortet habe."--"Du
hast nicht die kleinste falsche Antwort gegeben."--Da blickte yvind
auf, die Trnen stiegen ihm in die Augen, er sah ihn unverwandt an, eine
Trne nach der andern rann hinunter, aber er sagte kein Wort. Der
Schulmeister setzte sich ihm gegenber. "Freust Du Dich denn nicht, da
Du durchgekommen bist?"--Es bebte um seinen Mund, aber er antwortete
nicht. "Deine Eltern werden sich sehr freuen", sagte der Schulmeister
und sah ihn an.--yvind kmpfte lange, um ein Wort herauszubringen,
schlielich fragte er leise und abgebrochen: "Wohl deshalb..., weil
ich ... ein Huslerjunge bin ... bekomm' ich den neunten oder zehnten
Platz?"--"Natrlich deshalb", antwortete der Schulmeister.--"Dann hat es
ja gar keinen Zweck zu arbeiten", sagte er klanglos und brach ber all
seinen Trumen zusammen. Pltzlich richtete er den Kopf in die Hhe,
hob die rechte Hand, schlug mit aller Macht auf den Tisch, warf sich
ber den Tisch und brach in heftiges Weinen aus.

Der Schulmeister lie ihn liegen und weinen, so recht sich ausweinen. Es
dauerte lange, aber der Schulmeister wartete, bis das Weinen kindlicher
wurde. Da fate er seinen Kopf mit beiden Hnden, richtete ihn in die
Hhe und sah in das verweinte Gesicht. "Glaubst Du, da jetzt eben
Gott bei Dir gewesen ist?" fragte er freundlich und hielt ihn fest,
yvind schluchzte noch, aber leiser, und die Trnen flossen schon
sachter, aber er konnte den Frager noch nicht ansehen und auch nicht
antworten.--"yvind, dies ist Dein wohlverdienter Lohn gewesen. Du hast
nicht gelernt aus Liebe zum Christentum und zu Deinen Eltern, Du hast
aus Eitelkeit gelernt."--Es blieb still in der Stube, wenn der
Schulmeister eine Pause machte; yvind fhlte seinen Blick auf sich
ruhen, und unter diesem Blick taute in ihm etwas auf, und er wurde ganz
demtig.--"Mit solchem Hochmut in Deinem Herzen konntest Du doch den
Bund mit Deinem Gott nicht schlieen, nicht wahr, yvind?"--"Nein",
stammelte der, so gut er konnte.--"Und wenn Du dagestanden httest mit
der eitlen Freude, da Du Nummer Eins bist, wre das nicht eine Snde
gewesen?"--"Ja", flsterte er, und seine Mundwinkel zitterten.--"Hast Du
mich noch lieb, yvind?"--"Ja"; zum erstenmal blickte er auf.--"So will
ich Dir sagen: ich war es, der den niedrigeren Platz Dir ausgewirkt hat,
denn Du bist mir lieb, yvind."--Der andere sah ihn an, blinzelte ein
paarmal mit den Augen, und die Trnen rannen wieder heftiger.--"Du bist
mir deshalb doch nicht bse?"--"Nein"; er sah gro und klar zu ihm auf,
wenn seine Stimme auch geqult klang.--"Mein liebes Kind! ich will um
Dich sein, solang ich lebe."

Er wartete, bis yvind sich beruhigt hatte und seine Bcher
zusammenpackte, dann sagte er, er wolle mit ihm nach Hause gehen. Sie
gingen langsam ihres Weges. Anfangs war yvind noch sehr still und
kmpfte mit sich, nach und nach aber berwand er sich. Er war fest davon
berzeugt, so wie es gekommen war, war es das beste fr ihn, und ehe er
noch zu Hause war, hatte dieser Gedanke sich so in ihm befestigt, da er
seinem Gott dankte und das auch dem Schulmeister sagte. "Ja, jetzt
knnen wir dann ja berlegen, wie wir etwas erreichen im Leben," sagte
der Schulmeister, "und nicht blind drauflos rennen. Was meinst Du zum
Seminar?"--"Ja, dahin mchte ich sehr gern."--"Du meinst auf die
Ackerbauschule?"--"Ja."--"Das ist auch wohl das beste; da gibt es andre
Aussichten als eine Schulmeisterstelle."--"Aber wie komme ich dahin? Ich
habe groe Lust, aber ich wei mir keinen Rat."--"Sei nur fleiig und
brav, dann wird schon Rat werden."

yvind war ganz berwltigt von Dankbarkeit. Vor seinen Augen leuchtete
es, der Atem ging so leicht, und er fhlte das Feuer unendlicher Liebe
in sich, wie es uns geschieht, wenn wir von andern unerwartet Gte
erfahren. Es ist uns, als knnten wir immer fortan in frischer Bergluft
wandern; wir fliegen mehr, als wir gehen.

Als sie nach Hause kamen, waren beide Eltern in der Stube und hatten
dort in stiller Erwartung gesessen, wiewohl es Arbeitszeit und viel zu
tun war. Der Schulmeister trat zuerst ein, yvind kam hinterher und
beide lchelten. "Nun?" fragte der Vater und legte das Gesangbuch fort,
in dem er gerade das "Gebet eines Konfirmanden" gelesen hatte. Die
Mutter stand am Herd und wagte nichts zu sagen; sie lachte, aber die
Hnde zitterten ihr; sie erwartete augenscheinlich etwas Gutes, wollte
sich aber nicht verraten. "Ich bin blo hergekommen, um Euch die
freudige Nachricht zu bringen, da er alles gewut hat, was er gefragt
worden ist, und da der Herr Pfarrer, als yvind fort war, gesagt hat,
er habe nie einen besseren Konfirmanden gehabt."--"Ach, nein!" sagte die
Mutter und war sehr gerhrt.--"Das ist ja nett", sagte der Vater und
rusperte sich unsicher.

Nach langem Schweigen fragte die Mutter leise: "Was fr eine Nummer
bekommt er?"--"9 oder 10", sagte der Schulmeister ruhig.--Die Mutter
blickte den Vater an, der Vater erst sie, dann yvind; "mehr kann ein
Huslerjunge nicht erwarten", sagte er. yvind sah ihn auch an; es war,
als steige ihm wieder etwas im Halse hoch, aber er zwang sich, an
allerlei Liebes zu denken, immerfort, bis er's wieder herunter hatte.

"Jetzt mu ich wohl gehen", sagte der Schulmeister, nickte ihnen zu und
wandte sich zur Tr. Die Eltern begleiteten ihn wie gewhnlich hinaus;
drauen nahm der Schulmeister einen Priem und sagte schmunzelnd: "Er
wird natrlich der erste, aber es ist besser, er erfhrt es erst, wenn
der Tag da ist."--"Ja, ja", sagte der Vater und nickte. "Ja, ja", sagte
die Mutter und nickte auch; dann griff sie nach der Hand des
Schulmeisters; "schnen Dank auch fr alles, was Du an ihm tust", sagte
sie. "Ja, schnen Dank", sagte der Vater, und der Schulmeister ging; die
beiden aber standen noch lange und sahen ihm nach.




Siebentes Kapitel


Der Schulmeister hatte das rechte getroffen, als er den Pfarrer gebeten
hatte, erst zu prfen, ob yvind es auch vertragen knne, der erste zu
sein. In den drei Wochen, die noch bis zur Konfirmation hingingen, war
er jeden Tag bei dem Knaben; eine junge, weiche Seele kann wohl einem
Eindruck nachgeben, ein andres ist es, ob sie ihn auch treulich
festhlt. Manch dunkle Stunde kam ber den Knaben, bis er lernte, sein
Ziel auf bessere Dinge als auf Ehre und Trotz zu stecken. Mitten in der
besten Arbeit verlor er pltzlich die Lust daran: Wozu? Was gewinne
ich?--und dann nach einer Weile fiel ihm der Schulmeister ein, seine
Worte und seine Gte; aber dies Mittel mute er haben, wenn er wieder
einmal von der rechten Auffassung seiner hheren Pflicht
heruntergesunken war.

In den Tagen, da man in Pladsen zur Konfirmation rstete, wurde auch
seine Reise auf die Ackerbauschule vorbereitet; denn schon am Tage
darauf sollte er sie antreten. Schneider und Schuster saen in der
Stube, die Mutter buk in der Kche, der Vater arbeitete an einer Truhe.
Viel wurde davon gesprochen, was er sie in den zwei Jahren kosten wrde,
auch davon, da er das erste Jahr Weihnachten nicht nach Hause kommen
knne, vielleicht auch im nchsten nicht, und wie schwer es sein wrde,
sich so lange trennen zu mssen. Sie redeten auch davon, wie lieb er
seine Eltern haben mte, die fr ihr Kind so groe Opfer brchten.
yvind sa da wie einer, der drauen sein Glck auf eigene Faust
versucht hat, dabei kenterte und nun von freundlichen Menschen
aufgenommen ist.

So ein Gefhl macht demtig und mit der Demut kommt auch noch manches
andere. Als der groe Tag anbrach, war yvind gut ausgerstet und konnte
der Zukunft mit zuversichtlicher Ergebenheit entgegensehen. So oft
Margits Bild dazwischentreten wollte, drngte er es vorsichtig zurck,
aber es tat ihm weh, das zu tun. Er suchte sich darin zu ben, aber in
diesem Punkt wurde er nicht strker, im Gegenteil, das Wehgefhl wuchs.
Er war so verzagt am letzten Abend, da er nach einer langen
Selbstprfung betete, Gott der Herr mge ihn in diesem einen Stck nicht
auf die Probe stellen.

Gegen Abend kam der Schulmeister. Sie setzten sich in die Stube, nachdem
sich alle gewaschen und zurecht gemacht hatten, wie immer, wenn man am
Tage darauf zum Abendmahl oder zum Hochamt geht. Die Mutter war sehr
bewegt und der Vater wortkarg; nach dem Feiertage morgen kam der
Abschied, und keiner wute, wann man wieder so beisammen sitzen wrde.
Der Schulmeister nahm die Gesangbcher, sie hielten eine Andacht und
sangen, und dann sprach er ein kurzes Gebet, so wie es ihm aus dem
Herzen kam.

Die vier Menschen saen bis spt am Abend bei einander, und jeder hing
seinen Gedanken nach. Dann trennten sie sich mit den besten Wnschen
fr den kommenden Tag, und fr das, was er knpfen sollte. yvind
gestand sich ein, als er zu Bett ging, da er nie so glcklich schlafen
gegangen sei; er verband damit einen besonderen Sinn; er meinte: nie bin
ich so ergeben in Gottes Willen und so freudig in Gott schlafen
gegangen.--Margits Gesicht wollte vor ihm auftauchen, und im Halbschlaf
noch bte er eine Art Selbstversuchung: nicht ganz glcklich, nicht
ganz,--und er antwortete: doch ganz--; und noch einmal: nicht
ganz,--doch, ganz;--nein, nicht ganz--.

Als er aufwachte, kam ihm die Bedeutung des Tages gleich zu Bewutsein;
er betete und fhlte sich so krftig, wie man wohl des Morgens tut. Er
hatte seit dem Sommer allein in einem Bodenkmmerchen geschlafen; jetzt
stand er auf und zog behutsam die neuen, schnen Kleider an; solche
hatte er bis jetzt noch nicht gehabt. Besonders die rundgeschnittene
Tuchjacke mute er immerzu befhlen, bis er sich an sie gewhnte. Er
holte einen kleinen Spiegel heraus, als er sich den Kragen umgebunden
und auch den Tuchrock--zum viertenmal--angezogen hatte. Als ihm jetzt
sein eigenes vergngtes Gesicht mit dem merkwrdig hellen Haar aus dem
Spiegel entgegenlachte, fiel ihm ein, auch das sei wieder Eitelkeit. Ja,
aber gut angezogen und rein mssen die Leute doch aussehen, warf er ein,
whrend er das Gesicht vom Spiegel fortwandte, als sei es Snde,
hineinzusehen.--Freilich, aber man darf nicht ganz so selbstzufrieden
deswegen sein.--Nein, natrlich nicht, aber dem lieben Gott mu es doch
auch gefallen, wenn man sich darber freut, da man hbsch
aussieht.--Kann schon sein, aber ihm wre es vielleicht doch lieber, Du
freutest Dich darber, ohne so groes Gewicht darauf zu legen.--Das ist
wahr, aber das kommt auch blo daher, da alles so neu ist.--Ja, dann
mut Du es aber auch nach und nach ablegen.--Er ertappte sich dabei, da
er sich bald ber diesen, bald ber jenen Gegenstand in solchen
Gesprchen der Selbstprfung erging: es sollte keine Snde auf diesen
Tag fallen und ihn beflecken; aber er wute auch, da da noch vieles
fehle.

Als er hinunterkam, waren die Eltern schon fertig angezogen und warteten
mit dem Frhstck auf ihn. Er ging auf sie zu, gab ihnen die Hand und
bedankte sich fr die Kleider; "trag' sie in Gesundheit", wurde ihm
erwidert. Sie setzten sich an den Tisch, beteten still und aen. Die
Mutter deckte den Tisch ab und brachte den Korb mit Ewaren fr den
Kirchgang herein. Der Vater zog sich den Rock an, die Mutter steckte
sich ihr Tuch fest, sie nahmen die Gesangbcher, riegelten das Haus zu
und stiegen bergan. Als sie auf den oberen Weg kamen, trafen sie schon
Kirchgnger, zu Fu und zu Wagen, auch Konfirmanden, und ab und zu auch
die weihaarigen Groeltern, die dies eine Mal doch gern mitwollten.

Es war ein Herbsttag ohne Sonnenschein, wie wenn das Wetter umschlagen
will. Gewlk zog sich zusammen und zerteilte sich wieder. Bisweilen
lsten sich aus einer groen Ansammlung von Wolken wohl zwanzig kleinere
und jagten mit dem Befehl zum Unwetter dahin; aber unten auf der Erde
war es noch still; die Bltter hingen entseelt an den Bumen und regten
sich nicht; die Luft war etwas schwl; die Leute hatten Mntel mit, aber
sie brauchten sie gar nicht. Ungewhnlich viel Menschen sammelten sich
vor der freistehenden Kirche an; die Konfirmationskinder aber gingen
gleich in die Kirche hinein, weil sie aufgestellt werden sollten, bis
der Gottesdienst begann. Da kam der Schulmeister an im blauen Anzug, mit
Frack und Kniehosen, Stulpstiefeln und steifer Halsbinde, und seine
Pfeife guckte hinten aus der Rocktasche; er nickte und lachte, schlug
diesem auf die Schulter und ermahnte jenen, recht laut und deutlich zu
antworten, und kam mittlerweile bis an die Armenbchse, wo yvind mit
seinem Freunde Hans stand, dem er ber die Reise Auskunft gab. "Guten
Morgen, yvind, ist das ein schner Tag!"--er fate ihn am Rockkragen,
als wolle er mit ihm reden,--"hr' mal, ich glaub' das beste von Dir.
Eben habe ich mit dem Herrn Pfarrer gesprochen; Du darfst Deinen Platz
behalten; stell Dich obenan und antworte recht deutlich!"

yvind sah ihn malos erstaunt an, der Schulmeister nickte ihm zu, der
Junge tat ein paar Schritte, stand still, ging wieder ein paar Schritte,
stand wieder still; ja, das hngt sicher so zusammen, da er bei dem
Herrn Pfarrer ein gutes Wort fr mich eingelegt hat, und schnell ging er
an seinen Platz. "Du bist also doch Nummer Eins", flsterte ihm einer
zu. "Ja", sagte yvind leise, aber er wute noch immer nicht recht, ob
er es glauben durfte.

Die Aufstellung war fertig, der Pfarrer kam, die Glocken fingen zu
luten an, und die Menschen strmten in die Kirche. Da sah yvind Margit
vom Heidehof dicht vor sich stehen, sie sah ihn auch an, aber beide
waren so gebannt von der Heiligkeit der Sttte, da sie sich nicht zu
gren wagten. Er sah nur, da sie wunderschn war und mit bloem Haar
ging, mehr sah er nicht. yvind, der lnger als ein halbes Jahr so groe
Plne darauf gebaut hatte, ihr gleichberechtigt gegenberzustehen,
yvind verga, als es wirklich so weit gediehen war, seinen Platz und
sie, und da er je an so etwas gedacht hatte.

Als alles zu Ende war, kamen die Verwandten und Bekannten um ihre
Glckwnsche anzubringen, dann kamen auch seine Kameraden und wollten
ihm Adieu sagen, denn sie hatten gehrt, da er am andern Tage reisen
wrde; es kamen auch viele von den Kleineren, mit denen er Schlitten
gefahren war, und denen er so oft in der Schule geholfen hatte, und da
ging der Abschied nicht ohne Trnen ab. Zuletzt kam der Schulmeister,
drckte ihm und den Eltern stumm die Hand und bedeutete ihnen, sie
wollten gehen; er wollte sie begleiten. Die Vier waren wieder beisammen,
und dies sollte nun der letzte Nachmittag sein. Unterwegs trafen sie
noch viele, die ihm Adieu sagten und ihm Glck wnschten, sonst aber
sprachen sie nicht zusammen, bis sie daheim in der Stube saen.

Der Schulmeister versuchte sie bei gutem Mut zu erhalten; denn jetzt, da
es soweit war, bangten alle drei vor der zweijhrigen Trennung, weil sie
bis jetzt keinen Tag fern voneinander gewesen waren; aber keiner wollte
es wahrhaben. Je weiter der Tag vorrckte, desto gedrckter wurde
yvind; er mute ins Freie gehen, um sich ein bichen zu beruhigen.

Es war schon halbdunkel, und in der Luft brauste es seltsam; er blieb
auf den Steinfliesen stehen und blickte empor. Da hrte er vom Bergrande
her seinen Namen rufen, ganz leise; es war keine Tuschung, denn es
wurde zweimal gerufen. Er sah hinauf und gewahrte, da eine weibliche
Gestalt zwischen den Bumen kauerte und herabschaute. "Wer ist da oben?"
fragte er.--"Ich habe gehrt, Du willst fort," sagte sie leise, "da
mute ich doch zu Dir kommen und Dir Adieu sagen, wenn Du nicht zu mir
kommst."--"Margit, liebe Margit, bist Du es wirklich? Wart', ich komme
gleich hinauf."--"Nicht doch. Ich habe schon so lange gewartet, und da
mte ich ja noch lnger warten; keiner wei, wo ich bin, und ich mu
schnell wieder nach Hause."--"Es ist nett von Dir, da Du gekommen
bist", sagte er.--"Ich konnte es nicht ertragen, da Du so abreistest,
yvind, wo wir uns von klein auf gekannt haben."--"Das stimmt."--"Und
jetzt haben wir ein halbes Jahr lang kein Wort miteinander
gewechselt."--"Nein, das stimmt."--"Wir sind das letzte Mal so komisch
auseinandergekommen."--"Ja;--aber ich glaube, ich komme doch lieber
hinauf zu Dir."--"Ach nein, bitte nicht! Aber sag' mal: Du bist mir doch
nicht bse?"--"Liebe Margit, wie kannst Du so was denken?"--"Na, dann
Adieu, yvind, und Dank fr alles Schne, was wir zusammen erlebt
haben!"--"Nein, Margit!"--"Ja, jetzt mu ich fort; sie werden mich wohl
schon vermissen."--"Margit, Margit!"--"Nein, ich kann nicht lnger
fortbleiben, yvind. Lebwohl!"--"Lebwohl!"

Nachher ging er wie im Traum umher und antwortete wie geistig abwesend,
wenn er gefragt wurde; sie erklrten sich das mit der Abreise, und diese
nahm auch sein ganzes Interesse in Anspruch in dem Augenblick, als sich
der Schulmeister abends von ihm verabschiedete und ihm etwas in die Hand
drckte, was sich nachher als ein Fnftalerschein herausstellte. Aber
spter, als er im Bett lag, dachte er nicht an die Abreise, sondern an
die Worte, die an der Bergwand getauscht waren. Als Kind hatte sie nicht
zur Bergwand hingedurft, weil der Grovater Angst hatte, Margit knne
hinunterfallen. Wer wei, ob sie nicht doch noch mal herunterkme.




Achtes Kapitel


  Liebe Eltern!

Jetzt haben wir viel mehr zu arbeiten bekommen, aber jetzt habe ich die
andern auch schon mehr eingeholt, so da es mir nicht mehr so schwer
wird. Und jetzt werde ich sehr viel in Vaters Wirtschaft verndern, wenn
ich wieder nach Hause komme; denn da ist manches verkehrt angefangen,
und es ist merkwrdig genug, da es berhaupt bis jetzt gegangen ist.
Aber ich will schon Zug hineinbringen, denn ich habe jetzt viel gelernt.
Ich mchte wohl irgendwohin, wo ich alles verwerten kann, was ich jetzt
wei; deshalb mu ich mir eine groe Stellung suchen, wenn ich fertig
bin. Hier sagen alle, Jon Hatlen ist gar nicht so tchtig, wie man bei
uns zu Haus denkt; aber er hat ja einen eigenen Hof, so da es keinen
auer ihn selbst was angeht. Viele, die von hier abgehen, bekommen sehr
hohen Lohn; aber sie werden so gut bezahlt, weil wir die beste
Ackerbauschule im ganzen Lande sind. Manche sagen, im Nachbaramt ist
noch eine bessere, aber das ist wohl nicht wahr. Hier hrt man immerzu
zwei Worte: das eine heit Theorie und das andere Praxis, und es ist
gut, wenn man alle beide hat, und das eine ist ohne das andere nichts
wert, aber das zweite ist doch das beste. Und das erste Wort bedeutet,
da man von einer Arbeit die Ursache und den Grund kennt, aber das
andere Wort bedeutet, da man die Arbeit auch ausfhren kann, wie zum
Beispiel jetzt mit dem Sumpf. Denn es gibt viele, die wissen, was man
mit einem Sumpf macht, aber verkehrt machen sie es doch, denn sie knnen
es nicht. Aber viele knnten es und sie wissen es nicht, und dann wird's
auch verkehrt, denn es gibt viele Arten Smpfe. Doch hier auf der
Ackerbauschule lernen wir beides. Der Direktor ist so tchtig, da sich
keiner mit ihm messen kann. Auf der letzten landwirtschaftlichen
Landesversammlung hatte er zwei Fragen zu behandeln, und die Direktoren
von den andern Ackerbauschulen jeder blo eine, und es wurde immer das
beschlossen, was er beantragte, wenn die andern es sich erst berlegt
hatten. Auf der Versammlung vorher aber, wo er nicht war, da haben die
andern blo gequatscht. Den Leutnant, der uns im Feldmessen
unterrichtet, hat der Direktor auch blo wegen seiner eigenen
Tchtigkeit bekommen, denn die andern Schulen haben keinen Leutnant.
Unserer aber ist sehr tchtig und soll auf der Offiziersschule der
allerbeste gewesen sein.

Der Herr Lehrer fragt, ob ich auch in die Kirche gehe. Natrlich gehe
ich in die Kirche, denn jetzt hat der Pfarrer hier einen Hilfsprediger
erhalten, und der predigt, da den Leuten in der Kirche angst und bange
wird, und es ist eine Freude, ihn zu hren. Er ist von der neuen
Religion, die sie in Kristiania haben, und die Leute behaupten, er sei
zu streng, aber das ist ihnen ganz gesund.

Augenblicklich lernen wir viel Geschichte, die wir vorher noch nicht
gehabt haben, und es ist seltsam, was alles in der Welt geschehen ist
und besonders bei uns. Denn wir haben immer und immer gesiegt, auer
wenn wir geschlagen wurden, aber dann sind wir immer viel, viel kleiner
gewesen. Jetzt sind wir frei, so frei wie kein andres Volk auer
Amerika, aber da sind sie nicht glcklich. Und unsere Freiheit sollen
wir ber alles lieben.

Jetzt will ich fr diesmal schlieen, denn ich habe sehr viel
geschrieben. Der Herr Lehrer liest Euch wohl den Brief vor, und wenn er
fr Euch antwortet, soll er mir auch von allerlei Leuten was Neues
erzhlen; denn das tut er nie. Nun seid vielmals gegrt von Eurem
dankbaren Sohn

  . Thoresen.



  Liebe Eltern!

Jetzt mu ich Euch mitteilen, da hier Examen gewesen ist, und ich habe
mit vorzglich in vielen Fchern bestanden, mit sehr gut im Schreiben
und Feldmessen, und mit ziemlich gut im norwegischen Aufsatz. Das kommt
daher, sagt der Direktor, da ich nicht genug gelesen habe, und er hat
mir ein paar Bcher von Ole Vig geschenkt, die ganz wundervoll sind,
denn ich verstehe alles. Der Direktor ist sehr gut zu mir; er erzhlt
uns so vieles. Alles hierzulande ist so klein im Vergleich zum Ausland;
wir knnen fast gar nichts und mssen alles von Schottland und der
Schweiz lernen; und von den Hollndern lernen wir den Gartenbau. Viele
gehen in diese Lnder, und auch in Schweden ist man viel tchtiger als
bei uns, und da ist der Direktor selbst auch gewesen. Jetzt bin ich
schon bald ein Jahr hier, und ich dachte, ich htte schon viel gelernt,
aber als ich hrte, was die Schler knnen, die die Abschluprfung
bestanden haben, und dann denke, da die auch noch rein gar nichts
knnen, wenn sie sich mit den Auslndern messen, dann werde ich ganz
traurig. Und dann ist der Boden hier in Norwegen so schlecht gegen den
im Auslande; es lohnt sich gar nicht, etwas damit anzufangen. Auerdem
mag unser Volk sich auch nichts zeigen lassen. Wenn das Volk aber auch
wollte, und wenn der Boden auch besser wre, so htten sie ja doch kein
Geld, um ihn richtig zu bebauen. Es ist merkwrdig, da alles noch so
gegangen ist, wie es ging.

Jetzt bin ich in der obersten Klasse, und da bleibe ich ein Jahr, bis
ich fertig bin; aber die meisten von meinen Kameraden sind fort, und
ich habe Heimweh. Mir ist zu Mut, als wenn ich ganz allein in der Welt
stnde, wenn es auch durchaus nicht wahr ist; aber es ist so merkwrdig,
wenn man lange fortgewesen ist. Ich dachte frher, ich wrde hier sehr
tchtig werden, aber damit sieht es schlecht aus.

Was soll ich wohl anfangen, wenn ich hier fortkomme? Zuerst will ich
natrlich nach Hause, und spter mu ich mir dann wohl eine Stelle
suchen, aber zu weit weg darf's nicht sein.

Lebt nun wohl, liebe Eltern! Grt alle, die nach mir fragen, und sagt
ihnen, es ginge mir gut, aber ich htte Heimweh.

  Euer dankbarer Sohn
  yvind Thoresen Pladsen.



  Lieber Herr Lehrer!

Hierdurch bitte ich Dich, den beigelegten Brief abzugeben und keinem
Menschen davon zu sagen. Und wenn Du nicht willst, so verbrenne ihn
bitte.

  yvind Thoresen Pladsen.



  An die
  ehrsame Jungfrau Margit, Nordistuen, Tochter des Knut
  auf dem Oberen Heidehof.

Du wirst Dich gewi sehr wundern, einen Brief von mir zu bekommen. Das
brauchst Du aber nicht, denn ich wollte nur fragen, wie es Dir geht.
Darber mut Du mich mglichst bald und in jeder Hinsicht unterrichten.
Von mir selbst kann ich melden, da ich in einem Jahr hier fertig bin.

  Ergeben
  yvind Pladsen.



  An Herrn yvind Pladsen
  auf der Ackerbauschule.

Deinen Brief habe ich richtig vom Schulmeister bekommen, und ich will
antworten, weil Du mich darum bittest. Aber ich habe Angst davor, weil
Du so gelehrt bist, und ich habe einen Briefsteller, aber der will nicht
passen. So mu ich's denn selbst versuchen, und Du mut den guten Willen
fr die Tat nehmen, aber Du darfst ihn niemandem zeigen, denn dann bist
Du nicht der, fr den ich Dich halte. Du sollst ihn auch nicht aufheben,
weil ihn dann doch leicht einer finden kann, sondern Du sollst ihn
verbrennen, und das mut Du mir versprechen. Ich wollte Dir ber so
vieles schreiben, aber ich wage das nicht so. Wir haben eine gute Ernte
gehabt, die Kartoffeln stehen hoch im Preis, und hier auf den Heidehfen
sind reichlich gewachsen. Aber ein Br hat im Sommer bs im Viehstand
gehaust; bei Ole auf dem Niederhof hat er zwei Rinder zerrissen, und
unserm Husler hat er eins so zugerichtet, da es geschlachtet werden
mute. Ich webe an einem sehr groen Tuch; es ist hnlich wie das
schottische Zeug, und das ist sehr schwierig. Und jetzt will ich Dir
erzhlen, da ich noch immer zu Hause bin, und da manchen Leuten das
gar nicht recht ist. Jetzt wei ich fr diesmal nichts mehr zu
schreiben, und deshalb leb' wohl.

  Margit, Tochter des Knut.

Nachschrift.

Du mut diesen Brief sofort verbrennen.



  An den
  Ackerbauschler yvind Thoresen Pladsen!

Ich habe Dir immer gesagt, yvind, wer mit Gott wandert, hat das beste
Teil erwhlt. Jetzt aber sollst Du meinen Rat hren, den nmlich: da Du
Dir Dein Leben nicht mit Sehnsucht und allerlei Ungemach ausfllst,
sondern auf Gott vertraust und Dein Herz sich nicht in Sehnsucht
verzehren lt; denn dann hast Du einen anderen Gott neben ihm. Ferner
will ich Dir mitteilen, da es Deinem Vater und Deiner Mutter gut geht;
ich selbst habe Schmerzen in der Hfte; da meldet sich der Krieg wieder
und alles, was man dabei durchgemacht hat. Was die Jugend st, wird das
Alter ernten, am Geist wie am Krper, der mir brennt und schmerzt und
mich zum Wehklagen bringen will. Aber klagen soll das Alter nicht, denn
aus Wunden rinnt Weisheit, und die Schmerzen predigen Geduld, auf da
der Mensch stark werde zu seiner letzten Reise. Heute habe ich aus
mancherlei Grnden zur Feder gegriffen, zuerst und zunchst um Margits
willen, die ein gottesfrchtiges Mdchen geworden ist, aber leichtfig
wie ein Renntier und voll mancherlei Plne. Denn sie mchte sich wohl
gern an eins halten, kann es aber ihrer Natur wegen nicht; doch ich habe
oft erlebt, da unser Herrgott mit so schwachen kleinen Herzen
glimpflich und langmtig umgeht und sie nicht ber Vermgen in
Versuchung fhrt, auf da sie nicht in Stcke brechen; denn die sind
sehr zerbrechlich. Den Brief habe ich ihr richtig gegeben, und sie
verbarg ihn vor allen, auer vor ihrem eigenen Herzen. Und wenn der
liebe Gott dieser Sache gndig ist, so habe ich nichts dagegen; denn
Margit gefllt den jungen Burschen wohl, wie man deutlich sieht, und sie
ist reich an irdischen Gtern, wie auch trotz aller Unbestndigkeit an
himmlischen. Denn die Gottesfurcht in ihrem Herzen ist wie Wasser in
einem seichten Teich; es ist da, wenn's regnet, aber es verschwindet,
wenn die Sonne scheint. Jetzt wollen meine Augen nicht mehr, denn sie
sehen zwar gut in die Ferne, aber in der Nhe schmerzen sie und trnen.
Zum Schlu will ich Dir noch sagen, yvind: was Du auch erstrebst und
was Du anfngst, Deinen Gott nimm mit; denn es steht geschrieben: Es ist
besser eine Hand voll mit Ruhe, denn beide Fuste voll mit Mhe und
Jammer. (Pred. Sal. 4, 6.)

  Dein alter Lehrer
  Baard Andersen Opdal.



  An die
  ehrsame Jungfrau Margit, Tochter des Knut vom Heidehof.

Schnen Dank fr Deinen Brief; ich habe ihn gelesen und verbrannt, wie
Du gewollt hast. Du schreibst von vielem, aber gar nichts von dem, was
ich gern wissen wollte. Eher darf ich auch von etwas Gewissem nicht
schreiben, bis ich nicht wei, wie es Dir in allen Stcken geht. In dem
Brief vom Schulmeister steht nichts, worauf man bauen knnte, aber er
lobt Dich, und doch sagt er, Du bist unbestndig. Das warst Du schon
immer. Jetzt wei ich nicht, was ich denken soll, und deshalb mut Du
mir schreiben; denn ich habe keine Ruhe, bis Du nicht geschrieben hast.
In dieser Zeit denke ich immer dran, wie Du am letzten Abend auf den
Berg kamst, und was Du da sagtest. Mehr will ich diesmal nicht
schreiben, und deshalb leb' wohl.

  Ergeben
  yvind Pladsen.



  An
  Herrn yvind Thoresen Pladsen.

Der Schulmeister hat mir wieder einen Brief von Dir bergeben, und ich
habe ihn jetzt gelesen. Aber ich verstehe ihn nicht recht, und das kommt
wohl daher, da ich nicht gelehrt genug bin. Du willst wissen, wie es
mir in allen Stcken geht. Nun, ich bin gesund und munter, und mir fehlt
nicht das geringste. Ich mag gern essen, besonders wenn es Milchreis
gibt. Nachts schlafe ich, und zuweilen tags auch noch. Ich habe viel
getanzt in diesem Winter, denn hier ist viel los gewesen, und es ging
immer sehr lustig zu. Ich gehe in die Kirche, wenn nicht zuviel Schnee
liegt; aber im Winter lag er sehr hoch. Jetzt weit Du doch wohl alles,
und wenn nicht, so bleibt nichts weiter brig, als da Du mir noch
einmal schreibst.

  Margit, Tochter des Knut.



  An die
  ehrsame Jungfrau Margit, Tochter des Knut vom Heidehof.

Deinen Brief habe ich bekommen, aber mir scheint, Du willst mich nicht
klger werden lassen. Vielleicht ist das ja auch eine Antwort, ich wei
es nicht. Ich darf von dem, was ich schreiben mchte, kein Wort sagen,
denn ich kenne Dich ja nicht. Aber vielleicht kennst Du mich auch
nicht.

Du mut nicht glauben, da ich noch der weiche Kse bin, aus dem Du das
Wasser herausdrcktest, als ich dasa und Dich tanzen sah. Ich habe seit
der Zeit auf manchem Brett zum Trocknen gelegen. Ich bin auch nicht mehr
wie die langhaarigen Hunde, die gleich die Ohren hngen lassen und den
Schwanz einziehen, wie ich es frher getan; jetzt lasse ich es an mich
herankommen.

Dein Brief war sehr spaig; aber er spate, wo er lieber nicht htte
spaen sollen; denn Du verstandest mich recht gut, und da httest Du
wissen mssen, da ich nicht zum Spa fragte, sondern weil ich in der
letzten Zeit nur an das gedacht habe, wonach ich fragte. Ich war in
groer Not und wartete, und da bekam ich als Antwort blo Albernheiten
und Gelache.

Leb' wohl, Margit vom Heidehof, ich will nicht mehr, wie bei jenem Tanz,
zuviel nach Dir schauen. Mgest Du gut essen und schn schlafen und Dein
neues Tuch fertig weben, und schaufle vor allen Dingen den Schnee weg,
der vor der Kirchtr liegt.

  Ergeben
  yvind Thoresen Pladsen.



  An den
  Ackerbauschler yvind Thoresen,
  Ackerbauschule.

Trotz meines hohen Alters und meiner schwachen Augen und der Schmerzen
in meiner rechten Hfte mu ich doch dem Drngen der Jugend nachgeben;
denn sie braucht uns Alten, wenn sie sich festgerannt hat. Sie bittet
und jammert, bis sie wieder flott ist, aber dann rennt sie gleich wieder
davon und hrt nicht mehr auf uns.

Also die Margit; sie schmeichelt mit vielen sen Worten, ich mge zur
Gesellschaft mitschreiben, denn sie traut sich nicht allein zu
schreiben. Ich habe Deinen Brief gelesen; sie dachte eben, sie habe Jon
Hatlen oder sonst einen Waschlappen vor sich, aber nicht einen, den
Schulmeister Baard erzogen hat; und nun drckt sie der Schuh. Aber Du
bist zu streng gewesen; denn es gibt Mdchen, die scherzen, um nicht
weinen zu mssen, und zwischen beidem ist kein Unterschied. Aber es
gefllt mir, da Du das Ernste ernst nimmst, denn sonst knntest Du ber
das, was Scherz ist, nicht lachen.

Da Euer Sinnen aufeinander gerichtet ist, scheint mir jetzt aus vielem
ersichtlich. An ihr habe ich oft gezweifelt, denn sie war wie eine
Wetterfahne; aber jetzt wei ich, da sie Jon Hatlen doch abgewiesen
hat, worber ihr Grovater in hellen Zorn geraten ist. Sie war
glcklich, als Dein Schreiben kam, und wenn sie scherzte, so tat sie es
nicht aus bser Absicht, sondern aus lauter Freude. Sie hat viel
erdulden mssen, und das hat sie getan, um auf den zu warten, nach dem
ihr Sinn stand. Und jetzt willst Du nichts von ihr wissen und stt sie
zurck wie ein unartiges Kind.

Das mute ich Dir sagen, und den Rat mchte ich Dir noch geben, da Du
Dich mit ihr wieder ausshnst, denn Streit gibt es auch doch genug in
der Welt. Ich bin wie jener Greis, der drei Geschlechter gesehen hat.
Ich kenne die Torheiten und ihren Lauf.

Von Vater und Mutter soll ich Dich gren, sie warten sehnlichst auf
Dich. Aber davon habe ich Dir nicht eher schreiben wollen, damit Du kein
Herzweh bekmst. Deinen Vater kennst Du noch gar nicht; denn er ist wie
ein Baum, der keinen Laut von sich gibt, bis er gefllt wird. Aber wenn
Dir einmal etwas zustt, dann wirst Du ihn kennen lernen, und Du wirst
staunen wie einer, der einen Schatz findet. Er ist gedrckt und wortkarg
in weltlichen Dingen gewesen, Deine Mutter aber hat sein Gemt von der
weltlichen Angst frei' gemacht, und jetzt klrt sich sein Lebenstag auf.

Nun werden meine Augen trb, und die Hand will nicht mehr. Also befehle
ich Dich dem, dessen Auge immerdar wacht und dessen Hnde nimmer mde
werden.

  Baard Andersen Opdal.



  An yvind Pladsen.

Du bist wohl bse auf mich, und das tut mir sehr weh. Denn so habe ich
es nicht gemeint; ich meinte es gut. Ich wei, da ich oft nicht so
gegen Dich gewesen bin, wie ich htte sein sollen, und deshalb will ich
jetzt an Dich schreiben, aber Du darfst es keinem Menschen zeigen.
Einmal ist mir's ergangen, wie ich's wnschte, und da war ich nicht
nett; aber jetzt will keiner mehr was von mir wissen, und mir geht es
recht schlecht. Jon Hatlen hat ein Spottlied auf mich gemacht, und das
singen alle Burschen, und ich kann mich auf keinem Tanz mehr blicken
lassen. Die beiden Alten wissen davon, und ich bekomme bse Worte zu
hren. Ich aber sitze allein und schreibe, und Du darfst es keinem
zeigen.

Du hast viel gelernt und knntest mir einen Rat geben, aber Du bist so
weit fort. Ich bin oft unten bei Deinen Eltern gewesen und habe mit
Deiner Mutter geplaudert, und wir sind gute Freunde geworden; aber ich
darf nichts sagen, denn Du hast so sonderbar geschrieben. Der
Schulmeister macht sich jetzt ber mich lustig, und er wei nichts von
dem Spottlied, denn kein einziger im ganzen Dorf wagt ihm so etwas
vorzusingen. Jetzt bin ich allein und habe keinen, mit dem ich sprechen
kann; ich denke daran, als wir noch Kinder waren, und Du so nett zu mir
warst, und ich immer auf Deinem Schlitten sitzen durfte. Und da mchte
ich wnschen, da ich wieder ein Kind wre.

Ich darf Dich nicht mehr bitten, mir zu antworten; ich darf es nicht.
Aber wenn Du mir nur noch ein einziges Mal schreiben wolltest, so wrde
ich Dir das nie vergessen, yvind.

  Margit, Tochter des Knut.

Lieber yvind, verbrenne diesen Brief; ich wei gar nicht, ob ich ihn
berhaupt abschicken darf.



  Liebe Margit!

Dank fr Deinen Brief; den hast Du in einer guten Stunde geschrieben.
Jetzt will ich Dir auch sagen, Margit, da ich Dich so lieb habe, da
ich es beinahe hier nicht mehr aushalten kann, und wenn Du mich ebenso
lieb hast, dann sollen Jons Spottlieder und alle bsen Worte blo
Bltter sein, wie sie an jedem Baum hngen. Seit ich Deinen Brief
bekommen habe, bin ich ein neuer Mensch, denn es ist doppelte Kraft in
mich gekommen, und ich frchte mich vor nichts in der Welt. Als ich den
vorigen Brief abgeschickt hatte, tat es mir so leid, da ich fast krank
davon geworden bin. Und nun sollst Du hren, was das fr eine Folge
hatte. Der Direktor nahm mich beiseite und fragte mich, was mir fehle;
er glaubte, ich arbeitete zu viel. Da sagte er mir, wenn mein Jahr hier
zu Ende sei, sollte ich noch eins hier bleiben und ganz umsonst; ich
solle ihm hier und da an die Hand gehen, er aber wollte mich noch in
vielem unterrichten. Da dachte ich, Arbeit sei das einzige, das mich
aufrecht halten knne, und ich bedankte mich vielmals; und ich bereue es
auch nicht, wenn ich jetzt auch Sehnsucht nach Dir habe; denn je lnger
ich hier bin, desto mehr Recht habe ich spter, um Dich zu werben. Wie
froh bin ich jetzt! Ich arbeite fr drei, und ich will nie in irgend
etwas zurckstehen. Ich will Dir aber ein Buch schicken, das ich jetzt
lese, denn da steht viel von Liebe drin. Ich lese immer abends darin,
wenn die andern schlafen, und dann lese ich auch Deinen Brief immer
wieder durch. Hast Du Dir vorgestellt, wenn wir uns wiedersehen? Das
male ich mir so oft aus, und das mut Du auch versuchen und sollst
sehen, wie schn es ist. Ich freue mich, da ich soviel geschrieben und
gearbeitet habe, trotzdem es oft schwer war; aber jetzt kann ich Dir
alles sagen, was ich mag, und lache dabei in meinem Sinn.

Ich will Dir viele Bcher zu lesen geben, damit Du sehen sollst, wieviel
Widerwrtigkeiten alle gehabt haben, die sich innig lieb hatten, und da
sie lieber aus Kummer gestorben sind, als da sie voneinander gelassen
haben. Und so wollen wir es auch halten, und zwar freudigen Herzens.
Wohl dauert es fast zwei Jahre, bis wir uns sehen, und noch lnger, bis
wir uns kriegen; aber mit jedem Tag, der vergeht, ist es doch ein Tag
weniger; daran wollen wir bei unserer Arbeit denken.

Nchstes Mal mu ich Dir ber vieles schreiben, heut abend aber habe ich
kein Papier mehr, und die andern schlafen alle. Darum will ich auch zu
Bett gehen und an Dich denken, bis ich einschlafe.

  Dein Freund
  yvind Pladsen.




Neuntes Kapitel


Eines Sonntags im Hochsommer ruderte Tore Pladsen ber den Fjord, um
seinen Sohn zu holen, der am Nachmittage von der Ackerbauschule
heimkommen sollte, denn jetzt war er fertig. Die Mutter hatte ein paar
Tage lang eine Scheuerfrau gehabt, alles war geputzt und gesubert, die
Kammer war nach langer Zeit wieder in Stand gesetzt, es war ein Ofen
hineingestellt; da sollte yvind wohnen. Heute brachte die Mutter
frisches Grn hinein, holte reines Leinzeug heraus, machte das Bett
zurecht und schaute zwischendurch immer einmal aus, ob noch kein Boot
dahergerudert komme. Unten in der Stube war der Tisch gedeckt, aber
immer fehlte noch etwas, oder die Fliegen waren wegzujagen, und oben in
der Kammer lag noch Staub, und immer wieder Staub. Noch war kein Boot zu
sehen. Sie lehnte sich aufs Fensterbrett und sah hinaus; da hrte sie
dicht neben sich Schritte vom Wege her und wandte den Kopf; es war der
Schulmeister, der langsam, auf einen Stock gesttzt, herunterkam, denn
mit seiner Hfte ging es schlecht. Die klugen Augen blickten ruhig
umher; er blieb stehen und ruhte sich aus und nickte ihr zu: "Na, noch
nicht da?"--"Nein, sie mssen aber jeden Augenblick kommen."--"Schnes
Wetter zum Heuen heut!"--"Aber zu hei fr alte Leute zum Gehen."--Der
Schulmeister sah sie schmunzelnd an. "Sind junge Leute heut schon hier
gewesen?"--"Freilich, sind aber wieder fortgegangen."--"Ja, gewi, ja;
die treffen sich wohl heut abend irgendwo."--"Kann schon sein, ja; Tore
sagt, sie sollen sich nicht bei ihm im Hause treffen, bis die Alten ihre
Zustimmung gegeben haben."--"Sehr richtig, sehr richtig."--Nach einer
Weile rief die Mutter: "Jetzt glaub' ich beinahe, sie kommen." Der
Schulmeister sphte lange in die Ferne. "Ja, das sind sie"; sie trat vom
Fenster zurck, und er ging ins Haus. Als er sich ein bichen ausgeruht
und erfrischt hatte, gingen sie langsam an die See hinunter, whrend das
Boot in voller Fahrt heranscho, denn Vater und Sohn ruderten beide. Die
Ruderer hatten die Jacken ausgezogen, es sprhte wei unter den Rudern,
und bald war das Boot dicht bei ihnen, yvind wandte den Kopf und
blickte hinauf; er gewahrte die beiden an der Landungsstelle, zog die
Ruder ein und rief: "Guten Tag, Mutter,--guten Tag, Schulmeister!"--"Hat
der 'ne Mannsstimme bekommen!" sagte die Mutter mit strahlendem Gesicht.
"So was, so was! er ist noch gerade so hellblond", fgte sie hinzu. Der
Schulmeister holte das Boot heran, der Vater zog die Ruder ein, yvind
sprang an ihm vorbei an Land, gab erst der Mutter die Hand und dann dem
Schulmeister, lachte und lachte und fing, ganz gegen Bauernart, gleich
in einem reienden Strom an zu erzhlen vom Examen, von der Reise, von
dem Empfehlungsschreiben des Direktors und gnstigen Anerbietungen. Er
fragte nach der Ernte und nach allen Bekannten, auer nach einer; der
Vater wollte das Gepck aus dem Boot tragen, aber weil er auch etwas
hren wollte, dachte er, das habe ja auch noch Zeit, und ging mit. Und
so zogen sie ihres Wegs; yvind lachte und erzhlte, und seine Mutter
lachte auch, denn sie wute nicht, was sie sagen sollte. Der
Schulmeister schlenderte langsam daneben und sah ihn verstndnisvoll an;
der Vater ging bescheiden in etwas grerer Entfernung. Und so kamen sie
heim. Er freute sich ber alles, was er sah; zuerst darber, da das
Haus frisch gestrichen, und da die Mhle ausgebaut war, dann darber,
da die Butzenscheiben in Stube und Kammer herausgenommen waren, weies
Glas an Stelle des grnen eingesetzt und der Fensterrahmen vergrert
war. Als er hineintrat, kam ihm alles so merkwrdig klein vor, wie er
sich es gar nicht vorgestellt hatte, aber so lustig. Die Uhr gackerte
wie eine fette Henne, die geschnitzten Sthle sahen aus, als wollten sie
jeden Augenblick zu reden anfangen; jede Tasse auf dem gedeckten Tisch
kannte er; der weigetnchte Herd lchelte ihm ein Willkommen zu; grnes
Laub hing duftend an den Wnden, Wacholderbschel waren auf den Fuboden
gestreut und verkndeten den Festtag. Sie setzten sich zum Essen, aber
es wurde nicht viel daraus, denn er schwatzte unaufhrlich. Sie
betrachteten ihn sich jetzt mit mehr Mue, sahen die Vernderungen und
die hnlichkeiten, sie achteten auf alles, was neu an ihm war, bis hin
zu dem blauen Tuchanzug, den er trug. Einmal, als er gerade eine lange
Geschichte von einem seiner Kameraden erzhlt hatte und endlich
aufhrte, so da eine kleine Pause entstand, sagte der Vater: "Ich
verstehe beinahe kein Wort von dem, was Du sagst, Junge, Du sprichst so
bermig schnell."--Alle lachten herzlich, und yvind nicht am
wenigsten; er wute recht gut, da es sich so verhielt, aber es war ihm
nicht mglich, langsamer zu sprechen. Alles Neue, was er whrend seiner
langen Abwesenheit gesehen und gelernt hatte, hatte seine Phantasie und
seinen Verstand gepackt und ihn aus der gewohnten Haltung aufgerttelt,
so da die Krfte, die lange geruht hatten, aufgescheucht wurden, und
der Kopf in unablssiger Arbeit war. Weiter fiel ihnen auf, da er sich
angewhnt hatte, ganz willkrlich zwei, drei Worte zu wiederholen vor
lauter Geschftigkeit, fast, als stolpere er ber sich selbst. Manchmal
klang's geradezu komisch, aber dann lachte er, und vergessen war es. Der
Schulmeister und der Vater saen da und lauerten, ob er wohl seine alte
Umsicht verloren habe, aber es schien nicht so: er dachte an alles und
er erinnerte auch daran, da sie wohl das Boot ausladen mten; er
packte gleich seine Sachen aus und hngte sie hin, zeigte seine Bcher,
seine Uhr und alles Neue, und alles sei gut imstande, sagte seine
Mutter. ber sein kleines Gemach freute er sich unbndig; er wolle frs
erste zu Hause bleiben, sagte er, beim Heuen helfen und lernen. Wo er
nachher hinwollte, wute er noch nicht, aber das war ja auch noch
gleich. Sein Denken hatte eine erfrischende Kraft und Raschheit
bekommen, und seine Ausdrucksweise eine Lebendigkeit, die jedem wohltut,
der Jahr fr Jahr bestrebt ist, sich zurckzuhalten. Der Schulmeister
fhlte sich um zehn Jahre verjngt.

"So weit wren wir jetzt glcklich", sagte er strahlend, als er
aufbrach.

Als die Mutter ihn wie gewhnlich hinausbegleitet hatte, rief sie yvind
in seine Kammer. "Es wartet jemand auf Dich um neun", flsterte
sie.--"Wo?"--"Auf dem Berge."

yvind sah nach der Uhr; es ging auf neun. Drinnen konnte er es nicht
abwarten, sondern er ging hinaus, klomm den Berg empor, blieb oben
stehen und hielt Umschau. Das Hausdach lag dicht unter ihm; die Bsche
auf dem Dach waren gro geworden, all die jungen Bume um ihn herum
waren auch gewachsen, und er kannte jeden einzigen. Er sah den Weg
hinunter, der am Berg entlang fhrte und an der andern Seite vom Walde
begrenzt war. Der Weg lag grau und eintnig da, der Wald aber trug Laub
mancherlei Art; die Bume waren hoch und gerade gewachsen, in der
kleinen Bucht lag ein Fahrzeug mit schlaffen Segeln; es war mit Brettern
beladen und wartete auf Wind. Er sah aufs Wasser hinaus, auf dem er
fortgezogen und jetzt wieder heimgekehrt war; es lag still und blank da,
ein paar Seevgel schwebten drber hin, lautlos, denn es war spt. Der
Vater kam von der Mhle her, blieb vor der Haustr stehen und blickte
gerade wie sein Sohn ins Land, dann ging er zum Strand hinunter, um das
Boot fr die Nacht zu bergen. Die Mutter kam aus der Seitentr heraus,
sie war in der Kche gewesen, und sie sah zum Berge hinauf, als sie ber
den Hof ging, um den Hhnern Futter zu bringen; sie sah noch einmal
hinauf und summte vor sich hin. Er setzte sich und wartete; das Gestrpp
um ihn war so dicht geworden, da er nicht drber wegsehen konnte, aber
er lauschte auf das kleinste Gerusch. Erst waren es nur Vgel, die
aufflatterten und ihn neckten, dann ein Eichktzchen, das von Baum zu
Baum sprang. Schlielich knackte es weiter hinten, und nach einem
Weilchen knackte es wieder. Er stand auf, das Herz klopfte ihm, und das
Blut scho ihm ins Gesicht. Da raschelte es in den Bschen dicht neben
ihm, aber es war nur ein groer zottiger Hund, der ihn anblickte, auf
drei Beinen stehen blieb und sich nicht rhrte. Das war der Hund vom
Oberen Heidehof, und dicht hinter ihm knackte es wieder; der Hund drehte
den Kopf und wedelte mit dem Schwanz; da kam Margit.

Ein Busch hakte sich in ihrem Kleide fest, sie drehte sich um und machte
ihn los, und dann erst konnte er sie sehen. Ihr Kopf war unbedeckt und
das Haar aufgesteckt, wie es die Mdchen an Werktagen tragen; sie hatte
ein grobes kariertes Kleid an ohne rmel und um den Hals nur einen
umgelegten Leinenkragen; sie hatte sich geradenwegs von der Feldarbeit
fortgeschlichen und hatte sich nicht erst putzen knnen. Jetzt sah sie
schrg in die Hhe und lchelte; die weien Zhne und die
halbgeschlossenen Augen blitzten. So stand sie ein Weilchen da und
zupfte an ihrem Kleide, dann aber kam sie auf ihn zu und wurde rter bei
jedem Schritt. Er ging ihr entgegen und nahm ihre Hand in seine beiden.
Sie sah zu Boden, und so standen sie einander gegenber.

"Ich dank' Dir fr all Deine Briefe", war das erste, was er sagte, und
als sie da ein klein bichen aufsah und lachte, merkte er, da sie das
lustigste Hexlein war, dem man je im Walde begegnen konnte; aber doch
war er befangen, und sie war es nicht minder. "Wie gro Du geworden
bist!" sagte sie und meinte eigentlich etwas ganz anderes. Sie wagte
allmhlich, ihn genauer anzusehen und lachte immer mehr, und er lachte
auch, aber sie sagten kein Wort. Der Hund hatte sich an den Abhang
gesetzt und schaute auf das Gehft hinunter. Tore sah den Hundekopf vom
Wasser aus und konnte sich absolut nicht denken, was das da oben auf dem
Berge wohl sein knnte.

Die beiden aber hatten sich jetzt losgelassen und fingen bei kleinem zu
erzhlen an. Und als er erst angefangen hatte, kam er bald so ins
Fahrwasser, da sie ber ihn lachen mute. "Ja, siehst Du, das ist immer
so, wenn ich mich so freue, so richtig freue, siehst Du; und als
zwischen uns beiden alles gut wurde, da war's, als wenn ein Schlo in
mir aufsprang, aufsprang, siehst Du." Sie lachte. Nach einer Weile sagte
sie: "Die Briefe, die Du mir geschrieben hast, kann ich alle beinah
auswendig."--"Ich Deine auch! Aber Du hast immer nur so kurz
geschrieben."--"Weil Du immer so lange Briefe haben wolltest."--"Und
wenn ich wollte, wir sollten mehr von dem einen schreiben, dann rcktest
Du immer aus."--"Ich bin am hbschesten, wenn man blo den Schwanz
sieht", sagt die Waldhexe.--"Aber Du hast mir nie geschrieben, wie Du
Jon Hatlen losgeworden bist."--"Ich hab' gelacht."--"Was?"--"Gelacht;
weit Du nicht, was lachen ist?"--"Doch, lachen kann ich."--"Mach' mal
vor!"--"Na, so was! Ich mu doch erst was zum Lachen haben."--"Das
brauche ich nicht, wenn ich glcklich bin."--"Bist Du jetzt glcklich,
Margit?"--"Lache ich denn etwa?"--"Ja, das tust Du!"--Er fate ihre
beiden Hnde und schlug sie ineinander, klatsch, klatsch, und sah sie
dabei an. Da fing der Hund zu knurren an, seine Borsten strubten sich,
und er bellte nach unten, lauter und lauter, zuletzt ganz wtend. Margit
lief erschrocken weg, yvind aber trat vor und sah hinunter. Das Bellen
galt seinem Vater; er stand unten dicht am Berge, die Hnde in den
Taschen und sah zu dem Hund hinauf. "Du bist auch da oben? Was hast Du
denn da fr einen verrckten Kter?"--"Das ist ein Hund vom Heidehof",
antwortete yvind etwas verlegen. "Wie zum Teufel kommt der da
hin?"--Die Mutter aber sah aus dem Kchenfenster, denn sie hatte den
frchterlichen Lrm gehrt; sie ahnte den Zusammenhang, lachte und
sagte: "Der Hund treibt sich immer hier herum; das ist weiter nichts
Besonderes."--"Das ist aber ein ganz gefhrlicher Hund."--"Er ist nicht
so schlimm, wenn man ihn streichelt", sagte yvind und liebkoste den
Hund; da wurde er still,--er knurrte nur noch. Der Vater kehrte arglos
um, und die beiden waren vor Entdeckung sicher.

"Das ging noch gut ab", sagte Margit, als sie wieder zusammen
waren.--"Es kommt noch schlimmer, meinst Du?"--"Ich wei, da uns jemand
belauern wird."--"Dein Grovater?"--"Natrlich."--"Aber er soll uns
nichts anhaben!"--"Nicht so viel."--"Versprichst Du mir das?"--"Ja, das
verspreche ich, yvind."--"Wie hbsch Du bist, Margit!"--"Das sagte der
Fuchs auch zum Raben und stahl ihm den Kse."--"Ich will eben den Kse
auch gern haben."--"Du kriegst ihn aber nicht."--"Ich nehme ihn mir
aber." Sie drehte den Kopf weg, und er bekam den Kse nicht. "Jetzt will
ich Dir mal was sagen, yvind!" sie sah ihn von der Seite an.
"Nun?"--"Wie hlich Du geworden bist!"--"Du wirst mir den Kse trotzdem
geben."--"Nein, das werde ich nicht", und sie wandte sich wieder ab.

"Ich mu jetzt gehen, yvind."--"Ich begleite Dich."--"Aber nur durch
den Wald; nachher kann Grovater Dich sehen."--"Ja, nur durch den Wald.
Aber warum lufst Du denn so?"--"Wir knnen hier doch nicht
nebeneinander gehen."--"Aber dann ist es doch keine Begleitung!"--"So
fang mich doch!"--Sie lief davon, er hinterher, bald blieb sie hngen,
und er fing sie.--"Habe ich Dich jetzt fr immer gefangen, Margit?" er
hatte den Arm um sie gelegt.--"Ich glaube", sagte sie leise und lachte,
aber dann errtete sie und wurde ernst. "Jetzt mu es aber gehen",
dachte er, und er zog sie an sich und wollte sie kssen; doch sie
steckte den Kopf unter seinen Arm, lachte und lief ihm davon. Zwischen
den letzten Bumen blieb sie aber stehen. "Wann treffen wir uns wieder?"
fragte sie leise. "Morgen, morgen", rief er ebenso zurck. "Ja,
morgen!"--"Leb' wohl!" sie lief weiter. "Margit!" sie stand still.--"Du,
das war fein, da wir uns zuerst oben auf dem Berge trafen."--"Ja, das
war's!" und sie lief wieder weiter. Er sah ihr lange nach; der Hund lief
ihr voran und bellte, sie hinterher und beschwichtigte ihn. Er kehrte
um, nahm seine Mtze und warf sie in die Luft, fing sie und warf sie
noch einmal in die Hhe. "Jetzt, glaube ich, wirklich, ich fange an,
froh zu werden", sagte der Bursch und ging singend heimwrts.




Zehntes Kapitel


Eines Nachmittags gegen Ende des Sommers, als die Mutter mit einer Magd
Heu zusammenrechte, und der Vater und yvind es einbrachten, kam ein
barfiges, barhuptiges Brschchen den Hgel hinuntergesprungen, lief
ber die Wiese auf yvind zu und gab ihm einen Zettel. "Du kannst fein
laufen", sagte yvind. "Ich krieg's auch bezahlt", antwortete der Junge.
Auf die Frage, ob er Antwort haben wolle, sagte er nein und trat
schleunigst den Rckzug ber den Berg an, denn es komme einer hinter ihm
her, sagte er. yvind machte mit vieler Mhe das Zettelchen auf; es war
in einen Streifen zusammengefaltet, dann geknifft und dann zugesiegelt,
und auf dem Zettel stand:

"Jetzt ist er im Anmarsch; aber es geht langsam. Lauf in den Wald und
versteck' Dich!

Die Bewute."

"Nein, das tu' ich nicht", dachte yvind und sah trotzig nach dem Hgel
hinauf. Es dauerte auch nicht lange, da kam ein alter Mann dort oben zum
Vorschein, verpustete sich, ging ein paar Schritte und verpustete sich
wieder. Tore und seine Frau hielten mit der Arbeit inne und blickten
hinauf. Tore lchelte, seine Frau aber wechselte die Farbe. "Kennst Du
den?"--"Ja, den soll man wohl kennen."

Vater und Sohn fingen wieder an, ihr Heu einzutragen, und yvind wute
es so einzurichten, da sie immer hintereinander hergingen. Der Alte
oben auf dem Hgel kam langsam heran wie ein schwerer Wolkenschauer von
Westen. Er war sehr gro und stark; weil er schlimme Fe hatte, mute
er mhsam Schritt fr Schritt am Stock gehen. Er war jetzt schon so
dicht dabei, da sie ihn deutlich sehen konnten; er stand still, nahm
die Mtze vom Kopf und wischte sich mit einem Taschentuch den Schwei
ab. Sein Kopf war ganz kahl; er hatte ein rundes, runzliges Gesicht,
kleine lebhafte, zwinkernde Augen, buschige Brauen und noch alle Zhne
im Mund. Seine Stimme war scharf und kreischend, als gehe sie ber Stock
und Stein; doch ab und zu verweilte sie so recht behaglich auf dem r,
schnarrte es ein paar Ellen lang und machte zugleich einen mchtigen
Sprung. Er hatte in seiner Jugend fr einen lustigen, etwas heibltigen
Menschen gegolten; auf seine alten Tage war er durch mancherlei
Unannehmlichkeiten mitrauisch und jhzornig geworden.

Tore und sein Sohn muten noch verschiedene Male hin und her pendeln,
bis Ole herangestelzt kam; sie wuten beide, da er nichts Gutes im
Schilde fhrte, aber um so drolliger war es, da er nur so langsam
herankam. Sie muten beide ganz ernste Gesichter machen und ganz leise
sprechen; doch auf die Dauer wirkte das komisch. Ein einziges zndendes
Wort kann unter solchen Umstnden zum Lachen reizen, zumal wenn mit dem
Lachen eine Gefahr verbunden ist. Als er schlielich blo noch ein paar
Klafter weit fort war, die aber kein Ende nehmen wollten, sagte yvind
trocken und leise: "Der Mann mu schwere Ladung haben", und mehr war
nicht ntig. "Ich glaube, Du bist nicht recht klug", flsterte der
Vater, dem das Lachen nahe war.--"Hm, hm", rusperte sich Ole auf der
Hhe. "Er bringt schon seine Kehle in Ordnung", flsterte Tore. yvind
kniete vor dem Heuhaufen hin, grub das Gesicht hinein und lachte; auch
sein Vater bckte sich hinunter. "Komm in die Scheune", flsterte er,
lud sein Heu auf und trabte davon; yvind bog sich vor Lachen, nahm auch
ein kleines Bndel, lief hinterher und warf sich auf die Tenne nieder.
Der Vater war ein ernster Mann; aber brachte ihn einer zum Lachen, dann
gluckste es erst ein bichen in ihm, und dann kamen lange, abgebrochene
Triller, bis sie sich zu einem einzigen langen Brllton vereinigten,
worauf dann Welle auf Welle mit immer lngerem Schnaufen hervorbrach.
Jetzt war er ins Fahrwasser gekommen; der Sohn lag auf dem Boden, der
Vater stand dabei, und beide lachten, da es schallte. Sie hatten immer
mal zwischendurch solchen Lachtag; aber "diesmal kommt es sehr
ungelegen", sagte der Vater. Schlielich wuten sie gar nicht, was
werden sollte, denn der Alte mute ja inzwischen da sein. "Ich gehe
nicht 'raus," sagte der Vater, "ich habe nichts mit ihm zu
schaffen."--"Ja, dann geh' ich auch nicht", sagte yvind.--"Hm--hm",
hrten sie es drauen vor der Scheune. Der Vater drohte dem Burschen mit
der Faust: "Du machst, da Du 'rauskommst!"--"Ja, geh Du
voran!"--"Willst Du gleich hingehen!"--"Ja, geh voran!" und sie klopften
sich gegenseitig die Rcke ab und gingen mit ernsten Mienen hinaus. Als
sie unten an die Scheunenbrcke kamen, sahen sie Ole an der Kchentr
stehen, als besinne er sich; er hatte Mtze und Stock in einer Hand und
trocknete sich mit dem Taschentuch den Schwei von dem kahlen Schdel
und zupfte auch die Borsten hinter den Ohren und im Nacken zurecht, da
sie wie Stacheln abstanden. yvind hielt sich dicht hinter dem Vater;
dieser mute also stehen bleiben, und um endlich ein Ende zu machen,
sagte er mit sehr ernstem Gesicht: "Na, alte Leute noch auf den Beinen?"
Ole drehte sich um, sah ihn scharf an und setzte die Mtze zurecht, bis
er antwortete: "Ja, scheint so!"--"Du bist gewi mde; willst Du nicht
hereinkommen?"--"Ach, ich ruhe mich hier im Stehen aus; mein Geschft
dauert nicht lange."--Da klinkte jemand die Kchentr auf, zwischen der
Frau in der Tr und Tore stand der alte Ole, den Mtzenschirm tief ber
die Augen gezogen; denn seit er kein Haar mehr hatte, war ihm die Mtze
zu gro geworden. Um sehen zu knnen, bog er den Kopf ganz hintenber;
den Stock hielt er in der rechten Hand, die linke stemmte er in die
Seite, wenn er nicht damit gestikulierte; aber auch dann streckte er sie
nur halb von sich und lie sie in dieser Stellung, um gewissermaen
seiner Wrde nichts zu vergeben. "Ist das Dein Sohn, der da hinter Dir
steht?" fragte er mit rauher Stimme. "Ich denke."--"yvind heit er,
nicht?"--"Ja, er heit yvind."--"Er ist auf einer Ackerbauschule da
unten im Sden gewesen?"--"So was war's ja wohl."--"Na, das Mdel, meine
Grotochter, die Margit, ja, die ist jetzt ganz verrckt
geworden."--"Das wr' schlimm."--"Sie will nicht heiraten."--"Na
nu?"--"Sie will keinen von den Bauernshnen, die sich um sie
bemhen."--"Ach so!"--"Aber der da ist schuld dran."--"Soo?"--"Er hat
ihr den Kopf verdreht; ja, der da, Dein Sohn yvind."--"Teufel
auch!"--"Siehst Du, ich mag nicht, da mir einer meine Pferde stiehlt,
wenn ich sie in die Koppel bringe, und ich mag auch nicht, da mir einer
meine Tchter nimmt, wenn ich sie zum Tanz lasse, das mag ich ganz und
gar nicht."--"Nein, das versteht sich!"--"Ich kann nicht
hinterherlaufen; ich bin alt, ich kann nicht immerzu aufpassen."--"Nein,
nein!"--"Siehst Du, bei mir mu alles seine Art haben; hier mu der
Hauklotz stehen, und da die Axt liegen, und da das Messer, und da soll
gekehrt werden, und da sollen sie das Holz hinwerfen, nicht vor die Tr,
da in die Ecke, ja gerade dahin und nirgends anders. Ebenso: wenn ich zu
ihr sage: nicht der, sondern jener,--dann soll es eben auch der
sein--und nicht jener!"--"Ganz richtig."--"Aber so ist das nicht; drei
Jahre lang hat sie nein gesagt, und seit drei Jahren knnen wir uns
nicht mehr vertragen. Das ist schlimm; und wenn der da schuld dran ist,
so kann ich ihm sagen, da Du, sein Vater, es hrst: es ntzt ihm alles
nichts; es ist Schlu."--"Ja, ja." Ole sah Tore eine Weile an, dann
sagte er: "Du bist ja so kurz angebunden."--"Lnger ist die Wurst eben
nicht!"

Da mute yvind lachen, obwohl ihm eigentlich nicht danach zumut war.
Aber bei freudigen Menschen liegt die Furcht immer an der Grenze des
Lachens, und jetzt neigte er zum Lachen. "Worber lachst Du?" fragte Ole
kurz und scharf.--"Ich?"--"Lachst Du ber mich?"--"Gott bewahre!" aber
seine eigene Antwort reizte seine Lachlust noch mehr. Das sah Ole, und
er wurde ganz wtend. Tore und yvind wollten es wieder gut machen durch
ein ernstes Gesicht, und sie baten ihn, mit hineinzukommen; aber ein
dreijahrelanger rger mute sich Luft machen, und der lie sich nicht
eindmmen. "Du brauchst mich nicht zum Narren zu halten," fing er an,
"ich bin in meinem Recht; ich sorge fr das Glck meiner Enkelin, so gut
ich es verstehe, und das Gefeixe eines Lmmels soll mich nicht hindern.
Man zieht keine Mdels gro, um sie in die erste beste Kate, die sich
auftut, hinzugeben, und man steht nicht vierzig Jahre lang einem Hof
vor, um das alles dem ersten besten an den Hals zu werfen, der dem Mdel
den Kopf verdreht. Meine Tochter jammerte und wehklagte so lange, bis
sie an einen Landstreicher verheiratet war, der sie alle beide zu Tode
soff, und ich mute das Kind zu mir nehmen und den Spa bezahlen; aber
gnade Gott, wenn es mit meiner Grotochter ebenso gehen sollte, jetzt
weit Du's.--Ich will Dir sagen, so wahr ich Ole Nordistuen vom Heidehof
bin, eher wird der Pfarrer das Hexenvolk im Walde von Norddal trauen,
ehe er Margit und Dich, Du Scheusal, aufbieten soll.--Du willst wohl
alle anstndigen Freier vom Hof weggraulen? Versuch's nur und komm, dann
fliegst Du den Berg 'runter, da Dir die Schuhe um die Ohren schlagen.
Du Affenkerl! Du glaubst wohl, ich wei nicht, was Ihr denkt, Du und
das Mdel,--Ihr denkt, der alte Ole Nordistuen wird bald die Nase in die
Luft strecken da drauen auf dem Kirchhof--und dann--hast du nicht
gesehen--wollt Ihr vor den Altar. Ich habe jetzt sechsundsechzig Jahre
gelebt und ich will Dir zeigen, Bengel, da ich lebe, bis Ihr alle beide
die Gelbsucht darber kriegt! Meinetwegen kannst Du Dich wie Neuschnee
ums Haus legen, aber nicht mal ihre Fusohlen wirst Du zu sehen
bekommen, denn ich schick' sie weg; ich schicke sie wohin, wo sie sicher
ist; dann kannst Du hier ja wie 'ne Lachmve 'rum flattern und Dich mit
Regen und Nordwind verheiraten. Und weiter habe ich Dir nichts zu sagen;
aber jetzt kennst Du, sein Vater, meine Ansicht, und wenn Du sein Bestes
willst, das hier auf dem Spiel steht, dann sorg' dafr, da er den Flu
so grbt, wie das Wasser laufen kann; ber mein Eigentum geht kein
Weg."--Er ging mit kleinen, raschen Schritten zurck, wobei er den
rechten Fu etwas hher hob als den linken und leise vor sich
hinschimpfte.

Die Zurckbleibenden waren pltzlich sehr ernst geworden; eine bse
Ahnung hatte sich in ihr Lachen und Scherzen gemischt, und still war's
einen Augenblick im Hause wie nach einem groen Schrecken. Die Mutter,
die in der Kchentr alles mitangehrt hatte, sah yvind bekmmert an;
die Trnen waren ihr nahe, aber sie wollte ihm das Herz nicht durch
irgend ein Wort noch schwerer machen. Als sie alle schweigend
hineingegangen waren, setzte sich der Vater ans Fenster und sah Ole mit
tiefernsten Blicken nach. yvinds Augen hingen an jeder seiner Mienen,
denn mit dem ersten Wort, das er sprechen wrde, mute sich die Zukunft
der beiden jungen Menschen entscheiden. Setzte Tore sein Nein gegen das
Oles, so war kaum daran vorbeizukommen. Seine Gedanken liefen gengstigt
von einem Hindernis zum andern; er sah einen Augenblick nichts als
Armut, Widrigkeiten, Miverstndnisse und gekrnktes Ehrgefhl, und
alles wankte und wich vor seinen Augen. Seine Unruhe wuchs, weil die
Mutter so dastand, die Hand an der Klinke der Kchentr, ungewi, ob sie
den Mut finden wrde, dazubleiben und die Aussprache abzuwarten, bis sie
zuletzt alle Courage verlor und hinausschlich. yvind sah unverwandt
seinen Vater an, dessen Auge scheinbar nicht wieder in die Stube
zurckfinden konnte; der Sohn wagte nichts zu sagen, denn der andere
mute erst mit seinen Gedanken zu Ende sein. Aber gerade jetzt hatte
seine Seele den Kreis der Angst durchlaufen und raffte sich wieder auf:
"niemand als Gott allein vermag uns schlielich zu trennen", dachte er
bei sich selbst und blickte auf die gerunzelten Brauen seines
Vaters;--jetzt kam's wohl bald. Tore seufzte schwer, erhob sich, sah auf
und begegnete dem Blick seines Sohnes. Er blieb stehen und sah ihn lange
an.--"Mein Wille wre, da Du von ihr lieest, denn man soll sich nie
etwas erbetteln oder ertrotzen. Willst Du aber nicht von ihr lassen, so
kannst Du mir's gelegentlich sagen; vielleicht kann ich Dir dann
helfen." Er ging an seine Arbeit, und sein Sohn folgte ihm.

Am Abend aber war yvind mit seinem Plan im reinen; er wollte sich um
die Stelle des Amtsagronomen bewerben und den Direktor und den
Schulmeister bitten, ihm dabei behilflich zu sein. "Bleibt sie fest,
dann werde ich sie mir mit Gottes Hilfe durch meine Arbeit erringen."

Er wartete diesen Abend vergebens auf Margit, aber er sang, whrend er
dort auf- und abging, sein Lieblingslied:

    Hoch den Kopf, du frischer Gesell!
    Schwand eine Hoffnung, wird dir schnell
    Vor Augen die neue glhen
    Und flugs entflammen und sprhen.

    Hoch den Kopf, blicke weit und frei!
    Etwas ist da, das ruft: "komm herbei!"
    Mit tausend Zungen, die preisen
    Den Frohmut in sieghaften Weisen.

    Hoch den Kopf; denn im Herzensgrund
    Blauet auch dir ein Himmelsrund,
    Drin Jubelchre und Schwingen
    Bei Harfenakkorden klingen.

    Hoch den Kopf und sing es heraus!
    Nie erstickst du des Frhlings Braus;
    Doch, wo die Krfte gren,
    Da treiben die Halme bald hren.

    Hoch den Kopf, la Paten dir fein
    Droben die Hoffnungsstrahlen sein,
    Die Welten umwlben, die beben
    In jedem Fnklein Leben.




Elftes Kapitel


In der Mittagspause war's; auf den groen Heidehfen schliefen die
Leute. Das Heu lag auf den Wiesen aufgeworfen und die Rechen staken in
der Erde. Vor dem Scheunentor standen die Heuwagen, das abgezumte
Sattelzeug lag daneben, und die Pferde waren eine Strecke weiter
angebunden. Auer ihnen und ein paar Hhnern, die auf die cker
hinausgelaufen waren, war weit und breit kein lebendes Wesen zu sehen.

In dem Felsen jenseits der Hfe war eine Kluft; von da fhrte der Weg zu
den Heidehofalmen, groen, grasreichen Hochebenen. Oben in der Kluft
stand heut ein Mann und hielt Umschau, als warte er auf jemand. Hinter
ihm war ein kleiner Bergsee, wo der Bach entsprang, der die Kluft in den
Felsen gegraben hatte; um diesen See herum fhrten zu beiden Seiten die
Viehsteige nach den Almen hinber, die man in der Ferne sehen konnte.
Jodeln und Geklff klang zu ihm hin, die Kuhglocken luteten auf den
Hhen; denn die Khe rasten umher und wollten Wasser, und Hunde und
Hirten versuchten vergeblich, sie zusammenzutreiben. Die Khe machten
die wunderlichsten Grimassen und Sprnge und liefen mit kurzem,
wtendem Gebrll und hocherhobenem Schweif gerade in den See hinein; da
blieben sie stehen; ihre Glocken luteten bei jeder Kopfbewegung ber
den See hin. Die Hunde tranken auch, aber sie blieben am Lande stehen,
und die Hirten kamen hinterdrein und setzten sich auf den warmen glatten
Felsen. Da holten sie ihr Vesperbrot heraus, tauschten es gegenseitig
aus, prahlten mit ihren Hunden, ihren Ochsen und ihrer Herrschaft, zogen
sich dann aus und sprangen zu den Khen ins Wasser. Die Hunde wollten
nicht mit; sie schlichen trge umher mit hngendem Kopf und brennenden
Augen, und die Zunge hing ihnen aus der Schnauze. Rings auf den Hngen
war kein Vogel zu sehen, kein Laut zu hren auer dem Geplauder der
Mgde und dem Luten der Glocken; das Gras war verdorrt und versengt;
die Sonne brannte auf die Halden, da alles in der Hitze erstickte.

yvind war's, der da oben in der Mittagssonne sa und wartete. Er sa in
Hemdrmeln dicht am Bach, der aus dem See herauskam. Noch immer war auf
dem ganzen Heidehof keiner zu sehen, und allmhlich wurde ihm ngstlich
zumute; da kam pltzlich ein groer Hund schwerfllig auf Nordistuen aus
einer Tr, und hinter ihm ein Mdchen in Hemdrmeln. Sie lief ber die
Wiesen den Berg hinan; er hatte groe Lust, ihr zuzujauchzen, aber er
wagte es nicht. Er behielt aufmerksam den Hof im Auge, ob auch keiner
komme und sie sehe, aber schon war sie in Sicherheit, und er sprang ein
paarmal ungeduldig auf.

Dann war sie endlich mhsam am Bach heraufgeklommen, der Hund dicht vor
ihr schnupperte in der Luft; sie hielt sich am Gebsch fest, aber ihre
Schritte wurden immer mder. yvind lief ihr entgegen, der Hund knurrte,
wurde aber gleich zum Schweigen gebracht; als Margit ihn kommen sah,
setzte sie sich rot wie Blut, mde und abgespannt von der Hitze auf
einen groen Stein. Er schwang sich auf den Stein neben sie. "Ich danke
Dir, da Du kommst."--"Aber die Hitze und dieser Weg! Hast Du lange
gewartet?"--"Nein! Wenn man uns abends aufpat, mssen wir eben die
Mittagsstunde ausnutzen. Aber ich denke, fortan brauchen wir nicht mehr
so heimlich und umstndlich zu verfahren; ich wollte mit Dir darber
reden."--"Nicht heimlich?"--"Ich wei ja, Dir gefllt gerade das
Heimliche am besten; aber Mut magst Du doch auch zeigen. Ich habe heute
viel mit Dir zu besprechen, und Du mut gut zuhren."--"Ist es wahr, da
Du Amtsagronom werden willst?"--"Ja, und ich werde es auch erreichen.
Ich habe dabei eine doppelte Absicht, erstens die, eine Stellung zu
bekommen, auerdem aber und vor allen Dingen, etwas zu erreichen, was
Deinem Grovater auffallen mu. Es trifft sich so glcklich, da die
meisten Bauern hier auf den Heidehfen junge Leute sind, die
Verbesserungen einfhren mchten und dazu Hilfe brauchen; Geld haben sie
auch. Da fange ich an; ich bringe alles in Ordnung, von ihren Kuhstllen
an bis zu ihren Wasserleitungen; ich werde Vortrge halten und arbeiten
und den Alten sozusagen durch gute Taten bekehren."--"Das ist fein;
weiter, yvind!"--"Ja, das andere betrifft uns beide. Du darfst nicht
fort."--"Wenn er es aber befiehlt?"--"Und nichts mehr verheimlichen was
uns beide angeht."--"Und wenn er mich qult?"--"Wir erreichen nmlich
mehr und knnen uns besser schtzen, wenn wir alles ffentlich tun. Wir
wollen gerade vor aller Leute Augen zusammen sein, damit sie davon
reden, wie lieb wir uns haben; um so eher wnschen sie, da es uns gut
geht. Du darfst nicht fort. Es ist immer eine Gefahr in der Trennung,
und es kann allerhand Klatsch dazwischen kommen. Im ersten Jahr glaubt
man's nicht, aber nachher im zweiten leuchtet es einem so allmhlich
ein. Wir beide wollen uns einmal in der Woche treffen und alles Bse
hinweglachen, das man zwischen uns sen will; wir treffen uns auch beim
Tanz und treten den Takt, da es nur so klappt, whrend alle unsere
Verleumder um uns herumsitzen. Wir treffen uns in der Kirche und nicken
uns zu, da auch die es sehen, die uns hundert Meilen auseinander haben
mchten. Macht einer einen Vers auf uns, dann setzen wir uns hin und
versuchen, eine Antwort drauf zu machen; das wird schon gehen, wenn wir
uns gegenseitig helfen. Keiner kann uns was anhaben, wenn wir
zusammenhalten und den Leuten auch zeigen, da wir es tun. Unglcklich
in der Liebe knnen blo die furchtsamen Leute sein oder die Schwachen
und Kranken und die Berechnenden, die immer auf eine bestimmte
Gelegenheit warten, oder die Schlauen, die schlielich sich an ihrer
eigenen Schlauheit verbrennen, oder die Sinnlichen, die sich nicht so
lieb haben, da sie Stand oder Unterschied darber vergessen,--die
verkriechen sich, schreiben Briefe, beben bei jedem Wort und am Ende
halten sie diese Angst, diese bestndige Unruhe und das Prickeln im Blut
fr Liebe, fhlen sich unglcklich und zergehen wie Zucker. Pah, wenn
die sich richtig lieb htten, so htten sie eben keine Angst; dann
wrden sie lachen und, offen in jedem Lcheln und jedem Wort,
geradenwegs auf die Kirchtr zugehen. Ich habe darber in den Bchern
gelesen und habe es selbst mit angesehen: mit der Liebe, die auf
Schleichwegen geht, ist's jmmerlich bestellt. Die Liebe mu in
Heimlichkeit beginnen, weil sie in Scheu beginnt,--aber leben mu sie in
Offenheit, weil sie in Freude lebt. Das ist wie beim jungen Laub. Was
wachsen will, das kann sich auch nicht verbergen, und immer wirst Du
bemerken, da alles Drre am Baum in derselben Stunde abfllt, da das
Laub knospen und keimen will. Einer, ber den die Liebe kommt, wirft
alles hin, was er an altem toten Kram noch festhielt; die Sfte
schwellen und treiben, und das sollte man nicht merken? Hei, Mdel, die
sollen sich mitfreuen, wenn sie uns frhlich sehen. Zwei Brautleute, die
sich treu bleiben, sind eine Wohltat fr das Volk, denn sie schenken ihm
ein Gedicht, das ihre Kinder zur Schande der unglubigen Eltern
auswendig lernen. Ich habe von vielen solchen Gedichten gelesen; auch
hier im Gau leben welche im Volksmund, und eben die Kinder derer, die
einst alles Schlimme verschuldet haben, erzhlen jetzt davon und weinen
darber. Ja, Margit, jetzt wollen wir uns die Hand geben,--so, ja, und
dann wollen wir uns versprechen, zusammenzuhalten,--so, ja, und dann
wird's schon gehen, hurra!--" Er wollte sie beim Kopf fassen, aber sie
drehte den Kopf zur Seite und lie sich vom Stein heruntergleiten.

Er blieb sitzen; sie kam zurck, sttzte die Arme auf seine Knie und sah
zu ihm auf, whrend sie mit ihm sprach. "Hr' mal, yvind, wenn er nun
will, ich soll fort, was dann?"--"Dann sagst Du nein, frei
heraus."--"Geht denn das, Schatz?"--"Er kann Dich doch nicht selbst auf
den Wagen setzen!"--"Wenn er das auch nicht gerade tut, so hat er doch
viele andere Mittel, wodurch er mich zwingen kann."--"Das glaube ich
nicht; Gehorsam bist Du ihm freilich schuldig, solange er keine Snde
von Dir verlangt; aber Du hast auch die Pflicht, ihm frei heraus zu
sagen, wie schwer es diesmal fr Dich ist, gehorsam zu sein. Ich meine,
er kommt zur Vernunft, wenn er das sieht; jetzt glaubt er eben noch wie
die meisten, es ist blo Kinderei. Zeige ihm, da es mehr ist."--"Mit
ihm ist ja nicht zu spaen. Er bewacht mich wie 'ne angebundene
Ziege."--"Du reit Dich aber ein paarmal am Tage los."--"Das ist nicht
wahr."--"Doch, immer wenn Du heimlich an mich denkst, reit Du Dich
los."--"Ja dann. Aber weit Du denn bestimmt, da ich so oft an Dich
denke?"--"Sonst wrst Du ja nicht hier."--"Aber Du hast mir doch sagen
lassen, ich solle kommen."--"Du gingst aber doch, weil Deine Gedanken
Dich dazu trieben!"--"Nein, blo weil das Wetter so schn war."--"Du
sagtest vorhin, es sei zu hei."--"Zum Bergauf gehen, ja; aber bergab
nicht."--"Warum gingst Du denn hinauf?"--"Um wieder hinunterlaufen zu
knnen!"--"Warum hast Du das nicht schon lange getan?"--"Weil ich mich
erst ausruhen mute."--"Und mit mir von Liebe reden?"--"Ich konnte Dir
doch die Freude machen, zuzuhren."--"Beim Vogelsang."--"Wo alles
ruht."--"Und beim Glockenklang."--"In Waldeshut."

In diesem Augenblick sahen die beiden Margits Grovater auf den Hof
gehumpelt kommen und nach der Glocke gehen, um die Leute
zusammenzurufen. Die Leute kamen aus Scheunen, Schuppen und Husern
heraus, gingen schlfrig hin zu den Pferden oder den Rechen, verteilten
sich ber das Feld, und nach einer Weile war alles wieder Leben und
Arbeit. Nur der Grovater ging von einem Haus ins andere und zuletzt auf
die hchste Scheunenbrcke hinauf und hielt Umschau. Ein kleiner Junge
kam auf ihn zugesprungen, wahrscheinlich hatte er ihn gerufen. Der Junge
lief dann wahrhaftig nach der Richtung hin, wo Pladsen lag, der
Grovater ging inzwischen rund ums Gehft und blickte dabei hufig in
die Hhe; ihm dmmerte wohl, da das Schwarze da oben auf dem "Groen
Stein" Margit und yvind seien. Und wieder war Margits groer Hund
hinderlich. Er sah ein fremdes Pferd auf den Heidehof einbiegen, und da
er dachte, es gehre zu seinem Geschft als Hofhund, fing er aus
Leibeskrften zu bellen an. Sie suchten den Hund zu beschwichtigen, aber
er war wtend geworden und wollte nicht aufhren, unten stand der
Grovater und starrte in die Luft. Aber es wurde noch schlimmer, denn
die Hunde von der Alm hrten mit Verwunderung die fremde Stimme und
kamen herzugelaufen. Als sie sahen, da es ein groer, wolfhnlicher
Riese war, verbndeten sich die zottigen Finnenhunde gegen diesen einen;
Margit bekam solche Angst, da sie ohne Adieu davonlief; mitten auf dem
Schlachtfeld stand yvind und trat und schlug um sich, aber sie
flchteten nur vom Kampfplatz, um sich unter grausigem Geheul und
Geklff ein Stck weiter wieder zusammenzurotten; er wieder hinter ihnen
her, und so zogen sie allmhlich zum Bachabhang hin; da lief er schnell
hinzu, und die Folge war, da sie alle miteinander ins Wasser purzelten,
gerade an einer Stelle, wo es ordentlich tief war; da rannten sie
beschmt auseinander, und so endete diese Schlacht am Walde. yvind ging
quer durch den Forst, bis er auf die Dorfstrae kam, Margit aber lief
ihrem Grovater unten am Zaun in die Arme; das hatte der Hund ihr
eingebrockt.

"Wo kommst Du her?"--"Aus dem Wald!"--"Was hast Du da gemacht?"--"Beeren
gepflckt."--"Das ist nicht wahr!"--"Nein, das ist es auch nicht!"--"Was
hast Du denn gemacht?"--"Ich habe mit einem geredet."--"Mit dem
Pladsenbengel?"--"Ja."--"Hr' mal, Margit, morgen reist
Du--"--"Nein."--"Hr' mal, Margit, ich will Dir blo eins sagen, blo
das eine: Du wirst reisen."--"Du kannst mich doch nicht selbst in den
Wagen setzen?"--"So? Kann ich das nicht?"--"Nein, denn das willst Du
nicht,"--"Will ich nicht? Hr' mal, Margit, blo zum Spa, siehst Du,
blo zum Spa will ich Dir sagen, da ich dem Lausbuben die Knochen im
Leibe entzwei schlagen werde."--"Das wagst Du aber doch nicht."--"Das
wage ich nicht? Du sagst, das wage ich nicht? Wer sollte mir wohl was
tun?"--"Der Schulmeister."--"Der Schu-Schu-Schulmeister? Denkst Du, der
kmmert sich um den?"--"Ja, der hat ihn doch auf die Ackerbauschule
geschickt."--"Der Schulmeister?"--"Der Schulmeister!"

"Hr', Margit, ich will von dem Gelaufe nichts wissen; Du sollst hier
weg. Du machst mir blo Sorge und Kummer, gerade wie Deine Mutter, blo
Sorge und Kummer. Ich bin ein alter Mann, ich will Dich gut versorgt
sehen, ich will nicht von den Leuten deswegen fr einen Narren gehalten
werden; ich will blo Dein Bestes; das mut Du doch zugeben, Margit.
Wenn es mit mir zu Ende ist, stehst Du allein da; wie wre es Deiner
Mutter ergangen, wenn ich nicht gewesen wre? Hr', Margit, sei
vernnftig--hr', was ich sage; ich will blo Dein Bestes."--"Nein, das
willst Du nicht."--"So? Was will ich denn?"--"Deinen Willen durchsetzen,
das willst Du; aber nach meinem fragst Du nicht."--"Du willst auch
schon 'nen Willen haben, Du Kiekindiewelt? Du solltest schon wissen, was
zu Deinem Besten ist, Du dummes Mdel? Ich werd' Dir mal den Stock zu
schmecken geben, ja, das werd' ich, so gro und lang Du bist. Hr',
Margit, ich will noch mal im Guten mit Dir reden. Du bist im Grunde gar
nicht so dumm--das ist blo 'ne fixe Idee von Dir. Du solltest auf mich
hren, ich bin ein alter, vernnftiger Mann. Wir wollen noch mal im
Guten drber reden; mit mir' ist gar nicht soviel los, wie die Leute
denken; ein armer lockerer Vogel hat bald mit dem bichen aufgerumt,
was ich habe; Dein Vater hat schon den Anfang damit gemacht. Man mu in
dieser Welt fr sich selbst sorgen; besser verdient es keiner. Der
Schulmeister hat gut schwatzen, der hat Geld, und der Pfarrer auch; da
ist gut predigen. Aber bei uns, die sich ums tgliche Brot qulen
mssen, ist das ganz was andres. Ich bin alt und habe viel erfahren und
gesehen. Liebe, siehst Du, ist ja ganz schn, wenn man davon redet, aber
sonst ist sie nichts wert; das ist blo was fr die Geistlichen und fr
solche Leute--die Bauern mssen die Sache anders anpacken. Erst das
Essen, siehst Du, dann Gotteswort, und dann ein bichen Schreiben und
Rechnen und dann noch ein bichen Liebe, wenn es sich gerade so macht.
Aber es ntzt blutwenig, wenn man zu oberst die Liebe stellt und ans
Ende das Essen. Was sagst Du dazu, Margit?"--"Ich wei nicht."--"Du
weit nicht, was Du sagen sollst?"--"Doch, das wei ich."--"Nun,
und?"--"Soll ich es sagen?"--"Ja, natrlich sollst Du es sagen!"--"Ich
bin sehr fr die Liebe." Er stand einen Augenblick verdutzt da, dann
fielen ihm hundert hnliche Gesprche mit ganz hnlichem Ausgang ein,
und er schttelte den Kopf, drehte ihr den Rcken und ging.

Er lie seinen Zorn an den Taglhnern aus, schnauzte die Mgde an,
prgelte den groen Hund und brachte beinahe ein Hhnchen um, das aufs
Feld hinausgelaufen war; zu ihr aber sagte er nichts.

An dem Abend war Margit so frhlich, als sie zu Bett ging, da sie das
Fenster aufmachte, sich hinauslehnte, lange hinausschaute und sang. Sie
hatte ein kleines, feines Liebeslied bekommen, und das sang sie:

    Hltst du treu zu mir,
    Halt' ich treu zu dir
    Alle Tage, die mein eigen.
    Sommerzeit ging fort;
    Grn, das nun verdorrt,
    Kehrt zurck mit unserm Reigen.

    Was dein Mund einst sprach,
    Laut klingt's in mir nach.
    Wie ein Vglein auf dem Aste
    Singt und was verbricht,
    So mein Lied verspricht
    Glck in warmem Sonnenglaste.

    Litli--litli--lu!
    Kannst mich hren du,
    Deinen Liebsten hinterm Hgel?
    Menschenwort verhallt,--
    Dunkel wird's im Wald;
    Doch vielleicht gibst du mir Flgel.

    Bussi--bissi--bu!
    Klang im Lied ein Ku?
    Nein, davon ist nicht die Rede.
    Wie, du hast's gehrt?
    Bist du so betrt,
    Dann geraten wir in Fehde.

    Gute, gute Nacht!
    Trumen werd' ich sacht
    Von zwei milder Augen Strahlen,
    Von den Worten traut,
    Die sich ohne Laut
    Tricht aus der Seele stahlen.

    Kind, nun schlie ich ab;
    War es dir zu knapp?
    Kehrt mein Lied im Echo wieder
    Lockend zu mir her?
    Wolltest du noch mehr?--
    Laue Nacht sinkt still hernieder.




Zwlftes Kapitel


Ein paar Jahre sind seit dem letzten Auftritt dahingegangen.

Es ist spt im Herbste; der Schulmeister ist nach Nordistuen
hinaufgewandert, macht die Haustr auf, findet keinen, macht die nchste
Tr auf, findet wieder keinen und geht so immer weiter bis in die
hinterste Kammer des langen Gebudes. Da sitzt Ole Nordistuen ganz
allein vorm Bett und schaut auf seine Hnde.

Der Schulmeister begrt ihn, zieht sich einen Holzstuhl heran und setzt
sich Ole gegenber. "Du hast nach mir geschickt", sagt er. "Das habe
ich."

Der Schulmeister nimmt sich einen neuen Priem, sieht sich in der Kammer
um, holt sich ein Buch, das auf der Bank liegt, und blttert darin. "Was
wolltest Du denn von mir?"--"Das berlege ich mir gerade."

Der Schulmeister lt sich Zeit, holt seine Brille heraus, um den Titel
des Buches zu lesen, wischt sie ab und setzt sie auf. "Du wirst alt,
Ole."--"Ja, darber wollte ich ja gerade mit Dir reden. Es geht
rckwrts mit mir; bald liege ich flach."--"Dann sorge dafr, da Du gut
liegst, Ole."--Er macht das Buch zu und sieht aus dem Fenster.

"Das ist ein gutes Buch, was Du da in der Hand hast."--"Es ist nicht
schlecht; bist Du oft ber den Einband hinausgekommen?"--"Jetzt in der
letzten Zeit, ja--".

Der Schulmeister legt das Buch fort und steckt die Brille wieder ein.
"Dir geht es wohl nicht nach Wunsch, Ole?"--"So lang ich denken kann,
nicht."--"Ja, so ist's mir auch gegangen. Ich lebte mit einem guten
Freund in Unfrieden und dachte, er msse zu mir kommen, und solange war
ich unglcklich. Schlielich kam ich auf den Einfall, zu ihm zu gehen,
und seit der Zeit war alles gut."--Ole sieht auf und schweigt.

Der Schulmeister: "Wie findest Du denn, da es mit Deinem Hof geht,
Ole?"--"Rckwrts wie mit mir selbst."--"Wer soll ihn haben, wenn Du
nicht mehr bist?"--"Das wei ich ja eben nicht; das qult mich ja
gerade!"

"Bei Deinen Nachbarn steht es jetzt sehr gut, Ole."--"Ja, die haben ja
auch den Agronomen als Hilfe."

Der Schulmeister, der sich gleichgltig nach dem Fenster umwendet: "Du
mtest auch Hilfe haben, Ole. Sehen kannst Du nicht mehr ordentlich,
und von der neuen Landwirtschaft verstehst Du nicht viel."

Ole: "Wer sollte mir wohl helfen?"--"Hast Du schon einen darum gebeten?"
Ole schweigt.

Der Schulmeister: "Ich habe mich auch lange so mit dem lieben Gott
gestanden.--Du bist gar nicht gut gegen mich, sagte ich zu ihm.--Hast Du
mich darum gebeten? fragte er. Nein, das hatte ich nicht getan; da bat
ich denn, und seit der Zeit ist es mir recht gut gegangen."--Ole
schweigt, und da schweigt auch der Schulmeister.

Schlielich sagt Ole: "Ich habe ein Grokind; sie wei, womit sie mir
eine Freude machen knnte, ehe sie mich forttragen, aber sie tut es
nicht."--Der Schulmeister lchelt: "Vielleicht wre das fr sie keine
Freude." Ole schweigt.

Der Schulmeister: "Dich drckt allerhand, aber soweit ich es beurteilen
kann, dreht sich doch alles schlielich um den Hof."--Ole sagt leise:
"Er ist schon so lange in der Familie, und es ist guter Boden. Alles,
was Vater und Grovter zusammengerackert haben, liegt in ihm, aber
jetzt will nichts mehr gedeihen. Wenn sie mich hinausfahren, wei ich ja
nicht einmal, wer nach mir hineinfhrt. In der Familie bleibt er
nicht."--"Aber Deine Grotochter ist doch noch da."--"Wie wird aber der
Mann, der sie bekommt, mit dem Hof umgehen? Das mchte ich wissen, ehe
ich mich zur Ruhe lege. Es ist nicht mehr viel Zeit zu verlieren,
Baard,--nicht fr mich noch fr den Hof."

Sie schweigen beide; da sagt der Schulmeister: "Wollen wir nicht bei dem
schnen Wetter ein bichen an die Luft gehen?"--"Ja, das knnen wir. Auf
den Halden drauen sind Arbeiter; sie sollen Laub holen, aber sie tun
blo was, wenn ich dabeistehe." Er stolpert nach der groen Mtze und
dem Stock und sagt: "Sie mgen bei mir nicht arbeiten; ich kann das
nicht begreifen." Als sie drauen waren und ums Haus bogen, blieb er
stehen: "Hier, siehst Du? Keine Ordnung! Da ist das Holz
durcheinandergeworfen und die Axt nicht in den Block gehauen", er bckte
sich mhsam, hob sie auf und schlug sie ein. "Hier ist ein Fell
heruntergefallen; aber hat ein Mensch es wieder aufgehngt?" Er tat es
selbst. "Hier ist die Vorratsscheuer; meinst Du, sie haben die Treppe
weggenommen?" Er trug sie beiseite. Dann blieb er stehen, sah den
Schulmeister an und sagte: "So geht es einen Tag wie alle Tage."

Als sie weiter gingen, hrten sie von den Halden her frhliches Singen.
"Ach, da wird ja bei der Arbeit gesungen", sagte der Schulmeister.--"Das
ist der kleine Knut stistuen, der da singt; der holt Laub fr seinen
Vater; meine Leute arbeiten dahinten, die singen nicht."--"Das ist doch
keine von unsern Weisen?"--"Nein, das hre ich auch."--"yvind Pladsen
ist sehr viel auf stistuen gewesen; es ist wohl eins von den Liedern,
die er im Dorf eingefhrt hat--der steckt immer voll Lieder." Hierauf
kam keine Antwort.

Das Feld, ber das sie gingen, stand nicht gut; ihm fehlte die rechte
Pflege. Der Schulmeister uerte das; da blieb Ole stehen. "Ich kann das
nicht mehr machen", sagte er beinahe wehmtig. "Ohne Aufsicht werden
fremde Arbeiter zu teuer. Aber es tut weh, ber so ein Feld zu gehen,
das kannst Du mir glauben."

Als sie dann davon sprachen, wie gro der Hof sei, und wo Hilfe am
ntigsten tte, beschlossen sie, zu den Halden hinaufzugehen, von wo sie
das Ganze berblicken konnten. Als sie nach geraumer Zeit einen hohen
Punkt erreicht hatten, und das Ganze in Augenschein nahmen, wurde der
Alte wehmtig: "Ich mchte nicht gerne so abgehen; ich und meine
Vorfahren haben da unten redlich gearbeitet, aber viel ist nicht mehr
davon zu sehen."

Da klang ein Lied ber ihren Kpfen hin mit der eigentmlichen Herbheit,
die eine Knabenstimme hat, wenn sie so recht forsch drauflos singt. Sie
standen nicht weit von dem Baum, in dessen Wipfel der kleine Knut
stistuen sa und Laub fr seinen Vater pflckte, und sie lauschten:

    Willst du dich zu hohem Ziel
    Ins Gebirge wagen,
    Pack' ins Rnzlein nur so viel,
    Als sich leicht lt tragen!
    Nimm nicht mit des Tales Zwang
    In die reinen Lfte;
    Schttle ihn mit keckem Sang
    Abwrts in die Klfte!

    Vgel gren dich im Chor,
    Fern dem giftigen Brodem,
    Und mit jedem Schritt empor
    Freier wird dein Odem.
    Frohen Herzens jauchze laut;
    Kindheit, lngst vergangen,
    Nickt dir aus Gebsch und Kraut
    Zu mit roten Wangen.

    Stehst du still von Zeit zu Zeit,
    Andachtsvoll zu lauschen,
    Wird ins Ohr der Einsamkeit
    Hohes Lied dir rauschen.
    Wo ein Bach den Fels durchbricht,
    Wo ein Stein im Rollen,
    Hrst du der versumten Pflicht
    Mchtiges Donnergrollen.

    Zittre, bete, banges Herz,
    Sei zur Bue fertig!
    Heb den Blick dann gipfelwrts,
    Deines Heils gewrtig.
    Dort wie einst geht Jesus Christ,
    Wandeln die Propheten;
    Wohl dir, wenn du wrdig bist,
    Ihnen nachzutreten.

Ole hatte sich niedergesetzt und das Gesicht in den Hnden vergraben.
"Nun will ich mit Dir reden", sagte der Schulmeister und setzte sich
neben ihn.

       *       *       *       *       *

In Pladsen war yvind gerade von einer lngeren Reise nach Hause
gekommen; die Postkutsche stand noch vor der Tr, weil die Pferde
ausruhen muten. Wenn auch yvind jetzt als Amtsagronom gute Einnahmen
hatte, bewohnte er doch noch seine kleine Kammer in Pladsen und half in
seiner freien Zeit in der Wirtschaft. Auf Pladsen war eine ganz neue
Bewirtschaftung eingefhrt, aber der Hof war so klein, da yvind das
Ganze Mutters Spielzeug nannte; denn sie war es, die hauptschlich die
Landwirtschaft betrieb.

Er hatte sich gerade umgezogen, der Vater war mehlbestaubt von der Mhle
hereingekommen und hatte sich auch umgezogen. So standen sie und
berlegten, ob sie vor dem Abendbrot noch ein bichen ins Freie gehen
sollten, da kam die Mutter mit ganz blassem Gesicht herein: "Es kommt
seltener Besuch; seht doch!"--Die beiden Mnner eilten ans Fenster, und
yvind sagte gleich: "Das ist der Schulmeister und--ja, ich glaube
beinahe,--ja natrlich ist er es!"--"Ja, das ist der alte Ole
Nordistuen", sagte auch Tore und trat vom Fenster zurck, um nicht
gesehen zu werden, denn die beiden waren schon dicht vorm Hause.

yvind fing einen Blick des Schulmeisters auf, als er gerade vom Fenster
zurcktreten wollte; Baard lchelte und sah sich nach dem alten Ole um,
der auf den Stock gesttzt, mit kleinen kurzen Schritten heranstelzte,
wobei er den einen Fu immer etwas hher hob als den andern. Drauen
hrten sie den Schulmeister sagen: "Er ist wohl eben nach Hause
gekommen", worauf Ole zweimal "So--so" antwortete.

Es blieb lange still auf der Diele; die Mutter war in die Ecke hinterm
Milchschrank gekrochen. yvind stand in seiner Lieblingsstellung, mit
dem Rcken gegen den groen Tisch und dem Gesicht nach der Tr, der
Vater sa daneben. Schlielich wurde an die Tr geklopft, und herein kam
der Schulmeister und nahm seinen Hut ab, hinter ihm Ole und nahm auch
seine Mtze ab, dann drehte er sich nach der Tr um und klinkte sie ein;
er brauchte sehr lange dazu; offenbar war er verlegen. Tore stand auf
und lud die Eintretenden zum Sitzen ein; sie setzten sich nebeneinander
auf die Fensterbank, und Tore setzte sich auch wieder nieder.

Und jetzt werden wir hren, wie es bei der Werbung zuging.

Der Schulmeister: "Wir haben doch noch recht schnes Herbstwetter
bekommen."--Tore: "Ja, es hat sich die letzte Zeit gebessert."--"Jetzt
wird es sich wohl noch eine Zeitlang halten, wo der Wind umgeschlagen
ist."--"Seid Ihr da oben schon mit der Ernte fertig?"--"Noch nicht. Hier
der Ole Nordistuen--Du kennst ihn wohl--mchte, Du sollst ihm helfen,
yvind, wenn es Dir recht ist."--yvind: "Wenn es gewnscht wird, will
ich tun, was ich kann."--"Ja, er meinte aber nicht blo so
vorbergehend. Es geht mit dem Hof nicht vorwrts, findet er, und er
glaubt, es fehlt so die richtige Leitung und Aufsicht."--yvind: "Ich
bin aber so wenig zu Hause."--Der Schulmeister sieht Ole an. Der merkt,
da er jetzt ins Feuer mu; er ruspert sich ein paarmal und legt los:
"Das heit, das soll,--ja--ich meine, Du solltest fest--Du solltest, ja,
gewissermaen Deine Wohnung bei uns haben,--das heit, wenn Du nicht auf
Reisen bist."--"Schnen Dank fr das Anerbieten, aber ich bleibe lieber
hier wohnen."--Ole sieht den Schulmeister an, und der sagt: "Mit Ole
geht das heute ein bichen kraus. Die Sache ist: er ist frher schon mal
hier gewesen, und die Erinnerung daran bringt ihm die Worte ein bichen
durcheinander."--Ole rasch: "So ist es, ja; ich war damals nicht recht
gescheit; ich hab' mich solange mit dem Mdel geplagt, bis das Holz in
Splitter ging. Aber das mag vergessen sein; der Sturm knickt das Korn
um, doch ein kaltes Lftchen nicht; Regenbche knnen die groen Steine
nicht unterwhlen; Maischnee liegt nicht lange; der Donner hat noch
keinen Menschen erschlagen." Alle lachen; der Schulmeister sagt: "Ole
meint, Du sollst nicht mehr dran denken, und Du auch nicht, Tore." Ole
sieht sie an und wei nicht recht, ob er weiterreden darf. Da sagt Tore:
"Der Rosenstrauch packt mit vielen Zhnen zu und reit doch keine
Wunden. In mir wenigstens ist kein Stachel zurckgeblieben."--Ole: "Ich
kannte den Burschen damals nicht. Jetzt sehe ich: was er set, das
gedeiht; wie die Saat, so die Ernte; in seinen Fingerspitzen sitzt Gold,
und ich mchte mir ihn sichern."

yvind sieht den Vater an, der die Mutter, die von ihm zum Schulmeister
blickt, und dann schauten alle Ole an. "Ole meint, er hat einen groen
Hof--" Ole unterbricht: "Gro ist er, aber schlecht imstande; ich kann
nicht mehr recht, ich bin alt, und die Beine wollen nicht mehr mit. Aber
es lohnt sich, da oben anzupacken."--"Gut und gern der grte Hof im
ganzen Kreise", fllt der Schulmeister ein.--"Der grte Hof im ganzen
Kreise; das ist aber gerade das Elend; wenn die Schuhe zu gro sind,
verliert man sie; es ist recht schn, wenn das Gewehr gut ist, aber man
mu auch damit umzugehen wissen. (Mit einer raschen Wendung zu yvind:)
Mchtest Du es mal damit versuchen?"--"Ich soll also Verwalter
sein?"--"Ganz recht, ja, Du sollst den Hof haben."--"Ich soll den Hof
haben?"--"Natrlich, ja, und sollst ihn verwalten."--"Aber--" "Willst Du
nicht?"--"Doch, selbstverstndlich."--"Ja, ja, dann ist es also
abgemacht, sagte die Henne und flog aufs Wasser."--"Aber--" Ole sieht
verwundert den Schulmeister an.--"yvind will wohl blo fragen, ob er
Margit auch mitbekommt?"--Ole energisch: "Margit ist mit drin, Margit
ist mit drin!"--Da fing yvind laut zu lachen an und machte einen
Luftsprung; die andern drei lachten auch, und yvind rieb sich die
Hnde, lief in der Stube auf und ab und wiederholte unaufhrlich:
"Margit ist mit drin, Margit ist mit drin!" Tore lachte und gluckste,
die Mutter hinten in der Ecke sah ihren Jungen unverwandt an, bis ihr
Trnen in die Augen traten.

Nach einer Weile fragte Ole sehr gespannt: "Was hltst Du von dem
Hof?"--"Feiner Boden!"--"Feiner Boden, nicht wahr?"--"Wundervolle
Weiden!"--"Wundervolle Weiden! Wird es gehen?"--"Das soll weit und breit
der beste Hof werden!"--"Weit und breit der beste Hof? Glaubst Du?
Meinst Du das wirklich?"--"So wahr ich hier stehe!"--"Ja, hab' ich das
nicht immer gesagt?!" Sie sprachen beide gleich schnell und griffen wie
zwei Rder ineinander. "Aber mit dem Geld, siehst Du mit dem Geld! Ich
habe keins."--"Ohne Geld geht es langsam, aber es geht!"--"Es geht, ja,
natrlich geht es! Aber wenn wir Geld htten, ginge es schneller, meinst
Du?"--"Viel schneller."--"Viel? Wenn wir blo Geld htten! Ja, ja! na,
einer, der nicht alle Zhne hat, kann auch kauen, und einer, der mit
Ochsen fhrt, kommt auch vorwrts."

Die Mutter stand da und zwinkerte Tore zu, der sie ein paarmal schnell
von der Seite ansah, whrend er den Oberkrper hin- und herwiegte und
mit den Hnden ber die Knie strich; der Schulmeister blinzelte mit den
Augen, Tore machte den Mund auf und wollte etwas sagen, aber Ole und
yvind sprachen unaufhrlich durcheinander, lachten und machten solchen
Lrm, da kein andrer zu Wort kommen konnte.

"Seid jetzt mal still; Tore mchte was sagen", fllt der Schulmeister
ein; sie verstummen und sehen Tore an. Der fngt denn ganz leise an: "Es
ist auf dieser Sttte immer so gewesen, da wir eine Mhle gehabt haben;
in letzter Zeit ist es so gewesen, da wir zwei gehabt haben. Diese
Mhlen haben in Jahr und Tag doch ein paar Groschen abgeworfen; weder
mein Vater noch ich haben von dem Geld genommen, auer damals, als
yvind fort mute. Der Schulmeister hat es verwaltet, und er sagt, da
es sich da, wo es stand, gut verzinst hat; aber jetzt ist ja das beste,
yvind nimmt es fr Nordistuen." Die Mutter stand hinten in der Ecke und
machte sich ganz klein, whrend sie mit leuchtenden Augen zu Tore
hinsah, der jetzt sehr gewichtig dahockte und beinahe dumm aussah; Ole
Nordistuen sa ihm mit weit offnem Mund gegenber; yvind war der erste,
der sich von der berraschung erholte. "Ist das nicht, als wenn das
Glck mich verfolgt?" rief er, ging auf seinen Vater zu und schlug ihm
auf die Schulter, da es drhnte. "Du Prachtvater!" sagte er, rieb sich
die Hnde und ging auf und ab.

"Wieviel mag das wohl sein?" fragte schlielich Ole ganz zaghaft den
Schulmeister. "Es ist gar nicht so wenig."--"Ein paar hundert
Taler?"--"Noch ein bichen mehr."--"Noch ein bichen mehr? yvind, noch
ein bichen mehr! Herrgott, das soll ein Hof werden!" Er stand auf und
lachte hell heraus.

"Ich will mit Dir zu Margit", sagte yvind. "Die Postkutsche steht ja
noch drauen, da geht es schnell."--"Ja, schnell, schnell! Magst Du auch
gern alles schnell haben?"--"Ja, schnell und forsch!"--"Schnell und
forsch! Akkrat so, wie als ich jung war,--akkrat so!"--"Hier ist Mtze
und Stock; jetzt jage ich Dich 'raus!"--"Du jagst mich 'raus, haha! aber
Du kommst mit, nicht, Du kommst mit? Ihr andern kommt wohl nach? Heut
abend wollen wir solange zusammensitzen, wie noch ein Funken auf dem
Herd ist; kommt nur hin!"--Sie versprachen es, yvind half ihm in den
Wagen und sie fuhren nach Nordistuen hinauf. Da oben war der groe Hund
nicht der einzige, der sich wunderte, als Ole Nordistuen mit yvind
Pladsen in den Hof einfuhr. Whrend yvind ihm aus dem Wagen half und
die Knechte und Mgde sie neugierig angafften, kam Margit aus dem Hause
und wollte sehen, was denn der Hund fortwhrend zu bellen hatte, aber
sie blieb wie angewurzelt stehen, wurde glhend rot und lief wieder
hinein. Der alte Ole rief aber so frchterlich laut nach ihr, als er in
die Stube kam, da sie wohl oder bel wieder zum Vorschein kommen mute.
"Geh hin und mach' Dich fein, Mdel, hier steht der Mann, der den Hof
haben soll."

"Ist es wahr?" rief sie, ohne es selbst zu wissen, und so laut, da es
schallte. "Ja, es ist wahr", sagte yvind und klatschte in die Hnde; da
drehte sie sich auf den Fuspitzen herum, schleuderte das, was sie
gerade in der Hand hatte, weit weg und lief aus der Stube; und yvind
hinterher.

Nach kurzer Zeit kamen auch der Schulmeister, Tore und seine Frau. Der
Alte hatte Lichter auf den weigedeckten Tisch gestellt; es gab Wein und
Bier, und er selbst war immerzu auf den Beinen und hob den Fu noch
hher als gewhnlich, aber immer blo den rechten.

       *       *       *       *       *

Ehe diese kleine Erzhlung zu Ende geht, soll noch berichtet werden, da
fnf Wochen spter yvind und Margit in der Dorfkirche getraut wurden.
Der Schulmeister leitete an diesem Tage selbst den Gesang, weil der
Hilfskster krank war. Seine Stimme war brchig, denn er war alt; aber
yvind fand doch, es hre sich wunderschn an. Und als er Margit die
Hand gereicht und sie vor den Altar gefhrt hatte, da nickte ihm der
Schulmeister vom Chor herunter zu, genau so, wie yvind es damals
gesehen hatte, als er so wehleidig beim Tanz sa: er nickte ihm auch
zu, und die Trnen wollten ihm in die Augen treten.

Die Trnen bei jenem Tanz waren das Tor zu diesen Trnen gewesen, und
zwischen ihnen lag seine Arbeit und seine Treue.

Und hier ist die Geschichte von dem frhlichen Burschen zu Ende.

       *       *       *       *       *




DER VATER


Der Mann, von dem hier erzhlt werden soll, war der mchtigste im ganzen
Gau; er hie Thord Oeveraas. Eines Tages stand er kerzengrade und mit
gewichtiger Miene vor dem Pfarrer in der Studierstube. "Mir ist ein Sohn
geboren, und ich mchte ihn taufen lassen."--"Wie soll er
heien?"--"Finn, nach meinem Vater."--"Und die Paten?"--Er zhlte sie
auf; es waren Verwandte von ihm, die angesehensten Mnner und Frauen des
Gaus. "Ist sonst noch etwas?" fragte der Pfarrer und sah auf. Der Bauer
zgerte. "Ich mchte gern, da er allein getauft wrde", sagte er dann.
"Also an einem Werktag?"--"Nchsten Sonnabend mittag um zwlf."--"Ist
sonst noch etwas?" fragte der Pfarrer.--"Weiter nichts." Der Bauer
drehte seinen Hut, als wollte er gehen. Da erhob sich der Pfarrer, ging
auf Thord zu, nahm seine Hand und sah ihm in die Augen; "gebe Gott, da
das Kind Dir zum Segen werde!"

Sechzehn Jahre nach diesem Tag stand Thord wieder vor dem Pfarrer in der
Stube. "Du hast Dich gut gehalten, Thord", sagte der Pfarrer, weil er
ihn ganz unverndert fand. "Ich habe ja auch keine Sorgen", antwortete
Thord. Da schwieg der Pfarrer; nach einer Weile aber fragte er: "Was
hast Du denn heut fr ein Anliegen?"--"Ich komme wegen meines Sohnes,
der morgen konfirmiert wird."--"Es ist ein braver Junge."--"Ich mchte
den Herrn Pfarrer erst bezahlen, wenn ich wei, der wievielte der Junge
in der Kirche ist."--"Er wird Nummer eins sein."--"Schn,--hier sind
auch zehn Taler fr den Herrn Pfarrer."--"Ist sonst noch etwas?" fragte
der Pfarrer und sah Thord an.--"Sonst nichts."--Thord entfernte sich.

Wieder gingen acht Jahre dahin; da war eines Tages vor dem Arbeitszimmer
des Pfarrers groer Lrm, und herein kamen viele Mnner, an ihrer Spitze
Thord. Der Pfarrer sah auf und erkannte ihn gleich. "Du hast heut abend
ja so viele bei Dir."--"Ich wollte das Aufgebot fr meinen Sohn
bestellen; er soll die Karen Storliden heiraten, die Tochter von
Gudmund, von diesem hier."--"Das ist ja das reichste Mdchen im ganzen
Gau."--"Es heit so", antwortete der Bauer und strich sich mit einer
Hand das Haar in die Hhe, Der Pfarrer sa eine Zeitlang wie in Gedanken
und sagte kein Wort; er trug nur die Namen in seine Bcher ein, und die
Mnner unterschrieben. Thord legte drei Taler auf den Tisch.--"Ich
bekomme nur einen", sagte der Pfarrer.--"Wei wohl, aber er ist mein
Einziger,--mcht's gern recht gut machen." Der Pfarrer nahm das Geld an.
"Dies ist das dritte Mal, da Du um Deines Sohnes willen hier stehst,
Thord."--"Jetzt bin ich aber auch fertig damit", sagte Thord, klappte
sein Taschenbuch zu, sagte adieu und ging,--die Mnner folgten ihm
langsam.

Vierzehn Tage spter ruderten Vater und Sohn bei stillem Wetter ber das
Wasser nach Storliden hinber, um dort die Hochzeit zu besprechen. "Die
Bank ist nicht ordentlich fest", sagte der Sohn und stand auf, um sie in
Ordnung zu bringen. Da rutscht das Brett aus, auf dem er steht, er
schlgt mit den Armen um sich, stt einen Schrei aus und strzt ins
Wasser.--"Halt Dich am Ruder fest", rief sein Vater, sprang auf und
hielt es ihm hin. Doch als der Sohn ein paarmal danach gegriffen hatte,
bekam er einen Krampf. "Wart' mal", rief sein Vater und ruderte nher.
Da schlgt der Sohn nach hinten ber, sieht seinen Vater mit einem
langen Blick an und sinkt unter.

Thord konnte es kaum fassen; er stoppte das Boot und starrte auf den
Fleck, wo sein Sohn verschwunden war, als msse er wieder emportauchen.
Ein paar Blasen stiegen auf und noch ein paar, und dann noch eine ganz
groe; sie zerbarst--und die See lag wieder spiegelblank da.

Und die Leute sahen, wie drei Tage und drei Nchte lang der Vater um
die Stelle herumruderte, ohne zu essen oder zu schlafen; er fischte nach
seinem Sohn. Und am dritten Tage morgens fand er ihn und trug ihn ber
die Hgel nach seinem Hofe.

Es mochte ein Jahr seit jenem Tage vergangen sein. Da hrt der Pfarrer
an einem Herbstabend spt noch etwas an der Flurtr rascheln und
behutsam nach der Klinke tasten. Der Pfarrer machte die Tr auf, und
herein kam ein groer, gebeugter Mann, hager und weihaarig. Der Pfarrer
sah ihn lang an, bis er ihn erkannte; es war Thord. "Du kommst so spt?"
sagte der Pfarrer und blieb vor ihm stehen. "Ja, ja, ich komme spt",
sagte Thord und setzte sich. Der Pfarrer setzte sich auch und wartete;
es blieb lange still. Da sagte Thord: "Ich habe etwas mitgebracht, was
ich den Armen geben mchte; es soll eine Stiftung werden, die den Namen
meines Sohnes trgt";--er stand auf, legte das Geld auf den Tisch und
setzte sich wieder. Der Pfarrer zhlte es auf; "es ist viel Geld", sagte
er.--"Es ist mein halber Hof; ich habe ihn heut verkauft." Der Pfarrer
sa lange schweigend da. Endlich fragte er mild: "Was willst Du denn
jetzt anfangen, Thord?"--"Etwas Besseres."--So saen sie eine Zeitlang,
Thord mit gesenkten Blicken, whrend die Augen des Pfarrers auf ihm
ruhten. Schlielich sagte der Pfarrer leise und langsam: "Ich glaube,
jetzt ist Dein Sohn Dir doch noch zum Segen geworden."--"Ja, das glaube
ich jetzt auch", sagte Thord; er sah auf, und zwei schwere Trnen rannen
ihm ber das Gesicht.

       *       *       *       *       *




DAS FISCHERMDEL




Erstes Kapitel


Wo der Hering lngere Zeit regelmig Einkehr hlt, da bildet sich so
allmhlich, wenn die Bedingungen im brigen gnstig sind, eine kleine
Stadt. Von solchen Stdten kann man nicht nur sagen, das Meer habe sie
ausgespien; sondern sie sehen auch von weitem tatschlich wie ans Land
geschwemmte Balken und Wrackstcke aus, oder wie ein Huflein
umgekippter Boote, die die Fischer in einer Sturmnacht ber sich gezogen
haben. Kommt man nher, so sieht man, wie zufllig das Ganze sich
aufgebaut hat; da liegt ein Block Klippen mitten im Ort, oder der ganze
Flecken ist durch das Wasser in drei, vier Teile gespalten,--Straen,
die sich krmmen und winden. Nur eine Bedingung ist allen diesen
Ansiedlungen gemeinsam: sie haben einen Hafen, der den grten Schiffen
Schutz gewhrt, indem es dort still ist wie in einer Blechbchse. Und
darum sind diese Schlupfwinkel den Schiffen, die mit zerfetzten Segeln
und zertrmmertem Plankenwerk aus hoher See angetrieben kommen, um Atem
zu schpfen, auch gar viel wert.

In solch einem kleinen Stdtchen ist es still. Alles, was etwa Lrm
verursacht, ist auf die Landungsbrcken verwiesen, wo die Boote der
Bauern sich festgebissen haben, und wo die Schiffe laden und lschen.
Lngs den Landungsbrcken luft die einzige Strae unseres Stdtchens;
an ihrer andern Seite liegen die wei- und rotgestrichenen, ein- und
zweistckigen Huschen; aber nicht Wand an Wand, sondern getrennt durch
schmucke Grten; das gibt auf diese Weise eine lange und breite Strae,
wo es brigens bei Seewind nach allem zu duften pflegt, was auf den
Brcken herumliegt. Still ist es hier--nicht etwa aus Furcht vor der
Polizei: denn in der Regel ist gar keine da--sondern aus Angst vor dem
Gerede der Leute; denn hier kennt sich alles untereinander. Geht man
die Strae hinunter, so mu man in jedes Fenster hineingren und hinter
jedem sitzt auch meist ein altes Frauchen und grt wieder. Ferner mu
man jeden gren, der einem auf der Strae begegnet. Denn all diese
stillen Menschen denken an nichts anderes, als was sich im allgemeinen
und im besonderen fr sie selber schickt. Wer die Grenzlinie, die seinem
Stande oder seiner Stellung gezogen ist, berschreitet, der bt seinen
guten Ruf ein. Denn man kennt nicht allein ihn, sondern auch seinen
Vater und Grovater, und man stbert flugs auf, wo sich schon frher in
der Familie ein Hang zum "Ungehrigen" gezeigt hat.

In dieses stille Stdtchen zog vor vielen Jahren ein gewisser
wohlehrbarer Mann namens Per Olsen. Er kam vom Lande, wo er sich mit
Hausieren und Fiedelspielen sein Brot verdient hatte. In der Stadt
erffnete er fr seine alten Kunden einen Kramladen, in dem er auer
allerhand Waren Brot und Schnaps verkaufte. Man hrte ihn hinten in der
"Ladenstube" auf- und abgehen und Springtnze und Brautmrsche spielen;
jedesmal, wenn er an der Tr vorbeikam, sphte er durch das Guckloch,
und wenn ein Kunde erschien, schlo er sein Spiel mit einem Triller und
kam in den Laden. Das Geschft gedieh flott; er heiratete und bekam
einen Sohn, den er nach sich benannte, jedoch nicht "Per", sondern
Peter. Der kleine Peter sollte dereinst werden, was Vater Per, wie er
sehr wohl fhlte, selber nicht war: nmlich ein Mann von Bildung. Also
kam der Junge auf die Lateinschule. Wenn dann die andern, die seine
Kameraden sein sollten, ihn von ihren Spielen weg heimprgelten, weil er
Per Olsens Sohn war, so prgelte Per Olsen ihn wieder zu ihnen hinaus;
denn auf andere Weise konnte ja der Junge nie Bildung erwerben.
Infolgedessen fhlte der kleine Peter sich in der Schule sehr verlassen,
wurde stumpf und faul und nach und nach so gleichgltig gegen alles, da
alle Hiebe des Vaters ihm weder Trnen noch Lachen mehr entlockten. Nun
gab Per das Prgeln auf und steckte ihn hinter den Ladentisch. Wie gro
war sein Erstaunen, als er sah, da der Junge jedem Kunden genau
verabreichte, was der forderte, nie auch nur ein Krnchen zu viel gab,
nie auch nur eine Pflaume naschte, stets genau abwog, zhlte und
eintrug, ohne eine Miene zu verziehen, meist ohne ein Wort zu reden,
uerst langsam, aber mit unverbrchlicher Genauigkeit. Der Vater
schpfte neue Hoffnung und schickte ihn mit einem Heringsboot nach
Hamburg, wo er ein Handelsinstitut besuchen und feine Manieren lernen
sollte. Acht Monate war er dort; das mute doch wohl gengen! Als er
heimkam, war er mit sechs neuen Anzgen ausgestattet, die er bei der
Landung smtlich bereinander trug; "denn was man auf dem Leib hat,
braucht man nicht zu verzollen." Aber abgesehen von diesem Umfang machte
er, als er sich am folgenden Tag auf der Strae zeigte, noch ungefhr
dieselbe Figur wie frher. Er bewegte sich steif und langsam, mit grad
herunterbaumelnden Armen; er grte mit einem pltzlichen Ruck, und
verbeugte sich, als habe er keine Gelenke, um sofort wieder steif wie
vorher zu werden. Er war die verkrperte Hflichkeit; aber er tat alles,
ohne ein Wort zu sprechen, hastig, mit einer gewissen Scheu. Er schrieb
sich jetzt nicht mehr Olsen, sondern Ohlsen, was den Witzbolden des
Stdtchens Anla zu folgender Scherzfrage gab: "Wie weit ist Peter Olsen
in Hamburg gekommen?" Antwort: "Bis zum ersten Buchstaben!" Er trug sich
sogar mit dem Gedanken, sich "Pedro" zu nennen. Weil er aber des
verdammten "h's" wegen schon mehr als genug rger schlucken mute, lie
er das und schrieb sich einfach: "P. Ohlsen." Er erweiterte das Geschft
des Vaters und heiratete mit knapp zweiundzwanzig eine rothndige
Ladenmamsell, damit sie die Wirtschaft fhre; denn der Vater war gerade
Witwer geworden, und eine Frau war immerhin sicherer als eine
Haushlterin. Pnktlich bers Jahr langte ein Sohn an, der acht Tage
darauf den Namen Pedro trug. Nachdem der wackere Per Olsen Grovater
geworden war, empfand er es als unabweisbare Pflicht, alt zu werden. Er
berlie also seinen Handel dem Sohn, sa von Stund an auf der Bank vorm
Haus und rauchte. Und als es eines Tags anfing, ihm da drauen
langweilig zu werden, wnschte er sich, da er bald sterben mge. Und
wie alle seine Wnsche snftiglich in Erfllung gegangen waren, so
erfllte sich auch dieser.

Hatte Peter der Sohn ausschlielich die eine Seite der vterlichen
Begabung, die kaufmnnische Schlauheit, geerbt, so schien Pedro, der
Enkel, ausschlielich die andere, die Lust an der Musik, geerbt zu
haben. Er lernte sehr spt lesen, aber sehr frh singen; er blies die
Flte so hbsch, da es jedem auffallen mute. Er war fein von Aussehen
und weich von Gemt. Aber dem Vater kam das nur ungelegen; er wollte in
dem Knaben seinen eigenen unermdlichen Geschftsgeist groziehen. Wenn
Pedro etwas verga, so wurde er nicht gescholten oder geprgelt, wie
seinerzeit der Vater, sondern er wurde gekniffen. Das geschah ganz in
aller Stille, mit einer Freundlichkeit, die man fast hflich nennen
konnte; aber es geschah bei der geringsten Veranlassung. Jeden Abend,
wenn die Mutter ihn auskleidete, zhlte sie die blauen und gelben
Flecken und kte sie; aber Widerstand leistete sie nicht; denn sie
selber wurde ebenfalls gezwickt. Jeder Ri in seinen Kleidern, die aus
des Vaters alten Hamburger Anzgen gemacht waren, jeder Fleck in seinen
Schulbchern wurde ihr angerechnet. Darum hie es in einem fort: "La
das, Pedro!--Nimm dich in acht, Pedro!--Vergi nicht, Pedro!" Den Vater
frchtete er, die Mutter war ihm lstig. Seine Kameraden taten ihm
nichts zuleide, weil er gleich zu heulen anfing und flehte, man mge
seine Kleider schonen; aber sie nannten ihn blo den Schmachtlappen und
verachteten ihn ganz unverhohlen. Er war wie ein krankes, federloses
Entlein, das berall hinterdrein hinkt, und mit jedem kleinen Bissen,
den es erwischen kann, weit abseits watschelt. Keiner teilte mit ihm,
deshalb teilte auch er mit keinem.

Aber bald machte er die Entdeckung, da dies bei den rmeren Kindern
der Stadt anders sei; die hatten Nachsicht mit ihm, weil er etwas
Feineres war als sie selber. Besonders ein groes, krftiges Mdchen,
das die ganze Schar kommandierte, nahm sich seiner an. Er wurde nicht
mde, sie zu betrachten; sie hatte einen Kopf voll rabenschwarzer
Locken, die nie anders als mit den Fingern gekmmt wurden, strahlende
blaue Augen und eine niedere Stirn; das ganze Gesicht war wie in eins
gesammelt und flog frmlich geradaus. Immer war sie in rastloser
Bewegung und Ttigkeit; im Sommer barfu, mit nackten Armen,
braungebrannt; im Winter angezogen wie andere im Sommer. Ihr Vater war
Lotse und Fischer; sie rannte bei den Leuten herum und verkaufte seine
Fische; sie hielt sein Boot gegen Wind und Strmung, und wenn er lotste,
trieb sie die Fischerei allein. Wer ihr begegnete, wandte sich um und
sah ihr nach; sie war die verkrperte Selbstsicherheit. Sie hie
Gunlaug, aber man nannte sie "das Fischermdel"--ein Titel, den sie als
den ihr zukommenden Rang hinnahm. Beim Spielen half sie stets den
Schwcheren; sie hatte das Bedrfnis, sich anderer anzunehmen, und so
nahm sie sich des zarten Jungen an.

In ihrem Boot durfte er Flte blasen, was zu Hause untersagt war, weil
man frchtete, seine Gedanken mchten von den Schularbeiten abgelenkt
werden. Sie ruderte ihn hinaus auf den Fjord, sie nahm ihn mit auf ihre
ausgedehnteren Fischzge; bald begleitete er sie auch auf ihren
nchtlichen Ausflgen. Dann ruderten sie bei Sonnenuntergang hinaus in
das lichte Sommerschweigen. Er blies die Flte oder hrte zu, wie sie
ihm von allem erzhlte, was sie wute; vom Meermann, von Gespenstern,
von Schiffbrchen, von fremden Lndern und schwarzen Vlkern, von allem,
was die Seeleute erzhlt hatten. Sie teilte ihr Essen mit ihm, wie sie
all ihr Wissen mit ihm teilte, und er nahm alles hin, ohne das Geringste
wiederzugeben; denn er brachte von Hause kein Essen und aus der Schule
keine Phantasie mit. Sie ruderten, bis die Sonne ber den Schneebergen
unterging; dann legten sie an einer Insel an und machten Feuer, das
heit, sie sammelte und schichtete Holz und Reisig auf, und er sah zu.
Eine von ihres Vaters Schifferjacken und eine Decke hatte sie fr ihn
mitgebracht; in die wurde er hineingewickelt. Sie pate aufs Feuer auf,
und er schlief ein. Um sich wach zu halten, sang sie Verse aus Liedern
und Chorlen; bis er eingeschlafen war, sang sie mit starker, heller
Stimme; dann sang sie leiser. Wenn die Sonne auf der andern Seite wieder
emporstieg und als Vorboten ein gelb-kaltes Licht ber die Berggipfel
vor sich herscho, weckte sie ihn. Der Wald stand noch schwarz, und die
Wiese dunkel; bald aber begannen sie sich braunrot zu frben, zu
blinken, bis der ganze Gebirgskamm glhte und alle Farben darber
rauschten. Dann zogen sie das Boot wieder ins Wasser, ein Schaumstreifen
lief durch die schwarze Morgenbrise, und bald lagen sie am Strand, neben
den anderen Fischern.

Als der Winter kam und die Fahrten aufhrten, suchte er sie in ihrem
Hause auf; er kam regelmig und sah ihr zu, whrend sie arbeitete; aber
weder er noch sie redeten viel; es war, als sen sie nur beisammen und
warteten auf den Sommer. Doch als der Sommer kam, wurde dem Knaben
leider auch diese neue Lebensaussicht genommen; Gunlaugs Vater starb,
und sie verlie die Stadt, whrend Pedro auf den Rat seiner Lehrer in
den Laden gesteckt wurde. Da stand er nun, neben der Mutter; denn der
Vater, der nach und nach die Farbe all der Graupen und Grtzen, die er
abwog, angenommen hatte, mute in der Ladenstube das Bett hten. Aber
auch von dort aus wollte er immer noch mit dabei sein, wollte genau
wissen, was jedes von den Zweien verkauft hatte, tat, als hre er nicht,
bis er sie glcklich so dicht neben sich hatte, da er sie kneifen
konnte. Und endlich als der Docht in dieser kleinen Lampe gnzlich
ausgetrocknet war, erlosch er eines Nachts. Die Frau weinte, ohne da
sie recht wute, warum; aber der Sohn vermochte nicht eine einzige
Trne hervorzupressen. Da sie Geld genug hatten, um davon leben zu
knnen, gaben sie das Geschft auf, rotteten jegliche Erinnerung aus und
wandelten den Laden zur Wohnstube um. Darin sa die Mutter am Fenster
und strickte Strmpfe; Pedro sa im Zimmer auf der andern Seite des
Flurs und blies die Flte. Aber sobald der Sommer kam, kaufte er sich
ein kleines, leichtes Segelboot, fuhr hinber nach der Insel und suchte
die Stelle, wo Gunlaug gelegen hatte.

Und eines Tags, als er dort im Heidekraut lag, sah er ein Boot gerade
auf sich zusteuern und neben dem seinen anlegen,--Gunlaug stieg
heraus.--Sie war noch ganz dieselbe, nur da sie jetzt vllig erwachsen
war und grer als andere Mdchen. Doch sobald sie seiner ansichtig
wurde, wich sie langsam zurck; es war ihr gar nicht der Gedanke
gekommen, da auch er inzwischen ein erwachsener Mensch geworden war.

Dieses blasse, magere Gesicht--das kannte sie nicht; das war nicht mehr
krnklich und zart--es war schlaff. Aber in die Augen kam, als er sie
sah, ein stilles Leuchten wie von entschwundenen Trumen. Sie trat
wieder nher; und mit jedem Schritt, den sie auf ihn zukam, war es, als
fiele ein Jahr von ihm ab, und als sie vor ihm stand, da war er
aufgesprungen, da lachte er wie ein Kind, da redete er wie ein Kind; das
alte Gesicht lag nur ber einem heimlich versteckten Kindesantlitz;
lter war er geworden--gewachsen war er nicht.

Und doch--gerade dies Kind hatte sie gesucht. Und nun, da sie es
wiedergefunden hatte, wute sie nicht, was weiter... Sie lachte und
wurde rot. Unwillkrlich fhlte er in sich etwas wie eine Macht; und zum
erstenmal in seinem Leben wurde er pltzlich schn; es whrte vielleicht
blo einen Augenblick; aber mit diesem Augenblick wurde sie sein.

Sie war eine von den Naturen, die nur lieben knnen, was schwach ist,
was sie auf Hnden getragen haben. Sie hatte zwei Tage bleiben wollen in
der kleinen Stadt; sie blieb zwei Monate. In diesen zwei Monaten wuchs
er mehr als in seiner ganzen brigen Jugend; er schwang sich so weit
empor aus Traum und Schlaffheit, da er sogar Plne entwarf; er wollte
fort--er wollte Musiker werden. Aber als er das eines Tages wiederum
aussprach, wurde sie bla und sagte: "Ja--aber dann mssen wir doch erst
heiraten!" Er sah sie an, sie sah ihn an, fest und klar, beide wurden
sie feuerrot; dann sagte er: "Was wrden die Leute dazu sagen?"

Gunlaug war nie der Gedanke gekommen, da er etwas anderes wollen knne
als sie, weil sie selber nie etwas anderes wollen konnte, als was er
wollte. Aber jetzt las sie es in seiner Seele--unverhllt: keinen
Augenblick hatte er daran gedacht, etwas anderes mit ihr zu teilen, als
was sie gab. In einer Sekunde sah sie es vor sich: ihr ganzes Leben lang
war das so gewesen. Zum Anfang ihr Mitleid--zum Schlu ihre Liebe--fr
das, was sie aus Gte umfat hatte. Htte sie blo noch einen Moment
lang Besonnenheit gehabt! Denn er sah ihren auflodernden Zorn--er
erschrak und rief: "Ich will ja!" Sie hrte es; aber der Zorn ber ihre
eigene Dummheit und seine Erbrmlichkeit, ber die eigene Scham und
seine Feigheit kochte in so glhender Hast in ihr auf bis zum Sprengen
aller Bande, da wohl nie eine Liebe, begonnen in Kindheit und
Abendsonne, gewiegt von Wellen und Mondlicht, begleitet von Flte und
leisem Gesang, ein traurigeres Ende genommen hat! Sie packte ihn mit
ihren beiden Hnden, hob ihn hoch, verprgelte ihn recht nach
Herzenslust, ruderte dann zur Stadt zurck und ging noch in derselbigen
Stunde ber die Berge--auf und davon.

Er war ausgesegelt als ein verliebter Jngling, der im Begriff ist, sich
sein Mannestum zu erobern; er ruderte heim als ein Greis, der nie ein
Mannestum gehabt hat. Nur eine Erinnerung besa sein Leben; und die
hatte er tricht aufs Spiel gesetzt; nur einen Fleck Erde hatte er, wo
er sich hinflchten konnte; und nun durfte er nimmermehr dorthin zurck.
Vor lauter Grbelei ob seiner eigenen Jmmerlichkeit und wie das
eigentlich alles so gekommen war, versank sein bichen Unternehmungsgeist
wie in einen Sumpf, um nie wieder emporzutauchen. Die Gassenjungen der
Stadt, die schon frher auf sein wunderliches Wesen aufmerksam geworden
waren, fingen an, ihn zu necken und zu foppen, und weil er berhaupt fr
die Stadt eine etwas unklare Persnlichkeit war, da niemand so recht
wute, wovon er lebte und was er trieb, so fiel es auch keinem ein, ihn
zu verteidigen. Bald traute er sich berhaupt nicht mehr aus dem Hause,
wenigstens nicht auf die Strae. Sein ganzes Dasein wurde ein Kampf mit
den Straenjungens; mag sein, da sie immerhin doch zu etwas gut waren,
wie etwa Mcken an einem heien Sommertag: denn ohne sie wre er in
unaufhaltsamen Stumpfsinn versunken.

Neun Jahre spter kam Gunlaug wieder in die Stadt, ebenso unerwartet,
wie sie verschwunden war. Sie hatte ein kleines Mdchen von acht Jahren
bei sich, ganz ihr Ebenbild aus frherer Zeit, nur da alles an dem Kind
feiner und wie von einem Traum berschleiert war. Es hie, Gunlaug sei
verheiratet gewesen, habe jetzt eine kleine Erbschaft gemacht, und nun
kam sie zurck, um eine Matrosenkneipe zu erffnen. Diese betrieb sie
auf eine Art, da bald Kaufleute und Schiffer zu ihr kamen, um bei ihr
ihre Leute zu dingen, und die Matrosen bei ihr einkehrten, um sich zu
verheuern. Fr diesen Zwischenhandel nahm sie nie einen Pfennig, aber
sie machte einen despotischen Gebrauch von der Macht, die er ihr
verlieh. Sie war ganz ohne Zweifel der mchtigste Mann in der ganzen
Stadt, trotzdem sie ein Weib war und nie einen Fu aus dem Haus setzte.
"Fischer-Gunlaug" nannten die Leute sie, oder "Gunlaug vom Berge"; der
Titel "das Fischermdel" ging auf die Tochter ber, die die
Rdelsfhrerin der gesamten stdtischen Bubenschar war.

Und ihre Geschichte berichtet diese Erzhlung; sie hatte etwas von der
Elementarkraft der Mutter, und ihr wurde die Gelegenheit, sie zu
gebrauchen.




Zweites Kapitel


Die vielen anmutigen Grten der Stadt dufteten nach dem Regen in ihrer
zweiten und dritten Blte. Die Sonne ging ber den ewigen Schneefeldern
zur Rste; der ganze Himmel war Feuer und Flamme, und die Schneefirne
warfen den gedmpften Widerschein zurck. Die nher gelegenen Berge
standen im Schatten, aber sie leuchteten doch von vielfarbigem
Herbstwald; auf den Holmen, die in der Mitte des Fjords in Reih und
Glied dem Lande zustrebten, als kmen sie geradenwegs dahergerudert,
stand--weil sie dem Lande nher lagen--der dichte Wald in noch strkerem
Farbenspiel als auf den Bergen. Die See war spiegelblank; ein groes
Schiff wurde langsam herangewerpt. Die Leute saen vor ihren Husern auf
der Holztreppe, die zu beiden Seiten halb verdeckt war von Rosengebsch;
von Treppe zu Treppe plauderte man miteinander, stattete sich auch wohl
einen kurzen Besuch ab, oder man tauschte einen Gru mit den
Spaziergngern aus, die den langen Alleen drauen vor der Stadt
zueilten. Aus einem offenen Fenster tnte hier und dort Klavierspiel;
sonst unterbrach kaum ein Laut das Geplauder; der letzte Sonnenschimmer
auf dem Wasser erhhte noch das Gefhl der Stille.

Da pltzlich erhob sich mitten in der Stadt ein Getse, als werde die
ganze Stadt gestrmt. Jungens schrien, Mdchen kreischten, alte Weiber
schimpften und kommandierten, der groe Hund des Polizeidieners bellte
und smtliche Kter der Stadt stimmten ein. Alles, was drin war, drngte
hinaus--hinaus. Der Spektakel wurde so ungeheuerlich, da sogar der
Amtmann sich auf seiner Treppe umdrehte und die Worte fallen lie: "Da
mu was los sein."

"Was ist los?" fielen die von den Alleen Herbeistrzenden ber die auf
den Treppen Sitzenden her.--"Ja, was ist los?" antworteten die auf den
Treppen.--"Herrgott, was ist los?" fragten alle, wenn einer aus der
Mitte der Stadt kam. Aber da die Stadt sich so recht gemtlich in
Halbmondform um die Bucht schmiegt, so dauerte es recht lange, bis
smtliche Bewohner an beiden Enden die Antwort vernommen hatten: "Blo
das Fischermdel!"

Dies unternehmende Wesen, das von einer hchst gefrchteten Mutter
beschirmt und des Schutzes smtlicher Matrosen sicher war (denn fr so
was gab's immer einen Freischnaps bei der Mutter!) hatte an der Spitze
ihrer Gassenjungenarmee einen groen Apfelbaum in Pedro Ohlsens
Obstgarten berfallen. Der Schlachtplan war folgender: ein paar Jungens
sollten Pedro nach der Vorderseite des Hauses locken, indem sie seine
Rosenbsche gegen die Fenster klatschten; gleichzeitig sollte ein
anderer den Baum schtteln, der mitten im Garten stand, und die brigen
sollten die pfel nach allen Himmelsrichtungen ber den Zaun werfen;
nicht etwa, um sie zu stehlen--Gott bewahre!--einfach zum Spa! Dieser
sinnige Plan war gerade an diesem Abend hinter Pedros Garten ausgeheckt
worden. Aber das Unglck wollte, da Pedro hinter seinem Zaun sa und
Wort fr Wort mit anhrte. Kurz vor der festgesetzten Stunde holte er
sich daher den versoffenen Polizeidiener des Orts samt seinem groen
Hund in die Hinterstube, woselbst die beiden reichlich bewirtet wurden.
Als der Lockenwirbel des Fischermdels ber den Planken auftauchte und
gleichzeitig von allen Seiten eine Unmenge kleiner Spitzbubenfratzen
hereinguckten, lie Pedro die jungen Strolche vorn am Haus mit den
Rosenbschen klatschen--aus Leibeskrften; er selber wartete ruhig im
Hinterzimmer. Und als die ganze Gesellschaft in tiefster Stille sich um
den Baum geschart hatte, und das Fischermdel, barfu und zerkratzt, im
Wipfel sa, um zu schtteln, sprang die Hintertr auf und Pedro und der
Polizeidiener, hinter sich den groen Hund, strzten hervor. Ein Schrei
des Entsetzens erhob sich unter den Buben; ein Haufen kleiner Mdchen,
die in aller Unschuld drauen vor dem Zaun "Haschen" gespielt hatten,
glaubten, da drin werde jemand umgebracht, und fingen ganz frchterlich
zu kreischen an; die Jungens, die entwischt waren, schrien hurrah; die,
die noch ber dem Zaun hingen, heulten unterm Tanz des Stocks, und um
den Tumult vollstndig zu machen, tauchten, wie berall, wo
Bubengeschrei ist, noch ein paar alte Weiber auf und zeterten mit. Pedro
und der Polizeidiener waren selbst ganz erschrocken und sahen sich
gentigt, mit den alten Weibern zu unterhandeln; mittlerweile aber
nahmen die Buben Reiaus. Der Hund, vor dem sich die Jungens am meisten
frchteten, setzte ber den Zaun--ihnen nach--das war so recht was fr
ihn!--und jetzt jagte es wie Wildentenschwrme durch die ganze
Stadt--Buben, Mdchen, Hund und Geschrei!

Mittlerweile sa das Fischermdel muschenstill im Apfelbaum und
dachte, niemand habe sie bemerkt. Im obersten Wipfel zusammengekauert,
verfolgte sie durch das Laub den Verlauf des Kampfes. Als aber der
Polizeidiener in heller Wut zu den alten Weibern hinaus gestrzt war,
und nur Pedro Ohlsen noch im Garten war, stellte er sich dicht unter
den Apfelbaum, guckte hinauf und rief: "Na, 'runter mit Dir, Du
infames Frauenzimmer, und zwar auf der Stelle!"--Aus dem Baum kam
kein Laut.--"'runter mit Dir, sag' ich! Ich wei, da Du dort oben
bist!"--Tiefstes Schweigen.--"So hol' ich meine Bchse und schie Dich
'runter--wahrhaftigen Gott!" Und er machte Miene zu gehen.--"Hu-hu-hu!"
tnte es jetzt droben im Baum.--"Ja wohl, heul' Du nur wie ein
Schlohund! Eine volle Ladung Schrot schick' ich Dir hinauf, gib nur
acht!"--"Uhu-hu-hu!" tnte es wieder, als ob ein Kuzchen droben se.
"Ich frcht' mich so!"--"Teufelsfratz, der Du bist! Du bist der rgste
Galgenstrick von der ganzen Bande; aber wart' nur, jetzt hab' ich
Dich!"--"Ach liebster, bester, goldigster Herr Ohlsen! Ich will's auch
nie und nie und nie wieder tun!" Und im selben Augenblick schleuderte
sie ihm einen faulen Apfel mitten auf die Nase und ein helles
Jubelgelchter trillerte hinterher. Der Apfel klatschte ihm ins Gesicht
wie weicher Teig, und whrend er sich abwischte, sprang sie herunter;
noch eh er sie einholen konnte, hing sie schon berm Zaun und wre auch
glcklich hinbergekommen, wenn sie nicht aus pltzlicher Angst, da er
ihr auf den Fersen war, statt ruhig weiter zu klettern, losgelassen
htte. Aber als er sie nun packte, kreischte sie laut auf--ein so
gellendes, wildes, schmetterndes Gekreisch, da er sie entsetzt fahren
lie. Auf ihr Schreckenssignal lief drauen vor dem Zaun eine Volksmenge
zusammen; sie hrte es; sogleich kehrte ihr Mut zurck. "La mich los
oder ich sag's meiner Mutter!" drohte sie, pltzlich wieder ganz Feuer
und Flamme! Da kam ihm dies Gesicht auf einmal bekannt vor: "Deine
Mutter?" rief er laut. "Wer ist denn Deine Mutter?"--"Die Gunlaug am
Berg--die Fischer-Gunlaug!" wiederholte triumphierend die Range; sie
merkte, da er Angst bekam. Er hatte bei seiner Kurzsichtigkeit das
Mdchen bisher noch gar nicht gesehen; er war der einzige in der Stadt,
der nicht wute, wer sie war; er wute nicht einmal, da Gunlaug in der
Stadt war. Wie besessen schrie er: "Wie heit Du?"--"Petra!" schrie sie
noch lauter. "Petra!" wimmerte Pedro, drehte sich um und rannte ins
Haus, als habe er mit dem leibhaftigen Satan geredet. Aber weil der
bleichste Schreck und der bleichste Zorn sich hnlich sehen, so dachte
sie, er sei davongelaufen, um sein Gewehr zu holen; die Angst packte
sie, sie fhlte bereits das Schrot im Rcken, und da in demselben
Augenblick die Gartenpforte von auen aufgebrochen wurde, fuhr sie
hinaus wie der Blitz; ihr schwarzes Haar flatterte hinter ihr her wie
das Entsetzen selbst, die Augen sprhten Feuer, der Hund, der ihr gerade
in den Weg lief, machte Kehrt und setzte bellend hinter ihr drein und so
fiel sie ins Haus und ber die Mutter, die just mit der Suppenschssel
aus der Kche kam; das Mdchen mitten in die Suppe hinein, die Suppe
auf den Boden, und ein "hol' Euch der Teufel!" hinter beiden drein.
Aber whrend sie noch mitten in der Suppe lag, kreischte sie: "Er will
mich totschieen, Mutter! Er will mich totschieen!"--"Wer will Dich
totschieen, Du Kobold?"--"Der Pedro Ohlsen!"--"Wer?" schrie die
Mutter.--"Der Pedro Ohlsen. Wir haben pfel bei ihm gestohlen"--sie
wagte nie etwas anderes als die Wahrheit zu sagen.--"Von wem sprichst
Du, Mdchen?"--"Von Pedro Ohlsen. Er ist hinter mir her mit einem groen
Gewehr--er will mich totschieen!"--"Pedro Ohlsen!" tobte die Mutter und
dann fing sie zu lachen an. Sie schien pltzlich seltsam gewachsen. Dem
Kinde kamen die Trnen, und es wollte davonlaufen. Aber die Mutter
sprang auf sie zu, die weien Raubtierzhne funkelten; sie packte das
Mdchen bei den Schultern und zerrte es in die Hhe. "Hast Du ihm
gesagt, wer Du bist?"--"Ja, ja, ja, ja!" Und das Kind streckte flehend
die Hnde in die Luft. Da reckte sich die Mutter zu ihrer vollen Hhe
auf: "So! Also wei er's jetzt! Was hat er gesagt?"--"Ins Haus ist er
gelaufen, nach seinem Gewehr; er wollt' mich totschieen."--"Der Dich
totschieen!" lachte sie in schneidendem Hohn. Petra hatte sich,
erschrocken und ber und ber mit Suppe bespritzt, in eine Ecke
geschlichen, wischte sich ab und weinte, als die Mutter wieder auf sie
zukam. "Wenn Du Dich je wieder unterstehst, zu dem hinzugehen," sagte
Gunlaug, indem sie das Kind bei den Schultern packte und schttelte,
"oder mit ihm zu reden, oder auf ihn zu hren, dann gnade Gott euch
beiden!--Das sag' ihm von mir!" fgte sie mit drohender Stimme hinzu,
als das Kind nicht gleich antwortete.--"Ja, ja, ja, ja!"--"Sag' ihm das
von mir!" wiederholte sie noch einmal, aber leiser und bei jedem Wort
mit dem Kopf nickend, indem sie hinausging.

Das Kind wusch sich, zog seine Sonntagskleider an und setzte sich vors
Haus auf die Treppe. Aber bei dem Gedanken an den ausgestandenen
Schrecken stieg ihr immer wieder das Schluchzen in die Kehle.--"Warum
weinst Du, Kind?" fragte eine Stimme, so freundlich, wie noch nie jemand
zu ihr gesprochen hatte. Petra blickte auf. Vor ihr stand ein schlanker
Mann mit einem edlen Gesicht und einer Brille. Sie stand sofort auf;
denn sie erkannte Hans degaard, einen jungen Menschen aus dem Ort, vor
dem alles sich ehrerbietig erhob. "Warum weinst Du, Kind?" Sie sah ihn
an und erzhlte ihm, sie habe "mit ein paar andern Jungens" in Pedro
Ohlsens Garten pfel stehlen wollen; aber Pedro und der Polizeidiener
seien gekommen und da--, ihr fiel ein, da die Mutter ihr die Sache mit
dem Totschieen doch ein bichen zweifelhaft gemacht hatte, und so wagte
sie davon nichts zu erzhlen; statt dessen stie sie nur einen tiefen
Seufzer aus. "Ist es mglich," sagte er, "da ein Kind in Deinem Alter
eine so groe Snde begehen kann!" Petra sah ihn an. Wohl hatte sie
gewut, da es eine Snde war; aber bisher war ihr das immer etwa
folgenderweise vorgepredigt worden: "Satansrange, Du! Du schwarzhaarige
Teufelsbrut!" Jetzt auf einmal schmte sie sich.--"Warum gehst Du nicht
in die Schule und lernst Gottes Gebot von dem, was gut und bse ist?"
Sie strich sich ber den Rock und antwortete, Mutter wolle nicht, da
sie zur Schule gehe.--"Da kannst Du am Ende nicht einmal lesen?"
Doch, lesen knne sie. Er zog ein kleines Buch aus der Tasche und
gab es ihr. Sie guckte hinein, drehte es um und besah es sich von
auen. "Solche feine Schrift kann ich nicht lesen!" sagte sie. Aber
sie mute heran, und nun kam sie sich auf einmal frchterlich dumm vor.
Mund und Augen wurden ihr schlaff, und alle ihre Glieder lsten sich.
"G-o-t--Gott--d-e-r H-e-r-r--Herr, Gott der Herr--s-a-g-t-e Gott der
Herr sagte zu M-M--"--"Mein Gott, Du kannst also wirklich noch nicht
einmal lesen! Ein Kind von zehn oder zwlf Jahren! Mchtest Du nicht
gern lesen lernen?" Langsam kam es aus ihr heraus: ja, sie mchte schon
gern. "Dann komm mit, wir fangen gleich an!" Jetzt rhrte sie sich,
aber nur, um ins Haus zu sehen. "Ja, sag' es nur Deiner Mutter!" meinte
er. Die Mutter ging eben vorbei, und als sie das Kind mit einem fremden
Herrn sprechen sah, trat sie auf die Schwelle. "Er will mich lesen
lehren!" sagte das Kind zweifelnd, die Augen auf die Mutter gerichtet.
Sie antwortete nicht, stemmte nur beide Hnde in die Hften und sah
degaard an. "Ihr Kind ist ja total unwissend!" sagte er. "Sie knnen es
vor Gott und Menschen nicht verantworten, wenn Sie es so heranwachsen
lassen!"--"Wer bist denn Du?" fragte Gunlaug scharf.--"Hans degaard,
der Sohn des Pastors." Ihr Gesicht klrte sich leicht auf; von dem hatte
sie immer nur Gutes gehrt. "Wenn ich dann und wann einmal im Lande
war", begann er wieder, "ist mir das Kind hier immer aufgefallen. Heute
bin ich von neuem an sie erinnert worden. Sie darf sich nicht lnger nur
mit Dingen abgeben, die bse sind." Auf dem Gesicht der Mutter stand
deutlich zu lesen: Was geht das Dich an? Aber ruhig fragte er: "Das Kind
soll doch etwas lernen, nicht wahr?"--"Nein!"--Eine leichte Rte flog
ber sein Gesicht. "Weshalb nicht?"--"Sind die Menschen, die was gelernt
haben, etwa besser?"--Sie hatte nur eine einzige Erfahrung gemacht in
ihrem Leben; aber an die klammerte sie sich.--"Es wundert mich, da ein
Mensch das fragen kann!"--"Kann sein! Ich wei, da sie nicht besser
sind!" Und sie kam die Stufen herunter, um dem Gerede ein Ende zu
machen. Aber er vertrat ihr den Weg. "Es handelt sich hier um eine
Pflicht, der Sie sich einfach nicht entziehen drfen. Sie sind eine
unvernnftige Mutter!" Gunlaug ma ihn vom Kopf bis zu den Fen. "Wer
sagt Dir denn, was ich bin?" versetzte sie, an ihm vorbergehend.--"Sie
selber, und zwar in diesem Augenblick; denn sonst mten Sie doch
gesehen haben, da das Kind zugrunde geht!" Gunlaug wandte sich um. Auge
ruhte in Auge. Sie sah, da ihm das, was er gesagt hatte, wirklich Ernst
war, und ihr wurde bange. Sie hatte immer nur mit Matrosen und
Geschftsleuten verkehrt; eine solche Sprache hatte sie noch nie
vernommen. "Was willst Du denn mit meinem Kind?" fragte sie. "Sie
lehren, was ihrem Seelenheile dient, und dann abwarten, was aus ihr
wird!"--"Mein Kind soll nichts anderes werden, als was ich
will!"--"Doch--es soll aus ihr werden, was Gott will!" Gunlaug war wie
vor den Kopf geschlagen. "Was soll das heien?" fragte sie und trat
nher. "Das soll heien, da sie das lernen mu, wozu Gott ihr die Gaben
geschenkt hat; denn deswegen hat er ihr sie gegeben." Jetzt trat Gunlaug
ganz nahe an ihn heran: "Und ich, ihre Mutter--soll ich nicht etwa
bestimmen drfen ber sie?" fragte sie, als mchte sie sich wirklich
belehren lassen. "Doch! Gewi!" erwiderte er. "Aber Sie mssen auch auf
den Rat anderer hren, die das besser verstehen. Sie mssen auf den
Willen des Herrn hren!"----Gunlaug war eine Weile still. "Und wenn sie
zu viel lernt?" sagte sie. "Armer Leute Kind", setzte sie hinzu und
blickte zrtlich auf die Tochter.--"Wenn sie fr ihren Stand zu viel
lernt, so hat sie eben dadurch einen anderen Stand erreicht."--Sie
erfate sofort den Sinn seiner Worte, doch, indem sie mit immer
schwermtigeren Augen das Kind ansah, sagte sie leise, wie zu sich
selber: "Das ist gefhrlich!"--"Darum handelt es sich nicht", versetzte
er sanft, "sondern um das, was recht ist." In ihre kraftvollen Augen kam
ein seltsamer Ausdruck; wieder blickte sie ihn durchdringend an; aber es
lag so viel Wahrheit in seiner Stimme, seinen Worten, seinen Mienen, da
Gunlaug sich besiegt fhlte. Sie ging auf Petra zu, nahm ihren Kopf
zwischen beide Hnde; zu reden vermochte sie nicht mehr.

"Ich werde die Kleine von heut an bis zur Einsegnung unterrichten,"
sagte er, wie um ihr zu Hilfe zu kommen. "Ich habe immer den Wunsch
gehabt, mich dieses Kindes anzunehmen!"--"Und darum willst Du es mir
wegnehmen?" Er stutzte und sah sie fragend an. "Freilich, Du verstehst
das ja besser als ich," stie sie mhsam heraus, "aber es ist nur, weil
Du den Namen unseres Herrgotts genannt hast,"--sie verstummte. Sie hatte
whrenddessen das Haar des Kindes glattgestrichen; jetzt nahm sie ihr
eigenes Tuch ab und band es ihm um den Hals. Auf andere Weise sprach sie
es nicht aus, da Petra mitgehen drfe; aber sie lief hastig davon, und
verschwand hinter dem Haus, als wolle sie es nicht mit ansehen.

Bei diesem Gebaren der Mutter ergriff ihn eine pltzliche Angst vor der
Aufgabe, die er da in jugendlichem Eifer auf sich genommen hatte. Das
Kind aber empfand Angst vor ihm, der zum erstenmal die Mutter besiegt
hatte; und mit dieser wechselseitigen Angst gingen sie an ihre erste
Unterrichtsstunde.

Von Tag zu Tag indessen fand er, da sie an Klugheit und Wissen wuchs,
und seine Gesprche mit ihr nahmen zuweilen eine ganz eigentmliche
Richtung. Oft fhrte er ihr Persnlichkeiten aus der biblischen Historie
und der Weltgeschichte in der Weise vor, da er auf den Beruf hinwies,
den Gott ihnen zuerteilt hatte. Er verweilte bei dem Manne Saul, der in
zgellosem Irren umherschweifte, und bei dem Knaben David, der seines
Vaters Herde weidete, bis Samuel kam und auf beide die Hand des Herrn
legte. Doch am herrlichsten offenbarte sich solches Berufensein, als der
Herr selbst auf Erden wandelte und unter den Fischern seine Stimme
erhob. Und der arme Fischer stand auf und folgte ihm nach--zu Not und
Tod--immer aber voll Freudigkeit; denn das Gefhl des Berufenseins trgt
uns ber alle Widerwrtigkeiten hinweg.

Dieser Gedanke verfolgte sie, bis sie schlielich nicht mehr an sich
halten konnte,--sie mute ihn fragen, wozu sie berufen sei. Er sah sie
an, bis sie ber und ber rot wurde; dann antwortete er, zu seinem Beruf
gelange ein Mensch nur durch Arbeit. Bescheiden und klein knne dieser
Beruf sein--da sei er fr jeden. Und jetzt kam ein mchtiger Eifer ber
sie; er trieb ihr Arbeiten an mit der Kraft eines Erwachsenen, er glhte
in ihren Kinderspielen und machte sie mager und dnn. Allerlei
abenteuerliches Sehnen stieg in ihr auf: sie wollte sich das Haar
abschneiden, sich als Knabe verkleiden, in die Welt hinausziehen und
kmpfen! Aber als ihr Lehrer eines Tages sagte, ihr Haar sei so hbsch,
wenn sie es nur ordentlich flechten wolle--da wurde das Haar ihr lieb,
und um ihres langen Haares willen opferte sie den Heldenruhm.

Seitdem war es ihr mehr wert, ein Mdchen zu sein, als frher, und
ruhiger schritt ihre Arbeit weiter, umschwebt von wechselnden Trumen.




Drittes Kapitel


Hans degaards Vater war als junger Mensch aus dem Kirchdorf degaard in
Stift Bergen ausgewandert; die Menschen hatten sich seiner angenommen,
und er war jetzt ein Gelehrter und sehr gestrenger Prediger. Auch ein
uerst herrischer Mann war er, weniger in Worten als in Taten. Er hatte
ein "gutes Gedchtnis", wie man zu sagen pflegt. Dieser Mann, der mit
seiner Zhigkeit stets durchgesetzt hatte, was er wollte, sollte jedoch
an einem Punkte scheitern, wo er es am wenigsten erwartete, und wo es
ihn am schmerzlichsten traf.

Er hatte drei Tchter und einen Sohn. Dieser Sohn Hans war die Leuchte
der Schule; der Vater selbst leitete seine Studien und hatte seine helle
Freude an ihm. Hans hatte einen Freund; er setzte alles dran, ihn zu
seinem Nebenmann zu machen, und dieser Freund liebte ihn deshalb, nchst
seiner Mutter, ber alles in der Welt. Zusammen gingen sie zur Schule;
zusammen kamen sie auf die Universitt; zusammen machten sie die ersten
zwei Examina, und zusammen sollten sie nun dasselbe Amtsstudium
beginnen. Eines Tages, als sie nach einem just entworfenen Kollegienplan
bermtig die Treppe hinunterstrmten, wollte Hans im Gefhl frhlichen
Jugendbermuts dem Freund auf den Rcken springen; der Freund fiel, und
zwar so unglcklich, da er wenige Tage darauf starb. Der Sterbende bat
seine Mutter, die Witwe war und in ihm ihr einziges Kind verlor, ihm
zuliebe Hans an Sohnesstatt anzunehmen. Die Mutter starb fast
gleichzeitig mit dem Sohn; und kraft ihres Testaments fiel ihr sehr
betrchtliches Vermgen Hans degaard zu.

Es dauerte Jahr und Tag, bis Hans sich von diesem Schlag erholte. Eine
lange Reise im Ausland tat ihm wenigstens soweit gut, da er sein
theologisches Studium zu Ende zu fhren vermochte; aber ein Amt
anzunehmen--dazu konnte niemand ihn bewegen.

Seines Vaters sehnlichster Wunsch war gewesen, ihn neben sich als Vikar
zu haben; aber Hans war nicht zu bereden, auch nur die Kanzel zu
betreten. Immer hatte er dieselbe Erwiderung: er fhle nicht den Beruf
in sich. Fr den Vater war das eine bittere Enttuschung, die ihn um
Jahre lter machte. Er selber hatte erst spt angefangen zu studieren,
war schon ein alter Mann, und hatte sich hart--und immer dieses Ziel vor
Augen--durchgearbeitet. Jetzt sa sein Sohn ber ihm--im selben
Haus--bewohnte eine Reihe eleganter Zimmer; und unten, in der kleinen
Studierstube, bei seiner Lampe, die ihm hinberleuchtete in die Nacht
des Alters, sa in nie ermdender Arbeit der alte Pastor. Er hatte--nach
jener Enttuschung--fremde Hilfe weder annehmen knnen noch wollen;
darum gab es fr ihn--Sommer oder Winter--keine Ruhe. Der Sohn aber
machte alljhrlich eine lngere Reise ins Ausland. Wenn er zu Hause war,
verkehrte er mit niemand; nur da er--mehr oder weniger
schweigsam--mittags an des Vaters Tisch a. Wer sich in ein Gesprch mit
ihm einlie, stie auf solch berlegene Klarheit, auf solchen
Wahrheitseifer, da die Unterhaltung meist bald gefhrdet wurde. In der
Kirche sah man ihn nie; aber er gab mehr als die Hlfte seiner Einnahmen
zu wohlttigen Zwecken hin, wobei er stets die genauesten Vorschriften
ber die Verwendung machte.

Diese Wohlttigkeit war in ihrer Groartigkeit so verschieden von den
beschrnkten Gewohnheiten der kleinen Stadt, da sie alle Herzen gewann.
Wenn man dazu seine ganze zurckgezogene Lebensfhrung, seine hufigen
langen Reisen und die Scheu nimmt, die irgendwie alle vor ihm hatten, so
wird man wohl begreifen, da er in den Augen der Leute zu einer Art
Original wurde, dem man allerhand geheimnisvolle Dinge zutraute, hinter
dem man alles mgliche suchte, und dem man fast bernatrliche
Eigenschaften beilegte. Als dieser Mann sich herablie, das Fischermdel
in seine tgliche Frsorge zu nehmen, war sie von Stund an geadelt.

Pltzlich wollte jeder sich ihrer annehmen; besonders die Frauen. Eines
Tages erschien sie, in alle Farben des Regenbogens gekleidet; sie hatte
einfach alles angezogen, was man ihr geschenkt hatte, im Glauben, so
msse sie ihm gefallen; denn er wollte sie gern immer nett und zierlich
haben. Aber kaum hatte er sie erblickt, so schalt er sie schon aus: sie
drfe sich nichts schenken lassen; eitel sei sie und albern; sie stecke
in lauter Tand und Narretei! Als sie dann am nchsten Morgen mit
verweinten Augen anrckte, nahm er sie auf einen Spaziergang mit--zur
Stadt hinaus. Da erzhlte er ihr von David, so wie er ihr berhaupt
immer eine oder die andere Persnlichkeit darstellte--indem er ihr alles
Wohlbekannte in immer neuem Licht vorfhrte. Erst schilderte er David
als Jngling, wie er schn und kraftvoll in sorglosem Glauben
dahinlebte. Darum durfte er, noch ehe er Mann geworden war, am
Triumphzug teilnehmen. Als Hirte wurde er zum Knig berufen; in Hhlen
hatte er gewohnt--und erbaute zuletzt Jerusalem! In schnen Gewndern
sa er vor dem kranken Saul und spielte die Harfe; aber als er selber
Knig war--und krank--da schlug er die Harfe fr sich allein--, in
Lumpen der Reue gehllt. Nachdem er sein Lebenswerk vollendet hatte,
ergab er sich der Ruhe--in Snde. Und der Prophet kam, und die Strafe
Gottes; und er wurde wieder zum Kinde. David, er, der das ganze Volk
des Herrn zu erheben vermochte zu Lobgesang, lag selber, zerknirscht, zu
den Fen des Herrn. Wann war er schner? Als er siegesgekrnt--nach
eigenen Sngen--einhertanzte vor der Bundeslade--oder wenn er im
verschwiegenen Kmmerlein um Gnade flehte vor Gottes strafender Hand?

In der Nacht nach diesem Gesprch hatte sie einen Traum, den sie ihr
ganzes Leben lang nicht vergessen konnte. Sie sa auf einem weien
Zelter--in einem Siegeszug--und zugleich tanzte sie in Lumpen vor dem
Pferde her.

Eine gute Weile darauf kam eines Abends, als sie am Waldessaum oberhalb
der Stadt sa und ihre Aufgaben lernte, Pedro Ohlsen ganz dicht an ihr
vorber und flsterte mit einem sonderbaren Lcheln: "Guten Abend!"
Obgleich Jahre vergangen, war der Mutter Verbot, mit ihm zu reden, noch
so mchtig in ihr, da sie seinen Gru nicht erwiderte. Aber Tag fr Tag
kam er jetzt auf dieselbe Weise und stets mit demselben Gru an ihr
vorber; zuletzt wartete sie auf ihn, wenn er nicht kam. Bald richtete
er im Vorbeigehen eine kurze Frage an sie, nach einer kleinen Weile
wurden daraus zwei, und schlielich wurden es ganze Gesprche. Eines
Tages lie er nach einer solchen Unterhaltung einen Silbertaler in ihren
Scho gleiten, worauf er seelenvergngt und eiligst davonlief. Nun war
es gegen den Befehl der Mutter, nicht mit ihm zu reden, und gegen das
Verbot degaards, Geschenke von irgend jemand anzunehmen. Das erste
Verbot hatte sie ganz allmhlich bertreten--jetzt, da auch die
bertretung des zweiten Tatsache war, fiel es ihr wieder ein. Um das
Geld los zu werden, nahm sie den ersten besten, der ihr begegnete, mit
und traktierte ihn; aber beim besten Willen war es ihnen nicht mglich,
fr mehr als zehn Groschen zu verzehren. Und hinterher bereute sie auch,
da sie den Taler vernascht hatte, statt ihn zurckzugeben. Das letzte
Zweigroschenstck brannte ihr in der Tasche, als msse es ein Loch
durchs Kleid sengen. Sie zog es heraus und warf es ins Meer. Aber damit
war sie doch den Taler nicht los--auch ihre Gedanken hatte er angesengt.
Wenn sie es gestand, so wrde es vorbergehen, das fhlte sie; aber der
schreckliche Zorn der Mutter damals und degaards festes Zutrauen zu ihr
standen, jedes in seiner Art, als Schrecknisse im Wege. Whrend die
Mutter nichts merkte, entdeckte degaard bald, da sie etwas mit sich
herumschleppe, das sie unglcklich mache. Liebevoll fragte er sie eines
Tages, was es sei, und als sie statt aller Antwort in Trnen ausbrach,
dachte er, zu Hause bei ihr sei vielleicht Not, und gab ihr zehn
Speziestaler. Da sie--trotz ihrer Snde gegen ihn--noch Geld von ihm
bekam, machte einen tiefen Eindruck auf sie; und da sie nun obendrein
noch Geld hatte--ehrliches Geld, das sie der Mutter ganz offen geben
konnte,--empfand sie das als eine Freisprechung von ihrem Verbrechen und
gab sich der ausgelassensten Freude hin. Sie nahm seine Hand zwischen
ihre beiden Hnde und bedankte sich, sie lachte und tanzte in der Stube
herum, sie strahlte vor Entzcken durch ihre Trnen hindurch, whrend
sie ihn ansah mit dem Blick eines Hundes, der seinen Herrn begleiten
darf. Er kannte sie gar nicht wieder. Sie, die er sonst ganz in der
Gewalt seiner Worte hatte, nahm ihm heute die Herrschaft aus den Hnden.
Zum erstenmal fhlte er eine starke und wilde Natur sich entladen, zum
erstenmal berflutete ihn des Lebens Quelle mit ihrem roten Strom, und
er wich purpurhei zurck. Petra aber strzte zur Tr hinaus und den
Berg hinauf, nach Hause. Dort legte sie das Geld vor die Mutter auf die
Herdplatte und fiel ihr selber um den Hals. "Wer hat Dir das Geld
gegeben?" fragte die Mutter, in der schon der Zorn aufstieg.--"degaard,
Mutter! Er ist der herrlichste Mensch auf Erden!"--"Was soll ich
damit?"--"Ich wei nicht! O Gott, Mutter, wenn Du wtest--" sie fiel
ihr wieder um den Hals--jetzt konnte und wollte sie ihr alles sagen.
Aber die Mutter machte sich ungeduldig los. "Soll ich vielleicht Almosen
annehmen? Augenblicklich gibst Du ihm das Geld zurck! Wenn Du ihm
vorgeschwatzt hast, ich htt's ntig, so hast Du gelogen!"--"Aber
Mutter!"--"Sofort bringst Du ihm das Geld zurck, sag' ich Dir, oder ich
gehe selber hin und werf es ihm ins Gesicht, dem--dem..., der mir mein
Kind genommen hat!" Die Lippen der Mutter zitterten bei den letzten
Worten; Petra war immer blasser geworden, sie wich zurck, langsam
ffnete sie die Tr, langsam ging sie aus dem Hause. Eh sie wute, was
sie tat, war der Zehntalerschein zwischen ihren Finger in Fetzen
zerrissen. Die Entdeckung dieser Tatsache lste sich in einem Ausbruch
der Emprung gegen die Mutter. Aber degaard durfte nichts davon
erfahren--doch, alles sollte er erfahren... Ihm durfte sie nichts
vorlgen!--Und einen Augenblick darauf stand sie in seinem Zimmer und
erzhlte ihm, die Mutter habe das Geld nicht nehmen wollen und vor
rger, da sie es ihm zurckbringen mute, habe sie den Schein
zerrissen. Sie wollte noch mehr sagen, aber er hrte sie merkwrdig kalt
an, hie sie nach Hause gehen und gab ihr die Ermahnung mit auf den Weg,
der Mutter stets gehorsam zu sein, auch wenn es ihr sauer fiele. Das kam
ihr doch recht sonderbar vor; denn so viel wute sie auch--er selber tat
nicht, was sein Vater von ihm wollte. Auf dem Heimweg brach es in ihr
los, und gerade da begegnete ihr Pedro Ohlsen. Sie hatte ihn die ganze
Zeit ber gemieden und wollte das auch jetzt tun; denn er war ja an dem
ganzen Unglck schuld. "Wo bist Du gewesen?" fragte er, neben ihr
hergehend. "Ist Dir etwas geschehen?" Die Wogen in ihr gingen so hoch,
da sie sich einfach von ihnen schleudern lie, einerlei wohin. Und
berhaupt begriff sie auch gar nicht, weshalb ihr die Mutter verboten
hatte, mit ihm umzugehen; es war natrlich nur eine von ihren Launen.
"Weit Du, was ich getan habe?" sagte er fast demtig, als sie stehen
blieb. "Ich habe Dir ein Segelboot gekauft;--ich dachte, Du habest
vielleicht Lust, ein bichen zu segeln!" Und er lachte. Seine Gte, die
etwas von der Bitte eines Bettlers hatte, rhrte sie gerade jetzt; sie
nickte, und nun wurde er lebendig, er flsterte hastig, sie solle durch
die Allee rechts drauen vor der Stadt bis an das groe gelbe Bootshaus
gehen; dort wolle er sie abholen: kein Mensch knne sie dort sehen. Sie
ging hin und er kam, strahlend, aber ehrerbietig wie ein altes Kind, und
nahm sie zu sich ins Boot. Sie segelten eine Weile in der leichten Brise
und legten dann an einer Insel an, machten das Boot fest und stiegen ans
Land. Er hatte allerlei Leckereien fr sie mitgebracht, die er ihr mit
ngstlicher Freude anbot; dann zog er seine Flte heraus und spielte.
Seine Seligkeit lie sie eine Zeitlang ihren eigenen Kummer vergessen;
und weil die Frhlichkeit schwacher Wesen wehmtig stimmt, gewann sie
ihn pltzlich lieb.

Fortan hatte sie ein neues und dauerndes Geheimnis vor der Mutter, und
bald war es dahin gekommen, da sie der Mutter berhaupt nichts mehr
sagte. Und Gunlaug fragte nicht; sie vertraute ganz, bis zu dem
Augenblick, da sie ganz mitraute.

Aber auch vor degaard hatte Petra fortan Geheimnisse; denn sie nahm
allerhand Geschenke von Pedro Ohlsen an. Auch degaard fragte nicht; der
ganze Unterricht fhrte von Tag zu Tag mehr auf ein unpersnliches
Gebiet.

Petra war jetzt also zwischen Dreien geteilt. Bei keinem sprach sie von
den andern, und vor jedem hatte sie etwas Besonderes zu verheimlichen.

Doch unterdessen war sie, ohne es selbst zu wissen, ein erwachsenes
Mdchen geworden, und eines Tages teilte degaard ihr mit, da sie
eingesegnet werden solle.

Diese Nachricht erfllte sie mit groer Unruhe; denn sie wute, mit der
Einsegnung hatte der Unterricht ein Ende, und was sollte dann werden?
Die Mutter lie ein Giebelstbchen ans Haus anbauen; Petra sollte nach
ihrer Einsegnung ein eigenes Zimmer haben. Das unablssige Hmmern und
Klopfen war ihr eine schmerzliche Mahnung. degaard sah, wie sie immer
stiller und stiller wurde; zuweilen merkte er sogar, da sie geweint
hatte. Der Religionsunterricht machte in dieser Stimmung einen starken
Eindruck auf sie, obgleich degaard mit groer Sorgfalt alles vermied,
was sie htte aufregen knnen. Aus eben diesem Grunde schlo er auch
vierzehn Tage vor der Einsegnung den Unterricht mit der kurzen
Mitteilung ab, heute sei die letzte Stunde gewesen. Er meinte damit die
letzte Stunde bei ihm; denn er wollte natrlich noch weiter fr sie
sorgen, wenn auch durch andere. Aber wie festgenagelt blieb sie sitzen;
alles Blut wich ihr aus dem Gesicht, die Augen hingen starr an ihm, so
da er, unwillkrlich gerhrt, sich beeilte, einen Grund anzugeben:
"Nicht alle jungen Mdchen sind ja bei ihrer Einsegnung schon
erwachsen;--aber bei Dir ist es so. Das fhlst Du wohl selbst." Htte
sie im Schein eines flammenden Feuers gestanden--sie htte nicht
glhender rot werden knnen, als sie bei diesen Worten wurde. Ihr Busen
wogte, die Augen flackerten unruhig und fllten sich mit Trnen, und wie
gehetzt fgte er hinzu: "Oder wollen wir vielleicht doch noch
weitermachen?" Erst hinterher wurde ihm klar, was er ihr da
vorgeschlagen hatte; es war unrecht von ihm--er wollte es wieder
zurcknehmen, aber schon erhob sie ihre Augen zu ihm; sie sagte nicht
mit den Lippen "ja"; aber besser htte sie es nicht sagen knnen. Um
sich vor seinem eigenen Gewissen zu entschuldigen, suchte er nach einem
Vorwand und fragte: "Du mchtest jedenfalls jetzt gern irgend etwas
Bestimmtes ergreifen ... etwas, wozu Du"--er beugte sich zu ihr
herber--"den Beruf in Dir fhlst?" "Nein!" erwiderte sie so rasch, da
er errtete und, abgekhlt, in die eigenen, jahrelangen Grbeleien
zurcksank, die ihre unerwartete Antwort wieder wachgerufen hatte.

Da etwas Eigenartiges sich in ihr regte, daran hatte er nie gezweifelt,
seit er sie als Kind singend an der Spitze der Straenjugend des
Stdtchens hatte marschieren sehen. Aber je lnger er sie unterrichtet
hatte, desto weniger vermochte er aus ihrer Begabung klug zu werden.
Vorhanden war sie in jeder Bewegung; alles, was sie dachte, was sie
wnschte, verkndeten Geist und Krper zu gleicher Zeit, aus einer Flle
von Kraft heraus, umzittert von einen Glanz der Schnheit. Aber in Worte
gefat oder gar zu Papier gebracht, waren es einfach lauter Kindereien.
Sie sah aus wie die verkrperte Phantasie--er freilich empfand es vor
allem als Unruhe. Sie war sehr fleiig; aber ihr Flei hatte weniger den
Zweck, etwas zu lernen, als weiterzukommen; was auf der _nchsten_ Seite
stand, beschftigte sie immer am meisten. Sie hatte Sinn fr Religion,
doch, wie der Propst sich ausdrckte, "keine Anlage zu einem religisen
Leben"; und degaard machte sich oft schwere Sorgen um sie. Jetzt stand
er an einem Wendepunkt; unwillkrlich fhlte er sich im Geist
zurckversetzt vor die steinerne Treppe, wo er sie in sein Leben
aufgenommen hatte; er hrte die scharfe Stimme der Mutter, die ihm die
Verantwortung aufbrdete, weil er den Namen des Herrn genannt hatte.

Nachdem er mehrmals im Zimmer auf und ab gegangen war, raffte er sich
zusammen. "Ich mache jetzt eine Reise ins Ausland", sagte er mit einer
gewissen Scheu. "Ich habe meine Schwestern gebeten, sich inzwischen
Deiner anzunehmen, und wenn ich wiederkomme, wollen wir weiter sehen.
Leb' wohl... Wir sehen uns wohl noch, bis ich reise!" Damit ging er ins
Nebenzimmer, so rasch, da sie ihm nicht einmal mehr die Hand geben
konnte.

Sie sah ihn wieder, wo sie es am wenigsten erwartet hatte--im Pfarrstuhl
neben dem Chor, ihr gerade gegenber, als sie in der Schar der Mdchen
vor dem Altar stand, um eingesegnet zu werden. Das regte sie so auf, da
ihre Gedanken lange von der heiligen Handlung, auf die sie sich in Demut
und Gebet vorbereitet hatte, abgelenkt wurden. Ja, sogar degaards alter
Vater stutzte und blickte lange auf den Sohn, als er vor den Altar
trat, um zu beginnen. Gleich darauf sollte Petra noch einen zweiten
Schrecken erleben in der Kirche; denn etwas weiter hinten sa Pedro
Ohlsen in einem neuen, steifen Anzug. Er reckte gerade den Hals, um ber
die Kpfe der Jungens hinweg zu der Mdchenschar, zu ihr herberzusehen!
Er tauchte sogleich wieder unter; aber immer wieder sah sie seinen dnn
behaarten Kopf sich emporstrecken, um gleich darauf wieder
unterzutauchen. Das zog ihre Gedanken ab; sie wollte nicht hinsehen, und
sah doch hin, und da--gerade als alle die andern tief ergriffen waren,
manche in Trnen aufgelst--sah Petra zu ihrem Entsetzen, wie Pedro sich
erhob, starr, mit offenem Mund und stieren Augen, versteinert, unfhig,
sich wieder zu setzen oder sich zu rhren; denn ihm gegenber stand
Gunlaug, hoch aufgerichtet, in ihrer vollen Gre. Ein Schauder
durchrann Petra beim Anblick der Mutter; denn sie war so wei wie das
Altartuch. Ihr schwarzes krauses Haar schien sich zu struben, whrend
in ihre Augen pltzlich eine Kraft der Abwehr kam, als wollten sie
sagen: "La sie in Ruh'! Was hast Du mit ihr zu schaffen?" Wirklich sank
er auch unter dem Eindruck dieses Blickes auf der Bank zusammen und eine
Weile darauf schlich er zur Kirche hinaus.

Nun legte sich Petras Unruhe, und je weiter die heilige Handlung
fortschritt, desto mchtiger fhlte sie sich mitgerissen. Und als sie
ihr Gelbde abgelegt hatte und wieder zurcktrat und, durch Trnen,
hinber blickte zu degaard als zu dem Manne, der allen ihren guten
Vorstzen am nchsten stand, da gelobte sie in ihrem Herzen, da sie
seinen Glauben nicht zu schanden machen wolle. Sein treues Auge, das so
leuchtend zu ihr herberschaute, schien dasselbe zu erbitten; aber als
sie wieder auf ihrem Platz stand und ihn noch einmal mit dem Blick
suchte, war er verschwunden. Bald darauf ging sie heim mit der Mutter,
die unterwegs nur sagte: "Jetzt hab' ich das meinige getan;--nun mag
unser Herrgott das seine tun!"

Als sie dann, allein, miteinander zu Mittag gegessen hatten, sagte sie
wieder, indem sie vom Tisch aufstand: "Dann werden wir jetzt wohl zu ihm
hinbergehen mssen--zu dem Pfarrerssohn. Wenn ich auch nicht wei, wozu
das taugen soll, was er treibt,--gut gemeint hat er's jedenfalls. Mach'
Dich fertig, Kind!"

Der Weg zur Kirche, den die beiden so oft miteinander gegangen waren,
fhrte oben ber der Stadt herum; auf der Strae hatten sie sich bis
jetzt noch nie zusammen sehen lassen; die Mutter war seit ihrer Rckkehr
berhaupt kaum in der Stadt gewesen. Heute jedoch bog sie nach der
Strae zu ab; heute wollte sie die ganze Strae hinuntergehen, die ganze
Strae, an der Seite ihrer erwachsenen Tochter!

Am Nachmittag des Einsegnungstages ist so eine kleine Stadt auf der
Wanderung, entweder von Haus zu Haus, zum Gratulieren, oder Straen auf
und ab, um zu gucken und sich begucken zu lassen. Auf Schritt und Tritt
bleibt man stehen und grt, tauscht Hndedrcke aus und sagt einander
ein paar freundliche Worte. Die Kinder der Armen prsentieren sich in
den abgelegten Kleidern der Reichen und werden vorgefhrt, um sich zu
bedanken. Die Seeleute in fremdlndischem Staat, die Mtze schief auf
dem Ohr, die Stutzer des Stdtchens, die Handlungsgehilfen, zogen, nach
allen Seiten grend, in Scharen vorber; die halbwchsigen
Lateinschler, jeder seinen Busenfreund am Arm, schlenderten voll
altkluger Kritik hinterdrein; aber alle fhlten sie sich heute im
stillen ausgestochen von dem Lwen der Stadt, dem reichsten Mann der
Stadt, dem jungen Kaufherrn Yngve Vold, der soeben aus Spanien
heimgekehrt war, fix und fertig, von morgen ab das groe Fischgeschft
seiner Mutter zu bernehmen. Mit seinem hellen Hut auf dem hellen Haar,
glnzte er in allen Gassen, so da die jungen Konfirmanden fast in
Vergessenheit gerieten; alle hieen ihn willkommen, mit allen unterhielt
er sich, allen lachte er zu--an allen Ecken und Enden sah man den hellen
Hut auf dem hellen Haar und hrte das helle Lachen. Als Petra und ihre
Mutter die Strae herabkamen, war er der erste, auf den sie stieen; und
wie wenn sie tatschlich "auf ihn gestoen" htten, so fuhr er zurck,
als er Petra sah. Er erkannte sie nicht wieder.

Sie war gro, nicht so gro wie die Mutter, aber doch grer als die
meisten andern Mdchen--anmutig, fein und keck, die Mutter und doch auch
wieder nicht die Mutter, in stndigem Farbenspiel. Selbst der junge
Kaufmann, der ihnen folgte, vermochte die Blicke der Vorbergehenden
nicht mehr auf sich zu ziehen; die beiden, Mutter und Tochter zusammen,
waren doch noch ein fremdartigerer Anblick. Sie gingen rasch, ohne zu
gren, da sie selbst kaum von andern als von Seeleuten gegrt wurden.
Aber noch eiliger kamen sie die Strae wieder zurck; denn sie hatten
gehrt, degaard habe soeben das Haus verlassen und sei zum Dampfer
hinuntergegangen, der in wenigen Minuten abgehen sollte. Besonders Petra
drngte mehr und mehr; sie mute--mute ihn noch einmal sehen, mute ihm
danken, eh er aufbrach. Unrecht war es von ihm, so von ihr zu gehen! Sie
sah niemand von all denen, die sie ansahen--sie sah nichts als den
Dampferrauch ber den Dchern,--ihr war, als entferne der Rauch sich.
Als sie zur Landungsbrcke kamen, stie der Dampfer gerade vom Lande ab,
und--die Kehle zugeschnrt von Trnen--eilte sie weiter, hinaus in die
Allee; sie sprang mehr als da sie ging, und die Mutter stapfte hinter
ihr her. Da der Dampfer Zeit gebraucht hatte, um im Hafen zu wenden, kam
sie noch eben zurecht, um hinunter zu springen auf den Strand, auf einen
Stein zu klettern und mit dem Taschentuch zu winken. Die Mutter blieb
oben in der Allee stehen. Petra winkte--immer hher und hher schwenkte
sie ihr Tuch; aber--keiner winkte zurck.

Da konnte sie sich nicht mehr halten; vor lauter Trnen mute sie
den oberen Weg nach Hause gehen. Die Mutter folgte stumm.--Ihr
Giebelstbchen, das die Mutter ihr geschenkt hatte, in dem sie
diese Nacht zum erstenmal geschlafen und heut morgen so voller
Freude ihr neues Kleid angezogen hatte, betrat sie jetzt, am Abend,
aufgelst in Trnen, ohne einen Blick um sich zu werfen. Hinunter
wollte sie nicht--da saen Matrosen und andere Gste; sie zog ihr
Konfirmationskleid aus und sa auf ihrem Bett bis tief in die Nacht
hinein. Erwachsensein--das schien ihr das Unglckseligste auf der ganzen
Welt!




Viertes Kapitel


Eines schnen Tages, bald nach der Konfirmation, ging Petra zu degaards
Schwestern hinber; aber sie merkte gleich, da das ein Fehlgriff von
ihm gewesen war. Der Propst tat, als sei sie Luft, und die Tchter,
beide lter als degaard, waren mehr als steif. Sie begngten sich
damit, ihr kurz und knapp mitzuteilen, was der Bruder ber sie bestimmt
habe. Sie solle den ganzen Vormittag in einem Haus auerhalb der Stadt
die Haushaltung erlernen, und nachmittags in die Nhschule gehen;
schlafen, frhstcken und Abendbrot essen solle sie zu Hause. Sie tat,
wie ihr befohlen war, und schickte sich ganz gut darein, solang ihr die
Sache neu war, aber nach und nach, und besonders als es Sommer wurde,
fing das Ding sie zu langweilen an. Sonst um diese Zeit hatte sie ganze
Tage lang droben im Walde gesessen und in ihren Bchern gelesen, den
Bchern, die sie jetzt schmerzlich vermite, wie sie degaard selbst und
den Verkehr mit ihm vermite. Die Folge war, da sie sich ihren Verkehr
suchte, wo sie ihn eben fand. Um diese Zeit nmlich trat in die
Nhschule ein junges Mdchen ein, das Lise Let hie; das heit Lise hie
sie--aber nicht Let; Let hie ein junger Seekadett, der in den
Weihnachtsferien zu Hause gewesen war und sich beim Schlittschuhlaufen
mit ihr verlobt hatte, als sie noch ein Schulmdel war. Lise wollte Gift
drauf nehmen, da das nicht wahr sei, und fing zu weinen an, sobald man
berhaupt darauf anspielte; aber trotzdem blieb der Name an ihr hngen:
Lise Let. Die kleine zierliche Lise Let weinte oft und lachte oft; doch
ob sie weinte oder lachte--immer ging ihr Liebe im Kopf herum. Ein
Bienenschwarm von Gedanken, neuen, seltsamen Gedanken, fllte bald die
Nhschule. Streckte eine Hand sich nach der Zwirnrolle aus--gleich war
es ein Heiratsantrag und die Rolle sagte entweder ja oder gab einen
Korb; die Nadel verlobte sich mit dem Faden, und der Faden opferte sich,
Stich um Stich, fr die Grausame; wer sich stach, vergo sein Herzblut;
wer die Nadel wechselte, war treulos. Flsterten zwei Mdchen
miteinander, so hatten sie sich immer etwas ganz Besonderes zu sagen;
bald flsterten noch zwei und noch zwei; jede hatte ihre
Vertraute,--tausend Heimlichkeiten schwebten in der Luft; es war nicht
auszuhalten.

Eines Nachmittags in der Dmmerung, in einem ganz feinen
Regen,--Rieselregen nennt man ihn--war Petra mit einem groen
Umschlagtuch berm Kopf vor der Tr ihres Hauses und lugte in den Flur
hinein, wo ein junger Matrose stand und einen Walzer pfiff.
"Du--Gunnar--wollen wir einen Spaziergang machen?"--"Es regnet
doch!"--"Bah, das bichen Regen!"--Sie gingen bis zu einem kleinen Haus
oben am Berge. "Kauf' mir ein paar Kuchen--von denen mit Schlagsahne
drauf--ja?"--"Immer willst Du auch Kuchen!"--"Mit Schlagsahne
drauf!"--Er ging und holte ihr ein paar. Sie streckte die eine Hand
unter dem Tuch hervor, nahm die Kuchen und ging schmausend weiter. Als
sie hoch oben ber der Stadt standen, bot sie ihm ein Stck Kuchen an
und sagte: "Du, Gunnar, wir zwei haben uns doch immer so gern leiden
mgen; immer hab' ich Dich am liebsten mgen von all den Jungens.
Glaubst es nicht? Doch, ganz sicher, Gunnar! Und jetzt bist Du zweiter
Steuermann und fhrst vielleicht schon bald ein eigenes Schiff. Ich
finde, Du mtest Dich jetzt verloben... Nanu? Magst Du keinen
Kuchen?"--"Danke! Ich kaue lieber Tabak."--"Also--was sagst Du
dazu?"--"Oh, das hat keine Eile!"--"Keine Eile? bermorgen gehst Du doch
wieder fort!"--"Na ja ... ich komm' doch wieder!"--"Aber ob ich dann
Zeit hab', ist ziemlich zweifelhaft; wer wei, wo ich dann bin!"--"Also
mit Dir soll ich mich verloben?"--"Aber natrlich, Gunnar. Mit wem denn
sonst? Du bist wirklich zu dumm, darum bist Du auch nichts als ein
Matrose!"--"Tut mir gar nicht leid! Matrose sein, das ist
famos!"--"Freilich--Deine Mutter hat ja ein Schiff. Na, was sagst Du
also? Schrecklich, wie schwerfllig Du bist!"--"Was soll ich denn
sagen?"--"Was Du sagen sollst? Hahaha!... Willst mich am Ende gar nicht?
Was?"--"Ach, Petra! das weit Du ja nur zu gut! Aber ich glaube--man
kann sich nicht auf Dich verlassen!"--"Doch, doch, Gunnar! Ich bin Dir
ganz, ganz gewi treu!"--Er blieb einen Augenblick stehen: "La Dich mal
ansehen, Petra!"--"Warum?"--"Ich will sehen, ob Du es auch wirklich
meinst."--"Denkst Du etwa, ich mache Unsinn?" Sie schlug erzrnt ihr
Tuch zurck.--"Ja, Petra--wenn es also ganz im vollen Ernst gelten soll,
dann gib mir einen Ku drauf. Da wei man doch, was man hat."--"Bist Du
verrckt?" sie schlug das Tuch wieder zusammen und ging weiter.--"So
warte doch, Petra! Das verstehst Du nur nicht. Wenn wir wirklich
Liebesleute sind--"--"Ach, Bldsinn!"--"Na, hr' mal, da mu _ich_ doch
wohl wissen, was der Brauch ist, scheint mir; denn was Lebenserfahrung
anbelangt--da bin ich Dir zwanzigmal ber. Wenn Du blo bedenkst, was
ich alles gesehen habe--"--"Bah, Du hast gesehen wie ein Schafskopf
sieht, und schwatzt, wie Du gesehen hast!"--"So? Und was verstehst denn
Du unter Liebesleuten, wenn man fragen darf? Was? Bergauf und bergab
hintereinander herrennen, darin besteht's doch wahrhaftig
nicht!"--"Nein, das stimmt!" lachte sie und blieb stehen. "Also hr' mal
zu, Du! Whrend wir uns ein bichen verschnaufen--puh!--will ich Dir
sagen, wie Liebesleute sich benehmen. Solang Du hier bist in der Stadt,
mut Du jeden Abend vor der Nhschule auf mich warten und mich
heimbegleiten bis zur Haustr, und wenn ich sonst irgendwo bin, mut Du
auf der Strae warten, bis ich komme. Wenn Du wieder fort bist, mut Du
mir schreiben und mir hbsche Sachen kaufen und schicken. Und--ja,
richtig: ein paar Ringe, der eine mit meinem und der andere mit Deinem
Namen und mit Jahreszahl und Datum mssen wir uns schenken; aber ich
habe kein Geld, also mut Du sie alle beide kaufen."--"Das will ich
schon, aber--"--"Was gibt's denn nun wieder fr ein Aber?"--"Herrgott,
ich meine ja nur--dazu mu ich doch das Ma von Deinen Fingern
haben."--"Schn! Das sollst Du gleich haben." Sie ri einen Grashalm ab,
ma und bi ab. "Da! wirf ihn aber nicht weg!"--Er legte den Halm in ein
Stckchen Papier und das Papier in sein Notizbuch; sie sah zu, bis das
Buch wieder sicher eingesteckt war.--"So, jetzt wollen wir gehen; das
Herumgestehe hier hab' ich satt!"--"Hr' mal, Petra, ich finde wirklich,
die Geschichte ist ein bichen--drftig!"--"Gut, wenn Du nicht willst,
mein Junge, mir soll's egal sein!"--"Natrlich will ich! So hab' ich's
nicht gemeint;--aber darf ich denn nicht einmal wenigstens Deine Hand
nehmen?"--"Wozu denn?"--"Damit es gewi ist, da wir nun wirklich
verlobt sind."--"Solch ein Bldsinn! Ist es denn darum gewisser, wenn
man einander bei der Hand fat?--brigens--Du kannst meine Hand schon
haben! Da ist sie! Nein, mein Junge--nicht drcken--das bitt' ich mir
aus!"--Sie versteckte ihre Hand wieder unter dem Tuch; aber dann hob sie
pltzlich das Tuch mit beiden Hnden, so da das Gesicht ganz zum
Vorschein kam: "Wenn Du's einer Menschenseele erzhlst, Gunnar, so sag'
ich, es ist nicht wahr! Da Du's nur weit!" Und sie lachte und lief den
Berg hinunter. Nach einer Weile blieb sie stehen und sagte: "Morgen ist
die Nhstunde erst um neun Uhr aus. Dann kannst Du mich hinterm Garten
erwarten, hrst Du?"--"Schn."--"So, und jetzt mut Du gehen."--"Willst
Du mir nicht einmal zum Abschied die Hand geben?"--"Ich wei gar nicht,
was Du nur immer mit der dummen Hand willst! Nein, jetzt kriegst Du sie
erst recht nicht.--Adieu!" und sie lief davon.

Am nchsten Abend wute sie es so einzurichten, da sie als die letzte
die Schule verlie. Es war fast zehn Uhr, als sie ging; wie sie jedoch
vor den Garten kam,----kein Gunnar! Auf alles mgliche Pech hatte sie
sich gefat gemacht; nur nicht darauf. Sie war so beleidigt, da sie
jetzt selber wartete, blo damit sie's ihm ordentlich "geben" konnte,
wenn er endlich kam. brigens hatte sie Unterhaltung genug, whrend sie
hinter dem Garten auf und ab spazierte. Der kaufmnnische Gesangverein
hatte nmlich soeben in einem benachbarten Haus bei offenen Fenstern
seine Probe begonnen. Die Klnge eines spanischen Liedes lockten in der
milden Abendluft ihre Gedanken so lange, bis sie selbst in Spanien war
und von offenem Altan herab ihr Lob singen hrte. Spanien war ihre ganze
Sehnsucht; Sommer fr Sommer lagen im Hafen die dunklen spanischen
Schiffe, klangen auf den Gassen spanische Lieder, und in degaards
Zimmer hingen an der Wand viele schne Bilder von Spanien. Wer
wei--vielleicht war er jetzt gerade dort, und sie war bei ihm! Aber sie
wurde sehr pltzlich wieder heimgerufen; denn dort hinter dem Apfelbaum
kam endlich Gunnar hervorgestrzt; sie eilte auf ihn zu--und da war es
gar nicht Gunnar, sondern der von Spanien zurckgekehrte helle Hut auf
dem hellen Haar. "Hahaha!" lachte das helle Lachen. "Sie haben mich wohl
fr jemand anders gehalten?" Sie leugnete hastig, voll Eifer, und rannte
wtend davon. Aber er lief ihr nach, wobei er whrend des Laufens
unausgesetzt auf sie einredete, und zwar ungemein schnell und mit der
halb verwischten Aussprache, wie sie Leuten, die gewhnt sind, mehrere
Sprachen zu sprechen, eigen ist. "Oh, ich komme schon mit! Ich bin ein
ausgezeichneter Lufer! Es hilft Ihnen gar nichts,--ich _mu_ mit Ihnen
reden. Heut ist's der achte Abend, da ich hier auf Sie warte!"--"Der
achte Abend!"--"Ja, der achte Abend... Hahaha!... Und ich wrde mit
Freuden noch acht Abende hier warten: denn wir beide sind wie fr
einander geschaffen, nicht wahr? Es hilft Ihnen nichts. Ich lasse Sie
nicht fort, denn jetzt sind Sie mde, das sehe ich!"--"Nein, ich bin
nicht mde!"--"O doch!"--"Nein!"--"Doch!"-- ... "So sagen Sie doch was,
wenn Sie nicht mde sind!"--"Hahaha!"--"Hahaha! Das nenn' ich nicht:
etwas sagen!"--Und dann blieben sie stehen. Ein paar rasche Worte flogen
hin und her--halb im Scherz, halb im Ernst; darauf stimmte er ein
Loblied auf Spanien an, ein Bild jagte das andere. Zuletzt schimpfte er
auf das elende Nest hier. Dem ersten folgte Petra mit leuchtenden Augen,
das zweite sauste an ihren Ohren vorber, whrend ihre Blicke an einer
goldenen Kette auf- und abglitten, die er doppelt um den Hals
geschlungen trug. "Ja, die," sagte er rasch und zog das Ende der Kette,
an dem ein Kreuz befestigt war, hervor. "Sehen Sie, die hab' ich heut
Abend umgetan, um sie im Gesangverein zu zeigen; die ist aus Spanien.
Ich mu Ihnen ihre Geschichte erzhlen." Und er erzhlte: "Als ich in
Sdspanien war, besuchte ich einmal ein Schtzenfest und gewann die
Kette als Preis. berreicht wurde sie mir mit folgenden Worten: Nehmen
Sie diese Kette mit nach Norwegen und bergeben Sie sie als ehrerbietige
Huldigung spanischer Kavaliere der schnsten Frau ihrer Heimat!
Beifallsrufe und Fanfaren, Fahnen schwenken--, die Kavaliere klatschen
und ich empfange den Preis!"--"Gott, wie entzckend!" rief Petra. Vor
ihren Augen erstrahlte sofort das spanische Fest mit seinen spanischen
Farben und Liedern; braun standen die Spanier in der Abendsonne unter
den Weinlauben und sandten ihre Gedanken aus zur schnsten Frau der
Schneelande. Trotz seiner Einbildung und wunderlichen Wichtigtuerei war
er ein gutmtiger junger Kerl; er blieb neben ihr stehen und fuhr fort,
zu erzhlen. Jedes neue Bild steigerte ihre Sehnsucht; ganz entrckt in
jenes Land der Wunder, begann sie, das spanische Lied zu summen, das sie
vorhin gehrt hatte, und ganz allmhlich die Fe im Takt dazu zu
bewegen. "Wie! Sie knnen spanische Tnze tanzen?" rief er aus. "Ja!"
summte sie im Rhythmus des Tanzes und knipste mit den Fingern, um die
Kastagnetten nachzuahmen; so hatte sie die spanischen Matrosen tanzen
sehen. "Ihnen gebhrt der Preis der spanischen Kavaliere!" rief er, wie
von einem lichten Gedanken entflammt. "Sie sind das schnste Weib, das
ich je gesehen habe!" Und eh sie noch begriff, was er meinte, hatte er
die goldene Kette vom Hals genommen und sie leichthndig mehrere Male um
den ihren gewunden. Als sie dann zur Besinnung kam, war ihr Gesicht von
tiefer Schamrte bergossen und die Trnen wollten hervorstrzen, so da
jetzt ihn, der von einem Staunen ins andere gefallen war, die grte
Beschmung ergriff ber das, was er getan hatte. Er wute nicht, was er
eigentlich wollte, er fhlte nur, da er gehen mute, und er ging.

Noch um Mitternacht stand sie am offenen Fenster ihres Dachstbchens,
die Kette in der Hand. Weich lag die Sptsommernacht ber Stadt und
Fjord und den fernen Bergen. Von der Strae herauf tnte wieder das
spanische Lied; der Verein hatte Yngve Vold nach Hause begleitet. Wort
fr Wort war zu hren; es handelte von einem schnen Kranz. Nur zwei
Stimmen sangen die Worte, die andern summten mit dem Mund die
Guitarrebegleitung dazu:

    Nimm hin den Kranz, er ist fr dich,
    Nimm hin den Kranz und denk an mich!
      Hier ist das innigste
      Grn fr die Minnigste,
      Knospe, die zrteste,
      Fr die Begehrteste,
      Blte, die prchtigste,
    Hier fr die Mchtigste,
      Seltene Stengelein
      Hier fr das Engelein.
    Nimm hin den Kranz, er ist fr dich,
    Nimm hin den Kranz und denk an mich!

Als sie am andern Morgen die Augen aufschlug, kam sie aus einem ber und
ber von Sonne durchleuchteten Wald, alle Bume waren ein Goldregen, und
berall hingen die langen, lichten Dolden herab, und berhrten sie fast,
wenn sie vorberstrich. Sofort fiel ihr die Kette ein; sie nahm die
Kette und hing sie sich bers Hemd. Dann legte sie ein schwarzes Tuch
ber das Hemd und die Kette darber; denn von Schwarz hob sie sich
besser ab. Aufrecht im Bett sitzend, spiegelte sie sich in einem kleinen
Handspiegel: ob sie wirklich so schn war? Sie stand auf, um ihr Haar zu
flechten und dann wieder in den Spiegel zu sehen, aber da fiel ihr die
Mutter ein, die von allem noch nichts wute, und sie beeilte sich,
fertig zu werden; sie mute doch schnell hinunter und erzhlen. Doch als
sie fertig war und sich eben die Kette um den Hals hngen wollte, fuhr
ihr der Gedanke durch den Kopf, was wohl die Mutter sagen wrde, was
berhaupt die Leute sagen wrden, und was sie antworten solle, wenn man
sie frage, woher sie die kostbare Kette habe. Die Frage war das
natrlichste Ding von der Welt, und sie fiel ihr darum schwer und immer
schwerer aufs Herz, schlielich holte sie eine kleine Schachtel hervor,
legte die Kette hinein, steckte die Schachtel in die Tasche--und fhlte
sich zum erstenmal in ihrem Leben arm.

An diesem Vormittag ging sie nicht in die Nhstunde. Oberhalb der Stadt,
an der Stelle, wo sie die Kette bekommen hatte, setzte sie sich hin, die
Kette in der Hand und mit einem Gefhl, als habe sie die Kette
gestohlen.

Am Abend wartete sie hinterm Garten noch lnger auf Yngve Vold, als sie
am Abend vorher auf Gunnar gewartet hatte; sie wollte ihm die Kette
zurckgeben. Aber wie das Schiff, mit dem Gunnar fuhr, am Tage vorher
unerwartet die Anker gelichtet hatte, weil ihm in der Nachbarstadt eine
besonders gute Fracht angeboten war, so hatte auch Yngve Vold, dem das
Schiff gehrte, in derselben Angelegenheit heute verreisen mssen. Da er
gleichzeitig noch ein paar andere Geschfte abzuwickeln hatte, blieb er
drei Wochen fort.

Whrend dieser drei Wochen war die Kette nach und nach aus der Tasche in
die Kommodenschieblade, von dort in einen Briefumschlag und der
Briefumschlag in ein geheimes Fach gewandert. Und Petra selbst war von
einer demtigenden Entdeckung zur andern gelangt. Zum ersten Male war
sie sich in vollem Umfang des Abstandes bewut, der sie von den
vornehmen Damen der Stadt trennte. Die htten die Kette tragen knnen,
ohne da irgendeiner sie nach dem Warum und Woher gefragt htte. Aber
einer solchen Dame htte Yngve Vold die Kette gar nicht anzubieten
gewagt, ohne ihr zugleich seine Hand anzubieten; so etwas wagte er eben
nur dem Fischermdel gegenber. Wenn er ihr etwas schenken wollte, warum
da nicht etwas, das sie gebrauchen konnte? Aber er hatte sie nur um so
bitterer verhhnen wollen, indem er ihr etwas gab, das sie berhaupt
nicht tragen konnte. Die Geschichte mit der "Schnsten" war natrlich
erdichtet; denn htte er ihr die Kette aus diesem Grunde zuerkannt, so
wre er nicht heimlich, bei Nacht und Nebel, gekommen.--Zorn und Scham
bohrten sich um so tiefer in ihr fest, als sie es sich lngst abgewhnt
hatte, sich einem Menschen anzuvertrauen. Kein Wunder daher, da sie
beim erstenmal, als sie den Menschen wieder traf, diesen Menschen, um
den diese emprten und beschmenden Gedanken kreisten, so heftig
errtete, da er es mideuten _mute_, und dann--eben _weil_ sie das
fhlte--noch tiefer errtete. Sie lief eiligst wieder nach Hause, ri
die Kette aus dem Versteck und setzte sich, obgleich es noch helllichter
Tag war, oben ber der Stadt hin, um ihn zu erwarten. Jawohl, jetzt
sollte er sie wiederhaben!

Sie war ganz sicher, da er kommen werde; denn auch er war, als er sie
sah, rot geworden, und dabei war er die ganze Zeit ber fort gewesen.
Aber bald begannen gerade diese Gedanken zu seinen Gunsten zu reden.
Wenn sie ihm gleichgltig gewesen wre, wre er nicht so rot geworden.
Wenn er frher nach Hause gekommen wre, so wre er auch schon eher
dagewesen.

Es begann sachte zu dmmern; in diesen letzten drei Wochen waren die
Tage schnell krzer geworden. Mit der Dunkelheit aber wandeln sich oft
unsere Gedanken. Sie sa dicht berm Weg, zwischen den Bumen; sie
konnte sehen, ohne da man sie sah. Als das eine Weile so fortgegangen
war, und er immer noch nicht kam, wollten widerstreitende Empfindungen
in ihr auflodern; bald zornig, bald angstvoll lauschte sie. Sie hrte
jeden, der vorberging, hrte ihn lang, eh sie ihn sah. Er war es nie.
Jeder Vogel, der im Halbschlummer zwischen den Blttern hin- und
herschlpfte, erschreckte sie--so voll Spannung lauschte sie. Jeder Laut
von der Stadt her, jeder Ruf lockte sie. Ein groes Schiff lichtete,
beim Klang eines Matrosenliedes, die Anker; noch zur Nacht sollte es
hinausbugsiert werden, um die erste Morgenbrise zu bentzen. Oh, wenn
sie htte mit hinaus knnen, aufs weite Meer, wohin ihr Sehnen stand!
Das Matrosenlied wurde ihr eigenes Lied--die klingenden Rucke am Spill
hoben sie empor--wozu? wohin?--Da stand der helle Hut mitten im Weg,
gerade vor ihr! Sie sprang auf und lief ohne weiteres davon, und whrend
sie lief, fiel ihr ein, sie htte nicht davonlaufen sollen. Fehler auf
Fehler! Sie blieb stehen. Als er zwischen den Bumen, wo sie stand, auf
sie zukam, atmete sie heftig, so da er jeden Atemzug hren konnte, und
durch dieselbe Macht, die sie das erstemal in ihrer Ausgelassenheit ber
ihn gehabt hatte, beherrschte sie ihn jetzt in ihrer Furcht. Er sah sehr
verlegen, ja verwirrt aus und flsterte: "Haben Sie keine Angst!"

Aber er sah, wie sie zitterte. Da wollte er sie zutraulich machen, indem
er sie fest bei der Hand ergriff; aber bei der ersten Berhrung seiner
Hand sprang sie auf wie von einer Flamme verbrannt,--und wieder war sie
fort, whrend er stehen blieb.

Weit lief sie nicht; die Luft ging ihr aus. In ihren Schlfen hmmerte
und brannte es, die Brust wollte ihr zerspringen--sie prete die Hnde
dagegen und lauschte. Sie hrte Tritte im Gras, ein Rascheln im
Laub,--er kam, kam gerade auf sie zu--er sah sie--nein, er sah sie
nicht!--Doch, er sah sie!... Nein, er ging vorber! Sie hatte keine
Angst,--das war es nicht; aber alles an ihr war in Aufruhr, und als sie
sich in Sicherheit fhlte, verlor sie mit der Spannung auch ihre Kraft
und sank erschpft und todesmatt um.

Erst nach geraumer Zeit erhob sie sich wieder und schritt langsam den
Berg hinab, bald stehenbleibend, bald weiter gehend, als habe sie kein
Ziel. Als sie den Weg wieder erreicht hatte, sa er da und wartete
geduldig. Jetzt stand er auf, sie hatte ihn nicht gesehen; sie ging wie
im Nebel, nicht ein Wort entschlpfte ihr, sie regte sich auch nicht;
sie tat blo die Hnde vor die Augen und weinte. Das berwltigte Yngve
Vold derart, da seine sonst so rhrige Zunge stillstand. Und dann sagte
er mit eigentmlicher Bestimmtheit: "Heut noch spreche ich mit meiner
Mutter; morgen mu alles in Ordnung sein. In ein paar Tagen gehst Du ins
Ausland, und nachher wirst Du meine Frau." Er wartete auf eine Antwort,
er wartete wenigstens, sie werde aufblicken; aber sie blickte nicht auf.
Er deutete das auf seine Weise: "Du antwortest nicht? Kannst nicht? Gut!
Verla Dich auf mich; denn fortan bist Du mein! Gute Nacht!" Und er
ging.

Sie blieb zurck, wie in einem Nebel; eine leise Angst wollte sich
dazwischen drngen und den Nebel zerteilen; aber wieder schlo er sich.

So stark Yngve Vold diese drei Wochen hindurch ihre Gedanken beschftigt
hatte, so bereit war sie jetzt, in pltzlicher Wandlung dieses neue
Wunder in eine neue Phantasiekette einzureihen. Er war der reichste
Mann der Stadt, aus der ltesten Familie, und er wollte sie ber alle
Rcksichten hinweg zu sich emporheben! Das war etwas, so berraschend
verschieden von dem, was sie sich in einer langen Zeit des Leidens und
der Emprung gedacht hatte, da schon allein das sie glckselig machen
mute! Aber immer strahlender wurde ihr Glck, je mehr sie sich die
neuen, in jeder Beziehung fabelhaften Verhltnisse klar machte. Sie sah
sich allen andern gleichgestellt und am Ziel ihres unklaren Sehnens. Und
als Hchstes sah sie Yngve Volds grtes Schiff an ihrem Hochzeitstage
als Flaggschiff im Hafen liegen; sie sah, wie es unter Ehrensalven und
Feuerwerk das junge Paar an Bord nahm und es nach Spanien trug, wo die
Hochzeitssonne glhte.

       *       *       *       *       *

Als sie am andern Morgen erwachte, kam das Mdchen herein und sagte, es
sei halb Zwlf. Petra empfand einen gewaltigen Hunger; sie a, a immer
noch mehr, der Kopf tat ihr weh, sie war todmde und schlief wieder ein.
Als sie gegen drei Uhr nachmittags aufs neue erwachte, fhlte sie sich
wohler. Die Mutter kam herauf und meinte, sie habe sich wahrscheinlich
eine Krankheit weggeschlafen; so sei auch sie selbst immer gewesen. Aber
jetzt msse sie aufstehen, es sei Zeit fr die Nhstunde. Petra setzte
sich im Bett auf und sttzte den Kopf auf den Arm; ohne aufzublicken,
antwortete sie, sie gehe nicht mehr in die Nhstunde. Sie wird noch ein
bichen fiebrig sein! dachte die Mutter und ging hinunter, um ein Paket
und einen Brief heraufzuholen, die ein Schiffsjunge soeben gebracht
hatte. Also schon Geschenke! Petra, die sich wieder hingelegt hatte,
fuhr hastig in die Hhe und ffnete, sobald sie allein war, mit einer
gewissen Feierlichkeit zuerst das Paket. Es enthielt--ein Paar Pariser
Damenstiefelchen! Ein bichen enttuscht wollte sie die Dinger gerade
wegstellen, als sie merkte, da sie sich vorn an den Zehen schwer
anfhlten. Sie fuhr mit der Hand hinein und zog aus dem einen ein
kleines, in Seidenpapier gewickeltes Pckchen:--ein goldenes
Armband!--aus dem andern ebenfalls ein sorgfltig umhlltes
Pckchen--ein Paar Pariser Handschuhe! Und aus dem rechten Handschuh zog
sie wiederum ein Papierknuel, das zwei glatte goldene Ringe barg.
"Schon!" dachte Petra. Ihr Herz klopfte; sie sah nach der Inschrift der
Ringe und las auch wirklich in dem einen: "Petra", samt Jahreszahl und
Datum, und in dem andern--"Gunnar". Sie erbleichte, warf die Ringe und
das ganze Paket zu Boden, als habe sie sich daran verbrannt, und ri den
Brief auf. Er war aus Calais datiert und lautete:



  "Liebe Petra!

Nachdem wir hier angekommen sind, vom 51. bis zum 54. Breitegrad mit
gnstigem Wind, und spter die ganze Fahrt ber bis hierher in den Hafen
mit heftigem Beiwind, was ungewhnlich ist sogar fr bessere Schiffe
als das unsere, das ein stolzer Segler ist. Aber jetzt sollst Du hren,
da ich den ganzen Weg ber an Dich gedacht habe und an das, was
zwischen uns beiden vorgefallen ist, und ist recht rgerlich, da ich
nicht ordentlich Abschied nehmen konnte von Dir, weshalb ich vor rger
an Bord ging, habe Dich aber seitdem nie vergessen, auer ab und zu
einmal; denn ein Seemann hat es schwer. Aber jetzt sind wir hier und ich
habe meine ganze Heuer fr Geschenke fr Dich ausgegeben, wie Du mir
gesagt hast, und auch das Geld, das Mutter mir gegeben hat; jetzt habe
ich also nichts mehr. Aber wenn ich Urlaub bekomme, bin ich ebenso
schnell bei Dir wie die Geschenke; denn so lang es heimlich ist, ist man
nie sicher vor anderen, besonders vor den jungen Burschen, von denen
sich viele rumtreiben. Aber ich will meiner Sache sicher sein, da
keiner eine Entschuldigung hat, sondern wei, da er sich vor mir in
acht nehmen mu. Du knntest freilich was Besseres kriegen als mich;
denn Du kannst jeden kriegen, den Du willst; aber einen treueren kriegst
Du nie; und das bin ich. Jetzt will ich schlieen, denn ich habe schon
zwei Bogen voll geschrieben, und meine Buchstaben werden so gro;
Briefschreiben ist mir das Schrecklichste, was ich wei, aber ich
schreibe trotzdem, wenn Du es willst. Und nun will ich Dir zum Schlu
nur sagen, da es mir Ernst war; denn wenn es nicht Ernst ist, so war es
eine groe Snde, und kann viele Menschen ins Unglck strzen.

  Gunnar Ask,

  Untersteuermann auf der Brigg
  'Die norwegische Verfassung.'"



Eine heftige Angst packte sie; im Handumdrehen war sie aus dem Bett und
angezogen. Es trieb sie ins Freie, als liee sich drauen irgendwo Rat
finden; alles war pltzlich unklar, ungewi, gefahrdrohend geworden. Je
mehr sie grbelte, desto mehr verwirrten sich ihre Gedanken; irgend
jemand mute sie entwirren, sonst wurde sie nicht damit fertig. Aber wem
sollte sie sich anvertrauen? Da gab es nur einen Menschen--die Mutter.
Als sie nach langem inneren Kampf vor ihr in der Kche stand, angstvoll,
dem Weinen nah, aber fest in ihrem Entschlu, volles Vertrauen zu
zeigen, um volle Hilfe zu empfangen, sagte die Mutter, ohne sich
umzudrehen und daher auch ohne Petras Gesichtsausdruck zu bemerken:
"Eben ist er hier gewesen;--er ist wieder da."--"Wer?"--flsterte Petra
und griff nach einer Sttze; war Gunnar wirklich schon wieder da, so war
es mit aller Hoffnung vorbei. Sie kannte Gunnar; er war schwerfllig und
gutmtig; wenn er aber einmal in Wut geriet, war er wie rasend. "Du
sollst gleich hinkommen, hat er gesagt."--"Hinkommen?" wiederholte Petra
zitternd; sie dachte sich sofort, da er seiner Mutter alles gesagt
habe; und was sollte nun werden?--"Ja, ins Pfarrhaus!" sagte die
Mutter.--"Ins Pfarrhaus? degaard ist wieder da?"--Jetzt drehte sich die
Mutter um. "Freilich--wer denn sonst?"--"degaard!" jubelte Petra, und
ein Sturm der Freude blies in einem Nu die Luft rein. "degaard ist
wieder da, degaard! O Gott im Himmel, er ist wieder da!" Und schon war
sie zur Tr hinaus und ber alle Berge. Sie strmte davon, sie lachte,
sie schrie. Er war es, er allein, der ihr not tat! Wre er daheim
gewesen, das ganze Unheil wre nicht geschehen! Bei ihm war sie
geborgen. Beim bloen Gedanken an seine edlen, klaren Zge, seine milde
Stimme, oder auch nur an die stillen, bilderreichen Zimmer, Rume, die
er bewohnte, kam sie in friedlicheren Takt und fhlte sich wieder
sicher. Sie lie sich Zeit und sammelte sich. Stadt und Land erstrahlten
im sinkenden Herbstabend; zumal der Fjord lag in wunderbarem Glanz;
drauen im Sund wirbelte der letzte ferne Rauch des Dampfers, der
degaard gebracht hatte. Ach, nur die Gewiheit, da er wieder da sei,
machte sie gut, gesund, stark! Sie betete zu Gott, ihr zu helfen, da
degaard sie nie mehr verlassen mge! Und gerade als sie sich in dieser
Hoffnung gehoben fhlte, sieht sie ihn lchelnd auf sich zukommen. Er
hatte gewut, welchen Weg sie kommen wrde, und war ihr
entgegengegangen! Das rhrte sie; sie sprang auf ihn zu, fate seine
beiden Hnde und kte sie. Er wurde verlegen. Als er weiter hinten
jemand schreiten sah, zog er sie vom Weg hinauf unter die Bume. Er
hielt ihre Hnde zwischen den seinen, und sie sagte nur immerzu: "Wie
herrlich, da Sie wieder da sind! Ich kann's gar nicht glauben, da
Sie's wirklich sind! Oh, Sie drfen nie, nie wieder fort! Verlassen Sie
mich nicht wieder, ach bitte, verlassen Sie mich nicht!" Dabei strzten
ihr die Trnen aus den Augen. Er zog sanft ihren Kopf an sich, wie um
ihre Trnen zu verdecken und sie zu beruhigen; ihm selber war es eine
Notwendigkeit, da sie ruhiger wurde. Sie aber schmiegte sich an ihn wie
der Vogel unter den Flgel, der sich ber ihn breitet, und wollte gar
nicht wieder heraus. berwltigt von diesem Vertrauen, legte er den Arm
um sie, wie um ihr den Schutz, den sie suchte, zu gewhren; kaum jedoch
fhlte sie das, so hob sie ihr verweintes Gesicht zu ihm empor, ihre
Augen begegneten den seinen, und was in einem Blick wechseln kann, wenn
Reue begegnet der Liebe, Dankbarkeit begegnet der Freude des Gebers und
das Ja dem Ja,--das blitzte in rascher Reihenfolge auf. Er nahm ihren
Kopf zwischen seine beiden Hnde und drckte seine Lippen auf die ihren.
Er hatte frh seine Mutter verloren; er kte zum erstenmal in seinem
Leben, und auch bei ihr war es so. Keins vermochte sich vom andern zu
lsen, und als es dennoch geschah, war es nur, um wieder einander
entgegenzusinken. Er bebte, sie aber strahlte und glhte, sie warf die
Arme um seinen Hals und hing sich an ihn wie ein Kind. Und als sie sich
setzten, und sie seine Hnde, sein Haar, seine Brustnadel, sein
Halstuch, alles was sie sonst nur ehrfurchtsvoll aus der Ferne
betrachtet hatte, anrhren durfte, und als er sie bat, "Du" zu sagen und
nicht "Sie", und sie das nicht konnte, und als er ihr erzhlen wollte,
wie reich sie sein armes Leben vom ersten Augenblick an gemacht habe,
wie lange er dagegen angekmpft habe, um sie nicht zu hemmen, um sich
nicht auf diese Weise bezahlt zu machen, und als er entdeckte, da sie
nicht imstande sei, auch nur ein Wort von dem, was er sagte, zu fassen
oder zu begreifen, und er selbst auch keinen Sinn und Verstand mehr
darin fand; als sie dann auf der Stelle mit ihm gehen wollte, und er sie
lachend bitten mute, noch ein paar Tage zu warten, dann wollten sie
zusammen weit fort ziehen, weg von allem hier--da fhlten sie, wie sie
so zwischen den Bumen saen, vor sich Fjord und Berg im
Abendsonnenglanz, whrend fern ein Waldhorn sang und klang--da fhlten
sie, da sprachen sie es aus: das ist das Glck.

    Der ersten Begegnung Sigkeit,
    Sie ist wie ein Sang auf den Fluten,
    Sie ist wie ein Sang auf grner Heid',
    Wie der Sonne letztes Gluten,--
    Sie sind wie ein Waldhorn auf der Flur,
    Die tnenden Augenblicke,
    In denen ein Wunder die Natur
    Verschmelzt mit unserm Geschicke.




Fnftes Kapitel


Am nchsten Morgen sa Petra halb angekleidet in ihrem Stbchen; weiter
kam sie den ganzen Tag ber nicht. So oft sie auch den Versuch machte,
immer wieder sanken ihr die Arme in den Scho. Wie vollreife hren, wie
schwere Glockenblumen auf dem Feld beugten sich ihre Gedanken. Stille,
Sicherheit und wogende Luftgebilde schwebten ber den lichten
Schlssern, in denen sie hauste. Wieder durchlebte sie die gestrige
Begegnung, jedes Wort, jeden Blick, jeden Hndedruck, jeden Ku. Sie
wollte sich den ganzen Verlauf, von der ersten Begegnung bis zum
Abschied, wieder vergegenwrtigen, aber sie kam nie damit zu Ende. Denn
jede einzelne Erinnerung verdmmerte in blauen Traum, und alle Trume
kamen mit neuer Verheiung zurck. Und so s diese Verheiung auch war,
Petra mute sie zurckdrngen, um den Faden der Erinnerung da wieder
aufzunehmen, wo er ihr entglitten war; aber kaum hatte sie ihn, verlor
sie sich wieder ins Wunderbare.

Da sie nicht herunterkam, dachte die Mutter, sie habe, nun degaard
zurckgekehrt war, ihre Studien wieder aufgenommen. Sie schickte ihr das
Essen hinauf, damit sie den ganzen Tag in Ruhe oben bleiben konnte. Erst
gegen Abend stand Petra auf, um sich fertig zu machen. Jetzt ging es
ihrer Liebe entgegen! Sie schmckte sich mit dem Besten, was sie hatte,
ihrem ganzen Konfirmationsstaat. Glnzend war er nicht; aber das empfand
sie erst heute; das eine Stck machte das andere hlich, bis sie die
passenden Stcke zusammengefunden hatte; und dann war das Ganze trotzdem
nicht hbsch! Was htte sie heute nicht darum gegeben, die schnste zu
sein. Mit diesem Wort stieg eine Erinnerung in ihr auf, die sie mit
einer Handbewegung von sich wies; nichts, nichts durfte ihr heute nahen,
was sie beunruhigen konnte! Sie selbst bewegte sich ganz still; leise
ordnete sie dies und jenes in ihrem Stbchen; denn noch war die Stunde
nicht da. Sie ffnete das Fenster und sah hinaus; rote, warme Wolken
lagerten auf den Bergen, aber ein khlender Luftstrom zog herein und
brachte Botschaft vom nahen Wald. "Ich komme, ich komme!" Noch einmal
trat sie vor den Spiegel, um ihr brutliches Glck zu gren.

Da hrte sie drunten bei der Mutter degaards Stimme, hrte, wie man ihn
nach ihrem Zimmer wies. Er kam, sie zu holen! Eine schamhafte Freude
umglhte sie; sie sah sich um, ob auch alles in Ordnung sei, fr ihn!
Dann ging sie auf die Tr zu.

"Herein!" antwortete sie leise auf das leise Klopfen und trat ein paar
Schritte zurck.

Am selben Morgen hatte man degaard, als er um den Kaffee klingelte,
gemeldet, der Kaufmann Yngve Vold habe heute frh schon zweimal nach ihm
gefragt. Da seine Gedanken sich gerade jetzt mit den Ansprchen eines
Fremden befassen sollten, verstimmte ihn; aber ein Mensch, der ihn so
frh aufsuchte, mute wohl ein wichtiges Anliegen haben. Er war auch
wirklich kaum angekleidet, als Yngve Vold eintrat. "Sie werden sich wohl
wundern, was? Tu' ich selber. Guten Morgen!" Die beiden begrten sich,
und er legte seinen hellen Hut hin. "Schlafen Sie aber lang! Zweimal bin
ich schon hier gewesen. Ich habe etwas Wichtiges auf dem Herzen; ich mu
mit Ihnen reden."--"Bitte, nehmen Sie Platz!" Und degaard setzte sich
selbst in einen Lehnstuhl. "Danke, danke! Ich gehe lieber auf und ab.
Ich kann nicht sitzen--bin zu aufgeregt. Seit vorgestern bin ich rein
wie von Sinnen--rein verrckt, nicht mehr und nicht weniger! Und daran
sind Sie schuld!"--"Ich?"--"Ja, Sie! Sie haben das Mdchen ausgegraben.
Kein Mensch htte an das Mdel gedacht, kein Mensch htte es beachtet,
wenn Sie nicht gewesen wren. Aber so--in meinem ganzen Leben hab? ich
so was--so was Unvergleichliches nicht gesehen,--nie, so wahr ich hier
stehe--so was--Sie wissen schon! So was verflixt Kraushaariges,
Wunderbares--was? Keine Ruhe hat's mir gelassen! Ich war rein
verhext! Wo ich ging und stand--immer war sie da. Ich bin auf Reisen
gegangen und bin wiedergekommen--es war mir unmglich--was? Wute
erst berhaupt nicht, wer sie war--'das Fischermdel', hie sie.
Spanierin, Zigeunerin,--Hexe wre richtiger gewesen--! Einfach
Feuer--Augen, Busen, Haar--was? Funkelt, sprht, tanzt, lacht, trllert,
errtet--Teufelsweib!... Renne ihr nach, verstehen Sie, oben im Wald
zwischen den Bumen--stiller Abend--sie steht da, ich steh' da--dann ein
paar Worte, Gesang, Tanz--und da, na ja, da gab ich ihr meine Kette.
Hatte, so wahr ich lebe, eine Minute vorher noch mit keinem Gedanken
daran gedacht! Das nchste Mal wieder an derselben Stelle, wieder
dasselbe Gerenne; sie hatte Angst, und ich,--ja, wollen Sie's
glauben?... ich brachte kein Sterbenswrtchen heraus, traute mich nicht,
sie anzurhren! Aber als sie dann wiederkam--knnen Sie sich denken,
Mensch?--da macht' ich ihr einen Heiratsantrag! Und eine Sekunde vorher
hatt' ich mit keinem Gedanken daran gedacht! Gestern hab' ich mich dann
selbst geprft,--wollte von ihr wegbleiben--aber auf Ehr' und Seligkeit,
ich bin verrckt! Ich _kann_ einfach nicht, ich _mu_ bei ihr sein! Wenn
ich das Mdel nicht krieg', so schie' ich mir ohne weiteres eine Kugel
vor den Kopf! Sehen Sie, so steht's mit mir. Um meine Mutter scher' ich
mich den Teufel, um die Stadt auch--ein Lumpennest, ein elendes
Krhwinkel! Sie mu heraus, sehen Sie, heraus, hoch ber dies
Nest hinaus! _Comme il faut_ soll sie werden, ins Ausland soll
sie--Frankreich--Paris--! Ich bezahl's und Sie arrangieren die Sache.
Ich knnte ja auch selber mit fort, mich irgendwo drauen festsetzen,
weg aus diesem Loch. Aber--der Fisch! Ich mchte was machen aus der
Stadt,--das liegt ja und schlft, denkt nicht, spekuliert nicht;
aber--der Fisch! Man versteht den Fisch nicht zu behandeln; Spanien, das
ganze Ausland beklagt sich; die Sache mu anders angefat werden--andere
Trocknung, andere Verpackung, alles anders,--das Nest soll in
die Hhe--Zug mu ins Geschft kommen--Millionen soll der Fisch
schaffen!--Wo bin ich stehen geblieben? Richtig--Fisch--Fischermdel--das
pat zusammen: Fisch--Fischermdel--hahaha! Also ich zahle,--Sie
arrangieren's! Sie wird meine Frau, und dann----"

Weiter kam er nicht. Er hatte whrend seiner langen Rede gar nicht auf
degaard geachtet, der jetzt totenbla aufsprang und sich mit einem
biegsamen spanischen Rohr in der Hand ber ihn warf. Das Erstaunen des
andern war nicht zu beschreiben; den ersten Schlgen wich er aus.
"Nehmen Sie sich in acht! Sie knnten mich treffen!" sagte er.--"Jawohl!
Ich treffe! Sehen Sie: spanisch, spanisches Rohr--das pat auch
zusammen!" und die Hiebe regneten auf Schultern, Arme, Hnde, das
Gesicht herab, wo sie gerade hintrafen. Der andere scho umher: "Sind
Sie verrckt? Mensch, sind Sie toll?" rief er. "Ich will sie ja
heiraten! Hren Sie? heiraten!"--"Hinaus!" schrie degaard, als sei er
mit seiner Kraft am Rande. Und der Blondkopf strzte zur Tr hinaus, die
Treppe hinunter, fort von diesem Wahnsinnigen;--gleich darauf stand er
unten auf der Strae und brllte hinauf nach seinem hellen Hut. Der
wurde ihm durchs Fenster nachgeworfen. Dann war alles still.

"Herein!" antwortete Petra am Abend auf das leise Klopfen und trat ein
paar Schritte zurck, um den Geliebten besser sehen zu knnen, whrend
er eintrat. Wie wenn ein eisiger Wasserstrahl sich ber sie ergsse, wie
wenn die Erde unter ihren Fen wiche, so wirkte auf sie das Gesicht,
das da in der Tr erschien. Sie taumelte zurck und tastete nach dem
Bettpfosten; aber ihr Denken, von Abgrund zu Abgrund gestrzt, versagte;
in weniger als einer Sekunde war sie von der Hhe der glckseligsten
Braut zur Tiefe der grten Snderin auf Erden herabgestrzt. Sie hrte
es donnern aus diesem Antlitz: in alle Ewigkeit konnte er ihr nicht
vergeben!--

"Ich seh' es--Du bist schuldig!" flsterte er kaum hrbar. Er lehnte
sich gegen die Tr und hielt sich an der Klinke fest, als msse er sonst
umsinken. Seine Stimme bebte, und die Trnen rannen ihm bers Gesicht,
obwohl sein Antlitz ganz ruhig war.

"Weit Du auch, was Du getan hast?" Und seine Augen schmetterten sie zu
Boden. Sie antwortete nicht--nicht einmal mit Trnen, Ohnmacht--vllige,
hoffnungslose Ohnmacht lhmte sie. "Einmal in meinem Leben habe ich
meine Seele hingegeben, und er, dem ich sie gab, starb durch meine
Schuld. Aus diesem Schmerz konnte nichts mich wieder aufrichten als ein
Menschenkind, das mir ganz gehrte und mir eine ganze Seele zurckgab.
Das hast Du getan,--und hast es zum Schein getan!" Er hielt inne. Ein
paarmal versuchte er vergebens wieder anzusetzen; dann fuhr er mit
pltzlichem Ausdruck des Schmerzes fort: "Und Du konntest es bers Herz
bringen, alles, was ich in diesen langen Jahren, Gedanken fr Gedanken,
aufgebaut habe, niederzureien, als sei es ein Bild von Ton! Kind, Kind!
konntest Du nicht verstehen, da ich in Dir mich selbst wieder
aufrichtete? Jetzt ist es vorbei!" Er versuchte seinen Schmerz zu
beherrschen.

"Nein, Du bist zu jung, um es zu fassen," begann er wieder. "Du weit
nicht, was Du getan hast.--Aber da Du mich _betrogen_ hast, das mut Du
doch verstehen.--Sag' mir, was hab' ich Dir getan, da Du etwas so
Grausames fertig bringen konntest? Kind, Kind! Httest Du es mir
wenigstens gestern gesagt! Warum--warum hast Du mich so frchterlich
belogen?"

Sie hrte alles, und alles, was er sagte, war Wahrheit.--Er war nach
einem Stuhl am Fenster geschwankt, um seinen Kopf auf den Tisch daneben
sttzen zu knnen. Dann stand er wieder auf; es schluchzte in ihm vor
Schmerz, und wieder setzte er sich nieder, ganz still. "Und ich, der
nicht einmal dazu gut ist, seinem alten Vater zu helfen!" flsterte er
vor sich hin. "Ich kann nicht, ich fhle in mir nicht den Beruf dazu!
Darum soll auch mir niemand helfen. Alles soll mir unter den Hnden
zerbrechen, alles."--Er konnte nicht mehr; sein Haupt sank in seine
rechte Hand; die linke hing schlaff herab; er sah aus, als knne er sich
berhaupt nicht mehr rhren. Und so blieb er sitzen, ohne ein Wort zu
sagen. Da fhlte er etwas Warmes auf seiner herabhngenden Hand.
Erschrocken fuhr er zusammen; es war Petras Atem. Sie lag mit gesenktem
Kopf neben ihm auf den Knien; jetzt faltete sie die Hnde und sah mit
einer unbeschreiblichen Gebrde, die um Barmherzigkeit flehte, zu ihm
empor. Er blickte zu ihr nieder; keins wandte den Blick ab. Da hob er
wie abwehrend die Hand gegen sie, als fhle er bei diesem Blick in
seinem Innern eine Stimme der berzeugung, der er nicht Gehr schenken
wollte, und jh, heftig bckte er sich nach seinem Hut, der zu Boden
gefallen war, und eilte zur Tr. Aber noch schneller vertrat sie ihm den
Weg, warf sich nieder, umklammerte seine Knie und bohrte ihre Augen in
seine--alles ohne einen Laut; aber er sah und fhlte, sie kmpfe um ihr
Leben. Da wurde die alte Liebe zu mchtig in ihm; noch einmal sah er sie
an mit einem vollen, schmerzlichen Blick, noch einmal umfate er mit
beiden Hnden ihr Haupt. Aber in seiner Brust schluchzte und sang es wie
in der Orgel nach dem letzten Zug der Register, wenn nur noch Luft, aber
kein Ton mehr in ihr ist. Dann zog er seine Hnde zurck und zwar in
einer Weise, da sie fhlen mute, was er dabei dachte: es war fr
immer. "Nein, nein!--Du kannst Dich hingeben; aber Du kannst nicht
lieben!" Es berwltigte ihn. "Unglckliches Kind, Deine Zukunft kann
ich nicht schtzen! Gott verzeih Dir, da Du meine vernichtet hast!" Er
ging an ihr vorbei, sie rhrte sich nicht. Er ffnete die Tr und schlo
sie; sie blieb stumm,--sie hrte ihn die Treppe hinuntergehen, sie hrte
seine letzten Schritte auf der Haustreppe, auf dem Wege--da brach der
Bann. Sie stie einen Schrei aus, einen einzigen;--aber darauf eilte die
Mutter herbei.

Als Petra wieder zu sich kam, fand sie sich in ihrem Bett, entkleidet
und wohl verwahrt; und vor ihr sa die Mutter, die Arme auf die Knie
gestemmt, den Kopf in beide Hnde gesttzt und die Glutaugen fest auf
die Tochter gerichtet. "Hast Du jetzt genug bei ihm studiert?" fragte
sie. "Hast Du jetzt was gelernt... Was soll denn nun aus Dir werden,
he?"--Petras Antwort war ein Strom von Trnen. Lange, sehr lange sa die
Mutter da und hrte das Weinen mit an; dann sagte sie--seltsam
feierlich: "Gott der Herr verdamme ihn!"--Petra fuhr auf. "Mutter,
Mutter! Nicht ihn, nicht ihn! _Mich_, mich--nicht ihn!"--"Oh, ich kenn'
das Pack! Ich wei schon, wer's verdient!"--"Nein, Mutter! er ist
betrogen--betrogen durch mich--_ich_, _ich_ hab' _ihn_ betrogen!" Und
hastig und schluchzend erzhlte sie alles. Keinen Augenblick durfte ein
Verdacht auf ihm ruhen! Sie erzhlte von Gunnar, was sie von ihm
verlangt hatte, ohne es zu verstehen, von Yngve Volds Unglckskette, in
der sie sich verfangen hatte, zuletzt von degaard, und wie sie bei
seinem Anblick alles andere vergessen hatte. Sie begriff auch jetzt noch
nicht, wie es zugegangen war; aber da sie eine ungeheure Snde begangen
habe an allen dreien, und vor allem an ihm, der sie zu sich emporgezogen
und ihr alles gegeben hatte, was ein Mensch dem andern geben kann, das
begriff sie. Nachdem die Mutter lange schweigend dagesessen hatte, sagte
sie: "Und an mir hast Du Dich nicht versndigt? Wo bin denn ich die
ganze Zeit gewesen, da Du mir kein Sterbenswort von alledem gesagt
hast?"--"Oh, Mutter, hilf mir! Sei nicht hart gegen mich jetzt! Ich
fhle ja, da ich mein ganzes Leben lang dafr ben mu; aber ich will
Gott auch bitten, da er mich bald sterben lt!--Lieber, lieber Gott!"
fing sie sofort an und hob die gefalteten Hnde zum Himmel, "lieber,
lieber Gott, erhre mich! Ich hab' mein Leben zerstrt; es hat fr mich
keinen Reiz mehr,--ich bin nicht frs Leben geschaffen--ich versteh' das
Leben nicht. Lieber Gott, darum la mich sterben!" Es lag eine so
ergreifende Innigkeit in diesem Gebet, da Gunlaug die harten Worte, die
ihr schon auf der Zunge lagen, hinunterschluckte. Sie legte ihre Hand
auf den zum Gebet erhobenen Arm des Mdchens und drckte ihn hernieder.
"Mige Dich, Kind! Man soll Gott nicht versuchen. Wir mssen leben,
vielleicht gerade weil's uns hart ankommt!"--Dann stand sie auf, und von
Stund an setzte sie ihren Fu nicht mehr in die Giebelstube.

degaard war schwer erkrankt, und die Krankheit drohte eine gefhrliche
Wendung zu nehmen. Whrend dieser Zeit zog der alte Vater zu seinem Sohn
hinauf und richtete sich sein Studierzimmer unmittelbar neben dem
Krankenzimmer ein. Wer ihn bat, sich zu schonen, erhielt immer dieselbe
Antwort; er knne nicht; seine Pflicht sei, ber seinen Sohn zu wachen,
so oft dieser Sohn einen verloren habe, den er mehr geliebt habe als den
Vater.

So standen die Dinge, als Gunnar zurckkehrte.

Seiner Mutter jagte er einen Todschrecken ein, als sie ihn pltzlich vor
sich sah, lange eh das Schiff, auf dem er fuhr, angekommen war; sie
glaubte, es sei sein Geist. Und nicht viel anders erging es seinen
Bekannten. Auf alle verwunderten Fragen gab er nur kurzen Bescheid. Bald
jedoch wute man mehr als genug. Denn noch am selben Tag, an dem er
zurckgekehrt war, wurde er bei Gunlaug zum Haus hinausgeworfen, und
zwar von ihr eigenhndig. Von der Treppe aus schrie sie ihm nach, da es
durch den ganzen Hohlweg drhnte: "Da Du Dich hier nicht wieder blicken
lt! Von der Sorte haben wir genug!" Er war noch nicht weit gegangen,
als ein Mdchen mit einem Paket hinter ihm drein gerannt kam. Das
Mdchen hatte noch ein zweites Paket mit und gab ihm das falsche; und so
kam es, da Gunnar im Paket eine dicke goldene Kette fand. Er blieb
stehen, wog die Kette in der Hand und betrachtete sie. War ihm Gunlaugs
Wut schon vorhin rtselhaft erschienen--da sie ihm jetzt eine goldene
Kette nachschickte, das war ihm noch unbegreiflicher. Er rief das
Mdchen zurck; sie msse sich geirrt haben. Jetzt gab sie ihm das
andere Paket und fragte, ob _das_ vielleicht das richtige sei. Und
wirklich--das Paket enthielt seine Geschenke fr Petra.----Ja, das sei
das richtige. Aber wem sie denn das andere, das mit der goldenen Kette,
bringen solle? "Dem jungen Herrn Vold!" erwiderte das Mdchen und ging.
Gunnar blieb zurck und dachte nach. "Der junge Vold? Macht _der_ ihr
Geschenke? Also _der_ hat sie mir gestohlen,--Yngve Vold,--na, dem will
ich--!" Seine Spannung, seine Erbitterung _mute_ sich Luft
machen,--irgend etwas _mute_ er zerschlagen.--Also--Yngve Vold.

Und zum zweitenmal wurde der unglckselige Fischhndler hchst
unerwartet attakiert, und zwar auf seiner eigenen Haustreppe. Er
flchtete vor dem Wahnwitzigen ins Kontor, aber Gunnar setzte ihm nach.
Smtliche Kontoristen fielen ber den Ruhestrer her; der schlug und
wehrte sich nach allen Seiten. Sthle, Tische, Pulte wurden ber den
Haufen geworfen; Briefe, Rechnungen, Zeitungen stoben nur so durch die
Luft. Schlielich rckten--von Yngve Volds Warenschuppen
her--Hilfstruppen an, und Gunnar wurde, nach heiem Kampf, auf die
Strae befrdert. Aber da ging es erst recht los. Im Hafen lagen gerade
zwei Schiffe--ein auslndisches und ein einheimisches. Es war gerade
Mittagspause, und die Matrosen nahmen diesen Jux nur zu gern mit. Sofort
war die Rauferei in schnstem Gange, Mannschaft gegen Mannschaft,
Auslnder gegen Einheimische. Neue Truppen wurden herbeibeordert und
zogen in Sturmschritt heran; Arbeiter schlenderten herbei, alte Weiber,
Gassenjugend; schlielich wute kein Mensch mehr, weshalb oder mit wem
man raufte. Vergebens fluchten die Schiffer, vergebens befahlen ehrsame
Brger, den einzigen Polizeidiener des Stdtchens herbeizuholen; der lag
just in aller Gemtsruhe drauen auf dem Fjord und fischte. Man lief zum
Stadtschulthei; aber der war zugleich Postmeister, hatte sich gerade
mit der neuesten Briefpost in seinem Bureau eingeschlossen und rief zum
Fenster heraus, er knne nicht fort, sein Gehilfe sei bei einem
Begrbnis; sie mten warten. Da man aber mit dem gegenseitigen
Totschlagen unmglich warten konnte, bis die Post sortiert war, so
schrien einige, vor allem ein paar gengstigte Weiber, man solle den
Grobschmied Arne holen. Dem stimmten die ehrsamen Brger zu, und seine
eigene Frau lief, ihn zu holen, "weil die Polizei nicht daheim sei." Er
kam--zum Jubel der Schuljugend--, fuhr ein paarmal in den Knuel hinein,
langte sich einen gelenkigen Spanier heraus und hmmerte mit dem nach
rechts und links auf die andern los.

Als alles vorbei war, kam der Stadtschulthei mit seinem Spazierstock.
Er fand noch ein paar alte Weiber und Kinder auf der Walstatt. Diesen
gebot er mit gestrenger Miene, nach Hause zu gehen zum Mittagessen--was
er selbst ebenfalls tat.

Am Tag darauf begann er ein Verhr anzustellen; das dauerte eine geraume
Zeit, obwohl kein Mensch auch nur eine Ahnung davon hatte, wer
eigentlich gerauft hatte. Blo darin stimmten alle Aussagen
berein--Arne, der Grobschmied, war dabei gewesen; alle hatten sie ihn
mit dem Spanier auf die andern loshauen sehen. Also wurde ber diesen
Arne eine Strafe von einem Speziestaler verhngt, wofr seine Frau, die
ihn in den Handel verwickelt hatte, die Prgel einheimste. Am elften
Sonntag nach Trinitatis. Sie hatte Ursache, an den Tag zu denken! Das
war die einzige gerichtliche Folge, die die Rauferei hatte.

Aber sie hatte andere. Die kleine Stadt war keine stille Stadt mehr; das
Fischermdel hatte sie in Aufruhr versetzt. Die seltsamsten Gerchte
liefen um. Zunchst war es eiferschtiger Groll, da sie den klgsten
Kopf der Stadt und die beiden besten Partien an sich gelockt und
auerdem noch "mehrere" in petto hatte; denn aus Gunnar wurden im
Handumdrehen "mehrere junge Mnner". Bald aber erhob sich ein
allgemeiner Sturm sittlicher Entrstung. Die ganze Schande, an einer
groen Straenrauferei schuld zu sein und ber drei der besten Familien
der Stadt Kummer gebracht zu haben, lastete auf dem jungen Mdchen, das
vor kaum einem halben Jahr eingesegnet worden war. Drei Verlobungen auf
einmal,--und die eine obendrein mit ihrem Lehrer, ihrem Wohltter, dem
sie alles verdankte--nein! Das brachte die Emprung zum berlaufen! War
sie nicht von kindauf ein rgernis gewesen fr die Stadt? Hatte man
nicht trotzdem,--als degaard sich ihrer angenommen hatte, die schnsten
Erwartungen auf sie gesetzt? Und hatte sie nicht alle Leute zum Besten
gehabt, ihn zugrunde gerichtet und sich, ihrer zgellosen Natur folgend,
rckhaltlos einem Leben in die Arme geworfen, das sie zu einem Abschaum
der Menschheit machen und am Ende ins Zuchthaus bringen mute? Die
Mutter war selbstverstndlich mitschuldig--in _ihrer_ Matrosenkneipe
hatte das Kind den Leichtsinn gelernt! Aber man werde das Joch, das
Gunlaug der Stadt aufbrdete, nicht lnger tragen, man werde sie nicht
lnger unter sich dulden, weder Mutter, noch Tochter. Und so kam man
berein--sie aus der Stadt zu jagen.

Eines schnen Abends versammelten sich Matrosen, die Gunlaug Geld
schuldig waren, versoffene Arbeiter, denen sie keinen Dienst verschaffen
wollte, junge Bursche, denen sie nichts borgen mochte, oben vor ihrem
Hause--angefhrt von Brgern der "besseren" Stnde. Sie pfiffen, sie
heulten, sie brllten nach dem "Fischermdel", nach der
"Fischer-Gunlaug". Bald flog ein Stein gegen die Haustr; dann ein
zweiter oben durchs Giebelfenster. Erst nach Mitternacht verlief sich
die Rotte. Hinter den Fenstern war alles dunkel und still.

Am nchsten Tag lie sich bei Gunlaug kein Mensch blicken. Nicht einmal
ein Kind ging mehr am Berghang vorbei. Doch abends derselbe Auflauf; nur
da heute alle mittaten, ohne Unterschied. Sie trampelten alles nieder,
sie zertrmmerten die Fenster, sie rissen den Gartenzaun um und
knickten die jungen Obstbume ab, und dabei sangen sie:

    Mutter, ich hab' einen Seemann gefischt!
      "So, hast du das?"
    Mutter, ich hab' einen Kaufmann erwischt!
      "Ja, hast du das?"
    Mutter, ein Geistlicher sitzt an der Schnur.
      "Lang' ihn dir nur!"--
      O kling und klang,
      Die Nase wird lang!
    Die groen Fische beien fruchtlos an,
    Wenn in das Boot man sie nicht ziehen kann.

    Mutter, der Seemann, der hat sich gedrckt!
      "Ja, hat er das?"
    Mutter, der Kaufmann ist ausgerckt!
      "So, ist er das?"
    Mutter, nun will auch der Geistliche fliehn!
      "Lange dir ihn!"
      O kling und klang,
      Die Nase wird lang!
    Die groen Fische beien fruchtlos an,
    Wenn in das Boot man sie nicht ziehen kann.

Besonders laut schrien sie nach Gunlaug. Gar zu sehr htte man sich
gefreut, sie toben zu hren in ihrer ohnmchtigen Wut.

Gunlaug sa drinnen und hrte jedes Wort; aber sie blieb stumm. Man mu
schon etwas dulden knnen fr sein Kind.




Sechstes Kapitel


Den ersten Abend, als das Schreien, Pfeifen und Johlen anfing, war Petra
auf ihrem Zimmer. Sie flog auf, als stnde das Haus in Flammen, oder als
wolle alles ber ihr zusammenbrechen. Wie von glhenden Ruten
gepeitscht, lief sie in ihrem Zimmer umher. In ihrer Seele schmerzte
und brannte es, ihre Gedanken jagten nach einem Ausweg. Aber zur Mutter
hinunter traute sie sich nicht, und drauen, vor ihrem Fenster, standen
_sie_! Ein Stein kam durchs Fenster gesaust und fiel auf ihr Bett. Sie
stie einen Schrei aus, lief in den Winkel hinter die Gardine und
verkroch sich zwischen ihren alten Kleidern. Da hockte sie,
zusammengekauert, flammend vor Scham, zitternd vor Furcht. Bilder voll
unerhrten Entsetzens jagten an ihr vorber, die Luft war voll
wimmelnder Gesichter--gaffender, grinsender Gesichter! Ganz nah kamen
sie;--Feuer regnete es rings um sie--Hu! es war gar kein Feuer, Augen
waren es--berall regnete es Augen, groe glhende, kleine sprhende
Augen, die reglos glotzten, Augen, die unablssig rollten,--Herr Jesus,
Herr Jesus, erbarme Dich!--

Oh, welch ein Aufatmen, als die letzten Schreie in der Nacht erstarben
und alles ganz still wurde und ganz dunkel. Sie wagte sich hervor; sie
warf sich auf ihr Bett und vergrub den Kopf in die Kissen; doch die
Gedanken wollten nicht weichen. Sie sah die Mutter drohend,
ungeheuerlich, wie ein Sturmgewlk, das sich ber den Bergen
zusammenballt;--denn, was mute die Mutter nicht erdulden--um
ihretwillen! Kein Schlaf kam in ihre Augen, kein Friede in ihre Seele.
Der Tag dmmerte herauf. Linderung brachte er ihr nicht. Auf und ab
wanderte sie, auf und ab, und dachte blo daran, wie sie fliehen knne.
Aber sie traute sich der Mutter nicht unter die Augen; hinaus traute sie
sich auch nicht, solang es Tag war, und mit dem Abend kamen sie
jedenfalls wieder! Trotzdem mute sie warten; denn vor Mitternacht zu
fliehen, war noch gefhrlicher. Und berhaupt--wohin? Sie hatte kein
Geld, sie wute keinen Weg.--Aber irgendwo mute es doch barmherzige
Menschen geben, wie es einen barmherzigen Gott gab! Er wute--was sie
auch verbrochen hatte--Schlechtigkeit war es nicht gewesen. Er kannte
ihre Reue, er kannte auch ihre Hilflosigkeit! Sie horchte auf den
Schritt der Mutter drunten; aber sie hrte nichts; sie zitterte, da
sie die Treppe heraufkommen knne; aber sie kam nicht. Das Dienstmdchen
mute wohl davongelaufen sein; denn niemand brachte ihr das Essen
herauf. Sie selbst wagte sich nicht hinunter, nicht einmal ans Fenster;
drauen konnte ja einer stehen und ihr auflauern. Durch das zertrmmerte
Fenster zog es kalt herein, besonders als es wieder Abend wurde. Sie
hatte sich ein kleines Bndel mit Kleidungsstcken zusammengeschnrt und
sich warm angezogen, um bereit zu sein. Aber erst mute sie den wtenden
Haufen abwarten und ber sich ergehen lassen, was kommen mochte.

Richtig, da waren sie wieder! Pfeifen, Gejohle, Steinewerfen--schlimmer,
viel schlimmer als am Abend vorher! Sie verkroch sich in ihren Winkel,
faltete die Hnde und betete, betete! Wenn blo die Mutter nicht zu
ihnen hinausginge! Wenn sie blo nicht das Haus strmten! Jetzt fingen
sie zu singen an; es war ein Schmhlied; und obwohl jedes Wort ihr wie
ein Messer ins Herz schnitt, mute sie doch zuhren, lauschen! Aber als
sie hrte, da sie die schamlose Ungerechtigkeit hatten, auch die Mutter
mit zu beschimpfen, da sprang sie auf, da strzte sie hervor; sie wollte
zu dem feigen Gesindel reden, wollte sich auf sie herabstrzen; aber da
kam ein Stein und noch einer und dann ein ganzer Hagel von Steinen
durchs Fenster geflogen; die Glassplitter stoben, die Steine sausten im
Zimmer herum, und sie kroch wieder in ihren Winkel. Der Schwei brach
ihr aus, als se sie in der glhendsten Sonne; aber sie weinte nicht,
sie frchtete sich auch nicht mehr.

Allmhlich legte sich der Lrm. Sie wagte sich hervor, und als sie
nichts mehr hrte, wollte sie ans Fenster und nachsehen. Aber sie trat
berall auf Glasscherben, und ging deshalb wieder zurck. Dabei trat sie
wieder auf Steine; so blieb sie stehen, um nicht gehrt zu werden; denn
nun galt es, sich fortzuschleichen. Nachdem sie noch eine gute halbe
Stunde gewartet hatte, zog sie ihre Schuhe aus, ergriff ihr Bndel und
ffnete leise die Tr. Wieder wartete sie etwa fnf Minuten und schlich
dann still die Treppe hinunter. Es tat ihr weh, die Mutter, der sie
solchen Kummer bereitet hatte, nun auch noch ohne Abschied verlassen zu
mssen; aber das Entsetzen peitschte sie vorwrts. "Leb' wohl, Mutter!
Leb' wohl, Mutter!" flsterte sie bei jedem Schritt, den sie auf der
Treppe machte, vor sich hin. "Leb' wohl, Mutter!" Jetzt war sie unten.
Sie holte ein paarmal schwer Atem und nun--zur Haustr! Da packte jemand
sie von hinten am Arm. Sie stie einen leichten Schrei aus und drehte
sich um. Es war die Mutter. Gunlaug hatte oben die Tr gehen hren;
augenblicklich begriff sie, was Petra vorhatte, und erwartete sie nun
hier unten. Petra fhlte, sie werde ohne Kampf nicht an ihr
vorberkommen. Erklrungen ntzten hier nichts; was fr Worte sie auch
finden werde, die Mutter wrde ihr doch nicht glauben. Nun, so hie es
eben kmpfen! Schlimmer als das Schlimmste konnte ja in der Welt nichts
sein, und das Schlimmste hatte sie hinter sich. "Wo willst Du hin?"
fragte leise die Mutter. "Fort!" antwortete sie ebenso leise, mit
klopfendem Herzen.--"Und wohin?"--"Ich wei nicht--nur fort von hier!"
Und sie drckte ihr Bndel fest an sich und tat einen Schritt vorwrts.
"Komm mit!" versetzte die Mutter, die ihren Arm nicht losgelassen hatte;
"ich habe schon fr alles gesorgt."--Augenblicklich gab Petra nach, wie
ein Mensch, der eine allzu schwere Last fallen lt, und berlie sich
der Mutter. Diese ging voran in ein kleines, fensterloses Kmmerchen
hinter der Kche, wo Licht brannte; hier hatte sie versteckt gesessen,
whrend die drauen lrmten. Der Verschlag war so eng, da sie sich kaum
darin umdrehen konnten. Die Mutter zog ein Bndel hervor, etwas kleiner
als Petras, ffnete es und zog einen Matrosenanzug heraus. "Zieh das
an!" flsterte sie. Petra wute sofort, weshalb sie das sollte; aber da
die Mutter es nicht in Worten aussprach, das rhrte sie. Sie zog sich
aus und legte den Matrosenanzug an, die Mutter half ihr, und als sie
dabei dem Lichtkreis nahe genug kam, um ihr Gesicht deutlich sehen zu
knnen, da sah Petra, da Gunlaug alt war. War sie's in diesen letzten
Tagen geworden, oder hatte Petra es nur vorher nicht gesehen? Die Trnen
des Kindes flossen auf die Mutter hernieder, aber die Mutter blickte
nicht auf, so da sie kein Wort herausbrachte. Als letztes reichte die
Mutter ihr einen Sdwester, und als Petra ihn aufgesetzt hatte, nahm ihr
die Mutter ihr Bndel ab, blies das Licht aus und flsterte: "Jetzt
komm!"

Wieder gingen sie durch den Flur, aber nicht zur Haustr; Gunlaug
riegelte die Hoftr auf und schlo sie nachher wieder ab. Sie gingen
durch den zerstampften Garten, ber die ausgerissenen Bume, den
zertrmmerten Zaun. "Sieh Dich noch einmal um!" sagte die Mutter, "Du
wirst schwerlich jemals wieder hierherkommen!"--Petra zuckte zusammen;
sie sah sich nicht um. Sie gingen den oberen Weg, am Walde hin, da, wo
sich ihr halbes Leben abgespielt, wo sie jenen Abend mit Gunnar, die
Abende mit Yngve Vold und jenen letzten Abend mit degaard verlebt
hatte. Sie gingen durch fahles Laub, das der Herbst von den Bumen
gefegt hatte; die Nacht war kalt, und Petra fror in ihrer ungewohnten
Kleidung. Jetzt bog die Mutter ab, auf einen Garten zu; Petra erkannte
ihn augenblicklich, obwohl sie hier an seiner oberen Seite nicht wieder
gewesen war seit jenem Tage, da sie ihn als Kind gestrmt hatte; es war
Pedro Ohlsens Garten. Die Mutter hatte den Schlssel dazu und schlo
auf.

Es war Gunlaug nicht leicht gefallen, Ohlsen am Vormittag aufzusuchen;
es fiel ihr auch jetzt nicht leicht, mit der unglcklichen Tochter zu
ihm zu kommen, der sie selbst keine Heimat mehr zu bieten vermochte.
Aber es mute sein, und was sein mute, das konnte Gunlaug. Sie klopfte
an die Verandatr, und fast im selben Augenblick hrten sie Tritte und
sahen Licht. Gleich darauf wurde geffnet, und Pedro, bla und
angstvoll, stand im Reiseanzug und hohen Stiefeln vor ihnen. Er hielt
ein Talglicht in der Hand; und als er Petras vom Weinen geschwollenes
Gesicht erblickte, seufzte er. Sie sah zu ihm auf; aber da er sie nicht
zu kennen wagte, so wagte auch sie nicht ihn zu kennen. "Der Mann da hat
versprochen, Dir von hier fortzuhelfen", sagte die Mutter, wobei sie
weder Petra noch Ohlsen ansah, sondern den beiden voran durch den Flur
und in Pedros Zimmer auf der andern Seite des Hauses ging. Das Zimmer
war klein und niedrig; eine eigentmlich dumpfe Luft schlug ihnen
entgegen, die Petra ganz bel machte--seit mehr als vierundzwanzig
Stunden hatte sie weder geschlafen noch gegessen. Von der Mitte der
Decke hing ein Bauer mit einem Kanarienvogel. Man mute im Bogen drum
herumgehen, wollte man nicht daran stoen. Die alten schweren Sthle,
ein mchtiger Tisch, ein paar groe Bauernschrnke, die bis an die Decke
reichten, drckten so auf das Zimmer, da es noch niedriger erschien.
Auf dem Tisch lagen Noten und eine Flte. Pedro Ohlsen schlurfte in
seinen groen Stiefeln geschftig hin und her. Aus dem Hinterzimmer
erklang eine schwache Stimme: "Wer ist da? Wer ist in der Stube?" worauf
er noch eiliger umhertrappte und dabei murmelte: "Oh, es ist--hm, hm--es
ist nur ... hm, hm..." Darauf verschwand er in der Stube, aus der die
Stimme gekommen war.

Gunlaug sa am Fenster, die Ellbogen auf die Knie gestemmt, den Kopf in
die Hnde gesttzt, und starrte vor sich hin auf den Sand, mit dem der
Fuboden bestreut war. Sie sprach kein Wort; aber von Zeit zu Zeit
entrang sich ihrer Brust ein schwerer Seufzer. Petra lehnte an der Tr,
die Beine dicht zusammengepret, beide Hnde auf die Brust gedrckt; sie
fhlte sich ganz krank. Eine alte Wanduhr hackte die Zeit in Stcke; das
Talglicht auf dem Tisch tropfte mit langer Schnuppe. Die Mutter fhlte,
sie msse einen Grund fr ihre Anwesenheit in diesem Haus angeben, und
sagte: "Ich hab' diesen Mann mal frher gekannt."

Kein Wort weiter. Es kam auch keine Antwort. Pedro blieb noch immer
fort. Das Talglicht tropfte, und die Uhr hackte. Die belkeit bermannte
Petra mehr und mehr--und dazwischendurch summten unablssig die Worte
der Mutter: "Ich hab' diesen Mann frher mal gekannt." Die Uhr griff es
auf und fing an zu ticken: "Ich hab'--diesen Mann--mal frher--gekannt."
So oft ihr spter in ihrem Leben einmal eingeschlossene Luft
entgegenschlug, stand ihr die Stube und ihre eigene belkeit und
die Uhr mit ihrem: "Ich hab'--diesen Mann--mal frher--gekannt--"
vor Augen. So oft ihr an Bord eines Dampfers der lgeruch, der Gestank
des fauligen Meerwassers unter der Kajte, der Dunst des Essens
entgegendrang,--augenblicklich wurde sie seekrank, und durch die
Seekrankheit hindurch hrte sie bei Tag und bei Nacht ticken: "Ich
hab'--diesen Mann--mal frher--gekannt."

Als Pedro wieder eintrat, hatte er eine wollene Mtze auf und einen
altmodischen steifen Mantel um, der ihm bis ber die Ohren reichte. "Ja,
also ich wr' fertig," sagte er und streifte sich Fustlinge ber, als
solle er in den dicksten Winter hinaus. "Jetzt drfen wir nicht
vergessen, den Mantel fr--fr--" er wandte sich um--"den Mantel fr--"
Er blickte zu Petra hinber und von ihr zu Gunlaug, die jetzt nach einem
blauen Umhang griff, der ber einem Stuhl hing, und ihn Petra umlegte.
Petra jedoch--als sie ihn von nahem roch, empfand den eigentmlichen
Dunst der Stube so heftig, da sie bat, man mge sie an die frische Luft
lassen. Die Mutter sah, da ihr schlecht wurde, machte schnell die Tr
auf und fhrte sie in den Garten hinaus. Hier sog sie in der khlen
Nacht die klare Herbstluft in langen, vollen Zgen ein.--"Wo soll ich
hin?" fragte sie, als sie sich wieder etwas erholt hatte. "Nach Bergen!"
erwiderte die Mutter und half ihr den Mantel zuknpfen. "Das ist eine
groe Stadt, wo keiner Dich kennt." Als sie fertig war, stellte sie sich
vor die Haustr. "Du kriegst hundert Taler mit," fuhr die Mutter fort;
"so hast Du, wenn es irgendwie schief geht, einen Notpfennig. Der--der
hier--borgt Dir das Geld," "--schenkt--schenkt--" flsterte Pedro, der
eben an ihnen vorbei auf die Strae heraustrat. "Borgt Dir das Geld,"
wiederholte die Mutter, als habe er nichts gesagt; "ich werd' es ihm
zurckzahlen." Sie nahm ihr Halstuch ab, band es Petra um und sagte:
"Sobald es Dir gut geht, schreibst Du. Eher nicht."--"Mutter!"--"Und
jetzt bringt er Dich an Bord; das Schiff liegt drauen vor Anker."--"O
Gott, Mutter!"--"So, das wre wohl alles. Weiter gehe ich nicht
mit."--"Mutter! Mutter!"--"Gott behte Dich! Leb' wohl!"--"Mutter!
Verzeih mir, Mutter!"--"Und erklte Dich nicht auf dem Wasser!" Damit
hatte sie Petra behutsam zur Gartenpforte hinausgeschoben und schlo
jetzt hinter ihr zu.

Petra stand drauen und blickte auf die verschlossene Pforte. Sie fhlte
sich so elend, so ausgestoen, wie nur je ein Menschenkind sich fhlen
kann. Und doch--gerade aus diesem Gefhl des Verstoenseins, aus all dem
Unrecht, den Trnen stieg eine Ahnung auf, ein Glaube; wie ein
Flammenschein war es--, der aufglht und wieder erlischt,
hochaufsprhend in alle Lfte und wieder in Asche gesunken; und
doch--einen Augenblick lang alles sieghaft berstrahlend--. Sie hob die
Augen. Und stand wieder im tiefen Dunkel.

Still--langsam--durch die den Gassen der kleinen Stadt, vorbei an den
ungastlichen, entbltterten Grten, vorbei an den verschlossenen,
erloschenen Husern glitt sie dahin, hinter dem Mann, der in seinen
groen Stiefeln und dem Mantel, vornbergeneigt, gewissermaen ohne
Kopf, voranstapfte. Sie kamen in die Allee, wieder schritten sie durch
raschelndes Laub und sahen gespenstisch emporgereckte und verlangende
ste, die nach ihnen haschten. Sie krochen den Berg hinunter, zum gelben
Schuppen, wo das Boot lag; er machte sich sofort daran, es
auszuschpfen; dann ruderte er sie hinaus, am Land entlang, das jetzt
dalag zu einem schwarzen Klumpen geballt, auf den sich schwer der
Himmel niedergesenkt hatte. Feld und Wald, Huser und Hgel, alles war
ausgelscht. Nichts mehr erblickte sie von alledem, was sie von Kindheit
an bis gestern Tag fr Tag vor Augen gehabt hatte; alles hatte sich
verschlossen--wie die Stadt; wie die Menschen sich vor ihr verschlossen,
in der Nacht, da sie hinausgestoen wurde; und kein Lebwohl begleitete
sie.

Auf dem Schiff, das dicht am Strand vor Anker lag und auf die
Morgenbrise wartete, ging ein Mann auf und ab. Sobald er die zwei unter
den Dillen sah, lie er die Schiffstreppe hinab, half ihnen an Bord und
benachrichtigte den Kapitn, der sofort auf Deck kam. Petra kannte
beide, und beide kannten sie; aber ohne eine Frage, ohne Mitleid, nur
wie eine ganz alltgliche Sache wurde ihr gesagt, was gesagt werden
mute--wo ihre Koje sei, und was sie zu tun habe, wenn sie irgendetwas
wnsche oder seekrank wrde. Letzteres wurde sie auch fast
augenblicklich, als sie in ihre Kabine trat, und sie ging darum, sobald
sie sich umgekleidet hatte, wieder auf Deck. Da oben roch
es--jawohl--nach Schokolade! Sie versprte einen entsetzlichen Hunger;
es bohrte, es zerrte geradezu in ihrem Magen, und da kam auch schon der
Mann, der ihr an Bord geholfen hatte, mit einer groen Kanne aus der
Schiffskche; und dazu Kuchen! Ihre Mutter schicke ihr das, sagte er.
Whrend sie a und trank, berichtete er, die Mutter habe auch eine Kiste
mit ihren besten Kleidern und mit leinenem und wollenem Unterzeug an
Bord geschickt, auch Ewaren und allerhand Leckereien. Und in diesem
Augenblick stieg pltzlich die Erinnerung an die Mutter gewaltig in ihr
auf--ein Bild, grozgig, wie sie es bisher noch nie empfunden hatte,
das ihr aber von Stund an ihr Leben lang blieb. Und vor dem Bild, sicher
und doch wehmutsvoll, eine Verheiung, ein Gebet, da sie dereinst der
Mutter all das Leid, das sie ber sie gebracht hatte, mit ein klein
bichen Freude vergelten drfe.

Pedro Ohlsen sa neben ihr, wo sie sa, und ging neben ihr, wo sie
ging--stets eifrig darauf bedacht, ihr nie und nirgends im Weg zu sein,
und darum fortwhrend und berall im Weg auf dem mit Frachtstcken
berfllten Deck. Sie sah nichts von seinem Gesicht als die groe Nase
und die Augen, und nicht einmal diese deutlich; doch immer merkte man
ihm an, da er bedrckt wurde von etwas, das er gern sagen wollte, und
doch nicht sagen konnte. Er seufzte, er setzte sich, stand auf, ging um
sie herum und setzte sich wieder; aber kein Wort kam aus seinem Munde,
und auch sie blieb stumm. Zuletzt konnte er es nicht lnger aushaken;
linkisch zog er ein Ungeheuer von einer ledernen Brieftasche hervor und
flsterte ihr zu: da seien die hundert Taler--und noch ein bichen
drber. Sie streckte die Hand aus und bedankte sich; und dabei kam sie
seinem Gesicht so nahe, da sie bemerkte, wie seine Augen in feuchtem
Glanz an den ihren hingen. Denn mit ihr schwand ja der letzte Rest von
Leben, der seinem dahinsiechenden Dasein noch geblieben war. Er htte
ihr so gern noch etwas gesagt, das ihm eine freundliche Erinnerung
gesichert htte, wenn er nun bald nicht mehr da sei; aber das war ihm
verboten; und obwohl er es trotzdem gern getan htte, wagte er es doch
nicht; sie kam ihm so gar nicht zu Hilfe! Petra war mde, so mde. Und
der Gedanke, er sei der Anla gewesen, da sie damals die erste Snde an
ihrer Mutter begangen habe, wollte gerade jetzt nicht von ihr weichen.
Sie konnte ihn nicht mehr gern haben; und je lnger er da sa, desto
schlimmer wurde es; denn wenn man mde ist, wird man leicht ungeduldig.
Der rmste fhlte das; es blieb ihm also nichts anderes brig, als sich
zu verabschieden; und whrend er seine drre Hand aus dem Fausthandschuh
zog, brachte er schlielich ein geflstertes Lebewohl heraus. Sie legte
ihre warme Hand in die seine, und beide standen auf. "Vielen Dank,--und
gr' Mutter!" sagte sie. Er stie einen Seufzer aus oder eine Art
Glucksen--einmal und noch ein paarmal; dann lie er ihre Hand los,
wandte sich ab und kletterte rcklings, still, die Schiffstreppe
hinunter. Sie trat an die Reling; er sah noch immer herauf, grte,
setzte sich und ruderte langsam davon. Sie blieb stehen, bis er im
Dunkel verschwunden war. Dann aber ging auch sie gleich nach unten; sie
war so mde, da sie sich kaum mehr auf den Fen halten konnte; und
obwohl sie sofort seekrank wurde, so hatte sie doch kaum den Kopf aufs
Kissen gelegt und die zwei oder drei ersten Bitten des Vaterunsers
gebetet, als sie auch schon schlief.

       *       *       *       *       *

Droben neben dem gelben Bootschuppen sa zu derselben Stunde die Mutter.
Sie war ihnen langsam den ganzen Weg gefolgt, und hatte sich, gerade als
die beiden vom Lande stieen, hinter den Schuppen gesetzt. Von derselben
Stelle aus war Pedro Ohlsen in alten Zeiten oft mit ihr hinausgerudert;
es war lange, lange her; aber als er jetzt mit ihrem Kinde davonruderte,
mute sie daran denken.

Sobald sie ihn allein zurckkehren sah, stand sie auf und ging; sie
wute jetzt, da die Tochter wohlbehalten an Bord war. Sie ging nicht
nach Hause, sondern ins Land hinaus. Dort fand sie im Dunkeln den Pfad,
der in die Berge fhrte; den schlug sie ein. ber einen Monat blieb ihr
Haus in der Stadt leer und halb zertrmmert stehen; sie wollte nicht
eher wieder heim, als bis sie gute Nachricht von der Tochter hatte.

Aber inzwischen hatte sich auch die feindliche Stimmung geklrt. Alle
niedrigen Naturen finden eine aufreizende Freude darin, sich zur
Verfolgung eines Strkeren zusammenzutun; aber nur, solange dieser
Widerstand leistet. Sobald sie sehen, da er sich ruhig mihandeln lt,
beschleicht sie ein Gefhl der Scham, und ihre ganze Wut wendet sich nun
gegen den, der es wagt, noch einen Stein zu werfen. Man hatte sich
darauf gefreut, Gunlaugs mchtige Stimme durch den Hohlweg drhnen zu
hren; man hatte gedacht, sie werde ihre Matrosen zu Hilfe rufen und zum
Straenkampf aufbieten. Als der dritte Abend kam, und sie sich noch
immer nicht sehen lie, war der Haufen kaum zu bndigen; man wollte
hinein, wollte die beiden Weibsbilder herauszerren, sie auf die Strae
werfen, sie zur Stadt hinausjagen! Die Scheiben waren seit dem vorigen
Abend noch nicht wieder eingesetzt; unter dem Halloh der Menge krochen
zwei Mnner durchs Fenster, um die Tr zu ffnen, und hinein strmte die
ganze Bande! Sie durchsuchten alle Rume, oben und unten; sie sprengten
Tren, sie zerschlugen alles, was im Wege stand; sie durchstberten
jeden Winkel, bis hinab zum Keller, nach Mutter und Tochter; keine
Menschenseele war zu finden! Die Verfolger wurden pltzlich ganz
muschenstill, als ihnen diese Entdeckung zum Bewutsein kam. Einer nach
dem andern kamen sie alle, die drinnen waren, wieder heraus und
versteckten sich hinter den brigen. Nicht lange, und der Platz vor dem
Hause war leer.

Bald wurden in der Stadt Stimmen laut, die erklrten, ein derartiges
Vorgehen zwei wehrlosen Frauen gegenber sei einfach unwrdig gewesen.

Man besprach das Ereignis, den Vorfall so lange, bis man zu dem Schlu
kam--was auch das _Fischermdel_ verbrochen hatte--Gunlaug hatte keine
Schuld, und ihr war also schweres Unrecht geschehen. Die Stadt vermite
sie schmerzlich. Schlgereien und Straenhndel zwischen Betrunkenen
waren bald an der Tagesordnung: die Stadt hatte ihre Polizei verloren.
Auch ihre mchtige Gestalt unter der Tr vermite man, wenn man am Hause
vorberging. Besonders aber vermiten die Matrosen sie. Nirgends sei es
so wie bei ihr, behaupteten sie. Bei ihr war jeder nach Verdienst
behandelt worden, jeder hatte seine bestimmte Rangordnung in ihrem
Vertrauen inne gehabt und bei ihr Hilfe gefunden in allen Lebenslagen.
Weder Matrosen noch Schiffer, weder Arbeitsherren noch Hausmtter hatten
gewut, was sie allen war, bis sie auf einmal nicht mehr da war.

Darum lief es wie eine einzige Freudenbotschaft durch die ganze Stadt,
als jemand sie wieder in ihrem Hause sitzen und kochen und braten
gesehen wie zuvor. Jeder einzelne mute hinauf und sich selbst davon
berzeugen, da die Tr wieder ganz war und neue Scheiben hatte, und der
Rauch aus dem Schornstein stieg. Ja, wirklich, es war so! Da war sie
wieder! Man kletterte an der andern Seite des Hohlwegs hinauf, um besser
sehen zu knnen. Da sa sie--vor dem Backofen; sie blickte weder auf
noch hinaus--die Augen folgten der Hand, und die Hand arbeitete. Denn
sie war zurckgekehrt, um wieder zu verdienen, was sie verloren hatte,
vor allem die hundert Taler, die sie Pedro Ohlsen schuldete. Anfangs
begngte man sich damit, zu ihr hineinzugucken; man getraute sich nicht
ins Haus--des bsen Gewissens wegen! Aber so nach und nach kamen sie
doch wieder; zuerst die Hausmtter, die lieben, guten! Aber sie fanden
keinerlei Gelegenheit, von anderem zu reden als von Geschften; Gunlaug
hrte einfach auf nichts anderes. Dann kamen die Fischer, dann die
Kaufleute und Schiffer, die Leute dingen und sich bei ihr Auskunft holen
wollten, und endlich, am nchsten Sonntag, auch die Matrosen. Die muten
sich verabredet haben; denn gegen Abend war das Haus mit einem Male so
berfllt, da nicht nur die beiden Stuben besetzt waren, sondern da
man auch noch die Tische und Sthle, die im Sommer im Garten standen,
hervorholen und im Flur, in der Kche, im Hinterzimmer aufstellen mute.
Niemand, der diese Versammlung gesehen, htte ahnen knnen, mit welchen
Gefhlen diese Leute hier saen; denn mit dem Augenblick, da sie
Gunlaugs Schwelle wieder berschritten, hatte diese Frau stillschweigend
wieder das Kommando bernommen, und die breite Sicherheit, mit der sie
jedem das seine verabfolgte, unterdrckte jeden Willkommgru, jede
Frage. Sie war ganz wie sonst, nur da ihr Haar nicht mehr schwarz und
ihr Wesen ein bichen stiller war. Aber als die Matrosen anfingen,
lustig zu werden, konnten sie sich nicht lnger halten; so oft Gunlaug
und das Mdchen drauen waren, schrien sie dem Bootsmann Knud zu, der
immer ihr Liebling gewesen war: er mge doch ein Hoch auf sie
ausbringen, wenn sie wieder hereinkomme. Doch selbst er fand nicht eher
den Mut dazu, als bis ihm die Hitze ein bichen zu Kopf gestiegen war.
Da endlich, als sie hereinkam, um leere Glser und Flaschen abzurumen,
stand er auf und sagte: "Es sei man schn, da sie wieder da sei.
Denn--wahrhaft'gen Gott--es--es sei man schn, da sie wieder da sei!"
und alle fanden das gut gesprochen und erhoben sich und riefen: "Ja, das
is man schn! Das is man schn!" Und die im Flur und in der Kche und in
den andern Stuben standen ebenfalls auf, und drngten herein und
stimmten mit ein, und der Bootsmann gab Gunlaug ein Glas in die Hand und
schrie Hurra! Und nun lieen sie alle ein paar Hurras los, als ob das
Dach auffliegen und in die Wolken fahren sollte. Bald hrte man einen
laut verknden: sie htten ihr schmhlich unrecht getan, dann schwur ein
anderer dasselbe, und schlielich schwur und fluchte die ganze
Gesellschaft: ihr sei das schmhlichste Unrecht widerfahren. Als endlich
Stille eintrat, weil es alle nach einem Wort Gunlaugs verlangte, dankte
sie ihnen: "aber", fgte sie hinzu und sammelte ihre Glser und Flaschen
ruhig weiter ein, "solange _ich_ nicht davon rede, braucht Ihr's auch
nicht. Verstanden?" Dann, nachdem sie so viele Glser und Flaschen
beisammen hatte, als sie tragen konnte, ging sie hinaus, um gleich
darauf die brigen zu holen. Von diesem Augenblick an war ihre Macht
unerschtterlich.




Siebentes Kapitel


Es war Abend und dunkel, als das Schiff im Hafen von Bergen Anker warf.
Noch halb taumelnd von der Seekrankheit wurde Petra im Kapitnsboot
durch das Gewimmel von groen und kleinen Schiffen und dann weiter durch
das Lrmen und Toben der Bootsleute auf den Brcken und der Bauern und
Straenjungen in den engen Winkelgassen gefhrt, durch die der Weg
ging. Vor einem kleinen hbschen Haus machten sie Halt, und dort nahm
auf die Bitte des Kapitns eine ltere Dame sich Petras liebevoll an.
Sie fhlte Hunger und Mdigkeit, und beide Bedrfnisse konnte sie hier
befriedigen. Gegen Mittag des folgenden Tages wachte sie frisch und
munter auf, zu neuen Lauten, neuem Sprachklang und--als sie die Gardine
aufzog, zu einer neuen Natur, zu einer neuen Stadt mit neuen Menschen.
Ja, sie selbst war wie neugeboren, fand sie, als sie vor den Spiegel
trat. Dies Gesicht war nicht das alte mehr; worin die Vernderung
bestand, darber konnte sie sich freilich selbst nicht Rechenschaft
geben; sie wute nicht, da in ihrem Alter Leid und Gemtsbewegung die
Zge verfeinern und vergeistigen; aber sie mute doch, als sie sich im
Spiegel sah, wieder an die letzten Nchte denken, und sie bebte noch bei
diesem Nachhall. Darum beeilte sie sich, fertig zu werden, damit sie
hinunter konnte zu all dem Neuen, das ihrer wartete. Unten traf sie ihre
Wirtin und einige Damen, die sie zunchst einmal grndlich von allen
Seiten betrachteten und ihr dann versprachen, sich ihrer anzunehmen. Als
erstes wollten sie ihr die Stadt zeigen. Da sie allerlei einzukaufen
hatte, lief sie hinauf zu ihrer Brieftasche. Weil sie sich jedoch
schmte, das plumpe dicke Ding mit hinunterzunehmen, ffnete sie es, um
Geld herauszunehmen. Sie fand nicht hundert, sondern dreihundert Taler
darin! Also wieder Pedro Ohlsen, der gegen der Mutter Wissen und Willen
Geld schenken wollte! So wenig verstand sie vom Wert des Geldes, da sie
sich ber die Gre der Summe nicht einmal wunderte; es kam ihr darum
auch gar nicht in den Sinn, ber den Grund dieser groen Freigebigkeit
weiter nachzudenken. Statt eines freudestrahlenden Dankbriefes voll
ahnungsvoller Fragen berbrachte Gunlaug Pedro Ohlsen ein Schreiben von
Petra an sie selbst, worin die Tochter mit schlecht verhehltem rger
ihren Wohltter verriet und fragte, was sie mit dem eingeschmuggelten
Geschenk anfangen solle.

Der erste Eindruck, den Petra von der Stadt empfing, war ein starker
Natureindruck. Sie konnte das Gefhl nicht los werden, als umdrngten
die Berge sie so dicht, da sie sich vor ihnen in acht nehmen msse. So
oft sie das Auge erhob, fhlte sie sich bedrckt, und dann wieder trieb
es sie, die Hand auszustrecken und an den Stein zu pochen. Bisweilen war
ihr, als gebe es hier keinen Ausgang mehr. Sonnenverlassen und finster
standen die Berge, die Wolken hingen schwer darauf nieder oder jagten
darber weg; Wind und Regen in unaufhrlichem Wechsel; von den Bergen
kam es, die Berge sandten es hernieder auf die Stadt. Aber die Menge
Menschen rings um sie her hatte gar nichts Bedrcktes. Sie wurde bald
froh unter ihnen; denn in ihrer Geschftigkeit lag eine Freiheit, eine
Leichtigkeit, eine Heiterkeit, wie sie sie gar nicht kannte, und die ihr
nach allem, was sie erlebt hatte, wie ein Lcheln, ein Willkommgru
erschien.

Als sie am nchsten Tag beim Mittagessen uerte, sie mchte am liebsten
irgendwohin, wo recht viele Leute seien, schlug man ihr vor, ins Theater
zu gehen; da knne sie Hunderte von Menschen in einem einzigen Haus
beieinander sehen.--Jawohl, da wollte sie hin! Man besorgte ihr ein
Billet, das Theater lag ganz in der Nhe, und zur bestimmten Zeit
begleitete man sie hin und wies ihr einen Platz in der ersten Reihe des
Balkons an. Da sa sie, in strahlender Beleuchtung, unter Hunderten
frhlicher Menschen, ringsum leuchtende Farben und Geplauder, das von
allen Seiten ber sie hereinbrauste wie das Rauschen des offenen Meeres.

Was es hier eigentlich zu sehen gab, davon hatte Petra keine Ahnung. Ihr
Wissen beschrnkte sich auf das, was degaard ihr gesagt, und was ihr
zuflliger Verkehr sie gelehrt hatte. Aber das Theater hatte degaard
mit keinem Worte je erwhnt.

Die Matrosen hatten von einem Theater gesprochen, wo es wilde Tiere gab
und Kunstreiter; und die jungen Burschen der Stadt kamen gar nicht auf
den Gedanken, vom Schauspiel zu reden, wenn sie auch von der Schule her
ein bichen davon wuten; denn das Stdtchen selbst hatte kein Theater,
nicht einmal ein Gebude, das den Namen fhrte. Reisende Tierbndiger,
Seiltnzer und Clowns trieben ihre Knste entweder in einer Strandbude
oder auf freiem Feld. Ihre Unwissenheit war so gro, da sie nicht
einmal imstande war, zu fragen; sie sa da und erwartete naiv irgend
etwas Merkwrdiges, etwa Kamele oder Affen. Allmhlich beherrschte diese
Vorstellung sie so, da sie anfing, in jedem Gesicht um sich her ein
Tier zu sehen--Pferde, Hunde, Fchse, Katzen, Muse; das machte ihr
Spa. Und so kam es, da sich das Orchester versammelte, ohne da sie es
merkte. Erschrocken schnellte sie auf; denn mit einem kurzen, scharfen
Gedrhne von Pauken, Trommeln, Posaunen und Hrnern setzte die Ouvertre
ein. Sie hatte ihrer Lebtag noch niemals mehr als ein paar Geigen und
vielleicht eine Flte zusammen gehrt. Vor dieser brausenden
Herrlichkeit erbleichte sie; die hatte etwas von einer kalten, schwarzen
Sturzwelle; sie zitterte vor der nchsten; vielleicht wrde die noch
schlimmer werden--und doch, sie wnschte sich, da es nicht aufhren
mge. Bald strmten sanftere Harmonien Licht aus, bald ffneten sich
Ausblicke, wie sie sie nie getrumt hatte. Melodien wiegten sie hinaus,
empor, Spiel und Leben schwirrten rings durch die Luft, mit langem
Flgelschlag schwang sich der ganze Zug aufwrts, senkte sich leise,
sammelte sich wuchtig, teilte sich voll bermut, in sprhendem Gewimmel,
bis ein groes Dunkel sich niedersenkte und alles deckte; es war, als ob
alles hinwegwirbele im Braus eines tosenden Sturzbachs. Dann wieder ein
vereinzelter Ton, wie ein Vogel auf nassem Zweig ber der Tiefe:
wehmutvoll, furchtsam stimmte er an, aber whrend seines Sangs klrte
sich ber ihm die Luft, ein Sonnenschimmer brach hervor, und wieder
lagen die weiten, blauenden Fernen voll jenes seltsamen Wogens und
Flatterns hinter den Sonnenstrahlen. Eine Weile whrte das fort--dann--o
Wunder! verklang es in mildem Frieden. Die jubelnden Scharen zogen
ferner und immer ferner, nichts mehr war da als die Strahlen, die durch
die Luft sickerten und schmolzen; ber der ganzen unendlichen Flche
nichts als Sonne, still, lichtdurchwoben alles--und in dieser Seligkeit
trumte das Ganze aus. Sie erhob sich unwillkrlich, als es zu Ende war;
denn sie selbst war auch am Ende. O Wunder--da ging die schne gemalte
Wand gerade vor ihr in die Hhe, bis an die Decke. Sie war in einer
Kirche, einer Kirche mit Bogen und Pfeilern, einer Kirche voll
Orgelbraus und Festesglanz, und Menschen in Gewndern, wie sie sie nie
gesehen hatte, schritten herein, auf sie zu und redeten,--ja, wirklich,
sie redeten in der Kirche! Und in einer Sprache, die sie nicht verstand.
Wie? Hinter ihr redeten sie auch? "Setzen!" sagte jemand. Aber da war
doch gar nichts zum Hinsitzen; und die beiden in der Kirche blieben auch
ganz ruhig stehen; und je lnger sie hinsah, desto klarer wurde es ihr,
da diese Trachten dieselben waren, die sie auf einem Bild von Olaf dem
Heiligen gesehen hatte. Und da,--da nannten sie ja auch den Namen des
heiligen Olaf!--"Setzen!" tnte es wieder hinter ihr. "Setzen!" riefen
jetzt mehrere Stimmen. Vielleicht ist dahinten auch irgend etwas, dachte
Petra und drehte sich hastig um. Ein Haufen zorniger Gesichter, manche
darunter geradezu drohend, starrte ihr entgegen. Alles das geht nicht
mit rechten Dingen zu! dachte sie und wollte gehen. Da zupfte eine alte
Dame, die neben ihr sa, sie sachte am Rock. "So setzen Sie sich doch,
Kindchen!" flsterte sie. "Die hinter Ihnen knnen ja nichts sehen." Im
Nu war sie wieder auf ihrem Platz. Natrlich--das da vorn ist das
Theater, und wir sind die Zuschauer,--natrlich, das Theater! Und sie
wiederholte das Wort, wie um es sich selbst ins Gedchtnis
zurckzurufen. Und wieder blickte sie in die Kirche. Aber so viel Mhe
sie sich auch gab, sie konnte den Menschen, der da redete, nicht
verstehen. Erst als sie so nach und nach dahinter kam, da es ein Mann
war, jung und hbsch, fing sie ab und zu ein Wort auf. Und als sie
begriff, da er von Liebe redete, da er verliebt war, da verstand sie
so ziemlich alles. Jetzt kam ein Dritter hinzu, der sofort ihre ganze
Aufmerksamkeit auf sich lenkte; denn von Abbildungen her wute sie, da
das ein Mnch sein mute; und einen Mnch zu sehen, das war schon immer
ihr sehnlichster Wunsch gewesen. Der Mnch ging auf so leisen Sohlen,
bewegte sich so still, zeigte ein so frommes Gebaren; er redete so
treuherzig, sprach so langsam, da sie jedem seiner Worte folgen konnte.
Da auf einmal drehte er sich um und sagte just das Gegenteil von dem,
was er vorher gesagt hatte.--Herrgott! Das ist ja ein Bsewicht! Hrt
Ihr nicht? Ein Bsewicht ist er! Man sieht es ihm ja auch an! Da der
junge hbsche Mann das nicht merkt! Aber hren knnt' er's doch
wenigstens! "Er hintergeht Sie!" flsterte sie halblaut. "Psst!" sagte
die alte Dame. Aber nein, der junge Mann hrt nichts. Er geht fort, ganz
vertrauensvoll; alle gehen sie fort. Ein alter Mann kommt jetzt herein.
Ja, was ist denn das? Wenn der Alte spricht, so ist es, als sprche der
Jngling. Und dabei ist es doch ein alter Mann. Und pltzlich,--o Gott,
o Gott! Ein leuchtender Zug von weigekleideten Jungfrauen, die zwei und
zwei langsam durch die Kirche ziehen. Noch lange, nachdem sie
verschwunden waren, blickte sie ihnen nach, und in ihrer Erinnerung
stieg eine hnliche Erscheinung aus ihrer Kindheit auf. An einem
Wintertag war sie mit ihrer Mutter bers Gebirge gegangen; und wie sie
durch den frischgefallenen Schnee gewatet waren, hatten sie unversehens
einen Schwarm junger Schneehhner aufgescheucht, die mit einem Schlag
die Luft vor ihnen gefllt hatten; wei waren sie gewesen, und wei der
Schnee, wei der Wald,--noch lange nachher streiften alle Gedanken wei
an ihr vorber... Und in diesem Augenblick hatte sie dasselbe Gefhl.

Aber eine der weigekleideten Jungfrauen tritt allein vor, mit einem
Kranz in der Hand, und kniet nieder. Der Alte ist ebenfalls auf die Knie
gesunken; und sie redet mit ihm; er hat Botschaft fr sie und einen
Brief,--aus fremden Landen. Er zieht den Brief heraus,--ha, man sieht es
ihr an, der Brief ist von einem, den sie lieb hat. Wie himmlisch! Alle
lieben sie einander hier! Sie macht den Brief auf,--aber es ist gar kein
Brief--es ist alles lauter Musik,--und sieh doch, sieh! Der Brief ist ja
er selber! Der Greis ist der Jngling, der Jngling, den sie liebt! Sie
sinken einander in die Arme,--Himmel! Sie kssen sich! Petra fhlte, wie
sie feuerrot wurde; sie barg ihr Gesicht in den Hnden, whrend sie
weiter zuhrte. Horch',--da erzhlt er ihr, da sie auf der Stelle
Hochzeit halten wollen, und sie zupft ihn lchelnd am Bart und sagt, er
sei ein Barbar geworden; und er sagt, sie sei ganz wunderschn geworden,
und gibt ihr einen Ring und verspricht ihr Scharlach und Sammet, goldene
Schuhe und einen goldenen Grtel. Dann nimmt er frhlich Abschied und
geht zum Knig, um die Hochzeit auszurichten. Die Braut sieht ihm nach,
leuchtend, strahlend; doch wie sie sich wieder umwendet, da ist es
leer--leer.

Jetzt gleitet ganz schnell die Wand wieder herab. Wie? Schon zu Ende?
Nachdem es eben erst angefangen hat? Glhend wendet sie sich der alten
Dame zu: "Ist es aus?"--"Nein, nein, Kindchen! Das war ja nur der erste
Akt. Fnf sind es.--Fnf Akte", wiederholte sie seufzend, "fnf
Akte!"--"Immer das Gleiche?" fragte Petra.--"Wie denn?"--"Ich meine,
kommen immer die gleichen Leute wieder, und geht es immer weiter?"--"Sie
sind wohl noch nie im Theater gewesen, was?"--"Nein."--"Freilich; ein
Theater gibt's nicht berall; es ist ja auch so teuer."--"Aber was ist
denn das eigentlich alles?" fragte Petra erregt, atemlos, als knne sie
die Antwort kaum erwarten. "Was sind denn das fr Menschen?"--"Das ist
die Truppe des Direktor Naso, eine ganz ausgezeichnete Truppe; er ist
wirklich ein tchtiger Kerl."--"Hat er denn das alles erfunden? Ja? Ach
Gott! So sagen Sie mir's doch!"--"Aber Kindchen, wissen Sie denn gar
nicht, was ein Schauspiel ist? Wo kommen Sie denn her?"---Doch als Petra
an ihre Vaterstadt dachte, fiel ihr auch gleich ihre ganze Schande, ihre
Flucht wieder ein; sie schwieg und getraute sich nicht, weiter zu
fragen.

Der zweite Akt kam, und mit ihm der Knig. Wirklich, der Knig! Jetzt
sah sie endlich einmal den Knig! Sie hrte nicht, was er sagte, sie sah
nicht, mit wem er sprach, sie sah nur des Knigs Kleider, des Knigs
Gebaren, des Knigs Mienen. Sie wachte erst wieder auf, als der Jngling
auftrat. Und jetzt zogen sie alle davon, um die Braut einzuholen.--Also
hie es wieder warten.

In der Pause beugte die alte Dame sich zu ihr hinber. "Sie spielen doch
wundervoll, nicht?" sagte sie. Petra blickte sie voll Erstaunen an.
"Spielen? Wie denn?" Sie merkte gar nicht, da alle, die in ihrer Nhe
saen, sie beobachteten; da die alte Dame sie nur ausfragen wollte. Sie
merkte nicht, da man sich ber sie lustig machte.--"Aber sie reden ja
ganz anders wie wir?" fragte sie, als sie keine Antwort erhielt.--"Es
sind doch Dnen!" antwortete die Dame und fing zu lachen an. Jetzt
begriff sie, da die Gute ber ihr vieles Fragen lachte, und fortan
schwieg sie; sie sah nur unverwandt nach dem Vorhang hin.

Als der wieder aufging, wurde ihr die groe Freude zuteil, einen
Erzbischof zu sehen. Wieder erging es ihr wie vorhin: sie verlor sich so
gnzlich in seinen Anblick, da sie von dem, was er sagte, berhaupt
kein Wort hrte. Aber jetzt erklang Musik--leise, leise--aus weiter
Ferne. Sie kam nher--Gesang von Frauenstimmen--ein Spiel von Flten und
Geigen und einem Instrument, das nicht Guitarre war und doch wie viele
Guitarren, blo weicher, voller, mit schwingenden Tnen--die ganze
Harmonie flutete zu langen, schwebenden Wellen zusammen. Und als alles
zu wogenden Farben geworden war, da kam der Zug,--Soldaten mit
Hellebarden, Chorknaben mit Weihrauchfssern, Mnche mit brennenden
Kerzen, der Knig mit der Krone auf dem Haupt und an seiner Seite der
Brutigam, im weien Gewand--hinter ihnen wieder die weien Jungfrauen;
singend streuten sie Rosen vor der Braut, die in weier Seide, mit einem
roten Rosenkranz im Haar, einherschritt. An ihrer Seite ging eine hohe
Frauengestalt in golddurchwirktem, langschleppendem Purpurgewand, auf
dem Haupt eine schmale, funkelnde Krone; das mute die Knigin sein. Die
ganze Kirche war voll Musik und Farben, und alles, was nun geschah, vom
Augenblick an, da der Brutigam die Braut zum Brautschemel fhrte, auf
dem sie niederkniete, whrend das ganze Brautgefolge im Kreis um sie
kniete, bis der Erzbischof an der Spitze der Klosterbrder
erschien,--das alles waren blo Verschlingungen in der bunten
Harmonienkette.

Aber als nun die Trauung vor sich gehen sollte, da erhob der Erzbischof
pltzlich seinen Stab und gebot Einhalt. Ihre Vermhlung sei wider die
heiligen Vorschriften, nie und nimmer drften sie einander angehren. O
himmlischer Vater, erbarme dich! Die Braut sank in Ohnmacht; und Petra
fiel mit einem durchdringenden Schrei auf ihren Platz zurck; denn sie
hatte zuletzt wieder gestanden.

"Wasser! Wasser!" rief es um sie her. "Nicht ntig!" erwiderte die alte
Dame. "Sie ist ja gar nicht bewutlos." "Still!" rief es vom Parkett
herauf. "Ruhe da oben!" "Ruhe da unten!" tnte es vom Balkon
zurck.--"Sie mssen sich's nicht so zu Herzen nehmen", flsterte die
alte Dame. "Es ist doch alles blo erdichtet und erfunden! Aber Frau
Naso spielt wirklich brillant!"

"Still!" rief nun auch Petra. Sie war schon wieder ganz in der Handlung.
Der diabolische Mnch war wieder da, mit einem Schwert in der Hand. Die
beiden Liebenden muten ein Tuch zwischen sich halten, und er schnitt
es in der Mitte durch, wie die Kirche schneidet, wie der Schmerz
schneidet, wie das Schwert ber der Pforte des Paradieses schnitt an
jenem ersten Tag. Weinende Frauen nahmen der Braut den roten Kranz vom
Haar und setzten ihr einen weien auf; damit war sie frs Leben dem
Kloster geweiht. Und er, dem sie angehrte fr Zeit und Ewigkeit, er
sollte sie am Leben wissen und sie dennoch nimmermehr sein eigen nennen,
sollte sie hinter Klostermauern wissen und sie nimmer wiedersehen. Wie
herzzerreiend war dies letzte Lebewohl! Keine grere Not gab es auf
Erden als ihre!--

"Du lieber Gott!" flsterte die alte Dame, als der Vorhang fiel, "so
seien Sie doch nicht so nrrisch! Es ist doch blo Frau Naso, dem
Direktor seine Frau!" Petra ri die Augen auf und starrte die brave Frau
an. Die mu verrckt sein! dachte sie. Und da die alte Dame von Petra
schon lngst dasselbe gedacht hatte, redeten sie nun berhaupt nicht
mehr miteinander, sondern warfen sich nur von Zeit zu Zeit scheue Blicke
zu.

Als der Vorhang wieder aufging, kam Petra nicht mehr so recht mit. Sie
sah nur noch die Braut hinter den Klostermauern und den Brutigam, der
Tag und Nacht voller Verzweiflung drauen umherirrte; sie litt ihre
Qualen mit, sie betete mit ihnen ihre Gebete; das, was sich vor ihren
Augen abspielte, glitt farblos an ihr vorber. Da pltzlich wurde sie
durch eine mahnende Stille in die Gegenwart zurckgerufen. Der leere
Kirchenraum wird weit und gro, die zwlf Schlge der Mitternachtsstunde
hallen durch den Raum. Das Gewlbe erdrhnt, die Mauern erbeben; der
heilige Olaf, im Totengewand, erhebt sich aus seinem Sarge, hoch und
druend; den Speer in der Hand, kommt er geschritten; die Wache
flieht,--ein Donnerschlag--und der Mnch sinkt, vom Speer durchbohrt,
nieder. Dann wird alles dunkel, die Erscheinung ist verschwunden. Nur
der Mnch liegt noch da wie ein Haufen Asche auf der Stelle, wo der
Blitz niederfuhr.

Petra hatte sich unwillkrlich an die alte Dame angeklammert, der es
unter diesem krampfhaften Griff hchst unbehaglich zumute war, und die
nun, als sie das Mdchen immer blasser werden sah, rasch sagte: "Du
meine Gte, Kind, es ist doch nur Knutsen; es ist die einzige Rolle, die
er spielen kann, mit seiner heiseren Stimme!"--"Nein, nein, nein, nein!
Ich hab' Flammen rings um ihn gesehen!" sagte Petra, "und die Kirche hat
gezittert unter seinen Tritten!"--"Ruhe!" ertnte es von verschiedenen
Seiten. "Wer nicht still sitzen kann,--'raus!"--"Heda! Ruhe da oben!"
klang es vom Parkett. "Ruhe!" klang es vom Balkon zurck. Petra war ganz
in sich zusammengekrochen, als wolle sie sich verstecken; aber gleich
darauf hatte sie alles um sich her vergessen. Denn pltzlich waren die
beiden Liebenden wieder da,--der Blitz hat ihnen den Weg gebahnt,--sie
wollen fliehen. Sie haben sich wieder,--sie sinken sich in die Arme,--o
Gott im Himmel, beschtze sie!

Da erhebt sich ein Lrm--Geschrei und Hrnerklang--der Brutigam wird
von ihrer Seite gerissen,--es gilt den Kampf--den Kampf frs Vaterland.
Er wird verwundet, und sterbend sendet er der Geliebten seinen letzten
Gru!----Petra fat erst, was geschehen ist, als die Braut still
hereintritt und--seine Leiche erblickt. Und da ist es, als sammelten
alle Wolken des Schmerzes sich ber einem einzigen Punkt; aber ein Blick
zerteilt sie: die Braut blickt auf von des Toten Brust und fleht zum
Himmel, da er auch sie sterben lasse. Und der Himmel ffnet sich diesem
Blick, ein Leuchten senkt sich nieder, droben wartet der
Hochzeitssaal--lasset die Braut ein! Schon sieht sie den Himmel offen;
von ihren Augen strahlt ein Friede gleich dem Frieden hoher Gipfel. Ihre
Augenlider schlieen sich, dem Kampf erblht eine erhaben-edlere
Lsung, ihrer Treue eine herrlichere Krone; sie sind vereint.

Lange sa Petra regungslos da; ihr Herz war im Glauben erhoben, die
Macht des Groen erfllte sie. Sie schwang sich empor ber alles Kleine;
sie schwang sich empor ber Furcht und Schmerz; sie schwang sich empor,
mit einem Lcheln fr alle: denn alle waren Brder und Schwestern. Das
Bse, das da trennt, war nicht mehr,--es war zerschmettert vom Donner.
Die Leute lachten sie an,--das war ja das Mdel, das sich whrend der
Vorstellung so verrckt benommen hatte. Sie aber sah in ihrem Lcheln
nichts anderes als den Wiederschein des Sieges Jubels, der in ihr selber
war. Und in dem Glauben, da die anderen mit ihr lchelten, lchelte sie
so strahlend zur Antwort, da die anderen alle lcheln muten mit ihrem
Lcheln. Sie schritt die breite Treppe hinab zwischen zwei
auseinanderweichenden Reihen von Menschen, die ihr Freude von ihrer
Freude, Schnheit von der Schnheit zurckgaben, die ber ihr leuchtete.
Der Glanz unseres Innern kann oft so mchtig werden, da wir alles um
uns her in Klarheit tauchen, ob wir es selbst auch nicht sehen. Das ist
der grte Triumphzug der Welt, angekndigt, getragen und geleitet zu
werden von unseren eigenen leuchtenden Gedanken.

Als sie, ohne zu wissen wie, zu Hause angelangt war, fragte sie, was das
alles denn eigentlich gewesen sei. Einige der Anwesenden verstanden sie
auch und gaben ihr hilfreich Auskunft. Und als sie nun genau Bescheid
wute, was ein Schauspiel ist, und was groe Schauspieler vermgen, da
stand sie auf und sagte: "Das ist das Grte auf Erden; das will ich
werden."

Zur Verwunderung aller zog sie ihren Mantel wieder an und ging noch
einmal aus; sie mute allein sein und im Freien. Sie lie die Stadt
hinter sich und wanderte im heftigen Wind hinaus auf die nchste
Landzunge. Unter ihr brauste das Meer; die Stadt aber lag zu beiden
Seiten der Bucht, in einem Lichtnebel, hinter dem die zahllosen
einzelnen Flammen mit vereinigten Krften arbeiteten, ohne doch mehr zu
erreichen, als den Flor zu durchleuchten, den sie nicht heben konnten.
Das wurde ihr zum Bild ihrer eigenen Seele. Das groe Dunkel zu ihren
Fen gab mit seinem dumpfen Tosen Kunde von einer undurchdringlichen
Tiefe; es galt, entweder hinabzusinken oder sich emporzuheben und zu
versuchen, mitzuleuchten. Sie fragte sich, warum ihr frher nie solche
Gedanken gekommen waren, und sie antwortete sich selbst: weil immer nur
der Augenblick ber sie Macht gehabt hatte. Jetzt aber fhlte sie: auch
sie hatte Macht ber den Augenblick. Jetzt sah sie es: so viele Lichter
dort drben funkelten, so viele Augenblicke wrden ihr gegeben werden,
und sie bat Gott um die Kraft, sie alle voll auszuntzen, damit er
keinen vergebens entzndet htte. Sie stand auf; denn es wehte ein
eisiger Wind. Sie war nicht lange drauen gewesen; aber als sie wieder
nach Hause ging, da wute sie, wohin sie ging.

       *       *       *       *       *

Am nchsten Tage stand sie vor der Tr des Direktors. Heftiges Schelten
tnte ihr von drinnen entgegen. Die eine Stimme schien ihr hnlichkeit
mit der Stimme der Liebhaberin von gestern Abend zu haben. Freilich ging
sie jetzt aus einer andern Tonart, aber Petra erbebte doch bei ihrem
Klang. Sie wartete lange; als es immer noch kein Ende nehmen wollte,
klopfte sie an. "Herein!" schrie eine wtende Mnnerstimme. "Oh!"
kreischte eine Frauenstimme, und als Petra ffnete, sah sie das
fliehende Entsetzen eines Nachtgewandes und aufgelsten Haares durch
eine Seitentr verschwinden. Der Direktor, ein langer Mensch mit
unfreundlichen Augen, die er eiligst hinter einer goldenen Brille
versteckte, lief aufgeregt im Zimmer hin und her. Seine lange Nase
beherrschte das Gesicht so gnzlich, da alles brige nur ihretwegen da
zu sein schien; die Augen guckten wie zwei Gewehrlufe hinter diesem
Wall hervor, der Mund war der Graben und die Stirn eine leichte Brcke
vom Wall hinber zu dem Wald oder dem "Verhau".--"Was wnschen Sie?" Er
blieb mit einem Ruck stehen. "Sind Sie die Dame, die gern Choristin
werden mchte?" setzte er eilfertig hinzu.--"Choristin? Was ist
das?"--"Nanu--das wissen Sie gar nicht? So, so! Na, was wollen Sie denn
sonst?"--"Ich will Schauspielerin werden."--"So, Schauspielerin wollen
Sie werden--und wissen nicht, was eine Choristin ist. Hm, hm. Aber Sie
reden ja Dialekt!"--"Dialekt? Was ist das?"--"So, also das wissen Sie
auch nicht. Und dabei wollen Sie Schauspielerin werden. Hm, hm. Ja, das
ist wieder mal echt Norwegisch. Dialekt--das will sagen, da Sie nicht
so sprechen wie wir."--"Ja, aber ich hab' mich den ganzen Morgen darin
gebt."--"So, wirklich? Schau', schau'! Also schieen Sie mal
los!"--Und Petra stellte sich auf und deklamierte wie die Liebhaberin
gestern Abend: "Un so wist Deine Valborg Du verlaten!"[2] "Na,
aber,--Himmelkreuzdonnerwetter! Sind Sie etwa hergekommen, um sich ber
meine Frau lustig zu machen?" Aus dem Nebenzimmer ertnte schallendes
Gelchter. Der Direktor ffnete die Tr und rief, augenscheinlich ohne
die leiseste Erinnerung daran, da sie sich den Augenblick vorher noch
auf Leben und Tod gezankt hatten: "Da ist eine kleine Norwegerin, die
Dich karikieren will! Komm doch mal und sieh sie Dir an!" Ein Damenkopf
mit ungekmmtem, trotzig schwarzem Haar, dunkeln Augen und einem groen
Mund schaute herein und lachte. Petra aber eilte augenblicklich auf sie
zu; das _mute_ die Heldin sein von gestern Abend--oder nein, ihre
Mutter, dachte sie, als die Dame nher kam. Petra sah sie an und sagte:
"Ich wei nicht--sind Sie's ... oder sind Sie ihre Mutter?" Jetzt lachte
auch der Direktor. Der Frauenkopf hatte sich wieder zurckgezogen, aber
aus dem Nebenzimmer tnte noch immer das Lachen. Petras Verlegenheit
malte sich so lebhaft in Stellung, Gesicht, Mienenspiel, da der
Direktor aufmerksam wurde. Er betrachtete sie eine Weile; dann griff er
nach einem Buch und sagte so ganz beilufig: "Kommen Sie mal her, Kind,
und lesen Sie. Aber lesen Sie einfach so, wie Sie fr gewhnlich
sprechen." Petra las.--"Nein, nein--das ist ja Unsinn! Hren Sie zu!"
Und er las ihr vor, und sie las ihm nach, genau so, wie er gelesen
hatte. "Nein doch, nein! So lesen Sie doch norwegisch--den Teufel noch
mal--norwegisch!" Und Petra las wieder wie vorhin. "Nein doch, sag' ich!
Das ist ja der helle Bldsinn! Begreifen Sie denn nicht, was ich meine?
Sind Sie dumm!"--Er versuchte es wieder und wieder; dann gab er ihr ein
anderes Buch. "Da,--hier haben Sie was anderes: etwas Komisches. Also
los!" Und Petra las. Aber wieder war es dieselbe Geschichte, bis er
endlich gelangweilt ausrief: "Ach was, nein doch, nein! So hren
Sie endlich einmal auf! Was, Teufel, wollen Sie denn eigentlich
beim Theater? Was wollen Sie denn spielen zum Kuckuck?"--"Das,
was ich gestern gesehen hab', will ich spielen."--"Aha! Na ja,
selbstverstndlich! natrlich! Na--und...?"--"Ja," sagte sie ein
bichen verlegen, "es war ja auch wirklich so wunderschn gestern; aber
ich hab' mir heut doch gedacht,--noch viel schner wre es, wenn es gut
ausginge. Das mcht' ich gern machen."--"So, also das mchten Sie.--Hm,
na ja, genieren Sie sich nur nicht! Der Dichter ist tot. Der steht
natrlich heutzutage nicht mehr auf der Hhe; und darum wollen
Sie, die weder lesen noch schreiben kann, ihn umdichten;--echt
Norwegisch!"--Petra begriff kein Wort; nur das begriff sie--ihre Sache
stand schlecht. Und ihr wurde ngstlich zumute. "Also ich darf nicht?"
fragte sie leise. "I, aber natrlich! Durchaus nichts im Wege! Bitte!
Hren Sie!" sagte er in ganz verndertem Ton, whrend er dicht an sie
herantrat, "vom Komdienspielen verstehen Sie so wenig wie eine Katze.
Und Talent haben Sie keins, weder frs Komische, noch frs Tragische;
ich hab' Sie jetzt in beidem geprft. Weil Sie ein hbsches Frtzchen
haben und eine hbsche Figur, haben die Leute Ihnen in den Kopf gesetzt,
Sie seien die geborene Schauspielerin, natrlich eine viel bessere als
meine Frau! Und dazu suchen Sie sich auch gleich die grte Rolle im
ganzen Repertoir aus und dichten sie noch obendrein um. Jawohl! Echt
Norwegisch! Die knnen ja alles!"--Petras Atem ging schneller und
schneller; sie schluckte und schluckte und endlich wagte sie zu
flstern: "Also ich darf wirklich nicht?"--Der Direktor stand am Fenster
und sah hinaus. Er hatte gedacht, sie sei schon lngst fort. Erstaunt
wandte er sich um. Aber als er ihre Erregung sah und die wunderbare
Kraft, die sich dadurch ihrem ganzen Wesen aufprgte, stand er einen
Augenblick still, griff dann pltzlich aufs neue nach dem Buch und sagte
mit einer Stimme und einem Gesichtsausdruck, in denen alles
Vorhergegangene wie weggeblasen war: "Da, lesen Sie mal das da, ganz
langsam,--damit ich einmal Ihr Organ hre. Na, los!" Aber sie konnte
nicht lesen. Die Buchstaben tanzten ihr vor den Augen. "Na, nur nicht so
verzagt!" Endlich fing sie an, aber kalt, farblos. Er lie sie die
Stelle wiederholen--"mit mehr Gefhl". Es wurde nur noch schlechter. Da
nahm er ihr das Buch ruhig aus der Hand und sagte: "Ich habe Sie jetzt
nach jeder Richtung hin geprft; mehr kann ich nicht tun. Ich versichere
Ihnen, mein bestes Frulein, ob ich meinen Stiefel auf die Bhne schicke
oder Sie--es wrde genau denselben Eindruck machen, nmlich einen hchst
sonderbaren. Und damit wollen wir's genug sein lassen!" Mit letzter
Aufbietung ihrer Krfte stotterte Petra flehend: "Ich glaube, ich
versteh' es doch, wenn ich blo--" "Natrlich! Selbstredend! Jedes
lumpige Fischernest versteht ja mehr davon als wir. Das norwegische
Publikum ist das gebildetste der ganzen Welt. Na, wenn Sie nicht gehen
wollen, so geh' ich!" Sie wandte sich zur Tr und brach in Trnen aus.
"Sagen Sie mal--" rief er; denn bei ihrer heftigen Erregung ging ihm
pltzlich ein Licht auf. "Sie sind doch nicht etwa die Person, die
gestern abend solchen Skandal im Theater gemacht hat?"--Sie wandte sich
feuerrot um und sah ihn an. "Natrlich sind Sie's! Jetzt wei ich, wer
Sie sind! Das 'Fischermdel'! Ich war nach dem Theater mit einem Herrn
aus Ihrem Heimatort zusammen; mit einem, der Sie 'gut kannte!' So, also
darum mchten Sie so gern zum Theater! Sie mchten Ihre Knste dort
probieren--aha! Wissen Sie was: mein Theater ist ein anstndiges
Institut, und ich verbitte mir jeglichen Versuch, es zu reformieren.
Machen Sie, da Sie fortkommen! Aber etwas pltzlich, wenn ich bitten
darf!"--Und laut aufschluchzend rannte Petra zur Tr hinaus, die Treppe
hinunter und auf die Strae. Schluchzend, weinend lief sie so, mitten
unter allen Menschen. Eine Dame, die am hellichten Tag weinend durch die
Straen luft, mute, wie man sich denken kann, groes Aufsehen erregen.
Leute blieben stehen, Gassenjungen rannten hinter ihr drein, erst
einige, dann mehrere. Und in diesem Lrm hinter sich her hrte Petra
wieder das Toben und Branden jener Nchte in ihrem Giebelstbchen--sah
wieder all die Gesichter in der Luft--und rannte, rannte! Aber wie
hinter ihr der Lrm, so wuchs mit jedem Schritt auch die Erinnerung, und
als sie das Haus erreicht, die Haustr hinter sich zugeschlagen, sich
auf ihr Zimmer geflchtet und den Schlssel umgedreht hatte, da mute
sie sich niederwerfen in einen Winkel und die Gesichter abwehren; mit
den Hnden schlug sie danach--stie Drohungen aus.--Schlielich sank sie
erschpft zusammen,--ihre Trnen flossen ruhiger,--sie war gerettet.

     [2] Aus Adam Oehlenschlgers Schauspiel "Axel und Valborg."

       *       *       *       *       *

Noch am Abend desselben Tages verlie sie Bergen und fuhr landeinwrts.
Sie wute selbst nicht wohin. Sie wollte nur irgendwohin, wo man sie
nicht kannte. Sie sa im Karriol, ihr Koffer war hinten aufgeschnallt,
und obendrauf sa der Postbub. Es regnete in Strmen; sie sa
zusammengekauert unter einem groen Regendach und blickte voll Bangen
bald an der Bergwand empor, bald in den Abgrund auf der andern Seite
hinab. Der Wald vor ihr war eine einzige brtende Nebelmasse, voll
Gespenster. Im nchsten Augenblick mute sie mitten drin sein. Aber
immer wieder wich der Nebel zurck, mit jedem Schritt, den sie in den
Wald hineintat. Ein mchtiges Drhnen, das immer gewaltiger wurde,
verstrkte in ihr das Gefhl, als bewege sie sich in einem
geheimnisvollen Kreis, in dem alles seine eigene Bedeutung, seinen
dunkeln Zusammenhang hatte und in dem der Mensch nichts war als ein
furchtsamer Wandersmann, der eben sehen mute, wie er weiter kam. Das
Drhnen rhrte von den Sturzbchen her, die durch die Regengsse zu
Riesen angeschwollen waren und nun unter Brllen und Tosen stoweise von
Fels zu Fels in die Tiefe sprangen. Wo der Weg ging, fhrten schmale
Brcken hinber; sie sah es unter sich brodeln in den hohlen Kesseln.
Bald ging es in Krmmungen und Windungen abwrts; da und dort ein
vereinzeltes Stck Ackerland, ein paar torfbedeckte Htten auf einem
Klumpen. Dann wieder aufwrts, dem Wald und dem Rauschen entgegen. Sie
war durchnt, sie fror. Aber sie wollte weiter, solang es Tag war,
weiter auch am nchsten Tag,--immer tiefer ins Land hinein, bis sie eine
Sttte fand, wo sie geborgen war. Und dazu wrde er ihr helfen, er, der
Allmchtige, der sie jetzt leitete durch Dunkel und Sturm.




Achtes Kapitel


Ein mildes Sptjhr kann manchmal gerade in den fruchtbaren und
geschtzten Gebirgstlern des Stiftes Bergen noch tief im Herbst die
reinsten Sommertage bringen. Da lt man ber Mittag das Vieh wieder auf
die Weide, auch wenn es schon zur Winterftterung eingebracht ist. Und
die Tiere sind wohlgenhrt und bermtig um diese Zeit und bringen, wenn
sie am Abend heimgetrieben werden, Leben genug auf den Hof.

So kamen sie gerade den Viehsteig herunter, auf ein groes Gehft
zu--Khe, Schafe und Ziegen, brllend, blkend und tanzend ... als Petra
vorberfuhr. Der Tag war hell; das lange weie Gutshaus leuchtete mit
seinen Fenstern in der Sonne, und ber dem Haus stieg das Gebirge auf,
so vollgepackt von Fhren, Birken, Faulbumen und Ebereschen, von
Heckenrosen und allen Auslufern, da die Gebude darunter wie
eingebettet lagen. Vor dem Hauptgebude, am Weg, war ein Garten; darin
standen ppige pfel-, Kirsch- und Morellenbume; und an den Wegen und
am Zaun wuchsen Stachelbeer-, Johannisbeer- und Himbeerbsche. ber
alles hin ragten ein paar groe alte Eschen mit breiten Kronen. Das Haus
sah wie ein verstecktes Nest zwischen den sten hervor, ein Nest, in das
niemand drang, als die Sonne. Aber gerade dieses Versteckte erregte
Petras Sehnsucht. Und weil die Sonne aus den Scheiben funkelte, und die
Herdenglocken so frhlich lockten, und sie hrte, da das ein Pfarrhof
sei, griff sie hurtig in die Zgel: "Halt! Hier mu ich hinein!" Und bog
seitwrts ab, am Garten entlang.

Ein paar Wolfshunde strzten ihr wtend entgegen, als sie in den Hof
fuhr. Der Hof war ein groes, eingebautes Viereck. Dem Wohnhaus
gegenber der Kuhstall, rechts ein Flgel des Wohnhauses, links
Waschhaus und Gesindewohnung. Der ganze Hof war gerade voll von Vieh.
Mitten unter den Tieren stand eine Dame, ziemlich gro und sehr schlank.
Sie trug ein eng anschlieendes Kleid und ber dem Kopf ein kleines
seidenes Tuch. Rings um sie herum und an ihr hinauf sprangen Ziegen,
weie, braune, scheckige, schwarze, alle mit kleinen Glocken, die im
Dreiklang abgestimmt waren. Und fr jede Ziege hatte sie einen
Kosenamen und einen Leckerbissen in einer Schssel, die die Milchmagd
immer wieder fllte. Auf der niedrigen Treppe, die vom Wohnhaus auf den
Hof fhrte, stand der Propst mit einer Schssel Salz, und vor der
Staffel standen die Khe und leckten ihm das Salz aus der Hand und von
den Steinflieen, auf die er es streute, Der Propst war kein groer,
aber gedrungener Mann, mit kurzem Hals und niederer Stirn. Die buschigen
Brauen beschatteten ein Paar Augen, die nicht gern geradeaus, sondern
nur ab und zu seltsam funkelnd von der Seite blickten. Das
kurzgeschnittene dichte Haar war grau und strubte sich nach allen
Seiten; es wuchs den Nacken hinab fast ebenso stark wie auf dem Kopf; er
trug keine Krawatte, das Hemd war mit mit einem Knopf zusammengehalten
und stand vorn offen, so da die behaarte Brust sichtbar war; auch die
Hemdrmel waren nicht zugeknpft und hingen lose ber den kleinen
krftigen, augenblicklich klebrigen Hnden, mit denen er das Salz
austeilte. Hnde und Arme waren dicht behaart. Er warf von der Seite her
einen scharfen Blick auf die fremde Dame, die da ausgestiegen war und
sich durch die Ziegen den Weg zu seiner Tochter gebahnt hatte. Was die
beiden miteinander redeten, konnte er vor dem Lrm, den Khe, Hunde und
Schellen machten, nicht hren; aber jetzt blickten die beiden zu ihm
herber und kamen, umringt von den Ziegen, auf die Treppe zu. Ein
Hirtenjunge trieb auf einen Wink des Propstes die Khe fort. Und Signe,
die Tochter, rief jetzt... Petra empfand voll Behagen den Wohllaut der
Stimme: "Vater, da ist eine fremde Dame, die gern einen Tag bei uns
ausruhen mchte!"--"Sie ist mir herzlich willkommen!" rief der Propst
zurck; dann gab er das Salzfa einer Magd und ging in sein
Studierzimmer rechts vom Hausflur, um sich zu waschen und
zurechtzumachen. Petra folgte dem Frulein in den Hausflur, der
eigentlich ein Vorzimmer war, so hell und so gerumig war er. Der
Postjunge wurde abgelohnt, ihr Gepck wurde ins Haus geschafft, in
einem der Studierstube gegenberliegenden Nebenzimmer machte sie sich
ein bichen zurecht und trat dann wieder hinaus in den Flur, um sich von
dort ins Wohnzimmer fhren zu lassen.

Was fr ein helles groes Zimmer! Fast die ganze Wand nach dem Garten zu
bestand aus Fenstern; das mittlere war zugleich eine Gartentr. Die
Fenster waren breit und hoch und reichten beinah bis auf den Fuboden;
aber sie standen ganz voll Blumen. Blumen auf Stndern bis tief ins
Zimmer herein, Blumen auf den Fensterbrettern, und statt der Gardinen
schlangen sich Efeuranken aus zwei kleinen Blumenhecken hoch oben am
Fensterrahmen bis auf die Erde. Und da auch drauen Strucher und Blumen
standen, unter dem Fenster, an beiden Seiten, um die Scheiben
herumgerankt und auf dem Rasenplatz davor, so glaubte man in ein
Treibhaus zu treten, das mitten in einem Garten lag. Und doch,--kaum war
man einige Augenblicke im Zimmer, so sah man die Blumen gar nicht mehr;
man sah nur noch die Kirche, die frei auf einer Anhhe zur Rechten lag,
und das blauschimmernde Wasser, das ihr Bild aufnahm und flimmernd
dahinstrmte, bis tief in die Berge hinein, so tief, da man nicht
wute, war es ein Binnensee oder ein Meeresarm, der sich
hereinschlngelte. Und dann die Berge selbst! Kein einzelner Berg, nein,
ganze Ketten von Bergen, ein Bergrcken immer gewaltiger hinter dem
andern emporragend, als sei hier die Grenze der bewohnten Welt!

Als Petras Blicke sich endlich von diesem Bilde lsten, war alles im
Zimmer wie geweiht durch den Anblick da drauen; rein und anmutig
schlang es sich als ein Blumenrahmen um das grozgige Gemlde. Ihr war,
als umgebe sie ein Unsichtbares, das auf ihr Tun, auf ihr Denken Acht
hatte; ohne sich dessen bewut zu sein, ging sie prfend im Zimmer umher
und berhrte die einzelnen Gegenstnde. Da sah sie ber dem Sofa an der
langen Wand dem Licht gegenber das lebensgroe Bild einer Frau, die
auf sie herablchelte. Sie sa mit leicht geneigtem Haupt und gefalteten
Hnden da; der rechte Arm ruhte auf einem Buch, dessen Rcken in
deutlichen Lettern die Inschrift: "Sonntagsbuch", trug. Blond von Haar
und licht von Farbe, strahlte sie hernieder und verlieh Sonntagsruhe
allem, was sie bestrahlte. Ihr Lcheln war Ernst, aber der Ernst war
Hingebung; es war, als ziehe sie alles und alle in Liebe an sich; denn
es war, als verstehe sie alles, weil sie in allem nur das Gute sah. Ihr
Antlitz trug das Geprge krankhafter Zartheit; aber diese Schwche mute
ihre Strke sein; denn den Menschen, der dieser Schwche hatte wehtun
knnen, den gab es sicherlich nicht. Um den Rahmen hing ein
Immortellenkranz; sie war also tot.

"Das war meine Mutter!"--hrte Petra hinter sich eine sanfte Stimme
sagen; sie wandte sich um und sah die Tochter des Hauses vor sich
stehen, die vorhin hinausgegangen und jetzt wieder eingetreten war. Aber
das ganze Zimmer war fortan ausgefllt von dem Bilde; alles leitete zu
ihm hinan, alles erhielt von ihm sein Licht, alles war nur des Bildes
wegen da, und die Tochter war sein stiller Abglanz. Ein bichen
schweigsamer erschien die Tochter, ein bichen zurckhaltender. Die
Mutter zog den Blick auf sich und gab ihn voll zurck; die Tochter hielt
den ihren gesenkt. Aber dabei dieselbe Klarheit, dieselbe Milde. Auch
die Gestalt der Mutter hatte sie; doch ohne eine Spur von Krnklichkeit.
Die lebhaften Farben ihres festanliegenden Kleides, ihrer Schrze, der
kleinen Krawatte, die von einer rmischen Nadel zusammengehalten war,
gaben im Gegenteil ihrem Gesicht etwas Frisches und lieen eine Anmut
und einen Sinn fr Anmut ahnen, die sie zur Tochter des Bildes dort oben
und zum guten Genius des Hauses stempelten. Und wie sie das Mdchen so
zwischen den Blumen der Mutter umhergehen sah, stieg eine groe
Sehnsucht nach ihr in Petra auf. Im Umgang mit dieser Frau, in diesem
Hause mute alles Gute gedeihen. Wenn sie nur Einla fnde! Sie empfand
ihre Verlassenheit doppelt. Unverwandt folgten ihre Blicke Signe, wo
diese ging und stand; Signe fhlte es und suchte auszuweichen;
vergebens. Zuletzt wurde sie ganz verlegen und beugte sich ber ihre
Blumen. Endlich wurde Petra sich ihrer Aufdringlichkeit bewut; sie
schmte sich und htte gern um Verzeihung gebeten. Aber etwas an diesem
sorgfltig geordneten Haar, der feinen Stirn, dem eng anliegenden Kleid
mahnte sie zur Vorsicht. Sie blickte auf zur Mutter; oh, die htte sie
auf der Stelle umarmen knnen! War es nicht, als ob sie sie willkommen
hiee? Durfte sie wirklich hoffen? So hatte noch kein Mensch sie
angesehen! In diesem Blick stand geschrieben: alles wei ich; ich kenne
dich, du Verirrte,--und ich verzeihe dir! Und sie brauchte diese
Nachsicht,--sie konnte den Blick nicht abwenden von diesen gtigen
Augen. Sie neigte das Haupt, wie die Frau auf dem Bilde, sie faltete die
Hnde,--und fast ohne es selber zu wissen, wandte sie sich um: "Lassen
Sie mich hier bleiben!" Signe richtete sich auf und sah sie an; sie war
so erstaunt, da sie gar nicht antworten konnte. "Lassen Sie mich hier
bleiben!" bat Petra wieder und ging auf sie zu. "Hier ist es schn!" Und
ihre Augen fllten sich mit Trnen.

"Ich will meinen Vater holen!" sagte das junge Mdchen. Petra folgte ihr
mit den Augen, bis sie hinter der Tr des Studierzimmers verschwunden
war. Aber sobald sie wieder allein war, berfiel sie eine Angst vor dem,
was sie getan hatte; und als sie in der Tr das erstaunte Gesicht des
Propstes sah, zitterte sie. Er trat ein, etwas sorgfltiger gekleidet
als vorhin, im Munde die Pfeife, die er mit festem Griff umklammert
hielt. So oft er den Rauch einsog, lie er sie aus den Lippen gleiten,
und stie dann den Rauch in drei Abstzen wieder heraus, wobei er
jedesmal leise paffte. Das wiederholte er einige Male, whrend er mitten
im Zimmer gerade vor Petra stehen blieb, ohne sie anzusehen, aber als
erwarte er, da sie etwas sagen solle. Sie getraute sich nicht, diesem
Mann gegenber ihre Bitte zu wiederholen; er sah so streng aus. "Sie
mchten hier bleiben?" fragte er und streifte sie mit einem langen,
leuchtenden Seitenblick. Die Angst verlieh ihrer Stimme etwas Bebendes.
"Ich wei nicht, wo ich sonst hin soll." "Wo sind Sie her?" Petra nannte
leise ihren Geburtsort und ihren Namen. "Wie kommen Sie denn hierher?"

"Ich wei nicht--ich mchte--ich will gern bezahlen--ich--ich wei
nicht--" Sie wandte sich ab; eine Weile konnte sie berhaupt nicht mehr
sprechen, dann fate sie wieder Mut und sagte: "Ich will ja alles tun,
was Sie von mir verlangen,--wenn ich blo hier bleiben darf und nicht
weiter mu,--und nicht noch einmal ein zweites Mal bitten--" Die Tochter
war mit dem Vater wieder hereingekommen, war aber beim Kamin stehen
geblieben und fingerte dort, ohne aufzublicken, in den gedrrten
Rosenblttern herum. Der Propst erwiderte nichts. Man hrte nur sein
Pfeifenpaffen, whrend er abwechselnd bald Petra, bald die Tochter, bald
das Bild ansah. Nun kann ein und derselbe Gegenstand einen ganz
verschiedenen Eindruck hervorrufen. Whrend Petra innerlich flehte, das
Bild mge ihn gnstig stimmen, schien es dem Propst, als flstere es ihm
zu: "Schtze unser Kind! Nimm niemand Fremdes zu ihr ins Haus!" Mit
einem scharfen Seitenblick wandte er sich zu Petra und sagte: "Nein! Sie
knnen nicht bleiben."

Petra erblate, seufzte tief auf, blickte sich unsicher um und strzte
ins Nebenzimmer, dessen Tr halb offen stand. Dort warf sie sich
kopfber auf einen Tisch und berlie sich haltlos ihrem Schmerz und
ihrer Enttuschung!--Vater und Tochter sahen einander an.

Solch ein Mangel an Lebensart--ohne weiteres in ein fremdes Zimmer zu
strmen und sich einfach gehen zu lassen--das hatte wirklich nur
seinesgleichen in der Art, wie sie von der Landstrae hereingeschneit
war, gebeten hatte, hier bleiben zu drfen, und dann, als man ihr das
abschlug, laut zu heulen anfing. Der Propst ging ihr nach, nicht um mit
ihr zu reden, sondern um die Tr hinter ihr zuzumachen. Mit feuerrotem
Gesicht kam er zurck und sagte leise zur Tochter, die noch am Ofen
stand: "Hast Du jemals so was von Frauenzimmer gesehen? Wer ist sie
denn? Was will sie?" Die Tochter antwortete nicht gleich; aber als sie
endlich antwortete, sprach sie noch leiser als der Vater: "Sie fhrt
sich ja freilich verdreht auf. Aber etwas Besonderes hat sie doch an
sich." Der Propst ging im Zimmer auf und ab und blickte immer wieder zur
Tr. Zuletzt blieb er stehen und flsterte: "Sie mu nicht ganz richtig
im Kopf sein!" Und als Signe nichts erwiderte, trat er nher auf sie zu
und wiederholte bestimmter: "Sie ist verrckt, Signe. Einfach verrckt.
Das ist das Besondere an ihr!" Wieder fing er an, auf und ab zu gehen;
schlielich kam er auf andere Gedanken; und fast hatte er schon
vergessen, was er eben gesagt hatte, als die Tochter flsternd
antwortete: "Das glaub' ich nicht. Aber sehr unglcklich mu sie sein!"
Und sie beugte sich ber die welken Rosenbltter, mit denen ihre Finger
noch immer spielten. Der Klang der Stimme sowie dies Spielen htte fr
einen Fremden nichts Auffallendes gehabt; aber der Vater wurde sofort
aufmerksam. Er ging, das Bild an der Wand betrachtend, ein paarmal
durchs Zimmer und sagte endlich sehr leise: "Meinst Du, weil sie
unglcklich aussieht--wrde--Mutter ihr erlaubt haben, zu
bleiben?"--"Mutter htte mit ihrer Antwort berhaupt ein paar Tage
gewartet!" flsterte die Tochter und beugte sich noch tiefer ber die
Rosen. Die leiseste Erinnerung an sie da droben konnte, wenn die Tochter
sie ihm zu Gemte fhrte, den buschigen Lwenkopf zahm machen wie ein
Lamm. Er fhlte sogleich die Wahrheit ihrer Worte und stand da wie ein
Schuljunge, der beim Lgen ertappt wird; er verga seine Pfeife, er
dachte nicht mehr ans Gehen, und erst nach einer langen Weile flsterte
er: "Soll ich sie bitten, ein paar Tage bei uns zu bleiben?" "Du hast
ihr ja schon geantwortet."

"Nun ja,--aber sie ganz bei uns aufnehmen oder sie ein paar Tage
behalten,--das ist zweierlei." Auch Signe schien zu berlegen. Endlich
sagte sie: "Tu, was Du fr das Beste hltst!"

Der Propst schien sich diesen Vorschlag doch noch nher zu berlegen. Er
ging wieder verschiedene Male im Zimmer auf und ab und stie dicke
Rauchwolken aus. Endlich blieb er stehen. "Willst Du zu ihr hinein--oder
soll ich--?" "Es wird schon das beste sein, Du gehst zu ihr!" sagte die
Tochter mit einem weichen Blick.

Der Propst hatte schon die Hand an der Trklinke, als von drinnen ein
schallendes Gelchter ertnte. Dann wieder Stille--und aufs neue eine
wahre Lachsalve. Der Propst war zurckgeprallt; jetzt ging er wieder auf
die Tr los; die Tochter hinter ihm her. Das Mdchen da drin mute krank
geworden sein.

Als die Tr aufging, sahen sie Petra noch an derselben Stelle sitzen, wo
sie sich vorhin hingeworfen hatte. Vor ihr lag ein aufgeschlagenes Buch,
ber das sie sich, ohne zu wissen, was sie tat, hergemacht hatte. Ihre
Trnen waren auf die Bltter des Buchs gefallen und sie hatte sie
abwischen wollen. Da war ihr Blick auf einen der saftigen Ausdrcke
gefallen, deren sie sich aus den Tagen ihres Straenjungenlebens her
noch so gut erinnerte, und die sie nie im Leben fr druckfhig gehalten
hatte. Vor lauter Entsetzen verga sie zu weinen; sa nur und starrte in
das Buch! Um Gotteswillen ... was war denn das? Sie las weiter, mit
offenem Mund. Es wurde immer rger, furchtbar derb, aber so
unwiderstehlich komisch, da sie gar nicht anders konnte: sie mute
immer weiter lesen. Und sie las, bis sie berhaupt nichts mehr wute,
las ber Kummer und Trnen, ber Zeit und Raum hinweg--mit dem alten
Vater Holberg. Denn kein anderer war es als er! Sie lachte, sie
schttelte sich vor Lachen. Und noch als der Propst und seine Tochter
schon vor ihr standen, merkte sie gar nicht, wie ernst sie waren, dachte
gar nicht mehr an ihr eigenes Anliegen, sondern lachte nur und lachte
und fragte: "Was ist denn das? Was in aller Welt ist denn das?" Und
dabei schlug sie das Titelblatt auf...

Pltzlich wurde sie bla; sie sah zu den beiden auf, sah wieder in das
Buch, auf die wohlbekannten Schriftzge. Es gibt Dinge, die einen ins
Herz treffen, wie eine Kugel, Dinge, von denen man sich hunderte von
Meilen entflohen whnt, und die man auf einmal dicht vor sich sieht.
Da--auf dem ersten Blatt--stand geschrieben: "Hans degaard."
Flammendrot rief sie: "Gehrt _ihm_ das Buch?--Kommt _er_ hierher?" Und
sie stand auf. "Ja, versprochen hat er's", erwiderte Signe. Und Petra
entsann sich, da er im Ausland mit einer Pastorenfamilie aus dem Stift
Bergen zusammengewesen war. Sie selbst war nur im Ring herumgefahren,
sie war geradenwegs auf ihn zugereist. "Kommt er bald? Ist er etwa gar
hier?" Sie schickte sich auf der Stelle an, davonzulaufen.--"Nein, er
ist ja doch krank", sagte Signe.--"Ach, richtig, er ist ja krank!"
wiederholte Petra schmerzlich und sank zusammen.

"Sagen Sie mal," rief Signe, "Sie sind doch nicht etwa--?" "Das
Fischermdel?" vollendete der Propst. Petra sah flehend zu ihnen auf.
"Ja, ich bin das Fischermdel", sagte sie.

Die war ihnen gar wohl bekannt; degaard hatte ja von nichts anderem
gesprochen. "Das ndert freilich die Sache!" sagte der Propst; er
fhlte, hier war etwas Zerbrochenes--hier tat die Hilfe von Freunden
not. "Bleiben Sie einstweilen hier!" sagte er.

Petra sah auf; sie bemerkte den Blick, mit dem Signe ihm dankte, und das
tat ihr so wohl, da sie zu Signe hinging, ihre beiden Hnde fate--mehr
getraute sie sich nicht--und, allerdings in Verlegenheit, sagte: "Ich
will Ihnen alles erzhlen, sobald wir allein sind."

Eine Stunde spter kannte Signe Petras ganze Geschichte, die sie sofort
ihrem Vater mitteilte. Auf seinen Rat schrieb sie noch am selben Tag an
degaard, und damit fuhr sie fort, solange Petra bei ihnen im Hause war.

Petra aber, als sie sich an diesem Abend in den mchtigen Daunenkissen
zur Ruhe legte, in einem gemtlichen Zimmer, wo im Ofen die
Birkenscheiter knisterten und wo auf dem weien Nachttisch zwischen den
zwei Kerzen das Neue Testament lag, griff nach dem Buch und dankte ihrem
Gott fr alles, Gutes und auch Bses...

       *       *       *       *       *

Der Propst hatte als junger Mann von feuriger Seele und groer
Rednergabe den Wunsch gehabt, Geistlicher zu werden. Seine wohlhabenden
Eltern waren dagegen gewesen; sie htten es lieber gesehen, wenn er das
gewhlt htte, was sie eine "_unabhngige_ Lebensstellung" nannten. Aber
ihr Widerstand spornte seinen Eifer noch mehr an, und als er fertig war,
ging er ins Ausland, um dort weiter zu studieren. Auf der Durchreise
lernte er in Dnemark eine Dame kennen; sie gehrte einer
Glaubensrichtung an, die ihm nicht streng genug und darum verwerflich
erschien. Er suchte ununterbrochen auf sie einzuwirken; aber die Art,
wie sie ihn dabei ansah und ihn zum Schweigen brachte, konnte er spter
whrend seines ganzen Aufenthaltes im Ausland nicht vergessen. Als er
zurckkam, suchte er sie sogleich auf. Sie verkehrten viel zusammen und
gewannen einander immer mehr lieb, bis sie sich schlielich verlobten
und gleich darauf heirateten. Nun aber stellte es sich heraus, da jedes
von ihnen dabei einen Nebengedanken gehabt hatte. Er hatte sich
vorgenommen, sie mit all ihrer Lieblichkeit zu sich hinberzuziehen in
seine dstere Lehre, und sie hatte sich wie ein Kind in der Sicherheit
gewiegt, seine Kraft und Beredsamkeit fr den Dienst ihrer
Glaubensgemeinschaft gewinnen zu knnen. Sein erster, ganz leiser
Versuch stie auf _ihren_ ersten, ganz leisen. Enttuscht, mitrauisch
zog er sich zurck. Sie war klug genug, das sofort zu merken, und von
diesem Tag an lauerte er nun immer auf einen weiteren Versuch
_ihrerseits_ und sie auf einen zweiten Versuch _seinerseits_. Aber keins
von ihnen machte einen zweiten; denn beiden war angst geworden. Er hatte
Angst vor seiner eigenen leidenschaftlichen Natur, und sie hatte Furcht,
sie wrde sich durch einen verfehlten Versuch jede Aussicht verscherzen,
ihn zu sich herberzuziehen. Denn diese Hoffnung gab sie nie auf; die
war ihr zur Lebensaufgabe geworden. Nie aber kam es zum Kampf; denn wo
sie war, da gab es keinen Kampf. Irgendwie jedoch mute er seinem
arbeitenden Willen, seiner zurckgedrngten Leidenschaft Luft machen;
und das geschah jedesmal, wenn er auf der Kanzel stand und sie unter
sich sitzen sah. Wie in einem Wirbel ri er dann die Gemeinde mit sich
fort; bald erhitzte er seine Zuhrer, bald erhitzten sie ihn. Sie sah es
mit an und lie ihr gengstigtes Herz ausruhen in Wohlttigkeit, und
spter, als sie Mutter wurde, bei ihrem Kinde, das sie in krperlichem
und geistigem innigsten Umfangen an ihren stillen Stunden teilnehmen
lie. Da gab sie, da empfing sie, da wiegte sie ihr eigenes groes Kind
in der Unschuld des Kindes, da feierte sie ein Fest der Liebe, von dem
sie zu ihm, dem Strengen, zurckkehrte mit aller vereinten Milde des
Weibes und des Christentums; und ihm war es dann natrlich nicht
mglich,--etwas zu sagen, was nicht liebreich gewesen wre. Er _mute_
sie ja lieben, ber alles auf der Welt, aber um so schmerzlicher war es
ihm, um so heftiger blutete ihm das Herz, da er ihr nicht helfen konnte
bei ihrer Seele Seligkeit. Mit dem stillschweigenden Recht der Mutter
entzog sie auch das Kind seiner religisen Unterweisung. Die Liedchen
des Kindes, die Fragen des Kindes wurden ihm bald eine neue und tiefe
Quelle des Schmerzes. Und hatte ihn dann auf der Kanzel seine
leidenschaftliche Gemtsbewegung bis zur Hrte aufgestachelt, so
begegnete ihm, wenn sie miteinander heimgingen, sein Weib nur mit um so
grerer Milde; die Augen redeten; der Mund redete nie ein Wort. Und die
Tochter nahm seine Hand und sah zu ihm auf mit Augen, die die Augen der
Mutter waren.

ber alles wurde gesprochen in diesem Hause, nur ber das eine nicht,
das die Wurzel ihres ganzen Denkens war. Aber eine so aufreibende
Spannung war auf die Dauer nicht zu ertragen. Wohl lchelte die Frau
noch; aber nur, weil sie nicht wagte, zu weinen. Als die Zeit
herannahte, wo die Tochter zur Einsegnung vorbereitet werden sollte, und
er sie also kraft seines Amtes jetzt ebenso stillschweigend in seine
Richtung htte hinberziehen knnen, wie die Mutter sie seither in der
ihren gehalten hatte, da stieg die Spannung bis aufs uerste. Und nach
dem Sonntag, an dem die Namen der Konfirmanden von der Kanzel verlesen
waren, wurde die Mutter krank; etwa so, wie man sonst mde wird.
Lchelnd sagte sie, sie knne nicht mehr gehen; und ein paar Tage
darauf--noch immer lchelnd--sie knne nicht mehr sitzen. Die Tochter
wollte sie immer um sich haben, obgleich sie nicht mehr mit ihr reden
konnte; sehen konnte sie ihr Kind doch wenigstens. Und die Tochter
wute, was die Mutter am liebsten mochte. Sie las ihr vor aus dem Buch
des Lebens, sie sang ihr die Chorle ihrer Kinderzeit, die neuen,
lebenswarmen ihrer eigenen Glaubensgemeinschaft vor. Der Propst konnte
lange nicht fassen, was sich hier vorbereitete; aber als er es endlich
begriff, da verlor er jede Richtschnur; nur ein Wunsch beherrschte ihn
noch: sie noch einmal zu sich reden, sie nur ein paar Worte noch sagen
zu hren. Aber sie hatte nicht mehr die Kraft; sprechen konnte sie nicht
mehr. Er stand am Fuende des Bettes und sah sie an und flehte. Und sie
lchelte ihm zu, bis er auf die Knie fiel und die Hand der Tochter nahm
und sie in die Hand der Mutter legte, als wollte er sagen: "Da, behalte
sie! Bei Dir soll sie bleiben in alle Ewigkeit!" Und da lchelte sie,
wie sie noch nie gelchelt hatte; und in diesem Lcheln verschied sie.

Lange Zeit schlo sich der Propst von allem Umgang ab. Ein anderer
bernahm die Sorge fr die Gemeinde; er selber wanderte von Zimmer zu
Zimmer, von Ort zu Ort, als suche er etwas. Er trat leise auf; wenn er
sprach, sprach er mit gedmpfter Stimme; und nur dadurch, da sie ganz
auf diese stille Art einging, vermochte die Tochter allmhlich wieder
einen Verkehr mit ihm herzustellen. Jetzt half sie ihm suchen. Jedes
Wort der Mutter wurde wieder hervorgeholt; alles, was sie gewollt hatte,
wurde zur Richtschnur, nach der sie fortan lebten. Das Zusammenleben der
Mutter mit der Tochter, bei dem der Vater bisher auen gestanden hatte,
wurde jetzt erst so recht durchlebt. Vom ersten Augenblick an, dessen
sie sich als Kind entsinnen konnte, wurde alles wieder vorgenommen; ihre
Lieder wurden gesungen, ihre Gebete gebetet; die Predigten, die sie am
liebsten gehrt hatte, wurden eine nach der anderen vorgelesen, und alle
ihre Worte und Auflegungen treulich ins Gedchtnis zurckgerufen. Also
in Wirksamkeit gesetzt, empfand er bald das Verlangen, das Land
wiederzusehen, wo er sie gefunden hatte, um auch dort auf dieselbe Weise
ihren Spuren nachzugehen. Sie gingen auf Reisen. Und dadurch, da er so
ihr ganzes Leben ungeteilt in sich aufnahm, gesundete er wieder. Ihm,
der selbst wieder Anfnger wurde, ging der Sinn auf fr alles um ihn
her, was da in seinen Anfngen lag,--fr die groen nationalen, fr die
kleineren politischen Ideen: und das gab ihm ein Stck seiner eigenen
Jugend wieder. Seine Krfte kamen zurckgestrmt, und mit ihnen all die
heien Hoffnungen von ehedem. Jetzt wollte er das Wort Gottes verknden,
und zwar so, da es zum Leben vorbereitete und nicht nur zum Tode!

Doch bis er sich wieder mit dieser seiner neuen geliebten Ttigkeit in
seiner Bergheimat einschlo, wnschte er noch einen weiteren, tieferen
Blick in das zu tun, was drauen sich regte. So waren sie also noch
weiter in der Welt herumgefahren, und lebten jetzt ihren groen
Erinnerungen.

Unter diesen Menschen lebte Petra.




Neuntes Kapitel


Drei Jahre spter, an einem Freitag kurz vor Weihnachten, saen die
beiden jungen Mdchen in der Dmmerstunde beisammen. Eben war der
Propst mit seiner Pfeife eingetreten. Der Tag war verflossen, wie so
ziemlich jeder Tag dieser letzten zwei Jahre--morgens ein Spaziergang,
nach dem Frhstck eine Stunde Musizieren, Klavierspiel und Gesang,
darauf Sprach- und anderer Unterricht und zuletzt ein bichen
Haushaltungsarbeit. Nachmittags beschftigte jeder sich auf seinem
Zimmer; Signe heute gerade wieder mit einem Brief an degaard, nach dem
Petra brigens niemals fragte, wie sie berhaupt niemals von der
Vergangenheit hren mochte. In der Dmmerung waren sie Schlitten
gefahren, und jetzt sa man zusammen, um zu plaudern oder zu singen oder
spter vorzulesen. Dazu fand sich der Propst stets ein. Er las
ausgezeichnet, und ebenso Signe. Petra lauschte beiden ihre Art und
Weise und besonders ihre Aussprache ab. Signes Aussprache und Tonfall
hatten fr ihr Ohr einen solchen Wohllaut, da es noch, wenn sie allein
war, in ihr nachklang. berhaupt schwrmte Petra so fr Signe, da ein
Mann schon den vierten Teil fr die glhendste Liebe gehalten htte;
Signe wurde auch oft ganz rot dabei. Bei diesen abendlichen
Vorlesungen--Petra selbst war nie zum Lesen zu bewegen--hatte man die
Hauptdichter der norwegischen Literatur durchgenommen und war nach und
nach weiter in die groe Weltliteratur geraten. Am liebsten lasen sie
dramatische Werke. Eben als man die Lampen anznden und anfangen wollte,
kam die Kchin herein und sagte, drauen sei jemand, der Petra einen
Gru ausrichten wolle. Es stellte sich heraus, da es ein Matrose aus
ihrer Vaterstadt war, den ihre Mutter beauftragt hatte, Petra
aufzusuchen, da er zufllig in die Gegend kam. Er war ber eine Meile zu
Fu gewandert und mute schleunigst wieder umkehren, weil sein Schiff
gleich darauf unter Segel ging. Petra begleitete ihn ein Stck, um ein
bichen lnger mit ihm zu plaudern; er war ein ehrlicher Mensch, den sie
von frher her kannte. Der Abend war ziemlich finster; auch auf dem
Pfarrhof waren alle Fenster dunkel, auer im Waschhaus, wo groe Wsche
war. Auf der Landstrae war kein einziges Licht zu sehen, kaum da man
den Weg selbst sah; denn der Mond hatte sich noch nicht ber die Berge
emporgeschlngelt. Trotzdem ging Petra tapfer mit, sogar bis in den Wald
hinein, obwohl es zwischen den Bumen unheimlich dster war. Besonders
eine Nachricht hatte sie interessiert. Der Matrose hatte ihr nmlich
erzhlt, Pedro Ohlsens Mutter sei gestorben, und er habe sein Haus
verkauft und sei hinaufgezogen zu Gunlaug, wo er in Petras Giebelstube
hause. Das war nun schon fast zwei Jahre her, und dabei hatte die Mutter
dies mit keinem Wort erwhnt. Jetzt endlich ging Petra ein Licht auf,
wer die Briefe fr die Mutter schrieb; vergebens hatte sie sie immer
wieder danach gefragt; denn in jedem Brief stand am Schlu: "Auch einen
Gru von dem, der den Brief geschrieben hat." Der Matrose war von der
Mutter beauftragt, zu fragen, wie lange Petra noch im Pfarrhause bleiben
wolle und was fr Absichten sie fr spter habe. Auf die erste Frage
antwortete Petra, das wisse sie nicht, und als Erwiderung auf die zweite
Frage lie sie der Mutter sagen, es gbe in der Welt nur eins, was sie
gern mchte, und wenn sie das nicht werden knne, so sei sie unglcklich
frs ganze Leben; sie knne aber vorlufig noch nicht sagen, was es sei.

Whrend Petra mit dem Matrosen schwatzte, saen der Propst und Signe im
Wohnzimmer und sprachen von Petra, an der sie beide ihre Herzensfreude
hatten. Da kam der Groknecht herein, und nachdem er den Tagesbericht
erstattet hatte, fragte er, ob die Herrschaft eigentlich wisse, da die
fremde Jungfer nachts an einer Strickleiter aus ihrem Fenster und wieder
hinauf klettere. Er mute es dreimal wiederholen, bis einer von den
beiden begriff, was er da sagte; er hatte ebensogut erzhlen knnen, sie
klettere an den Mondstrahlen auf und ab. Es war dunkel im Zimmer, und
jetzt wurde es ganz still; nicht einmal des Propstes Pfeife war zu
hren. Endlich fragte der Propst mit einem gewissen dumpfen Klang in der
Stimme: "Wer hat das gesehen?"--"Ich hab's gesehen. Ich war gerade auf
und ftterte die Pferde; es mag wohl so um eins 'rum gewesen sein."--"An
einer Strickleiter ist sie hinuntergeklettert?"--"Und wieder
hinauf."--Abermals lange Pause. Petras Zimmer lag im Oberstock,--das
Eckzimmer, das auf die Einfahrt hinausging. Sie war die einzige, die
oben schlief; niemand auer ihr wohnte nach dieser Seite zu. Ein
Miverstndnis konnte also nicht obwalten. "Sie wird's im Schlaf getan
haben", sagte der Knecht und wollte sich davonmachen.--"Aber die
Strickleiter--die kann sie doch nicht im Schlaf gemacht haben", sagte
der Propst. "Das dacht' ich mir eben auch; und darum sagt' ich mir: es
wird schon das beste sein, ich sag's dem Hausvater; sonst hab' ich
keinem davon gesagt."--"Hat es auer Dir noch jemand gesehen?"--"Nein;
aber wenn der Hausvater mir nicht glaubt, so mu die Strickleiter mein
Zeuge sein; wenn sie die nicht oben liegen hat, dann werd' ich ja wohl
falsch gesehen haben."--Der Propst stand sogleich auf. "Vater!" bat
Signe. "Mach' Licht!" antwortete der Propst in einem Ton, der keinen
Widerspruch zulie. Signe zndete selbst das Licht an. "Vater!" bat sie
noch einmal, als sie es ihm reichte. "Solange sie in meinem Hause ist,
bin ich auch ihr Vater. Es ist meine Pflicht, die Sache zu untersuchen."
Der Propst ging mit dem Licht voran. Signe und der Groknecht
hinterdrein. In dem kleinen Zimmer war alles in Ordnung; nur auf dem
Nachttisch lag ein ganzer Stapel von Bchern, das eine aufgeschlagen
ber dem andern. "Liest sie des Nachts?"--"Ich wei nicht; aber vor eins
macht sie nie das Licht aus." Der Propst und Signe sahen einander an. Um
zehn, halb elf abends ging man im Pfarrhaus auseinander, und um sechs,
sieben Uhr versammelte man sich morgens. "Weit Du davon?" Signe
antwortete nicht. Aber der Groknecht, der in einer Ecke kniete und
kramte, sagte: "Sie ist doch nicht allein."--"Was sagst Du da?"
"Freilich, es ist immer einer bei ihr, mit dem sie redet; manchmal
machen sie einen Heidenlrm; ich hab' oft gehrt, wie sie gebettelt und
gedroht hat. Wahrscheinlich hat irgendein Kerl sie in seiner Gewalt, das
arme Wurm!" Signe wandte sich ab; der Propst war totenbla geworden.

"Und da ist auch die Leiter", fuhr der Groknecht fort. Er zog sie
hervor und stand auf. Zwei Wscheleinen, zusammengehalten durch eine
dritte, die an die eine geknotet war, dann quer zur anderen hinberlief,
dort ebenfalls festgeknotet war und so, in der Breite von etwa einer
halben Elle, stufenweise fort, bis die Leiter fertig war. Alle
betrachteten sie aufmerksam. "War sie lange fort?" fragte der Propst.
Der Groknecht sah ihn an. "Wie denn fort?"--"Ich meine, ob sie lange
fortblieb, nachdem sie die Leiter hinuntergeklettert war?" Signe
zitterte vor Angst und Klte. "Sie ist doch gar nicht weggegangen; sie
ist gleich wieder hinaufgeklettert."--"Wieder hinauf? Wer ist denn
weggegangen?"--Signe machte eine Bewegung und brach in Trnen aus. "Den
Abend war keiner da; das ist gestern gewesen."--"Also war sonst keiner
auf der Strickleiter? Blo sie?"--"Ja, sonst keiner."--"Und sie ist
hinuntergeklettert und gleich wieder hinauf?"--"Ja."--

"Sie hat sie also nur probieren wollen", sagte der Propst und es war,
als atme er ein bichen erleichtert auf. "Jawohl, bis sie jemand anders
dran 'raufklettern lt", fgte der Knecht hinzu. Der Propst sah ihn an.
"Du meinst, dies wre nicht die erste, die sie gemacht hat?"--"Nein. Wie
sollte denn sonst jemand zu ihr herauf kommen?"--"Hast Du schon lange
gewut, da jemand zu ihr kommt?"--"Erst seit diesem Winter, als sie
immer so spt in die Nacht hinein Licht hatte; vorher ist mir's nie
eingefallen, nachzusehen." Der Propst fragte streng: "Also den ganzen
Winter hast Du es schon gewut? Weshalb hast Du mir's nicht schon eher
gesagt?"--"Ich hab' geglaubt, es wr' jemand vom Haus, der bei ihr sei.
Aber wie ich sie gestern Nacht auf der Leiter sah, da kam ich erst
drauf, da es jemand anders sein msse."--"Ja, es ist leider kein
Zweifel--sie hat uns alle getuscht." Signe blickte flehend auf. "Sie
mte vielleicht nicht so weit weg von den andern schlafen", meinte der
Groknecht, whrend er die Strickleiter zusammenwickelte. "Sie sollte
eigentlich berhaupt nicht mehr in diesem Hause schlafen!" sagte der
Propst und ging. Die anderen folgten ihm. Aber als sie wieder unten
waren, und er das Licht hingestellt hatte, warf Signe sich an seine
Brust. "Ja, mein Kind, das ist eine arge Enttuschung!"

Eine Weile darauf sa Signe in der Sofaecke, ihr Taschentuch vor die
Augen gepret; der Propst hatte seine Pfeife angesteckt und ging unruhig
auf und ab. Da hrten sie aus der Kche ein Geschrei, ein hastiges
Laufen auf der Treppe und Getrappel oben im Flur. Sie eilten beide
hinaus. In Petras Zimmer brannte es. Von der Kerze war ein Funken in die
Ecke gefallen--denn dort war das Feuer entstanden--hatte sich im Nu die
Tapete entlang gefressen, das Holzwerk am Fenster erreicht, und dort
hatte ein Vorbergehender es bemerkt und war sofort ins Waschhaus
gerannt, wo die Mgde bei der Wsche waren. Das Feuer war bald gelscht.
Aber auf dem Lande, wo alles jahraus, jahrein seinen gleichmigen Gang
geht, bringt die geringste Strung die Gemter in Aufruhr. Das Feuer ist
ihr schlimmster und gefhrlichster Feind, an den sie bestndig denken,
und wenn er wirklich eines Nachts kommt, sein Haupt aus dem Abgrund
emporreckt und mit gierigen Zungen zischend nach Beute leckt, da erbebt
alles und findet wochenlang keine Ruhe mehr, ja, manche ihr ganzes Leben
lang nicht mehr.

Als der Propst und seine Tochter wieder im Wohnzimmer waren, wo jetzt
die Lampen brannten, da war es beiden ganz unheimlich zumute, da
Petras Zimmer so rasch gerumt und jede Erinnerung an sie verbrannt war.
Im selben Augenblick hrten sie Petras klare Stimme fragen und rufen;
sie sprang die Treppe hinauf und wieder herunter, lief vom Boden in den
Hausflur, vom Flur in die Kche und kam dann, noch in Hut und Mantel, in
die Wohnstube gestrmt. "Gott, es hat ja in meinem Zimmer gebrannt!"
Niemand antwortete; aber sie fuhr in einem Atem fort: "Wer ist oben
gewesen? Wann ist es denn geschehen? Wie ist das Feuer ausgekommen?" Er
selbst sei oben gewesen, antwortete jetzt der Propst, er habe etwas
gesucht; dabei sah er sie scharf an. Aber Petra verriet nicht durch das
mindeste Zeichen, da sie dabei etwas Auffallendes finde, zeigte auch
keinerlei Besorgnis, da man irgend etwas gefunden haben knne. Sie
schpfte nicht einmal Verdacht, als Signe gar nicht von ihrer Sofaecke
aufblicken wollte. Sie glaubte, es sei noch der Schreck vom Brande her,
und fragte in einem fort, wie es entdeckt und gelscht worden sei, wer
es zuerst gesehen habe, und als ihr nicht rasch genug Bescheid wurde,
strzte sie wieder hinaus, wie sie hereingekommen war. Bald kam sie
wieder dahergestrmt, diesmal ohne Hut und Mantel, und erzhlte dem
Propst und Signe, wie alles zugegangen und da sie selber den
Feuerschein gesehen und furchtbar schnell gelaufen sei; aber jetzt sei
sie nur froh, da es nicht schlimmer sei. Whrenddem legte sie vollends
ab, trug die Sachen hinaus, kam wieder herein und setzte sich auf ihren
Platz am Tisch, ununterbrochen berichtend, was der gesagt und jener
getan hatte; das ganze Haus stand ja auf dem Kopf, und das machte ihr
den grten Spa. Als die andern immer noch stumm blieben, klagte sie,
da ihnen nun der ganze Abend verdorben sei; sie htte sich doch so
schrecklich auf "Romeo und Julia" gefreut, was sie eben lasen; gerade
heut abend habe sie Signe bitten wollen, die Szene, die ihr am besten
gefiele vom ganzen Stck, nmlich Romeos Abschied von Julia auf dem
Balkon, noch einmal zu lesen. Mitten in ihrem Redestrom erschien ein
Mdchen aus der Waschkche, um zu sagen, es fehlten Wscheleinen; ein
ganzes Bund sei fortgekommen. Petra wurde puterrot und sprang auf: "Ich
wei, wo sie sind; ich hole sie." Sie machte ein paar Schritte auf die
Tr zu; da fiel ihr der Brand ein; sie blieb stehen und errtete noch
tiefer: "Ach Gott, die sind gewi verbrannt! Sie lagen in meinem
Zimmer!" Signe hatte sich nach ihr umgewandt; der Propst blickte sie von
der Seite durchdringend an. "Wozu brauchst Du denn Wscheleinen?" Sein
Atem flog; er konnte kaum sprechen. Petra sah ihn an; sein furchtbarer
Ernst machte ihr beinahe Angst; im nchsten Augenblick jedoch reizte er
sie zum Lachen. Ein paar Sekunden kmpfte sie dagegen an, aber als sie
ihn dann noch einmal ansah, brach sie in ein so herzhaftes Gelchter
aus, da sie berhaupt nicht mehr aufhren konnte; von bsem Gewissen
war darin so wenig wie in einem rieselnden Bach. Signe hrte das am
Klang und schnellte vom Sofa auf: "Was ist denn? Was ist denn?" Petra
wandte sich ab, lachte, hpfte, duckte sich und wollte zur Tr hinaus.
Aber Signe vertrat ihr den Weg: "Was ist es, Petra? So rede doch!" Petra
versteckte sich hinter ihr, als wolle sie sich ganz verkriechen, lachte
aber immer weiter, ganz malos. Nein, so benimmt sich die Schuld nicht,
das wurde doch auch jetzt dem Propst klar. Und er, der noch eben auf dem
Sprung gewesen war, sich in ein Toben der Wut hineinzusteigern, strzte
sich statt dessen kopfber ins Lachen; und Signe mit ihm. Nichts in der
Welt ist so ansteckend, wie Lachen, und vor allem ein Lachen, das so
ganz unfalich ist. Die vergeblichen Versuche, die bald der Propst, bald
Signe machten, zu ergrnden, worber sie eigentlich lachten, steigerte
die Heiterkeit bis ins Ausgelassene. Die Magd, die noch immer wartete,
fing zuletzt ebenfalls an, mitzuwiehern; sie hatte das sonderbare
Grubenlachen, das immer wie ein Aus-der-Tiefe-Emporwinden und -Keuchen
klingt; und da sie selber fhlte, da es nicht recht unter so feine
Mbel und Menschen pate, machte sie, da sie zur Tr hinauskam, um in
der Kche erst recht loszuplatzen. Natrlich steckte sie die drauen
auch an; bald wlzte sich eine wahre Sturmflut von Gelchter auch zur
Kche heraus, in der man noch weniger wute, worber man eigentlich
lachte, und das entfachte wiederum das Gelchter im Zimmer aufs neue.

Schlielich, als alle schon ganz krank vor Lachen waren, machte Signe
einen letzten Versuch, endlich hinter die Ursache dieser Heiterkeit zu
kommen. "Jetzt aber mut Du's mir sagen!" rief sie und hielt Petra bei
den Hnden fest. "Nicht um alles in der Welt!"--"Ach Du, ich wei schon,
was es ist!" rief Signe wieder. Petra sah sie an und schrie auf; aber
Signe rief: "Und Vater wei es auch!" Diesmal schrie Petra nicht mehr;
sie brllte und ri sich los, kam auch glcklich bis zur Tr; aber da
erwischte Signe sie wieder. Petra drehte sich um, um mit ihr zu ringen;
sie wollte fort, um jeden Preis. Sie lachte, whrend sie miteinander
kmpften; aber an ihren Wimpern hingen Trnen. Da lie Signe sie los.
Petra strzte hinaus, Signe hinter ihr drein, und beide verschwanden in
Signes Zimmer. Dort fiel Signe Petra um den Hals, und die umschlang sie
mit beiden Armen. "O Gott, so wit Ihr es?" flsterte sie. Und Signe
flsterte zurck: "Ja, wir waren oben mit dem Groknecht; er hat Dich
gesehen. Und wir haben die Strickleiter gefunden!" Abermaliges
Aufschreien und abermalige Flucht; aber diesmal blo in die Sofaecke, wo
sie sich versteckte; gleich war Signe bei ihr, und sich halb ber sie
neigend, berichtete sie Petra flsternd von der ganzen Entdeckungsreise
samt ihren brenzlichen Folgen. Was sie vor kurzem noch Trnen der Angst
gekostet hatte, erschien ihr jetzt so komisch, da sie es voller Humor
erzhlte. Petra hrte, hielt sich die Ohren zu, blickte auf und
versteckte sich wieder. Als Signe fertig war und beide wieder im Dunkeln
nebeneinandersaen, flsterte Petra: "Weit Du, was ich gemacht hab'?...
Ich kann unmglich schon um zehn Uhr, wenn wir auf unser Zimmer gehen,
schlafen; dazu hat das, was wir gelesen haben, noch viel zu viel Macht
ber mich. Und so lern' ich es auswendig; alles, was mir am besten
gefllt. Ganze Szenen kann ich auswendig; und die sag' ich ganz fr mich
laut her. Als wir 'Romeo und Julia' lasen, da hatte ich das Gefhl, als
gb' es berhaupt auf der ganzen Welt nichts Schneres; rein toll und
verrckt war ich ... ich _mute_ die Sache mit der Strickleiter
probieren; nie ist mir vorher der Gedanke gekommen, da man an einer
Strickleiter auf- und abklettern kann. Ich erwischte ein paar
Wscheleinen... Und dabei steht der Spitzbub unten und guckt mir zu!...
Ja, es ist gar nicht zum Lachen, Du! Schrecklich unweiblich ist es. Ich
bleib' berhaupt mein Lebtag ein Junge! Und natrlich bin ich morgen das
Gesptt der ganzen Nachbarschaft!" Aber Signe, die aufs neue in einen
Lachkrampf geraten war, fiel mit Kssen und Streicheln ber sie her und
strzte dann davon: "Das mu ich Vater erzhlen!"--"Bist Du verrckt,
Signe?" Und so kamen sie, eine nach der andern, wieder ins Zimmer
gestrmt, wie sie hinausgestrzt waren. Fast rannten sie den Propst ber
den Haufen, der gerade hinaus wollte, um zu sehen, was aus den beiden
geworden war. Signe fing zu erzhlen an, Petra schrie auf und strzte
wieder hinaus, wobei ihr dann einfiel, da sie gerade htte bleiben
mssen, um Signe am Erzhlen zu verhindern. Also wollte sie wieder
hinein; aber der Propst hielt die Tr zu. Keine Mglichkeit, sie zu
ffnen. Sie trommelte mit beiden Fusten dagegen, sie sang, sie
trampelte mit den Fen, um Signe zu bertuben, die nur umso lauter
sprach; und als der Propst endlich alles gehrt und ebenso herzlich und
lustig wie Signe ber diese neue Methode, Klassiker zu lesen, gelacht
hatte, machte er die Tr auf; aber nun rannte Petra davon.

Nach dem Abendessen, zu dem Petra sich wieder eingestellt hatte, und bei
dem sie vom Propst reichlich geneckt worden war, sollte sie zur Strafe
alles aufsagen, was sie auswendig konnte. Und da zeigte es sich, da
sie wirklich alle die berhmtesten Szenen kannte; nicht blo eine Rolle
darin, sondern alle. Sie sagte sie her, als ob sie sie ablse; manchmal
war es, als wolle sie Feuer fangen; aber sofort dmpfte sie es wieder.
Kaum merkte das der Propst, als er auch schon mehr Ausdruck verlangte;
aber sie wurde nur immer scheuer. Stundenlang ging das so weiter; sie
konnte alle komischen Szenen und alle tragischen, neckische und
ernsthafte. Ihr Gedchtnis war zum Bewundern und zum Lachen; sie selber
lachte mit und verlangte, man solle sie nur weiter examinieren.

"Man knnte wirklich wnschen, die armen Schauspieler htten blo den
zehnten Teil Deines Gedchtnisses!" sagte Signe.--"Gott verhte, da sie
je Schauspielerin wird!" versetzte der Propst und wurde pltzlich ernst.
"Aber, Vater! Wie kannst Du glauben, da Petra an so was denkt!"
erwiderte Signe lachend. "Ich kam blo zufllig darauf, weil ich immer
wieder gefunden habe, da ein Mensch, der von Jugend auf sozusagen
aufwchst mit der Poesie seiner Sprache, nie das Verlangen hat, zur
Bhne zu gehen. Whrend einer, der nie viel gewut hat von Poesie, bis
er erwachsen ist, dafr schwrmt. Die so ganz pltzlich erwachte
Sehnsucht ist es, die ihn verfhrt."--"Gewi ist das wahr", versetzte
der Propst. "Ein wirklich gebildeter Mensch geht wohl selten zur
Bhne."--"Und noch seltener ein poetisch Gebildeter."--"Freilich. Und
wenn es geschieht, so spielt irgendein Mangel an Charakter mit, der
Eitelkeit und Leichtsinn die Oberhand gewinnen lt. Ich habe viele
Schauspieler gekannt, in meiner Studienzeit und auf Reisen; aber einen
Schauspieler, der ein echt christliches Leben gefhrt htte, den hat
wohl noch kein Mensch gesehen. Zur Religion hingezogen knnen sie sich
fhlen; das hab' ich selbst erlebt. Aber es ist in ihrem Beruf zu viel
Unruhiges, Aufreibendes; sie knnen sich nicht konzentrieren, auch wenn
sie schon lngst die Bhne verlassen haben. So oft ich auch mit einem
darber gesprochen habe--jeder hat es zugegeben und es beklagt; aber
gleich darauf hie es: Wir mssen uns eben damit trsten, da wir auch
nicht schlimmer sind als wer wei wie viele andere! Blo, da man das
einen schlechten Trost nennen mu. Ein Leben, das sich nach keiner
Richtung hin auf den Christen in uns aufbaut, das ist ein sndiges
Leben.--Der Herr helfe ihnen und bewahre jedes reine Herz vor ihnen!"

       *       *       *       *       *

Am Tag darauf, es war Sonnabend, war der Propst wie gewhnlich schon vor
sieben Uhr auf, machte seine Morgenrunde zu seinen Arbeitern und noch
ein bichen weiter hinaus und kam heim, als es eben hell werden wollte.
Da sah er, gerade als er am Hause vorbei in den Hof einbiegen wollte, an
der Erde etwas wie ein aufgeschlagenes Schreibheft, das man
wahrscheinlich gestern aus Petras Fenster geworfen und nicht wieder
gefunden hatte, weil es dieselbe Farbe hatte wie der Schnee. Er hob das
Heft auf und ging damit in sein Studierzimmer. Als er es
auseinanderklappte, um es zu trocknen, sah er, da es ein
verabschiedetes franzsisches Aufsatzheft war, in das jetzt Verse
geschrieben waren. Es fiel ihm gar nicht ein, die Verse zu lesen; da
fiel sein Blick auf das Wort "Schauspielerin", das an allen Ecken und
Enden, kreuz und quer geschrieben stand,--auch in den Versen stand es
da. Er setzte sich ordentlich hin, um sich die Sache genauer anzusehen.
Nach allerhand Anstzen und durchstrichenen Zeilen fand er folgende
Reimerei, die trotz vieler Verbesserungen zu entziffern war:

    Eines, du Trauter, bekenn' ich dir still,
    Und das ist, was ich werden will.
    Schauspielerin, das mcht' ich werden,
    Zeigen der Welt in Wort und Gebrden
    Mcht' ich die Frau, wie sie lacht vor Spott,
    Leidet und liebt und betet zu Gott,
    Wie sie ist, wenn sie reizend blickt,
    Wie sie ist, wenn in Snde verstrickt.
    Vater im Himmel, ach, hilf mir zu werden,
    Was mein einziger Wunsch auf Erden!

Und ein bichen weiter unten:

    Darf ich denn, o Gott, nicht sein dein eigen?
    Willst du nicht Erhrung mir bezeigen?

Dann, wahrscheinlich als Randglosse zu einer Dichtung, die sie vor ein
paar Monaten gelesen hatten:

    O, zu gehn nach Elfenweise,
      Elfenweise,
    Mondenschein und Nebelkreise,
      Nebelkreise,
    Vorwrts huschen, rckwrts rauschen,
      Rckwrts rauschen,
    Tten den, der sucht zu lauschen,
      Sucht zu lauschen--
    Nein, 's war' sndhaft, lirum, larum, la!

Und nach unzhligen nderungen, Streichungen, Kritzeleien und Noten:

      Hopsasa,--hopsasa,
    Tanzen mit allen, doch niemals gefangen!
      Tralala,--tralala,
    Stets Nummer eins, doch an niemandem hangen.

Dann, deutlich und sauber, folgender Brief:



  Mein Herzens-Heinrich!

Deucht Dich nicht, da Du und ich die Weisesten sind in der ganzen
Comoedia? Wohl tuet man uns groen Verdru an, hat aber nichts zu sagen.
Ich _engrassiere_ Dich, mich morgen abend auf die mascarade zu fhren;
denn ich war noch niemals auf solcher, und mich verlangt nach einer
rechten Narretei; hier im Hause ist es gar still und trbselig!

Du bist ein rechter Schelm, Heinrich--wo schwrmst Du wieder umher?
Ach, hier sitzt einsam

  Deine Pernille.



Endlich stand da, mit groen Buchstaben, deutlich und mehrmals
wiederholt, folgende Strophe, die sie irgendwo aufgestbert haben mute
und hatte auswendig lernen wollen:

    Ach, dem Groen gilt mein Drngen;
    Schier die Brust will mir's zersprengen.
    Hchstes Denken khn zu wagen,
    Kraft, um's kraftvoll vorzutragen,
    Die verborgnen Quellen finden,
    Balder lsen, Loke binden--
    Dies in deiner Gnade gib
    Du, der mir verlieh den Trieb!

Noch vieles andere stand da; aber der Propst las nicht weiter.

Also um Schauspielerin zu werden, war sie in sein Haus gekommen und
hatte sich von seiner Tochter unterrichten lassen. Um dieses heimlichen
Zieles willen hatte sie Abend fr Abend so begierig gelauscht und
nachher selber auswendig gelernt. Zum besten gehabt hatte Petra sie die
ganze Zeit. Noch gestern, da sie ihnen alles zu offenbaren schien, hatte
sie etwas verheimlicht; whrend sie am herzlichsten lachte, hatte sie
gelogen.

Und dieses heimliche Ziel! Was der Propst so oft in ihrer Gegenwart
verdammt hatte, schmckte sie zu einem gttlichen Beruf aus und wagte,
Gott um seinen Segen dazu zu bitten! Ein Leben voller uerlichkeit und
Eitelkeit, voll Eifersucht und Leidenschaft, voll Trgheit und
Sinnlichkeit, voll Lge und zunehmender Charakterlosigkeit, das alle
Geier umkreisten wie ein Aas,--einem solchen Leben sich zu weihen, das
war ihr Sehnen, das ihr Gebet zu Gott! Und dazu sollten er und sein Kind
ihr verholfen haben, hier, in ihrem stillen Pfarrhause, unter der
strengen Obhut einer erweckten Gemeinde.

Als Signe eintrat, klar, leicht wie der Wintermorgen, um dem Vater
guten Tag zu sagen, fand sie das Studierzimmer ganz voll Rauch. War dies
schon immer ein Zeichen von Gemtsverstimmung, so war es das doppelt so
frh am Morgen. Er sagte auch kein Wort, sondern gab ihr nur das Heft.
Sie sah sogleich, da es Petra gehrte. Die Erinnerung an den Verdacht
und den Kummer von gestern abend durchzuckte sie; sie mochte gar nicht
hineinsehen; ihr Herz klopfte so heftig, da sie sich setzen mute. Doch
dasselbe Wort, das der Propst zuerst wahrgenommen hatte, fiel auch ihr
auf, sprang auch ihr in die Augen; sie mute nher hinsehen; und dann
las sie. Ihr erstes Gefhl war Scham, nicht fr Petra, sondern weil der
Vater das auch gelesen hatte.

Bald aber empfand sie die tiefe Demtigung, die darin liegt, sich von
jemand, den man lieb hat, getuscht zu sehen. Einen Augenblick will uns
der Mensch, der das fertig gebracht hat, grer, klger, erfinderischer
als wir erscheinen, ja, er streift geradezu ans Geheimnisvolle. Bald
aber sammelt sich die Seele wieder in Emprung; die Ehrlichkeit gewinnt
Macht durch Krfte, die, wenn auch unsichtbar, doch nicht geheimnisvoll
sind; man fhlt in sich die Strke, mit einem Schlag hundert kleinliche
Ausflchte zu zermalmen; man _verachtet_ das, wodurch man sich eben,
noch gedemtigt fhlte. Drin im Wohnzimmer hatte Petra sich ans Klavier
gesetzt, und eben hrte man sie singen:

    Auf ist der Tag und die Freude entbrannt,
    Und des Mimuts Wolkenburg strmisch berannt,
    ber den glhenden Bergen im Klaren
    Lagern in Zelten des Lichtknigs Scharen.
    "Auf nun! Auf nun!" Vogel im Hag,
    "Auf!" was singen und jubeln mag,
    Auf zum Licht, meine Hoffnung!

Dann jagte es wie ein Sturm bers Klavier, und mitten heraus brauste ein
zweites Lied:

      Gut ist dein Rat!
      Doch auf lockendem Pfad
      Treib' ich mein Boot hinaus
      In der Brandung Gebraus.
    Und fhrt auch die Fahrt durch des Todes Tor--
    Lat mich kosten, was nie ich gekostet zuvor.

      Nicht blo zum Spiel
      Such' ich mein Ziel,--
      Will mit Sturmwogen ringen--
      Will das Weltmeer bezwingen--
    Will sehn, wie der Kiel sich zur Seite legt--
    Mu versuchen, wie weit und wie lang er mich trgt!

Nein! Jetzt wurde es dem Propst zu bunt! Er ri im Vorbeigehen Signe das
Heft aus der Hand; er strmte nach der Tr; und diesmal hielt sie ihn
nicht zurck. Er fuhr wie ein Pfeil auf Petra los, schleuderte das Heft
vor sie hin aufs Klavier, machte Kehrt und rannte durchs ganze Zimmer
auf und ab. Als er wieder umdrehte, war sie aufgestanden. Sie hielt das
Heft an die Brust gepret und sah sich mit verstrten Blicken nach allen
Seiten um. Er blieb vor ihr stehen, um ihr klaren Wein einzuschenken;
aber sein Zorn, die Erbitterung, da er ber zwei Jahre lang sich von
diesem verschlagenen jungen Ding hatte mibrauchen lassen, und vor allem
darber, da sie sein eigenes, warmherziges, hingebendes Kind zum besten
gehabt hatte, emprte ihn so, da er nicht gleich Worte fand. Und als er
sie endlich fand, da fhlte er selber, da sie zu hart waren. Als er
noch einmal durchs Zimmer gestrmt war und ihr wieder gegenber stand,
mit blutrotem Gesicht, da wandte er ihr einfach den Rcken und ging ohne
eine Silbe zu sagen in sein Studierzimmer zurck. Als er hinkam, war
Signe fort.

Den ganzen Tag blieb jedes auf seinem Zimmer. Der Propst a allein zu
Mittag; keins der Mdchen erschien. Petra hielt sich im Zimmer der
Wirtschafterin auf, das man ihr nach dem Brand vorlufig angewiesen
hatte. Vergebens hatte sie Signe berall gesucht, um ihr alles zu
erklren; Signe schien berhaupt gar nicht im Hause zu sein.

Petra fhlte--sie stand vor einer Entscheidung. Ihres Lebens
heimlichster Gedanke war ihr entrissen, und man wollte sich einen
Einflu erzwingen, den sie nicht dulden konnte. Sie fhlte selbst am
besten--wenn sie dies ihr Lebensziel aufgab, so war sie allen Winden des
Zufalls preisgegeben. Sie konnte froh sein mit den Frhlichen,
vertrauensvoll mit den Vertrauenden; immer und berall sicher,--aber
alles nur kraft jenes geheimen Ziels: einmal all das zu erreichen, dem
ihre Fhigkeiten in heiem Sehnen entgegenwuchsen. Sich noch einmal
jemand anvertrauen, nach jenem ersten, miglckten Versuch in
Bergen--nein, das konnte sie nicht, nicht einmal degaard; sie mute es
allein in sich tragen, bis es so stark geworden war, da es jedem
Zweifel standzuhalten vermochte.

Aber jetzt war alles anders geworden. Unablssig stand das feuerrote
Gesicht des Propstes vor ihrem aufgeschreckten Gewissen. Jetzt galt es,
sich zu retten! Sie suchte Signe, immer hastiger, immer aufgeregter;
aber schon war es Nachmittag, und immer noch war Signe nicht da. Je
weiter ein Mensch, den wir suchen, sich uns entzieht, desto mehr
vergrern wir uns selbst die Ursache der Trennung; und so kam es, da
ihr endlich klar wurde: es war ein Verrat gewesen an Signe, ihre
Freundschaft heimlich zu etwas zu mibrauchen, was Signe fr eine groe
Snde hielt. Gott, der Allwissende, war ihr Zeuge, da eine solche
Auffassung der Dinge ihr bisher berhaupt nicht in den Sinn gekommen
war. Wie eine groe Snderin kam sie sich vor.

Genau wie damals zu Hause fhlte sie sich wie zerschmettert und hatte
doch noch kurz vorher berhaupt keine Ahnung davon gehabt! Da dies
Entsetzliche sich wiederholen konnte, da sie noch keinen Schritt
weitergekommen war, das steigerte ihre unsichere Angst bis zum Grausen.
Aber in dem Ma, wie ihre eigene Schuld wuchs, wuchs das Bild Signes an
Seelenreinheit und groherziger Hingebung. Ja, Signe hatte in Wahrheit
glhende Kohlen auf ihr Haupt gesammelt. Am liebsten htte sie sich ihr
zu Fen geworfen, sie angerufen, sie angebettelt, htte nicht
abgelassen mit Flehen, bis Signe ihr wieder einen einzigen guten Blick
geschenkt!

Es war dunkel geworden. Jetzt _mute_ Signe doch endlich wieder da sein,
wo sie auch sonst gewesen war! Petra lief hinunter, durch den Gang im
Flgel, wo Signes Zimmer lag; die Tr war verriegelt. Also mute sie
drin sein! Ihr Herz klopfte, whrend sie nochmals die Klinke
niederdrckte und bettelte: "Signe! Ich mu mit Dir reden! Ich halt' es
nicht aus, Signe!"--Im Zimmer kein Laut. Petra bckte sich, horchte,
klopfte. "Signe, Signe! Wenn Du wtest, wie unglcklich ich
bin!"--Keine Antwort. Langes Horchen. Nichts. Wenn man lang gar keine
Antwort erhlt, so fngt man zuletzt zu zweifeln an, ob berhaupt jemand
da ist, selbst wenn man es wei; und wenn es dazu noch dunkel ist, so
wird man noch ngstlich dabei. "Signe! Signe! Bist Du da? So hab' doch
Erbarmen! Antworte doch!--Signe!" Es war und blieb still. Sie begann zu
zittern und zu frsteln. Da ging die Kchentr auf mit einem breiten
Lichtstreifen; leichte lustige Schritte liefen ber den Hof. Das gab ihr
einen Plan ein. Sie wollte ebenfalls auf den Hof, wollte auf den
Vorsprung an der Steinmauer klettern, wo der Seitenflgel lag, und dann
auf diesem Sims entlang um das ganze Gebude gehen bis auf die andere
Seite, wo es sehr hoch war. Und dann wollte sie in Signes Zimmer
hineingucken!

Es war ein klarer Sternenabend; Berge und Huser standen in scharfen
Umrissen; sonst war nichts zu sehen; nur diese Umrisse. Der Schnee
schimmerte; die dunkeln Pfade zwischendurch hoben seine Helle nur noch
schrfer hervor. Von der Landstrae klang Schlittengelut; das eilige
Sausen, der Glanz wirkten ermunternd; Petra sprang auf den Sims. Sie
wollte sich an den vorstehenden Balken der Holzverkleidung festhalten;
aber sie verlor das Gleichgewicht und fiel wieder herunter. Jetzt holte
sie eine leere Tonne und rollte sie an die Mauer, stieg hinauf und von
der Tonne auf den Sims. Dort kroch sie auf Hnden und Fen ruckweise
weiter, jedesmal etwa ein Viertelmeter. Es gehrten die starken Finger
einer starken Hand dazu, um sich festzuhalten; denn die Balken sprangen
kaum einen Zoll vor. Auch hatte sie Angst, man knne sie entdecken; denn
natrlich wrde man das gleich wieder mit der Strickleiter in Verbindung
bringen. Wenn sie blo erst von der Seite, die auf den Hof hinausging,
weg und auf der Querwand war! Aber als sie endlich dort anlangte, drohte
neue Gefahr: die Fenster waren nicht verhangen, und sie mute sich
ducken, whrend sie, in steter Angst zu fallen, vor den Fenstern
vorberkroch. An der Lngswand wurde es immer hher; darunter, die ganze
Mauer entlang, stand eine Stachelbeerhecke, die sie jedenfalls aufnehmen
wrde, wenn sie fiel. Aber sie hatte keine Angst mehr. Ihre Finger
brannten, ihre Sehnen zitterten, der ganze Krper bebte; aber sie
kletterte weiter. Jetzt nur noch ein paar Schritte und das Fenster war
erreicht. Bei Signe brannte kein Licht, und der Vorhang war nicht
herabgelassen. Der Mond schien voll ins Zimmer--sie mute bis in den
uersten Winkel sehen knnen! Auch das gab ihr neuen Mut. Sie erreichte
den Fenstersims, konnte sich endlich mit der Hand fest anklammern und
ausruhen; denn nun, da sie am Ziel war, fing ihr Herz so heftig zu
klopfen an, da es ihr fast den Atem benahm. Aber je lnger sie
zauderte, desto schlimmer wurde es; also hie es kurzen Proze
machen... Und so beugte sie sich rasch entschlossen in voller Hhe
gegen das Fenster. Ein gellender Schrei aus dem Zimmer war die Antwort.
Signe hatte in der Sofaecke gesessen; jetzt stand sie mit einem Satz
mitten im Zimmer, wehrte die grauenhafte Erscheinung in wildem Entsetzen
ab und flchtete. Diese Gestalt vor dem Fenster im Schein des Monds,
diese rcksichtslose, widerwrtige Derbheit, das Gesicht, scharf vom
Mond umrissen, erhitzt, funkelnd,--Petra begriff selbst mit
Blitzesschnelle, da ihr unglckseliger Einfall Signe nichts als Abscheu
hatte einjagen knnen, ja, da fortan ihr Bild vielleicht immer ein
Schreckgespenst bleiben wrde fr Signe. Sie verlor das Bewutsein und
fiel mit einem durchdringenden Schrei hinunter. Die Leute im Hause waren
auf Signes Ruf herbeigestrzt, hatten jedoch niemand gefunden. Da hrten
sie wieder einen solchen Schrei; der ganze Hof lief zusammen, man
suchte, man rief, ohne etwas zu finden; es war ein bloer Zufall, da
der Propst aus Signes Fenster hinausblickte und im Mondschein Petra in
den Bschen liegen sah. Eine groe Angst berkam alle. Es kostete Mhe,
sie von den Dornen loszumachen und hinaufzutragen. Man brachte sie in
Signes Zimmer, weil die Stube der Wirtschafterin nicht geheizt war; man
zog sie aus und brachte sie zu Bett, man wusch ihr Hals und Hnde, die
tchtig zerkratzt waren, whrend wieder andere es recht warm und hell
und behaglich im Zimmer machten. Als sie wieder zu sich gekommen war und
sich umsah, bat sie, man mge sie allein lassen. Die ruhige
Behaglichkeit des Zimmers, das feine Wei, womit Fenster,
Toilettentisch, Bett und Sthle behngt waren, mahnten unendlich
wehtuend an Signe. Petra dachte an ihre reine Lieblichkeit, ihre stille
Stimme, die einen so milchweien Klang hatte, ihr feines Gefhl fr die
Denkart anderer, ihre weiche Gte. Und all das hatte sie selbst jetzt
verscherzt. Bald mute sie wieder aus diesem Zimmer, wie wohl berhaupt
aus dem Hause. Und dann--wohin? Zum drittenmal wird man mich nicht von
der Landstrae auflesen, und selbst wenn es geschhe--sie selber wollte
nicht mehr. Es wrde ja doch nur wieder dasselbe Ende nehmen. Kein
Mensch konnte Zutrauen zu ihr fassen; was auch der Grund sein mochte ...
sie fhlte, es war so. Sie war ja auch noch keinen Schritt weiter
gekommen; nie wrde sie berhaupt einen Schritt weiter kommen. Denn
ohne das Vertrauen der Menschen ging es nicht. Oh, wie sie betete, wie
sie weinte! Sie wlzte und wand sich in ihrer Seelenqual, bis sie ganz
erschpft war und einschlief.

Und im Schlaf wurde sofort alles schneewei und allmhlich auch seltsam
hoch. Nie in ihrem Leben hatte sie eine solche Hhe und ein so lichtes
Funkeln von Millionen Sternen gesehen.




Zehntes Kapitel


Noch als sie aufwachte, war sie dort oben; die Gedanken des Tages, die
sofort auf sie einstrmten, wollten nach, wurden aber eingefangen und
fortgetragen von etwas, das die ganze Luft erfllte--von dem
Glockengelut des Sonntagmorgens. Sie sprang auf und zog sich an, holte
sich aus der Speisekammer etwas Frhstck, packte sich warm ein und
machte sich eilig auf den Weg,--so gedrstet nach Gottes Wort hatte sie
noch nie! Als sie hinkam, hatte der Gottesdienst gerade angefangen, und
die Tr war verschlossen; es war ein kalter Tag, und die Finger
erstarrten ihr, als sie den Schlssel anfate und umdrehte. Der Pfarrer
stand gerade am Altar, sie blieb an der Tr stehen, bis er fertig war
und der Kster ihm das Megewand abgenommen hatte; dann ging sie hinber
nach dem sogenannten Bischofsstuhl, der im Chor stand und mit Vorhngen
versehen war. Der eigentliche Pfarrstuhl lag auf der Empore; wollte man
aber aus irgendeinem Grunde lieber versteckt und allein sitzen, so nahm
man seine Zuflucht zu dem Bischofsstuhl. Als sie gerade hineinschlpfen
wollte, sah sie Signe schon darin sitzen, in der uersten Ecke. Sie
trat einen Schritt zurck, aber gerade da drehte der Propst sich um, um
vom Altar an ihr vorbei in die Sakristei zu gehen; sie ging eilig wieder
in den Stuhl hinein und setzte sich ganz hinten in eine Ecke; Signe
hatte ihren Schleier heruntergelassen. Das tat Petra weh. Sie schaute
ber die Gemeinde hin: in hohem Holzgesthl saen rechts die Mnner,
links die Frauen eng nebeneinander; ihr Atem lag wie zitternder Nebel
ber ihnen, an den Fenstern war das Eis zolldick; die plump geschnitzten
Holzstatuen, der schleppende, eintnige Gesang, die vermummten
Menschen--das alles harmonierte miteinander; es war hart und unnahbar;
ihr fiel der Eindruck ein, den die Natur an jenem Nachmittage, als sie
Bergen verlie, auf sie gemacht hatte; sie war auch hier nur ein
furchtsamer Wanderer.

Der Propst bestieg die Kanzel; auch er machte ein strenges Gesicht. Er
betete: Fhre uns nicht in Versuchung! Wir wissen, da alle Gaben, die
Gott uns verliehen hat, eine Versuchung bergen; er mge gndig sein und
uns nicht ber unsere Kraft versuchen; wir sollen nie vergessen, ihn
darum zu bitten; denn nur, wenn wir unsere Fhigkeiten ihm unterordnen,
gereichen sie uns zum Heil. Die Predigt behandelte dieses Thema weiter,
indem sie von unserer doppelten Lebensaufgabe ausging, da erstens ein
jeder seinen Lebensberuf da ausfllen msse, wohin ihn seine Fhigkeiten
und seine Verhltnisse gestellt htten,--und zweitens, da man
Christentum heranbilden msse in sich selbst und in denen, die unserer
Obhut anvertraut seien. Man msse vorsichtig sein in der Wahl seines
Lebensberufs, denn es gebe leider Berufe, die in sich selbst sndig
seien, es gebe auch welche, die uns zur Snde werden knnten, weil sie
entweder nicht fr uns paten, oder doch unseren bsen Gelsten
allzusehr entgegenkmen. Weiter: so gewi ein jeder versuchen msse,
nach seinen Fhigkeiten zu whlen, so gewi knne eine solche Wahl, auch
wenn sie richtig und gut sei, uns doch zur Versuchung werden, wenn wir,
weil der Beruf uns zusage, unsere ganze Zeit und unsere ganzen Gedanken
in seinen Dienst stellten. Das Christentum in uns drfe nicht
vernachlssigt werden, so wenig wie unsere Elternpflichten gegen unsere
Kinder. Wir mten uns in uns selbst konzentrieren knnen, damit der
Heilige Geist stndig in uns wirke. Wir mten die gute Saat des
Christentums in unsere Kinder pflanzen und sie pflegen knnen. Es gebe
keine Pflicht, keinen Vorwand, der uns hiervon zu befreien vermchte,
auch wenn die Gelegenheit abgewartet werden msse.

Und dann ging er weiter,--ging auf die Berufe derer ein, die da saen,
ging in ihre Huser, behandelte ihre Verhltnisse, ihre Ansichten. Dann
fhrte er Beispiele aus anderen Lebensbedingungen an, aus hheren
Wirkungskreisen, die ihre Streiflichter hierherwarfen. Der Propst war
allen, die ihn im tglichen Leben kannten, ganz fremd von dem Augenblick
an, da er auf der Kanzel auftauchte. Auch in seinem uern war er
anders; sein verschlossenes, energisches Gesicht hatte sich geffnet und
lie die Flut der Gedanken durchscheinen; sein Auge war lebhaft, es
schaute fest und zielbewut und brachte erhabene Kunde; all das Zottige,
das wie zusammengerollt in seiner Natur lag, trat jetzt hervor gleich
der Mhne eines Lwen; seine Stimme rollte wie ein langgezogener Donner
dahin oder in kurzen, heftigen Wendungen, sank zuweilen auch einmal zu
sanften Tnen herab, aber nur, um gleich wieder die Hhe zu erklimmen.
Er konnte im Grunde nur in einem groen Rume reden, und wenn er fr
seine Gedanken die Unendlichkeit hatte; denn seine Stimme hatte keinen
Wohllaut, bis sie laut sprach, sein Gesicht keine Klarheit, seine
Gedanken keine treffende Deutlichkeit, bis sie in Feuer gerieten. Nicht
als ob er das Thema dann erst gefunden htte; nein, so gewi wie der
Schmerz groe Schtze in diese Seele zusammengetragen hatte, so gewi
hatten das auch die Gedanken getan; er war ein strenger, verschlossener
Arbeiter. Aber er war nicht immer gerstet, er konnte im Gesprch keine
Gedanken prgen; er mute allein das Wort haben, mute wenigstens auf
und ab laufen knnen. Ein Wortgefecht mit ihm anzufangen, kam fast einem
berfall auf einen Wehrlosen gleich, war aber doch gefhrlich; denn
seine berzeugung stand sofort und mit solcher Heftigkeit fest, da er
keine Zeit hatte, sie zu begrnden; zwang man ihn doch dazu, so konnte
zweierlei geschehen: entweder er bersprhte seinen Gegner so, da dem
Gegner ganz bange werden konnte, oder er schwieg eigensinnig, weil er
sich selbst nicht traute. Keiner war leichter zum Schweigen zu bringen
als dieser energische, beredte Mann.

Petra war erzittert, als der Propst sein Gebet begonnen, denn sie
fhlte, woher er es genommen hatte. Je weiter er im Text kam, desto
nher rckte er ihr; sie kroch in sich zusammen, und sie sah, wie Signe
dasselbe tat. Aber unbarmherzig legte der Gewaltige los; der Lwe war
auf Beute aus; sie kam sich wie von allen Seiten verfolgt, wie umzingelt
und eingefangen vor,--aber was in Strenge angepackt wurde, hielt die
Hand des Erbarmens milde fest. Es war, als werde sie--ohne ein Wort der
Verdammung--von der allgtigen Liebe in den Arm genommen. Und da betete
sie und weinte, und sie hrte Signe dasselbe tun und hatte sie lieb
deswegen!

Als der Propst von seinem Thron der Wahrheit herunterkam, um sich in die
Sakristei zu begeben, lag noch der Glanz der Begegnung mit dem Hchsten
auf seinem Gesicht. Seine Augen fielen forschend gerade auf Petra, aber
als sie ihn gro ansah, da glitt ein Strahl von Milde zu ihr hin; im
Weitergehen blickte er rasch nach der Ecke, wo seine Tochter sa.

Signe erhob sich gleich darauf; den Schleier hatte sie vorm Gesicht, so
da Petra nicht zu folgen wagte. Deshalb ging sie spter. Aber heute
saen sie wieder alle drei bei Tisch; der Propst sprach ab und zu, Signe
aber war scheu. Sobald der Propst, der augenscheinlich die Rede auf das
Vorgefallene bringen wollte, die leiseste Andeutung machte, wich Signe
so schchtern und zart aus, da der Propst an ihre Mutter erinnert
wurde,--er verstummte und wurde allmhlich schwermtig. Dazu gehrte
sehr wenig.

Nun gibt es nichts Peinlicheres als einen miglckten
Vershnungsversuch. Man stand auf, ohne sich in die Augen blicken und
sich gesegnete Mahlzeit wnschen zu knnen. Im Wohnzimmer wurde die
Stimmung schlielich so gedrckt, da sie alle drei gern hinausgegangen
wren,--aber niemand mochte zuerst gehen;--Petra fr ihr Teil hatte das
Gefhl: wenn sie jetzt gehe, so gehe sie fr immer. Sie konnte Signe
nicht wiedersehen, wenn sie sie nicht liebhaben durfte; sie konnte es
nicht ertragen, den Propst traurig zu sehen um ihretwillen. Aber mute
sie fort, dann ohne Abschied; denn wie htte sie von diesen Menschen
Abschied nehmen knnen? Schon der Gedanke peitschte sie in eine Erregung
hinein, die sie nur mit uerster Anstrengung zurckzuhalten vermochte.

Jede Minute, die eine solche drckende Stille verlngert, in der wir
aufeinander warten, macht sie unertrglicher. Man kann sich nicht
rhren, weil man fhlt, es wird bemerkt; jeder Seufzer ist zu hren; man
hrt sogar, wenn einer ganz ruhig ist; denn das hrt sich an wie Hrte.
Man kommt in Spannung, weil nichts gesagt wird, und man zittert davor,
da etwas gesagt werden wird.

Jeder fhlte, dieser Augenblick komme nie wieder. Die Mauern, die man
zwischen sich aufbaut, wachsen, unsere eigene Schuld wchst, die der
andern wchst auch, wchst mit jedem Atemzuge; bald sind wir
verzweifelt, bald emprt; denn wer sich so gegen uns benimmt, ist
unbarmherzig, ist schlecht; wir ertragen es nicht, wir knnen es ihm
nicht verzeihen,--Petra hielt es nicht lnger aus, entweder mute sie
aufschreien oder davonlaufen!

Da klang Schlittengelut auf der Strae; bald sah man einen Mann im
Wolfspelz auf einem Rennschlitten, auf dem hinten der Postillon sa, am
Garten vorbei und in den Hof hineinsausen.--Alle atmeten erleichtert auf
und lauschten der Erlsung entgegen! Sie hrten den Ankmmling auf dem
Flur, wo er die Reisestiefel und den Pelz ablegte und mit dem Mdchen
sprach, das ihm behilflich war; der Propst stand auf, um ihm
entgegenzugehen,--kehrte aber wieder um, weil er die beiden Mdchen
nicht allein lassen wollte;--wieder sprach der Fremde auf dem Flur,
jetzt schon mehr in der Nhe, so da beim Klang dieser Stimme alle drei
aufsahen, Petra aber sich erhob und die Augen auf die Tr heftete.--Es
klopfte;--"herein!" sagte der Propst aufgeregt,--ein Mann mit einem
lichten Gesicht und einer Brille stand in der Tr, Petra stie einen
Schrei aus und sank wieder auf ihren Stuhl:--das war ja degaard.

Er kam dem Propst und Signe nicht unerwartet; man hatte auf sein Kommen
zu Weihnachten gerechnet, obwohl niemand Petra etwas davon gesagt hatte;
aber da er gerade jetzt kam, war eine Fgung des Schicksals,--das
empfanden sie alle.

Petra sah und hrte nichts, bis er vor ihr stand und ihre Hand gefat
hatte. Er hielt sie lange in seiner, sagte aber kein Wort, auch sie
nicht; sie konnte nicht einmal aufstehen. Aber whrend sie ihn
anschaute, liefen ihr zwei Trnen die Backen herunter. Er war sehr bla,
sonst aber ganz ruhig und gtig; er zog seine Hand wieder zurck und
ging dann durch das Zimmer auf Signe zu, die sich zwischen den Blumen
ihrer Mutter in der uersten Fensterecke verkrochen hatte.

Petra sehnte sich, allein zu sein; deshalb zog sie sich zurck. Signe
hatte im Hause zu tun, so da sich der Propst mit degaard in sein
Arbeitszimmer zu einem Glase Wein setzen konnte, das dem Reisenden not
tat. Hier erfuhr er in Krze, was die letzten Tage gebracht hatten; er
wurde sehr nachdenklich, uerte sich aber nicht darber. Sie wurden
brigens auf seltsame Weise unterbrochen.

       *       *       *       *       *

Am Fenster kamen zwei Frauen und drei Mnner vorbei, je einer hinter dem
andern, und kaum sah der Propst sie, als er aufsprang: "Da sind sie
wieder!--Jetzt heit's Geduld haben."--Herein kamen zuerst die Frauen,
dann die Mnner, langsam und schweigend. Sie stellten sich an der Wand
unter dem Bcherregal auf, gerade gegenber dem Sofa, auf dem degaard
sa. Der Propst setzte ihnen Sthle hin und holte noch ein paar aus dem
andern Zimmer; sie setzten sich auch alle mit Ausnahme eines stdtisch
gekleideten jungen Menschen, der dankte und sich mit einem etwas
trotzigen Gesicht, beide Hnde in den Hosentaschen, an die Tr lehnte.
Nach einer langen Pause, whrend der Propst seine Pfeife stopfte und
degaard, der nicht rauchte, die Leute sich nher betrachtete, begann
schlielich eine blasse, blonde Frau von vielleicht vierzig Jahren das
Gesprch. Ihre Stirn war sehr schmal, ihre Augen gro, aber scheu; sie
wuten nicht recht, wo sie hinsehen sollten. Sie sagte: "Der Herr
Pfarrer hat heute solch schne Predigt gehalten; sie pate so gut zu
unsern Gedanken;--denn wir auf dem Hof haben letzthin viel von der
Versuchung geredet."--Sie seufzte; ein Mann mit einem etwas kurz
geratenen Untergesicht und einem groen, breiten Oberkopf seufzte auch:
"Herr, bewache unsere Wege! Wende meine Augen ab, da sie nicht auf
eitle Dinge schauen!"--Und Else, dieselbe, die zuerst gesprochen hatte,
seufzte wieder und sagte: "Herr, wie soll ein junges Menschenkind seinen
Pfad rein halten, da es wandelt nach Deinem Worte?"--Das klang in ihrem
Munde etwas seltsam, denn sie war nicht mehr jung. Ein Mann in mittleren
Jahren aber, der den Kopf schief hielt und sich in einem fort hin und
her wiegte, wobei er seine Augenlider nie ganz aufschlug, sagte wie im
Halbschlaf:

    "Jedwedem, dem der Name Christ
    Durch Jesu Tod gegeben,
    Dem folget Satans Trug und List
    Wohl durch sein ganzes Leben."

Der Propst kannte sie zu gut, um nicht zu wissen, da dies blo die
Einleitung war; deshalb wartete er, als sei nichts gesagt worden, obwohl
wieder eine lange Pause eintrat, die nur von Seufzern unterbrochen
wurde.

Eine kleine Frau, die noch kleiner dadurch wurde, da sie gebckt dasa,
und die in so unglaublich viele Tcher eingemummt war, da sie wie ein
Bndel aussah--ihr Gesicht war vllig verdeckt--fing jetzt an, auf ihrem
Stuhl hin und herzurutschen, und gab schlielich ein paar "Hm, hm!" von
sich. Sofort schrak die blonde Frau auf und sagte: "Auf dem yhof ist
jetzt Schlu mit allem Spiel und Tanz;--aber----" sie hielt wieder inne,
Lars dagegen, der Mann mit dem groen Oberkopf und der kurzen unteren
Gesichtshlfte, fuhr fort: "--aber einer, der Spielmann Hans, der will
nicht Schlu machen."--Als auch Lars ber das weitere nachgrbelte, kam
der junge Mensch ihm zu Hilfe: "Denn er wei, da auch der Herr Propst
ein Instrument hat, nach dem hier im Pfarrhaus getanzt und gesungen
wird."--"Das kann fr ihn wohl keine grere Snde sein als fr den
Herrn Propst", sagte Lars.--"Es liegt so, da das Spielen beim Herrn
Propst die andern in Versuchung fhrt", sagte Else behutsam, wie um
ihnen vorwrts zu helfen. Der junge Mensch aber fgte krftiger hinzu:
"Es rgert die Unmndigen, wie geschrieben steht: Wer aber rgert dieser
Geringsten einen, die an mich glauben, dem wre besser, da ein
Mhlstein an seinen Hals gehngt, und er ersufet wrde im Meer, da es
am tiefsten ist." Und Lars lste ihn ab: "Unser Anliegen an Dich ist
also, da Du Dein Instrument forttust oder es verbrennst, damit es nicht
zum rgernis wird--"--"Fr Deine Pfarrkinder", fgte der junge Mensch
hinzu.

Der Propst dampfte und paffte und sagte schlielich in dem sichtbaren
Bemhen, seine Ruhe zu bewahren: "Mir ist dies Spiel keine Versuchung,
mir ist es eine Erquickung und eine Befreiung.--Nun wit Ihr aber, da
alles, was unsern Geist frei machen kann, uns empfnglicher und
verstndnisvoller macht; deshalb glaube ich ganz gewi, da diese Musik
mir eine Hilfe ist."--"Und ich wei, es gibt Pfarrer, die nach Pauli
Wort trotzdem darauf verzichten wrden, wenn ihre Pfarrkinder sie darum
bten", sagte der junge Mensch.--"Vielleicht habe ich frher seine Worte
auch in diesem Sinne aufgefat," antwortete der Propst, "aber jetzt
nicht mehr. Man kann wohl auf eine Gewohnheit oder auf einen Genu
verzichten; aber man soll sich hten, einseitig und beschrnkt zu werden
mit den Einseitigen und Beschrnkten. Ich handle dadurch nicht allein
unrecht an mir selbst, sondern auch an den Menschen, denen ich ein
Beispiel geben soll; denn ich gebe ihnen ja ein falsches Beispiel, ein
Beispiel gegen meine berzeugung." Der Propst brachte selten auerhalb
seiner Kanzel eine so lange Auseinandersetzung zustande. Er fgte hinzu:
"Ich werde mein Instrument nicht weggeben und nicht verbrennen; ich will
es noch oft hren, weil ich oft das Bedrfnis danach habe, und ich
mchte wnschen, da auch Ihr bisweilen in aller Unschuld Euren Geist
freimachtet durch Gesang, durch Spiel und Tanz; denn ich halte das fr
gut und richtig."

Der junge Mensch beugte den Kopf zur Seite, "Pfui!" er spuckte aus.

Der Propst wurde blutrot im Gesicht, und es entstand eine Pause. Da
setzte der Hin- und Herwiegende mit lauter Stimme ein:

    "O Herr, wie schwach ist dieser Leib,
    Denn nur mit Angst und Zagen
    Kann arm und reich, kann Mann und Weib
    Sein Kreuz geduldig tragen.
    Denn Fleisch und Blut gebrechlich sind,
    Das mssen wir alle sagen."--

Und dann Lars mit sanfter Stimme: "Also Du sagst, Spiel und Tanz sei
richtig,--na!----Also es ist richtig, den Satan durch die Sinne
aufzuwecken, na!--Also das sagt unser Herr Pfarrer,--na, dann wissen wir
es ja!----Na, also er sagt, alles, was in Miggang und Sinnlichkeit
geschieht, ist zur Erlsung und zur Hilfe da,----alles, was einen in
Versuchung fhrt, ist richtig!"--Jetzt mischte sich aber degaard ein,
denn er sah dem Propst an, da die Sache schief gehen wrde: "Sag' mal,
guter Mann, was fhrt uns denn nicht in Versuchung?"

Alle sahen dahin, woher diese sicheren, schneidigen Worte kamen. Die
Frage an sich war so unerwartet, da Lars im Handumdrehen nicht wute,
was er antworten sollte, auch die andern nicht. Da klang es wie aus
einem Brunnen oder aus einem Keller heraus: "Das ist die Arbeit."--Die
Stimme kam von den vielen Tchern her; es war Randi, die zum erstenmal
auch ein Wort sagte. Ein triumphierendes Schmunzeln zog ber Lars'
kurzes Untergesicht, die blonde Frau blickte zuversichtlich zu ihr hin,
selbst der junge Mensch an der Tr verlor fr einen Augenblick die
spttische Wlbung der Lippen. degaard war es klar, da dies das Haupt
sein mute, trotzdem es nicht zu sehen war. Er wandte sich deshalb an
sie: "Wie mu denn die Arbeit beschaffen sein, damit sie uns nicht in
Versuchung fhrt?" Sie wollte hierauf nicht antworten; der junge Mensch
aber entgegnete: "Der Fluch lautet: im Schweie Deines Angesichts sollst
Du Dein Brot essen; sie soll aber Schwei und Mhe bringen."--"Und auer
Schwei und Mhe nichts? Zum Beispiel keinen Vorteil?"--Hierauf wollte
auch er nicht antworten; aber nun fhlte sich das kurze Untergesicht
berufen: "Doch, soviel Vorteil wie mglich."--"Aber dann mu doch auch
in der Arbeit eine Versuchung liegen, nmlich die Lockspeise eines zu
groen Vorteils." Bei dieser Umzingelung kam Entsatz aus der Tiefe: "So
ist es der Vorteil, der uns versucht, und nicht die Arbeit."---"Ja, aber
was will das sagen, wenn die Arbeit um des Vorteils willen bertrieben
wird?" Sie verkroch sich wieder; Lars aber wagte sich heraus: "Was heit
die Arbeit bertreiben?"--"Na, wenn sie Dich zu einem Tier macht, wenn
sie Dich in Sklaverei bringt."--"Sklaverei mu sein", sagte der, der den
Schwei des Angesichts haben wollte.--"Aber kann Sklaverei zu Gott
fhren?"--"Arbeit ist Gottesdienst!" rief Lars.--"Kannst Du das von
Deiner ganzen Arbeit sagen?" Lars schwieg.--"Nein, sei vernnftig und
gib mir zu, da um des Vorteils willen die Arbeit so bertrieben werden
kann, _als ob wir nur dafr lebten_. Also liegt auch in der Arbeit eine
Versuchung."--"Ja, eine Versuchung liegt in allem, Kinder,--eine
Versuchung liegt in allem!" entschied jetzt der Propst, indem er
aufstand und, als wolle er der Sache ein Ende machen, seine Pfeife
ausklopfte. In den vielen Umschlagtchern seufzte es, aber eine Antwort
kam nicht.

"Seht," begann degaard wieder,--und der Propst stopfte sich eine neue
Pfeife,--"wenn nun die Arbeit einen Vorteil, das heit Frucht bringt, so
haben wir doch wohl das Recht, diese Frucht zu genieen? Wenn sie uns
Reichtum bringt, haben wir doch wohl das Recht, diesen Reichtum zu
genieen?"--Das erregte groes Bedenken; einer blickte den andern an.
"Ich will antworten, whrend Ihr darber nachdenkt", sagte er. "Gott hat
uns die Mglichkeit gelassen, seinen Fluch in Segen zu verwandeln; denn
er selbst leitete die Patriarchen und sein ganzes Volk zum Genu des
Reichtums an."--"Die Apostel durften nichts besitzen", warf der junge
Mensch siegessicher ein.--"Ja, das stimmt; denn die wollte er ber alle
menschlichen Lebensbedingungen stellen, damit sie nur Gott schauen
sollten;--sie waren berufen!"--"Wir sind alle berufen!"--"Aber nicht im
gleichen Sinne; bist Du zum Apostel berufen?"--Der junge Mensch wurde
leichenbla, seine Augen unter der Stirnmauer verdsterten sich; er
mute seinen Grund haben, sich das zu Herzen zu nehmen.

"Aber der Reiche soll auch arbeiten", meinte Lars; "denn Arbeit ist ein
Gebot."--"Gewi soll er das, wenn er auch andere Mittel und andere
Aufgaben hat; jeder hat seine. Aber sag', soll der Mensch unaufhrlich
arbeiten?"--"Er soll auch beten", fiel die blonde Frau ein und faltete
die Hnde, als komme ihr jetzt zum Bewutsein, da sie es zu lange
versumt habe.--"Also: immer wenn ein Mensch nicht arbeitet, soll er
beten?--Kann ein Mensch das?--Was wre das fr ein Beten, und was wre
das fr ein Arbeiten?--Soll er nicht auch ausruhen?"--"Wir sollen erst
ausruhen, wenn wir nicht mehr knnen; dann werden wir nicht von bsen
Gedanken versucht,--ja, dann werden wir nicht in Versuchung gefhrt!"
sagte Eise wieder, und der Psalmist fiel ein:

    "So gehet ein, ihr Mden,
    In Jesu sen Frieden,
    Die Arbeit war so gro.
    Die Zeit ist nicht mehr weit,
    Da man fr euch bereit't
    Ein Bettlein in der Erde Scho!"----

"Still, Erik, und hr' zu," sagte der Propst. degaard aber zog jetzt
die Schlinge zusammen: "Seht Ihr, die Arbeit trgt ihre Frucht und
braucht ihre Rast. Nun aber ist meine Ansicht von Geselligkeit, von Sang
und Spiel und dergleichen, da sie nicht nur eine se Frucht der Arbeit
sind, sondern da sie zugleich auch dem Geist eine erquickende Mue
bieten."

Hier entstand eine Bewegung im Lager; alle sahen zu Randi hin, denn
jetzt muten die Haupttruppen heranrcken; sie wackelte und wackelte und
schlielich kam es langsam und still heraus: "Weltlicher Sang und Spiel
und Tanz sind keine Mue, denn das entfacht das Fleisch zu sndiger
Begierde. Eine Frucht der Arbeit kann auch wohl so etwas nicht sein, das
die Arbeit vergeudet und das verweichlicht."--"Ja, in so etwas liegt
eine groe Versuchung!" sagte die blonde Frau seufzend. Dabei fiel Erik
der Vers ein:

    "Mit Schmerz erkennen wir,
    Da stndig wachsen hier
    Die Laster und Begierden,
    Geschmckt gleich Tugendzierden,
    Die leise uns umringen
    Und sich zum Himmel schwingen--"

"Sei still, Erik!" sagte der Propst; "Du verwirrst uns nur."--"Ach ja,
das mag wohl sein", sagte Erik und fing wieder an:

    "Wenn euch mit heuchlerischem Sinn
    Ein anderer will fhren hin
    Zum breiten, glatten Sndenpfad,
    Den whlt euch nicht als Kamerad----"

"Nun hr' aber auf, Erik!--Das Lied ist ja recht schn, aber alles zu
seiner Zeit und am rechten Ort."--"Ja, ja, Herr Pfarrer, das
stimmt,--alles zu seiner Zeit und am rechten Ort:

    "Schenk' jede Stunde heute
    Dem Hchsten frh und spt
    Ein jeder Herzschlag lute
    Wie Glocken zum Gebet--"

"Nein, nein, Erik, dann wrde ja auch das Gebet zur Versuchung; Du
mtest Katholik werden und ins Kloster gehen!"--"Gott behte!" sagte
Erik und ri die Augen weit auf, machte sie dann wieder zu und fing an:

    "Wie Staub und Schlacken zu echtem Gold
    Ist kathol'sch--"

"Hr' mal, Erik, wenn Du nicht ruhig sein kannst, so geh geflligst mit
dem Rest hinaus.--Wo waren wir denn stehen geblieben?" degaard aber
hatte mit groem Behagen Erik angehrt und wute es nicht mehr. Da kam
es friedlich aus den vielen Tchern heraus: "Ich sagte, es knne doch
keine Mue und keine Frucht der Arbeit in etwas sein, das--"--"Jetzt
erinnere ich mich: das eine Versuchung in sich trgt,--und dann kam Erik
und bewies uns, da auch im Gebet eine Versuchung liegen kann.--Wir
wollen also berlegen, was jene Dinge sonst fr Folgen haben knnen.
Ist Euch aufgefallen, da frhliche Menschen besser arbeiten als
schwermtige? Woher kommt das?"

Lars merkte, worauf das hinausging, und sagte deshalb: "Frhlich macht
der Glaube."--"Ja, wenn es ein heller Glaube ist; aber weit Du nicht,
da der Glaube so finster machen kann, da die Welt um uns her zu einem
Zuchthause wird?"

Die blonde Frau seufzte unaufhrlich, so da die vielen Tcher dadurch
in Bewegung kamen; Lars blickte sie auch scharf an, und da schwieg
sie.--degaard fuhr fort: "Ein ewiges Einerlei, sei es Arbeit, Gebet
oder Vergngen, macht dumm und finster. Du kannst den Acker umgraben,
da Du zu einem Tier wirst, beten, bis Du ein Gewohnheitsmnch bist,
spielen, bis Du eine schlappe Spielpuppe bist. Aber mische es einmal!
Der Wechsel strkt Sinn und Gedanken; dabei gedeiht Deine Arbeit, und
Dein Glaube wird licht."--"Wir wollen uns also jetzt aufs Frhlichsein
verlegen!" sagte der junge Mensch und lachte.--"Ja, dann wrdest Du fr
Dein Teil eine Gemeinschaft mit andern Menschen finden; denn erst in der
Freude sieht man das Gute bei andern und liebt es. Man kann aber Gott
nur lieben, wenn man seinen Nchsten liebt."

Da nicht sogleich ein Widerspruch erfolgte, versuchte degaard zum
zweitenmal die Schlinge zusammenzuziehen und sagte: "Die Dinge, die
_freimachen_, also da der Heilige Geist in uns wirken kann,--denn in
den Gefesselten kann er nicht wirken,--die Dinge, die uns helfen, mssen
einen Segen in sich tragen,--und das tun diese Dinge." Der Propst stand
auf, er hatte seine Pfeife schon wieder auszuklopfen.

In der Pause, die jetzt folgte, und in der kein Seufzer zu hren war,
merkte man, wie die vielen Tcher sich abmhten, und schlielich hrte
man ein zaghaftes: "Es steht geschrieben: Was Du aber tust, das tu zu
Gottes Ehre;--sind aber weltlicher Gesang, Spiel und Tanz zu Gottes
Ehre?"

"Ohne weiteres nicht;--aber knnen wir dieselbe Frage nicht beim Essen,
beim Schlafen, beim Anziehen stellen? Und doch _mssen_ wir das alles
tun. Es kann also nur gemeint sein, da man nichts tun soll, was Snde
ist."--"Ja, ist das denn aber keine Snde?"

Zum erstenmal wurde degaard ein bichen ungeduldig. Er beschrnkte sich
deshalb darauf, zu sagen: "Wir lesen in der Bibel, da Gesang, Spiel und
Tanz Brauch waren."--"Ja, zu Gottes Ehre."--"Nun ja, zu Gottes Ehre.
Aber da die Juden immer und in allem den Namen Gottes im Munde fhrten,
geschah aus dem Grunde, weil sie wie Kinder die Dinge noch nicht
eingeteilt hatten. Den Kindern ist jeder fremde Mensch, der Mann",--auf
die Frage des Kindes: "Woher kommt dies, woher kommt das?' antworten wir
immer dasselbe: 'von Gott'; aber als Erwachsene Erwachsenen gegenber
nennen wir zugleich das Zwischenglied, wir nennen nicht blo den Geber,
Gott. So kann zum Beispiel ein schnes Lied von Gott handeln oder zu
Gott fhren, auch wenn Gottes Name nicht genannt ist; denn gar vieles
fhrt zu ihm hin, wenn auch nicht auf dem direkten Wege. Unser Tanz,
wenn in Wahrheit gesunde, unschuldige Menschen ihre Freude an ihm haben,
preist--wenn auch nicht direkt--ihn, der uns die Gesundheit schenkte,
und der das Kind in uns liebt."

"Merkt Euch das, merkt Euch das!" sagte der Propst; er war sich klar,
da er lange Zeit diese Dinge miverstanden und sie andern falsch
ausgelegt hatte.

Lars aber hatte lange nachdenklich dagesessen. Jetzt war er fertig. Das
Samenkorn hatte sich von der hohen Stirn zu dem kurzen, knorrigen
Untergesicht herabgesenkt; hier war es ausgedroschen und gemahlen worden
und kam jetzt heraus: "All die Mrchen und Erzhlungen und Geschichten,
all die Gedichte und das erfundene Zeug, wie es heutzutage die Bcher
fllt,--ist das auch erlaubt? Steht nicht geschrieben: Jedes Wort, das
aus Deinem Munde gehet, sei Wahrheit?"

"Es freut mich, da Du darauf kommst.--Siehst Du, mit den Gedanken ist
es genau wie mit dem Hause, in dem Du wohnst. Wre es so eng, da Du
kaum mit dem Kopf hineinknntest und nur eben die Beine ausstrecken, so
mtest Du es auch wohl ausbauen. Und die Dichtung erhebt die Gedanken
und baut sie aus. Wre das Ma der Gedanken, das ber das
Allernotwendigste hinausgeht, Lge, so wrden bald auch die
allernotwendigsten Gedanken Lge werden. Sie wrden Dich so einklemmen
in Dein Erdenhaus, da Du nie die Ewigkeit erreichtest, und doch geht
Dein Weg dahin, und die Gedanken sollten Dich im Glauben dahin
fhren."--"Aber etwas Erdichtetes ist doch etwas, was nicht gewesen ist,
und dann ist es doch Lge?" sagte Randi nachdenklich.--"Nein, es zeigt
uns oft eine grere Wahrheit, als die Dinge, die wir sehen", antwortete
degaard. Jetzt blickten ihn alle zweifelnd an, und der junge Mensch
warf ein: "Ich habe bis jetzt nicht gewut, da in den Sagen von Askelad
mehr Wahrheit ist, als in dem, was ich mit meinen Augen sehe!"--Alle
lachten leise.--"So sage mir, ob Du immer den Zusammenhang dessen
begreifst, was Du vor Augen siehst?"--"Ich bin wohl nicht gelehrt
genug?"--"Oh, ein Gelehrter begreift ihn gewi noch viel weniger! Ich
meine nmlich solche Dinge des tglichen Lebens, die uns Kummer und
Herzeleid machen, und ber die wir grbeln, bis wir schwarz werden, wie
man so sagt. Kommt so etwas nicht vor?"--Er antwortete nicht; aus den
vielen Tchern heraus aber ertnte es in tiefem Ernst: "Doch, sehr
oft."--"Wenn Du nun aber eine erfundene Geschichte hrtest, die Deiner
eigenen so gliche, da Du Deine Geschichte verstndest, wenn Du die
andere hrtest? Wrdest Du von der Geschichte, die Dir Deine eigene klar
macht, die Dir den Trost und die Festigung gibt, die im Verstndnis
liegen,--nicht sagen, die Geschichte habe fr Dich grere Wahrheit als
Deine eigene?" Die blonde Frau sagte: "Ich habe einmal eine Geschichte
gelesen, die mir ber einen groen Kummer so hinweggeholfen hat, da
das, was mich bisher so bedrckt hatte, mir fast eine Freude wurde." Aus
den Tchern heraus erscholl ein Ruspern;--"ja, es ist doch wahr", fgte
sie ngstlich hinzu.

Der junge Mensch aber wollte es nicht zugeben: "Knnen die Sagen von
Askelad einem Menschen zum Trost gereichen?"--"Nun, je nachdem. Der
Humor hat groe Macht, und jene Sagen zeigen lustig, da einer, von dem
die Welt am wenigsten hlt, oft am weitesten kommt,--da alles dem
beisteht, der selbst guten Muts ist, und da der Mann vorwrts kommt,
der es von ganzem Herzen will. Meinst Du nicht, es ist fr viele Kinder
gut, wenn sie daran erinnert werden, und fr viele Erwachsene
auch?"--"Aber es ist doch Aberglauben, wenn man an den Teufel und an
Hexerei glaubt."--"Wer hat gesagt, da Du daran glauben sollst? Das ist
Bilderschrift."--"Aber es ist uns verboten, Bilder und Zeichen zu
gebrauchen, weil jeglicher Schein dem Teufel zugehrt."--"So; wo steht
das?"--"In der Bibel."--Hier fiel der Propst ein: "Nein, das ist ein
Miverstndnis; denn die Bibel gebraucht selbst Bilder."--Alle blickten
zu ihm auf. "Sie gebraucht auf jeder Seite Bilder, wie das berhaupt den
morgenlndischen Vlkern eigen ist. Wir haben selbst auch Bilder in
unserer Kirche, wir haben Bilder in unserer Sprache, in Holz, auf
Leinwand, in Stein, und wir knnen uns die Gottheit nur durch Bilder
vorstellen. Nicht genug damit: Jesus wendet Bilder an; hat Gott der Herr
selbst nicht mancherlei Gestalt angenommen, wenn er sich den Propheten
offenbarte? Kam er nicht in Gestalt eines Wanderers zu Abraham nach
Mamre und a mit ihm an seinem Tisch? Kann aber die Gottheit mancherlei
Gestalten annehmen und Bilder gebrauchen, so knnen die Menschen es
auch."--Man mute ihm beipflichten. degaard aber stand auf und schlug
den Propst leicht auf die Schulter: "Schnen Dank, da haben Sie eben
ganz prchtig aus der Bibel bewiesen, da das Schauspiel zulssig
ist!"--Der Propst blieb erschrocken stehen: der Rauch, den er im Munde
hatte, quoll ganz von selbst langsam heraus.

degaard ging dann durch die Stube auf die Frau mit den vielen
Umschlagtchern zu und bckte sich, um eine Spur ihres Gesichts zu
entdecken, allein vergeblich. "Mchtest Du noch mehr wissen?" fragte er;
"denn Du scheinst ber dies und jenes nachgedacht zu haben."--"O Gott
sei mir gndig, ich denke wohl nicht immer das richtige."--"Ja,--in der
ersten Zeit nach der Gnade der Bekehrung ist man so erfllt von diesem
Wunder, da einem alles andere zwecklos und unrichtig erscheint. Man ist
wie ein Liebhaber, der nur nach seiner Geliebten Sehnsucht hat."--"Ja,
aber sieh die ersten Christen an, die sollen uns doch ein Beispiel
sein."--"Nein, ihre strengen Lebensbedingungen mitten unter den Heiden
sind nicht mehr die unseren; wir haben andere Aufgaben, wir mssen das
Christentum in unserem heutigen Leben unterbringen."--"Aber im Alten
Testament stehen so viele Worte, die dem, was Du sagst, widersprechen",
sagte der junge Mensch zum erstenmal ohne Bitterkeit.--"Ja, denn jene
Worte sind jetzt tot, sie sind abgeschafft', wie der Apostel Paulus
sagt: _Welcher auch uns tchtig gemacht hat, das Amt zu fhren des Neuen
Testaments; nicht des Buchstabens, sondern des Geistes_,--und weiter:
_Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit_. Und: _Ich habe es
alles Macht_, sagt Paulus weiter, doch er fgt hinzu: Es frommt aber
nicht alles.--Nun sind wir so glcklich, das Leben eines Mannes vor
Augen zu haben, das uns zeigt, was Paulus gemeint hat. Luthers Leben.
Von Luther glaubt Ihr doch, da er ein guter, aufgeklrter Christ war?"
Ja, das glauben sie.--"Luthers Glaube war ein lichter Glaube, es war der
Glaube des Neuen Testamentes! Er hatte von dem finsteren Glauben die
Ansicht, dahinter liege der Teufel am liebsten auf der Lauer. Er hatte
von der Furcht vor der Versuchung die Ansicht, da der am wenigsten
versucht wird, der sich am wenigsten frchtet. Er nutzte alle Gaben,
die Gott ihm gegeben hatte, auch die Fhigkeit, sich zu freuen, er nahm
das Leben als Ganzes. Wollt Ihr Beispiele? Der fromme Melanchthon
schrieb einmal so eifrig an einer Verteidigung der reinen Lehre, da er
sich die Zeit zu den Mahlzeiten nicht gnnte. Da nahm Luther ihm die
Feder aus der Hand. 'Man dient Gott nicht allein durch Arbeit,' sagte
er, 'sondern auch durch Ruhe und Erholung; deshalb hat Gott das dritte
Gebot gegeben und den Sabbat eingesetzt,' Und weiter: Luther wandte in
seiner Rede viele Bilder an, scherzhafte und ernste durcheinander, und
er steckte voll von guten, oft sehr lustigen Einfallen. Er bersetzte
auch alte, schne Volkssagen in seine Muttersprache und sagt in der
Vorrede, da er nchst der Bibel kaum bessere Ermahnungen kenne als
diese. Er spielte, wie Ihr vielleicht wit, die Laute, und sang mit
seinen Kindern und seinen Freunden,--nicht blo Chorle, nein, auch
alte, frhliche Lieder; er liebte Gesellschaftsspiele, spielte Schach
und lie die Jugend in seinem Hause tanzen; er verlangte nur, da alles
in Zucht und Ehren geschehe. Dies hat ein alter, treuherziger Schler
Luthers, nmlich der Pfarrer Johann Mathesius, aufgezeichnet und seinen
Pfarrkindern von der Kanzel herab erzhlt. Er betete, er mge ihnen die
Wege weisen,--und wir wollen nun das gleiche beten!"

Der Propst stand auf: "Liebe Freunde, jetzt wollen wir es fr heute
genug sein lassen!" Alle erhoben sich. "Hier ist manches Wort zur
Aufklrung gesprochen worden; mge Gott seinen Segen zu dieser Aussaat
geben!--Liebe Freunde, Ihr wohnt an abgelegenen Sttten; Ihr wohnt hoch
oben auf den Hhen, wo der Frost das Korn hufiger mht als die Sichel.
Solche Einden sollte man wieder den Sagen und dem weidenden Vieh
berlassen. Das geistige Leben gedeiht sprlich da oben und wird
kmmerlich wie die Kruter. Das Vorurteil drckt auf das Leben wie die
Berge, unter denen es heranwchst; sie werfen ihre Schatten darauf und
treten trennend dazwischen. Der Herr sammle, der Herr erleuchte
Euch!--Ich danke Euch fr heute, meine Freunde! Auch mir hat dieser Tag
zu grerer Klarheit verhelfen." Er gab jedem von ihnen die Hand, und
selbst der junge Mensch streckte ihm seine Hand freundlich hin, ohne
jedoch aufzublicken.

"Ihr mt ber die Berge;--wann kommt Ihr denn nach Hause?" fragte der
Propst, als sie gehen wollten.--"Ach, in der Nacht wohl," antwortete
Lars; "es hat sich jetzt viel Schnee angesammelt, und wo der fortgeweht
ist, liegt Hckereis."--"Ja, liebe Freunde, es ist aller Ehren wert,
unter solchen Umstnden zur Kirche zu kommen. Mget Ihr jetzt auf dem
Wege nicht zu Schaden kommen!"--Erik antwortete leise:

    "Ist Gott fr mich, so trete
    Gleich alles wider mich,
    So oft ich ruf und bete,
    Weicht alles hinter sich!"

"Das stimmt, Erik,--diesmal hast Du's getroffen!" "Ja, wartet mal",
sagte degaard, als sie sich zum Gehen wandten; "es ist nicht zu
verwundern, da Ihr mich nicht kennt; aber ich drfte auf den dhfen
doch wohl Verwandte haben." Alle wandten sich nach ihm um, selbst der
Propst, der es wohl gewut, aber vllig vergessen hatte. "Ich heie Hans
degaard, der Sohn von Knut Hansen degaard, dem Propst, der damals mit
dem Rnzel auf dem Rcken von Euch fortzog."--Da klang es aus den vielen
Tchern heraus: "Herr Gott,--das ist ja mein Bruder."--Sie waren alle
stehen geblieben, aber keiner wute, was er sagen sollte. Schlielich
fragte degaard: "Also bin ich damals, wo ich als kleiner Bursch Vater
hinaufbegleitete, bei Dir gewesen?"--"Ja, bei mir."--"Und eine Zeitlang
auch bei mir", sagte Lars; "Dein Vater ist mein Schwesterkind."--Randi
aber sagte wehmtig: "Also Du bist der kleine Hans;--ja, ja, die Zeit
vergeht."--"Wie geht es Eise?" fragte degaard.--"Dies ist Eise", sagte
Randi und zeigte auf die blonde Frau.--"Du bist Eise!" rief er. "Du
hattest damals einen Liebeskummer; Du wolltest den Dorfspielmann haben;
hast Du ihn gekriegt?" Niemand antwortete. Obwohl es schon dmmerig war,
sah er, wie Eise sehr rot wurde, und wie die Mnner zur Seite oder zu
Boden blickten,--ausgenommen der junge Mensch, der Eise fest ansah.
degaard merkte, da er etwas Trichtes gefragt hatte; der Propst kam
ihm zu Hilfe: "Nein, der Spielmann Hans ist unverheiratet geblieben;
Eise hat Lars' Sohn bekommen; aber jetzt ist sie wieder frei, sie ist
Witwe."--Wieder wurde sie glhend rot, der junge Mensch sah es und
lchelte spttisch.

Randi aber sagte: "Ja, Du hast wohl weite Reisen gemacht? Du hast viel
gelernt, wie ich gehrt habe."--"Ja, bis jetzt habe ich studiert oder
bin gereist, aber nun will ich im Lande bleiben und mich ntzlich
machen."--"Ach ja, so geht's--manche reisen weit und kommen zum Licht
und zur Gelehrsamkeit; andere kleben an der Scholle." Und Lars fgte
hinzu: "Die heimische Erde ist oft schwer zu brechen. Bringt sie aber
einen Mann hervor, der Hilfe leisten kann, so zieht er von
dannen."--"Der Beruf ist verschieden; jeder mu dem seinen folgen",
sagte der Propst.--"Mit unsers Herrgotts Hilfe wird schon Arbeit mehrend
zu Arbeit kommen", sagte degaard; "meines Vaters Wirksamkeit wird Euch
vielleicht auch noch einmal zugute kommen, so Gott will."--"Ach ja, das
mag wohl sein", sagte Randi sanft; "aber das Warten fllt oft schwer;
denn es dauert so lange."

Sie schieden; der Propst stellte sich an das eine, degaard an das
andere Fenster, um ihnen nachzuschauen; denn jetzt muten sie ber die
Berge; der junge Mensch ging hinterher. degaard erfuhr, er stamme aus
der Stadt, wo er alles mgliche getrieben habe, doch immer mit den
Leuten in Streit geraten sei. Er glaubte sich zu etwas Groem berufen,
vielleicht zum Apostel, war aber seltsamerweise auf den dhfen hngen
geblieben,--manche meinten aus Liebe zu Eise. Er war ein Feuerkopf, der
viele Enttuschungen erlebt hatte und dessen noch mehr harrten.

Sie kamen jetzt auf dem Berge zum Vorschein; das Dach des Kuhstalls
verdeckte sie nicht mehr. Sie arbeiteten sich mhselig empor,
verschwanden hinter Bumen und kamen wieder heraus, immer hher und
hher. Es fhrte kein Weg durch den tiefen Schnee, die Bume waren die
Wegweiser in der Wste, und zur Seite zeigten die Firnen ihnen die
Richtung nach ihrer Wohnsttte.

Drinnen aus der Stube aber kamen ein paar trillernde Akkorde und dann:

    Mein Lied ist dem Frhling ergeben,
    Bevor er erwachte zum Leben.
    Mein Lied ist dem Frhling ergeben,
    Wie Sehnsucht ihn sehnet herbei,
    Da schlieen ein Bndnis die zwei,
    Zu locken die Sonne zum Siege,
    Damit ihr der Winter erliege,
    Das Murmeln der Bche zu wecken,
    Damit sie im Chor ihn erschrecken
    Zu bannen ihn flugs aus den Lften
    Mit stetigen Blumen duften.--
    Mein Lied ist dem Frhling ergeben!




Elftes Kapitel


Seit diesem Tage war der Propst sehr wenig mit den andern zusammen;
teils nahm ihn das Weihnachtsfest in Anspruch, teils konnte er nicht zur
Klarheit kommen, ob das Schauspiel den Christen erlaubt sei oder nicht;
sowie sich Petra nur sehen lie, wurde er unruhig.

Whrend der Propst so in seinem Arbeitszimmer sa, seine Predigten oder
eine christliche Ethik vor sich, sa degaard bei den jungen Mdchen,
zwischen denen er stndig Vergleiche ziehen mute. Petra sprhte und
war, sich nie gleich; wer ihr folgen wollte, wurde wie bei einem Buch in
steter Spannung gehalten. Signe dagegen war so wohltuend in ihrer
gleichmigen Innigkeit; ihre Bewegungen waren nie berraschend; denn
sie spiegelten ihr Wesen wieder. Petras Stimme konnte jede Frbung
annehmen, grelle und weiche, und jeden Strkegrad. Signes Stimme hatte
einen eigenen Wohllaut, war aber nicht wechselnd,--auer fr den Vater,
der meisterlich die Nuancen unterscheiden konnte. Petra blieb bei einer
Sache; war sie bei mehr Dingen, so geschah's, um zu beobachten, nicht um
zu helfen. Signe hatte auf alles und auf alle ein Auge und verteilte
sich, ohne da man es merkte. Sprach degaard mit Petra ber Signe, so
hrte er eine hoffnungslos Liebende klagen, sprach er aber mit Signe
ber Petra, so wurde sie ziemlich einsilbig. Miteinander plauderten die
Mdchen hufig und ungezwungen; aber immer nur ber Gleichgltiges.

Er hatte gegen Signe groe Verpflichtungen; denn ihr verdankte er das,
was er "seinen neuen Menschen" nannte. Der erste Brief, den er in seinem
groen Schmerz von Signe bekam, hatte ihm wie eine weiche Hand ber die
Stirn gestrichen. So schonend erzhlte sie, Petra sei zu ihnen gekommen,
miverstanden und mihandelt. So fein war ihre Auslegung, da dies
zufllige Kommen wie eine Fgung Gottes erschien, "weil nichts
zerbrechen soll", ihm klang es wie fernes Locken aus einem Walde, wenn
man noch steht und ber den Weg nachsinnt, den man gehen soll.

Signes Briefe folgten ihm berall, wohin er reiste; sie waren der Faden,
der ihn hielt. Jede ihrer Zeilen hatte den Zweck, Petra direkt in seine
Arme zu fhren, und doch erreichte sie gerade das Gegenteil; denn Petras
Knstlernatur trat ihm durch diese Briefe klar vor Augen; den
Mittelpunkt ihrer Begabung, den er selbst vergebens gesucht, hatte Signe
unbewut stets vor Augen, und sowie er das einsah, sah er auch ihren und
seinen Irrtum ein und wurde gewissermaen ein neuer Mensch dadurch.

Er htete sich wohl, Signe von dem zu schreiben, was ihre Briefe ihn
gelehrt hatten. Das erste Wort durfte nicht von Petras Umgebung kommen,
sondern von ihr selbst, damit nichts berstrzt werde. Aber von dem
Augenblick an, da ihm dies klar geworden war, hatte er auch Petra in
einem neuen Licht gesehen. Natrlich: diese ewig sich jagenden Impulse,
von denen jeder einzelne voll empfunden war, alle aber in einem groen
Widerspruch zueinander standen, das mute ja der Anfang eines
Knstlertums sein. Es hie also, dies alles zu einer starken
Wesenseinheit zu sammeln; sonst wrde alles Stckwerk und ihr Leben
selbst nur Kunst. Also: nicht zu frh hinein in die Bahn! Solange wie
mglich schweigen, ja Widerstand.

Von all dem ganz erfllt, merkte er selbst nicht, da Petra wieder
unausgesetzt seine Seele beschftigte,--diesmal jedoch mit einem fremden
Ziel. Er nahm die Kunst um sich herum aufs Korn, besonders aber die
Knstler und unter ihnen vor allem die Schauspieler. Er sah vieles, was
einen Christenmenschen abschrecken mute. Er sah die ungeheuren
Mistnde. Aber sah er dasselbe nicht berall, sah er es nicht auch in
der Kirche? Weil da hohle Pfaffen standen, nannte man ganz dasselbe gro
und ewig. Wenn das Streben nach Wahrheit, das berall sich regte, im
Leben und in der Dichtung Macht bekam,--konnte es dann nicht auch bis
zum Theater vordringen?

Er war allmhlich seiner Sache sicher geworden. Mit groer Freude sah er
aus Signes Briefen, da Petra sich sehr heranbildete und da Signe die
rechte war, ihr dabei zu helfen. Jetzt war er gekommen, um diesen
Schutzgeist, der selbst nicht wute, was er ihm gewesen war, zu sehen
und ihm zu danken.

Aber er war auch gekommen, um Petra wiederzusehen. Wie weit war sie
vorgeschritten? Das Wort war ausgesprochen, er konnte also offen mit ihr
darber reden; das war ihnen auch beiden willkommen; dann brauchten sie
ja doch nicht von der Vergangenheit zu sprechen.

Indessen, sie wurden bald durch Gste aus der Stadt gestrt, gebetene
und ungebetene! Die Dinge standen da aber schon so, da ein einziger,
wohlgenutzter Zufall Klarheit bringen konnte,--und dazu verhalfen die
Gste. Es wurde nmlich eine groe Gesellschaft veranstaltet, und auf
dieser Gesellschaft, gleich nach Tisch, als die Herren im Arbeitszimmer
saen, kam das Gesprch auf die Schauspielkunst; denn ein Stiftskaplan
hatte auf dem Schreibtisch eine christliche Ethik aufgeschlagen gesehen
und war auf das entsetzliche Wort "Schauspiel" gestoen. Es entspann
sich ein heftiges Wortgefecht, und mitten hinein kam der Propst, der
nicht mit bei Tisch hatte sein knnen, weil er zu einem Kranken gerufen
worden; er war sehr ernst gestimmt, er a nicht, er nahm auch nicht an
dem Gesprch teil, aber er stopfte seine Pfeife und hrte zu. Sowie
degaard merkte, da der Propst still da sa und dem Gesprch folgte,
mischte er sich hinein, versuchte aber lange vergeblich, Zusammenhang in
die Sache zu bringen; denn der Stiftskaplan hatte die Angewohnheit, so
oft ein Glied in der Beweiskette geknpft werden sollte, zu rufen: "Ich
leugne!" (er wollte nicht sagen: verleugne), und dann mute das, was
beweisen sollte, erst selbst bewiesen werden; es ging infolgedessen
rckwrts; man war vom Schauspiel schon auf die Schiffahrt gekommen und
wollte, um in der Schiffahrt einen Beweis fhren zu knnen, eben zum
Ackerbau bergehen.

Nun, da ernannte degaard den Propst zum Wortfhrer. Auer ihm waren
noch einige Pfarrer anwesend, sowie der Kapitn, ein kleiner
schwarzhaariger Mann mit einem riesigen Bauch und ein paar kleinen
Beinen darunter, die wie Trommelschlgel wirbelten. degaard erteilte
dem Stiftskaplan das Wort, damit er alles vorbringen knne, was er gegen
das Schauspiel einzuwenden habe. Der Stiftskaplan nahm das Wort:

"Schon rechtschaffene Heiden waren gegen das Schauspiel wie Plato und
Aristoteles, weil es die Sitten verderbe. Sokrates sah sich freilich ab
und zu ein Schauspiel an, will aber jemand daraus den Schlu ziehen,
da er es billigte, so leugne ich das, denn man mu vieles sehen, was
einem nicht gefllt. Die ersten Christen wurden eindringlich vor dem
Schauspiel gewarnt, siehe Tertullian! Seitdem das Schauspiel in neuerer
Zeit wieder aufgelebt ist, haben ernste Christen dagegen gesprochen und
geschrieben. Ich nenne Namen wie Spener und Francke; ich nenne einen
christlichen Ethiker wie Schwarz, ich nenne Schleiermacher. ('Hrt,
hrt!' rief der Kapitn, denn diesen Namen kannte er.) Die letzten
beiden rumen die Zulssigkeit dramatischer Dichtung ein, Schleiermacher
ist sogar der Ansicht, in Privatgesellschaften drfe von Dilettanten
eine gute Dichtung aufgefhrt werden; er verurteilt aber den
Schauspielerberuf. Der Stand der Schauspieler hat fr einen Christen so
mannigfaltige Versuchungen, da er ihn meiden soll.---Aber ist es nicht
auch fr die Zuschauer eine Versuchung? Von erdichtetem Leiden gerhrt,
von erdichtetem Tugendheldentum erhoben zu werden, dessen man sich beim
Lesen leichter erwehren kann, verlockt zu dem Glauben, man selbst sei
das, was man sieht; das schwcht den Willen, die Arbeit an sich selbst,
das zieht uns herab zu Hrlust, Schaulust und Phantasterei. Habe ich
nicht recht? Wer ist hauptschlich in der Komdie zu finden?
Miggnger, die sich unterhalten wollen, Wollstige, die aufgereizt,
Eitle, die selbst gesehen werden wollen, Phantasten, die aus dem
wirklichen Leben, mit dem sie's nicht aufzunehmen wagen,
hierherflchten. Snde hinter dem Vorhang, Snde vor dem Vorhang! Ich
habe nie einen ernsthaften Christen anders reden hren!"

Der Kapitn: "Da kann einem ja angst und bange vor einem selbst werden.
Bin ich immer, wenn ich in der Komdie war, in so einer Wolfshhle
gewesen, dann soll der Teufel--"--"Pfui, Herr Kapitn", sagte ein
kleines Mdchen, das mit ins Zimmer geschlpft war; "Du darfst nicht
fluchen, denn sonst kommst Du in die Hlle!"--"Ja, mein Kind,
natrlich, natrlich."--degaard aber nahm das Wort:

"Plato hatte gegen die Dichtung dieselben Einwendungen wie gegen das
Schauspiel, und die Ansicht des Aristoteles steht nicht fest. Ich lasse
diese beiden also aus dem Spiel. Die ersten Christen aber taten gut
daran, sich den heidnischen Schauspielen fernzuhalten,--sie bergeh' ich
ebenfalls. Da ernsthafte Christen in neuerer Zeit ihre Bedenken auch
gegen die Schauspiele gehabt haben, die christliche Stoffe behandeln,
kann ich verstehen; ich habe selbst Bedenken gehabt. Aber wenn man
zugibt, da dem Dichter erlaubt sein soll, ein Drama zu schreiben, dann
mu dem Schauspieler auch erlaubt sein, es zu spielen. Denn was tut der
Dichter beim Schreiben anders, als da er es spielt,--in seinen
Gedanken, feurig, mit Lust, und 'wer ein Weib ansieht ihrer zu begehren'
usw.--Ihr kennt Christi eigene Worte. Wenn Schleiermacher sagt, das
Drama drfe nur privatim und von Ungebten gespielt werden, dann sagt
er, da die Gaben, die wir von Gott bekommen haben, vernachlssigt
werden sollen, whrend es doch Gottes Wille ist, da sie zur
grtmglichen Vollkommenheit gebracht werden; denn dazu haben wir sie
erhalten. Wir alle schauspielern tagtglich, indem wir andere nachmachen
oder im Scherz oder Ernst eine fremde Meinung annehmen. Die Sache
berwiegt bei einzelnen Menschen alle andern, und da mchte ich doch
sehen, wenn man es unterliee, dies Talent zu pflegen, ob sich nicht
bald von selbst herausstellen wrde, da gerade in der Unterlassung die
Snde liegt. Denn wer seinem Beruf nicht nachgeht, wird untauglich zu
andern Dingen, wird unredlich, wankelmtig,--kurz, fllt allen
Versuchungen viel leichter zur Beute, als wenn er seinem Berufe folgt.
Wo die Arbeit und die Freude daran zusammenfallen, wird manche
Versuchung ausgeschaltet.--Aber, mag man sagen, der Beruf ist an sich
voller Versuchungen. Ja, darber lt sich streiten. Fr mich liegt in
dem Beruf die grte Versuchung, der einem den Glauben vorspiegelt, man
sei selbst gerecht, weil man Kunde bringt von dem Allgerechten,--den
Glauben, man selbst sei glubig, weil man zu dem Glauben anderer redet,
oder deutlicher: fr mich liegt in dem Priesterberuf die grte
Versuchung." (Groer Lrm: Ich leugne! Richtig! Ich leugne! Stimmt!
Ruhe!) Der Kapitn: "Das habe ich noch nie gehrt, da die Pfarrer
schlimmer sind als die Schauspieler!" Gelchter und Rufe von allen
Seiten: "Nein, das hat er nicht gesagt." Der Kapitn: "Doch, zum
Teufel--"--"Aber, Herr Kapitn, jetzt kommt der Teufel gleich!"--"Gut,
mein Kind, schon gut!" degaard nahm den Faden wieder auf: "All die
Versuchung, sich vom Augenblick hinreien zu lassen, in Hrlust und
Phantasterei herabzusinken, ohne Arbeit an sich das Leben von
Tugendhelden zu seinem eigenen zu machen, all das ist wahrhaftig auch in
der Kirche zu finden!" (Derselbe frchterliche Lrm.)

Die Damen aber konnten diesen wiederholten Lrm nicht hren, ohne dabei
sein zu wollen. Jetzt wurde die Tr geffnet. degaard sah Petra
zwischen den andern stehen und sagte mit lauterer Stimme: "Freilich gibt
es Schauspieler, die sich auf der Bhne rhren lassen und von dort in
die Kirche rennen und sich da auch rhren lassen,--und doch schlecht
bleiben. Freilich gibt es Schauspieler, die hohle Sprachrohre sind, die
sonst im Leben zu nichts zu gebrauchen gewesen wren, in diesem Beruf
sich aber doch wenigstens als Sprachrohr ntzlich machen. Aber meist ist
es so, da die Schauspieler gleich den Seeleuten oft in den bittersten
Nten stecken,--denn die Augenblicke vor dem Auftreten knnen
entsetzlich sein!--und da sie oft zu einem Werkzeug Gottes berufen
sind, so oft dem Unerwarteten, dem Groen gegenberstehen, da sie in
ihrem Herzen eine Furcht und eine Sehnsucht tragen, ein groes Gefhl
des eigenen Unwertes, und wir wissen, da Christus zu den Zllnern und
zu den reuigen Snderinnen am liebsten kam. Ich gebe ihnen keinen
Freibrief; wirklich, je grer die Aufgabe ist, die sie meines Erachtens
im Lande haben,--was auch daraus erhellt, da in einem Volke nicht viele
groe Schauspieler auf einmal leben!--desto grere Schuld laden sie auf
sich, wenn ihr Wirken sie zur Gehssigkeit hinreit oder sie in einen
schlappen Leichtsinn hineinschleudert. Aber gleichwie es keinen
Schauspieler gibt, der nicht aus einer Reihe von Enttuschungen gelernt
hat, wie nichtssagend Beifall und Schmeichelei sind, obwohl die meisten
sich den Anschein geben, als glaubten sie daran,--so sehen wir wohl ihre
Fehltritte und ihre Schwchen, aber wir kennen nicht ihr Verhltnis zu
ihnen, und darauf kommt es doch an."

Viele meldeten sich zum Wort, sie fingen auch alle zugleich zu reden an,
aber:

"Ich mag wohl vierzehn Jahre gewesen sein--" klang es vom Klavier her,
und alles strmte ins andere Zimmer; denn Signe sang, und Signes
schwedische Volkslieder waren das entzckendste, was man sich denken
konnte. Ein Lied folgte dem andern, und als nun diese schnsten
Volkslieder der Welt, die treulich Kunde bringen von der Seele eines
groen Volkes, alle in erwartungsvolle Weihestimmung versetzt hatten, da
stand degaard auf und bat Petra, ein Gedicht vorzutragen. Sie mute
darauf vorbereitet sein, denn sie wurde feuerrot. Aber sie trat sogleich
vor, obwohl sie so zitterte, da sie sich an einer Stuhllehne festhalten
mute, dann wurde sie leichenbla und fing an:

    Ihm ward nicht verstattet, zu fahren hinaus;
    Sein Vater war alt, seine Mutter war schwach,
    Und die Wirtschaft ward grer allgemach:--
    "Was brauchen ihn Wikingerfahrten zu scheren?
    Hier hat er, was immer sein Herz kann begehren."

    Doch der Bursch sah sehnend die Wolken fliehn,
    Sah reisige Recken zur Walstatt ziehn;
    Und sehnend gewahrt' er im Sonnenstrahl
    Den Knig in seinem prangenden Saal.
    Er stand, er verga der tglichen Pflichten,
    Er stand und gedachte der alten Geschichten.

    Ein Morgen kam, wo die Flucht er ergriff
    Zur uersten Klippe, zum offenen Meer,
    Zu schaun auf das Spiel um Strand und Riff,
    Zu lauschen dem Drhnen der Brandung umher.
    Es war ein Tag in des Lenzes Beginn,
    Wo der Sturmwind ruft bers Land dahin:
    Du sollst nicht mehr schlafend im Eise stocken!--
    Da mut' ihn ein Bild zum Wagnis verlocken.

    Da lag ein Langschiff in stahlgrauer Bucht,
    Ausruhend von feindlicher Strme Wucht.
    Die Segel gerefft vor Anker lag's,
    Schien aber sich wenig zu freuen des Tags;
    Denn die Segel zuckten, der Mast war gebogen,
    Und den schaukelnden Bug umschumten die Wogen.

    Man gnnte sich kurze Rast an Bord;
    Wer grade nicht schmauste, der schlummerte dort.
    Da hrten sie rufen herab von den Klippen--
    Fast klang's wie ein Wort von des Wahnsinns Lippen--:
    "Ist keinem auf haushohen Wogen geheuer,
    Mich drngt es danach;--drum gebt mir das Steuer!"

    Empor zu dem Berghang blickten ein paar;
    Sonst wandte sich keiner herum von der Schar,
    Und keiner lie sich die Elust rauben.
    Da fiel ein Stein; zwei muten dran glauben.

    Auf sprang man von Deck; die Schsseln waren
    Im Nu verschwunden, die Waffen erhoben;
    Es schwirrten die Pfeile;--jedoch der droben
    Stand ruhig und sagte mit festem Gebaren:
    "Hauptmann, magst willig dein Schiff du mir geben
    Oder drum kmpfen auf Tod und Leben?"

    Fr Scherz nur nahm es der wilde Hauf,
    Ein Pfeilschu war die Antwort darauf.
    Der traf ihn nicht. Er sagte gelassen:
    "Noch will mich des Todes Haus nicht fassen.
    Du, der die smtlichen Meere durchpflgte,
    Kannst dorthin gehn oder heim dich trollen.
    Was immer sich deiner Herrschaft fgte,
    Mu mein sein; denn jetzt begann mein Wollen.
    Du sammeltest mir zu Nutz und Frommen!
    Man wartet auf mich; meine Zeit ist gekommen."

    Stolz lachte der andre in klirrenden Waffen:
    "Ernennt dich dein Sehnsuchtstraum zum Sieger,
    Sollst Frieden du haben. Komm, sei mein Krieger!"--
    "Ich kann nicht; ich bin zum Hauptmann geschaffen.
    Mich weist mein Weg, als Herrscher zu schalten;
    Das Neue kann nimmer gehorchen dem Alten."

    Vergeblich nach Antwort sein Ohr sich spannte.
    Da sprang er hinunter die Felsenkante:
    "Ihr Helden, am Hauptmann ist es, zu zeigen,
    Wem Walvater siegverleihend erschienen.
    Dem Sieger sollen die Mannen sich neigen.
    Schmach denen, die nicht dem Grten dienen!"

    Der Hauptmann erglhte vor Zorn; vom Schiff
    Ins Wasser sprang er und schwamm zum Lande:
    Der andere lief hinab zum Strande
    Und zog ihn herauf mit markigem Griff.

    Der Hauptmann sah ihm ins Aug', und klar
    Erkannt' er, wie hohen Sinnes er war.
    "Werft schnell ihm herber die fehlenden Waffen,"
    So rief er zum Schiff. "Wirst Sieg du erraffen,
    Dir reichte das Schwert, kannst du dann sagen,
    Er selber, den du damit erschlagen."
    Und am Bergfu strafften im Kampf sich die Glieder;
    Auf jeglichen Streich folgt' chzendes Drhnen.
    Vom Meer scholl zornig des Drachen Sthnen;
    Bald sank sein Hauptmann getroffen darnieder.

    Ein Schrei zum eisgrauen Felsen klang,
    Von Steven zu Steven hinab in die Fluten
    Strmten die Mannen in Rachegluten
    Und standen bald oben am Klippenhang.
    Da hob der Gefallene, schon am Rand
    Des Todes, gebietend noch einmal die Hand:
    "Ein Mann mu fallen vorm Lebensreste!
    Denn gro soll enden ein Heldengesang.
    Nehmt ihn zum Hauptmann; er ist der Beste!"

    Da ward ihm fr immer Schweigen geboten;
    Die Recken umringten einen Toten.
    An Odins Tisch war bereitet sein Platz;
    Vorm Scheiden wies er den rechten Ersatz.

    Der neue Hauptmann sumte mit nichten.
    Er trat auf den Stein und sprach mit Bedacht:
    "Erst sollt ihr dem Helden ein Grabmal errichten,
    Des Groen gedenkend, das er vollbracht.
    Doch gilt's noch vor Abend die Ruder zu stemmen:
    Der Tod darf die Reise des Lebens nicht hemmen."

    Und das Mal ward gebaut und die Segel gezogen,
    Bald schwankte der Drache auf zackigen Wogen.
    Zu ihm auf der Toteninsel zieht
    Zurck bers Meer ein Weihelied,
    Ein Willkommgru fr den jungen Streiter;
    Khn steuernd fhrt er das Fahrzeug weiter.

    Doch als er die Heimatkste berhrt,
    Wo alle sich hastig am Strande scharen,
    Um staunenden Blicks den Mann zu gewahren,
    Der Oegers seestarkes Schiff nun fhrt,--
    Fllt rtlich der Abendsonne Strahl
    Auf Segel und Schiff und den Helden zumal.

    Er steuert so mutig, da rings im Rund
    Sie angstvoll rufen: "Er geht zu Grund!"
    Er lenkt das Schiff in den wildesten Braus,
    Hinlchelnd zu ihnen: "Darf jetzt ich hinaus?"

Das Gedicht wurde mit bebender Stimme, feierlich und ohne eine Spur von
Ziererei vorgetragen. Alle standen da, als sei zwischen ihnen ein hoher,
hoher Lichtstrahl aus der Erde hervorgebrochen im Regenbogenglanz.
Keiner sprach, keiner rhrte sich;--der Kapitn aber konnte es nicht
lange aushaken, er sprang auf, schnaufte, reckte sich und sagte: "Ja,
ich wei nicht, wie es Euch andern ergeht; aber wenn ich auf die Art
angefat werde, dann mu ich, der Teufel hol's--"--"Herr Kapitn, nun
hast Du wieder geflucht", sagte das kleine Mdchen und drohte ihm mit
dem Finger; "nun kommt der Teufel gleich und holt Dich!"--"Ja, das ist
mir ganz egal, Kind, la ihn nur kommen, denn jetzt mu ich, hol's der
Teufel, ein patriotisch Lied hren!" Ohne weiteres setzte sich Signe ans
Klavier, und die frohe Gesellschaft sang:

      Ich will schtzen mein Land,
      Ich will bauen mein Land,
    Will es lieben in meinem Gebet, meinem Kind,
      Will ihm mehren die Macht,
      Will es wissen bewacht
    Bis hinaus zu dem Fischer in Wellen und Wind.

      Hier ist Sonne genug,
      Hier ist Saatgrund genug,
    Wenn nur uns es, nur uns es an Liebe nicht fehlt.
      Hier ist schpfrischer Drang,
      Der des Werkeltags Gang,
    Wenn wir einig ihm folgen, beschwingt und beseelt.

      Wir befuhren das Meer
      Und die Strme umher,
    In den Landen rings ragt manch normannischer Turm.
    Doch noch weiter fliegt heut
      Unser Banner und beut
    Seine purpurne Brust immer strkerem Sturm.

      Und noch vor uns liegt viel;
      Denn wir haben ein Ziel,
    Und dies Ziel ist der Tag, der drei Stmme verschweit.
      Was du tust, sei ein Zoll
      An ein heiliges Soll,
    Sei ein Quell in den Strom, der die Dmme zerreit.

      Diese Scholle ist mein
      Und wird teuer mir sein,
    Wie sie's ist, wie sie's war, so in Drangsal wie Glck.
      Und wie sie uns geliebt,
      Diese Heimat, so gibt
    Unser dankbares Herz ihr nun Liebe zurck.

Signe stand vom Klavier auf, trat auf Petra zu, legte den Arm um sie und
zog sie in das Arbeitszimmer, wo weiter niemand war.--"Petra, wir wollen
wieder Freunde sein!"----"O Signe, endlich verzeihst Du mir!"--"Jetzt
kann ich alles tun, was ich soll! Petra, liebst Du degaard
nicht?"----"O Gott, Signe!"--"Petra, das habe ich vom ersten Tage an
geglaubt,--und ich habe gedacht, er sei jetzt endlich gekommen,
um------bei allem, was ich seit zweieinhalb Jahren fr Euch gedacht und
getan habe, habe ich dies vor Augen gehabt, und Vater hat es auch
geglaubt; er hat jetzt sicher auch mit degaard darber
gesprochen."--"Aber, Signe--!"--"Schscht!" sie legte die Hand auf den
Mund und lief aus dem Zimmer; man hatte sie gerufen; man wollte zu Tisch
gehen.

Bei der Abendtafel gab es Wein, weil der Propst beim Mittagessen nicht
zugegen gewesen war. Aber der Propst, der die ganze Zeit ber sehr ernst
und sehr still gewesen war, sa auch jetzt da, als sei auer ihm kein
Mensch im Zimmer, bis man von Tisch aufstehen wollte. Da schlug er an
sein Glas und sagte: "Ich habe eine Verlobung zu verknden!"--Alle
blickten zu den jungen Mdchen hin, die nebeneinander saen, und die
beiden wren vor Schreck fast vom Stuhl gefallen.

"Ich habe eine Verlobung zu verknden", fing der Propst wieder an, als
werde es ihm schwer, in Flu zu kommen. "Ich will zugeben, da sie mir
im Anfang nicht nach dem Herzen gewesen ist";--alle Gste blickten
degaard in groer Verblffung an; diese Verblffung wuchs ins
Grenzenlose, als er ganz ruhig dasa und den Propst ansah. "Ich dachte,
offen gestanden, er sei ihrer nicht wrdig."--Jetzt wurden die Gste so
verlegen, da niemand mehr aufzusehen wagte, und da die jungen Mdchen
das schon lange nicht mehr gewagt hatten, so konnte der Propst nur noch
zu einem einzigen Gesicht sprechen, zu degaards, der freilich mit der
grten Seelenruhe zuhrte. "Aber jetzt," fuhr der Propst fort, "jetzt,
da ich ihn nher kennen gelernt habe, ist es so gekommen, da ich nicht
wei, ob sie seiner wrdig ist, so gro erscheint er mir jetzt; denn es
ist der Knstlerberuf, die erhabene Schauspielkunst, und die Braut ist
meine Pflegetochter Petra, mein geliebtes Kind; mge es Euch gut ergehen
miteinander! Ich zittere um Euch, aber was Gott zusammengefgt, das soll
der Mensch nicht scheiden. Gott sei mit Dir, meine Tochter!" Sie war im
Nu bei ihm und lag an seiner Brust.

Da keiner sich wieder hinsetzte, so verlie die ganze Gesellschaft
natrlich die Tafel. Petra aber ging auf degaard zu, der gleich mit ihr
in die uerste Fensternische trat; er hatte ihr etwas zu sagen, aber
sie kam ihm zuvor: "Ihnen verdanke ich alles!"--"Nein, Petra; ich bin
Dir ein treuer Bruder gewesen; es war eine groe Snde von mir, da ich
Dir mehr sein wollte; denn wre es geschehen, dann wre Deine ganze
Laufbahn vernichtet worden."--"degaard!"--Sie hatten sich die Hnde
gereicht, sahen sich aber nicht an; nach einer Weile lie er sie los und
ging. Sie aber sank auf einen Stuhl und weinte.

Am Tage darauf reiste degaard ab.

       *       *       *       *       *

Gegen den Frhling erhielt Petra einen groen Brief mit einem mchtigen
Amtssiegel; sie bekam ordentlich Furcht und brachte ihn dem Propst, der
ihn ffnete und las. Er war von dem Amtsvorsteher ihrer Heimatstadt und
lautete:

"Pedro Ohlsen, der gestern mit Tode abgegangen ist, hat ein Testament
folgenden Wortlauts hinterlassen:

'Alles, was sich nach meinem Tode vorfindet und genau aufgezeichnet ist
in dem Kontobuch, das in der blauen Truhe liegt, die in meinem Zimmer im
Hause von Gunlaug, der Tochter Aamunds am Berge, steht, und zu der eben
diese Gunlaug den Schlssel hat, wie sie allein auch ber alles Bescheid
wei,--hinterlasse ich hiermit, sofern Gunlaug, Tochter Aamunds, ihre
Zustimmung dazu gibt, die sie nicht geben kann, wenn sie nicht zult,
da eine Bedingung, die ich daran geknpft habe und welche sie allein,
die die einzige ist, die sie kennt, erfllen kann, erfllt wird--der
Jungfrau Petra, der Tochter der erwhnten Gunlaug, der Tochter Aamunds,
das heit, wenn Jungfer Petra es nicht fr unter ihrer Wrde hlt, sich
eines alten, kranken Mannes zu erinnern, dem sie viel Gutes erwiesen
hat, obwohl sie nichts davon wute, was sie ja auch nicht konnte, und
dessen einzige Freude in seinen letzten Lebensjahren sie gewesen ist,
wofr er ihr auch einmal eine kleine Freude hat machen wollen, die sie
nicht verschmhen mge. Gott sei mir armen Snder gndig!

  Pedro Ohlsen'

und ich erlaube mir die Anfrage, ob Sie selbst sich deswegen an Ihre
Mutter wenden wollen, oder ob ich es tun soll."

Die nchste Post brachte einen Brief von der Mutter, den Propst degaard
geschrieben hatte, der einzige, dem sie sich anzuvertrauen gewagt hatte;
darin stand, da sie ihre Zustimmung gebe und die Bedingung erflle,
Petra mitzuteilen, wer Pedro war.

Die Nachricht und das Geld versetzten sie in eine eigene Stimmung; es
schien, als komme jetzt alles ins Gleichgewicht; es war eine Mahnung
mehr, abzureisen.

Also fr ihr Knstlertum hatte der alte Per Ohlsen sich auf Hochzeiten
und bei Tanzereien sein erstes Geld zusammengefiedelt, dafr hatten er,
sein Sohn und sein Enkel sich auf alle Art gemht und geplagt. Die Summe
war nicht gro, aber sie reichte aus, Petra ein Stck weiter in die Welt
hineinzutragen und damit auch schneller vorwrts.

Hell wie die Sonne aber stieg der Gedanke in ihr auf, jetzt knne ihre
Mutter zu ihr kommen, jetzt knne sie tagtglich ihrer Mutter Freude
bereiten,--sie knne ihr alles vergelten! Sie schrieb an jedem Posttag
einen langen Brief an sie und konnte kaum die Antwort erwarten. Als sie
kam, brachte sie eine groe Enttuschung; denn Gunlaug dankte ihr,
meinte aber, "jeder bleibe am besten fr sich". Da versprach der Propst
zu schreiben, und als Gunlaug dessen Brief bekam, da konnte sie es nicht
lnger bei sich behalten, sie mute ihren Matrosen und ihren andern
Bekannten erzhlen, aus ihrer Tochter werde etwas Groes, und sie wolle
sie zu sich nehmen. Dadurch wurde die Angelegenheit zu einer ziemlich
brennenden Frage; sie wurde am Hafen und auf den Schiffen und in allen
Kchen errtert. Gunlaug, die bis dahin ihre Tochter nie erwhnt hatte,
sprach jetzt von nichts anderem als von "meiner Tochter Petra", wie auch
die andern fortan ber nichts anderes mehr mit ihr sprachen.

Aber als Petras Abreise schon bevorstand, hatte Gunlaug noch immer keine
Nachricht gegeben, worber ihre Tochter sehr betrbt war. Dagegen
versprachen ihr der Propst und Signe feierlich, beide hinzukommen, wenn
sie zum erstenmal auftreten wrde.

       *       *       *       *       *

Der Schnee auf den Bergen begann zu schmelzen, auf den Feldern
schimmerte es grn. Das Leben, das zu Beginn des Frhlings in den
Bergtlern erwacht, ist mchtig, wie die Sehnsucht mchtig war; die
Menschen werden flinker, die Arbeit geht leichter von der Hand, die
Wanderlust schaut ber die Berge hinweg. Aber obwohl Petra sich
hinaussehnte, hatte sie doch nie diese Sttte und alle Dinge so lieb
gehabt wie jetzt, da sie von ihnen Abschied nehmen mute; ja, es war
ihr, als habe sie alles bis dahin gering geschtzt, weil sie es erst
jetzt verstand. Nur noch wenige Tage blieben ihr; sie ging mit Signe
berall herum und sagte allen und allem Lebewohl,--zumal den Sttten,
die ihnen zusammen lieb geworden waren. Da erzhlte ihnen ein Bauer,
degaard sei oben auf den yhfen und beabsichtige, sie aufzusuchen. Die
Mdchen wurden beide ganz verlegen und stellten ihre Ausgnge ein.

Doch als degaard kam, war er so sonnig und frhlich, wie man ihn nie
zuvor gesehen hatte. Er war mit dem Vorhaben ins Dorf gekommen, eine
Volkshochschule zu grnden und sie in der ersten Zeit, bis er einen
passenden Lehrer gefunden habe, selbst zu leiten; spter wollte er noch
mancherlei anderes ins Werk setzen. Auf die Weise, sagte er, bezahle er
etwas von der Schuld seines Vaters an das Dorf ab, und sein Vater habe
versprochen, zu ihm zu ziehen, sobald das Haus fertig sei. Der Propst
wie Signe freuten sich ungeheuer ber diese Nachbarschaft; Petra auch,
aber es befremdete sie doch, da er sich gerade jetzt hier ansiedelte,
wo sie fortging.

Der Propst wnschte, da sie am Tage vor Petras Abreise zusammen das
heilige Abendmahl nhmen. Dadurch breitete sich eine stille
Feierlichkeit ber die letzten Tage, und wenn sie zusammen sprachen,
taten sie es halblaut. Im Schein dieser Stimmung redete alles, was Petra
zum letztenmal ansah, eine gar ernste Sprache zu ihr. Alles Erlebte
mute noch einmal durchdacht werden; sie hielt groe Abrechnung, denn
bis jetzt hatte sie nie zurck, nur immer vorwrts geschaut. Jetzt
rckte alles zusammen, von der Kindheit an bis heute; wieder ertnten
die ersten lockenden spanischen Lieder, all die Verirrungen einer
verworrenen Sehnsucht, die ihre Kindheit und ihre Jugend in ihr
aufgespeichert hatten, nahm sie sich vor, Stck fr Stck, wie man alte
Kostme anprobiert. Verga sie eins, so erinnerte irgend etwas in ihrer
Umgebung sie gleich daran; denn beim Anblick dieses oder jenes
Gegenstandes hatte sie einmal an irgend etwas gedacht, und fortan waren
Gegenstand und Gedanke eins geworden. Besonders das Klavier brachte
berwltigend viele Erinnerungen. Sie blieb daran sitzen, ohne doch den
Mut zu haben, die Tasten anzurhren, und spielte Signe, so konnte sie es
kaum im Zimmer aushalten. Sie war auch am liebsten allein; degaard und
Signe verstanden das und hielten sich zurck; alle Leute sahen sie mit
wehmtiger Freundlichkeit an, und der Propst ging in diesen Tagen nie an
ihr vorbei, ohne ihr bers Haar zu streichen.

Endlich kam der Tag. Es war ein halbklarer, gedmpfter Tag; es taute auf
den Bergen und grnte auf den ckern. Die vier blieben jeder auf seinem
Zimmer, bis die Stunde kam, da sie zusammen zur Kirche gehen sollten.
Auer ihnen waren nur der Kster und ein fremder Pfarrer zugegen; der
Propst wollte selbst das heilige Abendmahl nehmen; zugleich aber wollte
er die Predigt halten, denn er hatte der Scheidenden besonders ein paar
Worte zu sagen. Er sprach so, wie wenn sie an einem Heiligen Abend oder
einem Geburtstag daheim bei Tisch sen. Es werde sich bald
herausstellen, meinte er, ob die Zeit, die sie heute mit einem Gebet um
Gnade abschliee, einen Grundstein gelegt habe. Kein Mensch sei ganz er
selbst, bis er zu seinem richtigen Wirken gekommen sei. Es sei ein Beruf
der Verkndigung, der ihr geworden sei, und wer die Wahrheit bringe und
sich selber dessen wert erhalte, der ernte die reichsten und dauerndsten
Frchte. Gott bediene sich ganz gewi oft auch der Unwrdigen, so gewi
wie wir im hheren Sinne alle unwrdig seien; er bediene sich unserer
Sehnsucht. Aber es gebe eine Verkndigung, die kein Mensch aus seiner
Sehnsucht allein schpfen knne, und die wolle sie doch wohl zu
erreichen trachten; alle mten danach streben, das Hchste zu
erreichen. Er bat sie, zu ihnen zurckzukehren, denn das sei der Sinn
einer Gemeinde, da Gemeinschaft im Glauben helfe und strke. Wenn sie
fehlgreife, werde sie hier Barmherzigkeit finden, und wenn sie selbst
nicht wisse, da sie vom Wege abgekommen sei, so wrden sie ihr das in
aller Gte sagen drfen.

Sie gingen nach der heiligen Handlung zusammen heimwrts, so wie sie
gekommen waren; den Rest des Tages aber verbrachte jeder fr sich. Nur
Petra und Signe waren abends lange auf Petras Zimmer zusammen.

Fr den nchsten Morgen war die Abreise angesetzt. Bei der letzten
Mahlzeit nahm der Propst sehr zrtlich von ihr Abschied. Er sei mit
ihrem Freunde einig darin, sagte er, da sie so beginnen msse, wie sie
nun einmal sei, und allein beginnen. In dem Kampf, der ihr bevorstehe,
werde sie erfahren, wie gut es tue zu wissen, da da irgendwo ein paar
Menschen beieinander sen, auf die sie sich verlassen knnte. Schon mit
Bestimmtheit zu wissen, da sie bestndig fr sie beteten,--das allein
wrde schon helfen, werde sie sehen!--Nach den Abschiedsworten an Petra
bot er degaard einen Willkommengru. "In Liebe zu einem Menschen
vereint zu sein, sei die schnste Einleitung, einander zu lieben." Der
Propst dachte bei diesem Trinkspruch ganz gewi nicht an das, was bei
diesen Worten erst Signe und dann Petra errten lie; ob auch degaard
errtete, wuten sie nicht, denn keine wagte ihn anzusehen.

Aber als die Pferde vor der Tr standen und die drei Freunde das junge
Mdchen und alle Mgde und Knechte den Wagen umringten, da flsterte
Petra, als sie Signe zum letztenmal umarmte: "Ich wei, ich werde bald
eine groe Neuigkeit von Euch hren; Gott segne Euch!"

Eine Stunde spter zeigten ihr nur noch die weien Gipfel, wo die Sttte
war.




Zwlftes Kapitel


Eines Abends, kurz vor Weihnachten, war das Theater der Hauptstadt
ausverkauft; eine neue Schauspielerin sollte auftreten, von der alles
mgliche erzhlt wurde. Aus dem Volke stammend--ihre Mutter sei eine
arme Fischerfrau--sei sie mit Untersttzung anderer, denen ihre
Fhigkeiten aufgefallen seien, jetzt soweit gediehen und solle zu den
grten Hoffnungen berechtigen. Das Publikum tuschelte sich, bis der
Vorhang aufging, mancherlei in die Ohren. Sie solle eine schreckliche
Range und, seit sie erwachsen war, mit sechs Leuten auf einmal verlobt
gewesen sein, und das ein halbes Jahr lang durchgefhrt haben. Sie habe
unter polizeilichem Schutz aus ihrem Heimatsort geleitet werden mssen,
weil um ihretwillen die Stadt in hellen Aufruhr geraten sei; es sei
merkwrdig, da die Direktion eine solche Person auftreten lasse. Andere
behaupteten, es sei kein Krnchen Wahrheit daran; sie sei von ihrem
zehnten Jahre an bei einer stillen Pfarrerfamilie im Stifte Bergen
erzogen worden; sie sei ein gebildetes, liebenswrdiges Mdchen, sie
kennten sie genau, sie msse ein unvergleichliches Talent haben; sie sei
doch so hbsch.

Es gab aber Leute, die mehr wuten. Zunchst der ber das ganze Land
bekannte Fischgrossist--Yngve Vold. Er war ganz zufllig auf einer
Geschftsreise hier; man sagte freilich, die glutvolle Spanierin, mit
der er verheiratet war, mache ihm zu Hause die Hlle so hei, da er nur
reise, um sich abzukhlen. Heut hatte er sich die grte Loge des
Theaters genommen und seine zuflligen Tischgenossen aus dem Hotel
eingeladen, sich mal "was ganz Hllisches" anzusehen. Er war in
glnzender Stimmung, bis er--war er das denn wirklich?--in einer Loge
des zweiten Ranges, inmitten einer ganzen Schiffsmannschaft,--nein!
doch!--ja natrlich, das war Gunnar Ask! Gunnar Ask, der mit dem Gelde
seiner Mutter Eigentmer und Kapitn der "Norwegischen Verfassung"
geworden war, hatte bei der Ausfahrt aus dem Fjord neben einem Schiff
hergesegelt, das den Namen "Dnische Verfassung" fhrte; da kam es
Gunnar vor, als wolle dies Schiff ihn berholen, und das konnte doch
nicht gut angehen; er hite alle Segel, die er hatte, es krachte in der
alten Verfassung, und die Folge war, da er, um so lange wie mglich den
Wind auszuntzen, das Fahrzeug an einer ganz ungeeigneten Stelle auf
Grund rannte. Jetzt lag er unfreiwillig in der Stadt, whrend "Die
norwegische Verfassung" geflickt wurde. Er hatte in der Stadt eines
Tages Petra getroffen, die hinter ihm herkam und diesmal und spter auch
so lieb und nett zu ihm war, da er nicht nur seinen Groll verga,
sondern sich selbst das grte Hornvieh nannte, das aus ihrer
gemeinsamen Vaterstadt je hervorgegangen sei, weil er sich habe
einbilden knnen, er habe ein Mdchen wie die Petra verdient. Er hatte
heute fr seine ganze Schiffsmannschaft Billets zu erhhten Preisen
gekauft und sa nun da mit dem stillen Vorsatz, sie zwischen jedem Akt
zu traktieren, und die Matrosen, die alle aus Petras Heimatstadt und in
der Wirtschaft ihrer Mutter, diesem Paradies auf Erden, wohlgelitten
waren, empfanden Petras Ehre als ihre eigene und nahmen sich gegenseitig
das Versprechen ab, so zu klatschen, wie kein Mensch es je gehrt habe.

Unten im Parkett aber sah man das harte, dichte Haar des Propstes. Er
sa in aller Gemtsruhe da; er hatte ihre Sache einem Hheren
anvertraut. Neben ihm sa Signe, jetzt Signe degaard. Ihr Mann, sie und
Petra waren gerade von einer dreimonatlichen Auslandsreise
zurckgekommen; sie sah sehr glcklich aus und sa und lchelte zu
degaard hinber; denn zwischen ihnen sa eine alte Frau mit
schlohweiem Haar, das wie eine Krone ber dem braunen Gesicht lag. Sie
berragte alle Umsitzenden, sie konnte vom ganzen Hause gesehen werden,
und bald waren auch alle Glser auf sie gerichtet; denn man sagte, dies
sei die Mutter der jungen Schauspielerin. Sie, die einen mnnlichen
Namen fhrte, machte auch jetzt einen so gewaltigen Eindruck, da sie
ein Licht des Friedens auf die Tochter warf. Junge Menschen sind voller
Erwartung; sie haben den Glauben an die Urkrfte ihrer Natur, und der
Anblick dieser Mutter weckte den Glauben.

Sie selbst sah nichts und niemand; was das alles fr Geschichten waren,
kmmerte sie wenig; sie wollte blo gern mit dabei sein, um zu wissen,
ob die Leute gut gegen ihre Tochter seien oder nicht.

Jetzt mute es gleich beginnen; das Geplauder erstarb in einer Spannung,
die nach und nach alle erfate und sie gtig stimmte.

Mit einem starken Paukenschlag, mit Trommeln und Hrnern zugleich setzte
die Ouvertre ein. Adam Oehlenschlgers "Axel und Valborg" wurde
gegeben, und Petra hatte selbst um diese Ouvertre gebeten. Sie sa
hinter einer Kulisse und hrte zu. Vor dem Vorhang aber sa der kleine
Teil ihrer Landsleute, den das Haus fassen konnte, voll Sorge um sie,
wie immer vor einem Anfang, der uns erwartungsvoll macht, weil er einen
kstlichen Besitz offenbaren soll. Es war, als msse jeder von ihnen
selbst vor die Rampe; in solchen Augenblicken steigen viele Gebete
empor, auch aus Herzen, die sonst selten beten.

Die Ouvertre ebbte ab; Friede breitete sich ber die Harmonien,
allmhlich verschmolzen sie wie im Sonnenschein. Die Ouvertre war zu
Ende, eine bange Stille trat ein.


Und der Vorhang ging auf.



***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BJRNSTJERNE BJRNSON GESAMMELTE
WERKE IN FNF BNDEN; ERSTER BAND***


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